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If you are not located in the United States, you'll have -to check the laws of the country where you are located before using this ebook. - -Title: Politische Schriften und andere Nachträge zu seinen Werken - -Author: Heinrich von Kleist - -Editor: Rudolf Köpke - -Release Date: January 20, 2016 [EBook #50979] - -Language: German - -Character set encoding: ISO-8859-1 - -*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK POLITISCHE SCHRIFTEN UND *** - - - - -Produced by Karl Eichwalder, Constanze Hofmann, Jens -Sadowski, and the Online Distributed Proofreading Team at -http://www.pgdp.net. This book was produced from scanned -images of public domain material from the Google Books -project. - - - - - - - - - - Heinrich von Kleist's - Politische Schriften - und - andere Nachträge zu seinen Werken. - - - Mit einer Einleitung - zum ersten Mal herausgegeben - von - Rudolf Köpke. - - Berlin, 1862. - Verlag von A. Charisius. - Lüderitz'sche Buchhandlung. - - Friedrich von Raumer - zur Feier - seines sechszigjährigen Amtsjubiläums - am 8. December 1861 - in aufrichtiger Verehrung - gewidmet - von - dem Herausgeber. - - - - - - -Nur Wenigen ist es beschieden, den Lebenstag zu sehen, der Ihnen, -hochverehrter Herr, heute festlich anbricht. Den Zeitraum eines halben -Jahrhunderts in demselben Kreise durchschritten zu haben, ist kein -alltäglicher Ruhm unter Menschen, dasselbe Zeitmaß in verschiedenen -Kreisen des Wirkens zu erfüllen, ist dem Einzelnen noch seltener -vergönnt; doch wo fünf reichen Jahrzehnten ein sechstes hinzugelegt -wird, ist es unter den seltenen Festen das seltenste. - -Ihnen hat das gegenwärtige Jahr nicht einen, sondern eine Reihe von -Festtagen gebracht, die ein halbes Jahrhundert Ihres Wirkens in -Wissenschaft und Lehramt abschließen, und vor wenigen Wochen noch mit -dem goldenen Kranze des häuslichen Glücks gekrönt worden sind. Der -heutige Tag vollendet Ihr sechszigstes Jahr im Dienste des Vaterlandes. -Wer das in ungeschwächter Kraft des Geistes und Körpers erlebt, den -möchte man versucht sein jenen Männern des Alterthums beizuzählen, die -der hellenische Weise vor allen glücklich pries. Denn Glück ist die -reine Entfaltung der eigenen Natur nach ihrem Gesetze, im Einklange -zugleich mit dem großen Ganzen, dessen dienendes Glied zu sein der -Einzelne bestimmt ist. Eine solche harmonische Verbindung ist das freie -Geschenk höherer Macht, darum ist ein Tag wie der heutige ein Tag des -Glückwunsches, das heißt der dankbaren Anerkennung menschlicher Lebens- -und Entwicklungsfülle. - -Sechszig Jahre, mehr als ein Drittheil unserer Preußischen Geschichte, -überschauen Sie als Staatsmann, als Lehrer und Geschichtschreiber. Von -sieben Königen haben Sie fünf erlebt und dreien treu gedient. Das -Preußen Friedrichs des Großen, den tiefen Fall der alten Staatsformen -haben Sie gesehen, und dem reformatorischen Gesetzgeber thatkräftig zur -Seite gestanden, als er die Grundlagen des neuen Staates vorbereitete; -Sie sind Zeuge gewesen der großen volksthümlichen Erhebung, haben Ihren -Theil gehabt an den Zeiten innerer Ruhe und wissenschaftlichen Ruhms, -und eine zweite tiefe Erschütterung überwinden helfen, um nochmals in -eine neue Umgestaltung des öffentlichen Lebens einzutreten. Zu allen -Zeiten haben Sie für Gesetz und volksthümliche Freiheit, für den König -wie für das Vaterland, für Preußen wie für Deutschland als untrennbare -Mächte, mit den Besten im Bunde, unermüdet und maßvoll gestritten, und -die Unabhängigkeit des Urtheils und Charakters frei bewahrt. - -Als Forscher und Geschichtschreiber haben Sie die Vergangenheit des -deutschen Vaterlandes in umfassender Weise zuerst erschlossen, und die -verschiedenen Zeitalter des menschlichen Geschlechts durchmessen. So -möchte ich Ihnen nachrühmen, was ein alter Schriftsteller von einem -Geschichtschreiber seiner Zeit sagt, das schönste Loos sei es -Schreibenswürdiges gethan, Lesenswürdiges geschrieben zu haben. Mögen -Sie mir verstatten das auszusprechen, da Sie, obgleich nicht selten -verkannt, dennoch stets ein Verkleinerer Ihrer selbst gewesen sind. - -Als einen öffentlichen Ausdruck dieser Gesinnung, die ich Ihnen längst -im Herzen bewahre, bitte ich Sie die folgenden Blätter betrachten und -annehmen zu wollen. Ein Zeichen sollen sie sein wissenschaftlicher -Anerkennung, das ein jüngerer Fachgenosse Ihnen darzubringen wünscht, -rein menschlicher Hochachtung und aufrichtiger Uebereinstimmung in den -großen Fragen des Lebens, und endlich des Dankes für die -freundschaftliche Theilnahme, die Sie mir stets bewiesen haben. - -Für diesen Zweck schienen mir diese Blätter vornehmlich geeignet. Denn -sie sind ein Erbstück aus dem Nachlasse des großen Dichters, in dessen -Verehrung und Liebe, wir, wie verschieden an Lebensalter und Stellung, -einander zuerst freundschaftlich begegnet sind; ein bisher unbekannter -Beitrag zu unserer nationalen Litteratur, der Sie, wie der Kunst, auch -unter historischen Studien und politischen Kämpfen eine jugendfrische -Neigung gewahrt haben; der Gesinnungsausdruck eines ebenso hochbegabten -als unglücklichen Dichters, der wie Sie für die Wiedergeburt des -Vaterlandes gestritten, den Sie selbst noch von Angesicht gekannt haben. -Es irrt mich nicht, daß die Berührungen zwischen Ihnen, dem Staatsmanne, -und dem Dichter nicht freundlicher Art gewesen sind. Persönlich -unangenehme Erfahrungen haben Sie niemals gehindert gerecht zu sein, und -Sie haben darum weder dem Menschen Ihre Theilnahme noch dem Dichter Ihre -Anerkennung versagt. Die damals ausgesprochene Versöhnung wird heute zur -historischen Sühne. Der Dichter ist nach schwerer Verirrung eingegangen -in die Ehrenhalle unserer Litteratur; Sie haben seitdem fünfzig Jahre -des reichsten Wirkens durchlebt, und stehen heute als gefeierter Greis -voll seltener Jugendfrische und Theilnahme für Alles was die menschliche -Brust bewegt, am Grabe des Dichters, der am Widerstreit des Lebens zu -Grunde ging. - -Und so wüßte ich Ihnen nur Eines noch zu wünschen, daß Ihnen die Fülle -der Lebensgüter, die Sie besitzen, noch lange erhalten, und mir Ihre -Freundschaft bewahrt bleiben möge. - - _Berlin_, den 8. December 1861. - - Rudolf Köpke. - - - - - Inhalt. - - - Seite - Einleitung 1 - I. Prosa. - 1. Politische Satiren. - 1. Brief eines rheinbündischen Officiers an seinen Freund 63 - 2. Brief eines jungen märkischen Landfräuleins an ihren 64 - Onkel - 3. Schreiben eines Burgemeisters in einer Festung an einen 68 - Unterbeamten - 4. Brief eines politischen Pescherü über einen Nürnberger 70 - Zeitungsartikel - 5. Die Bedingung des Gärtners. Eine Fabel 73 - 6. Lehrbuch der französischen Journalistik 74 - 7. Katechismus der Deutschen, abgefaßt nach dem Spanischen, 82 - zum Gebrauch für Kinder und Alte - 2. Politische Aufrufe und Betrachtungen. - 1. Einleitung zur Zeitschrift Germania 94 - 2. Aufruf 96 - 3. Was gilt es in diesem Kriege? 97 - 4. Einleitung zu den Berliner Abendblättern. Gebet des 100 - Zoroaster - 5. Von der Ueberlegung. Eine Paradoxe 101 - 6. Betrachtungen über den Weltlauf 103 - 3. Erzählungen und Anekdoten. - 1. Warnung gegen weibliche Jägerei 104 - 2. Die Heilung 107 - 3. Das Grab der Väter 110 - 4. Der Griffel Gottes 112 - 5. Muthwille des Himmels. Eine Anekdote 113 - 6. Anekdote aus dem letzten Kriege 114 - 7. Der Branntweinsäufer und die Berliner Glocken 115 - 8. Tages-Ereigniß 116 - 9. Der verlegene Magistrat. Eine Anekdote 117 - 10. Charité-Vorfall 118 - 11. Anekdote 119 - 12. Räthsel 120 - 13. Anekdote 120 - 14. Anekdote 121 - 4. Kunst und Theater. - 1. Empfindungen vor Friedrich's Seelandschaft 123 - 2. Brief eines Mahlers an seinen Sohn 125 - 3. Brief eines jungen Dichters an einen jungen Mahler 126 - 4. Theater. Den 2. October: Ton des Tages, Lustspiel von Voß 128 - 5. Unmaßgebliche Bemerkung 129 - 6. Schreiben aus Berlin, den 28. October 131 - 7. Die sieben kleinen Kinder 132 - 8. Von einem Kinde, das kindlicher Weise ein anderes Kind 133 - umbringt - 5. Gemeinnütziges. - 1. Allerneuester Erziehungsplan 136 - 2. Entwurf einer Bombenpost 145 - 3. Schreiben aus Berlin. 15. October 147 - 4. Aëronautik 149 - II. In Versen. - 1. Eine Legende nach Hans Sachs. Gleich und Ungleich 153 - 2. Eine Legende nach Hans Sachs. Der Welt Lauf 156 - 3. Epigramme: - 1. Auf einen Denuncianten. Räthsel 160 - 2. Wer ist der Aermste? 160 - 3. Der witzige Tischgesellschafter 160 - 4. An die Verfasser schlechter Epigramme 160 - 5. Nothwehr 160 - Anmerkungen 161 - - - - - Einleitung. - - - - - I. - - - Wehe, mein Vaterland, dir! Die Leier zum Ruhm dir zu schlagen, - Ist, getreu dir im Schooß, mir, deinem Dichter, verwehrt, - -schrieb Heinrich von Kleist auf das Titelblatt seines vaterländischen -Dramas die Hermannsschlacht, als er es im Jahre 1808 vollendet hatte. Es -war eine Grabschrift, die er dem Vaterlande, seiner Dichtung, sich -selbst setzte, und in finsterm Haß sich in das Schweigen der -Hoffnungslosigkeit zu vergraben, schien der letzte Trost, den das Leben -ihm noch nicht geraubt hatte. Voll Liebe zum Vaterlande will er ihm zum -Ruhme singen, aber in der Gegenwart sieht er es schmachbedeckt in den -Staub getreten; er wendet den Blick rückwärts, der ruhmvollen -Vergangenheit entlehnt er den Stoff seiner Dichtung, im Sturme will er -sein Volk mit sich fortreißen, aber die Hörer verschließen ihm das Ohr. -Für die Enkel ist es gefährlich geworden, dem Heldenliede von den Thaten -der Ahnen zu horchen, der Sänger schließt sein »letztes Lied«, »er -wünscht mit ihm zu enden, und legt die Leier thränend aus den -Händen!«[1] Keine Bühne will sich seinem vaterländischen Schauspiel -öffnen. Zurückgewiesen von den Seinen verschließt er einsam den Schmerz -und das Elend des eigenen Lebens, die Schmach und den Gram Deutschlands -in jene Worte, die zur schwer lastenden Anklage eines selbstvergessenen -Volks werden. - -Dennoch nennt sich Kleist den Dichter seines Vaterlandes; getreu bleibt -er ihm im Schooß, während viele andere, denen es Macht, Ehre, Ruhm -gegeben hatte, untreu geworden waren, es durch That, Wort oder verzagtes -Schweigen verrathen hatten. Nicht Fürsten und Volksstämme, Generale und -Staatsmänner allein, auch Männer der Wissenschaft und Dichter hatten das -gethan. In das Unendliche hatte sich die Wissenschaft versenkt und die -Welt durchmessen, das Vaterland, in dem sie aufgewachsen war, blieb ihr -fast fremd; in Griechenland und Rom lebte die Dichtung, in Deutschland -nicht. Weder die eine noch die andere ahnte das Verderben, das sich -heranwälzte, bestürzt hatten sie geschwiegen, als es hereinbrach, oder -den fremden Gewalthaber als den Vollzieher des Weltgeschicks wohl gar -bewundert und gepriesen. Kleist wollte nichts als sein Deutschland, sein -oft geschmähtes Brandenburg, ob auch hier »die Künstlerin Natur bei der -Arbeit eingeschlummert«, ob es auch gerade jetzt doppelt arm und öde -sein mochte; er wollte es, weil es das Vaterland war.[2] Aus ihm sprach -die Stimme des lang eingeschläferten Gewissens, das laut mahnte, dem -Zwiespalt zwischen Weltbürgerthum und Volkssinn, Staat und Vaterland, -Wissenschaft und Leben ein Ende zu machen, und die tiefsten Kräfte zum -Kampfe aufzurufen. Jene Verse, wie sein Drama, waren ein erster -erschütternder Ausdruck der Wiedervereinigung der Dichtung mit dem -Vaterlande, und darum lassen sie selbst in der Hoffnungslosigkeit die -Rettung ahnen; es liegt in ihnen der Wendepunkt des deutschen Lebens. -Denn anders mußte es werden, sobald diese Ueberzeugung allgemein ward; -selbst die höchsten Güter der Menschheit, denen man so lange -nachgetrachtet hatte, verloren ihre bildende und heiligende Kraft, wenn -sie durch den volksthümlichen Muth nicht mehr geschirmt wurden. Es brach -die Zeit an, wo Schleiermacher und Fichte Volksredner waren, Arndt durch -Lied und That wirkte und ein jüngeres Dichtergeschlecht heraufwuchs, das -nicht mehr classisch, sondern vaterländisch sein wollte, selbst zum -Schwerte griff und kämpfend fiel, wie Körner, oder das Glück der Sieger -beneidend, den Sieg feierte, wie Schenkendorf und Rückert. - -Nicht so glücklich war Kleist; in die Mitte gestellt, zwischen die -schonungslose Uebermacht der Gegenwart und die zweifelhafte Zukunft, hat -er weder den Kampf noch den Sieg erlebt, und gleichgültig haben sich -seine Zeitgenossen von ihm abgewandt. Den Weltklugen zu mystisch, den -Frommen zu ruchlos, den Politikern zu unpraktisch, den Zahmen zu wild, -dem Meister der Kunst zu roh und formlos, fand er bei seinem Leben nur -wenige Freunde, und als der widerwärtige Streit über seinem Grabe -verstummt war, ward er im Toben des Volkskampfes, den er erwecken -wollte, fast vergessen, und die Kränze, nach denen er gegeizt hatte, -wurden andern zu Theil. - -Gewiß war er als Mensch weder im Leben noch im Tode frei von schwerer -Schuld, aber so oft dies auch gesagt worden ist, dem Dichter ist die -folgende Zeit langer Ruhe kaum gerecht, geschweige denn günstig, -geworden. Zehn Jahr später hat ihn Tieck in das Gedächtniß des -genießenden Geschlechtes, dem die starke, männliche Dichtweise unbequem -geworden war, zurückgerufen. Ihm, seiner reinen Anerkennung verdankt man -es, wenn Kleist's Stelle in der Litteraturgeschichte gesichert ist. Auch -das ist langsam und zögernd geschehen. In fünfzig Jahren sind nur zwei -Gesammtausgaben erschienen, und zwischen beiden liegt ein Menschenalter. -Nicht ohne Mühe haben sich drei seiner Dramen auf der Bühne -eingebürgert, gerade das vollendetste, das vorzugsweise heimische, -mußte, der Gefahr des Unterganges kaum entzogen, am längsten gegen das -Vorurtheil kämpfen, und die Hermannsschlacht, die schon vor einem halben -Jahrhundert zünden sollte, hat ihre Hörer bis heute nicht gefunden. - -Auch die Nachlese, so ergiebig bei andern Dichtern, und die Kunde von -seinem Leben ist demselben Mißgeschick verfallen. Einen großen Theil -seiner Schriften hat er in selbstquälerischer Verachtung zerstört; was -sonst zu hoffen, war verschollen oder in unbekannten Zeitschriften -begraben, und erst Julian Schmidt's Ausgabe hat aus dem Phöbus einen -Theil des Vergessenen wieder ans Licht gebracht. Vereinzelt und zufällig -sind manche Briefe von ihm zum Vorschein gekommen und unbeachtet -geblieben; die später von E. v. Bülow und Koberstein herausgegebenen -größeren Sammlungen sind, wenn auch die erste, fast einzige Quelle, doch -nicht umfassend genug, um auf sein dunkles Leben ein überall genügendes -Licht zu werfen. Bülow's freilich nicht erschöpfende doch verdienstliche -Lebensbeschreibung blieb in der politischen Sturmzeit von 1848, wie -vierzig Jahre früher der lebende Dichter, fast unbeachtet. Erst in den -letzten Jahren hat man sich ihm aus dem Gesichtspunkte der allgemeinen -Zeitgeschichte, in der er in so fragwürdiger Gestalt hervortritt, wieder -mehr zugewendet.[3] Dennoch scheint eine Seite seines zerrissenen Lebens -der näheren Besprechung würdig und bedürftig, von allen die erhebendste -und reinste, in der sich die jähen Widersprüche vielleicht am ersten -ausgleichen, die vaterländische. Ich würde es nicht unternehmen, allein -auf Grund des schon benutzten Stoffes darüber zu reden, aber ich bin -glücklich genug Neues, bisher Unbekanntes oder Vergessenes, hinzufügen -zu können, und halte es für eine That der Gerechtigkeit, die folgende -nicht geringfügige Nachlese zu Kleist's Schriften der Oeffentlichkeit zu -übergeben. Eben hier erscheint er vorzugsweise als politischer -Schriftsteller, von dieser Thätigkeit mindestens gewinnt man ein -bedeutend vollständigeres Bild. - -Zuerst habe ich Rechenschaft von den Quellen, aus welchen diese -Nachträge geschöpft sind, abzulegen. Theils sind sie handschriftlicher -Art, theils gehören sie vergessenen Drucken an; von jenen spreche ich -zuerst. - -Nicht alles, was Tieck aus dem Nachlasse Kleist's besaß, hat er in seine -Ausgabe aufgenommen. »Auch finden sich«, schreibt er, »in seinem -Nachlasse Fragmente aus jener Zeit (1809), die alle das Bestreben -aussprechen, die Deutschen zu begeistern und zu vereinigen, sowie die -Machinationen und Lügenkünste des Feindes in ihrer Blöße hinzustellen: -Versuche in vielerlei Formen, die aber damals vom raschen Drang der -Begebenheiten überlaufen, nicht im Druck erscheinen konnten, und auch -jetzt, nach so manchem Jahre und nach der Veränderung aller -Verhältnisse, sich nicht dazu eignen.«[4] Also Schriftstücke -politischen, vaterländischen Inhalts, die ein Aufruf an das Volk sein -sollten, jedoch nie zur Verwendung gekommen sind, waren es, die Tieck im -Jahre 1821 vor sich hatte. Zunächst scheint ihn die Rücksicht auf die -Erregung des eben durchgekämpften Völkerkrieges, die jetzt friedlichern -Stimmungen Platz machen sollte, von der Veröffentlichung abgehalten zu -haben, und noch 1826 glaubte er dabei stehen bleiben zu müssen. Auch -mochten ihm diese Fragmente im Vergleiche mit den großen Dichtungen -minder bedeutend scheinen. Er sah in Kleist einen befreundeten -gleichzeitigen Dichter, dem er aus den vollendetsten Werken ein Denkmal -errichten wollte, von welchem er das Geringfügigere meinte ausschließen -zu können. Ueberhaupt war seine Kritik ein Ausdruck der Begeisterung für -den Gegenstand, mehr ästhetisch, allgemein anschauend und nachdichtend -als historisch philologisch; er konnte zufrieden sein, den Dichter und -dessen Werke der Vergessenheit entrissen und in genialen Zügen ein groß -gehaltenes Bild beider entworfen zu haben. Ganz anders stand es, als -zweiundzwanzig Jahre später Bülow in der Vorrede zum Leben Kleist's -schrieb:[5] »Die schon von Tieck besprochenen zerstreuten politischen -Blätter aus dem Jahre 1809 habe ich ebenfalls durchgesehen und des -Druckes meist unwerth befunden.« Diese »Reliquien«, die er damals noch -unverkürzt in Händen hatte, legte er also in demselben Augenblicke als -unwichtig bei Seite, wo er den Untergang oder die absichtliche -Zurückhaltung anderer beklagte. Der Umstand allein hätte den Biographen -bestimmen sollen, nicht seinem persönlichen Geschmacksurtheil über den -Werth dieser Blätter, sondern dem historischen Gesetze zu folgen, das zu -retten gebietet, was noch zu retten ist, damit das Bild des Dichters so -getreu als möglich hergestellt werden könne. Das verlangte die -inzwischen zur Wissenschaft herangereifte Litteraturgeschichte, die auch -für die Schriftsteller der nächsten Vergangenheit eine willkürliche -Kritik dieser Art nicht mehr duldete. Nicht ohne ironisches Lächeln über -Kleist's »naive Absicht« begnügte er sich, einen dieser Aufsätze, -überschrieben: »Was gilt es in diesem Kriege?« sorglos abdrucken zu -lassen. Von Tieck hatte Bülow diese Papiere erhalten; im Nachlasse des -einen oder des andern mußten sie aufbewahrt sein. - -Unter den zahlreich angesammelten Handschriften Tieck's fand sich in der -That eine, die aus dem Nachlasse Kleist's herstammte, eine Abschrift der -Penthesilea, vom Dichter durchgesehen und nicht ohne bedeutende -Veränderungen einzelner Verse und Worte von seiner Hand. Aus der -Vergleichung mit der Tieckschen Ausgabe, welcher der Druck von 1808 zu -Grunde liegt, und den nicht unerheblich abweichenden Bruchstücken im -Phöbus, ergab sich diese Handschrift als eine dritte noch frühere -Bearbeitung selbständigen Charakters, die auf's neue beweist, wie -sorgfältig Kleist seine Dichtungen im einzelnen durcharbeitete. Dagegen -schien sich die nah liegende Vermuthung, der Herausgeber der -Kleist'schen Schriften werde von seinen Sammlungen mehr als dieses eine -Erinnerungszeichen bewahrt haben, nicht zu bestätigen, als sich später, -bei der Durchsicht eines Restes ungeordneter Papiere, noch eine Anzahl -Blätter nach und nach unerwartet zusammenfanden. Es war ein Theil des -großartigen Bruchstücks Robert Guiskard, das Kriegslied der Deutschen, -das Sonett an die Königin von Preußen und das an den Erzherzog Karl im -März 1809, denen sich einiges Prosaische anschloß; im Ganzen 28 -Halbbogen und 6 Blätter in Quart bläulich grauen Streifenpapiers, dessen -höheres Alter nicht bezweifelt werden konnte. Nur freilich waren es -nicht Kleist's Schriftzüge, sondern die altmodisch steife Hand eines -sächsischen Schreibers, von der alles, nach der Tinte zu urtheilen, fast -in einem Zuge geschrieben worden war. Zwar beginnt die Zählung der -Seiten mehr als einmal von vorn und manche Blätter sind gar nicht -bezeichnet, aber offenbar liegt hier ein Bruchstück einer Handschrift -vor, die wenngleich sehr verschiedenartigen Inhalts, doch äußerlich ein -Ganzes bilden sollte. - -Bei näherer Untersuchung des prosaischen Theils fanden sich mehrere -bisher unbekannte Aufsätze: fünf Halbbogen, unter der Ueberschrift -»Satyrische Briefe«, deren drei numerirt aufeinander folgen: »1. Brief -eines rheinbündischen Officiers an seinen Freund; 2. Brief eines jungen -märkischen Landfräuleins an ihren Onkel; 3. Schreiben eines -Burgemeisters in einer Festung an einen Unterbeamten«; welchen sich ohne -Zahlenbezeichnung ein vierter anschließt »Brief eines politischen -Pescherü (so) über einen Nürnberger Zeitungsartikel.« Auf einem -Quartblatt folgte »die Bedingung des Gärtners, eine Fabel«; dann vier -Halbbogen »Lehrbuch der französischen Journalistik«, sechs Halbbogen und -ein Blatt »Katechismus der Deutschen, abgefaßt nach dem Spanischen zum -Gebrauch für Kinder und Alte«, jedes Stück mit besonderer Seitenzählung; -endlich noch vier nicht paginirte Halbbogen, drei Stücke enthaltend, -eines mit der Aufschrift »Einleitung«, ein anderes ohne Titel beginnend -mit der Anrede »Zeitgenossen«, das dritte mit der Ueberschrift »Was gilt -es in diesem Kriege?« Eben dieses Blatt hatte Bülow herausgegriffen; es -war also kein Zweifel mehr, die politischen Blätter Kleist's, die er -nach Tieck's Vorgang bei Seite gelegt hatte, waren noch erhalten. Gewiß -ein glücklicher Fund, der durchaus Neues ans Licht brachte und für -manchen andern Verlust entschädigen konnte. Die nächste Frage, ob er -vollständig sei, beantwortete sich leider verneinend. Die Seitenzahlen -des Katechismus ergeben, daß der dritte und sechste Halbbogen fehle; das -Lehrbuch der französischen Journalistik bricht mit Paragraph 25, die -Einleitung mitten im Satze ab; ursprünglich mußten diese Blätter -vollzählig gewesen sein. - -Ohne besondere Veranlassung zur Herausgabe und andern Arbeiten -hingegeben, hatte ich mich längere Zeit bei diesem Ergebniß beruhigt, -als die Briefe Kleist's an seine Schwester mich zu jenen politischen -Bruchstücken zurückführten; denn was etwa noch gefehlt hätte, ein -bestimmtes Zeugniß des Verfassers selbst, fand sich hier. Am 17. Juni -1809 nach der Schlacht von Wagram und dem Waffenstillstand von Znaym -schrieb er von Prag aus, wohin ihn seine Hoffnungen auf Oesterreich -geführt hatten, an seine Schwester: »Gleichwohl schien sich hier durch -B. (Brentano?) und die Bekanntschaften, die er mir verschaffte, ein -Wirkungskreis für mich eröffnen zu wollen. Es war die schöne Zeit nach -dem 21. und 22. Mai, und ich fand Gelegenheit meine Aufsätze, die ich -für ein patriotisches Wochenblatt bestimmt hatte, im Hause des Grafen v. -Kollowrat vorzulesen. Man faßte die Idee, dieses Wochenblatt zu Stande -zu bringen, lebhaft auf, Andere übernahmen es, statt meiner den Verleger -herbeizuschaffen, und nichts fehlte als eine höhere Bewilligung, wegen -welcher man geglaubt hatte, einkommen zu müssen. So lange ich lebe, -vereinigte sich noch nicht so viel, um mich eine frohe Zukunft hoffen zu -lassen, und nun vernichten die letzten Vorfälle nicht nur diese -Unternehmung, -- sie vernichten meine ganze Thätigkeit überhaupt.« - -Also ein Theil der Aufsätze, die Kleist im Frühjahr 1809 für ein -patriotisches Wochenblatt bestimmt hatte, ist in diesen Blättern -enthalten, nach allen äußeren Zeugnissen kann seine Autorschaft keinem -Zweifel unterliegen. Heutiges Tages indeß, wo es darauf ankommt den -Stoff der abgeschlossenen Litteraturperiode zu sammeln und zu sichten, -wird man bisher unbekannte Schriften eines bedeutendern Dichters nicht -leicht aus der Hand geben, ohne sie einer allseitigen Durchforschung -unterworfen zu haben, auch wenn ihre Aechtheit feststeht. Es ist daher -gerathen, auch diese Briefe und Aufrufe nach Form und Inhalt näher zu -prüfen; auch schon aus dem Grunde, weil dies zugleich für einige andere -Stücke, deren Kleistischer Ursprung äußerlich weniger verbürgt ist, den -erforderlichen Maßstab gewähren wird. Um die stilistische Gestaltung -dieser politischen Aufsätze zu beurtheilen, wird man zunächst auf eine -etwas allgemeinere Betrachtung der Prosa Kleist's hingewiesen. - -Seine prosaischen Schriften, äußerlich weniger umfassend als die -versificirten Dichtungen, bestehen aus Erzählungen und Briefen. Nur in -jenen erscheint er in voller bewußter Kraft, in ihnen wird man daher den -Schriftsteller studieren können, während diese vom Augenblicke -eingegeben, ungleich und schwankend, bald lehrhaft, bald fieberisch -erregt und abspringend den Menschen und den jähen Wechsel seiner -Stimmungen auch in der Form zeigen. In der darstellenden Prosa ist er -Meister, so daß Tieck der Ansicht war, hier entfalte sich sein Talent -vielleicht noch glänzender als im Drama. Könnte man einige Auswüchse -beseitigen, die in seiner Natur wurzeln und von der vollendetern -Handhabung der Form unabhängig sind, man würde von seinen acht -Erzählungen die vier ersten größeren und sorgfältig durchgearbeiteten -mustergültig nennen können. In der Haupttugend aller Erzählung beruhen -ihre Vorzüge, in der durchsichtigsten Gegenständlichkeit. Ueberall -treten Personen und Verhältnisse in festen und kräftigen Umrissen, bis -zur sinnlichen Greifbarkeit deutlich hervor. Alles ist Bewegung, Leben, -That, nirgend eine Stockung, eine todte Beschreibung, die sich abmüht -viele einzelne Züge zusammen zu lesen, und es eben darum nie zu einem -ganzen Bilde bringt, während hier die glückliche Einflechtung _eines_ -unscheinbaren Zuges auf einzelne Personen und ganze Gruppen einen hellen -Rückstrahl wirft, der das Ganze in neuem überraschendem Lichte -erscheinen läßt. Weil der Dichter diese Gestalten als ob sie lebten mit -seinem Auge sah und darstellte, erweckt er in der Seele des Lesers, -diesem unbewußt, die Kraft des dichterischen Nachschaffens. Mit der -Selbstentäußerung eines Geschichtschreibers oder Dramatikers -verschwindet er hinter seiner Darstellung, nirgend sieht man ihn mit -zufahrender Hand in das Spiel hineingreifen und die Täuschung -ungeschickt selbst zerstören, nirgend sich mit seinen Empfindungen und -Betrachtungen aufdrängen; auch nicht in den Reden und Handlungen der -Personen findet man ihn, weil sie überall ganz eigenthümlich, aus ihrer -Stimmung, unter diesen gegebenen Umständen fühlen und handeln. Nur aus -der Gesammtwirkung aller Kräfte, die er spielen läßt, ist sein letzter -Gedanke zu erkennen. Und weil er seinen Menschen so wenig als sich -selbst Abschweifungen philosophierender Betrachtung oder -überschwellenden Gefühls verstattet, haben sie nichts von der -idealistischen Weise anderer Dichtergestalten; sie sind vielmehr von -einer realistischen Derbheit, die in Härte und Schroffheit übergehen -kann, aber eben darum scheinen sie aus Phantasiegeschöpfen zur Höhe -historischer Charaktere, in denen sich ganze Menschengattungen und -Zeiten darstellen, emporzuwachsen. - -Er selbst nähert sich dadurch, so weit sich das von dem Dichter sagen -läßt, der Grenze des Geschichtschreibers. Ohne es sein zu wollen, oder -auch nur den Anspruch des historischen Romanstils zu erheben, hat ihn -sein historischer Realismus auf den geschichtlichen Boden geführt. -Unmittelbar aus dem Leben, aus Gegenwart oder Vergangenheit schöpft er -den Stoff, wie schon seine Vorliebe für die Anekdote beweist, die er da -und dort aufgegriffen hat, und von denen er manche bis zur Erzählung -ausspinnt. Auf diese lebendige Quelle deutet er bei der »Marquise von -O.« mit dem wichtigen Zusatze, der sich nur im Phöbus, nicht aber in den -Ausgaben findet, selbst hin: »Nach einer wahren Begebenheit, deren -Schauplatz vom Norden nach dem Süden verlegt worden.«[6] Wieder aber hat -er diese Episode, in der er die ganze Fülle seines Talents entfaltet, in -den Hintergrund des großen gleichzeitigen Revolutionskrieges eingefügt. -Ebenso hat er im »Kohlhaas«, dem »Erdbeben in Chili«, der »Verlobung in -St. Domingo« sich großen historischen Verhältnissen entweder -angeschlossen, oder deren Natur an einem einzelnen Falle meisterhaft -dargestellt; wie denn die erste Erzählung, sicherlich ohne daß er es -beabsichtigte, zugleich eine ergreifende Darstellung des Ständekampfes -geworden ist, der unter der Nachwirkung der Reformation in ganz -Deutschland entbrannte. Selbst die Verirrungen, in denen er unerwartet -eine andere Seite seines Innern herauskehrt, und sich mit vollständiger -Verleugnung des historischen Charakters auf das Gebiet des dunkeln Wahns -verlocken läßt, dienen nur dazu, die Kraft seiner Darstellung in -hellerem Lichte erscheinen zu lassen; denn auch die Traumgebilde seiner -Phantasie hat er so mit Fleisch und Blut zu bekleiden gewußt, daß man -sie sieht, ohne an ihre Wahrheit zu glauben. Sein »Kohlhaas« bleibt -trotz des unhistorischen Vornamens Michael und trotz des mythischen -Kurfürsten von Sachsen, bei dem der Historiker von Fach nur mit -Haarsträuben an den standhaften Johann Friedrich denken kann, nach -Auffassung und Darstellung eine fast vollendete historische Erzählung, -deren Grundzüge dem Thatsächlichen entsprechen. Denn die Zurückhaltung -der Pferde, die Rechtsverweigerung und Verschleppung sächsischer Seits, -die Niederbrennung der Vorstadt von Wittenberg, das Gespräch mit Luther -sind historisch.[7] Nach ihrer Kunstform könnte sie ohne Uebertreibung -ein in Prosa ausgelöstes Epos genannt werden. - -Auch sind seine Erzählungen von der modernen Novelle, dem historischen -Roman und dem, was heute dafür gelten will, sehr verschieden. Die -Novellenhelden sind überwiegend Träger der Reflexion, sie kämpfen die -Gegensätze nicht nach außen wirkend, durch die That aus, sondern in -dialectischem Ringen mit sich selbst, sie ziehen die ganze Welt in den -Strom ihrer Betrachtungen hinein, und dessen ungeachtet verblassen sie -zu Schatten, die nach dem Lehrbuche sprechen. Andererseits in den -neueren sogenannten historischen Romanen, die mit der Macht der -Geschichte den Zauber der Dichtung zu verbinden wähnen, werden die -historischen Riesen auf das zwerghafte Maß einer schwächlichen Phantasie -herabgedrückt, die eigentlich nur deshalb ihre Zuflucht zur Geschichte -nimmt, weil diese mit der unübersehbaren Fülle eigenthümlicher Gestalten -der dürftigen Erfindung zu Hülfe kommt. Der falsche Schein historischer -Kenntniß soll die Mängel der Dichtung verdecken, und schließlich -verliert jede von beiden den reinen und ursprünglichen Charakter durch -die Verbindung mit der anderen. - -So sehr Kleist Dramatiker ist, so vermeidet er doch in der Erzählung in -der Regel den unmittelbaren Dialog, der in neueren Novellen so die -Oberhand gewonnen hat, daß der verkehrte Versuch einer wörtlichen -Uebertragung in das Drama hat gewagt werden können. Dagegen hat er im -vollsten Verständnisse dieser Darstellungsweise die indirecte Rede -überwiegend gebraucht. Auch da, wo seine Personen direct reden müßten, -ist er epischer Berichterstatter, er läßt sie nicht aus dem Rahmen des -Ganzen selbständig heraustreten, sondern verwandelt ihre Rede in ein -Handeln, von dem er zu erzählen hat. Es ist bemerkt worden, sein -dramatischer Dialog verrathe in den unruhigen Sprüngen, in dem hastigen -Hin- und Wiederfliegen von Frage und Antwort, wodurch die Lebhaftigkeit -zwar gesteigert wird, die innere Erregtheit des Dichters; seiner -erzählenden Rede ist diese Zerrissenheit durchaus fremd. Mit gleichem -Wellenschlage fließt sie wie ein breiter Strom dahin, auf dem der Hörer -sich mit stets gleicher Theilnahme von einer Windung zur andern tragen -läßt. - -Mit Vorliebe baut Kleist lange Perioden, architectonisch erheben und -schließen sie sich, ohne je zu erstarren; der Belege im einzelnen bedarf -es kaum, jede Seite bietet sie dar. Aus vielen herausgegriffen möge -folgende Periode hier eine Stelle finden:[8] »Der Roßhändler, _dessen_ -Wille durch den Vorfall, _der_ sich auf dem Markt zugetragen, in der -That gebrochen war, wartete auch nur, _dem_ Rath des Großkanzlers gemäß, -auf eine Eröffnung von Seiten des Junkers oder seiner Angehörigen, _um_ -ihnen mit völliger Bereitwilligkeit und Vergebung alles Geschehenen -entgegenzukommen: _doch_ eben diese Eröffnung zu thun, war den stolzen -Rittern zu empfindlich, _und_ schwer erbittert über die Antwort, _die_ -sie von dem Großkanzler empfangen hatten, zeigten sie dieselbe dem -Kurfürsten, _der_ am Morgen des nächstfolgenden Tages den Kanzler, krank -_wie_ er an seinen Wunden darniederlag, in seinen Zimmern besucht -hatte.« Der Wendepunkt dieser Periode liegt in dem _doch_, durch das sie -in zwei gleich wiegende Hälften getheilt wird; jede hat zwei obere -Nebensätze, die einen untern in sich umfassen, in dem eine nähere -Begründung gegeben wird; beide schließen mit der Andeutung des Zieles -ab, das erreicht werden soll. Der thatsächliche wie stilistische -Nachdruck liegt auf den letzten Worten, sie leiten die Bewegung weiter. -Umsonst versucht der Roßhändler seinen Zweck zu erreichen, um so besser -erreichen die Ritter, die keine Versöhnung wollen, den ihren, die Rache. -Man gewinnt den vollsten Ueberblick der Parteien, ihrer Stimmung, ihres -Verhältnisses zu einander, ihrer Erfolge. Kleist's Perioden sind -kunstvoll ohne verwickelt, reich ohne überladen zu sein, vielgliederig -ohne Leben und Bewegung zu verlieren. Es ist ein Beweis bedeutender -Meisterschaft, wenn man sich dem Zuge der deutschen Sprache zu -weitläufigen Satzgefügen überlassen darf, weil die strenge Fassung, die -nichts Ueberflüssiges hinzufügt, die Möglichkeit eines Vorwurfs der -Weitläufigkeit nicht einmal aufkommen läßt. - -Noch verschlungener werden sie, wenn sich die mittelbare Rede zu -entfalten beginnt, sei es, daß sie den Dialog einführe, oder über -Seelenvorgänge berichte. Selten nur wird durch steigende Lebendigkeit -die mittelbare Rede in die unmittelbare fortgerissen, wie in folgender -Periode, die ebenfalls charakteristisch ist:[9] »Luther, der unter -Schriften und Büchern an seinem Pulte saß, und den fremden besonderen -Mann die Thür öffnen und hinter sich verriegeln sah, fragte ihn: _wer_ -er sei und was er wolle? _und_ der Mann, _der_ seinen Hut ehrerbietig in -der Hand hielt, hatte nicht sobald mit dem schüchternen Vorgefühl des -Schreckens, _den_ er verursachen würde, erwiedert: _daß_ er Michael -Kohlhaas der Roßhändler sei; als Luther schon: »weiche fern hinweg!« -ausrief, _und indem_ er vom Pult erstehend nach einer Klingel eilte, -hinzusetzte: »dein Odem ist Pest und deine Nähe Verderben!« Häufig -dagegen zieht sich die indirecte Rede leicht und geschickt durch die -längsten Wendungen hin, bisweilen freilich, auch über die Grenze des -Erlaubten hinaus. So wird z. B. in der »Marquise von O.« der Inhalt -einer Rede in einer Reihe von Sätzen, die durch ein fünfzehnmal -wiederholtes daß -- daß -- verbunden sind, wiedergegeben.[10] Ich weiß -nicht, ob Kleist die Novellen des Cervantes studiert oder auch nur -gekannt hat; aber lebhaft wird man an die hohe Gegenständlichkeit der -Darstellung, an den vollen klaren Fluß der getragenen Perioden des -Spaniers erinnert. - -Doch auch bei dem Meister ist das wahrhaft Vollendete immer noch nicht -das Gewöhnliche. Jeder Schriftsteller hat Angewohnheiten des Stils, -geringfügig scheinende Eigenthümlichkeiten, die um so häufiger sein -können, je leichter sie sich dem Blick, der auf das Ganze gerichtet ist, -entziehen. Aber er kommt dadurch in Gefahr, aus dem Stil in die Manier -zu gerathen, und er wird ihr verfallen, wenn der freie Ausdruck des -Inhalts von der bequemen Gewohnheit geleitet wird, statt sie zu leiten. -Wie Goethe hat auch Kleist dergleichen Angewohnheiten. Es ist die -Vorliebe für gewisse Bindewörter, die er gebraucht, um die Spannung des -Lesers zu steigern oder herabzustimmen. Am auffallendsten ist das -unzählige Mal wiederkehrende »dergestalt daß«, das er als anschaulichere -Redeweise dem nüchtern »so daß« vorzieht. Durch alle Erzählungen läßt -sie sich verfolgen, im Kohlhaas allein sind ohne große Mühe ein Paar -Dutzend Beispiele dafür aufzufinden. Nicht minder häufig ist der -Gebrauch von »gleichwohl«, wo es eine Bedingung, einen unerwarteten -Gegensatz ankündigen soll, den man mit »dennoch, dessen ungeachtet« -einleiten würde. Ferner die gleichzeitige Ereignisse oder Erwägungen -vorführende Redensart »nicht sobald -- als«, für »kaum, in dem -Augenblick als«; ebenso »inzwischen«, dann das gleichgültige oder -ungeduldig abweisende »gleichviel«, das bedingende »falls« für »wenn.« -Alle diese Lieblingswendungen sind auch den Dramen, namentlich dem -prosaischen Dialog, nicht fremd.[11] Dagegen hat sich Kleist von einem -andern Fehler, dem auch die Größten verfallen sind, um so reiner -erhalten, von widerlich störender Wortmengerei. Fremdwörter braucht er -in der Regel nur da, wo etwa Kunstausdrücke unvermeidlich sind, überall -bietet sich ihm an der rechten Stelle das rechte deutsche Wort ungesucht -dar. Hier übertrifft er Schiller und den alternden Goethe bei weitem. Es -ist der Ausdruck seiner deutschen Natur; eben darum greift er auch -bisweilen selbst im Verse zu Provinzialismen, die nichts weniger als -edel, aber sehr bezeichnend sind. - -Faßt man dies Alles zusammen, den künstlerischen Bau der Perioden, seine -Vorliebe für die mittelbare Rede, die Reinheit seines Ausdruckes, die -unbewußten stilistischen Gewohnheiten, so gewinnt man eine Anzahl von -Merkmalen, nach denen sich mit ziemlicher Gewißheit feststellen läßt, ob -man es mit Kleist's Wort und Schrift zu thun habe oder nicht. - - - - - II. - - -Die vier satirischen Briefe bilden gewissermaßen ein dramatisches -Ganzes, sehr verschiedene Personen sprechen sich über dieselben -Ereignisse, jede in ihrer Weise aus. Der rheinbündische Officier, das -Landfräulein, der Burgemeister; diesen ironischen Charakteren steht der -politische Pescherü mit seinen einfachen Betrachtungen als Chor -gegenüber. Der erste Brief ist in kurz abschneidender französirender -Standessprache geschrieben. Das Landfräulein schreibt, wie schon der -Eingangssatz beweist, in der verschlungenen Weise Kleist's; -architectonisch durchgeführt sind Perioden wie die »Allein, wenn die -Ansicht u. s. w.« oder: »Aber die Beweise, die er mir, als ich zurückkam -u. s. w.«, denen die beiden letzten des Briefes, mit ihrem »inzwischen« -und »gleichwohl« an die Seite gestellt werden können. In dem Schreiben -des Burgemeisters (I, 1, 3) gilt es, die pedantische Langstiligkeit -amtlicher Erlasse darzustellen; der Wortschwall ironisirt sich selbst, -er soll betäuben und über die Schmählichkeit des Inhalts täuschen. -Bezeichnend ist die unübersehbare Periode: »Indem wir euch nun diesem -Auftrage gemäß u. s. w.« - -Der Brief des politischen Pescherü (I, 1, 4) stellt neun genau abgefaßte -Fragen auf; in der fünften heißt es: »Ist er es, der den _König_ von -Preußen -- zu Boden geschlagen hat, und auch selbst nach dem Frieden -noch mit seinem _grimmigen Fuß auf dem Nacken_ desselben _verweilte_«? -Diese Bezeichnung vollständigster Vernichtung ist ein Lieblingsbild -Kleist's. Im fünften Auftritt der Penthesilea sagt Asteria: - - Den _Fußtritt_ will er, und erklärt es laut, - _Auf deinen königlichen Nacken setzen_; - -im neunten Auftritt wiederholt Penthesilea: - - Laßt ihn den _Fuß gestählt_, es ist mir recht, - _Auf diesen Nacken setzen_! - -Und die Hermannsschlacht beginnt mit den Worten: - - Rom, dieser Riese, der -- - _Den Fuß auf_ Ost und Westen _setzet_, - Des Parthers muthgen _Nacken_ hier, - Und dort den tapfern Gallier _niedertretend_. - -Unter 7 heißt es im Briefe: »Ist er es, der -- Preußen, _den letzten -Pfeiler Deutschlands sinken_ sah« --? Und in den ersten Versen der -Hermannsschlacht: - - Und Hermann der Cherusker endlich, - Zu dem wir, als _dem letzten Pfeiler_ uns - Im allgemeinen _Sturz Germanias_ geflüchtet -- - -Endlich in der neunten Frage wird auf den Kaiser Franz folgendes -Gleichniß angewendet: »der wie Antäus, _der Sohn der Erde, von seinem -Fall erstanden ist, um_ das Vaterland _zu retten_.« In dem Gedichte vom -1. März 1809 an denselben singt Kleist: - - O Herr, du trittst, der Welt _ein Retter_, - Dem Mordgeist in die Bahn, - Und wie _der Sohn der_ duftgen _Erde_ - _Nur sank, damit_ er stärker werde, - _Fällst du_ von Neu'm ihn an.[12] - -Die Fabel »die Bedingung des Gärtners« entspricht in ihrer Fassung den -beiden Fabeln, die 1808 im Phöbus erschienen. - -In ganz anderem Ton ist das »Lehrbuch der französischen Journalistik« -gehalten. Obgleich die knappe Form dieser geschlossenen Reihe von -Erklärungen, Lehrsätzen, Aufgaben und Beweisen der entfalteten Rede -keinen Raum gestattet, so haben sich doch auch hier die -Lieblingswendungen eingeschlichen. Es ist bekannt, welche Neigung Kleist -für diese Darstellungsweise und den strengen Beweis hatte. Wie er zuerst -meinte, seine Lebensaufgabe auf dem Gebiete der Mathematik gefunden zu -haben, so ist er auch später, namentlich in den Briefen, geneigt, wo die -Leidenschaft nicht durchbricht, seine Gedanken in streng logische -Formeln zu bringen. Leider ist das Lehrbuch der Journalistik in 25 -Paragraphen unvollständig. Wahrscheinlich hatte er es zu Ende geführt, -doch sind die letzten Blätter verloren gegangen. Den obersten -Grundsätzen und Definitionen folgt im Paragraph 10 die Eintheilung der -Journalistik mit dem ersten Capitel: »Von der Verbreitung der -wahrhaftigen Nachrichten« in zwei Artikeln »von den guten und den -schlechten Nachrichten«; ein zweites Capitel von der Verbreitung -falscher Nachrichten mußte folgen, und dieses fehlt. - -In dem »Katechismus der Deutschen« hat Kleist die Einförmigkeit des -katechisirenden Tons, in dem die Antwort das Echo der Frage ist, so zu -beleben gewußt, daß er durchaus charakteristisch wird, und einzelne -Redewendungen von Vater und Sohn an den dramatischen Dialog, etwa die -einfachen Gegenreden Käthchens in der ergreifenden Scene mit ihrem Vater -erinnern.[13] Auch andere Anklänge fehlen nicht. Die Schilderung des -Erzfeindes findet an mehr als einer Stelle ihr Seitenstück. Sie lautet -7: »Als _einen der Hölle entstiegenen Vatermörder_, der herumschleicht -_in dem Tempel der Natur und an allen Säulen rüttelt_, auf welchen er -gebaut ist.« Im Käthchen von Heilbronn schleudert der alte Theobald dem -Grafen Strahl folgende Worte zu: - - Ein glanzumflossener _Vatermördergeist_, - _An jeder der_ granitnen _Säulen rüttelnd_, - _In dem_ urewigen _Tempel der Natur_, - Ein Sohn _der Hölle_, den u. s. w. - -In der Hermannsschlacht sind Raub, Brand und Mord ein -»_höllenentstiegener_ Geschwisterreigen« und in dem Gedichte »Germania -an ihre Kinder« ist es »eines _Höllensohnes_ Rechte«, die das eiserne -Joch der Knechtschaft auferlegt. Im Katechismus 9 soll, wer weder liebt -noch haßt, wenn es sich um die Freiheit des Vaterlandes handelt, in die -tiefste, siebente Hölle, in der Hermannsschlacht der Verräther in die -neunte Hölle stürzen. Dort wird die Frage verneint, ob nicht »das Blut -vieler tausend Menschen nutzlos geflossen, die _Städte verwüstet_ und -_das Land verheert_ worden sei«, wenn man im Kampf unterliege. In -dichterischer Sprache wird derselbe Einwand abgewiesen »Germania und -ihre Kinder«: - - Nicht die Flur ist's, die zertreten - Unter ihren Rossen sinkt, - Nicht der Mond, der in den Städten - Aus den öden Fenstern blinkt, - Nicht das Weib, das mit Gewimmer - Ihrem Todeskuß erliegt.[14] - -Die drei folgenden Stücke (I, 2, 1-3) sind nicht blos ein persönlicher -Gefühlserguß, sondern Aufrufe an das Volk, die Kampf und Rache erwecken -sollen. Das erste kündet sich als »Einleitung« einer Zeitschrift an, und -ist im Tone der glühendsten vom Hasse eingegebenen Beredsamkeit -geschrieben; der Erzherzog Karl ist der volksthümliche Held, »_der -Bezwinger des Unbezwungenen_«, oder, wie er in dem Siegesliede nach der -Schlacht von Aspern genannt wird, »der _Ueberwinder des -Unüberwindlichen_.« Germania soll der Name dieser Zeitschrift sein; -»_Hoch auf den Gipfel der Felsen_ soll sie sich stellen, und den -_Schlachtgesang herabdonnern ins Thal_«, wie in dem Gedichte Germania -ihren Kindern zuruft: - - Mit dem Spieße, mit dem Stab - Strömt _ins Thal der Schlacht hinab_! - -- -- - _Das Gebirg hallt donnernd_ wieder -- - -- -- - Und vom _Fels herab_ der Ritter, - Der sein Cherub, _auf ihm steht_. - -Die Germania der Zeitschrift will singen: »Vaterland, -- welch _ein -Verderben seine Wogen_ auf dich _heranwälzt_.« In dem letzten Lied - - Kommt _das Verderben_ mit entbundenen _Wogen_ - Auf Alles, was besteht, _herangezogen_. - -Jene will »_die Jungfrauen des Landes herbeirufen_, wenn der Sieg -erfochten ist, daß _sie sich_ niederbeugen über die, so gesunken sind«; -und das Lied an den Erzherzog Karl nach der Schlacht bei Aspern singt: - - Siehe, die _Jungfraun rief ich herbei des Landes_, - Daß sie zum Kranz den Lorbeer flöchten.[15] - -Der Grundton der Einleitung ist in dem Gedicht Germania zum gewaltigen -Schlachtgesang geworden, und kaum wird man sich der Ueberzeugung -verschließen können, gerade für die Eröffnung dieser Zeitschrift sei es -geschrieben worden. Der Schluß der Einleitung fehlt; dagegen scheint das -folgende Stück, das ohne Ueberschrift mit dem aus einer andern Schrift -entlehnten Aufrufe »Zeitgenossen!« beginnt, von Kleist selbst nicht -abgeschlossen zu sein, wenigstens die Abschrift ist nicht vollständig, -denn mit dem Ausrufe »Was?« bricht der Text mitten auf der Seite ab. Es -sollen diejenigen, die sich auf den Trümmern des Vaterlandes in die -bequeme Ruhe der Ungläubigkeit einwiegen, aufgeschreckt und ihnen die -Augen über den Abgrund, an dem sie stehen, geöffnet werden. Das Ziel des -Kampfes wird bezeichnet in dem Aufruf »Was gilt es in diesem Kriege?« -Wenn es heißt: »Deren (der deutschen Nation) Unschuld selbst in dem -Augenblick noch, da der Fremdling sie belächelt oder wohl gar -verspottet, sein Gefühl geheimnißvoll erweckt, dergestalt daß« -- so -giebt dazu die Hermannsschlacht ein treffendes Beispiel, wo der Römer -von dem Deutschen sagt: - - In einem Hämmling ist, der an der Tiber graset, - Mehr Lug und Trug, muß ich Dir sagen, - Als in dem ganzen Volk, dem er gehört.[16] - -Erst im Zusammenhange mit den früheren Stücken erscheint dieser Aufruf, -der weder abgeschlossen noch auch das bedeutendste Stück ist, im rechten -Lichte; um so weniger ist zu begreifen, wie Bülow gerade dies zur Probe -mittheilen konnte, um dadurch seine Verurtheilung der anderen -gehaltreicheren Blätter zu rechtfertigen. - -Mit den bekannten politischen Gedichten Kleist's stehen diese Aufsätze -in nächster Verbindung; sie sind der Ausdruck derselben Zeit und -Stimmung, wie die Hermannsschlacht von 1808, die Gedichte an den Kaiser -Franz und den Erzherzog Karl aus dem Frühjahr 1809, und Germania an ihre -Kinder. Der erste satirische Brief ist unter der Einwirkung des -beginnenden Krieges von 1809 geschrieben, wie die Hindeutung auf die -unglücklichen Kämpfe um und in Regensburg vom 19. bis 23. April beweist; -Napoleons siegverkündendes Bülletin, dessen erwähnt wird, ist vom 24. -April datirt. Der vierte Brief schließt sich an einen Artikel des -Nürnberger Korrespondenten aus denselben Tagen an. Die österreichischen -Landwehren, welche die Fabel anredet, waren durch Erlaß vom 9. Juni 1808 -ins Leben gerufen; die Erhebung der Spanier, auf welche die Ueberschrift -des Katechismus anspielt, hatte im Mai 1808, der Tiroler, deren im Text -gedacht wird, am 9. April 1809 begonnen. Dagegen findet sich nichts, was -auf den Sieg von Aspern am 21. und 22. April 1809 hinwiese. Also diese -fünf Stücke werden Ende April oder Anfang Mai entstanden sein. Ganz -anders lautet der Ton nach der Schlacht von Aspern in der Einleitung zur -Germania; der erste Athemzug der deutschen Freiheit sollte diese -Zeitschrift sein. Derselben Zeit gehören auch die beiden andern Nummern -an. Da folgte die Schlacht von Wagram, und Sieg und Hoffnung, Muth und -Zuversicht, Kraft und Begeisterung sind wiederum mit einem Schlage -vernichtet. - -Den Versuch, den Kleist in Prag 1809 machen wollte, durch eine -Zeitschrift auf die Volksstimmung zu wirken, hat er einmal vorher 1808 -in Dresden, ein anderes Mal nachher 1810 in Berlin wirklich gemacht. -Dort sollte es eine künstlerisch wissenschaftliche, hier eine -vaterländische sein. Jenes ist der Phöbus, »ein Journal für die Kunst,« -zu dessen Herausgabe er sich mit Adam Müller und dem Maler Ferdinand -Hartmann verbunden hatte, dieses die »Berliner Abendblätter.« Prächtig -ausgestattet, auf weißem Papier in Quart, groß gedruckt, mit -kupfergestochenen Umrissen erschien der Phöbus in monatlichen Heften, -auf deren Umschlag der emporsteigende Sonnengott mit seinem Viergespann -zu sehen war. Kleist erblickte wirklich eine neue Hoffnungssonne in -diesem Unternehmen. Aus der Zeitschrift sollte eine Buch-, Karten- und -Kunsthandlung erwachsen, in die er und seine Freunde nach dem Vorbilde -der Fugger und Medici alles hineinwerfen sollten, was man auftreiben -könne. Dichter und Buchhändler zugleich zu sein, darin lag die Hoffnung -des großen Looses; außerdem war Novalis Nachlaß, Beiträge von Goethe und -Wieland zugesagt. Ruhmredig pries Adam Müller seinem Freunde Gentz, daß -es wohl noch keine ähnliche Verbindung der Poesie und Philosophie und -der bildenden Kunst gegeben, und meinte jede Vergleichung mit den Horen, -als »einer Art von sonntäglicher Retraite oder Ressource«, und selbst -mit dem Athenäum abweisen zu können. Dennoch war es kein Treffer; die -gehofften Mittel und Beiträge blieben aus, mit der Mißgunst der -Buchhändler waren die noch mißgünstigeren Zeitumstände im Bunde, und -schon im August 1808 ward es Kleist deutlich, das Journal werde sich auf -die Dauer nicht halten. Am Ende war man zufrieden, es der Waltherschen -Buchhandlung in Dresden überlassen zu können, und mit dem zwölften -Monatshefte des Jahres 1808 hörte es auf. Für uns liegt der überwiegende -Werth desselben darin, daß Kleist es zur ersten Niederlage seiner -bedeutendsten Dichtungen gemacht hat.[17] - -In dem unscheinbarsten Gewande, der Zeit angemessen, wo man alle -Veranlassung hatte, geräuschlos zu wirken, traten die Berliner -Abendblätter seit dem 1. October 1810 auf. Klein Octav, graues -Löschpapier, stumpfe Lettern, die von mittlerer Größe, unter Anwendung -aller Hülfen der Raumersparniß, bis zu den kleinsten Augentödtern -hinabstiegen, durch zahllose Druckfehler entstellt, bieten sie einen -ungemein kümmerlichen Anblick dar; äußerlich stehen sie auf einer Stufe -mit dem bekannten Berliner Localblatte, der Beobachter an der Spree. -Kein Programm war vorangeschickt, das über den Zweck des Blatts -Andeutungen gegeben hätte, selbst in der ersten Nummer nannten sich -weder Redacteur noch Buchdrucker, und erst unter dem 22. October trat -Kleist in einer von ihm unterzeichneten Erklärung aus dem Dunkel hervor, -während die buchhändlerische Spedition von J. E. Hitzig übernommen -wurde. Diese dürftigen Blätter haben einige bekannte Dichtungen Kleist's -in die Welt zuerst eingeführt; sie enthalten aber noch weit mehr, theils -unter seinem Namen, theils unter verschiedenen Zeichen, was nachher im -Sturm eines halben Jahrhunderts verweht und vergessen worden ist. Damals -wenig beachtet, sind sie jetzt ein wichtiges Hülfsmittel zur Litteratur -und Würdigung des Dichters. Doch gehört ein vollständiges Exemplar zu -den größten Seltenheiten des Büchermarkts. Tieck muß sie bei der -Herausgabe des Nachlasses noch gehabt haben; in der Vorrede sagt er, daß -sie »ungleich und oft flüchtig von verschiedenen Verfassern geschrieben, -doch manches Erfreuliche von ihm (Kleist) enthalten,« doch geht er auf -eine Ausscheidung desselben nicht ein.[18] Bülow erhielt beim Abschlusse -seines Buchs, wie er in der Vorrede sagt, noch ein Exemplar; doch ist es -entweder nicht vollständig gewesen oder von ihm nicht vollständig -benutzt worden, denn in dem Anhange giebt er nur zwei Stücke »über das -Marionettentheater« und »eine Anekdote aus dem letzten preußischen -Kriege«; das Uebrige bezeichnet er »als unbedeutende gelegentliche -Aufsätze und Bemerkungen.«[19] Auch der neueste Herausgeber Julian -Schmidt hat der Abendblätter nicht habhaft werden können. Ich würde mich -in gleicher Lage befinden, wenn mich nicht Herr Freiherr W. v. Maltzahn -durch die freundschaftliche Mittheilung derselben aus seinem reichen -Bücherschatze in den Stand gesetzt hätte, diese verschüttete Quelle -durch eigene Untersuchung wieder zu öffnen. Vor mir liegen 75 Blätter -vom 1. October bis 28. December 1810, ein volles Quartal. Aber wie sich -aus dem Briefe Kleist's an F. v. Raumer vom 21. Februar 1811 in dessen -kürzlich erschienenen Lebenserinnerungen und Briefwechsel ergiebt, sind -die Abendblätter erst gegen Ende dieses Monats eingegangen; die letzten -Nummern scheinen ganz verschollen zu sein. Mitarbeiter waren Adam -Müller, A. v. Arnim, Brentano, Friedrich Schulz, Fouqué und einige -andere. Doch litt das Unternehmen an innerer Planlosigkeit, es brachte -bunt zusammengewürfelte Artikel über Fragen der innern Politik und das -Theater, dichterische Beiträge und Polizeiberichte, und scheiterte -zuletzt an dem Zerwürfniß mit den obersten Staatsbehörden, auf deren -Unterstützung Kleist nicht ohne Selbsttäuschung gerechnet hatte, wie -seine leidenschaftliche Anklage F. v. Raumers beweist. - -Er selbst hat zahlreiche und sehr verschiedenartige Beiträge geliefert. -Aus der Ermittelung und Zusammenstellung derselben wird sich eine nicht -ganz geringe und kaum noch gehoffte Nachernte ergeben, die ich mit den -vorher besprochenen handschriftlichen Bruchstücken zu einem Ganzen -verbinde. - -Einiges steht durch die Unterzeichnung, anderes durch den Inhalt fest. -Durch sein offenkundiges H. v. K. bekennt er sich am 5. October zu der -»Ode auf den Wiedereinzug des Königs im Winter 1809«; am 17. October zu -dem Artikel »Theater. Unmaßgebliche Bemerkung«; am 12. December zu dem -Aufsatze »über das Marionettentheater.« Anerkannt hat er durch Aufnahme -in den zweiten Band der Erzählungen 1811 »das Bettelweib von Locarno« -vom 11. October, und »die heilige Cäcilie oder die Gewalt der Musik, -eine Legende« hier mit dem Zusatze »Zum Taufangebinde für Cäcilie M....« -vom 15. November, die erste mit ^mz^, die andere ^yz^ unterzeichnet. Er -wandte also verschiedene Schriftstellerzeichen an, je nachdem er -erkannt, errathen oder verborgen bleiben wollte. Die Wahl solcher -Chiffern ist freilich durchaus willkürlich, und der Versuch ohne -anderweitige Bürgschaft aus ihnen einen Schluß auf den Verfasser zu -ziehen, wäre sehr mißlich. Doch sollte der Schriftsteller in diesen -Dingen auch kein entschiedenes System gehabt haben, dennoch wird man -irgend eine Art von Folgerichtigkeit annehmen dürfen; wahrscheinlich -werden die einmal gebrauchten Zeichen, sei es in etwas abweichender oder -derselben Verbindung wiederkehren. Auch Kleist wird die Buchstaben ^m^, -^x^, ^y^, ^z^ wiederholt angewendet haben, und wenn ihnen Auffassung und -Darstellung zustimmen, wird man mit annähernder Gewißheit aussprechen -können, ob ein Stück von ihm sei oder nicht. - -Zunächst nach diesen äußeren Zeichen stelle ich die Aufsätze zusammen: -^xy^ ist unterzeichnet der Artikel »Theater« vom 4. October (I, 4, 4 -dieser Nachlese). ^x^: die »Einleitung, Gebet des Zoroaster« vom 1. -October (I, 2, 4); »Anekdote aus dem letzten Kriege« vom 20. October (I, -3, 6); »von der Ueberlegung, eine Paradoxe« vom 7. Decbr. (I, 2, 5). -^y^: »Brief eines Mahlers an seinen Sohn« vom 22. October (I, 4, 2); -»Schreiben aus Berlin vom 28. October« unter dem 30. Oct. (I, 4, 6); -»Brief eines jungen Dichters an einen jungen Mahler« 6. November (I, 4, -3). ^z^: »Betrachtungen über den Weltlauf« 9. October (I, 2, 6). ^xyz^: -»Der Branntweinsäufer und die Berliner Glocken, eine Anekdote« 19. -October (I, 3, 7). Das Zeichen ^mz^ erscheint in Verbindung mit ^r^. -^rmz^ ist gezeichnet »Nützliche Erfindungen, Entwurf einer Bombenpost« -12. Octbr. (I, 5, 2); ^rm^ »Aëronautik« 29., 30. October (I, 5, 4). -^rz^: »Der verlegene Magistrat, eine Anekdote« 4. October (I, 3, 9). -^r^: »Muthwille des Himmels, eine Anekdote« 10. October (I, 3, 5). Ein -anderes Mal gesellt sich zu ^x^ noch ^p^. ^xp^ erscheint unter drei -Epigrammen, 24., 31. October (II, 3, 3). - -Hier verlassen uns diese Spuren; doch nehme ich für Kleist noch eine -Anzahl Stücke, die entweder völlig abweichende oder gar keine Zeichen -haben, aus inneren Gründen in Anspruch. Zwei gereimte Epigramme, 12., -30. Octbr. (II, 3, 3) unter ^st^. Zu dem Aufsatz »Empfindungen vor -Friedrich's Seelandschaft« (I, 4, 1) ^cb^ unterzeichnet, hat er sich in -der folgenden Erklärung vom 22. October selbst bekannt: »Der Aufsatz der -Hrn. L. A. v. A. und C. B. über Hrn. Friedrich's Seelandschaft (S. 12te -Blatt) war ursprünglich dramatisch abgefaßt; der Raum dieser Blätter -erforderte aber eine Abkürzung, zu welcher Freiheit ich von Hrn. A. v. -A. freundschaftlich berechtigt war. Gleichwohl hat dieser Aufsatz -dadurch, daß er nunmehr ein bestimmtes Urtheil ausspricht, seinen -Charakter dergestalt verändert, daß ich zur Steuer der Wahrheit, falls -sich dessen jemand noch erinnern sollte, erklären muß: nur der Buchstabe -desselben gehört den genannten beiden Hrn.; der Geist aber und die -Verantwortlichkeit dafür, so wie er jetzt abgefaßt ist, mir. H. v. K.« - -In dieser Erklärung liegt ein Widerspruch. Hatte er Arnim's und -Brentano's Dialog (denn das allein kann mit der »dramatischen« Form -gemeint sein) in diese Betrachtung umgesetzt, so gehörte ihm sicherlich -auch der Buchstabe an; sein Stil ist es unverkennbar. Durch das Zeichen -^cb^ wollte er, wie es scheint, Clemens Brentano's Autorschaft wahren. - -Kleist gehören ferner an: ^vaa^ bezeichnet die Erzählung »Warnung gegen -weibliche Jägerei« 5., 6. November (I, 3, 1); ^ava^, eine Umstellung des -vorigen, »die sieben kleinen Kinder« 8. Nov. (I, 4, 7); M. F. die beiden -Erzählungen »die Heilung« vom 29. November und »das Grab der Väter« 5. -December (I, 3, 2. 3); und »Allerneuester Erziehungsplan« unterzeichnet -Levanus 29. October (I, 5, 1). Ohne jedes Zeichen sind folgende Stücke: -»Der Griffel Gottes«, eine Anekdote 5. October (I, 3, 4); »Anekdote aus -dem letzten preußischen Kriege« 6. October in Bülow's Nachtrag; -»Charité-Vorfall« 13. October (I, 3, 10); »Schreiben aus Berlin« 15. -October (I, 5, 3); »Anekdote« 24. October (I, 3, 11); »Räthsel« eine -Anekdote, 1. Novbr. (I, 3, 12); »Tages-Ereigniß« 7. Novbr. (I, 3, 8); -»von einem Kinde, das kindlicher Weise ein anderes Kind umbringt« 13. -November (I, 4, 8); »Legende nach Hans Sachs. Gleich und Ungleich« 3. -November; und »Legende nach Hans Sachs. Der Welt Lauf.« 8. December (II, -1, 2); endlich zwei Anekdoten, 22. November und 27. November (I, 3, 13. -14). - -Diese Aufsätze, nach Werth und Inhalt sehr ungleich, gehen von der -höchsten Betrachtung bis zur niedrigen Tagesanekdote hinab. Mit manchem -Beitrag ist es ihm durchaus Ernst, andere sind nichts als Raumfüller und -Lückenbüßer. Um den Beweis anzutreten, sie alle seien von einem -Verfasser, und zwar von Kleist, war es nöthig, das Gleichartige in eine -Klasse zu bringen; schon daraus mußte sich manches ergeben, was für die -innere Zusammengehörigkeit spricht. Ich habe sie nach der prosaischen -und dichterischen Form in zwei Abtheilungen geschieden, deren erste -enthält: 1. Politische Satiren, 2. Politische Aufrufe und Betrachtungen, -3. Erzählungen und Anekdoten, 4. Kunst und Theater, 5. Gemeinnütziges; -worauf die wenigen versificirten Stücke unter dem zweiten Haupttitel -folgen. - -Zu dem Politisch Historischen gehören drei Beiträge: die »Einleitung, -Gebet des Zoroaster«, »von der Ueberlegung, eine Paradoxe« und -»Betrachtungen über den Weltlauf« (I, 2, 4-6). Daß der Führer des -Blattes die Einleitung geschrieben habe, läßt sich ohne Weiteres -annehmen; sie athmet ganz seinen Geist in dem Ingrimm über das Elend des -Zeitalters, die Erbärmlichkeit, Halbheit, Unwahrhaftigkeit und -Gleißnerei, zu deren Bekämpfung er um Kraft betet. Denselben praktischen -Zweck hat die Paradoxe; sie gilt den Deutschen, und findet im Gegensatze -zu den Franzosen den Quell ihres Elends in dem unverhältnißmäßigen -Uebergewicht der gepriesenen Ueberlegung, die den lähmenden Zwiespalt -zwischen Denken und Handeln hervorruft. Wie im Katechismus richtet ein -Vater diese Rede an seinen Sohn. »Die Ueberlegung,« sagt er »scheint nur -die _zum Handeln_ nöthige _Kraft, die aus dem herrlichen Gefühle -quillt_, zu verwirren, zu hemmen und zu unterdrücken.« Aehnlich im -Katechismus 9: »Sie (die Deutschen) reflectirten, wo sie empfinden, oder -handeln sollten, meinten alles durch ihren Witz bewerkstelligen zu -können, und gäben nichts mehr auf _die_ alte _geheimnißvolle Kraft der -Herzen_.« Dort wie hier spielt das Gleichniß vom Ringer durch. In der -Paradoxe heißt es: »Der _Athlet_ kann _in dem Augenblick_, da er seinen -Gegner umfaßt hält, schlechterdings nach keiner andern Rücksicht -- -verfahren -- aber nachher, wenn er gesiegt hat oder _am Boden_ liegt, -mag es zweckmäßig sein -- zu überlegen, durch welchen Druck er seinen -Gegner _niederwarf_.« Und im Katechismus 7: »Das wäre ebenso feig, als -ob ich die Geschicklichkeit, die einem Menschen im _Ringen_ beiwohnt, -_in dem Augenblick_ bewundern wollte, da er mich _in den Koth wirft_ und -mein Antlitz mit Füßen tritt.« Derselbe Gedanke endlich, Kraft und That -seien früher als Erkenntniß und Betrachtung, das politische Handeln -älter als dessen Darstellung durch die Kunst, die Reflexion das Zeichen -des Verfalls und der Ohnmacht, erhebt sich in den »Betrachtungen über -den Weltlauf« zur geschichtsphilosophischen Höhe. Stilistisch sprechen -die langen Perioden, in dem letzten Stück der indirecte Satz mit seinem -fünfmaligen -- »daß« -- für Kleist. - -Unter I, 3, 1-3 folgen drei etwas ausgeführtere Erzählungen »Warnung -gegen weibliche Jägerei« ^vaa^, »die Heilung« und »das Grab der Väter«, -beide M. F. gezeichnet. Das könnte etwa auf Fouqué zu deuten scheinen, -doch hat dieser nur wenige unbedeutende Zeilen unter d. l. M. F. -beigesteuert; auch hat der Stil durchaus nichts von seiner Manier. Diese -drei Erzählungen gehören zusammen, sie sind von einem Verfasser; in -allen dieselbe Anschaulichkeit, dieselbe Lebendigkeit der Darstellung, -verschlungene Perioden und indirect wiederholte Reden und Betrachtungen. -Mit ungemeiner Kraft, höchst ergreifend ist in der »Heilung« die Spitze -der ganzen Begebenheit in eine einzige Periode zusammengedrängt: »Wie -mußte nun dem Leichtsinnigen zu Muthe werden«, u. s. w. die in wenigen -Strichen ein Grauen erregendes Bild vorführt. Auch »dergestalt daß« -fehlt hier nicht. In gleicher Weise wird in dem »Grab der Väter« die -Summe des Ganzen in einem Bilde, in einer Periode ausgesprochen. »Da -standen sie aber plötzlich« u. s. w. Die erste Erzählung ist mehr -humoristischer Natur. Alle drei stehen auf der Grenze der Erzählung und -Anekdote und schließen sich insofern dem »Bettelweib von Locarno« an, -einer Anekdote spukhaften Inhalts, welche die Reihe dieser kleinen -Skizzen, die den Rahmen des Blattes füllen, eröffnet. - -Es folgt eine Gallerie von elf Anekdoten verschiedenen Inhalts, zum -Theil als solche bezeichnet; einige sehr charakteristisch und -unmittelbar dem Leben entlehnt, der Form nach Papierschnitzel, die -nebenher vom Schreibtisch abgefallen waren. Manche mochten Züge sein, -die zu künftiger Verwendung in irgend einem größeren Bilde vorläufig -hingeworfen waren. »Der Griffel Gottes« (I, 3, 4), ohne Unterzeichnung, -trägt das Gepräge einer solchen Notiz zu einer später auszuführenden -Erzählung. Ins Lächerliche wird das Grausige verkehrt in der Anekdote -»Muthwille des Himmels« ^r.^, in der man Kleist's Feder wieder erkennen -wird. Auch spricht der Schauplatz dafür, seine Vaterstadt Frankfurt an -der Oder, wo er dies Geschichtchen gehört haben mochte. Es ist wie die -folgenden 6 bis 9 eine der beliebten Militairanekdoten. Kleist war -diesen Kreisen, seiner abweichenden Denk- und Lebensweise ungeachtet, -nicht entfremdet; noch 1810 war von seinem Rücktritt in den Dienst in -allem Ernst die Rede.[20] Bei der lebhaften Theilnahme, die man nach -altpreußischer Ueberlieferung an militairischen Dingen nahm, und der -Beschränkung, der die Tagesblätter damals doppelt unterlagen, war es -nicht zu verwundern, wenn kleine Soldatengeschichten, Witze und -Disciplinarfälle einen willkommenen Stoff darboten. War doch der Soldat -neben dem Schauspieler der einzige öffentliche Charakter! Eine -eigenthümliche Art dieser Anekdoten bilden die Züge der Tapferkeit -Einzelner, die man aus den Nachrichten des letzten Krieges zu sammeln -begann. Zum Troste über die Vergangenheit, daß der alte Geist wieder -erwachen werde, suchte man sie auf. In dem Sinne nahm Kleist diese -kleinen Geschichten; den unter der Asche glimmenden Funken dachte er -wohl mit solchen Erinnerungen, soweit er vermochte, zu unterhalten. Von -den beiden Anekdoten aus dem letzten preußischen Kriege ist die erste, -die Bülow bereits mitgetheilt hat, gar nicht, die zweite ^x^ -unterzeichnet. Mit dieser dramatischen Lebendigkeit konnte nur Kleist -den preußischen Husaren vorführen, der in der Nähe des siegreichen -Feindes seinen Danziger mit größter Seelenruhe trinkt, sich schnäuzt, -die Pfeife anzündet, über die Feinde herfällt, daß sie die »Schwerenoth -kriegen« sollen, und auf drei französische Chasseurs »dergestalt« -einhaut, »daß« sie aus dem Sattel stürzen. Die Umständlichkeit des -dramatisch gehaltenen Gesprächs, das regelmäßig wiederkehrende »spricht -er« für »sagte er« erinnert lebhaft an den Dialog zwischen Eva und dem -Dorfrichter in der zweiten Bearbeitung des zerbrochenen Krugs. Wenn er -sagt, auf der Reise nach Frankfurt habe er diese Geschichte in einem -Dorfe bei Jena gehört, so konnte das damals geschehen sein, als er im -Frühjahr 1807 nach Joux als Gefangener geführt wurde. Verwandt (und -wieder nicht ohne »dergestalt daß«) aber cynisch und hoch humoristisch -ist die Anekdote 6. Gleichgültiger sind die drei folgenden Geschichten, -militairische Disciplinarfälle; 7 ^xyz^, 8 ohne Zeichen, 9 ^rz^. -Komischen Inhalts sind die fünf letzten Anekdoten; 10, eine -Tagesneuigkeit, zugleich eine Satire auf die Aerzte; 11 bis 14 sämmtlich -ohne Zeichen, doch durch »gleichwohl« und »dergestalt daß« hinreichend -kenntlich gemacht. - -Der vierten Abtheilung »Kunst und Theater« gehören acht Nummern an. Die -beiden Briefe »eines Mahlers an seinen Sohn«, und »eines jungen Dichters -an einen jungen Mahler«, mit ^y^ bezeichnet, gehören zu einander. Der -erste, der ironisirend in dem einfachen Stil des kunstliebenden -Klosterbruders beginnt, um cynisch zu enden, ist ein Ausfall gegen die -junge Malerschule, der Gemüth und Andacht, Beruf und Studium ersetzen -soll. Im zweiten fordert der Dichter den Maler auf, von dem -verhimmelnden Nachbilden alter Meister abzustehen, weil der Künstler -sein eigenes Innerste zur Anschauung bringen solle, da das wesentlichste -Stück der Kunst »die Erfindung nach eigenthümlichen Gesetzen« sei. Die -Dichtung soll mit der Malerei auseinandergesetzt werden. Schon im Phöbus -hatte Kleist in einer Anmerkung zu dem Gedichte nach Hartmanns Gemälde -»der Engel am Grabe des Herrn« etwas Aehnliches angekündet; er wollte in -dieser fortgesetzten Verbindung zweier so verschiedener Kunstleistungen -eine Sammlung von Beispielen geben, an denen vielleicht die alte -wichtige Frage von den Grenzen der Malerei und Poesie erörtert werden -könne.[21] Die folgenden Nummern dieses Abschnitts sind, mit Ausnahme -der letzten Abhandlung »über das Marionettentheater«, gelegentliche -Bemerkungen, die durch das Berliner Theater veranlaßt wurden. Die erste -»Theater« ^xy^ (I, 4, 4) ist eine feine Kritik Iffland's, der sehr -vorsichtig als Manierist bezeichnet wird. Die Hinweisung auf Kant's -Kritik der Urtheilskraft an dieser Stelle läßt den Kantianer Kleist -sogleich errathen. In der »unmaßgeblichen Bemerkung« (I, 4, 5) tritt er -in seinem H. v. K. mit einem Angriffe auf die Theaterleitung offen -hervor. Die Direction soll wahre Kritik üben; ist sie geneigt, der Menge -zu schmeicheln, muß sie unter die Aufsicht des Staats gestellt werden. -Nicht ohne Gereiztheit spricht er gegen Iffland, dem er in Folge der -Zurückweisung des Käthchen von Heilbronn schon am 12. August 1810 einen -sarkastisch bittern Brief geschrieben hatte. Das »Schreiben aus Berlin -28. Oktober« ^y^ (»dergestalt, gleichwohl«) bei Gelegenheit der Oper -Aschenbrödel; »die sieben kleinen Kinder« ^ava^, worin vom Theater -größere Berücksichtigung des Volksthümlichen, besonders norddeutscher -Dialecte gefordert wird; der Artikel ohne Zeichen »Von einem Kinde, das -kindlicher Weise ein anderes Kind umbringt«, der an eine Anekdote -geknüpft eine anerkennende Erwähnung des Vierundzwanzigsten Februar von -Z. Werner enthält; das Alles sind mehr oder weniger Anklagen der -Direction des Berliner Theaters, in denen sich das feindliche Verhältniß -Kleist's und Iffland's abspiegelt. - -Endlich gemeinnützigen Inhalts sind die vier Nummern der fünften -Abtheilung: »Allerneuester Erziehungsplan«, »Entwurf einer Bombenpost« -^rmz^ (»dergestalt daß«), »Schreiben aus Berlin 15. Oktober« ohne -Zeichen (»gleichwohl«), »Aëronautik« ^rm^ (»dergestalt daß«). Der erste -Aufsatz trägt freilich nur die Maske der Gemeinnützigkeit, denn er ist -eine Satire gegen die neuesten Erziehungsreformatoren; gegen Ende werden -Pestalozzi und Zeller namentlich genannt. Schon in seinem Epigramme -hatte Kleist den Pädagogen das bittere Wort gesagt: - - Setzet, ihr träft's mit eurer Kunst und erzögt uns die Jugend - Nun zu Männern wie ihr: lieben Freunde, was wär's? - -Hier stellt er allen Plänen, die zum Heil der Menschheit gemacht werden, -den originellen und humoristischen Gedanken entgegen, statt der -Tugendschulen zur Abwechselung einmal Lasterschulen zu gründen und durch -die Macht des Gegensatzes zu wirken. Daß Kleist der Verfasser sei, -obgleich er in den einleitenden Worten und in den Anmerkungen als -Kritiker dieser »abentheuerlichen Unternehmung« spöttisch und vorsichtig -auftritt, beweist unzweifelhaft der periodisch ausgeführte Stil, -namentlich in den erzählenden Episoden, wo er einmal sogar auf sein -zeitweiliges Zusammenleben mit seiner Schwester anspielt. Die -Unterschrift Levanus ist eine ironische Hinweisung auf Jean Paul's -Levana, das Ganze kein geringer Beweis für seine satirische Ader. In den -drei folgenden Aufsätzen werden Telegraphie und Post, die Frage, ob der -Luftballon gelenkt werden könne, besprochen. Es sind Actenstücke zu -Kleist's Leben, der als Techniker und erfindungslustiger Planmacher -seine früheren Studien auf dem Gebiete der Naturwissenschaften praktisch -zu verwenden sucht. - -Eine viel geringere Ausbeute bieten die Abendblätter für die zweite -Hauptabtheilung; Beiträge in Versen sind die Ausnahme. Unter den drei -Stücken, als deren Verfasser ich Kleist erkenne, sind die beiden -Legenden nach Hans Sachs »Gleich und Ungleich« und »der Welt Lauf«, ohne -Zeichen, Holzschnitte in der Art des alten Meisters, dem nur die -Grundzüge angehören, und deren freie Behandlung nicht minder meisterhaft -ist.