summaryrefslogtreecommitdiff
diff options
context:
space:
mode:
-rw-r--r--.gitattributes4
-rw-r--r--LICENSE.txt11
-rw-r--r--README.md2
-rw-r--r--old/50979-8.txt5584
-rw-r--r--old/50979-8.zipbin112555 -> 0 bytes
-rw-r--r--old/50979-h.zipbin142520 -> 0 bytes
-rw-r--r--old/50979-h/50979-h.htm8126
-rw-r--r--old/50979-h/images/cover-page.jpgbin22429 -> 0 bytes
8 files changed, 17 insertions, 13710 deletions
diff --git a/.gitattributes b/.gitattributes
new file mode 100644
index 0000000..d7b82bc
--- /dev/null
+++ b/.gitattributes
@@ -0,0 +1,4 @@
+*.txt text eol=lf
+*.htm text eol=lf
+*.html text eol=lf
+*.md text eol=lf
diff --git a/LICENSE.txt b/LICENSE.txt
new file mode 100644
index 0000000..6312041
--- /dev/null
+++ b/LICENSE.txt
@@ -0,0 +1,11 @@
+This eBook, including all associated images, markup, improvements,
+metadata, and any other content or labor, has been confirmed to be
+in the PUBLIC DOMAIN IN THE UNITED STATES.
+
+Procedures for determining public domain status are described in
+the "Copyright How-To" at https://www.gutenberg.org.
+
+No investigation has been made concerning possible copyrights in
+jurisdictions other than the United States. Anyone seeking to utilize
+this eBook outside of the United States should confirm copyright
+status under the laws that apply to them.
diff --git a/README.md b/README.md
new file mode 100644
index 0000000..1b0dd47
--- /dev/null
+++ b/README.md
@@ -0,0 +1,2 @@
+Project Gutenberg (https://www.gutenberg.org) public repository for
+eBook #50979 (https://www.gutenberg.org/ebooks/50979)
diff --git a/old/50979-8.txt b/old/50979-8.txt
deleted file mode 100644
index c418e4f..0000000
--- a/old/50979-8.txt
+++ /dev/null
@@ -1,5584 +0,0 @@
-The Project Gutenberg EBook of Politische Schriften und andere Nachträge
-zu seinen Werken, by Heinrich von Kleist
-
-This eBook is for the use of anyone anywhere in the United States and most
-other parts of the world at no cost and with almost no restrictions
-whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it under the terms of
-the Project Gutenberg License included with this eBook or online at
-www.gutenberg.org. If you are not located in the United States, you'll have
-to check the laws of the country where you are located before using this ebook.
-
-Title: Politische Schriften und andere Nachträge zu seinen Werken
-
-Author: Heinrich von Kleist
-
-Editor: Rudolf Köpke
-
-Release Date: January 20, 2016 [EBook #50979]
-
-Language: German
-
-Character set encoding: ISO-8859-1
-
-*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK POLITISCHE SCHRIFTEN UND ***
-
-
-
-
-Produced by Karl Eichwalder, Constanze Hofmann, Jens
-Sadowski, and the Online Distributed Proofreading Team at
-http://www.pgdp.net. This book was produced from scanned
-images of public domain material from the Google Books
-project.
-
-
-
-
-
-
-
-
-
- Heinrich von Kleist's
- Politische Schriften
- und
- andere Nachträge zu seinen Werken.
-
-
- Mit einer Einleitung
- zum ersten Mal herausgegeben
- von
- Rudolf Köpke.
-
- Berlin, 1862.
- Verlag von A. Charisius.
- Lüderitz'sche Buchhandlung.
-
- Friedrich von Raumer
- zur Feier
- seines sechszigjährigen Amtsjubiläums
- am 8. December 1861
- in aufrichtiger Verehrung
- gewidmet
- von
- dem Herausgeber.
-
-
-
-
-
-
-Nur Wenigen ist es beschieden, den Lebenstag zu sehen, der Ihnen,
-hochverehrter Herr, heute festlich anbricht. Den Zeitraum eines halben
-Jahrhunderts in demselben Kreise durchschritten zu haben, ist kein
-alltäglicher Ruhm unter Menschen, dasselbe Zeitmaß in verschiedenen
-Kreisen des Wirkens zu erfüllen, ist dem Einzelnen noch seltener
-vergönnt; doch wo fünf reichen Jahrzehnten ein sechstes hinzugelegt
-wird, ist es unter den seltenen Festen das seltenste.
-
-Ihnen hat das gegenwärtige Jahr nicht einen, sondern eine Reihe von
-Festtagen gebracht, die ein halbes Jahrhundert Ihres Wirkens in
-Wissenschaft und Lehramt abschließen, und vor wenigen Wochen noch mit
-dem goldenen Kranze des häuslichen Glücks gekrönt worden sind. Der
-heutige Tag vollendet Ihr sechszigstes Jahr im Dienste des Vaterlandes.
-Wer das in ungeschwächter Kraft des Geistes und Körpers erlebt, den
-möchte man versucht sein jenen Männern des Alterthums beizuzählen, die
-der hellenische Weise vor allen glücklich pries. Denn Glück ist die
-reine Entfaltung der eigenen Natur nach ihrem Gesetze, im Einklange
-zugleich mit dem großen Ganzen, dessen dienendes Glied zu sein der
-Einzelne bestimmt ist. Eine solche harmonische Verbindung ist das freie
-Geschenk höherer Macht, darum ist ein Tag wie der heutige ein Tag des
-Glückwunsches, das heißt der dankbaren Anerkennung menschlicher Lebens-
-und Entwicklungsfülle.
-
-Sechszig Jahre, mehr als ein Drittheil unserer Preußischen Geschichte,
-überschauen Sie als Staatsmann, als Lehrer und Geschichtschreiber. Von
-sieben Königen haben Sie fünf erlebt und dreien treu gedient. Das
-Preußen Friedrichs des Großen, den tiefen Fall der alten Staatsformen
-haben Sie gesehen, und dem reformatorischen Gesetzgeber thatkräftig zur
-Seite gestanden, als er die Grundlagen des neuen Staates vorbereitete;
-Sie sind Zeuge gewesen der großen volksthümlichen Erhebung, haben Ihren
-Theil gehabt an den Zeiten innerer Ruhe und wissenschaftlichen Ruhms,
-und eine zweite tiefe Erschütterung überwinden helfen, um nochmals in
-eine neue Umgestaltung des öffentlichen Lebens einzutreten. Zu allen
-Zeiten haben Sie für Gesetz und volksthümliche Freiheit, für den König
-wie für das Vaterland, für Preußen wie für Deutschland als untrennbare
-Mächte, mit den Besten im Bunde, unermüdet und maßvoll gestritten, und
-die Unabhängigkeit des Urtheils und Charakters frei bewahrt.
-
-Als Forscher und Geschichtschreiber haben Sie die Vergangenheit des
-deutschen Vaterlandes in umfassender Weise zuerst erschlossen, und die
-verschiedenen Zeitalter des menschlichen Geschlechts durchmessen. So
-möchte ich Ihnen nachrühmen, was ein alter Schriftsteller von einem
-Geschichtschreiber seiner Zeit sagt, das schönste Loos sei es
-Schreibenswürdiges gethan, Lesenswürdiges geschrieben zu haben. Mögen
-Sie mir verstatten das auszusprechen, da Sie, obgleich nicht selten
-verkannt, dennoch stets ein Verkleinerer Ihrer selbst gewesen sind.
-
-Als einen öffentlichen Ausdruck dieser Gesinnung, die ich Ihnen längst
-im Herzen bewahre, bitte ich Sie die folgenden Blätter betrachten und
-annehmen zu wollen. Ein Zeichen sollen sie sein wissenschaftlicher
-Anerkennung, das ein jüngerer Fachgenosse Ihnen darzubringen wünscht,
-rein menschlicher Hochachtung und aufrichtiger Uebereinstimmung in den
-großen Fragen des Lebens, und endlich des Dankes für die
-freundschaftliche Theilnahme, die Sie mir stets bewiesen haben.
-
-Für diesen Zweck schienen mir diese Blätter vornehmlich geeignet. Denn
-sie sind ein Erbstück aus dem Nachlasse des großen Dichters, in dessen
-Verehrung und Liebe, wir, wie verschieden an Lebensalter und Stellung,
-einander zuerst freundschaftlich begegnet sind; ein bisher unbekannter
-Beitrag zu unserer nationalen Litteratur, der Sie, wie der Kunst, auch
-unter historischen Studien und politischen Kämpfen eine jugendfrische
-Neigung gewahrt haben; der Gesinnungsausdruck eines ebenso hochbegabten
-als unglücklichen Dichters, der wie Sie für die Wiedergeburt des
-Vaterlandes gestritten, den Sie selbst noch von Angesicht gekannt haben.
-Es irrt mich nicht, daß die Berührungen zwischen Ihnen, dem Staatsmanne,
-und dem Dichter nicht freundlicher Art gewesen sind. Persönlich
-unangenehme Erfahrungen haben Sie niemals gehindert gerecht zu sein, und
-Sie haben darum weder dem Menschen Ihre Theilnahme noch dem Dichter Ihre
-Anerkennung versagt. Die damals ausgesprochene Versöhnung wird heute zur
-historischen Sühne. Der Dichter ist nach schwerer Verirrung eingegangen
-in die Ehrenhalle unserer Litteratur; Sie haben seitdem fünfzig Jahre
-des reichsten Wirkens durchlebt, und stehen heute als gefeierter Greis
-voll seltener Jugendfrische und Theilnahme für Alles was die menschliche
-Brust bewegt, am Grabe des Dichters, der am Widerstreit des Lebens zu
-Grunde ging.
-
-Und so wüßte ich Ihnen nur Eines noch zu wünschen, daß Ihnen die Fülle
-der Lebensgüter, die Sie besitzen, noch lange erhalten, und mir Ihre
-Freundschaft bewahrt bleiben möge.
-
- _Berlin_, den 8. December 1861.
-
- Rudolf Köpke.
-
-
-
-
- Inhalt.
-
-
- Seite
- Einleitung 1
- I. Prosa.
- 1. Politische Satiren.
- 1. Brief eines rheinbündischen Officiers an seinen Freund 63
- 2. Brief eines jungen märkischen Landfräuleins an ihren 64
- Onkel
- 3. Schreiben eines Burgemeisters in einer Festung an einen 68
- Unterbeamten
- 4. Brief eines politischen Pescherü über einen Nürnberger 70
- Zeitungsartikel
- 5. Die Bedingung des Gärtners. Eine Fabel 73
- 6. Lehrbuch der französischen Journalistik 74
- 7. Katechismus der Deutschen, abgefaßt nach dem Spanischen, 82
- zum Gebrauch für Kinder und Alte
- 2. Politische Aufrufe und Betrachtungen.
- 1. Einleitung zur Zeitschrift Germania 94
- 2. Aufruf 96
- 3. Was gilt es in diesem Kriege? 97
- 4. Einleitung zu den Berliner Abendblättern. Gebet des 100
- Zoroaster
- 5. Von der Ueberlegung. Eine Paradoxe 101
- 6. Betrachtungen über den Weltlauf 103
- 3. Erzählungen und Anekdoten.
- 1. Warnung gegen weibliche Jägerei 104
- 2. Die Heilung 107
- 3. Das Grab der Väter 110
- 4. Der Griffel Gottes 112
- 5. Muthwille des Himmels. Eine Anekdote 113
- 6. Anekdote aus dem letzten Kriege 114
- 7. Der Branntweinsäufer und die Berliner Glocken 115
- 8. Tages-Ereigniß 116
- 9. Der verlegene Magistrat. Eine Anekdote 117
- 10. Charité-Vorfall 118
- 11. Anekdote 119
- 12. Räthsel 120
- 13. Anekdote 120
- 14. Anekdote 121
- 4. Kunst und Theater.
- 1. Empfindungen vor Friedrich's Seelandschaft 123
- 2. Brief eines Mahlers an seinen Sohn 125
- 3. Brief eines jungen Dichters an einen jungen Mahler 126
- 4. Theater. Den 2. October: Ton des Tages, Lustspiel von Voß 128
- 5. Unmaßgebliche Bemerkung 129
- 6. Schreiben aus Berlin, den 28. October 131
- 7. Die sieben kleinen Kinder 132
- 8. Von einem Kinde, das kindlicher Weise ein anderes Kind 133
- umbringt
- 5. Gemeinnütziges.
- 1. Allerneuester Erziehungsplan 136
- 2. Entwurf einer Bombenpost 145
- 3. Schreiben aus Berlin. 15. October 147
- 4. Aëronautik 149
- II. In Versen.
- 1. Eine Legende nach Hans Sachs. Gleich und Ungleich 153
- 2. Eine Legende nach Hans Sachs. Der Welt Lauf 156
- 3. Epigramme:
- 1. Auf einen Denuncianten. Räthsel 160
- 2. Wer ist der Aermste? 160
- 3. Der witzige Tischgesellschafter 160
- 4. An die Verfasser schlechter Epigramme 160
- 5. Nothwehr 160
- Anmerkungen 161
-
-
-
-
- Einleitung.
-
-
-
-
- I.
-
-
- Wehe, mein Vaterland, dir! Die Leier zum Ruhm dir zu schlagen,
- Ist, getreu dir im Schooß, mir, deinem Dichter, verwehrt,
-
-schrieb Heinrich von Kleist auf das Titelblatt seines vaterländischen
-Dramas die Hermannsschlacht, als er es im Jahre 1808 vollendet hatte. Es
-war eine Grabschrift, die er dem Vaterlande, seiner Dichtung, sich
-selbst setzte, und in finsterm Haß sich in das Schweigen der
-Hoffnungslosigkeit zu vergraben, schien der letzte Trost, den das Leben
-ihm noch nicht geraubt hatte. Voll Liebe zum Vaterlande will er ihm zum
-Ruhme singen, aber in der Gegenwart sieht er es schmachbedeckt in den
-Staub getreten; er wendet den Blick rückwärts, der ruhmvollen
-Vergangenheit entlehnt er den Stoff seiner Dichtung, im Sturme will er
-sein Volk mit sich fortreißen, aber die Hörer verschließen ihm das Ohr.
-Für die Enkel ist es gefährlich geworden, dem Heldenliede von den Thaten
-der Ahnen zu horchen, der Sänger schließt sein »letztes Lied«, »er
-wünscht mit ihm zu enden, und legt die Leier thränend aus den
-Händen!«[1] Keine Bühne will sich seinem vaterländischen Schauspiel
-öffnen. Zurückgewiesen von den Seinen verschließt er einsam den Schmerz
-und das Elend des eigenen Lebens, die Schmach und den Gram Deutschlands
-in jene Worte, die zur schwer lastenden Anklage eines selbstvergessenen
-Volks werden.
-
-Dennoch nennt sich Kleist den Dichter seines Vaterlandes; getreu bleibt
-er ihm im Schooß, während viele andere, denen es Macht, Ehre, Ruhm
-gegeben hatte, untreu geworden waren, es durch That, Wort oder verzagtes
-Schweigen verrathen hatten. Nicht Fürsten und Volksstämme, Generale und
-Staatsmänner allein, auch Männer der Wissenschaft und Dichter hatten das
-gethan. In das Unendliche hatte sich die Wissenschaft versenkt und die
-Welt durchmessen, das Vaterland, in dem sie aufgewachsen war, blieb ihr
-fast fremd; in Griechenland und Rom lebte die Dichtung, in Deutschland
-nicht. Weder die eine noch die andere ahnte das Verderben, das sich
-heranwälzte, bestürzt hatten sie geschwiegen, als es hereinbrach, oder
-den fremden Gewalthaber als den Vollzieher des Weltgeschicks wohl gar
-bewundert und gepriesen. Kleist wollte nichts als sein Deutschland, sein
-oft geschmähtes Brandenburg, ob auch hier »die Künstlerin Natur bei der
-Arbeit eingeschlummert«, ob es auch gerade jetzt doppelt arm und öde
-sein mochte; er wollte es, weil es das Vaterland war.[2] Aus ihm sprach
-die Stimme des lang eingeschläferten Gewissens, das laut mahnte, dem
-Zwiespalt zwischen Weltbürgerthum und Volkssinn, Staat und Vaterland,
-Wissenschaft und Leben ein Ende zu machen, und die tiefsten Kräfte zum
-Kampfe aufzurufen. Jene Verse, wie sein Drama, waren ein erster
-erschütternder Ausdruck der Wiedervereinigung der Dichtung mit dem
-Vaterlande, und darum lassen sie selbst in der Hoffnungslosigkeit die
-Rettung ahnen; es liegt in ihnen der Wendepunkt des deutschen Lebens.
-Denn anders mußte es werden, sobald diese Ueberzeugung allgemein ward;
-selbst die höchsten Güter der Menschheit, denen man so lange
-nachgetrachtet hatte, verloren ihre bildende und heiligende Kraft, wenn
-sie durch den volksthümlichen Muth nicht mehr geschirmt wurden. Es brach
-die Zeit an, wo Schleiermacher und Fichte Volksredner waren, Arndt durch
-Lied und That wirkte und ein jüngeres Dichtergeschlecht heraufwuchs, das
-nicht mehr classisch, sondern vaterländisch sein wollte, selbst zum
-Schwerte griff und kämpfend fiel, wie Körner, oder das Glück der Sieger
-beneidend, den Sieg feierte, wie Schenkendorf und Rückert.
-
-Nicht so glücklich war Kleist; in die Mitte gestellt, zwischen die
-schonungslose Uebermacht der Gegenwart und die zweifelhafte Zukunft, hat
-er weder den Kampf noch den Sieg erlebt, und gleichgültig haben sich
-seine Zeitgenossen von ihm abgewandt. Den Weltklugen zu mystisch, den
-Frommen zu ruchlos, den Politikern zu unpraktisch, den Zahmen zu wild,
-dem Meister der Kunst zu roh und formlos, fand er bei seinem Leben nur
-wenige Freunde, und als der widerwärtige Streit über seinem Grabe
-verstummt war, ward er im Toben des Volkskampfes, den er erwecken
-wollte, fast vergessen, und die Kränze, nach denen er gegeizt hatte,
-wurden andern zu Theil.
-
-Gewiß war er als Mensch weder im Leben noch im Tode frei von schwerer
-Schuld, aber so oft dies auch gesagt worden ist, dem Dichter ist die
-folgende Zeit langer Ruhe kaum gerecht, geschweige denn günstig,
-geworden. Zehn Jahr später hat ihn Tieck in das Gedächtniß des
-genießenden Geschlechtes, dem die starke, männliche Dichtweise unbequem
-geworden war, zurückgerufen. Ihm, seiner reinen Anerkennung verdankt man
-es, wenn Kleist's Stelle in der Litteraturgeschichte gesichert ist. Auch
-das ist langsam und zögernd geschehen. In fünfzig Jahren sind nur zwei
-Gesammtausgaben erschienen, und zwischen beiden liegt ein Menschenalter.
-Nicht ohne Mühe haben sich drei seiner Dramen auf der Bühne
-eingebürgert, gerade das vollendetste, das vorzugsweise heimische,
-mußte, der Gefahr des Unterganges kaum entzogen, am längsten gegen das
-Vorurtheil kämpfen, und die Hermannsschlacht, die schon vor einem halben
-Jahrhundert zünden sollte, hat ihre Hörer bis heute nicht gefunden.
-
-Auch die Nachlese, so ergiebig bei andern Dichtern, und die Kunde von
-seinem Leben ist demselben Mißgeschick verfallen. Einen großen Theil
-seiner Schriften hat er in selbstquälerischer Verachtung zerstört; was
-sonst zu hoffen, war verschollen oder in unbekannten Zeitschriften
-begraben, und erst Julian Schmidt's Ausgabe hat aus dem Phöbus einen
-Theil des Vergessenen wieder ans Licht gebracht. Vereinzelt und zufällig
-sind manche Briefe von ihm zum Vorschein gekommen und unbeachtet
-geblieben; die später von E. v. Bülow und Koberstein herausgegebenen
-größeren Sammlungen sind, wenn auch die erste, fast einzige Quelle, doch
-nicht umfassend genug, um auf sein dunkles Leben ein überall genügendes
-Licht zu werfen. Bülow's freilich nicht erschöpfende doch verdienstliche
-Lebensbeschreibung blieb in der politischen Sturmzeit von 1848, wie
-vierzig Jahre früher der lebende Dichter, fast unbeachtet. Erst in den
-letzten Jahren hat man sich ihm aus dem Gesichtspunkte der allgemeinen
-Zeitgeschichte, in der er in so fragwürdiger Gestalt hervortritt, wieder
-mehr zugewendet.[3] Dennoch scheint eine Seite seines zerrissenen Lebens
-der näheren Besprechung würdig und bedürftig, von allen die erhebendste
-und reinste, in der sich die jähen Widersprüche vielleicht am ersten
-ausgleichen, die vaterländische. Ich würde es nicht unternehmen, allein
-auf Grund des schon benutzten Stoffes darüber zu reden, aber ich bin
-glücklich genug Neues, bisher Unbekanntes oder Vergessenes, hinzufügen
-zu können, und halte es für eine That der Gerechtigkeit, die folgende
-nicht geringfügige Nachlese zu Kleist's Schriften der Oeffentlichkeit zu
-übergeben. Eben hier erscheint er vorzugsweise als politischer
-Schriftsteller, von dieser Thätigkeit mindestens gewinnt man ein
-bedeutend vollständigeres Bild.
-
-Zuerst habe ich Rechenschaft von den Quellen, aus welchen diese
-Nachträge geschöpft sind, abzulegen. Theils sind sie handschriftlicher
-Art, theils gehören sie vergessenen Drucken an; von jenen spreche ich
-zuerst.
-
-Nicht alles, was Tieck aus dem Nachlasse Kleist's besaß, hat er in seine
-Ausgabe aufgenommen. »Auch finden sich«, schreibt er, »in seinem
-Nachlasse Fragmente aus jener Zeit (1809), die alle das Bestreben
-aussprechen, die Deutschen zu begeistern und zu vereinigen, sowie die
-Machinationen und Lügenkünste des Feindes in ihrer Blöße hinzustellen:
-Versuche in vielerlei Formen, die aber damals vom raschen Drang der
-Begebenheiten überlaufen, nicht im Druck erscheinen konnten, und auch
-jetzt, nach so manchem Jahre und nach der Veränderung aller
-Verhältnisse, sich nicht dazu eignen.«[4] Also Schriftstücke
-politischen, vaterländischen Inhalts, die ein Aufruf an das Volk sein
-sollten, jedoch nie zur Verwendung gekommen sind, waren es, die Tieck im
-Jahre 1821 vor sich hatte. Zunächst scheint ihn die Rücksicht auf die
-Erregung des eben durchgekämpften Völkerkrieges, die jetzt friedlichern
-Stimmungen Platz machen sollte, von der Veröffentlichung abgehalten zu
-haben, und noch 1826 glaubte er dabei stehen bleiben zu müssen. Auch
-mochten ihm diese Fragmente im Vergleiche mit den großen Dichtungen
-minder bedeutend scheinen. Er sah in Kleist einen befreundeten
-gleichzeitigen Dichter, dem er aus den vollendetsten Werken ein Denkmal
-errichten wollte, von welchem er das Geringfügigere meinte ausschließen
-zu können. Ueberhaupt war seine Kritik ein Ausdruck der Begeisterung für
-den Gegenstand, mehr ästhetisch, allgemein anschauend und nachdichtend
-als historisch philologisch; er konnte zufrieden sein, den Dichter und
-dessen Werke der Vergessenheit entrissen und in genialen Zügen ein groß
-gehaltenes Bild beider entworfen zu haben. Ganz anders stand es, als
-zweiundzwanzig Jahre später Bülow in der Vorrede zum Leben Kleist's
-schrieb:[5] »Die schon von Tieck besprochenen zerstreuten politischen
-Blätter aus dem Jahre 1809 habe ich ebenfalls durchgesehen und des
-Druckes meist unwerth befunden.« Diese »Reliquien«, die er damals noch
-unverkürzt in Händen hatte, legte er also in demselben Augenblicke als
-unwichtig bei Seite, wo er den Untergang oder die absichtliche
-Zurückhaltung anderer beklagte. Der Umstand allein hätte den Biographen
-bestimmen sollen, nicht seinem persönlichen Geschmacksurtheil über den
-Werth dieser Blätter, sondern dem historischen Gesetze zu folgen, das zu
-retten gebietet, was noch zu retten ist, damit das Bild des Dichters so
-getreu als möglich hergestellt werden könne. Das verlangte die
-inzwischen zur Wissenschaft herangereifte Litteraturgeschichte, die auch
-für die Schriftsteller der nächsten Vergangenheit eine willkürliche
-Kritik dieser Art nicht mehr duldete. Nicht ohne ironisches Lächeln über
-Kleist's »naive Absicht« begnügte er sich, einen dieser Aufsätze,
-überschrieben: »Was gilt es in diesem Kriege?« sorglos abdrucken zu
-lassen. Von Tieck hatte Bülow diese Papiere erhalten; im Nachlasse des
-einen oder des andern mußten sie aufbewahrt sein.
-
-Unter den zahlreich angesammelten Handschriften Tieck's fand sich in der
-That eine, die aus dem Nachlasse Kleist's herstammte, eine Abschrift der
-Penthesilea, vom Dichter durchgesehen und nicht ohne bedeutende
-Veränderungen einzelner Verse und Worte von seiner Hand. Aus der
-Vergleichung mit der Tieckschen Ausgabe, welcher der Druck von 1808 zu
-Grunde liegt, und den nicht unerheblich abweichenden Bruchstücken im
-Phöbus, ergab sich diese Handschrift als eine dritte noch frühere
-Bearbeitung selbständigen Charakters, die auf's neue beweist, wie
-sorgfältig Kleist seine Dichtungen im einzelnen durcharbeitete. Dagegen
-schien sich die nah liegende Vermuthung, der Herausgeber der
-Kleist'schen Schriften werde von seinen Sammlungen mehr als dieses eine
-Erinnerungszeichen bewahrt haben, nicht zu bestätigen, als sich später,
-bei der Durchsicht eines Restes ungeordneter Papiere, noch eine Anzahl
-Blätter nach und nach unerwartet zusammenfanden. Es war ein Theil des
-großartigen Bruchstücks Robert Guiskard, das Kriegslied der Deutschen,
-das Sonett an die Königin von Preußen und das an den Erzherzog Karl im
-März 1809, denen sich einiges Prosaische anschloß; im Ganzen 28
-Halbbogen und 6 Blätter in Quart bläulich grauen Streifenpapiers, dessen
-höheres Alter nicht bezweifelt werden konnte. Nur freilich waren es
-nicht Kleist's Schriftzüge, sondern die altmodisch steife Hand eines
-sächsischen Schreibers, von der alles, nach der Tinte zu urtheilen, fast
-in einem Zuge geschrieben worden war. Zwar beginnt die Zählung der
-Seiten mehr als einmal von vorn und manche Blätter sind gar nicht
-bezeichnet, aber offenbar liegt hier ein Bruchstück einer Handschrift
-vor, die wenngleich sehr verschiedenartigen Inhalts, doch äußerlich ein
-Ganzes bilden sollte.
-
-Bei näherer Untersuchung des prosaischen Theils fanden sich mehrere
-bisher unbekannte Aufsätze: fünf Halbbogen, unter der Ueberschrift
-»Satyrische Briefe«, deren drei numerirt aufeinander folgen: »1. Brief
-eines rheinbündischen Officiers an seinen Freund; 2. Brief eines jungen
-märkischen Landfräuleins an ihren Onkel; 3. Schreiben eines
-Burgemeisters in einer Festung an einen Unterbeamten«; welchen sich ohne
-Zahlenbezeichnung ein vierter anschließt »Brief eines politischen
-Pescherü (so) über einen Nürnberger Zeitungsartikel.« Auf einem
-Quartblatt folgte »die Bedingung des Gärtners, eine Fabel«; dann vier
-Halbbogen »Lehrbuch der französischen Journalistik«, sechs Halbbogen und
-ein Blatt »Katechismus der Deutschen, abgefaßt nach dem Spanischen zum
-Gebrauch für Kinder und Alte«, jedes Stück mit besonderer Seitenzählung;
-endlich noch vier nicht paginirte Halbbogen, drei Stücke enthaltend,
-eines mit der Aufschrift »Einleitung«, ein anderes ohne Titel beginnend
-mit der Anrede »Zeitgenossen«, das dritte mit der Ueberschrift »Was gilt
-es in diesem Kriege?« Eben dieses Blatt hatte Bülow herausgegriffen; es
-war also kein Zweifel mehr, die politischen Blätter Kleist's, die er
-nach Tieck's Vorgang bei Seite gelegt hatte, waren noch erhalten. Gewiß
-ein glücklicher Fund, der durchaus Neues ans Licht brachte und für
-manchen andern Verlust entschädigen konnte. Die nächste Frage, ob er
-vollständig sei, beantwortete sich leider verneinend. Die Seitenzahlen
-des Katechismus ergeben, daß der dritte und sechste Halbbogen fehle; das
-Lehrbuch der französischen Journalistik bricht mit Paragraph 25, die
-Einleitung mitten im Satze ab; ursprünglich mußten diese Blätter
-vollzählig gewesen sein.
-
-Ohne besondere Veranlassung zur Herausgabe und andern Arbeiten
-hingegeben, hatte ich mich längere Zeit bei diesem Ergebniß beruhigt,
-als die Briefe Kleist's an seine Schwester mich zu jenen politischen
-Bruchstücken zurückführten; denn was etwa noch gefehlt hätte, ein
-bestimmtes Zeugniß des Verfassers selbst, fand sich hier. Am 17. Juni
-1809 nach der Schlacht von Wagram und dem Waffenstillstand von Znaym
-schrieb er von Prag aus, wohin ihn seine Hoffnungen auf Oesterreich
-geführt hatten, an seine Schwester: »Gleichwohl schien sich hier durch
-B. (Brentano?) und die Bekanntschaften, die er mir verschaffte, ein
-Wirkungskreis für mich eröffnen zu wollen. Es war die schöne Zeit nach
-dem 21. und 22. Mai, und ich fand Gelegenheit meine Aufsätze, die ich
-für ein patriotisches Wochenblatt bestimmt hatte, im Hause des Grafen v.
-Kollowrat vorzulesen. Man faßte die Idee, dieses Wochenblatt zu Stande
-zu bringen, lebhaft auf, Andere übernahmen es, statt meiner den Verleger
-herbeizuschaffen, und nichts fehlte als eine höhere Bewilligung, wegen
-welcher man geglaubt hatte, einkommen zu müssen. So lange ich lebe,
-vereinigte sich noch nicht so viel, um mich eine frohe Zukunft hoffen zu
-lassen, und nun vernichten die letzten Vorfälle nicht nur diese
-Unternehmung, -- sie vernichten meine ganze Thätigkeit überhaupt.«
-
-Also ein Theil der Aufsätze, die Kleist im Frühjahr 1809 für ein
-patriotisches Wochenblatt bestimmt hatte, ist in diesen Blättern
-enthalten, nach allen äußeren Zeugnissen kann seine Autorschaft keinem
-Zweifel unterliegen. Heutiges Tages indeß, wo es darauf ankommt den
-Stoff der abgeschlossenen Litteraturperiode zu sammeln und zu sichten,
-wird man bisher unbekannte Schriften eines bedeutendern Dichters nicht
-leicht aus der Hand geben, ohne sie einer allseitigen Durchforschung
-unterworfen zu haben, auch wenn ihre Aechtheit feststeht. Es ist daher
-gerathen, auch diese Briefe und Aufrufe nach Form und Inhalt näher zu
-prüfen; auch schon aus dem Grunde, weil dies zugleich für einige andere
-Stücke, deren Kleistischer Ursprung äußerlich weniger verbürgt ist, den
-erforderlichen Maßstab gewähren wird. Um die stilistische Gestaltung
-dieser politischen Aufsätze zu beurtheilen, wird man zunächst auf eine
-etwas allgemeinere Betrachtung der Prosa Kleist's hingewiesen.
-
-Seine prosaischen Schriften, äußerlich weniger umfassend als die
-versificirten Dichtungen, bestehen aus Erzählungen und Briefen. Nur in
-jenen erscheint er in voller bewußter Kraft, in ihnen wird man daher den
-Schriftsteller studieren können, während diese vom Augenblicke
-eingegeben, ungleich und schwankend, bald lehrhaft, bald fieberisch
-erregt und abspringend den Menschen und den jähen Wechsel seiner
-Stimmungen auch in der Form zeigen. In der darstellenden Prosa ist er
-Meister, so daß Tieck der Ansicht war, hier entfalte sich sein Talent
-vielleicht noch glänzender als im Drama. Könnte man einige Auswüchse
-beseitigen, die in seiner Natur wurzeln und von der vollendetern
-Handhabung der Form unabhängig sind, man würde von seinen acht
-Erzählungen die vier ersten größeren und sorgfältig durchgearbeiteten
-mustergültig nennen können. In der Haupttugend aller Erzählung beruhen
-ihre Vorzüge, in der durchsichtigsten Gegenständlichkeit. Ueberall
-treten Personen und Verhältnisse in festen und kräftigen Umrissen, bis
-zur sinnlichen Greifbarkeit deutlich hervor. Alles ist Bewegung, Leben,
-That, nirgend eine Stockung, eine todte Beschreibung, die sich abmüht
-viele einzelne Züge zusammen zu lesen, und es eben darum nie zu einem
-ganzen Bilde bringt, während hier die glückliche Einflechtung _eines_
-unscheinbaren Zuges auf einzelne Personen und ganze Gruppen einen hellen
-Rückstrahl wirft, der das Ganze in neuem überraschendem Lichte
-erscheinen läßt. Weil der Dichter diese Gestalten als ob sie lebten mit
-seinem Auge sah und darstellte, erweckt er in der Seele des Lesers,
-diesem unbewußt, die Kraft des dichterischen Nachschaffens. Mit der
-Selbstentäußerung eines Geschichtschreibers oder Dramatikers
-verschwindet er hinter seiner Darstellung, nirgend sieht man ihn mit
-zufahrender Hand in das Spiel hineingreifen und die Täuschung
-ungeschickt selbst zerstören, nirgend sich mit seinen Empfindungen und
-Betrachtungen aufdrängen; auch nicht in den Reden und Handlungen der
-Personen findet man ihn, weil sie überall ganz eigenthümlich, aus ihrer
-Stimmung, unter diesen gegebenen Umständen fühlen und handeln. Nur aus
-der Gesammtwirkung aller Kräfte, die er spielen läßt, ist sein letzter
-Gedanke zu erkennen. Und weil er seinen Menschen so wenig als sich
-selbst Abschweifungen philosophierender Betrachtung oder
-überschwellenden Gefühls verstattet, haben sie nichts von der
-idealistischen Weise anderer Dichtergestalten; sie sind vielmehr von
-einer realistischen Derbheit, die in Härte und Schroffheit übergehen
-kann, aber eben darum scheinen sie aus Phantasiegeschöpfen zur Höhe
-historischer Charaktere, in denen sich ganze Menschengattungen und
-Zeiten darstellen, emporzuwachsen.
-
-Er selbst nähert sich dadurch, so weit sich das von dem Dichter sagen
-läßt, der Grenze des Geschichtschreibers. Ohne es sein zu wollen, oder
-auch nur den Anspruch des historischen Romanstils zu erheben, hat ihn
-sein historischer Realismus auf den geschichtlichen Boden geführt.
-Unmittelbar aus dem Leben, aus Gegenwart oder Vergangenheit schöpft er
-den Stoff, wie schon seine Vorliebe für die Anekdote beweist, die er da
-und dort aufgegriffen hat, und von denen er manche bis zur Erzählung
-ausspinnt. Auf diese lebendige Quelle deutet er bei der »Marquise von
-O.« mit dem wichtigen Zusatze, der sich nur im Phöbus, nicht aber in den
-Ausgaben findet, selbst hin: »Nach einer wahren Begebenheit, deren
-Schauplatz vom Norden nach dem Süden verlegt worden.«[6] Wieder aber hat
-er diese Episode, in der er die ganze Fülle seines Talents entfaltet, in
-den Hintergrund des großen gleichzeitigen Revolutionskrieges eingefügt.
-Ebenso hat er im »Kohlhaas«, dem »Erdbeben in Chili«, der »Verlobung in
-St. Domingo« sich großen historischen Verhältnissen entweder
-angeschlossen, oder deren Natur an einem einzelnen Falle meisterhaft
-dargestellt; wie denn die erste Erzählung, sicherlich ohne daß er es
-beabsichtigte, zugleich eine ergreifende Darstellung des Ständekampfes
-geworden ist, der unter der Nachwirkung der Reformation in ganz
-Deutschland entbrannte. Selbst die Verirrungen, in denen er unerwartet
-eine andere Seite seines Innern herauskehrt, und sich mit vollständiger
-Verleugnung des historischen Charakters auf das Gebiet des dunkeln Wahns
-verlocken läßt, dienen nur dazu, die Kraft seiner Darstellung in
-hellerem Lichte erscheinen zu lassen; denn auch die Traumgebilde seiner
-Phantasie hat er so mit Fleisch und Blut zu bekleiden gewußt, daß man
-sie sieht, ohne an ihre Wahrheit zu glauben. Sein »Kohlhaas« bleibt
-trotz des unhistorischen Vornamens Michael und trotz des mythischen
-Kurfürsten von Sachsen, bei dem der Historiker von Fach nur mit
-Haarsträuben an den standhaften Johann Friedrich denken kann, nach
-Auffassung und Darstellung eine fast vollendete historische Erzählung,
-deren Grundzüge dem Thatsächlichen entsprechen. Denn die Zurückhaltung
-der Pferde, die Rechtsverweigerung und Verschleppung sächsischer Seits,
-die Niederbrennung der Vorstadt von Wittenberg, das Gespräch mit Luther
-sind historisch.[7] Nach ihrer Kunstform könnte sie ohne Uebertreibung
-ein in Prosa ausgelöstes Epos genannt werden.
-
-Auch sind seine Erzählungen von der modernen Novelle, dem historischen
-Roman und dem, was heute dafür gelten will, sehr verschieden. Die
-Novellenhelden sind überwiegend Träger der Reflexion, sie kämpfen die
-Gegensätze nicht nach außen wirkend, durch die That aus, sondern in
-dialectischem Ringen mit sich selbst, sie ziehen die ganze Welt in den
-Strom ihrer Betrachtungen hinein, und dessen ungeachtet verblassen sie
-zu Schatten, die nach dem Lehrbuche sprechen. Andererseits in den
-neueren sogenannten historischen Romanen, die mit der Macht der
-Geschichte den Zauber der Dichtung zu verbinden wähnen, werden die
-historischen Riesen auf das zwerghafte Maß einer schwächlichen Phantasie
-herabgedrückt, die eigentlich nur deshalb ihre Zuflucht zur Geschichte
-nimmt, weil diese mit der unübersehbaren Fülle eigenthümlicher Gestalten
-der dürftigen Erfindung zu Hülfe kommt. Der falsche Schein historischer
-Kenntniß soll die Mängel der Dichtung verdecken, und schließlich
-verliert jede von beiden den reinen und ursprünglichen Charakter durch
-die Verbindung mit der anderen.
-
-So sehr Kleist Dramatiker ist, so vermeidet er doch in der Erzählung in
-der Regel den unmittelbaren Dialog, der in neueren Novellen so die
-Oberhand gewonnen hat, daß der verkehrte Versuch einer wörtlichen
-Uebertragung in das Drama hat gewagt werden können. Dagegen hat er im
-vollsten Verständnisse dieser Darstellungsweise die indirecte Rede
-überwiegend gebraucht. Auch da, wo seine Personen direct reden müßten,
-ist er epischer Berichterstatter, er läßt sie nicht aus dem Rahmen des
-Ganzen selbständig heraustreten, sondern verwandelt ihre Rede in ein
-Handeln, von dem er zu erzählen hat. Es ist bemerkt worden, sein
-dramatischer Dialog verrathe in den unruhigen Sprüngen, in dem hastigen
-Hin- und Wiederfliegen von Frage und Antwort, wodurch die Lebhaftigkeit
-zwar gesteigert wird, die innere Erregtheit des Dichters; seiner
-erzählenden Rede ist diese Zerrissenheit durchaus fremd. Mit gleichem
-Wellenschlage fließt sie wie ein breiter Strom dahin, auf dem der Hörer
-sich mit stets gleicher Theilnahme von einer Windung zur andern tragen
-läßt.
-
-Mit Vorliebe baut Kleist lange Perioden, architectonisch erheben und
-schließen sie sich, ohne je zu erstarren; der Belege im einzelnen bedarf
-es kaum, jede Seite bietet sie dar. Aus vielen herausgegriffen möge
-folgende Periode hier eine Stelle finden:[8] »Der Roßhändler, _dessen_
-Wille durch den Vorfall, _der_ sich auf dem Markt zugetragen, in der
-That gebrochen war, wartete auch nur, _dem_ Rath des Großkanzlers gemäß,
-auf eine Eröffnung von Seiten des Junkers oder seiner Angehörigen, _um_
-ihnen mit völliger Bereitwilligkeit und Vergebung alles Geschehenen
-entgegenzukommen: _doch_ eben diese Eröffnung zu thun, war den stolzen
-Rittern zu empfindlich, _und_ schwer erbittert über die Antwort, _die_
-sie von dem Großkanzler empfangen hatten, zeigten sie dieselbe dem
-Kurfürsten, _der_ am Morgen des nächstfolgenden Tages den Kanzler, krank
-_wie_ er an seinen Wunden darniederlag, in seinen Zimmern besucht
-hatte.« Der Wendepunkt dieser Periode liegt in dem _doch_, durch das sie
-in zwei gleich wiegende Hälften getheilt wird; jede hat zwei obere
-Nebensätze, die einen untern in sich umfassen, in dem eine nähere
-Begründung gegeben wird; beide schließen mit der Andeutung des Zieles
-ab, das erreicht werden soll. Der thatsächliche wie stilistische
-Nachdruck liegt auf den letzten Worten, sie leiten die Bewegung weiter.
-Umsonst versucht der Roßhändler seinen Zweck zu erreichen, um so besser
-erreichen die Ritter, die keine Versöhnung wollen, den ihren, die Rache.
-Man gewinnt den vollsten Ueberblick der Parteien, ihrer Stimmung, ihres
-Verhältnisses zu einander, ihrer Erfolge. Kleist's Perioden sind
-kunstvoll ohne verwickelt, reich ohne überladen zu sein, vielgliederig
-ohne Leben und Bewegung zu verlieren. Es ist ein Beweis bedeutender
-Meisterschaft, wenn man sich dem Zuge der deutschen Sprache zu
-weitläufigen Satzgefügen überlassen darf, weil die strenge Fassung, die
-nichts Ueberflüssiges hinzufügt, die Möglichkeit eines Vorwurfs der
-Weitläufigkeit nicht einmal aufkommen läßt.
-
-Noch verschlungener werden sie, wenn sich die mittelbare Rede zu
-entfalten beginnt, sei es, daß sie den Dialog einführe, oder über
-Seelenvorgänge berichte. Selten nur wird durch steigende Lebendigkeit
-die mittelbare Rede in die unmittelbare fortgerissen, wie in folgender
-Periode, die ebenfalls charakteristisch ist:[9] »Luther, der unter
-Schriften und Büchern an seinem Pulte saß, und den fremden besonderen
-Mann die Thür öffnen und hinter sich verriegeln sah, fragte ihn: _wer_
-er sei und was er wolle? _und_ der Mann, _der_ seinen Hut ehrerbietig in
-der Hand hielt, hatte nicht sobald mit dem schüchternen Vorgefühl des
-Schreckens, _den_ er verursachen würde, erwiedert: _daß_ er Michael
-Kohlhaas der Roßhändler sei; als Luther schon: »weiche fern hinweg!«
-ausrief, _und indem_ er vom Pult erstehend nach einer Klingel eilte,
-hinzusetzte: »dein Odem ist Pest und deine Nähe Verderben!« Häufig
-dagegen zieht sich die indirecte Rede leicht und geschickt durch die
-längsten Wendungen hin, bisweilen freilich, auch über die Grenze des
-Erlaubten hinaus. So wird z. B. in der »Marquise von O.« der Inhalt
-einer Rede in einer Reihe von Sätzen, die durch ein fünfzehnmal
-wiederholtes daß -- daß -- verbunden sind, wiedergegeben.[10] Ich weiß
-nicht, ob Kleist die Novellen des Cervantes studiert oder auch nur
-gekannt hat; aber lebhaft wird man an die hohe Gegenständlichkeit der
-Darstellung, an den vollen klaren Fluß der getragenen Perioden des
-Spaniers erinnert.
-
-Doch auch bei dem Meister ist das wahrhaft Vollendete immer noch nicht
-das Gewöhnliche. Jeder Schriftsteller hat Angewohnheiten des Stils,
-geringfügig scheinende Eigenthümlichkeiten, die um so häufiger sein
-können, je leichter sie sich dem Blick, der auf das Ganze gerichtet ist,
-entziehen. Aber er kommt dadurch in Gefahr, aus dem Stil in die Manier
-zu gerathen, und er wird ihr verfallen, wenn der freie Ausdruck des
-Inhalts von der bequemen Gewohnheit geleitet wird, statt sie zu leiten.
-Wie Goethe hat auch Kleist dergleichen Angewohnheiten. Es ist die
-Vorliebe für gewisse Bindewörter, die er gebraucht, um die Spannung des
-Lesers zu steigern oder herabzustimmen. Am auffallendsten ist das
-unzählige Mal wiederkehrende »dergestalt daß«, das er als anschaulichere
-Redeweise dem nüchtern »so daß« vorzieht. Durch alle Erzählungen läßt
-sie sich verfolgen, im Kohlhaas allein sind ohne große Mühe ein Paar
-Dutzend Beispiele dafür aufzufinden. Nicht minder häufig ist der
-Gebrauch von »gleichwohl«, wo es eine Bedingung, einen unerwarteten
-Gegensatz ankündigen soll, den man mit »dennoch, dessen ungeachtet«
-einleiten würde. Ferner die gleichzeitige Ereignisse oder Erwägungen
-vorführende Redensart »nicht sobald -- als«, für »kaum, in dem
-Augenblick als«; ebenso »inzwischen«, dann das gleichgültige oder
-ungeduldig abweisende »gleichviel«, das bedingende »falls« für »wenn.«
-Alle diese Lieblingswendungen sind auch den Dramen, namentlich dem
-prosaischen Dialog, nicht fremd.[11] Dagegen hat sich Kleist von einem
-andern Fehler, dem auch die Größten verfallen sind, um so reiner
-erhalten, von widerlich störender Wortmengerei. Fremdwörter braucht er
-in der Regel nur da, wo etwa Kunstausdrücke unvermeidlich sind, überall
-bietet sich ihm an der rechten Stelle das rechte deutsche Wort ungesucht
-dar. Hier übertrifft er Schiller und den alternden Goethe bei weitem. Es
-ist der Ausdruck seiner deutschen Natur; eben darum greift er auch
-bisweilen selbst im Verse zu Provinzialismen, die nichts weniger als
-edel, aber sehr bezeichnend sind.
-
-Faßt man dies Alles zusammen, den künstlerischen Bau der Perioden, seine
-Vorliebe für die mittelbare Rede, die Reinheit seines Ausdruckes, die
-unbewußten stilistischen Gewohnheiten, so gewinnt man eine Anzahl von
-Merkmalen, nach denen sich mit ziemlicher Gewißheit feststellen läßt, ob
-man es mit Kleist's Wort und Schrift zu thun habe oder nicht.
-
-
-
-
- II.
-
-
-Die vier satirischen Briefe bilden gewissermaßen ein dramatisches
-Ganzes, sehr verschiedene Personen sprechen sich über dieselben
-Ereignisse, jede in ihrer Weise aus. Der rheinbündische Officier, das
-Landfräulein, der Burgemeister; diesen ironischen Charakteren steht der
-politische Pescherü mit seinen einfachen Betrachtungen als Chor
-gegenüber. Der erste Brief ist in kurz abschneidender französirender
-Standessprache geschrieben. Das Landfräulein schreibt, wie schon der
-Eingangssatz beweist, in der verschlungenen Weise Kleist's;
-architectonisch durchgeführt sind Perioden wie die »Allein, wenn die
-Ansicht u. s. w.« oder: »Aber die Beweise, die er mir, als ich zurückkam
-u. s. w.«, denen die beiden letzten des Briefes, mit ihrem »inzwischen«
-und »gleichwohl« an die Seite gestellt werden können. In dem Schreiben
-des Burgemeisters (I, 1, 3) gilt es, die pedantische Langstiligkeit
-amtlicher Erlasse darzustellen; der Wortschwall ironisirt sich selbst,
-er soll betäuben und über die Schmählichkeit des Inhalts täuschen.
-Bezeichnend ist die unübersehbare Periode: »Indem wir euch nun diesem
-Auftrage gemäß u. s. w.«
-
-Der Brief des politischen Pescherü (I, 1, 4) stellt neun genau abgefaßte
-Fragen auf; in der fünften heißt es: »Ist er es, der den _König_ von
-Preußen -- zu Boden geschlagen hat, und auch selbst nach dem Frieden
-noch mit seinem _grimmigen Fuß auf dem Nacken_ desselben _verweilte_«?
-Diese Bezeichnung vollständigster Vernichtung ist ein Lieblingsbild
-Kleist's. Im fünften Auftritt der Penthesilea sagt Asteria:
-
- Den _Fußtritt_ will er, und erklärt es laut,
- _Auf deinen königlichen Nacken setzen_;
-
-im neunten Auftritt wiederholt Penthesilea:
-
- Laßt ihn den _Fuß gestählt_, es ist mir recht,
- _Auf diesen Nacken setzen_!
-
-Und die Hermannsschlacht beginnt mit den Worten:
-
- Rom, dieser Riese, der --
- _Den Fuß auf_ Ost und Westen _setzet_,
- Des Parthers muthgen _Nacken_ hier,
- Und dort den tapfern Gallier _niedertretend_.
-
-Unter 7 heißt es im Briefe: »Ist er es, der -- Preußen, _den letzten
-Pfeiler Deutschlands sinken_ sah« --? Und in den ersten Versen der
-Hermannsschlacht:
-
- Und Hermann der Cherusker endlich,
- Zu dem wir, als _dem letzten Pfeiler_ uns
- Im allgemeinen _Sturz Germanias_ geflüchtet --
-
-Endlich in der neunten Frage wird auf den Kaiser Franz folgendes
-Gleichniß angewendet: »der wie Antäus, _der Sohn der Erde, von seinem
-Fall erstanden ist, um_ das Vaterland _zu retten_.« In dem Gedichte vom
-1. März 1809 an denselben singt Kleist:
-
- O Herr, du trittst, der Welt _ein Retter_,
- Dem Mordgeist in die Bahn,
- Und wie _der Sohn der_ duftgen _Erde_
- _Nur sank, damit_ er stärker werde,
- _Fällst du_ von Neu'm ihn an.[12]
-
-Die Fabel »die Bedingung des Gärtners« entspricht in ihrer Fassung den
-beiden Fabeln, die 1808 im Phöbus erschienen.
-
-In ganz anderem Ton ist das »Lehrbuch der französischen Journalistik«
-gehalten. Obgleich die knappe Form dieser geschlossenen Reihe von
-Erklärungen, Lehrsätzen, Aufgaben und Beweisen der entfalteten Rede
-keinen Raum gestattet, so haben sich doch auch hier die
-Lieblingswendungen eingeschlichen. Es ist bekannt, welche Neigung Kleist
-für diese Darstellungsweise und den strengen Beweis hatte. Wie er zuerst
-meinte, seine Lebensaufgabe auf dem Gebiete der Mathematik gefunden zu
-haben, so ist er auch später, namentlich in den Briefen, geneigt, wo die
-Leidenschaft nicht durchbricht, seine Gedanken in streng logische
-Formeln zu bringen. Leider ist das Lehrbuch der Journalistik in 25
-Paragraphen unvollständig. Wahrscheinlich hatte er es zu Ende geführt,
-doch sind die letzten Blätter verloren gegangen. Den obersten
-Grundsätzen und Definitionen folgt im Paragraph 10 die Eintheilung der
-Journalistik mit dem ersten Capitel: »Von der Verbreitung der
-wahrhaftigen Nachrichten« in zwei Artikeln »von den guten und den
-schlechten Nachrichten«; ein zweites Capitel von der Verbreitung
-falscher Nachrichten mußte folgen, und dieses fehlt.
-
-In dem »Katechismus der Deutschen« hat Kleist die Einförmigkeit des
-katechisirenden Tons, in dem die Antwort das Echo der Frage ist, so zu
-beleben gewußt, daß er durchaus charakteristisch wird, und einzelne
-Redewendungen von Vater und Sohn an den dramatischen Dialog, etwa die
-einfachen Gegenreden Käthchens in der ergreifenden Scene mit ihrem Vater
-erinnern.[13] Auch andere Anklänge fehlen nicht. Die Schilderung des
-Erzfeindes findet an mehr als einer Stelle ihr Seitenstück. Sie lautet
-7: »Als _einen der Hölle entstiegenen Vatermörder_, der herumschleicht
-_in dem Tempel der Natur und an allen Säulen rüttelt_, auf welchen er
-gebaut ist.« Im Käthchen von Heilbronn schleudert der alte Theobald dem
-Grafen Strahl folgende Worte zu:
-
- Ein glanzumflossener _Vatermördergeist_,
- _An jeder der_ granitnen _Säulen rüttelnd_,
- _In dem_ urewigen _Tempel der Natur_,
- Ein Sohn _der Hölle_, den u. s. w.
-
-In der Hermannsschlacht sind Raub, Brand und Mord ein
-»_höllenentstiegener_ Geschwisterreigen« und in dem Gedichte »Germania
-an ihre Kinder« ist es »eines _Höllensohnes_ Rechte«, die das eiserne
-Joch der Knechtschaft auferlegt. Im Katechismus 9 soll, wer weder liebt
-noch haßt, wenn es sich um die Freiheit des Vaterlandes handelt, in die
-tiefste, siebente Hölle, in der Hermannsschlacht der Verräther in die
-neunte Hölle stürzen. Dort wird die Frage verneint, ob nicht »das Blut
-vieler tausend Menschen nutzlos geflossen, die _Städte verwüstet_ und
-_das Land verheert_ worden sei«, wenn man im Kampf unterliege. In
-dichterischer Sprache wird derselbe Einwand abgewiesen »Germania und
-ihre Kinder«:
-
- Nicht die Flur ist's, die zertreten
- Unter ihren Rossen sinkt,
- Nicht der Mond, der in den Städten
- Aus den öden Fenstern blinkt,
- Nicht das Weib, das mit Gewimmer
- Ihrem Todeskuß erliegt.[14]
-
-Die drei folgenden Stücke (I, 2, 1-3) sind nicht blos ein persönlicher
-Gefühlserguß, sondern Aufrufe an das Volk, die Kampf und Rache erwecken
-sollen. Das erste kündet sich als »Einleitung« einer Zeitschrift an, und
-ist im Tone der glühendsten vom Hasse eingegebenen Beredsamkeit
-geschrieben; der Erzherzog Karl ist der volksthümliche Held, »_der
-Bezwinger des Unbezwungenen_«, oder, wie er in dem Siegesliede nach der
-Schlacht von Aspern genannt wird, »der _Ueberwinder des
-Unüberwindlichen_.« Germania soll der Name dieser Zeitschrift sein;
-»_Hoch auf den Gipfel der Felsen_ soll sie sich stellen, und den
-_Schlachtgesang herabdonnern ins Thal_«, wie in dem Gedichte Germania
-ihren Kindern zuruft:
-
- Mit dem Spieße, mit dem Stab
- Strömt _ins Thal der Schlacht hinab_!
- -- --
- _Das Gebirg hallt donnernd_ wieder --
- -- --
- Und vom _Fels herab_ der Ritter,
- Der sein Cherub, _auf ihm steht_.
-
-Die Germania der Zeitschrift will singen: »Vaterland, -- welch _ein
-Verderben seine Wogen_ auf dich _heranwälzt_.« In dem letzten Lied
-
- Kommt _das Verderben_ mit entbundenen _Wogen_
- Auf Alles, was besteht, _herangezogen_.
-
-Jene will »_die Jungfrauen des Landes herbeirufen_, wenn der Sieg
-erfochten ist, daß _sie sich_ niederbeugen über die, so gesunken sind«;
-und das Lied an den Erzherzog Karl nach der Schlacht bei Aspern singt:
-
- Siehe, die _Jungfraun rief ich herbei des Landes_,
- Daß sie zum Kranz den Lorbeer flöchten.[15]
-
-Der Grundton der Einleitung ist in dem Gedicht Germania zum gewaltigen
-Schlachtgesang geworden, und kaum wird man sich der Ueberzeugung
-verschließen können, gerade für die Eröffnung dieser Zeitschrift sei es
-geschrieben worden. Der Schluß der Einleitung fehlt; dagegen scheint das
-folgende Stück, das ohne Ueberschrift mit dem aus einer andern Schrift
-entlehnten Aufrufe »Zeitgenossen!« beginnt, von Kleist selbst nicht
-abgeschlossen zu sein, wenigstens die Abschrift ist nicht vollständig,
-denn mit dem Ausrufe »Was?« bricht der Text mitten auf der Seite ab. Es
-sollen diejenigen, die sich auf den Trümmern des Vaterlandes in die
-bequeme Ruhe der Ungläubigkeit einwiegen, aufgeschreckt und ihnen die
-Augen über den Abgrund, an dem sie stehen, geöffnet werden. Das Ziel des
-Kampfes wird bezeichnet in dem Aufruf »Was gilt es in diesem Kriege?«
-Wenn es heißt: »Deren (der deutschen Nation) Unschuld selbst in dem
-Augenblick noch, da der Fremdling sie belächelt oder wohl gar
-verspottet, sein Gefühl geheimnißvoll erweckt, dergestalt daß« -- so
-giebt dazu die Hermannsschlacht ein treffendes Beispiel, wo der Römer
-von dem Deutschen sagt:
-
- In einem Hämmling ist, der an der Tiber graset,
- Mehr Lug und Trug, muß ich Dir sagen,
- Als in dem ganzen Volk, dem er gehört.[16]
-
-Erst im Zusammenhange mit den früheren Stücken erscheint dieser Aufruf,
-der weder abgeschlossen noch auch das bedeutendste Stück ist, im rechten
-Lichte; um so weniger ist zu begreifen, wie Bülow gerade dies zur Probe
-mittheilen konnte, um dadurch seine Verurtheilung der anderen
-gehaltreicheren Blätter zu rechtfertigen.
-
-Mit den bekannten politischen Gedichten Kleist's stehen diese Aufsätze
-in nächster Verbindung; sie sind der Ausdruck derselben Zeit und
-Stimmung, wie die Hermannsschlacht von 1808, die Gedichte an den Kaiser
-Franz und den Erzherzog Karl aus dem Frühjahr 1809, und Germania an ihre
-Kinder. Der erste satirische Brief ist unter der Einwirkung des
-beginnenden Krieges von 1809 geschrieben, wie die Hindeutung auf die
-unglücklichen Kämpfe um und in Regensburg vom 19. bis 23. April beweist;
-Napoleons siegverkündendes Bülletin, dessen erwähnt wird, ist vom 24.
-April datirt. Der vierte Brief schließt sich an einen Artikel des
-Nürnberger Korrespondenten aus denselben Tagen an. Die österreichischen
-Landwehren, welche die Fabel anredet, waren durch Erlaß vom 9. Juni 1808
-ins Leben gerufen; die Erhebung der Spanier, auf welche die Ueberschrift
-des Katechismus anspielt, hatte im Mai 1808, der Tiroler, deren im Text
-gedacht wird, am 9. April 1809 begonnen. Dagegen findet sich nichts, was
-auf den Sieg von Aspern am 21. und 22. April 1809 hinwiese. Also diese
-fünf Stücke werden Ende April oder Anfang Mai entstanden sein. Ganz
-anders lautet der Ton nach der Schlacht von Aspern in der Einleitung zur
-Germania; der erste Athemzug der deutschen Freiheit sollte diese
-Zeitschrift sein. Derselben Zeit gehören auch die beiden andern Nummern
-an. Da folgte die Schlacht von Wagram, und Sieg und Hoffnung, Muth und
-Zuversicht, Kraft und Begeisterung sind wiederum mit einem Schlage
-vernichtet.
-
-Den Versuch, den Kleist in Prag 1809 machen wollte, durch eine
-Zeitschrift auf die Volksstimmung zu wirken, hat er einmal vorher 1808
-in Dresden, ein anderes Mal nachher 1810 in Berlin wirklich gemacht.
-Dort sollte es eine künstlerisch wissenschaftliche, hier eine
-vaterländische sein. Jenes ist der Phöbus, »ein Journal für die Kunst,«
-zu dessen Herausgabe er sich mit Adam Müller und dem Maler Ferdinand
-Hartmann verbunden hatte, dieses die »Berliner Abendblätter.« Prächtig
-ausgestattet, auf weißem Papier in Quart, groß gedruckt, mit
-kupfergestochenen Umrissen erschien der Phöbus in monatlichen Heften,
-auf deren Umschlag der emporsteigende Sonnengott mit seinem Viergespann
-zu sehen war. Kleist erblickte wirklich eine neue Hoffnungssonne in
-diesem Unternehmen. Aus der Zeitschrift sollte eine Buch-, Karten- und
-Kunsthandlung erwachsen, in die er und seine Freunde nach dem Vorbilde
-der Fugger und Medici alles hineinwerfen sollten, was man auftreiben
-könne. Dichter und Buchhändler zugleich zu sein, darin lag die Hoffnung
-des großen Looses; außerdem war Novalis Nachlaß, Beiträge von Goethe und
-Wieland zugesagt. Ruhmredig pries Adam Müller seinem Freunde Gentz, daß
-es wohl noch keine ähnliche Verbindung der Poesie und Philosophie und
-der bildenden Kunst gegeben, und meinte jede Vergleichung mit den Horen,
-als »einer Art von sonntäglicher Retraite oder Ressource«, und selbst
-mit dem Athenäum abweisen zu können. Dennoch war es kein Treffer; die
-gehofften Mittel und Beiträge blieben aus, mit der Mißgunst der
-Buchhändler waren die noch mißgünstigeren Zeitumstände im Bunde, und
-schon im August 1808 ward es Kleist deutlich, das Journal werde sich auf
-die Dauer nicht halten. Am Ende war man zufrieden, es der Waltherschen
-Buchhandlung in Dresden überlassen zu können, und mit dem zwölften
-Monatshefte des Jahres 1808 hörte es auf. Für uns liegt der überwiegende
-Werth desselben darin, daß Kleist es zur ersten Niederlage seiner
-bedeutendsten Dichtungen gemacht hat.[17]
-
-In dem unscheinbarsten Gewande, der Zeit angemessen, wo man alle
-Veranlassung hatte, geräuschlos zu wirken, traten die Berliner
-Abendblätter seit dem 1. October 1810 auf. Klein Octav, graues
-Löschpapier, stumpfe Lettern, die von mittlerer Größe, unter Anwendung
-aller Hülfen der Raumersparniß, bis zu den kleinsten Augentödtern
-hinabstiegen, durch zahllose Druckfehler entstellt, bieten sie einen
-ungemein kümmerlichen Anblick dar; äußerlich stehen sie auf einer Stufe
-mit dem bekannten Berliner Localblatte, der Beobachter an der Spree.
-Kein Programm war vorangeschickt, das über den Zweck des Blatts
-Andeutungen gegeben hätte, selbst in der ersten Nummer nannten sich
-weder Redacteur noch Buchdrucker, und erst unter dem 22. October trat
-Kleist in einer von ihm unterzeichneten Erklärung aus dem Dunkel hervor,
-während die buchhändlerische Spedition von J. E. Hitzig übernommen
-wurde. Diese dürftigen Blätter haben einige bekannte Dichtungen Kleist's
-in die Welt zuerst eingeführt; sie enthalten aber noch weit mehr, theils
-unter seinem Namen, theils unter verschiedenen Zeichen, was nachher im
-Sturm eines halben Jahrhunderts verweht und vergessen worden ist. Damals
-wenig beachtet, sind sie jetzt ein wichtiges Hülfsmittel zur Litteratur
-und Würdigung des Dichters. Doch gehört ein vollständiges Exemplar zu
-den größten Seltenheiten des Büchermarkts. Tieck muß sie bei der
-Herausgabe des Nachlasses noch gehabt haben; in der Vorrede sagt er, daß
-sie »ungleich und oft flüchtig von verschiedenen Verfassern geschrieben,
-doch manches Erfreuliche von ihm (Kleist) enthalten,« doch geht er auf
-eine Ausscheidung desselben nicht ein.[18] Bülow erhielt beim Abschlusse
-seines Buchs, wie er in der Vorrede sagt, noch ein Exemplar; doch ist es
-entweder nicht vollständig gewesen oder von ihm nicht vollständig
-benutzt worden, denn in dem Anhange giebt er nur zwei Stücke »über das
-Marionettentheater« und »eine Anekdote aus dem letzten preußischen
-Kriege«; das Uebrige bezeichnet er »als unbedeutende gelegentliche
-Aufsätze und Bemerkungen.«[19] Auch der neueste Herausgeber Julian
-Schmidt hat der Abendblätter nicht habhaft werden können. Ich würde mich
-in gleicher Lage befinden, wenn mich nicht Herr Freiherr W. v. Maltzahn
-durch die freundschaftliche Mittheilung derselben aus seinem reichen
-Bücherschatze in den Stand gesetzt hätte, diese verschüttete Quelle
-durch eigene Untersuchung wieder zu öffnen. Vor mir liegen 75 Blätter
-vom 1. October bis 28. December 1810, ein volles Quartal. Aber wie sich
-aus dem Briefe Kleist's an F. v. Raumer vom 21. Februar 1811 in dessen
-kürzlich erschienenen Lebenserinnerungen und Briefwechsel ergiebt, sind
-die Abendblätter erst gegen Ende dieses Monats eingegangen; die letzten
-Nummern scheinen ganz verschollen zu sein. Mitarbeiter waren Adam
-Müller, A. v. Arnim, Brentano, Friedrich Schulz, Fouqué und einige
-andere. Doch litt das Unternehmen an innerer Planlosigkeit, es brachte
-bunt zusammengewürfelte Artikel über Fragen der innern Politik und das
-Theater, dichterische Beiträge und Polizeiberichte, und scheiterte
-zuletzt an dem Zerwürfniß mit den obersten Staatsbehörden, auf deren
-Unterstützung Kleist nicht ohne Selbsttäuschung gerechnet hatte, wie
-seine leidenschaftliche Anklage F. v. Raumers beweist.
-
-Er selbst hat zahlreiche und sehr verschiedenartige Beiträge geliefert.
-Aus der Ermittelung und Zusammenstellung derselben wird sich eine nicht
-ganz geringe und kaum noch gehoffte Nachernte ergeben, die ich mit den
-vorher besprochenen handschriftlichen Bruchstücken zu einem Ganzen
-verbinde.
-
-Einiges steht durch die Unterzeichnung, anderes durch den Inhalt fest.
-Durch sein offenkundiges H. v. K. bekennt er sich am 5. October zu der
-»Ode auf den Wiedereinzug des Königs im Winter 1809«; am 17. October zu
-dem Artikel »Theater. Unmaßgebliche Bemerkung«; am 12. December zu dem
-Aufsatze »über das Marionettentheater.« Anerkannt hat er durch Aufnahme
-in den zweiten Band der Erzählungen 1811 »das Bettelweib von Locarno«
-vom 11. October, und »die heilige Cäcilie oder die Gewalt der Musik,
-eine Legende« hier mit dem Zusatze »Zum Taufangebinde für Cäcilie M....«
-vom 15. November, die erste mit ^mz^, die andere ^yz^ unterzeichnet. Er
-wandte also verschiedene Schriftstellerzeichen an, je nachdem er
-erkannt, errathen oder verborgen bleiben wollte. Die Wahl solcher
-Chiffern ist freilich durchaus willkürlich, und der Versuch ohne
-anderweitige Bürgschaft aus ihnen einen Schluß auf den Verfasser zu
-ziehen, wäre sehr mißlich. Doch sollte der Schriftsteller in diesen
-Dingen auch kein entschiedenes System gehabt haben, dennoch wird man
-irgend eine Art von Folgerichtigkeit annehmen dürfen; wahrscheinlich
-werden die einmal gebrauchten Zeichen, sei es in etwas abweichender oder
-derselben Verbindung wiederkehren. Auch Kleist wird die Buchstaben ^m^,
-^x^, ^y^, ^z^ wiederholt angewendet haben, und wenn ihnen Auffassung und
-Darstellung zustimmen, wird man mit annähernder Gewißheit aussprechen
-können, ob ein Stück von ihm sei oder nicht.
-
-Zunächst nach diesen äußeren Zeichen stelle ich die Aufsätze zusammen:
-^xy^ ist unterzeichnet der Artikel »Theater« vom 4. October (I, 4, 4
-dieser Nachlese). ^x^: die »Einleitung, Gebet des Zoroaster« vom 1.
-October (I, 2, 4); »Anekdote aus dem letzten Kriege« vom 20. October (I,
-3, 6); »von der Ueberlegung, eine Paradoxe« vom 7. Decbr. (I, 2, 5).
-^y^: »Brief eines Mahlers an seinen Sohn« vom 22. October (I, 4, 2);
-»Schreiben aus Berlin vom 28. October« unter dem 30. Oct. (I, 4, 6);
-»Brief eines jungen Dichters an einen jungen Mahler« 6. November (I, 4,
-3). ^z^: »Betrachtungen über den Weltlauf« 9. October (I, 2, 6). ^xyz^:
-»Der Branntweinsäufer und die Berliner Glocken, eine Anekdote« 19.
-October (I, 3, 7). Das Zeichen ^mz^ erscheint in Verbindung mit ^r^.
-^rmz^ ist gezeichnet »Nützliche Erfindungen, Entwurf einer Bombenpost«
-12. Octbr. (I, 5, 2); ^rm^ »Aëronautik« 29., 30. October (I, 5, 4).
-^rz^: »Der verlegene Magistrat, eine Anekdote« 4. October (I, 3, 9).
-^r^: »Muthwille des Himmels, eine Anekdote« 10. October (I, 3, 5). Ein
-anderes Mal gesellt sich zu ^x^ noch ^p^. ^xp^ erscheint unter drei
-Epigrammen, 24., 31. October (II, 3, 3).
-
-Hier verlassen uns diese Spuren; doch nehme ich für Kleist noch eine
-Anzahl Stücke, die entweder völlig abweichende oder gar keine Zeichen
-haben, aus inneren Gründen in Anspruch. Zwei gereimte Epigramme, 12.,
-30. Octbr. (II, 3, 3) unter ^st^. Zu dem Aufsatz »Empfindungen vor
-Friedrich's Seelandschaft« (I, 4, 1) ^cb^ unterzeichnet, hat er sich in
-der folgenden Erklärung vom 22. October selbst bekannt: »Der Aufsatz der
-Hrn. L. A. v. A. und C. B. über Hrn. Friedrich's Seelandschaft (S. 12te
-Blatt) war ursprünglich dramatisch abgefaßt; der Raum dieser Blätter
-erforderte aber eine Abkürzung, zu welcher Freiheit ich von Hrn. A. v.
-A. freundschaftlich berechtigt war. Gleichwohl hat dieser Aufsatz
-dadurch, daß er nunmehr ein bestimmtes Urtheil ausspricht, seinen
-Charakter dergestalt verändert, daß ich zur Steuer der Wahrheit, falls
-sich dessen jemand noch erinnern sollte, erklären muß: nur der Buchstabe
-desselben gehört den genannten beiden Hrn.; der Geist aber und die
-Verantwortlichkeit dafür, so wie er jetzt abgefaßt ist, mir. H. v. K.«
-
-In dieser Erklärung liegt ein Widerspruch. Hatte er Arnim's und
-Brentano's Dialog (denn das allein kann mit der »dramatischen« Form
-gemeint sein) in diese Betrachtung umgesetzt, so gehörte ihm sicherlich
-auch der Buchstabe an; sein Stil ist es unverkennbar. Durch das Zeichen
-^cb^ wollte er, wie es scheint, Clemens Brentano's Autorschaft wahren.
-
-Kleist gehören ferner an: ^vaa^ bezeichnet die Erzählung »Warnung gegen
-weibliche Jägerei« 5., 6. November (I, 3, 1); ^ava^, eine Umstellung des
-vorigen, »die sieben kleinen Kinder« 8. Nov. (I, 4, 7); M. F. die beiden
-Erzählungen »die Heilung« vom 29. November und »das Grab der Väter« 5.
-December (I, 3, 2. 3); und »Allerneuester Erziehungsplan« unterzeichnet
-Levanus 29. October (I, 5, 1). Ohne jedes Zeichen sind folgende Stücke:
-»Der Griffel Gottes«, eine Anekdote 5. October (I, 3, 4); »Anekdote aus
-dem letzten preußischen Kriege« 6. October in Bülow's Nachtrag;
-»Charité-Vorfall« 13. October (I, 3, 10); »Schreiben aus Berlin« 15.
-October (I, 5, 3); »Anekdote« 24. October (I, 3, 11); »Räthsel« eine
-Anekdote, 1. Novbr. (I, 3, 12); »Tages-Ereigniß« 7. Novbr. (I, 3, 8);
-»von einem Kinde, das kindlicher Weise ein anderes Kind umbringt« 13.
-November (I, 4, 8); »Legende nach Hans Sachs. Gleich und Ungleich« 3.
-November; und »Legende nach Hans Sachs. Der Welt Lauf.« 8. December (II,
-1, 2); endlich zwei Anekdoten, 22. November und 27. November (I, 3, 13.
-14).
-
-Diese Aufsätze, nach Werth und Inhalt sehr ungleich, gehen von der
-höchsten Betrachtung bis zur niedrigen Tagesanekdote hinab. Mit manchem
-Beitrag ist es ihm durchaus Ernst, andere sind nichts als Raumfüller und
-Lückenbüßer. Um den Beweis anzutreten, sie alle seien von einem
-Verfasser, und zwar von Kleist, war es nöthig, das Gleichartige in eine
-Klasse zu bringen; schon daraus mußte sich manches ergeben, was für die
-innere Zusammengehörigkeit spricht. Ich habe sie nach der prosaischen
-und dichterischen Form in zwei Abtheilungen geschieden, deren erste
-enthält: 1. Politische Satiren, 2. Politische Aufrufe und Betrachtungen,
-3. Erzählungen und Anekdoten, 4. Kunst und Theater, 5. Gemeinnütziges;
-worauf die wenigen versificirten Stücke unter dem zweiten Haupttitel
-folgen.
-
-Zu dem Politisch Historischen gehören drei Beiträge: die »Einleitung,
-Gebet des Zoroaster«, »von der Ueberlegung, eine Paradoxe« und
-»Betrachtungen über den Weltlauf« (I, 2, 4-6). Daß der Führer des
-Blattes die Einleitung geschrieben habe, läßt sich ohne Weiteres
-annehmen; sie athmet ganz seinen Geist in dem Ingrimm über das Elend des
-Zeitalters, die Erbärmlichkeit, Halbheit, Unwahrhaftigkeit und
-Gleißnerei, zu deren Bekämpfung er um Kraft betet. Denselben praktischen
-Zweck hat die Paradoxe; sie gilt den Deutschen, und findet im Gegensatze
-zu den Franzosen den Quell ihres Elends in dem unverhältnißmäßigen
-Uebergewicht der gepriesenen Ueberlegung, die den lähmenden Zwiespalt
-zwischen Denken und Handeln hervorruft. Wie im Katechismus richtet ein
-Vater diese Rede an seinen Sohn. »Die Ueberlegung,« sagt er »scheint nur
-die _zum Handeln_ nöthige _Kraft, die aus dem herrlichen Gefühle
-quillt_, zu verwirren, zu hemmen und zu unterdrücken.« Aehnlich im
-Katechismus 9: »Sie (die Deutschen) reflectirten, wo sie empfinden, oder
-handeln sollten, meinten alles durch ihren Witz bewerkstelligen zu
-können, und gäben nichts mehr auf _die_ alte _geheimnißvolle Kraft der
-Herzen_.« Dort wie hier spielt das Gleichniß vom Ringer durch. In der
-Paradoxe heißt es: »Der _Athlet_ kann _in dem Augenblick_, da er seinen
-Gegner umfaßt hält, schlechterdings nach keiner andern Rücksicht --
-verfahren -- aber nachher, wenn er gesiegt hat oder _am Boden_ liegt,
-mag es zweckmäßig sein -- zu überlegen, durch welchen Druck er seinen
-Gegner _niederwarf_.« Und im Katechismus 7: »Das wäre ebenso feig, als
-ob ich die Geschicklichkeit, die einem Menschen im _Ringen_ beiwohnt,
-_in dem Augenblick_ bewundern wollte, da er mich _in den Koth wirft_ und
-mein Antlitz mit Füßen tritt.« Derselbe Gedanke endlich, Kraft und That
-seien früher als Erkenntniß und Betrachtung, das politische Handeln
-älter als dessen Darstellung durch die Kunst, die Reflexion das Zeichen
-des Verfalls und der Ohnmacht, erhebt sich in den »Betrachtungen über
-den Weltlauf« zur geschichtsphilosophischen Höhe. Stilistisch sprechen
-die langen Perioden, in dem letzten Stück der indirecte Satz mit seinem
-fünfmaligen -- »daß« -- für Kleist.
-
-Unter I, 3, 1-3 folgen drei etwas ausgeführtere Erzählungen »Warnung
-gegen weibliche Jägerei« ^vaa^, »die Heilung« und »das Grab der Väter«,
-beide M. F. gezeichnet. Das könnte etwa auf Fouqué zu deuten scheinen,
-doch hat dieser nur wenige unbedeutende Zeilen unter d. l. M. F.
-beigesteuert; auch hat der Stil durchaus nichts von seiner Manier. Diese
-drei Erzählungen gehören zusammen, sie sind von einem Verfasser; in
-allen dieselbe Anschaulichkeit, dieselbe Lebendigkeit der Darstellung,
-verschlungene Perioden und indirect wiederholte Reden und Betrachtungen.
-Mit ungemeiner Kraft, höchst ergreifend ist in der »Heilung« die Spitze
-der ganzen Begebenheit in eine einzige Periode zusammengedrängt: »Wie
-mußte nun dem Leichtsinnigen zu Muthe werden«, u. s. w. die in wenigen
-Strichen ein Grauen erregendes Bild vorführt. Auch »dergestalt daß«
-fehlt hier nicht. In gleicher Weise wird in dem »Grab der Väter« die
-Summe des Ganzen in einem Bilde, in einer Periode ausgesprochen. »Da
-standen sie aber plötzlich« u. s. w. Die erste Erzählung ist mehr
-humoristischer Natur. Alle drei stehen auf der Grenze der Erzählung und
-Anekdote und schließen sich insofern dem »Bettelweib von Locarno« an,
-einer Anekdote spukhaften Inhalts, welche die Reihe dieser kleinen
-Skizzen, die den Rahmen des Blattes füllen, eröffnet.
-
-Es folgt eine Gallerie von elf Anekdoten verschiedenen Inhalts, zum
-Theil als solche bezeichnet; einige sehr charakteristisch und
-unmittelbar dem Leben entlehnt, der Form nach Papierschnitzel, die
-nebenher vom Schreibtisch abgefallen waren. Manche mochten Züge sein,
-die zu künftiger Verwendung in irgend einem größeren Bilde vorläufig
-hingeworfen waren. »Der Griffel Gottes« (I, 3, 4), ohne Unterzeichnung,
-trägt das Gepräge einer solchen Notiz zu einer später auszuführenden
-Erzählung. Ins Lächerliche wird das Grausige verkehrt in der Anekdote
-»Muthwille des Himmels« ^r.^, in der man Kleist's Feder wieder erkennen
-wird. Auch spricht der Schauplatz dafür, seine Vaterstadt Frankfurt an
-der Oder, wo er dies Geschichtchen gehört haben mochte. Es ist wie die
-folgenden 6 bis 9 eine der beliebten Militairanekdoten. Kleist war
-diesen Kreisen, seiner abweichenden Denk- und Lebensweise ungeachtet,
-nicht entfremdet; noch 1810 war von seinem Rücktritt in den Dienst in
-allem Ernst die Rede.[20] Bei der lebhaften Theilnahme, die man nach
-altpreußischer Ueberlieferung an militairischen Dingen nahm, und der
-Beschränkung, der die Tagesblätter damals doppelt unterlagen, war es
-nicht zu verwundern, wenn kleine Soldatengeschichten, Witze und
-Disciplinarfälle einen willkommenen Stoff darboten. War doch der Soldat
-neben dem Schauspieler der einzige öffentliche Charakter! Eine
-eigenthümliche Art dieser Anekdoten bilden die Züge der Tapferkeit
-Einzelner, die man aus den Nachrichten des letzten Krieges zu sammeln
-begann. Zum Troste über die Vergangenheit, daß der alte Geist wieder
-erwachen werde, suchte man sie auf. In dem Sinne nahm Kleist diese
-kleinen Geschichten; den unter der Asche glimmenden Funken dachte er
-wohl mit solchen Erinnerungen, soweit er vermochte, zu unterhalten. Von
-den beiden Anekdoten aus dem letzten preußischen Kriege ist die erste,
-die Bülow bereits mitgetheilt hat, gar nicht, die zweite ^x^
-unterzeichnet. Mit dieser dramatischen Lebendigkeit konnte nur Kleist
-den preußischen Husaren vorführen, der in der Nähe des siegreichen
-Feindes seinen Danziger mit größter Seelenruhe trinkt, sich schnäuzt,
-die Pfeife anzündet, über die Feinde herfällt, daß sie die »Schwerenoth
-kriegen« sollen, und auf drei französische Chasseurs »dergestalt«
-einhaut, »daß« sie aus dem Sattel stürzen. Die Umständlichkeit des
-dramatisch gehaltenen Gesprächs, das regelmäßig wiederkehrende »spricht
-er« für »sagte er« erinnert lebhaft an den Dialog zwischen Eva und dem
-Dorfrichter in der zweiten Bearbeitung des zerbrochenen Krugs. Wenn er
-sagt, auf der Reise nach Frankfurt habe er diese Geschichte in einem
-Dorfe bei Jena gehört, so konnte das damals geschehen sein, als er im
-Frühjahr 1807 nach Joux als Gefangener geführt wurde. Verwandt (und
-wieder nicht ohne »dergestalt daß«) aber cynisch und hoch humoristisch
-ist die Anekdote 6. Gleichgültiger sind die drei folgenden Geschichten,
-militairische Disciplinarfälle; 7 ^xyz^, 8 ohne Zeichen, 9 ^rz^.
-Komischen Inhalts sind die fünf letzten Anekdoten; 10, eine
-Tagesneuigkeit, zugleich eine Satire auf die Aerzte; 11 bis 14 sämmtlich
-ohne Zeichen, doch durch »gleichwohl« und »dergestalt daß« hinreichend
-kenntlich gemacht.
-
-Der vierten Abtheilung »Kunst und Theater« gehören acht Nummern an. Die
-beiden Briefe »eines Mahlers an seinen Sohn«, und »eines jungen Dichters
-an einen jungen Mahler«, mit ^y^ bezeichnet, gehören zu einander. Der
-erste, der ironisirend in dem einfachen Stil des kunstliebenden
-Klosterbruders beginnt, um cynisch zu enden, ist ein Ausfall gegen die
-junge Malerschule, der Gemüth und Andacht, Beruf und Studium ersetzen
-soll. Im zweiten fordert der Dichter den Maler auf, von dem
-verhimmelnden Nachbilden alter Meister abzustehen, weil der Künstler
-sein eigenes Innerste zur Anschauung bringen solle, da das wesentlichste
-Stück der Kunst »die Erfindung nach eigenthümlichen Gesetzen« sei. Die
-Dichtung soll mit der Malerei auseinandergesetzt werden. Schon im Phöbus
-hatte Kleist in einer Anmerkung zu dem Gedichte nach Hartmanns Gemälde
-»der Engel am Grabe des Herrn« etwas Aehnliches angekündet; er wollte in
-dieser fortgesetzten Verbindung zweier so verschiedener Kunstleistungen
-eine Sammlung von Beispielen geben, an denen vielleicht die alte
-wichtige Frage von den Grenzen der Malerei und Poesie erörtert werden
-könne.[21] Die folgenden Nummern dieses Abschnitts sind, mit Ausnahme
-der letzten Abhandlung »über das Marionettentheater«, gelegentliche
-Bemerkungen, die durch das Berliner Theater veranlaßt wurden. Die erste
-»Theater« ^xy^ (I, 4, 4) ist eine feine Kritik Iffland's, der sehr
-vorsichtig als Manierist bezeichnet wird. Die Hinweisung auf Kant's
-Kritik der Urtheilskraft an dieser Stelle läßt den Kantianer Kleist
-sogleich errathen. In der »unmaßgeblichen Bemerkung« (I, 4, 5) tritt er
-in seinem H. v. K. mit einem Angriffe auf die Theaterleitung offen
-hervor. Die Direction soll wahre Kritik üben; ist sie geneigt, der Menge
-zu schmeicheln, muß sie unter die Aufsicht des Staats gestellt werden.
-Nicht ohne Gereiztheit spricht er gegen Iffland, dem er in Folge der
-Zurückweisung des Käthchen von Heilbronn schon am 12. August 1810 einen
-sarkastisch bittern Brief geschrieben hatte. Das »Schreiben aus Berlin
-28. Oktober« ^y^ (»dergestalt, gleichwohl«) bei Gelegenheit der Oper
-Aschenbrödel; »die sieben kleinen Kinder« ^ava^, worin vom Theater
-größere Berücksichtigung des Volksthümlichen, besonders norddeutscher
-Dialecte gefordert wird; der Artikel ohne Zeichen »Von einem Kinde, das
-kindlicher Weise ein anderes Kind umbringt«, der an eine Anekdote
-geknüpft eine anerkennende Erwähnung des Vierundzwanzigsten Februar von
-Z. Werner enthält; das Alles sind mehr oder weniger Anklagen der
-Direction des Berliner Theaters, in denen sich das feindliche Verhältniß
-Kleist's und Iffland's abspiegelt.
-
-Endlich gemeinnützigen Inhalts sind die vier Nummern der fünften
-Abtheilung: »Allerneuester Erziehungsplan«, »Entwurf einer Bombenpost«
-^rmz^ (»dergestalt daß«), »Schreiben aus Berlin 15. Oktober« ohne
-Zeichen (»gleichwohl«), »Aëronautik« ^rm^ (»dergestalt daß«). Der erste
-Aufsatz trägt freilich nur die Maske der Gemeinnützigkeit, denn er ist
-eine Satire gegen die neuesten Erziehungsreformatoren; gegen Ende werden
-Pestalozzi und Zeller namentlich genannt. Schon in seinem Epigramme
-hatte Kleist den Pädagogen das bittere Wort gesagt:
-
- Setzet, ihr träft's mit eurer Kunst und erzögt uns die Jugend
- Nun zu Männern wie ihr: lieben Freunde, was wär's?
-
-Hier stellt er allen Plänen, die zum Heil der Menschheit gemacht werden,
-den originellen und humoristischen Gedanken entgegen, statt der
-Tugendschulen zur Abwechselung einmal Lasterschulen zu gründen und durch
-die Macht des Gegensatzes zu wirken. Daß Kleist der Verfasser sei,
-obgleich er in den einleitenden Worten und in den Anmerkungen als
-Kritiker dieser »abentheuerlichen Unternehmung« spöttisch und vorsichtig
-auftritt, beweist unzweifelhaft der periodisch ausgeführte Stil,
-namentlich in den erzählenden Episoden, wo er einmal sogar auf sein
-zeitweiliges Zusammenleben mit seiner Schwester anspielt. Die
-Unterschrift Levanus ist eine ironische Hinweisung auf Jean Paul's
-Levana, das Ganze kein geringer Beweis für seine satirische Ader. In den
-drei folgenden Aufsätzen werden Telegraphie und Post, die Frage, ob der
-Luftballon gelenkt werden könne, besprochen. Es sind Actenstücke zu
-Kleist's Leben, der als Techniker und erfindungslustiger Planmacher
-seine früheren Studien auf dem Gebiete der Naturwissenschaften praktisch
-zu verwenden sucht.
-
-Eine viel geringere Ausbeute bieten die Abendblätter für die zweite
-Hauptabtheilung; Beiträge in Versen sind die Ausnahme. Unter den drei
-Stücken, als deren Verfasser ich Kleist erkenne, sind die beiden
-Legenden nach Hans Sachs »Gleich und Ungleich« und »der Welt Lauf«, ohne
-Zeichen, Holzschnitte in der Art des alten Meisters, dem nur die
-Grundzüge angehören, und deren freie Behandlung nicht minder meisterhaft
-ist.[22] Diese Verse erinnern an das Gedicht der Engel am Grabe des
-Herrn; nur sind sie, dem Stoffe gemäß, in den humoristischen Ton
-umgebogen. Der Dialog mit dem regelmäßig eingeschalteten »spricht er«,
-die dramatisch lebendigen Gestalten des tölpelhaften Knechts und der
-flinken Magd lassen Kleist's Hand nicht verkennen. In den fünf
-Epigrammen ^xp^ und ^st^ wechseln, wie in seinen anerkannten, Frage und
-Antwort; die Distichen sind metrisch hier wie dort gleich unbeholfen.
-
-
-
-
- III.
-
-
-Ueberblickt man diese Nachträge, so gehören sie, mit Ausnahme der
-dramatischen, allen Stilgattungen Kleist's an; es sind Erzählungen in
-Prosa und Versen, Dialoge, Briefe, Betrachtungen. Von einer neuen Seite
-als Kritiker, bedeutender als Satiriker zeigt er sich; die Grundlage
-seiner Satire ist der Patriotismus. Für Auffassung komischer Contraste
-war er kaum minder befähigt als für die Behandlung des tragischen
-Conflicts, nur ist seine Darstellung des Komischen schroff und gewaltsam
-wie seine Tragik, es fehlt ihr die Ruhe und Behaglichkeit, die er auf
-dem Gebiet der Erzählung so trefflich zu bewahren weiß, sie wird für die
-Charaktere vernichtend, wie im zerbrochenen Kruge, wo man zweifeln kann,
-ob der Hauptträger des Lustspiels noch komisch sei. Auch hier zeigt sich
-eine Leidenschaftlichkeit, die zum Ingrimm steigt, sobald persönliche
-Beweggründe hinzukommen. Wenn ihn die sittlichen Anforderungen, denen
-gegenüber die Welt so klein und elend erschien, auf die Satire
-hinleiteten, so drängte ihn seine Leidenschaft darüber hinaus zum
-Pasquill. Seine Epigramme sind meist rein persönlicher Natur, zu Schutz
-und Angriff für seine Dichtungen gegen die Kritiker gerichtet; sie sind
-bitter und heftig. Nach der ungünstigen Aufnahme der Penthesilea und des
-zerbrochenen Kruges schonte er weder Weimar noch Goethe. Ein Pasquill
-sondergleichen war sein Brief an Iffland, ein »ungeheurer Witz« von der
-Art, wie er ihn in der Anekdote aus dem letzten Kriege erzählt hat. Um
-wie viel tödtlicher mußten seine Pfeile sein, wenn der Zorn für das
-Vaterland sie entsandte, wenn er die ganze Wucht des Hasses auf den
-Feind seines Volkes schleuderte.
-
-Wenn man sagen darf, der Mensch trage sein Schicksal in der eigenen
-Brust, in seinen Anlagen sei es ihm beschieden, so gilt das von ihm.
-Sehr verschiedene Elemente lagen in seiner Seele neben einander, er
-bestand gewissermaßen aus mehreren Menschen; bald trat dieser bald jener
-hervor, oder sie führten unter einander einen dämonischen Krieg, dem er
-mit einer eisigen Selbstentäußerung zusehen konnte, als sei es ein Spiel
-fremdartiger Gewalten. Und doch war die Gesammtheit dieser ringenden
-Kräfte nichts anderes als er selbst. In doppeltem und dreifachem
-Gegensatze fühlte er sich gegen Welt und Menschen, die er abwechselnd
-mied, verachtete, haßte und bekämpfte. Eine rastlose Unruhe trieb ihn
-zum Wirken in welcher Gestalt auch immer; aber ebenso zog es ihn in die
-abgeschiedenen Räume rein geistiger Arbeit, die ihre Welt aus sich
-auferbaut. Da lagen wieder zwei Wege vor ihm, beide gleich einladend;
-für den einen drängte sich ihm der Verstand als Führer auf, während
-Herz, Gefühl und Phantasie ihn auf den andern locken wollten. Er hatte
-eine entschiedene Lust am Abstracten, die Dinge sich durch den
-Schematismus des Verstandes zu unterwerfen, schien ihm der einzig
-würdige Beruf, und während seine scharfe überall ins einzelne dringende
-Beobachtung ihm die Welt als eine Masse zusammenhangsloser und doch
-unfreier Atome zeigte, setzte er ihr den Stolz des unabhängigen Denkers
-entgegen, der, auf die Allmacht des Gedankens trotzend, sich seine
-Stelle erobern will. Er ist überzeugt, es sei möglich, das Schicksal zu
-leiten, aus sich heraus will er seinen Lebensplan bilden; das
-Kennzeichen eines freien Menschen, der nach sichern Principien handelt,
-ist Consequenz, Zusammenhang und Einheit des Betragens. Wer keinen
-Lebensplan hat, schwankt zwischen unsichern Wünschen und ist eine Puppe
-am Drahte des Schicksals. Dieser Zustand scheint ihm verächtlich, bei
-weitem wünschenswerther wäre ihm der Tod. Er wählt die Wissenschaft als
-Führerin, und welche eher als die Philosophie, die dem bildungsgierigen
-Jünger Sicherheit des Erkennens und Handelns zugleich verheißt? Aber
-_die_ Wissenschaft erscheint doch nicht als Philosophie allein, sie
-spaltet sich in viele Wissenschaften, und seines ersten Entschlusses
-ungeachtet verfällt er bald dem Zweifel. Am Ende ziehen alle ihn in
-gleicher Weise an. Soll er nur einer folgen? Aber er kann sich nicht
-vergraben wie der Maulwurf im Loch, wie die Raupe einspinnen im Blatt.
-Soll er ruhelos von einer zur andern gehen? Aber ebenso wenig vermag er
-stets auf der Oberfläche zu schwimmen. Er leidet Tantalusqualen, weil er
-in seinem Heißhunger nicht alles zugleich verschlingen kann, und voll
-Widerwillen stößt er die ganze Mahlzeit von sich.
-
-Er sucht die Wahrheit, weil sie Wahrheit ist. Aber ist sie auf diesem
-Wege zu finden? Was hat ihm die abstracte Wissenschaft nicht verheißen,
-und was hat sie gehalten? Er wird ein Opfer der Zweifel, die sie
-erweckt, es scheint ihm unmöglich irgend etwas zu wissen, irgend ein
-Eigenthum zu erwerben, das uns über das Grab folgt, alles Mühen und
-Ringen ist vergeblich; ihn ekelt vor Büchern und allem was Wissenschaft
-heißt, möge man aufgeklärt oder unwissend sein, man hat dabei ebensoviel
-verloren als gewonnen. Er beklagt die traurige Klarheit, die ihm
-geworden, die ihm alles, was ihn umgiebt, und ihn selbst in seiner
-armseligen Blöße zeigt. Der Verstand, die nagende Skeptik haben sich
-selbst vernichtet: »Jede erste Bewegung, alles Unwillkürliche«, ruft er
-aus, »ist schön, und schief und verschroben alles, sobald es sich selbst
-begreift. O, der Verstand, der unglückliche Verstand! Studiere nicht zu
-viel, folge dem Gefühl!« Hatte er doch schon früher bei seinen logischen
-Studien geseufzt: »nur im Herzen, nur im Gefühle, nicht im Kopfe, nicht
-im Verstande wohnt das Glück, es kann nicht wie ein mathematischer
-Lehrsatz bewiesen werden.«[23]
-
-Aber noch ein Mittel giebt es, welches den Mann groß macht und über alle
-Zweifel hinweghebt, es ist Handeln, das besser ist als Wissen; denn »es
-liegt eine Schuld auf dem Menschen, die wie eine Ehrenschuld jeden, der
-Ehrgefühl hat, unaufhörlich mahnt.« Auch ihn treibt der Ehrgeiz, dieses
-gefährliche Ding, dessen Folgen für ein empfindliches Gemüth nicht zu
-berechnen sind. Er durstet nach Thaten und Erfolgen auf irgend einem
-Felde. Aber wie soll man handeln, wenn man nicht weiß, was recht ist?
