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Langkau, Reiner Ruf, and the Online -Distributed Proofreading Team at http://www.pgdp.net - - - - - - - ################################################################## - - Anmerkungen zur Transkription - -Der vorliegende Text wurde anhand der 1914 erschienenen Buchausgabe -erstellt. Satzzeichen wurden stillschweigend korrigiert bzw. ergänzt. -Da dieses Buch Beiträge verschiedener Autoren beinhaltet, bestehen -individuelle Abweichungen von den üblichen Schreibweisen, beispielsweise -bei grammatischen Fällen oder der Verwendung von Bindestrichen bei -zusammengesetzten Substantiven. Diese persönlichen Ausprägungen wurden -stets beibehalten. - -Das Inhaltsverzeichnis wurde der Übersichtlichkeit halber an den Anfang -des Textes verschoben. Gesperrt gedruckte Passagen im Original sind in -dieser Version von ~Tilden~ umgeben. - -Die folgenden Fehler wurden korrigiert: - - S. 66: ‚wo wie er mit dem Ringe‘ → ‚so wie er mit dem Ringe‘ - S. 67: ‚Lust machen‘ → ‚Luft machen‘ - S. 81: doppeltes ‚und‘; eines entfernt - S. 128: ‚Familen‘ → ‚Familien‘ - S. 182: ‚zwischerten‘ → ‚zwitscherten‘; ‚Tumwächter‘ → - ‚Turmwächter‘ - S. 183,: doppeltes ‚hielt‘; eines entfernt - S. 190,: ‚mondbeleuteten‘ → ‚mondbeleuchteten‘ - S. 201,: ‚unverheirateteten‘ → ‚unverheirateten‘ - - ################################################################## - - - - -[Illustration ] - - - - - CHAD GADJA - - Das Peßachbuch - - Herausgegeben von - - HUGO HERRMANN - - [Illustration] - - Berlin 1914 - Jüdischer Verlag - - - - -[Illustration] - - - - -INHALTSVERZEICHNIS. - - - Seite - - Die Anordnung des Peßachfestes (aus der Bibel) 7 - - Aus der Peßach-Hagadah 13 - - Theodor ~Zlocisti~, Die Peßach-Hagadah 39 - - ~S. Ben-Zion~, Mit dem Frühling 57 - - Pharaos Traum 72 - - Von Moses 74 - - ~I. L. Lewinski~, Mit reichem Gute 79 - - Vom Auszuge 89 - - Die Ordnung beim Schlachten 90 - - Peßach in Jerusalem zur Römerzeit 92 - - ~Mendele Mocher Sforim~, Der Tausch 97 - - Das Peßach der Samaritaner 109 - - ~S. J. Agnon~, Der Seder 111 - - Von der Wallfahrt 124 - - ~Z. Kasdai~, Peßach im Kaukasus 126 - - ~J. L. Perez~, Der Zauberkünstler 133 - - ~Ch. N. Bialik~, Melameds Hoffnung 141 - - Peßach im Jemen 145 - - Martin ~Buber~, Der Seder des Unwissenden 152 - - Leopold ~Kompert~, Das Mazzothbacken 159 - - Heinrich ~Heine~, Der Rabbi von Bacherach 169 - - Pauline ~Wengeroff~, Peßach in Rußland vor siebzig Jahren 192 - - Julius ~Heilbrunn~, Die Chagigah in Rechoboth 209 - - - - -DIE ANORDNUNG DES PESSACHFESTES. - -Zweites Buch Moses, Kapitel 12. - - -Der Ewige sprach zu Moses und Aaron im Lande Mizrajim: „Dieser Monat -sei euch der erste der Monate; an der Spitze der Monate des Jahres -stehe er euch. Sprecht zu der ganzen Gemeinde Israel also: Am zehnten -dieses Monates nehme jeder ein Lamm, für jedes Haus je ein Lamm. Sind -aber in einem Hause zu wenige für ein Lamm, so nehme er es zusammen mit -dem nächsten Nachbarn an seinem Hause, bis ihrer so viele sind, als -ein Lamm verzehren können. Ein fehlerfreies, männliches, jähriges Lamm -sei es; von den Schafen oder den Ziegen nehmet es. Bewahrt es bis auf -den vierzehnten Tag dieses Monats; und schlachtet es, jedes Häuflein -in der ganzen Gemeinde Israel, gegen Abend. Dann nehmet von dem Blute -und bestreichet damit beide Türpfosten und die Oberschwelle der Häuser, -worin ihr es esset. Esset das Fleisch in derselben Nacht, am Feuer -gebraten; ungesäuerte Brote mit bitteren Kräutern esset dazu. Esset -es weder roh noch in Wasser gesotten, sondern am Feuer gebraten, das -Haupt mit den Schenkeln und Eingeweiden. Laßt nichts davon übrig bis -zum Morgen; was davon bis zum Morgen übrig bleibt, das verbrennt. So -aber sollt ihr es essen: die Gürtel um die Lenden, die Schuhe an den -Füßen, Stäbe in den Händen; so verzehrt es in Eile: es ist ein Peßach -für den Ewigen. Ich will das Land Mizrajim in dieser Nacht durchziehen -und alle Erstgeburt im Lande Mizrajim schlagen, von Menschen wie von -Vieh; alle Götter Mizrajims will ich strafen, ich, der Ewige! Das Blut -sei euch als Zeichen an den Häusern, worin ihr seid; ich werde das -Blut sehen und an euch vorübergehen, daß euch nicht Leid und Verderben -treffe, wenn ich das Land Mizrajim schlage. Dieser Tag sei euch ein -Gedenktag, feiert an ihm dem Ewigen ein Fest für all eure Nachkommen; -als ewigen Brauch feiert es. Sieben Tage esset ungesäuertes Brot; am -ersten Tage sollt ihr den Sauerteig aus euren Häusern entfernen, denn -wer Gesäuertes ißt vom ersten Tage bis zum siebenten, soll weggetilgt -werden aus Israel. Am ersten Tage haltet eine Festversammlung, am -siebenten Tage haltet eine Festversammlung; an ihnen soll alle Arbeit -ruhen; nur was jeder zur Nahrung braucht, dürft ihr zubereiten. -Haltet das Gesetz des ungesäuerten Brotes; denn an diesem selben Tage -habe ich eure Scharen aus dem Lande Mizrajim geführt. Haltet diesen -Tag für all eure Nachkommen als ewigen Brauch. Im ersten Monat, -am vierzehnten Tage, des Abends, esset ungesäuertes Brot, bis an -den einundzwanzigsten Tag des Monats, des Abends. Sieben Tage soll -kein Sauerteig in euren Häusern zu finden sein, denn wer Gesäuertes -ißt, soll weggetilgt werden aus der Gemeinde Israel, er sei nun ein -Fremdling oder heimisch im Lande. Esset kein gesäuertes Brot; wo immer -ihr wohnet, eßt ungesäuertes Brot.“ - - * * * * * - -Und Moses rief alle Alten in Israel und sprach zu ihnen: „Auf! Nehmet -ein Schaf für eure Familien und schlachtet das Peßach! Nehmt ein -Büschel Ysop, taucht es ins Blut in dem Becken und bestreichet die -Oberschwelle und die beiden Türpfosten mit dem Blute im Becken; und -keiner gehe aus seines Hauses Tür bis zum Morgen! Der Ewige wird -einherziehen, die von Mizrajim zu treffen; wenn er das Blut sehen wird -an der Oberschwelle und den beiden Türpfosten, wird er an der Tür -vorübergehen und den Verderber nicht in eure Häuser kommen lassen, -jemand zu treffen. Haltet dies als Brauch, für dich und deine Kinder -ewiglich. Und wenn ihr in das Land kommt, das der Ewige euch geben -wird, wie er zugesagt hat, so haltet diesen Dienst. Und wenn eure -Kinder euch fragen: ‚Was habt ihr da für einen Dienst?‘ -- so sprechet: -‚Es ist das Peßachopfer des Ewigen, der in Mizrajim an den Häusern der -Kinder Israel vorüberging, als er Mizrajim traf, unsere Häuser aber -verschonte.‘“ Da neigte sich das Volk und bückte sich. Und die Kinder -Israel gingen hin und taten, wie der Ewige Moses und Aaron geboten -hatte; also taten sie. - - * * * * * - -Um Mitternacht aber schlug der Ewige alle Erstgeborenen in Mizrajim, -vom Erstgeborenen des Pharao an, der auf seinem Throne saß, bis -zum Erstgeborenen des Gefangenen, der im Kerker saß, und auch alle -Erstgeburt des Viehs. Da stand der Pharao auf in dieser Nacht samt -seinen Höflingen und allen von Mizrajim, und es ward ein lautes -Geschrei in Mizrajim, denn es war kein Haus, worin nicht ein Toter lag. -Da rief er Moses und Aaron des Nachts und sprach: „Auf, zieht hinweg -von meinem Volke, ihr mitsamt den Kindern Israel, geht und dienet -dem Herrn, wie ihr gesagt habt. Auch eure Schafe und Rinder nehmet -mit, wie ihr gesagt habt; geht und bittet auch für mich.“ Und die von -Mizrajim drängten das Volk, eilends aus dem Lande zu ziehen, denn sie -sprachen: „Wir alle sind des Todes!“ Da trug das Volk den Brotteig, ehe -er gesäuert war, in ihre Kleider eingebunden, auf den Schultern. Und -die Kinder Israel taten, wie Moses gesagt hatte, und verlangten von -denen von Mizrajim silberne und goldene Geräte und Kleider. Und der -Ewige gab dem Volke Ansehen bei denen von Mizrajim, so daß sie ihnen -willfahrten; so plünderten sie die von Mizrajim. - - * * * * * - -So zogen die Kinder Israel von Raamses nach Sukoth, sechshunderttausend -Mann zu Fuß ohne die Kinder. Und auch viel Gesindel zog mit ihnen, -Schafe und Rinder, ein großer Haufe Vieh. Und sie buken den Teig, den -sie aus Mizrajim gebracht hatten, zu ungesäuerten Kuchen; es war ja -nicht gesäuert, denn sie wurden aus Mizrajim getrieben und durften -nicht verweilen noch sich Reisezehrung bereiten. Die Zeit aber, die -die Kinder Israel in Mizrajim wohnten, war vierhundertdreißig Jahre; -nach Ablauf der vierhundertdreißig Jahre, an einem Tage, zog das ganze -Heer des Ewigen aus dem Lande Mizrajim. Diese Nacht wird dem Ewigen -gehalten, da er sie aus dem Lande Mizrajim führte; diese Nacht soll -dem Ewigen gehalten werden von allen Kindern Israel und für all ihre -Nachkommen. - - * * * * * - -Also an einem Tage führte der Ewige die Kinder Israel aus dem Lande -Mizrajim, nach ihren Scharen. - -[Illustration] - -[Illustration] - -SEHT DAS BROT der Armut, das unsere Väter im Lande Mizrajim aßen! - -Wer hungrig ist, komme und esse. Wer bedürftig ist, komme und feire mit -uns Peßach. - -Dieses Jahr hier, nächstes Jahr in Erez-Israel; dieses Jahr Knechte, -nächstes Jahr freie Männer. - - * * * * * - -WODURCH IST AUSGEZEICHNET diese Nacht vor allen Nächten? - - Denn in allen Nächten essen wir Gesäuertes und Ungesäuertes, - in dieser Nacht aber nur Ungesäuertes; - In allen Nächten essen wir von allen Pflanzenarten, - in dieser Nacht aber nur bitteres Kraut; - In allen Nächten sind wir nicht verpflichtet auch nur einmal - einzutauchen, - in dieser Nacht aber zweimal; - In allen Nächten essen wir aufrecht sitzend oder angelehnt, - in dieser Nacht aber nur angelehnt. - -[Illustration] - -[Illustration] - - * * * * * - -KNECHTE WAREN WIR unter Pharao in Mizrajim; doch der Ewige, unser -Gott, führte uns mit starker Hand und mit ausgestrecktem Arme von dort -heraus. Wenn der Heilige -- gepriesen sei er! -- unsere Väter nicht -aus Mizrajim geführt hätte -- wahrlich, wir und unsere Kinder und -unserer Kinder Kinder wären Knechte geblieben in Mizrajim. Und wären -wir auch alle Weise, wären wir klug, wären wir alt und erfahren, wären -wir Kenner der Thorah: doch wären wir verpflichtet, von dem Auszug aus -Mizrajim zu erzählen; und wer am meisten vom Auszug aus Mizrajim zu -erzählen weiß, der sei gepriesen. - - * * * * * - -[Illustration] - -ES WIRD BERICHTET von Rabbi Elieser, Rabbi Jehoschua, Rabbi Elasar, dem -Sohne Asarjahs, Rabbi Akiba und Rabbi Tarfon, daß sie in B’ne-B’rak -speisten. Und sie erzählten die ganze Nacht hindurch vom Auszuge aus -Mizrajim, bis ihre Schüler kamen und ihnen zuriefen: „Ihr Herren -Lehrer! Die Zeit des Morgengebetes ist da!“ - - * * * * * - -VON VIERERLEI SÖHNEN spricht die Thorah: einer ist klug, einer böse, -einer einfältig und einer weiß nicht zu fragen. - -[Illustration] - -WAS SAGT DER KLUGE? „Welche Zeugnisse, welche Vorschriften und -welche Befugnisse hat der Ewige, unser Gott, euch gewährt?“ Und du -vermelde ihm die Gebräuche des Peßach und daß man nach dem Genusse des -Peßachopfers keinen Nachtisch herumreichen darf. - - * * * * * - -[Illustration] - -WAS SAGT DER BÖSE? „Was habt ihr da für einen Dienst?“ „Ihr“ und -nicht „wir“. Damit aber, daß er sich aus der Gemeinschaft ausschloß, -leugnete er die Hauptsache. Darum stumpfe ihm die Zähne ab und sprich -zu ihm: „Eben dies tat der Ewige mir, als ich aus Mizrajim zog.“ „Mir“ -und nicht „dir“; denn wenn er dort gewesen wäre, er wäre nicht erlöst -worden. - -[Illustration] - -WAS SAGT DER EINFÄLTIGE? „Was ist das?“ Ihm sage nur: „Mit starker Hand -führte uns Gott aus Mizrajim, aus dem Hause der Knechte.“ - - * * * * * - -DER ABER NICHT ZU FRAGEN WEISS, den mache aufmerksam; denn es heißt: -„Erzähle deinem Sohne an diesem Tage: ‚Dies tat mir der Ewige, als ich -aus Mizrajim zog.‘“ - - * * * * * - -[Illustration] - -VON ANFANG AN waren unsere Väter Götzendiener; seither aber weihte Gott -uns seinem Dienste; denn es heißt: „Es redete Jehoschua zu allem Volke: -So sprach der Ewige, der Gott Israels: jenseits des Stromes saßen eure -Väter von der Urzeit an: Terach, der Vater Abrahams und Vater Nachors, -und sie dienten anderen Göttern. Da nahm ich euren Vater Abraham -von jenseits des Stromes und führte ihn durch das ganze Land K’naan; -ich vermehrte sein Geschlecht und gab ihm den Jizchak. Ich gab dem -Jizchak Jakob und Esau, und dem Esau gab ich das Gebirge Seïr, es zu -beherrschen; Jakob aber und seine Söhne zogen hinab nach Mizrajim.“ - -[Illustration] - - * * * * * - -[Illustration] - -GEPRIESEN SEI, der Israel seine Verheißungen treulich hält, gepriesen -sei er; denn der Heilige, gepriesen sei er, hat den Ausgang berechnet, -um auszuführen, was er Abraham unserem Vater im Bunde versprochen. -Denn es heißt: „Er redete zu Abraham: Wisse wohl, daß dein Geschlecht -als fremdes in einem Lande leben wird, das nicht ihm gehört, und daß -sie elende Knechte sein werden durch vierhundert Jahre. Aber auch -das Volk, dem sie dienen, werde ich richten -- und dann werden sie -ausziehen mit reichem Gute.“ - - * * * * * - -DARUM SO STAND ER bei unsern Vätern und uns; denn nicht nur ein -einziger erhob sich gegen uns, um uns zugrunde zu richten, sondern in -jedem neuen Geschlechte erheben sie sich gegen uns, uns zu verderben, -und der Heilige -- gepriesen sei er! -- reißt uns aus ihren Händen. - - * * * * * - -[Illustration] - -GEH HIN und lerne, was Laban, der Aramite, unserem Vater Jakob zu tun -gedachte. Der Pharao wütete nur gegen das männliche Geschlecht, Laban -aber gedachte die Gesamtheit zu vernichten. Denn es heißt: „Der Aramite -stellte dem Vater nach, da zog er hinab nach Mizrajim und machte sich -dort mit einer kleinen Familie ansässig, dort aber wurde er zu einem -großen, mächtigen und zahlreichen Volke.“ - -Die von Mizrajim aber verleumdeten uns, bedrückten uns und legten uns -schwere Arbeit auf. - -Die von Mizrajim verleumdeten uns, wie es heißt: „Wohlan, sprach der -Pharao, wir wollen uns klugerweise vor ihnen wahren, sonst könnten sie -allzu zahlreich werden. Und wenn sich ein Krieg erhöbe, würden sie sich -auch noch zu unsern Feinden schlagen, uns bekämpfen und aus dem Lande -ziehen.“ - -Sie bedrückten uns, wie es heißt: „Da setzten sie Frohnvögte über das -Volk, um es mit ihren Frohndiensten zu drücken; und es baute dem Pharao -Vorratsstädte, Pithom und Raamses.“ - -[Illustration] - -Sie legten uns schwere Arbeit auf, wie es heißt: „Sie trieben die -Kinder Israel zur Arbeit mit Härte.“ - -Und wir schrien zu dem Ewigen, dem Gott unserer Väter, und der Ewige -hörte unsere Stimme, er sah unser Elend, unsere Mühsal und unsere -Bedrängnis. - -Wir schrien zu dem Ewigen, dem Gott unserer Väter, wie es heißt: „Lange -Zeit danach starb der König von Mizrajim. Die Kinder Israel seufzten -unter der Arbeit und schrien; und ihr Ruf nach Befreiung von der -Arbeit drang zu Gott empor.“ - -Der Ewige hörte unsere Stimme, wie es heißt: „Und Gott hörte ihr -Wehklagen und Gott gedachte seines Bundes mit Abraham, mit Jizchak und -mit Jakob.“ - -Er sah unser Elend, unsere Mühsal und unsere Bedrängnis, wie es heißt: -„Und ich sah die Qual, womit die von Mizrajim sie quälen.“ - - * * * * * - -Und der Ewige führte uns aus Mizrajim, mit starker Hand und -ausgerecktem Arm, mit furchtbarer Macht und mit Zeichen und Wundern. - -Der Ewige führte uns aus Mizrajim, nicht durch einen Engel, nicht durch -einen Seraph, nicht durch einen Abgesandten, sondern der Heilige, -gepriesen sei er, in seiner eigenen Herrlichkeit, wie es heißt: „Ich -will das Land Mizrajim in dieser Nacht durchziehen und alle Erstgeburt -im Lande Mizrajim schlagen, von Menschen wie von Vieh; alle Götter -Mizrajims will ich strafen, ich, der Ewige.“ - - * * * * * - -Mit starker Hand und ausgerecktem Arm, mit furchtbarer Macht und mit -Zeichen und Wundern. Dies sind die zehn Plagen, die der Heilige, -gepriesen sei er, über die von Mizrajim gebracht hat: Verwandlung des -Wassers in Blut, Frösche, Stechmücken, wilde Tiere, Viehpest, Beulen, -Hagelschlag, Heuschrecken, Finsternis und Tötung der Erstgeburt. - - * * * * * - -WELCHE FÜLLE VON WOHLTATEN erwies uns Gott! - -Hätte er uns nur aus Mizrajim geführt, ohne die Ägypter zu richten -- -es hätte uns genügt. - -Hätte er die Ägypter gerichtet, nicht aber auch ihre Götzen -- es hätte -uns genügt. - -Hätte er ihre Götzen gerichtet, nicht aber ihre Erstgeborenen -erschlagen -- es hätte uns genügt. - -Hätte er ihre Erstgeborenen erschlagen, nicht aber uns ihren Reichtum -gegeben -- es hätte uns genügt. - -Hätte er uns ihren Reichtum gegeben, nicht aber uns das Meer geteilt -- -es hätte uns genügt. - -Hätte er uns das Meer geteilt, nicht aber uns trockenen Fußes -hindurchgeführt -- es hätte uns genügt. - -Hätte er uns trockenen Fußes hindurchgeführt, nicht aber unsere Feinde -darin ersäuft -- es hätte uns genügt. - -Hätte er unsere Feinde darin ersäuft, nicht aber durch vierzig Jahre -für unsern Unterhalt in der Wüste gesorgt -- es hätte uns genügt. - -Hätte er durch vierzig Jahre für unsern Unterhalt in der Wüste gesorgt, -nicht aber uns mit Manna gespeist -- es hätte uns genügt. - -Hätte er uns mit Manna gespeist, nicht aber uns den Sabbath gegeben -- -es hätte uns genügt. - -Hätte er uns den Sabbath gegeben, nicht aber uns an den Berg Sinai -geführt -- es hätte uns genügt. - -Hätte er uns an den Berg Sinai geführt, nicht aber uns die Thorah -gegeben -- es hätte uns genügt. - -Hätte er uns die Thorah gegeben, nicht aber uns nach Erez-Israel -gelangen lassen -- es hätte uns genügt. - -Hätte er uns nach Erez-Israel gelangen lassen, nicht aber uns das -Heiligtum erbaut -- es hätte uns genügt. - - * * * * * - -NICHT EINE WOHLTAT, sondern unzählig viele verpflichten uns Gott. -Denn er führte uns aus Mizrajim, er richtete die Ägypter, ebenso ihre -Götzen, er erschlug ihre Erstgeborenen, er gab uns ihren Reichtum, -er teilte uns das Meer, er führte uns trockenen Fußes hindurch, er -ersäufte unsere Feinde darin, er sorgte durch vierzig Jahre für unsern -Unterhalt in der Wüste, er speiste uns mit Manna, er gab uns den -Sabbath, er führte uns an den Berg Sinai, er gab uns die Thorah, er -ließ uns nach Erez-Israel gelangen, er erbaute uns das Heiligtum, um -all unsere Sünden zu versöhnen. - -[Illustration] - -RABBI GAMLIEL sagte: „Wer folgende drei Dinge am Peßach nicht nennt, -hat seine Pflicht nicht erfüllt. Diese sind: Das Peßachopfer, die -Mazzah, das bittere Kraut.“ - - * * * * * - -DAS PESSACHOPFER, das unsere Väter zu der Zeit aßen, als das Heiligtum -noch stand, was bedeutet es? Es bedeutet, daß der Heilige -- gepriesen -sei er! -- die Häuser unserer Väter in Mizrajim überging. Denn es -heißt: „Sprechet: ‚Es ist das Peßachopfer des Ewigen, der in Mizrajim -an den Häusern der Kinder Israel vorüberging, als er Mizrajim traf, -unsere Häuser aber verschonte.‘ Da neigte sich das Volk und bückte -sich.“ - - * * * * * - -DIESES UNGESÄUERTE BROT, das wir essen, was bedeutet es? Es bedeutet, -daß der Brotteig unserer Väter nicht Zeit hatte zu gären, bis ihnen -der König, der aller Könige König ist, der Heilige -- gepriesen sei -er! -- erschien und sie erlöste. Denn es heißt: „Sie buken den Teig, -den sie aus Mizrajim gebracht hatten, zu ungesäuerten Kuchen; es war -ja nicht gesäuert; denn sie wurden aus Mizrajim getrieben und durften -nicht verweilen noch sich Reisezehrung bereiten.“ - -[Illustration] - - * * * * * - -[Illustration] - -DIESES BITTERE KRAUT, das wir Essen, was bedeutet es? Es bedeutet, daß -die Ägypter das Leben unserer Väter in Mizrajim verbitterten. Denn es -heißt: „Sie verbitterten ihnen das Leben durch schwere Arbeit mit Lehm -und Ziegeln und durch allerlei Feldarbeit und sonstige Dienste, wozu -sie sie mit Strenge zwangen.“ - - * * * * * - -ZU JEGLICHER ZEIT ist ein jeder verpflichtet, sich so anzusehen, als -ob er selbst aus Mizrajim gezogen wäre. Denn es heißt: „Erzähle deinem -Sohne an diesem Tage: Dies tat der Ewige mir, als ich aus Mizrajim -zog.“ Nicht allein unsere Väter erlöste der Heilige -- gepriesen sei -er! --, sondern auch uns erlöste er mit ihnen; denn es heißt: „Uns -führte er von dort heraus, um uns das Land zu geben, das er unsern -Vätern verheißen.“ - - * * * * * - -[Illustration] - -DARUM sind wir verpflichtet, zu danken, zu loben, zu preisen, zu -rühmen, zu verherrlichen, zu feiern, zu segnen, zu erheben, zu -verehren, anzubeten ihn, der an unsern Vätern und an uns all diese -Wunder getan hat. Er führte uns aus der Knechtschaft zur Freiheit, -aus dem Kummer zur Freude, aus der Trauer zum Feste, aus dem Düster -in helles Licht, aus Gebundenheit zur Erlösung. Laßt uns denn vor ihm -singen: Hallelujah! - - * * * * * - -[Illustration] - -DA ISRAEL AUS MIZRAJIM ZOG, das Haus Jakob aus dem fremden Volke, da -ward Juda sein Heiligtum, Israel sein Reich. Das Meer sah und floh, der -Jordan wandte sich rückwärts, die Berge hüpften wie Widder, die Hügel -wie junge Lämmer. Was ist dir, o Meer, daß du fliehst, du Jordan, daß -du dich rückwärts wendest? Ihr Berge, daß ihr hüpft wie Widder, ihr -Hügel, wie junge Lämmer? Vor dem Herrn erbebe, du Erde, vor dem Gotte -Jakobs, der den Fels wandelt in Wassersee, den Kieselstein in einen -Wasserquell! - - * * * * * - -SO TAT HILLEL zur Zeit, da das Heiligtum stand: „Er umwickelte Mazzah -mit bitterem Kraute und aß es auf einmal, um zu erfüllen, wie es heißt: -‚Mit Mazzoth und bitteren Kräutern soll man es essen.‘“ - -[Illustration] - - * * * * * - -ERGIESSE DEINEN ZORN über die Völker, die dich nicht kennen, und über -die Reiche, die deinen Namen nicht anbeten; denn sie verdarben Jakob -und zerstörten seine Flur. - -Ergieße deinen Grimm über sie und die Flamme deiner Wut treffe sie. - -Verfolge sie mit Wut und tilge sie unter dem Himmel des Ewigen hinweg. - -[Illustration] - - * * * * * - -NICHT UNS, o Ewiger, nicht uns, sondern deinem Namen gib die Ehre, um -deiner Milde, um deiner Treue willen! Warum sollen die Heiden sprechen: -„Wo ist nun ihr Gott?“ Ist doch unser Gott im Himmel; was immer er -will, vollendet er. Ihre Götzen aber sind Silber und Gold, Werk von -Menschenhand. Sie haben einen Mund und reden nicht, sie haben Augen und -sehen nicht; sie haben Ohren und hören nicht, sie haben eine Nase und -riechen nicht. Hände und tasten nicht, Füße und gehen nicht, und kein -Laut dringt aus ihrer Kehle. Ihnen gleich sind, die sie schufen, alle, -die auf sie bauen. Israel baut auf den Ewigen, er ist sein Schirm und -Schild. Das Haus Aarons baue auf den Ewigen! Er ist sein Schirm und -Schild. Die Anbeter des Ewigen bauen auf den Ewigen; er ist ihr Schirm -und Schild. - - * * * * * - -LOBET DEN EWIGEN, alle Völker! Preiset ihn, alle Stämme! Denn gewaltig -ist über uns seine Gnade und die Wahrheit des Ewigen in Ewigkeit. -Hallelujah! - - * * * * * - -DANKET DEM EWIGEN, denn er ist gütig, ewig währt seine Gnade. - -Es spreche Israel: Ewig währt seine Gnade. - -Es spreche das Haus Aarons: Ewig währt seine Gnade. - -Es sprechen die Anbeter des Ewigen: Ewig währt seine Gnade. - - -SO WAR ES UM MITTERNACHT. - - Schon viele Wunder tatest du des Nachts. - Abimelech, dem Könige von Gerar, drohtest du Tod im Traum des - Nachts, - Laban, den Aramiten, versetztest du in Schrecken des Nachts, - Israel rang mit dem Engel und siegte über ihn des Nachts; - Es war um Mitternacht. - - Die Erstgeborenen derer von Mizrajim trafest du des Nachts, - Daß sie sie nicht fanden, als sie aufstanden des Nachts, - Den stolzen Mut Sisseras, des Fürsten, zertratest du beim - Sternenschein des Nachts; - Es war um Mitternacht. - - Belsazar, der aus den geweihten Gefäßen sich bezechte, ward - erschlagen des Nachts, - Daniel ward aus der Löwengrube gerettet, der die Zeichen deutete - der Nacht, - Haß trug Haman im Herzen und schrieb Blutbefehle des Nachts; - Es war um Mitternacht. - - Laß bald kommen den Tag, der nicht Tag ist noch Nacht, - Setze Wächter über deine Stadt Jerusalem, bei Tage wie bei Nacht, - Erhelle wie Licht des Tages das trübe Dunkel der Nacht; - Es war um Mitternacht. - - * * * * * - -SEIN IST DER RUHM, sein ist die Ehre. - - * * * * * - -NÄCHSTES JAHR IN JERUSALEM! - - * * * * * - - ALLMÄCHTIGER GOTT, bau Deinen Tempel - schiere, also schier: in unsern Tagen, schiere, ja - schiere. Barmherziger Gott, gerechter Gott, - Demütiger Gott, hoher Gott, würdiger Gott, - Sanfter Gott, huldvoller Gott, trauter Gott, - Juden-Gott, kräftiger Gott, lebendiger Gott, - Mächtiger Gott, namhaftiger Gott, ewiger Gott, - Furchtbarer Gott, zarter Gott, königlicher Gott, - Reicher Gott, starker Gott, Du bist Gott - und niemand mehr. O bau Deinen Tempel schiere, - also schier: in unsern Tagen, schiere, ja schiere! - - * * * * * - - -EINS -- WER WEISS ES? Eins -- ich weiß es: Eins ist unser Gott, der im -Himmel und auf Erden ist. - -Zwei -- wer weiß es? Zwei -- ich weiß es: Zwei sind der Tafeln des -Bundes, eins ist unser Gott, der im Himmel und auf Erden ist. - -Drei -- wer weiß es? Drei -- ich weiß es: Drei sind der Väter, zwei -sind der Tafeln des Bundes, eins ist unser Gott, der im Himmel und auf -Erden ist. - -Vier -- wer weiß es? Vier -- ich weiß es: Vier sind der Mütter, drei -sind der Väter, zwei sind der Tafeln des Bundes, eins ist unser Gott, -der im Himmel und auf Erden ist. - -Fünf -- wer weiß es? Fünf -- ich weiß es: Fünf sind Bücher der Thorah, -vier sind der Mütter, drei sind der Väter, zwei sind der Tafeln des -Bundes, eins ist unser Gott, der im Himmel und auf Erden ist. - -Sechs -- wer weiß es? Sechs -- ich weiß es: Sechs sind Bände der -Mischnah, fünf sind Bücher der Thorah, vier sind der Mütter, drei sind -der Väter, zwei sind der Tafeln des Bundes, eins ist unser Gott, der im -Himmel und auf Erden ist. - -Sieben -- wer weiß es? Sieben -- ich weiß es: Sieben sind Tage der -Woche, sechs sind Bände der Mischnah, fünf sind Bücher der Thorah, vier -sind der Mütter, drei sind der Väter, zwei sind der Tafeln des Bundes, -eins ist unser Gott, der im Himmel und auf Erden ist. - -Acht -- wer weiß es? Acht -- ich weiß es: Acht sind Tage des Bundes, -sieben sind Tage der Woche, sechs sind Bände der Mischnah, fünf sind -Bücher der Thorah, vier sind der Mütter, drei sind der Väter, zwei sind -der Tafeln des Bundes, eins ist unser Gott, der im Himmel und auf Erden -ist. - -Neun -- wer weiß es? Neun -- ich weiß es: Neun sind Monden der Reife, -acht sind Tage des Bundes, sieben sind Tage der Woche, sechs sind Bände -der Mischnah, fünf sind Bücher der Thorah, vier sind der Mütter, drei -sind der Väter, zwei sind der Tafeln des Bundes, eins ist unser Gott, -der im Himmel und auf Erden ist. - -Zehn -- wer weiß es? Zehn -- ich weiß es: Zehn sind der Gebote, neun -sind Monden der Reife, acht sind Tage des Bundes, sieben sind Tage der -Woche, sechs sind Bände der Mischnah, fünf sind Bücher der Thorah, vier -sind der Mütter, drei sind der Väter, zwei sind der Tafeln des Bundes, -eins ist unser Gott, der im Himmel und auf Erden ist. - -Elf -- wer weiß es? Elf -- ich weiß es: Elf sind der Gestirne, zehn -sind der Gebote, neun sind Monden der Reife, acht sind Tage des Bundes, -sieben sind Tage der Woche, sechs sind Bände der Mischnah, fünf sind -Bücher der Thorah, vier sind der Mütter, drei sind der Väter, zwei sind -der Tafeln des Bundes, eins ist unser Gott, der im Himmel und auf Erden -ist. - -Zwölf -- wer weiß es? Zwölf -- ich weiß es: Zwölf sind der Stämme, elf -sind der Gestirne, zehn sind der Gebote, neun sind Monden der Reife, -acht sind Tage des Bundes, sieben sind Tage der Woche, sechs sind Bände -der Mischnah, fünf sind Bücher der Thorah, vier sind der Mütter, drei -sind der Väter, zwei sind der Tafeln des Bundes, eins ist unser Gott, -der im Himmel und auf Erden ist. - - * * * * * - -EIN BÖCKLEIN, ein Böcklein, das gekauft Väterlein, er gab dafür zwei -Suslein; ein Böcklein! ein Böcklein! - -Es kam ein Kätzlein und aß das Böcklein, das gekauft Väterlein, er gab -dafür zwei Suslein; ein Böcklein, ein Böcklein! - -Es kam ein Hündlein und biß das Kätzlein, das gefressen das Böcklein, -das gekauft Väterlein, er gab dafür zwei Suslein; ein Böcklein! ein -Böcklein! - -Es kam ein Stöcklein und schlug das Hündlein, das gebissen das -Kätzlein, das gefressen das Böcklein, das gekauft Väterlein, er gab -dafür zwei Suslein! ein Böcklein, ein Böcklein! - -Es kam ein Feuerlein und verbrannte das Stöcklein, das geschlagen -das Hündlein, das gebissen das Kätzlein, das gefressen das Böcklein, -das gekauft Väterlein, er gab dafür zwei Suslein; ein Böcklein, ein -Böcklein! - -Es kam ein Wässerlein und löschte das Feuerlein, das verbrannt das -Stöcklein, das geschlagen das Hündlein, das gebissen das Kätzlein, -das gefressen das Böcklein, das gekauft Väterlein, er gab dafür zwei -Suslein; ein Böcklein, ein Böcklein! - -Es kam ein Öchslein und soff das Wässerlein, das gelöscht das -Feuerlein, das verbrannt das Stöcklein, das geschlagen das Hündlein, -das gebissen das Kätzlein, das gefressen das Böcklein, das gekauft -Väterlein, er gab dafür zwei Suslein; ein Böcklein, ein Böcklein! - -Es kam ein Schlächterlein und schlachtete das Öchslein, das gesoffen -das Wässerlein, das gelöscht das Feuerlein, das verbrannt das -Stöcklein, das geschlagen das Hündlein, das gebissen das Kätzlein, -das gefressen das Böcklein, das gekauft Väterlein, er gab dafür zwei -Suslein; ein Böcklein, ein Böcklein! - -Es kam ein Todesenglein und schlachtete das Schlächterlein, das -geschlachtet das Öchslein, das gesoffen das Wässerlein, das gelöscht -das Feuerlein, das verbrannt das Stöcklein, das geschlagen das -Hündlein, das gebissen das Kätzlein, das gefressen das Böcklein, -das gekauft Väterlein, er gab dafür zwei Suslein; ein Böcklein, ein -Böcklein! - -Es kam der liebe Gott und schlachtete das Todesenglein, das -geschlachtet das Schlächterlein, das geschlachtet das Öchslein, das -gesoffen das Wässerlein, das gelöscht das Feuerlein, das verbrannt das -Stöcklein, das geschlagen das Hündlein, das gebissen das Kätzlein, -das gefressen das Böcklein, das gekauft Väterlein, er gab dafür zwei -Suslein; ein Böcklein, ein Böcklein! - -[Illustration] - - - - -DIE PESSACH-HAGADAH. - -Von ~Theodor Zlocisti~. - - -Israel das ~auserwählte Volk~! Hat der Stolz dieses Bekenntnis -geboren, der Stolz, der die Verpflichtung in sich trägt? Oder ist -diese Überzeugung nur ein ethisches Erziehungsmittel unserer alten -Meister, die unermüdlich Barrikaden türmten um die Zelte Jakobs, -daß sie festblieben im brausenden Sturm der Zeiten und nicht ihr -schützendes Dach verlören, wenn einmal die Sonne in mitleidigen Gnaden -der Gemeinde lächelte? Formel und Stimmung der Segenssprüche und Gebete -steigerten Israels Überzeugung von seiner Erwähltheit auch dann noch -zu schöpferischem Leben, als das Verlangen nach der Erlösung von der -Fessel jüdischer Verpflichtung jene -- sonst ungeübte -- Bescheidenheit -aufkommen lassen mochte, nichts anderes und nicht mehr denn die Völker -der Erde zu sein. Sein zu -- wollen. - -Die Geschichte sprach. Vor ihrer eindringlichen Rede mußte das Murren -derer verstummen, die Israels Vergangenheit wie Sträflingsketten -empfanden auf dem Wege des „Fortschritts“, der so viele Flüchtlinge -sah. - -Freiheitssehnsucht und das Ahnen einer höheren Berufung, das die Seelen -in der Sklavennot festmachte im Entschluß und stark zur Tat, fügten die -Stämme zum Volke. Aus mythischem Gewölk stieg es in den Lichtkreis der -Geschichte. Völker, die am Morgen blühten, versanken in die Nacht. Der -Trutz der Gewaltigen zerbrach. Die Kleinen verdorrten in der Schwüle. -Die Herren der Welt und ihre Werke starben. Aber Israel, der Knecht -Gottes, mußte leben. Und lebt. - -Nur das Tote und was das Gesetz des Sterbens in sich trägt, hat eine -Geschichte. Das jüdische Volk hat nur eine Vergangenheit. Es lebt, da -es kämpfen muß: um sich, um Gott, um eine Zukunft. Es lebt harrend des -Messias, der sich durch den Propheten Eliah ankündigt. Es lebt für das -goldene Zeitalter der Menschen, das nur die Resignation sterbender -Völker, die Verzweiflung der Geschichtsnationen in die Vorzeit, die war -und nicht wiederkehrt, hat verlegen können. - -Israel lebt; und dieses Lebendigsein läßt seine Vergangenheit nicht -zur Geschichte erstarren. Was in den Zeiten war, muß den Geschlechtern -wirklich sein. Und ~Gegenwart~! War einstmals Erlebtes nicht -unwertiges Beiwerk, sondern das Erlebnis, dann ist es heut wie einst: -ewige Gegenwart, die kein Verblühen kennt. - -Dieses ist des Peßachfestes letzter Sinn. Dieses ist das gestaltende -Prinzip der Hagadah, das formende Element von Peßachbrauch und Sitte. -„In jedem Geschlecht und Geschlecht ist der einzelne verpflichtet, sich -selbst so zu sehen, als sei er persönlich aus Mizrajim gezogen. Denn es -heißt: Und du sollst verkünden deinem Sohne an jenem Tage also: Wegen -dessen, was der Ewige mir getan hat bei ~meinem~ Auszug aus Mizrajim... -Nicht unsere ~Väter~ allein hat der Heilige, gelobt sei er, erlöst, -sondern auch uns hat er mit ihnen erlöst, denn es heißt: Und ~uns~ hat -Er von dort herausgeführt, um ~uns~ zu führen und um ~uns~ zu geben das -Land, das er unsern Vätern zugeschworen.