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-The Project Gutenberg EBook of Dr. Mabuse, der Spieler, by Norbert Jacques
-
-This eBook is for the use of anyone anywhere in the United States and most
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-whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it under the terms of
-the Project Gutenberg License included with this eBook or online at
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-
-Title: Dr. Mabuse, der Spieler
-
-Author: Norbert Jacques
-
-Release Date: October 22, 2015 [EBook #50285]
-
-Language: German
-
-Character set encoding: ISO-8859-1
-
-*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DR. MABUSE, DER SPIELER ***
-
-
-
-
-Produced by Peter Becker, Jens Sadowski, and the Online
-Distributed Proofreading Team at http://www.pgdp.net, in
-celebration of Distributed Proofreaders' 15th Anniversary.
-
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-
- Dr. Mabuse / der Spieler
-
- Ullstein-Bücher
-
- Eine Sammlung zeitgenössischer Romane
-
-
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-
- Dr. Mabuse
- der
- Spieler
-
-
- Roman
- von
- Norbert Jacques
-
- Im Verlag Ullstein / Berlin
-
- Alle Rechte, einschließlich des Rechts der Übersetzung,
- vorbehalten
- Amerikanisches Copyright 1920 by Ullstein & Co., Berlin
-
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-
-
- I
-
-
-Der alte vornehme Herr stellte sich selber vor. Wie üblich, verstand
-niemand den Namen. Aber er war elegant und in diskretes bestes Tuch
-gekleidet. Er hatte als Vorstecknadel eine einfache weiße Perle, etwas
-barock, aber von der Weiße eines blonden Frauenrückens, wie Karstens
-sagte, und legte gleich so gegen 20000 Mark vor sich auf den Spieltisch.
-
-Der junge Hull, Stämmling eines Industrie-Millionen-Vermögens, an dem
-sein Vater ihn reichlich teilnehmen ließ, hatte ihn mitgebracht.
-
-Man begann gleich zu spielen. Der Gast nahm mit einer stummen Verbeugung
-das Spiel an, das man vorschlug: Einundzwanzig. Die Sätze waren
-unbegrenzt. Ritter hielt die Bank als erster.
-
-Zunächst zeigte das Spiel durchaus nichts Ungewöhnliches. Verlust,
-Gewinn gingen reihum.
-
-Aber bald begann es, daß Hull verlor. Das begann fast mit demselben
-Augenblick, da die Reihe, die Bank zu halten, an den alten Herrn kam.
-Hull verlor zuerst Hundertmarkscheine. Er spielte gelassen und in sein
-Pech ergeben. Vor dem alten Herrn mischten sich kleinere Noten in den
-Haufen der Tausender, die er vor sich hingelegt hatte.
-
-Nur nach außen spielte Hull gelassen. Innerlich befand er sich in einer
-heißen Erregung. Es gingen Schleier vor seinem Hirn hin und her. Seine
-Noten chassierten zu dem Gast hinüber, ohne daß er es eigentlich merkte.
-Seine Sinne waren wie von einem feinen und unsichtbaren Spinnweb belegt,
-das ihn immer mehr einengte.
-
-Er trank einige Kognaks und ließ sich dann eine Flasche Sekt bringen.
-Das half aber zu nichts weiterem, als daß er das Fach seiner Brieftasche
-wechselte und zu den Tausendern griff. Er hatte sie nachmittags von der
-Bank geholt.
-
-Sein Spielpech wurde unwahrscheinlich. Hatte er gute Karten, so war ihm,
-als ob aus irgendeinem in Dunkel verhüllten Winkel seines Innern heraus
-eine mahnende Hand sich auf seinen Mund legte. Er verließ die Höhe
-seiner Einsätze und nannte eine geringfügige Summe.
-
-Der alte Herr sollte nun die Bank weitergeben. Aber er erbot sich, Hull
-zuliebe sie noch zu behalten. Er sagte:
-
-»Wenn die Herren einverstanden sind, so behalte ich die Bank noch einige
-Runden. Sie sehen, wie sich vor mir das Geld häuft. Ich bin der Gast
-Ihres liebenswürdigen Klubs. Tragen Sie meinen peinlichen Gefühlen gegen
-Herrn Hull Rechnung, und gestatten Sie mir, um was ich Sie bitte.«
-
-Aber obgleich das in bescheidener Redeform gesagt wurde, klang es doch
-herrisch, jede Abweisung fortschiebend.
-
-Der Klubdiener beäugte den Gast argwöhnisch. Aber er spielte mit den
-Karten, die der Klub selber stellte und die stets eben erst aus der
-Hülle gebrochen wurden.
-
-Das Spiel feuerte in den Kreis. Man trank auch viel. Ein leichter Rausch
-umsponn den Tisch. Der Gast schloß sich beim Trinken nicht aus. Er
-benahm sich in keiner Weise auffällig. Er hatte einen ruhigen, lang in
-jedem Auge, das ihn anschaute, verweilenden Blick, große graue Augen,
-die etwas Herrenhaftes hatten und die das Spiel kaum zu begleiten
-schienen. Seine Hände waren groß, massiv und ruhig, als seien sie aus
-Holz. Den andern, viel jüngern, zitterten schon die Finger vom
-Widerschein innerer Erregtheit.
-
-Hull spielte weiter, obgleich er seine Tasche immer dünner werden
-spürte.
-
-Was ist los? fragte er sich immer. Er wollte aufstehen und ein Spiel
-vorübergehen lassen, um an einem Fenster Luft zu schöpfen und einmal in
-die Stille der Nacht hinauszuschauen, aus der er einen Strom Ruhe für
-sich selber atmen zu können hoffte. Aber er saß wie gefesselt auf dem
-Leder, preßte die Ellbogen auf den roten Filz, und alle Gedanken fielen
-unbeherrscht aus ihm in eine Leere, wie in die Dimensionslosigkeit eines
-Schlafs.
-
-Sonst war er nicht gerade ein leichtsinniger Spieler. Er überlegte,
-verfolgte den Gang des Glücks und war immer dran, ihn auszunutzen, wenn
-er ihm günstig war, oder sich zu dämpfen, wenn ein anderer an der Reihe
-war.
-
-Doch an diesem Abend kannte er bald keine Hemmungen mehr. Keine Note
-hatte einen Wert für ihn. Ja, es war fast als ob er mit Lust verlöre.
-Mit Genuß seine Noten hinüberwechseln sah. Es mußte nur immer etwas
-geschehen. Man teilte die Karten viel zu träg. Man verzögerte ins
-Endlose das Nennen der Einsätze. Das Geld schlich um den Tisch für ihn
-wie kranke Kröten.
-
-Dazu trank er, und alle Sinne, über die er die Herrschaft verloren
-hatte, wurden feurig wie Vollbluthengste, die auf einer Heide dem
-Kutscher durchbrennen. Sie rannten mit ihm in eine Wüste. Es gab keinen
-Menschen und keinen Weg mehr. Ja, die Luft schien weggeatmet. Er fiel
-nur hin im Spiel.
-
-Man begann sein Pech zu besprechen. Er bekam schlechte Karten, das war
-gewiß, aber er spielte auch schlecht. Er war unvernünftig. Man begann
-von befreundeter Seite aus das Spiel zu zügeln und sprach von letzten
-Runden.
-
-Hull erfaßte das Wort zuerst nicht. Man mußte es ihm begreiflich machen.
-Da lehnte er sich auf. Er ward unvermittelt jähzornig, schrie und schlug
-mit der Faust auf den Tisch.
-
-Das große Auge des Unbekannten zog sich da leicht etwas von ihm und den
-andern zurück, und es schien, als glitte es nach innen. Leis erlosch
-etwas von dem Glanz. Der Gast legte die Karten hin und stopfte das Geld
-in die Tasche; doch tat er das nur so nebensächlich, als sei es ein
-Taschentuch. Es stand aber noch eine Runde.
-
-Hull schrie:
-
-»^Va banque!^«
-
-Der alte Herr gab die Karten. Hull deckte die seinigen rasch für sich
-auf. Er hatte 21.
-
-Da geschah etwas in ihm, etwas ganz Unverständliches, Widersinniges ...
-er warf seine Karten mit den Bildern nach unten auf das Paket der
-andern, beiseite geschobenen und rief:
-
-»Ich habe wieder verloren.«
-
-Rasch deckte der alte Herr seine Karten auf. Sein Auge erflammte wieder,
-hastig und blitzschnell verlöschend. Er zählte die Summe, nannte eine
-Zahl und warf seine Karten mitten auf den Tisch.
-
-Hull geschah es, als fiele er von einem schwankenden Brett, das irgendwo
-in einer Finsternis schwebte, in unsichtbare Dinge aufgehängt.
-
-Wo war ich? fragte er sich zaghaft und verblüfft.
-
-Er begann, alles um sich neu zu sehen, so als träte er jetzt erst in den
-Kreis: die drei Glühbirnen, rund, matt unter dem Schirm, das rote,
-lichtbeschienene Tuch, seine Freunde, den fremden, alten Herrn,
-zerstreute Karten und Geld.
-
-»Wo war ich? Wo war ich?« stammelte er.
-
-Seine Gedanken erwachten, wurden aus einem nebelhaft Umfangenen zu einer
-kleinen, nüchternen Klarheit. Es war so, als ob er Behänge von ihnen
-fortzöge, um sie zu entkleiden.
-
-Dann wurde er von einem plötzlichen Mißtrauen gegen sich selber erfaßt,
-das ihn krank machte. Eine Weile grub er den Kopf in die Fäuste, badete
-die Augen in den Handhöhlen, die wie mit eisigem Reif belegt sich
-anfühlten, und sich aufrichtend, sagte er:
-
-»Was habe ich getan? Ich hatte 21! Da hat jemand mit meiner Stimme
-gesagt: Ich habe wieder nichts! ... Da ...«
-
-Er riß die fortgeworfenen Karten vom Haufen und deckte sie auf.
-
-Es war ein As, eine Zehn und ein Bube!
-
-Einundzwanzig!
-
-Der alte Herr zog seine großen grauen Augen nun ganz in sich hinein. Sie
-wurden klein und sahen aus, als ob sie in einer großen Ferne stünden.
-Durch den Körper des Fremden ging sichtbar ein gewaltsames Reißen --
-rasch, hastig besiegt. Dann dehnte sich der Brustkorb, und der Atem ging
-einige Male tief und schwer, als müsse er Luft unmittelbar in die Seele
-pumpen.
-
-»Zu spät!« sagte er dann leis und streng.
-
-Hull schüttelte nur den Kopf.
-
-»Meine Bemerkung ging nicht gegen Sie,« antwortete er wieder gefaßt,
-»sondern gegen mich. Wieviel schulde ich?« fragte er liebenswürdig.
-
-»30000!«
-
-Hull leerte seine Brieftasche.
-
-»Sie müssen sich bis morgen nachmittag vier Uhr mit 10000 Mark begnügen
-und einem Schuldschein natürlich. Wollen Sie die Freundlichkeit haben,
-mir Adresse und Summe in mein Notizbuch zu schreiben!«
-
-Als Hull sein Buch zurückbekam, stand darin:
-
- _Balling_
- Hotel Excelsior, Zimmer 15.
-
-Er übergab mit einer lächelnden Verbeugung seinen Schuldschein dagegen.
-
-»Zur Revanche bereit, Herr Hull!« sagte Balling, indem er sich erhob.
-»Meine Herren, darf ich Ihnen für die Gastfreundschaft des Abends
-danken? Gute Nacht!«
-
-Er sagte das in einem fast unhöflichen Ton, aber mit einer
-Entschiedenheit, die die anderen Herren auf die Beine brachte.
-
-Karstens bot ihm sein Auto an.
-
-»Nein, danke, mein eigenes erwartet mich unten.«
-
-Er ging etwas steif, als sei er ermattet, hinaus, ohne weitere
-Höflichkeitsbezeugung. Der Klubdiener führte ihn zur Haustür.
-
-»Hull, du bist verrückt,« sagte Karstens, als der Fremde den Raum
-verlassen hatte.
-
-»Was ist nun eigentlich geschehen?« fragte Hull ruhig dagegen.
-
-»Frage deinen Geldbeutel!«
-
-»Meine Geldtasche ist leer. Wer hat mein Geld gewonnen?«
-
-»Dein Freund!« machte Karstens, indem er zur Tür hinaus zeigte.
-
-»Wieso mein Freund? Ich sehe den Mann zum erstenmal. Wie kam er
-hierher?«
-
-»Hull, entschieden, du brauchst die Adresse von einem guten Arzt. Emil,
-Telephonbuch!«
-
-Karstens blätterte:
-
-»Da, Dr. Schramm, psycho-pathologische Behandlung, Ludwigstraße 35 ...«
-
-»Ich verstehe deine Scherze nicht, lieber Karstens!«
-
-»Wer hat denn diesen herrlichen Einundzwanzig-Spieler mitgebracht? --
-Du!«
-
-»Das ist nicht wahr, Karstens!«
-
-»Ludwigstraße 35, mein Teurer! Rasch!«
-
-»Natürlich haben Sie ihn hergebracht, Hull,« sagte ein anderer.
-
-»Ich? Ich? Ich erinnere mich jedenfalls nicht mehr. Es kann sein.«
-
-Hull zog sich dann zurück, erschlafft, erstaunt, grübelnd über das
-Rätsel, das dieser Abend so unerwartet und brutal über ihn geworfen
-hatte.
-
-Gegen Morgen, als er einmal erwachte, kam ihm eine blasse, rasch
-vergehende Erinnerung, als ob der fremde alte Herr an einem Tisch im
-Café Bastin mit ihm gesessen und als ob sie zusammen gesprochen hätten,
-und zwar über das Theater. Aber was sie gesagt, wußte er nicht mehr,
-noch über welches Theater gesprochen wurde. Das dunkle Gewebe seines
-Hirns hielt nur noch die blitzende Empfindung eines schrillen
-Scheinwerfers fest, der ihn während des Gespräches bestrahlte. Er bohrte
-sich, nicht mehr zum Schlaf kommend, hinter den grauen Fetzen dieser
-Erinnerungen her; aber mehr bekam er nicht mehr zusammen.
-
- * * * * *
-
-Das Erlebnis gewann nicht an Klärung durch das, was Hull am Nachmittag
-des dem Spieltag folgenden Tages widerfuhr.
-
-Er hatte bis vier Uhr die 20000 Mark flüssig gemacht und brachte sie ins
-Hotel Excelsior.
-
-Man telephonierte ins Zimmer Nr. 15.
-
-Herr Balling sei da, hörte Hull, und bitte um die Karte des Herrn. Die
-gab er und fuhr bald hinauf.
-
-Mitten im Zimmer Nr. 15 stand ein Mann, den Hull in seinem Leben noch
-nicht gesehen hatte. Ein kleiner, dicker, glatt rasierter Mann mit
-amerikanischen Zügen. Er machte auch eine puritanische Verbeugung.
-
-»Ich bin wohl falsch geführt worden. Verzeihen Sie!« sagte Hull zu ihm.
-»Ich wollte ins Zimmer Nr. 15.«
-
-»Da sind Sie!« antwortete der andere.
-
-»Dann hat Herr Balling mir eine fremde Nummer aufnotiert.«
-
-»Ich heiße Balling!«
-
-Diesmal träume ich nicht. Ich bin ganz bei Sinnen. Ich spiele nicht
-einundzwanzig, sagte sich Hull und fuhr dann laut redend zu dem Fremden
-fort: »Aber das Rätsel wird sich ja gleich lösen. Haben Sie dies
-geschrieben?«
-
-Er hielt Balling sein Notizbuch hin, in das der Fremde von gestern Abend
-Namen und Adresse eingetragen hatte.
-
-»Nein!« antwortete der Dicke.
-
-»Dann bin ich Ihnen auch nicht beim Einundzwanzig 20000 Mark schuldig
-geblieben?«
-
-»Meine Zeit ist kurz bemessen. Ich erwarte einen Geschäftsfreund,« sagte
-der Dicke und zog seine Uhr.
-
-»Ich überlasse Sie sofort Ihrem Freund, mein Herr, und bitte nur noch
-eine Frage stellen zu dürfen. Es ist nicht meine Schuld, daß ich Sie
-belästige. Ich bin irgendwie irregeführt worden.«
-
-Der andere nickte.
-
-Hull fuhr fort: »Ist Ihnen dann vielleicht ein Herr bekannt, der große
-graue Augen hat, etwa sechzig Jahre, weiße Favorites, grauer Zylinder,
-elegant diskret gekleidet, große Nase, und der auch Herr Balling heißt?«
-
-»Ich kann Ihnen immer nur nein sagen!« antwortete Balling von Zimmer Nr.
-15.
-
-Da empfahl sich Hull. Er fragte unten, ob nicht ein zweiter Herr Balling
-im Hotel wohne?
-
-Nein!
-
-Ob Zimmer Nr. 15 nicht vielleicht von einem inzwischen verreisten Herrn
-Balling ...?
-
-Nein!
-
-Ob die Schrift hier bekannt sei?
-
-Nein!
-
-Zum ersten Male in meinem Leben kann ich eine Spielschuld nicht an den
-Mann bringen, sagte sich Hull, als er das Hotel verließ.
-
-Allmählich aber wurde er unruhig.
-
-Welche geheimnisvollen Zusammenhänge! So etwas war ihm nie geschehen. Er
-hatte gewonnen ... verloren ... viel und wenig. Er war in Geldnöten
-gewesen. Er hatte Pech mit einem Mädchen gehabt. Er hatte sich einmal
-seriös auf Pistolen geschossen. Aber das konnte man alles mit der Hand
-greifen sozusagen ...
-
-Doch diese Geschichte mit dem Herrn Balling und den 20000 Mark flatterte
-immer irgendwie hinter einem. Er hatte vergessen, daß er selber den
-Fremden in den Klub gebracht. Er hatte gespielt, als habe er den Kopf in
-einem Sack. Er war 20000 Mark schuldig geblieben; der andere gibt eine
-Adresse an, die zwar besteht, aber nicht die seinige ist, und auch das
-Geld will er nicht haben ...?
-
-Wenn nicht Hull gerade ohne Geliebte gewesen wäre, so hätte er sich
-mitteilen können. Nun fraß er es in sich hinein, während er über den
-Lenbachplatz und die Promenade hinaufschlenderte und allen Menschen ins
-Gesicht schaute, ob nicht vielleicht zufällig der alte vornehme Herr
-unter ihnen komme. Er ging ins Café Bastin und schaute jedem, der dort
-saß, unter die Nase. Er setzte sich hin und wartete darauf, ob nicht
-vielleicht, wie er sich sagte, der ^genius loci^ seinen Erinnerungen
-unter die Arme greife.
-
-Aber es endigte alles in einem wüsten Durcheinander. Er fand sich immer
-weniger zurecht und bekam allmählich mit einer kleinen, aber zähen
-Beunruhigung zu tun. Es war ihm, als liefe unsichtbar neben ihm eine
-zweite Kraft, die mit ihm nichts zu tun hatte, als daß sie darauf drang,
-auf ihn aufzuhocken wie ein Affe und ihn zu irgendwelchen bösen
-Abenteuern zu führen.
-
-Hull drückte sich daran vorbei, in seine einsame Junggesellenwohnung zu
-gehen. Da traf er Karstens. Er rief ihn erleichtert an.
-
-Aber Karstens fragte:
-
-»Nun, ist dir die Erinnerung gekommen?«
-
-»Mein Lieber, mir geht es böse!«
-
-»Mit den 20000?«
-
-»Da sind sie!« Er klopfte auf die Brusttasche. »Nein, die will keiner
-haben, denke dir. Im Zimmer Nr. 15 im Excelsior wohnt ein Herr Balling,
-aber es ist nicht der meinige. Wir haben uns nie gesehen. Er hat nie
-Einundzwanzig gespielt, und niemand ist ihm 20000 Mark schuldig. Ich
-werde die 20000 Mark nicht los! Aber dafür bekomme ich das Gruseln. Es
-geschieht etwas mit mir. Wer ist um mich? Und ich sehe ihn nicht! Mit
-mir wird es noch böse gehen!«
-
-»Auf in den Klub! Vielleicht kommt dein Herr Balling, sich heute sein
-Geld selber holen!«
-
-»Und der wirkliche Herr Balling von Zimmer 15 im Excelsior?«
-
-»Ja, Mensch, du hast Sorgen! Ich gestehe dir's zu. Komm!«
-
-»Gut! Vielleicht kommt er.«
-
-Abends im Klub kam es nicht zum Spiel. Der Fall regte die Phantasien
-dermaßen auf, daß niemand den Pfeffer des Hasards nötig hatte. Man
-überhäufte Hull mit dummen oder gleichgültigen Ratschlägen.
-
-»Emil,« fragte einer den Diener, »wie war denn sein Auto?«
-
-»Förstklassig, Herr Baron, etwa ein Zwanziger zumindest, geschlossen,
-elegant, eine Karosserie wie die Wiege eines Kronprinzen, wenn man
-diesen Vergleich heute noch machen darf, so ... gerundet, geschweift, so
-... so ... Er setzte mit einem Sprung von fünf Metern an und fort war
-er. Seine 24 hatte der Wagen. Aber auf die Finger habe ich ihm geschaut,
-wie er das Sauglück gegen den Herrn von Hull gehabt hat. Reinlich
-gespielt hat er.«
-
-Mehr erfuhr man nicht über den Fremden. Es meldete sich niemand weder im
-Klub noch bei Hull, um die 20000 Mark einzukassieren oder Revanche zu
-geben.
-
-Hull lernte tagsdarauf ein Mädchen kennen, das in der Bonbonniere
-Grotesktänze aufführte. Sie war halb mexikanischer Abstammung, sagte
-sie. Sie beschäftigte ihn sofort in ausgiebigem Maße, lenkte ihn ab, und
-bei ihr befreite er sich rasch vom Druck der 20000 Mark, die er nicht an
-den Mann bringen konnte.
-
-»Es war halt bestimmt, daß du sie an die Frau bringen solltest,« sagte
-ihm Karstens, als er diesen von der wieder zurückgekehrten Sorglosigkeit
-unterrichtete.
-
-
-
-
- II
-
-
-Etwa vierzehn Tage später waren die Kreise der Menschen, in denen das
-Leben des Tages nur ein langweiliges Verplempern von Zeit ist, vor
-Anbruch der Stunde des Spiels, in der die Nerven aus dem Blut Spannung,
-Leben und Kraft pumpen, mit der Märe eines Fremden erfüllt, der, wo er
-in einen Spielsaal eindrang, sich mit Geld belud.
-
-Es war immer ein anderer. Es war bald ein junger Sportsmensch, bald ein
-gesetzter Provinzpapa, bald ein blondbärtiger, wie ein Künstler
-zurechtgemachter Mann, bald ein entsprungener Raubmörder ... bald ein
-entthronter Fürst ... heute Franzose, morgen aus Leipzig ... er verschob
-im Nebenberuf Steinkohlen von der Saar über die Schweiz nach Bayern oder
-machte Valutageschäfte mit Neuyork und Rio de Janeiro. Es war immer ein
-anderer, aber die Phantasie legte die verschiedenen Bilder übereinander
-und machte eines daraus.
-
-Geschlossene Gesellschaften gab es ja nicht mehr. Das Geld war ein
-Schlüssel auf alle Schlösser, ein Pelzmantel bedeckte jeden Beruf, wenn
-man ihn anhatte, und eine Brillantennadel überstrahlte jeden Charakter.
-Man kam, in welche Gesellschaft man wollte.
-
-So war keiner mehr vor dem anderen sicher, und in jeder Gesellschaft
-wurde der Sagenhafte, wurde der Glücksspieler an jedem Abend erwartet
-und gefürchtet. Jeder Nachbar konnte es sein.
-
-Bei den Behörden liefen Klagen über räuberische Spieler ein. Es konnte
-ihnen wohl in keiner Weise Falschspiel nachgewiesen werden. Aber ihr
-Glück im Spiel war derart, daß man nicht glauben konnte, es ginge von
-allein.
-
-Hull kam jetzt durch die Dame aus der Bonbonniere in mehrere
-Gesellschaften, in denen gespielt wurde. Er hörte viel von dem
-Spielräuber und von verschiedenen Seiten, denn die Kulissenleute
-beschäftigten sich gern mit solchen Erscheinungen, die, wie ihr eigenes
-Leben, den Rahmen des ans Alltägliche Gebundenen sprengten, und waren
-bedacht, es ins große Phantastische, aus unheimlichen Kräften sich
-Nährende abzuschieben.
-
-Aber Hull hatte einen kleinen, alltäglich gescheiten Kopf. Er dachte
-wohl noch immer an die Geschichte seiner 20000 Mark, jedoch mehr von dem
-heiteren Punkt aus, daß er sie nach einer radikal anderen Richtung
-untergebracht hatte als derjenigen, zu der sie bestimmt gewesen waren.
-Er wußte heute, wo er sich gänzlich von dem Vergessen-Spuk befreit hatte
-und immer mehr zur Überzeugung gekommen war, seine Freunde hätten ihm
-mit jener Nacht einen konsequenten, aber schlechten Scherz serviert, daß
-sein Schuldschein und die 20000 Mark erledigt seien, und daß das einzig
-Anrüchige an der Sache jener Balling gewesen war, der irgendwie mit
-seinem Spielglück trotz des Dieners Emil sich nicht sicher gefühlt habe.
-
-Um so mehr war er erstaunt, als sich bei ihm eines Tages ein Herr von
-Wenk meldete und ihm die Geschichte aus jener Nacht neu aufgewärmt auf
-den Tisch stellte.
-
-Hull verhielt sich ablehnend.
-
-Aber da sagte der andere, er sei Staatsanwalt. Der Herr von Wenk wurde
-in den höflichsten Formen sogar zudringlich und zog ein Schriftstück
-hervor. Das sei er gezwungen, in seiner Eigenschaft als Beamter
-vorzulegen, wie er sagte.
-
-Hätte Hull sich wenigstens mit der Cara Carozza, der Freundin aus der
-Bonbonniere, besprechen können, statt allein da vor dem Mann zu sitzen
-und allein nachzugrübeln, was zu sagen oder wegzulassen für seine
-Bequemlichkeit am zuträglichsten wäre.
-
-Er befand sich wohl in seinem Liebesglück mit Cara Carozza und hielt
-nicht im mindesten darauf, im Namen der Tugend des Landes von alten
-Speisen zu essen.
-
-»Sie unterhalten, verübeln Sie mir die Einmischung in so persönliche
-Verhältnisse nicht, Beziehungen zu Fräulein Cara Carozza von der
-Bonbonniere,« sagte nun gar der Besucher.
-
-»Uff, mein Gott!« seufzte es in Hull.
-
-»Können Sie mich mit der Dame zusammenbringen? In Erfüllung meines
-Amtes, das mir der Staat übertrug. Wenn ich Sie freilich bitten dürfte,
-dem Fräulein gegenüber mich als Privatperson gelten zu lassen. Unnütz,
-Ihnen zu versichern, daß ich Sie für einen durch und durch makellosen
-Mann halte, der vollkommen unverdächtig ist. Auch über die Dame ist mir
-Nachteiliges nicht bekannt. Sie erweisen aber dem Land und
-wahrscheinlich sich selber einen Dienst. Sie stehen von heute an
-unmittelbar unter dem Schutz der Polizei. Beunruhigen Sie sich nicht.
-Noch ist das nichts anderes als eine vielleicht übertriebene Vorsicht.
-Sie sollen jedoch sicher sein, in keiner Weise an den Diensten zu
-Schaden zu kommen, die Sie Volk und Staat zu erweisen in der Lage sind.«
-
-»Wie soll ich das alles verstehen, Herr Staatsanwalt?« fragte Hull
-unsicher.
-
-»Sie werden sich doch Gedanken über Ihren glücklichen Gegenspieler
-gemacht haben?«
-
-»Ganz offen gesagt, ich hatte eine Weile Angst, Herr Staatsanwalt. Es
-schien mir etwas Unheimliches bei der Sache zu sein. Schließlich habe
-ich mein vermutliches Vergessen, daß ich selber jenen Herrn mitgebracht
-hätte, auf einen schlechten Spaß meiner Freunde geschoben.«
-
-»Aber dieser Herr Balling, der im Hotel ein anderer war als abends zuvor
-im Klub?«
-
-»Der ist mir noch heute unklar. Man gibt sonst falsche Adressen an, um
-zu prellen. In diesem Fall aber war es geschehen, um 20000 Mark nicht zu
-bekommen.«
-
-»Könnten Sie es sich nicht so erklären,« fuhr der Staatsanwalt fort,
-»der fremde alte Herr muß in irgendeiner Weise falsch gespielt haben? Er
-begnügte sich, vorsichtig oder gewarnt durch einen Zufall, dessen
-Kenntnis sich Ihnen entzieht, mit dem Geld, das er in bar gewonnen
-hatte. Er nannte einen Namen, der ihm gerade einfiel und von dem er
-durch irgendeinen Zufall Kenntnis hatte. Wenn nicht der Herr Balling vom
-Nachmittag im Excelsior nichts anderes als eine Ummaskierung des Herrn
-Balling aus Ihrem Klub war. Aber Sie sagen ja, der erste sei ein
-kleiner, dicker Mann gewesen, der andere aber von auffallender
-Körperform ... Spielen Sie noch, Herr Hull?«
-
-»Ein bißchen, so dann und wann!«
-
-»Zusammen mit Fräulein Carozza? Ich bin mit einem Ihrer Kameraden
-befreundet. Mit Karstens! Er wird mich Ihnen vorstellen, und wir werden
-eine Bekanntschaft gesellschaftlich erneuern, der amtlich vorgegriffen
-zu haben mir nicht allzu sehr verübelt werden möge. Ich hoffe, Sie auf
-meine Seite zu bekommen.«
-
-Dann ging Wenk. Er begab sich in sein Amtszimmer.
-
- * * * * *
-
-Wenk hatte einen Monat vor diesem Besuch in einem Prozeß, in dem er als
-Staatsanwalt wirkte, zum ersten Male gesehen, wie die Spielwut als eine
-Seuche die Stadt fiebern machte. Er selber liebte den Anreiz, den das
-Hasardspiel der Phantasie und den Nerven und die Abwechslung, die es
-seinem Beruf zwischen Anwälten, Richtern, Angeklagten gab. Früher hatte
-er regelmäßig gespielt. Nicht aus Leidenschaft, aber mit einer eifrigen
-Liebe, im Spiel die Macht über eigene Beherrschung ausprobierend,
-Menschen beobachtend und dem reizvollen, nervenbadenden Zickzack des
-Glückes anheim gegeben.
-
-In dem Spielerprozeß hatte er erlebt, welche Gefahr dem Volk durch das
-Spiel drohte. Das Auslaufen des Krieges in den keineswegs abspannenden
-Zustand, den die Bedingungen von Versailles dem deutschen Volk brachten,
-hatte die Phantasie nicht beruhigt, sondern hielt sie angestachelt.
-
-Die Heeresberichte waren vielleicht die erste Schuld gewesen. Sie waren,
-oft wochenlang, monatelang, wie eine Lotterie fürs ganze Volk gewesen.
-Dann hatte bald jene verhängnisvolle Bewegung eingesetzt, mit der von
-den Kriegsbehörden ganze Kreise des Volles systematisch in Spielwut
-versetzt wurden, um sie für die Zwecke der Heeresleitung gut gestimmt zu
-halten: die gesteigerten Löhne der Kriegsarbeiter und das Nachwerfen von
-Geld an die Industrie. Der Handel hinkte nicht lange nach. Überall
-wurden Schleusen geöffnet, und in dem Maße, als die Waren seltener
-wurden, begann das Geld über alle Dämme zu schwemmen. Es war Wenk klar,
-daß jene Menschen in den hohen Stellen der vergangenen Zeit, die
-glaubten, die Seele des Volkes mit Geld zu kaufen, schuld an dem
-verhängnisvollen Ausgang des Krieges für Deutschland und so auch schuld
-an der politischen Entwickelung waren.
-
-Sie hatten an Stelle der unvergänglichen, zu aller Entsagung, zu voller
-Pflichterfüllung gegen die Allgemeinheit bereiten Seele einen Götzen --
-das Geld gesetzt. Der Tanz um ihn erfaßte das ganze Volk.
-
-Der Krieg hörte auf. Das Geld hatte an Wert verloren und beherrschte
-doch mehr als jemals das Leben eines Volkes, dem der äußere Erfolg, der
-äußere Glanz genommen worden war.
-
-Hunderttausende waren durch den Krieg an ein untätiges Leben gewöhnt
-worden. Dies Leben war durch Jahre nichts anderes gewesen als eine
-Lotterie um Sein oder Nichtsein. Es hatte sich in nichts anderem
-betätigt als einesteils im Bewußtsein der Macht über Nebenmenschen und
-andernteils rein in den Nerven. Hirn wie Gemüt waren verhängt worden.
-
-Sie brachten in die von nun an lebenssicheren Verhältnisse, in die sie
-aus dem Krieg herauskamen, die immer zum Spiel gespannte Phantasie. Sie
-waren immer gewohnt und entschlossen, auf eine Karte zu setzen. Sie
-führten das ehemalige Leben weiter, indem sie die Atmosphäre der
-Zufälle, der rasch aber hastig und vorübergehend die Nerven betäubenden
-Zustände aus der Kriegszone in das ganze zum Frieden zurückgekehrte Volk
-warfen, sein Klima zu ihren Bedürfnissen umschufen.
-
-Das war begreiflich, gewiß! Aber die bestimmt waren, die Geschicke des
-Volkes über den laufenden Tag hinaus zu leiten, müßten nun mit letzter
-Selbstverleugnung am Werk sein. Dann wäre eine Genesung zu erhoffen.
-
-Der Spielerprozeß hatte Beispiel über Beispiel gezeigt, wie die
-Entwickelung sich gemacht hatte.
-
-Dieser Prozeß hatte Wenk weit herum in den Gesellschaften geführt, die
-in dem neuen Laster -- im Spiel -- lebten und auch von ihm lebten. Seine
-Überzeugungen waren verankert, seine Kenntnis und sein Erkennen der
-Gefahr schreckhaft vergrößert worden.
-
-Man spielte im Sous-sol um fünf und im ersten Stock um Fünftausende von
-Mark. Man spielte straßein, straßaus, hausauf und -ab. Man spielte mit
-Karten, mit Waren, mit Gedanken und mit Genüssen, mit der Macht wie mit
-der Schwäche, mit dem Nächsten wie mit sich selber.
-
-Heute spielten auch die Menschen, deren Natur das Spiel nicht lag, die,
-bequem und gelassen, gewohnt waren, Gelegenheiten abzuwarten und nicht
-sich ihnen entgegenzuwerfen.
-
-Wenk war ein Beamter gewesen, der sein achtunddreißigstes Jahr in einer
-ebnen und gut temperierten Karriere erreicht hatte. Im Krieg hatte er
-sich bei den Fliegern als Freiwilliger gestellt, weil er Liebe zum Sport
-hatte und von seiner lebhaften Jugend her die Erinnerung an den Reiz der
-Gefahr in sich bewahrte. Diese Tätigkeit hatte ihn aufgepulvert, und er
-ging in seinen Beruf mit heftigeren Gefühlen zurück, als er ihn
-verlassen hatte. Der Spielerprozeß und was er in seiner Atmosphäre
-gesehen, hatte ihn aufs leidenschaftlichste aufgerührt.
-
-Er war sofort zum Minister gegangen, hatte geschildert, was er gesehen
-und erkannt, und ihm dargestellt, daß gegen diese neue Cholera gekämpft
-werden müsse, sonst zermürbe sie den Volkskörper. Bei der Wertlosigkeit
-des Geldes und den gesteigerten Bedürfnissen könne sich das Volk nicht
-anders helfen, als die zahllosen Papierscheine rastlos immer wieder aus
-einem Besitz in den andern zu jagen. Der normale Produktions- und
-Vertriebsverkehr ergäbe dazu aber nicht das nötige Tempo und beanspruche
-auch Arbeit. So geschehe es nach und nach, daß das Spiel den Herzschlag
-hergeben müsse, in dem das wirtschaftliche Leben pulsiere.
-
-Der Minister lächelte. Er war ein neuer Mann. Er sagte: »Unser Volk ist
-gesund. Sie sind ein Pessimist!«
-
-Aber Wenk fuhr gegen ihn an: »Es ist durch und durch krank! Woher kann
-es gesund sein -- nach solchen Jahren und einem solchen Leben?«
-
-Da gab der Minister, der sich unsicher fühlte und nichts unversucht
-lassen wollte, nach und schuf einen neuen Posten, den Wenk einnahm.
-
-Der ehemalige Staatsanwalt und Beamte wurde wie in einem Wirbel in sein
-neues Amt aufgerissen. Er widmete ihm alle Anstrengung und Energie. Er
-schaffte sich nicht zu seinem Titel einen Klubsessel und ein bequemes
-Bureau, sondern bildete sein Amt vom geringsten auf, ward Spitzel und
-Detektiv, unermüdlich immer sich selber hinausstellend, sammelnd, was er
-erreichen konnte. Alles tat er selber. So war er bald, da er das geringe
-Ausmaß seiner Kräfte im Kampf gegen die Ausdehnung des Lasters früh
-erkannte, auf den Gedanken gekommen, aus den Kranken selber eine Garde
-zu schaffen.
-
-Und er fing bei jenen Menschen an, deren Reichtum nicht wie ein
-zugelaufener Hund im Haus herumlief, sondern die durch ihren
-Zusammenhang mit der Gesellschaftsordnung, die gestürzt war, politisch
-und menschlich in die Opposition gedrängt worden waren.
-
-Er wußte: Keines Schuld an den bestehenden Verhältnissen war stärker als
-die dieser Menschen, weil sie zu einer Zeit, wo Widerstand nötig gewesen
-wäre, feig sich versteckt hatten. Aber er wußte auch, daß in ihnen eine
-neue Entschlußkraft emporwollte, daß sie gut zu machen sich sehnten, was
-sie gesündigt hatten.
-
-Das waren vor allem die reichen jungen Männer ohne Beruf. In der
-Formlosigkeit, in die die Entwertung und Verschiebung des Geldes das
-Land gestürzt hatte, war es ihnen verwehrt, ihr bisheriges Leben
-fortzuführen. Ihre Gesellschaft hatte sich mit neuen Reichen durchsetzt,
-die sie gebrauchten, weil sie sich von ihnen gebrauchen ließen.
-
-Der Staatsanwalt von Wenk hatte sich an ehemalige Korpsbrüder gewandt,
-von denen das unterschiedliche Leben seines Amts ihn seit langem
-getrennt hatte; und den er zuerst wiedergefunden und auch gewonnen
-hatte, war Karstens gewesen. Von ihm hatte er Hulls sonderbares und
-verdächtiges Spielabenteuer mit allen Einzelheiten erfahren.
-
-Er verglich die Geschichte Hulls mit dem Material, das sich rasch bei
-ihm gesammelt hatte. Es kamen immer neue Klagen über räuberische
-Spieler, die so ausgezeichnet arbeiteten, daß ihnen ein Makel nicht
-nachgewiesen werden konnte, so andauernd aber gewannen, daß nichts
-anders denkbar war, als daß sie dem Glück nachhalfen.
-
-Wenk war geneigt, aus einigen, wenn auch sehr weitläufigen Ähnlichkeiten
-alle diese Fälle auf eine zusammenarbeitende Bande zurückzuführen. Ja,
-er hatte den Eindruck, als sei hier ein einzelner Mann am Werk. Aber
-dieser Eindruck war nur gefühlsmäßig. Hulls Erlebnis war nun in dieser
-Reihe das sonderbarste, rätselhafteste und gefährlichste. Aber Wenk
-witterte, daß in ihm dafür auch der Schlüssel zu den andern läge.
-
- * * * * *
-
-Als Wenk gegangen war, stritt Hull lange Zeit mit sich. Die
-unnachsichtige Form, in der Wenk bei aller Höflichkeit bei ihm auftrat,
-hatte auf ihn gewirkt. Er ahnte, was der Staatsanwalt wollte. Denn er
-selber mußte sich oft unzufrieden erklären mit seinem Leben, wenn auch
-meist die Bequemlichkeit derartige Gedanken von ihm fern hielt.
-
-Er hätte in gewöhnlichen Zeitläuften hemmungslos und ohne Bedenken sein
-genießerisches Leben so lange geführt, bis seine Gesundheit ihm das
-übliche Ende gesetzt hätte, oder bis es in eine der herkömmlichen oder
-unvorhergesehenen Ehen ausgegangen wäre.
-
-Hull stimmte nicht überein mit dem Verlauf, den die Dinge in Deutschland
-nach Versailles genommen hatten. Zugleich fragte er sich: Wo warst du
-1918, als die Wendung kam? Und früher, als sie sich vorbereitete? Bist
-du nicht mit schuld, du, Hull und ihr alle? ... Das meinte der
-Staatsanwalt.
-
-Aber Hull sah in sich nicht das geringste jener Persönlichkeit, die zur
-Rettung fehlte, und er schüttelte das Bedenken von sich ab, fuhr zu Cara
-Carozza und erzählte ihr vom Besuche Wenks. »Um Gottes willen, bringe
-uns nicht in die Tinte mit deinem Staatsanwalt, lieber Gardi,« sagte
-die.
-
-»Aber ... aber ... spielen wir falsch? Betrügen wir? Wuchern wir,
-schieben wir? Wir lassen uns doch nur leben. Wo denkst du hin,
-Maidscherl?«
-
-»Gardi, ein aufgefaltetes Spiel Karten ... ein Bankhalter ...
-geschlossene Türen und ein Staatsanwalt! Das kann einen an den Galgen
-bringen!«
-
-»Ich versprach's ihm aber!«
-
-»Dumm!« sagte sie nur mehr. »Du hättest dich anders herausziehen können.
-Die Escha bringt heute ihren Freund mit. Wir gehen zu Schramms. Karstens
-telephonierte vorhin, er komme auch.«
-
-»Dann kommt Wenk sowieso. Also gut, es ist nun einmal so!«
-
-Der Oberkellner des kleinen Weinrestaurants von Schramms, das sich
-kürzlich in einer der vornehmen Villenstraßen aufgetan hatte und von
-einem raffinierten Kunstgewerbler in einem verschrobenen Geschmack
-ausgestattet worden war, führte Karstens und Wenk nach dem Nachtmahl in
-einer Loge nach hinten und eine Wendeltreppe hinauf in ein Zimmer, das
-keinen anderen Ausgang und überhaupt keine Fenster zu haben schien.
-
-In der Mitte des Sälchens stand ein Tisch von einigem Umfang, oval, aber
-bei jedem Sessel zu einer Nische ausgehöhlt, in die sich der
-Platzinhaber hineinsetzen konnte, so daß die Tischplatte rechts und
-links unter seinen Ellbogen ihn umfloß. Die Platte war aus einem barock
-geäderten, flammigen Kiefersfeldener Marmor. Nur in der Mitte war ein
-vollkommen weißes Oval eingelassen. Um den Tisch herum, hinter den
-Sesseln der Spieler erhöhte sich der Fußboden, aber die Wände waren mit
-verdehnten Liegediwans ganz angebaut, auf denen mild himbeerfarbene
-Polster mit schwarzen Ornamenten aufquollen. Eine gläserne geschliffene
-Tonne hing an Messinggestäng tief über den Tisch und erstrahlte von
-elektrischen Birnen, die aus silbernen Armen niedergriffen. Die Wände
-oberhalb der himbeerfarbenen Polster waren mit demselben freudigen
-Marmor belegt, aus dem die Tischplatte bestand.
-
-Wenk wurde der Carozza vorgestellt.
-
-»Ich konnte den Mund nicht halten, Herr Staatsanwalt. Meine Freundin ist
-unterrichtet. Verübeln Sie mir das nicht, bitte!«
-
-Wenk machte eine leichte Verbeugung, in der ein Bedauern nicht
-unterdrückt war.
-
-Für Karstens und Wenk waren Plätze am Tisch zurückbehalten worden. Sie
-setzten sich mit Verbeugungen, aber ohne daß jemand sie weiter
-vorstellte.
-
-Man spielte Bakkarat.
-
-Karstens neigte sich zu Wenk: »Nur der junge Mann mit dem blonden
-Vollbart ist fremd. Die andern spielen immer hier.«
-
-Wenk warf einen Blick auf den Genannten und traf dessen Augen. Er sah,
-daß auch sie ihn anschauten, und er blickte gleich über sie weg in die
-Höhe. Aber er fühlte, daß der andere gemerkt hatte, man habe von ihm
-gesprochen. So oft in der Folge er nun zu dem Fremden hinüberblickte,
-fand er dessen Augen wie aufpassend auf sich liegen.
-
-Der Fremde spielte kühl und zurückhaltend. Er verlor oft. Da ließ Wenk
-seine Aufmerksamkeit von ihm und wandte sich den andern zu, die er der
-Reihe nach beobachtete. Sie waren alle mit ihren Blicken in dem weißen
-Oval, auf das die Karten aufgeschlagen wurden. Selten kehrte einer den
-Blick ab. Es waren Herren in Frack und Damen, dekolletiert und übermäßig
-modisch gekleidet. Das Spiel hatte sie ins Genick gebissen und ritt auf
-ihnen.
-
-Da ist niemand, sagte Wenk sich. Es sei denn der mit dem blonden
-Vollbart. Er begann wieder, ihn zu beobachten. Aber es fiel ihm nichts
-anderes auf, als daß jener seine Blicke erwiderte. Wenk widmete zugleich
-der Carozza seine Aufmerksamkeit. Er sah sie hingegeben spielend neben
-Hull sitzen, aus dessen Kasse sie sich bediente, wenn sie verlor. Gewann
-sie, so häufte sie aber das Geld vor sich auf. In einem Spieler zu ihrer
-andern Seite glaubte er einen bekannten Tenor der Staatsbühne zu
-erkennen, dessen Bild oft in den Schaukästen hing.
-
-»Ist das Märker?« fragte er Karstens.
-
-Der nickte.
-
-Wenk gewann etwas. Er spielte nicht länger, als bis er sich überzeugt
-hatte, daß für ihn nichts los sei. Dann überließ er seinen Platz einem
-älteren Herrn, der schon eine Weile hinter ihm saß und ihm mit
-Bemerkungen über seine Art zu spielen lästig gefallen war. Er setzte
-sich in eines der Polster und schaute noch ein Stündchen dem Spiel zu.
-Dann empfahl er sich. Karstens ging mit. Hull blieb mit der Carozza. Als
-Wenk schon einige Stufen hinuntergegangen war, blickte er nochmals zum
-Tisch zurück.
-
-Da war es ihm, als ob der Blondbärtige mit seinen großen mausgrauen
-Augen gierig sein Fortgehen verfolgte und dann blitzschnell, wie in
-einer bezwingenden Drohung die Augen auf die Carozza richtete. Aber es
-mochte auch eine Täuschung des Lichts sein. Als Wenk unten an der Treppe
-angekommen war, stand er unversehens einen Blutschlag lang Brust an
-Brust mit einer Dame, die die Hand schon auf das Treppengeländer gelegt
-hatte. Er sah ihr mitten in die Augen. Betroffen trat er zurück, indem
-er sich tief wie zu einer Huldigung verneigte, und ging. Er wollte zu
-Karstens sagen:
-
-»So schön sah ich nie eine Frau!«
-
-Dann aber kam ihm das wie ein Verrat vor, und er trug, mit Wünschen
-umbrennend, das rasche Bild ihrer Erscheinung schweigsam durch die
-Nachtgassen. Zu Hause geriet er bald in Schlaf. Doch die zwei mausgrauen
-Augen, die viel älter waren als der gepflegte leuchtende Bart, hockten
-ihm im Schlaf auf die Brust und versuchten, das rote As unmittelbar aus
-seinem Herzblut herauszumischen.
-
-Als er am Morgen erwachte, empfand er jedoch nichts als eine weite
-Sehnsucht, die Frau an der Wendeltreppe wiederzusehen.
-
-
-
-
- III
-
-
-Am Abend darauf war Wenk in der Nähe von Schramms zu einem musikalischen
-Abend geladen. Eine junge Klavierspielerin spielte moderne Geräusche.
-Wenk langweilte sich, ward unruhig und die Beute von immer abirrenden
-Vorstellungen. Es war ihm, als verabsäume er irgend anderswo etwas. Das
-wurde so quälerisch in ihm, daß er sich heimlich aus dem Haus entfernte
-und nur der Dame des Hauses eine Entschuldigungskarte hinterließ.
-
-Er kam bei Schramms vorbei und wollte hastig vorübergehen. Da fiel ihm
-ein, auf dem ersten Stockwerk der Villa, in der dies neue Speise- und
-Spielhaus war, nach den Fenstern des Sälchens zu schauen, in dem er
-gestern abend gespielt hatte. Die Fassade hatte unten im Hochparterre
-große Fenster, hinter denen malvenfarbene Vorhänge ein sachtes Licht
-spendeten. Auf dem ersten Stockwerk waren nur vier Fenster. Doch alle
-sah er leblos und dunkel. Da sagte er hinauf: »Und hinter euch
-lichtlosen Fenstern leuchtet doch ihr Licht ... ihr Licht.« Da ging er
-hinein, voll von Hoffnung, die Frau wiederzusehen.
-
-Der Oberkellner kam sofort auf ihn zu, nahm Hut und Mantel, indem er
-flüsterte: »Marmortisch?« und den Gast gespannt anschaute. Das war, wie
-es schien, das Losungswort für die Wendeltreppe. Wenk nickte: Ja. Der
-Oberkellner ging rasch vor ihm her nach hinten. Wenk folgte gemessen.
-Dann wurde er die Wendeltreppe hinaufgeleitet.
-
-Der erste Mensch, den er am Spieltisch sah, war der Blondbärtige. Er saß
-in seiner Nische, mit breiten Schultern vorgebückt, die Augen fast
-erstarrt über den Tisch scheinbar auf einen Spieler geheftet. Er saß da,
-aufgeballt, wie ein Raubtier, das seiner Beute schon einen Tatzenhieb
-versetzt hat und wartet, was das Opfer noch tun könne. Er schien nur
-Muskel zu sein. Diese Empfindung hatte Wenk. Sie flog ihn so stark an,
-daß er erschrak.
-
-Ein Platz war leer. Er setzte sich und zog seine Geldtasche. Er war
-durchkreuzt von Vorstellungen, als ob etwas am Tisch geschehen sei. Er
-sah die Spieler, niedergebeugt über die Gier ihres Erwartens, rundum
-hocken. Sie waren allein einer deutlichen, wenn auch nicht absichtlichen
-Bewegung eines von ihnen zugewandt.
-
-Der Blondbärtige hielt die Bank.
-
-Da erst sah dieser auf. Wenk bemerkte, wie er erst unwillig durch die
-Störung die Augen zu ihm hob. Dann geschah es, ganz gewiß zu erkennen,
-daß der Fremde leis mit dem Gesicht zurückzuckte. Aber mit derselben
-Bewegung schon bissen sich seine Kinnladen aufeinander, daß der Bart
-rundum sich hochhob. Alles andere war nur Eindruck gewesen. Dies aber
-war für Wenk ganz sicher. Ein Schauer überlief ihn wie vor einer
-plötzlichen gefährlichen Begegnung.
-
-In demselben Augenblick drehte der Bankhalter die Karten um.
-
-Einer sagte: »Basch hat schon wieder verloren!«
-
-Alle schauten nun deutlich auf den blassen, mageren Mann, dem sie
-heimlich zugewandt gewesen, als Wenk eintrat.
-
-Basch schob mit einer milden, verschlafenen Bewegung die Geldnoten, die
-er in das weiße Oval vor sich gelegt hatte, dem Blondbärtigen zu. Der
-hackte danach wie ein Raubvogel. Der Verlierer sank zurück, fingerte
-eine neue Tausender-Note heraus und legte sie mit derselben langsamen,
-traumhaft befangenen Sanftheit vor sich, mit der er die verlorenen
-Scheine fortgeschoben hatte.
-
-»Wieviel verlieren Sie jetzt?« fragte eine Dame vom Polster hinter Basch
-her. »Sie werden Glück im Leben haben. Wenn man so verliert! Ich schaue
-Ihnen zu wie einem Wettlauf. Sie müssen einen Rekord aufstellen. Im
-Verlieren! Dann werden Sie im Leben so glücklich sein, daß ich Sie ...«
-Dazu lachte sie verwegen. Da erkannte Wenk mit einem süßen Erschrecken
-in seinen Adern in der Sprecherin die schöne Frau, die er gestern an der
-Wendeltreppe fast überrannt hatte.
-
-»Alles fertig!« rief der Blondbärtige mit einer strengen Stimme und
-schlug der Sprechenden das letzte Wort vom Mund zurück.
-
-Basch hatte ihr nicht geantwortet. Er machte nur, als der Bankhalter
-rief, eine melancholische darbietende Bewegung der Hand über seinen
-Tausend-Markschein, eine Bewegung, lose, verschwommen und geheimnisvoll,
-als wolle er das Papier beschwören, dahinzugehen.
-
-Er schaute seine Blätter an. Er hatte die Hand, und außer ihm hatte
-diesmal niemand pointiert.
-
-»Ich gebe,« sagte der Blondbärtige scharf.
-
-Basch wiegte träumerisch: Nein, mit dem Kopf.
-
-Wenk sah den gefärbten, lohenden Haarschopf der Carozza, hoch und lose
-aufgetürmt, hinter einem Gesicht leuchten. Aber seine Augen gingen immer
-wieder zu der anderen Frau.
-
-Der Bankhalter kaufte eine Figur und deckte seine Karten auf. Er hatte
-nur vier. Auch Basch legte seine Karten um, auf einmal, mit einem
-fieberhaften Anlauf. Er hatte drei.
-
-»Er spielt, als habe er Äther getrunken!« flüsterte Wenks Nachbarin.
-»Bei drei keine Karte zu nehmen! Idiotie!«
-
-Der Blondbärtige im Geldeinziehen warf einen raschen Blick über Wenk.
-Der fühlte sich gegen den Gewinner gereizt. Er erhöhte seine Einsätze.
-Er gewann, verlor manchmal dazwischen und gewann wieder.
-
-Basch verlor weiter, jedesmal. Wenk nahm innerlich immer mehr seine
-Partei. Er setzte sein Geld, als sei es eine Waffe für Basch und gegen
-den Blondbärtigen ... als schlüge er damit auf den Blondbärtigen ein.
-
-Wenk sah, der Blondbärtige schaute niemanden an als Basch und ihn. Er
-nahm also den Kampf auf. Wenk stürzte kopfüber ins Spiel, heißblütig,
-von einer dunklen Kraft bezwungen, die gegen den Bankhalter aus seinem
-Blut in sein Hirn wuchs. Er verlor sich von sich selber. Er spielte
-nicht mehr, um zu beobachten und zu entdecken. Er war dem Spiel
-unterlegen. Er spielte wie alle die Menschen, die er dem Spiel zu
-entreißen hergekommen war. Er vergaß sogar die schöne Frau. Als er das
-leis zu erkennen begann, schämte er sich, und es kam ihm zum erstenmal
-am Abend der Gedanke, im Zimmer umzuschauen, ob Hull das nun sähe.
-
-Aber es war gar nicht Hull, der hinter der Carozza saß. Wenk schaute
-vergeblich umher. Hull war nicht da. Die Carozza saß mit einem fremden
-Kavalier hinter einem Spieler, mit dem sie gemeinsame Einsätze machte.
-Da fand sich Wenk wieder zurück. Er hörte auf zu spielen und verließ
-gleich den Saal im Ärger gegen sich.
-
-Als er auf der Wendeltreppe war, sah er, daß auch der Blondbärtige sich
-erhob.
-
-Wenk hatte sein Auto zur Villa der Musikfreunde bestellt. Daran
-erinnerte er sich erst, als er schon ein Stück Weges der Stadt zu
-gegangen war. Er ging also rasch zurück und fuhr heim. Er legte sich
-gleich ins Bett. Aber er fand keinen Schlaf, weil ihn der Gedanke nicht
-verließ, daß er nicht hätte weggehen, sondern bleiben sollen. Daß er
-hätte mit Basch sprechen sollen.
-
-Er stand wieder auf und ging ein Bündel Akten durch, um sein Gewissen zu
-beruhigen. Bei diesem Durchlesen von Angaben fremder Menschen bekam er
-den Eindruck, sie alle, die in dem Maße verloren hatten, daß sie an
-nichts anderes als an Falschspiel glauben konnten, möchten so ähnlich
-wie Basch am Spieltisch gesessen haben. Wäre er geblieben und hätte er
-sich vernünftig benommen, so hätte er also zum erstenmal Gelegenheit
-gehabt, selber zu sehen, was bis dahin sich erst durch fremdes
-Bewußtsein durchsieben mußte, bis es zu ihm kam.
-
-Da war Wenk ganz verzagt. Ich muß anders arbeiten, ganz anders! Der gute
-Wille genügt nicht. Fleiß genügt nicht. Selbstverleugnung und
-unerbittliche Disziplin und ein wenig mehr Schlauheit! Ich muß auch mit
-allen Tricks arbeiten, die der Gegner anwendet ... mit Maskierung,
-heimlicher Überwachung ... Ich muß mich selber aufs Spiel zu setzen
-vermögen ... muß selber Leimrute sein, um nicht als Gimpel darauf
-gefangen zu werden ... Der Herr Staatsanwalt mit einem falschen Bart ...
-den Browning im Handballen versteckt ... Jockeymütze und Zylinderhut mit
-Perücke und so weiter ... wie im Kino ...
-
-Vor dem Spiegel beschaute er sein bartloses Gesicht, und er fand,
-Grimassen schneidend, den Mund verziehend, die Kinnladen auseinander
-spannend, aus Papierfetzen geschnitzte Bartschemen vorklebend, daß sich
-sein Kopf zum Maskieren sehr eignen müsse.
-
-Am nächsten Tage ließ er sich von der Fahndungs-Polizei eine ganze
-Ausstattung besorgen. Mit Hilfe eines Fachmannes der Polizei probierte
-er alle Requisiten durch, lernte Bärte kleben, durch eine Schminke
-Gesichtsfarbe ändern und älter oder jünger machen, Entstellungen durch
-Narben und anderes mehr. Er konnte nun als Onkel aus der Provinz, als
-roter Eilradler, als Taxameterchauffeur, als Dienstmann, Kellner,
-Hausmeister, Fensterputzer, Arbeitsloser und so weiter losgehen. Den
-Vormittag über studierte er das kriminalistische Museum durch, das die
-Polizei angelegt hatte, begab sich wieder mit Photographien, die er dort
-gefunden, zu seinen falschen Bärten zurück und arbeitete mit fanatischem
-Eifer.
-
-So verging der Tag, und abends war ihm, als sei er ein stärkerer Mensch
-geworden. Er war zugleich bescheidener und wagemutiger. Er wäre am
-liebsten gleich durch alle Spielhäuser der Stadt gelaufen.
-
-Aber er ging nur zu Schramms. Lang hatte er sich überlegt, ob er nicht
-in irgendeiner Ummaskierung dort erscheinen sollte, mehr um sie ein
-erstes Mal auszuprobieren und zu lernen, sich sicher darin zu fühlen,
-als um etwa unter ihrer Deckung ans Werk zu gehen. Er wurde auch weniger
-durch die Aussicht, etwas zu erreichen, hingeführt, als um ein neues Mal
-vielleicht den Blondbärtigen spielen zu sehen: er wollte so sich selber
-gegenüber gutmachen, was ihm von seinem Versagen am vergangenen Abend
-her so peinigend nicht aus der Erinnerung weichen wollte. Auch Basch
-hätte er gern gesehen und versucht, mit ihm über das Kartenpech zu
-sprechen, unter dem er so gelitten. Er ging also, wie er war.
-
-Es war schon spät, als er hinkam. Hull war dort. Aber es zeigte sich
-weder der Blondbärtige noch Basch. Von dem ersten hörte er nur, er sei
-gleich nach ihm fortgegangen, und das sei allgemein aufgefallen. Basch
-habe nach dem Weggehen des Blonden wie erschlafft und ohne
-weiterzuspielen in seinem Sessel gesessen und sei auf einmal
-verschwunden gewesen. Niemand kannte ihn recht. Er sei sonst nie zu
-Schramms gekommen.
-
-Die Frau, die hinter Basch gesessen, schätzte seine Verluste auf
-dreißig- bis fünfunddreißigtausend Mark. Der Blonde habe das alles
-gewonnen. Er habe aber erst gewonnen, als er die Bank selber hielt. Es
-sei wohl alles in Ordnung zugegangen. Der Diener, der die Karten
-liefere, sei sehr zuverlässig.
-
-Unter den Gesprächen über den gestrigen Abend hörte man auf zu spielen.
-
-Die Carozza sagte: »Es gibt Menschen, die sind zum Spielen geboren, und
-wenn sie nur eine Karte in die Hand nehmen, ist es ein As. Sie können
-tun, was sie wollen. Es ist stärker als sie. Es ist ihr Geist, ihr
-Gott.«
-
-Aber das glaubte die Escha nicht. Sie meinte, ein jeder Spieler treffe
-einmal in seiner Laufbahn auf die Serie der Glücksstunden. Sie lägen
-vorbereitet vor ihm, langerhand hingehängt von seiner guten Fee. Denn
-sie glaube an die gute Fee eines jeden Menschenkindes. Man dürfe es
-nicht aufgeben, diesen Stunden entgegenzuspielen. Man werde sie einmal
-pflücken können wie Äpfel im Herbst vom Baum ...
-
-Den Blonden kannte keiner. Basch hatte ihn mitgebracht. Am ersten Abend
-seien sie auch zusammen fortgegangen. Am zweiten Abend zusammen
-gekommen. Man hielt ihn für einen entthronten Fürsten. Er war so
-herrenhaft und so kurz in der Sprache. Für einen entthronten Fürsten,
-der Geld brauche.
-
-»Es ist mir sonderbar mit ihm,« sagte Hull, »es ist mir, als ob ich
-schon einmal mit ihm gespielt hätte ...«
-
-»Blödsinn!« sagte die Carozza.
-
-In seinem Innern jedoch lebten diese Vorstellungen sich weiter aus:
-Nicht, als ob ich mit ihm gespielt hätte. Als habe er mich in
-irgendeiner Weise beleidigt, ganz schwer, bis ins Blut hinein. Aber wie?
-wo? wann? das weiß ich nicht. Es ist mir fast, als sei es in einem Traum
-gewesen.
-
-»Böse Augen hat er,« sagte eine Frauenstimme.
-
-Die Stimme schien Wenk bekannt. Er schaute hin. Vor dem hellen Licht
-über dem Tisch war der Winkel so finster wie ein Loch. Er sah niemanden
-darin.
-
-Die Carozza sagte gegen die Stimme im Dunkeln mit einem Ton, der Wenk
-gereizt vorkam: »Böse Augen! Was will das sagen! Beim Spiel schaut
-niemand darein wie der heilige Aloysius.«
-
-Aus der finsteren Ecke kam es zurück: »Er sah Basch an wie ein Raubtier
-seine zu Tode gehetzte Beute!«
-
-Wenk rief: »Genau denselben Eindruck hatte ich!«
-
-Lebhaft erhob er sich und ging auf den Winkel zu, trat in die dunkle
-Nische und schrak zurück. Denn die Sprecherin war die schöne fremde
-Frau. Wenks Gesicht überströmte Blut. Sein Herz begann zu klopfen, daß
-ihm war, als ob die Schläge aus der Brust heraus rundum in den Raum
-klopften. Da faßte er sich. Er sagte sich: Das ist nun ganz toll! Ich
-suche Verbrecher und bin im Begriff, mich in jemand zu verlieben, den
-ich morgen vielleicht ins Gefängnis bringen muß. Das ist blöde! Er nahm
-seine Geistesgegenwart zusammen, verbeugte sich vor der Fremden und
-fragte: »Es würde mich interessieren, wieso die Gnädigste zu einem
-Eindruck kommen, der bis aufs Bild meiner Vorstellung entsprach?«
-
-»Das kann nichts anderes sein,« entgegnete die Frau lächelnd, »als eine
-ungewöhnliche innere Übereinstimmung zwischen mir und dem Herrn
-Staatsanwalt!«
-
-Staatsanwalt? Wenk erschrak. War er hier bekannt? Aber ja doch, durch
-die Carozza! Ein Staatsanwalt, Hüter des Gesetzes, Rächer der gestörten
-Ordnung und ... selber die Gesetze übertretend. Das war malerisch. Ja,
-die Carozza! Er sah aus der Nische in das feurig beleuchtete Zimmer. Der
-gefärbte Schopf der Tänzerin flammte zwischen den Köpfen. So, du!
-schimpfte er ergrimmt bei sich. Du willst mir meine Mühe verderben, du
-...
-
-Da erinnerte er sich des Blickes, den der Blondbärtige auf sie geworfen
-hatte, an jenem ersten Abend, und er vollendete: Du Anreißerin! Denn nun
-war ihm der Zusammenhang klar. Die Carozza schleppte dem Blondbärtigen
-Opfer herbei. Er drohte: Warte du, ich passe auf!
-
-»Unsere Übereinstimmung scheint Sie betroffen zu machen,« sagte die
-fremde Dame in seine Gedanken hinein.
-
-»Meine Gedanken wurden in der Tat abgelenkt. Verübeln Sie, bitte, das
-mir nicht, gnädige Frau,« bat Wenk, »es ist unverständlich, daß eine
-fremde Macht die Kraft Ihrer Nähe zu durchbrechen vermag. Aber es ist
-erklärlich ...«
-
-Er vollendete nicht. Zwei Vorstellungen drängten sich plötzlich in ihm
-herauf: Diese Frau war zweifellos eine vorzügliche Beobachterin. Wenn er
-eine solche Frau zur Helferin hätte! Aber die andere Vorstellung kam
-weit her aus seinem Blut: Wäre es nicht lohnender, all dies Suchen,
-Spähen, Listen hinter schlechten Menschen aufzugeben und diese Frau zu
-lieben? Sie ist schön wie eine Königin! Sie sieht stolz aus wie eine
-Göttin!
-
-Da spürte er, wie mit einer heftigen Bewegung ihre Hand seinen Arm traf.
-»Still!« zischte sie, »bitte!« Zugleich sah Wenk drei Herren in den
-hellen Kreis des Zimmers treten. Voran ging ein junger Mann, den er vom
-Sehen kannte, weil vor einigen Tagen in einer Ausstellung kubistischer
-Maler ihm aufgefallen war, daß jemand die ungewöhnlichsten dieser Bilder
-zusammenkaufte. Er fragte nach dem Namen des Käufers. Der Saaldiener
-sagte: »Der Graf Told ist es. Dort steht er.« Dieser Graf Told war der
-junge Mann, der den anderen voranging.
-
-»Herr Staatsanwalt,« hörte er die Frauenstimme flüstern, »wollen Sie mir
-einen großen Dienst erweisen?«
-
-»Ich stehe Ihnen zur Verfügung!«
-
-»Herr Staatsanwalt, ich will ungesehen in den nächsten Minuten diesen
-Saal verlassen haben. Können Sie mir dazu verhelfen?«
-
-»Ja,« antwortete Wenk.
-
-»Wie kann ich dies machen?«
-
-»Das ist einfach. Merken Sie sich den Durchgang zur Treppe. Es sind nur
-einige Schritte, sehen Sie. Sie müssen sich ihn so merken, daß Sie ihn
-im Dunkeln finden. Ich habe mich vergewissert, wie das elektrische Licht
-funktioniert. Die Anschalter sind über dem ersten Treppenabsatz. Ich
-gehe hin, drehe aus, Sie benutzen die Dunkelheit, um auf die Treppe zu
-kommen. Sind Sie an mir vorbei, stelle ich mich jedem in den Weg, der
-zur Treppe will, um Sie zu verfolgen oder um an die Schalter zu kommen.«
-
-»Gut! Ich danke Ihnen!«
-
-Die Flucht glückte. Als Wenk die Frau unten ankommen sah, drehte er
-wieder an, trat mit einem Lächeln ins Zimmer zurück und sagte: »Eine
-Spielerei, die nicht die Folgen der gänzlichen Finsternis voraussah.
-Verübeln Sie, bitte, es mir nicht.«
-
-Man lachte. Aber die Carozza stand bleich am Ausgang zur Treppe, wohin
-sie mit einem Sprung in der Dunkelheit gekommen war. Sie erholte sich
-rasch und begab sich zu Hull zurück, ihn auffordernd, sie heimzuführen.
-Wenk schloß sich ihnen an.
-
-Im Begriff, die Speiseräume zu durchschreiten, sah er, wie der
-Oberkellner Hull einen Brief übergab. Hull trat an einen leeren Tisch
-unter eine Lampe, riß die Umhüllung auf und zog einen kleinen Zettel
-hervor.
-
-Dann war es, als ob ihn ein unsichtbarer Hieb auf den Sessel
-niedergeschlagen hätte. Die Carozza trat auf ihn zu. Er knüllte den
-Zettel in die Tasche, erhob sich und folgte der Gesellschaft.
-
-Draußen trennte man sich.
-
-Hull kam nochmals zu Wenk zurück und sagte ihm mit hastiger,
-aufzitternder Stimme: »Ich muß mit Ihnen sprechen. Noch heute nacht!
-Können Sie mich in Ihrer Wohnung empfangen in einer Stunde? Es ist
-furchtbar. Ich werde verfolgt!«
-
-»Da schauen Sie!« sagte Hull, als er kam.
-
-Er warf mit einer verzweifelten Gebärde ein Kuvert auf Wenks Tisch. Der
-öffnete es und entzog ihm ein Kärtchen. Darauf stand:
-
- »Bestätige, Herrn Balling
-
- 20000 Mark
- (_Zwanzigtausend_)
-
- zu schulden, zahlbar bis 21. November 4 Uhr nachmittags.
-
- _Gerhard Hull._«
-
-»Mein Schuldschein,« sagte Hull tonlos. Und nach einer Weile: »Drehen
-Sie um!«
-
-Auf der Rückseite las Wenk: »Sie sind gewarnt. Meine Sache allein ist
-es, daß ich die 20000 Mark nicht einkassierte. Spiel ist Spiel! Eine
-Angelegenheit zwischen Ihnen und mir, und kein Staatsanwalt hat etwas
-dabei zu suchen.«
-
-Wenk war erschüttert. »Ja, ja, ja,« rief er immer wieder und fand keinen
-andern Laut, um den inneren Sturm auszudrücken.
-
-Dann nach einer Weile, in der er um Fassung kämpfte: »Wir haben neben
-ihm gesessen. Sie, ich! Wir hätten ihn am Arm fassen können, ein jeder
-an einem Arm! Sie ... ich! Begreifen Sie?«
-
-»Ich bin verfolgt!« flüsterte Hull, der für nichts anderes als für seine
-eigene Bedrängnis Gefühl hatte.
-
-»Begreifen Sie! Wissen Sie, wer Balling ist? Ihr Balling? Ihr alter
-vornehmer Herr? ... Der mit dem blonden Bart ist es, von Schramms der.
-Das ist auch Ihr Balling! Himmel ... Himmel ... Wir hätten ihm die Hand
-auf die Schulter legen können!«
-
-Hull öffnete nur den Mund. Jetzt wußte er, weshalb ihm der Blondbärtige
-bekannt vorgekommen war: die großen grauen, brutalen Augen! »Ja,« sagte
-er nur, »es ist derselbe!«
-
-»Er ist entwischt!« rief Wenk. »Jetzt kommt er nicht mehr zu Schramms.
-Und Sie, Herr Hull, müssen wir weiter unter unsere Obhut nehmen. Aber
-kommen Sie uns entgegen und seien Sie nie unvorsichtig.«
-
-
-
-
- IV
-
-
-Hull ging, und Wenk, allein gelassen mit dem Eindruck des Erlebnisses
-dieses Abends, fragte sich: Weshalb hat die schöne Frau auf die
-geheimnisvolle Weise fortgehen müssen? Habe ich wiederum versagt
-vielleicht? Habe ich mit der Hilfe zur Flucht selber vielleicht die Hand
-gegeben gegen mich und mein Werk? Er geriet in eine steigende Bewegung.
-Er schob den zweifelnden Gedanken an die Frau fort. Nein, er fühlte,
-ihrer konnte er sicher sein. Und nun setzte das Erkennen der
-Zusammenhänge, die sich zwischen Hull und dem Spieler und anderen
-Erscheinungen und diesem aufgedeckt, sein ganzes Hirn in eine
-beschwingte Fruchtbarkeit. Er hörte über seinem Leben den Flügelschlag
-eines neuen, starken und vergrößerten Daseins. Er bestand Kämpfe des
-Leibes, der Phantasie, der Nerven, des Spürsinns, der Energie und
-Ausdauer, der Menschenkenntnisse und des Menschenbeherrschens.
