diff options
Diffstat (limited to 'old/51151-0.txt')
| -rw-r--r-- | old/51151-0.txt | 10937 |
1 files changed, 0 insertions, 10937 deletions
diff --git a/old/51151-0.txt b/old/51151-0.txt deleted file mode 100644 index b126c3e..0000000 --- a/old/51151-0.txt +++ /dev/null @@ -1,10937 +0,0 @@ -The Project Gutenberg EBook of Das Nest der Zaunkönige, by Gustav Freytag - -This eBook is for the use of anyone anywhere in the United States and most -other parts of the world at no cost and with almost no restrictions -whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it under the terms of -the Project Gutenberg License included with this eBook or online at -www.gutenberg.org. If you are not located in the United States, you'll have -to check the laws of the country where you are located before using this ebook. - -Title: Das Nest der Zaunkönige - Erzählung aus dem Anfang des 11. Jahrhunderts - -Author: Gustav Freytag - -Release Date: February 8, 2016 [EBook #51151] - -Language: German - -Character set encoding: UTF-8 - -*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DAS NEST DER ZAUNKÖNIGE *** - - - - -Produced by Peter Becker and the Online Distributed -Proofreading Team at http://www.pgdp.net - - - - - - - - - - Anmerkungen zur Transkription - - - Das Original ist in Fraktur gesetzt. - - Im Original in Antiqua gesetzter Text ist ~so ausgezeichnet~. - - Im Original gesperrter Text ist +so ausgezeichnet+. - - Weitere Anmerkungen zur Transkription befinden sich am Ende des - Buches. - - - - - Gustav Freytag - - Das Nest - der Zaunkönige - - Erzählung aus dem Anfang - des 11. Jahrhunderts - - 114.--123. Tausend - - [Illustration] - - S. Hirzel Verlag Leipzig/1917 - - [Illustration] - - - - -1. - -Im Jahr 1003. - - -Wo die Geisa das Wasser ihrer Quellen in die Fulda gießt, lag zwischen -Wiesen und fruchtbaren Feldern das Kloster Herolfsfeld. Hohe Fürsten -des Himmels waren seine Beschützer, denn die Klosterkirche umschloß -die Reliquien zweier Apostel; doch den größten Eifer für das Gedeihen -des Klosters hatten zwei Gefährten des heiligen Bonifacius bewiesen: -Erzbischof Lullus, der die ersten Mönche auf das leere Feld führte, -und der Heidenbekehrer Wigbert, dessen Gebeine erst viele Jahre nach -seinem Tode im Kloster niedergesetzt wurden, der aber seitdem durch -zahllose Wunder den Ruhm der Stätte erhöhte. Als das stärkste von -seinen Wundern rühmten die Leute, daß in der einsamen Landschaft ein -mächtiges Menschenwerk entstanden war, Türme und hohe Kirchgiebel, um -diese herum eine große Zahl von Gebäuden aus Stein und Lehm, deren -wettergraue Holzdächer wie Silber in der Mittagsonne glänzten. Was -man Kloster nannte, war in Wahrheit eine feste Stadt geworden, durch -Mauern, Pfahlwerk und Graben von der Ebene geschieden. Länger als -zweihundert Jahre hatten die Mönche gebetet, um den Gläubigen Heil und -guten Empfang in jenem Leben zu bereiten, dafür waren sie selbst reich -geworden an irdischem Grundbesitz, den ihnen fromme Christen in der -bittern Sorge um das Jenseits gespendet hatten. Die Burgen, Dörfer -und Weiler, welche ihnen gehörten, lagen über viele Gaue verteilt, -nicht nur im Lande der Hessen, auch unter Sachsen und Bayern, vor -allem in Thüringen. Ein guter Teil des Kirchengutes, das Bonifacius -erworben hatte, darunter die ersten Schenkungen, welche die Waldleute -in Thüringen zur Heidenzeit gemacht, gehörte jetzt dem Kloster, und -wenn der Abt seine Lehnsleute und Hintersassen zu einer Kriegsfahrt -aufrief, so zogen sie dem Lager der Sachsenkaiser zu als ein Heer von -Reitern und Fußvolk, in ihrer Mitte der Abt als großer Herr des Reiches -mit einem Gefolge von edlen Vasallen. Länger als zweihundert Jahre -hatten die Brüder auch mit Axt und Pflug gegen den wilden Wald und -das wilde Kraut gekämpft, hatten unermüdlich die Halmfrucht gesäet, -Obstbäume gepflanzt und Weingärten eingehegt. So waren sie allmählich -große Landbauer geworden, nach Tausenden zählten sie ihre Hufen, ihre -zinspflichtigen Höfe und die Familien der unfreien Arbeiter. Jetzt -saßen sie in der Fülle guter Dinge als eine Genossenschaft von hundert -und fünfzig Brüdern zwischen gefüllten Scheuern und springenden Herden, -sahen vergnügt über die reiche Habe und ordneten selbst als umsichtige -Landwirte das Tagewerk der zahlreichen Gehilfen, deren Häuser im Zaun -ihres Herrenhofes standen oder seitwärts an der Fulda zu einem großen -Dorfe vereinigt waren. Doch nicht allein über Landarbeit, sondern über -alles, was Handwerk und Kunstfertigkeit zu schaffen vermochte, walteten -als Meister die Genossen, welche sich dem Christengott gelobt hatten. -Neben dem Palast des Abtes und den Gasthäusern für Fremde, zwischen den -Viehhöfen und Scheuern, dem Brauhause und den weiten Kellergewölben -erklang der schwere Hammer des Waffenschmieds auf dem Ambos, und -daneben der kleine Hammer des Künstlers, welcher edle Steine in Gold -und Silber zu fassen wußte für Kirchengerät, für kostbare Bücherdeckel -und für Trinkgefäße des Abtes und vornehmer Gäste. Ein Bruder bewahrte -den Schlüssel zu dem Rüsthaus, in welchem die Helme, Schwerter und -Schilde für ein ganzes Heer bereit lagen, ein anderer zählte den -Gerbern die Häute zu, prüfte kunstverständig ihre Arbeit, mischte die -Farbe und kochte die Beize für buntes Leder und Gewand. Und wieder ein -anderer maß die Räume für neue Bauten, verfertigte den Riß und wies die -Maurer an, wie sie den Gewölbbogen schwingen und dauerhaften Mörtel -mischen sollten. Von weiter Ferne her zogen die Leute zum Kloster, -nicht nur um bei den Gebeinen der Heiligen zu beten und durch Gaben -das Gebet der Mönche zu kaufen; auch wer klugen Rat und irdischen -Vorteil begehrte, suchte dort Beistand. Der Kaufmann fand Waren, die er -gegen andere vertauschte, der große Grundherr holte sich den Bauplan -für ein Steinhaus, das er auf luftiger Höhe errichten wollte oder bat -um einen meßkundigen Bruder, der ihm fernes Wasser in seinen Hof zu -leiten und einen Fluß mit steinerner Brücke zu überspannen wußte. Wer -vollends krank war, der neigte sich flehend vor dem Arzte des Klosters -und erhielt aus der Apotheke die Holzbüchse mit kräftiger Salbe und -den ruhmvollen Trank des heiligen Wigbert. Jeder Dürftige und Bettler -im Lande kannte das Haus, denn er war sicher, dort Hilfe gegen den -Hunger zu finden und gutherzige Spende an den nötigsten Kleidern. Was -die einen in ihrer Sündenangst vor den Altären der Heiligen opferten, -um den Himmel zu gewinnen, das vermehrte vielen anderen die Freude -des irdischen Lebens. Aber die Mönche selbst, die sich dem Herrn zu -demütiger Entsagung und Buße geweiht hatten, wurden allmählich stolze -Lehrer und Gebieter in weltlichen Dingen und vermochten nicht mehr mit -der alten Klosterzucht Haus zu halten. - - * * * * * - -An einem heißen Nachmittag des Sommers lag auf den Stufen des -Hochaltars ein fremder Mönch in stillem Gebet. Stab und Reisehut hinter -ihm ließen erkennen, daß er neu angekommen war; bei dem Reisegerät -kniete ein junger Bruder des Klosters, der ihn begleitet hatte. In -dem Chorstuhl zunächst dem Sitz des Abtes saß der Dekan Tutilo, -welcher Präpositus des Klosters war, ein hoher breitschultriger Mann -mit jähzornigen Augen und buschigen Augenbrauen, er hielt die Hände -nachlässig gefaltet und sah ungeduldig auf den Fremden, dessen Andacht -kein Ende nehmen wollte. Klein war die Zahl der Väter, welche das Gebet -abwarteten, nur wenige der Ehrwürdigsten saßen in den Stühlen, unter -ihnen Heriger, der Kellermeister, ein fröhlicher Mann und Liebling -der Brüder, dem alle gern dienten und der jeden mit freundlicher Rede -gefügig machte, dann der Pförtner Walto, welcher Sprecher des Klosters -war, als kluger Herr wohlbekannt im ganzen Lande; auch die beiden -Alten, Bertram und Sintram, zwei Sachsen, welche mit ihren runden -Köpfen und weißen Haarkronen einander ähnlich sahen wie Zwillinge und -deshalb von den Mönchen im Scherz die Stiefel genannt wurden; sie -waren an einem Tage ins Kloster gekommen, wohnten in derselben Zelle -und arbeiteten beide in den Gärten; was einer wollte, gefiel auch dem -andern und sie wandelten stets zusammen, obgleich sie schweigsam waren -und auch miteinander nicht viel redeten. - -Als der Beter sich endlich erhob und mit gesenktem Haupt vor den -Dekan trat, ergriff dieser seine Hand, führte ihn in die Mitte des -Chors und neigte ihm das Ohr zu, in welches der Fremde die geheimen -Worte sprach, an denen die Priester und Würdenträger von der Regel -Benedikts einander erkannten. »Gesegnet sei dein Eingang, mein Bruder -Reinhard,« antwortete der Dekan mit rauher Stimme, welche von der -Decke zurückhallte, und gab den Bruderkuß, worauf der Fremde den -andern Brüdern dasselbe tat. »Nicht mühelos wird das Lehramt sein, zu -dem du aus der Schulstube des Klosters Altaha gerufen bist, denn du -wirst harte Köpfe finden und eine zuchtlose Herde; doch dem heiligen -Wigbert fehlt es nicht an Bäumen, um Ruten daraus zu schneiden. Komm, -daß ich dir unsere Häuser zeige und die Walstatt, auf welcher du den -Krieg gegen die Unwissenheit führen sollst.« Er ging voraus, die Brüder -folgten, zuletzt der junge Mönch mit dem Reisegerät des Fremden. - -Tutilo führte in die Klausur, die große Burg des Klosters, welche -zweistöckig inmitten aller Höfe und Gebäude ragte. Sie enthielt die -Wohnungen der Mönche und der geweihten Schüler, die von ihren Eltern -in den Zipfel der Altardecke gewickelt waren, damit sie einst Mönche -würden. Das Haus stand im Viereck um einen freien Platz, von allen -Seiten nach außen geschlossen, nur durch die Kirche war der Eingang -und gegenüber ein Ausgang zu den Küchen und Nebengebäuden. In der -Mitte des Hofes umgaben alte Lindenbäume einen Brunnen, und nach dem -Hofe öffnete sich der ganze Bau, denn ein weiter Säulengang zog sich -am Unterstock den vier Seiten entlang und die Mauer des Oberstocks -erhob sich auf den schön gemeißelten Steinsäulen. Zwischen die Säulen -waren bequeme Holzbänke gestellt, damit die Brüder bei schlechtem -Wetter lustwandeln oder ausruhen konnten, wie es ihnen gefiel. Ganz -verlassen stand das Haus, der Fremde vermochte kein geschorenes Haupt -zu entdecken, obgleich in dieser Stunde die Regel den Brüdern erlaubte, -sich von Arbeit und Gebet zu erholen. Tutilo merkte die suchenden -Blicke des Bruders und auf den Säulengang weisend, erklärte er: »An -anderen Tagen würdest du die Hände oft rühren müssen, wenn du die Menge -der Brüder und Schüler an den Fingern abzählen wolltest, heut aber sind -sie ausgezogen. Die letzten Tage waren schwül, ein Wetter droht und -das ganze Gesinde des heiligen Wigbert arbeitet im Heu. Dies ist alter -Brauch des Klosters, er stammt, wie sie sagen, aus der Zeit der ersten -Väter, jetzt freilich ist die Fahrt mehr ein Fest als eine Arbeit. Bald -wirst du ihr Gewimmel merken, wenn sie zurückkehren.« - -Als sie die innern Räume betraten, sah der zugewanderte Bruder in -dem großen Refektorium einen Kredenztisch mit schönen Bechern und -Trinkkannen, darunter nicht wenige von edlem Metall, und als er in -einen Gang kam, an welchem Zellen der Brüder lagen, erblickte er durch -die offenen Türen große Stühle mit seidenen Kissen belegt, auf den -Lagerstätten weiche Kopfkissen und lodige Decken von buntgefärbter -Wolle, die mit gestickten Borten eingefaßt waren, daneben große Truhen -und metallene Leuchter mit Wachslichtern oder schwere vergoldete -Lampen, auf einem Tische sogar ein Brettspiel mit geschnitzten Männlein -und Tieren, so daß er merkte, wie die Mönche unter Gerätschaften, -die sie sich selbst erworben hatten, ganz gemächlich hausten. Und -Reinhard, obwohl er als Mönch gewöhnt war, seine Zunge zu hüten, konnte -den Ausruf nicht unterdrücken: »Gleich weltlichen Fürsten wohnen die -Knechte des Heiligen.« - -Tutilo merkte das Mißfallen, aber er erwiderte stolz: »Auch ich meine, -daß unsere Brüder ihr Haupt hoch tragen dürfen, wenn sie sich mit den -Weltleuten vergleichen. Doch was du hier von eigenem Gut der Brüder -etwa gesehen hast, gehört nur den Dekanen und den Alten, denn diese -allein haben die Lizenz.« - -Der Fremde senkte schweigend das Haupt. Tutilo winkte dem jungen Mönch -zurückzubleiben, zog einen großen Schlüssel aus der Tasche und öffnete -in dem Kreuzgang eine niedrige Pforte, die er hinter seinen Begleitern -wieder verschloß. Sie standen in dem Hofe der Abtei zwischen Ställen -und Vorratshäusern vor einem stattlichen Holzbau, um den ein Laubengang -führte. Doch auch hier war alles leer, die Lichtöffnungen des Hauses -waren mit Fensterglas und Blei verschlossen, aber die Scheiben waren -erblindet und manche Raute war zerschlagen. »Du weißt ja wohl,« fuhr -Tutilo mit düsterer Miene fort, »daß Herr Bernheri, unser Abt, es -verschmäht, unter den Brüdern zu wohnen. Dort oben auf dem Berge St. -Peter hat er sich eine eigene Zelle stattlich hergerichtet, dort haust -er mit denen, die ihm am liebsten sind, und selten betritt sein Fuß -diesen Herrenhof. Oben hört man's deutlicher, wenn der Auerhahn balzt -und der Hirsch schreit. Wir aber in der Tiefe harren der Gebote, welche -er aus der Höhe zu uns sendet. Hier beginnt wieder dein Reich,« fuhr er -fort und geleitete in einen andern umhegten Hof. »Hier ist die äußere -Schule, worin die Schüler zu übermütigen Weltgeistlichen erzogen -werden; dreißig Scholastiker zählte das Kloster, erst seit dem Tode -deines Vorgängers hat sich die Zahl vermindert. An der ersten Bank -sitzen nur Söhne von Edlen, meist Thüringe und Hessen, trotzige Knaben -sind darunter, ungern fügen sich die stolzen darein, im Kloster zu -dienen.« - -»Schwingen auch sie heut das gedörrte Gras?« frug der Fremde. - -»Einen wenigstens magst du sehen,« versetzte der Kellermeister Heriger -leise und wies nach der Höhe. In dem Schalloch des Glockenturmes saß -ein Jüngling und starrte hinaus auf die Höhen im Osten, ohne die Mönche -im Hofe zu beachten. »Es ist Immo, der Thüring, er hängt oft dort oben -und immer sieht er nach derselben Himmelsseite, weil dort seine Heimat -liegt!« - -Reinhard maß den Jüngling mit einem schnellen Blick: »Erkenne ich -ihn recht auf seinem luftigen Sitze, so sieht er mehr einem jungen -Kriegsmann ähnlich, als einem Schüler, der auf das heilige Öl und die -Stola hofft.« - -»Du wirst ihn wild und tückisch finden,« versetzte Tutilo. »In den -ersten Jahren hat ihn unser Herr Bernheri verzogen, jetzt tun ihm -Hunger und Geißel not, und du würdest ihn vielleicht im Keller auf -dem Stroh erblicken, statt dort in hoher Luft, wenn die Brüder nicht -allzuoft an das Verdienst seines Ahnherrn dächten.« - -»Denn wisse, mein Bruder,« fuhr Heriger fort, »er ist aus dem -Geschlechte eines seligen Helden, der, wie sie sagen, zugleich mit dem -heiligen Bonifacius von den Heiden erschlagen wurde. Sein Ahnherr war -es, zu dem der Heilige in der Todesnot seine letzten Worte sprach, -welche in den Büchern geschrieben stehen: Wirf dein Schwert von dir! -Und darum haben auch von je die Männer und Frauen seines Geschlechtes -unser Kloster mit Hufen und Gaben ausgestattet.« - -Gegenüber dem Schülerhause lag der Kirche angebaut die Bibliothek und -die Stube der Schreiber. Der Fremde betrat ein kahles Gemach; die -beiden Fenster waren durch Glas und Blei verschlossen, aber große -Spinnengewebe hingen an Wand und Rahmen, und durch die Scheiben drang -nur ein trübes Zwielicht, so daß eine brennende Lampe das Beste -tun mußte, um den Raum zu erhellen. Vor der Lampe saß am Pult ein -schreibender Mönch. Langsam erhob er sich, als die Brüder eintraten, -und noch während er den Ankömmling begrüßte, waren die kleinen Augen in -seinem runzligen Gesicht auf die Pergamentblätter gerichtet. - -»Willst du deinen Augen Pönitenz antun, Vater Gozbert,« begann Tutilo -verwundert, »daß du das Sonnenlicht aussperrst?« - -»Es muß ein dunkler Nebel in der Welt sein,« versetzte der Mönch, »denn -es will nicht hell werden.« - -»Nicht der Nebel ist es, der dir das Licht raubt, sondern die Bosheit -anderer,« rief Tutilo, das Fenster öffnend, »sieh her, die Scheiben -sind von außen durch trübe Farbe verdunkelt und merke, jemand hat dir -einen üblen Streich gespielt.« - -»In Wahrheit, draußen scheint die Sonne,« sagte der Mönch, »ich erkenne -Lehm und Kienruß an den Scheiben.« - -»Ich aber weiß, wer die Ungebühr gegen dich geübt hat, entweder selbst -oder durch die Jungen,« sagte Tutilo, »denn der Scholastikus Immo -leitet die Knaben zu vielem Frevel an. Doch sein Maß ist voll.« Und auf -Reinhard blickend fuhr er fort: »Vater Gozbert ist ein Künstler in der -Schrift, wenige verstehen sich besser auf jede Art von Duktus.« - -Gozbert ging zu einem Bücherbrett, schlug einen Kodex auf und zeigte -mit Selbstgefühl die Blätter, auf welche Buchstaben mit bunten Farben -gemalt waren. - -»Ich sah selten so leuchtendes Gold so wohl geglättet,« lobte der -Fremde. - -»Durch den Stein Achates,« erklärte Gozbert und blätterte zum Anfange -zurück, dort war als großes Bild ein Kaiser auf seinem Stuhl und zur -Seite vier Frauen, tief gebeugt mit seltsamen Kronen auf dem Haupt, -jede eine Mulde in den Armen, worin etwas Undeutliches lag, darüber -standen die Namen von vier Ländern, welche zum Reich gehörten. »Ich -selbst habe den Weibern die Verneigung erdacht,« sagte Gozbert stolz, -»denn in der alten Handschrift, die wohl noch aus der Urzeit der Römer -stammt, standen sie gerade.« - -»Niemand merkt, daß es das Gesäß des Vaters Sintram ist, welches -Gozbert viermal gebildet hat,« erklärte Heriger mit lustigem -Augenzwinkern, »denn Sintram mußte oft gekrümmt stehen mit den Händen -am Türpfosten, während Gozbert zeichnete.« Der Schreiber warf einen -mißbilligenden Blick auf den Sprecher und zeigte mit dem Finger auf das -rötliche Gesicht des Kaisers. »Herr Otto der Rote seligen Andenkens.« - -»Ich aber will unsern Vater rühmen,« fuhr Heriger fort, »denn -schwerlich wird man einen Schreiber unter den Lebenden finden, welcher -mehr geschrieben hat; vierzig Jahre lang schreibt er bei uns jeden Tag -im Sommer und Winter; fünfzig Bücher bewahrt das Kloster von seiner -Hand und nicht wenige sind zum Tausch gegeben gegen andere.« - -Gozbert neigte bescheiden den Kopf während des Lobes, aber seine -kleinen Augen glänzten. »Wenn es mir nur nicht an Pergament gefehlt -hätte,« sagte er, »und an Büchern zum Abschreiben.« - -»Vielleicht wird es möglich, daß du von dem Kloster, aus dem ich komme, -ein gutes Buch geliehen erhältst,« tröstete Reinhard. - -»Was es auch sei,« versetzte Gozbert erfreut, »ich schreibe es gern, -wenn du oder ein anderer Gelehrter mir sagt, daß keine Sünde darin -steht. Denn die heiligen Namen zeichne ich mit Rot aus und die Übles -bedeutenden Namen in den profanen Büchern habe ich immer weggelassen, -so oft ich ihre Tücke merkte. Manche Nacht habe ich in Ängsten gewacht -und oft hat mir beim Schreiben geschaudert, ob ich nicht vielleicht -etwas schreibe, was dem Heil meiner Seele schaden könnte. Endlich bin -ich gewarnt worden, daß ich die sündigen Bücher meide.« Er schlug das -Kreuz und wandte sich geheimnisvoll zu dem neuen Mönche, während die -andern, welche die Lieblingsgeschichte des Alten wohl kannten, einander -bedeutsam ansahen. »Merke auf jenen Holzkrug, mein Bruder,« fuhr -Gozbert fort, »in welchem ich mein Trinkwasser bewahre. Ein Deckelkrug, -diesem gleich, stand an derselben Stelle, als ich gerade einiges von -dem Heiden Ovidius schrieb. Da hörte ich hinter mir den Deckel klappen, -ich wandte mich um und mein Haar sträubte sich, der Krug stand still, -aber zuweilen hob sich der Deckel und schlug wieder abwärts, wie von -innerer Gewalt getrieben. Ich rief die Heiligen zu Hilfe, plötzlich -sah ich zwei Hörner aus dem Krug ragen und wieder verschwinden. Im -Entsetzen stieß ich den Krug um und sogleich sprang der teuflische -Geist, einem kleinen Tier mit Hörnern ähnlich, aus dem Holz, fuhr in -dem Zimmer umher und endlich durch den Türritz hinaus, indem er bösen -Nebel und Gestank zurückließ. Ich aber erkannte die Warnung.« - -»Hätte der böse Geist nicht den Dampf zurückgelassen,« bemerkte -Heriger, »so würden manche vermuten, daß es ein junger Hase gewesen -sei, den der Thüring Immo heimlich in den Krug unseres Vaters gesetzt -hatte.« - -»Es war der Teufel,« versetzte Gozbert unwillig. »Seitdem schreibe ich -nur heilige Bücher.« - -»Du hast sicher das beste Teil erwählt, mein Vater,« tröstete Reinhard -grüßend, und sie schieden aus der Zelle. Der Schreiber aber setzte sich -wieder zu seinem Pult; oben webte die Spinne und unter ihr schrieb der -Mönch. - -Tutilo wurde gesprächiger, als sie die Höfe betraten, in denen -die Arbeiter des Klosters unter Aufsicht der Mönche für Handwerk -und Landbau tätig waren. »Du siehst, Bruder,« begann er das Haupt -erhebend, »nicht gering ist das Haus des heiligen Wigbert, sein Segen -hat die Keller und Scheuern gefüllt, wie gierig auch die Grafen und -Dienstmannen ihre Fäuste nach Äckern und Herden ausstrecken. Und jetzt, -da ich dir die Türen geöffnet habe und deinen Herdsitz gewiesen, jetzt -berichte auch du, wenn dir gefällt, was du außerhalb des Klosters -erfahren hast, denn wildes Gerücht geht durch die Lande, daß die Kinder -der Welt in neuem Zwist gegeneinander toben.« - -»Zürne nicht, mein Vater, wenn ich deinem Willen nicht auf der Stelle -genüge,« versetzte Reinhard demütig, »du selbst weißt ja am besten, daß -der Mund des Bruders, der aus der Ferne kommt, verschlossen sein muß, -bis die Erlaubnis des Herrn Abtes ihn öffnet.« - -Der helle Zorn flammte aus Tutilos Augen. »Statt des Abtes stehe ich -hier und mein ist das Recht, dir die Zunge zu lösen.« - -Reinhard warf sich schnell vor ihm auf den Boden und flehte die Hände -erhebend: »Verzeih, mein Vater, daß ich dir Unmut erregte, da ich -dir Gehorsam schuldig bin im Staube; nur was die heilige Regel mir -gebietet, meinte ich zu tun. Selbst wünsche ich, daß du alles wissest, -denn schwere Kunde bringe ich aus dem Lande, aber auch dir würde es -gefallen, wenn du der Abt wärest, daß ich eher dir als andern die -Botschaft verkündete.« - -Tutilo blickte finster auf seine Begleiter, aber er sah an den -verlegenen Mienen, daß sie das Recht des Flehenden erkannten, darum -schwieg er und ließ den Mönch zu seinen Füßen liegen, bis Heriger, -der Kellermeister, begann: »Da der Bruder sich nach Gebühr demütigt, -so rate ich, daß du selbst ihn nach St. Peter zu unserm Herrn Abt -begleitest, damit auch wir erfahren, was dem Kloster zum Heil oder -Unheil werden mag; vor allem aber, daß du es wissest, da du jeden Tag -um unser Wohl zu sorgen hast.« - -Tutilo wandte sich unfreundlich nach dem Sprecher, aber er bezwang -sich und antwortete dem Liegenden mit einer Stimme, der man den Ärger -wohl anmerkte. »Ungern wandle ich aus der Pforte nach jener Höhe, -doch will ich dein Gewissen, mein Bruder, nicht beschweren. Erhebe -dich und harre mein an dem Tore. Du aber, Walto, gebiete, mein Roß zu -satteln, damit ich die Befehle unseres Herrn auf der Höhe erbitte.« -Er wandte sich ab und hörte nicht darauf, wie der Kniende sich dem -Gebet der Brüder empfahl. Reinhard erhob sich hinter dem Rücken des -Präpositus und schritt mit gesenktem Haupt neben dem Pförtner dem -Ausgange des Klosters zu. Tutilo aber entließ die Brüder, welche ihn -begleitet hatten und sprach zu seinem Vertrauten Hunico: »Übles -weissagt die fremde Biene in unserm Stock. Der Narr ist von der neuen -Zucht, welche die Füße küßt und Faustschläge in den Nacken gibt, er -wird die Becher der Brüder zählen und um einen gekochten Kalbskopf die -Geißel schwingen. Wer so willig ist, sich in den Staub zu werfen, der -wird auch dem König und den Grafen nicht widerstehen, wenn sie uns die -Zehnten und Hufen nehmen und das Heiligtum kahl machen, wie es zur Zeit -des Lullus war, wo die Brüder sich selbst an den Pflug spannten und ihr -gutes Glück priesen, wenn ihnen ihr tägliches Pfund Brot ohne Abzug -gereicht wurde. Ich aber meine nicht umsonst die Speicher gefüllt zu -haben, kommt es zum Kriege, so suchen auch wir einen neuen Abt, welcher -das Kloster erhöht und nicht erniedrigt; denn es leben wenige Fürsten -im Reiche, die so stark sind als wir sein könnten, wenn ein Mann auf -dem Abtstuhl säße und nicht ein Schwächling.« Er schritt gewaltig in -die Klausur, sich zu der unwillkommenen Fahrt zu rüsten. - -Während die ansehnlichen Führer der Brüderschaft durch die Höfe -wanderten, schlich der junge Mönch, welcher den fremden Bruder geleitet -hatte, unbeachtet in die Kirche zurück, neigte sich vor den Altären, -glitt die Säulen entlang, und öffnete im Vorhofe den Eingang einer -hölzernen Galerie, welche aus der Kirche zu dem Glockenturm des -Erzengels Michael führte. Er stieg die Wendeltreppe hinauf bis zu dem -Bodenraum unter den Glocken. Dort stand der Altar des hohen Engels, der -im Federhemd in den Lüften waltete und den Wetterschlag vom Glockenturm -abhielt. Indem der Mönch sein Gebet murmelte, rief von oben eine helle -Stimme: »Rigbert, sei willkommen.« Der Mönch hob warnend den Finger, -kletterte die steile Stiege hinauf, welche zu dem Glockenstuhl führte -und stand wenige Schritte von dem Jüngling Immo. Dieser saß in dem -Schalloch auf schmalem Brett, das für eine Dohle bequemer war als für -einen hochgewachsenen Mann und beobachtete ungeduldig das Nahen des -Mönches. - -»Du kommst aus Thüringen, seit Mittag erwarte ich dich; der Dienstmann -Hugbald ritt an euch vorüber und brachte die Kunde in das Wächterhaus. -Du sahest die Quellen der Waldbäche springen, du hörtest wie der -Bergwind weht, und wie das junge Volk der Thüringe unsere Reigen auf -dem Anger singt. Was weißt du mir zu sagen aus den Waldlauben?« - -»Noch rinnen die Quellen vom Rennstieg zu Tale, und die Waldaxt klingt -an den Baumstämmen. Aus Erfurt, dem großen Markte, ritt mein Reiseherr -Reinhard nach der Zelle unserer Brüder in Ordorf, auf dem Wege rasteten -wir in einem Edelhofe.« - -Eine heiße Röte fuhr dem Schüler über das Gesicht und mit heller Stimme -rief er, die Hand gen Osten hebend: »Ich meine, das war der Hof meiner -Väter.« - -»Wir wurden wohl empfangen von der edlen Hausfrau.« - -»Das war meine Mutter,« schrie der wilde Knabe und wandte sein Antlitz -von dem Mönche ab, weil ihm Tränen über die Wangen liefen. »Sprich mir -von ihr,« fuhr er nach einer Weile fort und kehrte sich wieder dem -Mönch zu. - -»Sie erschien mir als eine heilige Frau und einer Fürstin sah sie -gleich, obgleich sie schmucklos in Witwentracht vor uns stand.« - -»Mein Vater starb an seiner Wunde in fernem Land und der Sohn vermochte -nicht ihn zu rächen. In den Kerker bin ich gesteckt. Unselig ist die -Hand, die das Rauchfaß schwingt statt des Eisens.« - -»Mehr hilft deiner Seligkeit der Rauch am Altar als die wilden Worte,« -mahnte der Mönch. - -»Du freilich trägst geduldig die braune Schafwolle, die sie dir -gesponnen haben.« - -»Mich hat meine Mutter, da ich ein Kindlein war, dem Heiligen auf den -Altar gelegt, weil sie das Liebste dem Himmel weihen wollte, und meine -Heimat ist seitdem im Gotteshause.« - -»Auch mich haben sie, da ich noch ein Knabe war, zum Dienst des Altars -bestimmt, obgleich ich das erstgeborene Kind war und ein Recht hatte, -das Banner meines Vaters zu führen. Aber dem Vater wurde der Vorsatz -leid, denn du weißt ja wohl, meine Fäuste sind nicht gemacht, Feder -und Gebetbuch zu halten, sondern Schildrand und Rosseszügel. Zu einem -Kriegsmann wurde ich erzogen, obgleich der Mutter Böses ahnte, bis -mein Vater mit dem jungen Kaiser Otto nach Italien zog und in die -Gefangenschaft der treulosen Griechen geriet. Da kam die Angst in -unsern Hof, schöne Hufen mußte die Mutter dem Kloster verkaufen, um -das Lösegeld für den Vater zu finden, und nicht die Hufen allein, auch -den Sohn rieten die frommen Väter zu spenden, damit die erzürnten -Heiligen sich des Vaters wieder erbarmten. Ich trug damals mein erstes -Panzerhemd, jetzt trage ich dies mißfarbige Kleid eines dienenden -Schülers und fahre in dieser großen Mausefalle wie eine gefangene Ratte -längs den Brettern dahin. Den Vater haben die Heiligen doch nicht -heimgeleitet, ich aber bin gefesselt.« - -»Wie mochten sie ein Opfer gnädig empfangen,« antwortete der Mönch -traurig, »das so unwillig sich gegen den Altar sträubte.« - -»Zu Rosse wäre ich für sie geritten bis an das Ende der Welt, aber -auf den Knien gleiten über den glatten Stein, das kann ich nicht. -Denn meine Ahnen dachten hoch und ich stamme aus einem Geschlecht von -Kriegern.« - -»Und doch sollte deine Dienstbarkeit mild sein, du Begehrlicher, der -immer an die Freuden der Welt denkt. Nicht Mönch solltest du werden, -sondern ein üppiger Kanonikus, der seidenes Gewand trägt, hoch zu Rosse -sitzt und mit den Frauen kost wie ein anderer.« - -»Warum trage ich nicht das weiße Gewand?« frug Immo zornig. »Andere, -die noch jünger sind in der Klosterschule, werden dadurch doch ein -wenig getröstet. Doch ich weiß wohl, teuer ist solche Gunst und niemand -von den Meinen zahlt einem Bischof den Preis für die weiße Leinwand. -Aber hätte ich auch, was du für mich ersehnst, du weißt, die Fledermaus -ist ein unholdes Tier, sie ist nicht Maus, nicht Vogel; und ich bin von -dem Geschlecht, welches bei Sonnenschein sich über die Flur schwingt. -Was sahst du noch, Rigbert, in unserer Halle?« - -»Von dem Söller wies Frau Edith meinem Reiseherrn die Kapellen der -Umgegend; und als die Glocken hier und da läuteten, weil die Sonne im -Mittag stand, brach aus dem Gehölz eine Schar Reiter, alle auf hellen -Rossen.« - -»Das waren meine Brüder,« rief Immo, »das ist unsere Zucht.« - -Der Mönch nickte bestätigend: »Frau Edith sprach freudig zu dem -Priester: Sieh, Reinhard, das sind meine sechs Nestlinge. Sie kommen, -das Futter zu picken. Ist's nicht ein kräftiger Flug?« - -»Und die Dohle sitzt hier im Turmloch,« rief Immo dazwischen. - -»Sie rauschten heran wie durch die Luft getragen, sechs feurige Reiter, -wild flog ihr Haar durch die Luft, waren sie mit Vögeln zu vergleichen, -so waren sie doch nicht als Waldsänger zu erkennen, denn scharf stachen -ihre Augen.« - -Immo lachte erfreut. »Mich verdrießt's nicht, wenn du die Männer meines -Geschlechtes mit Habichten vergleichst; ich hoffe, die Knaben werden -ihre Fänge erweisen. Sahest du das Roß, auf dem mein jüngster Bruder -ritt, der kleine Gottfried, den wir Friedel nennen? Ein Knabe war -Friedel, da ich vor sechs Jahren von Hause scheiden mußte, er schlang -die kleinen Arme um meinen Hals und weinte bitterlich, und als ich von -der Schwelle wich, rannte er mir schluchzend nach und zog an meinem -Gewand, mich festzuhalten. Ich hob ihn auf das Roß, das mir gehörte, -gab den Zügel in seine Hand und raunte dem Hengste zu, daß er dem -Kleinen zugetan sei. Niemand hat mir gesagt, wie das Roß ihm dient. Du -mußt es gesehen haben, Rigbert, wenn du auch ein Mönch bist. Es ist -ein sächsisches Pferd aus der Zucht des Königshofes, die Farbe ist -ganz weiß und Mähne und Schweif glänzen wie Silber. Sahst du das Roß, -Rigbert, so sprich.« - -»Wohl sah ich das seltene Tier.« - -»Zwölfjährig ist es jetzt,« fuhr Immo eifrig fort, »und es mag meinen -Friedel noch tragen, wenn er das erste Mal in die Schlacht reitet; -denn ein altes Roß und ein junger Held, sagt das Sprichwort, gehören -zusammen. Wie saß das Kind auf meinem Rosse?« - -»Sah ich recht, so trug das Roß den ältesten deiner Brüder, den sie Odo -nennen.« - -Immo sprang wie ein wildes Tier aus der Luke hinab auf die Stiege und -packte den Mönch. »Odo, sagtest du, der jetzt Erbe ist an meiner -Statt. Mir nahm er die Hufen und die Herrschaft im Lande, jetzt -entwendet er auch dem Bruder mein letztes Geschenk. Vergessen bin ich -und verachtet ist mein Gedächtnis und im Knechtdienst lebe ich wie -einer, den sie im Kriege gefangen haben.« Er warf seinen Leib dröhnend -gegen die Holzwand, ein krampfhaftes Schluchzen erschütterte ihm die -Glieder. - -»Ganz töricht gebärdest du dich, Immo. Wie darfst du den Bruder -schelten? nicht er hat dich zu uns gebracht und ein Zufall kann gewesen -sein, daß er das Pferd tauschte.« - -Immo aber antwortete nicht und der Mönch harrte schweigend, bis der -heftige Anfall vorüber war. Endlich richtete sich Immo auf und frug -ruhiger: »Bringst du mir Botschaft von der Mutter?« - -»Den Segen deiner Mutter trägt dir Vater Reinhard zu, wenn der Herr Abt -es gestattet. Achte darauf, Immo, daß du dem Fremden gefällst, denn -wisse, als Meister der Schule ist er in dies Kloster gesendet und von -morgen ist er dein Herr.« - -»Er wird widerwillige Diener finden in der äußern Schule. Ist er ein -Geselle wie der arge Tutilo?« - -Der Mönch sah unruhig um sich. »Du sprichst lauter als in Klosterwänden -geziemt,« und bittend fuhr er fort: »Immo, du hast mir Güte erwiesen, -seit du unter den Dächern des heiligen Wigbert umherfährst, und du hast -mir erlaubt, dein Geselle zu sein, soweit ich aus der Klausur dir die -Hand durch den Zaun zureichen durfte; laß dich jetzt mahnen an unsere -Treue in der Schule. Liebst du dein Leben und dein Glück und wünschest -du Gutes für die Tage deiner Zukunft, so füge dich dem neuen Lehrer; -denn soweit ich ihn erkenne, ist er von mildem Herzen, aber von der -strengen Zucht, und ich meine, es kommt eine andere Zeit auch für die -Höfe des heiligen Wigbert. Vieles hörte ich raunen in den Zellen der -Brüder, als wenn wir alle hier zu wenig nach der Regel lebten.« - -Immo lachte. »Sage das den Vätern. Ich sah vorhin durch das Schalloch, -wie sie um die Heuhaufen im Reigen sprangen, und sie hielten die Mägde -des Dorfes an der Hand.« - -»Schweig,« raunte der Mönch, »war das Tun nicht gut, darüber im Kloster -zu sprechen ist Frevel, nicht uns allein steht Fasten und Rutenschlag -bevor; mit den Scholastikern werden sie anfangen.« - -»Unsere Fleischkost ist mager,« spottete Immo, »wollen sie uns gebieten -zu fasten, so müssen wir den alten Katerweg über die Dächer wandeln, -du kennst ihn ja wohl?« Der Mönch bekreuzigte sich. »Dann laufen wir -zur Nacht in den Wald und beschleichen das Wild. Manchen Bock haben wir -im Holze gebraten und du kennst ein Loch im Zaune, durch welches gute -Bissen auch in die Klausur gereicht wurden.« - -Flehend sah der Mönch den Spottenden an: »Ich habe es gebeichtet und -gebüßt.« - -»Ich hoffe, die Pönitenz war nicht hart, Bruder Rigbert,« lachte Immo, -doch herzlicher fuhr er fort: »Ich weiß, daß du mir in guter Meinung -rätst und will mich wahren, so sehr ich kann. Doch jetzt erzähle, -Landsmann, von deinem eigenen Vaterhause im freien Moor, das sie -Friemar nennen. Wie lebt Baldhard der alte, dein Vater, und Sunihild, -deine Mutter? Manchen Trunk Milch bot sie mir, so oft ich durch das -Dorf ritt und an ihrem Zaune hielt und manch warnendes Wort sprach dein -Vater, das ich ungern vernahm, obwohl er recht hatte. Aber ich mußte -ihn mit Ehrfurcht hören, wegen seines weißen Haars und weil er meinem -Vater wert war. Wenn er in unsern Hof kam, erhielt er immer den besten -Herdsitz; denn es ist, wie du weißt, von alter Zeit gutes Vertrauen -zwischen dem Edelhof und dem Freihof.« - -»Ich sah das Dach meiner Eltern ragen, Vater und Mutter sah ich nicht,« -klagte Rigbert leise; Immo starrte ihn erstaunt an. »Für mich war -geschrieben, du sollst Vater und Mutter verlassen; ich wandte das -Gesicht ab, als ich das Haus zwischen den Linden erkannte, damit den -Heiligen meine Entsagung gefalle und mein Gebet für die Eltern Erhörung -finde.« - -Immo fuhr wieder mit einem Satze von dem Gefährten weg auf den Balken -der Turmluke und starrte schweigend ins Freie. Als er sich nach einer -Weile umwandte, bemerkte er mißfällig das gesenkte Haupt und die -gefalteten Hände des Mönches, und begann ungeduldig: »Merke wohl, -Rigbert, dürftig ist die Kunde, die du mir aus der Heimat zuträgst.« - -»Vater Reinhard bringt üble Neuigkeit von den Gütern in Thüringen,« -versetzte Rigbert vorsichtig. - -»Hat der Hof meiner Mutter Frieden mit den Nachbarn?« - -»Sorglos weidete man in deiner Heimat die Herden und ohne Wächter -arbeiteten die Leute auf dem Felde. Nur deine Mutter sprach bekümmert -mit Vater Reinhard.« - -»Du spendest dürftigen Trank wie ein karger Wirt, ich muß dich -unfreundlich schelten.« - -»Viel mehr habe ich dir gesagt als mir zu sagen recht ist. Nur weil ich -noch meine Reisekutte trage, getraute ich mich so mit dir zu sprechen. -Wenn die Väter heute abend zur Hora rufen, dann flehe ich die Brüder -fußfällig an, daß sie alle für mich wegen meiner Reisesünden beten, -dann hoffe ich, wird ihr Flehen auch meiner Schwatzhaftigkeit die -Vergebung gewinnen. Sonst spräche ich nicht mit dir, wie ich jetzt -getan. Daran denke, Immo, und zürne mir nicht.« - -»Gutwilliger als du will ich dir verkünden, was wir hier im Kloster -vernahmen,« begann Immo versöhnt. »Ein Heereszug steht bevor und -gewaltiges Getöse von Speer und Schild. Die Herrschaft des neuen Königs -Heinrich, dem die Völker im vorigen Jahre den Herrenstuhl erhöht haben, -zerreißt in Stücke, sein ganzes Reich gleicht unserer Eisbahn auf der -Fulda, als sie beim Tauwind brach. Überall schlagen die Eisschollen -gegeneinander. Täglich erzählen in unsern Herbergen die Gäste und die -armen Wanderer, daß alles schwankt, was fest war. Der streitbare Held -Hezilo, der Babenberger, hat sich machtvoll gegen den König erhoben, -mit ihm verbunden ist der eigene Bruder des Königs, dann der tapfere -Graf Ernst, von dem alle Spielleute singen, auch die Slawenherzöge -und viele Fürsten des Reiches. Die Mönche behaupten, daß der König -geringe Hoffnung hat, seinen Feinden zu widerstehen. Die Grafen hier -in der Nähe rufen ihre Dienstmannen, werben Reisige und treiben Rosse -und Rinder in ihre Burgen, keiner traut dem andern und alle schreien, -daß der große Streit um das Reich ausgefochten werden soll, sobald die -Ernte von den Feldern herein ist. Ich aber hoffe, wenn erst die Waffen -um Wigberts Haus dröhnen, wird auch mir gelingen hinauszufahren.« - -»Sinnst du so Arges,« sprach Rigbert unwillig, »dann ist dir jedes Wort -schädlich, das ich aus der Fremde berichtete und mich reut's, daß ich -dir den Frieden der Seele verstörte.« - -»Hoffst du hier im Kloster Frieden zu finden?« frug Immo lachend, -»bald wirst du merken, daß die Väter in der Klausur grade so -zwieträchtig gegeneinander stehen wie die Kriegsleute draußen. Denn -unser Abt, Herr Bernheri, will dem König dienen, Tutilo aber ist ein -Oheim des Babenbergers Hezilo. Oft hören wir durch den Zaun Geschrei -der Mönche und heftige Worte, bald für König Heinrich, bald für den -Hezilo.« - -Rigbert wandte sich schweigend der Treppe zu. - -»Nur eins sage mir noch, bevor sie dich einsperren,« rief Immo, indem -er mit großem Satz zu dem Mönche sprang und seine Hand faßte, »denn -lange habe ich nach dir ausgesehen und diese Stunde erwartet. Vernahmst -du daheim Gutes oder Böses von dem Manne, der den Söhnen Irmfrieds -feindselig denkt, obgleich er der Bruder ihres toten Vaters ist. Hast -du vernommen, für welchen König mein Oheim Gundomar in das Feld reitet?« - -»Er weilt, wie die Landsleute sagen, beim König Heinrich, dem er seit -lange vertraut ist, und man rühmt ihn als gewaltigen Kriegsmann.« - -»Wir aber haben wenig Treue von ihm erfahren. Nur einmal sah ich ihn, -als ich noch ein Kind war, da schleuderte er mich aus seinem Wege, daß -ich mit blutendem Haupt auf dem Boden lag. Mir wäre willkommener, gegen -ihn im Felde zu stehen als an seiner Schwertseite. Doch wir von der -äußeren Schule sind alle für König Heinrich.« - -Während Immo mehr zu sich selbst als zu dem Mönche sprach, glitt dieser -lautlos die Treppe hinab. Immo stand allein und seufzte schwer. Was er -aus der Heimat gehört hatte, machte ihm das Herz nicht leichter und der -neue Lehrer war ihm vollends nicht zur Freude. Noch einen Blick warf -er vom Turme hinab, um dem Tutilo oder andern Dekanen nicht über den -Weg zu laufen, dann eilte er abwärts und wand sich zwischen Gebäuden -und Hecken den Gärten zu. Da er hinter sich Tritte von Männern und -Pferden hörte, fuhr er durch eine Lücke des Zauns, die ihm wohlbekannt -war, auf die andere Seite der grünen Wand und pries sein gutes Glück, -als er aus dem Versteck den gefürchteten Tutilo erkannte, welcher, -zur Reise gerüstet, neben einem fremden Kriegsmann dem Ausgange -zuschritt. Immo wußte, daß der Fremde seit dem Morgen im Gasthaus des -Klosters lag und wunderte sich über die Vertraulichkeit, mit welcher -der Reisige den stolzen Mönch behandelte, denn er ging, sein Roß am -Zügel führend, sorglos auf der Ehrenseite und trug den schlechten -Eisenrock mit der Haltung eines Fürsten. Während Immo vom Wege wich, -wechselten die beiden den Scheidegruß. »Lebe wohl, Vetter,« sprach der -Fremde, »unlustig war diesmal mein Sitz an deiner Gastbank, denn die -neugierigen Augen deines Volkes und die gewundenen Fragen machten mir -Sorge.« - -Tutilo lächelte. »Viele der Wigbertleute kennen den Grafen Ernst von -Angesicht und wohl alle haben von deinem Heldenwerk vernommen, welches -die Wanderer rühmen. Grade deinetwegen schwärmt heut mein ganzes Volk -in der Ferne auf grünem Rasen, der Pförtner aber ist mir treu. Dennoch -rate ich, daß du ohne Säumen aufbrichst. Vertraue mir, ich hindere -die Reise zum Könige, welche unser Abt den Dienstmannen des Klosters -bereitet.« - -»Denke auch daran,« unterbrach ihn der Fremde eifrig, »uns das Land -offen zu halten für den Zug unserer Heerhaufen, welche wir aus Sachsen -und Thüringen erwarten. Denn ich kenne den falschen König, er ist -behend wie ein Wiesel und seine Augen sind bei Tag und Nacht geöffnet, -ich sorge, er reitet eher ins Feld als wir. Lebe wohl, Vetter, sehe ich -dich wieder, so rüstest du mir ein Festmahl in der Abtei.« - -Der Mönch sprach den Segen und der Fremde schwang sich auf das Roß. Als -der Hufschlag in der Ferne verklang, schritt auch Tutilo der Pforte zu, -an welcher ihn Reinhard erwartete. - -Immo harrte, bis alles um ihn still war, dann spähte er durch die -Tür des Arzneigartens, und als er den alten Sintram darin sah, -trat er vorsichtig ein und näherte sich dem Mönch, welcher mit dem -Grabscheit vor einem kleinen Gesträuch stand und unverwandt eine Blume -betrachtete. Der Jüngling sprach seinen Gruß, der Alte nickte ihm -freundlich zu, gab ihm das Grabscheit in die Hand und wies auf das -Beet, an dem er gegraben hatte. Geduldig begann Immo die unwillkommene -Arbeit, der er sich nach Klostersitte nicht entziehen durfte. - -Unterdes beharrte Sintram vor dem Strauch, bis er endlich in seiner -Freude das Schweigen brach: »Sieh diese Rose, die ein Bruder dem -Wigbert aus Gallien gebracht hat; wie eine Kugel war sie geschlossen, -aber die liebe Sonne hat ihr den Mund geöffnet; blicke hinein, schöne -Farben hat sie und zahllose Blätter. Halte deine Nase näher heran, denn -die Würze ihres Geruchs ist heilkräftig und die bösen Geister, welche -in den Leib fahren und Siechtum bereiten, fürchten den Duft und meiden -ihre Nähe. Die Weisen sagen, sie ist von dem Herrn in den Erdgarten -gesetzt, damit sie dem Menschen ein Anzeichen sei. Denn auch ihm ist -das Herz geschlossen bis das Licht des Glaubens darauf fällt, dann -öffnet sich seine Seele der himmlischen Liebe.« - -Immo verließ gern das Beet und sah achtungsvoll auf die Rose, aber -anderes lag ihm mehr im Sinn. »Zeige sie auch dem neuen Magister, -welcher, wie man sagt, aus der Fremde gekommen ist, um die Schüler -Dialektik zu lehren.« - -»Du hast die Wahrheit gehört,« versetzte der Alte vorsichtig. - -»Dann, Vater, sage ihm, wenn du vermagst, Gutes von mir, denn ich -fürchte, andere werden ihm allerlei Nachteiliges in das Ohr raunen. -Leidvoll wäre es mir, wenn er feindselig gegen mich handelte, denn er -kennt meine Mutter und mein Geschlecht, er hat die Macht mir zu schaden -und seine Fürsprache mag mir helfen, daß ich von der Schülerbank -gehoben werde. Allzulange, mein Vater, trage ich, wie du weißt, dies -Gewand.« - -»Sorge du nur ihm zu gefallen,« mahnte der Alte, »er hat wohl selbst -Augen und wird schwerlich der Meinung anderer folgen. Mir scheint, er -hat dich bereits gesehen, da du unter den Dohlen saßest.« - -»Die Pusillen in der Schule, welche noch nicht fünfzehn Jahr sind, -fürchten sehr seine Rute, es wäre gut für ihn und uns, wenn er -Nachsicht übte. Die erste Bank ist harter Streiche nicht gewohnt und er -wird es schwer finden, das edle Blut über die Bank zu legen.« - -»Dennoch rate ich dir nicht, ihm das zu sagen,« versetzte der Gärtner, -»du selbst möchtest dafür büßen. Jetzt aber wende dich abwärts, Immo, -dort naht Bruder Bertram aus dem Friedhofe. Unrecht war es, hier ohne -Erlaubnis einzudringen.« - -»Grade seinetwegen kam ich zu dir, mein Vater, und ich flehe, daß -du bei ihm mein Fürsprecher werdest. Denn ganz unsicher sind die -Tage meiner Zukunft, und wenn ich das Kloster verlasse, so weiß ich -niemanden, der meiner Jugend mit gutem Rat zuhilfe kommen wird. Dein -Geselle aber hat im letzten Winter freiwillig verheißen, daß er mir, -bevor ich aus dem Kloster scheide, als Gabe die Weisheit übergeben -will, welcher die Männer seines Geschlechts in der Stille vertraut -haben. Wenn er mich noch der geheimen Lehre für würdig erachtet, so -ersehne ich, daß er sie mir jetzt oder doch bald einmal spende. Du aber -zürne mir nicht, daß ich darum zu dir komme. Ich weiß ja, Vater, daß du -mir nichts Übles sinnst, denn ich fand gestern in der Ecke bei dem Nest -der Rotkehlchen einen Binsenkorb voll Kirschen, und ich weiß auch, wer -ihn hingestellt hat.« - -Der Alte lächelte vergnügt. »Die Rotkehlchen sind listige Vögel, sie -tragen mancherlei hin und her. Auch ich fand in diesem Frühjahr, als -mir meiner Sünden wegen die Gicht in die Hand gefahren war, ein Paar -Fausthandschuhe von Otterfell bei meinem Gerät, ich habe nicht gefragt, -woher sie kamen.« Er sprach das letzte zu seinem Gesellen Bertram, der -langsam herangewandelt war und ebenfalls sein Grabscheit in der Hand -hielt. Die beiden Alten blickten einander bedeutsam an und Bertram, -welcher der ernsthaftere war, setzte das Gespräch fort, als wenn er -die früheren Reden gehört hätte und begann feierlich: »Darum nahest -du auch jetzt zu günstiger Stunde, denn heut ist der Tag, wo ich dir -schenken will, was ich dir einst versprach und was ich bis jetzt als -mein Geheimnis bewahrte, wie ich es von einem Oheim erhielt, der es als -Kriegsmann in der größten Not seines Lebens erprobt hat. Mir selbst -vermag es nicht zu dienen, denn es ist ein Gut für Weltleute und nicht -für Mönche, dir aber kann es wohl frommen, denn ich merke, dein wilder -Mut wird dich bald einmal über den Zaun des Klosters hinaustreiben. -Tritt abwärts aus der Sonne in den Schatten eines Fruchtbaumes, denn -nur im Dunkeln darf ich dir's geben.« Der Alte wandte sich einer Ecke -des Gartens zu, wo ein großer Apfelbaum seine Zweige tief zur Erde -breitete, ehrfürchtig folgte ihm der Jüngling, Sintram machte den -Beschluß. So schritt Immo zwischen den beiden Spatenträgern in den -Baumschatten, dort blieb Sintram im Sonnenlichte zurück, Bertram aber -trat an den Stamm und winkte den Jüngling nahe zu sich. Er stützte den -Spaten an den Baum, faltete die Hände und murmelte sein Kredo, dann -begann er feierlich: »Vielerlei Lehren gibt es, welche den Mann fest -machen, wenn seine Gedanken sich unsicher wälzen; und die heilsamsten -von allen sind die heiligen Befehle, welche verkündet sind. An diese -gedenke vor andern. Die Lehren aber, welche ich für dich bereit halte, -vermögen dir nicht zu helfen in der Freude und nicht beim Gelage und -nicht bei Kauf und Verkauf, aber sie sind gute Helfer in der Not. Neige -dein Ohr zu mir, damit das Geheimnis meiner Gabe bewahrt bleibe und -gelobe mir, daß du sie nicht auf die Zunge nehmen und von dir geben -willst außer an einen ehrlichen Mann in guter Meinung.« - -Das gelobte Immo. - -Da pflückte Bertram vier Grashalme von der Erde, reichte dem Jüngling -einen in seine Hand und sprach feierlich: »Drei Lehren sind es und -eine, mit denen ich dich begabe, öffne dein Ohr und halte sie fest. Die -erste bedeutet, daß dem Manne nicht geziemt zu dienen, wo er gebieten -darf; und sie lautet: - - Birg niemals in die Hand eines Herrn, was du allein behaupten - kannst.« - -Und als Immo die Worte wiederholt hatte, reichte Bertram den zweiten -Halm: »Dieser Spruch soll dich mahnen, wenn du einem Freunde -unwillkommene Kunde ins Haus trägst, daß du sie ihm vertraust, bevor -der Staub auf deinen Schuhen verweht ist; und der Spruch lautet: - - Üble Botschaft auf der langen Bank, macht dem Boten und dem - Wirt das Herz krank.« - -Zum dritten Halm sprach er: - - »Mißachte den Eid, der in Todesnot geschworen wird. Wer dir - Liebes gelobt, sich vom Strange zu lösen, der sinnt dir Leid, - so oft er des Strickes sich schämt.« - -Und beim vierten gebot er: - - »Deines Rosses letzter Sprung, deines Atems letzter Hauch sei - für den Helfer, der um deinetwillen das Schwert hob.« - -Als Immo jeden Spruch nach Gebühr wiederholt hatte, beschloß Bertram -die Begabung, indem er gerührt sagte: »Es ist Brauch, daß der Spender -heilsamer Lehren ein Entgelt dafür erhalte. Da du wenig hast und ich -wenig nehmen darf, so hoffe ich, die guten Engel werden dir jene -Pelzhandschuhe als Gegengabe anrechnen. Wegen des Otterfells aber hat -dich der Gerber verraten, und wir wissen auch, daß dir's Herr Bernheri -geschenkt hat, als du ihm die Otter lebendig brachtest. Und jetzt -neige dein Haupt, mein Sohn Immo, damit ich dich segne; denn du hast -die Weisheit meiner Vorfahren empfangen und ich will flehen, daß sie -deinem Leben nütze, wie sie denen genützt hat, die sie vor dir besaßen. -Wenn du sie aber mißachtest und ihr zuwider handelst, so siehe zu, daß -die Verachtung sich nicht an dir räche.« Immo beugte das Haupt in die -Hand des Alten und empfing den Segen. Dann traten sie wieder aus dem -Schatten in die Sonne, die beiden Greise blickten einander zufrieden -an und führten ihren Günstling zur Gartentür, dort begann Sintram: -»Merke auch noch dies von meinetwegen. In all deiner Zukunft sorge -dafür, daß du immer jemanden hast, der für dich zu den Himmelsherrn -betet. Jetzt tut mein Bruder Bertram dies täglich für dich und auch ich -gedenke des Abends deiner. Denn wir haben dein Gemüt längst erkannt, -obgleich du unbändig dahinfährst. Aber wir beide sind alt. Oft hören -die Himmlischen nicht gern die Worte eines Bedrängten, weil er ihnen -durch seine Missetat verleidet ist, wenn aber ein anderer für ihn -bittet, so fühlen sie leichter Erbarmen. Unselig ist auf Erden nur der, -welcher in der Not allein die Hände faltet ohne einen Helfer. Darum -gehe in Frieden, Immo, und denke auch darauf, daß du dem Präpositus -nicht mißfällig wirst.« - -Immo sah bewegt den beiden Alten in die freundlichen Gesichter, welche -einander ähnlich waren wie zwei Äpfel desselben Baumes, er neigte sich -tief vor ihnen und entwich. Langsam schritt er die Hecke entlang, -setzte sich endlich in den Schatten einer Mauer und wiederholte und -bedachte in der Stille die Lehren des Bertram. Dann sprang er auf und -schritt dem Hofe der Reisigen zu, der vor der großen Klosterpforte -neben dem Haus des Pförtners stand. Dort lagen im Wachthause zu jeder -Zeit einige kleine Dienstmannen des Klosters und dort weilte Immo am -liebsten; er hatte daselbst auch seine besten Genossen, obgleich die -Dekane das nicht zu wissen brauchten. - -Als er in den Hof trat, fand er eine Reihe Heuwagen, welche von -den Knechten entladen wurden, während ein bejahrter Dienstmann im -Schuppenhemd, die Blechkappe in der Hand neben seinem Rosse stand und -geduldig den Arbeitenden zusah. »Gib mir ein Pferd, Hugbald,« begann -Immo leise zu dem Kriegsmann, »daß ich mit dir reite.« - -Hugbald blickte bedeutsam nach dem Stall und wies auf einen handfesten -Mönch zwischen den Heuwagen -- es war der Bruder, welcher dem Pförtner -in seinem schweren Amt als Trost beigegeben war. Immo verschwand in -dem Stalle. Als die entlasteten Wagen zum geöffneten Tor hinausfuhren, -bestieg auch der Reisige sein Roß, hielt unter dem Tore an und sprach -mit dem Mönch, der auf den Verschluß achten sollte. Da stob Immo auf -flüchtigem Pferde an den Redenden vorüber und war außer Rufes Weite, -bevor der Mönch sich von seinem Erstaunen erholt hatte. »Der Vater -Pförtner hat mir befohlen,« rief der unzufriedene Mönch, »diesen nicht -ins Freie zu lassen, weil er sich vermessen hat, ohne Erlaubnis auf St. -Michael zu reiten, aber er wischt dahin wie ein Feuermann in der Nacht.« - -»Laß ihn immerhin,« begütete der Dienstmann, »mir ist es recht, wenn -ich heut einen schnellen Knaben an der Seite habe. Denn um dir meine -Meinung zu sagen, ich werde froh sein, wenn du am Abend Wigberts -Knechte und Gespanne vollzählig zurück erhältst.« - -»Du verkündest, was üble Ahnung macht,« rief der Mönch erschrocken. -»Wie mag uns Gefahr drohen, leben wir doch in Frieden mit den Nachbarn.« - -»Ich sah schwarze Vögel flattern über der Grenze unserer Waldwiesen, -und ich kenne den Schwarm. Die Dohlen sind es aus den Buchen des Grafen -Gerhard, sie fliegen gern dorthin, wo sein gewappneter Haufe reitet; um -unsere Marksteine schwebten sie und lachten untereinander.« - -»Anderen mögen die Schwarzen Böses bedeuten, doch nicht uns,« tröstete -der Mönch, »denn wir im Kloster beten jedes Jahr für den Grafen Gerhard -und für die Seele seines Vaters.« - -»Es ist wohl möglich, daß die Vögel sich darum nicht kümmern,« -versetzte Hugbald. »Auch sah ich etwas im Holze des Grafen blinken, ich -meine, es war eine Helmkappe. Du selbst magst erwägen, ob die Mannen -des Gerhard an diesem heißen Tage den Eisenhut tragen, weil sie das -Heufest des Klosters feiern.« - -»Harre, daß ich dem Vater Tutilo die Kunde zutrage,« rief der Mönch. - -»Unnütz wäre die Mühe,« versetzte der Dienstmann, die Achseln zuckend, -»ich ritt hierher, weil ich der Meinung war, die Reisigen unseres Herrn -Abts von St. Peter als Helfer zu erbitten. Aber Herr Tutilo wollte vor -einem Sonnenblink auf fremdem Eisen nicht erschrecken und verbot mir, -wegen der Heuernte an das Tor des Abtes zu reiten. Auch hat in Wahrheit -das Kloster Fäuste genug auf die Wiesen gesandt, vielleicht, daß sie -mit den Heugabeln ihre Tapferkeit erweisen. Doch sollte mir das Pferd -straucheln, so wird der Jüngling dort zurückreiten und euch mahnen, -daß ihr das Glockenseil zieht.« Der Reiter nickte und trabte den Wagen -nach, der Mönch verschloß kopfschüttelnd das Hoftor. - -Als Hugbald den Jüngling erreicht hatte, welcher hinter einem Gebüsch -seiner harrte, begann er: »Dein Pferd hast du gut gewählt, wenn du -dich heut im Felde gegen einen Feind tummeln willst, aber den Stecken -in der Hand vermag ich nicht zu loben; er ist nur gut, um einen Hund -zu treffen, nicht aber eine Eisenhaube. Auch dein Strohhut wird dir -schwerlich das krause Haar schirmen, wenn dich ein Schwertschlag -erreicht.« - -»Denkst du an Hiebe?« frug der Jüngling und richtete sich hoch auf. - -»Wer über das Feld reitet, darf immer daran denken,« versetzte Hugbald -vorsichtig, »darum nimm noch eine Warnung. Wenn du merken solltest, -daß Bewaffnete gegen mich sprengen, so treibe die Weiber mit den -Rechen hinter einen Strauch und sieh selbst aus der Ferne zu, damit du -berichten kannst, daß ich mich ehrlich gehalten habe.« - -»Ich meine, Vater, besser werde ich das erkennen, wenn ich an deiner -Seite reite,« sagte Immo stolz und trieb sein Pferd zum Sprunge. - -Hugbald lächelte ein wenig, dann wies er ernsthaft nach dem nahen -Berge, wo der Abt sein Haus hatte. »Dennoch ist es schwer, zwei -Gebietern zu dienen. Dort oben liegen wackere Gesellen müßig, welche -bei einer Schlägerei im Heu wohl den Rücken decken könnten. Aber was -einem Herrn gefällt, will der andere nicht leiden.« - -»Sage mir, ob du um Gefahr sorgst, so will ich hinaufreiten, sie zu -rufen.« - -»Damit Herr Tutilo mir später Feindseliges sinne,« versetzte Hugbald -kopfschüttelnd. »Lieber vertraue ich auf die Hilfe des heiligen -Wigbert, denn ich habe ihm, solange ich lebe, nie etwas genommen -und manchen Schlag zu seiner Ehre getan, warum sollte er mich also -mißachten.« So ritten sie ohne anzuhalten an St. Peter vorüber dem -Laubwald zu, welcher in weitem Kreise die Niederung umschloß. - - - - -2. - -Die Gesellen. - - -Die beiden Mönche zogen nebeneinander durch das Flußtal, Tutilo hoch -zu Roß, Reinhard demütig zu Fuß; in heißem Sonnenlicht stiegen sie den -Hügel hinauf, auf welchem Herr Bernheri, der Abt, sich ein kleines -Kloster erbaut hatte, ganz nach seinem Herzen, seinen Mönchen zum -Trotz. Es sah einer Burg ähnlicher als einer heiligen Zelle, hinter -dem Graben ragte eine hohe Mauer und an dem offenen Tor saß auf seinen -Spieß gestützt ein Kriegsmann. Gemächlich erhob er sich, empfing mit -geringer Kopfneigung den Segen, welchen Tutilo spendete, und führte ihn -in den Hofraum. Dort stand neben einer Kapelle das neugebaute Haus -des Abtes, eine zweistöckige Kemenate mit einem Vorhaus, dessen Dach -auf schön geschnitzten Holzsäulen ruhte, daneben erhoben sich Ställe -und ein umhegter Raum, aus welchem unablässig das Gebell vieler -Hunde klang. Gegenüber dem Haus des Abtes ragte eine hölzerne Halle -für das Kriegsvolk, auf den schattigen Stufen dehnten sich mehrere -Bewaffnete, ihnen gesellt zwei Mönche. Die großen Trinkkannen, welche -dazwischen standen und das laute Gelächter der Trinker bewies, daß -diese Klosterleute nicht unter strenger Zucht lebten. Tutilo begann -bitter, während er einritt: »Du weißt, mein Bruder, St. Petrus war ein -Kriegsknecht, er trug ein Schwert in der Nacht, da der Herr verraten -ward; darum gefiel es auch dem Abte, diese Behausung von Jägern und -Schwertträgern als eine Burg St. Petrus zu gründen.« Die eintretenden -Mönche störten die lustige Gesellschaft, die Klosterbrüder eilten -herzu und während sie um den Segen baten, blickten sie spähend und -mißtrauisch nach dem Präpositus. - -Als ein Mönch von St. Peter die Glocke der Abtei gezogen hatte, trat -Eggo, der vertraute Kämmerer des Abtes, in die Tür und führte die Gäste -eine Wendeltreppe hinauf in das Gemach, wo Herr Bernheri am liebsten -zu weilen pflegte. Dort sah man zwischen den Säulen und Rundbogen der -kleinen Fenster in ein Waldtal hinab, und im Vorgrund auf grüne Weiden -und wogende Ährenfelder, das große Kloster Wigberts aber sah man nicht. -Über dem Tisch in der Mitte des Raumes lag eine Decke, welche zierlich -mit der Nadel gestickt war, auf dem hohen Lehnstuhl weiche Kissen. -Geweihe, die an der Wand befestigt waren, dienten als Haken, woran -Waffen zur Jagd und zum Kriege hingen: Hornbogen und Köcher, Eberspieße -und große Halsbänder mit eisernen Stacheln für die Jagdhunde. - -Herr Bernheri war ein wohlbeleibter Herr mit großem Haupte; dem -geröteten Gesicht und den dicken Augenlidern merkte man an, daß er -sorgfältig den Wein seines Kellers prüfte; er trug einen langen -Hausrock von feinem dunklen Tuch, am Halse ein goldenes Kreuz. Die -Mönche knieten nieder, Tutilo zögernd und mit steifem Nacken, so daß -man den Zwang erkannte. - -Der Abt blickte unzufrieden auf den Präpositus und begann, während er -mit flüchtiger Handbewegung den Segen erteilte: »Ungern sehe ich heut -dein Gesicht, Tutilo, da du doch die Brüder, wie ich höre, in das -Heufest gesandt hast. Es wäre besser, wenn du deine gefurchte Stirn den -Heimkehrenden entgegenhieltest, damit ihnen die weltliche Fröhlichkeit -aus dem Herzen schwände. Aber auch die krächzende Krähe flieht gern -dorthin, wo sich die Habichte niederlassen.« - -»Du selbst, Herr und Abt von Wigbert, vergleichst dich mit dem Habicht, -der sich in dem Klostergut niedergelassen hat,« versetzte Tutilo -schnell aufstehend, »ich aber und mancher von den Brüdern meinte, -daß in der Notzeit des Klosters den Brüdern gezieme, ihren Groll zu -vergessen und einträchtig auf Nützliches zu denken, was die Gefahr -abwenden kann.« - -»Du sprichst gut,« versetzte der Abt ungnädig, »sorge dafür, daß deine -Taten der Rede nicht widersprechen. Kommst du auch ungeladen, sitze -dennoch nieder, ob du dem Kloster deine Treue erweisen kannst.« Er -winkte dem Mönch Eggo, dieser verschwand und trug drei große silberne -Becher und eine Weinkanne herzu, die er auf den Tisch stellte, er -selbst aber trat hinter den Lehnstuhl des Abtes. Dieser setzte sich -gewichtig, winkte den Gästen zu beiden Seiten Platz zu nehmen und -sagte auf die Becher weisend: »Es sei erlaubt. Ich freue mich deiner -Ankunft, Reinhard. Deine Klugheit ist rühmlich bekannt, du hast -dich den Heiligen unserer Kirche in meine Hand zugeschworen und als -vertrauten Boten habe ich dich nach Thüringen gesandt, damit du gleich -einem Fremden ohne Gunst und Haß die Höfe des Klosters bereisest und -mit eigenen Augen alles erkundest, denn üble Nachrichten erhalten wir -aus jedem Gaue. Jetzt berichte von unsern Höfen und von den Zellen, -in denen unsre Brüder hausen, damit wir alles erfahren, wenn es auch -unwillkommen ist.« - -Reinhard holte einen Pergamentstreifen heraus, auf dem die Hufen und -Höfe des Klosters verzeichnet waren und begann den Reisebericht. Es war -eine lange Reihe von Klagen der Verwalter über Gewalttat der Grafen -und Widerspenstigkeit der Verpflichteten. Als er innehielt, tat Herr -Bernheri einen tiefen Trunk und sprach darauf seufzend: »Solange ich -lebe, habe ich erfahren, daß die Frommen spenden und die Gottlosen -nehmen. Sonst waren der Frommen mehr und der Gottlosen weniger. Wie ein -Weiher ist das Klostergut, in den die kleinen Quellen rieseln; wenn er -aber gefüllt ist, kommen die Müller des Teufels, öffnen ihre Gräben und -leiten die Flut wieder ab über ihre Mühlräder. Ich sorge, der Weiher -wird einmal leer und meine Mönche werden wie Karpfen in mißfarbigem -Schlamme zappeln.« - -»Wer kommendes Unglück meldet, dem danken wir, wenn er auch sagt, wie -zu helfen ist. Unerhört ist es, daß ein neuer Bruder die Geheimnisse -des Klosters erfährt, welche sonst nicht einmal den Dekanen bekannt -sind,« fiel Tutilo mit rauher Stimme ein. »Leichter ist es Klagen -vorzutragen, als die Hilfe zu finden.« - -»Du selbst weißt ja, mein Vater,« antwortete Reinhard, »wo die beste -Hilfe zu finden ist. Die Heiligen fragen vor allem, ob unsere Brüder -nach der heiligen Regel ihren Dienst tun. Den Säumigen aber entziehen -sie ihre Gnade. Manches sah ich in St. Wigberts Kloster, was nicht nach -der Regel war.« - -»Sage das doch den Mönchen in Fulda, in Corvey und sonstwo, überall ist -der Mutwille größer als bei uns,« rief Tutilo zornig, »und lebt ihr -in Altaha, die ihr euch als starker Beter rühmt, deshalb in größerer -Sicherheit?« - -»Gern verkünde ich dir, o Herr, auch Günstiges,« fuhr Reinhard ruhig -fort, »nämlich, daß unter den Waldleuten, welche bei unserer Zelle -Ordorf wohnen, ein neuer Eifer erwacht ist. Die Brüder, welche du -dorthin gesandt hast, leben in froher Hoffnung, denn sie meinen, großes -Unheil sei ihnen widerfahren. In mehr als einer Nacht sahen die Brüder -Licht in der Kirche und als Hunibald der Magister einst aufstand und -hineinging, erkannte er einen Schein über der Platte, unter welcher, -wie die Sage geht, der selige Vater Meginhard, der Genosse des heiligen -Bonifacius, bestattet ist. Viel erzählen sie dort von den christlichen -Heldentaten, die Meginhard zu seiner Zeit unter den Heiden gewirkt hat. -Die Laien drängen sich in die Kirche und beten auf seinem Grabe und -große Heilungen von schweren Leiden werden berichtet, die an dieser -Stätte ganz plötzlich gelungen sind. Das läßt Hunibald dir durch mich -mit Freuden verkünden.« - -Der Abt schüttelte unzufrieden das Haupt. »Ich kenne den Sinn unserer -Brüder in Ordorf, sie sind gutwillig, aber unbesonnen und ihrem Glauben -fehlt die Prüfung. Ich kenne auch alte Vetteln, welche von einer -Stätte zur andern laufen und ihre Gebresten heilen lassen, damit man -sie rühme, auf den Schultern trage und mit guter Kost füttere. Die in -Ordorf mögen sich wahren, daß die Kinder der Welt uns nicht verspotten -und daß nicht zuletzt ein großes Skandalum aus dem Wunder werde.« - -»Es ist nicht begehrliches Volk allein, welches zuströmt, auch ehrbare -Leute rühmen die Wunderkraft des seligen Bekenners.« - -»Und vermagst auch du sie zu rühmen nach dem, was du gesehen hast?« -frug der Abt prüfend. - -»Ich hatte, wie du weißt, nicht die Zeit und nicht das Amt, nach der -Wahrheit zu forschen,« versetzte Reinhard. - -»Ich aber meine,« rief Tutilo, die Faust auf den Tisch setzend, »daß -den Heiligen zu Herolfsfeld ein übler Dienst geschieht, wenn der selige -Memmo zu Ordorf einen Zulauf als Wundertäter erhält und am Ende gar zu -Rom als Heiliger aufgenommen wird. Denn die Leute in den Waldlauben -werden froh sein, wenn sie einen besonderen Fürbitter gewinnen, und die -Edlen werden bei König und Papst bald darauf antragen, daß wir Ordorf -aus unserer Klosterzucht entlassen und daß dort oder in der Nähe eine -eigene Abtei gegründet wird, und Meginhard würde sich schnell als ein -großer Räuber am Wigbert erweisen. Deshalb rate ich, daß wir unsern -Heiligen getreu bleiben und uns nach Kräften bemühen, die Wunder zu -stillen und nicht landkundig zu machen.« - -Der Abt nickte. »Er spricht das Richtige. Wenn ein Lichtschein dem -Kloster helfen könnte, so vertraue ich, würden unsere Fürbitter es auch -bei uns nicht daran fehlen lassen. Weißt du eine andere Hilfe, mein -Bruder, wenn auch durch weltliche Mittel?« - -Reinhard antwortete demütig: »Wenn ich das Schicksal deiner Herrschaft, -Herr, erwäge, so finde ich, daß dieser zu sehr fehlt, was ihr Schutz -und Sicherheit gewähren könnte. Durch ganz Thüringen liegen die Hufen -und Höfe zerstreut in den Dorffluren und zwischen den Lehnsgütern der -Grafen; aber klein ist die Zahl der Vögte und der Bewaffneten, welche -für das Kloster Helm und Schwert tragen. Mächtiger ist der Abt von -Fulda, um vieles reicher an Vasallen; am mächtigsten der Erzbischof -von Mainz, denn seine Kriegsleute lagern sicher in der großen Stadt -Erfurt. Die Mönche von Fulda und die Kanoniker in Erfurt aber sinnen -Ungünstiges für dein Kloster und breiten sich aus dir zum Schaden, -auch in den Waldlauben an dem Rand der Berge, wo sonst deine Herrschaft -fest gegründet war. Darum meine ich, dir tun vor allem Burgen not -mit treuer Besatzung. Als ich von Erfurt nach Ordorf zog, sah ich in -der Ebene, wo das Gebirge beginnt, einen Ring von Hügeln, auf denen -Warten und Burgen stehen, sie schließen einen Weiher und Wiesen ein, -schwer ist der Zugang, denn viele Teiche liegen am Saum der Hügel. Dort -ragt im Hintergrunde die Wassenburg, welche dem Kloster gehört, doch -sie ist halb verfallen. Der ganze übrige Bergwald aber und das Land -darum gehört dem Geschlecht des Jünglings Immo, der in der Schule des -Klosters gehalten wird. Dies Geschlecht beherrscht von den Bergen wie -von einem großen Wall die Landstraße und die Umgegend. Und ich höre, es -bringt gern seine Spenden zum Kloster.« - -»Gut hast du gesehen, mein Bruder,« rief der Abt, »ich kenne die roten -Hügel und ich weiß, daß sie gewaltig sind, aber sie sind freies Erbe -eines Geschlechts, welches seit der Urzeit im Lande haust, und ich -meine nicht, daß sie ihr Erbe dem Kloster gutwillig in die Hand geben -werden.« - -»Vielleicht würden sie selbst als Vögte ihre Burgen bewahren, wenn sie -zum Heil ihrer Seele dieselben vorher den Heiligen in die Hand gegeben -hätten,« versetzte Reinhard. - -»Wahrlich, Bruder,« sprach Tutilo, »als ich zuerst von deiner Sendung -hörte, war sie mir widerwärtig; was du aber hier kündest, ist dasselbe, -was auch ich für eine gute Hilfe des Klosters halte und ich muß deine -Klugheit preisen.« - -»Ich aber kenne unsern Schüler Immo und seine Sippe,« warf der Abt ein, -»hochfahrend ist ihr Sinn.« - -»Was die Kinder der Welt ungern tun, dazu zwingt sie oft die Angst -vor der Hölle des üblen Teufels,« sprach Reinhard. »Dennoch würde -ich nicht an diese Hilfe gemahnt haben, wenn mir nicht Frau Edith, -die Mutter des Immo, vertrauliche Botschaft an dich, meinen Herrn, -aufgetragen hätte und zwar gerade wegen dieser Burgen. Denn sie fleht -dich an, daß mir erlaubt sei, dem Sohn ihren Segen zu bringen und ihn -mit einer guten Nachricht zu erfreuen. Das Geschlecht hat beschlossen, -die Mühlburg als Angebinde an das Stift zu Erfurt zu geben, damit der -Schüler Immo dort Kanonikus werde und durch den Erzbischof Willigis -unserm Kloster enthoben. Seht selbst zu, meine Väter, ob unser Kloster -dadurch Vorteil gewinnt. Sehr bereitwillig werden die Erzbischöflichen -zu Erfurt sein, die Burg zu empfangen, für uns aber scheint mir diese -Wandlung verderblich.« - -»Lieber wollte ich den Wolf in meiner Lämmerherde schauen,« rief Herr -Bernheri. - -»Nimmer darf der Knabe und sein festes Haus dem Wigbert entschlüpfen,« -drohte Tutilo. - -»Ich weiß einen, der das Seine getan hat, durch Stirnrunzeln dem -Jüngling Immo das Kloster zu verleiden,« versetzte Herr Bernheri -strafend. - -»Wäre der Knabe besser in die Klosterzucht gewöhnt worden, er würde -nicht zurück in die Welt begehren,« entgegnete Tutilo, »auch die Weide -biegt sich nur, wenn eine feste Hand sie zusammendreht. Und ehe ich -leide, daß die Burg den prahlerischen Schwelgern zu Erfurt geöffnet -wird, zwinge ich den Schüler mit eigner Hand in die Klausur.« - -»Du wirst es schwer finden, ihn in der Büßerzelle zum Mönche zu -schlagen, mein Bruder,« versetzte der Abt. »In vielem hast du meine -Herde verleitet, aber schwerlich wird sie dir folgen, wenn du das Kind -aus dem Geschlecht unserer Guttäter durch Zwang zurückhalten willst. -Ich rate dir, daß du lieber dem Bruder Reinhard vertrauest, denn nicht -allein wegen seiner Grammatik und Dialektik gefiel es mir, ihn hierher -zu laden, sondern weil er die Kunst versteht, die Herzen der Jugend -zu gewinnen und, damit ich metaphorice spreche, auch junge Stoßvögel -an die Hand zu gewöhnen. Versuch du, mein Bruder, ob du die Neigung -des Knaben für den Wigbert gewinnen kannst. Er ist ein Falk aus den -thüringischen Bergen, diese ertragen schwer die Kappe, sind sie aber -gebändigt, dann stoßen sie freudig. Und jetzt gefällt mir, daß wir uns -erheben. Manches andere will ich mit Bruder Reinhard allein verhandeln. -Du aber, Tutilo, ziehe zurück und zähle die Heuwagen, bis es mir -passend erscheint, dich zu rufen oder bis ich selbst hinuntersteige und -den Konvent der Brüder versammle, welchen du Übles gegen mich in das -Ohr raunst.« - -Das Gesicht Tutilos flammte in Zornesröte als er sich erhob. »Du aber, -Abt Bernheri, gedenke nicht, das Wichtigste den Brüdern zu verbergen -und im Rücken des Klosters die Wahl zu treffen über den König, dem wir -in Zukunft dienen sollen. Kein Wort hat dein Bote berichtet von dem -Kampf, der sich um die Krone erhebt, und doch ist dies die nächste -Sorge und eine größere als um Hufen und Burgen. Meine nicht, Bernheri, -mich zu hintergehen. Wenn du auch Abt bist, du selbst würdest es schwer -entgelten, denn mein ist die Sorge, daß das Heiligtum nicht durch dich -mit Unehren beladen wird.« - -»Sorgst du so eifrig um den Vorteil der Brüderschaft,« rief Herr -Bernheri ebenfalls zornig, »so sorge auch, daß der Reiter, welcher -dir die Botschaft des Markgrafen zugetragen hat und der verborgen -im Gasthause liegt, spurlos verschwinde, bevor ihn meine Reisigen -ergreifen. Dich selbst könnte ich Verräter nennen; ein Wink von mir, -und du kehrst nur zum Gericht in das Kloster zurück. Aber seit vielen -Jahren habe ich die Bosheit deines Wesens ertragen und auch jetzt -gedenke ich, weil ich älter und klüger bin als du, dich zu behandeln -wie einen Trunkenen, von dem geschrieben steht, er weiß nicht was er -tut.« - -Tutilo verließ das Zimmer ohne Gruß, der Abt ging heftig auf und ab, -endlich ergriff er die Kanne, setzte sie aber mit einem Seufzer wieder -hin. »Selbst der Wein schadet zornigem Gemüt und ich begehre nicht, -unwilliger auf ihn zu werden, als ich bereits bin.« - -»Ich aber bringe dir,« begann Reinhard, ein Pergament aus der Kutte -ziehend, »den Gruß des Königs und seine Mahnung, daß du die Reisigen -des Klosters ohne Verzug sammelst und durch die Wälder von Fulda zu -seinem Heere sendest. Damit auch du seine Gnade erkennst, o Herr, -sendet er dir, was du lange ersehnt und erbeten hast, die Schenkung des -Bannwaldes um St. Peter, der bisher Königsgut war. Du mögest sorgen, -mahnt der König, daß die Treue des Klosters sich ebenso bewähre wie des -Königs Gnade.« - -Schnell griff Herr Bernheri nach der Urkunde: »Die besten Hirsche -zwischen Fulda und Main halte ich in diesem Pergament,« aber bald -verdüsterte sich sein Blick. »Du hast gesehen, mein Bruder, wie jener -unholde Mann gesinnt ist; nach allen Seiten murrt er den Leuten Arges -in die Ohren und hat die Knechte Wigberts ganz vom König abgewandt, -nicht weiß ich, ob ich noch Herr bin im Kloster und über meine -Schildträger. Dennoch will ich tun, was ich vermag, indem ich den -Konvent zusammenrufe. Du aber eile dem Tutilo nach und rühme unterdes -im Kloster die Schenkung, damit die Unzufriedenen mein Herrenwort -williger anhören.« - -Während der Abt dem Mönche die letzten Befehle gab, erscholl auf -den Feldwegen, die zum Kloster hinführten, Jauchzen und Gesang; die -Brüder und Mannen auf dem Petersberg drängten zum Tore hinaus und -sahen neugierig in das Tal hinab. Hochbeladen in langer Reihe kamen -die Heuwagen heran, auf den Wiesenbäumen darüber saßen und ritten die -Buben des Dorfes schreiend und die Arme schwenkend. Hinter den Wagen -schritten zwei Spielleute mit Sackpfeife und Fiedel, sie führten eine -lustige Weise spielend die Schar der Arbeiter. Denn Männer und Frauen, -mit Laub und Wiesenblumen bekränzt, hielten einander an den Händen und -sprangen trotz der Arbeit des heißen Tages lustig den Reigen; vom Pfade -ab zogen sie die Kette bald seitwärts über die Flur, bald zwischen -den Wagen hindurch. Ihnen folgten die Herren des Klosters, voran die -beiden Schulen; auch die Schüler sprangen und tanzten durcheinander, -manche saßen zu Pferde und trieben die Gäule zu lustigen Sätzen. Sogar -die Väter gedachten nicht sehr ihrer Würde, mehr als einem war das -Haupt schwer, so daß er von den andern geleitet werden mußte, und man -merkte auch, weshalb er so unsicher schwankte, denn ganz am Ende fuhr -ein Wagen mit leeren Fässern, welche zwischen den Brettern kollerten, -und mit Trinkgefäßen, deren Henkel an die Leiterbäume gehängt waren. -Endlich hob ein Bruder sein lateinisches Trinklied an und viele -stimmten ein und sangen die Schlußverse mit kühnen Bewegungen der Arme, -und eilte eine Magd, die sich verspätet hatte, bei dem langen Zuge der -Väter vorbei, dann geschah es wohl, daß einer der Begeisterten sie -in den Arm kniff oder auch in die Backen. So wälzte sich der Schwarm -schreiend und singend dem Kloster zu. Die untergehende Sonne warf ihr -goldenes Licht auf heiße Gesichter und glänzende Augen, die Treiber -knallten mit ihren Peitschen um die Wette, sogar die Tiere schritten -lustiger vorwärts. - -Plötzlich stockte der Zug an dem Kreuzwege, wo ein Pfad von Osten -heranlief, die Buben auf den Heuwagen sprangen empor und wiesen in -die Ferne, die Wagen hielten an, die vordersten Knechte schrien nach -rückwärts, Spiel und Gesang endete in einem Mißton. Denn von dem -Seitenweg her tönte wilder Klageruf widerwärtig in die Festfreude. -Langsam bewegte sich eine andere Abteilung der Klosterleute vom Holze -her dem Flußtale zu, mit gesenkten Häuptern und Wehgeschrei trugen -sie einen undeutlichen Gegenstand heran. Die Leute im Zuge verstanden -wohl, was der Ruf bedeutete, dort war einer erschlagen, und die -Rüstigen liefen über das Feld dem trauernden Haufen entgegen. Zu -einem wirren Knäuel vereinigten sich die beiden Haufen. Die Knechte -peitschten ängstlich ihre Gespanne zu schnellerem Schritt, um sie in -den Klosterhöfen zu bergen, die andern umstanden entsetzt eine Bahre, -auf der ein todwunder Mann lag. Schnelle Fragen und Antworten folgten -einander, Heugabeln und Messer wurden geschwenkt und an Stelle des -lateinischen Schelmenliedes klang wilder Racheruf über das weite Tal. -Tutilo spornte sein Roß zu schnellen Sätzen. Als der gefürchtete -Mönch in das Gedränge stob, fuhren die Leute auseinander, im nächsten -Augenblick aber begann wieder Wehgeschrei und Totenklage. Der Mönch -sprang ab, beugte sich über den Mann und sah nach der schweren -Kopfwunde. Dann gebot er, ihn in das Krankenhaus des Klosters zu -tragen, und forderte Bericht über die Missetat. »Wo sind die Gespanne?« -frug er unruhig um sich blickend, »wo ist Hugbald?