“ - -Peßach als Geschichtsfest, als ein Fest der Erinnerung zu feiern, -mußte als Entehrung gelten. Wer den Auszug aus Mizrajim nicht als ein -persönliches Erlebnis in sich trug, war ein Abtrünniger, frevelte -an dem Lebensgesetz des jüdischen Volkes. Nur der Böse -- der Feind -Israels! -- konnte fragen: „Was soll dieser Dienst -- euch?! Euch! -Nicht ihm! Er schließt sich aus der Gemeinschaft aus. So verleugnet -er das Wesentliche. Mache ihm darum die Zähne stumpf und sage ihm: -Wegen dessen, was der Ewige ~mir~ getan hat bei ~meinem~ Auszug aus -Mizrajim... ~Mir~, nicht ~ihm~. Er wäre von dort nicht befreit worden.“ - -Sich selbst als den Erlösten zu fühlen und fröhlich die Verpflichtung -aus dieser Gnade zu tragen: das war die Überwindung der Zeiten. -Ägypten war nicht einst. Es lebt fort als das Land unserer -Knechtschaft. Und in neuer Gestalt nur steht es auf, Israel zu -vernichten. Die Feinde wechseln. Die Feindschaft bleibt. Das Werkzeug -der Frohnherren erneuert sich, und der Haß findet keckere Künste der -Versklavung --: aber im Peßach trägst du die Gewißheit der Erlösung. -Die Befreiung der Nation nimmt dem einzelnen die Kette ab. Und der -einzelne, der in sich das Werk der Befreiung fühlt, erlöst das Volk. -So verknüpft Peßach dich mit dem Volke und bindet die Geschlechter -durch die Ewigkeit gemeinsamen Schicksals! Neue Zeiten steigen empor -mit neuen Geschehnissen. Es sind die alten, nur in neuem Mummenschanz. -Neue Geschlechter kommen. Es sind die alten, wird das Erlebnis des -Vaters nur das Erlebnis des Sohnes. Aber die Kette der Geschlechter -ist zerrissen, wenn der Sohn stumm steht vor der tiefsten Erregung des -Vaters. Und also strebt das Erziehungsproblem unserer Meister empor zur -Versöhnung und Verschmelzung der Gewordenen und der Werdenden: „Erzähle -ihnen nicht. Sondern lehre die Kinder -- ~fragen~.“ Mah nischtanah -halajlah haseh mikol halejloth ... Das Fest der Vergangenheit wird das -Fest derer, die in sich die Zukunft tragen. - -Als der Tempel noch auf der Höhe Zions stand, gab es wohl noch kein -besonderes Rituale. Aus allen Städten und Gauen kamen die Familien in -die heilige Stadt, um dort mit Opfern und fröhlichem Gelage ihre eigene -Befreiung zu feiern. An drei Millionen Menschen -- Freiheitkünder --- sah noch kurz vor dem „jüdischen Kriege“ Jeruschalajim. Peßach -machte sie zu ~einem~ Volke, wie die ägyptische Befreiung sie -zu einem ~Volke~ gemacht hatte. Wie es die Kraft immer aus sich -gebar, in Raum und Zeit Getrenntes zu vereinen, aus den Umständen -Geschiedenes zusammenzufügen, so löste es in alter Zeit die Spannung -der sozialen Schichten und der religiösen Bünde. Der Arme war der Gast -des Reichen. Ha lachma anja -- dies ist das Brot des Elends. Es gehörte -den Dürftigen. Die Genossenschaften, die in der levitischen Reinheit -lebten -- die Chawerim --, wollten sich jetzt nicht vom Am haarez -unterscheiden, dessen Sein und dessen Werk im Erdhaften wurzelten: -Zu Peßach hieß es: Kol Israel chawerim. Das Fest weihte auch die -Ungeweihten. Erst in der Folge weitete sich der Sinn dieser Formel -zur Notwendigkeit eines Lebensprinzips aus. Pharao lag noch nicht am -Boden. Römische Kohorten durchzogen das Land. Der Tempel fiel. Das -Imperium romanum schwoll um eine neue Kolonie an. Viele mußten ins -Elend ziehen. Aber des Peßach konnten sie nicht vergessen. Die im Lande -blieben auf heimischer Scholle -- den Zöllnern frohnend wie einst den -Zwingherren in Ägypten -- zogen wie einst hinauf in die heilige Stadt, -opferten das Lamm und sangen, wie uns des Nazareners Jünger melden, -den Lobgesang. Frühe schon war also das Hallelgebet in die Festordnung -eingefügt worden. An die Stelle der fließenden Bräuche eines fröhlichen -Freiheitsfestes hatte die Sorge um die Erhaltung des Volkstums die -~Ordnung~ gesetzt. Die Meister sahen den Gang der äußeren -Geschicke schmerzergriffen. Aber weit in die Zeiten hinausblickend -griffen sie besonnen das Werk an: der Weiterführung und Umformung -mosaischen Gesetzes und jüdischer Sitte. Den neuen Lebensbedingungen -des Exils sich weise anpassend, wollten sie die Verbannung überwinden, -überdauern. Sprache und Brauch und die Übungen des heiligen Dienstes -durften, ~sollten~ sich wandeln, damit die Seele des Volkstums in -unbefleckter, unberührter Reinheit blieb. Peßach mußte gerettet werden. -Es war die Rettung selbst! Die enge Beziehung der Nation zum Erlebnis -ihrer Volkswerde -- leidenschaftlicher annoch, als das äußere Band der -Staatseinheit zerriß -- mußte den Erstarrungsprozeß des Peßachrituale -hinauszögern. Noch kämpfte das „Haus Schammais“ mit der Schule Hillels, -ob nur der erste Psalm des Hallelgebetes -- „Lobet, ihr Knechte des -Herrn, lobet den Namen des Herrn“ -- vor dem Festmahl gesungen werden -sollte oder auch der zweite, der sich dichter dem Sinn des Festes -anschmiegte: „Als Israel aus Mizrajim zog, das Haus Jakob aus dem -fremden Volke, da ward Juda sein Heiligtum, Israel sein Reich.“ Noch -war die Formel des Weihespruches nicht festgeschmiedet. Rabbi Tarfon, -der die Schergen der römischen Herrschaft fürchtete, fügte ihm nur -den Satz bei:... „und uns diese Nacht erleben ließest, daß wir Mazzah -und Maror darin essen dürfen“. Aber der jüngere Rabbi Akiba, der im -barkochbäischen Aufstande das heilige Banner der Propheten trug, der -gotterfüllte Märtyrer des letzten nationalen Verzweiflungskampfes, -Akiba preßte die lodernde Flamme patriotischer Sehnsucht in die Worte: -„Laß uns, Gott, noch andere Feste, die zu uns kommen, in Frieden -erleben, jubelnd ob des Wiederaufbaues deiner Stadt, freudig in deinem -Dienste, daß wir wieder essen dürfen von den Fest- und Peßachopfern, -deren Blut -- dir wohlgefällig -- die Wand deines Altars berührt, und -daß wir dir danken mit neuem Liede für unsere Befreiung und für die -Befreiung unserer Seele. Gesegnet seist du Gott, der Israel erlöst.“ -Mächtig brauste der Jubel dieses Festes persönlichen Erlebnisses auf. -Und der Weihespruch, den die Weisen schufen, steigerte noch die Größe -des Erlebnisses: ... „der ~uns~ erlöst hat und unsere Väter -erlöst hat aus Ägypten.“ Die Väter traten zurück vor der Befreiung des -lebenden Geschlechtes. Im Leid der Gegenwart sollte es die Wonne der -Freiheit fühlen. - -Allein da die letzte nationale Hoffnung verschüttet war, sollte sich -der Ernst gleich einem schweren Tau in die sonnenfrohen Flügel der -Festesfreude legen. Einst schwelgte der Jude nach dem Peßachmahle -bei feurigem Weine. Lieder erklangen im Kreise; und die kichernde, -schmeichlerische Flöte, das Lieblingsinstrument der Juden, zauberte im -Kusse mit trunkenen Lippen hüpfende Weisen hervor. Da leuchteten die -Augen und die Stirnen glühten. Die Glieder regten sich zum Tanze. Und -freudetrunken zog die Jugend in die Häuser der Freunde. Sie scherzten -und lärmten, bis die kühle Nacht sie hinausrief auf die Berge; -sprangen sie nicht wie Widder, und die Hügel nicht wie junge Schafe? -Das Echo der Felsen und Wände sang fröhlichen Refrain; und die Sterne -lächelten... - -Als zum Beginn des dritten Jahrhunderts unserer Zeitrechnung Rabbi -Jehuda Hanassi die mündlich überlieferten Gesetze und Bräuche in der -Mischnah festlegte, war das hellenisch anmutende Epikomon untersagt. -Selbst nach dem dritten und vierten Becher des Rituale durfte kein -Wein mehr genossen werden. „Warum all die Zeugnisse, Vorschriften -und Gesetze?“ fragt das kluge Kind. Und beziehungsvoll soll der -Vater antworten: „Man lasse die Peßachfeier nicht mit einem Epikomon -schließen.“ Die Freiheit soll im Geiste erlebt werden. Nicht im Rausch. -Die Freude in Bande zu schlagen, ward sittliche Pflicht. Israel war -wieder im Galuth. Des Spiritualismus dichtes Gewebe hüllte schützend -das einst erdhafte Volk. - -Das Leben auf eigener Scholle war verwehrt. Das Leben im eigenen -Geiste konnten nicht Feuer und Schwert und nicht die Macht der Cäsaren -vernichten. Wenn nur die Kette der Geschlechter sich nicht löste! Im -Kinde das nationale Erlebnis der Befreiung aus Mizrajims Sklaverei zu -einem persönlichen aufsteigen zu lassen, wurde, je weiter die Zeiten -schritten, um so deutlichere Aufgabe der Peßachübung. Schon Rabban -Gamliel hatte gefordert, daß am Peßachabend von den drei Dingen, -dem Peßachlamm, dem ungesäuerten Brote und den bitteren Kräutern -~gesprochen~ werden sollte. Das Kind mußte sehen, fragen und -hören. In den Sinnbildern der bitteren Leiden Israels sollte ihm -der Auszug aus Ägypten gegenwärtig werden. Und also fortbauend -fügten unsere Meister Stein um Stein zu unserer Hagadah. Nicht eine -geschichtliche Überlieferung galt es weiterzugeben; nicht antiquarische -Kenntnisse zu erhalten. Die Frage nach dem Sinn des Peßachopfers -schwand, als der Opferkult in die Form national durchsetzter Gebete -eingeschmolzen war. Die Frage, warum sitzen wir heut angelehnt, wurde -eingefügt. Und die anderen Fragen wurden nach den aus verändertem -Milieu gegebenen Vorstellungen des Kindes neu gewendet. Die Antwort -des Vaters gab zunächst wohl nur den schlichten Bericht von den Leiden -Israels in der ägyptischen Sklaverei und von ihrer Befreiung. Aber in -den Jahrhunderten wurden aus alten Büchern Geschichtchen entlehnt, die -dem Feste galten und zur Seele eines jüdischen Kindes sprechen konnten. -Als letztes Zwischenstück kam die geistvolle, packende Erzählung von -den vier verschieden gearteten Söhnen, die nach dem Sinn des Festes -fragen. - -So wuchs die Peßach-Hagadah. Wie der Peßachabend die große Stunde -des Kindes wurde, wurde die Hagadah das Buch des Kindes. Es löste -sich aus den großen Folianten, in deren gewundenen Wegen es wie ein -verborgener Garten lag; und führte klein und zierlich sein eigen Leben. -Gebetstücke schmiegten sich an. Fromme Lieder baten um Eingang. Aber -als um das Jahr 1100 die Hagadah ganz als selbständiges Werk auftrat, -war ihre Entwicklung noch nicht abgeschlossen. Wie der Peßachabend die -Geburtsstunde des Erlebnisses war, das sich immer wieder erneute, also -verjüngten sich Brauch und Sitte, und neue Lieder schmeichelten sich -ein, ernste und scherzende, wie das Lied von Böcklein, Chad Gadja, das -Adirhu und die nachdenkliche Zahlenspielerei des Echad mi jodea. - -Also wurde das Peßachbuch ein Lieblingsbuch der Juden. Ein Kinderbuch -in unserem Sinne konnte es nicht werden. Zunächst schon, weil sich -zum Seder die ganze Familie versammelte und der Eifer und die -Nachdenklichkeit auch der Erwachsenen angeregt werden mußte. Aber weit -darüber aus: hatte denn das jüdische Kind eine rechte Kindheit? Es sah -die Sorge frühe um sich und die Angst, die in den Ecken hockte. Die -Liebe, die es betreute, erbebte zu oft nur im Fürchten. Seine Spiele -wagten sich nicht ins Freie. Sie suchten nicht das Leben zu erfassen, -mit kindlichen Händen zu begreifen; sondern hatten geheime Beziehungen -zu einem Sein, das über allem Irdischen ist. Frühe schon kehrte sein -Geist ein zur Weisheit der Ahnen; ging er auch nur zagend und in -kindlicher Befangenheit in diesen stillen Gärten, so wußte er doch, daß -sie seine Welt sein -- mußten. - -So war die Peßach-Hagadah ein Buch auch für dieses jüdische Kind; -wert und lieb noch den Gereiften, die ihrer kindheitarmen Kindheit -gerne dachten, mit seiner niedergehaltenen Natürlichkeit und seinem -gesteigerten Intellektualismus. Ein Buch, in dem die verängstete, -freiheitsehnende Seele sich im Spiegelbilde fand. Ein Buch, das -sich dem Alltag entzog und -- alljährlich nur für zwei Abende der -dunklen Truhe entführt -- in den Monaten aufgestapelt die Freude am -Lichte, an Freiheit und leuchtenden Augen trug. So war es, daß eine -fast zärtliche Liebe dieses Buch wie nie ein anderes jüdisches Buch -umgab. Es wurde häufig abgeschrieben, und sinnende Künstler wußten -mit goldigen Farben, mit kecken Buchstaben und zierlichen Bildern den -Ernst der schweren Buchstaben ins Heitere zu schmücken. Fünfundzwanzig -dieser illuminierten Handschriften-Hagadahs haben in unsere Tage die -Kunde liebevoller Sorgfalt getragen. Sie stammen aus dem dreizehnten -und vierzehnten Jahrhundert, aus Spanien, Frankreich und Deutschland. -Allein als schon die Druckerkunst die Demokratisierung des Buches -begonnen hatte, starb die Freude an dem persönlichsten Besitz einer -bemalten Handschrift nicht. Bis ins achtzehnte Jahrhundert blühten -jüdische Meister dieser heiteren Kunst, und Aaron Schreiber Sterrlingen -aus Gewitsch in Mähren war weit berühmt als Hagadahschreiber in den -Landen. Auf schwerem Pergamente lebte die Geschichte vom Auszug aus -Mizrajim. In langen Tagen und in Nächten erstand die Schrift; und -Sinnen und Sorge, Segen und Versagung in den Schöpferstunden gruben -sich in die Buchstaben ein. Bald liegen sie kauernd am Boden; bald -streben sie empor, als wollten sie wie eine Jakobleiter der Enge des -Irdischen entstreben. Noch ist der Buchstabe nicht zum Blei erstarrt. -Getreulich folgt er Willen und Laune des Schöpfers. In den krausen, -verschnörkelten Initialen spiegelt sich noch das verworrene Gewoge -der Absichten, der Hoffnungen und Zagnisse, die jeden Gestalter im -Anbeginn seiner Arbeit durchziehen. In den Zwischenstücken, die so -scheinen wollen, als seien sie eine Erholung für den Leser, ruht der -Sturm des Schaffens; und besonnen, nachdenklich wird die Linie der -Zeichnung. Und wenn ein Stück zu Ende gebracht, tollt sich die Freude -am gelungenen Werk in den Kapriolen der Phantastik aus. Die Lust am -grotesken Buchstaben, der sich in Schlangenschwänzen, Giraffenhälsen, -Karikaturenköpfen, in Blüten und Gezweige verliert, das Behagen an -bizarren Schlußstücken und der sittliche Ernst, der Zwischenstücke -formt -- große Worte etwa, die wie Könige des Gedankens in Schloß -und Burgen stehen oder sich in dichter Dornenhecke ungeweihtem Auge -zu verbergen scheinen --: sie haben sich in allen handschriftlichen -Hagadahs erprobt. In den Bilderbeilagen weichen sie indessen ab. Die -älteste -- zugleich das köstlichste Erbe jüdischer Künstlerschaft -- -die Hagadah von Serajewo bringt in enger Folge Bilder zur Genesis -und zur Erzählung des Auszugs aus Ägypten. Die Illustration des -eigentlichen Peßachrituale tritt hier zurück. Andere wieder schließen -sich enger den Begebenheiten an, die im Peßach ihre ewige Wiederkehr -feiern. Moses, sein wundersames Schicksal und seine Berufung werden der -Mittelpunkt dieses eingeengten Bildkreises. Die Erzählungen von den -vier Weisen, die zu B’ne-B’rak vom Peßach sprachen, bis daß der Morgen -sie zum Gebete rief, die Typen der vier Fragenden, Rabban Gamliel, der -die Festordnung schuf, werden im Bilde deutlich. Und Eliah sehen wir -nahen, den ewigen Wanderer, der wie ein gütiger Tröster aus dem düstern -Wirrsal der Gegenwart in den Frieden des Messias weist. - -Wie sich die Formensprache des Zeichners aus dem Primitiven, über -die Technik der Renaissance zum Realismus aufhellt, so prägt sich -in der Auswahl der Motive die Stimmung der Zeiten aus. Dunkle Tage -kommen, da der Haß die stachliche Peitsche schwingt. In den frühen -Hagadahhandschriften, die stolze Herren aus romanischen Landen -sich zeichnen ließen, herrscht das Bild, dem die ~Bibel~ den -Vorwurf gibt. In den deutschen des späten Mittelalters will sich die -~Legende~ verkünden. Die große aristokratische Linie verläuft -ins Volkstümliche, in die Träumereien des Gedrückten, in die Enge -des Hauses. Die Helden und Starken -- Simson, David -- kommen in die -Hagadah und -- das Genrebild des häuslichen Lebens! - -Der Weg dieser Entwicklung mündet in den Drucken und verliert seine -letzte Spur im -- Kliché. Von den 895 Ausgaben, die in den vier -Jahrhunderten von 1500-1900 erschienen sind, tragen 194 bildnerischen -Schmuck. - -In den ersten Drucken, von denen uns Stücke erhalten sind, ringt noch -ein echter, gottergebener Kunsttrieb. Der Druck vervielfältigte, -demokratisierte das Buch. Aber der Meister saß in einsamer Klause, -schnitt krause Gedanken, heilige und frohe Stimmung in seine Buchstaben -und Stöcke; und die Phantasie des rechten Werkmannes machte das dürre -Holz lebendig. Die Prager Hagadah von 1526 und die von Mantua aus dem -Jahre 1560 sind köstliche Schöpfungen. Technisch gebunden an die Formen -des deutschen Holzschnittes, motivisch geleitet durch die letzten -illustrierten Handschriften-Hagadahs, ästhetisch erzogen durch die -Renaissance finden sie den Weg zu persönlicher Gestaltung. Jede Seite -hat ihr eigenes Leben. Ein naiver Kunstsinn verteilt den Raum. Die -Zeilen sind ungleichmäßig, oft wie Blöcke aufgebaut, oft wie Terrassen -ansteigend. Fruchtgirlanden rahmen die Seiten ein. Aber nicht in -langweiliger Wiederholung. Stücke fallen aus, um einem Bildchen Platz -zu geben; oder wuchtig rückt der Textwert vor. Mit den einfachsten -Mitteln wird ergötzliche Mannigfaltigkeit erreicht. Die Bilder -begleiten den Text; oft nur ein einziges Wort verdeutlichend. Die -Legende drängt sich vor und das liturgische Element. Die Peßachfeier im -Hause wird in realistischen Triptychen dargestellt. Und die Hasenjagd -fehlt nicht. Sie war aus einem Merkwort entstanden: J. K. N. H. S. -(Jajim, Kiddusch, Ner, Hawdalah, S’man): Jagnehas sprachen es die -deutschen Juden. Und also kam die in der alten Kunst beliebte und -symbolisch vielgedeutete Hasenjagd in die -- Hagadah. Das kraftvolle -Sch’foch chamathcha al hagojim -- der Fluch gegen die Völker, die Gott -nicht erkennen -- erhält ein eigenes Schmuckblatt: Adam und Eva, Judith -mit dem Haupte des Holofernes, Simson, der das Tor vom Tempel des -Gottes Dagon trägt, und -- Eliahu auf seinem müden Eselein. Die vier -Fragenden stehen noch jeder für sich. Aber der Bösewicht trägt schon -den Harnisch des Landsknechtes. - -Es war nicht mehr die hohe Kunst und die volle Farbenpracht der -illuminierten Handschriften. Aber es blieb doch ein Reichtum -künstlerischer Gesichte und die Vielgestaltigkeit des Typographen. - -Indes: Je weiter die Zeiten vorschritten, um so kunstloser, eintöniger -wurden die Zeichnungen, bis sie im Morast der Erbärmlichkeit -rettungslos stecken blieben. Es ist, als wäre mit dem Judentum -auch der jüdische Gestaltertrieb in nicht mehr verstandener -Überlieferung erstarrt --: war Peßach nur noch alter, geheiligter, -~anbefohlener~ Brauch, und war es nicht mehr das immer sich -erneuernde Erlebnis der Befreiung? - -Ist die Peßach-Hagadah tot? Und hat sie deshalb eine Geschichte? Oder -will sich der große Tag verkünden, da Israel wieder hinaufzieht gen -Jeruschalajim, zur Stadt des Herren, um dorten in fröhlichem Feste die -Erlösung aus Mizrajim zu feiern, weil es in junger Seele die eigene -Erlösung erlebt? - -[Illustration] - - - - -MIT DEM FRÜHLING. - -Von ~Sch. Ben-Zion~. - - -„Der Winter ist vorüber, der Regen vorbei, vergangen.“ Der Lehrer fuhr -wieder heim in seine Stadt und die Schule ist aus und vorüber. Nur -einige Erinnerungen an die Melodie zum Hohenliede sind geblieben, die -wie weiße Wolken am Himmel schweben. Awremel ist jetzt ein freier Mann; -sogar einen Fingerring besitzt er, einen Ring von reinem Silber, den -er im Kehricht fand. Er weiß aber noch nicht recht, was er mit seiner -Freiheit und seiner Herzensfreude und mit dem Fingerring anfangen soll. - -Der Himmel ist hell, die Sonne klar und neuer Schein über der Welt. Wie -schön, wie lieblich wäre es jetzt, hinauszugehen und unter der Wölbung -des reinen Himmels hinzuwandeln und still in die Tiefen der Welt zu -träumen! Oder mit allen Gespielen wie junge Füllen hinzusprengen, die -dem Wind nachjagen, den Duft der feuchten Erde, des neusprießenden -Grases zu atmen, Könige zu wählen, Heere anzuführen und Krieg zu -erklären!... Aber ach, eins hindert an all dem, eins ist unheilvoll: -der Schmutz. Alle Gassen sind voll Morast, so daß nicht einmal ein -trockener Übergang möglich ist. - -[Illustration] - -Und im Hause geht erst recht alles drunter und drüber. In allen -Zimmern eine heillose Unordnung; mit jedem Schritt stolpert man über -allerlei Möbelstücke und Gerätschaften, die von ihren gewohnten Plätzen -fortgerissen und durcheinandergerüttelt sind. Eiserne und kupferne -Töpfe werden mit Knirschen und Kreischen geputzt, so daß die Ohren -zerreißen und alle Nerven im Körper erzittern. Den Kissen und Matratzen -werden die Überzüge abgenommen, dann klopft man sie mit Stöcken, -dichter Staub steigt auf, Federn fliegen; und der Staub erhebt sich und -füllt einem die Augen, er fällt wieder und legt sich auf alles; alles -sieht so schmutzig aus, dazu ist es mit Kalk und Lehm beschmiert. Und -von all dem Schmutz hat man einen faden Geschmack im Munde, wie von -gelöschtem Kalk oder geknetetem Lehm. - -Das alles hätte Awremel schließlich nicht gestört; hier seine Kraft -und seinen Heldenmut zu zeigen, wo es ein gottgefälliges Werk war, das -Haus auf den Kopf zu stellen, hätte ihm nur gepaßt. Aber seine Mutter -stört ihn und vertreibt ihn von überall. Hier steht die neue Kiste, die -man für Mazzoth gekauft hat, und dort ein Fäßchen für Borschtsch zu -Peßach. Diesem „Allerheiligsten“ darf man nicht nahekommen. Wenn er in -die Küche kommt und den Herd nur anrührt, jammert die Mutter gleich: -„Herr der Welt, wozu lebe ich noch?“ Auch der alten Dienerin, die sonst -zu Awremel immer so sanft ist, weil er doch ein „Gelehrter“ ist, darf -er jetzt ohne Lebensgefahr nicht in die Nähe. Sie tüncht und kalkt mit -der Magd, hadert mit ihrem Schicksal und lamentiert: „Herr der Welt, -wie soll ich bis zum Seder-Abend mit all der Arbeit fertig werden?“ - -[Illustration] - -Der Herr der Welt scheint aber an ihrem Schmerz wenig Anteil zu nehmen -und macht sich im Himmel und auf Erden einen prächtigen Frühling. Der -Tag leuchtet immer tiefer, die Sonne gleißt, die Luft weht lau, der -Wind geht frisch und eine geheimnisvolle Freude verbreitet sich im -ganzen Weltraum. - -Was soll aber Awremel anfangen? Er klettert auf den Schrank, um die -Peßach-Hagadah zu suchen. Dabei wirft er ein Gebetbuch in den Kübel, -in dem die Magd den Kalk mischt. Der Kalk spritzt hoch auf, daß die -Magd fast blind wird. Die Mutter will ihn fassen, er springt herab, -balanziert zwischen den Gefäßen, die dastehen, zerbricht einen irdenen -Topf und entwischt. - -[Illustration] - -„Unglücksjunge,“ ruft ihm die Mutter nach, „was hast du hier zu suchen? -Trink Tee und geh ins Beth-Hamidrasch beten, wie jeder Mensch.“ Das -leuchtet Awremel ein; schnell verschwindet er und verzichtet sogar auf -den Frühstückstee; denn im Beth-Hamidrasch kann er seinen Gespielen -seinen Ring zeigen, seinen Fund, und sie können ihm vielleicht einen -Rat geben, was er damit tun soll. - -[Illustration] - -Aber er findet im Beth-Hamidrasch keinen von seinen Freunden. Sie haben -nicht so nahe wie er, so sind sie nicht gekommen. Der Schmutz hat sie -umschlossen wie eine Wüste. So steht er einsam und allein unter den -Erwachsenen, die schnell beten, und hat gar keine Lust, mitzubeten. -Ihn beschäftigt nur eine einzige Frage: was soll er mit dem Ring tun? -Soll er ihn verkaufen? Woher dann einen Käufer nehmen? Er muß ihn -zuvor putzen, und zwar mit der Pasta, womit der Diener die Leuchter -im Beth-Hamidrasch für die Feiertage putzt. Jede Ware gilt, wonach -sie aussieht. Wenn der Ring wie neu sein wird, wird sich vielleicht -irgendwie ein Bräutigam finden, der ihn als Verlobungsring kauft. Aber -der Diener ist bärbeißig, er ist ein Soldat noch aus der Zeit Nikolaus -I., und er jagt Awremel fort und läßt ihn nicht einmal zusehen. So geht -Awremel fort und blickt voll Neid auf die neue Borte an dem Gebetmantel -des reichen Reb Jeschua Heschel. Auch sie ist aus Silber; aber weil das -Silber schön poliert ist, blühen zwischen den Fäden Lichtfunken wie -goldene Augen. Und Awremel schlendert weiter und putzt seinen Ring, -damit er ebenso schön glänze. Er reibt ihn am Leder seiner Schuhe -und an dem Futter seines Rockes; und dabei belauscht er das Gespräch -zweier Schnorrer, die einander erzählen, durch wieviele Dörfer und -Städte sie in ihrem Leben gekommen sind. Der Dajan Reb Selig legt -jetzt T’fillin; es ist schon spät und der Ring glänzt schon, aber er -glänzt noch bei weitem nicht so, wie die Borte. Er will weiterputzen, -während er zusieht, wie der Dajan seine T’fillin abnimmt und die Riemen -zusammenlegt wie die Flügel einer Taube. Und Awremel putzt und putzt. -Der Dajan hat bereits dreimal die Decke der Bundeslade geküßt, dann ist -er fortgegangen; das Beth-Hamidrasch leert sich, Awremel wird müde und -weiß nicht, wieweit er in seinem Gebete gekommen ist. Sein Herz ist -leer und er schluckt vor Hunger seinen Speichel. Aber doch ist es ihm -angenehm, so einsam und allein auf der Fensterbank zu sitzen, die von -der Sonne beschienen ist, und in die Gasse zu sehen. - -„Die Zeit unserer Freiheit.“ Freiheit ist ein schönes Ding. Es gibt -keinen Zwang der Schule, keinen Zwang des Hauses; es ist still, -friedlich und licht. Er sitzt da, schaut hinaus und weiß, daß an seinem -Finger ein dicker silberner Ring glänzt; er sieht Wasserlachen im -Schmutz der Straße stehen, moorartige Pfützen, die aber glitzern wie -helles Gold und Märchen von rieselnden Quellen erzählen. Eine Kuh mit -hängendem Bauch und vollem Euter, deren Rippen sich wie Beulen aus der -schmutzigen Haut heben, steht regungslos, wie eine Statue, nahe der -Wand. Sie zuckt nicht, kaut nicht wieder, bewegt kein Ohr; sie ist nur -damit beschäftigt, ihren ausgefrorenen Körper der Sonne hinzuhalten. -Ein großer Hahn mit seinen Hühnern bricht mit großem Aufruhr aus einem -Bodenfenster; sie haben sich gegen ihren Zwingherrn empört, die Steige -zerbrochen und verbreiten sich nun mit Gekreisch und Gegacker über das -Dach. Der Hahn schlägt mit den Flügeln und ruft seine Freiheit mit -lautem Kikeriki vom Dachfirst aus in die Welt. Zwei Leute tragen an -einer Stange einen großen Korb voll Mazzoth vorbei, die im Sonnenschein -leuchten; Awremel spürt ihren warmen Duft durch das Fenster und sein -Hunger zerrt in ihm. - -Er springt von der Fensterbank und will sich einreden, daß er schon zu -Ende gebetet hat. Ist es denn anzunehmen, daß er bis zur Essenszeit mit -dem Gebete nicht fertig geworden sein sollte? Da erscheinen eben zwei -junge Leute, die miteinander eifrig und leise sprechen; anscheinend -disputieren sie über eine wichtige Sache. Awremel ist der Meinung, es -lohne sich, ihnen zuzuhören; und als sie stehen bleiben, schleicht -er sich in ihre Nähe. Die Zeit, die er lauschend verbringt, kann ja -zugleich für ein Gebet gelten; auf eins mehr oder weniger kommt es -wahrhaftig nicht mehr an. So hört er, wie der eine, der Rote, zu dem -Blassen mit dem dicken wollenen Halstuch sagt: - -„Und glaubst du denn, das Hohelied sei wirklich eine Allegorie auf -das Volk Israel? Gar keine Spur, sage ich dir! Es sind einfach -Liebesgespräche zwischen Salomo und Sulamith und ihrem Herzensfreunde, -dem Hirten....“ - -Der Blasse staunt und zweifelt, sein Gesicht flammt auf und er fragt: -„Wie?“ - -Da springt Awremel aus seinem Lauscherwinkel hervor, lacht den beiden -ins Gesicht und läuft aus dem Beth-Hamidrasch. Hinter dem Hause, unter -einer Leiter und auf einem umgekehrten Faß ißt er sein Mittagmahl, -Butterbrot, das ihm die Mutter gegeben, und ein Stück Zucker, das er -„genommen“ hat. Und da er satt und zufrieden ist, findet er keinen -anderen Platz als diese Leiter. Er steigt hinauf und steht schon auf -der letzten Sprosse; alles in ihm spricht: „Die Zeit unserer Freiheit.“ -Die Freiheit pocht in seinem Herzen wie ein gefangener Vogel, der an -die Wände seines Käfigs pickt und davonfliegen möchte. Alle Dächer -leuchten im Lichte der Freiheit; er hätte Lust, sich mit einem Satz -auf den First zu schwingen und von Dach zu Dach über die ganze Stadt -hinzuhüpfen. - -„Sieh, da kommt er, springt über die Berge, hüpft über die Hügel. Mein -Geliebter gleicht einem Reh oder dem jungen Hirsche.“ - -Zwei Störche, Boten der Freiheit, fliegen über ihm dahin. Und was sind -all die Geräusche von den Höfen her, all das Kreischen, Schlagen, -Reiben, was ist es? Sind das nicht Rufe der neuen Freiheit? Freiheit in -der Welt, Freiheit im Hohenliede. Über die Bibelverse ist ein neues, -heiteres Licht ausgegossen. - -„Die Blumen zeigen sich im Lande, der Lenz ist gekommen und der -Turteltaube Ruf läßt sich in unserm Lande hören. Der Feigenbaum, schon -reifen seine Früchte...“ Wenn man das alles wörtlich und einfach nimmt, -ohne Deutung, ohne „Das heißt“ und „Er will sagen“ -- kluge Worte hat -der Rote gesprochen. - -Von der Leiter zum Dachboden ist’s nur ein Sprung. - -Unter dem Dache herrscht ein geheimnisvolles Halbdunkel. Alles ist -still, nur eine Henne gackert von der Steige im Winkel her. Und vom -Dache hört man ein freches Zwitschern: die Vögel plaudern dort und -kratzen mit den Klauen ihrer dünnen Füßchen in einem bescheidenen -Winkelchen: Sulamith verbirgt sich dort. „Meine Taube in den -Felsspalten, in den Steinritzen...“ - -Die Welt draußen lebt, freut sich, arbeitet, ist geschäftig; hierher -entflieht, um sich zu verbergen, nur alles Weiche, alles Süße, das -in jedem Laute lebt. Hier tönt nur die Stille und Heimlichkeit, das -Zittern des Alls. Und dies bildet hier einen köstlichen Schatz, einen -Schatz verborgener Freuden. - -Ein Windhauch kommt seines Wegs vorüber, flüstert und klappert im -Kamin, zwängt sich herein, bläst in den goldenen Staub, der in der -Sonne tanzt, bewegt die Spinnenfäden und verschwindet wieder... Awremel -hockt in seinem Versteck, im schattigen Winkel, er kauert sich noch -enger zusammen und schließt die Augen vor der Wonne seiner vielen -Genüsse. Und ihm ist, als hätte der Wind ihn mitgenommen und an einem -einsamen Ort in einen weichen Schoß gelegt, dort zu schlafen wie ein -Kind. Aber die neue Wonne, die ihn erfüllt, läßt ihn nicht schlafen. Er -weiß nicht, was er mit seiner Seele, was er mit dieser Wonne anfangen -soll -- so wie er mit dem Ringe nichts anzufangen weiß. Er ist reich -über alle Maßen und hat für seine Schätze keine Verwendung. Er steht -auf und geht langsam vor, als schleiche er listig, die helle Freude der -Welt zu haschen; er klettert auf die Hühnersteige und legt seinen Kopf -zum Dachfenster hinaus: welche Weite, welche Welt erschließt sich ihm -da! - -Er sieht alles und niemand sieht ihn: als hätte er eine Tarnkappe -aufgesetzt. Er ist ein Herrscher, der niemand über sich hat. Und -jenseits der Dächer, jenseits der Höfe, jenseits der weißen Wäsche, die -an den Schnüren hängt und sich im Winde bewegt, sieht er einen grünen -Berg, auf dessen Gipfel ein helles Wäldchen in einem dünnen blaugrauen -Nebel fast verborgen ruht. Und der Berg dehnt sich in den Nebel hinein -ins Unendliche und schmilzt wie ein Stück Zucker in heißem Wasser. -Awremels Blick schwebt über den Wolkenhügeln, die vom fernen Horizonte -aufsteigen, weiß wie Perlmutter. Er schwebt über den Schneestreifen, -die zerschmelzen und wie flüssiges Gold gleißen. Eine Herde von -Schafen und Ziegen zieht den Berg herab, der ganze Abhang ist bunt und -gefleckt; und in Awremels Seele regt es sich mächtig, daß er in einem -lauten Gesange seinen Jubel Luft machen muß. „Tu mir kund, o du, den -meine Seele liebt: Wo weidest du? wo lagerst du am Mittag?... -- Mit -mir, vom Libanon, o Braut, komm mit mir vom Libanon! Meine Schwester -Braut, von den Löwenwohnungen, von den Pantherbergen!“ - -Er und seine „Schwester Braut“ wandeln nebeneinander, beide schweben -leicht dahin, ohne die Erde zu berühren, aneinander geschmiegt in -zartem Kosen, sie zittern und schweben in der Luft wie zwei junge -Pflänzlein, von einem würzigen Windhauch berührt. „Ich will zum -Balsamberge gehen und zum Weihrauchhügel.