-
-Aus seinem Mund lösten sich die Rauchwölkchen der Zigarre, die er eine
-nach der anderen verbrannte, und schwebten über ihm. Es lenzte, stürmte,
-Sonne schien, Sturm prallte ihm durchs Blut. Seine Muskeln tanzten in
-eingebildeten, heldenhaft überstandenen Kämpfen mit dunklen großen
-Riesen, die Mitmenschen erwürgen wollten. Er hatte jemanden bei einem
-falschen, rotblonden, Männlichkeit vortäuschenden Bart gefaßt.
-
-Aus der nachtbesessenen Stadt stürzte die Zeit herauf in das Zimmer, die
-mit Gefahren, Forderungen, neuen Spannungen wie eine Hochstromleitung
-geladene Zeit. Verlangte Menschen. Verlangte von allen Menschen allen
-Ehrgeiz, alle Selbstzucht, Intelligenz, Selbstverleugnung ...
-Selbstverleugnung ... Ihn sollte sie nur nehmen! Da war er, entkleidet
-allen Dünkels wie aller Bequemlichkeit! Er wußte nicht, sagte er sich in
-seinen ekstatischen Selbstgesprächen, war das eine neue, erlösunggebende
-Demokratie? War das jenes Ziel, zu dem das Dunkel dieser Zeit die
-Menschen erzog? Hob er sich auf die sturmrollenden Wogen?
-
-Nicht mehr in dem blassen Idealismus, dem Vaterland zu dienen, floß er
-nun. Nein, er stand auf eigenen Beinen: Kampf! Kampf! Nicht dienen!
-Selbstlos und bis zum letzten Tropfen Bluts das zu sein, was er gelernt
-hatte, und bis zum letzten roten Tropfen das herzugeben, was er
-herzugeben hatte.
-
-Er hatte nicht seine Laufbahn, aber dies Einzige einzusetzen, was
-Menschen gemeinsam haben, gemeinsam im Kampf gegeneinander, gemeinsam in
-der Hilfe des einen zum andern: dies rote schäumende Meer, das an den
-Küsten des Menschseins in einer Dunkelheit, über die niemand Herr war,
-zu Gut oder Böse verbrannte. Ein Verbrecher hörte auf für den
-Staatsanwalt von Wenk in dieser Nacht ein Mensch niederer Ordnung zu
-sein. Er wurde ein Wesen mit gesteigerten Impulsen, mit von der Kraft
-der Hölle gespeisten Sinnen, deren gelüstige, dämongesättigte, sich
-selber übertrumpfende Taten in der Hand des Staatsanwalts ins Nichts
-zurückgebrochen wurden, so wie Jesus die Sünden der Menschheit in seinem
-Wesen ertrinken ließ. Der Kämpfer wuchs am Gegner.
-
-Mit der Phantasie hatte Wenk den Blondbärtigen nun ins Genick gebissen.
-Wenk hatte in ihm einen großen Gegner. Das ahnte er noch mehr, als er es
-bereits wußte. Konnte er ihn von der Menschheit abtrennen, so hatte er
-ein Werk geleistet, an dem er sich zu Weiterem nährte.
-
-Das Lied, das so zwei Stunden lang durch Wenks Herz sang, schien ihm auf
-einmal vertraut. Und staunend erkannte er, daß der Zustand, in den er
-geraten war, aus seiner Jugend hervorlief, vor Universität, Korps und
-Examina, als nichts von Menscheneinrichtungen noch sein Blut gemischt
-hatte. Da war er betroffen, und durch sein Leben, das er unbeweibt
-geführt hatte, stieg, wie ein Saft, eine starke, wehmütige Sehnsucht
-nach seinem Vater, der nicht mehr lebte.
-
- * * * * *
-
-Von Hull erbat sich Wenk am nächsten Tage eine Liste aller heimlichen
-Spielhäuser, deren Adressen mit Hilfe der in diesen Dingen bewanderten
-Carozza zu erfahren waren. Er bekam von Hull aber das Versprechen, dem
-Mädchen gegenüber dabei nicht genannt zu werden.
-
-Wenk besuchte die Häuser Abend für Abend. Er ging dabei in der
-Verkleidung eines reichen älteren Herrn aus der Provinz. Diese
-Verkleidung hatte er als die erste gewählt, weil er für sie in einem
-Onkel ein Modell hatte, das er sich bloß zu kopieren bemühte. Der ältere
-Herr gab sich den ungezwungenen Anschein, die Großstadt aus vollen Zügen
-zu genießen.
-
-Wenk hatte einige Helfershelfer aus Karstens Bekanntschaft. Er bat sie,
-unter der Hand zu verbreiten, daß er, der Provinzonkel, von einem
-unglaubhaften Reichtum sei, von dem er, einmal in den Sattel gehoben, in
-der rechten Weise Gebrauch mache. Er dachte sich, der Spieler von
-Schramms und andere, die auf Raub ausgingen, könnten so, wie eine
-Nachtmotte von der Lampe, angelockt werden. Ab und zu spielte er nun
-eine halbe Stunde lang unsinnig und der Laune des Spiels angemessen,
-gewann er dann feste Summen, die er das nächstemal wieder dem Spiel ins
-Maul warf. Dabei verlor er aber niemals mehr den Überblick über sich und
-die Mitglieder, und sein Hirn arbeitete über Karten und Spiel hinweg mit
-einer Schärfe, die ihm Genugtuung verschaffte.
-
-Als er an einem Abend der zweiten Woche, in der er dies Leben führte, in
-ein Spielhaus der inneren Stadt kam, das ihm durch die Zusammensetzung
-der Besucher, die hier noch unvermittelter war als anderswo, etwas zu
-versprechen schien, sah er am Spieltisch einen alten Herrn sitzen, der
-ihm durch seine Hornbrille auffiel. Diese Hornbrille hatte ein ganz
-ungewöhnliches Ausmaß. Der alte Herr wurde mit Professor angeredet. Als
-der alte Herr seine Karten in die Hand nahm, setzte er die Hornbrille ab
-und tauschte sie gegen einen Kneifer von ungewöhnlicher Form.
-
-Da bemerkte Wenk, daß die Brille, die nun auf dem Tisch lag, keine der
-üblichen modernen Hornbrillen, sondern aus Schildpatt sehr kunstvoll
-geschnitzt war. Der alte Herr versenkte sie dann in eine geräumige Dose,
-die mit grüngepunkteter Haifischhaut überzogen war. Er machte alle
-Bewegungen mit einer eindringlichen Langsamkeit, so daß Wenk viel Zeit
-zum Beobachten blieb. Das ist ja eine chinesische Brille, sagte er sich
-auf einmal, sich an China erinnernd, wohin er vor dem Krieg einmal eine
-Reise gemacht hatte. Die plötzlich auftauchende Erinnerung war so
-heftig, daß er laut aussprach, was er sich eigentlich nur hatte für sich
-selber sagen wollen.
-
-Der Professor saß ihm gegenüber, nickte ihm ernst zu und sagte mit einer
-Stimme, die hart war und die er nicht aus so greisenhaftem Mund erwartet
-hatte: »Sie ist aus Tsi nan fu!«
-
-Er wiederholte betonend und skandierend: »Tsi ... nan ... fu ...« Als
-sei der Name ein Lied und Erinnerung dahinter, die hart auf ihn
-einströme und die er im Klang des fremden Wortes genösse. Er schaute
-dazu Wenk an, als werfe er ihm einen Schlag zu aus seinen hinter den
-Gläsern vergrößerten Augen.
-
-Wenk war sofort in einem besonderen Verhältnis zu dem alten Professor.
-
-»Tsi nan fu!« sagte die harte Stimme nochmals, wie mit einer besonderen
-Bedeutung; ja so, als wolle er mit den drei Silben nach etwas werfen,
-nach immer demselben unsichtbaren Ziel hinter Wenk. Dreimal denselben
-unsichtbaren Punkt in der Dunkelheit treffen, die sich jenseits des
-Lichtkreises der Lampen über seiner Stirn errichtete wie eine Öffnung in
-der Wand.
-
-Wenk griff unwillkürlich mit der Hand an seinen Hinterkopf und schaute
-sich einmal um. Schaute er nach dem Ziel der drei Silben? Hatten die
-drei Silben, fremd und aus fremdem Mund wie rote Bälle kommend, das Ziel
-getroffen?
-
-Wie Wenk sich so umschaute, sah er, daß hinter seinem Spielnachbar die
-Frau saß, der er bei Schramms zu der sonderbaren Flucht verholfen hatte.
-Es schien ihm, als blicke sie ihn spöttisch an. Er wußte nicht, wie er
-sich zu ihr benehmen sollte. Da fühlte er an seinen Fingern die
-Spielkarten, die ihm inzwischen hingelegt worden waren. Aber als er sich
-daraufhin dem Tisch wieder zukehrte, um die Karten aufzunehmen, ward er
-schläfrig. Dunkel spürte er, daß die starren Augen des Professors schuld
-an dieser Schläfrigkeit waren. Er vergaß die schöne Frau.
-
-Wenk verscheuchte diese Schläfrigkeit. Er setzte sich steif auf und
-schaute auf die grüne Haifischhaut der chinesischen Brillenschachtel. Es
-war ihm, als lägen die durch das Glas so sehr vergrößerten Augen des
-alten Gelehrten auf ihm, verschwimmend, und eine dämmerige Erinnerung an
-einen Reisetag entstieg ihnen und verflog in Wenks Bewußtsein. Eines
-Morgens auf seiner Reise nach China schaut er durch das Ochsenauge
-seiner Kabine und sieht ein dünnes Ufer wie ein Staubband zwischen dem
-Meer und dem Himmel. Das ist die Mündung des Jangtsekiang. Ja, des
-Jangtsekiang ...
-
-Wenk nannte eine Summe, der Erinnerung folgend. Er gewann und ließ das
-Geld stehen. Eine wohlige Erschlaffung begann sich in seinem Körper
-einzunisten. Wenk streckte sich aus und genoß sie.
-
-Dann wurde er wieder wach, spielte und beobachtete. Das Bankhalten ging
-reihum. Es war Wenk, als erwarte er nur den Augenblick, daß der alte
-Herr die Bank übernehme. Er fragte sich: Weshalb erwarte ich das? Das
-ist sonderbar, daß ich das erwarte! Es gibt Regungen, die man nicht bis
-zu ihren letzten Wurzelfasern verfolgen kann.
-
-Wenk entschied sich, daß er das erwarte, weil ihm der Professor durch
-die chinesische Brille, durch seine ganze hier so fremde Erscheinung
-interessanter sei als alle andern, und daß dies Erwarten einem Gefühl
-der Anteilnahme und Sympathie entspränge.
-
-Je weiter der Abend voranschritt, um so inniger und vorherrschender
-wurde die geheime Bindung, in die er zu dem Unbekannten geriet. Es ist
-kindisch, sagte er sich noch, es ist sentimental. Es ist jugendlich!
-Wohin wird das geraten?
-
-Da übernahm der alte Herr die Bank, und es ging wie eine Erlösung durch
-Wenk ... wie die Erlösung von einer unsinnigen und unnatürlichen
-Spannung. Jetzt wird alles in Ordnung ausgehen, sagte er sich. Er setzte
-eine kleine Summe und wollte damit betonen, daß er sich nicht als Gegner
-des Bankhalters empfinde, daß er nur für die Form gegen ihn mitmache ...
-
-Er gewann. Er hatte acht. Und stellte dann fest, daß er eine viel höhere
-Note gesetzt, als er beabsichtigt hatte. Deshalb schob er Einsatz und
-Gewinn zu neuem Einsatz hin.
-
-Er zog einen König und eine Fünf. Er kaufte bei einer Fünf nie eine
-Karte hinzu. Das war so feststehend in ihm, daß, als die Reihe an ihm
-war, Ja oder Nein zu sagen, er überhaupt nichts sagte.
-
-»Sie nehmen!« hörte er auf einmal in seine Zerstreutheit hinein. Es war
-eine große, gewaltvolle Stimme, die das sprach. Sie klang fast wie ein
-ihn bedrohendes Erbrausen. Aber es war ihm sonderbarerweise, als käme
-sie von dort, wo vorhin die drei Laute »Tsi nan fu« das unsichtbare Ziel
-getroffen hatten.
-
-Da flüsterte Wenk verschüchtert: »Bitte!« Im selben Augenblick fuhr er
-gegen eine innere Zersplitterung auf. Aber es war zu spät. Er hatte eine
-Fünf bekommen, die, zu den fünf gezählt, sein Spiel wertlos machte.
-
-Der Bankhalter deckte für sich eine Vier mit einer Dame auf, zu denen er
-keine Karte genommen und infolgedessen gewonnen hatte. »Der Onkel aus
-der Provinz verliert!« hörte Wenk eine Frauenstimme.
-
-Wenk war erstaunt über die flüchtige Begebenheit. Er drehte sich noch
-einmal herum und schaute in die Dunkelheit hinauf. Dann wurde er
-unruhig. Und zugleich war es ihm, als senkte sich ein Flügelschlag über
-seine Augen. Flügelschlag, sagte er sich, als das Bild erschien. Ja, er
-saß doch in einem Vogelkäfig. Er bekam sieben.
-
-Das ist nichts, redete ihm etwas ein, obschon es fast sicher gewonnenes
-Spiel war. Aber Wenk widerstand und sagte deutlich: »Keine Karte!«
-
-Ihm war es, als fielen ihm die Augen zu über der Anstrengung, dieses
-Nein gesagt zu haben ... Dünne Stäbe versuchten sich wie Gitter durch
-seine Augendeckel zu rammen, um sie ganz zu schließen.
-
-Da, in einer letzten Auflehnung seines Willens gegen die unnatürliche
-Müdigkeit erkannte er, wie die Hand des Professors auf den Karten lag.
-Sie drückte sich mit einem leisen Erzittern an die obere Karte an,
-inbrünstig sie an ihn abgeben wollend, und es ging ein heimlicher,
-heißer Strom von dieser Hand auf ihn über, der ihn zwingen wollte, die
-Karte zu nehmen, obgleich er schon Nein gesagt hatte.
-
-Mit dieser Erkenntnis wurde er plötzlich ganz wach. Er empfand, als
-sänken hinter seinen Augen Ketten durch, die bestimmt gewesen waren,
-seinen Geist zu fesseln, und mit offenen Augen schaute er den Professor
-an, auf einmal von einem unbegreiflichen, gierigen und aufreizenden
-Mißtrauen gegen ihn befallen. Er war versucht, aufzuspringen und die
-bebenden Finger von der Karte fortzuschlagen.
-
-»Sie nehmen!« sagte die harte, große Stimme, wie einen Befehl. Es war
-dieselbe Stimme, die er vorhin gehört hatte.
-
-Da antwortete Wenk, übermäßig laut, sich vergessend und unwillig: »Nein,
-ich habe schon gedankt!«
-
-Die vergrößerten Augen in den Scheiben der Gläser blieben stehen, lagen
-einen Blutschlag lang auf ihm, sprangen zurück wie Hunde vor einem
-mächtigeren Angreifer. Der alte Herr legte sich etwas nach vorn, bat um
-Wasser und Kognak und in rascher Folge darum, das Spiel aufgeben und die
-Bank abtreten zu dürfen. Ein plötzliches Unwohlsein ...
-
-Alle kümmerten sich um ihn, scharten sich um seinen Platz.
-
-Wenk blieb sitzen. Er war betroffen durch den Zusammenhang seines
-kleinen Erlebnisses mit dem Schwächezustand des Greises. Hing das
-zusammen? Er fühlte sich verantwortlich für das Zusammenklappen des
-alten Herrn. Irgendwo in seinem Unterbewußtsein deckte sich verdunkelt
-eine Vorstellung auf, als habe er mit jenem einen Kampf ausgefochten,
-und die Folge sei nun das Unwohlsein. Er überlegte, wie er helfen könne
-...
-
-Da langte er in die Westentasche und suchte das Fläschchen mit
-Englischem Salz hervor. Er nahm den Stöpsel ab und hielt es hinüber,
-indem er sagte: »Vielleicht Englisches Salz? Ich habe grade ...«
-
-Aber da war er sehr erstaunt zu sehen, daß der alte Herr schon fort war.
-
-Das jähe Mißtrauen von vorhin kam zurück. Er erhob sich rasch und
-drängte sich durch die herumstehenden Spieler. Er wollte dem Manne nach
-und ihn einholen. Einer erhob die Hand gegen ihn und sagte etwas
-Unverständliches, als sei er, Wenk, schuld am Zustand des alten Herrn
-Professors. Aber Wenk fuhr mit der Hand zu seinem Revolver in die
-Brusttasche. Die Carozza trat ihm entgegen. Er umging sie hastig, den
-anderen mitziehend. Mit der freien Hand löste er dann den fremden Griff
-gewaltsam, all seine Kraft einsetzend, von seinem Arm. Befreit eilte er
-in den Flur hinaus, der lang und halb verdunkelt seitwärts aus dem Haus
-ging. Er hörte, sobald er ihn betreten hatte, Schritte hinter sich,
-hastete weiter, schloß eine Tür hinter sich ab, die er durchgehen mußte,
-und mündete bald in die Nebengasse, wo die Automobile warteten.
-
-Im Schein einer Laterne bemerkte er noch den alten Herrn, nun keineswegs
-mehr gebückt, sondern mit kräftiger Eile in eines der Autos steigend.
-
-Seinen eigenen Chauffeur sah er auch schon das Fahrzeug ankurbeln. Er
-rief ihm leise zu: »Hinter dem dort her!«
-
-Sie flogen ihm nach. Es war ein großer, überlegener Wagen. Aber da es
-noch früh am Abend war, war viel Verkehr in den Straßen. Der andere
-konnte seine volle Schnelligkeit nicht geben, und sie blieben
-hintereinander hängen. Bald wurden sie in eine Kette von Autos und Wagen
-eingeschlossen, die von einem Theater kamen, und Wenk konnte bequem und
-unverdächtig bis zum Palasthotel folgen. Vor diesem Hotel hielt der
-Wagen des Professors. Bevor noch Wenks Fahrzeug stoppte, sah Wenk den
-andern hastig in die Hotelhalle hineingehen. Er drehte sich einmal ganz
-flüchtig um. Wenk eilte ihm nach.
-
-Ein Zufall schloß ihn in eine ins Hotel einkehrende größere Gesellschaft
-ein. Sie deckte ihn. Er sah beim Bureaufenster den alten Herrn eine
-Depesche hastig aufreißen. Das Lesen hielt jenen fest.
-
-Wenk hatte Zeit, sich einen deckenden Beobachtungsposten auszuwählen. Er
-sah von dort aus, wie der alte Herr verstohlen über sein Telegramm
-hinweg den Vorraum musterte. Dann ging jener rasch zum Lift, riß die Tür
-auf und verschwand hinein. Aber Wenk sah, daß im Innern ein Führerjunge
-gesessen hatte.
-
-Er wartete, bis an der kleinen Lichtscheibe das Stockwerk aufleuchtete,
-an dem der Lift hielt. Er sah ihn im Zwischengeschoß durchfahren, im
-ersten Stockwerk halten. Dann läutete er den Lift herab.
-
-»Erster!« sagte er dem Bediener. Sie fuhren allein hinauf.
-
-»Ist das nicht der Herr aus Zimmer Nr. 15 gewesen, der grade
-hinauffuhr?« fragte Wenk den Jungen.
-
-»Nein, mein Herr, es ist der holländische Professor von Nr. 10.«
-
-»Dann hab ich mich verschaut! Danke!« sagte Wenk.
-
-Langsam schlenderte er durch den Flur. Er kam an 10 vorbei, verweilte
-einen Augenblick, indem er sich vorsichtig gegen die Tür hinüber beugte,
-ging dann weiter und lauschte rückwärts nach der Tür von Nr. 10. Er
-hörte eine Tür sich öffnen. Es konnte 10 sein. Er verweilte, indem er
-etwas an seinen Hosen richtete, und als die Tür sich wieder geschlossen
-hatte, drehte er sich um.
-
-Da sah er, daß vor 10 ein Paar Schuhe stand.
-
-Er ging zurück und hatte einen ungewöhnlichen Einfall. Er wollte bei 10
-anklopfen und den alten Herrn fragen, ob sein Unwohlsein vorüber sei.
-Ihn so überrumpeln. Denn es war sicher, daß dieser Mann für eine
-Verhaftung reif sei.
-
-Dieser Gedanke schien Wenk sehr kühn und aussichtsreich zu sein. Aber
-als er vor 10 stand, sah er, daß die Schuhe, die hinausgestellt worden,
-ein Paar Damenschuhe waren. Da gab er den Gedanken auf, begab sich
-hinunter und verlangte den Direktor des Hotels zu sprechen. Er zeigte
-ihm die nötigen Ausweise und erkundigte sich nach dem Bewohner von Nr.
-10.
-
-Man brachte das Gastbuch. »Nr. 10, sehen Sie hier, Herr Staatsanwalt,
-Professor Groich, Haag.«
-
-»Nach ihrem Buch wohnt er allein.«
-
-»Jawohl.«
-
-»Wohnt er immer oder nur vorübergehend allein und gelegentlich mit
-weiblicher Gesellschaft?«
-
-»Ich übernehme jede Garantie, Herr Staatsanwalt. Wir sind sehr streng
-darin gegen unsere Gäste.«
-
-»Dann hat dieser Gast trotz seines beträchtlichen Körperbaus sehr kleine
-Füße.«
-
-»Wie meinen Herr Staatsanwalt?«
-
-»Er trägt nämlich Damenschuhe!«
-
-»Herr Staatsanwalt belieben zu scherzen.«
-
-»Kommen Sie mit, Herr Direktor.«
-
-Die beiden fuhren zusammen hinauf. Vor Nr. 10 standen Damenschuhe mit
-hohen Stöckeln, elegante Lackschuhe mit Einlagen von hellem Rehleder.
-
-Da entsicherte Wenk seinen Browning und öffnete ohne zu klopfen die Tür.
-Er trat rasch ein. Der Direktor folgte ihm. Das Licht brannte. Aber das
-Zimmer war leer. Die beiden Fenster waren geschlossen. Das Badezimmer,
-das offen stand, hatte kein Fenster. Wenk durchsuchte sofort alle
-Schränke, das Bett, die Läden. Nirgends lag mehr ein Faden. Er hastete
-auf die Straße hinab. Das Auto des Fremden war verschwunden.
-
-Er ließ den Direktor fragen, wer in den letzten zehn Minuten das Hotel
-verlassen habe. »Nur der Bureauchef!« sagte der Portier.
-
-In dem Augenblick aber kam der Bureauchef aus einem hinteren Raum und
-wollte davongehen. Der Portier sah ihn betroffen an. »Sie sind ja eben
-schon weggegangen!« rief er.
-
-»Ich? -- Ich war bis vor einer Minute im Bureau!« antwortete der
-Angestellte.
-
-Da wußte Wenk genug und suchte nicht mehr weiter. Der Zusammenhang war
-ihm sofort klar. Der Verschwundene hatte sich für den Fall der Not die
-Maskierung eines im Hotel bekannten Mannes vorbereitet. Die Damenschuhe
-hatte er vor die Tür gestellt, weil er richtig berechnete, daß der
-Verfolger, bevor er ins Zimmer eindränge, auf die unerwarteten
-Damenschuhe hin noch einmal ins Bureau nachfragen ginge. Und diese Zeit
-hatte er dann gut genutzt. Wenk hatte es mit einem Meister zu tun. Er
-bewunderte die Schlagkraft, mit der jener arbeitete. Es lag nahe, dabei
-an den rotblonden Mann von Schramms zu denken und an den Herrn Balling
-von Hull.
-
-Wenk durchforschte auf der Heimfahrt und dann zu Haus in der Erinnerung
-alles, was ihm von jenem Blondbärtigen noch vorhanden war, und versuchte
-es zu vergleichen mit dem, was er von dem Professor behalten hatte. Aber
-sonderbarerweise, so viele Einzelheiten ihm von dem Manne bei Schramms
-haften geblieben waren, ganz deutlich und unverwischbar, so
-verschwommen, ändernd und ungewiß war das, was er von dem alten
-Professor in seinem Hirn zurückfand, obgleich diese Begegnung kaum eine
-Stunde hinter ihm lag.
-
-Über dem wurde er schläfrig. Es war ihm, als habe er sich von einer
-ungeheuren Strapaze, die er im Verlauf des Tages ausgestanden hatte, zu
-erholen. Er zog sich aus. Eine Mattigkeit überfiel ihn wie nach
-einem starken Blutverlust. Jenes Gefühl von einem inneren
-Leichtergewordensein, das er vom Schluß von Mensuren so wohlig in der
-Erinnerung behalten hatte: die Abspannung der Nerven nach dem letzten
-Gang zusammen mit dem Blutverlust nahm ihn vollständig in Besitz.
-
-Er ergab sich ihr und schlief ein, noch bevor er vermocht hatte, sich
-ganz auszukleiden. Er fühlte sich dabei leise umbaut wie von einem
-rätselvollen Schloß. Und er wußte, in den drei Zauberlauten »Tsi nan
-fu«, wenn man sie richtig deutete, oder wenn man das Loch in der Wand
-erkennen konnte, wohin sie aus dem Mund des Haager Professors zielten,
-lag der Schlüssel, um das Tor des verzauberten Schlosses zu öffnen.
-
- * * * * *
-
-Wenk ging die nächsten Abende in kein Spielhaus. Er fuhr als sein
-eigener Chauffeur in Lederjoppe und Sturmkappe in der Stadt herum,
-stellte seinen Wagen vor eines der bekannten Lokale und beobachtete im
-Schutz des Führersitzes die Menschen, die eintraten oder gingen.
-
-Einmal, als er auf der Fahrt zu dem ersten der Häuser war und langsam
-die Dienerstraße hinabfuhr, wurde er durch eine Verkehrsstockung
-aufgehalten. Als er so dastand, sah er in einem Zigarrenladen, an dem er
-gerade hielt, etwas, das ihm einen zweiseitig geschärften Schrecken
-durch den Leib trieb. Denn das war er! Der Blondbärtige! Er drehte den
-Rücken und kaufte Zigarren. Aber das war er! Er suchte langsam und
-wählerisch, als ob er der Gefahr, entdeckt zu werden, trotze. Ein Auto
-hielt vor der Tür. Wenk besah es sich genau. Aber es war ihm unbekannt.
-Er schrieb sich die Nummer auf.
-
-Der Chauffeur verließ es einmal, um hinten am Wagen etwas nachzusehen.
-Wenk, der hinter ihm hielt, rief ihn an. Der Chauffeur schaute auf,
-machte aber mit den Händen Zeichen an seinen Mund, als ob er stumm sei.
-
-Der im Laden nahm sein Paket auf, drehte sich um, der Tür zu. Da war es
-aber ein ganz anderes Gesicht. Wenk hatte es nie gesehen. Leute schoben
-sich zwischen den Fremden und seine Blicke. Er sah ihn nur eine Sekunde.
-Die Verkehrsstockung war in demselben Augenblick behoben. Die Reihe der
-Wagen fuhr an. Das Auto vor ihm nahm einen mächtigen Sprung, als wolle
-es ihm enteilen.
-
-Wenk aber wollte sich nicht trennen von seinem Glauben. Er folgte ihm.
-Sobald das andere Auto aus der Kette los war, nahm es gleich eine
-größere Schnelligkeit und bog in die Maximilianstraße. Wenk vermochte
-nicht Schritt zu halten. Die Straße war weithin leer. Er sah, als er
-selber noch auf dem Maximilianplatz war, daß das Auto die
-Wiedenmeierstraße nahm. So fuhr er, immer weiter zurückbleibend, aber in
-der hellen Nacht ihn nie aus dem Blick verlierend, hinter ihm die ganze
-Wiedenmeierstraße her. Als Wenk auf der Max-Josef-Brücke ankam, sah er,
-wie das andere Auto um den freien Platz auf der anderen Isarseite eine
-sausende Kurve fuhr und plötzlich mit donnerndem Motor auf die Brücke
-zurück und an ihm vorbeistürzte. Er fuhr wieder die Wiedenmeierstraße
-hinab, die er gerade heraufgekommen war.
-
-Das war natürlich verdächtig, und Wenk gab sich nun alle Mühe, den
-Anschluß an ihn zu behalten. Noch auf der Brücke machte er kehrt. Wieder
-bog der andere Wagen in die Maximilianstraße hinein. Diese war nun von
-Fuhrwerken belebt, und es gelang Wenk, mit seinem Wagen an den andern
-heranzukommen.
-
-Das fremde Auto hielt vor einem Varietétheater. Wenk sprang jenseits der
-Straße aus dem Wagen, und wie der andere sein Auto verließ und, Wenk den
-Rücken kehrend, in das Theater hineinging, bekam Wenk wieder den
-därmezerreißenden Schrecken: Das war er doch! der Blondbärtige! ... Das
-ist er doch!
-
-Von einem Fieber gepackt, schob er durch die Menschen ihm nach ins
-Theater hinein. Er sah, daß er den Fremden im Foyer überholte. Dann
-wartete Wenk mitten zwischen Menschen, drehte sich auf einmal um, als
-der andere bei ihm angekommen sein mußte ...
-
-Aber Wenk sah ein breites, bartloses Gesicht mit einem brutalen Mund und
-brennenden großen Augen. Es war ihm fremd. Und fremd und gleichgültig
-schauten ihn die großen Augen an. Wenk, zornig und enttäuscht, drückte
-sich beiseite und wollte wieder hinaus zu seinem Auto.
-
-Einige Verspätete hasteten um ihn herum zur Garderobe. Es war genau acht
-Uhr, und die Klingeln gingen zum Zeichen des Beginns. Wenk malte sich in
-diesem Augenblick aus, was für ein Taumel es für ihn geworden wäre, und
-was für ein Aufsehen es erregt hätte, wenn er ihn mitten aus den
-Menschen heraus verhaftet hätte.
-
-Unfähig, sich von dem enttäuschenden Fremden zu trennen, wandte er sich
-noch einmal um. Er sah, wie sich der andere gerade aus einem Rudel
-Menschen trennte, die in den Saal stoben, und ruhig nach der linken
-Seite der Logen ging. Dort waren die fünf Parterrelogen. Das wußte Wenk.
-Da entschloß er sich kurz und kaufte einen der Logenplätze. Er bekam den
-letzten. In jeder Loge waren fünf Sitze, sah er auf dem Plan.
-
-Er ging zu seinem Auto zurück, schmuggelte sich hinein, kleidete sich
-drin in den Frack, telephonierte vom Theaterbureau seinem Chauffeur, das
-Auto holen zu kommen, und begab sich zu den Logen.
-
-Es war dunkel, als er eintrat. Er versuchte gleich, in dem ungewissen
-Licht die Gesichter zu unterscheiden und den Fremden herauszufinden.
-Aber er fand ihn nicht.
-
-Als die Nummer vorbei war und das Licht wiederkam, gelang es ihm jedoch
-ebensowenig, den Fremden unter den zwanzig Herren und Damen zu finden,
-die in der Loge saßen. Das war durchaus unglaubhaft. Der Flur führte nur
-auf die fünf Logen. Die Logen waren über mannshoch höher als der Saal.
-
-Wo war jener Mann hingekommen?
-
-Von einem Argwohn erfaßt und unruhig eilte Wenk auf die Straße, um zu
-schauen, ob das Auto des Fremden noch da sei. Ja, es stand noch da. Gott
-sei Dank!
-
-Wenk atmete auf und wollte zu seinem eigenen Fahrzeug gehen und in ihm
-abwarten, wohin der fremde Wagen später fahren werde. Da sah er, daß der
-Wagen auf einmal eine Taxameteruhr hatte. Er hatte sich vorhin das Auto
-genau angeschaut. Es hatte bestimmt keine Uhr gehabt.
-
-Wenk, schon im Vorbeigehen, überlegte nicht mehr lange, trat auf den
-Chauffeur zu und fragte: »Sind Sie frei?«
-
-Der Chauffeur sagte: »Jawohl!«
-
-Da stieg Wenk ein, indem er seine eigene Adresse nannte. Er wollte sich
-auf der Fahrt überlegen, was er weiter tun müsse. Da fiel ihm auf, daß
-der Führer, der in der Dienerstraße stumm gewesen war, hier auf einmal
-gesprochen hatte.
-
-Das Auto fuhr an. Ein süßlicher Duft begann sich im Innern auszubreiten.
-Wenk fühlte von ihm seine Schleimhäute gereizt.
-
-Also etwas war doch los! Vorhin stumm, jetzt kann er sprechen, überlegte
-Wenk. Vorhin privat ... jetzt Taxameter. Wonach roch es so stark? Es
-brannte ihm förmlich in Nase und Augenwinkel.
-
-Wenk zog, um das herauszufinden, einige volle Züge ein. Er wollte dann
-das Fenster öffnen. Er hielt den Geruch nicht länger aus. Wonach roch es
-denn? Er hob seinen Arm. Aber er sah, der Arm ging nicht hoch, gehorchte
-einfach nicht. Zugleich war ihm, als sei ihm ein Brett vor die Augen
-gepreßt.
-
-Da bekam er eine Angst, die wie ein glühender Ball ihn durchplatzte.
-Nicht mehr fähig, sich zu wehren, begann er laut zu brüllen, warf sich
-hin und stieß mit dem Fuß nach der Klinke der Tür. Er traf sie nicht.
-
-Er lag nur noch wenige Augenblicke am Boden, in denen rasch sich
-verdunkelnde Lichtfetzen von Bewußtsein sein Blut durchflogen. Dann
-erloschen auch sie, und eine Ohnmacht, die sein Gehirn wie mit Blei
-ausgoß, preßte ihn auf den Bodenteppich des bald in rasender Fahrt die
-Straßen durchtobenden Automobils.
-
-Der Chauffeur fuhr mit dem betäubten Staatsanwalt von Wenk in der Nacht
-nach Schleißheim. Dort lud er ihn auf eine Bank und fuhr nach München
-zurück. Er fuhr zur Xenienstraße und hielt vor einer alleinstehenden
-Villa. Auf einem Schild war zu lesen:
-
- _Dr. Mabuse_
- Psycho-analytische Behandlung.
-
-Gleich kam ein Mann von massiger Gestalt, pelzverhüllt aus der Tür und
-rasch durch das Gärtchen auf die Straße. »Er liegt im Schleißheimer
-Park. Hier ist das Notizbuch,« sagte der Chauffeur.
-
-»Haben Sie die Gasflaschen aus dem Wagen entfernt?«
-
-»Jawohl, Herr Doktor!«
-
-»Fahren Sie!«
-
-Doch in diesem Augenblick trat eine verhüllte Frau aus der Nacht auf das
-Auto zu, hielt die Tür an und flüsterte bettelnd: »Du.« Mabuse zuckte
-unwillig auf: »Was willst du? Betteln?«
-
-Die Frauenstimme antwortete mild und traurig: »Ja, du weißt es, um
-Liebe!«
-
-»Du kennst meine Antwort.«
-
-»Es ist doch einmal gewesen! Weshalb ...?« flehte die Frauenstimme.
-
-Mabuse, erbost: »Gewesen ist gewesen! Du hast zu folgen. Mein Befehl ist
-klar. Es gibt nichts zwischen Nein und Ja! Du weißt von Georg, was ich
-will. Georg, fahren!«
-
-Er war schon im Wagen. Die Frau sank ans Geländer des Gartens, barg sich
-in ihre Pelerine und schluchzte dem rasenden Auto nach: »Und wenn ich
-nicht aufhören kann zu lieben? ...«
-
-Da schlug ein zweites Auto dicht bei ihr in die Bremsen. Ein Mann sprang
-ab, auf sie zu: »Was wollen Sie hier?« fragte er drohend. »Ach so! Cara,
-du! Nun denn! Hast du mit dem Doktor gesprochen?«
-
-Sie nickte nur verzweifelt.
-
-»Da ist nichts zu machen. Sein Wille ist wie ein Keulenschlag vor die
-Stirn. Also folge! Adje, ich muß ihm nach!«
-
-Und Cara Carozza hob sich in den dunklen Kleiderhüllen hoch, ging davon,
-schmerzhaft gefaßt, dumpfwillig und opferte sich für ihn. -- --
-
-»Wo sind wir?« fragte Mabuse durch das Sprachrohr.
-
-»Landsberg vorbei!« antwortete Georgs Stimme.
-
-Die Pläne in Mabuses Kopf wuchsen aneinander wie Wälder, in denen er
-weiter jagte und die nicht aufhören wollten. Immer neue Halden, immer
-neue Schluchten! Pläne? Sind es Pläne? Sind es nicht Träume? fragte er
-sich mit einem plötzlichen Erkalten seiner heißgelaufenen Gedanken.
-
-... Fünf Millionen Schweizer Franken sind jetzt etwa 25 Millionen Lire,
-sind fünf Millionen italienische Fünf-Lire-Stücke. Ein jedes im Gewicht
-von 20 Gramm. Fünf Millionen, genügt das? Der Gedanke ist gut. Es ist
-dabei brutto zu gewinnen auf jedes Fünf-Lire-Stück, das ich nach dem
-heutigen Kurs mit einem Schweizer Franken kaufe, vier Franken; ganzer
-Gewinn also vier Millionen Schweizer Franken. Abgehen 30 Prozent Spesen.
-Gut! Ein jedes 20 Gramm, wie gesagt ... Fünf Millionen mal 20 Gramm,
-wieviel Kilogramm sind das? Hundert Millionen Gramm? Weshalb kann ich so
-einfache Rechnungen nicht klar ausdenken? Habe ich Angst?
-
-Ja, da stand er in einem neuen Wald. Habe ich Angst? Angst? Wenn ich
-Angst habe, stürze ich schon. Wer ist denn Hull? Wer ist Wenk? Das sind
-Lachhaftigkeiten! Angst?
-
-Er faßte seine Gedanken wie mit der Faust zusammen und stürzte sie
-zurück auf den Weg, von dem sie sich entfernt hatten ...
-
-... Hundert Millionen Gramm sind 100000 Kilo. Ein Schmuggler trägt
-jedesmal, je nach der Gegend, 10 bis 15 Kilo. Wieviel Menschen lasse ich
-leben auf diesem einzigen Geschäft? In einem Monat muß die Summe aus
-Italien in Südtirol und von dort in der Schweiz sein. Über Österreich
-ist die Grenze leichter, wenn ich auch zweimal Personal haben muß. Das
-Risiko hat Spoerri, nach den Polizeiberichten, mit nur 3 Prozent
-berechnet, gegen 10 Prozent über den Bodensee oder auch über die
-Tessiner Grenze, wo die Grenzwächter ja schon im Frieden alle glaubten,
-sie müßten Füchse sein.
-
-Mabuses Vorstellungen drohten wieder auseinanderzuwachsen. Soll ich
-nicht versuchen, doch zu schlafen? »Wo?« rief er ins Sprachrohr.
-
-»Buchloe!«
-
-... Buchloe bis Röthenbach sind 18 Kilometer. Zwei Stunden. Das täte
-wohl. Um zwei Uhr müssen wir in Schachen sein. Dazwischen Spoerri in
-Opfenbach und Pesch in der Lindauer Steige. Dann sind wir gleich in
-Schachen. Dann gibt es keinen Schlaf mehr.
-
-Aber er fand doch keine Macht über sich. Er stand unter dem Druck von
-Wenks Verfolgungsversuchen. Im Palasthotel war er ihm nur um zehn
-Minuten voraus.
-
-Er wollte es sich nicht eingestehen. Er rechnete aus, daß der Schmuggel
-von fünf Millionen Fünf-Lire-Stücken von Italien und Südtirol über
-Vorarlberg nach der Schweiz zweihundertfünfzig Menschen am Tage
-beschäftigte an jeder Grenze. Das waren fünfhundert Menschen für den
-Schmuggel allein. Rechnete er die Aufkäufer dazu und die Sammler in
-Bozen, so kam er auf siebenhundert Menschen. Mit ihren Familien rund
-viertausend Menschen, die er erhielt. Das war eine kleine Stadt. Eine
-kleine Stadt stand in seiner Faust, gebannt im Bösen, und schlich durch
-lichtlose Nächte, ausgetrocknete Bergbäche hin und durch verwachsene und
-vereiste Winterwälder unter dem Hammer seines Willens und an den
-Gewehröffnungen der Grenzwächter vorbei. Und hatten keine Gedanken in
-sich als ihn, den Besitzer des Silbers, den Ernährer, den Befehlshaber,
-den Herrn der Macht.
-
-Ihr Leben wagten sie für ihn. Er hatte nie einen von ihnen gesehen. Wie
-wäre es erst, wenn sie ihn sähen, wenn er mit ihnen spräche, auf einmal
-auf ihrem Schmuggelweg aus der fremden Nacht auf sie stoßend, und sie
-glaubten, sie seien abgefaßt, und es sei dann gerade er, der sie im
-Dienst hatte, ihr Herr!
-
-Viertausend Menschen, eine ganze Gegend. Aber in Eitopomar wird es noch
-anders sein! Wenn er über den gestürzten Urwald ritte und die
-Waldmenschen, die Botokuden, und wie sie alle heißen, unter seine
-Peitsche nähme und das aasige kleine Europa hinter ihm versunken läge!
-Da wäre weitum nichts anderes als sein Wort. In Eitopomar, wo der Traum
-sich erfüllen wird, der ihn seit seiner Knabenzeit beschlich ... und der
-sich einst zu erfüllen begonnen hatte drüben auf der einsamen großen
-Insel, die in die Freiheit der Meere gespannt lag wie in eine wollüstige
-Schaukel, deren Seile aus Wellenbändern bestanden. Da hatte er Menschen
-besessen, da war die Natur sein gewesen, da siegte er mit seinen Segeln
-über das Meer, mit seinen Muskeln und seinem Blut über die Menschen, mit
-seinem Willen über die Natur, die Palmen seiner Pflanzungen überwuchsen
-ihn mit einem Reichtum, wachsendes Gold, er konnte es verachten, weil er
-es nicht nötig hatte, da er so, so frei war, König und Gott ...
-
-Aber der Krieg stöberte ihn aus seinem Paradies und trieb ihn in das
-verhaßte kleine Europa zurück. Er konnte nicht leben in diesen Ländern.
-Er fühlte sich, wie in eine Weide eingespannt, Gras fressen wie die
-dummen Kühe! Das vorgeschriebene, eingehagte Gras! Nein! so vermochte er
-nicht zu leben. Deshalb hatte er unterhalb der Organisation des Staates
-einen Staat für sich gegründet mit Gesetzen, die er allein ausgab, mit
-Macht über Leben und Tod von Menschen. Mit seiner Hilfe wollte er Geld
-erraffen, um sein Kaiserreich in den Urwäldern Brasiliens zu gründen,
-das Reich Eitopomar.
-
-Er war sich selber genug. Was waren ihm die Menschen? Sein Wille
-zerspritzte sie. Aber drüben in der Zukunft, in Eitopomar, gab es
-niemanden, der seinem Willen vorgesetzt war.
-
-Allmählich, unter den gesteigerten Vorstellungen, war Mabuse in einen
-Schlaf geglitten, der seine Glieder, geballt zwischen die Polster, und
-seine Phantasie verloren an Träume fesselte, die alles Schwergewicht der
-Materie aufhoben. Zwei Stunden lang schlief er, in die schwarzen Meere
-seiner Träume versunken.
-
-Dann war es ihm, als schlüge ein Hämmerchen auf seinen Schädel. Immer
-auf dieselbe Stelle seines Schädels. Es war lästig. Es war unerhört. Er
-hatte nur zwei Stunden zu schlafen zwischen Buchloe und Röthenbach. Wer
-wagte, diesen Hammer an seinen Kopf zu schlagen?
-
-Mit einemmal war er wach. Der Hammer war die Signalpfeife des
-Sprachrohrs. »Ja!« rief Mabuse in den Sprecher.
-
-»Ein Auto ist hinter uns!«
-
-»Gezeichnet?«
-
-»Grauer Fleck auf der rechten Laterne.«
-
-»Wie spät?«
-
-»Halb eins!«
-
-»Wo sind wir?«
-
-»Zwei Kilometer vor Röthenbach!«
-
-»Halten Sie! Es ist Spoerri!«
-
-Das Auto hielt. Gleichzeitig verloschen die Scheinwerfer. Sofort
-verloschen auch die des folgenden Autos. Dieses fuhr dicht auf. Dann
-stoppte es. Eine Stimme hustete herüber.
-
-»Kommen Sie!« rief Mabuse.
-
-Einer kam durch die Nacht heran. Mabuse hatte die Mauserpistole aus der
-Manteltasche genommen. Der Wagenführer setzte eine kleine elektrische
-Lampe an, und man sah im Lichtkegel einen mantelverhüllten Menschen.
-
-»Spoerri?«
-
-»Ja, Herr Doktor!«
-
-Die Hand ließ die Pistole in die Tasche zurückgleiten. »Spoerri, halten
-Sie hier eine Viertelstunde oder fahren Sie auf einem andern Weg nach
-Schachen. Sie müssen kurz nach mir dort sein, halb zwei bis zwei. Ich
-bin zu großen Änderungen entschlossen, die ich Ihnen mitteilen muß,
-bevor wir in die Schweiz hinüberfahren. Sonst? ...«
-
-»Alles in Ordnung. Ich habe noch hundert Kilogramm Cer-Eisen im Wagen.«
-
-»Los! Halb zwei bis zwei!«
-
-Sie fuhren wieder. Die Scheinwerfer blieben eine Weile, wo die
-Landstraße sich der österreichischen Grenze näherte und Grenzwächter
-patrouillierten, gelöscht. In Schlachters brannten sie wieder an, und
-das Dorf sank mit hastiger Gespensterhaftigkeit in ihren Lichtkegeln
-zurück.
-
-Halbwegs Lindau, wo der Wald auf die Lindauer Steige stößt, hielt es
-wieder. »Niemand da?«
-
-»Nein, Herr Doktor!«
-
-»Pesch?«
-
-»Ich sehe niemanden!«
-
-Mabuse verließ ungeduldig den Wagen. »Ich will ihn züchtigen. Ich will
-absolut, daß alle pünktlich sind!«
-
-Er wartete weiter. Die Minuten krochen. Mabuse schlug mit der Faust in
-der Manteltasche auf die Schenkel. Warten lassen! ... Warten lassen ...
-der Schmuggler! Ungeduld verbrannte ihn. Er war tief beleidigt,
-irgendwie an seiner Ehre gekränkt. Ein Schmuggler ließ ihn warten ...
-den Herrn.
-
-Nach fünf Minuten tönte ein Auto über den Nebenweg. Es fuhr mit
-schwachen Lichtern. Auf der Landstraße hielt es. »Pesch!« schrie Mabuse.
-
-Ein Mann wand sich aus dem offenen Wagen. »Ja, hier! Ich bin es, Herr
-Doktor! Pesch!«
-
-»Es ist 1 Uhr 45. Um 1 Uhr 35 sollten Sie hier sein.«
-
-»Auf zehn Minuten kommt es nicht an. Ich habe auch schon gewartet!«
-antwortete auflehnend die Stimme aus der Finsternis.
-
-»Wenn ich eine Peitsche hier hätte, würde ich Sie durchprügeln. Zehn
-Minuten sind fünfzehn Kilometer Vorsprung vor einer Verfolgung, Sie
-Esel! Sie verdienen in dieser Nacht zweitausend Mark von mir.«
-
-Der andere entgegnete frech: »Und Sie mit meiner Hilfe zwanzigtausend!«
-
-Mabuse: »Schwachkopf -- fünfhunderttausend! Das geht Sie jetzt nichts
-an. Es ist nur, um zu sagen, wer hier Herr und wer Knecht ist.«
-
-Der andere: »Sie sind nicht mein Herr!«
-
-Da bäumte Mabuse sich auf. »Ich bin nicht ... sagen Sie!« Er brüllte:
-»Doch! Sie können heimfahren. Ich brauche Sie nicht mehr. Nie mehr!«
-
-Er wandte sich schon in sein Auto hinein. Da sagte er noch hastig und
-drohend: »Sollten Sie etwa Lust verspüren, eine anonyme Anzeige zu
-versenden, so wissen Sie, daß in einem Wald eine Tanne wächst. Bis der
-Strick vermorscht und Sie in Ihren eigenen Dreck fallen läßt. Wie der
-Kollege Haim. Fahren, Georg!«
-
-Das Auto stürzte weiter.
-
-In der Gegend von Bad Schachen, wo Villen mit üppigen Anlagen Automobile
-unauffällig machten, war ein Parktor offen, und ohne sich zu besinnen,
-fand Georg den Weg in die schwarze Allee, die zur Villa führte. Die
-Lichter waren gelöscht.
-
-Spoerri kam, noch während Mabuse und Georg an der Haustür standen.
-
-Als Mabuse aufschloß und im Flur das Licht andrehte, sah er, daß Spoerri
-in der Tracht eines Mönches war. »Es ist nebensächlich,« sagte Spoerri.
-»Ich mußte heute rasch in die Schweiz hinüber, und drüben im Rheintal
-ist die Kutte besser als ein ungefälschter Grenzschein. Der letzte von
-mir liegt in St. Gallen. Sie wissen ja, daß ich dort vorzeitig abreisen
-mußte. Ich hatte aber bei Xaver die Listen. Die brachte er mir heute
-nach Altstätten. Das kann man doch nicht mit der Post schicken,
-heutzutage.«
-
-Sie saßen dann in dem großen getäfelten Speisezimmer. Georg brachte ein
-Nachtessen, das er zubereitet aus München mitgenommen hatte. Er hatte es
-auf dem elektrischen Herd aufgewärmt. Noch essend, sagte Mabuse: »Wir
-liquidieren am Bodensee. Die Verluste sind fünf Punkte höher als an
-Land, nach den Listen, die geführt wurden. Ich habe fünf Millionen
-Stücke italienischer Fünf-Lire-Stücke aufkaufen lassen. Sie kommen nach
-Südtirol, müssen über Vorarlberg nach der Schweiz geschafft werden.
-Organisieren Sie das, Spoerri. Der italienische Mittelsmann ist Dalbelli
-in Meran. Sie müssen morgen hinreisen. Ich gebe einen Monat Zeit. Damit
-fangen wir dann zugleich das neue Gebiet an. Die Schweiz ist jetzt
-scharf gegen Silbereinfuhr. Darum ist die Konkurrenz im Einkauf
-schwächer. Man bekommt genug Fünf-Lire-Stücke in Italien. Ich habe es
-auch mit französischem Silber versucht. Aber seit dem Frieden von
-Versailles ist in Frankreich eine unmögliche Bande in die Geschäfte
-hineingekommen, die niemandem etwas gönnt, weil sie früher keine
-Kaufleute gewesen sind. Haben Sie sich gemerkt?«
-
-Spoerri nickte und rechnete heimlich.
-
-»Warten Sie mit dem Rechnen, bis ich alles gesagt habe,« fuhr Mabuse ihn
-scharf an.
-
-Spoerri schaute verwirrt auf.
-
-Mabuse fuhr fort: »Mein Vertrauensmann in der Regierung hat mich darüber
-unterrichtet, daß die Zwangswirtschaft auf Fleisch im nächsten Monat in
-Bayern beseitigt wird. Die Tatsache wird noch geheimgehalten. Die
-Preisunterschiede zwischen Bayern und Württemberg sind enorm und werden
-die erste Woche wenigstens nach der Aufhebung bedeutend bleiben. Aber
-gut ist, man kauft jetzt schon auf. Notieren Sie sich, daß ich bis zehn
-Millionen Mark darin anlege. Soviel man bekommt, kaufen. Baldauff ist
-tüchtig. Sie fragen Mägerle in Stuttgart wegen der Abnahme an. Daß
-beizeiten für die Kleinarbeit des Hinüberbringens genügend Leute mobil
-sind! Es muß alles am dritten Tage nach der Ausgabe der Verordnung
-erledigt sein. Es wird sich um tausend bis zwölfhundert Stück Großvieh
-handeln. Man schaut wieder etwas auf Qualität. Kein Kleinvieh. Das
-Risiko ist zu groß. Rechnen Sie es selber aus, bevor Sie Weiteres darin
-vornehmen. Es sind 30 Prozent mehr zu lösen. Davon können 10 Prozent als
-Ausgaben verwandt werden. Sie müssen genauer rechnen als das letztemal
-beim Salvarsan.«
-
-»Ich hatte dabei nicht ...«
-
-»Ich weiß; wie gesagt, nicht genau gerechnet. Pesch scheidet aus. Lassen
-Sie ihn von der Beseitigungskommission scharf bewachen. Er ist impulsiv.
-Es darf bei dem geringsten Anzeichen nicht gefaxt werden. Er kann zu
-Haim gehenkt werden. Man hat den noch heute nicht gefunden ... Wie teuer
-haben Sie das Cer-Eisen bezahlt?«
-
-»Es war teurer als ...«
-
-»Es ist immer alles teurer, als ... Polen oder die Sowjets können es
-draufschlagen. Wie teuer?«
-
-»Fünfzig Mark!«
-
-»Also fünfzig Schweizer Franken. Sie müssen es haben. Keinen Rappen
-nachgeben!«
-
-Es pfiff im Sprachrohr unter dem Tisch. »Ja, Georg,« rief Mabuse hinein.
-»So ... gut. Die >Rhein< ist da, Spoerri. Georg, Sie steuern. Die
-Wertpapiertasche nicht vergessen. Schluß! Sie reisen doch ohne jede
-Gefahr nach Zürich, Spoerri?«
-
-»Sobald ich über die Grenzkontrolle bin, ja! Ich reise dann weiter als
-Pater.«
-
-»Wenn Sie mit der >Rhein< fahren, brauchen Sie doch keine
-Grenzkontrolle, Sie übernehmen die Aktentasche und bringen ihren Inhalt
-auf meine Bank. Konto: Ingenieur Salbaz de Marte. Hier ist die Liste:
-eine Million Deutsch-Luxemburger, zwei Millionen Deutsch-Überseer,
-fünfhundert Stück Tausendmarkscheine. Diese gleich in Milreis
-umwechseln. Es ist günstiger als über Dollars oder Schweizer Franken.
-Benachrichtigen Sie Doktor Ebenhügel, daß neue Papiere im Depot sind.
-Ich lasse ihm sagen, die erste Konjunktur benutzen und verkaufen, gegen
-Milreis ... Es ist noch eine schwierige Sache zu erledigen: die Ablösung
-der Leute am Bodensee, die für mich tätig waren. Wenn sie verdienstlos
-werden ...«
-
-»Viele wollen sowieso nicht mehr mitmachen,« sagte Spoerri.
-
-»Ich weiß. Das sind die, die satt geworden sind. Sie sind nicht zu
-fürchten. Sie haben sich mit meiner Hilfe ihre Häuser schuldenfrei
-gemacht. Aber die Not zwang mich manchmal wahllos zu sein. Alle, die
-kein eigenes Haus haben, nicht aus den Augen lassen! In Konstanz ist das
-Pulverfaß. Da wohnen die jungen Burschen. Wenn wir ihnen den üppigen
-Verdienst entziehen, sind sie plötzlich nichts mehr als Gauner, sitzen
-in acht Tagen im Gefängnis und reden in der Wut. Sprechen Sie noch mit
-Georg darüber, was dort zu machen ist. Er soll morgen hin. Am sichersten
-wäre, sie in die Fremdenlegion abschieben. Gehen Sie Magnard aufsuchen,
-sobald Sie von Zürich und Meran zurück sind. Auf das Kopfgeld verzichten
-Sie natürlich nicht. Sie geben es Georg, damit er es unter die
-Betroffenen verteilt ... Beauftragen Sie Böhm, die drei Motorboote zu
-verkaufen, die wir außer der >Rhein< noch auf dem See haben. Der trägt
-noch immer an der Mütze die Fassade des Königlich Württembergischen
-Yachtklubs. Darunter geht das unauffällig. >Rhein< bleibt in der Nähe,
-für alle Fälle. Das Boot kann sechzig Kilometer machen, wenn es ihm aufs
-Steuer brennt. Wir gehen!«
-
-Georg wartete draußen. Die drei Männer tasteten sich durch die
-Dunkelheit des Parks zum Steg. Sie hörten schon den Motor leis atmen.
-
-»Man hat meinen Befehl ausgeführt: Es ist nichts an Bord?« fragte
-Mabuse.
-
-»Außer dem Cer-Eisen, nichts!«
-
-»Hinaus damit. Ich bin kein Alteisen-Trödler!«
-
-Georg lief voran. Drei Männer arbeiteten in der Finsternis. Dann stiegen
-Mabuse und Spoerri ein, und das Boot fuhr gleich los. Es fuhr vorsichtig
-unter der niederen Nacht. Kaum wagte der Motor zu pusten. Leis
-schütterte die Kabine, in der Mabuse sich in seinen Pelz hüllte. Dann
-ging er auf die hintere Plattform hinaus und dann ungeduldig zum Motor
-nach vorn.
-
-Als sie eine Weile fuhren, horchte er hinaus. Es war ihm, als hörte er
-einen Lärm. Der Lärm perlte durch die Geräusche des eigenen Bootes an
-sein Ohr. »Halt!« befahl er.
-
-Georg stoppte. Da verging der Lärm draußen. Man fuhr wieder an. Es
-geschah alsbald, daß auch der Lärm auf dem See um sie von neuem klang
-... bald rechts, bald links ... Mabuse ging auf die Plattform, wo das
-Geräusch des Motors weniger stark war. Da hörte er es ganz deutlich.
-
-Wir sind verfolgt oder wenigstens beobachtet, sagte er sich. Ist das
-schon der Staatsanwalt Wenk? Ruhig und trotzig bereitete er seine beiden
-Pistolen. Er überlegte, was er tun sollte, wenn ihn die Verfolger
-anriefen. Er bemühte sich, in der Finsternis die kleine Flagge zu
-erkennen, die am Heck der >Rhein< flatterte. Aber es war zu dunkel.
-
-»Spoerri!« rief er leise in die Kabine.
-
-Als Spoerri kam, fragte er: »Als was fahren wir? Horchen Sie, wir sind
-verfolgt!«
-
-»Nein, nein,« sagte Spoerri, »wir fahren als Schweizer Wachtboot. Ich
-habe Warnung, daß die Deutschen heute mobil sind. Da habe ich die drei
-anderen Boote herbeordert. Eines fährt hinter uns, die beiden anderen
-rechts und links. Es käme niemand durch. Wir sind schon im Schweizer
-Fahrwasser.«
-
-»Wieviel verdienen Sie im Jahr bei mir, daß Sie soviel Sorge um mich
-haben?« fragte Mabuse mit einem gehässigen Ton.
-
-»Genug!« antwortete Spoerri. »Aber es ist nicht deshalb.«
-
-»Es ist aus Liebe!« geiferte Mabuse. »Wollen Sie mit mir schlafen gehen?
-Oder ist es die reine Nächstenliebe, die seit dem Kriege euch Schweizern
-so gut steht?«
-
-»Nun ja«, sagte Spoerri nur.
-
-»Ich habe dreiundeinehalbe Million bei mir in der Aktentasche. Wenn Sie
-wagten, mich zu erwürgen, täten Sie es. Aber Sie wagen es nicht. Das ist
-alles. Das ist die ganze Menschlichkeit und Liebe, Sie haben im letzten
-Jahr von mir 85677 Mark bekommen, und nebenbei ... genügt das Ihnen,
-kein Mordsgelüst gegen einen Menschen zu haben?«
-
-»Ja!« antwortete Spoerri einfach.
-
-»Dann sind Sie ein Knecht. Mein Knecht. Hören Sie: mein Knecht!«
-
-»Ich höre!«
-
-»Soll ich dich ins Gesicht schlagen? Nein, ich bringe meine Haut nicht
-in Berührung mit deinem Knechtsfell. Ich spucke nur durch die Luft!«
-
-Ȇber Bord. Sie bekommen mit niemandem Streit. Der Bodensee hat keinen
-^point d'honneur^.«
-
-»^Point d'honneur^ ist ein fabelhafter Ausdruck. Ein Point ist so groß
-wie eine halb ausgetretene Wanze. Genau so groß wie die Ehre der
-Menschen. Was? Ihre auch, ha? Sie haben wohl solch eine Ehre, wie sie
-der Bodensee nicht hat?«
-
-»Ich habe sie nie gemessen!«
-
-»Sprechen Sie anständig mit mir. Ich vertrage Ihren Käsewitz nicht ...«
-
-»Wir kommen aufs Ufer zu.«
-
-»Weichen Sie nicht aus, Sie!«
-
-»Nein!«
-
-»Sie!« rief Mabuse unterdrückt, aufquellend in jäher Erbosung. »Ich
-spüre, wie der Haß aus meinen Fingerspitzen sprüht. Ich drücke Sie Ihnen
-an den Hals, Sie ... Sie Hund ... Sie Menschengehunds. Als seien Sie ein
-elektrischer Draht in einem amerikanischen Hinrichtestuhl. So fallen Sie
-um, Sie jämmerliche Kreatur.«
-
-In diesem Augenblick stellte der Motor ab. Der Lärm der Boote hinter
-ihnen war seit einer Weile verstummt. »Weshalb fährt er nicht mehr. Habe
-ich befohlen?« fragte Mabuse jähzornig.
-
-»Es ist kein Signal am Ufer!«
-
-Da kam Mabuse zu sich. Er stand auf, knirschte mit den Zähnen und
-fragte: »Was ist los?«
-
-»Wir müssen warten. Säuli ist sonst zuverlässig. Es ist etwas los.«
-
-»Warten wir! Haben Sie die Waffen bereit?«
-
-»Ja, wenn das Signal nicht kommt, wäre es besser, wir gingen ins
-Beiboot. Wir könnten dann zu den anderen Booten zurückrudern.«
-
-Hinter Romanshorn begann ein Scheinwerfer aufzudrehen. Er warf einen
-Lichtbalken in den Himmel. Der Balken senkte sich, die Finsternis
-durchtastend, genau suchend und verweilend, nach der Seemitte aufs
-Wasser. Bald stieg er wieder rasch in den Himmel und fiel erbarmungslos
-auf die Stelle zu, wo Mabuses Boot hielt.
-
-Mabuse zitterten die Fußgelenke vor Spannung.
-
-Aber auf einmal blieb die Säule von Licht an einem hervorstehenden Haus
-in Romanshorn hängen, dort, wo auf dem Hügel am Ufer die neue Kirche
-war. Daraus sahen sie im Boot, daß das andere Fahrzeug weit hinter
-Romanshorn sein mußte und keine Gefahr bedeutete. Ihr Boot blieb im
-Dunkel. Im Bahnhof am Ufer hingen weit verteilt einige Bogenlampen. Ihr
-Schein spielte fern auf dem schwarzen Wasser, wie blaßleuchtende Leichen
-schaukelnd, vergehend, wieder emportauchend.
-
-Da sagte Mabuse streng: »Nein, wir bleiben! Sagen Sie Georg, er solle
-die Luftdruck-Mitrailleuse an den Motor anschalten.«
-
-Spoerri ging.
-
-Unter dem Polster war ein Giftgas-Apparat. Mabuse zog den Schlauch
-hervor. Der Wind kam von Südosten, also dafür aus guter Richtung. Er
-bereitete für sich und seine Begleiter die Masken und versuchte den
-Öffnungshahn.
-
-Da erschien am Ufer ein Licht, verging schnell, kam wieder, zuckte fort
-und blieb dann.
-
-Der Motor knurrte wieder an. Bald fuhr das Boot in den Bach hinein,
-zwang sich zwischen Bäumen weiter und stieß dann sacht an. Der Motor
-schwieg, und ein Mann reichte vom Land aus ein Tau.
-
-Dann hörte Mabuse den Namen Dr. Ebenhügel. »Ja,« sagte Mabuse, »er soll
-ins Boot kommen.«
-
-Eine Gestalt trat aufs Boot herüber. »Doktor Mabuse, ich, Ebenhügel. Ich
-komme gerade von Zürich. Mein Auto ist schuld, daß Säuli das Zeichen
-nicht pünktlich gab. Die Grenzer-Automobile spuken jetzt jede Nacht
-herum. Bekamen Sie mein Telegramm? Es ist etwas los. Der Schreiber hat
-gewarnt. Er konnte nicht sagen, was es ist. Er erfuhr nur aus einer
-Antwort seines Bureauvorstandes, daß es über das Generalkonsulat in
-Zürich von der Münchner Staatsanwaltschaft kam.«
-
-»So,« sagte Mabuse, mit zusammengedrückten Zähnen, »das ist der
-Staatsanwalt von Wenk. Warte, Herr Staatsanwalt von Wenk!« Dann wandte
-er sich an Ebenhügel: »Ich war nie ohne Gefahr und bin nie darin
-untergegangen.«
-
-»Ich wollte sagen, daß man nur von München aus die Gefahr neutralisieren
-kann. Es soll nicht heißen, wenn etwas schief geht, wir in Zürich seien
-schuld daran.«
-
-Mabuse antwortete schroff: »Wie sprechen Sie?«
-
-»Die Sache ist für mehrere Menschen wichtig.«
-
-»Für wen denn noch?«
-
-»Zum Beispiel für mich!«
-
-Mabuse zog eine weitläufige wegschiebende Gebärde durch die Luft.
-Ebenhügel sog geräuschvoll die Luft ein.
-
-»Ich habe nicht getrunken,« fuhr ihn Mabuse an. »Wie können Sie mich
-wegen einer solchen Nichtigkeit diese Reise machen lassen!«
-
-»Ich hielt es für wichtig, Sie selber zu unterrichten. Alle Post wird
-heute kontrolliert, Menschen sind unzuverlässig.«
-
-»Wer bezeugt mir, daß Sie zuverlässig sind? Sie sind auch ein Mensch.«
-
-»Unsere gemeinsamen Interessen, Herr Doktor. Ich wollte nur sagen, die
-Gefahr droht von München aus. In der Schweiz wären Sie sicher. Sie haben
-ja Reichtümer aufgestapelt, die Ihnen erlauben, in jedem Land zu leben.
-Bleiben Sie hier. Bei uns sind Sie sicher.«
-
-»Was wissen Sie davon? Sie haben mein Vermögen zu verwalten, sonst
-nichts. Nur zu verwalten! Basta! Noch etwas?«
-
-Der Rechtsanwalt berichtete über seine letzten finanziellen Operationen
-für Mabuse. Mabuse nahm die Aufzeichnungen, die jener mitgebracht hatte,
-an sich. Er schritt dann am Bachufer fünf Minuten auf und ab, allein, um
-sich nach dem langen Fahren zu ergehen.
-
-»Ist Spoerri noch da?« fragte er. »Sie brauchen dann nicht nach Zürich
-zu reisen,« sagte er ihm. »Ebenhügel nimmt die Mappe mit. Wir fahren
-zusammen nach Schachen zurück.«
-
-Auf der Rückfahrt vermochte Mabuse nicht sitzen zu bleiben. Er ging
-ununterbrochen auf der kleinen Plattform hin und her. Ein Lichtzeichen
-blitzte vor ihm auf. Die drei Konvoiboote pochten wieder um sie. Ihr
-Lärm ging verborgen in der Finsternis wie von Geistern.
-
-Mabuse telephonierte durchs Sprachrohr nach vorn: »Georg, Kognak!« Das
-hörte Spoerri, und er erschrak.
-
-Mabuse trank in der halben Stunde, die die Fahrt dauerte, die Flasche
-leer. Er war betrunken, als sie an Land gingen. Er torkelte durch die
-Finsternis dem Hause zu, den andern voran, die nach seinem Befehl fünf
-Minuten warten mußten, bevor sie ihm folgten. »Wir trinken weiter,«
-befahl er im Speisezimmer. »Bring! Georg!«
-
-Spoerri überfiel ein Gruseln. Er wußte, wie es ging. Der Doktor wurde,
-je mehr er trank, immer nüchterner und grausamer. Spoerri selber mußte
-sich bis zur Bewußtlosigkeit betrinken. Sie tranken nun Sekt zur Hälfte
-mit Kognak gemischt.
-
-»Das ist aufgelöstes Gold,« stammelte Mabuse. »Her! Größere Gläser!
-Georg! Die Pokale! Spoerri, ein Zug! Reisläufer-Sohn! auf einen Zug!
-Hundeblase, hinab! In deine Hundeblase!« Er trank vor. »Gefehlt!« schrie
-er, da er vor Spoerri fertig war. »Noch einen! Du mußt kotzen! Ich muß
-dich kotzen sehn! Deine Seele ausspucken sehn, du halbverdautes
-Menschenaas!«
-
-Spoerri trank, und in den Augwinkeln drehte alles kopfüber in eine Tiefe
-hinab, in die er selber zu fallen drohte.
-
-»Hast du gehört, der Herr von Wenk? Staatsanwalt in München! Dein
-Notizbuch! ... Beseitigungskommission ... Befehl des Generals, nein des
-... Fürsten ... Staatsanwalt Wenk. Nein, warte ... Zuerst der Herr Hull.
-Der fing an ... Spoerri, Landsknecht, Gedärm, sauf'! So wie ich! ... Ja
-... Hull, Hull, schreib': Gerhard Hull! Hubertusstraße 34. Ab mit ihm!
-Der Reihe nach. Der zuerst! Wie sie's selber gemacht haben. Georg macht
-es. Du hilfst! Die Carozza fädelt es ein. Such' Helfer! Schreib'! Befehl
-des ... Fürsten! Trink' ... Du ... des Fürsten, hast du? Hä, welches
-Fürsten, Gedärm, beschmierter Stiefel, welches Fürsten? du ... des
-Fürsten, des Kaisers von Eitopomar in Süd-Brasilien. Ein Wort aus seinem
-Mund, und tausend Weibern bluten die Rippen, und fünfhundert Männer
-können nicht mehr zeugen. Ein einziges Wort! Eine Gebärde! Grinse nicht,
-oder ich kastriere dich mit dem Glasscherben!«
-
-Er zerschlug seinen Pokal und bedrohte Spoerri mit den Scherben.
-»Schreib' i... ich,« stöhnte der, »schreib' i... ich schon.«
-
-»Tausend Weiber und fünfhundert Männer!« schrie Mabuse.
-
-»Doktor?« fragte Spoerri zaghaft und durch seine sinnenfressende
-Betrunkenheit voll Dumpfheit erschreckend. »Weiß i... ich jetzt nicht
-... weiß ... Hull! Ich? Hubertusstraße 34 ... Ich? Ist dir ernst,
-Doktor?«
-
-Da stand Mabuse auf einmal, so betrunken er war, kerzengrad. Er brüllte:
-»Dir?« Dann schlug er Spoerri von oben herab mit der Faust auf die
-Stirn, daß der mit seinem Stuhl langhin auf den Boden fiel.
-
-»Will schlafen gehn, Georg!« schrie er hinaus, von Wut zersprengt. Er
-ließ Spoerri bewußtlos liegen, wie er hingefallen war, und ging.
-
-Am nächsten Morgen saß Spoerri schon im Eßzimmer, als Mabuse kam. Mabuse
-hatte im Bett gefrühstückt. »Zeigen Sie Ihre Notizen!« befahl er barsch.
-
-Er durchflog sie, fand Hulls Adresse mit trunken fallenden Buchstaben
-dazwischen geschrieben und gab Spoerri das Buch zurück.
-
-»In Ordnung!« sagte Mabuse.
-
-Spoerri umkroch ihn wie ein Hund auf der ängstlichen Lauer vor der
-Stiefelsohle.
-
-Das tat Mabuse wohl. Das beruhigte und versöhnte ihn. Er wurde
-gesprächig. Spoerri ging es auf wie ein taubes kleines Glück, daß der
-Herr freundlich zu ihm ward, daß der furchtbare Wille, der aus dem
-großen Kopf dieses machtvollen Mannes auf ihn hämmerte, freundliche
-Worte für ihn herausbrachte und ihm Anerkennung gab.
-
-»Spoerri,« sagte Mabuse, »ich geh' mit Ihnen nach Konstanz. Es ist
-wichtig, daß die jungen Leute uns keine Dummheiten machen!«
-
-Da leuchtete Spoerri. »Ja, wenn sie den Herrn Doktor sehen, dann ist
-nichts zu fürchten.«
-
-Die beiden blieben tagsüber in der Villa. Mabuse trank, zwang Spoerri
-aber nicht mehr mitzutun. Vor dem Mittagessen schon war er betrunken.
-
-Spoerri war, müd in Hirn und Blut von dem schweren Rausch der
-vergangenen Nacht, auf eine überweiche Art um Mabuse besorgt. Er
-versuchte heimlich mit naiven Kniffen, ihn vom Trinken abzuhalten. Aber
-Mabuse merkte das bald. »Weg da! Die volle Flasche her! Daß das nicht
-noch einmal versucht wird!« sagte er.
-
-Er mußte trinken. Er trank und feuerte seinen bösen, starken Geist an.
-Seine Phantasie fand im Rausch die Einfälle der großen Geschäfte, wenn
-sie von seinem Willen alle Ablenkung nach außen fernhielt und der Rausch
-ihn in sich selber einschloß wie in eine Burg aus Tausendundeiner Nacht.
