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-The Project Gutenberg EBook of Politische Schriften und andere Nachträge
-zu seinen Werken, by Heinrich von Kleist
-
-This eBook is for the use of anyone anywhere in the United States and most
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-whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it under the terms of
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-
-Title: Politische Schriften und andere Nachträge zu seinen Werken
-
-Author: Heinrich von Kleist
-
-Editor: Rudolf Köpke
-
-Release Date: January 20, 2016 [EBook #50979]
-
-Language: German
-
-Character set encoding: ISO-8859-1
-
-*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK POLITISCHE SCHRIFTEN UND ***
-
-
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-
-Produced by Karl Eichwalder, Constanze Hofmann, Jens
-Sadowski, and the Online Distributed Proofreading Team at
-http://www.pgdp.net. This book was produced from scanned
-images of public domain material from the Google Books
-project.
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- Heinrich von Kleist's
- Politische Schriften
- und
- andere Nachträge zu seinen Werken.
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-
- Mit einer Einleitung
- zum ersten Mal herausgegeben
- von
- Rudolf Köpke.
-
- Berlin, 1862.
- Verlag von A. Charisius.
- Lüderitz'sche Buchhandlung.
-
- Friedrich von Raumer
- zur Feier
- seines sechszigjährigen Amtsjubiläums
- am 8. December 1861
- in aufrichtiger Verehrung
- gewidmet
- von
- dem Herausgeber.
-
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-
-Nur Wenigen ist es beschieden, den Lebenstag zu sehen, der Ihnen,
-hochverehrter Herr, heute festlich anbricht. Den Zeitraum eines halben
-Jahrhunderts in demselben Kreise durchschritten zu haben, ist kein
-alltäglicher Ruhm unter Menschen, dasselbe Zeitmaß in verschiedenen
-Kreisen des Wirkens zu erfüllen, ist dem Einzelnen noch seltener
-vergönnt; doch wo fünf reichen Jahrzehnten ein sechstes hinzugelegt
-wird, ist es unter den seltenen Festen das seltenste.
-
-Ihnen hat das gegenwärtige Jahr nicht einen, sondern eine Reihe von
-Festtagen gebracht, die ein halbes Jahrhundert Ihres Wirkens in
-Wissenschaft und Lehramt abschließen, und vor wenigen Wochen noch mit
-dem goldenen Kranze des häuslichen Glücks gekrönt worden sind. Der
-heutige Tag vollendet Ihr sechszigstes Jahr im Dienste des Vaterlandes.
-Wer das in ungeschwächter Kraft des Geistes und Körpers erlebt, den
-möchte man versucht sein jenen Männern des Alterthums beizuzählen, die
-der hellenische Weise vor allen glücklich pries. Denn Glück ist die
-reine Entfaltung der eigenen Natur nach ihrem Gesetze, im Einklange
-zugleich mit dem großen Ganzen, dessen dienendes Glied zu sein der
-Einzelne bestimmt ist. Eine solche harmonische Verbindung ist das freie
-Geschenk höherer Macht, darum ist ein Tag wie der heutige ein Tag des
-Glückwunsches, das heißt der dankbaren Anerkennung menschlicher Lebens-
-und Entwicklungsfülle.
-
-Sechszig Jahre, mehr als ein Drittheil unserer Preußischen Geschichte,
-überschauen Sie als Staatsmann, als Lehrer und Geschichtschreiber. Von
-sieben Königen haben Sie fünf erlebt und dreien treu gedient. Das
-Preußen Friedrichs des Großen, den tiefen Fall der alten Staatsformen
-haben Sie gesehen, und dem reformatorischen Gesetzgeber thatkräftig zur
-Seite gestanden, als er die Grundlagen des neuen Staates vorbereitete;
-Sie sind Zeuge gewesen der großen volksthümlichen Erhebung, haben Ihren
-Theil gehabt an den Zeiten innerer Ruhe und wissenschaftlichen Ruhms,
-und eine zweite tiefe Erschütterung überwinden helfen, um nochmals in
-eine neue Umgestaltung des öffentlichen Lebens einzutreten. Zu allen
-Zeiten haben Sie für Gesetz und volksthümliche Freiheit, für den König
-wie für das Vaterland, für Preußen wie für Deutschland als untrennbare
-Mächte, mit den Besten im Bunde, unermüdet und maßvoll gestritten, und
-die Unabhängigkeit des Urtheils und Charakters frei bewahrt.
-
-Als Forscher und Geschichtschreiber haben Sie die Vergangenheit des
-deutschen Vaterlandes in umfassender Weise zuerst erschlossen, und die
-verschiedenen Zeitalter des menschlichen Geschlechts durchmessen. So
-möchte ich Ihnen nachrühmen, was ein alter Schriftsteller von einem
-Geschichtschreiber seiner Zeit sagt, das schönste Loos sei es
-Schreibenswürdiges gethan, Lesenswürdiges geschrieben zu haben. Mögen
-Sie mir verstatten das auszusprechen, da Sie, obgleich nicht selten
-verkannt, dennoch stets ein Verkleinerer Ihrer selbst gewesen sind.
-
-Als einen öffentlichen Ausdruck dieser Gesinnung, die ich Ihnen längst
-im Herzen bewahre, bitte ich Sie die folgenden Blätter betrachten und
-annehmen zu wollen. Ein Zeichen sollen sie sein wissenschaftlicher
-Anerkennung, das ein jüngerer Fachgenosse Ihnen darzubringen wünscht,
-rein menschlicher Hochachtung und aufrichtiger Uebereinstimmung in den
-großen Fragen des Lebens, und endlich des Dankes für die
-freundschaftliche Theilnahme, die Sie mir stets bewiesen haben.
-
-Für diesen Zweck schienen mir diese Blätter vornehmlich geeignet. Denn
-sie sind ein Erbstück aus dem Nachlasse des großen Dichters, in dessen
-Verehrung und Liebe, wir, wie verschieden an Lebensalter und Stellung,
-einander zuerst freundschaftlich begegnet sind; ein bisher unbekannter
-Beitrag zu unserer nationalen Litteratur, der Sie, wie der Kunst, auch
-unter historischen Studien und politischen Kämpfen eine jugendfrische
-Neigung gewahrt haben; der Gesinnungsausdruck eines ebenso hochbegabten
-als unglücklichen Dichters, der wie Sie für die Wiedergeburt des
-Vaterlandes gestritten, den Sie selbst noch von Angesicht gekannt haben.
-Es irrt mich nicht, daß die Berührungen zwischen Ihnen, dem Staatsmanne,
-und dem Dichter nicht freundlicher Art gewesen sind. Persönlich
-unangenehme Erfahrungen haben Sie niemals gehindert gerecht zu sein, und
-Sie haben darum weder dem Menschen Ihre Theilnahme noch dem Dichter Ihre
-Anerkennung versagt. Die damals ausgesprochene Versöhnung wird heute zur
-historischen Sühne. Der Dichter ist nach schwerer Verirrung eingegangen
-in die Ehrenhalle unserer Litteratur; Sie haben seitdem fünfzig Jahre
-des reichsten Wirkens durchlebt, und stehen heute als gefeierter Greis
-voll seltener Jugendfrische und Theilnahme für Alles was die menschliche
-Brust bewegt, am Grabe des Dichters, der am Widerstreit des Lebens zu
-Grunde ging.
-
-Und so wüßte ich Ihnen nur Eines noch zu wünschen, daß Ihnen die Fülle
-der Lebensgüter, die Sie besitzen, noch lange erhalten, und mir Ihre
-Freundschaft bewahrt bleiben möge.
-
- _Berlin_, den 8. December 1861.
-
- Rudolf Köpke.
-
-
-
-
- Inhalt.
-
-
- Seite
- Einleitung 1
- I. Prosa.
- 1. Politische Satiren.
- 1. Brief eines rheinbündischen Officiers an seinen Freund 63
- 2. Brief eines jungen märkischen Landfräuleins an ihren 64
- Onkel
- 3. Schreiben eines Burgemeisters in einer Festung an einen 68
- Unterbeamten
- 4. Brief eines politischen Pescherü über einen Nürnberger 70
- Zeitungsartikel
- 5. Die Bedingung des Gärtners. Eine Fabel 73
- 6. Lehrbuch der französischen Journalistik 74
- 7. Katechismus der Deutschen, abgefaßt nach dem Spanischen, 82
- zum Gebrauch für Kinder und Alte
- 2. Politische Aufrufe und Betrachtungen.
- 1. Einleitung zur Zeitschrift Germania 94
- 2. Aufruf 96
- 3. Was gilt es in diesem Kriege? 97
- 4. Einleitung zu den Berliner Abendblättern. Gebet des 100
- Zoroaster
- 5. Von der Ueberlegung. Eine Paradoxe 101
- 6. Betrachtungen über den Weltlauf 103
- 3. Erzählungen und Anekdoten.
- 1. Warnung gegen weibliche Jägerei 104
- 2. Die Heilung 107
- 3. Das Grab der Väter 110
- 4. Der Griffel Gottes 112
- 5. Muthwille des Himmels. Eine Anekdote 113
- 6. Anekdote aus dem letzten Kriege 114
- 7. Der Branntweinsäufer und die Berliner Glocken 115
- 8. Tages-Ereigniß 116
- 9. Der verlegene Magistrat. Eine Anekdote 117
- 10. Charité-Vorfall 118
- 11. Anekdote 119
- 12. Räthsel 120
- 13. Anekdote 120
- 14. Anekdote 121
- 4. Kunst und Theater.
- 1. Empfindungen vor Friedrich's Seelandschaft 123
- 2. Brief eines Mahlers an seinen Sohn 125
- 3. Brief eines jungen Dichters an einen jungen Mahler 126
- 4. Theater. Den 2. October: Ton des Tages, Lustspiel von Voß 128
- 5. Unmaßgebliche Bemerkung 129
- 6. Schreiben aus Berlin, den 28. October 131
- 7. Die sieben kleinen Kinder 132
- 8. Von einem Kinde, das kindlicher Weise ein anderes Kind 133
- umbringt
- 5. Gemeinnütziges.
- 1. Allerneuester Erziehungsplan 136
- 2. Entwurf einer Bombenpost 145
- 3. Schreiben aus Berlin. 15. October 147
- 4. Aëronautik 149
- II. In Versen.
- 1. Eine Legende nach Hans Sachs. Gleich und Ungleich 153
- 2. Eine Legende nach Hans Sachs. Der Welt Lauf 156
- 3. Epigramme:
- 1. Auf einen Denuncianten. Räthsel 160
- 2. Wer ist der Aermste? 160
- 3. Der witzige Tischgesellschafter 160
- 4. An die Verfasser schlechter Epigramme 160
- 5. Nothwehr 160
- Anmerkungen 161
-
-
-
-
- Einleitung.
-
-
-
-
- I.
-
-
- Wehe, mein Vaterland, dir! Die Leier zum Ruhm dir zu schlagen,
- Ist, getreu dir im Schooß, mir, deinem Dichter, verwehrt,
-
-schrieb Heinrich von Kleist auf das Titelblatt seines vaterländischen
-Dramas die Hermannsschlacht, als er es im Jahre 1808 vollendet hatte. Es
-war eine Grabschrift, die er dem Vaterlande, seiner Dichtung, sich
-selbst setzte, und in finsterm Haß sich in das Schweigen der
-Hoffnungslosigkeit zu vergraben, schien der letzte Trost, den das Leben
-ihm noch nicht geraubt hatte. Voll Liebe zum Vaterlande will er ihm zum
-Ruhme singen, aber in der Gegenwart sieht er es schmachbedeckt in den
-Staub getreten; er wendet den Blick rückwärts, der ruhmvollen
-Vergangenheit entlehnt er den Stoff seiner Dichtung, im Sturme will er
-sein Volk mit sich fortreißen, aber die Hörer verschließen ihm das Ohr.
-Für die Enkel ist es gefährlich geworden, dem Heldenliede von den Thaten
-der Ahnen zu horchen, der Sänger schließt sein »letztes Lied«, »er
-wünscht mit ihm zu enden, und legt die Leier thränend aus den
-Händen!«[1] Keine Bühne will sich seinem vaterländischen Schauspiel
-öffnen. Zurückgewiesen von den Seinen verschließt er einsam den Schmerz
-und das Elend des eigenen Lebens, die Schmach und den Gram Deutschlands
-in jene Worte, die zur schwer lastenden Anklage eines selbstvergessenen
-Volks werden.
-
-Dennoch nennt sich Kleist den Dichter seines Vaterlandes; getreu bleibt
-er ihm im Schooß, während viele andere, denen es Macht, Ehre, Ruhm
-gegeben hatte, untreu geworden waren, es durch That, Wort oder verzagtes
-Schweigen verrathen hatten. Nicht Fürsten und Volksstämme, Generale und
-Staatsmänner allein, auch Männer der Wissenschaft und Dichter hatten das
-gethan. In das Unendliche hatte sich die Wissenschaft versenkt und die
-Welt durchmessen, das Vaterland, in dem sie aufgewachsen war, blieb ihr
-fast fremd; in Griechenland und Rom lebte die Dichtung, in Deutschland
-nicht. Weder die eine noch die andere ahnte das Verderben, das sich
-heranwälzte, bestürzt hatten sie geschwiegen, als es hereinbrach, oder
-den fremden Gewalthaber als den Vollzieher des Weltgeschicks wohl gar
-bewundert und gepriesen. Kleist wollte nichts als sein Deutschland, sein
-oft geschmähtes Brandenburg, ob auch hier »die Künstlerin Natur bei der
-Arbeit eingeschlummert«, ob es auch gerade jetzt doppelt arm und öde
-sein mochte; er wollte es, weil es das Vaterland war.[2] Aus ihm sprach
-die Stimme des lang eingeschläferten Gewissens, das laut mahnte, dem
-Zwiespalt zwischen Weltbürgerthum und Volkssinn, Staat und Vaterland,
-Wissenschaft und Leben ein Ende zu machen, und die tiefsten Kräfte zum
-Kampfe aufzurufen. Jene Verse, wie sein Drama, waren ein erster
-erschütternder Ausdruck der Wiedervereinigung der Dichtung mit dem
-Vaterlande, und darum lassen sie selbst in der Hoffnungslosigkeit die
-Rettung ahnen; es liegt in ihnen der Wendepunkt des deutschen Lebens.
-Denn anders mußte es werden, sobald diese Ueberzeugung allgemein ward;
-selbst die höchsten Güter der Menschheit, denen man so lange
-nachgetrachtet hatte, verloren ihre bildende und heiligende Kraft, wenn
-sie durch den volksthümlichen Muth nicht mehr geschirmt wurden. Es brach
-die Zeit an, wo Schleiermacher und Fichte Volksredner waren, Arndt durch
-Lied und That wirkte und ein jüngeres Dichtergeschlecht heraufwuchs, das
-nicht mehr classisch, sondern vaterländisch sein wollte, selbst zum
-Schwerte griff und kämpfend fiel, wie Körner, oder das Glück der Sieger
-beneidend, den Sieg feierte, wie Schenkendorf und Rückert.
-
-Nicht so glücklich war Kleist; in die Mitte gestellt, zwischen die
-schonungslose Uebermacht der Gegenwart und die zweifelhafte Zukunft, hat
-er weder den Kampf noch den Sieg erlebt, und gleichgültig haben sich
-seine Zeitgenossen von ihm abgewandt. Den Weltklugen zu mystisch, den
-Frommen zu ruchlos, den Politikern zu unpraktisch, den Zahmen zu wild,
-dem Meister der Kunst zu roh und formlos, fand er bei seinem Leben nur
-wenige Freunde, und als der widerwärtige Streit über seinem Grabe
-verstummt war, ward er im Toben des Volkskampfes, den er erwecken
-wollte, fast vergessen, und die Kränze, nach denen er gegeizt hatte,
-wurden andern zu Theil.
-
-Gewiß war er als Mensch weder im Leben noch im Tode frei von schwerer
-Schuld, aber so oft dies auch gesagt worden ist, dem Dichter ist die
-folgende Zeit langer Ruhe kaum gerecht, geschweige denn günstig,
-geworden. Zehn Jahr später hat ihn Tieck in das Gedächtniß des
-genießenden Geschlechtes, dem die starke, männliche Dichtweise unbequem
-geworden war, zurückgerufen. Ihm, seiner reinen Anerkennung verdankt man
-es, wenn Kleist's Stelle in der Litteraturgeschichte gesichert ist. Auch
-das ist langsam und zögernd geschehen. In fünfzig Jahren sind nur zwei
-Gesammtausgaben erschienen, und zwischen beiden liegt ein Menschenalter.
-Nicht ohne Mühe haben sich drei seiner Dramen auf der Bühne
-eingebürgert, gerade das vollendetste, das vorzugsweise heimische,
-mußte, der Gefahr des Unterganges kaum entzogen, am längsten gegen das
-Vorurtheil kämpfen, und die Hermannsschlacht, die schon vor einem halben
-Jahrhundert zünden sollte, hat ihre Hörer bis heute nicht gefunden.
-
-Auch die Nachlese, so ergiebig bei andern Dichtern, und die Kunde von
-seinem Leben ist demselben Mißgeschick verfallen. Einen großen Theil
-seiner Schriften hat er in selbstquälerischer Verachtung zerstört; was
-sonst zu hoffen, war verschollen oder in unbekannten Zeitschriften
-begraben, und erst Julian Schmidt's Ausgabe hat aus dem Phöbus einen
-Theil des Vergessenen wieder ans Licht gebracht. Vereinzelt und zufällig
-sind manche Briefe von ihm zum Vorschein gekommen und unbeachtet
-geblieben; die später von E. v. Bülow und Koberstein herausgegebenen
-größeren Sammlungen sind, wenn auch die erste, fast einzige Quelle, doch
-nicht umfassend genug, um auf sein dunkles Leben ein überall genügendes
-Licht zu werfen. Bülow's freilich nicht erschöpfende doch verdienstliche
-Lebensbeschreibung blieb in der politischen Sturmzeit von 1848, wie
-vierzig Jahre früher der lebende Dichter, fast unbeachtet. Erst in den
-letzten Jahren hat man sich ihm aus dem Gesichtspunkte der allgemeinen
-Zeitgeschichte, in der er in so fragwürdiger Gestalt hervortritt, wieder
-mehr zugewendet.[3] Dennoch scheint eine Seite seines zerrissenen Lebens
-der näheren Besprechung würdig und bedürftig, von allen die erhebendste
-und reinste, in der sich die jähen Widersprüche vielleicht am ersten
-ausgleichen, die vaterländische. Ich würde es nicht unternehmen, allein
-auf Grund des schon benutzten Stoffes darüber zu reden, aber ich bin
-glücklich genug Neues, bisher Unbekanntes oder Vergessenes, hinzufügen
-zu können, und halte es für eine That der Gerechtigkeit, die folgende
-nicht geringfügige Nachlese zu Kleist's Schriften der Oeffentlichkeit zu
-übergeben. Eben hier erscheint er vorzugsweise als politischer
-Schriftsteller, von dieser Thätigkeit mindestens gewinnt man ein
-bedeutend vollständigeres Bild.
-
-Zuerst habe ich Rechenschaft von den Quellen, aus welchen diese
-Nachträge geschöpft sind, abzulegen. Theils sind sie handschriftlicher
-Art, theils gehören sie vergessenen Drucken an; von jenen spreche ich
-zuerst.
-
-Nicht alles, was Tieck aus dem Nachlasse Kleist's besaß, hat er in seine
-Ausgabe aufgenommen. »Auch finden sich«, schreibt er, »in seinem
-Nachlasse Fragmente aus jener Zeit (1809), die alle das Bestreben
-aussprechen, die Deutschen zu begeistern und zu vereinigen, sowie die
-Machinationen und Lügenkünste des Feindes in ihrer Blöße hinzustellen:
-Versuche in vielerlei Formen, die aber damals vom raschen Drang der
-Begebenheiten überlaufen, nicht im Druck erscheinen konnten, und auch
-jetzt, nach so manchem Jahre und nach der Veränderung aller
-Verhältnisse, sich nicht dazu eignen.«[4] Also Schriftstücke
-politischen, vaterländischen Inhalts, die ein Aufruf an das Volk sein
-sollten, jedoch nie zur Verwendung gekommen sind, waren es, die Tieck im
-Jahre 1821 vor sich hatte. Zunächst scheint ihn die Rücksicht auf die
-Erregung des eben durchgekämpften Völkerkrieges, die jetzt friedlichern
-Stimmungen Platz machen sollte, von der Veröffentlichung abgehalten zu
-haben, und noch 1826 glaubte er dabei stehen bleiben zu müssen. Auch
-mochten ihm diese Fragmente im Vergleiche mit den großen Dichtungen
-minder bedeutend scheinen. Er sah in Kleist einen befreundeten
-gleichzeitigen Dichter, dem er aus den vollendetsten Werken ein Denkmal
-errichten wollte, von welchem er das Geringfügigere meinte ausschließen
-zu können. Ueberhaupt war seine Kritik ein Ausdruck der Begeisterung für
-den Gegenstand, mehr ästhetisch, allgemein anschauend und nachdichtend
-als historisch philologisch; er konnte zufrieden sein, den Dichter und
-dessen Werke der Vergessenheit entrissen und in genialen Zügen ein groß
-gehaltenes Bild beider entworfen zu haben. Ganz anders stand es, als
-zweiundzwanzig Jahre später Bülow in der Vorrede zum Leben Kleist's
-schrieb:[5] »Die schon von Tieck besprochenen zerstreuten politischen
-Blätter aus dem Jahre 1809 habe ich ebenfalls durchgesehen und des
-Druckes meist unwerth befunden.« Diese »Reliquien«, die er damals noch
-unverkürzt in Händen hatte, legte er also in demselben Augenblicke als
-unwichtig bei Seite, wo er den Untergang oder die absichtliche
-Zurückhaltung anderer beklagte. Der Umstand allein hätte den Biographen
-bestimmen sollen, nicht seinem persönlichen Geschmacksurtheil über den
-Werth dieser Blätter, sondern dem historischen Gesetze zu folgen, das zu
-retten gebietet, was noch zu retten ist, damit das Bild des Dichters so
-getreu als möglich hergestellt werden könne. Das verlangte die
-inzwischen zur Wissenschaft herangereifte Litteraturgeschichte, die auch
-für die Schriftsteller der nächsten Vergangenheit eine willkürliche
-Kritik dieser Art nicht mehr duldete. Nicht ohne ironisches Lächeln über
-Kleist's »naive Absicht« begnügte er sich, einen dieser Aufsätze,
-überschrieben: »Was gilt es in diesem Kriege?« sorglos abdrucken zu
-lassen. Von Tieck hatte Bülow diese Papiere erhalten; im Nachlasse des
-einen oder des andern mußten sie aufbewahrt sein.
-
-Unter den zahlreich angesammelten Handschriften Tieck's fand sich in der
-That eine, die aus dem Nachlasse Kleist's herstammte, eine Abschrift der
-Penthesilea, vom Dichter durchgesehen und nicht ohne bedeutende
-Veränderungen einzelner Verse und Worte von seiner Hand. Aus der
-Vergleichung mit der Tieckschen Ausgabe, welcher der Druck von 1808 zu
-Grunde liegt, und den nicht unerheblich abweichenden Bruchstücken im
-Phöbus, ergab sich diese Handschrift als eine dritte noch frühere
-Bearbeitung selbständigen Charakters, die auf's neue beweist, wie
-sorgfältig Kleist seine Dichtungen im einzelnen durcharbeitete. Dagegen
-schien sich die nah liegende Vermuthung, der Herausgeber der
-Kleist'schen Schriften werde von seinen Sammlungen mehr als dieses eine
-Erinnerungszeichen bewahrt haben, nicht zu bestätigen, als sich später,
-bei der Durchsicht eines Restes ungeordneter Papiere, noch eine Anzahl
-Blätter nach und nach unerwartet zusammenfanden. Es war ein Theil des
-großartigen Bruchstücks Robert Guiskard, das Kriegslied der Deutschen,
-das Sonett an die Königin von Preußen und das an den Erzherzog Karl im
-März 1809, denen sich einiges Prosaische anschloß; im Ganzen 28
-Halbbogen und 6 Blätter in Quart bläulich grauen Streifenpapiers, dessen
-höheres Alter nicht bezweifelt werden konnte. Nur freilich waren es
-nicht Kleist's Schriftzüge, sondern die altmodisch steife Hand eines
-sächsischen Schreibers, von der alles, nach der Tinte zu urtheilen, fast
-in einem Zuge geschrieben worden war. Zwar beginnt die Zählung der
-Seiten mehr als einmal von vorn und manche Blätter sind gar nicht
-bezeichnet, aber offenbar liegt hier ein Bruchstück einer Handschrift
-vor, die wenngleich sehr verschiedenartigen Inhalts, doch äußerlich ein
-Ganzes bilden sollte.
-
-Bei näherer Untersuchung des prosaischen Theils fanden sich mehrere
-bisher unbekannte Aufsätze: fünf Halbbogen, unter der Ueberschrift
-»Satyrische Briefe«, deren drei numerirt aufeinander folgen: »1. Brief
-eines rheinbündischen Officiers an seinen Freund; 2. Brief eines jungen
-märkischen Landfräuleins an ihren Onkel; 3. Schreiben eines
-Burgemeisters in einer Festung an einen Unterbeamten«; welchen sich ohne
-Zahlenbezeichnung ein vierter anschließt »Brief eines politischen
-Pescherü (so) über einen Nürnberger Zeitungsartikel.« Auf einem
-Quartblatt folgte »die Bedingung des Gärtners, eine Fabel«; dann vier
-Halbbogen »Lehrbuch der französischen Journalistik«, sechs Halbbogen und
-ein Blatt »Katechismus der Deutschen, abgefaßt nach dem Spanischen zum
-Gebrauch für Kinder und Alte«, jedes Stück mit besonderer Seitenzählung;
-endlich noch vier nicht paginirte Halbbogen, drei Stücke enthaltend,
-eines mit der Aufschrift »Einleitung«, ein anderes ohne Titel beginnend
-mit der Anrede »Zeitgenossen«, das dritte mit der Ueberschrift »Was gilt
-es in diesem Kriege?« Eben dieses Blatt hatte Bülow herausgegriffen; es
-war also kein Zweifel mehr, die politischen Blätter Kleist's, die er
-nach Tieck's Vorgang bei Seite gelegt hatte, waren noch erhalten. Gewiß
-ein glücklicher Fund, der durchaus Neues ans Licht brachte und für
-manchen andern Verlust entschädigen konnte. Die nächste Frage, ob er
-vollständig sei, beantwortete sich leider verneinend. Die Seitenzahlen
-des Katechismus ergeben, daß der dritte und sechste Halbbogen fehle; das
-Lehrbuch der französischen Journalistik bricht mit Paragraph 25, die
-Einleitung mitten im Satze ab; ursprünglich mußten diese Blätter
-vollzählig gewesen sein.
-
-Ohne besondere Veranlassung zur Herausgabe und andern Arbeiten
-hingegeben, hatte ich mich längere Zeit bei diesem Ergebniß beruhigt,
-als die Briefe Kleist's an seine Schwester mich zu jenen politischen
-Bruchstücken zurückführten; denn was etwa noch gefehlt hätte, ein
-bestimmtes Zeugniß des Verfassers selbst, fand sich hier. Am 17. Juni
-1809 nach der Schlacht von Wagram und dem Waffenstillstand von Znaym
-schrieb er von Prag aus, wohin ihn seine Hoffnungen auf Oesterreich
-geführt hatten, an seine Schwester: »Gleichwohl schien sich hier durch
-B. (Brentano?) und die Bekanntschaften, die er mir verschaffte, ein
-Wirkungskreis für mich eröffnen zu wollen. Es war die schöne Zeit nach
-dem 21. und 22. Mai, und ich fand Gelegenheit meine Aufsätze, die ich
-für ein patriotisches Wochenblatt bestimmt hatte, im Hause des Grafen v.
-Kollowrat vorzulesen. Man faßte die Idee, dieses Wochenblatt zu Stande
-zu bringen, lebhaft auf, Andere übernahmen es, statt meiner den Verleger
-herbeizuschaffen, und nichts fehlte als eine höhere Bewilligung, wegen
-welcher man geglaubt hatte, einkommen zu müssen. So lange ich lebe,
-vereinigte sich noch nicht so viel, um mich eine frohe Zukunft hoffen zu
-lassen, und nun vernichten die letzten Vorfälle nicht nur diese
-Unternehmung, -- sie vernichten meine ganze Thätigkeit überhaupt.«
-
-Also ein Theil der Aufsätze, die Kleist im Frühjahr 1809 für ein
-patriotisches Wochenblatt bestimmt hatte, ist in diesen Blättern
-enthalten, nach allen äußeren Zeugnissen kann seine Autorschaft keinem
-Zweifel unterliegen. Heutiges Tages indeß, wo es darauf ankommt den
-Stoff der abgeschlossenen Litteraturperiode zu sammeln und zu sichten,
-wird man bisher unbekannte Schriften eines bedeutendern Dichters nicht
-leicht aus der Hand geben, ohne sie einer allseitigen Durchforschung
-unterworfen zu haben, auch wenn ihre Aechtheit feststeht. Es ist daher
-gerathen, auch diese Briefe und Aufrufe nach Form und Inhalt näher zu
-prüfen; auch schon aus dem Grunde, weil dies zugleich für einige andere
-Stücke, deren Kleistischer Ursprung äußerlich weniger verbürgt ist, den
-erforderlichen Maßstab gewähren wird. Um die stilistische Gestaltung
-dieser politischen Aufsätze zu beurtheilen, wird man zunächst auf eine
-etwas allgemeinere Betrachtung der Prosa Kleist's hingewiesen.
-
-Seine prosaischen Schriften, äußerlich weniger umfassend als die
-versificirten Dichtungen, bestehen aus Erzählungen und Briefen. Nur in
-jenen erscheint er in voller bewußter Kraft, in ihnen wird man daher den
-Schriftsteller studieren können, während diese vom Augenblicke
-eingegeben, ungleich und schwankend, bald lehrhaft, bald fieberisch
-erregt und abspringend den Menschen und den jähen Wechsel seiner
-Stimmungen auch in der Form zeigen. In der darstellenden Prosa ist er
-Meister, so daß Tieck der Ansicht war, hier entfalte sich sein Talent
-vielleicht noch glänzender als im Drama. Könnte man einige Auswüchse
-beseitigen, die in seiner Natur wurzeln und von der vollendetern
-Handhabung der Form unabhängig sind, man würde von seinen acht
-Erzählungen die vier ersten größeren und sorgfältig durchgearbeiteten
-mustergültig nennen können. In der Haupttugend aller Erzählung beruhen
-ihre Vorzüge, in der durchsichtigsten Gegenständlichkeit. Ueberall
-treten Personen und Verhältnisse in festen und kräftigen Umrissen, bis
-zur sinnlichen Greifbarkeit deutlich hervor. Alles ist Bewegung, Leben,
-That, nirgend eine Stockung, eine todte Beschreibung, die sich abmüht
-viele einzelne Züge zusammen zu lesen, und es eben darum nie zu einem
-ganzen Bilde bringt, während hier die glückliche Einflechtung _eines_
-unscheinbaren Zuges auf einzelne Personen und ganze Gruppen einen hellen
-Rückstrahl wirft, der das Ganze in neuem überraschendem Lichte
-erscheinen läßt. Weil der Dichter diese Gestalten als ob sie lebten mit
-seinem Auge sah und darstellte, erweckt er in der Seele des Lesers,
-diesem unbewußt, die Kraft des dichterischen Nachschaffens. Mit der
-Selbstentäußerung eines Geschichtschreibers oder Dramatikers
-verschwindet er hinter seiner Darstellung, nirgend sieht man ihn mit
-zufahrender Hand in das Spiel hineingreifen und die Täuschung
-ungeschickt selbst zerstören, nirgend sich mit seinen Empfindungen und
-Betrachtungen aufdrängen; auch nicht in den Reden und Handlungen der
-Personen findet man ihn, weil sie überall ganz eigenthümlich, aus ihrer
-Stimmung, unter diesen gegebenen Umständen fühlen und handeln. Nur aus
-der Gesammtwirkung aller Kräfte, die er spielen läßt, ist sein letzter
-Gedanke zu erkennen. Und weil er seinen Menschen so wenig als sich
-selbst Abschweifungen philosophierender Betrachtung oder
-überschwellenden Gefühls verstattet, haben sie nichts von der
-idealistischen Weise anderer Dichtergestalten; sie sind vielmehr von
-einer realistischen Derbheit, die in Härte und Schroffheit übergehen
-kann, aber eben darum scheinen sie aus Phantasiegeschöpfen zur Höhe
-historischer Charaktere, in denen sich ganze Menschengattungen und
-Zeiten darstellen, emporzuwachsen.
-
-Er selbst nähert sich dadurch, so weit sich das von dem Dichter sagen
-läßt, der Grenze des Geschichtschreibers. Ohne es sein zu wollen, oder
-auch nur den Anspruch des historischen Romanstils zu erheben, hat ihn
-sein historischer Realismus auf den geschichtlichen Boden geführt.
-Unmittelbar aus dem Leben, aus Gegenwart oder Vergangenheit schöpft er
-den Stoff, wie schon seine Vorliebe für die Anekdote beweist, die er da
-und dort aufgegriffen hat, und von denen er manche bis zur Erzählung
-ausspinnt. Auf diese lebendige Quelle deutet er bei der »Marquise von
-O.« mit dem wichtigen Zusatze, der sich nur im Phöbus, nicht aber in den
-Ausgaben findet, selbst hin: »Nach einer wahren Begebenheit, deren
-Schauplatz vom Norden nach dem Süden verlegt worden.«[6] Wieder aber hat
-er diese Episode, in der er die ganze Fülle seines Talents entfaltet, in
-den Hintergrund des großen gleichzeitigen Revolutionskrieges eingefügt.
-Ebenso hat er im »Kohlhaas«, dem »Erdbeben in Chili«, der »Verlobung in
-St. Domingo« sich großen historischen Verhältnissen entweder
-angeschlossen, oder deren Natur an einem einzelnen Falle meisterhaft
-dargestellt; wie denn die erste Erzählung, sicherlich ohne daß er es
-beabsichtigte, zugleich eine ergreifende Darstellung des Ständekampfes
-geworden ist, der unter der Nachwirkung der Reformation in ganz
-Deutschland entbrannte. Selbst die Verirrungen, in denen er unerwartet
-eine andere Seite seines Innern herauskehrt, und sich mit vollständiger
-Verleugnung des historischen Charakters auf das Gebiet des dunkeln Wahns
-verlocken läßt, dienen nur dazu, die Kraft seiner Darstellung in
-hellerem Lichte erscheinen zu lassen; denn auch die Traumgebilde seiner
-Phantasie hat er so mit Fleisch und Blut zu bekleiden gewußt, daß man
-sie sieht, ohne an ihre Wahrheit zu glauben. Sein »Kohlhaas« bleibt
-trotz des unhistorischen Vornamens Michael und trotz des mythischen
-Kurfürsten von Sachsen, bei dem der Historiker von Fach nur mit
-Haarsträuben an den standhaften Johann Friedrich denken kann, nach
-Auffassung und Darstellung eine fast vollendete historische Erzählung,
-deren Grundzüge dem Thatsächlichen entsprechen. Denn die Zurückhaltung
-der Pferde, die Rechtsverweigerung und Verschleppung sächsischer Seits,
-die Niederbrennung der Vorstadt von Wittenberg, das Gespräch mit Luther
-sind historisch.[7] Nach ihrer Kunstform könnte sie ohne Uebertreibung
-ein in Prosa ausgelöstes Epos genannt werden.
-
-Auch sind seine Erzählungen von der modernen Novelle, dem historischen
-Roman und dem, was heute dafür gelten will, sehr verschieden. Die
-Novellenhelden sind überwiegend Träger der Reflexion, sie kämpfen die
-Gegensätze nicht nach außen wirkend, durch die That aus, sondern in
-dialectischem Ringen mit sich selbst, sie ziehen die ganze Welt in den
-Strom ihrer Betrachtungen hinein, und dessen ungeachtet verblassen sie
-zu Schatten, die nach dem Lehrbuche sprechen. Andererseits in den
-neueren sogenannten historischen Romanen, die mit der Macht der
-Geschichte den Zauber der Dichtung zu verbinden wähnen, werden die
-historischen Riesen auf das zwerghafte Maß einer schwächlichen Phantasie
-herabgedrückt, die eigentlich nur deshalb ihre Zuflucht zur Geschichte
-nimmt, weil diese mit der unübersehbaren Fülle eigenthümlicher Gestalten
-der dürftigen Erfindung zu Hülfe kommt. Der falsche Schein historischer
-Kenntniß soll die Mängel der Dichtung verdecken, und schließlich
-verliert jede von beiden den reinen und ursprünglichen Charakter durch
-die Verbindung mit der anderen.
-
-So sehr Kleist Dramatiker ist, so vermeidet er doch in der Erzählung in
-der Regel den unmittelbaren Dialog, der in neueren Novellen so die
-Oberhand gewonnen hat, daß der verkehrte Versuch einer wörtlichen
-Uebertragung in das Drama hat gewagt werden können. Dagegen hat er im
-vollsten Verständnisse dieser Darstellungsweise die indirecte Rede
-überwiegend gebraucht. Auch da, wo seine Personen direct reden müßten,
-ist er epischer Berichterstatter, er läßt sie nicht aus dem Rahmen des
-Ganzen selbständig heraustreten, sondern verwandelt ihre Rede in ein
-Handeln, von dem er zu erzählen hat. Es ist bemerkt worden, sein
-dramatischer Dialog verrathe in den unruhigen Sprüngen, in dem hastigen
-Hin- und Wiederfliegen von Frage und Antwort, wodurch die Lebhaftigkeit
-zwar gesteigert wird, die innere Erregtheit des Dichters; seiner
-erzählenden Rede ist diese Zerrissenheit durchaus fremd. Mit gleichem
-Wellenschlage fließt sie wie ein breiter Strom dahin, auf dem der Hörer
-sich mit stets gleicher Theilnahme von einer Windung zur andern tragen
-läßt.
-
-Mit Vorliebe baut Kleist lange Perioden, architectonisch erheben und
-schließen sie sich, ohne je zu erstarren; der Belege im einzelnen bedarf
-es kaum, jede Seite bietet sie dar. Aus vielen herausgegriffen möge
-folgende Periode hier eine Stelle finden:[8] »Der Roßhändler, _dessen_
-Wille durch den Vorfall, _der_ sich auf dem Markt zugetragen, in der
-That gebrochen war, wartete auch nur, _dem_ Rath des Großkanzlers gemäß,
-auf eine Eröffnung von Seiten des Junkers oder seiner Angehörigen, _um_
-ihnen mit völliger Bereitwilligkeit und Vergebung alles Geschehenen
-entgegenzukommen: _doch_ eben diese Eröffnung zu thun, war den stolzen
-Rittern zu empfindlich, _und_ schwer erbittert über die Antwort, _die_
-sie von dem Großkanzler empfangen hatten, zeigten sie dieselbe dem
-Kurfürsten, _der_ am Morgen des nächstfolgenden Tages den Kanzler, krank
-_wie_ er an seinen Wunden darniederlag, in seinen Zimmern besucht
-hatte.« Der Wendepunkt dieser Periode liegt in dem _doch_, durch das sie
-in zwei gleich wiegende Hälften getheilt wird; jede hat zwei obere
-Nebensätze, die einen untern in sich umfassen, in dem eine nähere
-Begründung gegeben wird; beide schließen mit der Andeutung des Zieles
-ab, das erreicht werden soll. Der thatsächliche wie stilistische
-Nachdruck liegt auf den letzten Worten, sie leiten die Bewegung weiter.
-Umsonst versucht der Roßhändler seinen Zweck zu erreichen, um so besser
-erreichen die Ritter, die keine Versöhnung wollen, den ihren, die Rache.
-Man gewinnt den vollsten Ueberblick der Parteien, ihrer Stimmung, ihres
-Verhältnisses zu einander, ihrer Erfolge. Kleist's Perioden sind
-kunstvoll ohne verwickelt, reich ohne überladen zu sein, vielgliederig
-ohne Leben und Bewegung zu verlieren. Es ist ein Beweis bedeutender
-Meisterschaft, wenn man sich dem Zuge der deutschen Sprache zu
-weitläufigen Satzgefügen überlassen darf, weil die strenge Fassung, die
-nichts Ueberflüssiges hinzufügt, die Möglichkeit eines Vorwurfs der
-Weitläufigkeit nicht einmal aufkommen läßt.