“ - -Er ruft sein Lied von der Höhe hinaus und eine dünne, zarte, klare -Stimme antwortet ihm mit melancholischer Weise aus der Tiefe: - - „Lieb Mütterlein, o schweige still, - Daß niemand es erfährt; - O lösche meines Herzens Höllenbrand: - Gib, was es heiß begehrt!“ - -Dieses Lied singt die schwarze Adel, die Tochter Evas, der Witwe, die -am Nachbarhofe wohnt. Ihr Häuschen ist so klein wie Kinderspielzeug, -die Fenster sind winzig und hart über dem Erdboden. Die kleine Adel -steht auf einem Schemel und tüncht die Außenwand der Hütte. Eine lichte -Strahlenkrone flimmert um ihre Locken, in die der Wind bläst, daß sie -ihr über Stirn und Augen fallen. Sie hebt ihr Gesicht, das von der -Wärme des Tages blüht, zu ihm auf, blinzelt mit den Augen, rümpft das -Näschen vor der Lichtfülle, die ihn umfließt, und öffnet ihre Lippen -zu einem kleinen Lächeln. Sie bückt sich, taucht den Pinsel in den -Kalkeimer vor ihren Füßen und kehrt zu ihrem traurigen Liedchen zurück. - - „Vor Sehnen nach der Liebsten mein - Ist krank mein Herz und Blut. - Sie wohnt in einem kleinen Hüttelein, - Hat keines Hellers Gut.“ - -Und zum dritten Male ertönt die sehnsüchtig klagende Weise: - - „Mein Mut siecht hin, mein Arm erschlafft, - Schwer trag ich dein Gebot. - Verweigerst du, die meine Seele liebt, - So bleibt mir nur der Tod.“ - -Und mit einer Stimme, die vor Sehnen vergeht, wiederholt sie: - - „Verweigerst du, die meine Seele liebt, - So bleibt mir nur der Tod.“ - -In Awremels Köpfchen geht alles drunter und drüber. Er ist wie trunken -von dem Liede, er will etwas tun, um Adel in Erstaunen zu setzen. Er -fühlt: er ist leicht wie ein Adler, schnell wie ein Hirsch, stark -wie ein Löwe. Aber er kann doch nicht auf das Dach steigen und -hinunterspringen --! So klettert er schleunigst die Leiter hinab, -springt über den Zaun und in Adels Hof und nähert sich ihr, eben als -sie den Pinsel wieder in den Kalkeimer taucht. Er faßt sie an der Hand -und sagt: „Ich -- ich -- will dir den Pinsel eintauchen!“ - -Sie steht auf dem Schemel und tüncht die Wand mit dem Pinsel, den -er eingetaucht hat. Ihr Kopf legt sich in den Nacken zurück, ihr -leuchtendes Gesicht ist erhoben und ihre schwarzen Augen ruhen -verborgen in dem Schatten ihrer langen Wimpern. Sie glänzen wie Punkte -lauteren Goldes. Awremel sieht zu ihr auf und sein Herz ist voll Wonne; -ohne es zu wissen, genießt er das Glück einer Blume, die in Tau und -Licht badet. - -Plötzlich stößt „seine“ Adel einen kleinen Schrei aus, preßt die Lippen -aufeinander und zieht ihr Näschen vor Schmerz in Falten. Sie beugt sich -zu ihm und zeigt ihm ihren Finger, in den der Kalk eine kleine Wunde -gebrannt hat; dann reicht sie ihm einen Leinenstreifen, er solle ihr -damit den Finger verbinden. Awremel ist eifrig und voller Freude, daß -er Adel gehorchen und ihr helfen, daß er den Schmerz seiner „Schwester -Braut“ stillen darf. Er wickelt den Streifen fest um ihren Finger. Doch -hat er keinen Faden, den Verband festzubinden; und ohne nachzudenken, -nimmt er mit freudiger Bewegung seinen Silberring und streift ihr -ihn über den gestreckten Finger. Er steckt ihr den Ring fest an und -sein Herz schlägt ihm laut bis in den Hals hinauf. Und er lächelt und -spricht die Trauungsformel: „Du bist mir verlobt durch diesen Ring nach -dem Gesetze Moses und Israels.“ Aber sogleich erschrickt er über das, -was er getan hat... - -„Wir wollen uns immer lieb haben, Awremel,“ spricht sie zu ihm: ein -Scherz, der Wahrheit enthält. - -„Gewiß, gewiß,“ versichert Awremel; dabei schämt er sich und zittert -und erwägt, ob er jetzt nicht verpflichtet ist, ihr einen Scheidebrief -zu schreiben? - -Plötzlich wendet er sich von Adel ab und läuft schleunigst davon, vor -dem Mädchen und vor dem Ring an ihrem Finger, klettert über den Zaun -und auf die Leiter und verbirgt sich in der Dachkammer. Dort preßt er -das Gesicht in die Hände; Tränen würgen ihn; hier will er vor Schande -sterben an „seines Herzens Höllenbrand“, hier in dieser Bodenkammer -„bleibt ihm nur der Tod.“ - -Und da ertönt Adels Stimme wieder in flehenden Tönen: - - „Schon drei lange Tage zürnst du mir; - Sage, Liebster mein, was tat ich dir? - Glaubest, Zweifler du, ich lieb dich nicht? - Frag den Wunderrabbi, wie man tut, - Laß dir deuten, was der Traum dir spricht -- - Gib mir deine Hand, sei wieder gut!“ - -Sie schämt sich nicht und sorgt sich nicht; aber auf ihm lastet seine -Tat wie ein schwerer Alb, wie ein Traum aus einer schlaflosen Nacht, in -dem trübe Bilder und Irrlichter wechseln. Er sitzt in der Finsternis -wie ein von Gott Geschlagener und wartet, bis Adels Stimme schweigt. -Dann erhebt er sich, steigt vom Boden hinab, traurig, schuldbeladen und -sündig, wie einer, der zum Richtplatz geht... Die untergehende Sonne -wirft einen roten Schein auf sein verschämtes Gesicht und leuchtet in -feurigem Glanze. - - - - -PHARAOS TRAUM. - - -Es war 130 Jahre nach der Ankunft der Kinder Israel in Mizrajim und -sechzig Jahre nach Josephs Tode, da hatte der Pharao einen seltsamen -Traum. Er erblickte einen hohen Greis mit einer Wage in der Hand; in -der einen Schale lagen alle Bewohner Mizrajims, Männer, Weiber und -Kinder, in der andern Schale aber lag ein Lämmchen; und das Lämmchen -wog alle die von Mizrajim auf. Der König erschrak über diesen Traum, -den er nicht zu deuten wußte. Am Morgen aber versammelte er eilends -alle Gelehrten und Sterndeuter von Mizrajim und erzählte, was er -gesehen; und alle waren in Furcht und Grauen ob des Gesichtes. - -Endlich trat einer der Großen des Hofes, Bileam, der Zauberer, vor den -Pharao und sprach: „Dieser Traum bedeutet für ganz Mizrajim ein großes -Unheil.“ Der König fragte ihn, was es denn sei. Da verkündete der -Weise: „Den Kindern Israel wird ein Sohn geboren werden, der Mizrajim -vernichten wird. Ich aber, mein Herr und König, will dir einen Rat -geben: befiehl, daß man jeden neugeborenen Sohn unter den Kindern -Israel töte; vielleicht, daß so der Traum nicht in Erfüllung geht.“ - -Das leuchtete dem Pharao und seinen Leuten ein, und er folgte dem Rate. - -Im dritten Jahre nach Moses Geburt saß einst der Pharao zu Tische und -speiste; zu seiner Rechten saß die Königin, zu seiner Linken seine -Tochter Bithja und vor ihm alle Großen seines Hofes. Bei Bithja aber -saß der Knabe Moses, in bunte Gewänder gekleidet. Und Moses gefiel dem -Pharao, so daß dieser ihn auf den Schoß nahm. Da streckte der Knabe -die Hand aus, nahm die goldene Krone vom Haupte des Pharao und setzte -sich sie auf. Darüber erschrak der König und die Großen verwunderten -sich. Bileam aber, der Zauberer, nahm das Wort und sprach: „Mein Herr -und König, gedenke des Traumgesichtes, das du einst erblicktest und -das dein Knecht dir deutete! Ist nicht dies eines von den hebräischen -Kindern? Der Geist Gottes steckt in ihm und aus seiner Weisheit handelt -er; er ist es, der Mizrajim vernichten wird! Gib schleunigst Befehl, -ihm das Haupt abzuschlagen!“ - -Der Pharao fand den Rat gut. Da entsandte Gott den Engel Gabriel; der -nahm die Gestalt des Jithro, eines der Großen und Freunde des Königs, -an und sprach: „Mein Herr und König, hüte dich, unschuldiges Blut -zu vergießen! Der Knabe hat ja noch keinen Verstand! Wenn du mir es -gestattest, will ich dir einen Rat erteilen: lege einen funkelnden -Rubin und eine glühende Kohle vor dieses Kind hin; streckt es die -Hand aus und ergreift den Rubin, dann weißt du, daß es Verstand -hat, dann hat es den Tod verdient und wir verfahren mit ihm nach der -Gerechtigkeit. Greift es aber nach der Kohle, dann ist erwiesen, daß es -keinen Verstand besitzt, und es ist frei.“ - -Dieses Wort gefiel dem Pharao und seinen Freunden; sie legten den Rubin -und die Kohle in eine Schale und stellten sie vor Moses hin. Der Knabe -streckte die Hand aus und griff schon nach dem Rubin, doch der Engel -stieß seine Hand fort, daß er die Kohle faßte; er führte sie zum Munde -und berührte mit ihr seine Lippen und die Zungenspitze. Darum war Moses -von so schwerer Zunge. Damals aber ward er auf diese Weise gerettet. - - - - -VON MOSES. - - -„Jeden Sohn, der geboren wird, sollt ihr in den Strom werfen.“ -- -Rabbi Chanan erzählte: Israels fromme und keusche Töchter suchten ihre -Kinder zu retten. So nahmen sie sie denn und verbargen sie in Höhlungen -ihrer Wohnstätten. Da brachten die Ägypter ihre kleinen Kinder in die -jüdischen Häuser und zwickten sie da, bis sie weinten. Da hörte das -jüdische Kind die weinende Stimme seines Kameraden und weinte mit ihm. -So fanden sie die Ägypter und warfen sie in den Fluß. - -[Illustration] - -In dieser Stunde sprach der Heilige, gebenedeit sei er, zu den -Dienstengeln: Steigt doch herab und seht die Kinder meiner Lieblinge -Abraham, Jizchak und Jakob, wie man sie in den Strom wirft. Da stiegen -die Engel erschreckt herunter und standen bis zu den Knien im Wasser -und fingen die jüdischen Kinder auf und legten sie auf emporragende -Sandbänke. Der Heilige aber, gebenedeit sei er, ließ ihnen Brüste aus -den Steinen sprießen und gab ihnen so zu trinken. - - * * * * * - -Wenn die Ägypter kamen, die Kinder zu töten, geschah ein Wunder und die -Kinder wurden von der Erde verschluckt. Da brachten die Ägypter Ochsen -und pflügten die Erde, aber wenn sie weg waren, sprossen die Kinder -wieder auf wie das Gras auf dem Felde. Und wenn sie groß gewachsen -waren, kamen sie scharenweise nach Hause. So kam es denn auch, daß sie -am Roten Meere, da Gott sich offenbarte, ihn gleich wiedererkannten und -riefen: „Dies ist mein Gott!“ - -Rabbi Jehuda Hanassi hielt einmal eine Predigt und die Zuhörer -schliefen ein. Da wollte er sie wieder wach machen und rief: „In -Ägypten war einst eine Frau, die hat auf einmal sechshunderttausend -Menschen geboren.“ Erstaunt fuhren die Zuhörer auf. Da sagte -er: „Jochebed, Moses’ Mutter, ist gemeint. Denn Moses hat -sechshunderttausend Israeliten aus Ägypten geführt, so ist er denn -soviel Menschen gleich zu achten.“ - - * * * * * - -Es erzählten unsere Lehrer: Als Moses die Herde Jithros in der Wüste -weidete, entlief ihm ein Böcklein. Moses setzte ihm nach, bis er zu -einem Felsen kam, da stand das Böcklein an einer Quelle und trank. Als -Moses das sah, sagte er ihm: „Ich wußte gar nicht, daß du aus Durst -weggelaufen bist. Nun bist du gewiß recht müde.“ So lud er es sich auf -die Schulter und trug es. Das sah Gott und sprach: Du hast Mitleid mit -deiner Herde, so wahr du lebst, so sollst du meine Herde weiden, Israel. - - * * * * * - -Warum zeigte sich Gott dem Mose im Dornbusche, der loderte und nicht -verbrannt ward? Um Moses Zweifel zu besiegen. Denn Moses glaubte doch, -daß vielleicht die Ägypter Israel vernichten würden. So zeigte ihm Gott -den Dornbusch und sprach: Wie der Dornbusch vom Feuer umflackert wird -und nicht verzehrt werden kann, so können auch Israels Feinde es nicht -vernichten. - -[Illustration] - -[Illustration] - -Mit Moses Stab hat es eine eigentümliche Bewandtnis. Der Stab ward am -sechsten Schöpfungstage in der Dämmerung erschaffen und dem ersten -Menschen im Paradies übergeben. Adam gab ihn dem Henoch und Henoch -dem Sem und dann erhielten ihn nacheinander Abraham, Isaak und Jakob. -Jakob brachte ihn nach Ägypten und gab ihn dem Josef. Nach Josefs Tode -fiel er mit seiner ganzen Habe dem Pharao zu. In Pharaos Palaste sah -ihn Jithro, der einer von Pharaos Wahrsagern war, entwendete ihn und -pflanzte ihn in seinen Garten. Aber da konnte ihn niemand nahe kommen --- bis Moses nach Midjan kam und in den Garten eintrat. Er konnte die -Zeichen lesen, die auf dem Stabe standen und hatte die Macht, ihn -an sich zu nehmen. Als Jithro dies sah, sprach er: Fürwahr, das ist -Israels Erlöser. Deshalb gab er ihm seine Tochter, die Zipporah, zur -Frau. - - * * * * * - -Ein Heide fragte den Rabbi Josua ben Karcha: „Weshalb redete Gott zu -Moses aus einem Dornbusche?“ Der Rabbi erwiderte: „Hätte er aus einem -Johannisbrotbaume zu ihm geredet oder aus einer Sykomore, so hättest du -mir dieselbe Frage gestellt. Allein ich will es dir sagen: es soll dir -so gezeigt werden, daß es nichts gibt, worin nicht Gottes Herrlichkeit -lebte; sogar im Dornbusche ist sie.“ - - - - -MIT REICHEM GUTE. - -Von A. L. ~Lewinski~. - -Gewidmet den Peßachfahrern in Erez-Israel. - - -„Und dann werden sie ausziehen mit reichem Gute...“ - -Allmählich lerne ich verstehen, weshalb Moses auf dieses „reiche Gut“ -soviel Wert legte, daß er es immer wieder erwähnt. - -Auf den ersten Blick erscheint es ja etwas sonderbar. Das Volk war in -einem so entsetzlichen, in einem so erniedrigenden Zustand, dort in -Mizrajim -- in einer Art von grenzenloser Knechtung; man arbeitete mit -den Juden, wie mit Lasttieren, in Lehm und Ziegeln, in aller schweren, -gliederbrechenden Arbeit; Aufseher standen über ihnen und schlugen -sie mit Geißeln und Stöcken, ähnlich wie es den Leibeigenen einst in -Rußland ging oder den Negersklaven in Amerika -- es scheint doch, als -wäre es genug für ein solches Volk, bloß aus der Knechtschaft in die -Freiheit zu gehen, aus Gebundenheit zur Erlösung, hinauszugehen und zu -fliehen, und müßte man selbst die Haut zurücklassen: wenn nur die Seele -gerettet wird; und kein Gedanke bleibt für Geld und Gut. Nachher, wenn -es erst aus Mizrajim gezogen sein und begonnen haben würde, für sich -selbst statt für seine Herren und Peiniger zu arbeiten, würde es ja von -selbst zu reichem Gute kommen. Denn sechshunderttausend Menschen, eine -Million und zweihunderttausend arbeitende Arme sind schon für sich ein -reiches Gut. Sie würden arbeiten und Reichtum schaffen. Die Hauptsache -war, diese Arme zu befreien, damit sie für sich selbst arbeiten könnten -und nicht für Nutzen und Vorteil der Ägypter. - -[Illustration] - -Und da steht Moses und ruft und mahnt eindringlich an das reiche Gut, -das, wie es scheint, einen wichtigen Hauptpunkt seines Programms -bildete. - -Raschi, das heißt unsere naiven Alten, gab folgende Erklärung: All -diese Mahnungen sollten ihn, den Gerechten, unsern Vater Abraham, -befriedigen, damit er nicht sage: „‚Man wird mit ihnen arbeiten und -wird sie plagen,‘ und so traf es ein, ‚und dann werden sie ausziehen -mit reichem Gute,‘ und das traf nicht ein.“ Diese Erklärung, muß ich -sagen, leuchtet mir nicht ganz ein. Wenn er, der Gerechte, soviel -bei Gott vermochte, warum hat er dann die Knechtschaft in Mizrajim -überhaupt zugelassen? Er hätte sofort protestieren sollen. Denn zu -welchem Zweck und zu welchem Ende war die ganze Verbannung da? Das -alte System der „läuternden Leiden“, der „versöhnenden Verbannung“ -hatte schon damals keinen Sinn. Ein Volk, das eben erst begonnen hat, -zu leben, hat noch gar nicht Zeit gehabt, so viel zu sündigen, daß das -Elend der Knechtschaft kommen müßte, es zu läutern und zu bessern. Die -Juden wären wahrscheinlich sogar ohne die Knechtschaft in Mizrajim auch -Juden geworden und, wer weiß, vielleicht bessere als sie nach all dem -Bessern und Läutern durch die Ägypter geworden sind... - -[Illustration] - -Gewiß, das Elend läutert, -- aber es ~läutert zu sehr~; mit dem -Schmutz läutert es auch das Fleisch weg und mit dem Fleische reißt -es auch Stücke aus der Seele. Einem Schwerkranken sprach man von -dem Lohn der Leiden; sie würden ihm ewige Seligkeit einbringen, er -solle nur alle Schmerzen geduldig ertragen. Er aber sagte: „Nicht -sie und nicht ihren Lohn!“ Ich bin sicher, daß das Elend in Mizrajim -unsern Nationalcharakter sehr geschädigt und uns einen ewigen Jammer -hinterlassen hat. Jetzt, nach Tausenden von Jahren, ist es uns schwer, -uns unsern Volkscharakter und seine Eigenschaften ohne all diese -Widerwärtigkeiten vorzustellen. Nicht die Verbannung in Babel und nicht -die in Edom ist es, sondern dieses erste Verbannungselend, das uns -plötzlich traf, als das Volk noch jung und zart war, ein Stoff, bereit, -in der Hand des Bildners jede Form anzunehmen; dieses ägyptische Elend -ist es, das furchtbar stark auf uns wirkte, und uns mit ewigem Schmutz -bedeckte. Und es gibt noch heute keine schlechte Eigenschaft in unserem -Volke, von der nicht wenigstens ein kleiner Teil von Mizrajim herstammt. - -Alles in allem: diese Knechtschaft war durchaus nicht notwendig, ja -sogar höchst überflüssig! Und jener Gerechte, der selbst eine Art von -Freiherrn und Kavalier war (siehe sein Verhalten gegenüber Lot und dem -König von Sodom), ein Ritter ohne Furcht und Tadel, der kein Unrecht -ansehen konnte und es wagte, mit wenigen Leuten, seinen Knechten und -Hausgenossen, insgesamt 318 Mann, vier siegreiche Könige anzugreifen --- ein „gerechter Ritter“ wie dieser wäre gewiß mit der ägyptischen -Verbannung nicht einverstanden gewesen und hätte auch auf die -Zusicherung verzichtet: „Auch das Volk, unter dem sie arbeiten werden, -werde ich richten.“ Denn was für ein Vorteil ist hierbei? Was haben wir -davon, daß es gerichtet worden ist? Ganz abgesehen davon, daß es gar -nicht zum Charakter des Hebräers Abraham, d. h. zum wahren jüdischen -Charakter, paßte, der durch und durch barmherzig und nicht rachsüchtig -ist, der auch gegen seine ärgsten Feinde keinen Haß trägt, vielmehr -in jedem Augenblicke bereit ist, zu verzeihen und mehr als das, alles -zu vergessen, was man ihm angetan hat. Was für ein Nutzen ist in dem -Strafgericht? Werden denn die Quäler umkehren auf ihrem Wege, werden -sie denn Reue empfinden, daß sie die Juden ohne Ursache gepeinigt? -Werden sie denn in Zukunft andere Wege wandeln? Wir wissen doch, daß -die Leiden nicht die Sünden der Juden abwaschen; sondern jene erbittern -sich nur noch mehr und gießen die ganze Schale des Zornes über die -Juden aus. - -Wahrscheinlich hätte Abraham gern auf das Strafgericht verzichtet, und -natürlich erst recht auf das „reiche Gut“, er, der seinen wahren Wert -kannte und der mit Stolz zu dem Könige von Sodom sagte: „Ich hebe meine -Hand auf zu dem Herrn, daß ich keinen Faden und nicht einmal einen -Schuhriemen von der Beute nehme.“ Nein, er jagte nicht dem Reichtum -nach, nicht für sich und nicht für seine Nachkommen. Also nicht, um ihn -zu versöhnen, spricht Moses von dem reichen Gute, das unsere Väter aus -Mizrajim führen sollten; sondern es scheint ein wichtiger Hauptpunkt -seines persönlichen Programms gewesen zu sein. - -Und ich beginne ihn und sein System zu verstehen. - -Es ist nicht anzunehmen, daß unsere Väter in Mizrajim ein großes -Volksvermögen besessen haben. Wir kennen ja die ökonomische und -finanzielle Lage jenes Landes nicht genau, aber wenn wir nach ihrer -Staatsordnung urteilen sollen, die auf Sklaverei und auf eine -eigentümliche Bürokratie gegründet war, war sie nicht besonders -glänzend. Ein auf so faulen Grundlagen beruhender Staat konnte nicht -reich werden. Ein freies Volk wird reich, es arbeitet für sich und -fürchtet weder die Konkurrenz von außen noch Schwierigkeiten im Innern; -aber ein faules und dem Trunk ergebenes Volk, das sich auf seine -Knechte verläßt, kann nicht reich werden. Und wenn die Ägypter selbst -so waren, konnten die Juden, ihre Sklaven, nicht wohlhabend sein. Wir -wissen auch, daß das Volk hart und der König starrsinnig war; und in -einem solchen Lande, wo der Judenhaß von allen Seiten drängt, von oben -nach unten und von unten nach oben, von rechts nach links und von links -nach rechts, wo sich die Führer des Volkes bemühen, die Juden vom -Handel, ja überhaupt von jeder Arbeit und Beschäftigung fernzuhalten -- -gab es da irgendeine Möglichkeit, zu Wohlstand zu kommen? Für mich ist -es unzweifelhaft, daß das Volk im ganzen, in seinen breiten Schichten, -ein ganz armes Volk war, jedoch, wie immer im Exil, mit einem kleinen -Häuflein von sehr reichen Leuten, denen es aus verschiedenen Ursachen, -durch ein Zusammentreffen verschiedener günstiger Umstände, geglückt -war, ein großes Vermögen zu erwerben, „reiches Gut“ in ihren Händen zu -sammeln. - -Und dieses reiche Gut war für unser Volk höchst notwendig. Nicht nur, -um es aus Mizrajim hinauszuführen; noch mehr, um es nach Erez-Israel -hineinzubringen und es dort festzusetzen. Denn aus Mizrajim zu -ziehen, war ja noch nicht der schwerste Teil der Aufgabe. Und -Moses befürchtete, und mit Recht, daß die Reichen in Israel, die -wenigen Glücklichen und vom Schicksal Begünstigten, die trotz aller -beschränkenden Gesetze Zeit genug gefunden hatten, um reich zu werden -und ein schönes Vermögen zu sammeln, daß diese nicht einverstanden sein -würden, auszuwandern, und erklären würden, sie wollten in Mizrajim -bleiben. Und die Ersparnisse der Arbeit von 410 Jahren, die Früchte der -schweren Mühen eines ganzen Volkes durch viele Geschlechter würden im -Lande des Elends geblieben sein, das Volk aber hätte mit leeren Händen -in sein neues Land kommen können. Mit leeren Händen gehen, mit leeren -Händen kommen; mit leeren Händen aber ist es schwer, es vorwärts zu -bringen. - -Und darum begann er vom ersten Tage an, wo er kam, um dem Volke im -Namen der zukünftigen Erlösung, im Namen des Vaterlandes zu sprechen, -darum begann er von der ersten Sekunde an auf das „reiche Gut“ zu -dringen, mit dem sie aus Mizrajim ziehen sollten. Und ich stelle mir -vor, daß das auf das große Publikum, auf das Volk, sogleich Eindruck -machte. Das Volk hörte mit Begeisterung seine neuen Worte, die -Verkündigung der Erlösung, und „das Volk glaubte und hörte, daß Gott -der Kinder Israels gedachte und ihr Elend ansah“. Das Volk glaubte, -das Volk hoffte. Aber auf die großen Kapitalisten wirkte die Sache -nicht so schnell. Sie standen abseits; und es dauerte noch lange, -Tage und Jahre, ehe man einsehen lernte, daß die reiche Bourgeoisie -nicht so einfach beiseite geschoben werden könne, daß auch sie zum -Volke gehöre und der Erlösung ~wert~ sei wie das ganze Volk. -Noch länger aber währte es, bis die alten Reichen begriffen, daß auch -sie eine Erlösung ~nötig~ hatten, so wie das ganze Volk, und daß -ihnen ihr reiches Gut am Tage des Gerichtes nichts helfen würde. Wenn -sie sich nicht beeilen würden, aus dem Lande zu ziehen, wenn sie sich -nicht rechtzeitig vor dem Tage des Gerichts eine Ruhestätte inmitten -ihres Volkes bereiten würden -- da müßte langsam, langsam auch ihr Gut -zergehen und ihr Reichtum ein Ende nehmen. - -Es brauchte lange, ehe man all das verstand. Und in dieser Zwischenzeit -scheint es, daß unser Volk in gänzliche Armut geriet. Die Reichen, -die am Beginn von Moses Propaganda sehr reich gewesen waren, hatten -vermutlich Verluste gehabt... Und ~nun~ sahen sie ein, daß -sie entrinnen müßten, der mit einem bißchen Gut und jener mit einem -bißchen. Und das Volk zog aus Mizrajim mit großer Hoffnung auf den -Gewinn von Erez-Israel. Vielleicht war so mancher Reiche unter ihnen, -der nicht aus ganz freiem Willen ging, nur als ob ihn ein böser Geist -triebe. Und diese waren gewiß der Erlösung nicht so ganz würdig. Und -trotzdem reut es mich auch ihrer nicht; sie waren im Volk aufgelöst und -ihr Vermögen blieb in Israel. Wäre es denn besser, sie wären mit ihrem -Besitz in Mizrajim geblieben und die Ägypter wären auf jüdische Kosten -reich geworden? Mit ihrem Gelde hätten sie Pferde und Wagen gerüstet, -ihren Brüdern nachzujagen. - -Und wir müssen zur Ehre unseres Volkes sagen, daß wie damals auch jetzt -nur ganz wenige Leute von ~diesem~ Schlage unter uns sind. Viele -unserer Reichen sind vielleicht zu sehr ~zugeknöpft;~ aber sie -sind doch umgängliche Leute, intelligent und in ihrer Art auch dem -Volke getreu. Nach meiner Meinung sind sie alle der Erlösung würdig -- -daß sie aber eine Erlösung ~brauchen,~ das ist über jeden Zweifel -erhaben. - -Und ich billige das System Moses. Ich billige seine Erinnerungen und -Mahnungen betreffs des „reichen Gutes“: „Und dann werden sie ausziehen -mit reichem Gute!“ - -Aber, wahrhaftig, Moses Programm beginnt sich zu verwirklichen. Unsere -Jugend, die noch vor kurzer Zeit unsere Bourgeoisie so tief verachtet -hat, ist schon klüger geworden und hat eingesehen, daß das Kapital für -uns sehr wichtig ist. Und ich wage zu glauben, daß auch der jüngste -Arbeiter, der erst heute zu arbeiten begonnen hat, die bürgerlichen -Gäste, die nach Erez-Israel kommen, mit Liebe empfängt. Und was noch -wichtiger ist, die Reichen selbst, und gerade die Besten unter ihnen, -sind zu der Einsicht gekommen, daß ihnen eine Erlösung nottut. Daß -es sich lohne, „mit reichem Gute“ nach Erez-Israel zu gehen; daß es -richtig sei, dort für sich selbst und für das Volk etwas zu unternehmen. - -Und sie kommen wirklich. Wenn nicht mit reichem Gute -- das Vermögen -ist einstweilen noch im Ausland --, die Kapitalisten selber kommen -schon. Wir wollen hoffen, daß das Programm Moses, wie es sich -zu verwirklichen beginnt, auch gänzlich durchgeführt wird. Die -Kapitalisten werden sich nicht damit begnügen, daß sie selbst das Land -bereisen; im nächsten Jahre werden sie samt dem „reichen Gute“ kommen. - -Wer anfängt mit der Erlösung, dem sagt man: Vollende! - - - - -VOM AUSZUGE. - - -Um vielerlei guter Werke willen ward Israel aus Ägypten erlöst: -weil sie ihre Namen nicht verändert hatten und ihre Sprache nicht -aufgaben und ihre Geheimnisse nicht verrieten und an der Beschneidung -festhielten. - - * * * * * - -Die Geschichte Pharaos gleicht der Geschichte jenes Sklaven, dem sein -Herr auftrug, auf dem Markte einen Fisch zu kaufen und der einen -stinkenden Fisch nach Hause brachte. Sprach der Herr: Entweder wirst -du selbst den Fisch essen oder du bekommst hundert Peitschenhiebe -oder du zahlst den Fisch. Sprach der Sklave: Ich will ihn essen. Aber -kaum begann er zu essen, da ward ihm übel davon und er sprach: Ich -will geschlagen sein. Noch hatte er nicht fünfzig von den hundert -Peitschenhieben, da rief er: Ich zahle lieber den Preis. So hatte er -den stinkenden Fisch gegessen und war geschlagen worden und mußte -obendrein zahlen. So auch Pharao. Erst wollte er die Kinder Israel -nicht entlassen, wie Gott verlangte, nachher erlitt er die zehn Plagen -und mußte den Juden Kostbarkeiten mitgeben und sie doch wegschicken. -Als die Ägypter im Meer versanken, wollten Gottes Engel Triumphgesänge -anstimmen. Da sprach Gott: Die Geschöpfe meiner Hände versinken im Meer -und ihr wollt Lieder singen vor mir? - - - - -DIE ORDNUNG BEIM SCHLACHTEN DES PESSACHOPFERS. - - -Das Opfer wurde in drei Abteilungen geschlachtet. Denn es heißt: Und -schlachten soll es die ganze Gemeinde der Versammlung Israels zwischen -den Abenden. „Gemeinde“ ist eins und „Versammlung“ eins und „Israel“ -eins. Trat die erste Abteilung ein und hatte sich der Tempelvorhof -gefüllt, so schloß man die Türen des Vorhofs. Sie stießen in die -Posaune und erhoben ein Freudenjauchzen und stießen dann abermals in -die Posaune. - -Die Priester aber standen reihenweise und hielten in den Händen -silberne Schalen und goldene Schalen; eine Reihe hatte lauter silberne -Schalen und eine Reihe hatte lauter goldene, und nicht waren sie -gemischt. Und die Schalen hatten keine flachen Böden, damit sie sie -nicht hinstellen könnten und das Blut so gerinne. - -Hatte ein Israelit geschlachtet und der Priester das Blut in der Schale -aufgefangen, so gab er sie seinem Nachbarn und sein Nachbar wieder -seinem Nachbarn; der nahm die volle Schale in Empfang und gab die leere -zurück; der Priester, der dem Altar am nächsten stand, sprengte sie mit -~einer~ Sprengung gegen den Grund des Altars. - -Ging die erste Abteilung hinaus, so trat die zweite ein; ging die -hinaus, dann trat die dritte ein. Und nach der Weise der ersten -Abteilung traten die zweite und dritte. - -Sie lasen das Hallelgebet. Wenn sie zu Ende waren, so wiederholten -sie es; wenn sie es wiederholt hatten, lasen sie es zum drittenmal; -doch kam es hierzu niemals. Rabbi Juda sagt: Niemals kam die dritte -Abteilung bis zu den Worten: „Ich liebe es, denn der Herr erhört“, weil -bei dieser Abteilung nur mehr wenig Opfernde waren. - -Wie hängten sie die Peßachopfer auf und häuteten sie ab? Haken aus -Eisen waren in die Wände eingeschlagen und in die Säulen, an denen sie -aufhängten und abhäuteten. Für die, welche keinen Platz mehr fanden, -waren dünne, glatte Stäbe und man legte einen auf seine Schulter und -auf die Schulter seines Nachbarn und hängte daran auf und häutete ab. - -Man riß das Peßachlamm dann auf und nahm seine Opferteile heraus, legte -sie in eine Schüssel und ließ sie in Rauch aufgehen auf dem Altar. - - - - -PESSACH IN JERUSALEM ZUR RÖMERZEIT. - - So wie Marcus, römischer Konsul, Richter der Juden, der zur Zeit - des zweiten Tempels in Jerusalem weilte, es selbst gesehen und - beschrieben hat. - - -Folgendes ist die Ordnung des Peßachopfers, wie ich es zum Teil selbst -gesehen, im übrigen aber genau gehört habe: - -Zu Beginn des Monates, der bei ihnen Nissan heißt, gehen Boten und -Gesandte im Auftrage des Königs und der Richter nach allen Gegenden um -Jerusalem an alle Besitzer von Schafen oder Rindern mit dem Befehl, -ihr Vieh schleunigst nach der Stadt zu bringen, damit die Peßachpilger -ausreichend Opfertiere und auch Speise finden; denn des Volkes ist sehr -viel. Wer aber nicht zur rechten Zeit kommt, dessen gesamter Besitz -wird zugunsten des Tempels eingezogen. So ziehen denn alle Besitzer von -Herden eiligst heran und lassen ihr Vieh durch den Bach nahe der Stadt -gehen, um es zu baden und von allem Schmutz zu säubern. Denn sie wenden -hierauf ein Wort Salomos an: „Von der Schwemme kamen sie.“ Wenn sie an -die Berge rings um Jerusalem kommen, sind ihrer so viele, daß man das -Gras nicht mehr sieht: alles ist weiß von dem Schimmer der Vließe. Und -wenn der zehnte Tag kommt -- am vierzehnten bringt man das Opfer dar ---, gehen alle hinaus, um das Opfertier einzuhandeln (sie nennen es -Peßach). - -Wenn sie aber zur Vollbringung des Dienstes hinausgehen, sagt nie einer -zum andern: „Trolle dich fort!“ oder „Mach Platz, daß ich vor dir an -die Reihe komme!“ Und wäre selbst einer ihrer Könige, Salomo oder -David, der letzte daran. Als ich ihre Priester darauf hinwies, daß das -doch ungehörig sei, sagten sie mir: „Das soll andeuten, daß vor Gott -kein Stolz und Rang gilt, weder während der Vorbereitung zum Dienst -noch -- erst recht -- beim Dienste selbst. Da sind alle vor ihm gleich -zum Guten.“ - -Wenn nun der vierzehnte Tag des Monats anbricht, steigen sie auf einen -hohen Turm im Tempel (die Hebräer nennen ihn Lul), der erbaut ist -wie bei uns die Glockentürme. In den Händen tragen sie drei silberne -Trompeten, auf denen sie blasen; dann verkünden sie laut rufend: „Volk -Gottes, höre, die Zeit ist gekommen, das Peßachopfer zu schlachten zu -Ehren dessen, der seinen Namen im Heiligtume ruhen ließ!