« - -»Die Gespanne geraubt, die Knechte geschlagen und fortgeführt, Hugbald -gefangen und mit ihm der Scholastikus Immo,« riefen ihm die Leute -entgegen, bis auf seinen Wink der alte Bruder Bardo vortrat und -stöhnend das ganze Unheil verkündete. Die Waldwiesen, auf denen Bardo -die Heumahd zu ordnen hatte, lagen weitab von den übrigen Gründen, -welche auf den Höfen des Klosters bewirtschaftet wurden. Sie waren -neuerer Erwerb, doch niemand hatte beim Auszuge geahnt, daß dort -ein Feind lauere. Ungestört hatten die Arbeiter in den Tagen zuvor -gemäht und das Heu gewendet, nur von einem Bewaffneten begleitet, -wie bei fernen Feldarbeiten auch im Frieden Brauch war. Aus Vorsicht -hatte heute Hugbald geboten, daß die Knechte ihre Rosse abspannen und -während die Heuhaufen gesetzt wurden, unter Aufsicht eines Reisigen auf -freier Höhe, von der weite Umschau war, zusammenhalten sollten, bis er -selbst das Einbringen gebiete. Als er endlich gekommen war, begleitet -von dem Schüler Immo, hatten die Knechte ihre Gespanne zu den Wagen -zurückgeführt. »Schon vorher war uns unheimlich geworden,« kündete -Bardo, »denn wir hatten in der Ferne hinter den Büschen einzelne -Bewaffnete erkannt, welche hin und her ritten. Grade als sich der Zug -der beladenen Wagen in Bewegung setzte, brach ein Schwarm Reiter aus -dem Holz und ritt über die Felder auf die Gespanne zu. Unsere Reisigen -hoben die Wurfspeere und warfen sich ihnen entgegen, auch die Knechte -ergriffen die Heugabeln und sprangen gegen die fremden Reiter, aber -klein war die Zahl der unsern, im Nu waren sie umringt. Der Mann, -welcher auf der Bahre liegt, fiel sogleich vom Rosse in sein Blut, nur -Hugbald schoß den Wurfspeer und schlug mit dem Schwerte, drei waren -gegen ihn, doch der Jüngling Immo fuhr wie ein Wirbelwind zwischen -sie, ich sah zwei vom Pferde stürzen und die ledigen Tiere laufen. Ganz -tapfer hielt sich unser Scholastikus und er hatte den Hugbald frei -gemacht, aber dieser rief: »wie mag ich zurückkehren ohne die Wagen« -und warf sich aufs neue einem andringenden Haufen entgegen, bis er -entwaffnet und mit Weiden gebunden war, und gleich ihm der Jüngling -Immo; darauf wurden auch die Knechte übel geschlagen und gefesselt. -Mit großem Gefolge stob Graf Gerhard, den wir alle kennen, heran und -rief mit zornrotem Gesicht: »Verderben über euch, ihr Wigbertleute, -mein ist das Heu, mein die ganze Markung. Nichtig ist die Schenkung, -deren ihr euch von meinem Vater her mit Unrecht rühmt; die Gespanne -und eure Dienstleute treibe ich fort, eine geringe Entschädigung sind -sie für den Verlust, den ich durch viele Jahre von euch erlitten. -Läßt sich noch einer von euch Geschorenen auf dieser Flur blicken, so -sollen ihm meine Gewappneten die Haut über die Ohren ziehen. Ihr Mönche -aber wandelt stracks zurück, nur die heulenden Mägde lasse ich euch. -Und saget eurem Abt: will er seine Dienstleute lebend wiedersehen, so -soll er sich eilen das Lösegeld zu senden, denn ich gedenke sie nicht -lange im Kerker zu füttern. Hinweg mit euch, denn euer Anblick ist mir -verhaßt.« So ritt er mit einem Fluche aufwärts dem Buchenwald zu und -hinter ihm zogen die Heuwagen und die Gefangenen. Wir aber standen -weinend um den gefällten Mann, mühsam trugen wir mit den Weibern seinen -Leib auf den Baumästen hierher.« Als der Alte geendet hatte, begannen -die knienden Weiber wieder ihr Wehegeschrei und der Racheruf der -Wigbertleute klang durch das Tal. - -Tutilo sah auf die zornige Schar wie ein Häuptling, der die Zahl -seiner Getreuen mustert. »Sie sagen, Graf Gerhard will für König -Heinrich ins Feld reiten, hier merket die Treue der Königsmannen. Als -ein Walddieb ohne Aufkündigung des Friedens hat er das Kloster ruchlos -gekränkt. Ihr aber, fromme Knechte des Wigbert, gedenkt der Vergeltung, -schreit zu den heiligen Nothelfern um Rache, daß sie ein gehäuftes Maß -Unheil über den Verfluchten senden, bereitet eure Wehren, schlagt an -der Glocke des Erzengels den Notschlag zur Warnung für alle, die noch -im Felde sind, daß sie sich sammeln, und entzündet die Feuerzeichen -auf den Höhen, damit auch die Entfernten wissen, daß unser Kloster von -Feinden bedrängt ist. Folgt mir zu den Höfen, damit wir um Tor und -Mauer sorgen, denn aus dem Frieden sind wir gesetzt in Unfrieden und -auf Abwehr denken wir und Vergeltung. Du aber, Bardo, bändige deinen -Schreck und ziehe jene Straße nach St. Peter, damit du einen andern -Bericht gebest; ich sehe dort den Abt Bernheri herabsteigen, geringe -Freude wäre mir, ihm jetzt zu begegnen.« Er schwang sich auf sein Roß -und sprengte voraus dem Kloster zu, einem Kriegsmann ähnlicher als -einem Mönch. Den andern aber hob sich der Mut, als sie seinen wilden -Zorn erkannten, und hinter ihm eilte der Schwarm von Männern und -Weibern auf der Landstraße dahin, während Bardo mit den Brüdern, die -das Unglück geschaut hatten, traurig dem Abte entgegenging. - - * * * * * - -In der Halle des Grafen Gerhard beleuchtete der rote Schein vieler -Kienfackeln die Holzwände und die rußigen Balken der Decke. Gegenüber -der Tür führten einige Stufen zu dem erhöhten Raum, auf welchem der -Herrentisch stand, dort brannten große Wachslichter, ein weißes -Tischtuch war aufgedeckt und neben den Tontellern blinkten silberne -Kannen und Becher. In der Halle waren zwei lange Tafeln gerichtet -mit Sitzen darum, und unten an der Tür eine dritte kleine, alle mit -Holzgerät und irdenen Krügen bestellt. - -Der Kämmerer des Grafen trat an die Tür der Halle und blies auf einem -Horn, das er am Halse trug, den Ruf zum Mahle in den Hof. Klirrend -drangen die Schwertmannen in die Halle und reihten sich hinter den -Holzstühlen, auf der rechten Seite die freien Vasallen und unterhalb, -wo das Tischtuch aufhörte, ihre Knechte, auf der linken Seite die -unfreien Hofleute mit den Knechten. Die Freien waren meist bäuerische -Genossen, welche lungernd in den Dörfern des Grafen saßen, bis sie zum -Schwertdienst entboten wurden, die Unfreien aber, obgleich sie die -schlechtere Bank besetzten, achteten sich für heldenhafter, weil viele -von ihnen im Herrenhof hausten, täglich hinter dem Grafen ritten und -schönes Gewand und gute Rosse von ihm empfingen. Die Freien wiederum -waren stolz auf ihre Herkunft und verachteten die Knechtschaft der -Geschmückten, so daß die beiden Bänke in Eifersucht lebten. Ganz unten -an der Tür aber, getrennt von den andern, harrten an besonderm Tisch -die beiden Fechter, Ringrank und der Sachse Sladenkop, unehrliche -Leute, welche ihr Blut dem Grafen verkauft hatten und öffentlich -mit scharfem Eisen gegen ihresgleichen kämpften, oder auch heimlich -jedermann niederschlugen, so oft es ihr Lohnherr gebot. - -Der Kämmerer stieg auf die Stufen des Ehrensitzes und gab ein zweites -Hornzeichen. Da öffnete sich eine schmale Tür der Hinterwand und Graf -Gerhard trat selbst herein, hinter ihm seine Tochter Hildegard, welche -den kleinen Bruder an der Hand führte. Der Graf hatte seinen eisernen -Kettenrock mit einem hellen Hauskleide vertauscht, das bis über die -Knie herabging und von breiter gestickter Borte umsäumt war, darüber -trug er am weißen Ledergurt sein Schwert, an den Beinen hohe rote -Strümpfe und schön gestickte Schuhe. Er war wohl älter als fünfzig -Jahr, in seinen schrägen Augen glitzerte das Weiße, so daß den Leuten -sein Blick nicht gefiel, und da die niedrige Stirn stark zurücktrat und -seine Nase sich lang über den fränkischen Schnauzbart gegen das spitze -Kinn dehnte, so hatte er wegen seines wölfischen Aussehens den Beinamen -Isegrim erhalten. Gern wendeten die Mannen den Blick von ihm auf die -Jungfrau, sie schauten bewundernd auf die schlanke Gestalt, welche -ihr weißes Ärmelgewand mit buntem Gürtel und Saume so stolz trug, -auf langes, blondes Haar, das durch ein blaues Band über der Stirn -zusammengehalten wurde, und auf ein rundliches Kinderantlitz, über dem -der unwiderstehliche Zauber der Unschuld lag. - -Der Graf winkte, und als das Horn zum drittenmal rief, stiegen aus dem -Hofe der Truchseß mit den Küchenknaben und der Mundschenk mit dem Küfer -in die Halle und sie setzten die Speisen und große Trinkkrüge auf die -Tafel. Der Herr trat zu seinem Lehnstuhl, nahm die Mütze ab und hielt -einen Augenblick das Gesicht hinein, alle neigten die Häupter und -mancher Fromme schlug das Kreuz, dann rückten die Burgleute kräftig die -Stühle, zogen ihre Messer aus der Scheide und begannen schweigend die -Arbeit des Mahles. - -»Wohl gelang uns die Fahrt in das Heu,« begann der Graf, einen Becher -hebend, »und mit Stolpern und Ausgleiten endete der Reigentanz der -lustigen Mönche. Trinkt, Bankgenossen, und sorgt, daß der Ausgang so -rühmlich sei als der Anfang.« Heller Beifallsruf erhob sich und die -Trinkkannen wurden in der Luft geschwenkt. »Führt den alten Hugbald -mit seinem Knaben aus dem Turme herbei. Sie waren die einzigen, welche -wacker die Reiterwaffe gebrauchten, sie sollen nicht Schwarzbrot kauen, -während wir uns des Mahles freuen.« Zwei Knechte eilten hinaus; nach -einer Weile wurden Hugbald und Immo eingeführt, beide waffenlos. Als -sie auf der Schwelle standen, rief der Graf durch den Saal hinab: -»Tritt näher, Alter, lagere dich dort unter meinen eisernen Knaben.« -Er wies auf den Tisch zur rechten Seite, wo zwischen den Rittern -und Knechten eine Bewegung entstand, und mahnte wohlwollend: »Laßt -ihn das Tischtuch haben, denn er trug manches Jahr seine Sporen als -ein ehrlicher Gesell und soll ungekränkt von meinen Tellern essen.« -Hugbald ging schweigend auf den Platz, welcher ihm geräumt wurde, und -antwortete gleichmütig auf die Grüße und Spottreden seiner Nachbarn. - -»Hüpfe auch du auf die Bank, junger Klosterkauz,« gebot der Graf und -winkte Immo, welcher an der Tür stehen geblieben war. - -»Ladet Herr Gerhard mich ein, in seiner Halle niederzusitzen?« frug -Immo errötend, aber mit einer Stimme, die hell durch den Raum klang. - -»Öffnet ihm eine Ecke,« befahl der Hofherr zu den Knechten gewandt. -Aber Immo eilte mit gehobenem Haupt durch die Halle dem Tisch des -Grafen zu, er stieg die Stufen zum Herrensitz hinauf und drängte -mit der Hand den Kämmerer, der ihn aufhalten wollte, beiseite. »Dir -würde geziemen, mir den Stuhl zu rücken,« rief er. So trat er auf -die Erhöhung, trug einen Sessel neben die Tochter des Grafen, sprach -freundlich nach allen Seiten grüßend: ~pax domini vobiscum~ und -setzte sich. Graf Gerhard sah sprachlos vor Erstaunen auf den kecken -Eindringling. »Übel gedeihe dir deine Frechheit; seit wann klettern die -Schüler in den Abtstuhl. Doch Wunderliches hören wir über die Unordnung -in Wigberts Hofe.« - -»Im Hofe des Heiligen sitze ich demütig an der Schülerbank, bei euch, -Herr, ziemt mir der Stuhl in eurer Nähe.« - -»Werft den Schamlosen von seinem Sitz,« befahl der Graf zornig. - -»Dann führt mich zurück in den Turm,« rief Immo, »denn bei allen -Heiligen des Himmels, an keiner Bank lagere ich, keinen Bissen und -keinen Trunk nehme ich in diesem Saal, wenn mir nicht ein Ehrensitz -bereitet wird, wie ihn mein Vater erhielt, wenn er diese Burg betrat.« - -»Wer bist du, Knabe, daß du mir unter meinem eigenen Dache zu trotzen -wagst?« - -»Es ist Immo, Herr, Sohn des Helden Irmfried, welcher das Banner der -Thüringe im Lande Italien trug,« bedeutete ein alter Dienstmann in der -Nähe des Grafen, »und darin hat er recht, die Männer seines Geschlechts -haben von je einen Herrenstuhl begehrt.« - -»Jetzt erkenne ich dich, Immo,« versetzte der Graf ruhiger, »bei meinem -Schwert, früh krümmt sich der Haken. Dennoch sollen meine Knaben dich -abwärts führen, da du kein Krieger bist, sondern nur ein halber Mönch.« - -Immo errötete vor Zorn. »Ich aber meine, daß eure Reisigen meinen Arm -gefühlt haben, fragt nach, wenn es euch gefällt, ob die Stöße nur -halb waren und in Mönchsweise gegeben, oder nach Art eines ehrlichen -Kriegers. Und wenn ich wüßte, daß die Starken, gegen welche ich -geritten bin, in diesem Saale wären, so würde ich sie gern friedlich -begrüßen und sie bitten, daß sie ihren Groll gegen mich schwinden -lassen. Denn ich habe nur getan, wozu ich als Geselle des Hugbald -verpflichtet war, und ich hoffe, auch sie ehren den Spruch: auf der -Heide schlagen, beim Trunke sich vertragen.« - -Da rief ihm ein junger Dienstmann von der Bank entgegen: »Hast du -auch meinem Genossen das Haupt zerschlagen, lustiger Immo, so will -ich dir doch Bescheid tun, wenn der Graf dir einen Trunk verstattet. -Denn laut dröhnte dein Holz an meiner Eisenhaube, und ich schulde -dir noch einen Dank vom letzten Kirchfest, wo ich allein gegen eine -Anzahl Klosterleute rang und du mir zu Hilfe sprangst, damit der Kampf -ehrlicher sei. Treffe ich dich mit einem Schwert aber später auf grünem -Grunde, dann zahle ich dir die Streiche zurück, und du magst sie -tragen.« - -Ein beifälliges Gebrumm ging um die Bänke. - -»Wohlan,« entschied der Graf, »da du dich vor meinen Mannen nach Gebühr -zu entschuldigen weißt, so will auch ich heut an die Ehren deines -Vaters gedenken. Siehe zu, ob du meine Tochter Hildegard erbitten -kannst, daß sie deinen Stuhl in ihrer Nähe leidet, denn sie ist gleich -dir vor kurzem aus der Klosterschule geschlüpft, und sie soll dir wie -ein Abt in Latein dein Urteil sprechen. Wir andern aber wollen ruhig -zuschauen, wenn sie über dem Scholastikus zu Gericht sitzt.« - -Das Mädchen saß unbeweglich und sah errötend vor sich hin. - -»Sei mir hold,« bat Immo, »da du doch aus der Schule bist.« - -Ein freundlicher Blick des Einverständnisses fiel auf ihn, dann sah sie -wieder vor sich hin. - -»Hast du das Sprechen verlernt, Hildegard?« frug der Graf unwillig. -»Sechs teure Rosse haben die frommen Frauen genommen, um dich in ihrer -Zucht zu unterweisen, obgleich ich das Gewieher der Rosse lieber höre -als das unverständliche Murmeln in fremden Zungen. Mich reut meine -Spende, wenn du dem dreisten Schüler nicht zu antworten vermagst.« - -»~Cave ne iram augeas~,« sprach das Mädchen leise, ohne den Schüler -anzusehen. - -»Nur dürftig rinnen die Worte wie aus versiegendem Quell, was hast du -ihm gesagt, Mädchen?« frug der Graf. - -»Sie hat mich gemahnt,« antwortete Immo sich erhebend, »daß ich mit -ehrerbietiger Bitte euch nahen soll. Darum flehe ich, Graf Gerhard, daß -ihr mir, wenn ich auch euer Gefangener bin, den Sitz gestattet und mich -nicht von eurem Tische sendet. Denn um euch alles zu sagen, gar nicht -reichlich war heut die Mittagskost im Kloster und der Ritt zwischen den -Rossen eurer Reisigen war auch einem fröhlichen Imbiß sehr ungleich, -und gern würde ich Heil für euch und die Jungfrau trinken, wenn ich es -vermöchte.« - -Da der Graf an dem beifälligen Murmeln seiner Dienstmannen erkannte, -daß diesen die Art des Jünglings wohlgefiel, so lachte er und rief über -die Bänke: »Wahrlich, dieser Schüler versteht nicht nur sich selbst, -auch andern Ehre zu geben. Darum gefällt mir, daß heut die beiden -Lateiner zusammensitzen. Fülle deinen Becher, Hildegard, und biete ihm -den Trunk, rücke ihm auch deinen Teller hin, denn als dein Geselle soll -er heut von deinem Teller essen und aus deinem Becher trinken.« - -Das Mädchen schob den Teller zögernd nach dem Fremden hin. - -»Ich merke,« sagte Immo ärgerlich, »daß dir dein Geselle unwillkommen -ist.« - -»Wundere dich nicht, Immo,« spottete der Graf, »du bist wie ein -Frosch aus dem Klosterweiher herangehüpft. Ihr aber geht es wie der -Königstochter, welcher auch ein Frosch zum Gesellen gesetzt war, stolz -sah sie auf den Quaker, kalt erschien ihr sein Fell und nur mit zwei -Fingern griff sie ihn an.« - -»Ja, so tat sie, Herr,« versetzte Immo dreist, »aber zuletzt wurde der -Quaker doch ihr Gemahl.« - -Der Graf und seine Bankgenossen lachten laut. »Mißfällt dir auch seine -ungefüge Stimme,« gebot der Graf ergötzt der Jungfrau, »so fülle ihm -doch den Becher.« - -»Trinke mir zu«, mahnte Immo, »dies ist mein Recht, da ich dein Geselle -bin.« - -Hildegard berührte den Becher mit ihren Lippen, schob ihm den Becher -hin und sagte leise: »Stille ein wenig den lauten Gesang, denn der -Reiher schwebt über dir.« - -»Sieh zu, Frau Reiherin, ob meine Hand kalt ist wie eine Froschhand,« -versetzte Immo, ihre Hand fassend. - -»Du wirst dreist, Herr Frosch,« antwortete das Mädchen, die Hand -zurückziehend, »tauche zurück in deinen Quell.« Sie hob die Kanne und -goß ihm den Becher voll. - -»Sei bedankt, Geselle,« sprach Immo. »Komme ich einmal aus dem Kloster, -so sende ich auch dir etwas, das dir Freude macht.« - -»Du weilst ungern im Kloster, mir aber wurde das Scheiden bitter,« -begann Hildegard zutraulicher, »denn selig waren die Tage meiner -Jugend unter den frommen Frauen, und wilde Reden höre ich hier unter -den Männern.« - -»Manches Vöglein, das aus dem Bauer kam, duckt sich furchtsam auf dem -Aste, zuletzt lernt es doch unter dem blauen Himmel fliegen,« tröstete -Immo. - -»Als mir die Mutter starb, fand ich unter den frommen Frauen getreue -Pflege.« - -»Waren sie streng in der Schule?« frug Immo teilnehmend. - -»Am Vormittag durften wir nur lateinisch reden,« erklärte Hildegard, -»und wir lasen im St. Augustinus und die Verse im Virgilius: -~Conticuere omnes~.« - -»~Infandum regina jubes renovare dolorem~,« rief Immo, »manchmal hat -mir der Heide den Kopf heiß gemacht,« und beide lachten vergnügt -einander an. - -»Auch andere Kunst lernten wir,« fuhr Hildegard mutig fort, »denn im -Schreiben war Mutter Mechthild sehr geschickt und sie vergönnte mir, -daß ich die Hymnen für mich schrieb. Ich habe auch das Buch genäht, -ich habe es auch selbst in Holz gebunden und der Schmied hat acht -Edelsteine in die Ecken gesetzt.« - -»Diese Kunst vermag ich nicht zu üben,« versetzte Immo. - -»Auch mit der Nadel lernten wir Bilder sticken aus Purpur und bunten -Seidenfäden. Sogar Goldfäden für die Kunstreichen fehlten selten im -Kloster. Sieh her, das habe ich mir selbst gestickt,« und sie wies ihm -die Verzierungen am Ärmel ihres Gewandes. - -Immo sah bewundernd darauf. »Dir ist es besser gelungen als mir. Aber -beide sind wir Waisen, ich kam in das Kloster, weil mir der Vater -starb, jetzt fürchte ich, daß bald einmal die Schere knipst, um mir das -Haar zu scheren.« - -»Du meinst wohl, es sei schade um deine Locken,« spottete Hildegard, -aber sie sah doch teilnehmend auf sein Haar, welches im Lichte glänzte -und länger herabhing, als strenge Klosterzucht sonst den Schülern -gestattete. »Wenn der Mutter Mechthild einmal die Goldfäden fehlen, so -kann sie deinen Haarschopf dazu verspinnen.« - -»Lieber wäre mir, wenn dir gefiele, für mich einen Goldfaden aus deinem -Gewande zu ziehen. Hier ist mein Finger, binde ihn mit deinem zusammen, -da du doch heut mein Geselle bist. Denn wisse, das ist Brauch in der -Welt.« - -»Das ist übler Brauch,« versetzte das Mädchen errötend, »ich vermöchte -dich doch nicht bei mir festzuhalten. Auch habe ich vernommen, daß -treue Gesellen solche Gewohnheit haben, sie sitzen beieinander auf -demselben Zweige und singen dieselben Lieder. Deine Weise aber ist, wie -ich merke, sehr ungleich der meinen.« Sie neigte das Haupt ein wenig -auf die Seite und lud ihn durch einen lustigen Blick zum Wortkampf ein. -»Mir gefällt's, wenn das Glöcklein im Kloster klingt, dann singen wir -fromme Hymnen.« - -»Mir aber gefällt's, wenn das Waldhorn tönt,« antwortete Immo ebenso, -»dann bellen die Hunde, dann springen die Hirsche und lustig reitet der -Jäger im wilden Wald. Was sagst du dazu, mein Geselle?« - -»In deinem grünen Wald heult der Wolf und haust der wilde Bär, -im Kloster aber ziehen wir mit Kreuz und Fahne und danken dem -Himmelsherrn.« - -»Mühselig ist es, immer den Kopf zu neigen und mit langsamem Fuße zu -schleichen. Ich lobe mir den grünen Anger und bunten Klee, dort werfen -die Knaben und Mädchen den Ball und springen den Reigen. Wie gefällt -dir das, mein Geselle?« - -»Beim wilden Reigen sah ich die Knaben das Messer ziehen und blutige -Streiche störten den Tanz; ich lobe mir, wenn das junge Geschlecht im -Kreise sitzt und die Vorleserin Gutes aus den Büchern verkündet.« - -»Leicht kommt der Schlaf, wenn man tatlos kauert. Viel lieber schwinge -ich selbst den Speer und das Schwert und reite im Eisenhemd über die -Heide. Was sagst du dazu, mein Geselle?« - -»Ein Kriegsmann willst du werden,« rief das Mädchen erschrocken, »sie -werden dich töten,« und sie vergaß das Redespiel. - -»Wenn sie das vermögen; ich aber will sorgen, daß es ihnen nicht -gelinge.« - -Die Jungfrau sah scheu aus ihren großen Augen auf den Nachbar. Daß er -nicht geistlich werden wollte, störte ihr die Sicherheit, sie schob ihr -Gewand zusammen und schwieg. - -Immo achtete in seinem Übermut nicht auf ihre Bewegung und rief: »Mir -ist heut manches schlecht gelungen, die Schwertleute haben sich an mich -gehängt und mich hart geschnürt, und ich weiß nicht, was mir dein Vater -ersinnen wird. Dennoch bin ich froher als je in meinem Leben und ich -könnte auf meinem Stuhl hüpfen. Ich fühle auch gegen niemanden Groll -und es ist mir ganz lieb, daß sie mich gefangen haben. Ich weiß nicht, -woher das kommt, wenn mir nicht darum so wohl ist, weil ich neben dir -sitze und mit dir aus einem Becher trinke. Wonnig ist mir zumute und -ich möchte wohl einmal aus Herzensgrund aufjauchzen oder auch singen. -Aber mein Gesang würde nicht jedermann freuen, denn meine Stimme ist -rauh. Noch anderes Recht habe ich als dein Geselle, und auch das sollst -du wissen. Denn küssen darf ich dich, wenn ich will.« - -Hildegard erschrak und wandte sich ab. »Hüte dich, daß der Vater das -nicht hört, schnell würde dein Ehrensitz dir genommen werden.« - -»Um den Vater sorge ich nicht, nur um deinen Zorn,« versetzte Immo -übermütig, »und daß ich dich vor den Kriegsleuten nicht beschäme. Aber -wenn ich dich einmal allein wiedersehe, dann bestehe ich auf meinem -Recht. Mögen die guten Engel fügen, daß dies bald geschehe.« Und er -sang halblaut die Worte des Hymnus: »~Audi, benigne, Conditor, nostras -preces cum fletibus~.« - -Das Mädchen nahm die Weise auf und sang halblaut andere Zeilen des -Liedes entgegen; »~dona, per abstinentiam jejunet ut mens sobria~[1]. -Flehe zu den Heiligen, daß du nüchtern wirst, denn wie ich höre, redest -du gleich einem Berauschten.« - -»Wie du geschickt zu entgegnen weißt,« rief Immo begeistert, »du bist -ein sinnvolles Weib, wenn du mich auch verhöhnst.« - -Der Graf hatte unterdes mit seinen Mannen emsig dem Wildbret und -starkem Bier zugesprochen und nur einzelne Reden mit den Vertrauten, -welche ihm zunächst saßen, gewechselt, jetzt lehnte er sich zufrieden -auf dem Stuhle zurück und hörte die lateinischen Worte des Hymnus, -welche seine Tochter sprach. »Merkt auf unsere Klosterleute,« rief er, -»sie summen nach Art der Mönche mit geneigten Köpfen,« und da er im -geheimen stolz auf das Wissen seiner Tochter war, fuhr er fort: »Fremde -Worte sprechen mag jeder, aber das Gesprochene verstehen ist schwerer. -Vermagst du einzusehen, Immo, was das Mädchen zu dir gesungen hat?« - -»Ja, Herr,« versetzte Immo, »sie mahnt mich mäßig zu sein, damit euer -Trank mir nicht das Hirn betäube.« - -»Allzu streng ist Hildegard,« lachte der Graf, »dir soll auch -einmal etwas Gutes gegönnt sein. Obwohl ich erkenne, daß es dir an -Dreistigkeit nicht fehlt, du junger Zaunkönig. Denn Zaunkönige nennt ja -wohl das Volk die Männer deines Geschlechtes.« - -Immo bezwang mit Mühe den aufsteigenden Zorn. »Weil meine Vorväter als -alte Landherren auf freiem Erbe saßen, deshalb haben die Mönche ihnen -im Scherz den Namen Reguli, kleine Könige, gegeben.« - -Da rührte sich auch Egbert, ein unfreier Dienstmann des Grafen, welcher -stattlich in rotem Gewande dasaß, weil er der Sprecher war und ein -Liebling seines Herrn, und rief spottend in den Saal: »Eine Sage weiß -ich. Als die Vögel den Genossen zum König wählen wollten, der sich am -höchsten schwingen würde, barg sich ein Zwerg von Vogel in den Federn -des Adlers und ließ sich hinauftragen bis dahin, wo er den Weltenherrn -auf seinem Stuhle sah, dort flatterte er über das Haupt des Adlers und -piepte: König bin ich. Da lachte oben der alte Gott in seiner Halle und -unten schrien die Vögel im Zorn, bis der Herr des Erdgartens gebot, daß -der Betrüger seine Krone nur heimlich in den Waldhecken tragen dürfe, -wo ihm niemand zusieht. Darum heißt auch ihr Zaunkönige, weil eure -Herrlichkeit im Busch versteckt ist.« - -Immo erhob sich im hellen Zorn und rief: »Nicht dem Diener antworte -ich, sondern dem Herrn. Ihr selbst habt es ja wohl erfahren, Graf -Gerhard, daß die Helden meines Geschlechtes ihr Haupt nicht in der -Waldhecke bergen. Nie hat einer von meinen Ahnen sein Land vom König -oder von der Kirche zu Lehen genommen, wie die erbelosen Franken und -Sachsen, welche von der Dienerbank in das Land kamen, um bei uns Grafen -zu werden. Manchen weiß ich, der sich jetzt rühmt, ein Edler zu sein, -weil er als Diener eines Königs mit großem Gefolge reitet, obgleich -seine Vorfahren aus der Küche und aus dem Stall geschlüpft sind.« - -Mißtönender Lärm erhob sich an den Bänken und die Hand des Grafen -Gerhard griff nach dem Messer, das er an seiner Seite trug, der -Jüngling aber sah mit blitzenden Augen über die Versammlung, stattlich -stand er da trotz seinem Schülerkleide und rief laut in das Getöse: -»Zürnt mir nicht, starke Helden, daß ich als ein unberühmter Jüngling -vor euch meine Stimme erhebe. Aber keiner unter euch würde schweigend -zuhören, wenn man seinem Geschlecht durch stechende Worte die Ehre -mindert. Auch zu euch, Graf Gerhard, flehe ich, daß ihr ohne Kränkung -vernehmt, was ich nur zur Abwehr sprach. Heil trinke ich euch und euren -Kindern und Dank sage ich euch, wie dem Gaste gebührt.« Er leerte den -Becher und setzte sich. - -Der Graf barg seinen Groll hinter gezwungenem Lachen. »Ich höre, du -hast unter den Mönchen gelernt, mit zwei Zungen zu reden.« - -»Überall rühmen die Leute,« versetzte Immo, »daß die Zunge eine gute -Waffe ist und wir Schüler haben, wie ihr wißt, vor andern darin Ruf.« - -»Oft haben auch wir erfahren, wie scharf die Zunge der Mönche -schneidet,« entgegnete der Graf, »vor andern aber bei den Mönchen des -Wigbert, und wir alle wissen, daß ihr dort sehr ungeistlich lebet und -der Gebete für arme Seelen wenig gedenkt. Auch von dir selbst, Immo, -erinnere ich mich gehört zu haben, daß du wild in dem Kloster hausest -und sogar den Mönchen üble Streiche spielst. Soll deine Rede mir -besser gefallen als seither, so berichte ein wenig von deinem Streit -mit den Geschorenen.« - -»Verzeiht, Herr,« versetzte Immo ernsthaft, »die Rinder kämpfen oft mit -ihren Hörnern gegeneinander, wenn aber der Bär naht, dann schließen sie -sich einmütig zusammen und weisen ihm die bewehrte Stirn; so wäre auch -mir Unrecht, an fremdem Tisch von den Vätern Übles zu berichten, denn -als ein Kind des heiligen Wigbert hast du mich ergriffen.« - -»Du sorgst schlecht für dein Wohl,« rief der Graf zornig, »wenn du -dein Kloster in dieser Halle rühmst. Denn undankbar und treulos haben -Wigberts Mönche an mir und meinem Geschlecht gehandelt. Oft habe ich -mich enthalten, ihnen Übles zu tun, wo ich es doch vermocht hätte, -und mühsam habe ich den Zorn meiner Mannen gebändigt, wenn sie die -Rinder des Klosters begehrten und den Übermut eurer Dorfleute ansahen. -Auch wegen der Wiesen und Fluren, von denen ich heut den geschorenen -Schwarm vertrieben habe, ertrug ich schon lange das Unrecht. Denn -meinem Vater gehörte der ganze Grund und er hat ihn, wie die Mönche -behaupten, dem Kloster zugeschrieben, da ich noch jung war, unter der -Bedingung nämlich, daß sie seine arme Seele von dem Höllenfeuer frei -beten sollten. Dies aber haben sie uns zum Unheil und zur Schmach -versäumt. Und ihr alle sollt es wissen, was mir begegnet ist, damit ihr -mein Recht gegen die Wigbertleute erkennt. Jämmerlich war das Gesicht, -welches ich neulich hatte, da ich auf meinem Bette lag.« Er bekreuzte -sich heftig und fuhr fort: »Ich sah im Traum eine unselige Gestalt von -Flammen umgeben und mit glühenden Ketten an den Beinen gefesselt und -ich erkannte, daß sie so gestaltet war wie mein Vater, da er lebte. -Der traurige Geist wies auf den Grenzhügel, welchen die Mönche nach -der Schenkung neu geschüttet haben, und seufzte: mein war es und dein -soll es wieder sein. Mir fuhr das Entsetzen durch den Leib, bis die -Gestalt verschwand. Daraus erkannte ich deutlich, daß die Geschorenen -als Lügner an meinem Vater gehandelt haben oder auch, daß ihr Gebet -ganz unwirksam geworden ist, weil sie in Weltsünden leben; und darum -beschloß ich, mein Eigentum wieder zurückzufordern. Vermag Wiese und -Feld nicht meinem Ahn einen guten Sitz in der Himmelsburg zu erwerben, -so soll dasselbe Land doch solchen, die mir treu sind, einen warmen -Sitz auf Erden bereiten; denn es wird dazu helfen, zwei bis drei -Kriegsleute mit ihren Rossen zu erhalten, wenn ich es ihnen als Lehn -zuteile.« - -Ein freudiges Geschrei ging um die Tische und laute Heilrufe erklangen -dem Sprecher. Der Graf tat einen herzhaften Trank und sah zufrieden -über seine Bewaffneten. »Dies sage ich in deiner Gegenwart, Immo. Denn -obgleich du dich heut trotzig an meinem Tische gebärdest, so will ich -dich doch morgen zu deinem Abt entsenden, damit du ihm meine Beschwerde -verkündest. Ich wähle aber dich, weil ich merke, daß du recht gut -verstehst, deine Worte zu setzen und weil ich dich als nutzlosen -Schüler nicht im Kerker bewahren mag. Die Geschorenen, welche mein -Gesinde fing, habe ich entlassen, damit sie nicht als Gefangene in -meinen Mauern Unheil herabbeten, die Klosterknechte aber halte ich in -Banden, bis dein Abt sie auslöst oder sich mit mir wegen der Wiesen -verträgt. Und ich fordere, daß er sich mit der Lösung beeile, wenn -er sie lebend wiedersehen will, da ich sie nicht lange zu füttern -gedenke. Den Hugbald aber bewahre ich zu anderm Tausch. Denn zwei -meiner Knechte, sattelfeste Knaben, liegen auf der Burg des Abtes -verstrickt, weil sie neulich auf meinen Stuten beim Roßgehege des -Abtes vorbeiritten. Da brachen die jungen Hengste des Herrn Bernheri -aus und jagten eigenwillig hinter den Stuten her, und als meine Knaben -den Füllen die Leine umwarfen, nur damit sich diese nicht in den Wald -unter die Wölfe versprengten, da kamen Dienstmannen des Klosters herzu, -schrien meine Leute trotz ihrer guten Meinung als Roßdiebe an, rissen -sie von den Pferden und führten sie samt den Stuten nach dem Berg des -Abtes. Mich aber kränkt dies Unrecht sehr und ich fordere meine Knaben -und Pferde gegen den Hugbald und sein Pferd; das magst du deinem Herrn -verkünden.« - -Immo hörte erstaunt die Rede des Wirtes, ihm fiel schwer aufs Herz, daß -auch sein Geschlecht dem Kloster wertvolle Hufen verkauft hatte und er -fühlte nicht den Drang, die Mönche zu verteidigen. Er sah nach Hugbald, -welcher mürrisch hinter seinem Becher saß, und begnügte sich, trotz der -Freude über seine nahe Befreiung ruhig zu sagen: »Alles, was ihr mir -auftragt, werde ich dem Herrn Abt berichten, auch euer Traumgesicht, -wenn ihr das begehrt.« - -Als er aber seitwärts nach Hildegard blickte, war ihr Antlitz gerötet -und große Tränen rannen aus ihren gesenkten Augenlidern herab. Da -erkannte er, daß die Jungfrau bitteres Leid über die Reden ihres Vaters -empfand und sie wurde ihm dadurch noch lieber. Sie aber vermied ihn -anzusehen, stand schweigend auf, hob den Bruder von seinem Sitz und -erbat leise vom Grafen die Entlassung, der ihr gleichgültig durch -eine Handbewegung gestattete aus der Halle zu scheiden. Und zu der -Bank seiner Mannen gewandt, rief er: »Führt auch die Verstrickten in -ihre Zelle zurück, wenn sie nüchtern abwärts steigen, so ist es ihre -Schuld.« - -»Lebe wohl, Hildegard,« sprach Immo leise und faßte heftig ihre Hand. -»Denke mein, lieber als alles auf der Welt wird mir sein, wenn ich dich -wiedersehe.« - -»Sei auch du gesegnet,« antwortete Hildegard und neigte sich vor dem -Vater. Immo freute sich, daß sie die Mannen stolz als Herrin grüßte; -die kleine Tür öffnete sich und sie verschwand. Jetzt brannten die -Fackeln dem Jüngling trübe, die wilden Mienen der Männer erschienen ihm -unheimlich, und er folgte mit stummem Gruß dem Kämmerer. »Sorge dafür, -daß die beiden Klosterkrähen einen besonderen Käfig erhalten und Stroh -zu warmem Sitze,« rief der Graf unter dem Gelächter der Reisigen dem -Kämmerer nach. - -Während Hugbald schweigend auf der Streu lag, bis er im Schlafe -seines Kummers ledig wurde, saß Immo neben ihm in seligen Gedanken, -er überlegte jedes Wort und jede Miene der Jungfrau, spät sank er in -Schlummer. - -Am nächsten Morgen wurde er in den Hof geführt und vernahm noch wie -im Traume ungnädige Entlassung und harte Worte aus dem Munde des -Grafen. Als er aber auf das Pferd steigen wollte, das ihm ein Reisiger -zuführte, ging eine junge Magd aus dem Frauengemach bei ihm vorüber, -legte ihm verstohlen etwas in die Hand und sagte leise: »Nimm zurück, -was dir gehört.« In ein großes Lindenblatt war ein Blättchen Pergament -gewickelt, auf dem Pergament stand mit schöner Schrift der Reisegruß: -»Die lieben Engelein sollen dich hüten und segnen auf allen deinen -Wegen;« rings um die Schrift war mit der Nadel ein Goldfaden durch das -Pergament gezogen. Er drückte das Blatt an seine Brust und barg es in -seinem Gewande. - -Immo ritt aus den Buchen, von einem Reisigen des Grafen bis an die -Grenze begleitet. Er fand das Tor St. Peters geschlossen, die Brücke -gehoben, wurde von Bewaffneten angerufen und mußte längere Zeit harren, -bevor ihm der Eingang gestattet wurde. Herr Bernheri, welcher im -Klosterhofe vor seinen Dienstmannen saß, vernahm unwirsch die Botschaft -des Grafen und entsandte den Boten mit dem Mönch Eggo sogleich zur -Fulda hinab in das Kloster. Auch das Kloster war in ein Kriegslager -verwandelt, am Eingang des Dorfes standen die Weiber in Haufen, sie -schrien dem Kommenden entgegen, umringten sein Roß und forderten Kunde -von den Gefangenen. In dem Hofe der Reisigen drängten sich Kriegsleute -und Knechte, das Rüsthaus war geöffnet und die Knechte trugen -Eisenhemden und Waffen zu langen Reihen. In den Arbeitshöfen schwärmten -die Brüder, aus der Klausur entlassen, aufgeregt durcheinander; bei -der Mauer und dem Pfahlwerk zimmerten Arbeiter an den Treppen und -Bänken für die Bogenschützen, und im Vorhof der Kirche stand Tutilo, -ein Schwert über der Kutte, als Hauptmann der großen Burg, welche zur -Verteidigung gerüstet wurde. Unfreundlich sah er auf Immo: »Hugbald -liegt gefangen. Leichter hätte das Kloster dich entbehrt als seinen -Dienstmann.« - -»Nicht mein ist die Schuld,« versetzte Immo, »daß Hugbald gegen die -Feinde keine andere Hilfe fand als meinen Stab.« - -Finster wies ihn Tutilo mit einer Handbewegung zur Seite, Immo aber -eilte zu seinen Genossen, welche vor allem froh waren, daß sie heut -nicht durch den neuen Lehrer in die Schule gerufen wurden. Von ihnen -umdrängt, berichtete Immo seine Fahrt und führte die Willigen vor das -Rüsthaus, wo die Älteren gewappnet wurden, um mit den Knechten die -Mauer und die Umgegend des Klosters zu bewachen. Eggo aber verkündete -den Mönchen, daß Herr Bernheri am nächsten Morgen herabkommen werde, -um die Brüder im großen Konvent zu versammeln. Mit düsteren Mienen -vernahmen die meisten die Botschaft. - -Der ganze Tag verging im Getümmel; trotz der Nachricht, welche Immo -gebracht hatte, sorgten die Mönche, daß der Graf einen Anlauf gegen -das Kloster wagen oder daß seine Dienstmannen in Herden und Dörfer -einbrechen würden. Bis zum Abend kamen von allen Seiten Flüchtlinge -mit ihrer wertvollsten Habe, auch das Herdenvieh wurde herangetrieben -von Anger und Weide, zuletzt kam noch der Sauhirt mit seiner Herde und -die Brüder hatten Not, die Menge der Menschen und Tiere in den Höfen -zu bergen. Als die Sonne unterging, war in dem Kloster, das sonst am -Feierabend so still in der Landschaft stand, ein wirres Getöse und -Geschrei, die Rinder brüllten, die Schweine grunzten, die Schmiede -schlugen auf die Speereisen und die Zimmerleute hieben Balken und -Bretter für die Verschanzung. - - - - -3. - -Der letzte Tag im Kloster. - - -Im Chor der Kirche sammelte sich der Konvent; hastiger als sonst -drängten die Brüder herzu, heiß die Köpfe, gefurcht die Stirnen; und -ein Summen, das nichts Gutes bedeutete, ging durch die Gemeinde. Als -Herr Bernheri mit seinen Begleitern in den Chor trat, blieben die -Nacken der Mönche steif und aus dem Summen wurde ein mißtönendes -Geschrei. Der Abt stand einen Augenblick überrascht bei seinem Sitz -und sah auf mehr als hundertundzwanzig Häupter seiner aufsässigen -Kinder, aber da er von Natur ein mutiger Mann war, wenn auch ermüdet -durch Müßiggang und Wohlleben, so zog er seine Augenbrauen zusammen, -blickte aus seinem großen Haupt herausfordernd über den Haufen und -setzte sich steif in den Abtstuhl. Die Hora begann und der Abt selbst -erhob die Stimme: »~Deus in adjutorium~«, aber unordentlich tönte der -Gesang der Brüder und der Lektor eilte so sehr er konnte, versprach -sich und mengte die Zeilen. Als die letzten Klänge verrauscht waren, -begann wieder das unzufriedene Brummen. Da erhob sich Herr Bernheri von -seinem Stuhl und stand auf seinen Krückstock gelehnt gewichtig vor den -Brüdern. Er eröffnete den Konvent durch den lateinischen Gruß und fuhr -mit lauter Stimme fort: »Mein ist das Recht zu befehlen und euer die -Pflicht zu gehorchen. Dennoch habe ich heut, wie die Regel erlaubt, -die ganze Gemeinde zur Beratung versammelt; sorgt dafür, daß es mir -nicht leid tue und daß es euch bei den Heiligen nicht zum Schaden -gereiche, wenn ihr mir unbändig widersteht. Gutes und Übles habe ich -euch zu verkünden. Das Gute ist von unserm Herrn, dem König Heinrich -gekommen, denn er hat uns den großen Bannwald bei St. Peter, den wir -uns längst ersehnt, mildtätig geschenkt.« Der Abt hielt an, aber -keinerlei Beifall dankte für die Begabung, und der Abt setzte die Rede -unzufrieden fort: »Das Üble aber kommt von dem Grafen Gerhard. Sehr -gröblich hat dieser das Kloster geschädigt, durch den Schüler Immo hat -er unpassende Worte hierher gesandt, nämlich, daß er ein Recht auf die -Waldwiesen erhalten habe, weil sein Vater im Höllenfeuer stöhne.« - -Aufs neue erhob der Konvent zorniges Gebrumm; Herr Bernheri schwenkte -die Hand verächtlich gegen die Worte des Grafen: »Ich kenne seit -lange den argen Wicht Gerhard und seine Gewohnheiten. Immer hat er -üble Traumgesichte, wenn er den Frieden brechen will. Schon vor -vielen Jahren träumte ihm etwas wegen unserer Hirschjagd, die er sich -begehrte; er würde alle seine Väter und Mütter auf die heißeste Bank -der Hölle setzen, wenn er dadurch für sich einen weltlichen Vorteil -erreichen könnte. So viel gebe ich auf seine Träume,« -- er blies -kräftig den Atem in die Luft. »Ich aber fürchte sehr, er selbst wird -dafür in den Höllenrachen geworfen werden, obwohl er zuweilen beim -Weidwerk und bei einem starken Trunk nicht schlechter war als andere. -Denn wenige kenne ich unter den weltlichen Fürsten und Herren, die -nicht ebenso raubgierig sind. Alle trachten darnach, viele Dienstmannen -mit Lehen zu begaben, damit diese ihnen bei ihren Fehden die reisigen -Knechte zuführen. Die Dienstmannen greifen das Kleine im Wald und -auf der Straße und ihre Herren das Große vom Könige und der Kirche; -zum Kriege sind sie nötig, aber den Frieden vermögen sie schwer zu -bewahren, wenn nicht ein starker Herr sie zur Ruhe zwingt.« - -Der Abt holte Atem und aufs neue tönte das dumpfe Brausen der Menge, -doch war es weniger feindselig. Und Herr Bernheri hob wiederum an: -»Gekränkt bin ich wie ihr alle, und wären meine Beine gesund und mein -Sinn weniger gewitzigt, so würde ich vielleicht selbst den Streithengst -besteigen; so aber mahnt mich die Erfahrung vieler Jahre und meine -eigene Krankheit zur Vorsicht. Zuerst will ich euch verkünden, was -unfehlbar geschehen wird, wenn wir gegen den Grafen rüsten. Dorfhäuser -werden brennen und Männer erschlagen werden und das Ende wird sein, -daß er außer dem Raub, den er jetzt gepackt hat, sich noch größeren -fordert wegen der Mühe und Kosten seiner Rüstung, und daß er uns mehr -schädigt als wir ihn, denn das Kloster bedarf zum Gedeihen den Frieden, -er aber den Krieg, und er vermag uns von unsern Gütern in Thüringen -zu scheiden. Vor dem König aber wird er recht behalten und nicht wir, -denn schwerlich hätte er seinen Vater in der Hölle geschaut, wenn er -nicht wüßte, daß der König ihm bei den Wiesen gegen das Kloster helfen -will. Darum, wie sehr ich den Grimm über seine Missetat fühle, bin ich -dennoch gewillt, ihm diesmal ein wenig nachzugeben, vielleicht, daß -er sich begnügt das Land nur auf seine Lebenszeit zu behalten und bei -seinem Tode dem Kloster zurückzugeben. Dies ist die Hoffnung, welche -uns bleibt, denn er ist ein angefressener Stamm und mancher Wurm nagt -in seinem Holze, auch ihn ängstigen zuweilen seine Missetaten jetzt -und noch mehr in der Zukunft.« - -Unter hellem Geschrei der Mönche sprang Tutilo auf und rief dem Abt -mit harter Stimme entgegen: »Jetzt erkennen die Brüder alle, in -welchem Sinne du die Worte des Gebetes gerufen hast: ›Erlaß uns unsere -Verpflichtung, wie auch wir sie erlassen unsern Verpflichteten,‹ du -selbst hoffst, daß du für dein eigenes Unrecht ein mildes Urteil -empfangen wirst, weil du andere Verbrecher straflos dahin ziehen läßt. -Aber du sollst auch verstehen, was die Brüder gemeint haben, als sie -laut riefen: ›Befreie uns von dem Argen,‹ denn damit meinten sie nicht -den Grafen Gerhard allein, sondern noch jemanden. Niemals hätte der -Graf gewagt, Klostergut anzugreifen, wenn er nicht wüßte, daß solche, -die zu Wächtern des Klosters gesetzt sind, selbst eigennützig mit -dem Gut der Kirche schalten. Oft hast du das bewiesen; unter anderm -auch neulich, als der fremde Händler starb, den wir in seiner letzten -Krankheit ein Jahr lang gepflegt hatten. Denn bei seinem Tode verließ -er dem heiligen Wigbert ein Kästchen mit edlen Steinen, die er aus -Welschland gebracht hatte, und wir hofften, daß die Steine den Altären -ein Schmuck werden sollten und außerdem vielleicht einmal jährlich den -Brüdern ein frohes Liebesmahl verschaffen. Du aber hast die Steine an -dich genommen und durch den Schmied in Becher schlagen lassen, die du -selbst gebrauchen wirst oder auch ein anderer, wie es dir gefällt. -Nicht als ein Vater, sondern als ein Tyrann herrschest du über die -Gemeinde. Deinen Günstlingen gestattest du jede Unbill und dagegen -versagst du den Brüdern auch die erlaubte Erquickung. So tatest du -neulich, da du ein Verbot erließest, welches ich lächerlich und -kindisch schelte, daß nämlich der Koch an den Fasttagen den Brüdern -niemals Lebkuchen backen soll. Diese Speise war vielen eine heilsame -Ergötzlichkeit, worauf sie sich durch die Woche freuten. Du aber hast -dies aus Bosheit verwehrt, weil es ihnen lieb war. Antworte, wenn du -vermagst, zuerst wegen der kleinen Dinge, denn noch weiteres haben wir -über dich zu klagen.« - -Dieser Angriff wurde durch starkes Gebrumm der Brüder bekräftigt. Da -ihnen manche Speise versagt war, so hatte das Erlaubte für die meisten -um so größeren Wert und sie dachten und murmelten viel über Trunk und -Kost. Und Tutilo wußte, daß sie wegen dem entzogenen Gebäck ihrem Abte -stärker zürnten als wegen Ärgerem. - -Das Gesicht des Abtes rötete sich bei der Beschuldigung und er rief: -»Schweig mit deinen ungebührlichen Reden, sowohl aus Scham vor mir, als -aus Furcht vor den Heiligen. Ganz ungehörig ist, was du an geweihter -Stätte über das Pfeffergebäck vorbringst. Denn jeder Verständige wird -mir recht geben, daß der Pfeffer, welchen sie hineintun, für Mönche -allzu hitzig ist, und weil sie die Speise stark mit Honig würzen, -schmeckt ihnen nachher jeder Wein sauer und sie ziehen bei ihrem Trunk -ärgerliche Gesichter. Was aber den Schatz betrifft, so habe ich allein -das Recht zu erwägen, wie er dem Kloster den größten Vorteil bringt. -Die Becher habe ich zum Geschenk bestimmt für solche, an deren gutem -Willen das Heil des Klosters hängt, und ich selbst traure, daß es nötig -ist, durch Gaben zu sühnen, was deine Untreue verbrochen hat. Denn mit -Empörern verhandelst du, und du verleitest die Brüder zur Untreue gegen -Herrn Heinrich, unsern König. Aber allzulange habe ich die Tücke deines -Wesens ertragen, und ich bin entschlossen, mit dir zu verfahren, wie -unser Vater, der heilige Benedikt, gebietet, wenn ein Präpositus von -dem bösen Geiste des Hochmuts aufgeblasen wird. Mehr als viermal habe -ich dich mit Worten gemahnt, jetzt naht der Tag deiner Strafe; fügen -sollst du dich, oder du wirst aus dem Kloster geworfen zu einer Warnung -für die andern. Die Pforte sperre ich dir auf, du magst auslaufen, -wohin du willst, und die Toren, welche dir anhängen, mit dir.« - -Da erhob sich der Konvent in wilder Bewegung, die Bande der Zucht -zerrissen in der Wut, welche die Seelen erfüllte. Dicht vor den -heiligen Reliquien brach die Empörung aus, von ihren Sitzen sprangen -die Mönche an die Stufen des Hochaltars mit heißen Gesichtern und -glühenden Augen; starke Arme streckten sich und mißtönendes Geheul -erfüllte die Kirche. - -Aber auch im Rücken der Streitenden klang lauter Ruf und die eiserne -Gittertür, welche den Vorhof vom Hauptschiff der Kirche trennte, -krachte in ihren Angeln. Denn dort hinten drängte gewaltsam ein wilder -Haufe mit Leibern und Stangen. Nur wenige von den Mönchen hörten -auf den Lärm, der von außen kam, doch Rigbert lief durch die Kirche -nach dem Eisengitter und schrie, sich mit ausgebreiteten Armen davor -stellend: »Immo, Unseliger, was wagst du? Bist du des Lebens müde, daß -du mit den Ungeweihten in die Klausur brichst?« - -»Wir sind nur müde vom Stehen und Harren,« rief Immo lustig hinein. -»Meinst du, die Schule wird fern bleiben, wo die Mönche einander -knuffen? Öffne die Tür, Rigbert, wenn du ein guter Genosse bist.« - -»Niemals, denn es wird euer Verderben. Was willst du in der Kirche?« - -»Schläge zu Ehren des heiligen Wigbert austeilen, wen es auch trifft. -Wer ist in der Not?« - -»Sie bedrängen den Herrn Abt.« - -»Wie, das gute Weinfaß? Gesellen, wir helfen dem Abt!« - -Die Schüler riefen gellenden Kampfschrei und wieder rasselten die -Stangen an dem Tor, gegen welches sich der Mönch mit seinem Leib -stemmte; da griff Immo behend durch das Gitter und schob den Riegel -zurück. Die Tür flog auf und die Schüler drangen herein; allen weit -voraus sprang Immo dem Chore zu. Über den Rücken zweier Mönche, die er -als Bock gebrauchte, flog er wie ein Federball vor den Altar und stand -allein mitten unter den Tobenden, nahe dem Abt, der das schwere Kreuz -vom Altar gehoben hatte und den Aufrührern entgegenhielt, während die -Brüder seiner Partei wie eine Schar gescheuchter Hühner auseinander -geflattert waren und hinter dem Altar und den Stühlen Schutz suchten. - -»Hara!« rief der wilde Immo, »zu Hilfe dem Herrn Abt. Komm heran, Dekan -Tutilo, damit ich dich lehre, deinem Abt den Fuß zu küssen.« - -Die Mönche wichen beim Anblick des Jünglings zurück, der mit drohender -Gebärde einen Eisenstab schwingend vor ihnen stand. Der allgemeine Zorn -wandte sich gegen den Einbrecher. »Hinaus mit dem Frevler!« schrien -viele Stimmen. »Die Klausur ist gebrochen, geißelt den Missetäter!« -Ein Mönch sprang hinter den Altar und riß die Geißel, welche dort -für die Mönchbuße lag, aus dem Kasten; von Hand zu Hand ging die -blutbesprengte, Tutilo packte sie und stürzte damit auf den Schüler -los. Aber im Nu lag der starke Mann von einem Schlage getroffen am -Boden, Immo hob die Geißel über ihn und rief: »Das sei dein Lohn, -bellender Hund!« So schnell war die Tat, so unerwartet der Frevel -und so wild schlug der trotzige Jüngling, dessen Kraft die Brüder -wohl kannten, daß alle einen Augenblick starr standen und dem Getöse -plötzliche Stille folgte. Aber gleich darauf erhob sich wieder das -Getümmel und Geschrei: »Zu Boden mit dem Bösewicht, werft ihn in den -Kerker, bindet ihn auf das Kreuz!« Während sich so die Anhänger des -Tutilo zum Angriff anfeuerten und Immo mit flammenden Augen gegen sie -die Stange hob, da geschah, was allen unerhört war: die beiden Alten -Bertram und Sintram warfen sich zwischen den Haufen gegeneinander auf -die Knie und baten zu gleicher Zeit und mit denselben Worten einer -den andern um Verzeihung. Denn als der Kampfzorn die Brüder ergriff -und zwiespältig schied, da hatte sich zum erstenmal ereignet, daß die -Beiden nicht derselben Meinung waren und Bertram hatte auf der Seite -des Abtes, Sintram aber auf der des Tutilo die Faust geballt. Und -als sie nun beide zu gleicher Zeit sahen, daß sie einander mit der -drohenden Faust gegenüberstanden, hatte jeder sich über sein eigenes -Unrecht entsetzt und sie baten mit Tränen einander ab und umarmten -sich, während sie auf den Knien lagen. Als der empörte Haufe die Greise -am Boden sah, wurde ihm der Anblick unheimlich, einige von den Rohesten -lachten, aber die Mehrzahl fuhr entsetzt zurück. In diesem Augenblick -sprang Reinhard auf die Stufen des Altars und rief die Arme erhebend: -»Herr, gehe nicht ins Gericht mit uns Sündern! Kniet nieder, ihr -Brüder, und flehet um die Vergebung der Heiligen. Nicht durch Geschrei -wird der Schaden des heiligen Wigbert geheilt; ihr seht selbst: wie ihr -euch gegen den Vater des Klosters, so empört sich Bruder gegen Bruder, -und die ruchlose Jugend gegen euch alle. Eure Feindschaft stärkt nur -die Feinde draußen. Wollt ihr euch helfen, so rate ich, daß heut nicht -in der Menge verhandelt wird, was zum Frieden des Klosters dient, -sondern daß die Dekane und die Alten sich mit unserm Herrn Bernheri in -friedlicher Beratung vereinen. Du aber, Jüngling, wirf die Geißel weg, -mit der du an heiliger Stätte gefrevelt hast, und erwarte in Demut die -Strafe, welche die Brüder dem Verbrecher finden.« - -Die Geißel fiel zur Erde neben Tutilo, welcher ächzend auf dem Boden -saß und betäubt seinen Kopf auf die Hand stützte. Immo starrte wild -umher. Da er merkte, daß er allein war und daß seine Genossen sich -in den Ecken und hinter den Säulen zu bergen suchten, trat er an den -Stuhl des Abtes zurück, aber seine Augen flogen herausfordernd über den -Haufen. Herr Bernheri begann zornig: »Nicht die Geweihten des Herrn -sehe ich vor mir, sondern eine Herde wilder Eber, welche begierig ist -die eigenen Ferkel zu fressen. Ich aber verachte euer Grunzen und das -Schnauben eurer ungewaschenen Rüssel, denn, wie sagt der hohe Apostel: -›Sie wandeln dahin in ihrer Dummheit.‹ Was aber hier Reinhard, der -würdige Bruder, vorschlägt, das gefällt auch mir. Mit den Dekanen und -mit den Ergrauten, welche nicht Hechsel in ihrem Kopf haben, gedenke -ich in späterer Stunde die Leiden des Klosters zu erwägen, bis dahin -mögen sie selbst in der Stille prüfen, ob sie eine Hilfe finden. Denn -auch der Esel schreit laut, wenn er müßig steht, wenn er aber die Säcke -tragen muß, so schweigt er geduldig. Sie sollen auch einmal die Last -tragen, ich bin es müde, allein für euch grobe Klötze Rat zu suchen, -wo es keinen gibt. Und so scheide ich jetzt den Konvent, wandelt bis -morgen dahin in Frieden. Ich aber verweile hier in meinem Hofe, damit -niemand meint, daß ich den Unzufriedenen das Feld räume. Bestelle was -nottut, mein Kämmerer Eggo, und diesen behenden Springer nimm mit dir. -Nie sah ich einen Scholastikus so wild auf geschorenen Köpfen zum -Altar reiten.« Der Abt wandte sich schwerfällig zum Altar und neigte -sich. Reinhard eilte zu den Brüdern und sprach nachdrücklich in die -Ältesten hinein, doch mürrischer Widerspruch erhob sich und laute -Stimmen riefen: »Der Schüler gehört in unsern Kerker, denn er hat gegen -einen Mönch gefrevelt.« Der Abt wandte sich wieder dem Haufen zu: »Der -Scholastikus gehört unter die Zucht des Lehrers Reinhard, dem Reinhard -aber gebiete ich, mir zu folgen, denn ich bedarf seiner, damit ich ihn, -wenn es nottut, zu euch sende.« Herr Bernheri stieg langsam vom Altar, -warf noch einen verachtenden Blick auf die empörte Gemeinde und schritt -unaufgehalten durch seinen Ausgang nach dem Abtshofe. Um ihn drängten -sich die Getreuen von St. Peter, sein Kämmerer hielt den Jüngling, -welcher friedlich folgte, bei der Schulter; als letzter ging Reinhard. - -Hinter dem Abte brauste noch lange die wogende Menge, die erste Wut war -verraucht, aber bitterer Groll zurückgeblieben. Tutilo wurde von zwei -Brüdern in die Klausur geführt, wo er sich erst erholte, nachdem der -Kellermeister einen Krug Würzwein in seine Zelle gestellt hatte. Neben -dem Kruge saßen einige alte Brüder, den Kranken zu pflegen; sie prüften -und billigten den Trunk und zürnten, obgleich sie mit gedämpfter Stimme -sprachen, heftig auf mehrere, welche abwesend waren. - -Unterdes stand Immo in der Büßerzelle der Abtei, ein Bruder von St. -Peter, der ihm fremd war, hatte ihm ein Bund Stroh hineingebracht und -einen Krug mit Trinkwasser ohne ein Wort zu sprechen, und Immo, der -den Klosterbrauch kannte, hatte auch keine Frage getan, um sich nicht -über die versagte Antwort zu ärgern. Einen Augenblick dachte er daran, -den Bruder festzuhalten und an seiner Stelle hinauszuspringen, aber mit -leisem Stöhnen gab er den Gedanken auf, denn er wußte wohl, daß das -Haus des Abtes von Reisigen besetzt und keine Möglichkeit zur Flucht -war. Er untersuchte seinen Kerker, doch dieser bot geringen Trost, er -war nicht in freier Höhe gezimmert und kein Dach erhob sich über ihm, -es war ein Kellerloch, nicht viel länger als ein Mann, und die kleine -Lichtöffnung vermochte kein Geschöpf, das größer war als eine Katze, zu -durchklettern. So blieb ihm nichts übrig als auf dem Stroh zu sitzen -und die finstern Gedanken wegzuscheuchen, welche wie Fledermäuse um -sein Haupt schwirrten. Lange tröstete ihn ein wenig die Überlegung, daß -er den Tutilo, der immer herrisch gegen ihn gewesen war, so schön zu -Boden geschlagen hatte. Er griff nach dem Pergament mit dem Goldfaden -und wiederholte sich die Worte, welche Hildegard zu ihm gesprochen -hatte, aber dabei wurde der Gedanke in ihm übermächtig, daß er jetzt -zum zweitenmal als Gefangener in elendem Kerker saß. Als gar der Abend -kam und der Hunger stark in ihm nagte, wurde ihm frostig zumute und -ihm fiel ein, daß seine Zelle für eine furchtbare Stätte galt. Manche -Geschlechter vergangener Mönche hatten hier jahrelang gebüßt und in -Kreuzesform dagelegen, während die Geißel über ihren Rücken flog -und ihr Blut auf den schwarzen Boden rann. Unheimliche Geschichten -erzählten die Schüler von der Not der Frevler, welche der Abt gefesselt -hielt und wer in der Dämmerung an der Zelle vorübergehen mußte, der -wandte das Haupt ab und beeilte den Schritt. Daß Tutilo und seine -Genossen ihm todfeind geworden waren, erkannte er jetzt deutlich, und -ihm kam auch vor, als könnte er wohl das Sühnopfer werden, über dessen -Leib der Abt mit den Mönchen Frieden mache. Wild sah er umher und griff -im letzten Zwielicht an die Wände; es waren dicke Mauern, hier und da -hatte ein Büßer sein Kreuz in den Kalk geritzt, um davor zu beten. Da -neigte auch er das Haupt und begann einen lateinischen Psalter, aber -unter den heiligen Worten kam ihm die Angst, was wohl die Apostel Simon -und Thaddäus, vor deren Gebeinen er den Tutilo niedergeworfen hatte, -von seinem Tun denken würden. Er konnte nicht glauben, daß Tutilo als -ein arger Mann in Gunst bei den Hohen stehe, aber ob sie besonderes -Wohlwollen für ihn selbst hegen könnten, erschien ihm sehr zweifelhaft, -denn sicher hatte er eine schwere Tat begangen und ihr Heiligtum -entweiht. Da faltete er die Hände und bat den heiligen Wigbert, sein -Fürsprecher zu werden. Dieser war ihm immer hold erschienen und am -liebsten hatte er vor seinem Altar gebetet, denn er dachte sich, daß -der Heilige auf Erden ein guter Geselle seines Ahnherrn gewesen und -seit alter Zeit dem Geschlechte vertraulich war. So bat er jetzt -demütig um seine Hilfe. Und als er an die Heimat dachte, wurde ihm das -Herz weich. - -Aber stürmisch hoben sich wieder die Gedanken. Wenn er die Eisenstange -nur hätte, die er heute früh geschwungen, dann könnte er wohl die Tür -erbrechen. Und er stampfte mit dem Fuß auf den Boden, ob es irgendwo -hohl klänge. Denn aus der Tiefe der Erde kam geheimnisvoll die Fülle -aller guten Dinge, nicht nur die Landleute, die noch Heidenbrauch -übten, auch die Mönche wußten das. Vielen Goldschatz barg die Mutter -Erde, aber auch anderes Metall schenkte sie aus ihrem Vorrat den -Bedrängten. Warum sollte nicht auch er in seiner Not eine Waffe aus -der Erde graben, die ihn von der drohenden Schmach erlöste. Er griff -und stieß wieder an Wänden und Boden umher, aber nirgends erkannte er -hartes Eisen. Und er faltete aufs neue die Hände und kauerte auf dem -Stroh. - -Während er demütig in der Finsternis saß, vernahm er von außen -langsame Tritte, ein Lichtstrahl fiel durch das Eisenschloß golden -in die Zelle, ein Schlüssel knarrte, die Tür ging ächzend auf, und -ein Mann trat schwerfällig herein und beleuchtete vom Eingange mit -seiner Blendlaterne den Sitzenden. Immo schnellte empor, er erkannte -Bernheri, seinen Abt und Herrn. »Stemme dich von außen gegen die Tür, -Eggo,« begann der Abt nach rückwärts gewandt, »damit der Scholastikus -Saliarius nicht auf den Einfall komme, uns selbst als Springböcke zu -gebrauchen oder gar in unserm eigenen Keller einzuschließen.« Immo ließ -sich auf die Knie nieder und senkte schweigend das Haupt, suchte aber -doch durch verstohlene Blicke die Meinung des Herrn zu erraten. - -»Sieh, Immo,« fuhr der Abt feierlich fort, auf den Gebeugten -herabblickend, »du bist zum Greuel geworden vor allem Volke und die -Töchter Israels schreien wehe über dich; welches aber nur tropice -gemeint ist, denn ich hoffe, daß du Unglücksvogel dich in Wirklichkeit -von jüdischen Weibern stets fern gehalten hast, zumal keine in der Nähe -des Klosters zu finden sind. Aber was die Schrift sagt, das gilt jetzt -von dir: ›Aus der Tiefe schreie ich und niemand hört meine Stimme.‹ -Ganz verworfen bist du und die hohen Engel würden dich mit zahllosen -Backenstreichen begaben, nur daß solche Regung der Hände für Himmlische -unschicklich ist. Was dich erwartet, weißt du. An ein Kreuzholz wirst -du gebunden und so lange gegeißelt, bis dein Vater Tutilo für dich -bittet; ich meine, er wird sich nicht beeilen. Und später wirst du -auf Stroh gelegt in der Klausur der Brüder, wo nicht Sonne noch Mond -dich bescheinen. Solches sind die Folgen deiner Springerei und deines -nächtlichen Dachkletterns. Meinst du, daß ich nicht weiß, wer mir die -Böcke bei Mondschein aus dem Walde holt; item, das sind die Folgen -deines Abtspiels am Feste der unschuldigen Kindlein. Meinst du, daß mir -unbekannt ist, wie du dir damals in der Schule ein Kissen unter deine -Kutte gebunden hast, um deinen hagern Leib gleichsam zum Hohn für mich -mit einem Bauch zu versehen? Je mehr ich deine Art erwäge, desto mehr -Sünde finde ich in dir und erkenne, daß du zu denen gehörst, von denen -geschrieben steht: »Sie sollen vertilgt werden wie Spreu.« Erkenne -deine Missetat und bereue, denn es bleibt dir nicht viel Zeit. Auch der -Floh springt nur so lange, bis er geknickt wird.« - -Immo schauerte. Doch nicht ohne Nutzen war er sechs Jahre im Kloster -gewesen und er hatte ein wenig die Mönchskunst gelernt, die Miene des -andern zu beobachten und vorsichtig die Worte zurückzuhalten. Darum -antwortete er demütig: »Mein Herr und Vater, mich reut nicht, daß ich -so geschwind war, so lange den Tutilo nicht reut, daß er die Hand gegen -seinen Herrn erhoben hat.« - -»Ich merke,« rief Herr Bernheri, »du hoffst, daß ich in dieses Loch -herabgestiegen bin, um dich daraus emporzuheben. Darin irrst du -gänzlich. Da ich Abt der Brüder bin, so fordert meine Würde, deine -Missetat zu strafen, wenn diese auch in guter Meinung für mich verübt -wurde. Denn sobald der Morgen anbricht, werden viele das Urteil über -dich fordern. Heut aber denke ich daran, daß du aus altem Geschlechte -bist und daß auch ich einst mich meiner Abkunft rühmte, bevor ich mich -einem Herrn gelobte, vor dem alle gleich sind, Freie und Unfreie. -Darum komme ich zu dir. Hast du das Gitter der Kirche gebrochen, so -vermagst du vielleicht auch diese Tür zu öffnen und hinauszufahren, -ohne daß dich jemand sieht, du bist ja gewöhnt die Pfade eines Marders -zu wandern.« Aus dem Faltengewand des Abtes sank ein eisernes Werkzeug -auf den Boden. Immo schnellte in die Höhe und seine Augen glänzten, -aber er faßte sich und antwortete: »Mein Herr möge mir verzeihen, -wenn ich nicht wie ein Dieb ausbrechen will. Wohin soll ich fliehen? -In den Hof meiner Väter vermag ich nicht zurückzukehren, wenn ich als -Verbrecher dem Wigbert entweiche, denn schnell würden die Väter den -flüchtigen Schüler zurückfordern vor ihr Gericht.« - -»Sprichst du so stolz, du Tor,« rief der Abt, »ich meine, jede Stelle, -wo der Himmel dich deckt oder das Laub dich verbirgt, wird für dich -lustiger sein als die Mauersteine dieses Kerkers.« - -Immo ließ sich wieder vor dem Abt auf die Knie nieder. »Dennoch flehe -ich, daß mein Herr mir ehrlichen Urlaub gibt und mich als Freien -entsendet.« - -»Mit einem Gefolge von Zinken und Posaunen,« versetzte der Abt -unwillig, »ganz toll bist du in weltlichem Hochmut. Und welche -Herrlichkeit der Erde gedenkst du für dich zu begehren, wenn du den -Klostermauern entweichst?« - -»Ein Schwert will ich finden und ein Roß; denn hochwürdiger Vater, ein -Kriegsmann will ich sein und kein Mönch.« - -»Wirst du ein Mönch, so wird bald der üble Teufel dein Abt werden, -und wirst du ein Kriegsmann, so wirst du einer von den Wölfen, welche -um St. Wigberts Stall heulen, bis sie dir auf grüner Heide ein Bett -schaufeln.« - -»Herr,« versetzte Immo flehend, »zu deinen Füßen will ich geloben, daß -ich in allen meinen Tagen daran denken werde, wie ich an dir einen -gütigen Vater fand.« - -»Bin ich eine Dirne, daß du mich mit Verheißungen und mit schönen -Worten bereden willst? Außerdem ziemt mir nicht, an diesem kalten Ort -der Buße von weltlichen Dingen zu reden. Und deshalb frage ich dich zum -letztenmal, ob du lieber die Geißel wählst oder eine zerbrochene Tür.« - -»Nicht die Geißel will ich und nicht die heimliche Flucht. Um gnädige -Entlassung flehe ich zu meinem Herrn, damit ich mein Haupt hoch tragen -kann unter meinesgleichen.« - -»Einem nimmersatten Windhund gleichst du,« versetzte Herr Bernheri, -»und ärgerlich willst du mir werden.« Aber er sah dabei mit -Wohlgefallen auf den Jüngling. »Ich schließe dich wieder ein. Bleibe -auf den Knien und sprich den 37. Psalm, wo er lautet: ›~Miser -factus sum et curvatus~,‹ wenn du die Worte vermagst, was ich dir -nicht zutraue. Und dabei harre auf die Heiligen, ob sie sich deiner -erbarmen.« Der Abt wandte sich ab, Immo faßte ihm nach dem Gewand, aber -Herr Bernheri entzog sich eilig, der Riegel fuhr in das Schloß und Immo -war allein in tiefer Finsternis. Er griff nach dem Eisen und preßte -die Hand darum, wild stürmten ihm die Gedanken durch die Seele, Sorge -und Hoffnung, dennoch hielt er jetzt das Gerät in der Hand, welches -seine letzte Hilfe sein konnte. Wie durch ein Wunder war ihm auf den -Boden gelegt, was er von den Gewaltigen, die unter der Erde hausten, -ersehnt hatte. Brachte die Nacht keine andere Hilfe, so konnte er diese -gebrauchen. Er stand in der Finsternis und horchte auf jedes Geräusch, -das von außen kam. - -Nicht lange, so vernahm er wieder Tritte und sah einen Lichtstrahl, -der Riegel rasselte und der Mönch Eggo winkte, ihm zu folgen. Leise -gingen beide die Stufen hinauf; ein großer Raum, in den sie traten, war -undeutlich erhellt durch die glimmenden Holzkloben im Kamin. Auf Bänken -an der Wand und auf dem Boden lagen Reisige des Abtes in tiefem Schlaf. -Wieder mahnte ein Zeichen des Mönchs zur Vorsicht, er öffnete eine -eisenbeschlagene, niedrige Tür und führte eine Wendeltreppe hinauf. -Als Immo aus der Tiefe emportauchte, stand er in einem kleinen Zimmer, -dessen Wände zierlich mit dunklem Holz getäfelt waren. - -Auf dem Tisch stand eine metallene Lampe, deren rötliche Flamme im -Luftzuge flackerte und rauchte; Eggo trug eine Wolldecke herzu, -legte sie auf den Boden und flüsterte: »Rühre dich nicht und schlafe -wenn du vermagst.« Gehorsam setzte sich Immo auf die Dielen und als -er zur Seite blickte, sah er den Mönch wie einen Schatten an der -Wand dahingleiten und hinter einem Teppich verschwinden. Er starrte -in den dämmrigen Raum, auf die dunklen Bretterwände, an denen die -Hirschgeweihe sich im lodernden Lichte bewegten, und auf die Waffen -in den Ecken, deren Metall bald hell erglänzte, bald in Finsternis -schwand. Aber das Herz war ihm leicht geworden, denn er erkannte wohl, -daß Herr Bernheri ihn nicht für die Rache des Tutilo aufbewahren -wollte; er schloß die müden Augen und entschlief. - -So mochte er lange gelegen haben, da erwachte er von einer leisen -Berührung, er fuhr auf und blickte erstaunt um sich. Noch war es -Nacht, die Lampe brannte trüber, über den Waldhügeln lag der graue -Dämmerschein des nahen Morgens, und an seinem Lager erkannte er eine -dunkle Gestalt. Erschrocken hob er den Leib und stützte sich auf die -abgewandte Hand. Neben ihm saß der fremde Mönch, der als Lehrer in das -Kloster gekommen war. Immo wollte aufspringen, aber Reinhard drängte -ihn durch eine Bewegung zurück. »Sitze an meiner Seite, Immo, und öffne -dein Ohr, damit eine leise Mahnung in deine Seele falle. Höre mich -mit Vertrauen, wenn ich dir auch noch fremd bin, denn nicht als dein -Kerkermeister, sondern wie ein Freund will ich zu dir reden und von -deiner Heimat will ich dir Gutes verkünden. Frau Edith sendet dir ihren -Muttersegen: Sage meinem Sohn, sprach sie, jeden Abend und jeden Morgen -flehe ich zu den Heiligen, daß sie ihm das Siegestor öffnen. Schwer -wird der Mutter, das Angesicht des Sohnes zu missen, auch darum hoffe -ich, daß die Himmlischen das Opfer gnädig annehmen.« - -Immo senkte das Haupt, erweicht durch den Gedanken an die Heimat. -Reinhard fuhr fort: »Schon in der nächsten Zukunft hätte sich dir die -Pforte des Klosters geöffnet, damit du unter den Kindern der Welt -dem Herrn dienest. Aber dein frecher Mut hat dich schuldig gemacht, -schwerer Strafe bist du verfallen. Darum komme ich, um mit dir zu -erwägen, wie du dich rettest.« - -Immo neigte sich über die Hand des Lehrers und sprach demütig: »Kannst -du mir helfen, Vater, so flehe ich, verlaß mich nicht.« - -»Eine Rettung weiß ich,« fuhr Reinhard fort, »die seligste von allen: -demütige dich selbst, Immo, vor dem Altar und trage geduldig die -Folgen deiner Untat. Ein Weltgeistlicher solltest du werden, wähle das -Mönchsgewand und gelobe dich dem heiligen Wigbert. Das ist die Buße, -welche dir alle hohen Fürsten des Himmels geneigt macht und ebenso die -Herzen der Brüder im Kloster.« - -Immo sprang auf, seine Hände ballten sich und zornig rief er: »Meinst -du, daß ich als büßender Mönch vor dem Altar liegen und daß Tutilo die -Geißel über mir schwingen soll, wie ich sie heut über ihm schwang?« - -»Fürchtest du die Geißel des Tutilo, dann denke lieber daran, daß du -jetzt unter seiner Faust stehst und daß ihm morgen die Brüder die Rache -geben werden, die er an deinem Leibe zu fordern hat.« - -»Nimmer schwingt er die Peitsche über mir, während ich atme,« schrie -Immo. »Wenn sie mich zur Verzweiflung treiben, so sollen sie einen -Verzweifelten finden. Vor dem Altar töte ich ihn und jeden, der mich -anzugreifen wagt; von der Klostermauer springe ich, vom Turm stürze ich -mich und Feuer lege ich in das Haus der Mönche. Wenig liegt mir an dem -Leben eines Hundes und ich werfe es von mir, wie ich dieses Gewand von -mir schleudere, wenn ich ein anderes auf meinem Wege finde.« - -»Wie ein Heilloser schreist du,« versetzte Reinhard, »Tutilo sprach -nicht unrecht, als er dich mit einer wilden Katze verglich.« - -»Tat er das,« rief Immo, »so freut's mich, daß er die Krallen gefühlt -hat.« - -»Dennoch rate ich dir, mein Sohn, daß du dich noch einmal an meine -Seite setzest, wenn du deine Wut zu bändigen vermagst. Wehre mir nicht, -dir zu raten, weil dies eine, die dir lieb ist, von mir erbat.« - -Immo ging langsam zu seinem Lager zurück, setzte sich zu den Füßen des -Mönchs und stützte sein heißes Haupt in die Hand. - -»Wundere dich nicht, Immo, wenn ich dich einlade zu werden, was ich -selbst bin. Denn auch ich habe mich von Vater und Mutter geschieden -und ich habe die Rosse und Hufen, die mein Erbteil sein sollten, den -Heiligen dargebracht, weil ich um meiner Seele Heil bebte und lieber -die Gnade des Herrn wählte als die vergänglichen Freuden dieser Welt. -Auch ich entsage und gehorche und wandre wie ein Fremdling durch die -Welt. Ob der Frost den Leib bedrängt, der Hunger quält und Gefahren -drohen, gleichgültig und verächtlich ist mir das alles in den Stunden -seliger Freude. Nicht Liebe des Weibes, nicht das Lied des Sängers, -welches den Helden ehrt, schaffen solches Glück wie die Heiterkeit -ist, die ich im Herzen trage, wenn ich zu den Füßen des Herrn liege, -dem ich mich als Knecht gelobt habe. Darum möchte ich deine Seele und -die Seelen aller, welche mir vertraut werden, den Greueln der Welt -entreißen und den Handgriffen des üblen Teufels.« - -Immo schwieg nachdenkend. »Vater,« sprach er, »beantworte mir eine -Frage, die ich unwissend tue. Wenn es dir und andern frommen Männern -nun gelänge, alle Christen auf deinen Weg zu leiten, und wenn alle zu -Mönchen und Nonnen würden, verzeih, Vater, aber ich meine, dann wird es -an Kindern fehlen.« - -»Ob du arglos sprichst oder ob du mich durch gewundene Rede versuchen -willst, du sollst die Verkündigung hören,« versetzte Reinhard -feierlich. »Käme diese selige Zeit, die, wie du selbst weißt, noch -weit entfernt ist, dann wird sich der Himmel auftun und der Herr wird -mit den himmlischen Heerscharen heranziehen zum Gericht; aus der alten -Welt des Jammers und der Sünde wird eine neue erstehen, in welcher die -Seligen im Lichtglanz dahin wandeln.« - -Immo sah bei dem rötlichen Schein der Lampe, wie das Auge des Mönchs -leuchtete und seine Hände sich unwillkürlich zum Gebet schlossen. »Du -selbst weißt, mein Vater,« begann er bittend, »daß der gute Gott den -Vögeln ungleichen Gesang gegeben hat. So hat er auch den Menschen -verschiedene Gaben ausgeteilt, als er in den Erdgarten kam, um die -Kinder durch seine Geschenke zu ehren. Ich aber möchte den Gaben -vertrauen, die ich an mir erkenne.« - -»Mit guten Sinnen sprichst du, Immo,« versetzte Reinhard, »und -verwundert höre ich, wie klug du die Worte setzest. Auch dies ist eine -Gabe, die der Herr solchen verliehen hat, die er für seinen Dienst -bestimmt.« - -»Nicht zum erstenmal füge ich die Worte in dieser Sache,« versetzte -Immo, »denn oft haben Väter des Klosters, die mir günstig waren, -ähnlich zu mir gesprochen wie du. Wisse, Vater, da du so gutherzig mit -mir redest, zu lange weile ich schon im Kloster und ich bin seiner -herzlich müde. Wenn ich auf dem Roß sprenge, bin ich glücklicher als -zu Fuß und, Vater, als ich gegen die Reiter des Grafen ritt, um den -Hugbald herauszuziehen, da war mir so fröhlich zumute, wie nach deinen -Worten dir bei dem Altare. Daran erkenne ich, daß ich nicht gemacht -bin, Mönch zu werden.« - -»Und doch, Immo,« entgegnete Reinhard, »sollen alle Menschen in jenem -Leben teilhaftig werden der Gemeinschaft der Heiligen.« - -»Und meinst du, Vater, daß man in der großen Halle des himmlischen -Königs nur Ehre erlangen kann, wenn man den Freuden dieser Welt -gänzlich entsagt und als Mönch oder Nonne betet?« - -»Wie magst du zweifeln,« entgegnete Reinhard eifrig, »da es verkündet -ist. Weißt du nicht, daß geschrieben steht: wer sich erniedrigt, der -soll erhöhet werden? Wer lebt demütiger als der Mönch? Schwer ist's, -in den Freuden der Welt dem Herrn wohlgefällig zu bleiben, und die -liebsten Genossen des Himmelsherrn werden nur die sein, welche hier -entsagen und büßen.« - -»Wahrlich, Vater,« rief Immo, »wenn es in der Himmelsburg so ist wie du -verkündest, daß die Mönche und Nonnen vor den andern an der Herrenbank -sitzen, dann will ich in den Pferdestall, wo die Rosse des Engels -Michael stehen und anderer schneller Boten, denn lieber will ich dort -die Pferde striegeln und die Steigbügel halten, als ewig den Kopf -neigen und in das Ohr wispern und nach der Miene des Präpositus und der -Dekane sehen, wie hier die Mönche tun.« - -Dem Mönch empörte sich das Herz, aber er antwortete ruhig: »Zuchtlose -Worte vernehme ich in den Mauern des Klosters; sonst hört man sie nur -auf den Burgen der Gewappneten, welche eilig sind, Menschenblut zu -vergießen. Deine Rede ist heillos auch für einen Weltgeistlichen, wenn -du ein Kanonikus zu Erfurt wirst, wie dein Geschlecht will.« - -»Verleidet ist mir das weiße Gewand wie die wollene Kutte,« rief Immo, -»und verhaßt auch der Sitz im Chore von Erfurt.« - -»Zu dem Grunde, auf welchem dein Geschlecht haust, gehört die -Mühlburg. Diese Burg wollen deine Verwandten dem Erzbischof zu Mainz, -der dem Stift in Erfurt gebietet, übergeben, damit du als Kanonikus -ausgestattet werdest, wie Brauch ist.« - -Wieder fuhr Immo in die Höhe. »Um meinetwillen soll mein Geschlecht -verzichten auf den festen Sitz, der unsere Ehre war. Mehrmals flüchtete -der Vater, wenn der Grenzkrieg entbrannte, die Rosse und Rinder und -unsere ganze Habe in den sichern Bau, und ich und meine Brüder sprangen -auf den Mauern und kletterten in den Schluchten. Ein Ahn von mir hat, -wie du wissen wirst, den Berg, auf dem die Wigbertleute die Wassenburg -gebaut haben, dem Kloster geschenkt, jetzt soll auch die zweite -Burgstätte dahinschwinden um meinetwillen! Jammervoll ist mir zu sehen, -wie unser Erbe weggegeben wird, damit die Geschorenen in den Wäldern -gebieten, wo sonst unser Jagdruf erklang. Wehe mir, daß ich niemanden -habe, der meine Klage anhört, als einen landlosen Mönch.« - -»Vermagst du noch einmal den Rat des Landlosen anzuhören,« antwortete -Reinhard sich erhebend, »so vernimm, was ich dir ungern sage und nur, -weil es mir befohlen ward, was aber für deinen weltlichen Sinn die -letzte Hilfe sein kann in der Not, welche dich bedrängt. Merke wohl, -Immo, du kannst frei von hier ziehen, wohin dich dein Gelüst treibt, -ein Kriegsmann magst du werden, der auf die Mühlburg sein Gemahl -heimführt und unter den Edlen von Thüringen im Heergewand reitet.« - -»Sage mir, Vater, was soll ich tun, damit ich dies Glück erreiche?« - -»Gelobe, bevor du scheidest, Burg und Berg deinem Herrn Bernheri in -die Hand zu geben, damit du sie als Lehn für dich und dein Geschlecht -zurückerhältst. Nützen wirst du dem Kloster auch als Lehnsmann und -Vogt, der für das Kloster sorgt, wie ja viele aus den edelsten -Geschlechtern tun, um den Heiligen zu gefallen. Gelobst du dies, so -vermag der Abt dich zu schützen gegen jeden Feind, den du hier und -anderswo hast; denn auch so dienst du den Heiligen und du weißt ja -selbst, es ist leichter Dienst, den sie dir auflegen.« - -Immo stand betroffen. Der Weg, welchen ihm der Mönch wies, bot vieles, -wonach sein Herz sich sehnte, er wußte recht gut, wie stolz das -Kloster auf seine Burgen war und daß er als Lehnsmann des Klosters den -Wigbertleuten wertvoller wurde, wie als Mönch. Dennoch empörte sich -sein stolzes Herz bei dem Gedanken, als Dienender den Schild zu tragen. -Er schwieg und starrte vor sich hin. - -Reinhard, der den Kampf des Jünglings beobachtete, fuhr fort: »Einer -deiner Ahnen starb in der Heidenzeit unter dem Schildrand für die -heilige Kirche. Wie darf sein Enkel zaudern? Dienstmann der Heiligen -wurde jener im Tode, du aber sollst in demselben Dienste mit Ehren -leben.« - -Immo fuhr zusammen, denn bei der Rede des Mönchs vernahm er noch eine -andere Stimme und neben dem hagern Antlitz des Lehrers sah er das -rundliche Gesicht und das herzliche Lächeln des Greises Bertram und -in ihm klangen die Worte, welche ihm übergeben waren: »Birg nie in -fremder Hand, was du allein zu halten vermagst, wenig frommt dem Manne -zu dienen, wo er gebieten könnte.« Da sprach er: »Ich höre eine Mahnung -in meinem Innern, daß ich deinem Rat nicht vertrauen soll, und ich will -nicht.« - -»Eine Waise bist du, ohne Freundschaft stehst du hier, dein eigenes -Geschlecht ist deinen weltlichen Wünschen zuwider; St. Wigbert aber -vermag dich zu schützen wie ein Vater und keinen erlauchteren Herrn -kannst du wählen als den hohen Heiligen.« - -»Ich will nicht dienen,« antwortete der Jüngling; die Lippen schlossen -sich fest und er sah in seinem Trotz aus wie ein älterer Mann. - -»Nur kurz ist die Zeit, die zum Widerstande bleibt,« mahnte Reinhard, -nach dem Fenster deutend, »sieh diesen Docht, welcher verglimmt und den -Morgen, welcher aufsteigt.« - -»Und ich will nicht und will nicht,« antwortete Immo tonlos. - -Reinhard wandte sich traurig ab: »Fruchtlos ist die Mühe, dir durch -Worte den trotzigen Sinn zu wandeln. Dennoch bleibst du ein Kind -meiner Sorgen und käme der Tag, wo du gute Meinung für dich begehrst, -so wisse, Immo, daß du sie bei mir findest.« Er hob die Hand zum -Segensgruß und verließ das Zimmer. - -Immo sah ihm nach und dachte: ob dieser so ist, wie Sintram sprach, -daß er treulich für mich beten wird? und er schüttelte das Haupt. Er -warf sich auf sein hartes Lager zurück, aber die Gedanken fuhren ihm -stürmisch durch das Haupt und er mußte immer wieder nach dem Himmel -sehen, der im Osten sich rötete. - -Da öffnete sich die Seitentür und Herr Bernheri selbst trat herein, -hinter ihm Eggo mit einer großen Kerze in kupfernem Leuchter. Immo fuhr -in die Höhe und neigte das Haupt vor dem Gebieter. Mürrisch begann der -Abt: »Da seht den Nestling aus den Waldhecken; aber störrisch ist er -wie ein junger Geier und Reinhard hat sich vergebens bemüht, ihm die -Kappe umzulegen. Obwohl ich im voraus gesagt habe, daß von dir nicht -viel Gutes zu erwarten ist. Ganz unlieb ist mir deine Widerspenstigkeit -und ich täte am klügsten, dich gänzlich deinem Schicksal zu überlassen, -welches wahrscheinlich jämmerlich sein wird.« - -Immo schwieg, aber das Herz hämmerte ihm in der Brust. Herr Bernheri -ging schwerfällig auf und ab, an seinen zwinkernden Augen und der -gesträubten Haarkrone konnte man erkennen, daß er sich erst vor kurzem -vom Lager erhoben hatte. »Bringe mir einen Becher mit gewürztem Wein, -Eggo, und stelle ihn hier auf den Tisch. Mit dir aber, du springender -Scholastikus, will ich ein Ende machen auf meine Weise und es soll -mich nicht kümmern, ob sie dir oder andern mißfällt.