[22] Diese Verse erinnern an das Gedicht der Engel am Grabe des -Herrn; nur sind sie, dem Stoffe gemäß, in den humoristischen Ton -umgebogen. Der Dialog mit dem regelmäßig eingeschalteten »spricht er«, -die dramatisch lebendigen Gestalten des tölpelhaften Knechts und der -flinken Magd lassen Kleist's Hand nicht verkennen. In den fünf -Epigrammen ^xp^ und ^st^ wechseln, wie in seinen anerkannten, Frage und -Antwort; die Distichen sind metrisch hier wie dort gleich unbeholfen. - - - - - III. - - -Ueberblickt man diese Nachträge, so gehören sie, mit Ausnahme der -dramatischen, allen Stilgattungen Kleist's an; es sind Erzählungen in -Prosa und Versen, Dialoge, Briefe, Betrachtungen. Von einer neuen Seite -als Kritiker, bedeutender als Satiriker zeigt er sich; die Grundlage -seiner Satire ist der Patriotismus. Für Auffassung komischer Contraste -war er kaum minder befähigt als für die Behandlung des tragischen -Conflicts, nur ist seine Darstellung des Komischen schroff und gewaltsam -wie seine Tragik, es fehlt ihr die Ruhe und Behaglichkeit, die er auf -dem Gebiet der Erzählung so trefflich zu bewahren weiß, sie wird für die -Charaktere vernichtend, wie im zerbrochenen Kruge, wo man zweifeln kann, -ob der Hauptträger des Lustspiels noch komisch sei. Auch hier zeigt sich -eine Leidenschaftlichkeit, die zum Ingrimm steigt, sobald persönliche -Beweggründe hinzukommen. Wenn ihn die sittlichen Anforderungen, denen -gegenüber die Welt so klein und elend erschien, auf die Satire -hinleiteten, so drängte ihn seine Leidenschaft darüber hinaus zum -Pasquill. Seine Epigramme sind meist rein persönlicher Natur, zu Schutz -und Angriff für seine Dichtungen gegen die Kritiker gerichtet; sie sind -bitter und heftig. Nach der ungünstigen Aufnahme der Penthesilea und des -zerbrochenen Kruges schonte er weder Weimar noch Goethe. Ein Pasquill -sondergleichen war sein Brief an Iffland, ein »ungeheurer Witz« von der -Art, wie er ihn in der Anekdote aus dem letzten Kriege erzählt hat. Um -wie viel tödtlicher mußten seine Pfeile sein, wenn der Zorn für das -Vaterland sie entsandte, wenn er die ganze Wucht des Hasses auf den -Feind seines Volkes schleuderte. - -Wenn man sagen darf, der Mensch trage sein Schicksal in der eigenen -Brust, in seinen Anlagen sei es ihm beschieden, so gilt das von ihm. -Sehr verschiedene Elemente lagen in seiner Seele neben einander, er -bestand gewissermaßen aus mehreren Menschen; bald trat dieser bald jener -hervor, oder sie führten unter einander einen dämonischen Krieg, dem er -mit einer eisigen Selbstentäußerung zusehen konnte, als sei es ein Spiel -fremdartiger Gewalten. Und doch war die Gesammtheit dieser ringenden -Kräfte nichts anderes als er selbst. In doppeltem und dreifachem -Gegensatze fühlte er sich gegen Welt und Menschen, die er abwechselnd -mied, verachtete, haßte und bekämpfte. Eine rastlose Unruhe trieb ihn -zum Wirken in welcher Gestalt auch immer; aber ebenso zog es ihn in die -abgeschiedenen Räume rein geistiger Arbeit, die ihre Welt aus sich -auferbaut. Da lagen wieder zwei Wege vor ihm, beide gleich einladend; -für den einen drängte sich ihm der Verstand als Führer auf, während -Herz, Gefühl und Phantasie ihn auf den andern locken wollten. Er hatte -eine entschiedene Lust am Abstracten, die Dinge sich durch den -Schematismus des Verstandes zu unterwerfen, schien ihm der einzig -würdige Beruf, und während seine scharfe überall ins einzelne dringende -Beobachtung ihm die Welt als eine Masse zusammenhangsloser und doch -unfreier Atome zeigte, setzte er ihr den Stolz des unabhängigen Denkers -entgegen, der, auf die Allmacht des Gedankens trotzend, sich seine -Stelle erobern will. Er ist überzeugt, es sei möglich, das Schicksal zu -leiten, aus sich heraus will er seinen Lebensplan bilden; das -Kennzeichen eines freien Menschen, der nach sichern Principien handelt, -ist Consequenz, Zusammenhang und Einheit des Betragens. Wer keinen -Lebensplan hat, schwankt zwischen unsichern Wünschen und ist eine Puppe -am Drahte des Schicksals. Dieser Zustand scheint ihm verächtlich, bei -weitem wünschenswerther wäre ihm der Tod. Er wählt die Wissenschaft als -Führerin, und welche eher als die Philosophie, die dem bildungsgierigen -Jünger Sicherheit des Erkennens und Handelns zugleich verheißt? Aber -_die_ Wissenschaft erscheint doch nicht als Philosophie allein, sie -spaltet sich in viele Wissenschaften, und seines ersten Entschlusses -ungeachtet verfällt er bald dem Zweifel. Am Ende ziehen alle ihn in -gleicher Weise an. Soll er nur einer folgen? Aber er kann sich nicht -vergraben wie der Maulwurf im Loch, wie die Raupe einspinnen im Blatt. -Soll er ruhelos von einer zur andern gehen? Aber ebenso wenig vermag er -stets auf der Oberfläche zu schwimmen. Er leidet Tantalusqualen, weil er -in seinem Heißhunger nicht alles zugleich verschlingen kann, und voll -Widerwillen stößt er die ganze Mahlzeit von sich. - -Er sucht die Wahrheit, weil sie Wahrheit ist. Aber ist sie auf diesem -Wege zu finden? Was hat ihm die abstracte Wissenschaft nicht verheißen, -und was hat sie gehalten? Er wird ein Opfer der Zweifel, die sie -erweckt, es scheint ihm unmöglich irgend etwas zu wissen, irgend ein -Eigenthum zu erwerben, das uns über das Grab folgt, alles Mühen und -Ringen ist vergeblich; ihn ekelt vor Büchern und allem was Wissenschaft -heißt, möge man aufgeklärt oder unwissend sein, man hat dabei ebensoviel -verloren als gewonnen. Er beklagt die traurige Klarheit, die ihm -geworden, die ihm alles, was ihn umgiebt, und ihn selbst in seiner -armseligen Blöße zeigt. Der Verstand, die nagende Skeptik haben sich -selbst vernichtet: »Jede erste Bewegung, alles Unwillkürliche«, ruft er -aus, »ist schön, und schief und verschroben alles, sobald es sich selbst -begreift. O, der Verstand, der unglückliche Verstand! Studiere nicht zu -viel, folge dem Gefühl!« Hatte er doch schon früher bei seinen logischen -Studien geseufzt: »nur im Herzen, nur im Gefühle, nicht im Kopfe, nicht -im Verstande wohnt das Glück, es kann nicht wie ein mathematischer -Lehrsatz bewiesen werden.«[23] - -Aber noch ein Mittel giebt es, welches den Mann groß macht und über alle -Zweifel hinweghebt, es ist Handeln, das besser ist als Wissen; denn »es -liegt eine Schuld auf dem Menschen, die wie eine Ehrenschuld jeden, der -Ehrgefühl hat, unaufhörlich mahnt.« Auch ihn treibt der Ehrgeiz, dieses -gefährliche Ding, dessen Folgen für ein empfindliches Gemüth nicht zu -berechnen sind. Er durstet nach Thaten und Erfolgen auf irgend einem -Felde. Aber wie soll man handeln, wenn man nicht weiß, was recht ist? -Wird sich für ihn eine Stelle finden, wo Pflicht und Neigung, That und -Einsicht zusammengehen? Umsonst sieht er sich danach um; umsonst klagt -er sich des allgemeinen Fehlers der Deutschen an, »deren Verstand durch -einige scharfsinnige Lehrer einen Ueberwitz bekommen habe, der sie die -alte geheimnißvolle Kraft der Herzen verachten läßt.« Umsonst sagt er -sich und seinen Lebensplänen zum Trotz: »die Ueberlegung findet ihren -Zeitpunkt weit schicklicher nach als vor der That«; die Menschen machen -einen falschen Gebrauch von ihr; während sie das Gefühl für künftige -Fälle reguliren soll, hemmt sie jetzt nur die That, die sich aus der -augenblicklichen Eingebung, nicht aus der Berechnung ergiebt. Er hat -Recht, denn die That ist unmittelbar eins, wie Blitz und Schlag; wer -wirklich handelt, hat keine Zeit zu rechnen, und wer berechnet, handelt -nicht. Doch zum stoßweisen ja gewaltsamen Handeln gebricht es ihm weder -an Entschluß noch Kraft; mit dem rasenden Muthe eines verzweifelnden -Spielers will er dann alles auf eine Nummer setzen, er greift über sein -Ziel hinaus, und was anfangs sorgliche Ueberlegung war, endet als -klägliche Uebereilung. Denn was kommt bei allen Erfahrungen heraus? -Eines ganzen Lebens bedarf man, um leben zu lernen, Niemand ahnt den -Zweck seines Daseins, und die Vernunft reicht nicht hin, die Seele und -die Dinge zu begreifen. Und an dieses räthselhafte Ding, »das wir -besitzen, wir wissen nicht von wem, das uns fortführt, wir wissen nicht -wohin, ob wir darüber schalten dürfen, eine Habe, die nichts werth ist, -wenn sie uns etwas werth ist, ein Ding, wie ein Widerspruch, flach und -tief, öde und reich, würdig und verächtlich, vieldeutig und -unergründlich«, an dieses Ding ist der Mensch gefesselt durch -Naturnothwendigkeit! Da giebt es keine Verantwortlichkeit, wir mögen -thun, was wir wollen, wir thun recht! Fürwahr jene orakelhaften Verse, -die in Thun über der Hausthüre zu lesen waren, und die Kleist so liebte: - - Ich komme, ich weiß nicht von wo, - Ich bin, ich weiß nicht was, - Ich fahre, ich weiß nicht wohin; - -waren sein Lebenszeichen, nur der vierte Vers: - - Mich wundert, daß ich so fröhlich bin! - -paßte auf ihn nicht.[24] - -In der Knechtschaft der Schulmeinungen, die er sich auferlegt hat, -vermag sich seine reiche Natur nicht zu entfalten; nun er sie abgeworfen -hat, und die Skeptik ihm auch das Handeln verleidet, durchbrechen Gefühl -und Phantasie, so lange gewaltsam zurückgehalten, jeden Damm um so -mächtiger. Nur seinem Herzen will er folgen, er ist überzeugt, wenn ein -Werk nur recht frei aus dem Schooße des menschlichen Gemüths hervorgehe, -dann müsse es auch der ganzen Menschheit angehören. Vergessene oder -ungeahnte Kräfte regen sich, aus der Fülle lebendiger Anschauungen -beginnt die Phantasie ihre schaffende Thätigkeit, er fühlt sich als -Schöpfer ideeller Gestalten. Als Künstler winkt ihm jetzt ein höchstes -Ziel, der Lorbeer des Dichters, und seinem Namen soll ein Platz unter -den Sternen nicht fehlen. Es gehört zu den Dunkelheiten in Kleist's -Leben, daß die Zeit, wo er sich der Dichtung entschieden zuwandte, nicht -mit Sicherheit festzustellen ist. Im Sommer 1801 in Paris, wohin er vor -seinen abstracten Studien geflohen war, angeblich um praktische Zwecke -zu verfolgen, einsam im endlosen Menschengewühle, versenkt er sich in -seine Phantasien; wie ein stiller Tag nach dem Sturme steigt die Ruhe in -seiner Seele wieder auf, und zum ersten Mal verräth er, daß er ein -dichterisches Geheimniß habe. Aber der Friede ist nur von kurzer Dauer. -Rastlos arbeitet er. Während ihm angstvoll das Höchste zu erreichen, der -Schweiß von der Stirne rinnt, und er jeden Blutstropfen seines Herzens -für den Buchstaben geben möchte, entflieht die Begeisterung, der -Verstand schleicht herbei, und indem er einzelne Mängel aufdeckt, -flüstert er ihm hämisch und selbstquälerisch ins Ohr, Vollendung sei ihm -doch nicht gegeben. Was soll er länger die Kraft an ein Werk setzen, das -ihm zu schwer ist? Am Einzelnen geht das Ganze zu Grunde, verzweifelnd -zerstört er mit eigener Hand ein Dichterwerk, das auf den höchsten Ruhm -Anspruch hat, kaum in irgend einem Augenblicke seines Lebens stolzer als -jetzt, wo er vor keinem lebenden Dichter aus den Schranken weicht, -sondern sich vor der Größe eines kommenden, ein Jahrtausend im Voraus -beugt. Demjenigen, der das ausspricht, was er gewollt hat, ist ein -Denkmal gewiß![25] - -Doch irgendwo muß es auch für ihn einen Balsam geben; schon der bloße -Glaube daran stärkt ihn. Aber wo? Mit dem Waffenhandwerk und der -Kantischen Philosophie hat er es versucht, mit Hebeln und Schrauben will -er die Natur bezwingen, er ist Dichter und will Bauer werden, er will -sich frei selbst bestimmen, das Schicksal leiten, und fühlt sich bald -als eine jener Drahtpuppen, die er so tief verachtet; überall tritt -seinen Plänen ein dunkles Etwas entgegen, das sie mit furchtbarer -Dialektik in ihr Gegentheil umwendet und ihn selbst hin- und widerwirft. -Mit dem Forschen, Dichten, Handeln hat er es versucht, überall Stück- -und Flickwerk gefunden, während seiner Seele das Ganze vorschwebt; -abhängig, bedingt in allem fühlt er sich, und nach dem Letzten, -Unbedingten geht sein Streben. Da er es nicht findet, stürzt er, der -strenge Realist, sich in den Abgrund des mystischen Geheimnisses, wo er -das Ganze in seinem Urzusammenhange zu erfassen meint. - -Auch das ist ein Räthsel in Kleist's Leben, wann er sich dieser dunkeln -Richtung, die ein Ergebniß seiner wachsenden Hoffnungslosigkeit war, -zuerst überlassen habe. In den vertraulichen Briefen findet sich kaum -eine Spur davon, sie sind nach wie vor im Tone bitterer Verachtung oder -rationell scharf gehalten. Auch seine ersten Dichtungen sind weit davon -entfernt, die Schroffensteiner in ihrer grausigen Härte durchaus -realistisch, ebenso Penthesilea, Robert Guiskard. Nach dem Unglück von -1806 schrieb er noch seine beiden Lustspiele und gleichzeitig die -Marquise von O. Dagegen zeigt sich dieser dunkle Schatten zuerst im -Kohlhaas, milder im Käthchen von Heilbronn, dessen erste Bruchstücke im -Mai 1808 erschienen, und in voller Stärke in den Beiträgen zu den -Abendblättern. Der Wendepunkt mag die Gefangenschaft in Frankreich im -Frühjahr 1807 gewesen sein; auch hier, in der Einsamkeit seiner Zelle, -beschäftigt er sich dichterisch. Aber immer düsterer scheinen sich die -Wolken um ihn zusammengezogen zu haben. So zerrten ihn abstracter -Verstand und verzehrendes Gefühl, trockner Schematismus und glühende -Phantasie, gemeine Deutlichkeit und dunkle Mystik, himmelstürmender Muth -und ermattende Verzagtheit einer willenlosen Beute gleich hin und her. -Die Phantasie verdunkelte den Verstand, der Verstand hemmte die -Phantasie, beide lähmten die Kraft des Handelns, gegenseitig verdarben -sie ihr Spiel. Jede allein hätte einen tüchtigen Menschen ausstatten -können, sie alle in diesem Maße vereinigt, vernichteten den Besitzer, -der für sein Glück zu viel oder zu wenig hatte. Das fühlte er nur -allzuwohl; in schmerzlicher Verzweiflung ruft er aus: »Die Hölle gab mir -meine halben Talente, der Himmel schenkt dem Menschen ein ganzes oder -gar keins!« So ward er immer bitterer gegen die Menschen, die ihn nicht -verstehen, nicht verstehen können, denn er versteht sich selber -nicht![26] Hätte Kleist, wenn man dieser Betrachtung nachgehen darf, -eine große sittliche Kraft in sich getragen, er hätte den Streit seines -Innern durch Unterwerfung unter ein oberstes Gesetz zur Ruhe gebracht; -hätte er die Selbstbescheidung besessen, ein Talent still anzubauen, sei -es, der wissenschaftlichen Forschung, oder, wozu er gewiß viel höhern -Beruf hatte, allein der Poesie zu leben, vielleicht daß er gerettet -worden wäre! - -Diesen Zwiespalt, den er überall wiederfand, hat er in seinen Dichtungen -unter verschiedenen Formen dargestellt, jene geheimnißvolle Wandelung, -wie Menschen und Verhältnisse in räthselhafter Verkettung ihre -ursprüngliche Natur und Freiheit verlieren, um zu werden, was sie nicht -werden wollen; Tugenden verkehren sich in Laster, aus der besten Absicht -wächst das Verderben empor, und wie zum Hohne menschlicher Weisheit, -führt der Frevel zur Versöhnung. Durch den abgeschmackten Aberglauben -eines einfältigen Mädchens gehen blutsverwandte Familien in den -Schroffensteinern zu Grunde; Penthesilea's heiße Liebe verzerrt sich zum -todbringenden Vampyrismus; Kohlhaas wird durch sein Rechtsgefühl zum -Verbrecher und Landschädiger, und für zwei Pferde fallen Menschen und -Städte als Sühnopfer; die Selbstverleugnung der jungen Creolin bringt -ihr den Tod von der Hand des Geliebten; der ritterliche Kämpfer für -Tugend und Recht erliegt im feierlichen Gottesgericht; und im Findling -wird der väterliche Wohlthäter von der Schlange, die er im Busen erwärmt -hat, zu Tode gestochen. Umgekehrt wird der thierische Frevel in der -Marquise v. O. wider aller Menschen Erwarten zur sühnenden Liebe; im -Erdbeben von Chili werden durch den Untergang Tausender in einem -plötzlichen Naturereigniß im Augenblicke des Todes der Inquisition ihre -Opfer entrissen, freilich um ihn gleich darauf während des Dankgebetes -für die wunderbare Rettung desto furchtbarer zu erleiden; und in der -heiligen Cäcilie werden die Sünder zu Boden geschmettert, als sie die -Hände zum Tempelraube erheben. In der Heilung (I, 3, 2) wird der -Wahnsinn durch den Wahnsinn geheilt; und im Grabe der Väter (I, 3, 3) -eine Ehe im Grabe geschlossen. Satirisch gewendet erscheint dieselbe -Ansicht in dem »allerneuesten Erziehungsplan« (I, 5, 1), der eine Schule -der Tugend durch das Laster zu errichten vorschlägt. Milder sind -Käthchen von Heilbronn und der Prinz von Homburg. Dort wird der -ritterliche Starrsinn durch die reine Natur des einfachen Mädchens -unterworfen, hier wird der Prinz träumend ein rettender Schlachtenheld, -um wachend in eisiger Todesfurcht zu verzagen. Eine großartige Wendung -erhält dieser Gedanke in der Hermannsschlacht; aus der tiefsten -Knechtschaft erwächst die Freiheit, darin liegt hier zugleich die -Versöhnung. Aber überwiegend sind es Nachtstücke, fern von allem -Idealismus der classischen Periode. - -Ueberhaupt steht Kleist in entschiedenem Gegensatze zu Goethe und -Schiller. Ihrer ausgleichenden Classicität setzte er mit kühner Hand den -schreienden Zwiespalt, das Grausige in seiner Nacktheit entgegen, den -allgemeinen idealen Gestalten derb realistische, dem Antiken das -volksthümlich Deutsche, Provinzielle, unbekümmert ob seine Dissonanzen -das verwöhnte Ohr zerschnitten, und seine lebenswahre Grobheit dem -classisch gebildeten Sinne brutal schien. Goethe's und Schiller's -Dichtung war in ihrer Wurzel deutsch, aber doch kosmopolitisch -vielseitig; Kleist hat seine Räthsel in deutsche Stoffe und Charaktere -hineingelegt, er war volksthümlich und einseitig. So griff er als -vaterländischer Dichter in den großen Kampf der Befreiung ein. - -Tiefer Schmerz erfaßte ihn, als er den ungeheuern Sturz aller -Verhältnisse überschaute. Schon im Herbst 1806 rief er seiner Schwester -zu: »Es wäre schrecklich, wenn dieser Wüthrich sein Reich gründete! Nur -ein sehr kleiner Theil der Menschen begreift, was für ein Verderben es -ist, unter seine Herrschaft zu kommen. Wir sind die unterjochten Völker -der Römer.« In diesen Worten liegt der Keim seiner Hermannsschlacht. Er -selbst fällt in die Hand des Feindes, mit jedem Siege wächst das -Verderben, er zweifelt, ob in hundert Jahren noch Jemand im deutschen -Norden deutsch sprechen werde.[27] In dem einen Leiden des Vaterlandes -geht jetzt alles Leid, auch das seine auf. Der Ingrimm, der an seinem -Herzen wie ein Geier nagt, wendet sich von den kleinen Menschen und -Verhältnissen auf die großen und größten, auf den Dämon der Zeit, auf -Napoleon den Korsenkaiser. In der erstarkenden Liebe zum alten -Vaterlande sammelten sich seine Kräfte noch einmal. Sie war nicht blos -ein verneinender Haß gegen das Fremde, für ihn ward sie eine Läuterung, -aus der seine Dichtung reiner hervorging, und seine drei großen -vaterländischen Dramen erwuchsen. Er hatte wieder ein Ziel gefunden; es -war kein willkürliches, durch die großen Ereignisse ward es ihm gegeben, -es war die Wiedererweckung des erstorbenen Gefühls für Freiheit und -Volksehre. So dichtete er die Hermannsschlacht, ein gewaltiges politisch -historisches Doppelbild, das in der Vergangenheit das Unheil der -Gegenwart und das Heil der Zukunft im Spiegel der Poesie erscheinen -ließ. Seine Römer und Germanen bedeuten Franzosen und Deutsche, und doch -sind sie nichts weniger als Typen; es sind Menschen aus dem Volke der -Welteroberer und der Urgermanen; gerade hier hat sich die Dichterkraft -glänzend bewährt. - -Rom und sein Augustus will in Deutschland nur einen Fürsten dulden, »der -seinem Thron auf immer sich verbinde.« Es kennt diese kleinen Herren, -die um ein Wort, einen leeren Vorzug, eine scheinbare Selbständigkeit, -die nur durch Demüthigung vor dem fremden Herrscher erkauft werden kann, -streiten, und lieber diesem als einem aus ihrer Mitte sich unterwerfen. -Sie fallen sich »wie zwei Spinnen« an, und - - -- Es bricht der Wolf, o Deutschland, - In deine Hürde ein, und deine Hirten streiten - Um eine Hand voll Wolle sich! - -Aber das römische Bündniß wird Unterdrückung, die verheißene Freiheit -Knechtschaft, das Gebiet der Neutralen wird schonungslos verletzt, »es -wird jedwedem Gräuel des Krieges Preis gegeben«, und die Abtrünnigen um -den Lohn der fluchwürdigen Feigherzigkeit betrogen. Ausgepreßt wird das -deutsche Land bis auf den letzten Blutstropfen, denn »für wen erschaffen -ward die Welt, wenn nicht für Rom?« Wie Elephant und Seidenwurm zu Roms -Schmuck hergeben müssen, was die Natur ihnen verlieh, so der Deutsche; -er ist eine Bestie, »die auf vier Füßen in den Wäldern läuft«, und -ausgeweidet und dann gepelzt wird. Wer erkennte nicht in dem Latier, -»der keine andere Volksnatur verstehen konnte und ehren als nur seine« -den Franzosen? Napoleon's höhnende Politik, die mit zweizüngiger List -die Schwachen umgarnt, Krieg führt mitten im Frieden, das Markten -deutscher Fürsten in Paris um Fetzen deutschen Gebiets, das Anfachen der -Eifersucht Oesterreichs und Preußens, die Kriecherei der Rheinbündler, -das Hinzerren der Schwäche Preußens, die blutige Verwüstung Hessens, -Thüringens, der preußischen Lande? Varus mit seinem schneidenden Wort: - - Was bekümmerts mich? Es ist nicht meines Amtes - Den Willen meines Kaisers zu erspähn. - Er sagt ihn, wenn er ihn vollführt will wissen; - -ist das lebendige Ebenbild jener eisernen Marschälle, Mortier, Ney, -Davoust; und Ventidius, der galante Friseurkünste treibt, einer der -jüngeren französischen Officiere, die im Boudoir der Damen die -gefährlichste Politik geheimer Verführung trieben.[28] - -In derselben Stimmung sind die satirischen Briefe entstanden. Nicht -entschieden genug können die offnen oder geheimen Bundesgenossen der -Feinde im Vaterlande selbst der Verachtung preisgegeben werden. Der -rheinbündische Officier, der sich mit dem elenden Troste entschuldigt, -ein Deutscher könne seinen Landsleuten im Hauptquartier Napoleon's durch -Milderung der Einquartirung die besten Dienste leisten; das -Landfräulein, wie Kleist von seiner Thusnelda sagte, eins von den -Weiberchen, die einfältig genug sind, »sich von französischen Manieren -fangen zu lassen«, das den Verführer heirathen will, an dessen Rock das -Blut ihrer Brüder und Verwandten klebt; der Festungscommandant, der die -Häuser der Bürger verbrennt und die Vertheidigungsmittel aus der Stadt -schafft; sie alle waren nur zu getreue Abbilder ganzer Classen von -Verräthern. Man wußte ja, welche schmachvollen Eroberungen die Franzosen -in den Familien gemacht hatten, und mochten auch manche Schilderungen -böswillig übertrieben sein, so war es doch z. B. eine amtlich -festgestellte Thatsache, daß eine sechszigjährige Wittwe einen -zwanzigjährigen französischen Soldaten heirathete, und zu dessen Gunsten -ihren eigenen Sohn enterbte. Was will des Dichters Satire bedeuten gegen -diese furchtbarste Satire der Thatsachen? Die Commandanten von Cüstrin -und Magdeburg hatten ja kurz vor der Capitulation die Vorstädte -niederzubrennen gedroht oder wirklich niedergebrannt; und in dem -Königlichen Publicandum vom 6. December 1806 waren sie, und diese ganze -Gattung, bezeichnet worden als Knechte, »die ihre Pferde absträngen, um -davonzujagen.«[29] - -War diese Satire zermalmend, so war der Gedanke, die Trugpolitik des -Feindes als System darzustellen und die Lügenkünste der französischen -Journale nach Lehrsätzen zu entwickeln, vielleicht der geistvollste, den -Kleist in dieser Ideenverbindung hatte. Er war im Sinne Swift's gefaßt. -Was ein politischer Weiser, der dies Treiben an der Quelle studiert -hatte, der Graf Schlabrendorf davon sagte, stellte Kleist systematisch -dar: »Es ist gar keine Kunst, eine Unwahrheit zu erfinden. Jeder -Flachkopf kann das. Die eigentliche Kunst besteht darin, aus zweien -Sätzen, die, jeder einzeln, wahr sind, durch arglistige Zusammenstellung -einen dritten herauszubringen, der eine Lüge ist. Das ist die vornehmste -Art der Rabulisterei, aber auch zugleich die gemeinste.« Oder wie Kleist -die Aufgabe stellt: »Alles was in der Welt vorfällt, zu entstellen, und -gleichwohl ziemliches Vertrauen zu haben.« Mit sarkastischer -Folgerichtigkeit entwickelt er den ganzen Vorrath von Trug- und -Gewaltmitteln, und der letzte Zweck ist: »die Regierung über allen -Wechsel der Begebenheiten hinaus sicher zu stellen, und die Gemüther, -allen Lockungen des Augenblickes zum Trotz, in schweigender -Unterwürfigkeit unter das Joch derselben niederzuhalten.«[30] - -Diesen geheimen Künsten des Feindes gegenüber konnte dem Volke nicht -eindringlich genug wiederholt werden, was es zu thun habe, um sich aus -dem Elende zu retten. Keine Form war dem furchtbaren Humor geeigneter -als der Katechismus, der die christlichen Grundwahrheiten als Gebote -Gottes lehrt, und in dem Alte und Kinder Trost und Heil suchen. Einige -Jahre früher hatten die Gründer der romantischen Schule gar manches zur -Religion machen wollen; hier sollte mit der Vaterlandsliebe als Religion -Ernst gemacht werden. Hatte der Kosmopolitismus sich der religiösen -Weihe gerühmt, so war auch das Volk, das deutsche Volk, die lebendige -Darstellung eines Gedankens aus dem göttlichen Geiste, und die Heils- -und Rettungslehre vom Vaterlande sollte Alten und Jungen eingeprägt -werden. - -Ein Mann wie Kleist konnte nur der Partei angehören, die Preußen je eher -je besser in den Kampf führen, alles an alles setzen und lieber ruhmvoll -untergehen, als schmählich leben wollte. Nur zu Stein, Scharnhorst, -Gneisenau konnte er stehen, zu den sogenannten Exaltirten, wie damals -die deutsche Partei genannt wurde. Volksbewaffnung, Volkskrieg war ihr -Gedanke; der Norddeutsche konnte so gut, wie Spanier und Tiroler, sein -Joch zertrümmern, Katt, Dörnberg, Schill erhoben sich, das Maß war -übervoll, das Volk genug geknechtet, geschmäht, getreten, um endlich in -voller Wuth hervorzubrechen. Was Staatsmänner beriethen und Generale -vorbereiteten, sprach er 1808 in der Hermannsschlacht als letztes -Rettungsmittel aus; wie Gneisenau wollte sein Hermann, die Germanen -sollten Weib und Kind zusammenraffen, ihre Güter verkaufen, die Fluren -verwüsten, die Heerden erschlagen, die Plätze niederbrennen, denn der -That bedarf es, nicht der Verschwörung, Schwätzer mögen Deutschland zu -befreien mit Chiffern schreiben und einander Boten senden, die die Römer -hängen, er will einen Krieg - - Entflammen, der in Deutschland rasselnd - Gleich einem dürren Walde um sich greifen - Und auf zum Himmel lodernd schlagen soll! - -- -- - Die ganze Brut, die in den Leib Germaniens - Sich eingefilzt, wie ein Insectenschwarm, - Muß durch das Schwerdt der Rache jetzo sterben. - -- -- - Die Guten mit den Schlechten. Was! Die Guten! - Das sind die Schlechtesten! Der Rache Keil - Soll sie zuerst vor allen Andern treffen! - -Und das sollte von der Bühne herab verkündet werden; am 1. Januar 1809 -sandte Kleist die Hermannsschlacht dem Wiener Burgtheater; sein -Schauspiel schien ihm des Erfolges sicher zu sein. Das ist auch der -Grundton seines Katechismus.[31] - -In sechszehn Capiteln spricht er von Deutschland überhaupt, von der -Liebe zum Vaterlande, von der Zertrümmerung des Vaterlandes, vom -Erzfeind, von der Erziehung der Deutschen, der Verfassung der Deutschen, -den freiwilligen Beiträgen, den obersten Staatsbeamten, vom -Hochverrathe. Die fehlenden Capitel handelten augenscheinlich von den -Mitteln, den Erzfeind zu bekämpfen, von der Organisation des Kampfes, -vom Aufstande des Volks. Auch hier geht er von der Gegenwart aus. Auf -der Karte giebt es seit 1805 kein Deutschland mehr. »Wo find ich dies -Deutschland? wo liegt es?« lautet die bittere Frage. Dennoch hat es ein -unverlierbares Dasein in der Liebe derer, die ihm anhangen, weil es das -Vaterland ist. Aber es ist zertrümmert worden von dem Korsenkaiser, den -die Deutschen nie beleidigt haben, und der sie mitten im Frieden -unterjocht. Und warum that er es? »Weil er ein böser Geist ist, der -Erzfeind, der Anfang alles Bösen, das Ende alles Guten!« So braust der -Strom eines vernichtenden Zornes hin, der umsonst nach Ausdrücken und -Bildern sucht, durch die seine ganze Fülle sich ergießen könne. Der -Deutsche soll sich vergegenwärtigen, was er gelitten habe, des Morgens, -wenn er sich vom Lager erhebt, des Abends, wenn er zur Ruhe geht; die -höchsten Güter, die Gott dem Menschen verliehen, »Gott, Vaterland, -Kaiser, Freiheit, Liebe und Treue, Schönheit, Wissenschaft und Kunst« -soll er wieder erringen, den Erzfeind hassen, aus allen Kräften -bekämpfen, alles entbehren, alles opfern, und wenn auch kein Mensch am -Leben bliebe, dennoch müßte gekämpft werden, »weil es Gott lieb ist, -wenn Menschen ihrer Freiheit wegen sterben, weil es ihm ein Gräuel ist, -wenn Sclaven leben!« - -So predigte er die Religion der volksthümlichen Selbständigkeit, des -nationalen Hasses, so dachten und sprachen Stein, Blücher, Fichte. »Man -muß der Nation das Gefühl der Selbständigkeit einflößen«, schrieb -Scharnhorst an Clausewitz, »man muß ihr Gelegenheit geben, daß sie mit -sich selbst bekannt wird, daß sie sich ihrer selbst annimmt; nur erst -dann wird sie sich selbst achten, und von Andern Achtung zu erzwingen -wissen!« Und Stein an Wittgenstein: »Die Erbitterung nimmt in -Deutschland täglich zu, und es ist rathsam, sie zu nähren und auf die -Menschen zu wirken. -- Die spanischen Angelegenheiten machen einen sehr -lebhaften Eindruck und beweisen handgreiflich, was wir längst hätten -glauben sollen. Es wird sehr nützlich sein, sie möglichst auf eine -vorsichtige Art zu verbreiten.« Endlich Blücher: »Mein Rath ist zu den -Waffen unsere und die gantze deutsche Nation aufzuruffen, den -vaterländischen boden zu verteidigen, die waffen im allgemeinen nicht -ehender nieder zu legen, bis ein Volck, daß uns unterjochen wollte, vom -dießseitigen Reinufer vertrieben sei; jeder deutsche der mit den waffen -wider uns getroffen werde, habe den Tod verwürkt; ich weiß nicht, warum -wihr uns nicht den Tihrollern und Spaniern gleich achten wollen!« So der -Held, der Staatsmann, der Dichter. - -Doch dazu waren in Preußen die Dinge noch nicht reif; aber um so -mächtiger erhob sich Oesterreich, das, seiner alten Natur entsagend, -sich an die Kraft des Volkes wandte. Wie zündende Funken schlugen die -Aufrufe des Kaisers und des Erzherzogs Karl ein, als deren Verfasser man -Friedrich Schlegel und Gentz nannte. »Wir kämpfen«, sagte der Erzherzog -in seinem Aufruf an die deutsche Nation, »um die Selbständigkeit der -österreichischen Monarchie zu behaupten, um Deutschland die -Unabhängigkeit und National-Ehre wieder zu verschaffen, die ihm -gebühren. Dieselben Anmaßungen, die uns jetzt bedrohen, haben -Deutschland bereits gebeugt. Unser Widerstand ist seine letzte Stütze -zur Rettung. Unsere Sache ist die Sache Deutschlands!« Und in einem -andern: »Die Masse der Nation selbst hat sich in ihrem gerechten -Unwillen erhoben und die Waffen ergriffen! -- Der jetzige Augenblick -kehrt nicht zurück in Jahrhunderten! Ergreift ihn, damit er nicht für -Euch auf immer entfliehe! Ahmet Spaniens großes Beispiel nach! -- -Zeiget, daß auch Euch Euer Vaterland und eine selbständige deutsche -Regierung und Gesetzgebung theuer sei, daß Ihr Entschluß und Kraft habt, -es aus der entehrenden Sclaverei zu reißen, es frei, nicht unter fremdem -Joche erniedrigt, Euren Kindern zu hinterlassen.«[32] Noch einmal -erhoben die Habsburger das Banner des deutschen Volkes, sie gaben das -Zeichen zum Kampf, und noch einmal leuchteten das alte Kaiserthum, das -alte Reich in einem zauberischen Glanze volksthümlicher Größe, den sie -seit dem Untergange der Hohenstaufen in Wirklichkeit nie gehabt hatten. -Die Vergangenheit enthielt was die Zukunft versprach, was der Gegenwart -fehlte. Daher, wie bei vielen Andern, die zum österreichischen Heere -eilten, auch bei Kleist, dem Brandenburger, die Begeisterung für -Oesterreich, für Franz den Zweiten, den alten Kaiser, den Vormund, Vater -und Wiederhersteller der Deutschen, »der den großmüthigen Kampf für das -Heil des unterdrückten und bisher noch wenig dankbaren Deutschland -unternommen hat«; für den Erzherzog Karl, der »die göttliche Kraft das -Werk an sein Ziel hinaus zu führen dargethan hat.« - -Wohin dieser Kampf für Gottes heilige Ordnung endlich führen mußte, -ahnte er; wie der Deutsche zum Deutschen zurückkehren, alle sich -gemeinsam umwenden würden gegen den Feind, den Rhein ereilen, um »dann -nach Rom selbst aufzubrechen, wir oder unsere Enkel«, damit der -Weltkreis endlich Ruhe gewinne. Ueber diese Erfüllung hinaus sah er -_einen_ Herrscher an der Spitze des Vaterlands, von dem er im Prinzen -von Homburg sagte: - - Das wird sich ausbaun herrlich, in der Zukunft, - Erweitern unter Enkels Hand, verschönern, - Mit Zinnen, üppig, feenhaft, zur Wonne - Der Freunde und zum Schrecken aller Feinde.[33] - -So eilte sein Seherblick über fünf verhängnißvolle Jahre fort; in seinem -Prinzen von Homburg ahnte er den künftigen York und nahm die Siege von -1813 und 1815 voraus. Doch nicht so gut wie seinem Helden ward es ihm -selbst. Den Glauben an den Sieg der ewigen Mächte, der den Dichter -begeisterte, vermochte der Mensch nicht festzuhalten, und sein Zweifel -führte ihn in den Tod. Weil sein Dichterglaube der Zeit voraneilte, -verließen ihn die Zeitgenossen; und kraftlos schien sein Wort zu -verhallen. Die Hermannsschlacht, der Prinz von Homburg kamen nicht zur -Darstellung, nicht einmal zum Druck; seine Aufrufe, die ganz Deutschland -galten, mußte er bei verschlossenen Thüren vorlesen, dann wurden sie -vergessen. Er hatte gehofft, jetzt werde Deutschland sich erheben, es -erhob sich nicht; er hatte gehofft, jetzt werde Oesterreich siegen, es -ward geschlagen. Auch die Hoffnung auf die Rettung des Vaterlandes, an -der er sich noch einmal aufgerichtet hatte, scheiterte, und er mit ihr. -Hätte er sterben können auf dem Schlachtfelde, mit dem Degen in der -Faust, wie sein Vorfahr Ewald von Kleist, wie Theodor Körner, er wäre -glücklich gewesen. Er ist gefallen wie Schill, weil es noch nicht an der -Zeit war; aber nicht wie der Held, dessen Untergang noch ein Sieg ist, -sondern im Streite mit sich selbst. Zu seinem Verderben reichen sich -jetzt Phantasie und Verstand die Hände, die Verzweiflung, die ihm von -jener ausgemalt wird, beweist ihm dieser, und mit trügerisch kalter -Ueberlegung, die er unaussprechliche Heiterkeit nennt, wird er fremden -Blutes schuldig und giebt sich dann den Tod. Voreilig greift er in sein -Geschick, beraubt sich des Höchsten, was er ersehnt hat, und in -tragischer Ueberstürzung endet der tragische Dichter. - -Kleist hat sich selbst gerichtet, aber seine Stelle in der Litteratur -und Geschichte unseres Volkes bleibt ihm unvergänglich. Jene Zeit hat -seinen Mahnruf überhört; desto eindringlicher tönt er zu uns herüber; es -ist die Stimme des Propheten, die sich nach mehr als fünfzig Jahren -warnend aus dem Grabe erhebt. Oder hätten wir etwa Veranlassung, sie -heute zu überhören? Wäre sie wirklich nur ein geschichtliches Zeugniß -vergangener Zeiten? Wollte Gott, wir könnten es sagen! Noch ist der -Ueberwitz bei uns zu Hause, noch treiben wir Handel und Wandel im -Schweiße des Angesichts, während andere die Früchte deutscher Arbeit -genießen; noch hadern die Hirten um eine Hand voll Wolle, noch gilt das -Ganze als Verrath am Einzelnen, und jeder Zoll will ein König sein. -Wieder haben sich die Epigonen der Eroberer erhoben und werfen ihre -lüsternen Blicke auf die deutsche Erde, wieder spinnt die Trugpolitik -die unsichtbaren zähen Fäden ihres Netzes, wieder heulen die Wölfe an -den deutschen Marken. Sollte das alte Chaos je wiederkehren? Wäre das -möglich nach so vielen Opfern, schweren Kämpfen und schmerzlichen -Erfahrungen? Nimmermehr! Auch Völker lernen aus der Geschichte, nur -langsamer als der Einzelne; schwerer hat keines dafür gezahlt, als das -deutsche. Möge es durch die That zeigen, es habe Kleist's großes Wort -endlich erkennen gelernt: - -»Vergebt, vergeßt, versöhnt, umarmt und liebt euch!« - - - - - Nachtrag - zu - Heinrich von Kleist's Werken. - - - - - - I. Prosa. - - - - - 1. Politische Satiren. - - - 1. Brief eines rheinbündischen Officiers an seinen Freund.[34] - -Auf meine Ehre, mein vortrefflicher Freund, Sie irren sich. Ich will ein -Schelm sein, wenn die Schlacht von Jena, wie Sie zu glauben scheinen, -meine politischen Grundsätze verändert hat. Lassen Sie uns wieder einmal -nach dem Beispiel des schönen Sommers von 1806 ein patriotisches -Convivium veranstalten (bei Sala schlag ich vor,[35] er hat frische -Austern bekommen und sein Burgunder ist vom Beßten), so sollen Sie -sehen, daß ich noch ein ebenso enthousiastischer Anhänger der Deutschen -bin wie vormals. Zwar der Schein, ich gestehe es, ist wider mich. Der -König hat mich nach dem Frieden bei Tilsit auf die Verwendung des -Reichsmarschalls Herzogs von Auerstädt,[36] dem ich einige Dienste zu -leisten Gelegenheit [hatte],[37] zum Obristen avancirt. Man hat mir das -Kreutz der Ehrenlegion zugeschickt, eine Auszeichnung, mit welchem ich, -wie Sie selbst einsehen, öffentlich zu erscheinen, nicht unterlassen -kann; ich würde den König, dem ich diene, auf eine zwecklose Weise -dadurch compromittiren. - -Aber was folgt daraus? Meinen Sie, daß diese Armseeligkeiten mich -bestimmen werden, die große Sache, für die die Deutschen fechten, aus -den Augen zu verlieren? Nimmermehr! Lassen Sie nur den Erzherzog Carl, -der jetzt ins Reich vorgerückt ist, siegen, und die Deutschen, sowie er -es von ihnen verlangt hat, ^en masse^ aufstehen, so sollen Sie sehen, -wie ich mich alsdann entscheiden werde.[38] - -Muß man denn den Abschied nehmen und zu den Fahnen der Oesterreicher -übergehen, um dem Vaterlande diesen Augenblick nützlich zu sein? Mit -nichten! Ein Deutscher, der es redlich meint, kann seinen Landsleuten in -dem Lager der Franzosen selbst, ja in dem Hauptquartier des Napoleon, -die wichtigsten Dienste thun. Wie mancher kann der Requisition an -Fleisch oder Fourage vorbeugen; wie manches Elend der Einquartirung -mildern? - -Ich bin mit wahrer Freundschafft u. s. w. - -N. S. - -Hierbei erfolgt feucht, wie es eben der Courier überbringt, das erste -Bülletin der französischen Armee. Was sagen Sie dazu? Die -Österreichische Macht total pulverisirt, alle Corps der Armee -vernichtet, drei Erzherzöge todt auf dem Platz![39] -- Ein verwünschtes -Schicksal! Ich wollte schon zur Armee abgehn. Herr von Montesquiou, hat, -wie ich höre, das Bülletin nunmehr anhero gebracht, und ist dafür von -Sr. Majestät mit einer Tabatiere, schlecht gerechnet 2000 Ducaten an -Werth beschenkt worden. - - - 2. Brief eines jungen märkischen Landfräuleins an ihren Onkel. - -Theuerster Herr Onkel, - -Die Regungen der kindlichen Pflicht, die mein Hertz gegen Sie empfindet, -bewegen mich, Ihnen die Meldung zu thun, daß ich mich am 8ten d. von -Verhältnissen, die ich nicht nennen kann, gedrängt, mit dem jungen Hrn. -^Lefat^, Capitain bei dem 9. französischen Dragonerregiment, der in -unserm Hause zu P... einquartiert war, verlobt habe.[40] - -Ich weiß, gnädigster Onkel, wie Sie über diesen Schritt denken. Sie -haben sich gegen die Verbindungen, die die Töchter des Landes, so lange -der Krieg fortwährt, mit den Individuen des französischen Heers -vollziehn, oftmals mit Heftigkeit und Bitterkeit erklärt. Ich will Ihnen -hierin nicht ganz Unrecht geben. Man braucht keine Römerinn oder -Spartanerinn zu sein, um das Verletzende, das allgemeine betrachtet -darin liegen mag, zu empfinden. Diese Männer sind unsere Feinde; das -Blut unserer Brüder und Verwandten klebt, um mich so auszudrücken, an -ihren Röcken, und es heißt sich gewissermaßen, wie Sie sehr richtig -bemerken, von den Seinigen lossagen, wenn man sich auf die Parthei -derjenigen herüber stellt, deren Bemühen ist sie zu zertreten, und auf -alle ersinnliche Weise zu verderben und zu vernichten. - -Aber sind diese Männer, ich beschwöre Sie, sind sie die Urheber des -unseeligen Kriegs, der in diesem Augenblick zwischen Franzosen und -Deutschen entbrannt ist? Folgen sie nicht, der Bestimmung eines Soldaten -getreu, einem blinden Gesetz der Nothwendigkeit, ohne selbst oft die -Ursach des Streits, für den sie die Waffen ergreifen, zu kennen? Ja, -giebt es nicht Einzelne unter ihnen, die den rasenden Heereszug, mit -welchem Napoleon von Neuem das deutsche Reich überschwemmt, -verabscheuen, und die das arme Volk, auf dessen Ausplünderung und -Unterjochung es angesehen ist, aufs Innigste bedauern und bemitleiden? - -Vergeben Sie, mein theuerster und beßter Oheim! Ich sehe die Röthe des -Unwillens auf Ihre Wangen treten! Sie glauben, ich weiß, Sie glauben an -diese Gefühle nicht; Sie halten sie für die Erfindung einer satanischen -List, um das Wohlwollen der armen Schlachtopfer, die sie zur Bank -führen, gefangen zu nehmen. Ja, diese Regung, selbst wenn sie vorhanden -wäre, versöhnt Sie nicht, Sie halten den Ihrer doppelten Rache für -würdig, der das Gesetz des göttlichen Willens anerkennt und gleichwol -auf eine so lästerliche und höhnische Weise zu verletzen wagt. - -Allein, wenn die Ansicht, die ich aufstellte, allerdings nicht gemacht -ist, die Männer, die das Vaterland eben[41] vertheidigen, zu entwaffnen, -indem sie unmöglich, wenn es zum Handgemenge kömmt, sich auf die Frage -einlassen können, wer von denen, die auf sie anrücken, schuldig ist oder -nicht: so verhält es sich doch, mein gnädigster Onkel, mit einem Mädchen -anders; mit einem armen schwachen Mädchen, auf dessen leicht bethörte -Sinne, in der Ruhe eines monatlangen Umgangs, alle Liebenswürdigkeiten -der Geburt und der Erziehung einzuwirken Zeit finden, und das, wie man -leider weiß, auf die Vernunft nicht mehr hört, wenn das Herz sich -bereits für einen Gegenstand entschieden hat. - -Hier lege ich Ihnen ein Zeugniß bei, das Hr. ^v. Lefat^ sich auf die -Forderung meiner Mutter von seinem Regimentschef zu verschaffen gewußt -hat. Sie werden daraus ersehen, daß das, was uns ein Feldwebel von -seinem Regiment von ihm sagte, nämlich daß er schon verheiratet sei, -eine schändliche und niederträchtige Verläumdung war. Hr. ^v. Lefat^ ist -selbst vor einigen Tagen in B.-- gewesen, um das Attest, das die -Declaration vom Gegentheil enthält, formaliter von seinem Obristen -ausfertigen zu lassen. Ueberhaupt muß ich Ihnen sagen, daß die niedrige -Meinung, die man hier in der ganzen Gegend von diesem jungen Manne hegt, -mein Herz auf das Empfindlichste kränkt. Der Leidenschaft, die er für -mich fühlt, und die ich als wahrhaft zu erkennen, die entscheidendsten -Gründe habe, wagt man die schändlichsten Absichten unterzulegen. Ja, -mein voreiliger Bruder geht soweit mich zu versichern, daß der Obrist, -sein Regimentschef, gar nicht mehr in B.-- sei --, und ich bitte Sie, -der Sie sich in B.-- aufhalten, dem Ersteren darüber nach angestellter -Untersuchung die Zurechtweisung zu geben. Ich leugne nicht, daß der -Vorfall, der sich vor einiger Zeit zwischen ihm und der Kammerjungfer -meiner Mutter zutrug, einige Unruhe über seine sittliche Denkungsart zu -erwecken geschickt war. Abwesend, wie ich an diesem Tage von P.-- war, -bin ich gänzlich außer Stand über die Berichte dieses albernen und -eingebildeten Geschöpfs zu urtheilen. Aber die Beweise, die er mir, als -ich zurückkam und in Thränen auf mein Bette sank, von seiner -ungetheilten Liebe gab, waren so eindringlich, daß ich die ganze -Erzählung als eine elende Vision verwarf, und von der innigsten Reue -bewegt, das Band der Ehe, von dem bis dahin noch nicht die Rede gewesen -war, jetzt allererst knüpfen zu müssen glaubte. -- Wären sie es weniger -gewesen, und Ihre Laura noch frei und ruhig wie zuvor! - -Kurz, mein theuerster und beßter Onkel, retten Sie mich! - -In 8 Tagen soll, wenn es nach meinen Wünschen geht, die Vermählung sein. - -Inzwischen wünscht Hr. ^v. Lefat^, daß die Anstalten dazu, auf die meine -gute Mutter bereits in zärtlichen Augenblicken denkt, nicht eher auf -entscheidende Weise gemacht werden, als bis Sie die Güte gehabt haben -ihm das ^Legat^ zu überantworten, das mir aus der Erbschaft meines -Großvaters bei dem Tode desselben zufiel, und Sie, als mein Vormund bis -heute gefälligst verwalteten. Da ich großjährig bin, so wird diesem -Wunsch nichts im Wege stehn, und indem ich es mit meiner zärtlichsten -Bitte unterstütze, und auf die schleunige Erfüllung desselben antrage, -indem sonst die unangenehmste Verzögerung davon die Folge sein würde, -nenne ich mich mit der innigsten Hochachtung und Liebe u. s. w. - - - 3. Schreiben eines Burgemeisters in einer Festung an einen - Unterbeamten. - -Sr. Excellenz der Hr. Generallieutenant von F., ^Commendant^ der -hiesigen Garnison, haben sich auf die Nachricht, daß der Feind nur noch -drey Meilen von der Festung stehe, auf das Rathhaus verfügt, und -daselbst, in Begleitung eines starken Detaschements von Dragonern, 3000 -Pechkränze verlangt, um die Vorstädte, die das Glacis embarrassiren, -danieder zu brennen. - -Der Rath der Stadt, der unter solchen Umständen das Ruhmvolle dieses -Entschlusses einsah, hat, nach Abführung einiger renitirenden -Mitglieder, die Sache ^in pleno^ erwogen, und mit einer Majorität von 3 -gegen 2 Stimmen, wobei meine wie gewöhnlich für 2 galt, und Sr. -Excellenz die 3 supplirten, die verlangten Pechkränze ohne Bedenken -bewilligt. Inzwischen ist nun die Frage, und wir geben Euch auf Euch -gutachtlich darüber auszulassen, - - 1. Wie viel an Pech und Schwefel, als den dazu gehörigen - Materialien, zur Fabrication von 3000 Pechkränzen erforderlich - sind; und - - 2. ob die genannten Combustibeln in der berechneten Menge zur - gehörigen Zeit herbeizuschaffen sind? - -Unseres Wissens liegt ein großer Vorrath von Pech und Schwefel bei dem -Kaufmann M. in der N..schen Vorstadt, P..sche Gasse Num. 139. - -Inzwischen ist dies ein auf Bestellung der Dänischen Regierung -aufgehäufter Vorrath, und wir besitzen bereits, in Relation wie wir mit -derselben stehen, den Auftrag dem Kaufmann M. den Marktpreis davon mit -3000 fl. zuzufertigen. Indem wir Euch nun, diesem Auftrage gemäß, die -besagte Summe für den Kaufmann M. in guten Landespapieren, demselben -auch sechs Wägen oder mehr und Pässe, und was immer zur ungesäumten -Abführung der Ingredienzen an den Hafen-Platz erforderlich sein mag,[42] -bewilligen, beschließen wir zwar von diesem Eigenthum der Dänischen -Regierung Behufs einer Niederbrennung der Vorstädte keine Notiz zu -nehmen; indessen habt Ihr das gesammte Personale der untern -Polizeibeamten zusammenzunehmen, und alle Gewölbe und Läden der Kauf- -und Gewerksleute, die mit diesen Combustibeln handeln oder sie -verarbeiten, aufs Strengste und Eigensinnigste zu durchsuchen, damit, -dem Entschluß Sr. Excellenz gemäß, unverzüglich die Pechkränze -verfertigt und mit Debarrassirung des Glacis verfahren werden möge. - -Nichts ist nothwendiger, als in diesem Augenblick der herannahenden -Gefahr Alles aufzubieten, und kein Opfer zu scheuen, das im Stande ist -dem Staat diesen für den Erfolg des Kriegs höchst wichtigen Platz zu -behaupten. Sr. Excellenz haben erklärt, daß wenn ihr auf dem Markt -befindlicher Pallast vor dem Glacis läge, sie denselben zuerst -niederbrennen und unter den Thoren der Vestung übernachten würden. Da -nun unser, sowohl des Burgemeisters, als auch Euer, des Unterbeamten, -Haus, in dem angegebenen Fall sind, indem sie von der Q...schen Vorstadt -her mit ihren Gärten und Nebengebäuden das Glacis beträchtlich -embarrassiren, so wird es bloß von Euren Recherchen und von dem Bericht -abhangen, den Ihr darüber abstatten werdet, ob wir den Andern ein -Beispiel zu geben, und den Pechkranz zuerst auf die Giebel derselben zu -werfen haben. - -Sind in Gewogenheit u. s. w. - - - 4. Brief eines politischen Pescherü über einen Nürnberger - Zeitungsartikel. - -Erlaube mir, Vetter Pescherü, daß ich Dir in der verwirrten Sprache, die -kürzlich ein Deutscher mich gelehrt hat, einen Artikel mittheile, der in -einer Zeitung dieses Landes, wenn ich nicht irre, im Nürnberger -Correspondenten gestanden hat, und den ein Grönländer, der in Island auf -einem Kaffeehause war, hierher gebracht hat. Der Zeitungsartikel ist -folgenden sonderbaren Inhalts:[43] - -»Es sind nicht sowohl die Franzosen, welche die Freiheitsschlacht, die -bei Regensburg gefochten ward, entschieden haben, als vielmehr die -Deutschen selbst. Der tapfere Kronprinz von Bayern hat zuerst an der -Spitze der rheinbündischen Truppen die Linien der Oesterreicher -durchbrochen. Der Kaiser Napoleon hat ihn am Abend der Schlacht auf dem -Wahlplatz umarmt, und ihn den Helden der Deutschen genannt.«[44] - -Ich versichere Dich, Vetter Pescherü, ich bin hinausgegangen auf den -Sandhügel, wo die Sonne brennt, und habe meine Nase angesehen -stundenlang, und wieder stundenlang, ohne im Stande gewesen zu sein den -Sinn dieses Zeitungsartikels zu erforschen. Er verwischt Alles, was ich -über die Vergangenheit zu wissen meine, dergestalt, daß mein Gedächtniß -wie ein weißes Blatt aussieht, und die ganze Geschichte derselben von -Neuem darin angefrischt werden muß. - -Sage mir also, ich bitte Dich: - -1. Ist es der Kaiser von Oesterreich, der das deutsche Reich im Jahre -1805 zertrümmert hat?[45] - -2. Ist er es, der den Buchhändler Palm erschießen ließ, weil er ein -dreistes Wort über diese Gewaltthat in Umlauf brachte?[46] - -3. Ist er es, der durch List und Ränke die deutschen Fürsten entzweite, -um über die Entzweiten nach der Regel des Cäsar zu herrschen? - -4. Ist er es, der den Kurfürsten von Hessen ohne Kriegserklärung aus -seinem Lande vertrieb, und einen Handlungscommis -- wie heißt er schon? --- der ihm verwandt war, auf den Thron desselben setzte?[47] - -5. Ist er es, der den König von Preußen, den ersten Gründer seines -Ruhms, in dem undankbarsten und ungerechtesten Kriege zu Boden -geschlagen hat, und auch selbst nach dem Frieden noch mit seinem -grimmigen Fuß auf dem Nacken desselben verweilte?[48] - -6. Ist es dagegen der Kaiser Napoleon, der durch unglückliche Feldzüge -erschöpft, die deutsche Krone auf das Machtwort seines Gegners -niederzulegen genöthigt war?[49] - -7. Ist er es, der mit zerrissenem Herzen Preußen, den letzten Pfeiler -Deutschlands, sinken sah, und, so zerstreut seine Heere auch waren, -herbei geeilt sein würde ihn zu retten, wenn der Friede von Tilsit nicht -abgeschlossen worden wäre?[50] - -8. Ist er es, der dem betrogenen Kurfürsten von Hessen auf der Flucht -aus seinen Staaten einen Zufluchtsort in den seinigen vergönnt hat?[51] - -9. Ist er es endlich, der sich des Elends, unter welchem die Deutschen -seufzen, erbarmt hat, und der nun, an der Spitze der ganzen Jugend, wie -Anteus, der Sohn der Erde, von seinem Fall erstanden ist, um das -Vaterland zu retten? - -Vetter Pescherü, vergieb mir diese Fragen; ein Europäer wird ohne -Zweifel, wenn er den Artikel liest, wissen was er davon zu halten hat. -Einem Pescherü aber müssen, wie Du selbst einsiehst, alle die Zweifel -kommen, die ich Dir vorgetragen habe. - -Bekanntlich drücken wir mit dem Wort Pescherü Alles aus, was wir -empfinden oder denken, drücken es mit einer Deutlichkeit aus, die den -andern Sprachen der Welt fremd ist. Wenn wir z. B. sagen wollen: es ist -Tag, so sagen wir: Pescherü; wollen wir hingegen sagen: es ist Nacht, so -sagen wir: Pescherü. Wollen wir ausdrücken: dieser Mann ist redlich, so -sagen wir: Pescherü; wollen wir hingegen versichern: er ist ein Schelm, -so sagen wir: Pescherü. Kurz, Pescherü drückt den Inbegriff aller -Erscheinungen aus, und eben darum, weil es Alles ausdrückt, auch jedes -Einzelne. - -Hätte doch der Nürnberger Zeitungsschreiber in der Sprache der Pescherüs -geschrieben! Denn setze einmal der Artikel lautete also Pescherü, so -würde Dein Vetter[52] nicht einen, nicht einen Augenblick bei seinem -Inhalt angestoßen sein. Er würde alsdann mit völliger Bestimmtheit und -Klarheit also gelesen haben: - -»Es sind nicht sowohl die Franzosen, welche die Schlacht, die das -deutsche Reich dem Napoleon überliefern sollte, gewonnen haben, als -vielmehr die bemitleidenswürdigen Deutschen selbst. Der entartete -Kronprintz von Bayern hat zuerst an der Spitze der rheinbündischen -Truppen die Linien der braven Oesterreicher, ihrer Befreier, -durchbrochen. »Sie sind der Held der Deutschen!« rief ihm der -Verschlagenste der Unterdrücker zu; aber sein Hertz sprach heimlich: -»ein Verräther bist Du, und wenn ich Dich werde gebraucht haben, wirst -Du abtreten!« - - - 5. Die Bedingung des Gärtners. - Eine Fabel. - -Ein Gärtner sagte zu seinem Herrn: »Deinem Dienst habe ich mich nur -innerhalb dieser Hecken und Zäune gewidmet. Wenn der Bach kommt und -deine Frucht-Beete überschwemmt, so will ich mit Hacken und Spaten -aufbrechen, um ihm zu wehren; aber außerhalb dieses Bezirkes zu gehen, -und, ehe der Strom noch einbricht, mit seinen Wogen zu kämpfen, das -kannst du nicht von deinem Diener verlangen.« - -Der Herr schwieg. - -Und drei Frühlinge kamen und verheerten mit ihren Gewässern das Land. -Der Gärtner triefte von Schweiß, um dem Geriesel[53], das von allen -Seiten eindrang, zu steuern; umsonst; der Seegen des Jahrs, wenn ihm die -Arbeit auch gelang, war verderbt und vernichtet. - -Als der vierte kam, nahm er Hacken und Spaten und gieng auf's Feld. - -»Wohin?« fragte ihn sein Herr. - -»Auf das Feld, antwortete er, wo das Uebel entspringt. Hier thürm' ich -Wälle von Erde umsonst, um dem Strom, der brausend hereinbricht, zu -wehren: an der Quelle kann ich ihn mit einem Fußtritt verstopfen.« - -Landwehren von Oesterreich! Warum wollt ihr bloß innerhalb eures Landes -fechten?[54] - - - 6. Lehrbuch der französischen Journalistik. - - - Einleitung. - - - § 1. - -Die Journalistik überhaupt ist die treuherzige und unverfängliche Kunst -das Volk von dem zu unterrichten, was in der Welt vorfällt. Sie ist eine -gänzliche Privatsache, und alle Zwecke der Regierung, sie mögen heißen -wie man wolle, sind ihr fremd. Wenn man die französischen Journale mit -Aufmerksamkeit liest, so sieht man, daß sie nach ganz eignen Grundsätzen -abgefaßt worden, deren System man die _französische Journalistik_ nennen -kann. Wir wollen uns bemühen den Entwurf dieses Systems, so wie es etwa -im geheimen Archiv zu Paris liegen mag, hier zu entfalten. - - - Erklärung. - - - § 2. - -Die _französische Journalistik_ ist die Kunst das Volk glauben zu -machen, was die Regierung für gut findet. - - - § 3. - -Sie ist bloß Sache der Regierung, und alle Einmischung der Privatleute, -bis selbst auf die Stellung vertraulicher Briefe, die die -Tages-Geschichte betreffen, verboten. - - - § 4. - -Ihr Zweck ist die Regierung über allen Wechsel der Begebenheiten hinaus -sicher zu stellen, und die Gemüther, allen Lockungen des Augenblicks zum -Trotz, in schweigender Unterwürfigkeit unter das Joch derselben -niederzuhalten. - - - Die zwei obersten Grundsätze. - - - § 5. - -_Was das Volk nicht weiß, macht das Volk nicht heiß._ - - - § 6. - -_Was man dem Volke dreimal sagt, hält das Volk für wahr._ - - - Anmerkung. - - - § 7. - -Diese Grundsätze könnte man auch Grundsätze des Talleyrand nennen. Denn -ob sie gleich nicht von ihm erfunden sind, so wenig wie die -mathematischen von dem Euklid: so ist er doch der Erste, der sie für ein -bestimmtes und schlußgerechtes System in Anwendung gebracht hat. - - - Aufgabe. - - - § 8. - -Eine Verbindung von Journalen zu redigiren, welche 1. Alles, was in der -Welt vorfällt, entstellen, und gleichwohl 2. ziemliches Vertrauen haben? - - - Lehrsatz zum Behuf der Auflösung. - -Die Wahrheit sagen heißt allererst die Wahrheit _ganz_ und _nichts als_ -die Wahrheit sagen. - - - Auflösung. - -Also redigire man zwei Blätter, deren Eines niemals lügt, das Andere -aber die Wahrheit sagt: so wird die Aufgabe gelößt sein. - - - Beweis. - -Denn weil das Eine niemals lügt, das Andere aber die Wahrheit sagt, so -wird die _zweite_ Forderung erfüllt sein. Weil aber jenes verschweigt -was wahr ist, und dieses hinzusetzet was erlogen ist, so wird es auch, -wie jedermann zugestehen wird, die _erste_ sein. ^q. e. d.^ - - - Erklärung. - - - § 9. - -Dasjenige Blatt, welches niemals lügt, aber hin und wieder verschweigt -was wahr ist, heißt der _Moniteur_, und erscheine in officieller Form; -das Andere, welches die Wahrheit sagt, aber zuweilen hinzuthut was -erstuncken und erlogen ist, heiße ^Journal de l'Empire^, oder -auch ^Journal de Paris^, und erscheine in Form einer bloßen -Privat-Unternehmung. - - - Eintheilung der Journalistik. - - - § 10. - -Die französische Journalistik zerfällt in die Lehre von der Verbreitung -1. _wahrhaftiger_, 2. _falscher_ Nachrichten. Jede Art der Nachricht -erfordert einen eigenen _Modus der Verbreitung_, von welchem hier -gehandelt werden soll. - - - ^Cap. I.^ - Von den wahrhaftigen Nachrichten. - - - ^Art. 1.^ - Von den guten. - - - Lehrsatz. - - - § 11. - -_Das Werk lobt seinen Meister._ - - - Beweis. - -Der Beweis für diesen Satz ist klar an sich. Er liegt in der Sonne, -besonders wenn sie aufgeht; in den ägyptischen Pyramiden; in der -Peterskirche; in der Madonna des Raphael, und in vielen andern -herrlichen Werken der Götter und Menschen. - - - Anmerkung. - - - § 12. - -Wirklich und in der That: man mögte meinen, daß dieser Satz sich in der -französischen Journalistik [nicht] findet. Wer die Zeitungen aber mit -Aufmerksamkeit gelesen hat, der wird gestehen, er findet sich darin; -daher wir ihn auch dem System zu Gefallen hier haben aufführen müssen. - - - Corollarium. - - - § 13. - -Inzwischen gilt dieser Satz doch nur in völliger Strenge für den -_Moniteur_, und auch für diesen nur bei guten Nachrichten von -außerordentlichem und entscheidendem Werth. Bei guten Nachrichten von -untergeordnetem Werth kann der Moniteur schon das Werk ein wenig loben, -das ^Journal de l'Empire^ aber und das ^Journal de Paris^ mit vollen -Backen in die Posaune stoßen. - - - Aufgabe. - - - § 14. - -_Dem Volk eine gute Nachricht vorzutragen?_ - - - Auflösung. - -Ist es z. B. eine gänzliche Niederlage des Feindes, wobei derselbe -Kanonen, Bagage und Munition verloren hat und in die Moräste gesprengt -worden ist, so sage man dies, und setze das Punctum dahinter. (§ 11) Ist -es ein bloßes Gefecht, wobei nicht viel herausgekommen ist, so setze man -im Moniteur eine, im ^Journal de l'Empire^ drei Nullen an jede Zahl, und -schicke die Blätter mit ^Courieren^ in alle Welt. (§ 13) - - - Anmerkung. - - - § 15. - -Hierbei braucht man nicht nothwendig zu lügen. Man braucht nur z. B. die -Blessirten, die man auf dem Schlachtfelde gefunden, auch unter den -Gefangenen aufzuführen. Dadurch bekömmt man zwei Rubriken, und das -Gewissen ist gerettet. - - - ^Art. 2.^ - _Von den schlechten Nachrichten._ - - - Lehrsatz. - - - § 16. - -Zeit gewonnen, Alles gewonnen. - - - Anmerkung. - - - § 17. - -Dieser Satz ist so klar, daß er, wie die Grundsätze, keines Beweises -bedarf, daher ihn der Kaiser der Franzosen auch unter die Grundsätze -aufgenommen hat. Er führt in natürlicher Ordnung auf die Kunst dem Volk -[eine] Nachricht zu verbergen, von welcher[55] sogleich gehandelt werden -soll. - - - Corollarium. - - - § 18. - -Inzwischen gilt auch dieser Satz nur in völliger Strenge für das -^Journal de l'Empire^ und für das ^Journal de Paris^, und auch für diese -nur bei schlechten Nachrichten von der gefährlichen und verzweifelten -Art. Schlechte Nachrichten von erträglicher Art kann der Moniteur gleich -offenherzig gestehen, das ^Journal de l'Empire^ aber und das ^Journal de -Paris^ thun als ob nicht viel daran wäre. - - - Aufgabe. - - - § 19. - -_Dem Volk eine schlechte Nachricht zu verbergen?_ - - - Auflösung. - -Die Auflösung ist leicht. Es gilt für das Innere des Landes in allen -Journalen Stillschweigen, einem Fisch gleich. Unterschlagung der Briefe, -die davon handeln, Aufhaltung der Reisenden, Verbote in Tabagien und -Gasthäusern davon zu reden, und für das Ausland Confiscation der -^Journale^, welche gleichwohl davon zu handeln wagen; Arretirung, -Deportirung, und Füselierung der Redactoren; Ansetzung neuer ^Subjecte^ -bei diesem Geschäfft: Alles mittelbar entweder durch Requisition, oder -unmittelbar durch Detaschements. - - - Anmerkung. - - - § 20. - -Diese Auflösung ist, wie man sieht, nur eine bedingte, und früh oder -spät kommt die Wahrheit ans Licht. Will man die Glaubwürdigkeit der -Zeitungen nicht aussetzen, so muß es nothwendig eine Kunst geben dem -Volk schlechte Nachrichten vorzutragen. Worauf wird diese Kunst sich -stützen? - - - Lehrsatz. - - - § 21. - -Der Teufel läßt keinen Schelmen im Stich. - - - Anmerkung. - - - § 22. - -Auch dieser Satz ist so klar, daß er nur erst verworren[56] werden -würde, wenn man ihn beweisen wollte, daher wir uns nicht weiter darauf -einlassen, sondern sogleich zur Anwendung schreiten wollen. - - - Aufgabe. - - - § 23. - -_Dem Volk eine schlechte Nachricht vorzutragen?_ - - - Auflösung. - -Man schweige davon (§ 5) bis sich die Umstände geändert haben. (§ 15). -Inzwischen unterhalte man das Volk mit guten Nachrichten, entweder mit -wahrhaftigen aus der Vergangenheit, oder auch mit gegenwärtigen, wenn -sie vorhanden sind, als: Schlacht von Marengo, von der Gesandschafft des -Persenschachs[57] und von der Ankunft des Levantischen Kaffes, oder, in -Ermangelung aller, mit solchen die erstunken und erlogen sind; sobald -sich die Umstände geändert haben, welches niemals ausbleibt, (§ 20) und -irgend ein Vortheil, er sei groß oder klein, errungen worden ist, gebe -man (§ 14) eine pomphafte Ankündigung davon, und an ihren Schwanz hänge -man die schlechte Nachricht an. ^q. e. des.^ - - - Anmerkung. - - - § 24. - -Hierin ist eigentlich noch der Lehrsatz enthalten: _wenn man dem Kinde -ein Licht zeigt, so weint es nicht_; denn darauf stützt sich zum Theil -das angegebene Verfahren. Nur der Kürze wegen, und weil er von selbst in -die Augen springt, geschah es, daß wir denselben ^in abstracto^ nicht -haben aufführen wollen. - - - Corollarium. - - - § 25. - -Ganz _still zu schweigen_, wie die Auflösung fordert, ist in vielen -Fällen unmöglich, denn schon das Datum des Bülletins, wenn z. B. eine -Schlacht verloren und das Hauptquartier zurückgegangen wäre, verräth -dies Factum. In diesem Fall _antedatire_ man entweder das Bülletin, oder -aber _fingire einen Druckfehler_ im Datum, oder endlich lasse das Datum -_ganz weg_. Die Schuld kommt auf den Setzer oder Corrector. - - - 7. Katechismus der Deutschen, abgefaßt nach dem Spanischen, zum - Gebrauch für Kinder und Alte.[58] - In sechzehn Kapiteln. - - - Erstes Kapitel. - Von Deutschland überhaupt. - -_Frage._ Sprich, Kind, wer bist Du? - -_Antwort._ Ich bin ein Deutscher. - -_Fr._ Ein Deutscher? Du scherzest. Du bist in Meißen gebohren, und das -Land, dem Meißen angehört, heißt Sachsen! - -_Antw._ Ich bin in Meißen gebohren, und das Land, dem Meißen angehört, -heißt Sachsen; aber mein Vaterland, das Land dem Sachsen angehört, ist -Deutschland, und Dein Sohn, mein Vater, ist ein Deutscher. - -_Fr._ Du träumest! Ich kenne kein Land, dem Sachsen angehört, es müßte -denn das rheinische Bundesland sein.[59] Wo find ich es, dies -Deutschland, von dem Du sprichst, und wo liegt es? - -_Antw._ Hier, mein Vater. -- Verwirre mich nicht. - -_Fr._ Wo? - -_Antw._ Auf der Karte. - -_Fr._ Ja, auf der Karte! -- Diese Karte ist vom Jahr 1805. -- Weißt Du -nicht, was geschehn ist im Jahr 1805, da der Friede von Preßburg -abgeschlossen war? - -_Antw._ Napoleon, der korsische Kaiser, hat es nach dem Frieden durch -eine Gewaltthat zertrümmert.[60] - -_Fr._ Nun? Und gleichwohl wäre es noch vorhanden? - -_Antw._ Gewiß! -- Was fragst Du mich doch! - -_Fr._ Seit wann? - -_Antw._ Seit Franz der Zweite, der alte Kaiser der Deutschen, wieder -aufgestanden ist, um es herzustellen, und der tapfre Feldherr, den er -bestellte, das Volk aufgerufen hat, sich an die Heere, die er anführt, -zur Befreiung des Landes anzuschließen. - - - Zweites Kapitel. - Von der Liebe zum Vaterlande. - -_Fr._ Du liebst dein Vaterland, nicht wahr, mein Sohn? - -_Antw._ Ja, mein Vater, das thu ich. - -_Fr._ Warum liebst Du es? - -_Antw._ Weil es mein Vaterland ist. - -_Fr._ Du meinst, weil Gott es geseegnet hat mit vielen Früchten, weil -viele schöne Werke der Kunst es schmücken, weil Helden, Staatsmänner und -Weise, deren Namen anzuführen kein Ende ist, es verherrlicht haben? - -_Antw._ Nein, mein Vater; Du verführst mich. - -_Fr._ Ich verführte Dich? - -_Antw._ Denn Rom und das ägyptische Delta sind, wie Du mich gelehrt -hast, mit Früchten und schönen Werken der Kunst und Allem, was groß und -herrlich sein mag, weit mehr geseegnet als Deutschland. Gleichwohl, wenn -Deines Sohnes Schicksal wollte, daß er darin leben sollte, würde er sich -traurig fühlen, und es nimmermehr so lieb haben, wie jetzt Deutschland. - -_Fr._ Warum also liebst Du Deutschland? - -_Antw._ Mein Vater, ich habe es Dir schon gesagt! - -_Fr._ Du hättest es mir schon gesagt? - -_Antw._ Weil es mein Vaterland ist. - - - Drittes Kapitel. - Von der Zertrümmerung des Vaterlandes. - -_Fr._ Was ist Deinem Vaterlande jüngsthin widerfahren? - -_Antw._ Napoleon, Kaiser der Franzosen, hat es mitten im Frieden -zertrümmert, und mehrere Völker, die es bewohnen, unterjocht. - -_Fr._ Warum hat er dies gethan? - -_Antw._ Das weiß ich nicht. - -_Fr._ Das weißt Du nicht? - -_Antw._ Weil er ein böser Geist ist. - -_Fr._ Ich will Dir sagen, mein Sohn: Napoleon behauptet, er sei von den -Deutschen beleidigt worden. - -_Antw._ Nein, mein Vater, das ist er nicht. - -_Fr._ Warum nicht? - -_Antw._ Die Deutschen haben ihn niemals beleidigt. - -_Fr._ Kennst Du die gantze Streitfrage, die dem Kriege, der entbrannt -ist, zum Grunde liegt? - -_Antw._ Nein, keineswegs. - -_Fr._ Warum nicht? - -_Antw._ Weil sie zu weitläuftig und umfassend ist. - -_Fr._ Woraus also schließest Du, daß die Sache, die die Deutschen -führen, gerecht sei? - -_Antw._ Weil Kaiser Franz von Oesterreich es versichert hat. - -_Fr._ Wo hat er dies versichert? - -_Antw._ In dem von seinem Bruder, dem Erzherzog Carl, an die Nation -erlassenen Aufruf. - -_Fr._ Also wenn zwei Angaben vorhanden sind, die Eine von Napoleon, dem -Korsenkaiser, die Andere von Franz, Kaiser von Oesterreich, welcher -glaubst Du? - -_Antw._ Der Angabe Franzens, Kaisers von Oesterreich. - -_Fr._ Warum? - -_Antw._ Weil er wahrhaftiger ist. - - - Viertes Kapitel. - Vom Ertzfeind. - -_Fr._ Wer sind Deine Feinde, mein Sohn? - -_Antw._ Napoleon und, so lange er ihr Kaiser ist, die Franzosen. - -_Fr._ Ist sonst niemand, den Du haßest? - -_Antw._ Niemand auf der ganzen Welt. - -_Fr._ Gleichwohl, als Du gestern aus der Schule kamst, hast Du Dich mit -jemand, wenn ich nicht irre, entzweit? - -_Antw._ Ich, mein Vater? Mit wem? - -_Fr._ Mit Deinem Bruder; Du hast es mir selbst erzählt. - -_Antw._ Ja, mit meinem Bruder! Er hatte meinen Vogel nicht, wie ich ihm -aufgetragen hatte, gefüttert. - -_Fr._ Also ist Dein Bruder, wenn er dies gethan hat, Dein Feind, nicht -Napoleon der Korse, noch die Franzosen, die er beherrscht? - -_Antw._ Nicht doch, mein Vater! -- Was sprichst Du da? - -_Fr._ Was ich da spreche? - -_Antw._ Ich weiß nicht, was ich darauf antworten soll.[61] -- -- -- -- - - - [Siebentes Kapitel.] - -_Fr._ Das hab ich Dich schon gefragt. Sage es noch einmahl mit den -Worten, die ich Dich gelehrt habe. - -_Antw._ Für einen verabscheuungswürdigen Menschen, für den Anfang alles -Bösen und das Ende alles Guten; für einen Sünder, den anzuklagen die -Sprache der Menschen nicht hinreicht, und den Engeln einst am jüngsten -Tage der Odem vergehen wird. - -_Fr._ Sahst Du ihn je? - -_Antw._ Niemals, mein Vater. - -_Fr._ Wie sollst Du ihn Dir vorstellen? - -_Antw._ Als einen der Hölle entstiegenen Vatermörder, der herumschleicht -in dem Tempel der Natur, und an allen Säulen rüttelt, auf welchen er -gebaut ist. - -_Fr._ Wann hast Du dies im Stillen für Dich wiederholt? - -_Antw._ Gestern Abend, als ich zu Bette gieng, und heute Morgen, als ich -aufstand. - -_Fr._ Und wann wirst Du es wieder wiederholen? - -_Antw._ Heute Abend, wenn ich zu Bette gehe, und morgen früh, wann ich -aufstehe. - -_Fr._ Gleichwohl, sagt man, soll er viel Tugenden besitzen. Das -Geschäfft der Unterjochung der Erde soll er mit List, Gewandtheit und -Kühnheit vollziehn, und besonders an dem Tage der Schlacht ein großer -Feldherr sein. - -_Antw._ Ja, mein Vater, so sagt man. - -_Fr._ Man sagt es nicht bloß; er _ist_ es. - -_Antw._ Auch gut; er _ist_ es. - -_Fr._ Meinst Du nicht, daß er um dieser Eigenschafften willen -Bewunderung und Verehrung verdiene? - -_Antw._ Du schertzest, mein Vater. - -_Fr._ Warum nicht? - -_Antw._ Das wäre ebenso feig, als ob ich die Geschicklichkeit, die einem -Menschen im Ringen beiwohnt, in dem Augenblick bewundern wollte, da er -mich in den Koth wirft und mein Antlitz mit Füßen tritt. - -_Fr._ Wer also unter den Deutschen mag ihn bewundern? - -_Antw._ Die robusten Feldherrn etwa und die Kenner der Kunst. - -_Fr._ Und auch diese, wann mögen sie es erst thun? - -_Antw._ Wenn er vernichtet ist. - - - Achtes Kapitel. - Von der Erziehung der Deutschen. - -_Fr._ Was mag die Vorsehung wohl damit, mein Sohn, daß sie die Deutschen -so grimmig durch Napoleon, den Korsen, aus ihrer Ruhe aufgeschreckt hat, -bezweckt haben? - -_Antw._ Das weiß ich nicht. - -_Fr._ Das weißt Du nicht? - -_Antw._ Nein, mein Vater. - -_Fr._ Ich auch nicht. Ich schieße nur mit meinem Urtheil ins Blaue -hinein. Treffe ich, so ist es gut; wo nicht, so ist an dem Schuß nichts -verloren. -- Tadelst Du dies Unternehmen? - -_Antw._ Keineswegs, mein Vater. - -_Fr._ Vielleicht meinst Du, die Deutschen befanden sich schon, wie die -Sachen stehn, auf dem Gipfel aller Tugend, alles Heils und alles Ruhms? - -_Antw._ Keineswegs, mein Vater. - -_Fr._ Oder waren wenigstens auf guten Wegen, ihn zu erreichen? - -_Antw._ Nein, mein Vater; das auch nicht. - -_Fr._ Von welcher Unart habe ich Dir zuweilen gesprochen? - -_Antw._ Von einer Unart? - -_Fr._ Ja; die dem lebenden Geschlecht anklebt. - -_Antw._ Der Verstand der Deutschen, hast Du mir gesagt, habe durch -einige scharfsinnige Lehrer einen Ueberwitz bekommen; sie reflectirten, -wo sie empfinden oder handeln sollten, meinten Alles durch ihren Witz -bewerkstelligen zu können, und gäben nichts mehr auf die alte -geheimnißvolle Kraft der Hertzen. - -_Fr._ Findest Du nicht, daß die Unart, die Du mir beschreibst, zum Theil -auch auf Deinem Vater ruht, indem er Dich catechisirt? - -_Antw._ Ja, mein lieber Vater. - -_Fr._ Woran hiengen sie mit unmäßiger und unedler Liebe? - -_Antw._ An Geld und Gut, trieben Handel und Wandel damit, daß ihnen der -Schweiß ordentlich des Mitleidens würdig von der Stirn triefte, und -meinten ein ruhiges, gemächliches und sorgenfreies Leben sei Alles, was -sich in der Welt erringen ließe. - -_Fr._ Warum also mag das Elend wohl, das in der Zeit ist, über sie -gekommen, ihre Hütten zerstört und ihre Felder verheeret worden sein? - -_Antw._ Um ihnen diese Güter völlig verächtlich zu machen, und sie -anzuregen nach den höhern und höchsten, die Gott den Menschen beschert -hat, hinanzustreben. - -_Fr._ Und welches sind die höchsten Güter der Menschen? - -_Antw._ Gott, Vaterland, Kaiser, Freyheit, Liebe und Treue, Schönheit, -Wissenschafft und Kunst. - - - Neuntes Kapitel. - Eine Nebenfrage. - -_Fr._ Sage mir, mein Sohn, wohin kommt der, welcher liebt? In den Himmel -oder in die Hölle? - -_Antw._ In den Himmel. - -_Fr._ Und der, welcher haßt? - -_Antw._ In die Hölle. - -_Fr._ Aber derjenige, welcher weder liebt noch haßt: wohin kommt der? - -_Antw._ Welcher weder liebt noch haßt? - -_Fr._ Ja! -- Hast Du die schöne Fabel vergessen? - -_Antw._ Nein, mein Vater. - -_Fr._ Nun? Wohin kommt der? - -_Antw._ Der kommt in die siebente, tiefste und unterste Hölle. - - - Zehntes Kapitel. - Von der Verfassung der Deutschen.[62] - --- -- -- -- - - - [Zwölftes Kapitel.] - -wo sie sie immer treffen mögen, erschlagen. - -_Fr._ Hat er dies Allen oder den Einzelnen befohlen? - -_Antw._ Allen und den Einzelnen. - -_Fr._ Aber der Einzelne, wenn er zu den Waffen griffe, würde offtmals -nur in sein Verderben laufen? - -_Antw._ Allerdings, mein Vater, das wird er. - -_Fr._ Er muß also lieber warten, bis ein Haufen zusammengelaufen ist, um -sich an diesen anzuschließen? - -_Antw._ Nein, mein Vater. - -_Fr._ Warum nicht? - -_Antw._ Du scherzest, wenn Du so fragst. - -_Fr._ So rede! - -_Antw._ Weil, wenn jedweder so dächte, gar kein Haufen zusammenlaufen -würde, an den man sich anschließen könnte. - -_Fr._ Mithin -- was ist die Pflicht jedes Einzelnen? - -_Antw._ Unmittelbar auf das Gebot des Kaisers zu den Waffen zu greifen, -den Anderen, wie die hochherzigen Tyroler,[63] ein Beispiel zu geben, -und die Franzosen, wo sie angetroffen werden mögen, zu erschlagen. - - - Dreizehntes Kapitel. - Von den freiwilligen Beiträgen. - -_Fr._ Wen Gott mit Gütern geseegnet hat, was muß der noch außerdem für -den Fortgang des Kriegs, der geführt wird, thun? - -_Antw._ Er muß, was er entbehren kann, zur Bestreitung seiner Kosten -hergeben. - -_Fr._ Was kann der Mensch entbehren? - -_Antw._ Alles bis auf Wasser und Brod, [das] ihn ernährt, und ein -Gewand, das ihn deckt. - -_Fr._ Wie viel Gründe kannst Du anführen, um die Menschen, freiwillige -Beiträge einzuliefern, zu bewegen? - -_Antw._ Zwei. Einen, der nicht viel einbringen wird, und Einen, der die -Führer des Kriegs reich machen muß, falls die Menschen nicht mit -Blindheit geschlagen sind.[64] - -_Fr._ Welcher ist der, der nicht viel einbringen wird? - -_Antw._ Weil Geld und Gut gegen das, was damit errungen werden soll, -nichtswürdig sind. - -_Fr._ Und welcher ist der, der die Führer des Kriegs reich machen muß, -falls die Menschen nicht mit Blindheit geschlagen sind? - -_Antw._ Weil es die Franzosen doch wegnehmen. - - - Vierzehntes Kapitel. - Von den obersten Staatsbeamten. - -_Fr._ Die Staatsbeamten, die dem Kaiser von Oesterreich und den ächten -deutschen Fürsten treu dienen, findest Du nicht, mein Sohn, daß sie -einen gefährlichen Stand haben? - -_Antw._ Allerdings, mein Vater. - -_Fr._ Warum? - -_Antw._ Weil, wenn der korsische Kaiser ins Land käme, er sie um dieser -Treue willen bitter bestrafen würde. - -_Fr._ Also ist es für jeden, der auf einer wichtigen Landesstelle steht, -der Klugheit gemäß, sich zurückzuhalten, und sich nicht mit Eifer auf -heftige Maasregeln, wenn sie ihm auch von der Regierung anbefohlen sein -sollten, einzulassen?