-Wird sich für ihn eine Stelle finden, wo Pflicht und Neigung, That und
-Einsicht zusammengehen? Umsonst sieht er sich danach um; umsonst klagt
-er sich des allgemeinen Fehlers der Deutschen an, »deren Verstand durch
-einige scharfsinnige Lehrer einen Ueberwitz bekommen habe, der sie die
-alte geheimnißvolle Kraft der Herzen verachten läßt.« Umsonst sagt er
-sich und seinen Lebensplänen zum Trotz: »die Ueberlegung findet ihren
-Zeitpunkt weit schicklicher nach als vor der That«; die Menschen machen
-einen falschen Gebrauch von ihr; während sie das Gefühl für künftige
-Fälle reguliren soll, hemmt sie jetzt nur die That, die sich aus der
-augenblicklichen Eingebung, nicht aus der Berechnung ergiebt. Er hat
-Recht, denn die That ist unmittelbar eins, wie Blitz und Schlag; wer
-wirklich handelt, hat keine Zeit zu rechnen, und wer berechnet, handelt
-nicht. Doch zum stoßweisen ja gewaltsamen Handeln gebricht es ihm weder
-an Entschluß noch Kraft; mit dem rasenden Muthe eines verzweifelnden
-Spielers will er dann alles auf eine Nummer setzen, er greift über sein
-Ziel hinaus, und was anfangs sorgliche Ueberlegung war, endet als
-klägliche Uebereilung. Denn was kommt bei allen Erfahrungen heraus?
-Eines ganzen Lebens bedarf man, um leben zu lernen, Niemand ahnt den
-Zweck seines Daseins, und die Vernunft reicht nicht hin, die Seele und
-die Dinge zu begreifen. Und an dieses räthselhafte Ding, »das wir
-besitzen, wir wissen nicht von wem, das uns fortführt, wir wissen nicht
-wohin, ob wir darüber schalten dürfen, eine Habe, die nichts werth ist,
-wenn sie uns etwas werth ist, ein Ding, wie ein Widerspruch, flach und
-tief, öde und reich, würdig und verächtlich, vieldeutig und
-unergründlich«, an dieses Ding ist der Mensch gefesselt durch
-Naturnothwendigkeit! Da giebt es keine Verantwortlichkeit, wir mögen
-thun, was wir wollen, wir thun recht! Fürwahr jene orakelhaften Verse,
-die in Thun über der Hausthüre zu lesen waren, und die Kleist so liebte:
-
- Ich komme, ich weiß nicht von wo,
- Ich bin, ich weiß nicht was,
- Ich fahre, ich weiß nicht wohin;
-
-waren sein Lebenszeichen, nur der vierte Vers:
-
- Mich wundert, daß ich so fröhlich bin!
-
-paßte auf ihn nicht.[24]
-
-In der Knechtschaft der Schulmeinungen, die er sich auferlegt hat,
-vermag sich seine reiche Natur nicht zu entfalten; nun er sie abgeworfen
-hat, und die Skeptik ihm auch das Handeln verleidet, durchbrechen Gefühl
-und Phantasie, so lange gewaltsam zurückgehalten, jeden Damm um so
-mächtiger. Nur seinem Herzen will er folgen, er ist überzeugt, wenn ein
-Werk nur recht frei aus dem Schooße des menschlichen Gemüths hervorgehe,
-dann müsse es auch der ganzen Menschheit angehören. Vergessene oder
-ungeahnte Kräfte regen sich, aus der Fülle lebendiger Anschauungen
-beginnt die Phantasie ihre schaffende Thätigkeit, er fühlt sich als
-Schöpfer ideeller Gestalten. Als Künstler winkt ihm jetzt ein höchstes
-Ziel, der Lorbeer des Dichters, und seinem Namen soll ein Platz unter
-den Sternen nicht fehlen. Es gehört zu den Dunkelheiten in Kleist's
-Leben, daß die Zeit, wo er sich der Dichtung entschieden zuwandte, nicht
-mit Sicherheit festzustellen ist. Im Sommer 1801 in Paris, wohin er vor
-seinen abstracten Studien geflohen war, angeblich um praktische Zwecke
-zu verfolgen, einsam im endlosen Menschengewühle, versenkt er sich in
-seine Phantasien; wie ein stiller Tag nach dem Sturme steigt die Ruhe in
-seiner Seele wieder auf, und zum ersten Mal verräth er, daß er ein
-dichterisches Geheimniß habe. Aber der Friede ist nur von kurzer Dauer.
-Rastlos arbeitet er. Während ihm angstvoll das Höchste zu erreichen, der
-Schweiß von der Stirne rinnt, und er jeden Blutstropfen seines Herzens
-für den Buchstaben geben möchte, entflieht die Begeisterung, der
-Verstand schleicht herbei, und indem er einzelne Mängel aufdeckt,
-flüstert er ihm hämisch und selbstquälerisch ins Ohr, Vollendung sei ihm
-doch nicht gegeben. Was soll er länger die Kraft an ein Werk setzen, das
-ihm zu schwer ist? Am Einzelnen geht das Ganze zu Grunde, verzweifelnd
-zerstört er mit eigener Hand ein Dichterwerk, das auf den höchsten Ruhm
-Anspruch hat, kaum in irgend einem Augenblicke seines Lebens stolzer als
-jetzt, wo er vor keinem lebenden Dichter aus den Schranken weicht,
-sondern sich vor der Größe eines kommenden, ein Jahrtausend im Voraus
-beugt. Demjenigen, der das ausspricht, was er gewollt hat, ist ein
-Denkmal gewiß![25]
-
-Doch irgendwo muß es auch für ihn einen Balsam geben; schon der bloße
-Glaube daran stärkt ihn. Aber wo? Mit dem Waffenhandwerk und der
-Kantischen Philosophie hat er es versucht, mit Hebeln und Schrauben will
-er die Natur bezwingen, er ist Dichter und will Bauer werden, er will
-sich frei selbst bestimmen, das Schicksal leiten, und fühlt sich bald
-als eine jener Drahtpuppen, die er so tief verachtet; überall tritt
-seinen Plänen ein dunkles Etwas entgegen, das sie mit furchtbarer
-Dialektik in ihr Gegentheil umwendet und ihn selbst hin- und widerwirft.
-Mit dem Forschen, Dichten, Handeln hat er es versucht, überall Stück-
-und Flickwerk gefunden, während seiner Seele das Ganze vorschwebt;
-abhängig, bedingt in allem fühlt er sich, und nach dem Letzten,
-Unbedingten geht sein Streben. Da er es nicht findet, stürzt er, der
-strenge Realist, sich in den Abgrund des mystischen Geheimnisses, wo er
-das Ganze in seinem Urzusammenhange zu erfassen meint.
-
-Auch das ist ein Räthsel in Kleist's Leben, wann er sich dieser dunkeln
-Richtung, die ein Ergebniß seiner wachsenden Hoffnungslosigkeit war,
-zuerst überlassen habe. In den vertraulichen Briefen findet sich kaum
-eine Spur davon, sie sind nach wie vor im Tone bitterer Verachtung oder
-rationell scharf gehalten. Auch seine ersten Dichtungen sind weit davon
-entfernt, die Schroffensteiner in ihrer grausigen Härte durchaus
-realistisch, ebenso Penthesilea, Robert Guiskard. Nach dem Unglück von
-1806 schrieb er noch seine beiden Lustspiele und gleichzeitig die
-Marquise von O. Dagegen zeigt sich dieser dunkle Schatten zuerst im
-Kohlhaas, milder im Käthchen von Heilbronn, dessen erste Bruchstücke im
-Mai 1808 erschienen, und in voller Stärke in den Beiträgen zu den
-Abendblättern. Der Wendepunkt mag die Gefangenschaft in Frankreich im
-Frühjahr 1807 gewesen sein; auch hier, in der Einsamkeit seiner Zelle,
-beschäftigt er sich dichterisch. Aber immer düsterer scheinen sich die
-Wolken um ihn zusammengezogen zu haben. So zerrten ihn abstracter
-Verstand und verzehrendes Gefühl, trockner Schematismus und glühende
-Phantasie, gemeine Deutlichkeit und dunkle Mystik, himmelstürmender Muth
-und ermattende Verzagtheit einer willenlosen Beute gleich hin und her.
-Die Phantasie verdunkelte den Verstand, der Verstand hemmte die
-Phantasie, beide lähmten die Kraft des Handelns, gegenseitig verdarben
-sie ihr Spiel. Jede allein hätte einen tüchtigen Menschen ausstatten
-können, sie alle in diesem Maße vereinigt, vernichteten den Besitzer,
-der für sein Glück zu viel oder zu wenig hatte. Das fühlte er nur
-allzuwohl; in schmerzlicher Verzweiflung ruft er aus: »Die Hölle gab mir
-meine halben Talente, der Himmel schenkt dem Menschen ein ganzes oder
-gar keins!« So ward er immer bitterer gegen die Menschen, die ihn nicht
-verstehen, nicht verstehen können, denn er versteht sich selber
-nicht![26] Hätte Kleist, wenn man dieser Betrachtung nachgehen darf,
-eine große sittliche Kraft in sich getragen, er hätte den Streit seines
-Innern durch Unterwerfung unter ein oberstes Gesetz zur Ruhe gebracht;
-hätte er die Selbstbescheidung besessen, ein Talent still anzubauen, sei
-es, der wissenschaftlichen Forschung, oder, wozu er gewiß viel höhern
-Beruf hatte, allein der Poesie zu leben, vielleicht daß er gerettet
-worden wäre!
-
-Diesen Zwiespalt, den er überall wiederfand, hat er in seinen Dichtungen
-unter verschiedenen Formen dargestellt, jene geheimnißvolle Wandelung,
-wie Menschen und Verhältnisse in räthselhafter Verkettung ihre
-ursprüngliche Natur und Freiheit verlieren, um zu werden, was sie nicht
-werden wollen; Tugenden verkehren sich in Laster, aus der besten Absicht
-wächst das Verderben empor, und wie zum Hohne menschlicher Weisheit,
-führt der Frevel zur Versöhnung. Durch den abgeschmackten Aberglauben
-eines einfältigen Mädchens gehen blutsverwandte Familien in den
-Schroffensteinern zu Grunde; Penthesilea's heiße Liebe verzerrt sich zum
-todbringenden Vampyrismus; Kohlhaas wird durch sein Rechtsgefühl zum
-Verbrecher und Landschädiger, und für zwei Pferde fallen Menschen und
-Städte als Sühnopfer; die Selbstverleugnung der jungen Creolin bringt
-ihr den Tod von der Hand des Geliebten; der ritterliche Kämpfer für
-Tugend und Recht erliegt im feierlichen Gottesgericht; und im Findling
-wird der väterliche Wohlthäter von der Schlange, die er im Busen erwärmt
-hat, zu Tode gestochen. Umgekehrt wird der thierische Frevel in der
-Marquise v. O. wider aller Menschen Erwarten zur sühnenden Liebe; im
-Erdbeben von Chili werden durch den Untergang Tausender in einem
-plötzlichen Naturereigniß im Augenblicke des Todes der Inquisition ihre
-Opfer entrissen, freilich um ihn gleich darauf während des Dankgebetes
-für die wunderbare Rettung desto furchtbarer zu erleiden; und in der
-heiligen Cäcilie werden die Sünder zu Boden geschmettert, als sie die
-Hände zum Tempelraube erheben. In der Heilung (I, 3, 2) wird der
-Wahnsinn durch den Wahnsinn geheilt; und im Grabe der Väter (I, 3, 3)
-eine Ehe im Grabe geschlossen. Satirisch gewendet erscheint dieselbe
-Ansicht in dem »allerneuesten Erziehungsplan« (I, 5, 1), der eine Schule
-der Tugend durch das Laster zu errichten vorschlägt. Milder sind
-Käthchen von Heilbronn und der Prinz von Homburg. Dort wird der
-ritterliche Starrsinn durch die reine Natur des einfachen Mädchens
-unterworfen, hier wird der Prinz träumend ein rettender Schlachtenheld,
-um wachend in eisiger Todesfurcht zu verzagen. Eine großartige Wendung
-erhält dieser Gedanke in der Hermannsschlacht; aus der tiefsten
-Knechtschaft erwächst die Freiheit, darin liegt hier zugleich die
-Versöhnung. Aber überwiegend sind es Nachtstücke, fern von allem
-Idealismus der classischen Periode.
-
-Ueberhaupt steht Kleist in entschiedenem Gegensatze zu Goethe und
-Schiller. Ihrer ausgleichenden Classicität setzte er mit kühner Hand den
-schreienden Zwiespalt, das Grausige in seiner Nacktheit entgegen, den
-allgemeinen idealen Gestalten derb realistische, dem Antiken das
-volksthümlich Deutsche, Provinzielle, unbekümmert ob seine Dissonanzen
-das verwöhnte Ohr zerschnitten, und seine lebenswahre Grobheit dem
-classisch gebildeten Sinne brutal schien. Goethe's und Schiller's
-Dichtung war in ihrer Wurzel deutsch, aber doch kosmopolitisch
-vielseitig; Kleist hat seine Räthsel in deutsche Stoffe und Charaktere
-hineingelegt, er war volksthümlich und einseitig. So griff er als
-vaterländischer Dichter in den großen Kampf der Befreiung ein.
-
-Tiefer Schmerz erfaßte ihn, als er den ungeheuern Sturz aller
-Verhältnisse überschaute. Schon im Herbst 1806 rief er seiner Schwester
-zu: »Es wäre schrecklich, wenn dieser Wüthrich sein Reich gründete! Nur
-ein sehr kleiner Theil der Menschen begreift, was für ein Verderben es
-ist, unter seine Herrschaft zu kommen. Wir sind die unterjochten Völker
-der Römer.« In diesen Worten liegt der Keim seiner Hermannsschlacht. Er
-selbst fällt in die Hand des Feindes, mit jedem Siege wächst das
-Verderben, er zweifelt, ob in hundert Jahren noch Jemand im deutschen
-Norden deutsch sprechen werde.[27] In dem einen Leiden des Vaterlandes
-geht jetzt alles Leid, auch das seine auf. Der Ingrimm, der an seinem
-Herzen wie ein Geier nagt, wendet sich von den kleinen Menschen und
-Verhältnissen auf die großen und größten, auf den Dämon der Zeit, auf
-Napoleon den Korsenkaiser. In der erstarkenden Liebe zum alten
-Vaterlande sammelten sich seine Kräfte noch einmal. Sie war nicht blos
-ein verneinender Haß gegen das Fremde, für ihn ward sie eine Läuterung,
-aus der seine Dichtung reiner hervorging, und seine drei großen
-vaterländischen Dramen erwuchsen. Er hatte wieder ein Ziel gefunden; es
-war kein willkürliches, durch die großen Ereignisse ward es ihm gegeben,
-es war die Wiedererweckung des erstorbenen Gefühls für Freiheit und
-Volksehre. So dichtete er die Hermannsschlacht, ein gewaltiges politisch
-historisches Doppelbild, das in der Vergangenheit das Unheil der
-Gegenwart und das Heil der Zukunft im Spiegel der Poesie erscheinen
-ließ. Seine Römer und Germanen bedeuten Franzosen und Deutsche, und doch
-sind sie nichts weniger als Typen; es sind Menschen aus dem Volke der
-Welteroberer und der Urgermanen; gerade hier hat sich die Dichterkraft
-glänzend bewährt.
-
-Rom und sein Augustus will in Deutschland nur einen Fürsten dulden, »der
-seinem Thron auf immer sich verbinde.« Es kennt diese kleinen Herren,
-die um ein Wort, einen leeren Vorzug, eine scheinbare Selbständigkeit,
-die nur durch Demüthigung vor dem fremden Herrscher erkauft werden kann,
-streiten, und lieber diesem als einem aus ihrer Mitte sich unterwerfen.
-Sie fallen sich »wie zwei Spinnen« an, und
-
- -- Es bricht der Wolf, o Deutschland,
- In deine Hürde ein, und deine Hirten streiten
- Um eine Hand voll Wolle sich!
-
-Aber das römische Bündniß wird Unterdrückung, die verheißene Freiheit
-Knechtschaft, das Gebiet der Neutralen wird schonungslos verletzt, »es
-wird jedwedem Gräuel des Krieges Preis gegeben«, und die Abtrünnigen um
-den Lohn der fluchwürdigen Feigherzigkeit betrogen. Ausgepreßt wird das
-deutsche Land bis auf den letzten Blutstropfen, denn »für wen erschaffen
-ward die Welt, wenn nicht für Rom?« Wie Elephant und Seidenwurm zu Roms
-Schmuck hergeben müssen, was die Natur ihnen verlieh, so der Deutsche;
-er ist eine Bestie, »die auf vier Füßen in den Wäldern läuft«, und
-ausgeweidet und dann gepelzt wird. Wer erkennte nicht in dem Latier,
-»der keine andere Volksnatur verstehen konnte und ehren als nur seine«
-den Franzosen? Napoleon's höhnende Politik, die mit zweizüngiger List
-die Schwachen umgarnt, Krieg führt mitten im Frieden, das Markten
-deutscher Fürsten in Paris um Fetzen deutschen Gebiets, das Anfachen der
-Eifersucht Oesterreichs und Preußens, die Kriecherei der Rheinbündler,
-das Hinzerren der Schwäche Preußens, die blutige Verwüstung Hessens,
-Thüringens, der preußischen Lande? Varus mit seinem schneidenden Wort:
-
- Was bekümmerts mich? Es ist nicht meines Amtes
- Den Willen meines Kaisers zu erspähn.
- Er sagt ihn, wenn er ihn vollführt will wissen;
-
-ist das lebendige Ebenbild jener eisernen Marschälle, Mortier, Ney,
-Davoust; und Ventidius, der galante Friseurkünste treibt, einer der
-jüngeren französischen Officiere, die im Boudoir der Damen die
-gefährlichste Politik geheimer Verführung trieben.[28]
-
-In derselben Stimmung sind die satirischen Briefe entstanden. Nicht
-entschieden genug können die offnen oder geheimen Bundesgenossen der
-Feinde im Vaterlande selbst der Verachtung preisgegeben werden. Der
-rheinbündische Officier, der sich mit dem elenden Troste entschuldigt,
-ein Deutscher könne seinen Landsleuten im Hauptquartier Napoleon's durch
-Milderung der Einquartirung die besten Dienste leisten; das
-Landfräulein, wie Kleist von seiner Thusnelda sagte, eins von den
-Weiberchen, die einfältig genug sind, »sich von französischen Manieren
-fangen zu lassen«, das den Verführer heirathen will, an dessen Rock das
-Blut ihrer Brüder und Verwandten klebt; der Festungscommandant, der die
-Häuser der Bürger verbrennt und die Vertheidigungsmittel aus der Stadt
-schafft; sie alle waren nur zu getreue Abbilder ganzer Classen von
-Verräthern. Man wußte ja, welche schmachvollen Eroberungen die Franzosen
-in den Familien gemacht hatten, und mochten auch manche Schilderungen
-böswillig übertrieben sein, so war es doch z. B. eine amtlich
-festgestellte Thatsache, daß eine sechszigjährige Wittwe einen
-zwanzigjährigen französischen Soldaten heirathete, und zu dessen Gunsten
-ihren eigenen Sohn enterbte. Was will des Dichters Satire bedeuten gegen
-diese furchtbarste Satire der Thatsachen? Die Commandanten von Cüstrin
-und Magdeburg hatten ja kurz vor der Capitulation die Vorstädte
-niederzubrennen gedroht oder wirklich niedergebrannt; und in dem
-Königlichen Publicandum vom 6. December 1806 waren sie, und diese ganze
-Gattung, bezeichnet worden als Knechte, »die ihre Pferde absträngen, um
-davonzujagen.«[29]
-
-War diese Satire zermalmend, so war der Gedanke, die Trugpolitik des
-Feindes als System darzustellen und die Lügenkünste der französischen
-Journale nach Lehrsätzen zu entwickeln, vielleicht der geistvollste, den
-Kleist in dieser Ideenverbindung hatte. Er war im Sinne Swift's gefaßt.
-Was ein politischer Weiser, der dies Treiben an der Quelle studiert
-hatte, der Graf Schlabrendorf davon sagte, stellte Kleist systematisch
-dar: »Es ist gar keine Kunst, eine Unwahrheit zu erfinden. Jeder
-Flachkopf kann das. Die eigentliche Kunst besteht darin, aus zweien
-Sätzen, die, jeder einzeln, wahr sind, durch arglistige Zusammenstellung
-einen dritten herauszubringen, der eine Lüge ist. Das ist die vornehmste
-Art der Rabulisterei, aber auch zugleich die gemeinste.« Oder wie Kleist
-die Aufgabe stellt: »Alles was in der Welt vorfällt, zu entstellen, und
-gleichwohl ziemliches Vertrauen zu haben.« Mit sarkastischer
-Folgerichtigkeit entwickelt er den ganzen Vorrath von Trug- und
-Gewaltmitteln, und der letzte Zweck ist: »die Regierung über allen
-Wechsel der Begebenheiten hinaus sicher zu stellen, und die Gemüther,
-allen Lockungen des Augenblickes zum Trotz, in schweigender
-Unterwürfigkeit unter das Joch derselben niederzuhalten.«[30]
-
-Diesen geheimen Künsten des Feindes gegenüber konnte dem Volke nicht
-eindringlich genug wiederholt werden, was es zu thun habe, um sich aus
-dem Elende zu retten. Keine Form war dem furchtbaren Humor geeigneter
-als der Katechismus, der die christlichen Grundwahrheiten als Gebote
-Gottes lehrt, und in dem Alte und Kinder Trost und Heil suchen. Einige
-Jahre früher hatten die Gründer der romantischen Schule gar manches zur
-Religion machen wollen; hier sollte mit der Vaterlandsliebe als Religion
-Ernst gemacht werden. Hatte der Kosmopolitismus sich der religiösen
-Weihe gerühmt, so war auch das Volk, das deutsche Volk, die lebendige
-Darstellung eines Gedankens aus dem göttlichen Geiste, und die Heils-
-und Rettungslehre vom Vaterlande sollte Alten und Jungen eingeprägt
-werden.
-
-Ein Mann wie Kleist konnte nur der Partei angehören, die Preußen je eher
-je besser in den Kampf führen, alles an alles setzen und lieber ruhmvoll
-untergehen, als schmählich leben wollte. Nur zu Stein, Scharnhorst,
-Gneisenau konnte er stehen, zu den sogenannten Exaltirten, wie damals
-die deutsche Partei genannt wurde. Volksbewaffnung, Volkskrieg war ihr
-Gedanke; der Norddeutsche konnte so gut, wie Spanier und Tiroler, sein
-Joch zertrümmern, Katt, Dörnberg, Schill erhoben sich, das Maß war
-übervoll, das Volk genug geknechtet, geschmäht, getreten, um endlich in
-voller Wuth hervorzubrechen. Was Staatsmänner beriethen und Generale
-vorbereiteten, sprach er 1808 in der Hermannsschlacht als letztes
-Rettungsmittel aus; wie Gneisenau wollte sein Hermann, die Germanen
-sollten Weib und Kind zusammenraffen, ihre Güter verkaufen, die Fluren
-verwüsten, die Heerden erschlagen, die Plätze niederbrennen, denn der
-That bedarf es, nicht der Verschwörung, Schwätzer mögen Deutschland zu
-befreien mit Chiffern schreiben und einander Boten senden, die die Römer
-hängen, er will einen Krieg
-
- Entflammen, der in Deutschland rasselnd
- Gleich einem dürren Walde um sich greifen
- Und auf zum Himmel lodernd schlagen soll!
- -- --
- Die ganze Brut, die in den Leib Germaniens
- Sich eingefilzt, wie ein Insectenschwarm,
- Muß durch das Schwerdt der Rache jetzo sterben.
- -- --
- Die Guten mit den Schlechten. Was! Die Guten!
- Das sind die Schlechtesten! Der Rache Keil
- Soll sie zuerst vor allen Andern treffen!
-
-Und das sollte von der Bühne herab verkündet werden; am 1. Januar 1809
-sandte Kleist die Hermannsschlacht dem Wiener Burgtheater; sein
-Schauspiel schien ihm des Erfolges sicher zu sein. Das ist auch der
-Grundton seines Katechismus.[31]
-
-In sechszehn Capiteln spricht er von Deutschland überhaupt, von der
-Liebe zum Vaterlande, von der Zertrümmerung des Vaterlandes, vom
-Erzfeind, von der Erziehung der Deutschen, der Verfassung der Deutschen,
-den freiwilligen Beiträgen, den obersten Staatsbeamten, vom
-Hochverrathe. Die fehlenden Capitel handelten augenscheinlich von den
-Mitteln, den Erzfeind zu bekämpfen, von der Organisation des Kampfes,
-vom Aufstande des Volks. Auch hier geht er von der Gegenwart aus. Auf
-der Karte giebt es seit 1805 kein Deutschland mehr. »Wo find ich dies
-Deutschland? wo liegt es?« lautet die bittere Frage. Dennoch hat es ein
-unverlierbares Dasein in der Liebe derer, die ihm anhangen, weil es das
-Vaterland ist. Aber es ist zertrümmert worden von dem Korsenkaiser, den
-die Deutschen nie beleidigt haben, und der sie mitten im Frieden
-unterjocht. Und warum that er es? »Weil er ein böser Geist ist, der
-Erzfeind, der Anfang alles Bösen, das Ende alles Guten!« So braust der
-Strom eines vernichtenden Zornes hin, der umsonst nach Ausdrücken und
-Bildern sucht, durch die seine ganze Fülle sich ergießen könne. Der
-Deutsche soll sich vergegenwärtigen, was er gelitten habe, des Morgens,
-wenn er sich vom Lager erhebt, des Abends, wenn er zur Ruhe geht; die
-höchsten Güter, die Gott dem Menschen verliehen, »Gott, Vaterland,
-Kaiser, Freiheit, Liebe und Treue, Schönheit, Wissenschaft und Kunst«
-soll er wieder erringen, den Erzfeind hassen, aus allen Kräften
-bekämpfen, alles entbehren, alles opfern, und wenn auch kein Mensch am
-Leben bliebe, dennoch müßte gekämpft werden, »weil es Gott lieb ist,
-wenn Menschen ihrer Freiheit wegen sterben, weil es ihm ein Gräuel ist,
-wenn Sclaven leben!«
-
-So predigte er die Religion der volksthümlichen Selbständigkeit, des
-nationalen Hasses, so dachten und sprachen Stein, Blücher, Fichte. »Man
-muß der Nation das Gefühl der Selbständigkeit einflößen«, schrieb
-Scharnhorst an Clausewitz, »man muß ihr Gelegenheit geben, daß sie mit
-sich selbst bekannt wird, daß sie sich ihrer selbst annimmt; nur erst
-dann wird sie sich selbst achten, und von Andern Achtung zu erzwingen
-wissen!« Und Stein an Wittgenstein: »Die Erbitterung nimmt in
-Deutschland täglich zu, und es ist rathsam, sie zu nähren und auf die
-Menschen zu wirken. -- Die spanischen Angelegenheiten machen einen sehr
-lebhaften Eindruck und beweisen handgreiflich, was wir längst hätten
-glauben sollen. Es wird sehr nützlich sein, sie möglichst auf eine
-vorsichtige Art zu verbreiten.« Endlich Blücher: »Mein Rath ist zu den
-Waffen unsere und die gantze deutsche Nation aufzuruffen, den
-vaterländischen boden zu verteidigen, die waffen im allgemeinen nicht
-ehender nieder zu legen, bis ein Volck, daß uns unterjochen wollte, vom
-dießseitigen Reinufer vertrieben sei; jeder deutsche der mit den waffen
-wider uns getroffen werde, habe den Tod verwürkt; ich weiß nicht, warum
-wihr uns nicht den Tihrollern und Spaniern gleich achten wollen!« So der
-Held, der Staatsmann, der Dichter.
-
-Doch dazu waren in Preußen die Dinge noch nicht reif; aber um so
-mächtiger erhob sich Oesterreich, das, seiner alten Natur entsagend,
-sich an die Kraft des Volkes wandte. Wie zündende Funken schlugen die
-Aufrufe des Kaisers und des Erzherzogs Karl ein, als deren Verfasser man
-Friedrich Schlegel und Gentz nannte. »Wir kämpfen«, sagte der Erzherzog
-in seinem Aufruf an die deutsche Nation, »um die Selbständigkeit der
-österreichischen Monarchie zu behaupten, um Deutschland die
-Unabhängigkeit und National-Ehre wieder zu verschaffen, die ihm
-gebühren. Dieselben Anmaßungen, die uns jetzt bedrohen, haben
-Deutschland bereits gebeugt. Unser Widerstand ist seine letzte Stütze
-zur Rettung. Unsere Sache ist die Sache Deutschlands!« Und in einem
-andern: »Die Masse der Nation selbst hat sich in ihrem gerechten
-Unwillen erhoben und die Waffen ergriffen! -- Der jetzige Augenblick
-kehrt nicht zurück in Jahrhunderten! Ergreift ihn, damit er nicht für
-Euch auf immer entfliehe! Ahmet Spaniens großes Beispiel nach! --
-Zeiget, daß auch Euch Euer Vaterland und eine selbständige deutsche
-Regierung und Gesetzgebung theuer sei, daß Ihr Entschluß und Kraft habt,
-es aus der entehrenden Sclaverei zu reißen, es frei, nicht unter fremdem
-Joche erniedrigt, Euren Kindern zu hinterlassen.«[32] Noch einmal
-erhoben die Habsburger das Banner des deutschen Volkes, sie gaben das
-Zeichen zum Kampf, und noch einmal leuchteten das alte Kaiserthum, das
-alte Reich in einem zauberischen Glanze volksthümlicher Größe, den sie
-seit dem Untergange der Hohenstaufen in Wirklichkeit nie gehabt hatten.
-Die Vergangenheit enthielt was die Zukunft versprach, was der Gegenwart
-fehlte. Daher, wie bei vielen Andern, die zum österreichischen Heere
-eilten, auch bei Kleist, dem Brandenburger, die Begeisterung für
-Oesterreich, für Franz den Zweiten, den alten Kaiser, den Vormund, Vater
-und Wiederhersteller der Deutschen, »der den großmüthigen Kampf für das
-Heil des unterdrückten und bisher noch wenig dankbaren Deutschland
-unternommen hat«; für den Erzherzog Karl, der »die göttliche Kraft das
-Werk an sein Ziel hinaus zu führen dargethan hat.«
-
-Wohin dieser Kampf für Gottes heilige Ordnung endlich führen mußte,
-ahnte er; wie der Deutsche zum Deutschen zurückkehren, alle sich
-gemeinsam umwenden würden gegen den Feind, den Rhein ereilen, um »dann
-nach Rom selbst aufzubrechen, wir oder unsere Enkel«, damit der
-Weltkreis endlich Ruhe gewinne. Ueber diese Erfüllung hinaus sah er
-_einen_ Herrscher an der Spitze des Vaterlands, von dem er im Prinzen
-von Homburg sagte:
-
- Das wird sich ausbaun herrlich, in der Zukunft,
- Erweitern unter Enkels Hand, verschönern,
- Mit Zinnen, üppig, feenhaft, zur Wonne
- Der Freunde und zum Schrecken aller Feinde.[33]
-
-So eilte sein Seherblick über fünf verhängnißvolle Jahre fort; in seinem
-Prinzen von Homburg ahnte er den künftigen York und nahm die Siege von
-1813 und 1815 voraus. Doch nicht so gut wie seinem Helden ward es ihm
-selbst. Den Glauben an den Sieg der ewigen Mächte, der den Dichter
-begeisterte, vermochte der Mensch nicht festzuhalten, und sein Zweifel
-führte ihn in den Tod. Weil sein Dichterglaube der Zeit voraneilte,
-verließen ihn die Zeitgenossen; und kraftlos schien sein Wort zu
-verhallen. Die Hermannsschlacht, der Prinz von Homburg kamen nicht zur
-Darstellung, nicht einmal zum Druck; seine Aufrufe, die ganz Deutschland
-galten, mußte er bei verschlossenen Thüren vorlesen, dann wurden sie
-vergessen. Er hatte gehofft, jetzt werde Deutschland sich erheben, es
-erhob sich nicht; er hatte gehofft, jetzt werde Oesterreich siegen, es
-ward geschlagen. Auch die Hoffnung auf die Rettung des Vaterlandes, an
-der er sich noch einmal aufgerichtet hatte, scheiterte, und er mit ihr.
-Hätte er sterben können auf dem Schlachtfelde, mit dem Degen in der
-Faust, wie sein Vorfahr Ewald von Kleist, wie Theodor Körner, er wäre
-glücklich gewesen. Er ist gefallen wie Schill, weil es noch nicht an der
-Zeit war; aber nicht wie der Held, dessen Untergang noch ein Sieg ist,
-sondern im Streite mit sich selbst. Zu seinem Verderben reichen sich
-jetzt Phantasie und Verstand die Hände, die Verzweiflung, die ihm von
-jener ausgemalt wird, beweist ihm dieser, und mit trügerisch kalter
-Ueberlegung, die er unaussprechliche Heiterkeit nennt, wird er fremden
-Blutes schuldig und giebt sich dann den Tod. Voreilig greift er in sein
-Geschick, beraubt sich des Höchsten, was er ersehnt hat, und in
-tragischer Ueberstürzung endet der tragische Dichter.
-
-Kleist hat sich selbst gerichtet, aber seine Stelle in der Litteratur
-und Geschichte unseres Volkes bleibt ihm unvergänglich. Jene Zeit hat
-seinen Mahnruf überhört; desto eindringlicher tönt er zu uns herüber; es
-ist die Stimme des Propheten, die sich nach mehr als fünfzig Jahren
-warnend aus dem Grabe erhebt. Oder hätten wir etwa Veranlassung, sie
-heute zu überhören? Wäre sie wirklich nur ein geschichtliches Zeugniß
-vergangener Zeiten? Wollte Gott, wir könnten es sagen! Noch ist der
-Ueberwitz bei uns zu Hause, noch treiben wir Handel und Wandel im
-Schweiße des Angesichts, während andere die Früchte deutscher Arbeit
-genießen; noch hadern die Hirten um eine Hand voll Wolle, noch gilt das
-Ganze als Verrath am Einzelnen, und jeder Zoll will ein König sein.
-Wieder haben sich die Epigonen der Eroberer erhoben und werfen ihre
-lüsternen Blicke auf die deutsche Erde, wieder spinnt die Trugpolitik
-die unsichtbaren zähen Fäden ihres Netzes, wieder heulen die Wölfe an
-den deutschen Marken. Sollte das alte Chaos je wiederkehren? Wäre das
-möglich nach so vielen Opfern, schweren Kämpfen und schmerzlichen
-Erfahrungen? Nimmermehr! Auch Völker lernen aus der Geschichte, nur
-langsamer als der Einzelne; schwerer hat keines dafür gezahlt, als das
-deutsche. Möge es durch die That zeigen, es habe Kleist's großes Wort
-endlich erkennen gelernt:
-
-»Vergebt, vergeßt, versöhnt, umarmt und liebt euch!«
-
-
-
-
- Nachtrag
- zu
- Heinrich von Kleist's Werken.
-
-
-
-
-
- I. Prosa.
-
-
-
-
- 1. Politische Satiren.
-
-
- 1. Brief eines rheinbündischen Officiers an seinen Freund.[34]
-
-Auf meine Ehre, mein vortrefflicher Freund, Sie irren sich. Ich will ein
-Schelm sein, wenn die Schlacht von Jena, wie Sie zu glauben scheinen,
-meine politischen Grundsätze verändert hat. Lassen Sie uns wieder einmal
-nach dem Beispiel des schönen Sommers von 1806 ein patriotisches
-Convivium veranstalten (bei Sala schlag ich vor,[35] er hat frische
-Austern bekommen und sein Burgunder ist vom Beßten), so sollen Sie
-sehen, daß ich noch ein ebenso enthousiastischer Anhänger der Deutschen
-bin wie vormals. Zwar der Schein, ich gestehe es, ist wider mich. Der
-König hat mich nach dem Frieden bei Tilsit auf die Verwendung des
-Reichsmarschalls Herzogs von Auerstädt,[36] dem ich einige Dienste zu
-leisten Gelegenheit [hatte],[37] zum Obristen avancirt. Man hat mir das
-Kreutz der Ehrenlegion zugeschickt, eine Auszeichnung, mit welchem ich,
-wie Sie selbst einsehen, öffentlich zu erscheinen, nicht unterlassen
-kann; ich würde den König, dem ich diene, auf eine zwecklose Weise
-dadurch compromittiren.
-
-Aber was folgt daraus? Meinen Sie, daß diese Armseeligkeiten mich
-bestimmen werden, die große Sache, für die die Deutschen fechten, aus
-den Augen zu verlieren? Nimmermehr! Lassen Sie nur den Erzherzog Carl,
-der jetzt ins Reich vorgerückt ist, siegen, und die Deutschen, sowie er
-es von ihnen verlangt hat, ^en masse^ aufstehen, so sollen Sie sehen,
-wie ich mich alsdann entscheiden werde.[38]
-
-Muß man denn den Abschied nehmen und zu den Fahnen der Oesterreicher
-übergehen, um dem Vaterlande diesen Augenblick nützlich zu sein? Mit
-nichten! Ein Deutscher, der es redlich meint, kann seinen Landsleuten in
-dem Lager der Franzosen selbst, ja in dem Hauptquartier des Napoleon,
-die wichtigsten Dienste thun. Wie mancher kann der Requisition an
-Fleisch oder Fourage vorbeugen; wie manches Elend der Einquartirung
-mildern?
-
-Ich bin mit wahrer Freundschafft u. s. w.
-
-N. S.
-
-Hierbei erfolgt feucht, wie es eben der Courier überbringt, das erste
-Bülletin der französischen Armee. Was sagen Sie dazu? Die
-Österreichische Macht total pulverisirt, alle Corps der Armee
-vernichtet, drei Erzherzöge todt auf dem Platz![39] -- Ein verwünschtes
-Schicksal! Ich wollte schon zur Armee abgehn. Herr von Montesquiou, hat,
-wie ich höre, das Bülletin nunmehr anhero gebracht, und ist dafür von
-Sr. Majestät mit einer Tabatiere, schlecht gerechnet 2000 Ducaten an
-Werth beschenkt worden.
-
-
- 2. Brief eines jungen märkischen Landfräuleins an ihren Onkel.
-
-Theuerster Herr Onkel,
-
-Die Regungen der kindlichen Pflicht, die mein Hertz gegen Sie empfindet,
-bewegen mich, Ihnen die Meldung zu thun, daß ich mich am 8ten d. von
-Verhältnissen, die ich nicht nennen kann, gedrängt, mit dem jungen Hrn.
-^Lefat^, Capitain bei dem 9. französischen Dragonerregiment, der in
-unserm Hause zu P... einquartiert war, verlobt habe.[40]
-
-Ich weiß, gnädigster Onkel, wie Sie über diesen Schritt denken. Sie
-haben sich gegen die Verbindungen, die die Töchter des Landes, so lange
-der Krieg fortwährt, mit den Individuen des französischen Heers
-vollziehn, oftmals mit Heftigkeit und Bitterkeit erklärt. Ich will Ihnen
-hierin nicht ganz Unrecht geben. Man braucht keine Römerinn oder
-Spartanerinn zu sein, um das Verletzende, das allgemeine betrachtet
-darin liegen mag, zu empfinden. Diese Männer sind unsere Feinde; das
-Blut unserer Brüder und Verwandten klebt, um mich so auszudrücken, an
-ihren Röcken, und es heißt sich gewissermaßen, wie Sie sehr richtig
-bemerken, von den Seinigen lossagen, wenn man sich auf die Parthei
-derjenigen herüber stellt, deren Bemühen ist sie zu zertreten, und auf
-alle ersinnliche Weise zu verderben und zu vernichten.
-
-Aber sind diese Männer, ich beschwöre Sie, sind sie die Urheber des
-unseeligen Kriegs, der in diesem Augenblick zwischen Franzosen und
-Deutschen entbrannt ist? Folgen sie nicht, der Bestimmung eines Soldaten
-getreu, einem blinden Gesetz der Nothwendigkeit, ohne selbst oft die
-Ursach des Streits, für den sie die Waffen ergreifen, zu kennen? Ja,
-giebt es nicht Einzelne unter ihnen, die den rasenden Heereszug, mit
-welchem Napoleon von Neuem das deutsche Reich überschwemmt,
-verabscheuen, und die das arme Volk, auf dessen Ausplünderung und
-Unterjochung es angesehen ist, aufs Innigste bedauern und bemitleiden?
-
-Vergeben Sie, mein theuerster und beßter Oheim! Ich sehe die Röthe des
-Unwillens auf Ihre Wangen treten! Sie glauben, ich weiß, Sie glauben an
-diese Gefühle nicht; Sie halten sie für die Erfindung einer satanischen
-List, um das Wohlwollen der armen Schlachtopfer, die sie zur Bank
-führen, gefangen zu nehmen. Ja, diese Regung, selbst wenn sie vorhanden
-wäre, versöhnt Sie nicht, Sie halten den Ihrer doppelten Rache für
-würdig, der das Gesetz des göttlichen Willens anerkennt und gleichwol
-auf eine so lästerliche und höhnische Weise zu verletzen wagt.
-
-Allein, wenn die Ansicht, die ich aufstellte, allerdings nicht gemacht
-ist, die Männer, die das Vaterland eben[41] vertheidigen, zu entwaffnen,
-indem sie unmöglich, wenn es zum Handgemenge kömmt, sich auf die Frage
-einlassen können, wer von denen, die auf sie anrücken, schuldig ist oder
-nicht: so verhält es sich doch, mein gnädigster Onkel, mit einem Mädchen
-anders; mit einem armen schwachen Mädchen, auf dessen leicht bethörte
-Sinne, in der Ruhe eines monatlangen Umgangs, alle Liebenswürdigkeiten
-der Geburt und der Erziehung einzuwirken Zeit finden, und das, wie man
-leider weiß, auf die Vernunft nicht mehr hört, wenn das Herz sich
-bereits für einen Gegenstand entschieden hat.
-
-Hier lege ich Ihnen ein Zeugniß bei, das Hr. ^v. Lefat^ sich auf die
-Forderung meiner Mutter von seinem Regimentschef zu verschaffen gewußt
-hat. Sie werden daraus ersehen, daß das, was uns ein Feldwebel von
-seinem Regiment von ihm sagte, nämlich daß er schon verheiratet sei,
-eine schändliche und niederträchtige Verläumdung war. Hr. ^v. Lefat^ ist
-selbst vor einigen Tagen in B.-- gewesen, um das Attest, das die
-Declaration vom Gegentheil enthält, formaliter von seinem Obristen
-ausfertigen zu lassen. Ueberhaupt muß ich Ihnen sagen, daß die niedrige
-Meinung, die man hier in der ganzen Gegend von diesem jungen Manne hegt,
-mein Herz auf das Empfindlichste kränkt. Der Leidenschaft, die er für
-mich fühlt, und die ich als wahrhaft zu erkennen, die entscheidendsten
-Gründe habe, wagt man die schändlichsten Absichten unterzulegen. Ja,
-mein voreiliger Bruder geht soweit mich zu versichern, daß der Obrist,
-sein Regimentschef, gar nicht mehr in B.-- sei --, und ich bitte Sie,
-der Sie sich in B.-- aufhalten, dem Ersteren darüber nach angestellter
-Untersuchung die Zurechtweisung zu geben. Ich leugne nicht, daß der
-Vorfall, der sich vor einiger Zeit zwischen ihm und der Kammerjungfer
-meiner Mutter zutrug, einige Unruhe über seine sittliche Denkungsart zu
-erwecken geschickt war. Abwesend, wie ich an diesem Tage von P.-- war,
-bin ich gänzlich außer Stand über die Berichte dieses albernen und
-eingebildeten Geschöpfs zu urtheilen. Aber die Beweise, die er mir, als
-ich zurückkam und in Thränen auf mein Bette sank, von seiner
-ungetheilten Liebe gab, waren so eindringlich, daß ich die ganze
-Erzählung als eine elende Vision verwarf, und von der innigsten Reue
-bewegt, das Band der Ehe, von dem bis dahin noch nicht die Rede gewesen
-war, jetzt allererst knüpfen zu müssen glaubte. -- Wären sie es weniger
-gewesen, und Ihre Laura noch frei und ruhig wie zuvor!
-
-Kurz, mein theuerster und beßter Onkel, retten Sie mich!
-
-In 8 Tagen soll, wenn es nach meinen Wünschen geht, die Vermählung sein.
-
-Inzwischen wünscht Hr. ^v. Lefat^, daß die Anstalten dazu, auf die meine
-gute Mutter bereits in zärtlichen Augenblicken denkt, nicht eher auf
-entscheidende Weise gemacht werden, als bis Sie die Güte gehabt haben
-ihm das ^Legat^ zu überantworten, das mir aus der Erbschaft meines
-Großvaters bei dem Tode desselben zufiel, und Sie, als mein Vormund bis
-heute gefälligst verwalteten. Da ich großjährig bin, so wird diesem
-Wunsch nichts im Wege stehn, und indem ich es mit meiner zärtlichsten
-Bitte unterstütze, und auf die schleunige Erfüllung desselben antrage,
-indem sonst die unangenehmste Verzögerung davon die Folge sein würde,
-nenne ich mich mit der innigsten Hochachtung und Liebe u. s. w.
-
-
- 3. Schreiben eines Burgemeisters in einer Festung an einen
- Unterbeamten.
-
-Sr. Excellenz der Hr. Generallieutenant von F., ^Commendant^ der
-hiesigen Garnison, haben sich auf die Nachricht, daß der Feind nur noch
-drey Meilen von der Festung stehe, auf das Rathhaus verfügt, und
-daselbst, in Begleitung eines starken Detaschements von Dragonern, 3000
-Pechkränze verlangt, um die Vorstädte, die das Glacis embarrassiren,
-danieder zu brennen.
-
-Der Rath der Stadt, der unter solchen Umständen das Ruhmvolle dieses
-Entschlusses einsah, hat, nach Abführung einiger renitirenden
-Mitglieder, die Sache ^in pleno^ erwogen, und mit einer Majorität von 3
-gegen 2 Stimmen, wobei meine wie gewöhnlich für 2 galt, und Sr.
-Excellenz die 3 supplirten, die verlangten Pechkränze ohne Bedenken
-bewilligt. Inzwischen ist nun die Frage, und wir geben Euch auf Euch
-gutachtlich darüber auszulassen,
-
- 1. Wie viel an Pech und Schwefel, als den dazu gehörigen
- Materialien, zur Fabrication von 3000 Pechkränzen erforderlich
- sind; und
-
- 2. ob die genannten Combustibeln in der berechneten Menge zur
- gehörigen Zeit herbeizuschaffen sind?
-
-Unseres Wissens liegt ein großer Vorrath von Pech und Schwefel bei dem
-Kaufmann M. in der N..schen Vorstadt, P..sche Gasse Num. 139.
-
-Inzwischen ist dies ein auf Bestellung der Dänischen Regierung
-aufgehäufter Vorrath, und wir besitzen bereits, in Relation wie wir mit
-derselben stehen, den Auftrag dem Kaufmann M. den Marktpreis davon mit
-3000 fl. zuzufertigen. Indem wir Euch nun, diesem Auftrage gemäß, die
-besagte Summe für den Kaufmann M. in guten Landespapieren, demselben
-auch sechs Wägen oder mehr und Pässe, und was immer zur ungesäumten
-Abführung der Ingredienzen an den Hafen-Platz erforderlich sein mag,[42]
-bewilligen, beschließen wir zwar von diesem Eigenthum der Dänischen
-Regierung Behufs einer Niederbrennung der Vorstädte keine Notiz zu
-nehmen; indessen habt Ihr das gesammte Personale der untern
-Polizeibeamten zusammenzunehmen, und alle Gewölbe und Läden der Kauf-
-und Gewerksleute, die mit diesen Combustibeln handeln oder sie
-verarbeiten, aufs Strengste und Eigensinnigste zu durchsuchen, damit,
-dem Entschluß Sr. Excellenz gemäß, unverzüglich die Pechkränze
-verfertigt und mit Debarrassirung des Glacis verfahren werden möge.
-
-Nichts ist nothwendiger, als in diesem Augenblick der herannahenden
-Gefahr Alles aufzubieten, und kein Opfer zu scheuen, das im Stande ist
-dem Staat diesen für den Erfolg des Kriegs höchst wichtigen Platz zu
-behaupten. Sr. Excellenz haben erklärt, daß wenn ihr auf dem Markt
-befindlicher Pallast vor dem Glacis läge, sie denselben zuerst
-niederbrennen und unter den Thoren der Vestung übernachten würden. Da
-nun unser, sowohl des Burgemeisters, als auch Euer, des Unterbeamten,
-Haus, in dem angegebenen Fall sind, indem sie von der Q...schen Vorstadt
-her mit ihren Gärten und Nebengebäuden das Glacis beträchtlich
-embarrassiren, so wird es bloß von Euren Recherchen und von dem Bericht
-abhangen, den Ihr darüber abstatten werdet, ob wir den Andern ein
-Beispiel zu geben, und den Pechkranz zuerst auf die Giebel derselben zu
-werfen haben.
-
-Sind in Gewogenheit u. s. w.
-
-
- 4. Brief eines politischen Pescherü über einen Nürnberger
- Zeitungsartikel.
-
-Erlaube mir, Vetter Pescherü, daß ich Dir in der verwirrten Sprache, die
-kürzlich ein Deutscher mich gelehrt hat, einen Artikel mittheile, der in
-einer Zeitung dieses Landes, wenn ich nicht irre, im Nürnberger
-Correspondenten gestanden hat, und den ein Grönländer, der in Island auf
-einem Kaffeehause war, hierher gebracht hat. Der Zeitungsartikel ist
-folgenden sonderbaren Inhalts:[43]
-
-»Es sind nicht sowohl die Franzosen, welche die Freiheitsschlacht, die
-bei Regensburg gefochten ward, entschieden haben, als vielmehr die
-Deutschen selbst. Der tapfere Kronprinz von Bayern hat zuerst an der
-Spitze der rheinbündischen Truppen die Linien der Oesterreicher
-durchbrochen. Der Kaiser Napoleon hat ihn am Abend der Schlacht auf dem
-Wahlplatz umarmt, und ihn den Helden der Deutschen genannt.«[44]
-
-Ich versichere Dich, Vetter Pescherü, ich bin hinausgegangen auf den
-Sandhügel, wo die Sonne brennt, und habe meine Nase angesehen
-stundenlang, und wieder stundenlang, ohne im Stande gewesen zu sein den
-Sinn dieses Zeitungsartikels zu erforschen. Er verwischt Alles, was ich
-über die Vergangenheit zu wissen meine, dergestalt, daß mein Gedächtniß
-wie ein weißes Blatt aussieht, und die ganze Geschichte derselben von
-Neuem darin angefrischt werden muß.
-
-Sage mir also, ich bitte Dich:
-
-1. Ist es der Kaiser von Oesterreich, der das deutsche Reich im Jahre
-1805 zertrümmert hat?[45]
-
-2. Ist er es, der den Buchhändler Palm erschießen ließ, weil er ein
-dreistes Wort über diese Gewaltthat in Umlauf brachte?[46]
-
-3. Ist er es, der durch List und Ränke die deutschen Fürsten entzweite,
-um über die Entzweiten nach der Regel des Cäsar zu herrschen?
-
-4. Ist er es, der den Kurfürsten von Hessen ohne Kriegserklärung aus
-seinem Lande vertrieb, und einen Handlungscommis -- wie heißt er schon?
--- der ihm verwandt war, auf den Thron desselben setzte?[47]
-
-5. Ist er es, der den König von Preußen, den ersten Gründer seines
-Ruhms, in dem undankbarsten und ungerechtesten Kriege zu Boden
-geschlagen hat, und auch selbst nach dem Frieden noch mit seinem
-grimmigen Fuß auf dem Nacken desselben verweilte?[48]
-
-6. Ist es dagegen der Kaiser Napoleon, der durch unglückliche Feldzüge
-erschöpft, die deutsche Krone auf das Machtwort seines Gegners
-niederzulegen genöthigt war?[49]
-
-7. Ist er es, der mit zerrissenem Herzen Preußen, den letzten Pfeiler
-Deutschlands, sinken sah, und, so zerstreut seine Heere auch waren,
-herbei geeilt sein würde ihn zu retten, wenn der Friede von Tilsit nicht
-abgeschlossen worden wäre?[50]
-
-8. Ist er es, der dem betrogenen Kurfürsten von Hessen auf der Flucht
-aus seinen Staaten einen Zufluchtsort in den seinigen vergönnt hat?[51]
-
-9. Ist er es endlich, der sich des Elends, unter welchem die Deutschen
-seufzen, erbarmt hat, und der nun, an der Spitze der ganzen Jugend, wie
-Anteus, der Sohn der Erde, von seinem Fall erstanden ist, um das
-Vaterland zu retten?
-
-Vetter Pescherü, vergieb mir diese Fragen; ein Europäer wird ohne
-Zweifel, wenn er den Artikel liest, wissen was er davon zu halten hat.
-Einem Pescherü aber müssen, wie Du selbst einsiehst, alle die Zweifel
-kommen, die ich Dir vorgetragen habe.
-
-Bekanntlich drücken wir mit dem Wort Pescherü Alles aus, was wir
-empfinden oder denken, drücken es mit einer Deutlichkeit aus, die den
-andern Sprachen der Welt fremd ist. Wenn wir z. B. sagen wollen: es ist
-Tag, so sagen wir: Pescherü; wollen wir hingegen sagen: es ist Nacht, so
-sagen wir: Pescherü. Wollen wir ausdrücken: dieser Mann ist redlich, so
-sagen wir: Pescherü; wollen wir hingegen versichern: er ist ein Schelm,
-so sagen wir: Pescherü. Kurz, Pescherü drückt den Inbegriff aller
-Erscheinungen aus, und eben darum, weil es Alles ausdrückt, auch jedes
-Einzelne.
-
-Hätte doch der Nürnberger Zeitungsschreiber in der Sprache der Pescherüs
-geschrieben! Denn setze einmal der Artikel lautete also Pescherü, so
-würde Dein Vetter[52] nicht einen, nicht einen Augenblick bei seinem
-Inhalt angestoßen sein. Er würde alsdann mit völliger Bestimmtheit und
-Klarheit also gelesen haben:
-
-»Es sind nicht sowohl die Franzosen, welche die Schlacht, die das
-deutsche Reich dem Napoleon überliefern sollte, gewonnen haben, als
-vielmehr die bemitleidenswürdigen Deutschen selbst. Der entartete
-Kronprintz von Bayern hat zuerst an der Spitze der rheinbündischen
-Truppen die Linien der braven Oesterreicher, ihrer Befreier,
-durchbrochen. »Sie sind der Held der Deutschen!« rief ihm der
-Verschlagenste der Unterdrücker zu; aber sein Hertz sprach heimlich:
-»ein Verräther bist Du, und wenn ich Dich werde gebraucht haben, wirst
-Du abtreten!«
-
-
- 5. Die Bedingung des Gärtners.
- Eine Fabel.
-
-Ein Gärtner sagte zu seinem Herrn: »Deinem Dienst habe ich mich nur
-innerhalb dieser Hecken und Zäune gewidmet. Wenn der Bach kommt und
-deine Frucht-Beete überschwemmt, so will ich mit Hacken und Spaten
-aufbrechen, um ihm zu wehren; aber außerhalb dieses Bezirkes zu gehen,
-und, ehe der Strom noch einbricht, mit seinen Wogen zu kämpfen, das
-kannst du nicht von deinem Diener verlangen.«
-
-Der Herr schwieg.
-
-Und drei Frühlinge kamen und verheerten mit ihren Gewässern das Land.
-Der Gärtner triefte von Schweiß, um dem Geriesel[53], das von allen
-Seiten eindrang, zu steuern; umsonst; der Seegen des Jahrs, wenn ihm die
-Arbeit auch gelang, war verderbt und vernichtet.
-
-Als der vierte kam, nahm er Hacken und Spaten und gieng auf's Feld.
-
-»Wohin?« fragte ihn sein Herr.
-
-»Auf das Feld, antwortete er, wo das Uebel entspringt. Hier thürm' ich
-Wälle von Erde umsonst, um dem Strom, der brausend hereinbricht, zu
-wehren: an der Quelle kann ich ihn mit einem Fußtritt verstopfen.«
-
-Landwehren von Oesterreich! Warum wollt ihr bloß innerhalb eures Landes
-fechten?[54]
-
-
- 6. Lehrbuch der französischen Journalistik.
-
-
- Einleitung.
-
-
- § 1.
-
-Die Journalistik überhaupt ist die treuherzige und unverfängliche Kunst
-das Volk von dem zu unterrichten, was in der Welt vorfällt. Sie ist eine
-gänzliche Privatsache, und alle Zwecke der Regierung, sie mögen heißen
-wie man wolle, sind ihr fremd. Wenn man die französischen Journale mit
-Aufmerksamkeit liest, so sieht man, daß sie nach ganz eignen Grundsätzen
-abgefaßt worden, deren System man die _französische Journalistik_ nennen
-kann. Wir wollen uns bemühen den Entwurf dieses Systems, so wie es etwa
-im geheimen Archiv zu Paris liegen mag, hier zu entfalten.
-
-
- Erklärung.
-
-
- § 2.
-
-Die _französische Journalistik_ ist die Kunst das Volk glauben zu
-machen, was die Regierung für gut findet.
-
-
- § 3.
-
-Sie ist bloß Sache der Regierung, und alle Einmischung der Privatleute,
-bis selbst auf die Stellung vertraulicher Briefe, die die
-Tages-Geschichte betreffen, verboten.
-
-
- § 4.
-
-Ihr Zweck ist die Regierung über allen Wechsel der Begebenheiten hinaus
-sicher zu stellen, und die Gemüther, allen Lockungen des Augenblicks zum
-Trotz, in schweigender Unterwürfigkeit unter das Joch derselben
-niederzuhalten.
-
-
- Die zwei obersten Grundsätze.
-
-
- § 5.
-
-_Was das Volk nicht weiß, macht das Volk nicht heiß._
-
-
- § 6.
-
-_Was man dem Volke dreimal sagt, hält das Volk für wahr._
-
-
- Anmerkung.
-
-
- § 7.
-
-Diese Grundsätze könnte man auch Grundsätze des Talleyrand nennen. Denn
-ob sie gleich nicht von ihm erfunden sind, so wenig wie die
-mathematischen von dem Euklid: so ist er doch der Erste, der sie für ein
-bestimmtes und schlußgerechtes System in Anwendung gebracht hat.
-
-
- Aufgabe.
-
-
- § 8.
-
-Eine Verbindung von Journalen zu redigiren, welche 1. Alles, was in der
-Welt vorfällt, entstellen, und gleichwohl 2. ziemliches Vertrauen haben?
-
-
- Lehrsatz zum Behuf der Auflösung.
-
-Die Wahrheit sagen heißt allererst die Wahrheit _ganz_ und _nichts als_
-die Wahrheit sagen.
-
-
- Auflösung.
-
-Also redigire man zwei Blätter, deren Eines niemals lügt, das Andere
-aber die Wahrheit sagt: so wird die Aufgabe gelößt sein.
-
-
- Beweis.
-
-Denn weil das Eine niemals lügt, das Andere aber die Wahrheit sagt, so
-wird die _zweite_ Forderung erfüllt sein. Weil aber jenes verschweigt
-was wahr ist, und dieses hinzusetzet was erlogen ist, so wird es auch,
-wie jedermann zugestehen wird, die _erste_ sein. ^q. e. d.^
-
-
- Erklärung.
-
-
- § 9.
-
-Dasjenige Blatt, welches niemals lügt, aber hin und wieder verschweigt
-was wahr ist, heißt der _Moniteur_, und erscheine in officieller Form;
-das Andere, welches die Wahrheit sagt, aber zuweilen hinzuthut was
-erstuncken und erlogen ist, heiße ^Journal de l'Empire^, oder
-auch ^Journal de Paris^, und erscheine in Form einer bloßen
-Privat-Unternehmung.
-
-
- Eintheilung der Journalistik.
-
-
- § 10.
-
-Die französische Journalistik zerfällt in die Lehre von der Verbreitung
-1. _wahrhaftiger_, 2. _falscher_ Nachrichten. Jede Art der Nachricht
-erfordert einen eigenen _Modus der Verbreitung_, von welchem hier
-gehandelt werden soll.
-
-
- ^Cap. I.^
- Von den wahrhaftigen Nachrichten.
-
-
- ^Art. 1.^
- Von den guten.
-
-
- Lehrsatz.
-
-
- § 11.
-
-_Das Werk lobt seinen Meister._
-
-
- Beweis.
-
-Der Beweis für diesen Satz ist klar an sich. Er liegt in der Sonne,
-besonders wenn sie aufgeht; in den ägyptischen Pyramiden; in der
-Peterskirche; in der Madonna des Raphael, und in vielen andern
-herrlichen Werken der Götter und Menschen.
-
-
- Anmerkung.
-
-
- § 12.
-
-Wirklich und in der That: man mögte meinen, daß dieser Satz sich in der
-französischen Journalistik [nicht] findet. Wer die Zeitungen aber mit
-Aufmerksamkeit gelesen hat, der wird gestehen, er findet sich darin;
-daher wir ihn auch dem System zu Gefallen hier haben aufführen müssen.
-
-
- Corollarium.
-
-
- § 13.
-
-Inzwischen gilt dieser Satz doch nur in völliger Strenge für den
-_Moniteur_, und auch für diesen nur bei guten Nachrichten von
-außerordentlichem und entscheidendem Werth. Bei guten Nachrichten von
-untergeordnetem Werth kann der Moniteur schon das Werk ein wenig loben,
-das ^Journal de l'Empire^ aber und das ^Journal de Paris^ mit vollen
-Backen in die Posaune stoßen.
-
-
- Aufgabe.
-
-
- § 14.
-
-_Dem Volk eine gute Nachricht vorzutragen?_
-
-
- Auflösung.
-
-Ist es z. B. eine gänzliche Niederlage des Feindes, wobei derselbe
-Kanonen, Bagage und Munition verloren hat und in die Moräste gesprengt
-worden ist, so sage man dies, und setze das Punctum dahinter. (§ 11) Ist
-es ein bloßes Gefecht, wobei nicht viel herausgekommen ist, so setze man
-im Moniteur eine, im ^Journal de l'Empire^ drei Nullen an jede Zahl, und
-schicke die Blätter mit ^Courieren^ in alle Welt. (§ 13)
-
-
- Anmerkung.
-
-
- § 15.
-
-Hierbei braucht man nicht nothwendig zu lügen. Man braucht nur z. B. die
-Blessirten, die man auf dem Schlachtfelde gefunden, auch unter den
-Gefangenen aufzuführen. Dadurch bekömmt man zwei Rubriken, und das
-Gewissen ist gerettet.
-
-
- ^Art. 2.^
- _Von den schlechten Nachrichten._
-
-
- Lehrsatz.
-
-
- § 16.
-
-Zeit gewonnen, Alles gewonnen.
-
-
- Anmerkung.
-
-
- § 17.
-
-Dieser Satz ist so klar, daß er, wie die Grundsätze, keines Beweises
-bedarf, daher ihn der Kaiser der Franzosen auch unter die Grundsätze
-aufgenommen hat. Er führt in natürlicher Ordnung auf die Kunst dem Volk
-[eine] Nachricht zu verbergen, von welcher[55] sogleich gehandelt werden
-soll.
-
-
- Corollarium.
-
-
- § 18.
-
-Inzwischen gilt auch dieser Satz nur in völliger Strenge für das
-^Journal de l'Empire^ und für das ^Journal de Paris^, und auch für diese
-nur bei schlechten Nachrichten von der gefährlichen und verzweifelten
-Art. Schlechte Nachrichten von erträglicher Art kann der Moniteur gleich
-offenherzig gestehen, das ^Journal de l'Empire^ aber und das ^Journal de
-Paris^ thun als ob nicht viel daran wäre.
-
-
- Aufgabe.
-
-
- § 19.
-
-_Dem Volk eine schlechte Nachricht zu verbergen?_
-
-
- Auflösung.
-
-Die Auflösung ist leicht. Es gilt für das Innere des Landes in allen
-Journalen Stillschweigen, einem Fisch gleich. Unterschlagung der Briefe,
-die davon handeln, Aufhaltung der Reisenden, Verbote in Tabagien und
-Gasthäusern davon zu reden, und für das Ausland Confiscation der
-^Journale^, welche gleichwohl davon zu handeln wagen; Arretirung,
-Deportirung, und Füselierung der Redactoren; Ansetzung neuer ^Subjecte^
-bei diesem Geschäfft: Alles mittelbar entweder durch Requisition, oder
-unmittelbar durch Detaschements.
-
-
- Anmerkung.
-
-
- § 20.
-
-Diese Auflösung ist, wie man sieht, nur eine bedingte, und früh oder
-spät kommt die Wahrheit ans Licht. Will man die Glaubwürdigkeit der
-Zeitungen nicht aussetzen, so muß es nothwendig eine Kunst geben dem
-Volk schlechte Nachrichten vorzutragen. Worauf wird diese Kunst sich
-stützen?
-
-
- Lehrsatz.
-
-
- § 21.
-
-Der Teufel läßt keinen Schelmen im Stich.
-
-
- Anmerkung.
-
-
- § 22.
-
-Auch dieser Satz ist so klar, daß er nur erst verworren[56] werden
-würde, wenn man ihn beweisen wollte, daher wir uns nicht weiter darauf
-einlassen, sondern sogleich zur Anwendung schreiten wollen.
-
-
- Aufgabe.
-
-
- § 23.
-
-_Dem Volk eine schlechte Nachricht vorzutragen?_
-
-
- Auflösung.
-
-Man schweige davon (§ 5) bis sich die Umstände geändert haben. (§ 15).
-Inzwischen unterhalte man das Volk mit guten Nachrichten, entweder mit
-wahrhaftigen aus der Vergangenheit, oder auch mit gegenwärtigen, wenn
-sie vorhanden sind, als: Schlacht von Marengo, von der Gesandschafft des
-Persenschachs[57] und von der Ankunft des Levantischen Kaffes, oder, in
-Ermangelung aller, mit solchen die erstunken und erlogen sind; sobald
-sich die Umstände geändert haben, welches niemals ausbleibt, (§ 20) und
-irgend ein Vortheil, er sei groß oder klein, errungen worden ist, gebe
-man (§ 14) eine pomphafte Ankündigung davon, und an ihren Schwanz hänge
-man die schlechte Nachricht an. ^q. e. des.^
-
-
- Anmerkung.
-
-
- § 24.
-
-Hierin ist eigentlich noch der Lehrsatz enthalten: _wenn man dem Kinde
-ein Licht zeigt, so weint es nicht_; denn darauf stützt sich zum Theil
-das angegebene Verfahren. Nur der Kürze wegen, und weil er von selbst in
-die Augen springt, geschah es, daß wir denselben ^in abstracto^ nicht
-haben aufführen wollen.
-
-
- Corollarium.
-
-
- § 25.
-
-Ganz _still zu schweigen_, wie die Auflösung fordert, ist in vielen
-Fällen unmöglich, denn schon das Datum des Bülletins, wenn z. B. eine
-Schlacht verloren und das Hauptquartier zurückgegangen wäre, verräth
-dies Factum. In diesem Fall _antedatire_ man entweder das Bülletin, oder
-aber _fingire einen Druckfehler_ im Datum, oder endlich lasse das Datum
-_ganz weg_. Die Schuld kommt auf den Setzer oder Corrector.
-
-
- 7. Katechismus der Deutschen, abgefaßt nach dem Spanischen, zum
- Gebrauch für Kinder und Alte.[58]
- In sechzehn Kapiteln.
-
-
- Erstes Kapitel.
- Von Deutschland überhaupt.
-
-_Frage._ Sprich, Kind, wer bist Du?
-
-_Antwort._ Ich bin ein Deutscher.
-
-_Fr._ Ein Deutscher? Du scherzest. Du bist in Meißen gebohren, und das
-Land, dem Meißen angehört, heißt Sachsen!
-
-_Antw._ Ich bin in Meißen gebohren, und das Land, dem Meißen angehört,
-heißt Sachsen; aber mein Vaterland, das Land dem Sachsen angehört, ist
-Deutschland, und Dein Sohn, mein Vater, ist ein Deutscher.
-
-_Fr._ Du träumest! Ich kenne kein Land, dem Sachsen angehört, es müßte
-denn das rheinische Bundesland sein.[59] Wo find ich es, dies
-Deutschland, von dem Du sprichst, und wo liegt es?
-
-_Antw._ Hier, mein Vater. -- Verwirre mich nicht.
-
-_Fr._ Wo?
-
-_Antw._ Auf der Karte.
-
-_Fr._ Ja, auf der Karte! -- Diese Karte ist vom Jahr 1805. -- Weißt Du
-nicht, was geschehn ist im Jahr 1805, da der Friede von Preßburg
-abgeschlossen war?
-
-_Antw._ Napoleon, der korsische Kaiser, hat es nach dem Frieden durch
-eine Gewaltthat zertrümmert.[60]
-
-_Fr._ Nun? Und gleichwohl wäre es noch vorhanden?
-
-_Antw._ Gewiß! -- Was fragst Du mich doch!
-
-_Fr._ Seit wann?
-
-_Antw._ Seit Franz der Zweite, der alte Kaiser der Deutschen, wieder
-aufgestanden ist, um es herzustellen, und der tapfre Feldherr, den er
-bestellte, das Volk aufgerufen hat, sich an die Heere, die er anführt,
-zur Befreiung des Landes anzuschließen.
-
-
- Zweites Kapitel.
- Von der Liebe zum Vaterlande.
-
-_Fr._ Du liebst dein Vaterland, nicht wahr, mein Sohn?
-
-_Antw._ Ja, mein Vater, das thu ich.
-
-_Fr._ Warum liebst Du es?
-
-_Antw._ Weil es mein Vaterland ist.
-
-_Fr._ Du meinst, weil Gott es geseegnet hat mit vielen Früchten, weil
-viele schöne Werke der Kunst es schmücken, weil Helden, Staatsmänner und
-Weise, deren Namen anzuführen kein Ende ist, es verherrlicht haben?
-
-_Antw._ Nein, mein Vater; Du verführst mich.
-
-_Fr._ Ich verführte Dich?
-
-_Antw._ Denn Rom und das ägyptische Delta sind, wie Du mich gelehrt
-hast, mit Früchten und schönen Werken der Kunst und Allem, was groß und
-herrlich sein mag, weit mehr geseegnet als Deutschland. Gleichwohl, wenn
-Deines Sohnes Schicksal wollte, daß er darin leben sollte, würde er sich
-traurig fühlen, und es nimmermehr so lieb haben, wie jetzt Deutschland.
-
-_Fr._ Warum also liebst Du Deutschland?
-
-_Antw._ Mein Vater, ich habe es Dir schon gesagt!
-
-_Fr._ Du hättest es mir schon gesagt?
-
-_Antw._ Weil es mein Vaterland ist.
-
-
- Drittes Kapitel.
- Von der Zertrümmerung des Vaterlandes.
-
-_Fr._ Was ist Deinem Vaterlande jüngsthin widerfahren?
-
-_Antw._ Napoleon, Kaiser der Franzosen, hat es mitten im Frieden
-zertrümmert, und mehrere Völker, die es bewohnen, unterjocht.
-
-_Fr._ Warum hat er dies gethan?
-
-_Antw._ Das weiß ich nicht.
-
-_Fr._ Das weißt Du nicht?
-
-_Antw._ Weil er ein böser Geist ist.
-
-_Fr._ Ich will Dir sagen, mein Sohn: Napoleon behauptet, er sei von den
-Deutschen beleidigt worden.
-
-_Antw._ Nein, mein Vater, das ist er nicht.
-
-_Fr._ Warum nicht?
-
-_Antw._ Die Deutschen haben ihn niemals beleidigt.
-
-_Fr._ Kennst Du die gantze Streitfrage, die dem Kriege, der entbrannt
-ist, zum Grunde liegt?
-
-_Antw._ Nein, keineswegs.
-
-_Fr._ Warum nicht?
-
-_Antw._ Weil sie zu weitläuftig und umfassend ist.
-
-_Fr._ Woraus also schließest Du, daß die Sache, die die Deutschen
-führen, gerecht sei?
-
-_Antw._ Weil Kaiser Franz von Oesterreich es versichert hat.
-
-_Fr._ Wo hat er dies versichert?
-
-_Antw._ In dem von seinem Bruder, dem Erzherzog Carl, an die Nation
-erlassenen Aufruf.
-
-_Fr._ Also wenn zwei Angaben vorhanden sind, die Eine von Napoleon, dem
-Korsenkaiser, die Andere von Franz, Kaiser von Oesterreich, welcher
-glaubst Du?
-
-_Antw._ Der Angabe Franzens, Kaisers von Oesterreich.
-
-_Fr._ Warum?
-
-_Antw._ Weil er wahrhaftiger ist.
-
-
- Viertes Kapitel.
- Vom Ertzfeind.
-
-_Fr._ Wer sind Deine Feinde, mein Sohn?
-
-_Antw._ Napoleon und, so lange er ihr Kaiser ist, die Franzosen.
-
-_Fr._ Ist sonst niemand, den Du haßest?
-
-_Antw._ Niemand auf der ganzen Welt.
-
-_Fr._ Gleichwohl, als Du gestern aus der Schule kamst, hast Du Dich mit
-jemand, wenn ich nicht irre, entzweit?
-
-_Antw._ Ich, mein Vater? Mit wem?
-
-_Fr._ Mit Deinem Bruder; Du hast es mir selbst erzählt.
-
-_Antw._ Ja, mit meinem Bruder! Er hatte meinen Vogel nicht, wie ich ihm
-aufgetragen hatte, gefüttert.
-
-_Fr._ Also ist Dein Bruder, wenn er dies gethan hat, Dein Feind, nicht
-Napoleon der Korse, noch die Franzosen, die er beherrscht?
-
-_Antw._ Nicht doch, mein Vater! -- Was sprichst Du da?
-
-_Fr._ Was ich da spreche?
-
-_Antw._ Ich weiß nicht, was ich darauf antworten soll.[61] -- -- -- --
-
-
- [Siebentes Kapitel.]
-
-_Fr._ Das hab ich Dich schon gefragt. Sage es noch einmahl mit den
-Worten, die ich Dich gelehrt habe.
-
-_Antw._ Für einen verabscheuungswürdigen Menschen, für den Anfang alles
-Bösen und das Ende alles Guten; für einen Sünder, den anzuklagen die
-Sprache der Menschen nicht hinreicht, und den Engeln einst am jüngsten
-Tage der Odem vergehen wird.
-
-_Fr._ Sahst Du ihn je?
-
-_Antw._ Niemals, mein Vater.
-
-_Fr._ Wie sollst Du ihn Dir vorstellen?
-
-_Antw._ Als einen der Hölle entstiegenen Vatermörder, der herumschleicht
-in dem Tempel der Natur, und an allen Säulen rüttelt, auf welchen er
-gebaut ist.
-
-_Fr._ Wann hast Du dies im Stillen für Dich wiederholt?
-
-_Antw._ Gestern Abend, als ich zu Bette gieng, und heute Morgen, als ich
-aufstand.
-
-_Fr._ Und wann wirst Du es wieder wiederholen?
-
-_Antw._ Heute Abend, wenn ich zu Bette gehe, und morgen früh, wann ich
-aufstehe.
-
-_Fr._ Gleichwohl, sagt man, soll er viel Tugenden besitzen. Das
-Geschäfft der Unterjochung der Erde soll er mit List, Gewandtheit und
-Kühnheit vollziehn, und besonders an dem Tage der Schlacht ein großer
-Feldherr sein.
-
-_Antw._ Ja, mein Vater, so sagt man.
-
-_Fr._ Man sagt es nicht bloß; er _ist_ es.
-
-_Antw._ Auch gut; er _ist_ es.
-
-_Fr._ Meinst Du nicht, daß er um dieser Eigenschafften willen
-Bewunderung und Verehrung verdiene?
-
-_Antw._ Du schertzest, mein Vater.
-
-_Fr._ Warum nicht?
-
-_Antw._ Das wäre ebenso feig, als ob ich die Geschicklichkeit, die einem
-Menschen im Ringen beiwohnt, in dem Augenblick bewundern wollte, da er
-mich in den Koth wirft und mein Antlitz mit Füßen tritt.
-
-_Fr._ Wer also unter den Deutschen mag ihn bewundern?
-
-_Antw._ Die robusten Feldherrn etwa und die Kenner der Kunst.
-
-_Fr._ Und auch diese, wann mögen sie es erst thun?
-
-_Antw._ Wenn er vernichtet ist.
-
-
- Achtes Kapitel.
- Von der Erziehung der Deutschen.
-
-_Fr._ Was mag die Vorsehung wohl damit, mein Sohn, daß sie die Deutschen
-so grimmig durch Napoleon, den Korsen, aus ihrer Ruhe aufgeschreckt hat,
-bezweckt haben?
-
-_Antw._ Das weiß ich nicht.
-
-_Fr._ Das weißt Du nicht?
-
-_Antw._ Nein, mein Vater.
-
-_Fr._ Ich auch nicht. Ich schieße nur mit meinem Urtheil ins Blaue
-hinein. Treffe ich, so ist es gut; wo nicht, so ist an dem Schuß nichts
-verloren. -- Tadelst Du dies Unternehmen?
-
-_Antw._ Keineswegs, mein Vater.
-
-_Fr._ Vielleicht meinst Du, die Deutschen befanden sich schon, wie die
-Sachen stehn, auf dem Gipfel aller Tugend, alles Heils und alles Ruhms?
-
-_Antw._ Keineswegs, mein Vater.
-
-_Fr._ Oder waren wenigstens auf guten Wegen, ihn zu erreichen?
-
-_Antw._ Nein, mein Vater; das auch nicht.
-
-_Fr._ Von welcher Unart habe ich Dir zuweilen gesprochen?
-
-_Antw._ Von einer Unart?
-
-_Fr._ Ja; die dem lebenden Geschlecht anklebt.
-
-_Antw._ Der Verstand der Deutschen, hast Du mir gesagt, habe durch
-einige scharfsinnige Lehrer einen Ueberwitz bekommen; sie reflectirten,
-wo sie empfinden oder handeln sollten, meinten Alles durch ihren Witz
-bewerkstelligen zu können, und gäben nichts mehr auf die alte
-geheimnißvolle Kraft der Hertzen.
-
-_Fr._ Findest Du nicht, daß die Unart, die Du mir beschreibst, zum Theil
-auch auf Deinem Vater ruht, indem er Dich catechisirt?
-
-_Antw._ Ja, mein lieber Vater.
-
-_Fr._ Woran hiengen sie mit unmäßiger und unedler Liebe?
-
-_Antw._ An Geld und Gut, trieben Handel und Wandel damit, daß ihnen der
-Schweiß ordentlich des Mitleidens würdig von der Stirn triefte, und
-meinten ein ruhiges, gemächliches und sorgenfreies Leben sei Alles, was
-sich in der Welt erringen ließe.
-
-_Fr._ Warum also mag das Elend wohl, das in der Zeit ist, über sie
-gekommen, ihre Hütten zerstört und ihre Felder verheeret worden sein?
-
-_Antw._ Um ihnen diese Güter völlig verächtlich zu machen, und sie
-anzuregen nach den höhern und höchsten, die Gott den Menschen beschert
-hat, hinanzustreben.
-
-_Fr._ Und welches sind die höchsten Güter der Menschen?
-
-_Antw._ Gott, Vaterland, Kaiser, Freyheit, Liebe und Treue, Schönheit,
-Wissenschafft und Kunst.
-
-
- Neuntes Kapitel.
- Eine Nebenfrage.
-
-_Fr._ Sage mir, mein Sohn, wohin kommt der, welcher liebt? In den Himmel
-oder in die Hölle?
-
-_Antw._ In den Himmel.
-
-_Fr._ Und der, welcher haßt?
-
-_Antw._ In die Hölle.
-
-_Fr._ Aber derjenige, welcher weder liebt noch haßt: wohin kommt der?
-
-_Antw._ Welcher weder liebt noch haßt?
-
-_Fr._ Ja! -- Hast Du die schöne Fabel vergessen?
-
-_Antw._ Nein, mein Vater.
-
-_Fr._ Nun? Wohin kommt der?
-
-_Antw._ Der kommt in die siebente, tiefste und unterste Hölle.
-
-
- Zehntes Kapitel.
- Von der Verfassung der Deutschen.[62]
-
--- -- -- --
-
-
- [Zwölftes Kapitel.]
-
-wo sie sie immer treffen mögen, erschlagen.
-
-_Fr._ Hat er dies Allen oder den Einzelnen befohlen?
-
-_Antw._ Allen und den Einzelnen.
-
-_Fr._ Aber der Einzelne, wenn er zu den Waffen griffe, würde offtmals
-nur in sein Verderben laufen?
-
-_Antw._ Allerdings, mein Vater, das wird er.
-
-_Fr._ Er muß also lieber warten, bis ein Haufen zusammengelaufen ist, um
-sich an diesen anzuschließen?
-
-_Antw._ Nein, mein Vater.
-
-_Fr._ Warum nicht?
-
-_Antw._ Du scherzest, wenn Du so fragst.
-
-_Fr._ So rede!
-
-_Antw._ Weil, wenn jedweder so dächte, gar kein Haufen zusammenlaufen
-würde, an den man sich anschließen könnte.
-
-_Fr._ Mithin -- was ist die Pflicht jedes Einzelnen?
-
-_Antw._ Unmittelbar auf das Gebot des Kaisers zu den Waffen zu greifen,
-den Anderen, wie die hochherzigen Tyroler,[63] ein Beispiel zu geben,
-und die Franzosen, wo sie angetroffen werden mögen, zu erschlagen.
-
-
- Dreizehntes Kapitel.
- Von den freiwilligen Beiträgen.
-
-_Fr._ Wen Gott mit Gütern geseegnet hat, was muß der noch außerdem für
-den Fortgang des Kriegs, der geführt wird, thun?
-
-_Antw._ Er muß, was er entbehren kann, zur Bestreitung seiner Kosten
-hergeben.
-
-_Fr._ Was kann der Mensch entbehren?
-
-_Antw._ Alles bis auf Wasser und Brod, [das] ihn ernährt, und ein
-Gewand, das ihn deckt.
-
-_Fr._ Wie viel Gründe kannst Du anführen, um die Menschen, freiwillige
-Beiträge einzuliefern, zu bewegen?
-
-_Antw._ Zwei. Einen, der nicht viel einbringen wird, und Einen, der die
-Führer des Kriegs reich machen muß, falls die Menschen nicht mit
-Blindheit geschlagen sind.[64]
-
-_Fr._ Welcher ist der, der nicht viel einbringen wird?
-
-_Antw._ Weil Geld und Gut gegen das, was damit errungen werden soll,
-nichtswürdig sind.
-
-_Fr._ Und welcher ist der, der die Führer des Kriegs reich machen muß,
-falls die Menschen nicht mit Blindheit geschlagen sind?
-
-_Antw._ Weil es die Franzosen doch wegnehmen.
-
-
- Vierzehntes Kapitel.
- Von den obersten Staatsbeamten.
-
-_Fr._ Die Staatsbeamten, die dem Kaiser von Oesterreich und den ächten
-deutschen Fürsten treu dienen, findest Du nicht, mein Sohn, daß sie
-einen gefährlichen Stand haben?
-
-_Antw._ Allerdings, mein Vater.
-
-_Fr._ Warum?
-
-_Antw._ Weil, wenn der korsische Kaiser ins Land käme, er sie um dieser
-Treue willen bitter bestrafen würde.
-
-_Fr._ Also ist es für jeden, der auf einer wichtigen Landesstelle steht,
-der Klugheit gemäß, sich zurückzuhalten, und sich nicht mit Eifer auf
-heftige Maasregeln, wenn sie ihm auch von der Regierung anbefohlen sein
-sollten, einzulassen?[65]
-
-_Antw._ Pfui doch, mein Vater; was sprichst Du da!
-
-_Fr._ Was? -- Nicht?
-
-_Antw._ Das wäre schändlich und niederträchtig.
-
-_Fr._ Warum?
-
-_Antw._ Weil ein Solcher nicht mehr Staatsdiener seines Fürsten, sondern
-schon, als ob er in seinem Sold stünde, Staatsdiener des Korsenkaisers
-ist, und für seine Zwecke arbeitet.
-
-
- Funfzehntes Kapitel.
- Vom Hochverrathe.
-
-_Fr._ Was begeht derjenige, mein Sohn, der dem Aufgebot, das der
-Erzherzog Carl an die Nation erlassen hat, nicht gehorcht, oder wohl gar
-durch Wort und That zu widerstreben wagt?
-
-_Antw._ Einen Hochverrath mein Vater.
-
-_Fr._ Warum?
-
-_Antw._ Weil er dem Volk, zu dem er gehört, verderblich ist.
-
-_Fr._ Was hat derjenige zu thun, den das Unglück unter die
-verrätherischen Fahnen geführt hat, die den Franzosen verbunden, der
-Unterjochung des Vaterlandes wehen?
-
-_Antw._ Er muß seine Waffen schaamroth wegwerfen, und zu den Fahnen der
-Oesterreicher übergehen.
-
-_Fr._ Wenn er dies nicht thut, und mit den Waffen in der Hand ergriffen
-wird, was hat er verdient?
-
-_Antw._ Den Tod, mein Vater.
-
-_Fr._ Und was kann ihn einzig davor schützen?
-
-_Antw._ Die Gnade Franzens, Kaisers von Oesterreich, des Vormunds,
-Retters und Wiederherstellers der Deutschen.
-
-
- Sechszehntes Kapitel.
- Schluß.
-
-_Fr._ Aber sage mir, mein Sohn, wenn es dem hochherzigen Kaiser von
-Oesterreich, der für die Freiheit Deutschlands die Waffen ergriff, nicht
-gelänge, das Vaterland zu befreien: würde er nicht den Fluch der Welt
-auf sich laden, den Kampf überhaupt unternommen zu haben?
-
-_Antw._ Nein, mein Vater.
-
-_Fr._ Warum nicht?
-
-_Antw._ Weil Gott der oberste Herr der Heer-Schaaren ist, und nicht der
-Kaiser, und es weder in seiner noch in seines Bruders, des Erzherzog
-Carls, Macht steht, die Schlachten, so wie sie es wohl wünschen mögen,
-zu gewinnen.
-
-_Fr._ Gleichwohl ist, wenn der Zweck des Kriegs nicht erreicht wird, das
-Blut vieler tausend Menschen nutzlos geflossen, die Städte verwüstet und
-das Land verheert worden.
-
-_Antw._ Wenngleich, mein Vater!
-
-_Fr._ Was? Wenngleich! -- Also auch, wenn Alles untergienge, und kein
-Mensch, Weiber und Kinder mit eingerechnet, am Leben bliebe, würdest du
-den Kampf noch billigen?
-
-_Antw._ Allerdings, mein Vater.
-
-_Fr._ Warum?
-
-_Antw._ Weil es Gott lieb ist, wenn Menschen ihrer Freiheit wegen
-sterben.
-
-_Fr._ Was aber ist ihm ein Gräuel?
-
-_Antw._ Wenn Sclaven leben!
-
-
-
-
- 2. Politische Aufrufe und Betrachtungen.
-
-
- 1. Einleitung [zur Zeitschrift Germania].
-
-Diese Zeitschrift soll der erste Athemzug der deutschen Freiheit sein.
-Sie soll Alles aussprechen, was während der drei letzten, unter dem
-Druck der Franzosen verseufzten, Jahre in den Brüsten wackerer Deutschen
-hat verschwiegen bleiben müssen: alle Besorgniß, alle Hoffnung, alles
-Elend und alles Glück.
-
-Es bedurfte einer Zeit wie die jetzige, um einem Blatt, wie das
-vorliegende ist, das Dasein zu geben. So lange noch keine Handlung des
-Staats geschehen war, mußte es jedem Deutschen, der seine Worte zu Rathe
-hielt, ebenso voreilig als nutzlos scheinen zu seinen Mitbrüdern zu
-reden. Eine solche Stimme würde entweder völlig in der Wüste verhallt
-sein, oder -- welches fast noch schlimmer gewesen wäre -- die Gemüther
-nur auf die Höhen der Begeisterung erhoben haben, um sie in dem zunächst
-darauf folgenden Augenblick in eine desto tiefere Nacht der
-Gleichgültigkeit und Hoffnungslosigkeit versinken zu lassen.
-
-Jetzt aber hat der Kaiser von Oesterreich an der Spitze seines tapfern
-Heeres den Kampf für seiner Unterthanen Wohl, und den noch
-großmüthigeren für das Heil des unterdrückten und bisher noch wenig
-dankbaren Deutschlands unternommen. Der kaiserliche Bruder, den er zum
-Herrn des Heers bestellte, hat die göttliche Kraft, das Werk an sein
-Ziel hinauszuführen, auf eine erhabene und rührende Art dargethan. Das
-Misgeschick, das ihn traf, trug er mit der Unbeugsamkeit der Helden, und
-ward in dem entscheidenden Augenblick, da es zu siegen oder zu sterben
-galt, der Bezwinger des Unbezwungenen, -- ward es mit einer
-Bescheidenheit, die dem Zeitalter, in welchem wir leben, fremd ist.[66]
-
-Jetzt oder niemals ist es Zeit den Deutschen zu sagen, was sie
-ihrerseits zu thun haben, um der erhabenen Vormundschafft, die sich über
-sie eingesetzt hat, allererst würdig zu werden; und dieses Geschäfft ist
-es, das wir, von der Lust am Guten mitzuwirken bewegt, in den Blättern
-der Germania haben übernehmen wollen.
-
-Hoch, auf dem Gipfel der Felsen soll sie sich stellen und den
-Schlachtgesang herabdonnern ins Thal! Dich, o Vaterland, will sie singen
-und deine Heiligkeit und Herrlichkeit, und welch ein Verderben seine
-Wogen auf dich heranwälzt! Sie will herabsteigen, wenn die Schlacht
-braußt,[67] und sich mit hochroth glühenden Wangen unter die Streitenden
-mischen und ihren Muth beleben, und ihnen Unerschrockenheit und Ausdauer
-und des Todes Verachtung ins Herz gießen; -- -- und die Jungfrauen des
-Landes herbeirufen, wenn der Sieg erfochten ist, daß sie sich
-niederbeugen über die so gesunken sind, und ihnen das Blut aus der Wunde
-saugen. Möge jeder, der sich bestimmt fühlt dem Vaterlande auf _diese_
-Weise zu -- -- --
-
-
- 2. [Aufruf.]
-
-Zeitgenossen! Glückliche oder unglückliche Zeitgenossen -- wie soll ich
-euch nennen? daß ihr nicht aufmerken wollet, oder nicht aufmerken
-könnet. Wunderbare und sorgenlose Blindheit, mit welcher ihr nichts
-vernehmt! O, wenn in euren Füßen Weissagung wäre, wie schnell würden sie
-zur Flucht sein! Denn unter ihnen gährt die Flamme, die bald in Vulcanen
-herausdonnern, und unter ihrer Asche und ihren Lavaströmen Alles
-begraben wird. Wunderbare Blindheit, die nicht gewahrt, daß Ungeheures
-und Unerhörtes nahe ist, daß Dinge reifen, von welchen noch der Urenkel
-mit Grausen sprechen wird, wie von atridischen Tischen und Pariser und
-Nanter Bluthochzeiten? Welche Verwandlungen nahen! Ja, in welchen seid
-ihr mitten inne und merkt sie nicht, und meint, es geschähe etwas
-Alltägliches in dem alltäglichen Nichts, worin ihr befangen seid! -- ^G.
-v. J.^ S. 13.[68]
-
-Diese Prophezeiung -- in der That, mehr als einmal habe ich diese Worte
-als übertrieben tadeln hören. Sie flößen, sagt man, ein gewisses
-falsches Entsetzen ein, das die Gemüther, statt sie zu erregen, vielmehr
-abspanne und erschlaffe. Man sieht um sich, heißt es, ob wirklich die
-Erde sich schon unter den Fußtritten der Menschen eröffne; und wenn man
-die Thürme und die Giebel der Häuser noch stehen sieht, so holt man, als
-ob man aus einem schweren Traume erwachte, wieder Athem. Das
-Wahrhaftige, was darin liegt, verwerfe man mit dem Unwahrhaftigen, und
-sei geneigt die ganze Weissagung, die das Buch enthält, für eine Vision
-zu halten.
-
-O du, der du so sprichst, du kömmst mir vor wie etwa ein Grieche aus dem
-Zeitalter des Sülla, oder aus jenem des Titus ein Israelit.
-
-»Was? dieser mächtige Staat der Juden soll untergehen? Jerusalem, diese
-Stadt Gottes, von seinem leibhaftigen Cherubime beschützt, sie sollte,
-Zion, zu Asche versinken? Eulen und Adler sollten in den Trümmern dieses
-salomonischen Tempels wohnen? Der Tod sollte die ganze Bevölkerung
-hinwegraffen, Weiber und Kinder in Fesseln hinweggeführt werden, und die
-Nachkommenschafft in alle Länder der Welt zerstreut, durch Jahrtausende
-und wieder Jahrtausende[69] verworfen, wie dieser Ananias prophezeit,
-das Leben der Sclaven führen? Was?«
-
-
- 3. Was gilt es in diesem Kriege?
-
-Gilt es, was es gegolten hat sonst in den Kriegen, die geführt worden
-sind auf dem Gebiete der unermeßlichen Welt? Gilt es den Ruhm eines
-jungen und unternehmenden Fürsten, der in dem Duft einer lieblichen
-Sommernacht von Lorbeern geträumt hat? Oder die Genugthuung für die
-Empfindlichkeit einer Favorite, deren Reitze, vom Beherrscher des Reichs
-anerkannt, an fremden Höfen in Zweifel gezogen worden sind? Gilt es
-einen Feldzug, der, jenem spanischen Erbfolgestreit gleich, wie ein
-Schachspiel geführt wird, bei welchem kein Herz wärmer schlägt, keine
-Leidenschafft das Gefühl schwellt, kein Muskel, vom Giftpfeil der
-Beleidigung getroffen, emporzuckt? Gilt es ins Feld zu rücken von beiden
-Seiten, wenn der Lenz kommt, sich zu treffen mit flatternden Fahnen, und
-zu schlagen und entweder zu siegen, oder wieder in die Winterquartiere
-einzurücken? Gilt es eine Provinz abzutreten, einen Anspruch
-auszufechten, oder eine Schuld-Forderung geltend zu machen, oder gilt es
-sonst irgend etwas, das nach dem Werth des Geldes auszumessen ist, heut
-besessen, morgen aufgegeben, und übermorgen wieder erworben werden kann?