-
-Noch verschlungener werden sie, wenn sich die mittelbare Rede zu
-entfalten beginnt, sei es, daß sie den Dialog einführe, oder über
-Seelenvorgänge berichte. Selten nur wird durch steigende Lebendigkeit
-die mittelbare Rede in die unmittelbare fortgerissen, wie in folgender
-Periode, die ebenfalls charakteristisch ist:[9] »Luther, der unter
-Schriften und Büchern an seinem Pulte saß, und den fremden besonderen
-Mann die Thür öffnen und hinter sich verriegeln sah, fragte ihn: _wer_
-er sei und was er wolle? _und_ der Mann, _der_ seinen Hut ehrerbietig in
-der Hand hielt, hatte nicht sobald mit dem schüchternen Vorgefühl des
-Schreckens, _den_ er verursachen würde, erwiedert: _daß_ er Michael
-Kohlhaas der Roßhändler sei; als Luther schon: »weiche fern hinweg!«
-ausrief, _und indem_ er vom Pult erstehend nach einer Klingel eilte,
-hinzusetzte: »dein Odem ist Pest und deine Nähe Verderben!« Häufig
-dagegen zieht sich die indirecte Rede leicht und geschickt durch die
-längsten Wendungen hin, bisweilen freilich, auch über die Grenze des
-Erlaubten hinaus. So wird z. B. in der »Marquise von O.« der Inhalt
-einer Rede in einer Reihe von Sätzen, die durch ein fünfzehnmal
-wiederholtes daß -- daß -- verbunden sind, wiedergegeben.[10] Ich weiß
-nicht, ob Kleist die Novellen des Cervantes studiert oder auch nur
-gekannt hat; aber lebhaft wird man an die hohe Gegenständlichkeit der
-Darstellung, an den vollen klaren Fluß der getragenen Perioden des
-Spaniers erinnert.
-
-Doch auch bei dem Meister ist das wahrhaft Vollendete immer noch nicht
-das Gewöhnliche. Jeder Schriftsteller hat Angewohnheiten des Stils,
-geringfügig scheinende Eigenthümlichkeiten, die um so häufiger sein
-können, je leichter sie sich dem Blick, der auf das Ganze gerichtet ist,
-entziehen. Aber er kommt dadurch in Gefahr, aus dem Stil in die Manier
-zu gerathen, und er wird ihr verfallen, wenn der freie Ausdruck des
-Inhalts von der bequemen Gewohnheit geleitet wird, statt sie zu leiten.
-Wie Goethe hat auch Kleist dergleichen Angewohnheiten. Es ist die
-Vorliebe für gewisse Bindewörter, die er gebraucht, um die Spannung des
-Lesers zu steigern oder herabzustimmen. Am auffallendsten ist das
-unzählige Mal wiederkehrende »dergestalt daß«, das er als anschaulichere
-Redeweise dem nüchtern »so daß« vorzieht. Durch alle Erzählungen läßt
-sie sich verfolgen, im Kohlhaas allein sind ohne große Mühe ein Paar
-Dutzend Beispiele dafür aufzufinden. Nicht minder häufig ist der
-Gebrauch von »gleichwohl«, wo es eine Bedingung, einen unerwarteten
-Gegensatz ankündigen soll, den man mit »dennoch, dessen ungeachtet«
-einleiten würde. Ferner die gleichzeitige Ereignisse oder Erwägungen
-vorführende Redensart »nicht sobald -- als«, für »kaum, in dem
-Augenblick als«; ebenso »inzwischen«, dann das gleichgültige oder
-ungeduldig abweisende »gleichviel«, das bedingende »falls« für »wenn.«
-Alle diese Lieblingswendungen sind auch den Dramen, namentlich dem
-prosaischen Dialog, nicht fremd.[11] Dagegen hat sich Kleist von einem
-andern Fehler, dem auch die Größten verfallen sind, um so reiner
-erhalten, von widerlich störender Wortmengerei. Fremdwörter braucht er
-in der Regel nur da, wo etwa Kunstausdrücke unvermeidlich sind, überall
-bietet sich ihm an der rechten Stelle das rechte deutsche Wort ungesucht
-dar. Hier übertrifft er Schiller und den alternden Goethe bei weitem. Es
-ist der Ausdruck seiner deutschen Natur; eben darum greift er auch
-bisweilen selbst im Verse zu Provinzialismen, die nichts weniger als
-edel, aber sehr bezeichnend sind.
-
-Faßt man dies Alles zusammen, den künstlerischen Bau der Perioden, seine
-Vorliebe für die mittelbare Rede, die Reinheit seines Ausdruckes, die
-unbewußten stilistischen Gewohnheiten, so gewinnt man eine Anzahl von
-Merkmalen, nach denen sich mit ziemlicher Gewißheit feststellen läßt, ob
-man es mit Kleist's Wort und Schrift zu thun habe oder nicht.
-
-
-
-
- II.
-
-
-Die vier satirischen Briefe bilden gewissermaßen ein dramatisches
-Ganzes, sehr verschiedene Personen sprechen sich über dieselben
-Ereignisse, jede in ihrer Weise aus. Der rheinbündische Officier, das
-Landfräulein, der Burgemeister; diesen ironischen Charakteren steht der
-politische Pescherü mit seinen einfachen Betrachtungen als Chor
-gegenüber. Der erste Brief ist in kurz abschneidender französirender
-Standessprache geschrieben. Das Landfräulein schreibt, wie schon der
-Eingangssatz beweist, in der verschlungenen Weise Kleist's;
-architectonisch durchgeführt sind Perioden wie die »Allein, wenn die
-Ansicht u. s. w.« oder: »Aber die Beweise, die er mir, als ich zurückkam
-u. s. w.«, denen die beiden letzten des Briefes, mit ihrem »inzwischen«
-und »gleichwohl« an die Seite gestellt werden können. In dem Schreiben
-des Burgemeisters (I, 1, 3) gilt es, die pedantische Langstiligkeit
-amtlicher Erlasse darzustellen; der Wortschwall ironisirt sich selbst,
-er soll betäuben und über die Schmählichkeit des Inhalts täuschen.
-Bezeichnend ist die unübersehbare Periode: »Indem wir euch nun diesem
-Auftrage gemäß u. s. w.«
-
-Der Brief des politischen Pescherü (I, 1, 4) stellt neun genau abgefaßte
-Fragen auf; in der fünften heißt es: »Ist er es, der den _König_ von
-Preußen -- zu Boden geschlagen hat, und auch selbst nach dem Frieden
-noch mit seinem _grimmigen Fuß auf dem Nacken_ desselben _verweilte_«?
-Diese Bezeichnung vollständigster Vernichtung ist ein Lieblingsbild
-Kleist's. Im fünften Auftritt der Penthesilea sagt Asteria:
-
- Den _Fußtritt_ will er, und erklärt es laut,
- _Auf deinen königlichen Nacken setzen_;
-
-im neunten Auftritt wiederholt Penthesilea:
-
- Laßt ihn den _Fuß gestählt_, es ist mir recht,
- _Auf diesen Nacken setzen_!
-
-Und die Hermannsschlacht beginnt mit den Worten:
-
- Rom, dieser Riese, der --
- _Den Fuß auf_ Ost und Westen _setzet_,
- Des Parthers muthgen _Nacken_ hier,
- Und dort den tapfern Gallier _niedertretend_.
-
-Unter 7 heißt es im Briefe: »Ist er es, der -- Preußen, _den letzten
-Pfeiler Deutschlands sinken_ sah« --? Und in den ersten Versen der
-Hermannsschlacht:
-
- Und Hermann der Cherusker endlich,
- Zu dem wir, als _dem letzten Pfeiler_ uns
- Im allgemeinen _Sturz Germanias_ geflüchtet --
-
-Endlich in der neunten Frage wird auf den Kaiser Franz folgendes
-Gleichniß angewendet: »der wie Antäus, _der Sohn der Erde, von seinem
-Fall erstanden ist, um_ das Vaterland _zu retten_.« In dem Gedichte vom
-1. März 1809 an denselben singt Kleist:
-
- O Herr, du trittst, der Welt _ein Retter_,
- Dem Mordgeist in die Bahn,
- Und wie _der Sohn der_ duftgen _Erde_
- _Nur sank, damit_ er stärker werde,
- _Fällst du_ von Neu'm ihn an.[12]
-
-Die Fabel »die Bedingung des Gärtners« entspricht in ihrer Fassung den
-beiden Fabeln, die 1808 im Phöbus erschienen.
-
-In ganz anderem Ton ist das »Lehrbuch der französischen Journalistik«
-gehalten. Obgleich die knappe Form dieser geschlossenen Reihe von
-Erklärungen, Lehrsätzen, Aufgaben und Beweisen der entfalteten Rede
-keinen Raum gestattet, so haben sich doch auch hier die
-Lieblingswendungen eingeschlichen. Es ist bekannt, welche Neigung Kleist
-für diese Darstellungsweise und den strengen Beweis hatte. Wie er zuerst
-meinte, seine Lebensaufgabe auf dem Gebiete der Mathematik gefunden zu
-haben, so ist er auch später, namentlich in den Briefen, geneigt, wo die
-Leidenschaft nicht durchbricht, seine Gedanken in streng logische
-Formeln zu bringen. Leider ist das Lehrbuch der Journalistik in 25
-Paragraphen unvollständig. Wahrscheinlich hatte er es zu Ende geführt,
-doch sind die letzten Blätter verloren gegangen. Den obersten
-Grundsätzen und Definitionen folgt im Paragraph 10 die Eintheilung der
-Journalistik mit dem ersten Capitel: »Von der Verbreitung der
-wahrhaftigen Nachrichten« in zwei Artikeln »von den guten und den
-schlechten Nachrichten«; ein zweites Capitel von der Verbreitung
-falscher Nachrichten mußte folgen, und dieses fehlt.
-
-In dem »Katechismus der Deutschen« hat Kleist die Einförmigkeit des
-katechisirenden Tons, in dem die Antwort das Echo der Frage ist, so zu
-beleben gewußt, daß er durchaus charakteristisch wird, und einzelne
-Redewendungen von Vater und Sohn an den dramatischen Dialog, etwa die
-einfachen Gegenreden Käthchens in der ergreifenden Scene mit ihrem Vater
-erinnern.[13] Auch andere Anklänge fehlen nicht. Die Schilderung des
-Erzfeindes findet an mehr als einer Stelle ihr Seitenstück. Sie lautet
-7: »Als _einen der Hölle entstiegenen Vatermörder_, der herumschleicht
-_in dem Tempel der Natur und an allen Säulen rüttelt_, auf welchen er
-gebaut ist.« Im Käthchen von Heilbronn schleudert der alte Theobald dem
-Grafen Strahl folgende Worte zu:
-
- Ein glanzumflossener _Vatermördergeist_,
- _An jeder der_ granitnen _Säulen rüttelnd_,
- _In dem_ urewigen _Tempel der Natur_,
- Ein Sohn _der Hölle_, den u. s. w.
-
-In der Hermannsschlacht sind Raub, Brand und Mord ein
-»_höllenentstiegener_ Geschwisterreigen« und in dem Gedichte »Germania
-an ihre Kinder« ist es »eines _Höllensohnes_ Rechte«, die das eiserne
-Joch der Knechtschaft auferlegt. Im Katechismus 9 soll, wer weder liebt
-noch haßt, wenn es sich um die Freiheit des Vaterlandes handelt, in die
-tiefste, siebente Hölle, in der Hermannsschlacht der Verräther in die
-neunte Hölle stürzen. Dort wird die Frage verneint, ob nicht »das Blut
-vieler tausend Menschen nutzlos geflossen, die _Städte verwüstet_ und
-_das Land verheert_ worden sei«, wenn man im Kampf unterliege. In
-dichterischer Sprache wird derselbe Einwand abgewiesen »Germania und
-ihre Kinder«:
-
- Nicht die Flur ist's, die zertreten
- Unter ihren Rossen sinkt,
- Nicht der Mond, der in den Städten
- Aus den öden Fenstern blinkt,
- Nicht das Weib, das mit Gewimmer
- Ihrem Todeskuß erliegt.[14]
-
-Die drei folgenden Stücke (I, 2, 1-3) sind nicht blos ein persönlicher
-Gefühlserguß, sondern Aufrufe an das Volk, die Kampf und Rache erwecken
-sollen. Das erste kündet sich als »Einleitung« einer Zeitschrift an, und
-ist im Tone der glühendsten vom Hasse eingegebenen Beredsamkeit
-geschrieben; der Erzherzog Karl ist der volksthümliche Held, »_der
-Bezwinger des Unbezwungenen_«, oder, wie er in dem Siegesliede nach der
-Schlacht von Aspern genannt wird, »der _Ueberwinder des
-Unüberwindlichen_.« Germania soll der Name dieser Zeitschrift sein;
-»_Hoch auf den Gipfel der Felsen_ soll sie sich stellen, und den
-_Schlachtgesang herabdonnern ins Thal_«, wie in dem Gedichte Germania
-ihren Kindern zuruft:
-
- Mit dem Spieße, mit dem Stab
- Strömt _ins Thal der Schlacht hinab_!
- -- --
- _Das Gebirg hallt donnernd_ wieder --
- -- --
- Und vom _Fels herab_ der Ritter,
- Der sein Cherub, _auf ihm steht_.
-
-Die Germania der Zeitschrift will singen: »Vaterland, -- welch _ein
-Verderben seine Wogen_ auf dich _heranwälzt_.« In dem letzten Lied
-
- Kommt _das Verderben_ mit entbundenen _Wogen_
- Auf Alles, was besteht, _herangezogen_.
-
-Jene will »_die Jungfrauen des Landes herbeirufen_, wenn der Sieg
-erfochten ist, daß _sie sich_ niederbeugen über die, so gesunken sind«;
-und das Lied an den Erzherzog Karl nach der Schlacht bei Aspern singt:
-
- Siehe, die _Jungfraun rief ich herbei des Landes_,
- Daß sie zum Kranz den Lorbeer flöchten.[15]
-
-Der Grundton der Einleitung ist in dem Gedicht Germania zum gewaltigen
-Schlachtgesang geworden, und kaum wird man sich der Ueberzeugung
-verschließen können, gerade für die Eröffnung dieser Zeitschrift sei es
-geschrieben worden. Der Schluß der Einleitung fehlt; dagegen scheint das
-folgende Stück, das ohne Ueberschrift mit dem aus einer andern Schrift
-entlehnten Aufrufe »Zeitgenossen!« beginnt, von Kleist selbst nicht
-abgeschlossen zu sein, wenigstens die Abschrift ist nicht vollständig,
-denn mit dem Ausrufe »Was?« bricht der Text mitten auf der Seite ab. Es
-sollen diejenigen, die sich auf den Trümmern des Vaterlandes in die
-bequeme Ruhe der Ungläubigkeit einwiegen, aufgeschreckt und ihnen die
-Augen über den Abgrund, an dem sie stehen, geöffnet werden. Das Ziel des
-Kampfes wird bezeichnet in dem Aufruf »Was gilt es in diesem Kriege?«
-Wenn es heißt: »Deren (der deutschen Nation) Unschuld selbst in dem
-Augenblick noch, da der Fremdling sie belächelt oder wohl gar
-verspottet, sein Gefühl geheimnißvoll erweckt, dergestalt daß« -- so
-giebt dazu die Hermannsschlacht ein treffendes Beispiel, wo der Römer
-von dem Deutschen sagt:
-
- In einem Hämmling ist, der an der Tiber graset,
- Mehr Lug und Trug, muß ich Dir sagen,
- Als in dem ganzen Volk, dem er gehört.[16]
-
-Erst im Zusammenhange mit den früheren Stücken erscheint dieser Aufruf,
-der weder abgeschlossen noch auch das bedeutendste Stück ist, im rechten
-Lichte; um so weniger ist zu begreifen, wie Bülow gerade dies zur Probe
-mittheilen konnte, um dadurch seine Verurtheilung der anderen
-gehaltreicheren Blätter zu rechtfertigen.
-
-Mit den bekannten politischen Gedichten Kleist's stehen diese Aufsätze
-in nächster Verbindung; sie sind der Ausdruck derselben Zeit und
-Stimmung, wie die Hermannsschlacht von 1808, die Gedichte an den Kaiser
-Franz und den Erzherzog Karl aus dem Frühjahr 1809, und Germania an ihre
-Kinder. Der erste satirische Brief ist unter der Einwirkung des
-beginnenden Krieges von 1809 geschrieben, wie die Hindeutung auf die
-unglücklichen Kämpfe um und in Regensburg vom 19. bis 23. April beweist;
-Napoleons siegverkündendes Bülletin, dessen erwähnt wird, ist vom 24.
-April datirt. Der vierte Brief schließt sich an einen Artikel des
-Nürnberger Korrespondenten aus denselben Tagen an. Die österreichischen
-Landwehren, welche die Fabel anredet, waren durch Erlaß vom 9. Juni 1808
-ins Leben gerufen; die Erhebung der Spanier, auf welche die Ueberschrift
-des Katechismus anspielt, hatte im Mai 1808, der Tiroler, deren im Text
-gedacht wird, am 9. April 1809 begonnen. Dagegen findet sich nichts, was
-auf den Sieg von Aspern am 21. und 22. April 1809 hinwiese. Also diese
-fünf Stücke werden Ende April oder Anfang Mai entstanden sein. Ganz
-anders lautet der Ton nach der Schlacht von Aspern in der Einleitung zur
-Germania; der erste Athemzug der deutschen Freiheit sollte diese
-Zeitschrift sein. Derselben Zeit gehören auch die beiden andern Nummern
-an. Da folgte die Schlacht von Wagram, und Sieg und Hoffnung, Muth und
-Zuversicht, Kraft und Begeisterung sind wiederum mit einem Schlage
-vernichtet.
-
-Den Versuch, den Kleist in Prag 1809 machen wollte, durch eine
-Zeitschrift auf die Volksstimmung zu wirken, hat er einmal vorher 1808
-in Dresden, ein anderes Mal nachher 1810 in Berlin wirklich gemacht.
-Dort sollte es eine künstlerisch wissenschaftliche, hier eine
-vaterländische sein. Jenes ist der Phöbus, »ein Journal für die Kunst,«
-zu dessen Herausgabe er sich mit Adam Müller und dem Maler Ferdinand
-Hartmann verbunden hatte, dieses die »Berliner Abendblätter.« Prächtig
-ausgestattet, auf weißem Papier in Quart, groß gedruckt, mit
-kupfergestochenen Umrissen erschien der Phöbus in monatlichen Heften,
-auf deren Umschlag der emporsteigende Sonnengott mit seinem Viergespann
-zu sehen war. Kleist erblickte wirklich eine neue Hoffnungssonne in
-diesem Unternehmen. Aus der Zeitschrift sollte eine Buch-, Karten- und
-Kunsthandlung erwachsen, in die er und seine Freunde nach dem Vorbilde
-der Fugger und Medici alles hineinwerfen sollten, was man auftreiben
-könne. Dichter und Buchhändler zugleich zu sein, darin lag die Hoffnung
-des großen Looses; außerdem war Novalis Nachlaß, Beiträge von Goethe und
-Wieland zugesagt. Ruhmredig pries Adam Müller seinem Freunde Gentz, daß
-es wohl noch keine ähnliche Verbindung der Poesie und Philosophie und
-der bildenden Kunst gegeben, und meinte jede Vergleichung mit den Horen,
-als »einer Art von sonntäglicher Retraite oder Ressource«, und selbst
-mit dem Athenäum abweisen zu können. Dennoch war es kein Treffer; die
-gehofften Mittel und Beiträge blieben aus, mit der Mißgunst der
-Buchhändler waren die noch mißgünstigeren Zeitumstände im Bunde, und
-schon im August 1808 ward es Kleist deutlich, das Journal werde sich auf
-die Dauer nicht halten. Am Ende war man zufrieden, es der Waltherschen
-Buchhandlung in Dresden überlassen zu können, und mit dem zwölften
-Monatshefte des Jahres 1808 hörte es auf. Für uns liegt der überwiegende
-Werth desselben darin, daß Kleist es zur ersten Niederlage seiner
-bedeutendsten Dichtungen gemacht hat.[17]
-
-In dem unscheinbarsten Gewande, der Zeit angemessen, wo man alle
-Veranlassung hatte, geräuschlos zu wirken, traten die Berliner
-Abendblätter seit dem 1. October 1810 auf. Klein Octav, graues
-Löschpapier, stumpfe Lettern, die von mittlerer Größe, unter Anwendung
-aller Hülfen der Raumersparniß, bis zu den kleinsten Augentödtern
-hinabstiegen, durch zahllose Druckfehler entstellt, bieten sie einen
-ungemein kümmerlichen Anblick dar; äußerlich stehen sie auf einer Stufe
-mit dem bekannten Berliner Localblatte, der Beobachter an der Spree.
-Kein Programm war vorangeschickt, das über den Zweck des Blatts
-Andeutungen gegeben hätte, selbst in der ersten Nummer nannten sich
-weder Redacteur noch Buchdrucker, und erst unter dem 22. October trat
-Kleist in einer von ihm unterzeichneten Erklärung aus dem Dunkel hervor,
-während die buchhändlerische Spedition von J. E. Hitzig übernommen
-wurde. Diese dürftigen Blätter haben einige bekannte Dichtungen Kleist's
-in die Welt zuerst eingeführt; sie enthalten aber noch weit mehr, theils
-unter seinem Namen, theils unter verschiedenen Zeichen, was nachher im
-Sturm eines halben Jahrhunderts verweht und vergessen worden ist. Damals
-wenig beachtet, sind sie jetzt ein wichtiges Hülfsmittel zur Litteratur
-und Würdigung des Dichters. Doch gehört ein vollständiges Exemplar zu
-den größten Seltenheiten des Büchermarkts. Tieck muß sie bei der
-Herausgabe des Nachlasses noch gehabt haben; in der Vorrede sagt er, daß
-sie »ungleich und oft flüchtig von verschiedenen Verfassern geschrieben,
-doch manches Erfreuliche von ihm (Kleist) enthalten,« doch geht er auf
-eine Ausscheidung desselben nicht ein.[18] Bülow erhielt beim Abschlusse
-seines Buchs, wie er in der Vorrede sagt, noch ein Exemplar; doch ist es
-entweder nicht vollständig gewesen oder von ihm nicht vollständig
-benutzt worden, denn in dem Anhange giebt er nur zwei Stücke »über das
-Marionettentheater« und »eine Anekdote aus dem letzten preußischen
-Kriege«; das Uebrige bezeichnet er »als unbedeutende gelegentliche
-Aufsätze und Bemerkungen.«[19] Auch der neueste Herausgeber Julian
-Schmidt hat der Abendblätter nicht habhaft werden können. Ich würde mich
-in gleicher Lage befinden, wenn mich nicht Herr Freiherr W. v. Maltzahn
-durch die freundschaftliche Mittheilung derselben aus seinem reichen
-Bücherschatze in den Stand gesetzt hätte, diese verschüttete Quelle
-durch eigene Untersuchung wieder zu öffnen. Vor mir liegen 75 Blätter
-vom 1. October bis 28. December 1810, ein volles Quartal. Aber wie sich
-aus dem Briefe Kleist's an F. v. Raumer vom 21. Februar 1811 in dessen
-kürzlich erschienenen Lebenserinnerungen und Briefwechsel ergiebt, sind
-die Abendblätter erst gegen Ende dieses Monats eingegangen; die letzten
-Nummern scheinen ganz verschollen zu sein. Mitarbeiter waren Adam
-Müller, A. v. Arnim, Brentano, Friedrich Schulz, Fouqué und einige
-andere. Doch litt das Unternehmen an innerer Planlosigkeit, es brachte
-bunt zusammengewürfelte Artikel über Fragen der innern Politik und das
-Theater, dichterische Beiträge und Polizeiberichte, und scheiterte
-zuletzt an dem Zerwürfniß mit den obersten Staatsbehörden, auf deren
-Unterstützung Kleist nicht ohne Selbsttäuschung gerechnet hatte, wie
-seine leidenschaftliche Anklage F. v. Raumers beweist.
-
-Er selbst hat zahlreiche und sehr verschiedenartige Beiträge geliefert.
-Aus der Ermittelung und Zusammenstellung derselben wird sich eine nicht
-ganz geringe und kaum noch gehoffte Nachernte ergeben, die ich mit den
-vorher besprochenen handschriftlichen Bruchstücken zu einem Ganzen
-verbinde.
-
-Einiges steht durch die Unterzeichnung, anderes durch den Inhalt fest.
-Durch sein offenkundiges H. v. K. bekennt er sich am 5. October zu der
-»Ode auf den Wiedereinzug des Königs im Winter 1809«; am 17. October zu
-dem Artikel »Theater. Unmaßgebliche Bemerkung«; am 12. December zu dem
-Aufsatze »über das Marionettentheater.« Anerkannt hat er durch Aufnahme
-in den zweiten Band der Erzählungen 1811 »das Bettelweib von Locarno«
-vom 11. October, und »die heilige Cäcilie oder die Gewalt der Musik,
-eine Legende« hier mit dem Zusatze »Zum Taufangebinde für Cäcilie M....«
-vom 15. November, die erste mit ^mz^, die andere ^yz^ unterzeichnet. Er
-wandte also verschiedene Schriftstellerzeichen an, je nachdem er
-erkannt, errathen oder verborgen bleiben wollte. Die Wahl solcher
-Chiffern ist freilich durchaus willkürlich, und der Versuch ohne
-anderweitige Bürgschaft aus ihnen einen Schluß auf den Verfasser zu
-ziehen, wäre sehr mißlich. Doch sollte der Schriftsteller in diesen
-Dingen auch kein entschiedenes System gehabt haben, dennoch wird man
-irgend eine Art von Folgerichtigkeit annehmen dürfen; wahrscheinlich
-werden die einmal gebrauchten Zeichen, sei es in etwas abweichender oder
-derselben Verbindung wiederkehren. Auch Kleist wird die Buchstaben ^m^,
-^x^, ^y^, ^z^ wiederholt angewendet haben, und wenn ihnen Auffassung und
-Darstellung zustimmen, wird man mit annähernder Gewißheit aussprechen
-können, ob ein Stück von ihm sei oder nicht.
-
-Zunächst nach diesen äußeren Zeichen stelle ich die Aufsätze zusammen:
-^xy^ ist unterzeichnet der Artikel »Theater« vom 4. October (I, 4, 4
-dieser Nachlese). ^x^: die »Einleitung, Gebet des Zoroaster« vom 1.
-October (I, 2, 4); »Anekdote aus dem letzten Kriege« vom 20. October (I,
-3, 6); »von der Ueberlegung, eine Paradoxe« vom 7. Decbr. (I, 2, 5).
-^y^: »Brief eines Mahlers an seinen Sohn« vom 22. October (I, 4, 2);
-»Schreiben aus Berlin vom 28. October« unter dem 30. Oct. (I, 4, 6);
-»Brief eines jungen Dichters an einen jungen Mahler« 6. November (I, 4,
-3). ^z^: »Betrachtungen über den Weltlauf« 9. October (I, 2, 6). ^xyz^:
-»Der Branntweinsäufer und die Berliner Glocken, eine Anekdote« 19.
-October (I, 3, 7). Das Zeichen ^mz^ erscheint in Verbindung mit ^r^.
-^rmz^ ist gezeichnet »Nützliche Erfindungen, Entwurf einer Bombenpost«
-12. Octbr. (I, 5, 2); ^rm^ »Aëronautik« 29., 30. October (I, 5, 4).
-^rz^: »Der verlegene Magistrat, eine Anekdote« 4. October (I, 3, 9).
-^r^: »Muthwille des Himmels, eine Anekdote« 10. October (I, 3, 5). Ein
-anderes Mal gesellt sich zu ^x^ noch ^p^. ^xp^ erscheint unter drei
-Epigrammen, 24., 31. October (II, 3, 3).
-
-Hier verlassen uns diese Spuren; doch nehme ich für Kleist noch eine
-Anzahl Stücke, die entweder völlig abweichende oder gar keine Zeichen
-haben, aus inneren Gründen in Anspruch. Zwei gereimte Epigramme, 12.,
-30. Octbr. (II, 3, 3) unter ^st^. Zu dem Aufsatz »Empfindungen vor
-Friedrich's Seelandschaft« (I, 4, 1) ^cb^ unterzeichnet, hat er sich in
-der folgenden Erklärung vom 22. October selbst bekannt: »Der Aufsatz der
-Hrn. L. A. v. A. und C. B. über Hrn. Friedrich's Seelandschaft (S. 12te
-Blatt) war ursprünglich dramatisch abgefaßt; der Raum dieser Blätter
-erforderte aber eine Abkürzung, zu welcher Freiheit ich von Hrn. A. v.
-A. freundschaftlich berechtigt war. Gleichwohl hat dieser Aufsatz
-dadurch, daß er nunmehr ein bestimmtes Urtheil ausspricht, seinen
-Charakter dergestalt verändert, daß ich zur Steuer der Wahrheit, falls
-sich dessen jemand noch erinnern sollte, erklären muß: nur der Buchstabe
-desselben gehört den genannten beiden Hrn.; der Geist aber und die
-Verantwortlichkeit dafür, so wie er jetzt abgefaßt ist, mir. H. v. K.«
-
-In dieser Erklärung liegt ein Widerspruch. Hatte er Arnim's und
-Brentano's Dialog (denn das allein kann mit der »dramatischen« Form
-gemeint sein) in diese Betrachtung umgesetzt, so gehörte ihm sicherlich
-auch der Buchstabe an; sein Stil ist es unverkennbar. Durch das Zeichen
-^cb^ wollte er, wie es scheint, Clemens Brentano's Autorschaft wahren.
-
-Kleist gehören ferner an: ^vaa^ bezeichnet die Erzählung »Warnung gegen
-weibliche Jägerei« 5., 6. November (I, 3, 1); ^ava^, eine Umstellung des
-vorigen, »die sieben kleinen Kinder« 8. Nov. (I, 4, 7); M. F. die beiden
-Erzählungen »die Heilung« vom 29. November und »das Grab der Väter« 5.
-December (I, 3, 2. 3); und »Allerneuester Erziehungsplan« unterzeichnet
-Levanus 29. October (I, 5, 1). Ohne jedes Zeichen sind folgende Stücke:
-»Der Griffel Gottes«, eine Anekdote 5. October (I, 3, 4); »Anekdote aus
-dem letzten preußischen Kriege« 6. October in Bülow's Nachtrag;
-»Charité-Vorfall« 13. October (I, 3, 10); »Schreiben aus Berlin« 15.
-October (I, 5, 3); »Anekdote« 24. October (I, 3, 11); »Räthsel« eine
-Anekdote, 1. Novbr. (I, 3, 12); »Tages-Ereigniß« 7. Novbr. (I, 3, 8);
-»von einem Kinde, das kindlicher Weise ein anderes Kind umbringt« 13.
-November (I, 4, 8); »Legende nach Hans Sachs. Gleich und Ungleich« 3.
-November; und »Legende nach Hans Sachs. Der Welt Lauf.« 8. December (II,
-1, 2); endlich zwei Anekdoten, 22. November und 27. November (I, 3, 13.
-14).
-
-Diese Aufsätze, nach Werth und Inhalt sehr ungleich, gehen von der
-höchsten Betrachtung bis zur niedrigen Tagesanekdote hinab. Mit manchem
-Beitrag ist es ihm durchaus Ernst, andere sind nichts als Raumfüller und
-Lückenbüßer. Um den Beweis anzutreten, sie alle seien von einem
-Verfasser, und zwar von Kleist, war es nöthig, das Gleichartige in eine
-Klasse zu bringen; schon daraus mußte sich manches ergeben, was für die
-innere Zusammengehörigkeit spricht. Ich habe sie nach der prosaischen
-und dichterischen Form in zwei Abtheilungen geschieden, deren erste
-enthält: 1. Politische Satiren, 2. Politische Aufrufe und Betrachtungen,
-3. Erzählungen und Anekdoten, 4. Kunst und Theater, 5. Gemeinnütziges;
-worauf die wenigen versificirten Stücke unter dem zweiten Haupttitel
-folgen.
-
-Zu dem Politisch Historischen gehören drei Beiträge: die »Einleitung,
-Gebet des Zoroaster«, »von der Ueberlegung, eine Paradoxe« und
-»Betrachtungen über den Weltlauf« (I, 2, 4-6). Daß der Führer des
-Blattes die Einleitung geschrieben habe, läßt sich ohne Weiteres
-annehmen; sie athmet ganz seinen Geist in dem Ingrimm über das Elend des
-Zeitalters, die Erbärmlichkeit, Halbheit, Unwahrhaftigkeit und
-Gleißnerei, zu deren Bekämpfung er um Kraft betet. Denselben praktischen
-Zweck hat die Paradoxe; sie gilt den Deutschen, und findet im Gegensatze
-zu den Franzosen den Quell ihres Elends in dem unverhältnißmäßigen
-Uebergewicht der gepriesenen Ueberlegung, die den lähmenden Zwiespalt
-zwischen Denken und Handeln hervorruft. Wie im Katechismus richtet ein
-Vater diese Rede an seinen Sohn. »Die Ueberlegung,« sagt er »scheint nur
-die _zum Handeln_ nöthige _Kraft, die aus dem herrlichen Gefühle
-quillt_, zu verwirren, zu hemmen und zu unterdrücken.« Aehnlich im
-Katechismus 9: »Sie (die Deutschen) reflectirten, wo sie empfinden, oder
-handeln sollten, meinten alles durch ihren Witz bewerkstelligen zu
-können, und gäben nichts mehr auf _die_ alte _geheimnißvolle Kraft der
-Herzen_.« Dort wie hier spielt das Gleichniß vom Ringer durch. In der
-Paradoxe heißt es: »Der _Athlet_ kann _in dem Augenblick_, da er seinen
-Gegner umfaßt hält, schlechterdings nach keiner andern Rücksicht --
-verfahren -- aber nachher, wenn er gesiegt hat oder _am Boden_ liegt,
-mag es zweckmäßig sein -- zu überlegen, durch welchen Druck er seinen
-Gegner _niederwarf_.« Und im Katechismus 7: »Das wäre ebenso feig, als
-ob ich die Geschicklichkeit, die einem Menschen im _Ringen_ beiwohnt,
-_in dem Augenblick_ bewundern wollte, da er mich _in den Koth wirft_ und
-mein Antlitz mit Füßen tritt.« Derselbe Gedanke endlich, Kraft und That
-seien früher als Erkenntniß und Betrachtung, das politische Handeln
-älter als dessen Darstellung durch die Kunst, die Reflexion das Zeichen
-des Verfalls und der Ohnmacht, erhebt sich in den »Betrachtungen über
-den Weltlauf« zur geschichtsphilosophischen Höhe. Stilistisch sprechen
-die langen Perioden, in dem letzten Stück der indirecte Satz mit seinem
-fünfmaligen -- »daß« -- für Kleist.
-
-Unter I, 3, 1-3 folgen drei etwas ausgeführtere Erzählungen »Warnung
-gegen weibliche Jägerei« ^vaa^, »die Heilung« und »das Grab der Väter«,
-beide M. F. gezeichnet. Das könnte etwa auf Fouqué zu deuten scheinen,
-doch hat dieser nur wenige unbedeutende Zeilen unter d. l. M. F.
-beigesteuert; auch hat der Stil durchaus nichts von seiner Manier. Diese
-drei Erzählungen gehören zusammen, sie sind von einem Verfasser; in
-allen dieselbe Anschaulichkeit, dieselbe Lebendigkeit der Darstellung,
-verschlungene Perioden und indirect wiederholte Reden und Betrachtungen.
-Mit ungemeiner Kraft, höchst ergreifend ist in der »Heilung« die Spitze
-der ganzen Begebenheit in eine einzige Periode zusammengedrängt: »Wie
-mußte nun dem Leichtsinnigen zu Muthe werden«, u. s. w. die in wenigen
-Strichen ein Grauen erregendes Bild vorführt. Auch »dergestalt daß«
-fehlt hier nicht. In gleicher Weise wird in dem »Grab der Väter« die
-Summe des Ganzen in einem Bilde, in einer Periode ausgesprochen. »Da
-standen sie aber plötzlich« u. s. w. Die erste Erzählung ist mehr
-humoristischer Natur. Alle drei stehen auf der Grenze der Erzählung und
-Anekdote und schließen sich insofern dem »Bettelweib von Locarno« an,
-einer Anekdote spukhaften Inhalts, welche die Reihe dieser kleinen
-Skizzen, die den Rahmen des Blattes füllen, eröffnet.
-
-Es folgt eine Gallerie von elf Anekdoten verschiedenen Inhalts, zum
-Theil als solche bezeichnet; einige sehr charakteristisch und
-unmittelbar dem Leben entlehnt, der Form nach Papierschnitzel, die
-nebenher vom Schreibtisch abgefallen waren. Manche mochten Züge sein,
-die zu künftiger Verwendung in irgend einem größeren Bilde vorläufig
-hingeworfen waren. »Der Griffel Gottes« (I, 3, 4), ohne Unterzeichnung,
-trägt das Gepräge einer solchen Notiz zu einer später auszuführenden
-Erzählung. Ins Lächerliche wird das Grausige verkehrt in der Anekdote
-»Muthwille des Himmels« ^r.^, in der man Kleist's Feder wieder erkennen
-wird. Auch spricht der Schauplatz dafür, seine Vaterstadt Frankfurt an
-der Oder, wo er dies Geschichtchen gehört haben mochte. Es ist wie die
-folgenden 6 bis 9 eine der beliebten Militairanekdoten. Kleist war
-diesen Kreisen, seiner abweichenden Denk- und Lebensweise ungeachtet,
-nicht entfremdet; noch 1810 war von seinem Rücktritt in den Dienst in
-allem Ernst die Rede.[20] Bei der lebhaften Theilnahme, die man nach
-altpreußischer Ueberlieferung an militairischen Dingen nahm, und der
-Beschränkung, der die Tagesblätter damals doppelt unterlagen, war es
-nicht zu verwundern, wenn kleine Soldatengeschichten, Witze und
-Disciplinarfälle einen willkommenen Stoff darboten. War doch der Soldat
-neben dem Schauspieler der einzige öffentliche Charakter! Eine
-eigenthümliche Art dieser Anekdoten bilden die Züge der Tapferkeit
-Einzelner, die man aus den Nachrichten des letzten Krieges zu sammeln
-begann. Zum Troste über die Vergangenheit, daß der alte Geist wieder
-erwachen werde, suchte man sie auf. In dem Sinne nahm Kleist diese
-kleinen Geschichten; den unter der Asche glimmenden Funken dachte er
-wohl mit solchen Erinnerungen, soweit er vermochte, zu unterhalten. Von
-den beiden Anekdoten aus dem letzten preußischen Kriege ist die erste,
-die Bülow bereits mitgetheilt hat, gar nicht, die zweite ^x^
-unterzeichnet. Mit dieser dramatischen Lebendigkeit konnte nur Kleist
-den preußischen Husaren vorführen, der in der Nähe des siegreichen
-Feindes seinen Danziger mit größter Seelenruhe trinkt, sich schnäuzt,
-die Pfeife anzündet, über die Feinde herfällt, daß sie die »Schwerenoth
-kriegen« sollen, und auf drei französische Chasseurs »dergestalt«
-einhaut, »daß« sie aus dem Sattel stürzen. Die Umständlichkeit des
-dramatisch gehaltenen Gesprächs, das regelmäßig wiederkehrende »spricht
-er« für »sagte er« erinnert lebhaft an den Dialog zwischen Eva und dem
-Dorfrichter in der zweiten Bearbeitung des zerbrochenen Krugs. Wenn er
-sagt, auf der Reise nach Frankfurt habe er diese Geschichte in einem
-Dorfe bei Jena gehört, so konnte das damals geschehen sein, als er im
-Frühjahr 1807 nach Joux als Gefangener geführt wurde. Verwandt (und
-wieder nicht ohne »dergestalt daß«) aber cynisch und hoch humoristisch
-ist die Anekdote 6. Gleichgültiger sind die drei folgenden Geschichten,
-militairische Disciplinarfälle; 7 ^xyz^, 8 ohne Zeichen, 9 ^rz^.
-Komischen Inhalts sind die fünf letzten Anekdoten; 10, eine
-Tagesneuigkeit, zugleich eine Satire auf die Aerzte; 11 bis 14 sämmtlich
-ohne Zeichen, doch durch »gleichwohl« und »dergestalt daß« hinreichend
-kenntlich gemacht.