[65] - -_Antw._ Pfui doch, mein Vater; was sprichst Du da! - -_Fr._ Was? -- Nicht? - -_Antw._ Das wäre schändlich und niederträchtig. - -_Fr._ Warum? - -_Antw._ Weil ein Solcher nicht mehr Staatsdiener seines Fürsten, sondern -schon, als ob er in seinem Sold stünde, Staatsdiener des Korsenkaisers -ist, und für seine Zwecke arbeitet. - - - Funfzehntes Kapitel. - Vom Hochverrathe. - -_Fr._ Was begeht derjenige, mein Sohn, der dem Aufgebot, das der -Erzherzog Carl an die Nation erlassen hat, nicht gehorcht, oder wohl gar -durch Wort und That zu widerstreben wagt? - -_Antw._ Einen Hochverrath mein Vater. - -_Fr._ Warum? - -_Antw._ Weil er dem Volk, zu dem er gehört, verderblich ist. - -_Fr._ Was hat derjenige zu thun, den das Unglück unter die -verrätherischen Fahnen geführt hat, die den Franzosen verbunden, der -Unterjochung des Vaterlandes wehen? - -_Antw._ Er muß seine Waffen schaamroth wegwerfen, und zu den Fahnen der -Oesterreicher übergehen. - -_Fr._ Wenn er dies nicht thut, und mit den Waffen in der Hand ergriffen -wird, was hat er verdient? - -_Antw._ Den Tod, mein Vater. - -_Fr._ Und was kann ihn einzig davor schützen? - -_Antw._ Die Gnade Franzens, Kaisers von Oesterreich, des Vormunds, -Retters und Wiederherstellers der Deutschen. - - - Sechszehntes Kapitel. - Schluß. - -_Fr._ Aber sage mir, mein Sohn, wenn es dem hochherzigen Kaiser von -Oesterreich, der für die Freiheit Deutschlands die Waffen ergriff, nicht -gelänge, das Vaterland zu befreien: würde er nicht den Fluch der Welt -auf sich laden, den Kampf überhaupt unternommen zu haben? - -_Antw._ Nein, mein Vater. - -_Fr._ Warum nicht? - -_Antw._ Weil Gott der oberste Herr der Heer-Schaaren ist, und nicht der -Kaiser, und es weder in seiner noch in seines Bruders, des Erzherzog -Carls, Macht steht, die Schlachten, so wie sie es wohl wünschen mögen, -zu gewinnen. - -_Fr._ Gleichwohl ist, wenn der Zweck des Kriegs nicht erreicht wird, das -Blut vieler tausend Menschen nutzlos geflossen, die Städte verwüstet und -das Land verheert worden. - -_Antw._ Wenngleich, mein Vater! - -_Fr._ Was? Wenngleich! -- Also auch, wenn Alles untergienge, und kein -Mensch, Weiber und Kinder mit eingerechnet, am Leben bliebe, würdest du -den Kampf noch billigen? - -_Antw._ Allerdings, mein Vater. - -_Fr._ Warum? - -_Antw._ Weil es Gott lieb ist, wenn Menschen ihrer Freiheit wegen -sterben. - -_Fr._ Was aber ist ihm ein Gräuel? - -_Antw._ Wenn Sclaven leben! - - - - - 2. Politische Aufrufe und Betrachtungen. - - - 1. Einleitung [zur Zeitschrift Germania]. - -Diese Zeitschrift soll der erste Athemzug der deutschen Freiheit sein. -Sie soll Alles aussprechen, was während der drei letzten, unter dem -Druck der Franzosen verseufzten, Jahre in den Brüsten wackerer Deutschen -hat verschwiegen bleiben müssen: alle Besorgniß, alle Hoffnung, alles -Elend und alles Glück. - -Es bedurfte einer Zeit wie die jetzige, um einem Blatt, wie das -vorliegende ist, das Dasein zu geben. So lange noch keine Handlung des -Staats geschehen war, mußte es jedem Deutschen, der seine Worte zu Rathe -hielt, ebenso voreilig als nutzlos scheinen zu seinen Mitbrüdern zu -reden. Eine solche Stimme würde entweder völlig in der Wüste verhallt -sein, oder -- welches fast noch schlimmer gewesen wäre -- die Gemüther -nur auf die Höhen der Begeisterung erhoben haben, um sie in dem zunächst -darauf folgenden Augenblick in eine desto tiefere Nacht der -Gleichgültigkeit und Hoffnungslosigkeit versinken zu lassen. - -Jetzt aber hat der Kaiser von Oesterreich an der Spitze seines tapfern -Heeres den Kampf für seiner Unterthanen Wohl, und den noch -großmüthigeren für das Heil des unterdrückten und bisher noch wenig -dankbaren Deutschlands unternommen. Der kaiserliche Bruder, den er zum -Herrn des Heers bestellte, hat die göttliche Kraft, das Werk an sein -Ziel hinauszuführen, auf eine erhabene und rührende Art dargethan. Das -Misgeschick, das ihn traf, trug er mit der Unbeugsamkeit der Helden, und -ward in dem entscheidenden Augenblick, da es zu siegen oder zu sterben -galt, der Bezwinger des Unbezwungenen, -- ward es mit einer -Bescheidenheit, die dem Zeitalter, in welchem wir leben, fremd ist.[66] - -Jetzt oder niemals ist es Zeit den Deutschen zu sagen, was sie -ihrerseits zu thun haben, um der erhabenen Vormundschafft, die sich über -sie eingesetzt hat, allererst würdig zu werden; und dieses Geschäfft ist -es, das wir, von der Lust am Guten mitzuwirken bewegt, in den Blättern -der Germania haben übernehmen wollen. - -Hoch, auf dem Gipfel der Felsen soll sie sich stellen und den -Schlachtgesang herabdonnern ins Thal! Dich, o Vaterland, will sie singen -und deine Heiligkeit und Herrlichkeit, und welch ein Verderben seine -Wogen auf dich heranwälzt! Sie will herabsteigen, wenn die Schlacht -braußt,[67] und sich mit hochroth glühenden Wangen unter die Streitenden -mischen und ihren Muth beleben, und ihnen Unerschrockenheit und Ausdauer -und des Todes Verachtung ins Herz gießen; -- -- und die Jungfrauen des -Landes herbeirufen, wenn der Sieg erfochten ist, daß sie sich -niederbeugen über die so gesunken sind, und ihnen das Blut aus der Wunde -saugen. Möge jeder, der sich bestimmt fühlt dem Vaterlande auf _diese_ -Weise zu -- -- -- - - - 2. [Aufruf.] - -Zeitgenossen! Glückliche oder unglückliche Zeitgenossen -- wie soll ich -euch nennen? daß ihr nicht aufmerken wollet, oder nicht aufmerken -könnet. Wunderbare und sorgenlose Blindheit, mit welcher ihr nichts -vernehmt! O, wenn in euren Füßen Weissagung wäre, wie schnell würden sie -zur Flucht sein! Denn unter ihnen gährt die Flamme, die bald in Vulcanen -herausdonnern, und unter ihrer Asche und ihren Lavaströmen Alles -begraben wird. Wunderbare Blindheit, die nicht gewahrt, daß Ungeheures -und Unerhörtes nahe ist, daß Dinge reifen, von welchen noch der Urenkel -mit Grausen sprechen wird, wie von atridischen Tischen und Pariser und -Nanter Bluthochzeiten? Welche Verwandlungen nahen! Ja, in welchen seid -ihr mitten inne und merkt sie nicht, und meint, es geschähe etwas -Alltägliches in dem alltäglichen Nichts, worin ihr befangen seid! -- ^G. -v. J.^ S. 13.[68] - -Diese Prophezeiung -- in der That, mehr als einmal habe ich diese Worte -als übertrieben tadeln hören. Sie flößen, sagt man, ein gewisses -falsches Entsetzen ein, das die Gemüther, statt sie zu erregen, vielmehr -abspanne und erschlaffe. Man sieht um sich, heißt es, ob wirklich die -Erde sich schon unter den Fußtritten der Menschen eröffne; und wenn man -die Thürme und die Giebel der Häuser noch stehen sieht, so holt man, als -ob man aus einem schweren Traume erwachte, wieder Athem. Das -Wahrhaftige, was darin liegt, verwerfe man mit dem Unwahrhaftigen, und -sei geneigt die ganze Weissagung, die das Buch enthält, für eine Vision -zu halten. - -O du, der du so sprichst, du kömmst mir vor wie etwa ein Grieche aus dem -Zeitalter des Sülla, oder aus jenem des Titus ein Israelit. - -»Was? dieser mächtige Staat der Juden soll untergehen? Jerusalem, diese -Stadt Gottes, von seinem leibhaftigen Cherubime beschützt, sie sollte, -Zion, zu Asche versinken? Eulen und Adler sollten in den Trümmern dieses -salomonischen Tempels wohnen? Der Tod sollte die ganze Bevölkerung -hinwegraffen, Weiber und Kinder in Fesseln hinweggeführt werden, und die -Nachkommenschafft in alle Länder der Welt zerstreut, durch Jahrtausende -und wieder Jahrtausende[69] verworfen, wie dieser Ananias prophezeit, -das Leben der Sclaven führen? Was?« - - - 3. Was gilt es in diesem Kriege? - -Gilt es, was es gegolten hat sonst in den Kriegen, die geführt worden -sind auf dem Gebiete der unermeßlichen Welt? Gilt es den Ruhm eines -jungen und unternehmenden Fürsten, der in dem Duft einer lieblichen -Sommernacht von Lorbeern geträumt hat? Oder die Genugthuung für die -Empfindlichkeit einer Favorite, deren Reitze, vom Beherrscher des Reichs -anerkannt, an fremden Höfen in Zweifel gezogen worden sind? Gilt es -einen Feldzug, der, jenem spanischen Erbfolgestreit gleich, wie ein -Schachspiel geführt wird, bei welchem kein Herz wärmer schlägt, keine -Leidenschafft das Gefühl schwellt, kein Muskel, vom Giftpfeil der -Beleidigung getroffen, emporzuckt? Gilt es ins Feld zu rücken von beiden -Seiten, wenn der Lenz kommt, sich zu treffen mit flatternden Fahnen, und -zu schlagen und entweder zu siegen, oder wieder in die Winterquartiere -einzurücken? Gilt es eine Provinz abzutreten, einen Anspruch -auszufechten, oder eine Schuld-Forderung geltend zu machen, oder gilt es -sonst irgend etwas, das nach dem Werth des Geldes auszumessen ist, heut -besessen, morgen aufgegeben, und übermorgen wieder erworben werden kann? - -Eine Gemeinschafft gilt es, deren Wurzeln tausendästig,[70] einer Eiche -gleich, in den Boden der Zeit eingreifen; deren Wipfel, Tugend und -Sittlichkeit überschattend, an den silbernen Saum der Wolken rührt, -deren Dasein durch das Drittheil eines Erdalters geheiligt worden ist; -eine Gemeinschafft, die, unbekannt mit dem Geist der Herrschsucht und -der Eroberung, des Daseins und der Duldung so würdig ist, wie irgend -eine; die ihren Ruhm nicht einmal denken kann, sie müßte denn den Ruhm -zugleich und das Heil aller Uebrigen denken, die den Erdkreis bewohnen; -deren ausgelassenster und ungeheuerster Gedanke noch, von Dichtern und -Weisen auf Flügeln der Einbildung erschwungen, Unterwerfung unter eine -Weltregierung ist, die in freier Wahl von der Gesammtheit aller -Brüder-Nationen gesetzt wäre. Eine Gemeinschafft gilt es, deren -Wahrhaftigkeit und Offenherzigkeit gegen Freund und Feind gleich -unerschütterlich geübt, bei dem Witz der Nachbarn zum Sprichwort -geworden ist; die über jeden Zweifel erhoben, dem Besitzer jenes ächten -Ringes gleich, diejenige ist, die die Anderen am Meisten lieben; deren -Unschuld, selbst in dem Augenblick noch, da der Fremdling sie belächelt, -oder wohl gar verspottet, sein Gefühl geheimnißvoll erweckt; dergestalt, -daß derjenige, der zu ihr gehört, nur seinen Namen zu nennen braucht, um -auch in den entferntesten Theilen der Welt noch Glauben zu finden. Eine -Gemeinschafft, die weit entfernt in ihrem Busen auch nur eine Regung von -Uebermuth zu tragen, vielmehr, einem schönen Gemüth gleich, bis auf den -heutigen Tag an ihre eigne Herrlichkeit nicht geglaubt hat; die -herumgeflattert ist unermüdlich, einer Biene gleich, Alles, was sie -Vortreffliches fand, in sich aufzunehmen, gleich als ob nichts von -Ursprung herein Schönes in ihr[71] selber wäre; in deren Schooß -gleichwohl (wenn es zu sagen erlaubt ist!) die Götter das Urbild der -Menschheit reiner als in irgend einer andern aufbewahrt hatten. Eine -Gemeinschafft, die dem Menschengeschlecht nichts in dem Wechsel der -Dienstleistungen[72] schuldig geblieben ist, die den Völkern, ihren -Brüdern und Nachbarn, für jede Kunst des Friedens, welche sie von ihnen -erhielt, eine andere zurückgab; eine Gemeinschafft, die an dem Obelisken -der Zeiten stets unter den Wackersten und Rüstigsten thätig gewesen ist; -ja, die den Grundstein desselben gelegt hat, und vielleicht den -Schlußblock darauf zu setzen bestimmt war. Eine Gemeinschafft gilt es, -die den Leibnitz und Guttenberg gebohren hat, in welcher ein Guericke -den Luftkreis wog, Tschirnhausen den Glanz der Sonne lenkte, und Keppler -der Gestirne Bahn verzeichnete; eine Gemeinschafft, die große Namen, wie -der Lenz Blumen, aufzuweisen hat; die den Hutten und Sickingen, Luther -und Melanchthon, Joseph und Friedrich auferzog; in welcher Dürer und -Cranach, die Verherrlicher der Tempel, gelebt, und Klopstock den Triumph -des Erlösers gesungen hat. Eine Gemeinschafft mithin gilt es, die dem -ganzen Menschengeschlecht angehört;[73] die die Wilden der Südsee noch, -wenn sie sie kennten, zu beschützen herbeiströmen würden; eine -Gemeinschafft, deren Dasein keine deutsche Brust überleben, und die nur -mit Blut, vor [dem] die Sonne verdunkelt, zu Grabe gebracht werden soll! - - - 4. Einleitung [zu den Berliner Abendblättern]. - Gebet des Zoroaster. - (Aus einer indischen Handschrift, von einem Reisenden in den - Ruinen von Palmyra gefunden.) - (1. October 1810.) - -Gott, mein Vater im Himmel! Du hast dem Menschen ein so freies, -herrliches und üppiges Leben bestimmt. Kräfte unendlicher Art, göttliche -und thierische, spielen in seiner Brust zusammen, um ihn zum König der -Erde zu machen. Gleichwohl, von unsichtbaren Geistern überwältigt, liegt -er, auf verwundernswürdige und unbegreifliche Weise, in Ketten und -Banden; das Höchste, von Irrthum geblendet, läßt er zur Seite liegen, -und wandelt, wie mit Blindheit geschlagen, unter Jämmerlichkeiten und -Nichtigkeiten umher. Ja, er gefällt sich in seinem Zustand; und wenn die -Vorwelt nicht wäre und die göttlichen Lieder, die von ihr Kunde geben, -so würden wir gar nicht mehr ahnden, von welchen Gipfeln, o Herr! der -Mensch um sich schauen kann. Nun lässest du es, von Zeit zu Zeit, -niederfallen, wie Schuppen, von dem Auge Eines deiner Knechte, den du -dir erwählt, daß er die Thorheiten und Irrthümer seiner Gattung -überschaue; ihn rüstest du mit dem Köcher der Rede, daß er, furchtlos -und liebreich, mitten unter sie trete, und sie mit Pfeilen, bald -schärfer, bald leiser, aus der wunderlichen Schlafsucht, in welcher sie -befangen liegen, wecke. Auch mich, o Herr, hast du, in deiner Weisheit, -mich wenig Würdigen, zu diesem Geschäft erkoren; und ich schicke mich zu -meinem Beruf an. Durchdringe mich ganz, vom Scheitel zur Sohle, mit dem -Gefühl des Elends, in welchem dies Zeitalter darnieder liegt, und mit -der Einsicht in alle Erbärmlichkeiten, Halbheiten, Unwahrhaftigkeiten -und Gleisnereien, von denen es die Folge ist. Stähle mich mit Kraft, den -Bogen des Urtheils rüstig zu spannen, und, in der Wahl der Geschosse, -mit Besonnenheit und Klugheit, auf daß ich jedem, wie es ihm zukommt, -begegne: den Verderblichen und Unheilbaren, dir zum Ruhm, niederwerfe, -den Lasterhaften schrecke, den Irrenden warne, den Thoren, mit dem -bloßen Geräusch der Spitze über sein Haupt hin, necke. Und einen Kranz -auch lehre mich winden, womit ich, auf meine Weise, den, der dir -wohlgefällig ist, kröne! Ueber Alles aber, o Herr, möge Liebe wachen zu -dir, ohne welche nichts, auch das Geringfügigste nicht, gelingt: auf daß -dein Reich verherrlicht und erweitert werde, durch alle Räume und alle -Zeiten, Amen! - - ^x.^ - - - 5. Von der Ueberlegung. - (Eine Paradoxe.) - (7. December.) - -Man rühmt den Nutzen der Ueberlegung in alle Himmel; besonders der -kaltblütigen und langwierigen vor der That. Wenn ich ein Spanier, ein -Italiener oder ein Franzose wäre: so mögte es damit sein Bewenden haben. -Da ich aber ein Deutscher bin, so denke ich meinem Sohn einst, besonders -wenn er sich zum Soldaten bestimmen sollte, folgende Rede zu halten. - -»Die Ueberlegung, wisse, findet ihren Zeitpunkt weit schicklicher -_nach_, als _vor_ der That. Wenn sie vorher, oder in dem Augenblick der -Entscheidung selbst, ins Spiel tritt: so scheint sie nur die zum Handeln -nöthige Kraft, die aus dem herrlichen Gefühl quillt, zu verwirren, zu -hemmen und zu unterdrücken; dagegen sich nachher, wenn die Handlung -abgethan ist, der Gebrauch von ihr machen läßt, zu welchem sie dem -Menschen eigentlich gegeben ist, nämlich sich dessen, was in dem -Verfahren fehlerhaft und gebrechlich war, bewußt zu werden, und das -Gefühl für andere künftige Fälle zu reguliren. Das Leben selbst ist ein -Kampf mit dem Schicksal; und es verhält sich auch mit dem Handeln wie -mit dem Ringen. Der Athlet kann, in dem Augenblick, da er seinen Gegner -umfaßt hält, schlechthin nach keiner andern Rücksicht, als nach bloßen -augenblicklichen Eingebungen verfahren; und derjenige, der berechnen -wollte, welche Muskeln er anstrengen, und welche Glieder er in Bewegung -sezzen soll, um zu überwinden, würde unfehlbar den Kürzern ziehen, und -unterliegen. Aber nachher, wenn er gesiegt hat oder am Boden liegt, mag -es zweckmäßig und an seinem Ort sein, zu überlegen, durch welchen Druck -er seinen Gegner niederwarf, oder welch ein Bein er ihm hätte stellen -sollen, um sich aufrecht zu erhalten. Wer das Leben nicht, wie ein -solcher Ringer, umfaßt hält, und tausendgliedrig, nach allen Windungen -des Kampfes, nach allen Widerständen, Drücken, Ausweichungen und -Reactionen, empfindet und spürt: der wird, was er will, in keinem -Gespräch, durchsetzen; vielweniger in einer Schlacht.« - - ^x.^ - - - 6. Betrachtungen über den Weltlauf. - (9. October.) - -Es giebt Leute, die sich die Epochen, in welchen die Bildung einer -Nation fortschreitet, in einer gar wunderlichen Ordnung vorstellen. Sie -bilden sich ein, daß ein Volk zuerst in thierischer _Rohheit_ und -_Wildheit_ daniederläge; daß man nach Verlauf einiger Zeit, das -Bedürfniß einer Sittenverbesserung empfinden, und somit die -_Wissenschaft von der Tugend_ aufstellen müsse; daß man, um den Lehren -derselben Eingang zu verschaffen, daran denken würde, sie in schönen -Beispielen zu versinnlichen, und daß somit die _Aesthetik_ erfunden -werden würde: daß man nunmehr, nach den Vorschriften derselben, schöne -Versinnlichungen verfertigen, und somit die _Kunst_ selbst ihren -Ursprung nehmen würde: und daß vermittelst der Kunst endlich das Volk -auf die höchste Stufe menschlicher _Cultur_ hinaufgeführt werden würde. -Diesen Leuten dient zur Nachricht, daß Alles, wenigstens bei den -Griechen und Römern, in ganz umgekehrter Ordnung erfolgt ist. Diese -Völker machten mit der _heroischen_ Epoche, welche ohne Zweifel die -höchste ist, die erschwungen werden kann, den Anfang; als sie in keiner -menschlichen und bürgerlichen Tugend mehr Helden hatten, _dichteten_ sie -welche; als sie keine mehr dichten konnten, erfanden sie dafür die -_Regeln_; als sie sich in den Regeln verwirrten, abstrahirten sie die -_Weltweisheit_ selbst; und als sie damit fertig waren, wurden sie -_schlecht_. - - ^z.^ - - - - - 3. Erzählungen und Anekdoten. - - - 1. Warnung gegen weibliche Jägerei. - (5. 6. November.) - -Die Gräfin L... war kurzsichtig, aber sie liebte noch immer die Jagd, -ungeachtet sie niemals gut geschossen hatte. Ihre Jäger kannten ihre Art -und nahmen sich vor ihr in Acht; sie schoß dreist auf jeden Fleck, wo -sich etwas regte, es war ihr einerlei, was es sein mogte. Abbé D......, -einer der gelehrtesten Literatoren, mußte sie mit ihrem vierzehnjährigen -Sohne, dem Grafen Johann, auf einer dieser Treibjagden begleiten, die -Jäger suchten ihnen einen sichern Platz zum Anstand, hinter zwei starken -Bäumen, aus; der Abbé nahm aus Langeweile ein Buch aus seiner Tasche, -das er vom Jagdschloß mitgenommen; es war von Idstädt's Jagdrecht. Der -junge Graf lauerte aufmerksam auf einen Rehbock, der herangetrieben -wurde. In dem Augenblicke, als er losdrücken wollte, fiel ein Schuß der -Gräfin, den sie ungeschickt und übereilt auf denselben Rehbock thun -wollte, so geschickt durch den schmalen Luftraum, zwischen den beiden -Bäumen, die den Abbé und den Grafen sicherten, daß sich beide zu -gleicher Zeit verwundet fühlten und aufschrieen. Die Gräfin wurde bei -diesem Geschrei ohnmächtig, die Jäger und die übrige Gesellschaft, in -der sich auch ein Wundarzt befand, eilten von allen Seiten herbei und -theilten ihre Sorge zwischen der Gräfin und dem jungen Erbgrafen. Die -Güte und Geduld des Abbé's ist jedem, der ihn gesehen, aus seinem -Gesichte bekannt, seine Bescheidenheit jedem, der mit ihm gesprochen; -hier erschien aber alles Dreies auf einer merkwürdigen Probe. Kein -Mensch fragte ihn, was ihm fehle, vielmehr drängte man ihn beiseite, und -als er einem sagte: Er glaube zu sterben, der eine Rehposten wäre ihm in -der Gegend der Leber durch die Rippen eingeschlagen; so antwortete ihm -jener verstört: der junge Graf sei durch beide Schulterblätter verletzt. -Der Wundarzt sah nur auf den jungen Grafen, und der arme Abbé mußte sich -selbst helfen, so gut er konnte, und suchte sich die Wunde mit seinem -Schnupftuche, das er mit dem Rock festknöpfte, so gut als möglich zu -verschließen. Mit Mühe wurde eine Kutsche durch den steinigen hügligten -Wald, bis nahe an den Unglücksort, gebracht. Die Gräfin hatte sich -erholt, und empfahl mit vielen Thränen, dem Wundarzte ihren Sohn; der -Abbé wollte ihr mit Klagen, über seinen Schmerz, keinen Kummer machen, -und stieg sachte mit der letzten Anstrengung dem jungen Grafen in den -Wagen nach. Der Wundarzt hielt den Grafen im Vorsitz, rückwärts saß der -Abbé. Der Wagen fuhr sehr langsam, aber der Weg war uneben und stieß -unvermeidlich; der Graf litt dabei und seufzte leise, aber der Abbé -konnte, bei dem entsetzlichen Druck der Kugel, sich heftiger Seufzer und -einzelner Ausrufungen nicht enthalten. Der Wundarzt hatte schon ein paar -Mal gesagt: Es hätte nichts auf sich mit der Wunde des Grafen, er könnte -sich beruhigen; endlich sprach er ganz ernstlich: Ich ehre ihr Mitleid -Herr Abbé, aber ich traue ihrem Verstande zu, daß sie sich der Ausbrüche -desselben erwehren können, wenn es dem Gegenstande desselben gefährlich -werden könnte; ihre Beileidsbezeugungen machen aber den Kranken selbst -besorgter, als das Uebel verdient. - -In dem Augenblicke krachte der Wagen über eine Wurzel, daß der arme Abbé -kein Wort sagen konnte, sondern um sich verständlich zu machen, den Rock -aufknöpfte; das Tuch fiel herunter und das Blut floß in großer Menge -herab. -- Mein Gott, rief der Wundarzt, sind sie auch verwundet, -wahrhaftig! ja, da muß man sich hier nichts draus machen, ich habe heute -auch ein Paar Schroten von der Frau Gräfin in das dicke Fleisch -bekommen, es macht ihr so viel Vergnügen und ich singe lustig dabei: - - Es ist ein Schuß gefallen, - Mein, sagt, wer schoß da draus? - Es war ein junger Jäger, - Der schoß im Hinterhaus. - Die Spatzen in dem Garten, - Die machen viel Verdruß, - Zwei Spatzen und ein Schneider, - Die fielen von dem Schuß, - Die Spatzen von den Schroten, - Der Schneider von dem Schreck; - Die Spatzen in die Schoten, - Der Abbé in den Dreck. - -Der gute Abbé, der eine gewisse Kränkung empfunden hatte, wie er erst so -verbindlich in dem Hause aufgenommen und im Unglück so ganz vergessen -sei, mußte jetzt selbst lächlen, als er bei dieser Anzeige bemerkte, wie -er sich beim Falle auf dem feuchten Boden beschmutzt hatte, dabei -übernahm ihn eine Ohnmacht, von der er erst im Schlosse erwachte. Ich -sah ihn mehrere Jahre nach diesem Vorfalle, den er glücklich überstanden -hatte; ich fühlte die Kugel, sie hatte sich wohl zwei Hände breit hinter -den Rippen niedergesenkt, und war jetzt unter denselben fühlbar. -Zuweilen litt er noch an Schmerzen und versicherte, daß alle Gefahren, -die von den Dichtern einem gewissen Bogengeschoß aus weiblichen Augen -nachgesagt würden, nicht mit den Gefahren weiblicher Jägerei zu -vergleichen wären, denn die Geschicklichkeit Dianens mögte wohl so -selten geworden sein, wie ihre anderen Eigenschaften. - - ^vaa.^ - - - 2. Die Heilung. - (29. November.) - -In den Zeiten des höchsten Glanzes der altfranzösischen Hofhaltung unter -Ludwig XIV lebte ein Edelmann, der Marquis de Saint Meran, der die -Anmuth, Geistesgewandheit und sittliche Verderbniß der damaligen -vornehmen Welt im höchsten Grade in sich vereinigte. Unter andern -unzählbaren Liebesabentheuern hatte er auch eines, mit der Frau eines -Procuratoren, die es ihm gelang, dem Manne sowohl, als dessen Familie -und ihrer eigenen gänzlich abzuwenden, so daß sie deren Schmach ward, -deren Juweel sie gewesen war, und in blinder Leidenschaft das Hotel -ihres Verführers bezog. Er hatte zwar nie so viel bei einer -Liebesgeschichte empfunden, als bei dieser, ja, es regten sich bisweilen -Gefühle in ihm, die man einen Abglanz von Religion und Herzlichkeit -hätte nennen mögen, aber endlich trieb ihn dennoch, wenn nicht die Lust -am Wechsel, doch die Mode des Wechsels von seinem schönen Opfer wieder -fort, und er suchte nun dieses durch die ausgesuchtesten und -verfeinertsten Grundsätze seiner Weltweisheit zu beruhigen. Aber das war -nichts für ein solches Herz. Es schwoll in Leiden, die ihm keine -Geisteswendung zu mildern vermochte, so gewaltsam auf, daß es den -einstmals lichtklaren und lichtschnellen Verstand verwirrte, und der -Marquis, nicht bösartig genug, die arme Verrückte ihrem Jammer und dem -Hohn der Menschen zu überlassen, sie auf ein entferntes Gut in der -Provence schickte, mit dem Befehl, ihrer gut und anständig zu pflegen. -Dort aber stieg, was früher stille Melancholie gewesen war, zu den -gewaltsamsten phrenetischen Ausbrüchen, mit deren Berichten man jedoch -die frohen Stunden des Marquis zu unterbrechen sorgsam vermied. Diesem -fällt es endlich einmal ein, die provenzalische Besizzung zu besuchen. -Er kommt unvermuthet an, eine flüchtige Frage nach dem Befinden der -Kranken wird eben so flüchtig beantwortet, und nun geht es zu einer -Jagdparthie in die nahen Berge hinaus. Man hatte sich aber wohl gehütet, -dem Marquis zu sagen, daß eben heute die Unglückliche in unbezwinglicher -Wuth aus ihrer Verwahrung gebrochen sei, und man sich noch immer -vergeblich abmühe, sie wieder einzufangen. Wie mußte nun dem -Leichtsinnigen zu Muthe werden, als er auf schroffem Fußgestade an einer -der einsamsten Stellen des Gebirges, weit getrennt von alle seinem -Gefolge, im eiligen Umwenden um eine Ecke des Felsens, der furchtbaren -Flüchtigen grad in die Arme rennt, die ihn faßt mit alle der -unwiderstehlichen Kraft des Wahnsinns, mit ihrem, aus den Kreisen -gewichenen blitzenden Augenstern, gerad' in sein Antlitz hineinstarrt, -während ihr reiches, nun so gräßliches, schwarzes Haar, wie ein Mantel -von Rabenfittigen, über ihr hinweht, und die dennoch nicht so entstellt -ist, daß er nicht auf den ersten Blick die einst so geliebte Gestalt, -die von ihm selber zur Furie umgezauberte Gestalt, hätte erkennen -sollen. -- Da wirrte auch um ihn der Wahnsinn seine grause Schlingen, -oder vielmehr der Blödsinn, denn der plötzliche Geistesschlag zerrüttete -ihn dergestalt, daß er besinnungslos in den Abgrund hinunter taumeln -wollte. Aber die arme Manon lud ihn, plötzlich still geworden, auf ihren -Rücken, und trug ihn sorgsam nach der Gegend des Schlosses zurück. Man -kann sich das Entsetzen der Bedienten denken, als sie ihrem Herren auf -diese Weise und in der Gewalt der furchtbaren Kranken begegneten. Aber -bald erstaunten sie noch mehr, die Rollen hier vollkommen gewechselt zu -finden. Manon war die verständige, sittige Retterin und Pflegerin des -blödsinnigen Marquis geworden, und ließ fürderhin nicht Tag nicht Nacht -auch nur auf eine Stunde von ihm. Bald gaben die herbeigerufnen Aerzte -jede Hoffnung zu seiner Heilung auf, nicht aber Manon. Diese pflegte mit -unerhörter Geduld und mit einer Fähigkeit, welche man für Inspiration zu -halten versucht war, den armen verwilderten Funken in ihres Geliebten -Haupt, und lange Jahre nachher, schon als sich beider Locken bleichten, -genoß sie des unaussprechlichen Glückes, den ihr über Alles theuren -Geist wieder zu seiner ehemaligen Blüthe und Kraft herauferzogen zu -haben. Da gab der Marquis seiner Helferin am Altare die Hand, und in -dieser Entfernung der Hauptstadt wußten alle Theilhaber des Festes von -keinen andern Gefühlen, als denen der tiefsten Ehrfurcht und der -andächtigsten Freude. - - M. F. - - - 3. Das Grab der Väter. - (5. Dezember.) - -Einem jungen Bauersmann in Norwegen soll einmal folgende Geschichte -begegnet sein. Er liebte ein schönes Mädchen, die einzige Tochter eines -reichen Nachbarn, und ward von ihr geliebt, aber die Armuth des Werbers -machte alle Hoffnung auf nähere Verbindung zu nichte. Denn der -Brautvater wollte seine Tochter nur einem solchen geben, der -schuldenfreien Hof und Heerde aufzuweisen habe, und weil der arme junge -Mensch weit davon entfernt war, half es ihm zu nichts, daß er von einem -der uralten Heldenväter des Landes abstammte, ob zwar Niemand einen -Zweifel an dieser rühmlichen uralten Geschlechtstafel hegte. Seiner -Ahnen Erster und Größter sollte auch in einem Hügel begraben sein, den -alle Landleute unfern der Küste zu zeigen wußten. Auf diesen Hügel -pflegte sich denn der betrübte Jüngling oftmals in seinem Leide zu -sezzen, und dem begrabnen Altvordern vorzuklagen, wie schlecht es ihm -gehe, ohne daß der Bewohner des Hügels auf diesen kleinen Jammer -Rücksicht zu nehmen schien. Meist hatten auch die zwei Liebenden ihre -verstohlenen Zusammenkünfte dort, und so geschah es, daß einstmals der -Vater des Mädchens den einzig gangbaren steilen Pfad zum Hügel von -ohngefähr herauf gegangen kam, indeß die beiden oben saßen. Eine -tödtliche Angst befiel die Jungfrau, ihr Liebhaber faßte sie in seine -starken Arme, und versuchte, von der andern Seite das Gestein -herabzuklimmen. Da standen sie aber plötzlich, auf glattem Rasen am -schroffen Hange, fest, sie hörten schon die Tritte des Vaters über sich, -der sie auf diese Weise unfehlbar erblicken mußte, schon fühlten sich -beide von Angst und Schwindel versucht, die jähe Tiefe und den -Standkreis hinab zu stürzen, -- da gewahrten sie nahe bei sich einer -kleinen Oeffnung, und schlüpften hinein, und schlüpften immer tiefer in -die Dunkelheit, immer noch voll Angst vor dem Bemerktwerden, bis endlich -das Mädchen erschrocken aufschrie: »mein Gott wir sind ja in einem -Grabe!« -- Da sahe auch der junge Normann erst um sich, und bemerkte, -daß sie in einer länglichen Kammer von gemauerten Steinen standen, wo -sich inmitten etwas erhub, wie ein großer Sarg. Jemehr aber die -Finsterniß vor den sich gewöhnenden Augen abnahm, je deutlicher konnte -man auch sehn, daß die Masse in der Mitte kein Sarg war, sondern ein -uralter Nachen, wie man sie mit Seehelden an den nordischen Küsten vor -Zeiten einzugraben pflegte. Auf dem Nachen saß, dicht am Steuer, in -aufrechter Stellung, eine hohe Gestalt, die sie erst für ein -geschnitztes Bild ansahen. Als aber der junge Mensch, dreist geworden, -hinaufstieg, nahm er wahr, daß es eine Rüstung von riesenmäßiger Größe -sei. Der Helm war geschlossen, in den rechten Panzerhandschuh war ein -gewaltiges bloßes Schwert mit dem goldenen Griffe hineingeklemmt. Die -Braut rief wohl ihrem Liebhaber ängstlich zu, herab zu kommen, aber in -einer seltsam wachsenden Zuversicht riß er das Schwert aus der beerzten -Hand. Da rasselten die mürben Knochen, auf denen die Waffen sich noch -erhielten, zusammen, der Harnisch schlug auf den Boden des Nachens lang -hin, der entsetzte Jüngling den Bord hinunter zu den Füßen seiner Braut. -Beide flüchteten, uneingedenk jeder andern Gefahr, aus der Höle, den -Hügel mit Anstrengung aller Kräfte wieder hinauf, und oben wurden sie -erst gewahr, daß ein ungeheurer Regenguß wüthete, welcher den Vater von -da vertrieben hatte, und zugleich mit solcher Gewalt, Steine und Sand -nach der schaurigen Oeffnung hinabzuwälzen begann, daß solche vor ihren -Augen verschüttet ward, und man auch nachher nie wieder hat da -hineinfinden können. Der junge Mensch aber hatte das Schwerdt seines -Ahnen mit heraus gebracht. Er ließ mit der Zeit den goldenen Griff -einschmelzen, und ward so reich davon, daß ihm der Brautvater seine -Geliebte ohne Bedenken antrauen ließ. Mit der ungeheuren Klinge aber -wußten sie nichts bessers anzufangen, als daß sie Wirthschafts- und -andere Geräthschaften, so viel sich thun ließ, daraus schmieden ließen. - - M. F. - - - 4. Der Griffel Gottes. - (5. October.) - -In Polen war eine Gräfinn von P...., eine bejahrte Dame, die ein sehr -bösartiges Leben führte, und besonders ihre Untergebenen, durch ihren -Geiz und ihre Grausamkeit, bis auf das Blut quälte. Diese Dame, als sie -starb, vermachte einem Kloster, das ihr die Absolution ertheilt hatte, -ihr Vermögen; wofür ihr das Kloster, auf dem Gottesacker, einen -kostbaren, aus Erz gegossenen, Leichenstein setzen ließ, auf welchem -dieses Umstandes, mit vielem Gepränge, Erwähnung geschehen war. Tags -darauf schlug der Blitz, das Erz schmelzend, über dem Leichenstein ein, -und ließ nichts, als eine Anzahl von Buchstaben stehen, die, zusammen -gelesen, also lauteten: _sie ist gerichtet_! -- Der Vorfall (die -Schriftgelehrten mögen ihn erklären) ist gegründet; der Leichenstein -existirt noch, und es leben Männer in dieser Stadt, die ihn sammt der -besagten Inschrift gesehen. - - - 5. Muthwille des Himmels. - Eine Anekdote. - (10. October.) - -Der in Frankfurt an der Oder, wo er ein Infanterie-Regiment besaß, -verstorbene General Dieringshofen, ein Mann von strengem und -rechtschaffenem Charakter, aber dabei von manchen Eigenthümlichkeiten -und Wunderlichkeiten, äußerte, als er, in spätem Alter, an einer -langwierigen Krankheit, auf den Tod darniederlag, seinen Widerwillen, -unter die Hände der Leichenwäscherinnen zu fallen. Er befahl bestimmt, -daß niemand, ohne Ausnahme, seinen Leib berühren solle; daß er ganz und -gar in dem Zustand, in welchem er sterben würde, mit Nachtmütze, Hosen -und Schlafrock, wie er sie trage, in den Sarg gelegt und begraben sein -wolle; und bat den damaligen Feldprediger seines Regiments, Herrn P..., -welcher der Freund seines Hauses war, die Sorge für die Vollstreckung -dieses seines letzten Willens zu übernehmen. Der Feldprediger P... -versprach es ihm: er verpflichtete sich, um jedem Zufall vorzubeugen, -bis zu seiner Bestattung, von dem Augenblick an, da er verschieden sein -würde, nicht von seiner Seite zu weichen. Darauf nach Verlauf mehrerer -Wochen, kömmt, bei der ersten Frühe des Tages, der Kammerdiener in das -Haus des Feldpredigers, der noch schläft, und meldet ihm, daß der -General um die Stunde der Mitternacht schon, sanft und ruhig, wie es -vorauszusehen war, gestorben sei. Der Feldprediger P... zieht sich, -seinem Versprechen getreu, sogleich an, und begiebt sich in die Wohnung -des Generals. Was aber findet er? -- Die Leiche des Generals schon -eingeseift auf einem Schemel sitzen: der Kammerdiener, der von dem -Befehl nichts gewußt, hatte einen Barbier herbeigerufen, um ihm -vorläufig zum Behuf einer schicklichen Ausstellung, den Bart abzunehmen. -Was sollte der Feldprediger unter so wunderlichen Umständen machen? Er -schalt den Kammerdiener aus, daß er ihn nicht früher herbeigerufen -hatte; schickte den Barbier, der den Herrn bei der Nase gefaßt hielt, -hinweg, und ließ ihn, weil doch nichts anders übrig blieb, eingeseift -und mit halbem Bart, wie er ihn vorfand, in den Sarg legen und begraben. - - ^r.^ - - - 6. Anekdote aus dem letzten Kriege. - (20. October.) - -Den ungeheuersten Witz, der vielleicht, so lange die Erde steht, über -Menschenlippen gekommen ist, hat, im Lauf des letztverflossenen Krieges, -ein Tambour gemacht; ein Tambour meines Wissens von dem damaligen -Regiment von Puttkammer; ein Mensch, zu dem, wie man gleich hören wird, -weder die griechische noch römische Geschichte ein Gegenstück liefert. -Dieser hatte, nach Zersprengung der preußischen Armee bei Jena, ein -Gewehr aufgetrieben, mit welchem er, auf seine eigne Hand, den Krieg -fortsetzte; dergestalt, daß da er, auf der Landstraße, Alles, was ihm an -Franzosen in den Schuß kam, niederstreckte und ausplünderte, er von -einem Haufen französischer Gensdarmen, die ihn aufspürten, ergriffen, -nach der Stadt geschleppt, und, wie es ihm zukam, verurtheilt ward, -erschossen zu werden. Als er den Platz, wo die Execution vor sich gehen -sollte, betreten hatte, und wohl sah, daß Alles, was er zu seiner -Rechtfertigung vorbrachte, vergebens war, bat er sich von dem Obristen, -der das Detaschement commandirte, eine Gnade aus; und da der Obrist, -inzwischen die Officiere, die ihn umringten, in gespannter Erwartung -zusammentraten, ihn fragte: was er wolle? zog er sich die Hosen ab, und -sprach: sie mögten ihn in den ... schießen, damit das F.. kein L... -bekäme. -- Wobei man noch die Shakespearsche Eigenschaft bemerken muß, -daß der Tambour mit seinem Witz, aus seiner Sphäre als Trommelschläger -nicht herausging. - - ^x.^ - - - 7. Der Branntweinsäufer und die Berliner Glocken. - Eine Anekdote. - (19. October.) - -Ein Soldat vom ehemaligen Regiment Lignowski, ein heilloser und -unverbesserlicher Säufer, versprach nach unendlichen Schlägen, die er -deshalb bekam, daß er seine Aufführung bessern und sich des Brannteweins -enthalten wolle. Er hielt auch, in der That, Wort, während drei Tage: -ward aber am Vierten wieder besoffen in einem Rennstein gefunden, und, -von einem Unterofficier, in Arrest gebracht. Im Verhör befragte man ihn, -warum er, seines Vorsatzes uneingedenk sich von Neuem dem Laster des -Trunks ergeben habe? »Herr Hauptmann!« antwortete er; »es ist nicht -meine Schuld. Ich ging in Geschäften eines Kaufmanns, mit einer Kiste -Färbholz, über den Lustgarten; da läuteten vom Dom herab die Glocken: -_Pom_meranzen! _Pom_meranzen! _Pom_meranzen!« Läut', Teufel, läut, -sprach ich, und gedachte meines Vorsatzes und trank nichts. In der -Königsstraße, wo ich die Kiste abgeben sollte, steh ich einen -Augenblick, um mich auszuruhen, vor dem Rathhaus still: da bimmelt es -vom Thurm herab: »Kümmel! Kümmel! Kümmel! -- Kümmel! Kümmel! Kümmel!« -Ich sage zum Thurm: bimmle du, daß die Wolken reißen -- und gedenke, -mein Seel, gedenke meines Vorsatzes, ob ich gleich durstig war, und -trinke nichts. Drauf führt mich der Teufel, auf dem Rückweg, über den -Spittelmarkt; und da ich eben vor einer Kneipe, wo mehr denn dreißig -Gäste beisammen waren, stehe, geht es, vom Spittelthurm herab: -»Anisette! Anisette! Anisette!« Was kostet das Glas, frag' ich? Der -Wirth spricht: Sechs Pfennige. Geb' er her, sag' ich -- und was weiter -aus mir geworden ist, das weiß ich nicht. - - ^xyz.^ - - - 8. Tages-Ereigniß. - (7. November.) - -Das Verbrechen des Ulahnen Hahn, der heute hingerichtet ward, bestand -darin, daß er dem Wachtmeister _Pape_, der ihn, eines kleinen -Dienstversehens wegen, auf höheren Befehl, arretiren wollte, und -deshalb, von der Straße her, zurief, ihm in die Wache zu folgen, indem -er das Fenster, an dem er stand, zuwarf, antwortete: von einem solchen -Laffen ließe er sich nicht in Arrest bringen. Hieraus verfügte der -Wachtmeister Pape, um ihn mit Gewalt fortzuschaffen, sich in das Zimmer -desselben: stürzte aber, von einer Pistolenkugel des Rasenden getroffen, -sogleich todt zu Boden nieder. Ja, als auf den Schuß, mehrere Soldaten -seines Regiments herbeieilten, schien er sie, mit den Waffen in der -Hand, in Respect halten zu wollen, und jagte noch eine Kugel durch das -Hirn des in seinem Blute schwimmenden Wachtmeisters; ward aber -gleichwohl, durch einige beherzte Cameraden, entwaffnet und ins -Gefängniß gebracht. Se. Maj. der König haben, wegen der Unzweideutigkeit -des Rechtsfalls befohlen, ungesäumt mit der Vollstreckung des, von den -Militair-Gerichten gefällten, Rechtsspruchs, der ihm das Rad zuerkannte, -vorzugehen. - - - 9. Der verlegene Magistrat. - Eine Anekdote. - (4. October.) - -Ein H...r Stadtsoldat hatte vor nicht gar langer Zeit, ohne Erlaubniß -seines Offiziers, die Stadtwache verlassen. Nach einem uralten Gesetz -steht auf ein Verbrechen dieser Art, das sonst der Streifereien des -Adels wegen, von großer Wichtigkeit war, eigentlich der Tod. Gleichwohl, -ohne das Gesetz mit bestimmten Worten aufzuheben, ist davon seit vielen -hundert Jahren kein Gebrauch mehr gemacht worden: dergestalt, daß statt -auf die Todesstrafe zu erkennen, derjenige, der sich dessen schuldig -macht, nach einem feststehenden Gebrauch, zu einer bloßen Geldstrafe, -die er an die Stadtcasse zu erlegen hat, verurtheilt wird. Der besagte -Kerl aber, der keine Lust haben mochte, das Geld zu entrichten, -erklärte, zur großen Bestürzung des Magistrats: daß er, weil es ihm -einmal zukomme, dem Gesetz gemäß, sterben wolle. Der Magistrat, der ein -Mißverständniß vermuthete, schickte einen Deputirten an den Kerl ab, und -ließ ihm bedeuten, um wieviel vorteilhafter es für ihn wäre, einige -Gulden Geld zu erlegen, als arquebusirt zu werden. Doch der Kerl blieb -dabei, daß er seines Lebens müde sei, und daß er sterben wolle: -dergestalt, daß dem Magistrat, der kein Blut vergießen wollte, nichts -übrig blieb, als dem Schelm die Geldstrafe zu erlassen, und noch froh -war, als er erklärte, daß er, bei so bewandten Umständen am Leben -bleiben wolle. - - ^rz.^ - - - 10. Charité-Vorfall. - (13. October.) - -Der von einem Kutscher kürzlich übergefahrne Mann, Namens Beyer, hat -bereits dreimal in seinem Leben ein ähnliches Schicksal gehabt; -dergestalt, daß bei der Untersuchung, die der Geheimerath Hr. K. in der -Charité mit ihm vornahm, die lächerlichsten Mißverständnisse vorfielen. -Der Geheimerath, der zuvörderst seine beiden Beine, welche krumm und -schief und mit Blut bedeckt waren, bemerkte, fragte ihn: ob er an diesen -Gliedern verletzt wäre? worauf der Mann jedoch erwiederte: nein! die -Beine wären ihm schon vor fünf Jahren, durch einen andern Doktor, -abgefahren worden. Hierauf bemerkte ein Arzt, der dem Geheimenrath zur -Seite stand, daß sein linkes Auge geplatzt war; als man ihn jedoch -fragte: ob ihn das Rad hier getroffen hätte? antwortete er: nein! das -Auge hätte ihm ein Doktor bereits vor 14 Jahren ausgefahren. Endlich, -zum Erstaunen aller Anwesenden, fand sich, daß ihm die linke -Rippenhälfte, in jämmerlicher Verstümmelung, ganz auf den Rücken gedreht -war; als aber der Geheimerath ihn fragte: ob ihn des Doktors Wagen hier -beschädigt hätte, antwortete er: nein! die Rippen wären ihm schon vor 7 -Jahren durch einen Doktorwagen zusammengefahren worden. -- Bis sich -endlich zeigte, daß ihm durch die letztere Ueberfahrt der linke -Ohrknorpel ins Gehörorgan hineingefahren war. -- Der Berichterstatter -hat den Mann selbst über diesen Vorfall vernommen, und selbst die -Todtkranken, die in dem Saale auf den Betten herumlagen, mußten, über -die spaßhafte und indolente Weise, wie er dies vorbrachte, lachen. -- -Uebrigens bessert er sich; und falls er sich vor den Doktoren, wenn er -auf der Straße geht, in Acht nimmt, kann er noch lange leben. - - - 11. Anekdote. - (24. October.) - -Bach, als seine Frau starb, sollte zum Begräbniß Anstalt machen. Der -arme Mann war aber gewohnt, Alles durch seine Frau besorgen zu lassen; -dergestalt daß da ein alter Bedienter kam, und ihm für Trauerflor, den -er einkaufen wollte, Geld abforderte, er unter stillen Thränen, den Kopf -auf einen Tisch gestützt, antwortete: »sagt's meiner Frau«. -- - - - 12. Räthsel. - (1. November.) - -Ein junger Doktor der Rechte und eine Stiftsdame, von denen kein Mensch -wußte, daß sie mit einander in Verhältniß standen, befanden sich einst -bei dem Commendanten der Stadt, in einer zahlreichen und ansehnlichen -Gesellschaft. Die Dame, jung und schön, trug, wie es zu derselben Zeit -Mode war, ein kleines schwarzes Schönpflästerchen im Gesicht, und zwar -dicht über der Lippe, auf der rechten Seite des Mundes. Irgend ein -Zufall veranlaßte, daß die Gesellschaft sich auf einen Augenblick aus -dem Zimmer entfernte, dergestalt, daß nur der Doktor und die besagte -Dame darin zurückblieben. Als die Gesellschaft zurückkehrte, fand sich, -zum allgemeinen Befremden derselben, daß der Doctor das -Schönpflästerchen im Gesichte trug, und zwar gleichfalls über der Lippe, -aber auf der linken Seite des Mundes. -- - - - 13. Anekdote. - (22. November.) - -Zwei berühmte Englische Baxer, der Eine aus Portsmouth gebürtig, der -Andere aus Plymouth, die seit vielen Jahren von einander gehört hatten, -ohne sich zu sehen, beschlossen, da sie in London zusammentrafen, zur -Entscheidung der Frage, wem von ihnen der Siegerruhm gebühre, einen -öffentlichen Wettkampf zu halten. Demnach stellten sich beide, im -Angesicht des Volks, mit geballten Fäusten, im Garten einer Kneipe, -gegeneinander, und als der Plymouther den Portsmouther, in wenig -Augenblicken, dergestalt auf die Brust traf, daß er Blut spie, rief -dieser, indem er sich den Mund abwischte: brav! -- Als aber bald darauf, -da sie sich wieder gestellt hatten, der Portsmouther den Plymouther, mit -der Faust der geballten Rechten, dergestalt auf den Leib traf, daß -dieser, indem er die Augen verkehrte, umfiel, rief der Letztere: das ist -auch nicht übel --! Worauf das Volk, das im Kreise herumstand, laut -aufjauchzte, und, während der Plymouther, der an den Gedärmen verletzt -worden war, todt weggetragen ward, dem Portsmouther den Siegesruhm -zuerkannte. -- Der Portsmouther soll aber auch Tags darauf am Blutsturz -gestorben sein. - - - 14. Anekdote. - (27. November.) - -Der Czar Iwan Basilowitz, mit dem Beinamen der Tyrann, ließ einem -fremden Gesandten, der, nach der damaligen Europäischen Etikette, mit -bedecktem Haupte vor ihm erschien, den Hut auf den Kopf nageln. Diese -Grausamkeit vermogte nicht den Botschafter der Königin Elisabeth von -England, Sir Jeremias Bowes abzuschrecken. Er hatte die Kühnheit den Hut -auf dem Kopfe, vor dem Czaar zu erscheinen. Dieser fragte ihn, ob er -nicht von der Strafe gehört hätte, die einem andern Gesandten -widerfahren wäre, welcher sich eine solche Freiheit herausgenommen? »Ja, -Herr, erwiderte Bowes, aber ich bin der Botschafter der Königin von -England, die nie, vor irgend einem Fürsten in der Welt, anders, wie mit -bedecktem Haupte erschienen ist. Ich bin ihr Repräsentant, und wenn mir -die geringste Beleidigung widerfährt, so wird sie mich zu rächen -wissen.« »Das ist ein braver Mann, sagte der Czaar, indem er sich zu -seinen Hofleuten wandte, der für die Ehre seiner Monarchin zu handeln -und zu reden versteht: wer von Euch hätte das nämliche für mich gethan?« - -Hierauf wurde der Bothschafter der Favorit des Czars. Diese Gunst zog -ihm den Neid des Adels zu. Einer der Großen, der zuweilen den vertrauten -Ton mit dem Monarchen annehmen durfte, beredete ihn, die -Geschicklichkeit des Bothschafters auf die Probe zu stellen. Man sagte -nämlich, daß er ein sehr geschickter Reuter wäre. Nun wurde ihm, um den -Beweis davon zu führen, ein ungebändigtes sehr wildes Pferd vor dem Czar -zu reiten gegeben, und man hoffte, daß Bowes zum wenigsten mit einer -derben Lähmung das Kunststück bezahlen würde. Indessen widerfuhr der -neidischen Eifersucht der Verdruß, sich betrogen zu sehn. Der brave -Engländer bändigte nicht nur das Pferd, sondern er jagte es dermaßen -zusammen, daß es kraftlos wieder heimgeführt wurde, und wenige Tage -nachher crepirte. Dieses Abentheuer vermehrte den Credit des -Bothschafters bei dem Czar, der ihm jederzeit nachher die -ausgezeichnetsten Beweise seiner Huld widerfahren ließ. - - (Barrow's Sammlung von Reisebeschreibungen nach der französischen - Uebersetzung von Targe. 1766.) - - - - - 4. Kunst und Theater. - - - 1. Empfindungen vor Friedrichs Seelandschaft. - (13. October.) - -Herrlich ist es, in einer unendlichen Einsamkeit am Meeresufer, unter -trübem Himmel, auf eine unbegränzte Wasserwüste, hinauszuschauen. Dazu -gehört gleichwohl, daß man dahin gegangen sei, daß man zurück muß, daß -man hinüber mögte, daß man es nicht kann, daß man Alles zum Leben -vermißt, und die Stimme des Lebens dennoch im Rauschen der Fluth, im -Wehen der Luft, im Ziehen der Wolken, dem einsamen Geschrei der Vögel, -vernimmt. Dazu gehört ein Anspruch, den das Herz macht, und ein Abbruch, -um mich so auszudrücken, den Einem die Natur thut. Dies aber ist vor dem -Bilde unmöglich, und das, was ich in dem Bilde selbst finden sollte, -fand ich erst zwischen mir und dem Bilde, nehmlich einen Anspruch, den -mein Herz an das Bild machte, und einen Abbruch, den mir das Bild that; -und so ward ich selbst der Kapuziner, das Bild ward die Düne, das aber, -wo hinaus ich mit Sehnsucht blicken sollte, die See, fehlte ganz. Nichts -kann trauriger und unbehaglicher sein, als diese Stellung in der Welt: -der einzige Lebensfunke im weiten Reiche des Todes, der einsame -Mittelpunct im einsamen Kreis. Das Bild liegt, mit seinen zwei oder drei -geheimnißvollen Gegenständen, wie die Apokalypse da, als ob es Joungs -Nachtgedanken hätte, und da es, in seiner Einförmigkeit und -Uferlosigkeit, nichts, als den Rahm, zum Vordergrund hat, so ist es, -wenn man es betrachtet, als ob Einem die Augenlieder weggeschnitten -wären. Gleichwohl hat der Mahler Zweifels ohne eine ganz neue Bahn im -Felde seiner Kunst gebrochen; und ich bin überzeugt, daß sich, mit -seinem Geiste, eine Quadratmeile märkischen Sandes darstellen ließe, mit -einem Berberitzenstrauch, worauf sich eine Krähe einsam plustert, und -daß dies Bild eine wahrhafte Ossianische oder Kosegartensche Wirkung -thun müßte. Ja, wenn man diese Landschaft mit ihrer eignen Kreide und -mit ihrem eigenen Wasser mahlte; so, glaube ich, man könnte die Füchse -und Wölfe damit zum Heulen bringen: das Stärkste, was man, ohne allen -Zweifel, zum Lobe für diese Art von Landschaftsmahlerei beibringen kann. --- Doch meine eigenen Empfindungen, über dies wunderbare Gemählde, sind -zu verworren; daher habe ich mir, ehe ich sie ganz auszusprechen wage, -vorgenommen, mich durch die Aeußerungen derer, die paarweise, von Morgen -bis Abend, daran vorübergehen, zu belehren. - - ^cb.^ - - - 2. Brief eines Mahlers an seinen Sohn. - (22. October.) - -Mein lieber Sohn, - -Du schreibst mir, daß du eine Madonna mahlst, und daß dein Gefühl dir, -für die Vollendung dieses Werks, so unrein und körperlich dünkt, daß du -jedesmal, bevor du zum Pinsel greifst, das Abendmal nehmen mögtest, um -es zu heiligen. Laß dir von deinem alten Vater sagen, daß dies eine -falsche, dir von der Schule, aus der du herstammst, anklebende -Begeisterung ist, und daß es, nach Anleitung unserer würdigen alten -Meister, mit einer gemeinen, aber übrigens rechtschaffenen Lust an dem -Spiel, deine Einbildungen auf die Leinwand zu bringen, völlig abgemacht -ist. Die Welt ist eine wunderliche Einrichtung; und die göttlichsten -Wirkungen, mein lieber Sohn, gehen aus den niedrigsten und -unscheinbarsten Ursachen hervor. Der Mensch, um dir ein Beispiel zu -geben, das in die Augen springt, gewiß, er ist ein erhabenes Geschöpf; -und gleichwohl, in dem Augenblick, da man ihn macht, ist es nicht -nöthig, daß man dieß, mit vieler Heiligkeit, bedenke. Ja, derjenige, der -das Abendmahl darauf nähme, und mit dem bloßen Vorsatz ans Werk gienge, -seinen Begriff davon in der Sinnenwelt zu construiren, würde ohnfehlbar -ein ärmliches und gebrechliches Wesen hervorbringen; dagegen derjenige, -der, in einer heitern Sommernacht, ein Mädchen, ohne weiteren Gedanken, -küßt, zweifelsohne einen Jungen zur Welt bringt, der nachher, auf -rüstige Weise, zwischen Erde und Himmel herumklettert, und den -Philosophen zu schaffen giebt. Und hiermit Gott befohlen. - - ^y.^ - - - 3. Brief eines jungen Dichters an einen jungen Mahler. - (6. November.) - -Uns Dichtern ist es unbegreiflich, wie ihr euch entschließen könnt, ihr -lieben Mahler, deren Kunst etwas so Unendliches ist, Jahre lang -zuzubringen mit dem Geschäft, die Werke eurer großen Meister zu copiren. -Die Lehrer, bei denen ihr in die Schule geht, sagt ihr, leiden nicht, -daß ihr eure Einbildungen, ehe die Zeit gekommen ist, auf die Leinewand -bringt; wären wir aber, wir Dichter, in eurem Fall gewesen, so meine -ich, wir würden unsern Rücken lieber unendlichen Schlägen ausgesetzt -haben, als diesem grausamen Verbot ein Genüge zu thun. Die -Einbildungskraft würde sich, auf ganz unüberwindliche Weise, in unseren -Brüsten geregt haben, und wir, unseren unmenschlichen Lehrern zum Trotz, -gleich, sobald wir nur gewußt hätten, daß man mit dem Büschel, und nicht -mit dem Stock am Pinsel mahlen müsse, heimlich zur Nachtzeit die Thüren -verschlossen haben, um uns in der Erfindung, diesem Spiel der Seeligen, -zu versuchen. Da, wo sich die Phantasie in euren jungen Gemüthern -vorfindet, scheint uns, müsse sie, unerbittlich und unrettbar, durch die -endlose Unterthänigkeit, zu welcher ihr euch beim Copiren in Gallerieen -und Sälen verdammt, zu Grund und Boden gehen. Wir wissen, in unsrer -Ansicht schlecht und recht von der Sache nicht, was es mehr bedarf, als -das Bild, das euch rührt, und dessen Vortrefflichkeit ihr euch -anzueignen wünscht, mit Innigkeit und Liebe, durch Stunden, Tage, -Wochen, Monden, oder meinethalben Jahre, anzuschauen. Wenigstens dünkt -uns, läßt sich ein doppelter Gebrauch von einem Bilde machen; einmal -der, den ihr davon macht, nämlich die Züge desselben nachzuschreiben, um -euch die Fertigkeit der mahlerischen Schrift einzulernen; und dann in -seinem Geist, gleich vom Anfang herein, nachzuerfinden. Und auch diese -Fertigkeit müßte, sobald als nur irgend möglich, gegen die Kunst selbst, -deren wesentlichstes Stück die Erfindung nach eigenthümlichen Gesetzen -ist, an den Nagel gehängt werden. Denn die Aufgabe, Himmel und Erde! ist -ja nicht, ein Anderer, sondern ihr selbst zu sein, und euch selbst, euer -Eigenstes und Innerstes, durch Umriß und Farben, zur Anschauung zu -bringen! Wie mögt ihr euch nur in dem Maaße verachten, daß ihr willigen -könnt, ganz und gar auf Erden nicht vorhanden gewesen zu sein; da eben -das Dasein so herrlicher Geister, als die sind, welche ihr bewundert, -weit entfernt, euch zu vernichten, vielmehr allererst die rechte Lust in -euch erwecken und mit der Kraft, heiter und tapfer, ausrüsten soll, auf -eure eigne Weise gleichfalls zu sein? Aber ihr Leute, ihr bildet euch -ein, ihr müßtet durch euren Meister, den Raphael oder Corregge, oder wen -ihr euch sonst zum Vorbild gesetzt habt, hindurch; da ihr euch doch ganz -und gar umkehren, mit dem Rücken gegen ihn stellen, und, in -diametral-entgegengesetzter Richtung, den Gipfel der Kunst, den ihr im -Auge habt, auffinden und ersteigen könntet. -- So! sagt ihr und seht -mich an: was der Herr uns da Neues sagt! und lächelt und zuckt die -Achseln. Demnach, ihr Herren, Gott befohlen! Denn da Copernicus schon -vor dreihundert Jahren gesagt hat, daß die Erde rund sei, so sehe ich -nicht ein, was es helfen könnte, wenn ich es hier wiederholte. Lebet -wohl! - - ^y.^ - - - 4. Theater. Den 2. October: Ton des Tages, Lustspiel von Voß. - (4. October.) - -Kant sagt irgendwo, in seiner Kritik der Urtheilskraft, daß der -menschliche Verstand und die Hand des Menschen, zwei, auf nothwendige -Weise, zu einander gehörige und auf einander berechnete, Dinge sind. Der -Verstand, meint er, bedürfe, falls er in Wirksamkeit treten solle, ein -Werkzeug von so mannichfaltiger und vielseitiger Vollkommenheit, als die -Hand; und hinwiederum zeige die Struktur der Hand an, daß die -Intelligenz, die dieselbe regiere, der menschliche Verstand sein müsse. -Die Wahrheit dieses, dem Anschein nach paradoxen Satzes, leuchtet uns -nie mehr ein, als wenn wir Herrn Iffland auf der Bühne sehen. Er drückt -in der That, auf die erstaunenswürdigste Art, fast alle Zustände und -innerliche Bewegungen des Gemüths damit aus. Nicht, als ob, bei seinen -theatralischen Darstellungen, nicht seine Figur überhaupt, nach den -Forderungen seiner Kunst, zweckmäßig mitwirkte: in diesem Fall würde -das, was wir hier vorgebracht haben, ein Tadel sein. Es wird ihm, in der -Pantomimik überhaupt, besonders in den bürgerlichen Stücken, nicht -leicht ein Schauspieler heutiger Zeit gleichkommen. Aber von allen -seinen Gliedern, behaupten wir, wirkt, in der Regel, keins, zum Ausdruck -eines Affekts, so geschäftig mit, als die Hand; sie zieht die -Aufmerksamkeit fast von seinem so ausdrucksvollen Gesicht ab: und so -vortrefflich dies Spiel an und für sich auch sein mag, so glauben wir -doch, daß ein Gebrauch, mäßiger und minder verschwenderisch, als der, -den er davon macht, seinem Spiel (_wenn_ dasselbe noch etwas zu wünschen -übrig läßt) vortheilhaft sein würde. - - ^xy.^ - - - 5. Theater. Unmaßgebliche Bemerkung. - (17. October.) - -Wenn man fragt, warum die Werke Göthe's so selten auf der Bühne gegeben -werden, so ist die Antwort gemeinhin, daß diese Stücke, so vortrefflich -sie auch sein mögen, der Casse nur, nach einer häufig wiederholten -Erfahrung, von unbedeutendem Vortheil sind. Nun geht zwar, ich gestehe -es, eine Theater-Direction, die, bei der Auswahl ihrer Stücke, auf -nichts, als das Mittel sieht, wie sie besteht, auf gar einfachem und -natürlichem Wege, zu dem Ziel, der Nation ein gutes Theater zu Stande zu -bringen. Denn so wie, nach Adam Smith, der Bäcker, ohne weitere -chemische Einsicht in die Ursachen, schließen kann, daß seine Semmel gut -sei, wenn sie fleißig gekauft wird: so kann die Direktion, ohne sich im -Mindesten mit der Kritik zu befassen, auf ganz unfehlbare Weise, -schließen, daß sie gute Stücke auf die Bühne bringt, wenn Logen und -Bänke immer, bei ihren Darstellungen, von Menschen wacker erfüllt sind. -Aber dieser Grundsatz ist nur wahr, wo das Gewerbe frei, und eine -uneingeschränkte Concurrenz der Bühnen eröffnet ist. In einer Stadt, in -welcher mehrere Theater neben einander bestehn, wird allerdings, sobald -auf irgend einem derselben, durch das einseitige Bestreben, Geld in die -Casse zu locken, das Schauspiel entarten sollte, die Betriebsamkeit -eines andern Theaterunternehmers, unterstützt von dem Kunstsinn des -besseren Theils der Nation, auf den Einfall gerathen, die Gattung, in -ihrer ursprünglichen Reinheit, wieder festzuhalten. Wo aber das Theater -ein ausschließendes Privilegium hat, da könnte uns, durch die Anwendung -eines solchen Grundsatzes, das Schauspiel ganz und gar abhanden kommen. -Eine Direction, die einer solchen Anstalt vorsteht, hat eine -Verpflichtung sich mit der Kritik zu befassen, und bedarf wegen ihres -natürlichen Hanges, der Menge zu schmeicheln, schlechthin einer höhern -Aufsicht des Staats. Und in der That, wenn auf einem Theater, wie das -Berliner, mit Vernachlässigung aller andern Rücksichten, das höchste -Gesetz, die Füllung der Casse wäre: so wäre die Scene unmittelbar, den -spanischen Reutern, Taschenspielern und Faxenmachern einzuräumen; ein -Specktakel bei welchem die Casse, ohne Zweifel, bei weitem erwünschtere -Rechnung finden wird, als bei den götheschen Stükken. Parodieen hat man -schon, vor einiger Zeit, auf der Bühne gesehen; und wenn ein -hinreichender Aufwand von Witz, an welchem es diesen Producten zum Glück -gänzlich gebrach, an ihre Erfindung gesetzt worden wäre, so würde es, -bei der Frivolität der Gemüther, ein Leichtes gewesen sein, das Drama -vermittelst ihrer, ganz und gar zu verdrängen. Ja, gesetzt, die -Direction käme auf den Einfall, die götheschen Stücke so zu geben, daß -die Männer die Weiber- und die Weiber die Männerrollen spielten: falls -irgend auf Costüme und zweckmäßige Carrikatur einige Sorgfalt verwendet -ist, so wette ich, man schlägt sich an der Casse um die Billets, das -Stück muß drei Wochen hinter einander wiederholt werden, und die -Direction ist mit einemmal wieder solvent. -- Welches Erinnerungen sind, -werth, wie uns dünkt, daß man sie beherzige. - - H. v. K. - - - 6. Schreiben aus Berlin. - (30. October.) - - Den 28. October. - -Die Oper Cendrillon, welche sich Mad. Bethmann zum Benefiz gewählt hat, -und Herr Herclots bereits, zu diesem Zweck, übersetzt, soll, wie man -sagt, der zum Grunde liegenden französischen Musik wegen, welche ein -dreisilbiges Wort erfordert, _Ascherlich_, _Ascherling_ oder -_Ascherlein_ u. s. w. nicht _Aschenbrödel_ genannt werden. Brödel, von -Brod oder, altdeutsch Brühe (^brode^ im Französischen) heißt eine mit -Fett und Schmutz bedeckte Frau; eine Bedeutung, in der sich das Wort, -durch eben das, in Rede stehende, Mährchen, in welchem es, mit dem -Muthwillen freundlicher Ironie, einem zarten und lieben Kinde von -überaus schimmernder Reinheit an Leib und Seele, gegeben wird, allgemein -beim Volk erhalten hat. Warum, ehe man diesem Mährchen dergestalt, durch -Unterschiebung eines, an sich gut gewählten, aber gleichwohl -willkührlichen und bedeutungslosen Namens, an das Leben greift, zieht -man nicht lieber, der Musik zu Gefallen, das »del« in »d'l« zusammen, -oder elidirt das d ganz und gar? Ein österreichischer Dichter würde ohne -Zweifel keinen Anstand nehmen, zu sagen: _Aschenbröd'l_ oder -_Aschenbröl_. - -Ascherlich oder Aschenbröd'l selbst wird Mademois. Maas; Mad. Bethmann, -wie es heißt, die Rolle einer der eifersüchtigen Schwestern übernehmen. -Mlle. Maas ist ohne Zweifel durch mehr, als die bloße Jugend, zu dieser -Rolle berufen; von Mad. Bethmann aber sollte es uns leid thun, wenn sie -glauben sollte, daß sie, ihres Alters wegen, davon ausgeschlossen wäre. -Diese Resignation käme (wir meinen, wenn nicht den größesten, doch den -verständigsten Theil des Publicums, auf unserer Seite zu haben) noch um -viele Jahre zu früh. Es ist, mit dem Spiel dieser Künstlerin, wie mit -dem Gesang manchen alten Musikmeisters am Fortepiano. Er hat eine, von -manchen Seiten mangelhafte, Stimme und kann sich, was den Vortrag -betrift, mit keinem jungen, rüstigen Sänger messen. Gleichwohl, durch -den Verstand und die ungemein zarte Empfindung, mit welcher er zu Werke -geht, führt er, alle Verletzungen vermeidend, die Einbildung, in -einzelnen Momenten, auf so richtige Wege, daß jeder sich mit -Leichtigkeit das Fehlende ergänzt, und ein in der That höheres Vergnügen -genießt, als ihm eine bessere Stimme, aber von einem geringern Genius -regiert, gewährt haben würde. -- Mad. Bethmanns größester Ruhm, meinen -wir, nimmt allererst, wenn sie sich anders auf ihre Kräfte versteht, in -einigen Jahren (in dem Alter, wo Andere ihn verlieren) seinen Anfang. - - ^y.^ - - - 7. Die sieben kleinen Kinder. - (8. November.) - -Was mag aus einer Bande kleiner Sänger geworden sein, die im vorigen -Jahre sich sehr häufig in vielen Straßen Berlins mit wenigen Liedern -hören ließen, die aber so wunderbar auf einzelne Töne eingesungen waren, -daß sie am ersten einen Begriff von der Russischen Hörnermusik geben -konnten? Sie wurden, nach dem einen ihrer bekanntesten Lieder, meist die -sieben kleinen Kinder genannt. Das Lied erzählte von Kindern, denen zu -spät Brod gereicht worden, nachdem sie lange geschrieen und endlich aus -Hunger gestorben waren. -- Ist es diesen armen Schelmen, die wir immer -mit besonderem Vergnügen gehört, etwa auch so ergangen? - -Diese Kinder waren jedermann so bekannt, alle Kinder sangen ihnen nach, -daß wir es kaum begreifen können, daß sie nicht in irgend ein lustiges -Stück z. B. Rochus Pumpernickel, auf der Straße eingeführt worden, wo -sie gewiß die allgemeinste Wirkung hervorgebracht hätten. Leider aber -begnügen sich unsre Theater-Dichter die Späße fremder Städte, besonders -Wiens, zu wiederholen; was aber bey uns lustig und erfreulich, dafür -haben sie keine Fassung. So finden sich manche auf unserer Bühne, die -den Wiener oder Schwäbischen Dialekt recht gut nachsprechen, aber -keiner, der z. B. gut pommersch-plattdeutsch redete, was in der Rolle -des Rochus Pumpernickel sicher recht eigenthümliche Wirkung bei uns -thäte. - - ^ava.^ - - - 8. Von einem Kinde, das kindlicher Weise ein anderes Kind - umbringt. - (13. November.) - -»In einer Stadt Franecker genannt, gelegen in Westfriesland, da ist es -geschehen, daß junge Kinder, fünf- sechsjährige, Mägdlein und Knaben mit -einander spielten. Und sie ordneten ein Büblein an, das solle der -Metzger sein, ein anderes Büblein, das solle Koch sein, und ein drittes -Büblein, das solle eine Sau sein. Ein Mägdlein, ordneten sie, solle -Köchin sein, wieder ein anderes, das solle Unterköchin sein; und die -Unterköchin solle in einem Geschirrlein das Blut von der Sau empfahen, -daß man Würste könne machen. Der Metzger gerieth nun verabredetermaßen -an das Büblein, das die Sau sollte sein, riß es nieder und schnitt ihm -mit einem Messerlein die Gurgel auf; und die Unterköchinn empfing das -Blut in ihrem Geschirrlein. Ein Rathsherr, der von ungefähr vorübergeht, -sieht dies Elend; er nimmt von Stund' an den Metzger mit sich, und führt -ihn in des Obersten Haus, welcher sogleich den ganzen Rath versammeln -ließ. Sie saßen all' über diesen Handel, und wußten nicht, wie sie ihm -thun sollten, denn sie sahen wohl, daß es kindlicher Weise geschehen -war. Einer unter ihnen, ein alter weiser Mann, gab den Rath, der oberste -Richter solle einen schönen rothen Apfel in die eine Hand nehmen, in die -andere einen rheinischen Gulden, solle das Kind zu sich rufen, und beide -Hände gleich gegen dasselbe ausstrecken; nehme es den Apfel, so solle es -ledig erkannt werden, nehme es aber den Gulden, so solle man es auch -tödten. Dem wird gefolgt; das Kind aber ergreift den Apfel lachend, wird -also aller Strafe ledig erkannt.« - -Diese rührende Geschichte aus einem alten Buche gewinnt ein neues -Interesse durch das letzte kleine Trauerspiel Werners, der vier und -zwanzigste Februar genannt, welches in Weimar und Lauchstädt schon oft, -und mit einem so lebhaften Antheil gesehen worden ist, als vielleicht -kein Werk eines modernen Dichters. Das unselige Mordmesser, welches in -jener Tragödie der unruhige Dolch des Schicksals ist, (vielleicht -derselbe, den Mackbeth vor sich her zur Schlafkammer des Königs gehen -sieht) ist dasselbe Messer, womit der eine Knabe den anderen getödtet, -und er empfängt in jener That seine erste blutige Weihe. Wir wissen -nicht, ob Werner die obige Geschichte ganz gekannt oder erzählt hat, -denn jenes treflichste und darstellbarste Werk Werners, zu dem nur drei -Personen, Vater und Mutter und Sohn, nur eine doppelte durchgeschlagene -Schweizer Bauerstube, ein Schrank, ein Messer und etwas Schnee, den der -Winter gewiß bald bringen wird, die nöthigen Requisite sind, ist auf -unserer Bühne noch nicht aufgeführt worden. Gleichwohl besitzen wir -mehr, als die Weimaraner, um es zu geben, einen Iffland, eine Bethmann -und Schauspieler, um den Sohn darzustellen, im Ueberfluß. Möge diese -kleine Mittheilung den Sinn und den guten Willen dazu anregen. - - - - - 5. Gemeinnütziges. - - - 1. Allerneuester Erziehungsplan. - (29-31. October; 9. 10. November.) - -Zu welchen abentheuerlichen Unternehmungen, sei es nun das Bedürfniß, -sich auf eine oder die andere Weise zu ernähren, oder auch die bloße -Sucht, neu zu sein, die Menschen verführen, und wie lustig dem zufolge -oft die Insinuationen sind, die an die Redaction dieser Blätter -einlaufen: davon möge folgender Aufsatz, der uns kürzlich zugekommen -ist, eine Probe sein. - - - Allerneuester Erziehungsplan. - -Hochgeehrtes Publicum, - -Die Experimental-Physik, in dem Capitel von den Eigenschaften -elektrischer Körper, lehrt, daß wenn man in die Nähe dieser Körper, -oder, um kunstgerecht zu reden, in ihre Atmosphäre, einen unelektrischen -(neutralen) Körper bringt, dieser plötzlich gleichfalls elektrisch wird, -und zwar die entgegengesetzte Elektricität annimmt. Es ist als ob die -Natur einen Abscheu hätte, gegen Alles, was, durch eine Verbindung von -Umständen, einen überwiegenden und unförmlichen Werth angenommen hat; -und zwischen je zwei Körpern, die sich berühren, scheint ein Bestreben -angeordnet zu sein, das ursprüngliche Gleichgewicht, das zwischen ihnen -aufgehoben ist, wieder herzustellen. Wenn der elektrische Körper positiv -ist: so flieht aus dem unelektrischen Alles, was an natürlicher -Elektricität darin vorhanden ist, in den äußersten und entferntesten -Raum desselben, und bildet, in den, jenem zunächst liegenden -Theilen eine Art von Vacuum, das sich geneigt zeigt, den -Elektricitäts-Ueberschuß, woran jener, auf gewisse Weise, krank ist, in -sich aufzunehmen; und ist der elektrische Körper negativ, so häuft sich, -in dem unelektrischen, und zwar in den Theilen, die dem elektrischen -zunächst liegen, die natürliche Elektricität schlagfertig an, nur auf -den Augenblick harrend, den Elektricitäts-Mangel umgekehrt, woran jener -krank ist, damit zu ersetzen. Bringt man den unelektrischen Körper in -den Schlagraum des elektrischen, so fällt, es sei nun von diesem zu -jenem, oder von jenem zu diesem, der Funken: das Gleichgewicht ist -hergestellt, und beide Körper sind einander an Elektricität völlig -gleich. - -Dieses höchst merkwürdige Gesetz findet sich, auf eine, unseres Wissens, -noch wenig beachtete Weise, auch in der moralischen Welt; dergestalt, -daß ein Mensch, dessen Zustand indifferent ist, nicht nur augenblicklich -aufhört, es zu sein, sobald er mit einem Anderen, dessen Eigenschaften, -gleichviel auf welche Weise, bestimmt sind, in Berührung tritt: sein -Wesen wird sogar, um mich so auszudrücken, gänzlich in den -entgegengesetzten Pol hinübergespielt; er nimmt die Bedingung + an, wenn -jener von der Bedingung -, und die Bedingung -, wenn jener von der -Bedingung + ist. - -Einige Beispiele, hochverehrtes Publicum, werden dies deutlicher machen. - -Das gemeine Gesetz des Widerspruchs ist jedermann, aus eigner Erfahrung, -bekannt; das Gesetz, das uns geneigt macht, uns, mit unserer Meinung, -immer auf die entgegengesetzte Seite hinüber zu werfen. Jemand sagt mir, -ein Mensch, der am Fenster vorübergeht, sei so dick, wie eine Tonne. Die -Wahrheit zu sagen, er ist von gewöhnlicher Corpulenz. Ich aber, da ich -ans Fenster komme, ich berichtige diesen Irrthum nicht bloß: ich rufe -Gott zum Zeugen an, der Kerl sei so dünn, als ein Stecken. - -Oder eine Frau hat sich, mit ihrem Liebhaber, ein Rendezvous menagirt. -Der Mann, in der Regel, geht des Abends, um Triktrak zu spielen, in die -Tabagie; gleichwohl, um sicher zu gehen, schlingt sie den Arm um ihn, -und spricht: mein lieber Mann! Ich habe die Hammelkeule, von heute -Mittag, aufwärmen lassen. Niemand besucht mich, wir sind ganz allein; -laß uns den heutigen Abend einmal in recht heiterer und vertraulicher -Abgeschlossenheit zubringen. Der Mann, der gestern schweres Geld in der -Tabagie verlor, dachte in der That heut, aus Rücksicht auf seine Casse, -zu Hause zu bleiben; doch plötzlich wird ihm die entsetzliche Langeweile -klar, die ihm, seiner Frau gegenüber, im Hause verwartet. Er spricht: -liebe Frau! Ich habe einem Freunde versprochen, ihm im Triktrak, worin -ich gestern gewann, Revange zu geben. Laß mich, auf eine Stunde, wenn es -sein kann, in die Tabagie gehn; morgen von Herzen gern stehe ich zu -deinen Diensten. - -Aber das Gesetz, von dem wir sprechen, gilt nicht bloß von Meinungen und -Begehrungen, sondern auf weit allgemeinere Weise, auch von Gefühlen, -Affecten, Eigenschaften und Charakteren. - -Ein Portugiesischer Schiffskapitain, der, auf dem Mittelländischen Meer, -von drei Venetianischen Fahrzeugen angegriffen ward, befahl, -entschlossen wie er war, in Gegenwart aller seiner Officiere und -Soldaten, einem Feuerwerker, daß sobald irgend auf dem Verdeck ein Wort -von Uebergabe laut werden würde, er, ohne weiteren Befehl, nach der -Pulverkammer gehen, und das Schiff in die Luft sprengen mögte. Da man -sich vergebens, bis gegen Abend, gegen die Uebermacht herumgeschlagen -hatte, und allen Forderungen, die die Ehre an die Equipage machen -konnte, ein Genüge geschehen war: traten die Officiere in vollzähliger -Versammlung den Capitain an, und forderten ihn auf, das Schiff zu -übergeben. Der Capitain, ohne zu antworten, kehrte sich um, und fragte, -wo der Feuerwerker sei; seine Absicht, wie er nachher versichert hat, -war, ihm aufzugeben, auf der Stelle den Befehl, den er ihm ertheilt, zu -vollstrecken. Als er aber den Mann schon, die brennende Lunte in der -Hand, unter den Fässern, in Mitten der Pulverkammer fand: ergriff er ihn -plötzlich, von Schrecken bleich, bei der Brust, riß ihn, in -Vergessenheit aller anderen Gefahr, aus der Kammer heraus, trat die -Lunte, unter Flüchen und Schimpfwörtern, mit Füßen aus und warf sie in's -Meer. Den Officieren aber sagte er, daß sie die weiße Fahne aufstecken -mögten, indem er sich übergeben wolle. - -Ich selbst, um ein Beispiel aus meiner Erfahrung zu geben, lebte, vor -einigen Jahren, aus gemeinschaftlicher Kasse, in einer kleinen Stadt am -Rhein, mit einer Schwester. Das Mädchen war in der That bloß, was man, -im gemeinen Leben, eine gute Wirthinn nennt; freigebig sogar in manchen -Stücken; ich hatte es selbst erfahren. Doch weil ich locker und lose -war, und das Geld auf keine Weise achtete: so fieng sie an zu knickern -und zu knausern; ja, ich bin überzeugt, daß sie geizig geworden wäre, -und mir Rüben in den Caffe und Lichter in die Suppe gethan hätte. Aber -das Schicksal wollte zu ihrem Glücke, daß wir uns trennten. - -Wer dies Gesetz recht begreift, dem wird die Erscheinung gar nicht mehr -fremd sein, die den Philosophen so viel zu schaffen giebt: die -Erscheinung, daß große Männer, in der Regel, immer von unbedeutenden und -obscuren Eltern abstammen, und eben so wieder Kinder groß ziehen, die in -jeder Rücksicht untergeordnet und geringartig sind. Und in der That, man -kann das Experiment, wie die moralische Atmosphäre, in dieser Hinsicht, -wirkt, alle Tage anstellen. Man bringe nur einmal Alles, was, in einer -Stadt, an Philosophen, Schöngeistern, Dichtern und Künstlern, vorhanden -ist, in einen Saal zusammen: so werden einige, aus ihrer Mitte, auf der -Stelle dumm werden; wobei wir uns, mit völliger Sicherheit, auf die -Erfahrung eines jeden berufen, der solchem Thee oder Punsch einmal -beigewohnt hat. - -Wie vielen Einschränkungen ist der Satz unterworfen: daß schlechte -Gesellschaften gute Sitten verderben; da doch schon Männer wie Basedow -und Campe, die doch sonst, in ihrem Erziehungs-Handwerk, wenig -gegensätzisch verfuhren, angerathen haben, jungen Leuten zuweilen den -Anblick böser Beispiele zu verschaffen, um sie von dem Laster -abzuschrecken. Und wahrlich, wenn man die gute Gesellschaft, mit der -schlechten, in Hinsicht auf das Vermögen, die Sitte zu entwickeln, -vergleicht, so weiß man nicht, für welche man sich entscheiden soll, da, -in der guten, die Sitte nur nachgeahmt werden kann, in der schlechten -hingegen, durch eine eigenthümliche Kraft des Herzens erfunden werden -muß. Ein Taugenichts mag, in tausend Fällen, ein junges Gemüth, durch -sein Beispiel, verführen, sich auf Seiten des Lasters hinüber zu -stellen; tausend andere Fälle aber giebt es, wo es, in natürlicher -Reaction, das Polar-Verhältniß gegen dasselbe annimmt; und dem Laster, -zum Kampf gerüstet, gegenüber tritt. Ja, wenn man, auf irgend einem -Platze der Welt, etwa einer wüsten Insel, Alles was die Erde an -Bösewichtern hat, zusammenbrächte: so würde sich nur ein Thor darüber -wundern können, wenn er, in kurzer Zeit, alle, auch die erhabensten und -göttlichsten, Tugenden unter ihnen anträfe. - -Wer dies für paradox halten könnte, der besuche nur einmal ein Zuchthaus -oder eine Festung. In den von Frevlern aller Art, oft bis zum Sticken -angefüllten Kasematten, werden, weil keine Strafe mehr, oder doch nur -sehr unvollkommen, bis hierher dringt, Ruchlosigkeiten, die kein Name -nennt, verübt. Demnach würde, in solcher Anarchie, Mord und Todtschlag -und zuletzt der Untergang Aller die unvermeidliche Folge sein, wenn -nicht auf der Stelle, aus ihrer Mitte, welche aufträten, die auf Recht -und Sitte halten. Ja, oft setzt sie der Commendant selbst ein; und -Menschen, die vorher aufsätzig waren gegen alle göttliche und -menschliche Ordnung, werden hier, in erstaunenswürdiger Wendung der -Dinge, wieder die öffentlichen geheiligten Handhaber derselben, wahre -Staatsdiener der guten Sache, bekleidet mit der Macht, ihr Gesetz -aufrecht zu erhalten. - -Daher kann die Welt mit Recht auf die Entwikkelung der -Verbrecher-Kolonie in Botany-Bay aufmerksam sein. Was aus solchem, dem -Boden eines Staats abgeschlämmten Gesindel werden kann, liegt bereits in -den nordamerikanischen Freistaaten vor Augen; und um uns auf den Gipfel -unserer metaphysischen Ansicht zu schwingen, erinnern wir den Leser bloß -an den Ursprung, die Geschichte, an die Entwikkelung und Größe Roms. - -In Erwägung nun[1] - - 1) daß alle Sittenschulen bisher nur auf den Nachahmungstrieb - gegründet waren, und statt das gute Princip, auf eigenthümliche - Weise im Herzen zu entwickeln, nur durch Aufstellung sogenannter - guter Beispiele zu wirken suchten;[2] - - 2) daß diese Schulen, wie die Erfahrung lehrt, nichts eben, für - den Fortschritt der Menschheit Bedeutendes und Erkleckliches - hervorgebracht haben;[3] - - das Gute aber 3) das sie bewirkt haben, allein von dem Umstand - herzurühren scheint, daß sie schlecht waren, und hin und wieder, - gegen die Verabredung, einige schlechten Beispiele mitunter - liefen; - -in Erwägung, sagen wir, aller dieser Umstände, sind wir gesonnen, eine -sogenannte _Lasterschule_, oder vielmehr eine _gegensätzische_ Schule, -eine Schule durch Laster, zu errichten.