-
-Das verstand niemand. Der Alkohol war ihm ein Märchenerzähler, war ihm
-der Strom, der in der Tiefe den Saft des Lebens trug und zum Schöpfen
-hinreichte. Er badete in ihm wie in der Liebe zu einer Frau, in
-fließenden Abspannungen, neue Bahnen erspringend, ununterbrochen. Löste
-alle Gesetze auf und ließ ihn im Eignen uneingeschränkt, hemmungslos
-wachsend, über alle Grenzen sich dehnen ... sein eignes System, seine
-eigne Welt und Sonne.
-
-»Spoerri, wie gefällt dir Europa?« lallt er.
-
-»O gut, Herr Doktor!« antwortet Spoerri entgegenkommend unbesonnen.
-
-Da brüllt Mabuse ihn an: »Du gehst nicht mit nach Eitopomar, meinem
-Reich! Europa ist eine Filzlaus. Einer kriecht dem andern ins Fell. Alle
-überkriechen sich. Sie ertränken sich mit Petroleum. Alle die Filzläuse,
-die Schmarotzer, die Stinker, die Heimlichen, die Hautjucker. Mit
-Petroleum, weil sie wissen, daran krepiert man nicht. Eine Hautpore ist
-schon ein Krater für sie. Aber wenn ich in Eitopomar sein werde ...
-Spoerri, du gehst nicht mit! Ich geh' jetzt schlafen. Bis nachher.«
-
-Mabuse torkelte hinaus. Im Schlafzimmer auf seinem Bett, angekleidet,
-ließ er noch einige Minuten, als sei er selber Weltall, befreit von
-Grenzen und Räumen, die Ausbrüche seines Willens über sich fließen, Lava
-und Urschlamm, kochend durch tausend Nächte dem einen Tag entgegen, der
-ihm in dem fernen Reich alle Macht über Leben und Tod von Tieren,
-Wäldern und Menschen in seine beiden gierigen Hände geben sollte.
-
-Abends, als die Dämmerung eingebrochen war, fuhren sie nach Konstanz.
-
-Mabuse war nüchtern, schweigsam und mürrisch. Seine Vorstellungen
-bearbeiteten schon mit harten Schlägen, die in seinen Nerven fühlbar
-widerzitterten, das Rudel junger Burschen, das in dieser Stadt, die in
-die Grenze eingespießt lag wie eine Zecke, seit dem Waffenstillstand für
-ihn tätig gewesen war. Von dieser selben Stadt aus hatte er begonnen,
-als der Krieg ihn aus dem eignen und selbstherrlichen Reich seiner
-Pflanzung auf der Salomonen-Insel nach Europa zurückgeworfen hatte und
-er sich hier mit der sprengenden Macht seines Willens nicht besser
-zurechtfand als damals, da er, nach dem Examen, die Südsee gegen eine
-Arztkarriere in einer süddeutschen Stadt getauscht hatte.
-
-
-
-
- VI
-
-
-Wenk erwachte an einem Gefühl von Kälte, das ihn mit Schauern
-überhüpfte. Er zog den Mantel fest, in der Meinung, es sei die
-entglittene Bettdecke. Bald ward er seinen Irrtum gewahr. Er erhob sich.
-Ein taumeliges Gefühl bohrte sich, noch Erinnerungen erstickend, durch
-seine Adern. Langsam besann er sich. Er sah gleich, wo er war. Die
-Schloßgebäude durchleuchteten die Nacht.
-
-Er sprang heftig auf und ging davon. Halb erstarrt. Er mußte rechts und
-links und hin und her springen, um seinem Körper wieder Wärme
-zuzuführen. Wie spät war es?
-
-Er griff nach der Uhr. Sie fehlte. Dann durchsuchte er seine Taschen.
-Seine Brieftasche fehlte ebenfalls, und mit ihr sein Geld und sein
-Notizbuch. Er war einem Räuber in die Hände gefallen. Sonderbar ... wie
-war es gegangen, daß er mit dem Leben davongekommen war?
-
-Da auf einmal empfand er einen wilden Schrecken. Er faßte sich an den
-Kopf und drückte die Schläfen fest, um des verzweifelten Gefühls Meister
-zu werden. Sein Notizbuch fehlte auch. In diesem Notizbuch standen
-Adressen, Beobachtungen, Mitteilungen, Anweisungen, Pläne ... Das erste,
-was er sich davon erinnerte, war die erste Seite, auf der die ganze
-Geschichte mit Hulls 20000 Mark stand ...
-
-Wenk lief jetzt gradaus. Als ob er sein Notizbuch einholen könnte! Er
-stürmte, daß ihm der Atem verging. Etwas lief ihm davon. Er hielt an und
-fragte sich: Was ist jetzt zu tun? Auf den nächsten Bahnhof? Aber wie
-spät ist es? Vielleicht ist es fünf Uhr, vielleicht erst eins! Und der
-erste Zug? Warten ... vier, fünf Stunden vor einem geschlossenen Bahnhof
-warten!
-
-Sollte er nicht jemand im Schloß wecken? Dann müßte er erzählen.
-
-Nein, das hätte keinen Zweck. Jetzt Lärm machen! Der Chauffeur hatte im
-Auftrag des Blondbärtigen gearbeitet. Das war zweifellos! Hatte jener
-ihn in seiner Verkleidung erkannt und das Werk so geschickt und kühn
-voraussehend in den Weg geleitet? Oder war es System, daß einer, der
-irgendwie verdächtig erscheint, von vornherein einmal auf diese Weise
-auf die Nieren geprüft wurde? Oder konnte es doch vielleicht nur Raub
-sein, bei dem das Buch mitgegangen war? Dadurch, daß er sich ins Polster
-setzte, öffnete er wohl die Gasleitung; denn es war kein Gas im Wagen,
-als er einstieg. Das war so vorgesehen. Nein, so war es nicht. Es war
-viel einfacher und sicherer. Der Führer konnte den Gashahn öffnen von
-seinem Sitz aus. Natürlich war es so!
-
-Währenddessen ging Wenk schon auf der Landstraße, und zwar erst im
-halben Bewußtsein seines Entschlusses, zu Fuß in der Richtung auf
-München zurück. Er ging, so schnell er konnte. Manchmal mußte er stehen
-bleiben, um ein Gefühl des Taumels abzuwarten und abzuwehren, das sich
-seiner bemächtigen und ihn auf der Straße niederpressen wollte.
-
-Das war wohl eine Nachwirkung des Gases. Was war das für ein Gas, das so
-rasch wirkte und so unschädlich war? Man hätte ihn ebensogut in ein
-tödliches Gas setzen können. Dann wäre man ihn sicher los gewesen!
-Weshalb nur in ein betäubendes Gas?
-
-Sollte es eine Warnung sein?
-
-Jetzt hatte man sein Notizbuch! Vielleicht wollte man nichts anderes von
-ihm als sein Notizbuch! Ein Anschlag auf sein kleines Notizbuch! Was
-stand noch drin? Welche Namen hatte er noch drin? Karstens ... Und alle
-Erlebnisse in den Spielhäusern mit dem Blondbärtigen und dem alten
-Professor und im Palasthotel. Und alle Häuser, in denen gespielt wurde!
-Es war klar. Nur sein Buch wollte man haben. Das war geglückt. Das war
-davon. Es war ihm ein liebes kleines und bewegtes Buch gewesen.
-
-Er ging schneller und schneller. Die Häuser schliefen in der Landschaft.
-Die Ortschaften schliefen. Die Vorstadtstraßen schliefen. Sie kamen ihm
-wie blasse Lindwürmer durch die Nacht entgegengekrochen, schliefen auf
-den flachen Äckern, in denen Reste von Schnee eingenistet lagen und in
-der Finsternis zur Straße heraufleuchteten, als seien sie in einem
-geisterhaften Halbleben an den Weg geworfen worden, um zu beobachten,
-wer darüber ginge. Es schauderte Wenk.
-
-Als aber dann ein Trambahnwagen kam, beruhigte er sich. Bald kannte er
-sich aus und eilte in die Stadt hinein und seiner Wohnung zu. Er kam
-vollkommen erschöpft in seinem Zimmer an, legte sich in den Kleidern
-aufs Bett und verfiel einer zweiten Bewußtlosigkeit, aus der heraus er
-unvermittelt in stärkenden Schlaf glitt. Erst am Abend wachte er auf.
-
-Der erste Einfall, der ihm kam, war der, daß sein Leben von jetzt an auf
-dem Spiel stand. Er nahm ihn ruhig hin. Das war selbstverständlich. Er
-kämpfte mit dem Bösen. Dessen Schlachtplatz lag immer da, wo die Grenze
-zwischen Sein und Zerstören war. Er fragte sich, ob der Gegenstand des
-Einsatzes wert sei, und antwortete sich selbst im nächsten Augenblick:
-
-Darüber gibt es kein Nachdenken. Die Menschen sind losgelassen aus der
-Menagerie. Es war sein Amt, seine Pflicht, seine Daseinsberechtigung,
-mitzuhelfen, sie gefahrlos zu machen. Keine Menschenfurcht! Keine des
-Leibes, wie er keine der Seele hatte, seitdem es seinem Geist geglückt
-war, sich in die krisenhafte Zeit des neuen Deutschlands hineinzufühlen
-... sich mitverantwortlich zu sehen an dem Entstehen dieser Zeit, aber
-auch an ihrer Überwindung.
-
-Aber eins: War er dem andern gewachsen? Sollte er sich nicht dahinter
-verschanzen müssen, daß er sein Leben und seine Kraft von vornherein in
-ein vergebliches Wagnis setzte? Der Gegner schien ihm überlegen. Der
-Gegner arbeitete im Finstern.
-
-Waren Wenks Hände stark genug, da hineinzugreifen und festzuhalten, was
-an dunkeln Mächten sich ihnen entgegenwälzte, um sie zu zerquetschen?
-War er stark genug gegen diese Zeit? Denn sein Gegner war mehr als
-Falschspieler, Verbrecher ... war die ganze Zeit, die von der
-Kriegskatastrophe losgerissen worden war aus dem Höllenschoß der
-Schöpfung und heraufbrach über die Welt und seine Heimat.
-
-Er sah ein, daß er gegen einen solchen Gegner die Netze weiter spannen
-mußte, wenn er dran denken wollte, ihn zu fangen. Er mußte seine
-Organisation gegen die des Verbrechers stellen. Er durfte dabei nicht,
-wie bisher, in seinen Bundesgenossen geistige Kräfte berücksichtigen,
-die er auf einen Klang mit sich selber bringen wollte. Er mußte Helfer
-im Lager des Feindes holen gehen.
-
-Sofort dachte er an die Frau, der er zu der sonderbaren und
-zweifelhaften Flucht verholfen hatte. Er fuhr gleich zu Schramms. Ja,
-sie saß da. Wie immer schaute sie nur zu. Er setzte sich zu ihr. »Sie
-spielen nicht, Herr Staatsanwalt?« fragte sie.
-
-»Nein, Ihr Beispiel hat mir das Beobachten interessanter gemacht als das
-Spiel.«
-
-»Das Beobachten,« lachte sie leis zurück, »ist bei einem Staatsanwalt
-nicht gut ... für die Mitspieler!«
-
-Wenk hatte einen leisen Verdacht, als ob das mit einer Nebenabsicht
-gesagt sei, spöttisch oder lauernd, darüber fand er sich nicht zurecht;
-jedenfalls im Dienst eines andern. Der saß wohl da und spielte mit. Ja,
-vielleicht wirkten die beiden heimlich zusammen.
-
-Er beobachtete sie. Sie saß aber gelassen und untätig da. Sie gab ihre
-funkelnden Blicke nach allen Richtungen. Er sagte ihr abtastend: »Sie
-sahen einen Staatsanwalt selber in den Krallen des Spielteufels. Sein
-Bann ist beschworen für den Mitspieler!«
-
-Er sagte für »den« Mitspieler und dachte: jetzt zuckt sie auf, stutzt,
-blickt ihn rasch an. Er weiß etwas von ihr. Er wunderte sich, daß er so
-kühl berechnend mit ihr verkehren konnte.
-
-Aber sie blieb ruhig sitzen und nahm seine Worte nur mit einem
-gesellschaftlichen Lächeln entgegen.
-
-Sie ist schön, und es ist etwas von heimlicher, zurückhaltender Kraft an
-ihr. Die Männer spielen um Geld. Es wäre männlicher, wenn sie um diese
-Frau spielten, dachte er sich.
-
-Nach einer Weile beugte sie sich auf dem Polster etwas zu ihm herüber
-und sagte leise und mit einer spielerischen Eindringlichkeit: »Ich war
-an dem Abend hier, als Basch verlor!«
-
-»Ich weiß ja,« antwortete Wenk befremdet und fragend.
-
-»Da haben Sie auch gespielt, Herr Staatsanwalt.«
-
-»Nun ja, ich habe gespielt. Ich sagte das ja eben!«
-
-»Ja, ich meine, da haben Sie gespielt! Am ersten Abend, als Sie mit Hull
-kamen, haben Sie auch gespielt. Aber das war nicht gespielt. Und am
-Abend mit dem alten Professor, weiß ich nicht recht, da war eine
-atmosphärische Störung ... Nicht wahr?« fragte sie auf einmal mit einer
-schmelzenden und ganz damenhaften Liebenswürdigkeit.
-
-Wenk war betreten. Er fragte zurück: »Am Abend mit dem alten Professor?
-Mit welchem alten Professor?«
-
-»Als Sie als Ihr Onkel aus der Provinz kamen,« lächelte sie schelmisch.
-
-Da sah Wenk ein, daß sie ihn erkannt hatte. Er machte ein enttäuschtes
-Gesicht. Aber sie bat ihn, nicht darüber traurig zu sein, daß sie ihn
-erkannt habe.
-
-»Sie waren gut maskiert,« sagte sie. »Aber ich konnte nicht glauben, daß
-in München zwei solcher kleinen süßen Affen auf einem Pfirsich seien,
-die ein chinesischer Steinschneider aus einem Amethysten gezaubert hat.
-Der Ring hatte mir das erstemal, als ich ihn sah, zwischen den dummen
-Brillanten an den dummen Männerfingern so wohlgetan.«
-
-Wenk blickte sie abwartend an. Wer war sie? Sie fuhr dann fort: »Daß es
-nämlich auch in unsern Kreisen« -- wobei sie rund um den Tisch blickte
--- »Männer gab, die so etwas wie Geschmack hatten ...«
-
-»Ihre sprudelnde Ironie,« entgegnete Wenk, auf ihren Ton eingehend,
-»verlangt wohl kein Nein oder Ja! Schon daß Ihnen mein Ring auffiel und
-daß Sie seine Heimat so richtig schätzen, verlegt auch Sie in andere
-Kreise als die, in denen Sie sich zeigen.«
-
-»Ich war Stewardeß auf einem Ostasiendampfer. Aber der Krieg hat uns ja
-nun Schiffe und Beruf weggenommen!«
-
-»Darf ich Ihnen dann das Kompliment machen, daß Sie sich von Ihrem
-früheren Beruf lobenswert fortentwickelt haben?«
-
-»Ich bin nicht dumm!« lächelte sie.
-
-»Es gibt nichts, was unnötiger zu versichern wäre, Frau Gräfin.«
-
-Da gab es einen ganz kurzen Augenblick im Auge der schönen Frau, in dem
-es wie unmerklich gestaut in ihm stillstand. Hatte er gewußt, wer sie
-war? Hatte er ein wenig mit ihr spielen wollen, und wird er jetzt sich
-dick tun mit seinem Wissen, daß sie an solchen Orten heimlich verkehrte?
-
-Wenk lachte heraus: »Oder kommt Ihr mit der Krone verziertes Taschentuch
-aus dem Koffer einer nach Ostasien gereisten Gräfin? ... sagte Sherlock
-Holmes. Wir sind quitt, Gnädigste. Wir wollen beide uns bessern und
-vorsichtiger sein, wenn wir unter die Sterblichen gehn. Ich stecke einen
-dummen Brillanten an den Finger. Sie sticken ein Monogramm ohne Krone in
-Ihre Taschentücher, Frau Gräfin ...«
-
-Sie machte erregt: »Pst!«
-
-»Aber auch dies Mimikry wird nichts nutzen!«
-
-»Ich verstehe Sie nicht!«
-
-»Sie wollen mich zwingen, Ihnen Schmeicheleien zu sagen. Ich suche
-vergeblich nach einer Fabel, um meinen Gedanken ein Kleid zu geben, das
-erlaubt, Ihnen unter einem Symbol zu sagen, daß man die >Gräfin< nicht
-in sich unterdrücken kann.«
-
-Gleich wird er mich zum Souper einladen! Er will ein Abenteuer mit mir!
-sagte sie sich. Sie fühlte sich dadurch sehr aufgeheitert. Sie war
-hierher das Lebensüberschuß stillende Abenteuern um nichts suchen
-gekommen, unter ihrer Maske, und fand einen Staatsanwalt.
-
-»Den Umweg über Schramms hätte ich dazu nicht nötig gehabt!« lächelte
-sie bei sich.
-
-Am Tisch ging das Spiel heute ohne Sensation. Sie beschloß den
-Seitensprung zu machen, wenn der Staatsanwalt dorthin mündete.
-
-Sie sagte ihm spöttisch: »Sie vermögen Ihre Schmeicheleien in eine so
-gute Maske zu kleiden wie sich selber, Herr Staatsanwalt. Ich muß sie
-annehmen, da Sie mich unerkannt überrumpeln.«
-
-»Ich meine nur,« beharrte Wenk, »auch die Entfernung der Krone von Ihrem
-Monogramm entfernt nicht, um ein beliebtes Wort zu gebrauchen, den Adel
-von Ihrer Stirn.«
-
-»Ich hoffe, Sie maskieren sich noch immer!«
-
-»Als entzückter Leser sentimentaler Romane, meinen Sie. Allerdings,
-Gnädigste ... Aber ist dies der Ort, unser Gespräch fortzusetzen, das
-vielleicht sich nach einer ernsteren Wendung sehnt?«
-
-Sie antwortete und blickte ihn dabei von oben an, hochmütig und
-überlegen: »Das will sagen, Sie laden mich zum Nachtessen ein!«
-
-»Das wollte ich eigentlich nicht sagen, weil ich es nicht wagte,« wandte
-Wenk rasch ein, da er sie erkannte. Er spürte, sie meine, er wolle ein
-Liebesabenteuer mit ihr einfädeln. Mit dem üblichen Weg über das
-Nachtessen mit Champagner. Jetzt darf ich, sagte er sich, um sie zu
-gewinnen, ihre Meinung nicht ganz täuschen und zugleich aber auch nicht
-ihre Vermutungen erfüllen, und da sie mich erraten zu haben glaubt, ihr
-dann das Gefühl einer Überlegenheit über mich lassen. Sie darf mich
-nicht als dummen Kerl ansehn. Das Taschentuch mit der Krone scheint echt
-zu sein. Wegen Geldes kommt sie nicht. Denn sie spielt nie. Also bringt
-sie einer der Anwesenden her oder irgendein Abenteuer, das ich
-herausfinden muß. Was es auch sei, ich muß, um sie mir zu gewinnen,
-stärker sein als das Ungewöhnliche, das sie hierher führt.
-
-»Was können Sie mir anbieten?« fragte sie ein wenig frivol.
-
-Aber es war Wenk, als empfinde er etwas von Wesenhaftem hinter dem
-leichtsinnigen Ton. Da antwortete er rasch, ganz intuitiv, und sobald er
-es gesagt hatte, fürchtete er, es sei mißlungen: »Große Abenteuer!
-Wirklich große Abenteuer!«
-
-»Mit Ihnen?« fragte sie dagegen, ebenfalls ohne sich zu besinnen. »Als
-Liebhaber oder als Staatsanwalt?«
-
-»Mit mir als Detektiv!«
-
-»Können Sie das?« fragte sie wegwerfend.
-
-»Soll ich Ihnen einige Proben geben? Ich bin gestern nacht in ein Auto
-gelockt und im Schleißheimer Park durch Gas betäubt bei vier Grad Kälte
-auf eine Bank abgeladen worden. Schon heute, vierundzwanzig Stunden
-später, weiß ich, daß der Mann, der es tat oder tun ließ, derselbe ist,
-den Sie kürzlich als alten Professor spielen sahen, und daß dieses
-gelehrte alte Haus derselbe Mann ist, der mit einem blonden Vollbart vor
-Ihren Augen hier Basch sein Geld abnahm.«
-
-»Ist das wahr?« fragte sie mit einer schweren Stimme.
-
-»Ja.«
-
-»Der ... da ... saß ... mit dem rötlich blonden Vollbart!«
-
-»Der wie ein Raubtier vor Basch saß ... ja!«
-
-»Und was soll ... ich? Was ... soll ich dabei tun?«
-
-»Mir helfen diesen Mann suchen, von dem die Menschen befreit werden
-müssen.«
-
-»Ich bewundere ihn!«
-
-»Ich mißachte seine Kraft nicht. Aber es gibt auch Kräfte, die böse sind
-...«
-
-»Und menschlicher und größer demnach als die, die sich gut nennen!« rief
-sie, und ihre Büste, schlank und voll reifster Jugend, straffte sich in
-Auflehnung vor Wenk auf.
-
-»Ich verstehe Sie jetzt, gnädige Frau. Hören Sie: Nicht menschlicher und
-nicht größer ... Kraft ist Kraft. Man kann nicht ihre Ausmaße zum
-Abmessen nebeneinander stellen, sondern nur ihre Wesenheiten. Menschlich
-ist alles, gut wie böse. Die böse Kraft bringt immer nur aus der
-Zerstörung guter Kräfte Vorteile, und diese Vorteile immer nur für den
-Zerstörer allein. Die gute Kraft trägt Nutzen zu allen, ohne ihrem
-Besitzer jenen realen, rohen Gewinn abzuwerfen, den allein der Ausüber
-böser Kräfte zu erreichen trachtet. Welches ist die edlere? Das müssen
-Sie sich fragen und ihr folgen, wenn in Ihrem Temperament ein Überschuß
-an Kräften ist, die Sie in der Gesellschaftsordnung, der Sie angehören,
-nicht tätig machen können und aber auch nicht brachliegen lassen wollen
-... Man wird übrigens auf unser Gespräch aufmerksam. Ich vermute, der
-Blondbärtige hat überall Agenten. Erlauben Sie mir, von Ihnen Abschied
-zu nehmen und von Ihnen eine Gelegenheit zu erbitten, unsere
-Unterhaltung fortzusetzen.«
-
-»Kommen Sie mich morgen besuchen! Zum Tee, bitte. Nach Tutzing. Gräfin
-Told.«
-
-Sie gab ihm die Hand. Wenk, dem der Name die Zusammenhänge bei der
-Flucht in jener Nacht, da der Graf Told hereingekommen war, überraschend
-erklärte, küßte die schmalen Finger, mit einem Male hemmungslos ihrer
-Schönheit hingegeben und wieder mit dem gaukelnden Gedanken spielend:
-Weshalb Menschen jagen und nicht diese Frau lieben?
-
-Von diesen Vorstellungen erfüllt, ging er.
-
-Als die Gräfin allein war, sagte sie sich: Wir Frauen haben keine
-Phantasie. Es ist wahr. Das Abenteuer suchte ich zwischen den vom Spiel
-Aufgefressenen, und als es kam, glaubte ich an einen Liebeshandel. Aber
-siehe, dieser ist ein Mann! Er setzt sein Leben an seine Aufgabe, und
-mehr als sein Leben hat kein Mensch zu vergeben, und auch nichts
-Stärkeres und nichts Schöneres als sein Leben! Wenn mir die Möglichkeit
-käme, dies zu tun!
-
-Sie war entschlossen, Wenk zu folgen, und war ganz seinen Gedanken
-anheimgegeben. Sie schob ihr Leben, wie sie es bisher geführt hatte:
-tagsüber Dame und nachts auf der Jagd nach dem Erleben kühner und
-dunkler Dinge, die sich nie erfüllten, weit von sich.
-
- * * * * *
-
-Wenk fand am nächsten Morgen unter seiner Post ein kleines
-eingeschriebenes Paket. Als er es öffnete, lagen seine Uhr und seine
-Brieftasche drin mit allem Geld. Nur das Notizbuch fehlte. Auf einem
-Zettel war in Maschinenschrift folgendes zu lesen: »Ich bin kein
-Leichenfledderer. Die Sachen, die mein Angestellter irrtümlich von Ihnen
-nahm, erstatte ich Ihnen hiermit zurück. Das Notizbuch behalte ich, weil
-sein Inhalt mich angeht. Balling.«
-
-Wenk war nicht überrascht. Jener spielte um Zehntausende. Was waren ihm
-einige hundert Mark und eine goldene Uhr? Auch die Gewißheit, daß der
-Anschlag wirklich ihm und in engerem Sinne seinem Notizbuch galt, hatte
-er zu bekommen ja nicht mehr nötig gehabt. Er schob die Uhr und die
-Tasche ein und setzte seine Gedanken wieder in Trab hinter der lockenden
-Gräfin her.
-
-Nachmittags wurde er von ihr empfangen. Sie wohnte in einem großen
-Hause, das sehr reich, aber mit einem Geschmack eingerichtet war, der
-Wenks Empfinden verletzte. Denn seine Vorstellungen über die Gräfin
-hatten seit gestern einige Fortschritte gemacht, die es ihm angenehm
-gestaltet hätten, wenn er sie mit sich in einer stärkeren
-Übereinstimmung gefühlt hätte, als die Einrichtung dieses Hauses sie
-bewies.
-
-Gleich an der großen Hallenwand hatte ein Pinsel Menschenakte zu
-verdehnten Prismen und springenden Kurven, zu Maschinenteilen und
-Ochsenvierteln zerfleischt. Farbenklatsche standen da aneinander und
-versuchten den Eintretenden zu zwingen, an die Wut des Temperaments zu
-glauben, das sie verfertigt hatte. »Ach, ihr seid ja klein und kühl,
-ihr!« sagte Wenk zu ihnen hinauf. »Man kann irgendeinen unter euch
-herausnehmen, und der daneben hat nicht so viel Blut in den Adern, daß
-er das Verschwinden seines Bruders merkte. So kalt seid ihr.«
-
-Der Diener, in einem Kostüm, dessen dunkle Strenge vornehm von einigen
-kleinen Silberknöpfchen und blauen Litzchen aufstilisiert war, nahm ihm
-Mantel und Hut ab und ging voran. Die Gräfin erwartete ihn am Teetisch.
-
-»Wir sind nicht lange allein,« sagte sie, »mein Mann kommt um fünf Uhr!«
-
-Aber Wenk war von der Aufplusterung dieses Hauses die Laune genommen
-worden.
-
-Bevor er antwortete, warf er einen flüchtig hinweisenden Blick auf die
-Wände des Zimmers.
-
-Die Gräfin lachte nur. »Das ist mein Mann,« sagte sie. »Ich halte das
-alles für Idiotien. Was soll denn schließlich daraus werden, wenn man
-eine Bluse malt, an einigen frischgestrichenen Scheunentoren abwischt
-und dem Beschauer sagt: Sinfonie von Beethoven? Aber, lassen wir jedem
-das Seine. Oder ist der Herr Staatsanwalt auch expressionistisch?«
-
-»Ich kann das nicht behaupten,« antwortete Wenk. »Sie behaupten, sie
-seien das Neue und das andere. Aber unter sich führen sie alle doch
-dieselbe Geheimsprache. Unser Erlösendes aber kommt nur von einer
-Persönlichkeit!«
-
-»Sie wollen erlöst sein?« fragte die Frau. »Erlösen Sie sich denn nicht
-selber? In Ihrem Beruf? Ich meine, in Ihrer Tätigkeit? Eine andere
-Erlösung, eine Erlösung von außen gibt es doch nicht!«
-
-»Das ist wahr,« sagte Wenk einfach und hatte das Bild der Frau wieder
-eingeholt, das ihn seit gestern verfolgte und ihn beim Betreten des
-Hauses verlassen hatte. »Das ist übrigens dasselbe, was wir gestern
-besprachen, als wir von der Wage der Kräfte des Guten und Bösen redeten.
-Und das wollte ich Ihnen heute nochmals sagen.«
-
-»Ich habe Sie wohl verstanden,« entgegnete die Gräfin. »Ich kann es
-Ihnen ja eingestehen: Anfangs dachte ich, Sie suchten ein
-Liebesabenteuer. Das war mir sehr lustig. Denn weiß Gott, ich suchte
-etwas anderes in den Spielhäusern.«
-
-»Sie werden, was Sie suchen, in meinem Werk finden, Frau Gräfin,« wandte
-Wenk rasch ein.
-
-Da stand lautlos plötzlich der Diener im schwarzen Anzug mit den
-Silberknöpfchen und den blauen stilisierenden Litzchen hinter dem Sessel
-der Gräfin und neigte sich flüsternd zu ihr.
-
-Die Gräfin sagte zu Wenk: »Mein Mann!« Sie sah Wenk ruhig und verweilend
-an, und als der Graf kam, stellte sie die beiden Herren einander vor.
-
-Der Graf Told war ein übermäßig schlanker, mit einer übertriebenen
-Lebhaftigkeit wirkender Mann. Er war auffallend jung. Er war mit
-Anspruch elegant gekleidet. Er hatte ein besonderes Spiel der Hände,
-wobei ein Ring immer wieder in den Vordergrund kam, in dem ein Stein
-eingelassen war, wie ihn Wenk niemals gesehen hatte.
-
-Es mochte ein Rauchtopas sein, aber von blutigen Blitzen durchzuckt,
-die, milchig an den Rändern verlaufend, die kleine klare Honigglut des
-durchsichtigen Gesteins überschrien. Und mittendrin, wo sich all die
-grellen Blitze trafen, hoben sie ein Perlchen hervor, eine Insel, nicht
-größer als eine winzige Linse. Die aber war von einem Blau, daß ein
-Saphir melancholisch wurde und ein ... Das dachte sich Wenk und wandte
-keinen Blick von dem Stein.
-
-»Er ist ein wenig zu groß für meine Hand,« sagte der Graf, der die
-Blicke des Besuchers auf diese Weise beantwortete, »aber der Stein ist
-so ... wie soll ich seine Ungewöhnlichkeit bezeichnen ... nun, ich sage
-nichts anderes, so wie eine Erzählung von Endivian, der Ihnen gewiß
-bekannt ist, und von dem ich ihn auch habe. Er brachte ihn mit aus
-Penderappopimur.«
-
-»Ist das jetzt der modische Edelsteinhändler?« fragte Wenk, der ein
-wenig betroffen und keineswegs im Bild war.
-
-»Herr von Wenk,« sagte die Gräfin ernsthaft ... »Endivian ist jetzt der
-modische junge Goethe dieses Vierteljahrs.« Dann lachte sie: »Nein!
-Endivian, der Dichter, bekam den Stein am Hof Abtimurksers II. statt des
-Bechers aus dem Gedicht seines geistigen Vaters ... Sie wissen: Die
-goldene Kette gib mir nicht. Und als er zurückkam, schrieb er ihn aus in
-Deutschland, sozusagen, wie der Papst die Tugendrose: sein größter
-Bewunderer sollte ihn haben. Die Wahl traf meinen Mann. Besser, er hätte
-mir ihn gegeben.«
-
-»Weshalb schwärmst du nicht für ihn wie ich?« fragte mit mildem Lächeln
-der Graf Told und voll Verliebtheit sie anblickend.
-
-»Peter Resch hat seine papiernen Lenden angedichtet. Das gibt dir darauf
-die Antwort!« lachte die Gräfin zurück.
-
-»Pfui, Peter Resch,« sagte der Graf. »Er ist einer von den arrivierten
-Impressionisten. Übrigens habe ich eine neue Erwerbung gemacht,
-Liebste.«
-
-»Bei den Juryfreien?«
-
-»Kann man anderswo noch Bilder kaufen? Da ist überhaupt nichts mehr ...
-Und man hat die ganz klare, unzweifelhaft eindeutige Empfindung: Wenn
-dies Malertemperament doch auch noch auf die Farben verzichten könnte
-... Es ist der Beginn der Abstraktion von allem, was zur Vermittlung der
-Vision eines fremden Bewußtseins Hilfsmittel braucht, die in der
-Schöpfung außerhalb der betreffenden Kunst liegen.«
-
-Scheinbar ernsthaft erwiderte die Gräfin: »Gott sei Dank, man kommt
-weiter. Wenn wir nun auch auf dem Gebiet der Musik das Genie in Aussicht
-hätten, das auf den Lärm der Töne verzichten kann, um sich mitzuteilen,
-so wäre die Welt an ihrem Ziel angelangt.«
-
-Der Graf schwärmend: »... Eine hehre Atmosphärenlosigkeit ... in zwei
-Blau ... die sich gegenseitig wie auf einer Himmelsleiter zwischen Sturm
-und Blitz in die Weltharmonie schleudern ...«
-
-»Worauf Gott seinen Thron verläßt, lieber Herr Staatsanwalt, sprechend:
-Mein Geschöpf hat mich überholt, adieu!«
-
-Auf diese Weise ging das Gespräch noch eine Weile weiter, und es blieb
-Wenk eine Stunde später nichts anderes übrig, als sich zu empfehlen. Er
-war traurig, als er nach Hause fuhr.
-
-Kaum saß er eine Viertelstunde an seinem Tisch, als ihm ein Brief
-übergeben wurde. Er las:
-
- »Sehr geehrter Herr von Wenk,
-
- es tut mir leid, daß unsere Zusammenkunft anders verlief, als wir
- beide gedacht hatten. Nicht deshalb schreibe ich Ihnen, denn wir
- können unsere Gespräche an einem andern Ort und zu einer andern
- Zeit ja wieder aufnehmen. Aber es könnte sein, daß Sie unser Haus
- mit der Empfindung verlassen haben, als ob mein Mann so etwas wie
- ein >kleiner Narr< wäre. Auch in meinen Augen. Ich bin daran
- schuld, und ich habe deshalb solche Eile, Sie zu beschwören,
- diese irrtümliche, durch mich verschuldete Einschätzung eines
- Menschen nicht in sich festsetzen zu lassen. Es ist wahr, mein
- Mann kauft expressionistische Bilder. Aber das ist mehr
- symbolisch aufzufassen. Ich habe immer gefunden, je >närrischer<
- ein Mensch beim ersten Zusammentreffen erschien, um so heftiger
- näherte er sich einem, wenn man ihn in ernsteren Augenblicken
- wieder traf.
-
- Auf Wiedersehen ... wann? und wo? ... Ihre
-
- Gräfin Dusy Told.«
-
-»Dusy heißt sie!« sagte Wenk laut vor sich hin. »Lieb' du sie! Küss' du
-sie! ... Toll! ...« Es überkam Wenk wie ein Strudel eines heißen Klimas,
-nach dem er sich immer sehnte ...
-
-Dann stand er auf, schüttelte die feuchten, warmen Schauer von sich und
-sagte bissig gegen sich selber: »Das ist ein lieblicher Weg zu dem
-Verbrecher ... über die Verliebtheit in eine schöne Frau.«
-
-Der Fernsprecher läutete. »Hier Hull!«
-
-Hull teilte ihm mit, es sei ein neuer Spielsaal eröffnet worden. Er
-müsse den kennen lernen. Der Saal sei nicht nur fürs Spiel im großen
-eingerichtet, hundert Personen mindestens, sondern er sei mit
-mechanischen Vorrichtungen versehen, die bei einem Erscheinen der
-Polizei ihn in ein Varieté umändern könnten. Davon sollte allerdings
-auch er vorläufig noch nichts wissen. Aber die Carozza habe einen Brief
-bei ihm liegen lassen. Sie sei ja stets über alle Sensationen in diesen
-Kreisen auf dem laufenden. Sie sollten auch Karstens mitnehmen. Nur
-wisse Hull die Adresse des Saales nicht. Sie müßten sich der Führung der
-Carozza anvertrauen. Von seiner Kenntnis des Briefes wisse die
-allerdings nichts.
-
-Es wurde eine Zusammenkunft verabredet, und um zehn Uhr fuhr Wenk ins
-Café Bastin, von wo aus man hinwollte.
-
-
-
-
- VII
-
-
-Das Haus, das sie betraten, lag am Rand der inneren Stadt in einer der
-häßlichen, gleichmäßigen Gassen, die Schwabing einleiteten. Von außen
-zeigte es eine unauffällige Fassade, wie alle Nachbarn. Es war eines der
-Laden- und Mietshäuser. Die Rolläden vor dem Geschäft zu ebner Erde
-waren geschlossen. Die Inschriften konnte man in der Dunkelheit nicht
-lesen. Wenk merkte sich die Nummer. Es war die Nummer seines
-Geburtsjahrs: 76!
-
-Man ging in ein verschmutztes Stiegenhaus hinein, in dem eine
-schwärzliche, ausgebrannte Glühbirne mit jener traurigen
-Gleichgültigkeit leuchtete, in die sich die paar Dutzend unbekannter,
-oft wechselnder Bewohner solcher Häuser teilten. Man erstieg zwei
-Treppen. Eine massive Tür öffnete sich vor ihnen, und aus einem
-Seitenflur schwamm ein Licht auf die arme Treppe. Der Flur war der
-Bruder der Treppe. Er war gänzlich leer. Ein billiger Läufer,
-abgeschabt, melancholisch in seinem Alter und seiner Verwüstung, schwarz
-und weiß gewürfelt durchlief ihn. Die Wände waren mit gealterten Tapeten
-beklebt. »Lustig,« sagte die Carozza. »Aber wartet nur!«
-
-Da schwang vom Flur aus eine schmale Tür sich auf. Ein Quell von Licht
-stürzte in die armselige Düsternis. Ein Schwall von Luxus fiel in den
-Blick. Ein kleines Foyer mit Polstern, Garderoben, Büfettischchen tat
-sich auf. Champagner und kalte Platten rochen heraus. Einige Menschen
-saßen da, fremd. Man legte die Mäntel ab und ging durch in den
-Spielsaal.
-
-Ja, der war etwas Neues. Er erinnerte, wenn man eintrat, an den
-Promenadenraum der bekannten Pariser Varietés. Man sah durch Luken oder
-Logen auf eine von Licht erstrahlende Platte. Diese Platte war der
-Spieltisch. Er war von enormem Ausmaß.
-
-In der Mitte war eine kreisrunde Öffnung, in der ein breiter Drehstuhl
-stand. Das war der Platz des Bankhalters. Um den Tisch herum waren die
-Plätze für die Spieler als Logen eingerichtet. Jede Loge -- es gab
-solche für eine Person, für zwei und für vier -- lag in abtrennendes
-Dunkel versenkt, mit weichen Sitzen versehen. Durch einen Vorhang konnte
-man sich vollständig abtrennen, und ein Gitter, das man, die Pariser
-Theater nachahmend, aufziehen konnte, vervollständigte den Apparat.
-
-Man konnte darin wie in einer Maske spielen. Man konnte, ohne erkannt
-oder auch nur gesehen zu werden, seiner Leidenschaft frönen.
-
-Zwei Miniaturschienchen gingen von jedem Platz aus zum Bankhalter. Auf
-jeder stand ein Wägelchen. Es war zur Beförderung des Einsatzes und auf
-der Rückreise des eventuellen Gewinns bestimmt. Die Summe machte man
-durch verschiebbare Ziffernschilder bekannt. Ein Druck auf einen Knopf
-beförderte das Fahrzeug zu seinem Bestimmungsort.
-
-An der Decke, die kreisrund über dem Tisch von den Logenwänden umspannt
-war, stand ein Spiel von Pferden in verschiedenen Farben. Die Pferdchen
-waren von einem expressionistischen Bildhauer als Silhouetten aus
-Messing geschnitten und mit Kupferemaille in ihren verschiedenen Farben
-bemalt worden. Sie wurden vom Bankhalter mit einer Kurbel in Bewegung
-gesetzt. Unter den Pferden in der Mitte hing ein kleiner Scheinwerfer,
-der, nach unten abgeblendet, sein Licht gegen die Decke goß.
-
-In diesem Licht liefen die Pferde gegen die Decke, und die Decke war mit
-dem Spektrum der Farben in Kreisen bunt bemalt, so daß stets ein helles
-Pferd gegen eine dunkle und ein dunkles gegen eine helle Farbe lief,
-verfolgt von ihren Schatten. Das brachte ein Durcheinander zustande,
-das, je rascher der Lauf, um so stärker vervielfacht erschien.
-
-Das Ziel war durch eine dünne Leiste von Glühbirnchen gebildet, die in
-die Decke eingelassen war. An jeder Loge war ein System von Spiegeln
-angebracht, durch das man untrüglich den Sieger erkennen konnte.
-
-Wenk und seine Gesellschaft nahmen Platz in einer Loge für vier
-Personen, die ihnen vorbehalten zu sein schien. Die Carozza und Karstens
-saßen zusammen vorn, hinter ihnen die beiden andern Herren.
-
-Der Bankhalter, als sich die Logen alle gefüllt hatten, erhob seinen
-sehr eleganten Frack aus der Mitte des Tisches, und wie auf einer
-mechanisch rotierenden Scheibe, langsam auf seinem Stuhl rundum gehend,
-hielt er folgende Ansprache:
-
- »Meine Damen, meine Herren!
-
-Dies ist das Haus >Fort<. >Fort< vereinigt die Wurzel von stark und von
-Glück. Wir leben in einer bunten Zeit, und unser Unternehmen hat
-versucht, ihren gesteigerten Ansprüchen gerecht zu werden. Sie können
-hier spielen: Solo! ^à deux! en compagnie!^ Wie Sie wollen. Solo, indem
-Sie sich wie in ein Domino in eine Loge zu einer Person verbergen,
-gleich dieser reizenden Dame, von der ich allerdings nicht mehr sehe, ja
-ahne, als den rosa Reiherbusch in ihrem Haar ... Sie können, wenn Sie
-sich lieben und in der Verbindung der Herzen eine ^captatio
-benevolentiae^ für das Glück sehen, sich zu zweit von allen Anwesenden
-in die düstere Laube jener Loge zum Beispiel absondern, in der der
-elegante Kavalier gerade seine Dame ... vermute ich natürlich nur; denn
-ich sehe von hier aus nicht mehr als die vor dem Einsatztablett
-errichteten Zahlen, die auf das Glück gesetzt werden ... An der Decke
-finden Sie, meine Damen, meine Herren, unser Spiel, unser Hausspiel
-möchte ich es nennen, denn außer ihm steht Ihnen jedes andere Spiel zur
-Verfügung. ^Les petits chevaux^ des Hauses >Fort<. Einer unserer ersten
-Künstler, dessen Namen Sie in den Ausstellungen und Zeitschriften
-ununterbrochen begegnen, hat sie für unser Haus >Fort< geschaffen und
-sie selber hergestellt. Der Kunst haben wir die Technik vereint, die
-stärkste Tochter unserer Zeit. Das Spiegelsystem erlaubt Ihnen, von
-jedem Platz aus sofort und sicher zu erkennen, ob Ihr Pferd das Finish
-macht. Erlauben Sie mir noch, Sie auf das angenehme, sehr kunstreiche
-Spiel und Gegenspiel aufmerksam zu machen, das, drehe ich an der Kurbel,
-über Ihnen sich an der Decke entwickelt. Peter Schlemihl hatte keinen
-Schatten. Von unseren ^petits chevaux^ kann man das nicht sagen. Schauen
-Sie bitte hin, in welch kunstvoller Weise sich Figuren und Schatten zu
-einem Werk vereinigen, das in dieser reichen und originellen
-Absichtlichkeit unserem Hauskünstler höchste Ehre macht ...«
-
-Er drehte an der Kurbel. Pferde und Schatten liefen wie in einem
-Kaleidoskop durcheinander. Es war ein hübsches, spielerisches Bild.
-
-Langsam liefen die Pferde aus.
-
-»Auf das hätte ich gesetzt!« rief eine Frauenstimme, als der
-Isabellenschimmel am Zielband hielt. Am Kopf des Schimmels leuchteten
-auf einmal die Augen wie zwei Sterne. Sie waren von kleinen Glühbirnen
-gebildet.
-
-Der Bankhalter:
-
-»Ihrem Glück wollen wir nicht länger, Gnädigste, einen Damm der Geduld
-vorbauen, als bis ich Sie nicht mit der epochalen Neuerung des Hauses
->Fort< bekanntgemacht habe. Was« ... er erhob die Stimme ... »täten Sie
-jetzt, meine Herrschaften, wenn plötzlich die Polizei in Ihre Logen
-eindränge und sie wegen verbotenen Spiels Ihres Geldes und Ihrer
-Freiheit beraubte? Keine Angst. Wir haben eine Einrichtung getroffen,
-die man einen ^Garde-Police^ nennen könnte. Das Haus >Fort< mag ruhig
-der Polizei verraten werden. Es mag von der Polizei umstellt, erobert
-werden! Wir sind gesichert. Mit meinem kleinen Finger drücke ich die
-ganze Polizei der Stadt von Ihnen fort. Sehn Sie ...!«
-
-Er erhob hoch die Hand. Dann senkte er sie mit gezierter
-Eindringlichkeit, den Zeigefinger vorspreizend, auf den schwarzen Knopf
-neben sich. Einen Augenblick später setzte sich die Platte des Tisches
-in Bewegung. Sie begann zu sinken. Es ging geräuschlos und rasch. Der
-Redner sank mit hinab. Die Logen blieben. Aber von der Decke glitt das
-Spiel mit den Pferden und den farbigen Kreisen herab, an den Logen
-vorbei, die Decke folgte, und wenige Augenblicke später tanzte auf einem
-neuen Fußboden ein Quartett von nackten zwölfjährigen Kindern zu einem
-Spiel von Geigen und Flöten, das irgendwo im Unsichtbaren plötzlich zu
-erschallen begann.
-
-Ein Trupp von Männern, die in die Uniform der Stadtpolizei gekleidet
-waren, stürmte auf die Logen zu, schreiend: »Man hat uns gesagt, hier
-werde gespielt! Wo wird gespielt?«
-
-Überall lachte man in den Logen. Die Mädchen tanzten. Die verkleideten
-Polizisten warfen die Uniform ab und standen nun als Kavaliere im Frack
-da, lachend. Der Boden schwebte mit den tanzenden Mädchen hoch. Eines
-machte eine angelernte Bewegung nach einem einsamen Herrn. Der griff aus
-der Loge nach der Entschwebenden, etwas rufend, mit einem Lachen und
-einem knurrenden Fluch. Er erreichte das Mädchen nicht. Der Boden schloß
-sich an der Decke. Das Pferdchenspiel drehte vor den Spektren, und in
-der Spielarena war wieder der befrackte Redner.
-
-»Sie sehen, meine Damen und meine Herren, eine Konzession machen wir der
-Polizei -- die nackten Mädchen! Im übrigen, wenn es einmal ernst würde,
-hätten sie rasch ein Tüchlein um. Außerdem ist wöchentlich
-Programmwechsel ...«
-
-In diesem Ton redete er noch eine Weile.
-
-»Das ist ja dummes Kino«, sagte Wenk, indem er sich zu Karstens
-vorbeugte, diesem ins Ohr. »Allerdümmstes Kino! Wenn die Polizei käme,
-hätte sie in zehn Minuten doch den ganzen Schwindel heraus.«
-
-Karstens zuckte nur mit der Schulter.
-
-Wenk fragte sich, was für einen Zweck diese Anstalt habe; denn es ginge
-unmöglich eine Woche, bis sie entdeckt sei und geschlossen werde. Die
-Auslagen müßten doch geradezu enorm gewesen sein.
-
-Hull war betroffen. Er fand noch keine Stellung zu dem, was er sah und
-hörte.
-
-»Entzückend!« rief die Carozza ein übers andere Mal. »Unsere Zeit ist
-genial, was? Hier werden wir Stammgäste. Gardi, wie? Auf welches setzt
-du? Ich nehme den Araber, den schwarzen. Ich bin für schwarz, Gardi!
-Weil du so blond bist!«
-
-Karstens warf Wenk einen belustigten Blick zu.
-
-Es wurde ein Nachtessen gegeben von kleinen, feinsten Delikatessen ...
-Waren, die man vor der deutschen Valuta geflohen glaubte: frische
-Trüffeln auf Straßburger Gansleber, Kaviar, Krammetsvögel ...
-
-Vor dem Gebirg der Gansleber mit Trüffeln, aus denen diese süß
-hervorduftete, sagte Karstens: »Unsere Mark notiert heut in der Schweiz
-sieben. Aber Centimes. Was man hier vergessen zu machen besorgt
-scheint.«
-
-»Hier ist eine Mark noch weniger wert als sieben Centimes!« sagte Wenk.
-Er war niedergeschlagen. Wohin? Wohin? flehte hilfesuchend sein Herz. Er
-aß nicht.
-
-Die Carozza trillerte. Hull begann allmählich sich zu schämen, jetzt, wo
-seine Genußsucht von dem Bewußtsein eines andern sozusagen kontrolliert
-wurde. Er beschloß, am nächsten Morgen der Carozza ein Abschiedsgeschenk
-zu schicken. Es sollte die Garnitur australischer schwarzer Opale sein,
-die, mit goldenen Runen bedeckt, zwischen grau, grün und Feuer
-schillerten, und die eine russische Fürstin verkaufen wollte. Die
-Fürstin hatte über die Bonbonniere Anschluß an die Carozza gefunden. Sie
-versuchte auf die Bretter zu kommen.
-
-Schluß! flehte alles in diesem phlegmatischen Hull. Er war aufgebracht
-wie eine Glucke. Und zugleich war er melancholisch ... Sie soll ...
-sagte er sich ... Ich geh' ins Kloster lieber, als ...
-
-Eine Trüffel zerging ihm am Gaumen, bevor sie körnig noch einmal ihren
-Wohlgeschmack zwischen den Zähnen wiederholte und ihn der ganzen
-Mundhöhle preisgab. Trotzdem, sagte sich Hull! Trotzdem! Und wenn ich
-kein getrüffeltes Aspik mehr zu essen bekäme ... Was ja nicht gesagt ist
-... übrigens!
-
-Wenk stand plötzlich auf und ging. »Wohin?« rief die Carozza. Sie war
-mit einem Male erregt.
-
-Karstens wandte sich in demselben Augenblick zu ihr. Er trennte sie von
-Wenk, der den Saal ungestört verlassen konnte. Im Vorzimmer nahm er
-rasch seinen Mantel. Er wurde hinuntergeleitet. Der Diener schloß die
-Haustür vor ihm auf. Bevor er aber öffnete, schaute der Diener durch das
-Guckloch, das in die Tür eingelassen war, auf die Straße.
-
-Da machte er ungeheuer aufgeregt: »Mein Herr, ein Polizist!«
-
-Aber er öffnete trotzdem. Wenk trat hinaus. Der Polizist grüßte ihn.
-Wenk sah, daß der Beamte lachte. Der Diener in der Tür lachte auch. Der
-Polizist war vom Haus »Fort« hingestellt worden. Wenn ein wirklicher
-Polizist in die Straße wollte, erklärte der Hausdiener rasch dem
-Davongehenden, sah er, daß sie schon bewacht war, und ging.
-
-Wenk schritt rasch auf die Stelle zu, wohin er sein Auto bestellt hatte.
-Er war entschlossen, dies Haus schließen zu lassen. Nur wollte er
-verhindern, daß das Eingreifen der Polizei durch die Zeitungen bekannt
-gemacht wurde und die Feder eines Reporters der armen Phantasie der
-Leser mit der ganzen Dummheit einheizte, als seien im Geheimen der Stadt
-weiß Gott was für raffinierte Lasterhöhlen.
-
-Er überlegte während der Fahrt die Formulierung der Anzeige. Möglichst
-ohne Bezeichnung des Sachverhalts. Kurz etwa: Grober Unfug, Irreführung
-des Publikums, schwindelhafte Vorspiegelungen oder so ähnlich.
-
-Er arbeitete lebhaft, versenkte sich immer tiefer in den Kampf mit dem
-Haus »Fort« und hielt, noch im Auto, ein Plaidoyer als Staatsanwalt, das
-mit allen geschickten Kniffen, mit scharfen geistigen Schnitten der
-Öffentlichkeit diese Beule wegnahm, ohne daß sie merkte, was es
-eigentlich war.
-
-Bevor er einschlief, dachte er auf einmal, scheinbar ohne Zusammenhang
-mit seinen Vorstellungen, an Hull. Hull war ihm in einer plötzlichen
-Erleuchtung wie ein Symbol des jungen Mannes der Zeit. Verbunden mit
-einem aufgedonnerten Nichts von einem Weib, das sich auf einer Bühne mit
-Talent zur Schau stellte. Elegant gekleidet, ohne elegant zu sein.
-Ruhelos den nervenauftreibenden Nächten ergeben und in einem Leben
-zwischen Spieltisch, Nachtlokal und Tänzerinnenbett Erfüllung suchend,
-wo es ihm gar nicht so ums Herz war und er mit mehr Genugtuung und
-Selbstverständlichkeit einen Gutshof geführt oder ein angesehenes,
-ruhiges Amt verwaltet und dazu gesetzliche Kinder gezeugt hätte, wenn er
-nur den Dreh gefunden ...
-
-Sie spielten alle so Kraftmenschen auf ihren Nerven und Sinnen und waren
-Bürger, zur Behäbigkeit neigend, denen Sinne mehr Qual als Lebensziel
-waren und die Nerven in kleinen, dünnen Bündeln sich zwischen arme Adern
-verbargen, zu schwach selbst, dem Leben diesen ruhigen Gang abzuringen,
-für den es von Haus aus bei ihnen bestimmt war ... diese
-Renaissance-Menschen zwischen Mitternacht und Morgenfrühe!
-
-Er telephonierte dann noch an die Polizei die Adresse des Spielhauses.
-Der Beamte, der Herrn Hull zu überwachen hätte, sollte sich gleich
-hinbegeben, aber nichts anderes tun, was er auch sähe, als den Herrn im
-Auge behalten, sobald der das Haus verließe.
-
- * * * * *
-
-Aber mitten in den festen Schlaf hämmerte das Telephon am Bett. Es war
-zwei Stunden nach Wenks Heimkehr. Er war gleich ganz wach. »Hier
-Staatsanwalt Wenk!« rief er, und er wußte, von einem Zusammenhang
-gepackt, der jenseits seiner klaren Vorstellungen auftrat, aber mit den
-Gedanken einig ging, unter denen er eingeschlafen war, daß dieses
-Gespräch, das in dem kleinen schwarzen Kasten auf seinem Nachttisch dort
-vor ihm seiner wartete, sich um Hull drehte ... in irgendeiner
-verhängnisvollen Weise Hull aus der tiefen Nacht der Stadt geheimnisvoll
-und gewaltsam hervorzerrte.
-
-»Hier Staatsanwalt Wenk!« rief er nochmals und war erregt durch seinen
-ganzen Körper.
-
-»Ja!« antwortete eine Stimme, »hier der diensttuende Polizeikommissar!«
-
-»Rasch!« sagte Wenk. Seine Phantasie durchfieberte ihm die Nerven. Was
-lauerte? Was lauerte?
-
-Die Stimme jenseits des Drahts überstürzte sich: »Der Herr namens Edgar
-Hull, der unter dem Schutz der Polizei stand ... der ist diese Nacht
-ermordet worden. Auf der offenen Straße! Um zwei Uhr etwa. Ein anderer
-Herr namens Karstens schwer verwundet. Der Beamte, der den Ermordeten zu
-überwachen hatte, ist ebenfalls verwundet. Beide sind ins Krankenhaus
-transportiert worden. Eine Dame, die bei den Herren war, ist auf
-Veranlassung des verwundeten Beamten verhaftet worden. Den Ermordeten
-habe ich am Tatort liegen zu lassen befohlen, bis der Herr Staatsanwalt
-persönlich erscheint. Das Dienstauto ist unterwegs zum Herrn
-Staatsanwalt. Schluß!«
-
-»Schluß!« zitterte Wenks Stimme nach.
-
-Er hastete in seine Kleider. Das Auto hupte schon herauf. Wenk stürzte
-durch den dunklen Treppengang hinab, vergaß Licht zu machen. Dann, als
-er das Auto in der finsteren Straße hörte, seine Umrisse sah, biß er die
-Kiefer aufeinander und erkannte die Notwendigkeit, nun mit festem Gemüt
-diesen Tod hinzunehmen, an dem er beteiligt war, und seiner Pflicht
-nachzugehen über die Blutlache in der nächtlichen Straße hinweg, sich
-ganz einsetzend, um ganz handeln zu können.
-
-In der Fahrt zwang etwas ihn immer wieder, sich selber zu bespiegeln:
-Ich hätte nicht zittern sollen, als die Nachricht mich traf. Ich muß es
-so weit bringen, daß ich meinen eignen Tod ohne zurückzuschrecken
-hinnehmen könnte. Ich muß mich weiter erziehen. Ich muß alle Liebhaberei
-zu Lebensziel erstarken lassen. Dann erst kann ich meinen Plänen
-gewachsen sein.
-
-... Hulls Leiche lag im Finstern.
-
-Vier Umrisse von schwarzen Männern umstanden sie und traten zurück, als
-der Staatsanwalt dem Auto entstieg. Wenk bat sie -- es waren Polizisten
---, die Zugänge zu der Straße zu bewachen und niemanden an den Tatort
-herangelangen zu lassen. Dieser lag in den finstern Straßenbiegungen
-hinter dem Wittelsbacher Palast. In den Häusern zeigte sich kein Mensch.
-
-Ein Beamter sagte, Privatpersonen seien seit der Tat nicht
-vorbeigekommen.
-
-Es war drei Uhr früh.
-
-Mit einer elektrischen Lampe leuchtete Wenk die Leiche ab. Sie hatte
-einen tiefen Stich vom Hals bis in den Rücken. Sie lag mit dem Gesicht
-auf der Erde. So hatten die Polizisten sie gefunden, als ihr Kollege
-blutend, die Augen von Pfeffer erblindet, sie herbeigepfiffen hatte. Die
-Leiche war starr und wie ein gebogener Baumstamm aufgekrampft. Das Blut,
-das den Wunden entflossen, glänzte im Licht wie schwarzer Marmor.
-
-Wenk war durchzuckt von grausigen Vorstellungen, die er zu besiegen
-trachtete. Er versuchte sich den Ort einzuprägen, die Lage der Leiche,
-die Hausnummern schrieb er sich auf. Versuchte, ob alle Türen und
-Fenster in der Nähe geschlossen waren. Ob Fußspuren zu sehen waren. Ob
-nicht Gegenstände herumlagen oder weiter in der Gasse zu finden waren
-... Nichts!
-
-Die Täter seien in den Park des Palastes geflüchtet, hatte einer der
-Beamten gesagt, und darin wie mit einem Schlag verschwunden.
-
-Wenk suchte die Mauern ab. Es war nichts zu bemerken.
-
-Ein Beamter ging ein Auto holen zur Fortschaffung der Leiche. »Bitte
-niemanden in die Straße lassen! Jeden, der herein will, zur Wache
-führen. Seien Sie höflich mit den Leuten, nicht wahr?« ordnete Wenk an.
-
-Er fuhr ins Krankenhaus, wo die Verwundeten lagen.
-
-Karstens war bewußtlos. Der Arzt berichtete, er habe einen schweren
-Stich mit einem schmalen, scheinbar vierkantigen Dolch im Rücken, und
-von einem Schlag mit einem stumpfen Gegenstand sei ihm aller
-Wahrscheinlichkeit nach die Schädeldecke eingeschlagen. Der Beamte war
-weniger schwer verwundet. Die Stichwaffe hatte ihm mehrere Fleischwunden
-verursacht. Schulter und Oberarm waren ihm verbunden. Aber er konnte
-noch kaum die Augen öffnen.
-
-Er erzählte:
-
-»Etwas vor zwei Uhr kam der Ermordete mit einem andern Herrn und einer
-Dame aus dem Haus, das mir bezeichnet worden war. Vor dem Haus hat ein
-Polizeibeamter gestanden. Das kam mir auffällig vor. Ich fragte mich:
-Weshalb steht der Polizeibeamte da, statt herumzugehen? Ich sah ihn
-wenigstens eine Stunde so stehen. Dann wollte ich ihn anreden. Ich ging
-auf ihn zu. Er sagte mir barsch: >Was wollen Sie? Gehen Sie weiter!< und
-rückte mir bedrohend entgegen. Ich wollte ihm meine Erkennungsmarke
-zeigen. In diesem Augenblick aber öffnete sich die Tür, und ich sah, daß
-einer herauskam, in dem ich trotz der Finsternis gleich Herrn Hull
-erkannte. Der Polizist drängte mich weg. Ich wollte zuerst kein Aufsehen
-machen und ließ mich abdrängen. Ich sah, daß mit Herrn Hull noch die
-Dame und ein anderer Herr war.
-
-»Sie gingen rasch in der Richtung der Ludwigstraße davon. Ich war mit
-dem Polizisten etwa drei Häuser in der entgegengesetzten Richtung. Da
-wandte er sich zum Haus zurück und sagte mir: >Nun gehen Sie im Guten!<
-Ich kümmerte mich nun nicht weiter um ihn und folgte in einem Abstand,
-der ziemlich groß war, den drei Herrschaften. Sie bogen aus der
-Türkenstraße in die Gabelsbergerstraße ein und verschwanden mir.
-
-»Ich eilte nach und sah sie nicht mehr. Sie konnten aber höchstens bis
-zur Jägerstraße gekommen sein. Da lief ich. Ich lief in die Jägerstraße
-hinein. Plötzlich hörte ich Schreie. Sie waren ganz unterdrückt und
-spitz. Ich wußte vom Feld her, daß so Menschen schreien, die im
-Todesschrecken sind. Ich begann gleich, bevor ich noch jemanden sah, in
-meine Signalpfeife zu blasen und lief, was ich konnte, in die Gasse
-hinein. Zugleich zog ich meinen Revolver.
-
-»Ich kam aber nicht weit. Auf einmal ward ich von hinten umfaßt. Meine
-Augen brannten mich furchtbar. Ich spürte einen Stich in der Schulter.
-Ich wollte meinen Revolver abdrücken, aber ich hatte ihn nicht mehr in
-der Hand. Mein Arm war mir ganz lahm. Da dachte ich, es sei am besten,
-ich werfe mich nieder und tue so, als ob ich tot sei. Das hatte unser
-Herr Major uns im Feld so angeraten. Da lag ich dann, und einer saß auf
-mir und hieb mit etwas auf mich ein, indem er mir den Mund zuhielt.
-Vielleicht waren es auch zwei. Ich sah es nicht, denn ich schloß die
-Augen. Sie müssen aus einer Haustür auf mich losgestürzt sein. Ich war
-dann halb betäubt.
-
-»Wie es weiterging, weiß ich nicht mehr genau. Ich hörte nur Schritte
-laufen. Ich wurde aufgehoben. Es war ein Kollege. Ich sagte ihm rasch
-alles, was ich erlebt hatte. Da lief er weiter in die Gasse. Ein zweiter
-kam angelaufen. >Polizei?< fragte ich ihm laut entgegen. >Ja!< rief er
-zurück, >was ist los?< -- >Lauf um die Ecke, rasch!< rief ich.
-
-»Ich zwang mich aufzustehen und fühlte, daß ich nicht so schwer
-verwundet sein konnte. Nur die Augen vermochte ich nicht zu öffnen. Sie
-hatten mir Pfeffer hineingerieben. Ich tastete mich um die Ecke. Ich
-konnte aber gar nichts sehen.
-
-»Der Lärm führte mich zum Tatort. Ich hörte, wie einer sprach und eine
-Frauenstimme antwortete. >Was ist?< fragte ich. Da sagte die Stimme:
->Der eine hat gesagt, wir sollten das Frauenzimmer verhaften.<
-
-»>Wer sind Sie, Frau?< fragte ich.
-
-»Da antwortete die Frauenstimme:
-
-»>Ich bin Künstlerin. Ich bin die Freundin von Herrn Hull. Was will man
-mit mir?<
-
-»Ich sagte: >Wenn der Herr das gesagt hat, so verhafte sie!<
-
-»Sie wehrte sich. Sie sagte: >Ich wünsche sofort den Herrn Staatsanwalt
-von Wenk zu sprechen.<
-
-»>Später!< sagte der Beamte.
-
-»Da wollte sie fortlaufen. Aber das ging alles viel mehr durcheinander,
-als ich es so erzählen kann. Dann mußte der Kollege sie fesseln, so
-wehrte sie sich, und da hörte ich, wie sie >Georch!< rief.
-
-»>Verhaftet sie! Verhaftet sie!< rief ich da.
-
-»Weiter weiß ich nichts mehr. Ich verlor dann das Bewußtsein und bin
-erst im Krankenwagen wieder zu mir gekommen. Ich bin schwer verwundet.
-Herr Staatsanwalt, sagen Sie mir die Wahrheit: Muß ich sterben?«
-
-Da lachte ihn der Arzt aus.
-
-»Der Herr Staatsanwalt soll es mir selber sagen. Dem Doktor ist es Beruf
-zu sagen, daß man nicht stirbt.«
-
-»Aber, Herr Boß, wie können Sie auch nur ans Sterben denken«, sagte
-ebenfalls lachend der Staatsanwalt. »Sie haben einige heftige
-Fleischwunden und Beulen. Damit stirbt ein Mann wie Sie nicht!«
-
-»Herr Staatsanwalt, ich hab' meine Pflicht getan!« sagte der Verwundete.
-Seine Stimme begann zu zittern, dann löste sich die verballte Spannung,
-und er weinte tief und ruhig.
-
-»Mehr weiß ... ich nicht ... Ich hab' ... meine Pflicht ... getan!«
-
-»Das brauchen Sie nicht zu versichern,« sagte ihm Wenk, »wer seine Haut
-dransetzt, tut immer seine Pflicht. Wertvolleres als das kann niemand
-dran wagen! Aber, Herr Boß, nicht wahr, eines versprechen Sie mir gegen
-Handschlag: Es wird nichts von dem, was Sie heute nacht erlebt oder
-gesehen haben, weitererzählt ... Herr Doktor, auch Sie bitte ich darum.
-Es steht viel auf dem Spiel, und zwar für die Allgemeinheit. Ich lege es
-Ihnen sehr, sehr ans Herz! Es handelt sich nicht um ein Verbrechen,
-sondern um eine Verbrechergeneration.«
-
-Von dem Beamten, der zuerst an Ort und Stelle war, ließ sich Wenk
-erzählen, daß er einige Gestalten noch an der Mauer des Parks gesehen
-habe. Die Finsternis verhinderte, ihre Zahl festzustellen. Er konnte sie
-auch nicht beschreiben. Er ward aufgehalten durch den einen Herrn, der
-versuchte sich aufzurichten und sich an seinem Beinkleid anhielt, und
-der ein paarmal sagte: »Frau verhaften ... Frau verhaften ...«
-
-»Dann erst fiel er hin und ließ mich los,« erzählte der Beamte weiter.
-»Ich konnte nun erst den Schritten nachlaufen und sah die Gestalten an
-der Parkmauer. Aber als ich am Fuß der Mauer war, war nichts mehr von
-ihnen da. Die Täter müssen sich gegenseitig auf die Mauer hinaufgeholfen
-haben. Ich wollte ihnen gleich nach, kam aber nicht hinauf, denn es war
-viel zu hoch. Da ging ich zurück zum Tatort.«
-
-»Und die Frau?« fragte Wenk. »Was geschah dann mit der?«
-
-»Ich hatte den Eindruck ...«
-
-»Nein, Herr Stamm, nicht Ihren Eindruck will ich kennenlernen, sondern
-nur, was Sie mit Ihren Augen gesehen und mit Ihren Ohren gehört haben.
-Seien Sie darin sehr gewissenhaft, nicht wahr?«
-
-»Jawohl, Herr Staatsanwalt. Als ich zurückkam, hielt ein Kollege die
-Frau fest. Ich rief ihm zu: >Verhafte sie! Der Herr dort hat es gesagt.
-Verhafte sie auf alle Fälle. Halt sie fest! Laß sie nicht fort!< Wir
-waren alle ein wenig aufgeregt. Sie rief, sie wolle den Herrn
-Staatsanwalt von Wenk sprechen. Sie wollte sich nicht verhaften lassen.
-Sie setzte uns Widerstand entgegen. Da haben wir ihr die Hände
-zusammengebunden. Wir waren zu zweit und mußten dem überfallenen und
-verwundeten Kollegen helfen. Wir wußten noch gar nicht, was los war.
-Dann erst hatten wir ...«
-
-»Wir? Erzählen Sie nur, was Sie gesehen haben ...«
-
-»Dann erst suchte ich zu erkennen, was geschehen war. Einer lag im Blut
-am Boden. Er schien tot zu sein; denn er war ganz starr. Der andere
-stöhnte. Nun kam ein dritter Polizist. Wir schickten ihn zum Telephon
-wegen des Sanitätswagens und wegen Benachrichtigung der Kriminalpolizei
-und des Herrn Staatsanwalts. Darum hatte der Kollege Boß gebeten. Wir
-sollten das zuerst tun, hatte er gesagt.«
-
-»Was tat die Frau in dieser Zeit?«
-
-»Der zweite Kollege ging mit ihr zur Wache!«
-
-»Unterbrechen Sie Ihre Erzählung, Herr Stamm, bis ich mit diesem
-gesprochen habe. Wie heißt er? Halten Sie sich weiter bereit, nicht
-wahr? Und kein Wort über den Vorfall außeramtlich erzählen, auch nicht
-Ihrer Frau. Sie geben mir Ihr Ehrenwort!«
-
-»Jawohl, Herr Staatsanwalt. Der Kollege heißt Wasserschmidt.«
-
-Wasserschmidt kam. »Sie haben eine Frau in der Nacht verhaftet, die bei
-dem Überfall auf die beiden Herren dabei war?« fragte Wenk. »Weshalb
-taten Sie das?«
-
-»Weil Polizist Stamm sagte, der eine der Überfallenen habe es ihm
-zugerufen, bevor er ohnmächtig wurde. Und auch der Kollege Boß hat mich
-dazu aufgefordert.«
-
-In diesem Augenblick ging das Telephon des Amtszimmers in der
-Kriminalpolizei, in der Wenk diese Berichte entgegennahm. Wenk nahm den
-Horcher. »Bitte?« fragte er.
-
-»Hier Nachtredaktion der Anzeigen! Es wird uns soeben von einem Mord
-berichtet ...«
-
-»Einen Augenblick,« rief Wenk aufgeregt zurück. »Wer hat Ihnen das
-berichtet?«
-
-»Ich kann Ihnen das sagen, ohne das Redaktionsgeheimnis zu verletzen,
-denn es geschah sozusagen anonym. Es klingelte an der Nachtglocke. Ich
-ging ans Fenster und sah einen Mann sich entfernen. Er rief herauf, als
-ich öffnete, und fragte, was denn los sei ... >Im Briefkasten!< Da ging
-ich hinunter, und es lag ein Brief im Kasten. Da stand es drin.«
-
-»Können Sie mir vorlesen, was in dem Brief stand? Hier Staatsanwalt
-Wenk!«
-
-»Ja gewiß, einen Augenblick, Herr Staatsanwalt. Also es steht drin:
->Heut nacht wurde der Privatier Edgar Hull in der Jägerstraße überfallen
-und ermordet. Die Täter sind entkommen. Es scheint sich um einen
-Racheakt zu handeln. Der Ermordete verkehrte in Spielerkreisen.< Das ist
-alles.«
-
-»Weiß außer Ihnen jemand in der Zeitung von dem Brief?«
-
-»Nein!«
-
-»Können Sie mir diesen Brief sofort persönlich bringen? Ich schicke
-Ihnen ein Dienstauto.«
-
-»Herr Staatsanwalt, das hat Schwierigkeiten. Ich bin allein und muß die
-Redaktion fertigmachen!«
-
-»Wie ist doch Ihr Name, Herr Redakteur?«
-
-»Grube!«
-
-»Also Herr Grube, das hat gar keine Schwierigkeiten, wenn ich Ihnen sehr
-bestimmt sage, daß Ihr sofortiges Herkommen äußerst wichtig ist und
-wichtiger, als daß morgen zur schwarzgebackenen weißen Semmel der Herr
-Hubermeier eine solche Nachricht mit verzehren kann.«
-
-»Meine Pflicht ist ...«
-
-»Verübeln Sie mir nicht, wenn ich Ihnen aus Mangel an Zeit nichts
-anderes mehr sage, als daß in diesem Augenblick das Polizeiauto zu Ihnen
-fährt, um Sie herzubringen. Der Beamte ist ausgestattet mit allen
-Befugnissen. Schließen Sie die Redaktion Ihrer Depeschen bitte so, daß
-das Blatt gedruckt werden kann ohne die Mitteilung, die Sie mir gerade
-über einen Mord machten. Auf Wiedersehen, Herr Grube. Schluß!«
-
-Wenk schickte gleich das Auto.