“ Und wenn das -Volk diese Ankündigung hört, zieht es Festgewänder an; denn von Mittag -an ist für alle Juden Feiertag. - -An einem Eingang der großen Halle im Tempel stehen von außen zwölf -Leviten mit silbernen Stäben und zwölf von innen mit goldenen Stäben. -Die von außen haben die Kommenden zu beruhigen und zu dirigieren, -damit niemand durch zu große Hast zu Schaden komme und nicht alle -auf einmal herzudrängen und in Streit geraten. Es ist nämlich einmal -vorgekommen, daß am Peßach ein alter Mann mitsamt seinem Opfer in dem -großen Gedränge erdrückt wurde. Die Leviten aber, die innen stehen, -haben die Hinausgehenden zu beaufsichtigen, damit sie nicht stoßen. -Auch schließen sie die Tore der Halle, wenn sie sehen, daß mehr Leute -hineinkommen als zugleich Platz haben. - -An der Schlachtstelle aber stehen viele Reihen von Priestern mit -silbernen und goldenen Schalen in Händen. Wenn eine Reihe mit Silber -beginnt, ist sie durchaus mit Silber, wenn mit Gold, ist sie durchaus -mit Gold: so ist es um der Pracht und der Schönheit willen. Jeder -einzelne von den Priestern schöpft eine Schale Blut vom Schlachttier -und reicht sie dem nächsten, dieser reicht sie weiter und so fort bis -an den Altar. Der letzte aber am Altar reicht die Schale leer zurück, -der nächste reicht sie weiter und so fort, bis jeder Priester eine -volle Schale bekommen und eine leere Schale zurückgegeben hat. Das -geht ohne jede Unterbrechung und Aufenthalt, denn sie sind in dieser -Verrichtung flink und gewandt, so daß die Schalen hin- und herlaufen -wie Pfeile vom Bogen eines Kriegers. Sie haben sich ja schon dreißig -Tage vorher in dieser Arbeit eingeübt und genau darauf geachtet, wo -etwa eine schwache Stelle wäre. - -Dort stehen auch zwei hohe Säulen, auf denen zwei Priester mit -silbernen Trompeten postiert sind. Sie blasen zu Beginn der -Opferhandlung, um den Priestern auf der Kanzel ein Zeichen zu geben, -daß sie den Lobgesang anstimmen mit klangvollen und dankerfüllten -Tönen, mit allen Musikinstrumenten; an diesem Tage werden alle -Instrumente verwendet. Auch der Opferer fällt in den Lobgesang ein. -Ist das Opfer aber noch nicht beendigt, so wird der Lobgesang nochmals -angestimmt. - -Nach dem Schlachten geht man hinaus in die Hallen; dort sind die Wände -ringsum mit eisernen Haken und Zinken versehen, an denen man das -Opfertier aufhängt, um es abzuhäuten. Auch viele Stäbe gibt es dort; -denn falls kein Haken frei ist, nimmt man zum Abhäuten einen Stab. -Sodann gibt man ab, was für den Altar gebührt, und geht leichten und -fröhlichen Mutes fort, wie ein Sieger im Kampf. Denn das Peßachopfer -nicht zur rechten Zeit dargebracht zu haben, gilt als ewige Schande. - -Die Priester tragen während dieser Diensthandlung rote Gewänder, damit -man das Blut nicht sieht, das auf sie spritzt. Das Kleid ist kurz -und reicht nur bis zu den Knien, sie sind auch barfuß und ihre Ärmel -reichen nur bis zum Oberarm, alles, damit sie während der Verrichtung -nicht behindert sind. Auf dem Haupte tragen sie eine hutartige Mütze, -um die drei Ellen Tuch wie ein Turban gewunden sind. Der Hohepriester -aber hat, wie man mir gesagt hat, einen vierzigfach gewundenen weißen -Turban. Die Öfen, in denen das Opfer gebraten wird, sind nahe dem -Eingang; man erklärte mir, dies diene dazu, den Glauben und die Freude -an dem Feste recht öffentlich und allgemein zu machen. Wenn es gebraten -ist, essen sie es mit Singen und Jubeln; noch aus der Ferne hört man -ihre jauchzenden Stimmen. Und in den Peßachnächten werden wegen der -vielen Fremden an keinem Tore von Jerusalem die Türen geschlossen; -die Juden sagen, zu Peßach seien doppelt so viel Menschen da, als aus -Ägypten zogen. - - - - -DER TAUSCH. - -Von ~Mendele Mocher Sforim~. - - -Im Monat Adar, sagt der Talmud, freut man sich. Der Schnee schmilzt, -auf allen Wegen liegt tiefer Schmutz und ehrliche Juden, abgerissen und -schmierig, beginnen nachzudenken, woher sie Geld für die Peßachfeier -nehmen sollen -- die Zeit unsrer Freude ist da! - -Um diese Zeit erhielt ich einen Brief von einem Glupsker Bekannten, -ich solle doch ja so bald als möglich zu ihm kommen, mit Sack und -Pack, mit dem Planwagen und den Bücherbündeln, um einen Tausch zu -machen: er wolle mir für meine alte Ware neue geben, Sammelbücher, -Unterrichtswerke, Gedichte, Bilder und Skizzen, hochinteressante -Romane, psychologische, ökonomische und soziale Erzählungen, dazu feine -und kunstvolle Gegenstände von mancherlei Art, Chanukahlampen und -dergleichen mehr. Mein Bekannter in Glupsk betreibt vielerlei Geschäfte -mit wenig Segen. Er ist Buchhändler und Makler und auch ein Stückchen -von einem Schriftsteller und Verleger, und dazu ein armer Teufel, -~das~ aber in reichem Maße. Um ehrlich zu sein: ich habe sein -Anerbieten nicht ganz ernst genommen, denn ich wußte ja, daß er im -Notfall -- er nehme es mir nicht übel -- ein Lügner sei, wie das ja oft -bei Kaufleuten so geht, die in Kauf und Verkauf das Maß „verbessern“: -ihre Ware ist pures Gold, die des andern schlechtes Blech. - -So habe ich also von seinem Briefe, der die alte Ware in Grund und -Boden verdammte und die neue über den grünen Klee lobte, nicht viel -Aufhebens gemacht. Dann aber überlegte ich, daß es am Ende doch so -übel nicht wäre, nach Glupsk zu fahren. Wozu sollte ich meine Ware so -lange festhalten? Wohl möglich, daß die andere schlechter, daß sie ganz -wertlos war; aber besser oder schlechter -- man muß handeln. Mag der -Besen schlechter sein -- wenn er nur neu ist! - -Ich beschloß also, schleunigst abzureisen, um noch zu Purim nach Glupsk -zu kommen und die berühmten Glupsker Purimspieler zu sehen. Alle Tage -des ganzen Jahres sind sie arme einfältige Gesellen, zu Purim aber sie -sind klug und geistreich, und Wortspiele fallen da wie die Tropfen -wenn es regnet. Es war mir aber nicht beschieden, da ich noch einige -Zeit daheim verweilen mußte. Als ich dann so weit war, gedachte ich zu -Peßach wieder daheim einzutreffen. So sorgte ich noch vor der Abfahrt -dafür, mein Haus mit all den guten Dingen zu versehen, die man zu -diesem Feste braucht. Ich empfahl meiner Frau, um Gottes willen an -nichts zu sparen, nicht an Rosinen und nicht an Wasser, und einen -Rosinenwein zu bereiten, den ein König nicht verschmähen müßte. „Und -kaufe auch einen Sack Kartoffeln und Gänseschmalz und einen recht -wohlgenährten Truthahn. -- Wie? Das Geld wird nicht reichen? Darum -mache dir nur ja keine Sorgen. Versetze deinen Schmuck, das oder jenes -Einrichtungsstück; Gott wird hoffentlich mit mir sein, und wir werden, -wenn ich in Frieden heimkehre, ein fröhliches Peßachfest feiern, -Rosinenwein mit Lakritzen trinken und lustig sein.“ - -So wurde alles besorgt. Allein Gott sandte Regen und Schnee über die -Welt, ein Gemisch von Wasser und nassen Eiskörnern, und der Weg wurde -unwegsam für Wagen und Schlitten, zu Pferd wie zu Fuß. Ich schleppte -mich mit Mühe und Not eine Viertelmeile täglich vorwärts. Jeder Schritt -kostete mein armes Pferdchen blutigen Schweiß. Es schleppte sich ein -paar Schritte, fiel, stand auf, ging wieder ein paar Schritte und -fiel abermals. Und ich Unseliger stapfe nebenher durch den Morast, -beschmutzt vom Kopf bis zum Fuß wie ein Teufel, gleite aus und falle, -falle und ächze. - -Ich ächzte nicht nur für mich, sondern auch für mein Pferd. Wie kam -mein armes Pferdchen dazu, sich so quälen zu müssen? Und wem zuliebe -mußte es sich quälen? ~Mir~ zuliebe, der ich mit einem Schlage -alle alten Ladenhüter los werden wollte. Einen ganzen Wagen hatte ich -damit angestopft, mehr als das arme Tier erzog, ohne Mitleid, ohne -einen Gedanken an seine Qual. - -Solange es seine Leiden noch ertrug, ging und fiel, fiel und aufstand, -sich fast aus seiner eigenen Haut zog und doch ging, stellte ich mich -gefühllos, zeigte ihm die Peitsche, rief und schalt. Als aber das -Pferdchen endlich ganz und gar in einen Sumpf geriet, irgendwo unter -einem Berge, sich im Schmutz ausstreckte, so lang es war, die Füße -von sich spreizte und liegen blieb, ohne auch nur ein Glied noch zu -rühren, da meldete sich mein jüdisches Herz mit einer Moralpredigt: Du -törichter, dummer Kerl, du nimmst eine ehrliche Kreatur und verkümmerst -ihr das Leben mit schwerer Arbeit, mit unendlichen vielen schweren -Bündeln von Büchern, von ~Makulatur~! Alles hat doch Maß und Ziel! -Ziegel und Steine kann man nur bis zu einem bestimmten Maße einem Pferd -aufladen, sonst erträgt es sie nicht; und du hast deinem Pferdchen, -einem elenden Geschöpfe, die ganze Masse der Jüdischkeit, das ganze -Joch aller jüdischen Bündel aufgelegt! Was ist das Ende? Das gute Wesen -plagt sich, keucht, reibt sich auf, kann sich nicht mehr vom Fleck -rühren und ringt mit seiner Seele. Schau es an, wie es daliegt, ohne -ein Lebenszeichen zu geben. Wie ein toter Körper! - -Doch was hilft das alles, was nützt Leid und Reue? War es zuerst -~wie~ ein toter Körper, so war es nachher wirklich und wahrhaftig -einer. Mein Pferdchen war verendet! - -Dort und damals war ich wie ein Kapitän, dem sein Schiff mitten im Meer -untergeht. Allein und verlassen stand ich mitten auf der Straße und -ein Meer von Schmutz dehnte sich um mich herum. Das Pferdchen lag tot -im Sumpf, der Wagen steckte bis über die Achsen im Morast; und morgen -ist Erew Peßach, und in meiner Seele ist’s bitter und trüb. Was sollte -ich tun? Aber ein Jude hat doch einen Gott; wenn es schon ganz schlimm -wird, erinnert man sich seines lieben Namens. So tat auch ich. Es war -die Zeit des Minchah-Gebetes. So wandte ich denn mein Angesicht gen -Osten, sagte „Pithum Haktoreth“ und betete langsam und mit Inbrunst, -so lange, bis die ersten Sterne aufschimmerten. Der Heilige, gepriesen -sei er, hörte mein Gebet, zeigte mir etwas wie ein fernes Feuer und gab -mir den Gedanken ein, dorthin zu gehen, wo es leuchtete. So kroch ich -auf Händen und Füßen lange zwei Stunden, bis ich auf eine Hütte stieß, -wo einer am Waldesrand wohnte. Der Mann blickte mich zuerst wild an, -als er aber sah, daß ich in Furcht und Zagen vor ihm stand und den Kopf -hängen ließ, wurde er weicher und gewährte mir Gastfreundschaft. Er -bewirtete mich mit gebratenen Kartoffeln und einem Glas Tee und wies -mir zur Nacht einen Platz im Schuppen an. Am andern Morgen bat ich -ihn dringend, ein Paar Ochsen an meinen Wagen zu spannen und mich nach -Bojberik zu fahren, was die nächste Stadt war. Dafür erlaubte ich ihm, -außer seinem Lohn, das Fell meines toten Pferdchens abzuziehen und noch -als Andenken die Hufeisen zu behalten. Ich tat das des Friedens wegen. -Er sollte nicht sagen, daß man einem Juden nichts Gutes erweisen dürfe, -weil er nicht zu danken verstehe. - -So kam ich in der Abenddämmerung nach Bojberik, als keine lebende Seele -mehr auf der Straße war; groß und klein war bereits in den Bethäusern -versammelt. Aufrichtig gesagt, war mir das sehr angenehm; ein Jude -steckt doch gern in alles seine Nase, will alles mit der Hand anfühlen, -ein Jude will doch alles wissen. Und nun kam ich, ein bekannter Jude, -Mendel der Buchhändler, mit einem Paar Ochsen dahergefahren! Natürlich -würde man mit Kind und Kegel zusammengelaufen sein und mir einen -festlichen Empfang mit Hoch und Hurra gemacht haben. Ich bin aber doch -ein einfacher Jude, ein gewöhnlicher Mensch, und scheue soviel Ehre. - -Ich habe in Bojberik einen Bekannten und guten Freund aus alten Tagen -her; er ist Buchhändler wie ich und in allen Orten, wo Juden wohnen, -wohlbekannt unter dem Namen Hendel Bojberiker aus Bojberik. Vor Hendels -Haus ließ ich mich führen. Während des Fahrens hatte ich Zeit, mich in -Gedanken zu versenken. Ochsen sind bekanntlich keine Schnelläufer, sie -gehen Schritt vor Schritt, bedächtig, langsam, ohne Eile, wiederkäuend. -Ich saß im Wagen und kaute auch nochmals alle die Begebenheiten durch, -die mich unterwegs getroffen hatten. Ich sinnierte und sehnte mich -nach meinem Haus, nach Weib und Kindern. Das Herz tat mir weh, da mir -das Fest zerstört war, da ich nicht wie ein König neben meiner Königin -obenan sitzen würde. Ich gedachte auch des Truthahns: wahrscheinlich -war es ein fetter, feiner Truthahn, ein wahres Labsal! Und ich sehnte -mich inniglich... Die Ochsen tappten, krochen durch Gassen und Gäßchen, -bis sie endlich vor Hendels Haus stehen blieben. - -Eine Weile stand ich mit beklommenem Herzen vor der Tür. Ich stand wie -ein Armer an der Tür des Reichen: „Werde ich ihn nicht bei schlechter -Laune antreffen? Wird er mich nicht scheel ansehen?“ Aber was tut nicht -ein Jude vor Not? Vor Not bemüht er sich um fremde Menschen, vor Not -wird er ein Gast. Ich fasse mir Mut, strecke die Hand aus und öffne -die Tür, öffne sie leise und langsam, und sie knarrt. Ich drücke leise -und sie knarrt, als ob sie etwas zu fordern hätte. So kam ich in den -finstern Hausflur; und alsbald regten sich die Leute und machten mir -einen Empfang: sie empfingen mich mit lautem Freudengeschrei und wie -berauscht vor Wonne. Ich konnte gar nicht verstehen, was mit ihnen los -war. Eins läuft in die Stube hinein und ruft: „Gekommen!... Er ist -da, er ist da!“ Ein zweites schreit ganz außer Atem: „Ein Licht, ein -Licht, steckt ein Licht an!“ Ich höre eine Frauenstimme, zuckersüß, -voll Anmut und Liebenswürdigkeit, und eine Frau kommt herausgeeilt, -umarmt, küßt und halst mich -- beinahe. Sie schwatzt, spricht liebe- -und vorwurfsvolle Worte durcheinander, freut und erbost sich zugleich: - -„Welcher Gast, welch seltener Gast!... Weshalb kommst du so spät? Bin -ich nicht auch so gut wie andere Leute?“ - -Ich stand verdonnert da, wie ein Nachtwandler, aber als ich endlich -den Mund auftat und antworten und erzählen wollte, was mir passiert -war, entzündete man eine Kerze -- und wir standen alle erstarrt und mit -offenem Munde da wie Golems. Wahrhaftig, eine schöne Szene! - - * * * * * - -Die Sache verhielt sich so: Hendel war auf Geschäftsreisen gegangen. -Er sollte zu Sabbath Hagadol, dem Sabbath vor Peßach, heimkommen und -war nicht eingetroffen. Da war seine Familie sehr traurig gewesen. -Als ich nun in der Dunkelheit eintrat, dachten die Kinder, es sei der -Vater, und die Frau glaubte, ihr Mann sei zu Peßach gekommen; da gab es -Freude und Aufruhr, als sie aber den Irrtum merkten, blieben sie mit -aufgerissenen Augen und Mündern stehen. - -Auch der Frau Hendels war das Fest zerstört, da ihr Mann zu Peßach -nicht da war und sie keinen König hatte. Andererseits aber dankte -sie Gott und pries seinen Namen, daß er ihr doch einen bekannten -Menschen beschert hatte, den Seder zu halten. Sie geleitete mich zu dem -Hessebett und „machte mich zum Könige an Hendels Statt“. - -Auch ich dankte dem Höchsten und lobte ihn, der an mir Wunder getan -hatte. Er hatte mich aus der ruhelosen Verbannung nach Bojberik -gebracht, daß ich wie ein König dasaß, Bitterkraut und Eier und Fisch -und Knödel aß und für Hendel und Hendels Weib die Hagadah las, mit -lautem Preis und Lobgesang: Hallelujah! - -[Illustration] - -Jedoch nicht an mir allein geschah solch ein Wunder, daß ich, ungeahnt, -wie ein König dasaß. Wie ich einige Tage später erfuhr, war auch -Hendel dasselbe Wunder, derselbe Peßach zuteil geworden. - -Hendel Bojberiker hatte seinen Wagen mit Büchern vollgepackt und war -von Bojberik abgefahren, wie er alljährlich vor Peßach zu tun pflegt. -Und so geschah Hendel dasselbe, was Mendel geschah: Schnee und Regen, -Sumpf und Morast, Pfützen und Gräben, Kummer und Leiden den ganzen -Weg entlang. Auch sein Pferd ging und fiel, stürzte und wälzte sich -im Schlamm. Und wenn es mit dem Leben davonkam und nicht umkam, so -verdankte es das wahrhaftig nicht seiner Heldenkraft, denn es war dürr -und ausgemergelt, hinkte und hatte eine Beule auf dem Auge -- mein -Pferdchen war nach aller Meinung im Vergleich zu jenem gesund und -schön. Nur ist der Morast in den Gegenden, durch die Hendel kam, dünner -und verursacht nicht so unglückliche Folgen wie der dichte Sumpf um -Bojberik und Glupsk. So zog Hendel langsam mit seinem Pferdchen dahin, -kroch mit Mühe und Not vorwärts und gelangte genau am Erew Peßach nach -Kabzainsk. So fuhr er noch am Abend vor mein Haus, hielt ganz fein bei -meiner Frau den Seder, saß auf meinem Hessebett und war König an meiner -Statt, glücklich und zufrieden, daß Gott ihm einen Ruheort gegönnt -hatte. - -Das erzählte mir Hendel selbst, als wir einander nach dem Feste in -der Hälfte des Wegs begegneten; und wir krümmten uns vor Lachen, als -wir von dem Tausch erfuhren. Aber als ich begann, ihm von meiner Reise -nach Glupsk zu erzählen, um dort alte Bücher für neue zu tauschen, zog -er ein saures Gesicht, schüttelte bedenklich den Kopf und sagte dann: -„Du magst Gott danken, daß du mit dem Pferdchen davongekommen bist. Ein -ganz schöner Sündenbock!“ - -Ich sah ihn groß an. „Was siehst du mich an, Mendel?“ rief er. „Ich -sage dir: wohl dir, daß dein Pferdchen umgekommen ist! Denn so bist du -vor der Reise nach Glupsk und vor einem übeln Geschäft behütet worden. -Du kannst zufrieden sein, daß es dir nicht gelungen ist, jene Ware zu -kaufen. Ich beneide dich: du darfst jetzt hoffen, den Buchhandel ganz -los zu werden. Zum Teufel mit den Scharteken, alten und neuen! Wie -gut wäre es, hätte auch mein Pferdchen ein böses Ende genommen, ja, -womöglich schon vor einem Jahre! So hätte ich von der neuen Ware nichts -gewußt und hätte mein Geld nicht verloren. Nein, Mendel, ich wiederhole -dir: es ist ein Glück für dich, daß dein Pferdchen verreckt ist.“ - -Wenn ihr aber glaubt, Hendels Zorn sei echt gewesen, so seid ihr im -Irrtum. Hendel handelt noch immer mit Büchern wie seit jeher, und auch -ich bin ein Buchhändler geblieben wie zuvor. Ja, damals, mitten auf dem -Weg, als Hendels Zorn ein wenig verflogen war, haben wir stehenden -Fußes einen Tausch gemacht: ich gab ihm philosophische Bücher, Artikel -und Predigten, und er gab mir Klagelieder und Trauergesänge. Denn für -Klagelieder und Trauergesänge war die Zeit gerade recht: es ging gegen -den Frühling, überall fing es an zu grünen und zu sprießen, und unsere -jüdischen Brüder bereiteten sich zu Klagen, Weinen und Fasten. - - - - -DAS PESSACH DER SAMARITANER. - -Aus einem Gespräch mit ihrem Hohepriester. - - -Wir feiern das Peßachfest sieben Tage lang. Der erste und der siebente -Tag sind Feiertage, wo wir wie am Sabbath von jeder Arbeit ruhen, die -Tage dazwischen sind Halbfeiertage. Unsere Mazzoth backen wir für jeden -Tag neu, und zwar auf einer Bratpfanne; wir lassen sie nicht säuern, -Salz aber tun wir hinein, denn Salz ist einer der sieben Bünde, die -Gott mit Israel schloß. Es heißt ja: „Laß Salz nicht fehlen, den Bund -deines Gottes.“ - -Die sieben Tage lang wohnen wir alle in Zelten auf dem Berge Garisim, -jede Familie in einem besonderen Zelt, und da ist noch ein großes -Zelt für die ganze Gemeinde. Bei Sonnenuntergang am Erew Peßach -bringen wir das Peßachopfer auf dem Altare, der jedes Jahr für diesen -Zweck errichtet wird. Zuerst erklären wir Priester der Gemeinde in -hebräischer und arabischer Sprache den Sinn und die Entstehung des -Festes, dann beten wir ein besonderes Gebet in arabischer Sprache für -unsern König und Herrn, den Sultan. Dann schlachten die Schlächter die -Schafe, von jeder Familie eins. Wenn die Tiere abgehäutet, die Gedärme -und die Spannader herausgenommen und Salz daran getan ist, wird ein -hölzerner Spieß durch das Maul durchgestoßen. So wird das Opfer in -eine große Grube gelegt, die im Berge ausgegraben ist und worin Feuer -angezündet wird. Die Öffnung der Grube wird dann mit Lehm verschlossen -und das Peßachopfer darin drei Stunden lang gebraten, das Haupt mit -den Schenkeln und Eingeweiden. Um Mitternacht aber essen wir es mit -Lied und Gesang. Und du magst mir glauben, mein Freund, daß es herrlich -schmeckt wie Manna, besser als alles Gebratene und jede köstliche -Speise, die man an jedem beliebigen Tage bereiten kann. Und doch ist -unser Peßachopfer nur wie eine Ahnung von dem wahren Peßachopfer, -das wir darbrachten und das wir wieder darbringen werden, wenn das -Heiligtum an seinem Platze errichtet sein wird. - -Am Morgen des Festtags herrscht eitel Freude bei uns; einer bittet den -andern um Vergebung alles Unrechts, damit Liebe und Freundschaft unter -uns sei. Und im Gemeindezelt trinken wir Wein und essen süße Speisen, -um den Tag recht zu feiern. Am Morgen nach dem Feste aber kehren wir -nach Sichem heim, wie es in der Thorah heißt: „Frühmorgens sollst du -dich wenden und in dein Zelt kehren.“ - - - - -DER SEDER. - -Von ~S. J. Agnon~. - - -Als Jechiel-Michal, der Schuldiener, mit seiner heiligen Arbeit fertig -war und aus dem alten Beth-Hamidrasch trat, um nach Hause zu gehen, -war er besonders froh: Gott sei Dank, nun war die Zeit der vielen -Vorbereitungen zum Feste vorbei, die mannigfachen Lasten, die Gott ihm -auferlegt hatte, waren von ihm genommen; nun konnte auch er etwas von -der Festfreude spüren und, nach Gottes Gebot, einen Seder machen, wie -jeder Mann in Israel. - -Aber als er so stand und die Tür des Beth-Hamidrasch verschloß -- über -ihm leuchtete das Licht ~dieses~ Abends --, da erfaßte ihn eine -leichte Kühle und fast begann er, an allen Gliedern zu zittern. Und -Jechiel-Michal versuchte das Schloß, sperrte auf und zu, zu und auf, -um zu sehen, ob er richtig geschlossen hatte. Er nahm die Schlüssel -in die Hand und ging in gedrückter Stimmung heim. Denn er hatte sich -erinnert, wohin er ging, und ihm war schwer zumute. Einsam würde er in -seinen vier Wänden sitzen, auf seinem zerrissenen Kissen, das schon -so viele Jahre keine Frauenhand berührt hatte, um es zurechtzulegen; -und so wie vorm Jahre würde er in der Hagadah lesen, deren Blätter -von Wein befleckt sind -- der Wein aber war an jenem Peßachabend aus -seinem Becher getropft, als er das Fest bei seinem Schwiegervater, an -der Seite seiner frommen seligen Frau gefeiert hatte. Er würde halbgare -Gerichte verzehren, die er selbst erst mühsam anwärmen mußte; ach, wie -schlimm ist es, wenn der Mensch allein ist! - -Zwar hatten ihn viele wohlhabende und angesehene Leute eingeladen, an -den Peßachabenden zum Seder bei ihnen zu bleiben. Seit Schuschan-Purim, -dem Tag nach dem Purimfest, hatten sie ihm gesagt: „Wie kann nur ein -Jude am Festtag einsam sitzen? Es ist ja ein Glück, Reb Jechiel-Michal, -daß in dieser Nacht böse Geister keine Macht haben; trotzdem aber -solltet Ihr die Freude unseres Befreiungsfestes nicht verschmähen, -nicht verschmähen, Euch in den Frieden eines jüdischen Hauses zu -begeben. Erscheint denn Euch dieses Fest als eine geringe und -unwichtige Angelegenheit? Und wenn ein Jude einsam sitzt, ohne Familie, -ohne Verwandte und Freunde, dann hüllt ihn Trauer ein, Gott bewahre uns -vor ihr! Trauer ist die Hefe im Teig, sie ist der wahre Chamez. Und -Chamez am Peßach: davor beschütze uns Gott!“ - -Nicht so aber war es mit Jechiel-Michal. Er ist ja nur ein Schuldiener, -ein einfacher Schuldiener, macht Botengänge für Fremde: aber doch ist -er ein Mann in Israel. Er würde seinen Feiertag nicht durch Trauer -entweihen, er würde seine Welt nicht dadurch finster machen, daß er -an einem fremden Tische säße. Er ist ein Jude, und auch er war unter -denen, die aus Mizrajim zogen. Und seine Seele, das weiß Gott, stammt -sicherlich und wahrhaftig nicht vom Erew-Raw, von dem ägyptischen -Gesindel, das sich an die ausziehenden Israeliten hängte. Nur aber -- -die Hausfrau fehlte ihm. - -Den ganzen Tag ist er im Dienste der Gemeinde beschäftigt, heizt den -Ofen im Beth-Hamidrasch, zündet die Kerzen an und ordnet die Bücher; -so geht der Tag vorüber und die Nacht kommt. Und am Abend, wenn er -heimgeht, hungert ihn, ehe er sich etwas zum Abendbrot gekocht hat; -denn er hat den ganzen Tag nichts gegessen, außer trockenen Dingen -- -höchstens einen Apfel. Und ein Jude soll ja jeden Tag etwas Gekochtes -essen! Aber ehe er sich ein Gericht bereitet hat, vergeht ihm die -Eßlust, und er ißt niemals mit Behagen. - -So grübelte er im Gehen und litt darunter. Denn es ist ja ein -gottgefälliges Werk, am Peßach, dem Feste der Befreiung, froh zu sein. -Und er wußte, daß der Böse all diese Bitternisse über ihn gebracht -hatte, nur um ihn in Traurigkeit zu verletzen. Und Jechiel-Michal spie -aus, als ob -- Gott bewahre! -- ein Stäubchen Chamez in seinen Mund -gekommen wäre und er es ausspucken wollte, noch während er es im Munde -hatte. - -[Illustration] - -Es war so. Die Hausfrau fehlte ihm, die Hausfrau. Und als er zu diesem -Schluß gekommen war, nahm er die Schlüssel fest in die Hand und schritt -rasch dahin, wie der Königssohn, der auf den Palast zueilt, wo seine -Braut, die allerschönste Prinzessin, ihn erwartet. - -Auf einmal aber öffnete sich vor ihm ein Fenster, und er hörte die -Stimme einer Frau: „Guten Abend, Reb Jechiel-Michal!“ Und er erwiderte: -„Guten Abend, Sara-Lea!“ - -Er dachte, sie wolle ihn nach dem Jahrzeittage ihres Mannes fragen. -So blieb er ihr gegenüber stehen. Unmerklich aber gerieten sie ins -Plaudern. Sie erzählte ihm, wie schwer das Peßachfest für sie sei. -Sie habe ja zwar alle Vorbereitungen getroffen, es fehle nichts; aber -schließlich sei sie ja doch bloß eine Frau. Sie besitze ja alles, was -zur richtigen Feier des Seder gehöre; jetzt aber sei sie doch genötigt, -sich an Fremde zu wenden. Und doch sei es genug, wenn sie das ganze -Jahr ihre Nachbarn bemühe, wenn sie zu ihnen komme, um von ihnen, in -ihren Häusern, Kiddusch und Hawdalah zu hören. - -„Ich bitte Euch,“ begann Jechiel-Michal, „es ist doch eine Mizwah, eine -gottgefällige Handlung, es ist eine verdienstliche Tat um Lebende und -Tote.“ - -[Illustration] - -„Ach,“ sagte Sara-Lea, „Mizwah! Glaubt Ihr, solche fromme Handlungen -seien so leicht? Ein Jude steckt den ganzen Winter über in seiner -Arbeit, sieht Frau und Kinder keinen Augenblick; da kommt Peßach, da -kommt ein bißchen Ruhe und Muße, da will er beisammensitzen mit Frau -und Kind; niemand stört ihn -- und plötzlich, am Seder, überfällt ihn -eine elende Witwe. Gott bewahre mich davor, mit den Lippen zu sündigen --- aber was soll ich sagen? Die Zeiten sind schlecht geworden, eine -Schwäche ist über die Welt gekommen. Früher, in der alten Zeit... O, -in der alten Zeit brachte ein Jude viele Gäste mit heim, gab ihnen -zu essen und zu trinken und niemandem wäre es eingefallen zu sagen: -‚Es wird uns zu eng hier.‘ Bei meinem seligen Vater war immer eine -ganze Gemeinde zum Sederabend. Und hat denn in meinem Hause je ein -Gast zum Sederabend gefehlt? Mein seliger Mann ist nie ohne einen -Gast aus dem Beth-Hamidrasch heimgekommen. Und was fehlt mir jetzt? -Wein ist, Gott sei Dank, da, sogar ein Becher mehr als nötig, Mazzoth -und sogar Mazzah-Sch’murah, Fleisch und Charoßeth genug für alle -Gottesfürchtigen. Was fehlt mir aber? Einen Truthahn habe ich für -Peßach geschlachtet, die Flügel hingen ihm vor Fett zu Boden. Seit -Purim schon sagten die Leute: ‚Sara-Lea, bindet ihn um Gott nicht -an einen Fuß Eures Bettes; wer weiß sonst, wohin Euch dieser Hahn -verschleppt?‘ Aber was fehlt mir? Ein Mann in Israel. Ja, wenn die -Frau im Hause ihres Mannes ist...! Aber mein seliger Mann sitzt in der -himmlischen Wonne und genießt die Herrlichkeit Gottes; ich dagegen -muß mich von Sabbath zu Sabbath, von Ort zu Ort drücken, nur um ein -jüdisches Wort zu hören. Ich dachte daran, den Schulleiter zu ersuchen, -er möchte mir einen guten Schüler besorgen, der bei mir zu Hause den -Seder gäbe -- aber ich bin doch nur eine Frau, eine elende Witwe: wie -könnte ich so etwas verlangen?“ - -Bei diesen Worten Sara-Leas seufzte Jechiel-Michal und zitierte aus dem -Talmud: „Besser ist’s, es sitzen zwei beisammen als eine Witwe sitzt -allein.“ - -Und obgleich diese Worte aramäisch gesprochen wurden, in einer Sprache, -die Sara-Lea nicht verstand, fühlte sie sich doch erleichtert; denn -sie wußte, daß Jechiel-Michal in seinem Herzen nicht böse von ihr -dachte. Sie las ihm ja die gute Gesinnung aus den Augen. Und auch -sie seufzte, sah ihn mit freundlichem Gesichte an und sagte in -beistimmendem Tone: „Alles ist da; aber wenn der Hausherr fehlt, was -hilft dann alles übrige?“ - -Und nach einem zweiten Seufzer fuhr sie fort: „Ich weiß wahrhaftig -nicht, weshalb ich hier bin. Meine Kinder habe ich aufgezogen, sie sind -groß geworden und haben mich verlassen. Einer ist in Amerika, einer -in Argentinien, und ich bin allein geblieben. Einsam und allein. Ich -wollte nach Erez-Israel gehen, dort ist man nicht so verlassen und -verloren. Aber immer wieder: wie kann eine alleinstehende Frau an einen -Ort ziehen, wo man sie nicht kennt, wie kann sie in ein fremdes Haus -treten?“ - -Jechiel-Michal war voll Mitleid; er drehte seine rechte Schläfenlocke -und sprach ihr begütigend zu. „Ist denn mein Schicksal besser als das -Eure, Sara-Lea? Ihr seid, Gott sei Dank, geschmückt wie eine Braut und -eßt gute Speisen; ich aber bin verbannt und traurig, wie ein Witwer -eben ist. Ja, so ist es auf dieser Welt! Ein Jude -- ach, wir haben auf -dieser Welt nichts als Gottes Gunst. Aber man soll am Feiertag nicht -traurig sein!“ - -Während er sich aber trösten wollte, kam ihn ein Erbarmen über sich -selber an, und er sprach: „Was ist denn ein ~Mann~ Großes? Ich -danke alle Tage Gott, daß er mich nicht als Frau geschaffen hat; -ich weiß genau, wie der Seder zu machen ist; aber geht nun in eine -ungetünchte Wohnung ohne Festtagsstimmung, in ein Zimmer, erfüllt mit -Alltag! Wärmt Euch halbgargekochte Gerichte an und setzt Euch wie ein -~König~ auf das zerbrochene Bett! O Sara-Lea, nicht umsonst sagt -der Jalkut: ‚Alle Leiden sind schwer, aber Armut ist schwerer als alles -andere. Alle Leiden kommen und gehen; gehen sie aber, so wird alles -wieder, wie es zuvor gewesen. Nur die Leiden der Armut verdunkeln die -Augen des Menschen.‘ Glaubt nicht etwa, daß ich mich kränke, weil ich -am Stolze keinen Teil habe. Gott bewahre mich! Ich sage dies nur, um -Euch zu erwidern, die Ihr klagt, daß Ihr eine Frau seid. Ja, noch mehr: -in diesem Winter habe ich mich erkältet und mein Hals schmerzt mich. -Was soll ich da noch sagen?“ - -Als Sara-Lea dies hörte, sagte sie: „Ihr solltet doch lieber ins Zimmer -treten. Zwar ist der Winter vorbei und die Kälte zu Ende, aber man kann -sich noch immer leicht eine Krankheit zuziehen.“ - -Ihre Worte leuchteten ihm ein, er verkroch sich tief in sein dickes -Halstuch und folgte ihr dann in ihre Stube. - -Da sah er: die Wände waren nach Vorschrift getüncht, der Lehmboden war -rein und braun, aus jedem Winkel blinkte der Feiertag. Über allem lag -die heilige Ruhe, die am Peßach geboten ist. Da kam das Wort über ihn -und er pries ihr Haus: „Ach, wie schön ist die Stelle, wo die Hände -einer Frau geruht haben!“ Sogleich nahm sie eilends die Tischdecke ab -und ließ alles sehen, was dort stand. Lauterer Wein, Mazah, Eiermazah, -Petersilie, Eier, ein Flügel, eine Schüssel voll Fleisch und viele -köstliche Leckerbissen. Und sie sprach: „Solch ein Seder -- und wozu? -Ich nehme doch alles fort und bringe die Sachen einem Nachbarn ins -Haus. Ich bin doch nur eine Frau. Man vergißt schwer, daß man einmal -eine Hausfrau war. So sagte ich mir: Ich will mir für ein Weilchen -einen Seder machen, ~als ob~ ein Hausherr da wäre und man den -Seder zu Hause hielte, wie bei jedem Manne in Israel.“ - -Jechiel-Michal wurde ganz warm und er wollte etwas sagen. Aber da -befiel ihn ein schweres Husten und Räuspern, so daß Sara-Lea ihn ganz -erschrocken ansah und ihn mahnte: „Reb Jechiel-Michal, eßt nur heute um -Gottes willen nicht zuviel bittere Kräuter! Ihr hustet ja, Ihr hustet! -Ein bißchen Tee mit viel Zucker würde Euch guttun. Wer wird Euch denn -zu Hause etwas Warmes vorbereiten?“ - -Sara-Lea schwieg und seufzte. Auch Jechiel-Michal seufzte und dann -seufzten noch einmal beide zugleich. - -Dann fragte sie: „Vielleicht bleibt Ihr ein Weilchen hier, Reb -Jechiel-Michal, und ich bereite Euch einen warmen Schluck, ein Glas? -- -Ach, ich vergesse ja, daß heute Feiertag ist, daß man zuerst Kiddusch -machen muß, Seder machen muß... Wollt Ihr vielleicht hier den Seder -machen?“ - -Und wie der höhere Wille aus der inneren Stimme zum Worte ward, -wiederholte sie: „Wahrhaftig, wollt Ihr den Seder hier machen?“ - -Jechiel-Michal schaute hin und her und sah doch überall die Herzensgüte -der Frau; er konnte sich nicht losreißen. Ihm war, als wären alle seine -Glieder an dem Orte festgewurzelt, wo er saß. Er verlor die Empfindung -seiner Hände und seiner Füße und seine Lippen verschluckten die Antwort. - -Während er aber noch nach Worten rang, nahm Sara-Lea eine Unmenge -von Kissen, Polstern und schönen weißen Decken, die sie zu Ehren des -Peßachfestes gewaschen und geplättet hatte. Damit bereitete sie ein -Hessebett, wie in der alten Zeit. Und Jechiel-Michal nahm, ohne Absicht -und ohne sich zu besinnen, die Schlüssel und legte sie hin; dann -blickte er die weißen Kissen an, als ob die Gottesherrlichkeit selbst -darüber ruhte. Dann stand er auf und wechselte den Platz, von einem -Stuhl zum andern, bis er an das Hessebett kam; er setzte sich oben -an den Tisch, zögerte aber in Gedanken noch immer, so daß die Frau -noch einmal zu ihm kam und ihren Wunsch wiederholte. Sie stand auf und -füllte einen Becher mit Wein, damit er darüber Kiddusch mache. Er aber -sah mit dem einen Auge auf den süßen lauteren Wein, mit dem andern nach -den sauber blinkenden Winkeln der Stube, und er dachte: „Wie schön ist -doch die Stelle, an der die Hände einer Frau ruhten!