« Wieder ging er -nachdenkend auf und ab. »Setze dich an das Pult, nimm die Schreibtafel -und den Griffel und laß mich erkennen, ob du etwas von der Kunst der -schwarzen Buchstaben gelernt hast.« - -Immos Hand bebte und seltsam erschien ihm in dieser Stunde die -Forderung des Abtes, aber er setzte sich gehorsam und frug: »Welchen -Duktus befiehlt mein Herr?« - -»Vermagst du,« fuhr der Abt überlegend fort, »in lesbarem Latein -einen Brief zu schreiben? Verfertige zur Stelle etwas Passendes an -mich, damit ich dich prüfe. Schreibe also, daß du wegen des Fastens -und deiner Körperschwäche einen Trunk Wein ersehnst und mich darum -anflehst.« - -Immo überlegte. Endlich begann er mit geröteten Wangen die Arbeit, -welche einige Zeit in Anspruch nahm. Unterdes trug auch Eggo ein -Schreibpult herzu und schrieb nieder, was der Abt ihm leise gebot. -Es war darüber zwischen beiden ernste Beratung und Immo sorgte, daß -sie gar nicht zu Ende gehen würde. Endlich wandte sich der Abt um und -sah den Scholastikus, welcher mit der Tafel zur Seite stand. Der Herr -streckte die Hand darnach aus und hob sich, um dem Licht näher zu sein. -»Wie?« sagte er, »du hast dich sogar getraut, einen Vers einzuflechten? -~Bibere si vis vinum, scribere debes latinum~[2]. Ist auch der Vers nur -rhythmice und nicht metrice gestellt, so hast du dir damit doch den -Trunk verdient.« Er wies auf den Becher. »Wage ihn zu heben, damit du -die Kellerluft vergessest. Und jetzt hole Atem und antworte: Würdest -du imstande sein, auf Pergament an diesen Bruder Eggo aus der Ferne zu -schreiben in dem gebührlichen Duktus?« - -»Ich getraue mir's wohl,« versetzte Immo freudig. - -Der Abt seufzte. »Da du so unverschämt bist, von meiner Würde zu -verlangen, daß ich für dich gerade so unter die Brüder springe, wie du -für mich getan hast, so habe ich mich entschlossen, dich von hier zu -entsenden, bevor die Sonne aufgeht. Du sollst als mein Bote reiten. -- -Was siehst du mich an, Eggo? Du meinst, ich soll ihn durch einen Eid -binden? Laß die heiligen Reliquien in ihrem Schrein, ungeschoren geht -er von uns, er soll auch ungeschworen seine Straße ziehen. Solange -ich lebe, sah ich hohe Eide schwören und hohe Eide brechen. Ich habe -erkannt, daß der ein Tor ist, welcher auf die Treue der Menschen -baut. Dennoch habe auch ich jemanden gefunden, der sich mir bewährt -hat im Spiel und in der Todesnot. Denn als ich jung war und einst mit -meinem Jagdbogen im Waldversteck lag, wo das Wild zur Tränke läuft, da -überfielen mich Nachtschächer, blutdürstige Räuber. Ich rief meinen -Notschrei, aber nur einer hörte, der damals mein Geselle war, er sprang -über die Felsen herzu und schlug ungerüstet wie Simson mit seiner -Keule unter die Mörder. Zweien setzte ich den Fuß auf den Hals und -durchstach ihnen die Gurgel. Ich trug keinen Hautritz davon, der andere -aber einen schweren Hieb in die Schulter. Du selbst kannst die Narbe -gesehen haben, Jüngling, wenn du an der Achsel deines Vaters standest, -denn er war es, der mich damals vom Tod löste. Und an ihn habe ich -gedacht, als ich dich aus dem Kerker holen ließ. -- Jetzt aber merke -auf, denn ich will deinen leeren Kopf mit allerlei gewichtiger Kunde -füllen. Von allen Seiten heben sich die Nacken der Großen gegen unsern -König Heinrich. Klein ist die Zahl seiner Getreuen, auch im Kloster -leben vielleicht solche, welche den Feinden des Königs Gutes gönnen. -Vermagst du zu verstehen, was ich dir sage?« - -»Gewiß Herr,« versetzte Immo eifrig, »außer dem Tutilo sind die Dekane -Hunico, Wolferi, Sigibold und vor andern der Pförtner Walto für den -Babenberger, und die andern Alten haben nicht den Mut, diesen zu -widerstehen; doch Heriger hält zu dem König und er ist meines Herrn -Abtes beste Hilfe. Von den jüngeren aber sind die Thüringe und Sachsen -wohl zur Hälfte dem König gutgesinnt.« - -Der Abt starrte den Jüngling an. »Weiß die äußere Schule so gut, was in -der Klausur vorgeht?« - -»Auch zu uns fliegt mancherlei über den Zaun,« fuhr Immo fort, »ich -merkte auch, daß vorgestern Graf Ernst, der ruhmvolle Held, heimlich in -der Herberge des Klosters lag.« - -»Führe ihn zu den Reliquien,« rief schnell der Abt, »und binde ihn -durch einen teuren Eid, daß er niemals einem andern verkünde, was er -von Wigberts Geheimnissen erraten hat.« - -Eggo führte den Jüngling vor den Schrein und nahm ihm den Schwur ab, -während Herr Bernheri noch immer erstaunt dasaß und zuweilen mit dem -Kopf schüttelte. Als Immo wieder vor dem Abte stand, begann dieser -prüfend: »Du also gedenkst dich an den König zu hängen.« - -»Meine Mutter stammt aus einem Geschlecht, welches sich der -Verwandtschaft mit den Sachsenkönigen rühmt.« - -Der Abt lachte. »Wer König wird, dem wachsen die Vettern wie Hederich -im Hafer. Dir aber bleibt ohnedies keine Wahl, seit du so ruchlos den -Tutilo gebläut hast. Darum vertraue ich dir diese drei Briefe an,« er -hob die Arbeit des Eggo vom Tische. »Mit dem ersten reitest du in deine -Heimat, er geht an deine Mutter und spricht von deiner Entlassung -wegen der wilden Kriegszeit, damit die Frau meine gute Meinung für dich -erkenne.« - -Immo ergriff freudig den Brief. - -»Dafür sollst du mir in deiner Heimat dienen. Die Seelen der Brüder in -Ordorf sind durch die Bosheit eines andern, der hier im Kloster weilt, -vergiftet, aber der Vogt auf der Wassenburg ist mir treu. Diesem trägst -du den zweiten Brief und da er als Kriegsmann des Lesens unkundig ist, -wirst du allein ihm den Brief vertraulich vorlesen, damit keiner von -den Brüdern die Schrift erblicke. Und was du von ihm und andern über -die Rüstungen in Thüringen erfährst, das sollst du an Bruder Eggo -schreiben und durch den Reisigen, welcher dich begleitet, hierher -senden. Dann aber rate ich dir, daß du so bald als möglich deine -Helmkappe bindest und dich allein oder mit Kriegsleuten, welche dir -folgen wollen, über die Berge zum Könige durchschlägst. Du wirst Herrn -Heinrich in Regensburg an der Donau finden oder doch in der Gegend. -Dort gibst du den dritten Brief an seinen Kanzler Erkambald. Spähe nach -den Mienen des Kanzlers und erlausche, soviel du vermagst, über den -Kriegszug und die gute Meinung des Königs für mich. Was du erkundest, -das schreibe wieder an Bruder Eggo. Setze keine Namen in deine Briefe, -aber die Anfangsbuchstaben, damit wir erkennen, wen du meinst. Als -Boten gebrauche den Spielmann Wizzelin, welchen du kennst, denn diesen -habe ich geworben und in das Lager gesandt. Du selbst aber sei bemüht, -dem Kanzler zu gefallen, ich habe ihm auch deinetwegen einige Worte -geschrieben.« - -Von der Wachskerze fiel eine metallene Kugel, deren Faden durchgebrannt -war, in die große Tülle; der eherne Ton klang scharf durch das Zimmer. -Aus der Klosterkirche tönte der Gesang der Vigilien. Der Abt erhob -sich. »Es ist Zeit, daß dein Fuß aus den geweihten Wänden gleite, sonst -möchtest du sie schwerlich verlassen. Es ist auch Zeit, die unheiligen -Gedanken abzutun. Ein ungewohnter Dienst ist meiner zuchtlosen Herde -dieser Nachtgesang, ich meine die Angst um ihre Missetat hat sie vom -Lager gescheucht. Uns allen tut Vergebung not. Auch mir, der ich erhöht -bin zum Abte, gebührt jetzt, meiner Nichtigkeit zu gedenken und wie -die Regel befiehlt, tief hinabzusteigen bis zu der siebenten Stufe -der Demut, um mit dem bekümmerten Hiob zu sprechen: Ein Wurm bin ich -und nicht ein Mensch, scheusälig den Leuten und greulich dem Volke. -Ungerecht habe ich mich vor dir, o Jüngling, meiner weltlichen Geburt -gerühmt und, was noch jämmerlicher ist, meiner wilden Taten im Walde. -Hochmütig bin ich im Grunde meines Herzens und wer über meinen Bauch -spottet, hat guten Grund, denn gar wenig lebe ich nach der Regel; oft -habe ich gesündigt durch Gebratenes und Buttergebäck, vom gewürzten -Wein zu geschweigen; manchmal habe ich voll mein Lager gesucht und wer -mich mit einem Weinfaß vergleicht, der spricht nicht unwahr. Vielen Haß -nähre ich in meiner Seele gegen manche und andere verachte ich; viel -denke ich auch an meinen Schatz von Silber und edlen Steinen, an die -wilden Ochsen im Walde und an die Fährten der Hirsche; ein ungetreuer -Verwalter bin ich und in Furcht lebe ich vor der Strafe. Denn zu einem -Eckstein war ich bestellt, aber ich bin nur gut dazu, daß die andern -ihre unsauberen Sohlen auf mir abstreifen.« Er stöhnte tief und faltete -die Hände, während Immo, der sich bei dem Beginn des Nachtgesanges auf -die Knie niedergelassen hatte, dem Gottesdienste des Abtes verwundert -zuhörte, obwohl er wußte, daß es zu den Geboten des Klosters gehörte, -sich selbst zu erniedrigen. Nach vielen Seufzern erhob der Abt das -Haupt, als einer, der schwerer Pflicht Genüge getan hat und begann -rauh: »Was kauerst du noch, du Heupferd, um zu warten, bis dich die -Schnäbel der dunklen Vögel zerhacken, die dort drüben so hastig singen, -nicht gleich Heiligen des Herrn, sondern wie Stare in den Weiden des -Teiches. Enthebe dich aus meinen Augen.« - -»Ich kann nicht gehen ohne den Segen meines Herrn; denn wie ein Vater -habt ihr euch gegen mich erwiesen heut und sonst in der Schule.« - -Der Abt legte ihm die Hand auf das Haupt, sprach den lateinischen -Segen und strich über das lockige Haar. »Sei dankbar gegen mich, -soweit du vermagst, obwohl ich fürchte, daß dein Gedächtnis darin -kurz sein wird. Mancher, der wie du als ein Springer aus dem Kloster -in die Sünden der Welt hineinfuhr, schlich mit grauem Haar unter der -schweren Bürde seiner Schuld in das Kloster zurück. Gedenke, daß am -Altar eine Heimat aller ist, die müde werden unter ihrer Last.« Er -zog einen ledernen Beutel aus seinem Gewande. »Nicht als ein kahler -Schüler sollst du Bote reiten, denn unter Kriegsleuten ist der Geldlose -verloren. Die Briefe gib nicht von dir, solange du deinen Arm heben -kannst, die Feinde abzuwehren. Eine Reiterkleidung und Waffen findest -du bei dem Rosse, damit nicht kundbar wird, daß du aus dem Hühnerhofe -des Klosters entflogen bist.« Er reichte dem Jüngling die Hand, welche -dieser mit nassen Augen küßte. Eggo winkte ungeduldig und führte ihn -die Wendeltreppe hinab durch die dämmerige Halle, in welcher die -Gewappneten lagen. Lautlos durchschritten sie den Hof; der Mönch -öffnete eine Pforte der Mauer, wies auf den schmalen Steg, der über den -Graben führte und auf einen Reiter, der jenseit des Grabens ein leeres -Roß am Zügel hielt, dann grüßte er mit der Hand und schloß hinter dem -Jüngling die Pforte. In großen Sätzen sprang Immo ins Freie, während -aus der Klosterkirche feierlich das Ambrosianum erklang. - -Als Immo die Rosse erreicht hatte, warf ihm der Reiter die Zügel zu. -»Hugbald!« schrie der Jüngling in freudiger Überraschung, da er das -ehrliche Gesicht des Dienstmanns erkannte. - -»Schweig, Geselle,« murmelte der Reiter, auf die weißen Wolkenstreifen -weisend, welche aus dem Nebel der Niederung wallend gegen das Kloster -zogen. »Ungern hören die Wasserfrauen den Ruf der Männer, während sie -in der Luft schweben. Hier draußen walten andere Geister als innerhalb -der Mauern und obgleich hinter uns noch Wigberts Stimme ertönt, werden -diese hier einen Dienstmann des Heiligen doch wenig ehren, wenn er -ihren Zorn erregt. Harre, bis wir über die Brücken gedrungen sind und -die freie Höhe erreicht haben.« - -Sie ritten schweigend durch den dichten Nebel die Fulda entlang. Aber -Immo konnte sein pochendes Herz nicht bändigen, er drängte sein Roß an -das des Alten, ergriff seine Hand und rief: »Mich freut's, daß du durch -den Wechsel aus der Gefangenschaft gelöst bist.« - -»Wenig Ehre brachte mir der Tausch,« brummte der Alte, »gegen einen -Pferdedieb ausgewechselt zu werden, ist kränkend genug, mich haben sie -gar für zwei gerechnet. Doch da jetzt ein Sonnenstrahl auf uns scheint, -sollst du dich in einen Kriegsmann wandeln.« Er nestelte einen Bund vom -Sattel. »Wirf dir den Reitermantel um,« dann knüpfte er den Eisenhut -und das Schwert los und reichte beide dem Jüngling. »Hier nimm auch den -Wurfspieß, er ist von den schweren, ich weiß, daß du ihn zu werfen -vermagst. Recht wohl steht dir die Stahlkappe und mich reut nicht, -Immo, daß ich dich im Walde und auf der Heide meine Singweisen lehrte.« - -Immo umschlang vom Rosse den Lehrmeister und küßte ihm den grauen -Bart: »Gesegnet seist du, daß du mich zur Reise gewappnet hast,« dann -sprengte er in gestrecktem Laufe vorwärts, wirbelte den Speer, und -während der Tau von seinen Locken träufelte und über die heißen Wangen -lief, jauchzte er dem goldenen Licht des Tages zu. - - - - -4. - -In der Heimat. - - -Am nächsten Tage ritt Immo mit Hugbald aus Gotaha, einer Burg des -Klosters, der Heimat zu. Auf beiden Seiten des Weges zogen sich -niedrige, langgestreckte Hügel dahin, die Rücken mit Wald bewachsen, -an den Gehängen die Ährenfelder, deren Frucht sich bräunte. In den -Niederungen dehnten sich zwischen sumpfigen Wiesen große Teiche, die -mit Erlen und Weiden umgeben waren. Zahlreich und ansehnlich waren die -Dörfer der Landschaft, jedes durch Pfahlwerk und breiten Graben oder -durch das Wasser eines Sees gesichert. War ein Dorftor geschlossen, -dann zogen die Reiter auf der Außenseite herum über den Anger, auf -welchem das Dorfvieh weidete, fanden sie ein Tor geöffnet, so sprengten -sie über die Brücke und antworteten auf die Frage des Wächters, der -eilig seinen schweren Spieß aus der Ecke holte und ihnen entgegentrat. -Immo fuhr dahin mit fröhlichem Herzen und unter dem Druck der Schenkel -hob sich sein Roß zum Sprunge. - -Vor den Reitern zog sich eine Flurscheide quer über den Weg, ein -breiter Graben, dahinter ein aufgeworfener Wall mit einer dichten -Baumhecke, bei der Brücke ein hoher Grenzhügel, auf dem ein -wettergraues Turmgerüst stand. »Sieh das alte Grenzzeichen meiner -Väter,« rief Immo, »einst war das ganze Land dahinter unser Erbe, -jetzt freilich gehören viele Hufen fremden Herren, dagegen liegen -wieder Höfe, die uns gehören, außerhalb der Mark. Doch ehren wir das -alte Malzeichen.« Er schwang sich vom Rosse, sprang auf den Hügel, riß -blühendes Kraut ab und steckte es an seinen Hut. »So nehme ich Besitz -von dem Lande meiner Ahnen, bezeuge mir's, liebe Sonne, daß Laub und -Gras mir diene.« Am Ufer eines Gebirgsbachs ritten sie wohl eine Meile -dahin, Immo wies auf das klare Wasser und auf die bunten Steine, welche -den Bach von beiden Seiten umsäumten. »Jetzt rinnst du niedrig, Bach -meiner Heimat, und ein Knabe vermag dich zu durchwaten, aber ich kenne -die Macht deiner Strömung, denn im Frühjahr und nach dem Wettersturm -brausest du wild zwischen den Hügeln dahin und oft schlug deine Flut an -die Schwelle unseres Saals und wir hüpften barbeinig im Hofe durch den -wilden Schwall.« - -Südwärts zur rechten Hand hoben sich die Hügel steiler, an ihrem -Fuße breiteten sich weite Seen, die Abhänge bedeckte der Laubwald, -dazwischen aber schimmerte bald rot, bald bläulich die nackte Erdmasse -der Berge; auf den Gipfeln stand hier ein Wartturm, dort eine Burg und -wieder eine. »Das ist der rote Bergwall, um welchen mein Geschlecht -sich gelagert hat,« erklärte Immo stolz, »hoch sind die Berglehnen und -steil der Weg zu den Gipfeln, manches Mal haben die Helden dort ihren -Feinden widerstanden.« - -An einem Wege, der nach Süden führte, hielten die Reiter und nahmen -Abschied, denn Hugbald sollte nach der Wassenburg vorausziehen; und sie -besprachen das Wiedersehen in den nächsten Tagen. - -Als Immo allein war, ritt er in gestrecktem Laufe vorwärts. Vor ihm -lag in der Niederung durch eine Mauer umschanzt der große Hof seiner -Väter, der Bach teilte sich und umfloß den festen Sitz Ingramsleben -von allen Seiten. Viele Gebäude standen innerhalb des Hofes, in der -Ecke ein dicker viereckiger Turm, mit kleinen Fensterritzen, oben mit -Zinnen gekrönt, durch einen Graben von dem übrigen Baue getrennt, er -war die feste Burg des Hofes, in welche sich bei schnellem Überfall -die Hofherren zurückziehen konnten zu ihren Kindern und Schätzen, die -sie dort geborgen hatten. In der Mitte des Hofes aber erhob sich das -Herrenhaus mit hohem Dach, mit einer Laube auf der Sonnenseite und -einer Galerie darüber, um das Haus standen nahe der Mauer zahlreiche -Ställe und Wohnungen der Dienstleute. Außerhalb des Hofes erkannte man -längs dem Wasser die Dächer des kleinen Dorfes, welches dazu gehörte. -Der Reiter hielt vor der Brücke an, ihm pochte das Herz, er neigte -einen Augenblick das Haupt und flehte zu den Heiligen, dann setzte er -mit großem Sprunge durch das offene Tor. Sein Roß stieg, er hob sich -hoch im Sattel und grüßte den Hof seiner Väter. - -Still lag der Hof in der Ruhe der ersten Abendstunde, niemand kam, den -Gast anzurufen und das Roß zu halten. Immo lenkte sein Pferd abwärts -den Ställen zu. Dort kauerte auf der Dungstätte des Hofes das Federvolk -in großen Schwärmen, auch der Hahn mit den Hennen saß zusammengeduckt -unter dem Dach der Ställe. Nur der alte Kranich, welcher dem Geflügel -zum Vogt gesetzt war, stand mitten auf dem Strohhaufen, richtete -den Hals hoch auf und wandte seinen scharfen Schnabel dem fremden -Reiter zu. Als aber Immo vom Pferde sprang und fröhlich den Namen des -Kranichs: »Ludiger« rief, da erkannte der kluge Vogel seinen alten -Herrn und vergaß gänzlich seiner Würde, er schrie und rannte mit -ausgebreiteten Flügeln und aufgesperrtem Schnabel dem Sohn des Hauses -entgegen, gerade als wollte er ihn umfangen und schmiegte seinen Kopf -an den Leib des Mannes. Immo aber strich ihm liebkosend den roten -Scheitel, bis der Vogel wieder vergnügt zu seinem Volke lief. Dort -breitete er die Flügel und fing vor der ganzen Gemeinde an sich zu -drehen und zu tanzen, so daß die Hühner gackerten, und das Geschlecht -der Enten und Gänse sich erhob und lautes Schnattern begann, erstaunt -über die Gebärden des ernsthaften Meisters. Alle Vögel schrien und -hinten im Hundezwinger bellten die Bracken. Da sah die alte Dienerin -Gertrud aus einer Seitentür der Halle und rief zurück: »Gutes Glück -steht dem Hofe bevor, Herr Ludiger tanzt vor seinem Volke;« aber im -nächsten Augenblick stieß auch sie einen Schrei aus, lief die kleine -Hintertreppe hinab und umschlang mit ihren Armen den Fremdling. - -Aus der Umarmung der Wärterin sprang Immo in den Saal. Von der Schwelle -erkannte er auf dem Herrenstuhl die Herrin des Hofes im braunen -Trauergewande, das Haar mit dunklem Schleier umhüllt, das edle Antlitz -wenig gewandelt in den Jahren seiner Abwesenheit, noch immer so schön -und gebietend, wie er es sehnsüchtig in seiner Seele geschaut hatte. -»Meine Mutter,« rief er außer sich, warf sich zu ihren Füßen, umschlang -ihre Knie und weinte wie ein Kind in ihrem Schoß. Frau Edith wollte -sich heftig erheben, als der fremde Mann zu ihren Füßen niederstürzte, -aber gleich darauf faßte sie sein Haupt mit ihren Händen und drückte -ihn fest an sich. Als der Sohn zu dem Antlitz der Mutter aufsah, hielt -sie ihn an den Locken und sah ihn starr an, während ihr Gesicht sich -rötete. »Ein Mann bist du geworden,« sprach sie erschrocken, aber im -nächsten Augenblick warf sie die Arme wieder um ihn und küßte ihn -auf die Stirne und das Haar, wie die Mutter einem kleinen Kinde tut. -Schnell folgte Frage und Antwort. »Wisse, Immo,« begann die Mutter, -»nicht ganz unerwartet kommst du. In der letzten Nacht hatte ich einen -Traum, gleich einer Verkündigung. Auf meinem letzten Lager fand ich -mich, gelähmt waren meine Glieder und vergebens mühte ich mich, die -Hände zum Gebet zu falten. Da neigte dein Angesicht sich über mich, -im goldenen Schmuck des Bischofs standest du vor mir, um dein Antlitz -strahlte ein heller Schein und du botest mir das Heiligtum. Mich aber -durchdrang ein seliger Friede, wie ich ihn nie gefühlt. Glücklich -ist die Mutter, Geliebter, welcher der Sohn das Tor des Himmelssaals -öffnet.« - -Als Immo von seiner Reise erzählt hatte, zog er den Brief des Abtes -aus dem Gewande. »Lies ihn,« sagte die Mutter sich setzend, »du bist -der einzige im Hause, welcher der fremden Schrift und Sprache kundig -ist, darum erkläre mir den Inhalt, damit ich alles verstehe.« Mit -geheimer Sorge öffnete Immo den Brief, ungern wollte er der Mutter -in dem Glück des Wiedersehens Unholdes von seiner Trennung aus dem -Kloster berichten. Aber das Schreiben enthielt nur einen Gruß des Abtes -für Frau Edith, und daß er den Sohn aus der Schule mit seinem Segen -zurücksende, damit er nach eigenem Willen für seine Zukunft sorge. - -»Willkommen ist mir die Antwort deines Abtes auf meine Bitte, die ich -durch Vater Reinhard an ihn tat, und alles ist für dich bereitet, damit -du ein Held des Himmelsherrn werden kannst. Doch heute sprich nicht zu -mir von künftigen Tagen, denn sorglos möchte ich mich deiner Heimkehr -freuen.« Sie zog ihn bei der Hand in den Hof und öffnete die Gittertür -des Gartens, in welchem eine Anzahl Obstbäume auf dem Grasgrund stand. -Dort lagerte das junge Geschlecht Irmfrieds. Auf einer Bank saß Odo, -der ältere, einem gereiften Manne gleich, breitschultrig, gemessen in -seinen Gebärden, das rundliche Gesicht mit den vorstehenden Augen und -der bedächtigen Miene ganz ungleich dem Aussehen der andern Brüder. -Diese lagen im Grase, Ortwin, der redegewandte, welcher Sprecher des -Hofes war, summte ein Lied und würfelte dabei auf einem Brettlein mit -sich selbst, der starke Erwin warf sitzend einen Stein, den mancher -andere schwerlich gehoben hätte, unermüdlich in die Höhe und freute -sich, ihn geschickt wieder zu fassen, und Adalmar und Arnfried lagen -langgestreckt einander gegenüber, hielten jeder mit zurückgebogenen -Armen einen Baum umklammert und stießen mit den Beinen einen runden -Fichtenstamm, daß er ruhelos zwischen ihnen hin und her rollte, und sie -lachten laut, wenn der ungefüge Klotz einem von ihnen so gefährlich -nahte, daß es eines starken Stoßes bedurfte, ihn abzuwehren. Aber -seitwärts von den Brüdern übte sich Gottfried mit Hilfe eines alten -Knechts im Speerwurf gegen aufgestellte Bretter, und die Stangen, -welche der Knabe warf, dröhnten kräftig von dem Holze. Die Brüder -sprangen auf, als sie die Mutter erblickten, und Immo sah als stolze -Jünglinge wieder, die er als Knaben verlassen hatte. Sie boten nach -der Reihe dem Bruder Hand und Mund, ihr verlegener Gruß erschien ihm -kalt, nur der jüngste, Gottfried, hing sich an seinen Hals und Immo -lachte, als das rosige Kindergesicht zu ihm aufsah. »Alle seid ihr -stattliche Helden geworden,« rief er, »aber am meisten gewachsen ist -mein Kleiner.« »Im nächsten Jahr erhalte auch ich den Schwertgurt,« -antwortete dieser freudig in seinen Armen. - -Aber die Mutter zog den Ältesten wieder zu sich: »Sieh, die Knaben und -die Bäume, sie sind zusammen aufgeschossen.« - -»Alles, was unter deiner Hand steht, gedeiht, ich sehe, auch die -Obstträger lohnen der Herrin die Mühe.« - -»Die frommen Väter von Ordorf brachten nicht umsonst die Pfropfreiser -zu unserm wilden Holz; wundervoll gewürzig sind die Äpfel, sie trugen -zum erstenmal reichlich in dem Jahre, wo du von uns schiedest, und als -der Herbst kam, hatte ich das Herzeleid, daß du die guten nicht mehr -schmecktest. Dafür sandte ich einen Korb an die hohe Frau Adelheid, -die Kaiserin, welche damals neben unserer Mark ihren Hof hielt. Denn -gütig war sie immer gesinnt und sie freute sich auch über die Früchte -und schenkte mir als Gegengabe eine Büchse mit Balsam aus dem heiligen -Land. Das ist in Wahrheit ein kaiserliches Geschenk, denn es heilt -schnell auch tiefe Schwertwunden und es hat sich an tapferen Männern -hier in der Gegend mehr als einmal bewährt.« - -»Zeige mir deine Kunst,« sprach Immo zu Gottfried, »die wohl in kurzem -auch tiefe Wunden schlagen wird.« Der Knabe ergriff die Stangen und -warf herzhaft. »Ich lobe die Treffer,« ermunterte Immo, bald ergriff -er selbst die Gere und sie gellten so stark vom weitgesteckten Ziele, -daß Gottfried freudig die Hände zusammenschlug und die andern Brüder -Beifall riefen. - -»Ganz gut gefällt mir, Immo,« sprach Edith zuschauend, »daß du in der -Schule auch Werke eines Kriegsmannes geübt hast. Denn reitest du einst -als ein gewaltiger Herr und Bischof unter deinen Kriegern, dann mußt -du auch die Helden, welche das Schildamt bei dir versehen, durch Gut -und Gaben ehren; und darum ziemt dir zu verstehen, wer am besten seine -Waffe gebraucht.« - -Immo legte die Stangen zur Seite und senkte das Haupt. - -An dem Gitter stand Gertrud und erinnerte an das Mahl. In der Mitte -ihrer Söhne betrat Edith den Saal, in welchem die Tische gestellt -waren. An der Tür standen gedrängt die Dienstleute, um den Gruß des -Herrensohnes zu erwarten. Während Immo unter sie trat und mit alten -Vertrauten fröhlichen Gruß wechselte, brachte der Truchseß die Speisen -und Trinkkannen. Die Mutter führte den Sohn zum Ehrensitz an ihrer -Seite: »Schmal war die Kost meines Lieblings im Kloster,« sagte sie -lächelnd, »dafür hat er dort das Glück genossen, neben heiligen Männern -zu sitzen. Und ich vertraue, auch du hast dir in deinem Dienst bereits -Ehre erworben.« - -»Im Dienst vor den Altären gewinnt ein Schüler geringe Ehre,« versetzte -Immo unzufrieden. »Zuerst sollte ich das Rauchfaß schwenken, doch den -Brüdern gefiel nicht der Schwung meiner Arme. Dann war ich Türsteher -und mit der Keule wachte ich an der Pforte, das unordentliche Volk -abzuwehren, aber auch dieser ruhmlosen Arbeit enthoben mich die Dekane, -weil einige Schreihälse aus der Menge Wehe riefen wegen eingeschlagener -Zähne. Zuletzt las ich manchmal als Lektor vor den kleinen Altären.« - -Die Brüder lachten, aber Edith merkte in ihrer Mutterfreude den Ärger -des Sohnes gar nicht und zu ihrem Sitz tretend, bat sie: »Sprich das -lateinische Gebet, das sich in der Stunde ziemt, wo ein Geweihter das -Haus seiner Väter betritt.« - -»Ich weiß nur von einem, der als verlorener Sohn nach Hause kam,« -murmelte Immo, und er sprach das lateinische Vaterunser. - -Immo saß wieder in dem Saal seiner Väter und sah verwundert in den -großen Raum. Auf dem Fußboden aus geschlagenem Lehm, welcher glatt war -wie eine Tenne, standen die Tische ganz wie sonst, von dem Herrensitz -sah er durch die geöffnete Tür in den wohlbekannten Hof; hinter ihm -und auf den Seiten lief, durch ein geschnitztes Geländer eingefaßt, -die erhöhte Bühne, von welcher zahlreiche Türen nach den Kammern und -Wohnräumen des mächtigen Hauses führten. An den Wänden hingen die alten -Rüstungen und Waffen, Kampfbeute früherer Helden, auf der Bühne im -Hintergrund stand der Ofen und daneben der Herrenstuhl, im Winter der -wärmste Platz, aber ehrenvoll auch im Sommer. Alles war wie vor Jahren. -Auch wenn er seine Mutter ansah und die alten Diener des Hauses, so -dünkte ihm seine Abwesenheit und das Kloster fast nur ein übler Traum. -Wenn er aber die männliche Stimme der erwachsenen Brüder hörte und -die kurzen Reden, die sie während ihrer eifrigen Arbeit am Tische -wechselten, so kam ihm wieder vor, als sei er bei den Erdmännchen in -der Höhle gewesen, viele Jahre lang, denn er merkte, daß ein neues -Geschlecht in dem Saal herrschte. - -Nach dem Mahle trat Immo zu seinen Brüdern und suchte ein freundliches -Gespräch, während Frau Edith der Dienerin Gertrud winkte und mit ihr -den Saal verließ. - -Als Edith wieder eintrat, setzte ihr die Dienerin den Spinnrocken -neben den Ofen, die Herrin saß auf dem Stuhle nieder und ergriff die -Spindel. »Komm an meine Seite, Immo,« bat sie, »damit ich vertraulich -mit dir rede, wie sonst. Seit du von uns gingst, hat diese Hand manches -Gewebe gesponnen, auch für dich, mein Sohn; ich spann dir gute -Wünsche hinein, und manchmal, wenn ich deiner dachte, lag die Spindel -in meinem Schoß. Denn neben diesem Rocken stand deine Wiege, ich hob -dich heraus und du griffst nach den bunten Bändern am Flachse. Und als -du im Hemdchen laufen lerntest, da kauertest du auf der Fußbank und -warfst deine Beinchen um die Stange. Später sprangst du übermütig um -meine Arbeit, wirrtest mir den Flachs und verkehrtest mir die kreisende -Spindel. Jetzt freilich hast du bei den frommen Vätern gelernt, -ruhig zu sitzen. Sieh dorthin,« unterbrach sie sich selbst, »an dem -Türpfosten haftet noch der Speer mit dem Zeichen deines Wachstums. Denn -am Speer maß euch der Vater, jedem von euch nagelte er einen Schaft an -den Pfosten und in den Schaft schnitt er jedem seine eigene Marke, mit -welcher der Sohn in Zukunft sein Gerät zeichne. Und als das Friedel -sein Maß erhalten sollte, da lachte der Vater, weil er am Pfosten -keinen Raum mehr fand, und schlug den Speer an die zweite Tür, dort -steht er allein. »Denn dem Vater war das Prüfen der Größe in jedem -Jahr eine Freude, obgleich die Alten sagen, daß man die Kinder nicht -messen soll, euch aber hat es nichts geschadet, denn ihr seid alle -hoch emporgeschossen. Tritt an das Maß,« bat sie, und als Immo ihren -Willen tat, rief sie erfreut: »Mehr als eines Kopfes Länge überragst du -das letzte Zeichen und der größte bist du geblieben. So ziemt es sich -auch und ich dachte das immer. Wisse, Immo, in jeder Größe vermag eine -Mutter ihre Kinder zu schauen, wenn sie gerade nicht bei ihr sind. Auch -dich schaute ich in meinem Sinn, ganz klein und wieder größer. Aber -wunderlich war es, wenn ich allein saß, dann hielt ich dich in meinen -Gedanken am liebsten als ein kleines Kind auf meinem Schoß, und ich -freute mich, daß du die Arme zu mir aufhobest, obwohl du doch älter -warst als meine Knaben. Vielleicht sah ich dich so, weil du als kleines -Kind mir gehörtest.« - -Immo neigte sich zu ihr und ergriff ihre Hand. - -»Wende dich noch ein wenig ab, wenn ich mit dir rede,« bat Edith und -eine feine Röte flog über ihre Wangen. »Denn wenn du mich heut ansiehst -mit den Augen und mit dem Antlitz deines Vaters, dann weiß ich nicht, -du Holder, ob ich deine Mutter bin. Kehre dich doch wieder zu mir,« -rief sie wieder und warf den Arm um seinen Hals, »denn lange habe ich -dich entbehrt und mir war's zuweilen, als ob ich selbst fremd im Hause -sei, weil du mir immer fehltest. Sommer und Winter schwanden dahin, -meine Knaben wuchsen heran, oft machten sie am Abend der Mutter die -Freude, still am Herde zu sitzen, oft trieb sie auch ihr Jugendmut auf -den Höfen der Nachbarn umher. Doch muß ich meine Söhne rühmen, denn -gehorsam und der Mutter treu gesinnt waren meine Knaben alle.« - -»Auch ich bin dein Sohn,« rief Immo. - -»Ja du,« antwortete Edith und blickte ihn mit strahlenden Augen an. Und -leise fuhr sie fort: »Anders vermag ich mit dir zu reden als mit ihnen, -und als ich dich am Tisch hörte, sprachst auch du nicht wie die Knaben, -denn reichlicher schweben deine Worte von der Zunge und mit fremdem -Klange dringen sie in das Ohr. Doch hört es sich gut an, Immo, und -es macht dich meinem Herzen vertraulich. -- Reich und froh fühle ich -mich heut zum erstenmal wieder, seit mein Gemahl von uns ritt und mir -ist, als könnte ich dir alles Geheime sagen, wie man es am Altare den -Heiligen zuraunt, du liebes Opferkind. Denn du gehörst ja, wenn du auch -unter uns weilst, mehr den Himmlischen an als wir andern.« - -Lange Jahre hatte Frau Edith in ihrem Witwenschleier still -dahingelebt, als ernste Gebieterin hatte sie die wilden Söhne gezogen -und über den Dienstleuten gewaltet, ihr eigenes Herz, wenn es heftig -pochte, hatte sie fest gebändigt; jetzt brach in der Freude des -Wiedersehens die Mutterliebe wie ein starker Bergquell aus der Tiefe -ihrer Seele. Dem Sohn schien sie einer begeisterten Seherin gleich, -noch niemals hatte er sie so gehört; er lauschte hingerissen auf den -Klang ihrer bewegten Stimme und doch empfand er geheimen Schmerz bei -den liebevollen Worten. - -Die Söhne traten nach der Reihe vor die Mutter und boten den Nachtgruß, -jedem legte sie die Hand auf. Als letzter kam Immo, da stand die Mutter -auf und als er sich neigte, den Segen zu empfangen, umschlang sie sein -Haupt und streichelte ihm Haar und Wange, die Freudentränen in den -Augen. »Führe du ihn zu seinem Lager,« gebot sie der alten Gertrud, -»denn du warst vorzeiten seine Wärterin.« - -»Wohin leitest du mich, Mutter?« frug Immo lächelnd, »ich kenne den -Bretterverschlag hinter der Halle, in dem ich sonst schlief.« - -»Der würde dir jetzt wenig ziemen,« versetzte die Alte, »denn Frau -Edith hat dir selbst das Lager bereitet.« Sie führte durch den Hof -zu einem stattlichen Bau, der wie eine große Laube aus Stein und -Holz errichtet war und zwei Gemächer nebeneinander enthielt; die -Wände des kleineren Raumes waren mit Teppichen bekleidet, der Boden -mit grünen Binsen bestreut, auf dem Lager weiche Kissen und eine -prachtvolle Decke, über welcher Greifen und andere gestickte Fabeltiere -einherschritten, an der Wand hing ein großes Kreuz, davor war ein -Betpult, eine große Wachskerze erhellte den Raum. Immo stand betroffen -in der Tür. »Ich rieche die Kirche,« rief er, denn ein Duft von -heiligem Räucherwerk erfüllte den Raum. - -»Der hochwürdige Herr von Magdeburg hat hier vor kurzem geruht,« -antwortete Gertrud, die Knie beugend. - -»Im Gastgemach des Hofes stehe ich, das den vornehmen Fremden bereitet -wird,« rief Immo traurig, »ich meinte in das Haus meiner Väter zu -kommen.« - -»Du dienst ja dem Himmelsgott schon hier auf Erden,« wiederholte -Gertrud die Worte der Herrin. »Unter uns andern Menschen bist du ja -nichts weiter als ein Gast, du armes Kind.« - -Immo winkte der Dienerin die Entlassung und als sie sich mit -Segenswünschen entfernt hatte, setzte er sich nieder und barg sein -Gesicht in den Händen, denn die Worte der Alten schnitten ihm in -das Herz; er merkte, daß sie recht hatte und daß er nur ein Gast im -Vaterhause war. - -Als er am Morgen erwachte, hörte er draußen an der Wand das -Schwalbenvolk schwatzen und singen, gerade wie in der Schule und -er wartete, daß die kleine Glocke am Michael läuten werde. Draußen -aber pfiff ein junger Knecht geschickt eine lustige Weise, die Immo -in seiner Kinderzeit oft gehört hatte. Da erkannte Immo wieder die -Heimat und er dachte vergnügt, daß der Knabe wohl einer Magd des -Hofes, die ihm lieb war, seinen Morgengruß zugerufen habe, was in dem -Kloster niemals geschah. Als er die Augen aufschlug, sah er, daß die -Lichtöffnungen seiner Fensterläden nicht in Kreuzesform geschnitten -waren wie im Kloster, sondern als runde Herzen, und ein großes Herz -voll Licht lag golden auf dem Fußboden. Da lachte er und sprang auf, -und während er sich anzog, nahm er sich vor geduldig zu sein und auch -Schmerzliches zu ertragen, bis er das Vertrauen der Brüder gewonnen -und bis er die Mutter mit seinen weltlichen Gedanken versöhnt hätte. -Und er fürchtete, daß dies ein schwerer Kampf sein werde. - -Nach dem gemeinsamen Frühmahl schürzte Frau Edith ihr Gewand, um in der -Wirtschaft nach dem Rechten zu sehen, und Immo gedachte des vertrauten -Briefes, den ihm Herr Bernheri für den Dienstmann auf der Wassenburg -übergeben hatte. Als er der Mutter bekannte, daß er dorthin reiten -werde, sahen die Brüder einander bedeutsam an und tauschten leise -Worte. Darum begann Immo freundlich zu Odo: »Überall sorgen die Leute, -daß ein großer Krieg bevorsteht, sage mir, mein Bruder, seid ihr für -König Heinrich oder Hezilo?« - -»Noch ist die Kriegsfahne nicht aufgesteckt,« versetzte Odo vorsichtig, -»wir aber hören aus der Ostmark, daß die Slawenherzöge rüsten und diese -sind für uns die nächste Sorge.« - -»Unter den Mönchen vernahm ich, daß die Böhmen sich dem Hezilo -verbündet haben, sicher weißt du, ob die Grafen der thüringischen und -sächsischen Mark den Böhmen widerstehen wollen.« - -»Wir vermuten,« antwortete Odo, »daß ihr Wille ist, ein Heer zum Schutz -der Grenze zu sammeln; dann hoffe ich, werden auch wir reiten.« - -»Sonst zog unser Wald zu dem Banner, welches der Vogt des Königs in -Erfurt aufsteckte,« warf Immo ein. - -»Ich aber meine,« versetzte Odo, »daß der Königsvogt sich nicht beeilen -wird, seine Burg zu verlassen und nach Süden zu ziehen, wenn an der -nahen Grenze der Kriegslärm erhoben wird. Bei uns denkt jeder daran, -sich im Hause zu wahren, denn einer mißtraut dem andern.« - -Immo schwieg gekränkt, denn er sah, daß auch die Brüder ihm -mißtrauten. Er rief deshalb den Knaben Gottfried und erbat von der -Mutter, daß dieser mit ihm reite. Auf dem Wege erzählte ihm der -Harmlose, was er bereits ahnte, daß die Mutter für König Heinrich -war, die Brüder aber für den Babenberger. Und noch mehr erfuhr er. -Auch seinetwegen war ein langer Kampf zwischen Mutter und Brüdern -gewesen, denn die Brüder hatten sich dagegen gesträubt, dem ältesten -die Mühlburg vor der Teilung zu überlassen, damit sie dem Stift des -Erzbischofs zufalle, und nur widerwillig hatten sie dem Ansehen -der Mutter nachgegeben. »Die Brüder hatten recht,« rief Immo dem -verwunderten Gottfried zu. Auf der Wassenburg wußte der alte Dienstmann -wenig vom Laufe der Welt, doch freute er sich des Briefes und besserte -auf Hugbalds Rat an den Mauern. Auch in Arnstadt, der dritten Burg, -welche das Kloster am Walde besetzt hielt, vermochte Immo nicht viel -zu erfahren. Da ritt er nach Erfurt zu dem Vogt des Königs, der seinem -Vater vertraut gewesen war; dort wurde er freundlich empfangen und -vernahm vieles, was dem Abt wertvoll sein mußte. Auch das Pergament zum -Briefe kaufte er in der Stadt und den Dienstmann Hugbald brachte er als -Gast nach dem Hofe, nachdem er ihm einen Wink gegeben hatte, über die -letzten Tage im Kloster zu schweigen. - -So vergingen die ersten Tage in der Heimat unter der Arbeit, die er -für Herrn Bernheri übernommen hatte. Er war wenig mit den Hofgenossen -zusammen, und Frau Edith erfreute sich an dem Eifer, den Immo für -seinen Abt bewies. Und als sie merkte, daß er in der Kemenate über dem -Pergament saß, ging sie selbst in den Hof und scheuchte die Mägde und -den Kranich mit seinem Hühnervolke in die entfernteste Ecke, damit kein -Geräusch die seltene Arbeit störe. - - - - -5. - -Die Trennung. - - -Immo trat zu seinen Brüdern, welche gewappnet, in der Eisenhaube die -Rosse sattelten. Das Herz lachte ihm, als die hochgewachsenen Knaben -sich so geschwind mit den Pferden tummelten. Da sah er, daß Odo den -weißen Sachsenhengst herausführte und ihm schoß das Blut nach dem -Haupte, aber er bewältigte die Erregung in Mönchsweise, indem er -schnell ein Vaterunser sprach; dann ging er an das Roß und sprach ihm -leise zu, das Tier spitzte die Ohren und wieherte. »Einst gehörte das -Pferd mir,« sagte er zu Odo, »und als ich schied, schenkte ich es -unserm Bruder Gottfried.« - -»Das tatest du,« versetzte Odo gleichmütig, »aber da es das beste Pferd -im Hofe ist und für die Zucht wertvoll, so reite ich es lieber selbst; -denn der Knabe ist unvorsichtig und tummelt sich wild, wo der Hengst zu -Schaden kommen könnte.« - -Immo schwieg, führte das Roß, welches ihm Herr Bernheri zur Reise -geschenkt hatte, aus dem Stall, sattelte es neben den andern und -begann: »Gefällt es euch, so reite ich mit.« - -Die Brüder sahen einander an, und Immo merkte, daß eine stille -Abweisung in ihren Blicken lag, endlich sprach Odo zu den andern: »Da -er als unser Bruder im Hofe weilt, so mögen wir es nicht wehren. Doch -nicht müßig reiten wir über das Feld, Immo, und für einen Gast aus der -lateinischen Schule wird es ein langer Ritt, denn wir streifen über die -Fluren wegen Sicherheit der Dörfer, sowohl in unserem Erbe als auch auf -dem Lande der Nachbarn nach altem Brauch.« - -»Ich kenne den Brauch,« versetzte Immo, »und möchte euch begleiten, wie -ich zuweilen unserm Vater gefolgt bin.« - -Odo nickte, aber Immo fühlte, daß es keine freundliche Einwilligung -war, und die jungen Adalmar und Arnfried sprachen leise zueinander und -lachten. - -»Wie kommt es, daß Gottfried uns nicht begleitet?« frug Immo auf dem -Roß. - -»Er trägt nicht den Schwertgurt,« versetzte Odo kurz. »Vorwärts,« und -in gestrecktem Lauf sprengten die Reiter aus dem Hofe. - -Die Brüder sahen von der Seite prüfend auf Immos Reitkunst. - -»Langgefesselt sind die hessischen Pferde,« begann Erwin spottend, -»übel steht ihnen die Bocknase.« - -»Hättet ihr dem Bruder ein Roß aus der Hofzucht geboten, wie sich -gebührte, so würde das fremde Gesicht euch nicht ärgern,« versetzte -Immo und sah so finster auf den Tadler, daß dieser zur Seite ausbog. - -»Ich habe nicht gehört, daß du uns das Begehren gestellt hast,« sagte -Odo trocken. - -»Freundlicher Sinn wartet bei dem, was sich geziemt, nicht auf die -Bitte,« entgegnete Immo. - -»Bei uns aber ist die Gewohnheit,« antwortete Odo, »daß der Gast am -liebsten das eigene Pferd besteigt, dessen Tugenden er vertraut.« - -»Ich lobe den Reiter,« rief Immo mit blitzenden Augen, »dem auch auf -einem mäßigen Pferde ein guter Sprung gelingt. Folgt mir, ihr Knaben.« -Er hob die Hand und setzte über Graben und Hecke, die sich längs dem -Wege hinzogen. Sogleich folgten die Brüder einer nach dem andern, -nur Odo ritt gleichmütig auf dem Wege weiter, und als die Reiter -zurücksprangen und lachend die aufgeregten Tiere zum Trabe bändigten, -sagte er kühl: »Wir haben heut einen langen Ritt und ein verstauchtes -Bein wird uns hindern.« Aber das schnelle Wesen Immos gefiel doch -den andern, sie wandten sich seitdem vertraulicher zu ihm und hörten -teilnehmend auf seinen Bericht über die Zucht der Klosterfüllen. - -So ritt die Schar in scharfem Trabe über die Fluren, voran Ortwin, -der Sprecher, zuletzt Erwin, der Marschalk. Nahten die Reiter dem -Wallgraben eines Dorfes, so blies Ortwin in ein Horn des Auerstiers, -das er am Riemen trug, und sie sprengten in die Dorfgasse vor den -Hof des Ortsmeisters, wo sie anhielten, bis der Mann heraustrat. -Verschieden waren Gruß und Fragen, wenn er ein Freier und wenn er ein -Höriger des Geschlechtes war. Auch in der Flur hemmten die Reiter den -Trab, wo Arbeiter auf dem Acker schafften oder wo Hirten weideten; -dann eilten auch diese heran und berichteten: ob fremdes Volk über die -Flur gestrichen, ob ein Diebstahl im Felde erkannt, ob ein Raubtier in -die Gehege gebrochen sei und ob ein Wanderer neue Kunde aus der Welt -zugetragen habe. Verwundert starrten die Landleute auf den fremden -Reiter, aber wenn sie ihn erkannten, traten sie mit lautem Zuruf heran -und boten ihm treuherzig die Hand, in den Dörfern drängten sich auch -die Weiber und Kinder um ihn, und Immo hatte zuweilen Mühe, sich aus -dem Haufen zu lösen, wenn Odo wartend nach ihm zurücksah. - -Über kahle Höhen und Gestrüpp ritten sie in einen alten Buchenwald -und wanden sich zwischen mächtigen Stämmen, an denen selten die Axt -klang, der Höhe zu. Dort gab Ortwin das Zeichen, aus der Tiefe vor -ihnen antwortete ein ähnlicher Hornruf und wildes Geheul von Hunden. -Die Reiter stiegen in ein Kesseltal hinab und sahen vor sich die -Hütte, welche der Sauhirt für den Sommer aus Stangenholz und Rinde -zusammengeschlagen hatte, und daneben das Gehege für die Schweine. Es -war ein düsterer Ort, in den Vertiefungen des aufgewühlten Bodens stand -sumpfiges Wasser, um welches sich die entblößten Baumwurzeln wie dicke -Schlangen dahinwanden; das Roß Immos schnaubte und scheute vor der -unholden Stätte. Ein riesiger Mann in einem Rock aus Fellen, mit hohen -Lederstrümpfen und Schuhen, an denen noch die Haare hingen, kniete auf -dem Boden, beschäftigt, einen toten Wolf abzubalgen. Er erhob sich, -scheuchte die anspringenden Hunde und begann mit finsterm Lächeln: »Den -alten Grauhund traf mein Holz diesen Morgen. Wollt ihr, daß die Herde -nicht zersprengt werde, so helft selbst die Wölfe schlagen, ihr Herren, -denn seit vielen Jahren haben sie nicht so arg zwischen den Hügeln -geheult als in diesem Sommer; ich allein mit den Knechten vermag ihrer -nicht Herr zu werden. Die Nachtgänger wissen, daß die Helden in der -Ebene sich zur Kampfheide rüsten und sie heulen nach ihrem Anteil an -Lebendem und Totem.« - -»Was hast du von der Herde verloren?« frug Odo. - -Der Knecht wies auf eingekerbte Zeichen an den Pfosten der Hütte. -»Die Waldweide wird gut,« sagte er kurz, »und ihr könnt den Schaden -ertragen. Ein fremdes Roß sehe ich,« fuhr er fort, »aber darüber zwei -Augen, die einst meinen Wald so gut kannten als ich.« - -»Sei gegrüßt, Eberhard,« rief Immo und faßte die Hand des Mannes. - -Eberhard musterte den Arm. »Es ist eine Herrenfaust. Kommst du -festzuhalten oder wegzugeben?« - -»Ich gedenke zu bewahren, was mir zufällt,« versetzte Immo. - -Da erhellte sich das Gesicht des Mannes und er rief: »Ich dachte -wohl, daß du von dem Glockenseil der Geschorenen zurückkehren -würdest. Denn du gehörst zum Walde, und hier merkt der Mann andere -Unsichtbare, welche ungern auf das Bimmeln der Ordorfer Glocke hören.« -Er betrachtete die Brüder und fuhr dann fort: »Sechs Söhne Irmfrieds -stehen vor mir und allen weide ich mit meinen Knaben ihre Herden. -Dennoch will ich wissen, wem ich selbst in Zukunft angehöre und ihr -sollt mir's kund tun.« - -Die Brüder sahen einander lächelnd an. »Du sollst es wissen nach der -Teilung.« - -»Meint ihr den alten Knecht gleich seiner Herde durchs Los einem -unter euch anzuwerfen? Anders gedenke ich meinen Herrn zu finden. -Steigt ab und folgt mir, ihr Jünglinge, denn ich will euch den Willen -eures Vaters verkünden.« Er führte hinter die Hütte zu dem stärksten -Eichbaum, den er mit Bündeln Astholz umschichtet hatte. »Seit acht -Jahren liegt das Astholz an dieser Stelle und jedes Jahr binde ich und -schichte ich aufs neue, damit das Holz vor fremden Augen verberge, was -mir das liebste Stück meiner Habe ist.« Als er geräumt hatte, sah man -an dem Stamme eine Waldaxt, die mit starkem Schwunge eingetrieben war. -»Diese Axt,« begann der Hirt, »schlug Herr Irmfried in den Baum, als -er das letzte Mal zu seinen Ebern kam. Damals bot er mir eine Hand zum -Abschiede, weil ich ihm ein treuer Knecht gewesen war, und die andere -Hand legte er auf mein Haupt. Ich frug unter seinen Händen: Herr, wenn -ihr nimmer heimkehrt, wem soll ich ferner dienen? Darauf sprach er: -Deiner Herrin Edith, solange sie dir das Brot hinaussendet und dir das -Lager bereiten läßt, wenn du im Winter zum Hofe kehrst. Ich antwortete: -das tue ich gern. Aber sieben Frischlinge laufen auf dem Hofe, und -wenn mich die wilden Gewalten des Waldes bis zu dem Tage verschonen, -an welchem ihnen die Eberzähne schießen, welchem der jungen soll ich -angehören? Laßt mich nur dem besten dienen.« »Wer der beste wird, weiß -nur der Christengott, versetzte der Herr, nicht ich. Herr, sagte ich -dagegen, der stärkste ist mir im Walde der beste. Da sprach der Herr: -Wenn der Tag kommt, wo die Sieben miteinander zu deinem Baum treten, so -nimm diese Axt, neu geschärft und mit neuem Stiel, und biete sie meinen -Söhnen dar, damit jeder von ihnen die Axt in diesen Baum schlage, mit -dem besten Schwunge, den er vermag, der jüngste zuerst, der älteste -zuletzt, so wie ich sie jetzt schlage. Und siebenmal sollst du selbst -die geschwungene Axt aus dem Holz reißen, dabei prüfe, welcher von -meinen Knaben am schärfsten schlägt; und der dir selbst als der -stärkste erscheint, dem magst du dienen. Da hob Herr Irmfried seine -Axt aus dem Sattelgurt und schlug sie in den Stamm, so wie sie jetzt -noch hängt.« Die Jünglinge traten neugierig an die Waffe des Vaters. -Der Alte aber stellte sich abwehrend davor und fuhr mit gehobenen Armen -fort: »So bezeuge der Eichbaum und bezeuge die Herrenaxt, daß Held -Irmfried mir solches Versprechen getan hat. Vor meinen Zeugen frage ich -euch, ihr Söhne des Toten, ob ihr den Willen eures Vaters zu ehren -gedenkt oder nicht.« - -»Wir gedenken seines Willens,« antwortete Odo. - -»So helft auch mir, daß ich darnach zu tun vermag. Achtmal hat das Laub -gegrünt, niemand hat die Axt gehoben; das Eisen ist verrostet, das Holz -ist herumgewachsen, ich selbst hütete sorglich meine Zeugen an ihrer -Stelle. Jetzt aber naht die Zeit, wo ihr Sieben zu euren Tagen kommt -und im Schwertgurt das Erbe eures Vaters teilen werdet. Für diesen Tag -muß ich den Stiel schnitzen und das Eisen schärfen und darum will ich, -daß heut einer von euch die Herrenaxt heraushebe und mir in die Hand -lege, damit ich mein Recht gewinnen kann.« - -Da rief der junge Adalmar nach dem Axtstiel greifend: »Gefällt es euch, -Brüder, so schärfe der Knecht zur Stelle die Schneide und heut schon -prüfen wir die Kraft, damit er seinen Willen habe.« - -»Mir aber gefällt es nicht, daß ihr leichtherzig an dem Stiele zerrt,« -versetzte der Sauhirt finster. »Nicht alle seid ihr versammelt, -der jüngste ist noch ein Kindlein und ganz richtig begehre ich die -Herrenwahl, wie euer Vater gebot. Heut will ich selbst einen von euch -rufen, der zuerst nach seinem Vater den Stiel erfassen soll.« - -Odo antwortete: »Wenn dein Ruf nur ein Spiel sein soll, das dir -gefällt, so spreche ich nicht dawider.« - -Da sprach der Hirt: »Ich aber wähle die Hand, die von Wolfsblut rot -ist. Denn du, Immo, warst der einzige, der dem alten Knechte die Hand -gereicht hat, wie dein Vater tat. Tritt an den Stamm und zucke dreimal, -dann weiche zurück.« - -Immo trat herzu und rückte gewaltig am Holzgriff. Beim dritten Zuge -brach der Stiel, Immo aber riß das Eisen aus dem Baume, daß es auf -den Grund fiel. Da hob der Alte das Eisen auf und betrachtete es -kopfschüttelnd: »Eine Vorbedeutung erkenne ich für dich selbst, Immo; -fest ist dein Griff, mit dem du die Herrschaft erwirbst, doch hüte -dich, daß sie dir nicht bei hastiger Tat entgleite. Ich aber bewahre -die Axt bis zu dem Tage, an dem sich der Knecht seinen Herrn sucht.« - -Der Alte kehrte zu dem Wolfsbalg zurück, die Brüder schwangen sich auf -die Rosse. Aus der Markung ihrer eigenen Dörfer führte Ortwin die Schar -auf fremden Grund. - -Wenige Wegstunden nordwärts umgab der Nessebach mit Teichen und -sumpfigem Moor wie ein großer Wallgraben andere Höhen, an welchen -fruchtbares Ackerland unter lichtem Laubwald lag. Auch dort waren -alte Wohnstätten der Thüringe, während hinter ihnen im Norden viele -angesiedelte Franken saßen, welchen der Graf von Tonna gebot; die -Bauern vom Moor der Nesse aber hielten sich gern zu ihren Landgenossen -am Walde. Sie waren stolz auf ihre Freiheit und wurden von den -Dienstmannen des Grafen als altväterisch in Bräuchen und Bewaffnung -verspottet. Denn sie zogen ungern zu Rosse ins Feld, auch wenn sie es -vermochten. Aber sie waren auch als trotzige Gesellen in der ganzen -Gegend gefürchtet und man wußte, daß sie in Kriegsfahrten starke Fäuste -bewährt hatten. - -Seit alter Zeit bestand zwischen ihnen und dem Geschlecht des Irmfried, -welches um die roten Berge wohnte, ein gutes Vernehmen. Niemand wußte -zu sagen, woher das Bündnis kam, es war seit je gewesen und die Weisen -sagten, daß es schon lange bestanden hatte, bevor die Ungarn ins Land -brachen. Und es war ein alter Brauch, daß das Geschlecht Irmfrieds -bei allen Fehden, welche die Dörfer mit den Nachbarn hatten und auch -bei Missetaten, über welche das Geschrei erhoben wurde, im Eisenhemd -herzuritt und mit den Freien dort gemeinsam die Abwehr und Rache -betrieb; dafür zog auch die Jugend der Dörfer dem Geschlecht mit Speer -und Bogen zu Hilfe, wenn dieses mit andern verfeindet war. Diese gute -Nachbarschaft war den Grafen und den geistlichen Herren unlieb. Denn -die Landleute wehrten sich trotziger gegen jede neue Last, welche -die Grafen auflegen wollten, und man sagte ihnen nach, daß sie auch -heimlich abseits von dem Grafenstuhl untereinander Urteil fänden gegen -ihresgleichen in schweren Fällen. - -Als die Reiter dem ersten Dorfe nahten, erhob Ortwin den Horngesang -und sie fanden an Tor und Brücke die Alten des Dorfes aufgestellt. Odo -ritt vor und wechselte mit ihnen alte Sprüche, welche den Freien am -Walde eigen waren und anderen ungebräuchlich. »Im Sonnenschein, beim -Wandel des Mondes, unter glitzerndem und fallendem Stern kommen wir zu -euch wegen Recht und Rache.« Worauf die Bauern antworteten: »So grüße -euch die Sonne, der Mond und der lichte Morgenstern, seid willkommen in -unserer Burg.« Und als die Reiter abgestiegen waren, wurde ihnen ein -Trunk gereicht und den Rossen Hafer in kleinen Krippen, dabei sagte ein -alter Bauer: »Freiwillig reitet ihr und freiwillig schütten wir den -Hafer,« worauf Odo antwortete: »Und wenn wir nicht ritten, dann würdet -ihr reiten und wir würden euch den Hafer schütten.« Darauf besprach -sich Odo heimlich mit den Alten und die Schar brach zum nächsten Dorfe -auf. - -Als sie aus einem Gehölz herab kamen, um den Bach zu durchreiten, -sahen sie vor sich eine hohe Rauchwolke aus niedergebranntem Hause -aufsteigen. Ortwin hielt und rückwärts gewandt sah er seinen Bruder -Odo bedeutungsvoll an, dieser nickte und die andern Brüder tauschten -leise Worte. Als sie nun weiter hinunterkamen zum Rand des Baches, -fanden sie die Furt durch einen Wagen gesperrt, Hausrat, Leinwand und -Kleider lagen unordentlich und halbverbrannt darauf. Ein bleiches, -vergrämtes Weib hockte auf dem Sitz und hielt ein schreiendes Kind in -den Armen, während der Mann mit verstörtem Gesicht und geschwärzten -Händen vergebens auf sein Pferd schlug, damit das kraftlose Tier aus -dem strudelnden Wasser die Höhe gewinne. Der Mann grüßte die Reiter -mit scheuem Blick, aber gleich darauf rief er kläglich um Hilfe. Doch -Odo wandte das Pferd ab und die Brüder sprengten aufwärts zu einer -andern Stelle des Baches, ohne den Gruß des Mannes zu erwidern und -seine Not zu beachten. Immo, der im Kloster gewöhnt war, den Armen und -Notleidenden Mitleid zu erweisen, sprach den Brüdern zu: »Schmählich -ist es, wegzureiten, während der Arme mit Weib und Kind im Wasser -ringt.« Odo rief herrisch zurück: »Soll ich dir Gutes raten, so folge -uns, ohne diesen anzureden.« - -»Pfui über euch,« rief Immo wieder, »daß ihr ein Weib und Kind in der -Angst zurücklaßt.« Er sprang ab, band sein Pferd an einen Baum und -watete in das tiefe Wasser. »Treibe noch einmal,« riet er dem Manne und -griff selbst mit voller Kraft in die Räder, die Peitsche knallte, der -Mann schrie und mit Hilfe des Starken gelang es, den Karren aus dem -Bach heraufzuführen. »Wer bist du?« frug Immo, »und warum entfährst du -hilflos der Feuerstätte?« - -»Hunold bin ich genannt, wir gehören dem großen Bischof zu Erfurt. -Sein Vogt hat mich auf neuer Rodung angesiedelt, im Frühjahr haben -seine Leute mir geholfen, die Hütte zu bauen. In dieser Nacht wurde -sie mir niedergesengt und als der Hund in der Stube bellte und ich -erwachte, war die Tür von außen verschlagen. Mit der Axt mußte ich sie -unter loderndem Feuer aufbrechen, um diese zu retten. Einsam blieb ich -während des Mordbrandes, kein Notschrei führte mir einen Helfer zu.« - -»Und wo willst du hin, Unglücklicher?« - -»Hinweg von hier, die Flur ist unheimlich für Fremde; den Herrn Vogt -will ich anflehen, daß er mich ansiedle, wo es auch sei, nur weit -von hier. Beschwerlich ist ein Lager unter den Disteln.« Das Weib -heulte und das Kind schrie, Immo griff in den Beutel, den ihm der Abt -geschenkt hatte und legte der Frau eine Handvoll runden Silberblechs -in den Schoß. »Aus dem Kloster seid ihr blanken, und in Klosterweise -streue ich euch aus,« sagte er gutherzig. Er schüttelte sich das Wasser -aus dem triefenden Gewande, sprang in den Sattel und ritt den Brüdern -in gestrecktem Laufe nach. Als er ihre Schar erreichte, warfen die -andern finstere Blicke auf ihn und wandten die Gesichter ab. - -»Seit wann beschützen die Söhne Irmfrieds den nächtlichen Mordbrand?« -frug Immo zu Odo reitend verächtlich. - -»Nicht wir haben das Feuer entzündet,« versetzte Odo. »Kränkt dich, -daß wir von einem Vogelfreien abwärts ritten, so kränkt uns deine -hilfreiche Hand.« - -»Galt euch der Mann als vogelfrei, so lobe ich den Brauch nicht, ihm -Weib und Kind zu sengen.« - -»Führt der Hahn sein Volk in die Burg des Fuchses, so büßt es Henne und -Huhn. Ich riet dir nicht, unserm Ritt zu folgen.« - -»Unwillkommen ist der Mahner,« rief Ortwin, »der unsere Bräuche nicht -kennt.« - -Und Erwin: »Dünkst du dich klüger als deine Landsleute, so wärst du -besser bei den Mönchen geblieben.« - -»Kommst du uns Mönchslehre zu geben,« spottete Adalmar, »so wirst du -hier eine demütige Gemeinde nicht finden.« - -»Wie die Eule schreist du deinen Warnungsruf und dein Gesang klingt -widerwärtig im Lande,« höhnte auch der junge Arnfried. - -»Daß ich der älteste unter euch bin,« versetzte Immo sich hoch im -Sattel aufrichtend, »das will ich euch, ihr zuchtlosen Knaben, bewähren -durch meine Lehre, die ihr mit Achtung hören mögt, und durch die Faust, -mit der ich die Ungehorsamen strafe.« Sein Roß setzte im Sprunge -zwischen die Schreier und so gebieterisch war seine Haltung, daß die -Jüngeren verstummten. - -»Du irrst, Immo,« begann Odo, »nicht du bist der erste im Hofe und auf -unserer Flur, und nicht dir kommt es zu, die Knaben zu ziehen, sondern -mir. Denn ich bin, da der Oheim uns verfeindet ist, der älteste des -Geschlechts, welcher ein Schwert trägt und auf Heldenwerk denkt, du -aber wirst ein betender Pfaffe.« - -»Ob ich dereinst ein geistliches Gewand tragen werde oder nicht, jetzt -führe ich mein Schwert wie ihr, und die Ehre des Ältesten fordere ich -als mein Recht, das nicht du und kein anderer mir nehmen soll.« - -»Nicht die Jahre allein zählen wir, auch die Taten des Mannes,« -antwortete Odo. »Während du auf der Schülerbank saßest, zog ich mit -deinen Brüdern zum Kampf. Viermal hielt ich die Schildfessel im -Grenzkriege gegen die Slawen, auch deine jüngeren Brüder sind mehr als -einmal auf die Kampfheide geritten. Wo sind die Heldentaten, deren du -dich rühmen kannst?« - -»Ihr sahet zu, wenn Häuser brannten und Weiber in der Not ihre Arme -hoben. Wenig vermag ich eure Kriegstaten zu loben,« rief Immo. »Fahret -dahin auf eurem Wege, ich finde den meinen allein.« Er wendete zornig -sein Roß und ritt seitwärts über die Flur. - -Als Immo in beschwertem Mute dahin fuhr, hörte er aus der Ferne -kunstvollen Peitschenknall, einen Gruß, den er wohl kannte. Er sprengte -über das Brachfeld zu dem Acker, den Brunico, der Bruder des Mönches -Rigbert, mit den Ochsen des Vaters pflügte. Der junge Landmann hielt -an, Immo streckte schon von weitem die Hand aus, den Jugendgespielen zu -begrüßen. »Denkst du der Reden,« sprach Immo, »die wir einst in unserm -Hofe tauschten; daß wir miteinander im Eisenhemd reiten wollten?« - -Brunico nickte. »Langsam wandeln die Ochsen und langweilig dünkt mich -die Schollen zu treten.« - -»Ich komme dich mahnen, ob du mit mir zum Heere des Königs ziehen -willst als mein vertrauter Mann, der sich mir für die Schwertreise -gelobt.« - -Die Augen Brunicos glänzten. »Wenn der König und der Markgraf nur noch -ein Jahr warten wollten, bevor sie aufeinander losschlagen, so wäre das -besser wegen des Hengstes, auf dem ich dich begleiten will. Denn das -Roß ist noch jung für die Kriegsfahrt. Ich selber bin meines Vaters -Sohn und sitze an seiner Bank. Und wenn ich auch etwas tun will, so bin -ich doch der Worte nicht mächtig, um den Alten zu bereden; das mußt du -wagen. Und dann gibt es noch jemanden, den ich gern darum früge.« - -»Ist die Jungfrau aus eurem Dorfe?« frug Immo lächelnd. - -Brunico schüttelte das Haupt und wies nach Osten. »Weiter aufwärts am -Bach. In der nächsten Nacht hole ich dort Bescheid.« - -Als Immo die Schar der Brüder aus dem Dorfe reiten sah, lenkte er sein -Pferd dem Hofe des Baldhard zu. Der Bauer stand in seinem Hoftor. »Sei -gegrüßt, Immo,« rief er ihm zu, »einem Helden gleichst du auf deinem -Rosse, reite ein, damit du der Mutter von ihrem Kinde erzählen kannst.« - -Immo saß zwischen den beiden Alten und vertraulicher als gegen sein -eigenes Geschlecht sprach er zu ihnen vom Kloster und von der treuen -Gesinnung des Rigbert. Frau Sunihild trug auf, was sie vermochte, -um den Gast zu ehren und pries ihn glücklich, daß er den Heiligen -dienen sollte; doch in der Miene des Hausherrn erkannte Immo trotz der -gutherzigen Weise eine Unzufriedenheit. »Manches Mal hast du mir Gutes -geraten, Vater,« begann Immo, »auch heute begehre ich etwas von dir, -was meiner Zukunft nützen soll.« - -»Willst du Geheimes von mir hören,« versetzte der Alte, »so tritt -hinaus ins Freie, denn der Wind, der über das Halmfeld weht, verträgt -geheime Worte besser als die hallende Hauswand.« Baldhard führte seinen -Gast aus der Niederung nach der alten Grenzeiche, die auf freier Höhe -weit im Lande sichtbar stand. »Du kennst die Sage,« begann der Alte, -»welche verkündet, daß um diese Eiche vorzeiten ein Lindwurm gehaust -hat, welcher Feuer in die Höfe trug und sich die Menschen zum Fraß -raubte, bis einmal ein starker Held mit seinem kleinen Sohn des Weges -kam. Dieser setzte seinen Sohn auf einen Stein, und als der Arge -herankam, das Kind zu holen, erlegte der Held den Wurm, aber ihn -selbst verbrannte die flammende Lohe, welche aus dem Rachen des Untiers -kam. Ein Weib aus unserm Dorfe drang mutig zu der Stätte, sie fand den -Helden tot, den Knaben unversehrt unter brennendem Holz und versengtem -Gras. Unsere Väter meinen, der Knabe sei von deinem Geschlecht gewesen -und das Weib, welches ihn bewahrte und erzog, von meinem. Darum ist -dies die Stelle, wo ich mit dir am liebsten vertraulich reden will.« -Er trat unter die Eiche, wies nordwärts über die große Flur seines -Dorfes und die benachbarten Markungen und begann: »So weit du hier das -Land siehst, war einst alles freies Erbe handfester Männer, siehe zu, -was die Kirche und die Grafen daraus gemacht haben. In allen Dörfern -liegen jetzt die Hufen unter verschiedenem Recht. Viele gehören den -Mönchen deines Klosters, andere den Mönchen von Fulda, noch mehrere -dem Erzbischof von Mainz, und was am leidigsten ist, viele auch den -gräflichen Dienstmannen. Diese sitzen unter uns und sperren, wenn -sie es vermögen, ihre Höfe mit einem Graben gegen das Dorf, obgleich -sie vielleicht als unfreie Leute unter der Faust der Grafen stehen. -Völlig zerrissen ist die Gemeinschaft der Dorfgenossen, schon sind -an vielen Stätten unseres Stammes die Freien in der Minderzahl, -alljährlich verschlingen die Kirche oder fremde Gebieter mehr von -unsern Hufen und Behausungen. Wie sollen die Landleute noch zusammen -halten, wenn sie von allerlei Herren Befehle empfangen und um die -Gunst Verschiedener zu sorgen haben. Keine Dorflinde kenne ich, unter -welcher der Friede bewahrt wird, bei jeder Fehde der Großen streiten -die Genossen desselben Dorfes gegeneinander und über jede Flur reiten -fremde Herrenrosse. Wer aber mächtig ist, ob er die Kutte trägt oder -den Schwertgurt, der weiß sich auszubreiten, wenn er sich einmal in -einer Flur eingenistet hat. In unserem Dorf mißlang es den Fremden -bisher noch, in den Bund der Freien einzudringen. Denn wenn die Grafen -wider das Recht im Gemeindeholz gerodet hatten, um ihre Leibeigenen -anzusiedeln, so weigerten unsere Knaben den Unfreien Gruß und Verkehr -auf dem Anger und verbrannten bei Nacht die neuen Hütten.« Er sah mit -einem wilden Blick nach der Seite, von welcher die Rauchsäule aufstieg. -»Ich selbst habe einen Sohn auf den Altar gelegt, weil die Mutter -das weinend von mir erbat, und ich hoffe, die Gabe wird den Heiligen -willkommen sein. Auch bin ich nicht säumig, dem Kloster Spenden zu -geben, und mehr als ein Füllen und manches junge Rind habe ich nach -Ordorf geführt. Aber das Land, auf dem wir im Herrenschuh schreiten, -wollen wir, soweit es uns noch geblieben ist, vor den begehrlichen -Mönchen bewahren, obgleich sie uns viel Günstiges in der großen -Wolkenburg verheißen. Darum vernahmen wir Landleute mit Trauer, daß dein -Geschlecht um deinetwillen eine gute Burg der Kirche übergeben will. -Denn wir gedenken wohl, daß die roten Berge zur Zeit unserer Väter -der ganzen Landschaft vor den wilden Ungarn Zuflucht gewährt haben. -Damals lagen die Weiber und Kinder und das Herdenvieh unserer Dörfer in -eurem Bergwall und die Männer verschanzten die Talwege und die Höhen -mit Verhau und Wasser und wehrten den Einbruch der grausamen Heiden -siegreich ab. Damals öffnete dein Geschlecht uns die rettende Burg und -seine Helden geboten im Kampfe. Jetzt aber sollen die Pfaffen dort -herrschen und niemand weiß, wem sie bei einer Fehde anhängen werden.« - -Immo ergriff die Hand des Bauern. »Vater, so wie du, denke auch ich. -Wenn ich es zu hindern vermag, soll kein Geschorener auf der Mühlburg -gebieten, nicht der Erzbischof und nicht ein anderer.« - -»Du selbst aber bist der Kirche verlobt?« frug Baldhard erstaunt. - -»Als Kriegsmann will ich zu König Heinrich reiten, wie sehr auch meine -Mutter traure, und grade deshalb komme ich zu dir.« - -»Wahrlich,« rief der Bauer, dem Jüngling kräftig die Hand drückend, -»jetzt gefällst du mir ganz und gar, Immo, und ich hoffe auch, obwohl -du jung bist, daß du diesen Sinn bewahrst und in deinem Leben allem -Herrendienst widerstehst.« - -»Gefällt dir was ich will, mein Vater,« fuhr Immo fort, »so hilf mir -auch, daß ich's ausführe. Denn nicht als Einzelner möchte ich dem König -zuziehen, sondern mit der Jugend unserer Dörfer. Auch deinen Sohn -Brunico, der einst mein Gespiele war, erbitte ich von dir für die erste -Schwertreise.« - -Baldhards Gesicht zog sich ernst zusammen und er überlegte lange, bevor -er entgegnete: »Willst du mit einem Gefolge, wie dir geziemt, zum Heer -des Königs reisen, so siehe zu, ob dir manche unserer jungen Männer -mit freiem Willen folgen, ich wehre dir's nicht und ich spreche nicht -dagegen. Doch einen Heerdienst über das harte Maß, welches uns ohnedies -aufgelegt ist, vermag ich auch nicht zu loben.« - -»Vielleicht gefällt dir der Zug besser, mein Vater,« beredete Immo, -»wenn du selbst an das denkst, was wir an deinem Herde über den bösen -Willen der thüringischen Grafen sprachen. Denn ist der König in -Bedrängnis durch die Untreue der Großen, so wird er es rühmen, wenn -die freien Waldleute ihm jetzt ihre Treue beweisen und darum mag der -Zug euch in Zukunft frommen gegen die Grafen.« - -»Verständig sprichst du, um mich zu überreden,« versetzte der Alte, -»aber wer mehr tut als ihm obliegt, der wagt vielleicht auch mehr als -ihm recht ist. Wenn der König seinen Feinden unterliegt, dann würden -wir's büßen, daß wir mehr Eifer gezeigt haben, als uns geboten war. -Darum dürfen unsere Knaben nur als Freigänger der Donau zuziehen, auf -ihre eigene Gefahr und ohne Ladung der Gemeinde. Nützt uns ihr Zug -beim Könige, so haben wir den Vorteil, im andern Falle tragen sie den -Schaden. Ich sehe auch ungern, daß du meinen jüngsten Knaben zu deinem -Roßdienst werben willst und ich würde dir ihn am liebsten versagen. -Aber ich gedenke, daß es mir nützen kann, wenn mein Geschlecht sich dem -deinen wert erhält. Auch der Kriegskunst des Knaben kann es frommen, -daß er einmal an deiner Seite sich im Schwertdienst übt. Dennoch -fürchte ich für ihn die Verführung. Denn wenn er mit dir unter dem -Rittervolk dahinfährt, werden ihm die roten Strümpfe der fränkischen -Dienstmannen und ihr weißer Schwertgurt vielleicht gefallen und er -wird fortan lieber den Speer halten als den Pflugsterz. Ich aber kann -nicht ertragen, daß der ehrliche Bau in unserer Flur ihm verleidet -wird. Darum gelobe mir, daß du meinen Knaben nur auf Jahr und Tag an -dich bindest und daß du ihm, soweit du vermagst, sein Heimatsdorf lieb -erhältst und auch die Peitsche, mit welcher er einst auf seinem freien -Erbe über Rinder und Rosse gebieten soll.« - -Das gelobte Immo und in gutem Einvernehmen verhandelten beide über die -Fahrt zum König. - -Als Letzter kehrte Immo am Abend in den Saal zurück, die Brüder saßen -zusammen an der Bank, beachteten seinen Eintritt wenig und sprachen -leise miteinander. Immo sah finster über sie weg, begrüßte die Mutter, -welche auf ihrem Stuhl seine Ankunft erwartet hatte, und setzte sich -abseits. Ihm gegenüber hingen an der Wand die Rüstungen, welche sein -Vater als Siegeszeichen aus dem Kriege heimgebracht hatte, daneben -auch Slawenschwerter und Streitkeulen, die er noch nicht kannte. Er -wußte, es waren Beutestücke seiner jüngeren Brüder. Da wurde ihm der -Sinn noch mehr beschwert; er trat an eine Rüstung seiner Ahnen, hob das -Schwert vom Pflock, trug es zu seinem Sitz, zog es aus der Scheide, -prüfte seine Schärfe und legte es neben sich. Odo stand schweigend -auf, nahm die Waffe weg und schritt zu dem Nagel, um sie aufzuhängen. -Da fuhr Immo empor, riß dem Bruder das Schwert aus der Hand und rief: -»Unheil bringe dir der Griff nach meiner Waffe, denn dies Erbstück des -Geschlechtes fällt nach dem Brauch dem Ältesten zu.« - -»Vielleicht dem ältesten Kriegsmann,« versetzte Odo, »der aber bist -du nicht. Besseres hat das gute Eisen verdient als an der Seite -eines Pfaffen zu hängen, der das Schwert nur trägt, wenn es seines -geschorenen Haares vergißt.« - -»Versuche es zu nehmen,« rief Immo, »so sollst du selbst erfahren, ob -meine Hand es zu schwingen vermag.« - -Gertrud, die zu den Füßen der Herrin saß, tat einen gellenden Schrei. -Edith erhob sich aus ihren Gedanken und als sie die Brüder kampflustig -gegeneinander sah, wurde ihr Antlitz totenbleich und sie stürzte -zwischen die Hadernden: »Gib mir die Waffe, Immo,« rief sie und faßte -die Scheide, »Unheil hängt an dem Eisen.« Sie löste die Waffe aus der -Hand des Sohnes. »Wisset, ihr Zornigen, euer Vater selbst mied das -Schwert, denn er trug es an einem Tage, der ihn oft gereut hat. Und als -ein Unglückszeichen hängt es seitdem ungebraucht an der Wand. Harret -der Zeit, wo das Los geworfen wird über diese und andere Habe, ich -meine, keiner von euch wird dann noch lüstern sein, die Waffe an sich -zu reißen.« Sie hing das Schwert an den Pflock und trat zu ihrem Sitz -zurück, während die Söhne voneinander abgewandt gegen ihren Unwillen -rangen. - -Die Mutter, in deren Antlitz noch der Schrecken zuckte, gebot von -der Höhe: »Töricht war euer Streit. Den Frieden des Hauses habt ihr -gebrochen, gleich unbändigen Knaben widerstrebt ihr einander. Reichet -euch die Hand zur Versöhnung, damit auch ich euren Frevel vergesse.« -Und da die Söhne unbeweglich standen, rief sie mit flammenden Augen: -»Du zuerst, Immo, ich befehle es.« Widerwillig streckte Immo die Hand -aus, die Odo ebenso ergriff. Ein langes unbehagliches Schweigen folgte, -endlich begann Edith: »Sage mir, Immo, wie kommt es doch, daß du zu -deiner Mutter so gar nicht von dem Kloster sprichst und von deiner -Lehrzeit.« - -»Du selbst weißt, Mutter, daß es nicht ziemet, die Geheimnisse des -Klosters kund zu tun.« - -»Ist denn alles geheim, was ein Schüler dort erfährt?« frug die Mutter. -»Ich meine, nur die Mönche sind gebunden.« - -»Auch mich bindet ein Gelöbnis, das ich vor Herrn Bernheri getan,« -versetzte Immo. - -»Dann lobe ich dein Schweigen,« fuhr Edith fort, »doch laß die Mutter -noch eine Frage tun, wie kommt es doch, daß du die frommen Väter zu -Ordorf nicht begrüßt hast, da du doch sonst jeden Tag durch die Flur -reitest? Mancher von ihnen kennt dich aus dem Kloster und von früher -her, und mehr als einer will dir wohl. Und daß ich dir alles sage, -der Magister war heut in unserm Hofe, deinetwegen kam er hierher und -er klagte, daß die Väter und die Scholastiker in seiner Zelle sich -beschwert fühlen, weil du dich von ihnen fern hältst, obgleich du doch -auf der Wassenburg mit den Dienstmannen verkehrt hast.« - -»Gute Kundschaft haben die Mönche,« entgegnete Immo bitter, »und -neugierig schleichen sie hin und her.« - -»Du hast unrecht,« versetzte Edith, »guten Leumund haben sie im Lande.« -Da Immo schwieg, fuhr sie fort: »Der Magister klagte, daß ein Bruder, -der von dem großen Mann Tutilo gesandt ist, schwere Kunde aus dem -Kloster gebracht habe. Von hartem Zwist der Mönche sprach er und daß -viele aus dem Kloster scheiden wollten. Auch dem Boten des Tutilo lag -es sehr am Herzen, daß du in die Zelle nach Ordorf kämest.« - -»Wenn ein Bote Tutilos mich ladet,« rief Immo, »so wird er vergeblich -harren. Er mag seine Botschaft, wenn er es wagt, hierher zu meinem -Ohr tragen.« Immo schritt aus der Halle in Mißbehagen und Sorge. Er -gedachte einer guten Lehre des Bertram, die er nicht befolgt hatte. -Weil er der Mutter und den Brüdern am ersten Tag seinen Willen -verborgen hatte, fand er sich in Widerwärtigkeiten verstrickt. Auf -den Beifall der Brüder durfte er nicht mehr hoffen und das Herzeleid -der Mutter ängstigte ihn jetzt viel mehr als auf der Reise. Dennoch -erkannte er, daß er seinen kriegerischen Sinn nicht länger bergen -durfte, und er beschloß, am nächsten Tage sich zuerst den Brüdern -mit versöhnlichem Gemüt zu eröffnen und darauf der lieben Mutter. -Als er aber nach wortkargem Abend in seinem Schlafgemach wieder den -Weihrauch roch und die Kerze und die gestickte Herrendecke sah, da -bedrängte ihn die Ehre schwer, und auch am andern Morgen machten ihm -die zwitschernden Vögel und der pfeifende Knabe das gepreßte Herz nicht -leichter. - - * * * * * - -Auf einem Vorsprunge des Mühlbergs waren die streitbaren Söhne -Irmfrieds versammelt, dazu die Dienstmannen, welche die Burg und die -Warttürme der nächsten Höhen besetzt hielten. Hinter den Männern erhob -sich die starke Burgmauer, welche die beiden Türme und das hohe Dach -eines Herrensaals umschloß, seitwärts ragten die Gipfel und Bergleiten -des langgezogenen Ringwalls. Grade unter dem Vorsprung war der Ring -gegen das Tal geöffnet, gegenüber dem Mühlberg stand ein hoher Vorberg, -gekrönt mit festem Turme, die beiden Höhen beschützten gleich Schanzen -den Zugang. Durch die Talöffnung dazwischen warf die Abendsonne -ihr Licht in die umschlossene Tiefe, auf Ackerstücke und Wiesen, -und auf den großen mit hohem Rohr bewachsenen Teich, über welchem -dichte Schwärme von Staren und Wasservögeln auf- und niederflogen -in unaufhörlichem Schwatzen und Zanken. Hoch aber über ihnen zogen -zwei Bergadler ihre Kreise, bis sie in die Wolken der flatternden -Vögel hinabstießen, ihre Beute zu holen, dann schrie und rauschte der -ungeheure Schwarm und stob in wildem Getümmel auseinander. - -Immo stand seinen Brüdern gegenüber. Er sagte ihnen, daß er für die -Tage seiner Zukunft den Schwertgurt gewählt habe statt der Stola, und -er bat sie mit herzlichen Worten, ihn als Bruder in ihre Genossenschaft -zu nehmen und ihm als sein Recht die Ehren des Ältesten zu gewähren und -seinen Anteil am Erbe. Er gestand ihnen auch, daß er dem König zuziehen -wolle, und daß seine Ehre nicht gestatte, als Landloser unter den -andern Edlen zu reiten. - -Als er seinen Willen verkündete, ein Kriegsmann zu werden, riefen -ihm die Dienstmannen Heil und schlugen ihre Waffen zusammen, die -Brüder aber standen mit umwölkter Stirn und waren nicht willig ihm -nachzugeben. Endlich begann Odo: »Hat sich dein Sinn so gewandelt, daß -du gegen den Willen der Eltern ein Kriegsmann werden willst, so siehe -zu, wie du dich vor unserer Mutter entschuldigst. Darüber mit dir zu -rechten, steht uns Brüdern nicht zu. Die Teilung des Vatererbes aber -vollbringen wir erst in Jahr und Tag, wenn das Kind Gottfried sein -Schwert trägt und bei der Teilung als Jüngster sein Recht ausüben darf, -vorweg zu wählen. Denn so ist es beschlossen und wir alle haben uns -seither in der Gemeinschaft wohl befunden. Die Mühlburg hatten wir -widerwillig auf das Bitten der Mutter von dem Erbteil ausgeschieden, -doch nur für den Fall, daß du die Pflicht der Weihen über dich nimmst, -welche das Geschlecht dir aufgelegt hat. Weigerst du dich, dein Haupt -zu scheren, so bestehen wir andern darauf, daß die Burg uns allen -gemeinsam bleibe bis zur Teilung. Die Herrschaft aber im Geschlechte -über Dienstmannen und Höfe gestehen wir dir nicht zu, obgleich du an -Jahren der älteste bist, denn aus dem Kloster kommst du, fremd dem -Lande und fremd kriegerischer Sitte, und wir vermögen keinem, der von -der Schülerbank entlief, die Sorge um unser Wohl und Wehe zu übergeben. -Ziehe du dem Heere des Königs zu, wenn dich der Wunsch übermächtig -treibt, versuche, ob du dort als Ältester Ehre gewinnst. Im Walde aber -und im Tale der Heimat behaupte ich bis zur Teilung mein Recht, die -Brüder und Mannen zu führen.« - -Immos Hand ballte sich und das Blut schoß ihm zum Haupte, aber -Berthold, der alte Dienstmann, welcher in der Mühlburg gebot, trat -schnell in den Ring und begann gegen Odo: »Traurig ist dieser Tag für -einen Alten, der euch beide auf dem Arme hielt, als ihr noch lachende -Kinder waret. Euch Herrensöhnen steht wohl an, heiß nach Ehre und -Macht zu streben, doch hörte ich den Mann noch höher rühmen, der sich -friedlich mit seinem Geschlecht verträgt. Aber deiner Rede, Herr Odo, -muß ich widerstehen. Denn nicht zwischen euch allein schwebt der -Streit, auch uns verdirbt er das Leben. Das Erbe des Vaters mögt ihr -teilen, wann es euch gefällt, über die Ehre des Ältesten aber müßt ihr -euch zur Stelle entscheiden. Das fordern wir, die wir euch dienen, als -unser Recht. Ihr ladet uns und gebietet, daß wir auf die Kampfheide -ziehen und gegen jeden streiten, der euer Feind ist, und jeden ehren, -den ihr ehrt. Dem Geschlecht Irmfrieds haben wir Treue geschworen -und wir folgen, solange das Erbe ungeteilt ist, dem Ältesten. Bisher -warst du, Odo, uns der Älteste. Jetzt aber steht ein Bruder, der an -Jahren dir voraus ist, im Schwertgurt gegen dich und begehrt sein -Geburtsrecht. Euch beiden zugleich vermag keiner von uns zu gehorchen, -wenn ihr uneinig seid. Und ich sage dir, wir Dienstmannen müssen, bevor -die Sonne untergeht, den Herrn erkennen, welchem wir fortan folgen. -Darum vertragt euch zur Stelle gütlich, was ich herzlich wünsche, oder -entscheidet euren Streit wie Helden geziemt, indem ihr ein Urteil sucht -vom Himmel oder von der Erde oder von eurem Schwert.