-
-»Also, Herr Wasserschmidt, bitte weiter. Die Dame hat Widerstand
-geleistet. Wie machte sie das?«
-
-»Sie lief einige Schritte von mir fort auf die Mauer des
-Wittelsbachpalastes zu, wohin die Täter gelaufen waren, und rief den
-Namen: Georg!«
-
-»Das haben Sie gehört?«
-
-»Ja, ganz deutlich. Sie sprach es aus: >Georch!< Ganz genau! Und weil
-sie auch noch auf diese Mauer zulief, habe ich nicht lange gespaßt und
-ihr die Hände gebunden.«
-
-»Was tat die Dame dann?«
-
-»Dann war sie ruhig und ließ sich abführen. Unterwegs sagte sie noch:
->Ich kann doch wohl gleich mit dem Herrn Staatsanwalt von Wenk
-sprechen?<«
-
-»Da müssen Sie wohl schon warten, bis der Herr Staatsanwalt morgen
-gefrühstückt hat,« sagte ich.
-
-»Vielleicht telephonisch,« bat sie nun sehr höflich.
-
-Ich sagte: »Wahrscheinlich nicht.«
-
-»Und später? Wo ist die Dame?«
-
-»Noch auf der Wache. Sie sprach ganz ruhig und sagte noch: >Das ist ein
-böser Mißgriff von Ihnen, lieber Freund. Ich hoffe, beim Herrn
-Staatsanwalt ein gutes Wort für Sie einlegen zu können. Denn schließlich
-erfüllen Sie nur Ihre Pflicht. Ich war ja selber bei den überfallenen
-Herren, und der Herr Staatsanwalt war auch mit. Er ging nur früher heim.
-Sonst hätte er alles selber mitgemacht< ... >Warten wir ab!< sagte ich
-darauf nur.«
-
-»Haben Sie ihr vielleicht gesagt, weshalb Sie sie verhaftet haben?«
-
-»Nein, kein Wort!«
-
-»Das ist gut. Bleiben Sie im Nebenzimmer.«
-
-Wenk bat noch andere Schutzleute herein. Dann kam der Redakteur. Er
-protestierte laut, es sei eine Vergewaltigung der Presse durch eine
-Behörde, was man ihm antue, und die Zeitung ...
-
-»Wenn für Sie Ihre Zeitung dazu da ist, um den Lesern so rasch und
-kopflos unzusammenhängend, wie es Ihnen berichtet wird, stets als
-Klatsch das Allerneueste vorzuschwatzen, sei es ein Mord oder ein mit
-Unglück endigender Liebeshandel, nur weil es Klatsch ist ..., so haben
-Sie recht. Sie haben aber kein Recht, von vornherein einer Behörde, die
-dazu da ist, etwas ungleich Wichtigeres zu vollziehen als dumme Leute
-mit Klatschprimeurs zufriedenzustellen ...«
-
-»Sie ...,« stotterte erregt der Redakteur, »... versuchen die Presse zu
-knebeln. Wir leben nicht mehr im alten System. Der Landtag wird ...«
-
-»Ich habe jetzt keine Zeit, mich mit dem Landtag zu befassen. Wollen Sie
-mir bitte den Brief geben, von dem Sie telephonierten!«
-
-»Ich bedaure,« sagte der Redakteur, jetzt mit sieghafter Schlauheit.
-»Das ist Redaktionsgeheimnis.«
-
-»Verzeihen Sie, Herr Grube, Sie sind ein Narr. Ich achte jedes
-Redaktionsgeheimnis, das die Interessen einer Allgemeinheit schützt. Die
-Weigerung, diesen Brief herzugeben, verletzt sie aber nur. Bevor ich
-Ihnen nun dieses Redaktionsgeheimnis mit Gewalt aus der Tasche nehmen
-lasse, indem ich Sie auf die strafrechtlichen Folgen Ihres Widerstandes
-aufmerksam mache, sage ich Ihnen, daß dieser Brief das einzige Material
-ist, das uns bis jetzt über eine ungeheuer gefährliche Mordgeschichte
-zur Verfügung steht. Vielleicht nehmen Sie dann Vernunft an und
-verbocken sich nicht länger hinter einer Berufspflicht, die ich, wie
-gesagt, anerkenne, aber sehr weit hinter die Interessen einordne, die
-mich beschäftigen.«
-
-Grube wurde unsicher. Schließlich langte er das Papier heraus und
-stammelte dazu: »Unter Protest ...«
-
-»Haben Sie noch etwas von dem Mann gesehen, der es brachte? Etwas
-erkannt an ihm?«
-
-»Es fiel nur wenig Licht aus meinem Fenster auf die Straße. Ich glaubte
-bloß zu sehen, daß er gut gekleidet war. Jedenfalls trug er einen
-Zylinderhut. Eine Zeit, nachdem er in der Straße verschwunden war, hörte
-ich in der Richtung, in der er sich entfernt hatte, ein Auto
-davonfahren. Ich nehme an, daß es das seinige war.«
-
-»Herr Grube, Sie sind so freundlich und lassen mir diesen Brief. Sie
-werden in einem der aufregendsten Prozesse der letzten Jahre ein
-Hauptzeuge sein. Ich bitte Sie um Ihr Ehrenwort, vollkommenes Schweigen
-über den Brief und alles, was mit ihm zusammenhängt, zu bewahren.«
-
-Grube, nun gefügig unter den Schauern, die ihn überrannen, entflammt für
-die Sache, gegen die er sich gerade aufgelehnt hatte, sagte laut: »Sie
-haben es! Ich steh' ganz zu Ihrer Verfügung. Das ist etwas anderes!«
-
-»Mein Auto wird Sie zurückbringen. Bitte hinterlassen Sie Ihrem Herrn
-Chefredakteur, daß ich ihn zu sprechen wünsche, sobald er mir zur
-Verfügung stehen kann.«
-
-Der Redakteur ging.
-
-
-
-
- VIII
-
-
-Wenk blieb allein. Er war innerlich ganz kühl. Er hatte vermocht, alles,
-was das Verbrechen an Schrecken und Grauen erregender menschlicher
-Anteilnahme in ihm aufgewühlt, ruhig zu unterdrücken.
-
-Den Beweggrund des Mordes kannte er. Es war nicht Rache, sondern etwas
-viel Gefährlicheres und viel Böseres. Es war Terror! Das verriet ihm der
-Brief an die Zeitung, der den Mord über die Polizei hinweg bekanntmachen
-sollte. Es war Terror gegen die alle, die sich als Opfer des Spielglücks
-jenes blondbärtigen Mannes fühlten.
-
-Wieviel durfte dieser Spieler wagen, daß er selber sein Verbrechen der
-Zeitung mitteilte, damit es so wirkte, wie er es haben wollte? Wieviel
-Menschen hatte er im Sold, um ein Verbrechen auf diese weit vorbereitete
-große Art ausführen zu können? Was waren das für Menschen? Was für
-Beispiele gab er den Phantasien jener Menschen, die noch unentschieden
-zwischen Gut und Böse sich hielten? Was für Zuläufer mochte das
-Bekanntwerden der Tat ihm wieder sichern?
-
-Hull war tot, weil er ihm, dem Staatsanwalt, das Erlebnis mit dem
-Wechsel erzählt hatte und weil der falsche Herr Balling ein Beispiel
-aufstellen wollte, wie es denen erginge, die sich gegen ihn richteten.
-Vielleicht, ja wahrscheinlich war der Anschlag auch mit auf ihn geplant
-gewesen, und er war nur gerettet worden, weil sein Unwille ihn aus jenem
-Hause davongetrieben hatte.
-
-Nun war es vielleicht unmöglich, aus taktischen Gründen unmöglich, das
-Haus »Fort« schließen zu lassen ... Es mußte, wie so viele
-seinesgleichen, als Falle geduldet werden.
-
-Und die Carozza? Werde ich sie zum Verraten bringen können, wem sie als
-Treiberin gedient hat? Was? ... Wen verraten? ... Und habe ich ihn dann,
-wenn ich schon einen Namen und vielleicht eine Hausnummer weiß? Kenne
-ich seine Geheimnisse? Seine Vorsichtsmaßregeln gegen mich?
-
-Ich werde noch nicht zur Carozza gehen. Ich werde sie in Haft setzen
-lassen, sie warten lassen ... Dann sieht sie, daß sie sich keines Guten
-zu versehen hat. Sie ist lasterhaft, verweichlicht ... Vielleicht macht
-sie das von selber mürb?
-
-Aber zuletzt entschloß sich Wenk doch anders. Nein! sagte er, ganz das
-Gegenteil werde ich machen. Ich werde sie durch Anteilnahme
-einschläfern. Sie ist schlau, aber sie gehört zum Theater. Je mehr es
-mir gelingt, die genauen Ränder der Ereignisse, die zu ihrer Verhaftung
-führten, in vor Teilnahme triefenden Reden verschwimmen zu machen, um so
-unbedachter geht sie mir zu.
-
-Da fuhr er gleich zur Wache. Sie saß auf einem Stuhl in einer
-Nebenkammer.
-
-Wenk stürzte auf sie zu: »Aber Fräulein ... Fräulein, was hat man mit
-Ihnen gemacht? Erst jetzt telephoniert man mir, was geschehen ist. Es
-ist gut, daß Sie an mich gedacht haben!«
-
-»O, Herr Staatsanwalt, Engel, der in meinen Kerker Licht bringt!
-Verlassen wir diesen Raum! Gleich! Keine Minute kann ich länger hier
-atmen! Furchtbar!«
-
-Sie zog voran gegen die Tür ...
-
-»Ja, nun muß ich Ihnen allerdings die Enttäuschung bereiten, die ich
-gefürchtet habe. Wir leben in einem Staat, liebes Fräulein. Jeder Staat
-ist grausam. Da gibt es Beamte, jeder für seinen kleinen Kreis und darf
-darüber hinaus nicht verfügen. Ich bin Staatsanwalt. Aber der
-Staatsanwalt ist nur da, um anzuklagen, und nicht, um Unschuldige zu
-befreien.«
-
-»Und dann?« fragte die Carozza auf einmal hart.
-
-Der Ton dieser Stimme warnte Wenk. Er wurde schichtweise sachlicher.
-»Ihr Fall hängt nämlich vorerst nicht von mir ab, sondern vom
-Untersuchungsrichter. Ein Verhör durch ihn müssen Sie sich schon noch
-gefallen lassen. Das ist peinlich. Aber die Verkettung der Umstände ist
-schuld daran.«
-
-»Und Sie?« fragte die Carozza.
-
-»Ja, ich? Ich kann nichts anderes tun, als dem Richter sagen, daß wir
-alte Bekannte sind und daß ich Sie der Teilnahme an einem solchen
-Verbrechen nicht für fähig halte.«
-
-»Weshalb kamen Sie denn her? Sie sind ja der Untersuchungsrichter
-nicht.«
-
-Da merkte Wenk, daß sie ihn durchschaut hatte. Er wußte damit wohl, daß
-sie ihm entglitten sei, aber wußte zugleich auch: Sie ist schuldig!
-
-»Ich komme her wegen eines kleinen Umstandes. Ich will Ihnen helfen,«
-sagte er rasch. »Sie haben dem Beamten Widerstand geleistet?«
-
-»Welche Frau läßt sich widerstandslos von Rüpeln von Polizeihunden
-anfallen?«
-
-»Ja, gewiß, die Lage war an vielem schuld, daß Sie sich unbesonnen
-benahmen und die Beamten zu ihrem Vorgehen zwangen.«
-
-»Ich bin eine bekannte Künstlerin. Mein Name hätte ihnen Gewähr geben
-sollen!«
-
-»Haben Sie denn den Beamten Ihren Namen genannt?«
-
-»Jawohl! Jawohl! Sofort!«
-
-»Das haben die mir merkwürdigerweise nicht gesagt. Sie nannten mir einen
-anderen Namen, den Sie gerufen hätten!«
-
-Da sah Wenk, wie die Carozza ihn mit einem raschen, im Haß noch
-prüfenden Blick bewarf. Sie schaute gleich wieder fort und trommelte
-ungeduldig mit den Fingern auf ihre Knie.
-
-»O, einen anderen Namen! Merkwürdig! Mein Name ist doch bekannt genug!
-Umworben genug! Was wäre das für ein sonderbarer anderer Name gewesen?«
-
-»Der Beamte nannte den Namen Georg.«
-
-Es ging nichts vor im Gesicht der Frau, als Wenk das sagte. »So hat er
-schlecht gehört. Ich heiße, wie Ihnen bekannt ist, nicht Georg!« sagte
-sie gleichgültig.
-
-»Es hat aber auch ein zweiter Beamter diesen Namen aus Ihrem Munde
-gehört. Das ist es ja!«
-
-»Sonderbar!« sagte nach einer Weile des Nachdenkens die Carozza. »Mein
-Mann hieß Georg! Sollte ich in der Aufregung ...«
-
-»Nun, dann ist ja alles klar. Das ist begreiflich. Nur wußte niemand,
-daß Sie verheiratet waren.«
-
-»Sind!«
-
-»Noch sind! Ja, das ist etwas anderes. Soll ich Ihren Gatten
-benachrichtigen? Oder haben Sie vielleicht keine Beziehungen mehr zu
-ihm?«
-
-»Doch! Seine Adresse ist Frankfurt am Main, Eschenheimer Landstraße 234
-... Georg Strümpfli heißt er.«
-
-»Es wird ihm peinlich sein. Fürchten Sie keine Schwierigkeiten, weil
-durch das Ereignis ja nun Ihr Name, geknüpft an den des ermordeten Hull,
-in die Öffentlichkeit kommt?«
-
-Da riß die Carozza den Mund auf. Sie fiel auf den Stuhl zurück. Sie
-rief: »Ermordet ... Hull ...,« und sank dann vom Stuhl auf den Boden.
-
-Wenk war Augenblicke unsicher. Er entschloß sich dann aber, diesen
-Anfall nicht zu glauben. Er hob sie auf das Lager. Dann ging er, ohne
-sich noch um sie zu kümmern. Er befahl den Beamten, scharf auf die Dame
-aufzupassen und vor allem niemanden zu ihr, ja nicht einmal in die
-Wachtstube zu lassen. Die Waffen seien schußbereit zu halten.
-
-Er fuhr zur Polizeidirektion zurück, verständigte den Polizeiarzt und
-bat ihn, gleich hinzufahren und der Kranken in unauffälliger Weise auch
-die Kleider untersuchen zu lassen. Darauf schrieb er einen Haftbefehl
-für sie aus und gab ihn weiter. Er benachrichtigte noch das
-Informationsbureau der Polizeidirektion, jeden Journalisten, der etwa
-über den Fall Nachrichten erbitten komme, zu ihm zu senden, aber selber
-nichts zu sagen.
-
-Es war Tag geworden. Wenk nahm ein Bad und fuhr dann in die Redaktion
-der Anzeigen. Der Chefredakteur hatte ihn antelephoniert.
-
-Nachdem Wenk ihm erzählt hatte, was vorgefallen war, sagte er: »Was mich
-ermutigt hat, Ihre Zeit etwas zu beanspruchen, ist nun folgendes: Wenn
-es ein einzelner Mord wäre, würde ich der Berichterstattung meinetwegen,
-wenn auch ungern, freien Lauf lassen. Aber hinter diesem Überfall steht
-eine Gesellschaft, an ihrer Spitze ein Mann von scheinbar starken,
-vielseitigen Kräften. Er muß um sein verbrecherisches Leben eine ganze
-Organisation geschaffen haben, die allein den Zweck hat, es zu
-beschützen. Der Brief, den er vielleicht selber in Ihren Kasten geworfen
-hat, verrät, daß er darauf hielt, den Mord selber in einer seinen
-Zwecken passenden Form bekanntzugeben. Damit will er warnen. Das Opfer
-hat mir nämlich früher erzählt, daß es mit ihm in einer eigenartigen
-Weise zusammengetroffen sei. Er wußte das! Er will um seine Tätigkeit im
-Dunkeln eine Mauer des Terrors aufbauen. Man soll wissen, daß kein Leben
-sicher ist, das sich an seines wagt. Sie begreifen, eine wie schwere
-Gefahr solch ein Mensch in einer Zeit ist, die, erweicht und zerknetet
-einerseits und anderseits in allen bösen Instinkten gesteigert, wie sie
-der Krieg zurückließ, jeder Ansteckung zugänglich ist. Ganz können wir
-das Ereignis nicht unterdrücken. Ich möchte mich aber bemühen, es
-außerhalb seines Zusammenhangs, der mir bekannt ist, der Öffentlichkeit
-zu übergeben, damit die Phantasien nicht aus Mördern Volkshelden machen.
-Dabei bin ich auf Ihre und Ihrer Kollegen Mithilfe angewiesen. Darf ich
-Sie bitten, aufs strengste darüber zu wachen, daß keine Nachrichten über
-den Fall Hull veröffentlicht werden, die nicht durch meine Hände gingen?
-Wir sind in einer Zeit geistiger und seelischer Epidemien. Jeder, dem es
-um das Wohl des Ganzen zu tun ist, muß sich opfern.«
-
-»Gewiß!« sagte der Chefredakteur.
-
-»Ich möchte um nichts in der Welt dabei den Eindruck erwecken, als ob
-dieses Vorgehen von der Besserwisserei oder dem Allmachtsgefühl eines
-Gerichtsbeamten erwartet werde. Nichts liegt mir ferner!«
-
-»Ich bin auf dem laufenden,« antwortete der freundliche Redakteur.
-
-»So danke ich Ihnen und wünsche uns beiden fruchtbare Zusammenarbeit.
-Unser Volk ist in schwerer Lage.«
-
-Wenk wollte sich zu Bett legen, als er heimkam, und einige Stunden
-ruhen. Es war zehn Uhr geworden. Da brachte sein Chauffeur, der zugleich
-als Diener waltete, eine Visitenkarte: Gräfin Dusy Told.
-
-»Bitte, bitte!« rief Wenk lebhaft und ließ die Gräfin eintreten.
-
-»Hier wird uns zum Gegenstück doch nicht etwa eine besorgte Gattin
-stören, die für unsere Veranlagung nicht das nötige Verständnis hat?«
-sagte sie, indem sie Wenk die schlanke Hand herzlich hinhielt.
-
-»Das Glück einer Genossin ist mir nicht beschieden worden!« antwortete
-Wenk und empfand mit einer betörenden Süße die Nähe der Frau. Und
-dennoch stand sie vor ihm, wie etwas, das traumhaft in einem andern
-Leben lag, das er früher einmal geführt zu haben schien. Jetzt, hinter
-den Ereignissen der Nacht, fehlte ihm der Mut, an die Gefühle der Liebe
-und des Begehrens als an etwas Wirkliches zu denken.
-
-Die Frau stand vor ihm. Er fand kein Wort für sie, und sie selber, in
-deren Gedanken die Tatkraft des Mannes und der Flug seiner Seele nach
-großen Dingen weitergewirkt hatten, wurde vor diesem Schweigen verlegen,
-weil es ihr wie eine Bestätigung eigner Empfindungen vorkam. Ja, sagte
-es in ihr, gewiß, was ich für ihn jetzt fühle, ist ... Aber sie drückte
-sich an dem Wort Liebe vorbei. Sie errötete darob. Wenk sah es. Ein
-Schauer ging durch ihn. Er kämpfte mit sich. Er beugte sich auf ihre
-Hand nieder.
-
-Aber da stand auf einmal die Leiche des Ermordeten aus seinen Gefühlen
-auf, und er war nicht mehr so kühn, in einem Wort oder einer Gebärde die
-betörte Benommenheit seines Herzens mitzuteilen. Er bot der Gräfin einen
-Sessel an, und während er selber sich einen zweiten holte, kam ihm ein
-Einfall, der wie eine Errettung aus dem Zwiespalt mit einemmal seine
-ganze Vorstellungskraft überschwemmte: Er wollte diese Frau, die er
-liebte, und der er nicht gleichgültig war, seinem Unternehmen
-verknüpfen, und aus gemeinsamem Werk mochte ihnen die Ernte reifen.
-
-Da sagte er ihr: »Diese Nacht ist ein gemeinsamer Bekannter von uns,
-Hull, ermordet worden. Karstens ist schwer verletzt. Ich entging, weil
-ich zufällig zwei Stunden früher das neue Lokal verlassen hatte, in das
-wir gelockt worden waren. Den Anstifter glaube ich zu kennen. Es ist
-wieder der blondbärtige Spieler und alte Professor. Die Täter entkamen
-spurlos, aber wir haben eine sonderbare Verhaftung vorgenommen, die eine
-Ihnen ebenfalls bekannte Dame betrifft. Es ist die Carozza. Sie wissen
-von ihrem Verhältnis zu Hull. Ich habe allerdings kaum mehr als
-Gefühlsbeweise für ihre Schuld. Aber ich wüßte ein Mittel, ihr die Zunge
-zu lösen: wenn Sie, Frau Gräfin, das Wagnis unternähmen, sich ebenfalls
-verhaften zu lassen, so trüge ich Sorge dafür, daß Sie mit der Carozza
-in einer Zelle untergebracht würden. Sie kennt Sie nicht als Gräfin
-Told, sondern als eine Dame aus ihren eignen Kreisen. Stellen Sie Ihr
-Vergehen als geringfügig hin, daß Sie bald wieder herauskämen, selbst
-wenn Sie wegen Teilnahme an verbotenem Spiel verurteilt werden müßten
-... Versprechen Sie ihr zu helfen ... bei einer Flucht etwa ... Vorher
-müßten Sie ihr weis gemacht haben, daß die Lage der Carozza sehr
-gefährdet sei. Vielleicht Verhaftungen in derselben Sache erfinden ...
-Sie wird Ihnen dann wahrscheinlich sagen, wer für ihre Flucht mobil zu
-machen sei. Sie verstehen, Frau Gräfin. Und wir können den Verbrecher
-unschädlich machen. Ist das nicht ein geradezu tolles Ansinnen?«
-
-»Ich erfülle Ihren Wunsch!« antwortete, ohne sich zu besinnen, die
-Gräfin. Ihre Stimme klang wie heißgelaufen. Wenk war ängstlich berührt
-von der Heftigkeit, von der hektischen Hingabe, mit der diese schöne,
-vornehme Dame seinen Einfall hinnahm.
-
-»Mir hat das ja gerade gefehlt,« sagte mit leisem Ton die Frau, »etwas
-zu tun, nützlich zu sein, in einem kühnen Werk der Einsatz des Lebens,
-um das Leben zu spüren.«
-
-»Und das haben Sie in den Spielräumen gesucht?« sagte er.
-
-»Ich weiß es nicht genau. Ich fühlte mich wohl in dieser Gesellschaft,
-weil ich keinen Rand sah. In meinem Kreis sah ich über alle Horizonte.
-Ich hielt das nicht aus. Ich bin Ihnen dankbar ...«
-
-Wenk wurde es heiß in den Augen. Ein Verlangen ergriff ihn, es quälte
-ihn, er quälte sich selber mit ihm, und fast brutal fragte er: »Und Ihr
-Mann?«
-
-Die Frau antwortete mild: »In jeder Ehe, das wissen Sie nicht aus
-Erfahrung, bleibt etwas unerfüllt von dem, was das Herz erwartet hat.
-Ich nehme meinem Mann nichts, wenn ich versuche, dieses Fehlende ohne
-ihn zu finden.«
-
-»Ich verehre Sie!« sagte Wenk. Ein leises Zittern ging durch seine
-Stimme.
-
-»Nein,« wehrte die Gräfin ab, »es ist Gesetz. Es ist natürlich. Und nun
-sagen Sie mir, was ich zu tun habe.«
-
-»Ich werde Sie an einem Tag, den Sie bestimmen, mit meinem Auto zum
-Gefängnisdirektor bringen, und wir werden mit ihm alles vereinbaren.
-Wann paßt es Ihnen?«
-
-»Am nächsten Samstag um diese Stunde.« Sie erhob sich.
-
-»Die grauen Mauern des Gefängnisses werden zu leuchten beginnen!« sagte
-Wenk.
-
-»Vor soviel Abenteuerei!« lachte die Gräfin.
-
-»Nein, Gnädigste, vor Ihrer Schönheit!«
-
-Und es war Wenk auf einmal, als liebte er sie mit einer Leidenschaft,
-die wie eine Flamme aus seinen Augen schlug, unsichtbar. Er beugte sich
-so tief über ihre Hand, daß er sein Gesicht verbarg. Sie drückte ihre
-Hand mit einer heißen, freien Regung sanft an sein Gesicht an zum
-Eingeständnis heimlicher Übereinstimmung und huschte davon.
-
-Draußen auf der Straße schoß ihr alles Blut zu Kopf. Sie sagte halblaut
-das Wort vor sich hin, das sie oben unterdrückt hatte: »Liebe ... Liebe
-...«
-
-Im Zimmer Wenks blieb ihr Duft. Wenk sog ihn ein. Dann hob er beide
-Hände vor sein Gesicht, und von einem Geheimnis und von Ahnungen dumpf
-dahin geführt, flüsterte er inbrünstig in die Dunkelheit hinein, die er
-so vor seine Augen legte: »Mord und Liebe! ... Mord und Liebe! ...«
-
- * * * * *
-
-Im Verlauf des Tages stieg das Gerücht des Mordes durch die Stadt. Es
-wand sich aus der trüben Ecke, wo Hull sein wertloses kleines Leben
-gelassen hatte. Es war ein dunkler Fleck geblieben. Das Pflaster war
-finster vom verwaschenen Blut gefärbt. Tauwetter hatte die Bodenrinne
-zwischen den Pflastersteinen weich und erdig gemacht. Die Erdkrumen
-hatten das Blut gierig zurückgesogen. Sie hatten sich daran berauscht.
-Und aus dem Rausch des handgroßen Erdflecks stieg das Scheusal auf, wand
-sich aus dem engen Winkel davon und errichtete sich durch die ganze
-Stadt.
-
-Es kamen Menschen, seine Geburtsstelle zu sehen, und tranken an der
-Quelle von den Schauern der Tat. Sie sahen das Ungeheuer aufstreben.
-Ihre Herzen sträubten sich vor dem Unwesen. Es trampfte zwischen ihnen
-durch, durch sie hindurch wie durch einen Nebel, körperlos ...
-eiskalter, flüssiger Geist. Es ward ein Lindwurm und ringelte durch die
-Gassen in die breite Ludwigstraße, rannte über die Plätze ins Herz der
-Stadt hinein, begann zu fließen nach allen Richtungen, durch die Straßen
-in die Häuser.
-
-Es rann wie eine dunkle Kloake. Es rann tagelang. Sein dumpfer,
-feuchtheißer Geruch von Auflösung ließ Angst in die Menschenporen
-dämpfen oder riß eine Kraft, die keinen guten Weg finden konnte, nach
-dem Bösen.
-
-In einer Vorstadtstraße wurde in der dritten Nacht später eine Dirne
-ermordet. Man fing den Mörder am nächsten Tag. Es war ein Arbeitsloser,
-eine aus dem Krieg übriggebliebene Phantasie, die in die Barbarei
-zurückgeirrt war. Er sagte, er habe nicht gewußt, was er tat, als er dem
-Mädchen die Hände an die Gurgel drückte. Es sei aus der finstern Straße
-etwas über ihn geflossen, es sei um die Ecke gekommen aus der
-Jägerstraße ... und das hätte ihn gezwungen.
-
-Ein Föhn durchfraß vom Gebirge her die Stadt. Er war weich und
-leidenschaftlich wie ein Menschenherz. Er brüllte den Frühling hinter
-sich her. Alle Lichter waren grell. Alle Schatten waren von einer
-wilden, jähzornigen Schwärze. Alle Herzen in zwei Farben gespalten.
-
-
-
-
- IX
-
-
-Um vier Uhr kam von Frankfurt ein telephonisches Gespräch: »Georg
-Strümpfli, Artist, geboren 1885 in Basel, hat an der mitgeteilten
-Adresse gewohnt vom 1. Januar bis 10. Dezember des vergangenen Jahres.
-Verzogen nach dem Ausland. Aufenthaltsort unbekannt. Eingetragen als
-verheiratet. Nationalität Schweizer.«
-
-Vom Einwohneramt wurde Wenk berichtet, die Carozza sei unter folgenden
-Angaben angemeldet: »Maria Strümpfli, geb. Essert, genannt Cara Carozza,
-Tänzerin, geboren in Brünn am 1. Mai 1892. Nach München verzogen von
-Kopenhagen.«
-
-Wenk sann nach, woher die Aussprache Georch für Georg kommen könne.
-Beide waren süddeutscher Sprache. Georch sagte man in Norddeutschland.
-
-Wenk suchte die Carozza nochmals auf. Sie war jetzt im Gefängnis. »Ich
-will nichts von Ihnen wissen,« sagte sie schroff zu Wenk. »Sie wollen
-mir helfen und bringen mich ins Gefängnis.«
-
-»Nicht ich! Das ist ein Irrtum. Der Untersuchungsrichter, wie ich Ihnen
-gleich sagte. Ich komme auch nur, um Sie über etwas aufzuklären. Was
-Ihnen die ganze Schwierigkeit bereitet, ist der Name, den Sie gerufen
-haben. Darüber streitet man jetzt.«
-
-»So. Sie scheinen Sorgen zu haben beim Gericht.«
-
-»Ha, das haben wir allerdings. Wenn Sie bereit wären, sie zu zerstreuen,
-könnten Sie uns und sich helfen. Sie sagten, Ihr Mann heiße ... Karl,
-nicht wahr, Karl Strümpfli?«
-
-»Und wenn Sie es nochmals vergessen, er heißt Georg!«
-
-»Er ist Schweizer?«
-
-»Sie haben sich erkundigt, wie ich merke.«
-
-»Gewiß. Also, er heißt Georg. Sagen Sie, es ist in Ihren Augen
-vielleicht eine dumme Frage: hatten Sie einen besonderen Namen für ihn?«
-
-»Nein!«
-
-»Nannten Sie ihn nie anders als ...?«
-
-»Nein, nur Georg! Wann kann ich hier fort?«
-
-»Das hängt vom Untersuchungsrichter ab.«
-
-»So soll der Herr endlich kommen. Es ist unwürdig für eine angesehene
-Künstlerin wie mich ...«
-
-»Das hat leider alles seinen vorgeschriebenen Gang. Ohne Anbetracht der
-Persönlichkeit, wie die Formel lautet. Mehr als meine Hilfe kann ich
-Ihnen nicht versprechen.«
-
-»Sie gehen wieder? Ohne mich?«
-
-»Mehr kann ich vorerst nicht tun,« sagte Wenk.
-
-Die Carozza wandte sich ab.
-
-Wenk begab sich an den Tatort. Er hatte zu Hause die Einwohnerlisten der
-Häuser durchstudiert, die an die Stelle stießen, an der der Überfall
-vorgekommen war. Besonders genau die Finkenstraße. Er nahm zwei
-Geheimpolizisten mit, darunter den Beamten, der die Täter bis an die
-Mauer verfolgt hatte.
-
-Er untersuchte die Mauer bei Tageslicht. Sie zeigte Kratzspuren von
-Schuhspitzen, und ganz oben war ein Blutfleck. Es mochte sein, daß einer
-hochgehoben wurde, der dort erst die Mauer mit den Händen berührte. Aus
-dem Fleck leuchtete das Blut des ermordeten Hull in den prallen
-Februartag.
-
-Wenk ging in die Häuser. Mehrere führten, wie er sah, nach hinten auf
-den Park. Er sprach mit jedem einzelnen der Bewohner dieser Häuser.
-Einige hatten Lärm in der Nacht gehört. Aber sie hatten sich nicht darum
-gekümmert, weil es das jetzt immer gab.
-
-»Und in den Häusern selber?« fragte Wenk. »Haben Sie da nichts gehört?«
-
-»Nein, da hatte niemand etwas gehört.«
-
-Wenk ging auf die andere Seite der Mauer in den Park. Es war nichts zu
-sehen als an einer Stelle Spuren von vielen Füßen. Da waren sie
-scheinbar abgesprungen. Man sah das an den Eindrücken, die ziemlich tief
-waren. Aber die Spuren waren mit einer Hacke verwischt, und es war
-Karbol darüber gegossen worden. Ein Blechgefäß lag da, das, wie der
-Geruch verriet, das Karbol enthalten hatte.
-
-Diese Vorsicht war zweifellos gegen die Polizeihunde gerichtet. Das
-Karbol mochte vorher hingestellt worden sein. Aber ganz verstand er es
-nicht.
-
-Er wollte es trotzdem versuchen und ließ einen der Hunde holen. Der Hund
-nahm die Fährte in der Jägerstraße auf, rannte an die Mauer und sprang
-an ihr hoch. Als man ihn aber an die andere Seite hob, ging er nicht
-weiter. Er wandte die Nase entsetzt von dem Karbolgeruch ab, lief die
-Mauer entlang und wieder zurück und wieder entlang, immer in derselben
-Richtung, aber immer unentschlossen. Er versuchte hochzuspringen.
-
-Wenk ließ ihn wieder hinüberheben. Aber wie der Hund auf dem Scheitel
-der Mauer abgesetzt wurde, um von dem jenseits aufgestellten Beamten
-herübergehoben zu werden, entriß er sich der haltenden Hand und rannte
-ungebärdig bellend oben auf der Mauer davon. Er lief nicht weit. Er
-blieb an einer Mauerstelle stehen und bellte in den Hof eines Hauses
-hinab, tief den Kopf bückend, und versuchte hinabzuspringen.
-
-Auf einmal war er unten und lief auf das Haus zu, blieb dann aber an der
-Hauswand stehen.
-
-Diese Hauswand untersuchte Wenk genau. Er fand verkratzte Stellen an
-ihr, die in regelmäßigen Abständen nach oben gingen. Hier waren Leute
-zweifellos mit einer Strickleiter emporgeklettert. Die Spuren führten an
-ein Fenster im ersten Stockwerk.
-
-Die Wohnung, zu der das Fenster gehörte, war leer. Er fragte im Haus,
-seit wann sie nicht mehr bewohnt sei?
-
-Da waren alle erstaunt; denn sie glaubten, sie sei bewohnt. Einer sagte:
-»Da wohnt doch der Georch drin!«
-
-Wenks Herz machte einen heftigen Schlag.
-
-»Wer?« fragte er rasch. »Wie hieß er?«
-
-Er hörte nochmals: »Georch!«
-
-»Kannten Sie ihn auch?« fragte er eine Frau.
-
-»Ja natürlich, den Georch!«
-
-»War das sein Familienname?«
-
-»Das weiß ich nicht!«
-
-Das wußte niemand.
-
-»Von wem wurde er denn so genannt?«
-
-»Von den Burschen, die immer zu ihm kamen!«
-
-»Also Georg hieß er,« prüfte Wenk, um ganz sicher zu sein.
-
-»Nein, Georch wurde er genannt,« sagte einer.
-
-»Hat er lange da gewohnt?«
-
-Das wußte genau niemand. Einige meinten, ein Jahr wohl. Aber er war fast
-nie zu Hause.
-
-Er ließ sich den Mann beschreiben. Da geschah etwas Merkwürdiges. Schon
-über die Haarfarbe begannen die Leute zu streiten. Der eine gab ihm
-blaue Augen, der andere dunkle. Er war ein bißchen lang und mager und
-gekleidet wie ein Matrose. Er sah auch ein wenig aus wie ein Athlet.
-»Was war er denn? Was machte er?«
-
-»Geschäftsreisender soll er gewesen sein!«
-
-Es war sonderbar, dieser Georch war nicht in dem Haus angemeldet. Auf
-Wenks Liste stand er nicht.
-
-Wenk fuhr ins Meldeamt und stellte dort mit Hilfe des Vorstehers fest,
-daß ein Bewohner des Hauses Georg Hinrichsen geheißen habe, gebürtig aus
-der Elbegegend. Daß er aber die Wohnung vor vier Wochen verlassen und
-sich nach Ravensburg abgemeldet habe. Die Wohnung war dann von einem
-Geschäftsreisenden bezogen worden, der sich Poldringer nannte.
-
-Es war Wenk klar, daß Hinrichsen und der Geschäftsreisende dieselbe
-Person waren. Vier Wochen waren es her, daß Hull die Unterhaltung mit
-Wenk gehabt hatte. Und Hinrichsen und Poldringer waren dieselbe
-Persönlichkeit und auch der Mörder oder wenigstens der Anführer der
-Mörder Hulls. Denn die Carozza hatte nach ihm um Hilfe gerufen.
-
-Vielleicht stimmte die Richtung der Abreise Hinrichsens wenigstens. Der
-Bodensee lag in der Nähe von Ravensburg. Die Schweiz war erreichbar.
-
-Wenk telegraphierte nach den Hauptorten am Bodensee, insbesondere an die
-Paßstellen.
-
-Einige Stunden später rief Konstanz die Polizeidirektion an, ein Mann
-namens Poldringer habe sich hier angemeldet. Als Staatsangehörigkeit
-habe er Bayern angegeben, was dem Meldebeamten aufgefallen sei, weil der
-Mann einen ganz ausgesprochenen norddeutschen Dialekt redete. Die
-Polizei habe ihn deshalb beobachtet. Sie habe dabei festgestellt, daß er
-in den Kreisen der Leute verkehre, die im Verdacht stehen, Waren über
-die Schweizer Grenze zu schieben und zu schmuggeln. Er fahre öfter mit
-dem Lindauer Dampfboot. »Erwarten Sie mich bitte noch heute in
-Konstanz,« sagte Wenk zurück. »Schluß!«
-
-Wenk machte sich gleich reisefertig. Er konnte vor der Nacht noch in
-Konstanz sein, wenn der kleine Schnellflieger seines Freundes, der ihm
-stets zur Verfügung stand, flugbereit war. Er telephonierte ihm.
-
-Ja, das Flugzeug war bereit.
-
-Um vier Uhr flog Wenk ab. Mit der niedergehenden Dunkelheit landete er
-auf dem Petershausener Flugplatz bei Konstanz.
-
-Die Polizei bezeichnete ihm die Lokale, in denen die Leute verkehrten.
-Er kleidete sich um und ging als Chauffeur in eine dieser Wirtschaften,
-um dort zu Nacht zu essen. Er redete jemanden, den er für geeignet
-hielt, an. Er habe zwei Autos an der Hand, sagte er, und könne sich auch
-eine Art von Ausfuhrbewilligung verschaffen, wenn die allerdings nicht
-so genau angesehen werde. Aber wenn er einen oder besser zwei
-kouragierte Männer mithätte, so ginge es. Es seien einige Zehntausende
-zu verdienen. Denn die Autos seien noch vom Herbst 1918 gekauft und so
-lange verborgen gehalten worden. Es seien Prachtwagen von zwei
-Generälen.
-
-Der andere überlegte nicht lang. Er werde es einem Freund sagen. Zu
-dreien könnten sie die Sache machen.
-
-Sie gingen später in ein anderes Haus. Da käme der Freund hin. Sie saßen
-lange da. Aber er kam nicht. »Wie heißt er?« fragte Wenk. »Vielleicht
-kenne ich ihn?«
-
-»Er nannte sich Ball. Aber vielleicht hieß er früher anders. Wir haben
-hier alle ein bißchen andere Namen ... hi-hi, du verstehst!«
-
-»Ich verstehe,« sagte Wenk.
-
-Da wurde er blaß. Denn es kam ein Mann herein, in dem er den Chauffeur
-zu erkennen glaubte, der ihn im Gasauto nach Schleißheim geführt hatte.
-Es war alles auf dem Spiel. Wenks Maskierung war mangelhaft. Wenn nun
-der andere vielleicht der erwartete Ball wäre! Und er käme zu ihnen an
-den Tisch! Dann wäre es wahrscheinlich, daß er Wenk erkenne, und alles
-wäre aus.
-
-Wenk wandte alle Kraft an, sich zu beherrschen, und versuchte durch
-Anziehen der Gesichtsmuskeln seine Züge zu entstellen. Er hatte sowieso
-von vornherein die Vorsicht gehabt, sich aus dem grellen Licht heraus in
-eine dunklere Ecke zu setzen.
-
-Der andere ließ sich jedoch entfernt von ihm an einem großen Tisch
-nieder, an dem bereits eine Schar von jungen Burschen saß. Er kehrte
-Wenk wohl den Rücken, aber der Staatsanwalt wollte es nicht weiter wagen
-und verabredete auf morgen abend eine neue Zusammenkunft. Er ging rasch
-durch die Hintertür hinaus.
-
-Er ging zur Polizei, sagte, wo er gewesen, und beschrieb den
-verdächtigen Mann. Der Kommissar holte einen Beamten. Der sagte, nach
-der Beschreibung scheine das der Poldringer zu sein.
-
-»Können Sie mir Gewißheit darüber verschaffen? Noch in der Nacht? Nur
-bitte ich Sie vorsichtig zu sein, denn dieser Mann ist mit allen Wassern
-gewaschen!« drängte und mahnte Wenk.
-
-Dann gehe er lieber nicht hin, antwortete der Beamte. Die Stadt sei
-klein und alle Angestellten der Polizei, selbst die, die nur in Zivil
-ausgehen, den Schiebern bekannt. Sein plötzliches Erscheinen könne Alarm
-geben.
-
-»Ich muß mich dann gedulden. Sie wissen, wo er wohnt?«
-
-»Ja!«
-
-»So führen Sie mich gleich hin!«
-
-Der Polizist brachte Wenk in eine Gasse, in der sich ein alter,
-schmutziger Gasthof befand, der sich nach hinten in viele Höfe
-verschachtelte. Wenk sah gleich, hier war ein Überfall schwer ohne
-großes Aufgebot an Mannschaften. Ein solches Aufgebot aber war in einer
-kleinen Stadt nicht rasch und geheim genug zu machen.
-
-Gegenüber war das Lager einer Eisenhandlung. In diesem Lager verbrachte
-Wenk zusammen mit einem der Beamten, die Poldringer kannten, den
-nächsten Vormittag, hinter einem verstaubten Fenster verborgen.
-
-Als um elf Uhr der Mann aus dem Gasthof kam, den Wenk für den Chauffeur
-des blondbärtigen Spielers hielt, stieß ihn der Beamte an und raunte ihm
-zu: »Das ist er, der Poldringer!«
-
-Wenk sagte: »Es ist derselbe!«
-
-Nachmittags war eine Zusammenkunft beim Kriminalkommissar. Wenk
-erklärte, es käme darauf an, nicht nur die eine Person, sondern lebend
-die ganze Gesellschaft auszuheben. Hier bestehe sozusagen nur die
-Unterabteilung des Münchener Generalkommandos. Und bevor man nicht den
-Leiter sicher in der Hand habe, sei es ziemlich wertlos, sich dieses
-Dutzend Angestellter zu sichern. Er rate, sich zuerst nicht durch die
-Belohnung von fünftausend Mark, die gegen seinen Willen ausgeschrieben
-worden sei, verlocken zu lassen, sondern, da man nun eines der Nester
-kenne, dieses gut zu überwachen. Das sei jetzt der sicherste Weg, an den
-Anführer der Bande zu gelangen. Nehme man jetzt den Chauffeur, so sei
-der Chef doppelt gewarnt. Und der sei eine der ganz großen Nummern der
-Kriminalgeschichte aus den letzten Jahrzehnten. Dann sei nicht nur
-Belohnung durch Geld, sondern Ruhm zu erwarten. Die Beamten versprachen
-das Ihrige zu tun.
-
-Abends traf Wenk den jungen Mann, der die Autos schieben helfen wollte.
-Sein Freund sei verreist, sagte er. Die Geschäfte gingen nämlich so
-schlecht in der letzten Zeit. Die Schweiz sei übersättigt mit deutschen
-Waren, und die deutschen Behörden seien wieder etwas Meister geworden
-über den See. Man könne zum Hungern kommen. Aber er wisse, was er täte.
-Verhungern wolle er nicht. Und eher, als daß er sich durch Hunger aus
-dem Loch vertreiben lasse, verschreibe er seine Haut der Fremdenlegion.
-Da sei er wenigstens auch vor der deutschen Behörde sicher. Er könne in
-Ruhe fressen und in Freiheit sich erschießen lassen. Hier endigten doch
-alle im Kittchen!
-
-Wenk fragte, wie er es denn anstelle, um in die Fremdenlegion zu kommen?
-»Das ist einfacher als jemals,« antwortete er. »Vor dem Krieg mußte man
-nach Belfort reisen. Das ist nicht mehr nötig. Ich kann mich hier
-anwerben lassen!«
-
-»Das läßt sich für den äußersten Fall merken,« sagte Wenk. »Und bei
-welcher Adresse?«
-
-»Da brauchste nur zum Gasthof >Zum schwarzen Stier< gehn und nach dem
-Poldringer fragen. Oder komm abends in die Wirtschaft, wo wir gestern
-waren. Da saß er. Er hat die janzen Küken an seim Tisch in' Topf
-jekriegt! Ich überlegt es mir noch, sagt ich ihm. Wenn unsere
-Töff-Töff-Sache klappt, hab ich's nich mehr so nötig. Aber nun ist der
-Ball nich aufzufinden. Der fingerte so wat jlänzend. Er wird sich wohl
-nach dem fettern Land drüben durchjeschlagen haben. Übrigens hat der
-Poldringer sich jestern abend nach dir erkundigt. Was? Du mußt auch ein
-Schwergewichtler sein. Er meinte, er kenne dir. Ich sagt ihm aber, du
-kämst von Basel. Du wolltest zwei Autos überschaffen. Dann sagt er: Dann
-ist er's doch nicht, der aus München! Ich dacht mir, einer kann in
-München jewesen sein und ist jetzt doch in Basel, wat?«
-
-»Ich war nie in München,« sagte Wenk, »nein, er muß sich irren!«
-
-»Ejal! Schieben wir nur unsere Autos jetzt, wat?! Sag, kannst du mir
-einen Jrünen zulangen, als Abschlagzahlung?«
-
-»Fuffzig?« fragte Wenk.
-
-»Wenn es dir nich jenügt, kannste auch zwei losmachen!«
-
-»Einer genügt mir völlig!« Er gab ihm einen Schein aus der Westentasche.
-
-»Du brauchst dich deiner Brieftasche nicht schämen, wenn sie auch en
-Loch hat!« sagte der andere.
-
-»Für fuffzig Mark aus meiner Brieftasche kaufst du dir nicht mehr als
-für fuffzig aus meiner Westentasche.«
-
-»No is jut! Wo wohnste?«
-
-»Im Barbarossa,« sagte Wenk auf gut Glück.
-
-»Kotznobel, aber wenn sie dir mal an die Hammelbeine wollen, da kommste
-nich durch, daß de's weißt! Geh lieber in den >Schwarzen Stier<. Da is
-man sich druff einjerichtet. Uffs Loslösen von die Jrünen! Spurlos, sag
-ich dir! Wie wechjeblasen, sag ich dir!«
-
-Wenk flog am nächsten Morgen nach München zurück. Er fühlte sich reich.
-Die Reise, so hoch und von praller Kälte umstrudelt, gehoben von den
-raschen, glücklichen Erfolgen, stärkte sein Herz. Er zog an allen
-Leinen. Er hatte das ganze Geschirr in der Hand. Es lief auf ein großes
-Netz zu. Und er, der Fischer, war bereit und stark.
-
- * * * * *
-
-Eine Stunde, bevor Wenk hinter den blinden Fenstern des Eisenwarenlagers
-die Tür des »Schwarzen Stiers« zu überwachen begann, flog folgendes
-Gespräch durch die Fernsprechdrähte von Konstanz nach München: »Hallo,
-holla, hier Doktor Dringer. Wer da?«
-
-»Holla, hier Doktor Mabuse! Bitte!«
-
-»Der Kranke scheint sich hier aufzuhalten. Ich bin mir noch nicht ganz
-gewiß, daß er's war. Aber ich glaube ihn erkannt zu haben. Ich erbitte
-Anweisungen.«
-
-»Das ist sonderbar! Gestern kurz vor vier Uhr wurde er mir noch in
-München gemeldet. Ganz zweifellos gemeldet. Um wieviel Uhr glauben Sie
-ihn gesehen zu haben, Herr Kollege?«
-
-»Halb acht!«
-
-»Der Schnellzug fährt erst um sieben und ist gegen elf in Lindau. Hätte
-er selbst ein Auto benützt, könnte er unmöglich um halb acht in Konstanz
-gewesen sein!«
-
-»Es ist möglich, daß ich mich verschaut habe, aber wenig wahrscheinlich.
-Ich gebe die Möglichkeit, daß es der gesuchte Geistesgestörte war, nicht
-aus der Hand.«
-
-»Nein, auf alle Fälle, forschen Sie weiter. Wenn Sie sicher sind, so
-wenden Sie sofort, verstehen Sie, Herr Kollege, sofort die sichersten
-Mittel an.«
-
-»Die eiserne Zwangsjacke, Herr Kollege?«
-
-»Jawohl! Sie wissen, er ist gemeingefährlich. Berichten Sie weiter. Was
-machen die Nervenkranken?«
-
-»Sie sind bereit, ins Sanatorium einzutreten. Übermorgen reisen sie ab.«
-
-»Danke! Schluß. Empfehlungen, Herr Kollege!«
-
-Mabuse ging erregt einige Male durchs Zimmer. Wie war das möglich, daß
-der Staatsanwalt, der gestern um vier Uhr noch in München war, um halb
-acht in Konstanz gesehen wurde? Täuschte sich Georg nicht?
-
-Er kleidete sich als Dienstmann um und begab sich in die Amandastraße,
-wo Wenk wohnte. Er klingelte an seiner Tür. Der Diener öffnete. »Ist der
-Herr Staatsanwalt zu Haus?«
-
-»Nein, er ist verreist. Geben Sie her!«
-
-»Ich soll aber persönlich ... Wann kommt er zurück?«
-
-»Ich weiß nicht!«
-
-»Ist er länger verreist, oder könnte ich vielleicht am Nachmittag den
-Brief abgeben?«
-
-»Der Herr Staatsanwalt hat nichts hinterlassen.«
-
-»Ho, ich kann mich wohl auch auf Sie verlassen,« sagte dann der
-Dienstmann. »Sie geben den Brief ja so sicher ab wie ich, was?«
-
-»Natürlich! Geben Sie her!«
-
-Der Diener las rasch die Adresse. Aber sie lautete: An Herrn
-Staatsanwalt Dr. Müller. »Sie sind ja überhaupt falsch. Hier wohnt Herr
-Staatsanwalt von Wenk.«
-
-»Ach der Herrgott! Da hat man mir eine falsche Nummer genannt. Ich sag'
-ja immer: aufschreiben, Herrschaften. Jetzt heißt's wieder, ich hab's
-falsch behalten! Also, wo wohnt denn nun der Staatsanwalt?«
-
-»Ich kenn' ihn nicht!«
-
-»Da ist nichts zu machen! Also wieder zurück! Adieu!«
-
-Der falsche Dienstmann ging und wußte halb nur, was er wissen wollte.
-
-Unterwegs aber wurde ihm Erleuchtung. Ja natürlich, sagte er sich, er
-ist im Flugzeug hingeflogen. Und ich weiß wohl, weshalb ...
-
-Den Bruchteil eines Augenblicks wurde es ihm dunkel vor den Augen. So
-traf ihn diese Entdeckung. Er maß zum ersten Male seinen Gegner. Diese
-Mittel hatte noch niemand gegen ihn angewandt. Georg hatte die
-entlassenen Schmuggler noch nicht abgeschoben. Ob durch einen von ihnen
-die Reise nach Konstanz so hastig veranlaßt wurde? Hatte sein, Mabuses,
-Überwachungsdienst versagt? Es war jedenfalls gefährlicher als jemals
-zuvor. Denn es waren mehrere Agenten der Fremdenlegion entlarvt und
-verhaftet worden.
-
-Wenn Wenk die ganze Gesellschaft einsperren läßt, kann einer so viel
-verraten, daß die Wellen bis an mich heranschlagen. Ich bin zum
-erstenmal nicht mehr sicher. Ich werde ihn beiseite schaffen ... Weshalb
-hat Georg ihn durchgehen lassen, sobald er nur im Zweifel war, es könnte
-der Staatsanwalt sein? Der Teufel hole die Menschlichkeit, mit der wir
-ihn in Schleißheim laufen ließen! Früher lebe ich nicht mehr, als bis er
-fort ist, bis er ausgetilgt ist!
-
-Ich werde meine Flucht gleich vorbereiten. Ich werde über die Schweizer
-Grenze fliehen, wenn ich bis acht Uhr nicht weiß, ob Georg nicht
-verhaftet ist.
-
-Wo hat ihn Georg gesehen? Wenn ich das wüßte! Darauf kommt alles an!
-
-Ungeduld, friß mich! Ich habe Fieber vor Haß auf diesen Störer. Wenn ich
-mein Fürstentum Eitopomar nicht erreiche!
-
-Dann ging Mabuse in seine Wohnung zurück. Er hatte ein Paket unter dem
-Arm für sich selber. Auf alle Fälle! Wenn sie vielleicht heimlich im
-Innern schon von der Polizei besetzt war, war er ein Dienstmann, der
-etwas abzugeben hatte. Es waren Zigarren in dem Paket. Aber die Wohnung
-war leer, und rundum war alles unverdächtig.
-
-An diesem Abend verließ Mabuse sein Haus nicht mehr. Es war sicherer,
-daß er vom Fenster aus selber sah, wer zu ihm kam, als daß in seiner
-Abwesenheit jemand eindrang und am Fenster auf ihn warten konnte. Er war
-doch für alles bereit!
-
-Er verbrachte den Abend damit, seine Vermögensaufstellung zu überprüfen.
-Zu der Summe, die er zu brauchen berechnet hatte, fehlte ein halbes Jahr
-Arbeit noch in Deutschland. Dort kannte er das Terrain. Überall anderswo
-mußte er mindestens ein Jahr dransetzen, bevor er von neuem beginnen
-konnte. Seine Sprachkenntnisse hätten ihn sowieso nur auf ein
-angelsächsisches Land beschränkt.
-
-Ein halbes Jahr. Er trommelte das in sein Hirn, sein Herz, sein Blut.
-
-»Ich bleib' es!« sagte er laut in das einsame Zimmer, und es war ihm,
-als hörte er wie einen Hammer auf Eisen den Trotz durch sich pochen, der
-ihm diesen Entschluß eingab.
-
-Er wurde am nächsten Morgen um halb acht dringend von Konstanz
-angerufen. »Doktor Dringer! Herr Kollege, ich muß mich geirrt haben.
-Nichts mehr zu sehen. Habe alles mobil gemacht. Die anderen Patienten
-sind zur Abreise vorbereitet.«
-
-»Schade, Herr Kollege! Läuten Sie abends nochmals an!«
-
-»Hund!« knirschte Mabuse durch das Fenster in die Stadt hinaus, in der
-Wenk mit ihm wohnte. »Und wenn es nur für diese halbe Stunde der
-Unsicherheit wäre, so gehst du um die Ecke! Das erstemal ist es durch
-einen Zufall mißlungen. Das zweitemal wird es keinen Zufall mehr geben.«
-
-Mabuse verließ das Haus und ging zu Fuß davon. Er begab sich in eines
-der modischen Hotels und fragte nach Herrn Generaldirektor Hungerbühler.
-
-Jawohl, er sei da. Zimmer 115.
-
-Als Mabuse in das Zimmer eintrat, ohne geklopft zu haben, war es leer.
-»Spoerri!« rief er leise.
-
-Da öffnete sich eine Schranktür, und Spoerri kam heraus.
-
-»Wenk scheint in Konstanz zu sein. Georg hat es mir grade telephoniert.
-Aufpassen! Was macht die Carozza im Gefängnis?«
-
-»Es wäre doch gut, wenn wir sie der Beseitigungskommission überwiesen!
-Ein toter Mund ist sicher!«
-
-»Nein, habe ich gesagt. Ihr lebender ist mir sicherer als ihr toter,«
-entgegnete Mabuse heftig.
-
-»Ich habe auf alle Fälle Verbindungen mit einem Wärter begonnen.«
-
-»Wozu?«
-
-»Um sie herauszuholen, wenn sie leben bleiben soll!«
-
-»Esel!« rief Mabuse unterdrückt. »Ich sage: sie ist sicher, wo sie ist.
-Wenn man ihr mit den Eisenstäben der Gitter die Lippen aufbricht, redet
-sie nicht. Lassen Sie diese Dummheiten! Sie kommt heraus, wenn ich
-Europa verlasse, eher nicht! Ich kam, um Ihnen zu sagen, daß ich für
-Wenk noch einen Monat Zeit lasse. So lang, damit sicher gearbeitet
-werden kann. Merken Sie sich das Datum. Keinen Tag länger!« Dann ging er
-wieder, fast ohne Gruß.
-
-
-
-
- X
-
-
-Am nächsten Abend war Dr. Mabuse zu Geheimrat Wendel, dem Psychiater,
-eingeladen. Es sollte nach einem kleinen Nachtessen eine interessante
-Somnambule auftreten. Im Dämmerzustand weckte sie Erinnerungen in sich
-auf, die bis in ihre frühen Kindertage zurückreichten ... bis in eine
-Zeit, in der die Ausbildung des Hirns noch nicht so weit vorgeschritten
-ist, daß es über den Augenblick der körperlichen Erfordernisse hinaus
-empfindet oder aufzeichnet.
-
-Mit dem Geheimrat war Mabuse durch einen Patienten bekannt geworden,
-durch eine Dame der Aristokratie, die an schweren nervösen Hemmungen
-litt, und die Mabuse durch eine hypnotische Behandlung geheilt hatte. In
-der Gesellschaft trafen sich nicht nur Gelehrte, sondern auch
-Schriftsteller, Künstler und Kunstfreunde von Ruf, so wie es in den
-letzten Jahren in der wohlhabenden Gesellschaft Mode geworden war.
-
-Mabuse hatte als Tischdame eine Frau, die er erstaunt, ja betroffen,
-kannte. Sie hatte bei seinen Helfershelfern in den Spielsälen den
-Spitznamen: die Unaktive! Es war die Gräfin Told.
-
-Er widmete ihr den Abend über alle Aufmerksamkeiten, deren er fähig war,
-erzählte spannende, ungewöhnliche Erlebnisse von waghalsigen Reisen, von
-Tier- und Menschenjagden in fremden Weltteilen. Er sprach mit einer
-grimmigen Hingerissenheit, mit einer tierischen Wut, in seinen
-Erinnerungen die Kraft nachgenießend, die er veräußert hatte. Er fühlte,
-was diese Frau in die Spielsäle trieb, und es war ihm über dieser
-plötzlichen Entdeckung, als blute sein Herz. Als öffne sich in seinem
-Blut ein Spalt, eine Schlucht, die so tief war, daß nur zuckendes
-Menschenherz sie füllen konnte. Er jagte mit seiner Phantasie und seiner
-Sprache nach diesem Herzen wie in den Dschungeln nach Tigern, die
-Menschenblut aufgerissen und die Jäger zu tobender Blutlust entflammt
-hatten.
-
-Diese Frau war das Herz, das er brauchte. Herrschsüchtiges Begehren
-schoß in sein Hirn und füllte es aus. Er wollte diese Frau für sich
-haben. Er sah durch ihre Augen, wie seine Erzählungen ihr Blut
-lockerten. Das wollte sie. Er verstand sie immer ungebärdiger und
-umfassender. Er malte ihr die fremde Natur, er warf sie ihr hin im Kampf
-mit seinem Willen, seinen Muskeln, seinem Geist. Und sie sollte glauben,
-die ganze fremde Natur, um die er so gewaltig kämpfte, sei sie.
-
-Sie zitterte in seinen Worten. Sie erschwachte an ihnen. Eine Glut nach
-Anlehnung und Zärtlichkeit überfiel sie vor den Äußerungen dieser
-Männerkraft so stark, daß sie sich von seinen gewaltsamen Erzählungen,
-mit denen er sie an sich zu heften trachtete, wie ein Stück lebendiger,
-blutnasser Haut losriß, zu ihrem Mann ging und in einer flehenden,
-heftigen Bewegung mit ihrem ganzen Leib ihn berührte.
-
-Mabuse sah es. Es ward rot vor seinen Augen aus seinem ganzen Blut
-herauf. Rot von Verlangen und Blutgier. Er ertrug nicht mehr, daß andere
-Blicke sich auf sie legten ... daß irgendeiner der fremden Männer sie
-ansprechen durfte ... Lippen sich über ihre Hand beugten ... Willen nach
-ihr angelten. Rot von Blutgier und Verlangen.
-
-Er mußte fort. Er raste gleich im Auto nach Haus. Alle Sinne blieben bei
-der Frau zurück, und sich so von ihr entfernend, seinen Körper so von
-dem Blut losreißend, schrie er in der Fahrt, in der er, selber lenkend,
-die Straßen durchtoste, das Bild heraus, das in der Schlucht lag: »Mord
-und Verlangen! Mord und Verlangen!«
-
-Zu Hause trank er, bis er nichts mehr sah als in den Kreisen, mit denen
-die Trunkenheit das Zimmer um ihn wirbeln ließ, ihr Herz. Es war von
-seiner Hand dem schönen Leib entrissen, blutete über seine Finger und
-zuckte in sein Hirn.
-
- * * * * *
-
-Für die Gräfin Told kam der Tag, an dem ihr Unternehmen im Gefängnis
-beginnen sollte. Sie begab sich zu Wenk. Er führte sie zu der Anstalt
-und besprach mit dem Direktor die Angelegenheit.
-
-Bevor sie zur Zelle geführt wurde, fragte sie noch: »Auf wie lange?«
-
-»So lange Sie wollen, Frau Gräfin,« antwortete Wenk. »Immerhin hängt es
-von Ihrer Geschicklichkeit ab. Doch selbstverständlich genügt ein Wort,
-und Sie sind frei, auch wenn Sie Ihr Ziel nicht erreicht haben.«
-
-Sie sagte: »Zeit habe ich. Nur möchte ich am nächsten Montag zu einer
-Veranstaltung mir einen Ausgehtag erbitten.«
-
-»Aber natürlich, das läßt sich sehr gut machen! Ich werde mir erlauben,
-Sie abzuholen. Etwas zu berichten werden Sie ja auch dann wohl schon
-haben!«
-
-»Übrigens, Herr Doktor,« sagte sie noch, »mein Mann ist auf dem
-laufenden. Und gelt, Sie besuchen ihn. Er leidet! Gelt?«
-
-Wenk verbeugte sich.
-
-Ein Wärter übernahm die Gräfin. Sie wandte sich lächelnd nochmals
-zurück.
-
-»Gut Glück!« rief Wenk. Dann verschwand sie in dem langen Flur.
-
- * * * * *
-
-Die Gräfin hatte das Haus des Geheimrats Wendel in einem Taumel
-verlassen. Der fremde Mann war auf einmal unsichtbar geworden. Aber die
-Berührung mit der Kraft seines Geistes hatte sich in sie eingebadet und
-verließ sie nicht mehr; diese Kraft, voll Geheimnis, drängte den
-Staatsanwalt von ihr zurück.
-
-Es kam ihr vor, da sich die Zellentür vor ihr öffnete, als ginge sie nun
-in diese Kammer hinein, in diese fremde, kalte, weltabgeschiedene
-Kammer, wie in eine Zeit der Prüfung.
-
-Sie sollte ihn am Montag wiedersehen. »Ich lade zu einem zweiten Abend
-meiner Somnambule am nächsten Montag auch Ihren Tischnachbar wieder
-ein,« hatte der alte Geheimrat mit seinem gütig-skeptischen, anzüglichen
-Lächeln gesagt. »Er hat ja nachzuholen, da er unerwartet fort mußte. Die
-Somnambule hat er nicht gesehen, aber die wache Frau Gräfin Told!«
-
-»Wohlan!« hatte sie nur geantwortet, kameradschaftlich, sachlich, nicht
-verbergend, aber auch kein Eingeständnis.
-
-Die Zellentür schloß sich hinter ihr. Vor ihr saß eine Gestalt auf einem
-Stuhl. Sie drehte sich nicht her. »Nun?« knurrte sie wie ein Hund.
-
-»Guten Tag!« sagte die Gräfin.
-
-Die Carozza wandte sich gemessen um. Erst als sie der Gräfin ihr Gesicht
-voll zukehrte, stieß diese einen kleinen Schrei aus, und mit einem gut
-gespielten Erstaunen rief sie die Carozza an, indem sie lebhaft zu ihr
-trat. »Fräulein, Sie! Wir kennen uns ja! Welch ein Zufall!«
-
-Sie begann gleich zu plaudern, so als bemerkte sie die grimmige Laune
-der Carozza nicht. »Denken Sie sich, man hat uns ausgehoben, richtig
-ausgehoben! Bei Schramms! Das vornehmste Lokal. Ich sag' Ihnen,
-Fräulein, ein Radau war das! Einer piepste, der andere wollte zum
-Fenster hinaus, die doch alle zugemauert sind! Sie wissen ja. Einer
-setzte sich hin und weinte: >Meine Frau, meine vier Kinder, ich bin
-entehrt!< Es war ein Durcheinander wie in einem Taubenhaus. Ich konnte
-mich nicht ausweisen, und da haben sie mich mitgenommen! Sagen Sie, was
-soll ich tun? Das ist doch nichts Böses, in ein Spiellokal zu gehen! Und
-gespielt hab' ich ja auch noch nicht einmal!«
-
-Aber die Carozza schaute sie nur böse an. »Sagen Sie etwas! Was haben
-Sie?« bettelte die Gräfin.
-
-»Ich hab' das Bedürfnis, von Ihnen in Ruhe gelassen zu werden. War der
-junge Herr mit dem blonden Vollbart auch dabei?«
-
-»Der mit dem Basch, meinen Sie? Nein, der war nicht da. Der ist seitdem
-nicht wiedergekommen!«
-
-»Und der alte Professor?«
-
-»Nein, auch nicht!«
-
-»Sie brauchen mir nichts weiter davon zu erzählen,« sagte dann die
-Carozza barsch. »Es interessiert mich nicht. Die Welt interessiert mich
-nicht. Ich bin unglücklich! Ich bin verraten und verlassen worden.
-Nichts anderes interessiert mich mehr. Ich bin verloren. Daß Sie's
-wissen! Ihnen sag' ich's! Sie gehören zu uns. Verloren, ganz verloren,
-sag' ich Ihnen. Und verraten, daß man sich weniger um mich kümmert als
-um eine erfrorene Maus in einer Wiese. Die bösen Hunde! ... Die bösen
-Hunde! ...«
-
-Die Carozza sprang von ihrem Schemel und faßte die Gräfin an der
-Schulter. »Sie waren mit uns. Ich schüttle es in Sie hinein,« rief sie,
-immer ungebärdiger werdend, »daß nie jemand so verraten wurde wie ich.
-Und ich hatte es nicht nötig. Ich war eine Künstlerin. Ich war begehrt
-und dann so verraten und verlassen! Als sei ich ein räudiger Katzenbalg
-in einer Gosse!«
-
-»Weshalb hat er sie verlassen?« fragte die Gräfin. Sie fragte das so
-schüchtern. Sie kam sich vor wie ein kleines Mädchen neben dieser großen
-wilden Person ... Ja, er hat sie verlassen, dachte sie sich, ja
-freilich, verlassen für immer, und ihr grauste dabei. Denn er ist ja
-tot. Sie wurde unsicher vor ihrem Unternehmen. »Er ist tot!« sagte sie
-leise und schwingend.
-
-»Wer?« rief die Carozza.
-
-»Ihr Freund ... Hull!« zirpte die Gräfin wie ein Insektchen und begehrte
-an dem Schmerz des Mädchens teilzunehmen. Der Staatsanwalt begann in
-ihrer Phantasie zu unterliegen.
-
-Aber da schrie die andere auf sie ein: »Ach was! Er ist nicht tot! Den
-ich meine, der lebt! Und ich sitze hier gefangen! Er steht da draußen in
-der Stadt, so groß wie ein Turm, wie ein Fels, sag' ich dir! Du
-Rotznas', was weißt du denn, was er war? Alles andere war blödes
-Getändel. Untreue ein Nebensächelchen! Hull? Tot? Was ist dümmer,
-kleiner, als daß Hull tot ist? Aber der andere, der lebt und lebt frei
-da draußen, wo Liebe ist, wo Licht ist, wo Leben ist ... Wo er mich zu
-seinen Füßen dulden könnte ... vielleicht ... wie ein Fell, das nur dazu
-da ist, seine dicke Zehe warmzuhalten. Das ist der größte Mann, der
-besteht. Der wildeste, sag' ich dir! Ein Bär, ein Löwenmännchen, ein
-Königstiger aus Bengalen ... hörst du? Nicht aus diesem frostigen Land
-... Aus Bengalen, wo das Paradies war. Wo ich nie mehr hinkomm'! Weil
-man mich in diesem Loch verfaulen läßt!«
-
-Auf einmal sagte sie ruhig und fest: »Sag', glaubst du, daß es Männer
-gibt, die so stark sind, daß ihr Wille diese Mauer da vor mir ... um
-mich ... einblasen kann, wenn er weiß, daß ich das so ... so begehre?«
-
-»Draußen gibt es sie nicht. In uns gibt es sie!« antwortete die Gräfin.
-Der leidenschaftliche Atem, der sie so plötzlich aus einem
-Menschenherzen überfallen hatte, tobte wie ein Sturm in ihr weiter.
-
-Wie erbärmlich war sie, einen Menschen überlisten gewollt zu haben. Sie
-kam sich klein vor. Sie warf alle Versprechen und Pläne als etwas
-Beschmutzendes ab. Sie erglühte an dieser fremden Person wie ein Faden
-an den elektrischen Strömen.
-
-»Ja, in uns gibt es sie!« wiederholte sie.
-
-»Er! ... Er! ...« sang die Carozza mit einem Tonfall aus der
-Appassionata.
-
-Und der Gräfin trat der fremde Mann von jenem Abend wie ein
-Marmorbildnis aufs Herz. Mitten aufs Herz! Aber es zersprang nicht. Sie
-ließ die Gestalt gewähren. Sie kam und ging und kam über sie, wie sie
-wollte.
-
-»Liebst du ihn?« fragte sie die Carozza.
-
-Aber die antwortete nur, es wegschiebend wie ein Nichts: »Ach was ...
-lieben!«
-
-»Ich liebe ihn nicht!« ereiferte sich die Gräfin, den Bewegungen der
-spukhaften großen Gestalt auf ihrem Herzen zu folgen. »Aber er ist doch
-alles! Er ist ein Mensch. Aber er ist doch eine Welt für sich. Er liegt
-da in solch einer Stadt von kleinen Menschen, kleinen begehrlichen
-Häusern und Gassen und ist ein Dschungel und ein Urwald. Mir ist, als
-habe er Tiger und Schlangen in sich. Alles was stark ist in der Natur.
-Und ganze riesenhafte Bäume und weite, undurchdringliche Schilfwälder!
-Weißt du, man kann hineinkriechen! Kommt an kein Ende und ist doch in
-ihm!«
-
-Sie schwieg unvermittelt. Sie vermochte nicht in Worten zu sagen, was an
-Erscheinungen ihr Blut durchschattete. Denn jener Mann, den sie so über
-sich treten ließ, war wie ein Bruder. Nein, ein Vater? Gebunden in der
-Wollust einer Stunde, von der kein menschliches Hirn auch nur ein
-Atömchen wußte noch sah. In der Stunde, in der zwei Wesen in eins
-versanken, um ein neues in die Dunkelheit zu werfen, aus der es fern in
-der Zeit wieder als etwas auftauchte, was ein Leben für sich begann und
-nur mit schattenhaften Schnüren an jener Stunde hing. Man konnte die
-Schnüre zerschneiden, zertreten, auseinanderzerren. Sie blieben
-zusammen. Kein anderes Verlangen trug sie zu ihm zurück, als noch einmal
-ihre Sinne jenem Bewußtsein noch ungehemmter anheimzugeben, das wie ein
-Traum sie bedeckte und sie zugleich von sich stieß.
-
-Die beiden Frauen saßen nebeneinander, die Gräfin auf dem Boden, beide
-wie von einer unsichtbaren Faust niedergeschlagen in diese Stellungen
-der Zerknirschung, Sehnsucht und Auflösung in dem fremden Blut. Ein
-Schweigen lag nach den heftigen, ihrem Innern entrissenen Worten über
-ihnen, das grauenvoll das Nichts aus dem Schoß der rinnenden stummen
-Zeit heraufflattern ließ. »Sagen Sie etwas!« bat die Gräfin mit
-schüchternem Flehen.
-
-»Still, oder ich erwürg' dich ... erwürg' dich!« schrie die Carozza.
-
-Da wich die Gräfin zurück. Sie fühlte sich, ungemessen und grenzenlos,
-wie sie bis dahin ihr inneres Leben nach außen zu wenden getrachtet
-hatte, der andern unterlegen wie ein Wiesel in den Krallen eines
-Steinadlers.