-
-Eine Gemeinschafft gilt es, deren Wurzeln tausendästig,[70] einer Eiche
-gleich, in den Boden der Zeit eingreifen; deren Wipfel, Tugend und
-Sittlichkeit überschattend, an den silbernen Saum der Wolken rührt,
-deren Dasein durch das Drittheil eines Erdalters geheiligt worden ist;
-eine Gemeinschafft, die, unbekannt mit dem Geist der Herrschsucht und
-der Eroberung, des Daseins und der Duldung so würdig ist, wie irgend
-eine; die ihren Ruhm nicht einmal denken kann, sie müßte denn den Ruhm
-zugleich und das Heil aller Uebrigen denken, die den Erdkreis bewohnen;
-deren ausgelassenster und ungeheuerster Gedanke noch, von Dichtern und
-Weisen auf Flügeln der Einbildung erschwungen, Unterwerfung unter eine
-Weltregierung ist, die in freier Wahl von der Gesammtheit aller
-Brüder-Nationen gesetzt wäre. Eine Gemeinschafft gilt es, deren
-Wahrhaftigkeit und Offenherzigkeit gegen Freund und Feind gleich
-unerschütterlich geübt, bei dem Witz der Nachbarn zum Sprichwort
-geworden ist; die über jeden Zweifel erhoben, dem Besitzer jenes ächten
-Ringes gleich, diejenige ist, die die Anderen am Meisten lieben; deren
-Unschuld, selbst in dem Augenblick noch, da der Fremdling sie belächelt,
-oder wohl gar verspottet, sein Gefühl geheimnißvoll erweckt; dergestalt,
-daß derjenige, der zu ihr gehört, nur seinen Namen zu nennen braucht, um
-auch in den entferntesten Theilen der Welt noch Glauben zu finden. Eine
-Gemeinschafft, die weit entfernt in ihrem Busen auch nur eine Regung von
-Uebermuth zu tragen, vielmehr, einem schönen Gemüth gleich, bis auf den
-heutigen Tag an ihre eigne Herrlichkeit nicht geglaubt hat; die
-herumgeflattert ist unermüdlich, einer Biene gleich, Alles, was sie
-Vortreffliches fand, in sich aufzunehmen, gleich als ob nichts von
-Ursprung herein Schönes in ihr[71] selber wäre; in deren Schooß
-gleichwohl (wenn es zu sagen erlaubt ist!) die Götter das Urbild der
-Menschheit reiner als in irgend einer andern aufbewahrt hatten. Eine
-Gemeinschafft, die dem Menschengeschlecht nichts in dem Wechsel der
-Dienstleistungen[72] schuldig geblieben ist, die den Völkern, ihren
-Brüdern und Nachbarn, für jede Kunst des Friedens, welche sie von ihnen
-erhielt, eine andere zurückgab; eine Gemeinschafft, die an dem Obelisken
-der Zeiten stets unter den Wackersten und Rüstigsten thätig gewesen ist;
-ja, die den Grundstein desselben gelegt hat, und vielleicht den
-Schlußblock darauf zu setzen bestimmt war. Eine Gemeinschafft gilt es,
-die den Leibnitz und Guttenberg gebohren hat, in welcher ein Guericke
-den Luftkreis wog, Tschirnhausen den Glanz der Sonne lenkte, und Keppler
-der Gestirne Bahn verzeichnete; eine Gemeinschafft, die große Namen, wie
-der Lenz Blumen, aufzuweisen hat; die den Hutten und Sickingen, Luther
-und Melanchthon, Joseph und Friedrich auferzog; in welcher Dürer und
-Cranach, die Verherrlicher der Tempel, gelebt, und Klopstock den Triumph
-des Erlösers gesungen hat. Eine Gemeinschafft mithin gilt es, die dem
-ganzen Menschengeschlecht angehört;[73] die die Wilden der Südsee noch,
-wenn sie sie kennten, zu beschützen herbeiströmen würden; eine
-Gemeinschafft, deren Dasein keine deutsche Brust überleben, und die nur
-mit Blut, vor [dem] die Sonne verdunkelt, zu Grabe gebracht werden soll!
-
-
- 4. Einleitung [zu den Berliner Abendblättern].
- Gebet des Zoroaster.
- (Aus einer indischen Handschrift, von einem Reisenden in den
- Ruinen von Palmyra gefunden.)
- (1. October 1810.)
-
-Gott, mein Vater im Himmel! Du hast dem Menschen ein so freies,
-herrliches und üppiges Leben bestimmt. Kräfte unendlicher Art, göttliche
-und thierische, spielen in seiner Brust zusammen, um ihn zum König der
-Erde zu machen. Gleichwohl, von unsichtbaren Geistern überwältigt, liegt
-er, auf verwundernswürdige und unbegreifliche Weise, in Ketten und
-Banden; das Höchste, von Irrthum geblendet, läßt er zur Seite liegen,
-und wandelt, wie mit Blindheit geschlagen, unter Jämmerlichkeiten und
-Nichtigkeiten umher. Ja, er gefällt sich in seinem Zustand; und wenn die
-Vorwelt nicht wäre und die göttlichen Lieder, die von ihr Kunde geben,
-so würden wir gar nicht mehr ahnden, von welchen Gipfeln, o Herr! der
-Mensch um sich schauen kann. Nun lässest du es, von Zeit zu Zeit,
-niederfallen, wie Schuppen, von dem Auge Eines deiner Knechte, den du
-dir erwählt, daß er die Thorheiten und Irrthümer seiner Gattung
-überschaue; ihn rüstest du mit dem Köcher der Rede, daß er, furchtlos
-und liebreich, mitten unter sie trete, und sie mit Pfeilen, bald
-schärfer, bald leiser, aus der wunderlichen Schlafsucht, in welcher sie
-befangen liegen, wecke. Auch mich, o Herr, hast du, in deiner Weisheit,
-mich wenig Würdigen, zu diesem Geschäft erkoren; und ich schicke mich zu
-meinem Beruf an. Durchdringe mich ganz, vom Scheitel zur Sohle, mit dem
-Gefühl des Elends, in welchem dies Zeitalter darnieder liegt, und mit
-der Einsicht in alle Erbärmlichkeiten, Halbheiten, Unwahrhaftigkeiten
-und Gleisnereien, von denen es die Folge ist. Stähle mich mit Kraft, den
-Bogen des Urtheils rüstig zu spannen, und, in der Wahl der Geschosse,
-mit Besonnenheit und Klugheit, auf daß ich jedem, wie es ihm zukommt,
-begegne: den Verderblichen und Unheilbaren, dir zum Ruhm, niederwerfe,
-den Lasterhaften schrecke, den Irrenden warne, den Thoren, mit dem
-bloßen Geräusch der Spitze über sein Haupt hin, necke. Und einen Kranz
-auch lehre mich winden, womit ich, auf meine Weise, den, der dir
-wohlgefällig ist, kröne! Ueber Alles aber, o Herr, möge Liebe wachen zu
-dir, ohne welche nichts, auch das Geringfügigste nicht, gelingt: auf daß
-dein Reich verherrlicht und erweitert werde, durch alle Räume und alle
-Zeiten, Amen!
-
- ^x.^
-
-
- 5. Von der Ueberlegung.
- (Eine Paradoxe.)
- (7. December.)
-
-Man rühmt den Nutzen der Ueberlegung in alle Himmel; besonders der
-kaltblütigen und langwierigen vor der That. Wenn ich ein Spanier, ein
-Italiener oder ein Franzose wäre: so mögte es damit sein Bewenden haben.
-Da ich aber ein Deutscher bin, so denke ich meinem Sohn einst, besonders
-wenn er sich zum Soldaten bestimmen sollte, folgende Rede zu halten.
-
-»Die Ueberlegung, wisse, findet ihren Zeitpunkt weit schicklicher
-_nach_, als _vor_ der That. Wenn sie vorher, oder in dem Augenblick der
-Entscheidung selbst, ins Spiel tritt: so scheint sie nur die zum Handeln
-nöthige Kraft, die aus dem herrlichen Gefühl quillt, zu verwirren, zu
-hemmen und zu unterdrücken; dagegen sich nachher, wenn die Handlung
-abgethan ist, der Gebrauch von ihr machen läßt, zu welchem sie dem
-Menschen eigentlich gegeben ist, nämlich sich dessen, was in dem
-Verfahren fehlerhaft und gebrechlich war, bewußt zu werden, und das
-Gefühl für andere künftige Fälle zu reguliren. Das Leben selbst ist ein
-Kampf mit dem Schicksal; und es verhält sich auch mit dem Handeln wie
-mit dem Ringen. Der Athlet kann, in dem Augenblick, da er seinen Gegner
-umfaßt hält, schlechthin nach keiner andern Rücksicht, als nach bloßen
-augenblicklichen Eingebungen verfahren; und derjenige, der berechnen
-wollte, welche Muskeln er anstrengen, und welche Glieder er in Bewegung
-sezzen soll, um zu überwinden, würde unfehlbar den Kürzern ziehen, und
-unterliegen. Aber nachher, wenn er gesiegt hat oder am Boden liegt, mag
-es zweckmäßig und an seinem Ort sein, zu überlegen, durch welchen Druck
-er seinen Gegner niederwarf, oder welch ein Bein er ihm hätte stellen
-sollen, um sich aufrecht zu erhalten. Wer das Leben nicht, wie ein
-solcher Ringer, umfaßt hält, und tausendgliedrig, nach allen Windungen
-des Kampfes, nach allen Widerständen, Drücken, Ausweichungen und
-Reactionen, empfindet und spürt: der wird, was er will, in keinem
-Gespräch, durchsetzen; vielweniger in einer Schlacht.«
-
- ^x.^
-
-
- 6. Betrachtungen über den Weltlauf.
- (9. October.)
-
-Es giebt Leute, die sich die Epochen, in welchen die Bildung einer
-Nation fortschreitet, in einer gar wunderlichen Ordnung vorstellen. Sie
-bilden sich ein, daß ein Volk zuerst in thierischer _Rohheit_ und
-_Wildheit_ daniederläge; daß man nach Verlauf einiger Zeit, das
-Bedürfniß einer Sittenverbesserung empfinden, und somit die
-_Wissenschaft von der Tugend_ aufstellen müsse; daß man, um den Lehren
-derselben Eingang zu verschaffen, daran denken würde, sie in schönen
-Beispielen zu versinnlichen, und daß somit die _Aesthetik_ erfunden
-werden würde: daß man nunmehr, nach den Vorschriften derselben, schöne
-Versinnlichungen verfertigen, und somit die _Kunst_ selbst ihren
-Ursprung nehmen würde: und daß vermittelst der Kunst endlich das Volk
-auf die höchste Stufe menschlicher _Cultur_ hinaufgeführt werden würde.
-Diesen Leuten dient zur Nachricht, daß Alles, wenigstens bei den
-Griechen und Römern, in ganz umgekehrter Ordnung erfolgt ist. Diese
-Völker machten mit der _heroischen_ Epoche, welche ohne Zweifel die
-höchste ist, die erschwungen werden kann, den Anfang; als sie in keiner
-menschlichen und bürgerlichen Tugend mehr Helden hatten, _dichteten_ sie
-welche; als sie keine mehr dichten konnten, erfanden sie dafür die
-_Regeln_; als sie sich in den Regeln verwirrten, abstrahirten sie die
-_Weltweisheit_ selbst; und als sie damit fertig waren, wurden sie
-_schlecht_.
-
- ^z.^
-
-
-
-
- 3. Erzählungen und Anekdoten.
-
-
- 1. Warnung gegen weibliche Jägerei.
- (5. 6. November.)
-
-Die Gräfin L... war kurzsichtig, aber sie liebte noch immer die Jagd,
-ungeachtet sie niemals gut geschossen hatte. Ihre Jäger kannten ihre Art
-und nahmen sich vor ihr in Acht; sie schoß dreist auf jeden Fleck, wo
-sich etwas regte, es war ihr einerlei, was es sein mogte. Abbé D......,
-einer der gelehrtesten Literatoren, mußte sie mit ihrem vierzehnjährigen
-Sohne, dem Grafen Johann, auf einer dieser Treibjagden begleiten, die
-Jäger suchten ihnen einen sichern Platz zum Anstand, hinter zwei starken
-Bäumen, aus; der Abbé nahm aus Langeweile ein Buch aus seiner Tasche,
-das er vom Jagdschloß mitgenommen; es war von Idstädt's Jagdrecht. Der
-junge Graf lauerte aufmerksam auf einen Rehbock, der herangetrieben
-wurde. In dem Augenblicke, als er losdrücken wollte, fiel ein Schuß der
-Gräfin, den sie ungeschickt und übereilt auf denselben Rehbock thun
-wollte, so geschickt durch den schmalen Luftraum, zwischen den beiden
-Bäumen, die den Abbé und den Grafen sicherten, daß sich beide zu
-gleicher Zeit verwundet fühlten und aufschrieen. Die Gräfin wurde bei
-diesem Geschrei ohnmächtig, die Jäger und die übrige Gesellschaft, in
-der sich auch ein Wundarzt befand, eilten von allen Seiten herbei und
-theilten ihre Sorge zwischen der Gräfin und dem jungen Erbgrafen. Die
-Güte und Geduld des Abbé's ist jedem, der ihn gesehen, aus seinem
-Gesichte bekannt, seine Bescheidenheit jedem, der mit ihm gesprochen;
-hier erschien aber alles Dreies auf einer merkwürdigen Probe. Kein
-Mensch fragte ihn, was ihm fehle, vielmehr drängte man ihn beiseite, und
-als er einem sagte: Er glaube zu sterben, der eine Rehposten wäre ihm in
-der Gegend der Leber durch die Rippen eingeschlagen; so antwortete ihm
-jener verstört: der junge Graf sei durch beide Schulterblätter verletzt.
-Der Wundarzt sah nur auf den jungen Grafen, und der arme Abbé mußte sich
-selbst helfen, so gut er konnte, und suchte sich die Wunde mit seinem
-Schnupftuche, das er mit dem Rock festknöpfte, so gut als möglich zu
-verschließen. Mit Mühe wurde eine Kutsche durch den steinigen hügligten
-Wald, bis nahe an den Unglücksort, gebracht. Die Gräfin hatte sich
-erholt, und empfahl mit vielen Thränen, dem Wundarzte ihren Sohn; der
-Abbé wollte ihr mit Klagen, über seinen Schmerz, keinen Kummer machen,
-und stieg sachte mit der letzten Anstrengung dem jungen Grafen in den
-Wagen nach. Der Wundarzt hielt den Grafen im Vorsitz, rückwärts saß der
-Abbé. Der Wagen fuhr sehr langsam, aber der Weg war uneben und stieß
-unvermeidlich; der Graf litt dabei und seufzte leise, aber der Abbé
-konnte, bei dem entsetzlichen Druck der Kugel, sich heftiger Seufzer und
-einzelner Ausrufungen nicht enthalten. Der Wundarzt hatte schon ein paar
-Mal gesagt: Es hätte nichts auf sich mit der Wunde des Grafen, er könnte
-sich beruhigen; endlich sprach er ganz ernstlich: Ich ehre ihr Mitleid
-Herr Abbé, aber ich traue ihrem Verstande zu, daß sie sich der Ausbrüche
-desselben erwehren können, wenn es dem Gegenstande desselben gefährlich
-werden könnte; ihre Beileidsbezeugungen machen aber den Kranken selbst
-besorgter, als das Uebel verdient.
-
-In dem Augenblicke krachte der Wagen über eine Wurzel, daß der arme Abbé
-kein Wort sagen konnte, sondern um sich verständlich zu machen, den Rock
-aufknöpfte; das Tuch fiel herunter und das Blut floß in großer Menge
-herab. -- Mein Gott, rief der Wundarzt, sind sie auch verwundet,
-wahrhaftig! ja, da muß man sich hier nichts draus machen, ich habe heute
-auch ein Paar Schroten von der Frau Gräfin in das dicke Fleisch
-bekommen, es macht ihr so viel Vergnügen und ich singe lustig dabei:
-
- Es ist ein Schuß gefallen,
- Mein, sagt, wer schoß da draus?
- Es war ein junger Jäger,
- Der schoß im Hinterhaus.
- Die Spatzen in dem Garten,
- Die machen viel Verdruß,
- Zwei Spatzen und ein Schneider,
- Die fielen von dem Schuß,
- Die Spatzen von den Schroten,
- Der Schneider von dem Schreck;
- Die Spatzen in die Schoten,
- Der Abbé in den Dreck.
-
-Der gute Abbé, der eine gewisse Kränkung empfunden hatte, wie er erst so
-verbindlich in dem Hause aufgenommen und im Unglück so ganz vergessen
-sei, mußte jetzt selbst lächlen, als er bei dieser Anzeige bemerkte, wie
-er sich beim Falle auf dem feuchten Boden beschmutzt hatte, dabei
-übernahm ihn eine Ohnmacht, von der er erst im Schlosse erwachte. Ich
-sah ihn mehrere Jahre nach diesem Vorfalle, den er glücklich überstanden
-hatte; ich fühlte die Kugel, sie hatte sich wohl zwei Hände breit hinter
-den Rippen niedergesenkt, und war jetzt unter denselben fühlbar.
-Zuweilen litt er noch an Schmerzen und versicherte, daß alle Gefahren,
-die von den Dichtern einem gewissen Bogengeschoß aus weiblichen Augen
-nachgesagt würden, nicht mit den Gefahren weiblicher Jägerei zu
-vergleichen wären, denn die Geschicklichkeit Dianens mögte wohl so
-selten geworden sein, wie ihre anderen Eigenschaften.
-
- ^vaa.^
-
-
- 2. Die Heilung.
- (29. November.)
-
-In den Zeiten des höchsten Glanzes der altfranzösischen Hofhaltung unter
-Ludwig XIV lebte ein Edelmann, der Marquis de Saint Meran, der die
-Anmuth, Geistesgewandheit und sittliche Verderbniß der damaligen
-vornehmen Welt im höchsten Grade in sich vereinigte. Unter andern
-unzählbaren Liebesabentheuern hatte er auch eines, mit der Frau eines
-Procuratoren, die es ihm gelang, dem Manne sowohl, als dessen Familie
-und ihrer eigenen gänzlich abzuwenden, so daß sie deren Schmach ward,
-deren Juweel sie gewesen war, und in blinder Leidenschaft das Hotel
-ihres Verführers bezog. Er hatte zwar nie so viel bei einer
-Liebesgeschichte empfunden, als bei dieser, ja, es regten sich bisweilen
-Gefühle in ihm, die man einen Abglanz von Religion und Herzlichkeit
-hätte nennen mögen, aber endlich trieb ihn dennoch, wenn nicht die Lust
-am Wechsel, doch die Mode des Wechsels von seinem schönen Opfer wieder
-fort, und er suchte nun dieses durch die ausgesuchtesten und
-verfeinertsten Grundsätze seiner Weltweisheit zu beruhigen. Aber das war
-nichts für ein solches Herz. Es schwoll in Leiden, die ihm keine
-Geisteswendung zu mildern vermochte, so gewaltsam auf, daß es den
-einstmals lichtklaren und lichtschnellen Verstand verwirrte, und der
-Marquis, nicht bösartig genug, die arme Verrückte ihrem Jammer und dem
-Hohn der Menschen zu überlassen, sie auf ein entferntes Gut in der
-Provence schickte, mit dem Befehl, ihrer gut und anständig zu pflegen.
-Dort aber stieg, was früher stille Melancholie gewesen war, zu den
-gewaltsamsten phrenetischen Ausbrüchen, mit deren Berichten man jedoch
-die frohen Stunden des Marquis zu unterbrechen sorgsam vermied. Diesem
-fällt es endlich einmal ein, die provenzalische Besizzung zu besuchen.
-Er kommt unvermuthet an, eine flüchtige Frage nach dem Befinden der
-Kranken wird eben so flüchtig beantwortet, und nun geht es zu einer
-Jagdparthie in die nahen Berge hinaus. Man hatte sich aber wohl gehütet,
-dem Marquis zu sagen, daß eben heute die Unglückliche in unbezwinglicher
-Wuth aus ihrer Verwahrung gebrochen sei, und man sich noch immer
-vergeblich abmühe, sie wieder einzufangen. Wie mußte nun dem
-Leichtsinnigen zu Muthe werden, als er auf schroffem Fußgestade an einer
-der einsamsten Stellen des Gebirges, weit getrennt von alle seinem
-Gefolge, im eiligen Umwenden um eine Ecke des Felsens, der furchtbaren
-Flüchtigen grad in die Arme rennt, die ihn faßt mit alle der
-unwiderstehlichen Kraft des Wahnsinns, mit ihrem, aus den Kreisen
-gewichenen blitzenden Augenstern, gerad' in sein Antlitz hineinstarrt,
-während ihr reiches, nun so gräßliches, schwarzes Haar, wie ein Mantel
-von Rabenfittigen, über ihr hinweht, und die dennoch nicht so entstellt
-ist, daß er nicht auf den ersten Blick die einst so geliebte Gestalt,
-die von ihm selber zur Furie umgezauberte Gestalt, hätte erkennen
-sollen. -- Da wirrte auch um ihn der Wahnsinn seine grause Schlingen,
-oder vielmehr der Blödsinn, denn der plötzliche Geistesschlag zerrüttete
-ihn dergestalt, daß er besinnungslos in den Abgrund hinunter taumeln
-wollte. Aber die arme Manon lud ihn, plötzlich still geworden, auf ihren
-Rücken, und trug ihn sorgsam nach der Gegend des Schlosses zurück. Man
-kann sich das Entsetzen der Bedienten denken, als sie ihrem Herren auf
-diese Weise und in der Gewalt der furchtbaren Kranken begegneten. Aber
-bald erstaunten sie noch mehr, die Rollen hier vollkommen gewechselt zu
-finden. Manon war die verständige, sittige Retterin und Pflegerin des
-blödsinnigen Marquis geworden, und ließ fürderhin nicht Tag nicht Nacht
-auch nur auf eine Stunde von ihm. Bald gaben die herbeigerufnen Aerzte
-jede Hoffnung zu seiner Heilung auf, nicht aber Manon. Diese pflegte mit
-unerhörter Geduld und mit einer Fähigkeit, welche man für Inspiration zu
-halten versucht war, den armen verwilderten Funken in ihres Geliebten
-Haupt, und lange Jahre nachher, schon als sich beider Locken bleichten,
-genoß sie des unaussprechlichen Glückes, den ihr über Alles theuren
-Geist wieder zu seiner ehemaligen Blüthe und Kraft herauferzogen zu
-haben. Da gab der Marquis seiner Helferin am Altare die Hand, und in
-dieser Entfernung der Hauptstadt wußten alle Theilhaber des Festes von
-keinen andern Gefühlen, als denen der tiefsten Ehrfurcht und der
-andächtigsten Freude.
-
- M. F.
-
-
- 3. Das Grab der Väter.
- (5. Dezember.)
-
-Einem jungen Bauersmann in Norwegen soll einmal folgende Geschichte
-begegnet sein. Er liebte ein schönes Mädchen, die einzige Tochter eines
-reichen Nachbarn, und ward von ihr geliebt, aber die Armuth des Werbers
-machte alle Hoffnung auf nähere Verbindung zu nichte. Denn der
-Brautvater wollte seine Tochter nur einem solchen geben, der
-schuldenfreien Hof und Heerde aufzuweisen habe, und weil der arme junge
-Mensch weit davon entfernt war, half es ihm zu nichts, daß er von einem
-der uralten Heldenväter des Landes abstammte, ob zwar Niemand einen
-Zweifel an dieser rühmlichen uralten Geschlechtstafel hegte. Seiner
-Ahnen Erster und Größter sollte auch in einem Hügel begraben sein, den
-alle Landleute unfern der Küste zu zeigen wußten. Auf diesen Hügel
-pflegte sich denn der betrübte Jüngling oftmals in seinem Leide zu
-sezzen, und dem begrabnen Altvordern vorzuklagen, wie schlecht es ihm
-gehe, ohne daß der Bewohner des Hügels auf diesen kleinen Jammer
-Rücksicht zu nehmen schien. Meist hatten auch die zwei Liebenden ihre
-verstohlenen Zusammenkünfte dort, und so geschah es, daß einstmals der
-Vater des Mädchens den einzig gangbaren steilen Pfad zum Hügel von
-ohngefähr herauf gegangen kam, indeß die beiden oben saßen. Eine
-tödtliche Angst befiel die Jungfrau, ihr Liebhaber faßte sie in seine
-starken Arme, und versuchte, von der andern Seite das Gestein
-herabzuklimmen. Da standen sie aber plötzlich, auf glattem Rasen am
-schroffen Hange, fest, sie hörten schon die Tritte des Vaters über sich,
-der sie auf diese Weise unfehlbar erblicken mußte, schon fühlten sich
-beide von Angst und Schwindel versucht, die jähe Tiefe und den
-Standkreis hinab zu stürzen, -- da gewahrten sie nahe bei sich einer
-kleinen Oeffnung, und schlüpften hinein, und schlüpften immer tiefer in
-die Dunkelheit, immer noch voll Angst vor dem Bemerktwerden, bis endlich
-das Mädchen erschrocken aufschrie: »mein Gott wir sind ja in einem
-Grabe!« -- Da sahe auch der junge Normann erst um sich, und bemerkte,
-daß sie in einer länglichen Kammer von gemauerten Steinen standen, wo
-sich inmitten etwas erhub, wie ein großer Sarg. Jemehr aber die
-Finsterniß vor den sich gewöhnenden Augen abnahm, je deutlicher konnte
-man auch sehn, daß die Masse in der Mitte kein Sarg war, sondern ein
-uralter Nachen, wie man sie mit Seehelden an den nordischen Küsten vor
-Zeiten einzugraben pflegte. Auf dem Nachen saß, dicht am Steuer, in
-aufrechter Stellung, eine hohe Gestalt, die sie erst für ein
-geschnitztes Bild ansahen. Als aber der junge Mensch, dreist geworden,
-hinaufstieg, nahm er wahr, daß es eine Rüstung von riesenmäßiger Größe
-sei. Der Helm war geschlossen, in den rechten Panzerhandschuh war ein
-gewaltiges bloßes Schwert mit dem goldenen Griffe hineingeklemmt. Die
-Braut rief wohl ihrem Liebhaber ängstlich zu, herab zu kommen, aber in
-einer seltsam wachsenden Zuversicht riß er das Schwert aus der beerzten
-Hand. Da rasselten die mürben Knochen, auf denen die Waffen sich noch
-erhielten, zusammen, der Harnisch schlug auf den Boden des Nachens lang
-hin, der entsetzte Jüngling den Bord hinunter zu den Füßen seiner Braut.
-Beide flüchteten, uneingedenk jeder andern Gefahr, aus der Höle, den
-Hügel mit Anstrengung aller Kräfte wieder hinauf, und oben wurden sie
-erst gewahr, daß ein ungeheurer Regenguß wüthete, welcher den Vater von
-da vertrieben hatte, und zugleich mit solcher Gewalt, Steine und Sand
-nach der schaurigen Oeffnung hinabzuwälzen begann, daß solche vor ihren
-Augen verschüttet ward, und man auch nachher nie wieder hat da
-hineinfinden können. Der junge Mensch aber hatte das Schwerdt seines
-Ahnen mit heraus gebracht. Er ließ mit der Zeit den goldenen Griff
-einschmelzen, und ward so reich davon, daß ihm der Brautvater seine
-Geliebte ohne Bedenken antrauen ließ. Mit der ungeheuren Klinge aber
-wußten sie nichts bessers anzufangen, als daß sie Wirthschafts- und
-andere Geräthschaften, so viel sich thun ließ, daraus schmieden ließen.
-
- M. F.
-
-
- 4. Der Griffel Gottes.
- (5. October.)
-
-In Polen war eine Gräfinn von P...., eine bejahrte Dame, die ein sehr
-bösartiges Leben führte, und besonders ihre Untergebenen, durch ihren
-Geiz und ihre Grausamkeit, bis auf das Blut quälte. Diese Dame, als sie
-starb, vermachte einem Kloster, das ihr die Absolution ertheilt hatte,
-ihr Vermögen; wofür ihr das Kloster, auf dem Gottesacker, einen
-kostbaren, aus Erz gegossenen, Leichenstein setzen ließ, auf welchem
-dieses Umstandes, mit vielem Gepränge, Erwähnung geschehen war. Tags
-darauf schlug der Blitz, das Erz schmelzend, über dem Leichenstein ein,
-und ließ nichts, als eine Anzahl von Buchstaben stehen, die, zusammen
-gelesen, also lauteten: _sie ist gerichtet_! -- Der Vorfall (die
-Schriftgelehrten mögen ihn erklären) ist gegründet; der Leichenstein
-existirt noch, und es leben Männer in dieser Stadt, die ihn sammt der
-besagten Inschrift gesehen.
-
-
- 5. Muthwille des Himmels.
- Eine Anekdote.
- (10. October.)
-
-Der in Frankfurt an der Oder, wo er ein Infanterie-Regiment besaß,
-verstorbene General Dieringshofen, ein Mann von strengem und
-rechtschaffenem Charakter, aber dabei von manchen Eigenthümlichkeiten
-und Wunderlichkeiten, äußerte, als er, in spätem Alter, an einer
-langwierigen Krankheit, auf den Tod darniederlag, seinen Widerwillen,
-unter die Hände der Leichenwäscherinnen zu fallen. Er befahl bestimmt,
-daß niemand, ohne Ausnahme, seinen Leib berühren solle; daß er ganz und
-gar in dem Zustand, in welchem er sterben würde, mit Nachtmütze, Hosen
-und Schlafrock, wie er sie trage, in den Sarg gelegt und begraben sein
-wolle; und bat den damaligen Feldprediger seines Regiments, Herrn P...,
-welcher der Freund seines Hauses war, die Sorge für die Vollstreckung
-dieses seines letzten Willens zu übernehmen. Der Feldprediger P...
-versprach es ihm: er verpflichtete sich, um jedem Zufall vorzubeugen,
-bis zu seiner Bestattung, von dem Augenblick an, da er verschieden sein
-würde, nicht von seiner Seite zu weichen. Darauf nach Verlauf mehrerer
-Wochen, kömmt, bei der ersten Frühe des Tages, der Kammerdiener in das
-Haus des Feldpredigers, der noch schläft, und meldet ihm, daß der
-General um die Stunde der Mitternacht schon, sanft und ruhig, wie es
-vorauszusehen war, gestorben sei. Der Feldprediger P... zieht sich,
-seinem Versprechen getreu, sogleich an, und begiebt sich in die Wohnung
-des Generals. Was aber findet er? -- Die Leiche des Generals schon
-eingeseift auf einem Schemel sitzen: der Kammerdiener, der von dem
-Befehl nichts gewußt, hatte einen Barbier herbeigerufen, um ihm
-vorläufig zum Behuf einer schicklichen Ausstellung, den Bart abzunehmen.
-Was sollte der Feldprediger unter so wunderlichen Umständen machen? Er
-schalt den Kammerdiener aus, daß er ihn nicht früher herbeigerufen
-hatte; schickte den Barbier, der den Herrn bei der Nase gefaßt hielt,
-hinweg, und ließ ihn, weil doch nichts anders übrig blieb, eingeseift
-und mit halbem Bart, wie er ihn vorfand, in den Sarg legen und begraben.
-
- ^r.^
-
-
- 6. Anekdote aus dem letzten Kriege.
- (20. October.)
-
-Den ungeheuersten Witz, der vielleicht, so lange die Erde steht, über
-Menschenlippen gekommen ist, hat, im Lauf des letztverflossenen Krieges,
-ein Tambour gemacht; ein Tambour meines Wissens von dem damaligen
-Regiment von Puttkammer; ein Mensch, zu dem, wie man gleich hören wird,
-weder die griechische noch römische Geschichte ein Gegenstück liefert.
-Dieser hatte, nach Zersprengung der preußischen Armee bei Jena, ein
-Gewehr aufgetrieben, mit welchem er, auf seine eigne Hand, den Krieg
-fortsetzte; dergestalt, daß da er, auf der Landstraße, Alles, was ihm an
-Franzosen in den Schuß kam, niederstreckte und ausplünderte, er von
-einem Haufen französischer Gensdarmen, die ihn aufspürten, ergriffen,
-nach der Stadt geschleppt, und, wie es ihm zukam, verurtheilt ward,
-erschossen zu werden. Als er den Platz, wo die Execution vor sich gehen
-sollte, betreten hatte, und wohl sah, daß Alles, was er zu seiner
-Rechtfertigung vorbrachte, vergebens war, bat er sich von dem Obristen,
-der das Detaschement commandirte, eine Gnade aus; und da der Obrist,
-inzwischen die Officiere, die ihn umringten, in gespannter Erwartung
-zusammentraten, ihn fragte: was er wolle? zog er sich die Hosen ab, und
-sprach: sie mögten ihn in den ... schießen, damit das F.. kein L...
-bekäme. -- Wobei man noch die Shakespearsche Eigenschaft bemerken muß,
-daß der Tambour mit seinem Witz, aus seiner Sphäre als Trommelschläger
-nicht herausging.
-
- ^x.^
-
-
- 7. Der Branntweinsäufer und die Berliner Glocken.
- Eine Anekdote.
- (19. October.)
-
-Ein Soldat vom ehemaligen Regiment Lignowski, ein heilloser und
-unverbesserlicher Säufer, versprach nach unendlichen Schlägen, die er
-deshalb bekam, daß er seine Aufführung bessern und sich des Brannteweins
-enthalten wolle. Er hielt auch, in der That, Wort, während drei Tage:
-ward aber am Vierten wieder besoffen in einem Rennstein gefunden, und,
-von einem Unterofficier, in Arrest gebracht. Im Verhör befragte man ihn,
-warum er, seines Vorsatzes uneingedenk sich von Neuem dem Laster des
-Trunks ergeben habe? »Herr Hauptmann!« antwortete er; »es ist nicht
-meine Schuld. Ich ging in Geschäften eines Kaufmanns, mit einer Kiste
-Färbholz, über den Lustgarten; da läuteten vom Dom herab die Glocken:
-_Pom_meranzen! _Pom_meranzen! _Pom_meranzen!« Läut', Teufel, läut,
-sprach ich, und gedachte meines Vorsatzes und trank nichts. In der
-Königsstraße, wo ich die Kiste abgeben sollte, steh ich einen
-Augenblick, um mich auszuruhen, vor dem Rathhaus still: da bimmelt es
-vom Thurm herab: »Kümmel! Kümmel! Kümmel! -- Kümmel! Kümmel! Kümmel!«
-Ich sage zum Thurm: bimmle du, daß die Wolken reißen -- und gedenke,
-mein Seel, gedenke meines Vorsatzes, ob ich gleich durstig war, und
-trinke nichts. Drauf führt mich der Teufel, auf dem Rückweg, über den
-Spittelmarkt; und da ich eben vor einer Kneipe, wo mehr denn dreißig
-Gäste beisammen waren, stehe, geht es, vom Spittelthurm herab:
-»Anisette! Anisette! Anisette!« Was kostet das Glas, frag' ich? Der
-Wirth spricht: Sechs Pfennige. Geb' er her, sag' ich -- und was weiter
-aus mir geworden ist, das weiß ich nicht.
-
- ^xyz.^
-
-
- 8. Tages-Ereigniß.
- (7. November.)
-
-Das Verbrechen des Ulahnen Hahn, der heute hingerichtet ward, bestand
-darin, daß er dem Wachtmeister _Pape_, der ihn, eines kleinen
-Dienstversehens wegen, auf höheren Befehl, arretiren wollte, und
-deshalb, von der Straße her, zurief, ihm in die Wache zu folgen, indem
-er das Fenster, an dem er stand, zuwarf, antwortete: von einem solchen
-Laffen ließe er sich nicht in Arrest bringen. Hieraus verfügte der
-Wachtmeister Pape, um ihn mit Gewalt fortzuschaffen, sich in das Zimmer
-desselben: stürzte aber, von einer Pistolenkugel des Rasenden getroffen,
-sogleich todt zu Boden nieder. Ja, als auf den Schuß, mehrere Soldaten
-seines Regiments herbeieilten, schien er sie, mit den Waffen in der
-Hand, in Respect halten zu wollen, und jagte noch eine Kugel durch das
-Hirn des in seinem Blute schwimmenden Wachtmeisters; ward aber
-gleichwohl, durch einige beherzte Cameraden, entwaffnet und ins
-Gefängniß gebracht. Se. Maj. der König haben, wegen der Unzweideutigkeit
-des Rechtsfalls befohlen, ungesäumt mit der Vollstreckung des, von den
-Militair-Gerichten gefällten, Rechtsspruchs, der ihm das Rad zuerkannte,
-vorzugehen.
-
-
- 9. Der verlegene Magistrat.
- Eine Anekdote.
- (4. October.)
-
-Ein H...r Stadtsoldat hatte vor nicht gar langer Zeit, ohne Erlaubniß
-seines Offiziers, die Stadtwache verlassen. Nach einem uralten Gesetz
-steht auf ein Verbrechen dieser Art, das sonst der Streifereien des
-Adels wegen, von großer Wichtigkeit war, eigentlich der Tod. Gleichwohl,
-ohne das Gesetz mit bestimmten Worten aufzuheben, ist davon seit vielen
-hundert Jahren kein Gebrauch mehr gemacht worden: dergestalt, daß statt
-auf die Todesstrafe zu erkennen, derjenige, der sich dessen schuldig
-macht, nach einem feststehenden Gebrauch, zu einer bloßen Geldstrafe,
-die er an die Stadtcasse zu erlegen hat, verurtheilt wird. Der besagte
-Kerl aber, der keine Lust haben mochte, das Geld zu entrichten,
-erklärte, zur großen Bestürzung des Magistrats: daß er, weil es ihm
-einmal zukomme, dem Gesetz gemäß, sterben wolle. Der Magistrat, der ein
-Mißverständniß vermuthete, schickte einen Deputirten an den Kerl ab, und
-ließ ihm bedeuten, um wieviel vorteilhafter es für ihn wäre, einige
-Gulden Geld zu erlegen, als arquebusirt zu werden. Doch der Kerl blieb
-dabei, daß er seines Lebens müde sei, und daß er sterben wolle:
-dergestalt, daß dem Magistrat, der kein Blut vergießen wollte, nichts
-übrig blieb, als dem Schelm die Geldstrafe zu erlassen, und noch froh
-war, als er erklärte, daß er, bei so bewandten Umständen am Leben
-bleiben wolle.
-
- ^rz.^
-
-
- 10. Charité-Vorfall.
- (13. October.)
-
-Der von einem Kutscher kürzlich übergefahrne Mann, Namens Beyer, hat
-bereits dreimal in seinem Leben ein ähnliches Schicksal gehabt;
-dergestalt, daß bei der Untersuchung, die der Geheimerath Hr. K. in der
-Charité mit ihm vornahm, die lächerlichsten Mißverständnisse vorfielen.
-Der Geheimerath, der zuvörderst seine beiden Beine, welche krumm und
-schief und mit Blut bedeckt waren, bemerkte, fragte ihn: ob er an diesen
-Gliedern verletzt wäre? worauf der Mann jedoch erwiederte: nein! die
-Beine wären ihm schon vor fünf Jahren, durch einen andern Doktor,
-abgefahren worden. Hierauf bemerkte ein Arzt, der dem Geheimenrath zur
-Seite stand, daß sein linkes Auge geplatzt war; als man ihn jedoch
-fragte: ob ihn das Rad hier getroffen hätte? antwortete er: nein! das
-Auge hätte ihm ein Doktor bereits vor 14 Jahren ausgefahren. Endlich,
-zum Erstaunen aller Anwesenden, fand sich, daß ihm die linke
-Rippenhälfte, in jämmerlicher Verstümmelung, ganz auf den Rücken gedreht
-war; als aber der Geheimerath ihn fragte: ob ihn des Doktors Wagen hier
-beschädigt hätte, antwortete er: nein! die Rippen wären ihm schon vor 7
-Jahren durch einen Doktorwagen zusammengefahren worden. -- Bis sich
-endlich zeigte, daß ihm durch die letztere Ueberfahrt der linke
-Ohrknorpel ins Gehörorgan hineingefahren war. -- Der Berichterstatter
-hat den Mann selbst über diesen Vorfall vernommen, und selbst die
-Todtkranken, die in dem Saale auf den Betten herumlagen, mußten, über
-die spaßhafte und indolente Weise, wie er dies vorbrachte, lachen. --
-Uebrigens bessert er sich; und falls er sich vor den Doktoren, wenn er
-auf der Straße geht, in Acht nimmt, kann er noch lange leben.
-
-
- 11. Anekdote.
- (24. October.)
-
-Bach, als seine Frau starb, sollte zum Begräbniß Anstalt machen. Der
-arme Mann war aber gewohnt, Alles durch seine Frau besorgen zu lassen;
-dergestalt daß da ein alter Bedienter kam, und ihm für Trauerflor, den
-er einkaufen wollte, Geld abforderte, er unter stillen Thränen, den Kopf
-auf einen Tisch gestützt, antwortete: »sagt's meiner Frau«. --
-
-
- 12. Räthsel.
- (1. November.)
-
-Ein junger Doktor der Rechte und eine Stiftsdame, von denen kein Mensch
-wußte, daß sie mit einander in Verhältniß standen, befanden sich einst
-bei dem Commendanten der Stadt, in einer zahlreichen und ansehnlichen
-Gesellschaft. Die Dame, jung und schön, trug, wie es zu derselben Zeit
-Mode war, ein kleines schwarzes Schönpflästerchen im Gesicht, und zwar
-dicht über der Lippe, auf der rechten Seite des Mundes. Irgend ein
-Zufall veranlaßte, daß die Gesellschaft sich auf einen Augenblick aus
-dem Zimmer entfernte, dergestalt, daß nur der Doktor und die besagte
-Dame darin zurückblieben. Als die Gesellschaft zurückkehrte, fand sich,
-zum allgemeinen Befremden derselben, daß der Doctor das
-Schönpflästerchen im Gesichte trug, und zwar gleichfalls über der Lippe,
-aber auf der linken Seite des Mundes. --
-
-
- 13. Anekdote.
- (22. November.)
-
-Zwei berühmte Englische Baxer, der Eine aus Portsmouth gebürtig, der
-Andere aus Plymouth, die seit vielen Jahren von einander gehört hatten,
-ohne sich zu sehen, beschlossen, da sie in London zusammentrafen, zur
-Entscheidung der Frage, wem von ihnen der Siegerruhm gebühre, einen
-öffentlichen Wettkampf zu halten. Demnach stellten sich beide, im
-Angesicht des Volks, mit geballten Fäusten, im Garten einer Kneipe,
-gegeneinander, und als der Plymouther den Portsmouther, in wenig
-Augenblicken, dergestalt auf die Brust traf, daß er Blut spie, rief
-dieser, indem er sich den Mund abwischte: brav! -- Als aber bald darauf,
-da sie sich wieder gestellt hatten, der Portsmouther den Plymouther, mit
-der Faust der geballten Rechten, dergestalt auf den Leib traf, daß
-dieser, indem er die Augen verkehrte, umfiel, rief der Letztere: das ist
-auch nicht übel --! Worauf das Volk, das im Kreise herumstand, laut
-aufjauchzte, und, während der Plymouther, der an den Gedärmen verletzt
-worden war, todt weggetragen ward, dem Portsmouther den Siegesruhm
-zuerkannte. -- Der Portsmouther soll aber auch Tags darauf am Blutsturz
-gestorben sein.
-
-
- 14. Anekdote.
- (27. November.)
-
-Der Czar Iwan Basilowitz, mit dem Beinamen der Tyrann, ließ einem
-fremden Gesandten, der, nach der damaligen Europäischen Etikette, mit
-bedecktem Haupte vor ihm erschien, den Hut auf den Kopf nageln. Diese
-Grausamkeit vermogte nicht den Botschafter der Königin Elisabeth von
-England, Sir Jeremias Bowes abzuschrecken. Er hatte die Kühnheit den Hut
-auf dem Kopfe, vor dem Czaar zu erscheinen. Dieser fragte ihn, ob er
-nicht von der Strafe gehört hätte, die einem andern Gesandten
-widerfahren wäre, welcher sich eine solche Freiheit herausgenommen? »Ja,
-Herr, erwiderte Bowes, aber ich bin der Botschafter der Königin von
-England, die nie, vor irgend einem Fürsten in der Welt, anders, wie mit
-bedecktem Haupte erschienen ist. Ich bin ihr Repräsentant, und wenn mir
-die geringste Beleidigung widerfährt, so wird sie mich zu rächen
-wissen.« »Das ist ein braver Mann, sagte der Czaar, indem er sich zu
-seinen Hofleuten wandte, der für die Ehre seiner Monarchin zu handeln
-und zu reden versteht: wer von Euch hätte das nämliche für mich gethan?«
-
-Hierauf wurde der Bothschafter der Favorit des Czars. Diese Gunst zog
-ihm den Neid des Adels zu. Einer der Großen, der zuweilen den vertrauten
-Ton mit dem Monarchen annehmen durfte, beredete ihn, die
-Geschicklichkeit des Bothschafters auf die Probe zu stellen. Man sagte
-nämlich, daß er ein sehr geschickter Reuter wäre. Nun wurde ihm, um den
-Beweis davon zu führen, ein ungebändigtes sehr wildes Pferd vor dem Czar
-zu reiten gegeben, und man hoffte, daß Bowes zum wenigsten mit einer
-derben Lähmung das Kunststück bezahlen würde. Indessen widerfuhr der
-neidischen Eifersucht der Verdruß, sich betrogen zu sehn. Der brave
-Engländer bändigte nicht nur das Pferd, sondern er jagte es dermaßen
-zusammen, daß es kraftlos wieder heimgeführt wurde, und wenige Tage
-nachher crepirte. Dieses Abentheuer vermehrte den Credit des
-Bothschafters bei dem Czar, der ihm jederzeit nachher die
-ausgezeichnetsten Beweise seiner Huld widerfahren ließ.
-
- (Barrow's Sammlung von Reisebeschreibungen nach der französischen
- Uebersetzung von Targe. 1766.)
-
-
-
-
- 4. Kunst und Theater.
-
-
- 1. Empfindungen vor Friedrichs Seelandschaft.
- (13. October.)
-
-Herrlich ist es, in einer unendlichen Einsamkeit am Meeresufer, unter
-trübem Himmel, auf eine unbegränzte Wasserwüste, hinauszuschauen. Dazu
-gehört gleichwohl, daß man dahin gegangen sei, daß man zurück muß, daß
-man hinüber mögte, daß man es nicht kann, daß man Alles zum Leben
-vermißt, und die Stimme des Lebens dennoch im Rauschen der Fluth, im
-Wehen der Luft, im Ziehen der Wolken, dem einsamen Geschrei der Vögel,
-vernimmt. Dazu gehört ein Anspruch, den das Herz macht, und ein Abbruch,
-um mich so auszudrücken, den Einem die Natur thut. Dies aber ist vor dem
-Bilde unmöglich, und das, was ich in dem Bilde selbst finden sollte,
-fand ich erst zwischen mir und dem Bilde, nehmlich einen Anspruch, den
-mein Herz an das Bild machte, und einen Abbruch, den mir das Bild that;
-und so ward ich selbst der Kapuziner, das Bild ward die Düne, das aber,
-wo hinaus ich mit Sehnsucht blicken sollte, die See, fehlte ganz. Nichts
-kann trauriger und unbehaglicher sein, als diese Stellung in der Welt:
-der einzige Lebensfunke im weiten Reiche des Todes, der einsame
-Mittelpunct im einsamen Kreis. Das Bild liegt, mit seinen zwei oder drei
-geheimnißvollen Gegenständen, wie die Apokalypse da, als ob es Joungs
-Nachtgedanken hätte, und da es, in seiner Einförmigkeit und
-Uferlosigkeit, nichts, als den Rahm, zum Vordergrund hat, so ist es,
-wenn man es betrachtet, als ob Einem die Augenlieder weggeschnitten
-wären. Gleichwohl hat der Mahler Zweifels ohne eine ganz neue Bahn im
-Felde seiner Kunst gebrochen; und ich bin überzeugt, daß sich, mit
-seinem Geiste, eine Quadratmeile märkischen Sandes darstellen ließe, mit
-einem Berberitzenstrauch, worauf sich eine Krähe einsam plustert, und
-daß dies Bild eine wahrhafte Ossianische oder Kosegartensche Wirkung
-thun müßte. Ja, wenn man diese Landschaft mit ihrer eignen Kreide und
-mit ihrem eigenen Wasser mahlte; so, glaube ich, man könnte die Füchse
-und Wölfe damit zum Heulen bringen: das Stärkste, was man, ohne allen
-Zweifel, zum Lobe für diese Art von Landschaftsmahlerei beibringen kann.
--- Doch meine eigenen Empfindungen, über dies wunderbare Gemählde, sind
-zu verworren; daher habe ich mir, ehe ich sie ganz auszusprechen wage,
-vorgenommen, mich durch die Aeußerungen derer, die paarweise, von Morgen
-bis Abend, daran vorübergehen, zu belehren.
-
- ^cb.^
-
-
- 2. Brief eines Mahlers an seinen Sohn.
- (22. October.)
-
-Mein lieber Sohn,
-
-Du schreibst mir, daß du eine Madonna mahlst, und daß dein Gefühl dir,
-für die Vollendung dieses Werks, so unrein und körperlich dünkt, daß du
-jedesmal, bevor du zum Pinsel greifst, das Abendmal nehmen mögtest, um
-es zu heiligen. Laß dir von deinem alten Vater sagen, daß dies eine
-falsche, dir von der Schule, aus der du herstammst, anklebende
-Begeisterung ist, und daß es, nach Anleitung unserer würdigen alten
-Meister, mit einer gemeinen, aber übrigens rechtschaffenen Lust an dem
-Spiel, deine Einbildungen auf die Leinwand zu bringen, völlig abgemacht
-ist. Die Welt ist eine wunderliche Einrichtung; und die göttlichsten
-Wirkungen, mein lieber Sohn, gehen aus den niedrigsten und
-unscheinbarsten Ursachen hervor. Der Mensch, um dir ein Beispiel zu
-geben, das in die Augen springt, gewiß, er ist ein erhabenes Geschöpf;
-und gleichwohl, in dem Augenblick, da man ihn macht, ist es nicht
-nöthig, daß man dieß, mit vieler Heiligkeit, bedenke. Ja, derjenige, der
-das Abendmahl darauf nähme, und mit dem bloßen Vorsatz ans Werk gienge,
-seinen Begriff davon in der Sinnenwelt zu construiren, würde ohnfehlbar
-ein ärmliches und gebrechliches Wesen hervorbringen; dagegen derjenige,
-der, in einer heitern Sommernacht, ein Mädchen, ohne weiteren Gedanken,
-küßt, zweifelsohne einen Jungen zur Welt bringt, der nachher, auf
-rüstige Weise, zwischen Erde und Himmel herumklettert, und den
-Philosophen zu schaffen giebt. Und hiermit Gott befohlen.
-
- ^y.^
-
-
- 3. Brief eines jungen Dichters an einen jungen Mahler.
- (6. November.)
-
-Uns Dichtern ist es unbegreiflich, wie ihr euch entschließen könnt, ihr
-lieben Mahler, deren Kunst etwas so Unendliches ist, Jahre lang
-zuzubringen mit dem Geschäft, die Werke eurer großen Meister zu copiren.
-Die Lehrer, bei denen ihr in die Schule geht, sagt ihr, leiden nicht,
-daß ihr eure Einbildungen, ehe die Zeit gekommen ist, auf die Leinewand
-bringt; wären wir aber, wir Dichter, in eurem Fall gewesen, so meine
-ich, wir würden unsern Rücken lieber unendlichen Schlägen ausgesetzt
-haben, als diesem grausamen Verbot ein Genüge zu thun. Die
-Einbildungskraft würde sich, auf ganz unüberwindliche Weise, in unseren
-Brüsten geregt haben, und wir, unseren unmenschlichen Lehrern zum Trotz,
-gleich, sobald wir nur gewußt hätten, daß man mit dem Büschel, und nicht
-mit dem Stock am Pinsel mahlen müsse, heimlich zur Nachtzeit die Thüren
-verschlossen haben, um uns in der Erfindung, diesem Spiel der Seeligen,
-zu versuchen. Da, wo sich die Phantasie in euren jungen Gemüthern
-vorfindet, scheint uns, müsse sie, unerbittlich und unrettbar, durch die
-endlose Unterthänigkeit, zu welcher ihr euch beim Copiren in Gallerieen
-und Sälen verdammt, zu Grund und Boden gehen. Wir wissen, in unsrer
-Ansicht schlecht und recht von der Sache nicht, was es mehr bedarf, als
-das Bild, das euch rührt, und dessen Vortrefflichkeit ihr euch
-anzueignen wünscht, mit Innigkeit und Liebe, durch Stunden, Tage,
-Wochen, Monden, oder meinethalben Jahre, anzuschauen. Wenigstens dünkt
-uns, läßt sich ein doppelter Gebrauch von einem Bilde machen; einmal
-der, den ihr davon macht, nämlich die Züge desselben nachzuschreiben, um
-euch die Fertigkeit der mahlerischen Schrift einzulernen; und dann in
-seinem Geist, gleich vom Anfang herein, nachzuerfinden. Und auch diese
-Fertigkeit müßte, sobald als nur irgend möglich, gegen die Kunst selbst,
-deren wesentlichstes Stück die Erfindung nach eigenthümlichen Gesetzen
-ist, an den Nagel gehängt werden. Denn die Aufgabe, Himmel und Erde! ist
-ja nicht, ein Anderer, sondern ihr selbst zu sein, und euch selbst, euer
-Eigenstes und Innerstes, durch Umriß und Farben, zur Anschauung zu
-bringen! Wie mögt ihr euch nur in dem Maaße verachten, daß ihr willigen
-könnt, ganz und gar auf Erden nicht vorhanden gewesen zu sein; da eben
-das Dasein so herrlicher Geister, als die sind, welche ihr bewundert,
-weit entfernt, euch zu vernichten, vielmehr allererst die rechte Lust in
-euch erwecken und mit der Kraft, heiter und tapfer, ausrüsten soll, auf
-eure eigne Weise gleichfalls zu sein? Aber ihr Leute, ihr bildet euch
-ein, ihr müßtet durch euren Meister, den Raphael oder Corregge, oder wen
-ihr euch sonst zum Vorbild gesetzt habt, hindurch; da ihr euch doch ganz
-und gar umkehren, mit dem Rücken gegen ihn stellen, und, in
-diametral-entgegengesetzter Richtung, den Gipfel der Kunst, den ihr im
-Auge habt, auffinden und ersteigen könntet. -- So! sagt ihr und seht
-mich an: was der Herr uns da Neues sagt! und lächelt und zuckt die
-Achseln. Demnach, ihr Herren, Gott befohlen! Denn da Copernicus schon
-vor dreihundert Jahren gesagt hat, daß die Erde rund sei, so sehe ich
-nicht ein, was es helfen könnte, wenn ich es hier wiederholte. Lebet
-wohl!
-
- ^y.^
-
-
- 4. Theater. Den 2. October: Ton des Tages, Lustspiel von Voß.
- (4. October.)
-
-Kant sagt irgendwo, in seiner Kritik der Urtheilskraft, daß der
-menschliche Verstand und die Hand des Menschen, zwei, auf nothwendige
-Weise, zu einander gehörige und auf einander berechnete, Dinge sind. Der
-Verstand, meint er, bedürfe, falls er in Wirksamkeit treten solle, ein
-Werkzeug von so mannichfaltiger und vielseitiger Vollkommenheit, als die
-Hand; und hinwiederum zeige die Struktur der Hand an, daß die
-Intelligenz, die dieselbe regiere, der menschliche Verstand sein müsse.
-Die Wahrheit dieses, dem Anschein nach paradoxen Satzes, leuchtet uns
-nie mehr ein, als wenn wir Herrn Iffland auf der Bühne sehen. Er drückt
-in der That, auf die erstaunenswürdigste Art, fast alle Zustände und
-innerliche Bewegungen des Gemüths damit aus. Nicht, als ob, bei seinen
-theatralischen Darstellungen, nicht seine Figur überhaupt, nach den
-Forderungen seiner Kunst, zweckmäßig mitwirkte: in diesem Fall würde
-das, was wir hier vorgebracht haben, ein Tadel sein. Es wird ihm, in der
-Pantomimik überhaupt, besonders in den bürgerlichen Stücken, nicht
-leicht ein Schauspieler heutiger Zeit gleichkommen. Aber von allen
-seinen Gliedern, behaupten wir, wirkt, in der Regel, keins, zum Ausdruck
-eines Affekts, so geschäftig mit, als die Hand; sie zieht die
-Aufmerksamkeit fast von seinem so ausdrucksvollen Gesicht ab: und so
-vortrefflich dies Spiel an und für sich auch sein mag, so glauben wir
-doch, daß ein Gebrauch, mäßiger und minder verschwenderisch, als der,
-den er davon macht, seinem Spiel (_wenn_ dasselbe noch etwas zu wünschen
-übrig läßt) vortheilhaft sein würde.
-
- ^xy.^
-
-
- 5. Theater. Unmaßgebliche Bemerkung.
- (17. October.)
-
-Wenn man fragt, warum die Werke Göthe's so selten auf der Bühne gegeben
-werden, so ist die Antwort gemeinhin, daß diese Stücke, so vortrefflich
-sie auch sein mögen, der Casse nur, nach einer häufig wiederholten
-Erfahrung, von unbedeutendem Vortheil sind. Nun geht zwar, ich gestehe
-es, eine Theater-Direction, die, bei der Auswahl ihrer Stücke, auf
-nichts, als das Mittel sieht, wie sie besteht, auf gar einfachem und
-natürlichem Wege, zu dem Ziel, der Nation ein gutes Theater zu Stande zu
-bringen. Denn so wie, nach Adam Smith, der Bäcker, ohne weitere
-chemische Einsicht in die Ursachen, schließen kann, daß seine Semmel gut
-sei, wenn sie fleißig gekauft wird: so kann die Direktion, ohne sich im
-Mindesten mit der Kritik zu befassen, auf ganz unfehlbare Weise,
-schließen, daß sie gute Stücke auf die Bühne bringt, wenn Logen und
-Bänke immer, bei ihren Darstellungen, von Menschen wacker erfüllt sind.
-Aber dieser Grundsatz ist nur wahr, wo das Gewerbe frei, und eine
-uneingeschränkte Concurrenz der Bühnen eröffnet ist. In einer Stadt, in
-welcher mehrere Theater neben einander bestehn, wird allerdings, sobald
-auf irgend einem derselben, durch das einseitige Bestreben, Geld in die
-Casse zu locken, das Schauspiel entarten sollte, die Betriebsamkeit
-eines andern Theaterunternehmers, unterstützt von dem Kunstsinn des
-besseren Theils der Nation, auf den Einfall gerathen, die Gattung, in
-ihrer ursprünglichen Reinheit, wieder festzuhalten. Wo aber das Theater
-ein ausschließendes Privilegium hat, da könnte uns, durch die Anwendung
-eines solchen Grundsatzes, das Schauspiel ganz und gar abhanden kommen.
-Eine Direction, die einer solchen Anstalt vorsteht, hat eine
-Verpflichtung sich mit der Kritik zu befassen, und bedarf wegen ihres
-natürlichen Hanges, der Menge zu schmeicheln, schlechthin einer höhern
-Aufsicht des Staats. Und in der That, wenn auf einem Theater, wie das
-Berliner, mit Vernachlässigung aller andern Rücksichten, das höchste
-Gesetz, die Füllung der Casse wäre: so wäre die Scene unmittelbar, den
-spanischen Reutern, Taschenspielern und Faxenmachern einzuräumen; ein
-Specktakel bei welchem die Casse, ohne Zweifel, bei weitem erwünschtere
-Rechnung finden wird, als bei den götheschen Stükken. Parodieen hat man
-schon, vor einiger Zeit, auf der Bühne gesehen; und wenn ein
-hinreichender Aufwand von Witz, an welchem es diesen Producten zum Glück
-gänzlich gebrach, an ihre Erfindung gesetzt worden wäre, so würde es,
-bei der Frivolität der Gemüther, ein Leichtes gewesen sein, das Drama
-vermittelst ihrer, ganz und gar zu verdrängen. Ja, gesetzt, die
-Direction käme auf den Einfall, die götheschen Stücke so zu geben, daß
-die Männer die Weiber- und die Weiber die Männerrollen spielten: falls
-irgend auf Costüme und zweckmäßige Carrikatur einige Sorgfalt verwendet
-ist, so wette ich, man schlägt sich an der Casse um die Billets, das
-Stück muß drei Wochen hinter einander wiederholt werden, und die
-Direction ist mit einemmal wieder solvent. -- Welches Erinnerungen sind,
-werth, wie uns dünkt, daß man sie beherzige.
-
- H. v. K.
-
-
- 6. Schreiben aus Berlin.
- (30. October.)
-
- Den 28. October.
-
-Die Oper Cendrillon, welche sich Mad. Bethmann zum Benefiz gewählt hat,
-und Herr Herclots bereits, zu diesem Zweck, übersetzt, soll, wie man
-sagt, der zum Grunde liegenden französischen Musik wegen, welche ein
-dreisilbiges Wort erfordert, _Ascherlich_, _Ascherling_ oder
-_Ascherlein_ u. s. w. nicht _Aschenbrödel_ genannt werden. Brödel, von
-Brod oder, altdeutsch Brühe (^brode^ im Französischen) heißt eine mit
-Fett und Schmutz bedeckte Frau; eine Bedeutung, in der sich das Wort,
-durch eben das, in Rede stehende, Mährchen, in welchem es, mit dem
-Muthwillen freundlicher Ironie, einem zarten und lieben Kinde von
-überaus schimmernder Reinheit an Leib und Seele, gegeben wird, allgemein
-beim Volk erhalten hat. Warum, ehe man diesem Mährchen dergestalt, durch
-Unterschiebung eines, an sich gut gewählten, aber gleichwohl
-willkührlichen und bedeutungslosen Namens, an das Leben greift, zieht
-man nicht lieber, der Musik zu Gefallen, das »del« in »d'l« zusammen,
-oder elidirt das d ganz und gar? Ein österreichischer Dichter würde ohne
-Zweifel keinen Anstand nehmen, zu sagen: _Aschenbröd'l_ oder
-_Aschenbröl_.
-
-Ascherlich oder Aschenbröd'l selbst wird Mademois. Maas; Mad. Bethmann,
-wie es heißt, die Rolle einer der eifersüchtigen Schwestern übernehmen.
-Mlle. Maas ist ohne Zweifel durch mehr, als die bloße Jugend, zu dieser
-Rolle berufen; von Mad. Bethmann aber sollte es uns leid thun, wenn sie
-glauben sollte, daß sie, ihres Alters wegen, davon ausgeschlossen wäre.
-Diese Resignation käme (wir meinen, wenn nicht den größesten, doch den
-verständigsten Theil des Publicums, auf unserer Seite zu haben) noch um
-viele Jahre zu früh. Es ist, mit dem Spiel dieser Künstlerin, wie mit
-dem Gesang manchen alten Musikmeisters am Fortepiano. Er hat eine, von
-manchen Seiten mangelhafte, Stimme und kann sich, was den Vortrag
-betrift, mit keinem jungen, rüstigen Sänger messen. Gleichwohl, durch
-den Verstand und die ungemein zarte Empfindung, mit welcher er zu Werke
-geht, führt er, alle Verletzungen vermeidend, die Einbildung, in
-einzelnen Momenten, auf so richtige Wege, daß jeder sich mit
-Leichtigkeit das Fehlende ergänzt, und ein in der That höheres Vergnügen
-genießt, als ihm eine bessere Stimme, aber von einem geringern Genius
-regiert, gewährt haben würde. -- Mad. Bethmanns größester Ruhm, meinen
-wir, nimmt allererst, wenn sie sich anders auf ihre Kräfte versteht, in
-einigen Jahren (in dem Alter, wo Andere ihn verlieren) seinen Anfang.
-
- ^y.^
-
-
- 7. Die sieben kleinen Kinder.
- (8. November.)
-
-Was mag aus einer Bande kleiner Sänger geworden sein, die im vorigen
-Jahre sich sehr häufig in vielen Straßen Berlins mit wenigen Liedern
-hören ließen, die aber so wunderbar auf einzelne Töne eingesungen waren,
-daß sie am ersten einen Begriff von der Russischen Hörnermusik geben
-konnten? Sie wurden, nach dem einen ihrer bekanntesten Lieder, meist die
-sieben kleinen Kinder genannt. Das Lied erzählte von Kindern, denen zu
-spät Brod gereicht worden, nachdem sie lange geschrieen und endlich aus
-Hunger gestorben waren. -- Ist es diesen armen Schelmen, die wir immer
-mit besonderem Vergnügen gehört, etwa auch so ergangen?
-
-Diese Kinder waren jedermann so bekannt, alle Kinder sangen ihnen nach,
-daß wir es kaum begreifen können, daß sie nicht in irgend ein lustiges
-Stück z. B. Rochus Pumpernickel, auf der Straße eingeführt worden, wo
-sie gewiß die allgemeinste Wirkung hervorgebracht hätten. Leider aber
-begnügen sich unsre Theater-Dichter die Späße fremder Städte, besonders
-Wiens, zu wiederholen; was aber bey uns lustig und erfreulich, dafür
-haben sie keine Fassung. So finden sich manche auf unserer Bühne, die
-den Wiener oder Schwäbischen Dialekt recht gut nachsprechen, aber
-keiner, der z. B. gut pommersch-plattdeutsch redete, was in der Rolle
-des Rochus Pumpernickel sicher recht eigenthümliche Wirkung bei uns
-thäte.
-
- ^ava.^
-
-
- 8. Von einem Kinde, das kindlicher Weise ein anderes Kind
- umbringt.
- (13. November.)
-
-»In einer Stadt Franecker genannt, gelegen in Westfriesland, da ist es
-geschehen, daß junge Kinder, fünf- sechsjährige, Mägdlein und Knaben mit
-einander spielten. Und sie ordneten ein Büblein an, das solle der
-Metzger sein, ein anderes Büblein, das solle Koch sein, und ein drittes
-Büblein, das solle eine Sau sein. Ein Mägdlein, ordneten sie, solle
-Köchin sein, wieder ein anderes, das solle Unterköchin sein; und die
-Unterköchin solle in einem Geschirrlein das Blut von der Sau empfahen,
-daß man Würste könne machen. Der Metzger gerieth nun verabredetermaßen
-an das Büblein, das die Sau sollte sein, riß es nieder und schnitt ihm
-mit einem Messerlein die Gurgel auf; und die Unterköchinn empfing das
-Blut in ihrem Geschirrlein. Ein Rathsherr, der von ungefähr vorübergeht,
-sieht dies Elend; er nimmt von Stund' an den Metzger mit sich, und führt
-ihn in des Obersten Haus, welcher sogleich den ganzen Rath versammeln
-ließ. Sie saßen all' über diesen Handel, und wußten nicht, wie sie ihm
-thun sollten, denn sie sahen wohl, daß es kindlicher Weise geschehen
-war. Einer unter ihnen, ein alter weiser Mann, gab den Rath, der oberste
-Richter solle einen schönen rothen Apfel in die eine Hand nehmen, in die
-andere einen rheinischen Gulden, solle das Kind zu sich rufen, und beide
-Hände gleich gegen dasselbe ausstrecken; nehme es den Apfel, so solle es
-ledig erkannt werden, nehme es aber den Gulden, so solle man es auch
-tödten. Dem wird gefolgt; das Kind aber ergreift den Apfel lachend, wird
-also aller Strafe ledig erkannt.«
-
-Diese rührende Geschichte aus einem alten Buche gewinnt ein neues
-Interesse durch das letzte kleine Trauerspiel Werners, der vier und
-zwanzigste Februar genannt, welches in Weimar und Lauchstädt schon oft,
-und mit einem so lebhaften Antheil gesehen worden ist, als vielleicht
-kein Werk eines modernen Dichters. Das unselige Mordmesser, welches in
-jener Tragödie der unruhige Dolch des Schicksals ist, (vielleicht
-derselbe, den Mackbeth vor sich her zur Schlafkammer des Königs gehen
-sieht) ist dasselbe Messer, womit der eine Knabe den anderen getödtet,
-und er empfängt in jener That seine erste blutige Weihe. Wir wissen
-nicht, ob Werner die obige Geschichte ganz gekannt oder erzählt hat,
-denn jenes treflichste und darstellbarste Werk Werners, zu dem nur drei
-Personen, Vater und Mutter und Sohn, nur eine doppelte durchgeschlagene
-Schweizer Bauerstube, ein Schrank, ein Messer und etwas Schnee, den der
-Winter gewiß bald bringen wird, die nöthigen Requisite sind, ist auf
-unserer Bühne noch nicht aufgeführt worden. Gleichwohl besitzen wir
-mehr, als die Weimaraner, um es zu geben, einen Iffland, eine Bethmann
-und Schauspieler, um den Sohn darzustellen, im Ueberfluß. Möge diese
-kleine Mittheilung den Sinn und den guten Willen dazu anregen.
-
-
-
-
- 5. Gemeinnütziges.
-
-
- 1. Allerneuester Erziehungsplan.
- (29-31. October; 9. 10. November.)
-
-Zu welchen abentheuerlichen Unternehmungen, sei es nun das Bedürfniß,
-sich auf eine oder die andere Weise zu ernähren, oder auch die bloße
-Sucht, neu zu sein, die Menschen verführen, und wie lustig dem zufolge
-oft die Insinuationen sind, die an die Redaction dieser Blätter
-einlaufen: davon möge folgender Aufsatz, der uns kürzlich zugekommen
-ist, eine Probe sein.
-
-
- Allerneuester Erziehungsplan.
-
-Hochgeehrtes Publicum,
-
-Die Experimental-Physik, in dem Capitel von den Eigenschaften
-elektrischer Körper, lehrt, daß wenn man in die Nähe dieser Körper,
-oder, um kunstgerecht zu reden, in ihre Atmosphäre, einen unelektrischen
-(neutralen) Körper bringt, dieser plötzlich gleichfalls elektrisch wird,
-und zwar die entgegengesetzte Elektricität annimmt. Es ist als ob die
-Natur einen Abscheu hätte, gegen Alles, was, durch eine Verbindung von
-Umständen, einen überwiegenden und unförmlichen Werth angenommen hat;
-und zwischen je zwei Körpern, die sich berühren, scheint ein Bestreben
-angeordnet zu sein, das ursprüngliche Gleichgewicht, das zwischen ihnen
-aufgehoben ist, wieder herzustellen. Wenn der elektrische Körper positiv
-ist: so flieht aus dem unelektrischen Alles, was an natürlicher
-Elektricität darin vorhanden ist, in den äußersten und entferntesten
-Raum desselben, und bildet, in den, jenem zunächst liegenden
-Theilen eine Art von Vacuum, das sich geneigt zeigt, den
-Elektricitäts-Ueberschuß, woran jener, auf gewisse Weise, krank ist, in
-sich aufzunehmen; und ist der elektrische Körper negativ, so häuft sich,
-in dem unelektrischen, und zwar in den Theilen, die dem elektrischen
-zunächst liegen, die natürliche Elektricität schlagfertig an, nur auf
-den Augenblick harrend, den Elektricitäts-Mangel umgekehrt, woran jener
-krank ist, damit zu ersetzen. Bringt man den unelektrischen Körper in
-den Schlagraum des elektrischen, so fällt, es sei nun von diesem zu
-jenem, oder von jenem zu diesem, der Funken: das Gleichgewicht ist
-hergestellt, und beide Körper sind einander an Elektricität völlig
-gleich.
-
-Dieses höchst merkwürdige Gesetz findet sich, auf eine, unseres Wissens,
-noch wenig beachtete Weise, auch in der moralischen Welt; dergestalt,
-daß ein Mensch, dessen Zustand indifferent ist, nicht nur augenblicklich
-aufhört, es zu sein, sobald er mit einem Anderen, dessen Eigenschaften,
-gleichviel auf welche Weise, bestimmt sind, in Berührung tritt: sein
-Wesen wird sogar, um mich so auszudrücken, gänzlich in den
-entgegengesetzten Pol hinübergespielt; er nimmt die Bedingung + an, wenn
-jener von der Bedingung -, und die Bedingung -, wenn jener von der
-Bedingung + ist.
-
-Einige Beispiele, hochverehrtes Publicum, werden dies deutlicher machen.
-
-Das gemeine Gesetz des Widerspruchs ist jedermann, aus eigner Erfahrung,
-bekannt; das Gesetz, das uns geneigt macht, uns, mit unserer Meinung,
-immer auf die entgegengesetzte Seite hinüber zu werfen. Jemand sagt mir,
-ein Mensch, der am Fenster vorübergeht, sei so dick, wie eine Tonne. Die
-Wahrheit zu sagen, er ist von gewöhnlicher Corpulenz. Ich aber, da ich
-ans Fenster komme, ich berichtige diesen Irrthum nicht bloß: ich rufe
-Gott zum Zeugen an, der Kerl sei so dünn, als ein Stecken.
-
-Oder eine Frau hat sich, mit ihrem Liebhaber, ein Rendezvous menagirt.
-Der Mann, in der Regel, geht des Abends, um Triktrak zu spielen, in die
-Tabagie; gleichwohl, um sicher zu gehen, schlingt sie den Arm um ihn,
-und spricht: mein lieber Mann! Ich habe die Hammelkeule, von heute
-Mittag, aufwärmen lassen. Niemand besucht mich, wir sind ganz allein;
-laß uns den heutigen Abend einmal in recht heiterer und vertraulicher
-Abgeschlossenheit zubringen. Der Mann, der gestern schweres Geld in der
-Tabagie verlor, dachte in der That heut, aus Rücksicht auf seine Casse,
-zu Hause zu bleiben; doch plötzlich wird ihm die entsetzliche Langeweile
-klar, die ihm, seiner Frau gegenüber, im Hause verwartet. Er spricht:
-liebe Frau! Ich habe einem Freunde versprochen, ihm im Triktrak, worin
-ich gestern gewann, Revange zu geben. Laß mich, auf eine Stunde, wenn es
-sein kann, in die Tabagie gehn; morgen von Herzen gern stehe ich zu
-deinen Diensten.
-
-Aber das Gesetz, von dem wir sprechen, gilt nicht bloß von Meinungen und
-Begehrungen, sondern auf weit allgemeinere Weise, auch von Gefühlen,
-Affecten, Eigenschaften und Charakteren.
-
-Ein Portugiesischer Schiffskapitain, der, auf dem Mittelländischen Meer,
-von drei Venetianischen Fahrzeugen angegriffen ward, befahl,
-entschlossen wie er war, in Gegenwart aller seiner Officiere und
-Soldaten, einem Feuerwerker, daß sobald irgend auf dem Verdeck ein Wort
-von Uebergabe laut werden würde, er, ohne weiteren Befehl, nach der
-Pulverkammer gehen, und das Schiff in die Luft sprengen mögte. Da man
-sich vergebens, bis gegen Abend, gegen die Uebermacht herumgeschlagen
-hatte, und allen Forderungen, die die Ehre an die Equipage machen
-konnte, ein Genüge geschehen war: traten die Officiere in vollzähliger
-Versammlung den Capitain an, und forderten ihn auf, das Schiff zu
-übergeben. Der Capitain, ohne zu antworten, kehrte sich um, und fragte,
-wo der Feuerwerker sei; seine Absicht, wie er nachher versichert hat,
-war, ihm aufzugeben, auf der Stelle den Befehl, den er ihm ertheilt, zu
-vollstrecken. Als er aber den Mann schon, die brennende Lunte in der
-Hand, unter den Fässern, in Mitten der Pulverkammer fand: ergriff er ihn
-plötzlich, von Schrecken bleich, bei der Brust, riß ihn, in
-Vergessenheit aller anderen Gefahr, aus der Kammer heraus, trat die
-Lunte, unter Flüchen und Schimpfwörtern, mit Füßen aus und warf sie in's
-Meer. Den Officieren aber sagte er, daß sie die weiße Fahne aufstecken
-mögten, indem er sich übergeben wolle.
-
-Ich selbst, um ein Beispiel aus meiner Erfahrung zu geben, lebte, vor
-einigen Jahren, aus gemeinschaftlicher Kasse, in einer kleinen Stadt am
-Rhein, mit einer Schwester. Das Mädchen war in der That bloß, was man,
-im gemeinen Leben, eine gute Wirthinn nennt; freigebig sogar in manchen
-Stücken; ich hatte es selbst erfahren. Doch weil ich locker und lose
-war, und das Geld auf keine Weise achtete: so fieng sie an zu knickern
-und zu knausern; ja, ich bin überzeugt, daß sie geizig geworden wäre,
-und mir Rüben in den Caffe und Lichter in die Suppe gethan hätte. Aber
-das Schicksal wollte zu ihrem Glücke, daß wir uns trennten.
-
-Wer dies Gesetz recht begreift, dem wird die Erscheinung gar nicht mehr
-fremd sein, die den Philosophen so viel zu schaffen giebt: die
-Erscheinung, daß große Männer, in der Regel, immer von unbedeutenden und
-obscuren Eltern abstammen, und eben so wieder Kinder groß ziehen, die in
-jeder Rücksicht untergeordnet und geringartig sind. Und in der That, man
-kann das Experiment, wie die moralische Atmosphäre, in dieser Hinsicht,
-wirkt, alle Tage anstellen. Man bringe nur einmal Alles, was, in einer
-Stadt, an Philosophen, Schöngeistern, Dichtern und Künstlern, vorhanden
-ist, in einen Saal zusammen: so werden einige, aus ihrer Mitte, auf der
-Stelle dumm werden; wobei wir uns, mit völliger Sicherheit, auf die
-Erfahrung eines jeden berufen, der solchem Thee oder Punsch einmal
-beigewohnt hat.
-
-Wie vielen Einschränkungen ist der Satz unterworfen: daß schlechte
-Gesellschaften gute Sitten verderben; da doch schon Männer wie Basedow
-und Campe, die doch sonst, in ihrem Erziehungs-Handwerk, wenig
-gegensätzisch verfuhren, angerathen haben, jungen Leuten zuweilen den
-Anblick böser Beispiele zu verschaffen, um sie von dem Laster
-abzuschrecken. Und wahrlich, wenn man die gute Gesellschaft, mit der
-schlechten, in Hinsicht auf das Vermögen, die Sitte zu entwickeln,
-vergleicht, so weiß man nicht, für welche man sich entscheiden soll, da,
-in der guten, die Sitte nur nachgeahmt werden kann, in der schlechten
-hingegen, durch eine eigenthümliche Kraft des Herzens erfunden werden
-muß. Ein Taugenichts mag, in tausend Fällen, ein junges Gemüth, durch
-sein Beispiel, verführen, sich auf Seiten des Lasters hinüber zu
-stellen; tausend andere Fälle aber giebt es, wo es, in natürlicher
-Reaction, das Polar-Verhältniß gegen dasselbe annimmt; und dem Laster,
-zum Kampf gerüstet, gegenüber tritt. Ja, wenn man, auf irgend einem
-Platze der Welt, etwa einer wüsten Insel, Alles was die Erde an
-Bösewichtern hat, zusammenbrächte: so würde sich nur ein Thor darüber
-wundern können, wenn er, in kurzer Zeit, alle, auch die erhabensten und
-göttlichsten, Tugenden unter ihnen anträfe.
-
-Wer dies für paradox halten könnte, der besuche nur einmal ein Zuchthaus
-oder eine Festung. In den von Frevlern aller Art, oft bis zum Sticken
-angefüllten Kasematten, werden, weil keine Strafe mehr, oder doch nur
-sehr unvollkommen, bis hierher dringt, Ruchlosigkeiten, die kein Name
-nennt, verübt. Demnach würde, in solcher Anarchie, Mord und Todtschlag
-und zuletzt der Untergang Aller die unvermeidliche Folge sein, wenn
-nicht auf der Stelle, aus ihrer Mitte, welche aufträten, die auf Recht
-und Sitte halten. Ja, oft setzt sie der Commendant selbst ein; und
-Menschen, die vorher aufsätzig waren gegen alle göttliche und
-menschliche Ordnung, werden hier, in erstaunenswürdiger Wendung der
-Dinge, wieder die öffentlichen geheiligten Handhaber derselben, wahre
-Staatsdiener der guten Sache, bekleidet mit der Macht, ihr Gesetz
-aufrecht zu erhalten.
-
-Daher kann die Welt mit Recht auf die Entwikkelung der
-Verbrecher-Kolonie in Botany-Bay aufmerksam sein. Was aus solchem, dem
-Boden eines Staats abgeschlämmten Gesindel werden kann, liegt bereits in
-den nordamerikanischen Freistaaten vor Augen; und um uns auf den Gipfel
-unserer metaphysischen Ansicht zu schwingen, erinnern wir den Leser bloß
-an den Ursprung, die Geschichte, an die Entwikkelung und Größe Roms.
-
-In Erwägung nun[1]
-
- 1) daß alle Sittenschulen bisher nur auf den Nachahmungstrieb
- gegründet waren, und statt das gute Princip, auf eigenthümliche
- Weise im Herzen zu entwickeln, nur durch Aufstellung sogenannter
- guter Beispiele zu wirken suchten;[2]
-
- 2) daß diese Schulen, wie die Erfahrung lehrt, nichts eben, für
- den Fortschritt der Menschheit Bedeutendes und Erkleckliches
- hervorgebracht haben;[3]
-
- das Gute aber 3) das sie bewirkt haben, allein von dem Umstand
- herzurühren scheint, daß sie schlecht waren, und hin und wieder,
- gegen die Verabredung, einige schlechten Beispiele mitunter
- liefen;
-
-in Erwägung, sagen wir, aller dieser Umstände, sind wir gesonnen, eine
-sogenannte _Lasterschule_, oder vielmehr eine _gegensätzische_ Schule,
-eine Schule durch Laster, zu errichten.[4]
-
-[Fußnote 1: Jetzt rückt dieser merkwürdige Pädagog mit seinem neuesten
-Erziehungsplan heraus.
-
- (_Die Redaction._)]
-
-[Fußnote 2: So! -- Als ob die pädagogischen Institute nicht, nach ihrer
-natürlichen Anlage, schwache Seiten genug darböten.
-
- (_Die Redaction._)]
-
-[Fußnote 3: In der That! -- Dieser Philosoph könnte das Jahrhundert um
-seinen ganzen Ruhm bringen.
-
- (_Die Redaction._)]
-
-[Fußnote 4: ^Risum teneatis, amici!^
-
- (_Die Redaction._)]
-
-Demnach werden für alle, einander entgegenstehende Laster, Lehrer
-angestellt werden, die in bestimmten Stunden des Tages, nach der
-Reihe, auf planmäßige Art, darin Unterricht ertheilen; in der
-Religionsspötterei sowohl als in der Bigotterie, im Trotz sowohl als in
-der Wegwerfung und Kriecherei, und im Geiz und in der Furchtsamkeit
-sowohl, als in der Tollkühnheit und in der Verschwendung.
-
-Diese Lehrer werden nicht bloß durch Ermahnungen, sondern durch
-Beispiele, durch lebendige Handlung, durch unmittelbaren praktischen,
-geselligen Umgang und Verkehr zu wirken suchen.
-
-Für Eigennutz, Plattheit, Geringschätzung alles Großen und Erhabenen und
-manche anderen Untugenden, die man in Gesellschaften und auf der Straße
-lernen kann, wird es nicht nöthig sein, Lehrer anzustellen.
-
-In der Unreinlichkeit und Unordnung, in der Zank- und Streitsucht und
-Verläumdung wird meine Frau Unterricht ertheilen.
-
-Lüderlichkeit, Spiel, Trunk, Faulheit und Völlerei, behalte ich mir
-bevor.
-
-Der Preis ist der sehr mäßige von 300 Rthl.
-
-N. S.
-
-Eltern, die uns ihre Kinder nicht anvertrauen wollten, aus Furcht, sie
-in solcher Anstalt, auf unvermeidliche Weise, verderben zu sehen, würden
-dadurch an den Tag legen, daß sie ganz übertriebene Begriffe von der
-Macht der Erziehung haben. Die Welt, die ganze Masse von Objecten, die
-auf die Sinne wirken, hält und regiert, an tausend und wieder tausend
-Fäden, das junge, die Erde begrüßende, Kind. Von diesen Fäden, ihm um
-die Seele gelegt, ist allerdings die Erziehung Einer, und sogar der
-wichtigste und stärkste; verglichen aber mit der ganzen Totalität, mit
-der ganzen Zusammenfassung der übrigen, verhält er sich wie ein
-Zwirnsfaden zu einem Ankertau, eher drüber als drunter.
-
-Und in der That, wie mißlich würde es mit der Sittlichkeit aussehen,
-wenn sie kein tieferes Fundament hätte, als das sogenannte gute Beispiel
-eines Vaters oder einer Mutter, und die platten Ermahnungen eines
-Hofmeisters oder einer französischen Mamsell. -- Aber das Kind ist kein
-Wachs, das sich in eines Menschen Händen, zu einer beliebigen Gestalt
-kneten läßt: es lebt, es ist frei, es trägt ein unabhängiges und
-eigenthümliches Vermögen der Entwickelung, und das Muster aller
-innerlichen Gestaltung, in sich.
-
-Ja, gesetzt, eine Mutter nähme sich vor, ein Kind, das sie an ihrer
-Brust trägt, von Grund aus zu verderben: so würde sich ihr auf der Welt
-dazu kein unfehlbares Mittel darbieten, und, wenn das Kind nur sonst von
-gewöhnlichen, rechtschaffenen Anlagen ist, das Unternehmen, vielleicht
-auf die sonderbarste und überraschendste Art, daran scheitern.
-
-Was sollte auch, in der That, aus der Welt werden, wenn den Eltern ein
-unfehlbares Vermögen beiwohnte, ihre Kinder nach Grundsätzen, zu welchen
-sie die Muster sind, zu erziehen: da die Menschheit, wie bekannt,
-fortschreiten soll, und es mithin, selbst dann, wenn an ihnen nichts
-auszusetzen wäre, nicht genug ist, daß die Kinder werden, wie sie;
-sondern besser.
-
-Wenn demnach die uralte Erziehung, die uns die Väter, in ihrer Einfalt,
-überliefert haben, an den Nagel gehängt werden soll: so ist kein Grund,
-warum unser Institut nicht, mit allen andern, die die pädagogische
-Erfindung, in unsern Tagen, auf die Bahn gebracht hat, in die Schranken
-treten soll. In unsrer Schule wird, wie in diesen, gegen je Einen, der
-darin zu Grunde geht, sich ein andrer finden, in dem sich Tugend und
-Sittlichkeit auf gar robuste und tüchtige Art entwickelt; es wird Alles
-in der Welt bleiben, wie es ist, und was die Erfahrung von Pestalozzi
-und Zeller und allen andern Virtuosen der neuesten Erziehungskunst, und
-ihren Anstalten sagt, das wird sie auch von uns und der unsrigen sagen:
-»Hilft es nichts, so schadet es nichts.«
-
- Rechtenfleck im Holsteinischen,
- den 15. Oct. 1810.
-
- _C. J. Levanus_,
- Conrector.
-
-
- 2. Nützliche Erfindungen. Entwurf einer Bombenpost.
- (12. October.)
-
-Man hat, in diesen Tagen, zur Beförderung des Verkehrs, innerhalb der
-Gränzen der vier Welttheile, einen elektrischen Telegraphen erfunden;
-einen Telegraphen, der mit der Schnelligkeit des Gedankens, ich will
-sagen, in kürzerer Zeit, als irgend ein chronometrisches Instrument
-angeben kann, vermittelst des Elektrophors und des Metalldraths,
-Nachrichten mittheilt, dergestalt, daß wenn jemand, falls nur sonst die
-Vorrichtung dazu getroffen wäre, einen guten Freund, den er unter den
-Antipoden hätte, fragen wollte: wie geht's dir? derselbe, ehe man noch
-eine Hand umkehrt, ohngefähr so, als ob er in einem und demselben Zimmer
-stünde, antworten könnte: recht gut. So gern wir dem Erfinder dieser
-Post, die, auf recht eigentliche Weise, auf Flügeln des Blitzes reitet,
-die Krone des Verdienstes zugestehn, so hat doch auch diese
-Fernschreibekunst noch die Unvollkommenheit, daß sie nur, dem Interesse
-des Kaufmanns wenig ersprießlich, zur Versendung ganz kurzer und
-lakonischer Nachrichten, nicht aber zur Uebermachung von Briefen,
-Berichten, Beilagen und Packeten taugt. Demnach schlagen wir, um auch
-diese Lücke zu erfüllen, zur Beschleunigung und Vervielfachung der
-Handels-Communikationen, wenigstens innerhalb der Gränzen der
-cultivirten Welt, eine _Wurf-_ oder _Bombenpost_ vor; ein Institut, das
-sich auf zweckmäßig, innerhalb des Raums einer Schußweite, angelegten
-Artillerie-Stationen, aus Mörsern oder Haubitzen, hohle, statt des
-Pulvers, mit Briefen und Paketen angefüllte Kugeln, die man ohne alle
-Schwierigkeit, mit den Augen verfolgen, und wo sie hinfallen, falls es
-ein Morastgrund ist, wieder auffinden kann, zuwürfe; dergestalt, daß die
-Kugel, auf jeder Station zuvörderst eröffnet, die respektiven Briefe für
-jeden Ort herausgenommen, die neuen hineingelegt, das Ganze wieder
-verschlossen, in einen neuen Mörser geladen, und zur nächsten Station
-weiter spedirt werden könnte. Den Prospectus des Ganzen und die
-Beschreibung und Auseinandersetzung der Anlagen und Kosten behalten wir
-einer umständlicheren und weitläufigeren Abhandlung bevor. Da man auf
-diese Weise, wie eine kurze mathematische Berechnung lehrt, binnen Zeit
-eines halben Tages, gegen geringe Kosten von Berlin nach Stettin oder
-Breslau würde schreiben oder respondiren können, und mithin, verglichen
-mit unseren reitenden Posten, ein zehnfacher Zeitgewinn entsteht, oder
-es eben soviel ist, als ob ein Zauberstab diese Orte der Stadt Berlin
-zehnmal näher gerückt hätte: so glauben wir für das bürgerliche sowohl
-als handeltreibende Publicum, eine Erfindung von dem größesten und
-entscheidendsten Gewicht, geschickt, den Verkehr auf den höchsten Gipfel
-der Vollkommenheit zu treiben, an den Tag gelegt zu haben.
-
- Berlin d. 10. Oct. 1810.
-
- ^rmz.^
-
-
- 3. Schreiben aus Berlin.
- (15. October.)
-
- 10 Uhr Morgens.
-
-Der Wachstuchfabrikant Hr. _Claudius_ will, zur Feier des Geburtstages
-Sr. Königl. Hoheit, des Kronprinzen, heute um 11 Uhr mit dem Ballon des
-Prof. J.[74] in die Luft gehen, und denselben, vermittelst einer
-Maschine, unabhängig vom Wind, nach einer bestimmten Richtung
-hinbewegen. Dies Unternehmen scheint befremdend, da die Kunst, den
-Ballon, auf ganz leichte und naturgemäße Weise, ohne alle Maschienerie,
-zu bewegen, schon erfunden ist. Denn da in der Luft alle nur mögliche
-Strömungen (Winde) übereinander liegen: so braucht der Aëronaut nur,
-vermittelst perpendikularer Bewegungen, den Luftstrom aufzusuchen, der
-ihn nach seinem Ziele führt: ein Versuch, der bereits mit vollkommnem
-Glück, in Paris, von Hrn. Garnerin, angestellt worden ist.
-
-Gleichwohl scheint dieser Mann, der während mehrerer Jahre im Stillen
-dieser Erfindung nachgedacht hat, einer besondern Aufmerksamkeit nicht
-unwerth zu sein. Einen Gelehrten, mit dem er sich kürzlich in
-Gesellschaft befand, soll er gefragt haben: ob er ihm wohl sagen könne,
-in wieviel Zeit eine Wolke, die eben an dem Horizont heraufzog, im
-Zenith der Stadt sein würde? Auf die Antwort des Gelehrten: »daß seine
-Kenntniß so weit nicht reiche,« soll er eine Uhr auf den Tisch gelegt
-haben, und die Wolke genau, in der von ihm bestimmten Zeit, im Zenith
-der Stadt gewesen sein. Auch soll derselbe, bei der letzten Luftfahrt
-des Professor J. im Voraus nach Werneuchen gefahren, und die Leute
-daselbst versammelt haben: indem er aus seiner Kenntniß der Atmosphäre
-mit Gewißheit folgerte, daß der Ballon diese Richtung nehmen, und der
-Professor J. in der Gegend dieser Stadt niederkommen müsse.
-
-Wie nun der Versuch, den er heute, gestützt auf diese Kenntniß,
-unternehmen will, ausfallen wird: das soll in Zeit von einer Stunde
-entschieden sein. Hr. Claudius will nicht nur bei seiner Abfahrt, den
-Ort, wo er niederkommen will, in gedruckten Zetteln bekannt machen: es
-heißt sogar, daß er schon Briefe an diesem Ort habe abgeben lassen, um
-daselbst seine Ankunft anzumelden. -- Der Tag ist in der That, gegen
-alle Erwartung, seiner Vorherbestimmung gemäß, ausnehmend schön.
-
-N. S.
-
- 2 Uhr Nachmittags.
-
-Hr. Claudius hatte beim Eingang in den Schützenplatz Zettel austheilen
-lassen, auf welchen er, längs der Potsdammer Chaussee, nach dem
-Luckenwaldschen Kreis zu gehen, und in einer Stunde vier Meilen
-zurückzulegen versprach. Der Wind war aber gegen 12 Uhr so mächtig
-geworden, daß er noch um 2 Uhr mit der Füllung des Ballons nicht fertig
-war; und es verbreitete sich das Gerücht, daß er vor 4 Uhr nicht in die
-Luft gehen würde.
-
-
- 4. Aëronautik.
- S. Haude u. Spenersche Zeitung, den 25. Okt. 1810.[75]
- (29. 30. October.)
-
-Der, gegen die Abendblätter gerichtete, Artikel der Haude und
-Spenerschen Zeitung, über die angebliche Direction der Luftbälle ist mit
-soviel Einsicht, Ernst und Würdigkeit abgefaßt, daß wir geneigt sind zu
-glauben, die Wendung am Schluß, die zu dem Ganzen wenig paßt, beruhe auf
-einem bloßen Mißverständniß.
-
-Demnach dient dem unbekannten Hrn. Verfasser hiemit auf seine, in
-Anregung gebrachten Einwürfe zur freundschaftlichen Antwort:
-
-1) daß wenn das Abendblatt, des beschränkten Raums wegen, den
-unverklausulirten Satz aufgestellt hat: die Direction der Luftbälle sei
-erfunden; dasselbe damit keineswegs hat sagen wollen: es sei an dieser
-Erfindung nichts mehr hinzuzusetzen; sondern bloß: das Gesetz einer
-solchen Kunst sei gefunden, und es sei, nach dem, was in Paris
-vorgefallen, nicht mehr zweckmäßig, in dem Bau einer, mit dem Luftball
-verbundenen, Maschiene eine Kraft zu suchen, die in dem Luftball selbst,
-und in dem Element, das ihn trägt, vorhanden ist.
-
-2) Daß die Behauptung, in der Luft seien Strömungen der vielfachsten und
-mannigfaltigsten Art enthalten, wenig Befremdendes und Außerordentliches
-in sich faßt, indem unseres Wissens, nach den Aufschlüssen der neuesten
-Naturwissenschaft, eine der Hauptursachen des Windes, chemische
-Zersetzung oder Entwickelung beträchtlicher Luftmassen ist. Diese
-Zersetzung oder Entwickelung der Luftmassen aber muß, wie eine ganz
-geringe Einbildung lehrt, ein concentrisches oder excentrisches, in
-allen seinen Richtungen diametral entgegengesetztes, Strömen der in der
-Nähe befindlichen Luftmassen veranlassen; dergestalt, daß an Tagen, wo
-dieser chemische Prozeß im Luftraum häufig vor sich geht, gewiß über
-einem gegebenen, nicht allzubeträchtlichen Kreis der Erdoberfläche, wenn
-nicht alle, doch so viele Strömungen, als der Luftfahrer, um die
-willkührliche Direction darauf zu gründen, braucht, vorhanden sein
-mögen.