« - -»Gut spricht der Alte,« rief Immo. »Ich biete dir die Hand zur -Versöhnung, mein Bruder, behalte du bis zur Teilung das Recht der -Erstgeburt in allen Höfen, ja auch unter den Nachbarn, welche -uns freiwillig ehren; mir laßt die Burg mit den Bergen und den -Dienstmannen, bis in Jahr und Tag das ganze Geschlecht sich gütlich -vergleicht.« - -»Hältst du die roten Berge in deiner Hand,« versetzte Odo, »so bleibt -das Geschlecht in der Ebene wehrlos und die Mutter und die Brüder -mögen büßen, was dein wechselnder Sinn ihnen erfindet. Nötig scheint -mir, daß in dem Kriege, der jetzt entbrennt, Land und Leute in einer -Hand stehen, damit nicht auf dem Grunde unserer Väter der Kampf -zwischen Brüdern beginne. Darum vermag ich nicht nach deinem Willen -zu tun, selbst wenn ich dir bessere Gesinnung gegen uns zutraute, als -du seither bewiesen hast, und bevor ich dir nachgebe, hole ich ein -Urteil von meiner Schwertseite.« Er griff nach dem Schwert, die Brüder -sammelten sich um ihn. - -»So bezeugt mir, ihr Helden, die ihr meinem Geschlechte dient,« rief -Immo in aufbrennender Wut, »bezeuge mir, hoher Himmel und du Grund -meiner Väter, daß ich den gerechten Stolz gebändigt und ihm nachgegeben -habe, soweit ich vermochte, und daß er mich schmäht und meinen guten -Willen verachtet. Entehrt vermag ich nicht zu leben, das Blut des -Bruders scheue ich mich zu vergießen. Darum fordere ich ein Urteil vom -Himmel oder aus der Tiefe. Besser ist es, daß einer von uns beiden -dahinschwinde, als daß das ganze Geschlecht in Zwist verderbe. Seht um -euch, ihr Männer, wo ihr steht, die roten Berge gleißen und leuchten -zu der Herrenwahl und die in der Erde hausen, rüsten sich einen Helden -zu empfangen.« Er wies vor sich hin, die Tiefe lag in grauem Dämmer, -der Dunst auf Wasser und Wiese schied den Bergring von der Ebene; -wie abgelöst vom Boden schwebten die Gipfel in der Luft und in der -Abendsonne leuchtete das Erdreich gleich glühendem Metall. - -»Gewaltig sind die Worte, die du in der Schule gelernt hast,« warf -ihm Odo mit düsterm Blick entgegen, »doch schwerlich gleicht ihnen -die Tat. Du warst behend, über geschorene Köpfe zu hüpfen, aber denke -nicht, dich ebenso mit leichtem Fuß in die Ehre des Geschlechts zu -schwingen.« - -»Verhöhnst du meine Sprünge,« schrie Immo außer sich, »so wage auch -du, mir einen Sprung nachzutun, den ich jetzt um mein Recht wage. Das -Gottesurteil hole ich von dem Boden unserer Väter, vertraust du deinem -Recht, so folge mir nach, oder entweiche.« Er wies nach der Seite. - -Dort gähnte wenige Schritte von den Männern ein Erdriß, der nahe am -Gipfel begann und sich bis zum Fuß des Berges hinzog. Vielleicht -hatte das herabstürzende Wasser die Kluft geöffnet, vielleicht hatte -unterirdische Gewalt das Gefüge des Bodens gesprengt. Die Stelle war -unheimlich, und die Leute wußten, daß sich die Schlucht in mancher Zeit -schloß und wieder öffnete, so oft Unheil die Landschaft bedrohte. Nackt -und kahl starrte das wilde Erdreich in dem Spalt, kein grünes Kraut -haftete darin, nur beim Gewitterregen rauschten schäumend die Wasser -in trübem Schwall hinab und führten den roten Schlamm über das lichte -Gehölz und den Wiesengrund. Ungern klomm jemand längs dem Riß hinab, -denn man sagte, daß dort der Eingang in das Innere des Berges sei, und -daß böse Gewalten aus dem Reich des alten Gottes das Tor hüteten. Mehr -als einer der Burgleute hatte bei Nacht ihr Geschrei gehört, Schnauben -der Rosse und Bellen der Hunde, und viele hatten im Abendlicht erkannt, -wie große Rudel von Wölfen hinein- und herausfuhren. Jetzt gerade war -der Riß auf der Oberfläche breiter als wohl sonst, an manchen Stellen -so tief, daß man von oben in das Innere des Berges hineinzusehen meinte. - -Immo sprang an den Schlund, aber Berthold lief ihm nach und schlang -die Arme um ihn. »Halt ein,« rief er, »greulich ist die Stelle, kein -Menschenfuß vermag die Tiefe zu überfliegen, fürchte die Unsichtbaren, -welche dort unten lauern.« - -Aber Immo schüttelte den Alten ab und rief: »Den guten Gewalten meines -Lebens vertraue ich, ob sie mir gnädig sind. Sieh her, Odo, der -Springer schwingt sich in sein Erbe, folge mir, Kriegsmann, wenn du -vermagst.« Und weit ausholend, setzte er in mächtigem Schwunge über den -Schlund. Erschrocken sahen die Männer die wilde Tat, als er aber am -andern Rand des Schlundes auf die Knie sank und die beiden Arme gegen -die untergehende Sonne hob, da schrien die wilden Genossen lautes Heil -und zogen die Schwerter. Im nächsten Augenblick verstummten die Rufe, -der Leib eines Mannes sank mit schwerem Fall, Odo stürzte in die Tiefe. -Immo wandte sich um und Entsetzen durchfuhr ihn, als er den Bruder -undeutlich unter sich liegen sah. Die jüngeren Brüder liefen abwärts, -die Gewappneten drängten sich mit starren Blicken um den Spalt. Sobald -aber Immo erkannte, daß Odo, der weiter abwärts an das Licht getragen -wurde, die Glieder regte und sich auf die Schulter eines Bruders -stützte, hob er sich empor auf den Vorsprung, der untergehenden Sonne -zu, riß das Schwert aus der Scheide, schwang es dreimal gegen die Sonne -und rief: »Zu mir, ihr Helden. Von der Sonne holten meine Ahnen ihr -Recht und von keinem geborenen Manne. Bezeuge mir, milde Herrin, daß -ich als rechter Erbe Besitz ergreife von Burg und Herrschaft.« - -Die Schatten der Nacht lagen auf dem Lande und dunkle Wolken verdeckten -das Sternenlicht, als Immo in den Hof zurückkehrte. Vor der Tür harrte -seiner der jüngste Bruder. »Wie geht es dem Gestürzten?« frug Immo. »Er -sitzt zerschlagen im Saal,« antwortete der Knabe traurig. Immo atmete -tief und stieß die Tür auf, die Mutter saß bleich auf ihrem Sitz, die -Brüder schweigend an der Bank. - -Als Immo auf der Schwelle der Mutter gegenüber stand, erhob sie sich, -riß das Schwert, welches sie den Abend vorher den Händen des Sohnes -entwunden hatte, von der Wand und schleuderte es zwischen sich und Immo -auf den Boden. »Hier nimm, was dir zukommt,« rief sie, »die Teilung des -Erbes suchst du bei den bösen Geistern des Abgrundes. Das Recht des -Ältesten begehrst du an Leib und Leben deiner Brüder. Dem Helden, der -so mannhaft denkt, gebührt die unheilvolle Waffe; prüfe die Schneide, -du Held. Erkennst du alte Rostflecke darauf, so wisse, daß die Waffe -schon einmal von Bruderblut gerötet ist.« - -Immo trat einen Schritt auf Odo zu. »Mich reut der wilde Zorn, mein -Bruder, und groß war meine Angst, als ich dich in der Tiefe sah. Zur -Stelle fühlte ich schweres Leid. Daß ich dich wiederfinde, nimmt mir -das Grauen von der Seele.« - -Aber Odo sah finster vor sich hin und antwortete nicht. - -»Ich lobe die Entschuldigung,« rief Edith bitter, »welche eine -Untat abbläst, wie den Staub der roten Berge. Und da wir alle hier -gesellt sind, das ganze Geschlecht Irmfrieds mit freundlichem Herzen -und guter Meinung zueinander, so vernehmt eine Sage, meine Söhne, -welche die Mutter am Feierabend für euch bereit hält. Einst, da ich -Jungfrau war im Vaterhause, dachte ein junger Held der Thüringe -darauf, ein Sachsenmädchen zur Hausfrau zu werben und der Vater war -ihm wohlgeneigt. Da kam der ältere Bruder des Jünglings, mächtiger an -Gut und Ehren, von einem Kriegszuge in den Sachsenhof, dieser gewann -größere Gunst des Vaters und erhielt die Jungfrau zum Weibe. Unter den -Brüdern entbrannte Feindschaft, in den Mauern ihrer Stammburg zogen -sie gegeneinander die Schwerter und der jüngere wurde durch die Waffe -des Bruders schwer getroffen. Seitdem ahnte den Gatten Übles für die -Zukunft und sie meinten den Zorn der Ewigen zu versöhnen, wenn sie das -erste Kind dem Dienst des Himmelskönigs weihten. Dies Kind warst du, -Immo. Heute aber trug ein Bruder deines Klosters mir die Kunde zu, daß -du am Altar der Heiligen die Hand gegen einen Geweihten erhoben hast -und als ein Missetäter aus dem Kerker des Klosters entwichen bist.« - -»Den Tutilo schlug ich am Altar nieder,« rief Immo dagegen, »weil -er die Faust gegen seinen Abt ballte und gegen mich selbst die -Geißel schwang. Wurde die heilige Stätte entweiht, nicht ich war der -Verbrecher, sondern er. Und wagt der Babenberger mir noch einmal -gegenüber zu treten, bei allen Heiligen des Himmels, wo es auch sei, -ich tue ihm dasselbe. Du selbst aber weißt, daß ich nicht aus dem Zaun -des Klosters gebrochen bin, sondern durch den Abt in Freiheit zu dir -gesandt.« - -»Nicht als ein Freier kehrtest du in das Haus deiner Väter, als -Geweihten des Herrn begrüßten wir dich und du täuschtest die Mutter -durch unwahren Bericht.« - -»Das tat ich nicht,« rief Immo. »Als ich die Freude sah, mit der du -auf meine Weihen hofftest, da wurde mir allzu schwer, dir zu sagen, -daß ich die Stola für mich nicht begehre. Heut aber bekenne ich dir's, -obwohl du zornig bist. Ich vermag nicht den Heiligen zu dienen, wie du -begehrtest.« - -»Ungehorsam willst du sein deinen Eltern und treulos gegen den -Himmelsherrn,« rief Edith heftig. - -»Gehorsam wirst du mich finden in allem, worin der Sohn seiner Mutter -gehorchen darf, und um die Gnade des Himmelsherrn denke ich als ein -ehrlicher Kriegsmann zu werben. Aber ein Pfaff werde ich nicht.« - -»Als ich dir das erste Gewand auf deinen Leib zog, habe ich dich dem -Dienst der Heiligen gelobt. Wie darfst du wagen, das Gelübde deiner -Mutter unwahr zu machen?« - -»Hast du dein Kind zum Opfertiere geweiht, um dich von der eigenen Not -zu lösen,« rief Immo, »so siehe zu, ob du ihm seine Hörner zu binden -vermagst. Ist das die Liebe der Mutter, daß sie den Sohn in das Elend -stößt und mit seinem Haupte die Buße bezahlt, um sich selbst das -irdische Heil zu sichern?« - -Edith zuckte wie unter einem Schlage, ihr Antlitz erblich, als sie -sprach: »Eines Gottlosen Stimme höre ich. Für ein Elend gilt dir der -heilige Dienst und einen Verstoßenen nennst du dich, während ich dir -das Beste bereiten will, was dem Menschen auf dieser Erde vergönnt ist. -Mein bist du, von meinem Leibe kommst du und meine Treue hat dir das -Leben bewahrt. Wem gehörst du an, wenn nicht deiner Mutter?« - -»Gabst du mir das Leben, so gabst du mir doch nicht denselben Wunsch, -der dir die Seele füllt. Nicht nach deinen Gedanken vermag ich zu -wandeln, Liebe und Leid fühle ich anders als du und dem eigenen Willen -gedenke ich fortan zu vertrauen, wenn ich auch deinen Rat ehrfürchtig -höre.« - -»Bist du so frei von der Pflicht gegen die Mutter und gegen dein -Geschlecht, so vergiß auch, wer dich laufen lehrte und wer dir -zuerst die Worte deiner Rede vorsprach, vergiß, daß du ein Sohn des -Irmfried und der Edith bist, und wandle dahin gleich einem Vater- und -Mutterlosen, der irgendwo am Wasser oder unter dem Baum gefunden ist. -Alles Gute, das dir von der Mutter und den Ahnen kommt, willst du für -dich nützen, deines Geschlechts willst du dich rühmen, und wenn sie dir -sagen, daß dein Antlitz dem deines Vaters gleicht, willst du lachen und -nicken. Aber was dir von Pflichten obliegt als dem Sohne deines Hauses -und dem Kinde deiner Eltern, dem willst du dich frevelhaft entziehen. -Ich lobe die Klugheit, Immo. Doch wisse, du Freier, wenn du deine -Pflicht gegen die Mutter verachtest, so naht der Tag, wo die Mutter -sich deiner schämt.« - -Mit glühendem Antlitz sprang Immo zurück: »In der Halle meiner Väter -höre ich die Kuttenträger zischen; sehnsüchtig kam ich her und begehrte -die Liebe der Mutter und der Brüder; geschwunden ist die Treue, kalte -Hohnrede vernahm ich von den Lippen der nächsten Verwandten. Lenke du -den Flug deiner Nestlinge, Mutter, wie es dir gefällt, mir aber hast du -den Sinn verwandelt und unter den wilden Tieren will ich lieber hausen -als hier.« Er sprang aus der Tür und über den Hof, riß sein Pferd aus -dem Stalle, hob den Balken des Hoftors und sprengte über die Brücke, -während die Mutter in der erleuchteten Halle stand und die Hände über -ihr Herz preßte. »Eilt ihm nach,« befahl die Mutter, »daß seine Seele -nicht unter den bösen Geistern der Nacht verderbe.« - -»Wie mögen wir ihn hindern, er ist ja der ältere,« versetzte Odo -trotzig. Doch Gottfried lief in den Hof und rief den Namen des Bruders -in die Nacht hinaus, nur undeutlich klang die Kinderstimme in das Ohr -des Entweichenden. Es war ein leiser Ton, aber die Tränen brachen dem -Flüchtigen aus den Augen, da er ihn hörte. In die Nacht hinein ritt -Immo halb bewußtlos, das Blut hämmerte in seinem Haupte, die Mondsichel -am Himmel zitterte und die Sterne flirrten und verschwanden vor seinen -Augen; er sprengte durch den Bach, daß die Flut um sein Haupt spritzte, -und fuhr über Wiesengrund und Felder den Bergen zu. Dort fand er sich -in dichter Finsternis, schwarze Baumwipfel bargen das Wolkenlicht, die -Äste und Zweige schlugen in sein Gesicht und hielten wie mit Krallen -sein Haar und Gewand. Zitternd suchte das Roß einen Weg durch das -wilde Gestrüpp, bis der Reiter wieder den Nachthimmel über sich sah -und einzelne Hügel, die dunkel vor ihm aufstiegen. Als er sich in dem -Talkessel zwischen den roten Bergen fand, da hob er den Arm in wilder -Freude nach den Gipfeln und ritt längs dem Bergwall dahin. Die Stimmen, -welche in dem hohen Rohr schrien und stöhnten, warnten ihn, daß er sein -Roß der Höhe zu riß, denn dort unten hausten tückische Geister, die Roß -und Mann festhielten und langsam hinab in die grundlose Tiefe zogen. -Vor ihm flackerte durch den Wasserdunst ein rotes Feuer und undeutliche -Schatten fuhren riesengroß durch den Lichtschein. Da sträubte sich ihm -das Haar, auch das Roß ächzte und stauchte zurück und er hörte eine -Menschenstimme: »Wer stört das Mahl und dringt in den Reigen, haltet -ihn fest und werfet ihn zu Boden.« Er spornte das Roß zu weiten Sätzen -und als er vorüberfuhr, sah er eine Flamme auf Steinhaufen, grell -beleuchtete Gestalten von Männern und Weibern, wilde Gesichter und -gehobene Arme. Wie vom Sturmwind getragen fuhr er hindurch, hinter ihm -flogen Speere und krachte eine geworfene Axt, lautes Hallo und Geheul -folgte. Dann war er wieder allein in dichtem Nebel. Er schlug sein -Kreuz und sprach hastig das Kredo, er wußte, jene hinter ihm waren -Landleute aus der Ebene, die dort heimlich alten Opferbrauch übten. Als -Kind hatte er Schreckenvolles gehört von der Grausamkeit, mit welcher -sie die Störer ihrer abgöttischen Feier straften, und er erinnerte -sich, daß er schon einmal als Knabe von fern den Lichtschein gesehen -hatte und daß der fromme Bruder, der damals sein Lehrer war, ihn -ermahnt hatte sich abzuwenden, damit der teuflische Schimmer ihm nicht -den Sinn verstöre. - -Wieder umschloß den Reiter unheimliche Nacht. Kläglich seufzten die -Unken im Teich und über ihm jammerten die Nachtvögel, die Rudel der -Wölfe bellten und heulten und ihre schwarzen Schatten fuhren durch -den Nebel dahin, da meinte er in der Luft die Gewaltigen der Nacht zu -schauen, riesige Männer auf dunklen Rossen, welche ihm zuwinkten und -nach dem Tor im Berge wiesen. Denn vor ihm gähnte der Erdriß, den er -heute übersprungen hatte, und die Schatten mahnten zur Rache. Er hielt -wie fest gebannt, das gellende Geschrei der Nachttiere und das Flattern -in der Luft betäubte ihm das Hirn, daß er im Sattel schwankte. Aber -im nächsten Augenblicke rückte er sich kräftig auf dem Rosse zurecht -und atmete tief wie einer, welcher erkennt, daß sein Bangen unnötig -war. Denn zwischen dem wilden Heidenlärm vernahm er laut und lauter -das Rauschen eines gebändigten Wassers, unter welchem sich ein Rad -schwang, und er vernahm das Klappern des Mühlwerks, die freundliche -Stimme, welche von den Mönchen durch die Worte gedeutet war: Hilf, -Herre Gott. Daran dachte er jetzt. Die Mühle klang bei Tag und Nacht -langsam und schneller, wo Menschenwerk fleißig geübt wurde, sie hatte -Frieden bei Heiden und Christen und Gutes bedeutete ihr Gesang jedem, -der ihn hörte; alle Hausfrauen im Lande riefen ihr Heil und Segen zu, -denn das kluge Werk befreite ihren Hof von der Mühe, die Handsteine zu -drehen; die wilden Tiere fürchteten den Lärm und sogar der tückische -Wassergeist saß, wie die Leute wußten, stundenlang am Ufer und horchte -erstaunt auf das lustige Pochen. Und er hatte einst, da die Mühle -grade still stand, dem Vater des jetzigen Müllers zugerufen: »Müller, -laß dein Hackebrett klingen, damit meine Kleinen darnach tanzen.« Da -lachte Immo und er gedachte, daß er einst im Kloster als Schüler bei -großer Wassersnot mit dem Sintram und einigen Jünglingen dem Müller zu -Hilfe gesandt worden war. Dort hatte Vater Sintram in der Nacht lange -gegen den Wasserschwall gebetet, bis er darüber entschlief. Die frechen -Knaben aber hatten dem schlafenden Greise sein Gesicht und den Scheitel -ganz mit Mehl bestreut, daß er aussah wie ein Schneemann. Und als der -Alte so verwandelt vor den Müller trat und aus dem Lachen des Mannes -die Untat erkannte, da hatte er ruhig sein Haupt in das Wasser getaucht -und darauf zu Immo gesagt: »Mir geschah recht, weil ich im Schlaf meine -Pflicht vergessen hatte. Du aber mein Sohn hast unrecht getan, einem -alten Manne die Ehre zu kränken.« Seit diesen milden Worten bestand das -gute Vernehmen zwischen ihm und den beiden Greisen. - -Immo sprang vom Rosse und blickte lange auf das stäubende Wasser und -die weißen Blasen, welche in der Finsternis dahinschwanden, übertönt -war das wilde Geschrei in seinem Rücken, er stand im Frieden, den der -Mensch von den Gewalten der Natur erzwingt. Er beugte sich nieder zum -Wasser und schöpfte einen Trunk mit der hohlen Hand, dann schlug er -kräftig an die Pforte, bis Ruodhard, der Müller, öffnete und verwundert -den Herrensohn und das Roß in seinem Gehege aufnahm. - -Am Morgen saß Immo allein in dem öden Turmgemach der Mühlburg, der -Gewitterregen schlug gegen die Mauern und goß sein Wasser durch die -kleine Fensteröffnung auf den Steinboden. Die gute Lehre, welche der -Mönch im Garten ihm zugeteilt hatte, war von ihm mißachtet worden. -Hätte er der Mutter und den Brüdern sogleich bei der Ankunft die ganze -Wahrheit gesagt, so hätte der Zorn nicht wie ein verdecktes Feuer um -sich gefressen, bis er die Freundschaft verdarb. Er gedachte auch der -Rede des Sintram und frug sich selbst, ob er noch jemanden in der Welt -hätte, der für ihn bete. Denn den Himmlischen war er wohl verleidet, -die im Kloster haßten ihn und die eigene Mutter hatte ihn von sich -gestoßen. Ein Gefühl der Einsamkeit, wie er es im Kloster nie gekannt, -bedrückte ihm das Herz, jetzt war er frei, er saß als Herr in der Burg, -welche die Feinde das Nest der Zaunkönige nannten, aber er war auch -frei wie ein Vogel und freundlos. - -Als er aufsah, stand vor ihm die alte Gertrud, vom Regen durchnäßt und -stellte einen Tragkorb zu seinen Füßen nieder. »Dies sendet dir Frau -Edith, Immo.« - -»Was sprach die Mutter?« frug Immo wild. - -Gertrud hob ein leinenes Bündel aus dem Korb und breitete es mit -zitternden Händen auf der Bank aus. »So redete Frau Edith zu mir: Trage -dies dem Jüngling Immo und sage ihm, ich sende, was ihm gehört, und -was ich in der Stille von seiner Habe bewahrte. Dies ist das erste -Hemdlein, das ich ihm spann und das er trug, die Leinwand ist vergilbt, -denn kein Sonnenstrahl hat sie gebleicht und kein Nachttau hat sie -genetzt, aber die bittern Tränen der Mutter hängen daran, denn als -er das erste Gewand auf seinem kleinen Leibe trug, habe ich ihn dem -Dienst der Heiligen gelobt. Und hier sind andere Gewänder des Kleinen, -sein Spielwerk, an dem er sich freute, als er zu meinen Füßen saß und -die Kinderwaffen, welche ihm der Vater geschnitzt hat. Alles hob ich -auf in der Truhe und oft hat mich gefreut, es herauszuholen und dabei -an meinen Sohn zu denken. Jetzt hat er sich feindlich von mir gelöst, -darum sende ich ihm, was sein ist.« - -»Hart ist die Mutter,« rief Immo, seine Augen in der Hand verbergend. - -»Und Frau Edith sprach weiter: Sage dem Kriegsmann, daß die Treue einer -Mutter nicht verloren geht, wenn auch der Sohn statt des Vaterhauses -sich die finstere Nacht erwählte. Solange ich lebe, werde ich harren, -daß er zu den Heiligen zurückkehrt. An dem Tage werden ihm meine Arme -geöffnet sein, und der Ehrensitz im Saal seiner Väter bereitet.« - -»Vergebens wird sie diesen Tag erwarten,« rief Immo. - -»Beide seid ihr feurig,« fuhr Gertrud begütigend fort, »wenn auch die -Mutter ihre Hast besser zu bergen weiß als du. Denn ganz ruhig sprach -sie zu mir, aber ich weiß wohl, wie ihr zumute war. Euch beiden kommt -wohl die Überlegung, daß eins dem andern sich fügt. Unterdes gebot mir -Frau Edith, daß ich auf dem Berge bei dir bleibe, mein Sohn, damit dir -in der Einsamkeit die Pflege nicht fehle.« - -Immo reichte der Alten die Hand. »Du wirst nicht lange für mich sorgen, -denn ich gedenke von hinnen zu reiten.« - -Am nächsten Tage sprengte der Knabe Gottfried in den Hof. »Heimlich -habe ich mich aufgemacht,« begann er schüchtern, »ich komme dich zu -bitten, mein Bruder, daß du meiner in Liebe denkst.« - -Immo drückte den Treuen fest an sich. »Sprich auch, wenn ich nicht da -bin, freundlich von mir zu der Mutter.« - -»Auch sie gedenkt deiner,« versetzte Gottfried zutraulich, »denn wisse, -zum Mittagsmahl trägt sie selbst deinen Stuhl an ihre Seite und setzt -deinen Teller und deinen Becher auf den leeren Platz.« - -»Vergeblich ist die Sorge der Mutter, der Sitz wird leer bleiben,« rief -Immo finster. - - - - -6. - -Auf der Reise. - - -Hügel und Tal lagen im Sonnenlicht und der Bergwind wehte kräftig vom -Walde her, als eine Schar junger Thüringe von der Höhe in das Tal des -Idisbachs hinabzog. An ihrer Spitze ritt Immo im eisernen Kettenhemd, -den Stahlhelm am Sattelgurt, den Holzschild um den Hals gehängt, einen -starken Speer in der Hand, neben ihm Brunico in ähnlicher Rüstung. -Ihnen folgten zu Fuß wohl dreißig rüstige Jünglinge in kurzem Eisenhemd -und leichter Helmkappe, mit hohen Lederstrümpfen und nackten Knien, auf -dem Rücken den runden Schild mit eisernem Buckel, darunter den Köcher -mit Pfeilen, in der Hand den Kampfbogen und zwei Wurfspeere. Mitten -in der Schar führten zwei Heerwagen, mit starken Rossen bespannt, den -Kriegsbedarf: Waffen, Wollmäntel und Säcke mit Lebensmitteln. Mit -behendem Fuß schritten die Knaben des Waldes und mancher hob unnötig -die Beine, um ein wenig den Reigen zu springen, welchen der Rufer des -Haufens vorsang. In der Nähe eines Gehölzes hielt der Zug. Die Späher -eilten voran, auf die Zeichen, welche sie zurückgaben, tauchte der -ganze Haufe in den Busch. Immo sprang zur Erde, stellte die Wächter -und die Jünglinge bereiteten sich und den Rossen das Mittagsmahl. Nur -Brunico ritt vorwärts, begleitet von einem leichtfüßigen Genossen. -Nicht lange, und er kehrte eilig zurück: »Eine reisige Schar liegt vor -uns auf dem Wege, gerade unter der Idisburg. Sie sorgen wenig um Wache -und Ausguck. Das Banner, welches sie führen, gehört, wenn wir recht -erkennen, dem Grafen Gerhard. Es sind mehr als hundertzwanzig Rosse, -die Reisigen bereiten das Mahl am Bache und hausen übel im Dorfe unter -der Burg; ich sah sie Garben und Gerät aus den Höfen herzuschleppen und -die Landleute liefen ihnen nach und schrien.« - -»Ob uns die Begegnung lieb oder leid ist,« entschied Immo, »wir -vermögen sie schwerlich zu vermeiden. Denn da auch Graf Gerhard dem -König zuzieht, so ziemt uns nicht, gleich Wölfen heimlich hinter ihm -herzutraben. Folge mir zu seinem Lager, ihr andern aber bergt euch im -Versteck.« Und er besprach mit dem Hauptmann seiner Knaben, was die -Vorsicht gebot. - -Die beiden Reiter mieden den geraden Weg zum Lager des Grafen, um -die Richtung ihrer Raststelle nicht zu verraten, über einen Hügel -ritten sie im Trabe dem Banner zu. Brunico stieß in das Horn, das er -am Halse trug, und sie harrten der Antwort. Im Lager entstand eine -Bewegung, zwei Gewappnete kamen ihnen entgegen, Ruf und Gegenruf wurden -getauscht, die Gräflichen fuhren rückwärts zu ihrem Herrn und brachten -eine höfliche Einladung. - -»Sei gegrüßt im Kriegskleide, du Flüchtling aus Wigberts Stall,« rief -der Graf lachend dem Ankommenden zu. »Auch meine Helden werden dich -als Reisegenossen willkommen heißen. Denn nur bis zum Main ist unser -Weg frei, von da müssen wir uns länger als eine Tagfahrt an den Burgen -des Hezilo vorbeiwinden, und wir sorgen, ob er uns die Straße verhauen -wird. Mit geringem Gefolge kommst du, hoffst du allein beim König -Ansehen zu gewinnen?« - -»Meine Knaben blieben zurück, sie schreiten auf ihren eigenen Beinen,« -versetzte Immo. - -»Mit Fußläufern ziehst du heran?« spottete der Graf. »Doch ihr in den -Waldlauben übt alten Bauernbrauch. Mich wundert, Immo, daß du nicht -besser für dich gesorgt hast. Geringe Ehre wird dir die unritterliche -Schar erwerben, denn an solchem Troß fehlt es dem Könige nicht.« - -»Ihr werdet anders von ihnen denken, wenn ihr erst ihre Schläge geprüft -habt,« versetzte Immo. - -»Wohlan, jeder versuche sein Bestes,« fuhr der Graf fort und Immo -glaubte ein ehrliches Wohlwollen in seinem Gesicht zu erkennen. »Andere -Arbeit beginnt jetzt, als unser Hader mit den Mönchen war. Setze dich -neben mich, heute biete ich dir mit gutem Willen den Trinkkrug, da du -zu uns gehörst. Der lateinischen Reden bist du ledig, obgleich meine -Tochter Hildegard deine Stimme wohl vernehmen würde, wenn du ein -Mönchsgeschrei erheben wolltest, denn sie begleitet unsern Zug und -rastet nicht gar weit von meinen wilden Knaben.« - -Immo hatte Mühe, die freudige Überraschung zu verbergen. »Warum führt -ihr die Tochter in das Heerlager?« - -Der Graf lachte schlau. »Die Königin hat sie nach Regensburg geladen, -die hohe Frau Kunigund hat, wie der Bote rühmt, Gutes von dem Kinde -gehört und will der Mutterlosen eine Beschützerin sein. Verstehst du -wohl, Immo, was diese Huld bedeutet?« - -Immo bekannte seine Unwissenheit. - -»Die Händler haben den Brauch, wenn sie ein Geschäft für die Zukunft -bereden, so geben sie einander ein Unterpfand für treue Erfüllung. Du -hast bereits etwas von den Waldwiesen vernommen. Diese halte ich, der -König aber begehrt dagegen die Jungfrau. Und gern führe ich sie ihm -zu, denn ich vertraue auf das Glück und die Klugheit des Königs. Ihm -ist bisher vieles gelungen, und ich hoffe, daß auch mir dieser Krieg -Land und Leute mehren soll, denn meine Wälder grenzen an die Mark -des Hezilo. Und darum bringe ich mein ganzes Heergefolge dem Könige, -wahrlich mit großen Kosten. Sieh, Immo, auch meine Kampfhähne führe -ich mit mir,« er wies auf die beiden Fechter, welche in neuem, buntem -Gewande zuunterst auf dem Rasen saßen und mit ihren riesigen Armen -große Trinkkrüge schwenkten. »Denn König Heinrich achtet wenig auf -die fahrenden Leute und vor andern sind ihm die schweifenden Frauen -verhaßt, welche sich im Tanze vor den Helden drehen und dabei ihres -Gewandes entledigen. Ja man sagt, daß ihm alles Weibervolk verleidet -ist. Doch die Kämpfer schaut er gern, wenn sie herzhaft gegeneinander -schlagen. Und dies sage ich euch, Hahn Ringrank und Hahn Sladenkop, -wenn ich euch zum Ergötzen des Königs gegeneinander kämpfen lasse, so -begehre ich andere Wunden als die einzölligen, die ihr im Vertrauen -auf meine Gutherzigkeit einander anzumessen pflegt. Denn dergleichen -schwache Ritze kann der König bei jeder Kirchweih sehen. Herrenwunden -verlange ich diesmal, dreizöllig, und wenn ihr den König ehren wollt, -noch tiefer und länger und zwar mit spitzem Eisen und nicht auf die -Arme, sondern auf die Brust.« - -Die Fechter sahen bekümmert einander an und Ringrank antwortete sich -erhebend: »Drei Zoll auf der Brust mögen unsern Brotherrn um zwei -Kämpfer ärmer machen. Fordert der Herr großen Dienst, so ersehnt sich -der Mann großen Lohn. Sorgt wenigstens, daß wir beide gegeneinander -kämpfen und nicht gegen die Kämpfer, welche der König mit sich führt, -denn diese sind ungerecht bei dem Messen der Wunden, um ihren eigenen -Ruhm gegen andere zu erhöhen.« - -Die Herren lachten und saßen in guter Laune beim Mahl, tranken und -riefen Heil, wie unter Helden Brauch ist. - -Da nahte in gestrecktem Lauf Egbert, der Dienstmann, und trat -staubbedeckt, mit heißem Antlitz vor den Grafen. »Durch wilden Ritt -holte ich Kunde, die manchem sorgenvoll wird,« rief er. »Dem König ist -sein ganzer Schatz genommen. Held Magano, der Diener des Babenbergers, -hat den Schatz auf der Reise gefangen, ich selbst sah den Mann des -Markgrafen und ich sah die lange Reihe der Saumrosse und Karren in -seine feste Burg treiben.« - -Mit Schreckensrufen sprangen die Bankgenossen von ihren Sitzen und -drängten sich um den Boten, auch der Graf erhob sich bestürzt. »Wie -ein Unsinniger gebärdest du dich, daß du diese Kunde vor aller Ohren -ausrufst.« - -»Herr, sie läuft durch das ganze Land wie Wasser durch den gebrochenen -Damm, in den Dörfern liefen die Leute zusammen, und ich sah, daß -frische Gesellen, die dem Lager des Königs zuritten, von den Rossen -stiegen und die Köpfe senkten; wie soll einer unter dem Habicht -dahinreiten, welchem die Federn gerupft sind?« - -»Oft hörte ich den großen Schatz des Königs rühmen,« begann -kopfschüttelnd ein alter Kriegsmann, »und gern dachte ich an das -goldene Kreuzgeld darin, an die Armringe und Becher, mit denen er seine -Getreuen lohnen würde; die Bayern haben lange an dem Schatz gesammelt, -manch uraltes Schmuckstück lag darin aus Sachsenland, das einst -Wieland, der Held, geschmiedet hat.« - -»Jetzt aber ist der König so kahl wie meine Handfläche,« rief Egbert, -»wer ihm dient, mag zusehen, wie er die Kosten des Zuges wiederfindet. -Denn nicht der Goldschatz allein ist in die Hand des Markgrafen -gefallen, sie sagen, daß auch die Königskrone dabei war, die heilige -Lanze und die hohen Reliquien, an denen die Königsmacht hängt.« - -Die Krieger erschraken, viele bekreuzten sich und die Augen aller -wandten sich nach dem Grafen, dessen unsicherer Blick verriet, daß -er mit schwerem Zweifel rang. »Ist die Krone verloren, wie mag er -das Reich bewahren?« fuhr ihm heraus. »Unheil brachte der Tag, an -dem wir auszogen, und üble Vorbedeutung war es, daß der Sauhirt die -Faselschweine über den Weg trieb.« - -»Auch andere Botschaft bringe ich, Herr,« fuhr Egbert fort. »Als ich -vom Main den Kieferwald heraufritt, rastete an der Landstraße Heriman, -der Goldschmied aus Erfurt, der nach seinen Worten zum König Heinrich -reist. Da er ein Packpferd bei sich hatte, so riet ich ihm, sich unter -euren Schutz zu begeben, er aber widerstrebte, und ich verließ ihn im -Walde allein mit seinem Knechte.« - -Der Graf sah seinen Dienstmann kummervoll an, ohne zu antworten. Aber -Immo vermochte seinen Unwillen nicht zu unterdrücken. - -»Dreiste Worte höre ich von den Helden eurer Bank, Graf Gerhard; mich -dünkt, sie stehen solchen übel, die dem König zuziehen.« - -»Wie vermag ich ihre Gedanken zu beugen,« versetzte der Graf ärgerlich, -»da sie doch recht haben? Kann der König seinen Kriegern nicht -lohnen, wie sollen sie ihm dienen? Entweicht zur Seite,« rief er den -Dienstmannen zu, »vergällt ist mir der Trunk, harret, bis ich allein -den Rat finde, der uns frommt.« - -Die Bankgenossen brachen auf und setzten sich in die Nähe ihrer Rosse -mit bedrängtem Gemüt zu kleinen Haufen. - -Immo merkte, was in der Seele des Grafen vorging und daß seine stille -Hoffnung, der Jungfrau in den nächsten Tagen als Reisegenosse nahe zu -sein, schnell dahinschwand. Er begann deshalb: »Zürnt meiner Jugend -nicht, wenn ich dreist mit euch rede. Ich ahne, daß euch die Reise zum -König verleidet ist, denkt daran, daß seine Gefahr größer ist als die -eure und daß ihr ihm gerade jetzt eure Treue erweisen müßt. Denn er -ist nach Recht unser Herr, und er hat euch, wie ihr mir vertrautet, im -voraus gelohnt. Ich vernahm immer, daß Treue und Dankbarkeit starke -Ketten sein sollen, welche den Helden binden.« - -»Du sprichst gut,« versetzte der bekümmerte Graf, »aber du bist jung. -Glaube mir, Immo, als ich in deinen Jahren war, lebte ich so treu und -dankbar wie ein Hündlein, ich lief hin und her, um andern zu dienen, -und wenn mir die Könige einen Brocken zuwarfen, so sprang ich vor -Freude. Jetzt aber habe ich eigenes Gut zu bewahren und muß vielen -Begehrlichen spenden, jetzt rät mir die Vorsicht, vor allem zu fragen, -was mir vorteilhaft ist, damit ich mich in meiner Macht erhalte -zwischen Pfaffen und Laien, welche sämtlich gierig sind, sich zu meinem -Schaden auszubreiten.« - -»Zürnt mir nicht, Graf Gerhard, wenn ich euch sage, daß es edler ist, -mit Ehren unterzugehen als in Schande zu leben,« rief Immo. - -»Dasselbe ist immer auch meine Meinung gewesen,« versetzte der Graf. -»Ganz wie du war auch ich in meiner Jugend willig, mich für den Herrn -töten zu lassen, dem ich damals diente. Jetzt aber bin ich selbst ein -Herr, welcher andere erhält, die für ihn auf der Walstatt sterben, -jetzt habe ich um eine Herrenehre zu sorgen und diese befiehlt mir vor -allem, daß ich Herr bleibe über andere und mit hundert oder zweihundert -Rossen ins Feld ziehe, für oder gegen wen es auch sei. Darum will ich -auch dir Gutes raten. Setze dich nicht in ein Haus, welches stürzen -will.« - -»Soll ich umkehren?« frug Immo prüfend. Da der Graf keine Antwort gab, -fuhr er nachdrücklich fort. »Ich gehe zum König, und wenn alle von ihm -abfallen, so soll er doch im letzten Kampfe nicht allein stehen.« - -»Auch du bist nicht allein, Immo, du hast für andere zu sorgen, welche -dir folgen.« - -»Ich will sie fragen, ob auch ihnen mit dem Raub des Schatzes die -Kampflust geschwunden ist. Die ich führe, sind freie Knaben vom Walde, -und ich weiß die Antwort im voraus.« - -»Wieviel sind ihrer?« frug der Graf mit einem Wolfsblick. »Mich -wundert, daß du sie von meinen Leuten getrennt hältst.« - -Immos Auge flog über das Tal, er sah, daß er selbst in der Gewalt -des Grafen war, denn ein Wort vermochte die ganze Meute gegen ihn zu -hetzen, er trat deshalb zurück, legte die Hand an das Schwert und -antwortete: »Meine Knaben sind schnell zu Fuß und von der Heimat her an -Waldversteck gewöhnt, auch ihr Lager haben sie vorsichtig gewählt und -wer sie bewältigen wollte, würde harte Stöße erhalten und schwerlich -Beute aus ihren Taschen davontragen. Darum ist es besser, daß ihr -uns ungekränkt ziehen laßt, wohin wir wollen. Ihr aber vernehmt zum -Abschied noch eins: Große Lügen erzählen die Leute auf der Landstraße, -vielleicht war es gar nicht der Schatz des Königs, welcher gefangen -wurde, oder doch nicht der beste Teil. Wer die Ehre eines Herrn hat, -wie ihr nach eurer Rede, der sollte vorsichtig sein, bevor er sie gegen -Schande weggibt. Lebt wohl, Graf Gerhard, wenn wir uns wiedersehen, so -möge es in Frieden sein, denn zweimal habe ich als Gast an eurem Tisch -gesessen und ungern würde ich euch feindlich gegenüberstehen.« - -Während der Graf betroffen die kluge Warnung erwog, gewann Immo sein -Roß, welches Brunico bereit hielt, und verließ unangefochten das Lager. - -Als die Sonne sank, warf sie ihr goldenes Licht über die Höhe, auf -welcher die Idisburg stand. Der alte Turm glänzte wie mit leuchtender -Farbe übergossen und an der niedrigen Burgmauer lagen die Ranken der -Brombeeren wie mit Purpur und Goldfäden umwunden. In der unteren -Hälfte des umschlossenen Raumes brüllten die Rinder, welche von den -Dorfleuten dort zusammengetrieben waren. Auf der höchsten Stelle im -Burgwall stand eine Sommerlinde, welche ihre großen Blätter als ein -dichtes Laubdach fast bis zum Boden breitete. Es war ein wonniger -Platz, wilde Glockenblumen blühten in dem lichten Schatten und kleine -Schmetterlinge fuhren hin und her, die Vögel lockten ihre Jungen in den -Ästen des Baumes zusammen und die Grillen schwirrten den Chorgesang -zu dem Ruf der Gefiederten. Dort saß Hildegard, das Grafenkind; die -Hände im Schoß gefaltet sah sie in das Tal über das Lager der Reisigen, -über den Laubwald und über die geschwungenen Höhen dahinter bis in die -Ferne, wo Erde und Himmel im Dämmerlicht zusammenfloß. In ehrerbietiger -Entfernung lagerten einige alte Dienstmannen, welche zum Schutz der -Jungfrau hinauf gesandt waren, auch sie schauten abwärts nach dem Main -hin und wiesen einander unter dem lichten Gewölk die Grenzburgen des -Feindes. Es war still um die Jungfrau, nur einzelne Klänge aus dem -geräuschvollen Lager drangen herauf, zur Seite blökte das Herdenvieh -und zuweilen lief eine Ferse nahe heran und rupfte die Blätter des -Baumes. Dann knackte und rauschte es hinten in den Zweigen, Hildegard -wandte sich um und scheuchte die Vorwitzigen, aber sie kamen doch -wieder, und das Mädchen vergaß zuletzt in ihren Träumen die genäschigen -Gäste. - -Ihre Lippen bewegten sich und leise klangen die gesungenen Worte des -heiligen Liedes: - - ~Audi, benigne Conditor, - nostras preces cum fletibus[3].~ - -Aber sie gedachte im Singen nicht sehr an den Schöpfer, sondern mehr -an einen Flehenden, der ihr dieselben Worte vor wenig Wochen im Scherz -zugerufen hatte. Und während sie so sang und mit verklärtem Blick -vor sich hinsah, war ihr, als tönte der Sang noch einmal über ihr in -dem Baume. Sie hielt inne, da rauschte es in den Zweigen und bei dem -Säuseln der Blätter klang über ihr wieder dieselbe Weise, aber mit -anderen Worten, und sie vernahm von der Höhe: - - ~Rana coaxat suaviter - In foliis viridibus[4].~ - -Sie saß unbeweglich, ein Lächeln flog um ihren Mund und eine hohe Röte -ergoß sich über ihr Antlitz, aber sie wagte nicht aufzusehen, damit -der lustige Traum nicht entschwinde. »Bist du es, Geselle?« frug sie -leise. Aber gleich darauf schämte sie sich der vertraulichen Rede. - -»Ich liege über dir in den grünen Blättern,« klang es von oben zurück. -»Ganz gut ist mein Lager auf starkem Ast; blicke aufwärts, wenn dir's -gefällt, damit ich einmal deine großen Augen sehe, denn diese haben -mich hergezogen.« - -Das Mädchen erhob sich schnell und wandte sich dem Ast zu, in demselben -Augenblick neigte Immo das Haupt behend abwärts, umschlang von der -Höhe mit einer Hand ihren Hals und küßte sie auf den Mund. »Guten Tag, -Geselle,« sprach er, »so hatte ich mir's ausgesonnen und so ist es -vollbracht.« Er fuhr wieder aufwärts und sah von seinem Aste zärtlich -in das gerötete Antlitz. - -»Wenn ich die Wächter rufe, fangen sie dich,« murmelte Hildegard halb -bewußtlos. - -»O tue es nicht,« flehte Immo, »denn bei Tag und Nacht dachte ich -daran, ob ich dich wiedersehe. Wenn die liebe Sonne nach Westen ging, -so freute ich mich, daß sie deine Wangen bescheinen würde. Oft habe ich -dir Botschaft gerufen über Berg und Tal und den Bergwind ermahnt, daß -er dir etwas von mir zutragen solle. Aber ruhelos schweift der Wind -und unsicher ist, ob er nach unseren Bitten tut. Darum kam ich lieber -selbst.« - -Hildegard sah ihn furchtsam an. »In unserem Turme fand ich ein graues -Käuzlein, als es in Not war, das bewahrte ich mir gern in meinem -Gemache. Aber über Nacht hat es sich in ein Raubtier verwandelt. Ganz -anders erscheinst du mir hier als daheim in der Halle; wie ein Drache -in seinem Schuppenkleide liegst du auf dem Ast, und ich weiß nicht, -bist du noch der, an den ich dachte, oder bist du ein Fremder.« - -»Aus dem Gewand des Kauzes bin ich geschlüpft und das Eisenhemd trage -ich, Hildegard, auch um deinetwillen. Wenn einmal der Spielmann vor dir -singt und du vernimmst, daß er auch meine Taten rühmt, dann sollst du -stolz sein auf deinen Gesellen.« - -»O du törichter Immo,« rief das Mädchen kummervoll, »wie soll ich -mich freuen, wenn ich von den Schwertern höre, die dich bedrohen, und -bedenke, daß die Streitaxt gegen dich fliegt. Leidig ist mir der Ruhm, -den die Sänger geben, denn sie preisen am liebsten die Helden, welche -tot auf der Walstatt liegen. Ich aber dachte dich zuweilen gern an -meiner Seite, dann sangen wir zusammen und ich strafte dich, wenn du -unartig warst, indem ich dich an deinen Haaren zog.« - -»Tue das jetzt,« bat Immo, neigte den Kopf wieder zu ihr herab und sah -sie bittend an. Aber der Jungfrau rannen die großen Tränen aus den -Augen, sie lehnte ihr Haupt an den Baumstamm und weinte still vor sich -hin. Immo schob sich näher, wieder legte er seinen Arm um ihren Hals -und sprach ihr leise ins Ohr: »Geliebte, dich selbst will ich gewinnen -auf der Kampfheide. Wenn ich mein Haupt stolz tragen darf, erbitte ich -dich von deinem Vater zum Gemahl.« - -Hildegard blickte ihn treuherzig unter Tränen an und antwortete: »Das -weiß ich, und darum weine ich.« - -Da küßte er sie wieder und sie widerstrebte ihm nicht. »Auch du bist -meinem Herzen lieb geworden,« fuhr sie, seine Hand haltend, leise -fort, »zuerst am Abend in der Halle und dann an jedem Tag und Abend -noch lieber, wenn ich in der Einsamkeit an dich dachte. Denn einsam -lebte ich im Hause unter den Buchen und nur selten vernahm ich ein -Freundeswort. Der Bruder ist unbändig, meinen Vater sah ich wenig und -er ängstigt mich durch wilde Reden und durch die Sorge, die ich um -seine Seele habe. Da, wenn ich allein saß, schaute ich dein lachendes -Antlitz vor mir und ich sprach vertraulich zu dir als zu meinem -lieben Gesellen. Und ich dachte auch an dich, wenn die Amsel in ihrem -schwarzen Kleide schlug, denn im schwarzen Schülerkleide saßest du -neben mir; und ich dachte zuweilen auch an dich, wenn ich längs dem -Weiher ging, wo die Quaker so lustig schrien. Das darf dich nicht -verdrießen,« und ein flüchtiges Lächeln zog über ihr unschuldiges -Gesicht. »Jetzt aber soll ich dein gedenken, wenn die Grauwölfe nach -Raub heulen und wenn die Geier über mir in der Luft schweben. Wie -vermag ich Gutes für dich und mich zu hoffen, da du das Glück erst vom -Schlachtfelde holen willst. Immo,« rief sie angstvoll, »wenn du auf die -Kampfheide ziehst, so weiß ich nicht mehr, ob du an der Seite meines -Vaters kämpfen wirst oder gegen ihn; denn der Vater« -- sie hielt inne -und legte ihre Wange auf seine Hand. - -»Ich weiß, was mir deine Lippe verbirgt,« antwortete Immo, »ich aber -gehe zum Könige, denn ich höre, er ist in der Not.« Da drückte sie -krampfhaft seine Hand und weinte wieder darauf. »Leidvoll ist für uns -beide, Hildegard, daß ich zum König halte, obwohl dein Vater ihn meiden -wird?« - -Die Jungfrau sah ihn mit großen Augen an. »Du wirst tun, was dir dein -redliches Herz gebietet. Wenn ich auch traure, denke nicht, daß ich -dich bei dem Vater festhalten will.« - -»So spricht mein guter Geselle,« rief Immo froh und neigte das Haupt -wieder zu ihr herab. »Den hohen Engeln vertraue ich, deren Segen du mir -gesendet hast, daß sie uns beide wieder zueinander führen. Dich aber -flehe ich an, wenn ein fahrender Spielmann vor dir singt, so wende dich -nicht ab, wie die Klosterfrauen zuweilen tun, sondern spende ihm etwas -und sprich dabei die Worte: »auch für dich fliegt ein Engel,« dann -freut er sich und sagt dir vielleicht Kunde von mir. Und hast du eine -Botschaft für mich, so gib sie mit denselben Worten einem Fahrenden, -daß er sie ins Lager des Königs zu seinem Gesellen Wizzelin trage. -Diesen kenne ich als einen treuen Mann, obgleich er ohne Ehre lebt. Das -versprich, Geliebte, mir aber gib den Scheidegruß.« - -Die Jungfrau hob sich zu ihm empor und hielt ihre Hand über sein Haupt: -»Du denke mein, wenn du allein bist und zuweilen auch unter den wilden -Helden, und vor allem im Abendlicht, wenn du die grünen Blätter über -dir siehst, wie jetzt, und immer -- und immer.« Sie warf die Hände um -seinen Hals und küßte ihn herzlich. Er aber hielt sie fest; und das -Geschwirr der Grillen übertönte leise Worte, Seufzer und Küsse der -Liebenden. - -Noch einmal umschlang sein Arm die Weinende, dann verschwand er im -grünen Laubdach. Hildegard saß wieder auf dem Stein und lauschte; die -Zweige rauschten und knickten hinter ihr, dann wurde es still. Noch -immer malte die Abendsonne das Baumlaub mit rötlichem Gold, die Grillen -und Vögel im Wipfel schwirrten und schrien und die blauen Glockenblumen -standen so lustig wie vorher. Aber das Mädchen sah ernsthaft in eine -fremde Welt, das Kind war unter der Sommerlinde zur Braut geworden. - - * * * * * - -Auf einem Hügel im bayrischen Frankenlande, der weite Aussicht bot, -saß zwei Tage später ein fremder Krieger am Zaun eines einsamen -Bauernhofes. Er trug die gewöhnliche Rüstung eines Reisigen, hatte -den Helm neben sich auf die Bank gelegt, schnitt mit seinem Dolch in -ein großes Schwarzbrot und verzehrte behaglich die Bissen. Daß der -Kriegsmann einen Wachtposten befehligte, war leicht zu erkennen. -Denn aus dem Hofe vernahm man das Schnauben und den Hufschlag von -Pferden, welche dort geborgen waren; zur Seite hielt in Entfernung -eines Pfeilschusses ein gepanzerter Reiter auf schwerem Kriegsroß, -unbeweglich das Antlitz nach Norden gewandt, und weiter vorwärts -standen im Halbkreise hinter Büschen und am Rande der nächsten Höhen -berittene Späher; wo den Rossen auf der Höhe die Deckung fehlte, waren -sie in Senkungen des Bodens zurückgeführt, während ihre Reiter hinter -Steinen oder im Grase versteckt lagen. Auch der Befehlende auf der Bank -unterbrach zuweilen seine Mahlzeit, um in die Ferne zu schauen. Als -einige Reiter heransprengten, erhob er sich ungeduldig. »Wen bringst du -dort wider seinen Willen heran, Bernhard?« rief er dem Führer zu, als -dieser am Fuß des Hügels hielt. - -»Es sind zwei wilde Knaben. Der eine gibt vor, das Lager zu suchen. -Bote nennt er sich mit einem Brief an den Kanzler.« - -Der Kriegsmann winkte, Immo wurde zu Fuß durch zwei Bewaffnete den -Hügel heraufgeführt. »Wer sendet dich mit dem Briefe?« frug der -Gebietende, den Jüngling mit scharfem Blick musternd. - -»Frage den Kanzler, wenn du das wissen willst,« versetzte Immo. »In -meiner Heimat lobt man den Boten nicht, der gegen Fremde von seiner -Sendung schwatzt.« - -»Wo ist deine Heimat?« - -»Ein Thüring bin ich, und freundlichen Gruß habe ich von den Mannen -König Heinrichs gehofft, denn Schwertgenosse will ich ihnen werden -gegen den Markgrafen.« - -»Schlägt dein Arm so scharf als deine Zunge behende ist, so mag der -König dich wohl gebrauchen,« versetzte der andere gleichgültig, »doch -damit wir sehen, ob du die Wahrheit sprichst, so weise uns den Brief.« - -»Das denke ich nicht zu tun,« entgegnete Immo unwillig, »mein Auftrag -lautet, den Brief dem Kanzler in seine eigene Hand zu geben; dich aber -ersuche ich um Geleit, damit ich ihn finde.« - -»Ich will den Brief sehen,« wiederholte der Kriegsmann seinem Wächter. -Dieser winkte den Kriegern und faßte den Arm Immos, aber der Starke -entwand sich ihm, sprang zur Seite und zog sein Schwert. »Wer mir das -Pergament entreißt, den mache ich zum toten Mann,« rief er zornig. - -Auch Bernhard zog sein Schwert. »Auf ihn, schlagt den Frechen nieder.« - -»Halt,« rief der Befehlshaber, »bergt das Eisen, auch du, Fremdling. -Ich fordere von dir, daß du mir den Brief zeigst, ich gelobe dir, daß -ich ihn zurückgebe und dich, wenn du willst, zu dem Kanzler geleiten -lasse.« Er faßte an den Knopf seines Schwertes, Immo gab dem ruhigen -Befehl zögernd nach. Er zog eine kleine Tasche hervor, die er an einem -Riemen unter dem Gewande trug, und hielt ein geschlossenes Pergament in -die Höhe. - -»Gib her, damit ich sehe, ob es ein Brief ist.« - -»Schwerlich wirst du die Aufschrift zu lesen vermögen, auch wenn du der -Buchstaben kundig bist, denn die Außenseite ist leer.« - -»Du bist ein Bote aus Herolfsfeld,« rief der Kriegsmann, das Siegel -betrachtend und seine Augen blickten scharf nach dem Jüngling. »Haltet -ihn fest.« Er löste das Siegel, entfaltete den Brief und las, während -Immo heftig gegen seine Wächter rang. »Tut ihm nichts zuleide,« rief -er, »es ist Immo, Sohn des Helden Irmfried, und guten Empfang hat er -im Lager des Königs zu erwarten. Halt Ruhe, du Wilder,« setzte er halb -lächelnd, halb unwillig hinzu, als er sah, daß Immo seine Bändiger -bewältigte und den Helden Bernhard wie einen Klotz auf den Rasen warf. -»Der Kanzler hat mir das Recht gegeben, solche Briefe zu lesen; du aber -freue dich des Zufalls, denn er mag dir eher zum Heil als zum Schaden -sein.« - -»Wer aber bist du?« versetzte Immo in hellem Zorn, »bei St. Wigbert, -wenn du nicht König Heinrich selbst bist, so hast du grobe Ungebühr -geübt an Herrn Bernheri, an dem Kanzler und an mir und du sollst mir's -mit dem Schwert bezahlen.« - -»Da ich hierzu keine Lust habe,« antwortete der Kriegsmann ruhig, »so -denke, daß ich der König bin,« und als er in dem ehrlichen Gesicht -des Jünglings ein maßloses Erstaunen erkannte, welches seltsam gegen -die zornige Gebärde abstach, fuhr er lachend fort: »ob ich's bin oder -nicht, das soll dich jetzt nicht kümmern, frage nicht nach meinem -Namen, du wirst ihn wohl später erfahren, begnüge dich damit, daß ich -dir wohlgesinnt bin und daß ich das Beste mit dir teilen will, was -ich habe.« Er wies auf das schwarze Brot und ein Tongefäß mit Wasser, -welches dabei stand. »Setze dich zu mir wie ein Krieger zum andern, -nachdem du deinen Brief wieder geborgen hast, und beantworte mir die -Fragen, die ich dir tue.« - -Immo starrte immer noch erstaunt auf den Fremden, im Anfang war er ihm -nicht ansehnlich erschienen, jetzt sah er einen Mann vor sich, der -etwa zehn Jahre älter war als er selbst, das Gesicht war hager und -bleich, aber zwei gescheite Augen standen darin, deren Ausdruck schnell -wechselte, und den beweglichen Mund umzogen kleine Falten, so daß -der Fremde fast aussah wie Vater Heriger, welcher der beste Vorleser -im Kloster war. Immo beugte sein Knie, um den König zu ehren, aber -der Kriegsmann machte ein schnelles Zeichen mit der Hand. »Bei Wasser -und Brot spare den Königsgruß, bis du König Heinrich in seiner Würde -siehst, setze dich zu mir und gib mir Antwort. Doch vorher muß ich dich -diesen Helden versöhnen. Faßt an eure Schwerter und gelobt einander -keinen Groll zu tragen und den Schwingkampf auf dem Rasen nicht zu -rächen.« - -Das taten die Männer und reichten mit geröteten Gesichtern einander die -Hände. »Und jetzt, Immo, verkünde mir, wie kommt es, daß du aus der -übelgesinnten Burg der Wigbertmönche zu König Heinrich reitest; denn -die Leute sagen, daß ihm das Glück nicht hold ist.« - -»Herr, wer ihr auch seid,« versetzte Immo, »da ihr gütig zu mir redet, -so will ich euch alles bekennen. Noch vor wenig Wochen sorgte ich nicht -sehr um den König und den Markgrafen, nur daß ich die Klosterregel -ungern ertrug und mich nach dem Schwertamt meines Vaters sehnte. Seit -ich aber über dem Tutilo die Geißel geschwungen hatte und schnell das -Kloster verlassen mußte, rieten mir meine Gedanken, dem Könige zu -folgen.« - -Als der Kriegsmann von den Geißelhieben des Tutilo vernahm, begann er -laut zu lachen und schlug sich mit den Händen auf die Schenkel, so -daß Immo ihn erstaunt ansah und die Ansicht erhielt, dies könne der -König nicht sein. »Er hat den Babenberger mit seiner eigenen Waffe -geschlagen,« rief der Lustige, »wahrlich, jetzt wundert mich nicht, -daß dir im Kloster zu heiß wurde, denn du hast dir dort einen Todfeind -gemacht.« - -»Es ist wohl ein Verwandter des Königs,« dachte Immo und schnitt mit -größerer Ruhe in das Schwarzbrot, das ihm der andere hinschob. - -»Fahre fort,« sprach der Kriegsmann, »wie waren deine Gedanken, die -dich zum König führten?« - -»Nun, Herr, ich dachte, wir sind doch fast in gleicher Lage. Denn auch -von König Heinrich sagen sie, daß er zum Geistlichen bestimmt war, er -aber hat sich das Schwert gewählt.« - -»Dafür gehört er zu dem Geschlecht, welches die Krone trägt,« -versetzte der Kriegsmann, »du aber berätst dich übel, wenn du der -Stola zu entrinnen suchst. Fehlt dir die Demut, um den Haarkranz eines -Mönches zu tragen, so wisse, auch der Bischof reitet hoch zu Roß, er -trägt sein Panzerhemd, und manchen sah ich in hartem Gedränge seine -Streiche austeilen; Falken und Jagdhunde fehlen ihm nicht und für -andern Zeitvertreib erhält er leicht Dispens. Dem Könige aber sind die -Bischöfe, die er einsetzt, die treuesten Diener; sie sind die Gehilfen -seiner Herrschaft, denn wenn sie auch Söhne haben, so folgen ihnen -diese nicht auf dem Bischofsstuhl, und der König hat nicht nötig, die -harten Nacken eines Geschlechtes zu beugen, welches seine Herrschaft -widerwillig erträgt.« - -»Dennoch hörte ich im Kloster,« antwortete Immo bescheiden, »daß die -Weltgeistlichen mehr um ihre eigene Herrschaft sorgen als um den -Vorteil des Königs und daß sie ebenso begehrlich sind nach irdischem -Gut wie die Mönche. Denn auch diese üben allzuwenig die fromme Sitte -und sie werben und schleichen wegen Hufen und Burgen. Das habe ich -selbst zu meinem Schaden erfahren.« - -»Haben sie auch dich schon um deiner Sünden willen geängstigt?« frug -der andere lachend. »Ich weiß recht wohl, niemand versteht so gut -als sie mit Kreuz und Bußpsalmen Land und Gut zu erkämpfen.« Doch -ernsthafter fuhr er fort: »Heilige Männer sind die Mönche, und wir -Sünder vermöchten ihr Gebet nicht zu entbehren, auch die Wohltaten -nicht, welche sie dem Lande spenden. Sieh, wenn du es zu verstehen -vermagst, überall wo sie gleich den Bienen ihre Waben füllen, bändigen -sie den wilden Heidentrotz im Volke, lehren Kunst und schaffen große -Werke. Zuweilen aber werden sie faul im Stock, wenn des Honigs zu viel -ist, und wer es mit dem Lande wohl meint, muß ihnen dann den Honig -nehmen, damit er andern nützt. Vielleicht sind die Söhne Wigberts in -derselben Lage.« - -»Es ist doch der König selbst,« dachte Immo und ihm fuhren die Worte -heraus: »So meinte auch Graf Gerhard, da er jetzt dem Wigbert die -Wiesen genommen hat.« - -Die Haltung des Kriegsmanns wandelte sich plötzlich. »Was weißt du vom -Grafen Gerhard?« frug er kurz. - -Zögernd berichtete Immo, was er die letzten Tage im Kloster erlebt -hatte. Über das Gesicht des Kriegsmanns fuhr wieder ein Lächeln, -während er mit Anteil zuhörte. »Wo weilt Graf Gerhard?« frug er, -»vernahmst du etwas von ihm in den letzten Tagen?« Und als er merkte, -daß Immo zu sprechen zögerte, fuhr ein scharfer Blick wie der eines -Adlers auf den Jüngling: »Wenn du deine Treue für den König beweisen -willst, so rede die Wahrheit. Wo kamst du über den Main?« - -»Ich möchte ungern etwas sagen, was dem Grafen zum Schaden gereichen -kann,« versetzte Immo, »dennoch sehe ich, daß es sich nicht bergen -läßt. Er lag mit seinem Haufen am Idisbach auf dem Wege nach dem Süden.« - -Der Krieger stand auf. »Gutes verkündest du, und du sollst den Dank -genießen. Denn auf ihn harren wir hier. Wann sahest du sein Lager?« - -»Vorgestern abend ritt ich hinaus.« - -»Wohl, die Rechnung war genau. Dann können wir heute abend seine -schnellen Reiter erwarten. Wie stark war sein Haufe?« - -»Mehr als hundert Rosse zählte ich. Dennoch, Herr, zürnt nicht, wenn -ich Unsicheres sage, er lag auf den Wiesen, ob er aufgebrochen ist, -weiß ich nicht.« - -»Was hast du, Jüngling?« frug der Kriegsmann befremdet. - -»Als ich wegritt, war gerade die Kunde gekommen, daß dem Könige der -Schatz entführt ist; und darüber war großes Raunen und Umherlaufen im -Lager.« - -Der Fremde trat vor Immo, sah ihm fest in das Gesicht, dann faßte er -seine Hand mit eisernem Druck, führte ihn einige Schritt zur Seite und -frug leise: »Du meinst, er zögert deshalb zu kommen?« - -»Ich weiß nichts Sicheres, Herr,« versetzte Immo. - -»Deine Meinung will ich hören, Jüngling, sprich die Wahrheit, wenn dir -dein Leben lieb ist, denn du stehst vor deinem König.« - -Immo warf sich auf die Knie. »Heil sei meinem Herrn!« rief er. - -Doch der König winkte ihm ungeduldig aufzustehen. »Antworte!« - -»Laßt mich's nicht entgelten, Herr, wenn ich Unwillkommenes verkünde. -Sie sprachen davon, auf dem Idisberg ein Lager zu schanzen und im -Morgengrau sah ich Boten reiten nach der Böhmer Grenze, wo, wie sie -sagen, die besten Burgen des Markgrafen sind.« - -Der König wandte sich ab und sah finster vor sich nieder. »Der Graf -fängt früh an wie ein großer Herr zu handeln. Wer hundert Rosse -ins Feld führt, der ist noch nicht vornehm genug, um den König zu -verraten,« rief er bitter. »Sendet dein Geschlecht dich allein?« frug -er argwöhnisch. - -»Ich führe dreißig leichtbewaffnete Knaben herzu, sichere Bogenschützen -aus dem Walde. Ich ließ sie im Versteck zurück mit einem schwer -verwundeten Kaufmann, den wir auf unserm Wege fanden; ihn hatten Räuber -gefällt, als er zum Lager des Herrn Königs ritt.« - -Der König fuhr in die Höhe. »Wie heißt der Kaufmann?« - -»Es ist Heriman aus Erfurt, ein ansehnlicher Burgmann. Da er vielen von -uns wohlbekannt ist, wollten wir ihn nicht zurücklassen.« - -»Wahrlich,« rief der König, »als ein Unglücksbote kommst du. Ist der -Wunde beraubt?« - -»Sein Knecht lag erschlagen, Roß und Warenballen waren entführt.« - -Der König winkte schnell mit der Hand, daß Immo zurücktreten sollte. -Dieser eilte den Hügel hinab zu den Leibwächtern, bei denen Brunico -die Pferde hielt, und er sah aus der Ferne, daß der König auf dem -Schemel gebeugt sein Haupt in die Hand stützte. Auf einen Ruf Heinrichs -ritt von der andern Seite der große Kriegsmann herzu, welcher den -ausgestellten Wachen gebot. »Graf Gerhard hemmt seine Reise,« rief dem -Absteigenden der König entgegen, »er wird sich mit dem Babenberger -vereinen, und Heriman liegt beraubt am Boden.« - -»Oft warnte ich den König,« antwortete der Vertraute, »der Treue des -Wolfes Gerhard zu vertrauen, er nimmt seine Beute, wo er sie findet.« - -»Er raubt wie die andern,« fuhr Heinrich fort, »er ist nicht schlechter -als seinesgleichen und schleicht vorsichtig durch die Täler.« - -»Seine kleine Schar wird der König ohne Schaden entbehren.« - -»Nicht die Schilde, welche er von uns abführt, betraure ich; aber -gerade, daß er kein Held ist, der Kühnes wagt, sondern ein Mann wie -andere Edle auch, das schlägt mir die Wunde. Denn wie er, werden viele -handeln. Wahrlich, es steht schlecht mit der Sache des Königs, wenn -diese Art Raubtiere von seinem Pfade weicht.« - -»Auch hat Graf Gerhard sich bereits vorweg genommen, was ihm der König -als Lohn versprochen hatte,« begann der große Krieger kalt, »und ihm -fehlte der Grund, den andere Empörer vorgeben, daß der König zuerst -ihnen ein Gelöbnis gebrochen habe.« - -Heinrich fuhr auf wie von einer Natter gestochen. »Unleidlich ist dein -Trost,« antwortete er scheu, »willst auch du zu meinem Bruder und zu -dem Babenberger hinüberreiten, daß du mich in dieser Stunde einen -Treulosen nennst und zu einem Gesellen des Grafen Gerhard machst?« - -»Ich habe mich dir gelobt, König, und ich denke meinen Eid zu halten, -obgleich auch ich zu denen gehöre, die du als Raubtiere schmähst. Aber -die Wahrheit berge ich dir nicht, das hast du oft erfahren. Ich stand -dabei, als der König dem Markgrafen bayrisches Land versprach, damit -das Geschlecht der Babenberger dem König zum Throne helfe. Und ich -hörte wieder, daß der König auch seinem eigenen Bruder die Herzogswürde -in demselben Bayern verhieß. Jetzt schreien beide durch das Land, daß -Heinrich ihnen das Wort gebrochen habe. Befiehl mir, sie im Kampfe zu -erlegen, und du weißt, ich werde es tun, wenn ich es vermag. Aber -wundere dich nicht, wenn jene beiden von vielen gelobt werden, weil sie -ihr Anrecht gegen dich mit den Waffen suchen.« - -Der König nahm die kühne Rede schweigend auf und saß wie getroffen -von der Vergeltung, endlich hob er das Haupt und begann: »Da ich -König wurde, dachte ich besser von den deutschen Edlen. Aber in dem -ersten Jahre habe ich sie erkannt. Jedermann hüte sich zu versprechen, -was er nicht zu halten vermag, und zumeist hüte sich, wer die Krone -trägt. Doch glaube mir, Geselle, keinem wird schwerer auf seinem Worte -festzustehen, als dem Könige, wenn er ein Löwe bleiben will in dem -Reich gefräßiger Tiere. Niemand weiß es und niemand glaubt es, wie -dem König sein verpfändetes Wort und sein redlicher Wille zu einer -Todesgefahr wird in späteren Tagen. Durch die Treue, die er andern -erweist, schafft er sich Untreue. Wer heute sein Freund ist, wächst -morgen, sobald er Gut und Gabe erhalten hat, zu seinem Gegner. Jeder -begehrt Macht und je größer seine Macht wird, desto höher steigt seine -Begehrlichkeit. Wahrlich, wie ein verächtlicher Tänzer schwankt der -König auf dem Seil, und die Arme, welche er ausstrecken muß, um das -Gleichgewicht zu bewahren, heißen List und Gewalt. Jammervoll wäre -seine Aussicht nach dem Tode, wenn ihm nicht gelänge, den Himmelsherrn -wieder zu versöhnen durch Demut und fromme Werke. Daß Gutes aus dem -Übel komme, das ist des Königs geheimer Trost.« Er stützte das Haupt in -die Hand und sah traurig vor sich nieder. - -Ein Reiter jagte heran, ein zweiter und dritter. »Sieh auf, König,« -rief sein Begleiter, »dort hinten blinken die Speereisen in der Sonne, -Krieger sind es des Gerhard oder der Babenberger, deine Wächter fahren -nach rückwärts. Führt die Rosse her,« gebot er. »Hoffen die Toren zum -zweitenmal einen Schatz zu fangen? Sie sollen nichts gewinnen als harte -Schläge.« - -Auf die Ruhe in der Landschaft folgte wilde Bewegung, die flüchtigen -Reiter sammelten sich vor dem Könige, am Hoftor stampften die -herausgeführten Pferde, der König beobachtete noch immer einen Trupp -Feinde, welcher die Wurfspeere schwenkend, heranjagte. »Geringe Ehre -wäre es für den König, mitzukämpfen,« mahnte der Vertraute. Heinrich -nickte gleichmütig und schwang sich auf sein Roß, während aus der Ferne -gellender Kriegsruf erscholl. - -Immo sah mit pochendem Herzen und strahlenden Augen auf den Feind, -er band sich den Eisenhut fest, rückte den Schild am Arme zurecht, -wirbelte den Speer und wollte zu den Wachen sprengen, welche sich -gegen den Feind ordneten. Da fiel eine Hand schwer in die Zügel seines -Pferdes, neben ihm hielt der große Kriegsmann, ein glühender Blick aus -Augen, die er wohl kannte, bannte ihn fest und eine Stimme, deren Ton -ihm tief in das Herz drang, befahl: »Zurück!« - -»Mein Oheim Gundomar!« rief der überraschte Jüngling und trieb -unwillkürlich sein Pferd mit einem Sprung zur Seite. »Es ist mein -erster Kampf, wie darf ich umwenden?« - -»Wohl hättest du verdient, daß jene dort dich schnell auf den Rasen -legen. Dennoch gehorche, Knabe!« und der Oheim riß ihm das Pferd herum, -schlug es mit der Speerstange und beide stoben nebeneinander hinter -dem Könige her, der mit wenigen Begleitern flüchtig voranritt. Immo -fuhr dahin wie im Traum, zuweilen sah er verstohlen auf die düstre -Gestalt des gewaltigen Reiters, der an seiner Seite jagte. »Wende dein -Haupt nicht rückwärts,« befahl Gundomar kurz, »achte auf den Zügel, -dein Pferd hat heut mehr Meilen gemacht als dir frommen wird, und jene -folgen auf auserwählten Rossen.« - -»Mich kränkt's, Oheim, daß ich davonreite.« - -»Ich meine, andere kränkst du, daß du im Felde reitest,« klang es von -dem andern Rosse zurück und weiter ging es Hügel hinauf und hinab. -Die Sonne brannte, die Luft wehte scharf an die Wangen. Immo hörte -hinter sich Rosse schnauben und sah den Hauptmann, mit dem er gerungen -hatte, blutend und staubbedeckt an der Seite seines Oheims. Dieser -wies auf die Niederung vor ihnen, durch welche ein Bach mit Erlen und -Weidengebüsch umwachsen dahinrann. »Du kennst die Furt, sammle dahinter -die noch schlagen können und stelle dich noch einmal gegen die Feinde, -wollen sie durchschwimmen, so finden sie die Ufer steil, ihr reitet im -Vorteil. Fahre wohl, Bernhard, wer übrig bleibt, sorge dafür, daß er -seine Gesellen aus dem Fegfeuer löse, ich gedenke deiner Seele, tue -mir dasselbe.« Er winkte mit der Hand, der Reiter blieb zurück; sie -tauchten in das Wasser, der weiße Schaum hing sich an ihre Kleider. Der -Oheim riß das Roß des Neffen an wegsamer Stelle das steile Ufer hinauf -und wieder ging es vorwärts in gestrecktem Lauf. Hinter ihnen klang -stärker der Ruf der Verfolger, darauf ein Gegenschrei der Königsmannen -und Getöse des Kampfes. Als sie wieder eine Anhöhe erreicht hatten, sah -Held Gundomar nach rückwärts, Freund und Feind jagten wild gemengt in -geringer Entfernung nach, vor ihnen durchritt der König die Furt eines -andern Baches, weiter vorn hob sich ein steiler Berghang mit dichtem -Fichtenholz bewachsen. »Hinter dem Harzwald findet er Rettung,« sagte -der Ohm zu sich selbst und ritt voran in den Bach. Am andern Ufer -gebot er: »Nur wenige Verfolger sind dem Haufen voran, mache die Kehre -zum Anlauf.« Er wandte sein mächtiges Streitroß im Bogen und fuhr von -der Höhe herab den Feinden entgegen, welche aus dem Bach auftauchten. -Behend folgte Immo seinem Beispiel. Als er den feindlichen Reitern -entgegenritt, ergriff ihn der Kampfzorn seines Geschlechtes, er hörte -seinen Oheim das Kyrie eleison mit schmetternder Stimme rufen, auch er -rief sein Hara, und Roß und Reiter schlugen gegeneinander. Ihn umgab -ein wilder Wirbel von Männern, welche aus dem Wasser emporrangen, von -springenden Rossen und gehobenen Armen. Er warf seinen Speer und traf -mit dem Schwert, die Streiche dröhnten von den Schilden und Helmkappen. -In der geröteten Flut des Baches sah er sinkende Krieger und ledige -Rosse, an seiner Seite fand er den treuen Brunico wacker dreinschlagend -mit blutigem Haupte. Und er vernahm wieder die donnernde Stimme seines -Oheims: »Wendet nach rückwärts!« Da tauchte er schnell zu Boden, riß -dem Manne, den er gefällt hatte, seinen Speer aus der Wunde, und die -geborgene Waffe mit Jauchzen über dem Haupt schwenkend, sprengte er -hinter dem Oheim die Berglehne aufwärts, bis zu einer Stelle, wo ein -Hohlweg den steilen Abhang durchschnitt. Dort stieg Gundomar ab und -gebot ihm durch eine Handbewegung dasselbe zu tun, dem Brunico aber -winkte er, die keuchenden Rosse weiter hinauf zu treiben. »Hierher -habe ich dich geführt, weil du aus edlem Geschlecht bist, und hier ist -das Tor, an dem du halten sollst, bis du fällst,« befahl der Oheim mit -düsterer Miene, »denn Helden sehe ich gegen uns reiten und kein anderer -Pfad führt zum König als über unsere Leiber. Stehe als erster in dem -Wege. Nimmer meinte ich, daß die Heiligen mir zur Buße meiner Sünden -auferlegen würden, dich zu rächen; doch heut will es das Schicksal -so fügen.« Er trat auf einen Stein, wo seine mächtige Gestalt weit -erkennbar ragte, und stellte den Schild an seinen Fuß. - -Aus der Tiefe sprengten feindliche Reiter. »Weiche abwärts, Graf -Ernst,« rief Gundomar ihrem Führer entgegen, »fruchtlos war dein -Jagdritt, mein Schild sperrt dir die Wildbahn.« - -Graf Ernst sprang vom Rosse und zuckte die Schildfessel am Arme -zurecht. »Drei Zäune deiner Speerreiter habe ich durchbrochen, meinst -du, daß der letzte mich aufhält? Behende versteht dein König zu -fliehen, seine Helden haben gelernt mit den Beinen zu kämpfen, den -Rücken bieten sie willig unseren Speeren.« - -»Vergebens suchst du mich zum Streite zu locken,« rief Gundomar -entgegen. »Ich denke daran, daß wir einst in der Fremde Kampfgenossen -wurden, als dein Schild den Tod von meinem Haupte abwehrte.« - -»Ich meide dich, solange ich andere Beute finde, tue du dasselbe,« -rief der Babenberger. Er hielt den Schild über sein Haupt und sprang -die Bergsteile wie ein Raubtier hinauf gegen Immo. Als dieser den -gefürchteten Helden erkannte, den er einst im Kloster gesehen hatte, -hob sich sein stolzer Mut, und er trat ihm entgegen. Die Speere der -Helden flogen und beide hafteten in den Schilden. Sie zogen die -Schwerter und tauschten blitzschnelle Schläge, daß die Funken an Helm -und Schildrand sprühten. Erprobt war die Kraft des Grafen, aber der Arm -Immos schlug stärker von der Höhe abwärts. - -Die Krieger, welche dem Grafen folgten, zauderten kurze Zeit und sahen -auf den Kampf der beiden Helden, dann warfen sie sich gegen den andern -Wächter des Bergtors und Gundomar rang gegen sie wie ein Eber gegen die -Hunde. - -Mehr Feinde sprengten heran, auch gegen Immo rannte ein zweiter, ein -dritter. Immo erhob seine ganze Kraft wider den Grafen zu wildem -Sprunge, er schmetterte mit dem Schwert in den Helm und drückte den -Schild gegen den Leib des Feindes, daß dieser wankte. Da traf ihm -selbst ein geworfener Streitkolben das Haupt, so daß er zurückfuhr und -auf den Weg sank. Aber in demselben Augenblick sprang Brunico über -ihn und hielt seinen Schild den Markgräflichen entgegen; von der Höhe -drang ein Trupp Reiter in den Hohlweg und aus dem Gewühl der Männer -und Rosse vernahm Immo die scharfe Stimme des Königs: »Ergreift den -Verräter.« Talab wogte der Kampf und aus der Tiefe erscholl freudiges -Kampfgeschrei der Königlichen. Als Immo allein lag, fühlte er, daß ihn -ein Fuß unsanft berührte und als er halb bewußtlos aufsah, glaubte er -das Antlitz Gundomars über sich zu erkennen und zwei Augen, welche mit -kaltem Haß auf ihn starrten; darnach verlor er die Besinnung. - -Der König hielt auf dem Wege, säuberte sein blutiges Schwert an den -Haaren des Rosses und rief lachend Gundomar zu: »Der Bösewicht Ernst -ist gefangen, und diesmal entgeht er schwerlich der Rache des Königs. -Du aber sollst meine Geschwindigkeit loben, denn ich kam zur rechten -Zeit, um dich herauszuhauen.« Er blickte auf den liegenden Immo. »In -fröhlichem Jugendmut zog er heran, kurz war der Waffendienst des -Treuen.« - -»Das Leben des Königs zu bewahren, tauschte er Schläge mit einem -Helden. Sein Ausgang war rühmlicher, als er hoffen durfte,« versetzte -Gundomar finster. Da rief Brunico, der auf dem Boden saß und das -Haupt des Gefällten im Schoße hielt, unwillig: »Wenig frommt ihm der -Unkenruf, kaltes Wasser wäre ihm dienlicher. Ich meine, er soll noch -manches Jahr leben, andern zur Freude oder zum Ärger, je nachdem sie -sind.« - -Der König beugte sich über den Liegenden. »Du sorge für ihn,« befahl -er dem Knappen, »im Ring meiner Leibwache soll ihm das Lager bereitet -werden.« Der Haufe ritt dem Lager zu, in seiner Mitte die schwertlosen -Gefangenen. Auf einer Trage aus grünen Zweigen wurde Immo von Reisigen -des Königs im Walde geborgen. Als er aus der Betäubung erwachte, fand -er sich in einem Zelt auf weichem Lager unter den Händen des jüdischen -Arztes, welchen der König gesandt hatte, mit lautem Heilruf begrüßt von -seinem treuen Gespielen. - -Im Zelt des Königs mahnte Gundomar mit der Sorgfalt, welche einem -vertrauten Diener wohl ansteht: »Heiß war der Tag auch für den König, -und Ruhe wünsche ich ihm heut für Seele und Leib.« - -»Du freilich ruhst nach deinem Heldenwerk,« versetzte Heinrich, »du -verbindest die Wunden, siehst in die Abendsonne und freust dich -der Streiche, die du ausgeteilt. Der König aber setzt sich auf den -Sorgenstuhl und beginnt die kleine Arbeit, welche ihr Helden verachtet. -Führt den Reisigen des Thüring Immo herein.« - -Brunico wurde eingeführt, er trug den Kopf verbunden und neigte sich -schwerfällig an der Tür. - -»Auch du hast dir erworben, was die Leute lieber an andern rühmen, als -selbst nach Hause tragen,« begann der König und wies auf das blutige -Tuch. - -»Die Eisenkappe hielt's nicht aus, der Schädel ertrug's,« versetzte -Brunico zufrieden. - -»Wo liegt Heriman, der Goldschmied?« frug der König. - -»Auf unserm Karren, zwischen den Mehlsäcken.« - -»Wer ist bei ihm?« - -»Ich hoffe niemand, außer meinen Gesellen vom Moor und von den Bergen -des Immo.« - -»Vermagst du den Heriman durch die Späher des Feindes hierher zu -schaffen?« - -Brunico rechnete: »Von Mittag bis zur Vesper ruhig getrabt, von da bis -zum Abend mit dem Herrn König wie die Hasen gelaufen, beträgt zusammen -eine Tagfahrt südwärts. Dennoch habe ich Vertrauen, soweit man im Walde -zurückschleichen kann, denn wir verstehen uns auf die Listen im Holze.« - -»Erzähle mir, wie du den Heriman fandest.« - -Brunico holte mehrmals Atem und wischte mit dem Ärmel an seinem -Eisenhut, denn lange Rede war ihm unlieb. Endlich begann er: »Als mein -Gespiele am Idisberg auf die Sommerlinde stieg, dachte ich, er könnte -herunterfallen, denn diese Art Holz ist brüchig. Deshalb legte ich mich -an die Mauer, ihm beizustehen.« - -»Was soll die Rede?« frug der König, »wer ist dein Gespiele?« - -»Derselbe Immo, welchen der Herr König kennt.« - -»Bist du nicht sein Dienstmann?« - -»Ein Freier bin ich aus dem Moor und freiwillig begleite ich ihn.« - -»Seltsamen Ritterbrauch übt man in deiner Heimat,« spottete der König -zu Gundomar gewandt. »Weshalb stieg Held Immo auf die Linde?« - -»Weil etwas darunter war,« versetzte Brunico mit schlauem Augenzwinkern. - -»Schwert oder Spindel?« frug der König. - -»Spindel,« bestätigte Brunico. - -Der König nickte: »Daher die Schweigsamkeit des Jünglings.« - -»Wie ich so an der Mauer herumschlich, vernahm ich, daß die Fechter -des Grafen in einem Erdloch miteinander zankten wegen der dreizölligen -Wunden, welche der König an ihnen sehen will.« - -»Wie?« frug der König, »was habe ich mit den Fechtern des Grafen zu -tun?« - -Aber Brunico, der froh war, jetzt aus seinem Gedächtnis die Rede eines -andern herauszuholen, fuhr herzhaft fort: »Ich selbst vernahm, daß der -Herr König die fahrenden Leute mißachtet, insbesondere die Weiber, -welche im Tanzen ihr Gewand abwerfen. Ja, man sagt, daß ihm alle Weiber -verleidet sind. Aber die Kämpfer beachtet er. Darum forderte Graf -Gerhard, daß seine Fechter vor dem Könige kämpfen sollten, dagegen -forderten wieder die Fechter eine Begabung. Als ich so über ihnen lag, -hörte ich sie weiterhin von den Waren sprechen, welche sie für ihren -Herrn von einem Kaufmann geraubt hatten. Das verkündete ich dem Helden -Immo, als er sich zu mir fand; wir berechneten die Zeit und suchten -die Spur der beiden Räuber; nicht lange, so fanden wir den Heriman, -den mancher von uns kannte, Immo verband die Wunden, wie er im Kloster -gelernt hatte, wir luden den Heriman auf unsern Wagen, brachen auf, -sobald der Morgen graute und schlugen uns südwärts in die Wälder. Mein -Gespiele Immo aber harrte mit einigen der schnellsten Knaben als Späher -im lichten Holz, wohin sich Graf Gerhard wenden werde. Ich blieb -unterdes bei den Karren und dem Heriman.« - -Der König nickte. »Du hast alles treulich berichtet. Sorge, Gundomar, -daß Kundschafter ihn begleiten, die mit den Waldwegen Bescheid wissen.« -Er winkte Entlassung, aber Brunico stand unbeweglich und glättete aufs -neue an seinem Eisenhut. »Was begehrst du noch?« frug der König. - -Brunico überlegte. »Auch gibt es noch eine Geschichte von einem Bündel, -welches mir Heriman für den Herrn König anvertraut hat.« - -Heinrich sprang auf und packte den Arm des Thürings. »Wo ist die -Botschaft, wo ist das Bündel?« - -Brunico sah den König gekränkt an. »Behalten will ich's nicht.« -Er wandte sich vom König ab und arbeitete mit den Händen längere -Zeit innerhalb seines Panzerhemdes, endlich brachte er eine kleine -Ledertasche heraus. »Sie soll für den Herrn König, aber mein Gespiele -weiß noch nichts davon,« sagte er und sah zweifelnd auf die Tasche. - -Heinrich riß sie ihm aus der Hand, öffnete und rief Gundomar zu: »Die -Briefe sind es aus Magdeburg und dem Sachsenland, lange ersehnt und -glücklich geborgen. So ist doch unsere Fahrt gelungen und auch du hast -die Stöße nicht vergebens erhalten. Laß mich allein und diesen nimm mit -dir, er hat guten Botenlohn verdient.« - -Als die Nacht über dem Heerlager heraufstieg, Männer und Rosse ermüdet -schliefen und die Lagerfeuer niedrig brannten, sah man noch immer im -Zelt des Königs das brennende Licht und Schatten seiner Boten, welche -herzu und hinaus eilten. - - - - -7. - -Vor der Festung. - - -Im Ringe um das Königszelt wachten die Bogenschützen Immos; denn der -König hatte, um die kleine Schar zu ehren, ihr neben seinen Bayern -den Schutz des eigenen Leibes anvertraut. Zwei von ihnen hielten die -Speerwache am Eingang des Zeltes, die andern saßen nach altem Brauch, -den Bogen in der Hand, den Pfeil an der Senne, in weitem Kreise umher -und wechselten nur kurze Worte mit gedämpfter Stimme. Immo stand nahe -dem Zelt und schaute mit lebhaftem Anteil in das Tal vor seinen Füßen, -auf die Mauern und Türme der großen Feste, von welcher das Banner -des Babenbergers trotzig gegen das Königszelt wehte. Der Mauerring -war vor alter Zeit durch Sorben oder Böhmen im verwüsteten Grenzland -errichtet worden, und die Babenberger hatten ihn mit ihrer besten Kunst -erhöht, so daß er jetzt die stärkste von allen Burgen des Markgrafen -war. Darum hatte dieser seine Gemahlin, seine Kinder und Schätze darin -geborgen, viele seiner besten Helden hineingesetzt und seinen eigenen -Bruder als Befehlshaber. Gegen die Burg war der König wie ein Sturmwind -hereingebrochen und hielt sie mit eisernem Griff umklammert. Seine -Heerhaufen lagen unter ihren Bannern rings um den Bach, der in seinen -Armen die Festung einschloß, die Hütten und Zelte füllten den Talrand -und zogen sich an den Hügeln hinauf. Lange Züge von Gespannen führten -Fichtenstämme aus den Wäldern heran, und Scharen von Zimmerleuten -fügten das Holz zu hohen Türmen, von denen die Bogenschützen gegen -die Verteidiger der Mauer kämpfen sollten. Hier und da ragte ein -Sturmbock aus dem Haufen der Arbeiter, das Holzgerüst, in welchem an -starker Kette ein mächtiger Baumstamm hing, der von hinten nach vorn -geschwungen, auch festen Mauern das Gefüge zerbrach. Von allen Seiten -scholl kriegerisches Getöse zu dem Schlag der Äxte und Hämmer. Hornruf -trieb die Arbeiter zum gleichzeitigen Heben der Lasten und einzelne -Heerhaufen zum Ausschwärmen oder zum Rückzug. Längs dem Wasser lagen -hinter Holzschirmen oder in der Deckung, welche der Boden gab, behende -Bogenschützen, welche ihre Pfeile nach jedem Haupt und Arm richteten, -die sich über die Mauerbrüstung erhoben. Gegen die Schützen fuhren von -oben geschleuderte Speere und Steine, zuweilen, wenn ein größerer Haufe -näher herandrang, flog ein spitzer Baumpfahl oder ein Felsstück aus der -Standschleuder des Turmes. Dann erscholl ein heller Warnungsruf und der -Haufe stob auseinander, doch wer getroffen wurde, blieb zerschlagen am -Boden. - -Immo trat schnell zurück und grüßte den Speer senkend, als der große -Erzbischof Willigis von Mainz, der mächtigste Herr nach dem Könige, -begleitet vom Kanzler, aus dem Zelte trat. »Oft sah ich Helden in der -Blüte des Lebens niedergemäht vom Schwert der Feinde oder durch den -Willen der Könige,« begann der Erzbischof, »und mir scheint, wer sich -am herrlichsten erhebt, den wirft sein Geschick am tiefsten. Dennoch -traure ich über den Fall des Ernst von Östreich, denn gleich einem -wonnigen Frühlingstag erschien sein Leben dem Volke. Aber der König -fühlt kein Erbarmen.