“ Und er machte -Kiddusch, würzte seine Stimme mit den schönsten Trillern und sein Mund -schwebte wie ein Lied über dem Becher; Sara-Lea lauschte und ward -voller Wonne und ihr Angesicht leuchtete. Ach, wie schön ist die Stimme -des Mannes, wenn er heilige Worte ertönen läßt! - - * * * * * - -Also saß Jechiel-Michal, der Schuldiener, wie ein König, wie jeder -Mann in Israel, und vor ihm stand Sara-Lea mit dem Becken voll reinen -Wassers. Jechiel-Michal wusch seine Hände und betrachtete das Becken, -ein köstliches Gefäß. Wenn Gott ihr die Gnade gewähren würde, daß sie -nach Jerusalem käme, würde sie es für einen heiligen Ort stiften, damit -die Kohanim, die Priester, darin ihre Hände waschen, wenn sie zum Segen -gehen. Schon hier hatte man es ja an jedem Feiertag vom Hause ihres -Mannes in das alte Beth-Hamidrasch gebracht, Jechiel-Michal hatte es -mit Wasser gefüllt und die Kohanim hatten ihre Hände darin gewaschen. -Und jetzt stand die Hausfrau selbst vor ihm und bediente ihn mit diesem -Becken! - -Jechiel-Michal tauchte die Petersilie ein, brach die Mazzoth und sagte -die Hagadah. Sara-Lea hört zu und schickt ein stilles Dankgebet zu -dem heiligen Gottesnamen empor, daß er ihr beschieden hat, in ihrem -Hause einen richtigen Peßach mit allem, was dazu gehört, zu erleben. -Vor Jechiel-Michal weicht die schwere Last und das Leid, er sitzt -zurückgelehnt, sein schweres Haupt sinkt in die Kissen, der Schweiß -ringelt seine Schläfenlocken und es scheint ihm, als versinke er in -einen tiefen Abgrund. Er weiß nicht, wie ihm geschieht; er weiß nur, -daß unendliche Gnade die Welt umfängt. Sein Blut pocht und stürmt, -fast empfindet er Schmerz; allein er fühlt das Verlangen, der Schmerz -möchte tiefer werden, siebenmal tiefer, und er möchte in den Abgrund -hinabfallen. - - * * * * * - -Das Städtchen ruht stille und lautlos unter dem fahlblauen Himmel, -welcher von dem vielen Staub, der vor Peßach aus Häusern und Höfen -aufgestiegen, wie verschleiert ist. Der Mond bahnt sich einen Weg und -der Himmel wird klar. Und die Nachtstrahlen weben einen Baldachin über -dem kleinen Häuschen, das in die Heiligkeit des Festes versinkt. Ein -kühles Frühlingslüftchen kommt, stiehlt sich durch eine Fensteröffnung, -bläst einen Augenblick herein und kämpft einen kleinen Krieg mit der -warmen Luft im Zimmer; und in der Stube summt es wie ein Plätschern von -Wellen und es dünkt ihnen, als führen sie: sie sitzen auf dem Schiffe, -mitten im großen Meer, auf dem Wege nach Erez-Israel, wohin ihre Seele -sich sehnt; und allbereits schmiegen sie sich an die heilige Erde -und sehen die heiligen Stätten mit Augen. Die herabgebrannten Kerzen -flimmern in den Leuchtern, da das Lüftchen sie trifft, erheben ihre -Augen und blicken Jechiel-Michal und Sara-Lea still ins Gesicht. - -Jechiel-Michal liest die Hagadah und trillert mit seiner Stimme und -sagt: „Er baue sein Haus balde!“ Aus den Häusern der Gasse trägt der -Frühlingswind das Echo über die ganze Stadt: El benej, el benej; baue, -o Gott, baue! - -Jechiel-Michal singt und sagt: „Leschanah habaah bijruschalajim!“ Und -die Phantasie, die dem Menschen so tief eingepflanzt ist, läßt ihn -denken, schon hier sei ein Stück Erez-Israel; er fühlt schon die Luft -des Landes; aus den Zweigen klingt das süße Zwitschern eines Vogels und -im Hause Sara-Leas, der Witwe, singt eine Stimme Schir haschirim. - - - - -VON DER WALLFAHRT ZUM FESTE. - - -„Wie schön ist dein Gang in den Schuhen“ -- so heißt es im Hohen Liede; -gemeint aber ist: wie schön sind Israels Füße, wenn sie zum Feste -wallfahren. - - * * * * * - -„Und niemand soll nach deinem Lande trachten, wenn du hinaufsteigst“ -- -dies lehrt uns, daß des Wallfahrenden Kuh ruhig auf ihrer Wiese grasen -konnte; kein wildes Tier tat ihr etwas zuleide. Das Huhn konnte auf dem -Miste scharren, kein Wiesel tat ihm wehe. - -Einst geschah es, daß einer vergaß, die Türe seines Hauses abzusperren, -als er zum Feste nach Jerusalem pilgerte. Als er heimkehrte, da fand er -eine Schlange, die sich um den Ring der Tür gewunden hatte. - -Auch vergaß einer die Hühner in sein Haus einzulassen. Als er kam, da -lagen die Katzen zerrissen vor den Hühnern. Auch vergaß einmal ein -Wallfahrer einen Getreidehaufen in den Speicher zu schaffen. Da er von -der Wallfahrt heimkehrte, da hatten sich Löwen schützend um den Haufen -gelagert. - -Zwei reiche Brüder wohnten einst in Askalon. Die hatten böse Nachbarn --- von den Völkern der Welt waren die. Immer dachten sie nur: Wann -werden diese Juden schon nach Jerusalem ziehen, dort zu beten, daß wir -in ihr Haus einbrechen und dort alles plündern, was da ist. Es kam die -Zeit des Festes und die zwei Brüder zogen nach Jerusalem. Da bestellte -Gott an ihrer Statt zwei Engel, die nahmen ihre Gestalt an und gingen -in ihrem Hause ein und aus. Als die Brüder aus Jerusalem heimkamen, -sandten sie all ihren Nachbarn Geschenke von allen guten Dingen, die in -Jerusalem zu kaufen gewesen waren. Da fragten die Nachbarn: Wo wart ihr -denn? Antworteten sie: in Jerusalem. -- Wann habt ihr euch auf den Weg -gemacht? -- Damals und damals. -- Und gekommen? -- Dann und dann. -- -Und wen habt ihr zurückgelassen? -- Keinen Menschen. -- Da sprachen die -Heiden: Gepriesen sei der Gott der Juden, der sie nicht verlassen hat -und sie nicht verlassen wird in alle Ewigkeit... - - * * * * * - -Rabbi Jizchak sagte: Warum gibt es in Jerusalem nicht die süßen Früchte -von Ginossar? Damit die Wallfahrer sich nicht sagen: Schon um der -Ginossarfrüchte willen lohnt es sich, nach Jerusalem zu pilgern. Darum --- sagte Rabbi Dostai -- gibt es in Jerusalem auch nicht warme Quellen -wie in Tiberias. Auf daß wir nach Jerusalem nicht wallfahren um anderer -Dinge willen: nur wegen des Festes und wegen der Freude des Festes. - - - - -PESSACH IM KAUKASUS. - -Von ~Z’wi Kasdai~. - - -Mit dem Neumond des Nissan beginnt man den Weizen für das Peßachmehl -zu mahlen, und während des Mahlens steckt man in der Mühle Wachskerzen -an. Den Weizen aber bewahrt man im Haus von den Monaten Thammus und Ab -her auf, wo in jenen Gegenden die Weizenernte beendigt wird. Denn bei -ihnen besteht bis heute der Gebrauch, daß die armen Frauen hinter den -Schnittern her auf die Felder sammeln gehen, sogar zu den Nichtjuden; -was sie aufgelesen haben, dreschen sie jeden Abend aus und verkaufen es -zu Mazzothmehl. - -Sie backen die Mazzoth in einem geräumigen Backofen, der unten breit -und oben schmal ist, wie ein umgekehrter Topf. Wenn er mit Stroh -oder Mist ausgeheizt ist, legen die Frauen, die den Teig kneten, die -Mazzoth an seine Wände an. Jeden Abend stellt man Wasser für den -folgenden Tag zurecht. Dann versammeln sich die jungen Frauen und die -Mädchen im Backhause, wo sie in der Arbeit abwechseln. Sie sitzen voll -Erregung und Spannung auf dem Boden, kneten den Teig in einem kupfernen -Gefäß, walzen ihn aus und lassen ihn „rädeln“. Dann bringen sie ihn -schleunigst in den Backofen. - -Während der letzten Woche vor dem Fest herrscht große Bewegung. Die -Frauen machen sich an ihre große Arbeit, säubern, reiben, putzen, -waschen. Das wichtigste ist ihnen, daß sie die Kupfergeräte recht schön -und glänzend machen; darauf wird bei den Völkern des Kaukasus, die viel -kupfernes Geschirr verwenden, großer Wert gelegt. Aber auch den Sattel -und das Zaumzeug putzen sie gründlich und hängen es in den Winkeln -ihrer Wohnung auf. Die Männer aber beschäftigen sich eifrig damit, das -Chamez zu verbrennen; von der Sitte, das Chamez zu verkaufen, wissen -sie dort nichts. Denn sie nehmen alles ernst und streng. Am Erew Peßach -fasten alle erstgeborenen Söhne, es gibt für sie keine Befreiung durch -Loskaufen oder durch Beendigung eines Studienabschnittes. Vom Mittag an -sind sie mit der Vorbereitung des Karpas und des Charoßeth beschäftigt, -das sie alle acht Tage als einen richtigen Gang aus einer großen -Schüssel essen. - -Wenn sich der Tag neigt, ziehen die Männer „Freiheitsgewänder“ mit -weiten bauschigen Ärmeln an, stecken einen kurzen Speer in ihren Gürtel --- manche nehmen auch ihre Pistolen -- und gehen in das Beth-Hamidrasch -zu Gesang und Gebet. An diesem Abend singen sie nämlich alle das -große Loblied Wort für Wort zusammen mit dem Vorsänger. Kehren sie -aber heim, so finden sie ihre Hütte bereits zu Ehren des Festes mit -vielen Kerzen beleuchtet. Die alten Frauen hüllen sich in ihre Tücher, -die jungen Frauen aber und die Mädchen in Linnen- und Webestoffe und -flechten Rosen und andere Blumen in ihre Locken und Zöpfe. Sie holen -eilig, was sie vorbereitet haben, gebratene Gänse, gestopfte Truthähne, -Mazzoth, Maror, eine Schüssel Charoßeth, und bringen es ihren Männern -nach dem Hause des Rabbiners. Denn es ist bei ihnen Sitte, daß sich -viele Familien im Hause eines der „Gelehrten“ versammeln; es kann aber -auch bei einem einfachen Familienvater sein, wofern er gut hebräisch -kann und die Hagadah in ihre (tatarische) Sprache zu übersetzen -versteht. So sitzen sie denn nach ihrer Art auf dem Boden und der -Gelehrte übersetzt ihnen mit vieler Innigkeit die Hagadah. So wie -früher der Brauch war, daß sich mehrere Familien zu einem Lämmlein -ansagten und in einem Hause zum Seder versammelt waren, so ist es bei -ihnen noch heute, daß immer einige Familien zusammenkommen. Das fördert -ihr Zusammengehörigkeitsgefühl und ihre innige Brüderlichkeit sehr. - -Es ist ein schönes Bild, wie sie dasitzen, gekleidet in ihre -Freiheitsgewänder, so breit und bauschig, den Gürtel um ihre Lenden und -den kurzen Spieß an der Seite. Sie sitzen in einer Reihe, geordnet wie -Soldaten, die nach dem Kampfe ruhen. Zwischen den Reihen sind kostbare -persische Teppiche ausgebreitet, für die das Wort der Megillah gilt: -„Weißes Zeug und purpurblaues Tuch, eingefaßt mit Schnüren von Byssus -und Purpur.“ Und auf ihnen stehen prächtige Leuchter mit brennenden -Kerzen. - -Die Frauen, die das ganze Jahr in ihre Zimmer zurückgezogen sind, -kommen zum Seder mit unverschleiertem Gesicht und geschmückt mit -goldenen Ohrgehängen und köstlichen Ringen von Saphirstein und -Diamanten; um den Hals tragen sie goldene und silberne Münzen auf einen -blauen Faden gereiht, um die Lenden silberne Kettengürtel; die jungen -Frauen aber und die Mädchen tragen Rosen und sonstige Blüten ins Haar -geflochten, die den schönsten Duft verbreiten. In dieser Nacht fürchten -sie keinen bösen Blick und keine argen Geister, denn es ist eine Nacht, -da ~Er~ wacht... - -Wenn der Vorleser an die Stelle kommt, die von der zukünftigen Erlösung -spricht, heben alle ihre Hände auf, spreizen die Finger und rufen, tief -bewegt und voller Trauer: „Wollte Gott, daß Meschiach, Davids Sohn, -käme und alle Verbannten sammelte, so wie der Ewige, unser Gott, einst -unseren Vätern tat.“ Und die Frauen fallen ein und rufen: „Amen, dies -sei sein Wille!“ Und an der Stelle: „Zu jeglicher Zeit ist ein jeder -verpflichtet...“ erhebt sich der Vorleser, nimmt ein Stückchen Mazzah, -eingewickelt in ein altes Tuch, legt es sich auf den Nacken, geht vier -Schritte, zeigt es allen und erklärt ihnen in ihrer Sprache, daß so -unsere Väter aus Mizrajim zogen, den Teig auf den Schultern; auch macht -er hastige Bewegungen, um ihnen das Wort: „In Eile“ recht zu Gemüte zu -führen. - -Indessen gehen die Jünglinge in ein besonderes Zimmer, wählen dort -einen unter sich, kleiden ihn in zerfetztes Gewand, legen ihm einen -Sack auf die Schultern, geben ihm einen dicken Hakenstock in die Hände -und schicken ihn hinaus. Nach einer Weile hört man lautes Pochen an der -Tür. Der ausgesandte Jüngling steht draußen und bittet flehentlich um -Einlaß. Die Sitzenden fragen ihn insgesamt: „Wer bist du und was willst -du hier.“ - -„Ich bin ein Jude und will mit euch Peßach feiern, das Fest unserer -Freiheit.“ - -„Wie sollen wir dir glauben, daß du ein Jude bist?“ - -„Ich trage doch einen Talliskatan und Schaufäden.“ - -„Das ist noch kein Beweis; gib ein anderes Zeichen!“ - -„So mögen es euch meine Schläfenlocken beweisen!“ - -„Auch das genügt uns nicht, es ist noch nicht das Richtige.“ - -„Laßt mich nur ein und ihr werdet sehen, daß ich die Wahrheit -spreche.“ Und dabei beginnt er zu zürnen und zu toben und poltert mit -dem Stock an der Tür. Da fragen sie weiter: - -„Wenn du denn ein Jude bist: weshalb kommst du so spät? Weißt du denn -nicht, daß heute ein Festtag in Israel ist, an dem man daheim ruht?“ - -„Sehet, ich komme jetzt von Jerusalem, der heiligen Stadt; der Weg ist -sehr weit und voller Gefahr auf Schritt und Tritt. Unsere Feinde lauern -uns auf und stellen sich uns in den Weg. Wie eine eiserne Mauer traten -sie zwischen mich und euch, daß ich nicht vor dem Feiertag zu euch -kommen konnte.“ Dabei bricht er in Tränen aus und klagt bitterlich, -die Versammelten aber sitzen, wie versunken in ihre Gedanken; tiefe -Stille herrscht im ganzen Hause, nur selten von einem schweren Seufzer -unterbrochen. - -Alle sehen nach der Tür; der Vorleser aber gibt ein Zeichen, man öffnet -und sogleich tritt der Jüngling ein und geht bis in die Mitte des -Zimmers, das Schwert an der Seite, mit Leder gegürtet, den Stock in der -Hand und den Sack über den Schultern. An den Füßen trägt er genagelte -Sandalen mit aufgebogenen Spitzen und sein Kleid ist über und über -bestaubt. Und plötzlich bricht im ganzen Raume ein lauter Jubel los, -alle bestürmen ihn mit Fragen. - -„Wie geht es Jerusalem, der heiligen Stadt?“ - -[Illustration] - -„Wie geht es unsern Brüdern, die dort vor Gott sitzen, im Lande der -Herrlichkeit?“ - -„Wann wird der Erlöser kommen, uns zu erlösen?“ - -„Bringst du uns eine Botschaft von unserer Befreiung und Erlösung?“ - -Und er sagt ihnen einen herzlichen Gruß von Jerusalem, von den Weisen -daselbst, von den Städten und Dörfern, den Feldern und Hügeln, von den -heiligen Gräbern. Und im Namen der Weisen in der heiligen Stadt meldet -er ihnen, es seien Zeichen geschehen, daß der Erlöser bald kommen und -die eiserne Mauer zerschmettern werde, die sie von der heiligen Stadt -scheidet. Und alle lauschen andächtig seinen Worten; dann heben sie die -Hände auf und wiederholen viele Male mit langen Seufzern und innigem -Schmerz und mit herzlicher Inbrunst: „Ja, so sei sein Wille, so sei -sein Wille!“ - - - - -DER ZAUBERKÜNSTLER. - -Von J. L. ~Perez~. - - -In ein Städtchen Wolhyniens kam einmal ein Zauberkünstler. Wiewohl es -vor Peßach war -- zu einer Zeit also, da man mehr Sorgen als Haare -auf dem Kopfe hat -- machte sein Kommen doch größeres Aufsehen. War -das ein Rätsel von einem Menschen! Die Kleider zerrissen und einen -eingedrückten Zylinderhut auf dem Kopfe. Das Gesicht durchaus jüdisch, -doch der Bart wegrasiert. Von Schläfenlocken keine Rede. Und nie -sah man ihn essen, weder erlaubte, noch unerlaubte Speisen. Da soll -einer klug daraus werden. Woher? Aus Paris. Wohin? Nach London. Hat -sich hierher verirrt. Ging offenbar zu Fuß. Ins Bethaus kam er auch -nicht, selbst nicht am großen Sabbath. Und stand man um ihn herum, so -verschwand er plötzlich, als ob ihn die Erde verschlungen hätte, und -tauchte auf der anderen Seite des Marktplatzes wieder auf. - -Bald hatte er einen Saal gemietet und fing an, seine Kunststücke zu -zeigen. Ganz großartige Sachen: verschluckte vor aller Leute Augen -glühende Kohlen, als ob es Suppenfleckchen wären. Zog aus dem Munde -allerlei Bänder heraus -- rote, grüne und von welcher Farbe man nur -wollte, und lange, wie der Galuth (das Exil). Förderte aus einem -Stiefelschaft sechzehn Paar Truthähne heraus, wie Bären so groß, die -wirklich lebten und lustig über die Szene flatterten. Hob einen Fuß in -die Höhe und scharrte von den Schuhsohlen goldene Dukaten ab -- eine -ganze Schüssel voll. Natürlich klatschte man Bravo. Da pfiff er, und -eine Menge feiner Sabbathbrote schwirrte plötzlich durch den Raum, -tanzte unter der Decke. Ein zweiter Pfiff -- und alles war wieder -verschwunden, als ob es gar nicht dagewesen wäre. Alles: Bänder, -Truthähne und so weiter. Nichts war zurückgeblieben. - -Nun ja, man weiß es doch, daß sich der Teufel auch etwas leisten kann. -Die ägyptischen Schwarzkünstler haben wahrscheinlich noch größere -Kunststücke zustandegebracht. Doch eins: Wie konnte er dabei nur so -arm sein? Ein Mensch, der von seinen Schuhsohlen Dukaten abscharrt -und sein Quartier nicht bezahlen kann! Der mit einem Pfiff mehr -Sabbathbrote bäckt als der größte Bäcker im Backofen, der Truthähne aus -dem Stiefelschaft zieht und dennoch -- ein langgezogenes Gesicht hat, -wie ein Sterbender und flackernden Hunger in den Augen... Wahrlich eine -fünfte Frage für den Sederabend, sagten die Leute. - -Nun wollen wir aber den Zauberkünstler bis zum Sederabend verlassen -und inzwischen Chajim Jojne und sein Weib Riwke Beile aufsuchen. Chajim -Jojne hatte einmal ein großes Holzgeschäft betrieben und schließlich -dabei sein ganzes Vermögen eingebüßt. Dann war er „Waldschreiber“ -geworden, aber auch die Stelle war bald verloren. Nun lebte er schon -eine Reihe von Monaten im Elend. Der Winter war in schrecklichen -Nöten vorübergegangen, und jetzt kam das Peßachfest immer näher. -Zum Verpfänden war nichts mehr da, denn alles, vom Hängeleuchter -bis zum letzten Kissen, war schon im Leihamt. Riwke Beile dachte an -Gemeindeunterstützung. Doch Chajim Jojne wollte davon nichts wissen. Er -mochte sich nicht bloßstellen und vertraute auf Gott, der schon helfen -werde. Riwke Beile suchte mehrmals in allen Winkeln nach und fand, -welches Wunder, einen alten, ausgeriebenen silbernen Löffel, den sie -schon seit Jahren verloren glaubte. Aber Chajim Jojne nahm den Löffel, -verkaufte ihn und trug den geringen Erlös in die Kasse, aus der man -die Armen für das Peßachfest unterstützt. Die Armen gehen vor, sagte -er. Inzwischen rückt die Zeit immer näher, es blieben nur noch wenige -Wochen bis Peßach. Chajim Jojne wartete voll Vertrauen auf Gottes -Hilfe. Und Riwke Beile schwieg. Die Frau muß dem Manne gehorchen. -Und Tag auf Tag verrann. Riwke Beile fand keinen Schlaf, weinte die -Nächte durch, still, daß ihr Mann sie nicht höre. Und die Tage waren -noch schlimmer. Da mußte sie sich auch noch vor den Nachbarn hüten, -mußte sorgen, daß sie ihr das Elend nicht ansahen. O, diese Blicke -der Neugier und des Mitleids, die sie wie mit Nadeln stachen! Und -diese Fragen: Wann backt ihr Mazzoth? Habt ihr schon die roten Rüben -eingelegt? Oder wenn es nähere Bekannte waren: Aber, was geht denn bei -euch vor, Riwke Beile? Habt ihr’s vielleicht knapp? Wir wollen euch -borgen... Und was solcher Reden mehr sind. - -Und sie mußte ablehnen, über und über errötend, die unglaublichsten -Vorwände erfinden. Denn Chajim Jojne wollte keine Menschengabe annehmen -und gegen seinen Willen konnte sie doch nicht handeln. - -Die Nachbarn wollten es dabei nicht bewenden lassen und gingen zum -Rabbi, er solle sich doch ins Mittel legen. Der Rabbi hörte sie an, -seufzte, sann eine Weile nach, und antwortete schließlich, daß Chajim -Jojne ein gelehrter und gottesfürchtiger Mann sei, der wohl wisse, was -er tue. Wenn sein Gottvertrauen so fest sei, dann sei es eben fest... - -Und nun ist der Peßach da! - -Riwke Beile hat nicht einmal Lichter, um den Segen darüber zu sprechen. - -Chajim Jojne kehrte aus dem Bethaus heim. Aus allen Fenstern strahlt -das Fest. Nur sein Haus steht finster da, wie ein Trauernder unter -Hochzeitsgästen, wie ein Blinder unter Sehenden. Aber er verzweifelt -nicht. Wenn Gott nur wollen wird, denkt er, wird auch für mich -noch Peßach sein, und tritt mit fröhlichem „Guten Abend“ ein. Und -wiederholt: „Guten Abend, Riwke Beile.“ Und Riwke Beile antwortet -aus einer finsteren Ecke mit tränengesättigter Stimme: „Guten Abend, -Chajim.“ Dabei leuchten ihre Augen wie zwei glühende Kohlen aus der -Ecke hervor. Er geht auf sie zu und spricht auf sie ein: - -„Riwke Beile,“ sagt er, „es ist heute Feiertag. Wir feiern den Auszug -aus Ägypten. Verstehe doch! Da darf man nicht traurig sein. Und es ist -doch auch gar kein Grund dazu da. Wenn es dem lieben Gott nicht gefiel, -daß wir unsern eigenen Seder haben, dann müssen wir eben mit einem -fremden vorlieb nehmen. Dann wollen wir anderswohin gehen. Man wird -uns überall hineinlassen. Alle Türen stehen uns offen. Sagt man doch -am Sederabend: ‚Kol dichfin jejthej wejechul,‘ das heißt: ‚Wer hungrig -ist, komme und esse!‘... Komm, nimm den Schal um und laß uns beim -Erstbesten einkehren.“ - -Und Riwke Beile tut wie immer nach dem Willen ihres Mannes. Alle Kraft -aufwendend um nicht aufzuschluchzen, hüllt sie sich in den zerrissenen -Schal. Schon will sie gehen, als im selben Augenblick die Tür von außen -geöffnet wird. - -„Guten Abend!“ grüßt es. - -„Gut Jahr!“ antworten die Eheleute. Sie sehen nicht, wer es ist. - -„Ich möchte euer Gast beim Seder sein,“ sagt der Fremde. - -„Wir haben selbst keinen Seder,“ erwidert Chajim Jojne. - -„Tut nichts, ich hab’ ihn mitgebracht.“ - -„Seder im Finstern,“ schluchzt Riwke Beile, die sich nun nicht mehr -zurückhalten kann. - -„Ei bewahre,“ meint der Gast, „es wird schon Licht werden.“ - -Er winkt und mitten im Zimmer, in der Luft erscheinen zwei silberne -Leuchter, in denen schon die angezündeten Stearinkerzen stecken. Es -wird hell. Chajim Jojne und Riwke Beile erkennen den Zauberkünstler, -starren ihn an und bringen vor Schreck und Verwunderung kein Wort -hervor. Sie fassen sich an den Händen, und so stehen sie da, mit weit -aufgerissenen Augen und offenen Mündern. Er aber wendet sich nun an -den Tisch, der ganz verschämt in einem Winkel des Zimmers steht: „Na, -Kleiner,“ sagt er zu ihm, „deck dich und komm her!“ Und sofort fällt -von oben ein schneeweißes Tischtuch herab und deckt den Tisch und -dieser selbst setzt sich in Bewegung und rückt mitten ins Zimmer, -just unter die Leuchter. Und diese wieder schweben hernieder und -stellen sich auf ihn. „Jetzt fehlen noch die Sederbetten,“ sagt der -Zauberkünstler, „die Sederbetten sollen kommen!“ Und sofort rücken aus -drei Ecken des Zimmers drei Stühle an den Tisch heran und stellen sich -an drei Seiten auf. „Breiter werden!“ befiehlt er. Und sofort gehen -sie in die Breite und verwandeln sich in Großvaterstühle. „Weicher!“ -ruft er. Und sie sind mit rotem Samt überzogen. Und gleichzeitig fallen -von der Decke schneeweiße Kissen auf sie nieder. Die Sederbetten sind -fertig... Eine Sederschüssel mit allem, was darauf gehört, stellt -sich auf den Tisch. Ebenso Flaschen mit rotem Wein und Becher dazu. -Plötzlich liegen auch Mazzoth da und alles andere, was man zu einem -richtigen und fröhlichen Seder braucht, selbst Hagadoth mit Goldschnitt. - -[Illustration] - -[Illustration] - -„Und Wasser zum Händewaschen habt ihr?“ fragt nun der Zauberer. „Ich -kann auch Wasser bringen.“ - -Da erst kamen die beiden zu sich. Und Riwke Beile fragte leise ihren -Mann, was er von der Sache halte. Chajim Jojne aber wußte keine -Antwort. Sie riet, er solle zum Rabbi gehen und ihn fragen. Aber sie -könne doch nicht mit dem Zauberer allein bleiben, meinte er. Darum -solle lieber sie gehen. Ihr, einer Frau, werde der Rabbi nicht trauen, -antwortete sie. Er werde glauben, daß sie verrückt geworden sei. -Schließlich kamen sie überein, zusammen zu gehen und inzwischen den -Zauberer mit seinem Seder allein zu lassen. - -Der Rabbi gab klugen Rat. Das, was mit unreinem Zauber gemacht werde, -erklärte er ihm, sei gar nicht wirklich, weil alle Zauberei nur -Blendwerk sei. Sie sollten also nach Hause gehen, und wenn die Mazzah -sich brechen, der Wein sich einschenken ließe, die Sederbetten sich -anfühlen ließen usw., dann wäre alles gut, dann wären es Geschenke des -Himmels und sie dürften alles genießen. - -Mit diesem Bescheide gingen sie nun klopfenden Herzens nach Hause. Als -sie eintraten, war der Zauberkünstler schon fort. Aber der „Seder“ -stand da wie früher. Und die Kissen ließen sich berühren, der Wein ließ -sich gießen, die Mazzah brechen... Und jetzt verstanden sie erst, daß -der Prophet Eliah bei ihnen eingekehrt war und hatten ein fröhliches -Fest. - - - - -MELAMEDS HOFFNUNG. - -Von ~Ch. N. Bialik~. - - - Ach, es wird Zeit, die Stunde muß kommen, - Daß endlich auch ich, Leeser Mendel Melamed, - Verschnaufe die heillose, leidige Mühsal, - Die mir dörrt das Gebein und aufsaugt mein Mark ... - Der Herr sieht mein Herz: ich kann’s nicht mehr tragen, - Die alten Kräfte sind längst dahin ... - Mein Leib verfällt und geht darnieder, - Die harte Bürde reibt ihn auf ... - Acht Halbjahre sind’s, seit die Schulmeisterbank - Unter mir drückt und mein Herzblut zehrt; - Acht Halbjahre -- volle, gezählte vier Jahre - Hab ich mein Heim, Weib und Kind nicht gesehen! - Der einzige Gott allein kennt mein Herz, - Mein banges, wehes, zitterndes Sehnen - Nach meinen teuren Augensternen -- - Nach meinem herzigen, kleinen Küchlein, - Nach meinem geliebten, frommen Weibe, - Frau Zippe -- bis hundertundzwanzig Jahr! - Doch was ist zu tun -- und Gott ist mein Zeuge: - Ich kann nicht, ich kann nicht mit leerer Hand, - Wie ich gegangen bin, wiederkehren! - Zuvor muß ich sparen ein Taler fünfhundert -- - Wie ich mit meinem frommen Weibe - Beim Abschied klärlich bedungen habe, - In bündigster Form, nach der Satzung der Thorah ... - - Nun werd ich gottlob nur ein einziges Jahr - Den Rücken noch beugen, den Zuchtstock schwingen, - Bis die Zahl beisammen: ein Taler fünfhundert -- - Dann „Schluß und zu Ende, dem Weltenherrn Dank.“ - Übers Jahr, wenn der Herr mich am Leben erhält, - Vor Chamez-Räumung, bei Sonnenaufgang, - Wenn der Hahn noch kräht, und die volle Zahl - Beisammen ist -- ein Taler fünfhundert: - Dann -- auf, Leeser Mendel, den Abschied gegeben - Dem Zuchtstock, der Schulbank, dem Lehramt für immer! - Verkauf samt dem Chamez die drei um ein Nickel - Mit gültigem Zuschlag für ewige Zeit! - Genug, Leeser Mendel, vom unsteten Leben, - Vom Elend der Wanderung, fern deinem Nest! - Hast fünfhundert Taler, das Glück, im Beutel, - Hast satt und vollauf dich gerackert. -- Genug! - Nun breite die Flügel! Auf, auf in dein Nest! - Dort harrt deine Taube, die lieblichen Jungen -- - So werd ich vergnügten Herzens mir sagen - Und tief in die Tasche versenken den Beutel, - Mein Bündel schnürend, gerüstet zur Reise -- - Hernach auf Adlerfittichen heim ... - Wie jauchzen mir Weib und Kinder entgegen - -- Ich male so recht ihren Jubel mir aus -- - „Was bringst du mir, Mendel?“ „Was bringst du mir, Vater?“ - So drängt sich um mich die fragende Schar. - „Nichts hab ich gebracht, mein Weib, meine Kinder, - Ich hatte nicht Muße, Geschenke zu schaffen, - Geschenke und Gaben für jedes von euch. - Doch habe ich ~ein~ Geschenk für euch alle, - Ein rechtes Geschenk für euch mitgebracht, - Das fegt uns die Armut aus allen Winkeln, - Das spendet uns Trost für vergangenes Leid ... - Hier bring ich euch -- wohlgefüllt -- einen Beutel: - Fünfhundert Talerchen bar und blank!“ - - Und ich sehe voraus all den schimmernden Glanz, - Der die Stube erfüllt und den festlichen Tisch, - Wenn in selbiger Nacht ich zum ~Seder~ mich schicke, - In blitzblanken Gläsern der Rotwein funkelt, - Und mein Jüngster, Jechiel, das zarte Stimmchen - Zu gar gewichtiger Frage erhebt: - „Ach, Väterchen, sage, was ist diese Nacht - Vor allen anderen ausgezeichnet?“ - - * * * * * - - Und nach Peßach, so Gott mich am Leben erhält, - Wenn der Lenzwind weht und die Pfützen trocknen, - Will ich sogleich zur guten Stunde - Ein großes Geschäft bei uns eröffnen ... - Das soll hernach ein Laden werden, - Ein Laden -- wie geschrieben steht! - Dann brauch’ ich fürwahr bloß etwas Glück, - Ein wenig himmlisches Erbarmen ... - Denn nicht umsonst hat sich Leeser Mendel - In aller Welt umhergetrieben; - Hab’ manches erfahren vom Weltenlauf - Und werd’ in Geschäften Bescheid doch wissen ... - Und dann: dürfte ich, Leeser Mendel, der Schnorrer, - Mich erfrechen, die göttliche Vorsicht zu leugnen? - Ist kein Vater im Himmel, im Herzen kein Glaube? - Ist meine Zipporah kein wackeres Weib? ... - Ach, du lieber Gott, wann erscheint schon der Tag, - Den ich mit wehem Herzen erwarte! - Schon spür’ ich seit langem zur linken Seite - Ein spitzes Bohren, wie Nadelstiche, - Als nagte und sägte mir dort ein Wurm ... - Doch das tut nichts. Sobald ich erst wieder daheim bin, - Bereit ich mir Tränklein und melk unsre Ziege, - Vertreibe die Schmerzen und flick mich zurecht ... - - Ach Gott, es wird Zeit, die Stunde muß kommen, - Daß endlich auch ich, Leeser Mendel Melamed, - Verschnaufe die leidige, zehrende Mühsal; - Daß mein tägliches Brot -- und seis noch so bitter -- - Nur aus ~Deiner~ Hand komme, allmächtiger Vater, - Nur aus ~Deiner~ Hand komme, barmherziger Gott! - - - - -PESSACH IM JEMEN. - - -Dem Osterfest sieht man mit der größten Andacht entgegen. Schon am -Tage nach Purim beginnen die Vorbereitungen. Da man hier nicht wie -anderwärts neue Kleider zu nähen und die Wohnungseinrichtung instand -zu setzen braucht, verbringt man Tage damit, die Wände frisch zu -weißen, die Steine des Fußbodens besonders gründlich zu waschen und die -Handmühlen zu putzen. Die wichtigste Angelegenheit ist die Herrichtung -des Mehls für die „Asymas“ (Mazzoth). Das Korn, ob es nun Sch’murah -(das seit der Ernte besonders für das Osterbrot aufgehobene) ist oder -anderes, wird einzeln Korn für Korn gemahlen. Alte Frauen übernehmen -die Arbeit des Mahlens. - -Am Sabbath vor Ostern gehen Oberrabbiner und Richter in alle Synagogen -der Stadt und ermahnen alle Gemeindemitglieder, ihre jungen Frauen -recht sorgfältig beim Fortschaffen des Chamez zu beaufsichtigen. In -anderen Städten der Türkei halten die Rabbiner an diesem Tage lange -Predigten. Hier verstehen sie sich nicht gut auf öffentliche Reden, -und wenn sie ihren Gemeindemitgliedern etwas zu sagen haben, setzen -sie einen kleinen Artikel auf und lesen ihn mit eintöniger Stimme -vor. In diesem Jahr beginnt das Peßachfest an einem Samstagabend; wir -müssen das Gebet im Dunklen verrichten, denn im ganzen Judenviertel -gibt es keinen einzigen Mohammedaner, der die Lichter anzünden könnte; -eine einzige Lampe brennt seit dem vorigen Abend und gibt nur ein ganz -blasses Licht. In dem kleinen Tempel von Gaveh sind 70 Personen eng -aneinander gepreßt; alle Hausierer sind heute aus den Dörfern in die -Stadt zurückgekommen. - -Alle sitzen in ihre schwarzen Schemlas gehüllt auf dem Fußboden. Man -beginnt mit dem Gebet: „Huldiget dem Ewigen“. Der heute funktionierende -Vorbeter hat ein angenehmes Organ; er liest eine Strophe, der Chor -antwortet mit der zweiten, und so wird der ganze Psalm abwechselnd vom -Vorbeter und dem aus wenigen Personen bestehenden Chor vorgetragen. -Plötzlich stimmt die Gemeinde das Hallelujah an, das ist ein -Triumphgeschrei, ein Begeisterungsgesang, der in vollen Tönen durch -den Raum schallt. Ich fühle mich nicht mehr einsam, und ich kann -begreifen, wie sehr die zum lieben Gott emporgerichteten Bitten den Mut -der Unglücklichen in den Tagen großen Leids aufgerichtet haben. Es ist -dunkle Nacht geworden, der Sabbath ist vorüber; nun werden die Lampen -angezündet, und der Gottesdienst wird in dem üblichen Lärm zu Ende -geführt. - -Ich bin beim Oberrabbiner zum Seder eingeladen und habe die Einladung -unter der Bedingung angenommen, daß ich mir das Essen aus meiner -Wohnung schicken lassen darf. Wir kommen in das vollständig finstere -Haus. Mein Wirt zieht seinen Talar aus, um die Lampen zurecht zu -machen, und ich gehe inzwischen in die Küche, weil ich gern das -Vorbereiten der Mazzoth beobachten möchte. In einem kleinen Raum ist an -der Längsseite eine Art breiten Sofas aus Ton angebracht, auf dem man -große Löcher bemerkt, das sind die hiesigen Backöfen. - -Auf der Erde sitzt eine Frau und rührt mechanisch das in einer Terrine -befindliche Wasser um; in das Wasser schüttet sie ein Maß Mehl, und -während sie mit der linken Hand die Terrine festhält, knetet sie mit -der rechten das Mehl und macht daraus einen Teig. Das Wasser genügt -nicht; sie nimmt mit der linken Hand Wasser, knetet mit der rechten -weiter und balanciert dabei die Terrine mit großem Geschick. Fast eine -Stunde lang wird der Teig so bearbeitet, bis er schließlich ganz weiß -und sehr elastisch wird. Während dieser Zeit wird der Backofen geheizt -und verräuchert das ganze Haus. Nachdem der Teig fertig ist, wird er in -einzelne Teile geschnitten, die man auf eine Platte legt; die Mutter -des Rabbi nimmt ein mit einem Tuch bedecktes Kissen -- in der Art der -von Putzmacherinnen benutzten Haubenköpfe --, breitet den Teig aus, -dann versenkt sie die Hand in den Backofen, drückt den Teig gegen die -erhitzte Wand und zieht eine Minute später einen weißen knusperigen, -sehr appetitlichen Kuchen daraus hervor. Welcher Unterschied zwischen -diesem Gebäck und den dicken, schweren und unverdaulichen Osterbroten -der Türkei! Hier werden sie täglich zweimal frisch gebacken und dabei -die größte Vorsicht zur Vermeidung des Chamez angewendet; es ist sehr -mühsam für die Hausfrau, aber ihr Leben setzt sich nur aus Arbeit und -Trübsal zusammen. - -Ich kehre in das Zimmer zurück. Der Oberrabbiner hat inzwischen die -Lampen angezündet und seine Funktion als Schochet ausgeübt, indem er -vor der Haustür einen Hammel und ein Kalb schlachtete. Jetzt ist er -wieder hier; sein Bruder mit seiner Familie und einige Nachbarn sind -erschienen, um dem Seder beizuwohnen. Die Tafel wird hergerichtet; sie -besteht aus einer niedrigen Fußbank, um deren Rand man kreisförmig -Rüben, Petersilie und Kresse legt. Das bildet einen etwa 50 cm hohen -Kreis, dessen Innenraum von den Töpfen mit verschiedenen Eßwaren -ausgefüllt ist. Während man auf die Fertigstellung der Mazzoth wartet, -wird, wie gewöhnlich, ein religiöses Thema diskutiert. Zum Beispiel: -Warum wird der Wein der Arba Kossoth nicht in ein einziges Glas -gegossen; warum trinkt man nicht alles auf einmal aus -- hieße das ein -Gesetz oder einen Brauch verletzen? Jeder spricht seine Meinung aus, -und der Diener, ein alter neben dem Oberrabbiner sitzender Junggeselle, -erklärt, man brauche die Arba Kossoth, um viermal statt eines einzigen -Mals den Segensspruch sprechen zu können. - -Auch die Frauen sind ins Zimmer gekommen. Der älteste Sohn füllt die -Gläser, man macht Kiddusch, wäscht sich die Hände und liest mit großer -Geschwindigkeit die Hagadah. Da keine Kinder bei Tisch sind, brauchen -nicht viele Erläuterungen gegeben zu werden. Bei der Stelle, wo von den -zehn Plagen die Rede ist, wird ein Scherben herbeigeholt, in den der -Oberrabbiner zehn Tropfen Wein aus seinem Glase träufelt. Man liest -weiter. Wenn man an dem Absatz angelangt ist, der mit den Worten: -„Bezeth Jisrael Mimizrajim“ beginnt, rufen alle Anwesenden beim Schluß -jeder Strophe: „Hallelujah, hallelujah!