-
-Der vierten Abtheilung »Kunst und Theater« gehören acht Nummern an. Die
-beiden Briefe »eines Mahlers an seinen Sohn«, und »eines jungen Dichters
-an einen jungen Mahler«, mit ^y^ bezeichnet, gehören zu einander. Der
-erste, der ironisirend in dem einfachen Stil des kunstliebenden
-Klosterbruders beginnt, um cynisch zu enden, ist ein Ausfall gegen die
-junge Malerschule, der Gemüth und Andacht, Beruf und Studium ersetzen
-soll. Im zweiten fordert der Dichter den Maler auf, von dem
-verhimmelnden Nachbilden alter Meister abzustehen, weil der Künstler
-sein eigenes Innerste zur Anschauung bringen solle, da das wesentlichste
-Stück der Kunst »die Erfindung nach eigenthümlichen Gesetzen« sei. Die
-Dichtung soll mit der Malerei auseinandergesetzt werden. Schon im Phöbus
-hatte Kleist in einer Anmerkung zu dem Gedichte nach Hartmanns Gemälde
-»der Engel am Grabe des Herrn« etwas Aehnliches angekündet; er wollte in
-dieser fortgesetzten Verbindung zweier so verschiedener Kunstleistungen
-eine Sammlung von Beispielen geben, an denen vielleicht die alte
-wichtige Frage von den Grenzen der Malerei und Poesie erörtert werden
-könne.[21] Die folgenden Nummern dieses Abschnitts sind, mit Ausnahme
-der letzten Abhandlung »über das Marionettentheater«, gelegentliche
-Bemerkungen, die durch das Berliner Theater veranlaßt wurden. Die erste
-»Theater« ^xy^ (I, 4, 4) ist eine feine Kritik Iffland's, der sehr
-vorsichtig als Manierist bezeichnet wird. Die Hinweisung auf Kant's
-Kritik der Urtheilskraft an dieser Stelle läßt den Kantianer Kleist
-sogleich errathen. In der »unmaßgeblichen Bemerkung« (I, 4, 5) tritt er
-in seinem H. v. K. mit einem Angriffe auf die Theaterleitung offen
-hervor. Die Direction soll wahre Kritik üben; ist sie geneigt, der Menge
-zu schmeicheln, muß sie unter die Aufsicht des Staats gestellt werden.
-Nicht ohne Gereiztheit spricht er gegen Iffland, dem er in Folge der
-Zurückweisung des Käthchen von Heilbronn schon am 12. August 1810 einen
-sarkastisch bittern Brief geschrieben hatte. Das »Schreiben aus Berlin
-28. Oktober« ^y^ (»dergestalt, gleichwohl«) bei Gelegenheit der Oper
-Aschenbrödel; »die sieben kleinen Kinder« ^ava^, worin vom Theater
-größere Berücksichtigung des Volksthümlichen, besonders norddeutscher
-Dialecte gefordert wird; der Artikel ohne Zeichen »Von einem Kinde, das
-kindlicher Weise ein anderes Kind umbringt«, der an eine Anekdote
-geknüpft eine anerkennende Erwähnung des Vierundzwanzigsten Februar von
-Z. Werner enthält; das Alles sind mehr oder weniger Anklagen der
-Direction des Berliner Theaters, in denen sich das feindliche Verhältniß
-Kleist's und Iffland's abspiegelt.
-
-Endlich gemeinnützigen Inhalts sind die vier Nummern der fünften
-Abtheilung: »Allerneuester Erziehungsplan«, »Entwurf einer Bombenpost«
-^rmz^ (»dergestalt daß«), »Schreiben aus Berlin 15. Oktober« ohne
-Zeichen (»gleichwohl«), »Aëronautik« ^rm^ (»dergestalt daß«). Der erste
-Aufsatz trägt freilich nur die Maske der Gemeinnützigkeit, denn er ist
-eine Satire gegen die neuesten Erziehungsreformatoren; gegen Ende werden
-Pestalozzi und Zeller namentlich genannt. Schon in seinem Epigramme
-hatte Kleist den Pädagogen das bittere Wort gesagt:
-
- Setzet, ihr träft's mit eurer Kunst und erzögt uns die Jugend
- Nun zu Männern wie ihr: lieben Freunde, was wär's?
-
-Hier stellt er allen Plänen, die zum Heil der Menschheit gemacht werden,
-den originellen und humoristischen Gedanken entgegen, statt der
-Tugendschulen zur Abwechselung einmal Lasterschulen zu gründen und durch
-die Macht des Gegensatzes zu wirken. Daß Kleist der Verfasser sei,
-obgleich er in den einleitenden Worten und in den Anmerkungen als
-Kritiker dieser »abentheuerlichen Unternehmung« spöttisch und vorsichtig
-auftritt, beweist unzweifelhaft der periodisch ausgeführte Stil,
-namentlich in den erzählenden Episoden, wo er einmal sogar auf sein
-zeitweiliges Zusammenleben mit seiner Schwester anspielt. Die
-Unterschrift Levanus ist eine ironische Hinweisung auf Jean Paul's
-Levana, das Ganze kein geringer Beweis für seine satirische Ader. In den
-drei folgenden Aufsätzen werden Telegraphie und Post, die Frage, ob der
-Luftballon gelenkt werden könne, besprochen. Es sind Actenstücke zu
-Kleist's Leben, der als Techniker und erfindungslustiger Planmacher
-seine früheren Studien auf dem Gebiete der Naturwissenschaften praktisch
-zu verwenden sucht.
-
-Eine viel geringere Ausbeute bieten die Abendblätter für die zweite
-Hauptabtheilung; Beiträge in Versen sind die Ausnahme. Unter den drei
-Stücken, als deren Verfasser ich Kleist erkenne, sind die beiden
-Legenden nach Hans Sachs »Gleich und Ungleich« und »der Welt Lauf«, ohne
-Zeichen, Holzschnitte in der Art des alten Meisters, dem nur die
-Grundzüge angehören, und deren freie Behandlung nicht minder meisterhaft
-ist.[22] Diese Verse erinnern an das Gedicht der Engel am Grabe des
-Herrn; nur sind sie, dem Stoffe gemäß, in den humoristischen Ton
-umgebogen. Der Dialog mit dem regelmäßig eingeschalteten »spricht er«,
-die dramatisch lebendigen Gestalten des tölpelhaften Knechts und der
-flinken Magd lassen Kleist's Hand nicht verkennen. In den fünf
-Epigrammen ^xp^ und ^st^ wechseln, wie in seinen anerkannten, Frage und
-Antwort; die Distichen sind metrisch hier wie dort gleich unbeholfen.
-
-
-
-
- III.
-
-
-Ueberblickt man diese Nachträge, so gehören sie, mit Ausnahme der
-dramatischen, allen Stilgattungen Kleist's an; es sind Erzählungen in
-Prosa und Versen, Dialoge, Briefe, Betrachtungen. Von einer neuen Seite
-als Kritiker, bedeutender als Satiriker zeigt er sich; die Grundlage
-seiner Satire ist der Patriotismus. Für Auffassung komischer Contraste
-war er kaum minder befähigt als für die Behandlung des tragischen
-Conflicts, nur ist seine Darstellung des Komischen schroff und gewaltsam
-wie seine Tragik, es fehlt ihr die Ruhe und Behaglichkeit, die er auf
-dem Gebiet der Erzählung so trefflich zu bewahren weiß, sie wird für die
-Charaktere vernichtend, wie im zerbrochenen Kruge, wo man zweifeln kann,
-ob der Hauptträger des Lustspiels noch komisch sei. Auch hier zeigt sich
-eine Leidenschaftlichkeit, die zum Ingrimm steigt, sobald persönliche
-Beweggründe hinzukommen. Wenn ihn die sittlichen Anforderungen, denen
-gegenüber die Welt so klein und elend erschien, auf die Satire
-hinleiteten, so drängte ihn seine Leidenschaft darüber hinaus zum
-Pasquill. Seine Epigramme sind meist rein persönlicher Natur, zu Schutz
-und Angriff für seine Dichtungen gegen die Kritiker gerichtet; sie sind
-bitter und heftig. Nach der ungünstigen Aufnahme der Penthesilea und des
-zerbrochenen Kruges schonte er weder Weimar noch Goethe. Ein Pasquill
-sondergleichen war sein Brief an Iffland, ein »ungeheurer Witz« von der
-Art, wie er ihn in der Anekdote aus dem letzten Kriege erzählt hat. Um
-wie viel tödtlicher mußten seine Pfeile sein, wenn der Zorn für das
-Vaterland sie entsandte, wenn er die ganze Wucht des Hasses auf den
-Feind seines Volkes schleuderte.
-
-Wenn man sagen darf, der Mensch trage sein Schicksal in der eigenen
-Brust, in seinen Anlagen sei es ihm beschieden, so gilt das von ihm.
-Sehr verschiedene Elemente lagen in seiner Seele neben einander, er
-bestand gewissermaßen aus mehreren Menschen; bald trat dieser bald jener
-hervor, oder sie führten unter einander einen dämonischen Krieg, dem er
-mit einer eisigen Selbstentäußerung zusehen konnte, als sei es ein Spiel
-fremdartiger Gewalten. Und doch war die Gesammtheit dieser ringenden
-Kräfte nichts anderes als er selbst. In doppeltem und dreifachem
-Gegensatze fühlte er sich gegen Welt und Menschen, die er abwechselnd
-mied, verachtete, haßte und bekämpfte. Eine rastlose Unruhe trieb ihn
-zum Wirken in welcher Gestalt auch immer; aber ebenso zog es ihn in die
-abgeschiedenen Räume rein geistiger Arbeit, die ihre Welt aus sich
-auferbaut. Da lagen wieder zwei Wege vor ihm, beide gleich einladend;
-für den einen drängte sich ihm der Verstand als Führer auf, während
-Herz, Gefühl und Phantasie ihn auf den andern locken wollten. Er hatte
-eine entschiedene Lust am Abstracten, die Dinge sich durch den
-Schematismus des Verstandes zu unterwerfen, schien ihm der einzig
-würdige Beruf, und während seine scharfe überall ins einzelne dringende
-Beobachtung ihm die Welt als eine Masse zusammenhangsloser und doch
-unfreier Atome zeigte, setzte er ihr den Stolz des unabhängigen Denkers
-entgegen, der, auf die Allmacht des Gedankens trotzend, sich seine
-Stelle erobern will. Er ist überzeugt, es sei möglich, das Schicksal zu
-leiten, aus sich heraus will er seinen Lebensplan bilden; das
-Kennzeichen eines freien Menschen, der nach sichern Principien handelt,
-ist Consequenz, Zusammenhang und Einheit des Betragens. Wer keinen
-Lebensplan hat, schwankt zwischen unsichern Wünschen und ist eine Puppe
-am Drahte des Schicksals. Dieser Zustand scheint ihm verächtlich, bei
-weitem wünschenswerther wäre ihm der Tod. Er wählt die Wissenschaft als
-Führerin, und welche eher als die Philosophie, die dem bildungsgierigen
-Jünger Sicherheit des Erkennens und Handelns zugleich verheißt? Aber
-_die_ Wissenschaft erscheint doch nicht als Philosophie allein, sie
-spaltet sich in viele Wissenschaften, und seines ersten Entschlusses
-ungeachtet verfällt er bald dem Zweifel. Am Ende ziehen alle ihn in
-gleicher Weise an. Soll er nur einer folgen? Aber er kann sich nicht
-vergraben wie der Maulwurf im Loch, wie die Raupe einspinnen im Blatt.
-Soll er ruhelos von einer zur andern gehen? Aber ebenso wenig vermag er
-stets auf der Oberfläche zu schwimmen. Er leidet Tantalusqualen, weil er
-in seinem Heißhunger nicht alles zugleich verschlingen kann, und voll
-Widerwillen stößt er die ganze Mahlzeit von sich.
-
-Er sucht die Wahrheit, weil sie Wahrheit ist. Aber ist sie auf diesem
-Wege zu finden? Was hat ihm die abstracte Wissenschaft nicht verheißen,
-und was hat sie gehalten? Er wird ein Opfer der Zweifel, die sie
-erweckt, es scheint ihm unmöglich irgend etwas zu wissen, irgend ein
-Eigenthum zu erwerben, das uns über das Grab folgt, alles Mühen und
-Ringen ist vergeblich; ihn ekelt vor Büchern und allem was Wissenschaft
-heißt, möge man aufgeklärt oder unwissend sein, man hat dabei ebensoviel
-verloren als gewonnen. Er beklagt die traurige Klarheit, die ihm
-geworden, die ihm alles, was ihn umgiebt, und ihn selbst in seiner
-armseligen Blöße zeigt. Der Verstand, die nagende Skeptik haben sich
-selbst vernichtet: »Jede erste Bewegung, alles Unwillkürliche«, ruft er
-aus, »ist schön, und schief und verschroben alles, sobald es sich selbst
-begreift. O, der Verstand, der unglückliche Verstand! Studiere nicht zu
-viel, folge dem Gefühl!« Hatte er doch schon früher bei seinen logischen
-Studien geseufzt: »nur im Herzen, nur im Gefühle, nicht im Kopfe, nicht
-im Verstande wohnt das Glück, es kann nicht wie ein mathematischer
-Lehrsatz bewiesen werden.«[23]
-
-Aber noch ein Mittel giebt es, welches den Mann groß macht und über alle
-Zweifel hinweghebt, es ist Handeln, das besser ist als Wissen; denn »es
-liegt eine Schuld auf dem Menschen, die wie eine Ehrenschuld jeden, der
-Ehrgefühl hat, unaufhörlich mahnt.« Auch ihn treibt der Ehrgeiz, dieses
-gefährliche Ding, dessen Folgen für ein empfindliches Gemüth nicht zu
-berechnen sind. Er durstet nach Thaten und Erfolgen auf irgend einem
-Felde. Aber wie soll man handeln, wenn man nicht weiß, was recht ist?
-Wird sich für ihn eine Stelle finden, wo Pflicht und Neigung, That und
-Einsicht zusammengehen? Umsonst sieht er sich danach um; umsonst klagt
-er sich des allgemeinen Fehlers der Deutschen an, »deren Verstand durch
-einige scharfsinnige Lehrer einen Ueberwitz bekommen habe, der sie die
-alte geheimnißvolle Kraft der Herzen verachten läßt.« Umsonst sagt er
-sich und seinen Lebensplänen zum Trotz: »die Ueberlegung findet ihren
-Zeitpunkt weit schicklicher nach als vor der That«; die Menschen machen
-einen falschen Gebrauch von ihr; während sie das Gefühl für künftige
-Fälle reguliren soll, hemmt sie jetzt nur die That, die sich aus der
-augenblicklichen Eingebung, nicht aus der Berechnung ergiebt. Er hat
-Recht, denn die That ist unmittelbar eins, wie Blitz und Schlag; wer
-wirklich handelt, hat keine Zeit zu rechnen, und wer berechnet, handelt
-nicht. Doch zum stoßweisen ja gewaltsamen Handeln gebricht es ihm weder
-an Entschluß noch Kraft; mit dem rasenden Muthe eines verzweifelnden
-Spielers will er dann alles auf eine Nummer setzen, er greift über sein
-Ziel hinaus, und was anfangs sorgliche Ueberlegung war, endet als
-klägliche Uebereilung. Denn was kommt bei allen Erfahrungen heraus?
-Eines ganzen Lebens bedarf man, um leben zu lernen, Niemand ahnt den
-Zweck seines Daseins, und die Vernunft reicht nicht hin, die Seele und
-die Dinge zu begreifen. Und an dieses räthselhafte Ding, »das wir
-besitzen, wir wissen nicht von wem, das uns fortführt, wir wissen nicht
-wohin, ob wir darüber schalten dürfen, eine Habe, die nichts werth ist,
-wenn sie uns etwas werth ist, ein Ding, wie ein Widerspruch, flach und
-tief, öde und reich, würdig und verächtlich, vieldeutig und
-unergründlich«, an dieses Ding ist der Mensch gefesselt durch
-Naturnothwendigkeit! Da giebt es keine Verantwortlichkeit, wir mögen
-thun, was wir wollen, wir thun recht! Fürwahr jene orakelhaften Verse,
-die in Thun über der Hausthüre zu lesen waren, und die Kleist so liebte:
-
- Ich komme, ich weiß nicht von wo,
- Ich bin, ich weiß nicht was,
- Ich fahre, ich weiß nicht wohin;
-
-waren sein Lebenszeichen, nur der vierte Vers:
-
- Mich wundert, daß ich so fröhlich bin!
-
-paßte auf ihn nicht.[24]
-
-In der Knechtschaft der Schulmeinungen, die er sich auferlegt hat,
-vermag sich seine reiche Natur nicht zu entfalten; nun er sie abgeworfen
-hat, und die Skeptik ihm auch das Handeln verleidet, durchbrechen Gefühl
-und Phantasie, so lange gewaltsam zurückgehalten, jeden Damm um so
-mächtiger. Nur seinem Herzen will er folgen, er ist überzeugt, wenn ein
-Werk nur recht frei aus dem Schooße des menschlichen Gemüths hervorgehe,
-dann müsse es auch der ganzen Menschheit angehören. Vergessene oder
-ungeahnte Kräfte regen sich, aus der Fülle lebendiger Anschauungen
-beginnt die Phantasie ihre schaffende Thätigkeit, er fühlt sich als
-Schöpfer ideeller Gestalten. Als Künstler winkt ihm jetzt ein höchstes
-Ziel, der Lorbeer des Dichters, und seinem Namen soll ein Platz unter
-den Sternen nicht fehlen. Es gehört zu den Dunkelheiten in Kleist's
-Leben, daß die Zeit, wo er sich der Dichtung entschieden zuwandte, nicht
-mit Sicherheit festzustellen ist. Im Sommer 1801 in Paris, wohin er vor
-seinen abstracten Studien geflohen war, angeblich um praktische Zwecke
-zu verfolgen, einsam im endlosen Menschengewühle, versenkt er sich in
-seine Phantasien; wie ein stiller Tag nach dem Sturme steigt die Ruhe in
-seiner Seele wieder auf, und zum ersten Mal verräth er, daß er ein
-dichterisches Geheimniß habe. Aber der Friede ist nur von kurzer Dauer.
-Rastlos arbeitet er. Während ihm angstvoll das Höchste zu erreichen, der
-Schweiß von der Stirne rinnt, und er jeden Blutstropfen seines Herzens
-für den Buchstaben geben möchte, entflieht die Begeisterung, der
-Verstand schleicht herbei, und indem er einzelne Mängel aufdeckt,
-flüstert er ihm hämisch und selbstquälerisch ins Ohr, Vollendung sei ihm
-doch nicht gegeben. Was soll er länger die Kraft an ein Werk setzen, das
-ihm zu schwer ist? Am Einzelnen geht das Ganze zu Grunde, verzweifelnd
-zerstört er mit eigener Hand ein Dichterwerk, das auf den höchsten Ruhm
-Anspruch hat, kaum in irgend einem Augenblicke seines Lebens stolzer als
-jetzt, wo er vor keinem lebenden Dichter aus den Schranken weicht,
-sondern sich vor der Größe eines kommenden, ein Jahrtausend im Voraus
-beugt. Demjenigen, der das ausspricht, was er gewollt hat, ist ein
-Denkmal gewiß![25]
-
-Doch irgendwo muß es auch für ihn einen Balsam geben; schon der bloße
-Glaube daran stärkt ihn. Aber wo? Mit dem Waffenhandwerk und der
-Kantischen Philosophie hat er es versucht, mit Hebeln und Schrauben will
-er die Natur bezwingen, er ist Dichter und will Bauer werden, er will
-sich frei selbst bestimmen, das Schicksal leiten, und fühlt sich bald
-als eine jener Drahtpuppen, die er so tief verachtet; überall tritt
-seinen Plänen ein dunkles Etwas entgegen, das sie mit furchtbarer
-Dialektik in ihr Gegentheil umwendet und ihn selbst hin- und widerwirft.
-Mit dem Forschen, Dichten, Handeln hat er es versucht, überall Stück-
-und Flickwerk gefunden, während seiner Seele das Ganze vorschwebt;
-abhängig, bedingt in allem fühlt er sich, und nach dem Letzten,
-Unbedingten geht sein Streben. Da er es nicht findet, stürzt er, der
-strenge Realist, sich in den Abgrund des mystischen Geheimnisses, wo er
-das Ganze in seinem Urzusammenhange zu erfassen meint.
-
-Auch das ist ein Räthsel in Kleist's Leben, wann er sich dieser dunkeln
-Richtung, die ein Ergebniß seiner wachsenden Hoffnungslosigkeit war,
-zuerst überlassen habe. In den vertraulichen Briefen findet sich kaum
-eine Spur davon, sie sind nach wie vor im Tone bitterer Verachtung oder
-rationell scharf gehalten. Auch seine ersten Dichtungen sind weit davon
-entfernt, die Schroffensteiner in ihrer grausigen Härte durchaus
-realistisch, ebenso Penthesilea, Robert Guiskard. Nach dem Unglück von
-1806 schrieb er noch seine beiden Lustspiele und gleichzeitig die
-Marquise von O. Dagegen zeigt sich dieser dunkle Schatten zuerst im
-Kohlhaas, milder im Käthchen von Heilbronn, dessen erste Bruchstücke im
-Mai 1808 erschienen, und in voller Stärke in den Beiträgen zu den
-Abendblättern. Der Wendepunkt mag die Gefangenschaft in Frankreich im
-Frühjahr 1807 gewesen sein; auch hier, in der Einsamkeit seiner Zelle,
-beschäftigt er sich dichterisch. Aber immer düsterer scheinen sich die
-Wolken um ihn zusammengezogen zu haben. So zerrten ihn abstracter
-Verstand und verzehrendes Gefühl, trockner Schematismus und glühende
-Phantasie, gemeine Deutlichkeit und dunkle Mystik, himmelstürmender Muth
-und ermattende Verzagtheit einer willenlosen Beute gleich hin und her.
-Die Phantasie verdunkelte den Verstand, der Verstand hemmte die
-Phantasie, beide lähmten die Kraft des Handelns, gegenseitig verdarben
-sie ihr Spiel. Jede allein hätte einen tüchtigen Menschen ausstatten
-können, sie alle in diesem Maße vereinigt, vernichteten den Besitzer,
-der für sein Glück zu viel oder zu wenig hatte. Das fühlte er nur
-allzuwohl; in schmerzlicher Verzweiflung ruft er aus: »Die Hölle gab mir
-meine halben Talente, der Himmel schenkt dem Menschen ein ganzes oder
-gar keins!« So ward er immer bitterer gegen die Menschen, die ihn nicht
-verstehen, nicht verstehen können, denn er versteht sich selber
-nicht![26] Hätte Kleist, wenn man dieser Betrachtung nachgehen darf,
-eine große sittliche Kraft in sich getragen, er hätte den Streit seines
-Innern durch Unterwerfung unter ein oberstes Gesetz zur Ruhe gebracht;
-hätte er die Selbstbescheidung besessen, ein Talent still anzubauen, sei
-es, der wissenschaftlichen Forschung, oder, wozu er gewiß viel höhern
-Beruf hatte, allein der Poesie zu leben, vielleicht daß er gerettet
-worden wäre!
-
-Diesen Zwiespalt, den er überall wiederfand, hat er in seinen Dichtungen
-unter verschiedenen Formen dargestellt, jene geheimnißvolle Wandelung,
-wie Menschen und Verhältnisse in räthselhafter Verkettung ihre
-ursprüngliche Natur und Freiheit verlieren, um zu werden, was sie nicht
-werden wollen; Tugenden verkehren sich in Laster, aus der besten Absicht
-wächst das Verderben empor, und wie zum Hohne menschlicher Weisheit,
-führt der Frevel zur Versöhnung. Durch den abgeschmackten Aberglauben
-eines einfältigen Mädchens gehen blutsverwandte Familien in den
-Schroffensteinern zu Grunde; Penthesilea's heiße Liebe verzerrt sich zum
-todbringenden Vampyrismus; Kohlhaas wird durch sein Rechtsgefühl zum
-Verbrecher und Landschädiger, und für zwei Pferde fallen Menschen und
-Städte als Sühnopfer; die Selbstverleugnung der jungen Creolin bringt
-ihr den Tod von der Hand des Geliebten; der ritterliche Kämpfer für
-Tugend und Recht erliegt im feierlichen Gottesgericht; und im Findling
-wird der väterliche Wohlthäter von der Schlange, die er im Busen erwärmt
-hat, zu Tode gestochen. Umgekehrt wird der thierische Frevel in der
-Marquise v. O. wider aller Menschen Erwarten zur sühnenden Liebe; im
-Erdbeben von Chili werden durch den Untergang Tausender in einem
-plötzlichen Naturereigniß im Augenblicke des Todes der Inquisition ihre
-Opfer entrissen, freilich um ihn gleich darauf während des Dankgebetes
-für die wunderbare Rettung desto furchtbarer zu erleiden; und in der
-heiligen Cäcilie werden die Sünder zu Boden geschmettert, als sie die
-Hände zum Tempelraube erheben. In der Heilung (I, 3, 2) wird der
-Wahnsinn durch den Wahnsinn geheilt; und im Grabe der Väter (I, 3, 3)
-eine Ehe im Grabe geschlossen. Satirisch gewendet erscheint dieselbe
-Ansicht in dem »allerneuesten Erziehungsplan« (I, 5, 1), der eine Schule
-der Tugend durch das Laster zu errichten vorschlägt. Milder sind
-Käthchen von Heilbronn und der Prinz von Homburg. Dort wird der
-ritterliche Starrsinn durch die reine Natur des einfachen Mädchens
-unterworfen, hier wird der Prinz träumend ein rettender Schlachtenheld,
-um wachend in eisiger Todesfurcht zu verzagen. Eine großartige Wendung
-erhält dieser Gedanke in der Hermannsschlacht; aus der tiefsten
-Knechtschaft erwächst die Freiheit, darin liegt hier zugleich die
-Versöhnung. Aber überwiegend sind es Nachtstücke, fern von allem
-Idealismus der classischen Periode.
-
-Ueberhaupt steht Kleist in entschiedenem Gegensatze zu Goethe und
-Schiller. Ihrer ausgleichenden Classicität setzte er mit kühner Hand den
-schreienden Zwiespalt, das Grausige in seiner Nacktheit entgegen, den
-allgemeinen idealen Gestalten derb realistische, dem Antiken das
-volksthümlich Deutsche, Provinzielle, unbekümmert ob seine Dissonanzen
-das verwöhnte Ohr zerschnitten, und seine lebenswahre Grobheit dem
-classisch gebildeten Sinne brutal schien. Goethe's und Schiller's
-Dichtung war in ihrer Wurzel deutsch, aber doch kosmopolitisch
-vielseitig; Kleist hat seine Räthsel in deutsche Stoffe und Charaktere
-hineingelegt, er war volksthümlich und einseitig. So griff er als
-vaterländischer Dichter in den großen Kampf der Befreiung ein.
-
-Tiefer Schmerz erfaßte ihn, als er den ungeheuern Sturz aller
-Verhältnisse überschaute. Schon im Herbst 1806 rief er seiner Schwester
-zu: »Es wäre schrecklich, wenn dieser Wüthrich sein Reich gründete! Nur
-ein sehr kleiner Theil der Menschen begreift, was für ein Verderben es
-ist, unter seine Herrschaft zu kommen. Wir sind die unterjochten Völker
-der Römer.« In diesen Worten liegt der Keim seiner Hermannsschlacht. Er
-selbst fällt in die Hand des Feindes, mit jedem Siege wächst das
-Verderben, er zweifelt, ob in hundert Jahren noch Jemand im deutschen
-Norden deutsch sprechen werde.[27] In dem einen Leiden des Vaterlandes
-geht jetzt alles Leid, auch das seine auf. Der Ingrimm, der an seinem
-Herzen wie ein Geier nagt, wendet sich von den kleinen Menschen und
-Verhältnissen auf die großen und größten, auf den Dämon der Zeit, auf
-Napoleon den Korsenkaiser. In der erstarkenden Liebe zum alten
-Vaterlande sammelten sich seine Kräfte noch einmal. Sie war nicht blos
-ein verneinender Haß gegen das Fremde, für ihn ward sie eine Läuterung,
-aus der seine Dichtung reiner hervorging, und seine drei großen
-vaterländischen Dramen erwuchsen. Er hatte wieder ein Ziel gefunden; es
-war kein willkürliches, durch die großen Ereignisse ward es ihm gegeben,
-es war die Wiedererweckung des erstorbenen Gefühls für Freiheit und
-Volksehre. So dichtete er die Hermannsschlacht, ein gewaltiges politisch
-historisches Doppelbild, das in der Vergangenheit das Unheil der
-Gegenwart und das Heil der Zukunft im Spiegel der Poesie erscheinen
-ließ. Seine Römer und Germanen bedeuten Franzosen und Deutsche, und doch
-sind sie nichts weniger als Typen; es sind Menschen aus dem Volke der
-Welteroberer und der Urgermanen; gerade hier hat sich die Dichterkraft
-glänzend bewährt.
-
-Rom und sein Augustus will in Deutschland nur einen Fürsten dulden, »der
-seinem Thron auf immer sich verbinde.« Es kennt diese kleinen Herren,
-die um ein Wort, einen leeren Vorzug, eine scheinbare Selbständigkeit,
-die nur durch Demüthigung vor dem fremden Herrscher erkauft werden kann,
-streiten, und lieber diesem als einem aus ihrer Mitte sich unterwerfen.
-Sie fallen sich »wie zwei Spinnen« an, und
-
- -- Es bricht der Wolf, o Deutschland,
- In deine Hürde ein, und deine Hirten streiten
- Um eine Hand voll Wolle sich!
-
-Aber das römische Bündniß wird Unterdrückung, die verheißene Freiheit
-Knechtschaft, das Gebiet der Neutralen wird schonungslos verletzt, »es
-wird jedwedem Gräuel des Krieges Preis gegeben«, und die Abtrünnigen um
-den Lohn der fluchwürdigen Feigherzigkeit betrogen. Ausgepreßt wird das
-deutsche Land bis auf den letzten Blutstropfen, denn »für wen erschaffen
-ward die Welt, wenn nicht für Rom?« Wie Elephant und Seidenwurm zu Roms
-Schmuck hergeben müssen, was die Natur ihnen verlieh, so der Deutsche;
-er ist eine Bestie, »die auf vier Füßen in den Wäldern läuft«, und
-ausgeweidet und dann gepelzt wird. Wer erkennte nicht in dem Latier,
-»der keine andere Volksnatur verstehen konnte und ehren als nur seine«
-den Franzosen? Napoleon's höhnende Politik, die mit zweizüngiger List
-die Schwachen umgarnt, Krieg führt mitten im Frieden, das Markten
-deutscher Fürsten in Paris um Fetzen deutschen Gebiets, das Anfachen der
-Eifersucht Oesterreichs und Preußens, die Kriecherei der Rheinbündler,
-das Hinzerren der Schwäche Preußens, die blutige Verwüstung Hessens,
-Thüringens, der preußischen Lande? Varus mit seinem schneidenden Wort:
-
- Was bekümmerts mich? Es ist nicht meines Amtes
- Den Willen meines Kaisers zu erspähn.
- Er sagt ihn, wenn er ihn vollführt will wissen;
-
-ist das lebendige Ebenbild jener eisernen Marschälle, Mortier, Ney,
-Davoust; und Ventidius, der galante Friseurkünste treibt, einer der
-jüngeren französischen Officiere, die im Boudoir der Damen die
-gefährlichste Politik geheimer Verführung trieben.[28]
-
-In derselben Stimmung sind die satirischen Briefe entstanden. Nicht
-entschieden genug können die offnen oder geheimen Bundesgenossen der
-Feinde im Vaterlande selbst der Verachtung preisgegeben werden. Der
-rheinbündische Officier, der sich mit dem elenden Troste entschuldigt,
-ein Deutscher könne seinen Landsleuten im Hauptquartier Napoleon's durch
-Milderung der Einquartirung die besten Dienste leisten; das
-Landfräulein, wie Kleist von seiner Thusnelda sagte, eins von den
-Weiberchen, die einfältig genug sind, »sich von französischen Manieren
-fangen zu lassen«, das den Verführer heirathen will, an dessen Rock das
-Blut ihrer Brüder und Verwandten klebt; der Festungscommandant, der die
-Häuser der Bürger verbrennt und die Vertheidigungsmittel aus der Stadt
-schafft; sie alle waren nur zu getreue Abbilder ganzer Classen von
-Verräthern. Man wußte ja, welche schmachvollen Eroberungen die Franzosen
-in den Familien gemacht hatten, und mochten auch manche Schilderungen
-böswillig übertrieben sein, so war es doch z. B. eine amtlich
-festgestellte Thatsache, daß eine sechszigjährige Wittwe einen
-zwanzigjährigen französischen Soldaten heirathete, und zu dessen Gunsten
-ihren eigenen Sohn enterbte. Was will des Dichters Satire bedeuten gegen
-diese furchtbarste Satire der Thatsachen? Die Commandanten von Cüstrin
-und Magdeburg hatten ja kurz vor der Capitulation die Vorstädte
-niederzubrennen gedroht oder wirklich niedergebrannt; und in dem
-Königlichen Publicandum vom 6. December 1806 waren sie, und diese ganze
-Gattung, bezeichnet worden als Knechte, »die ihre Pferde absträngen, um
-davonzujagen.«[29]
-
-War diese Satire zermalmend, so war der Gedanke, die Trugpolitik des
-Feindes als System darzustellen und die Lügenkünste der französischen
-Journale nach Lehrsätzen zu entwickeln, vielleicht der geistvollste, den
-Kleist in dieser Ideenverbindung hatte. Er war im Sinne Swift's gefaßt.
-Was ein politischer Weiser, der dies Treiben an der Quelle studiert
-hatte, der Graf Schlabrendorf davon sagte, stellte Kleist systematisch
-dar: »Es ist gar keine Kunst, eine Unwahrheit zu erfinden. Jeder
-Flachkopf kann das. Die eigentliche Kunst besteht darin, aus zweien
-Sätzen, die, jeder einzeln, wahr sind, durch arglistige Zusammenstellung
-einen dritten herauszubringen, der eine Lüge ist. Das ist die vornehmste
-Art der Rabulisterei, aber auch zugleich die gemeinste.« Oder wie Kleist
-die Aufgabe stellt: »Alles was in der Welt vorfällt, zu entstellen, und
-gleichwohl ziemliches Vertrauen zu haben.« Mit sarkastischer
-Folgerichtigkeit entwickelt er den ganzen Vorrath von Trug- und
-Gewaltmitteln, und der letzte Zweck ist: »die Regierung über allen
-Wechsel der Begebenheiten hinaus sicher zu stellen, und die Gemüther,
-allen Lockungen des Augenblickes zum Trotz, in schweigender
-Unterwürfigkeit unter das Joch derselben niederzuhalten.«[30]
-
-Diesen geheimen Künsten des Feindes gegenüber konnte dem Volke nicht
-eindringlich genug wiederholt werden, was es zu thun habe, um sich aus
-dem Elende zu retten. Keine Form war dem furchtbaren Humor geeigneter
-als der Katechismus, der die christlichen Grundwahrheiten als Gebote
-Gottes lehrt, und in dem Alte und Kinder Trost und Heil suchen. Einige
-Jahre früher hatten die Gründer der romantischen Schule gar manches zur
-Religion machen wollen; hier sollte mit der Vaterlandsliebe als Religion
-Ernst gemacht werden. Hatte der Kosmopolitismus sich der religiösen
-Weihe gerühmt, so war auch das Volk, das deutsche Volk, die lebendige
-Darstellung eines Gedankens aus dem göttlichen Geiste, und die Heils-
-und Rettungslehre vom Vaterlande sollte Alten und Jungen eingeprägt
-werden.
-
-Ein Mann wie Kleist konnte nur der Partei angehören, die Preußen je eher
-je besser in den Kampf führen, alles an alles setzen und lieber ruhmvoll
-untergehen, als schmählich leben wollte. Nur zu Stein, Scharnhorst,
-Gneisenau konnte er stehen, zu den sogenannten Exaltirten, wie damals
-die deutsche Partei genannt wurde. Volksbewaffnung, Volkskrieg war ihr
-Gedanke; der Norddeutsche konnte so gut, wie Spanier und Tiroler, sein
-Joch zertrümmern, Katt, Dörnberg, Schill erhoben sich, das Maß war
-übervoll, das Volk genug geknechtet, geschmäht, getreten, um endlich in
-voller Wuth hervorzubrechen. Was Staatsmänner beriethen und Generale
-vorbereiteten, sprach er 1808 in der Hermannsschlacht als letztes
-Rettungsmittel aus; wie Gneisenau wollte sein Hermann, die Germanen
-sollten Weib und Kind zusammenraffen, ihre Güter verkaufen, die Fluren
-verwüsten, die Heerden erschlagen, die Plätze niederbrennen, denn der
-That bedarf es, nicht der Verschwörung, Schwätzer mögen Deutschland zu
-befreien mit Chiffern schreiben und einander Boten senden, die die Römer
-hängen, er will einen Krieg
-
- Entflammen, der in Deutschland rasselnd
- Gleich einem dürren Walde um sich greifen
- Und auf zum Himmel lodernd schlagen soll!
- -- --
- Die ganze Brut, die in den Leib Germaniens
- Sich eingefilzt, wie ein Insectenschwarm,
- Muß durch das Schwerdt der Rache jetzo sterben.
- -- --
- Die Guten mit den Schlechten. Was! Die Guten!
- Das sind die Schlechtesten! Der Rache Keil
- Soll sie zuerst vor allen Andern treffen!
-
-Und das sollte von der Bühne herab verkündet werden; am 1. Januar 1809
-sandte Kleist die Hermannsschlacht dem Wiener Burgtheater; sein
-Schauspiel schien ihm des Erfolges sicher zu sein. Das ist auch der
-Grundton seines Katechismus.[31]
-
-In sechszehn Capiteln spricht er von Deutschland überhaupt, von der
-Liebe zum Vaterlande, von der Zertrümmerung des Vaterlandes, vom
-Erzfeind, von der Erziehung der Deutschen, der Verfassung der Deutschen,
-den freiwilligen Beiträgen, den obersten Staatsbeamten, vom
-Hochverrathe. Die fehlenden Capitel handelten augenscheinlich von den
-Mitteln, den Erzfeind zu bekämpfen, von der Organisation des Kampfes,
-vom Aufstande des Volks. Auch hier geht er von der Gegenwart aus. Auf
-der Karte giebt es seit 1805 kein Deutschland mehr. »Wo find ich dies
-Deutschland? wo liegt es?« lautet die bittere Frage. Dennoch hat es ein
-unverlierbares Dasein in der Liebe derer, die ihm anhangen, weil es das
-Vaterland ist. Aber es ist zertrümmert worden von dem Korsenkaiser, den
-die Deutschen nie beleidigt haben, und der sie mitten im Frieden
-unterjocht. Und warum that er es? »Weil er ein böser Geist ist, der
-Erzfeind, der Anfang alles Bösen, das Ende alles Guten!« So braust der
-Strom eines vernichtenden Zornes hin, der umsonst nach Ausdrücken und
-Bildern sucht, durch die seine ganze Fülle sich ergießen könne. Der
-Deutsche soll sich vergegenwärtigen, was er gelitten habe, des Morgens,
-wenn er sich vom Lager erhebt, des Abends, wenn er zur Ruhe geht; die
-höchsten Güter, die Gott dem Menschen verliehen, »Gott, Vaterland,
-Kaiser, Freiheit, Liebe und Treue, Schönheit, Wissenschaft und Kunst«
-soll er wieder erringen, den Erzfeind hassen, aus allen Kräften
-bekämpfen, alles entbehren, alles opfern, und wenn auch kein Mensch am
-Leben bliebe, dennoch müßte gekämpft werden, »weil es Gott lieb ist,
-wenn Menschen ihrer Freiheit wegen sterben, weil es ihm ein Gräuel ist,
-wenn Sclaven leben!«
-
-So predigte er die Religion der volksthümlichen Selbständigkeit, des
-nationalen Hasses, so dachten und sprachen Stein, Blücher, Fichte. »Man
-muß der Nation das Gefühl der Selbständigkeit einflößen«, schrieb
-Scharnhorst an Clausewitz, »man muß ihr Gelegenheit geben, daß sie mit
-sich selbst bekannt wird, daß sie sich ihrer selbst annimmt; nur erst
-dann wird sie sich selbst achten, und von Andern Achtung zu erzwingen
-wissen!« Und Stein an Wittgenstein: »Die Erbitterung nimmt in
-Deutschland täglich zu, und es ist rathsam, sie zu nähren und auf die
-Menschen zu wirken. -- Die spanischen Angelegenheiten machen einen sehr
-lebhaften Eindruck und beweisen handgreiflich, was wir längst hätten
-glauben sollen. Es wird sehr nützlich sein, sie möglichst auf eine
-vorsichtige Art zu verbreiten.« Endlich Blücher: »Mein Rath ist zu den
-Waffen unsere und die gantze deutsche Nation aufzuruffen, den
-vaterländischen boden zu verteidigen, die waffen im allgemeinen nicht
-ehender nieder zu legen, bis ein Volck, daß uns unterjochen wollte, vom
-dießseitigen Reinufer vertrieben sei; jeder deutsche der mit den waffen
-wider uns getroffen werde, habe den Tod verwürkt; ich weiß nicht, warum
-wihr uns nicht den Tihrollern und Spaniern gleich achten wollen!« So der
-Held, der Staatsmann, der Dichter.