« - -»Ihr kennt ja selbst unsern Herrn, ehrwürdiger Vater,« versetzte der -Kanzler, »er ist mild, wenn er vertraut, aber wo er sich rächt, begehrt -er die Vernichtung.« - -Der Erzbischof mahnte seinen Begleiter durch einen Blick auf Immo, -zu schweigen, der Kanzler wandte sich grüßend an den Jüngling. »Du -siehst, Held Immo, daß der Brief deines Abtes dir eine gute Stätte -bereitet hat, ich freue mich, daß der König gegen dich huldvoll gesinnt -ist. Auch ich habe wohl Günstiges zu ihm gesprochen, und wenn du eine -Gelegenheit findest, mir gute Dienste zu tun, so hoffe ich, du wirst es -an dir nicht fehlen lassen.« - -Das Zelt öffnete sich wieder, von Gundomar und Wächtern begleitet trat -Graf Ernst in das Freie. Er hatte sein Todesurteil empfangen, aber er -trug sein Haupt hoch und grüßte mit würdiger Haltung die geistlichen -Herren. Da begegnete sein Auge dem Blick Immos, welcher ihn mit -Bewunderung und Trauer betrachtete, schnell trat er auf ihn zu und -begann: »Ich kenne dich wohl, Held, dein Schwertschlag war es, der mir -die Kraft lähmte, wo ich ihrer am meisten bedurft hätte, und du bist -es, der mein Haupt unter das Urteil eines strengen Richters gebeugt -hat. Aber willig rühme ich heut, daß du mannhaft gegen mich gestanden -hast. Es war ehrlicher Kampf, ohne Groll scheide ich auch von dir.« Und -er bot ihm die Hand. - -Immo hielt die Hand fest und antwortete bewegt: »Oft, wenn ich von -euren ruhmvollen Taten vernahm, dachte ich, daß es mein größtes Glück -sein werde, dereinst im Schwertkampf an eurer Seite zu stehen. Jetzt -rührt es mein Herz, daß es diese Waffe war, die euch im letzten Kampfe -traf, und willig wollte ich die teure Ehre dahingeben, wenn ich euch -dadurch retten könnte.« - -»Hilfe für mich ist nur noch beim Himmelsherrn,« versetzte der Graf mit -einem Blick auf den Erzbischof, »dir aber mögen die Heiligen besseres -Erdenglück zuteilen als ich empfing.« Mit gehaltenem Gruß wendete er -sich ab. - -Gundomar aber begann unfreundlich gegen Immo: »Dem Helden stand wohl -an, dich mit Worten zu ehren, dir aber rate ich zu bedenken, daß ein -günstiger Schwertschlag noch keinen zum Helden gemacht hat.« - -»Ich traf so gut ich vermochte und denke dasselbe gegen jeden zu tun, -der mir feindlich entgegentritt,« entgegnete Immo. - -»Auch der Grashalm steigt üppig empor, wenn ihn die warme Sonne -bescheint, der erste Wetterregen schlägt ihn zu Boden,« spottete -Gundomar. - -»Nicht eure Freundschaft hob mich empor, als ich auf dem Boden lag,« -versetzte Immo. - -Als die beiden Helden einander gegenüberstanden, mit blitzenden Augen -und geröteten Wangen, da sahen die Anwesenden mit Staunen, wie gleich -sie einander in Antlitz und Gebärde waren, beide hochragende Gestalten -mit breiter Stirne und starken Augenbrauen, mit gewölbter Brust und -starken Gliedern; voller und heller ringelte sich das Haar Immos, in -den dunkleren Locken Gundomars schimmerten einzelne Silberfäden, aber -an Haltung und Gebärde glichen sie einander wie Brüder, ähnlich klang -sogar der Ton ihrer Stimme. - -»Verzeiht, ehrwürdiger Vater,« wandte sich Gundomar zum Erzbischof, -»daß leerer Wortwechsel in eurer Gegenwart laut wurde. Mir ist das -Gemüt beschwert durch das Los eines edlen Waffengefährten.« - -»Leicht eifern die Helden gegeneinander,« versetzte der Erzbischof -rücksichtsvoll, »auch wenn sie von einem Geschlechte sind. Bei der Not -des einen denkt der andere doch, was seiner Ehre geziemt.« - -Während Immo den abwärts Schreitenden finster nachblickte, sah er vor -sich zwei Zeigefinger übers Kreuz gelegt und hörte nahe an seinem Ohr -die fragenden Worte: »~Es tu scolaris?~« Dies war der vertrauliche -Gruß, woran die lateinischen Schüler im Lande einander erkannten, und -der ihn so grüßte, war der König. Ehrerbietig trat er zurück und neigte -die Waffe. »Ich höre, dein Oheim sähe dich lieber im Kloster als im -Heerlager.« - -»Ich bin ihm verleidet,« antwortete Immo, »und ich sorge, daß sein -übler Wille mir die Huld des Herrn Königs mindere.« - -»Das besorge nicht,« versetzte Heinrich trocken. »Zudem magst du -wissen, daß Held Gundomar seine Feinde lieber ins Antlitz schlägt -als hinterrücks angreift; und soll ich dir Gutes raten, so meide -seine Nähe, wenn er die Brauen grimmig zusammenzieht, wie er manchmal -tut. Doch ein anderer Held hat dir, wie ich vernahm, besseres Lob -gespendet.« Er wies nach dem Wege, auf welchem Graf Ernst zwischen den -Wächtern ging. »Gräme dich nicht, daß du den Spielleuten ihren Helden -genommen hast; denn er ist einer von den Recken, welche durch das Lied -müßiger Gesellen gefeiert werden, selten aber durch das Lob bedächtiger -Männer. Sie werfen ihren Handschuh hierhin und dorthin und kämpfen -wie Bären um eine hohle Nuß, unbekümmert, ob Land und Leute darüber -zugrunde gehen. Darum gleicht auch ihr Ruhm der lodernden Schindel, -welche beim Hausbrande fliegt, wie gerade der Wind sie treibt, bis sie -am Boden flackert und in Finsternis verlöscht.« - -»Verzeiht, Herr,« versetzte Immo demütig, »wer unter dem Helme reitet, -wie mag der den Stolz auf große Taten entbehren?« - -»Der Weise aber nennt eine Tat nicht darum groß, weil sie mit schwerer -Lanze und starkem Arm vollbracht wird, sondern weil sie großen Nutzen -bereitet. Vieles, was leise ins Ohr geraunt wurde, schuf besseren -Segen, als der wildeste Sprung über die Heide.« - -»Dennoch verzeihe mir der König, wenn ich sage, wenige werden freudig -das Schwert schwingen und in den Feind reiten, wenn ihnen nicht die -Ehre, die sie gewinnen, der liebste Schatz auf Erden sein darf.« - -»Du denkst ganz wie die Laien,« schalt der König, »ich traute dir -bessere Einsicht zu. Da du im Kloster warst, solltest du gelernt haben, -daß es höhere Siege gibt, als mit Schild und Schwert, indem man die -Seelen der Helden und der anderen begehrlichen Menschen bezwingt, damit -man ein Herr wird über sie.« - -»Das ist das Amt des Königs,« antwortete Immo. »Ich habe gehört, daß -der große Kaiser Karl, der König Etzel und andere gewaltige Herren, -von denen die Sage kündet, sich ausdachten, was ihnen nützen könnte, -und dann ihre Helden sandten, damit sie es vollbrächten, zu dem einen -Werk die Klugen, zu dem andern die Starken; und daß sie jeden zu -gebrauchen wußten, wozu er diente. Ich aber bin nur einer, der dem -König mit seinem Schwerte dienen will. Und ich begehre die Ehre eines -Helden, welche mir gebietet, meine Genossen lieb zu haben und mich an -meinen Feinden blutig zu rächen. Ob die Rache auch zum Amt eines Königs -gehört, das weiß ich nicht.« - -Heinrich sah ihn mit großen Augen an. »~Immo, tu es scolaris~. Du bist -weit schlauer, als ich dachte. Was willst du mir zu verstehen geben? -Fahre fort.« - -»Herr,« sprach Immo kühn, »als ich den Grafen Ernst abwärts führen sah, -da fiel mir aufs Herz, ein hochgesinnter Held wie dieser vermöchte dem -König wohl noch seine Treue durch gute Dienste zu erweisen. Denn sie -sagen, daß er nur deshalb in Empörung und Unglück gekommen ist, weil er -dem Hezilo als Anverwandter die Treue gehalten hat.« - -»Dem König aber hat er die Treue gebrochen,« rief Heinrich. - -»In Zukunft könnte er wohl dem König allein nützen, denn des Königs -Würde versteht, wie man die Seelen der Helden und der anderen -begehrlichen Menschen zwingt, damit sie gehorsam dienen.« - -»Hat St. Wigbert dir so gut die Zunge gelöst,« frug der König, »daß du -sie gegen mich für einen Verräter zu gebrauchen wagst?« - -Immo beugte das Knie. »Mit dem Schülergruß wurde ich angerufen; habe -ich zu dreist gesprochen, so möge die Gnade des Königs mir verzeihen.« - -Der König nickte. »Du hast recht und ich werde mich hüten, dir noch -einmal das Fingerkreuz zu zeigen, damit du mir nicht wieder eine -Lektion hersagst.« Und als Immo ihn bittend ansah, fuhr er mit -Königsmiene fort: »Sei ruhig, Hauptmann, ich zürne dir nicht.« - -Reisige sprengten herauf, im Lager erhob sich Geschrei und Getümmel, -ein donnernder Jubelruf wälzte sich von Haufen zu Haufen durch das -ganze Heer. Unter dem Geleit einer reisigen Schar wurde ein langer Zug -von Heerwagen und beladenen Lasttieren durch das Lager geführt und -nahe dem Bach, den Belagerten sichtbar rund um die Festung bis zu -der Höhe des Königs. Das war der Schatz, den der Held des Markgrafen -gefangen und den der König zurückgewonnen hatte, nachdem er die Burg -des Magano eingenommen. Jetzt wurde der Schatz im Triumph durch das -Lager geführt, die Krieger zu trösten und die Feinde zu entmutigen. Die -Augen des Königs leuchteten, als sie dem Zuge der Wagen folgten, und -sich noch einmal zu Immo wendend, schloß er: »Suchst du gleich Ehre -und nicht Gold, ich hoffe doch, es soll auch für dich etwas Glänzendes -herausgehoben werden, wenn der König seine Treuen belohnt.« Er ging dem -Erzbischof entgegen, welcher dem Zelte des Königs zuschritt. - -Als die Sonne sank, zog eine Schar breitschultriger Bayern mit -Stiernacken und großen Häuptern heran, die Königswache zu halten. Immo -wechselte mit dem Führer den Gruß, löste seine Knaben von ihren Plätzen -und führte sie zu der Stelle des Lagers, wo sie sich aus Fichtenzweigen -die leichten Hütten erbaut hatten. Während die Thüringe das Feuer -anzündeten, um ihr Mahl zu bereiten, warf er selbst einen dunklen -Mantel über, den Goldschmuck seiner Rüstung zu verdecken, vertauschte -seinen Helm mit der leichten Eisenkappe eines Gefährten und eilte ins -Freie. Rings um die Festung brannten die Lagerfeuer, zwischen den -rötlichen Flammen und den weißen Rauchsäulen schritten die Krieger wie -dunkle Schatten hin und her. Auch über der Festung schwebte eine rote -Dampfwolke, welche verriet, daß die Belagerten nach den Gefahren des -Tages für die ermüdeten Leiber sorgten. - -Immo durchschritt die letzten Lagerreihen der Königsmannen, -beantwortete den Ruf der Wachen und trat in das offene Land, welches -dunkel und still vor ihm lag. Nur an einer Stelle wirbelte weit abseits -vom Lager ein feuriger Dampf, dessen Flamme in der Tiefe verborgen -war. Dorthin eilte Immo. Von der Höhe blickte er über eine Erdsenkung, -in welcher eine Anzahl Laubhütten und Zelte unordentlich durcheinander -stand. Saitenspiel und Gesang und das Geschrei Trunkener tönten zu ihm -herauf, Männer und Frauen glitten an den Feuern vorüber und schlüpften -von einer Hütte in die andere. Dort war das Lager der fahrenden Leute, -welche als Sänger und Fiedler, als Tänzer und Gaukler dem Heere -folgten, um die Krieger in den müßigen Stunden zu ergötzen und ihren -Anteil an der Beute zu gewinnen. Übel berüchtigt war die Stelle, denn -die Wanderer, welche dort hausten, waren aller Ehre bar und wurden -durch kein Recht geschützt, nur durch die Gunst mächtiger Helden, -welche sie zu gewinnen wußten. Als Immo in das Gewirr der Hütten und -der Feuerstellen eindrang, wurde der Lärm und das Gewühl lästig und er -zog seinen Mantel dichter zusammen. Bezechte Krieger schrien ihn an, -buntgekleidete Weiber boten ihm lustigen Gruß, ein riesiger Bär, der an -einen Pfahl gebunden war, zerrte brüllend an seiner Kette, die Fiedel -klang und das Sackrohr brummte; in einer Hütte schwang sich, umdrängt -von einem Haufen Gewappneter, eine zierliche Dirne in hohen Sprüngen -durch die Luft; in einer andern saß ein Spielmann, sang mit melodischem -Tonfall ein Lied von den Taten vergangener Helden und riß dabei -kräftig die Saiten der kleinen Harfe; neben einem großen Feuer sprang -ein schlauäugiger Gesell umher, welcher schnurrige Lügengeschichten -erzählte, und wenn die Zuhörer laut auflachten, mit dem Becher -herumlief, damit man ihm Silberblech spende. Endlich kam Immo zu einem -Zelt, welches inmitten der andern recht ansehnlich stand, mehrere gute -Rosse waren daneben angepflöckt und darüber wehte ein Banner, auf -dessen Tuch zwei gekreuzte Pfeile sichtbar wurden. - -In der Zelttür saß Wizzelin, ein kräftiger Mann von mittleren Jahren -mit klugem Gesicht, er trug ein zierliches Gewand von zweierlei Tuch, -die eine Hälfte rot, die andere grün, um den Hals eine Goldkette, am -Armgelenk einen dicken Goldring. Er gebot dem Lager als Hauptmann und -schlichtete gerade einen Streit zweier Genossen, welche zu beiden -Seiten eines Esels standen. »Frei lief der Esel,« entschied er lachend, -»und zu gleicher Zeit packte ihn Gozzo am Schwanz und Bezzo am Ohr, -und jeder meint, daß darum der Esel ihm gehöre. Beide habt ihr Unrecht -geübt, denn ihr habt einander ärgerlich gescholten, der Fahrende aber -gewinnt nur durch Lachen sein Recht und seine Beute. Dem Esel vollends -habt ihr die Ehre gekränkt, denn da er als Freier lief, hat er das -Recht, sich seinen Herrn zu wählen.« Er wies auf einen Distelstrauch -zur Seite. »Jeder von euch nehme eine Blüte des wehrhaften Krautes in -die Hand, dann haltet beide die Fäuste vor den Helden: wessen Kraut er -frißt, dem will er sich angeloben.« Die Männer lachten und nickten und -Gozzo führte siegreich den Esel zu seiner Hütte. - -Jetzt erst erhob sich Wizzelin, der seither Immo nur durch einen -Seitenblick begrüßt hatte; mit tiefer Verneigung führte er ihn in das -Zelt, zündete einen langen Kienspan an, den er in den Boden steckte, -und schloß den Eingang durch eine vorgezogene Decke. »Sprecht leise,« -sagte er, »denn meine Kinder sind treu, aber neugierig. Viele Augen -sehen nach dem stattlichen Helden und suchen die Geldtasche unter -seinem Mantel.« - -»Sie öffnet sich gern für dich,« versetzte Immo darnach greifend. - -»Laßt noch,« riet Wizzelin, »ich will die Gabe erst verdienen. Auch für -euch ersehne ich den Tag, wo die Kriegsbeute ausgeteilt wird und die -Scharen der Helden heimwärts ziehen. Ich selbst werde froh sein, wenn -ich wieder in die Höfe meiner Thüringe reite. Denn hier schwebt ein -Geier über uns und unsicher schlagen wir mit den Flügeln.« - -»Doch merke ich, du hast auch hier Gunst gewonnen,« antwortete Immo -lächelnd, »ich sah im Vorübergehen manchen ansehnlichen Kriegsmann in -deinen Hütten.« - -»Einem aber sind wir Fahrende verhaßt,« bekannte Wizzelin zutraulich. -»Kein Mönch ist so unhold gegen mein Volk, als der König; und wenn -es auf meinen Willen ankäme, so wäre ich drüben beim Heere des -Babenbergers, wo die Mehrzahl meiner Genossen weilt und weit besser -geehrt wird.« - -»Willst du deine Kinder in den Mauern der Festung bergen? Ungern -erträgt, wie ich höre, dein Volk die Not einer belagerten Burg.« - -»Vielleicht finden wir das Lager des Hezilo an einer anderen Stelle,« -antwortete der Spielmann. - -»Weißt du, wo?« frug Immo schnell. - -Wizzelin schüttelte das Haupt. »Wir Friedlosen, Herr, singen und -sagen nicht alles, was wir wissen und vergebens wäre es, aus uns -herauszulocken, was wir nicht gestehen wollen. Eins aber sage ich -euch: unser Lied wird den König Heinrich selten rühmen, und seit er -das Urteil gefällt hat über den Grafen Ernst, ist das fahrende Volk -ihm feind und der König mag sich vor der behenden Zunge meiner Kinder -hüten wie ein Roß vor einem Schwarm Hornissen.« Und bedeutsam setzte er -hinzu: »Auch der Held, welcher in seinem Heer Ehre gewinnt, mag sich -hüten, ihm zu vertrauen, denn kalt und hart ist er wie Stahl.« - -»Ist dir der Markgraf lieber, wie kommt's, daß du bei uns lagerst und -nicht beim Hezilo?« - -»Ihr selbst wißt einen Grund, daß ich hierher gesandt bin; andere -behalte ich für mich. Auch der Spielmann denkt zuweilen, daß es sein -Vorteil ist, dem Sieger zu folgen.« - -»Sei gelobt, Wizzelin, daß du für uns den Sieg hoffst,« rief Immo. - -»Noch ist er nicht erkämpft,« versetzte der Spielmann. »Hütet ihr euch -nur, daß ihr euren Anteil daran nicht verschlaft.« Und leiser setzte -er hinzu: »Soll ich euch Gutes raten, so wandelt morgen und an den -nächsten Tagen im Grase, bevor die Sonne aufgeht; sammelt den Frühtau -und streichet euch damit die Augen, er hilft, wie die Weisen sagen, zu -scharfem Gesicht.« - -Immo überlegte die Worte, dann griff er schnell nach seiner Geldtasche. -»Sage mir mehr, Wizzelin.« - -»Ich tue es nicht,« entgegnete der andere, »auch nicht, wenn ihr -versucht, mir die Augen durch Goldblech zu blenden.« Er schob den -Vorhang zurück und blies auf einer kleinen Querpfeife einige schrille -Töne ins Freie, gleich darauf vernahm Immo dasselbe Zeichen an mehreren -Stellen des Lagers. »Weshalb ihr kommt, weiß ich, ohne daß ihr mir's -sagt,« setzte Wizzelin ernsthaft die Unterredung fort, »den Gruß, -welchen ich euch im Kloster lehrte, hat mir noch keines meiner Kinder -zugetragen. Darum ist meine Meinung, daß euer Geselle, dessen Botschaft -ihr erwartet, nirgends weilt, wo der Wind über die Halme weht und ein -Baum Schatten auf die Flur wirft, sondern umschlossen von Stein und -Speereisen.« - -»Du meinst in einer Burg des Hezilo?« - -»Auch in den Burgen ziehen meine Kinder ein und aus. Wenn aber eine -Mauer vom Feinde umringt ist, so wird ihnen das Fahren gehemmt.« - -»Sie ist in der Festung, die wir belagern,« rief Immo erschrocken. - -Wizzelin lachte. »Ihr werdet euch behender auf die Mauer schwingen, -wenn ihr das hofft.« Als er aber den Schrecken im Gesicht des Jünglings -sah, fuhr er begütigend fort: »Meinung ist nicht Gewißheit; harret, -vielleicht kommt noch ein Bote für euch. Das wollte ich euch sagen. Und -jetzt öffnet die Tasche und gebt mir meinen Sold, denn jetzt werdet ihr -die Stücke nicht zählen.« - -Immo reichte dem Spielmann die Geldtasche. »Nimm; mir laß nur, daß ich -nicht ganz leer bin, bis ich die nächsten Beuterosse gewinne.« - -Wizzelin schüttete sich die Hand voll Silber und senkte sie behende in -sein Gewand. »Ich habe geteilt,« sagte er die Tasche zurückgebend. »Was -ich euch ließ, hole ich mir mit anderen, wenn ihr euren Anteil an der -Siegesbeute empfangt. Vergeßt den Mann nicht, ihr mögt ihn noch heut im -Morgentau brauchen. Ich selbst begleite euch bis an die Grenze meines -Landes.« - -»Dein Land ist überall, wo Menschen unserer Sprache wohnen,« antwortete -ihm Immo zunickend. »Wo ist die Grenze?« - -»Wo dies Sandloch aufhört,« versetzte Wizzelin, »und wer weiß, wie -lange.« Sie durchschritten eilig das Lager, die Feuer brannten -wie vorher, aber um die Hütten war es stiller; die Tänzerin war -verschwunden, der Lügenerzähler saß allein und packte über einem -Bündel, nur wenige Kriegsleute saßen und lungerten noch an den Zelten. -Doch um die Karren, welche am Abhang in der Reihe standen, bewegten -sich geschäftige Gestalten und im Aufsteigen sah Immo, daß der Esel, -welcher sich den Gozzo zum Herrn gewählt hatte, an einen Karren -geschirrt wurde. Immo, dem die Angst um das Schicksal der Geliebten -das Herz beklemmte, begann, auf die bespannten Wagen weisend: »Wie ein -Wanderer in der Wildnis bin ich, dem sein Roß davonläuft. Wann sehe ich -dich wieder, Wizzelin?« - -»Frage die Wolken und den Wind, wohin sie schweifen, aber nicht einen -Fahrenden,« versetzte der Spielmann lachend. Er neigte sich vor Immo -und tauchte zurück, im nächsten Augenblick tönte wieder die scharfe -Querpfeife. - -Auf dem Wege hielt Immo an und mühte sich, aus dem Feuerkranz, der um -die Festung loderte, die Lager der einzelnen Heerhaufen zu erkennen. -In weiter Entfernung war der Hügel, auf dem die königlichen Zelte -standen, dort und jenseits der Festung lagen bayrische Haufen, weiter -abwärts Schwaben, Mainzer und Fuldaer, gerade vor ihm Herzog Bernhard -mit seinen Sachsen. Da nickte er zufrieden und wandte sich schnellfüßig -dem sächsischen Lager zu. Bald unterschied er hinter der langen Reihe -flammender Feuer die starken Heerwagen, welche die Sachsen zu einer -Wagenburg zusammengestoßen hatten, um dahinter wie in einem Walle -sorglos zu ruhen. Von den Wachen angerufen, wurde er auf sein Begehr -zum Zelt des Herzogs geführt. Der Kämmerer kam unwirsch aus dem Zelte. -»Wie mag ich meinen Herrn wecken?« antwortete er auf die Forderung -Immos. »Jämmerlich ist Bier und Met in Bayerland, und mein Herr schöpft -hier so üblen Nachttrunk, daß ich allen Heiligen danke, wenn er nur -erst eingeschlafen ist.« - -»Ist das die Meinung, die du von deinem Herrn hegst, du grober -Waldgötze,« rief eine tiefe Stimme aus dem hintern Zelt und ein -Lederstrumpf kam gegen den Rücken des Kämmerers herausgeflogen. »Ich -will wissen, wer da ist. Bist du es, Held Immo, so tritt herein.« - -Der Kämmerer öffnete den Vorhang, Immo erkannte beim matten Schein -einer Lampe den Herrn, der mit einem Lodenmantel aus heimischer -Wolle zugedeckt lag und das gutherzige Gesicht ihm fragend zuwandte. -Er berichtete die Warnung, welche Wizzelin geraunt hatte, und den -plötzlichen Aufbruch der fahrenden Leute. »Sie wären nicht von ihren -Feuerstellen gewichen, wenn sie nicht besorgten, daß der Markgraf auf -ihrer Seite angreifen wird.« - -»Schwerlich hat Hezilo die Spielleute zu seinen Vertrauten gemacht,« -versetzte der Herzog kopfschüttelnd. »Und wenn er kommen will, so sind -wir bereits da. Auch ist Hezilo ein Christ und ein ritterlicher Mann, -der seinen Feind niemals anfallen wird, während die Unholde der Nacht -durch die Lüfte fahren. Und wäre er, wie sein Vater war, so würde er -uns auch Tag und Stunde vorher wissen lassen, obwohl wir die Stärkeren -sind. Doch die jetzige Jugend mißachtet alte Bräuche, zumal wenn sie -ihr beschwerlich sind. Darum war deine Sorge unnötig.« - -»Vielleicht liegt der Markgraf uns so nahe,« wandte Immo ein, »daß -er nicht bei Nacht, aber beim ersten Morgenschein in das Lager -einzubrechen vermag. Ihr selbst mögt ermessen, ob er im Vorteil kämpft, -wenn er zu dieser Stunde an unsere Hütten dringt.« - -Der Herzog richtete sich mit halbem Leibe auf. »Wecken kann ich meine -Sachsen nicht, denn wenn sie bei Tage mannhaft kämpfen, so haben sie -dafür, sobald sie schlafen, ein solches Gottvertrauen, daß auch -ein brüllender Löwe sie schwerlich in die Höhe brächte.« Er setzte -gemächlich ein Bein auf den Boden und zog einen Lederstrumpf an. -»Dennoch will ich ein übriges tun.« Er befahl, den Hauptmann seiner -Leibwache zu rufen, forderte den zweiten Strumpf und schritt gewichtig -im Zelte auf und ab. »Sobald die erste Lerche aufsteigt, sollen sie -gerüstet bei den Rossen stehen.« Zuletzt warf er den Mantel um. »Komm -ins Freie, Held, damit ich selbst zum Rechten sehe.« Sie schritten die -Reihe der Wachen entlang, der Herzog prüfte mit scharfem Blick ihre -Aufstellung und gab dem Hauptmann Befehle. »Sende sogleich behende -Läufer zu den nächsten Scharen, aber vorsichtig, daß man aus der Ferne -die Bewegung nicht merke. Auch die Nachbarn sollen sich rühren.« Und -als der gute Herr alles vorsorglich bestellt hatte, sprach er zu Immo: -»Gedenke auch du der Ruhe, ich mißtraue jedem Manne, der sein Lager -gering achtet. Hast du uns Günstiges geraten, so soll dir's vergolten -werden, bleibt's bei deinem guten Willen, so werde ich auch diesen dem -König rühmen.« - -»Gern möchte ich mit dem kleinen Haufen meiner Genossen morgen früh in -eurer Nähe sein,« versetzte Immo, »ich bitte, daß ihr mir's gestattet -und mich beim König entschuldigt, wenn ich eigenwillig zu euch -aufbreche.« - -»Deine Knaben sollen eine rühmliche Ecke meiner Holzburg bewachen,« -entschied der Herzog, erfreut durch den Eifer, »du aber sollst unter -meinen Helden reiten und in meiner Nähe hoffe ich dich zu finden.« - -Im ersten Morgengrau klangen bei den Sachsen die Alarmtöne, gleich -darauf erhob sich wilder Lärm, die Rufer schrien, Pfeifen und Hörner -gellten, das ganze Lager fuhr wie ein aufgescheuchter Ameisenhaufen -durcheinander, bald sprangen ledige Rosse über das Feld und verwundete -Helden wurden aus dem Gewühl getragen. Vom Sachsenlager her scholl -immer wieder das Kriegsgeschrei der Angreifer und Verteidiger und das -Dröhnen der feindlichen Äxte an den Bohlen der Wagenburg. Hin und her -wogte der heiße Kampf, dreimal suchte der Markgraf den Lagerring in -wildem Ansturm zu durchbrechen. Aber die Reiter des Herzogs brachen an -jeder Stelle, welche gefährdet war, aus ihrer Burg, hemmten dreimal den -Sturmlauf der Feinde und wehrten dem Durchbruch, bis der König selbst -mit neuen Scharen herankam. Da wandten jene plötzlich ihre Rosse und -verschwanden wie sie gekommen waren. Auch die Verfolgung, welche König -Heinrich befahl, vermochte sie nicht zu erreichen. - -Als der Kampf vorüber war und Immo mit glühendem Antlitz sein -schäumendes Roß zur Ruhe zwang, ritt Herzog Bernhard zu ihm und ihn -vor allem Heere küssend, rief er: »Heute habe ich dich erkannt, wie -du bist; die alte Treue zwischen Sachsen und Thüringen ist aufs neue -bewährt, mir und meinen Helden bist du fortan ein Waffenbruder und ein -lieber Genosse, so oft du es begehrst.« Und auch König Heinrich nickte -dem glücklichen Immo mit freundlichem Lächeln zu, als er die Reihen der -Krieger entlang ritt. - -Seit diesem Morgen wurde das Lager des Königs täglich beunruhigt, -bald hier, bald dort suchte der Feind überraschend einzudringen; -die leichten böhmischen Reiter, welche ihm zugezogen waren, warfen -sich auf ihren behenden Pferden überall, wo der Boden die Annäherung -begünstigte, gegen die Königsmannen; jeder Haufe, welcher Futter und -Vieh aus der Umgegend herbeitreiben sollte, mußte die plötzlich -auftauchenden Scharen des Markgrafen abwehren. Dieser aber fand in den -Wäldern und Seitentälern der heimischen Landschaft sicheren Versteck. -Auch die Belagerten rührten sich kräftig. Da sie von den hohen Türmen -der Feste weit in das Land schauten, so drangen sie zu derselben Zeit, -wo die Haufen des Markgrafen gegen die Belagerer ritten, mit ihrem -Fußvolk aus den Toren, verbrannten ein Turmgerüst, welches gegen sie -aufgerichtet war, warfen die Sturmböcke und führten die Ketten als -Siegeszeichen nach der Stadt. - -Der König hielt beharrlich die Festung umschlossen, noch war er der -Stärkere, aber er wußte wohl, daß die beste Hilfe, auf welche er zählen -durfte, um ihn gesammelt war, während der Widerstand des Markgrafen -die Unzufriedenen in allen Teilen des Reiches ermutigte und das kleine -Heer des Feindes sich mit jedem Tage vergrößerte, nicht nur durch -böhmische Reiter, auch durch Banner aus dem Norden. Deshalb ritten die -Königsboten, meist geistliche Herren, nach allen Richtungen aus dem -Lager, um den Zorn der Mißvergnügten durch Verheißungen zu stillen und -die Verstärkung des Feindes zu hindern. Aber es wurde den Gesandten des -Königs bereits schwer, durch die Reiter des Hezilo ins Freie zu dringen. - -An einem Abend, wo Immo mit seinen Knaben wieder die Königswache hielt, -trat Herzog Bernhard zu ihm und begann vertraulich: »Der Markgraf -kämpft gegen uns wie das Hündlein gegen den Igel, er springt bellend um -uns herum, zuletzt versetzt er uns doch einen Biß ins Weiche. Es macht -Sorge, das Heer zu ernähren und sorgenvoll wird auch der Lagerdienst.« -Er wies nach dem Felde, wo an Stelle der Wachen zahlreiche gepanzerte -Reiter in weiterer Entfernung aufgestellt waren. »Der König läßt -unablässig nach dem Versteck des Markgrafen spähen, aber keinem unserer -Läufer ist es gelungen, die Stelle zu erkunden. Vergebens hat der -König auch nach fahrenden Leuten umhergefragt, dies ruhmlose Volk ist -verschwunden, wurde einer auf dem Felde ergriffen, so schwieg er oder -log, obgleich der Büttel ihn hart ängstigte.« - -»Dennoch sage ich dir, weder die Babenberger, noch wir andern haben -geahnt, welch ein Kriegsherr König Heinrich ist, denn mit Weisheit -erwägt er selbst Großes und Kleines.« - -Während der Herzog sprach, sprang Harald, der erste Heerrufer, aus dem -Zelt des Königs und eilte den Hügel hinab, ihm folgten seine Genossen, -sich schnell durch das Lager verteilend. »Sieh dorthin, Held Immo, der -König ist müde, still zu kauern und er denkt selbst einen Sprung zu -tun.« - -Am nächsten Morgen zogen beim ersten Hahnenschrei die reisigen Scharen -des Königs von allen Seiten ins Freie, geräuschlos, in kleinen -Haufen, ohne Feldzeichen, um sich außer Gesichtsweite der Festung zum -Heere zu vereinigen. Dem König war gelungen, das schwer zugängliche -Tal zu erkunden, in welchem der Markgraf sein Lager aufgeschlagen -hatte. Zugleich rüsteten die Bogenschützen und die übrigen Haufen -der Fußkämpfer einen Angriff gegen die Feste, ihnen hatte der König -geboten: »Haltet gute Wache, indem ihr mit dem Ansturm droht und -auf die Verteidigung denkt, hütet euch auch, ihr Helden, den Feind -allzusehr zu bedrängen, damit er nicht ausbreche, um sich zu retten. Am -liebsten werde ich euch belohnen, wenn ich das Lager so wiederfinde, -wie ich es verlasse.« - -Auch Immo ritt unter den Wächtern des Königs, welche in der Schlacht -vor seinem Leibe kämpften und ihm die Gasse öffneten, wenn er selbst -einen erlauchten Helden bestreiten wollte. Mehr als eine halbe -Tagefahrt zog die reisige Schar über Hügel und Tal, die Sonne schien -heiß, die Panzerringe brannten durch Leder und Hemd auf die Haut und -der Schweiß rieselte von den Flanken der Rosse. Aber der Zuruf des -Königs trieb unablässig vorwärts, bald an der Spitze, bald am Ende -des Zuges befeuerte er die Müden durch Scherzworte oder scharfen -Tadel, er allein, den seine Feinde weichlich gescholten hatten, -schien Sonnenbrand und Durst nicht zu fühlen. In der Glut des Mittags -klomm die gepanzerte Schar eine steile Höhe hinan. Vielen wurde die -Anstrengung unerträglich, Rosse und Reiter brachen zusammen, aber der -König mahnte und trieb, wirbelte lustig den Wurfspeer, schalt und -verhieß Belohnungen. Kurz vor der Höhe hielten die Müden zu kurzer -Rast. Heinrich ordnete die Scharen in der Stille, auch lauter Rede -wurde gewehrt. Dann hob er grüßend den Speer, die Posaunen und Hörner -schmetterten und brüllten ihre wilden Weisen und in gestrecktem Lauf -stob die Heerschar auf günstiger Bahn nach dem engen Tale, worin die -Banner, die Zelte und Hütten des Hezilo standen. Es war die Tageszeit -nach dem Mahle, wo die Markgräflichen am sorglosesten ruhten; kaum -einer der Helden war mit seiner Rüstung bekleidet, auch die Rosse -standen ungesattelt an ihren Seilen. Furchtbar tönte den Feinden das -Kyrie eleison, der Schlachtruf des Königs, in die Ohren, nur die -Tapfersten wagten dem Ansturm entgegen zu sprengen und das drohende -Verderben aufzuhalten, sie wurden erschlagen oder verjagt, der Zaun des -Lagers wurde durchbrochen, bevor der Widerstand sich daran sammelte; -die Mehrzahl der Krieger gefangen, während sie nach den Waffen schrie. -Der Markgraf selbst entrann mit einer kleinen Zahl seiner Getreuen. - -Als Immo in der ersten Reihe der Leibwächter den Hügel hinabritt, -suchte sein scharfes Auge unter den feindlichen Bannern das Zeichen -des Grafen Gerhard. Er sah es nicht, aber der erste Krieger, der gegen -ihn anritt, war Egbert, ein Günstling des Grafen. Immos Speer warf -den hochmütigen Dienstmann in das Gras und über den Gefallenen brach -der wilde Strom vorwärts. Der Held fand sich vor dem König im Kampfe -gegen Leibwächter des Markgrafen, er stieß, schlug und tat sein Bestes, -aber mitten in dem blutigen Gedränge suchte er immer wieder nach dem -Buchenreis, welches die Dienstmannen des Grafen an ihrer Rüstung zu -tragen pflegten. Als der Schwall verrauscht war und der laute Gesang -des Rufers die Helden zusammenlud, da sprengte er zurück zu der -Stelle, wo er den Egbert getroffen, aber sein Speer hatte die Arbeit -zu gut getan und er vermochte von dem Leblosen keine Kunde einzuholen. -Er durchritt die Haufen der Gefangenen, aber auch dort fand er die -Buchenzweige nicht und er holte mit Mühe die Kunde heraus, daß Mannen -des Grafen unter den Flüchtigen entronnen waren. - -Nur die nötigste Rast verstattete der König den Siegern. Von allen -Ecken ließ er das Lager in Brand stecken und achtete nicht auf das -Murren seines Heeres, welches in den eroberten Hütten Ruhe und Beute -gehofft hatte. Eilig ließ er die Gefangenen und die Beuterosse -rückwärts treiben und brach wieder in Sonnenglut nach dem eigenen Lager -auf, obgleich die ermatteten Sieger mürrisch in ihren Sätteln hingen, -gleich geschlagenen Männern. Immo sah von der Höhe zurück auf das Tal, -welches mit lodernden Flammen und einer ungeheuren Rauchwolke gefüllt -war. Da hörte er wieder den treibenden Ruf des Königs, und Heinrich -winkte an seiner Seite reitend ihm zu: »Ich sah dich mannhaft treffen, -Held Immo, und mächtigen Staub aufregen ~quadrupedante putrem sonitu~, -wie der Heide sagt. Herzog Bernhard,« rief er sich unterbrechend, »gibt -es kein Mittel, aus diesem Schneckenritt herauszukommen?« - -Der Herzog sprengte an die Seite des Königs. »Mann und Roß werden die -Glut des Tages lange fühlen.« - -»Das mögen sie später halten, wie es ihnen beliebt, heute aber brauche -ich sie nicht auf dem Wege, sondern im Lager, und ich wollte, uns wäre -die Heidenkunst erlaubt, einen Sturmwind zu beschwören, der das Heer in -der Wolke dahintreibt.« - -Der Herzog schlug ein Kreuz. »Die Himmlischen gewähren zuweilen dem -Bittenden Regen, auch dieser würde das Heer vorwärts treiben.« - -»Ich kann nicht frei atmen, Vetter,« fuhr der König leise fort, »bis -ich das Lager gesichert sehe, denn wenn die in der Festung nicht -verblendet sind, so mag unser Schade größer werden als der Gewinn.« - -»Reite voraus,« riet der Herzog. - -»Dann fallen diese ganz von den Pferden und legen sich auf die Heide,« -versetzte der König. - -»Willst du meinen Sachsen deinen Wein und Met preisgeben, so will ich -versuchen, ob ich sie noch vor Sonnenuntergang in die Wagenburg bringe.« - -»Von Herzen gern,« versetzte der König, »denn wenn wir heute einen -Ausbruch des Feindes abwehren, so denke ich morgen den Krieg zu -beenden.« - -Der Herzog befahl seiner Schar zu halten und ließ durch den Rufer -verkünden, daß der ganze Tonnenvorrat des Königs noch heute derjenigen -Schar als Ehrentrunk zugeteilt werden sollte, welche zuerst das Lager -erreiche. - -Die Helden sahen einander mürrisch an, doch allmählich erschien ihnen -der Vorschlag nicht verächtlich, sie lächelten ein wenig und die Rosse -begannen zu traben. Als der Rufer den Bayern verkündete, daß die -Sachsen um des Königs Wein davon ritten, ärgerten sich die Bayern, weil -das Getränk aus ihrem Lande genommen war und ihnen zuerst gebührte, und -ihre Rosse trabten ebenso. - -Die Sonne neigte sich dem Horizont zu, als Heinrich, der mit seiner -Leibwache dem Heere die letzte Meile vorausgesprengt war, von der -Höhe das Tal der Festung erblickte. Als er die Lagerstätten mit ihren -wehenden Bannern unversehrt vor sich sah, da brach er in einen lauten -Freudenruf aus und neigte sein Haupt, um das Gelübde, das er dem Himmel -in der Sorge getan, mit dankbarem Herzen zu wiederholen. Wie er zum -Lager hinabstieg, klang von der Seite Heermusik und eine Schar von -Reitern und Fußvolk zog mit ihren Wagen ganz gemächlich dem Lager zu. -Verwundert frug der König: »Wer sind diese, die so lustig am Feierabend -reisen, nachdem die andern das Werk getan haben?« Immo ritt vor: »Es -ist das rote Kreuz von St. Wigbert, Herr Bernheri sendet seine Mannen.« - -Da lachte der König: »So hat der Jagdspieß des Alten doch die Empörer -gebändigt,« und der Schar entgegenreitend, rief er ihrem Führer Hugbald -zu: »Als säumige Schnitter nahet ihr, die Halme sind gemäht. Dennoch -seid willkommen zum letzten Sprunge um den Erntekranz.« Und als Immo -seinen alten Genossen Hugbald begrüßte, sprach dieser: »Unser Herr Abt -sendet dir seinen Segen und Dank für deine Mahnungen, die ihm die -Spielleute zugetragen haben. Manchen Heiltrunk hat er dir zu Ehren -getan. Jetzt hält er sich auf dem Berge gegen sein eigenes Kloster -verschanzt. Doch hoffe ich, euer Sieg soll den Tutilo mit seinem ganzen -Anhang austreiben.« - -Am nächsten Morgen ließ der König die Gefangenen rings um die Mauern -führen, die Belagerten zu schrecken, und sandte seinen Rufer, die -Übergabe der Festung zu fordern. Dem Geschlecht des Markgrafen und -den Dienstmannen versprach er freien Abzug in das böhmische Land, bei -längerem Widerstand drohte er mit Austilgung durch Feuer und Schwert. -Die Helden der Burg saßen in sorgenvoller Beratung, die Bedächtigen -rieten, besser sei es, etwas zu retten, als alles zu verlieren, -denn reißendem Wasser und siegreicher Hand vermöge man schwer zu -widerstehen, aber die meisten riefen, sie wollten lieber sterben, als -die Mauern übergeben, solange ihr Herr noch in Freiheit lebe. Und sie -weigerten zuletzt die Übergabe. Den ganzen Tag wurde verhandelt, der -König aber beschloß, die Unschlüssigen am nächsten Morgen durch einen -Angriff zu zwingen. - -Es war eine mondlose Sternennacht, Immo wachte mit seinen Knaben -am Ufer des Baches, nur einen Pfeilschuß von der Festung entfernt. -Wie Jäger im Bergwald lagen die Thüringe, ihre braunen Wollmäntel -über der Rüstung, Bogen und Pfeil in der Hand, wo ein Strauch oder -eine kleine Senkung des Bodens Deckung gab. Sie lauerten auf jedes -Geräusch und jeden Schatten, der hinter dem Bach und an den Zinnen -der Festung sichtbar wurde. Gerade vor ihnen erhob sich ein dicker, -viereckiger Mauerturm, welcher aus der Fluchtlinie der Mauer nach dem -Bach vorsprang, damit man aus ihm die anstürmenden Feinde von der -Seite treffen konnte. Die rötliche Rauchwolke, welche jede Nacht über -der Festung schwebte, sank tiefer, das Geräusch entfernter Stimmen -verhallte; Mitternacht war vorüber und der graue Dämmerschein am Rande -des Himmels rückte von Norden nach Osten. Da vernahm Immo neben sich -das leise Gequake eines Frosches, das Zeichen, durch welches die Jäger -einander mahnten; im nächsten Augenblick wand sich Brunico auf dem -Boden zu ihm. »Sieh zur halben Höhe des Turmes. Es regt sich in der -Luke, ich meine, dort ist ein Lebender zu merken, der graue Schatten -sinkt langsam abwärts.« Gleich darauf klang es im Wasser: »Er watet -oder schwimmt.« Immo gab das Zeichen, hier und da tauchte ein Haupt vom -Boden, die Rohrpfeile flogen an die Sennen und die spähenden Blicke -fuhren über jede Stelle des Ufers. Wieder rauschte es, der Leib eines -Mannes hob sich über den Rand des Baches, vorsichtig schob er sich auf -dem Boden vorwärts, gerade dem Versteck der Thüringe zu. Schon hatte -er einen niedrigen Strauch erreicht und richtete sich hinter ihm auf -der Lagerseite in die Höhe, um in das ferne Land zu blicken; da, als -seine Gestalt über dem Grunde erkennbar wurde, klangen von beiden -Seiten die Sennen und flogen die Pfeile gegen ihn. Der Mann stöhnte, -neben ihm fuhr Brunico in die Höhe, nach kurzem Ringen trat der Knappe -wieder an Immos Seite, und mit einer Gebärde des Abscheus sein Schwert -einsteckend, brummte er, »es war Ringrank, der Fechter.« Immo sprang -zu der Stätte, an welcher der Unselige lag, beugte sich über ihn und -das schwere Haupt hebend raunte er ihm ängstlich zu: »Wer sendet dich?« -Der Sterbende tastete mit der Hand nach seinem Messer, als er aber über -sich das traurige Antlitz Immos sah und die freundlichen Worte hörte, -murmelte er: »Der Rache des Königs dachte ich zu entrinnen, darum trug -ich einen Gruß für dich.« - -»Wo ist sie?« frug Immo tonlos. - -»Wo ich war,« seufzte der Mann wieder und fiel zurück. - -Die bleichen Sterne schienen auf glanzlose Augen, Immo deckte dem toten -Fechter das Gewand über das Antlitz und wandte sich ab. Ihm hämmerte -das Herz in der Brust und sein Blick haftete fest auf dem Turme, -aus dem der Fechter herabgestiegen war. Er winkte Brunico an seine -Seite, dann wand er sich selbst bis an das Ufer des Baches. Als er -zurückkehrte, rief er seine Mannen in eine Talsenkung nach rückwärts. -»Mahnt den Hugbald, der neben uns liegt, daß er mit Wigberts Knechten -unsere Stelle besetze. Euch aber, meine Knaben, lade ich, daß ihr mir -folgt. Denn was mir auch geschehe, ich klimme den Pfad hinauf, den der -Tote herabgestiegen ist. Die in der Stadt vertrauen der Nacht und ihrem -Handel mit dem Könige, keinen Wächter erkenne ich auf der Zinne, noch -hängt das Seil. Halten wir erst den Turm, so soll Hugbald mit Sturmzeug -uns folgen.« - -»Manche Klippe unserer Berge, die wir erklommen, war höher,« ermunterte -Brunico. »Führe, Immo, wir folgen.« Die schnellen Knaben stiegen -geräuschlos zum Bach hinab, sie tauchten in die Flut, wateten und -schwammen und waren nach kurzer Zeit am Fuß des Turmes versammelt. Immo -prüfte den Halt des Seils. »Der Erste sei ich,« brummte Brunico, ihm -den Arm haltend. »Keiner vor mir,« befahl Immo, »schwinde ich dahin, so -führe du die Treuen zurück.« Er schwang sich am Seile aufwärts und hob -sich in die Öffnung des Turmes, gleich darauf schüttelte er das Seil, -und seine Knaben folgten schnell einer dem andern. - -Das Stockwerk des Turmes war menschenleer, die Tastenden fanden in der -Mitte eine große Standschleuder und an beiden Seiten offene Türen, sie -führten zu der Holzgalerie, welche an der inneren Fläche der Mauer -unter den Zinnen entlang lief. Auch die Galerie in ihrer Nähe war ohne -Bewaffnete, nur von dem nächsten Turme, durch welchen ein Tor nach -dem Wasser führte, klangen die Tritte der Wachen. Während Brunico -vorsichtig die kleine Treppe hinabstieg, welche von der Galerie zum -unteren Stockwerk des Turmes reichte, gab einer der Knaben rückwärts -dem Hugbald das verabredete Zeichen, einen flüchtigen Feuerschein. Dann -harrten die Thüringe ungeduldig auf das erste Tageslicht. - -Unten aber am Bache rührte sich's. Hugbald hatte den bayrischen -Schanzmeister zu Hilfe gerufen; die Belagerer rollten leere Fässer an -das Ufer und schnürten sie mit Bohlen zu einem leichten Floß. Sie zogen -die Sturmleitern über den Bach und hoben sie mit Hilfe des Seils zu -der Turmöffnung. Als der Morgen dämmerte, war der Turm und die nächste -Galerie in den Händen der Königsmannen; ohne Lärmzeichen drangen sie -bis zu dem Tore, überfielen die sorglosen Verteidiger, zerschlugen die -Sperrbalken der Torpforte und warfen die Fallbrücke über das Wasser. - -Da erhob sich in der Festung Alarmruf und Notgeschrei. Die geworfenen -Verteidiger liefen vom Tore brüllend durch die Straßen, Hörner und -Posaunen tönten, und aus den Gassen der Stadt stürmten die erweckten -Helden an das verlorene Tor. Ein heißer Kampf entbrannte um die -beiden Türme und die Mauer dazwischen. Die Markgräflichen umschanzten -mit Schild und Speer den Zugang zu den nächsten Gassen, sie liefen -unter ihren Schilden gegen die Toröffnung, drangen auf der Mauerhöhe -gegen die Türme und warfen ihre Geschosse von der Galerie auf die -Königsmannen, welche von außen über die Brücke drängten, und drinnen -die eroberten Türme besetzt hielten. Die Königsmannen aber sendeten -Speere auf die Andringenden und schossen Brandpfeile gegen die Dächer -der nächsten Häuser. Bald stiegen Rauchsäulen und lodernde Flammen aus -den Höfen, und in das Getöse des Kampfes mischte sich das Gebrüll der -Rinder und das Geheul der Einwohner. - -Der König hielt auf einem Hügel nahe dem Tor, um welches gestritten -wurde, er sah, wie die lodernden Flammen hinter der Mauer aufstiegen, -und nährte den Kampf durch neue Haufen, welche er über die Brücke -trieb. Aber wie sehr er sich des Erfolges freute, er dachte auch daran, -daß der letzte Streit gegen die gesammelte Macht der Verzweifelten -seinem eigenen Heere einen guten Teil der Kraft nehmen könne, und daß -an der abgewandten Seite der Festung noch eine feste Burg lag, in -welcher die Feinde sich wohl zu halten vermochten, bis der Böhmenherzog -zu Hilfe kam. Deshalb bezwang er die Sehnsucht nach Rache und sandte -seinen Heerrufer über den Bach nach der Burgseite, um aufs neue mit den -Belagerten zu handeln. - -In das Gewühl am Tor klang der Ruf, daß der König sich vertragen -wolle, und der Kampfzorn der Verteidiger wurde schwächer. Einer nach -dem andern warf sich nach rückwärts, um seine Habe aus der brennenden -Stadt zu retten und die Burg zu gewinnen, und die Königsmannen -stürmten mit hellem Siegesrufe vor. Als erster Immo, gefolgt von den -schnellsten seiner Knaben. Gleich einem Wütenden war er von der Mauer -gegen das Tor gefahren. Während er im Kampfe stieß und schlug und -jeden Ansturm der Feinde zurückwarf, hatte er nur einen Gedanken, zu -ihr durchzudringen, die zwischen Rauch und Glut und dem Todeskampf -der Männer die Arme zum Himmel hob. Jetzt sprang er wie ein wildes -Roß durch Qualm und züngelnde Flammen in die Gassen der Stadt. Laut -schrie er über die Haufen und in die offenen Höfe den Namen Hildegard. -Der geborstene Helm war ihm vom Haupt geworfen, das blutbesprengte -Haar flog ihm wild um die heißen Schläfe. Zwischen Herdenvieh, -beladenen Karren, über Leichen der Gefallenen, durch kleine Haufen -feindlicher Krieger stürmte er vorwärts, bald ausweichend, bald Schläge -tauschend, bis er den Marktplatz der Stadt erreichte, wo das Getümmel -am wildesten durcheinander wogte. Er überstieg die gedrängten Karren -der Flüchtigen und wand sich durch eine Schar feindlicher Reiter, -wie ein Verzweifelter mit dem Strome ringend. Da, in der Mitte des -Marktrings, wo das steinerne Kreuz auf einer Erhöhung ragte, sah er -einige böhmische Krieger auf eine helle Gestalt eindringen, die am Fuße -des Kreuzes lag und mit beiden Armen den Stein umschlang. »Hildegard,« -schrie er und ein schwacher Gegenruf: »Immo, rette mich,« klang in -sein Ohr. Den Wilden, welcher die Arme nach der Liegenden ausstreckte, -schleuderte er zur Seite, daß dieser das Aufstehen für immer vergaß, -seine heranspringenden Genossen verscheuchten den fremden Schwarm. Er -hielt die Gerettete in seinen Armen, küßte das bleiche Antlitz und -rief sie mit den zärtlichsten Grüßen, und als sie die Augen aufschlug, -da hob er sie lachend empor, während ihm die Tränen aus den Augen -stürzten, und mit dem Schildarm sie umschlingend, hielt er am Kreuze -die Wache für das geliebte Weib, das an seinem Hals hing und sich fest -an seine Brust drückte. Über ihm wirbelte der glühende Rauch, um ihn -krachten die stürzenden Balken und das Kampfgetümmel wälzte sich durch -die Straßen der Stadt, er aber stand, umgeben von Tod und Vernichtung, -wie ein Seliger, und er sah, wie die hohen Engel mit flammenden -Schilden und Speeren durch die Lohe schwebten und um ihn und die -Geliebte eine feste Schildburg zogen. - -An der Ecke des Marktes wehte ein Banner, auf welchem er das weiße Roß -der Sachsen erkannte, da rief er: »Glückauf, mein Geselle, dort nahen -die Helden, denen ich am liebsten vertraue, damit sie dich zum König -geleiten.« - - - - -8. - -Die Not des Grafen. - - -Der Kampf um die Krone war entschieden. Mit unwiderstehlicher Gewalt -trieb der König den Markgrafen der böhmischen Grenze zu, eine Burg nach -der andern fiel in seine Hände, die Flammen, welche aus den gebrochenen -Mauern aufstiegen, verkündeten dem erschreckten Lande den Sturz eines -edlen Geschlechtes und die Rache des Königs. Schonungslos wollte -der König alles mit Feuer und Schwert tilgen, was an die Herrschaft -seines Feindes erinnerte, und die harten Vollstrecker seines Willens -fühlten zuweilen ein Mitleid, das er nicht kannte, und milderten in -der Ausführung sein Gebot. So scharf war des Königs Zorn, daß sich -jedermann über die Schonung wunderte, die er einem der Verschworenen -zuteil werden ließ. An dem Grafen Ernst wurde das Todesurteil nicht -vollstreckt, der Held büßte nur mit einem Teil seines Schatzes und -wurde in milder Haft gehalten. Und die Leute rühmten den Erzbischof -Willigis, weil seine Bitten den Haß des Königs gedämpft hätten. - -Während der Markgraf als landloser Flüchtling in Böhmen umherirrte und -die übrigen Empörer demütige Boten sandten, um die Gnade des Königs -zu gewinnen, hielt Heinrich seinen Hof in Babenberg, der Stammburg -seines Feindes. Dort sammelte sich das siegreiche Heer, der Belohnung -und Entlassung harrend, auch die Königin Kunigund kam von Regensburg -an; mit großem Geleite holte sie der König ein, und die Edelsten des -Heeres begrüßten die Herrin nach altem Heldenbrauch auf ihren Rossen -im Eisenhemd, indem sie zu zwei Scharen geteilt in gestrecktem Lauf -durcheinander ritten und dabei die Gerstangen durch wilden Wurf an den -Schilden der Gegner zerbrachen. - -Immo hatte in dem Kampfspiel seine Reitkunst rühmlich erwiesen, die -Jungfrau aber, in deren Augen er am liebsten sein Lob gelesen hatte, -blickte nicht auf den glänzenden Zug. Er wußte, daß Hildegard auf -Befehl des Königs unter der Aufsicht einiger frommer Schwestern in der -Stadt weilte, aber ihm war trotz aller Mühe nicht gelungen, zu ihr zu -dringen. Als er jetzt vom Rosse stieg und in die Herberge trat, fand -er den Spielmann Wizzelin, der in neuem Gewande und mit klirrendem -Goldschmuck, das Saitenspiel in der Hand seiner wartete, umdrängt von -Kriegsleuten, welche mit dem wohlbekannten Mann Scherzreden tauschten -und ihn mahnten, seine Kunst vor ihnen zu erweisen. - -»Gutes Glück bringe mir das Wiedersehen, du flüchtiger Wanderer,« rief -Immo. - -»Auch euch ist alles gelungen,« antwortete der Spielmann, »und als ein -Glückskind rühmten euch die Leute, während ihr heute so hurtig rittet. -Liegt euch noch am Herzen zu erfahren, was ihr einst von mir begehrtet, -so vermag ich Bescheid zu sagen.« - -Immo führte ihn schnell in seine Kammer. - -»Sie ist hier,« sprach Wizzelin leise, »sie will euch sehen, und ich -vermag euch zu ihr zu führen. Die alten Nonnen, bei denen sie weilt, -sind keine strengen Wächter, auch sie vernehmen gern, wenn ich vor -ihnen die Saiten rühre. Folgt mir sogleich, wenn es euch gefällt, doch -haltet euch eine Strecke hinter mir zurück, denn ich bin den Helden -hier nicht unbekannt,« fügte er stolz hinzu, »und muß auf viele Grüße -antworten.« - -Sie traten auf die Straße, der Spielmann glitt behend durch das Gewühl -von Reitern und Rossen, von Burgmannen und Landleuten, welche herzu -geströmt waren, den Einzug zu sehen. Oft wurde er angerufen, auch -Gelächter und Spottreden klangen ihm entgegen. Gegen die Huldreichen -verneigte er sich und versprach Besuch und Lied, den Spöttern -antwortete er mit dreister Gegenrede, so daß er die Lacher stets auf -seiner Seite hatte. Endlich bog er in eine stille Seitengasse und -fuhr durch das Tor eines dürftigen Hofes. Er wies auf eine niedrige -Fensteröffnung, hob einen Zipfel der Decke, welche das Innere verbarg, -und sagte zu Immo: »Springt dreist durch die Tür, ich halte die Wache.« - -Immo eilte in das Haus. Mit einem Freudenschrei warf sich Hildegard in -seine Arme und drückte sich an seine Brust. - -»Wie bleich du bist, Hildegard, und gleich einer Gefangenen sehe ich -dich bewahrt.« - -»Sie sind nicht hart gegen mich, und wären sie es auch, ich würde es -wenig beachten, wenn ich an dich denke und dein Antlitz zu sehen hoffe. -Denn so oft mich die Einsamkeit ängstigt und die Gefahr bedroht, bist -du mir in meinen Gedanken nahe, du Lieber, mich zu trösten. Bald aber -werden sie mich von hier fortführen zu der Königin, in ihrem Gefolge -soll ich bewahrt werden.« - -»Das ist gute Botschaft,« rief Immo, »dort vermag ich dir eher nahe zu -sein.« - -Aber Hildegard schwieg, ihr Haupt lag schwer an seiner Brust, und ihr -junger Leib bebte in seiner Umarmung. »Hoffe das nicht, Immo, denn -nicht für ein fröhliches Leben denkt mich der König zu retten, nur -weil der große Erzbischof Mitleid mit mir hatte. Sie halten mich fest, -wie die frommen Mütter sagen, damit ich nicht gleich einer Dirne auf -die Straße geschleudert werde. Mein unglücklicher Vater!« rief sie mit -gerungenen Händen. »Geh' von mir, Immo, denn Elend ist mein Los, und -meinem Vater droht das Verderben.« - -Immo wußte wohl, daß der König damals, als er dem Geschlecht des Hezilo -Abzug aus der Festung gestattete, den Grafen Gerhard mit seinem Gesinde -aus dem Zuge der Entweichenden herausgerissen hatte, um ihn für seine -Rache zu bewahren. Seitdem konnte niemand sagen, was mit dem Grafen -geschehen war. Deshalb frug Immo sorgenvoll: »Vernahmst du, wo er -weilt?« - -»Er liegt im Turm der Stadt gefangen, ich war bei ihm und er begehrt -in seiner Not nach dir. Eile, Immo, denn kurz ist, wie sie sagen, die -Frist, welche ihm noch auf dieser Erde gestattet wird. Tröste ihn, wenn -du vermagst, und dann komm noch einmal zu mir, damit ich dich segne und -dir für deine Liebe danke. Denn, Immo, merke wohl, die Tochter eines -entehrten Mannes kann nicht ferner dein Geselle sein. Suche dir die -Braut unter den geschmückten Frauen, welche mit der Königin eingezogen -sind und sich gleich dir des Sieges freuen; ich aber und mein -Geschlecht schwinden dahin wie die flammenden Häuser und die Weiber und -Kinder, die ich mit der Peitsche hinaustreiben sah.« - -Immo rief unwillig: »Ich hörte immer, die durch ein Band gebunden sind, -sollen auch Leid und Liebe miteinander teilen, solange sie leben. -Meinst du, Hildegard, daß ich dich losbinde von deiner Pflicht gegen -mich? Mein bist du, aus der brennenden Stadt habe ich dich getragen -und was sie auch über dich ersinnen, solange ich atme, darfst du dich -niemandem geloben als mir, nicht der Königin und nicht den Heiligen. -Zur Stelle suche ich deinen Vater auf, ob ich ihm nützen kann.« Er hob -ihr gesenktes Antlitz mit der Hand zu sich herauf und sah ihr in die -Augen. Lange dachte er an die heiße Liebe, mit der sie ihn bei diesem -Scheiden ansah. »Morgen bei guter Zeit bringe ich Botschaft,« rief er -noch an der Tür. - -Am Fuß der Turmtreppe sprach der Wärter zu Immo: »Ihr werdet den -Grafen in unehrlicher Gesellschaft finden, wenn euch beliebt, jetzt -hineinzugehen. Einer seiner Fechter ist bei ihm, er hat ihn gefordert; -ich rate, daß ihr harret, bis der ruchlose Mann gewichen ist.« - -»Öffne doch,« versetzte Immo, »er hat mich dringend begehrt.« - -Als Immo mit dem Schließer eintrat, sah er den Grafen auf einer -Holzbank sitzen, und vor ihm stand Sladenkop, der Fechter, ein -unförmlicher Gesell mit Armen und Beinen, die aussahen, als ob sie von -einem riesigen Tiere genommen wären, mit kleinen scharfen Eberaugen, -kurzer Stirn und borstigem Haar. Die Miene des Mannes war verlegen -und sein Gesicht gerötet. Immo wandte den Blick mit mehr Teilnahme -auf den Grafen. Denn sehr bekümmert erschien dieser, die Augen lagen -tief und fuhren ängstlich umher, er war hagerer geworden und sein Kopf -stand nicht mehr so trotzig zwischen den Schultern wie sonst, sondern -hing ein wenig nach vorwärts. Immo grüßte und winkte dem Schließer -abzutreten, welcher mit einem argwöhnischen Blick auf den Fechter -sagte: »ich harre draußen an der Tür, wenn ihr mich ruft.« - -»Ich freue mich, Immo,« antwortete der Graf dem Gruße, »daß du nicht -verschmähst mich aufzusuchen, obwohl ich im Unglück bin. Immer hat dein -Geschlecht mir edle Art gezeigt und gute Freunde sind wir von neulich, -wo du in meiner Halle saßest und wo du in meinem Lager den Würzwein -trankest. Jetzt verläßt mich alles, sogar dieser Köter,« er wies auf -den Fechter. »Betrachte seine Arme, so habe ich ihn gefüttert, und mir -hat er sein Leben gelobt, jetzt aber sträubt er sich, mir im Kampfe -einen Vorteil zu geben.« - -»Verhüten die Heiligen, daß euch jemals das Los zuteil werde, diesem da -im Kampfe gegenüber zu stehen.« - -»Emsig flehe ich zu den Heiligen, daß sie es verhüten mögen; aber -es scheint, daß sie Lust haben, es zu gestatten. Denn wisse, Immo, -der König hat Übles gegen mich im Sinn, und weil wir am Idisbach in -der Übereilung dem Erfurter Kaufmann seine Ballen genommen und den -Mann dabei beschädigt haben, so will der König mir die Ehre nehmen, -ich soll als gerichteter Räuber um mein Leben kämpfen, und weil ich -Fechter gehalten habe, so fordert er in seinem Zorn, daß ich vor dem -Ringe seiner Edlen gegen meinen eigenen Fechter streiten soll.« Immo -trat erschrocken zurück. Der Gefangene erkannte die Teilnahme und fuhr -vertraulicher fort: »Aus deinen Augen sehe ich, Immo, daß ich dir alles -sagen darf; merke wohl, dieser Undankbare, der meinen Silberring an -seinem Arm trägt und der mir gelobt hat, um Geld und Nahrung in jedem -Kampfe sein Leben für mich zu wagen, er will sich jetzt von mir nicht -treffen lassen.« - -»Wie kann ich eine Abrede mit euch machen, Herr, da ihr kein Fechter -seid und des Handwerks nicht kundig,« fiel gekränkt der Fechter ein. -»Wäret ihr einer von meinen Genossen, so wollte ich einen Arm oder ein -Bein wohl daran wagen. Ihr aber würdet mir, wenn ich euch einen Vorteil -gäbe, das Eisen in die Glieder treiben, daß ich des Aufstehens für -immer vergäße.« - -»Du bist ein Narr, das zu fürchten. Ich war in meiner Jugend -ein Schwerttänzer und treffe, wohin ich will, wenn mein Gegner -Bescheidenheit erweist. So nimm doch die besten Gedanken in deinem -dicken Kopf zusammen. Wenn ich dich wirklich ein wenig zu sehr träfe, -durch die Hand eines Edlen zu fallen, wäre für dich das ehrenvollste -Ende, das du finden könntest.« - -Der Mann stand mit zusammengezogenen Augenbrauen und überlegte. »Ja, -Herr,« sagte er zögernd, »ihr sprecht nicht ohne Grund, auch der -Fechter hat seine Ehre. Und trefft ihr mich, so soll dies mein Trost -sein und es wird Nachruhm gewähren bei allem fahrenden Volk. Doch -wenn ihr mich nicht trefft, sondern ich euch, dann wäre der Ruhm noch -größer.« - -»Du aber hast dich mir gelobt, wie kannst du mich treffen, du Schuft?« -rief der Graf zornig. - -Der Fechter sah finster vor sich nieder. »Ich weiß, was ihr meint,« -begann er endlich, »und ich merke, daß ich in der Klemme bin wie ein -Marder. Sie sollen nicht sagen, daß ich gegen meinen Herrn unehrlich -gehandelt habe. Solange ich euren Ring trage, seid ihr sicher vor -meinem Eisen; feilen sie mir den Ring ab, so fechte ich als des Königs -Kämpe und dann, meine ich, darf ich euch treffen.« - -»Weiche hinaus, du Elender,« rief der Graf zornig, »mich reut's, daß -ich so manches Kalb und Rind in deinen Magen gestopft habe und mich -reut's, daß ich in meiner Not bei einem Ehrlosen Hilfe suche.« - -Der Fechter sah verlegen und unschlüssig auf den Zornigen, dann wandte -er sich trotzig zum Abgang. Als sich hinter ihm die Tür geschlossen -hatte, saß der Graf eine Zeitlang schweigend auf der Bank, und Immo -sah, daß ihm große Schweißtropfen von der Stirne rannen. Endlich begann -er mit gebeugter Haltung: »Wundere dich nicht, Immo, daß ich gerade -dich bitten ließ. Du kennst den Brauch in heiligen Dingen, du bist -selbst ein halber Geistlicher, obgleich du das Schwert führst, und vor -allem bist du jung, erst aus Wigberts Zucht gekommen, du kannst noch -nicht sehr viel Böses getan haben, und die Heiligen werden dir eher -etwas zugute halten, als einem andern. Darum möchte ich dir Vertrauen -schenken in der Sache, die mir jetzt zumeist am Herzen liegt. Willst du -mir geloben, eine Bitte zu erfüllen, so tue es.« - -Da Immo erwartete, daß der Graf an seine Tochter denken würde, so war -er gern bereit und sprach an sein Schwert fassend: »Ich will, wenn ich -es ohne Schaden für meine Seele tun kann.« - -»Es ist ein frommes Werk,« versetzte der Gefangene traurig. »Wisse, -Immo, daß es schwer ist, auf Erden ohne Sünde zu leben. So habe auch -ich, wie ich fürchte, zuweilen etwas getan, was mich den Heiligen -verleiden kann, ich sorge, daß es ihr Zorn ist, der mich in diese -Gefahr gebracht hat und daß sie mich gar nicht gutwillig hören werden, -wenn ich sie hier aus diesem Loche um meine Rettung anflehe. Denn in -meinem Jammer bekenne ich, wenig habe ich ihrer im Glück geachtet. -Dem Gebet der Mönche mich zu übergeben, kann gar nichts frommen, denn -auch diese sind mir zum Teil verfeindet, und sie beten nur eifrig, -wenn sie Hufen und reiche Gaben erhalten. Meines Gutes aber wird, wie -ich fürchte, der König mich entledigen. Darum ist mir eingefallen, was -mich wohl retten könnte. Ich habe meine Sünden aufschreiben lassen; -nicht gerade alle, denn mit den kleinen will ich den großen Fürsten -des Himmels nicht lästig werden, aber die schwersten. Drei Tage und -drei Nächte habe ich zwischen diesen Steinen darüber nachgedacht sie -zu finden und zu bereuen. Dem Beichtiger der Gefangenen -- er ist ein -ausgelaufener Mönch und ein guter alter Mann -- habe ich sie hergesagt -und er hat sie auf mein Drängen niedergeschrieben und versiegelt.« -Er holte ein zusammengelegtes Pergament unter seinem Sitze hervor, -wies es dem erstaunten Immo und sprach feierlich: »Hierin sind meine -Sünden, nämlich die groben. Mir kann Rettung bringen, wenn du sie zu -wundertätigen Reliquien großer Heiligen trägst und sie in ihrem Schrein -oder doch darunter birgst, damit die Heiligen selbst mein Bekenntnis -empfangen, und wenn sie es lesen, sich meiner erbarmen.« - -Immo trat erschrocken zurück und sah scheu auf das zusammengelegte -Pergament. »Wie darf ich mich unterfangen, dies Blatt den Heiligen zu -übergeben, da ich kein Priester bin?« versetzte er. »Und wie kann ich -einen Reliquienschrein erreichen, da ich selbst kein solches Heiligtum -besitze?« - -»Schaffe das Blatt an einen Ort, wo große Heilige hausen,« raunte der -Graf ängstlich. - -»Ich selbst bin aus dem Kloster in Unfrieden geschieden,« antwortete -Immo, »und weiß nicht, ob mir die Mönche dort gestatten werden, dem -Altar des heiligen Wigbert oder gar den hohen Aposteln zu nahen.« - -»Auch erwarte ich wenig Gutes von diesen Heiligen,« versetzte der Graf -zerknirscht, »denn ich leugne nicht, alte Händel habe ich mit ihnen -und sie möchten mir das gedenken. Auch in Fulda, fürchte ich, hat man -schon manches von mir vor den Altären geraunt. Wandle leise zu einem -hohen Heiligtum, wo man mich weniger kennt. Einen Reliquienschrein weiß -ich, den besten von allen,« und er hob seinen Mund zu Immos Ohr und -flüsterte: »das ist der Himmelsschatz unseres Herrn, des Königs. Er ist -hier zur Stelle und schnelle Fürbitte tut mir not, sonst kann sie mir -für dieses Leben nichts mehr helfen.« - -»Wie vermag ich zu dem Heiligtum des Königs zu dringen?« rief Immo. - -»Ich weiß, daß du zu den Auserlesenen gehörst, welche die Wache in -seiner Behausung haben, da mag dir wohl möglich werden, daß du das -Pergament ungesehen unter die Decke schiebst. Vielleicht gelingt -dir auch, den Geschorenen des Königs, der über dem Schrein wacht, -durch Flehen und Gabe zu gewinnen. Versprich ihm Großes; denn wisse, -einen Goldschatz, der nicht klein ist, bewahre ich unter einem Baume -verborgen; wird der Priester zu der Guttat geneigt, so will ich den -Schatz daran wenden und ihm die Stelle offenbaren.« - -»Um die Heiligtümer des Königs sorgt jetzt der fromme Abt Godohard,« -versetzte Immo kummervoll, »der Goldschatz wird ihn nicht locken, den -hohen Himmelsfürsten, die für den König bitten, in deiner Sache so -zudringlich zu nahen.« - -»Ich finde dich kalt, Immo, wo es gilt, einen alten Genossen deines -Vaters aus der Angst zu retten,« klagte der Graf und griff sich nach -der feuchten Stirn. »Besseres hatte ich von dir gehofft und anderes -hatte ich auch mit dir im Sinne. Denn als ich dich neben Hildegard, -meinem Kinde, sitzen sah, wie du als Geselle ihr zutrankest, da fiel -mir einiges ein, was ich mit deinem Vater beredet hatte, als ihr beide -noch klein waret, und ich dachte, was nicht geworden ist, vielleicht -kann es doch noch werden, wenn die Heiligen es fügen und auch dein -Wille dahin geht. Jetzt freilich bin ich arg verstrickt, du aber bist -im Glücke. Dennoch erinnerte ich mich an die Augen, die du damals -machtest, als ich dich in meinen Saal laden ließ. Aber ich sehe, der -Menschen Sinn ist veränderlich, zumal wenn sie jung sind.« Er setzte -sich seitwärts auf die Bank und faltete die Hände, aber er sah von der -Seite scharf nach dem offenen Antlitz des Jünglings, in welchem der -innere Kampf sichtbar war. - -Wild stürmte es durch Immos Seele, Hoffnung, die Geliebte durch den -Vater zu erwerben und wieder Mißbehagen darüber, daß der Vater sie ihm -für eine heimliche Tat verkaufen wollte. Er stand in innerm Ringen -und dabei fiel ihm die Lehre ein, welche ihm der alte Bertram für -sein Leben mitgegeben hatte, daß er dem Gelöbnis eines Mannes, der -in Todesnot sei, niemals trauen solle. »Wegen deiner Tochter fordere -ich keinen Eid von dir, und du gedenke mich nicht durch ihren Namen -zu beschwören, daß ich dir helfe. Denn deine Not will ich nicht -mißbrauchen zu einem Gelöbnis.« - -»Du denkst edel, Immo,« rühmte der Graf, »sei auch barmherzig.« - -»Gib mir das Pergament,« rief Immo entschlossen, »ich will tun, was -ich kann, wenn auch nicht gerade so wie du meinst, doch nach meinen -Kräften; obwohl ich zage, daß mir die hohen Gewalten deshalb zürnen -werden. Vermag ich nichts, so lege ich deine Sünden wieder auf deine -Seele wie ich sie empfing.« - -»Ganz hochsinnig finde ich dich, Immo, und ich vertraue deinem Mut und -deiner Klugheit,« rief der erfreute Graf. Er legte das Pergament in -die Hand des anderen und hielt sich mit beiden Händen an seinem Arme -fest. Immo schob das Pergament vorsichtig in die Tasche seines Gewandes -und wandte sich zum Abgange. »Ich fürchte, das Blatt verbrennt mir den -Rock,« sagte er unruhig, »lebe wohl, soweit du es hier vermagst. Ich -kehre wieder, sobald ich die Tat versucht habe.« Den wortreichen Dank -des Grafen unterbrach das Klirren des Schlosses. - -Als der König am Abend nach dem Mahle in seine Herberge kam und durch -den Haufen der Edlen und Geistlichen schritt, welche ihn erwarteten, um -Segen für seine Nachtruhe zu erflehen oder ihm aufzuwarten, da sah er -huldvoll, wie seine Gewohnheit war, nach allen Seiten umher, grüßte und -nickte. Die neu Angekommenen aber, wenn sie Edle waren oder Geistliche, -faßte er bei der Hand und küßte sie. Als der König Immo erblickte, der -sich in die vorderste Reihe gestellt hatte und ihn bei dem Gruß flehend -ansah, da merkte er wohl, daß dieser Huld begehre, winkte ihm gütig -zu und sprach: »Als ein stolzer Held hast du dich heute getummelt, -edler Immo, hell klangen deine Speere an den Schilden.« Und weil er -gern daran dachte, daß Immo ein Gelehrter war, fügte er, um ihn vor -den anderen noch mehr zu ehren, einen lateinischen Vers hinzu: Stolz -schwingt der Held Ascanius die Waffen im Kampffeld. Und nachdem er, -wie dem Könige geziemt, jedem seinen Anteil an Ehren gegeben hatte, -trat er in sein Schlafgemach. Als er sich dort ermüdet niedersetzte, -begann der Kämmerer zu ihm: »Der Thüring Immo fleht um die Gunst, -deiner Hoheit etwas zu sagen.« - -»Hat er es so eilig, Lohn zu fordern für seinen Sprung von der Mauer, -ich habe ihm ja soeben vor allen Leuten wohlgetan.« - -»Er sagte,« antwortete der Kämmerer sich entschuldigend, »daß er dem -König etwas Geheimes vertrauen müsse.« - -»Die Geheimnisse des Jünglings hättest auch du empfangen können.« - -»Das meinte ich auch,« versetzte der Kämmerer, »er aber flehte. -Gefällt's dem König, so sende ich ihn fort, denn er harrt vor der Tür.« - -»So führe ihn herein,« befahl der König und stützte müde das Haupt in -die Hand. - -Immo trat ein, kniete nieder und zog das Pergament des Grafen aus -seinem Gewande. - -»Was bringst du mir so spät, Immo?« frug der König und sah kalt auf den -Knienden. - -»Die Sünden des Grafen Gerhard,« antwortete Immo und legte das -Pergament zu den Füßen des Königs. - -»Verhüten die Heiligen, daß ich so unselige Gabe annehme,« versetzte -der König, mit dem Fuß das Pergament wegstoßend, »Unheil bedeutet -solche Spende, sprich, was soll der Brief?« - -»Die Beichte ist es des Grafen,« sagte Immo feierlich, indem er das -Kreuz schlug. Der König folgte schnell seinem Beispiel. »Der Graf -verzweifelt in seiner Not, durch die Mönche bei den Himmlischen Gnade -zu finden, zumal er ihnen nichts mehr zu spenden hat, denn sein Gut -und Geld liegen in des Königs Hand. Da ließ er in der Herzensangst -durch einen armen Priester seine Sünden niederschreiben und forderte -von mir, daß ich sie heimlich zu den Heiligtümern meines Herrn und -Königs trüge, damit die gewaltigen Nothelfer sich seiner erbarmten.« - -»Und du hast ihm den Sündenbrief nicht zur Stelle vor die Füße -geworfen, Verwegener?« - -»Zürne mein König nicht, wenn ich gefehlt habe, mich erbarmte seine -Angst. Wohl weiß ich, daß es ein Unrecht wäre, zu dem heiligen -Geheimnis meines Königs zu schleichen und den Brief des armen Sünders -dort zu verstecken, wie er begehrte. Dennoch wagte ich nicht, seiner -Seligkeit hinderlich zu sein, und ich meine als redlicher Mann und -nicht als Hehler zu handeln, wenn ich von der Gnade des Königs erbitte, -daß mein Herr der Seele des hilflosen Mannes beistehe und seinem -Priester gestatte, das Pergament zum Heiligtum des Königs zu tragen.« - -»Und was hat dir der Graf versprochen, damit du diese freche Bitte -wagst?« frug der König hart, »denn meine Edlen pflegen nichts für -nichts zu tun.« - -»Man hat mich gelehrt, von einem Manne in der Todesnot nicht Gabe und -nicht Versprechen anzunehmen,« antwortete Immo. - -»Der dich so seltene Vorsicht gelehrt hat, hätte dich auch lehren -sollen, gegenüber deinem Könige die Scham zu bewahren. Wie mögen die -hohen Gewaltigen des Himmels, deren Gnade ich selbst froh bin, wenn sie -sich zu meinem Heiligtum herniederneigen und mich schützend umschweben, -wie mögen diese zugleich die Beschützer meiner Feinde werden? Und wie -kannst du das wollen, wenn du kein Verräter bist?« - -»Ich vernahm die hohe Lehre,« versetzte Immo kniend, »daß der -Himmelsherr gern Erbarmen mit dem Sünder hat, und wenn der König, der -des Herrn Schwert auf Erden hält, hier den Schuldigen richten muß, so -mag ihn doch in seinem Amte trösten, daß die Bitte seiner Heiligen den -armen Sünder aus den Krallen des üblen Teufels errettet.« - -»Mir aber liegt gar nichts daran,« rief der König ungnädig, »den -untreuen Mann dereinst an der Himmelsbank wiederzufinden, wenn die -Himmlischen mir dort den Herdsitz bereiten wollen. Das mußtest du -wissen, du Tor, bevor du seine Sünden mir auf die Seele legtest. Denn -wenn ich nach seinem unverschämten Verlangen tue, so schaffe ich einem, -der mein Feind war, Hilfe in jenem Leben und vielleicht auch noch in -diesem. Und wenn ich ihm dagegen seinen Willen nicht tue, so mögen die -Heiligen mir zürnen, weil es mir an Erbarmen fehlt. In solche Gefahr -setzt mich dein dreistes Verlangen. Entweiche mit dem Briefe und trage -ihn zu einem anderen Heiligtum, zu welchem du willst, wenn dir an der -Gunst des Grafen mehr gelegen ist, als an dem Vorteil deines Königs. -Doch halt,« rief der König noch zorniger, »wer weiß, ob der Bösewicht -nicht manches hineingesetzt hat, was mir selbst zum Schaden gereichen -könnte, wenn die Unsichtbaren darauf hören.« Der König neigte sich -schnell zu Boden, faßte den Brief und erbrach das Siegel. »Die Beichte -des Grafen Gerhard will ich zuerst vernehmen, ehe sie zu den Heiligen -dringt.« Er bekreuzte sich und setzte sich nahe zu der Kerze. »Schwach -war die Kunst des Geschorenen, der diese Krähenfüße hingesetzt hat,« -murmelte er. »Mit seiner letzten Verräterei fängt der Sünder an, ich -glaube wohl, daß sie ihn am meisten ängstigt. Sie reut ihn, solange -er im Turm sitzt. -- Dann kommt der Kaufmann. Der Goldstoff, den er -geraubt hat, war für die Königin bestimmt, und er hat ihn noch nicht -einmal herausgegeben.« Und er las fort mit gespannter Aufmerksamkeit. -Immo merkte, daß der König seine Gegenwart ganz vergessen hatte, denn -er sprach zuweilen laut von den geheimen Taten. - -»Den Grafen Siegfried im Walde überfallen, wobei ihn leider mein Mann -Egbert erschlug. Die Missetat blieb ungerochen,« rief der König, »die -Leute sagten damals, der Gefällte sei von Räubern erschlagen worden. --- Hier folgen Sünden gegen die Wigbertleute. Es ist eine ganze Reihe. -Schwerlich würde Abt Bernheri dafür Absolution erteilen. -- Mit Herzog -Heinrich, dem Zänker -- der dreiste Bösewicht, meinen Vater so zu -nennen.« -- Der König sah um sich, und als er Immo noch auf den Knien -fand, sprang er auf und winkte ihm zornig die Entlassung. Dann ergriff -er wieder das Pergament: »Mit Herzog Heinrich verschworen gegen Kaiser -Otto.« Der König warf das Pergament auf den Tisch und schritt heftig -im Zimmer auf und ab. »Das Unrecht meines eigenen Vaters soll ich zum -Schrein der Heiligen tragen, damit die Heiligen es wissen und an mir -rächen. Unerhört ist die Bosheit.« Wieder eilte er zum Tisch. »Und -hier steht es, meine eigene Sünde,« und er las: »mit Herzog Heinrich, -der jetzt König ist, Verabredung getroffen gegen seinen Vetter, den -jungen Kaiser Otto.« Der König faßte das Pergament, drückte es mit -der Faust zusammen und schleuderte es in den Kamin. Er riß die Kerze -aus dem Leuchter, hielt sie daran, bis das Blatt sich bräunte und -knisternd verkohlte und stieß heftig mit dem Fuß in die Asche. »Dies -sei der Heiligenschrein, zu dem ich deine Sünden trage, du Ruchloser. -Mich selbst soll ich verklagen vor meinen Nothelfern um deinetwillen. -Lieber lasse ich dich unter deiner Sündenlast leben wie bisher, als -daß ich dir den Himmel öffne. Siehe selbst zu, ob du auf dieser Erde -das Erbarmen der Himmlischen gewinnst, ich weigere dir die Hilfe, die -du begehrst.« Der König stand finster vor dem Kamin. »An mein eigenes -Unrecht mahnt er mich und ich fühle den Schrecken und die bittere Reue. -Für mich selbst will ich zu den Ewigen flehen wegen alter Sünden, und -daß ich jetzt dem Flehen einer armen Seele nach der Seligkeit meine -Hilfe verweigerte.« Und Heinrich eilte zu dem vergoldeten Schrein, um -den, wie er meinte, die hohen Fürsten des Christenhimmels unsichtbar -walteten, enthüllte die heilbringenden Reliquien und warf sich mit -gerungenen Händen vor ihnen nieder. - -In der Frühe des nächsten Tages begann die Feier der Heerschau. Unter -den Mauern der Festung Babenberg waren auf freiem Felde Schranken -errichtet, die Pfosten mit grünen Zweigen umwunden, die Treppen mit -kostbaren Teppichen belegt, an einer Seite stand auf hohen Stufen der -goldene Königsstuhl. Dort wollte der König die Gaben verteilen und sein -siegreiches Heer entlassen. Als die Sonne aufging, zogen die Scharen -von allen Seiten der Ebene zu und lagerten bei ihren Bannern in weitem -Ringe um den eingefriedeten Raum. Eine unzählige Menge Volkes drängte -an den Schranken, um den König und das Festgepränge zu schauen. Die -Helden des Heeres ritten in ihrem besten Schmuck herzu, stiegen von den -Rossen und sammelten sich in der Umzäunung. Als der König auf seinem -Schlachtrosse herankam, in Königstracht, die Krone auf dem Haupt, -begleitet von der Königin und einem endlosen Gefolge geistlicher und -weltlicher Herren, da brauste der Heilruf durch die Scharen, und auch -die Landleute schrien und hoben die Arme, obgleich viele von ihnen -über das Schicksal ihrer alten Herren bekümmert waren. Der König und -die Königin stiegen die Stufen hinauf und setzten sich würdig auf den -Königsstuhl, um sie herum saßen auf niedrigen Stühlen die Edelsten -des Reiches. Nachdem der Rufer Stille geboten hatte, erhob sich der -Erzbischof von Mainz, sprach das Gebet, segnete den Tag und verkündete -mit mächtiger Stimme, die weit in das Feld schallte, den Willen des -Königs. Zuerst die Strafen, welche der königliche Richter über die -Empörer verhängt hatte. Jeden derselben nannte er beim Namen, dann -seine Missetat und die Strafe, welche nicht sanft war. Nur den Bruder -des Königs nannte er nicht, um das hohe Geschlecht zu schonen. - -Immo stand in den Schranken nahe den Stufen und lauschte gespannt auf -jedes Wort des Erzbischofs. Als in der unseligen Reihe der Besiegten -der Name des Grafen Gerhard gerufen wurde, hielt er ängstlich den Atem -an, denn er wußte, daß der Geliebten unsägliches Wehe bereiten würde, -was darauf folgte. Aber ihm schoß vor Freuden das Blut ins Gesicht und -durch die ganze Versammlung ging ein leises Summen, als der Erzbischof -aus dem großen Pergament verkündete, daß die Gnade des Königs die -Missetat des Grafen nicht an seinem Leben und seiner Ehre, sondern -nur an einem Teile seines Gutes rächen wolle, und daß dem Treulosen -gestattet werde, seinem Lehnsherrn aufs neue den Treueid zu schwören. -Immo machte eine heftige Bewegung, um aus den Schranken zu eilen, und -der alte Hugbald, welcher als Führer der Klostermannen auch die Ehre -genoß, in den Schranken zu harren, mußte ihn am Arme halten, daß er die -Feierlichkeit nicht störte. Sorglos und mit lachendem Munde vernahm -er eine lange Reihe von Belohnungen, welche der Erzbischof verkündete, -denn der König teilte die großen Lehen der Babenberger unter seine -Edlen. Jeder, der ein Herrenlehn empfing, ritt mit seinem Gefolge in -gestrecktem Lauf dreimal um die Schranken, stieg am Eingange ab, trat -die Stufen hinauf, empfing kniend die Fahne und schwor den Eid in die -Hand des Königs. Das währte lange, und die Sonne brannte heiß, bevor -alles nach Gebühr vollendet war. Aber die Krieger und das Volk ertrugen -gern den Sonnenbrand, denn was darauf folgte, war der freudigste Teil -der Begabung. Der Kämmerer des Königs schritt in die Schranken, gefolgt -von einer langen Reihe wohlgekleideter Diener, welche an Stangen große -Truhen trugen, die sie vor den Stufen des Königsstuhls nebeneinander -niedersetzten. Die Decken wurden abgehoben, und ein Goldschatz, wie ihn -wenige Menschen geschaut hatten, blinkte in der Sonne. Große Kannen, -Becher und Schalen, Dolche und reichgeschmückte Helme, Ketten und -Armringe lagen kunstvoll geschichtet übereinander. Nach der Enthüllung -scholl ein lautes Geschrei und zahllose Heilrufe, die Zuschauer -drängten ganz außer sich an die Schranken, die zahlreichen Trabanten -mußten stoßen und sich entgegenstemmen, um den Einbruch abzuwehren. Und -die Verteilung der Ehrengeschenke an die Tapfern des Heeres begann. Der -Kanzler trat vor und öffnete eine Pergamentrolle, welche bis an den -Boden reichte, laut rief er den Namen jedes Helden und die Gabe, womit -er geehrt wurde. Die rechte Seite innerhalb der Schranken war durch den -Rufer geräumt; wer von dem Kanzler geladen wurde, trat vor den Stuhl -des Königs, empfing sein Geschenk, huldigte und schritt vergnügt der -anderen Seite zu. War er aber aus vornehmem Geschlecht, so überreichte -der Kanzler dem König die Spende, und dieser teilte sie selbst dem -Glücklichen zu und sprach, wenn er ihn hoch ehren wollte, einige -huldreiche Worte. Auch das Heer und Volk begleitete mit lautem Zuruf -die Gaben, wenn der Empfänger rühmlich bekannt und im Heere beliebt -war. Aus der Nähe Immos wurden viele Helden gerufen, Hugbald trat -vor und empfing seine Kette, nicht lange darauf hörte Immo den Namen -seines Gespielen Brunico, welcher ganz hinten an den Schranken stand, -und als dieser einen schweren Goldring erhielt, sprach der König vom -Throne: »Den Schmied hast du mir gerettet, trage dafür seine Arbeit.