“ Der letzte Abschnitt der -Hagadah ist ein schöner Gesang zum Preise des Schöpfers, der in unseren -türkischen Buchausgaben nicht abgedruckt ist. - -Beim „Karpas“ pflegt man im Orient und Okzident ein Sellerie- oder -Petersilienblättchen in Essig zu tunken; hier nimmt man zu einer -kleinen Kugel zusammengerollte Petersilie -- ungefähr in der Größe -einer Olive -- und tunkt sie in das Charoßeth. Diese Mischung, die an -den Mörtel erinnern soll, den unsere Vorfahren in Ägypten herstellen -mußten, wird hier aus dreizehn verschiedenen Zutaten zusammengesetzt: -aus Datteln, Äpfeln, Mandeln, Sesam, Nelken usw. Nachdem die Vorlesung -der Hagadah beendet ist, wird nach Landessitte gespeist, indem alle -ihre Hände in denselben Napf stecken. Danach kommt das Tischgebet und -das „Sch’foch“ und der Seder ist vorüber. - -[Illustration] - -Am zweiten Peßachabend bin ich beim More Aron Cohen, Richter beim Beth -Din; er ist ein prächtiger stattlicher Greis mit schönem, langem, -weißem Bart und immer freundlichem, sympathischem Gesicht. Der Imam -hatte ihn zum Oberrabbiner ernennen lassen, er legte diese Würde -aber bald ab und nahm dafür den Posten eines einfachen Richters an; -er wollte sich nützlich machen, ohne dafür Ehrungen oder Vorteil zu -gewinnen. Von Beruf Schneider, näht und stickt er den ganzen Tag an -den Galamänteln für die Araber, die ihn sehr lieben und ihn gern bei -sich empfangen. Er ist das Oberhaupt einer Patriarchenfamilie, die er -mit Milde regiert. Von seinen fünf verheirateten Söhnen, die mit ihren -Familien in seinem Haus wohnen, sind drei bereits Großväter. Es ist -eine Freude, in dieses gottgesegnete Haus zu kommen. - -[Illustration] - -More Aron liebt die Poesie der alten Bräuche und hängt an der -Vergangenheit. Der Wohlklang seiner Stimme hat sich trotz seines -hohen Alters noch voll erhalten, darum hat der von ihm abgehaltene -Seder einen großen Reiz. Vor Beginn der Vorlesung bricht er eine -Mazzah in zwei Teile, hüllt sie in ein Tuch, legt sie auf die Schulter -und spaziert damit durch das ganze Haus: das bedeutet den Auszug aus -Ägypten. Die Mah nischtanah wird von zwei seiner Enkel ins Arabische -übersetzt, „damit die Frauen auch etwas davon verstehen“, erklärt mir -der milde Greis. Wenn man das „Kamah Maaloth Toboth“ beginnt, setzen -Männer und Frauen sich um die Tische und heben diese in die Höhe, -sobald das Dajenu gesagt wird, lassen sie die Tische mit einem Ruck -wieder herunterfallen. Die letzten Strophen werden mit großem Nachdruck -vorgetragen. Nach der Mahlzeit wird in sehr vergnügter Stimmung das -„Sch’foch“, das Hohelied, das „Echad mi jodea“ und das „Chad Gadja“ -gelesen. Erst um Mitternacht war das Fest beendet. - - - - -DER SEDER DES UNWISSENDEN. - -Eine chassidische Legende von ~Martin Buber~. - - -Rabbi Levi Jizchak von Berditschew hütete mit sorglicher Seele die -Weihe aller Bräuche und gab jedem seinen Sinn aus der Tiefe. Einmal -hatte er den Seder der ersten Peßachnacht mit aller Inbrunst und -Andacht gehalten, also daß jedes Gebot und jede Sitte lebendig und des -Geheimnisses voll an des Zaddiks Tische erschien, und jedes Tun der -Menschenhände und des Menschenmundes war wie ein gläserner Schrein, der -wunderwirkende Kleinodien birgt. Mit einer Stimme, die wie Saitenspiel -war, erzählte der Rabbi die alte Erzählung, und aus seiner Rede stieg -das Sinnbild auf und leuchtete wie verschleierte Sterne im Raume. -Mizrajim war die Verbannung der Seele und das Rote Meer ihre Befreiung. -Sie hatte dem Pharao Städte bauen müssen, und die Frohnvögte hatten -sie wund geschlagen. Aber die Lösung wurde gesandt, und das Wunder -kam, und die Dinge der Welt wandelten ihre Art, und der Tag der Seele -brach an, und die Seele ging trockenen Fußes durch das Meer. So stieg -das Sinnbild aus des Rabbis Seele auf und leuchtete über der Nacht. -Und so ging die Nacht dahin, und die Versammelten wurden nimmer müde. -Und als das Morgenrot kam, da schien es ihnen selbst wie ein Zeichen -des Geheimnisses, und es war ihnen, als ob zwei Sinnbilder einander -grüßten, das Wort des Zaddiks und das Morgenrot. - -Aber als der Seder zu Ende war und Rabbi Levi Jizchak allein in seiner -Kammer saß, mußte er an diese Nacht denken, die er gefeiert hatte, und -an den Seder, der gewachsen war aus dem Willen seines Herzens. Und -es dünkte ihn schön und vollkommen, was geschehen war. Und er sprach -zu Gott: „Du Grund und Heimat meines Lebens, meiner Seele Herr und -Herrlichkeit, wahrlich, ich habe dir recht gedient in dieser Nacht -und deine Ehre verkündet in Flammengesängen.“ Und er hielt inne und -horchte auf den Grund seines Lebens. Aber da war nichts als Schweigen. -Da erschrak der Rabbi, denn nie noch war ihm dies widerfahren, und -sammelte sein Herz und sprach mit hastigen Worten: „Habe ich nicht mit -meinem Tun getaucht in die Mysterien deiner Gnade? Habe ich nicht die -ungesäuerten Brote erhoben als das Siegel des Streites, den die Seele -um dich streitet, und das Bitterkraut gegessen als die Pflanze des -Leides, das die Seele für dich trägt, und des Peßachlammes gedacht als -des Zeichens des Opfers, in dem die Seele sich dir entgegenbringt?“ -Doch das Schweigen lagerte wie zuvor. Und stammelnd sprach der Rabbi -weiter: „Habe ich nicht die Hungrigen gerufen, daß sie kommen und -essen, und auch die noch, die dahingingen im Hunger ihrer Sehnsucht und -nicht genährt worden sind? Habe ich nicht die Durstigen gerufen, daß -sie kommen und trinken, und auch die noch, die dahingingen im Durste -ihres Erkennens und nicht gestillt worden sind? Und sind nicht die -Geister gekommen und haben gegessen und getrunken an meinem Tische?“ -Aber das Schweigen lag starr und ungestört da. Da kroch das Unheil wie -ein Wurm in das Herz des Rabbi, und er warf sich nieder und schrie -mit der letzten und zerbrechenden Stimme: „Habe ich nicht deine Tat -verkündet, o Befreier?“ Da wurde das Wort wach auf dem Grunde seines -Lebens, wie die Kraft in der Erde wach wird an einem Spätwintermorgen, -und das Wort redete: „Warum rühmst du dich und nennst schön und -vollkommen, was durch dich geschehen ist? Fürwahr, lieblicher ist mir -der Seder Chajims, des Wasserträgers, als der deine.“ Da erhob sich -Rabbi Levi Jizchak zitternd und verstört und rief seine Hausleute und -seine Schüler zusammen und fragte sie: „Ist in dieser Stadt einer, der -Chajim der Wasserträger genannt wird? Und kennt ihr ihn?“ Da flüsterten -sie miteinander und unterredeten sich, und ein Schüler sprach: „Wir -glauben wohl, daß es hier einen Mann dieses Namens gibt, aber wir -kennen nichts von ihm und nicht, wo er wohnt.“ Und ein anderer fügte -dazu: „Sicherlich ist es der Unwissenden einer. Und wohnen mag er wohl -an der Grenze der Stadt, wo die Häuser der Armen sind.“ Da rief der -Zaddik: „Gehet hin und suchet ihn und bringet ihn eilig zu mir.“ Und -sie gingen, ihn zu suchen. - -Indessen schritt der Rabbi Levi Jizchak in seiner Kammer hin und her -und mühte sich, seiner Seele die Ruhe wiederzubringen. „Gewiß ist es -einer von den Verborgenen,“ so redete er ihr zu, „von den heimlichen -Gottessöhnen einer, die in Knechtesgestalt unter uns leben und ihr -heiliges Wesen hinter rohem und bäurischem Getriebe verhüllt halten, -also daß sie nur ihrem Herrn sich öffnen und gewähren. Einer von den -Sechsunddreißig ist es, von den Zaddikim der unsichtbaren Welt, die -sich ewig erneuern und durch die die Welt erneuert wird.“ Aber seine -Seele gab sich nicht zufrieden und wehrte ihn ab und sprach: „Mag es -auch einer von diesen sein, was hat er geschaut, was ich nicht geschaut -hätte, und welchen Dienst kennt er, den ich nicht kennte? Und in -welchem Abgrund wohnt er, in dem nicht auch ich wohnte?“ Also redete -die Seele zu ihm und verachtete die Ruhe und haderte mit dem Nichts. - -Die Schüler aber liefen in der Stadt umher und fragten nach Chajim, -dem Wasserträger. Endlich wurde ihnen sein Haus gewiesen, und sie -gingen hin und klopften an die Tür. Eine Frau kam heraus und fragte -nach ihrem Begehr. Als sie erfuhr, wen sie suchten, verwunderte sie -sich und sagte: „Wohl ist Chajim, der Wasserträger, mein Mann. Aber er -kann nicht mit euch kommen, denn er hat gestern viel getrunken, und nun -schläft er noch, und wenn ihr ihn auch wecket, wird seine Müdigkeit -ihn gefesselt halten, und er wird seine Füße nicht zu heben vermögen.“ -Jene aber antworteten nur: „Der Rabbi hat es befohlen!“ und gingen -hin und rüttelten ihn auf. Da sah er sie aus blinzelnden Augen an und -verstand nicht, wozu sie seiner bedurften, und wollte sich wieder -hinlegen. Sie jedoch hoben ihn vom Lager und nahmen ihn in ihre Mitte -und trugen ihn fast auf ihren Schultern zum Zaddik. Der ließ ihm einen -Sitz in seiner Nähe geben, und als er stumm und verwirrt dasaß, neigte -er sich zu ihm und sprach: „Rabbi Chajim, mein Herz, worauf ging Euer -Gedanke, als Ihr das Gesäuerte zusammensuchtet?“ Da sah ihn jener mit -stumpfen Augen an und schüttelte den Kopf und antwortete: „Herr, ich -habe mich umgesehen in allen Winkeln und habe es zusammengesucht.“ -Und der Zaddik fragte weiter: „Und was hattet Ihr im Sinne, als Ihr -das Gesäuerte verbranntet?“ Da dachte jener nach und betrübte sich -und sagte endlich zögernd: „Herr, ich habe völlig vergessen, es zu -verbrennen. Und nun entsinne ich mich, es liegt noch auf dem Balken. -Und dies mögt Ihr mir vergeben, Herr, daß ich es vergessen habe.“ Als -Rabbi Levi Jizchak dies hörte, ward auch das Letzte in ihm unsicher; -aber er fragte weiter: „Und das saget mir noch, Rabbi Chajim: Wie habt -Ihr den Seder gehalten?“ Da war es, als erwache jenem etwas in Aug’ -und Gliedern, und er sprach mit weicher und demütiger Stimme: „Rabbi, -ich will Euch die Wahrheit sagen. Seht, ich habe von je gehört, daß es -verboten ist, Branntwein zu trinken die acht Tage des Festes, und da -trank ich gestern am Morgen, daß ich genug habe für acht Tage. Und da -wurde ich müde und schlief ein. Und dann weckte mich meine Frau, und -es war Abend, und sie sagte zu mir: ‚Warum hältst du nicht den Seder -wie alle Juden?‘ Sagte ich: ‚Was willst du von mir? Bin ich doch ein -Unwissender und mein Vater war ein Unwissender, und ich weiß nicht -recht, was tun und was lassen. Aber sieh, das weiß ich: Unsere Väter -und unsere Mütter waren gefangen bei den Zigeunern, und wir haben einen -Gott, der hat sie hinausgeführt in die Freiheit. Und sieh, nun sind -wir wieder gefangen, und ich weiß es und sage dir, Gott wird auch uns -in die Freiheit führen.‘ Und da sah ich den Tisch stehen, und das Tuch -leuchtete wie die Sonne, und standen drauf Schüsseln mit Mazzoth und -Eiern und anderen Speisen, und standen Flaschen mit rotem Wein, und da -aß ich die Mazzoth mit den Eiern und trank den Wein und gab meiner Frau -zu essen und zu trinken. Und dann kam die Freude über mich, und ich hob -den Becher zu Gott und sagte: ‚Sieh, Gott, ich trinke diesen Becher zu -dir. Und du neige dich zu uns und mache uns frei!‘ Und so saßen wir da -und tranken und freuten uns vor Gott, und dann kam die Müdigkeit über -mich, und ich legte mich hin und schlief ein.“ - -Also erzählte Chajim der Wasserträger dem Zaddik von Berditschew und -seinen Schülern. - - - - -DAS MAZZOTHBACKEN. - -Von ~Leopold Kompert~. - - -Vierzehn Tage vor dem Osterfeste, in größeren Gemeinden auch vier -Wochen früher, werden die Gemeindeglieder durch den Schuldiener -aufgefordert, sich zu der am nächsten Sonntag stattfindenden -Verpachtung des Ostermehles auf dem Gemeindehaus einzustellen. - -Auffallend genug erscheinen an diesem Tage nur sehr wenige, die Lust -bezeigen, den Pacht zu übernehmen. Aus Gründen nämlich, die man sehr -wohl billigen wird. Zuerst ist der Pachtschilling nach dem Stande der -jeweiligen Fruchtpreise schon so hoch gestellt, daß sich nach aller -Berechnung nur ein ganz kleiner Gewinn herausfindet. Dann ist das -Geschäft von einer Masse Strapazen, Entbehrungen und Mühen begleitet, -und drittens, wenn sich der Pächter über alle diese Berge hinwegsetzt, -gerät er wieder in Gefahr, seine Popularität in der Gemeinde zu -verlieren. Er kauft schlechtes Getreide ein, das Mehl ist schwarz, und -nun hat er ein Publikum gegen sich, das ihn durch volle acht Ostertage -tausendmal in einem Atem in den Ostrazismus verurteilt, denn bei jedem -solchen Brote, das man genießt, wird des Pächters in Ausdrücken -erwähnt, für die das große Wörterbuch von Adelung nicht besteht. Es ist -ein langsames Gerädertwerden von unten nach oben -- durch volle acht -Tage. - -[Illustration] - -Doch findet sich immerhin jemand, der den Mehlpacht übernimmt. -Barmherzige Seelen gibt es genug. Solche strecken dem Pächter, der -gewöhnlich über ein äußerst geringes Vermögen zu gebieten hat, die -Bürgschaft vor, sowie auch die Einkaufssumme. Damit geht er auf den -Getreidemarkt, kauft ein, wie und wo er es kann, natürlich immer in der -Absicht, so billig als möglich zu kaufen. Bis dahin hat das Geschäft -noch wenig Nationales, wenig Eigentümliches. Dies beginnt erst draußen -in der Mühle. Hier fängt eine lange Reihe von Mühen und Strapazen an, -die zu beschreiben einen erklecklichen Aufwand von Tinte kosten würde. -Die Mühle, wo das Ostermehl gemahlen wird, muß vor allem von oben nach -unten gesäubert und ausgefegt werden, damit ja nicht ein Stäubchen -früheren unreinen Mehles dazwischen käme. Dann muß man ein äußerst -aufmerksames Auge auf die Müllerburschen haben, die absichtlich oder -unabsichtlich das Mehl entheiligen und dem religiösen Gewissen des -Pächters manchen empfindsamen Hieb versetzen können. Noch aufmerksamer -muß der Pächter auf die Finger seiner Müllerburschen sehen, damit -diese nichts auf den Boden fallen lassen. Solche Überflüsse kommen dem -Pächter selbst zugut, auch will er nicht, daß der reiche Müller so -heiliges Mehl genieße oder gar verkaufe. - -Wenn das Mahlgeschäft vorüber, das Mehl in Säcke gegeben und -heimgeführt worden ist, verkündet der Schuldiener aufs neue, in der -Synagoge oder in der Gasse, man könne kaufen kommen; der Verkaufsort -sei da und da. Nun beeilt sich ein jeder, seinen Bedarf an Ostermehl -sobald als möglich zu decken, damit er nicht zu spät komme. Bevor man -das Mehl kaufen geht, werden sehr ernsthafte Debatten zwischen den -Eheleuten gepflogen. Während eines Jahres sind bedeutende Veränderungen -in der Familie vorgegangen, sie hat sich vergrößert, auch sind die -Kinder größer geworden und damit im steigenden Verhältnis auch das -Zentrum ihres Lebens, nämlich der Magen. Die Mutter möchte gern sparen, -ein Achtel oder gar ein Viertel weniger nehmen, der Vater aber zeigt -lächelnd auf die Anzahl ihrer Familienmitglieder. Nach langem Her- und -Hinreden vereinigen sich endlich beide und treffen ein juste milieu, -das allen Anforderungen der Familie entsprechen wird. - -In größeren Gemeinden besteht der Gebrauch, von den Gemeindemitgliedern -bei der Abnahme des Ostermehles eine Steuer zu erheben, deren Ertrag -der Gemeinde zufällt. Je nach dem Quantum des Mehles wird diese Steuer -festgesetzt. Nun trifft es sich zuweilen, daß der arme, unbemittelte -Mann, der für ein ganzes Rudel hungriger Mägen zu sorgen hat, -höher besteuert wird als der reiche, dem trotz seines Mammons kein -Kindeslächeln beschert ward -- ein Mißverhältnis, das aber überhaupt -dem ganzen Steuerkomplex noch immer anklebt und ohne Verletzung einmal -gegebener Zustände nicht gehoben werden kann. - -Nun werden die Backhäuser eröffnet. Größere Gemeinden zählen deren -mehrere, kleinere oft nur eines. Solche Backhäuser sind entweder -Eigentum von Individuen oder der Gemeinde selbst. Wo es mehrere gibt, -entsteht zwischen den Besitzern derselben eine Rivalität ganz eigener -Art. Der eine stellt seinen Tarif etwas niedriger und erzielt dadurch -eine größere Masse von Kunden, der andere ist prompter in seinen -Bestellungen, der dritte zeichnet sich wieder durch vortreffliches -Gebäck aus. So hat ein jeder seine Vorzüge und sucht sie geltend zu -machen. So viel trägt jedoch jedes Backhaus seinem Besitzer ein, daß -er, wie man zu sagen pflegt, „die Ostern herausbringt“. - -Treten wir in ein solches Backhaus ein! - -Heftig durch- und ineinander tönende Stimmen empfangen den -Eintretenden. Wir stehen in einer langen, von bedeutend azotischen -Dünsten angefüllten Stube, wo nahe an hundert Menschen mit dem -Bereiten der ungesäuerten Brote beschäftigt sind. Sie stehen um lange -viereckige, mit blanken Kupferplatten bedeckte Tische herum. Wie nach -einem Takte bewegen sich aller Hände. Der eine hat ein Stück Teig -vor sich und dehnt es schnell und flink mit dem Wellholze aus. Der -andere hat das Brot bereits fertig, das in einer kreisrunden, ganz -flachen Platte besteht; er nimmt nun noch das Ruppelholz, d. i. kleine -zugespitzte Stäbchen, womit er das Brot auf allen Punkten durchlöchert, -damit die Hitze von allen Seiten eindringe und der Säuerung vorgebeugt -werde. Zwischendurch laufen kleine Buben, nehmen die Brote ab, und -tragen sie zum Ofen hinaus. „Matzes, Matzes!“ schreit einer, der -bereits sein Brot auf dem Tische beendet liegen hat und fürchtet, es -könnte durch die Länge der Zeit säuern. Und dabei ergrimmt er und stößt -Flüche aus, weil die Hinausträger der Brote ihm zu saumselig und faul -sind. - -Drei Personen sind es jedoch, auf deren Schultern eine ganze Welt -von Plagen und Mühen liegt. Der eine ist der „Mehriner“, der andere -der Kneter, der dritte der Schießer. Diese Trias ist wahrhaft -bewundernswürdig und zugleich bedauernswert, denn ihre Beschäftigung -ist die mühseligste von allen. - -[Illustration] - -Der „Mehriner“ mißt das Mehl und teilt es dem Kneter zu. Der Teig wird -in kupfernen Kesseln bereitet und bedarf nur einer sehr einfachen -Manipulation, Mehl und Wasser. Die Hauptsorge des Kneters besteht -darin, daß der Teig sobald als möglich durchknetet sei, wozu ihm -wenige Minuten gegeben sind. Denn durch ein längeres Verzögern könnte -er in Fermentation geraten, und tausend Argusaugen sind da auf der -Lauer, die ein jedes Versehen mit bitterem Spotte, ja wohl auch mit -Dispensierung des Kneters bestrafen können. - -Der Schießer endlich ist niemand anderes als der Bäcker selbst. Man -denke sich einen Menschen, der mit wenigen Unterbrechungen vierzehn -Tage, ja sogar drei Wochen in einem fort der Hitze des Ofens ausgesetzt -ist, und man hat eine linde Vorstellung von langsamem Verbranntwerden. -Der Schießer gehört gewöhnlich der christlichen Religion an, wie -überhaupt in manchen Gemeinden auch Christenmädchen zur Bereitung der -Osterbrote verwendet werden. - -Sobald ein solches ungesäuertes Brot aus der Backstube hinausgetragen, -wird es ohne Weile auf die Schaufel gelegt und mit ungemeiner Flinkheit -vom Schießer in den Ofen getan. Nach wenigen Minuten kehrt es bereits -gebacken zurück. Hier wird es gewöhnlich von der Hausfrau, die die -Brote backen läßt, empfangen und längs eines langen Tisches, der -mit weißen Linnen bedeckt ist, aufgestellt. Oder ein ganzes Rudel -Kinder ist es, das sich diesem Geschäfte mit aller Freudigkeit -hingibt, gewöhnlich die Kinder der Hausfrau, oder, wenn die nicht, -fremde. Diesen läßt man als Entgelt ihrer Mühe kleine Fischlein aus -ungesäuertem Teige backen, mit denen sie dann am Abend in der Gasse -herumrennen, sie triumphierend ihren Gespielen hinweisend, die mit -solchen Trophäen noch nicht zu glänzen haben. - -Durch all dies Gedränge und Schreien und Rufen wandelt aber noch eine -Figur, deren wir bis jetzt noch nicht erwähnt haben. Es ist der „More -Zedek“, ein Gelehrter, der darüber zu wachen hat, daß alles in größter -Ordnung und ohne Verletzung der geringsten religiösen Zeremonie vor -sich gehe. Er beaufsichtigt den Mehriner und den Kneter, damit dieser -den Teig nicht über die Zeit in dem kupfernen Kessel herumknete, dann -wirft er aufmerksame Blicke denen zu, die die ungesäuerten Brote -verfertigen, damit auch sie nicht dem Gesetze zuwiderlaufen, das da -ungesäuerte Brote will. Zuweilen trifft es sich auch, daß man ihm -religiöse Bedenken vorträgt, die er zu schlichten hat. Ein ungesäuertes -Brot war nicht nach rechter Art durchlöchert, in der Ofenhitze stiegen -Blasen auf, oder sonst ein Gebrechen ist daran zu erblicken. Nun kommt -die Hausfrau mit dem fraglichen Corpus delicti und fragt den Rabbi, ob -er dieses Brot für gültig erkläre oder nicht. Der Rabbi schaut es lange -mit prüfendem Blicke an und sagt entweder ja oder nein. Im verneinenden -Falle wird das ungesäuerte Brot eine Beute der Kinder, und sie teilen -sich so fröhlich darein, daß man es ihnen ansieht, sie würden gar -nichts dagegen haben, wenn der Rabbi das ganze Gebäck für ungültig -erklären wollte. - -Die größte Sorge und Virtuosität wird aber auf die sogenannten -„Mizwahbrote“ verwendet. Das sind diejenigen ungesäuerten Brote, die -man an den beiden ersten Abenden des Osterfestes braucht, wo der -Hausvater im Kreise der Seinigen den Auszug der Israeliten aus Ägypten -feiert. Diese Brote sind von einer größeren Beschaffenheit als die -anderen, und die Mädchen, die sie verfertigen, legen eine besondere -Vorsorge an den Tag, sie so fein und groß und rund als möglich -auszudehnen. Auch rivalisieren sie während des Wellens miteinander, wer -von ihnen das größte Monstrum hervorzubringen imstande sei. - -Ist endlich das Backgeschäft vorüber, so erhalten die Leute ihren Lohn, -wobei es gewöhnlich zu nicht unbedeutenden Zänkereien kommt. Es findet -sich da manche sparsame Hausfrau oder manch knickeriger Hausherr, die -über den bedungenen Lohn nichts „von sich lassen wollen“, wie man sagt. -Denn man begehrte noch ein kleines Trinkgeld von ihnen, indem man -auf das vortreffliche Gebäcke hinweist, das man bereitet. Läßt sich -die Hausfrau bewegen und tut noch etwas hinzu, so erhält sie tausend -Segnungen und Beglückwünschungen, tut sie es nicht, so spricht und -grollt man sehr viel, und sie kann gewiß sein, daß im nächsten Jahre -die ungesäuerten Brote viel schlechter ausfallen werden als heuer. So -ein Bäcker hat für solche Seelenkränkungen ein treffliches Gedächtnis. - -Wir haben schließlich noch einer Ehrenbezeugung zu erwähnen, die bei -Gelegenheit des Backens der ungesäuerten Brote ausgeübt wird. Dem -Rabbiner werden am letzten Tage die ungesäuerten Brote gebacken. Wo -es eine Jeschibah (Hochschule) gibt, übernehmen die Jünger derselben -selbst die Verpflichtung, für ihren Lehrer die Brote zu kneten, -zu bereiten und backen. Auf diese Art genießt der Rabbiner drei -Privilegien: 1. daß er ganz frische, 2. ganz makellose und 3. ganz -reine Brote bekommt. Um dieser Vorteile willen hat sich schon mancher -gewünscht, Rabbiner zu sein -- anderer zu geschweigen. - - - - -DER RABBI VON BACHERACH. - -Von ~Heinrich Heine~. - - -Unterhalb des Rheingaus, wo die Ufer des Stromes ihre lachende Miene -verlieren, Berg und Felsen mit ihren abenteuerlichen Burgruinen -sich trotziger gebärden, und eine wildere, ernstere Herrlichkeit -emporsteigt, dort liegt, wie eine schaurige Sage der Vorzeit, die -finstere, uralte Stadt Bacherach. Nicht immer waren so morsch und -verfallen diese Mauern mit ihren zahnlosen Zinnen und blinden -Warttürmen, in deren Luken der Wind pfeift und die Spatzen nisten; in -diesen armselig häßlichen Lehmgassen, die man durch das zerrissene -Tor erblickt, herrschte nicht immer jene öde Stille, die nur dann und -wann unterbrochen wird von schreienden Kindern, keifenden Weibern und -brüllenden Kühen. Diese Mauern waren einst stolz und stark, und in -diesen Gassen bewegte sich frisches, freies Leben, Macht und Pracht, -Lust und Leid, viel Liebe und viel Haß. Bacherach gehörte einst zu -jenen Munizipien, welche von den Römern während ihrer Herrschaft am -Rhein gegründet worden, und die Einwohner, obgleich die folgenden -Zeiten sehr stürmisch und obgleich sie späterhin unter Hohenstaufische -und zuletzt unter Wittelsbacher Oberherrschaft gerieten, wußten -dennoch, nach dem Beispiel andrer rheinischen Städte, ein ziemlich -freies Gemeinwesen zu erhalten. Dieses bestand aus einer Verbindung -einzelner Körperschaften, wovon die der patrizischen Altbürger und -die der Zünfte, welche sich wieder nach ihren verschiedenen Gewerken -unterabteilten, beiderseitig nach der Alleinmacht rangen, so daß -sie sämtlich nach außen zu Schutz und Trutz gegen den nachbarlichen -Raubadel fest verbunden standen, nach innen aber wegen streitender -Interessen in beständiger Spaltung verharrten; und daher unter ihnen -wenig Zusammenleben, viel Mißtrauen, oft sogar tätliche Ausbrüche -der Leidenschaft. Der herrschaftliche Vogt saß auf der hohen Burg -Sareck, und wie sein Falke schoß er herab, wenn man ihn rief, und auch -manchmal ungerufen. Die Geistlichkeit herrschte im Dunkeln durch die -Verdunkelung des Geistes. Eine am meisten vereinzelte, ohnmächtige und -vom Bürgerrechte allmählich verdrängte Körperschaft war die kleine -Judengemeinde, die schon zur Römerzeit in Bacherach sich niedergelassen -und späterhin während der großen Judenverfolgung ganze Scharen -flüchtiger Glaubensbrüder in sich aufgenommen hatte. - -Die große Judenverfolgung begann mit den Kreuzzügen und wütete am -grimmigsten um die Mitte des vierzehnten Jahrhunderts, am Ende der -großen Pest, die, wie jedes andre öffentliche Unglück, durch die -Juden entstanden sein sollte, indem man behauptete, sie hätten den -Zorn Gottes herabgeflucht und mit Hilfe der Aussätzigen die Brunnen -vergiftet. Der gereizte Pöbel, besonders die Horden der Flagellanten, -halbnackte Männer und Weiber, die, zur Buße sich selbst geißelnd -und ein tolles Marienlied singend, die Rheingegend und das übrige -Süddeutschland durchzogen, ermordeten damals viele tausend Juden, oder -marterten sie, oder tauften sie gewaltsam. Eine andere Beschuldigung, -die ihnen schon in früherer Zeit, das ganze Mittelalter hindurch -bis Anfang des vorigen Jahrhunderts, viel Blut und Angst kostete, -das war das läppische, in Chroniken und Legenden bis zum Ekel oft -wiederholte Märchen, daß die Juden geweihte Hostien stählen, die -sie mit Messern durchstächen, bis das Blut herausfließe, und daß -sie an ihrem Peßachfeste Christenkinder schlachteten, um das Blut -derselben bei ihrem nächtlichen Gottesdienste zu gebrauchen. Die -Juden, hinlänglich verhaßt wegen ihres Glaubens, ihres Reichtums und -ihrer Schuldbücher, waren an jenem Festtage ganz in den Händen ihrer -Feinde, die ihr Verderben nur gar zu leicht bewirken konnten, wenn -sie das Gerücht eines solchen Kindermordes verbreiteten, vielleicht -gar einen blutigen Kinderleichnam in das verfehmte Haus eines Juden -heimlich hineinschwärzten und dort nächtlich die betende Judenfamilie -überfielen, wo alsdann gemordet, geplündert und getauft wurde, und -große Wunder geschahen durch das vorgefundene tote Kind, welches die -Kirche am Ende gar kanonisierte. Sankt Werner ist ein solcher Heiliger, -und ihm zu Ehren ward zu Oberwesel jene prächtige Abtei gestiftet, die -jetzt am Rhein eine der schönsten Ruinen bildet, und mit der gotischen -Herrlichkeit ihrer langen spitzbögigen Fenster, stolz emporschießenden -Pfeiler und Steinschnitzeleien uns so sehr entzückt, wenn wir an -einem heitergrünen Sommertage vorbeifahren und ihren Ursprung nicht -kennen. Zu Ehren dieses Heiligen wurden am Rhein noch drei andere -große Kirchen errichtet, und unzählige Juden getötet oder mißhandelt. -Dies geschah im Jahre 1287, und auch zu Bacherach, wo eine von diesen -Sankt-Wernerskirchen gebaut wurde, erging damals über die Juden -viel Drangsal und Elend. Doch zwei Jahrhunderte seitdem blieben sie -verschont von solchen Anfällen der Volkswut, obgleich sie noch immer -hinlänglich angefeindet und bedroht wurden. - -Je mehr aber der Haß sie von außen bedrängte, desto inniger und -traulicher wurde das häusliche Zusammenleben, desto tiefer wurzelte -die Frömmigkeit und Gottesfurcht der Juden von Bacherach. Ein Muster -gottgefälligen Wandels war der dortige Rabbiner, genannt Rabbi -Abraham, ein noch jugendlicher Mann, der aber weit und breit wegen -seiner Gelahrtheit berühmt war. Er war geboren in dieser Stadt, und -sein Vater, der dort ebenfalls Rabbiner gewesen, hatte ihm in seinem -letzten Willen befohlen, sich demselben Amt zu widmen und Bacherach nie -zu verlassen, es sei denn wegen Lebensgefahr. Dieser Befehl und ein -Schrank mit seltenen Büchern war alles, was sein Vater, der bloß in -Armut und Schriftgelahrtheit lebte, ihm hinterließ. Dennoch war Rabbi -Abraham ein sehr reicher Mann; verheiratet mit der einzigen Tochter -seines verstorbenen Vaterbruders, welcher den Juwelenhandel getrieben, -erbte er dessen große Reichtümer. Einige Fuchsbärte in der Gemeinde -deuteten darauf hin, als wenn der Rabbi eben des Geldes wegen seine -Frau geheirat habe. Aber sämtliche Weiber widersprachen und wußten alte -Geschichten zu erzählen, wie der Rabbi schon vor seiner Reise nach -Spanien verliebt gewesen in Sara -- man hieß sie eigentlich die schöne -Sara -- und wie Sara sieben Jahre warten mußte, bis der Rabbi aus -Spanien zurückkehrte, indem er sie gegen den Willen ihres Vaters und -selbst gegen ihre eigne Zustimmung durch den Trauring geheiratet hatte. -Jedweder Jude nämlich kann ein jüdisches Mädchen zu seinem rechtmäßigen -Eheweibe machen, wenn es ihm gelang, ihr einen Ring an den Finger zu -stecken und dabei die Worte zu sprechen: „Ich nehme dich zu meinem -Weibe nach den Sitten von Moses und Israel!