-
-3) Daß der Luftballon des Hrn. Claudius selbst (in sofern ein einzelner
-Fall hier in Erwägung gezogen zu werden verdient) zu dieser Behauptung
-gewissermaßen den Beleg abgiebt, indem ohne Zweifel als derselbe ½5 Uhr
-durchaus westlich in der Richtung nach Spandau und Stendal aufstieg,
-niemand geahndet hat, daß er, innerhalb zwei Stunden, durchaus südlich,
-zu Düben in Sachsen niederkommen würde.
-
-4) Daß die Kunst, den Ballon _vertical_ zu dirigiren, noch einer großen
-Entwickelung und Ausbildung bedarf, und derselbe auch wohl, ohne eben
-große Schwierigkeiten, fähig ist, indem man ohne Zweifel durch
-Veränderung nicht bloß des absoluten, sondern auch specifischen Gewichts
-(vermittelst der Wärme und der Expansion) wird steigen und fallen und
-somit den Luftstrom mit größerer Leichtigkeit wird aufsuchen lernen,
-dessen man, zu einer bestimmten Reise, bedarf.
-
-5) Daß Hr. Claudius zwar wenig gethan hat, die Aufmerksamkeit des
-Publikums, die er auf sich gezogen hat, zu rechtfertigen; daß wir aber
-gleichwohl dahingestellt sein lassen, in wiefern derselbe, nach dem
-Gespräche der Stadt, in der Kunst, von der Erdoberfläche aus die
-Luftströmungen in den höheren Regionen zu beurtheilen, erfahren sein
-mag: indem aus der Richtung, die sein Ballon anfänglich westwärts gegen
-Spandau und späterhin südwärts gegen Düben nahm, mit sonderbarer
-Wahrscheinlichkeit hervor zu gehen scheint, daß er, wenn er aufgestiegen
-wäre, sein Versprechen erfüllt haben, und vermittelst seiner
-mechanischen Einwirkung, in der Diagonale zwischen beiden Richtungen,
-über der Potsdammer Chaussee, nach dem Luckenwaldischen Kreise,
-fortgeschwommen sein würde.
-
-6) Daß wenn gleich das Unternehmen vermittelst einer, im Luftball
-angebrachten Maschiene, den Widerstand ganz contrairer Winde aufzuheben,
-unübersteiglichen Schwierigkeiten unterworfen ist, es doch vielleicht
-bei Winden von geringerer Ungünstigkeit möglich sein dürfte, den Sinus
-der Ungünstigkeit, vermittelst mechanischer Kräfte, zu überwinden, und
-somit, dem Seefahrer gleich, auch solche Winde, die nicht genau zu dem
-vorgeschriebenen Ziel führen, ins Interesse zu ziehen.
-
-Zudem bemerken wir, daß wenn 7) der Luftschifffahrer, aller dieser
-Hülfsmittel ungeachtet, Tage und Wochen lang auf den Wind, der ihm
-passend ist, warten müßte, derselbe sich mit dem Seefahrer zu trösten
-hätte, der auch Wochen, oft Monate lang, auf günstige Winde im Hafen
-harren muß: wenn er ihn aber gefunden hat, binnen wenigen Stunden damit
-weiter kommt, als wenn er sich, von Anfang herein, während der ganzen
-verlornen Zeit, zur Axe oder zu Pferde fortbewegt hätte.
-
-Endlich selbst zugegeben 8) -- was wir bei der Möglichkeit, auch selbst
-in der wolkigsten Nacht, den Polarstern, wenigstens auf Augenblicke,
-aufzufinden, keinesweges thun -- dem Luftschiffer fehle es schlechthin
-an Mittel, sich in der Nacht im Luftraum zu orientiren: so halten wir
-den von dem unbekannten Hrn. R. berechneten Irrthum von 6 Meilen, auf
-einen Radius von 30 Meilen, für einen sehr mäßigen und erträglichen. Der
-Aëronaut würde immer noch, wenn ^x^ die Zeit ist, die er gebraucht haben
-würde, um den Radius zur Axe zurückzulegen, in ^x^/5 den Radius und die
-Sehne zurücklegen können. Wenn er dies, gleichviel aus welchen Gründen,
-ohne seinen Ballon, nicht wollte, so würde er sich wieder mit dem
-Seefahrer trösten müssen, der auch oft, widriger Winde wegen, statt in
-den Hafen einzulaufen, auf der Rhede vor Anker gehen, oder gar in einen
-andern ganz entlegenen Hafen einlaufen muß, nach dem er gar nicht bei
-seiner Abreise gewollt hat.
-
- * * * * *
-
-Was Hr. Garnerin betrift, so werden wir im Stande sein, in Kurzem
-bestimmtere Facta, als die im 13ten Abendblatt enthalten waren, zur
-Erwiderung auf die gemachten Einwürfe, beizubringen.
-
- ^rm.^
-
-
-
-
- II. In Versen.
-
-
-
-
- 1. Eine Legende nach Hans Sachs.
- Gleich und Ungleich.
- (3. November.)
-
-
- Der Herr, als er auf Erden noch einherging,
- Kam mit Sanct Peter einst an einen Scheideweg,
- Und fragte, unbekannt des Landes,
- Das er durchstreifte, einen Bauersknecht,
- Der faul, da, wo der Rain sich spaltete, gestreckt
- In eines Birnbaums Schatten lag:
- Was für ein Weg nach Jericho ihn führe?
- Der Kerl, die Männer nicht beachtend,
- Verdrießlich, sich zu regen, hob ein Bein,
- Zeigt auf ein Haus im Feld', und gähnt' und sprach: da unten!
- Zerrt sich die Mütze über's Ohr zurecht,
- Kehrt sich, und schnarcht schon wieder ein.
- Die Männer drauf, wohin das Bein gewiesen,
- Gehn ihre Straße fort; jedoch nicht lange währt's,
- Von Menschen leer, wie sie das Haus befinden,
- Sind sie im Land' schon wieder irr.
- Da steht, im heißen Strahl der Mittagssonne,
- Bedeckt von Aehren, eine Magd,
- Die schneidet, frisch und wacker, Korn,
- Der Schweiß rollt ihr vom Angesicht herab.
- Der Herr, nachdem er sich gefällig drob ergangen,
- Kehrt also sich mit Freundlichkeit zu ihr:
- »Mein Töchterchen gehn wir auch recht,
- So wie wir stehn, den Weg nach Jericho?«
- Die Magd antwortet flink: »Ei, Herr!
- Da seid ihr weit vom Wege irr gegangen;
- Dort hinterm Walde liegt der Thurm von Jericho,
- Kommt her, ich will den Weg euch zeigen.«
- Und legt die Sichel weg, und führt, geschickt und emsig,
- Durch Aecker, die der Rain durchschneidet,
- Die Männer auf die rechte Straße hin,
- Zeigt noch, wo schon der Thurm von Jericho erglänzet,
- Grüßt sie und eilt zurücke wieder,
- Auf daß sie schneid', in Rüstigkeit, und raffe,
- Von Schweiß betrieft, im Waizenfelde,
- So nach wie vor.
- Sanct Peter spricht: »O Meister mein!
- Ich bitte dich, um deiner Güte willen,
- Du wollest dieser Maid die That der Liebe lohnen,
- Und, flink und wacker, wie sie ist,
- Ihr einen Mann, flink auch und wacker, schenken.«
- »Die Maid, versetzt der Herr voll Ernst,
- Die soll den faulen Schelmen nehmen,
- Den wir am Scheideweg im Birnbaumsschatten trafen;
- Also beschloß ich's gleich im Herzen,
- Als ich im Waizenfeld sie sah.«
- Sanct Peter spricht: »Nein Herr, das wolle Gott verhüten.
- Das wär' ja ewig Schad' um sie,
- Müßt' all' ihr Schweiß und Müh' verloren gehn.
- Laß einen Mann, ihr ähnlicher, sie finden,
- Auf daß sich, wie sie wünscht, hoch bis zum Giebel ihr
- Der Reichthum in der Tenne fülle.«
- Der Herr antwortet, mild den Sanctus strafend:
- »O Petre, das verstehst du nicht.
- Der Schelm, der kann doch nicht zur Höllen fahren.
- Die Maid auch, frischen Lebens voll,
- Die könnte leicht zu stolz und üppig werden.
- Drum, wo die Schwinge sich ihr allzuflüchtig regt,
- Henk' ich ihr ein Gewichtlein an,
- Auf daß sie's beide im Maaße treffen,
- Und fröhlich, wenn es ruft, hinkommen, er wie sie,
- Wo ich sie Alle gern versammeln möchte.
-
-
-
-
- 2. Eine Legende nach Hans Sachs.
- Der Welt Lauf.
- (8. December.)
-
-
- Der Herr und Petrus oft, in ihrer Liebe beide,
- Begegneten im Streite sich,
- Wenn von der Menschen Heil die Rede war;
- Und dieser nannte zwar die Gnade Gottes groß,
- Doch wär' er Herr der Welt, meint er,
- Würd' er sich ihrer mehr erbarmen.
- Da trat, zu einer Zeit, als längst, in beider Herzen,
- Der Streit vergessen schien, und just,
- Um welcher Ursach weiß ich nicht,
- Der Himmel oben auch voll Wolken hieng,
- Der Sanctus mißgestimmt, den Heiland an, und sprach
- »Herr, laß, auf eine Handvoll Zeit,
- Mich, aus dem Himmelreich, auf Erden niederfahren,
- Daß ich des Unmuths, der mich griff,
- Vergess' und mich einmal, von Sorgen frei, ergötze,
- Weil es jetzt grad' vor Fastnacht ist.«
- Der Herr, des Streits noch sinnig eingedenk,
- Spricht: »Gut; acht Tag' geb' ich dir Zeit,
- Der Feier, die mir dort beginnt, dich beizumischen;
- Jedoch, so bald das Fest vorbei,
- Kommst du mir zu gesetzter Stunde wieder.
- Acht volle Tage doch, zwei Wochen schon, und mehr,
- Ein abgezählter Mond vergeht,
- Bevor der Sanct zum Himmel wiederkehrt.
- »Ei, Petre,« spricht der Herr, »wo weiltest du so lange?
- Gefiel's auch nieden dir so wohl?«
- Der Sanctus, mit noch schwerem Kopfe, spricht:
- »Ach, Herr! Das war ein Jubel unten --!
- Der Himmel selbst beseeliget nicht besser.
- Die Erndte, reich, du weißt, wie keine je gewesen,
- Gab alles was das Herz nur wünscht,
- Getraide, weiß und süß, Most, sag' ich dir, wie Honig,
- Fleisch fett, dem Speck gleich, von der Brust des Rindes;
- Kurz, von der Erde jeglichem Erzeugniß
- Zum Brechen alle Tafeln voll.
- Da ließ ich's, schier, zu wohl mir sein,
- Und hätte bald des Himmels gar vergessen.«
- Der Herr erwiedert: »Gut! Doch Petre sag' mir an,
- Bei soviel Seegen, den ich ausgeschüttet,
- Hat man auch dankbar mein gedacht?
- Sahst du die Kirchen auch von Menschen voll?« --
- Der Sanct, bestürzt hierauf, nachdem er sich besonnen:
- »O Herr,« spricht er, »bei meiner Liebe,
- Den ganzen Fastmond durch, wo ich mich hingewendet,
- Nicht deinen Namen hört' ich nennen.
- Ein einz'ger Mann saß murmelnd in der Kirche:
- Der aber war ein Wucherer,
- Und hatte Korn, im Herbst erstanden,
- Für Mäus' und Ratzen hungrig aufgeschüttet.« --
- »Wohlan denn,« spricht der Herr, und läßt die Rede fallen,
- »Petre, so geh; und künft'ges Jahr
- Kannst du die Fastnacht wiederum besuchen.«
- Doch diesmal war das Fest kaum eingeläutet,
- Da kömmt der Sanctus schleichend schon zurück.
- Der Herr begegnet ihm am Himmelsthor und ruft:
- »Ei, Petre! Sieh! Warum so traurig?
- Hat's dir auf Erden denn danieden nicht gefallen?«
- »Ach, Herr,« versetzt der Sanct, »seit ich sie nicht gesehn,
- Hat sich die Erde ganz verändert.
- Da ist's kurzweilig nicht mehr, wie vordem,
- Rings sieht das Auge nichts, als Noth und Jammer.
- Die Erndte, ascheweiß versengt auf allen Feldern,
- Gab für den Hunger nicht, um Brod zu backen,
- Viel wen'ger Kuchen, für die Lust, und Stritzeln.
- Und weil der Herbstwind früh der Berge Hang durchreift,
- War auch an Wein und Most nicht zu gedenken.
- Da dacht ich: was auch sollst du hier?
- Und kehrt ins Himmelreich nur wieder heim.« --
- »So!« spricht der Herr. »Fürwahr! das thut mir leid!
- Doch, sag' mir an: gedacht' man mein?«
- »Herr, ob man dein gedacht? -- Die Wahrheit dir zu sagen,
- Als ich durch eine Hauptstadt kam,
- Fand ich, zur Zeit der Mitternacht,
- Vom Altarkerzenglanz, durch die Portäle strahlend,
- Dir alle Märkt' und Straßen hell;
- Die Glöckner zogen, daß die Stränge rissen;
- Hoch an den Säulen hiengen Knaben,
- Und hielten ihre Mützen in der Hand.
- Kein Mensch, versichr' ich dich, im Weichbild rings zu sehn,
- Als Einer nur, der eine Schaar
- Lastträger keuchend von dem Hafen führte:
- Der aber war ein Wucherer,
- Und häufte Korn auf lächelnd, fern erkauft,
- Um von des Landes Hunger sich zu mästen.«
- »Nun denn, o Petre,« spricht der Herr,
- Erschaust du jetzo doch den Lauf der Welt!
- Jetzt siehst du doch was du jüngsthin nicht glauben wolltest,
- Daß Güter nicht das Gut des Menschen sind;
- Daß mir ihr Heil am Herzen liegt wie dir:
- Und daß ich, wenn ich sie mit Noth zuweilen plage,
- Mich, meiner Liebe treu und meiner Sendung,
- Nur ihrer höh'ren Noth erbarme.
-
-
-
-
- 3. Epigramme.
-
-
- 1. Auf einen Denuncianten.
- (Räthsel.)
- (12. October.)
-
- Als Kalb begann er; ganz gewiß
- Vollendet er als Stier -- des Phalaris.
-
- ^st.^
-
-
- 2. Wer ist der Aermste?
- (24. October.)
-
- »Geld!« rief, »mein edelster Herr!« ein Armer. Der Reiche versetzte:
- »Lümmel, was gäb' ich darum, wär ich so hungrig als er!«
-
-
- 3. Der witzige Tischgesellschafter.
-
- Treffend, durchgängig ein Blitz, voll Scharfsinn, sind seine
- Repliken:
- Wo? An der Tafel? Vergieb! Wenn er's zu Hause bedenkt.
-
- ^xp.^
-
-
- 4. An die Verfasser schlechter Epigramme.
- (30. October.)
-
- Des Satyrs Geißel schmerzt von Rosenstrauch am meisten;
- Wer nur den Knieriem führt, der bleibe ja beim Leisten.
-
- ^st.^
-
-
- 5. Nothwehr.
- (31. October.)
-
- Wahrheit gegen den Feind? Vergieb mir! Ich lege zuweilen
- Seine Bind um den Hals, um in sein Lager zu gehn.
-
- ^xp.^
-
-
-
-
- Anmerkungen.
-
-
-
- Einleitung.
-
-[Fußnote 1: Das letzte Lied; H. v. Kleist gesammelte Schriften III, 373,
-der zweiten Ausgabe von Tieck und J. Schmidt.]
-
-[Fußnote 2: So schrieb Kleist an Zschokke; s. E. v. Bülow, H. v. Kleists
-Leben und Briefe S. 27.]
-
-[Fußnote 3: Die umfassendste Sammlung von Briefen Kleists sind die an
-seine Schwester Ulrike gerichteten, 57 an der Zahl, aus den Jahren 1795
-bis zum Augenblick seines Todes, nebst einem an Pannwitz aus dem Jahre
-1802, von Koberstein 1860 herausgegeben; 23 Briefe aus der Zeit von 1799
-bis 1811 an seinen Lehrer, seine Braut, deren Schwester, seinen Freund
-Rühle und Fouqué, gab Bülow heraus; 6 Brieffragmente von 1807 bis 1811
-Tieck in der Einleitung zu Kleists Schriften; ein Brief von 1809 an H.
-v. Collin steht in Hoffmanns Findlingen I, 320, ein von Bülow nicht
-gekannter von 1811 an Fouqué, in den Briefen an F. Baron de la Motte
-Fouqué, herausgegeben von H. Kletke I, 223; 6 aus den Jahren 1810 und
-1811 an F. v. Raumer in dessen Lebenserinnerungen und Briefwechsel I,
-229. Anekdotenhaft ist was Peguilhen von Kleist erzählt in der Sammlung
-Berühmte Schriftsteller der Deutschen Berlin 1854 I, 309; die
-Denkschrift desselben über Kleists Tod, die dem Staatskanzler vorlag
-aber nicht erscheinen durfte, scheint verloren. Umfassende
-Charakteristiken Kleists sind neuerdings gegeben worden in den
-Preußischen Jahrbüchern II, 599, 1858, und von J. Schmidt in seiner
-Einleitung zu den gesammelten Schriften Kleists, 1859; Nachträge dazu
-von Koberstein in der Einleitung zu Kleists Briefen an seine Schwester.]
-
-[Fußnote 4: Tiecks Ausgabe von 1826 I, S. XX.]
-
-[Fußnote 5: S. X Vorrede.]
-
-[Fußnote 6: In der Inhaltsanzeige des Februarheftes. Dadurch widerlegt
-sich Bülows Angabe S. 44 eine Novelle der Madame de Gomez habe dem
-Dichter den Stoff in Paris geliefert. Sucht man in einer fremden
-Litteratur nach einer Parallele zu dieser Geschichte, so könnte man auch
-an Cervantes' ^de la fuerça de la sangre^ erinnern, wo ähnliche
-Verhältnisse freilich maßvoller dargestellt werden.]
-
-[Fußnote 7: Eine quellengemäße geschichtliche Darstellung der
-Kohlhasischen Händel hat Klöden gegeben in Gropius' Beiträge zur
-Geschichte Berlins, Berlin 1840 S. 61 ff. Wenn er im Vorwort sagt, zu
-Kleists Erzählung habe die Geschichte nichts als einige Namen
-beigesteuert, so ist dagegen zu bemerken, daß nicht die wesentlichen
-Thatsachen, sondern gerade die Namen unhistorisch sind; denn der Junker
-hieß Günther von Zaschwitz auf Melaun bei Düben. Man möchte doch
-vermuthen, nicht Pfuels Erzählung, sondern irgend einem älteren Buche
-habe Kleist den Stoff entlehnt, vielleicht dem von B. Mentz, Kurtze
-Erzehlung vom Vrsprung vnd Hehrkommen der Chur vnnd Fürstlichen Stämmen,
-Sachsen, Brandenburg, Anhalt vnd Lawenburg, Wittenberg 1597, das Klöden
-außer Hafftiz besonders benutzt hat.]
-
-[Fußnote 8: III, 71.]
-
-[Fußnote 9: III, 48.]
-
-[Fußnote 10: III, 124.]
-
-[Fußnote 11: Ich führe einige Beweisstellen für die im Text
-hervorgehobenen Lieblingsworte Kleists an: »dergestalt daß« Kohlhaas
-III, 39, 47, 57, 75, 104, 109, 114; das Erdbeben in Chili S. 164; die
-Verlobung in St. Domingo S. 188; das Bettelweib von Locarno S. 224, 225,
-226; die heilige Caecilie S. 249, 250; der Zweikampf S. 272, 273;
-Käthchen von Heilbronn II, 132. »Gleichwohl«: Kohlhaas III, 22, 35, 63,
-75, 102, 109; Marquise v. O. S. 151; Findling 235; die heilige Caecilie
-252; Käthchen von Heilbronn I, 123, 125, 130; die Hermannsschlacht 397;
-der Prinz v. Homburg 325, 345; Amphitryon I, 374, 375. »Nicht sobald --
-als«: Kohlhaas III, 34, 39, 58. »Falls«: Kohlhaas III, 27, 64, 77, 94.
-»Gleichviel«: Kohlhaas III, 57, 60, 79; Marquise v. O. 153; die heilige
-Caecilie 251; der Zweikampf 286; Prinz v. Homburg II, 279, 281, 315,
-320, 323, 327, 331; die Hermannsschlacht 509; Amphitryon I, 417.
-»Inzwischen«: Kohlhaas III, 34, 43, 77, 98, 106, 111; Marquise v. O.
-124, 125; der Zweikampf 266, 287.]
-
-[Fußnote 12: Penthesilea I, 201, 224; die Hermannsschlacht II, 383; an
-Franz den Ersten III, 374.]
-
-[Fußnote 13: Akt III. Sc. 1. II, 188.]
-
-[Fußnote 14: Käthchen v. Heilbronn A. V. S. 1. II, 248; die
-Hermannsschlacht A. II, S. 1. II, 402; III, 379.]
-
-[Fußnote 15: III, 376, 377, 372.]
-
-[Fußnote 16: A. III, S. 6. II, 443.]
-
-[Fußnote 17: Kleist an seine Schwester 17. Sept. 1807 und die folgenden
-Briefe S. 129 ff. 144. Adam Müller an Gentz 6. Febr. 1808, Briefwechsel
-S. 126.]
-
-[Fußnote 18: Kleists ges. Schriften I, S. XX.]
-
-[Fußnote 19: Bülow S. XI.]
-
-[Fußnote 20: Brief an seine Schwester o. D. S. 157.]
-
-[Fußnote 21: Phöbus I, 39.]
-
-[Fußnote 22: Hans Sachs Worte I, 189 der Kemptener Ausgabe, wo sich
-indeß nur die Legende der Welt Lauf findet. Es scheint Kleist hat seine
-Originale nicht sowohl in einer Gesammtausgabe der Werke von Hans Sachs
-als in einem Einzeldruck gelesen; in einem solchen, wovon ein Exemplar
-im Besitz des Herrn W. v. Maltzahn ist, finden sich neben zwei andern
-Erzählungen gerade die beiden von Kleist nachgedichteten; es ist: Das
-erst Gesprech, Von der Welt lauff; und das dritt Gespräch, von eim |
-faulen Bawrenknecht, vnd einer | endlichen Bauren Maidt. | Der
-Haupttitel lautet: Vier schöne Gesprech zwischen | Sanct Peter vnd dem
-Herren, | sehr nützlich zu lesen, vnd | zu hören -- Hanß Sachs. Gedruckt
-zu Nürnberg | durch Valentin Newber kl. 8. 16 Bll.]
-
-[Fußnote 23: S. die Briefe an seine Schwester o. D. und von 1799, 1801
-S. 5, 20, 49, 51; an seine Braut 1801, Bülow S. 145; 1806 S. 243.]
-
-[Fußnote 24: Briefe von 1801, Bülow S. 226, 210, 204, 27; Koberstein S.
-46, 50. Katechismus der Deutschen 8. I, 1, 7; von der Ueberlegung I, 2,
-5.]
-
-[Fußnote 25: Brieffragment bei Bülow S. 66; 1801 S. 207, 227; 1803
-Koberstein S. 90.]
-
-[Fußnote 26: 1801, 1803 Koberstein S. 45, 90.]
-
-[Fußnote 27: Briefe an seine Schwester S. 110, 145.]
-
-[Fußnote 28: Hermannsschlacht A. I, S. 3. I, 1; II, 394, 386, 391, 434,
-444; III, 3, 6.]
-
-[Fußnote 29: Kleists Wort über die Thusnelda zu Dahlmann in J. Schmidts
-Einleitung S. XCV; (v. Bassewitz) die Kurmark Brandenburg während der
-Zeit von 1806 bis 1808 II, 709; v. Höpfner der Krieg von 1806 und 1807
-II, 326, 332.]
-
-[Fußnote 30: Lehrbuch der Journalistik 4, 8. Die Worte des Grafen
-Schlabrendorff hat Jochmann aufbewahrt, Reliquien, herausgegeben von
-Zschokke, I, 135.]
-
-[Fußnote 31: Hermannsschlacht A. I, 3, 10, 4, 9; II, 397, 399, 456, 467.
-Hoffmann Findlinge I, 320.]
-
-[Fußnote 32: Häusser deutsche Geschichte III, 151, 183, 439. Europas
-Palingenesie Leipzig 1810 I, 147, 149.]
-
-[Fußnote 33: Hermannsschlacht V, 24, 14. II, 519, 499; Prinz von Homburg
-IV, 1. S. 340.]
-
-
- I, 1, 1.
-
-[Fußnote 34: Wahrscheinlich dachte sich Kleist unter dem rheinbündischen
-Officier einen sächsischen, denn kaum ein anderer hätte im Sommer 1806
-mit einem preußischen Officier in Berlin ein patriotisches Convivium
-halten können, in einer Zeit, wo über ein preußisch-sächsisches Bündniß,
-als Grundlage des nordischen Reichsbundes unter Preußens Führung,
-verhandelt wurde. Kurz vor dem Ausbruch des Kriegs kam es bekanntlich zu
-einer Vereinigung der preußischen und sächsischen Armee. Der König, der
-durch Ablehnung des Kreuzes der Ehrenlegion nicht kompromittirt werden
-soll, ist also der König von Sachsen, der diesen Titel seit dem Posener
-Vertrage 11. Dec. 1806 führte.]
-
-[Fußnote 35: Eine in Berlin noch jetzt bestehende bekannte Weinhandlung,
-in der Kleist viel verkehrt haben soll.]
-
-[Fußnote 36: Davoust, der bei Auerstädt siegte.]
-
-[Fußnote 37: Die eingeklammerten Worte sind in der Abschrift irrthümlich
-ausgelassen.]
-
-[Fußnote 38: Am 9. April 1809 eröffneten die Oesterreicher unter dem
-Erzherzog Karl den Krieg, indem sie in Baiern einrückten. Zu einem
-Massenaufstande hatte der Erzherzog in einem undatirten Aufruf an die
-»Völker Deutschlands« aufgefordert; der in demselben Sinn abgefaßte
-Armeebefehl ist vom 6. April. S. Europas Palingenesie I, 147, 152.]
-
-[Fußnote 39: Das erste Bülletin Napoleons über die einleitenden Gefechte
-vom 19. bis 23. April ist vom 24. April. S. Europas Palingenesie II, 39.
-Der gleich darauf erwähnte Montesquiou war Napoleons Kammerherr und zu
-ähnlichen Sendungen mehrfach gebraucht worden. Kurz vor der Schlacht von
-Jena war er in preußische Gefangenschaft gerathen.]
-
-
- I, 1, 2.
-
-[Fußnote 40: Diese Scenen spielen also während des Krieges von 1806 und
-1807, und ihr Schauplatz soll, wie leicht ersichtlich, Potsdam und
-Berlin sein. In Potsdam war das große Cavalleriedepot der Franzosen; s.
-(v. Bassewitz) die Kurmark Brandenburg während der Zeit von 1806 bis
-1808 I, 266.]
-
-[Fußnote 41: _Aber_ hat die Handschrift.]
-
-
- I, 1, 3.
-
-[Fußnote 42: Dies scheint darauf hinzuweisen, daß Kleist hier etwa die
-Vorgänge in Stettin im Auge hatte, dessen Uebergabe an eine schwache
-Abtheilung französischer Cavallerie am 29. Oct. 1806 die Reihe
-schmachvoller Capitulationen der Hauptfestungen im östlichen Theile der
-preußischen Lande eröffnete. Dagegen scheint die Niederbrennung der
-Vorstädte auf Küstrin oder Magdeburg zu deuten. S. v. Höpfner Krieg von
-1806 und 1807 II, 326, 332.]
-
-
- I, 1, 4.
-
-[Fußnote 43: Den Nürnberger Correspondenten von 1809 habe ich nicht
-auftreiben können.]
-
-[Fußnote 44: Am 23. April hatte die französische Armee nach heftigem
-Kampfe Regensburg genommen. Die Hauptmasse bestand aus Baiern und
-Würtembergern, denen Napoleon am 30. in einer Anrede, die der Kronprinz
-von Baiern verdollmetschte, diesmal die ausschließliche Ehre des Kampfs
-gegen die Oesterreicher zugesprochen hatte; Europas Palingenesie II, 12,
-38.]
-
-[Fußnote 45: Durch den Frieden von Preßburg am 26. December 1805, der
-auf Oesterreichs Kosten Baiern, Würtemberg und Baden vergrößerte, den
-beiden ersten die souveraine Königswürde zusprach, und ein deutsches
-Reich nicht mehr, sondern nur noch eine ^confédération Germanique^
-kannte.]
-
-[Fußnote 46: Am 26. August 1806.]
-
-[Fußnote 47: Am 1. November 1806 besetzten die Franzosen Kassel. ^Vous
-avez cessé d'exister^, sagte Napoleon in seinem 13. Bülletin dem
-Kurfürsten.]
-
-[Fußnote 48: Hier ist wohl die entgegenkommende Anerkennung gemeint, die
-Napoleon als Konsul seit Durocs Sendung im November 1799 in Berlin fand,
-und die Vermittlung, welche Preußen in Folge dessen zwischen ihm und dem
-Kaiser Paul einzuleiten suchte. -- Erst anderthalb Jahr nach dem
-Tilsiter Frieden, am 5. Dezember 1808, räumten die Franzosen Berlin.]
-
-[Fußnote 49: Am 6. August 1806.]
-
-[Fußnote 50: Dazu war man österreichischer Seits doch nicht geneigt,
-wohl aber wich man einem französischen Bündniß auf Kosten Preußens aus.]
-
-[Fußnote 51: In Böhmen.]
-
-[Fußnote 52: _Vatter_ hat die Handschrift.]
-
-
- I, 1, 5.
-
-[Fußnote 53: _Gewinsel_, die Handschrift.]
-
-[Fußnote 54: Durch Patent vom 9. Juni 1808 wurde die Errichtung einer
-Landwehr »zur Vertheidigung des vaterländischen Bodens« angeordnet.]
-
-
- I, 1, 6.
-
-[Fußnote 55: _auch_ -- _welchem_, die Handschrift.]
-
-[Fußnote 56: _vernommen_, die Handschrift.]
-
-[Fußnote 57: Am 7. Mai 1807 schloß Napoleon ein Bündnis mit dem Schach
-von Persien, dessen Gesandter zu diesem Zweck nach Elbing kam.]
-
-
- I, 1, 7.
-
-[Fußnote 58: Die Volkserhebung in Spanien begann im Mai 1808.]
-
-[Fußnote 59: Sachsen war dem Rheinbunde im Posener Vertrage
-beigetreten.]
-
-[Fußnote 60: Der Rheinbund vom 12. Juli 1806.]
-
-[Fußnote 61: Hier fehlen zwei Blätter, die den Schluß des vierten, das
-fünfte, sechste und den Anfang des siebenten Capitels enthielten.]
-
-[Fußnote 62: Fehlen abermals zwei Blätter, das zehnte, elfte und den
-Anfang des zwölften Capitels enthaltend.]
-
-[Fußnote 63: Am 9. April 1809 erhoben sich die Tiroler.]
-
-[Fußnote 64: Wenn man nicht annehmen will, zwischen diesem und dem
-folgenden Satze sei durch Schuld des Abschreibers eine Frage und eine
-Antwort ausgefallen, in denen der erste Grund unmittelbar angegeben
-wurde, und daß dann erst die nähere Erläuterung folgte, warum er nicht
-viel einbringen könne, so sind die letzten vier Sätze des Capitels von
-dunkler Spitzfindigkeit nicht frei zu sprechen. Es würden dann die
-freiwilligen Beiträge einmal als geringfügig bezeichnet werden, weil sie
-als Geld und Gut, dem Vaterlande und der Freiheit gegenüber, an sich
-keinen Werth haben, und doch zugleich als ein einträgliches Mittel, wenn
-die Menschen es lieber dem gönnen, von dem sie zur Freiheit geführt
-werden, als den Feinden, die ihnen das Eigenthum mit Gewalt entreißen.]
-
-[Fußnote 65: Dies scheint ein bitterer Seitenblick auf die
-zurückhaltende Politik des preußischen Ministeriums, das seit Steins
-Abgang am 24. Nov. 1808 Dohna, Altenstein und Beyme leiteten. Es ist
-bekannt, wie sehr Oesterreich schon damals Preußen zum entschiedenen
-Handeln zu bestimmen suchte, aber auch zugleich, daß Preußen schwerlich
-stark genug dazu war.]
-
-
- I, 2, 1.
-
-[Fußnote 66: In der Schlacht bei Aspern am 21. und 22. Mai 1809.]
-
-[Fußnote 67: _bewußt_, die Handschrift. Der Schluß fehlt.]
-
-
- I, 2, 2.
-
-[Fußnote 68: Woher dies Citat sei, vermag ich nicht zu sagen.]
-
-[Fußnote 69: _sind_ fügt die Handschrift überflüssig hinzu.]
-
-
- I, 2, 3.
-
-[Fußnote 70: _ist_ fügt die Handschrift hinzu.]
-
-[Fußnote 71: Die letzten drei Worte wiederholt die Handschrift. In
-Bülows Abdruck, Kleists Leben und Briefe S. 254, fehlen die Worte:
-»Alles was sie Vortreffliches fand in sich aufzunehmen gleich« --.]
-
-[Fußnote 72: Bülow liest für Dienstleistungen Einflüsterungen!]
-
-[Fußnote 73: Die Worte: »die dem ganzen Menschengeschlecht angehört«
-fehlen bei Bülow.]
-
-
- I, 5, 3.
-
-[Fußnote 74: Jungius, Professor am Friedrich-Wilhelms Gymnasium.]
-
-
- I, 5, 4.
-
-[Fußnote 75: Dieser Artikel von einem ungenannten Verfasser brachte eine
-wissenschaftlich gehaltene Widerlegung der in dem Schreiben aus Berlin
-I, 5, 2 ausgesprochenen Ansichten Kleists, und schloß mit einem Ausfall
-gegen die trügerischen Terminologien neuer und unverschämter Lehrer, die
-sich auf erdichtete Facta stützen.]
-
-
-
-
- Berlin, Druck von Gustav Schade.
- Marienstraße Nr. 10.
-
-
-
-
-
-Anmerkungen zur Transkription
-
-
-Der Originaltext ist in Fraktur gesetzt. Hervorhebungen, die im
-Original g e s p e r r t sind, wurden mit Unterstrichen wie _hier_
-gekennzeichnet. Textstellen, die im Original in Antiqua gesetzt sind,
-wurden ^so^ markiert.
-
-Die variierende Schreibweise des Originales wurde weitgehend
-beibehalten, ebenso eigentümliche Schreibweisen, die zum Teil auch noch
-in späteren Ausgaben zu finden sind wie zum Beispiel Pescherü
-(Pescherä), Baxer (Boxer) oder Joung (Young). Lediglich offensichtliche
-Druckfehler wurden korrigiert, teilweise unter Verwendung weiterer
-Ausgaben, wie hier aufgeführt (vorher/nachher):
-
- [S. 4]: (mehrfache Fälle)
- ... erst Julian Schmidt's Ausgabe hat aus dem Phoebus einen ...
- ... erst Julian Schmidt's Ausgabe hat aus dem Phöbus einen ...
-
- [S. 18]:
- ... Ganze, sehr verschiedene Personen sprechen sich über ...
- ... Ganzes, sehr verschiedene Personen sprechen sich über ...
-
- [S. 24]:
- ... fünf Stücke werden Ende April oder Anfangs Mai entstanden ...
- ... fünf Stücke werden Ende April oder Anfang Mai entstanden ...
-
- [S. 48]:
- ... Wendung erhält dieser Gedanke in der Hermannschlacht; ...
- ... Wendung erhält dieser Gedanke in der Hermannsschlacht; ...
-
- [S. 53]:
- ... leben wollte. Nur zu Stein, Scharnharst, Gneisenau konnte ...
- ... leben wollte. Nur zu Stein, Scharnhorst, Gneisenau konnte ...
-
- [S. 66]:
- ... halten Sie für die Erfindung einer satanischen List, um das ...
- ... halten sie für die Erfindung einer satanischen List, um das ...
-
- [S. 103]:
- ... Es giebt Leute, die sich die Epochen, in welcher die ...
- ... Es giebt Leute, die sich die Epochen, in welchen die ...
-
- [S. 103]:
- ... welches ohne Zweifel die höchste ist, die erschwungen werden ...
- ... welche ohne Zweifel die höchste ist, die erschwungen werden ...
-
- [S. 136]:
- ... elektrischer Körper, lehrt, daß wenn man in der Nähe ...
- ... elektrischer Körper, lehrt, daß wenn man in die Nähe ...
-
- [S. 144]:
- ... daß sich in eines Menschen Händen, zu einer beliebigen
- Gestalt ...
- ... das sich in eines Menschen Händen, zu einer beliebigen
- Gestalt ...
-
- [S. 168]:
- ... I, 5, 2. ...
- ... I, 5, 3. ...
-
- [S. 168]:
- ... I, 5, 3. ...
- ... I, 5, 4. ...
-
-
-
-
-
-
-End of the Project Gutenberg EBook of Politische Schriften und andere
-Nachträge zu seinen Werken, by Heinrich von Kleist
-
-*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK POLITISCHE SCHRIFTEN UND ***
-
-***** This file should be named 50979-8.txt or 50979-8.zip *****
-This and all associated files of various formats will be found in:
- http://www.gutenberg.org/5/0/9/7/50979/
-
-Produced by Karl Eichwalder, Constanze Hofmann, Jens
-Sadowski, and the Online Distributed Proofreading Team at
-http://www.pgdp.net. This book was produced from scanned
-images of public domain material from the Google Books
-project.
-
-Updated editions will replace the previous one--the old editions will
-be renamed.
-
-Creating the works from print editions not protected by U.S. copyright
-law means that no one owns a United States copyright in these works,
-so the Foundation (and you!) can copy and distribute it in the United
-States without permission and without paying copyright
-royalties. Special rules, set forth in the General Terms of Use part
-of this license, apply to copying and distributing Project
-Gutenberg-tm electronic works to protect the PROJECT GUTENBERG-tm
-concept and trademark. Project Gutenberg is a registered trademark,
-and may not be used if you charge for the eBooks, unless you receive
-specific permission. If you do not charge anything for copies of this
-eBook, complying with the rules is very easy. You may use this eBook
-for nearly any purpose such as creation of derivative works, reports,
-performances and research. They may be modified and printed and given
-away--you may do practically ANYTHING in the United States with eBooks
-not protected by U.S. copyright law. Redistribution is subject to the
-trademark license, especially commercial redistribution.
-
-START: FULL LICENSE
-
-THE FULL PROJECT GUTENBERG LICENSE
-PLEASE READ THIS BEFORE YOU DISTRIBUTE OR USE THIS WORK
-
-To protect the Project Gutenberg-tm mission of promoting the free
-distribution of electronic works, by using or distributing this work
-(or any other work associated in any way with the phrase "Project
-Gutenberg"), you agree to comply with all the terms of the Full
-Project Gutenberg-tm License available with this file or online at
-www.gutenberg.org/license.
-
-Section 1. General Terms of Use and Redistributing Project
-Gutenberg-tm electronic works
-
-1.A. By reading or using any part of this Project Gutenberg-tm
-electronic work, you indicate that you have read, understand, agree to
-and accept all the terms of this license and intellectual property
-(trademark/copyright) agreement. If you do not agree to abide by all
-the terms of this agreement, you must cease using and return or
-destroy all copies of Project Gutenberg-tm electronic works in your
-possession. If you paid a fee for obtaining a copy of or access to a
-Project Gutenberg-tm electronic work and you do not agree to be bound
-by the terms of this agreement, you may obtain a refund from the
-person or entity to whom you paid the fee as set forth in paragraph
-1.E.8.
-
-1.B. "Project Gutenberg" is a registered trademark. It may only be
-used on or associated in any way with an electronic work by people who
-agree to be bound by the terms of this agreement. There are a few
-things that you can do with most Project Gutenberg-tm electronic works
-even without complying with the full terms of this agreement. See
-paragraph 1.C below. There are a lot of things you can do with Project
-Gutenberg-tm electronic works if you follow the terms of this
-agreement and help preserve free future access to Project Gutenberg-tm
-electronic works. See paragraph 1.E below.
-
-1.C. The Project Gutenberg Literary Archive Foundation ("the
-Foundation" or PGLAF), owns a compilation copyright in the collection
-of Project Gutenberg-tm electronic works. Nearly all the individual
-works in the collection are in the public domain in the United
-States. If an individual work is unprotected by copyright law in the
-United States and you are located in the United States, we do not
-claim a right to prevent you from copying, distributing, performing,
-displaying or creating derivative works based on the work as long as
-all references to Project Gutenberg are removed. Of course, we hope
-that you will support the Project Gutenberg-tm mission of promoting
-free access to electronic works by freely sharing Project Gutenberg-tm
-works in compliance with the terms of this agreement for keeping the
-Project Gutenberg-tm name associated with the work. You can easily
-comply with the terms of this agreement by keeping this work in the
-same format with its attached full Project Gutenberg-tm License when
-you share it without charge with others.
-
-1.D. The copyright laws of the place where you are located also govern
-what you can do with this work. Copyright laws in most countries are
-in a constant state of change. If you are outside the United States,
-check the laws of your country in addition to the terms of this
-agreement before downloading, copying, displaying, performing,
-distributing or creating derivative works based on this work or any
-other Project Gutenberg-tm work. The Foundation makes no
-representations concerning the copyright status of any work in any
-country outside the United States.
-
-1.E. Unless you have removed all references to Project Gutenberg:
-
-1.E.1. The following sentence, with active links to, or other
-immediate access to, the full Project Gutenberg-tm License must appear
-prominently whenever any copy of a Project Gutenberg-tm work (any work
-on which the phrase "Project Gutenberg" appears, or with which the
-phrase "Project Gutenberg" is associated) is accessed, displayed,
-performed, viewed, copied or distributed:
-
- This eBook is for the use of anyone anywhere in the United States and
- most other parts of the world at no cost and with almost no
- restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it
- under the terms of the Project Gutenberg License included with this
- eBook or online at www.gutenberg.org. If you are not located in the
- United States, you'll have to check the laws of the country where you
- are located before using this ebook.
-
-1.E.2. If an individual Project Gutenberg-tm electronic work is
-derived from texts not protected by U.S. copyright law (does not
-contain a notice indicating that it is posted with permission of the
-copyright holder), the work can be copied and distributed to anyone in
-the United States without paying any fees or charges. If you are
-redistributing or providing access to a work with the phrase "Project
-Gutenberg" associated with or appearing on the work, you must comply
-either with the requirements of paragraphs 1.E.1 through 1.E.7 or
-obtain permission for the use of the work and the Project Gutenberg-tm
-trademark as set forth in paragraphs 1.E.8 or 1.E.9.
-
-1.E.3. If an individual Project Gutenberg-tm electronic work is posted
-with the permission of the copyright holder, your use and distribution
-must comply with both paragraphs 1.E.1 through 1.E.7 and any
-additional terms imposed by the copyright holder. Additional terms
-will be linked to the Project Gutenberg-tm License for all works
-posted with the permission of the copyright holder found at the
-beginning of this work.
-
-1.E.4. Do not unlink or detach or remove the full Project Gutenberg-tm
-License terms from this work, or any files containing a part of this
-work or any other work associated with Project Gutenberg-tm.
-
-1.E.5. Do not copy, display, perform, distribute or redistribute this
-electronic work, or any part of this electronic work, without
-prominently displaying the sentence set forth in paragraph 1.E.1 with
-active links or immediate access to the full terms of the Project
-Gutenberg-tm License.
-
-1.E.6. You may convert to and distribute this work in any binary,
-compressed, marked up, nonproprietary or proprietary form, including
-any word processing or hypertext form. However, if you provide access
-to or distribute copies of a Project Gutenberg-tm work in a format
-other than "Plain Vanilla ASCII" or other format used in the official
-version posted on the official Project Gutenberg-tm web site
-(www.gutenberg.org), you must, at no additional cost, fee or expense
-to the user, provide a copy, a means of exporting a copy, or a means
-of obtaining a copy upon request, of the work in its original "Plain
-Vanilla ASCII" or other form. Any alternate format must include the
-full Project Gutenberg-tm License as specified in paragraph 1.E.1.
-
-1.E.7. Do not charge a fee for access to, viewing, displaying,
-performing, copying or distributing any Project Gutenberg-tm works
-unless you comply with paragraph 1.E.8 or 1.E.9.
-
-1.E.8. You may charge a reasonable fee for copies of or providing
-access to or distributing Project Gutenberg-tm electronic works
-provided that
-
-* You pay a royalty fee of 20% of the gross profits you derive from
- the use of Project Gutenberg-tm works calculated using the method
- you already use to calculate your applicable taxes. The fee is owed
- to the owner of the Project Gutenberg-tm trademark, but he has
- agreed to donate royalties under this paragraph to the Project
- Gutenberg Literary Archive Foundation. Royalty payments must be paid
- within 60 days following each date on which you prepare (or are
- legally required to prepare) your periodic tax returns. Royalty
- payments should be clearly marked as such and sent to the Project
- Gutenberg Literary Archive Foundation at the address specified in
- Section 4, "Information about donations to the Project Gutenberg
- Literary Archive Foundation."
-
-* You provide a full refund of any money paid by a user who notifies
- you in writing (or by e-mail) within 30 days of receipt that s/he
- does not agree to the terms of the full Project Gutenberg-tm
- License. You must require such a user to return or destroy all
- copies of the works possessed in a physical medium and discontinue
- all use of and all access to other copies of Project Gutenberg-tm
- works.
-
-* You provide, in accordance with paragraph 1.F.3, a full refund of
- any money paid for a work or a replacement copy, if a defect in the
- electronic work is discovered and reported to you within 90 days of
- receipt of the work.
-
-* You comply with all other terms of this agreement for free
- distribution of Project Gutenberg-tm works.
-
-1.E.9. If you wish to charge a fee or distribute a Project
-Gutenberg-tm electronic work or group of works on different terms than
-are set forth in this agreement, you must obtain permission in writing
-from both the Project Gutenberg Literary Archive Foundation and The
-Project Gutenberg Trademark LLC, the owner of the Project Gutenberg-tm
-trademark. Contact the Foundation as set forth in Section 3 below.
-
-1.F.
-
-1.F.1. Project Gutenberg volunteers and employees expend considerable
-effort to identify, do copyright research on, transcribe and proofread
-works not protected by U.S. copyright law in creating the Project
-Gutenberg-tm collection. Despite these efforts, Project Gutenberg-tm
-electronic works, and the medium on which they may be stored, may
-contain "Defects," such as, but not limited to, incomplete, inaccurate
-or corrupt data, transcription errors, a copyright or other
-intellectual property infringement, a defective or damaged disk or
-other medium, a computer virus, or computer codes that damage or
-cannot be read by your equipment.
-
-1.F.2. LIMITED WARRANTY, DISCLAIMER OF DAMAGES - Except for the "Right
-of Replacement or Refund" described in paragraph 1.F.3, the Project
-Gutenberg Literary Archive Foundation, the owner of the Project
-Gutenberg-tm trademark, and any other party distributing a Project
-Gutenberg-tm electronic work under this agreement, disclaim all
-liability to you for damages, costs and expenses, including legal
-fees. YOU AGREE THAT YOU HAVE NO REMEDIES FOR NEGLIGENCE, STRICT
-LIABILITY, BREACH OF WARRANTY OR BREACH OF CONTRACT EXCEPT THOSE
-PROVIDED IN PARAGRAPH 1.F.3. YOU AGREE THAT THE FOUNDATION, THE
-TRADEMARK OWNER, AND ANY DISTRIBUTOR UNDER THIS AGREEMENT WILL NOT BE
-LIABLE TO YOU FOR ACTUAL, DIRECT, INDIRECT, CONSEQUENTIAL, PUNITIVE OR
-INCIDENTAL DAMAGES EVEN IF YOU GIVE NOTICE OF THE POSSIBILITY OF SUCH
-DAMAGE.
-
-1.F.3. LIMITED RIGHT OF REPLACEMENT OR REFUND - If you discover a
-defect in this electronic work within 90 days of receiving it, you can
-receive a refund of the money (if any) you paid for it by sending a
-written explanation to the person you received the work from. If you
-received the work on a physical medium, you must return the medium
-with your written explanation. The person or entity that provided you
-with the defective work may elect to provide a replacement copy in
-lieu of a refund. If you received the work electronically, the person
-or entity providing it to you may choose to give you a second
-opportunity to receive the work electronically in lieu of a refund. If
-the second copy is also defective, you may demand a refund in writing
-without further opportunities to fix the problem.
-
-1.F.4. Except for the limited right of replacement or refund set forth
-in paragraph 1.F.3, this work is provided to you 'AS-IS', WITH NO
-OTHER WARRANTIES OF ANY KIND, EXPRESS OR IMPLIED, INCLUDING BUT NOT
-LIMITED TO WARRANTIES OF MERCHANTABILITY OR FITNESS FOR ANY PURPOSE.
-
-1.F.5. Some states do not allow disclaimers of certain implied
-warranties or the exclusion or limitation of certain types of
-damages. If any disclaimer or limitation set forth in this agreement
-violates the law of the state applicable to this agreement, the
-agreement shall be interpreted to make the maximum disclaimer or
-limitation permitted by the applicable state law. The invalidity or
-unenforceability of any provision of this agreement shall not void the
-remaining provisions.
-
-1.F.6. INDEMNITY - You agree to indemnify and hold the Foundation, the
-trademark owner, any agent or employee of the Foundation, anyone
-providing copies of Project Gutenberg-tm electronic works in
-accordance with this agreement, and any volunteers associated with the
-production, promotion and distribution of Project Gutenberg-tm
-electronic works, harmless from all liability, costs and expenses,
-including legal fees, that arise directly or indirectly from any of
-the following which you do or cause to occur: (a) distribution of this
-or any Project Gutenberg-tm work, (b) alteration, modification, or
-additions or deletions to any Project Gutenberg-tm work, and (c) any
-Defect you cause.
-
-Section 2. Information about the Mission of Project Gutenberg-tm
-
-Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
-electronic works in formats readable by the widest variety of
-computers including obsolete, old, middle-aged and new computers. It
-exists because of the efforts of hundreds of volunteers and donations
-from people in all walks of life.
-
-Volunteers and financial support to provide volunteers with the
-assistance they need are critical to reaching Project Gutenberg-tm's
-goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
-remain freely available for generations to come. In 2001, the Project
-Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
-and permanent future for Project Gutenberg-tm and future
-generations. To learn more about the Project Gutenberg Literary
-Archive Foundation and how your efforts and donations can help, see
-Sections 3 and 4 and the Foundation information page at
-www.gutenberg.org
-
-
-
-Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
-
-The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
-501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
-state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
-Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification
-number is 64-6221541. Contributions to the Project Gutenberg Literary
-Archive Foundation are tax deductible to the full extent permitted by
-U.S. federal laws and your state's laws.
-
-The Foundation's principal office is in Fairbanks, Alaska, with the
-mailing address: PO Box 750175, Fairbanks, AK 99775, but its
-volunteers and employees are scattered throughout numerous
-locations. Its business office is located at 809 North 1500 West, Salt
-Lake City, UT 84116, (801) 596-1887. Email contact links and up to
-date contact information can be found at the Foundation's web site and
-official page at www.gutenberg.org/contact
-
-For additional contact information:
-
- Dr. Gregory B. Newby
- Chief Executive and Director
- gbnewby@pglaf.org
-
-Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg
-Literary Archive Foundation
-
-Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
-spread public support and donations to carry out its mission of
-increasing the number of public domain and licensed works that can be
-freely distributed in machine readable form accessible by the widest
-array of equipment including outdated equipment. Many small donations
-($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
-status with the IRS.
-
-The Foundation is committed to complying with the laws regulating
-charities and charitable donations in all 50 states of the United
-States. Compliance requirements are not uniform and it takes a
-considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
-with these requirements. We do not solicit donations in locations
-where we have not received written confirmation of compliance. To SEND
-DONATIONS or determine the status of compliance for any particular
-state visit www.gutenberg.org/donate
-
-While we cannot and do not solicit contributions from states where we
-have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
-against accepting unsolicited donations from donors in such states who
-approach us with offers to donate.
-
-International donations are gratefully accepted, but we cannot make
-any statements concerning tax treatment of donations received from
-outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff.
-
-Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
-methods and addresses. Donations are accepted in a number of other
-ways including checks, online payments and credit card donations. To
-donate, please visit: www.gutenberg.org/donate
-
-Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic works.
-
-Professor Michael S. Hart was the originator of the Project
-Gutenberg-tm concept of a library of electronic works that could be
-freely shared with anyone. For forty years, he produced and
-distributed Project Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of
-volunteer support.
-
-Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
-editions, all of which are confirmed as not protected by copyright in
-the U.S. unless a copyright notice is included. Thus, we do not
-necessarily keep eBooks in compliance with any particular paper
-edition.
-
-Most people start at our Web site which has the main PG search
-facility: www.gutenberg.org
-
-This Web site includes information about Project Gutenberg-tm,
-including how to make donations to the Project Gutenberg Literary
-Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to
-subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks.
-
diff --git a/old/50979-8.zip b/old/50979-8.zip
deleted file mode 100644
index f918a15..0000000
--- a/old/50979-8.zip
+++ /dev/null
Binary files differ
diff --git a/old/50979-h.zip b/old/50979-h.zip
deleted file mode 100644
index 274de58..0000000
--- a/old/50979-h.zip
+++ /dev/null
Binary files differ
diff --git a/old/50979-h/50979-h.htm b/old/50979-h/50979-h.htm
deleted file mode 100644
index e414b0d..0000000
--- a/old/50979-h/50979-h.htm
+++ /dev/null
@@ -1,8126 +0,0 @@
-<!DOCTYPE html PUBLIC "-//W3C//DTD XHTML 1.0 Strict//EN"
-"http://www.w3.org/TR/xhtml1/DTD/xhtml1-strict.dtd">
-<html xmlns="http://www.w3.org/1999/xhtml" lang="de" xml:lang="de">
-<head>
-<meta http-equiv="Content-Type" content="text/html;charset=iso-8859-1" />
-<title>The Project Gutenberg eBook of Politische Schriften, by Heinrich von Kleist</title>
- <link rel="coverpage" href="images/cover-page.jpg" />
- <!-- TITLE="Politische Schriften" -->
- <!-- AUTHOR="Heinrich von Kleist" -->
- <!-- EDITOR="Rudolf Köpke" -->
- <!-- LANGUAGE="de" -->
- <!-- PUBLISHER="A. Charisius, Berlin" -->
- <!-- DATE="1862" -->
- <!-- COVER="images/cover-page.jpg" -->
-
-<style type='text/css'>
-
-body { margin-left:15%; margin-right:15%; }
-
-.titlematter { page-break-before:always; }
-
-h1.title { text-indent:0; text-align:center; margin-top:0.5em; margin-bottom:1em; }
-h1.title .line1 { font-size:0.7em; }
-h1.title .line2 { letter-spacing:0.2em; }
-h1.title .line3 { font-size:0.3em; }
-h1.title .line4 { font-size:0.5em; }
-.edt { text-indent:0; text-align:center; line-height:1.5em; margin-bottom:3em; }
-.edt .line1 { font-size:0.8em; font-weight:bold; }
-.edt .line2 { font-size:0.8em; letter-spacing:0.2em; }
-.edt .line3 { font-size:0.8em; }
-.edt .line4 { font-weight:bold; }
-.pub { text-indent:0; text-align:center; }
-.pub .line1 { font-weight:bold; }
-.pub .line2 { font-size:0.8em; letter-spacing:0.2em; }
-.pub .line3 { font-size:0.8em; }
-.ded { text-indent:0; text-align:center; line-height:1.5em; margin-top:3em; }
-.ded .line1 { font-size:1.2em; font-weight:bold; }
-.ded .line2 { font-size:0.8em; }
-.ded .line3 { letter-spacing:0.2em; }
-.ded .line4 { font-size:0.8em; font-weight:bold; }
-.ded .line5 { font-size:0.8em; letter-spacing:0.2em; }
-.ded .line6 { font-size:0.8em; }
-.ded .line7 { font-size:0.8em; }
-.ded .line8 { font-size:0.8em; font-weight:bold; }
-.tit { text-indent:0; text-align:center; font-size:1.2em; font-weight:bold;
- letter-spacing:0.2em; margin-top:4em; margin-bottom:4em; line-height:1.5em;
- page-break-before:always; }
-.tit .line2 { font-size:0.7em; letter-spacing:0; }
-.printer { text-indent:0; text-align:center; font-size:0.8em; margin-top:6em; }
-
-h2.part { text-align:center; margin-top:3em; margin-bottom:1em;
- page-break-before:always; }
-h3.chapter { text-align:center; margin-top:2em; margin-bottom:1em; }
-h3.chapter .line2 { font-size:0.8em; }
-h3.chapter .line3 { font-size:0.8em; font-weight:normal; }
-h4.subchap { text-align:center; margin-top:2em; margin-bottom:1em; }
-h4.subchap .line2 { font-weight:normal; font-size:0.8em; }
-h4.subchap .line3 { font-weight:normal; font-size:0.8em; }
-h4.subchap .line4 { font-weight:normal; font-size:0.8em; }
-h5.ch { font-size:1em; text-align:center; margin-top:2em; margin-bottom:1em; }
-h5.ch .line1 { font-weight:normal; }
-p.hdr { text-indent:0; text-align:center; margin-top:1em; margin-bottom:1em; }
-p.hdrfat { text-indent:0; text-align:center; margin-top:1em; margin-bottom:1em;
- font-weight:bold; }
-p.par { text-indent:0; text-align:center; margin-top:1em; margin-bottom:1em; }
-
-p { margin-left:0; margin-right:0; margin-top:0; margin-bottom:0;
- text-align:justify; text-indent:1em; }
-p.first { text-indent:0; }
-span.firstchar { font-size:2em; }
-p.noindent { text-indent:0; }
-p.date { text-indent:0; text-align:right; margin:1em; font-size:0.8em; }
-p.datel { text-indent:0; margin-left:1em; line-height:1.3em; }
-p.sign { text-indent:0; text-align:right; margin:1em; line-height:1.3em; }
-p.sign .line2 { font-size:0.8em; }
-div.sign p.sign { margin-top:-2.6em; }
-p.adr { text-indent:0; text-align:left; margin-left:3em; margin-top:1em; }
-p.src { margin:1em; text-indent:0; text-align:center; font-size:0.8em; }
-p.ns { text-indent:3.75em; font-size:0.8em; }
-div.hang p { margin-left:3em; text-indent:-1em; }
-a.fnote { font-size:0.6em; vertical-align:30%; font-weight:normal; }
-p.footnote { text-indent:0; font-size:0.8em; margin-top:1em; margin-left:1em;
- margin-right:1em; }
-p.footnote.sign { margin-top:0em; }
-hr.footnote { margin-top:1em; width:20%; margin-left:0;
- border:0; border-top:1px solid black; }
-.tb { margin:1em; text-indent:0; text-align:center; }
-.pbb { page-break-before:always; }
-
-/* poetry */
-div.poem-container { text-align:center; }
-div.poem-container div.poem { display:inline-block; }
-div.stanza { text-align:left; text-indent:0; margin-top:1em; margin-bottom:1em;
- font-size:0.8em; }
-.stanza .verse { text-align:left; text-indent:-2em; margin-left:2em; }
-.stanza .verse2 { text-align:left; text-indent:-2em; margin-left:4em; }
-
-em { letter-spacing:0.15em; font-style:normal; margin-right:-0.15em; }
-span.antiqua { font-family:sans-serif; font-size:95%; }
-span.underline { text-decoration: underline; }
-span.hidden { display:none; }
-
-/* TOC */
-div.table { text-align:center; margin-top:1em; margin-bottom:1em; }
-table.toc { margin-left:auto; margin-right:auto; text-align:center; }
-table.toc td { vertical-align:top; text-align:left; text-indent:0; font-size:0.8em; }
-table.toc .c1 td.col2 { text-align:center; font-size:1em; font-weight:bold; }
-table.toc .c2 td.col2 { text-align:center; letter-spacing:0.2em; }
-table.toc td.col1 { text-align:right; padding-right:0.5em; }
-table.toc td.col2 { text-align:left; }
-table.toc td.col_page { width:3em; text-align:right; }
-
-a:link { text-decoration: none; color: rgb(10%,30%,60%); }
-a:visited { text-decoration: none; color: rgb(10%,30%,60%); }
-a:hover { text-decoration: underline; }
-a:active { text-decoration: underline; }
-
-/* Transcriber's note */
-.trnote { font-size:0.8em; background-color: #ccc;
- color: #000; border: black 1px dotted; margin: 2em; padding: 1em;
- page-break-before:always; margin-top:3em; }
-.trnote p { text-indent:0; margin-bottom:1em; }
-.trnote ul { margin-left: 0; padding-left: 0; }
-.trnote li { text-align: left; margin-bottom: 0.5em; margin-left: 1em; }
-.trnote ul li { list-style-type: square; }
-span.handheld-only { display:none; }
-
-/* page numbers */
-a[title].pagenum { position: absolute; right: 1%; }
-a[title].pagenum:after { content: attr(title); color: gray; background-color: inherit;
- letter-spacing: 0; text-indent: 0; text-align: right; font-style: normal;
- font-variant: normal; font-weight: normal; font-size: x-small;
- border: 1px solid silver; padding: 1px 4px 1px 4px;
- display: inline; }
-
-@media handheld {
- body { margin-left:0; margin-right:0; }
- div.poem-container div.poem { display:block; margin-left:2em; }
- em { letter-spacing:0; margin-right:0; font-style:italic; }
- a.pagenum { display:none; }
- a.pagenum:after { display:none; }
- span.handheld-only { display:inline; }
- div.sign p.sign { margin-top:1em; }
-}
-
-</style>
-</head>
-
-<body>
-
-
-<pre>
-
-The Project Gutenberg EBook of Politische Schriften und andere Nachträge
-zu seinen Werken, by Heinrich von Kleist
-
-This eBook is for the use of anyone anywhere in the United States and most
-other parts of the world at no cost and with almost no restrictions
-whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it under the terms of
-the Project Gutenberg License included with this eBook or online at
-www.gutenberg.org. If you are not located in the United States, you'll have
-to check the laws of the country where you are located before using this ebook.
-
-Title: Politische Schriften und andere Nachträge zu seinen Werken
-
-Author: Heinrich von Kleist
-
-Editor: Rudolf Köpke
-
-Release Date: January 20, 2016 [EBook #50979]
-
-Language: German
-
-Character set encoding: ISO-8859-1
-
-*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK POLITISCHE SCHRIFTEN UND ***
-
-
-
-
-Produced by Karl Eichwalder, Constanze Hofmann, Jens
-Sadowski, and the Online Distributed Proofreading Team at
-http://www.pgdp.net. This book was produced from scanned
-images of public domain material from the Google Books
-project.
-
-
-
-
-
-
-</pre>
-
-
-<div class="titlematter">
-<h1 class="title">
-<span class="line1">Heinrich von Kleist&rsquo;s</span><br />
-<span class="line2">Politische Schriften</span><br />
-<span class="line3">und</span><br />
-<span class="line4">andere Nachträge zu seinen Werken.</span>
-</h1>
-
-<p class="edt">
-<span class="line1">Mit einer Einleitung</span><br />
-<span class="line2">zum ersten Mal herausgegeben</span><br />
-<span class="line3">von</span><br />
-<span class="line4">Rudolf Köpke.</span>
-</p>
-
-<p class="pub">
-<span class="line1">Berlin, 1862.</span><br />
-<span class="line2">Verlag von A. Charisius.</span><br />
-<span class="line3">Lüderitz&rsquo;sche Buchhandlung.</span>
-</p>
-
-</div>
-
-<div class="titlematter">
-<p class="ded">
-<span class="line1">Friedrich von Raumer</span><br />
-<span class="line2">zur Feier</span><br />
-<span class="line3">seines sechszigjährigen Amtsjubiläums</span><br />
-<span class="line4">am 8. December 1861</span><br />
-<span class="line5">in aufrichtiger Verehrung</span><br />
-<span class="line6">gewidmet</span><br />
-<span class="line7">von</span><br />
-<span class="line8">dem Herausgeber.</span>
-</p>
-
-</div>
-
-<h2 class="part" id="part-1" title="Vorwort">
-<a id="page-V" class="pagenum" title="V"></a>
-</h2>
-
-<p class="first">
-<span class="firstchar">N</span>ur Wenigen ist es beschieden, den Lebenstag zu sehen,
-der Ihnen, hochverehrter Herr, heute festlich anbricht. Den
-Zeitraum eines halben Jahrhunderts in demselben Kreise
-durchschritten zu haben, ist kein alltäglicher Ruhm unter Menschen,
-dasselbe Zeitmaß in verschiedenen Kreisen des Wirkens
-zu erfüllen, ist dem Einzelnen noch seltener vergönnt; doch
-wo fünf reichen Jahrzehnten ein sechstes hinzugelegt wird, ist
-es unter den seltenen Festen das seltenste.
-</p>
-
-<p>
-Ihnen hat das gegenwärtige Jahr nicht einen, sondern
-eine Reihe von Festtagen gebracht, die ein halbes Jahrhundert
-Ihres Wirkens in Wissenschaft und Lehramt abschließen, und
-vor wenigen Wochen noch mit dem goldenen Kranze des
-häuslichen Glücks gekrönt worden sind. Der heutige Tag
-vollendet Ihr sechszigstes Jahr im Dienste des Vaterlandes.
-Wer das in ungeschwächter Kraft des Geistes und Körpers
-<a id="page-VI" class="pagenum" title="VI"></a>
-erlebt, den möchte man versucht sein jenen Männern des
-Alterthums beizuzählen, die der hellenische Weise vor allen
-glücklich pries. Denn Glück ist die reine Entfaltung der
-eigenen Natur nach ihrem Gesetze, im Einklange zugleich
-mit dem großen Ganzen, dessen dienendes Glied zu sein der
-Einzelne bestimmt ist. Eine solche harmonische Verbindung
-ist das freie Geschenk höherer Macht, darum ist ein Tag
-wie der heutige ein Tag des Glückwunsches, das heißt der
-dankbaren Anerkennung menschlicher Lebens- und Entwicklungsfülle.
-</p>
-
-<p>
-Sechszig Jahre, mehr als ein Drittheil unserer Preußischen
-Geschichte, überschauen Sie als Staatsmann, als Lehrer
-und Geschichtschreiber. Von sieben Königen haben Sie fünf
-erlebt und dreien treu gedient. Das Preußen Friedrichs des
-Großen, den tiefen Fall der alten Staatsformen haben Sie
-<a id="page-VII" class="pagenum" title="VII"></a>
-gesehen, und dem reformatorischen Gesetzgeber thatkräftig zur
-Seite gestanden, als er die Grundlagen des neuen Staates
-vorbereitete; Sie sind Zeuge gewesen der großen volksthümlichen
-Erhebung, haben Ihren Theil gehabt an den Zeiten innerer
-Ruhe und wissenschaftlichen Ruhms, und eine zweite tiefe
-Erschütterung überwinden helfen, um nochmals in eine neue
-Umgestaltung des öffentlichen Lebens einzutreten. Zu allen
-Zeiten haben Sie für Gesetz und volksthümliche Freiheit, für
-den König wie für das Vaterland, für Preußen wie für
-Deutschland als untrennbare Mächte, mit den Besten im
-Bunde, unermüdet und maßvoll gestritten, und die Unabhängigkeit
-des Urtheils und Charakters frei bewahrt.
-</p>
-
-<p>
-Als Forscher und Geschichtschreiber haben Sie die Vergangenheit
-des deutschen Vaterlandes in umfassender Weise
-zuerst erschlossen, und die verschiedenen Zeitalter des menschlichen
-<a id="page-VIII" class="pagenum" title="VIII"></a>
-Geschlechts durchmessen. So möchte ich Ihnen nachrühmen,
-was ein alter Schriftsteller von einem Geschichtschreiber
-seiner Zeit sagt, das schönste Loos sei es Schreibenswürdiges
-gethan, Lesenswürdiges geschrieben zu haben. Mögen
-Sie mir verstatten das auszusprechen, da Sie, obgleich nicht
-selten verkannt, dennoch stets ein Verkleinerer Ihrer selbst
-gewesen sind.
-</p>
-
-<p>
-Als einen öffentlichen Ausdruck dieser Gesinnung, die ich
-Ihnen längst im Herzen bewahre, bitte ich Sie die folgenden
-Blätter betrachten und annehmen zu wollen. Ein Zeichen
-sollen sie sein wissenschaftlicher Anerkennung, das ein jüngerer
-Fachgenosse Ihnen darzubringen wünscht, rein menschlicher Hochachtung
-und aufrichtiger Uebereinstimmung in den großen
-Fragen des Lebens, und endlich des Dankes für die freundschaftliche
-Theilnahme, die Sie mir stets bewiesen haben.
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-IX" class="pagenum" title="IX"></a>
-Für diesen Zweck schienen mir diese Blätter vornehmlich
-geeignet. Denn sie sind ein Erbstück aus dem Nachlasse des
-großen Dichters, in dessen Verehrung und Liebe, wir, wie
-verschieden an Lebensalter und Stellung, einander zuerst
-freundschaftlich begegnet sind; ein bisher unbekannter Beitrag
-zu unserer nationalen Litteratur, der Sie, wie der
-Kunst, auch unter historischen Studien und politischen Kämpfen
-eine jugendfrische Neigung gewahrt haben; der Gesinnungsausdruck
-eines ebenso hochbegabten als unglücklichen Dichters,
-der wie Sie für die Wiedergeburt des Vaterlandes
-gestritten, den Sie selbst noch von Angesicht gekannt haben.
-Es irrt mich nicht, daß die Berührungen zwischen Ihnen, dem
-Staatsmanne, und dem Dichter nicht freundlicher Art gewesen
-sind. Persönlich unangenehme Erfahrungen haben Sie niemals
-gehindert gerecht zu sein, und Sie haben darum weder
-<a id="page-X" class="pagenum" title="X"></a>
-dem Menschen Ihre Theilnahme noch dem Dichter Ihre Anerkennung
-versagt. Die damals ausgesprochene Versöhnung
-wird heute zur historischen Sühne. Der Dichter ist nach
-schwerer Verirrung eingegangen in die Ehrenhalle unserer
-Litteratur; Sie haben seitdem fünfzig Jahre des reichsten
-Wirkens durchlebt, und stehen heute als gefeierter Greis voll
-seltener Jugendfrische und Theilnahme für Alles was die
-menschliche Brust bewegt, am Grabe des Dichters, der am
-Widerstreit des Lebens zu Grunde ging.
-</p>
-
-<p>
-Und so wüßte ich Ihnen nur Eines noch zu wünschen, daß
-Ihnen die Fülle der Lebensgüter, die Sie besitzen, noch lange
-erhalten, und mir Ihre Freundschaft bewahrt bleiben möge.
-</p>
-
-<p class="datel">
-<em>Berlin</em>, den 8. December 1861.
-</p>
-
-<p class="sign">
-<span class="line1"><b>Rudolf Köpke.</b></span>
-</p>
-
-<h2 class="part" id="part-2">
-<a id="page-XI" class="pagenum" title="XI"></a>
-<span class="line1">Inhalt.</span>
-</h2>
-
-<div class="table">
-<table class="toc" summary="TOC">
-<tbody>
- <tr class="p">
- <td class="col1">&nbsp;</td>
- <td class="col2">&nbsp;</td>
- <td class="col_page">Seite</td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="col1">&nbsp;</td>
- <td class="col2">Einleitung</td>
- <td class="col_page"><a href="#page-1">1</a></td>
- </tr>
- <tr class="c1">
- <td class="col1">&nbsp;</td>
- <td class="col2">I. Prosa.</td>
- <td class="col_page">&nbsp;</td>
- </tr>
- <tr class="c2">
- <td class="col1">&nbsp;</td>
- <td class="col2">1. Politische Satiren.</td>
- <td class="col_page">&nbsp;</td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="col1">1.</td>
- <td class="col2">Brief eines rheinbündischen Officiers an seinen Freund</td>
- <td class="col_page"><a href="#page-63">63</a></td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="col1">2.</td>
- <td class="col2">Brief eines jungen märkischen Landfräuleins an ihren Onkel</td>
- <td class="col_page"><a href="#page-64">64</a></td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="col1">3.</td>
- <td class="col2">Schreiben eines Burgemeisters in einer Festung an einen Unterbeamten</td>
- <td class="col_page"><a href="#page-68">68</a></td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="col1">4.</td>
- <td class="col2">Brief eines politischen Pescherü über einen Nürnberger Zeitungsartikel</td>
- <td class="col_page"><a href="#page-70">70</a></td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="col1">5.</td>
- <td class="col2">Die Bedingung des Gärtners. Eine Fabel</td>
- <td class="col_page"><a href="#page-73">73</a></td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="col1">6.</td>
- <td class="col2">Lehrbuch der französischen Journalistik</td>
- <td class="col_page"><a href="#page-74">74</a></td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="col1">7.</td>
- <td class="col2">Katechismus der Deutschen, abgefaßt nach dem Spanischen, zum Gebrauch für Kinder und Alte</td>
- <td class="col_page"><a href="#page-82">82</a></td>
- </tr>
- <tr class="c2">
- <td class="col1">&nbsp;</td>
- <td class="col2">2. Politische Aufrufe und Betrachtungen.</td>
- <td class="col_page">&nbsp;</td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="col1">1.</td>
- <td class="col2">Einleitung zur Zeitschrift Germania</td>
- <td class="col_page"><a href="#page-94">94</a></td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="col1">2.</td>
- <td class="col2">Aufruf</td>
- <td class="col_page"><a href="#page-96">96</a></td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="col1">3.</td>
- <td class="col2">Was gilt es in diesem Kriege?</td>
- <td class="col_page"><a href="#page-97">97</a></td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="col1">4.</td>
- <td class="col2">Einleitung zu den Berliner Abendblättern. Gebet des Zoroaster</td>
- <td class="col_page"><a href="#page-100">100</a></td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="col1">5.</td>
- <td class="col2">Von der Ueberlegung. Eine Paradoxe</td>
- <td class="col_page"><a href="#page-101">101</a></td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="col1">6.</td>
- <td class="col2">Betrachtungen über den Weltlauf</td>
- <td class="col_page"><a href="#page-103">103</a></td>
- </tr>
- <tr class="c2">
- <td class="col1"><a id="page-XII" class="pagenum" title="XII"></a>&nbsp;</td>
- <td class="col2">3. Erzählungen und Anekdoten.</td>
- <td class="col_page">&nbsp;</td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="col1">1.</td>
- <td class="col2">Warnung gegen weibliche Jägerei</td>
- <td class="col_page"><a href="#page-104">104</a></td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="col1">2.</td>
- <td class="col2">Die Heilung</td>
- <td class="col_page"><a href="#page-107">107</a></td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="col1">3.</td>
- <td class="col2">Das Grab der Väter</td>
- <td class="col_page"><a href="#page-110">110</a></td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="col1">4.</td>
- <td class="col2">Der Griffel Gottes</td>
- <td class="col_page"><a href="#page-112">112</a></td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="col1">5.</td>
- <td class="col2">Muthwille des Himmels. Eine Anekdote</td>
- <td class="col_page"><a href="#page-113">113</a></td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="col1">6.</td>
- <td class="col2">Anekdote aus dem letzten Kriege</td>
- <td class="col_page"><a href="#page-114">114</a></td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="col1">7.</td>
- <td class="col2">Der Branntweinsäufer und die Berliner Glocken</td>
- <td class="col_page"><a href="#page-115">115</a></td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="col1">8.</td>
- <td class="col2">Tages-Ereigniß</td>
- <td class="col_page"><a href="#page-116">116</a></td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="col1">9.</td>
- <td class="col2">Der verlegene Magistrat. Eine Anekdote</td>
- <td class="col_page"><a href="#page-117">117</a></td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="col1">10.</td>
- <td class="col2">Charité-Vorfall</td>
- <td class="col_page"><a href="#page-118">118</a></td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="col1">11.</td>
- <td class="col2">Anekdote</td>
- <td class="col_page"><a href="#page-119">119</a></td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="col1">12.</td>
- <td class="col2">Räthsel</td>
- <td class="col_page"><a href="#page-120">120</a></td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="col1">13.</td>
- <td class="col2">Anekdote</td>
- <td class="col_page"><a href="#page-120">120</a></td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="col1">14.</td>
- <td class="col2">Anekdote</td>
- <td class="col_page"><a href="#page-121">121</a></td>
- </tr>
- <tr class="c2">
- <td class="col1">&nbsp;</td>
- <td class="col2">4. Kunst und Theater.</td>
- <td class="col_page">&nbsp;</td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="col1">1.</td>
- <td class="col2">Empfindungen vor Friedrich&rsquo;s Seelandschaft</td>
- <td class="col_page"><a href="#page-123">123</a></td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="col1">2.</td>
- <td class="col2">Brief eines Mahlers an seinen Sohn</td>
- <td class="col_page"><a href="#page-125">125</a></td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="col1">3.</td>
- <td class="col2">Brief eines jungen Dichters an einen jungen Mahler</td>
- <td class="col_page"><a href="#page-126">126</a></td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="col1">4.</td>
- <td class="col2">Theater. Den 2. October: Ton des Tages, Lustspiel von Voß</td>
- <td class="col_page"><a href="#page-128">128</a></td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="col1">5.</td>
- <td class="col2">Unmaßgebliche Bemerkung</td>
- <td class="col_page"><a href="#page-129">129</a></td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="col1">6.</td>
- <td class="col2">Schreiben aus Berlin, den 28. October</td>
- <td class="col_page"><a href="#page-131">131</a></td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="col1">7.</td>
- <td class="col2">Die sieben kleinen Kinder</td>
- <td class="col_page"><a href="#page-132">132</a></td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="col1">8.</td>
- <td class="col2">Von einem Kinde, das kindlicher Weise ein anderes Kind umbringt</td>
- <td class="col_page"><a href="#page-133">133</a></td>
- </tr>
- <tr class="c2">
- <td class="col1">&nbsp;</td>
- <td class="col2">5. Gemeinnütziges.</td>
- <td class="col_page">&nbsp;</td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="col1">1.</td>
- <td class="col2">Allerneuester Erziehungsplan</td>
- <td class="col_page"><a href="#page-136">136</a></td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="col1">2.</td>
- <td class="col2">Entwurf einer Bombenpost</td>
- <td class="col_page"><a href="#page-145">145</a></td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="col1">3.</td>
- <td class="col2">Schreiben aus Berlin. 15. October</td>
- <td class="col_page"><a href="#page-147">147</a></td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="col1">4.</td>
- <td class="col2">Aëronautik</td>
- <td class="col_page"><a href="#page-149">149</a></td>
- </tr>
- <tr class="c1">
- <td class="col1"><a id="page-XIII" class="pagenum" title="XIII"></a>&nbsp;</td>
- <td class="col2">II. In Versen.</td>
- <td class="col_page">&nbsp;</td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="col1">1.</td>
- <td class="col2">Eine Legende nach Hans Sachs. Gleich und Ungleich</td>
- <td class="col_page"><a href="#page-153">153</a></td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="col1">2.</td>
- <td class="col2">Eine Legende nach Hans Sachs. Der Welt Lauf</td>
- <td class="col_page"><a href="#page-156">156</a></td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="col1">3.</td>
- <td class="col2">Epigramme:</td>
- <td class="col_page">&nbsp;</td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="col1">&nbsp;</td>
- <td class="col2">1. Auf einen Denuncianten. Räthsel</td>
- <td class="col_page"><a href="#page-160">160</a></td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="col1">&nbsp;</td>
- <td class="col2">2. Wer ist der Aermste?</td>
- <td class="col_page"><a href="#page-160">160</a></td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="col1">&nbsp;</td>
- <td class="col2">3. Der witzige Tischgesellschafter</td>
- <td class="col_page"><a href="#page-160">160</a></td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="col1">&nbsp;</td>
- <td class="col2">4. An die Verfasser schlechter Epigramme</td>
- <td class="col_page"><a href="#page-160">160</a></td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="col1">&nbsp;</td>
- <td class="col2">5. Nothwehr</td>
- <td class="col_page"><a href="#page-160">160</a></td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="col1">&nbsp;</td>
- <td class="col2">Anmerkungen</td>
- <td class="col_page"><a href="#page-161">161</a></td>
- </tr>
-</tbody>
-</table>
-</div>
-
-<h2 class="part" id="part-3">
-<a id="page-1" class="pagenum" title="1"></a>
-<span class="line1">Einleitung.</span>
-</h2>
-
-<h3 class="chapter" id="chapter-3-1">
-<span class="line1">I.</span>
-</h3>
-
-<div class="poem-container">
- <div class="poem">
- <div class="stanza">
- <p class="verse"><span class="firstchar">W</span>ehe, mein Vaterland, dir! Die Leier zum Ruhm dir zu schlagen,</p>
- <p class="verse">Ist, getreu dir im Schooß, mir, deinem Dichter, verwehrt,</p>
- </div>
- </div>
-</div>
-
-<p class="noindent">
-schrieb Heinrich von Kleist auf das Titelblatt seines vaterländischen
-Dramas die Hermannsschlacht, als er es im Jahre 1808
-vollendet hatte. Es war eine Grabschrift, die er dem Vaterlande,
-seiner Dichtung, sich selbst setzte, und in finsterm Haß
-sich in das Schweigen der Hoffnungslosigkeit zu vergraben,
-schien der letzte Trost, den das Leben ihm noch nicht geraubt
-hatte. Voll Liebe zum Vaterlande will er ihm zum Ruhme
-singen, aber in der Gegenwart sieht er es schmachbedeckt in
-den Staub getreten; er wendet den Blick rückwärts, der ruhmvollen
-Vergangenheit entlehnt er den Stoff seiner Dichtung,
-im Sturme will er sein Volk mit sich fortreißen, aber die
-Hörer verschließen ihm das Ohr. Für die Enkel ist es gefährlich
-geworden, dem Heldenliede von den Thaten der Ahnen
-zu horchen, der Sänger schließt sein &bdquo;letztes Lied&ldquo;, &bdquo;er wünscht
-mit ihm zu enden, und legt die Leier thränend aus den Händen!&ldquo;<a class="fnote" href="#footnote-1" id="fnote-1">[1]</a>
-Keine Bühne will sich seinem vaterländischen Schauspiel
-<a id="page-2" class="pagenum" title="2"></a>
-öffnen. Zurückgewiesen von den Seinen verschließt er einsam
-den Schmerz und das Elend des eigenen Lebens, die
-Schmach und den Gram Deutschlands in jene Worte, die zur
-schwer lastenden Anklage eines selbstvergessenen Volks werden.
-</p>
-
-<p>
-Dennoch nennt sich Kleist den Dichter seines Vaterlandes;
-getreu bleibt er ihm im Schooß, während viele andere, denen
-es Macht, Ehre, Ruhm gegeben hatte, untreu geworden waren,
-es durch That, Wort oder verzagtes Schweigen verrathen
-hatten. Nicht Fürsten und Volksstämme, Generale und Staatsmänner
-allein, auch Männer der Wissenschaft und Dichter
-hatten das gethan. In das Unendliche hatte sich die Wissenschaft
-versenkt und die Welt durchmessen, das Vaterland, in
-dem sie aufgewachsen war, blieb ihr fast fremd; in Griechenland
-und Rom lebte die Dichtung, in Deutschland nicht. Weder
-die eine noch die andere ahnte das Verderben, das sich heranwälzte,
-bestürzt hatten sie geschwiegen, als es hereinbrach, oder
-den fremden Gewalthaber als den Vollzieher des Weltgeschicks
-wohl gar bewundert und gepriesen. Kleist wollte nichts als
-sein Deutschland, sein oft geschmähtes Brandenburg, ob auch
-hier &bdquo;die Künstlerin Natur bei der Arbeit eingeschlummert&ldquo;,
-ob es auch gerade jetzt doppelt arm und öde sein mochte; er
-wollte es, weil es das Vaterland war.<a class="fnote" href="#footnote-2" id="fnote-2">[2]</a> Aus ihm sprach die
-Stimme des lang eingeschläferten Gewissens, das laut mahnte,
-dem Zwiespalt zwischen Weltbürgerthum und Volkssinn, Staat
-und Vaterland, Wissenschaft und Leben ein Ende zu machen,
-und die tiefsten Kräfte zum Kampfe aufzurufen. Jene
-Verse, wie sein Drama, waren ein erster erschütternder Ausdruck
-der Wiedervereinigung der Dichtung mit dem Vaterlande, und
-darum lassen sie selbst in der Hoffnungslosigkeit die Rettung
-<a id="page-3" class="pagenum" title="3"></a>
-ahnen; es liegt in ihnen der Wendepunkt des deutschen Lebens.
-Denn anders mußte es werden, sobald diese Ueberzeugung allgemein
-ward; selbst die höchsten Güter der Menschheit, denen
-man so lange nachgetrachtet hatte, verloren ihre bildende und
-heiligende Kraft, wenn sie durch den volksthümlichen Muth
-nicht mehr geschirmt wurden. Es brach die Zeit an, wo Schleiermacher
-und Fichte Volksredner waren, Arndt durch Lied und
-That wirkte und ein jüngeres Dichtergeschlecht heraufwuchs, das
-nicht mehr classisch, sondern vaterländisch sein wollte, selbst zum
-Schwerte griff und kämpfend fiel, wie Körner, oder das Glück
-der Sieger beneidend, den Sieg feierte, wie Schenkendorf und
-Rückert.
-</p>
-
-<p>
-Nicht so glücklich war Kleist; in die Mitte gestellt, zwischen
-die schonungslose Uebermacht der Gegenwart und die zweifelhafte
-Zukunft, hat er weder den Kampf noch den Sieg erlebt,
-und gleichgültig haben sich seine Zeitgenossen von ihm abgewandt.
-Den Weltklugen zu mystisch, den Frommen zu ruchlos,
-den Politikern zu unpraktisch, den Zahmen zu wild, dem
-Meister der Kunst zu roh und formlos, fand er bei seinem
-Leben nur wenige Freunde, und als der widerwärtige Streit
-über seinem Grabe verstummt war, ward er im Toben des
-Volkskampfes, den er erwecken wollte, fast vergessen, und
-die Kränze, nach denen er gegeizt hatte, wurden andern zu
-Theil.
-</p>
-
-<p>
-Gewiß war er als Mensch weder im Leben noch im Tode
-frei von schwerer Schuld, aber so oft dies auch gesagt worden
-ist, dem Dichter ist die folgende Zeit langer Ruhe kaum
-gerecht, geschweige denn günstig, geworden. Zehn Jahr
-später hat ihn Tieck in das Gedächtniß des genießenden
-<a id="page-4" class="pagenum" title="4"></a>
-Geschlechtes, dem die starke, männliche Dichtweise unbequem
-geworden war, zurückgerufen. Ihm, seiner reinen Anerkennung
-verdankt man es, wenn Kleist&rsquo;s Stelle in der Litteraturgeschichte
-gesichert ist. Auch das ist langsam und zögernd
-geschehen. In fünfzig Jahren sind nur zwei Gesammtausgaben
-erschienen, und zwischen beiden liegt ein Menschenalter. Nicht
-ohne Mühe haben sich drei seiner Dramen auf der Bühne
-eingebürgert, gerade das vollendetste, das vorzugsweise heimische,
-mußte, der Gefahr des Unterganges kaum entzogen, am längsten
-gegen das Vorurtheil kämpfen, und die Hermannsschlacht,
-die schon vor einem halben Jahrhundert zünden sollte, hat
-ihre Hörer bis heute nicht gefunden.
-</p>
-
-<p>
-Auch die Nachlese, so ergiebig bei andern Dichtern, und
-die Kunde von seinem Leben ist demselben Mißgeschick verfallen.
-Einen großen Theil seiner Schriften hat er in selbstquälerischer
-Verachtung zerstört; was sonst zu hoffen, war
-verschollen oder in unbekannten Zeitschriften begraben, und
-erst Julian Schmidt&rsquo;s Ausgabe hat aus dem <a id="corr-0"></a>Phöbus einen
-Theil des Vergessenen wieder ans Licht gebracht. Vereinzelt
-und zufällig sind manche Briefe von ihm zum Vorschein gekommen
-und unbeachtet geblieben; die später von E. v. Bülow und
-Koberstein herausgegebenen größeren Sammlungen sind, wenn
-auch die erste, fast einzige Quelle, doch nicht umfassend genug,
-um auf sein dunkles Leben ein überall genügendes Licht zu
-werfen. Bülow&rsquo;s freilich nicht erschöpfende doch verdienstliche
-Lebensbeschreibung blieb in der politischen Sturmzeit von 1848,
-wie vierzig Jahre früher der lebende Dichter, fast unbeachtet.
-Erst in den letzten Jahren hat man sich ihm aus dem Gesichtspunkte
-der allgemeinen Zeitgeschichte, in der er in so fragwürdiger
-<a id="page-5" class="pagenum" title="5"></a>
-Gestalt hervortritt, wieder mehr zugewendet.<a class="fnote" href="#footnote-3" id="fnote-3">[3]</a> Dennoch
-scheint eine Seite seines zerrissenen Lebens der näheren
-Besprechung würdig und bedürftig, von allen die erhebendste
-und reinste, in der sich die jähen Widersprüche
-vielleicht am ersten ausgleichen, die vaterländische. Ich würde
-es nicht unternehmen, allein auf Grund des schon benutzten
-Stoffes darüber zu reden, aber ich bin glücklich genug Neues,
-bisher Unbekanntes oder Vergessenes, hinzufügen zu können,
-und halte es für eine That der Gerechtigkeit, die folgende nicht
-geringfügige Nachlese zu Kleist&rsquo;s Schriften der Oeffentlichkeit
-zu übergeben. Eben hier erscheint er vorzugsweise als politischer
-Schriftsteller, von dieser Thätigkeit mindestens gewinnt
-man ein bedeutend vollständigeres Bild.
-</p>
-
-<p>
-Zuerst habe ich Rechenschaft von den Quellen, aus welchen
-diese Nachträge geschöpft sind, abzulegen. Theils sind sie
-handschriftlicher Art, theils gehören sie vergessenen Drucken an;
-von jenen spreche ich zuerst.
-</p>
-
-<p>
-Nicht alles, was Tieck aus dem Nachlasse Kleist&rsquo;s besaß,
-hat er in seine Ausgabe aufgenommen. &bdquo;Auch finden sich&ldquo;,
-schreibt er, &bdquo;in seinem Nachlasse Fragmente aus jener Zeit
-(1809), die alle das Bestreben aussprechen, die Deutschen zu
-begeistern und zu vereinigen, sowie die Machinationen und Lügenkünste
-des Feindes in ihrer Blöße hinzustellen: Versuche in
-vielerlei Formen, die aber damals vom raschen Drang der
-Begebenheiten überlaufen, nicht im Druck erscheinen konnten,
-und auch jetzt, nach so manchem Jahre und nach der Veränderung
-aller Verhältnisse, sich nicht dazu eignen.&ldquo;<a class="fnote" href="#footnote-4" id="fnote-4">[4]</a> Also Schriftstücke
-politischen, vaterländischen Inhalts, die ein Aufruf an
-das Volk sein sollten, jedoch nie zur Verwendung gekommen
-<a id="page-6" class="pagenum" title="6"></a>
-sind, waren es, die Tieck im Jahre 1821 vor sich hatte. Zunächst
-scheint ihn die Rücksicht auf die Erregung des eben
-durchgekämpften Völkerkrieges, die jetzt friedlichern Stimmungen
-Platz machen sollte, von der Veröffentlichung abgehalten zu
-haben, und noch 1826 glaubte er dabei stehen bleiben zu
-müssen. Auch mochten ihm diese Fragmente im Vergleiche mit
-den großen Dichtungen minder bedeutend scheinen. Er sah in
-Kleist einen befreundeten gleichzeitigen Dichter, dem er aus
-den vollendetsten Werken ein Denkmal errichten wollte,
-von welchem er das Geringfügigere meinte ausschließen
-zu können. Ueberhaupt war seine Kritik ein Ausdruck der
-Begeisterung für den Gegenstand, mehr ästhetisch, allgemein
-anschauend und nachdichtend als historisch philologisch;
-er konnte zufrieden sein, den Dichter und dessen Werke der
-Vergessenheit entrissen und in genialen Zügen ein groß gehaltenes
-Bild beider entworfen zu haben. Ganz anders stand
-es, als zweiundzwanzig Jahre später Bülow in der Vorrede
-zum Leben Kleist&rsquo;s schrieb:<a class="fnote" href="#footnote-5" id="fnote-5">[5]</a> &bdquo;Die schon von Tieck besprochenen
-zerstreuten politischen Blätter aus dem Jahre 1809
-habe ich ebenfalls durchgesehen und des Druckes meist unwerth
-befunden.&ldquo; Diese &bdquo;Reliquien&ldquo;, die er damals noch unverkürzt
-in Händen hatte, legte er also in demselben Augenblicke als
-unwichtig bei Seite, wo er den Untergang oder die absichtliche
-Zurückhaltung anderer beklagte. Der Umstand allein hätte
-den Biographen bestimmen sollen, nicht seinem persönlichen
-Geschmacksurtheil über den Werth dieser Blätter, sondern dem
-historischen Gesetze zu folgen, das zu retten gebietet, was noch
-zu retten ist, damit das Bild des Dichters so getreu als möglich
-hergestellt werden könne. Das verlangte die inzwischen zur
-<a id="page-7" class="pagenum" title="7"></a>
-Wissenschaft herangereifte Litteraturgeschichte, die auch für die
-Schriftsteller der nächsten Vergangenheit eine willkürliche Kritik
-dieser Art nicht mehr duldete. Nicht ohne ironisches Lächeln
-über Kleist&rsquo;s &bdquo;naive Absicht&ldquo; begnügte er sich, einen dieser
-Aufsätze, überschrieben: &bdquo;Was gilt es in diesem Kriege?&ldquo; sorglos
-abdrucken zu lassen. Von Tieck hatte Bülow diese Papiere
-erhalten; im Nachlasse des einen oder des andern mußten sie
-aufbewahrt sein.
-</p>
-
-<p>
-Unter den zahlreich angesammelten Handschriften Tieck&rsquo;s
-fand sich in der That eine, die aus dem Nachlasse Kleist&rsquo;s
-herstammte, eine Abschrift der Penthesilea, vom Dichter durchgesehen
-und nicht ohne bedeutende Veränderungen einzelner
-Verse und Worte von seiner Hand. Aus der Vergleichung mit
-der Tieckschen Ausgabe, welcher der Druck von 1808 zu
-Grunde liegt, und den nicht unerheblich abweichenden Bruchstücken
-im Phöbus, ergab sich diese Handschrift als eine dritte
-noch frühere Bearbeitung selbständigen Charakters, die auf&rsquo;s
-neue beweist, wie sorgfältig Kleist seine Dichtungen im einzelnen
-durcharbeitete. Dagegen schien sich die nah liegende
-Vermuthung, der Herausgeber der Kleist&rsquo;schen Schriften werde
-von seinen Sammlungen mehr als dieses eine Erinnerungszeichen
-bewahrt haben, nicht zu bestätigen, als sich später,
-bei der Durchsicht eines Restes ungeordneter Papiere, noch
-eine Anzahl Blätter nach und nach unerwartet zusammenfanden.