-
-Doch dazu waren in Preußen die Dinge noch nicht reif; aber um so
-mächtiger erhob sich Oesterreich, das, seiner alten Natur entsagend,
-sich an die Kraft des Volkes wandte. Wie zündende Funken schlugen die
-Aufrufe des Kaisers und des Erzherzogs Karl ein, als deren Verfasser man
-Friedrich Schlegel und Gentz nannte. »Wir kämpfen«, sagte der Erzherzog
-in seinem Aufruf an die deutsche Nation, »um die Selbständigkeit der
-österreichischen Monarchie zu behaupten, um Deutschland die
-Unabhängigkeit und National-Ehre wieder zu verschaffen, die ihm
-gebühren. Dieselben Anmaßungen, die uns jetzt bedrohen, haben
-Deutschland bereits gebeugt. Unser Widerstand ist seine letzte Stütze
-zur Rettung. Unsere Sache ist die Sache Deutschlands!« Und in einem
-andern: »Die Masse der Nation selbst hat sich in ihrem gerechten
-Unwillen erhoben und die Waffen ergriffen! -- Der jetzige Augenblick
-kehrt nicht zurück in Jahrhunderten! Ergreift ihn, damit er nicht für
-Euch auf immer entfliehe! Ahmet Spaniens großes Beispiel nach! --
-Zeiget, daß auch Euch Euer Vaterland und eine selbständige deutsche
-Regierung und Gesetzgebung theuer sei, daß Ihr Entschluß und Kraft habt,
-es aus der entehrenden Sclaverei zu reißen, es frei, nicht unter fremdem
-Joche erniedrigt, Euren Kindern zu hinterlassen.«[32] Noch einmal
-erhoben die Habsburger das Banner des deutschen Volkes, sie gaben das
-Zeichen zum Kampf, und noch einmal leuchteten das alte Kaiserthum, das
-alte Reich in einem zauberischen Glanze volksthümlicher Größe, den sie
-seit dem Untergange der Hohenstaufen in Wirklichkeit nie gehabt hatten.
-Die Vergangenheit enthielt was die Zukunft versprach, was der Gegenwart
-fehlte. Daher, wie bei vielen Andern, die zum österreichischen Heere
-eilten, auch bei Kleist, dem Brandenburger, die Begeisterung für
-Oesterreich, für Franz den Zweiten, den alten Kaiser, den Vormund, Vater
-und Wiederhersteller der Deutschen, »der den großmüthigen Kampf für das
-Heil des unterdrückten und bisher noch wenig dankbaren Deutschland
-unternommen hat«; für den Erzherzog Karl, der »die göttliche Kraft das
-Werk an sein Ziel hinaus zu führen dargethan hat.«
-
-Wohin dieser Kampf für Gottes heilige Ordnung endlich führen mußte,
-ahnte er; wie der Deutsche zum Deutschen zurückkehren, alle sich
-gemeinsam umwenden würden gegen den Feind, den Rhein ereilen, um »dann
-nach Rom selbst aufzubrechen, wir oder unsere Enkel«, damit der
-Weltkreis endlich Ruhe gewinne. Ueber diese Erfüllung hinaus sah er
-_einen_ Herrscher an der Spitze des Vaterlands, von dem er im Prinzen
-von Homburg sagte:
-
- Das wird sich ausbaun herrlich, in der Zukunft,
- Erweitern unter Enkels Hand, verschönern,
- Mit Zinnen, üppig, feenhaft, zur Wonne
- Der Freunde und zum Schrecken aller Feinde.[33]
-
-So eilte sein Seherblick über fünf verhängnißvolle Jahre fort; in seinem
-Prinzen von Homburg ahnte er den künftigen York und nahm die Siege von
-1813 und 1815 voraus. Doch nicht so gut wie seinem Helden ward es ihm
-selbst. Den Glauben an den Sieg der ewigen Mächte, der den Dichter
-begeisterte, vermochte der Mensch nicht festzuhalten, und sein Zweifel
-führte ihn in den Tod. Weil sein Dichterglaube der Zeit voraneilte,
-verließen ihn die Zeitgenossen; und kraftlos schien sein Wort zu
-verhallen. Die Hermannsschlacht, der Prinz von Homburg kamen nicht zur
-Darstellung, nicht einmal zum Druck; seine Aufrufe, die ganz Deutschland
-galten, mußte er bei verschlossenen Thüren vorlesen, dann wurden sie
-vergessen. Er hatte gehofft, jetzt werde Deutschland sich erheben, es
-erhob sich nicht; er hatte gehofft, jetzt werde Oesterreich siegen, es
-ward geschlagen. Auch die Hoffnung auf die Rettung des Vaterlandes, an
-der er sich noch einmal aufgerichtet hatte, scheiterte, und er mit ihr.
-Hätte er sterben können auf dem Schlachtfelde, mit dem Degen in der
-Faust, wie sein Vorfahr Ewald von Kleist, wie Theodor Körner, er wäre
-glücklich gewesen. Er ist gefallen wie Schill, weil es noch nicht an der
-Zeit war; aber nicht wie der Held, dessen Untergang noch ein Sieg ist,
-sondern im Streite mit sich selbst. Zu seinem Verderben reichen sich
-jetzt Phantasie und Verstand die Hände, die Verzweiflung, die ihm von
-jener ausgemalt wird, beweist ihm dieser, und mit trügerisch kalter
-Ueberlegung, die er unaussprechliche Heiterkeit nennt, wird er fremden
-Blutes schuldig und giebt sich dann den Tod. Voreilig greift er in sein
-Geschick, beraubt sich des Höchsten, was er ersehnt hat, und in
-tragischer Ueberstürzung endet der tragische Dichter.
-
-Kleist hat sich selbst gerichtet, aber seine Stelle in der Litteratur
-und Geschichte unseres Volkes bleibt ihm unvergänglich. Jene Zeit hat
-seinen Mahnruf überhört; desto eindringlicher tönt er zu uns herüber; es
-ist die Stimme des Propheten, die sich nach mehr als fünfzig Jahren
-warnend aus dem Grabe erhebt. Oder hätten wir etwa Veranlassung, sie
-heute zu überhören? Wäre sie wirklich nur ein geschichtliches Zeugniß
-vergangener Zeiten? Wollte Gott, wir könnten es sagen! Noch ist der
-Ueberwitz bei uns zu Hause, noch treiben wir Handel und Wandel im
-Schweiße des Angesichts, während andere die Früchte deutscher Arbeit
-genießen; noch hadern die Hirten um eine Hand voll Wolle, noch gilt das
-Ganze als Verrath am Einzelnen, und jeder Zoll will ein König sein.
-Wieder haben sich die Epigonen der Eroberer erhoben und werfen ihre
-lüsternen Blicke auf die deutsche Erde, wieder spinnt die Trugpolitik
-die unsichtbaren zähen Fäden ihres Netzes, wieder heulen die Wölfe an
-den deutschen Marken. Sollte das alte Chaos je wiederkehren? Wäre das
-möglich nach so vielen Opfern, schweren Kämpfen und schmerzlichen
-Erfahrungen? Nimmermehr! Auch Völker lernen aus der Geschichte, nur
-langsamer als der Einzelne; schwerer hat keines dafür gezahlt, als das
-deutsche. Möge es durch die That zeigen, es habe Kleist's großes Wort
-endlich erkennen gelernt:
-
-»Vergebt, vergeßt, versöhnt, umarmt und liebt euch!«
-
-
-
-
- Nachtrag
- zu
- Heinrich von Kleist's Werken.
-
-
-
-
-
- I. Prosa.
-
-
-
-
- 1. Politische Satiren.
-
-
- 1. Brief eines rheinbündischen Officiers an seinen Freund.[34]
-
-Auf meine Ehre, mein vortrefflicher Freund, Sie irren sich. Ich will ein
-Schelm sein, wenn die Schlacht von Jena, wie Sie zu glauben scheinen,
-meine politischen Grundsätze verändert hat. Lassen Sie uns wieder einmal
-nach dem Beispiel des schönen Sommers von 1806 ein patriotisches
-Convivium veranstalten (bei Sala schlag ich vor,[35] er hat frische
-Austern bekommen und sein Burgunder ist vom Beßten), so sollen Sie
-sehen, daß ich noch ein ebenso enthousiastischer Anhänger der Deutschen
-bin wie vormals. Zwar der Schein, ich gestehe es, ist wider mich. Der
-König hat mich nach dem Frieden bei Tilsit auf die Verwendung des
-Reichsmarschalls Herzogs von Auerstädt,[36] dem ich einige Dienste zu
-leisten Gelegenheit [hatte],[37] zum Obristen avancirt. Man hat mir das
-Kreutz der Ehrenlegion zugeschickt, eine Auszeichnung, mit welchem ich,
-wie Sie selbst einsehen, öffentlich zu erscheinen, nicht unterlassen
-kann; ich würde den König, dem ich diene, auf eine zwecklose Weise
-dadurch compromittiren.
-
-Aber was folgt daraus? Meinen Sie, daß diese Armseeligkeiten mich
-bestimmen werden, die große Sache, für die die Deutschen fechten, aus
-den Augen zu verlieren? Nimmermehr! Lassen Sie nur den Erzherzog Carl,
-der jetzt ins Reich vorgerückt ist, siegen, und die Deutschen, sowie er
-es von ihnen verlangt hat, ^en masse^ aufstehen, so sollen Sie sehen,
-wie ich mich alsdann entscheiden werde.[38]
-
-Muß man denn den Abschied nehmen und zu den Fahnen der Oesterreicher
-übergehen, um dem Vaterlande diesen Augenblick nützlich zu sein? Mit
-nichten! Ein Deutscher, der es redlich meint, kann seinen Landsleuten in
-dem Lager der Franzosen selbst, ja in dem Hauptquartier des Napoleon,
-die wichtigsten Dienste thun. Wie mancher kann der Requisition an
-Fleisch oder Fourage vorbeugen; wie manches Elend der Einquartirung
-mildern?
-
-Ich bin mit wahrer Freundschafft u. s. w.
-
-N. S.
-
-Hierbei erfolgt feucht, wie es eben der Courier überbringt, das erste
-Bülletin der französischen Armee. Was sagen Sie dazu? Die
-Österreichische Macht total pulverisirt, alle Corps der Armee
-vernichtet, drei Erzherzöge todt auf dem Platz![39] -- Ein verwünschtes
-Schicksal! Ich wollte schon zur Armee abgehn. Herr von Montesquiou, hat,
-wie ich höre, das Bülletin nunmehr anhero gebracht, und ist dafür von
-Sr. Majestät mit einer Tabatiere, schlecht gerechnet 2000 Ducaten an
-Werth beschenkt worden.
-
-
- 2. Brief eines jungen märkischen Landfräuleins an ihren Onkel.
-
-Theuerster Herr Onkel,
-
-Die Regungen der kindlichen Pflicht, die mein Hertz gegen Sie empfindet,
-bewegen mich, Ihnen die Meldung zu thun, daß ich mich am 8ten d. von
-Verhältnissen, die ich nicht nennen kann, gedrängt, mit dem jungen Hrn.
-^Lefat^, Capitain bei dem 9. französischen Dragonerregiment, der in
-unserm Hause zu P... einquartiert war, verlobt habe.[40]
-
-Ich weiß, gnädigster Onkel, wie Sie über diesen Schritt denken. Sie
-haben sich gegen die Verbindungen, die die Töchter des Landes, so lange
-der Krieg fortwährt, mit den Individuen des französischen Heers
-vollziehn, oftmals mit Heftigkeit und Bitterkeit erklärt. Ich will Ihnen
-hierin nicht ganz Unrecht geben. Man braucht keine Römerinn oder
-Spartanerinn zu sein, um das Verletzende, das allgemeine betrachtet
-darin liegen mag, zu empfinden. Diese Männer sind unsere Feinde; das
-Blut unserer Brüder und Verwandten klebt, um mich so auszudrücken, an
-ihren Röcken, und es heißt sich gewissermaßen, wie Sie sehr richtig
-bemerken, von den Seinigen lossagen, wenn man sich auf die Parthei
-derjenigen herüber stellt, deren Bemühen ist sie zu zertreten, und auf
-alle ersinnliche Weise zu verderben und zu vernichten.
-
-Aber sind diese Männer, ich beschwöre Sie, sind sie die Urheber des
-unseeligen Kriegs, der in diesem Augenblick zwischen Franzosen und
-Deutschen entbrannt ist? Folgen sie nicht, der Bestimmung eines Soldaten
-getreu, einem blinden Gesetz der Nothwendigkeit, ohne selbst oft die
-Ursach des Streits, für den sie die Waffen ergreifen, zu kennen? Ja,
-giebt es nicht Einzelne unter ihnen, die den rasenden Heereszug, mit
-welchem Napoleon von Neuem das deutsche Reich überschwemmt,
-verabscheuen, und die das arme Volk, auf dessen Ausplünderung und
-Unterjochung es angesehen ist, aufs Innigste bedauern und bemitleiden?
-
-Vergeben Sie, mein theuerster und beßter Oheim! Ich sehe die Röthe des
-Unwillens auf Ihre Wangen treten! Sie glauben, ich weiß, Sie glauben an
-diese Gefühle nicht; Sie halten sie für die Erfindung einer satanischen
-List, um das Wohlwollen der armen Schlachtopfer, die sie zur Bank
-führen, gefangen zu nehmen. Ja, diese Regung, selbst wenn sie vorhanden
-wäre, versöhnt Sie nicht, Sie halten den Ihrer doppelten Rache für
-würdig, der das Gesetz des göttlichen Willens anerkennt und gleichwol
-auf eine so lästerliche und höhnische Weise zu verletzen wagt.
-
-Allein, wenn die Ansicht, die ich aufstellte, allerdings nicht gemacht
-ist, die Männer, die das Vaterland eben[41] vertheidigen, zu entwaffnen,
-indem sie unmöglich, wenn es zum Handgemenge kömmt, sich auf die Frage
-einlassen können, wer von denen, die auf sie anrücken, schuldig ist oder
-nicht: so verhält es sich doch, mein gnädigster Onkel, mit einem Mädchen
-anders; mit einem armen schwachen Mädchen, auf dessen leicht bethörte
-Sinne, in der Ruhe eines monatlangen Umgangs, alle Liebenswürdigkeiten
-der Geburt und der Erziehung einzuwirken Zeit finden, und das, wie man
-leider weiß, auf die Vernunft nicht mehr hört, wenn das Herz sich
-bereits für einen Gegenstand entschieden hat.
-
-Hier lege ich Ihnen ein Zeugniß bei, das Hr. ^v. Lefat^ sich auf die
-Forderung meiner Mutter von seinem Regimentschef zu verschaffen gewußt
-hat. Sie werden daraus ersehen, daß das, was uns ein Feldwebel von
-seinem Regiment von ihm sagte, nämlich daß er schon verheiratet sei,
-eine schändliche und niederträchtige Verläumdung war. Hr. ^v. Lefat^ ist
-selbst vor einigen Tagen in B.-- gewesen, um das Attest, das die
-Declaration vom Gegentheil enthält, formaliter von seinem Obristen
-ausfertigen zu lassen. Ueberhaupt muß ich Ihnen sagen, daß die niedrige
-Meinung, die man hier in der ganzen Gegend von diesem jungen Manne hegt,
-mein Herz auf das Empfindlichste kränkt. Der Leidenschaft, die er für
-mich fühlt, und die ich als wahrhaft zu erkennen, die entscheidendsten
-Gründe habe, wagt man die schändlichsten Absichten unterzulegen. Ja,
-mein voreiliger Bruder geht soweit mich zu versichern, daß der Obrist,
-sein Regimentschef, gar nicht mehr in B.-- sei --, und ich bitte Sie,
-der Sie sich in B.-- aufhalten, dem Ersteren darüber nach angestellter
-Untersuchung die Zurechtweisung zu geben. Ich leugne nicht, daß der
-Vorfall, der sich vor einiger Zeit zwischen ihm und der Kammerjungfer
-meiner Mutter zutrug, einige Unruhe über seine sittliche Denkungsart zu
-erwecken geschickt war. Abwesend, wie ich an diesem Tage von P.-- war,
-bin ich gänzlich außer Stand über die Berichte dieses albernen und
-eingebildeten Geschöpfs zu urtheilen. Aber die Beweise, die er mir, als
-ich zurückkam und in Thränen auf mein Bette sank, von seiner
-ungetheilten Liebe gab, waren so eindringlich, daß ich die ganze
-Erzählung als eine elende Vision verwarf, und von der innigsten Reue
-bewegt, das Band der Ehe, von dem bis dahin noch nicht die Rede gewesen
-war, jetzt allererst knüpfen zu müssen glaubte. -- Wären sie es weniger
-gewesen, und Ihre Laura noch frei und ruhig wie zuvor!
-
-Kurz, mein theuerster und beßter Onkel, retten Sie mich!
-
-In 8 Tagen soll, wenn es nach meinen Wünschen geht, die Vermählung sein.
-
-Inzwischen wünscht Hr. ^v. Lefat^, daß die Anstalten dazu, auf die meine
-gute Mutter bereits in zärtlichen Augenblicken denkt, nicht eher auf
-entscheidende Weise gemacht werden, als bis Sie die Güte gehabt haben
-ihm das ^Legat^ zu überantworten, das mir aus der Erbschaft meines
-Großvaters bei dem Tode desselben zufiel, und Sie, als mein Vormund bis
-heute gefälligst verwalteten. Da ich großjährig bin, so wird diesem
-Wunsch nichts im Wege stehn, und indem ich es mit meiner zärtlichsten
-Bitte unterstütze, und auf die schleunige Erfüllung desselben antrage,
-indem sonst die unangenehmste Verzögerung davon die Folge sein würde,
-nenne ich mich mit der innigsten Hochachtung und Liebe u. s. w.
-
-
- 3. Schreiben eines Burgemeisters in einer Festung an einen
- Unterbeamten.
-
-Sr. Excellenz der Hr. Generallieutenant von F., ^Commendant^ der
-hiesigen Garnison, haben sich auf die Nachricht, daß der Feind nur noch
-drey Meilen von der Festung stehe, auf das Rathhaus verfügt, und
-daselbst, in Begleitung eines starken Detaschements von Dragonern, 3000
-Pechkränze verlangt, um die Vorstädte, die das Glacis embarrassiren,
-danieder zu brennen.
-
-Der Rath der Stadt, der unter solchen Umständen das Ruhmvolle dieses
-Entschlusses einsah, hat, nach Abführung einiger renitirenden
-Mitglieder, die Sache ^in pleno^ erwogen, und mit einer Majorität von 3
-gegen 2 Stimmen, wobei meine wie gewöhnlich für 2 galt, und Sr.
-Excellenz die 3 supplirten, die verlangten Pechkränze ohne Bedenken
-bewilligt. Inzwischen ist nun die Frage, und wir geben Euch auf Euch
-gutachtlich darüber auszulassen,
-
- 1. Wie viel an Pech und Schwefel, als den dazu gehörigen
- Materialien, zur Fabrication von 3000 Pechkränzen erforderlich
- sind; und
-
- 2. ob die genannten Combustibeln in der berechneten Menge zur
- gehörigen Zeit herbeizuschaffen sind?
-
-Unseres Wissens liegt ein großer Vorrath von Pech und Schwefel bei dem
-Kaufmann M. in der N..schen Vorstadt, P..sche Gasse Num. 139.
-
-Inzwischen ist dies ein auf Bestellung der Dänischen Regierung
-aufgehäufter Vorrath, und wir besitzen bereits, in Relation wie wir mit
-derselben stehen, den Auftrag dem Kaufmann M. den Marktpreis davon mit
-3000 fl. zuzufertigen. Indem wir Euch nun, diesem Auftrage gemäß, die
-besagte Summe für den Kaufmann M. in guten Landespapieren, demselben
-auch sechs Wägen oder mehr und Pässe, und was immer zur ungesäumten
-Abführung der Ingredienzen an den Hafen-Platz erforderlich sein mag,[42]
-bewilligen, beschließen wir zwar von diesem Eigenthum der Dänischen
-Regierung Behufs einer Niederbrennung der Vorstädte keine Notiz zu
-nehmen; indessen habt Ihr das gesammte Personale der untern
-Polizeibeamten zusammenzunehmen, und alle Gewölbe und Läden der Kauf-
-und Gewerksleute, die mit diesen Combustibeln handeln oder sie
-verarbeiten, aufs Strengste und Eigensinnigste zu durchsuchen, damit,
-dem Entschluß Sr. Excellenz gemäß, unverzüglich die Pechkränze
-verfertigt und mit Debarrassirung des Glacis verfahren werden möge.
-
-Nichts ist nothwendiger, als in diesem Augenblick der herannahenden
-Gefahr Alles aufzubieten, und kein Opfer zu scheuen, das im Stande ist
-dem Staat diesen für den Erfolg des Kriegs höchst wichtigen Platz zu
-behaupten. Sr. Excellenz haben erklärt, daß wenn ihr auf dem Markt
-befindlicher Pallast vor dem Glacis läge, sie denselben zuerst
-niederbrennen und unter den Thoren der Vestung übernachten würden. Da
-nun unser, sowohl des Burgemeisters, als auch Euer, des Unterbeamten,
-Haus, in dem angegebenen Fall sind, indem sie von der Q...schen Vorstadt
-her mit ihren Gärten und Nebengebäuden das Glacis beträchtlich
-embarrassiren, so wird es bloß von Euren Recherchen und von dem Bericht
-abhangen, den Ihr darüber abstatten werdet, ob wir den Andern ein
-Beispiel zu geben, und den Pechkranz zuerst auf die Giebel derselben zu
-werfen haben.
-
-Sind in Gewogenheit u. s. w.
-
-
- 4. Brief eines politischen Pescherü über einen Nürnberger
- Zeitungsartikel.
-
-Erlaube mir, Vetter Pescherü, daß ich Dir in der verwirrten Sprache, die
-kürzlich ein Deutscher mich gelehrt hat, einen Artikel mittheile, der in
-einer Zeitung dieses Landes, wenn ich nicht irre, im Nürnberger
-Correspondenten gestanden hat, und den ein Grönländer, der in Island auf
-einem Kaffeehause war, hierher gebracht hat. Der Zeitungsartikel ist
-folgenden sonderbaren Inhalts:[43]
-
-»Es sind nicht sowohl die Franzosen, welche die Freiheitsschlacht, die
-bei Regensburg gefochten ward, entschieden haben, als vielmehr die
-Deutschen selbst. Der tapfere Kronprinz von Bayern hat zuerst an der
-Spitze der rheinbündischen Truppen die Linien der Oesterreicher
-durchbrochen. Der Kaiser Napoleon hat ihn am Abend der Schlacht auf dem
-Wahlplatz umarmt, und ihn den Helden der Deutschen genannt.«[44]
-
-Ich versichere Dich, Vetter Pescherü, ich bin hinausgegangen auf den
-Sandhügel, wo die Sonne brennt, und habe meine Nase angesehen
-stundenlang, und wieder stundenlang, ohne im Stande gewesen zu sein den
-Sinn dieses Zeitungsartikels zu erforschen. Er verwischt Alles, was ich
-über die Vergangenheit zu wissen meine, dergestalt, daß mein Gedächtniß
-wie ein weißes Blatt aussieht, und die ganze Geschichte derselben von
-Neuem darin angefrischt werden muß.
-
-Sage mir also, ich bitte Dich:
-
-1. Ist es der Kaiser von Oesterreich, der das deutsche Reich im Jahre
-1805 zertrümmert hat?[45]
-
-2. Ist er es, der den Buchhändler Palm erschießen ließ, weil er ein
-dreistes Wort über diese Gewaltthat in Umlauf brachte?[46]
-
-3. Ist er es, der durch List und Ränke die deutschen Fürsten entzweite,
-um über die Entzweiten nach der Regel des Cäsar zu herrschen?
-
-4. Ist er es, der den Kurfürsten von Hessen ohne Kriegserklärung aus
-seinem Lande vertrieb, und einen Handlungscommis -- wie heißt er schon?
--- der ihm verwandt war, auf den Thron desselben setzte?[47]
-
-5. Ist er es, der den König von Preußen, den ersten Gründer seines
-Ruhms, in dem undankbarsten und ungerechtesten Kriege zu Boden
-geschlagen hat, und auch selbst nach dem Frieden noch mit seinem
-grimmigen Fuß auf dem Nacken desselben verweilte?[48]
-
-6. Ist es dagegen der Kaiser Napoleon, der durch unglückliche Feldzüge
-erschöpft, die deutsche Krone auf das Machtwort seines Gegners
-niederzulegen genöthigt war?[49]
-
-7. Ist er es, der mit zerrissenem Herzen Preußen, den letzten Pfeiler
-Deutschlands, sinken sah, und, so zerstreut seine Heere auch waren,
-herbei geeilt sein würde ihn zu retten, wenn der Friede von Tilsit nicht
-abgeschlossen worden wäre?[50]
-
-8. Ist er es, der dem betrogenen Kurfürsten von Hessen auf der Flucht
-aus seinen Staaten einen Zufluchtsort in den seinigen vergönnt hat?[51]
-
-9. Ist er es endlich, der sich des Elends, unter welchem die Deutschen
-seufzen, erbarmt hat, und der nun, an der Spitze der ganzen Jugend, wie
-Anteus, der Sohn der Erde, von seinem Fall erstanden ist, um das
-Vaterland zu retten?
-
-Vetter Pescherü, vergieb mir diese Fragen; ein Europäer wird ohne
-Zweifel, wenn er den Artikel liest, wissen was er davon zu halten hat.
-Einem Pescherü aber müssen, wie Du selbst einsiehst, alle die Zweifel
-kommen, die ich Dir vorgetragen habe.
-
-Bekanntlich drücken wir mit dem Wort Pescherü Alles aus, was wir
-empfinden oder denken, drücken es mit einer Deutlichkeit aus, die den
-andern Sprachen der Welt fremd ist. Wenn wir z. B. sagen wollen: es ist
-Tag, so sagen wir: Pescherü; wollen wir hingegen sagen: es ist Nacht, so
-sagen wir: Pescherü. Wollen wir ausdrücken: dieser Mann ist redlich, so
-sagen wir: Pescherü; wollen wir hingegen versichern: er ist ein Schelm,
-so sagen wir: Pescherü. Kurz, Pescherü drückt den Inbegriff aller
-Erscheinungen aus, und eben darum, weil es Alles ausdrückt, auch jedes
-Einzelne.
-
-Hätte doch der Nürnberger Zeitungsschreiber in der Sprache der Pescherüs
-geschrieben! Denn setze einmal der Artikel lautete also Pescherü, so
-würde Dein Vetter[52] nicht einen, nicht einen Augenblick bei seinem
-Inhalt angestoßen sein. Er würde alsdann mit völliger Bestimmtheit und
-Klarheit also gelesen haben:
-
-»Es sind nicht sowohl die Franzosen, welche die Schlacht, die das
-deutsche Reich dem Napoleon überliefern sollte, gewonnen haben, als
-vielmehr die bemitleidenswürdigen Deutschen selbst. Der entartete
-Kronprintz von Bayern hat zuerst an der Spitze der rheinbündischen
-Truppen die Linien der braven Oesterreicher, ihrer Befreier,
-durchbrochen. »Sie sind der Held der Deutschen!« rief ihm der
-Verschlagenste der Unterdrücker zu; aber sein Hertz sprach heimlich:
-»ein Verräther bist Du, und wenn ich Dich werde gebraucht haben, wirst
-Du abtreten!«
-
-
- 5. Die Bedingung des Gärtners.
- Eine Fabel.
-
-Ein Gärtner sagte zu seinem Herrn: »Deinem Dienst habe ich mich nur
-innerhalb dieser Hecken und Zäune gewidmet. Wenn der Bach kommt und
-deine Frucht-Beete überschwemmt, so will ich mit Hacken und Spaten
-aufbrechen, um ihm zu wehren; aber außerhalb dieses Bezirkes zu gehen,
-und, ehe der Strom noch einbricht, mit seinen Wogen zu kämpfen, das
-kannst du nicht von deinem Diener verlangen.«
-
-Der Herr schwieg.
-
-Und drei Frühlinge kamen und verheerten mit ihren Gewässern das Land.
-Der Gärtner triefte von Schweiß, um dem Geriesel[53], das von allen
-Seiten eindrang, zu steuern; umsonst; der Seegen des Jahrs, wenn ihm die
-Arbeit auch gelang, war verderbt und vernichtet.
-
-Als der vierte kam, nahm er Hacken und Spaten und gieng auf's Feld.
-
-»Wohin?« fragte ihn sein Herr.
-
-»Auf das Feld, antwortete er, wo das Uebel entspringt. Hier thürm' ich
-Wälle von Erde umsonst, um dem Strom, der brausend hereinbricht, zu
-wehren: an der Quelle kann ich ihn mit einem Fußtritt verstopfen.«
-
-Landwehren von Oesterreich! Warum wollt ihr bloß innerhalb eures Landes
-fechten?[54]
-
-
- 6. Lehrbuch der französischen Journalistik.
-
-
- Einleitung.
-
-
- § 1.
-
-Die Journalistik überhaupt ist die treuherzige und unverfängliche Kunst
-das Volk von dem zu unterrichten, was in der Welt vorfällt. Sie ist eine
-gänzliche Privatsache, und alle Zwecke der Regierung, sie mögen heißen
-wie man wolle, sind ihr fremd. Wenn man die französischen Journale mit
-Aufmerksamkeit liest, so sieht man, daß sie nach ganz eignen Grundsätzen
-abgefaßt worden, deren System man die _französische Journalistik_ nennen
-kann. Wir wollen uns bemühen den Entwurf dieses Systems, so wie es etwa
-im geheimen Archiv zu Paris liegen mag, hier zu entfalten.
-
-
- Erklärung.
-
-
- § 2.
-
-Die _französische Journalistik_ ist die Kunst das Volk glauben zu
-machen, was die Regierung für gut findet.
-
-
- § 3.
-
-Sie ist bloß Sache der Regierung, und alle Einmischung der Privatleute,
-bis selbst auf die Stellung vertraulicher Briefe, die die
-Tages-Geschichte betreffen, verboten.
-
-
- § 4.
-
-Ihr Zweck ist die Regierung über allen Wechsel der Begebenheiten hinaus
-sicher zu stellen, und die Gemüther, allen Lockungen des Augenblicks zum
-Trotz, in schweigender Unterwürfigkeit unter das Joch derselben
-niederzuhalten.
-
-
- Die zwei obersten Grundsätze.
-
-
- § 5.
-
-_Was das Volk nicht weiß, macht das Volk nicht heiß._
-
-
- § 6.
-
-_Was man dem Volke dreimal sagt, hält das Volk für wahr._
-
-
- Anmerkung.
-
-
- § 7.
-
-Diese Grundsätze könnte man auch Grundsätze des Talleyrand nennen. Denn
-ob sie gleich nicht von ihm erfunden sind, so wenig wie die
-mathematischen von dem Euklid: so ist er doch der Erste, der sie für ein
-bestimmtes und schlußgerechtes System in Anwendung gebracht hat.
-
-
- Aufgabe.
-
-
- § 8.
-
-Eine Verbindung von Journalen zu redigiren, welche 1. Alles, was in der
-Welt vorfällt, entstellen, und gleichwohl 2. ziemliches Vertrauen haben?
-
-
- Lehrsatz zum Behuf der Auflösung.
-
-Die Wahrheit sagen heißt allererst die Wahrheit _ganz_ und _nichts als_
-die Wahrheit sagen.
-
-
- Auflösung.
-
-Also redigire man zwei Blätter, deren Eines niemals lügt, das Andere
-aber die Wahrheit sagt: so wird die Aufgabe gelößt sein.
-
-
- Beweis.
-
-Denn weil das Eine niemals lügt, das Andere aber die Wahrheit sagt, so
-wird die _zweite_ Forderung erfüllt sein. Weil aber jenes verschweigt
-was wahr ist, und dieses hinzusetzet was erlogen ist, so wird es auch,
-wie jedermann zugestehen wird, die _erste_ sein. ^q. e. d.^
-
-
- Erklärung.
-
-
- § 9.
-
-Dasjenige Blatt, welches niemals lügt, aber hin und wieder verschweigt
-was wahr ist, heißt der _Moniteur_, und erscheine in officieller Form;
-das Andere, welches die Wahrheit sagt, aber zuweilen hinzuthut was
-erstuncken und erlogen ist, heiße ^Journal de l'Empire^, oder
-auch ^Journal de Paris^, und erscheine in Form einer bloßen
-Privat-Unternehmung.
-
-
- Eintheilung der Journalistik.
-
-
- § 10.
-
-Die französische Journalistik zerfällt in die Lehre von der Verbreitung
-1. _wahrhaftiger_, 2. _falscher_ Nachrichten. Jede Art der Nachricht
-erfordert einen eigenen _Modus der Verbreitung_, von welchem hier
-gehandelt werden soll.
-
-
- ^Cap. I.^
- Von den wahrhaftigen Nachrichten.
-
-
- ^Art. 1.^
- Von den guten.
-
-
- Lehrsatz.
-
-
- § 11.
-
-_Das Werk lobt seinen Meister._
-
-
- Beweis.
-
-Der Beweis für diesen Satz ist klar an sich. Er liegt in der Sonne,
-besonders wenn sie aufgeht; in den ägyptischen Pyramiden; in der
-Peterskirche; in der Madonna des Raphael, und in vielen andern
-herrlichen Werken der Götter und Menschen.
-
-
- Anmerkung.
-
-
- § 12.
-
-Wirklich und in der That: man mögte meinen, daß dieser Satz sich in der
-französischen Journalistik [nicht] findet. Wer die Zeitungen aber mit
-Aufmerksamkeit gelesen hat, der wird gestehen, er findet sich darin;
-daher wir ihn auch dem System zu Gefallen hier haben aufführen müssen.
-
-
- Corollarium.
-
-
- § 13.
-
-Inzwischen gilt dieser Satz doch nur in völliger Strenge für den
-_Moniteur_, und auch für diesen nur bei guten Nachrichten von
-außerordentlichem und entscheidendem Werth. Bei guten Nachrichten von
-untergeordnetem Werth kann der Moniteur schon das Werk ein wenig loben,
-das ^Journal de l'Empire^ aber und das ^Journal de Paris^ mit vollen
-Backen in die Posaune stoßen.
-
-
- Aufgabe.
-
-
- § 14.
-
-_Dem Volk eine gute Nachricht vorzutragen?_
-
-
- Auflösung.
-
-Ist es z. B. eine gänzliche Niederlage des Feindes, wobei derselbe
-Kanonen, Bagage und Munition verloren hat und in die Moräste gesprengt
-worden ist, so sage man dies, und setze das Punctum dahinter. (§ 11) Ist
-es ein bloßes Gefecht, wobei nicht viel herausgekommen ist, so setze man
-im Moniteur eine, im ^Journal de l'Empire^ drei Nullen an jede Zahl, und
-schicke die Blätter mit ^Courieren^ in alle Welt. (§ 13)
-
-
- Anmerkung.
-
-
- § 15.
-
-Hierbei braucht man nicht nothwendig zu lügen. Man braucht nur z. B. die
-Blessirten, die man auf dem Schlachtfelde gefunden, auch unter den
-Gefangenen aufzuführen. Dadurch bekömmt man zwei Rubriken, und das
-Gewissen ist gerettet.
-
-
- ^Art. 2.^
- _Von den schlechten Nachrichten._
-
-
- Lehrsatz.
-
-
- § 16.
-
-Zeit gewonnen, Alles gewonnen.
-
-
- Anmerkung.
-
-
- § 17.
-
-Dieser Satz ist so klar, daß er, wie die Grundsätze, keines Beweises
-bedarf, daher ihn der Kaiser der Franzosen auch unter die Grundsätze
-aufgenommen hat. Er führt in natürlicher Ordnung auf die Kunst dem Volk
-[eine] Nachricht zu verbergen, von welcher[55] sogleich gehandelt werden
-soll.
-
-
- Corollarium.
-
-
- § 18.
-
-Inzwischen gilt auch dieser Satz nur in völliger Strenge für das
-^Journal de l'Empire^ und für das ^Journal de Paris^, und auch für diese
-nur bei schlechten Nachrichten von der gefährlichen und verzweifelten
-Art. Schlechte Nachrichten von erträglicher Art kann der Moniteur gleich
-offenherzig gestehen, das ^Journal de l'Empire^ aber und das ^Journal de
-Paris^ thun als ob nicht viel daran wäre.
-
-
- Aufgabe.
-
-
- § 19.
-
-_Dem Volk eine schlechte Nachricht zu verbergen?_
-
-
- Auflösung.
-
-Die Auflösung ist leicht. Es gilt für das Innere des Landes in allen
-Journalen Stillschweigen, einem Fisch gleich. Unterschlagung der Briefe,
-die davon handeln, Aufhaltung der Reisenden, Verbote in Tabagien und
-Gasthäusern davon zu reden, und für das Ausland Confiscation der
-^Journale^, welche gleichwohl davon zu handeln wagen; Arretirung,
-Deportirung, und Füselierung der Redactoren; Ansetzung neuer ^Subjecte^
-bei diesem Geschäfft: Alles mittelbar entweder durch Requisition, oder
-unmittelbar durch Detaschements.
-
-
- Anmerkung.
-
-
- § 20.
-
-Diese Auflösung ist, wie man sieht, nur eine bedingte, und früh oder
-spät kommt die Wahrheit ans Licht. Will man die Glaubwürdigkeit der
-Zeitungen nicht aussetzen, so muß es nothwendig eine Kunst geben dem
-Volk schlechte Nachrichten vorzutragen. Worauf wird diese Kunst sich
-stützen?
-
-
- Lehrsatz.
-
-
- § 21.
-
-Der Teufel läßt keinen Schelmen im Stich.
-
-
- Anmerkung.
-
-
- § 22.
-
-Auch dieser Satz ist so klar, daß er nur erst verworren[56] werden
-würde, wenn man ihn beweisen wollte, daher wir uns nicht weiter darauf
-einlassen, sondern sogleich zur Anwendung schreiten wollen.
-
-
- Aufgabe.
-
-
- § 23.
-
-_Dem Volk eine schlechte Nachricht vorzutragen?_
-
-
- Auflösung.
-
-Man schweige davon (§ 5) bis sich die Umstände geändert haben. (§ 15).
-Inzwischen unterhalte man das Volk mit guten Nachrichten, entweder mit
-wahrhaftigen aus der Vergangenheit, oder auch mit gegenwärtigen, wenn
-sie vorhanden sind, als: Schlacht von Marengo, von der Gesandschafft des
-Persenschachs[57] und von der Ankunft des Levantischen Kaffes, oder, in
-Ermangelung aller, mit solchen die erstunken und erlogen sind; sobald
-sich die Umstände geändert haben, welches niemals ausbleibt, (§ 20) und
-irgend ein Vortheil, er sei groß oder klein, errungen worden ist, gebe
-man (§ 14) eine pomphafte Ankündigung davon, und an ihren Schwanz hänge
-man die schlechte Nachricht an. ^q. e. des.^
-
-
- Anmerkung.
-
-
- § 24.
-
-Hierin ist eigentlich noch der Lehrsatz enthalten: _wenn man dem Kinde
-ein Licht zeigt, so weint es nicht_; denn darauf stützt sich zum Theil
-das angegebene Verfahren. Nur der Kürze wegen, und weil er von selbst in
-die Augen springt, geschah es, daß wir denselben ^in abstracto^ nicht
-haben aufführen wollen.