[4] - -[Fußnote 1: Jetzt rückt dieser merkwürdige Pädagog mit seinem neuesten -Erziehungsplan heraus. - - (_Die Redaction._)] - -[Fußnote 2: So! -- Als ob die pädagogischen Institute nicht, nach ihrer -natürlichen Anlage, schwache Seiten genug darböten. - - (_Die Redaction._)] - -[Fußnote 3: In der That! -- Dieser Philosoph könnte das Jahrhundert um -seinen ganzen Ruhm bringen. - - (_Die Redaction._)] - -[Fußnote 4: ^Risum teneatis, amici!^ - - (_Die Redaction._)] - -Demnach werden für alle, einander entgegenstehende Laster, Lehrer -angestellt werden, die in bestimmten Stunden des Tages, nach der -Reihe, auf planmäßige Art, darin Unterricht ertheilen; in der -Religionsspötterei sowohl als in der Bigotterie, im Trotz sowohl als in -der Wegwerfung und Kriecherei, und im Geiz und in der Furchtsamkeit -sowohl, als in der Tollkühnheit und in der Verschwendung. - -Diese Lehrer werden nicht bloß durch Ermahnungen, sondern durch -Beispiele, durch lebendige Handlung, durch unmittelbaren praktischen, -geselligen Umgang und Verkehr zu wirken suchen. - -Für Eigennutz, Plattheit, Geringschätzung alles Großen und Erhabenen und -manche anderen Untugenden, die man in Gesellschaften und auf der Straße -lernen kann, wird es nicht nöthig sein, Lehrer anzustellen. - -In der Unreinlichkeit und Unordnung, in der Zank- und Streitsucht und -Verläumdung wird meine Frau Unterricht ertheilen. - -Lüderlichkeit, Spiel, Trunk, Faulheit und Völlerei, behalte ich mir -bevor. - -Der Preis ist der sehr mäßige von 300 Rthl. - -N. S. - -Eltern, die uns ihre Kinder nicht anvertrauen wollten, aus Furcht, sie -in solcher Anstalt, auf unvermeidliche Weise, verderben zu sehen, würden -dadurch an den Tag legen, daß sie ganz übertriebene Begriffe von der -Macht der Erziehung haben. Die Welt, die ganze Masse von Objecten, die -auf die Sinne wirken, hält und regiert, an tausend und wieder tausend -Fäden, das junge, die Erde begrüßende, Kind. Von diesen Fäden, ihm um -die Seele gelegt, ist allerdings die Erziehung Einer, und sogar der -wichtigste und stärkste; verglichen aber mit der ganzen Totalität, mit -der ganzen Zusammenfassung der übrigen, verhält er sich wie ein -Zwirnsfaden zu einem Ankertau, eher drüber als drunter. - -Und in der That, wie mißlich würde es mit der Sittlichkeit aussehen, -wenn sie kein tieferes Fundament hätte, als das sogenannte gute Beispiel -eines Vaters oder einer Mutter, und die platten Ermahnungen eines -Hofmeisters oder einer französischen Mamsell. -- Aber das Kind ist kein -Wachs, das sich in eines Menschen Händen, zu einer beliebigen Gestalt -kneten läßt: es lebt, es ist frei, es trägt ein unabhängiges und -eigenthümliches Vermögen der Entwickelung, und das Muster aller -innerlichen Gestaltung, in sich. - -Ja, gesetzt, eine Mutter nähme sich vor, ein Kind, das sie an ihrer -Brust trägt, von Grund aus zu verderben: so würde sich ihr auf der Welt -dazu kein unfehlbares Mittel darbieten, und, wenn das Kind nur sonst von -gewöhnlichen, rechtschaffenen Anlagen ist, das Unternehmen, vielleicht -auf die sonderbarste und überraschendste Art, daran scheitern. - -Was sollte auch, in der That, aus der Welt werden, wenn den Eltern ein -unfehlbares Vermögen beiwohnte, ihre Kinder nach Grundsätzen, zu welchen -sie die Muster sind, zu erziehen: da die Menschheit, wie bekannt, -fortschreiten soll, und es mithin, selbst dann, wenn an ihnen nichts -auszusetzen wäre, nicht genug ist, daß die Kinder werden, wie sie; -sondern besser. - -Wenn demnach die uralte Erziehung, die uns die Väter, in ihrer Einfalt, -überliefert haben, an den Nagel gehängt werden soll: so ist kein Grund, -warum unser Institut nicht, mit allen andern, die die pädagogische -Erfindung, in unsern Tagen, auf die Bahn gebracht hat, in die Schranken -treten soll. In unsrer Schule wird, wie in diesen, gegen je Einen, der -darin zu Grunde geht, sich ein andrer finden, in dem sich Tugend und -Sittlichkeit auf gar robuste und tüchtige Art entwickelt; es wird Alles -in der Welt bleiben, wie es ist, und was die Erfahrung von Pestalozzi -und Zeller und allen andern Virtuosen der neuesten Erziehungskunst, und -ihren Anstalten sagt, das wird sie auch von uns und der unsrigen sagen: -»Hilft es nichts, so schadet es nichts.« - - Rechtenfleck im Holsteinischen, - den 15. Oct. 1810. - - _C. J. Levanus_, - Conrector. - - - 2. Nützliche Erfindungen. Entwurf einer Bombenpost. - (12. October.) - -Man hat, in diesen Tagen, zur Beförderung des Verkehrs, innerhalb der -Gränzen der vier Welttheile, einen elektrischen Telegraphen erfunden; -einen Telegraphen, der mit der Schnelligkeit des Gedankens, ich will -sagen, in kürzerer Zeit, als irgend ein chronometrisches Instrument -angeben kann, vermittelst des Elektrophors und des Metalldraths, -Nachrichten mittheilt, dergestalt, daß wenn jemand, falls nur sonst die -Vorrichtung dazu getroffen wäre, einen guten Freund, den er unter den -Antipoden hätte, fragen wollte: wie geht's dir? derselbe, ehe man noch -eine Hand umkehrt, ohngefähr so, als ob er in einem und demselben Zimmer -stünde, antworten könnte: recht gut. So gern wir dem Erfinder dieser -Post, die, auf recht eigentliche Weise, auf Flügeln des Blitzes reitet, -die Krone des Verdienstes zugestehn, so hat doch auch diese -Fernschreibekunst noch die Unvollkommenheit, daß sie nur, dem Interesse -des Kaufmanns wenig ersprießlich, zur Versendung ganz kurzer und -lakonischer Nachrichten, nicht aber zur Uebermachung von Briefen, -Berichten, Beilagen und Packeten taugt. Demnach schlagen wir, um auch -diese Lücke zu erfüllen, zur Beschleunigung und Vervielfachung der -Handels-Communikationen, wenigstens innerhalb der Gränzen der -cultivirten Welt, eine _Wurf-_ oder _Bombenpost_ vor; ein Institut, das -sich auf zweckmäßig, innerhalb des Raums einer Schußweite, angelegten -Artillerie-Stationen, aus Mörsern oder Haubitzen, hohle, statt des -Pulvers, mit Briefen und Paketen angefüllte Kugeln, die man ohne alle -Schwierigkeit, mit den Augen verfolgen, und wo sie hinfallen, falls es -ein Morastgrund ist, wieder auffinden kann, zuwürfe; dergestalt, daß die -Kugel, auf jeder Station zuvörderst eröffnet, die respektiven Briefe für -jeden Ort herausgenommen, die neuen hineingelegt, das Ganze wieder -verschlossen, in einen neuen Mörser geladen, und zur nächsten Station -weiter spedirt werden könnte. Den Prospectus des Ganzen und die -Beschreibung und Auseinandersetzung der Anlagen und Kosten behalten wir -einer umständlicheren und weitläufigeren Abhandlung bevor. Da man auf -diese Weise, wie eine kurze mathematische Berechnung lehrt, binnen Zeit -eines halben Tages, gegen geringe Kosten von Berlin nach Stettin oder -Breslau würde schreiben oder respondiren können, und mithin, verglichen -mit unseren reitenden Posten, ein zehnfacher Zeitgewinn entsteht, oder -es eben soviel ist, als ob ein Zauberstab diese Orte der Stadt Berlin -zehnmal näher gerückt hätte: so glauben wir für das bürgerliche sowohl -als handeltreibende Publicum, eine Erfindung von dem größesten und -entscheidendsten Gewicht, geschickt, den Verkehr auf den höchsten Gipfel -der Vollkommenheit zu treiben, an den Tag gelegt zu haben. - - Berlin d. 10. Oct. 1810. - - ^rmz.^ - - - 3. Schreiben aus Berlin. - (15. October.) - - 10 Uhr Morgens. - -Der Wachstuchfabrikant Hr. _Claudius_ will, zur Feier des Geburtstages -Sr. Königl. Hoheit, des Kronprinzen, heute um 11 Uhr mit dem Ballon des -Prof. J.[74] in die Luft gehen, und denselben, vermittelst einer -Maschine, unabhängig vom Wind, nach einer bestimmten Richtung -hinbewegen. Dies Unternehmen scheint befremdend, da die Kunst, den -Ballon, auf ganz leichte und naturgemäße Weise, ohne alle Maschienerie, -zu bewegen, schon erfunden ist. Denn da in der Luft alle nur mögliche -Strömungen (Winde) übereinander liegen: so braucht der Aëronaut nur, -vermittelst perpendikularer Bewegungen, den Luftstrom aufzusuchen, der -ihn nach seinem Ziele führt: ein Versuch, der bereits mit vollkommnem -Glück, in Paris, von Hrn. Garnerin, angestellt worden ist. - -Gleichwohl scheint dieser Mann, der während mehrerer Jahre im Stillen -dieser Erfindung nachgedacht hat, einer besondern Aufmerksamkeit nicht -unwerth zu sein. Einen Gelehrten, mit dem er sich kürzlich in -Gesellschaft befand, soll er gefragt haben: ob er ihm wohl sagen könne, -in wieviel Zeit eine Wolke, die eben an dem Horizont heraufzog, im -Zenith der Stadt sein würde? Auf die Antwort des Gelehrten: »daß seine -Kenntniß so weit nicht reiche,« soll er eine Uhr auf den Tisch gelegt -haben, und die Wolke genau, in der von ihm bestimmten Zeit, im Zenith -der Stadt gewesen sein. Auch soll derselbe, bei der letzten Luftfahrt -des Professor J. im Voraus nach Werneuchen gefahren, und die Leute -daselbst versammelt haben: indem er aus seiner Kenntniß der Atmosphäre -mit Gewißheit folgerte, daß der Ballon diese Richtung nehmen, und der -Professor J. in der Gegend dieser Stadt niederkommen müsse. - -Wie nun der Versuch, den er heute, gestützt auf diese Kenntniß, -unternehmen will, ausfallen wird: das soll in Zeit von einer Stunde -entschieden sein. Hr. Claudius will nicht nur bei seiner Abfahrt, den -Ort, wo er niederkommen will, in gedruckten Zetteln bekannt machen: es -heißt sogar, daß er schon Briefe an diesem Ort habe abgeben lassen, um -daselbst seine Ankunft anzumelden. -- Der Tag ist in der That, gegen -alle Erwartung, seiner Vorherbestimmung gemäß, ausnehmend schön. - -N. S. - - 2 Uhr Nachmittags. - -Hr. Claudius hatte beim Eingang in den Schützenplatz Zettel austheilen -lassen, auf welchen er, längs der Potsdammer Chaussee, nach dem -Luckenwaldschen Kreis zu gehen, und in einer Stunde vier Meilen -zurückzulegen versprach. Der Wind war aber gegen 12 Uhr so mächtig -geworden, daß er noch um 2 Uhr mit der Füllung des Ballons nicht fertig -war; und es verbreitete sich das Gerücht, daß er vor 4 Uhr nicht in die -Luft gehen würde. - - - 4. Aëronautik. - S. Haude u. Spenersche Zeitung, den 25. Okt. 1810.[75] - (29. 30. October.) - -Der, gegen die Abendblätter gerichtete, Artikel der Haude und -Spenerschen Zeitung, über die angebliche Direction der Luftbälle ist mit -soviel Einsicht, Ernst und Würdigkeit abgefaßt, daß wir geneigt sind zu -glauben, die Wendung am Schluß, die zu dem Ganzen wenig paßt, beruhe auf -einem bloßen Mißverständniß. - -Demnach dient dem unbekannten Hrn. Verfasser hiemit auf seine, in -Anregung gebrachten Einwürfe zur freundschaftlichen Antwort: - -1) daß wenn das Abendblatt, des beschränkten Raums wegen, den -unverklausulirten Satz aufgestellt hat: die Direction der Luftbälle sei -erfunden; dasselbe damit keineswegs hat sagen wollen: es sei an dieser -Erfindung nichts mehr hinzuzusetzen; sondern bloß: das Gesetz einer -solchen Kunst sei gefunden, und es sei, nach dem, was in Paris -vorgefallen, nicht mehr zweckmäßig, in dem Bau einer, mit dem Luftball -verbundenen, Maschiene eine Kraft zu suchen, die in dem Luftball selbst, -und in dem Element, das ihn trägt, vorhanden ist. - -2) Daß die Behauptung, in der Luft seien Strömungen der vielfachsten und -mannigfaltigsten Art enthalten, wenig Befremdendes und Außerordentliches -in sich faßt, indem unseres Wissens, nach den Aufschlüssen der neuesten -Naturwissenschaft, eine der Hauptursachen des Windes, chemische -Zersetzung oder Entwickelung beträchtlicher Luftmassen ist. Diese -Zersetzung oder Entwickelung der Luftmassen aber muß, wie eine ganz -geringe Einbildung lehrt, ein concentrisches oder excentrisches, in -allen seinen Richtungen diametral entgegengesetztes, Strömen der in der -Nähe befindlichen Luftmassen veranlassen; dergestalt, daß an Tagen, wo -dieser chemische Prozeß im Luftraum häufig vor sich geht, gewiß über -einem gegebenen, nicht allzubeträchtlichen Kreis der Erdoberfläche, wenn -nicht alle, doch so viele Strömungen, als der Luftfahrer, um die -willkührliche Direction darauf zu gründen, braucht, vorhanden sein -mögen. - -3) Daß der Luftballon des Hrn. Claudius selbst (in sofern ein einzelner -Fall hier in Erwägung gezogen zu werden verdient) zu dieser Behauptung -gewissermaßen den Beleg abgiebt, indem ohne Zweifel als derselbe ½5 Uhr -durchaus westlich in der Richtung nach Spandau und Stendal aufstieg, -niemand geahndet hat, daß er, innerhalb zwei Stunden, durchaus südlich, -zu Düben in Sachsen niederkommen würde. - -4) Daß die Kunst, den Ballon _vertical_ zu dirigiren, noch einer großen -Entwickelung und Ausbildung bedarf, und derselbe auch wohl, ohne eben -große Schwierigkeiten, fähig ist, indem man ohne Zweifel durch -Veränderung nicht bloß des absoluten, sondern auch specifischen Gewichts -(vermittelst der Wärme und der Expansion) wird steigen und fallen und -somit den Luftstrom mit größerer Leichtigkeit wird aufsuchen lernen, -dessen man, zu einer bestimmten Reise, bedarf. - -5) Daß Hr. Claudius zwar wenig gethan hat, die Aufmerksamkeit des -Publikums, die er auf sich gezogen hat, zu rechtfertigen; daß wir aber -gleichwohl dahingestellt sein lassen, in wiefern derselbe, nach dem -Gespräche der Stadt, in der Kunst, von der Erdoberfläche aus die -Luftströmungen in den höheren Regionen zu beurtheilen, erfahren sein -mag: indem aus der Richtung, die sein Ballon anfänglich westwärts gegen -Spandau und späterhin südwärts gegen Düben nahm, mit sonderbarer -Wahrscheinlichkeit hervor zu gehen scheint, daß er, wenn er aufgestiegen -wäre, sein Versprechen erfüllt haben, und vermittelst seiner -mechanischen Einwirkung, in der Diagonale zwischen beiden Richtungen, -über der Potsdammer Chaussee, nach dem Luckenwaldischen Kreise, -fortgeschwommen sein würde. - -6) Daß wenn gleich das Unternehmen vermittelst einer, im Luftball -angebrachten Maschiene, den Widerstand ganz contrairer Winde aufzuheben, -unübersteiglichen Schwierigkeiten unterworfen ist, es doch vielleicht -bei Winden von geringerer Ungünstigkeit möglich sein dürfte, den Sinus -der Ungünstigkeit, vermittelst mechanischer Kräfte, zu überwinden, und -somit, dem Seefahrer gleich, auch solche Winde, die nicht genau zu dem -vorgeschriebenen Ziel führen, ins Interesse zu ziehen. - -Zudem bemerken wir, daß wenn 7) der Luftschifffahrer, aller dieser -Hülfsmittel ungeachtet, Tage und Wochen lang auf den Wind, der ihm -passend ist, warten müßte, derselbe sich mit dem Seefahrer zu trösten -hätte, der auch Wochen, oft Monate lang, auf günstige Winde im Hafen -harren muß: wenn er ihn aber gefunden hat, binnen wenigen Stunden damit -weiter kommt, als wenn er sich, von Anfang herein, während der ganzen -verlornen Zeit, zur Axe oder zu Pferde fortbewegt hätte. - -Endlich selbst zugegeben 8) -- was wir bei der Möglichkeit, auch selbst -in der wolkigsten Nacht, den Polarstern, wenigstens auf Augenblicke, -aufzufinden, keinesweges thun -- dem Luftschiffer fehle es schlechthin -an Mittel, sich in der Nacht im Luftraum zu orientiren: so halten wir -den von dem unbekannten Hrn. R. berechneten Irrthum von 6 Meilen, auf -einen Radius von 30 Meilen, für einen sehr mäßigen und erträglichen. Der -Aëronaut würde immer noch, wenn ^x^ die Zeit ist, die er gebraucht haben -würde, um den Radius zur Axe zurückzulegen, in ^x^/5 den Radius und die -Sehne zurücklegen können. Wenn er dies, gleichviel aus welchen Gründen, -ohne seinen Ballon, nicht wollte, so würde er sich wieder mit dem -Seefahrer trösten müssen, der auch oft, widriger Winde wegen, statt in -den Hafen einzulaufen, auf der Rhede vor Anker gehen, oder gar in einen -andern ganz entlegenen Hafen einlaufen muß, nach dem er gar nicht bei -seiner Abreise gewollt hat. - - * * * * * - -Was Hr. Garnerin betrift, so werden wir im Stande sein, in Kurzem -bestimmtere Facta, als die im 13ten Abendblatt enthalten waren, zur -Erwiderung auf die gemachten Einwürfe, beizubringen. - - ^rm.^ - - - - - II. In Versen. - - - - - 1. Eine Legende nach Hans Sachs. - Gleich und Ungleich. - (3. November.) - - - Der Herr, als er auf Erden noch einherging, - Kam mit Sanct Peter einst an einen Scheideweg, - Und fragte, unbekannt des Landes, - Das er durchstreifte, einen Bauersknecht, - Der faul, da, wo der Rain sich spaltete, gestreckt - In eines Birnbaums Schatten lag: - Was für ein Weg nach Jericho ihn führe? - Der Kerl, die Männer nicht beachtend, - Verdrießlich, sich zu regen, hob ein Bein, - Zeigt auf ein Haus im Feld', und gähnt' und sprach: da unten! - Zerrt sich die Mütze über's Ohr zurecht, - Kehrt sich, und schnarcht schon wieder ein. - Die Männer drauf, wohin das Bein gewiesen, - Gehn ihre Straße fort; jedoch nicht lange währt's, - Von Menschen leer, wie sie das Haus befinden, - Sind sie im Land' schon wieder irr. - Da steht, im heißen Strahl der Mittagssonne, - Bedeckt von Aehren, eine Magd, - Die schneidet, frisch und wacker, Korn, - Der Schweiß rollt ihr vom Angesicht herab. - Der Herr, nachdem er sich gefällig drob ergangen, - Kehrt also sich mit Freundlichkeit zu ihr: - »Mein Töchterchen gehn wir auch recht, - So wie wir stehn, den Weg nach Jericho?« - Die Magd antwortet flink: »Ei, Herr! - Da seid ihr weit vom Wege irr gegangen; - Dort hinterm Walde liegt der Thurm von Jericho, - Kommt her, ich will den Weg euch zeigen.« - Und legt die Sichel weg, und führt, geschickt und emsig, - Durch Aecker, die der Rain durchschneidet, - Die Männer auf die rechte Straße hin, - Zeigt noch, wo schon der Thurm von Jericho erglänzet, - Grüßt sie und eilt zurücke wieder, - Auf daß sie schneid', in Rüstigkeit, und raffe, - Von Schweiß betrieft, im Waizenfelde, - So nach wie vor. - Sanct Peter spricht: »O Meister mein! - Ich bitte dich, um deiner Güte willen, - Du wollest dieser Maid die That der Liebe lohnen, - Und, flink und wacker, wie sie ist, - Ihr einen Mann, flink auch und wacker, schenken.« - »Die Maid, versetzt der Herr voll Ernst, - Die soll den faulen Schelmen nehmen, - Den wir am Scheideweg im Birnbaumsschatten trafen; - Also beschloß ich's gleich im Herzen, - Als ich im Waizenfeld sie sah.« - Sanct Peter spricht: »Nein Herr, das wolle Gott verhüten. - Das wär' ja ewig Schad' um sie, - Müßt' all' ihr Schweiß und Müh' verloren gehn. - Laß einen Mann, ihr ähnlicher, sie finden, - Auf daß sich, wie sie wünscht, hoch bis zum Giebel ihr - Der Reichthum in der Tenne fülle.« - Der Herr antwortet, mild den Sanctus strafend: - »O Petre, das verstehst du nicht. - Der Schelm, der kann doch nicht zur Höllen fahren. - Die Maid auch, frischen Lebens voll, - Die könnte leicht zu stolz und üppig werden. - Drum, wo die Schwinge sich ihr allzuflüchtig regt, - Henk' ich ihr ein Gewichtlein an, - Auf daß sie's beide im Maaße treffen, - Und fröhlich, wenn es ruft, hinkommen, er wie sie, - Wo ich sie Alle gern versammeln möchte. - - - - - 2. Eine Legende nach Hans Sachs. - Der Welt Lauf. - (8. December.) - - - Der Herr und Petrus oft, in ihrer Liebe beide, - Begegneten im Streite sich, - Wenn von der Menschen Heil die Rede war; - Und dieser nannte zwar die Gnade Gottes groß, - Doch wär' er Herr der Welt, meint er, - Würd' er sich ihrer mehr erbarmen. - Da trat, zu einer Zeit, als längst, in beider Herzen, - Der Streit vergessen schien, und just, - Um welcher Ursach weiß ich nicht, - Der Himmel oben auch voll Wolken hieng, - Der Sanctus mißgestimmt, den Heiland an, und sprach - »Herr, laß, auf eine Handvoll Zeit, - Mich, aus dem Himmelreich, auf Erden niederfahren, - Daß ich des Unmuths, der mich griff, - Vergess' und mich einmal, von Sorgen frei, ergötze, - Weil es jetzt grad' vor Fastnacht ist.« - Der Herr, des Streits noch sinnig eingedenk, - Spricht: »Gut; acht Tag' geb' ich dir Zeit, - Der Feier, die mir dort beginnt, dich beizumischen; - Jedoch, so bald das Fest vorbei, - Kommst du mir zu gesetzter Stunde wieder. - Acht volle Tage doch, zwei Wochen schon, und mehr, - Ein abgezählter Mond vergeht, - Bevor der Sanct zum Himmel wiederkehrt. - »Ei, Petre,« spricht der Herr, »wo weiltest du so lange? - Gefiel's auch nieden dir so wohl?« - Der Sanctus, mit noch schwerem Kopfe, spricht: - »Ach, Herr! Das war ein Jubel unten --! - Der Himmel selbst beseeliget nicht besser. - Die Erndte, reich, du weißt, wie keine je gewesen, - Gab alles was das Herz nur wünscht, - Getraide, weiß und süß, Most, sag' ich dir, wie Honig, - Fleisch fett, dem Speck gleich, von der Brust des Rindes; - Kurz, von der Erde jeglichem Erzeugniß - Zum Brechen alle Tafeln voll. - Da ließ ich's, schier, zu wohl mir sein, - Und hätte bald des Himmels gar vergessen.« - Der Herr erwiedert: »Gut! Doch Petre sag' mir an, - Bei soviel Seegen, den ich ausgeschüttet, - Hat man auch dankbar mein gedacht? - Sahst du die Kirchen auch von Menschen voll?« -- - Der Sanct, bestürzt hierauf, nachdem er sich besonnen: - »O Herr,« spricht er, »bei meiner Liebe, - Den ganzen Fastmond durch, wo ich mich hingewendet, - Nicht deinen Namen hört' ich nennen. - Ein einz'ger Mann saß murmelnd in der Kirche: - Der aber war ein Wucherer, - Und hatte Korn, im Herbst erstanden, - Für Mäus' und Ratzen hungrig aufgeschüttet.« -- - »Wohlan denn,« spricht der Herr, und läßt die Rede fallen, - »Petre, so geh; und künft'ges Jahr - Kannst du die Fastnacht wiederum besuchen.« - Doch diesmal war das Fest kaum eingeläutet, - Da kömmt der Sanctus schleichend schon zurück. - Der Herr begegnet ihm am Himmelsthor und ruft: - »Ei, Petre! Sieh! Warum so traurig? - Hat's dir auf Erden denn danieden nicht gefallen?« - »Ach, Herr,« versetzt der Sanct, »seit ich sie nicht gesehn, - Hat sich die Erde ganz verändert. - Da ist's kurzweilig nicht mehr, wie vordem, - Rings sieht das Auge nichts, als Noth und Jammer. - Die Erndte, ascheweiß versengt auf allen Feldern, - Gab für den Hunger nicht, um Brod zu backen, - Viel wen'ger Kuchen, für die Lust, und Stritzeln. - Und weil der Herbstwind früh der Berge Hang durchreift, - War auch an Wein und Most nicht zu gedenken. - Da dacht ich: was auch sollst du hier? - Und kehrt ins Himmelreich nur wieder heim.« -- - »So!« spricht der Herr. »Fürwahr! das thut mir leid! - Doch, sag' mir an: gedacht' man mein?« - »Herr, ob man dein gedacht? -- Die Wahrheit dir zu sagen, - Als ich durch eine Hauptstadt kam, - Fand ich, zur Zeit der Mitternacht, - Vom Altarkerzenglanz, durch die Portäle strahlend, - Dir alle Märkt' und Straßen hell; - Die Glöckner zogen, daß die Stränge rissen; - Hoch an den Säulen hiengen Knaben, - Und hielten ihre Mützen in der Hand. - Kein Mensch, versichr' ich dich, im Weichbild rings zu sehn, - Als Einer nur, der eine Schaar - Lastträger keuchend von dem Hafen führte: - Der aber war ein Wucherer, - Und häufte Korn auf lächelnd, fern erkauft, - Um von des Landes Hunger sich zu mästen.« - »Nun denn, o Petre,« spricht der Herr, - Erschaust du jetzo doch den Lauf der Welt! - Jetzt siehst du doch was du jüngsthin nicht glauben wolltest, - Daß Güter nicht das Gut des Menschen sind; - Daß mir ihr Heil am Herzen liegt wie dir: - Und daß ich, wenn ich sie mit Noth zuweilen plage, - Mich, meiner Liebe treu und meiner Sendung, - Nur ihrer höh'ren Noth erbarme. - - - - - 3. Epigramme. - - - 1. Auf einen Denuncianten. - (Räthsel.) - (12. October.) - - Als Kalb begann er; ganz gewiß - Vollendet er als Stier -- des Phalaris. - - ^st.^ - - - 2. Wer ist der Aermste? - (24. October.) - - »Geld!« rief, »mein edelster Herr!« ein Armer. Der Reiche versetzte: - »Lümmel, was gäb' ich darum, wär ich so hungrig als er!« - - - 3. Der witzige Tischgesellschafter. - - Treffend, durchgängig ein Blitz, voll Scharfsinn, sind seine - Repliken: - Wo? An der Tafel? Vergieb! Wenn er's zu Hause bedenkt. - - ^xp.^ - - - 4. An die Verfasser schlechter Epigramme. - (30. October.) - - Des Satyrs Geißel schmerzt von Rosenstrauch am meisten; - Wer nur den Knieriem führt, der bleibe ja beim Leisten. - - ^st.^ - - - 5. Nothwehr. - (31. October.) - - Wahrheit gegen den Feind? Vergieb mir! Ich lege zuweilen - Seine Bind um den Hals, um in sein Lager zu gehn. - - ^xp.^ - - - - - Anmerkungen. - - - - Einleitung. - -[Fußnote 1: Das letzte Lied; H. v. Kleist gesammelte Schriften III, 373, -der zweiten Ausgabe von Tieck und J. Schmidt.] - -[Fußnote 2: So schrieb Kleist an Zschokke; s. E. v. Bülow, H. v. Kleists -Leben und Briefe S. 27.] - -[Fußnote 3: Die umfassendste Sammlung von Briefen Kleists sind die an -seine Schwester Ulrike gerichteten, 57 an der Zahl, aus den Jahren 1795 -bis zum Augenblick seines Todes, nebst einem an Pannwitz aus dem Jahre -1802, von Koberstein 1860 herausgegeben; 23 Briefe aus der Zeit von 1799 -bis 1811 an seinen Lehrer, seine Braut, deren Schwester, seinen Freund -Rühle und Fouqué, gab Bülow heraus; 6 Brieffragmente von 1807 bis 1811 -Tieck in der Einleitung zu Kleists Schriften; ein Brief von 1809 an H. -v. Collin steht in Hoffmanns Findlingen I, 320, ein von Bülow nicht -gekannter von 1811 an Fouqué, in den Briefen an F. Baron de la Motte -Fouqué, herausgegeben von H. Kletke I, 223; 6 aus den Jahren 1810 und -1811 an F. v. Raumer in dessen Lebenserinnerungen und Briefwechsel I, -229. Anekdotenhaft ist was Peguilhen von Kleist erzählt in der Sammlung -Berühmte Schriftsteller der Deutschen Berlin 1854 I, 309; die -Denkschrift desselben über Kleists Tod, die dem Staatskanzler vorlag -aber nicht erscheinen durfte, scheint verloren. Umfassende -Charakteristiken Kleists sind neuerdings gegeben worden in den -Preußischen Jahrbüchern II, 599, 1858, und von J. Schmidt in seiner -Einleitung zu den gesammelten Schriften Kleists, 1859; Nachträge dazu -von Koberstein in der Einleitung zu Kleists Briefen an seine Schwester.] - -[Fußnote 4: Tiecks Ausgabe von 1826 I, S. XX.] - -[Fußnote 5: S. X Vorrede.] - -[Fußnote 6: In der Inhaltsanzeige des Februarheftes. Dadurch widerlegt -sich Bülows Angabe S. 44 eine Novelle der Madame de Gomez habe dem -Dichter den Stoff in Paris geliefert. Sucht man in einer fremden -Litteratur nach einer Parallele zu dieser Geschichte, so könnte man auch -an Cervantes' ^de la fuerça de la sangre^ erinnern, wo ähnliche -Verhältnisse freilich maßvoller dargestellt werden.] - -[Fußnote 7: Eine quellengemäße geschichtliche Darstellung der -Kohlhasischen Händel hat Klöden gegeben in Gropius' Beiträge zur -Geschichte Berlins, Berlin 1840 S. 61 ff. Wenn er im Vorwort sagt, zu -Kleists Erzählung habe die Geschichte nichts als einige Namen -beigesteuert, so ist dagegen zu bemerken, daß nicht die wesentlichen -Thatsachen, sondern gerade die Namen unhistorisch sind; denn der Junker -hieß Günther von Zaschwitz auf Melaun bei Düben. Man möchte doch -vermuthen, nicht Pfuels Erzählung, sondern irgend einem älteren Buche -habe Kleist den Stoff entlehnt, vielleicht dem von B. Mentz, Kurtze -Erzehlung vom Vrsprung vnd Hehrkommen der Chur vnnd Fürstlichen Stämmen, -Sachsen, Brandenburg, Anhalt vnd Lawenburg, Wittenberg 1597, das Klöden -außer Hafftiz besonders benutzt hat.] - -[Fußnote 8: III, 71.] - -[Fußnote 9: III, 48.] - -[Fußnote 10: III, 124.] - -[Fußnote 11: Ich führe einige Beweisstellen für die im Text -hervorgehobenen Lieblingsworte Kleists an: »dergestalt daß« Kohlhaas -III, 39, 47, 57, 75, 104, 109, 114; das Erdbeben in Chili S. 164; die -Verlobung in St. Domingo S. 188; das Bettelweib von Locarno S. 224, 225, -226; die heilige Caecilie S. 249, 250; der Zweikampf S. 272, 273; -Käthchen von Heilbronn II, 132. »Gleichwohl«: Kohlhaas III, 22, 35, 63, -75, 102, 109; Marquise v. O. S. 151; Findling 235; die heilige Caecilie -252; Käthchen von Heilbronn I, 123, 125, 130; die Hermannsschlacht 397; -der Prinz v. Homburg 325, 345; Amphitryon I, 374, 375. »Nicht sobald -- -als«: Kohlhaas III, 34, 39, 58. »Falls«: Kohlhaas III, 27, 64, 77, 94. -»Gleichviel«: Kohlhaas III, 57, 60, 79; Marquise v. O. 153; die heilige -Caecilie 251; der Zweikampf 286; Prinz v. Homburg II, 279, 281, 315, -320, 323, 327, 331; die Hermannsschlacht 509; Amphitryon I, 417. -»Inzwischen«: Kohlhaas III, 34, 43, 77, 98, 106, 111; Marquise v. O. -124, 125; der Zweikampf 266, 287.] - -[Fußnote 12: Penthesilea I, 201, 224; die Hermannsschlacht II, 383; an -Franz den Ersten III, 374.] - -[Fußnote 13: Akt III. Sc. 1. II, 188.] - -[Fußnote 14: Käthchen v. Heilbronn A. V. S. 1. II, 248; die -Hermannsschlacht A. II, S. 1. II, 402; III, 379.] - -[Fußnote 15: III, 376, 377, 372.] - -[Fußnote 16: A. III, S. 6. II, 443.] - -[Fußnote 17: Kleist an seine Schwester 17. Sept. 1807 und die folgenden -Briefe S. 129 ff. 144. Adam Müller an Gentz 6. Febr. 1808, Briefwechsel -S. 126.] - -[Fußnote 18: Kleists ges. Schriften I, S. XX.] - -[Fußnote 19: Bülow S. XI.] - -[Fußnote 20: Brief an seine Schwester o. D. S. 157.] - -[Fußnote 21: Phöbus I, 39.] - -[Fußnote 22: Hans Sachs Worte I, 189 der Kemptener Ausgabe, wo sich -indeß nur die Legende der Welt Lauf findet. Es scheint Kleist hat seine -Originale nicht sowohl in einer Gesammtausgabe der Werke von Hans Sachs -als in einem Einzeldruck gelesen; in einem solchen, wovon ein Exemplar -im Besitz des Herrn W. v. Maltzahn ist, finden sich neben zwei andern -Erzählungen gerade die beiden von Kleist nachgedichteten; es ist: Das -erst Gesprech, Von der Welt lauff; und das dritt Gespräch, von eim | -faulen Bawrenknecht, vnd einer | endlichen Bauren Maidt. | Der -Haupttitel lautet: Vier schöne Gesprech zwischen | Sanct Peter vnd dem -Herren, | sehr nützlich zu lesen, vnd | zu hören -- Hanß Sachs. Gedruckt -zu Nürnberg | durch Valentin Newber kl. 8. 16 Bll.] - -[Fußnote 23: S. die Briefe an seine Schwester o. D. und von 1799, 1801 -S. 5, 20, 49, 51; an seine Braut 1801, Bülow S. 145; 1806 S. 243.] - -[Fußnote 24: Briefe von 1801, Bülow S. 226, 210, 204, 27; Koberstein S. -46, 50. Katechismus der Deutschen 8. I, 1, 7; von der Ueberlegung I, 2, -5.] - -[Fußnote 25: Brieffragment bei Bülow S. 66; 1801 S. 207, 227; 1803 -Koberstein S. 90.] - -[Fußnote 26: 1801, 1803 Koberstein S. 45, 90.] - -[Fußnote 27: Briefe an seine Schwester S. 110, 145.] - -[Fußnote 28: Hermannsschlacht A. I, S. 3. I, 1; II, 394, 386, 391, 434, -444; III, 3, 6.] - -[Fußnote 29: Kleists Wort über die Thusnelda zu Dahlmann in J. Schmidts -Einleitung S. XCV; (v. Bassewitz) die Kurmark Brandenburg während der -Zeit von 1806 bis 1808 II, 709; v. Höpfner der Krieg von 1806 und 1807 -II, 326, 332.] - -[Fußnote 30: Lehrbuch der Journalistik 4, 8. Die Worte des Grafen -Schlabrendorff hat Jochmann aufbewahrt, Reliquien, herausgegeben von -Zschokke, I, 135.] - -[Fußnote 31: Hermannsschlacht A. I, 3, 10, 4, 9; II, 397, 399, 456, 467. -Hoffmann Findlinge I, 320.] - -[Fußnote 32: Häusser deutsche Geschichte III, 151, 183, 439. Europas -Palingenesie Leipzig 1810 I, 147, 149.] - -[Fußnote 33: Hermannsschlacht V, 24, 14. II, 519, 499; Prinz von Homburg -IV, 1. S. 340.] - - - I, 1, 1. - -[Fußnote 34: Wahrscheinlich dachte sich Kleist unter dem rheinbündischen -Officier einen sächsischen, denn kaum ein anderer hätte im Sommer 1806 -mit einem preußischen Officier in Berlin ein patriotisches Convivium -halten können, in einer Zeit, wo über ein preußisch-sächsisches Bündniß, -als Grundlage des nordischen Reichsbundes unter Preußens Führung, -verhandelt wurde. Kurz vor dem Ausbruch des Kriegs kam es bekanntlich zu -einer Vereinigung der preußischen und sächsischen Armee. Der König, der -durch Ablehnung des Kreuzes der Ehrenlegion nicht kompromittirt werden -soll, ist also der König von Sachsen, der diesen Titel seit dem Posener -Vertrage 11. Dec. 1806 führte.] - -[Fußnote 35: Eine in Berlin noch jetzt bestehende bekannte Weinhandlung, -in der Kleist viel verkehrt haben soll.] - -[Fußnote 36: Davoust, der bei Auerstädt siegte.] - -[Fußnote 37: Die eingeklammerten Worte sind in der Abschrift irrthümlich -ausgelassen.] - -[Fußnote 38: Am 9. April 1809 eröffneten die Oesterreicher unter dem -Erzherzog Karl den Krieg, indem sie in Baiern einrückten. Zu einem -Massenaufstande hatte der Erzherzog in einem undatirten Aufruf an die -»Völker Deutschlands« aufgefordert; der in demselben Sinn abgefaßte -Armeebefehl ist vom 6. April. S. Europas Palingenesie I, 147, 152.] - -[Fußnote 39: Das erste Bülletin Napoleons über die einleitenden Gefechte -vom 19. bis 23. April ist vom 24. April. S. Europas Palingenesie II, 39. -Der gleich darauf erwähnte Montesquiou war Napoleons Kammerherr und zu -ähnlichen Sendungen mehrfach gebraucht worden. Kurz vor der Schlacht von -Jena war er in preußische Gefangenschaft gerathen.] - - - I, 1, 2. - -[Fußnote 40: Diese Scenen spielen also während des Krieges von 1806 und -1807, und ihr Schauplatz soll, wie leicht ersichtlich, Potsdam und -Berlin sein. In Potsdam war das große Cavalleriedepot der Franzosen; s. -(v. Bassewitz) die Kurmark Brandenburg während der Zeit von 1806 bis -1808 I, 266.] - -[Fußnote 41: _Aber_ hat die Handschrift.] - - - I, 1, 3. - -[Fußnote 42: Dies scheint darauf hinzuweisen, daß Kleist hier etwa die -Vorgänge in Stettin im Auge hatte, dessen Uebergabe an eine schwache -Abtheilung französischer Cavallerie am 29. Oct. 1806 die Reihe -schmachvoller Capitulationen der Hauptfestungen im östlichen Theile der -preußischen Lande eröffnete. Dagegen scheint die Niederbrennung der -Vorstädte auf Küstrin oder Magdeburg zu deuten. S. v. Höpfner Krieg von -1806 und 1807 II, 326, 332.] - - - I, 1, 4. - -[Fußnote 43: Den Nürnberger Correspondenten von 1809 habe ich nicht -auftreiben können.] - -[Fußnote 44: Am 23. April hatte die französische Armee nach heftigem -Kampfe Regensburg genommen. Die Hauptmasse bestand aus Baiern und -Würtembergern, denen Napoleon am 30. in einer Anrede, die der Kronprinz -von Baiern verdollmetschte, diesmal die ausschließliche Ehre des Kampfs -gegen die Oesterreicher zugesprochen hatte; Europas Palingenesie II, 12, -38.] - -[Fußnote 45: Durch den Frieden von Preßburg am 26. December 1805, der -auf Oesterreichs Kosten Baiern, Würtemberg und Baden vergrößerte, den -beiden ersten die souveraine Königswürde zusprach, und ein deutsches -Reich nicht mehr, sondern nur noch eine ^confédération Germanique^ -kannte.] - -[Fußnote 46: Am 26. August 1806.] - -[Fußnote 47: Am 1. November 1806 besetzten die Franzosen Kassel. ^Vous -avez cessé d'exister^, sagte Napoleon in seinem 13. Bülletin dem -Kurfürsten.] - -[Fußnote 48: Hier ist wohl die entgegenkommende Anerkennung gemeint, die -Napoleon als Konsul seit Durocs Sendung im November 1799 in Berlin fand, -und die Vermittlung, welche Preußen in Folge dessen zwischen ihm und dem -Kaiser Paul einzuleiten suchte. -- Erst anderthalb Jahr nach dem -Tilsiter Frieden, am 5. Dezember 1808, räumten die Franzosen Berlin.] - -[Fußnote 49: Am 6. August 1806.] - -[Fußnote 50: Dazu war man österreichischer Seits doch nicht geneigt, -wohl aber wich man einem französischen Bündniß auf Kosten Preußens aus.] - -[Fußnote 51: In Böhmen.] - -[Fußnote 52: _Vatter_ hat die Handschrift.] - - - I, 1, 5. - -[Fußnote 53: _Gewinsel_, die Handschrift.] - -[Fußnote 54: Durch Patent vom 9. Juni 1808 wurde die Errichtung einer -Landwehr »zur Vertheidigung des vaterländischen Bodens« angeordnet.] - - - I, 1, 6. - -[Fußnote 55: _auch_ -- _welchem_, die Handschrift.] - -[Fußnote 56: _vernommen_, die Handschrift.] - -[Fußnote 57: Am 7. Mai 1807 schloß Napoleon ein Bündnis mit dem Schach -von Persien, dessen Gesandter zu diesem Zweck nach Elbing kam.] - - - I, 1, 7. - -[Fußnote 58: Die Volkserhebung in Spanien begann im Mai 1808.] - -[Fußnote 59: Sachsen war dem Rheinbunde im Posener Vertrage -beigetreten.] - -[Fußnote 60: Der Rheinbund vom 12. Juli 1806.] - -[Fußnote 61: Hier fehlen zwei Blätter, die den Schluß des vierten, das -fünfte, sechste und den Anfang des siebenten Capitels enthielten.] - -[Fußnote 62: Fehlen abermals zwei Blätter, das zehnte, elfte und den -Anfang des zwölften Capitels enthaltend.] - -[Fußnote 63: Am 9. April 1809 erhoben sich die Tiroler.] - -[Fußnote 64: Wenn man nicht annehmen will, zwischen diesem und dem -folgenden Satze sei durch Schuld des Abschreibers eine Frage und eine -Antwort ausgefallen, in denen der erste Grund unmittelbar angegeben -wurde, und daß dann erst die nähere Erläuterung folgte, warum er nicht -viel einbringen könne, so sind die letzten vier Sätze des Capitels von -dunkler Spitzfindigkeit nicht frei zu sprechen. Es würden dann die -freiwilligen Beiträge einmal als geringfügig bezeichnet werden, weil sie -als Geld und Gut, dem Vaterlande und der Freiheit gegenüber, an sich -keinen Werth haben, und doch zugleich als ein einträgliches Mittel, wenn -die Menschen es lieber dem gönnen, von dem sie zur Freiheit geführt -werden, als den Feinden, die ihnen das Eigenthum mit Gewalt entreißen.] - -[Fußnote 65: Dies scheint ein bitterer Seitenblick auf die -zurückhaltende Politik des preußischen Ministeriums, das seit Steins -Abgang am 24. Nov. 1808 Dohna, Altenstein und Beyme leiteten. Es ist -bekannt, wie sehr Oesterreich schon damals Preußen zum entschiedenen -Handeln zu bestimmen suchte, aber auch zugleich, daß Preußen schwerlich -stark genug dazu war.] - - - I, 2, 1. - -[Fußnote 66: In der Schlacht bei Aspern am 21. und 22. Mai 1809.] - -[Fußnote 67: _bewußt_, die Handschrift. Der Schluß fehlt.] - - - I, 2, 2. - -[Fußnote 68: Woher dies Citat sei, vermag ich nicht zu sagen.] - -[Fußnote 69: _sind_ fügt die Handschrift überflüssig hinzu.] - - - I, 2, 3. - -[Fußnote 70: _ist_ fügt die Handschrift hinzu.] - -[Fußnote 71: Die letzten drei Worte wiederholt die Handschrift. In -Bülows Abdruck, Kleists Leben und Briefe S. 254, fehlen die Worte: -»Alles was sie Vortreffliches fand in sich aufzunehmen gleich« --.] - -[Fußnote 72: Bülow liest für Dienstleistungen Einflüsterungen!] - -[Fußnote 73: Die Worte: »die dem ganzen Menschengeschlecht angehört« -fehlen bei Bülow.] - - - I, 5, 3. - -[Fußnote 74: Jungius, Professor am Friedrich-Wilhelms Gymnasium.] - - - I, 5, 4. - -[Fußnote 75: Dieser Artikel von einem ungenannten Verfasser brachte eine -wissenschaftlich gehaltene Widerlegung der in dem Schreiben aus Berlin -I, 5, 2 ausgesprochenen Ansichten Kleists, und schloß mit einem Ausfall -gegen die trügerischen Terminologien neuer und unverschämter Lehrer, die -sich auf erdichtete Facta stützen.] - - - - - Berlin, Druck von Gustav Schade. - Marienstraße Nr. 10. - - - - - -Anmerkungen zur Transkription - - -Der Originaltext ist in Fraktur gesetzt. Hervorhebungen, die im -Original g e s p e r r t sind, wurden mit Unterstrichen wie _hier_ -gekennzeichnet. Textstellen, die im Original in Antiqua gesetzt sind, -wurden ^so^ markiert. - -Die variierende Schreibweise des Originales wurde weitgehend -beibehalten, ebenso eigentümliche Schreibweisen, die zum Teil auch noch -in späteren Ausgaben zu finden sind wie zum Beispiel Pescherü -(Pescherä), Baxer (Boxer) oder Joung (Young). Lediglich offensichtliche -Druckfehler wurden korrigiert, teilweise unter Verwendung weiterer -Ausgaben, wie hier aufgeführt (vorher/nachher): - - [S. 4]: (mehrfache Fälle) - ... erst Julian Schmidt's Ausgabe hat aus dem Phoebus einen ... - ... erst Julian Schmidt's Ausgabe hat aus dem Phöbus einen ... - - [S. 18]: - ... Ganze, sehr verschiedene Personen sprechen sich über ... - ... Ganzes, sehr verschiedene Personen sprechen sich über ... - - [S. 24]: - ... fünf Stücke werden Ende April oder Anfangs Mai entstanden ... - ... fünf Stücke werden Ende April oder Anfang Mai entstanden ... - - [S. 48]: - ... Wendung erhält dieser Gedanke in der Hermannschlacht; ... - ... Wendung erhält dieser Gedanke in der Hermannsschlacht; ... - - [S. 53]: - ... leben wollte. Nur zu Stein, Scharnharst, Gneisenau konnte ... - ... leben wollte. Nur zu Stein, Scharnhorst, Gneisenau konnte ... - - [S. 66]: - ... halten Sie für die Erfindung einer satanischen List, um das ... - ... halten sie für die Erfindung einer satanischen List, um das ... - - [S. 103]: - ... Es giebt Leute, die sich die Epochen, in welcher die ... - ... Es giebt Leute, die sich die Epochen, in welchen die ... - - [S. 103]: - ... welches ohne Zweifel die höchste ist, die erschwungen werden ... - ... welche ohne Zweifel die höchste ist, die erschwungen werden ... - - [S. 136]: - ... elektrischer Körper, lehrt, daß wenn man in der Nähe ... - ... elektrischer Körper, lehrt, daß wenn man in die Nähe ... - - [S. 144]: - ... daß sich in eines Menschen Händen, zu einer beliebigen - Gestalt ... - ... das sich in eines Menschen Händen, zu einer beliebigen - Gestalt ... - - [S. 168]: - ... I, 5, 2. ... - ... I, 5, 3. ... - - [S. 168]: - ... I, 5, 3. ... - ... I, 5, 4. ... - - - - - - -End of the Project Gutenberg EBook of Politische Schriften und andere -Nachträge zu seinen Werken, by Heinrich von Kleist - -*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK POLITISCHE SCHRIFTEN UND *** - -***** This file should be named 50979-8.txt or 50979-8.zip ***** -This and all associated files of various formats will be found in: - http://www.gutenberg.org/5/0/9/7/50979/ - -Produced by Karl Eichwalder, Constanze Hofmann, Jens -Sadowski, and the Online Distributed Proofreading Team at -http://www.pgdp.net. 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Charisius, Berlin" --> - <!-- DATE="1862" --> - <!-- COVER="images/cover-page.jpg" --> - -<style type='text/css'> - -body { margin-left:15%; margin-right:15%; } - -.titlematter { page-break-before:always; } - -h1.title { text-indent:0; text-align:center; margin-top:0.5em; margin-bottom:1em; } -h1.title .line1 { font-size:0.7em; } -h1.title .line2 { letter-spacing:0.2em; } -h1.title .line3 { font-size:0.3em; } -h1.title .line4 { font-size:0.5em; } -.edt { text-indent:0; text-align:center; line-height:1.5em; margin-bottom:3em; } -.edt .line1 { font-size:0.8em; font-weight:bold; } -.edt .line2 { font-size:0.8em; letter-spacing:0.2em; } -.edt .line3 { font-size:0.8em; } -.edt .line4 { font-weight:bold; } -.pub { text-indent:0; text-align:center; } -.pub .line1 { font-weight:bold; } -.pub .line2 { font-size:0.8em; letter-spacing:0.2em; } -.pub .line3 { font-size:0.8em; } -.ded { text-indent:0; text-align:center; line-height:1.5em; margin-top:3em; } -.ded .line1 { font-size:1.2em; font-weight:bold; 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} - span.handheld-only { display:inline; } - div.sign p.sign { margin-top:1em; } -} - -</style> -</head> - -<body> - - -<pre> - -The Project Gutenberg EBook of Politische Schriften und andere Nachträge -zu seinen Werken, by Heinrich von Kleist - -This eBook is for the use of anyone anywhere in the United States and most -other parts of the world at no cost and with almost no restrictions -whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it under the terms of -the Project Gutenberg License included with this eBook or online at -www.gutenberg.org. If you are not located in the United States, you'll have -to check the laws of the country where you are located before using this ebook. - -Title: Politische Schriften und andere Nachträge zu seinen Werken - -Author: Heinrich von Kleist - -Editor: Rudolf Köpke - -Release Date: January 20, 2016 [EBook #50979] - -Language: German - -Character set encoding: ISO-8859-1 - -*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK POLITISCHE SCHRIFTEN UND *** - - - - -Produced by Karl Eichwalder, Constanze Hofmann, Jens -Sadowski, and the Online Distributed Proofreading Team at -http://www.pgdp.net. This book was produced from scanned -images of public domain material from the Google Books -project. - - - - - - -</pre> - - -<div class="titlematter"> -<h1 class="title"> -<span class="line1">Heinrich von Kleist’s</span><br /> -<span class="line2">Politische Schriften</span><br /> -<span class="line3">und</span><br /> -<span class="line4">andere Nachträge zu seinen Werken.</span> -</h1> - -<p class="edt"> -<span class="line1">Mit einer Einleitung</span><br /> -<span class="line2">zum ersten Mal herausgegeben</span><br /> -<span class="line3">von</span><br /> -<span class="line4">Rudolf Köpke.</span> -</p> - -<p class="pub"> -<span class="line1">Berlin, 1862.</span><br /> -<span class="line2">Verlag von A. Charisius.</span><br /> -<span class="line3">Lüderitz’sche Buchhandlung.</span> -</p> - -</div> - -<div class="titlematter"> -<p class="ded"> -<span class="line1">Friedrich von Raumer</span><br /> -<span class="line2">zur Feier</span><br /> -<span class="line3">seines sechszigjährigen Amtsjubiläums</span><br /> -<span class="line4">am 8. December 1861</span><br /> -<span class="line5">in aufrichtiger Verehrung</span><br /> -<span class="line6">gewidmet</span><br /> -<span class="line7">von</span><br /> -<span class="line8">dem Herausgeber.</span> -</p> - -</div> - -<h2 class="part" id="part-1" title="Vorwort"> -<a id="page-V" class="pagenum" title="V"></a> -</h2> - -<p class="first"> -<span class="firstchar">N</span>ur Wenigen ist es beschieden, den Lebenstag zu sehen, -der Ihnen, hochverehrter Herr, heute festlich anbricht. Den -Zeitraum eines halben Jahrhunderts in demselben Kreise -durchschritten zu haben, ist kein alltäglicher Ruhm unter Menschen, -dasselbe Zeitmaß in verschiedenen Kreisen des Wirkens -zu erfüllen, ist dem Einzelnen noch seltener vergönnt; doch -wo fünf reichen Jahrzehnten ein sechstes hinzugelegt wird, ist -es unter den seltenen Festen das seltenste. -</p> - -<p> -Ihnen hat das gegenwärtige Jahr nicht einen, sondern -eine Reihe von Festtagen gebracht, die ein halbes Jahrhundert -Ihres Wirkens in Wissenschaft und Lehramt abschließen, und -vor wenigen Wochen noch mit dem goldenen Kranze des -häuslichen Glücks gekrönt worden sind. Der heutige Tag -vollendet Ihr sechszigstes Jahr im Dienste des Vaterlandes. -Wer das in ungeschwächter Kraft des Geistes und Körpers -<a id="page-VI" class="pagenum" title="VI"></a> -erlebt, den möchte man versucht sein jenen Männern des -Alterthums beizuzählen, die der hellenische Weise vor allen -glücklich pries. Denn Glück ist die reine Entfaltung der -eigenen Natur nach ihrem Gesetze, im Einklange zugleich -mit dem großen Ganzen, dessen dienendes Glied zu sein der -Einzelne bestimmt ist. Eine solche harmonische Verbindung -ist das freie Geschenk höherer Macht, darum ist ein Tag -wie der heutige ein Tag des Glückwunsches, das heißt der -dankbaren Anerkennung menschlicher Lebens- und Entwicklungsfülle. -</p> - -<p> -Sechszig Jahre, mehr als ein Drittheil unserer Preußischen -Geschichte, überschauen Sie als Staatsmann, als Lehrer -und Geschichtschreiber. Von sieben Königen haben Sie fünf -erlebt und dreien treu gedient. Das Preußen Friedrichs des -Großen, den tiefen Fall der alten Staatsformen haben Sie -<a id="page-VII" class="pagenum" title="VII"></a> -gesehen, und dem reformatorischen Gesetzgeber thatkräftig zur -Seite gestanden, als er die Grundlagen des neuen Staates -vorbereitete; Sie sind Zeuge gewesen der großen volksthümlichen -Erhebung, haben Ihren Theil gehabt an den Zeiten innerer -Ruhe und wissenschaftlichen Ruhms, und eine zweite tiefe -Erschütterung überwinden helfen, um nochmals in eine neue -Umgestaltung des öffentlichen Lebens einzutreten. Zu allen -Zeiten haben Sie für Gesetz und volksthümliche Freiheit, für -den König wie für das Vaterland, für Preußen wie für -Deutschland als untrennbare Mächte, mit den Besten im -Bunde, unermüdet und maßvoll gestritten, und die Unabhängigkeit -des Urtheils und Charakters frei bewahrt. -</p> - -<p> -Als Forscher und Geschichtschreiber haben Sie die Vergangenheit -des deutschen Vaterlandes in umfassender Weise -zuerst erschlossen, und die verschiedenen Zeitalter des menschlichen -<a id="page-VIII" class="pagenum" title="VIII"></a> -Geschlechts durchmessen. So möchte ich Ihnen nachrühmen, -was ein alter Schriftsteller von einem Geschichtschreiber -seiner Zeit sagt, das schönste Loos sei es Schreibenswürdiges -gethan, Lesenswürdiges geschrieben zu haben. Mögen -Sie mir verstatten das auszusprechen, da Sie, obgleich nicht -selten verkannt, dennoch stets ein Verkleinerer Ihrer selbst -gewesen sind. -</p> - -<p> -Als einen öffentlichen Ausdruck dieser Gesinnung, die ich -Ihnen längst im Herzen bewahre, bitte ich Sie die folgenden -Blätter betrachten und annehmen zu wollen. Ein Zeichen -sollen sie sein wissenschaftlicher Anerkennung, das ein jüngerer -Fachgenosse Ihnen darzubringen wünscht, rein menschlicher Hochachtung -und aufrichtiger Uebereinstimmung in den großen -Fragen des Lebens, und endlich des Dankes für die freundschaftliche -Theilnahme, die Sie mir stets bewiesen haben. -</p> - -<p> -<a id="page-IX" class="pagenum" title="IX"></a> -Für diesen Zweck schienen mir diese Blätter vornehmlich -geeignet. Denn sie sind ein Erbstück aus dem Nachlasse des -großen Dichters, in dessen Verehrung und Liebe, wir, wie -verschieden an Lebensalter und Stellung, einander zuerst -freundschaftlich begegnet sind; ein bisher unbekannter Beitrag -zu unserer nationalen Litteratur, der Sie, wie der -Kunst, auch unter historischen Studien und politischen Kämpfen -eine jugendfrische Neigung gewahrt haben; der Gesinnungsausdruck -eines ebenso hochbegabten als unglücklichen Dichters, -der wie Sie für die Wiedergeburt des Vaterlandes -gestritten, den Sie selbst noch von Angesicht gekannt haben. -Es irrt mich nicht, daß die Berührungen zwischen Ihnen, dem -Staatsmanne, und dem Dichter nicht freundlicher Art gewesen -sind. Persönlich unangenehme Erfahrungen haben Sie niemals -gehindert gerecht zu sein, und Sie haben darum weder -<a id="page-X" class="pagenum" title="X"></a> -dem Menschen Ihre Theilnahme noch dem Dichter Ihre Anerkennung -versagt. Die damals ausgesprochene Versöhnung -wird heute zur historischen Sühne. Der Dichter ist nach -schwerer Verirrung eingegangen in die Ehrenhalle unserer -Litteratur; Sie haben seitdem fünfzig Jahre des reichsten -Wirkens durchlebt, und stehen heute als gefeierter Greis voll -seltener Jugendfrische und Theilnahme für Alles was die -menschliche Brust bewegt, am Grabe des Dichters, der am -Widerstreit des Lebens zu Grunde ging. -</p> - -<p> -Und so wüßte ich Ihnen nur Eines noch zu wünschen, daß -Ihnen die Fülle der Lebensgüter, die Sie besitzen, noch lange -erhalten, und mir Ihre Freundschaft bewahrt bleiben möge. -</p> - -<p class="datel"> -<em>Berlin</em>, den 8. December 1861. -</p> - -<p class="sign"> -<span class="line1"><b>Rudolf Köpke.</b></span> -</p> - -<h2 class="part" id="part-2"> -<a id="page-XI" class="pagenum" title="XI"></a> -<span class="line1">Inhalt.</span> -</h2> - -<div class="table"> -<table class="toc" summary="TOC"> -<tbody> - <tr class="p"> - <td class="col1"> </td> - <td class="col2"> </td> - <td class="col_page">Seite</td> - </tr> - <tr> - <td class="col1"> </td> - <td class="col2">Einleitung</td> - <td class="col_page"><a href="#page-1">1</a></td> - </tr> - <tr class="c1"> - <td class="col1"> </td> - <td class="col2">I. Prosa.</td> - <td class="col_page"> </td> - </tr> - <tr class="c2"> - <td class="col1"> </td> - <td class="col2">1. Politische Satiren.</td> - <td class="col_page"> </td> - </tr> - <tr> - <td class="col1">1.</td> - <td class="col2">Brief eines rheinbündischen Officiers an seinen Freund</td> - <td class="col_page"><a href="#page-63">63</a></td> - </tr> - <tr> - <td class="col1">2.</td> - <td class="col2">Brief eines jungen märkischen Landfräuleins an ihren Onkel</td> - <td class="col_page"><a href="#page-64">64</a></td> - </tr> - <tr> - <td class="col1">3.</td> - <td class="col2">Schreiben eines Burgemeisters in einer Festung an einen Unterbeamten</td> - <td class="col_page"><a href="#page-68">68</a></td> - </tr> - <tr> - <td class="col1">4.</td> - <td class="col2">Brief eines politischen Pescherü über einen Nürnberger Zeitungsartikel</td> - <td class="col_page"><a href="#page-70">70</a></td> - </tr> - <tr> - <td class="col1">5.</td> - <td class="col2">Die Bedingung des Gärtners. Eine Fabel</td> - <td class="col_page"><a href="#page-73">73</a></td> - </tr> - <tr> - <td class="col1">6.</td> - <td class="col2">Lehrbuch der französischen Journalistik</td> - <td class="col_page"><a href="#page-74">74</a></td> - </tr> - <tr> - <td class="col1">7.</td> - <td class="col2">Katechismus der Deutschen, abgefaßt nach dem Spanischen, zum Gebrauch für Kinder und Alte</td> - <td class="col_page"><a href="#page-82">82</a></td> - </tr> - <tr class="c2"> - <td class="col1"> </td> - <td class="col2">2. Politische Aufrufe und Betrachtungen.</td> - <td class="col_page"> </td> - </tr> - <tr> - <td class="col1">1.</td> - <td class="col2">Einleitung zur Zeitschrift Germania</td> - <td class="col_page"><a href="#page-94">94</a></td> - </tr> - <tr> - <td class="col1">2.</td> - <td class="col2">Aufruf</td> - <td class="col_page"><a href="#page-96">96</a></td> - </tr> - <tr> - <td class="col1">3.</td> - <td class="col2">Was gilt es in diesem Kriege?</td> - <td class="col_page"><a href="#page-97">97</a></td> - </tr> - <tr> - <td class="col1">4.</td> - <td class="col2">Einleitung zu den Berliner Abendblättern. Gebet des Zoroaster</td> - <td class="col_page"><a href="#page-100">100</a></td> - </tr> - <tr> - <td class="col1">5.</td> - <td class="col2">Von der Ueberlegung. Eine Paradoxe</td> - <td class="col_page"><a href="#page-101">101</a></td> - </tr> - <tr> - <td class="col1">6.</td> - <td class="col2">Betrachtungen über den Weltlauf</td> - <td class="col_page"><a href="#page-103">103</a></td> - </tr> - <tr class="c2"> - <td class="col1"><a id="page-XII" class="pagenum" title="XII"></a> </td> - <td class="col2">3. Erzählungen und Anekdoten.</td> - <td class="col_page"> </td> - </tr> - <tr> - <td class="col1">1.</td> - <td class="col2">Warnung gegen weibliche Jägerei</td> - <td class="col_page"><a href="#page-104">104</a></td> - </tr> - <tr> - <td class="col1">2.</td> - <td class="col2">Die Heilung</td> - <td class="col_page"><a href="#page-107">107</a></td> - </tr> - <tr> - <td class="col1">3.</td> - <td class="col2">Das Grab der Väter</td> - <td class="col_page"><a href="#page-110">110</a></td> - </tr> - <tr> - <td class="col1">4.</td> - <td class="col2">Der Griffel Gottes</td> - <td class="col_page"><a href="#page-112">112</a></td> - </tr> - <tr> - <td class="col1">5.</td> - <td class="col2">Muthwille des Himmels. Eine Anekdote</td> - <td class="col_page"><a href="#page-113">113</a></td> - </tr> - <tr> - <td class="col1">6.</td> - <td class="col2">Anekdote aus dem letzten Kriege</td> - <td class="col_page"><a href="#page-114">114</a></td> - </tr> - <tr> - <td class="col1">7.</td> - <td class="col2">Der Branntweinsäufer und die Berliner Glocken</td> - <td class="col_page"><a href="#page-115">115</a></td> - </tr> - <tr> - <td class="col1">8.</td> - <td class="col2">Tages-Ereigniß</td> - <td class="col_page"><a href="#page-116">116</a></td> - </tr> - <tr> - <td class="col1">9.</td> - <td class="col2">Der verlegene Magistrat. Eine Anekdote</td> - <td class="col_page"><a href="#page-117">117</a></td> - </tr> - <tr> - <td class="col1">10.</td> - <td class="col2">Charité-Vorfall</td> - <td class="col_page"><a href="#page-118">118</a></td> - </tr> - <tr> - <td class="col1">11.</td> - <td class="col2">Anekdote</td> - <td class="col_page"><a href="#page-119">119</a></td> - </tr> - <tr> - <td class="col1">12.</td> - <td class="col2">Räthsel</td> - <td class="col_page"><a href="#page-120">120</a></td> - </tr> - <tr> - <td class="col1">13.</td> - <td class="col2">Anekdote</td> - <td class="col_page"><a href="#page-120">120</a></td> - </tr> - <tr> - <td class="col1">14.</td> - <td class="col2">Anekdote</td> - <td class="col_page"><a href="#page-121">121</a></td> - </tr> - <tr class="c2"> - <td class="col1"> </td> - <td class="col2">4. Kunst und Theater.</td> - <td class="col_page"> </td> - </tr> - <tr> - <td class="col1">1.</td> - <td class="col2">Empfindungen vor Friedrich’s Seelandschaft</td> - <td class="col_page"><a href="#page-123">123</a></td> - </tr> - <tr> - <td class="col1">2.</td> - <td class="col2">Brief eines Mahlers an seinen Sohn</td> - <td class="col_page"><a href="#page-125">125</a></td> - </tr> - <tr> - <td class="col1">3.</td> - <td class="col2">Brief eines jungen Dichters an einen jungen Mahler</td> - <td class="col_page"><a href="#page-126">126</a></td> - </tr> - <tr> - <td class="col1">4.</td> - <td class="col2">Theater. Den 2. October: Ton des Tages, Lustspiel von Voß</td> - <td class="col_page"><a href="#page-128">128</a></td> - </tr> - <tr> - <td class="col1">5.</td> - <td class="col2">Unmaßgebliche Bemerkung</td> - <td class="col_page"><a href="#page-129">129</a></td> - </tr> - <tr> - <td class="col1">6.</td> - <td class="col2">Schreiben aus Berlin, den 28. October</td> - <td class="col_page"><a href="#page-131">131</a></td> - </tr> - <tr> - <td class="col1">7.</td> - <td class="col2">Die sieben kleinen Kinder</td> - <td class="col_page"><a href="#page-132">132</a></td> - </tr> - <tr> - <td class="col1">8.</td> - <td class="col2">Von einem Kinde, das kindlicher Weise ein anderes Kind umbringt</td> - <td class="col_page"><a href="#page-133">133</a></td> - </tr> - <tr class="c2"> - <td class="col1"> </td> - <td class="col2">5. Gemeinnütziges.</td> - <td class="col_page"> </td> - </tr> - <tr> - <td class="col1">1.</td> - <td class="col2">Allerneuester Erziehungsplan</td> - <td class="col_page"><a href="#page-136">136</a></td> - </tr> - <tr> - <td class="col1">2.</td> - <td class="col2">Entwurf einer Bombenpost</td> - <td class="col_page"><a href="#page-145">145</a></td> - </tr> - <tr> - <td class="col1">3.</td> - <td class="col2">Schreiben aus Berlin. 15. October</td> - <td class="col_page"><a href="#page-147">147</a></td> - </tr> - <tr> - <td class="col1">4.</td> - <td class="col2">Aëronautik</td> - <td class="col_page"><a href="#page-149">149</a></td> - </tr> - <tr class="c1"> - <td class="col1"><a id="page-XIII" class="pagenum" title="XIII"></a> </td> - <td class="col2">II. In Versen.</td> - <td class="col_page"> </td> - </tr> - <tr> - <td class="col1">1.</td> - <td class="col2">Eine Legende nach Hans Sachs. Gleich und Ungleich</td> - <td class="col_page"><a href="#page-153">153</a></td> - </tr> - <tr> - <td class="col1">2.</td> - <td class="col2">Eine Legende nach Hans Sachs. Der Welt Lauf</td> - <td class="col_page"><a href="#page-156">156</a></td> - </tr> - <tr> - <td class="col1">3.</td> - <td class="col2">Epigramme:</td> - <td class="col_page"> </td> - </tr> - <tr> - <td class="col1"> </td> - <td class="col2">1. Auf einen Denuncianten. Räthsel</td> - <td class="col_page"><a href="#page-160">160</a></td> - </tr> - <tr> - <td class="col1"> </td> - <td class="col2">2. Wer ist der Aermste?</td> - <td class="col_page"><a href="#page-160">160</a></td> - </tr> - <tr> - <td class="col1"> </td> - <td class="col2">3. Der witzige Tischgesellschafter</td> - <td class="col_page"><a href="#page-160">160</a></td> - </tr> - <tr> - <td class="col1"> </td> - <td class="col2">4. An die Verfasser schlechter Epigramme</td> - <td class="col_page"><a href="#page-160">160</a></td> - </tr> - <tr> - <td class="col1"> </td> - <td class="col2">5. Nothwehr</td> - <td class="col_page"><a href="#page-160">160</a></td> - </tr> - <tr> - <td class="col1"> </td> - <td class="col2">Anmerkungen</td> - <td class="col_page"><a href="#page-161">161</a></td> - </tr> -</tbody> -</table> -</div> - -<h2 class="part" id="part-3"> -<a id="page-1" class="pagenum" title="1"></a> -<span class="line1">Einleitung.</span> -</h2> - -<h3 class="chapter" id="chapter-3-1"> -<span class="line1">I.</span> -</h3> - -<div class="poem-container"> - <div class="poem"> - <div class="stanza"> - <p class="verse"><span class="firstchar">W</span>ehe, mein Vaterland, dir! Die Leier zum Ruhm dir zu schlagen,</p> - <p class="verse">Ist, getreu dir im Schooß, mir, deinem Dichter, verwehrt,</p> - </div> - </div> -</div> - -<p class="noindent"> -schrieb Heinrich von Kleist auf das Titelblatt seines vaterländischen -Dramas die Hermannsschlacht, als er es im Jahre 1808 -vollendet hatte. Es war eine Grabschrift, die er dem Vaterlande, -seiner Dichtung, sich selbst setzte, und in finsterm Haß -sich in das Schweigen der Hoffnungslosigkeit zu vergraben, -schien der letzte Trost, den das Leben ihm noch nicht geraubt -hatte. Voll Liebe zum Vaterlande will er ihm zum Ruhme -singen, aber in der Gegenwart sieht er es schmachbedeckt in -den Staub getreten; er wendet den Blick rückwärts, der ruhmvollen -Vergangenheit entlehnt er den Stoff seiner Dichtung, -im Sturme will er sein Volk mit sich fortreißen, aber die -Hörer verschließen ihm das Ohr. Für die Enkel ist es gefährlich -geworden, dem Heldenliede von den Thaten der Ahnen -zu horchen, der Sänger schließt sein „letztes Lied“, „er wünscht -mit ihm zu enden, und legt die Leier thränend aus den Händen!“<a class="fnote" href="#footnote-1" id="fnote-1">[1]</a> -Keine Bühne will sich seinem vaterländischen Schauspiel -<a id="page-2" class="pagenum" title="2"></a> -öffnen. Zurückgewiesen von den Seinen verschließt er einsam -den Schmerz und das Elend des eigenen Lebens, die -Schmach und den Gram Deutschlands in jene Worte, die zur -schwer lastenden Anklage eines selbstvergessenen Volks werden. -</p> - -<p> -Dennoch nennt sich Kleist den Dichter seines Vaterlandes; -getreu bleibt er ihm im Schooß, während viele andere, denen -es Macht, Ehre, Ruhm gegeben hatte, untreu geworden waren, -es durch That, Wort oder verzagtes Schweigen verrathen -hatten. Nicht Fürsten und Volksstämme, Generale und Staatsmänner -allein, auch Männer der Wissenschaft und Dichter -hatten das gethan. In das Unendliche hatte sich die Wissenschaft -versenkt und die Welt durchmessen, das Vaterland, in -dem sie aufgewachsen war, blieb ihr fast fremd; in Griechenland -und Rom lebte die Dichtung, in Deutschland nicht. Weder -die eine noch die andere ahnte das Verderben, das sich heranwälzte, -bestürzt hatten sie geschwiegen, als es hereinbrach, oder -den fremden Gewalthaber als den Vollzieher des Weltgeschicks -wohl gar bewundert und gepriesen. Kleist wollte nichts als -sein Deutschland, sein oft geschmähtes Brandenburg, ob auch -hier „die Künstlerin Natur bei der Arbeit eingeschlummert“, -ob es auch gerade jetzt doppelt arm und öde sein mochte; er -wollte es, weil es das Vaterland war.<a class="fnote" href="#footnote-2" id="fnote-2">[2]</a> Aus ihm sprach die -Stimme des lang eingeschläferten Gewissens, das laut mahnte, -dem Zwiespalt zwischen Weltbürgerthum und Volkssinn, Staat -und Vaterland, Wissenschaft und Leben ein Ende zu machen, -und die tiefsten Kräfte zum Kampfe aufzurufen. Jene -Verse, wie sein Drama, waren ein erster erschütternder Ausdruck -der Wiedervereinigung der Dichtung mit dem Vaterlande, und -darum lassen sie selbst in der Hoffnungslosigkeit die Rettung -<a id="page-3" class="pagenum" title="3"></a> -ahnen; es liegt in ihnen der Wendepunkt des deutschen Lebens. -Denn anders mußte es werden, sobald diese Ueberzeugung allgemein -ward; selbst die höchsten Güter der Menschheit, denen -man so lange nachgetrachtet hatte, verloren ihre bildende und -heiligende Kraft, wenn sie durch den volksthümlichen Muth -nicht mehr geschirmt wurden. Es brach die Zeit an, wo Schleiermacher -und Fichte Volksredner waren, Arndt durch Lied und -That wirkte und ein jüngeres Dichtergeschlecht heraufwuchs, das -nicht mehr classisch, sondern vaterländisch sein wollte, selbst zum -Schwerte griff und kämpfend fiel, wie Körner, oder das Glück -der Sieger beneidend, den Sieg feierte, wie Schenkendorf und -Rückert. -</p> - -<p> -Nicht so glücklich war Kleist; in die Mitte gestellt, zwischen -die schonungslose Uebermacht der Gegenwart und die zweifelhafte -Zukunft, hat er weder den Kampf noch den Sieg erlebt, -und gleichgültig haben sich seine Zeitgenossen von ihm abgewandt. -Den Weltklugen zu mystisch, den Frommen zu ruchlos, -den Politikern zu unpraktisch, den Zahmen zu wild, dem -Meister der Kunst zu roh und formlos, fand er bei seinem -Leben nur wenige Freunde, und als der widerwärtige Streit -über seinem Grabe verstummt war, ward er im Toben des -Volkskampfes, den er erwecken wollte, fast vergessen, und -die Kränze, nach denen er gegeizt hatte, wurden andern zu -Theil. -</p> - -<p> -Gewiß war er als Mensch weder im Leben noch im Tode -frei von schwerer Schuld, aber so oft dies auch gesagt worden -ist, dem Dichter ist die folgende Zeit langer Ruhe kaum -gerecht, geschweige denn günstig, geworden. Zehn Jahr -später hat ihn Tieck in das Gedächtniß des genießenden -<a id="page-4" class="pagenum" title="4"></a> -Geschlechtes, dem die starke, männliche Dichtweise unbequem -geworden war, zurückgerufen. Ihm, seiner reinen Anerkennung -verdankt man es, wenn Kleist’s Stelle in der Litteraturgeschichte -gesichert ist. Auch das ist langsam und zögernd -geschehen. In fünfzig Jahren sind nur zwei Gesammtausgaben -erschienen, und zwischen beiden liegt ein Menschenalter. Nicht -ohne Mühe haben sich drei seiner Dramen auf der Bühne -eingebürgert, gerade das vollendetste, das vorzugsweise heimische, -mußte, der Gefahr des Unterganges kaum entzogen, am längsten -gegen das Vorurtheil kämpfen, und die Hermannsschlacht, -die schon vor einem halben Jahrhundert zünden sollte, hat -ihre Hörer bis heute nicht gefunden. -</p> - -<p> -Auch die Nachlese, so ergiebig bei andern Dichtern, und -die Kunde von seinem Leben ist demselben Mißgeschick verfallen. -Einen großen Theil seiner Schriften hat er in selbstquälerischer -Verachtung zerstört; was sonst zu hoffen, war -verschollen oder in unbekannten Zeitschriften begraben, und -erst Julian Schmidt’s Ausgabe hat aus dem <a id="corr-0"></a>Phöbus einen -Theil des Vergessenen wieder ans Licht gebracht. Vereinzelt -und zufällig sind manche Briefe von ihm zum Vorschein gekommen -und unbeachtet geblieben; die später von E. v. Bülow und -Koberstein herausgegebenen größeren Sammlungen sind, wenn -auch die erste, fast einzige Quelle, doch nicht umfassend genug, -um auf sein dunkles Leben ein überall genügendes Licht zu -werfen. Bülow’s freilich nicht erschöpfende doch verdienstliche -Lebensbeschreibung blieb in der politischen Sturmzeit von 1848, -wie vierzig Jahre früher der lebende Dichter, fast unbeachtet. -Erst in den letzten Jahren hat man sich ihm aus dem Gesichtspunkte -der allgemeinen Zeitgeschichte, in der er in so fragwürdiger -<a id="page-5" class="pagenum" title="5"></a> -Gestalt hervortritt, wieder mehr zugewendet.<a class="fnote" href="#footnote-3" id="fnote-3">[3]</a> Dennoch -scheint eine Seite seines zerrissenen Lebens der näheren -Besprechung würdig und bedürftig, von allen die erhebendste -und reinste, in der sich die jähen Widersprüche -vielleicht am ersten ausgleichen, die vaterländische. Ich würde -es nicht unternehmen, allein auf Grund des schon benutzten -Stoffes darüber zu reden, aber ich bin glücklich genug Neues, -bisher Unbekanntes oder Vergessenes, hinzufügen zu können, -und halte es für eine That der Gerechtigkeit, die folgende nicht -geringfügige Nachlese zu Kleist’s Schriften der Oeffentlichkeit -zu übergeben. Eben hier erscheint er vorzugsweise als politischer -Schriftsteller, von dieser Thätigkeit mindestens gewinnt -man ein bedeutend vollständigeres Bild. -</p> - -<p> -Zuerst habe ich Rechenschaft von den Quellen, aus welchen -diese Nachträge geschöpft sind, abzulegen. Theils sind sie -handschriftlicher Art, theils gehören sie vergessenen Drucken an; -von jenen spreche ich zuerst. -</p> - -<p> -Nicht alles, was Tieck aus dem Nachlasse Kleist’s besaß, -hat er in seine Ausgabe aufgenommen. „Auch finden sich“, -schreibt er, „in seinem Nachlasse Fragmente aus jener Zeit -(1809), die alle das Bestreben aussprechen, die Deutschen zu -begeistern und zu vereinigen, sowie die Machinationen und Lügenkünste -des Feindes in ihrer Blöße hinzustellen: Versuche in -vielerlei Formen, die aber damals vom raschen Drang der -Begebenheiten überlaufen, nicht im Druck erscheinen konnten, -und auch jetzt, nach so manchem Jahre und nach der Veränderung -aller Verhältnisse, sich nicht dazu eignen.“<a class="fnote" href="#footnote-4" id="fnote-4">[4]</a> Also Schriftstücke -politischen, vaterländischen Inhalts, die ein Aufruf an -das Volk sein sollten, jedoch nie zur Verwendung gekommen -<a id="page-6" class="pagenum" title="6"></a> -sind, waren es, die Tieck im Jahre 1821 vor sich hatte. Zunächst -scheint ihn die Rücksicht auf die Erregung des eben -durchgekämpften Völkerkrieges, die jetzt friedlichern Stimmungen -Platz machen sollte, von der Veröffentlichung abgehalten zu -haben, und noch 1826 glaubte er dabei stehen bleiben zu -müssen. Auch mochten ihm diese Fragmente im Vergleiche mit -den großen Dichtungen minder bedeutend scheinen. Er sah in -Kleist einen befreundeten gleichzeitigen Dichter, dem er aus -den vollendetsten Werken ein Denkmal errichten wollte, -von welchem er das Geringfügigere meinte ausschließen -zu können. Ueberhaupt war seine Kritik ein Ausdruck der -Begeisterung für den Gegenstand, mehr ästhetisch, allgemein -anschauend und nachdichtend als historisch philologisch; -er konnte zufrieden sein, den Dichter und dessen Werke der -Vergessenheit entrissen und in genialen Zügen ein groß gehaltenes -Bild beider entworfen zu haben. Ganz anders stand -es, als zweiundzwanzig Jahre später Bülow in der Vorrede -zum Leben Kleist’s schrieb:<a class="fnote" href="#footnote-5" id="fnote-5">[5]</a> „Die schon von Tieck besprochenen -zerstreuten politischen Blätter aus dem Jahre 1809 -habe ich ebenfalls durchgesehen und des Druckes meist unwerth -befunden.“ Diese „Reliquien“, die er damals noch unverkürzt -in Händen hatte, legte er also in demselben Augenblicke als -unwichtig bei Seite, wo er den Untergang oder die absichtliche -Zurückhaltung anderer beklagte. Der Umstand allein hätte -den Biographen bestimmen sollen, nicht seinem persönlichen -Geschmacksurtheil über den Werth dieser Blätter, sondern dem -historischen Gesetze zu folgen, das zu retten gebietet, was noch -zu retten ist, damit das Bild des Dichters so getreu als möglich -hergestellt werden könne. Das verlangte die inzwischen zur -<a id="page-7" class="pagenum" title="7"></a> -Wissenschaft herangereifte Litteraturgeschichte, die auch für die -Schriftsteller der nächsten Vergangenheit eine willkürliche Kritik -dieser Art nicht mehr duldete. Nicht ohne ironisches Lächeln -über Kleist’s „naive Absicht“ begnügte er sich, einen dieser -Aufsätze, überschrieben: „Was gilt es in diesem Kriege?