-Es war ein Theil des großartigen Bruchstücks Robert
-Guiskard, das Kriegslied der Deutschen, das Sonett an die
-Königin von Preußen und das an den Erzherzog Karl im
-März 1809, denen sich einiges Prosaische anschloß; im Ganzen
-28 Halbbogen und 6 Blätter in Quart bläulich grauen
-<a id="page-8" class="pagenum" title="8"></a>
-Streifenpapiers, dessen höheres Alter nicht bezweifelt werden
-konnte. Nur freilich waren es nicht Kleist&rsquo;s Schriftzüge, sondern
-die altmodisch steife Hand eines sächsischen Schreibers,
-von der alles, nach der Tinte zu urtheilen, fast in einem Zuge
-geschrieben worden war. Zwar beginnt die Zählung der Seiten
-mehr als einmal von vorn und manche Blätter sind gar nicht
-bezeichnet, aber offenbar liegt hier ein Bruchstück einer Handschrift
-vor, die wenngleich sehr verschiedenartigen Inhalts, doch
-äußerlich ein Ganzes bilden sollte.
-</p>
-
-<p>
-Bei näherer Untersuchung des prosaischen Theils fanden
-sich mehrere bisher unbekannte Aufsätze: fünf Halbbogen, unter
-der Ueberschrift &bdquo;Satyrische Briefe&ldquo;, deren drei numerirt aufeinander
-folgen: &bdquo;1. Brief eines rheinbündischen Officiers an
-seinen Freund; 2. Brief eines jungen märkischen Landfräuleins
-an ihren Onkel; 3. Schreiben eines Burgemeisters in einer
-Festung an einen Unterbeamten&ldquo;; welchen sich ohne Zahlenbezeichnung
-ein vierter anschließt &bdquo;Brief eines politischen Pescherü
-(so) über einen Nürnberger Zeitungsartikel.&ldquo; Auf einem
-Quartblatt folgte &bdquo;die Bedingung des Gärtners, eine Fabel&ldquo;;
-dann vier Halbbogen &bdquo;Lehrbuch der französischen Journalistik&ldquo;,
-sechs Halbbogen und ein Blatt &bdquo;Katechismus der Deutschen, abgefaßt
-nach dem Spanischen zum Gebrauch für Kinder und
-Alte&ldquo;, jedes Stück mit besonderer Seitenzählung; endlich noch
-vier nicht paginirte Halbbogen, drei Stücke enthaltend, eines mit
-der Aufschrift &bdquo;Einleitung&ldquo;, ein anderes ohne Titel beginnend
-mit der Anrede &bdquo;Zeitgenossen&ldquo;, das dritte mit der Ueberschrift
-&bdquo;Was gilt es in diesem Kriege?&ldquo; Eben dieses Blatt hatte
-Bülow herausgegriffen; es war also kein Zweifel mehr, die
-politischen Blätter Kleist&rsquo;s, die er nach Tieck&rsquo;s Vorgang bei
-<a id="page-9" class="pagenum" title="9"></a>
-Seite gelegt hatte, waren noch erhalten. Gewiß ein glücklicher
-Fund, der durchaus Neues ans Licht brachte und für manchen
-andern Verlust entschädigen konnte. Die nächste Frage, ob
-er vollständig sei, beantwortete sich leider verneinend. Die
-Seitenzahlen des Katechismus ergeben, daß der dritte und
-sechste Halbbogen fehle; das Lehrbuch der französischen Journalistik
-bricht mit Paragraph 25, die Einleitung mitten
-im Satze ab; ursprünglich mußten diese Blätter vollzählig
-gewesen sein.
-</p>
-
-<p>
-Ohne besondere Veranlassung zur Herausgabe und andern
-Arbeiten hingegeben, hatte ich mich längere Zeit bei diesem
-Ergebniß beruhigt, als die Briefe Kleist&rsquo;s an seine Schwester
-mich zu jenen politischen Bruchstücken zurückführten; denn was
-etwa noch gefehlt hätte, ein bestimmtes Zeugniß des Verfassers
-selbst, fand sich hier. Am 17. Juni 1809 nach der Schlacht
-von Wagram und dem Waffenstillstand von Znaym schrieb er
-von Prag aus, wohin ihn seine Hoffnungen auf Oesterreich
-geführt hatten, an seine Schwester: &bdquo;Gleichwohl schien sich hier
-durch B. (Brentano?) und die Bekanntschaften, die er mir
-verschaffte, ein Wirkungskreis für mich eröffnen zu wollen. Es
-war die schöne Zeit nach dem 21. und 22. Mai, und ich fand
-Gelegenheit meine Aufsätze, die ich für ein patriotisches Wochenblatt
-bestimmt hatte, im Hause des Grafen v. Kollowrat vorzulesen.
-Man faßte die Idee, dieses Wochenblatt zu Stande zu
-bringen, lebhaft auf, Andere übernahmen es, statt meiner den
-Verleger herbeizuschaffen, und nichts fehlte als eine höhere Bewilligung,
-wegen welcher man geglaubt hatte, einkommen zu
-müssen. So lange ich lebe, vereinigte sich noch nicht so viel,
-um mich eine frohe Zukunft hoffen zu lassen, und nun vernichten
-<a id="page-10" class="pagenum" title="10"></a>
-die letzten Vorfälle nicht nur diese Unternehmung, &mdash;
-sie vernichten meine ganze Thätigkeit überhaupt.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Also ein Theil der Aufsätze, die Kleist im Frühjahr 1809
-für ein patriotisches Wochenblatt bestimmt hatte, ist in diesen
-Blättern enthalten, nach allen äußeren Zeugnissen kann seine
-Autorschaft keinem Zweifel unterliegen. Heutiges Tages indeß,
-wo es darauf ankommt den Stoff der abgeschlossenen Litteraturperiode
-zu sammeln und zu sichten, wird man bisher
-unbekannte Schriften eines bedeutendern Dichters nicht
-leicht aus der Hand geben, ohne sie einer allseitigen Durchforschung
-unterworfen zu haben, auch wenn ihre Aechtheit feststeht.
-Es ist daher gerathen, auch diese Briefe und Aufrufe
-nach Form und Inhalt näher zu prüfen; auch schon aus dem
-Grunde, weil dies zugleich für einige andere Stücke, deren
-Kleistischer Ursprung äußerlich weniger verbürgt ist, den erforderlichen
-Maßstab gewähren wird. Um die stilistische Gestaltung
-dieser politischen Aufsätze zu beurtheilen, wird man zunächst
-auf eine etwas allgemeinere Betrachtung der Prosa
-Kleist&rsquo;s hingewiesen.
-</p>
-
-<p>
-Seine prosaischen Schriften, äußerlich weniger umfassend
-als die versificirten Dichtungen, bestehen aus Erzählungen und
-Briefen. Nur in jenen erscheint er in voller bewußter
-Kraft, in ihnen wird man daher den Schriftsteller studieren
-können, während diese vom Augenblicke eingegeben, ungleich
-und schwankend, bald lehrhaft, bald fieberisch erregt und
-abspringend den Menschen und den jähen Wechsel seiner
-Stimmungen auch in der Form zeigen. In der darstellenden
-Prosa ist er Meister, so daß Tieck der Ansicht war, hier
-entfalte sich sein Talent vielleicht noch glänzender als im Drama.
-<a id="page-11" class="pagenum" title="11"></a>
-Könnte man einige Auswüchse beseitigen, die in seiner Natur
-wurzeln und von der vollendetern Handhabung der Form
-unabhängig sind, man würde von seinen acht Erzählungen
-die vier ersten größeren und sorgfältig durchgearbeiteten mustergültig
-nennen können. In der Haupttugend aller Erzählung
-beruhen ihre Vorzüge, in der durchsichtigsten Gegenständlichkeit.
-Ueberall treten Personen und Verhältnisse in festen und
-kräftigen Umrissen, bis zur sinnlichen Greifbarkeit deutlich
-hervor. Alles ist Bewegung, Leben, That, nirgend eine Stockung,
-eine todte Beschreibung, die sich abmüht viele einzelne
-Züge zusammen zu lesen, und es eben darum nie zu einem
-ganzen Bilde bringt, während hier die glückliche Einflechtung
-<em>eines</em> unscheinbaren Zuges auf einzelne Personen und ganze
-Gruppen einen hellen Rückstrahl wirft, der das Ganze
-in neuem überraschendem Lichte erscheinen läßt. Weil der
-Dichter diese Gestalten als ob sie lebten mit seinem Auge
-sah und darstellte, erweckt er in der Seele des Lesers, diesem
-unbewußt, die Kraft des dichterischen Nachschaffens. Mit der
-Selbstentäußerung eines Geschichtschreibers oder Dramatikers
-verschwindet er hinter seiner Darstellung, nirgend sieht man
-ihn mit zufahrender Hand in das Spiel hineingreifen und die
-Täuschung ungeschickt selbst zerstören, nirgend sich mit seinen
-Empfindungen und Betrachtungen aufdrängen; auch nicht in
-den Reden und Handlungen der Personen findet man ihn,
-weil sie überall ganz eigenthümlich, aus ihrer Stimmung, unter
-diesen gegebenen Umständen fühlen und handeln. Nur aus der
-Gesammtwirkung aller Kräfte, die er spielen läßt, ist sein letzter
-Gedanke zu erkennen. Und weil er seinen Menschen so wenig
-als sich selbst Abschweifungen philosophierender Betrachtung oder
-<a id="page-12" class="pagenum" title="12"></a>
-überschwellenden Gefühls verstattet, haben sie nichts von der
-idealistischen Weise anderer Dichtergestalten; sie sind vielmehr
-von einer realistischen Derbheit, die in Härte und Schroffheit
-übergehen kann, aber eben darum scheinen sie aus Phantasiegeschöpfen
-zur Höhe historischer Charaktere, in denen sich ganze
-Menschengattungen und Zeiten darstellen, emporzuwachsen.
-</p>
-
-<p>
-Er selbst nähert sich dadurch, so weit sich das von
-dem Dichter sagen läßt, der Grenze des Geschichtschreibers.
-Ohne es sein zu wollen, oder auch nur den Anspruch des
-historischen Romanstils zu erheben, hat ihn sein historischer
-Realismus auf den geschichtlichen Boden geführt. Unmittelbar
-aus dem Leben, aus Gegenwart oder Vergangenheit schöpft
-er den Stoff, wie schon seine Vorliebe für die Anekdote
-beweist, die er da und dort aufgegriffen hat, und von denen
-er manche bis zur Erzählung ausspinnt. Auf diese lebendige
-Quelle deutet er bei der &bdquo;Marquise von O.&ldquo; mit
-dem wichtigen Zusatze, der sich nur im Phöbus, nicht aber
-in den Ausgaben findet, selbst hin: &bdquo;Nach einer wahren Begebenheit,
-deren Schauplatz vom Norden nach dem Süden
-verlegt worden.&ldquo;<a class="fnote" href="#footnote-6" id="fnote-6">[6]</a> Wieder aber hat er diese Episode, in
-der er die ganze Fülle seines Talents entfaltet, in den
-Hintergrund des großen gleichzeitigen Revolutionskrieges eingefügt.
-Ebenso hat er im &bdquo;Kohlhaas&ldquo;, dem &bdquo;Erdbeben in
-Chili&ldquo;, der &bdquo;Verlobung in St. Domingo&ldquo; sich großen historischen
-Verhältnissen entweder angeschlossen, oder deren Natur
-an einem einzelnen Falle meisterhaft dargestellt; wie denn die
-erste Erzählung, sicherlich ohne daß er es beabsichtigte, zugleich
-eine ergreifende Darstellung des Ständekampfes geworden
-ist, der unter der Nachwirkung der Reformation in ganz
-<a id="page-13" class="pagenum" title="13"></a>
-Deutschland entbrannte. Selbst die Verirrungen, in denen er
-unerwartet eine andere Seite seines Innern herauskehrt, und
-sich mit vollständiger Verleugnung des historischen Charakters
-auf das Gebiet des dunkeln Wahns verlocken läßt, dienen nur
-dazu, die Kraft seiner Darstellung in hellerem Lichte erscheinen
-zu lassen; denn auch die Traumgebilde seiner Phantasie hat
-er so mit Fleisch und Blut zu bekleiden gewußt, daß man sie
-sieht, ohne an ihre Wahrheit zu glauben. Sein &bdquo;Kohlhaas&ldquo;
-bleibt trotz des unhistorischen Vornamens Michael und trotz
-des mythischen Kurfürsten von Sachsen, bei dem der Historiker
-von Fach nur mit Haarsträuben an den standhaften Johann
-Friedrich denken kann, nach Auffassung und Darstellung eine
-fast vollendete historische Erzählung, deren Grundzüge dem
-Thatsächlichen entsprechen. Denn die Zurückhaltung der Pferde,
-die Rechtsverweigerung und Verschleppung sächsischer Seits,
-die Niederbrennung der Vorstadt von Wittenberg, das Gespräch
-mit Luther sind historisch.<a class="fnote" href="#footnote-7" id="fnote-7">[7]</a> Nach ihrer Kunstform könnte
-sie ohne Uebertreibung ein in Prosa ausgelöstes Epos genannt
-werden.
-</p>
-
-<p>
-Auch sind seine Erzählungen von der modernen Novelle,
-dem historischen Roman und dem, was heute dafür
-gelten will, sehr verschieden. Die Novellenhelden sind überwiegend
-Träger der Reflexion, sie kämpfen die Gegensätze
-nicht nach außen wirkend, durch die That aus, sondern
-in dialectischem Ringen mit sich selbst, sie ziehen die ganze
-Welt in den Strom ihrer Betrachtungen hinein, und dessen
-ungeachtet verblassen sie zu Schatten, die nach dem Lehrbuche
-sprechen. Andererseits in den neueren sogenannten historischen
-Romanen, die mit der Macht der Geschichte den Zauber der
-<a id="page-14" class="pagenum" title="14"></a>
-Dichtung zu verbinden wähnen, werden die historischen Riesen
-auf das zwerghafte Maß einer schwächlichen Phantasie herabgedrückt,
-die eigentlich nur deshalb ihre Zuflucht zur Geschichte
-nimmt, weil diese mit der unübersehbaren Fülle eigenthümlicher
-Gestalten der dürftigen Erfindung zu Hülfe kommt. Der
-falsche Schein historischer Kenntniß soll die Mängel der Dichtung
-verdecken, und schließlich verliert jede von beiden den
-reinen und ursprünglichen Charakter durch die Verbindung mit
-der anderen.
-</p>
-
-<p>
-So sehr Kleist Dramatiker ist, so vermeidet er doch in
-der Erzählung in der Regel den unmittelbaren Dialog, der
-in neueren Novellen so die Oberhand gewonnen hat, daß
-der verkehrte Versuch einer wörtlichen Uebertragung in das
-Drama hat gewagt werden können. Dagegen hat er im vollsten
-Verständnisse dieser Darstellungsweise die indirecte Rede
-überwiegend gebraucht. Auch da, wo seine Personen direct
-reden müßten, ist er epischer Berichterstatter, er läßt sie nicht
-aus dem Rahmen des Ganzen selbständig heraustreten, sondern
-verwandelt ihre Rede in ein Handeln, von dem er zu erzählen
-hat. Es ist bemerkt worden, sein dramatischer Dialog verrathe
-in den unruhigen Sprüngen, in dem hastigen Hin- und
-Wiederfliegen von Frage und Antwort, wodurch die Lebhaftigkeit
-zwar gesteigert wird, die innere Erregtheit des Dichters;
-seiner erzählenden Rede ist diese Zerrissenheit durchaus fremd.
-Mit gleichem Wellenschlage fließt sie wie ein breiter Strom
-dahin, auf dem der Hörer sich mit stets gleicher Theilnahme
-von einer Windung zur andern tragen läßt.
-</p>
-
-<p>
-Mit Vorliebe baut Kleist lange Perioden, architectonisch
-erheben und schließen sie sich, ohne je zu erstarren; der Belege
-<a id="page-15" class="pagenum" title="15"></a>
-im einzelnen bedarf es kaum, jede Seite bietet sie dar. Aus
-vielen herausgegriffen möge folgende Periode hier eine Stelle
-finden:<a class="fnote" href="#footnote-8" id="fnote-8">[8]</a> &bdquo;Der Roßhändler, <em>dessen</em> Wille durch den Vorfall,
-<em>der</em> sich auf dem Markt zugetragen, in der That gebrochen
-war, wartete auch nur, <em>dem</em> Rath des Großkanzlers gemäß,
-auf eine Eröffnung von Seiten des Junkers oder seiner Angehörigen,
-<em>um</em> ihnen mit völliger Bereitwilligkeit und Vergebung
-alles Geschehenen entgegenzukommen: <em>doch</em> eben diese
-Eröffnung zu thun, war den stolzen Rittern zu empfindlich,
-<em>und</em> schwer erbittert über die Antwort, <em>die</em> sie von dem Großkanzler
-empfangen hatten, zeigten sie dieselbe dem Kurfürsten,
-<em>der</em> am Morgen des nächstfolgenden Tages den Kanzler, krank
-<em>wie</em> er an seinen Wunden darniederlag, in seinen Zimmern
-besucht hatte.&ldquo; Der Wendepunkt dieser Periode liegt in dem
-<em>doch</em>, durch das sie in zwei gleich wiegende Hälften getheilt
-wird; jede hat zwei obere Nebensätze, die einen untern in sich
-umfassen, in dem eine nähere Begründung gegeben wird; beide
-schließen mit der Andeutung des Zieles ab, das erreicht werden
-soll. Der thatsächliche wie stilistische Nachdruck liegt auf den
-letzten Worten, sie leiten die Bewegung weiter. Umsonst versucht
-der Roßhändler seinen Zweck zu erreichen, um so besser
-erreichen die Ritter, die keine Versöhnung wollen, den ihren,
-die Rache. Man gewinnt den vollsten Ueberblick der Parteien,
-ihrer Stimmung, ihres Verhältnisses zu einander, ihrer Erfolge.
-Kleist&rsquo;s Perioden sind kunstvoll ohne verwickelt, reich ohne überladen
-zu sein, vielgliederig ohne Leben und Bewegung zu verlieren.
-Es ist ein Beweis bedeutender Meisterschaft, wenn man
-sich dem Zuge der deutschen Sprache zu weitläufigen Satzgefügen
-überlassen darf, weil die strenge Fassung, die nichts
-<a id="page-16" class="pagenum" title="16"></a>
-Ueberflüssiges hinzufügt, die Möglichkeit eines Vorwurfs der
-Weitläufigkeit nicht einmal aufkommen läßt.
-</p>
-
-<p>
-Noch verschlungener werden sie, wenn sich die mittelbare
-Rede zu entfalten beginnt, sei es, daß sie den Dialog einführe,
-oder über Seelenvorgänge berichte. Selten nur wird
-durch steigende Lebendigkeit die mittelbare Rede in die unmittelbare
-fortgerissen, wie in folgender Periode, die ebenfalls
-charakteristisch ist:<a class="fnote" href="#footnote-9" id="fnote-9">[9]</a> &bdquo;Luther, der unter Schriften und Büchern
-an seinem Pulte saß, und den fremden besonderen Mann die
-Thür öffnen und hinter sich verriegeln sah, fragte ihn: <em>wer</em> er
-sei und was er wolle? <em>und</em> der Mann, <em>der</em> seinen Hut ehrerbietig
-in der Hand hielt, hatte nicht sobald mit dem schüchternen
-Vorgefühl des Schreckens, <em>den</em> er verursachen würde,
-erwiedert: <em>daß</em> er Michael Kohlhaas der Roßhändler sei; als
-Luther schon: &bdquo;weiche fern hinweg!&ldquo; ausrief, <em>und indem</em> er
-vom Pult erstehend nach einer Klingel eilte, hinzusetzte: &bdquo;dein
-Odem ist Pest und deine Nähe Verderben!&ldquo; Häufig dagegen
-zieht sich die indirecte Rede leicht und geschickt durch die längsten
-Wendungen hin, bisweilen freilich, auch über die Grenze
-des Erlaubten hinaus. So wird z. B. in der &bdquo;Marquise von O.&ldquo;
-der Inhalt einer Rede in einer Reihe von Sätzen, die durch
-ein fünfzehnmal wiederholtes daß &mdash; daß &mdash; verbunden sind,
-wiedergegeben.<a class="fnote" href="#footnote-10" id="fnote-10">[10]</a> Ich weiß nicht, ob Kleist die Novellen des
-Cervantes studiert oder auch nur gekannt hat; aber lebhaft
-wird man an die hohe Gegenständlichkeit der Darstellung, an
-den vollen klaren Fluß der getragenen Perioden des Spaniers
-erinnert.
-</p>
-
-<p>
-Doch auch bei dem Meister ist das wahrhaft Vollendete
-immer noch nicht das Gewöhnliche. Jeder Schriftsteller hat
-<a id="page-17" class="pagenum" title="17"></a>
-Angewohnheiten des Stils, geringfügig scheinende Eigenthümlichkeiten,
-die um so häufiger sein können, je leichter sie sich
-dem Blick, der auf das Ganze gerichtet ist, entziehen. Aber
-er kommt dadurch in Gefahr, aus dem Stil in die Manier
-zu gerathen, und er wird ihr verfallen, wenn der freie Ausdruck
-des Inhalts von der bequemen Gewohnheit geleitet wird, statt
-sie zu leiten. Wie Goethe hat auch Kleist dergleichen Angewohnheiten.
-Es ist die Vorliebe für gewisse Bindewörter, die
-er gebraucht, um die Spannung des Lesers zu steigern oder
-herabzustimmen. Am auffallendsten ist das unzählige Mal
-wiederkehrende &bdquo;dergestalt daß&ldquo;, das er als anschaulichere Redeweise
-dem nüchtern &bdquo;so daß&ldquo; vorzieht. Durch alle Erzählungen
-läßt sie sich verfolgen, im Kohlhaas allein sind ohne große
-Mühe ein Paar Dutzend Beispiele dafür aufzufinden. Nicht
-minder häufig ist der Gebrauch von &bdquo;gleichwohl&ldquo;, wo es eine
-Bedingung, einen unerwarteten Gegensatz ankündigen soll, den
-man mit &bdquo;dennoch, dessen ungeachtet&ldquo; einleiten würde. Ferner die
-gleichzeitige Ereignisse oder Erwägungen vorführende Redensart
-&bdquo;nicht sobald &mdash; als&ldquo;, für &bdquo;kaum, in dem Augenblick als&ldquo;;
-ebenso &bdquo;inzwischen&ldquo;, dann das gleichgültige oder ungeduldig
-abweisende &bdquo;gleichviel&ldquo;, das bedingende &bdquo;falls&ldquo; für &bdquo;wenn.&ldquo; Alle
-diese Lieblingswendungen sind auch den Dramen, namentlich
-dem prosaischen Dialog, nicht fremd.<a class="fnote" href="#footnote-11" id="fnote-11">[11]</a> Dagegen hat sich Kleist
-von einem andern Fehler, dem auch die Größten verfallen
-sind, um so reiner erhalten, von widerlich störender Wortmengerei.
-Fremdwörter braucht er in der Regel nur da, wo
-etwa Kunstausdrücke unvermeidlich sind, überall bietet sich ihm
-an der rechten Stelle das rechte deutsche Wort ungesucht dar.
-Hier übertrifft er Schiller und den alternden Goethe bei weitem.
-<a id="page-18" class="pagenum" title="18"></a>
-Es ist der Ausdruck seiner deutschen Natur; eben darum greift
-er auch bisweilen selbst im Verse zu Provinzialismen, die nichts
-weniger als edel, aber sehr bezeichnend sind.
-</p>
-
-<p>
-Faßt man dies Alles zusammen, den künstlerischen Bau
-der Perioden, seine Vorliebe für die mittelbare Rede, die
-Reinheit seines Ausdruckes, die unbewußten stilistischen Gewohnheiten,
-so gewinnt man eine Anzahl von Merkmalen, nach
-denen sich mit ziemlicher Gewißheit feststellen läßt, ob man es
-mit Kleist&rsquo;s Wort und Schrift zu thun habe oder nicht.
-</p>
-
-<h3 class="chapter" id="chapter-3-2">
-<span class="line1">II.</span>
-</h3>
-
-<p class="noindent">
-Die vier satirischen Briefe bilden gewissermaßen ein dramatisches
-<a id="corr-2"></a>Ganzes, sehr verschiedene Personen sprechen sich über
-dieselben Ereignisse, jede in ihrer Weise aus. Der rheinbündische
-Officier, das Landfräulein, der Burgemeister; diesen
-ironischen Charakteren steht der politische Pescherü mit seinen
-einfachen Betrachtungen als Chor gegenüber. Der erste Brief
-ist in kurz abschneidender französirender Standessprache geschrieben.
-Das Landfräulein schreibt, wie schon der Eingangssatz
-beweist, in der verschlungenen Weise Kleist&rsquo;s; architectonisch
-durchgeführt sind Perioden wie die &bdquo;Allein, wenn die Ansicht
-u. s. w.&ldquo; oder: &bdquo;Aber die Beweise, die er mir, als ich zurückkam
-u. s. w.&ldquo;, denen die beiden letzten des Briefes, mit ihrem
-&bdquo;inzwischen&ldquo; und &bdquo;gleichwohl&ldquo; an die Seite gestellt werden
-können. In dem Schreiben des Burgemeisters (I, 1, 3) gilt
-es, die pedantische Langstiligkeit amtlicher Erlasse darzustellen;
-der Wortschwall ironisirt sich selbst, er soll betäuben und über
-die Schmählichkeit des Inhalts täuschen. Bezeichnend ist die
-<a id="page-19" class="pagenum" title="19"></a>
-unübersehbare Periode: &bdquo;Indem wir euch nun diesem Auftrage
-gemäß u. s. w.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Der Brief des politischen Pescherü (I, 1, 4) stellt neun
-genau abgefaßte Fragen auf; in der fünften heißt es: &bdquo;Ist er
-es, der den <em>König</em> von Preußen &mdash; zu Boden geschlagen hat,
-und auch selbst nach dem Frieden noch mit seinem <em>grimmigen
-Fuß auf dem Nacken</em> desselben <em>verweilte</em>&ldquo;? Diese Bezeichnung
-vollständigster Vernichtung ist ein Lieblingsbild Kleist&rsquo;s.
-Im fünften Auftritt der Penthesilea sagt Asteria:
-</p>
-
-<div class="poem-container">
- <div class="poem">
- <div class="stanza">
- <p class="verse">Den <em>Fußtritt</em> will er, und erklärt es laut,</p>
- <p class="verse"><em>Auf deinen königlichen Nacken setzen</em>;</p>
- </div>
- </div>
-</div>
-
-<p class="noindent">
-im neunten Auftritt wiederholt Penthesilea:
-</p>
-
-<div class="poem-container">
- <div class="poem">
- <div class="stanza">
- <p class="verse">Laßt ihn den <em>Fuß gestählt</em>, es ist mir recht,</p>
- <p class="verse"><em>Auf diesen Nacken setzen</em>!</p>
- </div>
- </div>
-</div>
-
-<p class="noindent">
-Und die Hermannsschlacht beginnt mit den Worten:
-</p>
-
-<div class="poem-container">
- <div class="poem">
- <div class="stanza">
- <p class="verse">Rom, dieser Riese, der &mdash;</p>
- <p class="verse"><em>Den Fuß auf</em> Ost und Westen <em>setzet</em>,</p>
- <p class="verse">Des Parthers muthgen <em>Nacken</em> hier,</p>
- <p class="verse">Und dort den tapfern Gallier <em>niedertretend</em>.</p>
- </div>
- </div>
-</div>
-
-<p class="noindent">
-Unter 7 heißt es im Briefe: &bdquo;Ist er es, der &mdash; Preußen,
-<em>den letzten Pfeiler Deutschlands sinken</em> sah&ldquo; &mdash;? Und
-in den ersten Versen der Hermannsschlacht:
-</p>
-
-<div class="poem-container">
- <div class="poem">
- <div class="stanza">
- <p class="verse">Und Hermann der Cherusker endlich,</p>
- <p class="verse">Zu dem wir, als <em>dem letzten Pfeiler</em> uns</p>
- <p class="verse">Im allgemeinen <em>Sturz Germanias</em> geflüchtet &mdash;</p>
- </div>
- </div>
-</div>
-
-<p class="noindent">
-Endlich in der neunten Frage wird auf den Kaiser Franz
-folgendes Gleichniß angewendet: &bdquo;der wie Antäus, <em>der Sohn
-der Erde, von seinem Fall erstanden ist, um</em> das
-<a id="page-20" class="pagenum" title="20"></a>
-Vaterland <em>zu retten</em>.&ldquo; In dem Gedichte vom 1. März 1809
-an denselben singt Kleist:
-</p>
-
-<div class="poem-container">
- <div class="poem">
- <div class="stanza">
- <p class="verse">O Herr, du trittst, der Welt <em>ein Retter</em>,</p>
- <p class="verse">Dem Mordgeist in die Bahn,</p>
- <p class="verse">Und wie <em>der Sohn der</em> duftgen <em>Erde</em></p>
- <p class="verse"><em>Nur sank, damit</em> er stärker werde,</p>
- <p class="verse"><em>Fällst du</em> von Neu&rsquo;m ihn an.<a class="fnote" href="#footnote-12" id="fnote-12">[12]</a></p>
- </div>
- </div>
-</div>
-
-<p class="noindent">
-Die Fabel &bdquo;die Bedingung des Gärtners&ldquo; entspricht in
-ihrer Fassung den beiden Fabeln, die 1808 im Phöbus erschienen.
-</p>
-
-<p>
-In ganz anderem Ton ist das &bdquo;Lehrbuch der französischen
-Journalistik&ldquo; gehalten. Obgleich die knappe Form dieser geschlossenen
-Reihe von Erklärungen, Lehrsätzen, Aufgaben und
-Beweisen der entfalteten Rede keinen Raum gestattet, so haben
-sich doch auch hier die Lieblingswendungen eingeschlichen. Es
-ist bekannt, welche Neigung Kleist für diese Darstellungsweise
-und den strengen Beweis hatte. Wie er zuerst meinte,
-seine Lebensaufgabe auf dem Gebiete der Mathematik gefunden
-zu haben, so ist er auch später, namentlich in den Briefen,
-geneigt, wo die Leidenschaft nicht durchbricht, seine Gedanken in
-streng logische Formeln zu bringen. Leider ist das Lehrbuch
-der Journalistik in 25 Paragraphen unvollständig. Wahrscheinlich
-hatte er es zu Ende geführt, doch sind die letzten Blätter
-verloren gegangen. Den obersten Grundsätzen und Definitionen
-folgt im Paragraph 10 die Eintheilung der Journalistik mit
-dem ersten Capitel: &bdquo;Von der Verbreitung der wahrhaftigen
-Nachrichten&ldquo; in zwei Artikeln &bdquo;von den guten und den schlechten
-Nachrichten&ldquo;; ein zweites Capitel von der Verbreitung falscher
-Nachrichten mußte folgen, und dieses fehlt.
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-21" class="pagenum" title="21"></a>
-In dem &bdquo;Katechismus der Deutschen&ldquo; hat Kleist die Einförmigkeit
-des katechisirenden Tons, in dem die Antwort das
-Echo der Frage ist, so zu beleben gewußt, daß er durchaus
-charakteristisch wird, und einzelne Redewendungen von Vater und
-Sohn an den dramatischen Dialog, etwa die einfachen Gegenreden
-Käthchens in der ergreifenden Scene mit ihrem Vater
-erinnern.<a class="fnote" href="#footnote-13" id="fnote-13">[13]</a> Auch andere Anklänge fehlen nicht. Die Schilderung
-des Erzfeindes findet an mehr als einer Stelle ihr Seitenstück.
-Sie lautet 7: &bdquo;Als <em>einen der Hölle entstiegenen Vatermörder</em>,
-der herumschleicht <em>in dem Tempel der Natur
-und an allen Säulen rüttelt</em>, auf welchen er gebaut ist.&ldquo;
-Im Käthchen von Heilbronn schleudert der alte Theobald dem
-Grafen Strahl folgende Worte zu:
-</p>
-
-<div class="poem-container">
- <div class="poem">
- <div class="stanza">
- <p class="verse">Ein glanzumflossener <em>Vatermördergeist</em>,</p>
- <p class="verse"><em>An jeder der</em> granitnen <em>Säulen rüttelnd</em>,</p>
- <p class="verse"><em>In dem</em> urewigen <em>Tempel der Natur</em>,</p>
- <p class="verse">Ein Sohn <em>der Hölle</em>, den u. s. w.</p>
- </div>
- </div>
-</div>
-
-<p class="noindent">
-In der Hermannsschlacht sind Raub, Brand und Mord
-ein &bdquo;<em>höllenentstiegener</em> Geschwisterreigen&ldquo; und in dem Gedichte
-&bdquo;Germania an ihre Kinder&ldquo; ist es &bdquo;eines <em>Höllensohnes</em>
-Rechte&ldquo;, die das eiserne Joch der Knechtschaft auferlegt.
-Im Katechismus 9 soll, wer weder liebt noch haßt,
-wenn es sich um die Freiheit des Vaterlandes handelt, in die
-tiefste, siebente Hölle, in der Hermannsschlacht der Verräther
-in die neunte Hölle stürzen. Dort wird die Frage verneint,
-ob nicht &bdquo;das Blut vieler tausend Menschen nutzlos geflossen,
-die <em>Städte verwüstet</em> und <em>das Land verheert</em> worden
-sei&ldquo;, wenn man im Kampf unterliege. In dichterischer Sprache
-wird derselbe Einwand abgewiesen &bdquo;Germania und ihre Kinder&ldquo;:
-</p>
-
-<div class="poem-container">
- <div class="poem">
- <div class="stanza">
-<a id="page-22" class="pagenum" title="22"></a>
- <p class="verse">Nicht die Flur ist&rsquo;s, die zertreten</p>
- <p class="verse2">Unter ihren Rossen sinkt,</p>
- <p class="verse">Nicht der Mond, der in den Städten</p>
- <p class="verse2">Aus den öden Fenstern blinkt,</p>
- <p class="verse">Nicht das Weib, das mit Gewimmer</p>
- <p class="verse2">Ihrem Todeskuß erliegt.<a class="fnote" href="#footnote-14" id="fnote-14">[14]</a></p>
- </div>
- </div>
-</div>
-
-<p class="noindent">
-Die drei folgenden Stücke (I, 2, 1-3) sind nicht blos
-ein persönlicher Gefühlserguß, sondern Aufrufe an das Volk,
-die Kampf und Rache erwecken sollen. Das erste kündet sich
-als &bdquo;Einleitung&ldquo; einer Zeitschrift an, und ist im Tone der
-glühendsten vom Hasse eingegebenen Beredsamkeit geschrieben;
-der Erzherzog Karl ist der volksthümliche Held, &bdquo;<em>der Bezwinger
-des Unbezwungenen</em>&ldquo;, oder, wie er in dem
-Siegesliede nach der Schlacht von Aspern genannt wird, &bdquo;der
-<em>Ueberwinder des Unüberwindlichen</em>.&ldquo; Germania soll
-der Name dieser Zeitschrift sein; &bdquo;<em>Hoch auf den Gipfel
-der Felsen</em> soll sie sich stellen, und den <em>Schlachtgesang
-herabdonnern ins Thal</em>&ldquo;, wie in dem Gedichte Germania
-ihren Kindern zuruft:
-</p>
-
-<div class="poem-container">
- <div class="poem">
- <div class="stanza">
- <p class="verse">Mit dem Spieße, mit dem Stab</p>
- <p class="verse">Strömt <em>ins Thal der Schlacht hinab</em>!</p>
- <p class="verse">&mdash; &mdash;</p>
- <p class="verse"><em>Das Gebirg hallt donnernd</em> wieder &mdash;</p>
- <p class="verse">&mdash; &mdash;</p>
- <p class="verse">Und vom <em>Fels herab</em> der Ritter,</p>
- <p class="verse">Der sein Cherub, <em>auf ihm steht</em>.</p>
- </div>
- </div>
-</div>
-
-<p class="noindent">
-Die Germania der Zeitschrift will singen: &bdquo;Vaterland, &mdash;
-welch <em>ein Verderben seine Wogen</em> auf dich <em>heranwälzt</em>.&ldquo;
-In dem letzten Lied
-</p>
-
-<div class="poem-container">
- <div class="poem">
- <div class="stanza">
- <p class="verse">Kommt <em>das Verderben</em> mit entbundenen <em>Wogen</em></p>
- <p class="verse">Auf Alles, was besteht, <em>herangezogen</em>.</p>
- </div>
- </div>
-</div>
-
-<p class="noindent">
-<a id="page-23" class="pagenum" title="23"></a>
-Jene will &bdquo;<em>die Jungfrauen des Landes herbeirufen</em>,
-wenn der Sieg erfochten ist, daß <em>sie sich</em> niederbeugen
-über die, so gesunken sind&ldquo;; und das Lied an den Erzherzog
-Karl nach der Schlacht bei Aspern singt:
-</p>
-
-<div class="poem-container">
- <div class="poem">
- <div class="stanza">
- <p class="verse">Siehe, die <em>Jungfraun rief ich herbei des Landes</em>,</p>
- <p class="verse">Daß sie zum Kranz den Lorbeer flöchten.<a class="fnote" href="#footnote-15" id="fnote-15">[15]</a></p>
- </div>
- </div>
-</div>
-
-<p class="noindent">
-Der Grundton der Einleitung ist in dem Gedicht Germania
-zum gewaltigen Schlachtgesang geworden, und kaum wird man
-sich der Ueberzeugung verschließen können, gerade für die Eröffnung
-dieser Zeitschrift sei es geschrieben worden. Der Schluß
-der Einleitung fehlt; dagegen scheint das folgende Stück, das
-ohne Ueberschrift mit dem aus einer andern Schrift entlehnten
-Aufrufe &bdquo;Zeitgenossen!&ldquo; beginnt, von Kleist selbst nicht abgeschlossen
-zu sein, wenigstens die Abschrift ist nicht vollständig,
-denn mit dem Ausrufe &bdquo;Was?&ldquo; bricht der Text mitten auf
-der Seite ab. Es sollen diejenigen, die sich auf den Trümmern
-des Vaterlandes in die bequeme Ruhe der Ungläubigkeit
-einwiegen, aufgeschreckt und ihnen die Augen über den Abgrund,
-an dem sie stehen, geöffnet werden. Das Ziel des
-Kampfes wird bezeichnet in dem Aufruf &bdquo;Was gilt es in diesem
-Kriege?&ldquo; Wenn es heißt: &bdquo;Deren (der deutschen Nation)
-Unschuld selbst in dem Augenblick noch, da der Fremdling sie
-belächelt oder wohl gar verspottet, sein Gefühl geheimnißvoll
-erweckt, dergestalt daß&ldquo; &mdash; so giebt dazu die Hermannsschlacht
-ein treffendes Beispiel, wo der Römer von dem Deutschen
-sagt:
-</p>
-
-<div class="poem-container">
- <div class="poem">
- <div class="stanza">
- <p class="verse">In einem Hämmling ist, der an der Tiber graset,</p>
- <p class="verse">Mehr Lug und Trug, muß ich Dir sagen,</p>
- <p class="verse">Als in dem ganzen Volk, dem er gehört.<a class="fnote" href="#footnote-16" id="fnote-16">[16]</a></p>
- </div>
- </div>
-</div>
-
-<p class="noindent">
-<a id="page-24" class="pagenum" title="24"></a>
-Erst im Zusammenhange mit den früheren Stücken erscheint
-dieser Aufruf, der weder abgeschlossen noch auch das
-bedeutendste Stück ist, im rechten Lichte; um so weniger ist
-zu begreifen, wie Bülow gerade dies zur Probe mittheilen
-konnte, um dadurch seine Verurtheilung der anderen gehaltreicheren
-Blätter zu rechtfertigen.
-</p>
-
-<p>
-Mit den bekannten politischen Gedichten Kleist&rsquo;s stehen
-diese Aufsätze in nächster Verbindung; sie sind der Ausdruck
-derselben Zeit und Stimmung, wie die Hermannsschlacht von
-1808, die Gedichte an den Kaiser Franz und den Erzherzog
-Karl aus dem Frühjahr 1809, und Germania an ihre Kinder.
-Der erste satirische Brief ist unter der Einwirkung des beginnenden
-Krieges von 1809 geschrieben, wie die Hindeutung auf
-die unglücklichen Kämpfe um und in Regensburg vom 19. bis
-23. April beweist; Napoleons siegverkündendes Bülletin, dessen
-erwähnt wird, ist vom 24. April datirt. Der vierte Brief
-schließt sich an einen Artikel des Nürnberger Korrespondenten
-aus denselben Tagen an. Die österreichischen Landwehren,
-welche die Fabel anredet, waren durch Erlaß vom 9. Juni
-1808 ins Leben gerufen; die Erhebung der Spanier, auf
-welche die Ueberschrift des Katechismus anspielt, hatte im Mai
-1808, der Tiroler, deren im Text gedacht wird, am 9. April
-1809 begonnen. Dagegen findet sich nichts, was auf den Sieg
-von Aspern am 21. und 22. April 1809 hinwiese. Also diese
-fünf Stücke werden Ende April oder <a id="corr-3"></a>Anfang Mai entstanden
-sein. Ganz anders lautet der Ton nach der Schlacht von
-Aspern in der Einleitung zur Germania; der erste Athemzug
-der deutschen Freiheit sollte diese Zeitschrift sein. Derselben
-Zeit gehören auch die beiden andern Nummern an. Da folgte
-<a id="page-25" class="pagenum" title="25"></a>
-die Schlacht von Wagram, und Sieg und Hoffnung, Muth
-und Zuversicht, Kraft und Begeisterung sind wiederum mit
-einem Schlage vernichtet.
-</p>
-
-<p>
-Den Versuch, den Kleist in Prag 1809 machen wollte,
-durch eine Zeitschrift auf die Volksstimmung zu wirken, hat er
-einmal vorher 1808 in Dresden, ein anderes Mal nachher
-1810 in Berlin wirklich gemacht. Dort sollte es eine künstlerisch
-wissenschaftliche, hier eine vaterländische sein. Jenes ist
-der Phöbus, &bdquo;ein Journal für die Kunst,&ldquo; zu dessen Herausgabe
-er sich mit Adam Müller und dem Maler Ferdinand
-Hartmann verbunden hatte, dieses die &bdquo;Berliner Abendblätter.&ldquo;
-Prächtig ausgestattet, auf weißem Papier in Quart, groß gedruckt,
-mit kupfergestochenen Umrissen erschien der Phöbus in
-monatlichen Heften, auf deren Umschlag der emporsteigende
-Sonnengott mit seinem Viergespann zu sehen war. Kleist erblickte
-wirklich eine neue Hoffnungssonne in diesem Unternehmen.
-Aus der Zeitschrift sollte eine Buch-, Karten- und Kunsthandlung
-erwachsen, in die er und seine Freunde nach dem Vorbilde
-der Fugger und Medici alles hineinwerfen sollten, was
-man auftreiben könne. Dichter und Buchhändler zugleich zu
-sein, darin lag die Hoffnung des großen Looses; außerdem war
-Novalis Nachlaß, Beiträge von Goethe und Wieland zugesagt.
-Ruhmredig pries Adam Müller seinem Freunde Gentz, daß
-es wohl noch keine ähnliche Verbindung der Poesie und Philosophie
-und der bildenden Kunst gegeben, und meinte jede Vergleichung
-mit den Horen, als &bdquo;einer Art von sonntäglicher
-Retraite oder Ressource&ldquo;, und selbst mit dem Athenäum abweisen
-zu können. Dennoch war es kein Treffer; die gehofften
-Mittel und Beiträge blieben aus, mit der Mißgunst
-<a id="page-26" class="pagenum" title="26"></a>
-der Buchhändler waren die noch mißgünstigeren Zeitumstände
-im Bunde, und schon im August 1808 ward es Kleist deutlich,
-das Journal werde sich auf die Dauer nicht halten. Am Ende
-war man zufrieden, es der Waltherschen Buchhandlung in
-Dresden überlassen zu können, und mit dem zwölften Monatshefte
-des Jahres 1808 hörte es auf. Für uns liegt der überwiegende
-Werth desselben darin, daß Kleist es zur ersten Niederlage
-seiner bedeutendsten Dichtungen gemacht hat.<a class="fnote" href="#footnote-17" id="fnote-17">[17]</a>
-</p>
-
-<p>
-In dem unscheinbarsten Gewande, der Zeit angemessen,
-wo man alle Veranlassung hatte, geräuschlos zu wirken, traten
-die Berliner Abendblätter seit dem 1. October 1810 auf. Klein
-Octav, graues Löschpapier, stumpfe Lettern, die von mittlerer
-Größe, unter Anwendung aller Hülfen der Raumersparniß, bis
-zu den kleinsten Augentödtern hinabstiegen, durch zahllose Druckfehler
-entstellt, bieten sie einen ungemein kümmerlichen Anblick
-dar; äußerlich stehen sie auf einer Stufe mit dem bekannten
-Berliner Localblatte, der Beobachter an der Spree. Kein Programm
-war vorangeschickt, das über den Zweck des Blatts
-Andeutungen gegeben hätte, selbst in der ersten Nummer nannten
-sich weder Redacteur noch Buchdrucker, und erst unter dem
-22. October trat Kleist in einer von ihm unterzeichneten Erklärung
-aus dem Dunkel hervor, während die buchhändlerische
-Spedition von J. E. Hitzig übernommen wurde. Diese dürftigen
-Blätter haben einige bekannte Dichtungen Kleist&rsquo;s in die
-Welt zuerst eingeführt; sie enthalten aber noch weit mehr,
-theils unter seinem Namen, theils unter verschiedenen Zeichen,
-was nachher im Sturm eines halben Jahrhunderts verweht
-und vergessen worden ist. Damals wenig beachtet, sind sie
-jetzt ein wichtiges Hülfsmittel zur Litteratur und Würdigung
-<a id="page-27" class="pagenum" title="27"></a>
-des Dichters. Doch gehört ein vollständiges Exemplar zu den
-größten Seltenheiten des Büchermarkts. Tieck muß sie bei der
-Herausgabe des Nachlasses noch gehabt haben; in der Vorrede
-sagt er, daß sie &bdquo;ungleich und oft flüchtig von verschiedenen
-Verfassern geschrieben, doch manches Erfreuliche von ihm (Kleist)
-enthalten,&ldquo; doch geht er auf eine Ausscheidung desselben nicht
-ein.<a class="fnote" href="#footnote-18" id="fnote-18">[18]</a> Bülow erhielt beim Abschlusse seines Buchs, wie er
-in der Vorrede sagt, noch ein Exemplar; doch ist es entweder
-nicht vollständig gewesen oder von ihm nicht vollständig benutzt
-worden, denn in dem Anhange giebt er nur zwei Stücke
-&bdquo;über das Marionettentheater&ldquo; und &bdquo;eine Anekdote aus dem
-letzten preußischen Kriege&ldquo;; das Uebrige bezeichnet er &bdquo;als unbedeutende
-gelegentliche Aufsätze und Bemerkungen.&ldquo;<a class="fnote" href="#footnote-19" id="fnote-19">[19]</a> Auch
-der neueste Herausgeber Julian Schmidt hat der Abendblätter
-nicht habhaft werden können. Ich würde mich in gleicher Lage
-befinden, wenn mich nicht Herr Freiherr W. v. Maltzahn
-durch die freundschaftliche Mittheilung derselben aus seinem
-reichen Bücherschatze in den Stand gesetzt hätte, diese verschüttete
-Quelle durch eigene Untersuchung wieder zu öffnen.
-Vor mir liegen 75 Blätter vom 1. October bis 28. December
-1810, ein volles Quartal. Aber wie sich aus dem Briefe
-Kleist&rsquo;s an F. v. Raumer vom 21. Februar 1811 in dessen kürzlich
-erschienenen Lebenserinnerungen und Briefwechsel ergiebt,
-sind die Abendblätter erst gegen Ende dieses Monats eingegangen;
-die letzten Nummern scheinen ganz verschollen zu sein.
-Mitarbeiter waren Adam Müller, A. v. Arnim, Brentano,
-Friedrich Schulz, Fouqué und einige andere. Doch litt das
-Unternehmen an innerer Planlosigkeit, es brachte bunt zusammengewürfelte
-Artikel über Fragen der innern Politik und
-<a id="page-28" class="pagenum" title="28"></a>
-das Theater, dichterische Beiträge und Polizeiberichte, und scheiterte
-zuletzt an dem Zerwürfniß mit den obersten Staatsbehörden,
-auf deren Unterstützung Kleist nicht ohne Selbsttäuschung
-gerechnet hatte, wie seine leidenschaftliche Anklage
-F. v. Raumers beweist.
-</p>
-
-<p>
-Er selbst hat zahlreiche und sehr verschiedenartige Beiträge
-geliefert. Aus der Ermittelung und Zusammenstellung
-derselben wird sich eine nicht ganz geringe und kaum noch gehoffte
-Nachernte ergeben, die ich mit den vorher besprochenen
-handschriftlichen Bruchstücken zu einem Ganzen verbinde.
-</p>
-
-<p>
-Einiges steht durch die Unterzeichnung, anderes durch den
-Inhalt fest. Durch sein offenkundiges H. v. K. bekennt er sich
-am 5. October zu der &bdquo;Ode auf den Wiedereinzug des Königs
-im Winter 1809&ldquo;; am 17. October zu dem Artikel &bdquo;Theater.
-Unmaßgebliche Bemerkung&ldquo;; am 12. December zu dem Aufsatze
-&bdquo;über das Marionettentheater.&ldquo; Anerkannt hat er durch
-Aufnahme in den zweiten Band der Erzählungen 1811 &bdquo;das
-Bettelweib von Locarno&ldquo; vom 11. October, und &bdquo;die heilige
-Cäcilie oder die Gewalt der Musik, eine Legende&ldquo; hier mit
-dem Zusatze &bdquo;Zum Taufangebinde für Cäcilie M....&ldquo; vom
-15. November, die erste mit <span class="antiqua">mz</span>, die andere <span class="antiqua">yz</span> unterzeichnet.
-Er wandte also verschiedene Schriftstellerzeichen an, je nachdem
-er erkannt, errathen oder verborgen bleiben wollte. Die Wahl
-solcher Chiffern ist freilich durchaus willkürlich, und der Versuch
-ohne anderweitige Bürgschaft aus ihnen einen Schluß auf
-den Verfasser zu ziehen, wäre sehr mißlich. Doch sollte der
-Schriftsteller in diesen Dingen auch kein entschiedenes System
-gehabt haben, dennoch wird man irgend eine Art von Folgerichtigkeit
-annehmen dürfen; wahrscheinlich werden die einmal
-<a id="page-29" class="pagenum" title="29"></a>
-gebrauchten Zeichen, sei es in etwas abweichender oder derselben
-Verbindung wiederkehren. Auch Kleist wird die Buchstaben
-<span class="antiqua">m</span>, <span class="antiqua">x</span>, <span class="antiqua">y</span>, <span class="antiqua">z</span> wiederholt angewendet haben, und wenn ihnen
-Auffassung und Darstellung zustimmen, wird man mit annähernder
-Gewißheit aussprechen können, ob ein Stück von
-ihm sei oder nicht.
-</p>
-
-<p>
-Zunächst nach diesen äußeren Zeichen stelle ich die Aufsätze
-zusammen: <span class="antiqua">xy</span> ist unterzeichnet der Artikel &bdquo;Theater&ldquo; vom
-4. October (I, 4, 4 dieser Nachlese). <span class="antiqua">x</span>: die &bdquo;Einleitung, Gebet
-des Zoroaster&ldquo; vom 1. October (I, 2, 4); &bdquo;Anekdote aus dem
-letzten Kriege&ldquo; vom 20. October (I, 3, 6); &bdquo;von der Ueberlegung,
-eine Paradoxe&ldquo; vom 7. Decbr. (I, 2, 5). <span class="antiqua">y</span>: &bdquo;Brief
-eines Mahlers an seinen Sohn&ldquo; vom 22. October (I, 4, 2);
-&bdquo;Schreiben aus Berlin vom 28. October&ldquo; unter dem 30. Oct.
-(I, 4, 6); &bdquo;Brief eines jungen Dichters an einen jungen Mahler&ldquo;
-6. November (I, 4, 3). <span class="antiqua">z</span>: &bdquo;Betrachtungen über den Weltlauf&ldquo;
-9. October (I, 2, 6). <span class="antiqua">xyz</span>: &bdquo;Der Branntweinsäufer und die
-Berliner Glocken, eine Anekdote&ldquo; 19. October (I, 3, 7). Das
-Zeichen <span class="antiqua">mz</span> erscheint in Verbindung mit <span class="antiqua">r</span>. <span class="antiqua">rmz</span> ist gezeichnet
-&bdquo;Nützliche Erfindungen, Entwurf einer Bombenpost&ldquo; 12. Octbr.
-(I, 5, 2); <span class="antiqua">rm</span> &bdquo;Aëronautik&ldquo; 29., 30. October (I, 5, 4). <span class="antiqua">rz</span>:
-&bdquo;Der verlegene Magistrat, eine Anekdote&ldquo; 4. October (I, 3, 9).
-<span class="antiqua">r</span>: &bdquo;Muthwille des Himmels, eine Anekdote&ldquo; 10. October
-(I, 3, 5). Ein anderes Mal gesellt sich zu <span class="antiqua">x</span> noch <span class="antiqua">p</span>. <span class="antiqua">xp</span> erscheint
-unter drei Epigrammen, 24., 31. October (II, 3, 3).
-</p>
-
-<p>
-Hier verlassen uns diese Spuren; doch nehme ich für Kleist
-noch eine Anzahl Stücke, die entweder völlig abweichende oder
-gar keine Zeichen haben, aus inneren Gründen in Anspruch.
-Zwei gereimte Epigramme, 12., 30. Octbr. (II, 3, 3) unter <span class="antiqua">st</span>.
-<a id="page-30" class="pagenum" title="30"></a>
-Zu dem Aufsatz &bdquo;Empfindungen vor Friedrich&rsquo;s Seelandschaft&ldquo;
-(I, 4, 1) <span class="antiqua">cb</span> unterzeichnet, hat er sich in der folgenden Erklärung
-vom 22. October selbst bekannt: &bdquo;Der Aufsatz der Hrn.
-L. A. v. A. und C. B. über Hrn. Friedrich&rsquo;s Seelandschaft (S.
-12te Blatt) war ursprünglich dramatisch abgefaßt; der Raum
-dieser Blätter erforderte aber eine Abkürzung, zu welcher Freiheit
-ich von Hrn. A. v. A. freundschaftlich berechtigt war. Gleichwohl
-hat dieser Aufsatz dadurch, daß er nunmehr ein bestimmtes
-Urtheil ausspricht, seinen Charakter dergestalt verändert, daß
-ich zur Steuer der Wahrheit, falls sich dessen jemand noch
-erinnern sollte, erklären muß: nur der Buchstabe desselben gehört
-den genannten beiden Hrn.; der Geist aber und die
-Verantwortlichkeit dafür, so wie er jetzt abgefaßt ist, mir.
-H. v. K.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-In dieser Erklärung liegt ein Widerspruch. Hatte er
-Arnim&rsquo;s und Brentano&rsquo;s Dialog (denn das allein kann mit
-der &bdquo;dramatischen&ldquo; Form gemeint sein) in diese Betrachtung
-umgesetzt, so gehörte ihm sicherlich auch der Buchstabe an; sein
-Stil ist es unverkennbar. Durch das Zeichen <span class="antiqua">cb</span> wollte er,
-wie es scheint, Clemens Brentano&rsquo;s Autorschaft wahren.
-</p>
-
-<p>
-Kleist gehören ferner an: <span class="antiqua">vaa</span> bezeichnet die Erzählung
-&bdquo;Warnung gegen weibliche Jägerei&ldquo; 5., 6. November (I, 3, 1);
-<span class="antiqua">ava</span>, eine Umstellung des vorigen, &bdquo;die sieben kleinen Kinder&ldquo;
-8. Nov. (I, 4, 7); M. F. die beiden Erzählungen &bdquo;die Heilung&ldquo;
-vom 29. November und &bdquo;das Grab der Väter&ldquo; 5. December
-(I, 3, 2. 3); und &bdquo;Allerneuester Erziehungsplan&ldquo; unterzeichnet
-Levanus 29. October (I, 5, 1). Ohne jedes Zeichen sind folgende
-Stücke: &bdquo;Der Griffel Gottes&ldquo;, eine Anekdote 5. October
-(I, 3, 4); &bdquo;Anekdote aus dem letzten preußischen Kriege&ldquo;
-<a id="page-31" class="pagenum" title="31"></a>
-6. October in Bülow&rsquo;s Nachtrag; &bdquo;Charité-Vorfall&ldquo; 13. October
-(I, 3, 10); &bdquo;Schreiben aus Berlin&ldquo; 15. October (I, 5, 3);
-&bdquo;Anekdote&ldquo; 24. October (I, 3, 11); &bdquo;Räthsel&ldquo; eine Anekdote,
-1. Novbr. (I, 3, 12); &bdquo;Tages-Ereigniß&ldquo; 7. Novbr. (I, 3, 8);
-&bdquo;von einem Kinde, das kindlicher Weise ein anderes Kind umbringt&ldquo;
-13. November (I, 4, 8); &bdquo;Legende nach Hans Sachs.
-Gleich und Ungleich&ldquo; 3. November; und &bdquo;Legende nach Hans
-Sachs. Der Welt Lauf.&ldquo; 8. December (II, 1, 2); endlich zwei
-Anekdoten, 22. November und 27. November (I, 3, 13. 14).
-</p>
-
-<p>
-Diese Aufsätze, nach Werth und Inhalt sehr ungleich,
-gehen von der höchsten Betrachtung bis zur niedrigen Tagesanekdote
-hinab. Mit manchem Beitrag ist es ihm durchaus
-Ernst, andere sind nichts als Raumfüller und Lückenbüßer.
-Um den Beweis anzutreten, sie alle seien von einem Verfasser,
-und zwar von Kleist, war es nöthig, das Gleichartige in eine
-Klasse zu bringen; schon daraus mußte sich manches ergeben,
-was für die innere Zusammengehörigkeit spricht. Ich habe sie
-nach der prosaischen und dichterischen Form in zwei Abtheilungen
-geschieden, deren erste enthält: 1. Politische Satiren, 2. Politische
-Aufrufe und Betrachtungen, 3. Erzählungen und Anekdoten,
-4. Kunst und Theater, 5. Gemeinnütziges; worauf die
-wenigen versificirten Stücke unter dem zweiten Haupttitel folgen.
-</p>
-
-<p>
-Zu dem Politisch Historischen gehören drei Beiträge: die
-&bdquo;Einleitung, Gebet des Zoroaster&ldquo;, &bdquo;von der Ueberlegung,
-eine Paradoxe&ldquo; und &bdquo;Betrachtungen über den Weltlauf&ldquo;
-(I, 2, 4-6). Daß der Führer des Blattes die Einleitung
-geschrieben habe, läßt sich ohne Weiteres annehmen; sie
-athmet ganz seinen Geist in dem Ingrimm über das Elend
-des Zeitalters, die Erbärmlichkeit, Halbheit, Unwahrhaftigkeit
-<a id="page-32" class="pagenum" title="32"></a>
-und Gleißnerei, zu deren Bekämpfung er um Kraft betet.
-Denselben praktischen Zweck hat die Paradoxe; sie gilt den
-Deutschen, und findet im Gegensatze zu den Franzosen den
-Quell ihres Elends in dem unverhältnißmäßigen Uebergewicht der
-gepriesenen Ueberlegung, die den lähmenden Zwiespalt zwischen
-Denken und Handeln hervorruft. Wie im Katechismus richtet
-ein Vater diese Rede an seinen Sohn. &bdquo;Die Ueberlegung,&ldquo;
-sagt er &bdquo;scheint nur die <em>zum Handeln</em> nöthige <em>Kraft, die
-aus dem herrlichen Gefühle quillt</em>, zu verwirren, zu
-hemmen und zu unterdrücken.&ldquo; Aehnlich im Katechismus 9:
-&bdquo;Sie (die Deutschen) reflectirten, wo sie empfinden, oder handeln
-sollten, meinten alles durch ihren Witz bewerkstelligen zu
-können, und gäben nichts mehr auf <em>die</em> alte <em>geheimnißvolle
-Kraft der Herzen</em>.&ldquo; Dort wie hier spielt das Gleichniß
-vom Ringer durch. In der Paradoxe heißt es: &bdquo;Der
-<em>Athlet</em> kann <em>in dem Augenblick</em>, da er seinen Gegner umfaßt
-hält, schlechterdings nach keiner andern Rücksicht &mdash; verfahren
-&mdash; aber nachher, wenn er gesiegt hat oder <em>am Boden</em>
-liegt, mag es zweckmäßig sein &mdash; zu überlegen, durch welchen
-Druck er seinen Gegner <em>niederwarf</em>.&ldquo; Und im Katechismus 7:
-&bdquo;Das wäre ebenso feig, als ob ich die Geschicklichkeit, die einem
-Menschen im <em>Ringen</em> beiwohnt, <em>in dem Augenblick</em> bewundern
-wollte, da er mich <em>in den Koth wirft</em> und mein
-Antlitz mit Füßen tritt.&ldquo; Derselbe Gedanke endlich, Kraft und
-That seien früher als Erkenntniß und Betrachtung, das politische
-Handeln älter als dessen Darstellung durch die Kunst, die Reflexion
-das Zeichen des Verfalls und der Ohnmacht, erhebt sich
-in den &bdquo;Betrachtungen über den Weltlauf&ldquo; zur geschichtsphilosophischen
-Höhe. Stilistisch sprechen die langen Perioden,
-<a id="page-33" class="pagenum" title="33"></a>
-in dem letzten Stück der indirecte Satz mit seinem fünfmaligen
-&mdash; &bdquo;daß&ldquo; &mdash; für Kleist.
-</p>
-
-<p>
-Unter I, 3, 1-3 folgen drei etwas ausgeführtere Erzählungen
-&bdquo;Warnung gegen weibliche Jägerei&ldquo; <span class="antiqua">vaa</span>, &bdquo;die Heilung&ldquo;
-und &bdquo;das Grab der Väter&ldquo;, beide M. F. gezeichnet.
-Das könnte etwa auf Fouqué zu deuten scheinen, doch hat
-dieser nur wenige unbedeutende Zeilen unter d. l. M. F.
-beigesteuert; auch hat der Stil durchaus nichts von seiner
-Manier. Diese drei Erzählungen gehören zusammen, sie sind
-von einem Verfasser; in allen dieselbe Anschaulichkeit, dieselbe
-Lebendigkeit der Darstellung, verschlungene Perioden und indirect
-wiederholte Reden und Betrachtungen. Mit ungemeiner
-Kraft, höchst ergreifend ist in der &bdquo;Heilung&ldquo; die Spitze der
-ganzen Begebenheit in eine einzige Periode zusammengedrängt:
-&bdquo;Wie mußte nun dem Leichtsinnigen zu Muthe werden&ldquo;, u. s. w.
-die in wenigen Strichen ein Grauen erregendes Bild vorführt.
-Auch &bdquo;dergestalt daß&ldquo; fehlt hier nicht. In gleicher
-Weise wird in dem &bdquo;Grab der Väter&ldquo; die Summe des
-Ganzen in einem Bilde, in einer Periode ausgesprochen.
-&bdquo;Da standen sie aber plötzlich&ldquo; u. s. w. Die erste Erzählung
-ist mehr humoristischer Natur. Alle drei stehen auf der
-Grenze der Erzählung und Anekdote und schließen sich insofern
-dem &bdquo;Bettelweib von Locarno&ldquo; an, einer Anekdote spukhaften
-Inhalts, welche die Reihe dieser kleinen Skizzen, die
-den Rahmen des Blattes füllen, eröffnet.
-</p>
-
-<p>
-Es folgt eine Gallerie von elf Anekdoten verschiedenen
-Inhalts, zum Theil als solche bezeichnet; einige sehr charakteristisch
-und unmittelbar dem Leben entlehnt, der Form nach
-Papierschnitzel, die nebenher vom Schreibtisch abgefallen waren.
-<a id="page-34" class="pagenum" title="34"></a>
-Manche mochten Züge sein, die zu künftiger Verwendung
-in irgend einem größeren Bilde vorläufig hingeworfen waren.
-&bdquo;Der Griffel Gottes&ldquo; (I, 3, 4), ohne Unterzeichnung, trägt
-das Gepräge einer solchen Notiz zu einer später auszuführenden
-Erzählung. Ins Lächerliche wird das Grausige verkehrt
-in der Anekdote &bdquo;Muthwille des Himmels&ldquo; <span class="antiqua">r.</span>, in der
-man Kleist&rsquo;s Feder wieder erkennen wird. Auch spricht der
-Schauplatz dafür, seine Vaterstadt Frankfurt an der Oder,
-wo er dies Geschichtchen gehört haben mochte. Es ist wie
-die folgenden 6 bis 9 eine der beliebten Militairanekdoten.
-Kleist war diesen Kreisen, seiner abweichenden Denk- und
-Lebensweise ungeachtet, nicht entfremdet; noch 1810 war von
-seinem Rücktritt in den Dienst in allem Ernst die Rede.<a class="fnote" href="#footnote-20" id="fnote-20">[20]</a>
-Bei der lebhaften Theilnahme, die man nach altpreußischer
-Ueberlieferung an militairischen Dingen nahm, und der Beschränkung,
-der die Tagesblätter damals doppelt unterlagen,
-war es nicht zu verwundern, wenn kleine Soldatengeschichten,
-Witze und Disciplinarfälle einen willkommenen Stoff darboten.
-War doch der Soldat neben dem Schauspieler der
-einzige öffentliche Charakter! Eine eigenthümliche Art dieser
-Anekdoten bilden die Züge der Tapferkeit Einzelner, die man
-aus den Nachrichten des letzten Krieges zu sammeln begann.
-Zum Troste über die Vergangenheit, daß der alte Geist wieder
-erwachen werde, suchte man sie auf. In dem Sinne
-nahm Kleist diese kleinen Geschichten; den unter der Asche
-glimmenden Funken dachte er wohl mit solchen Erinnerungen,
-soweit er vermochte, zu unterhalten. Von den beiden Anekdoten
-aus dem letzten preußischen Kriege ist die erste, die
-Bülow bereits mitgetheilt hat, gar nicht, die zweite <span class="antiqua">x</span> unterzeichnet.
-<a id="page-35" class="pagenum" title="35"></a>
-Mit dieser dramatischen Lebendigkeit konnte nur
-Kleist den preußischen Husaren vorführen, der in der Nähe
-des siegreichen Feindes seinen Danziger mit größter Seelenruhe
-trinkt, sich schnäuzt, die Pfeife anzündet, über die Feinde
-herfällt, daß sie die &bdquo;Schwerenoth kriegen&ldquo; sollen, und auf
-drei französische Chasseurs &bdquo;dergestalt&ldquo; einhaut, &bdquo;daß&ldquo; sie
-aus dem Sattel stürzen. Die Umständlichkeit des dramatisch
-gehaltenen Gesprächs, das regelmäßig wiederkehrende
-&bdquo;spricht er&ldquo; für &bdquo;sagte er&ldquo; erinnert lebhaft an den Dialog
-zwischen Eva und dem Dorfrichter in der zweiten Bearbeitung
-des zerbrochenen Krugs. Wenn er sagt, auf der Reise
-nach Frankfurt habe er diese Geschichte in einem Dorfe bei
-Jena gehört, so konnte das damals geschehen sein, als er im
-Frühjahr 1807 nach Joux als Gefangener geführt wurde.
-Verwandt (und wieder nicht ohne &bdquo;dergestalt daß&ldquo;) aber cynisch
-und hoch humoristisch ist die Anekdote 6. Gleichgültiger
-sind die drei folgenden Geschichten, militairische Disciplinarfälle;
-7 <span class="antiqua">xyz</span>, 8 ohne Zeichen, 9 <span class="antiqua">rz</span>. Komischen Inhalts sind
-die fünf letzten Anekdoten; 10, eine Tagesneuigkeit, zugleich
-eine Satire auf die Aerzte; 11 bis 14 sämmtlich ohne Zeichen,
-doch durch &bdquo;gleichwohl&ldquo; und &bdquo;dergestalt daß&ldquo; hinreichend
-kenntlich gemacht.
-</p>
-
-<p>
-Der vierten Abtheilung &bdquo;Kunst und Theater&ldquo; gehören
-acht Nummern an. Die beiden Briefe &bdquo;eines Mahlers an
-seinen Sohn&ldquo;, und &bdquo;eines jungen Dichters an einen jungen
-Mahler&ldquo;, mit <span class="antiqua">y</span> bezeichnet, gehören zu einander. Der erste,
-der ironisirend in dem einfachen Stil des kunstliebenden Klosterbruders
-beginnt, um cynisch zu enden, ist ein Ausfall gegen
-die junge Malerschule, der Gemüth und Andacht, Beruf und
-<a id="page-36" class="pagenum" title="36"></a>
-Studium ersetzen soll. Im zweiten fordert der Dichter den
-Maler auf, von dem verhimmelnden Nachbilden alter Meister
-abzustehen, weil der Künstler sein eigenes Innerste zur Anschauung
-bringen solle, da das wesentlichste Stück der Kunst
-&bdquo;die Erfindung nach eigenthümlichen Gesetzen&ldquo; sei. Die Dichtung
-soll mit der Malerei auseinandergesetzt werden. Schon
-im Phöbus hatte Kleist in einer Anmerkung zu dem Gedichte
-nach Hartmanns Gemälde &bdquo;der Engel am Grabe des
-Herrn&ldquo; etwas Aehnliches angekündet; er wollte in dieser fortgesetzten
-Verbindung zweier so verschiedener Kunstleistungen
-eine Sammlung von Beispielen geben, an denen vielleicht die
-alte wichtige Frage von den Grenzen der Malerei und Poesie
-erörtert werden könne.<a class="fnote" href="#footnote-21" id="fnote-21">[21]</a> Die folgenden Nummern dieses Abschnitts
-sind, mit Ausnahme der letzten Abhandlung &bdquo;über
-das Marionettentheater&ldquo;, gelegentliche Bemerkungen, die durch
-das Berliner Theater veranlaßt wurden. Die erste &bdquo;Theater&ldquo; <span class="antiqua">xy</span>
-(I, 4, 4) ist eine feine Kritik Iffland&rsquo;s, der sehr vorsichtig
-als Manierist bezeichnet wird. Die Hinweisung auf Kant&rsquo;s
-Kritik der Urtheilskraft an dieser Stelle läßt den Kantianer
-Kleist sogleich errathen. In der &bdquo;unmaßgeblichen Bemerkung&ldquo;
-(I, 4, 5) tritt er in seinem H. v. K. mit einem Angriffe auf
-die Theaterleitung offen hervor. Die Direction soll wahre
-Kritik üben; ist sie geneigt, der Menge zu schmeicheln, muß
-sie unter die Aufsicht des Staats gestellt werden. Nicht ohne
-Gereiztheit spricht er gegen Iffland, dem er in Folge der
-Zurückweisung des Käthchen von Heilbronn schon am 12. August
-1810 einen sarkastisch bittern Brief geschrieben hatte. Das
-&bdquo;Schreiben aus Berlin 28. Oktober&ldquo; <span class="antiqua">y</span> (&bdquo;dergestalt, gleichwohl&ldquo;)
-bei Gelegenheit der Oper Aschenbrödel; &bdquo;die sieben
-<a id="page-37" class="pagenum" title="37"></a>
-kleinen Kinder&ldquo; <span class="antiqua">ava</span>, worin vom Theater größere Berücksichtigung
-des Volksthümlichen, besonders norddeutscher Dialecte
-gefordert wird; der Artikel ohne Zeichen &bdquo;Von einem Kinde,
-das kindlicher Weise ein anderes Kind umbringt&ldquo;, der an eine
-Anekdote geknüpft eine anerkennende Erwähnung des Vierundzwanzigsten
-Februar von Z. Werner enthält; das Alles sind
-mehr oder weniger Anklagen der Direction des Berliner Theaters,
-in denen sich das feindliche Verhältniß Kleist&rsquo;s und
-Iffland&rsquo;s abspiegelt.
-</p>
-
-<p>
-Endlich gemeinnützigen Inhalts sind die vier Nummern
-der fünften Abtheilung: &bdquo;Allerneuester Erziehungsplan&ldquo;, &bdquo;Entwurf
-einer Bombenpost&ldquo; <span class="antiqua">rmz</span> (&bdquo;dergestalt daß&ldquo;), &bdquo;Schreiben
-aus Berlin 15. Oktober&ldquo; ohne Zeichen (&bdquo;gleichwohl&ldquo;), &bdquo;Aëronautik&ldquo;
-<span class="antiqua">rm</span> (&bdquo;dergestalt daß&ldquo;). Der erste Aufsatz trägt freilich
-nur die Maske der Gemeinnützigkeit, denn er ist eine Satire
-gegen die neuesten Erziehungsreformatoren; gegen Ende werden
-Pestalozzi und Zeller namentlich genannt. Schon in seinem
-Epigramme hatte Kleist den Pädagogen das bittere Wort
-gesagt:
-</p>
-
-<div class="poem-container">
- <div class="poem">
- <div class="stanza">
- <p class="verse">Setzet, ihr träft&rsquo;s mit eurer Kunst und erzögt uns die Jugend</p>
- <p class="verse">Nun zu Männern wie ihr: lieben Freunde, was wär&rsquo;s?</p>
- </div>
- </div>
-</div>
-
-<p class="noindent">
-Hier stellt er allen Plänen, die zum Heil der Menschheit gemacht
-werden, den originellen und humoristischen Gedanken
-entgegen, statt der Tugendschulen zur Abwechselung einmal
-Lasterschulen zu gründen und durch die Macht des Gegensatzes
-zu wirken. Daß Kleist der Verfasser sei, obgleich
-er in den einleitenden Worten und in den Anmerkungen
-als Kritiker dieser &bdquo;abentheuerlichen Unternehmung&ldquo; spöttisch
-und vorsichtig auftritt, beweist unzweifelhaft der periodisch
-<a id="page-38" class="pagenum" title="38"></a>
-ausgeführte Stil, namentlich in den erzählenden Episoden,
-wo er einmal sogar auf sein zeitweiliges Zusammenleben
-mit seiner Schwester anspielt. Die Unterschrift Levanus ist
-eine ironische Hinweisung auf Jean Paul&rsquo;s Levana, das
-Ganze kein geringer Beweis für seine satirische Ader. In
-den drei folgenden Aufsätzen werden Telegraphie und Post,
-die Frage, ob der Luftballon gelenkt werden könne, besprochen.
-Es sind Actenstücke zu Kleist&rsquo;s Leben, der als
-Techniker und erfindungslustiger Planmacher seine früheren
-Studien auf dem Gebiete der Naturwissenschaften praktisch
-zu verwenden sucht.
-</p>
-
-<p>
-Eine viel geringere Ausbeute bieten die Abendblätter für
-die zweite Hauptabtheilung; Beiträge in Versen sind die Ausnahme.
-Unter den drei Stücken, als deren Verfasser ich
-Kleist erkenne, sind die beiden Legenden nach Hans Sachs
-&bdquo;Gleich und Ungleich&ldquo; und &bdquo;der Welt Lauf&ldquo;, ohne Zeichen,
-Holzschnitte in der Art des alten Meisters, dem nur die
-Grundzüge angehören, und deren freie Behandlung nicht minder
-meisterhaft ist.<a class="fnote" href="#footnote-22" id="fnote-22">[22]</a> Diese Verse erinnern an das Gedicht
-der Engel am Grabe des Herrn; nur sind sie, dem Stoffe
-gemäß, in den humoristischen Ton umgebogen. Der Dialog
-mit dem regelmäßig eingeschalteten &bdquo;spricht er&ldquo;, die dramatisch
-lebendigen Gestalten des tölpelhaften Knechts und der flinken
-Magd lassen Kleist&rsquo;s Hand nicht verkennen. In den fünf
-Epigrammen <span class="antiqua">xp</span> und <span class="antiqua">st</span> wechseln, wie in seinen anerkannten,
-Frage und Antwort; die Distichen sind metrisch hier wie dort
-gleich unbeholfen.
-</p>
-
-<h3 class="chapter" id="chapter-3-3">
-<a id="page-39" class="pagenum" title="39"></a>
-<span class="line1">III.</span>
-</h3>
-
-<p class="noindent">
-Ueberblickt man diese Nachträge, so gehören sie, mit
-Ausnahme der dramatischen, allen Stilgattungen Kleist&rsquo;s an;
-es sind Erzählungen in Prosa und Versen, Dialoge, Briefe,
-Betrachtungen. Von einer neuen Seite als Kritiker, bedeutender
-als Satiriker zeigt er sich; die Grundlage seiner Satire
-ist der Patriotismus. Für Auffassung komischer Contraste
-war er kaum minder befähigt als für die Behandlung des
-tragischen Conflicts, nur ist seine Darstellung des Komischen
-schroff und gewaltsam wie seine Tragik, es fehlt ihr die Ruhe
-und Behaglichkeit, die er auf dem Gebiet der Erzählung so
-trefflich zu bewahren weiß, sie wird für die Charaktere vernichtend,
-wie im zerbrochenen Kruge, wo man zweifeln kann,
-ob der Hauptträger des Lustspiels noch komisch sei. Auch
-hier zeigt sich eine Leidenschaftlichkeit, die zum Ingrimm
-steigt, sobald persönliche Beweggründe hinzukommen. Wenn
-ihn die sittlichen Anforderungen, denen gegenüber die Welt
-so klein und elend erschien, auf die Satire hinleiteten, so
-drängte ihn seine Leidenschaft darüber hinaus zum Pasquill.
-Seine Epigramme sind meist rein persönlicher Natur,
-zu Schutz und Angriff für seine Dichtungen gegen die Kritiker
-gerichtet; sie sind bitter und heftig. Nach der ungünstigen
-Aufnahme der Penthesilea und des zerbrochenen Kruges
-schonte er weder Weimar noch Goethe. Ein Pasquill sondergleichen
-war sein Brief an Iffland, ein &bdquo;ungeheurer Witz&ldquo;
-von der Art, wie er ihn in der Anekdote aus dem letzten
-Kriege erzählt hat. Um wie viel tödtlicher mußten seine
-Pfeile sein, wenn der Zorn für das Vaterland sie entsandte,
-<a id="page-40" class="pagenum" title="40"></a>
-wenn er die ganze Wucht des Hasses auf den Feind seines
-Volkes schleuderte.
-</p>
-
-<p>
-Wenn man sagen darf, der Mensch trage sein Schicksal
-in der eigenen Brust, in seinen Anlagen sei es ihm beschieden,
-so gilt das von ihm. Sehr verschiedene Elemente lagen
-in seiner Seele neben einander, er bestand gewissermaßen aus
-mehreren Menschen; bald trat dieser bald jener hervor, oder
-sie führten unter einander einen dämonischen Krieg, dem er
-mit einer eisigen Selbstentäußerung zusehen konnte, als sei
-es ein Spiel fremdartiger Gewalten. Und doch war die Gesammtheit
-dieser ringenden Kräfte nichts anderes als er selbst.
-In doppeltem und dreifachem Gegensatze fühlte er sich gegen
-Welt und Menschen, die er abwechselnd mied, verachtete, haßte
-und bekämpfte. Eine rastlose Unruhe trieb ihn zum Wirken
-in welcher Gestalt auch immer; aber ebenso zog es ihn in
-die abgeschiedenen Räume rein geistiger Arbeit, die ihre Welt
-aus sich auferbaut. Da lagen wieder zwei Wege vor ihm,
-beide gleich einladend; für den einen drängte sich ihm der
-Verstand als Führer auf, während Herz, Gefühl und Phantasie
-ihn auf den andern locken wollten. Er hatte eine entschiedene
-Lust am Abstracten, die Dinge sich durch den Schematismus
-des Verstandes zu unterwerfen, schien ihm der einzig
-würdige Beruf, und während seine scharfe überall ins einzelne
-dringende Beobachtung ihm die Welt als eine Masse
-zusammenhangsloser und doch unfreier Atome zeigte, setzte
-er ihr den Stolz des unabhängigen Denkers entgegen, der,
-auf die Allmacht des Gedankens trotzend, sich seine Stelle
-erobern will. Er ist überzeugt, es sei möglich, das Schicksal
-zu leiten, aus sich heraus will er seinen Lebensplan bilden;
-<a id="page-41" class="pagenum" title="41"></a>
-das Kennzeichen eines freien Menschen, der nach sichern Principien
-handelt, ist Consequenz, Zusammenhang und Einheit
-des Betragens. Wer keinen Lebensplan hat, schwankt zwischen
-unsichern Wünschen und ist eine Puppe am Drahte des Schicksals.
-Dieser Zustand scheint ihm verächtlich, bei weitem wünschenswerther
-wäre ihm der Tod. Er wählt die Wissenschaft
-als Führerin, und welche eher als die Philosophie, die dem
-bildungsgierigen Jünger Sicherheit des Erkennens und Handelns
-zugleich verheißt? Aber <em>die</em> Wissenschaft erscheint doch
-nicht als Philosophie allein, sie spaltet sich in viele Wissenschaften,
-und seines ersten Entschlusses ungeachtet verfällt er
-bald dem Zweifel. Am Ende ziehen alle ihn in gleicher Weise
-an. Soll er nur einer folgen? Aber er kann sich nicht vergraben
-wie der Maulwurf im Loch, wie die Raupe einspinnen
-im Blatt. Soll er ruhelos von einer zur andern gehen?
-Aber ebenso wenig vermag er stets auf der Oberfläche zu
-schwimmen. Er leidet Tantalusqualen, weil er in seinem
-Heißhunger nicht alles zugleich verschlingen kann, und voll
-Widerwillen stößt er die ganze Mahlzeit von sich.
-</p>
-
-<p>
-Er sucht die Wahrheit, weil sie Wahrheit ist. Aber ist
-sie auf diesem Wege zu finden? Was hat ihm die abstracte
-Wissenschaft nicht verheißen, und was hat sie gehalten?
-Er wird ein Opfer der Zweifel, die sie erweckt, es scheint
-ihm unmöglich irgend etwas zu wissen, irgend ein Eigenthum
-zu erwerben, das uns über das Grab folgt, alles
-Mühen und Ringen ist vergeblich; ihn ekelt vor Büchern
-und allem was Wissenschaft heißt, möge man aufgeklärt oder
-unwissend sein, man hat dabei ebensoviel verloren als gewonnen.
-Er beklagt die traurige Klarheit, die ihm geworden,
-<a id="page-42" class="pagenum" title="42"></a>
-die ihm alles, was ihn umgiebt, und ihn selbst in seiner
-armseligen Blöße zeigt. Der Verstand, die nagende Skeptik
-haben sich selbst vernichtet: &bdquo;Jede erste Bewegung, alles Unwillkürliche&ldquo;,
-ruft er aus, &bdquo;ist schön, und schief und verschroben
-alles, sobald es sich selbst begreift. O, der Verstand, der unglückliche
-Verstand! Studiere nicht zu viel, folge dem Gefühl!&ldquo;
-Hatte er doch schon früher bei seinen logischen Studien
-geseufzt: &bdquo;nur im Herzen, nur im Gefühle, nicht im Kopfe,
-nicht im Verstande wohnt das Glück, es kann nicht wie ein
-mathematischer Lehrsatz bewiesen werden.&ldquo;<a class="fnote" href="#footnote-23" id="fnote-23">[23]</a>
-</p>
-
-<p>
-Aber noch ein Mittel giebt es, welches den Mann groß
-macht und über alle Zweifel hinweghebt, es ist Handeln, das
-besser ist als Wissen; denn &bdquo;es liegt eine Schuld auf dem
-Menschen, die wie eine Ehrenschuld jeden, der Ehrgefühl hat,
-unaufhörlich mahnt.&ldquo; Auch ihn treibt der Ehrgeiz, dieses gefährliche
-Ding, dessen Folgen für ein empfindliches Gemüth
-nicht zu berechnen sind. Er durstet nach Thaten und Erfolgen
-auf irgend einem Felde. Aber wie soll man handeln, wenn
-man nicht weiß, was recht ist? Wird sich für ihn eine Stelle
-finden, wo Pflicht und Neigung, That und Einsicht zusammengehen?
-Umsonst sieht er sich danach um; umsonst klagt
-er sich des allgemeinen Fehlers der Deutschen an, &bdquo;deren
-Verstand durch einige scharfsinnige Lehrer einen Ueberwitz
-bekommen habe, der sie die alte geheimnißvolle Kraft der
-Herzen verachten läßt.&ldquo; Umsonst sagt er sich und seinen
-Lebensplänen zum Trotz: &bdquo;die Ueberlegung findet ihren Zeitpunkt
-weit schicklicher nach als vor der That&ldquo;; die Menschen
-machen einen falschen Gebrauch von ihr; während sie das
-Gefühl für künftige Fälle reguliren soll, hemmt sie jetzt nur
-<a id="page-43" class="pagenum" title="43"></a>
-die That, die sich aus der augenblicklichen Eingebung, nicht
-aus der Berechnung ergiebt. Er hat Recht, denn die That
-ist unmittelbar eins, wie Blitz und Schlag; wer wirklich
-handelt, hat keine Zeit zu rechnen, und wer berechnet, handelt
-nicht. Doch zum stoßweisen ja gewaltsamen Handeln gebricht
-es ihm weder an Entschluß noch Kraft; mit dem rasenden
-Muthe eines verzweifelnden Spielers will er dann alles auf
-eine Nummer setzen, er greift über sein Ziel hinaus, und
-was anfangs sorgliche Ueberlegung war, endet als klägliche
-Uebereilung. Denn was kommt bei allen Erfahrungen heraus?
-Eines ganzen Lebens bedarf man, um leben zu lernen, Niemand
-ahnt den Zweck seines Daseins, und die Vernunft reicht
-nicht hin, die Seele und die Dinge zu begreifen. Und an
-dieses räthselhafte Ding, &bdquo;das wir besitzen, wir wissen nicht
-von wem, das uns fortführt, wir wissen nicht wohin, ob wir
-darüber schalten dürfen, eine Habe, die nichts werth ist, wenn
-sie uns etwas werth ist, ein Ding, wie ein Widerspruch, flach
-und tief, öde und reich, würdig und verächtlich, vieldeutig
-und unergründlich&ldquo;, an dieses Ding ist der Mensch gefesselt
-durch Naturnothwendigkeit! Da giebt es keine Verantwortlichkeit,
-wir mögen thun, was wir wollen, wir thun recht!
-Fürwahr jene orakelhaften Verse, die in Thun über der Hausthüre
-zu lesen waren, und die Kleist so liebte:
-</p>
-
-<div class="poem-container">
- <div class="poem">
- <div class="stanza">
- <p class="verse">Ich komme, ich weiß nicht von wo,</p>
- <p class="verse">Ich bin, ich weiß nicht was,</p>
- <p class="verse">Ich fahre, ich weiß nicht wohin;</p>
- </div>
- </div>
-</div>
-
-<p class="noindent">
-waren sein Lebenszeichen, nur der vierte Vers:
-</p>
-
-<div class="poem-container">
- <div class="poem">
- <div class="stanza">
- <p class="verse">Mich wundert, daß ich so fröhlich bin!</p>
- </div>
- </div>
-</div>
-
-<p class="noindent">
-paßte auf ihn nicht.<a class="fnote" href="#footnote-24" id="fnote-24">[24]</a>
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-44" class="pagenum" title="44"></a>
-In der Knechtschaft der Schulmeinungen, die er sich
-auferlegt hat, vermag sich seine reiche Natur nicht zu entfalten;
-nun er sie abgeworfen hat, und die Skeptik ihm auch
-das Handeln verleidet, durchbrechen Gefühl und Phantasie,
-so lange gewaltsam zurückgehalten, jeden Damm um so mächtiger.
-Nur seinem Herzen will er folgen, er ist überzeugt,
-wenn ein Werk nur recht frei aus dem Schooße des menschlichen
-Gemüths hervorgehe, dann müsse es auch der ganzen
-Menschheit angehören. Vergessene oder ungeahnte Kräfte
-regen sich, aus der Fülle lebendiger Anschauungen beginnt
-die Phantasie ihre schaffende Thätigkeit, er fühlt sich als
-Schöpfer ideeller Gestalten. Als Künstler winkt ihm jetzt ein
-höchstes Ziel, der Lorbeer des Dichters, und seinem Namen
-soll ein Platz unter den Sternen nicht fehlen. Es gehört zu
-den Dunkelheiten in Kleist&rsquo;s Leben, daß die Zeit, wo er sich
-der Dichtung entschieden zuwandte, nicht mit Sicherheit festzustellen
-ist. Im Sommer 1801 in Paris, wohin er vor
-seinen abstracten Studien geflohen war, angeblich um praktische
-Zwecke zu verfolgen, einsam im endlosen Menschengewühle,
-versenkt er sich in seine Phantasien; wie ein stiller
-Tag nach dem Sturme steigt die Ruhe in seiner Seele wieder
-auf, und zum ersten Mal verräth er, daß er ein dichterisches
-Geheimniß habe. Aber der Friede ist nur von kurzer Dauer.
-Rastlos arbeitet er. Während ihm angstvoll das Höchste zu
-erreichen, der Schweiß von der Stirne rinnt, und er jeden
-Blutstropfen seines Herzens für den Buchstaben geben möchte,
-entflieht die Begeisterung, der Verstand schleicht herbei, und indem
-er einzelne Mängel aufdeckt, flüstert er ihm hämisch und
-selbstquälerisch ins Ohr, Vollendung sei ihm doch nicht gegeben.
-<a id="page-45" class="pagenum" title="45"></a>
-Was soll er länger die Kraft an ein Werk setzen,
-das ihm zu schwer ist? Am Einzelnen geht das Ganze zu
-Grunde, verzweifelnd zerstört er mit eigener Hand ein Dichterwerk,
-das auf den höchsten Ruhm Anspruch hat, kaum in
-irgend einem Augenblicke seines Lebens stolzer als jetzt, wo
-er vor keinem lebenden Dichter aus den Schranken weicht,
-sondern sich vor der Größe eines kommenden, ein Jahrtausend
-im Voraus beugt. Demjenigen, der das ausspricht, was er
-gewollt hat, ist ein Denkmal gewiß!<a class="fnote" href="#footnote-25" id="fnote-25">[25]</a>
-</p>
-
-<p>
-Doch irgendwo muß es auch für ihn einen Balsam geben;
-schon der bloße Glaube daran stärkt ihn. Aber wo? Mit
-dem Waffenhandwerk und der Kantischen Philosophie hat er
-es versucht, mit Hebeln und Schrauben will er die Natur
-bezwingen, er ist Dichter und will Bauer werden, er will
-sich frei selbst bestimmen, das Schicksal leiten, und fühlt sich
-bald als eine jener Drahtpuppen, die er so tief verachtet;
-überall tritt seinen Plänen ein dunkles Etwas entgegen, das
-sie mit furchtbarer Dialektik in ihr Gegentheil umwendet und
-ihn selbst hin- und widerwirft. Mit dem Forschen, Dichten,
-Handeln hat er es versucht, überall Stück- und Flickwerk gefunden,
-während seiner Seele das Ganze vorschwebt; abhängig,
-bedingt in allem fühlt er sich, und nach dem Letzten,
-Unbedingten geht sein Streben. Da er es nicht findet, stürzt
-er, der strenge Realist, sich in den Abgrund des mystischen
-Geheimnisses, wo er das Ganze in seinem Urzusammenhange
-zu erfassen meint.
-</p>
-
-<p>
-Auch das ist ein Räthsel in Kleist&rsquo;s Leben, wann er sich
-dieser dunkeln Richtung, die ein Ergebniß seiner wachsenden
-Hoffnungslosigkeit war, zuerst überlassen habe. In den vertraulichen
-<a id="page-46" class="pagenum" title="46"></a>
-Briefen findet sich kaum eine Spur davon, sie sind
-nach wie vor im Tone bitterer Verachtung oder rationell
-scharf gehalten. Auch seine ersten Dichtungen sind weit davon
-entfernt, die Schroffensteiner in ihrer grausigen Härte durchaus
-realistisch, ebenso Penthesilea, Robert Guiskard. Nach
-dem Unglück von 1806 schrieb er noch seine beiden Lustspiele
-und gleichzeitig die Marquise von O. Dagegen zeigt sich dieser
-dunkle Schatten zuerst im Kohlhaas, milder im Käthchen von
-Heilbronn, dessen erste Bruchstücke im Mai 1808 erschienen,
-und in voller Stärke in den Beiträgen zu den Abendblättern.
-Der Wendepunkt mag die Gefangenschaft in Frankreich im
-Frühjahr 1807 gewesen sein; auch hier, in der Einsamkeit
-seiner Zelle, beschäftigt er sich dichterisch. Aber immer düsterer
-scheinen sich die Wolken um ihn zusammengezogen zu haben.
-So zerrten ihn abstracter Verstand und verzehrendes Gefühl,
-trockner Schematismus und glühende Phantasie, gemeine Deutlichkeit
-und dunkle Mystik, himmelstürmender Muth und ermattende
-Verzagtheit einer willenlosen Beute gleich hin und
-her. Die Phantasie verdunkelte den Verstand, der Verstand
-hemmte die Phantasie, beide lähmten die Kraft des Handelns,
-gegenseitig verdarben sie ihr Spiel. Jede allein hätte einen
-tüchtigen Menschen ausstatten können, sie alle in diesem
-Maße vereinigt, vernichteten den Besitzer, der für sein Glück
-zu viel oder zu wenig hatte. Das fühlte er nur allzuwohl;
-in schmerzlicher Verzweiflung ruft er aus: &bdquo;Die Hölle gab
-mir meine halben Talente, der Himmel schenkt dem Menschen
-ein ganzes oder gar keins!&ldquo; So ward er immer bitterer
-gegen die Menschen, die ihn nicht verstehen, nicht verstehen
-können, denn er versteht sich selber nicht!<a class="fnote" href="#footnote-26" id="fnote-26">[26]</a> Hätte
-<a id="page-47" class="pagenum" title="47"></a>
-Kleist, wenn man dieser Betrachtung nachgehen darf, eine
-große sittliche Kraft in sich getragen, er hätte den Streit
-seines Innern durch Unterwerfung unter ein oberstes Gesetz
-zur Ruhe gebracht; hätte er die Selbstbescheidung besessen,
-ein Talent still anzubauen, sei es, der wissenschaftlichen Forschung,
-oder, wozu er gewiß viel höhern Beruf hatte, allein
-der Poesie zu leben, vielleicht daß er gerettet worden wäre!
-</p>
-
-<p>
-Diesen Zwiespalt, den er überall wiederfand, hat er
-in seinen Dichtungen unter verschiedenen Formen dargestellt,
-jene geheimnißvolle Wandelung, wie Menschen und Verhältnisse
-in räthselhafter Verkettung ihre ursprüngliche Natur
-und Freiheit verlieren, um zu werden, was sie nicht werden
-wollen; Tugenden verkehren sich in Laster, aus der besten
-Absicht wächst das Verderben empor, und wie zum Hohne
-menschlicher Weisheit, führt der Frevel zur Versöhnung. Durch
-den abgeschmackten Aberglauben eines einfältigen Mädchens
-gehen blutsverwandte Familien in den Schroffensteinern zu
-Grunde; Penthesilea&rsquo;s heiße Liebe verzerrt sich zum todbringenden
-Vampyrismus; Kohlhaas wird durch sein Rechtsgefühl
-zum Verbrecher und Landschädiger, und für zwei Pferde fallen
-Menschen und Städte als Sühnopfer; die Selbstverleugnung
-der jungen Creolin bringt ihr den Tod von der Hand des
-Geliebten; der ritterliche Kämpfer für Tugend und Recht
-erliegt im feierlichen Gottesgericht; und im Findling wird
-der väterliche Wohlthäter von der Schlange, die er im Busen
-erwärmt hat, zu Tode gestochen. Umgekehrt wird der thierische
-Frevel in der Marquise v. O. wider aller Menschen
-Erwarten zur sühnenden Liebe; im Erdbeben von Chili werden
-durch den Untergang Tausender in einem plötzlichen
-<a id="page-48" class="pagenum" title="48"></a>
-Naturereigniß im Augenblicke des Todes der Inquisition ihre
-Opfer entrissen, freilich um ihn gleich darauf während des
-Dankgebetes für die wunderbare Rettung desto furchtbarer
-zu erleiden; und in der heiligen Cäcilie werden die Sünder
-zu Boden geschmettert, als sie die Hände zum Tempelraube
-erheben. In der Heilung (I, 3, 2) wird der Wahnsinn durch
-den Wahnsinn geheilt; und im Grabe der Väter (I, 3, 3)
-eine Ehe im Grabe geschlossen. Satirisch gewendet erscheint
-dieselbe Ansicht in dem &bdquo;allerneuesten Erziehungsplan&ldquo; (I, 5, 1),
-der eine Schule der Tugend durch das Laster zu errichten
-vorschlägt. Milder sind Käthchen von Heilbronn und der
-Prinz von Homburg. Dort wird der ritterliche Starrsinn
-durch die reine Natur des einfachen Mädchens unterworfen,
-hier wird der Prinz träumend ein rettender Schlachtenheld,
-um wachend in eisiger Todesfurcht zu verzagen. Eine großartige
-Wendung erhält dieser Gedanke in der <a id="corr-5"></a>Hermannsschlacht;
-aus der tiefsten Knechtschaft erwächst die Freiheit, darin liegt
-hier zugleich die Versöhnung. Aber überwiegend sind es
-Nachtstücke, fern von allem Idealismus der classischen Periode.