-
-
- Corollarium.
-
-
- § 25.
-
-Ganz _still zu schweigen_, wie die Auflösung fordert, ist in vielen
-Fällen unmöglich, denn schon das Datum des Bülletins, wenn z. B. eine
-Schlacht verloren und das Hauptquartier zurückgegangen wäre, verräth
-dies Factum. In diesem Fall _antedatire_ man entweder das Bülletin, oder
-aber _fingire einen Druckfehler_ im Datum, oder endlich lasse das Datum
-_ganz weg_. Die Schuld kommt auf den Setzer oder Corrector.
-
-
- 7. Katechismus der Deutschen, abgefaßt nach dem Spanischen, zum
- Gebrauch für Kinder und Alte.[58]
- In sechzehn Kapiteln.
-
-
- Erstes Kapitel.
- Von Deutschland überhaupt.
-
-_Frage._ Sprich, Kind, wer bist Du?
-
-_Antwort._ Ich bin ein Deutscher.
-
-_Fr._ Ein Deutscher? Du scherzest. Du bist in Meißen gebohren, und das
-Land, dem Meißen angehört, heißt Sachsen!
-
-_Antw._ Ich bin in Meißen gebohren, und das Land, dem Meißen angehört,
-heißt Sachsen; aber mein Vaterland, das Land dem Sachsen angehört, ist
-Deutschland, und Dein Sohn, mein Vater, ist ein Deutscher.
-
-_Fr._ Du träumest! Ich kenne kein Land, dem Sachsen angehört, es müßte
-denn das rheinische Bundesland sein.[59] Wo find ich es, dies
-Deutschland, von dem Du sprichst, und wo liegt es?
-
-_Antw._ Hier, mein Vater. -- Verwirre mich nicht.
-
-_Fr._ Wo?
-
-_Antw._ Auf der Karte.
-
-_Fr._ Ja, auf der Karte! -- Diese Karte ist vom Jahr 1805. -- Weißt Du
-nicht, was geschehn ist im Jahr 1805, da der Friede von Preßburg
-abgeschlossen war?
-
-_Antw._ Napoleon, der korsische Kaiser, hat es nach dem Frieden durch
-eine Gewaltthat zertrümmert.[60]
-
-_Fr._ Nun? Und gleichwohl wäre es noch vorhanden?
-
-_Antw._ Gewiß! -- Was fragst Du mich doch!
-
-_Fr._ Seit wann?
-
-_Antw._ Seit Franz der Zweite, der alte Kaiser der Deutschen, wieder
-aufgestanden ist, um es herzustellen, und der tapfre Feldherr, den er
-bestellte, das Volk aufgerufen hat, sich an die Heere, die er anführt,
-zur Befreiung des Landes anzuschließen.
-
-
- Zweites Kapitel.
- Von der Liebe zum Vaterlande.
-
-_Fr._ Du liebst dein Vaterland, nicht wahr, mein Sohn?
-
-_Antw._ Ja, mein Vater, das thu ich.
-
-_Fr._ Warum liebst Du es?
-
-_Antw._ Weil es mein Vaterland ist.
-
-_Fr._ Du meinst, weil Gott es geseegnet hat mit vielen Früchten, weil
-viele schöne Werke der Kunst es schmücken, weil Helden, Staatsmänner und
-Weise, deren Namen anzuführen kein Ende ist, es verherrlicht haben?
-
-_Antw._ Nein, mein Vater; Du verführst mich.
-
-_Fr._ Ich verführte Dich?
-
-_Antw._ Denn Rom und das ägyptische Delta sind, wie Du mich gelehrt
-hast, mit Früchten und schönen Werken der Kunst und Allem, was groß und
-herrlich sein mag, weit mehr geseegnet als Deutschland. Gleichwohl, wenn
-Deines Sohnes Schicksal wollte, daß er darin leben sollte, würde er sich
-traurig fühlen, und es nimmermehr so lieb haben, wie jetzt Deutschland.
-
-_Fr._ Warum also liebst Du Deutschland?
-
-_Antw._ Mein Vater, ich habe es Dir schon gesagt!
-
-_Fr._ Du hättest es mir schon gesagt?
-
-_Antw._ Weil es mein Vaterland ist.
-
-
- Drittes Kapitel.
- Von der Zertrümmerung des Vaterlandes.
-
-_Fr._ Was ist Deinem Vaterlande jüngsthin widerfahren?
-
-_Antw._ Napoleon, Kaiser der Franzosen, hat es mitten im Frieden
-zertrümmert, und mehrere Völker, die es bewohnen, unterjocht.
-
-_Fr._ Warum hat er dies gethan?
-
-_Antw._ Das weiß ich nicht.
-
-_Fr._ Das weißt Du nicht?
-
-_Antw._ Weil er ein böser Geist ist.
-
-_Fr._ Ich will Dir sagen, mein Sohn: Napoleon behauptet, er sei von den
-Deutschen beleidigt worden.
-
-_Antw._ Nein, mein Vater, das ist er nicht.
-
-_Fr._ Warum nicht?
-
-_Antw._ Die Deutschen haben ihn niemals beleidigt.
-
-_Fr._ Kennst Du die gantze Streitfrage, die dem Kriege, der entbrannt
-ist, zum Grunde liegt?
-
-_Antw._ Nein, keineswegs.
-
-_Fr._ Warum nicht?
-
-_Antw._ Weil sie zu weitläuftig und umfassend ist.
-
-_Fr._ Woraus also schließest Du, daß die Sache, die die Deutschen
-führen, gerecht sei?
-
-_Antw._ Weil Kaiser Franz von Oesterreich es versichert hat.
-
-_Fr._ Wo hat er dies versichert?
-
-_Antw._ In dem von seinem Bruder, dem Erzherzog Carl, an die Nation
-erlassenen Aufruf.
-
-_Fr._ Also wenn zwei Angaben vorhanden sind, die Eine von Napoleon, dem
-Korsenkaiser, die Andere von Franz, Kaiser von Oesterreich, welcher
-glaubst Du?
-
-_Antw._ Der Angabe Franzens, Kaisers von Oesterreich.
-
-_Fr._ Warum?
-
-_Antw._ Weil er wahrhaftiger ist.
-
-
- Viertes Kapitel.
- Vom Ertzfeind.
-
-_Fr._ Wer sind Deine Feinde, mein Sohn?
-
-_Antw._ Napoleon und, so lange er ihr Kaiser ist, die Franzosen.
-
-_Fr._ Ist sonst niemand, den Du haßest?
-
-_Antw._ Niemand auf der ganzen Welt.
-
-_Fr._ Gleichwohl, als Du gestern aus der Schule kamst, hast Du Dich mit
-jemand, wenn ich nicht irre, entzweit?
-
-_Antw._ Ich, mein Vater? Mit wem?
-
-_Fr._ Mit Deinem Bruder; Du hast es mir selbst erzählt.
-
-_Antw._ Ja, mit meinem Bruder! Er hatte meinen Vogel nicht, wie ich ihm
-aufgetragen hatte, gefüttert.
-
-_Fr._ Also ist Dein Bruder, wenn er dies gethan hat, Dein Feind, nicht
-Napoleon der Korse, noch die Franzosen, die er beherrscht?
-
-_Antw._ Nicht doch, mein Vater! -- Was sprichst Du da?
-
-_Fr._ Was ich da spreche?
-
-_Antw._ Ich weiß nicht, was ich darauf antworten soll.[61] -- -- -- --
-
-
- [Siebentes Kapitel.]
-
-_Fr._ Das hab ich Dich schon gefragt. Sage es noch einmahl mit den
-Worten, die ich Dich gelehrt habe.
-
-_Antw._ Für einen verabscheuungswürdigen Menschen, für den Anfang alles
-Bösen und das Ende alles Guten; für einen Sünder, den anzuklagen die
-Sprache der Menschen nicht hinreicht, und den Engeln einst am jüngsten
-Tage der Odem vergehen wird.
-
-_Fr._ Sahst Du ihn je?
-
-_Antw._ Niemals, mein Vater.
-
-_Fr._ Wie sollst Du ihn Dir vorstellen?
-
-_Antw._ Als einen der Hölle entstiegenen Vatermörder, der herumschleicht
-in dem Tempel der Natur, und an allen Säulen rüttelt, auf welchen er
-gebaut ist.
-
-_Fr._ Wann hast Du dies im Stillen für Dich wiederholt?
-
-_Antw._ Gestern Abend, als ich zu Bette gieng, und heute Morgen, als ich
-aufstand.
-
-_Fr._ Und wann wirst Du es wieder wiederholen?
-
-_Antw._ Heute Abend, wenn ich zu Bette gehe, und morgen früh, wann ich
-aufstehe.
-
-_Fr._ Gleichwohl, sagt man, soll er viel Tugenden besitzen. Das
-Geschäfft der Unterjochung der Erde soll er mit List, Gewandtheit und
-Kühnheit vollziehn, und besonders an dem Tage der Schlacht ein großer
-Feldherr sein.
-
-_Antw._ Ja, mein Vater, so sagt man.
-
-_Fr._ Man sagt es nicht bloß; er _ist_ es.
-
-_Antw._ Auch gut; er _ist_ es.
-
-_Fr._ Meinst Du nicht, daß er um dieser Eigenschafften willen
-Bewunderung und Verehrung verdiene?
-
-_Antw._ Du schertzest, mein Vater.
-
-_Fr._ Warum nicht?
-
-_Antw._ Das wäre ebenso feig, als ob ich die Geschicklichkeit, die einem
-Menschen im Ringen beiwohnt, in dem Augenblick bewundern wollte, da er
-mich in den Koth wirft und mein Antlitz mit Füßen tritt.
-
-_Fr._ Wer also unter den Deutschen mag ihn bewundern?
-
-_Antw._ Die robusten Feldherrn etwa und die Kenner der Kunst.
-
-_Fr._ Und auch diese, wann mögen sie es erst thun?
-
-_Antw._ Wenn er vernichtet ist.
-
-
- Achtes Kapitel.
- Von der Erziehung der Deutschen.
-
-_Fr._ Was mag die Vorsehung wohl damit, mein Sohn, daß sie die Deutschen
-so grimmig durch Napoleon, den Korsen, aus ihrer Ruhe aufgeschreckt hat,
-bezweckt haben?
-
-_Antw._ Das weiß ich nicht.
-
-_Fr._ Das weißt Du nicht?
-
-_Antw._ Nein, mein Vater.
-
-_Fr._ Ich auch nicht. Ich schieße nur mit meinem Urtheil ins Blaue
-hinein. Treffe ich, so ist es gut; wo nicht, so ist an dem Schuß nichts
-verloren. -- Tadelst Du dies Unternehmen?
-
-_Antw._ Keineswegs, mein Vater.
-
-_Fr._ Vielleicht meinst Du, die Deutschen befanden sich schon, wie die
-Sachen stehn, auf dem Gipfel aller Tugend, alles Heils und alles Ruhms?
-
-_Antw._ Keineswegs, mein Vater.
-
-_Fr._ Oder waren wenigstens auf guten Wegen, ihn zu erreichen?
-
-_Antw._ Nein, mein Vater; das auch nicht.
-
-_Fr._ Von welcher Unart habe ich Dir zuweilen gesprochen?
-
-_Antw._ Von einer Unart?
-
-_Fr._ Ja; die dem lebenden Geschlecht anklebt.
-
-_Antw._ Der Verstand der Deutschen, hast Du mir gesagt, habe durch
-einige scharfsinnige Lehrer einen Ueberwitz bekommen; sie reflectirten,
-wo sie empfinden oder handeln sollten, meinten Alles durch ihren Witz
-bewerkstelligen zu können, und gäben nichts mehr auf die alte
-geheimnißvolle Kraft der Hertzen.
-
-_Fr._ Findest Du nicht, daß die Unart, die Du mir beschreibst, zum Theil
-auch auf Deinem Vater ruht, indem er Dich catechisirt?
-
-_Antw._ Ja, mein lieber Vater.
-
-_Fr._ Woran hiengen sie mit unmäßiger und unedler Liebe?
-
-_Antw._ An Geld und Gut, trieben Handel und Wandel damit, daß ihnen der
-Schweiß ordentlich des Mitleidens würdig von der Stirn triefte, und
-meinten ein ruhiges, gemächliches und sorgenfreies Leben sei Alles, was
-sich in der Welt erringen ließe.
-
-_Fr._ Warum also mag das Elend wohl, das in der Zeit ist, über sie
-gekommen, ihre Hütten zerstört und ihre Felder verheeret worden sein?
-
-_Antw._ Um ihnen diese Güter völlig verächtlich zu machen, und sie
-anzuregen nach den höhern und höchsten, die Gott den Menschen beschert
-hat, hinanzustreben.
-
-_Fr._ Und welches sind die höchsten Güter der Menschen?
-
-_Antw._ Gott, Vaterland, Kaiser, Freyheit, Liebe und Treue, Schönheit,
-Wissenschafft und Kunst.
-
-
- Neuntes Kapitel.
- Eine Nebenfrage.
-
-_Fr._ Sage mir, mein Sohn, wohin kommt der, welcher liebt? In den Himmel
-oder in die Hölle?
-
-_Antw._ In den Himmel.
-
-_Fr._ Und der, welcher haßt?
-
-_Antw._ In die Hölle.
-
-_Fr._ Aber derjenige, welcher weder liebt noch haßt: wohin kommt der?
-
-_Antw._ Welcher weder liebt noch haßt?
-
-_Fr._ Ja! -- Hast Du die schöne Fabel vergessen?
-
-_Antw._ Nein, mein Vater.
-
-_Fr._ Nun? Wohin kommt der?
-
-_Antw._ Der kommt in die siebente, tiefste und unterste Hölle.
-
-
- Zehntes Kapitel.
- Von der Verfassung der Deutschen.[62]
-
--- -- -- --
-
-
- [Zwölftes Kapitel.]
-
-wo sie sie immer treffen mögen, erschlagen.
-
-_Fr._ Hat er dies Allen oder den Einzelnen befohlen?
-
-_Antw._ Allen und den Einzelnen.
-
-_Fr._ Aber der Einzelne, wenn er zu den Waffen griffe, würde offtmals
-nur in sein Verderben laufen?
-
-_Antw._ Allerdings, mein Vater, das wird er.
-
-_Fr._ Er muß also lieber warten, bis ein Haufen zusammengelaufen ist, um
-sich an diesen anzuschließen?
-
-_Antw._ Nein, mein Vater.
-
-_Fr._ Warum nicht?
-
-_Antw._ Du scherzest, wenn Du so fragst.
-
-_Fr._ So rede!
-
-_Antw._ Weil, wenn jedweder so dächte, gar kein Haufen zusammenlaufen
-würde, an den man sich anschließen könnte.
-
-_Fr._ Mithin -- was ist die Pflicht jedes Einzelnen?
-
-_Antw._ Unmittelbar auf das Gebot des Kaisers zu den Waffen zu greifen,
-den Anderen, wie die hochherzigen Tyroler,[63] ein Beispiel zu geben,
-und die Franzosen, wo sie angetroffen werden mögen, zu erschlagen.
-
-
- Dreizehntes Kapitel.
- Von den freiwilligen Beiträgen.
-
-_Fr._ Wen Gott mit Gütern geseegnet hat, was muß der noch außerdem für
-den Fortgang des Kriegs, der geführt wird, thun?
-
-_Antw._ Er muß, was er entbehren kann, zur Bestreitung seiner Kosten
-hergeben.
-
-_Fr._ Was kann der Mensch entbehren?
-
-_Antw._ Alles bis auf Wasser und Brod, [das] ihn ernährt, und ein
-Gewand, das ihn deckt.
-
-_Fr._ Wie viel Gründe kannst Du anführen, um die Menschen, freiwillige
-Beiträge einzuliefern, zu bewegen?
-
-_Antw._ Zwei. Einen, der nicht viel einbringen wird, und Einen, der die
-Führer des Kriegs reich machen muß, falls die Menschen nicht mit
-Blindheit geschlagen sind.[64]
-
-_Fr._ Welcher ist der, der nicht viel einbringen wird?
-
-_Antw._ Weil Geld und Gut gegen das, was damit errungen werden soll,
-nichtswürdig sind.
-
-_Fr._ Und welcher ist der, der die Führer des Kriegs reich machen muß,
-falls die Menschen nicht mit Blindheit geschlagen sind?
-
-_Antw._ Weil es die Franzosen doch wegnehmen.
-
-
- Vierzehntes Kapitel.
- Von den obersten Staatsbeamten.
-
-_Fr._ Die Staatsbeamten, die dem Kaiser von Oesterreich und den ächten
-deutschen Fürsten treu dienen, findest Du nicht, mein Sohn, daß sie
-einen gefährlichen Stand haben?
-
-_Antw._ Allerdings, mein Vater.
-
-_Fr._ Warum?
-
-_Antw._ Weil, wenn der korsische Kaiser ins Land käme, er sie um dieser
-Treue willen bitter bestrafen würde.
-
-_Fr._ Also ist es für jeden, der auf einer wichtigen Landesstelle steht,
-der Klugheit gemäß, sich zurückzuhalten, und sich nicht mit Eifer auf
-heftige Maasregeln, wenn sie ihm auch von der Regierung anbefohlen sein
-sollten, einzulassen?[65]
-
-_Antw._ Pfui doch, mein Vater; was sprichst Du da!
-
-_Fr._ Was? -- Nicht?
-
-_Antw._ Das wäre schändlich und niederträchtig.
-
-_Fr._ Warum?
-
-_Antw._ Weil ein Solcher nicht mehr Staatsdiener seines Fürsten, sondern
-schon, als ob er in seinem Sold stünde, Staatsdiener des Korsenkaisers
-ist, und für seine Zwecke arbeitet.
-
-
- Funfzehntes Kapitel.
- Vom Hochverrathe.
-
-_Fr._ Was begeht derjenige, mein Sohn, der dem Aufgebot, das der
-Erzherzog Carl an die Nation erlassen hat, nicht gehorcht, oder wohl gar
-durch Wort und That zu widerstreben wagt?
-
-_Antw._ Einen Hochverrath mein Vater.
-
-_Fr._ Warum?
-
-_Antw._ Weil er dem Volk, zu dem er gehört, verderblich ist.
-
-_Fr._ Was hat derjenige zu thun, den das Unglück unter die
-verrätherischen Fahnen geführt hat, die den Franzosen verbunden, der
-Unterjochung des Vaterlandes wehen?
-
-_Antw._ Er muß seine Waffen schaamroth wegwerfen, und zu den Fahnen der
-Oesterreicher übergehen.
-
-_Fr._ Wenn er dies nicht thut, und mit den Waffen in der Hand ergriffen
-wird, was hat er verdient?
-
-_Antw._ Den Tod, mein Vater.
-
-_Fr._ Und was kann ihn einzig davor schützen?
-
-_Antw._ Die Gnade Franzens, Kaisers von Oesterreich, des Vormunds,
-Retters und Wiederherstellers der Deutschen.
-
-
- Sechszehntes Kapitel.
- Schluß.
-
-_Fr._ Aber sage mir, mein Sohn, wenn es dem hochherzigen Kaiser von
-Oesterreich, der für die Freiheit Deutschlands die Waffen ergriff, nicht
-gelänge, das Vaterland zu befreien: würde er nicht den Fluch der Welt
-auf sich laden, den Kampf überhaupt unternommen zu haben?
-
-_Antw._ Nein, mein Vater.
-
-_Fr._ Warum nicht?
-
-_Antw._ Weil Gott der oberste Herr der Heer-Schaaren ist, und nicht der
-Kaiser, und es weder in seiner noch in seines Bruders, des Erzherzog
-Carls, Macht steht, die Schlachten, so wie sie es wohl wünschen mögen,
-zu gewinnen.
-
-_Fr._ Gleichwohl ist, wenn der Zweck des Kriegs nicht erreicht wird, das
-Blut vieler tausend Menschen nutzlos geflossen, die Städte verwüstet und
-das Land verheert worden.
-
-_Antw._ Wenngleich, mein Vater!
-
-_Fr._ Was? Wenngleich! -- Also auch, wenn Alles untergienge, und kein
-Mensch, Weiber und Kinder mit eingerechnet, am Leben bliebe, würdest du
-den Kampf noch billigen?
-
-_Antw._ Allerdings, mein Vater.
-
-_Fr._ Warum?
-
-_Antw._ Weil es Gott lieb ist, wenn Menschen ihrer Freiheit wegen
-sterben.
-
-_Fr._ Was aber ist ihm ein Gräuel?
-
-_Antw._ Wenn Sclaven leben!
-
-
-
-
- 2. Politische Aufrufe und Betrachtungen.
-
-
- 1. Einleitung [zur Zeitschrift Germania].
-
-Diese Zeitschrift soll der erste Athemzug der deutschen Freiheit sein.
-Sie soll Alles aussprechen, was während der drei letzten, unter dem
-Druck der Franzosen verseufzten, Jahre in den Brüsten wackerer Deutschen
-hat verschwiegen bleiben müssen: alle Besorgniß, alle Hoffnung, alles
-Elend und alles Glück.
-
-Es bedurfte einer Zeit wie die jetzige, um einem Blatt, wie das
-vorliegende ist, das Dasein zu geben. So lange noch keine Handlung des
-Staats geschehen war, mußte es jedem Deutschen, der seine Worte zu Rathe
-hielt, ebenso voreilig als nutzlos scheinen zu seinen Mitbrüdern zu
-reden. Eine solche Stimme würde entweder völlig in der Wüste verhallt
-sein, oder -- welches fast noch schlimmer gewesen wäre -- die Gemüther
-nur auf die Höhen der Begeisterung erhoben haben, um sie in dem zunächst
-darauf folgenden Augenblick in eine desto tiefere Nacht der
-Gleichgültigkeit und Hoffnungslosigkeit versinken zu lassen.
-
-Jetzt aber hat der Kaiser von Oesterreich an der Spitze seines tapfern
-Heeres den Kampf für seiner Unterthanen Wohl, und den noch
-großmüthigeren für das Heil des unterdrückten und bisher noch wenig
-dankbaren Deutschlands unternommen. Der kaiserliche Bruder, den er zum
-Herrn des Heers bestellte, hat die göttliche Kraft, das Werk an sein
-Ziel hinauszuführen, auf eine erhabene und rührende Art dargethan. Das
-Misgeschick, das ihn traf, trug er mit der Unbeugsamkeit der Helden, und
-ward in dem entscheidenden Augenblick, da es zu siegen oder zu sterben
-galt, der Bezwinger des Unbezwungenen, -- ward es mit einer
-Bescheidenheit, die dem Zeitalter, in welchem wir leben, fremd ist.[66]
-
-Jetzt oder niemals ist es Zeit den Deutschen zu sagen, was sie
-ihrerseits zu thun haben, um der erhabenen Vormundschafft, die sich über
-sie eingesetzt hat, allererst würdig zu werden; und dieses Geschäfft ist
-es, das wir, von der Lust am Guten mitzuwirken bewegt, in den Blättern
-der Germania haben übernehmen wollen.
-
-Hoch, auf dem Gipfel der Felsen soll sie sich stellen und den
-Schlachtgesang herabdonnern ins Thal! Dich, o Vaterland, will sie singen
-und deine Heiligkeit und Herrlichkeit, und welch ein Verderben seine
-Wogen auf dich heranwälzt! Sie will herabsteigen, wenn die Schlacht
-braußt,[67] und sich mit hochroth glühenden Wangen unter die Streitenden
-mischen und ihren Muth beleben, und ihnen Unerschrockenheit und Ausdauer
-und des Todes Verachtung ins Herz gießen; -- -- und die Jungfrauen des
-Landes herbeirufen, wenn der Sieg erfochten ist, daß sie sich
-niederbeugen über die so gesunken sind, und ihnen das Blut aus der Wunde
-saugen. Möge jeder, der sich bestimmt fühlt dem Vaterlande auf _diese_
-Weise zu -- -- --
-
-
- 2. [Aufruf.]
-
-Zeitgenossen! Glückliche oder unglückliche Zeitgenossen -- wie soll ich
-euch nennen? daß ihr nicht aufmerken wollet, oder nicht aufmerken
-könnet. Wunderbare und sorgenlose Blindheit, mit welcher ihr nichts
-vernehmt! O, wenn in euren Füßen Weissagung wäre, wie schnell würden sie
-zur Flucht sein! Denn unter ihnen gährt die Flamme, die bald in Vulcanen
-herausdonnern, und unter ihrer Asche und ihren Lavaströmen Alles
-begraben wird. Wunderbare Blindheit, die nicht gewahrt, daß Ungeheures
-und Unerhörtes nahe ist, daß Dinge reifen, von welchen noch der Urenkel
-mit Grausen sprechen wird, wie von atridischen Tischen und Pariser und
-Nanter Bluthochzeiten? Welche Verwandlungen nahen! Ja, in welchen seid
-ihr mitten inne und merkt sie nicht, und meint, es geschähe etwas
-Alltägliches in dem alltäglichen Nichts, worin ihr befangen seid! -- ^G.
-v. J.^ S. 13.[68]
-
-Diese Prophezeiung -- in der That, mehr als einmal habe ich diese Worte
-als übertrieben tadeln hören. Sie flößen, sagt man, ein gewisses
-falsches Entsetzen ein, das die Gemüther, statt sie zu erregen, vielmehr
-abspanne und erschlaffe. Man sieht um sich, heißt es, ob wirklich die
-Erde sich schon unter den Fußtritten der Menschen eröffne; und wenn man
-die Thürme und die Giebel der Häuser noch stehen sieht, so holt man, als
-ob man aus einem schweren Traume erwachte, wieder Athem. Das
-Wahrhaftige, was darin liegt, verwerfe man mit dem Unwahrhaftigen, und
-sei geneigt die ganze Weissagung, die das Buch enthält, für eine Vision
-zu halten.
-
-O du, der du so sprichst, du kömmst mir vor wie etwa ein Grieche aus dem
-Zeitalter des Sülla, oder aus jenem des Titus ein Israelit.
-
-»Was? dieser mächtige Staat der Juden soll untergehen? Jerusalem, diese
-Stadt Gottes, von seinem leibhaftigen Cherubime beschützt, sie sollte,
-Zion, zu Asche versinken? Eulen und Adler sollten in den Trümmern dieses
-salomonischen Tempels wohnen? Der Tod sollte die ganze Bevölkerung
-hinwegraffen, Weiber und Kinder in Fesseln hinweggeführt werden, und die
-Nachkommenschafft in alle Länder der Welt zerstreut, durch Jahrtausende
-und wieder Jahrtausende[69] verworfen, wie dieser Ananias prophezeit,
-das Leben der Sclaven führen? Was?«
-
-
- 3. Was gilt es in diesem Kriege?
-
-Gilt es, was es gegolten hat sonst in den Kriegen, die geführt worden
-sind auf dem Gebiete der unermeßlichen Welt? Gilt es den Ruhm eines
-jungen und unternehmenden Fürsten, der in dem Duft einer lieblichen
-Sommernacht von Lorbeern geträumt hat? Oder die Genugthuung für die
-Empfindlichkeit einer Favorite, deren Reitze, vom Beherrscher des Reichs
-anerkannt, an fremden Höfen in Zweifel gezogen worden sind? Gilt es
-einen Feldzug, der, jenem spanischen Erbfolgestreit gleich, wie ein
-Schachspiel geführt wird, bei welchem kein Herz wärmer schlägt, keine
-Leidenschafft das Gefühl schwellt, kein Muskel, vom Giftpfeil der
-Beleidigung getroffen, emporzuckt? Gilt es ins Feld zu rücken von beiden
-Seiten, wenn der Lenz kommt, sich zu treffen mit flatternden Fahnen, und
-zu schlagen und entweder zu siegen, oder wieder in die Winterquartiere
-einzurücken? Gilt es eine Provinz abzutreten, einen Anspruch
-auszufechten, oder eine Schuld-Forderung geltend zu machen, oder gilt es
-sonst irgend etwas, das nach dem Werth des Geldes auszumessen ist, heut
-besessen, morgen aufgegeben, und übermorgen wieder erworben werden kann?
-
-Eine Gemeinschafft gilt es, deren Wurzeln tausendästig,[70] einer Eiche
-gleich, in den Boden der Zeit eingreifen; deren Wipfel, Tugend und
-Sittlichkeit überschattend, an den silbernen Saum der Wolken rührt,
-deren Dasein durch das Drittheil eines Erdalters geheiligt worden ist;
-eine Gemeinschafft, die, unbekannt mit dem Geist der Herrschsucht und
-der Eroberung, des Daseins und der Duldung so würdig ist, wie irgend
-eine; die ihren Ruhm nicht einmal denken kann, sie müßte denn den Ruhm
-zugleich und das Heil aller Uebrigen denken, die den Erdkreis bewohnen;
-deren ausgelassenster und ungeheuerster Gedanke noch, von Dichtern und
-Weisen auf Flügeln der Einbildung erschwungen, Unterwerfung unter eine
-Weltregierung ist, die in freier Wahl von der Gesammtheit aller
-Brüder-Nationen gesetzt wäre. Eine Gemeinschafft gilt es, deren
-Wahrhaftigkeit und Offenherzigkeit gegen Freund und Feind gleich
-unerschütterlich geübt, bei dem Witz der Nachbarn zum Sprichwort
-geworden ist; die über jeden Zweifel erhoben, dem Besitzer jenes ächten
-Ringes gleich, diejenige ist, die die Anderen am Meisten lieben; deren
-Unschuld, selbst in dem Augenblick noch, da der Fremdling sie belächelt,
-oder wohl gar verspottet, sein Gefühl geheimnißvoll erweckt; dergestalt,
-daß derjenige, der zu ihr gehört, nur seinen Namen zu nennen braucht, um
-auch in den entferntesten Theilen der Welt noch Glauben zu finden. Eine
-Gemeinschafft, die weit entfernt in ihrem Busen auch nur eine Regung von
-Uebermuth zu tragen, vielmehr, einem schönen Gemüth gleich, bis auf den
-heutigen Tag an ihre eigne Herrlichkeit nicht geglaubt hat; die
-herumgeflattert ist unermüdlich, einer Biene gleich, Alles, was sie
-Vortreffliches fand, in sich aufzunehmen, gleich als ob nichts von
-Ursprung herein Schönes in ihr[71] selber wäre; in deren Schooß
-gleichwohl (wenn es zu sagen erlaubt ist!) die Götter das Urbild der
-Menschheit reiner als in irgend einer andern aufbewahrt hatten. Eine
-Gemeinschafft, die dem Menschengeschlecht nichts in dem Wechsel der
-Dienstleistungen[72] schuldig geblieben ist, die den Völkern, ihren
-Brüdern und Nachbarn, für jede Kunst des Friedens, welche sie von ihnen
-erhielt, eine andere zurückgab; eine Gemeinschafft, die an dem Obelisken
-der Zeiten stets unter den Wackersten und Rüstigsten thätig gewesen ist;
-ja, die den Grundstein desselben gelegt hat, und vielleicht den
-Schlußblock darauf zu setzen bestimmt war. Eine Gemeinschafft gilt es,
-die den Leibnitz und Guttenberg gebohren hat, in welcher ein Guericke
-den Luftkreis wog, Tschirnhausen den Glanz der Sonne lenkte, und Keppler
-der Gestirne Bahn verzeichnete; eine Gemeinschafft, die große Namen, wie
-der Lenz Blumen, aufzuweisen hat; die den Hutten und Sickingen, Luther
-und Melanchthon, Joseph und Friedrich auferzog; in welcher Dürer und
-Cranach, die Verherrlicher der Tempel, gelebt, und Klopstock den Triumph
-des Erlösers gesungen hat. Eine Gemeinschafft mithin gilt es, die dem
-ganzen Menschengeschlecht angehört;[73] die die Wilden der Südsee noch,
-wenn sie sie kennten, zu beschützen herbeiströmen würden; eine
-Gemeinschafft, deren Dasein keine deutsche Brust überleben, und die nur
-mit Blut, vor [dem] die Sonne verdunkelt, zu Grabe gebracht werden soll!
-
-
- 4. Einleitung [zu den Berliner Abendblättern].
- Gebet des Zoroaster.
- (Aus einer indischen Handschrift, von einem Reisenden in den
- Ruinen von Palmyra gefunden.)
- (1. October 1810.)
-
-Gott, mein Vater im Himmel! Du hast dem Menschen ein so freies,
-herrliches und üppiges Leben bestimmt. Kräfte unendlicher Art, göttliche
-und thierische, spielen in seiner Brust zusammen, um ihn zum König der
-Erde zu machen. Gleichwohl, von unsichtbaren Geistern überwältigt, liegt
-er, auf verwundernswürdige und unbegreifliche Weise, in Ketten und
-Banden; das Höchste, von Irrthum geblendet, läßt er zur Seite liegen,
-und wandelt, wie mit Blindheit geschlagen, unter Jämmerlichkeiten und
-Nichtigkeiten umher. Ja, er gefällt sich in seinem Zustand; und wenn die
-Vorwelt nicht wäre und die göttlichen Lieder, die von ihr Kunde geben,
-so würden wir gar nicht mehr ahnden, von welchen Gipfeln, o Herr! der
-Mensch um sich schauen kann. Nun lässest du es, von Zeit zu Zeit,
-niederfallen, wie Schuppen, von dem Auge Eines deiner Knechte, den du
-dir erwählt, daß er die Thorheiten und Irrthümer seiner Gattung
-überschaue; ihn rüstest du mit dem Köcher der Rede, daß er, furchtlos
-und liebreich, mitten unter sie trete, und sie mit Pfeilen, bald
-schärfer, bald leiser, aus der wunderlichen Schlafsucht, in welcher sie
-befangen liegen, wecke. Auch mich, o Herr, hast du, in deiner Weisheit,
-mich wenig Würdigen, zu diesem Geschäft erkoren; und ich schicke mich zu
-meinem Beruf an. Durchdringe mich ganz, vom Scheitel zur Sohle, mit dem
-Gefühl des Elends, in welchem dies Zeitalter darnieder liegt, und mit
-der Einsicht in alle Erbärmlichkeiten, Halbheiten, Unwahrhaftigkeiten
-und Gleisnereien, von denen es die Folge ist. Stähle mich mit Kraft, den
-Bogen des Urtheils rüstig zu spannen, und, in der Wahl der Geschosse,
-mit Besonnenheit und Klugheit, auf daß ich jedem, wie es ihm zukommt,
-begegne: den Verderblichen und Unheilbaren, dir zum Ruhm, niederwerfe,
-den Lasterhaften schrecke, den Irrenden warne, den Thoren, mit dem
-bloßen Geräusch der Spitze über sein Haupt hin, necke. Und einen Kranz
-auch lehre mich winden, womit ich, auf meine Weise, den, der dir
-wohlgefällig ist, kröne! Ueber Alles aber, o Herr, möge Liebe wachen zu
-dir, ohne welche nichts, auch das Geringfügigste nicht, gelingt: auf daß
-dein Reich verherrlicht und erweitert werde, durch alle Räume und alle
-Zeiten, Amen!
-
- ^x.^
-
-
- 5. Von der Ueberlegung.
- (Eine Paradoxe.)
- (7. December.)
-
-Man rühmt den Nutzen der Ueberlegung in alle Himmel; besonders der
-kaltblütigen und langwierigen vor der That. Wenn ich ein Spanier, ein
-Italiener oder ein Franzose wäre: so mögte es damit sein Bewenden haben.
-Da ich aber ein Deutscher bin, so denke ich meinem Sohn einst, besonders
-wenn er sich zum Soldaten bestimmen sollte, folgende Rede zu halten.
-
-»Die Ueberlegung, wisse, findet ihren Zeitpunkt weit schicklicher
-_nach_, als _vor_ der That. Wenn sie vorher, oder in dem Augenblick der
-Entscheidung selbst, ins Spiel tritt: so scheint sie nur die zum Handeln
-nöthige Kraft, die aus dem herrlichen Gefühl quillt, zu verwirren, zu
-hemmen und zu unterdrücken; dagegen sich nachher, wenn die Handlung
-abgethan ist, der Gebrauch von ihr machen läßt, zu welchem sie dem
-Menschen eigentlich gegeben ist, nämlich sich dessen, was in dem
-Verfahren fehlerhaft und gebrechlich war, bewußt zu werden, und das
-Gefühl für andere künftige Fälle zu reguliren. Das Leben selbst ist ein
-Kampf mit dem Schicksal; und es verhält sich auch mit dem Handeln wie
-mit dem Ringen. Der Athlet kann, in dem Augenblick, da er seinen Gegner
-umfaßt hält, schlechthin nach keiner andern Rücksicht, als nach bloßen
-augenblicklichen Eingebungen verfahren; und derjenige, der berechnen
-wollte, welche Muskeln er anstrengen, und welche Glieder er in Bewegung
-sezzen soll, um zu überwinden, würde unfehlbar den Kürzern ziehen, und
-unterliegen. Aber nachher, wenn er gesiegt hat oder am Boden liegt, mag
-es zweckmäßig und an seinem Ort sein, zu überlegen, durch welchen Druck
-er seinen Gegner niederwarf, oder welch ein Bein er ihm hätte stellen
-sollen, um sich aufrecht zu erhalten. Wer das Leben nicht, wie ein
-solcher Ringer, umfaßt hält, und tausendgliedrig, nach allen Windungen
-des Kampfes, nach allen Widerständen, Drücken, Ausweichungen und
-Reactionen, empfindet und spürt: der wird, was er will, in keinem
-Gespräch, durchsetzen; vielweniger in einer Schlacht.«
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- ^x.^
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- 6. Betrachtungen über den Weltlauf.
- (9. October.)
-
-Es giebt Leute, die sich die Epochen, in welchen die Bildung einer
-Nation fortschreitet, in einer gar wunderlichen Ordnung vorstellen. Sie
-bilden sich ein, daß ein Volk zuerst in thierischer _Rohheit_ und
-_Wildheit_ daniederläge; daß man nach Verlauf einiger Zeit, das
-Bedürfniß einer Sittenverbesserung empfinden, und somit die
-_Wissenschaft von der Tugend_ aufstellen müsse; daß man, um den Lehren
-derselben Eingang zu verschaffen, daran denken würde, sie in schönen
-Beispielen zu versinnlichen, und daß somit die _Aesthetik_ erfunden
-werden würde: daß man nunmehr, nach den Vorschriften derselben, schöne
-Versinnlichungen verfertigen, und somit die _Kunst_ selbst ihren
-Ursprung nehmen würde: und daß vermittelst der Kunst endlich das Volk
-auf die höchste Stufe menschlicher _Cultur_ hinaufgeführt werden würde.
-Diesen Leuten dient zur Nachricht, daß Alles, wenigstens bei den
-Griechen und Römern, in ganz umgekehrter Ordnung erfolgt ist. Diese
-Völker machten mit der _heroischen_ Epoche, welche ohne Zweifel die
-höchste ist, die erschwungen werden kann, den Anfang; als sie in keiner
-menschlichen und bürgerlichen Tugend mehr Helden hatten, _dichteten_ sie
-welche; als sie keine mehr dichten konnten, erfanden sie dafür die
-_Regeln_; als sie sich in den Regeln verwirrten, abstrahirten sie die
-_Weltweisheit_ selbst; und als sie damit fertig waren, wurden sie
-_schlecht_.
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- ^z.^
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- 3. Erzählungen und Anekdoten.
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- 1. Warnung gegen weibliche Jägerei.
- (5. 6. November.)