“ sorglos -abdrucken zu lassen. Von Tieck hatte Bülow diese Papiere -erhalten; im Nachlasse des einen oder des andern mußten sie -aufbewahrt sein. -</p> - -<p> -Unter den zahlreich angesammelten Handschriften Tieck’s -fand sich in der That eine, die aus dem Nachlasse Kleist’s -herstammte, eine Abschrift der Penthesilea, vom Dichter durchgesehen -und nicht ohne bedeutende Veränderungen einzelner -Verse und Worte von seiner Hand. Aus der Vergleichung mit -der Tieckschen Ausgabe, welcher der Druck von 1808 zu -Grunde liegt, und den nicht unerheblich abweichenden Bruchstücken -im Phöbus, ergab sich diese Handschrift als eine dritte -noch frühere Bearbeitung selbständigen Charakters, die auf’s -neue beweist, wie sorgfältig Kleist seine Dichtungen im einzelnen -durcharbeitete. Dagegen schien sich die nah liegende -Vermuthung, der Herausgeber der Kleist’schen Schriften werde -von seinen Sammlungen mehr als dieses eine Erinnerungszeichen -bewahrt haben, nicht zu bestätigen, als sich später, -bei der Durchsicht eines Restes ungeordneter Papiere, noch -eine Anzahl Blätter nach und nach unerwartet zusammenfanden. -Es war ein Theil des großartigen Bruchstücks Robert -Guiskard, das Kriegslied der Deutschen, das Sonett an die -Königin von Preußen und das an den Erzherzog Karl im -März 1809, denen sich einiges Prosaische anschloß; im Ganzen -28 Halbbogen und 6 Blätter in Quart bläulich grauen -<a id="page-8" class="pagenum" title="8"></a> -Streifenpapiers, dessen höheres Alter nicht bezweifelt werden -konnte. Nur freilich waren es nicht Kleist’s Schriftzüge, sondern -die altmodisch steife Hand eines sächsischen Schreibers, -von der alles, nach der Tinte zu urtheilen, fast in einem Zuge -geschrieben worden war. Zwar beginnt die Zählung der Seiten -mehr als einmal von vorn und manche Blätter sind gar nicht -bezeichnet, aber offenbar liegt hier ein Bruchstück einer Handschrift -vor, die wenngleich sehr verschiedenartigen Inhalts, doch -äußerlich ein Ganzes bilden sollte. -</p> - -<p> -Bei näherer Untersuchung des prosaischen Theils fanden -sich mehrere bisher unbekannte Aufsätze: fünf Halbbogen, unter -der Ueberschrift „Satyrische Briefe“, deren drei numerirt aufeinander -folgen: „1. Brief eines rheinbündischen Officiers an -seinen Freund; 2. Brief eines jungen märkischen Landfräuleins -an ihren Onkel; 3. Schreiben eines Burgemeisters in einer -Festung an einen Unterbeamten“; welchen sich ohne Zahlenbezeichnung -ein vierter anschließt „Brief eines politischen Pescherü -(so) über einen Nürnberger Zeitungsartikel.“ Auf einem -Quartblatt folgte „die Bedingung des Gärtners, eine Fabel“; -dann vier Halbbogen „Lehrbuch der französischen Journalistik“, -sechs Halbbogen und ein Blatt „Katechismus der Deutschen, abgefaßt -nach dem Spanischen zum Gebrauch für Kinder und -Alte“, jedes Stück mit besonderer Seitenzählung; endlich noch -vier nicht paginirte Halbbogen, drei Stücke enthaltend, eines mit -der Aufschrift „Einleitung“, ein anderes ohne Titel beginnend -mit der Anrede „Zeitgenossen“, das dritte mit der Ueberschrift -„Was gilt es in diesem Kriege?“ Eben dieses Blatt hatte -Bülow herausgegriffen; es war also kein Zweifel mehr, die -politischen Blätter Kleist’s, die er nach Tieck’s Vorgang bei -<a id="page-9" class="pagenum" title="9"></a> -Seite gelegt hatte, waren noch erhalten. Gewiß ein glücklicher -Fund, der durchaus Neues ans Licht brachte und für manchen -andern Verlust entschädigen konnte. Die nächste Frage, ob -er vollständig sei, beantwortete sich leider verneinend. Die -Seitenzahlen des Katechismus ergeben, daß der dritte und -sechste Halbbogen fehle; das Lehrbuch der französischen Journalistik -bricht mit Paragraph 25, die Einleitung mitten -im Satze ab; ursprünglich mußten diese Blätter vollzählig -gewesen sein. -</p> - -<p> -Ohne besondere Veranlassung zur Herausgabe und andern -Arbeiten hingegeben, hatte ich mich längere Zeit bei diesem -Ergebniß beruhigt, als die Briefe Kleist’s an seine Schwester -mich zu jenen politischen Bruchstücken zurückführten; denn was -etwa noch gefehlt hätte, ein bestimmtes Zeugniß des Verfassers -selbst, fand sich hier. Am 17. Juni 1809 nach der Schlacht -von Wagram und dem Waffenstillstand von Znaym schrieb er -von Prag aus, wohin ihn seine Hoffnungen auf Oesterreich -geführt hatten, an seine Schwester: „Gleichwohl schien sich hier -durch B. (Brentano?) und die Bekanntschaften, die er mir -verschaffte, ein Wirkungskreis für mich eröffnen zu wollen. Es -war die schöne Zeit nach dem 21. und 22. Mai, und ich fand -Gelegenheit meine Aufsätze, die ich für ein patriotisches Wochenblatt -bestimmt hatte, im Hause des Grafen v. Kollowrat vorzulesen. -Man faßte die Idee, dieses Wochenblatt zu Stande zu -bringen, lebhaft auf, Andere übernahmen es, statt meiner den -Verleger herbeizuschaffen, und nichts fehlte als eine höhere Bewilligung, -wegen welcher man geglaubt hatte, einkommen zu -müssen. So lange ich lebe, vereinigte sich noch nicht so viel, -um mich eine frohe Zukunft hoffen zu lassen, und nun vernichten -<a id="page-10" class="pagenum" title="10"></a> -die letzten Vorfälle nicht nur diese Unternehmung, — -sie vernichten meine ganze Thätigkeit überhaupt.“ -</p> - -<p> -Also ein Theil der Aufsätze, die Kleist im Frühjahr 1809 -für ein patriotisches Wochenblatt bestimmt hatte, ist in diesen -Blättern enthalten, nach allen äußeren Zeugnissen kann seine -Autorschaft keinem Zweifel unterliegen. Heutiges Tages indeß, -wo es darauf ankommt den Stoff der abgeschlossenen Litteraturperiode -zu sammeln und zu sichten, wird man bisher -unbekannte Schriften eines bedeutendern Dichters nicht -leicht aus der Hand geben, ohne sie einer allseitigen Durchforschung -unterworfen zu haben, auch wenn ihre Aechtheit feststeht. -Es ist daher gerathen, auch diese Briefe und Aufrufe -nach Form und Inhalt näher zu prüfen; auch schon aus dem -Grunde, weil dies zugleich für einige andere Stücke, deren -Kleistischer Ursprung äußerlich weniger verbürgt ist, den erforderlichen -Maßstab gewähren wird. Um die stilistische Gestaltung -dieser politischen Aufsätze zu beurtheilen, wird man zunächst -auf eine etwas allgemeinere Betrachtung der Prosa -Kleist’s hingewiesen. -</p> - -<p> -Seine prosaischen Schriften, äußerlich weniger umfassend -als die versificirten Dichtungen, bestehen aus Erzählungen und -Briefen. Nur in jenen erscheint er in voller bewußter -Kraft, in ihnen wird man daher den Schriftsteller studieren -können, während diese vom Augenblicke eingegeben, ungleich -und schwankend, bald lehrhaft, bald fieberisch erregt und -abspringend den Menschen und den jähen Wechsel seiner -Stimmungen auch in der Form zeigen. In der darstellenden -Prosa ist er Meister, so daß Tieck der Ansicht war, hier -entfalte sich sein Talent vielleicht noch glänzender als im Drama. -<a id="page-11" class="pagenum" title="11"></a> -Könnte man einige Auswüchse beseitigen, die in seiner Natur -wurzeln und von der vollendetern Handhabung der Form -unabhängig sind, man würde von seinen acht Erzählungen -die vier ersten größeren und sorgfältig durchgearbeiteten mustergültig -nennen können. In der Haupttugend aller Erzählung -beruhen ihre Vorzüge, in der durchsichtigsten Gegenständlichkeit. -Ueberall treten Personen und Verhältnisse in festen und -kräftigen Umrissen, bis zur sinnlichen Greifbarkeit deutlich -hervor. Alles ist Bewegung, Leben, That, nirgend eine Stockung, -eine todte Beschreibung, die sich abmüht viele einzelne -Züge zusammen zu lesen, und es eben darum nie zu einem -ganzen Bilde bringt, während hier die glückliche Einflechtung -<em>eines</em> unscheinbaren Zuges auf einzelne Personen und ganze -Gruppen einen hellen Rückstrahl wirft, der das Ganze -in neuem überraschendem Lichte erscheinen läßt. Weil der -Dichter diese Gestalten als ob sie lebten mit seinem Auge -sah und darstellte, erweckt er in der Seele des Lesers, diesem -unbewußt, die Kraft des dichterischen Nachschaffens. Mit der -Selbstentäußerung eines Geschichtschreibers oder Dramatikers -verschwindet er hinter seiner Darstellung, nirgend sieht man -ihn mit zufahrender Hand in das Spiel hineingreifen und die -Täuschung ungeschickt selbst zerstören, nirgend sich mit seinen -Empfindungen und Betrachtungen aufdrängen; auch nicht in -den Reden und Handlungen der Personen findet man ihn, -weil sie überall ganz eigenthümlich, aus ihrer Stimmung, unter -diesen gegebenen Umständen fühlen und handeln. Nur aus der -Gesammtwirkung aller Kräfte, die er spielen läßt, ist sein letzter -Gedanke zu erkennen. Und weil er seinen Menschen so wenig -als sich selbst Abschweifungen philosophierender Betrachtung oder -<a id="page-12" class="pagenum" title="12"></a> -überschwellenden Gefühls verstattet, haben sie nichts von der -idealistischen Weise anderer Dichtergestalten; sie sind vielmehr -von einer realistischen Derbheit, die in Härte und Schroffheit -übergehen kann, aber eben darum scheinen sie aus Phantasiegeschöpfen -zur Höhe historischer Charaktere, in denen sich ganze -Menschengattungen und Zeiten darstellen, emporzuwachsen. -</p> - -<p> -Er selbst nähert sich dadurch, so weit sich das von -dem Dichter sagen läßt, der Grenze des Geschichtschreibers. -Ohne es sein zu wollen, oder auch nur den Anspruch des -historischen Romanstils zu erheben, hat ihn sein historischer -Realismus auf den geschichtlichen Boden geführt. Unmittelbar -aus dem Leben, aus Gegenwart oder Vergangenheit schöpft -er den Stoff, wie schon seine Vorliebe für die Anekdote -beweist, die er da und dort aufgegriffen hat, und von denen -er manche bis zur Erzählung ausspinnt. Auf diese lebendige -Quelle deutet er bei der „Marquise von O.“ mit -dem wichtigen Zusatze, der sich nur im Phöbus, nicht aber -in den Ausgaben findet, selbst hin: „Nach einer wahren Begebenheit, -deren Schauplatz vom Norden nach dem Süden -verlegt worden.“<a class="fnote" href="#footnote-6" id="fnote-6">[6]</a> Wieder aber hat er diese Episode, in -der er die ganze Fülle seines Talents entfaltet, in den -Hintergrund des großen gleichzeitigen Revolutionskrieges eingefügt. -Ebenso hat er im „Kohlhaas“, dem „Erdbeben in -Chili“, der „Verlobung in St. Domingo“ sich großen historischen -Verhältnissen entweder angeschlossen, oder deren Natur -an einem einzelnen Falle meisterhaft dargestellt; wie denn die -erste Erzählung, sicherlich ohne daß er es beabsichtigte, zugleich -eine ergreifende Darstellung des Ständekampfes geworden -ist, der unter der Nachwirkung der Reformation in ganz -<a id="page-13" class="pagenum" title="13"></a> -Deutschland entbrannte. Selbst die Verirrungen, in denen er -unerwartet eine andere Seite seines Innern herauskehrt, und -sich mit vollständiger Verleugnung des historischen Charakters -auf das Gebiet des dunkeln Wahns verlocken läßt, dienen nur -dazu, die Kraft seiner Darstellung in hellerem Lichte erscheinen -zu lassen; denn auch die Traumgebilde seiner Phantasie hat -er so mit Fleisch und Blut zu bekleiden gewußt, daß man sie -sieht, ohne an ihre Wahrheit zu glauben. Sein „Kohlhaas“ -bleibt trotz des unhistorischen Vornamens Michael und trotz -des mythischen Kurfürsten von Sachsen, bei dem der Historiker -von Fach nur mit Haarsträuben an den standhaften Johann -Friedrich denken kann, nach Auffassung und Darstellung eine -fast vollendete historische Erzählung, deren Grundzüge dem -Thatsächlichen entsprechen. Denn die Zurückhaltung der Pferde, -die Rechtsverweigerung und Verschleppung sächsischer Seits, -die Niederbrennung der Vorstadt von Wittenberg, das Gespräch -mit Luther sind historisch.<a class="fnote" href="#footnote-7" id="fnote-7">[7]</a> Nach ihrer Kunstform könnte -sie ohne Uebertreibung ein in Prosa ausgelöstes Epos genannt -werden. -</p> - -<p> -Auch sind seine Erzählungen von der modernen Novelle, -dem historischen Roman und dem, was heute dafür -gelten will, sehr verschieden. Die Novellenhelden sind überwiegend -Träger der Reflexion, sie kämpfen die Gegensätze -nicht nach außen wirkend, durch die That aus, sondern -in dialectischem Ringen mit sich selbst, sie ziehen die ganze -Welt in den Strom ihrer Betrachtungen hinein, und dessen -ungeachtet verblassen sie zu Schatten, die nach dem Lehrbuche -sprechen. Andererseits in den neueren sogenannten historischen -Romanen, die mit der Macht der Geschichte den Zauber der -<a id="page-14" class="pagenum" title="14"></a> -Dichtung zu verbinden wähnen, werden die historischen Riesen -auf das zwerghafte Maß einer schwächlichen Phantasie herabgedrückt, -die eigentlich nur deshalb ihre Zuflucht zur Geschichte -nimmt, weil diese mit der unübersehbaren Fülle eigenthümlicher -Gestalten der dürftigen Erfindung zu Hülfe kommt. Der -falsche Schein historischer Kenntniß soll die Mängel der Dichtung -verdecken, und schließlich verliert jede von beiden den -reinen und ursprünglichen Charakter durch die Verbindung mit -der anderen. -</p> - -<p> -So sehr Kleist Dramatiker ist, so vermeidet er doch in -der Erzählung in der Regel den unmittelbaren Dialog, der -in neueren Novellen so die Oberhand gewonnen hat, daß -der verkehrte Versuch einer wörtlichen Uebertragung in das -Drama hat gewagt werden können. Dagegen hat er im vollsten -Verständnisse dieser Darstellungsweise die indirecte Rede -überwiegend gebraucht. Auch da, wo seine Personen direct -reden müßten, ist er epischer Berichterstatter, er läßt sie nicht -aus dem Rahmen des Ganzen selbständig heraustreten, sondern -verwandelt ihre Rede in ein Handeln, von dem er zu erzählen -hat. Es ist bemerkt worden, sein dramatischer Dialog verrathe -in den unruhigen Sprüngen, in dem hastigen Hin- und -Wiederfliegen von Frage und Antwort, wodurch die Lebhaftigkeit -zwar gesteigert wird, die innere Erregtheit des Dichters; -seiner erzählenden Rede ist diese Zerrissenheit durchaus fremd. -Mit gleichem Wellenschlage fließt sie wie ein breiter Strom -dahin, auf dem der Hörer sich mit stets gleicher Theilnahme -von einer Windung zur andern tragen läßt. -</p> - -<p> -Mit Vorliebe baut Kleist lange Perioden, architectonisch -erheben und schließen sie sich, ohne je zu erstarren; der Belege -<a id="page-15" class="pagenum" title="15"></a> -im einzelnen bedarf es kaum, jede Seite bietet sie dar. Aus -vielen herausgegriffen möge folgende Periode hier eine Stelle -finden:<a class="fnote" href="#footnote-8" id="fnote-8">[8]</a> „Der Roßhändler, <em>dessen</em> Wille durch den Vorfall, -<em>der</em> sich auf dem Markt zugetragen, in der That gebrochen -war, wartete auch nur, <em>dem</em> Rath des Großkanzlers gemäß, -auf eine Eröffnung von Seiten des Junkers oder seiner Angehörigen, -<em>um</em> ihnen mit völliger Bereitwilligkeit und Vergebung -alles Geschehenen entgegenzukommen: <em>doch</em> eben diese -Eröffnung zu thun, war den stolzen Rittern zu empfindlich, -<em>und</em> schwer erbittert über die Antwort, <em>die</em> sie von dem Großkanzler -empfangen hatten, zeigten sie dieselbe dem Kurfürsten, -<em>der</em> am Morgen des nächstfolgenden Tages den Kanzler, krank -<em>wie</em> er an seinen Wunden darniederlag, in seinen Zimmern -besucht hatte.“ Der Wendepunkt dieser Periode liegt in dem -<em>doch</em>, durch das sie in zwei gleich wiegende Hälften getheilt -wird; jede hat zwei obere Nebensätze, die einen untern in sich -umfassen, in dem eine nähere Begründung gegeben wird; beide -schließen mit der Andeutung des Zieles ab, das erreicht werden -soll. Der thatsächliche wie stilistische Nachdruck liegt auf den -letzten Worten, sie leiten die Bewegung weiter. Umsonst versucht -der Roßhändler seinen Zweck zu erreichen, um so besser -erreichen die Ritter, die keine Versöhnung wollen, den ihren, -die Rache. Man gewinnt den vollsten Ueberblick der Parteien, -ihrer Stimmung, ihres Verhältnisses zu einander, ihrer Erfolge. -Kleist’s Perioden sind kunstvoll ohne verwickelt, reich ohne überladen -zu sein, vielgliederig ohne Leben und Bewegung zu verlieren. -Es ist ein Beweis bedeutender Meisterschaft, wenn man -sich dem Zuge der deutschen Sprache zu weitläufigen Satzgefügen -überlassen darf, weil die strenge Fassung, die nichts -<a id="page-16" class="pagenum" title="16"></a> -Ueberflüssiges hinzufügt, die Möglichkeit eines Vorwurfs der -Weitläufigkeit nicht einmal aufkommen läßt. -</p> - -<p> -Noch verschlungener werden sie, wenn sich die mittelbare -Rede zu entfalten beginnt, sei es, daß sie den Dialog einführe, -oder über Seelenvorgänge berichte. Selten nur wird -durch steigende Lebendigkeit die mittelbare Rede in die unmittelbare -fortgerissen, wie in folgender Periode, die ebenfalls -charakteristisch ist:<a class="fnote" href="#footnote-9" id="fnote-9">[9]</a> „Luther, der unter Schriften und Büchern -an seinem Pulte saß, und den fremden besonderen Mann die -Thür öffnen und hinter sich verriegeln sah, fragte ihn: <em>wer</em> er -sei und was er wolle? <em>und</em> der Mann, <em>der</em> seinen Hut ehrerbietig -in der Hand hielt, hatte nicht sobald mit dem schüchternen -Vorgefühl des Schreckens, <em>den</em> er verursachen würde, -erwiedert: <em>daß</em> er Michael Kohlhaas der Roßhändler sei; als -Luther schon: „weiche fern hinweg!“ ausrief, <em>und indem</em> er -vom Pult erstehend nach einer Klingel eilte, hinzusetzte: „dein -Odem ist Pest und deine Nähe Verderben!“ Häufig dagegen -zieht sich die indirecte Rede leicht und geschickt durch die längsten -Wendungen hin, bisweilen freilich, auch über die Grenze -des Erlaubten hinaus. So wird z. B. in der „Marquise von O.“ -der Inhalt einer Rede in einer Reihe von Sätzen, die durch -ein fünfzehnmal wiederholtes daß — daß — verbunden sind, -wiedergegeben.<a class="fnote" href="#footnote-10" id="fnote-10">[10]</a> Ich weiß nicht, ob Kleist die Novellen des -Cervantes studiert oder auch nur gekannt hat; aber lebhaft -wird man an die hohe Gegenständlichkeit der Darstellung, an -den vollen klaren Fluß der getragenen Perioden des Spaniers -erinnert. -</p> - -<p> -Doch auch bei dem Meister ist das wahrhaft Vollendete -immer noch nicht das Gewöhnliche. Jeder Schriftsteller hat -<a id="page-17" class="pagenum" title="17"></a> -Angewohnheiten des Stils, geringfügig scheinende Eigenthümlichkeiten, -die um so häufiger sein können, je leichter sie sich -dem Blick, der auf das Ganze gerichtet ist, entziehen. Aber -er kommt dadurch in Gefahr, aus dem Stil in die Manier -zu gerathen, und er wird ihr verfallen, wenn der freie Ausdruck -des Inhalts von der bequemen Gewohnheit geleitet wird, statt -sie zu leiten. Wie Goethe hat auch Kleist dergleichen Angewohnheiten. -Es ist die Vorliebe für gewisse Bindewörter, die -er gebraucht, um die Spannung des Lesers zu steigern oder -herabzustimmen. Am auffallendsten ist das unzählige Mal -wiederkehrende „dergestalt daß“, das er als anschaulichere Redeweise -dem nüchtern „so daß“ vorzieht. Durch alle Erzählungen -läßt sie sich verfolgen, im Kohlhaas allein sind ohne große -Mühe ein Paar Dutzend Beispiele dafür aufzufinden. Nicht -minder häufig ist der Gebrauch von „gleichwohl“, wo es eine -Bedingung, einen unerwarteten Gegensatz ankündigen soll, den -man mit „dennoch, dessen ungeachtet“ einleiten würde. Ferner die -gleichzeitige Ereignisse oder Erwägungen vorführende Redensart -„nicht sobald — als“, für „kaum, in dem Augenblick als“; -ebenso „inzwischen“, dann das gleichgültige oder ungeduldig -abweisende „gleichviel“, das bedingende „falls“ für „wenn.“ Alle -diese Lieblingswendungen sind auch den Dramen, namentlich -dem prosaischen Dialog, nicht fremd.<a class="fnote" href="#footnote-11" id="fnote-11">[11]</a> Dagegen hat sich Kleist -von einem andern Fehler, dem auch die Größten verfallen -sind, um so reiner erhalten, von widerlich störender Wortmengerei. -Fremdwörter braucht er in der Regel nur da, wo -etwa Kunstausdrücke unvermeidlich sind, überall bietet sich ihm -an der rechten Stelle das rechte deutsche Wort ungesucht dar. -Hier übertrifft er Schiller und den alternden Goethe bei weitem. -<a id="page-18" class="pagenum" title="18"></a> -Es ist der Ausdruck seiner deutschen Natur; eben darum greift -er auch bisweilen selbst im Verse zu Provinzialismen, die nichts -weniger als edel, aber sehr bezeichnend sind. -</p> - -<p> -Faßt man dies Alles zusammen, den künstlerischen Bau -der Perioden, seine Vorliebe für die mittelbare Rede, die -Reinheit seines Ausdruckes, die unbewußten stilistischen Gewohnheiten, -so gewinnt man eine Anzahl von Merkmalen, nach -denen sich mit ziemlicher Gewißheit feststellen läßt, ob man es -mit Kleist’s Wort und Schrift zu thun habe oder nicht. -</p> - -<h3 class="chapter" id="chapter-3-2"> -<span class="line1">II.</span> -</h3> - -<p class="noindent"> -Die vier satirischen Briefe bilden gewissermaßen ein dramatisches -<a id="corr-2"></a>Ganzes, sehr verschiedene Personen sprechen sich über -dieselben Ereignisse, jede in ihrer Weise aus. Der rheinbündische -Officier, das Landfräulein, der Burgemeister; diesen -ironischen Charakteren steht der politische Pescherü mit seinen -einfachen Betrachtungen als Chor gegenüber. Der erste Brief -ist in kurz abschneidender französirender Standessprache geschrieben. -Das Landfräulein schreibt, wie schon der Eingangssatz -beweist, in der verschlungenen Weise Kleist’s; architectonisch -durchgeführt sind Perioden wie die „Allein, wenn die Ansicht -u. s. w.“ oder: „Aber die Beweise, die er mir, als ich zurückkam -u. s. w.“, denen die beiden letzten des Briefes, mit ihrem -„inzwischen“ und „gleichwohl“ an die Seite gestellt werden -können. In dem Schreiben des Burgemeisters (I, 1, 3) gilt -es, die pedantische Langstiligkeit amtlicher Erlasse darzustellen; -der Wortschwall ironisirt sich selbst, er soll betäuben und über -die Schmählichkeit des Inhalts täuschen. Bezeichnend ist die -<a id="page-19" class="pagenum" title="19"></a> -unübersehbare Periode: „Indem wir euch nun diesem Auftrage -gemäß u. s. w.“ -</p> - -<p> -Der Brief des politischen Pescherü (I, 1, 4) stellt neun -genau abgefaßte Fragen auf; in der fünften heißt es: „Ist er -es, der den <em>König</em> von Preußen — zu Boden geschlagen hat, -und auch selbst nach dem Frieden noch mit seinem <em>grimmigen -Fuß auf dem Nacken</em> desselben <em>verweilte</em>“? Diese Bezeichnung -vollständigster Vernichtung ist ein Lieblingsbild Kleist’s. -Im fünften Auftritt der Penthesilea sagt Asteria: -</p> - -<div class="poem-container"> - <div class="poem"> - <div class="stanza"> - <p class="verse">Den <em>Fußtritt</em> will er, und erklärt es laut,</p> - <p class="verse"><em>Auf deinen königlichen Nacken setzen</em>;</p> - </div> - </div> -</div> - -<p class="noindent"> -im neunten Auftritt wiederholt Penthesilea: -</p> - -<div class="poem-container"> - <div class="poem"> - <div class="stanza"> - <p class="verse">Laßt ihn den <em>Fuß gestählt</em>, es ist mir recht,</p> - <p class="verse"><em>Auf diesen Nacken setzen</em>!</p> - </div> - </div> -</div> - -<p class="noindent"> -Und die Hermannsschlacht beginnt mit den Worten: -</p> - -<div class="poem-container"> - <div class="poem"> - <div class="stanza"> - <p class="verse">Rom, dieser Riese, der —</p> - <p class="verse"><em>Den Fuß auf</em> Ost und Westen <em>setzet</em>,</p> - <p class="verse">Des Parthers muthgen <em>Nacken</em> hier,</p> - <p class="verse">Und dort den tapfern Gallier <em>niedertretend</em>.</p> - </div> - </div> -</div> - -<p class="noindent"> -Unter 7 heißt es im Briefe: „Ist er es, der — Preußen, -<em>den letzten Pfeiler Deutschlands sinken</em> sah“ —? Und -in den ersten Versen der Hermannsschlacht: -</p> - -<div class="poem-container"> - <div class="poem"> - <div class="stanza"> - <p class="verse">Und Hermann der Cherusker endlich,</p> - <p class="verse">Zu dem wir, als <em>dem letzten Pfeiler</em> uns</p> - <p class="verse">Im allgemeinen <em>Sturz Germanias</em> geflüchtet —</p> - </div> - </div> -</div> - -<p class="noindent"> -Endlich in der neunten Frage wird auf den Kaiser Franz -folgendes Gleichniß angewendet: „der wie Antäus, <em>der Sohn -der Erde, von seinem Fall erstanden ist, um</em> das -<a id="page-20" class="pagenum" title="20"></a> -Vaterland <em>zu retten</em>.“ In dem Gedichte vom 1. März 1809 -an denselben singt Kleist: -</p> - -<div class="poem-container"> - <div class="poem"> - <div class="stanza"> - <p class="verse">O Herr, du trittst, der Welt <em>ein Retter</em>,</p> - <p class="verse">Dem Mordgeist in die Bahn,</p> - <p class="verse">Und wie <em>der Sohn der</em> duftgen <em>Erde</em></p> - <p class="verse"><em>Nur sank, damit</em> er stärker werde,</p> - <p class="verse"><em>Fällst du</em> von Neu’m ihn an.<a class="fnote" href="#footnote-12" id="fnote-12">[12]</a></p> - </div> - </div> -</div> - -<p class="noindent"> -Die Fabel „die Bedingung des Gärtners“ entspricht in -ihrer Fassung den beiden Fabeln, die 1808 im Phöbus erschienen. -</p> - -<p> -In ganz anderem Ton ist das „Lehrbuch der französischen -Journalistik“ gehalten. Obgleich die knappe Form dieser geschlossenen -Reihe von Erklärungen, Lehrsätzen, Aufgaben und -Beweisen der entfalteten Rede keinen Raum gestattet, so haben -sich doch auch hier die Lieblingswendungen eingeschlichen. Es -ist bekannt, welche Neigung Kleist für diese Darstellungsweise -und den strengen Beweis hatte. Wie er zuerst meinte, -seine Lebensaufgabe auf dem Gebiete der Mathematik gefunden -zu haben, so ist er auch später, namentlich in den Briefen, -geneigt, wo die Leidenschaft nicht durchbricht, seine Gedanken in -streng logische Formeln zu bringen. Leider ist das Lehrbuch -der Journalistik in 25 Paragraphen unvollständig. Wahrscheinlich -hatte er es zu Ende geführt, doch sind die letzten Blätter -verloren gegangen. Den obersten Grundsätzen und Definitionen -folgt im Paragraph 10 die Eintheilung der Journalistik mit -dem ersten Capitel: „Von der Verbreitung der wahrhaftigen -Nachrichten“ in zwei Artikeln „von den guten und den schlechten -Nachrichten“; ein zweites Capitel von der Verbreitung falscher -Nachrichten mußte folgen, und dieses fehlt. -</p> - -<p> -<a id="page-21" class="pagenum" title="21"></a> -In dem „Katechismus der Deutschen“ hat Kleist die Einförmigkeit -des katechisirenden Tons, in dem die Antwort das -Echo der Frage ist, so zu beleben gewußt, daß er durchaus -charakteristisch wird, und einzelne Redewendungen von Vater und -Sohn an den dramatischen Dialog, etwa die einfachen Gegenreden -Käthchens in der ergreifenden Scene mit ihrem Vater -erinnern.<a class="fnote" href="#footnote-13" id="fnote-13">[13]</a> Auch andere Anklänge fehlen nicht. Die Schilderung -des Erzfeindes findet an mehr als einer Stelle ihr Seitenstück. -Sie lautet 7: „Als <em>einen der Hölle entstiegenen Vatermörder</em>, -der herumschleicht <em>in dem Tempel der Natur -und an allen Säulen rüttelt</em>, auf welchen er gebaut ist.“ -Im Käthchen von Heilbronn schleudert der alte Theobald dem -Grafen Strahl folgende Worte zu: -</p> - -<div class="poem-container"> - <div class="poem"> - <div class="stanza"> - <p class="verse">Ein glanzumflossener <em>Vatermördergeist</em>,</p> - <p class="verse"><em>An jeder der</em> granitnen <em>Säulen rüttelnd</em>,</p> - <p class="verse"><em>In dem</em> urewigen <em>Tempel der Natur</em>,</p> - <p class="verse">Ein Sohn <em>der Hölle</em>, den u. s. w.</p> - </div> - </div> -</div> - -<p class="noindent"> -In der Hermannsschlacht sind Raub, Brand und Mord -ein „<em>höllenentstiegener</em> Geschwisterreigen“ und in dem Gedichte -„Germania an ihre Kinder“ ist es „eines <em>Höllensohnes</em> -Rechte“, die das eiserne Joch der Knechtschaft auferlegt. -Im Katechismus 9 soll, wer weder liebt noch haßt, -wenn es sich um die Freiheit des Vaterlandes handelt, in die -tiefste, siebente Hölle, in der Hermannsschlacht der Verräther -in die neunte Hölle stürzen. Dort wird die Frage verneint, -ob nicht „das Blut vieler tausend Menschen nutzlos geflossen, -die <em>Städte verwüstet</em> und <em>das Land verheert</em> worden -sei“, wenn man im Kampf unterliege. In dichterischer Sprache -wird derselbe Einwand abgewiesen „Germania und ihre Kinder“: -</p> - -<div class="poem-container"> - <div class="poem"> - <div class="stanza"> -<a id="page-22" class="pagenum" title="22"></a> - <p class="verse">Nicht die Flur ist’s, die zertreten</p> - <p class="verse2">Unter ihren Rossen sinkt,</p> - <p class="verse">Nicht der Mond, der in den Städten</p> - <p class="verse2">Aus den öden Fenstern blinkt,</p> - <p class="verse">Nicht das Weib, das mit Gewimmer</p> - <p class="verse2">Ihrem Todeskuß erliegt.<a class="fnote" href="#footnote-14" id="fnote-14">[14]</a></p> - </div> - </div> -</div> - -<p class="noindent"> -Die drei folgenden Stücke (I, 2, 1-3) sind nicht blos -ein persönlicher Gefühlserguß, sondern Aufrufe an das Volk, -die Kampf und Rache erwecken sollen. Das erste kündet sich -als „Einleitung“ einer Zeitschrift an, und ist im Tone der -glühendsten vom Hasse eingegebenen Beredsamkeit geschrieben; -der Erzherzog Karl ist der volksthümliche Held, „<em>der Bezwinger -des Unbezwungenen</em>“, oder, wie er in dem -Siegesliede nach der Schlacht von Aspern genannt wird, „der -<em>Ueberwinder des Unüberwindlichen</em>.“ Germania soll -der Name dieser Zeitschrift sein; „<em>Hoch auf den Gipfel -der Felsen</em> soll sie sich stellen, und den <em>Schlachtgesang -herabdonnern ins Thal</em>“, wie in dem Gedichte Germania -ihren Kindern zuruft: -</p> - -<div class="poem-container"> - <div class="poem"> - <div class="stanza"> - <p class="verse">Mit dem Spieße, mit dem Stab</p> - <p class="verse">Strömt <em>ins Thal der Schlacht hinab</em>!</p> - <p class="verse">— —</p> - <p class="verse"><em>Das Gebirg hallt donnernd</em> wieder —</p> - <p class="verse">— —</p> - <p class="verse">Und vom <em>Fels herab</em> der Ritter,</p> - <p class="verse">Der sein Cherub, <em>auf ihm steht</em>.</p> - </div> - </div> -</div> - -<p class="noindent"> -Die Germania der Zeitschrift will singen: „Vaterland, — -welch <em>ein Verderben seine Wogen</em> auf dich <em>heranwälzt</em>.“ -In dem letzten Lied -</p> - -<div class="poem-container"> - <div class="poem"> - <div class="stanza"> - <p class="verse">Kommt <em>das Verderben</em> mit entbundenen <em>Wogen</em></p> - <p class="verse">Auf Alles, was besteht, <em>herangezogen</em>.</p> - </div> - </div> -</div> - -<p class="noindent"> -<a id="page-23" class="pagenum" title="23"></a> -Jene will „<em>die Jungfrauen des Landes herbeirufen</em>, -wenn der Sieg erfochten ist, daß <em>sie sich</em> niederbeugen -über die, so gesunken sind“; und das Lied an den Erzherzog -Karl nach der Schlacht bei Aspern singt: -</p> - -<div class="poem-container"> - <div class="poem"> - <div class="stanza"> - <p class="verse">Siehe, die <em>Jungfraun rief ich herbei des Landes</em>,</p> - <p class="verse">Daß sie zum Kranz den Lorbeer flöchten.<a class="fnote" href="#footnote-15" id="fnote-15">[15]</a></p> - </div> - </div> -</div> - -<p class="noindent"> -Der Grundton der Einleitung ist in dem Gedicht Germania -zum gewaltigen Schlachtgesang geworden, und kaum wird man -sich der Ueberzeugung verschließen können, gerade für die Eröffnung -dieser Zeitschrift sei es geschrieben worden. Der Schluß -der Einleitung fehlt; dagegen scheint das folgende Stück, das -ohne Ueberschrift mit dem aus einer andern Schrift entlehnten -Aufrufe „Zeitgenossen!“ beginnt, von Kleist selbst nicht abgeschlossen -zu sein, wenigstens die Abschrift ist nicht vollständig, -denn mit dem Ausrufe „Was?“ bricht der Text mitten auf -der Seite ab. Es sollen diejenigen, die sich auf den Trümmern -des Vaterlandes in die bequeme Ruhe der Ungläubigkeit -einwiegen, aufgeschreckt und ihnen die Augen über den Abgrund, -an dem sie stehen, geöffnet werden. Das Ziel des -Kampfes wird bezeichnet in dem Aufruf „Was gilt es in diesem -Kriege?“ Wenn es heißt: „Deren (der deutschen Nation) -Unschuld selbst in dem Augenblick noch, da der Fremdling sie -belächelt oder wohl gar verspottet, sein Gefühl geheimnißvoll -erweckt, dergestalt daß“ — so giebt dazu die Hermannsschlacht -ein treffendes Beispiel, wo der Römer von dem Deutschen -sagt: -</p> - -<div class="poem-container"> - <div class="poem"> - <div class="stanza"> - <p class="verse">In einem Hämmling ist, der an der Tiber graset,</p> - <p class="verse">Mehr Lug und Trug, muß ich Dir sagen,</p> - <p class="verse">Als in dem ganzen Volk, dem er gehört.<a class="fnote" href="#footnote-16" id="fnote-16">[16]</a></p> - </div> - </div> -</div> - -<p class="noindent"> -<a id="page-24" class="pagenum" title="24"></a> -Erst im Zusammenhange mit den früheren Stücken erscheint -dieser Aufruf, der weder abgeschlossen noch auch das -bedeutendste Stück ist, im rechten Lichte; um so weniger ist -zu begreifen, wie Bülow gerade dies zur Probe mittheilen -konnte, um dadurch seine Verurtheilung der anderen gehaltreicheren -Blätter zu rechtfertigen. -</p> - -<p> -Mit den bekannten politischen Gedichten Kleist’s stehen -diese Aufsätze in nächster Verbindung; sie sind der Ausdruck -derselben Zeit und Stimmung, wie die Hermannsschlacht von -1808, die Gedichte an den Kaiser Franz und den Erzherzog -Karl aus dem Frühjahr 1809, und Germania an ihre Kinder. -Der erste satirische Brief ist unter der Einwirkung des beginnenden -Krieges von 1809 geschrieben, wie die Hindeutung auf -die unglücklichen Kämpfe um und in Regensburg vom 19. bis -23. April beweist; Napoleons siegverkündendes Bülletin, dessen -erwähnt wird, ist vom 24. April datirt. Der vierte Brief -schließt sich an einen Artikel des Nürnberger Korrespondenten -aus denselben Tagen an. Die österreichischen Landwehren, -welche die Fabel anredet, waren durch Erlaß vom 9. Juni -1808 ins Leben gerufen; die Erhebung der Spanier, auf -welche die Ueberschrift des Katechismus anspielt, hatte im Mai -1808, der Tiroler, deren im Text gedacht wird, am 9. April -1809 begonnen. Dagegen findet sich nichts, was auf den Sieg -von Aspern am 21. und 22. April 1809 hinwiese. Also diese -fünf Stücke werden Ende April oder <a id="corr-3"></a>Anfang Mai entstanden -sein. Ganz anders lautet der Ton nach der Schlacht von -Aspern in der Einleitung zur Germania; der erste Athemzug -der deutschen Freiheit sollte diese Zeitschrift sein. Derselben -Zeit gehören auch die beiden andern Nummern an. Da folgte -<a id="page-25" class="pagenum" title="25"></a> -die Schlacht von Wagram, und Sieg und Hoffnung, Muth -und Zuversicht, Kraft und Begeisterung sind wiederum mit -einem Schlage vernichtet. -</p> - -<p> -Den Versuch, den Kleist in Prag 1809 machen wollte, -durch eine Zeitschrift auf die Volksstimmung zu wirken, hat er -einmal vorher 1808 in Dresden, ein anderes Mal nachher -1810 in Berlin wirklich gemacht. Dort sollte es eine künstlerisch -wissenschaftliche, hier eine vaterländische sein. Jenes ist -der Phöbus, „ein Journal für die Kunst,“ zu dessen Herausgabe -er sich mit Adam Müller und dem Maler Ferdinand -Hartmann verbunden hatte, dieses die „Berliner Abendblätter.“ -Prächtig ausgestattet, auf weißem Papier in Quart, groß gedruckt, -mit kupfergestochenen Umrissen erschien der Phöbus in -monatlichen Heften, auf deren Umschlag der emporsteigende -Sonnengott mit seinem Viergespann zu sehen war. Kleist erblickte -wirklich eine neue Hoffnungssonne in diesem Unternehmen. -Aus der Zeitschrift sollte eine Buch-, Karten- und Kunsthandlung -erwachsen, in die er und seine Freunde nach dem Vorbilde -der Fugger und Medici alles hineinwerfen sollten, was -man auftreiben könne. Dichter und Buchhändler zugleich zu -sein, darin lag die Hoffnung des großen Looses; außerdem war -Novalis Nachlaß, Beiträge von Goethe und Wieland zugesagt. -Ruhmredig pries Adam Müller seinem Freunde Gentz, daß -es wohl noch keine ähnliche Verbindung der Poesie und Philosophie -und der bildenden Kunst gegeben, und meinte jede Vergleichung -mit den Horen, als „einer Art von sonntäglicher -Retraite oder Ressource“, und selbst mit dem Athenäum abweisen -zu können. Dennoch war es kein Treffer; die gehofften -Mittel und Beiträge blieben aus, mit der Mißgunst -<a id="page-26" class="pagenum" title="26"></a> -der Buchhändler waren die noch mißgünstigeren Zeitumstände -im Bunde, und schon im August 1808 ward es Kleist deutlich, -das Journal werde sich auf die Dauer nicht halten. Am Ende -war man zufrieden, es der Waltherschen Buchhandlung in -Dresden überlassen zu können, und mit dem zwölften Monatshefte -des Jahres 1808 hörte es auf. Für uns liegt der überwiegende -Werth desselben darin, daß Kleist es zur ersten Niederlage -seiner bedeutendsten Dichtungen gemacht hat.<a class="fnote" href="#footnote-17" id="fnote-17">[17]</a> -</p> - -<p> -In dem unscheinbarsten Gewande, der Zeit angemessen, -wo man alle Veranlassung hatte, geräuschlos zu wirken, traten -die Berliner Abendblätter seit dem 1. October 1810 auf. Klein -Octav, graues Löschpapier, stumpfe Lettern, die von mittlerer -Größe, unter Anwendung aller Hülfen der Raumersparniß, bis -zu den kleinsten Augentödtern hinabstiegen, durch zahllose Druckfehler -entstellt, bieten sie einen ungemein kümmerlichen Anblick -dar; äußerlich stehen sie auf einer Stufe mit dem bekannten -Berliner Localblatte, der Beobachter an der Spree. Kein Programm -war vorangeschickt, das über den Zweck des Blatts -Andeutungen gegeben hätte, selbst in der ersten Nummer nannten -sich weder Redacteur noch Buchdrucker, und erst unter dem -22. October trat Kleist in einer von ihm unterzeichneten Erklärung -aus dem Dunkel hervor, während die buchhändlerische -Spedition von J. E. Hitzig übernommen wurde. Diese dürftigen -Blätter haben einige bekannte Dichtungen Kleist’s in die -Welt zuerst eingeführt; sie enthalten aber noch weit mehr, -theils unter seinem Namen, theils unter verschiedenen Zeichen, -was nachher im Sturm eines halben Jahrhunderts verweht -und vergessen worden ist. Damals wenig beachtet, sind sie -jetzt ein wichtiges Hülfsmittel zur Litteratur und Würdigung -<a id="page-27" class="pagenum" title="27"></a> -des Dichters. Doch gehört ein vollständiges Exemplar zu den -größten Seltenheiten des Büchermarkts. Tieck muß sie bei der -Herausgabe des Nachlasses noch gehabt haben; in der Vorrede -sagt er, daß sie „ungleich und oft flüchtig von verschiedenen -Verfassern geschrieben, doch manches Erfreuliche von ihm (Kleist) -enthalten,“ doch geht er auf eine Ausscheidung desselben nicht -ein.<a class="fnote" href="#footnote-18" id="fnote-18">[18]</a> Bülow erhielt beim Abschlusse seines Buchs, wie er -in der Vorrede sagt, noch ein Exemplar; doch ist es entweder -nicht vollständig gewesen oder von ihm nicht vollständig benutzt -worden, denn in dem Anhange giebt er nur zwei Stücke -„über das Marionettentheater“ und „eine Anekdote aus dem -letzten preußischen Kriege“; das Uebrige bezeichnet er „als unbedeutende -gelegentliche Aufsätze und Bemerkungen.“<a class="fnote" href="#footnote-19" id="fnote-19">[19]</a> Auch -der neueste Herausgeber Julian Schmidt hat der Abendblätter -nicht habhaft werden können. Ich würde mich in gleicher Lage -befinden, wenn mich nicht Herr Freiherr W. v. Maltzahn -durch die freundschaftliche Mittheilung derselben aus seinem -reichen Bücherschatze in den Stand gesetzt hätte, diese verschüttete -Quelle durch eigene Untersuchung wieder zu öffnen. -Vor mir liegen 75 Blätter vom 1. October bis 28. December -1810, ein volles Quartal. Aber wie sich aus dem Briefe -Kleist’s an F. v. Raumer vom 21. Februar 1811 in dessen kürzlich -erschienenen Lebenserinnerungen und Briefwechsel ergiebt, -sind die Abendblätter erst gegen Ende dieses Monats eingegangen; -die letzten Nummern scheinen ganz verschollen zu sein. -Mitarbeiter waren Adam Müller, A. v. Arnim, Brentano, -Friedrich Schulz, Fouqué und einige andere. Doch litt das -Unternehmen an innerer Planlosigkeit, es brachte bunt zusammengewürfelte -Artikel über Fragen der innern Politik und -<a id="page-28" class="pagenum" title="28"></a> -das Theater, dichterische Beiträge und Polizeiberichte, und scheiterte -zuletzt an dem Zerwürfniß mit den obersten Staatsbehörden, -auf deren Unterstützung Kleist nicht ohne Selbsttäuschung -gerechnet hatte, wie seine leidenschaftliche Anklage -F. v. Raumers beweist. -</p> - -<p> -Er selbst hat zahlreiche und sehr verschiedenartige Beiträge -geliefert. Aus der Ermittelung und Zusammenstellung -derselben wird sich eine nicht ganz geringe und kaum noch gehoffte -Nachernte ergeben, die ich mit den vorher besprochenen -handschriftlichen Bruchstücken zu einem Ganzen verbinde. -</p> - -<p> -Einiges steht durch die Unterzeichnung, anderes durch den -Inhalt fest. Durch sein offenkundiges H. v. K. bekennt er sich -am 5. October zu der „Ode auf den Wiedereinzug des Königs -im Winter 1809“; am 17. October zu dem Artikel „Theater. -Unmaßgebliche Bemerkung“; am 12. December zu dem Aufsatze -„über das Marionettentheater.“ Anerkannt hat er durch -Aufnahme in den zweiten Band der Erzählungen 1811 „das -Bettelweib von Locarno“ vom 11. October, und „die heilige -Cäcilie oder die Gewalt der Musik, eine Legende“ hier mit -dem Zusatze „Zum Taufangebinde für Cäcilie M....“ vom -15. November, die erste mit <span class="antiqua">mz</span>, die andere <span class="antiqua">yz</span> unterzeichnet. -Er wandte also verschiedene Schriftstellerzeichen an, je nachdem -er erkannt, errathen oder verborgen bleiben wollte. Die Wahl -solcher Chiffern ist freilich durchaus willkürlich, und der Versuch -ohne anderweitige Bürgschaft aus ihnen einen Schluß auf -den Verfasser zu ziehen, wäre sehr mißlich. Doch sollte der -Schriftsteller in diesen Dingen auch kein entschiedenes System -gehabt haben, dennoch wird man irgend eine Art von Folgerichtigkeit -annehmen dürfen; wahrscheinlich werden die einmal -<a id="page-29" class="pagenum" title="29"></a> -gebrauchten Zeichen, sei es in etwas abweichender oder derselben -Verbindung wiederkehren. Auch Kleist wird die Buchstaben -<span class="antiqua">m</span>, <span class="antiqua">x</span>, <span class="antiqua">y</span>, <span class="antiqua">z</span> wiederholt angewendet haben, und wenn ihnen -Auffassung und Darstellung zustimmen, wird man mit annähernder -Gewißheit aussprechen können, ob ein Stück von -ihm sei oder nicht. -</p> - -<p> -Zunächst nach diesen äußeren Zeichen stelle ich die Aufsätze -zusammen: <span class="antiqua">xy</span> ist unterzeichnet der Artikel „Theater“ vom -4. October (I, 4, 4 dieser Nachlese). <span class="antiqua">x</span>: die „Einleitung, Gebet -des Zoroaster“ vom 1. October (I, 2, 4); „Anekdote aus dem -letzten Kriege“ vom 20. October (I, 3, 6); „von der Ueberlegung, -eine Paradoxe“ vom 7. Decbr. (I, 2, 5). <span class="antiqua">y</span>: „Brief -eines Mahlers an seinen Sohn“ vom 22. October (I, 4, 2); -„Schreiben aus Berlin vom 28. October“ unter dem 30. Oct. -(I, 4, 6); „Brief eines jungen Dichters an einen jungen Mahler“ -6. November (I, 4, 3). <span class="antiqua">z</span>: „Betrachtungen über den Weltlauf“ -9. October (I, 2, 6). <span class="antiqua">xyz</span>: „Der Branntweinsäufer und die -Berliner Glocken, eine Anekdote“ 19. October (I, 3, 7). Das -Zeichen <span class="antiqua">mz</span> erscheint in Verbindung mit <span class="antiqua">r</span>. <span class="antiqua">rmz</span> ist gezeichnet -„Nützliche Erfindungen, Entwurf einer Bombenpost“ 12. Octbr. -(I, 5, 2); <span class="antiqua">rm</span> „Aëronautik“ 29., 30. October (I, 5, 4). <span class="antiqua">rz</span>: -„Der verlegene Magistrat, eine Anekdote“ 4. October (I, 3, 9). -<span class="antiqua">r</span>: „Muthwille des Himmels, eine Anekdote“ 10. October -(I, 3, 5). Ein anderes Mal gesellt sich zu <span class="antiqua">x</span> noch <span class="antiqua">p</span>. <span class="antiqua">xp</span> erscheint -unter drei Epigrammen, 24., 31. October (II, 3, 3). -</p> - -<p> -Hier verlassen uns diese Spuren; doch nehme ich für Kleist -noch eine Anzahl Stücke, die entweder völlig abweichende oder -gar keine Zeichen haben, aus inneren Gründen in Anspruch. -Zwei gereimte Epigramme, 12., 30. Octbr. (II, 3, 3) unter <span class="antiqua">st</span>. -<a id="page-30" class="pagenum" title="30"></a> -Zu dem Aufsatz „Empfindungen vor Friedrich’s Seelandschaft“ -(I, 4, 1) <span class="antiqua">cb</span> unterzeichnet, hat er sich in der folgenden Erklärung -vom 22. October selbst bekannt: „Der Aufsatz der Hrn. -L. A. v. A. und C. B. über Hrn. Friedrich’s Seelandschaft (S. -12te Blatt) war ursprünglich dramatisch abgefaßt; der Raum -dieser Blätter erforderte aber eine Abkürzung, zu welcher Freiheit -ich von Hrn. A. v. A. freundschaftlich berechtigt war. Gleichwohl -hat dieser Aufsatz dadurch, daß er nunmehr ein bestimmtes -Urtheil ausspricht, seinen Charakter dergestalt verändert, daß -ich zur Steuer der Wahrheit, falls sich dessen jemand noch -erinnern sollte, erklären muß: nur der Buchstabe desselben gehört -den genannten beiden Hrn.; der Geist aber und die -Verantwortlichkeit dafür, so wie er jetzt abgefaßt ist, mir. -H. v. K.“ -</p> - -<p> -In dieser Erklärung liegt ein Widerspruch. Hatte er -Arnim’s und Brentano’s Dialog (denn das allein kann mit -der „dramatischen“ Form gemeint sein) in diese Betrachtung -umgesetzt, so gehörte ihm sicherlich auch der Buchstabe an; sein -Stil ist es unverkennbar. Durch das Zeichen <span class="antiqua">cb</span> wollte er, -wie es scheint, Clemens Brentano’s Autorschaft wahren. -</p> - -<p> -Kleist gehören ferner an: <span class="antiqua">vaa</span> bezeichnet die Erzählung -„Warnung gegen weibliche Jägerei“ 5., 6. November (I, 3, 1); -<span class="antiqua">ava</span>, eine Umstellung des vorigen, „die sieben kleinen Kinder“ -8. Nov. (I, 4, 7); M. F. die beiden Erzählungen „die Heilung“ -vom 29. November und „das Grab der Väter“ 5. December -(I, 3, 2. 3); und „Allerneuester Erziehungsplan“ unterzeichnet -Levanus 29. October (I, 5, 1). Ohne jedes Zeichen sind folgende -Stücke: „Der Griffel Gottes“, eine Anekdote 5. October -(I, 3, 4); „Anekdote aus dem letzten preußischen Kriege“ -<a id="page-31" class="pagenum" title="31"></a> -6. October in Bülow’s Nachtrag; „Charité-Vorfall“ 13. October -(I, 3, 10); „Schreiben aus Berlin“ 15. October (I, 5, 3); -„Anekdote“ 24. October (I, 3, 11); „Räthsel“ eine Anekdote, -1. Novbr. (I, 3, 12); „Tages-Ereigniß“ 7. Novbr. (I, 3, 8); -„von einem Kinde, das kindlicher Weise ein anderes Kind umbringt“ -13. November (I, 4, 8); „Legende nach Hans Sachs. -Gleich und Ungleich“ 3. November; und „Legende nach Hans -Sachs. Der Welt Lauf.“ 8. December (II, 1, 2); endlich zwei -Anekdoten, 22. November und 27. November (I, 3, 13. 14). -</p> - -<p> -Diese Aufsätze, nach Werth und Inhalt sehr ungleich, -gehen von der höchsten Betrachtung bis zur niedrigen Tagesanekdote -hinab. Mit manchem Beitrag ist es ihm durchaus -Ernst, andere sind nichts als Raumfüller und Lückenbüßer. -Um den Beweis anzutreten, sie alle seien von einem Verfasser, -und zwar von Kleist, war es nöthig, das Gleichartige in eine -Klasse zu bringen; schon daraus mußte sich manches ergeben, -was für die innere Zusammengehörigkeit spricht. Ich habe sie -nach der prosaischen und dichterischen Form in zwei Abtheilungen -geschieden, deren erste enthält: 1. Politische Satiren, 2. Politische -Aufrufe und Betrachtungen, 3. Erzählungen und Anekdoten, -4. Kunst und Theater, 5. Gemeinnütziges; worauf die -wenigen versificirten Stücke unter dem zweiten Haupttitel folgen. -</p> - -<p> -Zu dem Politisch Historischen gehören drei Beiträge: die -„Einleitung, Gebet des Zoroaster“, „von der Ueberlegung, -eine Paradoxe“ und „Betrachtungen über den Weltlauf“ -(I, 2, 4-6). Daß der Führer des Blattes die Einleitung -geschrieben habe, läßt sich ohne Weiteres annehmen; sie -athmet ganz seinen Geist in dem Ingrimm über das Elend -des Zeitalters, die Erbärmlichkeit, Halbheit, Unwahrhaftigkeit -<a id="page-32" class="pagenum" title="32"></a> -und Gleißnerei, zu deren Bekämpfung er um Kraft betet. -Denselben praktischen Zweck hat die Paradoxe; sie gilt den -Deutschen, und findet im Gegensatze zu den Franzosen den -Quell ihres Elends in dem unverhältnißmäßigen Uebergewicht der -gepriesenen Ueberlegung, die den lähmenden Zwiespalt zwischen -Denken und Handeln hervorruft. Wie im Katechismus richtet -ein Vater diese Rede an seinen Sohn. „Die Ueberlegung,“ -sagt er „scheint nur die <em>zum Handeln</em> nöthige <em>Kraft, die -aus dem herrlichen Gefühle quillt</em>, zu verwirren, zu -hemmen und zu unterdrücken.“ Aehnlich im Katechismus 9: -„Sie (die Deutschen) reflectirten, wo sie empfinden, oder handeln -sollten, meinten alles durch ihren Witz bewerkstelligen zu -können, und gäben nichts mehr auf <em>die</em> alte <em>geheimnißvolle -Kraft der Herzen</em>.“ Dort wie hier spielt das Gleichniß -vom Ringer durch. In der Paradoxe heißt es: „Der -<em>Athlet</em> kann <em>in dem Augenblick</em>, da er seinen Gegner umfaßt -hält, schlechterdings nach keiner andern Rücksicht — verfahren -— aber nachher, wenn er gesiegt hat oder <em>am Boden</em> -liegt, mag es zweckmäßig sein — zu überlegen, durch welchen -Druck er seinen Gegner <em>niederwarf</em>.“ Und im Katechismus 7: -„Das wäre ebenso feig, als ob ich die Geschicklichkeit, die einem -Menschen im <em>Ringen</em> beiwohnt, <em>in dem Augenblick</em> bewundern -wollte, da er mich <em>in den Koth wirft</em> und mein -Antlitz mit Füßen tritt.“ Derselbe Gedanke endlich, Kraft und -That seien früher als Erkenntniß und Betrachtung, das politische -Handeln älter als dessen Darstellung durch die Kunst, die Reflexion -das Zeichen des Verfalls und der Ohnmacht, erhebt sich -in den „Betrachtungen über den Weltlauf“ zur geschichtsphilosophischen -Höhe. Stilistisch sprechen die langen Perioden, -<a id="page-33" class="pagenum" title="33"></a> -in dem letzten Stück der indirecte Satz mit seinem fünfmaligen -— „daß“ — für Kleist. -</p> - -<p> -Unter I, 3, 1-3 folgen drei etwas ausgeführtere Erzählungen -„Warnung gegen weibliche Jägerei“ <span class="antiqua">vaa</span>, „die Heilung“ -und „das Grab der Väter“, beide M. F. gezeichnet. -Das könnte etwa auf Fouqué zu deuten scheinen, doch hat -dieser nur wenige unbedeutende Zeilen unter d. l. M. F. -beigesteuert; auch hat der Stil durchaus nichts von seiner -Manier. Diese drei Erzählungen gehören zusammen, sie sind -von einem Verfasser; in allen dieselbe Anschaulichkeit, dieselbe -Lebendigkeit der Darstellung, verschlungene Perioden und indirect -wiederholte Reden und Betrachtungen. Mit ungemeiner -Kraft, höchst ergreifend ist in der „Heilung“ die Spitze der -ganzen Begebenheit in eine einzige Periode zusammengedrängt: -„Wie mußte nun dem Leichtsinnigen zu Muthe werden“, u. s. w. -die in wenigen Strichen ein Grauen erregendes Bild vorführt. -Auch „dergestalt daß“ fehlt hier nicht. In gleicher -Weise wird in dem „Grab der Väter“ die Summe des -Ganzen in einem Bilde, in einer Periode ausgesprochen. -„Da standen sie aber plötzlich“ u. s. w. Die erste Erzählung -ist mehr humoristischer Natur. Alle drei stehen auf der -Grenze der Erzählung und Anekdote und schließen sich insofern -dem „Bettelweib von Locarno“ an, einer Anekdote spukhaften -Inhalts, welche die Reihe dieser kleinen Skizzen, die -den Rahmen des Blattes füllen, eröffnet. -</p> - -<p> -Es folgt eine Gallerie von elf Anekdoten verschiedenen -Inhalts, zum Theil als solche bezeichnet; einige sehr charakteristisch -und unmittelbar dem Leben entlehnt, der Form nach -Papierschnitzel, die nebenher vom Schreibtisch abgefallen waren. -<a id="page-34" class="pagenum" title="34"></a> -Manche mochten Züge sein, die zu künftiger Verwendung -in irgend einem größeren Bilde vorläufig hingeworfen waren. -„Der Griffel Gottes“ (I, 3, 4), ohne Unterzeichnung, trägt -das Gepräge einer solchen Notiz zu einer später auszuführenden -Erzählung. Ins Lächerliche wird das Grausige verkehrt -in der Anekdote „Muthwille des Himmels“ <span class="antiqua">r.</span>, in der -man Kleist’s Feder wieder erkennen wird. Auch spricht der -Schauplatz dafür, seine Vaterstadt Frankfurt an der Oder, -wo er dies Geschichtchen gehört haben mochte. Es ist wie -die folgenden 6 bis 9 eine der beliebten Militairanekdoten. -Kleist war diesen Kreisen, seiner abweichenden Denk- und -Lebensweise ungeachtet, nicht entfremdet; noch 1810 war von -seinem Rücktritt in den Dienst in allem Ernst die Rede.<a class="fnote" href="#footnote-20" id="fnote-20">[20]</a> -Bei der lebhaften Theilnahme, die man nach altpreußischer -Ueberlieferung an militairischen Dingen nahm, und der Beschränkung, -der die Tagesblätter damals doppelt unterlagen, -war es nicht zu verwundern, wenn kleine Soldatengeschichten, -Witze und Disciplinarfälle einen willkommenen Stoff darboten. -War doch der Soldat neben dem Schauspieler der -einzige öffentliche Charakter! Eine eigenthümliche Art dieser -Anekdoten bilden die Züge der Tapferkeit Einzelner, die man -aus den Nachrichten des letzten Krieges zu sammeln begann. -Zum Troste über die Vergangenheit, daß der alte Geist wieder -erwachen werde, suchte man sie auf. In dem Sinne -nahm Kleist diese kleinen Geschichten; den unter der Asche -glimmenden Funken dachte er wohl mit solchen Erinnerungen, -soweit er vermochte, zu unterhalten. Von den beiden Anekdoten -aus dem letzten preußischen Kriege ist die erste, die -Bülow bereits mitgetheilt hat, gar nicht, die zweite <span class="antiqua">x</span> unterzeichnet. -<a id="page-35" class="pagenum" title="35"></a> -Mit dieser dramatischen Lebendigkeit konnte nur -Kleist den preußischen Husaren vorführen, der in der Nähe -des siegreichen Feindes seinen Danziger mit größter Seelenruhe -trinkt, sich schnäuzt, die Pfeife anzündet, über die Feinde -herfällt, daß sie die „Schwerenoth kriegen“ sollen, und auf -drei französische Chasseurs „dergestalt“ einhaut, „daß“ sie -aus dem Sattel stürzen. Die Umständlichkeit des dramatisch -gehaltenen Gesprächs, das regelmäßig wiederkehrende -„spricht er“ für „sagte er“ erinnert lebhaft an den Dialog -zwischen Eva und dem Dorfrichter in der zweiten Bearbeitung -des zerbrochenen Krugs. Wenn er sagt, auf der Reise -nach Frankfurt habe er diese Geschichte in einem Dorfe bei -Jena gehört, so konnte das damals geschehen sein, als er im -Frühjahr 1807 nach Joux als Gefangener geführt wurde. -Verwandt (und wieder nicht ohne „dergestalt daß“) aber cynisch -und hoch humoristisch ist die Anekdote 6. Gleichgültiger -sind die drei folgenden Geschichten, militairische Disciplinarfälle; -7 <span class="antiqua">xyz</span>, 8 ohne Zeichen, 9 <span class="antiqua">rz</span>. Komischen Inhalts sind -die fünf letzten Anekdoten; 10, eine Tagesneuigkeit, zugleich -eine Satire auf die Aerzte; 11 bis 14 sämmtlich ohne Zeichen, -doch durch „gleichwohl“ und „dergestalt daß“ hinreichend -kenntlich gemacht. -</p> - -<p> -Der vierten Abtheilung „Kunst und Theater“ gehören -acht Nummern an. Die beiden Briefe „eines Mahlers an -seinen Sohn“, und „eines jungen Dichters an einen jungen -Mahler“, mit <span class="antiqua">y</span> bezeichnet, gehören zu einander. Der erste, -der ironisirend in dem einfachen Stil des kunstliebenden Klosterbruders -beginnt, um cynisch zu enden, ist ein Ausfall gegen -die junge Malerschule, der Gemüth und Andacht, Beruf und -<a id="page-36" class="pagenum" title="36"></a> -Studium ersetzen soll. Im zweiten fordert der Dichter den -Maler auf, von dem verhimmelnden Nachbilden alter Meister -abzustehen, weil der Künstler sein eigenes Innerste zur Anschauung -bringen solle, da das wesentlichste Stück der Kunst -„die Erfindung nach eigenthümlichen Gesetzen“ sei. Die Dichtung -soll mit der Malerei auseinandergesetzt werden. Schon -im Phöbus hatte Kleist in einer Anmerkung zu dem Gedichte -nach Hartmanns Gemälde „der Engel am Grabe des -Herrn“ etwas Aehnliches angekündet; er wollte in dieser fortgesetzten -Verbindung zweier so verschiedener Kunstleistungen -eine Sammlung von Beispielen geben, an denen vielleicht die -alte wichtige Frage von den Grenzen der Malerei und Poesie -erörtert werden könne.<a class="fnote" href="#footnote-21" id="fnote-21">[21]</a> Die folgenden Nummern dieses Abschnitts -sind, mit Ausnahme der letzten Abhandlung „über -das Marionettentheater“, gelegentliche Bemerkungen, die durch -das Berliner Theater veranlaßt wurden. Die erste „Theater“ <span class="antiqua">xy</span> -(I, 4, 4) ist eine feine Kritik Iffland’s, der sehr vorsichtig -als Manierist bezeichnet wird. Die Hinweisung auf Kant’s -Kritik der Urtheilskraft an dieser Stelle läßt den Kantianer -Kleist sogleich errathen. In der „unmaßgeblichen Bemerkung“ -(I, 4, 5) tritt er in seinem H. v. K. mit einem Angriffe auf -die Theaterleitung offen hervor. Die Direction soll wahre -Kritik üben; ist sie geneigt, der Menge zu schmeicheln, muß -sie unter die Aufsicht des Staats gestellt werden. Nicht ohne -Gereiztheit spricht er gegen Iffland, dem er in Folge der -Zurückweisung des Käthchen von Heilbronn schon am 12. August -1810 einen sarkastisch bittern Brief geschrieben hatte. Das -„Schreiben aus Berlin 28. Oktober“ <span class="antiqua">y</span> („dergestalt, gleichwohl“) -bei Gelegenheit der Oper Aschenbrödel; „die sieben -<a id="page-37" class="pagenum" title="37"></a> -kleinen Kinder“ <span class="antiqua">ava</span>, worin vom Theater größere Berücksichtigung -des Volksthümlichen, besonders norddeutscher Dialecte -gefordert wird; der Artikel ohne Zeichen „Von einem Kinde, -das kindlicher Weise ein anderes Kind umbringt“, der an eine -Anekdote geknüpft eine anerkennende Erwähnung des Vierundzwanzigsten -Februar von Z. Werner enthält; das Alles sind -mehr oder weniger Anklagen der Direction des Berliner Theaters, -in denen sich das feindliche Verhältniß Kleist’s und -Iffland’s abspiegelt. -</p> - -<p> -Endlich gemeinnützigen Inhalts sind die vier Nummern -der fünften Abtheilung: „Allerneuester Erziehungsplan“, „Entwurf -einer Bombenpost“ <span class="antiqua">rmz</span> („dergestalt daß“), „Schreiben -aus Berlin 15. Oktober“ ohne Zeichen („gleichwohl“), „Aëronautik“ -<span class="antiqua">rm</span> („dergestalt daß“). Der erste Aufsatz trägt freilich -nur die Maske der Gemeinnützigkeit, denn er ist eine Satire -gegen die neuesten Erziehungsreformatoren; gegen Ende werden -Pestalozzi und Zeller namentlich genannt. Schon in seinem -Epigramme hatte Kleist den Pädagogen das bittere Wort -gesagt: -</p> - -<div class="poem-container"> - <div class="poem"> - <div class="stanza"> - <p class="verse">Setzet, ihr träft’s mit eurer Kunst und erzögt uns die Jugend</p> - <p class="verse">Nun zu Männern wie ihr: lieben Freunde, was wär’s?</p> - </div> - </div> -</div> - -<p class="noindent"> -Hier stellt er allen Plänen, die zum Heil der Menschheit gemacht -werden, den originellen und humoristischen Gedanken -entgegen, statt der Tugendschulen zur Abwechselung einmal -Lasterschulen zu gründen und durch die Macht des Gegensatzes -zu wirken. Daß Kleist der Verfasser sei, obgleich -er in den einleitenden Worten und in den Anmerkungen -als Kritiker dieser „abentheuerlichen Unternehmung“ spöttisch -und vorsichtig auftritt, beweist unzweifelhaft der periodisch -<a id="page-38" class="pagenum" title="38"></a> -ausgeführte Stil, namentlich in den erzählenden Episoden, -wo er einmal sogar auf sein zeitweiliges Zusammenleben -mit seiner Schwester anspielt. Die Unterschrift Levanus ist -eine ironische Hinweisung auf Jean Paul’s Levana, das -Ganze kein geringer Beweis für seine satirische Ader. In -den drei folgenden Aufsätzen werden Telegraphie und Post, -die Frage, ob der Luftballon gelenkt werden könne, besprochen. -Es sind Actenstücke zu Kleist’s Leben, der als -Techniker und erfindungslustiger Planmacher seine früheren -Studien auf dem Gebiete der Naturwissenschaften praktisch -zu verwenden sucht. -</p> - -<p> -Eine viel geringere Ausbeute bieten die Abendblätter für -die zweite Hauptabtheilung; Beiträge in Versen sind die Ausnahme. -Unter den drei Stücken, als deren Verfasser ich -Kleist erkenne, sind die beiden Legenden nach Hans Sachs -„Gleich und Ungleich“ und „der Welt Lauf“, ohne Zeichen, -Holzschnitte in der Art des alten Meisters, dem nur die -Grundzüge angehören, und deren freie Behandlung nicht minder -meisterhaft ist.<a class="fnote" href="#footnote-22" id="fnote-22">[22]</a> Diese Verse erinnern an das Gedicht -der Engel am Grabe des Herrn; nur sind sie, dem Stoffe -gemäß, in den humoristischen Ton umgebogen. Der Dialog -mit dem regelmäßig eingeschalteten „spricht er“, die dramatisch -lebendigen Gestalten des tölpelhaften Knechts und der flinken -Magd lassen Kleist’s Hand nicht verkennen. In den fünf -Epigrammen <span class="antiqua">xp</span> und <span class="antiqua">st</span> wechseln, wie in seinen anerkannten, -Frage und Antwort; die Distichen sind metrisch hier wie dort -gleich unbeholfen. -</p> - -<h3 class="chapter" id="chapter-3-3"> -<a id="page-39" class="pagenum" title="39"></a> -<span class="line1">III.</span> -</h3> - -<p class="noindent"> -Ueberblickt man diese Nachträge, so gehören sie, mit -Ausnahme der dramatischen, allen Stilgattungen Kleist’s an; -es sind Erzählungen in Prosa und Versen, Dialoge, Briefe, -Betrachtungen. Von einer neuen Seite als Kritiker, bedeutender -als Satiriker zeigt er sich; die Grundlage seiner Satire -ist der Patriotismus. Für Auffassung komischer Contraste -war er kaum minder befähigt als für die Behandlung des -tragischen Conflicts, nur ist seine Darstellung des Komischen -schroff und gewaltsam wie seine Tragik, es fehlt ihr die Ruhe -und Behaglichkeit, die er auf dem Gebiet der Erzählung so -trefflich zu bewahren weiß, sie wird für die Charaktere vernichtend, -wie im zerbrochenen Kruge, wo man zweifeln kann, -ob der Hauptträger des Lustspiels noch komisch sei. Auch -hier zeigt sich eine Leidenschaftlichkeit, die zum Ingrimm -steigt, sobald persönliche Beweggründe hinzukommen. Wenn -ihn die sittlichen Anforderungen, denen gegenüber die Welt -so klein und elend erschien, auf die Satire hinleiteten, so -drängte ihn seine Leidenschaft darüber hinaus zum Pasquill. -Seine Epigramme sind meist rein persönlicher Natur, -zu Schutz und Angriff für seine Dichtungen gegen die Kritiker -gerichtet; sie sind bitter und heftig. Nach der ungünstigen -Aufnahme der Penthesilea und des zerbrochenen Kruges -schonte er weder Weimar noch Goethe. Ein Pasquill sondergleichen -war sein Brief an Iffland, ein „ungeheurer Witz“ -von der Art, wie er ihn in der Anekdote aus dem letzten -Kriege erzählt hat. Um wie viel tödtlicher mußten seine -Pfeile sein, wenn der Zorn für das Vaterland sie entsandte, -<a id="page-40" class="pagenum" title="40"></a> -wenn er die ganze Wucht des Hasses auf den Feind seines -Volkes schleuderte. -</p> - -<p> -Wenn man sagen darf, der Mensch trage sein Schicksal -in der eigenen Brust, in seinen Anlagen sei es ihm beschieden, -so gilt das von ihm. Sehr verschiedene Elemente lagen -in seiner Seele neben einander, er bestand gewissermaßen aus -mehreren Menschen; bald trat dieser bald jener hervor, oder -sie führten unter einander einen dämonischen Krieg, dem er -mit einer eisigen Selbstentäußerung zusehen konnte, als sei -es ein Spiel fremdartiger Gewalten. Und doch war die Gesammtheit -dieser ringenden Kräfte nichts anderes als er selbst. -In doppeltem und dreifachem Gegensatze fühlte er sich gegen -Welt und Menschen, die er abwechselnd mied, verachtete, haßte -und bekämpfte. Eine rastlose Unruhe trieb ihn zum Wirken -in welcher Gestalt auch immer; aber ebenso zog es ihn in -die abgeschiedenen Räume rein geistiger Arbeit, die ihre Welt -aus sich auferbaut. Da lagen wieder zwei Wege vor ihm, -beide gleich einladend; für den einen drängte sich ihm der -Verstand als Führer auf, während Herz, Gefühl und Phantasie -ihn auf den andern locken wollten. Er hatte eine entschiedene -Lust am Abstracten, die Dinge sich durch den Schematismus -des Verstandes zu unterwerfen, schien ihm der einzig -würdige Beruf, und während seine scharfe überall ins einzelne -dringende Beobachtung ihm die Welt als eine Masse -zusammenhangsloser und doch unfreier Atome zeigte, setzte -er ihr den Stolz des unabhängigen Denkers entgegen, der, -auf die Allmacht des Gedankens trotzend, sich seine Stelle -erobern will. Er ist überzeugt, es sei möglich, das Schicksal -zu leiten, aus sich heraus will er seinen Lebensplan bilden; -<a id="page-41" class="pagenum" title="41"></a> -das Kennzeichen eines freien Menschen, der nach sichern Principien -handelt, ist Consequenz, Zusammenhang und Einheit -des Betragens. Wer keinen Lebensplan hat, schwankt zwischen -unsichern Wünschen und ist eine Puppe am Drahte des Schicksals. -Dieser Zustand scheint ihm verächtlich, bei weitem wünschenswerther -wäre ihm der Tod. Er wählt die Wissenschaft -als Führerin, und welche eher als die Philosophie, die dem -bildungsgierigen Jünger Sicherheit des Erkennens und Handelns -zugleich verheißt? Aber <em>die</em> Wissenschaft erscheint doch -nicht als Philosophie allein, sie spaltet sich in viele Wissenschaften, -und seines ersten Entschlusses ungeachtet verfällt er -bald dem Zweifel. Am Ende ziehen alle ihn in gleicher Weise -an. Soll er nur einer folgen? Aber er kann sich nicht vergraben -wie der Maulwurf im Loch, wie die Raupe einspinnen -im Blatt. Soll er ruhelos von einer zur andern gehen? -Aber ebenso wenig vermag er stets auf der Oberfläche zu -schwimmen. Er leidet Tantalusqualen, weil er in seinem -Heißhunger nicht alles zugleich verschlingen kann, und voll -Widerwillen stößt er die ganze Mahlzeit von sich. -</p> - -<p> -Er sucht die Wahrheit, weil sie Wahrheit ist. Aber ist -sie auf diesem Wege zu finden? Was hat ihm die abstracte -Wissenschaft nicht verheißen, und was hat sie gehalten? -Er wird ein Opfer der Zweifel, die sie erweckt, es scheint -ihm unmöglich irgend etwas zu wissen, irgend ein Eigenthum -zu erwerben, das uns über das Grab folgt, alles -Mühen und Ringen ist vergeblich; ihn ekelt vor Büchern -und allem was Wissenschaft heißt, möge man aufgeklärt oder -unwissend sein, man hat dabei ebensoviel verloren als gewonnen. -Er beklagt die traurige Klarheit, die ihm geworden, -<a id="page-42" class="pagenum" title="42"></a> -die ihm alles, was ihn umgiebt, und ihn selbst in seiner -armseligen Blöße zeigt. Der Verstand, die nagende Skeptik -haben sich selbst vernichtet: „Jede erste Bewegung, alles Unwillkürliche“, -ruft er aus, „ist schön, und schief und verschroben -alles, sobald es sich selbst begreift. O, der Verstand, der unglückliche -Verstand! Studiere nicht zu viel, folge dem Gefühl!“ -Hatte er doch schon früher bei seinen logischen Studien -geseufzt: „nur im Herzen, nur im Gefühle, nicht im Kopfe, -nicht im Verstande wohnt das Glück, es kann nicht wie ein -mathematischer Lehrsatz bewiesen werden.“<a class="fnote" href="#footnote-23" id="fnote-23">[23]</a> -</p> - -<p> -Aber noch ein Mittel giebt es, welches den Mann groß -macht und über alle Zweifel hinweghebt, es ist Handeln, das -besser ist als Wissen; denn „es liegt eine Schuld auf dem -Menschen, die wie eine Ehrenschuld jeden, der Ehrgefühl hat, -unaufhörlich mahnt.“ Auch ihn treibt der Ehrgeiz, dieses gefährliche -Ding, dessen Folgen für ein empfindliches Gemüth -nicht zu berechnen sind. Er durstet nach Thaten und Erfolgen -auf irgend einem Felde. Aber wie soll man handeln, wenn -man nicht weiß, was recht ist? Wird sich für ihn eine Stelle -finden, wo Pflicht und Neigung, That und Einsicht zusammengehen? -Umsonst sieht er sich danach um; umsonst klagt -er sich des allgemeinen Fehlers der Deutschen an, „deren -Verstand durch einige scharfsinnige Lehrer einen Ueberwitz -bekommen habe, der sie die alte geheimnißvolle Kraft der -Herzen verachten läßt.“ Umsonst sagt er sich und seinen -Lebensplänen zum Trotz: „die Ueberlegung findet ihren Zeitpunkt -weit schicklicher nach als vor der That“; die Menschen -machen einen falschen Gebrauch von ihr; während sie das -Gefühl für künftige Fälle reguliren soll, hemmt sie jetzt nur -<a id="page-43" class="pagenum" title="43"></a> -die That, die sich aus der augenblicklichen Eingebung, nicht -aus der Berechnung ergiebt. Er hat Recht, denn die That -ist unmittelbar eins, wie Blitz und Schlag; wer wirklich -handelt, hat keine Zeit zu rechnen, und wer berechnet, handelt -nicht. Doch zum stoßweisen ja gewaltsamen Handeln gebricht -es ihm weder an Entschluß noch Kraft; mit dem rasenden -Muthe eines verzweifelnden Spielers will er dann alles auf -eine Nummer setzen, er greift über sein Ziel hinaus, und -was anfangs sorgliche Ueberlegung war, endet als klägliche -Uebereilung. Denn was kommt bei allen Erfahrungen heraus? -Eines ganzen Lebens bedarf man, um leben zu lernen, Niemand -ahnt den Zweck seines Daseins, und die Vernunft reicht -nicht hin, die Seele und die Dinge zu begreifen. Und an -dieses räthselhafte Ding, „das wir besitzen, wir wissen nicht -von wem, das uns fortführt, wir wissen nicht wohin, ob wir -darüber schalten dürfen, eine Habe, die nichts werth ist, wenn -sie uns etwas werth ist, ein Ding, wie ein Widerspruch, flach -und tief, öde und reich, würdig und verächtlich, vieldeutig -und unergründlich“, an dieses Ding ist der Mensch gefesselt -durch Naturnothwendigkeit! Da giebt es keine Verantwortlichkeit, -wir mögen thun, was wir wollen, wir thun recht! -Fürwahr jene orakelhaften Verse, die in Thun über der Hausthüre -zu lesen waren, und die Kleist so liebte: -</p> - -<div class="poem-container"> - <div class="poem"> - <div class="stanza"> - <p class="verse">Ich komme, ich weiß nicht von wo,</p> - <p class="verse">Ich bin, ich weiß nicht was,</p> - <p class="verse">Ich fahre, ich weiß nicht wohin;</p> - </div> - </div> -</div> - -<p class="noindent"> -waren sein Lebenszeichen, nur der vierte Vers: -</p> - -<div class="poem-container"> - <div class="poem"> - <div class="stanza"> - <p class="verse">Mich wundert, daß ich so fröhlich bin!</p> - </div> - </div> -</div> - -<p class="noindent"> -paßte auf ihn nicht.<a class="fnote" href="#footnote-24" id="fnote-24">[24]</a> -</p> - -<p> -<a id="page-44" class="pagenum" title="44"></a> -In der Knechtschaft der Schulmeinungen, die er sich -auferlegt hat, vermag sich seine reiche Natur nicht zu entfalten; -nun er sie abgeworfen hat, und die Skeptik ihm auch -das Handeln verleidet, durchbrechen Gefühl und Phantasie, -so lange gewaltsam zurückgehalten, jeden Damm um so mächtiger. -Nur seinem Herzen will er folgen, er ist überzeugt, -wenn ein Werk nur recht frei aus dem Schooße des menschlichen -Gemüths hervorgehe, dann müsse es auch der ganzen -Menschheit angehören. Vergessene oder ungeahnte Kräfte -regen sich, aus der Fülle lebendiger Anschauungen beginnt -die Phantasie ihre schaffende Thätigkeit, er fühlt sich als -Schöpfer ideeller Gestalten. Als Künstler winkt ihm jetzt ein -höchstes Ziel, der Lorbeer des Dichters, und seinem Namen -soll ein Platz unter den Sternen nicht fehlen. Es gehört zu -den Dunkelheiten in Kleist’s Leben, daß die Zeit, wo er sich -der Dichtung entschieden zuwandte, nicht mit Sicherheit festzustellen -ist. Im Sommer 1801 in Paris, wohin er vor -seinen abstracten Studien geflohen war, angeblich um praktische -Zwecke zu verfolgen, einsam im endlosen Menschengewühle, -versenkt er sich in seine Phantasien; wie ein stiller -Tag nach dem Sturme steigt die Ruhe in seiner Seele wieder -auf, und zum ersten Mal verräth er, daß er ein dichterisches -Geheimniß habe. Aber der Friede ist nur von kurzer Dauer. -Rastlos arbeitet er. Während ihm angstvoll das Höchste zu -erreichen, der Schweiß von der Stirne rinnt, und er jeden -Blutstropfen seines Herzens für den Buchstaben geben möchte, -entflieht die Begeisterung, der Verstand schleicht herbei, und indem -er einzelne Mängel aufdeckt, flüstert er ihm hämisch und -selbstquälerisch ins Ohr, Vollendung sei ihm doch nicht gegeben. -<a id="page-45" class="pagenum" title="45"></a> -Was soll er länger die Kraft an ein Werk setzen, -das ihm zu schwer ist? Am Einzelnen geht das Ganze zu -Grunde, verzweifelnd zerstört er mit eigener Hand ein Dichterwerk, -das auf den höchsten Ruhm Anspruch hat, kaum in -irgend einem Augenblicke seines Lebens stolzer als jetzt, wo -er vor keinem lebenden Dichter aus den Schranken weicht, -sondern sich vor der Größe eines kommenden, ein Jahrtausend -im Voraus beugt. Demjenigen, der das ausspricht, was er -gewollt hat, ist ein Denkmal gewiß!