-</p>
-
-<p>
-Ueberhaupt steht Kleist in entschiedenem Gegensatze zu
-Goethe und Schiller. Ihrer ausgleichenden Classicität setzte
-er mit kühner Hand den schreienden Zwiespalt, das Grausige
-in seiner Nacktheit entgegen, den allgemeinen idealen Gestalten
-derb realistische, dem Antiken das volksthümlich Deutsche,
-Provinzielle, unbekümmert ob seine Dissonanzen das verwöhnte
-Ohr zerschnitten, und seine lebenswahre Grobheit dem classisch
-gebildeten Sinne brutal schien. Goethe&rsquo;s und Schiller&rsquo;s Dichtung
-war in ihrer Wurzel deutsch, aber doch kosmopolitisch
-vielseitig; Kleist hat seine Räthsel in deutsche Stoffe und
-<a id="page-49" class="pagenum" title="49"></a>
-Charaktere hineingelegt, er war volksthümlich und einseitig.
-So griff er als vaterländischer Dichter in den großen Kampf
-der Befreiung ein.
-</p>
-
-<p>
-Tiefer Schmerz erfaßte ihn, als er den ungeheuern Sturz
-aller Verhältnisse überschaute. Schon im Herbst 1806 rief
-er seiner Schwester zu: &bdquo;Es wäre schrecklich, wenn dieser
-Wüthrich sein Reich gründete! Nur ein sehr kleiner Theil
-der Menschen begreift, was für ein Verderben es ist, unter
-seine Herrschaft zu kommen. Wir sind die unterjochten Völker
-der Römer.&ldquo; In diesen Worten liegt der Keim seiner Hermannsschlacht.
-Er selbst fällt in die Hand des Feindes, mit
-jedem Siege wächst das Verderben, er zweifelt, ob in hundert
-Jahren noch Jemand im deutschen Norden deutsch sprechen
-werde.<a class="fnote" href="#footnote-27" id="fnote-27">[27]</a> In dem einen Leiden des Vaterlandes geht jetzt
-alles Leid, auch das seine auf. Der Ingrimm, der an seinem
-Herzen wie ein Geier nagt, wendet sich von den kleinen
-Menschen und Verhältnissen auf die großen und größten, auf
-den Dämon der Zeit, auf Napoleon den Korsenkaiser. In
-der erstarkenden Liebe zum alten Vaterlande sammelten sich
-seine Kräfte noch einmal. Sie war nicht blos ein verneinender
-Haß gegen das Fremde, für ihn ward sie eine Läuterung,
-aus der seine Dichtung reiner hervorging, und seine drei
-großen vaterländischen Dramen erwuchsen. Er hatte wieder
-ein Ziel gefunden; es war kein willkürliches, durch die großen
-Ereignisse ward es ihm gegeben, es war die Wiedererweckung
-des erstorbenen Gefühls für Freiheit und Volksehre. So
-dichtete er die Hermannsschlacht, ein gewaltiges politisch historisches
-Doppelbild, das in der Vergangenheit das Unheil der
-Gegenwart und das Heil der Zukunft im Spiegel der Poesie
-<a id="page-50" class="pagenum" title="50"></a>
-erscheinen ließ. Seine Römer und Germanen bedeuten Franzosen
-und Deutsche, und doch sind sie nichts weniger als
-Typen; es sind Menschen aus dem Volke der Welteroberer
-und der Urgermanen; gerade hier hat sich die Dichterkraft
-glänzend bewährt.
-</p>
-
-<p>
-Rom und sein Augustus will in Deutschland nur einen
-Fürsten dulden, &bdquo;der seinem Thron auf immer sich verbinde.&ldquo;
-Es kennt diese kleinen Herren, die um ein Wort, einen leeren
-Vorzug, eine scheinbare Selbständigkeit, die nur durch Demüthigung
-vor dem fremden Herrscher erkauft werden kann,
-streiten, und lieber diesem als einem aus ihrer Mitte sich
-unterwerfen. Sie fallen sich &bdquo;wie zwei Spinnen&ldquo; an, und
-</p>
-
-<div class="poem-container">
- <div class="poem">
- <div class="stanza">
- <p class="verse">&mdash; Es bricht der Wolf, o Deutschland,</p>
- <p class="verse">In deine Hürde ein, und deine Hirten streiten</p>
- <p class="verse">Um eine Hand voll Wolle sich!</p>
- </div>
- </div>
-</div>
-
-<p class="noindent">
-Aber das römische Bündniß wird Unterdrückung, die verheißene
-Freiheit Knechtschaft, das Gebiet der Neutralen wird
-schonungslos verletzt, &bdquo;es wird jedwedem Gräuel des Krieges
-Preis gegeben&ldquo;, und die Abtrünnigen um den Lohn der fluchwürdigen
-Feigherzigkeit betrogen. Ausgepreßt wird das deutsche
-Land bis auf den letzten Blutstropfen, denn &bdquo;für wen erschaffen
-ward die Welt, wenn nicht für Rom?&ldquo; Wie Elephant
-und Seidenwurm zu Roms Schmuck hergeben müssen, was
-die Natur ihnen verlieh, so der Deutsche; er ist eine Bestie,
-&bdquo;die auf vier Füßen in den Wäldern läuft&ldquo;, und ausgeweidet
-und dann gepelzt wird. Wer erkennte nicht in dem Latier,
-&bdquo;der keine andere Volksnatur verstehen konnte und ehren als
-nur seine&ldquo; den Franzosen? Napoleon&rsquo;s höhnende Politik, die
-mit zweizüngiger List die Schwachen umgarnt, Krieg führt
-<a id="page-51" class="pagenum" title="51"></a>
-mitten im Frieden, das Markten deutscher Fürsten in Paris
-um Fetzen deutschen Gebiets, das Anfachen der Eifersucht
-Oesterreichs und Preußens, die Kriecherei der Rheinbündler,
-das Hinzerren der Schwäche Preußens, die blutige Verwüstung
-Hessens, Thüringens, der preußischen Lande? Varus mit seinem
-schneidenden Wort:
-</p>
-
-<div class="poem-container">
- <div class="poem">
- <div class="stanza">
- <p class="verse">Was bekümmerts mich? Es ist nicht meines Amtes</p>
- <p class="verse">Den Willen meines Kaisers zu erspähn.</p>
- <p class="verse">Er sagt ihn, wenn er ihn vollführt will wissen;</p>
- </div>
- </div>
-</div>
-
-<p class="noindent">
-ist das lebendige Ebenbild jener eisernen Marschälle, Mortier,
-Ney, Davoust; und Ventidius, der galante Friseurkünste treibt,
-einer der jüngeren französischen Officiere, die im Boudoir
-der Damen die gefährlichste Politik geheimer Verführung
-trieben.<a class="fnote" href="#footnote-28" id="fnote-28">[28]</a>
-</p>
-
-<p>
-In derselben Stimmung sind die satirischen Briefe entstanden.
-Nicht entschieden genug können die offnen oder geheimen
-Bundesgenossen der Feinde im Vaterlande selbst der
-Verachtung preisgegeben werden. Der rheinbündische Officier,
-der sich mit dem elenden Troste entschuldigt, ein Deutscher
-könne seinen Landsleuten im Hauptquartier Napoleon&rsquo;s durch
-Milderung der Einquartirung die besten Dienste leisten; das
-Landfräulein, wie Kleist von seiner Thusnelda sagte, eins
-von den Weiberchen, die einfältig genug sind, &bdquo;sich von französischen
-Manieren fangen zu lassen&ldquo;, das den Verführer heirathen
-will, an dessen Rock das Blut ihrer Brüder und Verwandten
-klebt; der Festungscommandant, der die Häuser der
-Bürger verbrennt und die Vertheidigungsmittel aus der Stadt
-schafft; sie alle waren nur zu getreue Abbilder ganzer Classen
-von Verräthern. Man wußte ja, welche schmachvollen Eroberungen
-<a id="page-52" class="pagenum" title="52"></a>
-die Franzosen in den Familien gemacht hatten, und
-mochten auch manche Schilderungen böswillig übertrieben sein,
-so war es doch z. B. eine amtlich festgestellte Thatsache, daß
-eine sechszigjährige Wittwe einen zwanzigjährigen französischen
-Soldaten heirathete, und zu dessen Gunsten ihren eigenen
-Sohn enterbte. Was will des Dichters Satire bedeuten gegen
-diese furchtbarste Satire der Thatsachen? Die Commandanten
-von Cüstrin und Magdeburg hatten ja kurz vor der Capitulation
-die Vorstädte niederzubrennen gedroht oder wirklich
-niedergebrannt; und in dem Königlichen Publicandum vom
-6. December 1806 waren sie, und diese ganze Gattung, bezeichnet
-worden als Knechte, &bdquo;die ihre Pferde absträngen, um
-davonzujagen.&ldquo;<a class="fnote" href="#footnote-29" id="fnote-29">[29]</a>
-</p>
-
-<p>
-War diese Satire zermalmend, so war der Gedanke,
-die Trugpolitik des Feindes als System darzustellen und die
-Lügenkünste der französischen Journale nach Lehrsätzen zu
-entwickeln, vielleicht der geistvollste, den Kleist in dieser Ideenverbindung
-hatte. Er war im Sinne Swift&rsquo;s gefaßt. Was
-ein politischer Weiser, der dies Treiben an der Quelle studiert
-hatte, der Graf Schlabrendorf davon sagte, stellte Kleist systematisch
-dar: &bdquo;Es ist gar keine Kunst, eine Unwahrheit zu
-erfinden. Jeder Flachkopf kann das. Die eigentliche Kunst besteht
-darin, aus zweien Sätzen, die, jeder einzeln, wahr sind,
-durch arglistige Zusammenstellung einen dritten herauszubringen,
-der eine Lüge ist. Das ist die vornehmste Art der
-Rabulisterei, aber auch zugleich die gemeinste.&ldquo; Oder wie
-Kleist die Aufgabe stellt: &bdquo;Alles was in der Welt vorfällt,
-zu entstellen, und gleichwohl ziemliches Vertrauen zu haben.&ldquo;
-Mit sarkastischer Folgerichtigkeit entwickelt er den ganzen Vorrath
-<a id="page-53" class="pagenum" title="53"></a>
-von Trug- und Gewaltmitteln, und der letzte Zweck ist:
-&bdquo;die Regierung über allen Wechsel der Begebenheiten hinaus
-sicher zu stellen, und die Gemüther, allen Lockungen des Augenblickes
-zum Trotz, in schweigender Unterwürfigkeit unter das
-Joch derselben niederzuhalten.&ldquo;<a class="fnote" href="#footnote-30" id="fnote-30">[30]</a>
-</p>
-
-<p>
-Diesen geheimen Künsten des Feindes gegenüber konnte
-dem Volke nicht eindringlich genug wiederholt werden, was es
-zu thun habe, um sich aus dem Elende zu retten. Keine Form
-war dem furchtbaren Humor geeigneter als der Katechismus,
-der die christlichen Grundwahrheiten als Gebote Gottes lehrt,
-und in dem Alte und Kinder Trost und Heil suchen. Einige
-Jahre früher hatten die Gründer der romantischen Schule
-gar manches zur Religion machen wollen; hier sollte mit der
-Vaterlandsliebe als Religion Ernst gemacht werden. Hatte
-der Kosmopolitismus sich der religiösen Weihe gerühmt, so
-war auch das Volk, das deutsche Volk, die lebendige Darstellung
-eines Gedankens aus dem göttlichen Geiste, und die
-Heils- und Rettungslehre vom Vaterlande sollte Alten und
-Jungen eingeprägt werden.
-</p>
-
-<p>
-Ein Mann wie Kleist konnte nur der Partei angehören,
-die Preußen je eher je besser in den Kampf führen, alles
-an alles setzen und lieber ruhmvoll untergehen, als schmählich
-leben wollte. Nur zu Stein, <a id="corr-6"></a>Scharnhorst, Gneisenau konnte
-er stehen, zu den sogenannten Exaltirten, wie damals die
-deutsche Partei genannt wurde. Volksbewaffnung, Volkskrieg
-war ihr Gedanke; der Norddeutsche konnte so gut, wie Spanier
-und Tiroler, sein Joch zertrümmern, Katt, Dörnberg, Schill
-erhoben sich, das Maß war übervoll, das Volk genug geknechtet,
-geschmäht, getreten, um endlich in voller Wuth
-<a id="page-54" class="pagenum" title="54"></a>
-hervorzubrechen. Was Staatsmänner beriethen und Generale
-vorbereiteten, sprach er 1808 in der Hermannsschlacht als
-letztes Rettungsmittel aus; wie Gneisenau wollte sein Hermann,
-die Germanen sollten Weib und Kind zusammenraffen,
-ihre Güter verkaufen, die Fluren verwüsten, die Heerden erschlagen,
-die Plätze niederbrennen, denn der That bedarf es,
-nicht der Verschwörung, Schwätzer mögen Deutschland zu
-befreien mit Chiffern schreiben und einander Boten senden,
-die die Römer hängen, er will einen Krieg
-</p>
-
-<div class="poem-container">
- <div class="poem">
- <div class="stanza">
- <p class="verse">Entflammen, der in Deutschland rasselnd</p>
- <p class="verse">Gleich einem dürren Walde um sich greifen</p>
- <p class="verse">Und auf zum Himmel lodernd schlagen soll!</p>
- <p class="verse">&mdash; &mdash;</p>
- <p class="verse">Die ganze Brut, die in den Leib Germaniens</p>
- <p class="verse">Sich eingefilzt, wie ein Insectenschwarm,</p>
- <p class="verse">Muß durch das Schwerdt der Rache jetzo sterben.</p>
- <p class="verse">&mdash; &mdash;</p>
- <p class="verse">Die Guten mit den Schlechten. Was! Die Guten!</p>
- <p class="verse">Das sind die Schlechtesten! Der Rache Keil</p>
- <p class="verse">Soll sie zuerst vor allen Andern treffen!</p>
- </div>
- </div>
-</div>
-
-<p class="noindent">
-Und das sollte von der Bühne herab verkündet werden; am
-1. Januar 1809 sandte Kleist die Hermannsschlacht dem Wiener
-Burgtheater; sein Schauspiel schien ihm des Erfolges sicher
-zu sein. Das ist auch der Grundton seines Katechismus.<a class="fnote" href="#footnote-31" id="fnote-31">[31]</a>
-</p>
-
-<p>
-In sechszehn Capiteln spricht er von Deutschland überhaupt,
-von der Liebe zum Vaterlande, von der Zertrümmerung
-des Vaterlandes, vom Erzfeind, von der Erziehung der
-Deutschen, der Verfassung der Deutschen, den freiwilligen Beiträgen,
-den obersten Staatsbeamten, vom Hochverrathe. Die
-<a id="page-55" class="pagenum" title="55"></a>
-fehlenden Capitel handelten augenscheinlich von den Mitteln,
-den Erzfeind zu bekämpfen, von der Organisation des Kampfes,
-vom Aufstande des Volks. Auch hier geht er von der
-Gegenwart aus. Auf der Karte giebt es seit 1805 kein Deutschland
-mehr. &bdquo;Wo find ich dies Deutschland? wo liegt es?&ldquo;
-lautet die bittere Frage. Dennoch hat es ein unverlierbares
-Dasein in der Liebe derer, die ihm anhangen, weil es das
-Vaterland ist. Aber es ist zertrümmert worden von dem
-Korsenkaiser, den die Deutschen nie beleidigt haben, und der
-sie mitten im Frieden unterjocht. Und warum that er es?
-&bdquo;Weil er ein böser Geist ist, der Erzfeind, der Anfang alles
-Bösen, das Ende alles Guten!&ldquo; So braust der Strom eines
-vernichtenden Zornes hin, der umsonst nach Ausdrücken und
-Bildern sucht, durch die seine ganze Fülle sich ergießen könne.
-Der Deutsche soll sich vergegenwärtigen, was er gelitten habe,
-des Morgens, wenn er sich vom Lager erhebt, des Abends,
-wenn er zur Ruhe geht; die höchsten Güter, die Gott dem
-Menschen verliehen, &bdquo;Gott, Vaterland, Kaiser, Freiheit, Liebe
-und Treue, Schönheit, Wissenschaft und Kunst&ldquo; soll er wieder
-erringen, den Erzfeind hassen, aus allen Kräften bekämpfen,
-alles entbehren, alles opfern, und wenn auch kein Mensch am
-Leben bliebe, dennoch müßte gekämpft werden, &bdquo;weil es Gott
-lieb ist, wenn Menschen ihrer Freiheit wegen sterben, weil es
-ihm ein Gräuel ist, wenn Sclaven leben!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-So predigte er die Religion der volksthümlichen Selbständigkeit,
-des nationalen Hasses, so dachten und sprachen
-Stein, Blücher, Fichte. &bdquo;Man muß der Nation das Gefühl
-der Selbständigkeit einflößen&ldquo;, schrieb Scharnhorst an Clausewitz,
-&bdquo;man muß ihr Gelegenheit geben, daß sie mit sich selbst
-<a id="page-56" class="pagenum" title="56"></a>
-bekannt wird, daß sie sich ihrer selbst annimmt; nur erst
-dann wird sie sich selbst achten, und von Andern Achtung zu
-erzwingen wissen!&ldquo; Und Stein an Wittgenstein: &bdquo;Die Erbitterung
-nimmt in Deutschland täglich zu, und es ist rathsam,
-sie zu nähren und auf die Menschen zu wirken. &mdash; Die
-spanischen Angelegenheiten machen einen sehr lebhaften Eindruck
-und beweisen handgreiflich, was wir längst hätten glauben
-sollen. Es wird sehr nützlich sein, sie möglichst auf eine vorsichtige
-Art zu verbreiten.&ldquo; Endlich Blücher: &bdquo;Mein Rath
-ist zu den Waffen unsere und die gantze deutsche Nation aufzuruffen,
-den vaterländischen boden zu verteidigen, die waffen
-im allgemeinen nicht ehender nieder zu legen, bis ein Volck,
-daß uns unterjochen wollte, vom dießseitigen Reinufer vertrieben
-sei; jeder deutsche der mit den waffen wider uns
-getroffen werde, habe den Tod verwürkt; ich weiß nicht, warum
-wihr uns nicht den Tihrollern und Spaniern gleich achten
-wollen!&ldquo; So der Held, der Staatsmann, der Dichter.
-</p>
-
-<p>
-Doch dazu waren in Preußen die Dinge noch nicht reif;
-aber um so mächtiger erhob sich Oesterreich, das, seiner alten
-Natur entsagend, sich an die Kraft des Volkes wandte. Wie
-zündende Funken schlugen die Aufrufe des Kaisers und des
-Erzherzogs Karl ein, als deren Verfasser man Friedrich Schlegel
-und Gentz nannte. &bdquo;Wir kämpfen&ldquo;, sagte der Erzherzog
-in seinem Aufruf an die deutsche Nation, &bdquo;um die Selbständigkeit
-der österreichischen Monarchie zu behaupten, um Deutschland
-die Unabhängigkeit und National-Ehre wieder zu verschaffen,
-die ihm gebühren. Dieselben Anmaßungen, die uns
-jetzt bedrohen, haben Deutschland bereits gebeugt. Unser
-Widerstand ist seine letzte Stütze zur Rettung. Unsere Sache
-<a id="page-57" class="pagenum" title="57"></a>
-ist die Sache Deutschlands!&ldquo; Und in einem andern: &bdquo;Die
-Masse der Nation selbst hat sich in ihrem gerechten Unwillen
-erhoben und die Waffen ergriffen! &mdash; Der jetzige Augenblick
-kehrt nicht zurück in Jahrhunderten! Ergreift ihn, damit er
-nicht für Euch auf immer entfliehe! Ahmet Spaniens großes
-Beispiel nach! &mdash; Zeiget, daß auch Euch Euer Vaterland und
-eine selbständige deutsche Regierung und Gesetzgebung theuer
-sei, daß Ihr Entschluß und Kraft habt, es aus der entehrenden
-Sclaverei zu reißen, es frei, nicht unter fremdem Joche erniedrigt,
-Euren Kindern zu hinterlassen.&ldquo;<a class="fnote" href="#footnote-32" id="fnote-32">[32]</a> Noch einmal erhoben
-die Habsburger das Banner des deutschen Volkes, sie
-gaben das Zeichen zum Kampf, und noch einmal leuchteten
-das alte Kaiserthum, das alte Reich in einem zauberischen
-Glanze volksthümlicher Größe, den sie seit dem Untergange
-der Hohenstaufen in Wirklichkeit nie gehabt hatten. Die Vergangenheit
-enthielt was die Zukunft versprach, was der Gegenwart
-fehlte. Daher, wie bei vielen Andern, die zum österreichischen
-Heere eilten, auch bei Kleist, dem Brandenburger,
-die Begeisterung für Oesterreich, für Franz den Zweiten, den
-alten Kaiser, den Vormund, Vater und Wiederhersteller der
-Deutschen, &bdquo;der den großmüthigen Kampf für das Heil des
-unterdrückten und bisher noch wenig dankbaren Deutschland
-unternommen hat&ldquo;; für den Erzherzog Karl, der &bdquo;die göttliche
-Kraft das Werk an sein Ziel hinaus zu führen dargethan
-hat.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Wohin dieser Kampf für Gottes heilige Ordnung endlich
-führen mußte, ahnte er; wie der Deutsche zum Deutschen
-zurückkehren, alle sich gemeinsam umwenden würden gegen den
-Feind, den Rhein ereilen, um &bdquo;dann nach Rom selbst aufzubrechen,
-<a id="page-58" class="pagenum" title="58"></a>
-wir oder unsere Enkel&ldquo;, damit der Weltkreis endlich
-Ruhe gewinne. Ueber diese Erfüllung hinaus sah er <em>einen</em>
-Herrscher an der Spitze des Vaterlands, von dem er im
-Prinzen von Homburg sagte:
-</p>
-
-<div class="poem-container">
- <div class="poem">
- <div class="stanza">
- <p class="verse">Das wird sich ausbaun herrlich, in der Zukunft,</p>
- <p class="verse">Erweitern unter Enkels Hand, verschönern,</p>
- <p class="verse">Mit Zinnen, üppig, feenhaft, zur Wonne</p>
- <p class="verse">Der Freunde und zum Schrecken aller Feinde.<a class="fnote" href="#footnote-33" id="fnote-33">[33]</a></p>
- </div>
- </div>
-</div>
-
-<p class="noindent">
-So eilte sein Seherblick über fünf verhängnißvolle Jahre
-fort; in seinem Prinzen von Homburg ahnte er den künftigen
-York und nahm die Siege von 1813 und 1815 voraus. Doch
-nicht so gut wie seinem Helden ward es ihm selbst. Den
-Glauben an den Sieg der ewigen Mächte, der den Dichter
-begeisterte, vermochte der Mensch nicht festzuhalten, und sein
-Zweifel führte ihn in den Tod. Weil sein Dichterglaube der
-Zeit voraneilte, verließen ihn die Zeitgenossen; und kraftlos
-schien sein Wort zu verhallen. Die Hermannsschlacht, der
-Prinz von Homburg kamen nicht zur Darstellung, nicht einmal
-zum Druck; seine Aufrufe, die ganz Deutschland galten,
-mußte er bei verschlossenen Thüren vorlesen, dann wurden sie
-vergessen. Er hatte gehofft, jetzt werde Deutschland sich erheben,
-es erhob sich nicht; er hatte gehofft, jetzt werde Oesterreich
-siegen, es ward geschlagen. Auch die Hoffnung auf die
-Rettung des Vaterlandes, an der er sich noch einmal aufgerichtet
-hatte, scheiterte, und er mit ihr. Hätte er sterben können
-auf dem Schlachtfelde, mit dem Degen in der Faust, wie sein
-Vorfahr Ewald von Kleist, wie Theodor Körner, er wäre glücklich
-gewesen. Er ist gefallen wie Schill, weil es noch nicht
-an der Zeit war; aber nicht wie der Held, dessen Untergang
-<a id="page-59" class="pagenum" title="59"></a>
-noch ein Sieg ist, sondern im Streite mit sich selbst. Zu
-seinem Verderben reichen sich jetzt Phantasie und Verstand
-die Hände, die Verzweiflung, die ihm von jener ausgemalt
-wird, beweist ihm dieser, und mit trügerisch kalter Ueberlegung,
-die er unaussprechliche Heiterkeit nennt, wird er fremden
-Blutes schuldig und giebt sich dann den Tod. Voreilig greift
-er in sein Geschick, beraubt sich des Höchsten, was er ersehnt
-hat, und in tragischer Ueberstürzung endet der tragische
-Dichter.
-</p>
-
-<p>
-Kleist hat sich selbst gerichtet, aber seine Stelle in der
-Litteratur und Geschichte unseres Volkes bleibt ihm unvergänglich.
-Jene Zeit hat seinen Mahnruf überhört; desto
-eindringlicher tönt er zu uns herüber; es ist die Stimme des
-Propheten, die sich nach mehr als fünfzig Jahren warnend
-aus dem Grabe erhebt. Oder hätten wir etwa Veranlassung,
-sie heute zu überhören? Wäre sie wirklich nur ein geschichtliches
-Zeugniß vergangener Zeiten? Wollte Gott, wir könnten
-es sagen! Noch ist der Ueberwitz bei uns zu Hause, noch
-treiben wir Handel und Wandel im Schweiße des Angesichts,
-während andere die Früchte deutscher Arbeit genießen;
-noch hadern die Hirten um eine Hand voll Wolle, noch gilt
-das Ganze als Verrath am Einzelnen, und jeder Zoll will
-ein König sein. Wieder haben sich die Epigonen der Eroberer
-erhoben und werfen ihre lüsternen Blicke auf die
-deutsche Erde, wieder spinnt die Trugpolitik die unsichtbaren
-zähen Fäden ihres Netzes, wieder heulen die Wölfe an den
-deutschen Marken. Sollte das alte Chaos je wiederkehren?
-Wäre das möglich nach so vielen Opfern, schweren Kämpfen
-<a id="page-60" class="pagenum" title="60"></a>
-und schmerzlichen Erfahrungen? Nimmermehr! Auch Völker
-lernen aus der Geschichte, nur langsamer als der Einzelne;
-schwerer hat keines dafür gezahlt, als das deutsche. Möge
-es durch die That zeigen, es habe Kleist&rsquo;s großes Wort
-endlich erkennen gelernt:
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Vergebt, vergeßt, versöhnt, umarmt und liebt euch!&ldquo;
-</p>
-
-<p class="tit">
-<a id="page-61" class="pagenum" title="61"></a>
-<span class="line1">Nachtrag</span><br />
-<span class="line2">zu</span><br />
-<span class="line3">Heinrich von Kleist&rsquo;s Werken.</span>
-</p>
-
-<h2 class="part" id="part-4">
-<a id="page-63" class="pagenum" title="63"></a>
-<span class="line1">I. Prosa.</span>
-</h2>
-
-<h3 class="chapter" id="chapter-4-1">
-<span class="line1">1. Politische Satiren.</span>
-</h3>
-
-<h4 class="subchap" id="subchap-4-1-1">
-<span class="line1">1. Brief eines rheinbündischen Officiers an seinen Freund.<a class="fnote" href="#footnote-34" id="fnote-34">[34]</a></span>
-</h4>
-
-<p class="first">
-<span class="firstchar">A</span>uf meine Ehre, mein vortrefflicher Freund, Sie irren sich.
-Ich will ein Schelm sein, wenn die Schlacht von Jena, wie
-Sie zu glauben scheinen, meine politischen Grundsätze verändert
-hat. Lassen Sie uns wieder einmal nach dem Beispiel
-des schönen Sommers von 1806 ein patriotisches Convivium
-veranstalten (bei Sala schlag ich vor,<a class="fnote" href="#footnote-35" id="fnote-35">[35]</a> er hat frische Austern
-bekommen und sein Burgunder ist vom Beßten), so sollen Sie
-sehen, daß ich noch ein ebenso enthousiastischer Anhänger der
-Deutschen bin wie vormals. Zwar der Schein, ich gestehe
-es, ist wider mich. Der König hat mich nach dem Frieden
-bei Tilsit auf die Verwendung des Reichsmarschalls Herzogs
-von Auerstädt,<a class="fnote" href="#footnote-36" id="fnote-36">[36]</a> dem ich einige Dienste zu leisten Gelegenheit
-[hatte],<a class="fnote" href="#footnote-37" id="fnote-37">[37]</a> zum Obristen avancirt. Man hat mir das Kreutz
-der Ehrenlegion zugeschickt, eine Auszeichnung, mit welchem
-ich, wie Sie selbst einsehen, öffentlich zu erscheinen, nicht
-unterlassen kann; ich würde den König, dem ich diene, auf
-eine zwecklose Weise dadurch compromittiren.
-</p>
-
-<p>
-Aber was folgt daraus? Meinen Sie, daß diese Armseeligkeiten
-mich bestimmen werden, die große Sache, für die
-die Deutschen fechten, aus den Augen zu verlieren? Nimmermehr!
-<a id="page-64" class="pagenum" title="64"></a>
-Lassen Sie nur den Erzherzog Carl, der jetzt ins Reich
-vorgerückt ist, siegen, und die Deutschen, sowie er es von
-ihnen verlangt hat, <span class="antiqua">en masse</span> aufstehen, so sollen Sie sehen,
-wie ich mich alsdann entscheiden werde.<a class="fnote" href="#footnote-38" id="fnote-38">[38]</a>
-</p>
-
-<p>
-Muß man denn den Abschied nehmen und zu den Fahnen
-der Oesterreicher übergehen, um dem Vaterlande diesen Augenblick
-nützlich zu sein? Mit nichten! Ein Deutscher, der es
-redlich meint, kann seinen Landsleuten in dem Lager der
-Franzosen selbst, ja in dem Hauptquartier des Napoleon, die
-wichtigsten Dienste thun. Wie mancher kann der Requisition
-an Fleisch oder Fourage vorbeugen; wie manches Elend
-der Einquartirung mildern?
-</p>
-
-<p>
-Ich bin mit wahrer Freundschafft u. s. w.
-</p>
-
-<p class="ns">
-N. S.
-</p>
-
-<p>
-Hierbei erfolgt feucht, wie es eben der Courier überbringt,
-das erste Bülletin der französischen Armee. Was sagen
-Sie dazu? Die Österreichische Macht total pulverisirt, alle
-Corps der Armee vernichtet, drei Erzherzöge todt auf dem
-Platz!<a class="fnote" href="#footnote-39" id="fnote-39">[39]</a> &mdash; Ein verwünschtes Schicksal! Ich wollte schon zur
-Armee abgehn. Herr von Montesquiou, hat, wie ich höre,
-das Bülletin nunmehr anhero gebracht, und ist dafür von
-Sr. Majestät mit einer Tabatiere, schlecht gerechnet 2000 Ducaten
-an Werth beschenkt worden.
-</p>
-
-<h4 class="subchap" id="subchap-4-1-2">
-<span class="line1">2. Brief eines jungen märkischen Landfräuleins an ihren Onkel.</span>
-</h4>
-
-<p class="adr">
-Theuerster Herr Onkel,
-</p>
-
-<p>
-Die Regungen der kindlichen Pflicht, die mein Hertz
-gegen Sie empfindet, bewegen mich, Ihnen die Meldung zu
-<a id="page-65" class="pagenum" title="65"></a>
-thun, daß ich mich am 8ten d. von Verhältnissen, die ich
-nicht nennen kann, gedrängt, mit dem jungen Hrn. <span class="antiqua">Lefat</span>,
-Capitain bei dem 9. französischen Dragonerregiment, der in
-unserm Hause zu P... einquartiert war, verlobt habe.<a class="fnote" href="#footnote-40" id="fnote-40">[40]</a>
-</p>
-
-<p>
-Ich weiß, gnädigster Onkel, wie Sie über diesen Schritt
-denken. Sie haben sich gegen die Verbindungen, die die
-Töchter des Landes, so lange der Krieg fortwährt, mit den
-Individuen des französischen Heers vollziehn, oftmals mit
-Heftigkeit und Bitterkeit erklärt. Ich will Ihnen hierin nicht
-ganz Unrecht geben. Man braucht keine Römerinn oder Spartanerinn
-zu sein, um das Verletzende, das allgemeine betrachtet
-darin liegen mag, zu empfinden. Diese Männer sind
-unsere Feinde; das Blut unserer Brüder und Verwandten klebt,
-um mich so auszudrücken, an ihren Röcken, und es heißt sich
-gewissermaßen, wie Sie sehr richtig bemerken, von den Seinigen
-lossagen, wenn man sich auf die Parthei derjenigen
-herüber stellt, deren Bemühen ist sie zu zertreten, und auf
-alle ersinnliche Weise zu verderben und zu vernichten.
-</p>
-
-<p>
-Aber sind diese Männer, ich beschwöre Sie, sind sie die
-Urheber des unseeligen Kriegs, der in diesem Augenblick zwischen
-Franzosen und Deutschen entbrannt ist? Folgen sie
-nicht, der Bestimmung eines Soldaten getreu, einem blinden
-Gesetz der Nothwendigkeit, ohne selbst oft die Ursach des
-Streits, für den sie die Waffen ergreifen, zu kennen? Ja,
-giebt es nicht Einzelne unter ihnen, die den rasenden Heereszug,
-mit welchem Napoleon von Neuem das deutsche Reich
-überschwemmt, verabscheuen, und die das arme Volk, auf dessen
-Ausplünderung und Unterjochung es angesehen ist, aufs Innigste
-bedauern und bemitleiden?
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-66" class="pagenum" title="66"></a>
-Vergeben Sie, mein theuerster und beßter Oheim! Ich
-sehe die Röthe des Unwillens auf Ihre Wangen treten! Sie
-glauben, ich weiß, Sie glauben an diese Gefühle nicht; Sie
-halten <a id="corr-7"></a>sie für die Erfindung einer satanischen List, um das
-Wohlwollen der armen Schlachtopfer, die sie zur Bank führen,
-gefangen zu nehmen. Ja, diese Regung, selbst wenn sie vorhanden
-wäre, versöhnt Sie nicht, Sie halten den Ihrer doppelten
-Rache für würdig, der das Gesetz des göttlichen Willens
-anerkennt und gleichwol auf eine so lästerliche und höhnische
-Weise zu verletzen wagt.
-</p>
-
-<p>
-Allein, wenn die Ansicht, die ich aufstellte, allerdings
-nicht gemacht ist, die Männer, die das Vaterland eben<a class="fnote" href="#footnote-41" id="fnote-41">[41]</a> vertheidigen,
-zu entwaffnen, indem sie unmöglich, wenn es zum
-Handgemenge kömmt, sich auf die Frage einlassen können,
-wer von denen, die auf sie anrücken, schuldig ist oder nicht:
-so verhält es sich doch, mein gnädigster Onkel, mit einem
-Mädchen anders; mit einem armen schwachen Mädchen, auf
-dessen leicht bethörte Sinne, in der Ruhe eines monatlangen
-Umgangs, alle Liebenswürdigkeiten der Geburt und der Erziehung
-einzuwirken Zeit finden, und das, wie man leider
-weiß, auf die Vernunft nicht mehr hört, wenn das Herz sich
-bereits für einen Gegenstand entschieden hat.
-</p>
-
-<p>
-Hier lege ich Ihnen ein Zeugniß bei, das Hr. <span class="antiqua">v. Lefat</span>
-sich auf die Forderung meiner Mutter von seinem Regimentschef
-zu verschaffen gewußt hat. Sie werden daraus ersehen,
-daß das, was uns ein Feldwebel von seinem Regiment von
-ihm sagte, nämlich daß er schon verheiratet sei, eine schändliche
-und niederträchtige Verläumdung war. Hr. <span class="antiqua">v. Lefat</span> ist
-selbst vor einigen Tagen in B.&mdash; gewesen, um das Attest,
-<a id="page-67" class="pagenum" title="67"></a>
-das die Declaration vom Gegentheil enthält, formaliter von
-seinem Obristen ausfertigen zu lassen. Ueberhaupt muß ich
-Ihnen sagen, daß die niedrige Meinung, die man hier in
-der ganzen Gegend von diesem jungen Manne hegt, mein
-Herz auf das Empfindlichste kränkt. Der Leidenschaft, die
-er für mich fühlt, und die ich als wahrhaft zu erkennen, die
-entscheidendsten Gründe habe, wagt man die schändlichsten Absichten
-unterzulegen. Ja, mein voreiliger Bruder geht soweit
-mich zu versichern, daß der Obrist, sein Regimentschef, gar
-nicht mehr in B.&mdash; sei &mdash;, und ich bitte Sie, der Sie sich in
-B.&mdash; aufhalten, dem Ersteren darüber nach angestellter Untersuchung
-die Zurechtweisung zu geben. Ich leugne nicht, daß
-der Vorfall, der sich vor einiger Zeit zwischen ihm und der
-Kammerjungfer meiner Mutter zutrug, einige Unruhe über
-seine sittliche Denkungsart zu erwecken geschickt war. Abwesend,
-wie ich an diesem Tage von P.&mdash; war, bin ich gänzlich
-außer Stand über die Berichte dieses albernen und eingebildeten
-Geschöpfs zu urtheilen. Aber die Beweise, die
-er mir, als ich zurückkam und in Thränen auf mein Bette
-sank, von seiner ungetheilten Liebe gab, waren so eindringlich,
-daß ich die ganze Erzählung als eine elende Vision
-verwarf, und von der innigsten Reue bewegt, das Band
-der Ehe, von dem bis dahin noch nicht die Rede gewesen
-war, jetzt allererst knüpfen zu müssen glaubte. &mdash; Wären
-sie es weniger gewesen, und Ihre Laura noch frei und ruhig
-wie zuvor!
-</p>
-
-<p>
-Kurz, mein theuerster und beßter Onkel, retten Sie mich!
-</p>
-
-<p>
-In 8 Tagen soll, wenn es nach meinen Wünschen geht,
-die Vermählung sein.
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-68" class="pagenum" title="68"></a>
-Inzwischen wünscht Hr. <span class="antiqua">v. Lefat</span>, daß die Anstalten dazu,
-auf die meine gute Mutter bereits in zärtlichen Augenblicken
-denkt, nicht eher auf entscheidende Weise gemacht werden,
-als bis Sie die Güte gehabt haben ihm das <span class="antiqua">Legat</span> zu überantworten,
-das mir aus der Erbschaft meines Großvaters bei
-dem Tode desselben zufiel, und Sie, als mein Vormund bis
-heute gefälligst verwalteten. Da ich großjährig bin, so wird
-diesem Wunsch nichts im Wege stehn, und indem ich es mit
-meiner zärtlichsten Bitte unterstütze, und auf die schleunige
-Erfüllung desselben antrage, indem sonst die unangenehmste
-Verzögerung davon die Folge sein würde, nenne ich mich mit
-der innigsten Hochachtung und Liebe u. s. w.
-</p>
-
-<h4 class="subchap" id="subchap-4-1-3">
-<span class="line1">3. Schreiben eines Burgemeisters in einer Festung an einen Unterbeamten.</span>
-</h4>
-
-<p class="noindent">
-Sr. Excellenz der Hr. Generallieutenant von F., <span class="antiqua">Commendant</span>
-der hiesigen Garnison, haben sich auf die Nachricht,
-daß der Feind nur noch drey Meilen von der Festung stehe,
-auf das Rathhaus verfügt, und daselbst, in Begleitung eines
-starken Detaschements von Dragonern, 3000 Pechkränze verlangt,
-um die Vorstädte, die das Glacis embarrassiren, danieder
-zu brennen.
-</p>
-
-<p>
-Der Rath der Stadt, der unter solchen Umständen das
-Ruhmvolle dieses Entschlusses einsah, hat, nach Abführung
-einiger renitirenden Mitglieder, die Sache <span class="antiqua">in pleno</span> erwogen,
-und mit einer Majorität von 3 gegen 2 Stimmen, wobei
-meine wie gewöhnlich für 2 galt, und Sr. Excellenz die 3
-<a id="page-69" class="pagenum" title="69"></a>
-supplirten, die verlangten Pechkränze ohne Bedenken bewilligt.
-Inzwischen ist nun die Frage, und wir geben Euch auf Euch
-gutachtlich darüber auszulassen,
-</p>
-
-<div class="hang">
-<p>
-1. Wie viel an Pech und Schwefel, als den dazu gehörigen
-Materialien, zur Fabrication von 3000 Pechkränzen
-erforderlich sind; und
-</p>
-
-<p>
-2. ob die genannten Combustibeln in der berechneten
-Menge zur gehörigen Zeit herbeizuschaffen sind?
-</p>
-
-</div>
-
-<p>
-Unseres Wissens liegt ein großer Vorrath von Pech und
-Schwefel bei dem Kaufmann M. in der N..schen Vorstadt,
-P..sche Gasse Num. 139.
-</p>
-
-<p>
-Inzwischen ist dies ein auf Bestellung der Dänischen
-Regierung aufgehäufter Vorrath, und wir besitzen bereits, in
-Relation wie wir mit derselben stehen, den Auftrag dem
-Kaufmann M. den Marktpreis davon mit 3000 fl. zuzufertigen.
-Indem wir Euch nun, diesem Auftrage gemäß, die
-besagte Summe für den Kaufmann M. in guten Landespapieren,
-demselben auch sechs Wägen oder mehr und Pässe,
-und was immer zur ungesäumten Abführung der Ingredienzen
-an den Hafen-Platz erforderlich sein mag,<a class="fnote" href="#footnote-42" id="fnote-42">[42]</a> bewilligen,
-beschließen wir zwar von diesem Eigenthum der Dänischen
-Regierung Behufs einer Niederbrennung der Vorstädte keine
-Notiz zu nehmen; indessen habt Ihr das gesammte Personale
-der untern Polizeibeamten zusammenzunehmen, und alle
-Gewölbe und Läden der Kauf- und Gewerksleute, die mit
-diesen Combustibeln handeln oder sie verarbeiten, aufs Strengste
-und Eigensinnigste zu durchsuchen, damit, dem Entschluß Sr.
-Excellenz gemäß, unverzüglich die Pechkränze verfertigt und
-mit Debarrassirung des Glacis verfahren werden möge.
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-70" class="pagenum" title="70"></a>
-Nichts ist nothwendiger, als in diesem Augenblick der
-herannahenden Gefahr Alles aufzubieten, und kein Opfer zu
-scheuen, das im Stande ist dem Staat diesen für den Erfolg
-des Kriegs höchst wichtigen Platz zu behaupten. Sr. Excellenz
-haben erklärt, daß wenn ihr auf dem Markt befindlicher
-Pallast vor dem Glacis läge, sie denselben zuerst niederbrennen
-und unter den Thoren der Vestung übernachten würden.
-Da nun unser, sowohl des Burgemeisters, als auch Euer,
-des Unterbeamten, Haus, in dem angegebenen Fall sind, indem
-sie von der Q...schen Vorstadt her mit ihren Gärten und
-Nebengebäuden das Glacis beträchtlich embarrassiren, so wird
-es bloß von Euren Recherchen und von dem Bericht abhangen,
-den Ihr darüber abstatten werdet, ob wir den Andern
-ein Beispiel zu geben, und den Pechkranz zuerst auf die
-Giebel derselben zu werfen haben.
-</p>
-
-<p>
-Sind in Gewogenheit u. s. w.
-</p>
-
-<h4 class="subchap" id="subchap-4-1-4">
-<span class="line1">4. Brief eines politischen Pescherü über einen Nürnberger Zeitungsartikel.</span>
-</h4>
-
-<p class="noindent">
-Erlaube mir, Vetter Pescherü, daß ich Dir in der verwirrten
-Sprache, die kürzlich ein Deutscher mich gelehrt hat,
-einen Artikel mittheile, der in einer Zeitung dieses Landes,
-wenn ich nicht irre, im Nürnberger Correspondenten gestanden
-hat, und den ein Grönländer, der in Island auf einem Kaffeehause
-war, hierher gebracht hat. Der Zeitungsartikel ist folgenden
-sonderbaren Inhalts:<a class="fnote" href="#footnote-43" id="fnote-43">[43]</a>
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Es sind nicht sowohl die Franzosen, welche die Freiheitsschlacht,
-die bei Regensburg gefochten ward, entschieden haben,
-<a id="page-71" class="pagenum" title="71"></a>
-als vielmehr die Deutschen selbst. Der tapfere Kronprinz von
-Bayern hat zuerst an der Spitze der rheinbündischen Truppen
-die Linien der Oesterreicher durchbrochen. Der Kaiser Napoleon
-hat ihn am Abend der Schlacht auf dem Wahlplatz umarmt,
-und ihn den Helden der Deutschen genannt.&ldquo;<a class="fnote" href="#footnote-44" id="fnote-44">[44]</a>
-</p>
-
-<p>
-Ich versichere Dich, Vetter Pescherü, ich bin hinausgegangen
-auf den Sandhügel, wo die Sonne brennt, und habe
-meine Nase angesehen stundenlang, und wieder stundenlang,
-ohne im Stande gewesen zu sein den Sinn dieses Zeitungsartikels
-zu erforschen. Er verwischt Alles, was ich über die
-Vergangenheit zu wissen meine, dergestalt, daß mein Gedächtniß
-wie ein weißes Blatt aussieht, und die ganze Geschichte
-derselben von Neuem darin angefrischt werden muß.
-</p>
-
-<p>
-Sage mir also, ich bitte Dich:
-</p>
-
-<p>
-1. Ist es der Kaiser von Oesterreich, der das deutsche
-Reich im Jahre 1805 zertrümmert hat?<a class="fnote" href="#footnote-45" id="fnote-45">[45]</a>
-</p>
-
-<p>
-2. Ist er es, der den Buchhändler Palm erschießen ließ,
-weil er ein dreistes Wort über diese Gewaltthat in Umlauf
-brachte?<a class="fnote" href="#footnote-46" id="fnote-46">[46]</a>
-</p>
-
-<p>
-3. Ist er es, der durch List und Ränke die deutschen
-Fürsten entzweite, um über die Entzweiten nach der Regel
-des Cäsar zu herrschen?
-</p>
-
-<p>
-4. Ist er es, der den Kurfürsten von Hessen ohne Kriegserklärung
-aus seinem Lande vertrieb, und einen Handlungscommis
-&mdash; wie heißt er schon? &mdash; der ihm verwandt war,
-auf den Thron desselben setzte?<a class="fnote" href="#footnote-47" id="fnote-47">[47]</a>
-</p>
-
-<p>
-5. Ist er es, der den König von Preußen, den ersten
-Gründer seines Ruhms, in dem undankbarsten und ungerechtesten
-Kriege zu Boden geschlagen hat, und auch selbst nach
-<a id="page-72" class="pagenum" title="72"></a>
-dem Frieden noch mit seinem grimmigen Fuß auf dem Nacken
-desselben verweilte?<a class="fnote" href="#footnote-48" id="fnote-48">[48]</a>
-</p>
-
-<p>
-6. Ist es dagegen der Kaiser Napoleon, der durch unglückliche
-Feldzüge erschöpft, die deutsche Krone auf das Machtwort
-seines Gegners niederzulegen genöthigt war?<a class="fnote" href="#footnote-49" id="fnote-49">[49]</a>
-</p>
-
-<p>
-7. Ist er es, der mit zerrissenem Herzen Preußen, den
-letzten Pfeiler Deutschlands, sinken sah, und, so zerstreut seine
-Heere auch waren, herbei geeilt sein würde ihn zu retten,
-wenn der Friede von Tilsit nicht abgeschlossen worden wäre?<a class="fnote" href="#footnote-50" id="fnote-50">[50]</a>
-</p>
-
-<p>
-8. Ist er es, der dem betrogenen Kurfürsten von Hessen
-auf der Flucht aus seinen Staaten einen Zufluchtsort in den
-seinigen vergönnt hat?<a class="fnote" href="#footnote-51" id="fnote-51">[51]</a>
-</p>
-
-<p>
-9. Ist er es endlich, der sich des Elends, unter welchem
-die Deutschen seufzen, erbarmt hat, und der nun, an der Spitze
-der ganzen Jugend, wie Anteus, der Sohn der Erde, von
-seinem Fall erstanden ist, um das Vaterland zu retten?
-</p>
-
-<p>
-Vetter Pescherü, vergieb mir diese Fragen; ein Europäer
-wird ohne Zweifel, wenn er den Artikel liest, wissen was er
-davon zu halten hat. Einem Pescherü aber müssen, wie Du
-selbst einsiehst, alle die Zweifel kommen, die ich Dir vorgetragen
-habe.
-</p>
-
-<p>
-Bekanntlich drücken wir mit dem Wort Pescherü Alles
-aus, was wir empfinden oder denken, drücken es mit einer
-Deutlichkeit aus, die den andern Sprachen der Welt fremd
-ist. Wenn wir z. B. sagen wollen: es ist Tag, so sagen
-wir: Pescherü; wollen wir hingegen sagen: es ist Nacht, so
-sagen wir: Pescherü. Wollen wir ausdrücken: dieser Mann
-ist redlich, so sagen wir: Pescherü; wollen wir hingegen versichern:
-er ist ein Schelm, so sagen wir: Pescherü. Kurz,
-<a id="page-73" class="pagenum" title="73"></a>
-Pescherü drückt den Inbegriff aller Erscheinungen aus, und
-eben darum, weil es Alles ausdrückt, auch jedes Einzelne.
-</p>
-
-<p>
-Hätte doch der Nürnberger Zeitungsschreiber in der
-Sprache der Pescherüs geschrieben! Denn setze einmal der
-Artikel lautete also Pescherü, so würde Dein Vetter<a class="fnote" href="#footnote-52" id="fnote-52">[52]</a> nicht
-einen, nicht einen Augenblick bei seinem Inhalt angestoßen
-sein. Er würde alsdann mit völliger Bestimmtheit und Klarheit
-also gelesen haben:
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Es sind nicht sowohl die Franzosen, welche die Schlacht,
-die das deutsche Reich dem Napoleon überliefern sollte, gewonnen
-haben, als vielmehr die bemitleidenswürdigen Deutschen
-selbst. Der entartete Kronprintz von Bayern hat zuerst an
-der Spitze der rheinbündischen Truppen die Linien der braven
-Oesterreicher, ihrer Befreier, durchbrochen. &bdquo;Sie sind der
-Held der Deutschen!&ldquo; rief ihm der Verschlagenste der Unterdrücker
-zu; aber sein Hertz sprach heimlich: &bdquo;ein Verräther
-bist Du, und wenn ich Dich werde gebraucht haben, wirst
-Du abtreten!&ldquo;
-</p>
-
-<h4 class="subchap" id="subchap-4-1-5">
-<span class="line1">5. Die Bedingung des Gärtners.</span><br />
-<span class="line2">Eine Fabel.</span>
-</h4>
-
-<p class="noindent">
-Ein Gärtner sagte zu seinem Herrn: &bdquo;Deinem Dienst
-habe ich mich nur innerhalb dieser Hecken und Zäune gewidmet.
-Wenn der Bach kommt und deine Frucht-Beete
-überschwemmt, so will ich mit Hacken und Spaten aufbrechen,
-um ihm zu wehren; aber außerhalb dieses Bezirkes zu gehen,
-und, ehe der Strom noch einbricht, mit seinen Wogen zu
-kämpfen, das kannst du nicht von deinem Diener verlangen.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Der Herr schwieg.
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-74" class="pagenum" title="74"></a>
-Und drei Frühlinge kamen und verheerten mit ihren
-Gewässern das Land. Der Gärtner triefte von Schweiß, um
-dem Geriesel<a class="fnote" href="#footnote-53" id="fnote-53">[53]</a>, das von allen Seiten eindrang, zu steuern;
-umsonst; der Seegen des Jahrs, wenn ihm die Arbeit auch
-gelang, war verderbt und vernichtet.
-</p>
-
-<p>
-Als der vierte kam, nahm er Hacken und Spaten und
-gieng auf&rsquo;s Feld.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Wohin?&ldquo; fragte ihn sein Herr.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Auf das Feld, antwortete er, wo das Uebel entspringt.
-Hier thürm&rsquo; ich Wälle von Erde umsonst, um dem Strom,
-der brausend hereinbricht, zu wehren: an der Quelle kann ich
-ihn mit einem Fußtritt verstopfen.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Landwehren von Oesterreich! Warum wollt ihr bloß
-innerhalb eures Landes fechten?<a class="fnote" href="#footnote-54" id="fnote-54">[54]</a>
-</p>
-
-<h4 class="subchap" id="subchap-4-1-6">
-<span class="line1">6. Lehrbuch der französischen Journalistik.</span>
-</h4>
-
-<p class="hdr">
-Einleitung.
-</p>
-
-<p class="par">
-§ 1.
-</p>
-
-<p>
-Die Journalistik überhaupt ist die treuherzige und unverfängliche
-Kunst das Volk von dem zu unterrichten, was
-in der Welt vorfällt. Sie ist eine gänzliche Privatsache, und
-alle Zwecke der Regierung, sie mögen heißen wie man wolle,
-sind ihr fremd. Wenn man die französischen Journale mit
-Aufmerksamkeit liest, so sieht man, daß sie nach ganz eignen
-Grundsätzen abgefaßt worden, deren System man die <em>französische
-Journalistik</em> nennen kann. Wir wollen uns bemühen
-den Entwurf dieses Systems, so wie es etwa im
-geheimen Archiv zu Paris liegen mag, hier zu entfalten.
-</p>
-
-<p class="hdr">
-<a id="page-75" class="pagenum" title="75"></a>
-Erklärung.
-</p>
-
-<p class="par">
-§ 2.
-</p>
-
-<p>
-Die <em>französische Journalistik</em> ist die Kunst das
-Volk glauben zu machen, was die Regierung für gut findet.
-</p>
-
-<p class="par">
-§ 3.
-</p>
-
-<p>
-Sie ist bloß Sache der Regierung, und alle Einmischung
-der Privatleute, bis selbst auf die Stellung vertraulicher Briefe,
-die die Tages-Geschichte betreffen, verboten.
-</p>
-
-<p class="par">
-§ 4.
-</p>
-
-<p>
-Ihr Zweck ist die Regierung über allen Wechsel der
-Begebenheiten hinaus sicher zu stellen, und die Gemüther,
-allen Lockungen des Augenblicks zum Trotz, in schweigender
-Unterwürfigkeit unter das Joch derselben niederzuhalten.
-</p>
-
-<p class="hdr">
-Die zwei obersten Grundsätze.
-</p>
-
-<p class="par">
-§ 5.
-</p>
-
-<p>
-<em>Was das Volk nicht weiß, macht das Volk nicht
-heiß.</em>
-</p>
-
-<p class="par">
-§ 6.
-</p>
-
-<p>
-<em>Was man dem Volke dreimal sagt, hält das
-Volk für wahr.</em>
-</p>
-
-<p class="hdr">
-Anmerkung.
-</p>
-
-<p class="par">
-§ 7.
-</p>
-
-<p>
-Diese Grundsätze könnte man auch Grundsätze des Talleyrand
-nennen. Denn ob sie gleich nicht von ihm erfunden
-sind, so wenig wie die mathematischen von dem Euklid: so
-ist er doch der Erste, der sie für ein bestimmtes und schlußgerechtes
-System in Anwendung gebracht hat.
-</p>
-
-<p class="hdr">
-<a id="page-76" class="pagenum" title="76"></a>
-Aufgabe.
-</p>
-
-<p class="par">
-§ 8.
-</p>
-
-<p>
-Eine Verbindung von Journalen zu redigiren, welche
-1. Alles, was in der Welt vorfällt, entstellen, und gleichwohl
-2. ziemliches Vertrauen haben?
-</p>
-
-<p class="hdr">
-Lehrsatz zum Behuf der Auflösung.
-</p>
-
-<p>
-Die Wahrheit sagen heißt allererst die Wahrheit <em>ganz</em>
-und <em>nichts als</em> die Wahrheit sagen.
-</p>
-
-<p class="hdr">
-Auflösung.
-</p>
-
-<p>
-Also redigire man zwei Blätter, deren Eines niemals
-lügt, das Andere aber die Wahrheit sagt: so wird die Aufgabe
-gelößt sein.
-</p>
-
-<p class="hdr">
-Beweis.
-</p>
-
-<p>
-Denn weil das Eine niemals lügt, das Andere aber die
-Wahrheit sagt, so wird die <em>zweite</em> Forderung erfüllt sein.
-Weil aber jenes verschweigt was wahr ist, und dieses hinzusetzet
-was erlogen ist, so wird es auch, wie jedermann zugestehen
-wird, die <em>erste</em> sein. <span class="antiqua">q. e. d.</span>
-</p>
-
-<p class="hdr">
-Erklärung.
-</p>
-
-<p class="par">
-§ 9.
-</p>
-
-<p>
-Dasjenige Blatt, welches niemals lügt, aber hin und
-wieder verschweigt was wahr ist, heißt der <em>Moniteur</em>, und
-erscheine in officieller Form; das Andere, welches die Wahrheit
-sagt, aber zuweilen hinzuthut was erstuncken und erlogen
-ist, heiße <span class="antiqua">Journal de l&rsquo;Empire</span>, oder auch <span class="antiqua">Journal de Paris</span>,
-und erscheine in Form einer bloßen Privat-Unternehmung.
-</p>
-
-<p class="hdr">
-<a id="page-77" class="pagenum" title="77"></a>
-Eintheilung der Journalistik.
-</p>
-
-<p class="par">
-§ 10.
-</p>
-
-<p>
-Die französische Journalistik zerfällt in die Lehre von
-der Verbreitung 1. <em>wahrhaftiger</em>, 2. <em>falscher</em> Nachrichten.
-Jede Art der Nachricht erfordert einen eigenen <em>Modus der
-Verbreitung</em>, von welchem hier gehandelt werden soll.
-</p>
-
-<p class="hdrfat">
-<span class="antiqua">Cap. I.</span>
-Von den wahrhaftigen Nachrichten.
-</p>
-
-<p class="hdrfat">
-<span class="antiqua">Art. 1.</span>
-Von den guten.
-</p>
-
-<p class="hdr">
-Lehrsatz.
-</p>
-
-<p class="par">
-§ 11.
-</p>
-
-<p>
-<em>Das Werk lobt seinen Meister.</em>
-</p>
-
-<p class="hdr">
-Beweis.
-</p>
-
-<p>
-Der Beweis für diesen Satz ist klar an sich. Er liegt
-in der Sonne, besonders wenn sie aufgeht; in den ägyptischen
-Pyramiden; in der Peterskirche; in der Madonna des Raphael,
-und in vielen andern herrlichen Werken der Götter und
-Menschen.
-</p>
-
-<p class="hdr">
-Anmerkung.
-</p>
-
-<p class="par">
-§ 12.
-</p>
-
-<p>
-Wirklich und in der That: man mögte meinen, daß
-dieser Satz sich in der französischen Journalistik [nicht] findet.
-Wer die Zeitungen aber mit Aufmerksamkeit gelesen hat, der
-wird gestehen, er findet sich darin; daher wir ihn auch dem
-System zu Gefallen hier haben aufführen müssen.
-</p>
-
-<p class="hdr">
-<a id="page-78" class="pagenum" title="78"></a>
-Corollarium.
-</p>
-
-<p class="par">
-§ 13.
-</p>
-
-<p>
-Inzwischen gilt dieser Satz doch nur in völliger Strenge
-für den <em>Moniteur</em>, und auch für diesen nur bei guten Nachrichten
-von außerordentlichem und entscheidendem Werth. Bei
-guten Nachrichten von untergeordnetem Werth kann der Moniteur
-schon das Werk ein wenig loben, das <span class="antiqua">Journal de
-l&rsquo;Empire</span> aber und das <span class="antiqua">Journal de Paris</span> mit vollen Backen
-in die Posaune stoßen.
-</p>
-
-<p class="hdr">
-Aufgabe.
-</p>
-
-<p class="par">
-§ 14.
-</p>
-
-<p>
-<em>Dem Volk eine gute Nachricht vorzutragen?</em>
-</p>
-
-<p class="hdr">
-Auflösung.
-</p>
-
-<p>
-Ist es z. B. eine gänzliche Niederlage des Feindes, wobei
-derselbe Kanonen, Bagage und Munition verloren hat
-und in die Moräste gesprengt worden ist, so sage man dies,
-und setze das Punctum dahinter. (§ 11) Ist es ein bloßes
-Gefecht, wobei nicht viel herausgekommen ist, so setze man
-im Moniteur eine, im <span class="antiqua">Journal de l&rsquo;Empire</span> drei Nullen
-an jede Zahl, und schicke die Blätter mit <span class="antiqua">Courieren</span> in alle
-Welt. (§ 13)
-</p>
-
-<p class="hdr">
-Anmerkung.
-</p>
-
-<p class="par">
-§ 15.
-</p>
-
-<p>
-Hierbei braucht man nicht nothwendig zu lügen. Man
-braucht nur z. B. die Blessirten, die man auf dem Schlachtfelde
-gefunden, auch unter den Gefangenen aufzuführen. Dadurch
-bekömmt man zwei Rubriken, und das Gewissen ist
-gerettet.
-</p>
-
-<p class="hdrfat">
-<a id="page-79" class="pagenum" title="79"></a>
-<span class="antiqua">Art. 2.</span>
-<em>Von den schlechten Nachrichten.</em>
-</p>
-
-<p class="hdr">
-Lehrsatz.
-</p>
-
-<p class="par">
-§ 16.
-</p>
-
-<p>
-Zeit gewonnen, Alles gewonnen.
-</p>
-
-<p class="hdr">
-Anmerkung.
-</p>
-
-<p class="par">
-§ 17.
-</p>
-
-<p>
-Dieser Satz ist so klar, daß er, wie die Grundsätze, keines
-Beweises bedarf, daher ihn der Kaiser der Franzosen auch
-unter die Grundsätze aufgenommen hat. Er führt in natürlicher
-Ordnung auf die Kunst dem Volk [eine] Nachricht zu
-verbergen, von welcher<a class="fnote" href="#footnote-55" id="fnote-55">[55]</a> sogleich gehandelt werden soll.
-</p>
-
-<p class="hdr">
-Corollarium.
-</p>
-
-<p class="par">
-§ 18.
-</p>
-
-<p>
-Inzwischen gilt auch dieser Satz nur in völliger Strenge
-für das <span class="antiqua">Journal de l&rsquo;Empire</span> und für das <span class="antiqua">Journal de Paris</span>,
-und auch für diese nur bei schlechten Nachrichten von der
-gefährlichen und verzweifelten Art. Schlechte Nachrichten von
-erträglicher Art kann der Moniteur gleich offenherzig gestehen,
-das <span class="antiqua">Journal de l&rsquo;Empire</span> aber und das <span class="antiqua">Journal de Paris</span>
-thun als ob nicht viel daran wäre.
-</p>
-
-<p class="hdr">
-Aufgabe.
-</p>
-
-<p class="par">
-§ 19.
-</p>
-
-<p>
-<em>Dem Volk eine schlechte Nachricht zu verbergen?</em>
-</p>
-
-<p class="hdr">
-Auflösung.
-</p>
-
-<p>
-Die Auflösung ist leicht. Es gilt für das Innere des
-Landes in allen Journalen Stillschweigen, einem Fisch gleich.
-Unterschlagung der Briefe, die davon handeln, Aufhaltung der
-<a id="page-80" class="pagenum" title="80"></a>
-Reisenden, Verbote in Tabagien und Gasthäusern davon zu
-reden, und für das Ausland Confiscation der <span class="antiqua">Journale</span>, welche
-gleichwohl davon zu handeln wagen; Arretirung, Deportirung,
-und Füselierung der Redactoren; Ansetzung neuer <span class="antiqua">Subjecte</span>
-bei diesem Geschäfft: Alles mittelbar entweder durch Requisition,
-oder unmittelbar durch Detaschements.
-</p>
-
-<p class="hdr">
-Anmerkung.
-</p>
-
-<p class="par">
-§ 20.
-</p>
-
-<p>
-Diese Auflösung ist, wie man sieht, nur eine bedingte,
-und früh oder spät kommt die Wahrheit ans Licht. Will man
-die Glaubwürdigkeit der Zeitungen nicht aussetzen, so muß
-es nothwendig eine Kunst geben dem Volk schlechte Nachrichten
-vorzutragen. Worauf wird diese Kunst sich stützen?
-</p>
-
-<p class="hdr">
-Lehrsatz.
-</p>
-
-<p class="par">
-§ 21.
-</p>
-
-<p>
-Der Teufel läßt keinen Schelmen im Stich.
-</p>
-
-<p class="hdr">
-Anmerkung.
-</p>
-
-<p class="par">
-§ 22.
-</p>
-
-<p>
-Auch dieser Satz ist so klar, daß er nur erst verworren<a class="fnote" href="#footnote-56" id="fnote-56">[56]</a>
-werden würde, wenn man ihn beweisen wollte, daher wir
-uns nicht weiter darauf einlassen, sondern sogleich zur Anwendung
-schreiten wollen.
-</p>
-
-<p class="hdr">
-Aufgabe.
-</p>
-
-<p class="par">
-§ 23.
-</p>
-
-<p>
-<em>Dem Volk eine schlechte Nachricht vorzutragen?</em>
-</p>
-
-<p class="hdr">
-Auflösung.
-</p>
-
-<p>
-Man schweige davon (§ 5) bis sich die Umstände geändert
-haben. (§ 15). Inzwischen unterhalte man das Volk
-<a id="page-81" class="pagenum" title="81"></a>
-mit guten Nachrichten, entweder mit wahrhaftigen aus der
-Vergangenheit, oder auch mit gegenwärtigen, wenn sie vorhanden
-sind, als: Schlacht von Marengo, von der Gesandschafft
-des Persenschachs<a class="fnote" href="#footnote-57" id="fnote-57">[57]</a> und von der Ankunft des Levantischen
-Kaffes, oder, in Ermangelung aller, mit solchen die erstunken
-und erlogen sind; sobald sich die Umstände geändert haben,
-welches niemals ausbleibt, (§ 20) und irgend ein Vortheil,
-er sei groß oder klein, errungen worden ist, gebe man (§ 14)
-eine pomphafte Ankündigung davon, und an ihren Schwanz
-hänge man die schlechte Nachricht an. <span class="antiqua">q. e. des.</span>
-</p>
-
-<p class="hdr">
-Anmerkung.
-</p>
-
-<p class="par">
-§ 24.
-</p>
-
-<p>
-Hierin ist eigentlich noch der Lehrsatz enthalten: <em>wenn
-man dem Kinde ein Licht zeigt, so weint es nicht</em>;
-denn darauf stützt sich zum Theil das angegebene Verfahren.
-Nur der Kürze wegen, und weil er von selbst in die Augen
-springt, geschah es, daß wir denselben <span class="antiqua">in abstracto</span> nicht
-haben aufführen wollen.
-</p>
-
-<p class="hdr">
-Corollarium.
-</p>
-
-<p class="par">
-§ 25.
-</p>
-
-<p>
-Ganz <em>still zu schweigen</em>, wie die Auflösung fordert,
-ist in vielen Fällen unmöglich, denn schon das Datum des
-Bülletins, wenn z. B. eine Schlacht verloren und das Hauptquartier
-zurückgegangen wäre, verräth dies Factum. In diesem
-Fall <em>antedatire</em> man entweder das Bülletin, oder aber <em>fingire
-einen Druckfehler</em> im Datum, oder endlich lasse das
-Datum <em>ganz weg</em>. Die Schuld kommt auf den Setzer oder
-Corrector.
-</p>
-
-<h4 class="subchap" id="subchap-4-1-7">
-<a id="page-82" class="pagenum" title="82"></a>
-<span class="line1">7. Katechismus der Deutschen, abgefaßt nach dem Spanischen, zum Gebrauch für Kinder und Alte.<a class="fnote" href="#footnote-58" id="fnote-58">[58]</a></span><br />
-<span class="line2">In sechzehn Kapiteln.</span>
-</h4>
-
-<h5 class="ch">
-<span class="line1">Erstes Kapitel.</span><br />
-<span class="line2">Von Deutschland überhaupt.</span>
-</h5>
-
-<p>
-<em>Frage.</em> Sprich, Kind, wer bist Du?
-</p>
-
-<p>
-<em>Antwort.</em> Ich bin ein Deutscher.
-</p>
-
-<p>
-<em>Fr.</em> Ein Deutscher? Du scherzest. Du bist in Meißen
-gebohren, und das Land, dem Meißen angehört, heißt Sachsen!
-</p>
-
-<p>
-<em>Antw.</em> Ich bin in Meißen gebohren, und das Land,
-dem Meißen angehört, heißt Sachsen; aber mein Vaterland,
-das Land dem Sachsen angehört, ist Deutschland, und Dein
-Sohn, mein Vater, ist ein Deutscher.
-</p>
-
-<p>
-<em>Fr.</em> Du träumest! Ich kenne kein Land, dem Sachsen
-angehört, es müßte denn das rheinische Bundesland sein.<a class="fnote" href="#footnote-59" id="fnote-59">[59]</a>
-Wo find ich es, dies Deutschland, von dem Du sprichst, und
-wo liegt es?
-</p>
-
-<p>
-<em>Antw.</em> Hier, mein Vater. &mdash; Verwirre mich nicht.
-</p>
-
-<p>
-<em>Fr.</em> Wo?
-</p>
-
-<p>
-<em>Antw.</em> Auf der Karte.
-</p>
-
-<p>
-<em>Fr.</em> Ja, auf der Karte! &mdash; Diese Karte ist vom Jahr
-1805. &mdash; Weißt Du nicht, was geschehn ist im Jahr 1805,
-da der Friede von Preßburg abgeschlossen war?
-</p>
-
-<p>
-<em>Antw.</em> Napoleon, der korsische Kaiser, hat es nach dem
-Frieden durch eine Gewaltthat zertrümmert.<a class="fnote" href="#footnote-60" id="fnote-60">[60]</a>
-</p>
-
-<p>
-<em>Fr.</em> Nun? Und gleichwohl wäre es noch vorhanden?
-</p>
-
-<p>
-<em>Antw.</em> Gewiß! &mdash; Was fragst Du mich doch!
-</p>
-
-<p>
-<em>Fr.</em> Seit wann?
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-83" class="pagenum" title="83"></a>
-<em>Antw.</em> Seit Franz der Zweite, der alte Kaiser der
-Deutschen, wieder aufgestanden ist, um es herzustellen, und
-der tapfre Feldherr, den er bestellte, das Volk aufgerufen hat,
-sich an die Heere, die er anführt, zur Befreiung des Landes
-anzuschließen.
-</p>
-
-<h5 class="ch">
-<span class="line1">Zweites Kapitel.</span><br />
-<span class="line2">Von der Liebe zum Vaterlande.</span>
-</h5>
-
-<p>
-<em>Fr.</em> Du liebst dein Vaterland, nicht wahr, mein Sohn?
-</p>
-
-<p>
-<em>Antw.</em> Ja, mein Vater, das thu ich.
-</p>
-
-<p>
-<em>Fr.</em> Warum liebst Du es?
-</p>
-
-<p>
-<em>Antw.</em> Weil es mein Vaterland ist.
-</p>
-
-<p>
-<em>Fr.</em> Du meinst, weil Gott es geseegnet hat mit vielen
-Früchten, weil viele schöne Werke der Kunst es schmücken,
-weil Helden, Staatsmänner und Weise, deren Namen anzuführen
-kein Ende ist, es verherrlicht haben?
-</p>
-
-<p>
-<em>Antw.</em> Nein, mein Vater; Du verführst mich.
-</p>
-
-<p>
-<em>Fr.</em> Ich verführte Dich?
-</p>
-
-<p>
-<em>Antw.</em> Denn Rom und das ägyptische Delta sind, wie
-Du mich gelehrt hast, mit Früchten und schönen Werken der
-Kunst und Allem, was groß und herrlich sein mag, weit mehr
-geseegnet als Deutschland. Gleichwohl, wenn Deines Sohnes
-Schicksal wollte, daß er darin leben sollte, würde er sich
-traurig fühlen, und es nimmermehr so lieb haben, wie jetzt
-Deutschland.
-</p>
-
-<p>
-<em>Fr.</em> Warum also liebst Du Deutschland?
-</p>
-
-<p>
-<em>Antw.</em> Mein Vater, ich habe es Dir schon gesagt!
-</p>
-
-<p>
-<em>Fr.</em> Du hättest es mir schon gesagt?
-</p>
-
-<p>
-<em>Antw.</em> Weil es mein Vaterland ist.
-</p>
-
-<h5 class="ch">
-<a id="page-84" class="pagenum" title="84"></a>
-<span class="line1">Drittes Kapitel.</span><br />
-<span class="line2">Von der Zertrümmerung des Vaterlandes.</span>
-</h5>
-
-<p>
-<em>Fr.</em> Was ist Deinem Vaterlande jüngsthin widerfahren?
-</p>
-
-<p>
-<em>Antw.</em> Napoleon, Kaiser der Franzosen, hat es mitten
-im Frieden zertrümmert, und mehrere Völker, die es bewohnen,
-unterjocht.
-</p>
-
-<p>
-<em>Fr.</em> Warum hat er dies gethan?
-</p>
-
-<p>
-<em>Antw.</em> Das weiß ich nicht.
-</p>
-
-<p>
-<em>Fr.</em> Das weißt Du nicht?
-</p>
-
-<p>
-<em>Antw.</em> Weil er ein böser Geist ist.
-</p>
-
-<p>
-<em>Fr.</em> Ich will Dir sagen, mein Sohn: Napoleon behauptet,
-er sei von den Deutschen beleidigt worden.
-</p>
-
-<p>
-<em>Antw.</em> Nein, mein Vater, das ist er nicht.
-</p>
-
-<p>
-<em>Fr.</em> Warum nicht?
-</p>
-
-<p>
-<em>Antw.</em> Die Deutschen haben ihn niemals beleidigt.
-</p>
-
-<p>
-<em>Fr.</em> Kennst Du die gantze Streitfrage, die dem Kriege,
-der entbrannt ist, zum Grunde liegt?
-</p>
-
-<p>
-<em>Antw.</em> Nein, keineswegs.
-</p>
-
-<p>
-<em>Fr.</em> Warum nicht?
-</p>
-
-<p>
-<em>Antw.</em> Weil sie zu weitläuftig und umfassend ist.
-</p>
-
-<p>
-<em>Fr.</em> Woraus also schließest Du, daß die Sache, die die
-Deutschen führen, gerecht sei?
-</p>
-
-<p>
-<em>Antw.</em> Weil Kaiser Franz von Oesterreich es versichert hat.
-</p>
-
-<p>
-<em>Fr.</em> Wo hat er dies versichert?
-</p>
-
-<p>
-<em>Antw.</em> In dem von seinem Bruder, dem Erzherzog
-Carl, an die Nation erlassenen Aufruf.
-</p>
-
-<p>
-<em>Fr.</em> Also wenn zwei Angaben vorhanden sind, die Eine
-von Napoleon, dem Korsenkaiser, die Andere von Franz,
-Kaiser von Oesterreich, welcher glaubst Du?
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-85" class="pagenum" title="85"></a>
-<em>Antw.</em> Der Angabe Franzens, Kaisers von Oesterreich.
-</p>
-
-<p>
-<em>Fr.</em> Warum?
-</p>
-
-<p>
-<em>Antw.</em> Weil er wahrhaftiger ist.
-</p>
-
-<h5 class="ch">
-<span class="line1">Viertes Kapitel.</span><br />
-<span class="line2">Vom Ertzfeind.</span>
-</h5>
-
-<p>
-<em>Fr.</em> Wer sind Deine Feinde, mein Sohn?
-</p>
-
-<p>
-<em>Antw.</em> Napoleon und, so lange er ihr Kaiser ist, die
-Franzosen.
-</p>
-
-<p>
-<em>Fr.</em> Ist sonst niemand, den Du haßest?
-</p>
-
-<p>
-<em>Antw.</em> Niemand auf der ganzen Welt.
-</p>
-
-<p>
-<em>Fr.</em> Gleichwohl, als Du gestern aus der Schule kamst,
-hast Du Dich mit jemand, wenn ich nicht irre, entzweit?
-</p>
-
-<p>
-<em>Antw.</em> Ich, mein Vater? Mit wem?
-</p>
-
-<p>
-<em>Fr.</em> Mit Deinem Bruder; Du hast es mir selbst erzählt.
-</p>
-
-<p>
-<em>Antw.</em> Ja, mit meinem Bruder! Er hatte meinen
-Vogel nicht, wie ich ihm aufgetragen hatte, gefüttert.
-</p>
-
-<p>
-<em>Fr.</em> Also ist Dein Bruder, wenn er dies gethan hat,
-Dein Feind, nicht Napoleon der Korse, noch die Franzosen,
-die er beherrscht?
-</p>
-
-<p>
-<em>Antw.</em> Nicht doch, mein Vater! &mdash; Was sprichst Du da?
-</p>
-
-<p>
-<em>Fr.</em> Was ich da spreche?
-</p>
-
-<p>
-<em>Antw.</em> Ich weiß nicht, was ich darauf antworten soll.<a class="fnote" href="#footnote-61" id="fnote-61">[61]</a>
-&mdash; &mdash; &mdash; &mdash;
-</p>
-
-<h5 class="ch">
-<span class="line1">[Siebentes Kapitel.]</span>
-</h5>
-
-<p>
-<em>Fr.</em> Das hab ich Dich schon gefragt. Sage es noch
-einmahl mit den Worten, die ich Dich gelehrt habe.
-</p>
-
-<p>
-<em>Antw.</em> Für einen verabscheuungswürdigen Menschen,
-für den Anfang alles Bösen und das Ende alles Guten; für
-einen Sünder, den anzuklagen die Sprache der Menschen
-<a id="page-86" class="pagenum" title="86"></a>
-nicht hinreicht, und den Engeln einst am jüngsten Tage der
-Odem vergehen wird.
-</p>
-
-<p>
-<em>Fr.</em> Sahst Du ihn je?
-</p>
-
-<p>
-<em>Antw.</em> Niemals, mein Vater.
-</p>
-
-<p>
-<em>Fr.</em> Wie sollst Du ihn Dir vorstellen?
-</p>
-
-<p>
-<em>Antw.</em> Als einen der Hölle entstiegenen Vatermörder,
-der herumschleicht in dem Tempel der Natur, und an allen
-Säulen rüttelt, auf welchen er gebaut ist.
-</p>
-
-<p>
-<em>Fr.</em> Wann hast Du dies im Stillen für Dich wiederholt?
-</p>
-
-<p>
-<em>Antw.</em> Gestern Abend, als ich zu Bette gieng, und heute
-Morgen, als ich aufstand.
-</p>
-
-<p>
-<em>Fr.</em> Und wann wirst Du es wieder wiederholen?
-</p>
-
-<p>
-<em>Antw.</em> Heute Abend, wenn ich zu Bette gehe, und
-morgen früh, wann ich aufstehe.
-</p>
-
-<p>
-<em>Fr.</em> Gleichwohl, sagt man, soll er viel Tugenden besitzen.
-Das Geschäfft der Unterjochung der Erde soll er mit
-List, Gewandtheit und Kühnheit vollziehn, und besonders an
-dem Tage der Schlacht ein großer Feldherr sein.
-</p>
-
-<p>
-<em>Antw.</em> Ja, mein Vater, so sagt man.
-</p>
-
-<p>
-<em>Fr.</em> Man sagt es nicht bloß; er <em>ist</em> es.
-</p>
-
-<p>
-<em>Antw.</em> Auch gut; er <em>ist</em> es.
-</p>
-
-<p>
-<em>Fr.</em> Meinst Du nicht, daß er um dieser Eigenschafften
-willen Bewunderung und Verehrung verdiene?
-</p>
-
-<p>
-<em>Antw.</em> Du schertzest, mein Vater.
-</p>
-
-<p>
-<em>Fr.</em> Warum nicht?
-</p>
-
-<p>
-<em>Antw.</em> Das wäre ebenso feig, als ob ich die Geschicklichkeit,
-die einem Menschen im Ringen beiwohnt, in dem
-Augenblick bewundern wollte, da er mich in den Koth wirft
-und mein Antlitz mit Füßen tritt.
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-87" class="pagenum" title="87"></a>
-<em>Fr.</em> Wer also unter den Deutschen mag ihn bewundern?
-</p>
-
-<p>
-<em>Antw.</em> Die robusten Feldherrn etwa und die Kenner
-der Kunst.
-</p>
-
-<p>
-<em>Fr.</em> Und auch diese, wann mögen sie es erst thun?
-</p>
-
-<p>
-<em>Antw.</em> Wenn er vernichtet ist.
-</p>
-
-<h5 class="ch">
-<span class="line1">Achtes Kapitel.</span><br />
-<span class="line2">Von der Erziehung der Deutschen.</span>
-</h5>
-
-<p>
-<em>Fr.</em> Was mag die Vorsehung wohl damit, mein Sohn,
-daß sie die Deutschen so grimmig durch Napoleon, den Korsen,
-aus ihrer Ruhe aufgeschreckt hat, bezweckt haben?
-</p>
-
-<p>
-<em>Antw.</em> Das weiß ich nicht.
-</p>
-
-<p>
-<em>Fr.</em> Das weißt Du nicht?
-</p>
-
-<p>
-<em>Antw.</em> Nein, mein Vater.
-</p>
-
-<p>
-<em>Fr.</em> Ich auch nicht. Ich schieße nur mit meinem Urtheil
-ins Blaue hinein. Treffe ich, so ist es gut; wo nicht,
-so ist an dem Schuß nichts verloren. &mdash; Tadelst Du dies
-Unternehmen?
-</p>
-
-<p>
-<em>Antw.</em> Keineswegs, mein Vater.
-</p>
-
-<p>
-<em>Fr.</em> Vielleicht meinst Du, die Deutschen befanden sich
-schon, wie die Sachen stehn, auf dem Gipfel aller Tugend,
-alles Heils und alles Ruhms?
-</p>
-
-<p>
-<em>Antw.</em> Keineswegs, mein Vater.
-</p>
-
-<p>
-<em>Fr.</em> Oder waren wenigstens auf guten Wegen, ihn zu
-erreichen?
-</p>
-
-<p>
-<em>Antw.</em> Nein, mein Vater; das auch nicht.
-</p>
-
-<p>
-<em>Fr.</em> Von welcher Unart habe ich Dir zuweilen gesprochen?
-</p>
-
-<p>
-<em>Antw.</em> Von einer Unart?
-</p>
-
-<p>
-<em>Fr.</em> Ja; die dem lebenden Geschlecht anklebt.
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-88" class="pagenum" title="88"></a>
-<em>Antw.</em> Der Verstand der Deutschen, hast Du mir
-gesagt, habe durch einige scharfsinnige Lehrer einen Ueberwitz
-bekommen; sie reflectirten, wo sie empfinden oder handeln
-sollten, meinten Alles durch ihren Witz bewerkstelligen zu
-können, und gäben nichts mehr auf die alte geheimnißvolle
-Kraft der Hertzen.
-</p>
-
-<p>
-<em>Fr.</em> Findest Du nicht, daß die Unart, die Du mir beschreibst,
-zum Theil auch auf Deinem Vater ruht, indem er
-Dich catechisirt?
-</p>
-
-<p>
-<em>Antw.</em> Ja, mein lieber Vater.
-</p>
-
-<p>
-<em>Fr.</em> Woran hiengen sie mit unmäßiger und unedler Liebe?
-</p>
-
-<p>
-<em>Antw.</em> An Geld und Gut, trieben Handel und Wandel
-damit, daß ihnen der Schweiß ordentlich des Mitleidens würdig
-von der Stirn triefte, und meinten ein ruhiges, gemächliches und
-sorgenfreies Leben sei Alles, was sich in der Welt erringen ließe.
-</p>
-
-<p>
-<em>Fr.</em> Warum also mag das Elend wohl, das in der Zeit
-ist, über sie gekommen, ihre Hütten zerstört und ihre Felder
-verheeret worden sein?
-</p>
-
-<p>
-<em>Antw.</em> Um ihnen diese Güter völlig verächtlich zu
-machen, und sie anzuregen nach den höhern und höchsten, die
-Gott den Menschen beschert hat, hinanzustreben.
-</p>
-
-<p>
-<em>Fr.</em> Und welches sind die höchsten Güter der Menschen?
-</p>
-
-<p>
-<em>Antw.</em> Gott, Vaterland, Kaiser, Freyheit, Liebe und
-Treue, Schönheit, Wissenschafft und Kunst.
-</p>
-
-<h5 class="ch">
-<span class="line1">Neuntes Kapitel.</span><br />
-<span class="line2">Eine Nebenfrage.</span>
-</h5>
-
-<p>
-<em>Fr.</em> Sage mir, mein Sohn, wohin kommt der, welcher
-liebt? In den Himmel oder in die Hölle?
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-89" class="pagenum" title="89"></a>
-<em>Antw.</em> In den Himmel.
-</p>
-
-<p>
-<em>Fr.</em> Und der, welcher haßt?
-</p>
-
-<p>
-<em>Antw.</em> In die Hölle.
-</p>
-
-<p>
-<em>Fr.</em> Aber derjenige, welcher weder liebt noch haßt: wohin
-kommt der?
-</p>
-
-<p>
-<em>Antw.</em> Welcher weder liebt noch haßt?
-</p>
-
-<p>
-<em>Fr.</em> Ja! &mdash; Hast Du die schöne Fabel vergessen?
-</p>
-
-<p>
-<em>Antw.</em> Nein, mein Vater.
-</p>
-
-<p>
-<em>Fr.</em> Nun? Wohin kommt der?
-</p>
-
-<p>
-<em>Antw.</em> Der kommt in die siebente, tiefste und unterste
-Hölle.
-</p>
-
-<h5 class="ch">
-<span class="line1">Zehntes Kapitel.</span><br />
-<span class="line2">Von der Verfassung der Deutschen.<a class="fnote" href="#footnote-62" id="fnote-62">[62]</a></span>
-</h5>
-
-<p>
-&mdash; &mdash; &mdash; &mdash;
-</p>
-
-<h5 class="ch">
-<span class="line1">[Zwölftes Kapitel.]</span>
-</h5>
-
-<p>
-wo sie sie immer treffen mögen, erschlagen.
-</p>
-
-<p>
-<em>Fr.</em> Hat er dies Allen oder den Einzelnen befohlen?
-</p>
-
-<p>
-<em>Antw.</em> Allen und den Einzelnen.
-</p>
-
-<p>
-<em>Fr.</em> Aber der Einzelne, wenn er zu den Waffen griffe,
-würde offtmals nur in sein Verderben laufen?
-</p>
-
-<p>
-<em>Antw.</em> Allerdings, mein Vater, das wird er.
-</p>
-
-<p>
-<em>Fr.</em> Er muß also lieber warten, bis ein Haufen zusammengelaufen
-ist, um sich an diesen anzuschließen?
-</p>
-
-<p>
-<em>Antw.</em> Nein, mein Vater.
-</p>
-
-<p>
-<em>Fr.</em> Warum nicht?
-</p>
-
-<p>
-<em>Antw.</em> Du scherzest, wenn Du so fragst.
-</p>
-
-<p>
-<em>Fr.</em> So rede!
-</p>
-
-<p>
-<em>Antw.</em> Weil, wenn jedweder so dächte, gar kein Haufen
-zusammenlaufen würde, an den man sich anschließen könnte.
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-90" class="pagenum" title="90"></a>
-<em>Fr.</em> Mithin &mdash; was ist die Pflicht jedes Einzelnen?
-</p>
-
-<p>
-<em>Antw.</em> Unmittelbar auf das Gebot des Kaisers zu den
-Waffen zu greifen, den Anderen, wie die hochherzigen Tyroler,<a class="fnote" href="#footnote-63" id="fnote-63">[63]</a>
-ein Beispiel zu geben, und die Franzosen, wo sie angetroffen
-werden mögen, zu erschlagen.
-</p>
-
-<h5 class="ch">
-<span class="line1">Dreizehntes Kapitel.</span><br />
-<span class="line2">Von den freiwilligen Beiträgen.</span>
-</h5>
-
-<p>
-<em>Fr.</em> Wen Gott mit Gütern geseegnet hat, was muß
-der noch außerdem für den Fortgang des Kriegs, der geführt
-wird, thun?
-</p>
-
-<p>
-<em>Antw.</em> Er muß, was er entbehren kann, zur Bestreitung
-seiner Kosten hergeben.
-</p>
-
-<p>
-<em>Fr.</em> Was kann der Mensch entbehren?
-</p>
-
-<p>
-<em>Antw.</em> Alles bis auf Wasser und Brod, [das] ihn ernährt,
-und ein Gewand, das ihn deckt.
-</p>
-
-<p>
-<em>Fr.</em> Wie viel Gründe kannst Du anführen, um die
-Menschen, freiwillige Beiträge einzuliefern, zu bewegen?
-</p>
-
-<p>
-<em>Antw.</em> Zwei. Einen, der nicht viel einbringen wird,
-und Einen, der die Führer des Kriegs reich machen muß,
-falls die Menschen nicht mit Blindheit geschlagen sind.<a class="fnote" href="#footnote-64" id="fnote-64">[64]</a>
-</p>
-
-<p>
-<em>Fr.</em> Welcher ist der, der nicht viel einbringen wird?
-</p>
-
-<p>
-<em>Antw.</em> Weil Geld und Gut gegen das, was damit
-errungen werden soll, nichtswürdig sind.
-</p>
-
-<p>
-<em>Fr.</em> Und welcher ist der, der die Führer des Kriegs
-reich machen muß, falls die Menschen nicht mit Blindheit
-geschlagen sind?
-</p>
-
-<p>
-<em>Antw.</em> Weil es die Franzosen doch wegnehmen.
-</p>
-
-<h5 class="ch">
-<a id="page-91" class="pagenum" title="91"></a>
-<span class="line1">Vierzehntes Kapitel.</span><br />
-<span class="line2">Von den obersten Staatsbeamten.</span>
-</h5>
-
-<p>
-<em>Fr.</em> Die Staatsbeamten, die dem Kaiser von Oesterreich
-und den ächten deutschen Fürsten treu dienen, findest Du
-nicht, mein Sohn, daß sie einen gefährlichen Stand haben?
-</p>
-
-<p>
-<em>Antw.</em> Allerdings, mein Vater.
-</p>
-
-<p>
-<em>Fr.</em> Warum?
-</p>
-
-<p>
-<em>Antw.</em> Weil, wenn der korsische Kaiser ins Land käme,
-er sie um dieser Treue willen bitter bestrafen würde.
-</p>
-
-<p>
-<em>Fr.</em> Also ist es für jeden, der auf einer wichtigen Landesstelle
-steht, der Klugheit gemäß, sich zurückzuhalten, und sich
-nicht mit Eifer auf heftige Maasregeln, wenn sie ihm auch
-von der Regierung anbefohlen sein sollten, einzulassen?<a class="fnote" href="#footnote-65" id="fnote-65">[65]</a>
-</p>
-
-<p>
-<em>Antw.</em> Pfui doch, mein Vater; was sprichst Du da!
-</p>
-
-<p>
-<em>Fr.</em> Was? &mdash; Nicht?
-</p>
-
-<p>
-<em>Antw.</em> Das wäre schändlich und niederträchtig.
-</p>
-
-<p>
-<em>Fr.</em> Warum?
-</p>
-
-<p>
-<em>Antw.</em> Weil ein Solcher nicht mehr Staatsdiener seines
-Fürsten, sondern schon, als ob er in seinem Sold stünde,
-Staatsdiener des Korsenkaisers ist, und für seine Zwecke arbeitet.
-</p>
-
-<h5 class="ch">
-<span class="line1">Funfzehntes Kapitel.</span><br />
-<span class="line2">Vom Hochverrathe.</span>
-</h5>
-
-<p>
-<em>Fr.</em> Was begeht derjenige, mein Sohn, der dem Aufgebot,
-das der Erzherzog Carl an die Nation erlassen hat,
-nicht gehorcht, oder wohl gar durch Wort und That zu widerstreben
-wagt?
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-92" class="pagenum" title="92"></a>
-<em>Antw.</em> Einen Hochverrath mein Vater.
-</p>
-
-<p>
-<em>Fr.</em> Warum?
-</p>
-
-<p>
-<em>Antw.</em> Weil er dem Volk, zu dem er gehört, verderblich
-ist.
-</p>
-
-<p>
-<em>Fr.</em> Was hat derjenige zu thun, den das Unglück unter
-die verrätherischen Fahnen geführt hat, die den Franzosen
-verbunden, der Unterjochung des Vaterlandes wehen?
-</p>
-
-<p>
-<em>Antw.</em> Er muß seine Waffen schaamroth wegwerfen,
-und zu den Fahnen der Oesterreicher übergehen.
-</p>
-
-<p>
-<em>Fr.</em> Wenn er dies nicht thut, und mit den Waffen in
-der Hand ergriffen wird, was hat er verdient?
-</p>
-
-<p>
-<em>Antw.</em> Den Tod, mein Vater.
-</p>
-
-<p>
-<em>Fr.</em> Und was kann ihn einzig davor schützen?
-</p>
-
-<p>
-<em>Antw.</em> Die Gnade Franzens, Kaisers von Oesterreich,
-des Vormunds, Retters und Wiederherstellers der Deutschen.
-</p>
-
-<h5 class="ch">
-<span class="line1">Sechszehntes Kapitel.</span><br />
-<span class="line2">Schluß.</span>
-</h5>
-
-<p>
-<em>Fr.</em> Aber sage mir, mein Sohn, wenn es dem hochherzigen
-Kaiser von Oesterreich, der für die Freiheit Deutschlands
-die Waffen ergriff, nicht gelänge, das Vaterland zu
-befreien: würde er nicht den Fluch der Welt auf sich laden,
-den Kampf überhaupt unternommen zu haben?
-</p>
-
-<p>
-<em>Antw.</em> Nein, mein Vater.
-</p>
-
-<p>
-<em>Fr.</em> Warum nicht?
-</p>
-
-<p>
-<em>Antw.</em> Weil Gott der oberste Herr der Heer-Schaaren
-ist, und nicht der Kaiser, und es weder in seiner noch in seines
-Bruders, des Erzherzog Carls, Macht steht, die Schlachten,
-so wie sie es wohl wünschen mögen, zu gewinnen.
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-93" class="pagenum" title="93"></a>
-<em>Fr.</em> Gleichwohl ist, wenn der Zweck des Kriegs nicht
-erreicht wird, das Blut vieler tausend Menschen nutzlos geflossen,
-die Städte verwüstet und das Land verheert worden.
-</p>
-
-<p>
-<em>Antw.</em> Wenngleich, mein Vater!
-</p>
-
-<p>
-<em>Fr.</em> Was? Wenngleich! &mdash; Also auch, wenn Alles
-untergienge, und kein Mensch, Weiber und Kinder mit eingerechnet,
-am Leben bliebe, würdest du den Kampf noch
-billigen?