“ Bei der Erwähnung Spaniens -pflegten die Fuchsbärte auf eine ganz eigne Weise zu lächeln; und das -geschah wohl wegen eines dunkeln Gerüchts, daß Rabbi Abraham auf der -hohen Schule zu Toledo zwar emsig genug das Studium des göttlichen -Gesetzes getrieben, aber auch christliche Gebräuche nachgeahmt und -freigeistige Denkungsart eingesogen habe, gleich jenen spanischen -Juden, die damals auf einer außerordentlichen Höhe der Bildung standen. -Im Innern ihrer Seele aber glaubten jene Fuchsbärte sehr wenig an -die Wahrheit des angedeuteten Gerüchts. Denn überaus rein, fromm -und ernst war seit seiner Rückkehr aus Spanien die Lebensweise des -Rabbi, die kleinlichsten Glaubensgebräuche übte er mit ängstlicher -Gewissenhaftigkeit, alle Montag und Donnerstag pflegte er zu fasten, -nur am Sabbath oder anderen Feiertagen genoß er Fleisch und Wein, sein -Tag verfloß in Gebet und Studium, des Tages erklärte er das göttliche -Gesetz im Kreise der Schüler, die der Ruhm seines Namens nach Bacherach -gezogen, und des Nachts betrachtete er die Sterne des Himmels oder -die Augen der schönen Sara. Kinderlos war die Ehe des Rabbi; dennoch -fehlte es nicht um ihn her an Leben und Bewegung. Der große Saal seines -Hauses, welches neben der Synagoge lag, stand offen zum Gebrauche der -ganzen Gemeinde; hier ging man aus und ein ohne Umstände, verrichtete -schleunige Gebete, oder holte Neuigkeiten, oder hielt Beratung in -allgemeiner Not; hier spielten die Kinder am Sabbathmorgen, während -in der Synagoge der wöchentliche Abschnitt verlesen wurde; hier -versammelte man sich bei Hochzeit- und Leichenzügen, und zankte sich -und versöhnte sich; hier fand der Frierende einen warmen Ofen und der -Hungrige einen gedeckten Tisch. Außerdem bewegten sich um den Rabbi -noch eine Menge Verwandte, Brüder und Schwestern mit ihren Weibern -und Kindern, sowie auch seine und seiner Frau gemeinschaftliche -Öhme und Muhmen, eine weitläufige Sippschaft, die alle den Rabbi -als Familienhaupt betrachteten, im Hause desselben früh und spät -verkehrten, und an hohen Festtagen sämtlich dort zu speisen pflegten. -Solche gemeinschaftliche Familienmahle im Rabbinerhause fanden ganz -besonders statt bei der jährlichen Feier des Peßach, eines uralten, -wunderbaren Festes, das noch jetzt die Juden in der ganzen Welt am -Vorabend des vierzehnten Tages im Monat Nissan, zum ewigen Gedächtnisse -ihrer Befreiung aus ägyptischer Knechtschaft, folgendermaßen begehen. - -Sobald es Nacht ist, zündet die Hausfrau die Lichter an, spreitet -das Tafeltuch über den Tisch, legt in die Mitte desselben drei von -den platten ungesäuerten Broten, verdeckt sie mit einer Serviette, -und stellt auf diesen erhöhten Platz sechs kleine Schüsseln, -worin symbolische Speisen enthalten, nämlich ein Ei, Lattich, -Mairettichwurzel, ein Lammknochen und eine braune Mischung von -Rosinen, Zimmet und Nüssen. An diesen Tisch setzt sich der Hausvater -mit allen Verwandten und Genossen und liest ihnen vor aus einem -abenteuerlichen Buche, das die Hagadah heißt, und dessen Inhalt eine -seltsame Mischung ist von Sagen der Vorfahren, Wundergeschichten aus -Ägypten, kuriosen Erzählungen, Streitfragen, Gebeten und Festliedern. -Eine große Abendmahlzeit wird in die Mitte dieser Feier eingeschoben, -und sogar während des Vorlesens wird zu bestimmten Zeiten etwas von -den symbolischen Gerichten gekostet, sowie alsdann auch Stückchen -von dem ungesäuerten Brote gegessen und vier Becher roten Weins -getrunken werden. Wehmütig heiter, ernsthaft spielend und märchenhaft -geheimnisvoll ist der Charakter dieser Abendfeier, und der herkömmlich -singende Ton, womit die Hagadah von dem Hausvater vorgelesen und -zuweilen chorartig von den Zuhörern nachgesprochen wird, klingt so -schauervoll innig, so mütterlich einlullend und zugleich so hastig -aufweckend, daß selbst diejenigen Juden, die längst von dem Glauben -ihrer Väter abgefallen und fremden Freuden und Ehren nachgejagt -sind, im tiefsten Herzen erschüttert werden, wenn ihnen die alten -wohlbekannten Peßachklänge zufällig ins Ohr dringen. - -Im großen Saale seines Hauses saß einst Rabbi Abraham, und mit seinen -Anverwandten, Schülern und übrigen Gästen beging er die Abendfeier -des Peßachfestes. Im Saale war alles mehr als gewöhnlich blank; über -den Tisch zog sich die buntgestickte Seidendecke, deren Goldfranzen -bis auf die Erde hingen; traulich schimmerten die Tellerchen mit den -symbolischen Speisen, sowie auch die hohen weingefüllten Becher, -woran als Zierat lauter heilige Geschichten von getriebener Arbeit; -die Männer saßen in ihren Schwarzmänteln und schwarzen Platthüten -und weißen Halsbergen; die Frauen, in ihren wunderlich glitzernden -Kleidern von lombardischen Stoffen, trugen um Haupt und Hals ihr Gold- -und Perlengeschmeide; und die silberne Sabbathlampe goß ihr festliches -Licht über die andächtig vergnügten Gesichter der Alten und Jungen. Auf -den purpurnen Sammetkissen eines mehr als die übrigen erhabenen Sessels -und angelehnt, wie es der Gebrauch heischt, saß Rabbi Abraham und las -und sang die Hagadah, und der bunte Chor stimmte ein oder antwortete -bei den vorgeschriebenen Stellen. Der Rabbi trug ebenfalls sein -schwarzes Festkleid, seine edelgeformten, etwas strengen Züge waren -milder denn gewöhnlich, die Lippen lächelten hervor aus dem braunen -Barte, als wenn sie viel Holdes erzählen wollten, und in seinen Augen -schwamm es wie selige Erinnerung und Ahnung. Die schöne Sara, die auf -einem ebenfalls erhabenen Sammetsessel an seiner Seite saß, trug als -Wirtin nichts von ihrem Geschmeide, nur weißes Linnen umschloß ihren -schlanken Leib und ihr frommes Antlitz. Dieses Antlitz war rührend -schön, wie denn überhaupt die Schönheit der Jüdinnen von eigentümlich -rührender Art ist; das Bewußtsein des tiefen Elends, der bittern -Schmach und der schlimmen Fahrnisse, worinnen ihre Verwandte und -Freunde leben, verbreitet über ihre holden Gesichtszüge eine gewisse -leidende Innigkeit und beobachtende Liebesangst, die unsere Herzen -sonderbar bezaubern. So saß heute die schöne Sara und sah beständig -nach den Augen ihres Mannes; dann und wann schaute sie auch nach der -vor ihr liegenden Hagadah, dem hübschen, in Gold und Sammet gebundenen -Pergamentbuche, einem alten Erbstück mit verjährten Weinflecken aus -den Zeiten ihres Großvaters, und worin so viele keck und bunt gemalte -Bilder, die sie schon als kleines Mädchen am Peßachabend so gerne -betrachtete, und die allerlei biblische Geschichten darstellten, als -da sind: wie Abraham die steinernen Götzen seines Vaters mit dem -Hammer entzwei klopft, wie die Engel zu ihm kommen, wie Moses den -Mizri totschlägt, wie Pharao prächtig auf dem Throne sitzt, wie ihm -die Frösche sogar bei Tische keine Ruhe lassen, wie er, Gott sei Dank! -versäuft, wie die Kinder Israel vorsichtig durch das Rote Meer gehen, -wie sie offnen Maules mit ihren Schafen, Kühen und Ochsen vor dem Berge -Sinai stehen, dann auch wie der fromme König David die Harfe spielt, -und endlich wie Jerusalem mit den Türmen und Zinnen seines Tempels -bestrahlt wird vom Glanze der Sonne! - -Der zweite Becher war schon eingeschenkt, die Gesichter und Stimmen -wurden immer heller, und der Rabbi, indem er eins der ungesäuerten -Osterbrote ergriff und heiter grüßend emporhielt, las er folgende Worte -aus der Hagadah: „Siehe! das ist die Kost, die unsere Väter in Ägypten -genossen! Jeglicher, den es hungert, er komme und genieße! Jeglicher, -der da traurig, er komme und teile unsere Peßachfreude! Gegenwärtigen -Jahres feiern wir hier das Fest, aber zum kommenden Jahre im Lande -Israels! Gegenwärtigen Jahres feiern wir es noch als Knechte, aber zum -kommenden Jahre als Söhne der Freiheit!“ - -Da öffnete sich die Saaltüre, und herein traten zwei große blasse -Männer, in sehr weite Mäntel gehüllt, und der eine sprach: „Friede -sei mit euch, wir sind reisende Glaubensgenossen und wünschen das -Peßachfest mit euch zu feiern.“ Und der Rabbi antwortete rasch und -freundlich: „Mit euch sei Frieden, setzt euch nieder in meiner Nähe!“ -Die beiden Fremdlinge setzten sich alsbald zu Tische, und der Rabbi -fuhr fort im Vorlesen. Manchmal, während die übrigen noch im Zuge des -Nachsprechens waren, warf er kosende Worte nach seinem Weibe, und -anspielend auf den alten Scherz, daß ein jüdischer Hausvater sich an -diesem Abend für einen König hält, sagte er zu ihr: „Freue dich, meine -Königin!“ Sie aber antwortete, wehmütig lächelnd: „Es fehlt uns ja der -Prinz!“ und damit meinte sie den Sohn des Hauses, der, wie eine Stelle -in der Hagadah es verlangt, mit vorgeschriebenen Worten seinen Vater -um die Bedeutung des Festes befragen soll. Der Rabbi erwiderte nichts -und zeigte bloß mit dem Finger nach einem eben aufgeschlagenen Bilde -in der Hagadah, wo überaus anmutig zu schauen war, wie die drei Engel -zu Abraham kommen, um ihm zu verkünden, daß ihm ein Sohn geboren werde -von seiner Gattin Sara, welche unterdessen weiblich-pfiffig hinter der -Zelttüre steht, um die Unterredung zu belauschen. Dieser leise Wink -goß dreifaches Rot über die Wangen der schönen Frau, sie schlug die -Augen nieder, und sah dann wieder freundlich empor nach ihrem Manne, -der singend fortfuhr im Vorlesen der wunderbaren Geschichte, wie Rabbi -Jehoschua, Rabbi Elieser, Rabbi Asarjah, Rabbi Akiba und Rabbi Tarfon -in B’ne-B’rak angelehnt saßen und sich die ganze Nacht vom Auszuge der -Kinder Israel aus Ägypten unterhielten, bis ihre Schüler kamen und -ihnen zuriefen, es sei Tag und in der Synagoge verlese man schon das -große Morgengebet. - -Derweilen nun die schöne Sara andächtig zuhörte und ihren Mann -beständig ansah, bemerkte sie, wie plötzlich sein Antlitz in -grausiger Verzerrung erstarrte, das Blut aus seinen Wangen und Lippen -verschwand, und seine Augen wie Eiszapfen hervorglotzten; -- aber -fast im selben Augenblick sah sie, wie seine Züge wieder die vorige -Ruhe und Heiterkeit annahmen, wie seine Lippen und Wangen sich wieder -röteten, seine Augen munter umherkreisten, ja, wie sogar eine ihm -sonst gar fremde tolle Laune sein ganzes Wesen ergriff. Die schöne -Sara erschrak, wie sie noch nie in ihrem Leben erschrocken war, und -ein inneres Grauen stieg kältend in ihr auf, weniger wegen der Zeichen -von starrem Entsetzen, die sie einen Moment lang im Gesichte ihres -Mannes erblickt hatte, als wegen seiner jetzigen Fröhlichkeit, die -allmählich in jauchzende Ausgelassenheit überging. Der Rabbi schob sein -Barett spielend von einem Ohre nach dem andern, zupfte und kräuselte -possierlich seine Bartlocken, sang den Hagadahtext nach der Weise -eines Gassenhauers, und bei der Aufzählung der ägyptischen Plagen, -wo man mehrmals den Zeigefinger in den vollen Becher eintunkt und -den anhängenden Weintropfen zur Erde wirft, bespritzte der Rabbi die -jüngern Mädchen mit Rotwein, und es gab großes Klagen über verdorbene -Halskrausen und schallendes Gelächter. Immer unheimlicher ward es der -schönen Sara bei dieser krampfhaft sprudelnden Lustigkeit ihres Mannes, -und beklommen von namenloser Bangigkeit schaute sie in das summende -Gewimmel der buntbeleuchteten Menschen, die sich behaglich breit hin -und her schaukelten, an den dünnen Peßachbröten knoperten, oder Wein -schlürften, oder miteinander schwatzten, oder laut sangen, überaus -vergnügt. - -Da kam die Zeit, wo die Abendmahlzeit gehalten wird; alle standen auf, -um sich zu waschen, und die schöne Sara holte das große silberne, mit -getriebenen Goldfiguren reichverzierte Waschbecken, das sie jedem der -Gäste vorhielt, während ihm Wasser über die Hände gegossen wurde. Als -sie auch dem Rabbi diesen Dienst erwies, blinzelte ihr dieser bedeutsam -mit den Augen, und schlich sich zur Türe hinaus. Die schöne Sara folgte -ihm auf dem Fuße; hastig ergriff der Rabbi die Hand seines Weibes, -eilig zog er sie fort durch die dunkeln Gassen Bacherachs, eilig zum -Tor hinaus auf die Landstraße, die den Rhein entlang nach Bingen führt. - -Es war eine jener Frühlingsnächte, die zwar lau genug und hellgestirnt -sind, aber doch die Seele mit seltsamen Schauern erfüllen. Leichenhaft -dufteten die Blumen; schadenfroh und zugleich selbstbeängstigt -zwitscherten die Vögel; der Mond warf heimtückisch gelbe Streiflichter -über den dunkel hinmurmelnden Strom; die hohen Felsenmassen des Ufers -schienen bedrohlich wackelnde Riesenhäupter, der Turmwächter auf -Burg-Strahleck blies eine melancholische Weise, und dazwischen läutete -eifrig gellend das Sterbeglöckchen der Sankt Wernerskirche. Die schöne -Sara trug in der rechten Hand das silberne Waschbecken, ihre linke -hielt der Rabbi noch immer gefaßt, und sie fühlte, wie seine Finger -eiskalt waren und wie sein Arm zitterte; aber sie folgte schweigend, -vielleicht, weil sie von jeher gewohnt, ihrem Manne blindlings und -fragenlos zu gehorchen, vielleicht auch, weil ihre Lippen vor innerer -Angst verschlossen waren. - -Unterhalb der Burg Sonneck, Lorch gegenüber, ungefähr wo jetzt das -Dörfchen Niederrheinbach liegt, erhebt sich eine Felsenplatte, die -bogenartig über das Rheinufer hinaushängt. Diese erstieg Rabbi Abraham -mit seinem Weibe, schaute sich um nach allen Seiten und starrte hinauf -nach den Sternen. Zitternd und von Todesängsten durchfröstelt stand -neben ihm die schöne Sara und betrachtete sein blasses Gesicht, das -der Mond gespenstisch beleuchtete, und worauf es hin- und herzuckte -wie Schmerz, Furcht, Andacht und Wut. Als aber der Rabbi plötzlich das -silberne Waschbecken ihr aus der Hand riß und es schollernd hinabwarf -in den Rhein: da konnte sie das grausenhafte Angstgefühl nicht länger -ertragen, und mit dem Ausrufe „Schadai voller Genade!“ stürzte sie zu -den Füßen des Mannes und beschwor ihn, das dunkle Rätsel endlich zu -enthüllen. - -Der Rabbi, des Sprechens ohnmächtig, bewegte mehrmals lautlos die -Lippen, und endlich rief er: „Siehst du den Engel des Todes? Dort unten -schwebt er über Bacherach! Wir aber sind seinem Schwerte entronnen. -Gelobt sei der Herr!“ Und mit einer Stimme, die noch vor innerem -Entsetzen bebte, erzählte er: wie er wohlgemut die Hagadah hinsingend -und angelehnt saß und zufällig unter den Tisch schaute, habe er dort -zu seinen Füßen den blutigen Leichnam eines Kindes erblickt. „Da -merkte ich“ -- setzte der Rabbi hinzu -- „daß unsre zwei späte Gäste -nicht von der Gemeinde Israels waren, sondern von der Versammlung der -Gottlosen, die sich beraten hatten, jenen Leichnam heimlich in unser -Haus zu schaffen, um uns des Kindermordes zu beschuldigen und das -Volk aufzureizen, uns zu plündern und zu ermorden. Ich durfte nicht -merken lassen, daß ich das Werk der Finsternis durchschaut; ich hätte -dadurch nur mein Verderben beschleunigt, und nur die List hat uns beide -gerettet. Gelobt sei der Herr! ängstige dich nicht, schöne Sara; auch -unsre Freunde und Verwandte werden gerettet sein. Nur nach meinem Blute -lechzten die Ruchlosen; ich bin ihnen entronnen, und sie begnügen sich -mit meinem Silber und Golde. Komm mit mir, schöne Sara, nach einem -anderen Lande, wir wollen das Unglück hinter uns lassen, und damit uns -das Unglück nicht verfolge, habe ich ihm das letzte meiner Habe, das -silberne Becken, zur Versöhnung hingeworfen. Der Gott unserer Väter -wird uns nicht verlassen. -- Komm herab, du bist müde; dort unten steht -bei seinem Kahne der stille Wilhelm; er fährt uns den Rhein hinauf.“ - -Lautlos und mit gebrochenen Gliedern war die schöne Sara in die Arme -des Rabbi hingesunken, und langsam trug er sie hinab nach dem Ufer. -Hier stand der stille Wilhelm, ein taubstummer, aber bildschöner Knabe, -der zum Unterhalt seiner alten Pflegemutter, einer Nachbarin des Rabbi, -den Fischfang trieb und hier seinen Kahn angelegt hatte. Es war, als -erriete er schon gleich die Absicht des Rabbi, ja es schien, als habe -er eben auf ihn gewartet; um seine geschlossenen Lippen zog sich das -lieblichste Mitleid, bedeutungstief ruhten seine großen blauen Augen -auf der schönen Sara, und sorgsam trug er sie in den Kahn. - -Der Blick des stummen Knaben weckte die schöne Sara aus ihrer -Betäubung, sie fühlte auf einmal, daß alles, was ihr Mann ihr erzählt, -kein bloßer Traum sei, und Ströme bitterer Tränen ergossen sich über -ihre Wangen, die jetzt so weiß wie ihr Gewand. Da saß sie nun in der -Mitte des Kahns, ein weinendes Marmorbild; neben ihr saßen ihr Mann und -der stille Wilhelm, welche emsig ruderten. - -Sei es nun durch den einförmigen Ruderschlag, oder durch das Schaukeln -des Fahrzeugs, oder durch den Duft jener Bergesufer, worauf die Freude -wächst, immer geschieht es, daß auch der Betrübteste seltsam beruhigt -wird, wenn er in der Frühlingsnacht in einem leichten Kahne leicht -dahinfährt auf dem lieben, klaren Rheinstrom. Wahrlich, der alte, -gutherzige Vater Rhein kann’s nicht leiden, wenn seine Kinder weinen; -tränenstillend wiegt er sie auf seinen treuen Armen und erzählt ihnen -seine schönsten Märchen und verspricht ihnen seine goldigsten Schätze, -vielleicht gar den uralt versunkenen Niblungshort. Auch die Tränen -der schönen Sara flossen immer milder und milder, ihre gewaltigsten -Schmerzen wurden fortgespült von den flüsternden Wellen, die Nacht -verlor ihr finstres Grauen, und die heimatlichen Berge grüßten -wie zum zärtlichsten Lebewohl. Vor allen aber grüßte traulich ihr -Lieblingsberg, der Kedrich, und in seiner seltsamen Mondbeleuchtung -schien es, als stände wieder oben ein Fräulein mit ängstlich -ausgestreckten Armen, als kröchen die flinken Zwerglein wimmelnd aus -ihren Felsenspalten, und als käme ein Reiter den Berg hinaufgesprengt -in vollem Galopp; und der schönen Sara war zumute, als sei sie wieder -ein kleines Mädchen und säße wieder auf dem Schoße ihrer Muhme aus -Lorch, und diese erzähle ihr die hübsche Geschichte von dem kecken -Reuter, der das arme, von den Zwergen geraubte Fräulein befreite, und -noch andre wahre Geschichten, vom wunderlichen Wispertale drüben, wo -die Vögel ganz vernünftig sprechen, und vom Pfefferkuchenland, wohin -die folgsamen Kinder kommen, und von verwünschten Prinzessinnen, -singenden Bäumen, gläsernen Schlössern, goldenen Brücken, lachenden -Nixen... Aber zwischen all diesen hübschen Märchen, die klingend und -leuchtend zu leben begannen, hörte die schöne Sara die Stimme ihres -Vaters, der ärgerlich die arme Muhme ausschalt, daß sie dem Kinde -soviel Torheiten in den Kopf schwatze! Alsbald kam’s ihr vor, als -setzte man sie auf das kleine Bänkchen vor dem Sammetsessel ihres -Vaters, der mit weicher Hand ihr langes Haar streichelte, gar vergnügt -mit den Augen lachte und sich behaglich hin und her wiegte in seinem -weiten, blauseidenen Sabbathschlafrock... Es mußte wohl Sabbath -sein, denn die geblümte Decke war über den Tisch gebreitet, alle -Geräte im Zimmer leuchteten, spiegelblank gescheuert, der weißbärtige -Gemeindediener saß an der Seite des Vaters und kaute Rosinen und sprach -hebräisch, auch der kleine Abraham kam herein mit einem allmächtig -großen Buche, und bat bescheidentlich seinen Oheim um die Erlaubnis, -einen Abschnitt der Heiligen Schrift erklären zu dürfen, damit der -Oheim sich selber überzeuge, daß er in der verflossenen Woche viel -gelernt habe und viel Lob und Kuchen verdiene... Nun legte der kleine -Bursche das Buch auf die breite Armlehne des Sessels und erklärte -die Geschichte von Jakob und Rahel, wie Jakob seine Stimme erhoben -und laut geweint, als er sein Mühmchen Rahel zuerst erblickte, wie -er so traulich am Brunnen mit ihr gesprochen, wie er sieben Jahre um -Rahel dienen mußte, und wie sie ihm so schnell verflossen, und wie er -die Rahel geheiratet und immer und immer geliebt hat... Auf einmal -erinnerte sich auch die schöne Sara, daß ihr Vater damals mit lustigem -Tone ausrief: „Willst du nicht ebenso dein Mühmchen Sara heiraten?“ -worauf der kleine Abraham ernsthaft antwortete: „Das will ich, und sie -soll sieben Jahr warten.“ Dämmernd zogen diese Bilder durch die Seele -der schönen Frau, sie sah, wie sie und ihr kleiner Vetter, der jetzt -so groß und ihr Mann geworden, kindisch miteinander in der Lauberhütte -spielten, wie sie sich dort ergötzten an den bunten Tapeten, Blumen, -Spiegeln und vergoldeten Äpfeln, wie der kleine Abraham immer -zärtlicher mit ihr koste, bis er allmählich größer und mürrischer -wurde, und endlich ganz groß und ganz mürrisch... Und endlich sitzt sie -zu Hause allein in ihrer Kammer eines Samstags Abend, der Mond scheint -hell durchs Fenster, und die Tür fliegt auf, und hastig stürmt herein -ihr Vetter Abraham in Reisekleidern und blaß wie der Tod, und er greift -ihre Hand, steckt einen goldenen Ring an ihren Finger und spricht -feierlich: „Ich nehme dich hiermit zu meinem Weibe, nach den Gesetzen -von Moses und Israel! Jetzt aber“ -- setzt er bebend hinzu -- „jetzt -muß ich fort nach Spanien. Lebewohl, sieben Jahre sollst du auf mich -warten!“ Und er stürzt fort, und weinend erzählt die schöne Sara das -alles ihrem Vater... Der tobt und wütet: „Schneid ab dein Haar, denn du -bist ein verheiratetes Weib!“ -- und er will dem Abraham nachreiten, um -einen Scheidebrief von ihm zu erzwingen; -- aber er ist schon über alle -Berge, der Vater kehrt schweigend nach Haus zurück, und wie die schöne -Sara ihm die Reitstiefel ausziehen hilft und besänftigend äußert, -daß der Abraham nach sieben Jahren zurückkehre, da flucht der Vater: -„Sieben Jahr sollt ihr betteln gehn!“ und bald stirbt er. - -So zogen der schönen Sara die alten Geschichten durch den Sinn wie ein -hastiges Schattenspiel: die Bilder vermischten sich auch wunderlich, -und zwischendurch schauten halb bekannte, halb fremde bärtige Gesichter -und große Blumen mit fabelhaft breitem Blattwerk. Es war auch, als -murmelte der Rhein die Melodien der Hagadah, und die Bilder derselben -stiegen daraus hervor, lebensgroß und verzerrt, tolle Bilder: der -Erzvater Abraham zerschlägt ängstlich die Götzengestalten, die sich -immer hastig wieder von selbst zusammensetzen; der Mizri wehrt sich -furchtbar gegen den ergrimmten Moses; der Berg Sinai blitzt und -flammt; der König Pharao schwimmt im Roten Meere, mit den Zähnen im -Maule die zackige Goldkrone festhaltend; Frösche mit Menschenantlitz -schwimmen hintendrein, und die Wellen schäumen und brausen, und eine -dunkle Riesenhand taucht drohend daraus hervor. - -Das war Hattos Mäuseturm, und der Kahn schoß eben durch den Binger -Strudel. Die schöne Sara war dadurch etwas aus ihren Träumereien -gerüttelt und schaute nach den Bergen des Ufers, auf deren Spitzen -die Schloßlichter flimmerten, und an deren Fuß die mondbeleuchteten -Nachtnebel sich hinzogen. Plötzlich aber glaubte sie dort ihre -Freunde und Verwandte zu sehen, wie sie mit Leichengesichtern und in -weißwallenden Totenhemden schreckenhaftig vorüberliefen, den Rhein -entlang... es ward ihr schwarz vor den Augen, ein Eisstrom ergoß sich -in ihre Seele, und wie im Schlafe hörte sie nur noch, daß ihr der Rabbi -das Nachtgebet vorbetete, langsam ängstlich, wie es bei todkranken -Leuten geschieht, und träumerisch stammelte sie noch die Worte: -„Zehntausend zur Rechten und zehntausend zur Linken; den König zu -schützen vor nächtlichem Grauen...“ - -Da verzog sich plötzlich all das eindringende Dunkel und Grausen, der -düstre Vorhang ward vom Himmel fortgerissen, es zeigte sich oben die -heilige Stadt Jerusalem mit ihren Türmen und Toren; in goldner Pracht -leuchtete der Tempel; auf dem Vorhofe desselben erblickte die schöne -Sara ihren Vater in seinem gelben Sabbathschlafrock und vergnügt mit -den Augen lachend; aus den runden Tempelfenstern grüßten fröhlich alle -ihre Freunde und Verwandte; im Allerheiligsten kniete der fromme König -David mit Purpurmantel und funkelnder Krone, und lieblich ertönte sein -Gesang und Saitenspiel -- und selig lächelnd entschlief die schöne -Sara. - - - - -PESSACH IN RUSSLAND VOR SIEBZIG JAHREN. - -Von ~Pauline Wengeroff~. - - -[Illustration] - -Die Zeit vor Peßach verging in endlosen Vorbereitungen für die -Wirtschaft, für Kleider und Putzsachen. Endlich nahte der wichtige Tag -des Erew-Peßach heran. Da erreichte die Arbeit ihren Höhepunkt! Am -Abend vorher wird auch eine rituelle Handlung vollzogen: das B’dikath -Chamez, d. h. das Fortschaffen des gesäuerten Brotteiges aus dem Hause. -Da begab sich meine Mutter in die Küche, ließ sich von der Köchin einen -hölzernen Löffel und einige Gänsefedern geben, wickelte um beides einen -weißen Lappen, nahm ein Wachskerzchen dazu, band das ganze mit einem -Bindfaden fest und brachte es in das Zimmer des Vaters, wo sie es auf -das Fensterbrett legte. Diese scheinbar bedeutungslosen Gegenstände -sollten abends bei einer religiösen Handlung verwendet werden. Mein -Vater nahm, nachdem er zu Abend gebetet hatte, das Bündel, steckte das -Wachskerzchen an und übergab es meinem Bruder, dessen Hand ihm als -Leuchter dienen sollte, und nun ging der Feldzug gegen den Chamez durch -das ganze Haus. Jedes Fensterbrett, jeder Winkel, in dem man Speisen -vermutete, wurde von meinem Vater untersucht und von meinem Bruder mit -dem Wachskerzchen erleuchtet. Die aufgefundenen Krümel wurden mit den -Federn in den Löffel gescharrt, nachdem mein Vater das dazu bestimmte -Gebet gesprochen hatte. Wir Kinder machten uns manchmal den Spaß, -vorher überall Krümel anzuhäufen, worüber sich der Vater wunderte, da -doch an diesem Tage die Fensterbrettchen gewöhnlich mit besonderer -Aufmerksamkeit gesäubert wurden. So untersuchte er nun gründlich die -Fenster, und die Mutter mußte sich beeilen, das noch vorhandene Brot -aus dem Hause zu räumen, denn das Gesetz gebot, daß alles Brot, das -auf der Suche durchs Haus vorgefunden wurde, gesammelt und verbrannt -werde. Nachdem diese Handlung vollbracht war, speiste man etwas früher -zu Abend als sonst. Das inzwischen verborgene Brot durfte nun zwar auf -den Tisch kommen, die gesammelten Brotkrümel im Löffel aber wurden mit -dem Wachskerzchen und den Federn in einen Lappen gebunden und auf dem -Hängeleuchter im Speisezimmer recht hoch befestigt, damit es keine Maus -erreiche, welche die Krümel sonst wieder zerstreuen könnte. Man ging -zeitig schlafen, um am nächsten Morgen recht früh aufzustehen, denn -um 9 Uhr morgens darf sich kein Bissen Brot oder sonstiger Chamez im -Hause eines religiösen Juden vorfinden. Wir Kinder wurden sehr früh -geweckt und mußten Frühstück und Mittagessen auf einmal verzehren. -Das Nationalgericht für diesen Morgen ist heiß gesottene Milch mit -Weißbrot. Doch war meist zu dieser Stunde schon ein Braten fertig, an -dem sich mancher Hausgenosse gütlich tat. „Und nun rasch, rasch!“, -trieb meine Mutter alle im Hause an, auch die Dienerschaft aß doppelt -soviel als sonst, denn es durfte doch nichts vom Chamez zurückbleiben. -Wir Kinder machten allerhand Späße und verabschiedeten uns dann für -volle acht Tage vom Brote. Das Geschirr wurde rasch gewaschen, und -die Mutter befahl dem Diener, alles ins Speisezimmer zu bringen. Von -dem teuren Porzellanservice bis zur letzten Kupferkasserole wurden -alle Stücke bunt durcheinander auf die Diele, den Tisch, die Fenster -gestellt und dann mußte alles in große Kisten gepackt und auf den -Boden gebracht werden, woher sodann die gefüllten Kisten mit dem -Peßachgeschirr herunter getragen wurden. Das Speisezimmer wurde wieder -gründlich gereinigt, die Fensterbrettchen mit weißem Papier bedeckt. -Der große Speisetisch wurde auseinander gezogen, mit einem weißen Tuch -oder mit Papier bedeckt und dann der zu seiner ganzen Länge ausgezogene -Tisch mit dickem Filz, einer Schicht Heu und vieler grauen Leinwand -bedeckt, die mit kleinen Nägeln befestigt werden, das wir Kinder mit -so großer Neugierde erwarteten, weil jedes von uns darunter seinen -bestimmten Kos (kleiner Becher von hübscher Form) hatte. Aber damit -nicht genug! Es gab um diese Zeit auch an allen Orten und in allen -Zimmern viel Interessantes für uns zu sehen, besonders im Hof, wo -alle Holztische und -bänke zum Kaschern aufgestellt waren. Man goß die -Bank oder den Tisch mit siedendem Wasser, strich mit einem zum Glühen -gebrachten Eisen darüber hin und her und schüttete dann gleich kaltes -Wasser auf die Gegenstände. - -[Illustration] - -Außer diesem Schauspiel gab es aber noch etwas Großartigeres: der Vater -erschien nämlich in der Küchentür mit dem Chamez von gestern in der -Rechten und ließ Feiwele, den alten Wächter, Ziegelsteine und trockene -Holzstücke bringen. Der Alte besorgte das blitzschnell, errichtete -aus den Ziegeln einen kleinen Herd und legte die Holzstücke darauf. -Mein Vater legte den Löffel mit den darin befindlichen Krümeln auf den -Scheiterhaufen und ließ das Holz in Brand setzen. Wir Kinder liefen -hin und her, um uns, wenn irgend möglich, dabei nützlich zu machen. -Das trockene Holz fing sofort Feuer, und ein Flämmchen nach dem andern -züngelte aus dem Scheiterhaufen hervor. Und wir Kinder schrien: „Seht, -seht, die Federn sind schon versengt! Der Lappen brennt schon...“ -Endlich verschlangen die vereinten Flammen auch den Löffel, und es -dauerte nicht länger als zehn Minuten, so war das Autodafé des Chamez -vollzogen. Mein Vater verließ nicht eher den Schauplatz, als bis alle -Überbleibsel des Scheiterhaufens weggeräumt waren, denn nach der -Vorschrift darf man selbst nicht auf die Asche treten, auch wenn es -„Nutzen oder Vergnügen“ brächte. - -Wir Kinder sprangen von da in das Eßzimmer, wo Schimen, der „Meschores“ -(der Diener), mit dem Auspacken des Peßachgeschirrs beschäftigt war. -Wir wollten auch hier helfen und von unseren Kossoth (Weinbecherchen) -Besitz ergreifen, da schmunzelte der Diener schalkhaft und meinte, daß -wir dazu noch nicht gehörig vorbereitet seien. Wir waren verblüfft -und sahen ihn fragend und bestürzt an. Mit gleichgültiger Miene -erklärte er, daß wir noch nicht gescheuert und gekaschert seien. „Wieso -gekaschert?“ fragten wir. „Ja, ja,“ versetzte unser Peiniger, „Ihr müßt -heiße glühende Steindelach (Steinchen) in den Mund nehmen, sie dort -herumkollern, hernach mit kaltem Wasser ausspülen, ausspucken, dann -erst dürft ihr dieses Geschirr anrühren.“ Wir fanden keine Antwort -und stürzten weinend in die Küche, wo meine Mutter in voller Arbeit -war. Sie beriet eben mit der Köchin die Bereitung des Indianvogels, -eines riesigen Truthahns, der bereits geschlachtet, gerupft, gesengt, -gesalzen und dreimal mit Wasser abgespült war. Jetzt lag er auf dem -Brett, und die Köchin hielt ihn mit beiden Händen fest, als wenn er -davonfliegen wollte, während die Mutter, mit einem großen Küchenmesser -bewaffnet, den Hauptschnitt ausführte. Unweit von diesem Schauplatz, -rechts von der Bank, lag auf einem abgehobelten Brett in seiner -ganzen Länge ein silberschuppiger Hecht aus dem Flusse Bug, noch der -kunstgerechten Behandlung harrend. Auf der linken Seite stand der -sauber gescheuerte Küchentisch, auf dem sich verschiedene Schüsseln, -Teller, Gabeln, Löffel befanden, ferner ein großer Korb Eier, ein Topf -Mazzothmehl, das meine Schwester eben siebte und aus dem später die -schmackhaften Torten, Mandelkuchen usw. bereitet wurden. Wir wollten -nun die Mutter fragen, ob Simon recht hätte. Aber wir blieben, von der -Mutter reger Arbeit gefesselt, stehen. Die schreckliche Vorstellung von -den glühenden Steindelach im Mund erpreßte uns ein leises Schluchzen -und meine jüngere Schwester überredete mich, die Mutter doch zu -interpellieren. Allein die Mutter kam uns zuvor. Ihr war unser Flüstern -schon längst aufgefallen und, halb verwundert, halb ärgerlich, fragte -sie uns, weshalb wir so ungestüm in die Küche gestürzt wären. Da -erzählten wir mit kläglicher Stimme, in halben Sätzen, was der böse -Schimen uns gesagt hätte. Sie verstand nicht recht und ward ungeduldig. -Dann schrie sie plötzlich auf: „Was für glühende Steindelach? Wer hat -sie in den Mund genommen? Wer hat sich mit heißem Wasser begossen?