-
-Es wurde Essen hereingeschoben. Keine der beiden sah es. Es wurde
-finster. Die Carozza legte sich in den Kleidern auf eine der Pritschen.
-Die Gräfin ahmte sie nach und streckte sich in das Stroh der zweiten
-Liegestatt. Die Nacht ging über sie. Die Vorstellungen versanken in
-einer wehen, ermattenden Schlaflosigkeit wie in einer Kloake.
-
-Einmal mitten in der Finsternis fragte die Carozza streng: »Schläfst
-du?«
-
-»Nein!«
-
-»Weshalb bist du hier?«
-
-Da war die Gräfin nicht mehr so kühn, ihre Lüge zu wiederholen. Sie
-schwieg kleinmütig.
-
-Die Carozza blieb eine Weile stumm. Dann sagte sie mit Gleichmut: »Du
-solltest mich aushorchen! Hab' ich dir etwas gesagt?«
-
-»Ja!«
-
-»Von ihm?«
-
-»Ja!«
-
-»Hab' ich dir seinen Namen genannt?«
-
-»Nein!«
-
-»Das ist gut. Sonst kämst du nicht lebend hier heraus. Aber selbst wenn
-ich ihn genannt hätte und du lügst jetzt, so wisse, daß er keinen Namen
-hat. Er ist tausend Männer. Er ist ein ganzes Land! Er ist ein ganzer
-Erdteil!«
-
-»So wie er!« sagte die Gräfin bei sich. Aber einen Augenblick später
-wußte sie nicht, ob sie das nicht laut gesprochen hätte.
-
-»Wann gehst du wieder fort?«
-
-»Wann du willst!«
-
-»Dann geh gleich! Geh, sag' alles, was ich gesprochen hab'!«
-
-»Nein!« antwortete die Gräfin störrisch.
-
-»Weshalb sagst du es nicht? Wenn du doch deshalb hergekommen bist?«
-
-»Es ist jetzt anders!«
-
-»Nichts ist anders,« begehrte die Carozza wieder auf. »Es ist alles, wie
-es ist. Wie es war. Wie es sein wird! Er draußen in tausend Freiheiten!
-Ich hier ein Aas, das schon halb unter einem Rasenstück liegt. Sag' mir
-alles!«
-
-»Nein, ich sag' nichts!«
-
-»Weshalb, du ... du Luder?« fuhr sie die Carozza aufschreiend an.
-
-»Weil Sie ihn so lieben!«
-
-Da ward die Carozza still. Aber einige Blutschläge später warf sie sich
-hin und begann wild zu weinen und zu schluchzen.
-
-Die Gräfin blieb liegen. Sie spürte, wie eine Seele, entblößt, mit
-Tatzen, von denen Haut und Fell abgezogen waren, über ihrem Herzen lag
-und es gefangen hielt. Sie spürte ihr eigenes Blut über das Herz unter
-der Tatze rieseln und sich mit dem der Tatze vermengen.
-
-Die Tatze ward ihre Schwester. Nun hatte sie Blutsbrüderschaft mit der
-Mörderin drüben an der andern Wand. Aber keine von den beiden wußte, daß
-es derselbe Mann war, der in der Gefängnisnacht ihre Pulse vereinigte.
-
-
-
-
- XI
-
-
-Wenk bekam schlechte Nachrichten über das Befinden Karstens. Er hatte,
-da er sich scheinbar sofort energisch zur Wehr gesetzt hatte, wohl von
-einer zweiten Person Hiebe mit einem stumpfen Gegenstand auf den Kopf
-bekommen, die die Schädeldecke gesprengt hatten. Er gewann das
-Bewußtsein immer noch nicht wieder und war seit der Tat in einem
-überfeinen Zustand, der sich nicht nach der einen und nicht nach der
-andern Seite zu lösen vermochte.
-
-An eine Aussprache mit ihm, sagten die Ärzte, sei in zwei, drei Wochen
-nicht zu denken, selbst wenn er durchkommen sollte.
-
-Der Carozza gegenüber, über die er, wie sein Ruf, sie zu verhaften
-bewies, etwas hätte aussagen können, was ihre Anteilnahme an dem
-Verbrechen genauer bestimmt hätte, mußte sich Wenk mit dem Unternehmen
-der Gräfin begnügen. Heute war Montag, und um vier Uhr erfuhr er auf
-alle Fälle, ob etwas von der Carozza an Klärung zu erwarten war oder
-nicht.
-
-Wenk verließ sein Haus an diesem Tag nicht. Die zwei Pole, zwischen
-denen er seine Kräfte sammelte, waren persönlich nicht erreichbar für
-ihn: der eine war das Frauengefängnis, der andere, wichtigere wohl war
-Konstanz. Von dort wurde er öfter angerufen. Dieser Poldringer durfte
-keinen Augenblick aus dem Apparat herausspringen.
-
-Da er all die Stunden zu Hause verbringen und viel warten mußte, ging er
-in einer erregten Ungeduld hin und her und öfter ans Fenster.
-
-Da fiel ihm schließlich ein Mann auf. Er hatte ihn um acht Uhr in der
-Frühe zum erstenmal gesehen. Dann vielleicht eine halbe Stunde später
-nochmals. Darauf nicht mehr. Aber auf einmal wieder. Der Mann ging immer
-rasch an seinem Hause vorbei, wenn er ihn sah, oder er stand ferner an
-einer Ecke.
-
-Hatte dieser Mann die Aufgabe, ihn zu überwachen? Wenk wollte die Probe
-machen.
-
-Er bat einen Beamten der Geheimpolizei, sich so zu maskieren, daß
-jemand, der ihn nur flüchtig sah, ihn für den Staatsanwalt selber halten
-konnte. Dann holte der Chauffeur das Auto zu Wenks Wohnung, wo der
-Maskierte wartete, und der Verkleidete begab sich hinab in einem
-Augenblick, wo der Unbekannte wieder an einer Straßenecke sichtbar
-wurde. Der Geheimpolizist stürzte rasch das kurze Stück von der Haustür
-auf den Wagen zu, drückte sich in eine Ecke, und das Auto sauste davon.
-Diesen einfachen Trick will ich mir merken, dachte sich Wenk.
-
-Der Fernsprecher rief: Konstanz dringend kommt!
-
-»Der Beobachtete hat 3 Uhr 16 die Burschen, mit denen er zusammen saß,
-zum Bahnhof gebracht. Um 3 Uhr 36 fährt der Schnellzug nach Offenburg.
-Es ist ungewiß, wer von der Gesellschaft mit verreist. Die einen haben
-Handtaschen, die andern haben keine. Vor allem ist es ungewiß, ob der
-Beobachtete selber mitfährt. Ein anderer hat sieben Karten gelöst, nach
-Offenburg. Sie sind aber mit dem Beobachteten zu acht. Einer darunter
-sieht anders aus und wurde hier noch nicht gesehen. Es ist möglich, daß
-er der Führer der Burschen wird und in französischem Dienst steht. Was
-sollen wir tun?«
-
-»Stellen Sie drei Zivilbeamte bereit. Fahren alle acht, reisen auch die
-drei Beamten mit. Bleibt einer oder mehrere zurück, bleibt einer der
-Beamten ebenfalls zurück, der diesen oder diese nicht außer acht lassen
-darf. Es wäre möglich, daß sie getrennte Routen reisen.«
-
-Der Beamte in Konstanz wiederholte.
-
-»Gut! Melden Sie schon jetzt das Gespräch an für die Abfahrt des Zuges.
-Schluß!«
-
-Wenk bat um Verbindung mit Offenburg. In fünf Minuten konnte er
-sprechen.
-
-»Mit dem Konstanzer Schnellzug kommen sieben oder acht Leute.
-Geheimbeamte fahren im selben Zug. Halten Sie auf alle Fälle sechzehn
-Mann bewaffnet am Bahnhof bereit. Es ist wahrscheinlich, daß die
-Reisenden Pässe nach dem Elsaß haben. Sie sind gefälscht ... Wenn Sie
-verhaften, so vermeiden Sie, bitte, alles Aufsehen. Mitteilung an die
-Presse nur, daß es sich um Deutsche handelt, die in die Fremdenlegion
-gelockt worden seien, und vor allem: sie seien gleich wieder freigegeben
-und nach Hause expediert worden. Über die falschen Pässe zeigen Sie sich
-nicht unterrichtet. Falls sich einer namens Poldringer oder Hinrichsen
-unter ihnen befindet, so ist er abgesondert zu halten und sehr stark zu
-bewachen.«
-
-Bald danach kam wieder Konstanz: »Sieben sind abgereist. Poldringer
-allein zurückgeblieben. Er ging zum >Schwarzen Stier< und wird
-beobachtet.«
-
-»Es ist gut, danke. Bitte, läuten Sie wieder um sieben Uhr an! In der
-Zwischenzeit, wenn Wichtiges vorliegt, an die Kriminalpolizei!«
-
-Dann wollte sich Wenk rüsten, um die Gräfin im Gefängnis abzuholen. Es
-war 3 Uhr 30. Er war allein zu Hause. Er telephonierte nach seinem Auto.
-Als er es unter den Fenstern rattern hörte, ging er hinaus. Er öffnete
-seine Tür.
-
-Da stand ein älterer Mann draußen. Der Herr war gebeugt, hatte einen
-buschigen schneeweißen Schnurrbart, feste rote Backen und lichtblaue
-Augen.
-
-»Herr von Wenk?« fragte er.
-
-»Bitte!« sagte der Staatsanwalt. »Verübeln Sie mir nicht ... ich habe
-einen eiligen amtlichen Ausgang vor.«
-
-»Einen Augenblick nur,« antwortete der andere. »Mein Name ist Hull. Ich
-bin der Vater!«
-
-Wenk verbeugte sich und ließ den Herrn herein. Er führte ihn in sein
-Arbeitszimmer.
-
-»Herr von Wenk, man hat mir gesagt, Sie führten die Untersuchung. Edgar
-war mein einziger Sohn. Ich habe ihn schlecht erzogen. Mein Leben war
-meine Arbeit. Meine Fabriken waren groß. Meine Frau starb früh. Es ist
-vielen Söhnen unserer Zeit so gegangen.« Er sprach mit einer graden
-Stimme, fast rauh. »Das nimmt meine Schuld nicht von mir. Unsere Söhne
-waren unser Luxus, unsere Arbeit war unsere Pflicht. Besser, wir hätten
-es umgekehrt gehalten. Sein Leben kann ich nicht zurückverlangen. Was
-ich von anderer Seite über die näheren Umstände erfahren, genügt mir.
-Ich will nicht mehr wissen. Ich habe mir erlaubt, wegen anderm zu
-kommen. Mein Sohn bekam zehntausend Mark monatlicher Rente von mir. Ich
-habe aus dem ganzen Unglücksfall nur den einzigen Wunsch übrigbehalten,
-diese zehntausend Mark monatlich so weiterzugeben, als sei er noch da.
-Ich will weitere zehntausend dazu legen. Das Geld soll dienen, etwas zu
-schaffen, was die Menschen gut machen hilft. Und was bleibt. Herr von
-Wenk, können Sie mir raten?«
-
-Wenk antwortete zögernd: »Ich muß Ihnen ... gestehen ... zuerst ... Herr
-Hull, Sie machen mich betroffen!«
-
-Wenk war von der Haltung des Vaters tief erregt. Gebändigte
-Menschenkraft, erwürgter Vaterschmerz, unbesiegbare Menschlichkeit ...
-alles, was da so unvermutet vor ihn hingetreten war, machte ihn im
-ersten Augenblick vor Bewegung und Anteilnahme unsicher. »Ja, ich weiß
-nicht ... Herr Hull ... weshalb wenden Sie sich gerade an mich?«
-
-»Das kann ich Ihnen genau sagen, Herr Staatsanwalt. Sie haben die
-Pflicht, die Mörder zu vernichten. Ich möchte das, was Sie an Schlechtem
-aus unserer Heimat zu entfernen haben, durch etwas Gutes ersetzen. Das
-Andenken meines Sohnes soll fruchtbar werden. Von seinem Leben habe ich
-nichts gehabt. Sein Tod soll mir nun etwas geben, was ich mit in die
-Ewigkeit nehme.« Seine Stimme blieb fest bis zum letzten Wort.
-
-»Sie haben es eilig. Vielleicht ist es gerade dieser Unglücksfall, der
-Sie verhindert, mir mehr Zeit zu widmen?«
-
-»Allerdings,« sagte Wenk.
-
-»Kann ich Sie morgen oder an einem andern Tag in Ruhe sprechen? Wenn Sie
-frei sind?«
-
-»Ich bin morgen frei, Herr Hull. Kommen Sie, wann Sie wollen. Am besten
-vormittags. Sie brauchen sich auf keine Stunde festzulegen. Ich bin
-immer zu Hause. Ich danke Ihnen. Wir können zusammen ein Werk schaffen,
-glaube ich!«
-
-»Nein, ich habe Ihnen zu danken, daß Sie mir helfen wollen, dies
-bescheidene Denkmal zu setzen, damit der Name des Unglücklichen nicht
-nur im Blut unter den Menschen bleibt.«
-
-Sie gingen zusammen aus dem Hause.
-
-Wenk fuhr zum Gefängnis. Er kam eine halbe Stunde später, als verabredet
-worden war. »Die Frau ist schon lange vor vier Uhr fortgegangen,« sagte
-der Direktor.
-
-»So!« machte Wenk enttäuscht. »Was hat sie hinterlassen?«
-
-»Nichts!«
-
-»Und Sie selber wissen auch nichts? Über das Ergebnis? Hat sie Erfolg
-gehabt?«
-
-»Ich habe nicht gefragt!«
-
-»Weshalb nicht?« fragte Wenk, durch den Ton gereizt.
-
-»Es stand nicht in meinen Instruktionen, das zu fragen,« antwortete der
-Direktor mißlaunig.
-
-»Es handelt sich nicht um Ihre Instruktionen, sondern um den Versuch,
-eine der gefährlichsten Verbrecherbanden Deutschlands aufzuspüren. Sie
-scheinen das mißzuverstehen. Sie und Ihre Instruktionen sind absolut
-nichts in dieser Sache.«
-
-»Um so besser. Wenn ich dann bitten darf, mich nächstens mit solchen
-Neuerungen zu verschonen ...«
-
-»Sie scheinen sich in Ihrem Amt nicht mehr wohlzufühlen, Herr Direktor.
-Ich werde ein Wort für Sie beim Minister einlegen. Ich empfehle mich!«
-
-Was ist geschehen? fragte sich Wenk. Er war enttäuscht und zornig, als
-er zu seinem Auto hinauseilte. Was ist los?
-
- * * * * *
-
-Die Gräfin fuhr um sieben Uhr dieses Tages zum Geheimrat Wendel. Sie kam
-in dieselbe Gesellschaft wie das letztemal. Sie sah so wenig von dieser
-Gesellschaft, wie sie das letztemal gesehen hatte. Um sie und ihren
-Tischnachbar, den Dr. Mabuse, stiegen die Gespräche wie ein Netz von
-Tönen, wie eine Laube von Lauten, abschattend alles von draußen. Ihr
-Nachbar war schweigsamer an diesem Abend. Aber was er sprach, sagte er
-mit einem eindringlichen Zielen auf einen unerkennbaren Punkt.
-
-Die Gräfin stritt die ganze Zeit mit sich, ob sie ihm nicht das Erlebnis
-im Gefängnis erzählen sollte ... daß sie mit dieser Frauenseele zusammen
-gewesen, die so stark war wie die Erlebnisse und Gestalten seiner Worte,
-und noch stärker, da sie in der Entsagung und Frau war und alles nur in
-der Abwehr erlebte und erkämpfte. Sie spann sich so ein in diese
-Vorstellungen, und das Ereignis ihrer Begegnung mit der Verbrecherin
-nahm in der Entfernung so plötzliche Verhältnisse an, daß die Kraft des
-Mannes daneben zu verblassen begann. Die Erfüllung der zweiten Begegnung
-mit ihm gab nichts von dem, was die Sehnsucht leidenschaftlich erwartet
-hatte. Der Mann sank hin vor ihr.
-
-Sie bemerkte, daß, wie er sie am ersten Abend mit den starken Worten
-seines Mundes, er sie heute mit dem gewaltsamen und verlangenden, aber
-kalten Strahl seiner Augen an sich zog. Diese Augen waren von einem
-steinernen Grau. Da bekam sie ein wenig Angst, und aus der Angst heraus
-sehnte sie sich nach der Anteilnahme eines Menschen, die sie erwärmen
-und ihr Inneres mild beschatten könnte.
-
-Sie blickte zu ihrem Mann hinüber. Der Graf saß neben der Somnambulen.
-Er sprach auf sie ein. Es war, als ob seine Worte nur um die ziervollen
-Bewegungen seiner Finger spielten. Der Ring beherrschte die Hände. Da
-erhob sich aus dem Herzen der bewegten Frau ein ganz fernes Gefühl, das
-wie die Lösung eines Fiebers ihr Herz warm überrieselte ... ein Gefühl
-edlen, frauenhaften Mitleids. Er ist ein Kind! sagte sie sich. Wenn er
-mich nicht hätte, wäre er schutzlos. Wäre er ein Reifen, der die Straßen
-hinabrollt, von den Steinen und Unebenheiten des Weges gestoßen und
-geführt.
-
-In dies Empfinden drang dann wieder die Glut ihres Erlebnisses mit der
-Tänzerin Carozza, hob sie vom Alltag, verwühlte sie, machte sie von
-einer heißen, sprühenden Inbrunst und dann wieder eiskühl und fern.
-Orgiastisch lief sie hinterher. Es schien ihr dann, sie sei auf der Jagd
-nach ihrem Mann, und wenn sie zugreifen wollte, patschte sie mit den
-dünnen, weißen Fingern in die Teiche der großen wolkengrauen Augen ihres
-Nachbarn.
-
-Mabuse wurde immer schweigsamer. Er aß nichts. Er legte sich auch keinen
-Zwang an, seine Schweigsamkeit zu bemänteln. Er gab sich ihr im
-Gegenteil mit einer drohenden Eindringlichkeit hin, als habe sich die
-ganze Gesellschaft um ihn herumgesetzt, um diese Schweigsamkeit wie die
-gottgegebene Tyrannei eines afrikanischen Königs zu erdulden und
-anzubeten. Die Menschen aßen nur, um sich zu dieser Anbetung zu stärken.
-
-Nur der Graf Told tänzelte wie auf Steckelbeinen mit zierlicher Komik an
-der Somnambulen herum, die schwarzhaarig, mit dicken, bleichen Backen,
-fett und fest neben ihm saß und ihre Blicke um ihn in die Gesellschaft
-entließ. Da haßte die Gräfin den Mann, der neben ihr saß und schlecht
-gelaunt war, während ihr Gatte so gefährlich auf der Scheide des
-Lächerlichen hüpfte. Nein, es war nicht Haß. Es war der innere Grimm
-zwischen Abwehr und dem Willen zur Hingabe an ein selbststarkes und
-selbstsicheres Hirn und Blut.
-
-Die Tafel wurde aufgehoben. Eine Weile stand man plaudernd rundum.
-
-Mabuse hatte sich von seiner Tischnachbarin gelöst und die Gesellschaft
-des Grafen Told aufgesucht. Er brachte ihn in ein Gespräch über die
-Psychologie des Glücksspiels.
-
-»Ich bin eine Spielernatur eigentlich,« sagte der Graf, »ich bleibe
-eiskühl, wenn ich verliere; ich entflamme und werde in der Phantasie
-fruchtbar, wenn ich gewinne.«
-
-Mabuse sagte: »Das Glücksspiel ist die älteste Form, die stärkste und
-allgemeinste Form, in der der Mensch, dem nicht die Gabe einer
-Künstlerschaft gegeben ist, sich Künstler zu fühlen vermag.«
-
-»Interessant,« antwortete der Graf, »führen Sie das, bitte, weiter aus.«
-
-»Weil im Glücksspiel ein jeder Mensch die Erzwingung einer Annäherung
-wenigstens an einen Schöpferakt durchsetzen kann. Die Erschaffung durch
-das Prinzip, dem sich alles Leben verdankt, speist ihre Macht aus dem
-Kräfteparallelogramm von Willen und Zufall. Unter Zufall ist das
-Unerwägbare, Unmeßbare, Fremde und zum Erkennen aus sich selbst heraus
-Unmögliche zu verstehen. Dies ist auch die seelische Mechanik der
-Geschöpfe, denen die Natur einen Teil der Urkraft verliehen hat: der
-Künstler! Zwischen den Polen Willen und Zufall läuft ihre Tätigkeit in
-einer Art von Trancezustand. Goethe hat das von sich selber gesagt, wenn
-er dichtete. Die Synthese des glückenden Spiels ist dieselbe: der Zufall
-gibt dem Spieler das Material; es kann winzig und nichtig und es kann
-alles beherrschend sein. Den Willen setzt er dann hinein, aus diesem
-Zufall ein Werk eigener Schöpfung zu machen.«
-
-»Sie sind auch Dichter, Herr Doktor?«
-
-»Nein, ich bin psychopathologischer Arzt!«
-
-»Das sind ja gerade unsere modernsten Dichter. Denn sie geben der Kunde
-des Unbewußten, oder des Unterbewußten vielmehr, die sichtbare Form. Das
-Unterbewußte aber, das steht doch heute fest, trägt unser Seelenleben.
-Wir spielen nachher Bakkarat, nicht wahr?«
-
-»Gut!«
-
-Die Somnambule sollte ihre Tätigkeit beginnen. Ein Arzt führte sie vor
-und setzte sie in den hypnotischen Zustand, in dem sie ihre Wunder der
-Erinnerung vollbringen sollte. Sie hatte am ersten Abend, das erzählte
-der Graf mit ehrfürchtig flüsternder Stimme Mabuse, Erlebnisse erzählt,
-die sich in ihrem Innern während ihrer ersten Gehversuche abgespielt
-hatten.
-
-Der Graf fühlte eine Wärme, die unnatürlich seinen Hinterkopf
-bestrahlte, während er das sagte. Er drehte sich um. Aber es war nichts
-hinter ihm als die Tapetenwand, an der Gemälde hingen, die älterer
-Schule waren und ihn gleichgültig ließen.
-
-Die Somnambule gehorchte dem Willen des Suggestors nicht. Sie entglitt
-wohl dem Wachsein; aber jeder Zuschauer konnte erkennen, wie allmählich
-der Ausdruck ihrer Augen wie aus der Ferne wieder hervorkam, bis er ganz
-vorn stand und plötzlich wieder wach aufstrahlte, wach und unwillig.
-»Einer quält mich,« sagte sie.
-
-»Niemand quält Sie,« sagte die Stimme des Arztes eintönig und
-skandierend. »Man will Sie in die frühen Länder Ihrer Jugend geleiten
-... eins ... zwei ... drei ... schlafen Sie ... ein ... eins ... zwei
-... Sie schlafen! ...«
-
-Er rieb langsam, kaum berührend mit der Hand über ihre Stirn, immer
-wieder ... zählend ... »Drei ... eins ... zwei ... Wie alt sind Sie
-jetzt?«
-
-»Ich bin jetzt zehn Monate alt und drei Tage.«
-
-»Was hat morgens die Mutter gemacht, wenn sie Sie aus der Wiege hob?«
-
-»Hat mich losgewickelt und geschmerzt und ... und ...«
-
-Sie seufzte, erwachte rasch: »Es ist jemand da, der soll fort. Wer quält
-mich?«
-
-»Es geht heute nicht. Es sind kreuzende Störungen vorhanden, die ich
-nicht erkennen und infolgedessen auch nicht abstellen kann,« sagte der
-Arzt.
-
-Der Geheimrat trat auf Mabuse zu. »Herr Doktor, wollen Sie nicht einmal
-versuchen? Nach den Proben, die ich damals von Ihnen sah, verspreche ich
-mir von Ihrem Eintreten eine Behebung der Störungen.«
-
-Mabuse wollte wohl versuchen, sagte er. Aber Erfolg vermöge er nicht zu
-versprechen. Er sei lahm im Kopf von einer Erkältung. Er trat aber
-sofort einen kleinen Schritt auf das Medium zu. Man sah, daß dieses auf
-die unscheinbare Bewegung hin wie ein Eisenteilchen vor einem Magneten
-sich anders richtete. Mabuse sagte kein Wort zu ihr. Er überstrich einen
-Teil ihres Körpers mit den Augen. Das Mädchen wurde wie mit einem Schlag
-blasser, als es war. Ohne daß das Medium auch nur eine Bewegung machte,
-ward deutlich zu erkennen, daß in ihr ein Kampf gegen fremdes
-Unsichtbares aufging ... daß ein Widerstand rasch erlahmte, daß ihre
-Augen fielen ... fielen ...
-
-Dann sagte Mabuse mit hastigen, vergewaltigenden Worten: »Sie liegen in
-Tüchern. Sie haben die Arme fest an den Leib gebunden. Sie sind sechs
-Monate alt. Es ist Abend. Sie schreien. Weshalb schreien Sie?«
-
-Und aus dem schweren Körper dieses bei offenen Augen schlafenden
-Mädchens drang eine piepsende, winzige Stimme: »Im Bauch drückt es!«
-
-»Das ist schlechte Luft. Man gab Ihnen zuviel zu trinken. Wer gab Ihnen
-das?«
-
-»Der Leib einer Frau,« sagte das Stimmchen.
-
-»Lieben Sie den Leib?«
-
-Da ward das Mädchen aschfahl, und durch die piepsende Stimme drang ein
-schriller, qualvoller und böser Ton: »Nein!«
-
-»Was wollten Sie tun?«
-
-»Ihn mit dem Gaumen zerbeißen!«
-
-»Weshalb?«
-
-Doch ein Zittern brach über die Lippen des Mediums, teilte sich dem
-Körper mit, und Mabuse sagte: »Jede Minute länger ist Lebensgefahr. Ich
-muß die Sitzung beschließen!«
-
-Er legte das Mädchen auf ein Sofa. Mit beruhigenden Bewegungen erlöste
-er es, wusch ihm das Gesicht mit Wein, und als es zu sich gekommen war,
-wurde es zu Bett geführt.
-
-Die Unterhaltung stürzte nun über Mabuse. Man fragte, riet, was es sagen
-gewollt hatte.
-
-»Das ist ein Märchen gewesen,« sagte Told, »ein Märchen vor dem Tor des
-Lebens! Sie sind ein Genie, Herr Doktor. Was wollte es aber sagen, das
-es so zittern gemacht hat?«
-
-Eine Dame schob sich heran und fragte. Aber Mabuses Augen suchten die
-Gräfin. Sie trat heran. Auch sie fragte.
-
-Da sagte Mabuse: »Sie wollte sagen: Weil ich ihr Blut so gehaßt habe!«
-
-Die Gräfin erschrak. Die andern schwiegen, peinlich betroffen. Die
-Gräfin lehnte sich auf und sagte hart: »Ein Kind kann nicht hassen!«
-
-»Woher wissen Sie das?« fragte Mabuse brutal.
-
-»Das weiß ich ... von mir selber!« antwortete sie.
-
-»So freuen Sie sich über sich. Denn dann sind Sie nicht nur ein Genie an
-Erinnerungskraft, sondern auch ein Engel an Gemüt!« entgegnete Mabuse
-höhnisch.
-
-Gespräche lösten die Gesellschaft auseinander. Nur der Graf Told war
-schweigsam geworden. Immer dieser unnatürliche Hitzstrahl gegen seinen
-Hinterkopf! Er schaute hinter sich. Er faßte mit der Hand den Schädel
-ab. Nichts! Er ging zu einem Spiegel! Nichts! Er setzte sich hin, und
-ihm war, als solle er einschlafen. Aber er sah alle Menschen und hörte
-alles. Er wollte etwas sagen, doch fühlte er, wie die Worte von seinem
-Mund weggepflückt wurden gleich fallreifen Früchten.
-
-Als eine Weile so vergangen war, erhob er sich, trat auf den Kreis zu,
-in dem Dr. Mabuse stand, und sagte: »Wir wollten Bakkarat spielen!«
-
-»Wie Sie wollen! Wenn wir noch Spielliebhaber finden!« antwortete
-Mabuse.
-
-Da wurde Told lebhaft. »Großartig, mit Ihnen Bakkarat spielen!
-Geheimrat, was? Machen Sie auch mit?«
-
-»Ich habe gesellschaftliche Pflichten gegen die Damen. Aber Sie werden
-Partner genug finden,« antwortete der Geheimrat.
-
-Bald saßen sechs Herren um den Spieltisch. Er stand in einem Raum, der
-an den Wintergarten stieß. Die Lampe mit einem tiefen Schirm neigte sich
-über den Tisch und ließ das Zimmer in einer schummerigen Dunkelheit. Im
-Wintergarten, in den man durch ein Fenster sah, leuchteten dunkel die
-gespenstischen Arme der fremden Palmen gegen das von Sternenschein
-angegeisterte Glas der Wände. Sie sahen aus wie Leitern, die, aus ihren
-starren, hölzernen Formen erlöst, dunkel und wie ekstatische Schatten
-sich gegen Himmel erstreckten.
-
-Man schlug die Karten, wer zuerst die Bank halten sollte. Gäste
-umlagerten den Spieltisch. Die Gräfin Told stand im Dunkeln abseits und
-schaute herüber. Mabuse sah ihr Fleisch leuchten auf dem dunkelroten,
-weit ausgeschnittenen Kleid, das sie trug. Er war finster und kalt. Kaum
-sprach er ein Wort. Alles, was in ihm aufsteigen wollte, unterdrückte
-er, und nur um den Grafen Told häuften sich seine Gedanken und türmte
-sich sein Willen hoch. Wenn jemand ihn anredete, antwortete er kurz und
-abweisend. Er spielte scheinbar mit großer Aufmerksamkeit. Aber er
-spielte in Sprüngen.
-
-Bald begann es, daß die Herren, die mit geringen Sätzen angefangen
-hatten, ihm dies Beispiel nachmachten. Dadurch ging die Werteinschätzung
-des Einsatzes verloren. Neben drei Mark standen fünfzig Mark, standen
-zweihundert Mark. Die drei Mark schämten sich, wurden rasch zwanzig und
-rascher hundert und zweihundert ... Es ging nicht lang und niemand
-wagte, weniger als hundert Mark zu setzen.
-
-Als man begann, fand man Zeit, die Zwischenräume zwischen dem
-Kartenablegen und dem Aufheben der neuen Karten mit Gesprächen zu
-füllen. Diese Unterhaltung versickerte, verschwand. Die Zuschauer wurden
-stumm. Unter den Spielern entbrannte der Kampf, kreiste das Fieber. Es
-ging auf die Zuschauer über.
-
-Die Gräfin sah, welche Summen ihr Mann setzte.
-
-Er hat nie gespielt! Was ist los mit ihm? fragte sie sich.
-
-Der Graf gewann. Er ließ Einsatz und Gewinn stehen. Es war ihm, als sei
-er ein Pferd, über dessen Flanken der Reiter bedrohend und anfeuernd
-hing und hetzte. Er warf Geld hin.
-
-Der Graf sollte als Letzter in der Runde die Bank bekommen. Es war ihm,
-als stände der Augenblick, in dem er selber die Karten verteilen und das
-vierfache Risiko an Gewinn oder Verlust haben sollte, wie eine Empore
-vor ihm, deren reiche Geheimnisse zu erklettern ein wunderbares Glück
-sei.
-
-Es wurde heiß. Aus den Phantasien zuckte die Hitze durch den Raum.
-
-Die Gräfin beugte sich in dem halben Licht vor, gebannt von dem
-unbegreiflichen Tun ihres Mannes. Auf einmal berührte der volle
-Lichtschein den Ansatz ihrer Brust, der sich klar und schön aus dem
-Kleidrand hob. »Norden und Süden!« sagte Mabuse, der diesen
-Zwillingspfirsich sah; bös und voll dunkler Wut sagte er es. »Norden und
-Süden, warte! ...«
-
-Dann wich sein Blick zurück und legte sich dem Grafen Told auf die
-Hände.
-
-Der übernahm in diesem Augenblick die Bank.
-
-Er teilte die Karten aus. Er war auf einmal verwirrt, als sei etwas
-geschehen. Er war froh, wie er das Paket verteilt hatte. Er gewann
-sämtliche Einsätze. Es war sonderbar, daß sich auch das zweitemal
-dasselbe Gefühl der Unsicherheit wiederholte. Er gewann wieder.
-
-Das geschah nun öfter hintereinander. Die Spieler wie die Zuschauer
-erregten sich an der Glücksserie des Grafen.
-
-»Ihr Gatte!« wandte sich jemand an die Gräfin, »schauen Sie, er gewinnt
-jedesmal.«
-
-Alle warfen einen Blick, den die Karten rasch wieder zurücknahmen, auf
-die Gräfin.
-
-Der Graf teilte die Karten wieder aus. Er deckte sein Blatt auf; er
-hatte zwei Figuren und schickte sich eben an, eine Karte zu kaufen.
-
-»Halt!« rief plötzlich eine Stimme, wie von einem Unteroffizier. Eine
-Hand fuhr rot und roh auf den Tisch, auf die schöne, schmale weiße Hand
-des Grafen, an der der farbige Stein funkelte, riß sie empor, und alle
-sahen, daß der Graf im Begriff gewesen, die Karte, die unten lag, statt
-der obersten zu seinen Karten zu nehmen.
-
-Es war eine Neun.
-
-»Aha, eine Neun! Jetzt verstehe ich Ihr Glück, Sie Kujon!« schrie die
-schnarrende Stimme. »Sie sind ein Falschspieler!«
-
-Alles sprang auf. Man rief durcheinander. Der Graf Told saß klein und
-zusammengebrochen an seinem Platz. Er saß da wie ein eingeschlagener Hut
-und schaute hilflos auf.
-
-Der mit der schnarrenden Stimme drang auf den Grafen ein. »Das Geld her!
-Sie!« rief er drohend. »Alles Geld!«
-
-Zuschauer und Spieler waren durcheinander gemengt. Ein Schrei fiel im
-Dunkeln. Durch die gewaltsamen Bewegungen des starken Mannes, der den
-Grafen entlarvt hatte, war ein Herr hingefallen, hatte einen andern
-mitgerissen. Der wollte sich am Tischtuch anhalten. Das Tuch wurde von
-der Platte gezogen. Geld und Karten streuten sich auf dem Boden unter
-den Füßen der Menschen durcheinander. Die Menschen drüber her! Da
-erlosch die elektrische Birne.
-
-Aber der Dr. Mabuse, der auf den Schrei aus dem Dunkeln gewartet hatte,
-war auf die hinfallende Gräfin gestürzt, hatte sie hoch in seine Arme
-gerissen, und einen Sprung später war er zwischen den Palmen und trug
-die Ohnmächtige hinaus in den Park unter die Sterne und die Bäume und
-weit nach hinten durch Gebüsch zu der kleinen Mauer, an der eine Straße
-vorbeiführte. Er hob sie über die Mauer hinüber. Jemand half von drüben.
-Und einen Augenblick später toste das Automobil wie ein Räuber davon.
-
-»Nord- und Südkugel!« sagte Mabuse ingrimmig und laut in die Fahrt
-hinein. »Jetzt seid ihr mein!«
-
-Die Xenienstraße war leer. Mit einem Ruck schlug sich vor Mabuses Haus
-das Auto fest in die Bremsen. Er trug die Frau, die immer noch
-ohnmächtig war, in seine Wohnung hinein.
-
-
-
-
- XII
-
-
-Aus dem schimpfenden Durcheinander, aus dem Chaos von verächtlichen
-Blicken und Selbstunsicherheit löste sich Graf Told wie von einem Traum
-und schlich ins Vestibül. Er dachte an seine Frau. Aber er hatte nicht
-den Mut, sich nach ihr umzuschauen, noch nach ihr zu fragen. Vor dem
-Haustor stand sein Auto. Der Chauffeur fuhr mit der Hand an den Schlag.
-Aber Told winkte ab: »Warten Sie auf die Frau Gräfin!«
-
-Er ging in die Stadt und mietete das erste Auto, das kam, um nach Hause
-zu fahren. Weiß ich denn, was geschah? fragte er sich ununterbrochen. Es
-ist über mich hergefallen ... Es hat meine Hand auf den Tisch geschlagen
-... Weiß ich denn, was geschah? ... Wenn es nur ein schlimmer Traum
-wäre!
-
-Aber es war kein Traum. Er kam vor seiner Villa an. Er mußte aussteigen.
-Er ging den Garten entlang und hinein. Der Diener nahm seinen Mantel.
-Der Graf begab sich in das Zimmer, in dem er mit seiner Frau, wenn sie
-zusammen irgendwo gewesen waren, noch etwas vor dem Zubettgehen zu
-verweilen pflegte und aus den Erlebnissen des Abends einer dem andern
-das nachmalte, was ihm etwas gegeben hatte. Er hing mit einer verliebten
-Pedanterie stark an diesem Zusammensein.
-
-Heute war er allein da. Wo ist meine Frau? fragte er sich, unbewußt und
-erstaunt. So stark floß um ihn die Stimmung der vielen zarten
-Erinnerungen des Raumes. Er fühlte sich enttäuscht, daß sie ihm in
-dieser grausamen Stunde nicht an der Seite war. Es war das erste schwere
-Erlebnis seines Daseins.
-
-Aber zugleich dünkte es ihn selbstverständlich, daß sie sich von ihm
-getrennt hatte. Er kam sich vor, als habe das unnennbare Ereignis am
-Spieltisch in der Wendelschen Villa ihn in Schmutz gewalkt. Es roch
-schlecht aus ihm. Nein, Dusy _soll_ fort von ihm sein! Es kam eine
-Prüfungszeit. Sie soll fort sein, bis er sich gereinigt habe.
-
-Aber wovon sollte er sich reinigen?
-
-Und auf einmal überfiel ihn, lastend und kalt, was er getan hatte, wie
-eine einbrechende Eisdecke. Er hatte es getan! Ja, er hatte es getan! Er
-hatte Karten unten hingemischt und hatte Karten unten herausgezogen. Er
-hatte damit Geld gewonnen. Aber er hatte ja kein Geld gewinnen wollen!
-Was war geschehen? Kann keiner mir helfen? Ich habe etwas getan, was ich
-nicht tun wollte. Ich habe mich aus der Gesellschaft ausgestoßen! Ich
-werde bis ans Ende meines Lebens ein Falschspieler sein. Kann niemand
-mir helfen?
-
-Ich weiß, daß ich es getan habe. Aber ich weiß nicht, wie ich es getan
-habe! Und nicht weshalb und nicht wozu. Ich werde verrückt. Ich verliere
-mein Vertrauen in mich. Ich kann keinen Augenblick in meinem Leben für
-das, was ich tue, sicher sein. Entsetzlich! Grauenhaft! Es graust mir
-vor mir selber. Wie kam ich dahin? Das da ist ein Bild von Kokoschka!
-Das ist eine Plastik von Archipenko! Das werde ich immer wissen. Aber
-was da allein aus diesem Kopf, aus diesem meinem Kopf herausschleicht,
-das kann ich nun nie mehr in meinem Leben sicher wissen. Ich behalte
-meine Augen, mein Gehör, mein Gefühl ... Aber mein Hirn verfault.
-Irrenanstalt! Mein Körper geht im Licht des Tages. Und mein Gehirn ist
-in Zwischendunkelheit eingehüllt. Kann denn keiner mir helfen?
-
-Er kämpfte mit den Tränen. Aber er wagte nicht einmal, zu weinen. Er
-wußte nicht: Täuscht mich nicht vielleicht mein Bewußtsein über das, was
-ich tue? Und wenn ich weine, geschieht es dann vielleicht nicht in
-Wirklichkeit, daß ich ein Bild zerschneide, das ich bisher geliebt und
-angebetet habe, oder meinen Diener einen Mörder nenne oder der
-Kammerzofe Dusys Unzüchtigkeiten sage? ...
-
-Und dann war es ihm, als bräche er zusammen über den einen Namen: Dusy!
-Kannst du mir nicht helfen, Dusy, du? Wirst du nicht kommen? Glaubst du
-mir nicht? Hilfst du mir nicht!
-
-Er klingelte und lief dem Diener entgegen. »Die Frau Gräfin?« rief er.
-
-»Die Frau Gräfin ist noch nicht zurück!«
-
-»Nicht telephoniert? Hat sie nicht ...«
-
-»Nein, Herr Graf. Aber Herr Doktor von Wenk hat vor einer Stunde
-angerufen. Die Frau Gräfin läßt er um die Ehre bitten, ihn morgen
-vormittag zu empfangen. Seine Rufnummer ist am Fernsprecher
-aufgeschrieben.«
-
-»Gehen Sie!« sagte der Graf.
-
-Ich gehe zu Dr. Wenk ... ja, ich gehe zu Dr. Wenk ... Und dann rief er
-laut ins Zimmer hinein, gepeitscht von tausend Unsichtbarkeiten,
-gestäupt von zehntausend Ängsten:
-
-»Sonst muß ich mich aufhängen! Ich muß es einem Menschen sagen, einem
-Menschen! ...«
-
-Er stürzte zum Fernsprecher. Er rief die aufgeschriebene Nummer an.
-»Hier Staatsanwalt Wenk!« rief eine fremde, ferne Stimme, so daß Told zu
-erzittern begann.
-
-Aber er raffte alle Energie und Selbstverleugnung zusammen und
-antwortete: »Kann ich jetzt gleich mit Ihnen sprechen?«
-
-Ihm war in furchtbarer Not, als schmölzen vor dem Fieber seines
-Verlangens die übermittelnden Drähte und es könne keine Antwort durch
-sie kommen. Er atmete auf, als er dann hörte: »Mit Vergnügen! Ich
-erwarte Sie!«
-
-»Fritz!« schrie er hinaus. »Richten Sie mir das kleine Auto!«
-
-Und er fuhr zurück nach München.
-
-Wenk glaubte, er käme im Namen der Gräfin und es sei im Gefängnis etwas
-geschehen, was seine Beziehungen zu ihr durchschnitte.
-
-»Herr Graf ... ich vermute, es war ein gefährliches Experiment! Die Frau
-Gräfin ...«
-
-»Nein, nein,« rief Told dagegen, »ich, ich ... Meinetwegen komme ich.
-Mir ist etwas geschehen!«
-
-Er erzählte. Er erzählte auch, wie er den Abend über diese unnatürliche
-Bestrahlung seines Hinterkopfes empfunden hätte. Das sei wohl ein
-Vorbote des kommenden Unglücks gewesen.
-
-»Seien Sie mir nicht böse, Herr Doktor Wenk. Ich bin ein Fremder. Ich
-überfalle Sie. Aber ich hätte mich aufhängen müssen, wenn ich es nicht
-gleich in der Nacht einem Menschen gesagt hätte. Darf ich fortfahren?
-Und diese starren Strahlen, wie eine glühende Eisenstange am Hinterkopf,
-flossen dann so weich und so wohlig lau in meinem Innern aus. Es war,
-als sei es auf einmal ein warmes Bad. Ich hatte die Empfindung, ich sei
-vor irgend etwas, was vor mir gelegen, gerettet, und in diesem
-Augenblick, der mir so wohl tat -- da geschah es! In der ersten halben
-Stunde habe ich es geleugnet vor mir selber. Als ich nach Hause ging.
-Aber es ist geschehen. Es ist wahr! Es ist nicht rückgängig zu machen,
-nicht vor Menschen, nicht vor mir selber.«
-
-Wenk war sofort sein Erlebnis mit dem alten Professor gegenwärtig. Um
-Gottes willen, schrak er auf, sollte der auch hier ...? Die Gräfin und
-die Carozza! Er fragte Told:
-
-»Haben Sie einen Verdacht?«
-
-Der Graf verstand die Frage nicht. »Einen Verdacht? Wie meinen ... daß
-ich früher schon so gewesen bin? Krank? Nein, niemals!«
-
-»Nein, einen Verdacht gegen eine bestimmte Person, die zugegen war?«
-
-»Der Gedanke ist mir nicht gekommen. Ich verstehe nicht, wie ein anderer
-... Nein ... Gegen niemanden!«
-
-»Ist niemand in der Gesellschaft gewesen, der nicht hinzupassen schien
-... der Ihnen verdächtig vorkam? Der sich anders benahm als die andern
-Geladenen?«
-
-»Es war ein kleiner Kreis persönlicher Bekannter des Geheimrats. Nein,
-niemand!«
-
-Wenk ließ den Verdacht fallen. Wie hätte er auch selbst die Anwesenheit
-des gesuchten Verbrechers mit dem Falschspiel des Grafen zusammenbringen
-können! Es lag so scheinbar ein seelisches Entgleiten der Macht über den
-Willen vor. Ein Vorgang, der sich im Unterbewußtsein einer ans
-Krankhafte streifenden, subtilen Persönlichkeit abspielte, den das Hirn
-nur über seine Wirkung auf die Mitspielenden registriert hatte. Der Graf
-mußte zu einem Psychiater gehen. Es war auffallend, daß er zu ihm, dem
-Kriminalisten, kam. Aber er wollte nicht fragen.
-
-Told versank in Schweigen. Der Staatsanwalt überließ ihn sich selber.
-Dann erhob sich der Graf unvermittelt und sagte: »Es kommt mir zum
-Bewußtsein, daß ich, ohne jedes Recht an Sie zu haben, Ihre Nachtruhe
-gestört habe. Ich bitte Sie aufs herzlichste, mir das nicht
-übelzunehmen. Im Unglück ist es, als fiele die Seele in eine Schlucht.
-Und da greift das Bewußtsein nach dem ersten Halt. Sie hatten
-angeläutet. Es war eine Verbindung zwischen Ihnen und ... meinem Haus.
-Und da ...«
-
-Er schlug um: »Aber sagen Sie, spreche ich jetzt wirklich aus, was ich
-sagen will, oder verrichte ich irgend etwas Unsinniges? Sehen Sie, das
-ist das Furchtbare des Erlebnisses. Mir steht nun als Lebensbegleiter
-der Psychiater bevor.«
-
-»Nein, Herr Graf, Sie sprechen durchaus klar und sagen gewiß, was Sie
-sagen wollen. Ich bitte Sie, über mich zu verfügen. Irgendwo rührt mein
-Beruf an die Sphäre des Psychiaters; er ist vielleicht tiefer noch und
-jedenfalls an das Unheimlichere und Geisterhaftere des Menschen
-gebunden. Ich bedaure, daß der Anlaß Ihres Besuchs ein so unglücklicher
-ist, sonst hätte ich mich freuen können.«
-
-Indem Wenk das sagte und damit ausdrücken wollte, daß das Abseitige,
-geistig oder seelisch Ungewöhnliche, Verfeinerte ihm nahe ging, bekam er
-den Einfall, den Grafen in den Kreis seiner Absichten einzuweihen. Told
-war ein Mann von Welt. Er gehörte der Sphäre an, von der aus Wenk wieder
-das Leben des Volkes mit edleren Eigenschaften durchsetzen zu können
-glaubte. Er hatte in den praktischen Erfordernissen der letzten Monate
-sich um diese ideelle Seite seiner Aufgabe wenig kümmern können. Die
-Nacht war angebrochen, hatte in einer unerwarteten Wendung einen
-Menschen zu ihm gestellt. Diesem Menschen war damit gedient, nicht
-allein gelassen zu werden. Das alles sagte Wenk dem Grafen.
-
-»Man spricht von unserer Klasse als von einem >besseren< Stand. Diese
-Bezeichnung, jedenfalls aus einer Wahrheit entstanden, müßte wieder
-lebendig gemacht werden. Unsere Klasse, frei von dem Kampf um die Sorgen
-sozialer Verbesserungen, ist mehr als vorher auf die Pflege geistiger
-Entwickelung und geistigen Besitzes angewiesen. Sie sollte die edeln
-Eigenschaften in sich wieder pflegen und sie nach außen wenden.
-Geistespolitik sollen wir treiben. Seelenpolitik!«
-
-Der Graf Told hatte sein Leben vornehm geführt, vornehm in den Formen
-und vornehm in der Gesinnung. Aber er hatte sich Liebhabereien
-hingegeben aus Mangel an ernsthaften, seine Persönlichkeit bindenden
-Verpflichtungen. Er hatte sogenannte expressionistische Kunstwerke
-gesammelt; das waren Kunstwerke, deren Wert noch kein Maßstab gegeben
-war. Er hatte die jungen Dichter gepflegt, die anders waren, weil sie
-aus sich heraus nichts waren als Durchschnitt. Sie wurden von Leuten ins
-Licht gesetzt, die Geschäfte auf Entdeckungen machten. Der Kampf um das
-Wachsen, um das Neuwerden in der Kunst war nicht weniger zu einer
-Schieber-Angelegenheit gemacht worden als irgendwelche Waren ... Nicht
-die schlechtesten reichen Leute wurden hineingelegt, sondern die, die
-für ihren Reichtum einen Kanal suchten, der das Geld zu Schönem und
-Geistigem umgemünzt ihnen zurückbrachte. Aber sie wurden ein Opfer der
-Zeit. Die ganze Zeit löste hysterisch wie eine schreiende Frau ihr
-ganzes Bewußtsein in der einen Vorstellung auf. Das Geld verkam; um so
-unbegrenzter wurde seine Macht über die Menschen. Wie kranke Frauengier
-den Schoß verkommen ließ und ihn immer unstillbarer machte. Alles war
-krank.
-
-Da lag die Berührung der Liebhabereien des Grafen und seinesgleichen mit
-der Zeit. Die Zeit benützte, was edel an ihnen war. Die Propagierer der
-neuen Bilder waren Börsenjobber. Sie warfen die Spekulation um Geld
-zusammen mit geistigen Bestrebungen. Die »Blauen Pferde« hat man einmal
-für zweihundert Mark haben können. X. kaufte sie für achthundert. Heute
-sind sie für zweihunderttausend nicht mehr käuflich. Das waren die
-Anekdoten, die sie vermünzten.
-
-Wenk und der Graf sprachen stundenlang so. Der Graf widerstand. Er hatte
-etwas von der Dialektik der Künstler gelernt, deren Bilder er kaufte.
-
-»Man wird das Wort prägen,« sagte ihm einmal Wenk, »er spricht so gut
-wie ein Expressionist! Und übrigens beginnt diese Kunstgattung sich mit
-einer andern geistigen Gesellschaft unserer Zeit zu verschwägern, die
-auf ähnlichen Voraussetzungen steht: mit den sogenannten Theosophen. Sie
-werden es erleben, daß der Expressionist ^eo ipso^ auch Theosoph sein
-wird oder Anthroposoph. Nicht weil sich diese Gebilde innerlich
-nahestünden, sondern man wirft die Geschäfte zusammen. Sie werden heute
-stets finden, daß diejenigen, die am meisten über den Materialismus
-unserer Zeit wehjammern, ihm in ihrem Privatleben durchaus ergeben sind.
-Im übrigen braucht es bei den einen wie bei den andern ja durchaus nicht
-immer um Geld zu gehen. Herrschsucht über Geist und Seele ist auch ein
-Element dieser Zeit, die die Herrschsucht der einen gegen die der andern
-tauschte. Man fischt halt jetzt überall im Trüben der Verhältnisse ...
-Und uns Menschlichen bleibt immer nur der Krieg. Gegen die neben uns,
-gegen die mit uns und gegen uns selber. Unserer Klasse gehört jetzt der
-Krieg gegen uns selber!«
-
-Einmal sagte Wenk dann dem Grafen, er möge doch bei ihm übernachten, da
-es so spät geworden sei.
-
-Told antwortete unwillkürlich: »Ja, aber meine Frau ...«
-
-Aber dann schaute er Wenk an. Er schwieg. Sein Gesicht war durchzuckt
-vom Widerschein der Qual. Erst nach einer Weile vermochte er zu
-sprechen: »Sie hatten es mich vergessen machen, Herr Doktor Wenk! Ich
-werde für diese Nacht, die ich Ihnen raubte und die Sie mir so
-menschenvoll schenkten, so lang ich lebe, in Ihrer Schuld sein. Ich weiß
-nicht, wie ich sie überdauert hätte -- allein! Jetzt ist sie hinter mir
-wie ein Geschenk. Ich nehme Ihr Gastbett an.«
-
-»Wäre es Ihnen,« fragte am nächsten Morgen Wenk den Grafen, »unangenehm,
-wenn ich mit dem Geheimrat Wendel Ihr Erlebnis bespreche?«
-
-»Nein,« antwortete Told. »Ich bitte Sie, es zu tun!«
-
-Der Graf zögerte, weiterzusprechen. Wenk sah es und wartete. Er sagte
-dann, den andern erratend: »Ich stehe Ihnen ganz zur Verfügung. Wenn Sie
-noch einen Wunsch hätten ...«
-
-Da antwortete Told rasch und errötend: »Ja ... auch mit meiner Frau zu
-sprechen, vor der ich mich so ... schäme!«
-
-»Sie brauchen sich nicht zu schämen!«
-
-»Meine Frau hat einen so starken Lebenswillen. Unser Leben war ihr,
-glaube ich, immer ein wenig zu schwach, zu blaß ... Es fragt sich, ob
-ihr zugemutet werden kann, es weiter mit einem Mann zu führen, der nun
-doch nur ein Kranker ist!«
-
-»Ich werde mit ihr sprechen!«
-
- * * * * *
-
-Der Geheimrat empfing Wenk sofort. So liebenswürdig er konnte und mit
-der gütigen Ironie, mit der er alle Erscheinungen des Lebens abkantete,
-erklärte er Wenk, seine Auffassung sei, der Graf habe spielen wollen,
-abenteuern wollen. Er habe das wohl seiner Gattin abgeschaut. Die Kraft
-der Persönlichkeit seiner Frau habe er erreichen wollen, indem er von
-dem Weg des Anstands ab auf diesen abenteuerlichen Einfall fiel, falsch
-zu mischen und Geld zu gewinnen. Es sei nicht wegen des Geldes gewesen,
-gewiß nicht! Er habe eben nur ein Abenteuer der Phantasie erleben
-wollen, so wie er es an seiner Frau sah. Diese aber vermochte durch ihre
-persönlichen Kräfte sich stets aus der Schlinge zu ziehen. Dem schwachen
-Grafen aber sei schon der erste Versuch ins Unglück ausgeschlagen. Seine
-Phantasie sei wohl erfüllt gewesen mit den Räubergeschichten von
-Falschspielern, die jetzt in Kurs sind. Die ganze Sache falle
-schließlich auf seinen Spielnachbar, den seine Geldgier trieb, aus dem
-Erlebnis der Phantasie eines schwächlichen Mannes einen
-gesellschaftlichen Skandal zu machen.
-
-»Darf ich erfahren, wer dieser Nachbar war, Herr Geheimrat?«
-
-»Ja, jetzt,« lachte Wendel, »wo ich so unfreundlich über ihn sprach,
-kann ich ihn nicht verraten. Er ist übrigens ein harmloser
-Familienvater, ein Professor an der Anatomie.«
-
-»Es ist nämlich alles viel ernster, als Herr Geheimrat wissen können.
-Der Graf hat die Nacht bei mir zugebracht, wohin er vor sich selber
-geflohen war. Er hat mir den Fall bis in die geringsten Einzelheiten
-erzählt, und ich habe gar keinen Grund, an die geringsten entstellenden
-Tendenzen bei ihm zu glauben. Er war durch und durch zermürbt und
-zerstört von dem Ereignis. Es scheint sich um ein geistiges Versagen zu
-handeln, um ein plötzliches Ausschalten der Gehirnkontrolle. Könnte
-nicht unter Ihren Gästen ein Mensch gewesen sein, der vielleicht einen
-besonderen Eindruck auf den Grafen machte?«
-
-»Nein, es war weder ein expressionistischer Dichter, noch ein solcher
-Maler bei mir,« lächelte der Rat.
-
-»Bitte, verübeln Sie mir meine Fragen nicht als zudringlich, Herr
-Geheimrat. Sie glauben nicht, daß ein solcher Mensch anwesend war?«
-
-»Nein, das glaube ich nicht. Alle Gäste sind mir seit langem persönlich
-bekannt. Sie wissen ja, um welchen Anlaß es sich handelte. Diese
-Somnambule, nicht wahr! Es waren Fachleute, Professoren, einige Künstler
-von Namen und persönliche Freunde. Dann ein Doktor Mabuse, den ich noch
-nicht sehr lange kenne, dessen außergewöhnliche praktische Fähigkeiten
-ich aber sehr schätze. Er ist psychopathologischer Arzt. Was mich drauf
-bringt, daß man den Grafen Told vielleicht ihm zuschicken soll, wenn die
-Sache so liegt, wie Sie eben erzählten. Der Graf ist der Sohn meines
-Jugendfreundes. Ich nehme sehr Anteil an ihm. Raten Sie ihm in meinem
-Namen, er solle zu Doktor Mabuse gehen. Ich gebe ihm einen Brief an ihn.
-Allerdings kenne ich nur seine Fernsprechnummer.«
-
-Wenk ging.
-
-Vom Geheimrat fuhr er nach Tutzing in die Toldsche Villa. Er hoffte dort
-die Gräfin zu treffen. Aber der Diener sagte ihm, weder die Gräfin noch
-der Herr hätten die Nacht in der Villa zugebracht.
-
-Darauf begab sich Wenk in seine eigene Wohnung zurück, in der Told blaß,
-verhärmt und mit zerrissenen Gesichtszügen auf ihn wartete. »Ich habe es
-gewußt,« sagte er, als Wenk ihm mitteilte, die Gräfin sei nicht nach
-Hause gekommen. »Aber man hofft immer auf das Unwahrscheinliche. Und der
-Geheimrat?«
-
-»Ich habe ihm wiederholt, was Sie mir erzählt haben. Er hatte das
-Erlebnis anders, aber als nicht sehr böse eingeschätzt. Er rät Ihnen,
-sich von einem Psychopathologen behandeln zu lassen, den er kennt. Er
-gab mir einen Brief mit an ihn, sehen Sie!«
-
-»Doktor Mabuse ... der war gestern ja auch in der Gesellschaft!« sagte
-der Graf, als er die Aufschrift las.
-
-»Soll ich zu ihm gehen?« bot Wenk an.
-
-»Nein, Herr Doktor, einmal muß Ihre Liebenswürdigkeit aufhören. Ich muß
-mich ja auch entschließen, meinen Fall als etwas nun wirklich in meinem
-Leben Vorhandenes in meine täglichen Verrichtungen aufzunehmen. Ich
-werde, da seine Fernsprechnummer gerade dasteht, den Doktor Mabuse
-anrufen. Wenn Sie erlauben, gleich von hier aus.«
-
-»Herr Doktor Mabuse,« sagte ihm Told im Fernsprecher, »Sie waren gestern
-zugegen, wie mir der Unfall beim Geheimrat Wendel zustieß ...«
-
-»Ja!«
-
-»Ich bedarf Ihrer ärztlichen Hilfe. Geheimrat Wendel gab mir einen Brief
-an Sie. Darf ich ihn Ihnen bringen!«
-
-Die andere Stimme antwortete schroff: »Nein. Ich behandle nur im Haus
-des Patienten selber. Wie ist Ihre Adresse? Erwarten Sie mich morgen
-vormittag elf Uhr. Wiederholen Sie: um wieviel Uhr?«
-
-»Um elf Uhr!« wiederholte Told erschrocken bis ins Herz hinein.
-
-Dann verließ er den Staatsanwalt.
-
-
-
-
- XIII
-
-
-An etwas Schwarzem, von roten Ringen und Blitzen Durchfurchtem erwachte
-die Gräfin Told. Es war dunkel und fremd um sie. Ein ganz zartes Licht
-leuchtete abgedämpft irgendwo hoch, wie auf einem Berg, in das Zimmer,
-in dem sie lag. Sie lag auf einem Ruhebett, angekleidet. Sie hatte das
-Zimmer nie gesehen. Auch erkannte sie kaum etwas in dem Raum. Sie lag da
-und versuchte, das, was sie erlebt hatte, in sich wieder hervorzurufen.
-Es widerstand. Nur hart, wie mit einem Schlag, stand ein Augenblick da,
-in dem die grauen Augen jenes Dr. Mabuse, der ihr von Tigern erzählt
-hatte, sich über sie senkten, grauenerregender als Krallen einer Bestie,
-die Blut roch ... geisterhaft ... ein Griff aus Luft, aber der Atem
-gerann ihr. Ihr ward, als ob ihr das Herz zurückfloh und wie ein Pferd,
-dem die Hufe nicht mehr am Stein hielten, hinterrücks verloren in eine
-Schlucht stürzte.
-
-Eine Tür öffnete sich. Sie wußte nicht genau, wo. Sie fühlte es mehr,
-als daß sie es genau gehört hätte. Sie wartete auf etwas. Auch ihre
-Vorstellungen stauten sich zurück und warteten.
-
-Nach einer Weile sprach aus der zarten Düsternis heraus eine Stimme:
-»Sie sind wach. Wünschen Sie, daß ich Licht mache?«
-
-Es war eine Stimme, von der im ersten Klang der Gräfin dünkte, sie sei
-eine Glocke, das Fest der Seele einzuläuten. Aber im Nu zerging diese
-Empfindung. Ein Gefühl des Nichtglaubens durchzog sie. Wie kam diese
-Stimme in die Dunkelheit? Diese einzige von allen Stimmen, die sie nicht
-erwartet hatte. Sie erschrak so ins Unerkennbare der Seele tief hinein,
-daß ihr war, als fröre ihre Haut über den ganzen Körper zu Eisblumen
-zusammen.
-
-Ein Laut knirschte aus ihrer Kehle. Sie hörte ihn nicht. Sie streckte
-nur abwehrend die Hände aus. Da wurde es hell im Zimmer.
-
-Dr. Mabuse schloß die Tür und kam an das Lager heran. Er sagte: »Die
-Lage ist so: ich habe Sie gewünscht! Ich habe Sie mir genommen!«
-
-Die Gräfin gewann an den menschlichen Lauten die Beherrschung wieder.
-Sie erhob sich vom Ruhebett, aber sie fühlte sich von der Ohnmacht wie
-ausgesogen. Was wollte dieser Mann? Ja, sie wußte doch genau, was er
-wollte. Er war ein Tiger.
-
-Trotzdem fragte sie: »Was wollen Sie?«
-
-»Ich sagte es Ihnen eben!« antwortete die große Stimme kurz.
-
-»Und nun?«
-
-»Bleiben Sie bei mir!«
-
-»Ich will nicht!« schrie die Gräfin. »Ich will meinem Mann helfen. Ich
-will nicht!«
-
-Da erst ward ihr wieder klar, was sich ereignet hatte. Ihr Mann hatte
-falsch gespielt!
-
-Du mein Gott, mein lieber Gott, wie war das möglich gewesen! Sie wußte
-doch so genau, daß er das nie tun würde. Welche Widersprüche! Welche
-Qualen! Welche Verzweiflung! Welche Hölle! Und sie war bei der Helferin
-der Mörder Hulls gewesen und war ihr erlegen. Alles drehte sich
-durcheinander, und Blut erschien neben dem schwarzen, ohnmächtigen
-Unglück, das ihr Mann angerichtet hatte.
-
-Sie hörte die Männerstimme, groß, voll Grauen, voll Gefahren: »Sie
-wollen nicht? Frage ich danach?«
-
-Er hatte den Tiger nicht gefragt und den Auerochsen nicht. Sollte er
-eine schwache Frau fragen! Das ist wahr! Sollte er sie fragen? Sie war
-seine Beute.
-
-Dieser Vorstellung gab sie sich mit einer wollüstigen Angst hin. Sie
-gehörte dem stärksten Mann, den ihre Augen jemals gesehen. Was konnte
-sie sich wehren? Er hatte sie einfach genommen. Gab es Männer, deren
-Willen genügte, ohne Berührung eine Frau zu nehmen?
-
-»Wie bin ich hergekommen?« fragte sie.
-
-»Wir haben zuvor Wichtigeres zu besprechen. Wie wollen Sie sich
-einrichten?« fragte die Stimme groß und kalt neben ihr und mit einem
-erbebenmachenden Ernst.
-
-»Ich will nicht!« schrie die Gräfin. Ihr war, als seien Marterwerkzeuge
-in ihr Hirn eingegraben.
-
-»Das ist nicht die Frage!« antwortete die Stimme, wie ein Stein ... er
-fällt ... er liegt! liegt Jahrtausende ... »Es handelt sich darum:
-bleiben Sie freiwillig bei mir oder als meine Gefangene?«
-
-Die Frau, erwachend am Gefühl des Zwanges, mit dem sie bedroht wurde,
-vermochte ihre Sinne zu sammeln. Sie schaute, horchte, lauerte. Leise
-begann sie zu rechnen: List oder Widerstand?
-
-Sie antwortete nach einer Weile: »Sie können mich in München nicht als
-Ihre Gefangene halten!«
-
-Mabuse mit einem drohenden Ton: »Woher wissen Sie, daß Sie in München
-sind?«
-
-»Haben Sie mich verschleppt?« rief die Gräfin.
-
-»Ich bin kein Gorilla!«
-
-»Wer sind Sie? Wie heißen Sie?«
-
-»Wie Sie mich nennen werden!«
-
-»Dann werde ich Sie Gorilla nennen!« wollte sie böse sagen. Aber es
-begann, daß ihre Zunge in einer süßen Schwere diesem häßlichen Namen
-widerstand. Sie sprach ihn nicht aus. Irgend etwas war in sie
-eingetreten, was ihre Lage so mild machte. Was Lockungen und Versprechen
-aus der Weite herholte und in ihrem kleinen Herzen zusammentrug wie
-emsige, nächtliche Heinzelmännchen.
-
-Etwas in ihrem Gewissen lehnte sich dagegen auf, daß es ihr gut gehen
-sollte, wo ihrem Mann doch ein Unglück zugestoßen war und ihr selbst,
-wer weiß was, widerfuhr.
-
-Sie fragte trotzig: »Nun also, was wollen Sie von mir?«
-
-Aber der Mann schaute sie nur hart und ruhig an, und ihr war, ihre Frage
-schwömme klein und verächtlich auf einem großen Meer davon. Das Meer
-aber war die Brust dieses Mannes. Es gab innen und außen keine
-kraftvollere Brust. Diese Brust war ein Idol ihrer heimlichsten, ihrer
-eingeschlossensten Wünsche gewesen. Sich hineinbetten ... hineinbetten
-... wie in das Dschungel ...
-
-Da sagte der Mann, nachdem er sie so eine Weile angeschaut hatte, mit
-einer gewaltsam erfüllten Ruhe: »Das Geschlecht der Menschen ist zu
-verächtlich geringherzig, als daß seine Männer und Frauen der einen
-Kraft fähig wären, die die Schöpfung sonst in den Unterschied der
-Geschlechter gelegt hat: einmal sehen, wissen, und eins gehört dem
-andern so ganz wie der Tag dem Licht!«
-
-»Das will sagen,« fragte die Gräfin zaghaft, »Sie lieben mich? Deshalb
-... bin ich hier!«
-
-»Ich begehre Sie. Das ist mehr als Liebe -- für mich! Sie sind hier,
-weil es meinem Begehren keinen Widerstand gibt. Sie können eine Königin
-werden. In dieser Brust und in Eitopomar in Südbrasilien. Eine Königin
-über Urwälder, wilde Tiere, zahme und wilde Menschen, Täler, Felsen und
-Fernen. Wer kann in dieser verächtlichen Gegend Ihnen mehr geben?«
-
-»Niemand!« sagte die Gräfin, traumhaft vom Geheimnis umfangen, das so
-rasch das doppelte Spiel in ihr begonnen hatte.
-
-»Sie haben sich also entschlossen, freiwillig zu bleiben?« fragte
-Mabuse.
-
-Die Gräfin fiel wieder zu ihrer Lage zurück. Sie wich von dem Mann, und
-wie Schutz suchend stellte sie sich hinter die Ottomane. Sie preßte die
-Lippen aufeinander. Aber in ihrem Schweigen wühlte in zerrender Qual das
-Doppelte, daß sie fort wollte und dennoch irgendwoher das Verlangen
-trug, zu bleiben und zu gehorchen.
-
-Er sagte: »Wenn es das gäbe: Ein Mann und eine Frau sehen sich zum
-erstenmal, und in dem ersten Blick, den sie tauschen, sagen sie sich:
-Jetzt gibt es nichts mehr in mir von dem, was ich war. Jetzt ist alles
-wie ein tönernes Gestell zerschlagen, und nur du ... du bestehst.
-Undenkbar ist auch nur ein Blutschlag, der nicht durch alles, was ich
-bin, dir gehört. Es ist, als ob die Jahrzehntausende des Bestehens der
-Geschlechter in diese zwei Wesen auf einmal alle ihre Kraft geschleudert
-hätten, mit der die Menschen in so dreckiger Sparsamkeit und mit so
-kupplerischen Bremsen umgehen. Welch ein Geäse ist der Mensch! Aber das
-andere wäre Ebenbild Gottes und Schöpfung!«
-
-Der Gräfin war, als spanne sie eine plötzliche Gewalt zwischen zwei
-Pole. Sie wußte, sie war selber die zwei Pole zugleich, und doch war der
-eine anders als der andre. Muß ich von einem zum andern laufen? fragte
-sie sich ... Sie wurde sehr müde ... Oder kann ich so ausgespannt
-bleiben ... so wohlig ... so von der Sonne einer Wesensart beschienen,
-die ich an mir liebe?
-
-Es war der Hang, dem Außergewöhnlichen nachzugehen, um zu fühlen, wo sie
-am meisten Mensch sei und sie selber, gelöst von allem, was um sie hing
-und nichts mit ihr zu tun hatte. Und über die Gräfin fiel wieder das
-Gefühl eines Paradieses, die Windgesänge elysäischer Gefilde, die reine,
-ungeteilte Gefühle aushauchten. Fiel über sie, als ob sie fähig wäre,
-die süßen Gruppen fern von ihrem Blick aufgescharter Horizonte von ihrer
-Sehnsucht zu erlösen und in ihrem Blut als eigenen Besitz einzubergen.
-Was geschieht mit mir? fragte sie, sich leise zurückkämpfend und schnell
-wieder dem tönenden Paradies entgegensinkend, das vor ihren ermatteten
-Augen in ihr Herz zu schweben begann.
-
-Das graue Auge des fremden, drohenden Mannes strahlte wie eine
-Jahreszeit auf sie. Es stand vor ihr, hoch wie Wolken. Die Jahreszeit
-vergewaltigte die Erde. Aber die Erde gab sich in aller Liebe hin. War
-das das Geheimnis auch ihrer Natur? fragte sich die Gräfin. Die
-Jahreszeit ging wie ein Unwesen mit Kräften von jenseits des Horizonts
-durch die Wälder, über die Flüsse, Städte, Gebirge ... mit Augen, nicht
-rechts, nicht links schauend vor geisterhafter Macht, und war auf einmal
-mitten in allen Dingen. Wenn der Mann so wie die Jahreszeit über mich
-geht ... ist das ... das Paradies? Erfüllung? Wahr gewordene Sehnsucht?
-Erlöster Wahn? Ist das meine zweite Natur? Der ich nicht zu folgen
-gewagt habe?
-
-Sie wollte widerstehen. Aber eine süße Kraftlosigkeit öffnete alle Poren
-an ihr. Sie ward dunkel und voll gebender Schmerzhaftigkeit, wie ein
-Acker im März. Eine Dohle krähte. Aber es sang eine Amsel hinterher über
-sie. Und die krächzende Dohle und die singende Amsel entrissen eine
-Made, eine lebende Made ihrem Bett in der Baumrinde. Und auch die
-Baumrinde war im Erwachen, und es sang durch ihre Zellen. Und die Amsel
-stieg hoch auf in die Luft und sang in Triolen, die von Erdgeist
-trieften ...
-
-Die Frau ward die Amsel. Und ward zugleich die Made. Sie gab sich und
-wurde vertilgt. Und wußte es nicht vor Dunkelheit und Trubel im Blut.
-Sie ward zu allerinnerst aufgerührt und war ganz unten gewesen, schäumte
-oben und war nicht greifbar, wie eine Seifenblase ... Über ihr stieg der
-Ruf des Mannes wie das Rauschen des Sommers, der das Steigen der Säfte
-im gereiften Ährenfeld bricht.
-
-
-
-
- XIV
-
-
-Der Besuch Mabuses beim Grafen Told fand statt. »Ihr Krankheitsbild ist
-durchaus nicht ein außergewöhnliches,« sagte Mabuse. »Es heilt aus, wenn
-Sie die Sicherheit über sich wieder erlangen. Es wird unheilbar und
-verschlimmert sich, wenn Ihnen das nicht gelingt. Es ist ein Vorbote
-einer ^dementia praecox^. Ich werde Sie, wie alle Patienten, aus
-taktischen Gründen in Ihrem Hause behandeln. Ich stelle eine Bedingung,
-daß Sie, so lange Sie in Behandlung sind, das Haus nicht verlassen und
-niemanden sehen, der Sie an Ihr früheres Leben erinnert.«
-
-Told war betäubt von der Gewaltsamkeit, mit der dieser Arzt gegen ihn
-auftrat. Zart und scheu, wie er war, erdrückt von dem Erlebnis, wagte er
-kein Wort gegen ihn. Er fürchtete ihn von der ersten Minute an.