-</p>
-
-<p>
-<em>Antw.</em> Allerdings, mein Vater.
-</p>
-
-<p>
-<em>Fr.</em> Warum?
-</p>
-
-<p>
-<em>Antw.</em> Weil es Gott lieb ist, wenn Menschen ihrer
-Freiheit wegen sterben.
-</p>
-
-<p>
-<em>Fr.</em> Was aber ist ihm ein Gräuel?
-</p>
-
-<p>
-<em>Antw.</em> Wenn Sclaven leben!
-</p>
-
-<h3 class="pbb chapter" id="chapter-4-2">
-<a id="page-94" class="pagenum" title="94"></a>
-<span class="line1">2. Politische Aufrufe und Betrachtungen.</span>
-</h3>
-
-<h4 class="subchap" id="subchap-4-2-1">
-<span class="line1">1. Einleitung [zur Zeitschrift Germania].</span>
-</h4>
-
-<p class="noindent">
-Diese Zeitschrift soll der erste Athemzug der deutschen
-Freiheit sein. Sie soll Alles aussprechen, was während der
-drei letzten, unter dem Druck der Franzosen verseufzten, Jahre
-in den Brüsten wackerer Deutschen hat verschwiegen bleiben
-müssen: alle Besorgniß, alle Hoffnung, alles Elend und
-alles Glück.
-</p>
-
-<p>
-Es bedurfte einer Zeit wie die jetzige, um einem Blatt,
-wie das vorliegende ist, das Dasein zu geben. So lange
-noch keine Handlung des Staats geschehen war, mußte es
-jedem Deutschen, der seine Worte zu Rathe hielt, ebenso
-voreilig als nutzlos scheinen zu seinen Mitbrüdern zu reden.
-Eine solche Stimme würde entweder völlig in der Wüste
-verhallt sein, oder &mdash; welches fast noch schlimmer gewesen
-wäre &mdash; die Gemüther nur auf die Höhen der Begeisterung
-erhoben haben, um sie in dem zunächst darauf folgenden
-Augenblick in eine desto tiefere Nacht der Gleichgültigkeit und
-Hoffnungslosigkeit versinken zu lassen.
-</p>
-
-<p>
-Jetzt aber hat der Kaiser von Oesterreich an der Spitze
-seines tapfern Heeres den Kampf für seiner Unterthanen Wohl,
-und den noch großmüthigeren für das Heil des unterdrückten
-<a id="page-95" class="pagenum" title="95"></a>
-und bisher noch wenig dankbaren Deutschlands unternommen.
-Der kaiserliche Bruder, den er zum Herrn des Heers bestellte,
-hat die göttliche Kraft, das Werk an sein Ziel hinauszuführen,
-auf eine erhabene und rührende Art dargethan. Das Misgeschick,
-das ihn traf, trug er mit der Unbeugsamkeit der
-Helden, und ward in dem entscheidenden Augenblick, da es
-zu siegen oder zu sterben galt, der Bezwinger des Unbezwungenen,
-&mdash; ward es mit einer Bescheidenheit, die dem Zeitalter,
-in welchem wir leben, fremd ist.<a class="fnote" href="#footnote-66" id="fnote-66">[66]</a>
-</p>
-
-<p>
-Jetzt oder niemals ist es Zeit den Deutschen zu sagen,
-was sie ihrerseits zu thun haben, um der erhabenen Vormundschafft,
-die sich über sie eingesetzt hat, allererst würdig
-zu werden; und dieses Geschäfft ist es, das wir, von der Lust
-am Guten mitzuwirken bewegt, in den Blättern der Germania
-haben übernehmen wollen.
-</p>
-
-<p>
-Hoch, auf dem Gipfel der Felsen soll sie sich stellen und
-den Schlachtgesang herabdonnern ins Thal! Dich, o Vaterland,
-will sie singen und deine Heiligkeit und Herrlichkeit,
-und welch ein Verderben seine Wogen auf dich heranwälzt!
-Sie will herabsteigen, wenn die Schlacht braußt,<a class="fnote" href="#footnote-67" id="fnote-67">[67]</a> und sich
-mit hochroth glühenden Wangen unter die Streitenden mischen
-und ihren Muth beleben, und ihnen Unerschrockenheit und
-Ausdauer und des Todes Verachtung ins Herz gießen; &mdash; &mdash;
-und die Jungfrauen des Landes herbeirufen, wenn der Sieg
-erfochten ist, daß sie sich niederbeugen über die so gesunken
-sind, und ihnen das Blut aus der Wunde saugen. Möge
-jeder, der sich bestimmt fühlt dem Vaterlande auf <em>diese</em>
-Weise zu &mdash; &mdash; &mdash;
-</p>
-
-<h4 class="subchap" id="subchap-4-2-2">
-<a id="page-96" class="pagenum" title="96"></a>
-<span class="line1">2. [Aufruf.]</span>
-</h4>
-
-<p class="noindent">
-Zeitgenossen! Glückliche oder unglückliche Zeitgenossen &mdash;
-wie soll ich euch nennen? daß ihr nicht aufmerken wollet,
-oder nicht aufmerken könnet. Wunderbare und sorgenlose
-Blindheit, mit welcher ihr nichts vernehmt! O, wenn in
-euren Füßen Weissagung wäre, wie schnell würden sie zur
-Flucht sein! Denn unter ihnen gährt die Flamme, die bald
-in Vulcanen herausdonnern, und unter ihrer Asche und ihren
-Lavaströmen Alles begraben wird. Wunderbare Blindheit,
-die nicht gewahrt, daß Ungeheures und Unerhörtes nahe ist,
-daß Dinge reifen, von welchen noch der Urenkel mit Grausen
-sprechen wird, wie von atridischen Tischen und Pariser und
-Nanter Bluthochzeiten? Welche Verwandlungen nahen! Ja,
-in welchen seid ihr mitten inne und merkt sie nicht, und
-meint, es geschähe etwas Alltägliches in dem alltäglichen Nichts,
-worin ihr befangen seid! &mdash; <span class="antiqua">G. v. J.</span> S. 13.<a class="fnote" href="#footnote-68" id="fnote-68">[68]</a>
-</p>
-
-<p>
-Diese Prophezeiung &mdash; in der That, mehr als einmal
-habe ich diese Worte als übertrieben tadeln hören. Sie
-flößen, sagt man, ein gewisses falsches Entsetzen ein, das die
-Gemüther, statt sie zu erregen, vielmehr abspanne und
-erschlaffe. Man sieht um sich, heißt es, ob wirklich die Erde
-sich schon unter den Fußtritten der Menschen eröffne; und
-wenn man die Thürme und die Giebel der Häuser noch
-stehen sieht, so holt man, als ob man aus einem schweren
-Traume erwachte, wieder Athem. Das Wahrhaftige, was
-darin liegt, verwerfe man mit dem Unwahrhaftigen, und sei
-geneigt die ganze Weissagung, die das Buch enthält, für eine
-Vision zu halten.
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-97" class="pagenum" title="97"></a>
-O du, der du so sprichst, du kömmst mir vor wie etwa
-ein Grieche aus dem Zeitalter des Sülla, oder aus jenem
-des Titus ein Israelit.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Was? dieser mächtige Staat der Juden soll untergehen?
-Jerusalem, diese Stadt Gottes, von seinem leibhaftigen Cherubime
-beschützt, sie sollte, Zion, zu Asche versinken? Eulen
-und Adler sollten in den Trümmern dieses salomonischen
-Tempels wohnen? Der Tod sollte die ganze Bevölkerung
-hinwegraffen, Weiber und Kinder in Fesseln hinweggeführt
-werden, und die Nachkommenschafft in alle Länder der Welt
-zerstreut, durch Jahrtausende und wieder Jahrtausende<a class="fnote" href="#footnote-69" id="fnote-69">[69]</a> verworfen,
-wie dieser Ananias prophezeit, das Leben der Sclaven
-führen? Was?&ldquo;
-</p>
-
-<h4 class="subchap" id="subchap-4-2-3">
-<span class="line1">3. Was gilt es in diesem Kriege?</span>
-</h4>
-
-<p class="noindent">
-Gilt es, was es gegolten hat sonst in den Kriegen, die
-geführt worden sind auf dem Gebiete der unermeßlichen Welt?
-Gilt es den Ruhm eines jungen und unternehmenden Fürsten,
-der in dem Duft einer lieblichen Sommernacht von
-Lorbeern geträumt hat? Oder die Genugthuung für die
-Empfindlichkeit einer Favorite, deren Reitze, vom Beherrscher
-des Reichs anerkannt, an fremden Höfen in Zweifel gezogen
-worden sind? Gilt es einen Feldzug, der, jenem spanischen
-Erbfolgestreit gleich, wie ein Schachspiel geführt wird, bei
-welchem kein Herz wärmer schlägt, keine Leidenschafft das
-Gefühl schwellt, kein Muskel, vom Giftpfeil der Beleidigung
-getroffen, emporzuckt? Gilt es ins Feld zu rücken von beiden
-Seiten, wenn der Lenz kommt, sich zu treffen mit flatternden
-<a id="page-98" class="pagenum" title="98"></a>
-Fahnen, und zu schlagen und entweder zu siegen, oder wieder
-in die Winterquartiere einzurücken? Gilt es eine Provinz
-abzutreten, einen Anspruch auszufechten, oder eine Schuld-Forderung
-geltend zu machen, oder gilt es sonst irgend etwas,
-das nach dem Werth des Geldes auszumessen ist, heut besessen,
-morgen aufgegeben, und übermorgen wieder erworben
-werden kann?
-</p>
-
-<p>
-Eine Gemeinschafft gilt es, deren Wurzeln tausendästig,<a class="fnote" href="#footnote-70" id="fnote-70">[70]</a>
-einer Eiche gleich, in den Boden der Zeit eingreifen; deren
-Wipfel, Tugend und Sittlichkeit überschattend, an den silbernen
-Saum der Wolken rührt, deren Dasein durch das Drittheil
-eines Erdalters geheiligt worden ist; eine Gemeinschafft, die,
-unbekannt mit dem Geist der Herrschsucht und der Eroberung,
-des Daseins und der Duldung so würdig ist, wie irgend eine;
-die ihren Ruhm nicht einmal denken kann, sie müßte denn den
-Ruhm zugleich und das Heil aller Uebrigen denken, die den
-Erdkreis bewohnen; deren ausgelassenster und ungeheuerster
-Gedanke noch, von Dichtern und Weisen auf Flügeln der Einbildung
-erschwungen, Unterwerfung unter eine Weltregierung
-ist, die in freier Wahl von der Gesammtheit aller Brüder-Nationen
-gesetzt wäre. Eine Gemeinschafft gilt es, deren Wahrhaftigkeit
-und Offenherzigkeit gegen Freund und Feind gleich
-unerschütterlich geübt, bei dem Witz der Nachbarn zum Sprichwort
-geworden ist; die über jeden Zweifel erhoben, dem Besitzer
-jenes ächten Ringes gleich, diejenige ist, die die Anderen
-am Meisten lieben; deren Unschuld, selbst in dem Augenblick
-noch, da der Fremdling sie belächelt, oder wohl gar verspottet,
-sein Gefühl geheimnißvoll erweckt; dergestalt, daß derjenige,
-der zu ihr gehört, nur seinen Namen zu nennen braucht, um
-<a id="page-99" class="pagenum" title="99"></a>
-auch in den entferntesten Theilen der Welt noch Glauben zu
-finden. Eine Gemeinschafft, die weit entfernt in ihrem Busen
-auch nur eine Regung von Uebermuth zu tragen, vielmehr,
-einem schönen Gemüth gleich, bis auf den heutigen Tag an
-ihre eigne Herrlichkeit nicht geglaubt hat; die herumgeflattert
-ist unermüdlich, einer Biene gleich, Alles, was sie Vortreffliches
-fand, in sich aufzunehmen, gleich als ob nichts von Ursprung
-herein Schönes in ihr<a class="fnote" href="#footnote-71" id="fnote-71">[71]</a> selber wäre; in deren Schooß
-gleichwohl (wenn es zu sagen erlaubt ist!) die Götter das Urbild
-der Menschheit reiner als in irgend einer andern aufbewahrt
-hatten. Eine Gemeinschafft, die dem Menschengeschlecht nichts
-in dem Wechsel der Dienstleistungen<a class="fnote" href="#footnote-72" id="fnote-72">[72]</a> schuldig geblieben ist, die
-den Völkern, ihren Brüdern und Nachbarn, für jede Kunst des
-Friedens, welche sie von ihnen erhielt, eine andere zurückgab;
-eine Gemeinschafft, die an dem Obelisken der Zeiten stets
-unter den Wackersten und Rüstigsten thätig gewesen ist; ja,
-die den Grundstein desselben gelegt hat, und vielleicht den
-Schlußblock darauf zu setzen bestimmt war. Eine Gemeinschafft
-gilt es, die den Leibnitz und Guttenberg gebohren hat,
-in welcher ein Guericke den Luftkreis wog, Tschirnhausen den
-Glanz der Sonne lenkte, und Keppler der Gestirne Bahn
-verzeichnete; eine Gemeinschafft, die große Namen, wie der
-Lenz Blumen, aufzuweisen hat; die den Hutten und Sickingen,
-Luther und Melanchthon, Joseph und Friedrich auferzog; in
-welcher Dürer und Cranach, die Verherrlicher der Tempel,
-gelebt, und Klopstock den Triumph des Erlösers gesungen hat.
-Eine Gemeinschafft mithin gilt es, die dem ganzen Menschengeschlecht
-angehört;<a class="fnote" href="#footnote-73" id="fnote-73">[73]</a> die die Wilden der Südsee noch, wenn
-sie sie kennten, zu beschützen herbeiströmen würden; eine
-<a id="page-100" class="pagenum" title="100"></a>
-Gemeinschafft, deren Dasein keine deutsche Brust überleben,
-und die nur mit Blut, vor [dem] die Sonne verdunkelt, zu
-Grabe gebracht werden soll!
-</p>
-
-<h4 class="subchap" id="subchap-4-2-4">
-<span class="line1">4. Einleitung [zu den Berliner Abendblättern].</span><br />
-<span class="line2">Gebet des Zoroaster.</span><br />
-<span class="line3">(Aus einer indischen Handschrift, von einem Reisenden in den Ruinen von Palmyra gefunden.)</span><br />
-<span class="line4">(1. October 1810.)</span>
-</h4>
-
-<p class="noindent">
-Gott, mein Vater im Himmel! Du hast dem Menschen
-ein so freies, herrliches und üppiges Leben bestimmt.
-Kräfte unendlicher Art, göttliche und thierische, spielen in seiner
-Brust zusammen, um ihn zum König der Erde zu machen.
-Gleichwohl, von unsichtbaren Geistern überwältigt, liegt er,
-auf verwundernswürdige und unbegreifliche Weise, in Ketten
-und Banden; das Höchste, von Irrthum geblendet, läßt er zur
-Seite liegen, und wandelt, wie mit Blindheit geschlagen,
-unter Jämmerlichkeiten und Nichtigkeiten umher. Ja, er gefällt
-sich in seinem Zustand; und wenn die Vorwelt nicht
-wäre und die göttlichen Lieder, die von ihr Kunde geben, so
-würden wir gar nicht mehr ahnden, von welchen Gipfeln,
-o Herr! der Mensch um sich schauen kann. Nun lässest du
-es, von Zeit zu Zeit, niederfallen, wie Schuppen, von dem
-Auge Eines deiner Knechte, den du dir erwählt, daß er
-die Thorheiten und Irrthümer seiner Gattung überschaue;
-ihn rüstest du mit dem Köcher der Rede, daß er, furchtlos
-und liebreich, mitten unter sie trete, und sie mit Pfeilen,
-bald schärfer, bald leiser, aus der wunderlichen Schlafsucht,
-in welcher sie befangen liegen, wecke. Auch mich, o Herr,
-<a id="page-101" class="pagenum" title="101"></a>
-hast du, in deiner Weisheit, mich wenig Würdigen, zu
-diesem Geschäft erkoren; und ich schicke mich zu meinem Beruf
-an. Durchdringe mich ganz, vom Scheitel zur Sohle, mit
-dem Gefühl des Elends, in welchem dies Zeitalter darnieder
-liegt, und mit der Einsicht in alle Erbärmlichkeiten, Halbheiten,
-Unwahrhaftigkeiten und Gleisnereien, von denen es
-die Folge ist. Stähle mich mit Kraft, den Bogen des Urtheils
-rüstig zu spannen, und, in der Wahl der Geschosse,
-mit Besonnenheit und Klugheit, auf daß ich jedem, wie es
-ihm zukommt, begegne: den Verderblichen und Unheilbaren,
-dir zum Ruhm, niederwerfe, den Lasterhaften schrecke, den
-Irrenden warne, den Thoren, mit dem bloßen Geräusch der
-Spitze über sein Haupt hin, necke. Und einen Kranz auch
-lehre mich winden, womit ich, auf meine Weise, den, der
-dir wohlgefällig ist, kröne! Ueber Alles aber, o Herr, möge
-Liebe wachen zu dir, ohne welche nichts, auch das Geringfügigste
-nicht, gelingt: auf daß dein Reich verherrlicht und
-erweitert werde, durch alle Räume und alle Zeiten, Amen!
-</p>
-
-<p class="sign">
-<span class="line1"><span class="antiqua"><i>x.</i></span></span>
-</p>
-
-<h4 class="subchap" id="subchap-4-2-5">
-<span class="line1">5. Von der Ueberlegung.</span><br />
-<span class="line2">(Eine Paradoxe.)</span><br />
-<span class="line3">(7. December.)</span>
-</h4>
-
-<p class="noindent">
-Man rühmt den Nutzen der Ueberlegung in alle Himmel;
-besonders der kaltblütigen und langwierigen vor der That.
-Wenn ich ein Spanier, ein Italiener oder ein Franzose wäre:
-so mögte es damit sein Bewenden haben. Da ich aber ein
-Deutscher bin, so denke ich meinem Sohn einst, besonders
-<a id="page-102" class="pagenum" title="102"></a>
-wenn er sich zum Soldaten bestimmen sollte, folgende Rede
-zu halten.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Die Ueberlegung, wisse, findet ihren Zeitpunkt weit
-schicklicher <em>nach</em>, als <em>vor</em> der That. Wenn sie vorher, oder
-in dem Augenblick der Entscheidung selbst, ins Spiel tritt:
-so scheint sie nur die zum Handeln nöthige Kraft, die aus
-dem herrlichen Gefühl quillt, zu verwirren, zu hemmen und
-zu unterdrücken; dagegen sich nachher, wenn die Handlung
-abgethan ist, der Gebrauch von ihr machen läßt, zu welchem
-sie dem Menschen eigentlich gegeben ist, nämlich sich dessen,
-was in dem Verfahren fehlerhaft und gebrechlich war, bewußt
-zu werden, und das Gefühl für andere künftige Fälle zu reguliren.
-Das Leben selbst ist ein Kampf mit dem Schicksal;
-und es verhält sich auch mit dem Handeln wie mit dem
-Ringen. Der Athlet kann, in dem Augenblick, da er seinen
-Gegner umfaßt hält, schlechthin nach keiner andern Rücksicht,
-als nach bloßen augenblicklichen Eingebungen verfahren; und
-derjenige, der berechnen wollte, welche Muskeln er anstrengen,
-und welche Glieder er in Bewegung sezzen soll, um zu überwinden,
-würde unfehlbar den Kürzern ziehen, und unterliegen.
-Aber nachher, wenn er gesiegt hat oder am Boden liegt, mag
-es zweckmäßig und an seinem Ort sein, zu überlegen, durch
-welchen Druck er seinen Gegner niederwarf, oder welch ein
-Bein er ihm hätte stellen sollen, um sich aufrecht zu erhalten.
-Wer das Leben nicht, wie ein solcher Ringer, umfaßt hält,
-und tausendgliedrig, nach allen Windungen des Kampfes, nach
-allen Widerständen, Drücken, Ausweichungen und Reactionen,
-empfindet und spürt: der wird, was er will, in keinem Gespräch,
-durchsetzen; vielweniger in einer Schlacht.&ldquo;
-</p>
-
-<p class="sign">
-<span class="line1"><span class="antiqua"><i>x.</i></span></span>
-</p>
-
-<h4 class="subchap" id="subchap-4-2-6">
-<a id="page-103" class="pagenum" title="103"></a>
-<span class="line1">6. Betrachtungen über den Weltlauf.</span><br />
-<span class="line2">(9. October.)</span>
-</h4>
-
-<p class="noindent">
-Es giebt Leute, die sich die Epochen, in <a id="corr-8"></a>welchen die
-Bildung einer Nation fortschreitet, in einer gar wunderlichen
-Ordnung vorstellen. Sie bilden sich ein, daß ein Volk zuerst
-in thierischer <em>Rohheit</em> und <em>Wildheit</em> daniederläge; daß
-man nach Verlauf einiger Zeit, das Bedürfniß einer Sittenverbesserung
-empfinden, und somit die <em>Wissenschaft von
-der Tugend</em> aufstellen müsse; daß man, um den Lehren
-derselben Eingang zu verschaffen, daran denken würde, sie in
-schönen Beispielen zu versinnlichen, und daß somit die
-<em>Aesthetik</em> erfunden werden würde: daß man nunmehr, nach
-den Vorschriften derselben, schöne Versinnlichungen verfertigen,
-und somit die <em>Kunst</em> selbst ihren Ursprung nehmen würde:
-und daß vermittelst der Kunst endlich das Volk auf die höchste
-Stufe menschlicher <em>Cultur</em> hinaufgeführt werden würde.
-Diesen Leuten dient zur Nachricht, daß Alles, wenigstens bei
-den Griechen und Römern, in ganz umgekehrter Ordnung
-erfolgt ist. Diese Völker machten mit der <em>heroischen</em> Epoche,
-<a id="corr-9"></a>welche ohne Zweifel die höchste ist, die erschwungen werden
-kann, den Anfang; als sie in keiner menschlichen und bürgerlichen
-Tugend mehr Helden hatten, <em>dichteten</em> sie welche;
-als sie keine mehr dichten konnten, erfanden sie dafür die
-<em>Regeln</em>; als sie sich in den Regeln verwirrten, abstrahirten
-sie die <em>Weltweisheit</em> selbst; und als sie damit fertig waren,
-wurden sie <em>schlecht</em>.
-</p>
-
-<p class="sign">
-<span class="line1"><span class="antiqua"><i>z.</i></span></span>
-</p>
-
-<h3 class="pbb chapter" id="chapter-4-3">
-<a id="page-104" class="pagenum" title="104"></a>
-<span class="line1">3. Erzählungen und Anekdoten.</span>
-</h3>
-
-<h4 class="subchap" id="subchap-4-3-1">
-<span class="line1">1. Warnung gegen weibliche Jägerei.</span><br />
-<span class="line2">(5. 6. November.)</span>
-</h4>
-
-<p class="noindent">
-Die Gräfin L... war kurzsichtig, aber sie liebte noch
-immer die Jagd, ungeachtet sie niemals gut geschossen
-hatte. Ihre Jäger kannten ihre Art und nahmen sich vor
-ihr in Acht; sie schoß dreist auf jeden Fleck, wo sich etwas
-regte, es war ihr einerlei, was es sein mogte. Abbé D......,
-einer der gelehrtesten Literatoren, mußte sie mit ihrem vierzehnjährigen
-Sohne, dem Grafen Johann, auf einer dieser
-Treibjagden begleiten, die Jäger suchten ihnen einen sichern
-Platz zum Anstand, hinter zwei starken Bäumen, aus; der
-Abbé nahm aus Langeweile ein Buch aus seiner Tasche, das
-er vom Jagdschloß mitgenommen; es war von Idstädt&rsquo;s Jagdrecht.
-Der junge Graf lauerte aufmerksam auf einen Rehbock,
-der herangetrieben wurde. In dem Augenblicke, als er
-losdrücken wollte, fiel ein Schuß der Gräfin, den sie ungeschickt
-und übereilt auf denselben Rehbock thun wollte, so
-geschickt durch den schmalen Luftraum, zwischen den beiden
-Bäumen, die den Abbé und den Grafen sicherten, daß sich
-beide zu gleicher Zeit verwundet fühlten und aufschrieen.
-Die Gräfin wurde bei diesem Geschrei ohnmächtig, die Jäger
-<a id="page-105" class="pagenum" title="105"></a>
-und die übrige Gesellschaft, in der sich auch ein Wundarzt
-befand, eilten von allen Seiten herbei und theilten ihre Sorge
-zwischen der Gräfin und dem jungen Erbgrafen. Die Güte
-und Geduld des Abbé&rsquo;s ist jedem, der ihn gesehen, aus seinem
-Gesichte bekannt, seine Bescheidenheit jedem, der mit ihm
-gesprochen; hier erschien aber alles Dreies auf einer merkwürdigen
-Probe. Kein Mensch fragte ihn, was ihm fehle,
-vielmehr drängte man ihn beiseite, und als er einem sagte:
-Er glaube zu sterben, der eine Rehposten wäre ihm in der
-Gegend der Leber durch die Rippen eingeschlagen; so antwortete
-ihm jener verstört: der junge Graf sei durch beide
-Schulterblätter verletzt. Der Wundarzt sah nur auf den
-jungen Grafen, und der arme Abbé mußte sich selbst helfen,
-so gut er konnte, und suchte sich die Wunde mit seinem
-Schnupftuche, das er mit dem Rock festknöpfte, so gut als
-möglich zu verschließen. Mit Mühe wurde eine Kutsche durch
-den steinigen hügligten Wald, bis nahe an den Unglücksort,
-gebracht. Die Gräfin hatte sich erholt, und empfahl mit
-vielen Thränen, dem Wundarzte ihren Sohn; der Abbé wollte
-ihr mit Klagen, über seinen Schmerz, keinen Kummer machen,
-und stieg sachte mit der letzten Anstrengung dem jungen
-Grafen in den Wagen nach. Der Wundarzt hielt den Grafen
-im Vorsitz, rückwärts saß der Abbé. Der Wagen fuhr sehr
-langsam, aber der Weg war uneben und stieß unvermeidlich;
-der Graf litt dabei und seufzte leise, aber der Abbé konnte,
-bei dem entsetzlichen Druck der Kugel, sich heftiger Seufzer
-und einzelner Ausrufungen nicht enthalten. Der Wundarzt
-hatte schon ein paar Mal gesagt: Es hätte nichts auf sich
-mit der Wunde des Grafen, er könnte sich beruhigen; endlich
-<a id="page-106" class="pagenum" title="106"></a>
-sprach er ganz ernstlich: Ich ehre ihr Mitleid Herr Abbé,
-aber ich traue ihrem Verstande zu, daß sie sich der Ausbrüche
-desselben erwehren können, wenn es dem Gegenstande
-desselben gefährlich werden könnte; ihre Beileidsbezeugungen
-machen aber den Kranken selbst besorgter, als das Uebel
-verdient.
-</p>
-
-<p>
-In dem Augenblicke krachte der Wagen über eine Wurzel,
-daß der arme Abbé kein Wort sagen konnte, sondern um sich
-verständlich zu machen, den Rock aufknöpfte; das Tuch fiel
-herunter und das Blut floß in großer Menge herab. &mdash;
-Mein Gott, rief der Wundarzt, sind sie auch verwundet,
-wahrhaftig! ja, da muß man sich hier nichts draus machen,
-ich habe heute auch ein Paar Schroten von der Frau Gräfin
-in das dicke Fleisch bekommen, es macht ihr so viel Vergnügen
-und ich singe lustig dabei:
-</p>
-
-<div class="poem-container">
- <div class="poem">
- <div class="stanza">
- <p class="verse">Es ist ein Schuß gefallen,</p>
- <p class="verse">Mein, sagt, wer schoß da draus?</p>
- <p class="verse">Es war ein junger Jäger,</p>
- <p class="verse">Der schoß im Hinterhaus.</p>
- <p class="verse">Die Spatzen in dem Garten,</p>
- <p class="verse">Die machen viel Verdruß,</p>
- <p class="verse">Zwei Spatzen und ein Schneider,</p>
- <p class="verse">Die fielen von dem Schuß,</p>
- <p class="verse">Die Spatzen von den Schroten,</p>
- <p class="verse">Der Schneider von dem Schreck;</p>
- <p class="verse">Die Spatzen in die Schoten,</p>
- <p class="verse">Der Abbé in den Dreck.</p>
- </div>
- </div>
-</div>
-
-<p class="noindent">
-Der gute Abbé, der eine gewisse Kränkung empfunden
-hatte, wie er erst so verbindlich in dem Hause aufgenommen
-und im Unglück so ganz vergessen sei, mußte jetzt selbst lächlen,
-<a id="page-107" class="pagenum" title="107"></a>
-als er bei dieser Anzeige bemerkte, wie er sich beim Falle auf
-dem feuchten Boden beschmutzt hatte, dabei übernahm ihn
-eine Ohnmacht, von der er erst im Schlosse erwachte. Ich
-sah ihn mehrere Jahre nach diesem Vorfalle, den er glücklich
-überstanden hatte; ich fühlte die Kugel, sie hatte sich wohl
-zwei Hände breit hinter den Rippen niedergesenkt, und war
-jetzt unter denselben fühlbar. Zuweilen litt er noch an
-Schmerzen und versicherte, daß alle Gefahren, die von den
-Dichtern einem gewissen Bogengeschoß aus weiblichen Augen
-nachgesagt würden, nicht mit den Gefahren weiblicher Jägerei
-zu vergleichen wären, denn die Geschicklichkeit Dianens
-mögte wohl so selten geworden sein, wie ihre anderen Eigenschaften.
-</p>
-
-<p class="sign">
-<span class="line1"><span class="antiqua"><i>vaa.</i></span></span>
-</p>
-
-<h4 class="subchap" id="subchap-4-3-2">
-<span class="line1">2. Die Heilung.</span><br />
-<span class="line2">(29. November.)</span>
-</h4>
-
-<p class="noindent">
-In den Zeiten des höchsten Glanzes der altfranzösischen
-Hofhaltung unter Ludwig XIV lebte ein Edelmann, der
-Marquis de Saint Meran, der die Anmuth, Geistesgewandheit
-und sittliche Verderbniß der damaligen vornehmen Welt
-im höchsten Grade in sich vereinigte. Unter andern unzählbaren
-Liebesabentheuern hatte er auch eines, mit der Frau
-eines Procuratoren, die es ihm gelang, dem Manne sowohl,
-als dessen Familie und ihrer eigenen gänzlich abzuwenden,
-so daß sie deren Schmach ward, deren Juweel sie gewesen
-war, und in blinder Leidenschaft das Hotel ihres Verführers
-bezog. Er hatte zwar nie so viel bei einer Liebesgeschichte
-empfunden, als bei dieser, ja, es regten sich bisweilen Gefühle
-<a id="page-108" class="pagenum" title="108"></a>
-in ihm, die man einen Abglanz von Religion und
-Herzlichkeit hätte nennen mögen, aber endlich trieb ihn
-dennoch, wenn nicht die Lust am Wechsel, doch die Mode
-des Wechsels von seinem schönen Opfer wieder fort, und er
-suchte nun dieses durch die ausgesuchtesten und verfeinertsten
-Grundsätze seiner Weltweisheit zu beruhigen. Aber das war
-nichts für ein solches Herz. Es schwoll in Leiden, die ihm
-keine Geisteswendung zu mildern vermochte, so gewaltsam
-auf, daß es den einstmals lichtklaren und lichtschnellen Verstand
-verwirrte, und der Marquis, nicht bösartig genug, die
-arme Verrückte ihrem Jammer und dem Hohn der Menschen
-zu überlassen, sie auf ein entferntes Gut in der Provence
-schickte, mit dem Befehl, ihrer gut und anständig zu pflegen.
-Dort aber stieg, was früher stille Melancholie gewesen war,
-zu den gewaltsamsten phrenetischen Ausbrüchen, mit deren
-Berichten man jedoch die frohen Stunden des Marquis zu
-unterbrechen sorgsam vermied. Diesem fällt es endlich einmal
-ein, die provenzalische Besizzung zu besuchen. Er kommt unvermuthet
-an, eine flüchtige Frage nach dem Befinden der
-Kranken wird eben so flüchtig beantwortet, und nun geht es
-zu einer Jagdparthie in die nahen Berge hinaus. Man hatte
-sich aber wohl gehütet, dem Marquis zu sagen, daß eben
-heute die Unglückliche in unbezwinglicher Wuth aus ihrer
-Verwahrung gebrochen sei, und man sich noch immer vergeblich
-abmühe, sie wieder einzufangen. Wie mußte nun dem
-Leichtsinnigen zu Muthe werden, als er auf schroffem Fußgestade
-an einer der einsamsten Stellen des Gebirges, weit
-getrennt von alle seinem Gefolge, im eiligen Umwenden um
-eine Ecke des Felsens, der furchtbaren Flüchtigen grad in die
-<a id="page-109" class="pagenum" title="109"></a>
-Arme rennt, die ihn faßt mit alle der unwiderstehlichen Kraft
-des Wahnsinns, mit ihrem, aus den Kreisen gewichenen blitzenden
-Augenstern, gerad&rsquo; in sein Antlitz hineinstarrt, während
-ihr reiches, nun so gräßliches, schwarzes Haar, wie ein Mantel
-von Rabenfittigen, über ihr hinweht, und die dennoch nicht
-so entstellt ist, daß er nicht auf den ersten Blick die einst so
-geliebte Gestalt, die von ihm selber zur Furie umgezauberte
-Gestalt, hätte erkennen sollen. &mdash; Da wirrte auch um ihn
-der Wahnsinn seine grause Schlingen, oder vielmehr der Blödsinn,
-denn der plötzliche Geistesschlag zerrüttete ihn dergestalt,
-daß er besinnungslos in den Abgrund hinunter taumeln wollte.
-Aber die arme Manon lud ihn, plötzlich still geworden, auf
-ihren Rücken, und trug ihn sorgsam nach der Gegend des
-Schlosses zurück. Man kann sich das Entsetzen der Bedienten
-denken, als sie ihrem Herren auf diese Weise und in der
-Gewalt der furchtbaren Kranken begegneten. Aber bald erstaunten
-sie noch mehr, die Rollen hier vollkommen gewechselt
-zu finden. Manon war die verständige, sittige Retterin und
-Pflegerin des blödsinnigen Marquis geworden, und ließ fürderhin
-nicht Tag nicht Nacht auch nur auf eine Stunde von
-ihm. Bald gaben die herbeigerufnen Aerzte jede Hoffnung
-zu seiner Heilung auf, nicht aber Manon. Diese pflegte mit
-unerhörter Geduld und mit einer Fähigkeit, welche man für
-Inspiration zu halten versucht war, den armen verwilderten
-Funken in ihres Geliebten Haupt, und lange Jahre nachher,
-schon als sich beider Locken bleichten, genoß sie des unaussprechlichen
-Glückes, den ihr über Alles theuren Geist wieder
-zu seiner ehemaligen Blüthe und Kraft herauferzogen zu
-haben. Da gab der Marquis seiner Helferin am Altare die
-<a id="page-110" class="pagenum" title="110"></a>
-Hand, und in dieser Entfernung der Hauptstadt wußten alle
-Theilhaber des Festes von keinen andern Gefühlen, als denen
-der tiefsten Ehrfurcht und der andächtigsten Freude.
-</p>
-
-<p class="sign">
-<span class="line1">M. F.</span>
-</p>
-
-<h4 class="subchap" id="subchap-4-3-3">
-<span class="line1">3. Das Grab der Väter.</span><br />
-<span class="line2">(5. Dezember.)</span>
-</h4>
-
-<p class="noindent">
-Einem jungen Bauersmann in Norwegen soll einmal
-folgende Geschichte begegnet sein. Er liebte ein schönes
-Mädchen, die einzige Tochter eines reichen Nachbarn, und
-ward von ihr geliebt, aber die Armuth des Werbers machte
-alle Hoffnung auf nähere Verbindung zu nichte. Denn der
-Brautvater wollte seine Tochter nur einem solchen geben,
-der schuldenfreien Hof und Heerde aufzuweisen habe, und
-weil der arme junge Mensch weit davon entfernt war, half
-es ihm zu nichts, daß er von einem der uralten Heldenväter
-des Landes abstammte, ob zwar Niemand einen Zweifel an
-dieser rühmlichen uralten Geschlechtstafel hegte. Seiner Ahnen
-Erster und Größter sollte auch in einem Hügel begraben sein,
-den alle Landleute unfern der Küste zu zeigen wußten. Auf
-diesen Hügel pflegte sich denn der betrübte Jüngling oftmals
-in seinem Leide zu sezzen, und dem begrabnen Altvordern
-vorzuklagen, wie schlecht es ihm gehe, ohne daß der Bewohner
-des Hügels auf diesen kleinen Jammer Rücksicht zu nehmen
-schien. Meist hatten auch die zwei Liebenden ihre verstohlenen
-Zusammenkünfte dort, und so geschah es, daß einstmals der
-Vater des Mädchens den einzig gangbaren steilen Pfad zum
-Hügel von ohngefähr herauf gegangen kam, indeß die beiden
-<a id="page-111" class="pagenum" title="111"></a>
-oben saßen. Eine tödtliche Angst befiel die Jungfrau, ihr
-Liebhaber faßte sie in seine starken Arme, und versuchte, von
-der andern Seite das Gestein herabzuklimmen. Da standen
-sie aber plötzlich, auf glattem Rasen am schroffen Hange,
-fest, sie hörten schon die Tritte des Vaters über sich, der sie
-auf diese Weise unfehlbar erblicken mußte, schon fühlten sich
-beide von Angst und Schwindel versucht, die jähe Tiefe und
-den Standkreis hinab zu stürzen, &mdash; da gewahrten sie nahe bei
-sich einer kleinen Oeffnung, und schlüpften hinein, und schlüpften
-immer tiefer in die Dunkelheit, immer noch voll Angst
-vor dem Bemerktwerden, bis endlich das Mädchen erschrocken
-aufschrie: &bdquo;mein Gott wir sind ja in einem Grabe!&ldquo; &mdash;
-Da sahe auch der junge Normann erst um sich, und bemerkte,
-daß sie in einer länglichen Kammer von gemauerten Steinen
-standen, wo sich inmitten etwas erhub, wie ein großer Sarg.
-Jemehr aber die Finsterniß vor den sich gewöhnenden Augen
-abnahm, je deutlicher konnte man auch sehn, daß die Masse
-in der Mitte kein Sarg war, sondern ein uralter Nachen,
-wie man sie mit Seehelden an den nordischen Küsten vor
-Zeiten einzugraben pflegte. Auf dem Nachen saß, dicht am
-Steuer, in aufrechter Stellung, eine hohe Gestalt, die sie
-erst für ein geschnitztes Bild ansahen. Als aber der junge
-Mensch, dreist geworden, hinaufstieg, nahm er wahr, daß es
-eine Rüstung von riesenmäßiger Größe sei. Der Helm war
-geschlossen, in den rechten Panzerhandschuh war ein gewaltiges
-bloßes Schwert mit dem goldenen Griffe hineingeklemmt.
-Die Braut rief wohl ihrem Liebhaber ängstlich zu, herab zu
-kommen, aber in einer seltsam wachsenden Zuversicht riß er
-das Schwert aus der beerzten Hand. Da rasselten die mürben
-<a id="page-112" class="pagenum" title="112"></a>
-Knochen, auf denen die Waffen sich noch erhielten, zusammen,
-der Harnisch schlug auf den Boden des Nachens lang hin,
-der entsetzte Jüngling den Bord hinunter zu den Füßen seiner
-Braut. Beide flüchteten, uneingedenk jeder andern Gefahr,
-aus der Höle, den Hügel mit Anstrengung aller Kräfte wieder
-hinauf, und oben wurden sie erst gewahr, daß ein ungeheurer
-Regenguß wüthete, welcher den Vater von da vertrieben
-hatte, und zugleich mit solcher Gewalt, Steine und Sand
-nach der schaurigen Oeffnung hinabzuwälzen begann, daß solche
-vor ihren Augen verschüttet ward, und man auch nachher nie
-wieder hat da hineinfinden können. Der junge Mensch aber
-hatte das Schwerdt seines Ahnen mit heraus gebracht. Er ließ
-mit der Zeit den goldenen Griff einschmelzen, und ward so
-reich davon, daß ihm der Brautvater seine Geliebte ohne Bedenken
-antrauen ließ. Mit der ungeheuren Klinge aber wußten
-sie nichts bessers anzufangen, als daß sie Wirthschafts-
-und andere Geräthschaften, so viel sich thun ließ, daraus
-schmieden ließen.
-</p>
-
-<p class="sign">
-<span class="line1">M. F.</span>
-</p>
-
-<h4 class="subchap" id="subchap-4-3-4">
-<span class="line1">4. Der Griffel Gottes.</span><br />
-<span class="line2">(5. October.)</span>
-</h4>
-
-<p class="noindent">
-In Polen war eine Gräfinn von P...., eine bejahrte
-Dame, die ein sehr bösartiges Leben führte, und besonders
-ihre Untergebenen, durch ihren Geiz und ihre Grausamkeit,
-bis auf das Blut quälte. Diese Dame, als sie starb, vermachte
-einem Kloster, das ihr die Absolution ertheilt hatte,
-ihr Vermögen; wofür ihr das Kloster, auf dem Gottesacker,
-einen kostbaren, aus Erz gegossenen, Leichenstein setzen ließ,
-<a id="page-113" class="pagenum" title="113"></a>
-auf welchem dieses Umstandes, mit vielem Gepränge, Erwähnung
-geschehen war. Tags darauf schlug der Blitz, das
-Erz schmelzend, über dem Leichenstein ein, und ließ nichts,
-als eine Anzahl von Buchstaben stehen, die, zusammen gelesen,
-also lauteten: <em>sie ist gerichtet</em>! &mdash; Der Vorfall (die
-Schriftgelehrten mögen ihn erklären) ist gegründet; der Leichenstein
-existirt noch, und es leben Männer in dieser Stadt, die
-ihn sammt der besagten Inschrift gesehen.
-</p>
-
-<h4 class="subchap" id="subchap-4-3-5">
-<span class="line1">5. Muthwille des Himmels.</span><br />
-<span class="line2">Eine Anekdote.</span><br />
-<span class="line3">(10. October.)</span>
-</h4>
-
-<p class="noindent">
-Der in Frankfurt an der Oder, wo er ein Infanterie-Regiment
-besaß, verstorbene General Dieringshofen, ein Mann
-von strengem und rechtschaffenem Charakter, aber dabei von
-manchen Eigenthümlichkeiten und Wunderlichkeiten, äußerte,
-als er, in spätem Alter, an einer langwierigen Krankheit,
-auf den Tod darniederlag, seinen Widerwillen, unter die Hände
-der Leichenwäscherinnen zu fallen. Er befahl bestimmt, daß
-niemand, ohne Ausnahme, seinen Leib berühren solle; daß
-er ganz und gar in dem Zustand, in welchem er sterben
-würde, mit Nachtmütze, Hosen und Schlafrock, wie er sie
-trage, in den Sarg gelegt und begraben sein wolle; und bat
-den damaligen Feldprediger seines Regiments, Herrn P...,
-welcher der Freund seines Hauses war, die Sorge für die
-Vollstreckung dieses seines letzten Willens zu übernehmen.
-Der Feldprediger P... versprach es ihm: er verpflichtete
-sich, um jedem Zufall vorzubeugen, bis zu seiner Bestattung,
-<a id="page-114" class="pagenum" title="114"></a>
-von dem Augenblick an, da er verschieden sein würde, nicht
-von seiner Seite zu weichen. Darauf nach Verlauf mehrerer
-Wochen, kömmt, bei der ersten Frühe des Tages, der Kammerdiener
-in das Haus des Feldpredigers, der noch schläft,
-und meldet ihm, daß der General um die Stunde der Mitternacht
-schon, sanft und ruhig, wie es vorauszusehen war, gestorben
-sei. Der Feldprediger P... zieht sich, seinem Versprechen
-getreu, sogleich an, und begiebt sich in die Wohnung
-des Generals. Was aber findet er? &mdash; Die Leiche des Generals
-schon eingeseift auf einem Schemel sitzen: der Kammerdiener,
-der von dem Befehl nichts gewußt, hatte einen
-Barbier herbeigerufen, um ihm vorläufig zum Behuf einer
-schicklichen Ausstellung, den Bart abzunehmen. Was sollte
-der Feldprediger unter so wunderlichen Umständen machen?
-Er schalt den Kammerdiener aus, daß er ihn nicht früher
-herbeigerufen hatte; schickte den Barbier, der den Herrn bei
-der Nase gefaßt hielt, hinweg, und ließ ihn, weil doch nichts
-anders übrig blieb, eingeseift und mit halbem Bart, wie er
-ihn vorfand, in den Sarg legen und begraben.
-</p>
-
-<p class="sign">
-<span class="line1"><span class="antiqua"><i>r.</i></span></span>
-</p>
-
-<h4 class="subchap" id="subchap-4-3-6">
-<span class="line1">6. Anekdote aus dem letzten Kriege.</span><br />
-<span class="line2">(20. October.)</span>
-</h4>
-
-<p class="noindent">
-Den ungeheuersten Witz, der vielleicht, so lange die Erde
-steht, über Menschenlippen gekommen ist, hat, im Lauf des
-letztverflossenen Krieges, ein Tambour gemacht; ein Tambour
-meines Wissens von dem damaligen Regiment von Puttkammer;
-ein Mensch, zu dem, wie man gleich hören wird,
-weder die griechische noch römische Geschichte ein Gegenstück
-<a id="page-115" class="pagenum" title="115"></a>
-liefert. Dieser hatte, nach Zersprengung der preußischen Armee
-bei Jena, ein Gewehr aufgetrieben, mit welchem er, auf
-seine eigne Hand, den Krieg fortsetzte; dergestalt, daß da
-er, auf der Landstraße, Alles, was ihm an Franzosen in
-den Schuß kam, niederstreckte und ausplünderte, er von einem
-Haufen französischer Gensdarmen, die ihn aufspürten, ergriffen,
-nach der Stadt geschleppt, und, wie es ihm zukam, verurtheilt
-ward, erschossen zu werden. Als er den Platz, wo die Execution
-vor sich gehen sollte, betreten hatte, und wohl sah,
-daß Alles, was er zu seiner Rechtfertigung vorbrachte, vergebens
-war, bat er sich von dem Obristen, der das Detaschement
-commandirte, eine Gnade aus; und da der Obrist, inzwischen
-die Officiere, die ihn umringten, in gespannter
-Erwartung zusammentraten, ihn fragte: was er wolle? zog
-er sich die Hosen ab, und sprach: sie mögten ihn in den ...
-schießen, damit das F.. kein L... bekäme. &mdash; Wobei man
-noch die Shakespearsche Eigenschaft bemerken muß, daß der
-Tambour mit seinem Witz, aus seiner Sphäre als Trommelschläger
-nicht herausging.
-</p>
-
-<p class="sign">
-<span class="line1"><span class="antiqua"><i>x.</i></span></span>
-</p>
-
-<h4 class="subchap" id="subchap-4-3-7">
-<span class="line1">7. Der Branntweinsäufer und die Berliner Glocken.</span><br />
-<span class="line2">Eine Anekdote.</span><br />
-<span class="line3">(19. October.)</span>
-</h4>
-
-<p class="noindent">
-Ein Soldat vom ehemaligen Regiment Lignowski, ein
-heilloser und unverbesserlicher Säufer, versprach nach unendlichen
-Schlägen, die er deshalb bekam, daß er seine Aufführung
-bessern und sich des Brannteweins enthalten wolle. Er
-hielt auch, in der That, Wort, während drei Tage: ward
-<a id="page-116" class="pagenum" title="116"></a>
-aber am Vierten wieder besoffen in einem Rennstein gefunden,
-und, von einem Unterofficier, in Arrest gebracht. Im
-Verhör befragte man ihn, warum er, seines Vorsatzes uneingedenk
-sich von Neuem dem Laster des Trunks ergeben habe?
-&bdquo;Herr Hauptmann!&ldquo; antwortete er; &bdquo;es ist nicht meine Schuld.
-Ich ging in Geschäften eines Kaufmanns, mit einer Kiste
-Färbholz, über den Lustgarten; da läuteten vom Dom herab
-die Glocken: <em>Pom</em>meranzen! <em>Pom</em>meranzen! <em>Pom</em>meranzen!&ldquo;
-Läut&rsquo;, Teufel, läut, sprach ich, und gedachte meines
-Vorsatzes und trank nichts. In der Königsstraße, wo ich die
-Kiste abgeben sollte, steh ich einen Augenblick, um mich auszuruhen,
-vor dem Rathhaus still: da bimmelt es vom Thurm
-herab: &bdquo;Kümmel! Kümmel! Kümmel! &mdash; Kümmel! Kümmel!
-Kümmel!&ldquo; Ich sage zum Thurm: bimmle du, daß die
-Wolken reißen &mdash; und gedenke, mein Seel, gedenke meines
-Vorsatzes, ob ich gleich durstig war, und trinke nichts. Drauf
-führt mich der Teufel, auf dem Rückweg, über den Spittelmarkt;
-und da ich eben vor einer Kneipe, wo mehr denn
-dreißig Gäste beisammen waren, stehe, geht es, vom Spittelthurm
-herab: &bdquo;Anisette! Anisette! Anisette!&ldquo; Was kostet das
-Glas, frag&rsquo; ich? Der Wirth spricht: Sechs Pfennige. Geb&rsquo;
-er her, sag&rsquo; ich &mdash; und was weiter aus mir geworden ist,
-das weiß ich nicht.
-</p>
-
-<p class="sign">
-<span class="line1"><span class="antiqua"><i>xyz.</i></span></span>
-</p>
-
-<h4 class="subchap" id="subchap-4-3-8">
-<span class="line1">8. Tages-Ereigniß.</span><br />
-<span class="line2">(7. November.)</span>
-</h4>
-
-<p class="noindent">
-Das Verbrechen des Ulahnen Hahn, der heute hingerichtet
-ward, bestand darin, daß er dem Wachtmeister <em>Pape</em>,
-der ihn, eines kleinen Dienstversehens wegen, auf höheren
-<a id="page-117" class="pagenum" title="117"></a>
-Befehl, arretiren wollte, und deshalb, von der Straße her, zurief,
-ihm in die Wache zu folgen, indem er das Fenster, an
-dem er stand, zuwarf, antwortete: von einem solchen Laffen
-ließe er sich nicht in Arrest bringen. Hieraus verfügte der
-Wachtmeister Pape, um ihn mit Gewalt fortzuschaffen, sich
-in das Zimmer desselben: stürzte aber, von einer Pistolenkugel
-des Rasenden getroffen, sogleich todt zu Boden nieder.
-Ja, als auf den Schuß, mehrere Soldaten seines Regiments
-herbeieilten, schien er sie, mit den Waffen in der Hand, in
-Respect halten zu wollen, und jagte noch eine Kugel durch
-das Hirn des in seinem Blute schwimmenden Wachtmeisters;
-ward aber gleichwohl, durch einige beherzte Cameraden, entwaffnet
-und ins Gefängniß gebracht. Se. Maj. der König
-haben, wegen der Unzweideutigkeit des Rechtsfalls befohlen,
-ungesäumt mit der Vollstreckung des, von den Militair-Gerichten
-gefällten, Rechtsspruchs, der ihm das Rad zuerkannte,
-vorzugehen.
-</p>
-
-<h4 class="subchap" id="subchap-4-3-9">
-<span class="line1">9. Der verlegene Magistrat.</span><br />
-<span class="line2">Eine Anekdote.</span><br />
-<span class="line3">(4. October.)</span>
-</h4>
-
-<p class="noindent">
-Ein H...r Stadtsoldat hatte vor nicht gar langer Zeit,
-ohne Erlaubniß seines Offiziers, die Stadtwache verlassen.
-Nach einem uralten Gesetz steht auf ein Verbrechen dieser
-Art, das sonst der Streifereien des Adels wegen, von großer
-Wichtigkeit war, eigentlich der Tod. Gleichwohl, ohne das
-Gesetz mit bestimmten Worten aufzuheben, ist davon seit
-vielen hundert Jahren kein Gebrauch mehr gemacht worden:
-<a id="page-118" class="pagenum" title="118"></a>
-dergestalt, daß statt auf die Todesstrafe zu erkennen, derjenige,
-der sich dessen schuldig macht, nach einem feststehenden Gebrauch,
-zu einer bloßen Geldstrafe, die er an die Stadtcasse
-zu erlegen hat, verurtheilt wird. Der besagte Kerl aber, der
-keine Lust haben mochte, das Geld zu entrichten, erklärte, zur
-großen Bestürzung des Magistrats: daß er, weil es ihm einmal
-zukomme, dem Gesetz gemäß, sterben wolle. Der Magistrat,
-der ein Mißverständniß vermuthete, schickte einen
-Deputirten an den Kerl ab, und ließ ihm bedeuten, um wieviel
-vorteilhafter es für ihn wäre, einige Gulden Geld zu
-erlegen, als arquebusirt zu werden. Doch der Kerl blieb dabei,
-daß er seines Lebens müde sei, und daß er sterben wolle:
-dergestalt, daß dem Magistrat, der kein Blut vergießen wollte,
-nichts übrig blieb, als dem Schelm die Geldstrafe zu erlassen,
-und noch froh war, als er erklärte, daß er, bei so bewandten
-Umständen am Leben bleiben wolle.
-</p>
-
-<p class="sign">
-<span class="line1"><span class="antiqua"><i>rz.</i></span></span>
-</p>
-
-<h4 class="subchap" id="subchap-4-3-10">
-<span class="line1">10. Charité-Vorfall.</span><br />
-<span class="line2">(13. October.)</span>
-</h4>
-
-<p class="noindent">
-Der von einem Kutscher kürzlich übergefahrne Mann,
-Namens Beyer, hat bereits dreimal in seinem Leben ein
-ähnliches Schicksal gehabt; dergestalt, daß bei der Untersuchung,
-die der Geheimerath Hr. K. in der Charité mit ihm
-vornahm, die lächerlichsten Mißverständnisse vorfielen. Der
-Geheimerath, der zuvörderst seine beiden Beine, welche krumm
-und schief und mit Blut bedeckt waren, bemerkte, fragte ihn:
-ob er an diesen Gliedern verletzt wäre? worauf der Mann
-jedoch erwiederte: nein! die Beine wären ihm schon vor
-<a id="page-119" class="pagenum" title="119"></a>
-fünf Jahren, durch einen andern Doktor, abgefahren worden.
-Hierauf bemerkte ein Arzt, der dem Geheimenrath zur Seite
-stand, daß sein linkes Auge geplatzt war; als man ihn jedoch
-fragte: ob ihn das Rad hier getroffen hätte? antwortete er:
-nein! das Auge hätte ihm ein Doktor bereits vor 14 Jahren
-ausgefahren. Endlich, zum Erstaunen aller Anwesenden, fand
-sich, daß ihm die linke Rippenhälfte, in jämmerlicher Verstümmelung,
-ganz auf den Rücken gedreht war; als aber der
-Geheimerath ihn fragte: ob ihn des Doktors Wagen hier
-beschädigt hätte, antwortete er: nein! die Rippen wären ihm
-schon vor 7 Jahren durch einen Doktorwagen zusammengefahren
-worden. &mdash; Bis sich endlich zeigte, daß ihm durch die
-letztere Ueberfahrt der linke Ohrknorpel ins Gehörorgan hineingefahren
-war. &mdash; Der Berichterstatter hat den Mann selbst
-über diesen Vorfall vernommen, und selbst die Todtkranken,
-die in dem Saale auf den Betten herumlagen, mußten, über
-die spaßhafte und indolente Weise, wie er dies vorbrachte,
-lachen. &mdash; Uebrigens bessert er sich; und falls er sich vor
-den Doktoren, wenn er auf der Straße geht, in Acht nimmt,
-kann er noch lange leben.
-</p>
-
-<h4 class="subchap" id="subchap-4-3-11">
-<span class="line1">11. Anekdote.</span><br />
-<span class="line2">(24. October.)</span>
-</h4>
-
-<p class="noindent">
-Bach, als seine Frau starb, sollte zum Begräbniß Anstalt
-machen. Der arme Mann war aber gewohnt, Alles durch
-seine Frau besorgen zu lassen; dergestalt daß da ein alter
-Bedienter kam, und ihm für Trauerflor, den er einkaufen
-wollte, Geld abforderte, er unter stillen Thränen, den Kopf
-auf einen Tisch gestützt, antwortete: &bdquo;sagt&rsquo;s meiner Frau&ldquo;. &mdash;
-</p>
-
-<h4 class="subchap" id="subchap-4-3-12">
-<a id="page-120" class="pagenum" title="120"></a>
-<span class="line1">12. Räthsel.</span><br />
-<span class="line2">(1. November.)</span>
-</h4>
-
-<p class="noindent">
-Ein junger Doktor der Rechte und eine Stiftsdame, von
-denen kein Mensch wußte, daß sie mit einander in Verhältniß
-standen, befanden sich einst bei dem Commendanten der
-Stadt, in einer zahlreichen und ansehnlichen Gesellschaft. Die
-Dame, jung und schön, trug, wie es zu derselben Zeit Mode
-war, ein kleines schwarzes Schönpflästerchen im Gesicht, und
-zwar dicht über der Lippe, auf der rechten Seite des Mundes.
-Irgend ein Zufall veranlaßte, daß die Gesellschaft sich auf
-einen Augenblick aus dem Zimmer entfernte, dergestalt, daß
-nur der Doktor und die besagte Dame darin zurückblieben.
-Als die Gesellschaft zurückkehrte, fand sich, zum allgemeinen
-Befremden derselben, daß der Doctor das Schönpflästerchen
-im Gesichte trug, und zwar gleichfalls über der Lippe, aber
-auf der linken Seite des Mundes. &mdash;
-</p>
-
-<h4 class="subchap" id="subchap-4-3-13">
-<span class="line1">13. Anekdote.</span><br />
-<span class="line2">(22. November.)</span>
-</h4>
-
-<p class="noindent">
-Zwei berühmte Englische <a id="baxer"></a>Baxer, der Eine aus Portsmouth
-gebürtig, der Andere aus Plymouth, die seit vielen Jahren
-von einander gehört hatten, ohne sich zu sehen, beschlossen,
-da sie in London zusammentrafen, zur Entscheidung der Frage,
-wem von ihnen der Siegerruhm gebühre, einen öffentlichen
-Wettkampf zu halten. Demnach stellten sich beide, im Angesicht
-des Volks, mit geballten Fäusten, im Garten einer
-Kneipe, gegeneinander, und als der Plymouther den Portsmouther,
-<a id="page-121" class="pagenum" title="121"></a>
-in wenig Augenblicken, dergestalt auf die Brust traf,
-daß er Blut spie, rief dieser, indem er sich den Mund abwischte:
-brav! &mdash; Als aber bald darauf, da sie sich wieder
-gestellt hatten, der Portsmouther den Plymouther, mit der
-Faust der geballten Rechten, dergestalt auf den Leib traf, daß
-dieser, indem er die Augen verkehrte, umfiel, rief der Letztere:
-das ist auch nicht übel &mdash;! Worauf das Volk, das im Kreise
-herumstand, laut aufjauchzte, und, während der Plymouther,
-der an den Gedärmen verletzt worden war, todt weggetragen
-ward, dem Portsmouther den Siegesruhm zuerkannte. &mdash; Der
-Portsmouther soll aber auch Tags darauf am Blutsturz gestorben
-sein.
-</p>
-
-<h4 class="subchap" id="subchap-4-3-14">
-<span class="line1">14. Anekdote.</span><br />
-<span class="line2">(27. November.)</span>
-</h4>
-
-<p class="noindent">
-Der Czar Iwan Basilowitz, mit dem Beinamen der
-Tyrann, ließ einem fremden Gesandten, der, nach der damaligen
-Europäischen Etikette, mit bedecktem Haupte vor ihm
-erschien, den Hut auf den Kopf nageln. Diese Grausamkeit
-vermogte nicht den Botschafter der Königin Elisabeth von
-England, Sir Jeremias Bowes abzuschrecken. Er hatte die
-Kühnheit den Hut auf dem Kopfe, vor dem Czaar zu erscheinen.
-Dieser fragte ihn, ob er nicht von der Strafe gehört
-hätte, die einem andern Gesandten widerfahren wäre, welcher
-sich eine solche Freiheit herausgenommen? &bdquo;Ja, Herr, erwiderte
-Bowes, aber ich bin der Botschafter der Königin von
-England, die nie, vor irgend einem Fürsten in der Welt,
-anders, wie mit bedecktem Haupte erschienen ist. Ich bin ihr
-<a id="page-122" class="pagenum" title="122"></a>
-Repräsentant, und wenn mir die geringste Beleidigung widerfährt,
-so wird sie mich zu rächen wissen.&ldquo; &bdquo;Das ist ein braver
-Mann, sagte der Czaar, indem er sich zu seinen Hofleuten
-wandte, der für die Ehre seiner Monarchin zu handeln und
-zu reden versteht: wer von Euch hätte das nämliche für mich
-gethan?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Hierauf wurde der Bothschafter der Favorit des Czars.
-Diese Gunst zog ihm den Neid des Adels zu. Einer der
-Großen, der zuweilen den vertrauten Ton mit dem Monarchen
-annehmen durfte, beredete ihn, die Geschicklichkeit des
-Bothschafters auf die Probe zu stellen. Man sagte nämlich,
-daß er ein sehr geschickter Reuter wäre. Nun wurde ihm,
-um den Beweis davon zu führen, ein ungebändigtes sehr
-wildes Pferd vor dem Czar zu reiten gegeben, und man
-hoffte, daß Bowes zum wenigsten mit einer derben Lähmung
-das Kunststück bezahlen würde. Indessen widerfuhr der neidischen
-Eifersucht der Verdruß, sich betrogen zu sehn. Der
-brave Engländer bändigte nicht nur das Pferd, sondern er
-jagte es dermaßen zusammen, daß es kraftlos wieder heimgeführt
-wurde, und wenige Tage nachher crepirte. Dieses
-Abentheuer vermehrte den Credit des Bothschafters bei dem
-Czar, der ihm jederzeit nachher die ausgezeichnetsten Beweise
-seiner Huld widerfahren ließ.
-</p>
-
-<p class="src">
-(Barrow&rsquo;s Sammlung von Reisebeschreibungen nach der französischen
-Uebersetzung von Targe. 1766.)
-</p>
-
-<h3 class="pbb chapter" id="chapter-4-4">
-<a id="page-123" class="pagenum" title="123"></a>
-<span class="line1">4. Kunst und Theater.</span>
-</h3>
-
-<h4 class="subchap" id="subchap-4-4-1">
-<span class="line1">1. Empfindungen vor Friedrichs Seelandschaft.</span><br />
-<span class="line2">(13. October.)</span>
-</h4>
-
-<p class="noindent">
-Herrlich ist es, in einer unendlichen Einsamkeit am
-Meeresufer, unter trübem Himmel, auf eine unbegränzte
-Wasserwüste, hinauszuschauen. Dazu gehört gleichwohl, daß
-man dahin gegangen sei, daß man zurück muß, daß man
-hinüber mögte, daß man es nicht kann, daß man Alles zum
-Leben vermißt, und die Stimme des Lebens dennoch im
-Rauschen der Fluth, im Wehen der Luft, im Ziehen der
-Wolken, dem einsamen Geschrei der Vögel, vernimmt. Dazu
-gehört ein Anspruch, den das Herz macht, und ein Abbruch,
-um mich so auszudrücken, den Einem die Natur thut. Dies
-aber ist vor dem Bilde unmöglich, und das, was ich in dem
-Bilde selbst finden sollte, fand ich erst zwischen mir und dem
-Bilde, nehmlich einen Anspruch, den mein Herz an das Bild
-machte, und einen Abbruch, den mir das Bild that; und so
-ward ich selbst der Kapuziner, das Bild ward die Düne, das
-aber, wo hinaus ich mit Sehnsucht blicken sollte, die See,
-fehlte ganz. Nichts kann trauriger und unbehaglicher sein,
-als diese Stellung in der Welt: der einzige Lebensfunke im
-<a id="page-124" class="pagenum" title="124"></a>
-weiten Reiche des Todes, der einsame Mittelpunct im einsamen
-Kreis. Das Bild liegt, mit seinen zwei oder drei
-geheimnißvollen Gegenständen, wie die Apokalypse da, als ob
-es <a id="joung"></a>Joungs Nachtgedanken hätte, und da es, in seiner Einförmigkeit
-und Uferlosigkeit, nichts, als den Rahm, zum Vordergrund
-hat, so ist es, wenn man es betrachtet, als ob Einem
-die Augenlieder weggeschnitten wären. Gleichwohl hat der
-Mahler Zweifels ohne eine ganz neue Bahn im Felde seiner
-Kunst gebrochen; und ich bin überzeugt, daß sich, mit seinem
-Geiste, eine Quadratmeile märkischen Sandes darstellen ließe,
-mit einem Berberitzenstrauch, worauf sich eine Krähe einsam
-plustert, und daß dies Bild eine wahrhafte Ossianische oder
-Kosegartensche Wirkung thun müßte. Ja, wenn man diese
-Landschaft mit ihrer eignen Kreide und mit ihrem eigenen
-Wasser mahlte; so, glaube ich, man könnte die Füchse und
-Wölfe damit zum Heulen bringen: das Stärkste, was man,
-ohne allen Zweifel, zum Lobe für diese Art von Landschaftsmahlerei
-beibringen kann. &mdash; Doch meine eigenen Empfindungen,
-über dies wunderbare Gemählde, sind zu verworren; daher
-habe ich mir, ehe ich sie ganz auszusprechen wage, vorgenommen,
-mich durch die Aeußerungen derer, die paarweise,
-von Morgen bis Abend, daran vorübergehen, zu belehren.
-</p>
-
-<p class="sign">
-<span class="line1"><span class="antiqua"><i>cb.</i></span></span>
-</p>
-
-<h4 class="subchap" id="subchap-4-4-2">
-<a id="page-125" class="pagenum" title="125"></a>
-<span class="line1">2. Brief eines Mahlers an seinen Sohn.</span><br />
-<span class="line2">(22. October.)</span>
-</h4>
-
-<p class="adr">
-Mein lieber Sohn,
-</p>
-
-<p>
-Du schreibst mir, daß du eine Madonna mahlst, und
-daß dein Gefühl dir, für die Vollendung dieses Werks, so
-unrein und körperlich dünkt, daß du jedesmal, bevor du zum
-Pinsel greifst, das Abendmal nehmen mögtest, um es zu
-heiligen. Laß dir von deinem alten Vater sagen, daß dies
-eine falsche, dir von der Schule, aus der du herstammst,
-anklebende Begeisterung ist, und daß es, nach Anleitung
-unserer würdigen alten Meister, mit einer gemeinen, aber
-übrigens rechtschaffenen Lust an dem Spiel, deine Einbildungen
-auf die Leinwand zu bringen, völlig abgemacht ist.
-Die Welt ist eine wunderliche Einrichtung; und die göttlichsten
-Wirkungen, mein lieber Sohn, gehen aus den niedrigsten
-und unscheinbarsten Ursachen hervor. Der Mensch, um dir
-ein Beispiel zu geben, das in die Augen springt, gewiß, er
-ist ein erhabenes Geschöpf; und gleichwohl, in dem Augenblick,
-da man ihn macht, ist es nicht nöthig, daß man dieß,
-mit vieler Heiligkeit, bedenke. Ja, derjenige, der das Abendmahl
-darauf nähme, und mit dem bloßen Vorsatz ans Werk
-gienge, seinen Begriff davon in der Sinnenwelt zu construiren,
-würde ohnfehlbar ein ärmliches und gebrechliches Wesen
-hervorbringen; dagegen derjenige, der, in einer heitern Sommernacht,
-ein Mädchen, ohne weiteren Gedanken, küßt, zweifelsohne
-einen Jungen zur Welt bringt, der nachher, auf rüstige
-Weise, zwischen Erde und Himmel herumklettert, und den Philosophen
-zu schaffen giebt. Und hiermit Gott befohlen.
-</p>
-
-<p class="sign">
-<span class="line1"><span class="antiqua"><i>y.</i></span></span>
-</p>
-
-<h4 class="subchap" id="subchap-4-4-3">
-<a id="page-126" class="pagenum" title="126"></a>
-<span class="line1">3. Brief eines jungen Dichters an einen jungen Mahler.</span><br />
-<span class="line2">(6. November.)</span>
-</h4>
-
-<p class="noindent">
-Uns Dichtern ist es unbegreiflich, wie ihr euch entschließen
-könnt, ihr lieben Mahler, deren Kunst etwas so Unendliches
-ist, Jahre lang zuzubringen mit dem Geschäft, die Werke
-eurer großen Meister zu copiren. Die Lehrer, bei denen
-ihr in die Schule geht, sagt ihr, leiden nicht, daß ihr eure
-Einbildungen, ehe die Zeit gekommen ist, auf die Leinewand
-bringt; wären wir aber, wir Dichter, in eurem Fall gewesen,
-so meine ich, wir würden unsern Rücken lieber unendlichen
-Schlägen ausgesetzt haben, als diesem grausamen Verbot ein
-Genüge zu thun. Die Einbildungskraft würde sich, auf ganz
-unüberwindliche Weise, in unseren Brüsten geregt haben, und
-wir, unseren unmenschlichen Lehrern zum Trotz, gleich, sobald
-wir nur gewußt hätten, daß man mit dem Büschel, und nicht
-mit dem Stock am Pinsel mahlen müsse, heimlich zur Nachtzeit
-die Thüren verschlossen haben, um uns in der Erfindung,
-diesem Spiel der Seeligen, zu versuchen. Da, wo sich die
-Phantasie in euren jungen Gemüthern vorfindet, scheint uns,
-müsse sie, unerbittlich und unrettbar, durch die endlose Unterthänigkeit,
-zu welcher ihr euch beim Copiren in Gallerieen
-und Sälen verdammt, zu Grund und Boden gehen. Wir
-wissen, in unsrer Ansicht schlecht und recht von der Sache
-nicht, was es mehr bedarf, als das Bild, das euch rührt,
-und dessen Vortrefflichkeit ihr euch anzueignen wünscht, mit
-Innigkeit und Liebe, durch Stunden, Tage, Wochen, Monden,
-oder meinethalben Jahre, anzuschauen. Wenigstens dünkt
-uns, läßt sich ein doppelter Gebrauch von einem Bilde machen;
-<a id="page-127" class="pagenum" title="127"></a>
-einmal der, den ihr davon macht, nämlich die Züge desselben
-nachzuschreiben, um euch die Fertigkeit der mahlerischen Schrift
-einzulernen; und dann in seinem Geist, gleich vom Anfang
-herein, nachzuerfinden. Und auch diese Fertigkeit müßte, sobald
-als nur irgend möglich, gegen die Kunst selbst, deren
-wesentlichstes Stück die Erfindung nach eigenthümlichen Gesetzen
-ist, an den Nagel gehängt werden. Denn die Aufgabe,
-Himmel und Erde! ist ja nicht, ein Anderer, sondern ihr selbst
-zu sein, und euch selbst, euer Eigenstes und Innerstes, durch
-Umriß und Farben, zur Anschauung zu bringen! Wie mögt
-ihr euch nur in dem Maaße verachten, daß ihr willigen könnt,
-ganz und gar auf Erden nicht vorhanden gewesen zu sein;
-da eben das Dasein so herrlicher Geister, als die sind, welche
-ihr bewundert, weit entfernt, euch zu vernichten, vielmehr
-allererst die rechte Lust in euch erwecken und mit der Kraft,
-heiter und tapfer, ausrüsten soll, auf eure eigne Weise
-gleichfalls zu sein? Aber ihr Leute, ihr bildet euch ein, ihr
-müßtet durch euren Meister, den Raphael oder Corregge,
-oder wen ihr euch sonst zum Vorbild gesetzt habt, hindurch;
-da ihr euch doch ganz und gar umkehren, mit dem Rücken
-gegen ihn stellen, und, in diametral-entgegengesetzter Richtung,
-den Gipfel der Kunst, den ihr im Auge habt, auffinden und
-ersteigen könntet. &mdash; So! sagt ihr und seht mich an: was
-der Herr uns da Neues sagt! und lächelt und zuckt die Achseln.
-Demnach, ihr Herren, Gott befohlen! Denn da Copernicus
-schon vor dreihundert Jahren gesagt hat, daß die Erde rund
-sei, so sehe ich nicht ein, was es helfen könnte, wenn ich es
-hier wiederholte. Lebet wohl!
-</p>
-
-<p class="sign">
-<span class="line1"><span class="antiqua"><i>y.</i></span></span>
-</p>
-
-<h4 class="subchap" id="subchap-4-4-4">
-<a id="page-128" class="pagenum" title="128"></a>
-<span class="line1">4. Theater. Den 2. October: Ton des Tages, Lustspiel von Voß.</span><br />
-<span class="line2">(4. October.)</span>
-</h4>
-
-<p class="noindent">
-Kant sagt irgendwo, in seiner Kritik der Urtheilskraft,
-daß der menschliche Verstand und die Hand des Menschen,
-zwei, auf nothwendige Weise, zu einander gehörige und auf
-einander berechnete, Dinge sind. Der Verstand, meint er,
-bedürfe, falls er in Wirksamkeit treten solle, ein Werkzeug
-von so mannichfaltiger und vielseitiger Vollkommenheit, als
-die Hand; und hinwiederum zeige die Struktur der Hand an,
-daß die Intelligenz, die dieselbe regiere, der menschliche Verstand
-sein müsse. Die Wahrheit dieses, dem Anschein nach
-paradoxen Satzes, leuchtet uns nie mehr ein, als wenn wir
-Herrn Iffland auf der Bühne sehen. Er drückt in der That,
-auf die erstaunenswürdigste Art, fast alle Zustände und innerliche
-Bewegungen des Gemüths damit aus. Nicht, als ob,
-bei seinen theatralischen Darstellungen, nicht seine Figur überhaupt,
-nach den Forderungen seiner Kunst, zweckmäßig mitwirkte:
-in diesem Fall würde das, was wir hier vorgebracht
-haben, ein Tadel sein. Es wird ihm, in der Pantomimik
-überhaupt, besonders in den bürgerlichen Stücken, nicht leicht
-ein Schauspieler heutiger Zeit gleichkommen. Aber von allen
-seinen Gliedern, behaupten wir, wirkt, in der Regel, keins,
-zum Ausdruck eines Affekts, so geschäftig mit, als die Hand;
-sie zieht die Aufmerksamkeit fast von seinem so ausdrucksvollen
-Gesicht ab: und so vortrefflich dies Spiel an und für
-sich auch sein mag, so glauben wir doch, daß ein Gebrauch,
-mäßiger und minder verschwenderisch, als der, den er davon
-macht, seinem Spiel (<em>wenn</em> dasselbe noch etwas zu wünschen
-übrig läßt) vortheilhaft sein würde.
-</p>
-
-<p class="sign">
-<span class="line1"><span class="antiqua"><i>xy.</i></span></span>
-</p>
-
-<h4 class="subchap" id="subchap-4-4-5">
-<a id="page-129" class="pagenum" title="129"></a>
-<span class="line1">5. Theater. Unmaßgebliche Bemerkung.</span><br />
-<span class="line2">(17. October.)</span>
-</h4>
-
-<p class="noindent">
-Wenn man fragt, warum die Werke Göthe&rsquo;s so selten
-auf der Bühne gegeben werden, so ist die Antwort gemeinhin,
-daß diese Stücke, so vortrefflich sie auch sein mögen, der
-Casse nur, nach einer häufig wiederholten Erfahrung, von
-unbedeutendem Vortheil sind. Nun geht zwar, ich gestehe es,
-eine Theater-Direction, die, bei der Auswahl ihrer Stücke,
-auf nichts, als das Mittel sieht, wie sie besteht, auf gar einfachem
-und natürlichem Wege, zu dem Ziel, der Nation ein
-gutes Theater zu Stande zu bringen. Denn so wie, nach
-Adam Smith, der Bäcker, ohne weitere chemische Einsicht in
-die Ursachen, schließen kann, daß seine Semmel gut sei, wenn
-sie fleißig gekauft wird: so kann die Direktion, ohne sich im
-Mindesten mit der Kritik zu befassen, auf ganz unfehlbare
-Weise, schließen, daß sie gute Stücke auf die Bühne bringt,
-wenn Logen und Bänke immer, bei ihren Darstellungen, von
-Menschen wacker erfüllt sind. Aber dieser Grundsatz ist nur
-wahr, wo das Gewerbe frei, und eine uneingeschränkte Concurrenz
-der Bühnen eröffnet ist. In einer Stadt, in welcher
-mehrere Theater neben einander bestehn, wird allerdings, sobald
-auf irgend einem derselben, durch das einseitige Bestreben,
-Geld in die Casse zu locken, das Schauspiel entarten
-sollte, die Betriebsamkeit eines andern Theaterunternehmers,
-unterstützt von dem Kunstsinn des besseren Theils der Nation,
-auf den Einfall gerathen, die Gattung, in ihrer ursprünglichen
-Reinheit, wieder festzuhalten. Wo aber das Theater ein ausschließendes
-Privilegium hat, da könnte uns, durch die Anwendung
-<a id="page-130" class="pagenum" title="130"></a>
-eines solchen Grundsatzes, das Schauspiel ganz und
-gar abhanden kommen. Eine Direction, die einer solchen
-Anstalt vorsteht, hat eine Verpflichtung sich mit der Kritik zu
-befassen, und bedarf wegen ihres natürlichen Hanges, der
-Menge zu schmeicheln, schlechthin einer höhern Aufsicht des
-Staats. Und in der That, wenn auf einem Theater, wie
-das Berliner, mit Vernachlässigung aller andern Rücksichten,
-das höchste Gesetz, die Füllung der Casse wäre: so wäre die
-Scene unmittelbar, den spanischen Reutern, Taschenspielern
-und Faxenmachern einzuräumen; ein Specktakel bei welchem
-die Casse, ohne Zweifel, bei weitem erwünschtere Rechnung
-finden wird, als bei den götheschen Stükken. Parodieen hat
-man schon, vor einiger Zeit, auf der Bühne gesehen; und
-wenn ein hinreichender Aufwand von Witz, an welchem es
-diesen Producten zum Glück gänzlich gebrach, an ihre Erfindung
-gesetzt worden wäre, so würde es, bei der Frivolität
-der Gemüther, ein Leichtes gewesen sein, das Drama vermittelst
-ihrer, ganz und gar zu verdrängen. Ja, gesetzt, die
-Direction käme auf den Einfall, die götheschen Stücke so zu
-geben, daß die Männer die Weiber- und die Weiber die Männerrollen
-spielten: falls irgend auf Costüme und zweckmäßige
-Carrikatur einige Sorgfalt verwendet ist, so wette ich, man
-schlägt sich an der Casse um die Billets, das Stück muß
-drei Wochen hinter einander wiederholt werden, und die Direction
-ist mit einemmal wieder solvent. &mdash; Welches Erinnerungen
-sind, werth, wie uns dünkt, daß man sie beherzige.
-</p>
-
-<p class="sign">
-<span class="line1">H. v. K.</span>
-</p>
-
-<h4 class="subchap" id="subchap-4-4-6">
-<a id="page-131" class="pagenum" title="131"></a>
-<span class="line1">6. Schreiben aus Berlin.</span><br />
-<span class="line2">(30. October.)</span>
-</h4>
-
-<p class="date">
-Den 28. October.
-</p>
-
-<p>
-Die Oper Cendrillon, welche sich Mad. Bethmann zum
-Benefiz gewählt hat, und Herr Herclots bereits, zu diesem
-Zweck, übersetzt, soll, wie man sagt, der zum Grunde liegenden
-französischen Musik wegen, welche ein dreisilbiges Wort
-erfordert, <em>Ascherlich</em>, <em>Ascherling</em> oder <em>Ascherlein</em> u. s. w.
-nicht <em>Aschenbrödel</em> genannt werden. Brödel, von Brod oder,
-altdeutsch Brühe (<span class="antiqua">brode</span> im Französischen) heißt eine mit Fett
-und Schmutz bedeckte Frau; eine Bedeutung, in der sich das
-Wort, durch eben das, in Rede stehende, Mährchen, in welchem
-es, mit dem Muthwillen freundlicher Ironie, einem
-zarten und lieben Kinde von überaus schimmernder Reinheit
-an Leib und Seele, gegeben wird, allgemein beim Volk erhalten
-hat. Warum, ehe man diesem Mährchen dergestalt,
-durch Unterschiebung eines, an sich gut gewählten, aber gleichwohl
-willkührlichen und bedeutungslosen Namens, an das
-Leben greift, zieht man nicht lieber, der Musik zu Gefallen,
-das &bdquo;del&ldquo; in &bdquo;d&rsquo;l&ldquo; zusammen, oder elidirt das d ganz und gar?
-Ein österreichischer Dichter würde ohne Zweifel keinen Anstand
-nehmen, zu sagen: <em>Aschenbröd&rsquo;l</em> oder <em>Aschenbröl</em>.
-</p>
-
-<p>
-Ascherlich oder Aschenbröd&rsquo;l selbst wird Mademois. Maas;
-Mad. Bethmann, wie es heißt, die Rolle einer der eifersüchtigen
-Schwestern übernehmen. Mlle. Maas ist ohne Zweifel
-durch mehr, als die bloße Jugend, zu dieser Rolle berufen;
-von Mad. Bethmann aber sollte es uns leid thun, wenn sie
-glauben sollte, daß sie, ihres Alters wegen, davon ausgeschlossen
-<a id="page-132" class="pagenum" title="132"></a>
-wäre. Diese Resignation käme (wir meinen, wenn
-nicht den größesten, doch den verständigsten Theil des Publicums,
-auf unserer Seite zu haben) noch um viele Jahre zu
-früh. Es ist, mit dem Spiel dieser Künstlerin, wie mit dem
-Gesang manchen alten Musikmeisters am Fortepiano. Er
-hat eine, von manchen Seiten mangelhafte, Stimme und
-kann sich, was den Vortrag betrift, mit keinem jungen, rüstigen
-Sänger messen. Gleichwohl, durch den Verstand und die
-ungemein zarte Empfindung, mit welcher er zu Werke geht,
-führt er, alle Verletzungen vermeidend, die Einbildung, in
-einzelnen Momenten, auf so richtige Wege, daß jeder sich mit
-Leichtigkeit das Fehlende ergänzt, und ein in der That höheres
-Vergnügen genießt, als ihm eine bessere Stimme, aber von
-einem geringern Genius regiert, gewährt haben würde. &mdash;
-Mad. Bethmanns größester Ruhm, meinen wir, nimmt allererst,
-wenn sie sich anders auf ihre Kräfte versteht, in einigen
-Jahren (in dem Alter, wo Andere ihn verlieren) seinen Anfang.
-</p>
-
-<p class="sign">
-<span class="line1"><span class="antiqua"><i>y.</i></span></span>
-</p>
-
-<h4 class="subchap" id="subchap-4-4-7">
-<span class="line1">7. Die sieben kleinen Kinder.</span><br />
-<span class="line2">(8. November.)</span>
-</h4>
-
-<p class="noindent">
-Was mag aus einer Bande kleiner Sänger geworden
-sein, die im vorigen Jahre sich sehr häufig in vielen Straßen
-Berlins mit wenigen Liedern hören ließen, die aber so wunderbar
-auf einzelne Töne eingesungen waren, daß sie am ersten
-einen Begriff von der Russischen Hörnermusik geben konnten?
-Sie wurden, nach dem einen ihrer bekanntesten Lieder, meist
-die sieben kleinen Kinder genannt. Das Lied erzählte von
-Kindern, denen zu spät Brod gereicht worden, nachdem sie
-<a id="page-133" class="pagenum" title="133"></a>
-lange geschrieen und endlich aus Hunger gestorben waren. &mdash;
-Ist es diesen armen Schelmen, die wir immer mit besonderem
-Vergnügen gehört, etwa auch so ergangen?
-</p>
-
-<p>
-Diese Kinder waren jedermann so bekannt, alle Kinder
-sangen ihnen nach, daß wir es kaum begreifen können, daß
-sie nicht in irgend ein lustiges Stück z. B. Rochus Pumpernickel,
-auf der Straße eingeführt worden, wo sie gewiß die
-allgemeinste Wirkung hervorgebracht hätten. Leider aber begnügen
-sich unsre Theater-Dichter die Späße fremder Städte,
-besonders Wiens, zu wiederholen; was aber bey uns lustig
-und erfreulich, dafür haben sie keine Fassung. So finden
-sich manche auf unserer Bühne, die den Wiener oder Schwäbischen
-Dialekt recht gut nachsprechen, aber keiner, der z. B.
-gut pommersch-plattdeutsch redete, was in der Rolle des Rochus
-Pumpernickel sicher recht eigenthümliche Wirkung bei uns thäte.
-</p>
-
-<p class="sign">
-<span class="line1"><span class="antiqua"><i>ava.</i></span></span>
-</p>
-
-<h4 class="subchap" id="subchap-4-4-8">
-<span class="line1">8. Von einem Kinde, das kindlicher Weise ein anderes Kind umbringt.</span><br />
-<span class="line2">(13. November.)</span>
-</h4>
-
-<p class="noindent">
-&bdquo;In einer Stadt Franecker genannt, gelegen in Westfriesland,
-da ist es geschehen, daß junge Kinder, fünf- sechsjährige,
-Mägdlein und Knaben mit einander spielten. Und
-sie ordneten ein Büblein an, das solle der Metzger sein, ein
-anderes Büblein, das solle Koch sein, und ein drittes Büblein,
-das solle eine Sau sein. Ein Mägdlein, ordneten sie, solle
-Köchin sein, wieder ein anderes, das solle Unterköchin sein;
-und die Unterköchin solle in einem Geschirrlein das Blut von
-der Sau empfahen, daß man Würste könne machen. Der
-<a id="page-134" class="pagenum" title="134"></a>
-Metzger gerieth nun verabredetermaßen an das Büblein, das
-die Sau sollte sein, riß es nieder und schnitt ihm mit einem
-Messerlein die Gurgel auf; und die Unterköchinn empfing das
-Blut in ihrem Geschirrlein. Ein Rathsherr, der von ungefähr
-vorübergeht, sieht dies Elend; er nimmt von Stund&rsquo; an
-den Metzger mit sich, und führt ihn in des Obersten Haus,
-welcher sogleich den ganzen Rath versammeln ließ. Sie saßen
-all&rsquo; über diesen Handel, und wußten nicht, wie sie ihm thun
-sollten, denn sie sahen wohl, daß es kindlicher Weise geschehen
-war. Einer unter ihnen, ein alter weiser Mann, gab
-den Rath, der oberste Richter solle einen schönen rothen
-Apfel in die eine Hand nehmen, in die andere einen rheinischen
-Gulden, solle das Kind zu sich rufen, und beide Hände
-gleich gegen dasselbe ausstrecken; nehme es den Apfel, so
-solle es ledig erkannt werden, nehme es aber den Gulden,
-so solle man es auch tödten. Dem wird gefolgt; das Kind
-aber ergreift den Apfel lachend, wird also aller Strafe ledig
-erkannt.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Diese rührende Geschichte aus einem alten Buche gewinnt
-ein neues Interesse durch das letzte kleine Trauerspiel
-Werners, der vier und zwanzigste Februar genannt, welches
-in Weimar und Lauchstädt schon oft, und mit einem so lebhaften
-Antheil gesehen worden ist, als vielleicht kein Werk
-eines modernen Dichters. Das unselige Mordmesser, welches
-in jener Tragödie der unruhige Dolch des Schicksals ist,
-(vielleicht derselbe, den Mackbeth vor sich her zur Schlafkammer
-des Königs gehen sieht) ist dasselbe Messer, womit
-der eine Knabe den anderen getödtet, und er empfängt in
-jener That seine erste blutige Weihe. Wir wissen nicht, ob
-<a id="page-135" class="pagenum" title="135"></a>
-Werner die obige Geschichte ganz gekannt oder erzählt hat,
-denn jenes treflichste und darstellbarste Werk Werners, zu
-dem nur drei Personen, Vater und Mutter und Sohn, nur
-eine doppelte durchgeschlagene Schweizer Bauerstube, ein
-Schrank, ein Messer und etwas Schnee, den der Winter
-gewiß bald bringen wird, die nöthigen Requisite sind, ist auf
-unserer Bühne noch nicht aufgeführt worden. Gleichwohl
-besitzen wir mehr, als die Weimaraner, um es zu geben,
-einen Iffland, eine Bethmann und Schauspieler, um den
-Sohn darzustellen, im Ueberfluß. Möge diese kleine Mittheilung
-den Sinn und den guten Willen dazu anregen.
-</p>
-
-<h3 class="pbb chapter" id="chapter-4-5">
-<a id="page-136" class="pagenum" title="136"></a>
-<span class="line1">5. Gemeinnütziges.</span>
-</h3>
-
-<h4 class="subchap" id="subchap-4-5-1">
-<span class="line1">1. Allerneuester Erziehungsplan.</span><br />
-<span class="line2">(29-31. October; 9. 10. November.)</span>
-</h4>
-
-<p class="noindent">
-Zu welchen abentheuerlichen Unternehmungen, sei es nun
-das Bedürfniß, sich auf eine oder die andere Weise zu ernähren,
-oder auch die bloße Sucht, neu zu sein, die Menschen
-verführen, und wie lustig dem zufolge oft die Insinuationen
-sind, die an die Redaction dieser Blätter einlaufen: davon
-möge folgender Aufsatz, der uns kürzlich zugekommen ist, eine
-Probe sein.
-</p>
-
-<p class="hdrfat">
-Allerneuester Erziehungsplan.
-</p>
-
-<p class="adr">
-Hochgeehrtes Publicum,
-</p>
-
-<p>
-Die Experimental-Physik, in dem Capitel von den Eigenschaften
-elektrischer Körper, lehrt, daß wenn man in <a id="corr-11"></a>die Nähe
-dieser Körper, oder, um kunstgerecht zu reden, in ihre Atmosphäre,
-einen unelektrischen (neutralen) Körper bringt, dieser
-plötzlich gleichfalls elektrisch wird, und zwar die entgegengesetzte
-Elektricität annimmt. Es ist als ob die Natur einen
-Abscheu hätte, gegen Alles, was, durch eine Verbindung von
-Umständen, einen überwiegenden und unförmlichen Werth
-angenommen hat; und zwischen je zwei Körpern, die sich berühren,
-scheint ein Bestreben angeordnet zu sein, das ursprüngliche
-<a id="page-137" class="pagenum" title="137"></a>
-Gleichgewicht, das zwischen ihnen aufgehoben ist, wieder
-herzustellen. Wenn der elektrische Körper positiv ist: so flieht
-aus dem unelektrischen Alles, was an natürlicher Elektricität
-darin vorhanden ist, in den äußersten und entferntesten Raum
-desselben, und bildet, in den, jenem zunächst liegenden Theilen
-eine Art von Vacuum, das sich geneigt zeigt, den Elektricitäts-Ueberschuß,
-woran jener, auf gewisse Weise, krank ist, in sich
-aufzunehmen; und ist der elektrische Körper negativ, so häuft
-sich, in dem unelektrischen, und zwar in den Theilen, die dem
-elektrischen zunächst liegen, die natürliche Elektricität schlagfertig
-an, nur auf den Augenblick harrend, den Elektricitäts-Mangel
-umgekehrt, woran jener krank ist, damit zu ersetzen.
-Bringt man den unelektrischen Körper in den Schlagraum
-des elektrischen, so fällt, es sei nun von diesem zu jenem,
-oder von jenem zu diesem, der Funken: das Gleichgewicht ist
-hergestellt, und beide Körper sind einander an Elektricität
-völlig gleich.
-</p>
-
-<p>
-Dieses höchst merkwürdige Gesetz findet sich, auf eine,
-unseres Wissens, noch wenig beachtete Weise, auch in der
-moralischen Welt; dergestalt, daß ein Mensch, dessen Zustand
-indifferent ist, nicht nur augenblicklich aufhört, es zu sein,
-sobald er mit einem Anderen, dessen Eigenschaften, gleichviel
-auf welche Weise, bestimmt sind, in Berührung tritt: sein
-Wesen wird sogar, um mich so auszudrücken, gänzlich in den
-entgegengesetzten Pol hinübergespielt; er nimmt die Bedingung
-+ an, wenn jener von der Bedingung -, und die
-Bedingung -, wenn jener von der Bedingung + ist.
-</p>
-
-<p>
-Einige Beispiele, hochverehrtes Publicum, werden dies
-deutlicher machen.
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-138" class="pagenum" title="138"></a>
-Das gemeine Gesetz des Widerspruchs ist jedermann,
-aus eigner Erfahrung, bekannt; das Gesetz, das uns geneigt
-macht, uns, mit unserer Meinung, immer auf die entgegengesetzte
-Seite hinüber zu werfen. Jemand sagt mir, ein
-Mensch, der am Fenster vorübergeht, sei so dick, wie eine
-Tonne. Die Wahrheit zu sagen, er ist von gewöhnlicher
-Corpulenz. Ich aber, da ich ans Fenster komme, ich berichtige
-diesen Irrthum nicht bloß: ich rufe Gott zum Zeugen an,
-der Kerl sei so dünn, als ein Stecken.
-</p>
-
-<p>
-Oder eine Frau hat sich, mit ihrem Liebhaber, ein Rendezvous
-menagirt. Der Mann, in der Regel, geht des Abends,
-um Triktrak zu spielen, in die Tabagie; gleichwohl, um sicher
-zu gehen, schlingt sie den Arm um ihn, und spricht: mein
-lieber Mann! Ich habe die Hammelkeule, von heute Mittag,
-aufwärmen lassen. Niemand besucht mich, wir sind ganz allein;
-laß uns den heutigen Abend einmal in recht heiterer und vertraulicher
-Abgeschlossenheit zubringen. Der Mann, der gestern
-schweres Geld in der Tabagie verlor, dachte in der That heut,
-aus Rücksicht auf seine Casse, zu Hause zu bleiben; doch plötzlich
-wird ihm die entsetzliche Langeweile klar, die ihm, seiner
-Frau gegenüber, im Hause verwartet. Er spricht: liebe Frau!
-Ich habe einem Freunde versprochen, ihm im Triktrak, worin
-ich gestern gewann, Revange zu geben. Laß mich, auf eine
-Stunde, wenn es sein kann, in die Tabagie gehn; morgen
-von Herzen gern stehe ich zu deinen Diensten.
-</p>
-
-<p>
-Aber das Gesetz, von dem wir sprechen, gilt nicht bloß
-von Meinungen und Begehrungen, sondern auf weit allgemeinere
-Weise, auch von Gefühlen, Affecten, Eigenschaften
-und Charakteren.
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-139" class="pagenum" title="139"></a>
-Ein Portugiesischer Schiffskapitain, der, auf dem Mittelländischen
-Meer, von drei Venetianischen Fahrzeugen angegriffen
-ward, befahl, entschlossen wie er war, in Gegenwart
-aller seiner Officiere und Soldaten, einem Feuerwerker, daß
-sobald irgend auf dem Verdeck ein Wort von Uebergabe laut
-werden würde, er, ohne weiteren Befehl, nach der Pulverkammer
-gehen, und das Schiff in die Luft sprengen mögte.
-Da man sich vergebens, bis gegen Abend, gegen die Uebermacht
-herumgeschlagen hatte, und allen Forderungen, die die
-Ehre an die Equipage machen konnte, ein Genüge geschehen
-war: traten die Officiere in vollzähliger Versammlung den
-Capitain an, und forderten ihn auf, das Schiff zu übergeben.