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-Die Gräfin L... war kurzsichtig, aber sie liebte noch immer die Jagd,
-ungeachtet sie niemals gut geschossen hatte. Ihre Jäger kannten ihre Art
-und nahmen sich vor ihr in Acht; sie schoß dreist auf jeden Fleck, wo
-sich etwas regte, es war ihr einerlei, was es sein mogte. Abbé D......,
-einer der gelehrtesten Literatoren, mußte sie mit ihrem vierzehnjährigen
-Sohne, dem Grafen Johann, auf einer dieser Treibjagden begleiten, die
-Jäger suchten ihnen einen sichern Platz zum Anstand, hinter zwei starken
-Bäumen, aus; der Abbé nahm aus Langeweile ein Buch aus seiner Tasche,
-das er vom Jagdschloß mitgenommen; es war von Idstädt's Jagdrecht. Der
-junge Graf lauerte aufmerksam auf einen Rehbock, der herangetrieben
-wurde. In dem Augenblicke, als er losdrücken wollte, fiel ein Schuß der
-Gräfin, den sie ungeschickt und übereilt auf denselben Rehbock thun
-wollte, so geschickt durch den schmalen Luftraum, zwischen den beiden
-Bäumen, die den Abbé und den Grafen sicherten, daß sich beide zu
-gleicher Zeit verwundet fühlten und aufschrieen. Die Gräfin wurde bei
-diesem Geschrei ohnmächtig, die Jäger und die übrige Gesellschaft, in
-der sich auch ein Wundarzt befand, eilten von allen Seiten herbei und
-theilten ihre Sorge zwischen der Gräfin und dem jungen Erbgrafen. Die
-Güte und Geduld des Abbé's ist jedem, der ihn gesehen, aus seinem
-Gesichte bekannt, seine Bescheidenheit jedem, der mit ihm gesprochen;
-hier erschien aber alles Dreies auf einer merkwürdigen Probe. Kein
-Mensch fragte ihn, was ihm fehle, vielmehr drängte man ihn beiseite, und
-als er einem sagte: Er glaube zu sterben, der eine Rehposten wäre ihm in
-der Gegend der Leber durch die Rippen eingeschlagen; so antwortete ihm
-jener verstört: der junge Graf sei durch beide Schulterblätter verletzt.
-Der Wundarzt sah nur auf den jungen Grafen, und der arme Abbé mußte sich
-selbst helfen, so gut er konnte, und suchte sich die Wunde mit seinem
-Schnupftuche, das er mit dem Rock festknöpfte, so gut als möglich zu
-verschließen. Mit Mühe wurde eine Kutsche durch den steinigen hügligten
-Wald, bis nahe an den Unglücksort, gebracht. Die Gräfin hatte sich
-erholt, und empfahl mit vielen Thränen, dem Wundarzte ihren Sohn; der
-Abbé wollte ihr mit Klagen, über seinen Schmerz, keinen Kummer machen,
-und stieg sachte mit der letzten Anstrengung dem jungen Grafen in den
-Wagen nach. Der Wundarzt hielt den Grafen im Vorsitz, rückwärts saß der
-Abbé. Der Wagen fuhr sehr langsam, aber der Weg war uneben und stieß
-unvermeidlich; der Graf litt dabei und seufzte leise, aber der Abbé
-konnte, bei dem entsetzlichen Druck der Kugel, sich heftiger Seufzer und
-einzelner Ausrufungen nicht enthalten. Der Wundarzt hatte schon ein paar
-Mal gesagt: Es hätte nichts auf sich mit der Wunde des Grafen, er könnte
-sich beruhigen; endlich sprach er ganz ernstlich: Ich ehre ihr Mitleid
-Herr Abbé, aber ich traue ihrem Verstande zu, daß sie sich der Ausbrüche
-desselben erwehren können, wenn es dem Gegenstande desselben gefährlich
-werden könnte; ihre Beileidsbezeugungen machen aber den Kranken selbst
-besorgter, als das Uebel verdient.
-
-In dem Augenblicke krachte der Wagen über eine Wurzel, daß der arme Abbé
-kein Wort sagen konnte, sondern um sich verständlich zu machen, den Rock
-aufknöpfte; das Tuch fiel herunter und das Blut floß in großer Menge
-herab. -- Mein Gott, rief der Wundarzt, sind sie auch verwundet,
-wahrhaftig! ja, da muß man sich hier nichts draus machen, ich habe heute
-auch ein Paar Schroten von der Frau Gräfin in das dicke Fleisch
-bekommen, es macht ihr so viel Vergnügen und ich singe lustig dabei:
-
- Es ist ein Schuß gefallen,
- Mein, sagt, wer schoß da draus?
- Es war ein junger Jäger,
- Der schoß im Hinterhaus.
- Die Spatzen in dem Garten,
- Die machen viel Verdruß,
- Zwei Spatzen und ein Schneider,
- Die fielen von dem Schuß,
- Die Spatzen von den Schroten,
- Der Schneider von dem Schreck;
- Die Spatzen in die Schoten,
- Der Abbé in den Dreck.
-
-Der gute Abbé, der eine gewisse Kränkung empfunden hatte, wie er erst so
-verbindlich in dem Hause aufgenommen und im Unglück so ganz vergessen
-sei, mußte jetzt selbst lächlen, als er bei dieser Anzeige bemerkte, wie
-er sich beim Falle auf dem feuchten Boden beschmutzt hatte, dabei
-übernahm ihn eine Ohnmacht, von der er erst im Schlosse erwachte. Ich
-sah ihn mehrere Jahre nach diesem Vorfalle, den er glücklich überstanden
-hatte; ich fühlte die Kugel, sie hatte sich wohl zwei Hände breit hinter
-den Rippen niedergesenkt, und war jetzt unter denselben fühlbar.
-Zuweilen litt er noch an Schmerzen und versicherte, daß alle Gefahren,
-die von den Dichtern einem gewissen Bogengeschoß aus weiblichen Augen
-nachgesagt würden, nicht mit den Gefahren weiblicher Jägerei zu
-vergleichen wären, denn die Geschicklichkeit Dianens mögte wohl so
-selten geworden sein, wie ihre anderen Eigenschaften.
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- ^vaa.^
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- 2. Die Heilung.
- (29. November.)
-
-In den Zeiten des höchsten Glanzes der altfranzösischen Hofhaltung unter
-Ludwig XIV lebte ein Edelmann, der Marquis de Saint Meran, der die
-Anmuth, Geistesgewandheit und sittliche Verderbniß der damaligen
-vornehmen Welt im höchsten Grade in sich vereinigte. Unter andern
-unzählbaren Liebesabentheuern hatte er auch eines, mit der Frau eines
-Procuratoren, die es ihm gelang, dem Manne sowohl, als dessen Familie
-und ihrer eigenen gänzlich abzuwenden, so daß sie deren Schmach ward,
-deren Juweel sie gewesen war, und in blinder Leidenschaft das Hotel
-ihres Verführers bezog. Er hatte zwar nie so viel bei einer
-Liebesgeschichte empfunden, als bei dieser, ja, es regten sich bisweilen
-Gefühle in ihm, die man einen Abglanz von Religion und Herzlichkeit
-hätte nennen mögen, aber endlich trieb ihn dennoch, wenn nicht die Lust
-am Wechsel, doch die Mode des Wechsels von seinem schönen Opfer wieder
-fort, und er suchte nun dieses durch die ausgesuchtesten und
-verfeinertsten Grundsätze seiner Weltweisheit zu beruhigen. Aber das war
-nichts für ein solches Herz. Es schwoll in Leiden, die ihm keine
-Geisteswendung zu mildern vermochte, so gewaltsam auf, daß es den
-einstmals lichtklaren und lichtschnellen Verstand verwirrte, und der
-Marquis, nicht bösartig genug, die arme Verrückte ihrem Jammer und dem
-Hohn der Menschen zu überlassen, sie auf ein entferntes Gut in der
-Provence schickte, mit dem Befehl, ihrer gut und anständig zu pflegen.
-Dort aber stieg, was früher stille Melancholie gewesen war, zu den
-gewaltsamsten phrenetischen Ausbrüchen, mit deren Berichten man jedoch
-die frohen Stunden des Marquis zu unterbrechen sorgsam vermied. Diesem
-fällt es endlich einmal ein, die provenzalische Besizzung zu besuchen.
-Er kommt unvermuthet an, eine flüchtige Frage nach dem Befinden der
-Kranken wird eben so flüchtig beantwortet, und nun geht es zu einer
-Jagdparthie in die nahen Berge hinaus. Man hatte sich aber wohl gehütet,
-dem Marquis zu sagen, daß eben heute die Unglückliche in unbezwinglicher
-Wuth aus ihrer Verwahrung gebrochen sei, und man sich noch immer
-vergeblich abmühe, sie wieder einzufangen. Wie mußte nun dem
-Leichtsinnigen zu Muthe werden, als er auf schroffem Fußgestade an einer
-der einsamsten Stellen des Gebirges, weit getrennt von alle seinem
-Gefolge, im eiligen Umwenden um eine Ecke des Felsens, der furchtbaren
-Flüchtigen grad in die Arme rennt, die ihn faßt mit alle der
-unwiderstehlichen Kraft des Wahnsinns, mit ihrem, aus den Kreisen
-gewichenen blitzenden Augenstern, gerad' in sein Antlitz hineinstarrt,
-während ihr reiches, nun so gräßliches, schwarzes Haar, wie ein Mantel
-von Rabenfittigen, über ihr hinweht, und die dennoch nicht so entstellt
-ist, daß er nicht auf den ersten Blick die einst so geliebte Gestalt,
-die von ihm selber zur Furie umgezauberte Gestalt, hätte erkennen
-sollen. -- Da wirrte auch um ihn der Wahnsinn seine grause Schlingen,
-oder vielmehr der Blödsinn, denn der plötzliche Geistesschlag zerrüttete
-ihn dergestalt, daß er besinnungslos in den Abgrund hinunter taumeln
-wollte. Aber die arme Manon lud ihn, plötzlich still geworden, auf ihren
-Rücken, und trug ihn sorgsam nach der Gegend des Schlosses zurück. Man
-kann sich das Entsetzen der Bedienten denken, als sie ihrem Herren auf
-diese Weise und in der Gewalt der furchtbaren Kranken begegneten. Aber
-bald erstaunten sie noch mehr, die Rollen hier vollkommen gewechselt zu
-finden. Manon war die verständige, sittige Retterin und Pflegerin des
-blödsinnigen Marquis geworden, und ließ fürderhin nicht Tag nicht Nacht
-auch nur auf eine Stunde von ihm. Bald gaben die herbeigerufnen Aerzte
-jede Hoffnung zu seiner Heilung auf, nicht aber Manon. Diese pflegte mit
-unerhörter Geduld und mit einer Fähigkeit, welche man für Inspiration zu
-halten versucht war, den armen verwilderten Funken in ihres Geliebten
-Haupt, und lange Jahre nachher, schon als sich beider Locken bleichten,
-genoß sie des unaussprechlichen Glückes, den ihr über Alles theuren
-Geist wieder zu seiner ehemaligen Blüthe und Kraft herauferzogen zu
-haben. Da gab der Marquis seiner Helferin am Altare die Hand, und in
-dieser Entfernung der Hauptstadt wußten alle Theilhaber des Festes von
-keinen andern Gefühlen, als denen der tiefsten Ehrfurcht und der
-andächtigsten Freude.
-
- M. F.
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-
- 3. Das Grab der Väter.
- (5. Dezember.)
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-Einem jungen Bauersmann in Norwegen soll einmal folgende Geschichte
-begegnet sein. Er liebte ein schönes Mädchen, die einzige Tochter eines
-reichen Nachbarn, und ward von ihr geliebt, aber die Armuth des Werbers
-machte alle Hoffnung auf nähere Verbindung zu nichte. Denn der
-Brautvater wollte seine Tochter nur einem solchen geben, der
-schuldenfreien Hof und Heerde aufzuweisen habe, und weil der arme junge
-Mensch weit davon entfernt war, half es ihm zu nichts, daß er von einem
-der uralten Heldenväter des Landes abstammte, ob zwar Niemand einen
-Zweifel an dieser rühmlichen uralten Geschlechtstafel hegte. Seiner
-Ahnen Erster und Größter sollte auch in einem Hügel begraben sein, den
-alle Landleute unfern der Küste zu zeigen wußten. Auf diesen Hügel
-pflegte sich denn der betrübte Jüngling oftmals in seinem Leide zu
-sezzen, und dem begrabnen Altvordern vorzuklagen, wie schlecht es ihm
-gehe, ohne daß der Bewohner des Hügels auf diesen kleinen Jammer
-Rücksicht zu nehmen schien. Meist hatten auch die zwei Liebenden ihre
-verstohlenen Zusammenkünfte dort, und so geschah es, daß einstmals der
-Vater des Mädchens den einzig gangbaren steilen Pfad zum Hügel von
-ohngefähr herauf gegangen kam, indeß die beiden oben saßen. Eine
-tödtliche Angst befiel die Jungfrau, ihr Liebhaber faßte sie in seine
-starken Arme, und versuchte, von der andern Seite das Gestein
-herabzuklimmen. Da standen sie aber plötzlich, auf glattem Rasen am
-schroffen Hange, fest, sie hörten schon die Tritte des Vaters über sich,
-der sie auf diese Weise unfehlbar erblicken mußte, schon fühlten sich
-beide von Angst und Schwindel versucht, die jähe Tiefe und den
-Standkreis hinab zu stürzen, -- da gewahrten sie nahe bei sich einer
-kleinen Oeffnung, und schlüpften hinein, und schlüpften immer tiefer in
-die Dunkelheit, immer noch voll Angst vor dem Bemerktwerden, bis endlich
-das Mädchen erschrocken aufschrie: »mein Gott wir sind ja in einem
-Grabe!« -- Da sahe auch der junge Normann erst um sich, und bemerkte,
-daß sie in einer länglichen Kammer von gemauerten Steinen standen, wo
-sich inmitten etwas erhub, wie ein großer Sarg. Jemehr aber die
-Finsterniß vor den sich gewöhnenden Augen abnahm, je deutlicher konnte
-man auch sehn, daß die Masse in der Mitte kein Sarg war, sondern ein
-uralter Nachen, wie man sie mit Seehelden an den nordischen Küsten vor
-Zeiten einzugraben pflegte. Auf dem Nachen saß, dicht am Steuer, in
-aufrechter Stellung, eine hohe Gestalt, die sie erst für ein
-geschnitztes Bild ansahen. Als aber der junge Mensch, dreist geworden,
-hinaufstieg, nahm er wahr, daß es eine Rüstung von riesenmäßiger Größe
-sei. Der Helm war geschlossen, in den rechten Panzerhandschuh war ein
-gewaltiges bloßes Schwert mit dem goldenen Griffe hineingeklemmt. Die
-Braut rief wohl ihrem Liebhaber ängstlich zu, herab zu kommen, aber in
-einer seltsam wachsenden Zuversicht riß er das Schwert aus der beerzten
-Hand. Da rasselten die mürben Knochen, auf denen die Waffen sich noch
-erhielten, zusammen, der Harnisch schlug auf den Boden des Nachens lang
-hin, der entsetzte Jüngling den Bord hinunter zu den Füßen seiner Braut.
-Beide flüchteten, uneingedenk jeder andern Gefahr, aus der Höle, den
-Hügel mit Anstrengung aller Kräfte wieder hinauf, und oben wurden sie
-erst gewahr, daß ein ungeheurer Regenguß wüthete, welcher den Vater von
-da vertrieben hatte, und zugleich mit solcher Gewalt, Steine und Sand
-nach der schaurigen Oeffnung hinabzuwälzen begann, daß solche vor ihren
-Augen verschüttet ward, und man auch nachher nie wieder hat da
-hineinfinden können. Der junge Mensch aber hatte das Schwerdt seines
-Ahnen mit heraus gebracht. Er ließ mit der Zeit den goldenen Griff
-einschmelzen, und ward so reich davon, daß ihm der Brautvater seine
-Geliebte ohne Bedenken antrauen ließ. Mit der ungeheuren Klinge aber
-wußten sie nichts bessers anzufangen, als daß sie Wirthschafts- und
-andere Geräthschaften, so viel sich thun ließ, daraus schmieden ließen.
-
- M. F.
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- 4. Der Griffel Gottes.
- (5. October.)
-
-In Polen war eine Gräfinn von P...., eine bejahrte Dame, die ein sehr
-bösartiges Leben führte, und besonders ihre Untergebenen, durch ihren
-Geiz und ihre Grausamkeit, bis auf das Blut quälte. Diese Dame, als sie
-starb, vermachte einem Kloster, das ihr die Absolution ertheilt hatte,
-ihr Vermögen; wofür ihr das Kloster, auf dem Gottesacker, einen
-kostbaren, aus Erz gegossenen, Leichenstein setzen ließ, auf welchem
-dieses Umstandes, mit vielem Gepränge, Erwähnung geschehen war. Tags
-darauf schlug der Blitz, das Erz schmelzend, über dem Leichenstein ein,
-und ließ nichts, als eine Anzahl von Buchstaben stehen, die, zusammen
-gelesen, also lauteten: _sie ist gerichtet_! -- Der Vorfall (die
-Schriftgelehrten mögen ihn erklären) ist gegründet; der Leichenstein
-existirt noch, und es leben Männer in dieser Stadt, die ihn sammt der
-besagten Inschrift gesehen.
-
-
- 5. Muthwille des Himmels.
- Eine Anekdote.
- (10. October.)
-
-Der in Frankfurt an der Oder, wo er ein Infanterie-Regiment besaß,
-verstorbene General Dieringshofen, ein Mann von strengem und
-rechtschaffenem Charakter, aber dabei von manchen Eigenthümlichkeiten
-und Wunderlichkeiten, äußerte, als er, in spätem Alter, an einer
-langwierigen Krankheit, auf den Tod darniederlag, seinen Widerwillen,
-unter die Hände der Leichenwäscherinnen zu fallen. Er befahl bestimmt,
-daß niemand, ohne Ausnahme, seinen Leib berühren solle; daß er ganz und
-gar in dem Zustand, in welchem er sterben würde, mit Nachtmütze, Hosen
-und Schlafrock, wie er sie trage, in den Sarg gelegt und begraben sein
-wolle; und bat den damaligen Feldprediger seines Regiments, Herrn P...,
-welcher der Freund seines Hauses war, die Sorge für die Vollstreckung
-dieses seines letzten Willens zu übernehmen. Der Feldprediger P...
-versprach es ihm: er verpflichtete sich, um jedem Zufall vorzubeugen,
-bis zu seiner Bestattung, von dem Augenblick an, da er verschieden sein
-würde, nicht von seiner Seite zu weichen. Darauf nach Verlauf mehrerer
-Wochen, kömmt, bei der ersten Frühe des Tages, der Kammerdiener in das
-Haus des Feldpredigers, der noch schläft, und meldet ihm, daß der
-General um die Stunde der Mitternacht schon, sanft und ruhig, wie es
-vorauszusehen war, gestorben sei. Der Feldprediger P... zieht sich,
-seinem Versprechen getreu, sogleich an, und begiebt sich in die Wohnung
-des Generals. Was aber findet er? -- Die Leiche des Generals schon
-eingeseift auf einem Schemel sitzen: der Kammerdiener, der von dem
-Befehl nichts gewußt, hatte einen Barbier herbeigerufen, um ihm
-vorläufig zum Behuf einer schicklichen Ausstellung, den Bart abzunehmen.
-Was sollte der Feldprediger unter so wunderlichen Umständen machen? Er
-schalt den Kammerdiener aus, daß er ihn nicht früher herbeigerufen
-hatte; schickte den Barbier, der den Herrn bei der Nase gefaßt hielt,
-hinweg, und ließ ihn, weil doch nichts anders übrig blieb, eingeseift
-und mit halbem Bart, wie er ihn vorfand, in den Sarg legen und begraben.
-
- ^r.^
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- 6. Anekdote aus dem letzten Kriege.
- (20. October.)
-
-Den ungeheuersten Witz, der vielleicht, so lange die Erde steht, über
-Menschenlippen gekommen ist, hat, im Lauf des letztverflossenen Krieges,
-ein Tambour gemacht; ein Tambour meines Wissens von dem damaligen
-Regiment von Puttkammer; ein Mensch, zu dem, wie man gleich hören wird,
-weder die griechische noch römische Geschichte ein Gegenstück liefert.
-Dieser hatte, nach Zersprengung der preußischen Armee bei Jena, ein
-Gewehr aufgetrieben, mit welchem er, auf seine eigne Hand, den Krieg
-fortsetzte; dergestalt, daß da er, auf der Landstraße, Alles, was ihm an
-Franzosen in den Schuß kam, niederstreckte und ausplünderte, er von
-einem Haufen französischer Gensdarmen, die ihn aufspürten, ergriffen,
-nach der Stadt geschleppt, und, wie es ihm zukam, verurtheilt ward,
-erschossen zu werden. Als er den Platz, wo die Execution vor sich gehen
-sollte, betreten hatte, und wohl sah, daß Alles, was er zu seiner
-Rechtfertigung vorbrachte, vergebens war, bat er sich von dem Obristen,
-der das Detaschement commandirte, eine Gnade aus; und da der Obrist,
-inzwischen die Officiere, die ihn umringten, in gespannter Erwartung
-zusammentraten, ihn fragte: was er wolle? zog er sich die Hosen ab, und
-sprach: sie mögten ihn in den ... schießen, damit das F.. kein L...
-bekäme. -- Wobei man noch die Shakespearsche Eigenschaft bemerken muß,
-daß der Tambour mit seinem Witz, aus seiner Sphäre als Trommelschläger
-nicht herausging.
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- ^x.^
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- 7. Der Branntweinsäufer und die Berliner Glocken.
- Eine Anekdote.
- (19. October.)
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-Ein Soldat vom ehemaligen Regiment Lignowski, ein heilloser und
-unverbesserlicher Säufer, versprach nach unendlichen Schlägen, die er
-deshalb bekam, daß er seine Aufführung bessern und sich des Brannteweins
-enthalten wolle. Er hielt auch, in der That, Wort, während drei Tage:
-ward aber am Vierten wieder besoffen in einem Rennstein gefunden, und,
-von einem Unterofficier, in Arrest gebracht. Im Verhör befragte man ihn,
-warum er, seines Vorsatzes uneingedenk sich von Neuem dem Laster des
-Trunks ergeben habe? »Herr Hauptmann!« antwortete er; »es ist nicht
-meine Schuld. Ich ging in Geschäften eines Kaufmanns, mit einer Kiste
-Färbholz, über den Lustgarten; da läuteten vom Dom herab die Glocken:
-_Pom_meranzen! _Pom_meranzen! _Pom_meranzen!« Läut', Teufel, läut,
-sprach ich, und gedachte meines Vorsatzes und trank nichts. In der
-Königsstraße, wo ich die Kiste abgeben sollte, steh ich einen
-Augenblick, um mich auszuruhen, vor dem Rathhaus still: da bimmelt es
-vom Thurm herab: »Kümmel! Kümmel! Kümmel! -- Kümmel! Kümmel! Kümmel!«
-Ich sage zum Thurm: bimmle du, daß die Wolken reißen -- und gedenke,
-mein Seel, gedenke meines Vorsatzes, ob ich gleich durstig war, und
-trinke nichts. Drauf führt mich der Teufel, auf dem Rückweg, über den
-Spittelmarkt; und da ich eben vor einer Kneipe, wo mehr denn dreißig
-Gäste beisammen waren, stehe, geht es, vom Spittelthurm herab:
-»Anisette! Anisette! Anisette!« Was kostet das Glas, frag' ich? Der
-Wirth spricht: Sechs Pfennige. Geb' er her, sag' ich -- und was weiter
-aus mir geworden ist, das weiß ich nicht.
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- ^xyz.^
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- 8. Tages-Ereigniß.
- (7. November.)
-
-Das Verbrechen des Ulahnen Hahn, der heute hingerichtet ward, bestand
-darin, daß er dem Wachtmeister _Pape_, der ihn, eines kleinen
-Dienstversehens wegen, auf höheren Befehl, arretiren wollte, und
-deshalb, von der Straße her, zurief, ihm in die Wache zu folgen, indem
-er das Fenster, an dem er stand, zuwarf, antwortete: von einem solchen
-Laffen ließe er sich nicht in Arrest bringen. Hieraus verfügte der
-Wachtmeister Pape, um ihn mit Gewalt fortzuschaffen, sich in das Zimmer
-desselben: stürzte aber, von einer Pistolenkugel des Rasenden getroffen,
-sogleich todt zu Boden nieder. Ja, als auf den Schuß, mehrere Soldaten
-seines Regiments herbeieilten, schien er sie, mit den Waffen in der
-Hand, in Respect halten zu wollen, und jagte noch eine Kugel durch das
-Hirn des in seinem Blute schwimmenden Wachtmeisters; ward aber
-gleichwohl, durch einige beherzte Cameraden, entwaffnet und ins
-Gefängniß gebracht. Se. Maj. der König haben, wegen der Unzweideutigkeit
-des Rechtsfalls befohlen, ungesäumt mit der Vollstreckung des, von den
-Militair-Gerichten gefällten, Rechtsspruchs, der ihm das Rad zuerkannte,
-vorzugehen.
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- 9. Der verlegene Magistrat.
- Eine Anekdote.
- (4. October.)
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-Ein H...r Stadtsoldat hatte vor nicht gar langer Zeit, ohne Erlaubniß
-seines Offiziers, die Stadtwache verlassen. Nach einem uralten Gesetz
-steht auf ein Verbrechen dieser Art, das sonst der Streifereien des
-Adels wegen, von großer Wichtigkeit war, eigentlich der Tod. Gleichwohl,
-ohne das Gesetz mit bestimmten Worten aufzuheben, ist davon seit vielen
-hundert Jahren kein Gebrauch mehr gemacht worden: dergestalt, daß statt
-auf die Todesstrafe zu erkennen, derjenige, der sich dessen schuldig
-macht, nach einem feststehenden Gebrauch, zu einer bloßen Geldstrafe,
-die er an die Stadtcasse zu erlegen hat, verurtheilt wird. Der besagte
-Kerl aber, der keine Lust haben mochte, das Geld zu entrichten,
-erklärte, zur großen Bestürzung des Magistrats: daß er, weil es ihm
-einmal zukomme, dem Gesetz gemäß, sterben wolle. Der Magistrat, der ein
-Mißverständniß vermuthete, schickte einen Deputirten an den Kerl ab, und
-ließ ihm bedeuten, um wieviel vorteilhafter es für ihn wäre, einige
-Gulden Geld zu erlegen, als arquebusirt zu werden. Doch der Kerl blieb
-dabei, daß er seines Lebens müde sei, und daß er sterben wolle:
-dergestalt, daß dem Magistrat, der kein Blut vergießen wollte, nichts
-übrig blieb, als dem Schelm die Geldstrafe zu erlassen, und noch froh
-war, als er erklärte, daß er, bei so bewandten Umständen am Leben
-bleiben wolle.
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- ^rz.^
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- 10. Charité-Vorfall.
- (13. October.)
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-Der von einem Kutscher kürzlich übergefahrne Mann, Namens Beyer, hat
-bereits dreimal in seinem Leben ein ähnliches Schicksal gehabt;
-dergestalt, daß bei der Untersuchung, die der Geheimerath Hr. K. in der
-Charité mit ihm vornahm, die lächerlichsten Mißverständnisse vorfielen.
-Der Geheimerath, der zuvörderst seine beiden Beine, welche krumm und
-schief und mit Blut bedeckt waren, bemerkte, fragte ihn: ob er an diesen
-Gliedern verletzt wäre? worauf der Mann jedoch erwiederte: nein! die
-Beine wären ihm schon vor fünf Jahren, durch einen andern Doktor,
-abgefahren worden. Hierauf bemerkte ein Arzt, der dem Geheimenrath zur
-Seite stand, daß sein linkes Auge geplatzt war; als man ihn jedoch
-fragte: ob ihn das Rad hier getroffen hätte? antwortete er: nein! das
-Auge hätte ihm ein Doktor bereits vor 14 Jahren ausgefahren. Endlich,
-zum Erstaunen aller Anwesenden, fand sich, daß ihm die linke
-Rippenhälfte, in jämmerlicher Verstümmelung, ganz auf den Rücken gedreht
-war; als aber der Geheimerath ihn fragte: ob ihn des Doktors Wagen hier
-beschädigt hätte, antwortete er: nein! die Rippen wären ihm schon vor 7
-Jahren durch einen Doktorwagen zusammengefahren worden. -- Bis sich
-endlich zeigte, daß ihm durch die letztere Ueberfahrt der linke
-Ohrknorpel ins Gehörorgan hineingefahren war. -- Der Berichterstatter
-hat den Mann selbst über diesen Vorfall vernommen, und selbst die
-Todtkranken, die in dem Saale auf den Betten herumlagen, mußten, über
-die spaßhafte und indolente Weise, wie er dies vorbrachte, lachen. --
-Uebrigens bessert er sich; und falls er sich vor den Doktoren, wenn er
-auf der Straße geht, in Acht nimmt, kann er noch lange leben.
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- 11. Anekdote.
- (24. October.)
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-Bach, als seine Frau starb, sollte zum Begräbniß Anstalt machen. Der
-arme Mann war aber gewohnt, Alles durch seine Frau besorgen zu lassen;
-dergestalt daß da ein alter Bedienter kam, und ihm für Trauerflor, den
-er einkaufen wollte, Geld abforderte, er unter stillen Thränen, den Kopf
-auf einen Tisch gestützt, antwortete: »sagt's meiner Frau«. --
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- 12. Räthsel.
- (1. November.)
-
-Ein junger Doktor der Rechte und eine Stiftsdame, von denen kein Mensch
-wußte, daß sie mit einander in Verhältniß standen, befanden sich einst
-bei dem Commendanten der Stadt, in einer zahlreichen und ansehnlichen
-Gesellschaft. Die Dame, jung und schön, trug, wie es zu derselben Zeit
-Mode war, ein kleines schwarzes Schönpflästerchen im Gesicht, und zwar
-dicht über der Lippe, auf der rechten Seite des Mundes. Irgend ein
-Zufall veranlaßte, daß die Gesellschaft sich auf einen Augenblick aus
-dem Zimmer entfernte, dergestalt, daß nur der Doktor und die besagte
-Dame darin zurückblieben. Als die Gesellschaft zurückkehrte, fand sich,
-zum allgemeinen Befremden derselben, daß der Doctor das
-Schönpflästerchen im Gesichte trug, und zwar gleichfalls über der Lippe,
-aber auf der linken Seite des Mundes. --
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- 13. Anekdote.
- (22. November.)
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-Zwei berühmte Englische Baxer, der Eine aus Portsmouth gebürtig, der
-Andere aus Plymouth, die seit vielen Jahren von einander gehört hatten,
-ohne sich zu sehen, beschlossen, da sie in London zusammentrafen, zur
-Entscheidung der Frage, wem von ihnen der Siegerruhm gebühre, einen
-öffentlichen Wettkampf zu halten. Demnach stellten sich beide, im
-Angesicht des Volks, mit geballten Fäusten, im Garten einer Kneipe,
-gegeneinander, und als der Plymouther den Portsmouther, in wenig
-Augenblicken, dergestalt auf die Brust traf, daß er Blut spie, rief
-dieser, indem er sich den Mund abwischte: brav! -- Als aber bald darauf,
-da sie sich wieder gestellt hatten, der Portsmouther den Plymouther, mit
-der Faust der geballten Rechten, dergestalt auf den Leib traf, daß
-dieser, indem er die Augen verkehrte, umfiel, rief der Letztere: das ist
-auch nicht übel --! Worauf das Volk, das im Kreise herumstand, laut
-aufjauchzte, und, während der Plymouther, der an den Gedärmen verletzt
-worden war, todt weggetragen ward, dem Portsmouther den Siegesruhm
-zuerkannte. -- Der Portsmouther soll aber auch Tags darauf am Blutsturz
-gestorben sein.
-
-
- 14. Anekdote.
- (27. November.)
-
-Der Czar Iwan Basilowitz, mit dem Beinamen der Tyrann, ließ einem
-fremden Gesandten, der, nach der damaligen Europäischen Etikette, mit
-bedecktem Haupte vor ihm erschien, den Hut auf den Kopf nageln. Diese
-Grausamkeit vermogte nicht den Botschafter der Königin Elisabeth von
-England, Sir Jeremias Bowes abzuschrecken. Er hatte die Kühnheit den Hut
-auf dem Kopfe, vor dem Czaar zu erscheinen. Dieser fragte ihn, ob er
-nicht von der Strafe gehört hätte, die einem andern Gesandten
-widerfahren wäre, welcher sich eine solche Freiheit herausgenommen? »Ja,
-Herr, erwiderte Bowes, aber ich bin der Botschafter der Königin von
-England, die nie, vor irgend einem Fürsten in der Welt, anders, wie mit
-bedecktem Haupte erschienen ist. Ich bin ihr Repräsentant, und wenn mir
-die geringste Beleidigung widerfährt, so wird sie mich zu rächen
-wissen.« »Das ist ein braver Mann, sagte der Czaar, indem er sich zu
-seinen Hofleuten wandte, der für die Ehre seiner Monarchin zu handeln
-und zu reden versteht: wer von Euch hätte das nämliche für mich gethan?«
-
-Hierauf wurde der Bothschafter der Favorit des Czars. Diese Gunst zog
-ihm den Neid des Adels zu. Einer der Großen, der zuweilen den vertrauten
-Ton mit dem Monarchen annehmen durfte, beredete ihn, die
-Geschicklichkeit des Bothschafters auf die Probe zu stellen. Man sagte
-nämlich, daß er ein sehr geschickter Reuter wäre. Nun wurde ihm, um den
-Beweis davon zu führen, ein ungebändigtes sehr wildes Pferd vor dem Czar
-zu reiten gegeben, und man hoffte, daß Bowes zum wenigsten mit einer
-derben Lähmung das Kunststück bezahlen würde. Indessen widerfuhr der
-neidischen Eifersucht der Verdruß, sich betrogen zu sehn. Der brave
-Engländer bändigte nicht nur das Pferd, sondern er jagte es dermaßen
-zusammen, daß es kraftlos wieder heimgeführt wurde, und wenige Tage
-nachher crepirte. Dieses Abentheuer vermehrte den Credit des
-Bothschafters bei dem Czar, der ihm jederzeit nachher die
-ausgezeichnetsten Beweise seiner Huld widerfahren ließ.
-
- (Barrow's Sammlung von Reisebeschreibungen nach der französischen
- Uebersetzung von Targe. 1766.)
-
-
-
-
- 4. Kunst und Theater.
-
-
- 1. Empfindungen vor Friedrichs Seelandschaft.
- (13. October.)
-
-Herrlich ist es, in einer unendlichen Einsamkeit am Meeresufer, unter
-trübem Himmel, auf eine unbegränzte Wasserwüste, hinauszuschauen. Dazu
-gehört gleichwohl, daß man dahin gegangen sei, daß man zurück muß, daß
-man hinüber mögte, daß man es nicht kann, daß man Alles zum Leben
-vermißt, und die Stimme des Lebens dennoch im Rauschen der Fluth, im
-Wehen der Luft, im Ziehen der Wolken, dem einsamen Geschrei der Vögel,
-vernimmt. Dazu gehört ein Anspruch, den das Herz macht, und ein Abbruch,
-um mich so auszudrücken, den Einem die Natur thut. Dies aber ist vor dem
-Bilde unmöglich, und das, was ich in dem Bilde selbst finden sollte,
-fand ich erst zwischen mir und dem Bilde, nehmlich einen Anspruch, den
-mein Herz an das Bild machte, und einen Abbruch, den mir das Bild that;
-und so ward ich selbst der Kapuziner, das Bild ward die Düne, das aber,
-wo hinaus ich mit Sehnsucht blicken sollte, die See, fehlte ganz. Nichts
-kann trauriger und unbehaglicher sein, als diese Stellung in der Welt:
-der einzige Lebensfunke im weiten Reiche des Todes, der einsame
-Mittelpunct im einsamen Kreis. Das Bild liegt, mit seinen zwei oder drei
-geheimnißvollen Gegenständen, wie die Apokalypse da, als ob es Joungs
-Nachtgedanken hätte, und da es, in seiner Einförmigkeit und
-Uferlosigkeit, nichts, als den Rahm, zum Vordergrund hat, so ist es,
-wenn man es betrachtet, als ob Einem die Augenlieder weggeschnitten
-wären. Gleichwohl hat der Mahler Zweifels ohne eine ganz neue Bahn im
-Felde seiner Kunst gebrochen; und ich bin überzeugt, daß sich, mit
-seinem Geiste, eine Quadratmeile märkischen Sandes darstellen ließe, mit
-einem Berberitzenstrauch, worauf sich eine Krähe einsam plustert, und
-daß dies Bild eine wahrhafte Ossianische oder Kosegartensche Wirkung
-thun müßte. Ja, wenn man diese Landschaft mit ihrer eignen Kreide und
-mit ihrem eigenen Wasser mahlte; so, glaube ich, man könnte die Füchse
-und Wölfe damit zum Heulen bringen: das Stärkste, was man, ohne allen
-Zweifel, zum Lobe für diese Art von Landschaftsmahlerei beibringen kann.
--- Doch meine eigenen Empfindungen, über dies wunderbare Gemählde, sind
-zu verworren; daher habe ich mir, ehe ich sie ganz auszusprechen wage,
-vorgenommen, mich durch die Aeußerungen derer, die paarweise, von Morgen
-bis Abend, daran vorübergehen, zu belehren.
-
- ^cb.^
-
-
- 2. Brief eines Mahlers an seinen Sohn.
- (22. October.)
-
-Mein lieber Sohn,
-
-Du schreibst mir, daß du eine Madonna mahlst, und daß dein Gefühl dir,
-für die Vollendung dieses Werks, so unrein und körperlich dünkt, daß du
-jedesmal, bevor du zum Pinsel greifst, das Abendmal nehmen mögtest, um
-es zu heiligen. Laß dir von deinem alten Vater sagen, daß dies eine
-falsche, dir von der Schule, aus der du herstammst, anklebende
-Begeisterung ist, und daß es, nach Anleitung unserer würdigen alten
-Meister, mit einer gemeinen, aber übrigens rechtschaffenen Lust an dem
-Spiel, deine Einbildungen auf die Leinwand zu bringen, völlig abgemacht
-ist. Die Welt ist eine wunderliche Einrichtung; und die göttlichsten
-Wirkungen, mein lieber Sohn, gehen aus den niedrigsten und
-unscheinbarsten Ursachen hervor. Der Mensch, um dir ein Beispiel zu
-geben, das in die Augen springt, gewiß, er ist ein erhabenes Geschöpf;
-und gleichwohl, in dem Augenblick, da man ihn macht, ist es nicht
-nöthig, daß man dieß, mit vieler Heiligkeit, bedenke. Ja, derjenige, der
-das Abendmahl darauf nähme, und mit dem bloßen Vorsatz ans Werk gienge,
-seinen Begriff davon in der Sinnenwelt zu construiren, würde ohnfehlbar
-ein ärmliches und gebrechliches Wesen hervorbringen; dagegen derjenige,
-der, in einer heitern Sommernacht, ein Mädchen, ohne weiteren Gedanken,
-küßt, zweifelsohne einen Jungen zur Welt bringt, der nachher, auf
-rüstige Weise, zwischen Erde und Himmel herumklettert, und den
-Philosophen zu schaffen giebt. Und hiermit Gott befohlen.
-
- ^y.^
-
-
- 3. Brief eines jungen Dichters an einen jungen Mahler.
- (6. November.)
-
-Uns Dichtern ist es unbegreiflich, wie ihr euch entschließen könnt, ihr
-lieben Mahler, deren Kunst etwas so Unendliches ist, Jahre lang
-zuzubringen mit dem Geschäft, die Werke eurer großen Meister zu copiren.