-
-Als Mabuse die Villa verließ, in der er eine Menge Dinge gesehen, die
-von dem Kult zeugten, den der Graf mit seiner Frau trieb, sagte er sich:
-Er muß fort, wenn sein Name nur einmal wieder über ihre Lippen kommt.
-
-Mabuse war in einer wilden und tierhaften Weise erregt. Die Berührung
-mit diesem Mann, dem die Frau solange schon zueigen gewesen war, pflügte
-seine Adern auf, reizte ihn, als sei er ein Stier und empfinge
-Wurfspeere in den Nacken. Er bückte sich unversehens wie zum Angriff vor
-und bohrte sich in seine Vorstellungen hinein, berstend vor Haß und
-Rachsucht. Es war ihm, als sei eine Beule in ihm geplatzt und entließe
-einen Strom von Bösem. Er warf sich vollends hinein.
-
-Als er heim kam, ging er gleich zu dem Zimmer, in dem die Gräfin
-eingeschlossen war. Der Raum war wie ein Versteck ins Haus
-hineingeborgen. Licht kam nur aus einem runden Fenster, zu dem sich die
-Decke in reichen Formen emporwölbte.
-
-Die Frau erhob sich, als er kam. Sie war weiß wie das Leinentuch ihres
-Bettes. Sie ging ihm entgegen und sagte: »Es ist in der Nacht etwas mit
-mir geschehen, das außerhalb meines Bewußtseins liegt. Was haben Sie mit
-mir gemacht?«
-
-»Was Sie mit sich machen ließen!«
-
-Da erzitterte die Frau so stark, daß sie niederglitt, und am Boden
-liegend, hob sie ihren Blick, verletzt, wie von einem angeschossenen
-Tier zu ihm und rief entsetzt: »Teufel! Teufel!«
-
-»Dieser Name gefällt mir,« sagte Mabuse. »Er schmeichelt mir. Er ist,
-ohne daß Sie es ahnen, eine Liebkosung. Das nächstemal werden Sie mich
-Luzifer nennen. Denn ich werde Ihnen das Licht bringen!«
-
-Die Gräfin, zusammengebrochen am Boden liegend, verfiel einem
-leidenschaftlichen Schluchzen. Eine haltlose, verzerrende Angst brach in
-ihr auf. Sie rief, bebend, im Weinkrampf: »Wo ist mein Mann?«
-
-Aber da sah sie, daß Mabuse eine so nichtige, kleine und wegschiebende
-Bewegung machte, daß der Frau geschah, als ränne ihre schmerzhafte,
-peinigende Frage wie ein Taukügelchen aus der Hand und spurlos
-verschwindend in den Staub, und es sei überflüssig, nach ihr auch nur
-einmal hinabzuschauen. Und so über ihr zerfetztes Herz gebeugt, fragte
-sie sich: Ist dieser Mann denn so gewaltig, daß vor ihm und seinem
-Willen alles zergeht, was ich war, und was andere Menschen vorher mir
-waren?
-
-Wieder mußte sie sich dem zwiefachen Strom ergeben, der sie zu tragen
-begann. Heimlichstes, selber nie Gesehenes trieb aus der Flut in ihr
-Hirn. Gemartert ließ sie ihre Vorstellungen gewähren. Mußte es nicht
-wahr sein, was so aus ihrem Blut entstand? Sie konnte sich von dem Neuen
-nicht mehr trennen. Sie konnte sich dagegen wehren; sie konnte dagegen
-antoben. Aber sie konnte es nicht mehr von sich ablösen.
-
-Der Mann stand schweigsam über ihr. Die Stummheit bedrohte sie. Sie
-dachte, mit einem eigenen Laut könne sie dies Drohende zerschlagen wie
-eine Seifenblase. Aber sie fand nicht die Kraft zu einem anderen Wort
-und wiederholte, gefesselt an ihren Zustand, die Frage: »Wo ist mein
-Mann?«
-
-Da ging Mabuse wortlos und schroff hinaus.
-
-Als er von ihr so fortgegangen war und in dem Raum nichts anderes mehr
-zurückgelassen hatte als seinen herrischen Unwillen, vermißte sie etwas.
-Es wäre ihr lieber gewesen, er stünde noch da. Ihre Vereinsamung wuchs
-um sie und schlug alle Grenzen ein. Eine Raumlosigkeit tat sich um sie
-auf, wie ein Abgrund, der mit saugenden Spektren sie hinablockte. Aber
-sie konnte nicht stürzen. Sie hing an einer dünnen Wurzel. Sie wußte:
-Diese Wurzel ist das Wenige, was mir aus meinem bisherigen Leben
-geblieben ist.
-
-Sie wünschte, auch diese Wurzel möchte abreißen. Lieber hätte sie den
-ganzen Tod gehabt als das Schweben über dem Nichts.
-
- * * * * *
-
-Mabuse ging in seinem Zimmer hin und her. Er war ein gefangenes Tier,
-gefangen zwischen seiner Rachwut und Herrschsucht und dem Widerstand
-dessen, was draußen gegen sein Ziel lag. Es war etwas so Kleines wie die
-Erinnerungen, mit denen eine Frau an die Stunden gebunden war, die sie
-geheim oder vor Menschen mit ihrem Mann verbracht hatte. Aber weil es so
-wenig war, wuchs die Vernichtungsraserei so begehrend in ihm an, um es
-ganz zu zermalmen.
-
-Spoerri kam. Er war als Soldat gekleidet. »Weshalb?« fragte Mabuse
-unwirsch, vergaß aber gleich seine Frage und wollte etwas über Georg
-hören.
-
-»Er ist in Schachen in der Villa. Er geht nicht aus. Er ist vorsichtig!«
-
-»Was macht er?«
-
-»Nachts hilft er das Kokainlager unter dem Gartenhaus nach der Schweiz
-hinüberbringen. Ich wüßte einen neuen Artikel, den sie drüben abnähmen.
-Äther!«
-
-»Weshalb Äther?« fragte Mabuse.
-
-»Man beginnt es zu konsumieren.«
-
-»Wer -- man? Wo?«
-
-»Bei uns, in der Schweiz!«
-
-»Bei euch? Zu wievielen seid ihr?«
-
-»Man kann es unter die Leute bringen!«
-
-»Das erinnert mich an die Mädchen, die Sie nach der Schweiz
-exportierten, um den Salvarsanschmuggel zu beleben. Ich will nichts von
-Geschäften wissen. Verstehen Sie -- nichts!«
-
-»Ich sage nichts mehr darüber!«
-
-»Spoerri, vielleicht nie mehr!«
-
-Da drang ein Jodler aus dem rauhen Hals Spoerris. »Herr Doktor!
-Eitopomar?«
-
-»Wir saufen, Spoerri, wir saufen! Ich weiß nicht! Wir saufen!
-Hirtenknabe mit 86000 Mark Jahreseinkommen ...«
-
-»O, was habe ich davon? Ich stecke es ja immer wieder in die Unternehmen
-vom Herrn Doktor!«
-
-»Weil es sich dort um 10 Prozent höher verzinst als bei einer
-Versicherungsgesellschaft. Soll ich dich auf die Sohle nehmen,
-Hirtenknabe? Trink'!«
-
-Spoerri fiel als der erste vom Sessel. Er lag auf dem Boden, rund um
-sich Schmutz, und schaute unglücklich den Herrn an. Er lag da wie ein
-Hund, der am Sterben war und sich bewußt wurde, das Leben des Herrn nun
-nicht mehr bewachen zu können.
-
-Mabuse, pendelnd, mit einer Hand schon an die Tischkante gekrallt, um
-nicht mit dem Stuhl zu Boden zu drehen, stotterte: »Spoerri, glaubst du,
-es gibt einen Menschen, dessen Wille so stark ist, daß er einen Mann
-töten kann, ohne ihn zu berühren?«
-
-Aber Spoerri verstand nicht. Mit seinen glotzenden Augen schaute er dumm
-und treu, bekümmert und krank zum Herrn hinauf.
-
-»Ich kann das! Und ich tue es! ... Schlafe!« sagte er plötzlich; und
-sich erhebend, trat er den andern mit dem Fuß nieder.
-
-Mabuse ging einige Schritte. Er mußte sich stützen. Da raffte er sich
-auf. Sein Willen durchstieg ihn wie eine bronzene Schraube. Und steif
-und starr, ohne zu schwanken, vom Trunk entzündet und über sich selbst
-hinausgehoben, ging er in das Zimmer, in dem sich die Gräfin aufhielt,
-und blieb bei ihr, ohne ein Wort zu sagen. Von dieser Stunde der Schmach
-an war die Frau willig seiner Knechtschaft. Sie vergaß ihre
-Vergangenheit, vergaß sich selber und war ihm untertan.
-
- * * * * *
-
-In der Nacht fuhr Mabuse nach dem Bodensee.
-
-Beinahe, da er in der Nähe der Villa die Lichter löschte, verunglückte
-er am Wagen der Straßenwalze, die keine dreißig Schritte von seinem
-Garteneingang entfernt stand. Unmittelbar vor ihr griffen die Bremsen
-fest. Da fuhr er nicht gleich ins Haus, sondern einen Kilometer weiter,
-ließ das Auto am Straßenrand stehen und ging am Ufer entlang zum Haus.
-
-»Weshalb sagen Sie mir nichts von der Straßenwalze?« herrschte er Georg
-an. »Eine Streichholzschachtel, die draußen auf dem Wege liegt, kann
-unser Verderben sein. Holen Sie das Auto! Laufen Sie! Es steht auf
-Wasserburg zu an der Landstraße. Bringen Sie es zu Steuer und kommen Sie
-gleich zurück.«
-
- * * * * *
-
-Am nächsten Morgen rief der Fernsprecher Wenk aus dem Schlaf. »Hier
-Straßenwalze!« hörte er. Er erwachte sofort.
-
-»Ich höre, bitte!«
-
-»Gestern nacht um zwei Uhr kam ein Auto, blieb unmittelbar vor unserem
-Wagen halten und fuhr dann weiter. Da es ohne Licht fuhr, folgte auf
-meinen Befehl Schmied mit dem Rad. Er fand es eine Viertelstunde weiter
-an der Landstraße verlassen. Er kam sofort zur Meldung zurück. Ich
-schlich mich in den Garten der Villa. Aber der Hund schlug an. Da ging
-ich außen herum ans Ufer. Ich sah einen Mann vom See her in den Garten
-und ins Haus gehen. Als Schmied und ich dann zum Auto zurückgehen
-wollten, war es nicht mehr da. Heute morgen nichts Auffallendes!«
-
-»Danke! Erwarten Sie mich heute!«
-
- * * * * *
-
-Eine Stunde, bevor dieses Gespräch durch die Drähte lief, es war noch
-Nacht, hatte Mabuse die Villa verlassen. Er hatte Frauenkleider angelegt
-und war fortgerudert. Er fuhr auf Nonnenhorn zu. Ein Motorboot kam, ein
-Fischer, der vom Schmuggel aus der Schweiz nach Hause fuhr. Mabuse hielt
-ihn an. Der Fischer sagte, er habe keine Zeit. Er müsse mit seinen
-Fischen heim. Da sprang Mabuse mit einem Satz aus seinem Boot hinüber
-auf ihn, warf ihn unter die Bank, knebelte ihn und schob ihn in das
-Ruderboot. Er fesselte ihn unter die Bank an, kletterte in das Motorboot
-zurück und steuerte es in den See. Er zog die Weiberkleider aus.
-Darunter hatte er einen Anzug, in dem man ihn für einen Fischer gehalten
-hätte. In weitem Bogen fuhr er zum Ufer zurück, begab sich zu dem
-Bauern, in dessen Scheune das Auto verborgen war. Georg lag darin und
-schlief.
-
-Während einer längeren Aussprache mit Georg zog sich Mabuse um und fuhr
-dann ins Württembergische. Georg ging nach Schachen zurück.
-
-Mabuse wollte nach Stuttgart. Seine Gesellschaft hatte ihn von dort aus
-am gestrigen Morgen antelephoniert: ein Kranker wolle ihn konsultieren.
-Das hieß: es war jemand eingefangen worden, der sich zum Ausplündern
-eignete.
-
-Als Mabuse abends am Spieltisch saß, kam ihm plötzlich wieder das Bild
-vor Augen, wie er unvermittelt vor der Dampfwalze seine Bremsen zog. Die
-Walze stand mit großen Umrissen in der Finsternis. Es war, als wollte
-sie über ihn niederfallen, wobei sie ganz unmeßbare Verhältnisse annahm
-und langsam sich zu den Gesichtszügen des Staatsanwalts Wenk änderte.
-Wie ein vorsintflutliches Tier stand sie nun, in dies Gesicht gekleidet,
-in seiner Erinnerung. Eine flatterige Unruhe störte Mabuse. Er verließ
-vorzeitig den Spieltisch mit Verlust und fuhr noch in der Nacht nach
-München zurück.
-
-Unterwegs sagte er sich, als käme eine plötzliche Erkenntnis über ihn:
-Es ist lächerlich. Es ist nur eine Verdrängung, der ich erlegen bin. Ich
-will den Wunsch nach dieser Frau durch die Angst vor dem Staatsanwalt
-verdrängen!
-
-Da lag Wenk noch stärker als bisher in seinem Weg. Weshalb war er noch
-da? Hatte Mabuse nicht deutlich genug befohlen? So wollte er den Befehl
-wiederholen!
-
-In seiner Wohnung in München legte er sich gleich ins Bett. Er schlug
-die Lust nieder, zur Gräfin zu gehen, und schlief rasch ein.
-
- * * * * *
-
-Als die Straßenarbeiter in Schachen nach der Mittagspause zur Arbeit
-zurückkehrten, hatte sich ein Mann unter sie gemischt, aus einer
-Wirtschaft heraus, der ihren Aufseher zu sprechen wünschte. Ob er wohl
-Arbeit fände? fragte er.
-
-»Meine kannst du gleich haben, wenn du sie gut bezahlst,« scherzte
-einer.
-
-Aber der Mann sagte, er wolle die Arbeit ja nur, um selber dafür bezahlt
-zu werden.
-
-»Das ist etwas anderes,« lachte der Arbeiter. »Da ist der Aufseher.«
-
-Der Mann ging zu ihm. Er sprach leise mit ihm und zog ihn wie
-unabsichtlich von den andern fort.
-
-Er könne vielleicht Arbeit bekommen, sagte der Aufseher, als der ein
-Polizeikommissar tätig war. Er wolle seine Papiere sehen.
-
-Die gab der Mann her, indem er sagte: »Herr Kommissar, zeigen Sie sich
-nicht erstaunt. Tuen Sie, als läsen Sie die Papiere durch, und stellen
-Sie mich als Gehilfen des Heizers auf die Walze. Der Heizer ist doch
-Sergeant Schmied?«
-
-»Jawohl, Herr ... Ja, also gut! Kommen Sie,« antwortete der Kommissar.
-»Sie können die Arbeit haben, da ... kommen Sie. Schmied, bitte!« rief
-er. Er erklärte Schmied leise, daß der Herr Staatsanwalt als Gehilfe den
-Tag auf der Walze verbringe.
-
-»Was haben Sie noch beobachtet?« fragte Wenk, als er mit Schmied auf der
-Maschine fuhr.
-
-»Der Herr Kommissar hat Sie deswegen nochmals angeläutet. Aber Sie waren
-schon fort. Es ist sonderbar. Wir sahen doch den Mann nachts in die
-Villa gehen; wir dachten, es sei der gewesen, der das Auto an der Straße
-stehen gelassen habe. Aber das scheint nicht zu stimmen. Als wir dann
-zum Auto zurückkamen, war das Auto fort. Heute früh nun fuhr eine Frau
-in der Nähe des Ufers hinter der Villa in einer Gondel. Ob sie von der
-Villa kam, konnten wir nicht feststellen. Eine Stunde später aber kam
-auf einmal der beobachtete Poldringer die Landstraße her und ging ins
-Haus hinein. Den hatten wir aber gar nicht aus der Villa fortgehen
-sehen. Das ist das Sonderbare.«
-
-»Sie haben keinen Verdacht, die Villa könnte einen unbekannten Ausgang
-haben?«
-
-»Nein, unsere Beobachtungen Poldringers haben bisher stets ganz genau
-gestimmt. Er kam immer denselben Weg zurück, den er fortgegangen war. Er
-geht überhaupt kaum aus. Nicht jeden dritten Tag!«
-
-»Gibt es kein Mittel, in die Villa hineinzukommen?«
-
-»Ohne Auffallen zu erregen, nicht. Ich sehe das an der Art, wie Bettler
-dort abgefertigt werden. Sie haben drinnen einen Wolfshund, der scharf
-dressiert ist ... Man käme auch nicht heimlich hinein.«
-
-»Ist der Poldringer jetzt drin?«
-
-»Ja, ich sah ihn vorhin an einem Fenster!«
-
-»Hatte das Auto ein Nummernschild?«
-
-»Ja, Kreis Konstanz. Hier ist die Nummer!«
-
-»Das ist wohl gefälscht. Es kam von Lindau, sagten Sie?«
-
-»Jawohl. Ich habe die Nummer nach Friedrichshafen, Ravensburg, Lindau,
-Wangen und Konstanz hintelephoniert. Von Konstanz aus wurde mir dann
-mitgeteilt, die betreffende Nummer gehöre einem Auto der dortigen
-Sanitätskolonne. Das Auto habe Konstanz noch nie verlassen.«
-
-»Kann man es sich nicht so erklären, daß das Auto in der Villa
-angemeldet war, aber nicht vor der Villa hielt, weil man das so im
-Gebrauch hat, oder weil etwas dem Insassen verdächtig war, zum Beispiel
-die Straßenwalze ... daß Poldringer benachrichtigt war, das Auto an der
-Straße erwartete und es zu irgendeinem Versteck weiterführte? In der
-Zeit kam der Mann, der es hergebracht, in die Villa. Entweder ist er nun
-mit Poldringer noch drin, oder er war das Weib in der Gondel. Er fuhr
-dorthin, wo das Auto eingestellt war. Dieses Versteck müßten wir
-ausfindig machen!«
-
-»Wir hören nachts öfter den Lärm eines Motorboots nicht weit vom Ufer.
-Aber das können wir ja nicht überwachen.«
-
-»Ich schlafe diese Nacht bei Ihnen im Wagen. Wir stellen den Wagen einen
-halben Kilometer weiter vom Haus weg. Kann man sich in der Nähe der
-Villa gut eindecken?«
-
-»Ja!«
-
-»Wir gehen dann zusammen. Abgemacht? So lerne ich noch Straßen
-glattwalzen,« lachte dann Wenk. »Bisher tat ich das nur mit
-Verbrechern.«
-
-»Jawohl, Herr Staatsanwalt!« erheiterte sich Schmied und zog den Hebel,
-der die Maschine anhielt. »Werfen Sie Kohlen ein, Herr Staatsanwalt!«
-Und Wenk schaufelte der Maschine das feurige Maul voll Kohlen.
-
-»Bis dahin haben der Herr Staatsanwalt auch nie einer Straßenwalze
-eingeheizt, sondern nur Verbrechern!« verweilte der Heizer bei dem von
-Wenk begonnenen Witz.
-
-»Noch nicht genug, Herr Schmied, wie Sie an der Villa sehen. Aber ich
-hoffe, mit Ihrer Hilfe ...«
-
-»Wir kriegen sie, Herr Staatsanwalt!« antwortete Schmied eifrig.
-
-»Nur nicht so feurig! Ich glaube, wir haben es mit der im Augenblick
-wohl gefährlichsten Bande Europas zu tun. Sie wissen, festgestellt sind
-schon jetzt: Falschspielerei, Mord und Terror! Und zwar bandenweise!«
-
-»Jawohl!« sagte Schmied.
-
-Als sie abends zusammen den Wagen verließen, flüsterte Schmied: »Herr
-Staatsanwalt erlauben, daß ich auf etwas aufmerksam mache. Ich tue jeden
-Abend hier so, als erginge ich mich ein wenig nach der Arbeit. Rauche
-eine Pfeife dazu. Da ist seitlich, sehn Sie, wo wir jetzt hinkommen,
-eine kleine Tür. So oft man da vorbeigeht, bellt der Hund. Da hab' ich
-mir gedacht, da ist was los! Man sieht sie aber nicht von der Straße.
-Sehn Sie ... jetzt bin ich gerade dran ... so! und da knüpf' ich rasch
-so im Vorbeigehen ... hören Sie den Hund! ... immer einen Zwirnfaden
-über. Wenn die Tür geöffnet wird, reißt es den Faden ab, ohne daß der
-Durchgehende es merkt. Ich habe dann noch die Kontrolle über diese Tür
-in der Hand, selbst wenn ich sie nicht sehe. Ich weiß dann, ob er nicht
-in der Dunkelheit hier hinausging. Morgens ist mein erster Weg zur Tür,
-um den Faden wieder wegzureißen.«
-
-»Hängt er jetzt schon?«
-
-»Ich habe ihn gerade angeknüpft!«
-
-»Das haben Sie geschickt gemacht. Ich hab's nicht einmal gemerkt!« lobte
-Wenk.
-
-»Gehen wir zurück. Eigentlich ist es ein Nebenweg der anderen Villa!«
-
-»Kennen Sie deren Bewohner?«
-
-»Seit dreißig Jahren schon bewohnt sie ein altes Fräulein. Es bestehen
-gewiß keine Beziehungen zwischen den beiden Villen.«
-
-Sie gingen auf die Straße zurück.
-
-»Wenn Sie schlafen wollen, so stehe ich nicht im Weg, Herr Schmied. Ich
-weiß ja jetzt einigermaßen!«
-
-»Gut wäre es schon. Die letzte Nacht, Herr Staatsanwalt! und vor vier
-muß ich wieder draußen sein.«
-
-»Ich weiß. Also gute Nacht ...«
-
-Wenk durchging die ganze dunkle Frühlingsnacht. Es geschah nichts. Er
-bemerkte nichts. Am nächsten Morgen begab er sich in das Hotel in
-Lindau, dessen Adresse er in München hinterlassen hatte. Er sei von
-München angerufen worden, sagte ihm der Leiter. Sein Diener lasse
-melden, der Graf Told wünsche ihn dringend so bald als möglich zu
-sprechen. Der Herr Graf habe es in die Münchener Wohnung telephoniert.
-Er sei sehr aufgeregt gewesen und habe den Diener gebeten, es gleich dem
-Herrn Staatsanwalt nachzudrahten.
-
-Wenk fuhr nach München zurück. Er klingelte gleich den Grafen an. Eine
-fremde Stimme antwortete, der Herr Graf sei verreist.
-
-»Hat er nichts hinterlassen?«
-
-»Nein!«
-
-»Wohin ist er gereist?«
-
-»Ohne Adresse. Schluß!«
-
-Das kam Wenk sonderbar vor.
-
-
-
-
- XV
-
-
-An diesem Morgen war Mabuse bei Told gewesen. »Es geht Ihnen schlecht,
-sehe ich,« stürzte er über ihn. »Die Pupillen Ihrer Augen haben sich
-unnatürlich erweitert!«
-
-»Ist das ein Zeichen ...?« wollte Told eingeschüchtert fragen.
-
-»Ja. Reden Sie nicht über Ihren Zustand. Schließen Sie ihn aus Ihren
-Gedanken aus. Wo ist Ihre Frau?«
-
-Told, aufschreckend, vermochte nicht zu antworten.
-
-»Ihre Frau wollte wohl nicht mehr mit Ihnen leben ... leben!«
-wiederholte der Arzt grausam. »Was? Sie haben Ihre ganze Vergangenheit
-zu zerstören. Alle Verbindungen aufzugeben. Rufen Sie Ihren Diener!«
-
-Told klingelte. Der Diener kam. Der Graf verwies ihn mit einer
-Handbewegung an den Arzt.
-
-»Hat jemand telephoniert?«
-
-»Nein, Herr Doktor!«
-
-»Hat jemand aus dem Haus telephoniert?«
-
-Told sagte: »Ich!«
-
-»Wem?«
-
-»Herrn Doktor von Wenk!«
-
-»Weshalb?«
-
-»Ich wollte mit ihm sprechen!«
-
-»Was?«
-
-Der Graf verwirrte sich: »... Nur ... so sprechen! Mit einem Menschen
-sprechen!«
-
-»Ist Ihr Diener ... bin ich ein Auerochs?« fragte Mabuse grob. »Sie
-können mit mir sprechen! Was haben Sie auf der Leber?«
-
-Der Graf starrte weg. Er hatte nicht einmal mehr den Mut, seinen Arzt
-anzuschauen ... Wird er mich heilen? fragte er sich. Dann begehrte er
-schwach und zaghaft gegen ihn auf.
-
-Du bist kein Mensch! Du bist ein Teufel! schrie sein Inneres heimlich.
-Aber seine heftigen Gedanken glitten hastig davon. Er war so schläfrig.
-»Ich bin immer müde!« sagte er.
-
-»Befehlen Sie in meiner Gegenwart Ihrem Diener alles, was Sie besuchen
-will oder Sie anruft, kurz abzuweisen. Er hat zu sagen: Der Herr Graf
-ist verreist. Ohne Adresse, Schluß!«
-
-Mechanisch wiederholte Told dem Diener den Befehl. Der verbeugte sich
-und ging.
-
-»Ich bin nicht sicher, ob ich Sie weiter behandeln werde!« sagte Mabuse.
-
-Aber Told verstand ihn nur mehr halb. Es war ihm, als sickere ein träges
-Gift durch seine Adern.
-
-»Sie haben Durst!« befahl Mabuse.
-
-»Ja!« flüsterte der Graf.
-
-»Trinken Sie Kognak und Tokaier gemischt. Soviel Sie wollen. Nur schwere
-Sachen! Der Alkohol wird es Ihnen leicht machen. Sie müssen alles in
-sich zerstören, was war. Ihre Frau auch. Wenn Sie die Überzeugung haben,
-daß das Ihnen gelingt, sind Sie heilbar. Alles zerschlagen. Sie
-verstehen mich! Der Alkohol hilft dazu!«
-
-»Alles ...,« stammelte der Graf, als läge er in einem Sumpf, der ihm
-schon die Mundwinkel näßte ... »Alles ...«
-
-»Nach zwei Jahren können Sie dann daran denken, Ihr Leben wieder
-aufzunehmen. Nach welcher Zeit?« warf brutal der Arzt dazwischen ...
-»Nach welcher Zeit?« hämmerte er ihm nochmals ins Hirn.
-
-Told erwachte aus dem Hinbrüten. An der Zahl erschauernd, antwortete er
-leise: »Zwei Jahre!«
-
-»Wissen Sie, daß Ihre Frau Sie in eine Irrenanstalt stecken will? Sie
-benutzt dazu den Staatsanwalt Wenk. Ist das der, der angerufen hat? Ich
-komme morgen wieder!«
-
-Der Graf blieb zurück, allein, verstoßen. Ihm schien sein Gehirn von
-Elefanten ausgestampft, sein Gemüt von Nilpferden zerschmatzt, vermengt
-mit Kot und Schlamm.
-
-Mich verläßt die Welt, murmelte er. Die Bilder, die er um sich gesammelt
-hatte, feierten Orgien an den Wänden. Er verstand nicht mehr, was ihm an
-ihnen so gefallen hatte, daß er sie jahrelang um sich geduldet hatte. Er
-nahm ein Jagdmesser und schnitt ein jedes von oben bis unten durch und
-schlug mit dem Messer in irrem Grimm in den Rahmen herum.
-
-Als er das getan hatte, sprang er entsetzt zurück. Er faßte sich an
-seine Stirn und sagte laut: »Ja, du mein Gott, ich bin verrückt!«
-
-Er begann Kognak zu trinken. Er trank aus einem Rotweinglas. Als er drei
-Gläser getrunken hatte, war er berauscht. Da schien ihm, als habe der
-Arzt etwas zurückgelassen. Es lag vor ihm. Er wußte nicht, was es war.
-Er griff danach. Da war es ihm auf einmal mitten in den Kopf
-hineingesprungen. Wie ein Keil saß es drin eingeklemmt. Er fühlte es
-genau zwischen den beiden Gehirnhälften.
-
-Eine Angst zerriß ihm das Herz wie Papier in Fetzen. »Doktor, Doktor!«
-schrie er. Er hörte seine Stimme grausig in der Leere verschallen. So
-weit die Welt war, er war allein!
-
-Da sank er ohnmächtig hin.
-
- * * * * *
-
-Karstens starb. Die Phantasie griff an dem Tod des zweiten Opfers wieder
-verhängnisvoll in die Öffentlichkeit. Wenk sah sich bedrängt und
-entschloß sich eines Tages, das Letzte mit der Carozza zu versuchen. Er
-ging zu ihr ins Gefängnis. »Ich spreche nicht mit Ihnen!« sagte die
-Carozza, sobald sie ihn sah.
-
-Wenk kehrte sich nicht daran und bemerkte mit bekümmertem Ton und
-verschwommenen Hoffnungen: »Wissen Sie, daß auch die schöne Dame, die
-stets bei Schramms saß und nicht mitspielte, verschwunden ist?«
-
-»Nein,« rief die Carozza im Augenblick, »die Sie zu mir ins Gefängnis
-geschickt hatten?«
-
-»Ja!« sagte Wenk; aber erst, nachdem er dies gedankenlose Ja gesagt
-hatte, erschien ihm die Bedeutung dieser Mitteilung. Das war nun
-rätselhaft. Hatte die Gräfin der Carozza von ihrer Sendung erzählt? War
-sie mit den Spielern im Bund? Das war doch unglaubhaft. Aber wie
-auffallend: die Carozza, die nicht mit ihm sprechen wollte, gab ihre
-Absicht auf, sobald die Rede auf diese Frau kam. Wenk wollte der Carozza
-nicht die Gewißheit geben, daß er erstaunt über diese Mitteilung war. Er
-redete deshalb, indem er zugleich einem Weg nachdachte, auf dem dem
-Geheimnis beizukommen sei, ohne viel zu überlegen, was ihm gerade
-einfiel. Im Verlauf dieses Hinsprechens äußerte er auch schließlich eine
-Vermutung, die bei dem vielen Überdenken des Zusammenhangs der Carozza
-mit dem Verbrecher ihm gekommen war, die er aber mitzuteilen noch nicht
-reif genug gehalten hatte. Er sagte:
-
-»Sie sind ja nur das Opfer des Verbrechers. Weil Sie sich nicht von ihm
-zu trennen vermochten.«
-
-Da sprang die Carozza vom Sitz auf und starrte Wenk an wie in einem
-Krampfe. Er schaute ihr in die Augen. Der Ausdruck eines maßlosen
-Schreckens stand in diesen Augen und in der Verzerrung der Gesichtszüge.
-»Nun?« fragte er aufmunternd und hoffnungsvoll.
-
-Aber die Carozza verharrte in ihrer Erstarrung. Da wagte er es weiter:
-»Ich könnte Ihnen, wenn wir einig werden, für Sie günstige Vorschläge
-machen.«
-
-Langsam erwachte die Carozza aus ihrem Entsetzen zurück. Seit drei
-Jahren, da Mabuse sie von sich gestoßen, war ihr Leben nichts anderes
-gewesen als eine Kette von märtyrerhafter Selbstverleugnung und von
-ergebener Opferwilligkeit gegen diesen Mann, der sie unglücklich machte
-und sie zum Verbrechen trieb. Niemals hatte sie einen Gedanken an sich
-herangelassen, ihn zu verraten, ihm diese Opferwilligkeit zu verweigern.
-Sie trug wie einen Sklavenstempel durch ihr ganzes Blut das
-unumstößliche Angehörigkeitsgefühl an seine Stärke.
-
-Da auf einmal, in der Bemerkung des Staatsanwalts, sah sie den geliebten
-Mann bedroht. Was wußte der Staatsanwalt? Woher wußte er es? Hatte die
-Gräfin sie dennoch verraten? Langsam nährte sie in sich den Plan, zu
-erfahren, wie weit der Staatsanwalt unterrichtet wäre. Sie konnte
-vielleicht warnen ... vielleicht -- und dabei durchzuckten sie wie
-Blitze wollüstige Gefühle, Doktor Mabuse zu retten und ihn vielleicht
-wiederzugewinnen. Nein, das nicht! Das wagte sie nicht auszudenken. Aber
-ihn zu retten, wäre ihr schon genug gewesen, wäre Seligkeit. Sie sagte
-schließlich: »Da Sie besser unterrichtet zu sein scheinen, als ich
-dachte, so will ich reden. Lassen Sie mir zwei Tage Zeit.«
-
-Die Carozza hatte durch den Wärter erfahren, daß jemand sich um sie
-kümmerte. Der Beschreibung des Wärters nach war es Spoerri. Sie fand
-also Gelegenheit, von ihrem Gespräch mit dem Staatsanwalt Mitteilung zu
-machen und ihre Warnungen anzubringen.
-
-»Gut!« sagte Wenk jubelnd. Dann wollte er ein übriges tun, und da er mit
-seiner Vermutung das Richtige getroffen zu haben schien, dachte er, es
-sei günstig, auch noch verhetzend dieser Seele zuzusetzen. Und er sagte:
-»Ich bin übrigens in bezug auf die Gräfin einer Spur nachgegangen. Die
-Gräfin scheint sich bei Ihrem Freund verborgen zu halten.«
-
-Aber er schämte sich über diese Worte so, daß er errötete und mit einer
-schmerzlichen Inbrunst die paar Begegnungen wiedererlebte, die ihm die
-Verschwundene so nahegebracht hatten. Doch seine Worte hatten eine
-ungeahnte Folge. Die Carozza fiel über ihr Lager nieder, schluchzte auf,
-versuchte zu sprechen, aber die Worte versagten ihr, und sie erhob nur
-drohend und verzweiflungsvoll ihre Fäuste über den Kopf.
-
-Da ging Wenk ganz plötzlich, in der Meinung, es sei gut, sie in dieser
-Stimmung nicht zu stören, sondern sie sich weiter in sie hineinhüllen zu
-lassen. Als er die Tür aufriß, fiel ein Mann gegen ihn, doch war es nur
-der Wärter. »Ich wollte gerade nach der Gefangenen schauen,« sagte er.
-
-»Verzeihen Sie!« entgegnete Wenk und ging davon.
-
- * * * * *
-
-Kurz darauf geschah folgendes:
-
-Bei Hengnau an der württembergischen Grenze war ein Mann angehalten und
-verhaftet worden, der Kühe nach Württemberg treiben wollte. Der Mann
-stellte sich in den ersten Tagen stumm, dann tobte er. Der
-Untersuchungsrichter, um ihn einzuschüchtern, sagte ihm eines Tages:
-»Gestehen Sie nur bald, bevor das neue Gesetz kommt. Wenn Sie vorher
-abgeurteilt werden, kann es Ihnen mild gehen. Nachher kann es Ihnen den
-Kopf kosten.«
-
-»Was ist das für ein neues Gesetz?« fragte er.
-
-»Auf die Vergehen, die die Ernährung des Volkes gefährden, kann
-Todesstrafe gestellt werden.«
-
-»Wie wird man getötet?«
-
-»Mit dem Beil wahrscheinlich!«
-
-»Und wenn ich vorher abgeurteilt werde?«
-
-»Bekommen Sie höchstens ein Jahr Gefängnis.«
-
-Da gestand er auf einmal. Er öffnete alle Schleusen. Er gestand alles,
-was er seit Jahren getrieben hatte, und nannte alle Namen von
-Schmugglern, die er kannte.
-
-Es wurden mehrere Verhaftungen vorgenommen. Die Angelegenheit wuchs sich
-immer breiter aus, und es wurde schließlich eines Tages auch der Name
-jenes Mannes genannt, den Mabuse nachts auf der Lindauer Landstraße aus
-seinem Dienst entlassen hatte -- Pesch!
-
-Pesch wurde verhaftet.
-
-Er verbrachte die erste Nacht im Gefängnis von Wangen, aus welcher
-Gegend er war. Als der Wärter aber am nächsten Morgen seine Zelle
-öffnete, war der Verhaftete verschwunden. Wenige Stunden später wurde
-der Gendarmerie nach Wangen telephoniert: im Wald an der Lindauer Straße
-liege ein Mann. Es sei zweifellos ein Mord vorgekommen.
-
-Das Gericht begab sich an die Stelle. Der Tote war Pesch. Er war
-erdolcht worden. Als man seine Leiche forthob, sah man, daß auf dem
-großen hellen Stein, auf dem sie gelegen, Zeichen mit Blut gemalt worden
-waren. Sachverständige entzifferten am selben Tage die Zeichen.
-
-Sie hießen: Villa Elise ...
-
-Die Bürgermeister sämtlicher Ortschaften in der Nähe wurden angefragt
-nach einer Villa dieses Namens. So hatte man bald herausgefunden, daß in
-Schachen es eine Villa Elise gab, die von der Polizei bewacht wurde.
-
-Es wurde sofort Wenk gemeldet. Er fuhr nach Lindau. Die beiden Beamten,
-die die Straßenwalze führten, hatten festgestellt, daß Poldringer am
-Tage, an dem Pesch ins Gefängnis gebracht worden war, Schachen mit einem
-Rad verlassen hatte. Er war erst nach drei Uhr in der Frühe
-zurückgekommen.
-
-Da setzte es Wenk durch, daß zwei Motorboote auf den See gelegt
-wurden. Man gab ihnen den Schein, als gehörten sie zu den
-Zoll-Überwachungsbooten. Sie wurden mit Scheinwerfern ausgestattet.
-
-Es war wieder ein Menschenleben draufgegangen. Aber der neue Mord hatte
-Weiteres verraten ... viel Gefährlicheres, als man bisher wußte. Es war
-zweifellos, daß die Bande sich auch mit Schmuggel befaßte; man sah auch,
-daß unsichtbar zwischen dem Leben und Treiben der Mitmenschen diese
-Kraft des Bösen einen Staat für sich gebildet hatte, der von ihm und der
-für ihn lebte und seinem Willen Tat angedeihen ließ.
-
-Pesch hinterließ eine Frau mit fünf Kindern. Da das Vermögen eingezogen
-wurde, waren sie dem Elend preisgegeben.
-
-Wenk ging zum alten Hull, um dessen Hilfe für diese zu erbitten, und
-sagte ihm in einem raschen Einfall: »Ein Erziehungsheim für Kinder von
-Verbrechern gründen ... unter einem verbergenden Namen ... das wäre
-vielleicht eine gute Anlage für Ihr Geld. Man kann die Kinder, auf die
-sich ja öfter die Eigenschaften der Väter weiter vererben, von klein an
-beobachten, ihre Neigungen erkennen, bessern, wenn es geht, oder wenn es
-nicht geht, der menschlichen Gesellschaft diese Elemente fernhalten ...
-noch bevor sie die Gesellschaft geschädigt haben. So würde von
-vornherein ein großer Teil der Verbrecher unschädlich gemacht und viele
-Menschen gerettet ...«
-
-»Ich will das tun,« sagte Hull. »Ich danke Ihnen.«
-
- * * * * *
-
-Am selben Abend ging Wenk durch die Marstall- auf die Maximilianstraße.
-Als er am Vier-Jahreszeiten-Saal vorbeikam, war ihm, als sähe er in der
-Menge von Menschen, die in den Eingang sich drängten, einen Bekannten.
-Aber er kam nicht drauf, wer es war, und ging gleich weiter. Er
-durchforschte sein Gedächtnis im Gehen, wem dieser so auffallende
-bekannte Rücken wohl angehören möchte. Er fand aber die Person nicht
-zurück.
-
-Gleich nachher kam er an einem Schaufenster vorbei, in dem ein Plan der
-Klassenlotterie hing. Eine fette Schrift war im dunkeln Fenster zu
-erkennen. Das Wort »Spielerglück!« stach aus ihr hervor.
-
-Dies Wort warf die Erinnerungen Wenks mit einem Schlag auf den Weg. Es
-war der Rücken des blondbärtigen Spielers gewesen.
-
-Wenk erschrak vor dieser Entdeckung. Er suchte diesen Mann durch Tage
-und Nächte und durch ganz Deutschland, und da war er so nahe an ihm
-vorbeigegangen, daß er ihn hätte an der Schulter festhalten können. Er
-kehrte gleich um, ging zum Saal zurück und las an der Eingangstür ein
-kleines Plakat:
-
- _Experimenteller Abend des_
- Dr. _Mabuse_.
-
-Er beorderte einen der anwesenden Polizisten, sofort sechs Zivilbeamten
-herbeizuholen, ließ sie in unauffälliger Weise alle Ausgänge schließen,
-und als die Beamten aufgestellt waren, ging er in den Saal. Der Saal war
-leicht zu überwachen. Er ging von Reihe zu Reihe. Der Experimentierer
-war gerade mit Vorbereitungen beschäftigt.
-
-Wenk setzte sich hin und her und überblickte Gesicht um Gesicht,
-Menschen um Menschen. Aber er fand niemanden, der diesen Rücken hatte,
-dessen Bild sich ihm so stark eingeprägt.
-
-Er sah Bekannte. Der Geheimrat Wendel saß da, gleich in der vordersten
-Reihe. Ein Kollege vom Gericht mit seiner Frau und seiner erwachsenen
-Tochter. Er tat, als kenne er niemanden, und suchte fieberhaft. Aber es
-war alles vergeblich.
-
-Da stürzte er sich hitzig kopfüber in das Unternehmen, ging zu den
-Beamten hinaus und erteilte ihnen folgende Weisungen:
-
-Alle Türen werden verschlossen, bis auf diese eine. Zwei Beamte gehen in
-den Saal. Einer von ihnen sofort auf die Bühne und bittet das Publikum,
-in Ruhe einer nach dem andern den Saal zu verlassen. Beide passen auf,
-daß niemand zurückbleibt. Die vier andern stellen sich an der Tür auf
-und lassen die Leute durch, Person für Person. Von der Tür wird nur ein
-Flügel geöffnet.
-
-Wenk selber wollte an der Tür stehenbleiben, und wenn er den
-Verhaftungsbefehl gegen einen Mann ausspräche, sollte der Betroffene von
-zwei Beamten sofort beiseite gezogen und gefesselt werden. Die beiden
-andern Beamten hatten dann nichts anders zu tun, als aufzupassen, daß
-keine Person sich den verhaftenden Beamten nähere. Die Dienstrevolver
-seien schußbereit zu halten.
-
-Im Saal entstand bei der Verkündung des Beamten zunächst ein heiteres
-Erstaunen. Dann hörte man einige unwillige Rufe. Der Beamte versuchte zu
-beruhigen.
-
-Das erste, was sich in Mabuses Vorstellungen zeigte, als er die
-Botschaft des Geheimpolizisten hörte, war, ob es nötig gewesen, sich der
-Gefahr des öffentlichen Auftretens auszusetzen. Aber er schob diese
-Vorstellung gleich als etwas Lästiges weg.
-
-Es war nötig, denn es war für seine Seele die Kugel, in der sich
-Ernährungsstoff in konzentriertester Form zusammenpreßte. So mußte er
-mit seinen suggestiven Fähigkeiten immer in Berührung mit einer
-namenlosen Allgemeinheit bleiben. Dann spürte er seine Macht über die
-Grenze des Kreises hinaus, der ihm verpflichtet war, und von dem er
-jeden kannte, schier ins Ungemessene wachsen. Und sein Geist übte sich
-vieles zu umfassen, viele Menschen auf einmal in die Hand zu nehmen und
-in den irren Dingen, die seine geheime Gabe ihnen auferlegte, ihre
-Wenigkeit und seinen Haß und seine Gewalt über sie auszukosten ...
-
-Hier auf dieser Bühne war er neu geboren worden. Hier hatte er sein
-Leben der Macht begonnen, als der Krieg ihn von seinen Pflanzungen in
-der Südsee als einen ruinierten Mann nach seiner Heimat zurückgetrieben
-hatte. Dieses gab er nicht auf.
-
-Noch während mit traumhafter Schnelle diese Überlegungen ihn durchzogen,
-ging er zum Beamten hin und fragte, was geschehen sei. »Sie müssen sich
-an Herrn Staatsanwalt Wenk wenden,« sagte der. »Er ist draußen!«
-
-Da erblaßte Mabuse, wandte sich weg und stieg raschen Schritts zum
-Geheimrat Wendel hinab, den er in der ersten Reihe noch immer sitzen
-sah. Im Gehen entsicherte er mit der Hand in der Tasche seinen Browning
-und zielte, von einer Blutwelle überlaufen, die Haß und Kampf durch
-seine Muskeln warf wie einen Brand, mit seiner Phantasie Wenk mitten in
-die Stirn.
-
-Du zuerst und dann! sagte er bei sich.
-
-Aber schon lächelte er den Geheimrat an.
-
-»Ihre suggestiven Kräfte,« sagte der Geheimrat, »scheinen den
-Staatsanwalt Wenk zu beunruhigen!«
-
-»Wenk?« fragte Mabuse erstaunt tuend zurück.
-
-»Ich sah ihn nämlich mit Luchsaugen vorhin von Stuhl zu Stuhl schleichen
-und jeden Besucher durch Jacke, Weste, Hemd und Unterkleid hindurch auf
-sein kriminalistisches Gewissen prüfen. Er scheint seinen Mann aber
-nicht gefunden zu haben.«
-
-Mabuses Brust dehnte sich von einem schnaufenden Gefühl des Glücks. Er
-war wie ein Pferd, das nach langem Hungern und Ziehen den Kopf in die
-Krippe senkt.
-
-Trotzdem er sofort klar verstand, fragte er den Geheimrat: »Weshalb
-meinen Sie das?«
-
-»Einfach! Wenn er ihn gesehen hätte, hätte er sich ihn von seinen
-Beamten herausholen lassen, ohne Ihre Sitzung zu stören!«
-
-»Das ist wahr,« sagte Mabuse. »Gehen wir!«
-
-Mabuse drängte zur Tür, den Geheimrat mit sich ziehend. Mit allen Sinnen
-paßte er um sich auf, in seinen Rücken, wo er den Anschluß an Wendel
-nicht verlieren durfte, nach vorn, wo die Gefahr drohte, der er
-entweichen wollte.
-
-Bewegungen ließ er, wenn sie ihn von dem alten Professor zu trennen
-drohten, mit allerlei Listen und einem Einsetzen seines ganzen Muskel-
-und Gliederapparats anders verlaufen, als er sie begonnen hatte.
-
-Es kam ihm nur auf eines an: nicht als ein Besonderer durch die Tür vor
-den Staatsanwalt zu treten. Der berühmte alte Geheimrat mußte von ihm
-die Aufmerksamkeit des Spürhundes draußen wegsaugen.
-
-Wendel war ein alter Herr. Auf Eile kam es ihm nicht an. Aber Mabuse
-durfte nur nicht als der letzte draußen vorbeigehen, bestrahlt von
-Auffälligkeit, doppelt beäugt von der Enttäuschung, daß jener den
-Gesuchten nicht gefunden hatte. Es kamen noch welche hinter ihm, unter
-denen er sein konnte, wenn er nicht als der letzte den Saal verließ.
-
-Eines war sicher: Er war es, den der Staatsanwalt suchte, und kein
-anderer! Wenk wußte nicht, daß es Mabuse sei, den er haben wollte, sonst
-hätte er ihn von der Bühne herunter verhaftet. Wie war er ihm auf die
-Spur gekommen? Ein Rätsel, das ihn reizte! Verrat? Er wurde nicht
-verraten! Hatte Wenk irgend etwas an ihm erkannt von den Abenden in den
-Spielsälen her? Nein! Er wußte, seine Masken machten ihn unkenntlich.
-Also ...
-
-Da berührte eine Hand die seinige. Mabuse sah in das fragende Auge
-Spoerris, erblickte neben ihm einen andern Mann seiner Sicherheitsgarde
-und lenkte seine Augen sofort unbeteiligt weg.
-
-Spoerri und der Genosse drängten sich vor ihm durch die Tür.
-
-Mabuse rechnete weiter: Also ja, es konnte nur sein, daß irgendein
-Zufall Wenk auf seine Spur gehetzt hatte. Vielleicht die Erinnerung
-einer Ähnlichkeit ... Bewegung oder Erscheinung ... Wenk durfte also
-möglichst wenig von ihm sehen. Und da sein Rücken Wenks Augen am
-längsten ausgesetzt war, zog er den Mantel zwischen den Ellbogen durch
-und verbarg damit diesen Rücken.
-
-Da war er mit dem Geheimrat an der Tür. Rasch schob er Wendel vor und
-klebte sich an ihn.
-
-In dem Augenblick, wo der Geheimrat in die Tür trat, befahl Wenk einem
-Beamten, zwei Männer, die in der Treppe verweilten, zum Gehen zu
-nötigen. Mabuse hörte den Beamten sagen: »Soll ich sie verhaften?«
-
-Da gewann er den Blick hinaus. Er sah, daß die Drohung Spoerri und
-seinem Genossen galt. Mabuse versuchte seinen Blick heraufzulenken. Er
-schlug sein Taschentuch mit einer großen Bewegung durch die Luft und
-schneuzte sich laut. Spoerri sah, verstand und zog den andern mit.
-
-Wenk hatte den Geheimrat an der Hand. Das sah Mabuse.
-
-Da sollte er hinaustreten.
-
-Der Geheimrat stellte vor: »Herr Doktor Mabuse!«
-
-Wenk, ohne das Auge von der Tür zu lassen, hinter der er den Saal schon
-stark gelichtet sah, nahm Mabuses Hand und entschuldigte sich: »Sie
-verübeln mir die Erfüllung einer Pflicht nicht, Herr Doktor?«
-
-Mabuse antwortete mit einer verbissenen Freundlichkeit, bereit, die Hand
-in der Tasche an die Waffe zu werfen: »Nicht im geringsten. Ich trete
-selbstverständlich zurück, wenn es sich wie hier zweifellos um das Wohl
-der Allgemeinheit handelt, die Sie von einem Verbrecher zu befreien
-haben.«
-
-Schon war er weitergeschoben. Wenk winkte ihm noch zu, schaute aber
-nicht mehr um, da er die Tür nicht freigeben durfte.
-
-Der Geheimrat nahm Mabuses Arm für die Treppe. Mabuse geleitete ihn
-rasch zur Garderobe und verabschiedete sich. Eines seiner Autos hielt in
-der Maximilianstraße. Rechts und links von der Ausgangstür des Foyers
-standen die Leute, die zu allem bereit waren, ihn stets begleiteten ...
-Spoerri hatte sich mitten in den Ausgang gestellt, um die Treppe zu
-überwachen.
-
-Er ging dann hinter Mabuse her. Die andern in gelösten Gruppen, aber
-immer bereit, zusammenzuspringen, folgten. Erst als Mabuse im Auto
-davonfuhr, gingen sie auseinander und ein jeder seinen Weg.
-
-Im Auto heimrasend, sagte Mabuse sich auf einmal: Ich habe eine Dummheit
-gemacht. Ich hätte wenigstens fragen sollen, ob ich den Abend fortsetzen
-dürfte.
-
-Das machte ihn niedergedrückt. Es hatte etwas an ihm versagt. Früher
-wäre ihm ein solcher Fehler nie unterlaufen, sann er weiter und quälte
-sich: Bin ich am Niedergang? Ist es Zeit für Eitopomar?
-
-Aber auf einmal schrie er dumpf und tierisch auf: »Nein. Es ist das
-Weib! Wenk wird mich hängen. Das Weib macht mich alt und liefert mich
-seinem Strick aus.« Weshalb machte die Frau ihn alt, die so jung und
-schön war und sich ihm mit einem wehmütigen Fatalismus ergeben hatte? Er
-trank diese Ergebenheit wie einen Wein, sagte ein anderer Zug von
-Vorstellungen.
-
-Er wurde uneins mit sich. Er fand keinen Genuß mehr darin, daß er der
-großen Gefahr entronnen war. Und in seine kreuz und quer pflügenden
-Gedanken schlug unselig und den Atem raubend wie eine Katastrophe die
-Vorstellung:
-
-Weil ich sie liebe!
-
-Da haßte er sich. Da führte er die Ballen von Haß, mit denen er den
-Menschen zusetzte, gegen sich und lud sie über sich aus. So stark litt
-er, daß er unter dem Druck, den dieses Chaos an Gefühl auf seine Adern
-trieb, röchelte.
-
-Er war vor seinem Haus.
-
-Sein breites Gesicht hatte alle Furchen vertieft. Aber das Schreckliche
-waren seine Augen. Die Gräfin erschrak vor ihnen, als er in ihr Zimmer
-kam. Sie waren nicht mehr von dem großen steinernen Grau eines Achats.
-Sie waren wie mit kupfern grellen Runen bezogen. »Was ist geschehen?«
-fragte sie.
-
-Da erzählte er nicht, was er eigentlich erzählen gewollt. »Weißt du, wer
-ich bin?« fragte er. Seine Stimme klang in einer tobenden Wildheit. »Ich
-bin ein Werwolf. Ich sauge Menschenblut in mich! Jeden Tag brennt der
-Haß alles Blut auf, das mir in den Adern läuft, und jede Nacht sauge ich
-sie mit einem neuen Menschenblut voll. Wenn mich die Menschen fangen,
-zerreißen sie mich in vierundsechzig Stücke. Ich beiße dir die Kehle
-durch, du weißes Tier, das mich zerstören will!«
-
-Die Gräfin, aufgepeitscht, irr vor Schmerz und Zerrissenheit, stöhnte:
-»Töte mich! Was gäbe es Besseres?«
-
-»Ich liebe dich!« schrie die Stimme des besessenen Mannes über ihr.
-
-Die Frau barg den Kopf in ihre Hände. Sie hörte dieses eingestehende
-Wort zum erstenmal aus dem gewaltsamen Mund. Ertränkend wogte unter ihm
-der Rausch des Blutes durch ihr Gemüt, das sich von der Welt fort in die
-Schlucht eines Gefängnisses verloren hatte, aus dem es kein Hinaus mehr
-gab.
-
-Ihr Leben war tot. Ihr Blut aber lebte in einer starren Grellheit, in
-einer künstlichen, furchtbaren und geisterhaften Entzündung an der
-Gewalt dieses Mannes und brannte durch ihre tote Seele wie eine Flamme
-durch verschlossene Türen. Sie brannte, und es gab nichts mehr zu
-verbrennen. Wovon lebte die Flamme?
-
-Mabuse verließ die Frau, ohne ein weiteres Wort gesagt zu haben. Ich
-habe ihr genug gesagt! sprach er bei sich.
-
-Er legte sich zu Bett, fand keinen Schlaf. Es war, als sei etwas Neues
-in sein Leben gekommen, das so unveränderlich geschienen hatte. Es war,
-als habe die Gefahr, die er schon mit der Hand anfassen gekonnt, in dem
-dunkeln, kalten Loch aufgewühlt, von dessen Grund er sein Leben und
-seine Taten wie aus einem Brunnenschacht heraufzog. Stundenlang quälte
-er sich, dies Neue zu fassen, in sich einzuordnen. Es entwich ihm.
-
-Da ging er zu der Frau zurück, die schlaflos und in Kleidern auf dem
-Bett lag.
-
-Er sagte ihr: »Wir müssen uns aussprechen! Unsere Schicksale sind
-ineinandergelaufen, und wir müssen sie durch unser Leben weitertragen.
-Ich habe aus irgendeinem Brunnen meiner Abstammung einen Schuß ins Blut
-bekommen, der mir ein Leben in der staatlichen Ordnung einer
-Gemeinschaft unmöglich macht, in der Kräfte über meinen Kräften stehen.
-Ich bin deshalb so etwas wie ein Räuberhauptmann geworden. Ich kenne nur
-zwei Dinge: Herrschenwollen und Hassenmüssen! Seit diesem Tag kommst du
-dazu. Ich dachte anfangs: die verbrennt mit in den zwei Flammen meines
-Gemüts. Es ist aber nicht wahr. Hundert sind drin verbrannt. Du nährst
-dich davon. Dir ist es Speise. Wenn ich betrunken bin und den Haß nicht
-vergessen, aber etwas beiseitestellen kann, weil es dann schönere Dinge
-gibt, nenn' ich dir oft den Namen: Eitopomar.
-
-Eitopomar ist kein Weindunst. Es ist ein Urwald in Brasilien. Er ist
-hoch im Land drinnen. Er wird für mich gerodet. Alles Geld, was ich hier
-dieser nichtigen Gesellschaft von Jammerkerlen abnehme, lege ich dort
-an. Dort entsteht mein Land. Dort will ich mein Leben beschließen. Erst
-dachte ich: mit meinem Harem! Jetzt weiß ich aber: mit dir! Vierzig Tage
-muß man reiten, bis man zur nächsten Wohnung von Menschen kommt. Und
-auch das sind welche, die es hier nicht aushielten. Man kommt aber nie
-hin, weil die Botokuden einen nicht durchlassen. Es ist möglich, daß
-meine Agenten, die das Geschäft geordnet haben, mich betrügen, und daß,
-wenn wir hinkommen, es kein Fürstentum Eitopomar gibt. Aber um dich
-betrügt mich niemand!
-
-Meine Lebensart hier hat inzwischen zu ausgedehnte Kreise gezogen, als
-daß ich noch viel länger neben und unter der Ordnung und Macht des
-Staates und der Gesellschaft mich erhalten könnte. Ich habe heut den
-Beweis bekommen, daß man mir auf der Spur ist. Es gilt von nun an also
-Vorsicht.
-
-In Genua wird für mich ein Schiff gebaut. Ich fahre nicht auf fremden
-Schiffen. Ich bin mein Fürst. Das Schiff ist am ersten Juni abzuliefern.
-In der Nacht vom ersten auf den zweiten Juni schiffen wir uns ein. Aber
-bis dahin sind es fast noch zwei Monate. Ich kann nicht ruhen. Ich werde
-bis zu der Nacht unserer Abreise Räuberhauptmann sein.
-
-Wir wollen klug sein. Du beziehst eine andere Wohnung. Sie ist so sicher
-wie diese hier. Aber wenn sie mir diese hier ausspionieren, fangen sie
-dich. Ich bin in der Lage, mit aller Wahrscheinlichkeit zu entkommen.
-Morgen um Mitternacht siedelst du um. Spoerri führt dich hin.«
-
-Ohne Widerstand, ohne Beteiligung ihrer Sinne, verzehrt von der Flamme
-dieses über sie hereingebrochenen männlichen Willens nahm die Gräfin
-Worte und Befehl hin ... Schicksal.
-
- * * * * *
-
-Um neun Uhr war Dr. Mabuse beim Grafen Told.
-
-Mabuse, wo er zur Flucht sich jede Stunde bereithalten mußte, wollte
-jetzt mit dem Gräflein abschließen.
-
-Er nötigte ihn zum Trinken. Das tat Told seit einigen Tagen mit einer
-düsteren Leidenschaft. Schweigend sah Mabuse zu. Als Told betrunken war,
-sagte ihm der Arzt: »Sie sind ein durchaus widerstandsloses Individuum.
-Wo haben Sie Ihr Rasiermesser?«
-
-Told zeigte lallend auf den Waschtisch.
-
-»Ist es geschärft?« fragte Mabuse mit einem lastenden Nachdruck. »Scharf
-genug?« fragte er nochmals mit einer Betonung, so scharf, als wollte er
-dem Grafen die Frage durch die Kopfhaut einschneiden.
-
-Mabuse nahm es in die Hand, ergriff einen Papierbogen und schnitt einen
-scharfen Riß hinein. Drohend sagte er dann: »Es ist scharf genug. Ja!«
-
-Darauf legte er das Messer zurück, schob es aber nicht mehr ins Etui. Er
-rief den Diener herein und sagte ihm: »Der Zustand des Herrn Grafen hat
-sich verschlechtert. Der Herr Graf trinkt Kognak und Tokaier. Gegen
-einen leichten Mosel hätte ich nichts einzuwenden. Aber diese schweren
-Spirituosen sind nicht erlaubt. Entfernen Sie, was der Graf
-übriggelassen hat. Der Herr Graf will ... sich ... zur Ruhe ...
-begeben!«
-
-Das sprach er mit einem auseinandergezogenen, befehlshaberischen Ton. Er
-ging dann vor dem Diener aus dem Zimmer und verließ das Haus.
-
-Eine halbe Stunde später durchschnitt sich der Graf Told den Hals. Er
-wußte nicht, was er tat. Er hatte die Empfindung, als hindere etwas in
-seinem Hals ihn an einem unerhörten Glück. Er wollte nur dieses lästige
-Hindernis entfernen.
-
-Um zwei Uhr kam ein Bote Mabuses, um sich nach dem Befinden des Grafen
-zu erkundigen. Der Diener sagte, er schlafe. Aber er wollte lieber noch
-einmal nachschauen. So fand er ihn blutbesudelt, vom Sessel auf den
-Boden gerutscht, kalt schon und tot. Der Bote des Arztes kam ins Zimmer,
-sah die Leiche und ging.
-
-Der Diener wußte nicht, was er tun sollte. Er hatte die Meinung, da
-keine Verwandten des Grafen in der Nähe waren und die Adresse der Gräfin
-ihm unbekannt war, er müsse den Selbstmord zuerst der Polizei anzeigen.
-Dann wußte er aber wiederum nicht recht, an welches Amt man solche
-Meldungen zu geben hätte, und es fiel ihm ein, daß der Staatsanwalt von
-Wenk ja ein Bekannter des Grafen gewesen sei und als letzter ihm
-nachgefragt hatte. Er fuhr nach München, suchte den Staatsanwalt auf und
-erzählte.
-
-»Ist der Herr Graf denn immer zu Hause gewesen?« fragte Wenk.
-
-»Ja, immer!«
-
-»Weshalb sagten Sie mir denn damals, der Herr Graf sei ohne Adresse
-verreist?«
-
-»Der Arzt hatte mir befohlen, im Interesse des Zustandes des Herrn
-Grafen niemanden zu ihm zu lassen und alle Anfrager mit dieser Antwort
-abzuweisen. Der Herr Graf empfing niemanden als den Arzt.«
-
-»Wie hieß der Arzt?«
-
-»Sein Name wurde nie genannt. Ich weiß es nicht!«
-
-Da erinnerte sich Wenk, daß der Geheimrat Wendel ihm doch den Brief an
-den Dr. Mabuse gegeben hatte, und daß der Graf an seinem eigenen
-Fernsprecher jenem telephoniert und mit ihm eine Zusammenkunft abgemacht
-hatte.
-
-Wenk zitterte, als er, von den Schauern eines unerhörten Verdachtes
-gestreift, dem Diener das Bild des Dr. Mabuse, wie er es von dem
-Vier-Jahreszeiten-Saal her in der Erinnerung hatte, vorzeichnete: ein
-großer Mann, etwas vorgebeugt, glatt rasiert und geschoren, ein breites
-Gesicht mit einer großen Nase und grauen großen Augen.
-
-Wie der Diener sagte: »Ja, genau so sah er aus,« wurde Wenk aschfahl.
-Mit einem Schlag sammelten sich auseinanderliegende Eindrücke ... nur
-angeflogene Vorstellungen, halb angedachte Gedanken, Bilder, die sich
-verschleiert, aber nicht verloren hatten ...
-
-Weshalb hatte der Dr. Mabuse, als Wenk den Saal räumen ließ, nicht
-gefragt, zu welchem Zweck das geschehe? Nicht gefragt, ob er nicht nach
-der vollbrachten Durchsuchung die Experimente wieder aufnehmen könnte?
-Weshalb hatte Wenk, der doch den bekannten Rücken hatte in den Saal
-gehen sehen, ihn drinnen nicht wieder zurückgefunden? Weshalb hatten die
-zwei Männer, die der Anordnung, davonzugehen, nicht folgen wollten, mit
-dem Augenblick, wo Mabuse aus dem Saal trat, dem Beamten plötzlich
-gehorcht? Weshalb hatte das Auge dieses Mabuse, so kurz er
-hineingeschaut, so eindringlich in ihm nachgewirkt, als suche es etwas,
-was verschollen oder nicht aufgefunden tief in seinem Innersten lag?
-
-Er entließ den Diener.
-
-Er suchte die Adresse des Dr. Mabuse im Telephonbuch nach. Sie stand
-nicht darin. Aber Mabuse hatte ein Telephon; denn der Graf hatte ihn ja
-von hier aus angerufen. Der Geheimrat Wendel wußte die Nummer.
-
-Als jedoch Wenk, nachdem er sich bei Wendel erkundigt, die Nummer
-anrief, meldete sich niemand. Er fragte auf dem Auskunftsamt des
-Fernsprechers nach und hörte, die Nummer sei aufgehoben.
-
-Wer denn die Nummer bis vor drei Wochen gehabt habe?
-
-Das ließ sich so schnell nicht feststellen.
-
-Wenk fragte nochmals Wendel an. Dr. Mabuse habe seine Rufnummer
-geändert. Ob er seine Adresse kenne? Nein, die kannte Wendel nicht. Er
-habe von Mabuse nur die Rufnummer gehabt und stets telephonisch mit ihm
-verkehrt.
-
-Auf dem Meldeamt der Polizei fragte Wenk nach der Adresse des Dr.
-Mabuse.
-
-Man fand diesen Namen nicht unter den in München angemeldeten Personen.
-
-Auf dem Fahndungsamt ließ Wenk alle alten Telephonbücher nach dem Namen
-Mabuse durchsuchen. Nirgends wurde dieser Name gefunden.
-
-Da ging Wenk zum Direktor des Fernsprechamts, um die Nachforschungen
-dort zu beschleunigen. Der Direktor führte ihn ins Auskunftsbureau. Dort
-waren zwei Fräulein. Die bat er nachzusuchen, worum er schon
-telephonisch gebeten hatte.
-
-»Was wollten Sie wissen?« fragte die eine ältere der Damen.
-
-Die Adresse des Dr. Mabuse, der vor drei Wochen unter einer Nummer, die
-nicht im Telephonbuch stand, in München angeschlossen gewesen sei.
-
-Das Mädchen sagte, es lasse sich nichts finden.
-
-Mit diesem Bescheid ging Wenk zum Direktor zurück. Der Direktor sagte,
-das sei ganz ausgeschlossen, und begleitete Wenk selber zu dem Bureau
-mit den beiden Damen. Er schaute zusammen mit ihnen nach und fand
-nichts.
-
-Aber während der Direktor sich so vergeblich über die Listen beugte, kam
-Wenk ein Einfall.
-
-Als der Direktor ihm meldete, ein Dr. Mabuse sei im Laufe dieses Jahres
-überhaupt nicht in München angeschlossen gewesen, bat Wenk, dann
-nachzuschauen, unter welcher Nummer und Adresse ein Mann namens
-Poldringer eingetragen sei. Da sah er, wie die ältere der Frauen
-aufzuckte und sich gleich wieder beherrschte. Doch einen Augenblick
-später sagte sie ihm grob, Poldringer gebe es viele in München, und ohne
-Vornamen und genaue Adresse könne sie nichts sagen.
-
-Wenk wandte sich an den Direktor: »Herr Direktor, es tut mir leid, Ihnen
-die Unannehmlichkeit bereiten zu müssen: ich verhafte diese beiden
-Damen!«
-
-Er trat gleich zwischen die Frauen und die Weckapparate. »Bitte nehmen
-Sie Platz auf diesen beiden Stühlen, bis die Beamten kommen. Sie hier,
-Fräulein, Sie dort!«
-
-Das eine der Mädchen wurde kreideweiß. Das andere errötete zuerst und
-begann dann zu weinen.
-
-Wenk sagte, mehr zu ihm gewandt: »Es ist nur eine Formalität. Sie werden
-mir durch Ihr Benehmen ermöglichen, die Angelegenheit ohne Aufsehen sich
-entwickeln zu lassen, und es ist wahrscheinlich, daß Sie nicht lange
-ohne Aufklärung bleiben!« Dann rief er die Kriminalpolizei an und erbat
-sich drei Beamte.
-
-Der Direktor sah die Listen nach Poldringer durch. Unter diesem Namen
-waren mehrere Eintragungen. Die meisten waren Geschäftsleute. Ein
-anderer ohne nähere Bezeichnung wohnte Xenienstraße und ein zweiter ohne
-Berufsangabe Ludwigstraße.
-
-Die Mädchen wurden fortgeführt. Wenk ging zur Ludwigstraße. Er kam in
-ein Mietshaus, sah sich die Umgebung und das innere Haus an und ging
-weiter zur Xenienstraße.
-
-Ihm blieb das Herz stehen, als er in der Xenienstraße an dem Haus,
-dessen Nummer unter dem Namen Poldringer im Telephonamt angegeben worden
-war, das Marmorschild sah:
-
- Dr. _Mabuse_
- _Psychopathologische Behandlung_.
-
-Er eilte davon, den Kopf zwischen den Schultern. Er merkte sich nur
-rasch die Nummern der gegenüberliegenden Häuser. Die Straße bestand nur
-aus freistehenden Villen.
-
-Das Blut trommelte in seine Augen. Das Herz blies Posaunen, in seinen
-Ohren war Geschützbrausen. Er hatte den Verbrecher. Nein, er hatte ihn
-noch nicht. Er kannte ihn nur!
-
-Bevor er Weiteres tat, fuhr er zum Gefängnis. Denn die Frist, die die
-Carozza erbeten hatte, war um, und was sie ihm nun mitteilen sollte,
-konnte ihm die letzten Sicherungen auf das Glücken des Werks geben.
-
- * * * * *
-
-Am frühen Morgen dieses Tages, als der Wärter im Frauengefängnis die
-erste Runde zu machen hatte, wurde die Tür zur Zelle der Carozza
-geöffnet. Die Carozza schlief noch. Sie wurde geschüttelt, und als sie
-rasch erwachte, sah sie den Wärter über sich gebeugt. Aber es war nicht
-der Wärter, es war Spoerri. Doch nein, sie träumte. Sie war doch im
-Gefängnis. Wie kam Spoerri an ihr Bett? Sie wollte die Erscheinung
-wegwischen. Doch ihre Hand blieb am Gesicht hängen. Da erhob sie sich
-entsetzt. Sie erwachte sofort ganz. Ja, es war Spoerri. Er sagte: »Du
-weißt, ich stehe mit dem Wärter im Bund!«
-
-Die Carozza nickte.
-
-»Damit wirst du auch wissen, daß er mir gesagt hat, was gestern hier
-zwischen dir und dem Staatsanwalt vor sich ging.«
-
-Die Frau fragte fahrig: »Was war das denn?«
-
-»Daß du den Doktor verraten willst!«
-
-Die Carozza sprang aus dem Bett. »Wer sagt das?« schrie sie.
-
-»Bitte nicht schreien. Der Wärter sagte es.«
-
-»Es ist nicht wahr!«
-
-»Der Wärter hat kein Interesse zu lügen!«
-
-»Hat er dem Doktor es gesagt?« fragte angstvoll die Carozza.
-
-Da log Spoerri: »Ja, der Doktor schickt mich zu dir, natürlich!«
-
-»Es ist nicht wahr!« rief, dem Weinen nahe, die Carozza. »Ich wollte ihn
-retten!«
-
-»Kannst du das beweisen?«
-
-»Ich wollte ihn retten. Spoerri, er ist bedroht!«
-
-»Er ist immer bedroht. Das ist Unsinn. Kannst du beweisen, was du
-sagst?«
-
-Die Carozza erzählte heftig, was zwischen ihr und dem Staatsanwalt
-vorgegangen war. Spoerri entgegnete gleichgültig: »Ich meine, so
-beweisen, daß nichts mehr daran zu tüfteln ist? Rasch, bitte. Ich muß in
-fünf Minuten aus dem Flur heraus sein.«
-
-»Was soll ich tun, daß der Doktor mir glaubt?« fragte entsetzensvoll die
-Carozza.
-
-»Der Doktor ist sehr in Sorge, muß ich dir sagen. Er hatte so was nicht
-von dir erwartet.«
-
-»Nein, nein,« stammelte fassungslos die Carozza. »Wie soll ich beweisen
-... wie soll ich ... Du weißt doch, Spoerri ...«
-
-Da zog Spoerri mit einem feinen Lächeln ein Fläschchen aus der Tasche.
-»Da drin«, sagte er, »liegt der Beweis.«
-
-»Wo?« fragte Carozza aufgelöst.
-
-»Hier drin, meine Liebste, nicht wahr?«
-
-»Ich verstehe dich nicht,« sagte die Carozza.
-
-»Ho, das brauchst du auch nicht. Nur zu trinken, weißt du, bloß ein
-Schlückchen. Dann glaubt dir der Doktor aufs Wort.«
-
-Da sah die Carozza das Fläschchen entsetzt an. »Was ist es?« stotterte
-sie.