-Der Capitain, ohne zu antworten, kehrte sich um, und fragte,
-wo der Feuerwerker sei; seine Absicht, wie er nachher versichert
-hat, war, ihm aufzugeben, auf der Stelle den Befehl,
-den er ihm ertheilt, zu vollstrecken. Als er aber den Mann
-schon, die brennende Lunte in der Hand, unter den Fässern,
-in Mitten der Pulverkammer fand: ergriff er ihn plötzlich,
-von Schrecken bleich, bei der Brust, riß ihn, in Vergessenheit
-aller anderen Gefahr, aus der Kammer heraus, trat die Lunte,
-unter Flüchen und Schimpfwörtern, mit Füßen aus und warf
-sie in&rsquo;s Meer. Den Officieren aber sagte er, daß sie die
-weiße Fahne aufstecken mögten, indem er sich übergeben wolle.
-</p>
-
-<p>
-Ich selbst, um ein Beispiel aus meiner Erfahrung zu
-geben, lebte, vor einigen Jahren, aus gemeinschaftlicher Kasse,
-in einer kleinen Stadt am Rhein, mit einer Schwester. Das
-Mädchen war in der That bloß, was man, im gemeinen
-Leben, eine gute Wirthinn nennt; freigebig sogar in manchen
-Stücken; ich hatte es selbst erfahren. Doch weil ich locker
-<a id="page-140" class="pagenum" title="140"></a>
-und lose war, und das Geld auf keine Weise achtete: so fieng
-sie an zu knickern und zu knausern; ja, ich bin überzeugt,
-daß sie geizig geworden wäre, und mir Rüben in den Caffe
-und Lichter in die Suppe gethan hätte. Aber das Schicksal
-wollte zu ihrem Glücke, daß wir uns trennten.
-</p>
-
-<p>
-Wer dies Gesetz recht begreift, dem wird die Erscheinung
-gar nicht mehr fremd sein, die den Philosophen so viel
-zu schaffen giebt: die Erscheinung, daß große Männer, in der
-Regel, immer von unbedeutenden und obscuren Eltern abstammen,
-und eben so wieder Kinder groß ziehen, die in
-jeder Rücksicht untergeordnet und geringartig sind. Und in
-der That, man kann das Experiment, wie die moralische
-Atmosphäre, in dieser Hinsicht, wirkt, alle Tage anstellen.
-Man bringe nur einmal Alles, was, in einer Stadt, an Philosophen,
-Schöngeistern, Dichtern und Künstlern, vorhanden
-ist, in einen Saal zusammen: so werden einige, aus ihrer
-Mitte, auf der Stelle dumm werden; wobei wir uns, mit
-völliger Sicherheit, auf die Erfahrung eines jeden berufen,
-der solchem Thee oder Punsch einmal beigewohnt hat.
-</p>
-
-<p>
-Wie vielen Einschränkungen ist der Satz unterworfen:
-daß schlechte Gesellschaften gute Sitten verderben; da doch
-schon Männer wie Basedow und Campe, die doch sonst, in
-ihrem Erziehungs-Handwerk, wenig gegensätzisch verfuhren,
-angerathen haben, jungen Leuten zuweilen den Anblick böser
-Beispiele zu verschaffen, um sie von dem Laster abzuschrecken.
-Und wahrlich, wenn man die gute Gesellschaft, mit der
-schlechten, in Hinsicht auf das Vermögen, die Sitte zu entwickeln,
-vergleicht, so weiß man nicht, für welche man sich
-entscheiden soll, da, in der guten, die Sitte nur nachgeahmt
-<a id="page-141" class="pagenum" title="141"></a>
-werden kann, in der schlechten hingegen, durch eine eigenthümliche
-Kraft des Herzens erfunden werden muß. Ein
-Taugenichts mag, in tausend Fällen, ein junges Gemüth,
-durch sein Beispiel, verführen, sich auf Seiten des Lasters
-hinüber zu stellen; tausend andere Fälle aber giebt es, wo
-es, in natürlicher Reaction, das Polar-Verhältniß gegen
-dasselbe annimmt; und dem Laster, zum Kampf gerüstet,
-gegenüber tritt. Ja, wenn man, auf irgend einem Platze
-der Welt, etwa einer wüsten Insel, Alles was die Erde an
-Bösewichtern hat, zusammenbrächte: so würde sich nur ein Thor
-darüber wundern können, wenn er, in kurzer Zeit, alle, auch
-die erhabensten und göttlichsten, Tugenden unter ihnen anträfe.
-</p>
-
-<p>
-Wer dies für paradox halten könnte, der besuche nur
-einmal ein Zuchthaus oder eine Festung. In den von Frevlern
-aller Art, oft bis zum Sticken angefüllten Kasematten,
-werden, weil keine Strafe mehr, oder doch nur sehr unvollkommen,
-bis hierher dringt, Ruchlosigkeiten, die kein Name
-nennt, verübt. Demnach würde, in solcher Anarchie, Mord
-und Todtschlag und zuletzt der Untergang Aller die unvermeidliche
-Folge sein, wenn nicht auf der Stelle, aus ihrer
-Mitte, welche aufträten, die auf Recht und Sitte halten.
-Ja, oft setzt sie der Commendant selbst ein; und Menschen,
-die vorher aufsätzig waren gegen alle göttliche und menschliche
-Ordnung, werden hier, in erstaunenswürdiger Wendung der
-Dinge, wieder die öffentlichen geheiligten Handhaber derselben,
-wahre Staatsdiener der guten Sache, bekleidet mit der Macht,
-ihr Gesetz aufrecht zu erhalten.
-</p>
-
-<p>
-Daher kann die Welt mit Recht auf die Entwikkelung
-der Verbrecher-Kolonie in Botany-Bay aufmerksam sein. Was
-<a id="page-142" class="pagenum" title="142"></a>
-aus solchem, dem Boden eines Staats abgeschlämmten Gesindel
-werden kann, liegt bereits in den nordamerikanischen
-Freistaaten vor Augen; und um uns auf den Gipfel unserer
-metaphysischen Ansicht zu schwingen, erinnern wir den Leser
-bloß an den Ursprung, die Geschichte, an die Entwikkelung
-und Größe Roms.
-</p>
-
-<p>
-In Erwägung nun<a class="fnote" id="lfnote-1" href="#lfootnote-1">1</a>)
-</p>
-
-<div class="hang">
-<p>
-1) daß alle Sittenschulen bisher nur auf den Nachahmungstrieb
-gegründet waren, und statt das gute
-Princip, auf eigenthümliche Weise im Herzen zu entwickeln,
-nur durch Aufstellung sogenannter guter Beispiele
-zu wirken suchten;<a class="fnote" id="lfnote-2" href="#lfootnote-2">2</a>)
-</p>
-
-<p>
-2) daß diese Schulen, wie die Erfahrung lehrt, nichts
-eben, für den Fortschritt der Menschheit Bedeutendes
-und Erkleckliches hervorgebracht haben;<a class="fnote" id="lfnote-3" href="#lfootnote-3">3</a>)
-</p>
-
-<p>
-das Gute aber 3) das sie bewirkt haben, allein von dem
-Umstand herzurühren scheint, daß sie schlecht waren,
-und hin und wieder, gegen die Verabredung, einige
-schlechten Beispiele mitunter liefen;
-</p>
-
-</div>
-
-<p>
-in Erwägung, sagen wir, aller dieser Umstände, sind wir
-gesonnen, eine sogenannte <em>Lasterschule</em>, oder vielmehr eine
-<em>gegensätzische</em> Schule, eine Schule durch Laster, zu errichten.<a class="fnote" id="lfnote-4" href="#lfootnote-4">4</a>)
-</p>
-
-<hr class="footnote" />
-
-<p class="footnote">
-<a class="footnote" id="lfootnote-1" href="#lfnote-1">1)</a> Jetzt rückt dieser merkwürdige Pädagog mit seinem neuesten
-Erziehungsplan heraus.
-</p>
-
-<p class="sign footnote">
-<span class="line1">(<em>Die Redaction.</em>)</span>
-</p>
-
-<p class="footnote">
-<a class="footnote" id="lfootnote-2" href="#lfnote-2">2)</a> So! &mdash; Als ob die pädagogischen Institute nicht, nach ihrer
-natürlichen Anlage, schwache Seiten genug darböten.
-</p>
-
-<p class="sign footnote">
-<span class="line1">(<em>Die Redaction.</em>)</span>
-</p>
-
-<p class="footnote">
-<a class="footnote" id="lfootnote-3" href="#lfnote-3">3)</a> In der That! &mdash; Dieser Philosoph könnte das Jahrhundert um
-seinen ganzen Ruhm bringen.
-</p>
-
-<p class="sign footnote">
-<span class="line1">(<em>Die Redaction.</em>)</span>
-</p>
-
-<p class="footnote">
-<a class="footnote" id="lfootnote-4" href="#lfnote-4">4)</a> <span class="antiqua">Risum teneatis, amici!</span>
-</p>
-
-<p class="sign footnote">
-<span class="line1">(<em>Die Redaction.</em>)</span>
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-143" class="pagenum" title="143"></a>
-Demnach werden für alle, einander entgegenstehende
-Laster, Lehrer angestellt werden, die in bestimmten Stunden
-des Tages, nach der Reihe, auf planmäßige Art, darin Unterricht
-ertheilen; in der Religionsspötterei sowohl als in der
-Bigotterie, im Trotz sowohl als in der Wegwerfung und
-Kriecherei, und im Geiz und in der Furchtsamkeit sowohl,
-als in der Tollkühnheit und in der Verschwendung.
-</p>
-
-<p>
-Diese Lehrer werden nicht bloß durch Ermahnungen,
-sondern durch Beispiele, durch lebendige Handlung, durch
-unmittelbaren praktischen, geselligen Umgang und Verkehr zu
-wirken suchen.
-</p>
-
-<p>
-Für Eigennutz, Plattheit, Geringschätzung alles Großen
-und Erhabenen und manche anderen Untugenden, die man in
-Gesellschaften und auf der Straße lernen kann, wird es nicht
-nöthig sein, Lehrer anzustellen.
-</p>
-
-<p>
-In der Unreinlichkeit und Unordnung, in der Zank- und
-Streitsucht und Verläumdung wird meine Frau Unterricht
-ertheilen.
-</p>
-
-<p>
-Lüderlichkeit, Spiel, Trunk, Faulheit und Völlerei, behalte
-ich mir bevor.
-</p>
-
-<p>
-Der Preis ist der sehr mäßige von 300 Rthl.
-</p>
-
-<p class="ns">
-N. S.
-</p>
-
-<p>
-Eltern, die uns ihre Kinder nicht anvertrauen wollten,
-aus Furcht, sie in solcher Anstalt, auf unvermeidliche Weise,
-verderben zu sehen, würden dadurch an den Tag legen, daß
-sie ganz übertriebene Begriffe von der Macht der Erziehung
-haben. Die Welt, die ganze Masse von Objecten, die auf
-die Sinne wirken, hält und regiert, an tausend und wieder
-tausend Fäden, das junge, die Erde begrüßende, Kind. Von
-<a id="page-144" class="pagenum" title="144"></a>
-diesen Fäden, ihm um die Seele gelegt, ist allerdings die
-Erziehung Einer, und sogar der wichtigste und stärkste; verglichen
-aber mit der ganzen Totalität, mit der ganzen Zusammenfassung
-der übrigen, verhält er sich wie ein Zwirnsfaden
-zu einem Ankertau, eher drüber als drunter.
-</p>
-
-<p>
-Und in der That, wie mißlich würde es mit der Sittlichkeit
-aussehen, wenn sie kein tieferes Fundament hätte,
-als das sogenannte gute Beispiel eines Vaters oder einer
-Mutter, und die platten Ermahnungen eines Hofmeisters oder
-einer französischen Mamsell. &mdash; Aber das Kind ist kein Wachs,
-<a id="corr-12"></a>das sich in eines Menschen Händen, zu einer beliebigen Gestalt
-kneten läßt: es lebt, es ist frei, es trägt ein unabhängiges
-und eigenthümliches Vermögen der Entwickelung, und das
-Muster aller innerlichen Gestaltung, in sich.
-</p>
-
-<p>
-Ja, gesetzt, eine Mutter nähme sich vor, ein Kind, das
-sie an ihrer Brust trägt, von Grund aus zu verderben: so
-würde sich ihr auf der Welt dazu kein unfehlbares Mittel
-darbieten, und, wenn das Kind nur sonst von gewöhnlichen,
-rechtschaffenen Anlagen ist, das Unternehmen, vielleicht auf
-die sonderbarste und überraschendste Art, daran scheitern.
-</p>
-
-<p>
-Was sollte auch, in der That, aus der Welt werden,
-wenn den Eltern ein unfehlbares Vermögen beiwohnte, ihre
-Kinder nach Grundsätzen, zu welchen sie die Muster sind, zu
-erziehen: da die Menschheit, wie bekannt, fortschreiten soll,
-und es mithin, selbst dann, wenn an ihnen nichts auszusetzen
-wäre, nicht genug ist, daß die Kinder werden, wie sie; sondern
-besser.
-</p>
-
-<p>
-Wenn demnach die uralte Erziehung, die uns die Väter,
-in ihrer Einfalt, überliefert haben, an den Nagel gehängt
-<a id="page-145" class="pagenum" title="145"></a>
-werden soll: so ist kein Grund, warum unser Institut nicht,
-mit allen andern, die die pädagogische Erfindung, in unsern
-Tagen, auf die Bahn gebracht hat, in die Schranken treten
-soll. In unsrer Schule wird, wie in diesen, gegen je Einen,
-der darin zu Grunde geht, sich ein andrer finden, in dem
-sich Tugend und Sittlichkeit auf gar robuste und tüchtige Art
-entwickelt; es wird Alles in der Welt bleiben, wie es ist,
-und was die Erfahrung von Pestalozzi und Zeller und allen
-andern Virtuosen der neuesten Erziehungskunst, und ihren
-Anstalten sagt, das wird sie auch von uns und der unsrigen
-sagen: &bdquo;Hilft es nichts, so schadet es nichts.&ldquo;
-</p>
-
-<div class="sign">
-<p class="datel">
-Rechtenfleck im Holsteinischen,<br />
-den 15. Oct. 1810.
-</p>
-
-<p class="sign">
-<span class="line1"><em>C. J. Levanus</em>,</span><br />
-<span class="line2">Conrector.</span>
-</p>
-
-</div>
-
-<h4 class="subchap" id="subchap-4-5-2">
-<span class="line1">2. Nützliche Erfindungen. Entwurf einer Bombenpost.</span><br />
-<span class="line2">(12. October.)</span>
-</h4>
-
-<p class="noindent">
-Man hat, in diesen Tagen, zur Beförderung des Verkehrs,
-innerhalb der Gränzen der vier Welttheile, einen
-elektrischen Telegraphen erfunden; einen Telegraphen, der mit
-der Schnelligkeit des Gedankens, ich will sagen, in kürzerer
-Zeit, als irgend ein chronometrisches Instrument angeben
-kann, vermittelst des Elektrophors und des Metalldraths,
-Nachrichten mittheilt, dergestalt, daß wenn jemand, falls nur
-sonst die Vorrichtung dazu getroffen wäre, einen guten Freund,
-den er unter den Antipoden hätte, fragen wollte: wie geht&rsquo;s
-dir? derselbe, ehe man noch eine Hand umkehrt, ohngefähr
-so, als ob er in einem und demselben Zimmer stünde, antworten
-könnte: recht gut. So gern wir dem Erfinder dieser
-<a id="page-146" class="pagenum" title="146"></a>
-Post, die, auf recht eigentliche Weise, auf Flügeln des Blitzes
-reitet, die Krone des Verdienstes zugestehn, so hat doch
-auch diese Fernschreibekunst noch die Unvollkommenheit, daß
-sie nur, dem Interesse des Kaufmanns wenig ersprießlich, zur
-Versendung ganz kurzer und lakonischer Nachrichten, nicht aber
-zur Uebermachung von Briefen, Berichten, Beilagen und
-Packeten taugt. Demnach schlagen wir, um auch diese Lücke
-zu erfüllen, zur Beschleunigung und Vervielfachung der
-Handels-Communikationen, wenigstens innerhalb der Gränzen
-der cultivirten Welt, eine <em>Wurf-</em> oder <em>Bombenpost</em> vor;
-ein Institut, das sich auf zweckmäßig, innerhalb des Raums
-einer Schußweite, angelegten Artillerie-Stationen, aus Mörsern
-oder Haubitzen, hohle, statt des Pulvers, mit Briefen
-und Paketen angefüllte Kugeln, die man ohne alle Schwierigkeit,
-mit den Augen verfolgen, und wo sie hinfallen, falls
-es ein Morastgrund ist, wieder auffinden kann, zuwürfe; dergestalt,
-daß die Kugel, auf jeder Station zuvörderst eröffnet,
-die respektiven Briefe für jeden Ort herausgenommen, die
-neuen hineingelegt, das Ganze wieder verschlossen, in einen
-neuen Mörser geladen, und zur nächsten Station weiter spedirt
-werden könnte. Den Prospectus des Ganzen und die
-Beschreibung und Auseinandersetzung der Anlagen und Kosten
-behalten wir einer umständlicheren und weitläufigeren Abhandlung
-bevor. Da man auf diese Weise, wie eine kurze
-mathematische Berechnung lehrt, binnen Zeit eines halben
-Tages, gegen geringe Kosten von Berlin nach Stettin oder
-Breslau würde schreiben oder respondiren können, und mithin,
-verglichen mit unseren reitenden Posten, ein zehnfacher
-Zeitgewinn entsteht, oder es eben soviel ist, als ob ein
-<a id="page-147" class="pagenum" title="147"></a>
-Zauberstab diese Orte der Stadt Berlin zehnmal näher gerückt
-hätte: so glauben wir für das bürgerliche sowohl als
-handeltreibende Publicum, eine Erfindung von dem größesten
-und entscheidendsten Gewicht, geschickt, den Verkehr auf den
-höchsten Gipfel der Vollkommenheit zu treiben, an den Tag
-gelegt zu haben.
-</p>
-
-<p class="datel">
-Berlin d. 10. Oct. 1810.
-</p>
-
-<p class="sign">
-<span class="line1"><span class="antiqua"><i>rmz.</i></span></span>
-</p>
-
-<h4 class="subchap" id="subchap-4-5-3">
-<span class="line1">3. Schreiben aus Berlin.</span><br />
-<span class="line2">(15. October.)</span>
-</h4>
-
-<p class="date">
-10 Uhr Morgens.
-</p>
-
-<p>
-Der Wachstuchfabrikant Hr. <em>Claudius</em> will, zur Feier
-des Geburtstages Sr. Königl. Hoheit, des Kronprinzen, heute
-um 11 Uhr mit dem Ballon des Prof. J.<a class="fnote" href="#footnote-74" id="fnote-74">[74]</a> in die Luft
-gehen, und denselben, vermittelst einer Maschine, unabhängig
-vom Wind, nach einer bestimmten Richtung hinbewegen. Dies
-Unternehmen scheint befremdend, da die Kunst, den Ballon,
-auf ganz leichte und naturgemäße Weise, ohne alle Maschienerie,
-zu bewegen, schon erfunden ist. Denn da in der Luft
-alle nur mögliche Strömungen (Winde) übereinander liegen:
-so braucht der Aëronaut nur, vermittelst perpendikularer Bewegungen,
-den Luftstrom aufzusuchen, der ihn nach seinem
-Ziele führt: ein Versuch, der bereits mit vollkommnem Glück,
-in Paris, von Hrn. Garnerin, angestellt worden ist.
-</p>
-
-<p>
-Gleichwohl scheint dieser Mann, der während mehrerer
-Jahre im Stillen dieser Erfindung nachgedacht hat, einer besondern
-Aufmerksamkeit nicht unwerth zu sein. Einen Gelehrten,
-mit dem er sich kürzlich in Gesellschaft befand, soll er
-gefragt haben: ob er ihm wohl sagen könne, in wieviel Zeit
-<a id="page-148" class="pagenum" title="148"></a>
-eine Wolke, die eben an dem Horizont heraufzog, im Zenith
-der Stadt sein würde? Auf die Antwort des Gelehrten:
-&bdquo;daß seine Kenntniß so weit nicht reiche,&ldquo; soll er eine Uhr
-auf den Tisch gelegt haben, und die Wolke genau, in der
-von ihm bestimmten Zeit, im Zenith der Stadt gewesen sein.
-Auch soll derselbe, bei der letzten Luftfahrt des Professor J.
-im Voraus nach Werneuchen gefahren, und die Leute daselbst
-versammelt haben: indem er aus seiner Kenntniß der Atmosphäre
-mit Gewißheit folgerte, daß der Ballon diese Richtung
-nehmen, und der Professor J. in der Gegend dieser
-Stadt niederkommen müsse.
-</p>
-
-<p>
-Wie nun der Versuch, den er heute, gestützt auf diese
-Kenntniß, unternehmen will, ausfallen wird: das soll in Zeit
-von einer Stunde entschieden sein. Hr. Claudius will nicht
-nur bei seiner Abfahrt, den Ort, wo er niederkommen will,
-in gedruckten Zetteln bekannt machen: es heißt sogar, daß er
-schon Briefe an diesem Ort habe abgeben lassen, um daselbst
-seine Ankunft anzumelden. &mdash; Der Tag ist in der That,
-gegen alle Erwartung, seiner Vorherbestimmung gemäß, ausnehmend
-schön.
-</p>
-
-<p class="ns">
-N. S.
-</p>
-
-<p class="date">
-2 Uhr Nachmittags.
-</p>
-
-<p>
-Hr. Claudius hatte beim Eingang in den Schützenplatz
-Zettel austheilen lassen, auf welchen er, längs der Potsdammer
-Chaussee, nach dem Luckenwaldschen Kreis zu gehen, und in
-einer Stunde vier Meilen zurückzulegen versprach. Der Wind
-war aber gegen 12 Uhr so mächtig geworden, daß er noch
-um 2 Uhr mit der Füllung des Ballons nicht fertig war;
-und es verbreitete sich das Gerücht, daß er vor 4 Uhr nicht
-in die Luft gehen würde.
-</p>
-
-<h4 class="subchap" id="subchap-4-5-4">
-<a id="page-149" class="pagenum" title="149"></a>
-<span class="line1">4. Aëronautik.</span><br />
-<span class="line2">S. Haude u. Spenersche Zeitung, den 25. Okt. 1810.<a class="fnote" href="#footnote-75" id="fnote-75">[75]</a></span><br />
-<span class="line3">(29. 30. October.)</span>
-</h4>
-
-<p class="noindent">
-Der, gegen die Abendblätter gerichtete, Artikel der Haude
-und Spenerschen Zeitung, über die angebliche Direction der
-Luftbälle ist mit soviel Einsicht, Ernst und Würdigkeit abgefaßt,
-daß wir geneigt sind zu glauben, die Wendung am
-Schluß, die zu dem Ganzen wenig paßt, beruhe auf einem
-bloßen Mißverständniß.
-</p>
-
-<p>
-Demnach dient dem unbekannten Hrn. Verfasser hiemit
-auf seine, in Anregung gebrachten Einwürfe zur freundschaftlichen
-Antwort:
-</p>
-
-<p>
-1) daß wenn das Abendblatt, des beschränkten Raums
-wegen, den unverklausulirten Satz aufgestellt hat: die Direction
-der Luftbälle sei erfunden; dasselbe damit keineswegs hat
-sagen wollen: es sei an dieser Erfindung nichts mehr hinzuzusetzen;
-sondern bloß: das Gesetz einer solchen Kunst sei
-gefunden, und es sei, nach dem, was in Paris vorgefallen,
-nicht mehr zweckmäßig, in dem Bau einer, mit dem Luftball
-verbundenen, Maschiene eine Kraft zu suchen, die in dem Luftball
-selbst, und in dem Element, das ihn trägt, vorhanden ist.
-</p>
-
-<p>
-2) Daß die Behauptung, in der Luft seien Strömungen
-der vielfachsten und mannigfaltigsten Art enthalten, wenig
-Befremdendes und Außerordentliches in sich faßt, indem unseres
-Wissens, nach den Aufschlüssen der neuesten Naturwissenschaft,
-eine der Hauptursachen des Windes, chemische
-Zersetzung oder Entwickelung beträchtlicher Luftmassen ist.
-Diese Zersetzung oder Entwickelung der Luftmassen aber muß,
-<a id="page-150" class="pagenum" title="150"></a>
-wie eine ganz geringe Einbildung lehrt, ein concentrisches
-oder excentrisches, in allen seinen Richtungen diametral entgegengesetztes,
-Strömen der in der Nähe befindlichen Luftmassen
-veranlassen; dergestalt, daß an Tagen, wo dieser
-chemische Prozeß im Luftraum häufig vor sich geht, gewiß
-über einem gegebenen, nicht allzubeträchtlichen Kreis der Erdoberfläche,
-wenn nicht alle, doch so viele Strömungen, als
-der Luftfahrer, um die willkührliche Direction darauf zu gründen,
-braucht, vorhanden sein mögen.
-</p>
-
-<p>
-3) Daß der Luftballon des Hrn. Claudius selbst (in sofern
-ein einzelner Fall hier in Erwägung gezogen zu werden
-verdient) zu dieser Behauptung gewissermaßen den Beleg
-abgiebt, indem ohne Zweifel als derselbe ½5 Uhr durchaus
-westlich in der Richtung nach Spandau und Stendal aufstieg,
-niemand geahndet hat, daß er, innerhalb zwei Stunden,
-durchaus südlich, zu Düben in Sachsen niederkommen würde.
-</p>
-
-<p>
-4) Daß die Kunst, den Ballon <em>vertical</em> zu dirigiren,
-noch einer großen Entwickelung und Ausbildung bedarf, und
-derselbe auch wohl, ohne eben große Schwierigkeiten, fähig
-ist, indem man ohne Zweifel durch Veränderung nicht bloß
-des absoluten, sondern auch specifischen Gewichts (vermittelst
-der Wärme und der Expansion) wird steigen und fallen und
-somit den Luftstrom mit größerer Leichtigkeit wird aufsuchen
-lernen, dessen man, zu einer bestimmten Reise, bedarf.
-</p>
-
-<p>
-5) Daß Hr. Claudius zwar wenig gethan hat, die Aufmerksamkeit
-des Publikums, die er auf sich gezogen hat, zu
-rechtfertigen; daß wir aber gleichwohl dahingestellt sein lassen,
-in wiefern derselbe, nach dem Gespräche der Stadt, in der
-Kunst, von der Erdoberfläche aus die Luftströmungen in den
-<a id="page-151" class="pagenum" title="151"></a>
-höheren Regionen zu beurtheilen, erfahren sein mag: indem
-aus der Richtung, die sein Ballon anfänglich westwärts gegen
-Spandau und späterhin südwärts gegen Düben nahm, mit
-sonderbarer Wahrscheinlichkeit hervor zu gehen scheint, daß er,
-wenn er aufgestiegen wäre, sein Versprechen erfüllt haben,
-und vermittelst seiner mechanischen Einwirkung, in der Diagonale
-zwischen beiden Richtungen, über der Potsdammer
-Chaussee, nach dem Luckenwaldischen Kreise, fortgeschwommen
-sein würde.
-</p>
-
-<p>
-6) Daß wenn gleich das Unternehmen vermittelst einer,
-im Luftball angebrachten Maschiene, den Widerstand ganz contrairer
-Winde aufzuheben, unübersteiglichen Schwierigkeiten
-unterworfen ist, es doch vielleicht bei Winden von geringerer
-Ungünstigkeit möglich sein dürfte, den Sinus der Ungünstigkeit,
-vermittelst mechanischer Kräfte, zu überwinden, und somit,
-dem Seefahrer gleich, auch solche Winde, die nicht genau zu
-dem vorgeschriebenen Ziel führen, ins Interesse zu ziehen.
-</p>
-
-<p>
-Zudem bemerken wir, daß wenn 7) der Luftschifffahrer,
-aller dieser Hülfsmittel ungeachtet, Tage und Wochen lang
-auf den Wind, der ihm passend ist, warten müßte, derselbe
-sich mit dem Seefahrer zu trösten hätte, der auch Wochen,
-oft Monate lang, auf günstige Winde im Hafen harren muß:
-wenn er ihn aber gefunden hat, binnen wenigen Stunden
-damit weiter kommt, als wenn er sich, von Anfang herein,
-während der ganzen verlornen Zeit, zur Axe oder zu Pferde
-fortbewegt hätte.
-</p>
-
-<p>
-Endlich selbst zugegeben 8) &mdash; was wir bei der Möglichkeit,
-auch selbst in der wolkigsten Nacht, den Polarstern,
-wenigstens auf Augenblicke, aufzufinden, keinesweges thun &mdash;
-<a id="page-152" class="pagenum" title="152"></a>
-dem Luftschiffer fehle es schlechthin an Mittel, sich in der
-Nacht im Luftraum zu orientiren: so halten wir den von
-dem unbekannten Hrn. R. berechneten Irrthum von 6 Meilen,
-auf einen Radius von 30 Meilen, für einen sehr mäßigen
-und erträglichen. Der Aëronaut würde immer noch, wenn
-<span class="antiqua">x</span> die Zeit ist, die er gebraucht haben würde, um den Radius
-zur Axe zurückzulegen, in <span class="antiqua">x</span>/5 den Radius und die Sehne
-zurücklegen können. Wenn er dies, gleichviel aus welchen
-Gründen, ohne seinen Ballon, nicht wollte, so würde er sich
-wieder mit dem Seefahrer trösten müssen, der auch oft, widriger
-Winde wegen, statt in den Hafen einzulaufen, auf der
-Rhede vor Anker gehen, oder gar in einen andern ganz entlegenen
-Hafen einlaufen muß, nach dem er gar nicht bei
-seiner Abreise gewollt hat.
-</p>
-
-<p class="tb">
-&mdash;&mdash;&mdash;
-</p>
-
-<p class="noindent">
-Was Hr. Garnerin betrift, so werden wir im Stande
-sein, in Kurzem bestimmtere Facta, als die im 13ten Abendblatt
-enthalten waren, zur Erwiderung auf die gemachten Einwürfe,
-beizubringen.
-</p>
-
-<p class="sign">
-<span class="line1"><span class="antiqua"><i>rm.</i></span></span>
-</p>
-
-<h2 class="part" id="part-5">
-<a id="page-153" class="pagenum" title="153"></a>
-<span class="line1">II. In Versen.</span>
-</h2>
-
-<h3 class="chapter" id="chapter-5-1">
-<span class="line1">1. Eine Legende nach Hans Sachs.</span><br />
-<span class="line2">Gleich und Ungleich.</span><br />
-<span class="line3">(3. November.)</span>
-</h3>
-
-<div class="poem-container">
- <div class="poem">
- <div class="stanza">
- <p class="verse">Der Herr, als er auf Erden noch einherging,</p>
- <p class="verse">Kam mit Sanct Peter einst an einen Scheideweg,</p>
- <p class="verse">Und fragte, unbekannt des Landes,</p>
- <p class="verse">Das er durchstreifte, einen Bauersknecht,</p>
- <p class="verse">Der faul, da, wo der Rain sich spaltete, gestreckt</p>
- <p class="verse">In eines Birnbaums Schatten lag:</p>
- <p class="verse">Was für ein Weg nach Jericho ihn führe?</p>
- <p class="verse">Der Kerl, die Männer nicht beachtend,</p>
- <p class="verse">Verdrießlich, sich zu regen, hob ein Bein,</p>
- <p class="verse">Zeigt auf ein Haus im Feld&rsquo;, und gähnt&rsquo; und sprach: da unten!</p>
- <p class="verse">Zerrt sich die Mütze über&rsquo;s Ohr zurecht,</p>
- <p class="verse">Kehrt sich, und schnarcht schon wieder ein.</p>
- <p class="verse">Die Männer drauf, wohin das Bein gewiesen,</p>
- <p class="verse">Gehn ihre Straße fort; jedoch nicht lange währt&rsquo;s,</p>
- <p class="verse">Von Menschen leer, wie sie das Haus befinden,</p>
- <p class="verse">Sind sie im Land&rsquo; schon wieder irr.</p>
- <p class="verse">Da steht, im heißen Strahl der Mittagssonne,</p>
- <p class="verse">Bedeckt von Aehren, eine Magd,</p>
-<a id="page-154" class="pagenum" title="154"></a>
- <p class="verse">Die schneidet, frisch und wacker, Korn,</p>
- <p class="verse">Der Schweiß rollt ihr vom Angesicht herab.</p>
- <p class="verse">Der Herr, nachdem er sich gefällig drob ergangen,</p>
- <p class="verse">Kehrt also sich mit Freundlichkeit zu ihr:</p>
- <p class="verse">&bdquo;Mein Töchterchen gehn wir auch recht,</p>
- <p class="verse">So wie wir stehn, den Weg nach Jericho?&ldquo;</p>
- <p class="verse">Die Magd antwortet flink: &bdquo;Ei, Herr!</p>
- <p class="verse">Da seid ihr weit vom Wege irr gegangen;</p>
- <p class="verse">Dort hinterm Walde liegt der Thurm von Jericho,</p>
- <p class="verse">Kommt her, ich will den Weg euch zeigen.&ldquo;</p>
- <p class="verse">Und legt die Sichel weg, und führt, geschickt und emsig,</p>
- <p class="verse">Durch Aecker, die der Rain durchschneidet,</p>
- <p class="verse">Die Männer auf die rechte Straße hin,</p>
- <p class="verse">Zeigt noch, wo schon der Thurm von Jericho erglänzet,</p>
- <p class="verse">Grüßt sie und eilt zurücke wieder,</p>
- <p class="verse">Auf daß sie schneid&rsquo;, in Rüstigkeit, und raffe,</p>
- <p class="verse">Von Schweiß betrieft, im Waizenfelde,</p>
- <p class="verse">So nach wie vor.</p>
- <p class="verse">Sanct Peter spricht: &bdquo;O Meister mein!</p>
- <p class="verse">Ich bitte dich, um deiner Güte willen,</p>
- <p class="verse">Du wollest dieser Maid die That der Liebe lohnen,</p>
- <p class="verse">Und, flink und wacker, wie sie ist,</p>
- <p class="verse">Ihr einen Mann, flink auch und wacker, schenken.&ldquo;</p>
- <p class="verse">&bdquo;Die Maid, versetzt der Herr voll Ernst,</p>
- <p class="verse">Die soll den faulen Schelmen nehmen,</p>
- <p class="verse">Den wir am Scheideweg im Birnbaumsschatten trafen;</p>
- <p class="verse">Also beschloß ich&rsquo;s gleich im Herzen,</p>
- <p class="verse">Als ich im Waizenfeld sie sah.&ldquo;</p>
- <p class="verse">Sanct Peter spricht: &bdquo;Nein Herr, das wolle Gott verhüten.</p>
-<a id="page-155" class="pagenum" title="155"></a>
- <p class="verse">Das wär&rsquo; ja ewig Schad&rsquo; um sie,</p>
- <p class="verse">Müßt&rsquo; all&rsquo; ihr Schweiß und Müh&rsquo; verloren gehn.</p>
- <p class="verse">Laß einen Mann, ihr ähnlicher, sie finden,</p>
- <p class="verse">Auf daß sich, wie sie wünscht, hoch bis zum Giebel ihr</p>
- <p class="verse">Der Reichthum in der Tenne fülle.&ldquo;</p>
- <p class="verse">Der Herr antwortet, mild den Sanctus strafend:</p>
- <p class="verse">&bdquo;O Petre, das verstehst du nicht.</p>
- <p class="verse">Der Schelm, der kann doch nicht zur Höllen fahren.</p>
- <p class="verse">Die Maid auch, frischen Lebens voll,</p>
- <p class="verse">Die könnte leicht zu stolz und üppig werden.</p>
- <p class="verse">Drum, wo die Schwinge sich ihr allzuflüchtig regt,</p>
- <p class="verse">Henk&rsquo; ich ihr ein Gewichtlein an,</p>
- <p class="verse">Auf daß sie&rsquo;s beide im Maaße treffen,</p>
- <p class="verse">Und fröhlich, wenn es ruft, hinkommen, er wie sie,</p>
- <p class="verse">Wo ich sie Alle gern versammeln möchte.</p>
- </div>
- </div>
-</div>
-
-<h3 class="pbb chapter" id="chapter-5-2">
-<a id="page-156" class="pagenum" title="156"></a>
-<span class="line1">2. Eine Legende nach Hans Sachs.</span><br />
-<span class="line2">Der Welt Lauf.</span><br />
-<span class="line3">(8. December.)</span>
-</h3>
-
-<div class="poem-container">
- <div class="poem">
- <div class="stanza">
- <p class="verse">Der Herr und Petrus oft, in ihrer Liebe beide,</p>
- <p class="verse">Begegneten im Streite sich,</p>
- <p class="verse">Wenn von der Menschen Heil die Rede war;</p>
- <p class="verse">Und dieser nannte zwar die Gnade Gottes groß,</p>
- <p class="verse">Doch wär&rsquo; er Herr der Welt, meint er,</p>
- <p class="verse">Würd&rsquo; er sich ihrer mehr erbarmen.</p>
- <p class="verse">Da trat, zu einer Zeit, als längst, in beider Herzen,</p>
- <p class="verse">Der Streit vergessen schien, und just,</p>
- <p class="verse">Um welcher Ursach weiß ich nicht,</p>
- <p class="verse">Der Himmel oben auch voll Wolken hieng,</p>
- <p class="verse">Der Sanctus mißgestimmt, den Heiland an, und sprach</p>
- <p class="verse">&bdquo;Herr, laß, auf eine Handvoll Zeit,</p>
- <p class="verse">Mich, aus dem Himmelreich, auf Erden niederfahren,</p>
- <p class="verse">Daß ich des Unmuths, der mich griff,</p>
- <p class="verse">Vergess&rsquo; und mich einmal, von Sorgen frei, ergötze,</p>
- <p class="verse">Weil es jetzt grad&rsquo; vor Fastnacht ist.&ldquo;</p>
- <p class="verse">Der Herr, des Streits noch sinnig eingedenk,</p>
- <p class="verse">Spricht: &bdquo;Gut; acht Tag&rsquo; geb&rsquo; ich dir Zeit,</p>
- <p class="verse">Der Feier, die mir dort beginnt, dich beizumischen;</p>
-<a id="page-157" class="pagenum" title="157"></a>
- <p class="verse">Jedoch, so bald das Fest vorbei,</p>
- <p class="verse">Kommst du mir zu gesetzter Stunde wieder.</p>
- <p class="verse">Acht volle Tage doch, zwei Wochen schon, und mehr,</p>
- <p class="verse">Ein abgezählter Mond vergeht,</p>
- <p class="verse">Bevor der Sanct zum Himmel wiederkehrt.</p>
- <p class="verse">&bdquo;Ei, Petre,&ldquo; spricht der Herr, &bdquo;wo weiltest du so lange?</p>
- <p class="verse">Gefiel&rsquo;s auch nieden dir so wohl?&ldquo;</p>
- <p class="verse">Der Sanctus, mit noch schwerem Kopfe, spricht:</p>
- <p class="verse">&bdquo;Ach, Herr! Das war ein Jubel unten &mdash;!</p>
- <p class="verse">Der Himmel selbst beseeliget nicht besser.</p>
- <p class="verse">Die Erndte, reich, du weißt, wie keine je gewesen,</p>
- <p class="verse">Gab alles was das Herz nur wünscht,</p>
- <p class="verse">Getraide, weiß und süß, Most, sag&rsquo; ich dir, wie Honig,</p>
- <p class="verse">Fleisch fett, dem Speck gleich, von der Brust des Rindes;</p>
- <p class="verse">Kurz, von der Erde jeglichem Erzeugniß</p>
- <p class="verse">Zum Brechen alle Tafeln voll.</p>
- <p class="verse">Da ließ ich&rsquo;s, schier, zu wohl mir sein,</p>
- <p class="verse">Und hätte bald des Himmels gar vergessen.&ldquo;</p>
- <p class="verse">Der Herr erwiedert: &bdquo;Gut! Doch Petre sag&rsquo; mir an,</p>
- <p class="verse">Bei soviel Seegen, den ich ausgeschüttet,</p>
- <p class="verse">Hat man auch dankbar mein gedacht?</p>
- <p class="verse">Sahst du die Kirchen auch von Menschen voll?&ldquo; &mdash;</p>
- <p class="verse">Der Sanct, bestürzt hierauf, nachdem er sich besonnen:</p>
- <p class="verse">&bdquo;O Herr,&ldquo; spricht er, &bdquo;bei meiner Liebe,</p>
- <p class="verse">Den ganzen Fastmond durch, wo ich mich hingewendet,</p>
- <p class="verse">Nicht deinen Namen hört&rsquo; ich nennen.</p>
- <p class="verse">Ein einz&rsquo;ger Mann saß murmelnd in der Kirche:</p>
- <p class="verse">Der aber war ein Wucherer,</p>
- <p class="verse">Und hatte Korn, im Herbst erstanden,</p>
-<a id="page-158" class="pagenum" title="158"></a>
- <p class="verse">Für Mäus&rsquo; und Ratzen hungrig aufgeschüttet.&ldquo; &mdash;</p>
- <p class="verse">&bdquo;Wohlan denn,&ldquo; spricht der Herr, und läßt die Rede fallen,</p>
- <p class="verse">&bdquo;Petre, so geh; und künft&rsquo;ges Jahr</p>
- <p class="verse">Kannst du die Fastnacht wiederum besuchen.&ldquo;</p>
- <p class="verse">Doch diesmal war das Fest kaum eingeläutet,</p>
- <p class="verse">Da kömmt der Sanctus schleichend schon zurück.</p>
- <p class="verse">Der Herr begegnet ihm am Himmelsthor und ruft:</p>
- <p class="verse">&bdquo;Ei, Petre! Sieh! Warum so traurig?</p>
- <p class="verse">Hat&rsquo;s dir auf Erden denn danieden nicht gefallen?&ldquo;</p>
- <p class="verse">&bdquo;Ach, Herr,&ldquo; versetzt der Sanct, &bdquo;seit ich sie nicht gesehn,</p>
- <p class="verse">Hat sich die Erde ganz verändert.</p>
- <p class="verse">Da ist&rsquo;s kurzweilig nicht mehr, wie vordem,</p>
- <p class="verse">Rings sieht das Auge nichts, als Noth und Jammer.</p>
- <p class="verse">Die Erndte, ascheweiß versengt auf allen Feldern,</p>
- <p class="verse">Gab für den Hunger nicht, um Brod zu backen,</p>
- <p class="verse">Viel wen&rsquo;ger Kuchen, für die Lust, und Stritzeln.</p>
- <p class="verse">Und weil der Herbstwind früh der Berge Hang durchreift,</p>
- <p class="verse">War auch an Wein und Most nicht zu gedenken.</p>
- <p class="verse">Da dacht ich: was auch sollst du hier?</p>
- <p class="verse">Und kehrt ins Himmelreich nur wieder heim.&ldquo; &mdash;</p>
- <p class="verse">&bdquo;So!&ldquo; spricht der Herr. &bdquo;Fürwahr! das thut mir leid!</p>
- <p class="verse">Doch, sag&rsquo; mir an: gedacht&rsquo; man mein?&ldquo;</p>
- <p class="verse">&bdquo;Herr, ob man dein gedacht? &mdash; Die Wahrheit dir zu sagen,</p>
- <p class="verse">Als ich durch eine Hauptstadt kam,</p>
- <p class="verse">Fand ich, zur Zeit der Mitternacht,</p>
- <p class="verse">Vom Altarkerzenglanz, durch die Portäle strahlend,</p>
- <p class="verse">Dir alle Märkt&rsquo; und Straßen hell;</p>
- <p class="verse">Die Glöckner zogen, daß die Stränge rissen;</p>
- <p class="verse">Hoch an den Säulen hiengen Knaben,</p>
-<a id="page-159" class="pagenum" title="159"></a>
- <p class="verse">Und hielten ihre Mützen in der Hand.</p>
- <p class="verse">Kein Mensch, versichr&rsquo; ich dich, im Weichbild rings zu sehn,</p>
- <p class="verse">Als Einer nur, der eine Schaar</p>
- <p class="verse">Lastträger keuchend von dem Hafen führte:</p>
- <p class="verse">Der aber war ein Wucherer,</p>
- <p class="verse">Und häufte Korn auf lächelnd, fern erkauft,</p>
- <p class="verse">Um von des Landes Hunger sich zu mästen.&ldquo;</p>
- <p class="verse">&bdquo;Nun denn, o Petre,&ldquo; spricht der Herr,</p>
- <p class="verse">Erschaust du jetzo doch den Lauf der Welt!</p>
- <p class="verse">Jetzt siehst du doch was du jüngsthin nicht glauben wolltest,</p>
- <p class="verse">Daß Güter nicht das Gut des Menschen sind;</p>
- <p class="verse">Daß mir ihr Heil am Herzen liegt wie dir:</p>
- <p class="verse">Und daß ich, wenn ich sie mit Noth zuweilen plage,</p>
- <p class="verse">Mich, meiner Liebe treu und meiner Sendung,</p>
- <p class="verse">Nur ihrer höh&rsquo;ren Noth erbarme.</p>
- </div>
- </div>
-</div>
-
-<h3 class="pbb chapter" id="chapter-5-3">
-<a id="page-160" class="pagenum" title="160"></a>
-<span class="line1">3. Epigramme.</span>
-</h3>
-
-<h4 class="subchap" id="subchap-5-3-1">
-<span class="line1">1. Auf einen Denuncianten.</span><br />
-<span class="line2">(Räthsel.)</span><br />
-<span class="line3">(12. October.)</span>
-</h4>
-
-<div class="poem-container">
- <div class="poem">
- <div class="stanza">
- <p class="verse">Als Kalb begann er; ganz gewiß</p>
- <p class="verse">Vollendet er als Stier &mdash; des Phalaris.</p>
- </div>
- </div>
-</div>
-
-<p class="sign">
-<span class="line1"><span class="antiqua"><i>st.</i></span></span>
-</p>
-
-<h4 class="subchap" id="subchap-5-3-2">
-<span class="line1">2. Wer ist der Aermste?</span><br />
-<span class="line2">(24. October.)</span>
-</h4>
-
-<div class="poem-container">
- <div class="poem">
- <div class="stanza">
- <p class="verse">&bdquo;Geld!&ldquo; rief, &bdquo;mein edelster Herr!&ldquo; ein Armer. Der Reiche versetzte:</p>
- <p class="verse">&bdquo;Lümmel, was gäb&rsquo; ich darum, wär ich so hungrig als er!&ldquo;</p>
- </div>
- </div>
-</div>
-
-<h4 class="subchap" id="subchap-5-3-3">
-<span class="line1">3. Der witzige Tischgesellschafter.</span>
-</h4>
-
-<div class="poem-container">
- <div class="poem">
- <div class="stanza">
- <p class="verse">Treffend, durchgängig ein Blitz, voll Scharfsinn, sind seine Repliken:</p>
- <p class="verse">Wo? An der Tafel? Vergieb! Wenn er&rsquo;s zu Hause bedenkt.</p>
- </div>
- </div>
-</div>
-
-<p class="sign">
-<span class="line1"><span class="antiqua"><i>xp.</i></span></span>
-</p>
-
-<h4 class="subchap" id="subchap-5-3-4">
-<span class="line1">4. An die Verfasser schlechter Epigramme.</span><br />
-<span class="line2">(30. October.)</span>
-</h4>
-
-<div class="poem-container">
- <div class="poem">
- <div class="stanza">
- <p class="verse">Des Satyrs Geißel schmerzt von Rosenstrauch am meisten;</p>
- <p class="verse">Wer nur den Knieriem führt, der bleibe ja beim Leisten.</p>
- </div>
- </div>
-</div>
-
-<p class="sign">
-<span class="line1"><span class="antiqua"><i>st.</i></span></span>
-</p>
-
-<h4 class="subchap" id="subchap-5-3-5">
-<span class="line1">5. Nothwehr.</span><br />
-<span class="line2">(31. October.)</span>
-</h4>
-
-<div class="poem-container">
- <div class="poem">
- <div class="stanza">
- <p class="verse">Wahrheit gegen den Feind? Vergieb mir! Ich lege zuweilen</p>
- <p class="verse">Seine Bind um den Hals, um in sein Lager zu gehn.</p>
- </div>
- </div>
-</div>
-
-<p class="sign">
-<span class="line1"><span class="antiqua"><i>xp.</i></span></span>
-</p>
-
-<h2 class="part" id="part-6">
-<a id="page-161" class="pagenum" title="161"></a>
-<span class="line1">Anmerkungen.</span>
-</h2>
-
-<p class="hdr">
-Einleitung.
-</p>
-
-<p class="footnote">
-<a class="footnote" href="#fnote-1" id="footnote-1">[1]</a> Das letzte Lied; H. v. Kleist gesammelte Schriften III, 373, der
-zweiten Ausgabe von Tieck und J. Schmidt.
-</p>
-
-<p class="footnote">
-<a class="footnote" href="#fnote-2" id="footnote-2">[2]</a> So schrieb Kleist an Zschokke; s. E. v. Bülow, H. v. Kleists Leben
-und Briefe S. 27.
-</p>
-
-<p class="footnote">
-<a class="footnote" href="#fnote-3" id="footnote-3">[3]</a> Die umfassendste Sammlung von Briefen Kleists sind die an seine
-Schwester Ulrike gerichteten, 57 an der Zahl, aus den Jahren 1795
-bis zum Augenblick seines Todes, nebst einem an Pannwitz aus dem
-Jahre 1802, von Koberstein 1860 herausgegeben; 23 Briefe aus der
-Zeit von 1799 bis 1811 an seinen Lehrer, seine Braut, deren
-Schwester, seinen Freund Rühle und Fouqué, gab Bülow heraus;
-6 Brieffragmente von 1807 bis 1811 Tieck in der Einleitung zu
-Kleists Schriften; ein Brief von 1809 an H. v. Collin steht in Hoffmanns
-Findlingen I, 320, ein von Bülow nicht gekannter von 1811
-an Fouqué, in den Briefen an F. Baron de la Motte Fouqué, herausgegeben
-von H. Kletke I, 223; 6 aus den Jahren 1810 und 1811
-an F. v. Raumer in dessen Lebenserinnerungen und Briefwechsel I,
-229. Anekdotenhaft ist was Peguilhen von Kleist erzählt in der
-Sammlung Berühmte Schriftsteller der Deutschen Berlin 1854 I, 309;
-die Denkschrift desselben über Kleists Tod, die dem Staatskanzler
-vorlag aber nicht erscheinen durfte, scheint verloren. Umfassende Charakteristiken
-Kleists sind neuerdings gegeben worden in den Preußischen
-Jahrbüchern II, 599, 1858, und von J. Schmidt in seiner Einleitung
-zu den gesammelten Schriften Kleists, 1859; Nachträge dazu
-von Koberstein in der Einleitung zu Kleists Briefen an seine Schwester.
-</p>
-
-<p class="footnote">
-<a class="footnote" href="#fnote-4" id="footnote-4">[4]</a> Tiecks Ausgabe von 1826 I, S. XX.
-</p>
-
-<p class="footnote">
-<a class="footnote" href="#fnote-5" id="footnote-5">[5]</a> S. X Vorrede.
-</p>
-
-<p class="footnote">
-<a class="footnote" href="#fnote-6" id="footnote-6">[6]</a> In der Inhaltsanzeige des Februarheftes. Dadurch widerlegt sich
-Bülows Angabe S. 44 eine Novelle der Madame de Gomez habe
-dem Dichter den Stoff in Paris geliefert. Sucht man in einer
-fremden Litteratur nach einer Parallele zu dieser Geschichte, so könnte
-man auch an Cervantes&rsquo; <span class="antiqua">de la fuerça de la sangre</span> erinnern, wo
-ähnliche Verhältnisse freilich maßvoller dargestellt werden.
-</p>
-
-<p class="footnote">
-<a class="footnote" href="#fnote-7" id="footnote-7">[7]</a> Eine quellengemäße geschichtliche Darstellung der Kohlhasischen Händel
-hat Klöden gegeben in Gropius&rsquo; Beiträge zur Geschichte Berlins,
-Berlin 1840 S. 61 ff. Wenn er im Vorwort sagt, zu Kleists Erzählung
-habe die Geschichte nichts als einige Namen beigesteuert,
-so ist dagegen zu bemerken, daß nicht die wesentlichen Thatsachen,
-sondern gerade die Namen unhistorisch sind; denn der Junker hieß
-Günther von Zaschwitz auf Melaun bei Düben. Man möchte doch
-vermuthen, nicht Pfuels Erzählung, sondern irgend einem älteren
-Buche habe Kleist den Stoff entlehnt, vielleicht dem von B. Mentz,
-Kurtze Erzehlung vom Vrsprung vnd Hehrkommen der Chur vnnd
-Fürstlichen Stämmen, Sachsen, Brandenburg, Anhalt vnd Lawenburg,
-Wittenberg 1597, das Klöden außer Hafftiz besonders benutzt hat.
-</p>
-
-<p class="footnote">
-<a class="footnote" href="#fnote-8" id="footnote-8">[8]</a> III, 71.
-</p>
-
-<p class="footnote">
-<a class="footnote" href="#fnote-9" id="footnote-9">[9]</a> III, 48.
-</p>
-
-<p class="footnote">
-<a class="footnote" href="#fnote-10" id="footnote-10">[10]</a> III, 124.
-</p>
-
-<p class="footnote">
-<a class="footnote" href="#fnote-11" id="footnote-11">[11]</a> Ich führe einige Beweisstellen für die im Text hervorgehobenen
-Lieblingsworte Kleists an: &bdquo;dergestalt daß&ldquo; Kohlhaas III, 39, 47,
-57, 75, 104, 109, 114; das Erdbeben in Chili S. 164; die Verlobung
-in St. Domingo S. 188; das Bettelweib von Locarno
-S. 224, 225, 226; die heilige Caecilie S. 249, 250; der Zweikampf
-S. 272, 273; Käthchen von Heilbronn II, 132. &bdquo;Gleichwohl&ldquo;:
-Kohlhaas III, 22, 35, 63, 75, 102, 109; Marquise v. O. S. 151;
-Findling 235; die heilige Caecilie 252; Käthchen von Heilbronn
-I, 123, 125, 130; die Hermannsschlacht 397; der Prinz v. Homburg
-325, 345; Amphitryon I, 374, 375. &bdquo;Nicht sobald &mdash; als&ldquo;:
-Kohlhaas III, 34, 39, 58. &bdquo;Falls&ldquo;: Kohlhaas III, 27, 64, 77, 94.
-&bdquo;Gleichviel&ldquo;: Kohlhaas III, 57, 60, 79; Marquise v. O. 153; die
-heilige Caecilie 251; der Zweikampf 286; Prinz v. Homburg II,
-279, 281, 315, 320, 323, 327, 331; die Hermannsschlacht 509;
-<a id="page-163" class="pagenum" title="163"></a>
-Amphitryon I, 417. &bdquo;Inzwischen&ldquo;: Kohlhaas III, 34, 43, 77, 98,
-106, 111; Marquise v. O. 124, 125; der Zweikampf 266, 287.
-</p>
-
-<p class="footnote">
-<a class="footnote" href="#fnote-12" id="footnote-12">[12]</a> Penthesilea I, 201, 224; die Hermannsschlacht II, 383; an Franz
-den Ersten III, 374.
-</p>
-
-<p class="footnote">
-<a class="footnote" href="#fnote-13" id="footnote-13">[13]</a> Akt III. Sc. 1. II, 188.
-</p>
-
-<p class="footnote">
-<a class="footnote" href="#fnote-14" id="footnote-14">[14]</a> Käthchen v. Heilbronn A. V. S. 1. II, 248; die Hermannsschlacht
-A. II, S. 1. II, 402; III, 379.
-</p>
-
-<p class="footnote">
-<a class="footnote" href="#fnote-15" id="footnote-15">[15]</a> III, 376, 377, 372.
-</p>
-
-<p class="footnote">
-<a class="footnote" href="#fnote-16" id="footnote-16">[16]</a> A. III, S. 6. II, 443.
-</p>
-
-<p class="footnote">
-<a class="footnote" href="#fnote-17" id="footnote-17">[17]</a> Kleist an seine Schwester 17. Sept. 1807 und die folgenden Briefe
-S. 129 ff. 144. Adam Müller an Gentz 6. Febr. 1808, Briefwechsel
-S. 126.
-</p>
-
-<p class="footnote">
-<a class="footnote" href="#fnote-18" id="footnote-18">[18]</a> Kleists ges. Schriften I, S. XX.
-</p>
-
-<p class="footnote">
-<a class="footnote" href="#fnote-19" id="footnote-19">[19]</a> Bülow S. XI.
-</p>
-
-<p class="footnote">
-<a class="footnote" href="#fnote-20" id="footnote-20">[20]</a> Brief an seine Schwester o. D. S. 157.
-</p>
-
-<p class="footnote">
-<a class="footnote" href="#fnote-21" id="footnote-21">[21]</a> Phöbus I, 39.
-</p>
-
-<p class="footnote">
-<a class="footnote" href="#fnote-22" id="footnote-22">[22]</a> Hans Sachs Worte I, 189 der Kemptener Ausgabe, wo sich indeß
-nur die Legende der Welt Lauf findet. Es scheint Kleist hat seine
-Originale nicht sowohl in einer Gesammtausgabe der Werke von
-Hans Sachs als in einem Einzeldruck gelesen; in einem solchen,
-wovon ein Exemplar im Besitz des Herrn W. v. Maltzahn ist, finden
-sich neben zwei andern Erzählungen gerade die beiden von Kleist
-nachgedichteten; es ist: Das erst Gesprech, Von der Welt lauff; und
-das dritt Gespräch, von eim | faulen Bawrenknecht, vnd einer |
-endlichen Bauren Maidt. | Der Haupttitel lautet: Vier schöne Gesprech
-zwischen | Sanct Peter vnd dem Herren, | sehr nützlich zu
-lesen, vnd | zu hören &mdash; Hanß Sachs. Gedruckt zu Nürnberg |
-durch Valentin Newber kl. 8. 16 Bll.
-</p>
-
-<p class="footnote">
-<a class="footnote" href="#fnote-23" id="footnote-23">[23]</a> S. die Briefe an seine Schwester o. D. und von 1799, 1801 S. 5,
-20, 49, 51; an seine Braut 1801, Bülow S. 145; 1806 S. 243.
-</p>
-
-<p class="footnote">
-<a class="footnote" href="#fnote-24" id="footnote-24">[24]</a> Briefe von 1801, Bülow S. 226, 210, 204, 27; Koberstein S. 46,
-50. Katechismus der Deutschen 8. I, 1, 7; von der Ueberlegung
-I, 2, 5.
-</p>
-
-<p class="footnote">
-<a class="footnote" href="#fnote-25" id="footnote-25">[25]</a> Brieffragment bei Bülow S. 66; 1801 S. 207, 227; 1803 Koberstein
-S. 90.
-</p>
-
-<p class="footnote">
-<a class="footnote" href="#fnote-26" id="footnote-26">[26]</a> 1801, 1803 Koberstein S. 45, 90.
-</p>
-
-<p class="footnote">
-<a class="footnote" href="#fnote-27" id="footnote-27">[27]</a> Briefe an seine Schwester S. 110, 145.
-</p>
-
-<p class="footnote">
-<a class="footnote" href="#fnote-28" id="footnote-28">[28]</a> Hermannsschlacht A. I, S. 3. I, 1; II, 394, 386, 391, 434, 444;
-III, 3, 6.
-</p>
-
-<p class="footnote">
-<a class="footnote" href="#fnote-29" id="footnote-29">[29]</a> Kleists Wort über die Thusnelda zu Dahlmann in J. Schmidts
-Einleitung S. XCV; (v. Bassewitz) die Kurmark Brandenburg
-während der Zeit von 1806 bis 1808 II, 709; v. Höpfner der Krieg
-von 1806 und 1807 II, 326, 332.
-</p>
-
-<p class="footnote">
-<a class="footnote" href="#fnote-30" id="footnote-30">[30]</a> Lehrbuch der Journalistik 4, 8. Die Worte des Grafen Schlabrendorff
-hat Jochmann aufbewahrt, Reliquien, herausgegeben von
-Zschokke, I, 135.
-</p>
-
-<p class="footnote">
-<a class="footnote" href="#fnote-31" id="footnote-31">[31]</a> Hermannsschlacht A. I, 3, 10, 4, 9; II, 397, 399, 456, 467. Hoffmann
-Findlinge I, 320.
-</p>
-
-<p class="footnote">
-<a class="footnote" href="#fnote-32" id="footnote-32">[32]</a> Häusser deutsche Geschichte III, 151, 183, 439. Europas Palingenesie
-Leipzig 1810 I, 147, 149.
-</p>
-
-<p class="footnote">
-<a class="footnote" href="#fnote-33" id="footnote-33">[33]</a> Hermannsschlacht V, 24, 14. II, 519, 499; Prinz von Homburg IV,
-1. S. 340.
-</p>
-
-<p class="hdr">
-<a id="page-164" class="pagenum" title="164"></a>
-<a id="page-162" class="pagenum" title="162"></a>
-I, 1, 1.
-</p>
-
-<p class="footnote">
-<a class="footnote" href="#fnote-34" id="footnote-34">[34]</a> Wahrscheinlich dachte sich Kleist unter dem rheinbündischen Officier
-einen sächsischen, denn kaum ein anderer hätte im Sommer 1806
-mit einem preußischen Officier in Berlin ein patriotisches Convivium
-halten können, in einer Zeit, wo über ein preußisch-sächsisches
-Bündniß, als Grundlage des nordischen Reichsbundes unter Preußens
-Führung, verhandelt wurde. Kurz vor dem Ausbruch des Kriegs
-kam es bekanntlich zu einer Vereinigung der preußischen und sächsischen
-Armee. Der König, der durch Ablehnung des Kreuzes der
-Ehrenlegion nicht kompromittirt werden soll, ist also der König
-von Sachsen, der diesen Titel seit dem Posener Vertrage 11. Dec.
-1806 führte.
-</p>
-
-<p class="footnote">
-<a class="footnote" href="#fnote-35" id="footnote-35">[35]</a> Eine in Berlin noch jetzt bestehende bekannte Weinhandlung, in
-der Kleist viel verkehrt haben soll.
-</p>
-
-<p class="footnote">
-<a class="footnote" href="#fnote-36" id="footnote-36">[36]</a> Davoust, der bei Auerstädt siegte.
-</p>
-
-<p class="footnote">
-<a class="footnote" href="#fnote-37" id="footnote-37">[37]</a> Die eingeklammerten Worte sind in der Abschrift irrthümlich ausgelassen.
-</p>
-
-<p class="footnote">
-<a class="footnote" href="#fnote-38" id="footnote-38">[38]</a> Am 9. April 1809 eröffneten die Oesterreicher unter dem Erzherzog
-Karl den Krieg, indem sie in Baiern einrückten. Zu einem Massenaufstande
-hatte der Erzherzog in einem undatirten Aufruf an die
-&bdquo;Völker Deutschlands&ldquo; aufgefordert; der in demselben Sinn abgefaßte
-<a id="page-165" class="pagenum" title="165"></a>
-Armeebefehl ist vom 6. April. S. Europas Palingenesie
-I, 147, 152.
-</p>
-
-<p class="footnote">
-<a class="footnote" href="#fnote-39" id="footnote-39">[39]</a> Das erste Bülletin Napoleons über die einleitenden Gefechte vom
-19. bis 23. April ist vom 24. April. S. Europas Palingenesie II, 39.
-Der gleich darauf erwähnte Montesquiou war Napoleons Kammerherr
-und zu ähnlichen Sendungen mehrfach gebraucht worden. Kurz
-vor der Schlacht von Jena war er in preußische Gefangenschaft
-gerathen.
-</p>
-
-<p class="hdr">
-I, 1, 2.
-</p>
-
-<p class="footnote">
-<a class="footnote" href="#fnote-40" id="footnote-40">[40]</a> Diese Scenen spielen also während des Krieges von 1806 und 1807,
-und ihr Schauplatz soll, wie leicht ersichtlich, Potsdam und Berlin
-sein. In Potsdam war das große Cavalleriedepot der Franzosen;
-s. (v. Bassewitz) die Kurmark Brandenburg während der Zeit von
-1806 bis 1808 I, 266.
-</p>
-
-<p class="footnote">
-<a class="footnote" href="#fnote-41" id="footnote-41">[41]</a> <em>Aber</em> hat die Handschrift.
-</p>
-
-<p class="hdr">
-I, 1, 3.
-</p>
-
-<p class="footnote">
-<a class="footnote" href="#fnote-42" id="footnote-42">[42]</a> Dies scheint darauf hinzuweisen, daß Kleist hier etwa die Vorgänge
-in Stettin im Auge hatte, dessen Uebergabe an eine schwache Abtheilung
-französischer Cavallerie am 29. Oct. 1806 die Reihe schmachvoller
-Capitulationen der Hauptfestungen im östlichen Theile der
-preußischen Lande eröffnete. Dagegen scheint die Niederbrennung
-der Vorstädte auf Küstrin oder Magdeburg zu deuten. S. v. Höpfner
-Krieg von 1806 und 1807 II, 326, 332.
-</p>
-
-<p class="hdr">
-I, 1, 4.
-</p>
-
-<p class="footnote">
-<a class="footnote" href="#fnote-43" id="footnote-43">[43]</a> Den Nürnberger Correspondenten von 1809 habe ich nicht auftreiben
-können.
-</p>
-
-<p class="footnote">
-<a class="footnote" href="#fnote-44" id="footnote-44">[44]</a> Am 23. April hatte die französische Armee nach heftigem Kampfe
-Regensburg genommen. Die Hauptmasse bestand aus Baiern und
-Würtembergern, denen Napoleon am 30. in einer Anrede, die der
-Kronprinz von Baiern verdollmetschte, diesmal die ausschließliche
-Ehre des Kampfs gegen die Oesterreicher zugesprochen hatte; Europas
-Palingenesie II, 12, 38.
-</p>
-
-<p class="footnote">
-<a class="footnote" href="#fnote-45" id="footnote-45">[45]</a> Durch den Frieden von Preßburg am 26. December 1805, der auf
-Oesterreichs Kosten Baiern, Würtemberg und Baden vergrößerte,
-<a id="page-166" class="pagenum" title="166"></a>
-den beiden ersten die souveraine Königswürde zusprach, und ein
-deutsches Reich nicht mehr, sondern nur noch eine <span class="antiqua">confédération
-Germanique</span> kannte.
-</p>
-
-<p class="footnote">
-<a class="footnote" href="#fnote-46" id="footnote-46">[46]</a> Am 26. August 1806.
-</p>
-
-<p class="footnote">
-<a class="footnote" href="#fnote-47" id="footnote-47">[47]</a> Am 1. November 1806 besetzten die Franzosen Kassel. <span class="antiqua">Vous avez
-cessé d&rsquo;exister</span>, sagte Napoleon in seinem 13. Bülletin dem Kurfürsten.
-</p>
-
-<p class="footnote">
-<a class="footnote" href="#fnote-48" id="footnote-48">[48]</a> Hier ist wohl die entgegenkommende Anerkennung gemeint, die Napoleon
-als Konsul seit Durocs Sendung im November 1799 in
-Berlin fand, und die Vermittlung, welche Preußen in Folge dessen
-zwischen ihm und dem Kaiser Paul einzuleiten suchte. &mdash; Erst anderthalb
-Jahr nach dem Tilsiter Frieden, am 5. Dezember 1808, räumten
-die Franzosen Berlin.
-</p>
-
-<p class="footnote">
-<a class="footnote" href="#fnote-49" id="footnote-49">[49]</a> Am 6. August 1806.
-</p>
-
-<p class="footnote">
-<a class="footnote" href="#fnote-50" id="footnote-50">[50]</a> Dazu war man österreichischer Seits doch nicht geneigt, wohl aber
-wich man einem französischen Bündniß auf Kosten Preußens aus.
-</p>
-
-<p class="footnote">
-<a class="footnote" href="#fnote-51" id="footnote-51">[51]</a> In Böhmen.
-</p>
-
-<p class="footnote">
-<a class="footnote" href="#fnote-52" id="footnote-52">[52]</a> <em>Vatter</em> hat die Handschrift.
-</p>
-
-<p class="hdr">
-I, 1, 5.
-</p>
-
-<p class="footnote">
-<a class="footnote" href="#fnote-53" id="footnote-53">[53]</a> <em>Gewinsel</em>, die Handschrift.
-</p>
-
-<p class="footnote">
-<a class="footnote" href="#fnote-54" id="footnote-54">[54]</a> Durch Patent vom 9. Juni 1808 wurde die Errichtung einer Landwehr
-&bdquo;zur Vertheidigung des vaterländischen Bodens&ldquo; angeordnet.
-</p>
-
-<p class="hdr">
-I, 1, 6.
-</p>
-
-<p class="footnote">
-<a class="footnote" href="#fnote-55" id="footnote-55">[55]</a> <em>auch</em> &mdash; <em>welchem</em>, die Handschrift.
-</p>
-
-<p class="footnote">
-<a class="footnote" href="#fnote-56" id="footnote-56">[56]</a> <em>vernommen</em>, die Handschrift.
-</p>
-
-<p class="footnote">
-<a class="footnote" href="#fnote-57" id="footnote-57">[57]</a> Am 7. Mai 1807 schloß Napoleon ein Bündnis mit dem Schach
-von Persien, dessen Gesandter zu diesem Zweck nach Elbing kam.
-</p>
-
-<p class="hdr">
-I, 1, 7.
-</p>
-
-<p class="footnote">
-<a class="footnote" href="#fnote-58" id="footnote-58">[58]</a> Die Volkserhebung in Spanien begann im Mai 1808.
-</p>
-
-<p class="footnote">
-<a class="footnote" href="#fnote-59" id="footnote-59">[59]</a> Sachsen war dem Rheinbunde im Posener Vertrage beigetreten.
-</p>
-
-<p class="footnote">
-<a class="footnote" href="#fnote-60" id="footnote-60">[60]</a> Der Rheinbund vom 12. Juli 1806.
-</p>
-
-<p class="footnote">
-<a class="footnote" href="#fnote-61" id="footnote-61">[61]</a> Hier fehlen zwei Blätter, die den Schluß des vierten, das fünfte,
-sechste und den Anfang des siebenten Capitels enthielten.
-</p>
-
-<p class="footnote">
-<a class="footnote" href="#fnote-62" id="footnote-62">[62]</a> Fehlen abermals zwei Blätter, das zehnte, elfte und den Anfang des
-zwölften Capitels enthaltend.
-</p>
-
-<p class="footnote">
-<a class="footnote" href="#fnote-63" id="footnote-63">[63]</a> Am 9. April 1809 erhoben sich die Tiroler.
-</p>
-
-<p class="footnote">
-<a class="footnote" href="#fnote-64" id="footnote-64">[64]</a> Wenn man nicht annehmen will, zwischen diesem und dem folgenden
-Satze sei durch Schuld des Abschreibers eine Frage und eine Antwort
-ausgefallen, in denen der erste Grund unmittelbar angegeben
-wurde, und daß dann erst die nähere Erläuterung folgte, warum er
-nicht viel einbringen könne, so sind die letzten vier Sätze des Capitels
-von dunkler Spitzfindigkeit nicht frei zu sprechen. Es würden dann
-die freiwilligen Beiträge einmal als geringfügig bezeichnet werden,
-weil sie als Geld und Gut, dem Vaterlande und der Freiheit gegenüber,
-an sich keinen Werth haben, und doch zugleich als ein einträgliches
-Mittel, wenn die Menschen es lieber dem gönnen, von dem
-sie zur Freiheit geführt werden, als den Feinden, die ihnen das
-Eigenthum mit Gewalt entreißen.
-</p>
-
-<p class="footnote">
-<a class="footnote" href="#fnote-65" id="footnote-65">[65]</a> Dies scheint ein bitterer Seitenblick auf die zurückhaltende Politik
-des preußischen Ministeriums, das seit Steins Abgang am 24. Nov.
-1808 Dohna, Altenstein und Beyme leiteten. Es ist bekannt, wie
-sehr Oesterreich schon damals Preußen zum entschiedenen Handeln
-zu bestimmen suchte, aber auch zugleich, daß Preußen schwerlich stark
-genug dazu war.
-</p>
-
-<p class="hdr">
-<a id="page-167" class="pagenum" title="167"></a>
-I, 2, 1.
-</p>
-
-<p class="footnote">
-<a class="footnote" href="#fnote-66" id="footnote-66">[66]</a> In der Schlacht bei Aspern am 21. und 22. Mai 1809.
-</p>
-
-<p class="footnote">
-<a class="footnote" href="#fnote-67" id="footnote-67">[67]</a> <em>bewußt</em>, die Handschrift. Der Schluß fehlt.
-</p>
-
-<p class="hdr">
-I, 2, 2.
-</p>
-
-<p class="footnote">
-<a class="footnote" href="#fnote-68" id="footnote-68">[68]</a> Woher dies Citat sei, vermag ich nicht zu sagen.
-</p>
-
-<p class="footnote">
-<a class="footnote" href="#fnote-69" id="footnote-69">[69]</a> <em>sind</em> fügt die Handschrift überflüssig hinzu.
-</p>
-
-<p class="hdr">
-I, 2, 3.
-</p>
-
-<p class="footnote">
-<a class="footnote" href="#fnote-70" id="footnote-70">[70]</a> <em>ist</em> fügt die Handschrift hinzu.
-</p>
-
-<p class="footnote">
-<a class="footnote" href="#fnote-71" id="footnote-71">[71]</a> Die letzten drei Worte wiederholt die Handschrift. In Bülows
-Abdruck, Kleists Leben und Briefe S. 254, fehlen die Worte: &bdquo;Alles
-was sie Vortreffliches fand in sich aufzunehmen gleich&ldquo; &mdash;.
-</p>
-
-<p class="footnote">
-<a class="footnote" href="#fnote-72" id="footnote-72">[72]</a> Bülow liest für Dienstleistungen Einflüsterungen!
-</p>
-
-<p class="footnote">
-<a class="footnote" href="#fnote-73" id="footnote-73">[73]</a> Die Worte: &bdquo;die dem ganzen Menschengeschlecht angehört&ldquo; fehlen
-bei Bülow.
-</p>
-
-<p class="hdr">
-<a id="page-168" class="pagenum" title="168"></a>
-I, 5, <a id="corr-14"></a>3.
-</p>
-
-<p class="footnote">
-<a class="footnote" href="#fnote-74" id="footnote-74">[74]</a> Jungius, Professor am Friedrich-Wilhelms Gymnasium.
-</p>
-
-<p class="hdr">
-I, 5, <a id="corr-15"></a>4.
-</p>
-
-<p class="footnote">
-<a class="footnote" href="#fnote-75" id="footnote-75">[75]</a> Dieser Artikel von einem ungenannten Verfasser brachte eine wissenschaftlich
-gehaltene Widerlegung der in dem Schreiben aus Berlin
-I, 5, 2 ausgesprochenen Ansichten Kleists, und schloß mit einem
-Ausfall gegen die trügerischen Terminologien neuer und unverschämter
-Lehrer, die sich auf erdichtete Facta stützen.
-</p>
-
-<p class="printer">
-Berlin, Druck von Gustav Schade.<br />
-Marienstraße Nr. 10.
-</p>
-
-
-<div class="trnote">
-<p id="trnote" class="part"><b>Anmerkungen zur Transkription</b></p>
-
-<p>
-Der Originaltext ist in Fraktur gesetzt. <span class="handheld-only">Im Original
-g&nbsp;e&nbsp;s&nbsp;p&nbsp;e&nbsp;r&nbsp;r&nbsp;t
-hervorgehobener Text wurde in einem <em>anderen Schriftstil</em> markiert.</span>
-Textstellen, die im Original in Antiqua gesetzt sind, wurden in einer
-<span class="antiqua">anderen Schriftart</span> markiert.
-</p>
-
-<p>
-Die variierende Schreibweise des Originales wurde weitgehend
-beibehalten, ebenso eigentümliche Schreibweisen, die zum Teil auch noch
-in späteren Ausgaben zu finden sind wie zum Beispiel <a href="#subchap-4-1-4">Pescherü</a>
-(Pescherä), <a href="#baxer">Baxer</a> (Boxer) oder <a href="#joung">Joung</a> (Young). Lediglich offensichtliche
-Druckfehler wurden korrigiert, teilweise unter Verwendung weiterer
-Ausgaben, wie hier aufgeführt (vorher/nachher):
-</p>
-
-<ul>
-
-<li>
- (mehrfache Fälle)<br />
-... erst Julian Schmidt&rsquo;s Ausgabe hat aus dem <span class="underline">Phoebus</span> einen ...<br />
-... erst Julian Schmidt&rsquo;s Ausgabe hat aus dem <a href="#corr-0"><span class="underline">Phöbus</span></a> einen ...<br />
-</li>
-
-<li>
-... <span class="underline">Ganze</span>, sehr verschiedene Personen sprechen sich über ...<br />
-... <a href="#corr-2"><span class="underline">Ganzes</span></a>, sehr verschiedene Personen sprechen sich über ...<br />
-</li>
-
-<li>
-... fünf Stücke werden Ende April oder <span class="underline">Anfangs</span> Mai entstanden ...<br />
-... fünf Stücke werden Ende April oder <a href="#corr-3"><span class="underline">Anfang</span></a> Mai entstanden ...<br />
-</li>
-
-<li>
-... Wendung erhält dieser Gedanke in der <span class="underline">Hermannschlacht</span>; ...<br />
-... Wendung erhält dieser Gedanke in der <a href="#corr-5"><span class="underline">Hermannsschlacht</span></a>; ...<br />
-</li>
-
-<li>
-... leben wollte. Nur zu Stein, <span class="underline">Scharnharst</span>, Gneisenau konnte ...<br />
-... leben wollte. Nur zu Stein, <a href="#corr-6"><span class="underline">Scharnhorst</span></a>, Gneisenau konnte ...<br />
-</li>
-
-<li>
-... halten <span class="underline">Sie</span> für die Erfindung einer satanischen List, um das ...<br />
-... halten <a href="#corr-7"><span class="underline">sie</span></a> für die Erfindung einer satanischen List, um das ...<br />
-</li>
-
-<li>
-... Es giebt Leute, die sich die Epochen, in <span class="underline">welcher</span> die ...<br />
-... Es giebt Leute, die sich die Epochen, in <a href="#corr-8"><span class="underline">welchen</span></a> die ...<br />
-</li>
-
-<li>
-... <span class="underline">welches</span> ohne Zweifel die höchste ist, die erschwungen werden ...<br />
-... <a href="#corr-9"><span class="underline">welche</span></a> ohne Zweifel die höchste ist, die erschwungen werden ...<br />
-</li>
-
-<li>
-... elektrischer Körper, lehrt, daß wenn man in <span class="underline">der</span> Nähe ...<br />
-... elektrischer Körper, lehrt, daß wenn man in <a href="#corr-11"><span class="underline">die</span></a> Nähe ...<br />
-</li>
-
-<li>
-... <span class="underline">daß</span> sich in eines Menschen Händen, zu einer beliebigen Gestalt ...<br />
-... <a href="#corr-12"><span class="underline">das</span></a> sich in eines Menschen Händen, zu einer beliebigen Gestalt ...<br />
-</li>
-
-<li>
-... I, 5, <span class="underline">2</span>. ...<br />
-... I, 5, <a href="#corr-14"><span class="underline">3</span></a>. ...<br />
-</li>
-
-<li>
-... I, 5, <span class="underline">3</span>. ...<br />
-... I, 5, <a href="#corr-15"><span class="underline">4</span></a>. ...<br />
-</li>
-</ul>
-</div>
-
-
-
-
-
-
-
-
-
-<pre>
-
-
-
-
-
-End of the Project Gutenberg EBook of Politische Schriften und andere
-Nachträge zu seinen Werken, by Heinrich von Kleist
-
-*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK POLITISCHE SCHRIFTEN UND ***
-
-***** This file should be named 50979-h.htm or 50979-h.zip *****
-This and all associated files of various formats will be found in:
- http://www.gutenberg.org/5/0/9/7/50979/
-
-Produced by Karl Eichwalder, Constanze Hofmann, Jens
-Sadowski, and the Online Distributed Proofreading Team at
-http://www.pgdp.net. This book was produced from scanned
-images of public domain material from the Google Books
-project.
-
-Updated editions will replace the previous one--the old editions will
-be renamed.
-
-Creating the works from print editions not protected by U.S. copyright
-law means that no one owns a United States copyright in these works,
-so the Foundation (and you!) can copy and distribute it in the United
-States without permission and without paying copyright
-royalties. Special rules, set forth in the General Terms of Use part
-of this license, apply to copying and distributing Project
-Gutenberg-tm electronic works to protect the PROJECT GUTENBERG-tm
-concept and trademark. Project Gutenberg is a registered trademark,
-and may not be used if you charge for the eBooks, unless you receive
-specific permission. If you do not charge anything for copies of this
-eBook, complying with the rules is very easy. You may use this eBook
-for nearly any purpose such as creation of derivative works, reports,
-performances and research. They may be modified and printed and given
-away--you may do practically ANYTHING in the United States with eBooks
-not protected by U.S. copyright law. Redistribution is subject to the
-trademark license, especially commercial redistribution.
-
-START: FULL LICENSE
-
-THE FULL PROJECT GUTENBERG LICENSE
-PLEASE READ THIS BEFORE YOU DISTRIBUTE OR USE THIS WORK
-
-To protect the Project Gutenberg-tm mission of promoting the free
-distribution of electronic works, by using or distributing this work
-(or any other work associated in any way with the phrase "Project
-Gutenberg"), you agree to comply with all the terms of the Full
-Project Gutenberg-tm License available with this file or online at
-www.gutenberg.org/license.
-
-Section 1. General Terms of Use and Redistributing Project
-Gutenberg-tm electronic works
-
-1.A. By reading or using any part of this Project Gutenberg-tm
-electronic work, you indicate that you have read, understand, agree to
-and accept all the terms of this license and intellectual property
-(trademark/copyright) agreement. If you do not agree to abide by all
-the terms of this agreement, you must cease using and return or
-destroy all copies of Project Gutenberg-tm electronic works in your
-possession. If you paid a fee for obtaining a copy of or access to a
-Project Gutenberg-tm electronic work and you do not agree to be bound
-by the terms of this agreement, you may obtain a refund from the
-person or entity to whom you paid the fee as set forth in paragraph
-1.E.8.
-
-1.B. "Project Gutenberg" is a registered trademark. It may only be
-used on or associated in any way with an electronic work by people who
-agree to be bound by the terms of this agreement. There are a few
-things that you can do with most Project Gutenberg-tm electronic works
-even without complying with the full terms of this agreement. See
-paragraph 1.C below. There are a lot of things you can do with Project
-Gutenberg-tm electronic works if you follow the terms of this
-agreement and help preserve free future access to Project Gutenberg-tm
-electronic works. See paragraph 1.E below.
-
-1.C. The Project Gutenberg Literary Archive Foundation ("the
-Foundation" or PGLAF), owns a compilation copyright in the collection
-of Project Gutenberg-tm electronic works. Nearly all the individual
-works in the collection are in the public domain in the United
-States. If an individual work is unprotected by copyright law in the
-United States and you are located in the United States, we do not
-claim a right to prevent you from copying, distributing, performing,
-displaying or creating derivative works based on the work as long as
-all references to Project Gutenberg are removed. Of course, we hope
-that you will support the Project Gutenberg-tm mission of promoting
-free access to electronic works by freely sharing Project Gutenberg-tm
-works in compliance with the terms of this agreement for keeping the
-Project Gutenberg-tm name associated with the work. You can easily
-comply with the terms of this agreement by keeping this work in the
-same format with its attached full Project Gutenberg-tm License when
-you share it without charge with others.
-
-1.D. The copyright laws of the place where you are located also govern
-what you can do with this work. Copyright laws in most countries are
-in a constant state of change. If you are outside the United States,
-check the laws of your country in addition to the terms of this
-agreement before downloading, copying, displaying, performing,
-distributing or creating derivative works based on this work or any
-other Project Gutenberg-tm work. The Foundation makes no
-representations concerning the copyright status of any work in any
-country outside the United States.
-
-1.E. Unless you have removed all references to Project Gutenberg:
-
-1.E.1. The following sentence, with active links to, or other
-immediate access to, the full Project Gutenberg-tm License must appear
-prominently whenever any copy of a Project Gutenberg-tm work (any work
-on which the phrase "Project Gutenberg" appears, or with which the
-phrase "Project Gutenberg" is associated) is accessed, displayed,
-performed, viewed, copied or distributed:
-
- This eBook is for the use of anyone anywhere in the United States and
- most other parts of the world at no cost and with almost no
- restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it
- under the terms of the Project Gutenberg License included with this
- eBook or online at www.gutenberg.org. If you are not located in the
- United States, you'll have to check the laws of the country where you
- are located before using this ebook.
-
-1.E.2. If an individual Project Gutenberg-tm electronic work is
-derived from texts not protected by U.S. copyright law (does not
-contain a notice indicating that it is posted with permission of the
-copyright holder), the work can be copied and distributed to anyone in
-the United States without paying any fees or charges. If you are
-redistributing or providing access to a work with the phrase "Project
-Gutenberg" associated with or appearing on the work, you must comply
-either with the requirements of paragraphs 1.E.1 through 1.E.7 or
-obtain permission for the use of the work and the Project Gutenberg-tm
-trademark as set forth in paragraphs 1.E.8 or 1.E.9.
-
-1.E.3. If an individual Project Gutenberg-tm electronic work is posted
-with the permission of the copyright holder, your use and distribution
-must comply with both paragraphs 1.E.1 through 1.E.7 and any
-additional terms imposed by the copyright holder. Additional terms
-will be linked to the Project Gutenberg-tm License for all works
-posted with the permission of the copyright holder found at the
-beginning of this work.
-
-1.E.4. Do not unlink or detach or remove the full Project Gutenberg-tm
-License terms from this work, or any files containing a part of this
-work or any other work associated with Project Gutenberg-tm.
-
-1.E.5. Do not copy, display, perform, distribute or redistribute this
-electronic work, or any part of this electronic work, without
-prominently displaying the sentence set forth in paragraph 1.E.1 with
-active links or immediate access to the full terms of the Project
-Gutenberg-tm License.
-
-1.E.6. You may convert to and distribute this work in any binary,
-compressed, marked up, nonproprietary or proprietary form, including
-any word processing or hypertext form. However, if you provide access
-to or distribute copies of a Project Gutenberg-tm work in a format
-other than "Plain Vanilla ASCII" or other format used in the official
-version posted on the official Project Gutenberg-tm web site
-(www.gutenberg.org), you must, at no additional cost, fee or expense
-to the user, provide a copy, a means of exporting a copy, or a means
-of obtaining a copy upon request, of the work in its original "Plain
-Vanilla ASCII" or other form. Any alternate format must include the
-full Project Gutenberg-tm License as specified in paragraph 1.E.1.
-
-1.E.7. Do not charge a fee for access to, viewing, displaying,
-performing, copying or distributing any Project Gutenberg-tm works
-unless you comply with paragraph 1.E.8 or 1.E.9.
-
-1.E.8. You may charge a reasonable fee for copies of or providing
-access to or distributing Project Gutenberg-tm electronic works
-provided that
-
-* You pay a royalty fee of 20% of the gross profits you derive from
- the use of Project Gutenberg-tm works calculated using the method
- you already use to calculate your applicable taxes. The fee is owed
- to the owner of the Project Gutenberg-tm trademark, but he has
- agreed to donate royalties under this paragraph to the Project
- Gutenberg Literary Archive Foundation. Royalty payments must be paid
- within 60 days following each date on which you prepare (or are
- legally required to prepare) your periodic tax returns. Royalty
- payments should be clearly marked as such and sent to the Project
- Gutenberg Literary Archive Foundation at the address specified in
- Section 4, "Information about donations to the Project Gutenberg
- Literary Archive Foundation."
-
-* You provide a full refund of any money paid by a user who notifies
- you in writing (or by e-mail) within 30 days of receipt that s/he
- does not agree to the terms of the full Project Gutenberg-tm
- License. You must require such a user to return or destroy all
- copies of the works possessed in a physical medium and discontinue
- all use of and all access to other copies of Project Gutenberg-tm
- works.
-
-* You provide, in accordance with paragraph 1.F.3, a full refund of
- any money paid for a work or a replacement copy, if a defect in the
- electronic work is discovered and reported to you within 90 days of
- receipt of the work.
-
-* You comply with all other terms of this agreement for free
- distribution of Project Gutenberg-tm works.
-
-1.E.9. If you wish to charge a fee or distribute a Project
-Gutenberg-tm electronic work or group of works on different terms than
-are set forth in this agreement, you must obtain permission in writing
-from both the Project Gutenberg Literary Archive Foundation and The
-Project Gutenberg Trademark LLC, the owner of the Project Gutenberg-tm
-trademark. Contact the Foundation as set forth in Section 3 below.
-
-1.F.
-
-1.F.1. Project Gutenberg volunteers and employees expend considerable
-effort to identify, do copyright research on, transcribe and proofread
-works not protected by U.S. copyright law in creating the Project
-Gutenberg-tm collection. Despite these efforts, Project Gutenberg-tm
-electronic works, and the medium on which they may be stored, may
-contain "Defects," such as, but not limited to, incomplete, inaccurate
-or corrupt data, transcription errors, a copyright or other
-intellectual property infringement, a defective or damaged disk or
-other medium, a computer virus, or computer codes that damage or
-cannot be read by your equipment.
-
-1.F.2. LIMITED WARRANTY, DISCLAIMER OF DAMAGES - Except for the "Right
-of Replacement or Refund" described in paragraph 1.F.3, the Project
-Gutenberg Literary Archive Foundation, the owner of the Project
-Gutenberg-tm trademark, and any other party distributing a Project
-Gutenberg-tm electronic work under this agreement, disclaim all
-liability to you for damages, costs and expenses, including legal
-fees. YOU AGREE THAT YOU HAVE NO REMEDIES FOR NEGLIGENCE, STRICT
-LIABILITY, BREACH OF WARRANTY OR BREACH OF CONTRACT EXCEPT THOSE
-PROVIDED IN PARAGRAPH 1.F.3. YOU AGREE THAT THE FOUNDATION, THE
-TRADEMARK OWNER, AND ANY DISTRIBUTOR UNDER THIS AGREEMENT WILL NOT BE
-LIABLE TO YOU FOR ACTUAL, DIRECT, INDIRECT, CONSEQUENTIAL, PUNITIVE OR
-INCIDENTAL DAMAGES EVEN IF YOU GIVE NOTICE OF THE POSSIBILITY OF SUCH
-DAMAGE.
-
-1.F.3. LIMITED RIGHT OF REPLACEMENT OR REFUND - If you discover a
-defect in this electronic work within 90 days of receiving it, you can
-receive a refund of the money (if any) you paid for it by sending a
-written explanation to the person you received the work from. If you
-received the work on a physical medium, you must return the medium
-with your written explanation. The person or entity that provided you
-with the defective work may elect to provide a replacement copy in
-lieu of a refund. If you received the work electronically, the person
-or entity providing it to you may choose to give you a second
-opportunity to receive the work electronically in lieu of a refund. If
-the second copy is also defective, you may demand a refund in writing
-without further opportunities to fix the problem.
-
-1.F.4. Except for the limited right of replacement or refund set forth
-in paragraph 1.F.3, this work is provided to you 'AS-IS', WITH NO
-OTHER WARRANTIES OF ANY KIND, EXPRESS OR IMPLIED, INCLUDING BUT NOT
-LIMITED TO WARRANTIES OF MERCHANTABILITY OR FITNESS FOR ANY PURPOSE.
-
-1.F.5. Some states do not allow disclaimers of certain implied
-warranties or the exclusion or limitation of certain types of
-damages. If any disclaimer or limitation set forth in this agreement
-violates the law of the state applicable to this agreement, the
-agreement shall be interpreted to make the maximum disclaimer or
-limitation permitted by the applicable state law. The invalidity or
-unenforceability of any provision of this agreement shall not void the
-remaining provisions.
-
-1.F.6. INDEMNITY - You agree to indemnify and hold the Foundation, the
-trademark owner, any agent or employee of the Foundation, anyone
-providing copies of Project Gutenberg-tm electronic works in
-accordance with this agreement, and any volunteers associated with the
-production, promotion and distribution of Project Gutenberg-tm
-electronic works, harmless from all liability, costs and expenses,
-including legal fees, that arise directly or indirectly from any of
-the following which you do or cause to occur: (a) distribution of this
-or any Project Gutenberg-tm work, (b) alteration, modification, or
-additions or deletions to any Project Gutenberg-tm work, and (c) any
-Defect you cause.
-
-Section 2. Information about the Mission of Project Gutenberg-tm
-
-Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
-electronic works in formats readable by the widest variety of
-computers including obsolete, old, middle-aged and new computers. It
-exists because of the efforts of hundreds of volunteers and donations
-from people in all walks of life.
-
-Volunteers and financial support to provide volunteers with the
-assistance they need are critical to reaching Project Gutenberg-tm's
-goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
-remain freely available for generations to come. In 2001, the Project
-Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
-and permanent future for Project Gutenberg-tm and future
-generations. To learn more about the Project Gutenberg Literary
-Archive Foundation and how your efforts and donations can help, see
-Sections 3 and 4 and the Foundation information page at
-www.gutenberg.org
-
-
-
-Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
-
-The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
-501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
-state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
-Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification
-number is 64-6221541. Contributions to the Project Gutenberg Literary
-Archive Foundation are tax deductible to the full extent permitted by
-U.S. federal laws and your state's laws.
-
-The Foundation's principal office is in Fairbanks, Alaska, with the
-mailing address: PO Box 750175, Fairbanks, AK 99775, but its
-volunteers and employees are scattered throughout numerous
-locations. Its business office is located at 809 North 1500 West, Salt
-Lake City, UT 84116, (801) 596-1887. Email contact links and up to
-date contact information can be found at the Foundation's web site and
-official page at www.gutenberg.org/contact
-
-For additional contact information:
-
- Dr. Gregory B. Newby
- Chief Executive and Director
- gbnewby@pglaf.org
-
-Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg
-Literary Archive Foundation
-
-Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
-spread public support and donations to carry out its mission of
-increasing the number of public domain and licensed works that can be
-freely distributed in machine readable form accessible by the widest
-array of equipment including outdated equipment. Many small donations
-($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
-status with the IRS.
-
-The Foundation is committed to complying with the laws regulating
-charities and charitable donations in all 50 states of the United
-States. Compliance requirements are not uniform and it takes a
-considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
-with these requirements. We do not solicit donations in locations
-where we have not received written confirmation of compliance. To SEND
-DONATIONS or determine the status of compliance for any particular
-state visit www.gutenberg.org/donate
-
-While we cannot and do not solicit contributions from states where we
-have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
-against accepting unsolicited donations from donors in such states who
-approach us with offers to donate.
-
-International donations are gratefully accepted, but we cannot make
-any statements concerning tax treatment of donations received from
-outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff.
-
-Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
-methods and addresses. Donations are accepted in a number of other
-ways including checks, online payments and credit card donations. To
-donate, please visit: www.gutenberg.org/donate
-
-Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic works.
-
-Professor Michael S. Hart was the originator of the Project
-Gutenberg-tm concept of a library of electronic works that could be
-freely shared with anyone. For forty years, he produced and
-distributed Project Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of
-volunteer support.
-
-Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
-editions, all of which are confirmed as not protected by copyright in
-the U.S. unless a copyright notice is included. Thus, we do not
-necessarily keep eBooks in compliance with any particular paper
-edition.
-
-Most people start at our Web site which has the main PG search
-facility: www.gutenberg.org
-
-This Web site includes information about Project Gutenberg-tm,
-including how to make donations to the Project Gutenberg Literary
-Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to
-subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks.
-
-
-
-</pre>
-
-</body>
-</html>
diff --git a/old/50979-h/images/cover-page.jpg b/old/50979-h/images/cover-page.jpg
deleted file mode 100644
index d52a02d..0000000
--- a/old/50979-h/images/cover-page.jpg
+++ /dev/null
Binary files differ