« -Aber Immo wurde nicht gerufen. Die Truhen leerten sich, die Unruhe in -der Umgebung des Königs zeigte an, daß der Aufbruch nahe war. Immo -stand mit einer kleinen Zahl andrer unbeachtet auf seiner Stelle. Er -merkte, daß sich verwunderte Blicke nach ihm richteten, und er begann -zornig die Kränkung zu fühlen. Hatte ihn auch der König am letzten -Abend ungnädig entlassen, er wußte doch, er hatte dem König gut gedient -und war oft vor anderen ausgezeichnet worden. Zwar um den Goldschatz -hatte er wenig gesorgt, aber auch er hatte zuweilen daran gedacht, daß -ein Schmuckstück eine gute Erinnerung sein werde. Jetzt erkannte er, -daß der düstere Blick Gundomars von der Höhe auf ihm haftete, und er -fühlte, ärgerlich über sich selbst, daß er errötete und den Leuten ein -gleichgültiges Gesicht zu zeigen nicht vermochte. Er merkte auch, daß -Herzog Bernhard, dem seine Würde erlaubte, in der Nähe des Königs sich -freier zu rühren, hinter den Stuhl des Königs trat, und daß der König -sich einen Augenblick nach rückwärts wandte. Er verstand die Worte des -Königs nicht, und sie hätten ihn auch nicht erfreut, denn Heinrich -antwortete der gutherzigen Frage des Herzogs nach Immo: »Er hat bereits -weit mehr erhalten, als er verdient.« Da stieg der Herzog die Stufen -herab und schritt über den Platz dahin, wo Immo fast allein stand, -stellte sich behaglich neben ihn und sagte lächelnd: »Für uns beide, -für dich, Held Immo, und für mich, klingt heute das Goldblech nicht.« - -»Euch, erlauchter Herr,« versetzte Immo mit einem dankbaren Blick, -aber mit zuckenden Lippen, »vermag keine Königsgabe an Ehren etwas -zuzusetzen, mir aber, hoffe ich, soll die Verweigerung der Gabe die -Ehre nicht mindern.« - -»So ist es recht, Held,« mahnte der Herzog, »sieh trotzig geradeaus. -Vernimm ein Gesuch, das ich dir zur Stelle ausspreche, weil ich -erkenne, daß du schwerlich im Dienste des Königs beharren wirst. Komm -als mein Gast mit mir in mein Sachsenland, wir jagen miteinander die -wilden Ochsen in der Heide. Du sollst das Weidwerk bei uns nicht -schlechter finden als in deinen Bergen. Und noch anderes begehre ich -von dir. Die Burgen, welche fremde Seeräuber an der Küste im Wasser -geschanzt haben, will ich brechen, sobald der Eisfrost eine harte Bahn -zu ihren Holzringen bereitet, dabei sollst du mir helfen. Ist dir's -recht, so schlage ein.« Er hielt ihm die Hand hin, welche Immo freudig -ergriff. Und der Herzog fuhr fort: »Der König erhebt sich, das Heer zu -entlassen. Unsere Krieger sind ungeduldig, die Herden der Beutetiere -und der gefangenen Böhmen zu teilen.« - -Der König und seine Edlen bestiegen die Rosse, die Helden sprengten -auseinander zu ihren Haufen. Vor jeder Schar hielt der König an, zollte -seinen Dank und sprach die Worte der Entlassung. Auch als er zu dem -kleinen Haufen der Bogenschützen kam, welche Immo führte, neigte er das -Haupt und rief: »Treu erfüllt habt ihr den Eid, den ihr freiwillig -gelobtet, ich löse euch von der Pflicht, zieht in Frieden heim zu -euren Bergen.« Aber dabei ruhte sein Blick kalt und feindselig auf -ihrem Führer, und dieser erkannte, daß der König ihn ungnädig von sich -entfernte, und daß sein Schicksal ihn anders als er selbst gedacht -hatte, aus dem Königsdienst löste. Er grüßte zum letztenmal mit seiner -Waffe den Kriegsherrn und führte seine Knaben nach der Stadt zurück. - -Aus der Herberge eilte er zum Grafen Gerhard, bayrische Königsmannen -hielten die Wache und weigerten ihm den Zutritt; er stürmte zu dem -Hofe der Nonnen, die frommen Mütter waren mit Hildegard durch Reisige -aus der Stadt geleitet, niemand wußte zu sagen, wohin. Da suchte er -den Kanzler auf, dieser empfing ihn kalt. »Soll ich dir Gutes raten, -so entziehe dich dem Auge des Königs, denn ich fürchte, er sinnt dir -nichts Günstiges. Für die Jungfrau wird der König selbst sorgen; wie -ich vernehme, will mein Herr, daß sie geschleiert werde, damit sie für -die Missetaten des Vaters von den Heiligen Verzeihung erwerbe.« - -Mit Mühe bewahrte Immo die Kraft, den Segen des Kanzlers zu erbitten, -den dieser mit einer nachlässigen Handbewegung erteilte. Er kam -verstört in seine Herberge und trat in die Kammer, in welcher Heriman, -der Goldschmied, lag, der von seiner schweren Wunde langsam genas. Oft -hatte Immo während der Belagerung in der Hütte des Kranken gesessen -und dem klugen Landsmann vertraut, was ihm auf der Seele lag, jetzt -setzte er sich bleich und erschöpft neben ihn. »An einem Tage habe ich -alles verloren, worauf ich hoffte, und wenn ich von hier weiche, wie -ich soll, so nehme ich ein Herz voll Angst und Sorge mit mir. Dennoch -vermag ich das Land nicht zu räumen, bevor ich die Jungfrau wieder -gesehen habe.« - -»Ich bleibe zurück,« versetzte Heriman tröstend, »dir danke ich, Immo, -daß ich lebe und meine Glieder wieder zu regen beginne. Diese Schuld -zahle ich dir jetzt oder wann du verlangst. Besser vielleicht als -du selbst, vermag ich dir zu nützen. Denn Kundschaft habe ich beim -Könige und vielen Großen, und mancher Stolze beachtet in der Stille -meine Worte. Ziehe mit dem Herzog, denn weilst du hier, so wird es -dein Verderben. Du läßt einen zurück, der ein wenig die Weise kennt, -wie man die Geheimnisse der Mächtigen erkundet. Noch ist die Jungfrau -nicht geschleiert. Und was ich erfahre, Günstiges oder Ungünstiges, das -sollst du wissen.« - -Während der Burgmann dem jungen Helden Trost einsprach und dieser -gern seinen Worten lauschte, scholl in der Haustür und auf der Straße -ein wirres Getön von Pfeifen, Fiedeln und Menschenstimmen, ein wilder -mißtönender Lärm von allerlei Weisen, welche durcheinander klangen, -von Gelächter und trunkenem Geschrei. Immo eilte die Treppe hinab. Im -Hausflur saß Brunico an der weit geöffneten Tür, eine Trinkkanne in der -Hand, umgeben von seinen Bogenschützen, vor ihm aber auf der Schwelle -und auf der Straße stand ein großer Haufe fahrender Spielleute, von -denen jeder unbekümmert um die anderen in seiner Kunst das Beste tat, -so daß ein unordentliches und greuliches Getöse durch das Haus und -über die Straße schallte. »Schneller,« trieb Brunico, »ihr zirpt wie -die Mädchen, die zum erstenmal im Reigen springen. Wer um die Wette -läuft, darf seinen Atem nicht sparen.« Von neuem begann das tolle -Gefiedel und Geschrei. »Jetzt merkt auf,« mahnte Brunico lachend, »der -schnellste fängt den Preis.« Er zog den goldenen Ring vom Armgelenk und -hielt ihn in die Höhe, schleuderte ihn über die Köpfe der Spielleute -in den Staub der Straße und rief: »So wirft der Bauer von Friemar den -Armring des Königs.« Gleich Hunden sprangen die Fahrenden nach dem -Ringe, sie fielen und überschlugen sich in wirrem Knäuel, das Volk -schrie, jauchzte und balgte sich mit den Unehrlichen, bis endlich einer -der Spielleute den Goldschmuck faßte, emporhielt und schnellfüßig mit -dem Preise entrann. Und als Immo den Gespielen schalt: »Wie magst du -eine wertvolle Gabe vergeuden, die dein Geschlecht und dein Mädchen -lange erfreut hätte?« da antwortete Brunico: »Ich warf sie fort, damit -sie mir nicht die Augen blenden sollte. Denn übel stände mir an, das -Ehrengeschenk eines Königs zu tragen, der dich gekränkt hat, während er -mir spendete.« - - - - -9. - -Unter den Rößlein der Horsila. - - -Die Felder in Thüringen waren geleert, die Viehherden weideten auf den -Stoppeln und die Jäger zogen mit ihren Hunden in den Bergwald. Auch die -Brüder Immos hatten durch einige Wochen den Heerschild getragen, sie -waren gegen die Elbe gezogen, um einen Einbruch der Böhmen zu rächen, -aber der Feind war ihnen eilig hinter seine Berge ausgewichen und sie -fanden nur die verkohlten Trümmer der niedergebrannten Höfe. Da waren -sie unzufrieden heimgekehrt und sannen mit ihren Landsleuten auf einen -vergeltenden Zug für das nächste Frühjahr. - -Als sie an einem hellen Herbstabend von der Jagd zurückkamen und gerade -über die Brücke eines Nachbardorfes ritten, fanden sie den Weg durch -Gedränge der Einwohner gesperrt, und noch immer liefen die Leute aus -den Höfen, einander zurufend und heranwinkend. In der Mitte hielten -Reiter, und um diese schloß sich der Ring. Die Jagdhunde der Brüder -fuhren mit wütendem Gebell gegen den Haufen, und Erwin hatte Mühe, die -Zerrenden an ihren Riemen zurückzuhalten. - -»Es sind Fremde, welche ausgefragt werden,« rief Ortwin, und schneller -trabten die Rosse. Die Dorfleute machten den Jünglingen grüßend Platz, -und diese fanden in der Mitte den Spielmann Wizzelin, der wie ein Herr -gekleidet und von einem dienenden Genossen begleitet war, welcher das -Saitenspiel bewahrte. Zwei Landleute hielten das Roß des Spielmannes -am Zügel, vor ihm standen die Ältesten des Dorfes und in großem Kreise -alt und jung mit aufgerissenen Augen, Verwunderung und helle Neugierde -in den Gesichtern. »Sei gegrüßt, Spielmann,« rief Odo lächelnd, »wer -deine Pferde betrachtet, muß rühmen, daß du Glück im Kriege gehabt -hast.« Wizzelin neigte sich artig und trieb sein Pferd, damit es die -wohlgeformten Glieder rege. »In dem siegreichen Heere findet auch ein -armer Spielmann etwas Gutes,« versetzte er stolz. - -»Wunderbares erzählt er von dem Glück des Königs und wie die Burgen des -Markgrafen brannten,« berichtete ein alter Bauer. - -»Tag und Nacht könnte ich euch erzählen, niemand vermöchte in einem -Niedersitzen alle Heldentaten herzusagen,« fuhr Wizzelin fort. »Auch -bei euch raste ich wohl einmal und singe unter der Linde; jetzt aber -öffnet den Weg, denn ich begehre dringend weiter zu ziehen.« - -»Ich hoffe, du herbergst heute bei uns im Hofe,« mahnte Odo. Doch unter -den Dorfleuten erhob sich Gemurr. »Er hat noch wenig gesagt,« riefen -mehrere Stimmen. »Wir verlangen von den Nachbarn zu hören, welche -freiwillig zu König Heinrich gezogen sind,« schrien andere. - -»Als Helden kehren sie zurück, ihre Wagen sind schwer mit dem -Kampfgewinn beladen und Beuterosse führen sie in langer Reihe, auch -böhmische Knechte, welche ihnen der König zugeteilt hat, wenn sie -dieselben nicht bereits an die Händler verkauft haben; denn ihnen wird -mühsam sein, die Menge der Sklaven auf der Reise zu ernähren.« - -Ein lauter Schrei der Verwunderung antwortete, und die Knaben schlugen -in ihrer Aufregung Purzelbäume im Staube. - -»Sahst du den Dindo, den Sohn meiner Schwester Wendilgard?« frug eine -stattliche Bäuerin. - -»Dindo?« versetzte Wizzelin, »der Held mit den runden Backen, sicher -kenne ich ihn. Er kehrt ganz heil zurück, und ich meine, in seinem -Reisegepäck liegt auch eine Spange, welche das stolze Herz seiner Base -erfreuen wird.« - -»Was weißt du von Engilbrecht,« klang es aus dem Haufen, »und vom -Vortänzer Richilo?« - -»Engilbrecht kommt ohne Wandel, sowie er gegangen ist, und der schnelle -Richilo hat neue Reigen getanzt von der Mauer in eine brennende Stadt, -beide schreiten mit gebauschten Taschen einher und bringen für manche, -die ihnen lieb sind, Gutes in ihren Säcken; geduldet euch jetzt und ihr -alle werdet erstaunen.« - -Wieder ging das frohe Schwirren durch die Versammlung und aller Blicke -richteten sich nach den Brüdern. Niemand wollte die Frage tun, die -zuerst ihnen gebührte. Da sie aber schwiegen, rief Sigilind, ein -mutiges Weib: »Weißt du etwas von Brunico, dem Sohn des alten Baldhard?« - -»Ha,« rief Wizzelin, »du nennst einen von den großen Helden des Königs -Heinrich; laut hörte ich seinen Goldschatz rühmen, denn Armringe aus -Königsgold, die wohl ein halbes Pfund schwer waren, hat er meinen -Genossen auf die Straße hingeworfen als Lohn für ihre Lieder.« - -Da scholl wieder ein lauter Schrei des Erstaunens, und Sigilind, Gisa, -Engiltrud und die anderen Weiber hoben die Hände zum Himmel und rannten -von dannen, um den Höfen die unglaubliche Kunde zuzutragen. - -»Schnatternd wie Gänse fahren sie mit gereckten Hälsen auseinander,« -spottete Wizzelin leise zu Odo, »die Bahn ist gefegt, gefällt's euch, -so dringen wir durch.« Und nach allen Seiten grüßend und Rückkehr -verheißend, trabte er mit den Brüdern von dannen. - -Kaum war der Spielmann in das Tor des Herrenhofes geritten, so flog -die Kunde von seiner Ankunft durch jeden Stall und jede Kammer; auch -hier drängten die Leute heraus, die Knechte waren beflissen, ihm und -seinem Gefährten die Pferde anzubinden, und die Mägde steckten die -Köpfe zusammen und bewunderten sein schönes Gewand und die klirrende -Kette. Nur Murhard, der Hofhund, und sein Geschlecht waren nicht willig -zu wedeln, sie bellten wütend und unablässig und sprangen feindselig -an den Spielleuten herauf, und Wizzelin klagte gegen Odo, welcher die -Hunde scheuchte, mit finsterem Lächeln: »Der Fahrende vermag die Gunst -der Männer und Frauen zu gewinnen, die Köter aber bleiben seine Feinde, -sie erkennen ihn in jedem Gewande.« Er ordnete Haar und Rock und zog -sein Gesicht in ehrbare Falten, als er in den Saal vor die Augen der -Herrin Edith trat. Hinter ihm sammelten sich die Dienstleute, alle in -froher Erwartung der Kunst, die er nach dem Mahle spenden würde. Den -Spielleuten wurde ein besonderer Tisch gestellt, aber Edith winkte, -daß ihnen gute Kost geboten wurde und der beste Met des Hauses. Und -Wizzelin erhielt den Met in einem Silberbecher, welcher ihm der Ehre -wegen noch lieber war als der Trank. - -Nach dem Mahle begann Edith: »Da du beim Heere des Königs weiltest, so -gib uns Kunde, soweit du vermagst. Denn nur Undeutliches hörten wir von -seinem Siege und dem Unglück der Feinde.« - -Der Spielmann erhob sich und begann seine Sage vom Raub des Schatzes, -von Belagerung der Feste und von den Kämpfen gegen Hezilo. Er sprach -langsam und feierlich und seine Rede tönte zuweilen wie Gesang; -vieles berichtete er getreu nach der Wahrheit, anderes wie es ihm in -den Sinn kam. Den Namen des Mannes aber, an den jeder in der Halle -dachte, nannte er nicht. Regungslos, mit verhaltenem Atem lauschten -die Zuhörer, nur wenn er vom Schlachtgewühl erzählte, rührten sich die -Männer, ihre Augen glänzten und sie nickten einander zu, und so oft -er den Fall der Helden und den Brand der Burgen beklagte, seufzten -die Frauen. Als er seinen langen Bericht beendet hatte, sprach Edith: -»Füllt ihm aufs neue den Becher. Du aber bewahre das Silber mit -unserm Dank, denn große Dinge hast du uns verkündet, die wir alle im -Gedächtnis behalten, solange wir leben.« Da sprang Gottfried auf, -überreichte dem Spielmann den Becher und begann: »Weißt du etwas von -meinem Bruder Immo, so verkünde auch das, denn an ihn dachten wir -alle, während wir dich hörten.« Bei diesen Worten des Knaben brachen -die Dienstleute in einen Freudenschrei aus, es war ein kurzer Ruf, der -schnell verhallte, aber er kam aus bedrängten Herzen, die von einer -Last befreit wurden. Wizzelin hob den Becher und rief: »Heil sei dir, -junger Held, daß du als der erste nach ihm frägst im Saale seiner -Väter.« Er ergriff sein Spiel, fuhr schnell über die Saiten und sprach: -»Dieses Spiel hat oft von seinem Namen getönt, denn wir Fahrenden -singen mehr als ein Lied von ihm auf den Märkten und am Herdfeuer. -Wollt ihr das eine hören, wie er den Grafen Ernst schlug?« Und die -Saiten rührend, stimmte er die Weise an: »Einen Helden weiß ich, Immo -aus Thüringeland. So lautet das Lied,« erklärte er, »höre Geschlecht -Irmfrieds!« Und er begann seinen Sang, wie Immo an der Furt des Baches -die Helden des Babenbergers schlug, den Waltram, Hartwin und den jungen -Hadamund, und wie er darauf die Wache am Felsentor hielt, um durch -seinen Leib den König zu decken. Dort lief der edle Graf Ernst gegen -ihn an, die Speere flogen, die Schilde krachten und aus den Schwertern -fuhr die feurige Lohe, bis der Babenberger mit zerschlagenem Helme -betäubt zurückfuhr. Da warf Wolfere von fern her den Hammer und traf -dem jungen Helden das Haupt, daß er blutend zurücksank. Aber den Fall -seines Edlen zu rächen, sprang König Heinrich selbst in den Kampf. - -Oft hatte der Spielmann die Herzen der Hörer bewegt wie er wollte, -und er war gewöhnt, daß sie durch hellen Ruf und leises Stöhnen -ihren Anteil kundgaben. Heute aber freute sich der Schlaue über das -Entzücken, welches er erregte. Die dienenden Frauen streckten in ihrer -Aufregung die Hände immer wieder dem Himmel zu, Gertrud schluchzte vor -Freude, und die Dienstmannen schnoben heftig mit den Nasenflügeln und -griffen mit den Händen um sich. Der Knabe Gottfried stand wie verzückt -mit glühenden Wangen und aufgerissenen Augen, seine schlanke Gestalt -schien zu wachsen und sein goldenes Haar sträubte sich um das Haupt. -Auch andere sah der Sänger, welche sich gegen die Gewalt seiner Töne -wehrten, bis ihr stolzer Groll dahinschmolz in der heißen Freude über -die Ehren eines Haussohns. Die Mutter barg nach den ersten Tönen ihr -Gesicht in der Hand, und als er den Sturz Immos verkündete, erhob sie -sich von ihrem Sitz und trat zurück in das Dunkel. Die Brüder saßen im -Anfange mit zusammengezogenen Brauen gleich Männern, welche gefaßt -sind, Unwillkommenes zu hören. Doch auch ihr Widerstand wurde schwach, -in ihren Augen leuchtete die Freude, die jüngeren sprangen auf und -traten nahe zu dem Sänger, nur Odo blieb sitzen, aber um seinen Mund -zuckte die Bewegung. Und als der Sänger endete und ein Jubelgeschrei -der Dienenden, welches nicht enden wollte, durch den Saal brauste, -da trat Odo zu dem Spielmann, bot ihm den Becher, aus dem er selbst -getrunken hatte, und sprach: »Nimm noch dies Silber, das dir die Söhne -Irmfrieds spenden. Leben wir auch in Zwist mit dem Bruder, wir freuen -uns doch, wenn der Name unseres Geschlechtsgenossen im Lande gerühmt -wird.« - -»Weißt du mehr von ihm?« rief Gottfried. - -Der Spielmann rührte sogleich wieder die Saiten. »Ihr mögt wählen -unter den Liedern, die ich von ihm habe.« Und er verkündete ihnen nach -der Reihe alles, wie Held Immo unter den Sachsen ritt, wie er den -Dienstmann Egbert schlug und wie er als erster sich mit seinen Genossen -in die Festung schwang. - -Der Sang war verklungen, die Hörer saßen schweigend, ganz aufgelöst von -der starken Bewegung. Da ergriff Wizzelin seine Fiedel und begann mit -dem Bogen die Saiten zu rühren, langsam, in einer rührenden Weise, aber -er sang und sprach nicht mehr. Auch die Versammelten saßen still und -wenn einem das Herz zu weich wurde, so wischte er verstohlen die Träne -ab. - -Das war die erste Kunde von Immo, welche in sein Vaterhaus drang. -Nicht lange darauf kehrten die Bogenschützen in ihre Dörfer zurück -mit hochbeladenen Wagen und manchem schönen Beutestück. Mehr als -einer wurde nach dem Hofe geladen und erzählte, so gut er vermochte, -von sich selbst und von seinem Anführer, und daß Immo mit dem Sohne -Baldhards am Main von ihnen geschieden war, um zu den Sachsen an die -See zu fahren. Seitdem kam keine Nachricht von dem Helden, auch die -Eltern Brunicos wußten nichts zu erkunden. Die Blätter fielen und -der Sturmwind tobte um die Mauern der Mühlburg, von welcher der alte -Dienstmann Berthold täglich nach seinem Herrn aussah. Berg und Wald -lagen unter weißer Schneedecke. Jeder, der einen warmen Ofensitz -erlangen konnte, schlüpfte hinein und lauschte vergnügt auf das Brodeln -im kupfernen Topfe. Aber der Stuhl, den Edith täglich dem Herrensohne -rückte, blieb leer, und niemand wußte zu sagen, ob er unter dem Dach -eines Gastfreundes geborgen saß, oder ob er auf wilder See umhertrieb -in rasendem Sturm und wirbelndem Schnee. - -Die weiße Decke, welche den Bergwald verhüllte, schwand im -Frühlingswind. In tausend Rinnen rieselte und strömte das Wasser zu -Tale, jeder kleine Quell wurde zum Bach, die Waldbäche fluteten wie -große Ströme, die Weiher und Seen am Fuß der Berge überschwemmten -Ried und Wiesen, und dem Fremden, welcher von einer Höhe auf die -thüringische Ebene herabsah, glitzerte überall zwischen Wald und -Ackerbeeten eine gewundene Wasserfläche entgegen, aus welcher die -Dorfzäune hervorragten, und er konnte zweifeln, ob er einen ungeheuren -See vor sich sah mit zahllosen Inseln, oder einen breiten vielarmigen -Strom. Dann lagerte am Morgen und Abend dichter Nebel auf der Flut, -und bei Tage flatterten ungeheure Schwärme von Wasservögeln darüber -hin. Aber nach wenigen Wochen war der Schwall vermindert, Sonne -und Wind verscheuchten den Wasserdunst, die Erde sog begierig das -befruchtende Naß und während die Knospen der Bäume schwollen, hob sich -der Wiesengrund wieder aus der Flut, und die Waldbäche zogen gebändigt -durch ihre Ufer den Flüssen zu und strudelten, wo ein Baumstamm oder -eine Erdscholle in ihrem Bett haftete. Dies war die Zeit im Jahre, -wo die Männer aus den Waldlauben sich ihrer Schiffahrt freuten. Denn -auch ihnen war ein Fluß zuteil geworden, nur klein, aber ehrwürdig dem -ganzen Lande, welcher aus den Waldbächen zusammenrann und zwischen -dem Gebirge und steilen Hügeln der untergehenden Sonne zufloß. Die -Horsila war damals kein unscheinbarer Bach, sie trug befrachtete Kähne -in die Werra, und weit von Norden her kamen Fahrzeuge der Sachsen -und Friesen die Strömung hinauf bis an den Wald. Dort war bei dem -alten Dorfe Horsilgau der kleine Hafen, wo sie ein- und ausluden; -eine wertvolle Stätte für die Waldleute, denn die Landfracht vom -Norden her war teuer und der Weg oft unsicher. Das Wasser brachte -ihnen die kunstvolle Arbeit der friesischen und flämischen Weber und -manches Kaufmannsgut, das ihre Frauen ungern entbehrt hätten; sie aber -tauschten dagegen ein, was ihr Land an Waren bot: Honig und Wachs, -Pelzwerk und Tierhäute. Auch die Erfurter kamen heran, so oft die -Kähne abfuhren und anlegten, sie schlugen am Ladeplatz ihre Bänke -auf, kauften und tauschten und führten die Fracht auf hochbepackten -Karren nach ihrem großen Markt. Vor andern aber freuten sich die -Mönche des heiligen Wigbert der Schiffahrt, sie waren seit alter Zeit -die Herren der kleinen Wasserstraße und sie hielten die Burg Gotaha -zumeist darum hoch, weil diese eine Feste ihres Hafens war und ihr -Herrenrecht über den Fluß behaupten half. Denn der Zehnte, welchen die -Mönche von allem Schiffsgut erhoben, war eine wertvolle Einnahme des -Klosters, er lieferte die Wolldecken ihrer Lager, Stoff zu ihren Kutten -und vor allem die geehrte Fastenspeise, den gesalzenen Heerfisch, -welcher ihnen das ganze Jahr Freude an ihrem Trunk gab. So wertvoll -war dies Herrenrecht, daß sie durch viele Jahre blutige Kämpfe darum -geführt hatten. Dennoch vermochten sie es nicht ungeschmälert gegen -einen Nachbar zu bewahren, welcher klug gleich ihnen und stärker als -sie ebenso auf der Nordseite der Horsila herrschte, wie sie längs dem -Walde. Ihr Feind war das Kloster von Fulda, in welchem der heilige -Bonifacius beigesetzt war. Und die beiden Glaubensboten Winfried und -Wigbert, kämpften aus ihren Klöstern zweihundert Jahre nach ihrem -Tode grimmige Fehden um die Heringstonnen der Nordsee und um die -Gewebe derselben Friesen, deren Vorfahren sie einst bekehrt hatten. So -heftig tobte der Kampf zwischen den Bewaffneten der beiden Klöster, -daß die Sachsenkönige mehr als einmal gezwungen waren, sich zwischen -die Streitenden zu stellen. Endlich hatten die Mönche von Fulda das -Recht erworben, daß auf ihrer Uferseite Kähne frei von dem Zoll der -Wigbertleute fahren durften. Aber der Haß der Klöster wurde durch den -Schiedsspruch des Königs nicht gestillt, und fast in jedem Jahre wurden -Männer erschlagen und Häuser niedergebrannt. - -Diesmal brach das Eis und schmolz der Schnee früher als sonst. Das -Tauwetter vereitelte einen Rachezug, den König Heinrich über die -gefrorenen Sümpfe in das Slawenland gerüstet hatte. Dafür bereitete es -den Waldleuten die Freude, daß sie am Fest der Tag- und Nachtgleiche -auf schneelosem Anger ihre Reigen sprangen, und daß sie an demselben -heilbringenden Tage auch die Kahnfahrt auf ihrem Fluß eröffneten. -Die Fahrt war eine Woche vorher zu Erfurt und auf dem Lande angesagt -worden, damit sich beizeiten rüste, wer Gut und Ware nach der Werra zu -den Hessen und Sachsen abwärts führen wolle. Schon hatten die Erfurter -ihre Lastwagen zu einer kleinen Wagenburg beim Dorfe vereint. In langer -Reihe lagen die Kähne, welche von den Waldleuten die Wasserrößlein -genannt wurden, am Ladeplatz, neu geteert, lang und schmal, zum Teil -beladen auf die Abfahrt harrend, während die andern durch Schiffer -und starke Lastträger gefüllt wurden. Aber auch von der Mündung des -Flusses waren bereits einige Kähne stromauf geführt, die Schiffer -hatten ihre Güter an dem Ufer geschichtet und harrten der neuen Ladung, -sie waren an ihren Strohhüten, den langen weißen Röcken und den -breiten Schwertmessern als Sachsen zu erkennen. Ein weiter Raum war -auf dem Anger abgesteckt und mit einem Seil umfriedet, dort stand das -Marktkreuz und St. Wigberts Banner, und daneben hielt der Hauptmann mit -seinen Bewaffneten und dem Büttel, um den Marktfrieden zu erhalten und -von Vieh und Waren den Zoll zu erheben. In der Ferne auf der andern -Seite des Baches wehte neben einem Schuppen das Banner von Fulda, -geschützt durch Gewappnete, welche der großen Familie des heiligen -Bonifacius angehörten. Doch auf der Wigbertseite war der rege Verkehr. - -Auch die Landleute, welche nicht selbst um Schiffahrt sorgten, eilten -an diesem Tage gern zu der Stätte. Wer Freunde und alte Genossen -begrüßen wollte, konnte sie dort finden, wer sich einem Herrn zum -Dienste geloben wollte, suchte dort die Gelegenheit, Rosse und -Herdenvieh wurden aus den Winterställen zum Verkauf herangetrieben. -Die Edlen der Umgegend kamen im Eisenhemd mit ihrem Gefolge und das -Volk der Fahrenden fehlte nicht mit seiner Musik, mit neuen Liedern und -Kunststücken. Im ganzen Lande war die Lust dieses Tages berühmt und sie -erschien den streitbaren Männern um so ehrenvoller, weil selten ein -Fest verging ohne Schwerthiebe und tiefe Wunden. - -Die Sonne schien hell, und größer als seit langer Zeit war das Gewühl -der zugewanderten Gäste. Nicht allein an dem Flusse, in allen Dörfern -längs dem Bergwald wurde der Ausgang des Winters und die junge -Herrschaft des Sommers gefeiert, man sah lange Reihen geschmückter -Dorfleute im Freien tanzen und vernahm ihren Gesang und das Getön -der Fiedeln und Pfeifen, überall auf den Hügeln und den Vorsprüngen -der Berge waren Holzstöße errichtet, welche nach Untergang der -Sonne brennen sollten, denn die ganze Nacht galt für günstig und -heilbringend, sie wurde beim Trinkkrug, unter Gesang und Reigentanz -durchwacht und war vielen der liebste Teil des Festes. - -Zwischen den Bänken, worauf die Erfurter ihre Ware ausgelegt hatten, -zogen die Dienstmannen der Edlen mit ihren Knechten, daneben junge -Dorfhelden vom Nessebach; auch die Leute aus den Wendendörfern waren -mit ihren Frauen gekommen, und neben thüringischer Sprechweise vernahm -man sächsische Worte und die feintönende Rede der Slawen. Durch das -Gewühl sprengten sechs hochgewachsene Reiter, die Söhne Irmfrieds, -unter ihnen Gottfried, der heute zum erstenmal im Schwertgurt über das -Land ritt und stolz auf die Grüße und Glückwünsche antwortete, welche -ihm hier und da aus den Haufen zugerufen wurden. Neugierig blickte der -junge Krieger auf die fremdländischen Männer und Waren, aber die neue -Würde hielt ihn ab von freudigem Ausruf und Fragen. Die Brüder stießen -auf einen Trupp berittener Spielleute, darunter auch Weiber in fremder -Tracht, welche ihre Pferde in künstlichem Tanze trieben, während die -Männer um die Raststelle handelten. Als die Sechs einen Augenblick in -der Nähe hielten, scheute das Roß eines fahrenden Weibes und sie glitt -dicht vor den Brüdern auf den Boden. Mitleidig sprang Gottfried ab, -um sie vor den Pferdehufen zu bewahren, aber wie ein Federball hob -sich das Weib vom Boden und bevor er sich's versah, fühlte er einen -leichten Schlag auf seiner Wange, das Weib schwang sich in den Sattel -und davonsprengend rief sie lachend: »Gesegnet seien dir die hübschen -roten Wangen.« Da lachten die Leute rings umher, Gottfried aber wurde -vor Zorn noch röter und warf einen feindlichen Blick auf die Dirne. -Noch grollte er über die Dreistigkeit, da hörte er, wie Graf Markwart -von Tonna spottend den Brüdern zurief: »Seit wann treibt ihr Helden -Kaufmannschaft wie die Krämer zu Erfurt?« - -Odo sah ihn befremdet an. »Nichtige Worte redest du.« - -Der Graf wies auf Ballen und Tonnen, welche am Ufer lagen. »Sie tragen -das Zeichen, womit ihr market, was euer ist. Ich rühme die Klugheit, -welche das Erbe durch Handel zu mehren weiß.« - -Odo versetzte: »Rühmlicher wäre es, das Erbe durch Kaufmannschaft zu -mehren als durch raubgierigen Wolfssprung auf der Heide, den die Leute -dir zutrauen.« - -Markwart hob zornig den Arm, doch als sechs hochstämmige Helden nahe -um sein Roß drängten, begnügte er sich, Feindseliges zu murmeln und -wandte sich zur Seite. Die Brüder aber ritten zu den Tonnen und sahen -erstaunt die Runenmarke, welche mit weißer Farbe den Stücken aufgemalt -war. »Das ist Immos Zeichen,« riefen sie wie aus einem Munde und Odo -frug den Schiffer, welcher dabei stand: »Woher kommst du und für wen -bringst du das?« - -»Mein Wasserroß trug es vom Norden, drei Wochen haben wir gegen den -Strom gerungen und mancher treibende Baumstamm streifte an den Bord, -bevor wir ausluden. Für einen Burgmann im Lande ist es bestimmt.« Die -Brüder bestürmten ihn mit Fragen, aber von Immo wußte der Mann nichts -zu berichten. - -In der hölzernen Halle, welche unweit des Baches errichtet war und -im Sommer allerlei Frachtgut bewahrte, saßen heute die Häupter der -Landschaft, Edle und Grafen, welche dem Feste zugeritten waren. -Markwart von Tonna war da mit seiner ganzen Sippe und seinen trotzigen -Dienstmannen, die Grafen aus dem Nordgau und andere, neben den -Thüringen auch Hessen, unter diesen Graf Gerhard aus den Buchen. Ihn -hatte die Gnade des Königs wieder zu einem stattlichen Herrn gemacht, -denn obgleich ihm die Waldwiesen und mancher andere schöne Acker -abgenommen waren, galt er noch immer für reich an Erbe und Lehen, auch -in Thüringen hatte er unweit der Horsila Hufen und hörige Leute. Heute -begrüßte er die edlen Thüringe zum erstenmal seit seinem Unglück, er -war leutselig und mild gegen jedermann, und wenn einer auf die letzte -Gefahr anspielte, so zuckte er nur wehmütig mit den Achseln. Aber die -meisten der Anwesenden vermieden davon zu sprechen, denn sie wußten -wohl, daß sie selbst um ein kleines in derselben Not gewesen wären. -Der Raum war mit Tischen gefüllt, und der Schenkwirt, auch ein Knecht -des heiligen Wigbert, lief mit den Kannen umher und drehte fleißig am -Hahn seiner Fässer. Die Sonne sank hinter die Berge und es dämmerte -in dem fensterlosen Raume, als die Söhne Irmfrieds eintraten. Odo -grüßte, und von mehreren Tischen klang der Gegengruß, aber Markwart und -sein Geschlecht, welches mit dem Grafen Gerhard unweit des Einganges -saß, sperrte, sich breit setzend, den Weg zu den Tischen. »Gib Raum, -Markwart,« sagte Odo, »damit wir dir nicht die Knie scheuern.« Aber der -Held streckte sein Bein kräftig aus und versetzte: »Mich wundert, daß -die Söhne Irmfrieds begehren, ihren Sitz unter den Edlen des Landes zu -nehmen, da sie sonst häufiger die schwieligen Hände der Bauern drücken, -als die unsern.« - -»Harre, bis wir für ehrenvoll halten, deine Hand zu fassen,« versetzte -Odo, »unterdes wundere dich nicht, daß ich deinen Stuhl schwenke, da -du selbst das nicht tun willst.« Mit einem kräftigen Ruck drückte -er den beschwerten Stuhl beiseite. Markwart hielt sich mit Mühe im -Gleichgewicht; er fuhr auf und mit ihm sein Geschlecht, die Hände -griffen an die Schwerter und das Eisen klirrte in der Halle. Aber der -Hauptmann des heiligen Wigbert rief mit lauter Stimme: »Gedenkt des -Marktfriedens,« und Gerhard sprang begütigend dazwischen und rief: »Wer -eine Hand zu viel hat, der greife an das Schwert, ihr andern aber hütet -euch, denn jedes Tun hat seine Zeit und jetzt ist die Zeit friedlich zu -trinken.« Dieser Rede riefen viele Stimmen Beifall, der Tumult wurde -gestillt und der Wirt lief wieder mit den Kannen. Gerhard aber begann -in der schweigenden Versammlung versöhnliches Gespräch: »Obgleich an -dieser Stelle die Mönche Wigberts ihr Rauchfaß schwingen, so will -ich doch über sie die Wahrheit sagen. Ich weiß manchen, der größeres -Vertrauen zu andern Fürbittern hat. Darum möchte ich dich, Held Odo, -fragen, was dir von neuen Wundern des Glaubenshelden Meginhard bewußt -ist. Denn auch davon hören wir gern beim Trunke.« - -Bevor Odo die Antwort gab, rief der Mönch, welcher während des Sommers -als Aufseher im Dorfe wohnte: »Ungewaschenes Zeug kommt aus eurem -Munde, Gerhard, weil ihr unserm Heiligen in seiner eigenen Halle -die Ehre vermindern wollt. Achtet lieber auf anderes, was draußen -vorgeht. Denn wundervolle Kunde vernehmen wir, die jedermann mit -Staunen erfüllt. Ein fremder Spielmann sagt sie den Leuten, auch euch, -ihr Herren, wird es freuen sie zu hören. Dich aber, du Geschlecht -Irmfrieds, geht sie noch mehr an als die andern.« Der Mönch steckte -eine Fackel an, daß ihr rotes Licht die Halle erleuchtete, und in das -Tor sprang ein Spielmann, gefolgt von einem großen Haufen Neugieriger, -er schwang sich auf eine Bank, die einer seiner Genossen vor den -Eingang stellte und lud mit heftigen Armbewegungen alle edlen Helden -und jedermann ein, die unerhörte Neuigkeit zu vernehmen, welche aus -dem Nordmeer gekommen war, vom Kampf der Sachsen gegen die Seeräuber. -Bei hartem Winterfrost hatten die Sachsen den Sieg gewonnen, indem -sie über das Strandeis zogen und die festen Burgen der Räuber -zerbrachen, und unter ihnen stritten die Helden der Thüringe, der -edle Immo, Irmfrieds Sohn, und Brunico, sein Genosse. Grimmig war -die Not der Helden im Streit gegen die Seegespenster und gegen die -Riesen unter dem Räubervolk, die mit Eisenstangen auf sie schlugen. -Und er schrie: »Alles, was je von Kämpfen gesungen wurde, ist wenig -gegen diesen Kampf, und alles, was je von einem Schatz geschaut -wurde, ist ganz wenig gegen den unermeßlichen Goldschatz, den die -Helden aus den Burgen der Räuber gewannen. Von ihm will ich euch -jetzt erzählen, soweit ich ihn selbst mit meinen Augen erkannt habe, -denn alles vermöchte einer nicht zu schauen. Zuvor aber spendet mir -etwas, denn später, wenn ihr gehört habt, lauft ihr auseinander.« -Da lachten die Zuhörer und viele griffen nach den Ledertaschen, der -Spielmann hob einen Beutel an einer langen Stange und fuhr damit -durch die Versammlung, er überging keinen, und wenn jemand mit dem -Kopf schüttelte, so schnitt er ihm ein Gesicht, oder sagte ihm etwas -Boshaftes, wenn er das wagte, so daß die Herren lachten und williger -gaben. Und als er eingesammelt hatte, erhob er sich wieder, beschrieb -die Herrlichkeit des Goldgerätes und schätzte es nach hundert Pfunden -recht genau, bis die Leute an der Tür vor Erstaunen die Hände -zusammenschlugen. Als er geendet hatte, schied er von seinen Zuhörern, -indem er schrie: »Jetzt ziehet dahin, ihr edlen Herren und guten -Leute und verkündet es jedermann im Lande, denn selig sind die Eltern -und selig ist die ganze Verwandtschaft der Helden, die mit so teurem -Goldschatz heimkehren.« - -Die Zuhörer am Eingange liefen auseinander, in der Halle vernahm man -durch das Gesumme halblauter Reden Rufe des Erstaunens. Aller Augen -hefteten sich auf die Brüder und mancher trat an ihren Tisch und rief -ihnen scherzend Heil zu; auch neidisches Gemurr und mißgünstige Blicke -stachen gegen sie. Odo aber sprach verwundert: »Ist auch der Fahrende -ein verlogener Mann, vielleicht ist doch manches wahr. Haltet fest an -euren Sitzen und wehrt euch mit scharfer Zunge gegen jede Ungebühr, -denn ich merke, nicht in Frieden reiten wir heute nach Hause.« - -Graf Gerhard aber eilte aus der Halle, gefolgt von einem vertrauten -Dienstmann, denn es zog ihn mächtig zu den geheimnisvollen Ballen -und Fässern, welche, wie er vernahm, dem glücklichen Immo gehörten. -Er wandelte längs dem Bach, und sein Mann wies auf den geschichteten -Haufen und die weißen Zeichen. »Alles riecht nach Fastenspeise, die -von der See kommt,« begann der Graf und seine Nasenflügel zuckten. -»Das ist die Schlauheit. Sie haben den Schatz ganz unscheinbar unter -Eßbarem oder auch unter andern Waren geborgen. Von je waren die -Sachsen ein listiges Volk, obgleich sie sich ganz einfältig zu stellen -wissen. Viel Wunderliches hörten wir längst über den Goldschatz der -Seeräuber. Aus allen Meeren haben ihn die Wilden zusammengeraubt, durch -viele Geschlechter haben sie gesammelt, wie Könige saßen sie in ihren -Strandburgen, sie tranken ihr Bier aus goldenen Schüsseln, welche mit -Edelsteinen besetzt waren und man sagt, daß sie die Hufe ihrer Rosse -nur mit Silber beschlugen. Dies alles hat ihnen Herzog Bernhard und -dazu Held Immo genommen, und was hier liegt, mag diesen zum reichsten -Manne im Lande machen, wenn er es auf seine Burg heimführt.« - -Er blickte scharf um sich, in der Nähe war niemand zu erkennen, auf -den Bergen flammten die Osterfeuer, aus den Hütten klang Geschrei und -Jauchzen und weiter abwärts am Bache lautes Gezänk und der Ruf nach -Waffen. - -Die Wächter der Ladungen waren sorglos zusammengetreten und schauten -nach der Stelle, wo wilde Worte und Schläge getauscht wurden. Der -Dienstmann traf eine kleine Tonne, welche von den andern abgerollt war, -mit einem Stoß, daß sie zur Seite fuhr. »Gefällt's euch, Herr,« sagte -er lüstern, »so gebe ich der Runden noch einige Tritte, und ihr könnt -in Ruhe prüfen, wie dieser Schatz der Räuber aussieht.« - -Unwillig entgegnete der Graf: »Willst du mich im Königsfrieden zum -Diebe machen, du Wicht? Wie darf ein ehrlicher Mann fremdes Gut nehmen, -wenn er es nicht durch Gewalt und Schwertschlag gewinnt? Hallo, -Wächter! hütet euer Gut, die Fässer kollern.« - -Ein Mann in langem Mantel, den Hut tief in das Gesicht gedrückt, sprang -herzu, hob das Faß an seine Stelle und brummte: »Hütet euch selbst, daß -ihr nicht auf den Boden kollert.« - -»Enthalte dich der Grobheit, Freund,« versetzte der Graf sanftmütig, -»denn ich meine es gut. Ich hoffe, Held Immo läßt seinen Goldschatz -nicht lange im Wind und Mondenschein liegen.« - -»Habt auch ihr gehört, daß der Held seinen Schatz in diesen Tonnen -bewahrt?« frug der Mann. »Wir harren der Wagen: noch während dort die -Feuer brennen, wird alles hinter Tor und Riegel geborgen.« - -»Ich lobe die Vorsicht,« bestätigte Gerhard. »Die Osterfeuer werden -heute nacht den Weg zur Mühlburg erleuchten. Wer aber schreit dort und -schlägt so wild?« frug er einen der Wächter, welcher herantrat. - -»Es sind wieder die Knechte der Heiligen, welche einander bei den -Haaren fassen,« antwortete dieser lachend, »die Fuldaer sind über das -Wasser gekommen, um die Dorfmädchen im Reigen zu schwingen, und die -Knaben Wigberts wollen das nicht leiden.« - -Der Graf schüttelte mißbilligend das Haupt. »Uns schelten die Mönche, -wenn wir einmal das Schwert ziehen, aber niemand von uns hegt einen -solchen Grimm gegen seinen Feind, wie die Heiligen gegeneinander. -Wollen sie selbst nicht Frieden halten, so sollen sie sich nicht -wundern, wenn auch wir zuweilen einer dem andern den Weg verhauen.« In -schweren Gedanken schritt er der Halle zu, hinter ihm ballte Brunico, -der Mann im Mantel, die Faust. - -Auch auf dem umfriedeten Raum vor der Halle hatte der nächtliche Jubel -begonnen. Überall loderten hohe Freudenfeuer, die Bänke, auf denen die -Krämer gute Bissen feilboten, waren umdrängt von Begehrlichen; was -stolze Knaben gern ihren Mädchen schenken: bunte Bänder, Glasringe, -Halsperlen und kleine Metallspiegel, wurde eifrig gekauft, am -dichtesten umlagert waren die Stellen, wo aus Fässern und großen Kannen -Bier und Met geschenkt wurde; überall wo ein Spielmann geigte, ein -Sänger sang, sammelten sich die Zuhörer. Um die Feuer aber schwangen -frische Knaben die Mädchen im Tanze, gesondert nach Gauen und Dörfern; -zwar fehlten ihnen die Abzeichen aus Baumlaub und Blüten, durch -welche sie sich im Sommer unterschieden, aber viele trugen das rote -Kreuz Wigberts, andere das Rad, mit welchem Erzbischof Willigis seine -Angehörigen bezeichnete, und die aus dem Nessebruch führten ein Büschel -roter Wolle, mit grünem Band umbunden, statt der Distel, welche sie zu -andrer Zeit auf ihren Mützen trugen. Viele tanzten in Eisenhemd und -Helmkappe, alle die klirrenden Schwerter an der Seite, zu ihren hohen -Sprüngen schrien Pfeife und Fiedel in gellenden Tönen. Von allen Feuern -erklangen Heilrufe und markdurchdringende Jauchzer, welche die Thüringe -vom Walde gewaltiger auszustoßen wußten als andere Helden. - -»Mich wundert, daß diese hier so sanft sind und sich ganz ohne Messer -ergötzen,« bemerkte Gerhard im Durchschreiten zu seinem Dienstmann, -»sonst waren sie behender, das Eisen von der Hüfte zu holen.« - -»Die einander raufen wollen, springen jetzt noch über den Zaun ins -Freie,« lachte der Dienstmann, »weil sie sich scheuen, ihre Hand unter -das Beil zu legen. Später reißen sie wohl die Schranken nieder, dann -klingen auch hier scharfe Weisen.« - -Am Tor der Halle stieß Gerhard auf den Mönch, welcher von zwei Dienern -begleitet den großen Zinnbecher trug, in welchem St. Wigbert an diesem -Feste ansehnlichen Gästen den Ehrentrunk bot. Diese Spende war den -Herren der Halle die wichtigste Handlung des Abends, denn stets empfing -der zuerst den Becher, welcher seinem Geschlecht nach der Edelste war. -Viele der stolzen Herren erhoben den Anspruch und fühlten Eifersucht -gegen andere, darum schuf der Becher jedes Jahr, wenn nicht zufällig -einer von den höchsten Herren des Reiches anwesend war, dem bevorzugten -Geschlechte Händel und Feindschaft. Gerade deshalb war der Vortrunk um -so ehrenvoller. Der Mönch stand mit dem Becher in der Mitte der Halle, -segnete den Wein und begann: »Da unter den edlen Herren, welche St. -Wigbert begrüßt, niemand dem Königsgeschlecht der Sachsen angehört, -so reiche ich den Becher heute dem Helden aus dem ältesten Geschlecht -der Thüringe.« Und er trug den Becher zu Odo. Einzelne Stimmen riefen -Beifall, aber lauter war das mißfällige Gemurr und Geschrei. Die Gegner -steckten die Köpfe zusammen und fuhren von ihren Sitzen, Odo aber erhob -sich, trank der Versammlung Heil und reichte den Becher seinem Bruder -Ortwin. Da rief Graf Gerhard, den die anderen zu ihrem Wortkämpfer -gewählt hatten: »Sehr ungeschickt ist die Wahl des Mönches und eine -Kränkung für uns alle. Einen Jüngling hat er zum Vortrunk gerufen, -während hier nicht wenige sitzen, deren Haar im Rat und Kampfe ergraut -ist.« - -»Eure Klage nenne ich ungerecht,« rief Odo zurück, »denn nicht den -jungen Krieger soll der Trunk ehren, sondern das Geschlecht, für -welches ich hier als ältester stehe.« - -»Wir aber vermögen nicht die Ehren deines Geschlechtes zu rühmen,« -entgegnete Gerhard. »Haben deine Ahnen auch hier und da das Schwert -mannhaft geschwungen, was keiner von uns ableugnet, so führt ihr -doch kein Banner, welches der König euch in die Hand gelegt hat, wie -wir anderen, die wir als Herren das Schildamt üben. Und wenn ihr auf -eure edle Herkunft pocht, so wisset, daß man hier und anderswo euren -Bauernadel belacht.« - -Die jüngeren Brüder sprangen von ihren Sitzen, und Odo rief: »Wenn der -König unsere entlaufenen Knechte mit Lehen und mit einem Banner begabt, -so rühmen sich die Knechte große Herren zu sein. Wir Bauern aber -meinen, der König kann zum Grafen und Markgrafen ernennen, wen er will, -aber niemanden zu einem Edlen.« - -»Euch aber,« rief Gerhard wieder, »haben die Mönche zu Edlen gemacht, -ja man sagt auch, daß sie euch in der Stille zu kleinen Königen gekürt -haben, nur daß man nicht laut davon reden darf.« - -Odo schlug an sein Schwert. »Ich erkenne, daß ihr selbst Lust habt, von -dem Königsstabe, den wir in der Hand führen, die Belehnung zu erhalten.« - -Da erhob sich wieder der Hauptmann von St. Wigbert und rief mit -mächtiger Stimme durch die Halle: »Übel fügen sich heiße Worte zu -starkem Trunk, ich rate, daß ihr beide in dieser Nacht euren Wortkampf -stillt, morgen aber, wie euch Herren gebührt, an Versöhnung denkt oder -an Schwertschlag.« - -Aber Gerhard fuhr eifrig fort: »Nicht wir anderen haben den Unfrieden -begonnen, sondern diese, vorhin, als sie hier eintraten. Und es ist -wohlbekannt im Lande, daß ihr sogar untereinander nicht Frieden halten -könnt. Schon zur Zeit eurer Väter raunte man im Volke mancherlei -von der Brudertreue, welche die Männer eures Geschlechts einander -beweisen, und jetzt hören wir wieder, daß ihr eurem ältesten Bruder -Unheil gesonnen habt, so daß dieser als ein fahrender Recke in der Welt -umherschweift.« - -Da winkte Odo finster dem jungen Gottfried, daß dieser vor den -versammelten Edlen seine erste Kampfprobe ablege, denn er war schneller -Worte mächtig. Und in der Stille, welche dem kränkenden Vorwurf des -Grafen folgte, sprang Gottfried vor und rief laut: »Eure Rede ist -unwahr, Graf Gerhard, nie haben wir gegen unseren Bruder Immo Untreue -erwiesen, und jetzt leben wir in großer Sorge um den Abwesenden. -Deshalb ersuche ich euch, daß ihr die Kränkung zur Stelle widerruft.« - -»Ein Hähnchen höre ich krähen,« versetzte der Graf lachend. - -»So vernehmt, ihr edlen Herren,« fuhr Gottfried fort, »daß ich vor euch -allen den Grafen Gerhard einen Verleumder nenne, und überall außerhalb -des Marktfriedens will ich mit meinen Brüdern das an seinem Leib und -Leben erweisen, wo ich ihn treffe.« Er löste seinen Handschuh und warf -ihn vor den Grafen, dieser aber stieß verächtlich mit dem Fuß daran. - -Da flog ein anderer Eisenhandschuh zu dem kleinen des Jünglings -Gottfried; und von dem Eingang her rief eine Stimme: »Nehmt auch den -meinen.« Ein hoher Krieger schritt auf den Grafen zu, dieser fuhr -zurück wie vor einem Geiste, als er die zornige Entschlossenheit in -einem wohlbekannten Antlitz sah, und vermochte nur zu antworten: »Dich -habe ich hier nicht erwartet, und dich habe ich nicht gemeint, Held -Immo.« - -Als er den Namen nannte, der heute in aller Munde war, regten sich die -Anwesenden, viele sprangen auf und drängten heran, um den Helden zu -sehen. Immo aber wies auf die Fehdezeichen: »Widerruft die Kränkung und -gebt vor allen Edlen meinen Brüdern ihre Ehre, oder nehmt den Streit -auf auch mit mir.« - -Gerhard blickte scheu auf den neuen Gegner: »Du selbst magst wissen, -Immo, daß ich ungern gegen dich kämpfe, wenn ich an Vergangenes denke; -und du weißt auch, daß meine Ehre mir nicht gestattet, Kampfesworte, -die vor den Edlen gesprochen sind, zu widerrufen.« - -»Ob wir Gutes oder Arges in vergangener Zeit miteinander gehandelt -haben,« versetzte Immo, »das alles sei vergessen in dieser Stunde. Als -Sohn meines Geschlechts stehe ich dir gegenüber und Abbitte fordere ich -von dir, oder ich suche an deinem Leben die Rache.« - -Da rief Gerhard mit querem Blick: »Meine nicht, mir durch dein stolzes -Drohen den Willen zu beugen, ich widerstehe dir, wenn du auch jetzt auf -deinen Goldschatz vertraust;« und die Handschuhe vom Boden hebend und -auf den Tisch werfend, rief er: »Du denke daran, wenn du den Schaden -trägst, daß nicht ich die Fehde gefordert habe, sondern du. Und darum -sei Unfriede zwischen uns statt Friede, sobald wir den Schranken den -Rücken kehren, und Kampf sei um Leib und Leben, Gut und Habe zwischen -mir mit meinen Helfern und dir mit deinen Helfern.« Er wandte sich -trotzig ab, setzte sich zu seinem Genossen Markwart und verhandelte -leise mit diesem. Immo trat zu dem Tisch der Brüder und den Jüngling -Gottfried küssend, sprach er: »Ich grüße euch, meine Brüder. Gewährt -mir einen Sitz in eurer Mitte und einen Trunk aus eurem Becher, damit -die Fremden erkennen, daß sich die Söhne Irmfrieds in der Not nicht -voneinander scheiden.« - -Die Brüder rückten zusammen, Ortwin trug ihm den Stuhl und Odo goß -ihm den Trunk ein, der Stolz wehrte ihnen zu reden, und sie saßen -schweigend beieinander. Doch von den anderen Tischen eilten Bekannte -des Geschlechts mit den Trinkkannen heran, den Helden zu begrüßen, und -er stand von vielen umgeben und antwortete auf die neugierigen Fragen. -Aber sein Blick flog prüfend durch den Raum und nach dem Tische des -Grafen Gerhard, bis er an der Tür seinen Vertrauten Brunico erkannte, -da winkte er diesem und trat mit ihm zur Seite in heimlichem Gespräch. - -Brunico drängte sich hinaus ins Freie; nicht lange, so klang in dem -Gewirr von vielerlei Tönen ein neuer Gesang, ähnlich dem Quarren -eines Frosches; bald hier, bald dort schrie einer aus dem Volk der -Langschenkel, so daß die Leute einander lachend frugen: »Ist auch der -brüllende Held Reginheri in seinem Sumpf erwacht?« Doch als sich der -Froschgesang auf einer Stelle außerhalb der Schranken vereinte und -mit einem lauten Heilruf endete, da dachten die andern, daß dies ein -Zeichen übermütiger Genossen war, welche miteinander zu den Bergfeuern -ausschwärmten. - -Die Helden in der Halle aber, welche nicht selbst der Fehde teilhaftig -waren, freuten sich, daß der Festabend so rühmlich verlief, und daß man -davon im Lande singen und sagen würde. Sie saßen jetzt friedlich bei -ihren Kannen, denn ihr Gemüt war erfrischt, wie die Flur nach einem -Gewitter. - -Plötzlich klang in das wilde Geschwirr des Marktes ein Klagegeschrei -und der Ruf nach Rache. Der Gesang verstummte, die Pfeifer und Fiedler -setzten ab, die Krämer liefen zur Abwehr vor ihre Bänke und warfen -mit ihren Knechten die Waren schnell in die geöffneten Kasten. In die -Halle sprang ein verstörter und blutender Mann und schrie: »Die Hunde -des Bonifacius sind über das Wasser gedrungen, einer von uns liegt -erschlagen, rächet den Schaden, ihr Wigbertmannen.« Und unter die -verstörten Haufen springend, rief der Mann dieselbe Klage. Da schwand -die Freude in wildem Zorn, die Frauen wichen in das Dunkel zurück, -die Männer fuhren zusammen, rissen flammende Brände aus den Feuern -und stürmten dem Flusse zu. Vergebens sprengte der Vogt mit seinen -Mannen dazwischen und schrie den Frieden aus, die Wütenden lösten die -Haltseile der leeren Kähne und drängten sich hinein, mancher Wilde -sprang ins Wasser und rang sich hinüber auf die Seite der Fuldaer. -Dort stürmten Bewaffnete entgegen, um die Einbrecher in die Flut zu -werfen, und dicht am Ufer entbrannte der Kampf. Aber neue Haufen -folgten über den Fluß, auf Tonnen und Bänken suchten sie durch das -Wasser zu schwimmen; die Fuldaischen wurden rückwärts gedrängt, die -rote Lohe flammte an dem Holzhaus, über welchem das Banner des heiligen -Bonifacius wehte, und das Banner selbst verschwand in den aufsteigenden -Flammen. - -Auch die Herren in der Halle waren an das Ufer geeilt, die einen in -bitterer Sorge, die andern schadenfroh. Da sprach Immo zu seinen -Brüdern, und es waren die ersten Worte, die er seit dem Eintritt mit -ihnen wechselte. »Gefällt es euch, Söhne meines Vaters, so reiten wir. -Laßt euch nicht beschweren, wenn ich euch begleite; denn ich merke, -andere sinnen darauf, uns außerhalb des Friedens zu treffen.« - -Und Odo antwortete mit derselben Zurückhaltung: »Da der Unfriede uns -alle angeht, so sei auch die Abwehr und der Angriff gemeinsam.« Sie -verließen zusammen die Halle und eilten zu ihren Rossen. Erstaunt -fanden die Brüder Immos, daß bei ihren Knechten und Rossen eine reisige -Schar von Landleuten aus den freien Dörfern hielt. - -Nicht lange nachher knarrten die Räder beladener Wagen auf dem Wege, -welcher zwischen dem Leinbach und einem Waldhügel nach der Mühlburg -führte. Nur zwei Reiter bildeten die Bedeckung, die Knechte hatten -Mühe, die Pferde in dem aufgeweichten Wege bergan zu treiben, sie -schrien laut und knallten mit den Peitschen. Endlich kam an einer -kleinen Steile der Zug ganz in das Stocken. Da rasselte und klang es -im Holz, eine Anzahl Reiter sperrte die Straße und warf sich gegen -die Wagen. Die berittenen Wächter flohen ohne Kampf talab, auch die -Knechte sprangen flüchtig dem Bach zu. Als Graf Gerhard heransprengte, -war das Werk getan, die Wagen in Besitz seiner Reisigen. Er lachte und -rief: »Leichten Kaufes wurde großes Gut in ehrlicher Fehde gewonnen. -Lenkt die Wagen seitwärts in das Holz; treibt, meine Mannen, in einer -Stunde haben wir es hinter Wasser und Mauer geborgen.« Die Pferde -wurden einen Waldweg bergan geführt, sie schritten jetzt rüstiger als -vorher, und der Graf brummte vergnügt vor sich hin. »Ich hörte zuweilen -rühmen, junger Immo, daß dein Schwert gut schneidet, aber in Listen -bist du schwach, und der Alte hat dir behende abgeführt, worauf du -mit trotzigem Mute vertrautest.« Der Zug betrat eine kleine Lichtung -des Waldes, welche in hellem Mondschein lag, umgeben von dichtem -Niederholz, dessen laublose Äste die lichte Stelle mit dunklem Grau -einfaßten. Da flimmerte es in dem Holze hier und da wie von blankem -Eisen, die Reiter, welche die Vorhut bildeten, jagten zurück und -meldeten atemlos, daß der Weg durch Gewappnete versperrt sei; auch -hinter der kleinen Schar des Grafen klang ein Kriegsruf, Hörner und -laute Stimmen antworteten, und mit Erstaunen sah der Graf sich rings -eingehegt durch Fußvolk und Reiter. Er riß die Pferde des vordersten -Wagens herum auf die Mitte der Waldwiese und gebot den Reisigen, einen -Ring um die Wagen zu ziehen. Er umritt seinen Haufen, hob den Speer und -erwartete mutig den Anlauf. - -Aber der Angriff erfolgte nicht. Den ganzen Rand der Lichtung hielten -schnellfüßige Knaben umstellt, auf dem Wege stampften die Rosse der -Gegner, und man vernahm ein Rollen und Dröhnen als ob Baumstämme -gewälzt würden. Jenseits des Weges zog sich ein offener Wiesengrund -dem Gebirge zu, dort hatten die Dorfleute der Umgegend einen mächtigen -Holzstoß getürmt, welcher in dieser Nacht als Freudenfeuer aufflammen -sollte. Um den Stoß schwebten die Schatten, er wurde zusehends kleiner. -»Herr,« warnte den Grafen sein vertrauter Dienstmann, »sie sperren die -Wege, denn durch das Niederholz vermögen unsere Rosse schwerlich zu -dringen. Brecht durch, bevor sie uns einhegen.« - -»Soll ich den Schatz im Stich lassen?« frug der Graf unwillig, -»was in den Wagen liegt, gibt Gold und Ehre für euch alle,« und er -schrie hinüber zu den feindlichen Reitern: »Was säumen die Helden -heranzusprengen, offen ist das Kampffeld. Trotzige Worte hörten wir in -der Halle, hier aber, merke ich, schlottern euch die Beine im Bügel.« - -Da rief Brunico zurück: »Schlecht kämpft sich's im Waldesdunkel, harret -noch ein wenig, bis wir euch die Osterfeuer anzünden.« - -»Brecht durch, Herr,« rief der Vertraute aufs neue, »denn sie schichten -das Holz auf der Wegseite zu einem Walle.« - -»Pfui über dich, Immo,« rief der Graf, in dem jetzt die Sorge mächtig -wurde, »unritterlichen Brauch übst du, ich harre deiner, komm heran und -schlage dich um den Schatz.« - -Immo rief zurück: »Auch euch war der Pfad zum Kampfe geöffnet, -allzulange habt ihr euch um die Tonnen gedrängt, jetzt rate ich, -mit uns in Bauernweise den Festbrauch zu üben. Die Flammen lodern, -schwingt euch zum Tanze über die Scheite.« Eine kleine Flamme leckte -auf, die zweite, die dritte, bald sperrte das Feuer wie ein Wall die -Belagerten von dem Wege ab. Aber auch längs dem ganzen Rande des -Niederholzes leuchteten die Funken, jeder der Knaben, welche dort die -Wache hielten, schwenkte Kienfackeln, denen gleich, womit sich die -Dorftänzer auf den Bergen um die Flammen drehten; und jeder schleuderte -mit wildem Geschrei und Jauchzen die lodernden Brände gegen die Rosse -der Belagerten. Die Rosse scheuten und stiegen, die Reiter selbst, -entsetzt über das feurige Gefängnis, vermochten der wütenden Tiere -nicht Herr zu werden, mehr als einer wurde abgeworfen und lag ächzend -am Boden. In diesem Augenblicke brachen die Söhne Irmfrieds mit ihrer -Schar wie ein Wettersturm durch die Flammen, im Nu waren die Helfer des -Grafen überrannt, gefangen und gebunden. Der Graf selbst schlug tapfer -mit dem Schwert um sich, aber durch eine mächtige Faust wurde er am -Nacken gepackt und von seinem Rosse geschwenkt, daß er schwertlos auf -den Boden fiel. »Ergebt euch, Gerhard,« rief Immo, »gelobt als mein -Gefangener zu folgen, damit ich euch die Schmach der Weiden erspare.« -Betäubt gelobte der Graf. - -In wenig Augenblicken war das Werk getan, behend rannten die Thüringe, -die flüchtigen Rosse der Gebundenen einzufangen. Sie bändigten die -Pferde an den Lastwagen und zerwarfen das Holz des brennenden Walles, -und nachdem sie sich auf ein Zeichen Brunicos mit hellem Jubelruf um -die Brüder gesammelt hatten, brach der ganze Zug mit den Wagen und den -Gefangenen nach der Mühlburg auf. - -Längs der Freudenfeuer, welche überall auf den Hügeln und um die Dörfer -flammten, zogen die Sieger jauchzend und singend dahin. Es war tief -in der Nacht, als sie in die Burg kamen. Immo, der während der Fahrt -sich von den Brüdern ferngehalten hatte, ritt jetzt zu ihnen, als sie -im Hofe auf den Rossen hielten und sprach grüßend: »Seid willkommen -im Hause unserer Väter, nehmt vorlieb mit karger Bewirtung, denn erst -beim Licht der letzten Sonne ist der Wirt aus der Fremde heimgekehrt. -Gefällt es euch, so enden wir unseren Handel mit den Gefangenen noch -während der lustigen Nacht, wie er begonnen wurde.« - -»Du warst beim Sprung um die Scheite der Vortänzer,« versetzte Odo -lächelnd, »wir vertrauen, daß du auch gegen die Gefangenen unser Recht -wahren wirst.« - -Im Hofe der Mühlburg wurde ein großes Feuer entzündet und herbeigeholt, -was der Vogt aus dem Keller zu liefern vermochte. Kräftig tranken die -Thüringe, und auch den Gefangenen, welche kummervoll auf den Stufen der -Halle kauerten, wurden die Kannen geschwenkt. In der Halle aber saßen -die Söhne Irmfrieds mit ihren Dienstmannen und die Landleute von der -Nesse, unter ihnen mit gebeugtem Haupt der waffenlose Graf. Da rief -Immo ihm zu. »Hebt den Becher, Graf Gerhard, und trinkt trotz eurer -Not. Einst lag ich als Gefangener in eurem Turm, da ludet ihr mich in -eure Halle und botet mir den Trunk an eurem Tisch. Heute tue ich euch -mit Freuden dasselbe zur Vergeltung.« - -»Ich lobe dich, Immo,« antwortete der Graf trübe, »daß du in dieser -Stunde an den Wechsel des Glückes denkst, beide haben wir ihn seit -jenem Abend in der Halle erfahren. Vergiß auch nicht, daß dem Sieger -eine Ehre ist, Maß zu halten in allem, was er dem Gefangenen auflegt. -Behandelt mich mit Billigkeit, ihr edlen Herren, denn glaubt meiner -Erfahrung, die ich mir zu meinem großen Kummer erworben, wer allzuviel -für sich begehrt, fühlt zuletzt selbst den Schaden.« - -Immo versetzte ernsthaft: »Meine Brüder und ich, wir sind Herren -geworden über euren Leib und euer Leben, und wir vermögen euch jetzt zu -zwingen durch Haft und Bande und zu schatzen an Habe und Gut, weil ihr -wider die Wahrheit und wider eigenes Wissen das Ansehen und die Ehre -unseres Geschlechts mit gehässigen Worten angefeindet habt. Dennoch -sollt ihr erkennen, daß die Söhne Irmfrieds gegen einen bezwungenen -Feind Billigkeit üben. Eure Zunge hat euch in Unfrieden gebracht, eure -Zunge soll euch auch den Frieden wieder gewinnen, wenn ihr sie weise -gebraucht, solange die Thüringe sich in dieser Nacht um die Festfeuer -schwingen.« - -In dem Grafen erwachte eine frohe Hoffnung und er rief: »Sage nur, was -ich reden soll, damit ich mich aus der Not löse.« - -Und Immo fuhr fort: »Wollt ihr Abbitte tun wegen aller kränkenden Worte -und wollt ihr mit allen euren Helfern schwören, nichts von dem, was -in dieser Nacht gegen euch gesagt und getan worden ist, an uns oder an -einem unserer Helfer zu rächen, sondern in Zukunft Frieden und guten -Verkehr zu bewahren, so mögt ihr mit unseren Gefangenen, mit Waffen und -Rossen, frei und ledig von hinnen reiten, sobald der erste Sonnenstrahl -unsere Dächer bescheint.« - -Graf Gerhard sprang erfreut in die Höhe und rief: »Wahrlich, Immo, -manchen Beweis deines guten Verstandes habe ich erhalten, aber diesen -will ich dir niemals vergessen. Ich bin bereit zu allem, was du von mir -verlangst, zu Abbitte und Gelöbnis.« - -»Wohlan,« gebot Immo, »ladet jeden in die Halle, der jetzt im Hofe -weilt, zuletzt die Gefangenen. Und mit diesen werdet ihr euch barhaupt -und stehend demütigen.« - -Ein Hornzeichen rief die Gäste und das ganze Gesinde zusammen, und -als alle versammelt waren, führte Immo den jungen Gottfried auf den -Ehrensitz und zu diesem sprach der Graf barhaupt die Abbitte: »Alles, -was ich gegen Ehre und Ansehen deines Geschlechtes jemals gesagt und -getan habe, das sei ungesagt und ungetan, alle edlen Rechte erkenne ich -ihm zu und auch den Vorsitz und Vortrunk. Denn wisset, ihr Herren, wenn -ich auch manchmal im Ärger anders sprach, immer habe ich das Geschlecht -Irmfrieds vor anderen hochgeschätzt. Und ich bin bereit, nachdem ich -Vergangenes abgebeten habe, alles Gute für die Zukunft zu geloben, -nicht nur weil ich in Not bin, sondern auch weil ich merke, daß dies in -Wahrheit meines Herzens Wunsch ist.« - -Als der Graf dies nach Gebühr vollendet hatte und seine Worte durch die -anderen Gefangenen bestätigt waren, wurde er mit ihnen in die kleine -Kapelle vor den Altar geführt, dort gelobten die Helden für alle -Zukunft jedem Rachegedanken zu entsagen. Darauf ward der Graf auf den -Ehrensitz in der Halle geleitet, und jetzt trat Gottfried vor und bot -ihm den Friedensbecher. Gerhard tat einen tiefen Trunk und seufzte, -aber er wurde mild und froh, ja er lachte ein wenig über sein Unglück -und sprach allerlei Vertrauliches zu Immo. - -Beim Aufgang der Sonne wurden die Rosse der Gäste vorgeführt und Immo -geleitete den Grafen selbst in den Hof. Als dieser aufsteigen wollte, -sah er die beladenen Wagen und mit einem sehnsüchtigen Blick sprach er -zu Immo: »Hätte ich diese in ehrlicher Fehde gewonnen, so würde ich -fortan meinen Met aus goldenem Becher trinken.« - -Da antwortete Immo: »Eifrig habt ihr darum geworben und als ein Held -euer Leben dafür gewagt. Wisset, ihr habt gefochten wie der alte -Hildebrand, um wollene Decken, welche die Sachsen mit guter Kunst -verfertigen, und zumeist um den gesalzenen Seefisch, welchen die Leute -den Hering nennen.« - -Als die Entledigten abgezogen waren, dankte Immo mit freundlichen -Worten die Landleute ab, welche als freiwillige Helfer herangeritten -waren. »Da die Gefangenen gegen den Gebrauch kein Lösegeld gezahlt -haben und auf ihren Rossen davonreiten, so nehmt dafür mit meinem Dank -einen Teil der Waren aus dem Sachsenland, welche ihr wieder gewonnen -habt; nicht als Entgelt, sondern zur Verehrung.« Das waren die Nachbarn -wohl zufrieden und Immo gebot dem Brunico, einen billigen Anteil -auszuscheiden. Diesen luden sie vergnügt auf einen Karren und schieden -mit Heilruf zu ihren Dörfern. - - - - -10. - -Die Entführung. - - -In der Halle standen die Brüder zum Aufbruch gerüstet, als Immo ihnen -entgegentrat. »Den großen Goldschatz der Räuber hat der fahrende Mann -mir angelogen, doch brachte ich reiche Beute und die Gastgeschenke der -Sachsen heim; nicht die Wasserrosse führten meinen Kampfgewinn der -Mühlburg zu, sondern die Packpferde, welche Brunico leitete. Für euch, -Söhne Irmfrieds, sind die Ballen geöffnet, damit ihr daraus wählet, -was jedem von euch gefällt, und ich bitte euch, diese Gabe anzunehmen -anstatt der Schatzung, die ich den Gefangenen erließ, ohne euch zu -fragen.« - -»Solches Angebot ist gebührlich gegen Fremde, nicht gegen die Genossen -des eigenen Geschlechts,« antwortete Odo finster, und Ortwin rief: -»Du tust uns weh, wenn du uns Gold bietest, wo wir brüderlichen Gruß -erwarten.« - -Da flog helle Freude über Immos gramvolles Angesicht. »Wollt ihr -freundlich zu mir reden und brüderlich gegen mich handeln, so wißt, -meine Brüder, daß mein Herz sich viele Jahre nach eurer Liebe gesehnt -hat. Schon im Kloster fühlte ich traurig unter Fremden die Einsamkeit -und dachte mich täglich heim in eure Mitte, und auch jetzt unter den -Gastfreunden vermochte ich nicht die frohen Spiele ihrer Knaben zu -sehen, ohne daß sich mir das Herz in Gram zusammenzog. Denn wie ein -Ausgestoßener lebte ich, weil mir eure Freundschaft fehlte. Begehrt -ihr, liebe Knaben, daß ich euch brüderlich begrüße, so springt heran -wie einst, denn die Arme des Bruders sind geöffnet, euch zu empfangen.« - -Ortwin warf sich um seinen Hals und küßte ihn, und wie er taten die -Jüngeren, nur Odo stand zur Seite. Gottfried aber ergriff Immos Hand -und legte sie in die Hand des andern. Odo drückte sie und begann: »Der -Zorn ist geschwunden mit dem grünen Laub dieses Sommers, beide wollen -wir vertrauen, daß in dem neuen Lenz unter uns Sieben sich die Treue -bewähre.« Und auf Gottfried weisend, fuhr er fort: »Du siehst, wir -haben ihn gewappnet, und da du zu uns zurückgekehrt bist, vermögen wir -jetzt in Frieden das Erbe zu teilen. Vor einem Jahre widerstand ich -dir, als du das Recht des Ältesten fordertest, fortan bin ich gleich -meinen Brüdern bereit, dir zu folgen, wenn du uns führst.« - -Aber Immo rief mit ausbrechender Leidenschaft: »Leite du die Brüder und -bewahre du die Ehre des Geschlechts, denn ich kehre nicht zurück, um in -Frieden unter euch zu leben. Ein großes Leid berge ich in meinem Herzen -und mein Leben muß ich wagen in wilder Tat, noch bevor die nächste -Sonne aufgeht. Wisset, der Tochter des feindlichen Mannes, den wir -heute demütigten, habe ich heimlich mein Leben gelobt, der König aber -will sie schleiern, ob es ihr und dem Vater lieb oder leid sei. Bevor -sie morgen früh zu Erfurt die Klosterschwelle betritt, hole ich sie auf -die Mühlburg, was mir auch darum geschehe. Dem Zorn des Königs trotze -ich und dem Rechte des Landes widerstehe ich, um sie zu erwerben, denn -ohne sie ist mir mein Leben verhaßt.« - -Die Brüder sahen betroffen einander an. »Zu früh habt ihr mich -brüderlich begrüßt, ihr Söhne Irmfrieds,« fuhr Immo heftig fort, -»mich wundert nicht, wenn ihr euch von mir abwendet, wie von einem -Kranken, dessen Berührung Unheil bringt. Meint auch nicht, daß ich -euch mahnen will an die Hand, die ihr mir jetzt gereicht habt und an -den brüderlichen Kuß. Denn eure Hilfe bei der Tat fordere ich nicht, -den Raub wage ich wohl allein mit denen, die sich mir gelobt haben. -Euch aber sage ich vorher, was ich tun werde, damit ihr mir tröstlich -seid, soweit ihr es vermögt, ohne euch zu verderben. Doch nein, liebe -Brüder,« unterbrach er sich selbst, »aus Klugheit und Vorsicht hätte -ich's euch nimmer bekannt, aber eure Freundlichkeit hat mir die -Seele weich gemacht. Denn Sommer und Winter habe ich die Last allein -getragen. Selig macht der Gedanke an das geliebte Weib, aber furchtbar -quält die Angst sie zu verlieren, und manche Nacht habe ich in der -Fremde auf meinem Lager die Faust geballt, oder kindisch geweint, -wie mir jetzt geschieht.« Er wandte sich ab, hielt die Hände vor das -Antlitz und sein starker Leib bebte im Krampf. - -Es war totenstill in der Halle. Endlich begann Odo: »Wenn unsere -Eltern einen Rat hielten, der ihr Wohl und Wehe anging, so saßen sie -vertraulich nebeneinander am Herdfeuer nieder. Führe auch du uns zum -Herde der Burg, an dem unsere Vorfahren beraten haben, damit wir die -Flamme aufzünden. Dort erzähle du uns von dem Weibe, welches dir lieb -wurde, und wie alles gekommen ist bis heute, damit wir es wissen, denn -auch das ist ein Recht der Deinen.« - -Da führte Immo die Brüder über den Hof zu dem Flur des Saales, worin -der Herd stand, er entzündete das Feuer und schloß die Tür. Die -sieben Brüder lagerten am Herde und Immo begann leise seinen Bericht, -zuerst, wie Hildegard unter den Buchen sein Geselle wurde, und wie er -ganz plötzlich sich glückselig fühlte, und danach alles andere. Und -er zeigte ihnen auch das Pergament mit den Goldfäden, welches alle -betrachteten, während er es in seiner Hand hielt, bis er es wieder im -Gewande barg. Die stolzen Knaben Irmfrieds vernahmen vorgebeugt mit -leuchtenden Augen die Kunde, welche auch ihr Leben nahe anging, und -Gottfried saß zu den Füßen des Bruders, hielt die Hände über dem Knie -desselben gefaltet und blickte ihm unverwandt in das bewegte Antlitz, -während Odo zuweilen einen neuen Span in das Feuer legte. Immo aber -wurde froh, daß er von Hildegard erzählen durfte, und lachte dabei -treuherzig wie ein Kind, er schilderte ihr Aussehen und ihre Art, -so daß sie auch seinen Brüdern gefiel, obwohl sie die Tochter eines -wunderlichen Mannes war. - -Als Immo geendet hatte und alle in warmer Teilnahme schwiegen, begann -Odo nachdenkend: »Sage uns, welche Meinung hat Graf Gerhard zu dir?« - -»Du kennst ihn ja auch,« versetzte Immo, »daß er hastig nach jedem -Vorteil züngelt und schmeichelnde Worte nicht spart; aber ich fürchte, -im Grund seines Herzens ist er mir abgeneigt, da er schon mit unserm -Vater in Unfrieden lebte.« - -Odo nickte. »Klein ist der Funke, welcher ein großes Feuer entzündet, -auch uns bedroht die Flamme. Gegen dich stehen der König und der -Erzbischof, das Recht des Vaters und der Friede der Stadt, und es -wird ein Kampf gegen große Übermacht um Gut und Leben, für dich und -deine Helfer. Aber der König ist, wie wir hören, auf dem Wege nach -Italien, das Recht des Erzbischofs beginnt erst mit dem nächsten -Morgen, das Recht des Vaters werden wir alle ungern ehren, und wegen -des gebrochenen Stadtfriedens werden die Erfurter vielleicht mit sich -handeln lassen, zumal wir selbst einen Hof in ihren Mauern haben. Doch, -wenn auch all diese Hoffnung trügt, hartnäckiger Wille eines Mannes -vermag viel. Und zuletzt hast du noch deine Brüder. Denn ich denke -nicht, daß diese hier den Bruder in der Not verlassen werden.« - -Da sprangen die Jüngeren alle in die Höhe, zuckten an den Schwertern -und riefen: »Nimm den Schwur.« Und Odo fuhr fort: »Lüfte dein Schwert, -mein Bruder, damit wir alle unsere Hände zugleich darum werfen. Während -das Herdfeuer lodert und das Dach unseres Hauses uns bedeckt, geloben -wir, dir mit Leib und Leben, Gut und Ehre zu helfen, damit du die Braut -heimführst. Denn wir alle wissen, daß wir im Tode zu dir gehören, wie -du zu uns.« - -So schworen die Sieben sich zusammen und küßten einander am Herdfeuer. -Danach setzten sie sich wieder zu geheimer Beratung. - -Eine Stunde darauf ritten die Brüder den Mühlberg hinab, Immo mit -Gottfried nach der Stadt Erfurt, die andern nach dem Herrenhofe. Immos -Seele hob sich in neuer Hoffnung, als der warme Frühlingswind um -seine Wangen wehte, und als der Bruder, welcher ihm am vertrautesten -war, ihn immer wieder an der Hand faßte und durch seine vertraulichen -Fragen lockte, von Hildegard zu reden. Sie ritten durch das offene -Tor in die große Marktstadt, die der ganzen Landschaft für ein Wunder -galt, obgleich sie in vielem einem ungeheuren Dorfe ähnlich war. Denn -hölzern waren die Häuser, neben den meisten öffnete sich ein Hoftor, -durch welches man auf die Dungstätte und die Ställe sah, die Gänse -wateten durch den Kot der Gassen und das Borstenvieh lief schonungslos -umher. Aber die Mauern und Tortürme ragten gewaltig, von den großen -Kirchen und Kapellen läuteten fast den ganzen Tag die Glocken, auf den -Marktbänken der freien Plätze war eine unendliche Fülle begehrenswerter -Sachen zum Verkauf gestellt, und wer selten nach der Stadt kam, der -wurde nicht müde, nach der Heimkehr von dem Unerhörten zu erzählen. - -Diesmal achteten die Helden wenig auf die Waren und wenig auf die -stattlichen Männer und Frauen, welche in den Gassen ihren Geschäften -nachgingen, sie stiegen in dem Hofe ab, der dem Geschlecht seit alter -Zeit gehörte, und eilten zu Fuß nach dem Hause des Goldschmieds. - -Der Hof Herimans war leicht kenntlich durch das große Wohnhaus, welches -sich neben dem verschlossenen Hoftor erhob. Denn ein Stockwerk ragte -über dem Flur vorspringend in die Straße und trug noch einen Giebel mit -mehreren Bodenräumen. Schon auf der Straße vernahm man Hammerschläge; -als Immo das Gatter öffnete, welches bei Tage den unteren Teil der -Türöffnung verschloß, fand er im Hausflur einen schlanken Knaben im -Schurzfell, der mit Raspel und Feile an einem Metallgerät arbeitete. -Auf die Frage nach dem Herrn führte der Knabe eine kleine Treppe hinauf -in den hinteren Teil des Hauses, wo die Werkstatt des Goldschmiedes -sich nach dem Hofe öffnete. Heriman saß mit seinem Knappen über der -Arbeit, im Takte schlugen die kleinen Hämmer, um glänzendes Silberblech -zu runden. Als er die beiden Krieger im Kettenhemd erkannte, sprang er -auf, warf den Hammer in eine Ecke, fuhr sich heftig durch die wallenden -Haare und über sein mannhaftes Gesicht flog ein Schatten von Besorgnis. -Aber er bot mit ehrlichem Gruß seinen Gästen die Hand und geleitete sie -aus der Werkstatt nach dem oberen Stockwerk. Durch die Lichtöffnungen -der verschlossenen Läden fielen die Sonnenstrahlen in ein großes -Zimmer, auf viele Truhen und Schränke und auf die schmale Bettstelle, -in welcher Heriman selbst als Wächter seiner Waren zu ruhen pflegte. -Während Gottfried sich neugierig nach dem Silber- und Goldgerät umsah, -welches der reiche Goldschmied in seinem Hause verwahrte, stieß Heriman -einen Laden auf, doch so, daß das Innere des Zimmers den Nachbarn -gegenüber verborgen blieb, und rief: »Bei Tageslicht will ich mit euch -verhandeln, obwohl es ein nächtliches Werk ist, an welches ihr denkt.« -Er holte tief Atem und fuhr sich wieder durch das Haar. »Bevor ihr -mir's sagt, weiß ich, weshalb ihr im Kriegskleide kommt, denn durch -meine Base Kunitrud erfuhr ich, daß heute abend ein Gast in der Stadt -einzieht, um den ihr Sommer und Winter gesorgt habt.« - -»Sie darf die Schwelle des Klosters nicht überschreiten; und ich will -es hindern, oder meinen Leib in euren Mauern zurücklassen.« - -Heriman setzte sich auf einen Schemel und neigte betäubt das Haupt. -Aber gleich darauf erhob er sich. »Ihr fordert, daß ich heute meine -Schuld bezahle? Ihr sollt euch in mir nicht geirrt haben, was mir auch -darum geschehe. Doch bevor ich euch meinen guten Willen erweise, frage -ich: ist es nötig, daß ihr im Frieden der Stadt wagt, was ihr tun -wollt?« - -»Sie kommt mit reisigem Gefolge ihres Vaters und des Erzbischofs. Ganz -unsicher wäre das Gelingen bei einem Speerkampf auf offener Heide.« - -»Dann also muß es hier sein. Sie rastet heute nacht im Hessenhofe, -wo ihr Vater immer einliegt, ein Reisiger hat die Ankunft gemeldet. -Morgen reitet der große Erzbischof in unsere Stadt, er selbst soll sie -nach dem Willen des Königs den frommen Müttern zuführen. Noch andere -Neuigkeit weiß ich: morgen früh wird die Heerfahne des Königs auf -seiner Burg ausgesteckt und die Boten werden durch das Land rennen, den -großen Kriegszug nach dem Land Italien anzusagen. Denn der König will -sich dort die Lombardenkrone holen. Das geht euch an, wie uns alle.« - -»Dieser Abend aber gehört noch mir,« versetzte Immo finster. - -»Die Burgmannen sind in Bewegung wegen der Kriegsreise, heute abend -werden die Straßen und Schenken gefüllt sein. Das mag euch frommen oder -auch hindern. Wollt ihr eure Hand um die goldene Spindel legen, die -euch im fremden Hause gehört, so müßt ihr sie nicht nur aus dem Hause -holen, auch sicher aus Tor und Mauer schaffen. Die Erfurter aber halten -an ihren Toren gute Wache und fordern Zoll von jeder Ware, die aus- und -eingeht.« - -»Kannst du mir helfen, was mein ist, aus dem Hause zu schaffen, so -trage ich's mit meinen Schwurgenossen unter den Schilden durch das Tor.« - -Heriman schüttelte den Kopf. »Kommt ihr mit einem Haufen, so findet -ihr hier einen größeren, und bringt ihr ein ganzes Heer, so werfen -euch meine Mitbürger Speer und Axt, den Sturmgesang vom Turme und ihre -Lärmhörner entgegen.« - -»Nicht mit einem Heerhaufen gedenke ich auszubrechen. Nur sieben haben -ihr Leben für die Tat gelobt und zwei davon stehen vor dir.« - -»Und ihr wollt, daß ich der achte sei?« frug Heriman, »reicht das Kreuz -eures Schwertes, ich bin bereit.