-
-»Ein Himmelstränkli, meine Liebe. Tut nicht im mindesten weh. Vom Doktor
-selber gebraut. Aber wirf es noch rasch zum Fenster hinaus! Ich mache
-dir das Fenster schon auf. Vergiß das nicht! Aber ganz rasch, nicht
-wahr? Sofort werfen! Denn ohne die Flasche merkt kein Mensch, was dir
-geschah. Ja, das erwartet der Doktor. Das ist dann ein Beweis, an dem
-nichts mehr zu tüfteln ist. Im übrigen, du kennst uns ja. Selbst ist der
-Mann ...«
-
-Dabei hob er ein Messer aus der Tasche und spielte leichthin mit ihm. Er
-warf es an die Tür, und es blieb mit der Spitze wagerecht darin stecken.
-Er riß es zurück und sackte es wieder ein.
-
-»Siehst du,« sagte er. »Aber nun muß ich. Also auf Wiedersehen!«
-
-Er wollte gehen. Die Carozza sprang ihm nach und krallte sich an sein
-Bein an. Sie sank in die Knie. Sie schluchzte: »Ich bin doch jung. Ich
-lieb' doch das Leben. Ich habe ihm doch genützt. Ich hoffte befreit zu
-werden. Von ihm. Wenigstens befreit, wenn er mich schon nicht lieben
-kann.«
-
-»Na ja,« sagte Spoerri, »aber wie gesagt, er fühlt sich seitdem
-beunruhigt. Du kannst es ja halten, wie du willst.«
-
-Die Carozza: »So befrei' du mich von hier. Ich werde es ihm tausendmal
-beweisen, daß er meiner sicher sein kann. Ich gebe mein Leben für ihn
-...«
-
-»Bitte!« warf Spoerri roh hinein.
-
-Aber die Frau, losgelassen: »Was bin ich denn? Ein Schatten, der hinter
-ihm hergeht und sich vor ihm verbirgt, ohne sich von ihm trennen zu
-können. Tausendmal ... tausendmal ... Befrei' mich ...«
-
-»Und wenn wir dabei erwischt werden, hängen wir beide, hat er gesagt.
-Und wer weiß, ob sie dann nicht auch an ihn kommen.«
-
-Da war die Carozza auf einmal gefaßt und sagte: »Gut, es ist wahr! Geh!
-Und sage ihm ... Nein, du brauchst nichts zu sagen. Ich will dann ja
-nichts mehr von ihm ...«
-
-Spoerri ging rasch. Das Fläschchen blieb in der Hand der Carozza. Es war
-an ihren fiebrigen Fingern warm geworden. ... Er glaubt mir nicht, sagte
-sie zaghaft. Der Doktor glaubt mir nicht mehr. Sonderbar -- gibt es für
-irgend etwas auf der Welt mehr Beweise als dafür, daß meine Gedanken ihm
-treu waren? O, dies Leben, dies schmutzige, unverständliche, zerstörende
-Leben! Dies furchtbare Leben! ...
-
-»Komm!« sagte sie zur Flasche. »Nein, daran brauchst du nicht mehr zu
-tüfteln, du ... Mann! Du süßer Mörder! Du Erwürger ... Scheusäligkeit,
-Seligkeit, du ...«
-
-Das schrie sie.
-
-Dann erschrak sie vor ihrem Schreien, als ob sie damit das geliebte
-Leben in Gefahr bringen könnte. Sie riß den Stöpsel vom Fläschchen, und
-mitten in der Zelle stehend, trank sie, warf einen Augenblick darauf die
-Flasche in das feurige Fensterloch, in das der Morgen der freien Welt
-draußen wie die Mündung einer losgehenden Kanone hereinschoß ...
-
- * * * * *
-
-Wenk stand vor dem Verwalter des Gefängnisses. »Ja, Herr Staatsanwalt,
-wir haben Sie leider nicht verständigen können. Sie waren nicht zu
-erreichen. Ein Herzschlag scheinbar, sagt der Arzt. Sie lag heute früh
-tot in der Zelle.«
-
-Wenk ging zwischen Enttäuschung und Grauen in die Zelle. Sie war leer.
-Die Pritsche noch unaufgeräumt. Die Kleider der Carozza lagen auf einem
-Schemel. Wenk sah sich um und wollte wieder gehen. Da war ihm, als habe
-auf dem Fenstergesims etwas aufgeleuchtet. Er trat zurück, untersuchte
-das Fenster und fand einen kleinen Glasscherben, der gerundet war und
-einen starken Geruch ausströmen ließ. Wenk stieg auf einen Stuhl.
-Draußen fand er noch einen Splitter. Er ging in den Hof hinab, und bald
-hatte er die Überreste des Fläschchens zusammen. Es hatte sich an einem
-Eisenstab des Gitters zerschlagen. Wenk ließ die Glasreste untersuchen.
-Es waren Spuren von Giften daran.
-
-Er ging zu Fuß nach seiner Wohnung zurück. Ein neues Opfer, sagte er
-ununterbrochen. Ein neues Opfer ... Dann, auf dem Wort Opfer
-weiterspielend: Ein wirkliches Opfer. Denn diese hat sich selbst
-geopfert! Das fühlte er. Diese Dirne war als ein Opfer ihrer Liebe
-gestorben. Sie hätte mir doch nichts gesagt, ahnte er nun. Sie wollte
-mich bloß irreführen, um Zeit zu haben, jenen zu warnen. Ich habe kein
-Glück bei Frauen.
-
-Er war tief ergriffen. Weshalb, fragte er sich, sind diese starken
-Seelen immer nur auf der andern Seite zu finden? Immer beim Bösen? Und
-als am nächsten Tag die Carozza begraben wurde, stand er als einziger
-Leidtragender am Grab. Langsam nur fand er sich zur Arbeit zurück.
-
-Aber dann war er Hals über Kopf in sie hineingesunken. Er stellte Pläne
-auf, den Dr. Mabuse in seinem Hause zu fangen. Das erste, was zu
-geschehen hatte, war, daß man auskundschaften mußte, wann ganz sicher
-jener sich in seinem Hause befand. Dann mußte man wenigstens sich die
-beiden Hauptleute sichern, parallel in der Xenienstraße und in Schachen
-vorgehen, keine Zeit lassen, daß einer den andern benachrichtigen
-konnte.
-
-Die Vorbereitungen mußten bis aufs äußerste ausgearbeitet werden. Und
-dann mit einer Überrumpelung, die nicht länger als drei Minuten dauern
-durfte, losgeschlagen werden. Denn ein Mann, der mit einer solchen
-Kühnheit mitten in der Stadt bis in die Domäne der staatlichen Justiz
-hinein solche Verbrechen durchführen ließ, hatte sich in seinem Hause
-gegen Überfälle aufs beste gesichert. Das war unumstößlich.
-
-Über diesen Vorbereitungen verging Zeit.
-
-Zuerst mußte sich Wenk eine der beiden gegenüberliegenden Villen als
-Beobachtungsposten sichern. Er nahm dazu die Hilfe des alten Hull in
-Anspruch. Er fuhr gleich zu ihm.
-
-»Können Sie mir einen großen Dienst leisten?« fragte er. »Lassen Sie
-durch einen Vertrauensmann in einer der Villen Nr. 26 oder 28 in der
-Xenienstraße ein Stockwerk oder besser die ganze Villa mieten. So wie
-sie ist. Es muß übermorgen beziehbar sein. Kosten spielen keine Rolle.
-Ich brauche das Haus für zwei oder drei Wochen. Das Frühjahr ist da.
-Vielleicht wünscht eine Partei eine kleine Reise zu finanzieren.« Hull
-begab sich gleich ans Werk.
-
-Von Lindau erbat Wenk den sofortigen Besuch des Kommissars von der
-Straßenwalze. Der Kommissar kam mit dem Schnellzug um elf Uhr nachts.
-
-»Herr Kommissar, die Sache ist reif!« sagte ihm Wenk. »Sie müssen sich
-bereithalten, in jedem Augenblick loszuschlagen. Ich überlasse Ihnen den
-Plan. Sie haben ja reichlich Zeit gehabt, die Geographie und die
-Gelegenheiten kennen zu lernen. Nur müssen Sie mit dem Augenblick des
-Eintreffens meines Befehls: Villa Elise verhaften! was gehst du, was
-hast du, vom Leder ziehen. Tot oder lebendig. Man wird ein zweites Boot
-auf den See legen. Für die Landseite verdoppeln Sie die Zahl Ihrer
-Leute. Die Straßenwalze führen Sie fort. In Schachen beginnt jetzt die
-Frühjahrssaison. Halten Sie sich mit sechs bis acht Mann als Strandgäste
-dort auf!«
-
-Um sieben Uhr am andern Morgen reiste der Kommissar zurück.
-
-Um elf Uhr kam der alte Hull mit einem Mietsvertrag für die Villa 26 in
-der Xenienstraße. »Es wohnt ein junges Paar da,« sagte er, »dem mein
-Vorschlag, wie es scheint, sehr zu recht kam. Sie wollten nach der
-Schweiz, wo die Eltern wohnen, und hatten nur vor der Valuta
-zurückgeschreckt. Ich bot ihnen fünftausend Mark für den Monat. Diese
-werden sie in Franken umwechseln. Ich schädige unsere Valuta ...«
-
-»Aber Sie nützen der Heimat, Herr Hull! Sie werden sich bald davon
-überzeugen,« sagte Wenk.
-
-»Sie können von heute abend sechs Uhr an die Villa beziehen!«
-
-Um sechs Uhr hielt Wenk in der Kleidung eines grünen Radlers seinen
-Einzug in die leere Villa. Er ließ das Rad draußen stehen und suchte
-sich gleich ein Fenster aus, das ihm paßte. Er war ganz allein im Haus.
-Er verdeckte sich hinter einem Spitzenvorhang und schaute auf die
-Straße.
-
-Das erste, was er sah, war, nachdem er so eine Viertelstunde Posten
-gestanden hatte, daß jemand das Rad draußen stahl und damit fortsauste.
-Er hatte niemals einen Verbrecher bei der Tat gesehen. Dies Letzte
-seines Berufs war ihm erst heute vergönnt. Er leitete es als eine gute
-Vorbedeutung in sein Gemüt und lachte über die komische Hast, mit der
-der Dieb Umschau hielt, aber schon auch das Rad zwischen den Schenkeln
-hatte.
-
-Er überblickte zwei Stunden lang in einem Stück die Haustür und die
-Gartentür, die Fenster, das Dach der Villa Mabuses. Kein Mensch kam noch
-ging. Wenk blieb bis Mitternacht. Nichts! Er schlief am Fenster ein,
-wachte wieder auf, schaute und schlummerte wieder ein bißchen und
-erwachte dann erst, gerädert, im hellen Morgenlicht.
-
-Wenks Diener als Ausläufer von Oberpollinger brachte ihm das Frühstück.
-
-Es wurde ein langer Tag. Wenk zog sich den Fernsprechapparat ans Fenster
-und rief mehrere Bekannte und Ämter an.
-
-Endlich, abends sechs Uhr, hielt gegenüber ein Auto. Kaum hielt es, so
-fuhr es wieder an und davon. Ein Herr schritt auf die Haustür zu. War es
-aber Mabuse? Nein -- denn es war ein alter Herr, der die unverkennbaren
-Schritte eines Tabetikers machte. Vielleicht ein Patient.
-
-Dann sah Wenk bald darauf einen Kaminfeger das Haus verlassen. Der
-Kaminfeger ging rasch und lustig, eine Zigarette hoch in die Luft
-dampfend. Wenk hatte den Kaminfeger nicht ins Haus hineingehen sehen.
-Das war ein Zufall gewesen. Der alte tabetische Herr blieb lange.
-Wartete er so lange auf den Arzt? Oder war es ein Helfer Mabuses? Das
-war zweifelhaft. Aber es durfte nichts überstürzt werden.
-
-Die Dämmerung waltete bereits stark, als ein Mann mit einem Paket drüben
-an der Haustür klingelte, die mit einer überraschenden Schnelligkeit
-sich öffnete. Nach einer halben Stunde kam dieser Mann wieder heraus.
-
-So ging es noch einmal. Auch in der Nacht kamen und gingen ab und zu
-Menschen. Dasselbe wiederholte sich am nächsten Tag.
-
-Am dritten Tag wurde Wenk in der Frühe angerufen. Es war sein Diener.
-Die Kriminalpolizei habe ihm etwas Wichtiges mitzuteilen. Es sei in der
-Nacht etwas in einem Spielsaal vorgefallen. Ob er einen Beamten zum
-Berichte wünsche?
-
-Ja, er solle nur in irgendeiner Lieferanten-Uniform kommen.
-
-Der Beamte kam eine halbe Stunde später, als Telephonarbeiter gekleidet,
-und berichtete: Gestern nacht kam ein junger Mann auf die Wache und
-erzählte, in dem geheimen Spiellokal von Schmitz hätten sie Bakkarat
-gespielt. Ein alter Herr, der zweifellos Tabetiker sei, habe mitgespielt
-und immer verloren. Als es drei Uhr morgens war, habe der alte Herr
-einen Wutanfall bekommen, habe etwas gerufen, und da seien auf einmal
-drei Männer, die mitgespielt hatten, auf den Tisch gesprungen. Mit
-vorgehaltenen Revolvern hätten sie »Hände hoch!« gerufen. Ein vierter
-sei dann von Mann zu Mann gegangen, habe das Geld vom Tisch und alles
-Geld aus den Taschen der Mitspieler genommen. Ihm hätten sie
-zwölftausend Mark geraubt. Den alten Herrn aber hätten sie ruhig
-gelassen. Der sei dann aufgestanden und sei fortgegangen und war auf
-einmal ganz gesund. Zwei von den Räubern haben ihn hinausbegleitet. Die
-andern haben den Rückzug gedeckt. Draußen hatten die Räuber zwei
-Automobile.
-
-Diese Meldung erregte Wenk.
-
-Seinen Plan störte das Ereignis nicht. Im Gegenteil zeigte seine
-Verwegenheit, daß Mabuse sich sicher fühlte. Aber Wenk hing hier in dem
-fremden Haus an der Gardine wie eine schlafende Fledermaus, und der
-Verbrecher ging in der Stadt seine Wege mit einer Kühnheit, als habe er
-niemanden und nichts zu fürchten.
-
-Er nahm sich sein Recht. Wie konnte es anders sein, wenn er, der
-Staatsanwalt, der damit betraut war, ihn zu fangen, sich hier an die
-Fenstervorhänge klebte!
-
-Wenk verließ kurz entschlossen seinen Posten und kam erst abends zurück.
-Er hatte den Befehl gegeben, die Laterne vor Mabuses Haus zu löschen,
-indem man die Scheibe einwarf und den Glühkörper zerstörte.
-
-Es war eine dunkle Nacht. Wenk schlich sich in den Garten der Mabuse
-benachbarten Villa, sobald sich deren Fenster verdunkelt hatten. Er
-hatte einen Behälter mit geschwärztem Mehl bei sich. Er kletterte über
-den Zaun in Mabuses Grundstück, schlich vorsichtig zum Gartenweg und
-verteilte das Mehl in einer dünnen Schicht über ein Stück des kurzen
-Dammes zwischen Gartentür und Haus. Darauf eilte er über den Zaun in den
-Nachbargarten zurück und von dort in seine Nummer 26.
-
-Eine halbe Stunde später verließ jemand das Haus Mabuses. Wenk erkannte
-nichts von der Person.
-
-Anderthalb Stunden nachher kamen Schritte in der Straße unter seinem
-Fenster vorbei. Er sah einen Mann, der Soldatenuniform trug. Der Mann
-ging plötzlich zum Haus Mabuses hinüber. Er verschwand in dessen Tür.
-
-Wenk stieg wieder hinab und klemmte sich wieder in einen Busch der
-Mabuse benachbarten Villa. Nach einer langen Weile hörte er Mabuses Tür
-gehen. Er sah im Sternenschein, daß eine ältere, beleibte Dame das Haus
-verließ. Sie ging auf die Straße. Fast im selben Augenblick tauchte dort
-ein Auto auf. Die Dame stieg rasch hinein, und das Auto jagte davon.
-
-Wenk überkletterte wieder vorsichtig den Hag, der zwischen ihm und
-Mabuses Garten war, kroch auf allen vieren über den Rasen zum Weg, den
-er mit dem Mehl bestreut hatte, und beleuchtete eilig mit einer kleinen
-elektrischen Taschenlaterne den Boden. Da sah er, daß die Sohlenabdrücke
-von allen drei Personen von genau denselben Schuhen herrührten.
-
-Also, der zuerst herausgekommen war, der Soldat und die Dame waren ein
-und derselbe Mensch. Und gestern und vorgestern, ging es Wenk auf, der
-Kaminfeger, der Tabetiker, der Mann mit dem Paket ... alle dieselbe
-Person und alle -- Mabuse!
-
-Wenk blies vorsichtig den Mehlstaub fort.
-
-Diese Nacht mußte die Entscheidung bringen. Sturmtrupps der Polizei
-lagen auf den beiden nächsten Wachen bereit. Sie waren gerüstet, in
-jeder Sekunde aufzubrechen. Wenn Wenk Mabuse sicher im Hause wußte,
-eilte er in seine Nr. 26 hinüber, rief an, und drei Minuten später
-konnten die Polizisten das Haus Mabuses umstellt haben. Das Sprengen der
-Tür kostete eine halbe Minute. Sechs Mann blieben draußen und umstellten
-in drei Minuten das Haus. Sechs stürmten mit ihm hinein. War Mabuse in
-seiner Hand, flog der Befehl nach Schachen.
-
-Wenk schlich rasch in den Nachbargarten zurück. Er legte sich flach auf
-die Erde und wartete. Die Erde atmete die Wärme, mit der sie sich aus
-dem Spätfrühjahrstag vollgesogen hatte, um seinen Leib. Er spürte die
-Kraft des Bodens. Und in einem Gefühl der höchsten Spannung, jetzt, zwei
-Stunden, eine Stunde, vielleicht nur Minuten vor dem Gelingen seines
-Werkes, war ihm, als durchbrauste eine Musik, in der alle Geheimnisse
-des Menschenblutes tobten, sein Herz. Tränen füllten seine Augen. Mit
-Liebkosungen suchten seine nackten Finger den dunstenden Erdboden. Es
-war ihm, als fühlte er das entblößte Herz der Menschheit, für die er
-sein Leben aufs Spiel setzte.
-
-Sein Entschluß war, hier zu liegen und zu warten, bis Mabuse in
-irgendeiner Verkleidung zurückkam. Er konnte nicht mehr fehlgehen. War
-jener drinnen ... wie in einer Mausefalle drinnen im Hause ... so eilte
-Wenk hinüber und rief seinen Befehl in den Fernsprecher.
-
-Aber bevor es soweit war, sollte er noch eine Erfahrung machen, die ihm
-das Herz still stehen und einen Schrei in seinen Mund treiben ließ,
-durch den er sich beinahe verraten hätte. Ein Auto kam die Straße
-herauf. Es hielt mit einem schreienden Ruck vor Mabuses Gartentür. Aber
-niemand stieg aus. Nein, die Tür Mabuses öffnete sich, und es kam jemand
-die Stiegen herunter, und als dieser Mensch ins Licht der Scheinwerfer
-trat, sah Wenk, daß es die Gräfin Told war.
-
-Wenn er nicht im selben Augenblick seinen Mund in den Erdboden gepreßt
-hätte, wäre sein Schrei gehört worden.
-
-Das Auto raste den Weg zurück, den es gekommen war. Frauenräuber!
-Gattenmörder! tobte Wenks Blut auf.
-
-Das also war das Geheimnis vom Tode des Grafen Told! Ein Teufel und ein
-Werwolf! rief es durch ihn.
-
-Wenk fühlte auf einmal die Kühle der Nacht unter seinen Kleidern. Er
-zitterte. Bekam er Fieber vor der letzten Minute? Er kämpfte alles in
-sich nieder. Er hörte in der Stille der Nacht sein Blut wie einen
-Wasserfall am Trommelfell rauschen; so war er mit aller Energie auf der
-Lauer und lauschte dem, was kommen sollte.
-
-Es schlug zwölf Uhr. Ihm war, als bebte die Stadt vom Schlag der
-Glocken. Als müßte dieser Glockenschlag in das unbekannte Haus
-eindringen, in dem irgendwo gerade das Scheusal war, und jede Tonwelle
-werde ein wogendes Messer, das ihn zerfleischte.
-
-Der Glockenschlag der Mitternacht ging vorüber. Ein Schritt hallte nah
-oder fern. Wenk konnte es nicht unterscheiden. Von der Stille und der
-erwartenden Gespanntheit trommelten seine Ohren laut.
-
-Auf einmal kreischte die Gartentür. Im Sternenlicht war eine breite
-weiße Hemdenbrust zu sehen. Sie leuchtete. Ein Mann kam rasch auf die
-Haustür Mabuses zu ... und in dem einen Augenblick, wo vor dem Öffnen
-der Tür die Gestalt des Mannes da oben stand, erkannte Wenk trotz der
-Dunkelheit ganz genau, daß diese Gestalt der Dr. Mabuse war.
-
-So schloß sich das Netz.
-
-Wenk wartete drei, vier Minuten. Stürzte die Stadt nicht ein in diesen
-etlichen Minuten? Quoll das Pflaster nicht auf? Tobte der Jüngste Tag
-nicht vom Himmel herunter?
-
-Dann raffte er sich auf und, steif wie ein Blech, überkletterte er den
-Zaun auf die Straße und eilte hinüber zu Nr. 26. Er stürzte in der
-Finsternis hinauf, fiel an den Fernsprecher, rief die Nummer und dann an
-die Wache die Befehle, die er vorbereitet hatte. Er hatte nur die Straße
-und die Hausnummer zu nennen, die er bisher der Sicherheit wegen
-geheimgehalten hatte.
-
-Ein Motorfahrer sollte gleich beim Eintreffen der telephonischen Meldung
-zur zweiten Wache. Unmittelbar nach ihm sollte das Auto mit der ersten
-Mannschaft ihm folgen, an der zweiten Wache mußten die vom Motorfahrer
-alarmierten Leute gleich auf das Auto und zusammen mit dem inzwischen
-angekommenen Fahrzeug der ersten Wache zu dem Haus rasen. So war es
-abgemacht.
-
-Wenk hastete, nachdem er telephoniert hatte, wieder hinab. Er stellte
-sich in die dunkle Haustür und wartete darauf, den Klang der Automobile
-die Straße herauf zu hören. Verbrannte er nicht? Nein, er biß sich auf
-die Zähne. Er krampfte alle Muskeln. Er mußte kalt und hart sein. Stahl!
-Stahl! Stahl!
-
-Er brauchte nicht lange zu warten.
-
-
-
-
- XVII
-
-
-Das Haus wurde von den dazu bestimmten Polizisten umzingelt, während
-Wenk an der Spitze der andern zur Haustür hinaufeilte und auf die
-Klingel drückte.
-
-Doch schon war die Sprengbombe bereitet.
-
-Mabuse war noch nicht zu Bett gegangen. Der Lärm, der unerwartet die
-Straße erfüllt, hatte ihn an die Luke getrieben, die in einem der
-geschlossenen Läden über der Haustür angebracht war. Er sah im ersten
-Blick: es war die Polizei!
-
-Er erschrak nicht. Er sammelte sich nur. Aus allen Geweben und Gefäßen
-zog er die Kraft, die ihnen innewohnte, in sein Hirn. Er befand sich vor
-einem Augenblick, den er Tausende von Malen sich selber vorgeschildert
-hatte.
-
-Während er das Gesicht an den Spion hielt und sich nichts von dem
-entgehen ließ, was draußen im Licht der Scheinwerfer, die sein Haus von
-allen Seiten in Grellheit badeten, geschah, zog er eilig aus dem
-Schrank, den er, ohne seinen Posten zu verlassen, erreichte, eine
-Polizistenuniform heraus.
-
-Er hörte die Hausglocke läuten.
-
-In der Wand hatte er ein Telephon. Es war eine Leitung, die er zusammen
-mit Georg während einiger Nächte durch den Boden zu einer Villa gelegt
-hatte, die auf der Hinterseite mit seinem Grundstück zusammenstieß. Er
-drückte das verabredete Alarmzeichen auf den Wecker. »Spoerri?«
-
-»Ja!«
-
-»Die Polizei ist im Begriff, bei mir einzudringen. Fliehn Sie nach
-verabredetem Programm. Die Gräfin holen. Das neue Auto für mich
-bereiten. Zündung ausprobieren. Tauben nach Schachen! Schluß.«
-
-Während er noch sprach, begann er eilig über seine Kleider die
-Polizistenuniform anzuziehen.
-
-Da flog der Knall der Explosion durchs Haus, unter der sich die Haustür
-öffnete. Ein Stuhl flog um. Mit einem Satz war Mabuse im Flur.
-
-Mabuse befand sich, als das geschah, im ersten Stockwerk. Dies Stockwerk
-war für sich gegen die Treppe abgeschlossen.
-
-Hinter dem ersten Polizisten, der durch die Fetzen der Tür ins Haus
-drang, lief Wenk, einen schweren Revolver in der Hand. Er war betroffen
-von der Vornehmheit der Einrichtung. In einem verschwenderischen
-Reichtum waren die Täfelungen aus edeln Hölzern ausgearbeitet, mit den
-kostbarsten alten asiatischen Teppichen behängt. Er sah das im Laufen im
-ersten Blick.
-
-Stumm wies er die, die hinter ihm kamen, die Treppe hinauf. Er selber
-und die dazu bestimmten Leute verteilten sich auf die drei Türen, die
-aus der untern Halle abgingen. Sie waren alle drei abgeschlossen. In
-einer Minute waren sie aufgesprengt. Die Polizisten sausten durch die
-Löcher in die Zimmer. Einer gleich an die elektrischen Lampen. Aber alle
-elektrischen Lampen waren ausgeschaltet.
-
-Sechs Polizisten waren die Treppen hinaufgestürmt. Die Tür, die in den
-getäfelten Wänden des ersten Stocks diesen gegen das Treppenhaus
-abschloß, war offen. Die Männer stürzten hinein in einen dunkeln Flur.
-Sie hielten die Revolver vor. Sie durchwühlten mit den Spitzen ihrer
-Revolver die Gegenstände, die aus der Dunkelheit gegen sie ragten.
-Nirgends ging das elektrische Licht.
-
-Es dauerte eine Weile, bis genügend elektrische Taschenlampen zur
-Verfügung standen. Dann waren im Nu alle Zimmer besetzt, und die Türen,
-die auf den Flur führten, schlossen die Beamten hinter sich ab. Sie
-zogen die Schlüssel heraus. Sie machten sich, als sie niemanden in den
-Räumen sahen, über die Kisten her und brachen sie mit den Äxten auf.
-
-Mabuse lauschte dem Lärm, der sein sonst so schweigsames Haus wie eine
-Fabrik erschütterte.
-
-Er hatte, als er sich das Haus einrichtete, neben die Tür, die ins erste
-Stockwerk hineinführte, in das Täfelwerk eine Kabine einbauen lassen.
-Ein Zimmermann, der zu seiner Bande gehörte, hatte ihm die Arbeiten
-gemacht.
-
-Diese Kabine, durch eine Architektur, die von hervorragender
-Geschicklichkeit war, verbarg sich unsichtbar in der Raumausgestaltung
-des Flurs, von dem aus man hineinkam. Aber die Tür, die vom innern Flur
-in diese geheime Kabine ging, war so in die Verzierungen des Getäfels
-eingefaßt, daß niemand eine Öffnung dort vermuten konnte.
-
-In diese Kabine war Mabuse gesprungen, als er die Explosion der Haustür
-gehört hatte. In ihr hatte er einen zweiten Apparat nach der anderen
-Villa. Während die Treppen noch den Lärm der Heraufstürmenden durch die
-Holzwände über ihn warfen, drückte er auf den Weckknopf und nahm das
-Hörrohr.
-
-Aber niemand antwortete mehr von der anderen Villa.
-
-Spoerri war also schon fort.
-
-Nun kam der Augenblick, wo das Wagnis begann und Rettung oder Tod gleich
-nah waren.
-
-Die Kabine hatte eine zweite Tür. Diese, ebenso wie die innere, in die
-Architektur des Getäfels eingepaßt, dem Auge unauffindbar, öffnete sich
-unmittelbar auf die Treppe. An diese Tür legte Mabuse das Ohr.
-
-Er vernichtete alle Sinne in sich mit der geisterhaften Kraft seines
-Bluts, um nur Trommelfell sein zu können. Geräusche, Stimmen,
-Axtschläge, Rufe, Schimpfworte, Befehle, anknipsende Taschenlaternen, ja
-bis zu dem leisen Fauchen hinaus, in dem die Azetylen-Scheinwerfer
-atmeten, empfing er wie ein Mikrophon.
-
-Aber nur auf eines mußte sich das Trommelfell einstellen: auf die erste
-Sekunde, auf die erste Abbröckelung einer Sekunde, in der es keinen
-Schritt, keinen Lärm, nicht einmal das Atmen, nicht einmal das Stehen
-eines Menschen auf der Treppe hörte.
-
-Dieser Splitter eines Augenblicks mußte eintreten, bevor sämtliche Räume
-des Hauses nach ihm durchsucht waren und man ihn nicht gefunden hatte.
-
-Dann konnte ... dann würde die Flucht gelingen!
-
-Es war ihm, als spüre er wie auf der Trommel einer Zentrifuge sein Blut
-versprühn und auf das Trommelfell als einen nadelspitzendünnen Strahl
-niedergehn, der sein Gehör für diese notwendige Fähigkeit vorbereitete.
-Alles Blut zog sich aus den Nerven des Fühlens, Sehens, Schmeckens,
-Riechens. Sein Wille schlug sich wie eine triumphierende rote Bande
-durch seinen Leib. Sein Ohr wurde in seinen Vorstellungen so groß wie
-der Bodensee und so fein wie der Gesang eines Edaphonfadens in dem
-Bröckchen Erde, das er an seinen dünnen Lackschuhsohlen kleben fühlte.
-Alles andre in ihm ward ein Eis, ward anästhetisiert. Aber sein Ohr eine
-vulkanische Brunst am Herzen der Erde, aus der er lebte.
-
-Und da hörte er den ersehnten einzigen, den von Posaunen und Kanonen
-umbrandeten Blutschlag, der ihn retten sollte.
-
-Er stieß die schmale Tür zur Treppe auf. Er rannte aufs Geratewohl
-hinaus und hinab, bevor er noch nachkontrolliert hatte, ob sein Ohr ihn
-nicht getäuscht. Aber er sah gleich: es glückt!
-
-Im Flur stand unten ein Polizist. Mabuse rief ihm zu: »Er hat sich im
-Badezimmer ... Er hat sich im Badezimmer ...«
-
-Mabuse sieht sie noch alle herauslaufen aus einem Zimmer unten und die
-Treppe anstürmen. In der Haustür stehn zwei Männer. Sie stehn mitten in
-der zertrümmerten Tür, und die Fetzen des Holzes, rund um ihre Körper
-hervorragend, scheinen ihnen wie die Spieße eines Heiligenkranzes in die
-Rücken einzudringen.
-
-»Verstärkung holen ...,« schreit Mabuse, als er bei ihnen ist, »... im
-Badezimmer verschanzt ...«
-
-Sie lassen ihn durch. Er läuft, die eine Hand zum Wegschieben benutzend,
-mit der andern den Browning haltend.
-
-... Ja, er kommt hinaus ...
-
-Die Nacht brennt von den Scheinwerfern, ein Feuerwerk der Freiheit und
-der Beglückung um ihn. Entzückte, flammende Visionen besprühen seinen
-Geist und sein Herz. Er trinkt das Licht draußen in vollen Zügen in die
-Augen.
-
-»Was ist?« schreit einer der Männer draußen auf den Einstürmenden.
-
-»Befehl des Staatsanwalts ... Verstärkung holen! Badezimmer verschanzt!«
-schreit Mabuse zurück.
-
-»Nimm das Motorrad!« brüllt der andre.
-
-Auch das noch! Mabuse hat es schon unter den Schenkeln. Er fällt hinein,
-er bettet sich hinein. Er fällt wie von einem Turm herab in ein
-weltengroßes Polster. Und die Nacht saugt ihn wie ein befreundetes
-Ungeheuer fort aus den Scheinwerfern und aus der Hatz, mit der sie ihn
-fangen wollten.
-
-Eine Viertelstunde später wirft er das Rad in den Würmkanal und schwingt
-sich in den neuen kleinen Rennwagen wie auf eine Wolke. Der Rennwagen
-streckt den Schnabel nach Südwesten und rast schnaubend und wie ein vor
-Entzücken der Schnelligkeit zirpendes Geschoß die Chaussee dahin. Der
-Wagen ist gepanzert ...
-
- * * * * *
-
-»Was ist los?« rief Wenk den davonstürmenden Polizisten nach.
-
-»Er ist im Badezimmer. Er hat sich verschanzt!« schrie einer zurück.
-
-Wenk raste die Treppen hinauf. »Wo?«
-
-»Im Badezimmer!« brüllte es von allen Seiten.
-
-»Alle Mann zum Badezimmer!« kommandierte Wenk.
-
-Man lief. Die kleinen Scheinwerfer der Taschenlaternen rasten an den
-Wänden ineinander und durcheinander. Wohin läuft man? Zum Badezimmer!
-Fünfzehn Mann stürzten zum Badezimmer.
-
-Da fragte Wenk: »Wo ist denn das Badezimmer?«
-
-Aber niemand wußte, wo das Badezimmer war.
-
-Und nun schrie es durch alle: Was war das? Was war das?
-
-Die Zimmer wurden kopfüber gestellt. Die losgeschraubten Sicherungen
-wurden am Schaltbrett wieder angedreht. Helligkeit wirft sich durchs
-Haus. Die Räume glänzen ... Reichtum und Pracht, Gemälde, Teppiche,
-Bronzen, Möbel. Das Badezimmer wurde gefunden. Es hatte eine Wanne aus
-Marmor.
-
-Aber das ganze Haus war leer!
-
-Wenk raufte sich die Haare. Ihm war, als sei er ein leerer Schacht, und
-alles Gute, Schöne, aller Erfolg, Stolz, alles sei durch den Schacht
-hinab in ein unauffindbares Loch gefallen.
-
-Man ging mit den Äxten an die Wände. Man vermutete etwas. Und bald hatte
-man die Lösung des Rätsels und die geheime rettende Kabine gefunden.
-
-Aber Wenk faßte sich. Es stand noch irgendwo eine zweite Mausefalle. In
-Schachen! Die Villa Elise!
-
-Der Staatsanwalt brauste zur Zentrale des Fernsprechamts. Alle Linien
-wurden für ihn geschlossen. Er hatte alles bis aufs letzte vorbereitet.
-In Strahlen um München herum waren die Landstraßen unter den Augen der
-Polizei! Die Strecke München-Lindau hatte acht Posten und jeder einen
-Fernsprecher, der in einer Minute die Ereignisse, die vor ihm geschahen,
-durch die Nacht nach München warf.
-
-Wenk gab Alarm nach allen Richtungen.
-
-Er hatte durch den Kniff Mabuses reichlich eine halbe Stunde versäumt.
-Wenn es ginge, wie er es sich dachte, und wenn er das Auto des
-Fliehenden auf achtzig bis neunzig Kilometer schätzte, so blieben zehn
-Minuten, bis Buchloe den Durchgang melden mußte.
-
-Aber kaum hatte er das berechnet, mit dem Bleistift am Rand der
-Kilometertafel, so meldete Buchloe.
-
-Wenks Herz sang auf.
-
-»Hier Buchloe! Ein Auto gerade durch! Polizeiwidrige Schnelligkeit.
-Richtung Kempten. Großer gedeckter Wagen!«
-
-Es war 2 Uhr 10. Eine Viertelstunde später kam Kaufbeuren.
-
-»Großer gedeckter Wagen etwa achtzig Kilometer Geschwindigkeit soeben
-durch. Richtung Kempten.«
-
-Es war 2 Uhr 25.
-
-Wenk begann rasch die Schnelligkeit auszurechnen, mit der der Wagen
-fuhr.
-
-Aber da meldete sich Buchloe ein zweites Mal: »Ein zweiter Wagen soeben
-durch! Kleiner offener Wagen mit einer Person!«
-
-Und zehn Minuten später folgte Kaufbeuren mit derselben Meldung.
-
-Sie fliehen truppweise. Der zweite Wagen fuhr schneller. In ihm wird
-Mabuse sein. Im ersten Helfershelfer!
-
-Ober-Günzburg meldete die Durchfahrt der Wagen schon in einem Gespräch.
-Der zweite Wagen folgte dem ersten, als der Beamte gerade den Durchgang
-des ersten angezeigt hatte.
-
-Einen ähnlichen Bericht brachte Buchenberg.
-
-Da hielt Wenk es an der Zeit, Schachen anzurufen. Er gab die Anweisung,
-das Eintreffen von zwei Wagen abzuwarten und dann nach dem
-vorgezeichneten Plan loszuschlagen. Der Mann, auf den es vor allem
-ankäme, trage wahrscheinlich die Uniform eines Münchener Polizisten. Man
-solle sich dadurch nicht irremachen lassen. Das sei Mabuse!
-
-Wir haben sie sicher, sang alles in Wenk, als weiter Meldung auf Meldung
-folgte. Und alle Meldungen ihm versicherten, daß der Weg der Fliehenden
-auf Schachen ginge.
-
-Ortsnamen auf Ortsnamen glühten vor Wenk an der Namenstafel auf. Aus der
-Nacht riefen ihn Dörfer und Städtchen an und banden sich an ihn.
-Unsichtbares Geisterband warf er über Landschaften, die bis an die
-Grenzen des Reiches gingen. Die heimliche Tat einer weiten Landstraße
-riß er so aus der Finsternis an sich, und die Landstraße wußte nichts
-davon. Er hatte mit dem kleinen Hebel diese ganze ungemessene, in
-Finsternis gehüllte Chaussee, über die die Tat tobte, in seiner Hand.
-
-Die Etappen, die er eingerichtet, hatten ihm nicht versagt ... ihm, dem
-Feldherrn. Keine einzige!
-
-»Hergatz« leuchtete es auf, und das kleine Geräusch des Weckers in der
-Maschine vor ihm erscholl ihm so vertraut, als sei es sein Name, der
-gerufen wurde.
-
-»Ja!« sagte er, »Staatsanwalt Wenk, München!«
-
-»Ein kleines offenes Auto mit großer Schnelligkeit vorbei auf Lindau zu.
-Zwei Personen drin. Doch nicht sicher erkannt.«
-
-»Danke. Lassen Sie die Verbindung offen! Es wird noch ein Auto kommen!«
-
-Wenk wartete. Er hörte in den verstummten Drähten alle Geräusche, die
-die Nacht zwischen München und einem kleinen Ort Hergatz, in dem er nie
-gewesen, summte.
-
-»Sind Sie noch da?« fragte Wenk nach einer Weile.
-
-»Jawohl!«
-
-»Ist das zweite Auto noch nicht vorbei?«
-
-»Nein!«
-
-Nach einer Weile fragte Wenk wieder. »Nein!« hörte er nochmals.
-
-Eine Viertelstunde rief er Hergatz von neuem an.
-
-Es kam kein anderes Auto, antwortete der Beamte.
-
-Da warf Wenk erregt die Landkarte vor sich auf. Er suchte fieberhaft.
-Buchenberg -- Isny -- Gestratz -- Opfenbach ... da Hergatz! Und hinter
-Isny bog eine Landstraße nach Wangen und dem Württembergischen oder
-links eine andere nach dem Österreichischen.
-
-Wenk rief Wangen an. Aber es antwortete nicht. Er wiederholte. Er ließ
-zehn Minuten im Sturm läuten. Es war vergeblich. Wangen hatte er nicht
-in seine Berechnungen und nicht in seine Vorbereitungen gezogen. Nach
-dem Österreichischen aber konnte er keine Weisungen geben. Über diese
-Gebiete erstreckte sich die Macht seines Hebels nicht mehr. Ein Auto
-entwand sich ihm. Ein Auto wurde ihm von der Nacht gestohlen, von den
-fremden, feindseligen, in Finsternis gehüllten Straßen entrissen.
-
-Aber dann überlegte er sich, es könnte eine Panne den großen Wagen auf
-den Weg gelegt haben. Ja natürlich war es so. Denn deshalb hatte der
-kleine Wagen auf einmal zwei Personen, der bis Hergatz immer nur mit
-einer gemeldet worden war. Der neue Umstand durfte nicht mehr stören.
-Durfte ihn nicht aus der Glückserie herausdrängen. Er vertraute, und es
-mußte losgeschlagen werden.
-
-Er rief Schachen an.
-
-»Wahrscheinlich kommt nur ein Wagen. Lassen Sie ihn einfahren! Warten
-Sie zwanzig Minuten, ob nicht der zweite folgt, und umstellen Sie die
-Villa dicht. Und dann Schlag auf Schlag!«
-
-Kaum war sein letztes Wort im Sprachrohr verklungen, als der Weckapparat
-wieder rief. Die letzte Etappe -- der Bahnhof von Enzisweiler!
-
-Ein kleines offenes Auto sei in rascher Fahrt von der Landstraße
-Lindau-Friedrichshafen abgebogen und fahre Schachen zu. Zwei Personen!
-
-Es war vollbracht! Weiteres konnte Wenk selber nun nicht mehr tun!
-
-Er mußte warten. Vielleicht begann in wenigen Augenblicken die Schlacht
-am Bodensee, die seine Strategie vorbereitet hatte. Er befahl noch, auf
-den zweiten Wagen nicht erst zu warten, sondern beim Eintreffen des
-ersten gleich hinter seinen Insassen in die Villa einzudringen, sie zu
-fesseln, die Lichter zu löschen und eine Stunde lang noch auf den
-zweiten Wagen zu warten.
-
-Wenk schaute auf die Uhr. Er legte sie vor sich. Es war 3 Uhr 18
-Minuten.
-
-Eine Unruhe bebte ihm in den Hand- und Fußgelenken und verzitterte in
-sein Hirn. Er fühlte sie wie einen schmerzenden Wirbelwind aus seinen
-Lenden in den Kopf rasen. Dort blieb sie stehen, ein Weilchen nur. Dann
-pumpte sie sich wieder denselben Weg durch und ungezählte Male immer
-denselben Weg von den Lenden ins Hirn.
-
-
-
-
- XVIII
-
-
-Spoerri hatte die Gräfin aus der Villa im Westen, in der sie eine halbe
-Stunde lang gewohnt hatte, ins Auto gerissen.
-
-Mabuse hatte mit seinem neuen kleinen Wagen das große Fahrzeug zwischen
-Kaufbeuren und Günzburg eingeholt. Sie fuhren, ohne anzuhalten, weiter.
-Es war alles zwischen ihnen seit langem so festgelegt.
-
-Als die Straße nach Wangen von der Lindauer Chaussee abbog, hielt mit
-einem Schlag der vorfahrende große Wagen. Das kleine Auto fuhr dicht an.
-Die Gräfin wurde herübergehoben. Mabuse raste weiter. Spoerri fuhr nach
-Österreich.
-
-Mabuse hatte angeordnet, von hier aus die Flucht geteilt vorzunehmen.
-Spoerri sollte über den Rhein in die Schweiz. Ein jeder mußte Dr.
-Ebenhügel in Zürich seine Adresse geben, der sie dann beiden austauschen
-könnte. Mabuse und die Gräfin fuhren nach der Villa Elise. Dort wartete
-Georg, der durch Brieftauben unterrichtet war, mit dem Koffer, in dem
-die Dokumente und Edelsteine gesammelt waren, die Mabuse mit auf die
-Flucht nahm. Sie sollten dann zu dreien ohne Verzug über den See in die
-Luxburger Ach fahren und mit einem Auto, das dort wartete, auf der
-Romanshorner Straße weiter nach Zürich. Für Zürich war nur ein kurzer
-Aufenthalt vorgesehen, in dem Geschäfte erledigt wurden.
-
-Es war zu erwarten, daß die bayerischen Behörden die Schweiz baten, nach
-den Flüchtigen zu fahnden. Mabuse wollte deshalb den Aufenthalt in der
-Schweiz so kurz wie möglich halten und gleich zur italienischen Grenze
-weiter eilen. Pässe hatte er für sich und die Gräfin auf einen
-portugiesischen Namen anfertigen lassen.
-
-Ein italienischer Beamter war gekauft. Von ihm an fielen alle
-Schwierigkeiten zu Boden wie Blätter im Herbst.
-
-Die Gräfin lag im Hintersitz des Wagens. Sie war verborgen von der
-auffallend hohen Karosserie. Vor sich sah sie unbewegt wie ein Urgestein
-Mabuse sich über das Steuer errichten. Das werfende Federn des rasenden
-Wagens und die ungewisse Nachtdüsternis ließen die Umrisse seiner
-breiten Gestalt ins Gespenstische verfließen. Nur diese Umrisse hatten
-Leben. Mabuse machte nicht die geringste Bewegung. Er war dort vor ihr
-herausgewachsen wie ein Felsblock aus einer Wiese.
-
-Straßenalleen, Bauerngehöfte, Dörfchen flogen zurück. Der Bodensee kam
-in die Nacht. Einige Lichter, an fernen Ufern verteilt, Flächen,
-versinkend in der Finsternis, von der Ahnung der Menschen ertastet, ein
-Wechsel der Luft, die man einatmete und die das Gesicht badete ... Zwei
-ferne Städtchen schwammen wie erleuchtete Schiffe auf dem Meer. Das war
-schon die Schweiz.
-
-Lindau blieb abseits. Villenstraßen bogen sich über das sausende
-Fahrzeug.
-
-Und dann kam die letzte Minute. Der Wagen prallte über das Geleis am
-Enzisweiler Bahnhof, tobte auf die Villa Elise zu. Mabuse sah von weitem
-durch die Nacht mit seinen scharfen und geschulten Augen, daß das
-Gartentor weit offen stand.
-
-Die Tauben waren also richtig und rechtzeitig angekommen. Ihm war, als
-ob er aus dem Brausen der Schnelligkeit heraus, das hinter ihm
-zusammenschlug, in der Finsternis eine fremde Bewegung empfunden hätte.
-Es war kurz nach halb vier Uhr. Er paßte mit allen Sinnen rund um sich,
-ohne die Schnelligkeit zu bremsen.
-
-Als er ins Tor einbiegen sollte, warf er, und er ließ dem Wagen seinen
-vollen Lauf dabei, die Bremsen alle mit äußerster Kraft einen Augenblick
-lang zu. Der Wagen schlug wie ein Fisch hinten auf, warf herum und
-schoß, wieder losgelassen, grade ins Tor hinein und in den Gartenweg.
-Eine bleierne Finsternis fiel über Mabuse.
-
-Da fühlte er, daß etwas den Wagen angesprungen war. Eine Gestalt schwang
-von der Bremserseite über die Tür, preßte sich zwischen die Seitenlehne
-und Mabuse. Zwei Hände fuhren über seine Hände, entrissen ihm das
-Steuer. Ein heißer Mund, wild, schwarz, hinreißend wie die Nacht,
-flüsterte in ihn hinein:
-
-»Herr Doktor! Ich. Georg. Geben Sie das Steuer. Wir sind umstellt.
-Gleich in den See ...«
-
-Mabuse ließ das Steuer, warf sich von den Bremsen. Der Wagen in der
-neuen Faust dröhnte wie Schnellfeuergeschütze an die nachtgrauen Wände
-der Villa, schnob um eine Ecke, setzte auf einen Rasen, tollte halb über
-den Rasen, halb durch den Kies eines Gartenweges auf die Mauer zu, die
-sich vor dem See errichtete, niedrig, den hohen Garten vom Wasser
-abhaltend. Der Wagen schwänzelte einmal wie ein wildes Pferd und tobte
-einen geneigten Holzsteg hinab, dessen Bretter unter ihm donnerten wie
-ein Gewitter.
-
-Einen Augenblick später schlug er die Nase ins Wasser. Der See kreischte
-auf.
-
-Georg machte einige blitzschnelle Griffe, von Mabuse unterstützt. Den
-Schrei der Gräfin warf die Nacht zurück. Dann fuhr das Fahrzeug, mit
-einigen wilden Schwankungen zuerst, aber bald ruhig, nur vorwärts
-drängend, im Wasser weiter.
-
-»Es funktioniert wie Zauber!« rief Georg.
-
-Denn dieser Wagen war eine Erfindung von ihm. Man konnte ohne Aufenthalt
-mit ihm von der Landstraße ins Wasser; ein paar Hebelgriffe verwandelten
-ihn in ein Motorboot.
-
-»Die Tauben sind schuld!« sagte Georg, als er das Fahrzeug ganz in
-seiner Gewalt hatte. »Als sie in der Dunkelheit kamen, vor einer Stunde,
-da hörte ich auf einmal, als ginge eine flüsternde Stimme in einem
-Buschwerk. Ich paßte scharf auf. Ich glaubte zu bemerken, daß eine
-Bewegung um den ganzen Park herumschlich. Hier ... dann zwanzig Schritte
-weiter ... dann wieder zwanzig Schritte weiter ... im Kreis herum, ganz
-im Kreis herum, und da wußte ich, daß wir umstellt seien. Na, ich kam
-unbemerkt wenigstens bis ans Gartentor. Fünfzig Minuten habe ich
-gebraucht für die hundert Meter. Wenn wir den Bootwagen nicht hätten,
-säßen wir jetzt mit Handschellen drinnen in der Villa Elise ...«
-
-Die Polizeibeamten, die sich mit aller erdenklichen Vorsicht um die
-Villa herum verteilt und bis zum Schließen des Ringes vier Stunden
-gebraucht hatten, da einer nach dem anderen gekommen war, hörten das
-Auto durch die Nacht heranbrausen. Sie lagen gespannt auf ihren Posten
-und warteten auf den Pfeifenruf, der sie über das Haus und die
-Verbrecher loswerfen sollte.
-
-Es war ein kleines Intermezzo vor einer Stunde eingetreten. Ein Vogel
-war auf einmal durch einen Baum geflogen und im Dachwerk des Hauses
-verschwunden. Einer der Beamten, die dem Haus zunächst lagen, hatte ihn
-wahrgenommen. Er hatte gesehen, wie der Vogel am Dach herumflatterte und
-auf einmal irgendwie verschwand, ohne daß er das Dach wieder verlassen
-hätte. Seine Vermutung, es könnte eine Brieftaube gewesen sein, wurde
-bald durch die Erscheinung eines zweiten Vogels bestätigt, der auf
-dieselbe Weise im Dachwerk verschwand.
-
-Der Beamte schlich sich zum Kommissar zurück und meldete, was er gesehen
-und vermutete. Der Kommissar erfaßte sofort die Bedeutung, die diese
-Boten haben konnten: daß Poldringer von München her und von den dort
-Geflohenen gewarnt wurde.
-
-Er ließ deshalb mit großer Vorsicht einen Beamten von Posten zu Posten
-gleiten und die Tatsache mitteilen, daß der Hausinsasse nun
-wahrscheinlich gewarnt sei und daß man mit doppelter Vorsicht, aber auch
-vervielfältigter Schlagkraft in der gegebenen Minute los müsse.
-
-Diese Bewegung, die der Bote des Kommissars um das Haus zog, war es, die
-Georgs feine Witterung empfunden hatte.
-
-... Das Auto Mabuses sprang in den Park. Der Kommissar mit zitternden
-Fingern hob schon die Signalflöte an die Lippen. Er wollte im
-Augenblick, wo die Insassen den Wagen verlassen und die Tür der Villa
-hinter sich zuziehen wollten, das Zeichen geben.
-
-Zwei Beamte lagen in den Sträuchern links des Hauseinganges und waren an
-der Tür, bevor im Innern der Schlüssel umgedreht werden könnte. Aber der
-Kommissar war nicht zum Flöten gekommen.
-
-Das Auto umbrauste die Ecke und hielt nicht an der Tür. Es stürzte ums
-Haus herum, als wollte es Hals über Kopf sich in den See werfen. Der
-Kommissar, in der Aufregung und Enttäuschung alle Vorsicht aufgebend,
-sprang hervor, ihm nach und sah nun wirklich, daß das Auto in den See
-hinein verschwand. Es hob sich gleich einem unheimlichen Amphibium über
-das Mäuerchen, donnerte den Holzsteg hinab und sprang in die Nachtflut.
-
-Da erst pfiff er. Die Beamten liefen von allen Seiten herbei und eine
-Weile durcheinander. »Ans Ufer!« brüllte der Kommissar.
-
-Sie sahen kein Auto mehr. Sie hörten schon zweihundert Meter vom Ufer
-entfernt ein Motorboot in die Finsternis entlaufen. Sie suchten unter
-dem Steg, das Ufer hinab und hinauf, kopflos und erschüttert, aber
-vergeblich.
-
-Da erst verstand der Kommissar, was vor sich gegangen sein mußte. Die
-unendlichen Mühen, Anstrengungen und Hoffnungen eines ganzen Monats
-waren zerschlagen. Der große Fang war ihm entglitten. Er war so
-zerdrückt von diesem wahnsinnigen Gedanken, daß er den Revolver, den er
-nackt in der Hand hielt, unbewußt an seine Schläfe führte, als habe er
-sein Leben durch das Mißglücken des Unternehmens verwirkt.
-
-Er riß ihn eine Sekunde später wieder weg, und der Schuß fuhr, seine
-Haare versengend, vergeblich in die Nacht. Auf dem See blinkte ein
-Lichtzeichen auf. Weiter ein zweites. Der Schuß hatte die Aufpasserboote
-mobil gemacht.
-
-Da erst erinnerte sich der Kommissar dieser Helfer, die er im Ansturm
-der Verzweiflung ganz vergessen hatte. »Die Morselampe!« schrie er. War
-es möglich, daß er die Boote vergessen hatte?
-
-Die verabredeten Lichtzeichen wurden zu den beiden Booten gesandt:
-»Flüchtlinge in Motorboot auf den See entkommen!«
-
-»Verstanden!« blinkte es zurück, und einige Augenblicke später schlugen
-die Scheinwerfer über das finstere Wasser.
-
-Es ging nicht lange, so hatten sie das fliehende Boot entdeckt, aber
-auch gewarnt. Denn es war im Begriff gewesen, in sie hineinzurennen.
-
- * * * * *
-
-Mabuse und Georg bemerkten sofort die Gefahr. Die beiden Scheinwerfer
-kamen ihnen entgegen wie die geöffneten Kiefer eines Ungeheuers, das
-nahte, um sie zu verschlucken. Georg trieb das Steuer nach Backbord, das
-Boot fiel geneigt in voller Fahrt in die neue Richtung. Das Wasser
-strömte am Steuerruder auf wie ein Hügel und leuchtete brausend in der
-Nacht. »Es bleibt nur eins,« sagte leise Mabuse, »die Rheinmündung!«
-
-Er überlegte kühl und rasch. Er stand wieder in einer Lage, die ihm
-bekannt war, weil er sie ungezählte Male in Gedanken durchlebt und
-besiegt hatte. Am deutschen Ufer, an das sie leicht hätten zurückfahren
-können, war wohl weitab alles gegen sie mobil. Am österreichischen lag
-nur Bregenz, das die Scheinwerfer leicht auf die Beine brachten. Die
-Rheinmündung hatte zwischen zwei Ländern ein breites, fast unbewohntes
-Gebiet. Sie konnten in zwanzig Minuten drüben an Land sein und zwischen
-Österreich und der Schweiz wählen. Glückte es, das Fahrzeug so gut aufs
-Land zu bringen, wie es ins Wasser gekommen war, so hatten sie einen
-Vorsprung, der ihre Rettung sicher machte.
-
-Aber eins der verfolgenden Boote lag weit im See. Es schien die Absicht
-der Fliehenden zu erraten. Es folgte ihnen nicht direkt. Es glitt über
-Steuerbord, Fahrt mit ihnen haltend, dem Schweizer Ufer zu, als wollte
-es im günstigen Augenblick ihnen den Weg verlegen.
-
-Vielleicht wollte es aber auch nur sich zwischen sie und die Schweiz
-legen. Die Scheinwerfer der beiden Boote schlugen zusammen über Mabuses
-Boot her. Der Motor schrie. Über dem Pfänder lag ein kaum merkbarer
-Streifen des kommenden Tages. Schüsse klangen hinter ihnen. Das eine der
-Boote lag nun in ihrem Kielwasser, blieb aber leicht zurück. Die beiden
-Verfolger signalisierten durch Morselampen miteinander.
-
-Georg steuerte eine Weile in leichten Zickzacklinien. Das Fahrzeug warf
-hin und her unter dem oft wechselnden Druck des Steuers auf das Wasser.
-Georg wollte vortäuschen, als versuchte es, nach der Schweiz
-durchzubrechen. Aber er war auch von den Scheinwerfern erregt. Es gelang
-ihm nicht, auch nur auf Augenblicke aus der Lichtbahn herauszukommen.
-
-Das eine der Boote, das ihnen im Rücken fuhr, ging wohl nur deshalb
-jetzt so langsam, weil es keine andere Aufgabe hatte, als sie unter
-Licht zu halten und ihnen den Rückweg nach dem deutschen Ufer
-abzuschneiden? Die Morsezeichen waren geheim. Weder Georg noch Mabuse,
-die sich sonst auf derartiges gut verstanden, weil sie beide viel auf
-See gewesen, verstanden sie.
-
-Auf einmal erlosch auf dem Fahrzeug, das steuerbordseits mit ihnen fuhr,
-der Scheinwerfer. Sie hörten über dem Höllenlärm, den ihr eigener Motor
-machte, wie die Maschine dieses Bootes gegen vorher um einen Ton heller
-und näher klang. Ihr eigener Motor stand auf seiner Höchstleistung.
-
-Die Schüsse hatten aufgehört. Über den Geräuschen ihres Bootes erhob
-sich ein anderer Lärm. Mabuse hielt seine beiden Ohren hin, ihm
-entgegen, stahlkalt und aufgereckt, grell beleuchtet von dem
-Scheinwerfer. Er trug noch die Polizistenuniform, die ihm die Flucht
-ermöglicht hatte.
-
-Die Gräfin hatte anfangs in einer halben Ohnmacht am Boden gelegen. Die
-Schüsse, das schießende Dröhnen des Bootes, die Eile, die Aufregung der
-beiden Männer hatten sie nach und nach wach gereizt. Sie begann zu
-erfassen, was geschah. Sie auch hörte über dem Lärm ihres Fahrzeuges ein
-zweites Geräusch. Sie richtete sich auf. Sie hob den Kopf über Bord und
-hielt das Ohr in die Dunkelheit, woher der zweite Ton kam.
-
-»Was ist das?« fragte sie Mabuse, der neben ihr stand, mit dem Rücken
-gegen die Fahrt, breitbeinig und sicher scheinend. An die Reeling mit
-den Händen gestützt, ließ er das Licht des Scheinwerfers auf sich
-liegen, nur um zu horchen ...
-
-»Nichts!« zischte er zurück. »Schweig'!«
-
-»Was ist das?« fragte die Frau noch einmal mit scharfer Stimme, und ein
-Ton klang auf in dieser Stimme, den sie lange nicht mehr an sich gehört
-hatte.
-
-Ihr war, als löste sich ein Stein, der ihr Herz eindeckte, langsam in
-eine breiige Masse auf. Sie gab sich diesem Vorgang, der halb außer
-ihres Bewußtseins lag, immer heftiger hin. Sie erkannte immer
-deutlicher, was in ihr zu geschehen im Begriff war. Da schrie sie auf
-einmal, sprang auf und stellte sich gegen Mabuse: »Jetzt aber! ...«
-
-Und hörte den verfolgenden Ton von See und Nacht über sich herfallen wie
-ein Glück, das außer Rand und Band geraten war. Sie saugte sich mit den
-Ohren und mit dem Herzen an das leichte, süße Geräusch ... Sie spürte,
-wie es sekundenweise stärker wurde. Sie verstand:
-
-Der Verfolger fuhr rascher als sie, kam näher ...
-
-»Was ist: jetzt aber?« rief Mabuse sie heftig an. »Schweig' und setz'
-dich!«
-
-»Was ist das für ein Ton ... dort?« fragte sie mit einer singenden
-Stimme.
-
-»Der Tod ... vielleicht!« sagte Mabuse ruhig zurück.
-
-»Für dich!« schrie die Frau über das kreischende Heulen des aufgewühlten
-Wassers in sein Gesicht. »Ich darf dich abschütteln! Ich werde gerettet
-vor dir! Der Werwolf wird gefangen. Deine Macht über Menschen und über
-mich ist aus!«
-
-»Das will ich dir zeigen,« raunte Mabuse ihr zu, sich dicht über sie
-bückend.
-
-Dann geschah es, so rasch, daß sie kaum auseinanderhielt, was vor sich
-ging.
-
-»Georg!« rief Mabuse. Nur dies eine Wort. Dann zog er sich die
-Polizistenuniform von den Kleidern und warf sie hin, und schon hatte
-Georg sie angezogen und stand neben der Gräfin, sich dem Licht des
-Scheinwerfers preisgebend, Mabuse aber am Steuerrad.
-
-Sie hörte einen Ruf nahe. »Anhalten!« schrie nochmals eine Stimme aus
-dem zweiten Ton heraus, der so wollüstig in ihr Ohr gesaugt lag.
-»Anhalten!« ...
-
-Eine Kugel zwitscherte. Ein Knall zerspellte die Luft.
-
-Georg schoß zurück. Das Boot schwankte auf. Aber dann hatten es
-plötzlich zwei hohe Dämme eingefaßt. Wo war der See? Wo war die weite
-Nacht? Es rauschte. Es kämpfte gegen die Frühjahrswasser des Rheins.
-
-Der Scheinwerfer war verschwunden. Eine sachte, milde Grauheit hob die
-Flut und die Dämme aus der Finsternis. Sie waren glatt wie Eisenbalken.
-Eine Brücke stellte sich quer über sie. Der Schall des Motors schoß von
-ihrem Gewölbe herab auf sie nieder.
-
-Da schlug eine fremde Kraft die Gräfin zu Boden. Das Boot bohrte sich
-mit einem rasenden Schlag hinten in die Höhe. Aber die Frau wurde aus
-dem Niederstürzen aufgefangen. Etwas nahm sie hoch. Das fühlte sie noch.
-Etwas lief. Schreie erstickten in einem roten Nebel.
-
- * * * * *
-
-Georg lag an Land. Er hatte einen Arm gebrochen. Er hob mit der gesunden
-Hand den Polizistenhelm auf und stülpte ihn auf seinen Kopf. Er war von
-dem Fall leicht betäubt. Aber er hätte fortlaufen können. Dennoch blieb
-er liegen.
-
-Es dauerte nicht lange, so sah er zwei Revolver auf sich gerichtet. Zwei
-elektrische Laternen brannten ihre Kreise in seine Augen. »Es ist der
-mit der Uniform!« sagte eine Stimme.
-
-Georg blieb ruhig. Er wurde vom Land in ein Boot gerissen, an eine Bank
-gefesselt. Ein Motor setzte an. Das Fahrzeug raste auf der Strömung
-hinab. Es fuhr quer dann über den See nach Schachen zurück.
-
-Der Tag begann, als sie Georg den Holzsteg hinaufschleppten. Sie zogen
-ihn in die Villa hinein und schlossen ihn in einen Raum, der vergitterte
-Fenster hatte und aus dem er nicht hätte fliehen können, selbst wenn
-nicht zwei Männer bei ihm geblieben wären.
-
-Der Kommissar sagte: »Das ist er, Gott sei Dank! In der
-Polizistenuniform! Gott sei Dank!«
-
- * * * * *
-
-Wenk stieg um fünf Uhr in der Früh mit dem Wasserflugzeug in München auf
-und landete zwei Stunden später vor Schachen. Er flog die Treppen hinauf
-in die Villa Elise und zu dem Raum, in dem der gefangene Räuberkönig
-seiner wartete ... des Besiegers ...
-
-»Hier ist der Doktor Mabuse!« schrie ihm der Kommissar entgegen. »Jetzt
-haben wir ihn, Gott sei Dank!«
-
-Wenk, ganz Musik, ganz Rauschen, Sieg, Kraft und Trompeten, trat in die
-Tür und sah auf den an den Stuhl festgebundenen Polizisten.
-
-»Wo?« fragte er.
-
-»Dort ... auf dem Stuhl der!«
-
-Wenk schaute genauer hin.
-
-Schon wußte er: Entkommen! Schon fiel alles wieder zurück in den
-endlosen, leeren schwarzen Schacht, noch bevor er ein weiteres Wort
-hörte oder sprach.
-
-Auf einmal sagte der Kommissar: »Aber das ist doch der Poldringer, den
-wir hier überwacht haben!«
-
-»Ja, das ist der Poldringer!« antwortete Wenk traurig.
-
-Mabuse war entkommen.
-
-
-
-
- XIX
-
-
-Mabuse trug die ohnmächtige Frau mit hastigen Schritten vom Ufer des
-Rheinkanals fort in das nächste Haus. Es wohnte ein Rietbauer drin.
-
-»Wir sind verunglückt!« sagte Mabuse. Dann stellte er sich ans Fenster
-und überwachte den Weg draußen, der vom Kanal kam.
-
-Als eine Stunde so vergangen war und die Frau die Augen wieder öffnete,
-sah Mabuse, wie sie aufzuckte, als sie ihn erkannte, und sich, von einem
-Schrecken gefaßt, fortwandte. Er ging rasch zu ihr und flüsterte, über
-sie gebeugt, ihr zu: »Wir sind gerettet! Wir sind aneinander
-geschmiedet!«
-
-Seine Worte legten sich eindringlich und im Flüsterton mit einer heißen
-Heimlichkeit auf ihr Gemüt. Sie widerstand dem Mann nicht mehr und
-begann sich zu erheben. Die Bäuerin versprach ihr beizustehen.
-
-Mabuse schaute auf einer Karte das nächste Dorf nach. Dann ging er,
-sicher, nun nicht mehr unmittelbar verfolgt zu sein. Georg war als Opfer
-geblieben und hatte ihn gerettet. Schuld daran war die kleine Dummheit
-der Polizistenuniform.
-
-Das Dorf war nicht ferner als zwanzig Minuten. Es hatte einen
-Fernsprecher in einem Gasthaus. Mabuse bestellte Kaffee und rief Zürich
-an. Es kam nach einer halben Stunde. »Wer spricht?« fragte er.
-
-»Rechtsanwalt Ebenhügel, Zürich!« wurde geantwortet.
-
-»Ist Spoerri angekommen?«
-
-»Spoerri ist gerade angekommen. Er ist noch hier.«
-
-Spoerri stürzte ans Telephon.
-
-»Spoerri, ich bin verunglückt. Georg ist liegengeblieben. Wir beide
-gerettet. Kommen Sie gleich mit dem Auto. Bringen Sie ein Reisekleid und
-einen Reisemantel für meine Frau mit. Ich erwarte Sie um zwei Uhr am
-Bahnhof von Au im Rheintal.«
-
-»In Ordnung!« rief Spoerri zurück.
-
-Meine Frau, sagte ich, wohl mit Berechnung und aus Vorsicht ...
-meditierte Mabuse dann. Aber er lehnte sich gegen die Bezeichnung auf.
-Sie klang wie eine Fessel. Dann schüttelte er aber diese Vorstellung ab:
-Sie ist meine Frau, ein Besitz von mir ... Mein! So ist es wahr!
-
- * * * * *
-
-Spoerri kam pünktlich ... »Ich fahre Sie durchs Engadin gleich an die
-italienische Grenze,« sagte er, nachdem Mabuse erzählt hatte, was
-vorgefallen war.
-
-Aber Mabuse sagte nur ein Wort dagegen: »Nein!«
-
-»Herr Doktor,« flehte Spoerri, »in der Schweiz können Sie nicht bleiben.
-Die Münchener Polizei hat Sie jetzt schon hier angekündigt. Wir kämen
-nicht bis nach Toggenburg. Eher noch nach Deutschland zurück!«
-
-»Etwas anderes will ich auch nicht! Spoerri, das Leben des Staatsanwalts
-Wenk steht von heut ab unter meiner Garantie. Sie ziehen sofort meine
-früheren Befehle an die Beseitigungskommission zurück.«
-
-»Merkwürdige Freundschaften schließt der Herr Doktor, hihihi!« lachte
-Spoerri.
-
-»Ruhig! Unter meiner Garantie!« befahl Mabuse, und sie fuhren durch die
-flache Ebene zu dem Bauernhaus.
-
-Die Gräfin stieg gleich ein, und das Auto eilte der österreichischen
-Grenze zu. »Was für Passierscheine haben Sie für uns?« fragte Mabuse.
-
-»Schweizerische! Nehmen Sie bitte!«
-
-Er reichte die beiden Heftchen, in denen eine Anzahl nachgemachter
-Stempel ein Vertrauen erweckte, das stets getäuscht, aber nie klüger
-wurde.
-
-Um drei Uhr fuhr das Auto über die Landstraße Bregenz-Kempten nach
-Bayern hinein. Fuhr an einem Haus vorbei, in dem in der Nacht nach
-München gemeldet worden war, daß es vorbeigerast sei, und fuhr aufs
-Württembergische zu.
-
-Die Reisenden übernachteten in einem Städtchen südlich von Stuttgart.
-
-Abends kam Mabuse nochmals zu Spoerri in dessen Zimmer und sagte: »Für
-mich gibt es jetzt nur noch ein Ding in Deutschland, in Europa ... den
-Staatsanwalt Wenk lebendig in die Hand zu bekommen. Lebendig wie eine
-Fliege in einem Glas. Merken Sie sich das! Die Gräfin und ich bleiben
-morgen hier. Sie fahren nach Stuttgart und kaufen um jeden Preis einen
-Flugapparat mit zwei Sitzen. Wir sind hier sicher. Der Wirt hat nicht
-einmal unsere Namen einschreiben lassen. Wenn also die Polizei
-kontrolliert, muß er uns verschweigen, sonst bekommt er eine Buße zu
-zahlen. Haben Sie Kognak da?«
-
-Spoerri erschrak. Seine Marter kam wieder. Aber er hatte trotzdem drei
-Flaschen mit aus der Schweiz geschmuggelt. »Natürlich haben Sie Kognak
-da!« sagte Mabuse, bevor noch Spoerri antworten konnte.
-
-Mabuse trank aus dem Reiseglas, das er stets in der Tasche hatte.
-Spoerri mußte sich das Wasserglas vom Waschtisch voll gießen.
-
-Mabuse sehnte sich nach einem Rausch, nach einem bleischweren Rausch,
-der ihn am Hals faßte und unter das Wasser drückte ... als gäbe man ihm
-einen Mühlstein als Schwimmgürtel.
-
-Er sah, als er die zweite Flasche geleert hatte, daß es nicht ging.
-
-»Haben Sie nicht mehr?«
-
-»Es ist alles. Ich wagte nicht mehr mit über die Grenze zu nehmen!«
-
-Da lachte Mabuse.
-
-»Glänzend. Spoerri hat drei Eisenbahnwagen voll Salvarsan, zwei Wagen
-Kokain, drei Freudenhäuser voll Mädchen über die Grenze gebracht, aber
-beim Kognak reicht sein Mut nicht über drei Flaschen hinaus. Leeren Sie
-Ihr Glas in das meine. Verdient er nicht genug am Kognak?«
-
-Als die dritte Flasche leer war, begab sich Mabuse, klar im Kopf wie
-zuvor, aber feuriger im Blut, zum Zimmer zurück, das die Gräfin neben
-dem seinigen hatte. Er war verstimmt. Es war ihm wie einem
-heißgelaufenen Motor. Alles verdampfte auf den in Glut geratenen
-Zylindern, und sie waren nicht in Gang zu bringen.
-
-Er trat zur Gräfin ans Bett. »Wir haben einen Vertrag zusammen. Du hast
-ihn gebrochen. Du warst bereit, mich zu verraten!«
-
-»Ja!« sagte sie kleinlaut.
-
-Da überfiel den Mann eine mörderische Raserei. Er erfaßte sie aus dem
-Bett, hob sie, wo er sie zu packen bekam, mit einem Ruck hoch in die
-Luft über sich, als wollte er sie wie eine morsche Kiste an der Wand
-zerschellen. Er haßte sie. Sie war die Fleischwerdung aller Schwächen in
-ihm. Sein Willen war an ihr gebrochen zehn Minuten lang, als das
-Wachtboot ihnen auf den Fersen war. Und jetzt konnte er sie zerstören
-und den Kopf, der ihn verraten hatte, an der Wand einschlagen.
-
-Die Frau, mit einem leisen Schrei, sah sich in der Luft hängen und
-erkannte die Kraft der Arme und die Unbezwinglichkeit des Willens, dem
-sie anheimgegeben war -- -- -- unentrinnbar! Sie wünschte den Tod. Leise
-betete sie einen Satz aus dem Ave Maria, den sie behalten hatte aus der
-Kinderzeit, und wußte, stürbe sie jetzt, so zöge sie den Mann mit in den
-Tod.