-Die Lehrer, bei denen ihr in die Schule geht, sagt ihr, leiden nicht,
-daß ihr eure Einbildungen, ehe die Zeit gekommen ist, auf die Leinewand
-bringt; wären wir aber, wir Dichter, in eurem Fall gewesen, so meine
-ich, wir würden unsern Rücken lieber unendlichen Schlägen ausgesetzt
-haben, als diesem grausamen Verbot ein Genüge zu thun. Die
-Einbildungskraft würde sich, auf ganz unüberwindliche Weise, in unseren
-Brüsten geregt haben, und wir, unseren unmenschlichen Lehrern zum Trotz,
-gleich, sobald wir nur gewußt hätten, daß man mit dem Büschel, und nicht
-mit dem Stock am Pinsel mahlen müsse, heimlich zur Nachtzeit die Thüren
-verschlossen haben, um uns in der Erfindung, diesem Spiel der Seeligen,
-zu versuchen. Da, wo sich die Phantasie in euren jungen Gemüthern
-vorfindet, scheint uns, müsse sie, unerbittlich und unrettbar, durch die
-endlose Unterthänigkeit, zu welcher ihr euch beim Copiren in Gallerieen
-und Sälen verdammt, zu Grund und Boden gehen. Wir wissen, in unsrer
-Ansicht schlecht und recht von der Sache nicht, was es mehr bedarf, als
-das Bild, das euch rührt, und dessen Vortrefflichkeit ihr euch
-anzueignen wünscht, mit Innigkeit und Liebe, durch Stunden, Tage,
-Wochen, Monden, oder meinethalben Jahre, anzuschauen. Wenigstens dünkt
-uns, läßt sich ein doppelter Gebrauch von einem Bilde machen; einmal
-der, den ihr davon macht, nämlich die Züge desselben nachzuschreiben, um
-euch die Fertigkeit der mahlerischen Schrift einzulernen; und dann in
-seinem Geist, gleich vom Anfang herein, nachzuerfinden. Und auch diese
-Fertigkeit müßte, sobald als nur irgend möglich, gegen die Kunst selbst,
-deren wesentlichstes Stück die Erfindung nach eigenthümlichen Gesetzen
-ist, an den Nagel gehängt werden. Denn die Aufgabe, Himmel und Erde! ist
-ja nicht, ein Anderer, sondern ihr selbst zu sein, und euch selbst, euer
-Eigenstes und Innerstes, durch Umriß und Farben, zur Anschauung zu
-bringen! Wie mögt ihr euch nur in dem Maaße verachten, daß ihr willigen
-könnt, ganz und gar auf Erden nicht vorhanden gewesen zu sein; da eben
-das Dasein so herrlicher Geister, als die sind, welche ihr bewundert,
-weit entfernt, euch zu vernichten, vielmehr allererst die rechte Lust in
-euch erwecken und mit der Kraft, heiter und tapfer, ausrüsten soll, auf
-eure eigne Weise gleichfalls zu sein? Aber ihr Leute, ihr bildet euch
-ein, ihr müßtet durch euren Meister, den Raphael oder Corregge, oder wen
-ihr euch sonst zum Vorbild gesetzt habt, hindurch; da ihr euch doch ganz
-und gar umkehren, mit dem Rücken gegen ihn stellen, und, in
-diametral-entgegengesetzter Richtung, den Gipfel der Kunst, den ihr im
-Auge habt, auffinden und ersteigen könntet. -- So! sagt ihr und seht
-mich an: was der Herr uns da Neues sagt! und lächelt und zuckt die
-Achseln. Demnach, ihr Herren, Gott befohlen! Denn da Copernicus schon
-vor dreihundert Jahren gesagt hat, daß die Erde rund sei, so sehe ich
-nicht ein, was es helfen könnte, wenn ich es hier wiederholte. Lebet
-wohl!
-
- ^y.^
-
-
- 4. Theater. Den 2. October: Ton des Tages, Lustspiel von Voß.
- (4. October.)
-
-Kant sagt irgendwo, in seiner Kritik der Urtheilskraft, daß der
-menschliche Verstand und die Hand des Menschen, zwei, auf nothwendige
-Weise, zu einander gehörige und auf einander berechnete, Dinge sind. Der
-Verstand, meint er, bedürfe, falls er in Wirksamkeit treten solle, ein
-Werkzeug von so mannichfaltiger und vielseitiger Vollkommenheit, als die
-Hand; und hinwiederum zeige die Struktur der Hand an, daß die
-Intelligenz, die dieselbe regiere, der menschliche Verstand sein müsse.
-Die Wahrheit dieses, dem Anschein nach paradoxen Satzes, leuchtet uns
-nie mehr ein, als wenn wir Herrn Iffland auf der Bühne sehen. Er drückt
-in der That, auf die erstaunenswürdigste Art, fast alle Zustände und
-innerliche Bewegungen des Gemüths damit aus. Nicht, als ob, bei seinen
-theatralischen Darstellungen, nicht seine Figur überhaupt, nach den
-Forderungen seiner Kunst, zweckmäßig mitwirkte: in diesem Fall würde
-das, was wir hier vorgebracht haben, ein Tadel sein. Es wird ihm, in der
-Pantomimik überhaupt, besonders in den bürgerlichen Stücken, nicht
-leicht ein Schauspieler heutiger Zeit gleichkommen. Aber von allen
-seinen Gliedern, behaupten wir, wirkt, in der Regel, keins, zum Ausdruck
-eines Affekts, so geschäftig mit, als die Hand; sie zieht die
-Aufmerksamkeit fast von seinem so ausdrucksvollen Gesicht ab: und so
-vortrefflich dies Spiel an und für sich auch sein mag, so glauben wir
-doch, daß ein Gebrauch, mäßiger und minder verschwenderisch, als der,
-den er davon macht, seinem Spiel (_wenn_ dasselbe noch etwas zu wünschen
-übrig läßt) vortheilhaft sein würde.
-
- ^xy.^
-
-
- 5. Theater. Unmaßgebliche Bemerkung.
- (17. October.)
-
-Wenn man fragt, warum die Werke Göthe's so selten auf der Bühne gegeben
-werden, so ist die Antwort gemeinhin, daß diese Stücke, so vortrefflich
-sie auch sein mögen, der Casse nur, nach einer häufig wiederholten
-Erfahrung, von unbedeutendem Vortheil sind. Nun geht zwar, ich gestehe
-es, eine Theater-Direction, die, bei der Auswahl ihrer Stücke, auf
-nichts, als das Mittel sieht, wie sie besteht, auf gar einfachem und
-natürlichem Wege, zu dem Ziel, der Nation ein gutes Theater zu Stande zu
-bringen. Denn so wie, nach Adam Smith, der Bäcker, ohne weitere
-chemische Einsicht in die Ursachen, schließen kann, daß seine Semmel gut
-sei, wenn sie fleißig gekauft wird: so kann die Direktion, ohne sich im
-Mindesten mit der Kritik zu befassen, auf ganz unfehlbare Weise,
-schließen, daß sie gute Stücke auf die Bühne bringt, wenn Logen und
-Bänke immer, bei ihren Darstellungen, von Menschen wacker erfüllt sind.
-Aber dieser Grundsatz ist nur wahr, wo das Gewerbe frei, und eine
-uneingeschränkte Concurrenz der Bühnen eröffnet ist. In einer Stadt, in
-welcher mehrere Theater neben einander bestehn, wird allerdings, sobald
-auf irgend einem derselben, durch das einseitige Bestreben, Geld in die
-Casse zu locken, das Schauspiel entarten sollte, die Betriebsamkeit
-eines andern Theaterunternehmers, unterstützt von dem Kunstsinn des
-besseren Theils der Nation, auf den Einfall gerathen, die Gattung, in
-ihrer ursprünglichen Reinheit, wieder festzuhalten. Wo aber das Theater
-ein ausschließendes Privilegium hat, da könnte uns, durch die Anwendung
-eines solchen Grundsatzes, das Schauspiel ganz und gar abhanden kommen.
-Eine Direction, die einer solchen Anstalt vorsteht, hat eine
-Verpflichtung sich mit der Kritik zu befassen, und bedarf wegen ihres
-natürlichen Hanges, der Menge zu schmeicheln, schlechthin einer höhern
-Aufsicht des Staats. Und in der That, wenn auf einem Theater, wie das
-Berliner, mit Vernachlässigung aller andern Rücksichten, das höchste
-Gesetz, die Füllung der Casse wäre: so wäre die Scene unmittelbar, den
-spanischen Reutern, Taschenspielern und Faxenmachern einzuräumen; ein
-Specktakel bei welchem die Casse, ohne Zweifel, bei weitem erwünschtere
-Rechnung finden wird, als bei den götheschen Stükken. Parodieen hat man
-schon, vor einiger Zeit, auf der Bühne gesehen; und wenn ein
-hinreichender Aufwand von Witz, an welchem es diesen Producten zum Glück
-gänzlich gebrach, an ihre Erfindung gesetzt worden wäre, so würde es,
-bei der Frivolität der Gemüther, ein Leichtes gewesen sein, das Drama
-vermittelst ihrer, ganz und gar zu verdrängen. Ja, gesetzt, die
-Direction käme auf den Einfall, die götheschen Stücke so zu geben, daß
-die Männer die Weiber- und die Weiber die Männerrollen spielten: falls
-irgend auf Costüme und zweckmäßige Carrikatur einige Sorgfalt verwendet
-ist, so wette ich, man schlägt sich an der Casse um die Billets, das
-Stück muß drei Wochen hinter einander wiederholt werden, und die
-Direction ist mit einemmal wieder solvent. -- Welches Erinnerungen sind,
-werth, wie uns dünkt, daß man sie beherzige.
-
- H. v. K.
-
-
- 6. Schreiben aus Berlin.
- (30. October.)
-
- Den 28. October.
-
-Die Oper Cendrillon, welche sich Mad. Bethmann zum Benefiz gewählt hat,
-und Herr Herclots bereits, zu diesem Zweck, übersetzt, soll, wie man
-sagt, der zum Grunde liegenden französischen Musik wegen, welche ein
-dreisilbiges Wort erfordert, _Ascherlich_, _Ascherling_ oder
-_Ascherlein_ u. s. w. nicht _Aschenbrödel_ genannt werden. Brödel, von
-Brod oder, altdeutsch Brühe (^brode^ im Französischen) heißt eine mit
-Fett und Schmutz bedeckte Frau; eine Bedeutung, in der sich das Wort,
-durch eben das, in Rede stehende, Mährchen, in welchem es, mit dem
-Muthwillen freundlicher Ironie, einem zarten und lieben Kinde von
-überaus schimmernder Reinheit an Leib und Seele, gegeben wird, allgemein
-beim Volk erhalten hat. Warum, ehe man diesem Mährchen dergestalt, durch
-Unterschiebung eines, an sich gut gewählten, aber gleichwohl
-willkührlichen und bedeutungslosen Namens, an das Leben greift, zieht
-man nicht lieber, der Musik zu Gefallen, das »del« in »d'l« zusammen,
-oder elidirt das d ganz und gar? Ein österreichischer Dichter würde ohne
-Zweifel keinen Anstand nehmen, zu sagen: _Aschenbröd'l_ oder
-_Aschenbröl_.
-
-Ascherlich oder Aschenbröd'l selbst wird Mademois. Maas; Mad. Bethmann,
-wie es heißt, die Rolle einer der eifersüchtigen Schwestern übernehmen.
-Mlle. Maas ist ohne Zweifel durch mehr, als die bloße Jugend, zu dieser
-Rolle berufen; von Mad. Bethmann aber sollte es uns leid thun, wenn sie
-glauben sollte, daß sie, ihres Alters wegen, davon ausgeschlossen wäre.
-Diese Resignation käme (wir meinen, wenn nicht den größesten, doch den
-verständigsten Theil des Publicums, auf unserer Seite zu haben) noch um
-viele Jahre zu früh. Es ist, mit dem Spiel dieser Künstlerin, wie mit
-dem Gesang manchen alten Musikmeisters am Fortepiano. Er hat eine, von
-manchen Seiten mangelhafte, Stimme und kann sich, was den Vortrag
-betrift, mit keinem jungen, rüstigen Sänger messen. Gleichwohl, durch
-den Verstand und die ungemein zarte Empfindung, mit welcher er zu Werke
-geht, führt er, alle Verletzungen vermeidend, die Einbildung, in
-einzelnen Momenten, auf so richtige Wege, daß jeder sich mit
-Leichtigkeit das Fehlende ergänzt, und ein in der That höheres Vergnügen
-genießt, als ihm eine bessere Stimme, aber von einem geringern Genius
-regiert, gewährt haben würde. -- Mad. Bethmanns größester Ruhm, meinen
-wir, nimmt allererst, wenn sie sich anders auf ihre Kräfte versteht, in
-einigen Jahren (in dem Alter, wo Andere ihn verlieren) seinen Anfang.
-
- ^y.^
-
-
- 7. Die sieben kleinen Kinder.
- (8. November.)
-
-Was mag aus einer Bande kleiner Sänger geworden sein, die im vorigen
-Jahre sich sehr häufig in vielen Straßen Berlins mit wenigen Liedern
-hören ließen, die aber so wunderbar auf einzelne Töne eingesungen waren,
-daß sie am ersten einen Begriff von der Russischen Hörnermusik geben
-konnten? Sie wurden, nach dem einen ihrer bekanntesten Lieder, meist die
-sieben kleinen Kinder genannt. Das Lied erzählte von Kindern, denen zu
-spät Brod gereicht worden, nachdem sie lange geschrieen und endlich aus
-Hunger gestorben waren. -- Ist es diesen armen Schelmen, die wir immer
-mit besonderem Vergnügen gehört, etwa auch so ergangen?
-
-Diese Kinder waren jedermann so bekannt, alle Kinder sangen ihnen nach,
-daß wir es kaum begreifen können, daß sie nicht in irgend ein lustiges
-Stück z. B. Rochus Pumpernickel, auf der Straße eingeführt worden, wo
-sie gewiß die allgemeinste Wirkung hervorgebracht hätten. Leider aber
-begnügen sich unsre Theater-Dichter die Späße fremder Städte, besonders
-Wiens, zu wiederholen; was aber bey uns lustig und erfreulich, dafür
-haben sie keine Fassung. So finden sich manche auf unserer Bühne, die
-den Wiener oder Schwäbischen Dialekt recht gut nachsprechen, aber
-keiner, der z. B. gut pommersch-plattdeutsch redete, was in der Rolle
-des Rochus Pumpernickel sicher recht eigenthümliche Wirkung bei uns
-thäte.
-
- ^ava.^
-
-
- 8. Von einem Kinde, das kindlicher Weise ein anderes Kind
- umbringt.
- (13. November.)
-
-»In einer Stadt Franecker genannt, gelegen in Westfriesland, da ist es
-geschehen, daß junge Kinder, fünf- sechsjährige, Mägdlein und Knaben mit
-einander spielten. Und sie ordneten ein Büblein an, das solle der
-Metzger sein, ein anderes Büblein, das solle Koch sein, und ein drittes
-Büblein, das solle eine Sau sein. Ein Mägdlein, ordneten sie, solle
-Köchin sein, wieder ein anderes, das solle Unterköchin sein; und die
-Unterköchin solle in einem Geschirrlein das Blut von der Sau empfahen,
-daß man Würste könne machen. Der Metzger gerieth nun verabredetermaßen
-an das Büblein, das die Sau sollte sein, riß es nieder und schnitt ihm
-mit einem Messerlein die Gurgel auf; und die Unterköchinn empfing das
-Blut in ihrem Geschirrlein. Ein Rathsherr, der von ungefähr vorübergeht,
-sieht dies Elend; er nimmt von Stund' an den Metzger mit sich, und führt
-ihn in des Obersten Haus, welcher sogleich den ganzen Rath versammeln
-ließ. Sie saßen all' über diesen Handel, und wußten nicht, wie sie ihm
-thun sollten, denn sie sahen wohl, daß es kindlicher Weise geschehen
-war. Einer unter ihnen, ein alter weiser Mann, gab den Rath, der oberste
-Richter solle einen schönen rothen Apfel in die eine Hand nehmen, in die
-andere einen rheinischen Gulden, solle das Kind zu sich rufen, und beide
-Hände gleich gegen dasselbe ausstrecken; nehme es den Apfel, so solle es
-ledig erkannt werden, nehme es aber den Gulden, so solle man es auch
-tödten. Dem wird gefolgt; das Kind aber ergreift den Apfel lachend, wird
-also aller Strafe ledig erkannt.«
-
-Diese rührende Geschichte aus einem alten Buche gewinnt ein neues
-Interesse durch das letzte kleine Trauerspiel Werners, der vier und
-zwanzigste Februar genannt, welches in Weimar und Lauchstädt schon oft,
-und mit einem so lebhaften Antheil gesehen worden ist, als vielleicht
-kein Werk eines modernen Dichters. Das unselige Mordmesser, welches in
-jener Tragödie der unruhige Dolch des Schicksals ist, (vielleicht
-derselbe, den Mackbeth vor sich her zur Schlafkammer des Königs gehen
-sieht) ist dasselbe Messer, womit der eine Knabe den anderen getödtet,
-und er empfängt in jener That seine erste blutige Weihe. Wir wissen
-nicht, ob Werner die obige Geschichte ganz gekannt oder erzählt hat,
-denn jenes treflichste und darstellbarste Werk Werners, zu dem nur drei
-Personen, Vater und Mutter und Sohn, nur eine doppelte durchgeschlagene
-Schweizer Bauerstube, ein Schrank, ein Messer und etwas Schnee, den der
-Winter gewiß bald bringen wird, die nöthigen Requisite sind, ist auf
-unserer Bühne noch nicht aufgeführt worden. Gleichwohl besitzen wir
-mehr, als die Weimaraner, um es zu geben, einen Iffland, eine Bethmann
-und Schauspieler, um den Sohn darzustellen, im Ueberfluß. Möge diese
-kleine Mittheilung den Sinn und den guten Willen dazu anregen.
-
-
-
-
- 5. Gemeinnütziges.
-
-
- 1. Allerneuester Erziehungsplan.
- (29-31. October; 9. 10. November.)
-
-Zu welchen abentheuerlichen Unternehmungen, sei es nun das Bedürfniß,
-sich auf eine oder die andere Weise zu ernähren, oder auch die bloße
-Sucht, neu zu sein, die Menschen verführen, und wie lustig dem zufolge
-oft die Insinuationen sind, die an die Redaction dieser Blätter
-einlaufen: davon möge folgender Aufsatz, der uns kürzlich zugekommen
-ist, eine Probe sein.
-
-
- Allerneuester Erziehungsplan.
-
-Hochgeehrtes Publicum,
-
-Die Experimental-Physik, in dem Capitel von den Eigenschaften
-elektrischer Körper, lehrt, daß wenn man in die Nähe dieser Körper,
-oder, um kunstgerecht zu reden, in ihre Atmosphäre, einen unelektrischen
-(neutralen) Körper bringt, dieser plötzlich gleichfalls elektrisch wird,
-und zwar die entgegengesetzte Elektricität annimmt. Es ist als ob die
-Natur einen Abscheu hätte, gegen Alles, was, durch eine Verbindung von
-Umständen, einen überwiegenden und unförmlichen Werth angenommen hat;
-und zwischen je zwei Körpern, die sich berühren, scheint ein Bestreben
-angeordnet zu sein, das ursprüngliche Gleichgewicht, das zwischen ihnen
-aufgehoben ist, wieder herzustellen. Wenn der elektrische Körper positiv
-ist: so flieht aus dem unelektrischen Alles, was an natürlicher
-Elektricität darin vorhanden ist, in den äußersten und entferntesten
-Raum desselben, und bildet, in den, jenem zunächst liegenden
-Theilen eine Art von Vacuum, das sich geneigt zeigt, den
-Elektricitäts-Ueberschuß, woran jener, auf gewisse Weise, krank ist, in
-sich aufzunehmen; und ist der elektrische Körper negativ, so häuft sich,
-in dem unelektrischen, und zwar in den Theilen, die dem elektrischen
-zunächst liegen, die natürliche Elektricität schlagfertig an, nur auf
-den Augenblick harrend, den Elektricitäts-Mangel umgekehrt, woran jener
-krank ist, damit zu ersetzen. Bringt man den unelektrischen Körper in
-den Schlagraum des elektrischen, so fällt, es sei nun von diesem zu
-jenem, oder von jenem zu diesem, der Funken: das Gleichgewicht ist
-hergestellt, und beide Körper sind einander an Elektricität völlig
-gleich.
-
-Dieses höchst merkwürdige Gesetz findet sich, auf eine, unseres Wissens,
-noch wenig beachtete Weise, auch in der moralischen Welt; dergestalt,
-daß ein Mensch, dessen Zustand indifferent ist, nicht nur augenblicklich
-aufhört, es zu sein, sobald er mit einem Anderen, dessen Eigenschaften,
-gleichviel auf welche Weise, bestimmt sind, in Berührung tritt: sein
-Wesen wird sogar, um mich so auszudrücken, gänzlich in den
-entgegengesetzten Pol hinübergespielt; er nimmt die Bedingung + an, wenn
-jener von der Bedingung -, und die Bedingung -, wenn jener von der
-Bedingung + ist.
-
-Einige Beispiele, hochverehrtes Publicum, werden dies deutlicher machen.
-
-Das gemeine Gesetz des Widerspruchs ist jedermann, aus eigner Erfahrung,
-bekannt; das Gesetz, das uns geneigt macht, uns, mit unserer Meinung,
-immer auf die entgegengesetzte Seite hinüber zu werfen. Jemand sagt mir,
-ein Mensch, der am Fenster vorübergeht, sei so dick, wie eine Tonne. Die
-Wahrheit zu sagen, er ist von gewöhnlicher Corpulenz. Ich aber, da ich
-ans Fenster komme, ich berichtige diesen Irrthum nicht bloß: ich rufe
-Gott zum Zeugen an, der Kerl sei so dünn, als ein Stecken.
-
-Oder eine Frau hat sich, mit ihrem Liebhaber, ein Rendezvous menagirt.
-Der Mann, in der Regel, geht des Abends, um Triktrak zu spielen, in die
-Tabagie; gleichwohl, um sicher zu gehen, schlingt sie den Arm um ihn,
-und spricht: mein lieber Mann! Ich habe die Hammelkeule, von heute
-Mittag, aufwärmen lassen. Niemand besucht mich, wir sind ganz allein;
-laß uns den heutigen Abend einmal in recht heiterer und vertraulicher
-Abgeschlossenheit zubringen. Der Mann, der gestern schweres Geld in der
-Tabagie verlor, dachte in der That heut, aus Rücksicht auf seine Casse,
-zu Hause zu bleiben; doch plötzlich wird ihm die entsetzliche Langeweile
-klar, die ihm, seiner Frau gegenüber, im Hause verwartet. Er spricht:
-liebe Frau! Ich habe einem Freunde versprochen, ihm im Triktrak, worin
-ich gestern gewann, Revange zu geben. Laß mich, auf eine Stunde, wenn es
-sein kann, in die Tabagie gehn; morgen von Herzen gern stehe ich zu
-deinen Diensten.
-
-Aber das Gesetz, von dem wir sprechen, gilt nicht bloß von Meinungen und
-Begehrungen, sondern auf weit allgemeinere Weise, auch von Gefühlen,
-Affecten, Eigenschaften und Charakteren.
-
-Ein Portugiesischer Schiffskapitain, der, auf dem Mittelländischen Meer,
-von drei Venetianischen Fahrzeugen angegriffen ward, befahl,
-entschlossen wie er war, in Gegenwart aller seiner Officiere und
-Soldaten, einem Feuerwerker, daß sobald irgend auf dem Verdeck ein Wort
-von Uebergabe laut werden würde, er, ohne weiteren Befehl, nach der
-Pulverkammer gehen, und das Schiff in die Luft sprengen mögte. Da man
-sich vergebens, bis gegen Abend, gegen die Uebermacht herumgeschlagen
-hatte, und allen Forderungen, die die Ehre an die Equipage machen
-konnte, ein Genüge geschehen war: traten die Officiere in vollzähliger
-Versammlung den Capitain an, und forderten ihn auf, das Schiff zu
-übergeben. Der Capitain, ohne zu antworten, kehrte sich um, und fragte,
-wo der Feuerwerker sei; seine Absicht, wie er nachher versichert hat,
-war, ihm aufzugeben, auf der Stelle den Befehl, den er ihm ertheilt, zu
-vollstrecken. Als er aber den Mann schon, die brennende Lunte in der
-Hand, unter den Fässern, in Mitten der Pulverkammer fand: ergriff er ihn
-plötzlich, von Schrecken bleich, bei der Brust, riß ihn, in
-Vergessenheit aller anderen Gefahr, aus der Kammer heraus, trat die
-Lunte, unter Flüchen und Schimpfwörtern, mit Füßen aus und warf sie in's
-Meer. Den Officieren aber sagte er, daß sie die weiße Fahne aufstecken
-mögten, indem er sich übergeben wolle.
-
-Ich selbst, um ein Beispiel aus meiner Erfahrung zu geben, lebte, vor
-einigen Jahren, aus gemeinschaftlicher Kasse, in einer kleinen Stadt am
-Rhein, mit einer Schwester. Das Mädchen war in der That bloß, was man,
-im gemeinen Leben, eine gute Wirthinn nennt; freigebig sogar in manchen
-Stücken; ich hatte es selbst erfahren. Doch weil ich locker und lose
-war, und das Geld auf keine Weise achtete: so fieng sie an zu knickern
-und zu knausern; ja, ich bin überzeugt, daß sie geizig geworden wäre,
-und mir Rüben in den Caffe und Lichter in die Suppe gethan hätte. Aber
-das Schicksal wollte zu ihrem Glücke, daß wir uns trennten.
-
-Wer dies Gesetz recht begreift, dem wird die Erscheinung gar nicht mehr
-fremd sein, die den Philosophen so viel zu schaffen giebt: die
-Erscheinung, daß große Männer, in der Regel, immer von unbedeutenden und
-obscuren Eltern abstammen, und eben so wieder Kinder groß ziehen, die in
-jeder Rücksicht untergeordnet und geringartig sind. Und in der That, man
-kann das Experiment, wie die moralische Atmosphäre, in dieser Hinsicht,
-wirkt, alle Tage anstellen. Man bringe nur einmal Alles, was, in einer
-Stadt, an Philosophen, Schöngeistern, Dichtern und Künstlern, vorhanden
-ist, in einen Saal zusammen: so werden einige, aus ihrer Mitte, auf der
-Stelle dumm werden; wobei wir uns, mit völliger Sicherheit, auf die
-Erfahrung eines jeden berufen, der solchem Thee oder Punsch einmal
-beigewohnt hat.
-
-Wie vielen Einschränkungen ist der Satz unterworfen: daß schlechte
-Gesellschaften gute Sitten verderben; da doch schon Männer wie Basedow
-und Campe, die doch sonst, in ihrem Erziehungs-Handwerk, wenig
-gegensätzisch verfuhren, angerathen haben, jungen Leuten zuweilen den
-Anblick böser Beispiele zu verschaffen, um sie von dem Laster
-abzuschrecken. Und wahrlich, wenn man die gute Gesellschaft, mit der
-schlechten, in Hinsicht auf das Vermögen, die Sitte zu entwickeln,
-vergleicht, so weiß man nicht, für welche man sich entscheiden soll, da,
-in der guten, die Sitte nur nachgeahmt werden kann, in der schlechten
-hingegen, durch eine eigenthümliche Kraft des Herzens erfunden werden
-muß. Ein Taugenichts mag, in tausend Fällen, ein junges Gemüth, durch
-sein Beispiel, verführen, sich auf Seiten des Lasters hinüber zu
-stellen; tausend andere Fälle aber giebt es, wo es, in natürlicher
-Reaction, das Polar-Verhältniß gegen dasselbe annimmt; und dem Laster,
-zum Kampf gerüstet, gegenüber tritt. Ja, wenn man, auf irgend einem
-Platze der Welt, etwa einer wüsten Insel, Alles was die Erde an
-Bösewichtern hat, zusammenbrächte: so würde sich nur ein Thor darüber
-wundern können, wenn er, in kurzer Zeit, alle, auch die erhabensten und
-göttlichsten, Tugenden unter ihnen anträfe.
-
-Wer dies für paradox halten könnte, der besuche nur einmal ein Zuchthaus
-oder eine Festung. In den von Frevlern aller Art, oft bis zum Sticken
-angefüllten Kasematten, werden, weil keine Strafe mehr, oder doch nur
-sehr unvollkommen, bis hierher dringt, Ruchlosigkeiten, die kein Name
-nennt, verübt. Demnach würde, in solcher Anarchie, Mord und Todtschlag
-und zuletzt der Untergang Aller die unvermeidliche Folge sein, wenn
-nicht auf der Stelle, aus ihrer Mitte, welche aufträten, die auf Recht
-und Sitte halten. Ja, oft setzt sie der Commendant selbst ein; und
-Menschen, die vorher aufsätzig waren gegen alle göttliche und
-menschliche Ordnung, werden hier, in erstaunenswürdiger Wendung der
-Dinge, wieder die öffentlichen geheiligten Handhaber derselben, wahre
-Staatsdiener der guten Sache, bekleidet mit der Macht, ihr Gesetz
-aufrecht zu erhalten.
-
-Daher kann die Welt mit Recht auf die Entwikkelung der
-Verbrecher-Kolonie in Botany-Bay aufmerksam sein. Was aus solchem, dem
-Boden eines Staats abgeschlämmten Gesindel werden kann, liegt bereits in
-den nordamerikanischen Freistaaten vor Augen; und um uns auf den Gipfel
-unserer metaphysischen Ansicht zu schwingen, erinnern wir den Leser bloß
-an den Ursprung, die Geschichte, an die Entwikkelung und Größe Roms.
-
-In Erwägung nun[1]
-
- 1) daß alle Sittenschulen bisher nur auf den Nachahmungstrieb
- gegründet waren, und statt das gute Princip, auf eigenthümliche
- Weise im Herzen zu entwickeln, nur durch Aufstellung sogenannter
- guter Beispiele zu wirken suchten;[2]
-
- 2) daß diese Schulen, wie die Erfahrung lehrt, nichts eben, für
- den Fortschritt der Menschheit Bedeutendes und Erkleckliches
- hervorgebracht haben;[3]
-
- das Gute aber 3) das sie bewirkt haben, allein von dem Umstand
- herzurühren scheint, daß sie schlecht waren, und hin und wieder,
- gegen die Verabredung, einige schlechten Beispiele mitunter
- liefen;
-
-in Erwägung, sagen wir, aller dieser Umstände, sind wir gesonnen, eine
-sogenannte _Lasterschule_, oder vielmehr eine _gegensätzische_ Schule,
-eine Schule durch Laster, zu errichten.[4]
-
-[Fußnote 1: Jetzt rückt dieser merkwürdige Pädagog mit seinem neuesten
-Erziehungsplan heraus.
-
- (_Die Redaction._)]
-
-[Fußnote 2: So! -- Als ob die pädagogischen Institute nicht, nach ihrer
-natürlichen Anlage, schwache Seiten genug darböten.
-
- (_Die Redaction._)]
-
-[Fußnote 3: In der That! -- Dieser Philosoph könnte das Jahrhundert um
-seinen ganzen Ruhm bringen.
-
- (_Die Redaction._)]
-
-[Fußnote 4: ^Risum teneatis, amici!^
-
- (_Die Redaction._)]
-
-Demnach werden für alle, einander entgegenstehende Laster, Lehrer
-angestellt werden, die in bestimmten Stunden des Tages, nach der
-Reihe, auf planmäßige Art, darin Unterricht ertheilen; in der
-Religionsspötterei sowohl als in der Bigotterie, im Trotz sowohl als in
-der Wegwerfung und Kriecherei, und im Geiz und in der Furchtsamkeit
-sowohl, als in der Tollkühnheit und in der Verschwendung.
-
-Diese Lehrer werden nicht bloß durch Ermahnungen, sondern durch
-Beispiele, durch lebendige Handlung, durch unmittelbaren praktischen,
-geselligen Umgang und Verkehr zu wirken suchen.
-
-Für Eigennutz, Plattheit, Geringschätzung alles Großen und Erhabenen und
-manche anderen Untugenden, die man in Gesellschaften und auf der Straße
-lernen kann, wird es nicht nöthig sein, Lehrer anzustellen.
-
-In der Unreinlichkeit und Unordnung, in der Zank- und Streitsucht und
-Verläumdung wird meine Frau Unterricht ertheilen.
-
-Lüderlichkeit, Spiel, Trunk, Faulheit und Völlerei, behalte ich mir
-bevor.
-
-Der Preis ist der sehr mäßige von 300 Rthl.
-
-N. S.
-
-Eltern, die uns ihre Kinder nicht anvertrauen wollten, aus Furcht, sie
-in solcher Anstalt, auf unvermeidliche Weise, verderben zu sehen, würden
-dadurch an den Tag legen, daß sie ganz übertriebene Begriffe von der
-Macht der Erziehung haben. Die Welt, die ganze Masse von Objecten, die
-auf die Sinne wirken, hält und regiert, an tausend und wieder tausend
-Fäden, das junge, die Erde begrüßende, Kind. Von diesen Fäden, ihm um
-die Seele gelegt, ist allerdings die Erziehung Einer, und sogar der
-wichtigste und stärkste; verglichen aber mit der ganzen Totalität, mit
-der ganzen Zusammenfassung der übrigen, verhält er sich wie ein
-Zwirnsfaden zu einem Ankertau, eher drüber als drunter.
-
-Und in der That, wie mißlich würde es mit der Sittlichkeit aussehen,
-wenn sie kein tieferes Fundament hätte, als das sogenannte gute Beispiel
-eines Vaters oder einer Mutter, und die platten Ermahnungen eines
-Hofmeisters oder einer französischen Mamsell. -- Aber das Kind ist kein
-Wachs, das sich in eines Menschen Händen, zu einer beliebigen Gestalt
-kneten läßt: es lebt, es ist frei, es trägt ein unabhängiges und
-eigenthümliches Vermögen der Entwickelung, und das Muster aller
-innerlichen Gestaltung, in sich.
-
-Ja, gesetzt, eine Mutter nähme sich vor, ein Kind, das sie an ihrer
-Brust trägt, von Grund aus zu verderben: so würde sich ihr auf der Welt
-dazu kein unfehlbares Mittel darbieten, und, wenn das Kind nur sonst von
-gewöhnlichen, rechtschaffenen Anlagen ist, das Unternehmen, vielleicht
-auf die sonderbarste und überraschendste Art, daran scheitern.
-
-Was sollte auch, in der That, aus der Welt werden, wenn den Eltern ein
-unfehlbares Vermögen beiwohnte, ihre Kinder nach Grundsätzen, zu welchen
-sie die Muster sind, zu erziehen: da die Menschheit, wie bekannt,
-fortschreiten soll, und es mithin, selbst dann, wenn an ihnen nichts
-auszusetzen wäre, nicht genug ist, daß die Kinder werden, wie sie;
-sondern besser.
-
-Wenn demnach die uralte Erziehung, die uns die Väter, in ihrer Einfalt,
-überliefert haben, an den Nagel gehängt werden soll: so ist kein Grund,
-warum unser Institut nicht, mit allen andern, die die pädagogische
-Erfindung, in unsern Tagen, auf die Bahn gebracht hat, in die Schranken
-treten soll. In unsrer Schule wird, wie in diesen, gegen je Einen, der
-darin zu Grunde geht, sich ein andrer finden, in dem sich Tugend und
-Sittlichkeit auf gar robuste und tüchtige Art entwickelt; es wird Alles
-in der Welt bleiben, wie es ist, und was die Erfahrung von Pestalozzi
-und Zeller und allen andern Virtuosen der neuesten Erziehungskunst, und
-ihren Anstalten sagt, das wird sie auch von uns und der unsrigen sagen:
-»Hilft es nichts, so schadet es nichts.«
-
- Rechtenfleck im Holsteinischen,
- den 15. Oct. 1810.
-
- _C. J. Levanus_,
- Conrector.
-
-
- 2. Nützliche Erfindungen. Entwurf einer Bombenpost.
- (12. October.)
-
-Man hat, in diesen Tagen, zur Beförderung des Verkehrs, innerhalb der
-Gränzen der vier Welttheile, einen elektrischen Telegraphen erfunden;
-einen Telegraphen, der mit der Schnelligkeit des Gedankens, ich will
-sagen, in kürzerer Zeit, als irgend ein chronometrisches Instrument
-angeben kann, vermittelst des Elektrophors und des Metalldraths,
-Nachrichten mittheilt, dergestalt, daß wenn jemand, falls nur sonst die
-Vorrichtung dazu getroffen wäre, einen guten Freund, den er unter den
-Antipoden hätte, fragen wollte: wie geht's dir? derselbe, ehe man noch
-eine Hand umkehrt, ohngefähr so, als ob er in einem und demselben Zimmer
-stünde, antworten könnte: recht gut. So gern wir dem Erfinder dieser
-Post, die, auf recht eigentliche Weise, auf Flügeln des Blitzes reitet,
-die Krone des Verdienstes zugestehn, so hat doch auch diese
-Fernschreibekunst noch die Unvollkommenheit, daß sie nur, dem Interesse
-des Kaufmanns wenig ersprießlich, zur Versendung ganz kurzer und
-lakonischer Nachrichten, nicht aber zur Uebermachung von Briefen,
-Berichten, Beilagen und Packeten taugt. Demnach schlagen wir, um auch
-diese Lücke zu erfüllen, zur Beschleunigung und Vervielfachung der
-Handels-Communikationen, wenigstens innerhalb der Gränzen der
-cultivirten Welt, eine _Wurf-_ oder _Bombenpost_ vor; ein Institut, das
-sich auf zweckmäßig, innerhalb des Raums einer Schußweite, angelegten
-Artillerie-Stationen, aus Mörsern oder Haubitzen, hohle, statt des
-Pulvers, mit Briefen und Paketen angefüllte Kugeln, die man ohne alle
-Schwierigkeit, mit den Augen verfolgen, und wo sie hinfallen, falls es
-ein Morastgrund ist, wieder auffinden kann, zuwürfe; dergestalt, daß die
-Kugel, auf jeder Station zuvörderst eröffnet, die respektiven Briefe für
-jeden Ort herausgenommen, die neuen hineingelegt, das Ganze wieder
-verschlossen, in einen neuen Mörser geladen, und zur nächsten Station
-weiter spedirt werden könnte. Den Prospectus des Ganzen und die
-Beschreibung und Auseinandersetzung der Anlagen und Kosten behalten wir
-einer umständlicheren und weitläufigeren Abhandlung bevor. Da man auf
-diese Weise, wie eine kurze mathematische Berechnung lehrt, binnen Zeit
-eines halben Tages, gegen geringe Kosten von Berlin nach Stettin oder
-Breslau würde schreiben oder respondiren können, und mithin, verglichen
-mit unseren reitenden Posten, ein zehnfacher Zeitgewinn entsteht, oder
-es eben soviel ist, als ob ein Zauberstab diese Orte der Stadt Berlin
-zehnmal näher gerückt hätte: so glauben wir für das bürgerliche sowohl
-als handeltreibende Publicum, eine Erfindung von dem größesten und
-entscheidendsten Gewicht, geschickt, den Verkehr auf den höchsten Gipfel
-der Vollkommenheit zu treiben, an den Tag gelegt zu haben.
-
- Berlin d. 10. Oct. 1810.
-
- ^rmz.^
-
-
- 3. Schreiben aus Berlin.
- (15. October.)
-
- 10 Uhr Morgens.
-
-Der Wachstuchfabrikant Hr. _Claudius_ will, zur Feier des Geburtstages
-Sr. Königl. Hoheit, des Kronprinzen, heute um 11 Uhr mit dem Ballon des
-Prof. J.[74] in die Luft gehen, und denselben, vermittelst einer
-Maschine, unabhängig vom Wind, nach einer bestimmten Richtung
-hinbewegen. Dies Unternehmen scheint befremdend, da die Kunst, den
-Ballon, auf ganz leichte und naturgemäße Weise, ohne alle Maschienerie,
-zu bewegen, schon erfunden ist. Denn da in der Luft alle nur mögliche
-Strömungen (Winde) übereinander liegen: so braucht der Aëronaut nur,
-vermittelst perpendikularer Bewegungen, den Luftstrom aufzusuchen, der
-ihn nach seinem Ziele führt: ein Versuch, der bereits mit vollkommnem
-Glück, in Paris, von Hrn. Garnerin, angestellt worden ist.
-
-Gleichwohl scheint dieser Mann, der während mehrerer Jahre im Stillen
-dieser Erfindung nachgedacht hat, einer besondern Aufmerksamkeit nicht
-unwerth zu sein. Einen Gelehrten, mit dem er sich kürzlich in
-Gesellschaft befand, soll er gefragt haben: ob er ihm wohl sagen könne,
-in wieviel Zeit eine Wolke, die eben an dem Horizont heraufzog, im
-Zenith der Stadt sein würde? Auf die Antwort des Gelehrten: »daß seine
-Kenntniß so weit nicht reiche,« soll er eine Uhr auf den Tisch gelegt
-haben, und die Wolke genau, in der von ihm bestimmten Zeit, im Zenith
-der Stadt gewesen sein. Auch soll derselbe, bei der letzten Luftfahrt
-des Professor J. im Voraus nach Werneuchen gefahren, und die Leute
-daselbst versammelt haben: indem er aus seiner Kenntniß der Atmosphäre
-mit Gewißheit folgerte, daß der Ballon diese Richtung nehmen, und der
-Professor J. in der Gegend dieser Stadt niederkommen müsse.
-
-Wie nun der Versuch, den er heute, gestützt auf diese Kenntniß,
-unternehmen will, ausfallen wird: das soll in Zeit von einer Stunde
-entschieden sein. Hr. Claudius will nicht nur bei seiner Abfahrt, den
-Ort, wo er niederkommen will, in gedruckten Zetteln bekannt machen: es
-heißt sogar, daß er schon Briefe an diesem Ort habe abgeben lassen, um
-daselbst seine Ankunft anzumelden. -- Der Tag ist in der That, gegen
-alle Erwartung, seiner Vorherbestimmung gemäß, ausnehmend schön.