“ -Nach einer langen Auseinandersetzung erfuhr sie endlich die eigentliche -Ursache unserer Besorgnis. Sie ließ Schimen sofort kommen und verbot -ihm energisch, uns so dummes Zeug vorzuschwätzen. Uns sagte sie, wir -sollten uns waschen und reine Kattunkleidchen anlegen, dann wären -wir würdig, unsere Kossoth in Empfang zu nehmen. Im Nu waren wir -angekleidet. Mit triumphierenden Mienen sprangen wir ins Eßzimmer und -halfen nun das Geschirr abwischen. - -Während meine Mutter mit dem Tischdecken und dem Vorbereiten der -verschiedenen kleinen Symbole für die Abendfeier beschäftigt war, kam -der Vater oft und erkundigte sich, ob nichts vergessen worden sei. Zur -Krönung des Werkes ließ die Mutter noch einige Daunenkissen und eine -weiße Pikeedecke holen und bereitete für den Vater zur linken einen -Ruhesitz, das Hessebett, ein ähnliches wurde auf zwei Stühlen für die -jungen Männer neben ihren Sitzplätzen hergerichtet. Jeder Winkel atmete -Sauberkeit und Behaglichkeit, und die festliche Stimmung, die im Hause -herrschte, teilte sich jedem mit. - -Die Abenddämmer stiegen langsam hernieder. Die Teestunde nahte. Wir -tranken und schlürften das duftige Getränk mit besonderem Behagen, denn -er schmeckte in der trefflichen Umgebung ganz besonders gut. Alles -blitzte und funkelte. Selbst für das Trinkwasser waren neue Gefäße in -Verwendung. - -Nun ging es an die Toilette! Es dauerte nicht lange, so erschien meine -Mutter festlich gekleidet, um die Kerzen anzuzünden. Sie war zur -Zeit, die ich schildere, jung und hübsch. Ihre Haltung war bescheiden -und doch selbstbewußt. Ihr ganzes Wesen, ihre Augen drückten wahre, -tiefe Ruhe und Seelenfrieden aus. Sie dankte dem Schöpfer für die -Gnade, daß er sie und ihre Lieben diesen Festtag in Gesundheit hatte -erleben lassen. -- Ihre Kleidung war reich wie die einer Patrizierin -jener Tage. Aus ihrer ganzen Art leuchtete die vornehme, adlige -Abkunft. Mancher von der jungen Generation wird bei dem Wort „adliger -Abkunft“ spöttisch lächeln, als gäbe es keinen jüdischen Adel! Freilich -hat der Jude sein Adelsdiplom weder auf dem Schlachtfeld noch aus -Königspalästen für Heldentaten auf der großen Landstraße erworben. Den -jüdischen Adel gab das geistige Leben: lebendiges Talmudstudium, Liebe -zu Gott und den Menschen. Und es traf sich oft, daß zu diesen Tugenden -auch äußerer Reichtum und Würden kamen. - -Nachdem meine Mutter die Kerzen angezündet hatte, verrichtete sie -ein kurzes Gebet, bedeckte sich, wie es der Brauch will, die Augen -mit beiden Händen. Bei dieser Gelegenheit konnten wir die kostbaren -Ringe an ihren Fingern bewundern, in denen das Kerzenlicht in allen -Regenbogenfarben glitzerte und flimmerte. Besonders der eine blieb mir -in Erinnerung, der einen großen, gelben Brillanten in der Mitte hatte, -den in länglicher Form drei Reihen weißer Brillanten umschlossen. - -Nun erschienen meine älteren, verheirateten Schwestern in reichem Putz; -man trug in den vierziger Jahren statt des goldgestickten, schmalen -Rockes einen faltenreichen, breiten Rock, der aber weder Reifrock noch -Turnüre besaß, die den jugendlichen Körper verunstalteten. Auch meine -vier unverheirateten Schwestern bis zur allerkleinsten trugen Schmuck. - -Die Sedertafel glänzte und strahlte, der Meschores (Diener) -hatte einen neuen Kaftan an, sein ganzes Auftreten atmete -feierliches Selbstbewußtsein, als bediente er an diesem Abend aus -Liebenswürdigkeit, Gefälligkeit, nicht aus Pflicht, als fühlte er sich -den Herrschaften gleich. Er brachte das silberne Becken und viele -Handtücher. Man erwartete die Herren aus dem Bethause, die auch bald -erschienen. Schon beim Hereintreten meines Vaters fühlten wir an dem -Ton, mit dem er laut „Gut Jom Tow“ (Guten Feiertag) sagte, eine gewisse -Feierlichkeit, eine wohltuende Vergnügtheit. Er ließ meinen Bruder -sämtliche Hagadahs bringen und erteilte den Kindern den Segen. Hierauf -nahmen wir an dem Tische Platz, und zwar nach der Reihe des Alters. -Heute durfte auch Schimen, der Meschores, an einer Ecke des Tisches -sitzen, nach patriarchalischer Art, womit bekundet wird, daß an diesem -Abend alle gleich sind -- Herr und Diener. Das Aussehen meines Vaters -war würdevoll; seine großen, klugen Augen, die edlen Gesichtszüge -drückten eine innere Zufriedenheit und Seelenruhe aus. Die mächtige, -rastlose Stirn zeugte von rastloser Gedankenarbeit. Der lange, gut -gepflegte Bart vervollständigte das ehrwürdige, patriarchalische -Aussehen, und sein Verhalten den Kindern sowie allen anderen gegenüber -flößte, obwohl er erst vierzig Jahre zählte, Ehrfurcht ein, als wäre er -ein Greis von achtzig Jahren. Mein Vater war auf äußeres sehr bedacht, -ohne eitel zu sein. Der Ernst der jüdischen Erziehung schützte gegen -solchen Leichtsinn. Seine Festtagskleidung bestand aus einem langen, -schwarzen Atlaskaftan. Er war der Länge nach von beiden Seiten mit -zwei Samtstreifen besetzt, neben denen eine Reihe kleiner schwarzer -Knöpfe angebracht waren. Die Kleidung vervollständigte eine teure -pelzverbrämte Mütze (Streimel genannt) und ein breiter Atlasmantel um -die Lenden. Von dem weißen Leinenhemd war bloß der Kragen sichtbar, der -vorteilhaft den schwarzen luxuriösen Anzug hervorhob. Auch das rote -Foulardtaschentuch fehlte nicht. - -Mein Vater ließ sich gemütlich auf seinen Sitz nieder, legte eine -prächtige Schnupftabaksdose mit dem roten Foulardtaschentuch auf den -Tisch zu seiner Rechten und begann in der Hagadah zu lesen. Er bat -die Mutter, ihm die einzelnen Gerichte von den Tellern zu reichen, -auch die jüngeren Herren folgten seinem Beispiel. Dann füllte die -Mutter auf eine besondere Bitte des Vaters hin den Becher mit Rotwein. -Die verheirateten Schwestern füllten hierauf auch ihren Männern die -Becher, während unsere ältere, unverheiratete Schwester das Amt -des Einschenkens bei uns Kindern und den anderen Tischgenossen, -selbstverständlich auch beim Meschores, versah. Jeder der Herren -bekam auf seinen Teller drei Sch’murah-Mazzoth, zwischen denen sich -bereits die Seroa, ein wenig von dem vorbereiteten Meerrettich, ein -wenig Salat, Charoßeth, ein gebratenes Ei, ein Radieschen befanden. -Das alles war mit einer weißen Serviette bedeckt. Der Vater nahm den -Becher Wein in seine rechte Hand, sagte das Kidduschgebet und leerte -das Glas. Alle Tischgenossen folgten seinem Beispiel, nachdem sie Amen -gesagt hatten. Meine Mutter füllte von neuem die Becher, die anderen -Frauen taten es wieder für ihre Männer, während die Becher der anderen -Tischgenossen mit süßem Rosinenwein gefüllt wurden. Dann nahm der Vater -das Gedeck mit allen darauf befindlichen Dingen in die rechte Hand, hob -es in die Höhe und sprach dabei laut das Kapitel Ha lachma anja. Die -männlichen Tischgenossen wiederholten den Satz bis zum zweiten Kapitel -Mah nischtanah, den sogenannten vier Fragen, welche das jüngste Kind -bei Tische zu fragen hat. Der Vater antwortete mit bewegter Stimme -aus der Hagadah lesend: „Awadim hajinu.“... „Knechte waren wir bei -Pharao in Mizrajim, und hätte uns damals Gott der Allgütige in seiner -Allmacht nicht erlöst, und wären wir nicht von dort ausgezogen, wären -wir, unsere Kinder und Kindeskinder, bis jetzt noch Sklaven gewesen. -Und wenn wir auch alle kluge Schriftgelehrte wären, so ist es dennoch -unsere Pflicht, vom Auszug aus Ägypten zu erzählen.“ - -Bei diesen Worten brach der Vater immer in Tränen aus, -- er konnte und -durfte seinem Schöpfer gewiß aus vollem Herzen danken, wenn er seinen -Blick über die schöne Tafelrunde schweifen ließ und die junge, hübsche -Frau mit den blühenden Kindern, die kostbar geschmückt dasaßen, sah! Er -durfte sich wirklich im Vergleich zu jener Zeit der Sklaverei als einen -Fürsten betrachten. - -Nun folgten die Psalmen, die als Hallelgebet zusammengefaßt sind, dann -nach oftmaligem Händewaschen die Erklärung, warum wir an diesem Abend -die vielen bitteren Kräuter essen. Es ist zur Erinnerung daran, daß -unsere Vorfahren reich an Bitternissen waren, und daß sie, durch die -Wüste ziehend, keine andere Erquickung hatten als bittere Kräuter. -Hierauf brachen die Herren die mittlere der drei Mazzoth entzwei, -legten die eine Hälfte unter das Polster zum „Aphikomon“ (Nachspeise) -und die andere Hälfte verteilten sie in kleinen Stücken unter die -Tischgenossen als „Mozi“ (der Jude betet vor dem ersten Bissen Brot, -vor jeder Mahlzeit). Dann aß man vom Meerrettich: erstens zu Maror, -der in Charoßeth getunkt, so rasch als möglich verschluckt wird, da -dies ohne Mazzoth geschehen muß. Dann der Korech, wieder eine Portion -Meerrettich zwischen zwei Mazzothstückchen gelegt. Für jeden Brauch -wird zuvor ein bestimmtes Gebet gesprochen. Mit einem Wort, man bekam -an diesem Abend den Meerrettich gehörig zu spüren; und wir mußten -mit Tränen in den Augen zugeben, daß das Leben unserer Vorfahren in -Ägypten bitter war. Später wurden Radieschen und Eier in Salzwasser -getaucht; das mundete schon besser, und endlich kam das Abendbrot an -die Reihe, das mit Pfefferfischen begann, dem eine fette Brühe mit -Mazzahmehlklößchen folgte und das mit einem feinen frischen Gemüse -endete. Dann bekam jeder Tischgenosse von dem aufbewahrten Aphikomon. -Nun wurden die Becher aufs neue mit Wein gefüllt. Man goß sich Wasser -über die Hände, was man „Majim Acheronim“ nennt (letztes Wasser), wobei -ein kleines Gebet verrichtet wurde, und nun schickte man sich an, das -Tischgebet zu sagen, womit gewöhnlich einer der Herren bei Tische -beehrt wurde. Am Schluß des Gebetes fiel die ganze Tischgesellschaft -mit einem lauten „Amen“ ein; und nachdem jeder für sich leise das -Nachtischgebet mitgebetet hatte, wurden erst die Becher geleert. Und -jetzt begann der zweite Teil der Hagadah. Zum vierten Male füllte man -die Becher. Diesmal wurde auch die große silberne Kanne gefüllt, die in -der Mitte aufgestellt und für den Propheten Eliahu bestimmt war. Dieser -Brauch findet in den kabbalistischen Schriften eine Erklärung. Nach der -kabbalistischen Lehre ist alles, was man in paarweiser Zahl ißt oder -trinkt schädlich oder es kann zum mindesten schädlich wirken. Daher muß -bei der Sedermahlzeit zu den vier Bechern, die getrunken werden, noch -ein fünfter gefüllt werden. - -Wir Kinder glaubten fest an die Volkssage, daß der Prophet Eliahu -ungesehen hereinkomme und an dem Becher nippe. Wir blickten daher -unverwandt nach der Kanne und wenn sich die äußerste Schicht an der -Oberfläche leise bewegte, waren wir überzeugt, daß der Prophet anwesend -war und uns überrieselte es kalt und heiß. Sämtliche Becher wurden -gefüllt und der Vater befahl dem Diener, die Tür zu öffnen. Nun begann -man das Kapitel „Sch’foch chamathcha“ zu rezitieren; hierauf folgten -die Schlußkapitel des Hallel. Und zum Schluß das allegorische Liedchen -„Chad Gadja, Chad Gadja“, „Ein Zicklein, ein Zicklein“. Mit diesen -und ähnlichen Versen fand der Sederabend seinen Abschluß. Jeder -hatte seinen vierten Becher Wein ausgetrunken. Auf den Gesichtern -aller Tischgenossen sah man die Abspannung und Erregtheit infolge -des ungewohnten Weingenusses. Meine älteren und jüngeren Geschwister -verließen eine nach der anderen die Tafel, ehe noch die Verse zu -Ende gesungen waren, was nicht als Verletzung der Religion oder der -Hausdisziplin galt. Mich aber hielt etwas zurück, das ich mir um nichts -entgehen lassen wollte. Es war Schir haschirim, das Hohe Lied, das -Lied der Lieder Salomos, von dem ich jedes Wort, jeden Ton mit meiner -ganzen Seele aufnahm. Die herrliche Verschmelzung von Tönen und Worten -wirkte auf das Kindesgemüt berauschend; ich lauschte entzückt. Das -ganze Lied wurde im Rezitativ in sieben Tönen gesungen, wobei sich mein -älterer Schwager David Ginsburg besonders auszeichnete, und hat sich so -lebhaft, so unvergeßlich meiner Seele eingeprägt, daß ich den Anfang -noch heute, an meinem späten Lebensabend, auswendig kann. Was gäbe ich -darum, noch einmal in meinem Leben das Lied so schön singen hören zu -können. Auch meine Mutter pflegte gewöhnlich noch bei Tische zu bleiben. - -Meine Mutter ermahnte mich dann mehr als einmal, zu Bett zu gehen. -Ich aber bat, noch bleiben zu dürfen, was sie mir für ein Weilchen -auch gestattete. Als sie aber merkte, wie müd und abgespannt ich war, -erfolgte eine zweite Ermahnung, und ich wiederholte meine frühere Bitte -noch inständiger. Meine Stimme war wahrscheinlich dabei so innig, daß -ich die Erlaubnis erhielt. Ich gab mir Mühe, nicht müde zu erscheinen -und kroch auf einem im Winkel stehenden großen Armstuhl und hörte mit -wahrem Seelengenuß dem Gesange zu. Bis zum Schluß hielt ich es aber -nicht aus, und ich erwachte erst auf meinem Lager, als meine Njanja -mich entkleidete und zurecht legte. Ich wurde dabei munter, schlief -aber bald wieder in der seligsten Stimmung ein und erwachte am Morgen -mit der gleichen frohen und vergnügten Laune. Alles im Hause war -festlich geschmückt; überall feierliche, herrliche Osterstimmung! -Draußen strahlte der Frühlingssonnenschein vom heiteren Himmel herab. -Die Luft war mild und warm. Die ganze Natur schien ein festliches Kleid -angelegt zu haben, wie wir alle im Hause. O goldene Kinderzeit im -Elternhause, wie schön bist du! - - - - -DIE CHAGIGAH VON RECHOBOTH. - -Von ~Julius Heilbrunn~. - -[Illustration] - - -Ich hatte meinen Aufenthalt in Erez Israel (anläßlich der Turnfahrt -1913) um eine Woche über die geplante Zeit hinaus verlängert, um den -Seder in Jeruschalajim und die Chagigah in Rechoboth mitzuerleben. Ich -habe den Entschluß nicht bereut. Ein freundlicher Zufall ließ mich -auf dem Rückwege von Haifa nach Jerusalem das seltsame Peßachopfer -der Samaritaner auf dem Berge Garisim sehen, das wie eine tolle -unwahrhaftige Phantasie in meiner Erinnerung steht. Welch bizarre -Mischung von Urtradition und modernstem Geschäftsgeist! Die Samaritaner -bringen seit zweitausend Jahren die Peßachwoche auf der Opferstätte -in Zelten zu. Die Zelte vermieten ihnen Thom. Cook Sons, wie riesige -schwarze Lettern auf den weißen und bunten Zelttüchern verkünden. - -Der Seder in Jerusalem wich von keinem Seder irgend eines jüdischen -Hauses in der ganzen Welt ab. Deutschland und England, Rußland und -Südafrika, Kanada und Australien hatten ihre Vertreter entsandt. -Sie alle einte am Schluß das eine „~Gam~ leschanah habaah -bijruschalajim!“ - -Der Weg nach Rechoboth führte mich über Ekron, das ich vordem nicht -gesehen hatte. Als wir kamen, traten gerade die Makkabim (Turner) an, -um in frischem Marsch und mit frohem Lied nach Rechoboth zu ziehen. -Es war eine Freude, die prächtigen Gestalten in guter Haltung, netter -Tracht und in bester Stimmung auf diesem Boden und bei diesem Marsch zu -treffen. So ist an jenem Tage im ganzen Land aus den meisten jüdischen -Kolonien die Jungmannschaft aufgebrochen, um auf dem Festplatz im -männlichen Kampfspiel die Kräfte zu messen. Manche kamen auch durch -Kolonien, die keine Makkabim zu entsenden hatten. Dieser Durchmarsch -verfehlte seine Wirkung nicht. Beschämt stand in solchen Plätzen die -Jugend dabei; man ist sofort daran gegangen, neue Vereine zu gründen -oder schwach gewordene neu zu beleben. - -Am Tage vor der Feier trafen wir in Rechoboth ein, das uns schon vordem -lieb geworden war, weil es am stärksten den gesunden Geist des neuen -freien jüdischen Jischub und wirtschaftliche Selbständigkeit erkennen -ließ. - -Mit Mühe fanden wir ein bescheidenes Unterkommen. In beiden Hotels -war alles überfüllt, und es bedurfte eifrigen Zuredens, bis wir einen -Wirt bewegen konnten, uns noch aufzunehmen. Dann gingen wir, so schnell -es der tiefe Sand der Straßen erlaubte, zum Festplatz. Der Weg führt -über die „Birkah“, das große Wasserreservoir auf der Höhe des den Ort -beherrschenden Berges, der auch die schöne Synagoge und das Beth-Am -(Volkshaus) trägt. Da oben sehen wir die ganze Ansiedlung vor uns -ausgebreitet, die sich teils in geschlossenen Straßenzügen, teils -in einzelnen Gehöften über die weit ausladenden Hügel erstreckt. Am -Horizont verliert sich der Blick im Kranz der ringsumher liegenden -reichen Orangenbojaren. - -Unmittelbar zu unseren Füßen dehnte sich der Festplatz. - -Schon heute am Vortage zeigte sich ein lebhaftes Gewimmel. Die Makkabim -übten noch einmal ihre Gerät- und Freiübungen in den einzelnen Vereinen -und wurden dann von Orloff zu einer Generalprobe zusammengenommen. Die -Fußballgruppen fochten die ersten Vorkämpfe aus, die Reiter führten -ihre Pferde vor, waren stolz, wenn sie bewundert wurden und liefen -einige Privatrennen untereinander. Es ist eine Lust, die feurigen, -gutgebauten Tiere und die schneidigen Reiter zu sehen, frische Jungen, -Schomrim (Wächter) und Kolonistensöhne, ein wildes, ungebärdiges Volk, -denen die Freude am Reiten und Schießen aus den blanken Augen blitzt, -wunderhübsch in ihrem schmucken weißen, weit über den Nacken fallenden -Kopftuch, das sie von den Beduinen übernommen haben, weil es ebenso -schön wie praktisch ist. - -Zum erstenmal hatte man auf Anregung des Koloniearztes Dr. Moskowitz, -der die Organisation des ganzen Festes mit geschickter und -energischer Hand leitet, eine Ausstellung von landwirtschaftlichen -und industriellen Erzeugnissen versucht. Es war ein kleiner, aber -wohlgelungener Anfang. Das Syndikat der Weinbauern hatte sein Zelt -mit freiem Weinausschank, einzelne Kolonisten hatten besonders große, -gut geratene Früchte ausgestellt, ein Holzwarenfabrikant zeigte -sehr interessante Produkte der Verwendung des Eukalyptusholzes, ein -Aussteller landwirtschaftliche Maschinen mit eigenen Erfindungen und -Verbesserungen, die den Bedürfnissen des Landes angepaßt waren. - -Wir trafen noch alles in voller Vorbereitung an; die Frauen der -leitenden Männer waren bemüht, die Ausstellungszelte mit dem Schmuck -des Landes, mit Blüten und mit über mannsgroßen Palmblättern -zu verschönern. Nicht ungern stellten wir beschäftigungslosen -Ausstellungsbummler uns ihnen bei dieser Arbeit zur Verfügung. Es wurde -auch nicht vergessen, für die leiblichen Bedürfnisse des kommenden -Tages zu sorgen. Große Zelte wurden aufgeschlagen, in denen es später -Tee, den man dort trotz des guten Weines viel und leidenschaftlich gern -trinkt, sowie Obst und mancherlei Speisen gab. - -Es lag eine Stimmung erwartungsvoller Vorfreude über dem Platz. Dann -kam ein Abend, ein stiller, friedvoller, mondlos dunkler Dorfabend. - -Der nächste Tag enttäuschte die Erwartungen nicht. Schon früh -strömten von allen Seiten große Massen Volkes zu Pferd, zu Esel und -zu Wagen herbei. Bald sammelte sich eine zahlreiche Wagenburg auf -der einen Seite des Festplatzes. Am stärksten wurde der Zufluß, als -der Extrazug, den die Eisenbahn von Tel Awiw, dem jüdischen Viertel -von Jaffa, aus eingelegt hatte, in Ramleh angekommen war und seine -Insassen sich in langer Kolonne heranwälzten. Viertausend Menschen -bedeckten in unendlichem Gewimmel den Festplatz. Sehr viele Araber -waren darunter, die mit unverhohlenem, schweigsamem Staunen das fremde -Bild betrachteten. Ganz ungezwungen, wenn auch meist in geschlossenen -Gruppen, bewegten sich zahlreiche Jemeniten unter der fröhlichen Menge. -Eine fleißige Kapelle ließ ihre lustigen Weisen über das Feld hin -ertönen. Wir trafen Bekannte aus dem ganzen Lande wieder, begrüßten -uns mit ihnen voll herzlicher gegenseitiger Freude: es war, als ziehe -die sechswöchige Fußwanderung noch einmal in wenigen Stunden an uns -vorüber. - -Schon am frühen Morgen waren die Turner auf dem Platze. Der -Makkabiverband von Palästina umfaßte damals 980 Turner (die Zahl -ist inzwischen ständig gewachsen). Ein sehr großer Teil von ihnen -war zugegen und gab dem Fest den Charakter. Es wurden Gerät- und -Freiübungen vorgeführt, es gab spannende Fußballwettkämpfe, Wettläufe, -Tauziehen. Die einzelnen Kolonien wetteiferten, einander den Rang -abzulaufen, aus Tel Awiw hatte das hebräische Gymnasium seine Schüler -in den Kampf gesandt. - -Gleich nach der Mittagspause vereinigte ein gewaltiger Festzug die -gesamte mitwirkende Mannschaft. Mit fliegenden Fahnen zogen die -einzelnen Gruppen des Zuges wohlgeordnet durch das Dorf. Vor dem Hause -des Waad (Gemeinderat der Kolonie) hielt man an. Der Rosch hawaad -(Vorsteher), Herr Eisenberg, trat auf den Balkon und hielt eine lange, -mit großer Begeisterung, vielfach mit Tränen der Rührung aufgenommene -Rede. So wenig Hebräisch ich verstand, so merkte ich doch, daß er -das heutige Peßach mit dem Peßach von Mizrajim verglich und auf ein -Peßach der Zukunft hindeutete. Das oft wiederholte Wort ~Cheruth~ -(Freiheit) war der Grundton seiner Ansprache. In diesem Augenblick war -in uns allen die Wahrheit des oft gesungenen „Am Jisrael chaj -- Das -Volk Israel lebt“ tiefstes Erlebnis. - -Der Zug marschierte zum Festplatz zurück, die Wettkämpfe wurden wieder -aufgenommen, die Reiter absolvierten ihre interessanten Wettrennen. -Dabei beteiligte sich auch Zipporah, die Tochter eines Ansiedlers aus -einer der südlichsten Kolonien, Frau eines Schomer. - -Beim Wettrennen gab es einen peinlichen Zwischenfall, einen heftigen -Streit, weil ein Teilnehmer wegen Behinderung disqualifiziert werden -sollte und dennoch mitreiten wollte. Der Streit wurde geschlichtet, -aber es war doch eine Dissonanz in dem sonst so harmonisch verlaufenen -Tag. Das Bild wäre aber gefälscht, wenn ich dies nicht auch erwähnen -wollte. - -Der Tag ging zur Neige. Die Siegespreise wurden auf dem Platze -verteilt, manch gute Rede noch gehalten, die letzten Gläser Wein -getrunken -- wobei ich hervorheben muß, daß trotz des freien Ausschanks -von gutem schweren Wein kein Betrunkener bei diesem Volksfest zu finden -war. - -Wir verließen den Festplatz. Der Weg führte uns an der Synagoge vorbei; -da sie erleuchtet war, traten wir ein und fanden die Mitglieder des -Talmudvereins beim Lernen, meist alte Männer, aber lauter kräftige -bäurische Gestalten. So reicht sich hier altes und neues jüdisches -Leben die Hand. - -Abends fand im Beth-Am, das die Masse der Zuhörer nicht fassen konnte, -ein Neschef, eine musikalisch-literarische Abendunterhaltung statt. In -die Töne einer Sonate von Beethoven hinein klangen von draußen ab und -zu die Freudenschüsse der abfahrenden Gäste. - - - - -ANMERKUNGEN DES HERAUSGEBERS. - - -Zuvörderst schulde ich Herrn ~S. J. Agnon~ vielen Dank, der mir -bei der Auswahl und Übersetzung seine sehr wertvolle Hilfe geliehen -hat und ohne dessen Unterstützung ich damit nicht hätte zurechtkommen -können. - -Von den im Buche enthaltenen Stücken sind folgende sieben ursprünglich -deutsch geschrieben: ~Zlocisti~, Die Peßach-Hagadah; ~Peßach im -Jemen~, ~Buber~, Der Seder des Unwissenden; ~Kompert~, Das -Mazzothbacken; ~Heine~, Der Rabbi von Bacherach; ~Wengeroff~, -Peßach in Rußland vor siebzig Jahren; ~Heilbrunn~, Die Chagigah. -Hiervon hat Herr Dr. Zlocisti das erste Stück für dieses Peßach-Buch -geschrieben, ebenso Herr Dr. Heilbrunn das letzte. „Peßach im Jemen“ -ist einem der Alliance Israélite Universelle erstatteten und in der -Zeitschrift „Ost und West“ 1906 abgedruckten Reisebericht entnommen. -Das Stück von Kompert ist aus dessen „Skizzen aus dem Ghetto“ -(geschrieben 1846) im zehnten Bande seiner sämtlichen Werke (Leipzig); -das von Heine bildet das erste Kapitel seines Erzählungsbruchstückes -„Der Rabbi von Bacherach“ (geschrieben 1824-25), das von Pauline -Wengeroff ist mit freundlicher Erlaubnis der Verfasserin dem ersten -Bande ihrer „Memoiren einer Urgroßmutter“ (Berlin 1910) entnommen. - -Zwei Stücke sind aus dem Jiddischen übersetzt: „Der Tausch“ von -~Mendele Mocher Sforim~ und „Der Zauberkünstler“ von ~J. L. -Perez~. Das erstere entstammt den Gesammelten Schriften von Mendele -„dem Buchhändler“, dem ausgezeichneten, gemütvollen und volkstümlichen -Humoristen, und ist von mir übersetzt; das zweite ist von ~Mathias -Acher~ übertragen und in den „Volkstümlichen Erzählungen“ von -Perez (Berlin, Jüdischer Verlag) enthalten. Es behandelt wie so viele -Erzählungen des Dichters einen Stoff aus der legendenhaften Volkspoesie -der chassidischen Volkskreise. - -Alle übrigen (14) Beiträge sind aus dem ~Hebräischen~ übersetzt. -Die das Buch einleitenden beiden Stücke sind aus dem zweiten Buch -Moses und aus der Peßach-Hagadah genommen. Die schöne Skizze von ~S. -Ben-Zion~ aus „Bilder aus der Jugend“ (Verlag Moriah, Odessa). -Das Stück „Von Moses“, sowie die weiteren Stücke „Pharaos Traum“, -„Vom Auszuge“, „Die Ordnung beim Schlachten“ und „Von der Wallfahrt“ -stammen aus der großen Literatur der Midraschim (der an das Fünfbuch -anknüpfenden Erzählungen, Legenden, Märchen, Betrachtungen). „Pharaos -Traum“ ist nach dem Midrasch „Leben Moses“ und dem Midrasch „Wajoscha“, -der letzte Absatz „Von Moses“ nach dem Midrasch „Schemoth Rabba“; die -übrigen aber nach der Ausgabe „Sefer haagadah“ von Bialik und Rawnitzki -(Odessa, Verlag Moriah) und übertragen von meinem lieben Freunde Dr. -~Hugo Bergmann~. - -„Mit reichem Gute“ ist aus dem dritten Band der Schriften von ~A. -L. Lewinski~ (Odessa, Verlag Jabneh); „~Peßach in Jerusalem~ zur -Römerzeit“ aus dem Buche „Schewet Jehudah“ von Salomo ~Ben Virga~, -herausgegeben von Dr. M. Wiener (Hannover 1855); „~Das Peßach der -Samaritaner~“ erschien im „Luach Erez-Israel“ (Palästina-Kalender) -für 5663 (1902-03), redigiert von ~A. M. Luncz~ in Jerusalem. Es -schildert das Peßachfest, wie es die Bewohner von Sichem (Samaritaner), -eine merkwürdige jüdische Gruppe, die leider am Aussterben ist, noch -heutigen Tags feiert (jetzt gibt es ihrer nur mehr etwa 70 Familien). -„Der Seder“ von ~Agnon~ ist noch nicht in Buchform erschienen. Den -Bericht von ~Z. Kasdai~ über Peßach in Kaukasien fanden wir in N. 75 -der Zeitung „Hameliz“ von 1903. „Melameds Hoffnung“ von ~Bialik~, -übersetzt von Dr. ~Moritz Zobel~, ist bisher deutsch nur in der „Welt“ -(1903, N. 16) erschienen. - -Die Stücke, wo ein Übersetzer nicht genannt ist, sind von mir -übertragen, doch ist die Übersetzung des Liedchens „Chad gadja“ in der -Hagadah dem zweiten Kapitel von ~Heines~ „Rabbi von Bacherach“ -entnommen (mit Ausnahme des letzten Verses, der dort fehlt). - - * * * * * - -Wenn ich zur Besprechung der ~Bilder~ übergehe, habe ich auch -hier die angenehme Pflicht, mit einem Dank zu beginnen. Er gilt Herrn -~J. H. Wagner~ in Berlin, der aus seinen reichen Bücherschätzen -alle Vorlagen für die Reproduktion, insbesondere die kostbare Hagadah -von Mantua, zur Verfügung gestellt und wertvolle Ratschläge erteilt -hat. Nur die Zeichnung des „Baruch“ (Seite 18) und die Abbildungen -aus der Prager Hagadah von 1526 (Randleiste des Titels) und Seite 55 -und 132 stammen nicht von ihm. Die Umschlagzeichnung habe ich nach -einer Reproduktion der Gruppe „Sulamith“ von unserm Meister Henryk -Glicenstein angefertigt. - -Der Rahmen um den Titel ist aus einer 1526 zu Prag gedruckten Hagadah -(unten das Prager Wappen). Ebendaher das schöne Schmuckblatt zum -Sch’foch auf Seite 55, aus dem auf Seite 132 ein Detail wiederholt ist. - -Auf Seite 5 ist das Titelblatt eines römischen Machsor abgebildet, -das im Jahre 5482 (1722) von Jizchak Jare und Jakob Chawer-tob in -~Mantua~ gedruckt wurde. Aus diesem Buche stammen noch die -Abbildungen auf Seite 114 und 115. Sie illustrieren die Worte „Mazzah“ -und „Maror“. - -Seite 12 stellt das Titelblatt einer von Moses May zu ~Metz~ im -Jahre 5527 (1767) gedruckten Hagadah dar. Die Zeichnung zeigt oben -Moses, der das verirrte Lamm sucht und an den brennenden Dornbusch -gerät; er hat eben auf Gottes Geheiß die Schuhe abgelegt. - -Die beiden unteren Bildchen auf Seite 16 und 17 (der Böse und Der -nicht zu fragen weiß) sind aus der in dem Werke Seder Birkath Hamason -enthaltenen Hagadah, gedruckt im Jahre 5513 (1753) zu ~Frankfurt~ -a. O. von Doktor Professor Grilo. Aus demselben Buche sind noch die -Abbildungen auf Seite 18 (die Fahrt Abrahams mit dem kleinen Lot über -den Strom), Seite 20 (die schwere Arbeit in Mizrajim), Seite 29 (Einzug -des Meschiach in Jerusalem, vor ihm der Prophet Eliahu) und Seite 105 -(Hasenjagd). - -Die Schrift ~Baruch~ auf Seite 18 entstammt einer -Machsorhandschrift aus dem 13. Jahrhundert, die auf der Hamburger -Stadtbibliothek aufbewahrt wird. - -Die Abbildung auf Seite 24 (Lehrer beim Vortrag) lieferte ein -jüdisch-deutsches Minhagim-Buch, gedruckt von Herz Levy Rofe (Arzt) in -~Amsterdam~ 5483 (1723). Ebendaher die Abbildungen auf Seite 160 -(Mazzahmehl-Mahlen), 164 (Mazzothbacken), 193 (Kaschern der Gefäße) und -194 (B’dikath Chamez, Wegräumung des Gesäuerten; das Kind unterm Tische -hält das Licht). - -Seite 37 zeigt die Nachbildung des Titelblattes einer von Jakob Proops -im Jahre 5570 (1810) zu ~Amsterdam~ gedruckten Hagadah. - -Die Abbildungen auf Seite 58 bis 61 stellen Szenen aus den -Vorbereitungen für das Peßachfest dar. Das „Kaschern“, das Scheuern des -Geschirrs, das Durchsuchen der Truhen nach Chamez, das Mehlbeuteln. -Sie sind in dem Vorbild, einer von Leo von Modena (Jehuda Arje -Memodena) mit einer Erläuterung herausgegebenen und von Bragadin in -~Venedig~ 5476 (1716) gedruckten Peßach-Hagadah „Z’li esch“ von -Sprüchen in jüdisch-deutscher Sprache des 17. Jahrhunderts begleitet, -wie: „Die besucht ihre Kisten mit großen Sorgen“, oder: „Und die -scheuert ihr Geschirr gar fein.“ Dieselbe Vorlage gab auch die Bildchen -auf Seite 75 (Moses und Aaron), Seite 139 (Mazzah und Maror) und Seite -209 (Der Prophet Jesaia). - -Die kleinen Bildchen auf Seite 80, 81, 150, 151 stammen aus einer von -Hirsch Edelmann in ~Königsberg~ herausgegebenen kleinen Hagadah -in Quer-Sedez-Format vom Jahre 5605 (1845). Sie stellen dar: einen von -den ägyptischen Frohnvögten geschlagenen Juden, die vier Söhne aus der -Hagadah (der Böse hält die Hände vor die Augen und will von nichts -wissen), das Sedermahl, die eilige Flucht aus Mizrajim. - -Alle übrigen Abbildungen sind den schönen Hagadah von ~Mantua~ -entnommen, die Jizchak Bassan 5321 (1561) gedruckt und die der Zensor -Camill Jaghel 1603 mit seiner eigenhändigen Unterschrift versehen hat. -Die Bilder erklären sich selbst oder aus dem Text; das auf Seite 27 -stellt den Hausvater dar, der „wie ein König“ zu Tische sitzt und den -Segensspruch über den Becher Weines spricht. - - - - -WÖRTERVERZEICHNIS. - - - ~Afikoman~ s. ~Epikomon~. - - ~Aramite~, Bewohner von Aram (ﬡֲﬧַﬦ), Syrien. - - ~Arba Kossoth~ (אַﬧְבַּﬠ כּוֹסוֹת), die vier Becher, vgl. - ~Koß~. - - ~B’dikath chamez~ (בְּדִיקַת חָמֵץ), Wegräumen des Gesäuerten. - - ~Beth-Din~ (בֵית־דִין), Gericht. - - ~Beth-Hamidrasch~ (בֵית־הַמִּדְרָש), Bethaus, Synagoge. - - ~Borschtsch~ (slawisches Wort), ein Peßachgericht, das - hauptsächlich aus roten Rüben besteht. - - ~Chamez~ (חָמֵץ), Gesäuertes. - - ~Charoßeth~ (חֲרוֹסֶת), ein aus verschiedenen - Ingredienzien bereiteter süßer Wein, der an den bei den - Frohnarbeiten in Mizrajim verwendeten Mörtel erinnern soll. - - ~Dajan~ (דַּיָּן), Richter. - - ~Epikomon~, Nachtisch. - - ~Erew~ (עֶרֶב), Vorabend, Vortag. - - ~Erew-Raw~ (עֶרֶב־רָב), Gesindel, das sich den abziehenden - Israeliten anschloß. - - ~Erez-Israel~ (אֶרֶץ־יִשְׂרָאֵל), Palästina. - - ~Galuth~ (גָלוּת), Verbannung, Exil. - - ~Ginossar~ (גִנוֹסַר), die Gegend von Tiberias in Galiläa - (Nordpalästina) am Genezareth-See. - - ~Golem~ (גּוֹלֶם), künstlicher Mensch ohne Seele und - Leben. - - ~Hawdalah~ (הַבְדָלָה), Zeremonie am Sabbathausgang. - - ~Hessebett~, der mit Polstern versehene Sitz des den Seder - Abhaltenden. - - ~Jalkut~ (יַלְּקוּט), ein midraschisches Werk. - - ~Jemen~, Südarabien. - - ~Karpas~ (כַּרְפַּס), Petersilie. - - ~Kiddusch~ (קִדוּשׁ), Segensspruch über den Wein. - - ~Kohanim~ (כּהֲנִים), Priester. - - ~Koß~ (כּוֹס), Becher. - - ~Megillah~ (מְגִילָּה), das Buch Esther. - - ~Melamed~ (מְלַמֵּד), Lehrer. - - ~Meschiach~ (מָשִׁיחַ), Messias, Erlöser. - - ~Minchah~ (מִנְּחָה), Nachmittagsgebet. - - ~Mischnah~ (מִשְׁנָה), Aufzeichnungen des überlieferten - Gesetzes. - - ~Mizwah~ (מִצְוָה), Gebot, verdienstliche Handlung. - - ~More~ (מוֹﬧֶﬣ), Lehrer. - - ~More Zedek~ (מוֹﬧִﬣ צֶﬢֶק), Gelehrter. - - ~Rabbi~ (רַבִּי), Lehrer, Gelehrter; in der Anrede: Reb. - - ~Raschi~ (רשׁ״י), Rabbi Sch’lomoh Jizchaki, Verfasser - des verbreitetsten Kommentars zu Bibel und Talmud. - - ~Sabbath hagadol~ (שַׁבַּת־הַגָּדוֹל), der „große Sabbath“, Sabbath - vor Peßach. - - ~Schadai~ (שַׁדַי), Allmächtiger. - - ~Schir haschirim~ (שִׁיﬧ־ﬣַשִׁיﬧִיﬦ), das Hohelied. - - ~Sch’murah~ (שְׁמוּﬧָﬣ), Mehl, das von der Ernte an für - Mazzoth aufbewahrt wird. - - ~Schochet~ (שׁוֹחֵט), Schlächter. - - ~Seroa~ (זִﬧוֹﬠַ), Arm, Flügel als Symbol für den - „starken Arm.“ - - ~Sus~ (זוּז), kleine Münze. - - ~T’fillin~ (תְּפִילין), Gebetsriemen. - - ~Tiberias~, Stadt im Norden Palästinas, berühmt durch - Heilquellen. - - ~Zaddik~ (צַדִּיק), Wunderrabbi. - - - - - Druck von C. Schulze & Co., G. m. b. H., Gräfenhainichen. - - - - - -End of the Project Gutenberg EBook of Chad Gadja, by Various - -*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK CHAD GADJA *** - -***** This file should be named 50683-0.txt or 50683-0.zip ***** -This and all associated files of various formats will be found in: - http://www.gutenberg.org/5/0/6/8/50683/ - -Produced by Norbert H. Langkau, Reiner Ruf, and the Online -Distributed Proofreading Team at http://www.pgdp.net - - -Updated editions will replace the previous one--the old editions will -be renamed. - -Creating the works from print editions not protected by U.S. copyright -law means that no one owns a United States copyright in these works, -so the Foundation (and you!) can copy and distribute it in the United -States without permission and without paying copyright -royalties. 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