« - -Immo zog das Schwert und hielt den Griff in die Höhe, Heriman murmelte -sein Notgebet, dann legte er die Schwurfinger auf das Kreuz und sprach -die Worte, durch die er sich Immo gelobte. Seine Unsicherheit war -geschwunden, er warf das Schurzfell von sich, holte Mantel und Mütze -vom Haken, gürtete sein Schwert um und begann: »Vertauscht auch ihr -den Eisenhut mit dieser Mütze, ich hoffe, sie soll euch passen, und -schlagt den Mantel zusammen, damit ihr den Nachbarn weniger auffallt. -Euch aber, junger Held, ersuche ich, die Helmkappe des Bruders in der -Herberge zu bewahren, während wir beide durch die Straßen gehen, denn -zwei Wölfe sind nur ein Paar, aber drei eine Rotte. Ich geleite euch -zu dem Hofe, in welchem die Jungfrau heute nacht rastet, damit ihr die -Gelegenheit selbst erkennt, denn lichtlos wird am Abend Hausflur und -Treppe sein; seht scharf um euch und achtet auch auf Kleines.« - -Sie verließen das Haus. Mit Mühe hemmte Immo in den Gassen seinen -Schritt zu dem langsamen Gange, in welchem sich Heriman seiner Würde -gedenkend bewegte. »Dies ist der Hessenhof,« murmelte Heriman, »der -Wirt ist ein Mann des Erzbischofs, aber ein redlicher Nachbar.« Immos -Blick achtete forschend auf die Umgebung und auf das Haus, welches dem -des Goldschmieds ähnlich, nur kleiner war, und auf das Hoftor, durch -welches man die Hintergebäude und Ställe sah. Sie traten in den Flur, -stiegen unaufgehalten die Treppe hinan, fanden die Tür eines Zimmers -offen und darin eine kräftige Frau, welche mit dem Besen umherfegte -und den Heriman vertraulich grüßte. »Dies ist Base Kunitrud, die Witwe -eines wackern Burgmannes, sie ist dem Wirt dieses Hofes befreundet und -steht seinem Haushalt vor. Dir aber, Base, führe ich den edlen Helden -Immo zu, weil er deinem guten Gemüt vertraut, das ich ihm gerühmt habe, -und einen Dienst von dir begehrt.« - -»Auch wir in Burg Erfurt haben von Held Immo mancherlei vernommen,« -antwortete Kunitrud geschmeichelt, »und ich gedenke vor allem der -Guttat, die ihr diesem hier erwiesen habt.« - -»Um dir alles zu sagen, Base,« fuhr Heriman auf einen bittenden Blick -Immos fort, »der Held trauert, wie du ihm leicht ansiehst, darüber, daß -das Grafenkind geschleiert werden soll. Denn er hat sie im Hause ihres -Vaters und auch sonst lieb gehabt, wie die Art junger Leute ist; und -darum möchte er ihr durch deinen Mund noch einen Gruß sagen, bevor sie -bei den frommen Schwestern eingeschlossen wird.« - -Kunitruds Augen glänzten von Neugierde und Teilnahme. »Verliert nur -nicht den Mut, edler Herr, ich habe mehr als eine Nonne gekannt, -welche vom Erzbischof Urlaub erhielt und als ehrliche Hausfrau lebte -mit Kindern, so drall wie die Äpfel. Denn in dem Erdgarten ist alles -möglich, wenn man's nur erlebt.« - -Während ihr Immo für die Teilnahme zu danken suchte, fuhren seine -Augen rastlos um die offene Tür, das Türschloß und die Treppe. Beim -Herabsteigen mahnte Heriman leise: »Achtet auf die ausgetretene Stufe, -ein falscher Tritt mag den Erfolg verderben. Und jetzt schnell vom -Hause weg und in gerader Richtung dem Tor zu, durch das ihr entrinnen -sollt. Einreiten müßt ihr bei Tage, solange das Tor geöffnet ist. Eure -Brüder sind hier wohlbekannt und ihre Ankunft wird in der Aufregung des -Tages niemandem auffallen. Mit Sonnenuntergang wird das Tor gesperrt -und den Ausreitenden geöffnet; wenn die Nacht so weit heraufgestiegen -ist, daß die Bürgerglocke zum zweitenmal läutet und die Schenken -geschlossen werden, dann wird auch die Brücke gehoben, und von da -vermögt ihr nur mit Heeresmacht hinauszureiten. Ihr müßt die Tat also -zwischen Sonnenuntergang und dem zweiten Glockenklang vollbringen. -Ich sende, wenn die rechte Zeit gekommen ist, meinen Knappen nach -eurem Hofe, ich selbst warte eurer in der Nähe des Hessen. Und noch -eins habe ich auf dem Wege bedacht,« fuhr Heriman fort, »gelingt es -euch nicht, zum Tor hinauszuschlüpfen, so müßt ihr die Hälse wagen -auf einem anderen Wege, den schwerlich jemand ohne Not wählt. Ein -Stück der Stadtmauer ist verfallen, gerade jetzt bessern sie an dem -Schaden, die Stelle ist nicht auf eurem Wege, sondern nordwärts, -und nahe der Königsburg. Dennoch sollt ihr sie beschauen, ob sie in -der Not euch Rettung gewährt.« Er führte vom Tor längs der Mauer zu -einem wüsten Platz, unter Schutthaufen. Die Trümmer der eingestürzten -Mauerwand ragten aus dem Grabenwasser und die Arbeiter hatten Bretter -darübergelegt, auch an der Böschung der Außenseite sah man den -Fußsteig, durch welchen sie aus- und einliefen. - -»Lacht der Mond freundlich, so ist der Angstpfad wohl zu durchreiten,« -entschied Immo. »Jetzt weiche von mir, Heriman, damit du dich nicht -ohne Not gefährdest, denn deine Burgmannen werden bald mit Argwohn -meiner gedenken.« Nach kurzem Gruß entfernte sich der Goldschmied, Immo -eilte in die Herberge und sprengte gleich darauf mit dem Bruder aus dem -Tor. - -Eine gute Wegstunde von Erfurt lag unweit dem Grenzwall, welcher -die Güter des Geschlechts von der Stadtflur schied, ein Hügel, der -mit Eichen bewachsen, auf seinem Gipfel ein altes Blockhaus trug, -in welchem die Jäger und Hirten zu rasten pflegten. Im Sommer war -die kleine Lichtung von dichtem Schatten umhüllt, auch jetzt bot -das Geflecht der Äste und Zweige einen sicheren Versteck. Zu dieser -verborgenen Stelle hatte Immo die Brüder und die Getreuen von der -Mühlburg geladen, wenn die Sonne die Mittaghöhe erreichen würde. Er -fand bei seiner Ankunft Brunico mit den Waffen und frischen Rossen, und -den Vogt der Mühlburg, welcher die letzten Befehle des Herrn empfangen -sollte. Als Immo absprang und seinem Bruder Gottfried zunickte, -erkannte er in dem erblichenen Antlitz des Jünglings die Erschöpfung, -er hob ihn in seinen Armen vom Pferde und streichelte ihm die Wangen. -»Zwei Tage und eine schlaflose Nacht im Eisenhemd waren für meinen -Liebling zuviel, noch hast du Zeit, ein wenig zu ruhen, damit dir am -Abend nicht die Kraft versagt.« Und mit freundlichem Zureden nötigte -er den Widerstrebenden auf ein Lager von Waldheu, das er im Blockhaus -breitete, er rückte ihm das Haupt zurecht und deckte ihn mit dem -Wollmantel. Dann trat er ins Freie und blickte unverwandt nach dem -Wege, der vom Herrenhofe herzulief. - -Die Brüder stoben in ihrer Rüstung heran; als sie den Bruder auf der -Höhe erkannten, wirbelten die Jüngeren lustig die Speere. Odo führte -sein Roß zu Immo und bot diesem die Zügel. »Nimm heute den Sachsen -zurück,« sagte er, »denn die Braut, welche wir einholen, soll von -diesem Tiere getragen werden, welches der Stolz des Hofes war. Die -weiße Farbe ist gedeckt, damit es im Dunkeln nicht jedermann erkennbar -schimmere.« Da schlang Immo den Arm um den Hals des Bruders und -antwortete: »Die Gabe nehme ich nicht, edler Odo, denn größere Gunst -fordere ich von dir selbst. Nicht meine Arme dürfen die Braut, um -welche wir reiten, aus der Stadt tragen, sondern du selbst sollst es -tun. Mir gebührt die Abwehr, der Kampf und die Nachhut auf der Flucht. -Dir aber übergebe ich die Geliebte, daß du nur um sie sorgst und sie -rettest, was uns andern auch geschehe.« Da nickte Odo: »Es sei, wie du -willst.« - -Schweigend standen die Männer und schauten zuweilen durch die Baumäste -nach dem Stand der Sonne. Endlich hob Immo den Arm nach dem Himmel, -da neigten alle die Häupter und flehten leise zu den hohen Engeln um -Rettung aus der Not, in welche sie ritten, dann traten sie an die -Rosse. »Wo bleibt Gottfried?« frug Odo. - -Immo sprang in das Blockhaus. Der Bruder lag in festem Schlummer, er -hielt die Hände gefaltet und lächelte. Als Immo das Kind so im Frieden -liegen sah, wurde ihm plötzlich das Herz weich, er trat leise zurück -und zu den Brüdern kehrend, sprach er: »Er liegt in süßem Schlaf, ich -traue mich nicht, ihn zu wecken.« - -»Bleibt er zurück, so wird er uns immerdar zürnen,« versetzte Odo -und wollte hinein, aber Immo hemmte ihn und sprach: »Denket daran, -Schwurgenossen, daß unsere Mutter einen Sohn behalte,« und dem -Dienstmann Berthold die Hand zum Abschiede reichend, bat er: »Wenn er -erwacht, so sage ihm, daß wir einen von uns gewählt haben, für unsere -Mutter zu sorgen, und der eine sei er.« Wieder hob er den Arm zur Sonne -und die Helden sprengten den Berg hinab der großen Stadt zu. - -Im Walde vor Erfurt teilte sich die Schar, denn nicht zu gleicher -Zeit und zu einem Tore wollten sie einreiten. Die fünf Brüder zogen -auf dem nächsten Weg durch dasselbe Tor, zu welchem sie die Geraubte -hinausführen mußten. Immo aber mit Brunico betrat die Stadt durch -das Tor im Osten. In der Herberge trafen alle zusammen, sie fanden -viel Volk in den Straßen und in den Schenken, auch Bewaffnete aus der -Umgegend klirrten einher. Die Brüder aber gingen einzeln und zu zweien -durch die Menge und betrachteten die Gassen, durch welche sie reiten, -und die Ecken, an denen sie sich aufstellen sollten. - -Die Sonne sank, in den Straßen wurde es dunkel, die Gassen leerten -sich, doch aus den Häusern glänzten die Herdfeuer und aus den Schenken -klang der Lärm lustiger Zecher. Die Brüder standen im Hofe ihrer -Herberge bei den gesattelten Rossen, sie wechselten gleichgültige -Worte, aber in der langen Erwartung hämmerte ihnen das Herz in der -Brust. Und wenn ein Laden oder die Flurtür geöffnet wurde, so kam -ihnen bei dem matten Lichtschein vor, als ob sie alle bleich wären wie -Leblose. Da fuhr eine dunkle Gestalt von der Gasse in den Hof, und der -Knappe des Goldschmieds flüsterte Immo zu: »Der am Idisbach lag, grüßt -euch und läßt euch sagen, es sei an der Zeit. Der Graf und sein Gefolge -sind beim Vogt des Erzbischofs zum Nachtmahle.« Gleich darauf ritten -die Brüder langsam aus dem Hofe, voran Immo neben dem Boten, nach ihm -Odo und Brunico, die andern Brüder folgten ganz allmählich zu zweien. - -Vor dem Hessenhofe war die Straße leer, aus dem Hofraum aber vernahm -man Stimmen und das Stampfen der eingestallten Pferde. An dem -Kellerhals des Nachbarhauses tauchte ein Schatten auf und glitt neben -Immo bis nahe zu der Haustür. Den Zügel des Rosses ergreifend, mahnte -Heriman mit heiserer Stimme: »Steigt ab.« - -Immo sprang in das Haus; langsam ritt Odo bis dicht vor die Haustür. -Das Zeichen der Nachtglocke klang gellend vom Turme, in den Höfen -rührte sich's und vom Markte her vernahm man den schweren Tritt und das -Klirren Bewaffneter. »Er ist verloren,« stöhnte Heriman. Da sprang Immo -über die Schwelle, eine verhüllte Gestalt im Arme, er schwang sie dem -Bruder auf das Roß und der Sachsenhengst fuhr in gestrecktem Lauf die -Gasse entlang dem Tore zu. Als Odo um die Ecke bog, war er nicht mehr -allein, denn hinter ihm ritten Adalmar und Arnfried, und als sie dem -Tor nahten, fanden sie Ortwin und Erwin schon in Verhandlung mit den -Torwächtern, welchen Ortwin zurief: »Frisch, ihr guten Männer, beeilt -euch aufzusperren, wir reiten zum Ehrentanze für eine Braut.« Odo hielt -im Dunkeln, er hörte das Knarren der Torflügel und mahnte zurück: -»Schließt dicht an.« Dann sprengte er hinter die vorderen Brüder, und -die Schar ritt eilig durch das Tor auf die Brücke. »Haltet, halt! was -tragt ihr hinaus?« schrie der Wächter, aber der Ruf verklang hinter den -Flüchtigen. Sie stoben gerettet unter dem Nachthimmel dahin und sahen -rückwärts nach dem Bruder aus. - -Als Immo vor dem Sachsenhofe nach seinem Rosse sprang, schrie aus -dem Oberstock eine helle Frauenstimme: Raub, Zeter und Waffen. Die -Scharwächter stürmten heran, aus dem Hoftor drangen die Knechte, auch -diese riefen Feuer und Rache. Im Nu erhob sich wilder Tumult und -Waffengeklirr. Gegen Immo, der mit Mühe sein Roß gewonnen hatte, warfen -sich die Scharwächter, er wehrte den Führer mit dem Speer ab, und als -der Mann stürzte und die Genossen sich um ihn sammelten, riß Brunico -das Pferd seines Herrn am Zügel und schrie: »Fort, die Bahn ist offen.« -Aber indem Immo sich wandte, klang in seinem Rücken aufs neue Geschrei -und Schwertschlag, und die Stimme Herimans rief flehend: »Verlaßt -nicht euren Helfer, der für euch das Schwert hob.« Da merkte Immo, daß -die Stunde gekommen war, in welcher eine Lehre des Mönches Gehorsam -forderte, und daß dieser Gehorsam ihn von Freiheit und Glück schied. -Aber seiner Ehre gedenkend, rief er entgegen: »Des Rosses letzter -Sprung sei für dich,« und er warf sich zurück in den wütenden Haufen, -stach und schlug, bis er den Heriman herausgehauen hatte und dieser -hinter dem Roß in der Dunkelheit verschwand. Jetzt wandte sich Immo -aufs neue zur Flucht und stob mit Brunico dem Tore zu. Aber die Stadt -war geweckt, hinter ihnen stürmten mit lautem Hallo die Verfolger, -aus aufgerissenen Fensterläden fiel hie und da ein Lichtschein auf -die Flüchtigen, die Trinker sprangen mit gezückter Waffe aus den -Schenken und warfen sich ihnen entgegen. Als sie das Tor vor sich -sahen, erscholl auch von dort Alarmruf und Kampfgeschrei Bewaffneter, -welche auf sie zurannten. Da fuhr Brunico in der Bedrängnis zur Seite -in eine enge Gasse der gebrochenen Mauer zu, Immo folgte. Der größte -Teil der Verfolger lief nach dem nächsten Tor, um die Flüchtigen dort -abzuschneiden, die Gehetzten gelangten bis zu den Mauertrümmern. Dort -hielt Brunico. »Voran,« befahl Immo. Keuchend klomm das Roß des Mannes -hinab, dieser gelangte glücklich über den Bretterstieg, indem er -unterwegs brummte: »Nicht umsonst habe ich dich zum Feierabend zurecht -gelegt,« und fuhr auf der andern Seite in die Höhe. Ihm folgte Immo. -Er sah sich auf der wüsten Stätte um, noch waren die Verfolger zurück, -aber sein verwundetes Roß hinkte; als er es hinabtrieb, brach es an dem -Trümmerhaufen, welcher aus dem Wasser ragte, zusammen, warf den Reiter -hart gegen die Steine und glitt in das Wasser, in dem es angstvoll -stöhnte und um sich schlug. Immo erhob sich betäubt vom Fall, er merkte -jetzt, daß er selbst hart verwundet war; mühsam wankte er auf den Steg -und wand sich an der andern Seite des Grabenrandes empor. Dort blieb er -liegen. - -»Fünf Jahre habe ich dich gezogen,« klagte Brunico zu seinem Hengst, -»und jetzt rinnt dir's heiß von der Hüfte und du ziehst auf dem Wege -eine Spur gleich dem verendenden Wild. Einem ruhmlosen Tölpel gehörte -der Speer, welcher auf das Roß zielte statt auf den Reiter.« Hinter -sich vernahm er einen leisen Ruf, er sprengte zurück. Unweit des -Grabens lag ein Mann am Boden, Brunico sprang ab. »Der Schildarm ist -getroffen,« seufzte Immo, »und er hängt nach dem Sturz machtlos in der -Achsel.« - -»Ein wunder Mann und ein wundes Pferd sind einander jämmerliche -Gesellen,« rief Brunico. »Dennoch helfe ich dir auf mein Tier, mich -birgt die Nacht und der nächste Graben.« Er hob den Wunden mit starker -Anstrengung auf sein Roß, aber Immo schwankte wie betäubt. »Halt aus, -Brauner, bis zum nächsten Wald,« ermunterte Brunico, »dort lade ich ihn -auf meinen Rücken.« Er schwang sich hinter dem Verwundeten auf, die -Hinterbeine des Pferdes knickten unter der Last, Brunico trieb es mit -den Sporen dem Saum des Gehölzes zu, welches in der Dunkelheit schwarz -vor ihnen lag. - -»Die Hunde werden im nächsten Augenblick hinter uns sein,« brummte der -Knappe nach rückwärts spähend, »und unsere Kunst geht zu Ende.« Er -sprang wieder ab. - -»Birg mich seitwärts vom Wege und rette dich, vielleicht vermagst du -Hilfe zu bringen,« mahnte Immo. - -»Der Mond scheint über kahles Land, sie finden dich, bevor ich ein -Pferd schaffe.« - -Vor ihnen knarrte ein Karren und knallte eine Peitsche. »Der Wagen -fährt auf unsere Dörfer zu,« rief Brunico erfreut, »ich meine, es ist -ein Nachbar, der sich in der Stadt verspätet hat.« Er rief den Wagen an -und führte das Pferd zu ihm hin. »He, Landgenoß, kennst du den Freien -Balderich im Dorfe vor uns?« - -»Vielleicht kenne ich ihn,« versetzte der Mann, mit der Peitsche -knallend. - -»Willst du helfen, einen Verwundeten heimlich nach seinem Hofe zu -schaffen, so soll dir ein guter Lohn werden.« - -»Es kommt darauf an, wer der Wunde ist,« versetzte der Mann auf dem -Karren. Als aber Brunico ihm näher kam, wandte er sich heftig ab. »Dies -Gesicht kenne ich, ich sah dich unter den Disteln, verflucht sei die -Hand, die sich dir zur Hilfe rührt.« Brunico zog sein Schwert. - -»Laß den Mann in Frieden,« befahl Immo, aber er selbst glitt kraftlos -vom Roß in die Arme des Getreuen. Der Fuhrmann beugte sich über ihn. -»Halt,« rief er, »auch diese Stimme erkenne ich. Kann euch mein Wagen -helfen, Herr, so hebe ich euch herauf. Es sind dieselben Räder, die ihr -in meiner Not aus dem Wasser hobt.« - -Immo nickte schwach mit dem Haupt. »Ladet mich auf.« Die beiden Männer -hoben ihn auf den Wagen, der Fuhrmann Hunold breitete eine Decke und -rückte die Strohbündel. »Euch schaffe ich in das Dorf, der andere möge -sich fern halten von meinem Messer.« - -Immo streckte die Hand über das Wagengeflecht. »Fort mit dir, -Gespiele.« Der Knappe warf sich mit einem Seufzer auf das Pferd und -trabte dem Holze zu, während der Fuhrmann ihm zornig nachsah. - -Hinter dem Wagen klang schneller Hufschlag. Hunold sah sich um und zog -die Decke über den Liegenden. Bewaffnete sprengten heran und frugen -barsch nach Namen und Fahrt. Auf die Antwort des Führers, daß er ein -Mann des großen Bischofs sei, klang die Gegenfrage, ob er Reiter -gesehen habe. - -»Sicher sah ich sie, kaum ein Viertel Weges zurück am Kreuze, zwei -Männer auf einem Pferde,« und er wies rachsüchtig dorthin, wo Brunico -in der Dunkelheit verschwunden war. »Ihr mögt die Spur erkennen, denn -sie liegt rot auf dem Wege.« »Sie sind es,« riefen die Reiter und -stoben zurück bis zum Kreuzwege. - -Aber sie erreichten weder Roß noch Reiter. Denn Brunico war, als er -sich in der Dunkelheit allein sah, vom Hengst gesprungen und hatte das -zitternde Tier mit einem Schlage vorwärts getrieben. »Hilf dir allein, -wenn du kannst, ich denke, den Weg nach deinem alten Stalle kennst du. -Ich laufe dem Karren nach Balderichs Hof vor, damit der Alte und mein -Mädchen über das Brautgeschenk, das ich ihnen sende, nicht allzusehr -erschrecken.« - - - - -11. - -Die Mutter auf der Burg. - - -Von den Mauern der Mühlburg spähten Immos Brüder die ganze Nacht -sorgenvoll nach der Tiefe, immer wieder erwogen sie, ob er getötet sei, -ob er in Erfurt gefangen liege, oder ob er sich auf einem Umweg in die -Berge schlagen und zu ihnen kehren werde. Jedes Rauschen im Holz, jede -Tierstimme im Walde dünkte ihnen ein Zeichen des Nahenden. Als der -Morgen graute, sandten sie Läufer in die Dörfer, welche ihnen gehörten, -und forderten heimlichen Zuzug ihrer Dienstmannen, und zwei von ihnen -warfen sich mit den Knechten in das Gehölz, wo ein gedeckter Anritt zu -den Bergen möglich war. Aber friedlich lag die Landschaft, auch von -dem Turm des vorderen Berges, der am weitesten die Ebene nach Erfurt -überschaute, vermochten sie nichts zu erkennen, nur einzelne Reiter -sahen sie hie und da auf den Feldwegen, und ihre spähenden Knaben -verkündeten, daß es Reisige des Erzbischofs waren, welche vorsichtig -bei den Bauern nach der flüchtigen Schar forschten, aber den Rand des -Gehölzes vermieden. Als die Sonne im Mittag stand, rief Ortwin: »Nicht -länger vermag ich die Unsicherheit zu ertragen, es bringt uns wenig -Ehre, hinter den Mauern zu harren, während der Bruder in Not ist; ich -sattle und reite nach dem Hofe der Mutter und weiter der Stadt zu, -damit ich Bericht einhole, sei er böse oder gut.« - -»Ich widerrate,« versetzte Odo, »daß du der Mutter unter die Augen -trittst, denn besser ist es, daß sie völlig keinen Teil habe an unserm -Handel und fortan ebensowenig der Jüngling Gottfried, so wollte es auch -unser Bruder Immo. Der Jungfrau aber hier auf dem Berge dient die alte -Gertrud, welche die Mutter auf meine Bitte gestern dem Bruder gesandt -hat. Auch deinen Ausritt vermag ich nicht zu loben, leicht könnten wir -noch dich verlieren; besser gefällt mir, daß wir den Müller Ruodhard -schicken, er versteht die Leute auszufragen und hat überall eher -Frieden, als ein anderer.« - -Der Rat gefiel den Brüdern und Ruodhard stieg eilig von dem Berge. Auf -dem Herrenhofe fand er alles in Schrecken und Verwirrung, Frau Edith -hielt das Tor geschlossen, nur über dem Grabenrand konnte er mit den -Knechten verhandeln. Niemand dort wußte etwas von Immo und seinem -Knappen. Dann lief er bis Erfurt. Alle Schenken waren gefüllt, und -jedermann sprach von dem Raube, aber die Leute stritten, wer der Räuber -sein möge, und von Immo vernahm er völlig nichts und er meinte, daß -dieser schwerlich in Haft liegen könne, weil die Reisigen noch auf der -Jagd wären. - -Da beschlossen die Brüder, still zu harren, aber sie frugen unsicher, -wie lange sie die Jungfrau bewahren sollten, wenn ein Landgeschrei -erhoben würde und wenn gar die Mutter die Entlassung forderte. - -Wieder am nächsten Morgen hielten zwei der Brüder auf dem Wartturm die -Wache, da lachte Ortwin: »Den Kranich Ludiger hörte ich schreien, wie -lief der Vogel aus unserm Hofe über das Land?« und als er hinabsah, -erkannte er, daß an der Außenseite des Grabens mitten auf dem Wege -etwas Fremdes lag. Er ließ das Tor aufsperren, die Brücke werfen, -eilte hinab und hob vorsichtig den Fund in die Höhe, dann sprang er -abwärts bis an das Gehölz, aber er vernahm nur noch ein Rasseln der -Zweige, als ob jemand schnell hinabgleite, und suchte vergebens den -Springer zu erkennen. Er flog zurück, rief in den Hof: »Eine Botschaft -bringe ich, was sie bedeute, mögt ihr selbst erkennen,« und hielt ein -kleines dicht umwundenes Bündel in die Höhe. Das Gebinde ging von Hand -zu Hand, und Odo sprach: »Sicherlich ist es ein Zeichen, ruft die alte -Gertrud, denn sie versteht alles Geheime besser zu deuten als wir -andern.« Gertrud betrachtete mit scharfen Augen das fremde Stück, sie -setzte sich nieder, murmelte Unverständliches darüber, löste behutsam -das Band und dachte nach. Endlich hob sie die Hand und rief: »Ich -verstehe den Gruß, Günstiges kündet er dem Hause; denn daß der Kranich -rief, meldet euch, daß die Botschaft von einem Sohne des Hofes kommt; -blau ist das Band, welches das Zeichen umschließt, und mit blauer Farbe -malt ihr Helden eure Schilde, in der Schlinge liegen fünf Pfeile um -ein Haselreis und eurer sind fünf, und das Reis in der Mitte meint -die Jungfrau. Der dies gesandt hat, will, daß ihr mit euren Waffen -die Jungfrau umringt wie die Pfeile das Reis. Das Reis ist noch ganz -frisch, darum ist, der es sandte, nicht weit entfernt.« Da rief Odo: -»Geendet ist der Zweifel. Er lebt und er denkt seine Beute zu bewahren, -er soll erkennen, daß auch wir nach seinem Willen tun; wir halten die -Jungfrau und wir halten die Burg gegen jedermann; denn hoch ist der -Berg und fest die Mauer, und viele Helmkappen mögen daran zerschellen, -wenn die Grafen aus der Ebene sich gegen uns erheben.« - -Der flüchtige Bote war ein junger Sohn des Bauern Balderich, in dessen -Hofe Immo verborgen lag. Ungeduldig forderte der Verwundete, daß -Brunico ihn nach der Mühlburg schaffe; sein verrenkter Arm war ihm -eingerichtet, aber der Schmerz und Blutverlust einer tiefen Armwunde -hinderten, das Roß zu besteigen, und Brunico merkte, daß die Wege auch -in der Nacht von Reisigen umlauert waren. Da dachte Immo, daß der -Balsam, welchen die Mutter bewahrte, ihm schnelle Heilung verschaffen -könnte, und er mahnte seinen Knappen, das Heilmittel mit Gottfrieds -Hilfe zu gewinnen. Deshalb lief der kluge Knabe von der Mühlburg nach -dem Herrenhofe, um die Arznei, welche Brunico selbst nicht zu holen -wagte, vertraulich zu erbitten. - -Dem Knaben gelang es, in den Hof zu schlüpfen und den Herrensohn -heimlich zu grüßen. Als Gottfried in den Saal trat, fand er seine -Mutter in Unterredung mit einem Mönch des heiligen Wigbert, den er -nicht kannte; es war eine düstere, breitschulterige Gestalt, mehr -einem Kriegsmann als einem Mönch zu vergleichen. Und er vernahm, wie -die Mutter zu dem Fremden sprach: »Ich wußte längst, daß die Geweihten -auch die hohe Pflicht üben, ihren Feinden zu vergeben und für sie zum -Himmelsherrn zu bitten, aber daß ihr, ehrwürdiger Vater, gegen den mein -armer Sohn am ärgsten gefrevelt hat, so treu der hohen Lehre anhängt -und ihm jetzt eure Fürbitte zuteil werden laßt, das nimmt schwere Sorge -von meinem Herzen.« - -Gottfried winkte die Mutter zur Seite und sagte ihr heimlich: »Gib mir -den Balsam der Kaiserin für einen Verwundeten, aber frage nicht, wer er -ist.« - -Edith sah ihn mit großen Augen an, dann eilte sie in ihre Kammer, riß -die Büchse aus der Truhe, trug sie in den Saal und hielt sie dem Mönch -hin, indem sie sprach: »Segnet die Arznei, ehrwürdiger Vater, denn vor -jedem andern Gebet mag das eure dem Unglücklichen frommen, der sich -dies begehrt.« - -Der Mönch neigte sich darüber und segnete, Gottfried sprang hinaus und -übergab dem Knaben die Büchse. Der Wigbertmönch aber sah mit finsterm -Blick dem enteilenden Knaben nach. - -Am nächsten Tage rief Ortwin von dem Turme in den Hof: »An das Tor, ihr -Genossen, Staub wirbelt auf der Straße, einen reisigen Zug sehe ich mit -Wagen und Herdenvieh, und Eisen blinkt über den Rossen.« Die Brüder -sprangen herzu, in kurzem waren die sechs Kinder Irmfrieds auf der Höhe -des Turmes gesammelt. »Ich sehe kein Banner wehen,« sprach Erwin, »und -sorglos ziehen sie dem Gehölz zu.« - -»Nur klein ist der Haufe, mehr Rinder und ledige Rosse als Männer,« -rief Adalmar, »wie Flüchtige nahen sie und nicht wie Feinde.« »Weiber -erkenne ich im Haufen und den jüngsten Bruder,« lachte Arnfried. - -»Es ist die Mutter selbst,« rief Odo. Die Brüder sahen einander mit -kummervollen Mienen an. »Sie naht mit ihrem Gesinde, die Bewaffneten -des Gutes führt sie herbei.« - -»Hart ist es, gegen die eigene Mutter zu kämpfen,« murmelte Erwin. - -»Schwerlich dürfen wir den Zugang wehren,« sprach Ortwin, »aber wie -sollen wir ihrem Willen widerstehen?« - -»Alles hat seine Zeit,« rief Odo, »wenn sie fordert, mögen wir weigern, -jetzt rate ich, ihr entgegenzugehen.« - -Die Söhne eilten hinab, das Tor wurde geöffnet, auf der Mauer drängten -sich die Mannen, und die Herren traten vor die Brücke, um den Zug zu -empfangen. Schweigend nahten die Reiter, ohne Gruß und Willkommen -sahen die alten Bankgenossen einander ins Gesicht, schweigend traten -auch die Söhne an das Roß der Mutter, sie aus dem Sattel zu heben. Als -Edith den Boden berührte, begann sie: »Es ist mir lieb, daß ihr mich -empfangen habt, geleitet die Mutter in das Haus des Bruders. Du aber, -Odo, gestatte, daß deine und meine Leute den Hof betreten,« und nach -rückwärts gewandt rief sie: »Gehorchet, wenn Herr Odo euch fordert, -denn er hat hier zu gebieten.« An der Hand des Sohnes schritt sie in -den Hof und grüßte die Kriegsleute, welche ihr jetzt zuriefen und die -Waffen zusammenschlugen. Unterdes sprachen die jüngeren Brüder mit -Gottfried. »Sie hat unsern Hof geräumt,« erzählte dieser, »alle, die -treu an ihr hängen, führt sie unter Waffen her. Was sie hier begehrt, -hat sie mir nicht vertraut.« - -Edith blickte über den Hof auf das Gedränge von Männern, Weibern und -Vieh, und auf die unsichern und verlegenen Blicke, mit denen sie -betrachtet wurde. »Harrt nur ein wenig, ihr Treuen; du, Odo, führe mich -zu dem Herde, an welchem mein Sohn Immo gerastet hat, bevor ich ihn -verlor.« - -Die Brüder geleiteten sie in das Haus, Edith neigte sich zu dem leeren -Herrensitze am Herde und ihre Lippen bewegten sich im stillen Gebet, -dann trat sie unter ihre Söhne. »Euch wundert, wie ich erkenne, die -Mutter hier zu sehen, und kalt ist der Willkommen, den ihr mir bietet, -ich aber komme, bei euch zu bleiben und euer Schicksal zu teilen. -Sorget nicht, daß ich euch den Sinn mit Klagen beschwere oder gar -mit Vorwürfen, weil ihr gefrevelt habt gegen Frieden, Recht und die -heilige Kirche. Andere werden euch darum bedrohen, ich aber will euch -dienen, so weit eine Mutter vermag. Denn wir alle erkennen, daß wir -in Todesnot stehen. Wisset, meine Söhne, der König naht mit großem -Heergefolge, der Erzbischof und die Grafen im Lande haben ihre Mannen -in den Sattel gefordert, heute oder in den nächsten Tagen wird der -Feind die Burg umschließen, und die Kinder des Helden Irmfried werden -hinter Mauern ihren letzten Kampf kämpfen, wenn sie nicht demütig ihr -Haupt beugen und das Erbe ihres Bruders ausliefern.« - -Die Brüder standen betroffen. - -»Wir gedenken die Burg zu halten, Mutter, auch gegen den König,« -antwortete Odo, »obwohl wir erkennen, daß wir in großer Gefahr stehen. -Aber Mutter, daß ich alles sage, mehr als den König und den Erzbischof -fürchten wir deinen Wunsch, daß wir die Braut des Immo den Feinden -ausliefern.« - -Da antwortete Edith: »Stets habe ich gehofft, daß mir die Heiligen -gewähren würden, ohne große Missetat mein Leben zu beschließen; aber -anders hat der üble Teufel es gefügt. Will ich meinem Geschlecht die -Treue beweisen, so muß ich die Mitschuld auf mich nehmen zu meinem -Schaden hier und dort. Eure Mutter bin ich, ihr Knaben, ich habe -euch gezogen und über eurem Haupt gebetet von dem ersten Tage eurer -Geburt. Darum will ich auch jetzt die Last mit dir tragen, du einsames, -verfeindetes Geschlecht. Und die Engel mögen es wissen und die Heiligen -mögen mir verzeihen. Ich lasse euch nicht und ich scheide mich nicht -von eurem Los, wie es auch falle.« Da riefen ihr die Söhne Heil und -hingen sich ihr um Hals und Hände. Edith aber fuhr fort: - -»Laßt uns an die nächste Arbeit denken, Odo, unsere Getreuen sollen -wissen, daß die Herren einig sind. Alle, die ich dir herführe, sollen -dem Herrn Immo in deine Hand sich zuschwören. Ich bringe auch, was -zumeist die Sorge der Frauen ist, Vorrat von den Gütern für Küche und -Keller, vertraue mir die Aufsicht darüber an, damit ich mit meinen -Mägden dir nütze, und ich rate, laß abladen und einräumen, solange -nicht größere Sorge bedrängt.« - -»Gestatte, Mutter, daß ich dir die Jungfrau zuführe,« bat Odo. Das -Antlitz der Edith erblich, ihre Hand zog sich zusammen und sie rang -nach Fassung, aber im nächsten Augenblick sprach sie lächelnd: »Erst -machen wir das Haus fest, damit unsere Leute der Unsicherheit enthoben -werden. Denn der Zweifel lähmt auch den Mutigen, aber wer seine Pflicht -kennt, bewahrt leichter die Kraft. Ist Burg und Hof versorgt, dann -denken wir des Gastes, der bei uns eingekehrt ist.« - -Als Odo die Tür des Gemaches öffnete, in welchem Hildegard geborgen -war, saß die Jungfrau gebeugt auf dem Lager, die Hände im Schoß -gefaltet. Sie fuhr auf und sah erschrocken auf eine hohe Frauengestalt -und den strengen Ausdruck eines edlen Antlitzes. »Es ist unsere -Mutter,« sagte Odo, »welche zu dir kommt.« Da sank Hildegard vor Frau -Edith auf den Boden und Odo verließ leise das Zimmer. - -»Steh auf, Jungfrau,« begann Edith, »ich bin nicht der Herr, welchen du -dir gewählt hast.« - -Hildegard sah furchtsam zu ihr auf. »Im Traume sah ich dein Angesicht, -es gleicht dem seinen, aber feindlich blicken die Augen. O sei -barmherzig, Herrin,« rief sie in ausbrechendem Schmerze, »der Sturmwind -riß ein Blatt vom Baume und es flatterte bis vor deine Füße. Zertritt -nicht die Bebende.« - -Edith hob ihr das Antlitz empor und sah scharf in die tränenfeuchten -Augen. »Das sind die Züge, welche meinem Sohn lieber wurden als der -Wille der Eltern und das eigene Heil. Waren es deine Tränen oder war -es dein Lachen, womit du sein Herz umstrickt hast? Ich denke wohl, mit -Lächeln begann's und die Tränen folgten, das ist das Schicksal aller, -welche einander lieb haben auf dieser Erde. Leid brachtest du uns und -Leid brachte er dir. Steh auf, Jungfrau,« fuhr sie milder fort, »ich -komme nicht, dich zu schelten und zu richten, sondern damit ich dir -Frauenrat gebe, so oft du ihn begehrst. Setze dich zu mir und wenn du -mir gefallen willst, so sprich mir von ihm.« Sie führte Hildegard zu -dem Lager, aber die Jungfrau glitt wieder an ihren Knien herab und -klagte: »Laß mich liegen, Herrin, und zu dir aufsehen wie zu einer -Fürbitterin, denn mir ist, als hätte ich dir Großes abzubitten, daß ich -hier bin und daß ich ihn liebe.« - -Edith neigte sich zu ihr herab: »Rede nicht weiter, bevor du mir eins -gesagt hast. Als meine wilden Knaben dich hertrugen, folgtest du mit -gutem Willen oder haben sie eine Widerwillige auf das Roß gehoben? Bist -du als Braut meines Sohnes hier oder als Gefangene?« - -Über das verstörte Gesicht der Hildegard flog eine holde Röte und sie -neigte das Haupt in den Schoß der Mutter. »Als er eintrat,« murmelte -sie, »erschien er mir wie damals, wo er mich am Kreuz mit seinem -Schilde deckte. Gleich dem hohen Engel Michael stand er bei mir im -Kriegskleide und mir schwand die quälende Angst vor dem Kloster.« - -Edith seufzte schwer, aber sie legte ihre Hand auf die feuchte Stirn -der Jungfrau. - -Hildegard warf ihre Arme leidenschaftlich um den Leib der Herrin und -klagte: »Meine Mutter ist tot, und freudenlos lebte ich. Da trat er -in unsere Halle. Holdselig waren seine Worte, fröhlich seine Art, -und unter den Männern wußte er sich zu behaupten, daß ihm keiner zu -widersprechen wagte. Er wurde mir schnell so vertraulich, als hätten -wir lange beieinander in der Schule gesessen. Und er lachte mich an und -faßte meine Hand. Sein Lachen ist lieblich, Herrin. Er trank aus dem -Becher, den ich ihm bot, und aß von meinem Teller.« - -»Darum hat die Mutter ihm Becher und Teller vergebens gestellt,« -murmelte Edith. - -»Sie preisen ihn auch als einen Helden, Herrin, denn keiner kommt im -Kampfe gegen ihn auf, und die kleinen Spielleute erzählen, daß er mit -dem Speer sicherer als ein anderer auf die Stelle trifft, nach der er -wirft. Jedermann wundert sich, wo er im Kloster so Schweres gelernt -hat.« - -»Er war schon als Knabe geschickt in aller Reiterkunst,« versetzte -Edith, »und sein Vater staunte selbst darüber. Ich sorge, auch im -Kloster hat er mehr an Holz und Eisen gedacht, als an die Bücher.« - -»Dennoch, Herrin, versteht er ganz gut das Lateinische, obgleich er -selbst sein Wissen nicht rühmt; und er weiß so geschickt mit Sprüchen -und Versen zu antworten, daß es eine Wonne ist, ihn anzuhören.« - -»Du warst auch in der Schule und verstehst das Latein?« frug Edith. -»Das war es, was ihm gefiel, ich dachte sonst, die heilige Sprache -hilft nur dazu, den Glauben vertraulich zu machen, ich merke aber, sie -verlockt auch Männer und Frauen zueinander.« - -»Du sagst die Wahrheit, Herrin. Denn die in der Schule waren, verstehen -einander leicht unter fremden Leuten. Damals, als ich ihn zuerst -sah, wurde mir weh ums Herz, weil er mir gestand, daß er ungern im -Kloster weilte. Aber später kam mir ganz andere Sorge.« Sie hielt an -und sah vor sich nieder. »Denn als ich ihn im Kriegskleide wiedersah -und erkannte, daß er dereinst mein Herr werden sollte, da erschrak ich -über den schweren Gedanken. Und ich saß im Sonnenuntergang auf dem -Idisberge, bis die Nacht heraufstieg; und als der Nachtwind in den -Zweigen rauschte, hörte ich immerdar seine Stimme und daneben eine -andere, als wenn ich selbst mit ihm redete, aber fern und leise wie -oben aus dem Wipfel des Baumes, und die eine Stimme sprach: Selig war -ich, Held, denn ich habe deine Liebe gefunden, und jetzt zittre ich, -dich zu verlieren. Und die andere Stimme antwortete: Ruhm ersehne ich, -und schrecklich will ich meinen Feinden werden, gedenkst du das Weib -eines Helden zu sein, so darfst du nicht vor dem Tode beben. Wenn -zwei einander lieb haben, sollen sie auch beten, daß sie miteinander -sterben. Da merkte ich, Herrin, was es bedeutet, einen Mann im Herzen -zu tragen. Mein Geschlecht habe ich verlassen um seinetwillen,« -unterbrach sie sich selbst, »und jetzt ist er nicht hier, ich aber -gehöre zu ihm, wo er auch weilen mag.« - -»Allzu ungeduldig bist du, an seinem Hals zu hangen,« versetzte Edith -finster. »Verwundet ward er in jener Nacht.« - -»Die Brüder sagten mir's,« antwortete Hildegard leise, »an sein Lager -will ich, und fühlst du Erbarmen mit meiner Not, so sage mir, wo ich -ihn finde.« - -»Auch der Mutter bergen sie die Stätte,« rief Edith. »Meinst du, mich -quält es weniger als dich, daß er unter Fremden liegt in traurigem -Versteck?« - -Hildegard sprang auf. »Wenn du ihn liebst, so komm mit mir aus diesen -Mauern; wir hüllen uns in niederes Gewand und suchen ihn, bis wir ihn -finden. Denn der treue Mann, der ihn im Heereszug begleitete, weiß es, -wo er weilt.« - -»Eitel ist dein Wunsch,« antwortete Edith, »wenn wir diese Burg -verlassen, so würden wir ihn eher verraten als retten. Denn wisse, -Jungfrau, der König naht mit seinem Heergefolge in feindlichem Willen, -um den Raub zu rächen. Meinen Sohn, seine Brüder und uns alle auf -dieser Burg bedroht des Königs Zorn.« - -Hildegard verhüllte das bleiche Antlitz und sank abgewandt von der -Mutter auf die Knie. Edith saß lange Zeit schweigend, endlich begann -sie forschend: »Klagst du, daß er und sein Geschlecht um deinetwillen -an Leben und Ehre bedroht sind? Die Klage allein schafft keine Hilfe, -auch der Himmelsherr erhört nur die Bitten derer, welche in Demut und -Reue zu ihm flehen. Reut dich das Unheil, das allen droht, so denke -auch auf die Rettung. Um dich allein geht der Kampf. Du vermagst -ihm Leben und Freiheit zu bewahren. Denn milder wird die Strafe des -Richters sein, wenn er Ergebung und Gehorsam findet.« - -Hildegard lag unbeweglich, Edith trat näher und sprach über ihrem -Haupt: »Liebst du ihn über alles, wie du sagst, so kannst du das jetzt -erweisen: kehre zurück zu deinem Geschlecht, wende deine Schritte dem -Kloster zu und entsage ihm, damit du ihn rettest.« - -Ein Schauer flog über Hildegards Leib, sie richtete sich auf, und ihre -großen Augen starrten entsetzt auf die Mutter. »Ist deines Herzens -Meinung, Herrin, daß ich tue, wie du sagst?« - -»Ich sagte dir's, du aber antworte.« - -Hildegard fuhr in die Höhe. »Eine Feindin hörte ich des geliebten -Mannes und eine Feindin meiner Liebe. In den Abgrund will ich tauchen, -in die Flammen will ich springen, um sein Leben zu retten, bezeugt ihr -guten Engel, die ihr meine Gedanken bewacht, daß ich die Wahrheit rede. -Mein Leben nehmt für ihn, aber meine Liebe verrate ich nicht. Hat er -alles für mich hingegeben, ich habe dasselbe getan. Gebunden bin ich an -ihn und solange ich atme, gehöre ich ihm zu. Jetzt ist meine Treue der -Stab, an den er sich hält auf seinem Lager, in seiner Angst. Du aber -willst mich zerbrechen und hinwerfen, damit er erkenne, daß seine Liebe -nichtig war und die Jungfrau, der er alles geopfert hat, feige und -schwach und seiner unwert. Und wenn alle Menschen auf uns blicken wie -auf zwei wilde Tiere, welche von den Jägern umstellt sind, wisse auch, -unter den friedlosen Tieren ist der Brauch, wenn der Bär verwundet ist -und von den Hunden umstellt, so läuft die Bärin nicht abwärts, um ihn -zu retten, sondern sie wirft sich der Meute entgegen. Die Kraft der -Glieder ist mir versagt, aber mein Wille ist fest wie der seine. Sage -mir, wie ich sterben soll, um ihn zu retten, aber mahne mich nicht, daß -ich lebend ihm entsage.« - -Da rief Edith: »Jetzt erkenne ich, wie du bist. Einer Taube siehst du -ähnlich, aber wer dir die Kappe von dem Haupte löst, der erkennt die -edle Art eines Falken. Zürne nicht, daß ich dich versucht habe. Denn -ganz fremd warst du mir. Auch das Herz einer Mutter fühlt Eifersucht, -und sie frägt zuerst, ob das Weib, das der geliebte Sohn sich erkor, -würdig ist, seine Vertraute zu werden anstatt der Mutter. Gesegnet -seist du, Jungfrau, und willkommen bist du mir als Braut des Sohnes und -als Genossin im Hause. Deine Mutter bin ich von heute und du mein Kind, -und verteidigen will ich dich gegen den König und alle Welt. Komm zu -mir, Hildegard, zusammen wollen wir den Himmelsgott anflehen, daß er -mir das Glück gewähre, deine Hand in die meines Sohnes zu legen.« - -Hildegard warf sich an die Brust der Mutter. - - * * * * * - -Frau Edith hatte recht verkündet. Als der König durch reitende Boten -des Erzbischofs die Kunde von dem Raube der Jungfrau erhielt, da hemmte -er, wie sehr auch sein Herz sich nach dem Süden sehnte, sogleich die -Fahrt und kam mit den Edlen und den Heerhaufen, welche um ihn gesammelt -waren, über die Werra zurück. Der Erzbischof ritt ihm entgegen. Er -fand den König hocherzürnt und wortkarg, und als er ihm von dem Raube -berichtete, unterbrach ihn der König heftig: »Wer ist Kläger?« Und -da der Erzbischof erwiderte: »Ich selbst durch meinen Vogt, und der -Vater der Jungfrau,« hob der König drohend die Hand und rief: »Sagt -dem Grafen, er soll seine Pflicht nicht säumig tun, denn des Königs -Auge ist noch über ihm.« Zuletzt sprach der Erzbischof: »Ist auch die -Stunde ungünstig, um die Verzeihung des Königs zu erbitten für einen -andern, der in Ungnade lebt, so darf ich doch dem Flehenden mich nicht -versagen, da er ein Geweihter ist. Der Mönch Tutilo begehrt, sich vor -dem König zu demütigen; unstet treibt er umher im Zwist mit seinem -Abte, er kam von Ordorf zu mir und stöhnte, daß ich ihm die Huld des -Königs wieder erwerbe.« - -»Er hat also Lust, die Rute zu küssen, wie die andern Empörer seines -Geschlechtes getan haben,« spottete der König. »Manchen bessern Anblick -weiß ich, als einen hochfahrenden Mann, der widerwillig die Knie beugt -und seine Miene zur Demut zwingt. Doch da dem Könige nicht ziemt, gegen -einen Mönch zu hadern, so laßt ihn herein.« - -Kaum hatte der Erzbischof das Gemach verlassen, so lag Tutilo vor dem -Könige auf dem Fußboden. Als der Mönch nach kurzer Unterredung mit -gesenktem Haupt, einem reuigen Manne ähnlich, entwich, trat Heinrich in -den Saal, in welchem sein Gefolge harrte, und rief: »Ihr sagtet mir, -ehrwürdiger Vater, daß der Räuber Immo spurlos verschwunden sei, wenn -er nicht etwa bei seinen Genossen auf der Mühlburg hause, ihr waret im -Irrtum.« Und er rief Gundomar und gab ihm einen leisen Befehl. - -An demselben Tage ritt eine Schar Königsmannen dem Dorfe zu, in welchem -der Hof des Bauern Balderich lag. Die Reiter umstellten das Dorf und -drangen unter harten Drohungen in den Hof. Gundomar trat mit dem -Königsvogt von Erfurt in die Kammer, in welcher Immo saß. Dieser wandte -sich finster ab, als er seinen Oheim erblickte, aber dem Vogt reichte -er die Hand. »Mir tut's von Herzen leid, Held Immo,« sprach dieser -traurig, »daß ich dich zur Stelle dem König überliefern muß.« - -»Ich vermag mich nicht zu wehren, wie du siehst,« antwortete Immo -ruhig, »nur eine Bitte erfülle mir, verhindere deine Reisigen, daß sie -den Leuten hier einen Schaden an Leib und Gut zufügen, denn aus Mitleid -haben diese mich aufgenommen, als ich hilflos vor ihrer Schwelle lag.« -Das versprach der Vogt. - -Am andern Morgen sahen die von der Burg in der Morgensonne blinkende -Speere und wehende Banner; der König hielt mit seinem Heerhaufen bei -dem nahen Dorfe, in welchem die Sachsenkönige seit alter Zeit einen -Hof hatten, das Königsbanner ließ er auf einem Hügel errichten, der zu -dem Erbe Irmfrieds gehörte, und rings herum die Wagenburg schlagen. -Aus dem Heerlager bewegte sich zur Mühlburg langsam ein friedlicher -Zug, an dessen Spitze der Erzbischof Willigis ritt und neben ihm der -Mönch Reinhard. Edith selbst mit ihren sechs Söhnen empfing die frommen -Väter am Tor und geleitete sie in die Halle. Sie begann, auf ihre Söhne -weisend: »Als ich zum erstenmal nach meiner Vermählung vor dem Altar -kniete, erbatet ihr, hochwürdiger Vater, den Segen der Himmlischen -für mein Leben; hier seht ihr, was ich von meinem Glück zu bewahren -vermochte. Daß ihr jetzt in unserer Not zu uns kommt, dafür danke ich -dem Ewigen, denn als eine gute Vorbedeutung sehe ich euer geweihtes -Haupt in diesen Mauern.« - -»Ich komme nicht als Bote des milden Himmelsgottes,« versetzte -Willigis, »sondern als Diener eines strengen Richters. Eile hinauf, -gebot er mir, zerwirf das Nest unholder Vögel und bringe mir die Brut -herab unter meine Hand. Darum übergebt euch der Gnade des Königs ohne -Widerstand, denn scharf ist sein Zorn und schnell folgt seinem Willen -die Tat.« - -Odo versetzte ehrerbietig: »Wir stehen hier in festen Mauern unter -treuen Schwurgenossen, wir haben nicht die Wahl, ob wir die Feste und -die Jungfrau dem König ausliefern wollen oder nicht, denn unser Bruder -Immo, der hier gebietet und heute fern ist, befahl uns, beide zu halten -gegen jedermann.« - -Da entgegnete der Erzbischof: »Es ist eures Bruders Hals, um den ich -sorge, wenn ich von euch die Ergebung fordere. Denn wisse, Geschlecht -Irmfrieds, Held Immo liegt gefangen in des Königs Gewalt.« - -Edith rang die Hände gegen den Himmel und die Brüder traten bestürzt -zusammen. - -»Diesen Morgen brachten Reisige des Königs den Verwundeten in das -Lager, sein Versteck wurde dem König durch einen Feind verraten.« - -»Tutilo,« schrie die Mutter entsetzt. - -»Seitdem hält der König fest, was euch zwingt. Liefere mir die -Nestlinge des toten Irmfrieds, befahl der König, bevor die Sonne zur -Mittagshöhe gestiegen ist; wenn sie länger zaudern, so lasse ich den -Gefangenen an den Fuß der Mühlburg führen, wo man von der Höhe sein -Haupt sehen kann, und ich werfe sein Haupt auf den Grund. Austilgen -will ich den frechen Trotz, der Landrecht und Königsmacht mißachtet, -und ausbrennen will ich die Mauern, hinter denen die Räuber mir -widerstehen. Darum wollt ihr, junge Helden, den Bruder vor jähem -Tode bewahren, so folgt mir aus der Burg zum Könige. Wenn er eure -Ergebenheit sieht, wird sein Sinn eher der Gnade zugänglich und dem Rat -solcher, welche euch Gutes wünschen.« - -Da wandte sich Odo zu seinen vier Brüdern: »Unsere Lose warfen wir am -Herdfeuer, als wir uns dem Bruder gelobten. Wenn wir willig waren, in -den Gassen der Stadt unser Leben für das seine zu wagen, so müssen wir -dasselbe vor dem Schwert des Königs tun. Ich bin bereit, den Priestern -zu folgen. Vier von euch lade ich, daß sie zu mir treten.« - -Da traten alle Fünf auf seine Seite, Odo aber wies seinen Bruder -Gottfried zu der Mutter: »Nach dem Willen des Gefangenen gehörst du -zu ihr, und dir ziemt auch jetzt diesen Willen zu ehren. Hochwürdiger -Herr, wir sind gerüstet, euch zu folgen. Wir allein, denn nur wir fünf -waren Genossen des Bruders bei der Tat. Die Burg unseres Geschlechts -aber, die Dienstmannen und die Braut des Bruders vermögen wir euch -nicht zu übergeben; darüber zu entscheiden, steht bei unserm Bruder -Immo, wenn er auch gefangen ist; und solange wir nicht deutlich -erkennen, daß er die Übergabe fordert, dürfen wir Brüder sie nicht -vollbringen. Darum lege ich die Gewalt über die Burg und über alles, -was sie umschließt, in die Hand unserer Mutter. Sorge du, Mutter, für -Braut und Erbe deines Sohnes Immo, uns aber segne, da wir uns von dir -scheiden.« - -Die fünf Brüder warfen sich vor der Mutter auf die Knie und küßten ihr -Hände und Gewand. Sie riß bleich und tränenlos einen der Liegenden nach -dem andern an ihr Herz, ihre Lippen bewegten sich im Gebet, aber man -vernahm keine Worte. Und als die Fünf der Tür zuschritten, stürzte sie -ihnen nach und umfaßte ihnen noch einmal Hals und Haupt, bis sich die -Weinenden von ihr lösten. - -Die geistlichen Boten hatten der Trennung teilnehmend zugesehen, -obgleich sie gewöhnt waren, alle irdische Liebe als nichtig zu -betrachten. Jetzt begann der Erzbischof: »Den redlichen Entschluß eurer -Söhne, edle Edith, will ich gern dem König rühmen; die Helden haben -wohlgetan, dem Urteil der Mutter zu vertrauen, denn als fromm und weise -wird sie im ganzen Lande geehrt.« - -»Sechs junge Leben, die mir gehören, hat König Heinrich für sich -genommen, was will er von der verwaisten Mutter noch mehr?« - -»Die Burg und die geraubte Jungfrau, die eure Söhne darin bewahren, -begehrt er von euch.« - -»Die Braut meines Sohnes Immo gehört in das Frauengemach, in welchem -die Mutter gebietet, und nicht in das Heerlager des Königs. An die Burg -aber hat der König völlig kein Recht, und ich bewahre sie selbst um der -Lebenden und Toten willen.« - -»Denkt in eurem Schmerz auch daran, edle Frau, daß eure Söhne durch -ihre Missetat dem Spruch des Königs verfallen sind.« - -»Sind meine Söhne schuldig zu büßen für eine schwere Tat, so bin ich, -ihre Mutter, in derselben Schuld. Denn Blut sind sie von meinem Blut, -und wenn sie jetzt auch auf ihren eigenen Beinen dahinschreiten, wohin -sie ihr Mut treibt, meine Seele wandelt mit ihnen allen bei Tag und bei -Nacht. Dies Geheimnis einer Mutter vermag kein Priester zu begreifen. -Haben sie Missetat geübt, so bin ich dem Richter verfeindet, wie sie; -und gleich ihnen will ich das Erbe des Geschlechts bewahren gegen -jedermann, auch gegen den König selbst.« - -»Hütet euch, Frau,« mahnte der Erzbischof, »freiwillig eure schuldlose -Seele mit derselben Schuld zu beladen, welche auf jenen liegt. -Denn nicht nur den irdischen Richter haben sie erbittert, auch dem -Himmelsherrn haben sie geraubt, was ihm zukam, als sie eine Jungfrau -entführten, die geweiht werden sollte. Darum sorgt für das Heil ihrer -Seelen, indem ihr die Jungfrau zurückgebt, sonst möchte der große -Richter des Himmels sich ungnädiger erweisen als König Heinrich, und -eure Söhne für ihre Tat hinabstoßen in das Reich des üblen Drachens.« - -Da rief Edith mit flammenden Augen: »Und wenn wahr wäre, was ihr sagt, -und wenn der große Himmelsgott ihnen die Wolkenhalle verschließt um so -kleine Schuld, weil sie den Besitz eines geliebten Weibes begehrten -und weil sie alle treu waren in der Not; meint ihr, ehrwürdige Väter, -daß die Mutter allein im Himmelssaal kauern wird, getrennt von ihren -Kindern? Werden diese verworfen, so will auch ich verworfen sein, -lieber will ich meinen sieben Knaben ihre Becher und Schüßlein in -der finstern Hölle zureichen, als fern von meinen Kindern euch, ihr -Heiligen, in der strahlenden Burg des Himmels.« - -Der Mönch Reinhard warf sich auf die Knie und Willigis schlug schnell -das Kreuz. Er war ein alter und gestrenger Herr, der eifrig für die -Kirche sorgte. Aber als Frau Edith so empört vor ihm stand, höher als -sonst und einem Weibe aus der Urzeit ähnlich, da dachte er daran, -daß sie von den wilden Sachsen herstammte, wie er selbst auch; und -obschon ihm graute, so kam ihm doch vor, als ob er wohl auch so reden -könnte. Aber seiner Würde gedenkend, zog er sein Gewand zusammen und -wandte sich zum Abgang. »Wer die Strafen der Menschen nicht scheut und -die Strafen der Ewigkeit nicht über alles fürchtet, mit dem hat ein -Priester nichts mehr zu reden.« - -Edith jedoch faßte ihm das Handgelenk mit eisernem Griff. »Haltet -an, ehrwürdiger Vater, ihr selbst und wohl auch andere haben mich in -meinem Glücke über Gebühr gerühmt als ein gottseliges Weib, das den -Heiligen treu diene. Weshalb meint ihr wohl, bin ich verwandelt? Den -ältesten Sohn habe ich verloren, weil ich nach eurem Rat forderte, daß -er gegen seinen Wunsch der Kirche diene und diese Burg den Heiligen -übergebe. Als er sich weigerte, habe ich ihm gezürnt und mein Auge hat -ihn seitdem nicht wieder gesehen. Finstern Gedanken habe ich seine -junge Seele preisgegeben, gerade als er den Rat und die Liebe der -Mutter am meisten bedurft hätte. Untreu war ich als Mutter, weil ich den -Heiligen zu getreu diente. Jetzt ist er, wie ich fürchte, in dieser -Welt für mich verloren, und diese Burg, die der König ein Nest unholden -Geflügels nennt, soll zerworfen werden durch Eisen und Feuer. Versucht -das rühmliche Werk, laßt eure Knechte kommen mit der Haue und dem -Brande, stürmet die Mauern, erschlagt meine Getreuen und führt hinaus -an Strick und Kette, was ihr hier an lebenden Häuptern findet. Einen -Leib werdet ihr dennoch zurücklassen. Folgt mir, ihr Geweihten, zu -der Stelle, die auch ihr ehren solltet, wenn ihr eures Amtes denkt.« -Sie zog den Erzbischof aus der Halle über den Hof und öffnete die Tür -der kleinen Kapelle. Es war nichts darin als ein Altar mit dem Kreuz -darüber. »An dieser Stätte hat der große Verkünder Winfried einen -Stein der Heiden geworfen und sein Genosse Wigbert hat darüber den -Altar geweiht. Euch, Erzbischof, und dem frommen Könige sollte dieser -Ort ehrwürdig sein, und ich meine, ihr solltet für Frevel halten, -dies Mauernest zu zerreißen und den Flug der Vögel, welchen hier die -Heiligen ihren Sitz geweiht haben. Was ihr tun wollt, steht bei euch, -was ich tun will, berge ich euch nicht. Brecht ihr das Haus, dann wird -dies die Stätte, wo ich ausharre unter berstenden Mauern und brennenden -Balken. Sagt dem König, daß hier das Grab der Edith ist, und daß die -Mutter der sieben Knaben keine andere Antwort für ihn hat.« Sie warf -sich am Altar nieder, die Sendboten verließen schweigend den Raum. - -»Wilde Worte hörten wir,« begann der Erzbischof zu Reinhard, als sie -herabritten. »Doch auch der schüchterne Vogel wandelt seine Art, wenn -ein Feind die Krallen nach seiner Brut ausstreckt.« - -Reinhard antwortete seufzend: »In meinem Herzen fühle ich den -Jammer über das Schicksal, welches diesem Geschlecht bereitet wird. -Hochwürdiger Vater,« bat er, die Hände faltend, »wenn jemand den Helden -Immo vom Tode zu retten vermag, so ist eurer Weisheit diese gute Tat -vorbehalten.« - -Der Erzbischof schüttelte das Haupt. »Du kennst noch zu wenig den -Sinn dieses Königs. Meinst du, daß Heinrich seine Reise unterbrochen -und uns alle als Zeugen seines Tuns mitgeführt hätte, wenn er nicht -seine eigene Macht erhöhen wollte, indem er die Häupter eines edlen -Geschlechts auf den Rasen wirft. Selbst wenn er dem Schuldigen nicht -feindlich denkt, ja auch, wenn er die Missetat in seinem Herzen -entschuldigt, ihm ist doch willkommen, sich vor seiner Kriegsfahrt -als strenger Richter zu erweisen. Denn die Trauer über des Richters -Spruch fühlen nur wenige, die Kunde aber, daß er wieder einen Räuber -aus der Zahl der edlen Schildträger getroffen hat, fliegt durch das -ganze Land, sie schreckt die Argen und gewinnt dem König die Herzen -der Friedlichen. Auch hat der König hier wenig um die Rache mächtiger -Herren zu sorgen, denn einsam und ohne großen Anhang von Lehnsleuten -haust das Geschlecht am Walde.« - -»Dennoch vernahm ich, daß der König einst den Helden Immo wert hielt,« -warf Reinhard bittend ein. - -»Mir aber scheint sein Sinn gegen ihn verhärtet,« versetzte der -Erzbischof, »vielleicht weil Held Gundomar dem Jüngling feind ist, -vielleicht wegen anderem. Nicht umsonst wurde König Heinrich in -Klosterzucht gezogen, er hat gelernt, was dem Manne am schwersten ist, -seine Gedanken zu verbergen. Dreien Königen habe ich in die Tiefe ihrer -Seelen gespäht, jetzt handle ich mit dem vierten, und eifriger als -die früheren dient er der Kirche durch Huldbeweis und reiche Spenden. -Dennoch erkenne ich zuweilen unter dem Lammfell die Tatze eines -Raubtiers, und ich merke, wenn er sich vor den Heiligen am tiefsten -demütigt, denkt er am meisten an den eigenen Vorteil. Mich aber freut -die kluge Art, denn auch wir sind nicht einfältig, und beide verstehen -wir, wo unser Vorteil gemeinsam ist.« - -Am Fuß des Berges gab der Erzbischof seinem Gefolge ein Zeichen, die -Reisigen rückten im Kreis um das Geschlecht Irmfrieds, und Willigis -begann zu Odo: »Steigt von den Rossen, ihr jungen Helden, und gebt -eure Waffen meinem Hauptmann, daß er sie euch bewahre.« Die Brüder -saßen unbeweglich, sahen drohend auf den Herrn und zogen ihre Schilde -am Arm herauf. »Demut rate ich euch, wenn ihr dem Leben des Bruders -nützen wollt; du selbst weißt, edler Odo, daß du nicht hoch zu Roß dem -Könige vor die Augen reiten darfst. Denn er fordert, daß ihr euch ihm -ergebt, und barhaupt, mit den Füßen im Staube müßt ihr ihm nahen.« Die -Brüder sahen einander grimmig an und Erwin gebot leise: »Schließt euch -zusammen, damit wir wenden und rückwärts durchbrechen.« Aber Ortwin -mahnte: »Dann stolpern die Rosse über das Haupt unseres Bruders,« und -Odo sprach: »Der Pfeil flog vom Bogen, wir ändern nicht mehr seinen -Lauf, taucht zur Erde und fügt euch.« Da sprangen sie von den Rossen, -hingen die Schwerter ab, lösten die Helme und schritten zu Fuß unter -den Bewaffneten dem Lager zu mit gerötetem Antlitz und Tränen der Scham -in den Augen. Vor dem Lager ritt Willigis noch einmal zu ihnen und riet -in guter Meinung: »Leichter biegt sich im Sturm der junge Stamm als -der alte, und er schnellt auch wieder in die Höhe und breitet seine -Wipfel lustig in der Sonne. Denket daran, daß der König vor allem Demut -fordert; vermögt ihr sie nicht in eurer Rede zu erweisen, so werdet ihr -euer Heil am besten bedenken, wenn ihr schweigend kniet.« - -Der König hielt auf seinem Roß mit großem Gefolge, er sah finster über -die Söhne Ediths, welche schwerfällig die Knie beugten. »Trotzig finde -ich die Waldleute noch in ihrer Haft. Wo habt ihr die Jungfrau? Auch -erkenne ich nicht des Königs Banner auf der Burg.« - -Willigis antwortete: »In der Burg gebietet die edle Edith und sie -weigerte mir die Jungfrau, welche, wie sie sagte, in Frauenzucht gehöre -und nicht in ein Heerlager, da sie die Braut ihres Sohnes sei. Und weil -Frau Edith aus edlem Sachsengeschlecht stammt, welches in alter Zeit -mit dem Hause des Königs befreundet war, so hielt ich für Recht, daß -der König selbst gebiete und der Sachsenfrau seinen Willen verkünden -lasse. Denn schwere Worte sprach die Mutter in ihrem Schmerz, und ich -fürchte, sie begehrt sich den Tod im brennenden Hause.« - -Der König zog den Mund zu einem herben Lächeln. »Ich sah Frau Edith -einst, als ich ein Knabe war. Meint sie mit dem König zu streiten, weil -er sie damals im Kinderspiel auf die Hände schlug. Ist sie so bereit, -die Pfänder zu verlieren, welche ich von ihr in der Hand habe? Ein Ende -will ich machen mit dieser Widersetzlichkeit. Führt die Räuber ab, -doch so, daß sie sich nicht ihrem Bruder gesellen. Euch, hochwürdiger -Vater, bitte ich, zur Stelle mit den Fürsten und Edlen, welche mir -folgen, im Rat niederzusitzen über den Raub der Jungfrau, damit ihr mir -eure Meinung erklärt, die ich gern beachte, soweit ich vermag. Denn -ich selbst will richten.« Und sein Pferd wendend, rief er Gundomar zu -sich. »Dies geht dich an,« sprach er gütiger, »denn ist dir das Haus -des toten Irmfried auch verfeindet, so wirst du doch um deiner eigenen -Ehre willen dafür sorgen, daß die Frauen nicht in ihrer Torheit das -Schicksal der Männer teilen. Reite hinauf und sage ihnen mein Gebot, -daß sie vor mir erscheinen.« - -Gundomar vernahm die Botschaft mit umwölkter Miene. »Hartes gebietet -der König,« murmelte er, »mein Fuß betrat die Mauer nicht seit den -Jahren meiner Jugend.« - -Aber mit blitzenden Augen rief der König: »Willst auch du mir -widerstehen? In guter Meinung sprach ich zu dir. Wahrlich, es ist Zeit, -eine Warnung zu geben, denn unbändig und eigenwillig gebärdet sich -jeder in dieser Waldecke.« - -Da warf Gundomar sein Roß herum, winkte mit der Hand, daß seine Ritter -ihm folgten, und sprengte dem Berge zu. Weit vor den anderen fuhr er -dahin, und die Hofleute sahen freudig auf den streitbaren Helden. Doch -hätten sie sein Antlitz geschaut, die Angst darin hätte sie gewundert. -Als er den steilen Bergweg hinaufritt, sank ihm das Haupt auf die Brust -und er seufzte schwer. Vor dem Wallgraben hielt er still wie einer, der -nicht ganz bei sich ist, er vergaß sein Begehr, zum Turme hinaufzurufen -und vernahm auch nicht, daß der Vogt ihn anschrie. Erst als der -drohende Ruf zum zweiten Male erklang, hob er das Haupt und starrte wie -ein Träumender um sich. Da rief der alte Berthold: »Ein Antlitz sehe -ich, das ich vorzeiten fröhlicher schaute. Bringst du Frieden, Herr, so -harre, daß ich dich unserer Herrin verkünde.« Er eilte von der Mauer, -nicht lange und das Tor wurde geöffnet, Gundomar winkte seinem Gefolge -zurückzubleiben und ritt allein in den Hof. Auch dort zögerte er -abzusteigen und zuckte am Zügel, als ob er wieder hinauswenden wollte. -Aber neben ihm erhob sich die alte Gertrud vom Boden: »Graues Silber -glänzt in deinem Haar, aber deine ersten Locken wuchsen, als ich dich -auf dem Arme trug. Kannst du dem Weibe deine Hand reichen, das allen -Söhnen Irmfrieds als Wärterin diente, so sei gesegnet.« - -Gundomar schüttelte das Haupt und Gertrud rief zornig: »Sieh dorthin, -du Held, der Schlehenstrauch steht noch an der Mauer. Weiß ist die -Blüte, aber schwarz die Frucht; dort trank der Boden das Blut zweier -Brüder, die im Todeshaß gegeneinander schlugen. Dort binde dein Pferd -an, du Feind des Geschlechts. Sechs Söhne Irmfrieds sind deiner Rache -verfallen, nur das jüngste Kind ist noch übrig; ich denke, du kommst, -auch mit dem letzten den Kampf zu beginnen.« - -»Schweig, Alte,« versetzte Gundomar grimmig, »führe mich zu deiner -Herrin.« - -Gertrud wies auf die kleine Kapelle. »Traust du dich den Ort zu -betreten, wo die Sünden vergeben werden, so wirst du sie finden.« - -Schwerfällig stieg der Held ab und trat in das Heiligtum. An einer Ecke -des Altars saß Edith auf den Stufen, sie wies auf die andere Seite. -»Dort sitze nieder, Gundomar, denn die Nähe der Heiligen tut uns beiden -not, wenn wir miteinander reden.« - -Gundomar warf sich auf die Stufen des Altars, und es war ein langes -Schweigen im Raume. Als er sich aufrichtete, warf er scheue Blicke -nach Edith und sprach abgewandt: »Eine Lüge ist es, daß die Zeit -das Herz des Menschen wandelt. Die Wunde brennt heute, wo ich dich -wiedersehe, wie vor fünfundzwanzig Jahren. Die Krallen des Hasses und -der Eifersucht fühle ich, wie damals, wo ich dich verlor; und was die -Priester als schwere Sünde strafen, das hege ich unablässig in meinem -Innern, den heißen Wunsch, der mich zu dir treibt.« - -Edith wandte ihm ihr Antlitz zu: »Du siehst eine Mutter, die ihre Söhne -großgezogen hat und im Witwenschleier des toten Gemahls gedenkt.« - -»Blicke mich nicht an mit deinen Augen, deren lichter Glanz mich einst -selig machte. Nicht die Mutter erkenne ich und nicht die Witwe eines -anderen, nur das Weib, das ich selbst begehrt habe.« - -Edith schob ihr Gewand zusammen und wandte sich ab. - -Aber Gundomar fuhr fort: »Wie im Traum habe ich dahingelebt alle diese -Jahre, nur meine Sehnsucht nach der einen und mein Haß gegen einen -anderen haben wahrhaft in mir gebrannt; alles übrige war mir wie ein -Spiel der Gaukler. Oft habe ich gebüßt und die Geißel über meinem -Rücken geschwungen, aber fruchtlos war das Fasten und vergeblich die -Schläge, denn die bösen Feinde versuchten mich immer wieder. Noch hier -merke ich sie,« raunte er scheu um sich blickend. »Vieles habe ich auf -Erden erlebt, sündige Liebe und sündigen Haß, ich sah, wie man eine -Krone gewinnt und was die Herrlichkeit der Welt wert ist. Unterdes, -wenn die warme Himmelssonne mich bescheint, fühle ich den Eisfrost in -meinen Gliedern, verleidet ist mir diese Erde und ich schmecke die -Galle aus dem Honig. Mich jammert, daß die Menschen so begehrlich sind -nach Goldschmuck und Kampfspiel und nach nichtiger Ehre. Das sage ich -dir, da ich dich wiedersehe gegen deinen Willen, damit du mich nicht -hassest, wenn du an mich denkst. Denn nur an deiner Meinung ist mir -gelegen, um die andern sorge ich wenig. Ich ringe und suche, was mir -die Kraft gibt, zu überwinden, damit mir das ewige Erbarmen nicht -fehle.« - -Edith wies nach dem Kreuz auf dem Altare: »Meide den König und suche -dir einen anderen Herrn.« - -»Ich denke daran bei Tag und Nacht,« antwortete Gundomar leise. Und -sich erhebend, fuhr er mit verändertem Tone fort: »Der König sandte -mich. Forderst du meinen Rat, so weißt du, daß ich dir nichts berge.« - -»Rate mir, so wahr du ein Sohn dieses Geschlechtes bist.« - -»Dem König liegt am Herzen, seine Hoheit in einem Herrengericht zu -erweisen. Dazu bedarf er die Geraubte und dich ladet er zur Mehrung -des Ansehens. Ich rate dir, daß du gehst. Denn der wird den Königen am -meisten verhaßt, der sie hemmt, wo sie vor dem ganzen Volk ihre Würde -erweisen wollen.« - -Edith machte eine abweisende Bewegung und Gundomar fuhr fort: »Willst -du dem König in der Burg widerstehen, so vermagst du das ganz wohl; -denn ihm fehlt alles Sturmgerät, und er kann nur wenige Tage vor diesen -Mauern liegen, weil die Königspflicht ihn übermächtig nach dem Süden -treibt. Beim Abzug wird er dem Gerhard und den Grafen in der Ebene die -Fehde gegen dich und die deinen übergeben. Auch diesen Feinden kannst -du siegreich entgegentreten. Merke, Edith, die Burg und den jüngsten -Sohn vermagst du lange gegen den König zu bewahren, nicht die Häupter -der Söhne, welche in seiner Gewalt sind. Denn diese wird er Rache -heischend werfen. Kommst du dagegen mit der Jungfrau in sein Heerlager, -so denkt er vielleicht auch an deinen Wert und an dein Herzeleid. Darum -flehe ich dich an, Edith, daß du mir folgst.« - -»Rate anderes, Gundomar; die Braut meines Sohnes und die Burg übergebe -ich nicht.« - -»Was frommt die Brautschaft, wenn der Bräutigam schwindet, und wie -kannst du ihm die Burg bewahren, wenn du ihn selbst verlierst.« - -Edith barg ihr Antlitz in den Händen. »Du sprichst die Wahrheit. Aber -wo die Gedanken in der Seele feindlich gegeneinander ringen und der -Mensch angstvoll zweifelt, was ihn retten werde, da findet er einen -Trost, wenn er treulich die Pflicht tut, welche ihm aufgelegt ward. Der -Herr dieser Burg und der Jungfrau hat uns geboten, beide festzuhalten; -seinem Gebot folge ich, was uns allen auch darum geschehe.« - -»Du verdirbst dich und andere,« rief Gundomar heftig. »Wohlan, manchen -Dienst habe ich dem König geleistet und ich meine, er wird sich -scheuen, mir die Ehre zu kränken. Um deinetwillen will ich wagen, -was Heinrich mir nicht befahl. Ich biete dir mit der Jungfrau und -dem jüngsten Sohne freies Geleit zum Gerichte des Königs, und wenn -du es nach dem Gericht begehrst, wieder in die Burg zurück. Bis zu -eurer Rückkehr mögen deine Dienstmannen die Burg halten, nur daß sie -friedlicher Botschaft des Königs den Zutritt nicht weigern, wenn er -sich Zeugen rufen will zu seinem Gericht.« - -Da erhob sich Edith: »Gelobe mir, Gundomar,« und er warf sich am Altar -nieder und legte die Finger auf sein Schwert. - - * * * * * - -Unterdes war der König nach dem Hofe gesprengt, in welchem er rasten -wollte. Als er durch das Gedränge von Edlen und Landleuten schritt, -und hier und da anhielt, um einem ehrenwerten Mann Gnade zu erweisen, -erkannte er Heriman, den Goldschmied, welcher sich demütig verneigte. -Der König winkte ihm ein wenig zu. Und da er seltene und kostbare -Waren, wie sie der Goldschmied häufig aus der Fremde brachte, gern -ansah und kaufte, so befahl er seinem Kämmerer: »Frage den Heriman, ob -er etwas begehrt oder etwas bringt; begehrt er, so laß du dir seinen -Wunsch sagen, und bringt er, so führe ihn zu mir.« Dem Eintretenden -rief er gütig entgegen: »Wie gedeihen dir deine Fahrten auf des Königs -Straße?« - -»Wir Thüringe danken dem König, daß er die Raublust der Schildträger -gebändigt hat,« versetzte Heriman. - -»Dennoch wagt sich freche Gewalttat auf die Straße, sobald der König -nur den Rücken kehrt. Ich bin hier, um über einen Friedensbruch zu -richten, der euch Erfurter nahe genug angeht; und ich denke eine -Warnung zu geben, welche andere Missetäter abschrecken soll, damit -friedliche Leute wie du zu Ehren des Königs gedeihen. Was birgst du -Gutes in deinem Sack? laß sehen.« - -»Nur wenig habe ich, was wert ist, von dem König betrachtet zu werden,« -versetzte der Goldschmied, öffnete einen Lederbeutel und breitete -seine Schätze auf den Tisch: geschliffene Edelsteine, goldene Borten -und zierliche Ketten, Gewürze und Balsam aus dem Orient in seltsamen -Kapseln, Schnitzwerk aus Elfenbein, Dolche und Messer mit kostbarem -Griff und Scheide. - -Der König betrachtete mit Kennerblick Schmuck und Steine und schob hier -und da ein Stück zurück. »Was bewahrst du in dem Kästlein?« - -»Es ist ein Ring,« versetzte Heriman, »mit dem Stein, den sie Saphirus -nennen, er verändert die Farbe, wenn der Ringfinger einen Becher -berührt oder auch einen Teller, in welchem Gift ist. Der Stein wird -jetzt sehr begehrt von vornehmen Geistlichen und Laien.« - -Der König warf einen gleichgültigen Blick darauf und wies an seinem -Finger einen Ringstein derselben Art. »Nicht jeden Helden meines -Geschlechts hat dieser Stein vor dem Verderben bewahrt, Heriman, es ist -sicherer, den eigenen Augen zu vertrauen, als der Warnung, welche aus -Steinen kommt.« - -»Besseres hoffe ich dem König zu bieten,« versetzte Heriman, »sobald -ich von der nächsten Fahrt über den Rhein zurückkehre. Denn was hier -im Lande Pilger und fremde Händler zutragen, das gelangt meist in die -Hände der ungläubigen Juden, und diese legen es zuerst dem ehrwürdigen -Herrn Willigis vor, weil er ihr Schutzherr ist; ich aber dem Könige.« - -»Du meinst also, die Juden stören dir das Geschäft,« frug der König, -einen Edelstein gegen das Licht haltend. - -»Sie haben das Geld, und wer mit kostbarer Ware handelt, vermag sie -nicht zu entbehren. Auch klage ich nicht über sie, zumal Herr Willigis -ihnen günstig ist, weil sie seiner Macht in der Stadt nützen.« - -»Und dir gefällt die Macht des Erzbischofs in der Stadt Erfurt,« warf -der König hin, in Betrachtung des Steines vertieft. - -»Ein weiser Herr ist Willigis; bald werden die Mauern der Stadt zu -enge sein für die Zahl der Unfreien, welche er von den Hufen des -Stiftes und anderswoher unter seinem Gericht versammelt. Wir alten -Burgmannen aber, die wir uns rühmen, von den Vätern her freie Leute -zu sein, sehen ungern, daß der Vogt des Königs nicht mehr allein zu -Gericht sitzt, denn es fehlt nicht an Schlägereien zwischen unseren -Leuten und den Zugehörigen des Erzbischofs. Ich fürchte, in kurzem sind -wir die Minderzahl. Doch wir wissen, es ist schwer, den Heiligen zu -widerstehen.« - -Der König legte den Stein weg und frug in verändertem Ton: »Wie war's -mit dem Raub der Grafentochter? Erzähle, was du davon weißt.« - -»Die Leute des Erzbischofs haben die Notglocke geläutet,« entgegnete -Heriman vorsichtig, »sonst würde die Stadt wenig davon wissen, zumal da -niemand erstochen wurde. Selten vergeht eine Woche, wo nicht größerer -Lärm in den Gassen ist. Unter den Burgmannen sind viele dem Helden Immo -und seiner Sippe wohl geneigt; denn diese gelten sonst im Lande für -redliche Männer, und wer ungerecht bedrückt wird, findet zuweilen bei -ihnen Schutz.« - -Der König sah mit großen Augen auf den Goldschmied und befahl streng: -»Packe deinen Kram ein, ich will heute deine Steine nicht sehen; denn -du kommst nicht um des Kaufes willen, sondern du begehrst etwas anderes -von mir.« - -»Als ich todwund am Idisbach lag,« antwortete Heriman, seine Steine -langsam in den Sack sperrend, »da war es Held Immo, der mich aufhob, -und ihm verdanke ich, daß ich heute vor den Augen des Königs stehen -kann. Ich wäre niederträchtig, wenn ich nicht gut von ihm redete, da -der König zuerst mich seinetwegen gefragt hat.« - -Heinrich nickte: »Du hast recht, laß nur liegen.« Heriman packte -aus, und der König sah wieder auf die Steine. »Also die Leute des -Erzbischofs schlugen an die Glocke. Ich höre, daß einige aus der -Stadt den Räubern Vorschub leisteten und sogar mit ihren Wehren die -Bewaffneten des Herrn Willigis an der Verfolgung hinderten. Weißt du -auch darüber etwas?« - -Heriman besann sich. »Sie sagen, daß ein scharfer Schwertschlag -getauscht wurde, und daß Held Immo nur darum ins Unglück kam, weil er -einen andern, der, wie sie sagen, ein Erfurter war, nicht unter den -Schwertern der Reisigen zurücklassen wollte. Und da manche in Erfurt -glauben, daß der Held wegen seiner Treue gegen ein Stadtkind verwundet -und gefangen wurde, so trauern diese über sein Unglück.« - -Da schob der König den Kram heftig von sich und stand auf. »Räume fort, -ich will gar nichts mit dir zu tun haben.« - -Heriman öffnete zum zweitenmal seinen Beutel und packte ruhig ein. -»Wenn der Herr König meint, daß die Erfurter Lämmern gleich sind, -welche sich scheren lassen und dann noch aus der Hand, die sie -geschoren hat, das Futter nehmen, so kennt er seine treuen Bürger -nicht. Bei uns lebt mehr als einer, der einen Racheschwur gegen den -Grafen Gerhard getan hat, weil dieser ein raubgieriger und ungerechter -Mann ist.« - -»Jetzt verstehe ich,« versetzte der König sich setzend. »Das an dem -Dolch ist ja wohl Byzantiner Arbeit, laß sehen.« Und Heriman packte -wieder aus. »Wie kommt's, daß man den Mann nicht mit Weiden geschnürt -hat, der, wie du sagst, für den Räuber Immo das Schwert zog, und dem -der Räuber, wie du sagst, Treue erwies. Mich wundert's, daß einer, der -des Königs Frieden so frech gebrochen hat, frei in den Gassen wandelt.« - -»Die Wächter des Erzbischofs waren Stadtfremde,« entgegnete Heriman -argwöhnisch nach dem König blickend, »und die Erfurter haben vielleicht -nicht sehr nach dem Einheimischen gesucht. Auch hat der Bürger eine -Gewohnheit. Bevor er im Zwielicht das Schwert zieht, so streicht er -sein Haar, wenn er es lang trägt, über das Gesicht; vielleicht birgt er -auch seine Glieder in einem wendischen Kittel.« Er trat an den Tisch, -bereit die Steine wieder einzupacken. - -»Laß nur liegen,« sprach der König, »ich sehe, dein Haar ist kurz -genug. Sagtest du nicht, daß sich die Dienstleute des Erzbischofs zu -eurem Schaden in der Stadt mehren?« - -»Herr, die Stadt wird dabei groß, und wenn auch schlechtes Volk unter -den Zugewanderten ist, so muß man doch zugeben, der Stiftsvogt des -Mainzers hält über seine Leute strenges Gericht. Nur sorgen bei uns die -Alten, welche Bescheidenheit haben, daß die Königsmacht dadurch kleiner -wird, und daß sie vielleicht einmal ganz schwindet.« - -»Denken viele wie du, daß sie lieber dem König dienen wollen als dem -Erzbischof?« - -»Das Mehrteil wird sagen, es kommt darauf an, wie der König ist und -wie der Erzbischof ist. Dennoch, wenn der König eine starke Hand hat -und sein Vogt billig denkt, so wird der Bürger freudiger einem Helden -dienen, der ein Schwert trägt, als einem geschorenen Haupte.« - -»Ihr selbst sitzt am liebsten daheim; aber ihr hört es gern, wenn -der Spielmann vor euch singt, wie die Knie des Königs im Drange der -Schlacht wund gerieben wurden,« sagte der König mit trübem Lächeln. -»Gemächlicher ist dein Herdsitz, Heriman, als der Sitz deines Königs, -welcher das ganze Jahr im Sattel reitet. Geh in Frieden mit deinen -Waren, dies hier habe ich für die Königin ausgewählt, laß dir den -Preis von meinem Kämmerer zahlen. Und vernimm noch eins, was ich dir -in deiner Redeweise vertrauen will. Die bescheidenen Leute in Erfurt -und anderswo meinen, der Mann handelt unweise, welcher mit unbedecktem -Haupt auf der Straße läuft, wenn der Hagel herunterschlägt. Besser täte -er, sein Antlitz zu bergen, bis das Wetter vorübergerauscht ist.« - -»Das ist gute Lehre,« versetzte Heriman demütig, »zumal wenn sie ein -König gibt. Aber wir im Lande haben ein Sprichwort, womit wir uns -trösten: je treuer der Sinn, desto dicker der Kopf.« - -Als Heriman das Gemach verlassen hatte, sprach der König zu dem -eintretenden Kämmerer: »Das ist ein redlicher Thüring. Sorge, daß er -sein Geld ohne Verzug erhält.« - - - - -12. - -Das Gericht des Königs. - - -Auf niedriger Anhöhe stand unweit dem Mühlberg eine große Linde; dort -wurde innerhalb gezimmerter Schranken dem König der Richterstuhl erhöht -und Sitze für die Großen des Reiches, welche in seinem Gefolge ritten. -Die Diener breiteten Teppiche und Polster auf das Holzwerk, das Banner -des Königs ward aufgesteckt, der Rufer trat an den Eingang des Geheges -und die Leibwächter schritten mit ihren Spießen in die Runde, das -versammelte Volk abzuwehren. Die Frühlingssonne schien warm und die -Lerchen sangen freudig von der Höhe, aber Landleute und Burgmannen, -welche in großen Haufen herzugeeilt waren, hielten sich abseits, -sprachen leise miteinander und sahen scheu nach dem Gerichtsbaum und -zurück nach dem Dorfe, bei welchem das Lager des Königs war. Nicht die -Ehrfurcht allein bändigte ihnen Stimme und Gebärden, sonst zogen sie -wohl einem scharfen Gericht wie einem Feste zu und freuten sich, wenn -das Haupt eines Missetäters auf den Rasen fiel; diesmal war den meisten -der Mut beschwert, entweder weil sie dem Helden Immo wohlgeneigt waren, -oder weil sie dem Grafen Gerhard geringes Glück gönnten. - -In gesondertem Haufen standen die freien Bauern vom Nessebach, in -ihrer Mitte, der alte Baldhard mit Brunico und seinem Geschlecht, -und Baldhard streckte den Arm nach dem Ring der roten Berge aus, auf -welchen die Mühlburg ragte: »Seht dorthin.« - -Auf dem Grunde lag der weiße Wasserdunst, darüber strahlten die Höhen -wie abgelöst vom Erdboden und wie von eigener Glut durchleuchtet. An -den waldlosen Stellen schimmerte das Erdreich hier rosenfarben und -blau, dort blutig rot. »Schaut alle,« rief Baldhard, »gleich rotem -Golde glänzt Erde und Stein. Manches Mal sah ich den alten Götterschein -an den Höhen, und jedermann aus der Umgegend kennt das Gleißen, das man -schwerlich an anderen Bergen schaut. Aber niemals erblickte ich solches -Feuer, und bekümmert fragen wir, was das blutige Licht dem alten -Landgeschlecht bedeute, gegen welches heute der Richterstuhl gezimmert -wird.« - -Alle starrten mit scheuer Verwunderung nach den Hügeln. - -Und Ruodhard, der Müller begann: »Die letzte Nacht war still und der -Mond stand am wolkenlosen Himmel, dennoch hörte ich im Berge ein -Dröhnen und Brechen; wie mit schweren Hämmern arbeiteten Riesenhände in -dem Gestein und ich sah, daß die Grauwölfe heulend die Nasen hoben und -in den Berg hineinfuhren.« - -Da rief eine rauhe Stimme: »Die in der Tiefe hausen, rüsten sich, um -junge Helden zu empfangen, welche vom Tageslicht geschieden werden.