-
-N. S.
-
- 2 Uhr Nachmittags.
-
-Hr. Claudius hatte beim Eingang in den Schützenplatz Zettel austheilen
-lassen, auf welchen er, längs der Potsdammer Chaussee, nach dem
-Luckenwaldschen Kreis zu gehen, und in einer Stunde vier Meilen
-zurückzulegen versprach. Der Wind war aber gegen 12 Uhr so mächtig
-geworden, daß er noch um 2 Uhr mit der Füllung des Ballons nicht fertig
-war; und es verbreitete sich das Gerücht, daß er vor 4 Uhr nicht in die
-Luft gehen würde.
-
-
- 4. Aëronautik.
- S. Haude u. Spenersche Zeitung, den 25. Okt. 1810.[75]
- (29. 30. October.)
-
-Der, gegen die Abendblätter gerichtete, Artikel der Haude und
-Spenerschen Zeitung, über die angebliche Direction der Luftbälle ist mit
-soviel Einsicht, Ernst und Würdigkeit abgefaßt, daß wir geneigt sind zu
-glauben, die Wendung am Schluß, die zu dem Ganzen wenig paßt, beruhe auf
-einem bloßen Mißverständniß.
-
-Demnach dient dem unbekannten Hrn. Verfasser hiemit auf seine, in
-Anregung gebrachten Einwürfe zur freundschaftlichen Antwort:
-
-1) daß wenn das Abendblatt, des beschränkten Raums wegen, den
-unverklausulirten Satz aufgestellt hat: die Direction der Luftbälle sei
-erfunden; dasselbe damit keineswegs hat sagen wollen: es sei an dieser
-Erfindung nichts mehr hinzuzusetzen; sondern bloß: das Gesetz einer
-solchen Kunst sei gefunden, und es sei, nach dem, was in Paris
-vorgefallen, nicht mehr zweckmäßig, in dem Bau einer, mit dem Luftball
-verbundenen, Maschiene eine Kraft zu suchen, die in dem Luftball selbst,
-und in dem Element, das ihn trägt, vorhanden ist.
-
-2) Daß die Behauptung, in der Luft seien Strömungen der vielfachsten und
-mannigfaltigsten Art enthalten, wenig Befremdendes und Außerordentliches
-in sich faßt, indem unseres Wissens, nach den Aufschlüssen der neuesten
-Naturwissenschaft, eine der Hauptursachen des Windes, chemische
-Zersetzung oder Entwickelung beträchtlicher Luftmassen ist. Diese
-Zersetzung oder Entwickelung der Luftmassen aber muß, wie eine ganz
-geringe Einbildung lehrt, ein concentrisches oder excentrisches, in
-allen seinen Richtungen diametral entgegengesetztes, Strömen der in der
-Nähe befindlichen Luftmassen veranlassen; dergestalt, daß an Tagen, wo
-dieser chemische Prozeß im Luftraum häufig vor sich geht, gewiß über
-einem gegebenen, nicht allzubeträchtlichen Kreis der Erdoberfläche, wenn
-nicht alle, doch so viele Strömungen, als der Luftfahrer, um die
-willkührliche Direction darauf zu gründen, braucht, vorhanden sein
-mögen.
-
-3) Daß der Luftballon des Hrn. Claudius selbst (in sofern ein einzelner
-Fall hier in Erwägung gezogen zu werden verdient) zu dieser Behauptung
-gewissermaßen den Beleg abgiebt, indem ohne Zweifel als derselbe ½5 Uhr
-durchaus westlich in der Richtung nach Spandau und Stendal aufstieg,
-niemand geahndet hat, daß er, innerhalb zwei Stunden, durchaus südlich,
-zu Düben in Sachsen niederkommen würde.
-
-4) Daß die Kunst, den Ballon _vertical_ zu dirigiren, noch einer großen
-Entwickelung und Ausbildung bedarf, und derselbe auch wohl, ohne eben
-große Schwierigkeiten, fähig ist, indem man ohne Zweifel durch
-Veränderung nicht bloß des absoluten, sondern auch specifischen Gewichts
-(vermittelst der Wärme und der Expansion) wird steigen und fallen und
-somit den Luftstrom mit größerer Leichtigkeit wird aufsuchen lernen,
-dessen man, zu einer bestimmten Reise, bedarf.
-
-5) Daß Hr. Claudius zwar wenig gethan hat, die Aufmerksamkeit des
-Publikums, die er auf sich gezogen hat, zu rechtfertigen; daß wir aber
-gleichwohl dahingestellt sein lassen, in wiefern derselbe, nach dem
-Gespräche der Stadt, in der Kunst, von der Erdoberfläche aus die
-Luftströmungen in den höheren Regionen zu beurtheilen, erfahren sein
-mag: indem aus der Richtung, die sein Ballon anfänglich westwärts gegen
-Spandau und späterhin südwärts gegen Düben nahm, mit sonderbarer
-Wahrscheinlichkeit hervor zu gehen scheint, daß er, wenn er aufgestiegen
-wäre, sein Versprechen erfüllt haben, und vermittelst seiner
-mechanischen Einwirkung, in der Diagonale zwischen beiden Richtungen,
-über der Potsdammer Chaussee, nach dem Luckenwaldischen Kreise,
-fortgeschwommen sein würde.
-
-6) Daß wenn gleich das Unternehmen vermittelst einer, im Luftball
-angebrachten Maschiene, den Widerstand ganz contrairer Winde aufzuheben,
-unübersteiglichen Schwierigkeiten unterworfen ist, es doch vielleicht
-bei Winden von geringerer Ungünstigkeit möglich sein dürfte, den Sinus
-der Ungünstigkeit, vermittelst mechanischer Kräfte, zu überwinden, und
-somit, dem Seefahrer gleich, auch solche Winde, die nicht genau zu dem
-vorgeschriebenen Ziel führen, ins Interesse zu ziehen.
-
-Zudem bemerken wir, daß wenn 7) der Luftschifffahrer, aller dieser
-Hülfsmittel ungeachtet, Tage und Wochen lang auf den Wind, der ihm
-passend ist, warten müßte, derselbe sich mit dem Seefahrer zu trösten
-hätte, der auch Wochen, oft Monate lang, auf günstige Winde im Hafen
-harren muß: wenn er ihn aber gefunden hat, binnen wenigen Stunden damit
-weiter kommt, als wenn er sich, von Anfang herein, während der ganzen
-verlornen Zeit, zur Axe oder zu Pferde fortbewegt hätte.
-
-Endlich selbst zugegeben 8) -- was wir bei der Möglichkeit, auch selbst
-in der wolkigsten Nacht, den Polarstern, wenigstens auf Augenblicke,
-aufzufinden, keinesweges thun -- dem Luftschiffer fehle es schlechthin
-an Mittel, sich in der Nacht im Luftraum zu orientiren: so halten wir
-den von dem unbekannten Hrn. R. berechneten Irrthum von 6 Meilen, auf
-einen Radius von 30 Meilen, für einen sehr mäßigen und erträglichen. Der
-Aëronaut würde immer noch, wenn ^x^ die Zeit ist, die er gebraucht haben
-würde, um den Radius zur Axe zurückzulegen, in ^x^/5 den Radius und die
-Sehne zurücklegen können. Wenn er dies, gleichviel aus welchen Gründen,
-ohne seinen Ballon, nicht wollte, so würde er sich wieder mit dem
-Seefahrer trösten müssen, der auch oft, widriger Winde wegen, statt in
-den Hafen einzulaufen, auf der Rhede vor Anker gehen, oder gar in einen
-andern ganz entlegenen Hafen einlaufen muß, nach dem er gar nicht bei
-seiner Abreise gewollt hat.
-
- * * * * *
-
-Was Hr. Garnerin betrift, so werden wir im Stande sein, in Kurzem
-bestimmtere Facta, als die im 13ten Abendblatt enthalten waren, zur
-Erwiderung auf die gemachten Einwürfe, beizubringen.
-
- ^rm.^
-
-
-
-
- II. In Versen.
-
-
-
-
- 1. Eine Legende nach Hans Sachs.
- Gleich und Ungleich.
- (3. November.)
-
-
- Der Herr, als er auf Erden noch einherging,
- Kam mit Sanct Peter einst an einen Scheideweg,
- Und fragte, unbekannt des Landes,
- Das er durchstreifte, einen Bauersknecht,
- Der faul, da, wo der Rain sich spaltete, gestreckt
- In eines Birnbaums Schatten lag:
- Was für ein Weg nach Jericho ihn führe?
- Der Kerl, die Männer nicht beachtend,
- Verdrießlich, sich zu regen, hob ein Bein,
- Zeigt auf ein Haus im Feld', und gähnt' und sprach: da unten!
- Zerrt sich die Mütze über's Ohr zurecht,
- Kehrt sich, und schnarcht schon wieder ein.
- Die Männer drauf, wohin das Bein gewiesen,
- Gehn ihre Straße fort; jedoch nicht lange währt's,
- Von Menschen leer, wie sie das Haus befinden,
- Sind sie im Land' schon wieder irr.
- Da steht, im heißen Strahl der Mittagssonne,
- Bedeckt von Aehren, eine Magd,
- Die schneidet, frisch und wacker, Korn,
- Der Schweiß rollt ihr vom Angesicht herab.
- Der Herr, nachdem er sich gefällig drob ergangen,
- Kehrt also sich mit Freundlichkeit zu ihr:
- »Mein Töchterchen gehn wir auch recht,
- So wie wir stehn, den Weg nach Jericho?«
- Die Magd antwortet flink: »Ei, Herr!
- Da seid ihr weit vom Wege irr gegangen;
- Dort hinterm Walde liegt der Thurm von Jericho,
- Kommt her, ich will den Weg euch zeigen.«
- Und legt die Sichel weg, und führt, geschickt und emsig,
- Durch Aecker, die der Rain durchschneidet,
- Die Männer auf die rechte Straße hin,
- Zeigt noch, wo schon der Thurm von Jericho erglänzet,
- Grüßt sie und eilt zurücke wieder,
- Auf daß sie schneid', in Rüstigkeit, und raffe,
- Von Schweiß betrieft, im Waizenfelde,
- So nach wie vor.
- Sanct Peter spricht: »O Meister mein!
- Ich bitte dich, um deiner Güte willen,
- Du wollest dieser Maid die That der Liebe lohnen,
- Und, flink und wacker, wie sie ist,
- Ihr einen Mann, flink auch und wacker, schenken.«
- »Die Maid, versetzt der Herr voll Ernst,
- Die soll den faulen Schelmen nehmen,
- Den wir am Scheideweg im Birnbaumsschatten trafen;
- Also beschloß ich's gleich im Herzen,
- Als ich im Waizenfeld sie sah.«
- Sanct Peter spricht: »Nein Herr, das wolle Gott verhüten.
- Das wär' ja ewig Schad' um sie,
- Müßt' all' ihr Schweiß und Müh' verloren gehn.
- Laß einen Mann, ihr ähnlicher, sie finden,
- Auf daß sich, wie sie wünscht, hoch bis zum Giebel ihr
- Der Reichthum in der Tenne fülle.«
- Der Herr antwortet, mild den Sanctus strafend:
- »O Petre, das verstehst du nicht.
- Der Schelm, der kann doch nicht zur Höllen fahren.
- Die Maid auch, frischen Lebens voll,
- Die könnte leicht zu stolz und üppig werden.
- Drum, wo die Schwinge sich ihr allzuflüchtig regt,
- Henk' ich ihr ein Gewichtlein an,
- Auf daß sie's beide im Maaße treffen,
- Und fröhlich, wenn es ruft, hinkommen, er wie sie,
- Wo ich sie Alle gern versammeln möchte.
-
-
-
-
- 2. Eine Legende nach Hans Sachs.
- Der Welt Lauf.
- (8. December.)
-
-
- Der Herr und Petrus oft, in ihrer Liebe beide,
- Begegneten im Streite sich,
- Wenn von der Menschen Heil die Rede war;
- Und dieser nannte zwar die Gnade Gottes groß,
- Doch wär' er Herr der Welt, meint er,
- Würd' er sich ihrer mehr erbarmen.
- Da trat, zu einer Zeit, als längst, in beider Herzen,
- Der Streit vergessen schien, und just,
- Um welcher Ursach weiß ich nicht,
- Der Himmel oben auch voll Wolken hieng,
- Der Sanctus mißgestimmt, den Heiland an, und sprach
- »Herr, laß, auf eine Handvoll Zeit,
- Mich, aus dem Himmelreich, auf Erden niederfahren,
- Daß ich des Unmuths, der mich griff,
- Vergess' und mich einmal, von Sorgen frei, ergötze,
- Weil es jetzt grad' vor Fastnacht ist.«
- Der Herr, des Streits noch sinnig eingedenk,
- Spricht: »Gut; acht Tag' geb' ich dir Zeit,
- Der Feier, die mir dort beginnt, dich beizumischen;
- Jedoch, so bald das Fest vorbei,
- Kommst du mir zu gesetzter Stunde wieder.
- Acht volle Tage doch, zwei Wochen schon, und mehr,
- Ein abgezählter Mond vergeht,
- Bevor der Sanct zum Himmel wiederkehrt.
- »Ei, Petre,« spricht der Herr, »wo weiltest du so lange?
- Gefiel's auch nieden dir so wohl?«
- Der Sanctus, mit noch schwerem Kopfe, spricht:
- »Ach, Herr! Das war ein Jubel unten --!
- Der Himmel selbst beseeliget nicht besser.
- Die Erndte, reich, du weißt, wie keine je gewesen,
- Gab alles was das Herz nur wünscht,
- Getraide, weiß und süß, Most, sag' ich dir, wie Honig,
- Fleisch fett, dem Speck gleich, von der Brust des Rindes;
- Kurz, von der Erde jeglichem Erzeugniß
- Zum Brechen alle Tafeln voll.
- Da ließ ich's, schier, zu wohl mir sein,
- Und hätte bald des Himmels gar vergessen.«
- Der Herr erwiedert: »Gut! Doch Petre sag' mir an,
- Bei soviel Seegen, den ich ausgeschüttet,
- Hat man auch dankbar mein gedacht?
- Sahst du die Kirchen auch von Menschen voll?« --
- Der Sanct, bestürzt hierauf, nachdem er sich besonnen:
- »O Herr,« spricht er, »bei meiner Liebe,
- Den ganzen Fastmond durch, wo ich mich hingewendet,
- Nicht deinen Namen hört' ich nennen.
- Ein einz'ger Mann saß murmelnd in der Kirche:
- Der aber war ein Wucherer,
- Und hatte Korn, im Herbst erstanden,
- Für Mäus' und Ratzen hungrig aufgeschüttet.« --
- »Wohlan denn,« spricht der Herr, und läßt die Rede fallen,
- »Petre, so geh; und künft'ges Jahr
- Kannst du die Fastnacht wiederum besuchen.«
- Doch diesmal war das Fest kaum eingeläutet,
- Da kömmt der Sanctus schleichend schon zurück.
- Der Herr begegnet ihm am Himmelsthor und ruft:
- »Ei, Petre! Sieh! Warum so traurig?
- Hat's dir auf Erden denn danieden nicht gefallen?«
- »Ach, Herr,« versetzt der Sanct, »seit ich sie nicht gesehn,
- Hat sich die Erde ganz verändert.
- Da ist's kurzweilig nicht mehr, wie vordem,
- Rings sieht das Auge nichts, als Noth und Jammer.
- Die Erndte, ascheweiß versengt auf allen Feldern,
- Gab für den Hunger nicht, um Brod zu backen,
- Viel wen'ger Kuchen, für die Lust, und Stritzeln.
- Und weil der Herbstwind früh der Berge Hang durchreift,
- War auch an Wein und Most nicht zu gedenken.
- Da dacht ich: was auch sollst du hier?
- Und kehrt ins Himmelreich nur wieder heim.« --
- »So!« spricht der Herr. »Fürwahr! das thut mir leid!
- Doch, sag' mir an: gedacht' man mein?«
- »Herr, ob man dein gedacht? -- Die Wahrheit dir zu sagen,
- Als ich durch eine Hauptstadt kam,
- Fand ich, zur Zeit der Mitternacht,
- Vom Altarkerzenglanz, durch die Portäle strahlend,
- Dir alle Märkt' und Straßen hell;
- Die Glöckner zogen, daß die Stränge rissen;
- Hoch an den Säulen hiengen Knaben,
- Und hielten ihre Mützen in der Hand.
- Kein Mensch, versichr' ich dich, im Weichbild rings zu sehn,
- Als Einer nur, der eine Schaar
- Lastträger keuchend von dem Hafen führte:
- Der aber war ein Wucherer,
- Und häufte Korn auf lächelnd, fern erkauft,
- Um von des Landes Hunger sich zu mästen.«
- »Nun denn, o Petre,« spricht der Herr,
- Erschaust du jetzo doch den Lauf der Welt!
- Jetzt siehst du doch was du jüngsthin nicht glauben wolltest,
- Daß Güter nicht das Gut des Menschen sind;
- Daß mir ihr Heil am Herzen liegt wie dir:
- Und daß ich, wenn ich sie mit Noth zuweilen plage,
- Mich, meiner Liebe treu und meiner Sendung,
- Nur ihrer höh'ren Noth erbarme.
-
-
-
-
- 3. Epigramme.
-
-
- 1. Auf einen Denuncianten.
- (Räthsel.)
- (12. October.)
-
- Als Kalb begann er; ganz gewiß
- Vollendet er als Stier -- des Phalaris.
-
- ^st.^
-
-
- 2. Wer ist der Aermste?
- (24. October.)
-
- »Geld!« rief, »mein edelster Herr!« ein Armer. Der Reiche versetzte:
- »Lümmel, was gäb' ich darum, wär ich so hungrig als er!«
-
-
- 3. Der witzige Tischgesellschafter.
-
- Treffend, durchgängig ein Blitz, voll Scharfsinn, sind seine
- Repliken:
- Wo? An der Tafel? Vergieb! Wenn er's zu Hause bedenkt.
-
- ^xp.^
-
-
- 4. An die Verfasser schlechter Epigramme.
- (30. October.)
-
- Des Satyrs Geißel schmerzt von Rosenstrauch am meisten;
- Wer nur den Knieriem führt, der bleibe ja beim Leisten.
-
- ^st.^
-
-
- 5. Nothwehr.
- (31. October.)
-
- Wahrheit gegen den Feind? Vergieb mir! Ich lege zuweilen
- Seine Bind um den Hals, um in sein Lager zu gehn.
-
- ^xp.^
-
-
-
-
- Anmerkungen.
-
-
-
- Einleitung.
-
-[Fußnote 1: Das letzte Lied; H. v. Kleist gesammelte Schriften III, 373,
-der zweiten Ausgabe von Tieck und J. Schmidt.]
-
-[Fußnote 2: So schrieb Kleist an Zschokke; s. E. v. Bülow, H. v. Kleists
-Leben und Briefe S. 27.]
-
-[Fußnote 3: Die umfassendste Sammlung von Briefen Kleists sind die an
-seine Schwester Ulrike gerichteten, 57 an der Zahl, aus den Jahren 1795
-bis zum Augenblick seines Todes, nebst einem an Pannwitz aus dem Jahre
-1802, von Koberstein 1860 herausgegeben; 23 Briefe aus der Zeit von 1799
-bis 1811 an seinen Lehrer, seine Braut, deren Schwester, seinen Freund
-Rühle und Fouqué, gab Bülow heraus; 6 Brieffragmente von 1807 bis 1811
-Tieck in der Einleitung zu Kleists Schriften; ein Brief von 1809 an H.
-v. Collin steht in Hoffmanns Findlingen I, 320, ein von Bülow nicht
-gekannter von 1811 an Fouqué, in den Briefen an F. Baron de la Motte
-Fouqué, herausgegeben von H. Kletke I, 223; 6 aus den Jahren 1810 und
-1811 an F. v. Raumer in dessen Lebenserinnerungen und Briefwechsel I,
-229. Anekdotenhaft ist was Peguilhen von Kleist erzählt in der Sammlung
-Berühmte Schriftsteller der Deutschen Berlin 1854 I, 309; die
-Denkschrift desselben über Kleists Tod, die dem Staatskanzler vorlag
-aber nicht erscheinen durfte, scheint verloren. Umfassende
-Charakteristiken Kleists sind neuerdings gegeben worden in den
-Preußischen Jahrbüchern II, 599, 1858, und von J. Schmidt in seiner
-Einleitung zu den gesammelten Schriften Kleists, 1859; Nachträge dazu
-von Koberstein in der Einleitung zu Kleists Briefen an seine Schwester.]
-
-[Fußnote 4: Tiecks Ausgabe von 1826 I, S. XX.]
-
-[Fußnote 5: S. X Vorrede.]
-
-[Fußnote 6: In der Inhaltsanzeige des Februarheftes. Dadurch widerlegt
-sich Bülows Angabe S. 44 eine Novelle der Madame de Gomez habe dem
-Dichter den Stoff in Paris geliefert. Sucht man in einer fremden
-Litteratur nach einer Parallele zu dieser Geschichte, so könnte man auch
-an Cervantes' ^de la fuerça de la sangre^ erinnern, wo ähnliche
-Verhältnisse freilich maßvoller dargestellt werden.]
-
-[Fußnote 7: Eine quellengemäße geschichtliche Darstellung der
-Kohlhasischen Händel hat Klöden gegeben in Gropius' Beiträge zur
-Geschichte Berlins, Berlin 1840 S. 61 ff. Wenn er im Vorwort sagt, zu
-Kleists Erzählung habe die Geschichte nichts als einige Namen
-beigesteuert, so ist dagegen zu bemerken, daß nicht die wesentlichen
-Thatsachen, sondern gerade die Namen unhistorisch sind; denn der Junker
-hieß Günther von Zaschwitz auf Melaun bei Düben. Man möchte doch
-vermuthen, nicht Pfuels Erzählung, sondern irgend einem älteren Buche
-habe Kleist den Stoff entlehnt, vielleicht dem von B. Mentz, Kurtze
-Erzehlung vom Vrsprung vnd Hehrkommen der Chur vnnd Fürstlichen Stämmen,
-Sachsen, Brandenburg, Anhalt vnd Lawenburg, Wittenberg 1597, das Klöden
-außer Hafftiz besonders benutzt hat.]
-
-[Fußnote 8: III, 71.]
-
-[Fußnote 9: III, 48.]
-
-[Fußnote 10: III, 124.]
-
-[Fußnote 11: Ich führe einige Beweisstellen für die im Text
-hervorgehobenen Lieblingsworte Kleists an: »dergestalt daß« Kohlhaas
-III, 39, 47, 57, 75, 104, 109, 114; das Erdbeben in Chili S. 164; die
-Verlobung in St. Domingo S. 188; das Bettelweib von Locarno S. 224, 225,
-226; die heilige Caecilie S. 249, 250; der Zweikampf S. 272, 273;
-Käthchen von Heilbronn II, 132. »Gleichwohl«: Kohlhaas III, 22, 35, 63,
-75, 102, 109; Marquise v. O. S. 151; Findling 235; die heilige Caecilie
-252; Käthchen von Heilbronn I, 123, 125, 130; die Hermannsschlacht 397;
-der Prinz v. Homburg 325, 345; Amphitryon I, 374, 375. »Nicht sobald --
-als«: Kohlhaas III, 34, 39, 58. »Falls«: Kohlhaas III, 27, 64, 77, 94.
-»Gleichviel«: Kohlhaas III, 57, 60, 79; Marquise v. O. 153; die heilige
-Caecilie 251; der Zweikampf 286; Prinz v. Homburg II, 279, 281, 315,
-320, 323, 327, 331; die Hermannsschlacht 509; Amphitryon I, 417.
-»Inzwischen«: Kohlhaas III, 34, 43, 77, 98, 106, 111; Marquise v. O.
-124, 125; der Zweikampf 266, 287.]
-
-[Fußnote 12: Penthesilea I, 201, 224; die Hermannsschlacht II, 383; an
-Franz den Ersten III, 374.]
-
-[Fußnote 13: Akt III. Sc. 1. II, 188.]
-
-[Fußnote 14: Käthchen v. Heilbronn A. V. S. 1. II, 248; die
-Hermannsschlacht A. II, S. 1. II, 402; III, 379.]
-
-[Fußnote 15: III, 376, 377, 372.]
-
-[Fußnote 16: A. III, S. 6. II, 443.]
-
-[Fußnote 17: Kleist an seine Schwester 17. Sept. 1807 und die folgenden
-Briefe S. 129 ff. 144. Adam Müller an Gentz 6. Febr. 1808, Briefwechsel
-S. 126.]
-
-[Fußnote 18: Kleists ges. Schriften I, S. XX.]
-
-[Fußnote 19: Bülow S. XI.]
-
-[Fußnote 20: Brief an seine Schwester o. D. S. 157.]
-
-[Fußnote 21: Phöbus I, 39.]
-
-[Fußnote 22: Hans Sachs Worte I, 189 der Kemptener Ausgabe, wo sich
-indeß nur die Legende der Welt Lauf findet. Es scheint Kleist hat seine
-Originale nicht sowohl in einer Gesammtausgabe der Werke von Hans Sachs
-als in einem Einzeldruck gelesen; in einem solchen, wovon ein Exemplar
-im Besitz des Herrn W. v. Maltzahn ist, finden sich neben zwei andern
-Erzählungen gerade die beiden von Kleist nachgedichteten; es ist: Das
-erst Gesprech, Von der Welt lauff; und das dritt Gespräch, von eim |
-faulen Bawrenknecht, vnd einer | endlichen Bauren Maidt. | Der
-Haupttitel lautet: Vier schöne Gesprech zwischen | Sanct Peter vnd dem
-Herren, | sehr nützlich zu lesen, vnd | zu hören -- Hanß Sachs. Gedruckt
-zu Nürnberg | durch Valentin Newber kl. 8. 16 Bll.]
-
-[Fußnote 23: S. die Briefe an seine Schwester o. D. und von 1799, 1801
-S. 5, 20, 49, 51; an seine Braut 1801, Bülow S. 145; 1806 S. 243.]
-
-[Fußnote 24: Briefe von 1801, Bülow S. 226, 210, 204, 27; Koberstein S.
-46, 50. Katechismus der Deutschen 8. I, 1, 7; von der Ueberlegung I, 2,
-5.]
-
-[Fußnote 25: Brieffragment bei Bülow S. 66; 1801 S. 207, 227; 1803
-Koberstein S. 90.]
-
-[Fußnote 26: 1801, 1803 Koberstein S. 45, 90.]
-
-[Fußnote 27: Briefe an seine Schwester S. 110, 145.]
-
-[Fußnote 28: Hermannsschlacht A. I, S. 3. I, 1; II, 394, 386, 391, 434,
-444; III, 3, 6.]
-
-[Fußnote 29: Kleists Wort über die Thusnelda zu Dahlmann in J. Schmidts
-Einleitung S. XCV; (v. Bassewitz) die Kurmark Brandenburg während der
-Zeit von 1806 bis 1808 II, 709; v. Höpfner der Krieg von 1806 und 1807
-II, 326, 332.]
-
-[Fußnote 30: Lehrbuch der Journalistik 4, 8. Die Worte des Grafen
-Schlabrendorff hat Jochmann aufbewahrt, Reliquien, herausgegeben von
-Zschokke, I, 135.]
-
-[Fußnote 31: Hermannsschlacht A. I, 3, 10, 4, 9; II, 397, 399, 456, 467.
-Hoffmann Findlinge I, 320.]
-
-[Fußnote 32: Häusser deutsche Geschichte III, 151, 183, 439. Europas
-Palingenesie Leipzig 1810 I, 147, 149.]
-
-[Fußnote 33: Hermannsschlacht V, 24, 14. II, 519, 499; Prinz von Homburg
-IV, 1. S. 340.]
-
-
- I, 1, 1.
-
-[Fußnote 34: Wahrscheinlich dachte sich Kleist unter dem rheinbündischen
-Officier einen sächsischen, denn kaum ein anderer hätte im Sommer 1806
-mit einem preußischen Officier in Berlin ein patriotisches Convivium
-halten können, in einer Zeit, wo über ein preußisch-sächsisches Bündniß,
-als Grundlage des nordischen Reichsbundes unter Preußens Führung,
-verhandelt wurde. Kurz vor dem Ausbruch des Kriegs kam es bekanntlich zu
-einer Vereinigung der preußischen und sächsischen Armee. Der König, der
-durch Ablehnung des Kreuzes der Ehrenlegion nicht kompromittirt werden
-soll, ist also der König von Sachsen, der diesen Titel seit dem Posener
-Vertrage 11. Dec. 1806 führte.]
-
-[Fußnote 35: Eine in Berlin noch jetzt bestehende bekannte Weinhandlung,
-in der Kleist viel verkehrt haben soll.]
-
-[Fußnote 36: Davoust, der bei Auerstädt siegte.]
-
-[Fußnote 37: Die eingeklammerten Worte sind in der Abschrift irrthümlich
-ausgelassen.]
-
-[Fußnote 38: Am 9. April 1809 eröffneten die Oesterreicher unter dem
-Erzherzog Karl den Krieg, indem sie in Baiern einrückten. Zu einem
-Massenaufstande hatte der Erzherzog in einem undatirten Aufruf an die
-»Völker Deutschlands« aufgefordert; der in demselben Sinn abgefaßte
-Armeebefehl ist vom 6. April. S. Europas Palingenesie I, 147, 152.]
-
-[Fußnote 39: Das erste Bülletin Napoleons über die einleitenden Gefechte
-vom 19. bis 23. April ist vom 24. April. S. Europas Palingenesie II, 39.
-Der gleich darauf erwähnte Montesquiou war Napoleons Kammerherr und zu
-ähnlichen Sendungen mehrfach gebraucht worden. Kurz vor der Schlacht von
-Jena war er in preußische Gefangenschaft gerathen.]
-
-
- I, 1, 2.
-
-[Fußnote 40: Diese Scenen spielen also während des Krieges von 1806 und
-1807, und ihr Schauplatz soll, wie leicht ersichtlich, Potsdam und
-Berlin sein. In Potsdam war das große Cavalleriedepot der Franzosen; s.
-(v. Bassewitz) die Kurmark Brandenburg während der Zeit von 1806 bis
-1808 I, 266.]
-
-[Fußnote 41: _Aber_ hat die Handschrift.]
-
-
- I, 1, 3.
-
-[Fußnote 42: Dies scheint darauf hinzuweisen, daß Kleist hier etwa die
-Vorgänge in Stettin im Auge hatte, dessen Uebergabe an eine schwache
-Abtheilung französischer Cavallerie am 29. Oct. 1806 die Reihe
-schmachvoller Capitulationen der Hauptfestungen im östlichen Theile der
-preußischen Lande eröffnete. Dagegen scheint die Niederbrennung der
-Vorstädte auf Küstrin oder Magdeburg zu deuten. S. v. Höpfner Krieg von
-1806 und 1807 II, 326, 332.]
-
-
- I, 1, 4.
-
-[Fußnote 43: Den Nürnberger Correspondenten von 1809 habe ich nicht
-auftreiben können.]
-
-[Fußnote 44: Am 23. April hatte die französische Armee nach heftigem
-Kampfe Regensburg genommen. Die Hauptmasse bestand aus Baiern und
-Würtembergern, denen Napoleon am 30. in einer Anrede, die der Kronprinz
-von Baiern verdollmetschte, diesmal die ausschließliche Ehre des Kampfs
-gegen die Oesterreicher zugesprochen hatte; Europas Palingenesie II, 12,
-38.]
-
-[Fußnote 45: Durch den Frieden von Preßburg am 26. December 1805, der
-auf Oesterreichs Kosten Baiern, Würtemberg und Baden vergrößerte, den
-beiden ersten die souveraine Königswürde zusprach, und ein deutsches
-Reich nicht mehr, sondern nur noch eine ^confédération Germanique^
-kannte.]
-
-[Fußnote 46: Am 26. August 1806.]
-
-[Fußnote 47: Am 1. November 1806 besetzten die Franzosen Kassel. ^Vous
-avez cessé d'exister^, sagte Napoleon in seinem 13. Bülletin dem
-Kurfürsten.]
-
-[Fußnote 48: Hier ist wohl die entgegenkommende Anerkennung gemeint, die
-Napoleon als Konsul seit Durocs Sendung im November 1799 in Berlin fand,
-und die Vermittlung, welche Preußen in Folge dessen zwischen ihm und dem
-Kaiser Paul einzuleiten suchte. -- Erst anderthalb Jahr nach dem
-Tilsiter Frieden, am 5. Dezember 1808, räumten die Franzosen Berlin.]
-
-[Fußnote 49: Am 6. August 1806.]
-
-[Fußnote 50: Dazu war man österreichischer Seits doch nicht geneigt,
-wohl aber wich man einem französischen Bündniß auf Kosten Preußens aus.]
-
-[Fußnote 51: In Böhmen.]
-
-[Fußnote 52: _Vatter_ hat die Handschrift.]
-
-
- I, 1, 5.
-
-[Fußnote 53: _Gewinsel_, die Handschrift.]
-
-[Fußnote 54: Durch Patent vom 9. Juni 1808 wurde die Errichtung einer
-Landwehr »zur Vertheidigung des vaterländischen Bodens« angeordnet.]
-
-
- I, 1, 6.
-
-[Fußnote 55: _auch_ -- _welchem_, die Handschrift.]
-
-[Fußnote 56: _vernommen_, die Handschrift.]
-
-[Fußnote 57: Am 7. Mai 1807 schloß Napoleon ein Bündnis mit dem Schach
-von Persien, dessen Gesandter zu diesem Zweck nach Elbing kam.]
-
-
- I, 1, 7.
-
-[Fußnote 58: Die Volkserhebung in Spanien begann im Mai 1808.]
-
-[Fußnote 59: Sachsen war dem Rheinbunde im Posener Vertrage
-beigetreten.]
-
-[Fußnote 60: Der Rheinbund vom 12. Juli 1806.]
-
-[Fußnote 61: Hier fehlen zwei Blätter, die den Schluß des vierten, das
-fünfte, sechste und den Anfang des siebenten Capitels enthielten.]
-
-[Fußnote 62: Fehlen abermals zwei Blätter, das zehnte, elfte und den
-Anfang des zwölften Capitels enthaltend.]
-
-[Fußnote 63: Am 9. April 1809 erhoben sich die Tiroler.]
-
-[Fußnote 64: Wenn man nicht annehmen will, zwischen diesem und dem
-folgenden Satze sei durch Schuld des Abschreibers eine Frage und eine
-Antwort ausgefallen, in denen der erste Grund unmittelbar angegeben
-wurde, und daß dann erst die nähere Erläuterung folgte, warum er nicht
-viel einbringen könne, so sind die letzten vier Sätze des Capitels von
-dunkler Spitzfindigkeit nicht frei zu sprechen. Es würden dann die
-freiwilligen Beiträge einmal als geringfügig bezeichnet werden, weil sie
-als Geld und Gut, dem Vaterlande und der Freiheit gegenüber, an sich
-keinen Werth haben, und doch zugleich als ein einträgliches Mittel, wenn
-die Menschen es lieber dem gönnen, von dem sie zur Freiheit geführt
-werden, als den Feinden, die ihnen das Eigenthum mit Gewalt entreißen.]
-
-[Fußnote 65: Dies scheint ein bitterer Seitenblick auf die
-zurückhaltende Politik des preußischen Ministeriums, das seit Steins
-Abgang am 24. Nov. 1808 Dohna, Altenstein und Beyme leiteten. Es ist
-bekannt, wie sehr Oesterreich schon damals Preußen zum entschiedenen
-Handeln zu bestimmen suchte, aber auch zugleich, daß Preußen schwerlich
-stark genug dazu war.]
-
-
- I, 2, 1.
-
-[Fußnote 66: In der Schlacht bei Aspern am 21. und 22. Mai 1809.]
-
-[Fußnote 67: _bewußt_, die Handschrift. Der Schluß fehlt.]
-
-
- I, 2, 2.
-
-[Fußnote 68: Woher dies Citat sei, vermag ich nicht zu sagen.]
-
-[Fußnote 69: _sind_ fügt die Handschrift überflüssig hinzu.]
-
-
- I, 2, 3.
-
-[Fußnote 70: _ist_ fügt die Handschrift hinzu.]
-
-[Fußnote 71: Die letzten drei Worte wiederholt die Handschrift. In
-Bülows Abdruck, Kleists Leben und Briefe S. 254, fehlen die Worte:
-»Alles was sie Vortreffliches fand in sich aufzunehmen gleich« --.]
-
-[Fußnote 72: Bülow liest für Dienstleistungen Einflüsterungen!]
-
-[Fußnote 73: Die Worte: »die dem ganzen Menschengeschlecht angehört«
-fehlen bei Bülow.]
-
-
- I, 5, 3.
-
-[Fußnote 74: Jungius, Professor am Friedrich-Wilhelms Gymnasium.]
-
-
- I, 5, 4.
-
-[Fußnote 75: Dieser Artikel von einem ungenannten Verfasser brachte eine
-wissenschaftlich gehaltene Widerlegung der in dem Schreiben aus Berlin
-I, 5, 2 ausgesprochenen Ansichten Kleists, und schloß mit einem Ausfall
-gegen die trügerischen Terminologien neuer und unverschämter Lehrer, die
-sich auf erdichtete Facta stützen.]
-
-
-
-
- Berlin, Druck von Gustav Schade.
- Marienstraße Nr. 10.
-
-
-
-
-
-Anmerkungen zur Transkription
-
-
-Der Originaltext ist in Fraktur gesetzt. Hervorhebungen, die im
-Original g e s p e r r t sind, wurden mit Unterstrichen wie _hier_
-gekennzeichnet. Textstellen, die im Original in Antiqua gesetzt sind,
-wurden ^so^ markiert.
-
-Die variierende Schreibweise des Originales wurde weitgehend
-beibehalten, ebenso eigentümliche Schreibweisen, die zum Teil auch noch
-in späteren Ausgaben zu finden sind wie zum Beispiel Pescherü
-(Pescherä), Baxer (Boxer) oder Joung (Young). Lediglich offensichtliche
-Druckfehler wurden korrigiert, teilweise unter Verwendung weiterer
-Ausgaben, wie hier aufgeführt (vorher/nachher):
-
- [S. 4]: (mehrfache Fälle)
- ... erst Julian Schmidt's Ausgabe hat aus dem Phoebus einen ...
- ... erst Julian Schmidt's Ausgabe hat aus dem Phöbus einen ...
-
- [S. 18]:
- ... Ganze, sehr verschiedene Personen sprechen sich über ...
- ... Ganzes, sehr verschiedene Personen sprechen sich über ...
-
- [S. 24]:
- ... fünf Stücke werden Ende April oder Anfangs Mai entstanden ...
- ... fünf Stücke werden Ende April oder Anfang Mai entstanden ...
-
- [S. 48]:
- ... Wendung erhält dieser Gedanke in der Hermannschlacht; ...
- ... Wendung erhält dieser Gedanke in der Hermannsschlacht; ...
-
- [S. 53]:
- ... leben wollte. Nur zu Stein, Scharnharst, Gneisenau konnte ...
- ... leben wollte. Nur zu Stein, Scharnhorst, Gneisenau konnte ...
-
- [S. 66]:
- ... halten Sie für die Erfindung einer satanischen List, um das ...
- ... halten sie für die Erfindung einer satanischen List, um das ...
-
- [S. 103]:
- ... Es giebt Leute, die sich die Epochen, in welcher die ...
- ... Es giebt Leute, die sich die Epochen, in welchen die ...
-
- [S. 103]:
- ... welches ohne Zweifel die höchste ist, die erschwungen werden ...
- ... welche ohne Zweifel die höchste ist, die erschwungen werden ...
-
- [S. 136]:
- ... elektrischer Körper, lehrt, daß wenn man in der Nähe ...
- ... elektrischer Körper, lehrt, daß wenn man in die Nähe ...
-
- [S. 144]:
- ... daß sich in eines Menschen Händen, zu einer beliebigen
- Gestalt ...
- ... das sich in eines Menschen Händen, zu einer beliebigen
- Gestalt ...
-
- [S. 168]:
- ... I, 5, 2. ...
- ... I, 5, 3. ...
-
- [S. 168]:
- ... I, 5, 3. ...
- ... I, 5, 4. ...
-
-
-
-
-
-
-End of the Project Gutenberg EBook of Politische Schriften und andere
-Nachträge zu seinen Werken, by Heinrich von Kleist
-
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