<a class="fnote" href="#footnote-25" id="fnote-25">[25]</a> -</p> - -<p> -Doch irgendwo muß es auch für ihn einen Balsam geben; -schon der bloße Glaube daran stärkt ihn. Aber wo? Mit -dem Waffenhandwerk und der Kantischen Philosophie hat er -es versucht, mit Hebeln und Schrauben will er die Natur -bezwingen, er ist Dichter und will Bauer werden, er will -sich frei selbst bestimmen, das Schicksal leiten, und fühlt sich -bald als eine jener Drahtpuppen, die er so tief verachtet; -überall tritt seinen Plänen ein dunkles Etwas entgegen, das -sie mit furchtbarer Dialektik in ihr Gegentheil umwendet und -ihn selbst hin- und widerwirft. Mit dem Forschen, Dichten, -Handeln hat er es versucht, überall Stück- und Flickwerk gefunden, -während seiner Seele das Ganze vorschwebt; abhängig, -bedingt in allem fühlt er sich, und nach dem Letzten, -Unbedingten geht sein Streben. Da er es nicht findet, stürzt -er, der strenge Realist, sich in den Abgrund des mystischen -Geheimnisses, wo er das Ganze in seinem Urzusammenhange -zu erfassen meint. -</p> - -<p> -Auch das ist ein Räthsel in Kleist’s Leben, wann er sich -dieser dunkeln Richtung, die ein Ergebniß seiner wachsenden -Hoffnungslosigkeit war, zuerst überlassen habe. In den vertraulichen -<a id="page-46" class="pagenum" title="46"></a> -Briefen findet sich kaum eine Spur davon, sie sind -nach wie vor im Tone bitterer Verachtung oder rationell -scharf gehalten. Auch seine ersten Dichtungen sind weit davon -entfernt, die Schroffensteiner in ihrer grausigen Härte durchaus -realistisch, ebenso Penthesilea, Robert Guiskard. Nach -dem Unglück von 1806 schrieb er noch seine beiden Lustspiele -und gleichzeitig die Marquise von O. Dagegen zeigt sich dieser -dunkle Schatten zuerst im Kohlhaas, milder im Käthchen von -Heilbronn, dessen erste Bruchstücke im Mai 1808 erschienen, -und in voller Stärke in den Beiträgen zu den Abendblättern. -Der Wendepunkt mag die Gefangenschaft in Frankreich im -Frühjahr 1807 gewesen sein; auch hier, in der Einsamkeit -seiner Zelle, beschäftigt er sich dichterisch. Aber immer düsterer -scheinen sich die Wolken um ihn zusammengezogen zu haben. -So zerrten ihn abstracter Verstand und verzehrendes Gefühl, -trockner Schematismus und glühende Phantasie, gemeine Deutlichkeit -und dunkle Mystik, himmelstürmender Muth und ermattende -Verzagtheit einer willenlosen Beute gleich hin und -her. Die Phantasie verdunkelte den Verstand, der Verstand -hemmte die Phantasie, beide lähmten die Kraft des Handelns, -gegenseitig verdarben sie ihr Spiel. Jede allein hätte einen -tüchtigen Menschen ausstatten können, sie alle in diesem -Maße vereinigt, vernichteten den Besitzer, der für sein Glück -zu viel oder zu wenig hatte. Das fühlte er nur allzuwohl; -in schmerzlicher Verzweiflung ruft er aus: „Die Hölle gab -mir meine halben Talente, der Himmel schenkt dem Menschen -ein ganzes oder gar keins!“ So ward er immer bitterer -gegen die Menschen, die ihn nicht verstehen, nicht verstehen -können, denn er versteht sich selber nicht!<a class="fnote" href="#footnote-26" id="fnote-26">[26]</a> Hätte -<a id="page-47" class="pagenum" title="47"></a> -Kleist, wenn man dieser Betrachtung nachgehen darf, eine -große sittliche Kraft in sich getragen, er hätte den Streit -seines Innern durch Unterwerfung unter ein oberstes Gesetz -zur Ruhe gebracht; hätte er die Selbstbescheidung besessen, -ein Talent still anzubauen, sei es, der wissenschaftlichen Forschung, -oder, wozu er gewiß viel höhern Beruf hatte, allein -der Poesie zu leben, vielleicht daß er gerettet worden wäre! -</p> - -<p> -Diesen Zwiespalt, den er überall wiederfand, hat er -in seinen Dichtungen unter verschiedenen Formen dargestellt, -jene geheimnißvolle Wandelung, wie Menschen und Verhältnisse -in räthselhafter Verkettung ihre ursprüngliche Natur -und Freiheit verlieren, um zu werden, was sie nicht werden -wollen; Tugenden verkehren sich in Laster, aus der besten -Absicht wächst das Verderben empor, und wie zum Hohne -menschlicher Weisheit, führt der Frevel zur Versöhnung. Durch -den abgeschmackten Aberglauben eines einfältigen Mädchens -gehen blutsverwandte Familien in den Schroffensteinern zu -Grunde; Penthesilea’s heiße Liebe verzerrt sich zum todbringenden -Vampyrismus; Kohlhaas wird durch sein Rechtsgefühl -zum Verbrecher und Landschädiger, und für zwei Pferde fallen -Menschen und Städte als Sühnopfer; die Selbstverleugnung -der jungen Creolin bringt ihr den Tod von der Hand des -Geliebten; der ritterliche Kämpfer für Tugend und Recht -erliegt im feierlichen Gottesgericht; und im Findling wird -der väterliche Wohlthäter von der Schlange, die er im Busen -erwärmt hat, zu Tode gestochen. Umgekehrt wird der thierische -Frevel in der Marquise v. O. wider aller Menschen -Erwarten zur sühnenden Liebe; im Erdbeben von Chili werden -durch den Untergang Tausender in einem plötzlichen -<a id="page-48" class="pagenum" title="48"></a> -Naturereigniß im Augenblicke des Todes der Inquisition ihre -Opfer entrissen, freilich um ihn gleich darauf während des -Dankgebetes für die wunderbare Rettung desto furchtbarer -zu erleiden; und in der heiligen Cäcilie werden die Sünder -zu Boden geschmettert, als sie die Hände zum Tempelraube -erheben. In der Heilung (I, 3, 2) wird der Wahnsinn durch -den Wahnsinn geheilt; und im Grabe der Väter (I, 3, 3) -eine Ehe im Grabe geschlossen. Satirisch gewendet erscheint -dieselbe Ansicht in dem „allerneuesten Erziehungsplan“ (I, 5, 1), -der eine Schule der Tugend durch das Laster zu errichten -vorschlägt. Milder sind Käthchen von Heilbronn und der -Prinz von Homburg. Dort wird der ritterliche Starrsinn -durch die reine Natur des einfachen Mädchens unterworfen, -hier wird der Prinz träumend ein rettender Schlachtenheld, -um wachend in eisiger Todesfurcht zu verzagen. Eine großartige -Wendung erhält dieser Gedanke in der <a id="corr-5"></a>Hermannsschlacht; -aus der tiefsten Knechtschaft erwächst die Freiheit, darin liegt -hier zugleich die Versöhnung. Aber überwiegend sind es -Nachtstücke, fern von allem Idealismus der classischen Periode. -</p> - -<p> -Ueberhaupt steht Kleist in entschiedenem Gegensatze zu -Goethe und Schiller. Ihrer ausgleichenden Classicität setzte -er mit kühner Hand den schreienden Zwiespalt, das Grausige -in seiner Nacktheit entgegen, den allgemeinen idealen Gestalten -derb realistische, dem Antiken das volksthümlich Deutsche, -Provinzielle, unbekümmert ob seine Dissonanzen das verwöhnte -Ohr zerschnitten, und seine lebenswahre Grobheit dem classisch -gebildeten Sinne brutal schien. Goethe’s und Schiller’s Dichtung -war in ihrer Wurzel deutsch, aber doch kosmopolitisch -vielseitig; Kleist hat seine Räthsel in deutsche Stoffe und -<a id="page-49" class="pagenum" title="49"></a> -Charaktere hineingelegt, er war volksthümlich und einseitig. -So griff er als vaterländischer Dichter in den großen Kampf -der Befreiung ein. -</p> - -<p> -Tiefer Schmerz erfaßte ihn, als er den ungeheuern Sturz -aller Verhältnisse überschaute. Schon im Herbst 1806 rief -er seiner Schwester zu: „Es wäre schrecklich, wenn dieser -Wüthrich sein Reich gründete! Nur ein sehr kleiner Theil -der Menschen begreift, was für ein Verderben es ist, unter -seine Herrschaft zu kommen. Wir sind die unterjochten Völker -der Römer.“ In diesen Worten liegt der Keim seiner Hermannsschlacht. -Er selbst fällt in die Hand des Feindes, mit -jedem Siege wächst das Verderben, er zweifelt, ob in hundert -Jahren noch Jemand im deutschen Norden deutsch sprechen -werde.<a class="fnote" href="#footnote-27" id="fnote-27">[27]</a> In dem einen Leiden des Vaterlandes geht jetzt -alles Leid, auch das seine auf. Der Ingrimm, der an seinem -Herzen wie ein Geier nagt, wendet sich von den kleinen -Menschen und Verhältnissen auf die großen und größten, auf -den Dämon der Zeit, auf Napoleon den Korsenkaiser. In -der erstarkenden Liebe zum alten Vaterlande sammelten sich -seine Kräfte noch einmal. Sie war nicht blos ein verneinender -Haß gegen das Fremde, für ihn ward sie eine Läuterung, -aus der seine Dichtung reiner hervorging, und seine drei -großen vaterländischen Dramen erwuchsen. Er hatte wieder -ein Ziel gefunden; es war kein willkürliches, durch die großen -Ereignisse ward es ihm gegeben, es war die Wiedererweckung -des erstorbenen Gefühls für Freiheit und Volksehre. So -dichtete er die Hermannsschlacht, ein gewaltiges politisch historisches -Doppelbild, das in der Vergangenheit das Unheil der -Gegenwart und das Heil der Zukunft im Spiegel der Poesie -<a id="page-50" class="pagenum" title="50"></a> -erscheinen ließ. Seine Römer und Germanen bedeuten Franzosen -und Deutsche, und doch sind sie nichts weniger als -Typen; es sind Menschen aus dem Volke der Welteroberer -und der Urgermanen; gerade hier hat sich die Dichterkraft -glänzend bewährt. -</p> - -<p> -Rom und sein Augustus will in Deutschland nur einen -Fürsten dulden, „der seinem Thron auf immer sich verbinde.“ -Es kennt diese kleinen Herren, die um ein Wort, einen leeren -Vorzug, eine scheinbare Selbständigkeit, die nur durch Demüthigung -vor dem fremden Herrscher erkauft werden kann, -streiten, und lieber diesem als einem aus ihrer Mitte sich -unterwerfen. Sie fallen sich „wie zwei Spinnen“ an, und -</p> - -<div class="poem-container"> - <div class="poem"> - <div class="stanza"> - <p class="verse">— Es bricht der Wolf, o Deutschland,</p> - <p class="verse">In deine Hürde ein, und deine Hirten streiten</p> - <p class="verse">Um eine Hand voll Wolle sich!</p> - </div> - </div> -</div> - -<p class="noindent"> -Aber das römische Bündniß wird Unterdrückung, die verheißene -Freiheit Knechtschaft, das Gebiet der Neutralen wird -schonungslos verletzt, „es wird jedwedem Gräuel des Krieges -Preis gegeben“, und die Abtrünnigen um den Lohn der fluchwürdigen -Feigherzigkeit betrogen. Ausgepreßt wird das deutsche -Land bis auf den letzten Blutstropfen, denn „für wen erschaffen -ward die Welt, wenn nicht für Rom?“ Wie Elephant -und Seidenwurm zu Roms Schmuck hergeben müssen, was -die Natur ihnen verlieh, so der Deutsche; er ist eine Bestie, -„die auf vier Füßen in den Wäldern läuft“, und ausgeweidet -und dann gepelzt wird. Wer erkennte nicht in dem Latier, -„der keine andere Volksnatur verstehen konnte und ehren als -nur seine“ den Franzosen? Napoleon’s höhnende Politik, die -mit zweizüngiger List die Schwachen umgarnt, Krieg führt -<a id="page-51" class="pagenum" title="51"></a> -mitten im Frieden, das Markten deutscher Fürsten in Paris -um Fetzen deutschen Gebiets, das Anfachen der Eifersucht -Oesterreichs und Preußens, die Kriecherei der Rheinbündler, -das Hinzerren der Schwäche Preußens, die blutige Verwüstung -Hessens, Thüringens, der preußischen Lande? Varus mit seinem -schneidenden Wort: -</p> - -<div class="poem-container"> - <div class="poem"> - <div class="stanza"> - <p class="verse">Was bekümmerts mich? Es ist nicht meines Amtes</p> - <p class="verse">Den Willen meines Kaisers zu erspähn.</p> - <p class="verse">Er sagt ihn, wenn er ihn vollführt will wissen;</p> - </div> - </div> -</div> - -<p class="noindent"> -ist das lebendige Ebenbild jener eisernen Marschälle, Mortier, -Ney, Davoust; und Ventidius, der galante Friseurkünste treibt, -einer der jüngeren französischen Officiere, die im Boudoir -der Damen die gefährlichste Politik geheimer Verführung -trieben.<a class="fnote" href="#footnote-28" id="fnote-28">[28]</a> -</p> - -<p> -In derselben Stimmung sind die satirischen Briefe entstanden. -Nicht entschieden genug können die offnen oder geheimen -Bundesgenossen der Feinde im Vaterlande selbst der -Verachtung preisgegeben werden. Der rheinbündische Officier, -der sich mit dem elenden Troste entschuldigt, ein Deutscher -könne seinen Landsleuten im Hauptquartier Napoleon’s durch -Milderung der Einquartirung die besten Dienste leisten; das -Landfräulein, wie Kleist von seiner Thusnelda sagte, eins -von den Weiberchen, die einfältig genug sind, „sich von französischen -Manieren fangen zu lassen“, das den Verführer heirathen -will, an dessen Rock das Blut ihrer Brüder und Verwandten -klebt; der Festungscommandant, der die Häuser der -Bürger verbrennt und die Vertheidigungsmittel aus der Stadt -schafft; sie alle waren nur zu getreue Abbilder ganzer Classen -von Verräthern. Man wußte ja, welche schmachvollen Eroberungen -<a id="page-52" class="pagenum" title="52"></a> -die Franzosen in den Familien gemacht hatten, und -mochten auch manche Schilderungen böswillig übertrieben sein, -so war es doch z. B. eine amtlich festgestellte Thatsache, daß -eine sechszigjährige Wittwe einen zwanzigjährigen französischen -Soldaten heirathete, und zu dessen Gunsten ihren eigenen -Sohn enterbte. Was will des Dichters Satire bedeuten gegen -diese furchtbarste Satire der Thatsachen? Die Commandanten -von Cüstrin und Magdeburg hatten ja kurz vor der Capitulation -die Vorstädte niederzubrennen gedroht oder wirklich -niedergebrannt; und in dem Königlichen Publicandum vom -6. December 1806 waren sie, und diese ganze Gattung, bezeichnet -worden als Knechte, „die ihre Pferde absträngen, um -davonzujagen.“<a class="fnote" href="#footnote-29" id="fnote-29">[29]</a> -</p> - -<p> -War diese Satire zermalmend, so war der Gedanke, -die Trugpolitik des Feindes als System darzustellen und die -Lügenkünste der französischen Journale nach Lehrsätzen zu -entwickeln, vielleicht der geistvollste, den Kleist in dieser Ideenverbindung -hatte. Er war im Sinne Swift’s gefaßt. Was -ein politischer Weiser, der dies Treiben an der Quelle studiert -hatte, der Graf Schlabrendorf davon sagte, stellte Kleist systematisch -dar: „Es ist gar keine Kunst, eine Unwahrheit zu -erfinden. Jeder Flachkopf kann das. Die eigentliche Kunst besteht -darin, aus zweien Sätzen, die, jeder einzeln, wahr sind, -durch arglistige Zusammenstellung einen dritten herauszubringen, -der eine Lüge ist. Das ist die vornehmste Art der -Rabulisterei, aber auch zugleich die gemeinste.“ Oder wie -Kleist die Aufgabe stellt: „Alles was in der Welt vorfällt, -zu entstellen, und gleichwohl ziemliches Vertrauen zu haben.“ -Mit sarkastischer Folgerichtigkeit entwickelt er den ganzen Vorrath -<a id="page-53" class="pagenum" title="53"></a> -von Trug- und Gewaltmitteln, und der letzte Zweck ist: -„die Regierung über allen Wechsel der Begebenheiten hinaus -sicher zu stellen, und die Gemüther, allen Lockungen des Augenblickes -zum Trotz, in schweigender Unterwürfigkeit unter das -Joch derselben niederzuhalten.“<a class="fnote" href="#footnote-30" id="fnote-30">[30]</a> -</p> - -<p> -Diesen geheimen Künsten des Feindes gegenüber konnte -dem Volke nicht eindringlich genug wiederholt werden, was es -zu thun habe, um sich aus dem Elende zu retten. Keine Form -war dem furchtbaren Humor geeigneter als der Katechismus, -der die christlichen Grundwahrheiten als Gebote Gottes lehrt, -und in dem Alte und Kinder Trost und Heil suchen. Einige -Jahre früher hatten die Gründer der romantischen Schule -gar manches zur Religion machen wollen; hier sollte mit der -Vaterlandsliebe als Religion Ernst gemacht werden. Hatte -der Kosmopolitismus sich der religiösen Weihe gerühmt, so -war auch das Volk, das deutsche Volk, die lebendige Darstellung -eines Gedankens aus dem göttlichen Geiste, und die -Heils- und Rettungslehre vom Vaterlande sollte Alten und -Jungen eingeprägt werden. -</p> - -<p> -Ein Mann wie Kleist konnte nur der Partei angehören, -die Preußen je eher je besser in den Kampf führen, alles -an alles setzen und lieber ruhmvoll untergehen, als schmählich -leben wollte. Nur zu Stein, <a id="corr-6"></a>Scharnhorst, Gneisenau konnte -er stehen, zu den sogenannten Exaltirten, wie damals die -deutsche Partei genannt wurde. Volksbewaffnung, Volkskrieg -war ihr Gedanke; der Norddeutsche konnte so gut, wie Spanier -und Tiroler, sein Joch zertrümmern, Katt, Dörnberg, Schill -erhoben sich, das Maß war übervoll, das Volk genug geknechtet, -geschmäht, getreten, um endlich in voller Wuth -<a id="page-54" class="pagenum" title="54"></a> -hervorzubrechen. Was Staatsmänner beriethen und Generale -vorbereiteten, sprach er 1808 in der Hermannsschlacht als -letztes Rettungsmittel aus; wie Gneisenau wollte sein Hermann, -die Germanen sollten Weib und Kind zusammenraffen, -ihre Güter verkaufen, die Fluren verwüsten, die Heerden erschlagen, -die Plätze niederbrennen, denn der That bedarf es, -nicht der Verschwörung, Schwätzer mögen Deutschland zu -befreien mit Chiffern schreiben und einander Boten senden, -die die Römer hängen, er will einen Krieg -</p> - -<div class="poem-container"> - <div class="poem"> - <div class="stanza"> - <p class="verse">Entflammen, der in Deutschland rasselnd</p> - <p class="verse">Gleich einem dürren Walde um sich greifen</p> - <p class="verse">Und auf zum Himmel lodernd schlagen soll!</p> - <p class="verse">— —</p> - <p class="verse">Die ganze Brut, die in den Leib Germaniens</p> - <p class="verse">Sich eingefilzt, wie ein Insectenschwarm,</p> - <p class="verse">Muß durch das Schwerdt der Rache jetzo sterben.</p> - <p class="verse">— —</p> - <p class="verse">Die Guten mit den Schlechten. Was! Die Guten!</p> - <p class="verse">Das sind die Schlechtesten! Der Rache Keil</p> - <p class="verse">Soll sie zuerst vor allen Andern treffen!</p> - </div> - </div> -</div> - -<p class="noindent"> -Und das sollte von der Bühne herab verkündet werden; am -1. Januar 1809 sandte Kleist die Hermannsschlacht dem Wiener -Burgtheater; sein Schauspiel schien ihm des Erfolges sicher -zu sein. Das ist auch der Grundton seines Katechismus.<a class="fnote" href="#footnote-31" id="fnote-31">[31]</a> -</p> - -<p> -In sechszehn Capiteln spricht er von Deutschland überhaupt, -von der Liebe zum Vaterlande, von der Zertrümmerung -des Vaterlandes, vom Erzfeind, von der Erziehung der -Deutschen, der Verfassung der Deutschen, den freiwilligen Beiträgen, -den obersten Staatsbeamten, vom Hochverrathe. Die -<a id="page-55" class="pagenum" title="55"></a> -fehlenden Capitel handelten augenscheinlich von den Mitteln, -den Erzfeind zu bekämpfen, von der Organisation des Kampfes, -vom Aufstande des Volks. Auch hier geht er von der -Gegenwart aus. Auf der Karte giebt es seit 1805 kein Deutschland -mehr. „Wo find ich dies Deutschland? wo liegt es?“ -lautet die bittere Frage. Dennoch hat es ein unverlierbares -Dasein in der Liebe derer, die ihm anhangen, weil es das -Vaterland ist. Aber es ist zertrümmert worden von dem -Korsenkaiser, den die Deutschen nie beleidigt haben, und der -sie mitten im Frieden unterjocht. Und warum that er es? -„Weil er ein böser Geist ist, der Erzfeind, der Anfang alles -Bösen, das Ende alles Guten!“ So braust der Strom eines -vernichtenden Zornes hin, der umsonst nach Ausdrücken und -Bildern sucht, durch die seine ganze Fülle sich ergießen könne. -Der Deutsche soll sich vergegenwärtigen, was er gelitten habe, -des Morgens, wenn er sich vom Lager erhebt, des Abends, -wenn er zur Ruhe geht; die höchsten Güter, die Gott dem -Menschen verliehen, „Gott, Vaterland, Kaiser, Freiheit, Liebe -und Treue, Schönheit, Wissenschaft und Kunst“ soll er wieder -erringen, den Erzfeind hassen, aus allen Kräften bekämpfen, -alles entbehren, alles opfern, und wenn auch kein Mensch am -Leben bliebe, dennoch müßte gekämpft werden, „weil es Gott -lieb ist, wenn Menschen ihrer Freiheit wegen sterben, weil es -ihm ein Gräuel ist, wenn Sclaven leben!“ -</p> - -<p> -So predigte er die Religion der volksthümlichen Selbständigkeit, -des nationalen Hasses, so dachten und sprachen -Stein, Blücher, Fichte. „Man muß der Nation das Gefühl -der Selbständigkeit einflößen“, schrieb Scharnhorst an Clausewitz, -„man muß ihr Gelegenheit geben, daß sie mit sich selbst -<a id="page-56" class="pagenum" title="56"></a> -bekannt wird, daß sie sich ihrer selbst annimmt; nur erst -dann wird sie sich selbst achten, und von Andern Achtung zu -erzwingen wissen!“ Und Stein an Wittgenstein: „Die Erbitterung -nimmt in Deutschland täglich zu, und es ist rathsam, -sie zu nähren und auf die Menschen zu wirken. — Die -spanischen Angelegenheiten machen einen sehr lebhaften Eindruck -und beweisen handgreiflich, was wir längst hätten glauben -sollen. Es wird sehr nützlich sein, sie möglichst auf eine vorsichtige -Art zu verbreiten.“ Endlich Blücher: „Mein Rath -ist zu den Waffen unsere und die gantze deutsche Nation aufzuruffen, -den vaterländischen boden zu verteidigen, die waffen -im allgemeinen nicht ehender nieder zu legen, bis ein Volck, -daß uns unterjochen wollte, vom dießseitigen Reinufer vertrieben -sei; jeder deutsche der mit den waffen wider uns -getroffen werde, habe den Tod verwürkt; ich weiß nicht, warum -wihr uns nicht den Tihrollern und Spaniern gleich achten -wollen!“ So der Held, der Staatsmann, der Dichter. -</p> - -<p> -Doch dazu waren in Preußen die Dinge noch nicht reif; -aber um so mächtiger erhob sich Oesterreich, das, seiner alten -Natur entsagend, sich an die Kraft des Volkes wandte. Wie -zündende Funken schlugen die Aufrufe des Kaisers und des -Erzherzogs Karl ein, als deren Verfasser man Friedrich Schlegel -und Gentz nannte. „Wir kämpfen“, sagte der Erzherzog -in seinem Aufruf an die deutsche Nation, „um die Selbständigkeit -der österreichischen Monarchie zu behaupten, um Deutschland -die Unabhängigkeit und National-Ehre wieder zu verschaffen, -die ihm gebühren. Dieselben Anmaßungen, die uns -jetzt bedrohen, haben Deutschland bereits gebeugt. Unser -Widerstand ist seine letzte Stütze zur Rettung. Unsere Sache -<a id="page-57" class="pagenum" title="57"></a> -ist die Sache Deutschlands!“ Und in einem andern: „Die -Masse der Nation selbst hat sich in ihrem gerechten Unwillen -erhoben und die Waffen ergriffen! — Der jetzige Augenblick -kehrt nicht zurück in Jahrhunderten! Ergreift ihn, damit er -nicht für Euch auf immer entfliehe! Ahmet Spaniens großes -Beispiel nach! — Zeiget, daß auch Euch Euer Vaterland und -eine selbständige deutsche Regierung und Gesetzgebung theuer -sei, daß Ihr Entschluß und Kraft habt, es aus der entehrenden -Sclaverei zu reißen, es frei, nicht unter fremdem Joche erniedrigt, -Euren Kindern zu hinterlassen.“<a class="fnote" href="#footnote-32" id="fnote-32">[32]</a> Noch einmal erhoben -die Habsburger das Banner des deutschen Volkes, sie -gaben das Zeichen zum Kampf, und noch einmal leuchteten -das alte Kaiserthum, das alte Reich in einem zauberischen -Glanze volksthümlicher Größe, den sie seit dem Untergange -der Hohenstaufen in Wirklichkeit nie gehabt hatten. Die Vergangenheit -enthielt was die Zukunft versprach, was der Gegenwart -fehlte. Daher, wie bei vielen Andern, die zum österreichischen -Heere eilten, auch bei Kleist, dem Brandenburger, -die Begeisterung für Oesterreich, für Franz den Zweiten, den -alten Kaiser, den Vormund, Vater und Wiederhersteller der -Deutschen, „der den großmüthigen Kampf für das Heil des -unterdrückten und bisher noch wenig dankbaren Deutschland -unternommen hat“; für den Erzherzog Karl, der „die göttliche -Kraft das Werk an sein Ziel hinaus zu führen dargethan -hat.“ -</p> - -<p> -Wohin dieser Kampf für Gottes heilige Ordnung endlich -führen mußte, ahnte er; wie der Deutsche zum Deutschen -zurückkehren, alle sich gemeinsam umwenden würden gegen den -Feind, den Rhein ereilen, um „dann nach Rom selbst aufzubrechen, -<a id="page-58" class="pagenum" title="58"></a> -wir oder unsere Enkel“, damit der Weltkreis endlich -Ruhe gewinne. Ueber diese Erfüllung hinaus sah er <em>einen</em> -Herrscher an der Spitze des Vaterlands, von dem er im -Prinzen von Homburg sagte: -</p> - -<div class="poem-container"> - <div class="poem"> - <div class="stanza"> - <p class="verse">Das wird sich ausbaun herrlich, in der Zukunft,</p> - <p class="verse">Erweitern unter Enkels Hand, verschönern,</p> - <p class="verse">Mit Zinnen, üppig, feenhaft, zur Wonne</p> - <p class="verse">Der Freunde und zum Schrecken aller Feinde.<a class="fnote" href="#footnote-33" id="fnote-33">[33]</a></p> - </div> - </div> -</div> - -<p class="noindent"> -So eilte sein Seherblick über fünf verhängnißvolle Jahre -fort; in seinem Prinzen von Homburg ahnte er den künftigen -York und nahm die Siege von 1813 und 1815 voraus. Doch -nicht so gut wie seinem Helden ward es ihm selbst. Den -Glauben an den Sieg der ewigen Mächte, der den Dichter -begeisterte, vermochte der Mensch nicht festzuhalten, und sein -Zweifel führte ihn in den Tod. Weil sein Dichterglaube der -Zeit voraneilte, verließen ihn die Zeitgenossen; und kraftlos -schien sein Wort zu verhallen. Die Hermannsschlacht, der -Prinz von Homburg kamen nicht zur Darstellung, nicht einmal -zum Druck; seine Aufrufe, die ganz Deutschland galten, -mußte er bei verschlossenen Thüren vorlesen, dann wurden sie -vergessen. Er hatte gehofft, jetzt werde Deutschland sich erheben, -es erhob sich nicht; er hatte gehofft, jetzt werde Oesterreich -siegen, es ward geschlagen. Auch die Hoffnung auf die -Rettung des Vaterlandes, an der er sich noch einmal aufgerichtet -hatte, scheiterte, und er mit ihr. Hätte er sterben können -auf dem Schlachtfelde, mit dem Degen in der Faust, wie sein -Vorfahr Ewald von Kleist, wie Theodor Körner, er wäre glücklich -gewesen. Er ist gefallen wie Schill, weil es noch nicht -an der Zeit war; aber nicht wie der Held, dessen Untergang -<a id="page-59" class="pagenum" title="59"></a> -noch ein Sieg ist, sondern im Streite mit sich selbst. Zu -seinem Verderben reichen sich jetzt Phantasie und Verstand -die Hände, die Verzweiflung, die ihm von jener ausgemalt -wird, beweist ihm dieser, und mit trügerisch kalter Ueberlegung, -die er unaussprechliche Heiterkeit nennt, wird er fremden -Blutes schuldig und giebt sich dann den Tod. Voreilig greift -er in sein Geschick, beraubt sich des Höchsten, was er ersehnt -hat, und in tragischer Ueberstürzung endet der tragische -Dichter. -</p> - -<p> -Kleist hat sich selbst gerichtet, aber seine Stelle in der -Litteratur und Geschichte unseres Volkes bleibt ihm unvergänglich. -Jene Zeit hat seinen Mahnruf überhört; desto -eindringlicher tönt er zu uns herüber; es ist die Stimme des -Propheten, die sich nach mehr als fünfzig Jahren warnend -aus dem Grabe erhebt. Oder hätten wir etwa Veranlassung, -sie heute zu überhören? Wäre sie wirklich nur ein geschichtliches -Zeugniß vergangener Zeiten? Wollte Gott, wir könnten -es sagen! Noch ist der Ueberwitz bei uns zu Hause, noch -treiben wir Handel und Wandel im Schweiße des Angesichts, -während andere die Früchte deutscher Arbeit genießen; -noch hadern die Hirten um eine Hand voll Wolle, noch gilt -das Ganze als Verrath am Einzelnen, und jeder Zoll will -ein König sein. Wieder haben sich die Epigonen der Eroberer -erhoben und werfen ihre lüsternen Blicke auf die -deutsche Erde, wieder spinnt die Trugpolitik die unsichtbaren -zähen Fäden ihres Netzes, wieder heulen die Wölfe an den -deutschen Marken. Sollte das alte Chaos je wiederkehren? -Wäre das möglich nach so vielen Opfern, schweren Kämpfen -<a id="page-60" class="pagenum" title="60"></a> -und schmerzlichen Erfahrungen? Nimmermehr! Auch Völker -lernen aus der Geschichte, nur langsamer als der Einzelne; -schwerer hat keines dafür gezahlt, als das deutsche. Möge -es durch die That zeigen, es habe Kleist’s großes Wort -endlich erkennen gelernt: -</p> - -<p> -„Vergebt, vergeßt, versöhnt, umarmt und liebt euch!“ -</p> - -<p class="tit"> -<a id="page-61" class="pagenum" title="61"></a> -<span class="line1">Nachtrag</span><br /> -<span class="line2">zu</span><br /> -<span class="line3">Heinrich von Kleist’s Werken.</span> -</p> - -<h2 class="part" id="part-4"> -<a id="page-63" class="pagenum" title="63"></a> -<span class="line1">I. Prosa.</span> -</h2> - -<h3 class="chapter" id="chapter-4-1"> -<span class="line1">1. Politische Satiren.</span> -</h3> - -<h4 class="subchap" id="subchap-4-1-1"> -<span class="line1">1. Brief eines rheinbündischen Officiers an seinen Freund.<a class="fnote" href="#footnote-34" id="fnote-34">[34]</a></span> -</h4> - -<p class="first"> -<span class="firstchar">A</span>uf meine Ehre, mein vortrefflicher Freund, Sie irren sich. -Ich will ein Schelm sein, wenn die Schlacht von Jena, wie -Sie zu glauben scheinen, meine politischen Grundsätze verändert -hat. Lassen Sie uns wieder einmal nach dem Beispiel -des schönen Sommers von 1806 ein patriotisches Convivium -veranstalten (bei Sala schlag ich vor,<a class="fnote" href="#footnote-35" id="fnote-35">[35]</a> er hat frische Austern -bekommen und sein Burgunder ist vom Beßten), so sollen Sie -sehen, daß ich noch ein ebenso enthousiastischer Anhänger der -Deutschen bin wie vormals. Zwar der Schein, ich gestehe -es, ist wider mich. Der König hat mich nach dem Frieden -bei Tilsit auf die Verwendung des Reichsmarschalls Herzogs -von Auerstädt,<a class="fnote" href="#footnote-36" id="fnote-36">[36]</a> dem ich einige Dienste zu leisten Gelegenheit -[hatte],<a class="fnote" href="#footnote-37" id="fnote-37">[37]</a> zum Obristen avancirt. Man hat mir das Kreutz -der Ehrenlegion zugeschickt, eine Auszeichnung, mit welchem -ich, wie Sie selbst einsehen, öffentlich zu erscheinen, nicht -unterlassen kann; ich würde den König, dem ich diene, auf -eine zwecklose Weise dadurch compromittiren. -</p> - -<p> -Aber was folgt daraus? Meinen Sie, daß diese Armseeligkeiten -mich bestimmen werden, die große Sache, für die -die Deutschen fechten, aus den Augen zu verlieren? Nimmermehr! -<a id="page-64" class="pagenum" title="64"></a> -Lassen Sie nur den Erzherzog Carl, der jetzt ins Reich -vorgerückt ist, siegen, und die Deutschen, sowie er es von -ihnen verlangt hat, <span class="antiqua">en masse</span> aufstehen, so sollen Sie sehen, -wie ich mich alsdann entscheiden werde.<a class="fnote" href="#footnote-38" id="fnote-38">[38]</a> -</p> - -<p> -Muß man denn den Abschied nehmen und zu den Fahnen -der Oesterreicher übergehen, um dem Vaterlande diesen Augenblick -nützlich zu sein? Mit nichten! Ein Deutscher, der es -redlich meint, kann seinen Landsleuten in dem Lager der -Franzosen selbst, ja in dem Hauptquartier des Napoleon, die -wichtigsten Dienste thun. Wie mancher kann der Requisition -an Fleisch oder Fourage vorbeugen; wie manches Elend -der Einquartirung mildern? -</p> - -<p> -Ich bin mit wahrer Freundschafft u. s. w. -</p> - -<p class="ns"> -N. S. -</p> - -<p> -Hierbei erfolgt feucht, wie es eben der Courier überbringt, -das erste Bülletin der französischen Armee. Was sagen -Sie dazu? Die Österreichische Macht total pulverisirt, alle -Corps der Armee vernichtet, drei Erzherzöge todt auf dem -Platz!<a class="fnote" href="#footnote-39" id="fnote-39">[39]</a> — Ein verwünschtes Schicksal! Ich wollte schon zur -Armee abgehn. Herr von Montesquiou, hat, wie ich höre, -das Bülletin nunmehr anhero gebracht, und ist dafür von -Sr. Majestät mit einer Tabatiere, schlecht gerechnet 2000 Ducaten -an Werth beschenkt worden. -</p> - -<h4 class="subchap" id="subchap-4-1-2"> -<span class="line1">2. Brief eines jungen märkischen Landfräuleins an ihren Onkel.</span> -</h4> - -<p class="adr"> -Theuerster Herr Onkel, -</p> - -<p> -Die Regungen der kindlichen Pflicht, die mein Hertz -gegen Sie empfindet, bewegen mich, Ihnen die Meldung zu -<a id="page-65" class="pagenum" title="65"></a> -thun, daß ich mich am 8ten d. von Verhältnissen, die ich -nicht nennen kann, gedrängt, mit dem jungen Hrn. <span class="antiqua">Lefat</span>, -Capitain bei dem 9. französischen Dragonerregiment, der in -unserm Hause zu P... einquartiert war, verlobt habe.<a class="fnote" href="#footnote-40" id="fnote-40">[40]</a> -</p> - -<p> -Ich weiß, gnädigster Onkel, wie Sie über diesen Schritt -denken. Sie haben sich gegen die Verbindungen, die die -Töchter des Landes, so lange der Krieg fortwährt, mit den -Individuen des französischen Heers vollziehn, oftmals mit -Heftigkeit und Bitterkeit erklärt. Ich will Ihnen hierin nicht -ganz Unrecht geben. Man braucht keine Römerinn oder Spartanerinn -zu sein, um das Verletzende, das allgemeine betrachtet -darin liegen mag, zu empfinden. Diese Männer sind -unsere Feinde; das Blut unserer Brüder und Verwandten klebt, -um mich so auszudrücken, an ihren Röcken, und es heißt sich -gewissermaßen, wie Sie sehr richtig bemerken, von den Seinigen -lossagen, wenn man sich auf die Parthei derjenigen -herüber stellt, deren Bemühen ist sie zu zertreten, und auf -alle ersinnliche Weise zu verderben und zu vernichten. -</p> - -<p> -Aber sind diese Männer, ich beschwöre Sie, sind sie die -Urheber des unseeligen Kriegs, der in diesem Augenblick zwischen -Franzosen und Deutschen entbrannt ist? Folgen sie -nicht, der Bestimmung eines Soldaten getreu, einem blinden -Gesetz der Nothwendigkeit, ohne selbst oft die Ursach des -Streits, für den sie die Waffen ergreifen, zu kennen? Ja, -giebt es nicht Einzelne unter ihnen, die den rasenden Heereszug, -mit welchem Napoleon von Neuem das deutsche Reich -überschwemmt, verabscheuen, und die das arme Volk, auf dessen -Ausplünderung und Unterjochung es angesehen ist, aufs Innigste -bedauern und bemitleiden? -</p> - -<p> -<a id="page-66" class="pagenum" title="66"></a> -Vergeben Sie, mein theuerster und beßter Oheim! Ich -sehe die Röthe des Unwillens auf Ihre Wangen treten! Sie -glauben, ich weiß, Sie glauben an diese Gefühle nicht; Sie -halten <a id="corr-7"></a>sie für die Erfindung einer satanischen List, um das -Wohlwollen der armen Schlachtopfer, die sie zur Bank führen, -gefangen zu nehmen. Ja, diese Regung, selbst wenn sie vorhanden -wäre, versöhnt Sie nicht, Sie halten den Ihrer doppelten -Rache für würdig, der das Gesetz des göttlichen Willens -anerkennt und gleichwol auf eine so lästerliche und höhnische -Weise zu verletzen wagt. -</p> - -<p> -Allein, wenn die Ansicht, die ich aufstellte, allerdings -nicht gemacht ist, die Männer, die das Vaterland eben<a class="fnote" href="#footnote-41" id="fnote-41">[41]</a> vertheidigen, -zu entwaffnen, indem sie unmöglich, wenn es zum -Handgemenge kömmt, sich auf die Frage einlassen können, -wer von denen, die auf sie anrücken, schuldig ist oder nicht: -so verhält es sich doch, mein gnädigster Onkel, mit einem -Mädchen anders; mit einem armen schwachen Mädchen, auf -dessen leicht bethörte Sinne, in der Ruhe eines monatlangen -Umgangs, alle Liebenswürdigkeiten der Geburt und der Erziehung -einzuwirken Zeit finden, und das, wie man leider -weiß, auf die Vernunft nicht mehr hört, wenn das Herz sich -bereits für einen Gegenstand entschieden hat. -</p> - -<p> -Hier lege ich Ihnen ein Zeugniß bei, das Hr. <span class="antiqua">v. Lefat</span> -sich auf die Forderung meiner Mutter von seinem Regimentschef -zu verschaffen gewußt hat. Sie werden daraus ersehen, -daß das, was uns ein Feldwebel von seinem Regiment von -ihm sagte, nämlich daß er schon verheiratet sei, eine schändliche -und niederträchtige Verläumdung war. Hr. <span class="antiqua">v. Lefat</span> ist -selbst vor einigen Tagen in B.— gewesen, um das Attest, -<a id="page-67" class="pagenum" title="67"></a> -das die Declaration vom Gegentheil enthält, formaliter von -seinem Obristen ausfertigen zu lassen. Ueberhaupt muß ich -Ihnen sagen, daß die niedrige Meinung, die man hier in -der ganzen Gegend von diesem jungen Manne hegt, mein -Herz auf das Empfindlichste kränkt. Der Leidenschaft, die -er für mich fühlt, und die ich als wahrhaft zu erkennen, die -entscheidendsten Gründe habe, wagt man die schändlichsten Absichten -unterzulegen. Ja, mein voreiliger Bruder geht soweit -mich zu versichern, daß der Obrist, sein Regimentschef, gar -nicht mehr in B.— sei —, und ich bitte Sie, der Sie sich in -B.— aufhalten, dem Ersteren darüber nach angestellter Untersuchung -die Zurechtweisung zu geben. Ich leugne nicht, daß -der Vorfall, der sich vor einiger Zeit zwischen ihm und der -Kammerjungfer meiner Mutter zutrug, einige Unruhe über -seine sittliche Denkungsart zu erwecken geschickt war. Abwesend, -wie ich an diesem Tage von P.— war, bin ich gänzlich -außer Stand über die Berichte dieses albernen und eingebildeten -Geschöpfs zu urtheilen. Aber die Beweise, die -er mir, als ich zurückkam und in Thränen auf mein Bette -sank, von seiner ungetheilten Liebe gab, waren so eindringlich, -daß ich die ganze Erzählung als eine elende Vision -verwarf, und von der innigsten Reue bewegt, das Band -der Ehe, von dem bis dahin noch nicht die Rede gewesen -war, jetzt allererst knüpfen zu müssen glaubte. — Wären -sie es weniger gewesen, und Ihre Laura noch frei und ruhig -wie zuvor! -</p> - -<p> -Kurz, mein theuerster und beßter Onkel, retten Sie mich! -</p> - -<p> -In 8 Tagen soll, wenn es nach meinen Wünschen geht, -die Vermählung sein. -</p> - -<p> -<a id="page-68" class="pagenum" title="68"></a> -Inzwischen wünscht Hr. <span class="antiqua">v. Lefat</span>, daß die Anstalten dazu, -auf die meine gute Mutter bereits in zärtlichen Augenblicken -denkt, nicht eher auf entscheidende Weise gemacht werden, -als bis Sie die Güte gehabt haben ihm das <span class="antiqua">Legat</span> zu überantworten, -das mir aus der Erbschaft meines Großvaters bei -dem Tode desselben zufiel, und Sie, als mein Vormund bis -heute gefälligst verwalteten. Da ich großjährig bin, so wird -diesem Wunsch nichts im Wege stehn, und indem ich es mit -meiner zärtlichsten Bitte unterstütze, und auf die schleunige -Erfüllung desselben antrage, indem sonst die unangenehmste -Verzögerung davon die Folge sein würde, nenne ich mich mit -der innigsten Hochachtung und Liebe u. s. w. -</p> - -<h4 class="subchap" id="subchap-4-1-3"> -<span class="line1">3. Schreiben eines Burgemeisters in einer Festung an einen Unterbeamten.</span> -</h4> - -<p class="noindent"> -Sr. Excellenz der Hr. Generallieutenant von F., <span class="antiqua">Commendant</span> -der hiesigen Garnison, haben sich auf die Nachricht, -daß der Feind nur noch drey Meilen von der Festung stehe, -auf das Rathhaus verfügt, und daselbst, in Begleitung eines -starken Detaschements von Dragonern, 3000 Pechkränze verlangt, -um die Vorstädte, die das Glacis embarrassiren, danieder -zu brennen. -</p> - -<p> -Der Rath der Stadt, der unter solchen Umständen das -Ruhmvolle dieses Entschlusses einsah, hat, nach Abführung -einiger renitirenden Mitglieder, die Sache <span class="antiqua">in pleno</span> erwogen, -und mit einer Majorität von 3 gegen 2 Stimmen, wobei -meine wie gewöhnlich für 2 galt, und Sr. Excellenz die 3 -<a id="page-69" class="pagenum" title="69"></a> -supplirten, die verlangten Pechkränze ohne Bedenken bewilligt. -Inzwischen ist nun die Frage, und wir geben Euch auf Euch -gutachtlich darüber auszulassen, -</p> - -<div class="hang"> -<p> -1. Wie viel an Pech und Schwefel, als den dazu gehörigen -Materialien, zur Fabrication von 3000 Pechkränzen -erforderlich sind; und -</p> - -<p> -2. ob die genannten Combustibeln in der berechneten -Menge zur gehörigen Zeit herbeizuschaffen sind? -</p> - -</div> - -<p> -Unseres Wissens liegt ein großer Vorrath von Pech und -Schwefel bei dem Kaufmann M. in der N..schen Vorstadt, -P..sche Gasse Num. 139. -</p> - -<p> -Inzwischen ist dies ein auf Bestellung der Dänischen -Regierung aufgehäufter Vorrath, und wir besitzen bereits, in -Relation wie wir mit derselben stehen, den Auftrag dem -Kaufmann M. den Marktpreis davon mit 3000 fl. zuzufertigen. -Indem wir Euch nun, diesem Auftrage gemäß, die -besagte Summe für den Kaufmann M. in guten Landespapieren, -demselben auch sechs Wägen oder mehr und Pässe, -und was immer zur ungesäumten Abführung der Ingredienzen -an den Hafen-Platz erforderlich sein mag,<a class="fnote" href="#footnote-42" id="fnote-42">[42]</a> bewilligen, -beschließen wir zwar von diesem Eigenthum der Dänischen -Regierung Behufs einer Niederbrennung der Vorstädte keine -Notiz zu nehmen; indessen habt Ihr das gesammte Personale -der untern Polizeibeamten zusammenzunehmen, und alle -Gewölbe und Läden der Kauf- und Gewerksleute, die mit -diesen Combustibeln handeln oder sie verarbeiten, aufs Strengste -und Eigensinnigste zu durchsuchen, damit, dem Entschluß Sr. -Excellenz gemäß, unverzüglich die Pechkränze verfertigt und -mit Debarrassirung des Glacis verfahren werden möge. -</p> - -<p> -<a id="page-70" class="pagenum" title="70"></a> -Nichts ist nothwendiger, als in diesem Augenblick der -herannahenden Gefahr Alles aufzubieten, und kein Opfer zu -scheuen, das im Stande ist dem Staat diesen für den Erfolg -des Kriegs höchst wichtigen Platz zu behaupten. Sr. Excellenz -haben erklärt, daß wenn ihr auf dem Markt befindlicher -Pallast vor dem Glacis läge, sie denselben zuerst niederbrennen -und unter den Thoren der Vestung übernachten würden. -Da nun unser, sowohl des Burgemeisters, als auch Euer, -des Unterbeamten, Haus, in dem angegebenen Fall sind, indem -sie von der Q...schen Vorstadt her mit ihren Gärten und -Nebengebäuden das Glacis beträchtlich embarrassiren, so wird -es bloß von Euren Recherchen und von dem Bericht abhangen, -den Ihr darüber abstatten werdet, ob wir den Andern -ein Beispiel zu geben, und den Pechkranz zuerst auf die -Giebel derselben zu werfen haben. -</p> - -<p> -Sind in Gewogenheit u. s. w. -</p> - -<h4 class="subchap" id="subchap-4-1-4"> -<span class="line1">4. Brief eines politischen Pescherü über einen Nürnberger Zeitungsartikel.</span> -</h4> - -<p class="noindent"> -Erlaube mir, Vetter Pescherü, daß ich Dir in der verwirrten -Sprache, die kürzlich ein Deutscher mich gelehrt hat, -einen Artikel mittheile, der in einer Zeitung dieses Landes, -wenn ich nicht irre, im Nürnberger Correspondenten gestanden -hat, und den ein Grönländer, der in Island auf einem Kaffeehause -war, hierher gebracht hat. Der Zeitungsartikel ist folgenden -sonderbaren Inhalts:<a class="fnote" href="#footnote-43" id="fnote-43">[43]</a> -</p> - -<p> -„Es sind nicht sowohl die Franzosen, welche die Freiheitsschlacht, -die bei Regensburg gefochten ward, entschieden haben, -<a id="page-71" class="pagenum" title="71"></a> -als vielmehr die Deutschen selbst. Der tapfere Kronprinz von -Bayern hat zuerst an der Spitze der rheinbündischen Truppen -die Linien der Oesterreicher durchbrochen. Der Kaiser Napoleon -hat ihn am Abend der Schlacht auf dem Wahlplatz umarmt, -und ihn den Helden der Deutschen genannt.“<a class="fnote" href="#footnote-44" id="fnote-44">[44]</a> -</p> - -<p> -Ich versichere Dich, Vetter Pescherü, ich bin hinausgegangen -auf den Sandhügel, wo die Sonne brennt, und habe -meine Nase angesehen stundenlang, und wieder stundenlang, -ohne im Stande gewesen zu sein den Sinn dieses Zeitungsartikels -zu erforschen. Er verwischt Alles, was ich über die -Vergangenheit zu wissen meine, dergestalt, daß mein Gedächtniß -wie ein weißes Blatt aussieht, und die ganze Geschichte -derselben von Neuem darin angefrischt werden muß. -</p> - -<p> -Sage mir also, ich bitte Dich: -</p> - -<p> -1. Ist es der Kaiser von Oesterreich, der das deutsche -Reich im Jahre 1805 zertrümmert hat?<a class="fnote" href="#footnote-45" id="fnote-45">[45]</a> -</p> - -<p> -2. Ist er es, der den Buchhändler Palm erschießen ließ, -weil er ein dreistes Wort über diese Gewaltthat in Umlauf -brachte?<a class="fnote" href="#footnote-46" id="fnote-46">[46]</a> -</p> - -<p> -3. Ist er es, der durch List und Ränke die deutschen -Fürsten entzweite, um über die Entzweiten nach der Regel -des Cäsar zu herrschen? -</p> - -<p> -4. Ist er es, der den Kurfürsten von Hessen ohne Kriegserklärung -aus seinem Lande vertrieb, und einen Handlungscommis -— wie heißt er schon? — der ihm verwandt war, -auf den Thron desselben setzte?<a class="fnote" href="#footnote-47" id="fnote-47">[47]</a> -</p> - -<p> -5. Ist er es, der den König von Preußen, den ersten -Gründer seines Ruhms, in dem undankbarsten und ungerechtesten -Kriege zu Boden geschlagen hat, und auch selbst nach -<a id="page-72" class="pagenum" title="72"></a> -dem Frieden noch mit seinem grimmigen Fuß auf dem Nacken -desselben verweilte?<a class="fnote" href="#footnote-48" id="fnote-48">[48]</a> -</p> - -<p> -6. Ist es dagegen der Kaiser Napoleon, der durch unglückliche -Feldzüge erschöpft, die deutsche Krone auf das Machtwort -seines Gegners niederzulegen genöthigt war?<a class="fnote" href="#footnote-49" id="fnote-49">[49]</a> -</p> - -<p> -7. Ist er es, der mit zerrissenem Herzen Preußen, den -letzten Pfeiler Deutschlands, sinken sah, und, so zerstreut seine -Heere auch waren, herbei geeilt sein würde ihn zu retten, -wenn der Friede von Tilsit nicht abgeschlossen worden wäre?<a class="fnote" href="#footnote-50" id="fnote-50">[50]</a> -</p> - -<p> -8. Ist er es, der dem betrogenen Kurfürsten von Hessen -auf der Flucht aus seinen Staaten einen Zufluchtsort in den -seinigen vergönnt hat?<a class="fnote" href="#footnote-51" id="fnote-51">[51]</a> -</p> - -<p> -9. Ist er es endlich, der sich des Elends, unter welchem -die Deutschen seufzen, erbarmt hat, und der nun, an der Spitze -der ganzen Jugend, wie Anteus, der Sohn der Erde, von -seinem Fall erstanden ist, um das Vaterland zu retten? -</p> - -<p> -Vetter Pescherü, vergieb mir diese Fragen; ein Europäer -wird ohne Zweifel, wenn er den Artikel liest, wissen was er -davon zu halten hat. Einem Pescherü aber müssen, wie Du -selbst einsiehst, alle die Zweifel kommen, die ich Dir vorgetragen -habe. -</p> - -<p> -Bekanntlich drücken wir mit dem Wort Pescherü Alles -aus, was wir empfinden oder denken, drücken es mit einer -Deutlichkeit aus, die den andern Sprachen der Welt fremd -ist. Wenn wir z. B. sagen wollen: es ist Tag, so sagen -wir: Pescherü; wollen wir hingegen sagen: es ist Nacht, so -sagen wir: Pescherü. Wollen wir ausdrücken: dieser Mann -ist redlich, so sagen wir: Pescherü; wollen wir hingegen versichern: -er ist ein Schelm, so sagen wir: Pescherü. Kurz, -<a id="page-73" class="pagenum" title="73"></a> -Pescherü drückt den Inbegriff aller Erscheinungen aus, und -eben darum, weil es Alles ausdrückt, auch jedes Einzelne. -</p> - -<p> -Hätte doch der Nürnberger Zeitungsschreiber in der -Sprache der Pescherüs geschrieben! Denn setze einmal der -Artikel lautete also Pescherü, so würde Dein Vetter<a class="fnote" href="#footnote-52" id="fnote-52">[52]</a> nicht -einen, nicht einen Augenblick bei seinem Inhalt angestoßen -sein. Er würde alsdann mit völliger Bestimmtheit und Klarheit -also gelesen haben: -</p> - -<p> -„Es sind nicht sowohl die Franzosen, welche die Schlacht, -die das deutsche Reich dem Napoleon überliefern sollte, gewonnen -haben, als vielmehr die bemitleidenswürdigen Deutschen -selbst. Der entartete Kronprintz von Bayern hat zuerst an -der Spitze der rheinbündischen Truppen die Linien der braven -Oesterreicher, ihrer Befreier, durchbrochen. „Sie sind der -Held der Deutschen!“ rief ihm der Verschlagenste der Unterdrücker -zu; aber sein Hertz sprach heimlich: „ein Verräther -bist Du, und wenn ich Dich werde gebraucht haben, wirst -Du abtreten!“ -</p> - -<h4 class="subchap" id="subchap-4-1-5"> -<span class="line1">5. Die Bedingung des Gärtners.</span><br /> -<span class="line2">Eine Fabel.</span> -</h4> - -<p class="noindent"> -Ein Gärtner sagte zu seinem Herrn: „Deinem Dienst -habe ich mich nur innerhalb dieser Hecken und Zäune gewidmet. -Wenn der Bach kommt und deine Frucht-Beete -überschwemmt, so will ich mit Hacken und Spaten aufbrechen, -um ihm zu wehren; aber außerhalb dieses Bezirkes zu gehen, -und, ehe der Strom noch einbricht, mit seinen Wogen zu -kämpfen, das kannst du nicht von deinem Diener verlangen.“ -</p> - -<p> -Der Herr schwieg. -</p> - -<p> -<a id="page-74" class="pagenum" title="74"></a> -Und drei Frühlinge kamen und verheerten mit ihren -Gewässern das Land. Der Gärtner triefte von Schweiß, um -dem Geriesel<a class="fnote" href="#footnote-53" id="fnote-53">[53]</a>, das von allen Seiten eindrang, zu steuern; -umsonst; der Seegen des Jahrs, wenn ihm die Arbeit auch -gelang, war verderbt und vernichtet. -</p> - -<p> -Als der vierte kam, nahm er Hacken und Spaten und -gieng auf’s Feld. -</p> - -<p> -„Wohin?“ fragte ihn sein Herr. -</p> - -<p> -„Auf das Feld, antwortete er, wo das Uebel entspringt. -Hier thürm’ ich Wälle von Erde umsonst, um dem Strom, -der brausend hereinbricht, zu wehren: an der Quelle kann ich -ihn mit einem Fußtritt verstopfen.“ -</p> - -<p> -Landwehren von Oesterreich! Warum wollt ihr bloß -innerhalb eures Landes fechten?<a class="fnote" href="#footnote-54" id="fnote-54">[54]</a> -</p> - -<h4 class="subchap" id="subchap-4-1-6"> -<span class="line1">6. Lehrbuch der französischen Journalistik.</span> -</h4> - -<p class="hdr"> -Einleitung. -</p> - -<p class="par"> -§ 1. -</p> - -<p> -Die Journalistik überhaupt ist die treuherzige und unverfängliche -Kunst das Volk von dem zu unterrichten, was -in der Welt vorfällt. Sie ist eine gänzliche Privatsache, und -alle Zwecke der Regierung, sie mögen heißen wie man wolle, -sind ihr fremd. Wenn man die französischen Journale mit -Aufmerksamkeit liest, so sieht man, daß sie nach ganz eignen -Grundsätzen abgefaßt worden, deren System man die <em>französische -Journalistik</em> nennen kann. Wir wollen uns bemühen -den Entwurf dieses Systems, so wie es etwa im -geheimen Archiv zu Paris liegen mag, hier zu entfalten. -</p> - -<p class="hdr"> -<a id="page-75" class="pagenum" title="75"></a> -Erklärung. -</p> - -<p class="par"> -§ 2. -</p> - -<p> -Die <em>französische Journalistik</em> ist die Kunst das -Volk glauben zu machen, was die Regierung für gut findet. -</p> - -<p class="par"> -§ 3. -</p> - -<p> -Sie ist bloß Sache der Regierung, und alle Einmischung -der Privatleute, bis selbst auf die Stellung vertraulicher Briefe, -die die Tages-Geschichte betreffen, verboten. -</p> - -<p class="par"> -§ 4. -</p> - -<p> -Ihr Zweck ist die Regierung über allen Wechsel der -Begebenheiten hinaus sicher zu stellen, und die Gemüther, -allen Lockungen des Augenblicks zum Trotz, in schweigender -Unterwürfigkeit unter das Joch derselben niederzuhalten. -</p> - -<p class="hdr"> -Die zwei obersten Grundsätze. -</p> - -<p class="par"> -§ 5. -</p> - -<p> -<em>Was das Volk nicht weiß, macht das Volk nicht -heiß.</em> -</p> - -<p class="par"> -§ 6. -</p> - -<p> -<em>Was man dem Volke dreimal sagt, hält das -Volk für wahr.</em> -</p> - -<p class="hdr"> -Anmerkung. -</p> - -<p class="par"> -§ 7. -</p> - -<p> -Diese Grundsätze könnte man auch Grundsätze des Talleyrand -nennen. Denn ob sie gleich nicht von ihm erfunden -sind, so wenig wie die mathematischen von dem Euklid: so -ist er doch der Erste, der sie für ein bestimmtes und schlußgerechtes -System in Anwendung gebracht hat. -</p> - -<p class="hdr"> -<a id="page-76" class="pagenum" title="76"></a> -Aufgabe. -</p> - -<p class="par"> -§ 8. -</p> - -<p> -Eine Verbindung von Journalen zu redigiren, welche -1. Alles, was in der Welt vorfällt, entstellen, und gleichwohl -2. ziemliches Vertrauen haben? -</p> - -<p class="hdr"> -Lehrsatz zum Behuf der Auflösung. -</p> - -<p> -Die Wahrheit sagen heißt allererst die Wahrheit <em>ganz</em> -und <em>nichts als</em> die Wahrheit sagen. -</p> - -<p class="hdr"> -Auflösung. -</p> - -<p> -Also redigire man zwei Blätter, deren Eines niemals -lügt, das Andere aber die Wahrheit sagt: so wird die Aufgabe -gelößt sein. -</p> - -<p class="hdr"> -Beweis. -</p> - -<p> -Denn weil das Eine niemals lügt, das Andere aber die -Wahrheit sagt, so wird die <em>zweite</em> Forderung erfüllt sein. -Weil aber jenes verschweigt was wahr ist, und dieses hinzusetzet -was erlogen ist, so wird es auch, wie jedermann zugestehen -wird, die <em>erste</em> sein. <span class="antiqua">q. e. d.</span> -</p> - -<p class="hdr"> -Erklärung. -</p> - -<p class="par"> -§ 9. -</p> - -<p> -Dasjenige Blatt, welches niemals lügt, aber hin und -wieder verschweigt was wahr ist, heißt der <em>Moniteur</em>, und -erscheine in officieller Form; das Andere, welches die Wahrheit -sagt, aber zuweilen hinzuthut was erstuncken und erlogen -ist, heiße <span class="antiqua">Journal de l’Empire</span>, oder auch <span class="antiqua">Journal de Paris</span>, -und erscheine in Form einer bloßen Privat-Unternehmung. -</p> - -<p class="hdr"> -<a id="page-77" class="pagenum" title="77"></a> -Eintheilung der Journalistik. -</p> - -<p class="par"> -§ 10. -</p> - -<p> -Die französische Journalistik zerfällt in die Lehre von -der Verbreitung 1. <em>wahrhaftiger</em>, 2. <em>falscher</em> Nachrichten. -Jede Art der Nachricht erfordert einen eigenen <em>Modus der -Verbreitung</em>, von welchem hier gehandelt werden soll. -</p> - -<p class="hdrfat"> -<span class="antiqua">Cap. I.</span> -Von den wahrhaftigen Nachrichten. -</p> - -<p class="hdrfat"> -<span class="antiqua">Art. 1.</span> -Von den guten. -</p> - -<p class="hdr"> -Lehrsatz. -</p> - -<p class="par"> -§ 11. -</p> - -<p> -<em>Das Werk lobt seinen Meister.</em> -</p> - -<p class="hdr"> -Beweis. -</p> - -<p> -Der Beweis für diesen Satz ist klar an sich. Er liegt -in der Sonne, besonders wenn sie aufgeht; in den ägyptischen -Pyramiden; in der Peterskirche; in der Madonna des Raphael, -und in vielen andern herrlichen Werken der Götter und -Menschen. -</p> - -<p class="hdr"> -Anmerkung. -</p> - -<p class="par"> -§ 12. -</p> - -<p> -Wirklich und in der That: man mögte meinen, daß -dieser Satz sich in der französischen Journalistik [nicht] findet. -Wer die Zeitungen aber mit Aufmerksamkeit gelesen hat, der -wird gestehen, er findet sich darin; daher wir ihn auch dem -System zu Gefallen hier haben aufführen müssen. -</p> - -<p class="hdr"> -<a id="page-78" class="pagenum" title="78"></a> -Corollarium. -</p> - -<p class="par"> -§ 13. -</p> - -<p> -Inzwischen gilt dieser Satz doch nur in völliger Strenge -für den <em>Moniteur</em>, und auch für diesen nur bei guten Nachrichten -von außerordentlichem und entscheidendem Werth. Bei -guten Nachrichten von untergeordnetem Werth kann der Moniteur -schon das Werk ein wenig loben, das <span class="antiqua">Journal de -l’Empire</span> aber und das <span class="antiqua">Journal de Paris</span> mit vollen Backen -in die Posaune stoßen. -</p> - -<p class="hdr"> -Aufgabe. -</p> - -<p class="par"> -§ 14. -</p> - -<p> -<em>Dem Volk eine gute Nachricht vorzutragen?</em> -</p> - -<p class="hdr"> -Auflösung. -</p> - -<p> -Ist es z. B. eine gänzliche Niederlage des Feindes, wobei -derselbe Kanonen, Bagage und Munition verloren hat -und in die Moräste gesprengt worden ist, so sage man dies, -und setze das Punctum dahinter. (§ 11) Ist es ein bloßes -Gefecht, wobei nicht viel herausgekommen ist, so setze man -im Moniteur eine, im <span class="antiqua">Journal de l’Empire</span> drei Nullen -an jede Zahl, und schicke die Blätter mit <span class="antiqua">Courieren</span> in alle -Welt. (§ 13) -</p> - -<p class="hdr"> -Anmerkung. -</p> - -<p class="par"> -§ 15. -</p> - -<p> -Hierbei braucht man nicht nothwendig zu lügen. Man -braucht nur z. B. die Blessirten, die man auf dem Schlachtfelde -gefunden, auch unter den Gefangenen aufzuführen. Dadurch -bekömmt man zwei Rubriken, und das Gewissen ist -gerettet. -</p> - -<p class="hdrfat"> -<a id="page-79" class="pagenum" title="79"></a> -<span class="antiqua">Art. 2.</span> -<em>Von den schlechten Nachrichten.</em> -</p> - -<p class="hdr"> -Lehrsatz. -</p> - -<p class="par"> -§ 16. -</p> - -<p> -Zeit gewonnen, Alles gewonnen. -</p> - -<p class="hdr"> -Anmerkung. -</p> - -<p class="par"> -§ 17. -</p> - -<p> -Dieser Satz ist so klar, daß er, wie die Grundsätze, keines -Beweises bedarf, daher ihn der Kaiser der Franzosen auch -unter die Grundsätze aufgenommen hat. Er führt in natürlicher -Ordnung auf die Kunst dem Volk [eine] Nachricht zu -verbergen, von welcher<a class="fnote" href="#footnote-55" id="fnote-55">[55]</a> sogleich gehandelt werden soll. -</p> - -<p class="hdr"> -Corollarium. -</p> - -<p class="par"> -§ 18. -</p> - -<p> -Inzwischen gilt auch dieser Satz nur in völliger Strenge -für das <span class="antiqua">Journal de l’Empire</span> und für das <span class="antiqua">Journal de Paris</span>, -und auch für diese nur bei schlechten Nachrichten von der -gefährlichen und verzweifelten Art. Schlechte Nachrichten von -erträglicher Art kann der Moniteur gleich offenherzig gestehen, -das <span class="antiqua">Journal de l’Empire</span> aber und das <span class="antiqua">Journal de Paris</span> -thun als ob nicht viel daran wäre. -</p> - -<p class="hdr"> -Aufgabe. -</p> - -<p class="par"> -§ 19. -</p> - -<p> -<em>Dem Volk eine schlechte Nachricht zu verbergen?</em> -</p> - -<p class="hdr"> -Auflösung. -</p> - -<p> -Die Auflösung ist leicht. Es gilt für das Innere des -Landes in allen Journalen Stillschweigen, einem Fisch gleich. -Unterschlagung der Briefe, die davon handeln, Aufhaltung der -<a id="page-80" class="pagenum" title="80"></a> -Reisenden, Verbote in Tabagien und Gasthäusern davon zu -reden, und für das Ausland Confiscation der <span class="antiqua">Journale</span>, welche -gleichwohl davon zu handeln wagen; Arretirung, Deportirung, -und Füselierung der Redactoren; Ansetzung neuer <span class="antiqua">Subjecte</span> -bei diesem Geschäfft: Alles mittelbar entweder durch Requisition, -oder unmittelbar durch Detaschements. -</p> - -<p class="hdr"> -Anmerkung. -</p> - -<p class="par"> -§ 20. -</p> - -<p> -Diese Auflösung ist, wie man sieht, nur eine bedingte, -und früh oder spät kommt die Wahrheit ans Licht. Will man -die Glaubwürdigkeit der Zeitungen nicht aussetzen, so muß -es nothwendig eine Kunst geben dem Volk schlechte Nachrichten -vorzutragen. Worauf wird diese Kunst sich stützen? -</p> - -<p class="hdr"> -Lehrsatz. -</p> - -<p class="par"> -§ 21. -</p> - -<p> -Der Teufel läßt keinen Schelmen im Stich. -</p> - -<p class="hdr"> -Anmerkung. -</p> - -<p class="par"> -§ 22. -</p> - -<p> -Auch dieser Satz ist so klar, daß er nur erst verworren<a class="fnote" href="#footnote-56" id="fnote-56">[56]</a> -werden würde, wenn man ihn beweisen wollte, daher wir -uns nicht weiter darauf einlassen, sondern sogleich zur Anwendung -schreiten wollen. -</p> - -<p class="hdr"> -Aufgabe. -</p> - -<p class="par"> -§ 23. -</p> - -<p> -<em>Dem Volk eine schlechte Nachricht vorzutragen?</em> -</p> - -<p class="hdr"> -Auflösung. -</p> - -<p> -Man schweige davon (§ 5) bis sich die Umstände geändert -haben. (§ 15). Inzwischen unterhalte man das Volk -<a id="page-81" class="pagenum" title="81"></a> -mit guten Nachrichten, entweder mit wahrhaftigen aus der -Vergangenheit, oder auch mit gegenwärtigen, wenn sie vorhanden -sind, als: Schlacht von Marengo, von der Gesandschafft -des Persenschachs<a class="fnote" href="#footnote-57" id="fnote-57">[57]</a> und von der Ankunft des Levantischen -Kaffes, oder, in Ermangelung aller, mit solchen die erstunken -und erlogen sind; sobald sich die Umstände geändert haben, -welches niemals ausbleibt, (§ 20) und irgend ein Vortheil, -er sei groß oder klein, errungen worden ist, gebe man (§ 14) -eine pomphafte Ankündigung davon, und an ihren Schwanz -hänge man die schlechte Nachricht an. <span class="antiqua">q. e. des.</span> -</p> - -<p class="hdr"> -Anmerkung. -</p> - -<p class="par"> -§ 24. -</p> - -<p> -Hierin ist eigentlich noch der Lehrsatz enthalten: <em>wenn -man dem Kinde ein Licht zeigt, so weint es nicht</em>; -denn darauf stützt sich zum Theil das angegebene Verfahren. -Nur der Kürze wegen, und weil er von selbst in die Augen -springt, geschah es, daß wir denselben <span class="antiqua">in abstracto</span> nicht -haben aufführen wollen. -</p> - -<p class="hdr"> -Corollarium. -</p> - -<p class="par"> -§ 25. -</p> - -<p> -Ganz <em>still zu schweigen</em>, wie die Auflösung fordert, -ist in vielen Fällen unmöglich, denn schon das Datum des -Bülletins, wenn z. B. eine Schlacht verloren und das Hauptquartier -zurückgegangen wäre, verräth dies Factum. In diesem -Fall <em>antedatire</em> man entweder das Bülletin, oder aber <em>fingire -einen Druckfehler</em> im Datum, oder endlich lasse das -Datum <em>ganz weg</em>. Die Schuld kommt auf den Setzer oder -Corrector. -</p> - -<h4 class="subchap" id="subchap-4-1-7"> -<a id="page-82" class="pagenum" title="82"></a> -<span class="line1">7. Katechismus der Deutschen, abgefaßt nach dem Spanischen, zum Gebrauch für Kinder und Alte.<a class="fnote" href="#footnote-58" id="fnote-58">[58]</a></span><br /> -<span class="line2">In sechzehn Kapiteln.</span> -</h4> - -<h5 class="ch"> -<span class="line1">Erstes Kapitel.</span><br /> -<span class="line2">Von Deutschland überhaupt.</span> -</h5> - -<p> -<em>Frage.</em> Sprich, Kind, wer bist Du? -</p> - -<p> -<em>Antwort.</em> Ich bin ein Deutscher. -</p> - -<p> -<em>Fr.</em> Ein Deutscher? Du scherzest. Du bist in Meißen -gebohren, und das Land, dem Meißen angehört, heißt Sachsen! -</p> - -<p> -<em>Antw.</em> Ich bin in Meißen gebohren, und das Land, -dem Meißen angehört, heißt Sachsen; aber mein Vaterland, -das Land dem Sachsen angehört, ist Deutschland, und Dein -Sohn, mein Vater, ist ein Deutscher. -</p> - -<p> -<em>Fr.</em> Du träumest! Ich kenne kein Land, dem Sachsen -angehört, es müßte denn das rheinische Bundesland sein.<a class="fnote" href="#footnote-59" id="fnote-59">[59]</a> -Wo find ich es, dies Deutschland, von dem Du sprichst, und -wo liegt es? -</p> - -<p> -<em>Antw.</em> Hier, mein Vater. — Verwirre mich nicht. -</p> - -<p> -<em>Fr.</em> Wo? -</p> - -<p> -<em>Antw.</em> Auf der Karte. -</p> - -<p> -<em>Fr.</em> Ja, auf der Karte! — Diese Karte ist vom Jahr -1805. — Weißt Du nicht, was geschehn ist im Jahr 1805, -da der Friede von Preßburg abgeschlossen war? -</p> - -<p> -<em>Antw.</em> Napoleon, der korsische Kaiser, hat es nach dem -Frieden durch eine Gewaltthat zertrümmert.<a class="fnote" href="#footnote-60" id="fnote-60">[60]</a> -</p> - -<p> -<em>Fr.</em> Nun? Und gleichwohl wäre es noch vorhanden? -</p> - -<p> -<em>Antw.</em> Gewiß! — Was fragst Du mich doch! -</p> - -<p> -<em>Fr.</em> Seit wann? -</p> - -<p> -<a id="page-83" class="pagenum" title="83"></a> -<em>Antw.</em> Seit Franz der Zweite, der alte Kaiser der -Deutschen, wieder aufgestanden ist, um es herzustellen, und -der tapfre Feldherr, den er bestellte, das Volk aufgerufen hat, -sich an die Heere, die er anführt, zur Befreiung des Landes -anzuschließen. -</p> - -<h5 class="ch"> -<span class="line1">Zweites Kapitel.</span><br /> -<span class="line2">Von der Liebe zum Vaterlande.</span> -</h5> - -<p> -<em>Fr.</em> Du liebst dein Vaterland, nicht wahr, mein Sohn? -</p> - -<p> -<em>Antw.</em> Ja, mein Vater, das thu ich. -</p> - -<p> -<em>Fr.</em> Warum liebst Du es? -</p> - -<p> -<em>Antw.</em> Weil es mein Vaterland ist. -</p> - -<p> -<em>Fr.</em> Du meinst, weil Gott es geseegnet hat mit vielen -Früchten, weil viele schöne Werke der Kunst es schmücken, -weil Helden, Staatsmänner und Weise, deren Namen anzuführen -kein Ende ist, es verherrlicht haben? -</p> - -<p> -<em>Antw.</em> Nein, mein Vater; Du verführst mich. -</p> - -<p> -<em>Fr.</em> Ich verführte Dich? -</p> - -<p> -<em>Antw.</em> Denn Rom und das ägyptische Delta sind, wie -Du mich gelehrt hast, mit Früchten und schönen Werken der -Kunst und Allem, was groß und herrlich sein mag, weit mehr -geseegnet als Deutschland. Gleichwohl, wenn Deines Sohnes -Schicksal wollte, daß er darin leben sollte, würde er sich -traurig fühlen, und es nimmermehr so lieb haben, wie jetzt -Deutschland. -</p> - -<p> -<em>Fr.</em> Warum also liebst Du Deutschland? -</p> - -<p> -<em>Antw.</em> Mein Vater, ich habe es Dir schon gesagt! -</p> - -<p> -<em>Fr.</em> Du hättest es mir schon gesagt? -</p> - -<p> -<em>Antw.</em> Weil es mein Vaterland ist. -</p> - -<h5 class="ch"> -<a id="page-84" class="pagenum" title="84"></a> -<span class="line1">Drittes Kapitel.</span><br /> -<span class="line2">Von der Zertrümmerung des Vaterlandes.</span> -</h5> - -<p> -<em>Fr.</em> Was ist Deinem Vaterlande jüngsthin widerfahren? -</p> - -<p> -<em>Antw.</em> Napoleon, Kaiser der Franzosen, hat es mitten -im Frieden zertrümmert, und mehrere Völker, die es bewohnen, -unterjocht. -</p> - -<p> -<em>Fr.</em> Warum hat er dies gethan? -</p> - -<p> -<em>Antw.</em> Das weiß ich nicht. -</p> - -<p> -<em>Fr.</em> Das weißt Du nicht? -</p> - -<p> -<em>Antw.</em> Weil er ein böser Geist ist. -</p> - -<p> -<em>Fr.</em> Ich will Dir sagen, mein Sohn: Napoleon behauptet, -er sei von den Deutschen beleidigt worden. -</p> - -<p> -<em>Antw.</em> Nein, mein Vater, das ist er nicht. -</p> - -<p> -<em>Fr.</em> Warum nicht? -</p> - -<p> -<em>Antw.</em> Die Deutschen haben ihn niemals beleidigt. -</p> - -<p> -<em>Fr.</em> Kennst Du die gantze Streitfrage, die dem Kriege, -der entbrannt ist, zum Grunde liegt? -</p> - -<p> -<em>Antw.</em> Nein, keineswegs. -</p> - -<p> -<em>Fr.</em> Warum nicht? -</p> - -<p> -<em>Antw.</em> Weil sie zu weitläuftig und umfassend ist. -</p> - -<p> -<em>Fr.</em> Woraus also schließest Du, daß die Sache, die die -Deutschen führen, gerecht sei? -</p> - -<p> -<em>Antw.</em> Weil Kaiser Franz von Oesterreich es versichert hat. -</p> - -<p> -<em>Fr.</em> Wo hat er dies versichert? -</p> - -<p> -<em>Antw.</em> In dem von seinem Bruder, dem Erzherzog -Carl, an die Nation erlassenen Aufruf. -</p> - -<p> -<em>Fr.</em> Also wenn zwei Angaben vorhanden sind, die Eine -von Napoleon, dem Korsenkaiser, die Andere von Franz, -Kaiser von Oesterreich, welcher glaubst Du? -</p> - -<p> -<a id="page-85" class="pagenum" title="85"></a> -<em>Antw.</em> Der Angabe Franzens, Kaisers von Oesterreich. -</p> - -<p> -<em>Fr.</em> Warum? -</p> - -<p> -<em>Antw.</em> Weil er wahrhaftiger ist. -</p> - -<h5 class="ch"> -<span class="line1">Viertes Kapitel.</span><br /> -<span class="line2">Vom Ertzfeind.</span> -</h5> - -<p> -<em>Fr.</em> Wer sind Deine Feinde, mein Sohn? -</p> - -<p> -<em>Antw.</em> Napoleon und, so lange er ihr Kaiser ist, die -Franzosen. -</p> - -<p> -<em>Fr.</em> Ist sonst niemand, den Du haßest? -</p> - -<p> -<em>Antw.</em> Niemand auf der ganzen Welt. -</p> - -<p> -<em>Fr.</em> Gleichwohl, als Du gestern aus der Schule kamst, -hast Du Dich mit jemand, wenn ich nicht irre, entzweit? -</p> - -<p> -<em>Antw.</em> Ich, mein Vater? Mit wem? -</p> - -<p> -<em>Fr.</em> Mit Deinem Bruder; Du hast es mir selbst erzählt. -</p> - -<p> -<em>Antw.</em> Ja, mit meinem Bruder! Er hatte meinen -Vogel nicht, wie ich ihm aufgetragen hatte, gefüttert. -</p> - -<p> -<em>Fr.</em> Also ist Dein Bruder, wenn er dies gethan hat, -Dein Feind, nicht Napoleon der Korse, noch die Franzosen, -die er beherrscht? -</p> - -<p> -<em>Antw.</em> Nicht doch, mein Vater! — Was sprichst Du da? -</p> - -<p> -<em>Fr.</em> Was ich da spreche? -</p> - -<p> -<em>Antw.</em> Ich weiß nicht, was ich darauf antworten soll.<a class="fnote" href="#footnote-61" id="fnote-61">[61]</a> -— — — — -</p> - -<h5 class="ch"> -<span class="line1">[Siebentes Kapitel.]</span> -</h5> - -<p> -<em>Fr.</em> Das hab ich Dich schon gefragt. Sage es noch -einmahl mit den Worten, die ich Dich gelehrt habe. -</p> - -<p> -<em>Antw.</em> Für einen verabscheuungswürdigen Menschen, -für den Anfang alles Bösen und das Ende alles Guten; für -einen Sünder, den anzuklagen die Sprache der Menschen -<a id="page-86" class="pagenum" title="86"></a> -nicht hinreicht, und den Engeln einst am jüngsten Tage der -Odem vergehen wird. -</p> - -<p> -<em>Fr.</em> Sahst Du ihn je? -</p> - -<p> -<em>Antw.</em> Niemals, mein Vater. -</p> - -<p> -<em>Fr.</em> Wie sollst Du ihn Dir vorstellen? -</p> - -<p> -<em>Antw.</em> Als einen der Hölle entstiegenen Vatermörder, -der herumschleicht in dem Tempel der Natur, und an allen -Säulen rüttelt, auf welchen er gebaut ist. -</p> - -<p> -<em>Fr.</em> Wann hast Du dies im Stillen für Dich wiederholt? -</p> - -<p> -<em>Antw.</em> Gestern Abend, als ich zu Bette gieng, und heute -Morgen, als ich aufstand. -</p> - -<p> -<em>Fr.</em> Und wann wirst Du es wieder wiederholen? -</p> - -<p> -<em>Antw.</em> Heute Abend, wenn ich zu Bette gehe, und -morgen früh, wann ich aufstehe. -</p> - -<p> -<em>Fr.</em> Gleichwohl, sagt man, soll er viel Tugenden besitzen. -Das Geschäfft der Unterjochung der Erde soll er mit -List, Gewandtheit und Kühnheit vollziehn, und besonders an -dem Tage der Schlacht ein großer Feldherr sein. -</p> - -<p> -<em>Antw.</em> Ja, mein Vater, so sagt man. -</p> - -<p> -<em>Fr.</em> Man sagt es nicht bloß; er <em>ist</em> es. -</p> - -<p> -<em>Antw.</em> Auch gut; er <em>ist</em> es. -</p> - -<p> -<em>Fr.</em> Meinst Du nicht, daß er um dieser Eigenschafften -willen Bewunderung und Verehrung verdiene? -</p> - -<p> -<em>Antw.</em> Du schertzest, mein Vater. -</p> - -<p> -<em>Fr.</em> Warum nicht? -</p> - -<p> -<em>Antw.</em> Das wäre ebenso feig, als ob ich die Geschicklichkeit, -die einem Menschen im Ringen beiwohnt, in dem -Augenblick bewundern wollte, da er mich in den Koth wirft -und mein Antlitz mit Füßen tritt. -</p> - -<p> -<a id="page-87" class="pagenum" title="87"></a> -<em>Fr.</em> Wer also unter den Deutschen mag ihn bewundern? -</p> - -<p> -<em>Antw.</em> Die robusten Feldherrn etwa und die Kenner -der Kunst. -</p> - -<p> -<em>Fr.</em> Und auch diese, wann mögen sie es erst thun? -</p> - -<p> -<em>Antw.</em> Wenn er vernichtet ist. -</p> - -<h5 class="ch"> -<span class="line1">Achtes Kapitel.</span><br /> -<span class="line2">Von der Erziehung der Deutschen.</span> -</h5> - -<p> -<em>Fr.</em> Was mag die Vorsehung wohl damit, mein Sohn, -daß sie die Deutschen so grimmig durch Napoleon, den Korsen, -aus ihrer Ruhe aufgeschreckt hat, bezweckt haben? -</p> - -<p> -<em>Antw.</em> Das weiß ich nicht. -</p> - -<p> -<em>Fr.</em> Das weißt Du nicht? -</p> - -<p> -<em>Antw.</em> Nein, mein Vater. -</p> - -<p> -<em>Fr.</em> Ich auch nicht. Ich schieße nur mit meinem Urtheil -ins Blaue hinein. Treffe ich, so ist es gut; wo nicht, -so ist an dem Schuß nichts verloren. — Tadelst Du dies -Unternehmen? -</p> - -<p> -<em>Antw.</em> Keineswegs, mein Vater. -</p> - -<p> -<em>Fr.</em> Vielleicht meinst Du, die Deutschen befanden sich -schon, wie die Sachen stehn, auf dem Gipfel aller Tugend, -alles Heils und alles Ruhms? -</p> - -<p> -<em>Antw.</em> Keineswegs, mein Vater. -</p> - -<p> -<em>Fr.</em> Oder waren wenigstens auf guten Wegen, ihn zu -erreichen? -</p> - -<p> -<em>Antw.</em> Nein, mein Vater; das auch nicht. -</p> - -<p> -<em>Fr.</em> Von welcher Unart habe ich Dir zuweilen gesprochen? -</p> - -<p> -<em>Antw.</em> Von einer Unart? -</p> - -<p> -<em>Fr.</em> Ja; die dem lebenden Geschlecht anklebt. -</p> - -<p> -<a id="page-88" class="pagenum" title="88"></a> -<em>Antw.</em> Der Verstand der Deutschen, hast Du mir -gesagt, habe durch einige scharfsinnige Lehrer einen Ueberwitz -bekommen; sie reflectirten, wo sie empfinden oder handeln -sollten, meinten Alles durch ihren Witz bewerkstelligen zu -können, und gäben nichts mehr auf die alte geheimnißvolle -Kraft der Hertzen. -</p> - -<p> -<em>Fr.</em> Findest Du nicht, daß die Unart, die Du mir beschreibst, -zum Theil auch auf Deinem Vater ruht, indem er -Dich catechisirt? -</p> - -<p> -<em>Antw.</em> Ja, mein lieber Vater. -</p> - -<p> -<em>Fr.</em> Woran hiengen sie mit unmäßiger und unedler Liebe? -</p> - -<p> -<em>Antw.</em> An Geld und Gut, trieben Handel und Wandel -damit, daß ihnen der Schweiß ordentlich des Mitleidens würdig -von der Stirn triefte, und meinten ein ruhiges, gemächliches und -sorgenfreies Leben sei Alles, was sich in der Welt erringen ließe. -</p> - -<p> -<em>Fr.</em> Warum also mag das Elend wohl, das in der Zeit -ist, über sie gekommen, ihre Hütten zerstört und ihre Felder -verheeret worden sein? -</p> - -<p> -<em>Antw.</em> Um ihnen diese Güter völlig verächtlich zu -machen, und sie anzuregen nach den höhern und höchsten, die -Gott den Menschen beschert hat, hinanzustreben. -</p> - -<p> -<em>Fr.</em> Und welches sind die höchsten Güter der Menschen? -</p> - -<p> -<em>Antw.</em> Gott, Vaterland, Kaiser, Freyheit, Liebe und -Treue, Schönheit, Wissenschafft und Kunst. -</p> - -<h5 class="ch"> -<span class="line1">Neuntes Kapitel.</span><br /> -<span class="line2">Eine Nebenfrage.</span> -</h5> - -<p> -<em>Fr.</em> Sage mir, mein Sohn, wohin kommt der, welcher -liebt? In den Himmel oder in die Hölle? -</p> - -<p> -<a id="page-89" class="pagenum" title="89"></a> -<em>Antw.</em> In den Himmel. -</p> - -<p> -<em>Fr.</em> Und der, welcher haßt? -</p> - -<p> -<em>Antw.</em> In die Hölle. -</p> - -<p> -<em>Fr.</em> Aber derjenige, welcher weder liebt noch haßt: wohin -kommt der? -</p> - -<p> -<em>Antw.</em> Welcher weder liebt noch haßt? -</p> - -<p> -<em>Fr.</em> Ja! — Hast Du die schöne Fabel vergessen? -</p> - -<p> -<em>Antw.</em> Nein, mein Vater. -</p> - -<p> -<em>Fr.</em> Nun? Wohin kommt der? -</p> - -<p> -<em>Antw.</em> Der kommt in die siebente, tiefste und unterste -Hölle. -</p> - -<h5 class="ch"> -<span class="line1">Zehntes Kapitel.</span><br /> -<span class="line2">Von der Verfassung der Deutschen.<a class="fnote" href="#footnote-62" id="fnote-62">[62]</a></span> -</h5> - -<p> -— — — — -</p> - -<h5 class="ch"> -<span class="line1">[Zwölftes Kapitel.]</span> -</h5> - -<p> -wo sie sie immer treffen mögen, erschlagen. -</p> - -<p> -<em>Fr.</em> Hat er dies Allen oder den Einzelnen befohlen? -</p> - -<p> -<em>Antw.</em> Allen und den Einzelnen. -</p> - -<p> -<em>Fr.</em> Aber der Einzelne, wenn er zu den Waffen griffe, -würde offtmals nur in sein Verderben laufen? -</p> - -<p> -<em>Antw.</em> Allerdings, mein Vater, das wird er. -</p> - -<p> -<em>Fr.</em> Er muß also lieber warten, bis ein Haufen zusammengelaufen -ist, um sich an diesen anzuschließen? -</p> - -<p> -<em>Antw.</em> Nein, mein Vater. -</p> - -<p> -<em>Fr.</em> Warum nicht? -</p> - -<p> -<em>Antw.</em> Du scherzest, wenn Du so fragst. -</p> - -<p> -<em>Fr.</em> So rede! -</p> - -<p> -<em>Antw.</em> Weil, wenn jedweder so dächte, gar kein Haufen -zusammenlaufen würde, an den man sich anschließen könnte. -</p> - -<p> -<a id="page-90" class="pagenum" title="90"></a> -<em>Fr.</em> Mithin — was ist die Pflicht jedes Einzelnen? -</p> - -<p> -<em>Antw.</em> Unmittelbar auf das Gebot des Kaisers zu den -Waffen zu greifen, den Anderen, wie die hochherzigen Tyroler,<a class="fnote" href="#footnote-63" id="fnote-63">[63]</a> -ein Beispiel zu geben, und die Franzosen, wo sie angetroffen -werden mögen, zu erschlagen. -</p> - -<h5 class="ch"> -<span class="line1">Dreizehntes Kapitel.</span><br /> -<span class="line2">Von den freiwilligen Beiträgen.</span> -</h5> - -<p> -<em>Fr.</em> Wen Gott mit Gütern geseegnet hat, was muß -der noch außerdem für den Fortgang des Kriegs, der geführt -wird, thun? -</p> - -<p> -<em>Antw.</em> Er muß, was er entbehren kann, zur Bestreitung -seiner Kosten hergeben. -</p> - -<p> -<em>Fr.