« - -Brunico stöhnte und wandte sich ab. - -»Beklagst du die Söhne Irmfrieds?« frug die Stimme neben ihm. Brunico -sah auf eine riesige Gestalt in einem Rock von Wolfsfellen, das -buschige Haar des Mannes starrte wild um das Haupt, in dem Gurt steckte -eine Axt mit neuem Stiel. »Jammervoll ist dieser Tag, Eberhard,« -murmelte der Knappe. - -»Du hattest dich einem von ihnen gelobt,« versetzte der Hirt finster, -»ich aber war allen Sieben ein Knecht von den Vätern her. Darum bin ich -neugierig zu sehen, wie meine Herren auf ihrem eigenen Grunde von einem -Fremden geschlagen werden.« - -»Wisse, Eberhard, der König selbst ist gekommen zu richten.« - -»Bis heute waren die Söhne Irmfrieds Könige des Waldes, trifft ein -fremder König die Sieben in den Nacken, wie mag ihr Knecht sich noch -seinen Herrn suchen? Der Stiel ist neu und das Eisen ist scharf. -Schwingt keiner der Herren die Axt in den Baum, so hebt der Knecht -selbst die Axt zu einem Herrenwurf, und er wählt sich das Ziel. Von -meinen Ebern bin ich entwichen, damit ich den fremden Richter schaue, -weißt du mir ihn zu zeigen?« - -»Du wirst ihn erkennen, wenn er auf dem Richterstuhl sitzt,« antwortete -Brunico und wandte sich scheu von dem Wilden ab. - -Der König ritt aus seinem Hofe auf das Feld hinaus. Die Leute sahen, -daß er einen Hauptmann der Reisigen zu sich winkte, und daß dieser nach -dem Lager der Königsmannen eilte. Gleich darauf tönten von dem Anger -Hörner und das Getöse einer aufbrechenden Schar. - -Als der König herankam mit großem Gefolge von Geistlichen und Laien, -klang der Heilruf nicht freudig wie wohl sonst, und der König merkte -das und schaute düster über die Haufen. Die Leute vernahmen, wie der -Rufer Stille gebot und des Königs Gericht nach den vier Winden ausrief, -und sie drängten schweigend an die Schranken. Als darauf Immo zum -Hügel geführt wurde zwischen entblößten Schwertern und nach ihm seine -Brüder, da hörte man trotz dem Gebot des Schweigens lautes Klagen und -Jammern der Weiber, und viele knieten nieder, hoben die gefalteten -Hände und taten Gelübde, damit die Heiligen sich der Angeklagten -erbarmten. - -Der König setzte sich auf den Richterstuhl und ergriff den weißen Stab, -an welchem das goldene Königszeichen einer Lilie ähnlich glänzte. -Erzbischof Willigis trat mit den Bischöfen und Edlen, welche der König -zu Ratgebern gewählt hatte, vor den Stuhl und begann: »Da des Königs -Würde selbst den Spruch tun will gegen den edlen Thüring Immo wegen -Raubes einer Jungfrau und wegen Friedensbruch, so ist uns das Vorrecht -geworden, im Rat zu sitzen über die Tat und die Rache. Denn so ist es -Brauch, wenn der Spruch des Königs gegen das Leben eines Edlen geht. -Was wir befunden haben, verkündet jetzt mein Mund dem Könige, wenn -seine Hoheit es vernehmen will.« Der König winkte und der Erzbischof -fuhr fort: »Gegen die ruchbare Tat des Helden Immo und seiner Brüder -hat Graf Gerhard Klage erhoben wegen des nächtlichen Raubes seiner -Tochter Hildegard aus dem Dach der Herberge, und daneben mein Vogt zu -Erfurt wegen Friedensbruches und schwerer Verwundung seiner Reisigen. -Darum möge die Gerechtigkeit des Königs erwägen, ob die schwere Tat -verübt wurde gegen die Jungfrau selbst, gegen den Vater und gegen den -Frieden der Stadt. Bekunden ehrliche Zeugen, daß der Mann Immo ein -Räuber der Magd war, so büße er mit seinem Haupt und Leben. Hat er nur -durch gezücktes Schwert den Frieden der Straße geschädigt, so möge der -König ihn strafen, nicht an seinem Leben, aber an seinen Gliedern, -an seiner Freiheit, an Gut und Habe, wie es dem König gefällt. Seine -Gesellen aber, weil sie als jüngere Brüder die Treue des Geschlechtes -erwiesen haben, möge der König strafen oder verschonen.« - -Der König antwortete: »Ich rühme den Rat, den ihr Bischöfe und Herren -gefunden, als gerecht und billig.« Aber hart war der Ausdruck seines -Angesichts, als er auf die Gefangenen hinsah. - -»Sind hier alle Söhne des toten Irmfried versammelt? Von sieben -Nestlingen hörte ich singen und sagen.« - -Gundomar trat heran. »Einer ist zurück, der jüngste Sohn Gottfried; -schuldlos ist er, Herr, und hat keinen Teil an diesem Frevel seiner -Brüder.« - -»Ist er schuldlos, warum wird er dem Auge des Königs entzogen?« frug -Heinrich, »brachtest du ihn von der Burg, so führe ihn her.« - -Gundomar eilte aus dem Ring und Gottfried trat in die Schranken. Er -trug das Panzerhemd, das ihm die Brüder geschenkt hatten, um das runde -Gesicht ringelten sich die goldenen Locken. In holder Scham stand er -da; auf eine leise Mahnung seines Begleiters trat er näher, kniete vor -dem König nieder und senkte sein Haupt. - -Der König sah überrascht auf den Knaben. Im Kreise der Herren erhob -sich ein beifälliges Gemurmel und aus dem gedrängten Volke klangen -Heilrufe der Männer und Segenswünsche der Frauen. Der König erkannte, -daß die Edlen und das Volk ihn rühmen würden, wenn er dem Unschuldigen -seine Gnade erwiese. Und da ihm der Knabe gefiel, so gedachte er -bei sich, das Geschlecht nicht ganz zu vernichten, sondern diesen -zu bewahren und er sprach gütig zu ihm: »Steh auf und sieh mir ins -Gesicht.« - -Gottfried starrte aus seinen großen Augen so erstaunt den König an, -daß dieser lächelte. »Tritt näher,« gebot er, faßte den Knaben bei -der Hand und strich ihm über die Wange. »In jungen Jahren trägst du -das Eisenhemd, wer hat dich so früh mit dem Schwert gewappnet, du -Singvogel? Noch ziemt dir nicht der wilde Flug. Danke den Heiligen, daß -jene dich bei ihrem nächtlichen Ritt zurückließen.« - -»Gern wäre ich mitgeritten,« antwortete Gottfried arglos, »und mich -reut gar sehr, daß ich's verschlafen habe.« - -Da lachten die Herren ringsum über die Kinderstimme und nickten -einander zu. »Ich merke,« sagte der König, »wir sind hier in dem Lande, -wo schon die Nestvöglein trotzig singen, wenn auch ihre Stimme noch -fein ist. Daß du den Ritt verschlafen hast, Knabe, war dir diesmal -größeres Glück als die beste Heldentat. Sieh auf deine Brüder; der -einzige bist du aus deinem Hofe, der ein Schwert trägt, obgleich es in -deiner Hand noch schwerlich tiefe Wunden schlagen wird.« - -Gottfried sah erschrocken auf seine Brüder, gürtete sich schnell das -Schwert ab und legte es dem König zu Füßen. »Verzeiht mir, Herr König, -ich will nicht anders gehalten sein als meine Brüder, laßt mich das -Unglück, das sie trifft, auch teilen,« und er lief von dem König zu den -Gefangenen und stellte sich als letzter in ihre Reihe. Aber Gundomar -ergriff ihn bei der Hand und führte ihn zum Stuhl des Königs zurück. -»Hebe dein Schwert auf,« befahl der König gnädig, »damit ich dich -selbst damit umgürte; als Kriegsmann sollen dich, Gottfried, Sohn des -Irmfried, von heute an meine Edlen ehren.« - -Da erhob sich ein Summen und Brausen in der versammelten Menge, und -es verstärkte sich zu einem donnernden Heilruf für den König, so daß -dieser wieder befremdet über das Volk sah. Denn die Leute hofften, daß -die Huld, welche der König dem Jüngsten erwies, eine gute Vorbedeutung -sei für das Schicksal der anderen Brüder. Aber solche, die den König zu -kennen meinten, urteilten anders. - -Der König gebot: »Führt die Jungfrau herein.« - -Gestützt auf Edith trat Hildegard in die Schranken. Ein beifälliges -Murmeln ging durch die Versammlung, als die Frauen vor den Königsstuhl -traten. Würdig verneigte sich Edith und stand mit gehobenem Haupte in -der Versammlung; und der König, welcher gedachte, daß sie sich stolz -hielt, weil sie von den Ahnen her dem königlichen Stamme verwandt -war, faßte mit der Hand an die Lehne seines Stuhles und hob sich ein -wenig aus dem Sitz, indem er sich gegen sie neigte, um die Abkunft -zu ehren. Ediths Augen suchten die Söhne. Als sie Immo erkannte, das -bleiche Antlitz und die schmerzvollen Züge, da tat sie einen Schritt -auf ihn zu, aber sie bezwang sich und hob nur die Hand segnend gegen -ihn. Neben ihr stand Hildegard, die Augen zum Boden gesenkt, ängstlich -griff sie nach der Hand ihrer Begleiterin, um sich daran zu halten. -»Dies ist deine Tochter Hildegard, Graf Gerhard?« frug der König, und -als der Graf sich bejahend verneigte, fuhr er fort: »Wenig gleicht -sie dir, doch auch vom knorrigen Stamme kommt süße Frucht. Wahrlich, -mancher von meinen jungen Helden wird über die Missetat des Räubers -nicht erstaunen. Fasse Mut, Jungfrau, denn der Richter, welcher jetzt -frägt, ist dir wohlgesinnt. Über dem Thüring Immo hängt die Klage, daß -er dich mit Gewalt und entblößtem Schwerte aus dem Frieden meiner Burg -Erfurt geraubt und durch seine Gesellen in sein festes Haus geführt -hat. Ob es Raub einer Jungfrau war, die widerwillig der Gewalt folgte, -das erkennt der Richter aus dem Notschrei der Geraubten; denn wie dem -Mann das gezückte Eisen, so hilft der Jungfrau die Stimme. Hast du dich -gesträubt gegen die Entführung durch abwehrende Hand, und wenn die Hand -gebändigt war, durch den Mund, so sprich, damit wir dein Magdtum ehren -und die Tat des Räubers erkennen.« - -Hildegard hielt sich an Edith fest. Es wurde so still im Raum, daß -man das Summen einer Mücke gehört hätte, aber kein Laut drang aus den -zuckenden Lippen der Jungfrau. - -Da trat Erzbischof Willigis zu der Schweigenden und sprach mit -väterlicher Milde: »Zum Dienst der Heiligen bist du bestimmt; deshalb -mahne ich dich freundlich, daß du alle Furcht abtust, denn du sprichst -jetzt für deine eigene Ehre. Der Richter frägt, ob der Mann, der zu dir -in die Herberge drang, dein Trauter war oder dein Räuber. Darum, hast -du dir Hilfe gefordert, so antworte nur ein: Ja, ich habe.« - -Im Angesicht der Jungfrau wechselte Blässe und hohe Röte, aber sie -schwieg. Wieder ging ein Geflüster durch die Versammlung und manche -Lippe verzog sich zum Lächeln. Graf Gerhard aber drängte sich vor und -rief ängstlich: »Möge die Hoheit des Königs Nachsicht üben mit meinem -armen Kinde, dem jetzt die Angst und Scham den Mund verschließt. In -jener Nacht aber hat sie gerufen, wie einer sittsamen Jungfrau geziemt, -Zeter und Waffen, und hat sich gesträubt, so sehr sie vermochte, als -die Räuber sie auf das Roß schwenkten.« - -»Da du selbst den Schrei nicht gehört hast, und die Jungfrau nicht -reden will, so rufe Zeugen, wenn du deren hast,« gebot der König. - -Graf Gerhard eilte an die Schranken und führte den Wirt des Hessenhofes -herbei. Der Mann kniete nieder und bekannte: »Laut gellte der Notschrei -einer Weiberstimme aus dem Gemach, in welchem die Jungfrau rastete, und -als ich vom Lager sprang und mit meiner Waffe in das Zimmer eilte, fand -ich es leer, auf der Straße sah ich Reiter davonsprengen und erkannte, -daß einer die Jungfrau vor sich auf dem Rosse festhielt.« - -»Der Notschrei klang von den vier Wänden,« bestätigte der König, »doch -sah der Zeuge nicht, ob es die Jungfrau war, welche rief. Hauste das -Grafenkind allein in der fremden Stadt?« - -»Nur ihre Dienerin kam mit ihr,« antwortete der Graf, »ein unfreies -Mädchen.« - -»Warum ist sie nicht zur Stelle?« frug der König. »Du hörst, Beklagter, -etwas fehlt an dem Zeugnis gegen dich. Vermagst du den Spruch gegen -dich weniger schwer zu machen durch deinen Eid und den Eid deiner -Helfer, so darfst du schwören, daß die Jungfrau dir ohne die Notklage -gefolgt ist.« - -»Ich schwöre nicht gegen ihre Ehre,« antwortete Immo, »was mir auch -darum geschehe.« - -Da hob Hildegard das bleiche Antlitz ein wenig und begann leise: »Einen -Goldfaden sandte ich ihm und er bewahrt ihn an seinem Herzen, die -Sommerlinde auf der Idisburg sah es und weiß es, daß er mich küßte. In -der brennenden Stadt stand ein steinernes Kreuz, so wahr das Kreuz dort -steht, so wahr ist es, daß er mich aus den Händen der Mörder gelöst hat -durch seinen Arm und sein Schwert. Dann kam er in der Nacht, in der ich -angstvoll am Boden lag, weil ich die Liebe zu ihm im Herzen trug und -doch am nächsten Morgen zu den Heiligen sollte; er weiß es wohl, daß -ich schwieg, als er mich auf das Roß seines Freundes hob.« - -In der Stille, welche diesen Worten folgte, hörte man nur das Stöhnen -des Vaters, welcher sich abwandte und die Hände vor sein Antlitz hielt. - -»Folgtest du freiwillig, ohne deiner Kindespflicht zu gedenken,« frug -der König, »wer denn tat den Klageschrei? Weiß jemand Antwort zu geben, -der antworte, damit der Zeuge nicht als meineidig erkannt werde.« - -An den Schranken rührte sich's unter den Bürgern, welche aus Erfurt -herbeigeeilt waren. Frau Kunitrud wurde von Heriman und andern -vorgeschoben und der Rufer öffnete ihr auf einen Wink des Erzbischofs -die Schranken. Sie warf sich auf die Knie, und begann mit geläufiger -Stimme, während sie mehrmals aufstand und wieder niederkniete, bis -sie in der Nähe des Königstuhls beharrte: »Es wird kein Brei so heiß -gegessen als er gekocht ist, und ein Kind aus Burg Erfurt traut sich -auch noch vor dem Könige zu reden, zumal wenn er jung ist. Alles kann -ich auf das genaueste verkünden, Herr König, denn ich selbst habe -die Entführung erlebt, und sie war das Ärgste nicht, was ich erlebt -habe; schlimmere Gewalttat geschieht in der Welt, und noch dazu von -Leuten, welche weniger gutherzig sind als dieses junge Blut. Ihr sollt -wissen, Herr König, daß ich in jener Nacht bei der edlen Hildegard -war. Reisemüde saß sie oder sie lag auf dem Boden und rang die Hände, -wie es ihr gerade gefiel. Da vernahm ich draußen Getümmel und Klappern -von Pferdehufen und ich tröstete die edle Hildegard und sagte ihr: Das -tut nichts, es sind nur volle Brüder, welche gegeneinander die Messer -zücken und es ist des Königs Wache, sie werden sich untereinander -raufen, wie sie oft tun. Da sprang die Tür auf und der Held Immo -trat ein, ganz in Eisen, und er fuhr auf die Jungfrau zu, welche wie -ein Rohr wankte, da sie ihn sah; er faßte sie und rief: »Mußt du -Zeter schreien, Kunitrud, so harre, bis ich zu Rosse bin.« Ich schlug -erschrocken die Hände zusammen, und lief an das Fenster, riß die Decke -weg und sah hinab, aber ich sah nur Undeutliches in der Finsternis, bis -ich mich endlich besann und das Geschrei erhob, wie sich geziemte.« - -Der König winkte und der Rufer bedeutete der behenden Frau zu -schweigen, worauf sich diese wieder mit Kniebeugungen aus den Schranken -zurückzog. - -»Folgte das Weib widerstandslos dem heischenden Manne,« entschied der -König, »so vermag der Richter nicht ihre Ehre zu rächen, sie selbst hat -sich ihres Rechtes begeben und ist Mitschuldige der Gewalttat. Denn -nicht ihr stand zu, sich den Gemahl zu wählen, sondern ihrem Herrn und -Vater. An der Jungfrau hast du, Schwertloser, durch den Raub keinen -Frevel geübt; der Richter fragt, ob du ihn geübt hast gegen Gerhard -den Grafen. Dieser aber hat, wie du selbst sagst, dir sein Kind nicht -verlobt, sondern er wollte es nach dem Wunsch des Königs geschleiert -den Heiligen weihen. Weißt du, Immo, was dich von dieser Missetat -entschuldigt, so verantworte dich.« - -Die Lippen Immos bewegten sich, aber er schwieg. - -Da Immo auf die Frage, welche für sein Leben entscheidend war, nicht -antwortete, hob Edith mit einem Klageschrei die Hände zum Himmel, eilte -durch die Versammlung zu ihrem Sohn und umschlang ihn mit ihren Armen. -Er aber warf sich vor seiner Mutter nieder und barg sein Gesicht in -ihrem Gewande. - -Unter den Brüdern entstand eine Bewegung, Odo trat ein wenig vor -und begann auf einen Wink des Richters: »Immer wünschen wir, daß der -König uns gnädig sei, zumal wenn wir vor ihm sprechen sollen und doch -behender Worte nicht sehr mächtig sind. So geht es jetzt mir. Was aber -die Klage des Grafen Gerhard angeht, so behaupte ich, Odo, Irmfrieds -Sohn, und mit mir meine Brüder Ortwin und Erwin, Adalmar und Arnfried, -daß die Klage völlig eitel und nichtig ist, und wenn des Königs Huld -uns Schwert und Roß gewähren will, so sind wir Fünf, die wir jetzt -schwertlos stehen, bereit, dies gegen den Grafen Gerhard und vier -ehrliche Kämpfer seiner Freundschaft zu erweisen, überall, wo die Sonne -scheint, die Luft weht und der Anger grünt.« - -Der König sah verwundert auf den jungen Helden, dem man wohl anmerkte, -wie er die Worte bedächtig erwog, während er die grauen Augen und -das unbewegte Gesicht auf die Versammelten richtete. »Du bist ein -verwegener Gesell, daß du die Klage über eine ruchbare Missetat -ungehörig schiltst. Du selbst hast die geraubte Jungfrau auf der Burg -verschlossen.« - -»Ich bin nicht mein Bruder,« versetzte Odo trocken, »mir war auch -bisher ganz wohl in meiner eigenen Leibeshülle. Die Klage aber geht -gegen den Helden Immo und nicht gegen mich. Darum ist sie grundlos und -für jedermann ist deutlich, daß mein Bruder die Jungfrau nicht geraubt -hat. Sie hat den Rücken seines Rosses nicht berührt; als sie in der -Nacht unter den Sternen dahinfuhr, war er gar nicht in ihrer Nähe, als -sie hinter dem Burgtor abgehoben wurde, lag er weiter von ihr entfernt, -als die Stadt von der Burg. Wir im Lande aber strafen nur die schwere -Tat, nicht schweren Willen. Was er gewollt hat, darum mögen sich die -Unsichtbaren kümmern, welche, wie uns die Priester sagen, sogar die -Gedanken eines Mannes erspähen, der Richter unter der Linde spricht nur -über ruchbare und greifbare Tat.« - -Der König musterte mit scharfem Blick den stattlichen Jüngling. »Wenn -ich dich und deine Brüder betrachte, so wundert mich nicht, daß ihr -die Sache wieder von des Königs Bank hinweg auf die Beine eurer Rosse -bringen wollt. Ich merke, du wagst vor dem König Haare zu spalten. Was -jener nicht vollbrachte, tat einer seiner Blutgesellen.« - -»Dies gerade ist es, was ich der Gerechtigkeit des Königs sagen wollte. -Ungern redet ein Mann gegen sich selbst. Auch ich erinnere hier nur -daran, daß er schuldlos an der Tat erkannt werden möge, weil er der -älteste von uns Brüdern ist und wie ich wohl weiß, unserer Mutter der -liebste. Und ich fürchte, sein Tod würde ihr das Herz brechen. Muß also -Strafe das Haupt eines Mannes treffen, weil das Grafenkind auf ein Roß -geschwenkt wurde, so darf doch nicht mein Bruder für die Tat büßen, die -ein anderer vollbrachte. Hätte Graf Gerhard diesen andern verklagt, so -dürfte der andere sich nicht beschwert fühlen.« - -»Du selbst warst der andere?« frug der König. - -»Die Jungfrau wurde dem gereicht, der das stärkste Roß hatte,« -versetzte Odo vorsichtig. »Das Roß wurde vor Jahren von dem Weidegrund -des Königs nach Thüringen geführt, es ist vom besten sächsischen -Schlag.« - -»Auch der Reiter, wie ich merke,« versetzte der König. »Tritt zurück, -Jüngling; die Klage nennt nach Recht den Urheber, er gab den Rat, er -stiftete die Tat, ihm frommte das Vollbringen. Du aber warst nur sein -Gehilfe. Zum andern Mal frage ich dich, Immo, weißt du etwas, was dich -entschuldigt, so sprich.« - -Immo stand in hartem Kampf, er wußte wohl, daß Gerhard in Wahrheit -niemals der Vermählung günstig gewesen war, er selbst hatte früher dem -König gestanden, daß der Graf ihm kein Versprechen getan habe, und -obwohl er jetzt in Todesnot war, so erschien ihm doch nicht mannhaft, -an nichtige Worte des Gegners zu mahnen. Während er mit seinen Gedanken -rang, ob er reden sollte oder schweigend den harten Spruch erwarten, -begann der König, zu dem Erzbischof gewandt: »Als die Ratgeber mir -durch euren Mund, hochwürdiger Vater, ihren Rat kündeten, haben sie, -so scheint mir, eines nicht erwogen. Der Thüring Immo war es, welcher -dem Grafen zu Hilfe kam, als dieser in Kerkernot saß. Denn hätte der -Jüngling nicht vor mir das Knie gebeugt, so würde der Graf einem -schweren Schicksal nicht entgangen sein. Damals nun hat, so scheint -mir, der Jüngling von dem Grafen selbst ein Versprechen erhalten, -welches die Tochter betraf. Hat aber der Jüngling den Raub verübt auf -Grund eines Gelöbnisses, das er von dem Vater empfing, so würde seine -Verschuldung gegen den Gerhard gering erscheinen, denn er hätte durch -empfangenes Versprechen ein Recht auf die Jungfrau gewonnen, wenn auch -der Raub ein Frevel gegen den König und den Stadtfrieden war.« - -Da drängte sich Graf Gerhard eilig hervor und rief laut in dem Ringe: -»Keinerlei Gelübde hat der Räuber erhalten, und kein Schwur vermag ihm -zur Entschuldigung zu gereichen; weder die Tochter noch irgend etwas -anderes habe ich ihm verheißen, damit er tue, was mir zum Heil helfen -konnte. Ganz ohne Entgelt wagte er, was für ihn kein schwerer Dienst -war, da des Königs Gnade über denen, die im Unglück sind, ohnedies -barmherzig waltet. War ich ihm einen Dank schuldig, so hätte ich ihm -wohl etwas Gutes erwiesen durch ein Roß oder ein stattliches Gewand, -wie es im Lande Brauch ist, nur nicht durch so unerhörten Lohn, wie das -Magdtum meines Kindes.« - -»Wie?« rief Heinrich, »war er so töricht, deine Sünden zum Könige zu -tragen, ohne den Brauch der Welt zu üben und an den eigenen Vorteil -zu denken? Ungern mag ich das glauben, wenn auch du es sagst. Sprich -selbst, schwertloser Mann, redet der Graf die Wahrheit?« - -Durch Immos Seele fuhr ein heißer Schmerz; hätte er den Schwur des -Grafen angenommen, vielleicht würde er jetzt der Gefahr enthoben und -zuletzt doch mit der Geliebten vereinigt. Die Lehre, welche er vom -Vater Bertram gekauft hatte, mochte Unglück und Tod über ihn bringen. -Und doch hörte er in diesem Augenblicke der Entscheidung wieder das -feierliche Flüstern des alten Mönches, das ihn damals mit Ehrfurcht -erfüllt hatte, und in seiner Seele schrie es, daß der Rat hochsinnig -und ehrlich gewesen war. Darum sprach er leise in der Versammlung: »Der -Graf redet die Wahrheit, ich empfing keinen Schwur von ihm, weder um -seine Tochter noch um etwas anderes, und ich habe mir sie geraubt, wie -Kriegsleute in der Not tun, weil sie mir lieber ist als mein Leben.« - -»Nun denn,« rief der König, »so sprich, was trieb dich damals, ein -unholder Bote des Grafen zu werden?« - -»Mich jammerte, daß der Edle gegen einen Ehrlosen kämpfen sollte, und -mehr noch als das Schicksal des Gebundenen ängstigte mich die Trauer -der Jungfrau. Und Herr, wenn ich alles sagen darf, wie es mir damals -erging, ich trug den Brief wahrhaftig in Einfalt und treuem Sinne, -denn ich wußte und bedachte nicht, daß ich meinem huldreichen Herrn -Ungünstiges reichte.« - -Da flog ein heller Schein über das Angesicht des Königs. War es ein -Sonnenstrahl oder ein Wetterleuchten aus seinem zornigen Gemüt, -das wußten die Herren nicht, die den König mit gespanntem Blick -betrachteten. - -Nur der Erzbischof erkannte, daß in dem Gemüt des Königs etwas vorging; -und da Willigis ein sehr kluger Herr war, so dachte er der veränderten -Meinung des Königs Genüge zu tun, um zugleich sich selbst einen Gewinn -zu schaffen, den er sich seit lange ersehnte. Deshalb begann er: »Alle -preisen wir des Königs Huld, welche auch an dem schuldigen Mann das -Ehrenwerte zu ehren weiß, und viele gibt es hier, welche ein mildes -Urteil für ihn ersehnen. Keiner aber wagt für ihn zu sprechen, weil -er an der Kirche und den Heiligen gefrevelt hat, indem er ein Weib -entführte, welches der König dem Herrn verloben wollte. Darum ziemt -vor andern mir, meinen Herrn und König flehend zu mahnen, daß er -sowohl der Kirche eine Sühne gewähre, als auch dem Schuldigen Leben -und Ehre erhalte. Möge der Weisheit des Königs gefallen, den Berg und -die Burg, welche Held Immo verwirkt hat, den Heiligen zu übergeben, -damit sie fortan dem Erzbistum gehören, und damit ich einen Lehnsmann -hinaufsetze, entweder den Helden Immo selbst oder einen andern, wie es -dem Könige gefällt.« - -Der König sah überrascht auf den Erzbischof. Er gedachte der Worte, -welche ihm Heriman zugetragen hatte, und ihm gefiel gar nicht, den -mächtigen Priester zum Herrn im Lande zu machen. Dennoch konnte er die -Hilfe desselben nicht entbehren, und so saß er, das Gesicht freundlich -ihm zugewandt, aber in seinem Herzen meinte er es weit anders. Denn ihm -hatte noch diesen Morgen im Sinn gelegen, die Mühlburg für sich selbst -zu behalten, aber sie vielleicht als Lehn des Reiches einem Manne -aus Irmfrieds Geschlecht zu übergeben. Darum hatte er heimlich seinen -vertrauten Kriegsmann auf die Burg gesandt, welcher in Abwesenheit der -Herrin einen Versuch machen sollte, die Besatzung zu täuschen oder zu -überwältigen, und er hatte ihm geboten, stracks eine Stelle der Mauer -zu brechen, damit des Königs Macht sichtbar werde. Jetzt gefiel ihm -dieser Gedanke noch mehr. - -Während der König auf die Antwort sann, hörte er das Rauschen eines -Gewandes. Ein Mönch kniete zu seinen Füßen, es war Reinhard aus -Herolfsfeld, der Vertraute seines Kaplans, des frommen Godohard. Er -winkte dem Demütigen zu: »Was begehrst du, Vater Reinhard, der du jetzt -durch Herrn Bernheri zum Präpositus deines Klosters ernannt bist?« - -»Nicht aus eigenen Gedanken, sondern nach dem Willen meines Herrn -Bernheri wage ich Unwürdiger in dieser hohen Versammlung zu bitten, -zunächst, daß Herr Willigis mir verzeihe, wenn ich anders spreche, als -ihm selbst gefällt. Die Mühlburg liegt nahe den Hufen und Wäldern, -welche dem heiligen Wigbert gehören, und keine Sicherheit hat das -Kloster in Thüringen zu hoffen, wenn nicht der Gewappnete, welcher -auf der Mühlburg haust, dem Kloster gehorcht. Auch ist bereits ein -Heiligtum auf dem Berge, welches St. Wigbert selbst geweiht hat, und -das edle Geschlecht des Helden Immo betet seit der Urzeit an den -Altären des Klosters. Darum flehe ich, daß es der Gnade des Königs -und auch der Weisheit des Erzbischofs gefallen möge, den Berg und die -Burg meinem Kloster zu gewähren, damit dieses einen treuen Kriegsmann -hinaufsetze, der auch dem Könige wohlgefällig ist.« - -Der König sah das zornige Gesicht des Willigis und um seinen Mund -zuckte ein schadenfrohes Lächeln, denn ihm war lieb, daß die zweite -Bewerbung leichter machte, dem Erzbischof für jetzt seinen Wunsch zu -verweigern. Er hinderte also die Gegenrede, welche der Erzbischof -vorbereitete, indem er antwortete: »Uns ziemt demütige Erwägung, wenn -zwei so fromme Väter sich dasselbe Gut begehren. Da du aber mir sagst, -daß das Geschlecht des edlen Immo sich längst den heiligen Wigbert zum -Beschützer und Fürbitter erwählt hat, so will ich dich, Immo, selbst -fragen: Wie kommt es doch, daß ihr seither vermieden habt, den heiligen -Wigbert als Herrn zu erkennen. Übel hast du, so scheint es, dich -beraten, daß du dich der Lehnshoheit des Heiligen entzogst, denn er -vermöchte dir jetzt vielleicht die Mauern zu erhalten.« - -Was der König sagte, fiel schwer auf das Herz des bedrängten Mannes, -dennoch trat er mit gehobenem Haupte vor: »Herr, was ich als freies -Erbe von meinen Vätern überkommen habe, das wollte ich in Ehre und Wert -unvermindert den Nachkommen überlassen; immer war der Stolz meiner -Ahnen, keinem Lehnsherrn zu dienen.« - -»Und doch würdest du jetzt froh sein,« warf ihm der König prüfend -entgegen, »wenn du dein Erbe wenigstens als Besitz aus der Hand der -Kirche zurückerhieltest, damit du hättest, wo du dein Haupt birgst.« -Immo schwieg. »Antworte mir,« befahl der König. - -Immo kniete nieder. »Da mein Herr und König mich frägt, so will -ich, obwohl in Todesnot, eine ehrliche Antwort geben. Kleiner wird -alljährlich die Zahl der Freien im Lande, mein Geschlecht aber saß seit -der Urzeit auf diesem Grunde. Nicht vom König und nicht von der Kirche -stammt unser Recht, sondern von der milden Himmelssonne selbst erbaten -meine Ahnen ihr Eigen, bevor König und Kirche im Lande herrschten. -Wenig liegt mir am Leben, da ich doch alles verloren habe, worauf ich -hoffte; aber ein Vasall werde ich nicht.« - -In dem Kreise der Edlen entstand eine Unruhe und Heinrich rief: -»Wahrlich, der König mag zufrieden sein, daß das Erbe deines Hauses nur -klein ist, denn du steigst über den Adler und fährst höher in deinen -Gedanken, als die Großen des Reiches, welche selten verschmähen, auch -von anderen als dem Könige Land und Leute zu empfangen. Nicht unwahr -reden die Menschen, wenn sie euch die kleinen Könige aus dem Wald -nennen. -- Jetzt aber gedenke vor allem, ob du der Not dieser Stunde -entrinnest. Als den Räuber seiner Tochter hat dich Gerhard verklagt, -und zum drittenmal warne ich dich. Rede, wenn du etwas weißt, was dich -gegen ihn entschuldigt, denn du redest für deinen Hals.« - -Da sprach neben dem Könige eine leise Stimme: »Lieber Herr König, ich -weiß etwas.« Heinrich winkte den jungen Gottfried an sein Ohr, dann -befahl er ihm laut zu reden. Der Knabe trat in den Ring vor den Grafen -und begann mutig: »Was mein Bruder verschweigt, daran will ich mahnen: -Gedenke Graf Gerhard, daß du einst meinen Bruder Immo einen Frosch -nanntest, der aus dem Weiher zu der Königstochter hinaufhüpft. Damals -fordertest du selbst, daß mein Bruder ihr Geselle werden sollte, und -du befahlst der Hildegard, weil sie den kalten Frosch nicht anrühren -wollte, daß sie es doch tun mußte. Aus einem Becherlein haben sie -getrunken und aus einem Schüßlein gegessen und mit einem Goldfaden -haben sie sich gebunden, den sie meinem Bruder Immo geschenkt hat. -Heute widerstrebst du mit Unrecht, daß er ihr Gemahl wird, denn du -selbst hast deine Tochter dazu angestiftet, daß sie ihn wert halten -sollte.« - -Der König frug ergötzt: »Was weißt du auf die Sage des jungen Helden -zu antworten? Hast du selbst den Jüngling und die Jungfrau vertraulich -gemacht, wie darfst du dich beschweren, daß sie auch später sich -zueinander gesellten?« - -Da rief Graf Gerhard zornig: »Habe ich jemals einiges von dem -Frosch gesagt, so vermag der König leicht zu ermessen, daß dies nur -scherzweise und beim Trunk geschehen ist, wie man mit Kindern wohl -zuweilen handelt. Im Ernst aber habe ich nie daran gedacht, den Helden -aus den Waldhecken zum Gemahl für mein Kind zu wählen, denn damals -stand er noch in Klosterzucht und später hatte er die Gunst des Königs -verloren. Auch war dieses Geschlecht eines Zaunkönigs, welcher hier -gegen mich piept, mir und meinen Mannen oft feindselig und abgeneigt.« - -Da errötete Gottfried im Eifer und rief: »Darf ich ihm noch einmal -antworten, Herr König? Eine andere Sage hörte ich in den Waldhecken, -die er schmäht, daß einst Wolf Isegrim, ein Graf unter den vierfüßigen -Tieren, das Nest der Zaunkönige verspottete, aber teure Buße zahlte er -dafür. Denn die Vögel aus den Lauben begannen einen Streit gegen ihn -und als sie in einer Waldlichtung aufeinander trafen, da wurde dem Wolf -das Fell gerauft und Isegrim stand am Abend mit entblößtem Haupt an -dem Nest der Zaunkönige und bat demütig vor allem Volk die kränkende -Rede ab. Laßt euch erzählen, wie Wolf Isegrim damals Abbitte tat. Der -jüngste Nestling aus dem Geschlecht, das er geschmäht hatte, wurde ihm -gegenüber gestellt, und vor ihm mußte der Wolf sich demütigen. Merke -wohl, Graf Gerhard, ich weiß das genau, denn der junge Vogel war ich -und du warst der Wolf.« - -Der Graf wurde zornrot und unwillkürlich tastete seine Hand nach der -Schwertseite. Aber im Kreise der Herren erhob sich ein schallendes -Gelächter und Gottfried fuhr fort, indem er dem Grafen näher trat und -nach dem Schwerte desselben wies: »Bei diesem Kreuz wurde beschworen, -daß die Fehde abgetan sein sollte und aller Groll vergessen. Und beim -Mahle trug ich dir die erste Kanne Wein zu, und ich, den du jetzt wegen -seiner Stimme schmähst, sang dir den Willkommen. Denke auch daran, Graf -Gerhard, wie du damals zu meinem Bruder sprachst: Sehr leid tut es mir, -Immo, daß der König mit meiner Tochter anderes im Sinne hat; wenn ich -mit ihr verfahren könnte wie ich wollte, so meine ich, sie würde es -nirgends besser haben als bei euch in den Waldlauben, und gern würde -ich sie dir gewähren, da ich weiß, daß sie dir lieb ist. So hast du -geredet, und so hast du selbst ihm den Mut gegeben, sich die Braut zu -holen.« - -Wieder ging ein Summen und Lachen durch den Ring, der Graf suchte -ängstlich im Angesicht des Königs zu lesen und niederkniend sprach -er: »Ich flehe, daß die Weisheit des Königs nicht vergangene Reden zu -meinem Schaden gelten lasse. Denn wenn ich auch hie und da bessere -Gesinnung gegen den Helden Immo hatte, durch den Raub der Jungfrau und -durch den Friedensbruch ist er und sein Geschlecht aus Frieden und Ehre -gesetzt und kein Edler kann billigen, daß ich mein Kind, auch wenn es -nicht geschleiert wird, einem von jenen dort vermähle.« - -»Du hast ein Recht, so zu sprechen,« versetzte der König ernsthaft, -»und mich freut's, daß du gelernt hast, strenge über einen Mann zu -urteilen, der geraubt hat. Nicht vergebens hast du mich gemahnt, denn -der König ist dazu gesetzt, jedem sein Recht zu geben, das er sich -verdient hat.« - -Draußen klang Hufschlag; der Hauptmann trat gegenüber dem König in -die Schranken, und warf einen ausgebrochenen Mauerstein vor dem -Richterstuhl auf den Boden, zum Beweis, daß des Königs Befehl vollführt -sei. Da hob Heinrich seinen Arm und rief den Söhnen Irmfrieds zu: »Die -Burg eurer Väter ist in der Hand des Königs und harte Hände meiner -Krieger werfen die Steine der Mauer, damit das Volk erkenne, daß der -König Herr im Lande ist.« Die Versammlung erhob sich, die Gewappneten -schlugen an die Waffen und riefen dem Könige Heil. Aber die Söhne -Irmfrieds sprangen erschrocken zusammen und Edith sah bekümmert nach -dem Helden Gundomar, der bei den Worten des Königs zuckte wie von einer -Natter gestochen. - -Und der König fuhr fort: »Die Mauer breche ich so weit, daß der König -mit seinem Heergefolge unter freiem Himmel hereinreitet; du Gottfried, -magst die Mauer wieder aufbauen und für dein Geschlecht bewahren. -Was dem König anheimgefallen ist durch den Frevel deiner Brüder, das -gebe ich dir, dem Schuldlosen, zurück in deine Hand als dein freies -Eigen, das du fortan behaupten sollst als ein Geschenk, das nicht von -der Sonne stammt, sondern von der Gnade des Königs. Denn dem Könige -liegt auch am Herzen, die alten Landherren zu schützen, wenn sie nicht -Bedrücker ihrer Nachbarn werden.« Er wandte sich zu dem Erzbischof und -zu Reinhard und fuhr heiter fort: »Darum mögen mir auch heilige Männer -meines Landes nicht übel deuten, wenn ich ihren frommen Wunsch für die -Kirche diesmal nicht gewähre. Oft habe ich gewährt, da sie oft bitten. -Hier aber geht, wie ihr alle merket, der Handel um Königsgut zwischen -zwei Königen, der eine bin ich und der andere ist hier der kleine König -aus den Waldhecken, und darum will ich einem Herrn meinesgleichen nicht -zuwider sein, wenn sein Krönlein auch nur klein ist.« - -Da der Erzbischof sah, daß der König ihm die Mühlburg versagte, so war -ihm lieb, daß die Mönche von St. Wigbert sie auch nicht erhielten, -sondern ein Knabe, den er sich einst geneigt machen konnte, und er -antwortete lächelnd: »Der König hat weise entschieden und uns allen das -Herz erfreut, indem er das Geschlecht eines seligen Bekenners vor den -Edlen ehrte. Du aber, Jüngling, denke daran, daß du fortan als Herr auf -eigenem Grunde gebietest.« - -Der Knabe stand nachdenkend, dann trat er vor den König. »Ist's an dem, -lieber Herr König, daß ich jetzt Herr bin über die Mühlburg?« - -Der König zog einen Ring vom Finger und faßte die Hand des Knaben. -»Schwach ist deine Hand, du mußt ihn auf dem Daumen tragen,« sagte er. -»Wie ich diesen Ring hier abziehe und dir anstecke, so übergebe ich, -was dem Reiche an Berg und Burg deiner Väter gehört, dir zu freiem -Eigen.« - -Gottfried küßte die Hand des Königs und rief freudig: »Und ich darf mit -dem Gut beginnen, wozu nur immer ein Herr sein Gut gebrauchen will?« - -»Das darfst du, Jüngling,« versetzte der König unruhig, denn er sah den -jungen Burgherrn zwischen dem Erzbischof und dem Mönch Reinhard stehen. -»Nur beachte wohl, daß du es nicht zum Schaden des Königs gebrauchst.« - -Da schlug der Knabe froh die Hände zusammen und rief: »Nicht zum -Schaden des Königs, sondern zu seinem Nutzen, denn ich will der Burg -einen Herrn geben, der dem Könige besser dienen kann als ich.« Und er -zog den Ring von seinem Daumen, lief damit durch die Versammlung zu -seinem Bruder Immo, kniete vor diesem nieder und rief: »Nimm den Ring, -mein Bruder, und nimm den Berg aus meiner Hand und dulde, daß ich dich -als meinen Herrn ehre, denn lieb bist du mir, und gütig warst du mir -immer wie ein Vater.« - -Immo warf seine Arme um den Bruder, die Tränen brachen ihm aus den -Augen und beide hielten einander umschlungen. Alles in den Schranken -war still, die Augen des Königs leuchteten hell, aber auch er schwieg, -bis Gottfried seinen Bruder an der Hand nahm und zum König fortriß. -Dort warf sich der Knabe nieder, umfaßte die Knie des Herrn und wollte -ihn anflehen, aber er legte das Haupt auf die Knie, hielt den König -umklammert und schluchzte in seinem Schoß. - -Der König, dem ganz ungewohnt war, daß ihn Kinderarme umschlangen, -machte zuerst, seiner Würde gedenkend, eine Bewegung, den Weinenden -abzuschütteln. Aber das Zutrauen und das heiße Weinen bewegten ihm das -Herz, und er sprach leise: »Habt ihr je, edle Herren, bessere Rede -eines Bittenden gehört? Auch du schweigst, Immo, und auch dir rinnt Tau -von den Wangen? Ist das euer Lied, womit ihr die Herzen rührt? Noch -mehr!« fuhr er fort, als er sah, daß die Brüder und die Mutter vor ihm -knieten, »ihr versteht gut, wie man eines Königs Gnade gewinnt, leise -nur dringt der Gesang in das Ohr, aber er vermag wohl den Zorn zu -tilgen. Steh auf, Knabe; und du tritt näher, Immo, dein Recht sollst -du erhalten im Guten und Bösen, wie du verdient hast.« - -Mit bleichem Antlitz trat Immo vor den Stuhl des Herrn und beugte -das Knie. »Ich sehe dich vor mir,« fuhr Heinrich fort, »wie an jenem -Abende, wo du den Brief des Grafen zu meinen Füßen niederlegtest. -Damals war ich unwillig, weil du zum Vorteil eines Andern schwere Sorge -auf mein Haupt sammeltest und ich habe seitdem in meinen Gedanken -mit dir gezürnt. Denn, Immo, ich war dir von Herzen zugetan, und ich -vertraute ganz fest deiner Treue und deiner guten Gesinnung zu mir. -An jenem Abend nun meinte ich mich von dir verraten, und daß du, um -das Grafenkind zu gewinnen, die Treue gegen mich verleugnet hättest. -Das tat mir von dir weh, und darum war seitdem dein Tun mir verhaßt. -Heute aber habe ich erkannt, daß du redlich gegen mich warst, wenn auch -unbedacht. Darüber bin ich froh. Und obgleich du gegen den Frieden -des Landes gefrevelt und meinen Willen gekreuzt hast, und obgleich -ich einen Spruch gegen dich finden muß als Herr, der über Recht und -Frieden zu walten hat, so will ich dir doch vorher die Ehre geben, die -der König einem Edlen gibt, der ihm lieb ist.« Der König erhob sich -schnell, streckte die Hand nach dem knienden Immo aus, hob ihn auf, -küßte ihn auf den Mund und lachte ihn freundlich an und sein Antlitz, -das sonst bleich war wie das eines leidenden Mannes, rötete sich, wie -einem geschieht, der sich heimlich freut. - -Als der König so huldreich dem Gefangenen seine Ehre gab, schlugen die -Gewappneten mit den Waffen zusammen und riefen dem Könige Heil, und um -die Schranken erhob sich ein Jubelgeschrei, welches nicht enden wollte. - -Aber den Freudenlärm übertönte ein so gellendes und ungefüges -Jauchzen, daß auch eifrige Rufer erstaunt innehielten, und eine -blinkende Axt flog aus dem Volkshaufen nach dem Gerichtsbaume und -schlug krachend in das Holz des Wipfels. Als um den Werfer ein Tumult -entstand und der König verwundert auf das Gedränge sah, eilte Brunico -heran und auf einen Wink des Königs in die Schranken gelassen, erklärte -er begütigend: »Der wilde Sauhirt tat es in übergroßer Freude, weil er -den Hofbrauch wenig kennt.« - -Heinrich sah über seinem Haupt das Eisen durch die Äste blinken, er -ahnte eine überwundene Gefahr und sprach lächelnd zu Immo: »~Subulcus -surculos secat~[5]. Ist das eure Art, Ruten zu schneiden, wenn -ihr einen widerwärtigen Schüler strafen wollt?« Und er nahm ein -abgeschlagenes Reis, welches an seinem Gewand haftete und schlug damit -auf Immos Finger. - -»Jetzt aber höre in Demut, auch was dir leidvoll wird,« begann er -wieder mit Königsmiene und setzte sich auf dem Stuhl zurecht: »die -Jungfrau, welche du entführt hast, damit sie dein Gemahl werde, -verweigert dir der Vater, und du mußt ihr entsagen, wenn dir nicht -gelingt, den guten Willen des Grafen für dich zu gewinnen. Bist du -zufrieden mit dem Spruch, Graf Gerhard?« - -Der Graf stand in großer Verwirrung. Daß der König den Gefangenen durch -einen Kuß ehrte, und ihm seine Ehre vor der Versammlung bestätigte, -ängstigte ihn sehr, weil er die geheimen Gedanken des Königs falsch -gedeutet hatte; und er vermochte, wie gewandt er sich sonst zu biegen -wußte, doch nichts Schickliches zu erwidern, sondern stieß nur heraus, -nach Art der Thüringe, welche ungern ja sagen: »Hm,« und »allerdinge, -es ist, wie der König meint;« aber ihm ahnte, daß er in einem üblen -Handel war, und daß der Richter ihm noch Arges sann. Dabei fiel sein -umherirrender Blick auf Heriman, welcher außerhalb der Schranken dem -König gerade gegenüber stand, und seine Angst wurde noch größer. Der -König aber fuhr gegen Immo fort: »Da mein Vogt von Erfurt keine Klage -gegen dich erhoben hat wegen deines nächtlichen Rittes, so besteht -gegen dich die Klage der Erzbischöflichen wegen Tumults und schwerer -Verwundung. Die Wunden wirst du nach Landesbrauch entschädigen, wegen -des gebrochenen Stadtfriedens sollst du ohne Schaden an Leib und Leben -das Land räumen. Und ich versage dir deine Heimat, Dach und Herd auf -ein Jahr und einen Tag von morgen ab.« -- Ein leiser Klageton des -Gefangenen zitterte durch die Luft. - -»Und nach Jahr und Tag,« fuhr der König fort, »falls die Heiligen uns -gnädig sind, sollst du, Held Immo, deinen König zu dem Hochfest laden, -das du feierst, wenn du dich vermählst. Ich selbst will zur Stelle -sorgen, daß ich dir deine Braut werbe, denn ich habe nicht vergessen, -daß du einst zwischen mir und meinen Feinden standest. Deshalb gedenke -ich jetzt mit dem Grafen zu reden, ob er mir Gehör gibt. Manches weiß -ich von seinen Gedanken und Taten, was vertraulich zwischen uns beiden -bleibt, und ich weiß auch, daß er dir im Grunde wohl will, nur daß er -des Königs Zorn scheut. Denn er hat nicht nur günstig über sein Kind zu -dir gesprochen, er hat sogar damals, als du am Main von ihm rittest, -schon den Goldstoff erworben, den ein Grafenkind schwerlich tragen -würde, außer wenn sie sich einem König vermählt; und der König konntest -doch nur du oder ich sein, ich aber habe meine Königin und du noch -nicht. Habe ich deinen Sinn recht gedeutet, Graf Gerhard, so sprich.« -Und Heinrich warf einen Herrenblick auf den Schuldigen, so daß dieser -sich niederbeugend nichts weiter sagen konnte, als »Des Königs Weisheit -rät immer das Beste.« - -»Dann rate ich dir auch, dem Goldschmied Heriman den Stoff zu bezahlen, -und daß du ihm zu dem Preis das Fünffache darauf legst, damit der -Schmied eine reiche Spende in die Hand meines hochwürdigen Vaters -Willigis von Mainz opfere. Denn auch Heriman hat Ursache, den Heiligen -dankbar zu sein, weil sie ihn damals und später aus großer Gefahr -befreit haben. Du aber, Held Immo, sollst, bis Jahr und Tag vergangen -sind, mit deinem Könige reisen, der jetzt seine Kriegsfahrt rüstet. -Unterdes wird die Jungfrau im Hause der edlen Edith zurückbleiben, wenn -der Vater, wie ich wünsche, die Herrin gleich zur Stelle darum bittet -und diese es ihm gewährt. Du junger Gottfried bewahrst bis zur Heimkehr -des Bruders sein Erbe und legst es ihm dann in seine Hand zurück, wie -du schon heute getan; ihr andern Söhne des Helden Irmfried aber steigt -auf die Rosse und folgt dem Bruder in meinem Heere. So oft die Speere -an den Schilden der Welschen dröhnen, hoffe ich euren Gesang zu hören.« - -Der König erhob sich, legte den Richterstab in die Hand des -Erzbischofs, und trat vor Edith. - -»Und jetzt, Base Edith, wenn der König durch die gebrochene Mauer -reitet, willst du ihm dennoch freundlichen Willkommen sagen? Mit großem -Gefolge komme ich und nur wenige Stunden werden wir dich beschweren; -doch man rühmt ja, daß Speicher und Keller, wo du waltest, reichlich -gefüllt sind. Heute sollst du deinen Stammgenossen und Vetter gastlich -empfangen, denn als Freund schwingt sich des Reiches Aar zu dem Nest -der Zaunkönige.« - - - - -13. - -Schluß. - - -Im Lande der Alemannen weilte der gebannte Immo auf einem Hofe des -Königs, bis seine Wunde geheilt war und seine Brüder mit reisigem -Gefolge dem Heere zuzogen. Als Heinrich über die Alpen nach Italien -drang und durch Überraschung und Gewalt den Widerstand seiner Feinde -brach, da führte Immo das Banner der freien Thüringe vom Walde, wie -einst sein Vater getan; er und seine Brüder fochten in den Straßen -Pavias gegen die empörten Welschen, und als König Heinrich von einem -treuen Bischof in Pavia zum König des langobardischen Italiens geweiht -wurde, klang auch Immos Heilruf unter den Säulen und Steintrümmern der -alten Königstadt. Heinrich kehrte im Sommer nach Deutschland zurück, -aber er ließ die Brüder als Wächter gewonnener Burgen durch den Winter -in Italien. - -Seit jenem Gerichte war Jahr und Tag vergangen, ein neuer Sommer zog -ins Land und kleine Blätter schlüpften aus den Baumknospen, da legten -die Mannen Immos der Mühlburg festlichen Schmuck an, sie hefteten -Fichtenkränze an Tor und Zinnen und breiteten schöne Teppiche aus -dem Lande Italien an die Wände und über den Fußboden. Denn im Ringe -seiner Edlen vermählte König Heinrich den Burgherrn mit der Tochter des -Grafen, und der große Erzbischof erteilte den Vermählten den Segen -der Kirche. Edith schritt im Brautzug an der Hand des Königs, gefolgt -von sechs Söhnen; auch Graf Gerhard trat hinter dem König einher, er -lächelte nach allen Seiten und freute sich, aber er war verfallen und -gar nicht in seiner alten Kraft, denn auf dem Kriegszuge hatte ihn ein -Pfeilschuß verwundet, und im Heere sagten sie, daß der Pfeil nicht -aus welschem Köcher gekommen sei, sondern hinterrücks aus dem eines -heimlichen Feindes. Da der Graf an der Wunde kränkelte, so sprach er -öfter vertraulich mit dem Mönch Reinhard, denn ihn ängstigte jetzt -seine Feindschaft mit den Wigbertleuten. - -Als am Abend des festlichen Tages der König in seinen nahen Hof -zurückkehrte, folgte ihm Gundomar, welcher dem Feste fern geblieben -war, in das Gemach. Heinrich hielt dem Helden den Becher entgegen: -»Heute bin ich fröhlich, auch du glätte deine Falten auf deiner Stirn, -denn Gutes bedeutet dieser Tag deinem Geschlechte.« - -»Alles ist dem König wohlgelungen,« versetzte Gundomar. »Ich aber flehe -jetzt zu meinem Herrn, daß er mir nicht zürne, wenn ich mein Schicksal -von dem seinen scheide.« - -Heinrich sah betroffen auf die ernsthafte Miene: »Unverständiges -sprichst du. Da ich noch ein Kriegsmann war wie du, gelobten wir, -einander Gesellen zu sein; an den Eid habe ich gedacht, auch wenn ich -dir einmal zürnte. Wie willst du dich von mir scheiden?« - -»Als ich gestern durch die neu geflickte Mauer ritt, dachte ich daran, -daß sie von meinem Herrn gebrochen wurde, obwohl ich der Frau, die -dort oben gebot, angelobt hatte, daß der Bau meines Geschlechts ihr -unversehrt zurückgegeben werden sollte.« - -»Du hattest es gelobt, nicht ich,« unterbrach ihn Heinrich. - -»Du hast getan nach Art der Könige. Denn sie üben das Vorrecht, das -Gute für sich zu begehren, das Unrecht auf das Haupt ihrer Diener zu -wälzen. Auch klage ich nicht darüber, denn ich weiß, auch den König -zwingt die Königspflicht. Ich aber sah zerbrochen, was zu bewahren -meine Pflicht war, und mir war diese Tat eine Mahnung, daß ich genug -für meinen Herrn getan und gesündigt habe. Und ich saß im Abendlicht am -Fuß der Mauer und sah in die untergehende Sonne, da erkannte ich, daß -auch für mich das Tor des Himmels geöffnet wird.« - -»Du willst der Welt entsagen?« rief der Kaiser bestürzt. -- »Ich aber -brauche dich; ein Undankbarer bist du, daß du mich verlassen willst, -denn gütig war ich dir und oft habe ich deine harte Mahnung mit Geduld -ertragen.« - -»Gütig war mein Herr, auch wenn er frug, ob die Treue des andern ihm -nütze, gütiger noch ist der Herr in der Himmelshalle.« - -»Bist du unzufrieden, weil ich andere mehr ehre als dich, so fordere, -Gundomar.« - -»Was du von dem einen nimmst, gibst du dem andern, das ist die Art der -Mächtigen; ich aber wähle mir jetzt den Herrn, der jedem zu spenden -weiß aus dem Schatz seiner Liebe.« Er hob eine goldene Kette vom Halse -und legte sie zu den Füßen des Königs. »Dies war die erste Spende, -die du mir gabst und vor allem Schmuck habe ich sie hochgehalten. Wie -dieses Gold, so will ich hinfort alles entbehren, was ein Mensch dem -andern zu schenken vermag.« - -Heinrich wandte sich gekränkt ab. Gundomar kniete an seiner Seite -nieder und faßte seine Hand: »Laß mich dahinfahren. Gleichgültig ist -mir alle Freude der Welt geworden. Wenn ich deine Ritter im Kampfspiel -reiten sehe und die langen Züge der Wallenden in ihren Festgewändern, -so scheinen sie mir wie spielende Kinder gegenüber den hohen Engeln, -die ich im Abendlicht dahinschweben sehe.« - -Der König hielt traurig die Hand des Knienden fest und dieser fuhr -fort: »Alle Liebe, die du je zu mir in deinem Herzen gehegt, laß sie -den Knaben meines Geschlechts zugute kommen. Der junge Held, dem -du heute deine Huld erwiesen, wird ihrer würdig sein. Er hat sich -gesträubt gegen den fremden Willen, der ihn in das Kloster warf, damit -er für die Schuld anderer büße. Jetzt tausche ich mit ihm. Der jüngere -Held in blühender Jugend soll meinem König unter Waffen dienen, ich -aber wende als müder Mann meine Schritte dem Kloster des heiligen -Wigbert zu.« - - * * * * * - -Auf der Mühlburg saß Edith in dem hohen Herrenstuhl, zu ihren Füßen die -sieben Söhne und im Ringe umher die vertrauten Gäste des Geschlechts: -Heriman, das Haus Baldhards, voran Brunico und der Mönch Rigbert, auch -Nalderich mit seiner Tochter und andere Freie aus den Nachbardörfern. -Die Gäste schwenkten fröhlich die Festbecher, welche die junge Wirtin -Hildegard ihnen mit holdem Lachen darbot. Als sie den Becher zu Brunico -trug, reichte sie ihm die Hand: »Das nächste Hochfest feiern wir im -Hofe deiner Braut und erflehen Segen für euch beide.« Und Immo mahnte -seinen Klostergenossen Rigbert: »Jetzt ist die Stunde gekommen, wo du -vom Kloster und von den Vätern berichten sollst.« - -»Gutes und Böses habe ich zu künden,« begann Rigbert. »Ganz verwandelt -kehrte Tutilo vor einem Jahre in das Kloster zurück, er hatte mit König -Heinrich seinen Frieden geschlossen und demütigte sich bei seiner -Ankunft vor Herrn Bernheri. Dieser aber wurde täglich kränklicher, -er stieg niemals mehr von St. Peter herab und warf in seinem Gemach -mit dem Krückstock nach den Hirschgeweihen, weil er den Stock für -einen Speer hielt. Der König jedoch wollte nicht leiden, daß dem -Herrn Bernheri, solange dieser lebte, sein Amt genommen würde. Da nun -Reinhard fast immer in der Nähe des Erzbischofs weilte, so wurde Tutilo -wieder zum Präpositus erhoben und er herrschte in ganz neuer Weise; -denn sonst hatte er wenig auf die Regel geachtet, jetzt aber wurde er -hart und eifrig und versagte den Brüdern auch Erlaubtes. Du selbst -magst ermessen, ob er das getan hat aus frommem Eifer oder aus einem -anderen Grunde. Darum wurde der Widerwille der Brüder groß und mehr -als einmal kehrten Unzufriedene dem Heiligtum den Rücken und liefen -aus. So verbot Tutilo im letzten Herbst dem Vater Bertram, fernerhin in -seinem Garten zu arbeiten, weil dieser sein Herz in sündiger Weise an -die Obstbäume gehängt habe. Da stieß Bertram seinen Spaten in die Erde -und ging schweigend in die Klausur zurück, Sintram aber saß seitdem -kraftlos in seinem Garten und vermochte nicht mehr zu graben. Tutilo -herrschte auch diesen an und bedrohte ihn mit Buße und Geißel. Als -Bertram das vernahm, erhob er sich, und weil gerade wieder Brüder in -Empörung von St. Wigbert scheiden wollten, schritt auch er trotzig aus -der Klausur in den Garten, nahm seinen Spaten auf den Rücken und winkte -Sintram, dasselbe zu tun. So zogen die beiden Alten in die wilde Welt, -traurig war ihr Anblick für die wandernden Brüder, denn beide wankten -vorwärts wie unter schwerer Last. Als sie nun zur Höhe gekommen waren, -wo am Birkengehölz das steinerne Kreuz errichtet ist als Grenzzeichen -unseres Glockenschalls, da läutete gerade die Glocke vom Turme des -heiligen Michael. Der wandernde Haufe wandte sich um und manche klagten -und weinten. Bertram aber sprach: »Weiter vermag ich nicht zu gehen und -von der ehernen Stimme des Engels will ich mich nicht scheiden; wandelt -ihr dahin und sucht Frieden in der Fremde, mir gefällt diese Stätte und -hier will ich bleiben.« Auf der Stelle begann er eine Grube zu graben -und die Brüder vermochten ihn nicht abzuhalten, denn er antwortete -ihnen nicht mehr. Endlich verließen ihn die andern, nur Sintram blieb -bei ihm. Am nächsten Morgen läutete dieser an der Klosterpforte und -berichtete, daß sein Geselle Bertram in Frieden geschieden sei und -daß er neben einem Grabe liege, das er sich selbst geschaufelt hatte. -Sintram wankte in die Klausur zurück und blieb darin, bis sie ihn nach -wenigen Tagen auch hinaustrugen. Der gute Vater Heriger setzte durch, -daß die beiden an der Stelle bestattet wurden, wo die Glocke von St. -Michael sie gemahnt hatte. Und gerade jetzt wird dem hohen Erzengel -eine Kapelle über ihrem Grabe erbaut. Jetzt ist Herr Bernheri von uns -geschieden, eine neue Ordnung beginnt für St. Wigbert und ein heiliges -Leben. Auch ich fahre jetzt dahin zurück.« - -Immo hob die Hand gen Himmel. »Unter den Engeln weilt ihr liebe Väter, -blickt günstig auf den Mann herab, den ihr als wilden Schüler gesegnet -habt. Den guten Lehren, die ihr mir übergeben habt, verdanke ich Leben -und Glück. Einem Spruch habe ich nicht gehorcht, der Mutter und den -Brüdern habe ich zu lange meine Kriegslust geborgen, dadurch habe -ich uns allen das Herz krank gemacht. Daß ich aber in der eigenen -Bedrängnis meinen Helfer Heriman nicht im Stiche ließ, sondern die -letzte Kraft daran setzte, ihn zu retten, das hat, wie ich merke, dem -König bessere Gedanken über mich eingegeben, gerade als er mir am -meisten zürnte. Und daß ich mir von Gerhard, als er in Not lag, nicht -die Tochter angeloben ließ, das hat mir die Neigung des Königs und -die Braut wiedergewonnen. Mein Erbteil habe ich nicht in fremde Hand -gelegt, darum stehe ich jetzt als froher Herr auf freiem Eigen. So hat -sich jede Lehre als heilbringend bestätigt.« - -Da rief Edith ihm zu: »Zornig trugst du das Schülerkleid. Dennoch -sollst du heute die Mutter preisen, daß sie dich, den Widerwilligen, zu -den Altären sandte. Denn nicht die Weisheit allein, sondern auch, was -wenigen glückt, die liebe Hausfrau gewannst du dir unter den Mönchen -durch die Klosterschule.« - - - Druck von +August Pries+ in Leipzig. - - - - -Fußnoten - - -[1] Erhöre, gütiger Schöpfer, unser Gebet und Flehen -- Gib, daß durch -Enthaltsamkeit sein Sinn mäßig und nüchtern werde. - -[2] Willst du trinken Wein, mußt du schreiben Latein. - -[3] Höre, gütiger Schöpfer, unser Gebet und Flehen. - -[4] Der Frosch quakt lieblich in den grünen Blättern. - -[5] Der Sauhirt schneidet Reiser. - - - - -Schriften von Gustav Freytag. - - - Soll und Haben. Roman in sechs Büchern, 2 Bände. Gebunden M 8.--. - - Die verlorene Handschrift. Roman in fünf Büchern. 2 Bände. - Gebunden M 8.--. - - Die Ahnen. Roman in 6 Bänden. Gebunden M 46.--. - Erster Band: Ingo u. Ingraban. Gebunden M 8.50. - Zweiter Band: Das Nest der Zaunkönige. Gebunden M 7.50. - Dritter Band: Die Brüder vom deutschen Hause. Gebunden M 7.50. - Vierter Band: Marcus König. Gebunden M 7.50. - Fünfter Band: Die Geschwister. Gebunden M 7.50. - Sechster Band: Aus einer kleinen Stadt. Gebunden M 7.50. - - Bilder aus der deutschen Vergangenheit. 4 Bände. Gebunden M 36.25. - Erster Band: Aus dem Mittelalter. Gebunden M 8.50. - Zweiter Band, 1. Abt.: Vom Mittelalter zur Neuzeit. (1200--1500.) - Gebunden M 6.75. - -- 2. Abt.: Aus dem Jahrhundert der Reformation. (1500--1600.) - Gebunden M 6.--. - Dritter Band: Aus dem Jahrhundert des großen Krieges. (1600--1700.) - Gebunden M 7.50. - Vierter Band: Aus neuer Zeit. (1700--1848.) Gebunden M 7.50. - - Ingo. Feldpostausgabe. M 1.50. - - Das Nest der Zaunkönige. Feldpostausgabe. M 2.50. - - Soll und Haben. Feldpostausgabe. M 8.--. - - - - - Weitere Anmerkungen zur Transkription - - Offensichtlich fehlerhafte Zeichensetzung wurde stillschweigend - korrigiert. - - Korrekturen (das korrigierte Wort ist in {} eingeschlossen): - - S. 10: Gefäß → Gesäß - daß es das {Gesäß} des Vaters Sintram ist - - S 12: weist → weißt - du selbst {weißt} ja am besten - - S. 34: führte → führte ihn - und {führte ihn} in den Hofraum - - S. 46: ihr → ihre - hatten die Knechte {ihre} Gespanne - - S. 55: ihn → ihm - schob {ihm} den Becher hin und sagte leise - - S. 60: wählten → wählen - den Genossen zum König {wählten} wollten - - S. 104: ihn sie → sie ihn - hielt {sie ihn} an den Locken - - S. 128: finden → finde - ich {finde} den meinen allein - - S. 138: Brüder unicht → Brüdern nicht - zu rechten, steht uns {Brüdern nicht} zu - - S. 142: sehen → sahen - Erschrocken {sahen} die Männer die wilde Tat - - S. 142: Bruder → Bruders - die Schulter eines {Bruders} stützte - - S. 149: in → im - er stand {im} Frieden, den der Mensch - - S. 169: Kriegmann → Kriegsmann - der {Kriegsmann} machte ein schnelles Zeichen - - S. 197: statt »Mann« vermutlich »Mantel« (nicht korrigiert) - Vergeßt den {Mann} nicht - - S. 204: schallt → schalt - {schalt} und verhieß Belohnungen - - S. 228: einem → einen - durch {einen} armen Priester seine Sünden - - S. 232: Köngis → Königs - Nur den Bruder des {Königs} nannte er nicht - - S. 249: und → um - {um} den Marktfrieden zu erhalten - - S. 310: meist → meisten - Liebe der Mutter am {meisten} bedurft - - S. 322: der → des - heute vor den Augen {des} Königs stehen - - S. 335: welchen → welche - {welche} diesen Worten folgte - - S. 335: statt »volle« vermutlich »tolle« (nicht korrigiert) - es sind nur {volle} Brüder - - S. 340: wurde → würde - vielleicht {würde} er jetzt der Gefahr enthoben - - S. 342: Kloster → Klosters - zum Präpositus deines {Klosters} ernannt bist - - S. 354: 12 → 13 - {13}. Schluß. - - - - - -End of Project Gutenberg's Das Nest der Zaunkönige, by Gustav Freytag - -*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DAS NEST DER ZAUNKÖNIGE *** - -***** This file should be named 51151-0.txt or 51151-0.zip ***** -This and all associated files of various formats will be found in: - http://www.gutenberg.org/5/1/1/5/51151/ - -Produced by Peter Becker and the Online Distributed -Proofreading Team at http://www.pgdp.net - -Updated editions will replace the previous one--the old editions will -be renamed. - -Creating the works from print editions not protected by U.S. copyright -law means that no one owns a United States copyright in these works, -so the Foundation (and you!) can copy and distribute it in the United -States without permission and without paying copyright -royalties. Special rules, set forth in the General Terms of Use part -of this license, apply to copying and distributing Project -Gutenberg-tm electronic works to protect the PROJECT GUTENBERG-tm -concept and trademark. Project Gutenberg is a registered trademark, -and may not be used if you charge for the eBooks, unless you receive -specific permission. If you do not charge anything for copies of this -eBook, complying with the rules is very easy. You may use this eBook -for nearly any purpose such as creation of derivative works, reports, -performances and research. They may be modified and printed and given -away--you may do practically ANYTHING in the United States with eBooks -not protected by U.S. copyright law. Redistribution is subject to the -trademark license, especially commercial redistribution. - -START: FULL LICENSE - -THE FULL PROJECT GUTENBERG LICENSE -PLEASE READ THIS BEFORE YOU DISTRIBUTE OR USE THIS WORK - -To protect the Project Gutenberg-tm mission of promoting the free -distribution of electronic works, by using or distributing this work -(or any other work associated in any way with the phrase "Project -Gutenberg"), you agree to comply with all the terms of the Full -Project Gutenberg-tm License available with this file or online at -www.gutenberg.org/license. - -Section 1. General Terms of Use and Redistributing Project -Gutenberg-tm electronic works - -1.A. By reading or using any part of this Project Gutenberg-tm -electronic work, you indicate that you have read, understand, agree to -and accept all the terms of this license and intellectual property -(trademark/copyright) agreement. If you do not agree to abide by all -the terms of this agreement, you must cease using and return or -destroy all copies of Project Gutenberg-tm electronic works in your -possession. If you paid a fee for obtaining a copy of or access to a -Project Gutenberg-tm electronic work and you do not agree to be bound -by the terms of this agreement, you may obtain a refund from the -person or entity to whom you paid the fee as set forth in paragraph -1.E.8. - -1.B. "Project Gutenberg" is a registered trademark. It may only be -used on or associated in any way with an electronic work by people who -agree to be bound by the terms of this agreement. There are a few -things that you can do with most Project Gutenberg-tm electronic works -even without complying with the full terms of this agreement. See -paragraph 1.C below. There are a lot of things you can do with Project -Gutenberg-tm electronic works if you follow the terms of this -agreement and help preserve free future access to Project Gutenberg-tm -electronic works. See paragraph 1.E below. - -1.C. The Project Gutenberg Literary Archive Foundation ("the -Foundation" or PGLAF), owns a compilation copyright in the collection -of Project Gutenberg-tm electronic works. Nearly all the individual -works in the collection are in the public domain in the United -States. If an individual work is unprotected by copyright law in the -United States and you are located in the United States, we do not -claim a right to prevent you from copying, distributing, performing, -displaying or creating derivative works based on the work as long as -all references to Project Gutenberg are removed. Of course, we hope -that you will support the Project Gutenberg-tm mission of promoting -free access to electronic works by freely sharing Project Gutenberg-tm -works in compliance with the terms of this agreement for keeping the -Project Gutenberg-tm name associated with the work. You can easily -comply with the terms of this agreement by keeping this work in the -same format with its attached full Project Gutenberg-tm License when -you share it without charge with others. - -1.D. The copyright laws of the place where you are located also govern -what you can do with this work. Copyright laws in most countries are -in a constant state of change. If you are outside the United States, -check the laws of your country in addition to the terms of this -agreement before downloading, copying, displaying, performing, -distributing or creating derivative works based on this work or any -other Project Gutenberg-tm work. The Foundation makes no -representations concerning the copyright status of any work in any -country outside the United States. - -1.E. Unless you have removed all references to Project Gutenberg: - -1.E.1. The following sentence, with active links to, or other -immediate access to, the full Project Gutenberg-tm License must appear -prominently whenever any copy of a Project Gutenberg-tm work (any work -on which the phrase "Project Gutenberg" appears, or with which the -phrase "Project Gutenberg" is associated) is accessed, displayed, -performed, viewed, copied or distributed: - - This eBook is for the use of anyone anywhere in the United States and - most other parts of the world at no cost and with almost no - restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it - under the terms of the Project Gutenberg License included with this - eBook or online at www.gutenberg.org. If you are not located in the - United States, you'll have to check the laws of the country where you - are located before using this ebook. - -1.E.2. If an individual Project Gutenberg-tm electronic work is -derived from texts not protected by U.S. copyright law (does not -contain a notice indicating that it is posted with permission of the -copyright holder), the work can be copied and distributed to anyone in -the United States without paying any fees or charges. If you are -redistributing or providing access to a work with the phrase "Project -Gutenberg" associated with or appearing on the work, you must comply -either with the requirements of paragraphs 1.E.1 through 1.E.7 or -obtain permission for the use of the work and the Project Gutenberg-tm -trademark as set forth in paragraphs 1.E.8 or 1.E.9. - -1.E.3. If an individual Project Gutenberg-tm electronic work is posted -with the permission of the copyright holder, your use and distribution -must comply with both paragraphs 1.E.1 through 1.E.7 and any -additional terms imposed by the copyright holder. Additional terms -will be linked to the Project Gutenberg-tm License for all works -posted with the permission of the copyright holder found at the -beginning of this work. - -1.E.4. Do not unlink or detach or remove the full Project Gutenberg-tm -License terms from this work, or any files containing a part of this -work or any other work associated with Project Gutenberg-tm. - -1.E.5. Do not copy, display, perform, distribute or redistribute this -electronic work, or any part of this electronic work, without -prominently displaying the sentence set forth in paragraph 1.E.1 with -active links or immediate access to the full terms of the Project -Gutenberg-tm License. - -1.E.6. You may convert to and distribute this work in any binary, -compressed, marked up, nonproprietary or proprietary form, including -any word processing or hypertext form. However, if you provide access -to or distribute copies of a Project Gutenberg-tm work in a format -other than "Plain Vanilla ASCII" or other format used in the official -version posted on the official Project Gutenberg-tm web site -(www.gutenberg.org), you must, at no additional cost, fee or expense -to the user, provide a copy, a means of exporting a copy, or a means -of obtaining a copy upon request, of the work in its original "Plain -Vanilla ASCII" or other form. Any alternate format must include the -full Project Gutenberg-tm License as specified in paragraph 1.E.1. - -1.E.7. Do not charge a fee for access to, viewing, displaying, -performing, copying or distributing any Project Gutenberg-tm works -unless you comply with paragraph 1.E.8 or 1.E.9. - -1.E.8. You may charge a reasonable fee for copies of or providing -access to or distributing Project Gutenberg-tm electronic works -provided that - -* You pay a royalty fee of 20% of the gross profits you derive from - the use of Project Gutenberg-tm works calculated using the method - you already use to calculate your applicable taxes. The fee is owed - to the owner of the Project Gutenberg-tm trademark, but he has - agreed to donate royalties under this paragraph to the Project - Gutenberg Literary Archive Foundation. Royalty payments must be paid - within 60 days following each date on which you prepare (or are - legally required to prepare) your periodic tax returns. Royalty - payments should be clearly marked as such and sent to the Project - Gutenberg Literary Archive Foundation at the address specified in - Section 4, "Information about donations to the Project Gutenberg - Literary Archive Foundation." - -* You provide a full refund of any money paid by a user who notifies - you in writing (or by e-mail) within 30 days of receipt that s/he - does not agree to the terms of the full Project Gutenberg-tm - License. You must require such a user to return or destroy all - copies of the works possessed in a physical medium and discontinue - all use of and all access to other copies of Project Gutenberg-tm - works. - -* You provide, in accordance with paragraph 1.F.3, a full refund of - any money paid for a work or a replacement copy, if a defect in the - electronic work is discovered and reported to you within 90 days of - receipt of the work. - -* You comply with all other terms of this agreement for free - distribution of Project Gutenberg-tm works. - -1.E.9. If you wish to charge a fee or distribute a Project -Gutenberg-tm electronic work or group of works on different terms than -are set forth in this agreement, you must obtain permission in writing -from both the Project Gutenberg Literary Archive Foundation and The -Project Gutenberg Trademark LLC, the owner of the Project Gutenberg-tm -trademark. Contact the Foundation as set forth in Section 3 below. - -1.F. - -1.F.1. Project Gutenberg volunteers and employees expend considerable -effort to identify, do copyright research on, transcribe and proofread -works not protected by U.S. copyright law in creating the Project -Gutenberg-tm collection. Despite these efforts, Project Gutenberg-tm -electronic works, and the medium on which they may be stored, may -contain "Defects," such as, but not limited to, incomplete, inaccurate -or corrupt data, transcription errors, a copyright or other -intellectual property infringement, a defective or damaged disk or -other medium, a computer virus, or computer codes that damage or -cannot be read by your equipment. - -1.F.2. LIMITED WARRANTY, DISCLAIMER OF DAMAGES - Except for the "Right -of Replacement or Refund" described in paragraph 1.F.3, the Project -Gutenberg Literary Archive Foundation, the owner of the Project -Gutenberg-tm trademark, and any other party distributing a Project -Gutenberg-tm electronic work under this agreement, disclaim all -liability to you for damages, costs and expenses, including legal -fees. YOU AGREE THAT YOU HAVE NO REMEDIES FOR NEGLIGENCE, STRICT -LIABILITY, BREACH OF WARRANTY OR BREACH OF CONTRACT EXCEPT THOSE -PROVIDED IN PARAGRAPH 1.F.3. YOU AGREE THAT THE FOUNDATION, THE -TRADEMARK OWNER, AND ANY DISTRIBUTOR UNDER THIS AGREEMENT WILL NOT BE -LIABLE TO YOU FOR ACTUAL, DIRECT, INDIRECT, CONSEQUENTIAL, PUNITIVE OR -INCIDENTAL DAMAGES EVEN IF YOU GIVE NOTICE OF THE POSSIBILITY OF SUCH -DAMAGE. - -1.F.3. LIMITED RIGHT OF REPLACEMENT OR REFUND - If you discover a -defect in this electronic work within 90 days of receiving it, you can -receive a refund of the money (if any) you paid for it by sending a -written explanation to the person you received the work from. If you -received the work on a physical medium, you must return the medium -with your written explanation. The person or entity that provided you -with the defective work may elect to provide a replacement copy in -lieu of a refund. If you received the work electronically, the person -or entity providing it to you may choose to give you a second -opportunity to receive the work electronically in lieu of a refund. If -the second copy is also defective, you may demand a refund in writing -without further opportunities to fix the problem. - -1.F.4. Except for the limited right of replacement or refund set forth -in paragraph 1.F.3, this work is provided to you 'AS-IS', WITH NO -OTHER WARRANTIES OF ANY KIND, EXPRESS OR IMPLIED, INCLUDING BUT NOT -LIMITED TO WARRANTIES OF MERCHANTABILITY OR FITNESS FOR ANY PURPOSE. - -1.F.5. Some states do not allow disclaimers of certain implied -warranties or the exclusion or limitation of certain types of -damages. If any disclaimer or limitation set forth in this agreement -violates the law of the state applicable to this agreement, the -agreement shall be interpreted to make the maximum disclaimer or -limitation permitted by the applicable state law. The invalidity or -unenforceability of any provision of this agreement shall not void the -remaining provisions. - -1.F.6. INDEMNITY - You agree to indemnify and hold the Foundation, the -trademark owner, any agent or employee of the Foundation, anyone -providing copies of Project Gutenberg-tm electronic works in -accordance with this agreement, and any volunteers associated with the -production, promotion and distribution of Project Gutenberg-tm -electronic works, harmless from all liability, costs and expenses, -including legal fees, that arise directly or indirectly from any of -the following which you do or cause to occur: (a) distribution of this -or any Project Gutenberg-tm work, (b) alteration, modification, or -additions or deletions to any Project Gutenberg-tm work, and (c) any -Defect you cause. - -Section 2. Information about the Mission of Project Gutenberg-tm - -Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of -electronic works in formats readable by the widest variety of -computers including obsolete, old, middle-aged and new computers. It -exists because of the efforts of hundreds of volunteers and donations -from people in all walks of life. - -Volunteers and financial support to provide volunteers with the -assistance they need are critical to reaching Project Gutenberg-tm's -goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will -remain freely available for generations to come. In 2001, the Project -Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure -and permanent future for Project Gutenberg-tm and future -generations. To learn more about the Project Gutenberg Literary -Archive Foundation and how your efforts and donations can help, see -Sections 3 and 4 and the Foundation information page at -www.gutenberg.org - - - -Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation - -The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit -501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the -state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal -Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification -number is 64-6221541. Contributions to the Project Gutenberg Literary -Archive Foundation are tax deductible to the full extent permitted by -U.S. federal laws and your state's laws. - -The Foundation's principal office is in Fairbanks, Alaska, with the -mailing address: PO Box 750175, Fairbanks, AK 99775, but its -volunteers and employees are scattered throughout numerous -locations. Its business office is located at 809 North 1500 West, Salt -Lake City, UT 84116, (801) 596-1887. Email contact links and up to -date contact information can be found at the Foundation's web site and -official page at www.gutenberg.org/contact - -For additional contact information: - - Dr. Gregory B. Newby - Chief Executive and Director - gbnewby@pglaf.org - -Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg -Literary Archive Foundation - -Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide -spread public support and donations to carry out its mission of -increasing the number of public domain and licensed works that can be -freely distributed in machine readable form accessible by the widest -array of equipment including outdated equipment. Many small donations -($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt -status with the IRS. - -The Foundation is committed to complying with the laws regulating -charities and charitable donations in all 50 states of the United -States. Compliance requirements are not uniform and it takes a -considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up -with these requirements. We do not solicit donations in locations -where we have not received written confirmation of compliance. To SEND -DONATIONS or determine the status of compliance for any particular -state visit www.gutenberg.org/donate - -While we cannot and do not solicit contributions from states where we -have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition -against accepting unsolicited donations from donors in such states who -approach us with offers to donate. - -International donations are gratefully accepted, but we cannot make -any statements concerning tax treatment of donations received from -outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff. - -Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation -methods and addresses. Donations are accepted in a number of other -ways including checks, online payments and credit card donations. To -donate, please visit: www.gutenberg.org/donate - -Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic works. - -Professor Michael S. Hart was the originator of the Project -Gutenberg-tm concept of a library of electronic works that could be -freely shared with anyone. For forty years, he produced and -distributed Project Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of -volunteer support. - -Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed -editions, all of which are confirmed as not protected by copyright in -the U.S. unless a copyright notice is included. Thus, we do not -necessarily keep eBooks in compliance with any particular paper -edition. - -Most people start at our Web site which has the main PG search -facility: www.gutenberg.org - -This Web site includes information about Project Gutenberg-tm, -including how to make donations to the Project Gutenberg Literary -Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to -subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks. - |