</em> Was kann der Mensch entbehren? -</p> - -<p> -<em>Antw.</em> Alles bis auf Wasser und Brod, [das] ihn ernährt, -und ein Gewand, das ihn deckt. -</p> - -<p> -<em>Fr.</em> Wie viel Gründe kannst Du anführen, um die -Menschen, freiwillige Beiträge einzuliefern, zu bewegen? -</p> - -<p> -<em>Antw.</em> Zwei. Einen, der nicht viel einbringen wird, -und Einen, der die Führer des Kriegs reich machen muß, -falls die Menschen nicht mit Blindheit geschlagen sind.<a class="fnote" href="#footnote-64" id="fnote-64">[64]</a> -</p> - -<p> -<em>Fr.</em> Welcher ist der, der nicht viel einbringen wird? -</p> - -<p> -<em>Antw.</em> Weil Geld und Gut gegen das, was damit -errungen werden soll, nichtswürdig sind. -</p> - -<p> -<em>Fr.</em> Und welcher ist der, der die Führer des Kriegs -reich machen muß, falls die Menschen nicht mit Blindheit -geschlagen sind? -</p> - -<p> -<em>Antw.</em> Weil es die Franzosen doch wegnehmen. -</p> - -<h5 class="ch"> -<a id="page-91" class="pagenum" title="91"></a> -<span class="line1">Vierzehntes Kapitel.</span><br /> -<span class="line2">Von den obersten Staatsbeamten.</span> -</h5> - -<p> -<em>Fr.</em> Die Staatsbeamten, die dem Kaiser von Oesterreich -und den ächten deutschen Fürsten treu dienen, findest Du -nicht, mein Sohn, daß sie einen gefährlichen Stand haben? -</p> - -<p> -<em>Antw.</em> Allerdings, mein Vater. -</p> - -<p> -<em>Fr.</em> Warum? -</p> - -<p> -<em>Antw.</em> Weil, wenn der korsische Kaiser ins Land käme, -er sie um dieser Treue willen bitter bestrafen würde. -</p> - -<p> -<em>Fr.</em> Also ist es für jeden, der auf einer wichtigen Landesstelle -steht, der Klugheit gemäß, sich zurückzuhalten, und sich -nicht mit Eifer auf heftige Maasregeln, wenn sie ihm auch -von der Regierung anbefohlen sein sollten, einzulassen?<a class="fnote" href="#footnote-65" id="fnote-65">[65]</a> -</p> - -<p> -<em>Antw.</em> Pfui doch, mein Vater; was sprichst Du da! -</p> - -<p> -<em>Fr.</em> Was? — Nicht? -</p> - -<p> -<em>Antw.</em> Das wäre schändlich und niederträchtig. -</p> - -<p> -<em>Fr.</em> Warum? -</p> - -<p> -<em>Antw.</em> Weil ein Solcher nicht mehr Staatsdiener seines -Fürsten, sondern schon, als ob er in seinem Sold stünde, -Staatsdiener des Korsenkaisers ist, und für seine Zwecke arbeitet. -</p> - -<h5 class="ch"> -<span class="line1">Funfzehntes Kapitel.</span><br /> -<span class="line2">Vom Hochverrathe.</span> -</h5> - -<p> -<em>Fr.</em> Was begeht derjenige, mein Sohn, der dem Aufgebot, -das der Erzherzog Carl an die Nation erlassen hat, -nicht gehorcht, oder wohl gar durch Wort und That zu widerstreben -wagt? -</p> - -<p> -<a id="page-92" class="pagenum" title="92"></a> -<em>Antw.</em> Einen Hochverrath mein Vater. -</p> - -<p> -<em>Fr.</em> Warum? -</p> - -<p> -<em>Antw.</em> Weil er dem Volk, zu dem er gehört, verderblich -ist. -</p> - -<p> -<em>Fr.</em> Was hat derjenige zu thun, den das Unglück unter -die verrätherischen Fahnen geführt hat, die den Franzosen -verbunden, der Unterjochung des Vaterlandes wehen? -</p> - -<p> -<em>Antw.</em> Er muß seine Waffen schaamroth wegwerfen, -und zu den Fahnen der Oesterreicher übergehen. -</p> - -<p> -<em>Fr.</em> Wenn er dies nicht thut, und mit den Waffen in -der Hand ergriffen wird, was hat er verdient? -</p> - -<p> -<em>Antw.</em> Den Tod, mein Vater. -</p> - -<p> -<em>Fr.</em> Und was kann ihn einzig davor schützen? -</p> - -<p> -<em>Antw.</em> Die Gnade Franzens, Kaisers von Oesterreich, -des Vormunds, Retters und Wiederherstellers der Deutschen. -</p> - -<h5 class="ch"> -<span class="line1">Sechszehntes Kapitel.</span><br /> -<span class="line2">Schluß.</span> -</h5> - -<p> -<em>Fr.</em> Aber sage mir, mein Sohn, wenn es dem hochherzigen -Kaiser von Oesterreich, der für die Freiheit Deutschlands -die Waffen ergriff, nicht gelänge, das Vaterland zu -befreien: würde er nicht den Fluch der Welt auf sich laden, -den Kampf überhaupt unternommen zu haben? -</p> - -<p> -<em>Antw.</em> Nein, mein Vater. -</p> - -<p> -<em>Fr.</em> Warum nicht? -</p> - -<p> -<em>Antw.</em> Weil Gott der oberste Herr der Heer-Schaaren -ist, und nicht der Kaiser, und es weder in seiner noch in seines -Bruders, des Erzherzog Carls, Macht steht, die Schlachten, -so wie sie es wohl wünschen mögen, zu gewinnen. -</p> - -<p> -<a id="page-93" class="pagenum" title="93"></a> -<em>Fr.</em> Gleichwohl ist, wenn der Zweck des Kriegs nicht -erreicht wird, das Blut vieler tausend Menschen nutzlos geflossen, -die Städte verwüstet und das Land verheert worden. -</p> - -<p> -<em>Antw.</em> Wenngleich, mein Vater! -</p> - -<p> -<em>Fr.</em> Was? Wenngleich! — Also auch, wenn Alles -untergienge, und kein Mensch, Weiber und Kinder mit eingerechnet, -am Leben bliebe, würdest du den Kampf noch -billigen? -</p> - -<p> -<em>Antw.</em> Allerdings, mein Vater. -</p> - -<p> -<em>Fr.</em> Warum? -</p> - -<p> -<em>Antw.</em> Weil es Gott lieb ist, wenn Menschen ihrer -Freiheit wegen sterben. -</p> - -<p> -<em>Fr.</em> Was aber ist ihm ein Gräuel? -</p> - -<p> -<em>Antw.</em> Wenn Sclaven leben! -</p> - -<h3 class="pbb chapter" id="chapter-4-2"> -<a id="page-94" class="pagenum" title="94"></a> -<span class="line1">2. Politische Aufrufe und Betrachtungen.</span> -</h3> - -<h4 class="subchap" id="subchap-4-2-1"> -<span class="line1">1. Einleitung [zur Zeitschrift Germania].</span> -</h4> - -<p class="noindent"> -Diese Zeitschrift soll der erste Athemzug der deutschen -Freiheit sein. Sie soll Alles aussprechen, was während der -drei letzten, unter dem Druck der Franzosen verseufzten, Jahre -in den Brüsten wackerer Deutschen hat verschwiegen bleiben -müssen: alle Besorgniß, alle Hoffnung, alles Elend und -alles Glück. -</p> - -<p> -Es bedurfte einer Zeit wie die jetzige, um einem Blatt, -wie das vorliegende ist, das Dasein zu geben. So lange -noch keine Handlung des Staats geschehen war, mußte es -jedem Deutschen, der seine Worte zu Rathe hielt, ebenso -voreilig als nutzlos scheinen zu seinen Mitbrüdern zu reden. -Eine solche Stimme würde entweder völlig in der Wüste -verhallt sein, oder — welches fast noch schlimmer gewesen -wäre — die Gemüther nur auf die Höhen der Begeisterung -erhoben haben, um sie in dem zunächst darauf folgenden -Augenblick in eine desto tiefere Nacht der Gleichgültigkeit und -Hoffnungslosigkeit versinken zu lassen. -</p> - -<p> -Jetzt aber hat der Kaiser von Oesterreich an der Spitze -seines tapfern Heeres den Kampf für seiner Unterthanen Wohl, -und den noch großmüthigeren für das Heil des unterdrückten -<a id="page-95" class="pagenum" title="95"></a> -und bisher noch wenig dankbaren Deutschlands unternommen. -Der kaiserliche Bruder, den er zum Herrn des Heers bestellte, -hat die göttliche Kraft, das Werk an sein Ziel hinauszuführen, -auf eine erhabene und rührende Art dargethan. Das Misgeschick, -das ihn traf, trug er mit der Unbeugsamkeit der -Helden, und ward in dem entscheidenden Augenblick, da es -zu siegen oder zu sterben galt, der Bezwinger des Unbezwungenen, -— ward es mit einer Bescheidenheit, die dem Zeitalter, -in welchem wir leben, fremd ist.<a class="fnote" href="#footnote-66" id="fnote-66">[66]</a> -</p> - -<p> -Jetzt oder niemals ist es Zeit den Deutschen zu sagen, -was sie ihrerseits zu thun haben, um der erhabenen Vormundschafft, -die sich über sie eingesetzt hat, allererst würdig -zu werden; und dieses Geschäfft ist es, das wir, von der Lust -am Guten mitzuwirken bewegt, in den Blättern der Germania -haben übernehmen wollen. -</p> - -<p> -Hoch, auf dem Gipfel der Felsen soll sie sich stellen und -den Schlachtgesang herabdonnern ins Thal! Dich, o Vaterland, -will sie singen und deine Heiligkeit und Herrlichkeit, -und welch ein Verderben seine Wogen auf dich heranwälzt! -Sie will herabsteigen, wenn die Schlacht braußt,<a class="fnote" href="#footnote-67" id="fnote-67">[67]</a> und sich -mit hochroth glühenden Wangen unter die Streitenden mischen -und ihren Muth beleben, und ihnen Unerschrockenheit und -Ausdauer und des Todes Verachtung ins Herz gießen; — — -und die Jungfrauen des Landes herbeirufen, wenn der Sieg -erfochten ist, daß sie sich niederbeugen über die so gesunken -sind, und ihnen das Blut aus der Wunde saugen. Möge -jeder, der sich bestimmt fühlt dem Vaterlande auf <em>diese</em> -Weise zu — — — -</p> - -<h4 class="subchap" id="subchap-4-2-2"> -<a id="page-96" class="pagenum" title="96"></a> -<span class="line1">2. [Aufruf.]</span> -</h4> - -<p class="noindent"> -Zeitgenossen! Glückliche oder unglückliche Zeitgenossen — -wie soll ich euch nennen? daß ihr nicht aufmerken wollet, -oder nicht aufmerken könnet. Wunderbare und sorgenlose -Blindheit, mit welcher ihr nichts vernehmt! O, wenn in -euren Füßen Weissagung wäre, wie schnell würden sie zur -Flucht sein! Denn unter ihnen gährt die Flamme, die bald -in Vulcanen herausdonnern, und unter ihrer Asche und ihren -Lavaströmen Alles begraben wird. Wunderbare Blindheit, -die nicht gewahrt, daß Ungeheures und Unerhörtes nahe ist, -daß Dinge reifen, von welchen noch der Urenkel mit Grausen -sprechen wird, wie von atridischen Tischen und Pariser und -Nanter Bluthochzeiten? Welche Verwandlungen nahen! Ja, -in welchen seid ihr mitten inne und merkt sie nicht, und -meint, es geschähe etwas Alltägliches in dem alltäglichen Nichts, -worin ihr befangen seid! — <span class="antiqua">G. v. J.</span> S. 13.<a class="fnote" href="#footnote-68" id="fnote-68">[68]</a> -</p> - -<p> -Diese Prophezeiung — in der That, mehr als einmal -habe ich diese Worte als übertrieben tadeln hören. Sie -flößen, sagt man, ein gewisses falsches Entsetzen ein, das die -Gemüther, statt sie zu erregen, vielmehr abspanne und -erschlaffe. Man sieht um sich, heißt es, ob wirklich die Erde -sich schon unter den Fußtritten der Menschen eröffne; und -wenn man die Thürme und die Giebel der Häuser noch -stehen sieht, so holt man, als ob man aus einem schweren -Traume erwachte, wieder Athem. Das Wahrhaftige, was -darin liegt, verwerfe man mit dem Unwahrhaftigen, und sei -geneigt die ganze Weissagung, die das Buch enthält, für eine -Vision zu halten. -</p> - -<p> -<a id="page-97" class="pagenum" title="97"></a> -O du, der du so sprichst, du kömmst mir vor wie etwa -ein Grieche aus dem Zeitalter des Sülla, oder aus jenem -des Titus ein Israelit. -</p> - -<p> -„Was? dieser mächtige Staat der Juden soll untergehen? -Jerusalem, diese Stadt Gottes, von seinem leibhaftigen Cherubime -beschützt, sie sollte, Zion, zu Asche versinken? Eulen -und Adler sollten in den Trümmern dieses salomonischen -Tempels wohnen? Der Tod sollte die ganze Bevölkerung -hinwegraffen, Weiber und Kinder in Fesseln hinweggeführt -werden, und die Nachkommenschafft in alle Länder der Welt -zerstreut, durch Jahrtausende und wieder Jahrtausende<a class="fnote" href="#footnote-69" id="fnote-69">[69]</a> verworfen, -wie dieser Ananias prophezeit, das Leben der Sclaven -führen? Was?“ -</p> - -<h4 class="subchap" id="subchap-4-2-3"> -<span class="line1">3. Was gilt es in diesem Kriege?</span> -</h4> - -<p class="noindent"> -Gilt es, was es gegolten hat sonst in den Kriegen, die -geführt worden sind auf dem Gebiete der unermeßlichen Welt? -Gilt es den Ruhm eines jungen und unternehmenden Fürsten, -der in dem Duft einer lieblichen Sommernacht von -Lorbeern geträumt hat? Oder die Genugthuung für die -Empfindlichkeit einer Favorite, deren Reitze, vom Beherrscher -des Reichs anerkannt, an fremden Höfen in Zweifel gezogen -worden sind? Gilt es einen Feldzug, der, jenem spanischen -Erbfolgestreit gleich, wie ein Schachspiel geführt wird, bei -welchem kein Herz wärmer schlägt, keine Leidenschafft das -Gefühl schwellt, kein Muskel, vom Giftpfeil der Beleidigung -getroffen, emporzuckt? Gilt es ins Feld zu rücken von beiden -Seiten, wenn der Lenz kommt, sich zu treffen mit flatternden -<a id="page-98" class="pagenum" title="98"></a> -Fahnen, und zu schlagen und entweder zu siegen, oder wieder -in die Winterquartiere einzurücken? Gilt es eine Provinz -abzutreten, einen Anspruch auszufechten, oder eine Schuld-Forderung -geltend zu machen, oder gilt es sonst irgend etwas, -das nach dem Werth des Geldes auszumessen ist, heut besessen, -morgen aufgegeben, und übermorgen wieder erworben -werden kann? -</p> - -<p> -Eine Gemeinschafft gilt es, deren Wurzeln tausendästig,<a class="fnote" href="#footnote-70" id="fnote-70">[70]</a> -einer Eiche gleich, in den Boden der Zeit eingreifen; deren -Wipfel, Tugend und Sittlichkeit überschattend, an den silbernen -Saum der Wolken rührt, deren Dasein durch das Drittheil -eines Erdalters geheiligt worden ist; eine Gemeinschafft, die, -unbekannt mit dem Geist der Herrschsucht und der Eroberung, -des Daseins und der Duldung so würdig ist, wie irgend eine; -die ihren Ruhm nicht einmal denken kann, sie müßte denn den -Ruhm zugleich und das Heil aller Uebrigen denken, die den -Erdkreis bewohnen; deren ausgelassenster und ungeheuerster -Gedanke noch, von Dichtern und Weisen auf Flügeln der Einbildung -erschwungen, Unterwerfung unter eine Weltregierung -ist, die in freier Wahl von der Gesammtheit aller Brüder-Nationen -gesetzt wäre. Eine Gemeinschafft gilt es, deren Wahrhaftigkeit -und Offenherzigkeit gegen Freund und Feind gleich -unerschütterlich geübt, bei dem Witz der Nachbarn zum Sprichwort -geworden ist; die über jeden Zweifel erhoben, dem Besitzer -jenes ächten Ringes gleich, diejenige ist, die die Anderen -am Meisten lieben; deren Unschuld, selbst in dem Augenblick -noch, da der Fremdling sie belächelt, oder wohl gar verspottet, -sein Gefühl geheimnißvoll erweckt; dergestalt, daß derjenige, -der zu ihr gehört, nur seinen Namen zu nennen braucht, um -<a id="page-99" class="pagenum" title="99"></a> -auch in den entferntesten Theilen der Welt noch Glauben zu -finden. Eine Gemeinschafft, die weit entfernt in ihrem Busen -auch nur eine Regung von Uebermuth zu tragen, vielmehr, -einem schönen Gemüth gleich, bis auf den heutigen Tag an -ihre eigne Herrlichkeit nicht geglaubt hat; die herumgeflattert -ist unermüdlich, einer Biene gleich, Alles, was sie Vortreffliches -fand, in sich aufzunehmen, gleich als ob nichts von Ursprung -herein Schönes in ihr<a class="fnote" href="#footnote-71" id="fnote-71">[71]</a> selber wäre; in deren Schooß -gleichwohl (wenn es zu sagen erlaubt ist!) die Götter das Urbild -der Menschheit reiner als in irgend einer andern aufbewahrt -hatten. Eine Gemeinschafft, die dem Menschengeschlecht nichts -in dem Wechsel der Dienstleistungen<a class="fnote" href="#footnote-72" id="fnote-72">[72]</a> schuldig geblieben ist, die -den Völkern, ihren Brüdern und Nachbarn, für jede Kunst des -Friedens, welche sie von ihnen erhielt, eine andere zurückgab; -eine Gemeinschafft, die an dem Obelisken der Zeiten stets -unter den Wackersten und Rüstigsten thätig gewesen ist; ja, -die den Grundstein desselben gelegt hat, und vielleicht den -Schlußblock darauf zu setzen bestimmt war. Eine Gemeinschafft -gilt es, die den Leibnitz und Guttenberg gebohren hat, -in welcher ein Guericke den Luftkreis wog, Tschirnhausen den -Glanz der Sonne lenkte, und Keppler der Gestirne Bahn -verzeichnete; eine Gemeinschafft, die große Namen, wie der -Lenz Blumen, aufzuweisen hat; die den Hutten und Sickingen, -Luther und Melanchthon, Joseph und Friedrich auferzog; in -welcher Dürer und Cranach, die Verherrlicher der Tempel, -gelebt, und Klopstock den Triumph des Erlösers gesungen hat. -Eine Gemeinschafft mithin gilt es, die dem ganzen Menschengeschlecht -angehört;<a class="fnote" href="#footnote-73" id="fnote-73">[73]</a> die die Wilden der Südsee noch, wenn -sie sie kennten, zu beschützen herbeiströmen würden; eine -<a id="page-100" class="pagenum" title="100"></a> -Gemeinschafft, deren Dasein keine deutsche Brust überleben, -und die nur mit Blut, vor [dem] die Sonne verdunkelt, zu -Grabe gebracht werden soll! -</p> - -<h4 class="subchap" id="subchap-4-2-4"> -<span class="line1">4. Einleitung [zu den Berliner Abendblättern].</span><br /> -<span class="line2">Gebet des Zoroaster.</span><br /> -<span class="line3">(Aus einer indischen Handschrift, von einem Reisenden in den Ruinen von Palmyra gefunden.)</span><br /> -<span class="line4">(1. October 1810.)</span> -</h4> - -<p class="noindent"> -Gott, mein Vater im Himmel! Du hast dem Menschen -ein so freies, herrliches und üppiges Leben bestimmt. -Kräfte unendlicher Art, göttliche und thierische, spielen in seiner -Brust zusammen, um ihn zum König der Erde zu machen. -Gleichwohl, von unsichtbaren Geistern überwältigt, liegt er, -auf verwundernswürdige und unbegreifliche Weise, in Ketten -und Banden; das Höchste, von Irrthum geblendet, läßt er zur -Seite liegen, und wandelt, wie mit Blindheit geschlagen, -unter Jämmerlichkeiten und Nichtigkeiten umher. Ja, er gefällt -sich in seinem Zustand; und wenn die Vorwelt nicht -wäre und die göttlichen Lieder, die von ihr Kunde geben, so -würden wir gar nicht mehr ahnden, von welchen Gipfeln, -o Herr! der Mensch um sich schauen kann. Nun lässest du -es, von Zeit zu Zeit, niederfallen, wie Schuppen, von dem -Auge Eines deiner Knechte, den du dir erwählt, daß er -die Thorheiten und Irrthümer seiner Gattung überschaue; -ihn rüstest du mit dem Köcher der Rede, daß er, furchtlos -und liebreich, mitten unter sie trete, und sie mit Pfeilen, -bald schärfer, bald leiser, aus der wunderlichen Schlafsucht, -in welcher sie befangen liegen, wecke. Auch mich, o Herr, -<a id="page-101" class="pagenum" title="101"></a> -hast du, in deiner Weisheit, mich wenig Würdigen, zu -diesem Geschäft erkoren; und ich schicke mich zu meinem Beruf -an. Durchdringe mich ganz, vom Scheitel zur Sohle, mit -dem Gefühl des Elends, in welchem dies Zeitalter darnieder -liegt, und mit der Einsicht in alle Erbärmlichkeiten, Halbheiten, -Unwahrhaftigkeiten und Gleisnereien, von denen es -die Folge ist. Stähle mich mit Kraft, den Bogen des Urtheils -rüstig zu spannen, und, in der Wahl der Geschosse, -mit Besonnenheit und Klugheit, auf daß ich jedem, wie es -ihm zukommt, begegne: den Verderblichen und Unheilbaren, -dir zum Ruhm, niederwerfe, den Lasterhaften schrecke, den -Irrenden warne, den Thoren, mit dem bloßen Geräusch der -Spitze über sein Haupt hin, necke. Und einen Kranz auch -lehre mich winden, womit ich, auf meine Weise, den, der -dir wohlgefällig ist, kröne! Ueber Alles aber, o Herr, möge -Liebe wachen zu dir, ohne welche nichts, auch das Geringfügigste -nicht, gelingt: auf daß dein Reich verherrlicht und -erweitert werde, durch alle Räume und alle Zeiten, Amen! -</p> - -<p class="sign"> -<span class="line1"><span class="antiqua"><i>x.</i></span></span> -</p> - -<h4 class="subchap" id="subchap-4-2-5"> -<span class="line1">5. Von der Ueberlegung.</span><br /> -<span class="line2">(Eine Paradoxe.)</span><br /> -<span class="line3">(7. December.)</span> -</h4> - -<p class="noindent"> -Man rühmt den Nutzen der Ueberlegung in alle Himmel; -besonders der kaltblütigen und langwierigen vor der That. -Wenn ich ein Spanier, ein Italiener oder ein Franzose wäre: -so mögte es damit sein Bewenden haben. Da ich aber ein -Deutscher bin, so denke ich meinem Sohn einst, besonders -<a id="page-102" class="pagenum" title="102"></a> -wenn er sich zum Soldaten bestimmen sollte, folgende Rede -zu halten. -</p> - -<p> -„Die Ueberlegung, wisse, findet ihren Zeitpunkt weit -schicklicher <em>nach</em>, als <em>vor</em> der That. Wenn sie vorher, oder -in dem Augenblick der Entscheidung selbst, ins Spiel tritt: -so scheint sie nur die zum Handeln nöthige Kraft, die aus -dem herrlichen Gefühl quillt, zu verwirren, zu hemmen und -zu unterdrücken; dagegen sich nachher, wenn die Handlung -abgethan ist, der Gebrauch von ihr machen läßt, zu welchem -sie dem Menschen eigentlich gegeben ist, nämlich sich dessen, -was in dem Verfahren fehlerhaft und gebrechlich war, bewußt -zu werden, und das Gefühl für andere künftige Fälle zu reguliren. -Das Leben selbst ist ein Kampf mit dem Schicksal; -und es verhält sich auch mit dem Handeln wie mit dem -Ringen. Der Athlet kann, in dem Augenblick, da er seinen -Gegner umfaßt hält, schlechthin nach keiner andern Rücksicht, -als nach bloßen augenblicklichen Eingebungen verfahren; und -derjenige, der berechnen wollte, welche Muskeln er anstrengen, -und welche Glieder er in Bewegung sezzen soll, um zu überwinden, -würde unfehlbar den Kürzern ziehen, und unterliegen. -Aber nachher, wenn er gesiegt hat oder am Boden liegt, mag -es zweckmäßig und an seinem Ort sein, zu überlegen, durch -welchen Druck er seinen Gegner niederwarf, oder welch ein -Bein er ihm hätte stellen sollen, um sich aufrecht zu erhalten. -Wer das Leben nicht, wie ein solcher Ringer, umfaßt hält, -und tausendgliedrig, nach allen Windungen des Kampfes, nach -allen Widerständen, Drücken, Ausweichungen und Reactionen, -empfindet und spürt: der wird, was er will, in keinem Gespräch, -durchsetzen; vielweniger in einer Schlacht.“ -</p> - -<p class="sign"> -<span class="line1"><span class="antiqua"><i>x.</i></span></span> -</p> - -<h4 class="subchap" id="subchap-4-2-6"> -<a id="page-103" class="pagenum" title="103"></a> -<span class="line1">6. Betrachtungen über den Weltlauf.</span><br /> -<span class="line2">(9. October.)</span> -</h4> - -<p class="noindent"> -Es giebt Leute, die sich die Epochen, in <a id="corr-8"></a>welchen die -Bildung einer Nation fortschreitet, in einer gar wunderlichen -Ordnung vorstellen. Sie bilden sich ein, daß ein Volk zuerst -in thierischer <em>Rohheit</em> und <em>Wildheit</em> daniederläge; daß -man nach Verlauf einiger Zeit, das Bedürfniß einer Sittenverbesserung -empfinden, und somit die <em>Wissenschaft von -der Tugend</em> aufstellen müsse; daß man, um den Lehren -derselben Eingang zu verschaffen, daran denken würde, sie in -schönen Beispielen zu versinnlichen, und daß somit die -<em>Aesthetik</em> erfunden werden würde: daß man nunmehr, nach -den Vorschriften derselben, schöne Versinnlichungen verfertigen, -und somit die <em>Kunst</em> selbst ihren Ursprung nehmen würde: -und daß vermittelst der Kunst endlich das Volk auf die höchste -Stufe menschlicher <em>Cultur</em> hinaufgeführt werden würde. -Diesen Leuten dient zur Nachricht, daß Alles, wenigstens bei -den Griechen und Römern, in ganz umgekehrter Ordnung -erfolgt ist. Diese Völker machten mit der <em>heroischen</em> Epoche, -<a id="corr-9"></a>welche ohne Zweifel die höchste ist, die erschwungen werden -kann, den Anfang; als sie in keiner menschlichen und bürgerlichen -Tugend mehr Helden hatten, <em>dichteten</em> sie welche; -als sie keine mehr dichten konnten, erfanden sie dafür die -<em>Regeln</em>; als sie sich in den Regeln verwirrten, abstrahirten -sie die <em>Weltweisheit</em> selbst; und als sie damit fertig waren, -wurden sie <em>schlecht</em>. -</p> - -<p class="sign"> -<span class="line1"><span class="antiqua"><i>z.</i></span></span> -</p> - -<h3 class="pbb chapter" id="chapter-4-3"> -<a id="page-104" class="pagenum" title="104"></a> -<span class="line1">3. Erzählungen und Anekdoten.</span> -</h3> - -<h4 class="subchap" id="subchap-4-3-1"> -<span class="line1">1. Warnung gegen weibliche Jägerei.</span><br /> -<span class="line2">(5. 6. November.)</span> -</h4> - -<p class="noindent"> -Die Gräfin L... war kurzsichtig, aber sie liebte noch -immer die Jagd, ungeachtet sie niemals gut geschossen -hatte. Ihre Jäger kannten ihre Art und nahmen sich vor -ihr in Acht; sie schoß dreist auf jeden Fleck, wo sich etwas -regte, es war ihr einerlei, was es sein mogte. Abbé D......, -einer der gelehrtesten Literatoren, mußte sie mit ihrem vierzehnjährigen -Sohne, dem Grafen Johann, auf einer dieser -Treibjagden begleiten, die Jäger suchten ihnen einen sichern -Platz zum Anstand, hinter zwei starken Bäumen, aus; der -Abbé nahm aus Langeweile ein Buch aus seiner Tasche, das -er vom Jagdschloß mitgenommen; es war von Idstädt’s Jagdrecht. -Der junge Graf lauerte aufmerksam auf einen Rehbock, -der herangetrieben wurde. In dem Augenblicke, als er -losdrücken wollte, fiel ein Schuß der Gräfin, den sie ungeschickt -und übereilt auf denselben Rehbock thun wollte, so -geschickt durch den schmalen Luftraum, zwischen den beiden -Bäumen, die den Abbé und den Grafen sicherten, daß sich -beide zu gleicher Zeit verwundet fühlten und aufschrieen. -Die Gräfin wurde bei diesem Geschrei ohnmächtig, die Jäger -<a id="page-105" class="pagenum" title="105"></a> -und die übrige Gesellschaft, in der sich auch ein Wundarzt -befand, eilten von allen Seiten herbei und theilten ihre Sorge -zwischen der Gräfin und dem jungen Erbgrafen. Die Güte -und Geduld des Abbé’s ist jedem, der ihn gesehen, aus seinem -Gesichte bekannt, seine Bescheidenheit jedem, der mit ihm -gesprochen; hier erschien aber alles Dreies auf einer merkwürdigen -Probe. Kein Mensch fragte ihn, was ihm fehle, -vielmehr drängte man ihn beiseite, und als er einem sagte: -Er glaube zu sterben, der eine Rehposten wäre ihm in der -Gegend der Leber durch die Rippen eingeschlagen; so antwortete -ihm jener verstört: der junge Graf sei durch beide -Schulterblätter verletzt. Der Wundarzt sah nur auf den -jungen Grafen, und der arme Abbé mußte sich selbst helfen, -so gut er konnte, und suchte sich die Wunde mit seinem -Schnupftuche, das er mit dem Rock festknöpfte, so gut als -möglich zu verschließen. Mit Mühe wurde eine Kutsche durch -den steinigen hügligten Wald, bis nahe an den Unglücksort, -gebracht. Die Gräfin hatte sich erholt, und empfahl mit -vielen Thränen, dem Wundarzte ihren Sohn; der Abbé wollte -ihr mit Klagen, über seinen Schmerz, keinen Kummer machen, -und stieg sachte mit der letzten Anstrengung dem jungen -Grafen in den Wagen nach. Der Wundarzt hielt den Grafen -im Vorsitz, rückwärts saß der Abbé. Der Wagen fuhr sehr -langsam, aber der Weg war uneben und stieß unvermeidlich; -der Graf litt dabei und seufzte leise, aber der Abbé konnte, -bei dem entsetzlichen Druck der Kugel, sich heftiger Seufzer -und einzelner Ausrufungen nicht enthalten. Der Wundarzt -hatte schon ein paar Mal gesagt: Es hätte nichts auf sich -mit der Wunde des Grafen, er könnte sich beruhigen; endlich -<a id="page-106" class="pagenum" title="106"></a> -sprach er ganz ernstlich: Ich ehre ihr Mitleid Herr Abbé, -aber ich traue ihrem Verstande zu, daß sie sich der Ausbrüche -desselben erwehren können, wenn es dem Gegenstande -desselben gefährlich werden könnte; ihre Beileidsbezeugungen -machen aber den Kranken selbst besorgter, als das Uebel -verdient. -</p> - -<p> -In dem Augenblicke krachte der Wagen über eine Wurzel, -daß der arme Abbé kein Wort sagen konnte, sondern um sich -verständlich zu machen, den Rock aufknöpfte; das Tuch fiel -herunter und das Blut floß in großer Menge herab. — -Mein Gott, rief der Wundarzt, sind sie auch verwundet, -wahrhaftig! ja, da muß man sich hier nichts draus machen, -ich habe heute auch ein Paar Schroten von der Frau Gräfin -in das dicke Fleisch bekommen, es macht ihr so viel Vergnügen -und ich singe lustig dabei: -</p> - -<div class="poem-container"> - <div class="poem"> - <div class="stanza"> - <p class="verse">Es ist ein Schuß gefallen,</p> - <p class="verse">Mein, sagt, wer schoß da draus?</p> - <p class="verse">Es war ein junger Jäger,</p> - <p class="verse">Der schoß im Hinterhaus.</p> - <p class="verse">Die Spatzen in dem Garten,</p> - <p class="verse">Die machen viel Verdruß,</p> - <p class="verse">Zwei Spatzen und ein Schneider,</p> - <p class="verse">Die fielen von dem Schuß,</p> - <p class="verse">Die Spatzen von den Schroten,</p> - <p class="verse">Der Schneider von dem Schreck;</p> - <p class="verse">Die Spatzen in die Schoten,</p> - <p class="verse">Der Abbé in den Dreck.</p> - </div> - </div> -</div> - -<p class="noindent"> -Der gute Abbé, der eine gewisse Kränkung empfunden -hatte, wie er erst so verbindlich in dem Hause aufgenommen -und im Unglück so ganz vergessen sei, mußte jetzt selbst lächlen, -<a id="page-107" class="pagenum" title="107"></a> -als er bei dieser Anzeige bemerkte, wie er sich beim Falle auf -dem feuchten Boden beschmutzt hatte, dabei übernahm ihn -eine Ohnmacht, von der er erst im Schlosse erwachte. Ich -sah ihn mehrere Jahre nach diesem Vorfalle, den er glücklich -überstanden hatte; ich fühlte die Kugel, sie hatte sich wohl -zwei Hände breit hinter den Rippen niedergesenkt, und war -jetzt unter denselben fühlbar. Zuweilen litt er noch an -Schmerzen und versicherte, daß alle Gefahren, die von den -Dichtern einem gewissen Bogengeschoß aus weiblichen Augen -nachgesagt würden, nicht mit den Gefahren weiblicher Jägerei -zu vergleichen wären, denn die Geschicklichkeit Dianens -mögte wohl so selten geworden sein, wie ihre anderen Eigenschaften. -</p> - -<p class="sign"> -<span class="line1"><span class="antiqua"><i>vaa.</i></span></span> -</p> - -<h4 class="subchap" id="subchap-4-3-2"> -<span class="line1">2. Die Heilung.</span><br /> -<span class="line2">(29. November.)</span> -</h4> - -<p class="noindent"> -In den Zeiten des höchsten Glanzes der altfranzösischen -Hofhaltung unter Ludwig XIV lebte ein Edelmann, der -Marquis de Saint Meran, der die Anmuth, Geistesgewandheit -und sittliche Verderbniß der damaligen vornehmen Welt -im höchsten Grade in sich vereinigte. Unter andern unzählbaren -Liebesabentheuern hatte er auch eines, mit der Frau -eines Procuratoren, die es ihm gelang, dem Manne sowohl, -als dessen Familie und ihrer eigenen gänzlich abzuwenden, -so daß sie deren Schmach ward, deren Juweel sie gewesen -war, und in blinder Leidenschaft das Hotel ihres Verführers -bezog. Er hatte zwar nie so viel bei einer Liebesgeschichte -empfunden, als bei dieser, ja, es regten sich bisweilen Gefühle -<a id="page-108" class="pagenum" title="108"></a> -in ihm, die man einen Abglanz von Religion und -Herzlichkeit hätte nennen mögen, aber endlich trieb ihn -dennoch, wenn nicht die Lust am Wechsel, doch die Mode -des Wechsels von seinem schönen Opfer wieder fort, und er -suchte nun dieses durch die ausgesuchtesten und verfeinertsten -Grundsätze seiner Weltweisheit zu beruhigen. Aber das war -nichts für ein solches Herz. Es schwoll in Leiden, die ihm -keine Geisteswendung zu mildern vermochte, so gewaltsam -auf, daß es den einstmals lichtklaren und lichtschnellen Verstand -verwirrte, und der Marquis, nicht bösartig genug, die -arme Verrückte ihrem Jammer und dem Hohn der Menschen -zu überlassen, sie auf ein entferntes Gut in der Provence -schickte, mit dem Befehl, ihrer gut und anständig zu pflegen. -Dort aber stieg, was früher stille Melancholie gewesen war, -zu den gewaltsamsten phrenetischen Ausbrüchen, mit deren -Berichten man jedoch die frohen Stunden des Marquis zu -unterbrechen sorgsam vermied. Diesem fällt es endlich einmal -ein, die provenzalische Besizzung zu besuchen. Er kommt unvermuthet -an, eine flüchtige Frage nach dem Befinden der -Kranken wird eben so flüchtig beantwortet, und nun geht es -zu einer Jagdparthie in die nahen Berge hinaus. Man hatte -sich aber wohl gehütet, dem Marquis zu sagen, daß eben -heute die Unglückliche in unbezwinglicher Wuth aus ihrer -Verwahrung gebrochen sei, und man sich noch immer vergeblich -abmühe, sie wieder einzufangen. Wie mußte nun dem -Leichtsinnigen zu Muthe werden, als er auf schroffem Fußgestade -an einer der einsamsten Stellen des Gebirges, weit -getrennt von alle seinem Gefolge, im eiligen Umwenden um -eine Ecke des Felsens, der furchtbaren Flüchtigen grad in die -<a id="page-109" class="pagenum" title="109"></a> -Arme rennt, die ihn faßt mit alle der unwiderstehlichen Kraft -des Wahnsinns, mit ihrem, aus den Kreisen gewichenen blitzenden -Augenstern, gerad’ in sein Antlitz hineinstarrt, während -ihr reiches, nun so gräßliches, schwarzes Haar, wie ein Mantel -von Rabenfittigen, über ihr hinweht, und die dennoch nicht -so entstellt ist, daß er nicht auf den ersten Blick die einst so -geliebte Gestalt, die von ihm selber zur Furie umgezauberte -Gestalt, hätte erkennen sollen. — Da wirrte auch um ihn -der Wahnsinn seine grause Schlingen, oder vielmehr der Blödsinn, -denn der plötzliche Geistesschlag zerrüttete ihn dergestalt, -daß er besinnungslos in den Abgrund hinunter taumeln wollte. -Aber die arme Manon lud ihn, plötzlich still geworden, auf -ihren Rücken, und trug ihn sorgsam nach der Gegend des -Schlosses zurück. Man kann sich das Entsetzen der Bedienten -denken, als sie ihrem Herren auf diese Weise und in der -Gewalt der furchtbaren Kranken begegneten. Aber bald erstaunten -sie noch mehr, die Rollen hier vollkommen gewechselt -zu finden. Manon war die verständige, sittige Retterin und -Pflegerin des blödsinnigen Marquis geworden, und ließ fürderhin -nicht Tag nicht Nacht auch nur auf eine Stunde von -ihm. Bald gaben die herbeigerufnen Aerzte jede Hoffnung -zu seiner Heilung auf, nicht aber Manon. Diese pflegte mit -unerhörter Geduld und mit einer Fähigkeit, welche man für -Inspiration zu halten versucht war, den armen verwilderten -Funken in ihres Geliebten Haupt, und lange Jahre nachher, -schon als sich beider Locken bleichten, genoß sie des unaussprechlichen -Glückes, den ihr über Alles theuren Geist wieder -zu seiner ehemaligen Blüthe und Kraft herauferzogen zu -haben. Da gab der Marquis seiner Helferin am Altare die -<a id="page-110" class="pagenum" title="110"></a> -Hand, und in dieser Entfernung der Hauptstadt wußten alle -Theilhaber des Festes von keinen andern Gefühlen, als denen -der tiefsten Ehrfurcht und der andächtigsten Freude. -</p> - -<p class="sign"> -<span class="line1">M. F.</span> -</p> - -<h4 class="subchap" id="subchap-4-3-3"> -<span class="line1">3. Das Grab der Väter.</span><br /> -<span class="line2">(5. Dezember.)</span> -</h4> - -<p class="noindent"> -Einem jungen Bauersmann in Norwegen soll einmal -folgende Geschichte begegnet sein. Er liebte ein schönes -Mädchen, die einzige Tochter eines reichen Nachbarn, und -ward von ihr geliebt, aber die Armuth des Werbers machte -alle Hoffnung auf nähere Verbindung zu nichte. Denn der -Brautvater wollte seine Tochter nur einem solchen geben, -der schuldenfreien Hof und Heerde aufzuweisen habe, und -weil der arme junge Mensch weit davon entfernt war, half -es ihm zu nichts, daß er von einem der uralten Heldenväter -des Landes abstammte, ob zwar Niemand einen Zweifel an -dieser rühmlichen uralten Geschlechtstafel hegte. Seiner Ahnen -Erster und Größter sollte auch in einem Hügel begraben sein, -den alle Landleute unfern der Küste zu zeigen wußten. Auf -diesen Hügel pflegte sich denn der betrübte Jüngling oftmals -in seinem Leide zu sezzen, und dem begrabnen Altvordern -vorzuklagen, wie schlecht es ihm gehe, ohne daß der Bewohner -des Hügels auf diesen kleinen Jammer Rücksicht zu nehmen -schien. Meist hatten auch die zwei Liebenden ihre verstohlenen -Zusammenkünfte dort, und so geschah es, daß einstmals der -Vater des Mädchens den einzig gangbaren steilen Pfad zum -Hügel von ohngefähr herauf gegangen kam, indeß die beiden -<a id="page-111" class="pagenum" title="111"></a> -oben saßen. Eine tödtliche Angst befiel die Jungfrau, ihr -Liebhaber faßte sie in seine starken Arme, und versuchte, von -der andern Seite das Gestein herabzuklimmen. Da standen -sie aber plötzlich, auf glattem Rasen am schroffen Hange, -fest, sie hörten schon die Tritte des Vaters über sich, der sie -auf diese Weise unfehlbar erblicken mußte, schon fühlten sich -beide von Angst und Schwindel versucht, die jähe Tiefe und -den Standkreis hinab zu stürzen, — da gewahrten sie nahe bei -sich einer kleinen Oeffnung, und schlüpften hinein, und schlüpften -immer tiefer in die Dunkelheit, immer noch voll Angst -vor dem Bemerktwerden, bis endlich das Mädchen erschrocken -aufschrie: „mein Gott wir sind ja in einem Grabe!“ — -Da sahe auch der junge Normann erst um sich, und bemerkte, -daß sie in einer länglichen Kammer von gemauerten Steinen -standen, wo sich inmitten etwas erhub, wie ein großer Sarg. -Jemehr aber die Finsterniß vor den sich gewöhnenden Augen -abnahm, je deutlicher konnte man auch sehn, daß die Masse -in der Mitte kein Sarg war, sondern ein uralter Nachen, -wie man sie mit Seehelden an den nordischen Küsten vor -Zeiten einzugraben pflegte. Auf dem Nachen saß, dicht am -Steuer, in aufrechter Stellung, eine hohe Gestalt, die sie -erst für ein geschnitztes Bild ansahen. Als aber der junge -Mensch, dreist geworden, hinaufstieg, nahm er wahr, daß es -eine Rüstung von riesenmäßiger Größe sei. Der Helm war -geschlossen, in den rechten Panzerhandschuh war ein gewaltiges -bloßes Schwert mit dem goldenen Griffe hineingeklemmt. -Die Braut rief wohl ihrem Liebhaber ängstlich zu, herab zu -kommen, aber in einer seltsam wachsenden Zuversicht riß er -das Schwert aus der beerzten Hand. Da rasselten die mürben -<a id="page-112" class="pagenum" title="112"></a> -Knochen, auf denen die Waffen sich noch erhielten, zusammen, -der Harnisch schlug auf den Boden des Nachens lang hin, -der entsetzte Jüngling den Bord hinunter zu den Füßen seiner -Braut. Beide flüchteten, uneingedenk jeder andern Gefahr, -aus der Höle, den Hügel mit Anstrengung aller Kräfte wieder -hinauf, und oben wurden sie erst gewahr, daß ein ungeheurer -Regenguß wüthete, welcher den Vater von da vertrieben -hatte, und zugleich mit solcher Gewalt, Steine und Sand -nach der schaurigen Oeffnung hinabzuwälzen begann, daß solche -vor ihren Augen verschüttet ward, und man auch nachher nie -wieder hat da hineinfinden können. Der junge Mensch aber -hatte das Schwerdt seines Ahnen mit heraus gebracht. Er ließ -mit der Zeit den goldenen Griff einschmelzen, und ward so -reich davon, daß ihm der Brautvater seine Geliebte ohne Bedenken -antrauen ließ. Mit der ungeheuren Klinge aber wußten -sie nichts bessers anzufangen, als daß sie Wirthschafts- -und andere Geräthschaften, so viel sich thun ließ, daraus -schmieden ließen. -</p> - -<p class="sign"> -<span class="line1">M. F.</span> -</p> - -<h4 class="subchap" id="subchap-4-3-4"> -<span class="line1">4. Der Griffel Gottes.</span><br /> -<span class="line2">(5. October.)</span> -</h4> - -<p class="noindent"> -In Polen war eine Gräfinn von P...., eine bejahrte -Dame, die ein sehr bösartiges Leben führte, und besonders -ihre Untergebenen, durch ihren Geiz und ihre Grausamkeit, -bis auf das Blut quälte. Diese Dame, als sie starb, vermachte -einem Kloster, das ihr die Absolution ertheilt hatte, -ihr Vermögen; wofür ihr das Kloster, auf dem Gottesacker, -einen kostbaren, aus Erz gegossenen, Leichenstein setzen ließ, -<a id="page-113" class="pagenum" title="113"></a> -auf welchem dieses Umstandes, mit vielem Gepränge, Erwähnung -geschehen war. Tags darauf schlug der Blitz, das -Erz schmelzend, über dem Leichenstein ein, und ließ nichts, -als eine Anzahl von Buchstaben stehen, die, zusammen gelesen, -also lauteten: <em>sie ist gerichtet</em>! — Der Vorfall (die -Schriftgelehrten mögen ihn erklären) ist gegründet; der Leichenstein -existirt noch, und es leben Männer in dieser Stadt, die -ihn sammt der besagten Inschrift gesehen. -</p> - -<h4 class="subchap" id="subchap-4-3-5"> -<span class="line1">5. Muthwille des Himmels.</span><br /> -<span class="line2">Eine Anekdote.</span><br /> -<span class="line3">(10. October.)</span> -</h4> - -<p class="noindent"> -Der in Frankfurt an der Oder, wo er ein Infanterie-Regiment -besaß, verstorbene General Dieringshofen, ein Mann -von strengem und rechtschaffenem Charakter, aber dabei von -manchen Eigenthümlichkeiten und Wunderlichkeiten, äußerte, -als er, in spätem Alter, an einer langwierigen Krankheit, -auf den Tod darniederlag, seinen Widerwillen, unter die Hände -der Leichenwäscherinnen zu fallen. Er befahl bestimmt, daß -niemand, ohne Ausnahme, seinen Leib berühren solle; daß -er ganz und gar in dem Zustand, in welchem er sterben -würde, mit Nachtmütze, Hosen und Schlafrock, wie er sie -trage, in den Sarg gelegt und begraben sein wolle; und bat -den damaligen Feldprediger seines Regiments, Herrn P..., -welcher der Freund seines Hauses war, die Sorge für die -Vollstreckung dieses seines letzten Willens zu übernehmen. -Der Feldprediger P... versprach es ihm: er verpflichtete -sich, um jedem Zufall vorzubeugen, bis zu seiner Bestattung, -<a id="page-114" class="pagenum" title="114"></a> -von dem Augenblick an, da er verschieden sein würde, nicht -von seiner Seite zu weichen. Darauf nach Verlauf mehrerer -Wochen, kömmt, bei der ersten Frühe des Tages, der Kammerdiener -in das Haus des Feldpredigers, der noch schläft, -und meldet ihm, daß der General um die Stunde der Mitternacht -schon, sanft und ruhig, wie es vorauszusehen war, gestorben -sei. Der Feldprediger P... zieht sich, seinem Versprechen -getreu, sogleich an, und begiebt sich in die Wohnung -des Generals. Was aber findet er? — Die Leiche des Generals -schon eingeseift auf einem Schemel sitzen: der Kammerdiener, -der von dem Befehl nichts gewußt, hatte einen -Barbier herbeigerufen, um ihm vorläufig zum Behuf einer -schicklichen Ausstellung, den Bart abzunehmen. Was sollte -der Feldprediger unter so wunderlichen Umständen machen? -Er schalt den Kammerdiener aus, daß er ihn nicht früher -herbeigerufen hatte; schickte den Barbier, der den Herrn bei -der Nase gefaßt hielt, hinweg, und ließ ihn, weil doch nichts -anders übrig blieb, eingeseift und mit halbem Bart, wie er -ihn vorfand, in den Sarg legen und begraben. -</p> - -<p class="sign"> -<span class="line1"><span class="antiqua"><i>r.</i></span></span> -</p> - -<h4 class="subchap" id="subchap-4-3-6"> -<span class="line1">6. Anekdote aus dem letzten Kriege.</span><br /> -<span class="line2">(20. October.)</span> -</h4> - -<p class="noindent"> -Den ungeheuersten Witz, der vielleicht, so lange die Erde -steht, über Menschenlippen gekommen ist, hat, im Lauf des -letztverflossenen Krieges, ein Tambour gemacht; ein Tambour -meines Wissens von dem damaligen Regiment von Puttkammer; -ein Mensch, zu dem, wie man gleich hören wird, -weder die griechische noch römische Geschichte ein Gegenstück -<a id="page-115" class="pagenum" title="115"></a> -liefert. Dieser hatte, nach Zersprengung der preußischen Armee -bei Jena, ein Gewehr aufgetrieben, mit welchem er, auf -seine eigne Hand, den Krieg fortsetzte; dergestalt, daß da -er, auf der Landstraße, Alles, was ihm an Franzosen in -den Schuß kam, niederstreckte und ausplünderte, er von einem -Haufen französischer Gensdarmen, die ihn aufspürten, ergriffen, -nach der Stadt geschleppt, und, wie es ihm zukam, verurtheilt -ward, erschossen zu werden. Als er den Platz, wo die Execution -vor sich gehen sollte, betreten hatte, und wohl sah, -daß Alles, was er zu seiner Rechtfertigung vorbrachte, vergebens -war, bat er sich von dem Obristen, der das Detaschement -commandirte, eine Gnade aus; und da der Obrist, inzwischen -die Officiere, die ihn umringten, in gespannter -Erwartung zusammentraten, ihn fragte: was er wolle? zog -er sich die Hosen ab, und sprach: sie mögten ihn in den ... -schießen, damit das F.. kein L... bekäme. — Wobei man -noch die Shakespearsche Eigenschaft bemerken muß, daß der -Tambour mit seinem Witz, aus seiner Sphäre als Trommelschläger -nicht herausging. -</p> - -<p class="sign"> -<span class="line1"><span class="antiqua"><i>x.</i></span></span> -</p> - -<h4 class="subchap" id="subchap-4-3-7"> -<span class="line1">7. Der Branntweinsäufer und die Berliner Glocken.</span><br /> -<span class="line2">Eine Anekdote.</span><br /> -<span class="line3">(19. October.)</span> -</h4> - -<p class="noindent"> -Ein Soldat vom ehemaligen Regiment Lignowski, ein -heilloser und unverbesserlicher Säufer, versprach nach unendlichen -Schlägen, die er deshalb bekam, daß er seine Aufführung -bessern und sich des Brannteweins enthalten wolle. Er -hielt auch, in der That, Wort, während drei Tage: ward -<a id="page-116" class="pagenum" title="116"></a> -aber am Vierten wieder besoffen in einem Rennstein gefunden, -und, von einem Unterofficier, in Arrest gebracht. Im -Verhör befragte man ihn, warum er, seines Vorsatzes uneingedenk -sich von Neuem dem Laster des Trunks ergeben habe? -„Herr Hauptmann!“ antwortete er; „es ist nicht meine Schuld. -Ich ging in Geschäften eines Kaufmanns, mit einer Kiste -Färbholz, über den Lustgarten; da läuteten vom Dom herab -die Glocken: <em>Pom</em>meranzen! <em>Pom</em>meranzen! <em>Pom</em>meranzen!“ -Läut’, Teufel, läut, sprach ich, und gedachte meines -Vorsatzes und trank nichts. In der Königsstraße, wo ich die -Kiste abgeben sollte, steh ich einen Augenblick, um mich auszuruhen, -vor dem Rathhaus still: da bimmelt es vom Thurm -herab: „Kümmel! Kümmel! Kümmel! — Kümmel! Kümmel! -Kümmel!“ Ich sage zum Thurm: bimmle du, daß die -Wolken reißen — und gedenke, mein Seel, gedenke meines -Vorsatzes, ob ich gleich durstig war, und trinke nichts. Drauf -führt mich der Teufel, auf dem Rückweg, über den Spittelmarkt; -und da ich eben vor einer Kneipe, wo mehr denn -dreißig Gäste beisammen waren, stehe, geht es, vom Spittelthurm -herab: „Anisette! Anisette! Anisette!“ Was kostet das -Glas, frag’ ich? Der Wirth spricht: Sechs Pfennige. Geb’ -er her, sag’ ich — und was weiter aus mir geworden ist, -das weiß ich nicht. -</p> - -<p class="sign"> -<span class="line1"><span class="antiqua"><i>xyz.</i></span></span> -</p> - -<h4 class="subchap" id="subchap-4-3-8"> -<span class="line1">8. Tages-Ereigniß.</span><br /> -<span class="line2">(7. November.)</span> -</h4> - -<p class="noindent"> -Das Verbrechen des Ulahnen Hahn, der heute hingerichtet -ward, bestand darin, daß er dem Wachtmeister <em>Pape</em>, -der ihn, eines kleinen Dienstversehens wegen, auf höheren -<a id="page-117" class="pagenum" title="117"></a> -Befehl, arretiren wollte, und deshalb, von der Straße her, zurief, -ihm in die Wache zu folgen, indem er das Fenster, an -dem er stand, zuwarf, antwortete: von einem solchen Laffen -ließe er sich nicht in Arrest bringen. Hieraus verfügte der -Wachtmeister Pape, um ihn mit Gewalt fortzuschaffen, sich -in das Zimmer desselben: stürzte aber, von einer Pistolenkugel -des Rasenden getroffen, sogleich todt zu Boden nieder. -Ja, als auf den Schuß, mehrere Soldaten seines Regiments -herbeieilten, schien er sie, mit den Waffen in der Hand, in -Respect halten zu wollen, und jagte noch eine Kugel durch -das Hirn des in seinem Blute schwimmenden Wachtmeisters; -ward aber gleichwohl, durch einige beherzte Cameraden, entwaffnet -und ins Gefängniß gebracht. Se. Maj. der König -haben, wegen der Unzweideutigkeit des Rechtsfalls befohlen, -ungesäumt mit der Vollstreckung des, von den Militair-Gerichten -gefällten, Rechtsspruchs, der ihm das Rad zuerkannte, -vorzugehen. -</p> - -<h4 class="subchap" id="subchap-4-3-9"> -<span class="line1">9. Der verlegene Magistrat.</span><br /> -<span class="line2">Eine Anekdote.</span><br /> -<span class="line3">(4. October.)</span> -</h4> - -<p class="noindent"> -Ein H...r Stadtsoldat hatte vor nicht gar langer Zeit, -ohne Erlaubniß seines Offiziers, die Stadtwache verlassen. -Nach einem uralten Gesetz steht auf ein Verbrechen dieser -Art, das sonst der Streifereien des Adels wegen, von großer -Wichtigkeit war, eigentlich der Tod. Gleichwohl, ohne das -Gesetz mit bestimmten Worten aufzuheben, ist davon seit -vielen hundert Jahren kein Gebrauch mehr gemacht worden: -<a id="page-118" class="pagenum" title="118"></a> -dergestalt, daß statt auf die Todesstrafe zu erkennen, derjenige, -der sich dessen schuldig macht, nach einem feststehenden Gebrauch, -zu einer bloßen Geldstrafe, die er an die Stadtcasse -zu erlegen hat, verurtheilt wird. Der besagte Kerl aber, der -keine Lust haben mochte, das Geld zu entrichten, erklärte, zur -großen Bestürzung des Magistrats: daß er, weil es ihm einmal -zukomme, dem Gesetz gemäß, sterben wolle. Der Magistrat, -der ein Mißverständniß vermuthete, schickte einen -Deputirten an den Kerl ab, und ließ ihm bedeuten, um wieviel -vorteilhafter es für ihn wäre, einige Gulden Geld zu -erlegen, als arquebusirt zu werden. Doch der Kerl blieb dabei, -daß er seines Lebens müde sei, und daß er sterben wolle: -dergestalt, daß dem Magistrat, der kein Blut vergießen wollte, -nichts übrig blieb, als dem Schelm die Geldstrafe zu erlassen, -und noch froh war, als er erklärte, daß er, bei so bewandten -Umständen am Leben bleiben wolle. -</p> - -<p class="sign"> -<span class="line1"><span class="antiqua"><i>rz.</i></span></span> -</p> - -<h4 class="subchap" id="subchap-4-3-10"> -<span class="line1">10. Charité-Vorfall.</span><br /> -<span class="line2">(13. October.)</span> -</h4> - -<p class="noindent"> -Der von einem Kutscher kürzlich übergefahrne Mann, -Namens Beyer, hat bereits dreimal in seinem Leben ein -ähnliches Schicksal gehabt; dergestalt, daß bei der Untersuchung, -die der Geheimerath Hr. K. in der Charité mit ihm -vornahm, die lächerlichsten Mißverständnisse vorfielen. Der -Geheimerath, der zuvörderst seine beiden Beine, welche krumm -und schief und mit Blut bedeckt waren, bemerkte, fragte ihn: -ob er an diesen Gliedern verletzt wäre? worauf der Mann -jedoch erwiederte: nein! die Beine wären ihm schon vor -<a id="page-119" class="pagenum" title="119"></a> -fünf Jahren, durch einen andern Doktor, abgefahren worden. -Hierauf bemerkte ein Arzt, der dem Geheimenrath zur Seite -stand, daß sein linkes Auge geplatzt war; als man ihn jedoch -fragte: ob ihn das Rad hier getroffen hätte? antwortete er: -nein! das Auge hätte ihm ein Doktor bereits vor 14 Jahren -ausgefahren. Endlich, zum Erstaunen aller Anwesenden, fand -sich, daß ihm die linke Rippenhälfte, in jämmerlicher Verstümmelung, -ganz auf den Rücken gedreht war; als aber der -Geheimerath ihn fragte: ob ihn des Doktors Wagen hier -beschädigt hätte, antwortete er: nein! die Rippen wären ihm -schon vor 7 Jahren durch einen Doktorwagen zusammengefahren -worden. — Bis sich endlich zeigte, daß ihm durch die -letztere Ueberfahrt der linke Ohrknorpel ins Gehörorgan hineingefahren -war. — Der Berichterstatter hat den Mann selbst -über diesen Vorfall vernommen, und selbst die Todtkranken, -die in dem Saale auf den Betten herumlagen, mußten, über -die spaßhafte und indolente Weise, wie er dies vorbrachte, -lachen. — Uebrigens bessert er sich; und falls er sich vor -den Doktoren, wenn er auf der Straße geht, in Acht nimmt, -kann er noch lange leben. -</p> - -<h4 class="subchap" id="subchap-4-3-11"> -<span class="line1">11. Anekdote.</span><br /> -<span class="line2">(24. October.)</span> -</h4> - -<p class="noindent"> -Bach, als seine Frau starb, sollte zum Begräbniß Anstalt -machen. Der arme Mann war aber gewohnt, Alles durch -seine Frau besorgen zu lassen; dergestalt daß da ein alter -Bedienter kam, und ihm für Trauerflor, den er einkaufen -wollte, Geld abforderte, er unter stillen Thränen, den Kopf -auf einen Tisch gestützt, antwortete: „sagt’s meiner Frau“. — -</p> - -<h4 class="subchap" id="subchap-4-3-12"> -<a id="page-120" class="pagenum" title="120"></a> -<span class="line1">12. Räthsel.</span><br /> -<span class="line2">(1. November.)</span> -</h4> - -<p class="noindent"> -Ein junger Doktor der Rechte und eine Stiftsdame, von -denen kein Mensch wußte, daß sie mit einander in Verhältniß -standen, befanden sich einst bei dem Commendanten der -Stadt, in einer zahlreichen und ansehnlichen Gesellschaft. Die -Dame, jung und schön, trug, wie es zu derselben Zeit Mode -war, ein kleines schwarzes Schönpflästerchen im Gesicht, und -zwar dicht über der Lippe, auf der rechten Seite des Mundes. -Irgend ein Zufall veranlaßte, daß die Gesellschaft sich auf -einen Augenblick aus dem Zimmer entfernte, dergestalt, daß -nur der Doktor und die besagte Dame darin zurückblieben. -Als die Gesellschaft zurückkehrte, fand sich, zum allgemeinen -Befremden derselben, daß der Doctor das Schönpflästerchen -im Gesichte trug, und zwar gleichfalls über der Lippe, aber -auf der linken Seite des Mundes. — -</p> - -<h4 class="subchap" id="subchap-4-3-13"> -<span class="line1">13. Anekdote.</span><br /> -<span class="line2">(22. November.)</span> -</h4> - -<p class="noindent"> -Zwei berühmte Englische <a id="baxer"></a>Baxer, der Eine aus Portsmouth -gebürtig, der Andere aus Plymouth, die seit vielen Jahren -von einander gehört hatten, ohne sich zu sehen, beschlossen, -da sie in London zusammentrafen, zur Entscheidung der Frage, -wem von ihnen der Siegerruhm gebühre, einen öffentlichen -Wettkampf zu halten. Demnach stellten sich beide, im Angesicht -des Volks, mit geballten Fäusten, im Garten einer -Kneipe, gegeneinander, und als der Plymouther den Portsmouther, -<a id="page-121" class="pagenum" title="121"></a> -in wenig Augenblicken, dergestalt auf die Brust traf, -daß er Blut spie, rief dieser, indem er sich den Mund abwischte: -brav! — Als aber bald darauf, da sie sich wieder -gestellt hatten, der Portsmouther den Plymouther, mit der -Faust der geballten Rechten, dergestalt auf den Leib traf, daß -dieser, indem er die Augen verkehrte, umfiel, rief der Letztere: -das ist auch nicht übel —! Worauf das Volk, das im Kreise -herumstand, laut aufjauchzte, und, während der Plymouther, -der an den Gedärmen verletzt worden war, todt weggetragen -ward, dem Portsmouther den Siegesruhm zuerkannte. — Der -Portsmouther soll aber auch Tags darauf am Blutsturz gestorben -sein. -</p> - -<h4 class="subchap" id="subchap-4-3-14"> -<span class="line1">14. Anekdote.</span><br /> -<span class="line2">(27. November.)</span> -</h4> - -<p class="noindent"> -Der Czar Iwan Basilowitz, mit dem Beinamen der -Tyrann, ließ einem fremden Gesandten, der, nach der damaligen -Europäischen Etikette, mit bedecktem Haupte vor ihm -erschien, den Hut auf den Kopf nageln. Diese Grausamkeit -vermogte nicht den Botschafter der Königin Elisabeth von -England, Sir Jeremias Bowes abzuschrecken. Er hatte die -Kühnheit den Hut auf dem Kopfe, vor dem Czaar zu erscheinen. -Dieser fragte ihn, ob er nicht von der Strafe gehört -hätte, die einem andern Gesandten widerfahren wäre, welcher -sich eine solche Freiheit herausgenommen? „Ja, Herr, erwiderte -Bowes, aber ich bin der Botschafter der Königin von -England, die nie, vor irgend einem Fürsten in der Welt, -anders, wie mit bedecktem Haupte erschienen ist. Ich bin ihr -<a id="page-122" class="pagenum" title="122"></a> -Repräsentant, und wenn mir die geringste Beleidigung widerfährt, -so wird sie mich zu rächen wissen.“ „Das ist ein braver -Mann, sagte der Czaar, indem er sich zu seinen Hofleuten -wandte, der für die Ehre seiner Monarchin zu handeln und -zu reden versteht: wer von Euch hätte das nämliche für mich -gethan?“ -</p> - -<p> -Hierauf wurde der Bothschafter der Favorit des Czars. -Diese Gunst zog ihm den Neid des Adels zu. Einer der -Großen, der zuweilen den vertrauten Ton mit dem Monarchen -annehmen durfte, beredete ihn, die Geschicklichkeit des -Bothschafters auf die Probe zu stellen. Man sagte nämlich, -daß er ein sehr geschickter Reuter wäre. Nun wurde ihm, -um den Beweis davon zu führen, ein ungebändigtes sehr -wildes Pferd vor dem Czar zu reiten gegeben, und man -hoffte, daß Bowes zum wenigsten mit einer derben Lähmung -das Kunststück bezahlen würde. Indessen widerfuhr der neidischen -Eifersucht der Verdruß, sich betrogen zu sehn. Der -brave Engländer bändigte nicht nur das Pferd, sondern er -jagte es dermaßen zusammen, daß es kraftlos wieder heimgeführt -wurde, und wenige Tage nachher crepirte. Dieses -Abentheuer vermehrte den Credit des Bothschafters bei dem -Czar, der ihm jederzeit nachher die ausgezeichnetsten Beweise -seiner Huld widerfahren ließ. -</p> - -<p class="src"> -(Barrow’s Sammlung von Reisebeschreibungen nach der französischen -Uebersetzung von Targe. 1766.) -</p> - -<h3 class="pbb chapter" id="chapter-4-4"> -<a id="page-123" class="pagenum" title="123"></a> -<span class="line1">4. Kunst und Theater.</span> -</h3> - -<h4 class="subchap" id="subchap-4-4-1"> -<span class="line1">1. Empfindungen vor Friedrichs Seelandschaft.</span><br /> -<span class="line2">(13. October.)</span> -</h4> - -<p class="noindent"> -Herrlich ist es, in einer unendlichen Einsamkeit am -Meeresufer, unter trübem Himmel, auf eine unbegränzte -Wasserwüste, hinauszuschauen. Dazu gehört gleichwohl, daß -man dahin gegangen sei, daß man zurück muß, daß man -hinüber mögte, daß man es nicht kann, daß man Alles zum -Leben vermißt, und die Stimme des Lebens dennoch im -Rauschen der Fluth, im Wehen der Luft, im Ziehen der -Wolken, dem einsamen Geschrei der Vögel, vernimmt. Dazu -gehört ein Anspruch, den das Herz macht, und ein Abbruch, -um mich so auszudrücken, den Einem die Natur thut. Dies -aber ist vor dem Bilde unmöglich, und das, was ich in dem -Bilde selbst finden sollte, fand ich erst zwischen mir und dem -Bilde, nehmlich einen Anspruch, den mein Herz an das Bild -machte, und einen Abbruch, den mir das Bild that; und so -ward ich selbst der Kapuziner, das Bild ward die Düne, das -aber, wo hinaus ich mit Sehnsucht blicken sollte, die See, -fehlte ganz. Nichts kann trauriger und unbehaglicher sein, -als diese Stellung in der Welt: der einzige Lebensfunke im -<a id="page-124" class="pagenum" title="124"></a> -weiten Reiche des Todes, der einsame Mittelpunct im einsamen -Kreis. Das Bild liegt, mit seinen zwei oder drei -geheimnißvollen Gegenständen, wie die Apokalypse da, als ob -es <a id="joung"></a>Joungs Nachtgedanken hätte, und da es, in seiner Einförmigkeit -und Uferlosigkeit, nichts, als den Rahm, zum Vordergrund -hat, so ist es, wenn man es betrachtet, als ob Einem -die Augenlieder weggeschnitten wären. Gleichwohl hat der -Mahler Zweifels ohne eine ganz neue Bahn im Felde seiner -Kunst gebrochen; und ich bin überzeugt, daß sich, mit seinem -Geiste, eine Quadratmeile märkischen Sandes darstellen ließe, -mit einem Berberitzenstrauch, worauf sich eine Krähe einsam -plustert, und daß dies Bild eine wahrhafte Ossianische oder -Kosegartensche Wirkung thun müßte. Ja, wenn man diese -Landschaft mit ihrer eignen Kreide und mit ihrem eigenen -Wasser mahlte; so, glaube ich, man könnte die Füchse und -Wölfe damit zum Heulen bringen: das Stärkste, was man, -ohne allen Zweifel, zum Lobe für diese Art von Landschaftsmahlerei -beibringen kann. — Doch meine eigenen Empfindungen, -über dies wunderbare Gemählde, sind zu verworren; daher -habe ich mir, ehe ich sie ganz auszusprechen wage, vorgenommen, -mich durch die Aeußerungen derer, die paarweise, -von Morgen bis Abend, daran vorübergehen, zu belehren. -</p> - -<p class="sign"> -<span class="line1"><span class="antiqua"><i>cb.</i></span></span> -</p> - -<h4 class="subchap" id="subchap-4-4-2"> -<a id="page-125" class="pagenum" title="125"></a> -<span class="line1">2. Brief eines Mahlers an seinen Sohn.</span><br /> -<span class="line2">(22. October.)</span> -</h4> - -<p class="adr"> -Mein lieber Sohn, -</p> - -<p> -Du schreibst mir, daß du eine Madonna mahlst, und -daß dein Gefühl dir, für die Vollendung dieses Werks, so -unrein und körperlich dünkt, daß du jedesmal, bevor du zum -Pinsel greifst, das Abendmal nehmen mögtest, um es zu -heiligen. Laß dir von deinem alten Vater sagen, daß dies -eine falsche, dir von der Schule, aus der du herstammst, -anklebende Begeisterung ist, und daß es, nach Anleitung -unserer würdigen alten Meister, mit einer gemeinen, aber -übrigens rechtschaffenen Lust an dem Spiel, deine Einbildungen -auf die Leinwand zu bringen, völlig abgemacht ist. -Die Welt ist eine wunderliche Einrichtung; und die göttlichsten -Wirkungen, mein lieber Sohn, gehen aus den niedrigsten -und unscheinbarsten Ursachen hervor. Der Mensch, um dir -ein Beispiel zu geben, das in die Augen springt, gewiß, er -ist ein erhabenes Geschöpf; und gleichwohl, in dem Augenblick, -da man ihn macht, ist es nicht nöthig, daß man dieß, -mit vieler Heiligkeit, bedenke. Ja, derjenige, der das Abendmahl -darauf nähme, und mit dem bloßen Vorsatz ans Werk -gienge, seinen Begriff davon in der Sinnenwelt zu construiren, -würde ohnfehlbar ein ärmliches und gebrechliches Wesen -hervorbringen; dagegen derjenige, der, in einer heitern Sommernacht, -ein Mädchen, ohne weiteren Gedanken, küßt, zweifelsohne -einen Jungen zur Welt bringt, der nachher, auf rüstige -Weise, zwischen Erde und Himmel herumklettert, und den Philosophen -zu schaffen giebt. Und hiermit Gott befohlen. -</p> - -<p class="sign"> -<span class="line1"><span class="antiqua"><i>y.</i></span></span> -</p> - -<h4 class="subchap" id="subchap-4-4-3"> -<a id="page-126" class="pagenum" title="126"></a> -<span class="line1">3. Brief eines jungen Dichters an einen jungen Mahler.</span><br /> -<span class="line2">(6. November.)</span> -</h4> - -<p class="noindent"> -Uns Dichtern ist es unbegreiflich, wie ihr euch entschließen -könnt, ihr lieben Mahler, deren Kunst etwas so Unendliches -ist, Jahre lang zuzubringen mit dem Geschäft, die Werke -eurer großen Meister zu copiren. Die Lehrer, bei denen -ihr in die Schule geht, sagt ihr, leiden nicht, daß ihr eure -Einbildungen, ehe die Zeit gekommen ist, auf die Leinewand -bringt; wären wir aber, wir Dichter, in eurem Fall gewesen, -so meine ich, wir würden unsern Rücken lieber unendlichen -Schlägen ausgesetzt haben, als diesem grausamen Verbot ein -Genüge zu thun. Die Einbildungskraft würde sich, auf ganz -unüberwindliche Weise, in unseren Brüsten geregt haben, und -wir, unseren unmenschlichen Lehrern zum Trotz, gleich, sobald -wir nur gewußt hätten, daß man mit dem Büschel, und nicht -mit dem Stock am Pinsel mahlen müsse, heimlich zur Nachtzeit -die Thüren verschlossen haben, um uns in der Erfindung, -diesem Spiel der Seeligen, zu versuchen. Da, wo sich die -Phantasie in euren jungen Gemüthern vorfindet, scheint uns, -müsse sie, unerbittlich und unrettbar, durch die endlose Unterthänigkeit, -zu welcher ihr euch beim Copiren in Gallerieen -und Sälen verdammt, zu Grund und Boden gehen. Wir -wissen, in unsrer Ansicht schlecht und recht von der Sache -nicht, was es mehr bedarf, als das Bild, das euch rührt, -und dessen Vortrefflichkeit ihr euch anzueignen wünscht, mit -Innigkeit und Liebe, durch Stunden, Tage, Wochen, Monden, -oder meinethalben Jahre, anzuschauen. Wenigstens dünkt -uns, läßt sich ein doppelter Gebrauch von einem Bilde machen; -<a id="page-127" class="pagenum" title="127"></a> -einmal der, den ihr davon macht, nämlich die Züge desselben -nachzuschreiben, um euch die Fertigkeit der mahlerischen Schrift -einzulernen; und dann in seinem Geist, gleich vom Anfang -herein, nachzuerfinden. Und auch diese Fertigkeit müßte, sobald -als nur irgend möglich, gegen die Kunst selbst, deren -wesentlichstes Stück die Erfindung nach eigenthümlichen Gesetzen -ist, an den Nagel gehängt werden. Denn die Aufgabe, -Himmel und Erde! ist ja nicht, ein Anderer, sondern ihr selbst -zu sein, und euch selbst, euer Eigenstes und Innerstes, durch -Umriß und Farben, zur Anschauung zu bringen! Wie mögt -ihr euch nur in dem Maaße verachten, daß ihr willigen könnt, -ganz und gar auf Erden nicht vorhanden gewesen zu sein; -da eben das Dasein so herrlicher Geister, als die sind, welche -ihr bewundert, weit entfernt, euch zu vernichten, vielmehr -allererst die rechte Lust in euch erwecken und mit der Kraft, -heiter und tapfer, ausrüsten soll, auf eure eigne Weise -gleichfalls zu sein? Aber ihr Leute, ihr bildet euch ein, ihr -müßtet durch euren Meister, den Raphael oder Corregge, -oder wen ihr euch sonst zum Vorbild gesetzt habt, hindurch; -da ihr euch doch ganz und gar umkehren, mit dem Rücken -gegen ihn stellen, und, in diametral-entgegengesetzter Richtung, -den Gipfel der Kunst, den ihr im Auge habt, auffinden und -ersteigen könntet. — So! sagt ihr und seht mich an: was -der Herr uns da Neues sagt! und lächelt und zuckt die Achseln. -Demnach, ihr Herren, Gott befohlen! Denn da Copernicus -schon vor dreihundert Jahren gesagt hat, daß die Erde rund -sei, so sehe ich nicht ein, was es helfen könnte, wenn ich es -hier wiederholte. Lebet wohl! -</p> - -<p class="sign"> -<span class="line1"><span class="antiqua"><i>y.</i></span></span> -</p> - -<h4 class="subchap" id="subchap-4-4-4"> -<a id="page-128" class="pagenum" title="128"></a> -<span class="line1">4. Theater. Den 2. October: Ton des Tages, Lustspiel von Voß.</span><br /> -<span class="line2">(4. October.)</span> -</h4> - -<p class="noindent"> -Kant sagt irgendwo, in seiner Kritik der Urtheilskraft, -daß der menschliche Verstand und die Hand des Menschen, -zwei, auf nothwendige Weise, zu einander gehörige und auf -einander berechnete, Dinge sind. Der Verstand, meint er, -bedürfe, falls er in Wirksamkeit treten solle, ein Werkzeug -von so mannichfaltiger und vielseitiger Vollkommenheit, als -die Hand; und hinwiederum zeige die Struktur der Hand an, -daß die Intelligenz, die dieselbe regiere, der menschliche Verstand -sein müsse. Die Wahrheit dieses, dem Anschein nach -paradoxen Satzes, leuchtet uns nie mehr ein, als wenn wir -Herrn Iffland auf der Bühne sehen. Er drückt in der That, -auf die erstaunenswürdigste Art, fast alle Zustände und innerliche -Bewegungen des Gemüths damit aus. Nicht, als ob, -bei seinen theatralischen Darstellungen, nicht seine Figur überhaupt, -nach den Forderungen seiner Kunst, zweckmäßig mitwirkte: -in diesem Fall würde das, was wir hier vorgebracht -haben, ein Tadel sein. Es wird ihm, in der Pantomimik -überhaupt, besonders in den bürgerlichen Stücken, nicht leicht -ein Schauspieler heutiger Zeit gleichkommen. Aber von allen -seinen Gliedern, behaupten wir, wirkt, in der Regel, keins, -zum Ausdruck eines Affekts, so geschäftig mit, als die Hand; -sie zieht die Aufmerksamkeit fast von seinem so ausdrucksvollen -Gesicht ab: und so vortrefflich dies Spiel an und für -sich auch sein mag, so glauben wir doch, daß ein Gebrauch, -mäßiger und minder verschwenderisch, als der, den er davon -macht, seinem Spiel (<em>wenn</em> dasselbe noch etwas zu wünschen -übrig läßt) vortheilhaft sein würde. -</p> - -<p class="sign"> -<span class="line1"><span class="antiqua"><i>xy.</i></span></span> -</p> - -<h4 class="subchap" id="subchap-4-4-5"> -<a id="page-129" class="pagenum" title="129"></a> -<span class="line1">5. Theater. Unmaßgebliche Bemerkung.</span><br /> -<span class="line2">(17. October.)</span> -</h4> - -<p class="noindent"> -Wenn man fragt, warum die Werke Göthe’s so selten -auf der Bühne gegeben werden, so ist die Antwort gemeinhin, -daß diese Stücke, so vortrefflich sie auch sein mögen, der -Casse nur, nach einer häufig wiederholten Erfahrung, von -unbedeutendem Vortheil sind. Nun geht zwar, ich gestehe es, -eine Theater-Direction, die, bei der Auswahl ihrer Stücke, -auf nichts, als das Mittel sieht, wie sie besteht, auf gar einfachem -und natürlichem Wege, zu dem Ziel, der Nation ein -gutes Theater zu Stande zu bringen. Denn so wie, nach -Adam Smith, der Bäcker, ohne weitere chemische Einsicht in -die Ursachen, schließen kann, daß seine Semmel gut sei, wenn -sie fleißig gekauft wird: so kann die Direktion, ohne sich im -Mindesten mit der Kritik zu befassen, auf ganz unfehlbare -Weise, schließen, daß sie gute Stücke auf die Bühne bringt, -wenn Logen und Bänke immer, bei ihren Darstellungen, von -Menschen wacker erfüllt sind. Aber dieser Grundsatz ist nur -wahr, wo das Gewerbe frei, und eine uneingeschränkte Concurrenz -der Bühnen eröffnet ist. In einer Stadt, in welcher -mehrere Theater neben einander bestehn, wird allerdings, sobald -auf irgend einem derselben, durch das einseitige Bestreben, -Geld in die Casse zu locken, das Schauspiel entarten -sollte, die Betriebsamkeit eines andern Theaterunternehmers, -unterstützt von dem Kunstsinn des besseren Theils der Nation, -auf den Einfall gerathen, die Gattung, in ihrer ursprünglichen -Reinheit, wieder festzuhalten. Wo aber das Theater ein ausschließendes -Privilegium hat, da könnte uns, durch die Anwendung -<a id="page-130" class="pagenum" title="130"></a> -eines solchen Grundsatzes, das Schauspiel ganz und -gar abhanden kommen. Eine Direction, die einer solchen -Anstalt vorsteht, hat eine Verpflichtung sich mit der Kritik zu -befassen, und bedarf wegen ihres natürlichen Hanges, der -Menge zu schmeicheln, schlechthin einer höhern Aufsicht des -Staats. Und in der That, wenn auf einem Theater, wie -das Berliner, mit Vernachlässigung aller andern Rücksichten, -das höchste Gesetz, die Füllung der Casse wäre: so wäre die -Scene unmittelbar, den spanischen Reutern, Taschenspielern -und Faxenmachern einzuräumen; ein Specktakel bei welchem -die Casse, ohne Zweifel, bei weitem erwünschtere Rechnung -finden wird, als bei den götheschen Stükken. Parodieen hat -man schon, vor einiger Zeit, auf der Bühne gesehen; und -wenn ein hinreichender Aufwand von Witz, an welchem es -diesen Producten zum Glück gänzlich gebrach, an ihre Erfindung -gesetzt worden wäre, so würde es, bei der Frivolität -der Gemüther, ein Leichtes gewesen sein, das Drama vermittelst -ihrer, ganz und gar zu verdrängen. Ja, gesetzt, die -Direction käme auf den Einfall, die götheschen Stücke so zu -geben, daß die Männer die Weiber- und die Weiber die Männerrollen -spielten: falls irgend auf Costüme und zweckmäßige -Carrikatur einige Sorgfalt verwendet ist, so wette ich, man -schlägt sich an der Casse um die Billets, das Stück muß -drei Wochen hinter einander wiederholt werden, und die Direction -ist mit einemmal wieder solvent. — Welches Erinnerungen -sind, werth, wie uns dünkt, daß man sie beherzige. -</p> - -<p class="sign"> -<span class="line1">H. v. K.</span> -</p> - -<h4 class="subchap" id="subchap-4-4-6"> -<a id="page-131" class="pagenum" title="131"></a> -<span class="line1">6. Schreiben aus Berlin.</span><br /> -<span class="line2">(30. October.)</span> -</h4> - -<p class="date"> -Den 28. October. -</p> - -<p> -Die Oper Cendrillon, welche sich Mad. Bethmann zum -Benefiz gewählt hat, und Herr Herclots bereits, zu diesem -Zweck, übersetzt, soll, wie man sagt, der zum Grunde liegenden -französischen Musik wegen, welche ein dreisilbiges Wort -erfordert, <em>Ascherlich</em>, <em>Ascherling</em> oder <em>Ascherlein</em> u. s. w. -nicht <em>Aschenbrödel</em> genannt werden. Brödel, von Brod oder, -altdeutsch Brühe (<span class="antiqua">brode</span> im Französischen) heißt eine mit Fett -und Schmutz bedeckte Frau; eine Bedeutung, in der sich das -Wort, durch eben das, in Rede stehende, Mährchen, in welchem -es, mit dem Muthwillen freundlicher Ironie, einem -zarten und lieben Kinde von überaus schimmernder Reinheit -an Leib und Seele, gegeben wird, allgemein beim Volk erhalten -hat. Warum, ehe man diesem Mährchen dergestalt, -durch Unterschiebung eines, an sich gut gewählten, aber gleichwohl -willkührlichen und bedeutungslosen Namens, an das -Leben greift, zieht man nicht lieber, der Musik zu Gefallen, -das „del“ in „d’l“ zusammen, oder elidirt das d ganz und gar? -Ein österreichischer Dichter würde ohne Zweifel keinen Anstand -nehmen, zu sagen: <em>Aschenbröd’l</em> oder <em>Aschenbröl</em>. -</p> - -<p> -Ascherlich oder Aschenbröd’l selbst wird Mademois. Maas; -Mad. Bethmann, wie es heißt, die Rolle einer der eifersüchtigen -Schwestern übernehmen. Mlle. Maas ist ohne Zweifel -durch mehr, als die bloße Jugend, zu dieser Rolle berufen; -von Mad. Bethmann aber sollte es uns leid thun, wenn sie -glauben sollte, daß sie, ihres Alters wegen, davon ausgeschlossen -<a id="page-132" class="pagenum" title="132"></a> -wäre. Diese Resignation käme (wir meinen, wenn -nicht den größesten, doch den verständigsten Theil des Publicums, -auf unserer Seite zu haben) noch um viele Jahre zu -früh. Es ist, mit dem Spiel dieser Künstlerin, wie mit dem -Gesang manchen alten Musikmeisters am Fortepiano. Er -hat eine, von manchen Seiten mangelhafte, Stimme und -kann sich, was den Vortrag betrift, mit keinem jungen, rüstigen -Sänger messen. Gleichwohl, durch den Verstand und die -ungemein zarte Empfindung, mit welcher er zu Werke geht, -führt er, alle Verletzungen vermeidend, die Einbildung, in -einzelnen Momenten, auf so richtige Wege, daß jeder sich mit -Leichtigkeit das Fehlende ergänzt, und ein in der That höheres -Vergnügen genießt, als ihm eine bessere Stimme, aber von -einem geringern Genius regiert, gewährt haben würde. — -Mad. Bethmanns größester Ruhm, meinen wir, nimmt allererst, -wenn sie sich anders auf ihre Kräfte versteht, in einigen -Jahren (in dem Alter, wo Andere ihn verlieren) seinen Anfang. -</p> - -<p class="sign"> -<span class="line1"><span class="antiqua"><i>y.</i></span></span> -</p> - -<h4 class="subchap" id="subchap-4-4-7"> -<span class="line1">7. Die sieben kleinen Kinder.</span><br /> -<span class="line2">(8. November.)</span> -</h4> - -<p class="noindent"> -Was mag aus einer Bande kleiner Sänger geworden -sein, die im vorigen Jahre sich sehr häufig in vielen Straßen -Berlins mit wenigen Liedern hören ließen, die aber so wunderbar -auf einzelne Töne eingesungen waren, daß sie am ersten -einen Begriff von der Russischen Hörnermusik geben konnten? -Sie wurden, nach dem einen ihrer bekanntesten Lieder, meist -die sieben kleinen Kinder genannt. Das Lied erzählte von -Kindern, denen zu spät Brod gereicht worden, nachdem sie -<a id="page-133" class="pagenum" title="133"></a> -lange geschrieen und endlich aus Hunger gestorben waren. — -Ist es diesen armen Schelmen, die wir immer mit besonderem -Vergnügen gehört, etwa auch so ergangen? -</p> - -<p> -Diese Kinder waren jedermann so bekannt, alle Kinder -sangen ihnen nach, daß wir es kaum begreifen können, daß -sie nicht in irgend ein lustiges Stück z. B. Rochus Pumpernickel, -auf der Straße eingeführt worden, wo sie gewiß die -allgemeinste Wirkung hervorgebracht hätten. Leider aber begnügen -sich unsre Theater-Dichter die Späße fremder Städte, -besonders Wiens, zu wiederholen; was aber bey uns lustig -und erfreulich, dafür haben sie keine Fassung. So finden -sich manche auf unserer Bühne, die den Wiener oder Schwäbischen -Dialekt recht gut nachsprechen, aber keiner, der z. B. -gut pommersch-plattdeutsch redete, was in der Rolle des Rochus -Pumpernickel sicher recht eigenthümliche Wirkung bei uns thäte. -</p> - -<p class="sign"> -<span class="line1"><span class="antiqua"><i>ava.</i></span></span> -</p> - -<h4 class="subchap" id="subchap-4-4-8"> -<span class="line1">8. Von einem Kinde, das kindlicher Weise ein anderes Kind umbringt.</span><br /> -<span class="line2">(13. November.)</span> -</h4> - -<p class="noindent"> -„In einer Stadt Franecker genannt, gelegen in Westfriesland, -da ist es geschehen, daß junge Kinder, fünf- sechsjährige, -Mägdlein und Knaben mit einander spielten. Und -sie ordneten ein Büblein an, das solle der Metzger sein, ein -anderes Büblein, das solle Koch sein, und ein drittes Büblein, -das solle eine Sau sein. Ein Mägdlein, ordneten sie, solle -Köchin sein, wieder ein anderes, das solle Unterköchin sein; -und die Unterköchin solle in einem Geschirrlein das Blut von -der Sau empfahen, daß man Würste könne machen. Der -<a id="page-134" class="pagenum" title="134"></a> -Metzger gerieth nun verabredetermaßen an das Büblein, das -die Sau sollte sein, riß es nieder und schnitt ihm mit einem -Messerlein die Gurgel auf; und die Unterköchinn empfing das -Blut in ihrem Geschirrlein. Ein Rathsherr, der von ungefähr -vorübergeht, sieht dies Elend; er nimmt von Stund’ an -den Metzger mit sich, und führt ihn in des Obersten Haus, -welcher sogleich den ganzen Rath versammeln ließ. Sie saßen -all’ über diesen Handel, und wußten nicht, wie sie ihm thun -sollten, denn sie sahen wohl, daß es kindlicher Weise geschehen -war. Einer unter ihnen, ein alter weiser Mann, gab -den Rath, der oberste Richter solle einen schönen rothen -Apfel in die eine Hand nehmen, in die andere einen rheinischen -Gulden, solle das Kind zu sich rufen, und beide Hände -gleich gegen dasselbe ausstrecken; nehme es den Apfel, so -solle es ledig erkannt werden, nehme es aber den Gulden, -so solle man es auch tödten. Dem wird gefolgt; das Kind -aber ergreift den Apfel lachend, wird also aller Strafe ledig -erkannt.“ -</p> - -<p> -Diese rührende Geschichte aus einem alten Buche gewinnt -ein neues Interesse durch das letzte kleine Trauerspiel -Werners, der vier und zwanzigste Februar genannt, welches -in Weimar und Lauchstädt schon oft, und mit einem so lebhaften -Antheil gesehen worden ist, als vielleicht kein Werk -eines modernen Dichters. Das unselige Mordmesser, welches -in jener Tragödie der unruhige Dolch des Schicksals ist, -(vielleicht derselbe, den Mackbeth vor sich her zur Schlafkammer -des Königs gehen sieht) ist dasselbe Messer, womit -der eine Knabe den anderen getödtet, und er empfängt in -jener That seine erste blutige Weihe. Wir wissen nicht, ob -<a id="page-135" class="pagenum" title="135"></a> -Werner die obige Geschichte ganz gekannt oder erzählt hat, -denn jenes treflichste und darstellbarste Werk Werners, zu -dem nur drei Personen, Vater und Mutter und Sohn, nur -eine doppelte durchgeschlagene Schweizer Bauerstube, ein -Schrank, ein Messer und etwas Schnee, den der Winter -gewiß bald bringen wird, die nöthigen Requisite sind, ist auf -unserer Bühne noch nicht aufgeführt worden. Gleichwohl -besitzen wir mehr, als die Weimaraner, um es zu geben, -einen Iffland, eine Bethmann und Schauspieler, um den -Sohn darzustellen, im Ueberfluß. Möge diese kleine Mittheilung -den Sinn und den guten Willen dazu anregen. -</p> - -<h3 class="pbb chapter" id="chapter-4-5"> -<a id="page-136" class="pagenum" title="136"></a> -<span class="line1">5. Gemeinnütziges.</span> -</h3> - -<h4 class="subchap" id="subchap-4-5-1"> -<span class="line1">1. Allerneuester Erziehungsplan.</span><br /> -<span class="line2">(29-31. October; 9. 10. November.)</span> -</h4> - -<p class="noindent"> -Zu welchen abentheuerlichen Unternehmungen, sei es nun -das Bedürfniß, sich auf eine oder die andere Weise zu ernähren, -oder auch die bloße Sucht, neu zu sein, die Menschen -verführen, und wie lustig dem zufolge oft die Insinuationen -sind, die an die Redaction dieser Blätter einlaufen: davon -möge folgender Aufsatz, der uns kürzlich zugekommen ist, eine -Probe sein. -</p> - -<p class="hdrfat"> -Allerneuester Erziehungsplan. -</p> - -<p class="adr"> -Hochgeehrtes Publicum, -</p> - -<p> -Die Experimental-Physik, in dem Capitel von den Eigenschaften -elektrischer Körper, lehrt, daß wenn man in <a id="corr-11"></a>die Nähe -dieser Körper, oder, um kunstgerecht zu reden, in ihre Atmosphäre, -einen unelektrischen (neutralen) Körper bringt, dieser -plötzlich gleichfalls elektrisch wird, und zwar die entgegengesetzte -Elektricität annimmt. Es ist als ob die Natur einen -Abscheu hätte, gegen Alles, was, durch eine Verbindung von -Umständen, einen überwiegenden und unförmlichen Werth -angenommen hat; und zwischen je zwei Körpern, die sich berühren, -scheint ein Bestreben angeordnet zu sein, das ursprüngliche -<a id="page-137" class="pagenum" title="137"></a> -Gleichgewicht, das zwischen ihnen aufgehoben ist, wieder -herzustellen. Wenn der elektrische Körper positiv ist: so flieht -aus dem unelektrischen Alles, was an natürlicher Elektricität -darin vorhanden ist, in den äußersten und entferntesten Raum -desselben, und bildet, in den, jenem zunächst liegenden Theilen -eine Art von Vacuum, das sich geneigt zeigt, den Elektricitäts-Ueberschuß, -woran jener, auf gewisse Weise, krank ist, in sich -aufzunehmen; und ist der elektrische Körper negativ, so häuft -sich, in dem unelektrischen, und zwar in den Theilen, die dem -elektrischen zunächst liegen, die natürliche Elektricität schlagfertig -an, nur auf den Augenblick harrend, den Elektricitäts-Mangel -umgekehrt, woran jener krank ist, damit zu ersetzen. -Bringt man den unelektrischen Körper in den Schlagraum -des elektrischen, so fällt, es sei nun von diesem zu jenem, -oder von jenem zu diesem, der Funken: das Gleichgewicht ist -hergestellt, und beide Körper sind einander an Elektricität -völlig gleich. -</p> - -<p> -Dieses höchst merkwürdige Gesetz findet sich, auf eine, -unseres Wissens, noch wenig beachtete Weise, auch in der -moralischen Welt; dergestalt, daß ein Mensch, dessen Zustand -indifferent ist, nicht nur augenblicklich aufhört, es zu sein, -sobald er mit einem Anderen, dessen Eigenschaften, gleichviel -auf welche Weise, bestimmt sind, in Berührung tritt: sein -Wesen wird sogar, um mich so auszudrücken, gänzlich in den -entgegengesetzten Pol hinübergespielt; er nimmt die Bedingung -+ an, wenn jener von der Bedingung -, und die -Bedingung -, wenn jener von der Bedingung + ist. -</p> - -<p> -Einige Beispiele, hochverehrtes Publicum, werden dies -deutlicher machen. -</p> - -<p> -<a id="page-138" class="pagenum" title="138"></a> -Das gemeine Gesetz des Widerspruchs ist jedermann, -aus eigner Erfahrung, bekannt; das Gesetz, das uns geneigt -macht, uns, mit unserer Meinung, immer auf die entgegengesetzte -Seite hinüber zu werfen. Jemand sagt mir, ein -Mensch, der am Fenster vorübergeht, sei so dick, wie eine -Tonne. Die Wahrheit zu sagen, er ist von gewöhnlicher -Corpulenz. Ich aber, da ich ans Fenster komme, ich berichtige -diesen Irrthum nicht bloß: ich rufe Gott zum Zeugen an, -der Kerl sei so dünn, als ein Stecken. -</p> - -<p> -Oder eine Frau hat sich, mit ihrem Liebhaber, ein Rendezvous -menagirt. Der Mann, in der Regel, geht des Abends, -um Triktrak zu spielen, in die Tabagie; gleichwohl, um sicher -zu gehen, schlingt sie den Arm um ihn, und spricht: mein -lieber Mann! Ich habe die Hammelkeule, von heute Mittag, -aufwärmen lassen. Niemand besucht mich, wir sind ganz allein; -laß uns den heutigen Abend einmal in recht heiterer und vertraulicher -Abgeschlossenheit zubringen. Der Mann, der gestern -schweres Geld in der Tabagie verlor, dachte in der That heut, -aus Rücksicht auf seine Casse, zu Hause zu bleiben; doch plötzlich -wird ihm die entsetzliche Langeweile klar, die ihm, seiner -Frau gegenüber, im Hause verwartet. Er spricht: liebe Frau! -Ich habe einem Freunde versprochen, ihm im Triktrak, worin -ich gestern gewann, Revange zu geben. Laß mich, auf eine -Stunde, wenn es sein kann, in die Tabagie gehn; morgen -von Herzen gern stehe ich zu deinen Diensten. -</p> - -<p> -Aber das Gesetz, von dem wir sprechen, gilt nicht bloß -von Meinungen und Begehrungen, sondern auf weit allgemeinere -Weise, auch von Gefühlen, Affecten, Eigenschaften -und Charakteren. -</p> - -<p> -<a id="page-139" class="pagenum" title="139"></a> -Ein Portugiesischer Schiffskapitain, der, auf dem Mittelländischen -Meer, von drei Venetianischen Fahrzeugen angegriffen -ward, befahl, entschlossen wie er war, in Gegenwart -aller seiner Officiere und Soldaten, einem Feuerwerker, daß -sobald irgend auf dem Verdeck ein Wort von Uebergabe laut -werden würde, er, ohne weiteren Befehl, nach der Pulverkammer -gehen, und das Schiff in die Luft sprengen mögte. -Da man sich vergebens, bis gegen Abend, gegen die Uebermacht -herumgeschlagen hatte, und allen Forderungen, die die -Ehre an die Equipage machen konnte, ein Genüge geschehen -war: traten die Officiere in vollzähliger Versammlung den -Capitain an, und forderten ihn auf, das Schiff zu übergeben. -Der Capitain, ohne zu antworten, kehrte sich um, und fragte, -wo der Feuerwerker sei; seine Absicht, wie er nachher versichert -hat, war, ihm aufzugeben, auf der Stelle den Befehl, -den er ihm ertheilt, zu vollstrecken. Als er aber den Mann -schon, die brennende Lunte in der Hand, unter den Fässern, -in Mitten der Pulverkammer fand: ergriff er ihn plötzlich, -von Schrecken bleich, bei der Brust, riß ihn, in Vergessenheit -aller anderen Gefahr, aus der Kammer heraus, trat die Lunte, -unter Flüchen und Schimpfwörtern, mit Füßen aus und warf -sie in’s Meer. Den Officieren aber sagte er, daß sie die -weiße Fahne aufstecken mögten, indem er sich übergeben wolle. -</p> - -<p> -Ich selbst, um ein Beispiel aus meiner Erfahrung zu -geben, lebte, vor einigen Jahren, aus gemeinschaftlicher Kasse, -in einer kleinen Stadt am Rhein, mit einer Schwester. Das -Mädchen war in der That bloß, was man, im gemeinen -Leben, eine gute Wirthinn nennt; freigebig sogar in manchen -Stücken; ich hatte es selbst erfahren. Doch weil ich locker -<a id="page-140" class="pagenum" title="140"></a> -und lose war, und das Geld auf keine Weise achtete: so fieng -sie an zu knickern und zu knausern; ja, ich bin überzeugt, -daß sie geizig geworden wäre, und mir Rüben in den Caffe -und Lichter in die Suppe gethan hätte. Aber das Schicksal -wollte zu ihrem Glücke, daß wir uns trennten. -</p> - -<p> -Wer dies Gesetz recht begreift, dem wird die Erscheinung -gar nicht mehr fremd sein, die den Philosophen so viel -zu schaffen giebt: die Erscheinung, daß große Männer, in der -Regel, immer von unbedeutenden und obscuren Eltern abstammen, -und eben so wieder Kinder groß ziehen, die in -jeder Rücksicht untergeordnet und geringartig sind. Und in -der That, man kann das Experiment, wie die moralische -Atmosphäre, in dieser Hinsicht, wirkt, alle Tage anstellen. -Man bringe nur einmal Alles, was, in einer Stadt, an Philosophen, -Schöngeistern, Dichtern und Künstlern, vorhanden -ist, in einen Saal zusammen: so werden einige, aus ihrer -Mitte, auf der Stelle dumm werden; wobei wir uns, mit -völliger Sicherheit, auf die Erfahrung eines jeden berufen, -der solchem Thee oder Punsch einmal beigewohnt hat. -</p> - -<p> -Wie vielen Einschränkungen ist der Satz unterworfen: -daß schlechte Gesellschaften gute Sitten verderben; da doch -schon Männer wie Basedow und Campe, die doch sonst, in -ihrem Erziehungs-Handwerk, wenig gegensätzisch verfuhren, -angerathen haben, jungen Leuten zuweilen den Anblick böser -Beispiele zu verschaffen, um sie von dem Laster abzuschrecken. -Und wahrlich, wenn man die gute Gesellschaft, mit der -schlechten, in Hinsicht auf das Vermögen, die Sitte zu entwickeln, -vergleicht, so weiß man nicht, für welche man sich -entscheiden soll, da, in der guten, die Sitte nur nachgeahmt -<a id="page-141" class="pagenum" title="141"></a> -werden kann, in der schlechten hingegen, durch eine eigenthümliche -Kraft des Herzens erfunden werden muß. Ein -Taugenichts mag, in tausend Fällen, ein junges Gemüth, -durch sein Beispiel, verführen, sich auf Seiten des Lasters -hinüber zu stellen; tausend andere Fälle aber giebt es, wo -es, in natürlicher Reaction, das Polar-Verhältniß gegen -dasselbe annimmt; und dem Laster, zum Kampf gerüstet, -gegenüber tritt. Ja, wenn man, auf irgend einem Platze -der Welt, etwa einer wüsten Insel, Alles was die Erde an -Bösewichtern hat, zusammenbrächte: so würde sich nur ein Thor -darüber wundern können, wenn er, in kurzer Zeit, alle, auch -die erhabensten und göttlichsten, Tugenden unter ihnen anträfe. -</p> - -<p> -Wer dies für paradox halten könnte, der besuche nur -einmal ein Zuchthaus oder eine Festung. In den von Frevlern -aller Art, oft bis zum Sticken angefüllten Kasematten, -werden, weil keine Strafe mehr, oder doch nur sehr unvollkommen, -bis hierher dringt, Ruchlosigkeiten, die kein Name -nennt, verübt. Demnach würde, in solcher Anarchie, Mord -und Todtschlag und zuletzt der Untergang Aller die unvermeidliche -Folge sein, wenn nicht auf der Stelle, aus ihrer -Mitte, welche aufträten, die auf Recht und Sitte halten. -Ja, oft setzt sie der Commendant selbst ein; und Menschen, -die vorher aufsätzig waren gegen alle göttliche und menschliche -Ordnung, werden hier, in erstaunenswürdiger Wendung der -Dinge, wieder die öffentlichen geheiligten Handhaber derselben, -wahre Staatsdiener der guten Sache, bekleidet mit der Macht, -ihr Gesetz aufrecht zu erhalten. -</p> - -<p> -Daher kann die Welt mit Recht auf die Entwikkelung -der Verbrecher-Kolonie in Botany-Bay aufmerksam sein. Was -<a id="page-142" class="pagenum" title="142"></a> -aus solchem, dem Boden eines Staats abgeschlämmten Gesindel -werden kann, liegt bereits in den nordamerikanischen -Freistaaten vor Augen; und um uns auf den Gipfel unserer -metaphysischen Ansicht zu schwingen, erinnern wir den Leser -bloß an den Ursprung, die Geschichte, an die Entwikkelung -und Größe Roms. -</p> - -<p> -In Erwägung nun<a class="fnote" id="lfnote-1" href="#lfootnote-1">1</a>) -</p> - -<div class="hang"> -<p> -1) daß alle Sittenschulen bisher nur auf den Nachahmungstrieb -gegründet waren, und statt das gute -Princip, auf eigenthümliche Weise im Herzen zu entwickeln, -nur durch Aufstellung sogenannter guter Beispiele -zu wirken suchten;<a class="fnote" id="lfnote-2" href="#lfootnote-2">2</a>) -</p> - -<p> -2) daß diese Schulen, wie die Erfahrung lehrt, nichts -eben, für den Fortschritt der Menschheit Bedeutendes -und Erkleckliches hervorgebracht haben;<a class="fnote" id="lfnote-3" href="#lfootnote-3">3</a>) -</p> - -<p> -das Gute aber 3) das sie bewirkt haben, allein von dem -Umstand herzurühren scheint, daß sie schlecht waren, -und hin und wieder, gegen die Verabredung, einige -schlechten Beispiele mitunter liefen; -</p> - -</div> - -<p> -in Erwägung, sagen wir, aller dieser Umstände, sind wir -gesonnen, eine sogenannte <em>Lasterschule</em>, oder vielmehr eine -<em>gegensätzische</em> Schule, eine Schule durch Laster, zu errichten.<a class="fnote" id="lfnote-4" href="#lfootnote-4">4</a>) -</p> - -<hr class="footnote" /> - -<p class="footnote"> -<a class="footnote" id="lfootnote-1" href="#lfnote-1">1)</a> Jetzt rückt dieser merkwürdige Pädagog mit seinem neuesten -Erziehungsplan heraus. -</p> - -<p class="sign footnote"> -<span class="line1">(<em>Die Redaction.</em>)</span> -</p> - -<p class="footnote"> -<a class="footnote" id="lfootnote-2" href="#lfnote-2">2)</a> So! — Als ob die pädagogischen Institute nicht, nach ihrer -natürlichen Anlage, schwache Seiten genug darböten. -</p> - -<p class="sign footnote"> -<span class="line1">(<em>Die Redaction.</em>)</span> -</p> - -<p class="footnote"> -<a class="footnote" id="lfootnote-3" href="#lfnote-3">3)</a> In der That! — Dieser Philosoph könnte das Jahrhundert um -seinen ganzen Ruhm bringen. -</p> - -<p class="sign footnote"> -<span class="line1">(<em>Die Redaction.</em>)</span> -</p> - -<p class="footnote"> -<a class="footnote" id="lfootnote-4" href="#lfnote-4">4)</a> <span class="antiqua">Risum teneatis, amici!</span> -</p> - -<p class="sign footnote"> -<span class="line1">(<em>Die Redaction.</em>)</span> -</p> - -<p> -<a id="page-143" class="pagenum" title="143"></a> -Demnach werden für alle, einander entgegenstehende -Laster, Lehrer angestellt werden, die in bestimmten Stunden -des Tages, nach der Reihe, auf planmäßige Art, darin Unterricht -ertheilen; in der Religionsspötterei sowohl als in der -Bigotterie, im Trotz sowohl als in der Wegwerfung und -Kriecherei, und im Geiz und in der Furchtsamkeit sowohl, -als in der Tollkühnheit und in der Verschwendung. -</p> - -<p> -Diese Lehrer werden nicht bloß durch Ermahnungen, -sondern durch Beispiele, durch lebendige Handlung, durch -unmittelbaren praktischen, geselligen Umgang und Verkehr zu -wirken suchen. -</p> - -<p> -Für Eigennutz, Plattheit, Geringschätzung alles Großen -und Erhabenen und manche anderen Untugenden, die man in -Gesellschaften und auf der Straße lernen kann, wird es nicht -nöthig sein, Lehrer anzustellen. -</p> - -<p> -In der Unreinlichkeit und Unordnung, in der Zank- und -Streitsucht und Verläumdung wird meine Frau Unterricht -ertheilen. -</p> - -<p> -Lüderlichkeit, Spiel, Trunk, Faulheit und Völlerei, behalte -ich mir bevor. -</p> - -<p> -Der Preis ist der sehr mäßige von 300 Rthl. -</p> - -<p class="ns"> -N. S. -</p> - -<p> -Eltern, die uns ihre Kinder nicht anvertrauen wollten, -aus Furcht, sie in solcher Anstalt, auf unvermeidliche Weise, -verderben zu sehen, würden dadurch an den Tag legen, daß -sie ganz übertriebene Begriffe von der Macht der Erziehung -haben. Die Welt, die ganze Masse von Objecten, die auf -die Sinne wirken, hält und regiert, an tausend und wieder -tausend Fäden, das junge, die Erde begrüßende, Kind. Von -<a id="page-144" class="pagenum" title="144"></a> -diesen Fäden, ihm um die Seele gelegt, ist allerdings die -Erziehung Einer, und sogar der wichtigste und stärkste; verglichen -aber mit der ganzen Totalität, mit der ganzen Zusammenfassung -der übrigen, verhält er sich wie ein Zwirnsfaden -zu einem Ankertau, eher drüber als drunter. -</p> - -<p> -Und in der That, wie mißlich würde es mit der Sittlichkeit -aussehen, wenn sie kein tieferes Fundament hätte, -als das sogenannte gute Beispiel eines Vaters oder einer -Mutter, und die platten Ermahnungen eines Hofmeisters oder -einer französischen Mamsell. — Aber das Kind ist kein Wachs, -<a id="corr-12"></a>das sich in eines Menschen Händen, zu einer beliebigen Gestalt -kneten läßt: es lebt, es ist frei, es trägt ein unabhängiges -und eigenthümliches Vermögen der Entwickelung, und das -Muster aller innerlichen Gestaltung, in sich. -</p> - -<p> -Ja, gesetzt, eine Mutter nähme sich vor, ein Kind, das -sie an ihrer Brust trägt, von Grund aus zu verderben: so -würde sich ihr auf der Welt dazu kein unfehlbares Mittel -darbieten, und, wenn das Kind nur sonst von gewöhnlichen, -rechtschaffenen Anlagen ist, das Unternehmen, vielleicht auf -die sonderbarste und überraschendste Art, daran scheitern. -</p> - -<p> -Was sollte auch, in der That, aus der Welt werden, -wenn den Eltern ein unfehlbares Vermögen beiwohnte, ihre -Kinder nach Grundsätzen, zu welchen sie die Muster sind, zu -erziehen: da die Menschheit, wie bekannt, fortschreiten soll, -und es mithin, selbst dann, wenn an ihnen nichts auszusetzen -wäre, nicht genug ist, daß die Kinder werden, wie sie; sondern -besser. -</p> - -<p> -Wenn demnach die uralte Erziehung, die uns die Väter, -in ihrer Einfalt, überliefert haben, an den Nagel gehängt -<a id="page-145" class="pagenum" title="145"></a> -werden soll: so ist kein Grund, warum unser Institut nicht, -mit allen andern, die die pädagogische Erfindung, in unsern -Tagen, auf die Bahn gebracht hat, in die Schranken treten -soll. In unsrer Schule wird, wie in diesen, gegen je Einen, -der darin zu Grunde geht, sich ein andrer finden, in dem -sich Tugend und Sittlichkeit auf gar robuste und tüchtige Art -entwickelt; es wird Alles in der Welt bleiben, wie es ist, -und was die Erfahrung von Pestalozzi und Zeller und allen -andern Virtuosen der neuesten Erziehungskunst, und ihren -Anstalten sagt, das wird sie auch von uns und der unsrigen -sagen: „Hilft es nichts, so schadet es nichts.“ -</p> - -<div class="sign"> -<p class="datel"> -Rechtenfleck im Holsteinischen,<br /> -den 15. Oct. 1810. -</p> - -<p class="sign"> -<span class="line1"><em>C. J. Levanus</em>,</span><br /> -<span class="line2">Conrector.</span> -</p> - -</div> - -<h4 class="subchap" id="subchap-4-5-2"> -<span class="line1">2. Nützliche Erfindungen. Entwurf einer Bombenpost.</span><br /> -<span class="line2">(12. October.)</span> -</h4> - -<p class="noindent"> -Man hat, in diesen Tagen, zur Beförderung des Verkehrs, -innerhalb der Gränzen der vier Welttheile, einen -elektrischen Telegraphen erfunden; einen Telegraphen, der mit -der Schnelligkeit des Gedankens, ich will sagen, in kürzerer -Zeit, als irgend ein chronometrisches Instrument angeben -kann, vermittelst des Elektrophors und des Metalldraths, -Nachrichten mittheilt, dergestalt, daß wenn jemand, falls nur -sonst die Vorrichtung dazu getroffen wäre, einen guten Freund, -den er unter den Antipoden hätte, fragen wollte: wie geht’s -dir? derselbe, ehe man noch eine Hand umkehrt, ohngefähr -so, als ob er in einem und demselben Zimmer stünde, antworten -könnte: recht gut. So gern wir dem Erfinder dieser -<a id="page-146" class="pagenum" title="146"></a> -Post, die, auf recht eigentliche Weise, auf Flügeln des Blitzes -reitet, die Krone des Verdienstes zugestehn, so hat doch -auch diese Fernschreibekunst noch die Unvollkommenheit, daß -sie nur, dem Interesse des Kaufmanns wenig ersprießlich, zur -Versendung ganz kurzer und lakonischer Nachrichten, nicht aber -zur Uebermachung von Briefen, Berichten, Beilagen und -Packeten taugt. Demnach schlagen wir, um auch diese Lücke -zu erfüllen, zur Beschleunigung und Vervielfachung der -Handels-Communikationen, wenigstens innerhalb der Gränzen -der cultivirten Welt, eine <em>Wurf-</em> oder <em>Bombenpost</em> vor; -ein Institut, das sich auf zweckmäßig, innerhalb des Raums -einer Schußweite, angelegten Artillerie-Stationen, aus Mörsern -oder Haubitzen, hohle, statt des Pulvers, mit Briefen -und Paketen angefüllte Kugeln, die man ohne alle Schwierigkeit, -mit den Augen verfolgen, und wo sie hinfallen, falls -es ein Morastgrund ist, wieder auffinden kann, zuwürfe; dergestalt, -daß die Kugel, auf jeder Station zuvörderst eröffnet, -die respektiven Briefe für jeden Ort herausgenommen, die -neuen hineingelegt, das Ganze wieder verschlossen, in einen -neuen Mörser geladen, und zur nächsten Station weiter spedirt -werden könnte. Den Prospectus des Ganzen und die -Beschreibung und Auseinandersetzung der Anlagen und Kosten -behalten wir einer umständlicheren und weitläufigeren Abhandlung -bevor. Da man auf diese Weise, wie eine kurze -mathematische Berechnung lehrt, binnen Zeit eines halben -Tages, gegen geringe Kosten von Berlin nach Stettin oder -Breslau würde schreiben oder respondiren können, und mithin, -verglichen mit unseren reitenden Posten, ein zehnfacher -Zeitgewinn entsteht, oder es eben soviel ist, als ob ein -<a id="page-147" class="pagenum" title="147"></a> -Zauberstab diese Orte der Stadt Berlin zehnmal näher gerückt -hätte: so glauben wir für das bürgerliche sowohl als -handeltreibende Publicum, eine Erfindung von dem größesten -und entscheidendsten Gewicht, geschickt, den Verkehr auf den -höchsten Gipfel der Vollkommenheit zu treiben, an den Tag -gelegt zu haben. -</p> - -<p class="datel"> -Berlin d. 10. Oct. 1810. -</p> - -<p class="sign"> -<span class="line1"><span class="antiqua"><i>rmz.</i></span></span> -</p> - -<h4 class="subchap" id="subchap-4-5-3"> -<span class="line1">3. Schreiben aus Berlin.</span><br /> -<span class="line2">(15. October.)</span> -</h4> - -<p class="date"> -10 Uhr Morgens. -</p> - -<p> -Der Wachstuchfabrikant Hr. <em>Claudius</em> will, zur Feier -des Geburtstages Sr. Königl. Hoheit, des Kronprinzen, heute -um 11 Uhr mit dem Ballon des Prof. J.<a class="fnote" href="#footnote-74" id="fnote-74">[74]</a> in die Luft -gehen, und denselben, vermittelst einer Maschine, unabhängig -vom Wind, nach einer bestimmten Richtung hinbewegen. Dies -Unternehmen scheint befremdend, da die Kunst, den Ballon, -auf ganz leichte und naturgemäße Weise, ohne alle Maschienerie, -zu bewegen, schon erfunden ist. Denn da in der Luft -alle nur mögliche Strömungen (Winde) übereinander liegen: -so braucht der Aëronaut nur, vermittelst perpendikularer Bewegungen, -den Luftstrom aufzusuchen, der ihn nach seinem -Ziele führt: ein Versuch, der bereits mit vollkommnem Glück, -in Paris, von Hrn. Garnerin, angestellt worden ist. -</p> - -<p> -Gleichwohl scheint dieser Mann, der während mehrerer -Jahre im Stillen dieser Erfindung nachgedacht hat, einer besondern -Aufmerksamkeit nicht unwerth zu sein. Einen Gelehrten, -mit dem er sich kürzlich in Gesellschaft befand, soll er -gefragt haben: ob er ihm wohl sagen könne, in wieviel Zeit -<a id="page-148" class="pagenum" title="148"></a> -eine Wolke, die eben an dem Horizont heraufzog, im Zenith -der Stadt sein würde? Auf die Antwort des Gelehrten: -„daß seine Kenntniß so weit nicht reiche,“ soll er eine Uhr -auf den Tisch gelegt haben, und die Wolke genau, in der -von ihm bestimmten Zeit, im Zenith der Stadt gewesen sein. -Auch soll derselbe, bei der letzten Luftfahrt des Professor J. -im Voraus nach Werneuchen gefahren, und die Leute daselbst -versammelt haben: indem er aus seiner Kenntniß der Atmosphäre -mit Gewißheit folgerte, daß der Ballon diese Richtung -nehmen, und der Professor J. in der Gegend dieser -Stadt niederkommen müsse. -</p> - -<p> -Wie nun der Versuch, den er heute, gestützt auf diese -Kenntniß, unternehmen will, ausfallen wird: das soll in Zeit -von einer Stunde entschieden sein. Hr. Claudius will nicht -nur bei seiner Abfahrt, den Ort, wo er niederkommen will, -in gedruckten Zetteln bekannt machen: es heißt sogar, daß er -schon Briefe an diesem Ort habe abgeben lassen, um daselbst -seine Ankunft anzumelden. — Der Tag ist in der That, -gegen alle Erwartung, seiner Vorherbestimmung gemäß, ausnehmend -schön. -</p> - -<p class="ns"> -N. S. -</p> - -<p class="date"> -2 Uhr Nachmittags. -</p> - -<p> -Hr. Claudius hatte beim Eingang in den Schützenplatz -Zettel austheilen lassen, auf welchen er, längs der Potsdammer -Chaussee, nach dem Luckenwaldschen Kreis zu gehen, und in -einer Stunde vier Meilen zurückzulegen versprach. Der Wind -war aber gegen 12 Uhr so mächtig geworden, daß er noch -um 2 Uhr mit der Füllung des Ballons nicht fertig war; -und es verbreitete sich das Gerücht, daß er vor 4 Uhr nicht -in die Luft gehen würde. -</p> - -<h4 class="subchap" id="subchap-4-5-4"> -<a id="page-149" class="pagenum" title="149"></a> -<span class="line1">4. Aëronautik.</span><br /> -<span class="line2">S. Haude u. Spenersche Zeitung, den 25. Okt. 1810.<a class="fnote" href="#footnote-75" id="fnote-75">[75]</a></span><br /> -<span class="line3">(29. 30. October.)</span> -</h4> - -<p class="noindent"> -Der, gegen die Abendblätter gerichtete, Artikel der Haude -und Spenerschen Zeitung, über die angebliche Direction der -Luftbälle ist mit soviel Einsicht, Ernst und Würdigkeit abgefaßt, -daß wir geneigt sind zu glauben, die Wendung am -Schluß, die zu dem Ganzen wenig paßt, beruhe auf einem -bloßen Mißverständniß. -</p> - -<p> -Demnach dient dem unbekannten Hrn. Verfasser hiemit -auf seine, in Anregung gebrachten Einwürfe zur freundschaftlichen -Antwort: -</p> - -<p> -1) daß wenn das Abendblatt, des beschränkten Raums -wegen, den unverklausulirten Satz aufgestellt hat: die Direction -der Luftbälle sei erfunden; dasselbe damit keineswegs hat -sagen wollen: es sei an dieser Erfindung nichts mehr hinzuzusetzen; -sondern bloß: das Gesetz einer solchen Kunst sei -gefunden, und es sei, nach dem, was in Paris vorgefallen, -nicht mehr zweckmäßig, in dem Bau einer, mit dem Luftball -verbundenen, Maschiene eine Kraft zu suchen, die in dem Luftball -selbst, und in dem Element, das ihn trägt, vorhanden ist. -</p> - -<p> -2) Daß die Behauptung, in der Luft seien Strömungen -der vielfachsten und mannigfaltigsten Art enthalten, wenig -Befremdendes und Außerordentliches in sich faßt, indem unseres -Wissens, nach den Aufschlüssen der neuesten Naturwissenschaft, -eine der Hauptursachen des Windes, chemische -Zersetzung oder Entwickelung beträchtlicher Luftmassen ist. -Diese Zersetzung oder Entwickelung der Luftmassen aber muß, -<a id="page-150" class="pagenum" title="150"></a> -wie eine ganz geringe Einbildung lehrt, ein concentrisches -oder excentrisches, in allen seinen Richtungen diametral entgegengesetztes, -Strömen der in der Nähe befindlichen Luftmassen -veranlassen; dergestalt, daß an Tagen, wo dieser -chemische Prozeß im Luftraum häufig vor sich geht, gewiß -über einem gegebenen, nicht allzubeträchtlichen Kreis der Erdoberfläche, -wenn nicht alle, doch so viele Strömungen, als -der Luftfahrer, um die willkührliche Direction darauf zu gründen, -braucht, vorhanden sein mögen. -</p> - -<p> -3) Daß der Luftballon des Hrn. Claudius selbst (in sofern -ein einzelner Fall hier in Erwägung gezogen zu werden -verdient) zu dieser Behauptung gewissermaßen den Beleg -abgiebt, indem ohne Zweifel als derselbe ½5 Uhr durchaus -westlich in der Richtung nach Spandau und Stendal aufstieg, -niemand geahndet hat, daß er, innerhalb zwei Stunden, -durchaus südlich, zu Düben in Sachsen niederkommen würde. -</p> - -<p> -4) Daß die Kunst, den Ballon <em>vertical</em> zu dirigiren, -noch einer großen Entwickelung und Ausbildung bedarf, und -derselbe auch wohl, ohne eben große Schwierigkeiten, fähig -ist, indem man ohne Zweifel durch Veränderung nicht bloß -des absoluten, sondern auch specifischen Gewichts (vermittelst -der Wärme und der Expansion) wird steigen und fallen und -somit den Luftstrom mit größerer Leichtigkeit wird aufsuchen -lernen, dessen man, zu einer bestimmten Reise, bedarf. -</p> - -<p> -5) Daß Hr. Claudius zwar wenig gethan hat, die Aufmerksamkeit -des Publikums, die er auf sich gezogen hat, zu -rechtfertigen; daß wir aber gleichwohl dahingestellt sein lassen, -in wiefern derselbe, nach dem Gespräche der Stadt, in der -Kunst, von der Erdoberfläche aus die Luftströmungen in den -<a id="page-151" class="pagenum" title="151"></a> -höheren Regionen zu beurtheilen, erfahren sein mag: indem -aus der Richtung, die sein Ballon anfänglich westwärts gegen -Spandau und späterhin südwärts gegen Düben nahm, mit -sonderbarer Wahrscheinlichkeit hervor zu gehen scheint, daß er, -wenn er aufgestiegen wäre, sein Versprechen erfüllt haben, -und vermittelst seiner mechanischen Einwirkung, in der Diagonale -zwischen beiden Richtungen, über der Potsdammer -Chaussee, nach dem Luckenwaldischen Kreise, fortgeschwommen -sein würde. -</p> - -<p> -6) Daß wenn gleich das Unternehmen vermittelst einer, -im Luftball angebrachten Maschiene, den Widerstand ganz contrairer -Winde aufzuheben, unübersteiglichen Schwierigkeiten -unterworfen ist, es doch vielleicht bei Winden von geringerer -Ungünstigkeit möglich sein dürfte, den Sinus der Ungünstigkeit, -vermittelst mechanischer Kräfte, zu überwinden, und somit, -dem Seefahrer gleich, auch solche Winde, die nicht genau zu -dem vorgeschriebenen Ziel führen, ins Interesse zu ziehen. -</p> - -<p> -Zudem bemerken wir, daß wenn 7) der Luftschifffahrer, -aller dieser Hülfsmittel ungeachtet, Tage und Wochen lang -auf den Wind, der ihm passend ist, warten müßte, derselbe -sich mit dem Seefahrer zu trösten hätte, der auch Wochen, -oft Monate lang, auf günstige Winde im Hafen harren muß: -wenn er ihn aber gefunden hat, binnen wenigen Stunden -damit weiter kommt, als wenn er sich, von Anfang herein, -während der ganzen verlornen Zeit, zur Axe oder zu Pferde -fortbewegt hätte. -</p> - -<p> -Endlich selbst zugegeben 8) — was wir bei der Möglichkeit, -auch selbst in der wolkigsten Nacht, den Polarstern, -wenigstens auf Augenblicke, aufzufinden, keinesweges thun — -<a id="page-152" class="pagenum" title="152"></a> -dem Luftschiffer fehle es schlechthin an Mittel, sich in der -Nacht im Luftraum zu orientiren: so halten wir den von -dem unbekannten Hrn. R. berechneten Irrthum von 6 Meilen, -auf einen Radius von 30 Meilen, für einen sehr mäßigen -und erträglichen. Der Aëronaut würde immer noch, wenn -<span class="antiqua">x</span> die Zeit ist, die er gebraucht haben würde, um den Radius -zur Axe zurückzulegen, in <span class="antiqua">x</span>/5 den Radius und die Sehne -zurücklegen können. Wenn er dies, gleichviel aus welchen -Gründen, ohne seinen Ballon, nicht wollte, so würde er sich -wieder mit dem Seefahrer trösten müssen, der auch oft, widriger -Winde wegen, statt in den Hafen einzulaufen, auf der -Rhede vor Anker gehen, oder gar in einen andern ganz entlegenen -Hafen einlaufen muß, nach dem er gar nicht bei -seiner Abreise gewollt hat. -</p> - -<p class="tb"> -——— -</p> - -<p class="noindent"> -Was Hr. Garnerin betrift, so werden wir im Stande -sein, in Kurzem bestimmtere Facta, als die im 13ten Abendblatt -enthalten waren, zur Erwiderung auf die gemachten Einwürfe, -beizubringen. -</p> - -<p class="sign"> -<span class="line1"><span class="antiqua"><i>rm.</i></span></span> -</p> - -<h2 class="part" id="part-5"> -<a id="page-153" class="pagenum" title="153"></a> -<span class="line1">II. In Versen.</span> -</h2> - -<h3 class="chapter" id="chapter-5-1"> -<span class="line1">1. Eine Legende nach Hans Sachs.</span><br /> -<span class="line2">Gleich und Ungleich.</span><br /> -<span class="line3">(3. November.)</span> -</h3> - -<div class="poem-container"> - <div class="poem"> - <div class="stanza"> - <p class="verse">Der Herr, als er auf Erden noch einherging,</p> - <p class="verse">Kam mit Sanct Peter einst an einen Scheideweg,</p> - <p class="verse">Und fragte, unbekannt des Landes,</p> - <p class="verse">Das er durchstreifte, einen Bauersknecht,</p> - <p class="verse">Der faul, da, wo der Rain sich spaltete, gestreckt</p> - <p class="verse">In eines Birnbaums Schatten lag:</p> - <p class="verse">Was für ein Weg nach Jericho ihn führe?</p> - <p class="verse">Der Kerl, die Männer nicht beachtend,</p> - <p class="verse">Verdrießlich, sich zu regen, hob ein Bein,</p> - <p class="verse">Zeigt auf ein Haus im Feld’, und gähnt’ und sprach: da unten!</p> - <p class="verse">Zerrt sich die Mütze über’s Ohr zurecht,</p> - <p class="verse">Kehrt sich, und schnarcht schon wieder ein.</p> - <p class="verse">Die Männer drauf, wohin das Bein gewiesen,</p> - <p class="verse">Gehn ihre Straße fort; jedoch nicht lange währt’s,</p> - <p class="verse">Von Menschen leer, wie sie das Haus befinden,</p> - <p class="verse">Sind sie im Land’ schon wieder irr.</p> - <p class="verse">Da steht, im heißen Strahl der Mittagssonne,</p> - <p class="verse">Bedeckt von Aehren, eine Magd,</p> -<a id="page-154" class="pagenum" title="154"></a> - <p class="verse">Die schneidet, frisch und wacker, Korn,</p> - <p class="verse">Der Schweiß rollt ihr vom Angesicht herab.</p> - <p class="verse">Der Herr, nachdem er sich gefällig drob ergangen,</p> - <p class="verse">Kehrt also sich mit Freundlichkeit zu ihr:</p> - <p class="verse">„Mein Töchterchen gehn wir auch recht,</p> - <p class="verse">So wie wir stehn, den Weg nach Jericho?“</p> - <p class="verse">Die Magd antwortet flink: „Ei, Herr!</p> - <p class="verse">Da seid ihr weit vom Wege irr gegangen;</p> - <p class="verse">Dort hinterm Walde liegt der Thurm von Jericho,</p> - <p class="verse">Kommt her, ich will den Weg euch zeigen.“</p> - <p class="verse">Und legt die Sichel weg, und führt, geschickt und emsig,</p> - <p class="verse">Durch Aecker, die der Rain durchschneidet,</p> - <p class="verse">Die Männer auf die rechte Straße hin,</p> - <p class="verse">Zeigt noch, wo schon der Thurm von Jericho erglänzet,</p> - <p class="verse">Grüßt sie und eilt zurücke wieder,</p> - <p class="verse">Auf daß sie schneid’, in Rüstigkeit, und raffe,</p> - <p class="verse">Von Schweiß betrieft, im Waizenfelde,</p> - <p class="verse">So nach wie vor.</p> - <p class="verse">Sanct Peter spricht: „O Meister mein!</p> - <p class="verse">Ich bitte dich, um deiner Güte willen,</p> - <p class="verse">Du wollest dieser Maid die That der Liebe lohnen,</p> - <p class="verse">Und, flink und wacker, wie sie ist,</p> - <p class="verse">Ihr einen Mann, flink auch und wacker, schenken.“</p> - <p class="verse">„Die Maid, versetzt der Herr voll Ernst,</p> - <p class="verse">Die soll den faulen Schelmen nehmen,</p> - <p class="verse">Den wir am Scheideweg im Birnbaumsschatten trafen;</p> - <p class="verse">Also beschloß ich’s gleich im Herzen,</p> - <p class="verse">Als ich im Waizenfeld sie sah.“</p> - <p class="verse">Sanct Peter spricht: „Nein Herr, das wolle Gott verhüten.</p> -<a id="page-155" class="pagenum" title="155"></a> - <p class="verse">Das wär’ ja ewig Schad’ um sie,</p> - <p class="verse">Müßt’ all’ ihr Schweiß und Müh’ verloren gehn.</p> - <p class="verse">Laß einen Mann, ihr ähnlicher, sie finden,</p> - <p class="verse">Auf daß sich, wie sie wünscht, hoch bis zum Giebel ihr</p> - <p class="verse">Der Reichthum in der Tenne fülle.“</p> - <p class="verse">Der Herr antwortet, mild den Sanctus strafend:</p> - <p class="verse">„O Petre, das verstehst du nicht.</p> - <p class="verse">Der Schelm, der kann doch nicht zur Höllen fahren.</p> - <p class="verse">Die Maid auch, frischen Lebens voll,</p> - <p class="verse">Die könnte leicht zu stolz und üppig werden.</p> - <p class="verse">Drum, wo die Schwinge sich ihr allzuflüchtig regt,</p> - <p class="verse">Henk’ ich ihr ein Gewichtlein an,</p> - <p class="verse">Auf daß sie’s beide im Maaße treffen,</p> - <p class="verse">Und fröhlich, wenn es ruft, hinkommen, er wie sie,</p> - <p class="verse">Wo ich sie Alle gern versammeln möchte.</p> - </div> - </div> -</div> - -<h3 class="pbb chapter" id="chapter-5-2"> -<a id="page-156" class="pagenum" title="156"></a> -<span class="line1">2. Eine Legende nach Hans Sachs.</span><br /> -<span class="line2">Der Welt Lauf.</span><br /> -<span class="line3">(8. December.)</span> -</h3> - -<div class="poem-container"> - <div class="poem"> - <div class="stanza"> - <p class="verse">Der Herr und Petrus oft, in ihrer Liebe beide,</p> - <p class="verse">Begegneten im Streite sich,</p> - <p class="verse">Wenn von der Menschen Heil die Rede war;</p> - <p class="verse">Und dieser nannte zwar die Gnade Gottes groß,</p> - <p class="verse">Doch wär’ er Herr der Welt, meint er,</p> - <p class="verse">Würd’ er sich ihrer mehr erbarmen.</p> - <p class="verse">Da trat, zu einer Zeit, als längst, in beider Herzen,</p> - <p class="verse">Der Streit vergessen schien, und just,</p> - <p class="verse">Um welcher Ursach weiß ich nicht,</p> - <p class="verse">Der Himmel oben auch voll Wolken hieng,</p> - <p class="verse">Der Sanctus mißgestimmt, den Heiland an, und sprach</p> - <p class="verse">„Herr, laß, auf eine Handvoll Zeit,</p> - <p class="verse">Mich, aus dem Himmelreich, auf Erden niederfahren,</p> - <p class="verse">Daß ich des Unmuths, der mich griff,</p> - <p class="verse">Vergess’ und mich einmal, von Sorgen frei, ergötze,</p> - <p class="verse">Weil es jetzt grad’ vor Fastnacht ist.“</p> - <p class="verse">Der Herr, des Streits noch sinnig eingedenk,</p> - <p class="verse">Spricht: „Gut; acht Tag’ geb’ ich dir Zeit,</p> - <p class="verse">Der Feier, die mir dort beginnt, dich beizumischen;</p> -<a id="page-157" class="pagenum" title="157"></a> - <p class="verse">Jedoch, so bald das Fest vorbei,</p> - <p class="verse">Kommst du mir zu gesetzter Stunde wieder.</p> - <p class="verse">Acht volle Tage doch, zwei Wochen schon, und mehr,</p> - <p class="verse">Ein abgezählter Mond vergeht,</p> - <p class="verse">Bevor der Sanct zum Himmel wiederkehrt.</p> - <p class="verse">„Ei, Petre,“ spricht der Herr, „wo weiltest du so lange?</p> - <p class="verse">Gefiel’s auch nieden dir so wohl?“</p> - <p class="verse">Der Sanctus, mit noch schwerem Kopfe, spricht:</p> - <p class="verse">„Ach, Herr! Das war ein Jubel unten —!</p> - <p class="verse">Der Himmel selbst beseeliget nicht besser.</p> - <p class="verse">Die Erndte, reich, du weißt, wie keine je gewesen,</p> - <p class="verse">Gab alles was das Herz nur wünscht,</p> - <p class="verse">Getraide, weiß und süß, Most, sag’ ich dir, wie Honig,</p> - <p class="verse">Fleisch fett, dem Speck gleich, von der Brust des Rindes;</p> - <p class="verse">Kurz, von der Erde jeglichem Erzeugniß</p> - <p class="verse">Zum Brechen alle Tafeln voll.</p> - <p class="verse">Da ließ ich’s, schier, zu wohl mir sein,</p> - <p class="verse">Und hätte bald des Himmels gar vergessen.“</p> - <p class="verse">Der Herr erwiedert: „Gut! Doch Petre sag’ mir an,</p> - <p class="verse">Bei soviel Seegen, den ich ausgeschüttet,</p> - <p class="verse">Hat man auch dankbar mein gedacht?</p> - <p class="verse">Sahst du die Kirchen auch von Menschen voll?“ —</p> - <p class="verse">Der Sanct, bestürzt hierauf, nachdem er sich besonnen:</p> - <p class="verse">„O Herr,“ spricht er, „bei meiner Liebe,</p> - <p class="verse">Den ganzen Fastmond durch, wo ich mich hingewendet,</p> - <p class="verse">Nicht deinen Namen hört’ ich nennen.</p> - <p class="verse">Ein einz’ger Mann saß murmelnd in der Kirche:</p> - <p class="verse">Der aber war ein Wucherer,</p> - <p class="verse">Und hatte Korn, im Herbst erstanden,</p> -<a id="page-158" class="pagenum" title="158"></a> - <p class="verse">Für Mäus’ und Ratzen hungrig aufgeschüttet.“ —</p> - <p class="verse">„Wohlan denn,“ spricht der Herr, und läßt die Rede fallen,</p> - <p class="verse">„Petre, so geh; und künft’ges Jahr</p> - <p class="verse">Kannst du die Fastnacht wiederum besuchen.“</p> - <p class="verse">Doch diesmal war das Fest kaum eingeläutet,</p> - <p class="verse">Da kömmt der Sanctus schleichend schon zurück.</p> - <p class="verse">Der Herr begegnet ihm am Himmelsthor und ruft:</p> - <p class="verse">„Ei, Petre! Sieh! Warum so traurig?</p> - <p class="verse">Hat’s dir auf Erden denn danieden nicht gefallen?“</p> - <p class="verse">„Ach, Herr,“ versetzt der Sanct, „seit ich sie nicht gesehn,</p> - <p class="verse">Hat sich die Erde ganz verändert.</p> - <p class="verse">Da ist’s kurzweilig nicht mehr, wie vordem,</p> - <p class="verse">Rings sieht das Auge nichts, als Noth und Jammer.</p> - <p class="verse">Die Erndte, ascheweiß versengt auf allen Feldern,</p> - <p class="verse">Gab für den Hunger nicht, um Brod zu backen,</p> - <p class="verse">Viel wen’ger Kuchen, für die Lust, und Stritzeln.</p> - <p class="verse">Und weil der Herbstwind früh der Berge Hang durchreift,</p> - <p class="verse">War auch an Wein und Most nicht zu gedenken.</p> - <p class="verse">Da dacht ich: was auch sollst du hier?</p> - <p class="verse">Und kehrt ins Himmelreich nur wieder heim.“ —</p> - <p class="verse">„So!“ spricht der Herr. „Fürwahr! das thut mir leid!</p> - <p class="verse">Doch, sag’ mir an: gedacht’ man mein?“</p> - <p class="verse">„Herr, ob man dein gedacht? — Die Wahrheit dir zu sagen,</p> - <p class="verse">Als ich durch eine Hauptstadt kam,</p> - <p class="verse">Fand ich, zur Zeit der Mitternacht,</p> - <p class="verse">Vom Altarkerzenglanz, durch die Portäle strahlend,</p> - <p class="verse">Dir alle Märkt’ und Straßen hell;</p> - <p class="verse">Die Glöckner zogen, daß die Stränge rissen;</p> - <p class="verse">Hoch an den Säulen hiengen Knaben,</p> -<a id="page-159" class="pagenum" title="159"></a> - <p class="verse">Und hielten ihre Mützen in der Hand.</p> - <p class="verse">Kein Mensch, versichr’ ich dich, im Weichbild rings zu sehn,</p> - <p class="verse">Als Einer nur, der eine Schaar</p> - <p class="verse">Lastträger keuchend von dem Hafen führte:</p> - <p class="verse">Der aber war ein Wucherer,</p> - <p class="verse">Und häufte Korn auf lächelnd, fern erkauft,</p> - <p class="verse">Um von des Landes Hunger sich zu mästen.“</p> - <p class="verse">„Nun denn, o Petre,“ spricht der Herr,</p> - <p class="verse">Erschaust du jetzo doch den Lauf der Welt!</p> - <p class="verse">Jetzt siehst du doch was du jüngsthin nicht glauben wolltest,</p> - <p class="verse">Daß Güter nicht das Gut des Menschen sind;</p> - <p class="verse">Daß mir ihr Heil am Herzen liegt wie dir:</p> - <p class="verse">Und daß ich, wenn ich sie mit Noth zuweilen plage,</p> - <p class="verse">Mich, meiner Liebe treu und meiner Sendung,</p> - <p class="verse">Nur ihrer höh’ren Noth erbarme.</p> - </div> - </div> -</div> - -<h3 class="pbb chapter" id="chapter-5-3"> -<a id="page-160" class="pagenum" title="160"></a> -<span class="line1">3. Epigramme.</span> -</h3> - -<h4 class="subchap" id="subchap-5-3-1"> -<span class="line1">1. Auf einen Denuncianten.</span><br /> -<span class="line2">(Räthsel.)</span><br /> -<span class="line3">(12. October.)</span> -</h4> - -<div class="poem-container"> - <div class="poem"> - <div class="stanza"> - <p class="verse">Als Kalb begann er; ganz gewiß</p> - <p class="verse">Vollendet er als Stier — des Phalaris.</p> - </div> - </div> -</div> - -<p class="sign"> -<span class="line1"><span class="antiqua"><i>st.</i></span></span> -</p> - -<h4 class="subchap" id="subchap-5-3-2"> -<span class="line1">2. Wer ist der Aermste?</span><br /> -<span class="line2">(24. October.)</span> -</h4> - -<div class="poem-container"> - <div class="poem"> - <div class="stanza"> - <p class="verse">„Geld!“ rief, „mein edelster Herr!“ ein Armer. Der Reiche versetzte:</p> - <p class="verse">„Lümmel, was gäb’ ich darum, wär ich so hungrig als er!“</p> - </div> - </div> -</div> - -<h4 class="subchap" id="subchap-5-3-3"> -<span class="line1">3. Der witzige Tischgesellschafter.</span> -</h4> - -<div class="poem-container"> - <div class="poem"> - <div class="stanza"> - <p class="verse">Treffend, durchgängig ein Blitz, voll Scharfsinn, sind seine Repliken:</p> - <p class="verse">Wo? An der Tafel? Vergieb! Wenn er’s zu Hause bedenkt.</p> - </div> - </div> -</div> - -<p class="sign"> -<span class="line1"><span class="antiqua"><i>xp.</i></span></span> -</p> - -<h4 class="subchap" id="subchap-5-3-4"> -<span class="line1">4. An die Verfasser schlechter Epigramme.</span><br /> -<span class="line2">(30. October.)</span> -</h4> - -<div class="poem-container"> - <div class="poem"> - <div class="stanza"> - <p class="verse">Des Satyrs Geißel schmerzt von Rosenstrauch am meisten;</p> - <p class="verse">Wer nur den Knieriem führt, der bleibe ja beim Leisten.</p> - </div> - </div> -</div> - -<p class="sign"> -<span class="line1"><span class="antiqua"><i>st.</i></span></span> -</p> - -<h4 class="subchap" id="subchap-5-3-5"> -<span class="line1">5. Nothwehr.</span><br /> -<span class="line2">(31. October.)</span> -</h4> - -<div class="poem-container"> - <div class="poem"> - <div class="stanza"> - <p class="verse">Wahrheit gegen den Feind? Vergieb mir! Ich lege zuweilen</p> - <p class="verse">Seine Bind um den Hals, um in sein Lager zu gehn.</p> - </div> - </div> -</div> - -<p class="sign"> -<span class="line1"><span class="antiqua"><i>xp.</i></span></span> -</p> - -<h2 class="part" id="part-6"> -<a id="page-161" class="pagenum" title="161"></a> -<span class="line1">Anmerkungen.</span> -</h2> - -<p class="hdr"> -Einleitung. -</p> - -<p class="footnote"> -<a class="footnote" href="#fnote-1" id="footnote-1">[1]</a> Das letzte Lied; H. v. Kleist gesammelte Schriften III, 373, der -zweiten Ausgabe von Tieck und J. Schmidt. -</p> - -<p class="footnote"> -<a class="footnote" href="#fnote-2" id="footnote-2">[2]</a> So schrieb Kleist an Zschokke; s. E. v. Bülow, H. v. Kleists Leben -und Briefe S. 27. -</p> - -<p class="footnote"> -<a class="footnote" href="#fnote-3" id="footnote-3">[3]</a> Die umfassendste Sammlung von Briefen Kleists sind die an seine -Schwester Ulrike gerichteten, 57 an der Zahl, aus den Jahren 1795 -bis zum Augenblick seines Todes, nebst einem an Pannwitz aus dem -Jahre 1802, von Koberstein 1860 herausgegeben; 23 Briefe aus der -Zeit von 1799 bis 1811 an seinen Lehrer, seine Braut, deren -Schwester, seinen Freund Rühle und Fouqué, gab Bülow heraus; -6 Brieffragmente von 1807 bis 1811 Tieck in der Einleitung zu -Kleists Schriften; ein Brief von 1809 an H. v. Collin steht in Hoffmanns -Findlingen I, 320, ein von Bülow nicht gekannter von 1811 -an Fouqué, in den Briefen an F. Baron de la Motte Fouqué, herausgegeben -von H. Kletke I, 223; 6 aus den Jahren 1810 und 1811 -an F. v. Raumer in dessen Lebenserinnerungen und Briefwechsel I, -229. Anekdotenhaft ist was Peguilhen von Kleist erzählt in der -Sammlung Berühmte Schriftsteller der Deutschen Berlin 1854 I, 309; -die Denkschrift desselben über Kleists Tod, die dem Staatskanzler -vorlag aber nicht erscheinen durfte, scheint verloren. Umfassende Charakteristiken -Kleists sind neuerdings gegeben worden in den Preußischen -Jahrbüchern II, 599, 1858, und von J. Schmidt in seiner Einleitung -zu den gesammelten Schriften Kleists, 1859; Nachträge dazu -von Koberstein in der Einleitung zu Kleists Briefen an seine Schwester. -</p> - -<p class="footnote"> -<a class="footnote" href="#fnote-4" id="footnote-4">[4]</a> Tiecks Ausgabe von 1826 I, S. XX. -</p> - -<p class="footnote"> -<a class="footnote" href="#fnote-5" id="footnote-5">[5]</a> S. X Vorrede. -</p> - -<p class="footnote"> -<a class="footnote" href="#fnote-6" id="footnote-6">[6]</a> In der Inhaltsanzeige des Februarheftes. Dadurch widerlegt sich -Bülows Angabe S. 44 eine Novelle der Madame de Gomez habe -dem Dichter den Stoff in Paris geliefert. Sucht man in einer -fremden Litteratur nach einer Parallele zu dieser Geschichte, so könnte -man auch an Cervantes’ <span class="antiqua">de la fuerça de la sangre</span> erinnern, wo -ähnliche Verhältnisse freilich maßvoller dargestellt werden. -</p> - -<p class="footnote"> -<a class="footnote" href="#fnote-7" id="footnote-7">[7]</a> Eine quellengemäße geschichtliche Darstellung der Kohlhasischen Händel -hat Klöden gegeben in Gropius’ Beiträge zur Geschichte Berlins, -Berlin 1840 S. 61 ff. Wenn er im Vorwort sagt, zu Kleists Erzählung -habe die Geschichte nichts als einige Namen beigesteuert, -so ist dagegen zu bemerken, daß nicht die wesentlichen Thatsachen, -sondern gerade die Namen unhistorisch sind; denn der Junker hieß -Günther von Zaschwitz auf Melaun bei Düben. Man möchte doch -vermuthen, nicht Pfuels Erzählung, sondern irgend einem älteren -Buche habe Kleist den Stoff entlehnt, vielleicht dem von B. Mentz, -Kurtze Erzehlung vom Vrsprung vnd Hehrkommen der Chur vnnd -Fürstlichen Stämmen, Sachsen, Brandenburg, Anhalt vnd Lawenburg, -Wittenberg 1597, das Klöden außer Hafftiz besonders benutzt hat. -</p> - -<p class="footnote"> -<a class="footnote" href="#fnote-8" id="footnote-8">[8]</a> III, 71. -</p> - -<p class="footnote"> -<a class="footnote" href="#fnote-9" id="footnote-9">[9]</a> III, 48. -</p> - -<p class="footnote"> -<a class="footnote" href="#fnote-10" id="footnote-10">[10]</a> III, 124. -</p> - -<p class="footnote"> -<a class="footnote" href="#fnote-11" id="footnote-11">[11]</a> Ich führe einige Beweisstellen für die im Text hervorgehobenen -Lieblingsworte Kleists an: „dergestalt daß“ Kohlhaas III, 39, 47, -57, 75, 104, 109, 114; das Erdbeben in Chili S. 164; die Verlobung -in St. Domingo S. 188; das Bettelweib von Locarno -S. 224, 225, 226; die heilige Caecilie S. 249, 250; der Zweikampf -S. 272, 273; Käthchen von Heilbronn II, 132. „Gleichwohl“: -Kohlhaas III, 22, 35, 63, 75, 102, 109; Marquise v. O. S. 151; -Findling 235; die heilige Caecilie 252; Käthchen von Heilbronn -I, 123, 125, 130; die Hermannsschlacht 397; der Prinz v. Homburg -325, 345; Amphitryon I, 374, 375. „Nicht sobald — als“: -Kohlhaas III, 34, 39, 58. „Falls“: Kohlhaas III, 27, 64, 77, 94. -„Gleichviel“: Kohlhaas III, 57, 60, 79; Marquise v. O. 153; die -heilige Caecilie 251; der Zweikampf 286; Prinz v. Homburg II, -279, 281, 315, 320, 323, 327, 331; die Hermannsschlacht 509; -<a id="page-163" class="pagenum" title="163"></a> -Amphitryon I, 417. „Inzwischen“: Kohlhaas III, 34, 43, 77, 98, -106, 111; Marquise v. O. 124, 125; der Zweikampf 266, 287. -</p> - -<p class="footnote"> -<a class="footnote" href="#fnote-12" id="footnote-12">[12]</a> Penthesilea I, 201, 224; die Hermannsschlacht II, 383; an Franz -den Ersten III, 374. -</p> - -<p class="footnote"> -<a class="footnote" href="#fnote-13" id="footnote-13">[13]</a> Akt III. Sc. 1. II, 188. -</p> - -<p class="footnote"> -<a class="footnote" href="#fnote-14" id="footnote-14">[14]</a> Käthchen v. Heilbronn A. V. S. 1. II, 248; die Hermannsschlacht -A. II, S. 1. II, 402; III, 379. -</p> - -<p class="footnote"> -<a class="footnote" href="#fnote-15" id="footnote-15">[15]</a> III, 376, 377, 372. -</p> - -<p class="footnote"> -<a class="footnote" href="#fnote-16" id="footnote-16">[16]</a> A. III, S. 6. II, 443. -</p> - -<p class="footnote"> -<a class="footnote" href="#fnote-17" id="footnote-17">[17]</a> Kleist an seine Schwester 17. Sept. 1807 und die folgenden Briefe -S. 129 ff. 144. Adam Müller an Gentz 6. Febr. 1808, Briefwechsel -S. 126. -</p> - -<p class="footnote"> -<a class="footnote" href="#fnote-18" id="footnote-18">[18]</a> Kleists ges. Schriften I, S. XX. -</p> - -<p class="footnote"> -<a class="footnote" href="#fnote-19" id="footnote-19">[19]</a> Bülow S. XI. -</p> - -<p class="footnote"> -<a class="footnote" href="#fnote-20" id="footnote-20">[20]</a> Brief an seine Schwester o. D. S. 157. -</p> - -<p class="footnote"> -<a class="footnote" href="#fnote-21" id="footnote-21">[21]</a> Phöbus I, 39. -</p> - -<p class="footnote"> -<a class="footnote" href="#fnote-22" id="footnote-22">[22]</a> Hans Sachs Worte I, 189 der Kemptener Ausgabe, wo sich indeß -nur die Legende der Welt Lauf findet. Es scheint Kleist hat seine -Originale nicht sowohl in einer Gesammtausgabe der Werke von -Hans Sachs als in einem Einzeldruck gelesen; in einem solchen, -wovon ein Exemplar im Besitz des Herrn W. v. Maltzahn ist, finden -sich neben zwei andern Erzählungen gerade die beiden von Kleist -nachgedichteten; es ist: Das erst Gesprech, Von der Welt lauff; und -das dritt Gespräch, von eim | faulen Bawrenknecht, vnd einer | -endlichen Bauren Maidt. | Der Haupttitel lautet: Vier schöne Gesprech -zwischen | Sanct Peter vnd dem Herren, | sehr nützlich zu -lesen, vnd | zu hören — Hanß Sachs. Gedruckt zu Nürnberg | -durch Valentin Newber kl. 8. 16 Bll. -</p> - -<p class="footnote"> -<a class="footnote" href="#fnote-23" id="footnote-23">[23]</a> S. die Briefe an seine Schwester o. D. und von 1799, 1801 S. 5, -20, 49, 51; an seine Braut 1801, Bülow S. 145; 1806 S. 243. -</p> - -<p class="footnote"> -<a class="footnote" href="#fnote-24" id="footnote-24">[24]</a> Briefe von 1801, Bülow S. 226, 210, 204, 27; Koberstein S. 46, -50. Katechismus der Deutschen 8. I, 1, 7; von der Ueberlegung -I, 2, 5. -</p> - -<p class="footnote"> -<a class="footnote" href="#fnote-25" id="footnote-25">[25]</a> Brieffragment bei Bülow S. 66; 1801 S. 207, 227; 1803 Koberstein -S. 90. -</p> - -<p class="footnote"> -<a class="footnote" href="#fnote-26" id="footnote-26">[26]</a> 1801, 1803 Koberstein S. 45, 90. -</p> - -<p class="footnote"> -<a class="footnote" href="#fnote-27" id="footnote-27">[27]</a> Briefe an seine Schwester S. 110, 145. -</p> - -<p class="footnote"> -<a class="footnote" href="#fnote-28" id="footnote-28">[28]</a> Hermannsschlacht A. I, S. 3. I, 1; II, 394, 386, 391, 434, 444; -III, 3, 6. -</p> - -<p class="footnote"> -<a class="footnote" href="#fnote-29" id="footnote-29">[29]</a> Kleists Wort über die Thusnelda zu Dahlmann in J. Schmidts -Einleitung S. XCV; (v. Bassewitz) die Kurmark Brandenburg -während der Zeit von 1806 bis 1808 II, 709; v. Höpfner der Krieg -von 1806 und 1807 II, 326, 332. -</p> - -<p class="footnote"> -<a class="footnote" href="#fnote-30" id="footnote-30">[30]</a> Lehrbuch der Journalistik 4, 8. Die Worte des Grafen Schlabrendorff -hat Jochmann aufbewahrt, Reliquien, herausgegeben von -Zschokke, I, 135. -</p> - -<p class="footnote"> -<a class="footnote" href="#fnote-31" id="footnote-31">[31]</a> Hermannsschlacht A. I, 3, 10, 4, 9; II, 397, 399, 456, 467. Hoffmann -Findlinge I, 320. -</p> - -<p class="footnote"> -<a class="footnote" href="#fnote-32" id="footnote-32">[32]</a> Häusser deutsche Geschichte III, 151, 183, 439. Europas Palingenesie -Leipzig 1810 I, 147, 149. -</p> - -<p class="footnote"> -<a class="footnote" href="#fnote-33" id="footnote-33">[33]</a> Hermannsschlacht V, 24, 14. II, 519, 499; Prinz von Homburg IV, -1. S. 340. -</p> - -<p class="hdr"> -<a id="page-164" class="pagenum" title="164"></a> -<a id="page-162" class="pagenum" title="162"></a> -I, 1, 1. -</p> - -<p class="footnote"> -<a class="footnote" href="#fnote-34" id="footnote-34">[34]</a> Wahrscheinlich dachte sich Kleist unter dem rheinbündischen Officier -einen sächsischen, denn kaum ein anderer hätte im Sommer 1806 -mit einem preußischen Officier in Berlin ein patriotisches Convivium -halten können, in einer Zeit, wo über ein preußisch-sächsisches -Bündniß, als Grundlage des nordischen Reichsbundes unter Preußens -Führung, verhandelt wurde. Kurz vor dem Ausbruch des Kriegs -kam es bekanntlich zu einer Vereinigung der preußischen und sächsischen -Armee. Der König, der durch Ablehnung des Kreuzes der -Ehrenlegion nicht kompromittirt werden soll, ist also der König -von Sachsen, der diesen Titel seit dem Posener Vertrage 11. Dec. -1806 führte. -</p> - -<p class="footnote"> -<a class="footnote" href="#fnote-35" id="footnote-35">[35]</a> Eine in Berlin noch jetzt bestehende bekannte Weinhandlung, in -der Kleist viel verkehrt haben soll. -</p> - -<p class="footnote"> -<a class="footnote" href="#fnote-36" id="footnote-36">[36]</a> Davoust, der bei Auerstädt siegte. -</p> - -<p class="footnote"> -<a class="footnote" href="#fnote-37" id="footnote-37">[37]</a> Die eingeklammerten Worte sind in der Abschrift irrthümlich ausgelassen. -</p> - -<p class="footnote"> -<a class="footnote" href="#fnote-38" id="footnote-38">[38]</a> Am 9. April 1809 eröffneten die Oesterreicher unter dem Erzherzog -Karl den Krieg, indem sie in Baiern einrückten. Zu einem Massenaufstande -hatte der Erzherzog in einem undatirten Aufruf an die -„Völker Deutschlands“ aufgefordert; der in demselben Sinn abgefaßte -<a id="page-165" class="pagenum" title="165"></a> -Armeebefehl ist vom 6. April. S. Europas Palingenesie -I, 147, 152. -</p> - -<p class="footnote"> -<a class="footnote" href="#fnote-39" id="footnote-39">[39]</a> Das erste Bülletin Napoleons über die einleitenden Gefechte vom -19. bis 23. April ist vom 24. April. S. Europas Palingenesie II, 39. -Der gleich darauf erwähnte Montesquiou war Napoleons Kammerherr -und zu ähnlichen Sendungen mehrfach gebraucht worden. Kurz -vor der Schlacht von Jena war er in preußische Gefangenschaft -gerathen. -</p> - -<p class="hdr"> -I, 1, 2. -</p> - -<p class="footnote"> -<a class="footnote" href="#fnote-40" id="footnote-40">[40]</a> Diese Scenen spielen also während des Krieges von 1806 und 1807, -und ihr Schauplatz soll, wie leicht ersichtlich, Potsdam und Berlin -sein. In Potsdam war das große Cavalleriedepot der Franzosen; -s. (v. Bassewitz) die Kurmark Brandenburg während der Zeit von -1806 bis 1808 I, 266. -</p> - -<p class="footnote"> -<a class="footnote" href="#fnote-41" id="footnote-41">[41]</a> <em>Aber</em> hat die Handschrift. -</p> - -<p class="hdr"> -I, 1, 3. -</p> - -<p class="footnote"> -<a class="footnote" href="#fnote-42" id="footnote-42">[42]</a> Dies scheint darauf hinzuweisen, daß Kleist hier etwa die Vorgänge -in Stettin im Auge hatte, dessen Uebergabe an eine schwache Abtheilung -französischer Cavallerie am 29. Oct. 1806 die Reihe schmachvoller -Capitulationen der Hauptfestungen im östlichen Theile der -preußischen Lande eröffnete. Dagegen scheint die Niederbrennung -der Vorstädte auf Küstrin oder Magdeburg zu deuten. S. v. Höpfner -Krieg von 1806 und 1807 II, 326, 332. -</p> - -<p class="hdr"> -I, 1, 4. -</p> - -<p class="footnote"> -<a class="footnote" href="#fnote-43" id="footnote-43">[43]</a> Den Nürnberger Correspondenten von 1809 habe ich nicht auftreiben -können. -</p> - -<p class="footnote"> -<a class="footnote" href="#fnote-44" id="footnote-44">[44]</a> Am 23. April hatte die französische Armee nach heftigem Kampfe -Regensburg genommen. Die Hauptmasse bestand aus Baiern und -Würtembergern, denen Napoleon am 30. in einer Anrede, die der -Kronprinz von Baiern verdollmetschte, diesmal die ausschließliche -Ehre des Kampfs gegen die Oesterreicher zugesprochen hatte; Europas -Palingenesie II, 12, 38. -</p> - -<p class="footnote"> -<a class="footnote" href="#fnote-45" id="footnote-45">[45]</a> Durch den Frieden von Preßburg am 26. December 1805, der auf -Oesterreichs Kosten Baiern, Würtemberg und Baden vergrößerte, -<a id="page-166" class="pagenum" title="166"></a> -den beiden ersten die souveraine Königswürde zusprach, und ein -deutsches Reich nicht mehr, sondern nur noch eine <span class="antiqua">confédération -Germanique</span> kannte. -</p> - -<p class="footnote"> -<a class="footnote" href="#fnote-46" id="footnote-46">[46]</a> Am 26. August 1806. -</p> - -<p class="footnote"> -<a class="footnote" href="#fnote-47" id="footnote-47">[47]</a> Am 1. November 1806 besetzten die Franzosen Kassel. <span class="antiqua">Vous avez -cessé d’exister</span>, sagte Napoleon in seinem 13. Bülletin dem Kurfürsten. -</p> - -<p class="footnote"> -<a class="footnote" href="#fnote-48" id="footnote-48">[48]</a> Hier ist wohl die entgegenkommende Anerkennung gemeint, die Napoleon -als Konsul seit Durocs Sendung im November 1799 in -Berlin fand, und die Vermittlung, welche Preußen in Folge dessen -zwischen ihm und dem Kaiser Paul einzuleiten suchte. — Erst anderthalb -Jahr nach dem Tilsiter Frieden, am 5. Dezember 1808, räumten -die Franzosen Berlin. -</p> - -<p class="footnote"> -<a class="footnote" href="#fnote-49" id="footnote-49">[49]</a> Am 6. August 1806. -</p> - -<p class="footnote"> -<a class="footnote" href="#fnote-50" id="footnote-50">[50]</a> Dazu war man österreichischer Seits doch nicht geneigt, wohl aber -wich man einem französischen Bündniß auf Kosten Preußens aus. -</p> - -<p class="footnote"> -<a class="footnote" href="#fnote-51" id="footnote-51">[51]</a> In Böhmen. -</p> - -<p class="footnote"> -<a class="footnote" href="#fnote-52" id="footnote-52">[52]</a> <em>Vatter</em> hat die Handschrift. -</p> - -<p class="hdr"> -I, 1, 5. -</p> - -<p class="footnote"> -<a class="footnote" href="#fnote-53" id="footnote-53">[53]</a> <em>Gewinsel</em>, die Handschrift. -</p> - -<p class="footnote"> -<a class="footnote" href="#fnote-54" id="footnote-54">[54]</a> Durch Patent vom 9. Juni 1808 wurde die Errichtung einer Landwehr -„zur Vertheidigung des vaterländischen Bodens“ angeordnet. -</p> - -<p class="hdr"> -I, 1, 6. -</p> - -<p class="footnote"> -<a class="footnote" href="#fnote-55" id="footnote-55">[55]</a> <em>auch</em> — <em>welchem</em>, die Handschrift. -</p> - -<p class="footnote"> -<a class="footnote" href="#fnote-56" id="footnote-56">[56]</a> <em>vernommen</em>, die Handschrift. -</p> - -<p class="footnote"> -<a class="footnote" href="#fnote-57" id="footnote-57">[57]</a> Am 7. Mai 1807 schloß Napoleon ein Bündnis mit dem Schach -von Persien, dessen Gesandter zu diesem Zweck nach Elbing kam. -</p> - -<p class="hdr"> -I, 1, 7. -</p> - -<p class="footnote"> -<a class="footnote" href="#fnote-58" id="footnote-58">[58]</a> Die Volkserhebung in Spanien begann im Mai 1808. -</p> - -<p class="footnote"> -<a class="footnote" href="#fnote-59" id="footnote-59">[59]</a> Sachsen war dem Rheinbunde im Posener Vertrage beigetreten. -</p> - -<p class="footnote"> -<a class="footnote" href="#fnote-60" id="footnote-60">[60]</a> Der Rheinbund vom 12. Juli 1806. -</p> - -<p class="footnote"> -<a class="footnote" href="#fnote-61" id="footnote-61">[61]</a> Hier fehlen zwei Blätter, die den Schluß des vierten, das fünfte, -sechste und den Anfang des siebenten Capitels enthielten. -</p> - -<p class="footnote"> -<a class="footnote" href="#fnote-62" id="footnote-62">[62]</a> Fehlen abermals zwei Blätter, das zehnte, elfte und den Anfang des -zwölften Capitels enthaltend. -</p> - -<p class="footnote"> -<a class="footnote" href="#fnote-63" id="footnote-63">[63]</a> Am 9. April 1809 erhoben sich die Tiroler. -</p> - -<p class="footnote"> -<a class="footnote" href="#fnote-64" id="footnote-64">[64]</a> Wenn man nicht annehmen will, zwischen diesem und dem folgenden -Satze sei durch Schuld des Abschreibers eine Frage und eine Antwort -ausgefallen, in denen der erste Grund unmittelbar angegeben -wurde, und daß dann erst die nähere Erläuterung folgte, warum er -nicht viel einbringen könne, so sind die letzten vier Sätze des Capitels -von dunkler Spitzfindigkeit nicht frei zu sprechen. Es würden dann -die freiwilligen Beiträge einmal als geringfügig bezeichnet werden, -weil sie als Geld und Gut, dem Vaterlande und der Freiheit gegenüber, -an sich keinen Werth haben, und doch zugleich als ein einträgliches -Mittel, wenn die Menschen es lieber dem gönnen, von dem -sie zur Freiheit geführt werden, als den Feinden, die ihnen das -Eigenthum mit Gewalt entreißen. -</p> - -<p class="footnote"> -<a class="footnote" href="#fnote-65" id="footnote-65">[65]</a> Dies scheint ein bitterer Seitenblick auf die zurückhaltende Politik -des preußischen Ministeriums, das seit Steins Abgang am 24. Nov. -1808 Dohna, Altenstein und Beyme leiteten. Es ist bekannt, wie -sehr Oesterreich schon damals Preußen zum entschiedenen Handeln -zu bestimmen suchte, aber auch zugleich, daß Preußen schwerlich stark -genug dazu war. -</p> - -<p class="hdr"> -<a id="page-167" class="pagenum" title="167"></a> -I, 2, 1. -</p> - -<p class="footnote"> -<a class="footnote" href="#fnote-66" id="footnote-66">[66]</a> In der Schlacht bei Aspern am 21. und 22. Mai 1809. -</p> - -<p class="footnote"> -<a class="footnote" href="#fnote-67" id="footnote-67">[67]</a> <em>bewußt</em>, die Handschrift. Der Schluß fehlt. -</p> - -<p class="hdr"> -I, 2, 2. -</p> - -<p class="footnote"> -<a class="footnote" href="#fnote-68" id="footnote-68">[68]</a> Woher dies Citat sei, vermag ich nicht zu sagen. -</p> - -<p class="footnote"> -<a class="footnote" href="#fnote-69" id="footnote-69">[69]</a> <em>sind</em> fügt die Handschrift überflüssig hinzu. -</p> - -<p class="hdr"> -I, 2, 3. -</p> - -<p class="footnote"> -<a class="footnote" href="#fnote-70" id="footnote-70">[70]</a> <em>ist</em> fügt die Handschrift hinzu. -</p> - -<p class="footnote"> -<a class="footnote" href="#fnote-71" id="footnote-71">[71]</a> Die letzten drei Worte wiederholt die Handschrift. In Bülows -Abdruck, Kleists Leben und Briefe S. 254, fehlen die Worte: „Alles -was sie Vortreffliches fand in sich aufzunehmen gleich“ —. -</p> - -<p class="footnote"> -<a class="footnote" href="#fnote-72" id="footnote-72">[72]</a> Bülow liest für Dienstleistungen Einflüsterungen! -</p> - -<p class="footnote"> -<a class="footnote" href="#fnote-73" id="footnote-73">[73]</a> Die Worte: „die dem ganzen Menschengeschlecht angehört“ fehlen -bei Bülow. -</p> - -<p class="hdr"> -<a id="page-168" class="pagenum" title="168"></a> -I, 5, <a id="corr-14"></a>3. -</p> - -<p class="footnote"> -<a class="footnote" href="#fnote-74" id="footnote-74">[74]</a> Jungius, Professor am Friedrich-Wilhelms Gymnasium. -</p> - -<p class="hdr"> -I, 5, <a id="corr-15"></a>4. -</p> - -<p class="footnote"> -<a class="footnote" href="#fnote-75" id="footnote-75">[75]</a> Dieser Artikel von einem ungenannten Verfasser brachte eine wissenschaftlich -gehaltene Widerlegung der in dem Schreiben aus Berlin -I, 5, 2 ausgesprochenen Ansichten Kleists, und schloß mit einem -Ausfall gegen die trügerischen Terminologien neuer und unverschämter -Lehrer, die sich auf erdichtete Facta stützen. -</p> - -<p class="printer"> -Berlin, Druck von Gustav Schade.<br /> -Marienstraße Nr. 10. -</p> - - -<div class="trnote"> -<p id="trnote" class="part"><b>Anmerkungen zur Transkription</b></p> - -<p> -Der Originaltext ist in Fraktur gesetzt. <span class="handheld-only">Im Original -g e s p e r r t -hervorgehobener Text wurde in einem <em>anderen Schriftstil</em> markiert.</span> -Textstellen, die im Original in Antiqua gesetzt sind, wurden in einer -<span class="antiqua">anderen Schriftart</span> markiert. -</p> - -<p> -Die variierende Schreibweise des Originales wurde weitgehend -beibehalten, ebenso eigentümliche Schreibweisen, die zum Teil auch noch -in späteren Ausgaben zu finden sind wie zum Beispiel <a href="#subchap-4-1-4">Pescherü</a> -(Pescherä), <a href="#baxer">Baxer</a> (Boxer) oder <a href="#joung">Joung</a> (Young). Lediglich offensichtliche -Druckfehler wurden korrigiert, teilweise unter Verwendung weiterer -Ausgaben, wie hier aufgeführt (vorher/nachher): -</p> - -<ul> - -<li> - (mehrfache Fälle)<br /> -... erst Julian Schmidt’s Ausgabe hat aus dem <span class="underline">Phoebus</span> einen ...<br /> -... erst Julian Schmidt’s Ausgabe hat aus dem <a href="#corr-0"><span class="underline">Phöbus</span></a> einen ...<br /> -</li> - -<li> -... <span class="underline">Ganze</span>, sehr verschiedene Personen sprechen sich über ...<br /> -... <a href="#corr-2"><span class="underline">Ganzes</span></a>, sehr verschiedene Personen sprechen sich über ...<br /> -</li> - -<li> -... fünf Stücke werden Ende April oder <span class="underline">Anfangs</span> Mai entstanden ...<br /> -... fünf Stücke werden Ende April oder <a href="#corr-3"><span class="underline">Anfang</span></a> Mai entstanden ...<br /> -</li> - -<li> -... Wendung erhält dieser Gedanke in der <span class="underline">Hermannschlacht</span>; ...<br /> -... Wendung erhält dieser Gedanke in der <a href="#corr-5"><span class="underline">Hermannsschlacht</span></a>; ...<br /> -</li> - -<li> -... leben wollte. Nur zu Stein, <span class="underline">Scharnharst</span>, Gneisenau konnte ...<br /> -... leben wollte. Nur zu Stein, <a href="#corr-6"><span class="underline">Scharnhorst</span></a>, Gneisenau konnte ...<br /> -</li> - -<li> -... halten <span class="underline">Sie</span> für die Erfindung einer satanischen List, um das ...<br /> -... halten <a href="#corr-7"><span class="underline">sie</span></a> für die Erfindung einer satanischen List, um das ...<br /> -</li> - -<li> -... Es giebt Leute, die sich die Epochen, in <span class="underline">welcher</span> die ...<br /> -... Es giebt Leute, die sich die Epochen, in <a href="#corr-8"><span class="underline">welchen</span></a> die ...<br /> -</li> - -<li> -... <span class="underline">welches</span> ohne Zweifel die höchste ist, die erschwungen werden ...<br /> -... <a href="#corr-9"><span class="underline">welche</span></a> ohne Zweifel die höchste ist, die erschwungen werden ...<br /> -</li> - -<li> -... elektrischer Körper, lehrt, daß wenn man in <span class="underline">der</span> Nähe ...<br /> -... elektrischer Körper, lehrt, daß wenn man in <a href="#corr-11"><span class="underline">die</span></a> Nähe ...<br /> -</li> - -<li> -... <span class="underline">daß</span> sich in eines Menschen Händen, zu einer beliebigen Gestalt ...<br /> -... <a href="#corr-12"><span class="underline">das</span></a> sich in eines Menschen Händen, zu einer beliebigen Gestalt ...<br /> -</li> - -<li> -... I, 5, <span class="underline">2</span>. ...<br /> -... I, 5, <a href="#corr-14"><span class="underline">3</span></a>. ...<br /> -</li> - -<li> -... I, 5, <span class="underline">3</span>. ...<br /> -... I, 5, <a href="#corr-15"><span class="underline">4</span></a>. ...<br /> -</li> -</ul> -</div> - - - - - - - - - -<pre> - - - - - -End of the Project Gutenberg EBook of Politische Schriften und andere -Nachträge zu seinen Werken, by Heinrich von Kleist - -*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK POLITISCHE SCHRIFTEN UND *** - -***** This file should be named 50979-h.htm or 50979-h.zip ***** -This and all associated files of various formats will be found in: - http://www.gutenberg.org/5/0/9/7/50979/ - -Produced by Karl Eichwalder, Constanze Hofmann, Jens -Sadowski, and the Online Distributed Proofreading Team at -http://www.pgdp.net. 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