-
-Aber in Mabuse, da er so seine Macht über den Leib der Frau spürte, den
-er hochgestemmt hielt, kühlte sich unvermittelt der rasende Anlauf. Er
-hatte wieder den Anschluß an sein Leben, an seine Rettung und ihr Glück.
-Er ließ sie nieder, fast sanft, und begrub sich in sie mit Taumeln, die
-seine Adern durchklangen, wie die tausendjährige Eiche im Sturz den
-Wald.
-
-Die Gräfin blieb mit einer irren Enttäuschung im Leben zurück. Jeden
-Flecken ihrer Haut fühlte sie erniedrigt, entweiht, verpestet. Und ihr
-Gemüt floß aus wie ein Bach von Blut ... stundenlang ... die ganze Nacht
-hindurch ... tränenlos, wo sie nur den einen Wunsch hatte, mit ihren
-Tränen sich in das Nichts zu erlösen.
-
- * * * * *
-
-Am Morgen des nächsten Tages flog Mabuse mit ihr von Stuttgart nach
-Berlin.
-
-Dort lebte er, eingedeckt in die unentwirrbaren Schlüsse, die die
-Millionenstadt und seine Bande, deren Instinkte er ausbildete und
-benutzte, um ihn legten, nur dem einen Ziel entgegen. Eine Vorstellung
-wuchs wie ein einsamer, machtvoller Baum aus seinem Blut und überragte
-ihn. Ein Gedanke ließ ihn ununterbrochen in seinem eigenen Gehirn
-herumkreiseln in taumeliger, alles verzehrender Schnelligkeit.
-
-Dieser Gedanke, die Vorstellung, das Ziel bekamen ihr Blut von dem
-bösesten und stärksten Trieb, der mit diesem Mann geboren worden war:
-von der Herrschsucht! Es gab einen Menschen in der Welt, der es
-unternommen hatte, seinen Wegen zu folgen, der ihn in seinem Land
-aufgefunden und aus seiner Burg ausgestöbert hatte. Es gab einen
-Menschen nur, der es gewagt hatte, sein Ziel zu stören, ihn zu einer
-Flucht zu nötigen, die sein Leben in Gefahr gebracht hatte. Es war die
-Schuld dieses Menschen, daß sich ganze Organisationen in seine
-Rechtsprechung gegen die Menschen mischten, deren Entfernung sein Willen
-verlangte.
-
-Er hatte der ersten Frau, die ihn bis auf den Grund seines Wesens in
-Flammen gesetzt, ihren Willen abgerungen gegen alle Macht, die ihre
-Persönlichkeit gegen ihn aufgeworfen hatte. Das war sein Stolz. Er
-hatte ihr Dasein, ihre Schönheit, ihre Selbständigkeit, ihre
-Ausschließlichkeit in die Hand gerissen und an sich befestigt. Das war
-wie der höchste geistige Ausdruck des Bildes seiner Fähigkeiten. Aber
-zwischen ihm und ihr gab es zehn Minuten, in denen sie seinem Zwang
-entfallen war, in denen er auf den Besitz dieses Symbols aller
-menschlichen und aller männlichen Kraft hatte verzichten müssen. An
-diesen leeren zehn Minuten, die wie ein Loch unauffüllbar in seinem
-Leben lagen, war dieser Mensch schuld ...
-
-Seine Flucht mit der Frau aus Deutschland und über den Atlantik
-bereitete er von Berlin aus so vor, daß nur das Schicksal Tod sie stören
-konnte. Sein Fürstentum Eitopomar wartete mit Urwäldern, schwarzen
-Tigern, Klapperschlangen, in denen der Tod in einer Sekunde
-verabreichbar war, mit Gebirgen und Wasserfällen, mit wilden Stämmen auf
-ihn, um ihn von Europa zu befreien ... zu erlösen. Jeder Tag konnte ihn
-zum Kaiser krönen.
-
-Aber er wäre wie abgestandenes Wasser für den Rest seines Lebens
-verdorben gewesen, wenn er nicht mit aller Grausamkeit der Herrschsucht
-und des Hasses diesen Mann an sich gerissen und zerstört hätte. Sein
-eigenes Leben und das dieses Mannes liefen um die Wette nach Sein oder
-Nichtsein.
-
-Dieser Mann war der Staatsanwalt Wenk.
-
-Einmal, wie Mabuses Adern schwollen von seinen Plänen gegen ihn, konnte
-er die Flut nicht mehr von seinem Mund zurückdämmen, und er sagte der
-Gräfin, die ihn fragte, wann sie Deutschland denn nun verlassen würden:
-»Ich fange ihn lebend. Ich fange ihn wie eine Meise auf der Rute. Er
-wird in meinem Leim zappeln. Eher nicht!«
-
-Die Frau wandte sich scheu ab. Sie vermutete nur, wen er meinte. Sie war
-seit jener Auflehnung und den Hoffnungsaugenblicken auf Freiheit
-sklavischer ihm verfallen, traumhaft grausamer, dämonischer aufgerührt
-als zuvor. Sie wagte nicht, etwas zu entgegnen noch zu fragen.
-
-Mabuses Unternehmen gegen Wenk wuchs langsam. Aber Ring um Ring,
-unaufhaltsam ...
-
- * * * * *
-
-Wenk saß in München.
-
-Georg hatte man dorthin ins Gefängnis geliefert. Er spielte den
-Taubstummen. Seit seiner Verhaftung hatte kein Mensch ein Wort von ihm
-gehört. Man stellte ihn zusammen mit den Beamten, mit den Kaufleuten aus
-Schachen, die ihn wochenlang gesehen hatten, mit den Burschen, die er in
-die Fremdenlegion hatte ausliefern wollen.
-
-Keiner zögerte einen Augenblick, ihn zu erkennen.
-
-Er blieb stumm.
-
-Eines Tages fand man ihn an seinen Hosenträgern erhängt. Er hatte ein
-Wort an die Wand der Zelle geschrieben, das ein General Napoleons nach
-der verlorenen Schlacht von Waterloo berühmt gemacht hatte.
-
-Die Durchsuchung der Villa Elise brachte wenig zutage. Man fand nur
-einige Beweise, daß Mabuse die Gelder, die er durch Spiel und Raub
-gewann, sofort in einer Schmuggelorganisation in mächtigem Stil weiter
-vervielfältigte. Man arbeitete zusammen mit den Schweizer Behörden, da
-man annahm, Mabuse halte sich in der Schweiz auf oder habe sie
-wenigstens durchreist. Wenk fuhr alle vierzehn Tage nach Zürich. Dann
-und wann packte man einen Nebenmann von Mabuses Garde. Aber alle waren
-so streng geschult, daß keiner ein Wort des Verrats über die Lippen
-brachte.
-
-Von Frankfurt kamen Nachrichten an Wenk, daß dort ein Spieler arbeitete,
-dessen Ähnlichkeit mit Mabuse so groß war, daß er sofort hinreiste. Aber
-als Wenk ankam, war nichts mehr von dem Mann in Frankfurt zu spüren.
-Drei Tage später wurde Wenk aus Köln, dann aus Düsseldorf, darauf aus
-Essen und schließlich aus Hannover alarmiert.
-
-Wenk war immer unterwegs. Es bestand für ihn kein Zweifel, daß es Mabuse
-war, der so vor ihm davonwich. Er mußte Aufpasser in München haben, die
-Wenk beobachteten und ihm folgten. Wenk ließ keine Vorsicht außer acht.
-Er wandte alle Listen an, die er erfinden konnte. Er benutzte Züge,
-Autos, Flugzeuge für jede Reise durcheinander. Er kontrollierte, als der
-Verdacht sich nicht mehr abweisen ließ, daß Mabuse unter Wenks eigenen
-Leuten Helfershelfer hatte, diese aufs hinterlistigste. Er wechselte
-seinen Chauffeur, seine Haushälterin, änderte Fernsprechnummer und
-Wohnung, logierte im Hotel, bei Freunden, auswärts.
-
-Sobald er aber in die Stadt kam, aus der der Spieler gemeldet wurde, war
-dieser spurlos verschwunden und tauchte einige Tage später in der
-Nachbarschaft auf. Das ganze Reich dehnte das Dasein und Wirken des
-Räubers schon zu einer Sage aus.
-
-Dr. Mabuse, der Spieler! zog wie eine Ballade, aus der alle Dämonie des
-tiefsten Widerstandes der Menschen gegen Gesetz und Ordnung in die
-Phantasien verschwelte, von Ort zu Ort.
-
-Die Polizei schritt in allen Städten gleich zu Massenverhaftungen. Aber
-sonderte man die Eingefangenen aus dem Netz, so war nie dieser Einzige
-dabei, um den man alle Verbrecher sämtlicher Gefängnisse hätte laufen
-lassen wollen. Aber eines fiel Wenk bald auf -- die Geographie!
-Unverkennbar zog Mabuse im Kreis durch das Reich auf Berlin zu.
-
-Wenk erbat von seiner vorgesetzten Behörde Urlaub aus Bayern und setzte
-sich mit den preußischen Gerichten ins Einvernehmen, die ihn als
-Spezialisten nach Berlin holten.
-
-Er reiste sofort hin und mietete sich im Zentrum ein. Mabuse sah ihn aus
-dem Bahnhof gehen und kannte eine Stunde später seine Wohnung.
-
-Nun hatte er ihn hier, wohin er ihn zur Vollendung seiner Rache
-gewünscht und gelockt hatte. Mabuse hatte in Wirklichkeit Berlin nie
-verlassen. In allen den Städten, in denen Wenk seiner Spur nachging,
-waren falsche Mabuses aufgetreten, Leute seiner Truppe, von ihm
-unterrichtet und abgesandt. München war zu klein für das, was Mabuse
-vorhatte. Die Abgründe Berlins waren das sichere Jagdgebiet.
-
-Die Jagd begann schon am zweiten Tag.
-
- * * * * *
-
-Wenk hatte diesen Tag über mit einem jüngeren Kollegen von der Berliner
-Polizei seine Akten über den Fall Mabuse durchgesprochen. Sie hatten
-sich über einen Wirkungsplan unterhalten, waren aber in ihren Gesprächen
-zu keinem Ergebnis gekommen als zu dem Entschluß, in der ersten Zeit den
-Spieler selber handeln zu lassen. Ins Blinde hinein nach ihm zu zielen,
-war höchstens angetan, den Stand des Jägers vorzeitig zu verraten.
-
-Abends, nachdem Wenk in der »Traube« zu Nacht gegessen hatte, ging er in
-ein Café und dann, ermüdet von den langen Gesprächen, durch die
-Taubenstraße seiner Wohnung zu. Da hielt ihn ein Mann an, in einer
-Haustür, entfernt von der Laterne. »Bitte!« sagte der Mann.
-
-»Was wollen Sie?« fragte Wenk unwillig zurück.
-
-»Ist dem Herrn vielleicht Äther gefällig?«
-
-Wenk ging weiter, ohne zu antworten. Er sah, der Mann folgte. Er kam
-dann aber in das Leben der Friedrichstraße und verlor ihn.
-
-Wenk machte sich bald Vorwürfe, so davongegangen zu sein. Er hätte mit
-diesem Hausierer der Lasterhaftigkeit sprechen sollen. Denn der kam aus
-dem Land, in dem Mabuse daheim war. Er wollte wieder zurück, ließ sich
-aber von seiner Müdigkeit abhalten und ging nach Hause.
-
-Am nächsten Abend kam er denselben Weg von der »Traube« durch die
-Taubenstraße. Aber der Mann war nicht da. Wenk verweilte noch hin und
-her. Wie er dann in die Nähe seiner Wohnung am Gendarmenmarkt kam, trat
-ihm ein Mann aus einer Haustür entgegen und flüsterte: »Wünschen Sie
-Nackttänze zu sehen?«
-
-Wenk blieb stehen. Er sagte: »Sie kommen mir gerade recht. Ich bin kein
-Berliner. Ja, so ein echtes Berliner Nachtleben möchte ich einmal
-mitmachen. Wo sind Ihre Tänzerinnen? Los!«
-
-»Foljen Sie mir. Ick jeh voran! Und wo ick rin mach, da man fix
-hinterher vonwejen die Polizei!«
-
-Wenk versprach es zu tun.
-
-Der Mann ging um die Ecke, horchte stehenbleibend, ob er folgte, und
-ging dann weiter. Auf einmal war der Mann verschwunden. Wenk ging noch
-einige Schritte geradeaus. Der Mann mußte doch in eine der nächsten
-Haustüren eingetreten sein. Wenk verlangsamte seine Schritte, als er ihn
-nicht fand. Er schaute dann spähend rundum.
-
-Plötzlich sagte in seinem Rücken die Stimme des Mannes leis und
-vorwurfsvoll: »Det nenn ick nu jar nich fix. Sie wollen sich wohl von
-die Polypen rankriejen lassen. Also man rasch herin!«
-
-Der Mann schob ihn in ein Haus weit zurück, zog ihn in eine Tür. Die Tür
-öffnete sich in einen finstern Flur. Unversehens und geräuschlos schloß
-sie sich sofort hinter ihm, und im selben Augenblick war der Flur
-beleuchtet. Vom Flur ging es in ein Wohnzimmer, von dort in einen
-kleinen Saal, der gedrängt voll Menschen saß.
-
-Zwei Herren, nahe der Tür, machten Wenk liebenswürdig Platz.
-
-Der Mann war verschwunden.
-
-Was Wenk sah, war eindeutig und hatte nur Interesse in der Heimlichkeit,
-in der es geschah.
-
-Er horchte den Gesprächen seiner Tischnachbarn zu. Der eine sagte: »Also
-mich interessiert daran nur, wie dieser Unternehmer hundert und mehr
-Personen so jahraus, jahrein in das Haus locken läßt, ohne daß die
-Polizei es merkt. Nu, sag' du mir das mal als Mann vom Fach!«
-
-Der andere antwortete in einem fremden Deutsch: »Das weißt du ja nicht,
-ob das Lokal der Polizei bekannt ist oder nicht. Es gibt solche
-Anstalten, die die Polizei duldet, weil sie für sie Verbrecherfallen
-sind, ja geradezu Verbrecherfallen! Bei uns in Budapest ...«
-
-Wenk horchte gespannt zu.
-
-Die Herren zogen ihn in ungezwungener Weise bald selber ins Gespräch.
-Man nannte sich Beruf, dann Namen.
-
-Der eine der Herren war, wie Wenk aus dem Gespräch gleich vermutet
-hatte, ein höherer Polizeibeamter. Man traf sich öfter.
-
-Der Ungar erzählte interessante und verwickelte Fälle aus seiner Praxis.
-Er erzählte von den Lasterhöhlen von Budapest, streifte auch die
-heimlichen Spielhäuser, die seit Kriegsausgang überall so überhand
-genommen hätten, und ereiferte sich gegen die immer unverschämter
-werdende Kühnheit, mit der Verbrecher und Gesindel hervorträten.
-
-Wenk, in einem letzten uneingestandenen Mißtrauen, verhielt sich
-vorsichtig und behauptete, er sei nur auf Urlaub in Berlin. Seine
-Tätigkeit liege in München. Aber Berlin, als das größte Sumpfnest, sei
-gerade für ihn als Münchener Staatsanwalt eine gute Schule.
-
-Wenk streifte das Dasein Mabuses, ohne seinen Namen zu nennen und nur
-einige seiner grauenhaften und frechen Taten erzählend.
-
-»Wir haben,« nahm ihm der Budapester das Wort ab, »bei uns jüngst einen
-ähnlichen Abenteurer festgemacht, und zwar auf eine etwas extravagante
-und nicht gerade gesetzmäßige Weise. Aber wir kamen anders nicht mehr
-weiter. Wie bei Ihnen ist auch in Ungarn die Zuhilfenahme der Hypnose
-als rechtliches Zwangsmittel verboten. Wir hatten den Mann, von dem wir
-ziemlich genau wußten ... aber Herr Staatsanwalt, Sie verraten mich
-nicht, doch mich rechtfertigt das Interesse, das Sie solchen abseitigen
-Existenzen entgegenbringen, beruflich entgegenbringen müssen ... also
-ziemlich genau wußten, daß er derjenige sei, der eine Bande leitete, auf
-deren Lasten schon mehrere Morde lagen. Wir hatten ihn, wie gesagt, im
-Gefängnis. Er stellte sich taubstumm. Wir konnten seine Papiere nicht
-nachkontrollieren. Niemand kannte ihn. Aber wir waren fast sicher. Das
-ist eine ganz scheußliche Lage für einen Fachmann, wie? Denn wenn er vor
-die Geschworenen gekommen wäre, wäre die Gefahr eines Freispruchs aus
-Mangel an Beweisen Sicherheit geworden. Das wollte mir nun gar nicht
-schmecken. Ich hatte über ein halbes Jahr drangesetzt, ihn
-hochzukriegen. Sein Unschädlichmachen war meine Leistung. Da hab' ich
-ganz etwas Verwegenes unternommen. Einer meiner Freunde hatte
-hypnotische Gaben. Er war Rechtsanwalt und hatte manchmal einiges von
-seinen Fähigkeiten in Privatgesellschaften vorgeführt. Ich überredete
-ihn, mit ins Gefängnis zu kommen. Er sagte aber: Ich mach's von draußen!
-Und wirklich: eine Viertelstunde später wußte ich, daß wir wirklich den
-Bandenchef hatten, und es wurden mir Dinge verraten, die mir erlaubten,
-ihn in kurzem an den Strick zu liefern.«
-
-Der Ungar wurde Wenk bei dieser Erzählung unangenehm. Er empfand einen
-starken seelischen Widerwillen gegen ihn. Aber er konnte sich nicht
-erklären, was einen solchen Umschwung in seinem Gefühl verursacht hatte.
-»Interessieren Sie dergleichen mit suggestiver Kraft ausgestattete
-Persönlichkeiten?« fragte der Polizeidirektor.
-
-»Ungemein!« antwortete Wenk.
-
-»Möchten Sie einmal mit meinem Freund zusammenkommen und etwas von
-seinen Gaben sehen?«
-
-»Ist er denn in Berlin? Gewiß, das wünsche ich aufs lebhafteste!«
-
-»Ja, er ist hier. Er hat seine Praxis aufgegeben und zeigt seine
-Fähigkeiten öffentlich. Er ist rasch berühmt geworden. Den Namen
-Weltmann haben Sie gewiß schon gehört!«
-
-Wenk genierte sich Nein zu sagen. Er antwortete mit einem halb
-unterdrückten: »Gewiß!«
-
-»Nun, dieser berühmte Weltmann ist es. Sie wissen, er ist bekannt, weil
-er nur eine Hand hat. Die andere liegt in den Karpathen -- 1915! Also
-abgemacht! Ich werde ihn morgen benachrichtigen. Haben Sie Telephon?«
-
-Wenk nannte seine Nummer.
-
-Die beiden Herren gingen dann in ein Haus, in dem Äther, Kokain und
-Opium zu bekommen waren, im Durchschnitt aber viel handgreiflichere
-Laster gepflogen wurden.
-
-Am nächsten Tag schon wurde Wenk gerufen. »Hier Polizeidirektor Vörös!
-Es trifft sich wie bestellt für Sie, Herr Staatsanwalt. In einem
-Privathaus bei einem Landsmann von uns, über den ich Ihnen lieber ^entre
-nous^ etwas Persönliches sage, gibt Weltmann heut abend eine Soiree. Es
-genügt, daß Sie den Wunsch äußern, und Sie können sich als eingeladen
-betrachten. Ohne weitere Formalität. Es ist ein sehr gastliches Haus.
-Sie werden sich nicht im geringsten als Fremder fühlen. Es sind
-mindestens sechzig bis siebzig Leute geladen. Ich übernehme alles
-Weitere, und wenn es Ihnen recht ist, hole ich Sie per Auto um neun Uhr
-ab. Die Villa liegt etwas weit draußen. Hinter Nikolassee.«
-
-»Ich danke Ihnen vielmals. Sie überhäufen mich mit Liebenswürdigkeiten,«
-antwortete Wenk zurück. »Und ich kann es Ihnen gar nicht entgelten.«
-
-»Wir Ungarn halten es immer so. Es macht uns Freude,« lachte die andere
-Stimme zurück. »Also es ist abgemacht!«
-
-»Abgemacht!«
-
-Wirklich, wie liebenswürdig die Ungarn sind! sagte sich Wenk. Er fand
-sich undankbar, daß er auf einmal seine Sympathie für den Kommissar
-aufgegeben hatte. Es war ihm peinlich vor sich selber.
-
-Den Nachmittag verbrachte Wenk im Archiv der Kriminalpolizei, wo er
-zusammen mit dem Herrn, der mit ihm den Fall Mabuse behandelte, die
-Lichtbildersammlung des Erkennungsdienstes durchschaute. Gesicht an
-Gesicht zog an seinen Augen vorbei. Er wollte nicht aufhören, bis er die
-ganze Sammlung durchgesehen hatte, und als er nach Hause kam, ganz
-ermattet von der langwierigen Arbeit, hatte er gerade nur noch Zeit, den
-Gesellschaftsanzug anzulegen.
-
-
-
-
- XX
-
-
-Der Polizeidirektor Vörös war pünktlich.
-
-»Wissen Sie, ich muß Ihnen nun noch einiges über unsere Gastgeber und
-meine Landsleute draußen bei Nikolassee sagen,« begann er gleich, als
-das Auto anfuhr. »Es ist ein ehemaliger Fürst von Komor und Komorek, und
-er hat eine Tänzerin von der Wiener Oper geheiratet. Gegen die Familie
-natürlich! Sie haben es ihm so bunt gemacht, daß er ihnen eines Tages
-sagte: >Gut! Da habt's ihr euern Fürsten. Ich pfeif' euch drauf. Von
-heut an heiß' ich Komorek.< Und ist dann ausgewandert. Reich war er
-sowieso und nicht von der Familie abhängig. Das einzige, was er noch vom
-Fürsten hat, ist eine fürstliche Villa da draußen. Sie werden sie ja
-sehen. Er wohnt schon an die zehn Jahre dort. Und die Frau ist schick
-und apart. Aparter als eine Fürstin. Nur natürlich nicht mehr ganz jung.
-Haben Sie schon zu Nacht gegessen?«
-
-»Nein!«
-
-»Ist auch nicht nötig. Man ist gastfrei bei Komorek. Sie werden etwas an
-Delikatessen erleben.«
-
-Wenk fragte sich: Weshalb ist er so gesprächig? und ließ den peinlichen
-Gefühlen gegen den Ungarn wieder freien Lauf.
-
-Wenk war heimlich erregt. Es war schwül in seinem Gemüt. Die Augen
-schmerzten trotz der Dunkelheit im Auto immer mehr. In ihren Winkeln saß
-eine unaufhörlich siechende Wundheit, die ihn unglücklich machte. Die
-tausend Lichtbilder drehten drin durcheinander wie verrückt gehandhabte
-Signalscheiben, die immer wieder versuchen, sich aufeinanderzupassen,
-obschon es unmöglich zu machen war.
-
-»Läge ich doch in meinem Bett!« flehte er.
-
-Das Auto fuhr durch Gegenden, die er nicht kannte. Es war ihm sonderbar.
-Gerade die Fahrt nach Nikolassee hatte er früher oft gemacht, und er
-dachte, er kenne die Gegenden, die hinter Friedenau lagen. Aber heut war
-ihm alles fremd. Machte das die dichte Finsternis der heutigen Nacht und
-die seit dem Krieg so spärlich gebliebene Beleuchtung, oder war eine
-innere Stimmung schuld daran?
-
-»Wir müßten doch eigentlich schon in Nikolassee sein!« sagte er.
-
-»Ich kenne mich nicht aus!« antwortete Vörös.
-
-»Früher hatte ich Freunde draußen, zu denen ich oft im Auto fuhr. Aber
-das war ja vor dem Krieg!«
-
-»Ha, jaso, vor dem Krieg. Da war alles anders!« Dann schwiegen sie.
-
-Wenk schaute auf die Uhr. Aber die Finsternis war zu stark. Er erkannte
-nicht einmal das Zifferblatt. Laternen kamen seit einer Weile keine
-mehr.
-
-Nach längerem Schweigen sagte Wenk: »Der fährt doch nicht etwa drüber
-hinaus!«
-
-»Es ist ein Berliner Taxameter. Er hat mir gesagt, er kenne sich gut
-aus.«
-
-Wenk nahm das Sprachrohr: »Chauffeur, Sie wissen doch, Nikolassee ...
-Villa Komorek?«
-
-In diesem Augenblick schwenkte der Wagen, und Lichter erschienen in der
-Tiefe einer Allee.
-
-»Wir sind da!« sagte der Polizeidirektor.
-
-Bald hielt das Auto zwischen anderen Wagen, die vor einer Freitreppe
-nebeneinander standen. Die Freitreppe selber war nicht beleuchtet, aber
-es fiel Licht genug aus den drei hohen Glastüren, die sich auf sie
-öffneten.
-
-Wenk ging rasch hinan ins Licht hinein. Vörös führte ihn zur Garderobe,
-die stark mit Kleidungsstücken überfüllt war. Eine Uhr in der Halle
-schlug zehn mit einem grellen, hastigen Schlag. Es war, als peitschte
-sie die Stunden aus sich heraus. Wenk konnte nur mühsam mit Zählen
-nachkommen.
-
-Zehn Uhr ist es, sagte er bei sich. Wir sind eine Stunde gefahren. Ich
-hatte den Eindruck, als ob der Wagen seine fünfundvierzig Kilometer
-machte. So weit ist Nikolassee doch nicht! Ein umwölktes Mißtrauen
-erfüllte ihn.
-
-Er sah nach dem Ungarn. Der lachte ihm freundlich zu. Dann gingen sie
-auf die große Flügeltür los.
-
-»Sie erlauben, ich trete vor. Ich werde Sie gleich zur Fürstin bringen!«
-
-Ein Diener zog die Tür auf. Wenk trat hinter dem Polizeidirektor in
-einen mäßig großen Saal. Die Beleuchtung war stark gedeckt. Das war das
-erste, was Wenk auffiel. Dann sah er eine Bühne klein und halbrund sich
-aus einer Ecke erheben. Sie war mit einfarbigen Stoffen und asiatischen
-Teppichen geradezu kostbar hergerichtet. Einige Stühle und ein Tisch
-standen drauf. In den Stuhlreihen, die den Saal füllten, bewegten sich
-Menschen in Abendtoiletten. Herren und Damen, aber viel mehr Herren
-waren es, und die Damen waren alle auf eine auffällige Art modisch
-gekleidet.
-
-Da sagte Vörös: »Die Fürstin!« Er stellte Wenk vor.
-
-»Ihr Freund, den Sie uns ankündigten?« fragte die Dame mit einem
-gewinnenden Lächeln. »Sie sind uns willkommen, Herr von Wenk. Ich
-glaube, wir brauchen nicht in Sorge darüber zu sein, daß Sie den Abend
-in unserem Hause ohne Anregung verbringen. Darf ich die Herren meinem
-Mann übergeben? Pflichten als Hausfrau, Herr Staatsanwalt, nicht wahr!
-...«
-
-Die Frau trat einen Schritt näher in den Kreis eines der Lichter, die in
-tiefen Seidenschirmen sich verbargen. Da sah Wenk, daß die Frau, die er
-für sehr jung gehalten hatte, stark geschminkt und gepudert war. Ihr
-Kleid war entsetzlich grell, so daß er erschrak, als sie ihn plötzlich,
-sich von ihm trennend, mit einem übermäßig freundlichen Lächeln
-anblickte.
-
-»Mein Gatte!« sagte sie dann.
-
-»Fürst, grüß' Gott!« lärmte der Polizeidirektor auf den Herankommenden
-los. Der verbeugte sich vor Wenk. Etwas geziert, wie es dem Staatsanwalt
-schien. Und als der Gastgeber den Kopf wieder emporrichtete, sah Wenk in
-ein Gesicht mit einem schwarzen Schnurrbart, das dem Bild glich, das
-sich in ihm am Abend aus der Vermischung der Verbrecherbildnisse
-zusammengestellt hatte.
-
-Die Dame des Hauses war verschwunden.
-
-Der Fürst, wenn auch im Aussehen von einer weichlichen Gewöhnlichkeit,
-war von den vollkommensten Manieren. Er hatte die selten gewordene Gabe,
-zu unterhalten, ohne etwas zu sagen. Seine Gesprächsstoffe lagen
-sozusagen außerhalb von ihm. Er nahm sie nur auf, scheinbar um ihnen
-eine Form zu geben. Sonst wären sie unbeachtet liegen geblieben.
-
-Das ist alte Rasse, sagte sich Wenk. Mäßige Gaben, aber diese feine
-Sehnsucht nach Form, die die größte Trivialität mit solcher Grazie
-schaumig macht. Aber wie er aussieht!
-
-Der Fürst leitete ihn in die erste Stuhlreihe.
-
-Man wurde gebeten, Platz zu nehmen. In der Gesellschaft selber war
-Weltmann, den Wenk an der Einhändigkeit ja erkannt hätte, nicht zu
-sehen.
-
-Wenk saß zur Linken der Hausfrau. Rechts von ihm blieb der
-Polizeidirektor, der sich an ihm festzuklammern schien.
-
-Eine Woge ging durch die reichen Tuchbehänge, und es trat ein breiter,
-großer Mann mit einem etwas gewölbten Rücken heraus. Er war mit bester
-Eleganz gekleidet. Er trug im Gegensatz zu den Gästen, die alle im Frack
-und Dekolleté waren, einen dunkelgrauen Straßenanzug aus englischer
-Wolle. Man sah gleich, daß die eine mit einem grauen Handschuh bedeckte
-Hand leblos war. Der Mann war ein Ungar. Wer das leugnet! sagte sich
-Wenk. Trotz des deutschen Namens.
-
-Weltmann hatte den Schnurrbart schwarz und dicht und an den Enden
-hängend. Die Augenbrauen bogen sich in buschigen, dunkeln Winkeln rasch
-über den Aughöhlen auf. Die Haare wie schwarzer Draht, hochgekämmt und
-umgelegt.
-
-Weltmann sprach einige wenige Worte schmucklos und fast grob. Er sagte:
-Die Gaben, die er vor den Gästen der Fürstin und des Fürsten Komorek
-zeigen wollte, seien Gaben der Tat, und er zweifle auch nicht daran, daß
-den Gästen Tatsachen nähergingen als der Versuch, erst mit Worten etwas
-zu erklären zu versuchen, das wahrscheinlich nie erklärt werden könne.
-
-Er wolle sich selber zuerst als Objekt vorführen und jemanden bitten,
-einen Herrn und eine Dame unter den Anwesenden zu nennen. Frau Fürstin
-sei vielleicht bereit.
-
-Die Fürstin rief: »Als Herrn erbitte ich meinen Nachbar, den Herrn von
-Wenk!«
-
-»Und die Dame? Vielleicht bezeichnet der Fürst die Dame!«
-
-Der Fürst sagte ohne langes Besinnen: »Wen soll ich anders bezeichnen
-als meine Gattin?«
-
-Weltmann setzte sich auf einen Stuhl. Er legte die künstliche Hand in
-auffälliger Weise vor sich auf ein Knie. Die andere vergrub er in der
-Tasche seiner Jacke.
-
-»Frau Fürstin,« sagte er nach einer Weile, in der er sich gesammelt
-hatte, »habe ich jemals Ihre Uhr in der Hand gehabt? Die kleine Uhr, die
-Sie in Ihrer Handtasche bei sich tragen?«
-
-»Ich wüßte nicht!« antwortete die Fürstin.
-
-»Diese Uhr hat die Nummer 56403. Sie ist eine ovale Omega-Uhr!«
-
-Die Fürstin zog die Uhr heraus, öffnete den Deckel, schaute und nickte.
-Sie zeigte sie ihren beiden Nachbarn und sagte lebhaft: »Es stimmt!«
-
-»Denken Sie sich bitte eine Farbe und schreiben Sie sie auf einen
-Zettel. Zeigen Sie ihn Ihren Nachbarn!«
-
-Die Fürstin überlegte. Dann schrieb sie: Die Farbe des Amethysts in
-Herrn von Wenks Ring! Sie gab Wenk den Zettel.
-
-Weltmann brauchte eine Weile. Dann sagte er zögernd: »Es ist eine Farbe,
-die Sie in Ihrer Nähe ausgesucht haben. Sie ist aber unentschieden. Sie
-ist durchsichtig, also wahrscheinlich von einem Stein. Ich kann nicht
-genau sagen, aus welchen beiden Farben sie sich zusammensetzt. Violett
-ist dabei!«
-
-»Heben Sie Ihren Ring ins Licht, Herr von Wenk,« bat die Fürstin, und
-man sah, daß der Stein sich wirklich von einem dunklen Violett in ein
-durchsichtiges Blauweiß umfärbte.
-
-»Welchen Herrn nannte die Fürstin?« fragte Weltmann.
-
-»Meinen Nachbar, den Herrn von Wenk!«
-
-»Mein Herr, Sie haben,« sagte Weltmann fast ohne Besinnen, ja, nur einen
-ganz kleinen Ruck hatte Wenk seinen Kopf machen sehen, »in Ihrer
-Brusttasche rechts Ihre Brieftasche. Darin befinden sich zwei
-Tausendmarkscheine, Ausgabe 1918, Serie D, Nr. 65045 der eine und der
-andere Serie E, Nr. 5567. Soll ich fortfahren, oder wollen Sie zuerst
-kontrollieren, ob es stimmt?«
-
-Wenk griff lächelnd nach der Tasche. »Nein,« sagte Weltmann, »ich habe
-die rechte Tasche gemeint, nicht die linke. In der linken haben Sie
-Ihren Browning, Fabrikmarke von Serraing, Herstellungsnummer 201564.«
-
-Nun sah Wenk betroffen zu Weltmann hinauf. Denn es war wahr. Er hatte in
-der linken Brusttasche seinen Browning, und der war von Serraing. Man
-beugte sich von allen Seiten zu ihm. Die Fürstin neigte sich herüber. Er
-roch das Parfüm ihres Puders. Sie sagte: »Nun, Herr von Wenk?«
-
-Der Suggestor lächelte auf ihn herab und sagte noch: »Sie können den
-Revolver unbedenklich herzeigen. Sie haben ja in einem anderen Fach
-Ihrer Brieftasche den Waffenschein, der Ihnen das Tragen der Waffe
-erlaubt. Er ist in München erneuert worden am ersten Januar 1921. Er hat
-die Nr. 5. Sie haben es eilig gehabt, sich einen Waffenschein ausstellen
-zu lassen.«
-
-Höhnte dieser Mensch ihn in einem Traum?
-
-Er legte alles heraus. Es stimmte alles.
-
-»Genug!« sagte Weltmann. »Sie erlauben mir nun, zu Experimenten der
-Willensübertragung überzugehen. Bitte einen der Herren!«
-
-Jemand kam auf die Bühne. »Ist der Herr Ihnen bekannt, Fürstin?«
-
-»Ja, es ist der Baron Prewitz!«
-
-»Genügt das allen Herrschaften, daß der Baron der Fürstin bekannt ist,
-um etwa den Glauben an ein Einverständnis zwischen dem Herrn und mir
-fernzuhalten?«
-
-Es wurde »Ja« gerufen.
-
-Inzwischen schrieb schon Weltmann etwas auf einen Block so, daß der
-Baron unmöglich lesen konnte, und warf den leichten Block in den Saal.
-Er schaute Prewitz an, ganz ruhig und nicht lange. Dann setzte sich
-Prewitz in eine schleichende Bewegung, verließ die Bühne und ging
-vorsichtig und langsam von Stuhl zu Stuhl, indem er jedem eine Weile ins
-Gesicht schaute.
-
-Weltmann rief: »Ich bitte vier Herren oder Damen sich rasch zu mir
-heraufzubegeben. Rasch!«
-
-Ein Rudel stürzte vor. Drei Herren und eine Dame wurden oben behalten;
-die anderen gingen zu ihren Sitzen zurück. Der Suggestor setzte sie um
-den Tisch. Er wies auf ein Spiel Karten, das auf dem Tisch lag.
-
-»Sind diese Dame und die drei Herren der Gesellschaft bekannt?«
-
-Die Fürstin winkte Ja. Viele Stimmen riefen: »Jawohl!«
-
-Prewitz näherte sich allmählich dem Stuhle Wenks.
-
-Weltmann schrieb lange wieder auf einen Block und schaute in kurzen,
-gedrängten Pausen die vier auf den Stühlen Sitzenden an.
-
-Einer von ihnen sagte plötzlich: »Einundzwanzig oder Poker?«
-
-Weltmann schrieb stumm weiter.
-
-Man einigte sich auf Einundzwanzig und begann gleich zu spielen.
-
-»Es fehlt einer,« sagte die Dame.
-
-»Ich komme gleich!« antwortete Weltmann. »Halten Sie die Bank,
-Gnädigste!«
-
-Inzwischen war Prewitz an Wenk herangekommen. Er schaute ihn lange an,
-griff ihm dann mit großer Sicherheit in die linke Brusttasche und zog
-den Browning heraus. Er stellte sich, die Waffe in der Hand, seitlich
-von Wenk auf.
-
-Weltmann sagte von der Bühne herab: »Weil Sie so unvorsichtig sind,
-einen nicht gesicherten Browning in der Tasche herumzutragen! Bitte,«
-wandte er sich in den Saal, »vorlesen, was ich auf den Block geschrieben
-habe!«
-
-Jemand las vor: »Der Baron soll die erste Reihe abgehen, Stuhl für
-Stuhl, und wo jemand einen unentsicherten Browning in der Tasche hat,
-diesen herausnehmen und sich seitlich damit aufstellen.«
-
-Man klatschte. Weltmann, mit einer kurzen Handbewegung, verbat sich das.
-Er hielt mit Schreiben ein, reichte der Fürstin den Block hinab und
-setzte sich zu den Spielenden.
-
-»Seite eins!« sagte er der Hausfrau.
-
-Sie las es für sich, hielt dann ihrem rechten Nachbar den Block hin und
-schaute gespannt auf die Bühne. Dort ging folgendes vor sich:
-
-Der Suggestor gewann Spiel auf Spiel. Manchmal schaute er fort vom
-Tisch, und es war dann Wenk, als zwinkerte er ihm zu, heraufzukommen.
-Wenk wußte wohl, es war eine Täuschung. Irgendein Licht, das sich so
-sonderbar in Weltmanns Auge brach, mußte schuld daran sein. Aber er
-fühlte sich dennoch beunruhigt. Es nistete sich dann, immer stärker
-drängend, bei ihm die Vorstellung ein, hinaufzugehen und dem Mann von
-nahe in die Augen zu schauen, um sich zu versichern, daß die blinzelnden
-Blicke nicht ihm galten. Aber das wäre ja närrisch! sagte er sich.
-
-Er versuchte, den Zwang von sich abzuschütteln.
-
-Plötzlich, ohne daß ein Wort gesprochen worden wäre, lehnte sich einer
-der Spieler zurück und sagte mit kurz aufbellender Stimme, wie laut aus
-einem Traum sprechend: »Was habe ich jetzt getan? Ich hatte
-einundzwanzig. Da hat jemand gesagt mit meiner Stimme: Ich habe wieder
-nichts!«
-
-Er griff seine weggeworfenen Karten wieder auf und zeigte ein As, einen
-Buben und einen Zehner.
-
-»Zu spät!« sagte Weltmann, der Bankhalter.
-
-Wenk faßte sich an die Schläfen. Dieses Begebnis hatte er schon einmal
-erlebt. Wann? Wo? Mit wem? Er zersiebte seine Erinnerungen. Er quälte
-sein Hirn ab. Das Bild stand wie eingeschnitten in ihm. Aber es war
-losgelöst von aller Atmosphäre des Wann und Wo und mit wem?
-
-Hinter seiner Stirn wuchs eine Form auf in einer Gleichzeitigkeit mit
-dem Nachgrübeln hinter der nicht zu erfassenden Erinnerung, die ihn
-geisterhaft bedrückte. Die Form ... war es ein Mensch, eine leblose
-Säule, ein Untier ... er hätte es nicht sagen können ... Da blutete die
-Form irgendwo, und Wenk sah nun durch die flüchtigen, wie Nebel
-hingehauchten Bilder dieser neuen Vorgänge, daß die Form einen Mund
-hatte und diesen Mund plötzlich spitzte und skandierend das Wort sprach:
-»Tsi ... nan ... fu!«
-
-Dieses Wort erinnerte sich Wenk nun ganz genau aus dem Mund des alten
-Professors gehört zu haben, der kein anderer war als der Dr. Mabuse,
-dessentwegen er nach Berlin gekommen war.
-
-Dr. Mab... Dr. Mab... flüsterten die heimlichen Stimmen. Wenk versuchte
-sich das Bild des alten Professors zu vergegenwärtigen und fand es nicht
-mehr genau zurück. Nur der Mund ward ihm deutlich, der den Namen der
-chinesischen Stadt so sonderbar eindringlich gesprochen hatte.
-
-Weshalb, fragte sich Wenk unter dem Strom von Bildern, die aus diesen
-Erinnerungen aus ihm auftrieben, denke ich jetzt an diesen verkleideten
-Professor? Weshalb gerade an den Professor und nicht an Mabuse in einer
-andern Gestalt, zum Beispiel in seiner wirklichen Gestalt, wie ich sie
-von dem Abend im Saal der Vier Jahreszeiten gut in Erinnerung habe?
-
-Mabuse als Suggestor! Welche Kühnheit! Als öffentlich auftretender
-Suggestor! Ob Mabuse von ebenso verblüffenden Fähigkeiten war wie
-Weltmann, und ob Weltmann ein ebenso von Abgründen durchhöhlter
-Verbrecher war wie Mabuse? fragte sich Wenk. Immer weiter, unklarer und
-unwirklicher verglitten ihm die Gedanken. Es waren keine Gedanken. Es
-waren Dunstgebilde, die aus einem Druck dieser zerreibenden Augen da
-oben seiner Phantasie entströmten und vor seinem Hirn durchtrieben.
-
-Er versuchte und richtete dabei seine Blicke mit zwingender Starrheit
-auf Weltmann, diesem einen langen, rotblonden Bart umzuhängen, wie jene
-erste Form, in der Mabuse an seinen Weg getreten war, sie gehabt hatte.
-
-Und da wußte Wenk auf einmal über einen Weg unerkenntlicher
-Zusammenhänge, woher er die Situation mit dem Spieler kannte, der seine
-Karten, ohne zu halten, wegwarf, obschon er einundzwanzig und von
-vornherein gewonnen hatte. Er kannte sie aus der Erzählung des
-ermordeten Hull. Er hatte sie nach der ersten Unterhaltung mit Hull in
-seinem Notizbuch wörtlich aufgezeichnet. Sie standen auf einer der
-ersten Seiten des Buches, das der Chauffeur Mabuses ihm aus der Tasche
-genommen, als er ihn nachts im Schleißheimer Park abgesetzt hatte. Ja,
-die Form, an der es blutete, war Hull selber. Sie lehnte sich jetzt über
-Wenks Stirn wie eine Trauerweide. Leise rannen und raunten die
-bluttropfenden Blättlein: Von mir ... Hull! Von mir ... Hull!
-
-Da geschah es in dem bewegten Nebelgebäude, das sich in Wenk ruhelos und
-so vielgestaltig zusammenbaute, daß, wie ein Knochen aus dem
-astralhaften Schatten, mit dem die Röntgenstrahlen das Gebein aus dem
-durchleuchteten Fleisch hervortreten ließen, etwas aufwuchs ... ein
-dunkler Kern, ein wilder, todgeladener Stein ... so schwarz ... ein
-Mann!
-
-Die Fürstin reichte ihm den Block Weltmanns. Es schob sich in seinen
-Vorstellungen etwas zurück. Er kämpfte, um die Worte zu fassen, die er
-las: »Der Bankhalter gewinnt jedes Spiel. Hat einer der Spieler eine
-bessere Karte als der Bankhalter, so ist er unfähig, gegen ihn zu
-halten.«
-
-Kaum hatte Wenk das gelesen, so rief Weltmann mitten aus dem Spiel mit
-einer Stimme, die Wenk wie ein niederbrechender Felsen durchschlug:
-»Blatt zwei lesen!«
-
-Entsetzt drehte Wenk um. Er las: »Unter der Macht des Suggestors
-versucht einer der Mitspieler die Karten falsch zu geben und sich ein As
-nach unten zu legen. Er wird erwischt!«
-
-Da raste Wenk alles Blut ins Herz. Wie eine Lawine riß es ihm durch die
-Adern. Seine Augen wurden kalt und vereist. Seinen Händen, zitternd,
-entfiel das Blatt. Eine grauenhafte Erkenntnis wälzte sich über ihn: Das
-Geheimnis des Falles Told!
-
-Mabuse hatte den Grafen unterhalb des Bewußtseins gezwungen, falsch zu
-spielen, um ihn vor seiner Frau zu zerstören, die der Verbrecher haben
-wollte! Das war es, daß die Gräfin damals nachts aus der Wohnung Mabuses
-kam. Mabuse hatte den Grafen getötet!
-
-Was auf dem Blatt stand, geschah auf der Bühne. Die Dame, die inzwischen
-die Bank wieder übernommen hatte, mischte falsch und wurde erwischt.
-
-Damit schloß Weltmann dieses Experiment. Er erlöste die vier Leute aus
-dem Zustand, und sie suchten, verstört und mit Augen, die irgendwo fern
-sich noch verloren, ihre Stühle wieder auf.
-
-Weltmann schaute auf Wenk herab.
-
-Wenk wußte: Du bist Mabuse!
-
-Die Plötzlichkeit der Erkenntnis hatte seinen Willen gelähmt. Er rang
-mit sich um Ruhe und Überblick. War er in eine Falle gelockt worden? War
-der Ungar ein bestellter Zutreiber? War dies ganze, von Siedlungen
-entfernte Haus, die Gesellschaft drin ... ein Hinterhalt, nur
-seinetwegen geschaffen?
-
-Langsam kämpfte er sich durch.
-
-Er stand zwischen zwei Polen. Entweder war alles um ihn im Bund mit
-Mabuse. Dann gab es für ihn keine Rettung. Dann war, was er hier
-erlebte, die Vorbereitung einer Rache, an deren Ende nur sein Tod stehen
-konnte.
-
-Oder es war nur ein Zufall, daß er in eine Gesellschaft geraten war, in
-der ebenfalls durch einen Zufall Mabuse auftrat? Es konnte ja sein, daß
-Mabuse Ungar war. Es konnte ja sein, daß er früher Rechtsanwalt in Pest
-gewesen. Seine Beziehungen zu Geheimrat Wendel bewiesen, welches
-Doppelleben er geführt hatte. Das war also alles nicht von vornherein
-ohne Übereinstimmung mit der Annahme, ein Zufall habe ihn und den
-Verbrecher hier zusammengebracht.
-
-Die nächste Frage, über die Wenk Klarheit zu bekommen versuchte, war
-die, ob Mabuse ihn kannte.
-
-Da sagte er sich, rasch, erbleichend: Ja, er kennt mich. Er hat mich bei
-Schramms gesehen und in den Vier Jahreszeiten. Das ist sicher.
-
-War dieser Mann so tollkühn und über sich gewiß, daß er trotzdem, ja wie
-zu einer teuflischen Verspottung Wenks, das aufführte, was Wenk soeben
-droben auf der kleinen Bühne gesehen hatte ... ihm geradezu Aufschluß
-über all die Rätsel gab, mit denen er seine verbrecherischen Handlungen
-eingekleidet hatte ...
-
-An Hilfe der Polizei war nicht zu denken; denn Wenk wußte nicht einmal,
-wo er war. Aber wenn er den Fürsten ins Einverständnis zöge? Aus der
-Gesellschaft heraus sich Hilfe holte, um den Mörder dingfest zu machen?
-
-Das aber könnte er nur tun, wenn er der Gesellschaft vollkommen sicher
-wäre; sonst wäre von vornherein alles verloren. Stimmte es schon mit dem
-Haus, so war ihm durch Erfahrung bekannt, daß dieser Verbrecher stets
-von einem Teil seiner Bande schützend umgeben war, und daß dies Leute
-waren, die vor keinem Teufel zurückschreckten. Um ihn saßen gewiß
-zahlreiche Helfershelfer Mabuses.
-
-Aber wenn Wenk sich wie unabsichtlich irgendwo an eine Tür machte,
-hinausginge und im Schutz der Nacht entflöhe, den Gang mit Mabuse für
-eine Gelegenheit aufsparend, bei der Wenk bessere Waffen zur Verfügung
-hätte ... Oder wenn er unauffällig ein Telephon aufsuchte, im Hause und
-die Polizei um Hilfe riefe? Aber wohin sollte er sie rufen?
-
-»Grandios, haben der Herr Staatsanwalt jemals Ähnliches gesehen?« fragte
-Vörös.
-
-Wenk vergaß zu antworten. Er hatte die Frage gehört und sich, noch war
-sie nicht ausgesprochen, vorgenommen, dem Ungarn harmlos und umständlich
-begeistert zu antworten. Aber der Vorsatz war rasch in der Flut der
-Überlegungen und Pläne, die ihn durchtobte, davongeschwommen. Er merkte
-es nicht einmal.
-
-Vörös warf ihm einen raschen Blick zu. Da erbat der Suggestor neue
-Mitwirkende.
-
-Wenk, plötzlich zu einem Entschluß kommend, wie mit einem Ruck gefaßt,
-kühl und kühn, eilte selber hinauf als der erste. Lieber den Wolf im
-Gesicht als im Rücken!
-
-Da sah er, wie der Baron Prewitz, den man vergessen hatte, ihm folgte.
-Mit automatisch dem seinen angepaßten raschem Schritt sprang er hinter
-ihm her, den Browning in der Hand. »Sie wagen sich nur unter Bedeckung
-in mein Land, Herr Staatsanwalt,« lächelte der Suggestor.
-
-Das ist Hohn! sagte sich Wenk. Er kennt dich!
-
-Wenk verbeugte sich nur, wie um zu sagen, er heule mit den Wölfen. Er
-stand nun neben dem Suggestor. Die beiden Gestalten maßen sich
-aneinander. Wenk hatte diesen Werwolf gehaßt und mit der Rachsucht
-verfolgt, die er dem Feind der Ordnung, in der allein das Volk gesunden
-konnte, entgegenbringen mußte.
-
-Wie er sich nun aber neben ihm erhob, eine Weile allein mit ihm auf dem
-Podium, abgesondert von allen andern, und sie beide auf dem Gipfel des
-Kampfes umeinander standen, war ihm, als seien sie zwei gleich starke
-Kräfte, die nur nach verschiedenen Richtungen gingen. Die Begriffe Gut
-und Böse verwelkten an diesem heimlichen Optimismus und fielen ab. Es
-war nur mehr: Mensch zu Mensch!
-
-Und aus seinem bedrängten Blut stieg etwas wie ein Vertrauen auf die
-Ritterlichkeit seines Gegners ... ein Vertrauen, das auf einen
-schwingenden, kaum wahrnehmbaren Instinkt zurückging: sie mußten beide
-kämpfen stets unter dem Einsatz ihres Lebens. Sie hatten sich wohl einer
-gegen den andern gewandt; aber das mußten sie sich nachsehen jetzt, in
-dieser aufs letzte getriebenen, feierlichen, heißen Minute.
-
-Wenn ich schlafen könnte, sagte sich Wenk mit einer innigen und zarten
-Sehnsucht.
-
-Er sah Weltmann von nahe in die Augen. Er übersah sein ganzes Bild. Es
-war die aus Muskeln zusammengereckte Gestalt, und Wenk riß in Gedanken
-den aufgeklebten Schnurrbart weg und die Augenbrauen und die schwarze
-Perücke, und darunter sah er den kahlgeschorenen, hochgeschwungenen
-Schädel des Dr. Mabuse.
-
-Wenk hätte ihn jetzt unter allen Verkleidungen erkannt. Er schaute
-Mabuse ruhig an. Die Blicke des andern flackerten gegen ihn. Die grauen
-Augen verzehrten sich selber in ihrer Größe und dem kalten Feuer, das
-sie von sich gaben.
-
-Der Suggestor schien dann eine Weile Wenk nicht mehr zu beachten. Er
-widmete sich den Heraufkommenden. Kaum hatte einer die Bühne betreten,
-so machte er unversehens kehrt und begann zurück in den Saal zu laufen.
-Einer nach dem andern! Ein Dutzend, mehr ...
-
-Die unten blieben, lachten. Der kleine Saal wollte entzweibrechen vor
-Gelächter. Es kamen immer mehr. Einer machte es wie der andere.
-
-Wenk erfaßte mit einer Hand das Gelenk der andern Hand und fühlte, ob er
-noch Bewußtsein über seine Nerven und Muskeln hatte. Er wollte
-widerstehen. Die Aufwallung von Herzensgröße und Edelmut war rasch
-verkältet. Er haßte, bedrohte, verwünschte jetzt. Er nahm den letzten
-Kampf auf.
-
-Sein begieriges Blut flammte den Gegner an, überwachend und zugleich auf
-Selbstwehr bedacht. Irgendwo in seinem Körper klang eine Saite an, wie
-von einer Mandoline. Er begann dieser sonderbaren Musik hinzuhorchen.
-Sie war so zart und fern. Aber gleich schlug er sich zurück auf seinen
-Posten der Wehr und Wache.
-
-Da überfiel ihn ein geradezu wunderbarer Einfall: Wenn er jetzt so täte
-wie die andern und liefe wie im Zwangstraum, da ... an den Stühlen
-vorbei ... die Allee von Stühlen, die süße, rettende Allee ... die Tür
-war offen, groß, verheißungsvoll ... Rettung und Pflicht zugleich ...
-ans erste Telephon draußen in der Nachbarschaft ... Polizei rufen ...
-eine glänzende List! und schauen, wie die andern es machten, und es
-denen gleichtun und harmlos traumumfaßt tuend, zurück in den Saal kommen
-und warten ... auf die Polizei, die helfende ... Eine wunderbare List!
-
-Ein Muskel schon zog sich in einem Bein an ...
-
-Da rief Weltmann dem Baron streng zu: »Weshalb passen Sie nicht auf?
-Revolver hoch! Sehen Sie denn nicht, daß dieser Verbrecher fliehen
-will?«
-
-Er wies auf Wenk, und Prewitz hob den Browning mit einer traumverlorenen
-Lässigkeit, mit einer Entsetzen gebenden stupiden Gleichgültigkeit. Er
-hob die Waffe Wenk vors Gesicht. Wenk sah das kleine Loch, und schwarz,
-tief gefährlich tobte die Hölle da drinnen. Er wußte, die Waffe war
-entsichert.
-
-»Sie schießen beim ersten Schritt, den er tut, ohne meinen Befehl,«
-sagte Weltmann mit einem vieldeutigen strengen Lächeln.
-
-Wieder klang aus diesem furchtbaren Augenblick heraus die feine
-Zupfsaite in Wenk an, an einer andern Stelle als vorhin. Eine milde,
-wehmütige, gut gekannte Weise erklang, als bliese sein Vater an seiner
-Wiege auf einer Flöte ein Schlaflied.
-
-Er horchte hin und er rutschte in diesen paar Blutschlägen, wo er sich
-so an das Horchen nach den rätselvollen Klängen verlor, zwei Handbreiten
-von der Wirklichkeit ab, die er noch gerade ganz klar mit der einen Hand
-am Puls des andern Handgelenkes gespürt hatte.
-
-Die Flöte ward die Zauberflöte. Was rundum diese eine Vorstellung
-einbettete, ward ein Zaubergarten; eine hohe, wilde Hecke umschloß seine
-beängstigende Wirrnis. Aber ein Loch in dieser Hecke war offen. War von
-ganz weitem offen, unbewacht ... der Himmel der Freiheit flutete herein
-und kam auf ihn zu, wie mit silbernen Zangen aus Äther, um ihn an sich
-zu reißen und zu befreien.
-
-Und da lief er trotz der Pistole des Barons. Er machte springende Sätze
-über die Bühne ... der Revolver entsank der Hand des Barons ... Wenk
-hetzte mit einem Sprung die Treppen hinab. Er durchraste die Allee der
-Stühle auf die Tür zu, warf die Beine wie ein Füllen, das auf der Wiese
-den Sommer spürt.
-
-Der ganze Saal brüllte vor Ergötzen über diesen Streich des Suggestors.
-Aber Mabuse sandte ihm ein Lachen nach, das greulich berstend an den
-Saalwänden zerschellte.
-
-
-
-
- XXI
-
-
-Wenk lief spornstreichs zwischen den Dienern an der Tür durch, die
-hinter dem Handrücken mit ernsten Gesichtern lachten. Er lief durch die
-Halle, die offene Tür auf die Freitreppe, purzelte die Stiegen hinunter,
-riß die Tür des Autos auf, das dort stand ... Schon sprang das Auto an
-und war in wenigen Augenblicken in der Allee und der Nacht verschwunden.
-
-Im Saal sagte Mabuse, sein Lachen auf einmal unterbrechend: »Er fährt
-ins Café Hölle, Ihnen eine Weizensemmel holen!«
-
-Der Schlag, mit dem das Auto anfuhr, warf Wenk in den Polstersitz. Aber
-kaum berührte er den Sitz, so war ihm, als öffnete sich das Leder. Wenk
-sank rasch zurück in ein Loch hinein. Etwas schlug über ihm zusammen. Es
-krachte wie von Eisen.
-
-Da erwachte er aus der Hypnose. Er lag unglücklich und unwissend, wie er
-hingekommen, den Kopf hintenüber, scheinbar in einer Vertiefung des
-Rücksitzes. Er wollte sich erheben, verstört, nach Ruhe und Erkennen
-suchend. Aber er vermochte nicht aus der Vertiefung hochzukommen. Etwas
-preßte ihn immer wieder zurück. Eine harte, unnachgiebige Fessel lag
-über ihn mehrfach gekreuzt.
-
-Das Auto fuhr mit einer werfenden Tobsucht. Es schüttelte ihn gegen die
-Eisenstäbe, als die er bald die Fesseln erkannte, die ihm das Aufstehen
-unmöglich machten. Sie lagen eng über ihn gepreßt.
-
-Er stemmte sich in einer aufflammenden Verzweiflung gegen sie. Aber er
-merkte gleich, das war alles vergebens. Das war alles für die Katze!
-Also war er verkauft und verloren. Er war auf den Leim gegangen.
-
-Mit einem bösen Trotz wandte er sich gegen sich selber: So ist es recht!
-Der Stärkere gewinnt! So warst du der Schwache!
-
-Weshalb war er der Schwache? Weil er etwas unternommen hatte, das von
-vornherein den Rand seiner Fähigkeiten überstieg. Ein jeder bescheide
-sich zu sich selber.
-
-Was hatte ihn verführt, über sich selbst hinaus zu wagen? Weshalb konnte
-er jetzt, im verlorensten Augenblick, den sein Leben jemals besessen
-hatte, und der ihm so unglaubhaft schien, daß ein letzter süßer Zweifel,
-es möchte alles böser Traum sein, ihn nicht verlassen wollte ...,
-weshalb konnte er seine Gedanken führen wie kleine, kühle,
-wohlgezirkelte arithmetische Probleme und Lösungen? Was hatte ihn
-verführt?
-
-Er wußte es. Das Gute in ihm war es gewesen. Die Einordnung in die
-fließende Macht des Gewissens, das er gegen sein Volk hatte. Er hatte
-diesem helfen wollen. Und weil sein Gewissen mächtiger war als seine
-Fähigkeiten, war er dem Verderben entgegengegangen.
-
-Wenn dies Erlebnis seinen Tod am Ausgang hatte, so starb er einen Tod,
-der edel war. So waren die seelischen Atome, die aus seinem Vergehen in
-neu entstehendes Leben hineinschwebten, von edler Fruchtbarkeit ... Er
-lebte im Geist weiter unter den Menschen ...
-
-Der Schall des Motors pochte durch den Wald. Das hörte Wenk.
-
-Was hatte der Feind mit ihm vor?
-
-Das Auto schlug sich mit einer Raserei durch die Nacht wie ein Schiff
-durch einen Taifun.
-
-Wozu? Wohin brachte man ihn?
-
-Nach München? Aber weshalb?
-
-Wenn man ihn richten wollte, weil er die Wege böser Kräfte gestört hatte
-und ihnen unterlegen war, weshalb setzte man die Rache noch aufs Spiel,
-indem man ihn stundenlang verschleppte?
-
-Er sah, die Fenster des Autos waren nicht verhängt. Er erblickte Sterne,
-die mit bebenden Sprüngen die Scheiben durchtanzten. Nach München kam
-man nicht bis zum Morgen. Bei Tageslicht aber konnte man es unmöglich
-wagen, ihn gefesselt hinter unbedeckten Scheiben durch halb Deutschland
-zu fahren.
-
-Man verschleppte ihn irgendwohin. Wohin? Wohin? flehte er inbrünstig.
-
-Es mochte Mitternacht gewesen sein, als er die Villa verließ. Aber auch
-das war nicht ganz sicher. Denn er wußte gar nichts mehr von dem, was
-mit ihm geschehen war, während er noch mit der einen Hand den Puls der
-andern gefaßt gehalten hatte.
-
-Da stand eine raum- und lichtlose Kluft in ihm. Er kam nicht hinein und
-nicht hindurch. Der Puls war das letzte, was er jenseits noch in der
-Erinnerung erblicken konnte.
-
-Ja, er wurde zur Richtstätte geführt.
-
-Er erinnerte sich mit einer Sehnsucht, die keine Grenzen hatte, und die
-ihn wie in ein Meer warf, an seinen toten Vater. Mit allen Sinnen und
-allen Nerven klammerte er sich an diese von einer schreienden
-Melancholie hingepeitschten Erinnerungen.
-
-Das Werfen seines haltlosen Körpers im Auto durch Stunden zusammen mit
-der Erregung seines Innern machte ihn krank. Er besudelte sein Gesicht.
-So wurde er hilflos und verzagt. Sein Gehirn verließ die Kraft, den
-Vorstellungen genaue Umrisse zu geben. Spuk trieb aus ihm auf. Teufel
-spielten Ball mit ihm zwischen dem Gaurisankar und dem Aconcagua, ließen
-ihn fallen und erhaschten ihn wieder, einen Augenblick, bevor er auf dem
-einsamen Kap der Guten Hoffnung zerschellte.
-
-Dann wieder war ihm, als sei er von einer riesenhaften schwarzen Hand in
-eine Höhle gestopft worden wie ein Sack. Die Wände der Höhle waren so
-eng, daß er sich nicht einmal umlegen konnte. Aber plötzlich, langsam
-und ohne Unterbrechung, begannen die Wände zu wachsen. Sie wuchsen aber
-nicht auseinander. Sie bewegten sich von allen Seiten mit demselben Maß
-auf ihn zu. Und vor ihm stand greifbar schon der Augenblick, in dem die
-Felsen zwischen sich seine Knochen bersten und sein Hirn zerplatzen
-ließen.
-
-Das Bewußtsein verließ ihn in einem traumähnlichen Zustand, den eine
-dumpfe, aus der Tiefe gellende, unsichtbare Todesangst beherrschte.
-
-Als er erwachte, lag er ausgestreckt auf einem Ledersitz. Die eisernen
-Bänder waren nicht mehr über ihm. Aber seine Arme waren an seinen Rücken
-gefesselt und seine Beine übereinander gebunden. Über das Gesicht war
-ein breites Tuch mit schmerzendem Druck geknüpft, das ihm den Mund fest
-verschloß und ihm den Atem schwer machte.
-
-Es war Tag.
-
-Er hörte ein Brausen, das in gleichen Absätzen aufscholl und verklang.
-Bald wußte er: es ist das Meer!
-
-Ein Mann schaute herein und über ihn. Das Tuch verhüllte Wenk nur ein
-Auge. Er sah mit dem andern über den Rand der Binde halb die Dinge, die
-auf gleicher Höhe lagen. Er kannte den Mann nicht.
-
-Der Mann rief einen zweiten an: »Komm! Er ist wach!«
-
-Da kam auch der zweite schauen. Jedoch auch diesen hatte Wenk nie
-gesehen.
-
-Er hörte die beiden zusammen sprechen. »Es geht auf fünf Uhr. Der Doktor
-muß bald da sein!«
-
-Der andere antwortete: »Wenn er gesagt hat, kurz nach fünf, so kommt er
-dann auch! Wir müssen uns parat machen!«
-
-»Sieht man noch nichts?«
-
-Die Männer entfernten sich.
-
-Wenk versuchte, den Kopf zu heben. Aber er sah nicht über den Rand des
-Fensters. Die Landschaft mußte flach sein. Nur Himmel stand draußen.
-
-»Gib das Glas! Da ist er!« hörte Wenk auf einmal rufen. Jetzt kommt die
-Entscheidung, sagte er sich. Er sammelte alle Kraft, den Vorstellungen
-zu widerstehen, die mit grauenmachenden Fragen seine Phantasie
-bestürmten und aus dem Dunkel heraus Züge von Bildern zu zerren
-versuchten, vor denen ihn graute.
-
-Was nun geschah, ging sehr rasch vor sich.
-
-Die Tür des Autos wurde aufgerissen. Hände faßten ihn an der Schulter.
-Die Schulter lag in der Nähe der Tür. Die Hände zerrten sie hinaus.
-Seine Füße schlugen schmerzend auf das Trittbrett und dann auf den
-Boden. Der zweite Mann hob die Beine auf, und sie trugen ihn ein Stück
-weit.
-
-Da sah Wenk kurz vor sich Dünen. Nur ein paar Schritte waren es bis zu
-ihrem Kamm. Diesem kletterten die Männer nun mit ihm entgegen.
-
-»Rascher!« rief der hinten, indem er sich umdrehte und rückwärts in die
-Landschaft schaute.
-
-Wenk hörte einen Motor. Er wußte, das ist Mabuse, der Motor! Auf einmal
-baute sich ein lichtes Gewölbe über ihn. Erst nach einer Weile erkannte
-er, daß es die Tragflächen eines Eindeckers waren.
-
-Die beiden Männer verrichteten alles mit hastigen Bewegungen. Wenk wurde
-auf den Sand gelegt. Zwei Stricke wurden ihm unter Brust und Armen
-durchgeknüpft. Ein Mann hob ihn an den Beinen hoch, und auch diese
-wurden mit zwei Stricken, die irgendwo am Gestänge schon vorbereitet
-waren, hochgebunden. Ein dritter Strick wurde dann um seinen Leib
-geschlungen.
-
-Es dauerte nicht lange, bis Wenk erkannte, daß er mit dem Rücken an die
-Wand der Gondel des Flugzeuges angebunden hing. Er lag da, angepreßt wie
-ein Paket, das mit auf die Reise genommen wurde. Mit dem freien rechten
-Auge sah er über den Rand der Binde hinweg, daß das Flugzeug auf einem
-vorbereiteten Platz über einer sanft ins Meer fallenden Laufbahn stand.
-An ihrem Fuß lief der Strand weiter. Es war Ebbe.
-
-Ich werde eine Reise übers Meer machen! sagte eine traurige Stimme in
-ihm. Wie lang ist es seit meiner letzten Seereise her! Der ganze Krieg
-liegt dazwischen. Aber jetzt kommt für mich erst der Krieg ... erst die
-Granate.
-
-Aus der Tiefe seiner Muskeln brüllte eine Antwort gegen dieses kleine,
-wehmütige Stimmlein. Die Muskeln lehnten sich gegen die Fesseln auf.
-Sein Körper warf sich in den Stricken hin und her. Die Tragfläche bebte
-unter den Schlägen und schwankte über ihm.
-
-Da neigte sich ein breites Gesicht und ein hochgeschwungener Schädel
-über ihn, und zwei Augen brannten seinen ganzen Leib an. »So!« preßte
-sich ein Laut aus dem Mund des Mannes, der sich über ihn neigte.
-
-Ja, das ist der Feind! Mabuse! durchfuhr es Wenk.
-
-»Steig' ein!« rief dann Mabuses Stimme.
-
-Man hörte ein Rauschen wie von Frauenkleidern. Dann stieg aus dem
-Rauschen eine Stimme ... eine Stimme, die ihm unter dem Fleisch auf die
-Knochen bebte. Er kannte sie! Das Kleiderrauschen wurde heftig und nah,
-die Frauenstimme rief: »Was ist das?«
-
-Wenk hörte Entsetzen, Qualen und Grausen aus dieser Stimme und Frage.
-
-»Was ist das?« rief die Stimme schrill und versagend nochmals.
-
-»Steig' ein!« schrie Mabuse dagegen.
-
-Da fragte die Stimme der Frau, diese wohlbekannte, süße und dunkle
-Stimme der Gräfin Told, wie verschüchtert in sich zurückgesunken: »Was
-geschieht mit diesem Mann?«
-
-Wenk sagte sich: Sie kennt dich nicht!
-
-»Steig' ein! Er geht mit auf die Reise! Es ist kein dritter Sitz da!
-Steig' ein, rasch!« rief Mabuse.
-
-Wenk sah, wie Mabuses Arme die Frau erfaßten und über ihn hinweg in die
-Gondel hoben. Dann stieg Mabuse nach. Er benutzte als Tritt Wenks
-angebundenen Leib, und wie er im Führersitz saß, keine zwei Finger breit
-über Wenk, beugte sich Mabuse herüber zu seinem Kopf und sagte mit
-rauhem Hohn: »Der Herr machen die Reise mit. Wohin? Glück auf!«
-
-»Fertig?« fragte Mabuse dann rückwärts.
-
-»Alles in Ordnung!«
-
-Der Propeller klopfte, und unversehens rutschte das Flugzeug in die
-Bahn, und mit dem Augenblick, wo Wenk den Motor stoßen fühlte, waren die
-Räder schon vom Boden frei, und die Erde fiel unter seinem halben Auge
-hinab ins Grausige.
-
-Das Flugzeug stieg jäh aufwärts. Es war Wenk, als stünde sein Körper
-fast aufrecht. In der Gondel wurde kein Wort gesprochen. Die Luft
-prallte brutal an ihn, als sei sie aus fliegendem Holz. Bald begann ihn
-zu frieren. Die Kälte schlug ihm durch den breiten Ausschnitt des
-Frackhemds mitten ins Herz. Er spürte nur, daß die Kälte immer tiefer in
-ihn eindrang, wie mit wühlenden Messern. Seine Haare waren starr und
-standen aufrecht. Sie waren wie Nadeln schmerzhaft in seine Haut
-gestoßen.
-
-Von aller Fähigkeit zu denken war nichts mehr in ihm als eine mit
-dunklen Farben aufgemischte, fließende Scheibe. Eine kleine, unklare
-Vorstellung sprang ihm daraus nun wieder in die Hände: als erleide er
-ein Martyrium und als erleide er dieses Martyrium der Gräfin Told
-zuliebe, die er einmal geliebt habe, wo es nicht erlaubt war.
-
-Dann fühlte er einen kurzen Fauststoß an seinen Kopf. Eine Stimme fragte
-roh wie ein Holzknüttel auf ihn hernieder: »Ist Ihnen viertausend Meter
-hoch genug?«
-
-Nach wenigen Augenblicken fragte es nochmals: »Oder haben Sie sich aus
-Angst schon vorher verabschiedet?«
-
-Die Stimme ging fort, wie ein Geist. Wenk spürte, wie sich das Flugzeug
-grade richtete. Als es eine kurze Weile so geflogen war, kam eine Hand
-an seinen Kopf. Sie riß hastig und mit heftigen Stößen die Binde fort.
-
-Da sah Wenk, wie sich weit über seinen Kopf das Gesicht Mabuses
-vorbeugte. Er blieb stumm. Aber die Züge waren wie auseinandergerissen
-von einer Lust, die Entsetzen verbreitete. Die grauen Augen hatten keine
-Form und keine Iris mehr. Sie waren wie alte verwitterte Steine. Sie
-waren hart und voll von einem Tod, der sich Wenk gleich einem spaltenden
-Hieb durch den Körper schlug.
-
-Dann sagte der verdehnte Mund und öffnete sich wie der Spalt einer
-Klamm, die ins Rutschen kam: »Sie haben gewagt, meinem Weg
-entgegenzutreten. Sie stehen vor Ihrem letzten Augenblick. Ich habe
-Ihnen den Knebel vom Munde gerissen, daß ich mich an dem Schrei ergötze,
-mit dem Sie die viertausend Meter zurück zu Ihrer Welt fallen!«
-
-Wenk hörte die Stimme wie einen über einen Blitz einkrachenden Donner.
-Er spürte, wie die Hände Mabuses die Stricke an den Beinen lösten. Er
-zerrte und riß daran. Auf einmal waren seine Beine frei. Sie fielen
-hinab, einen Augenblick nur, dann hielt der Strick, der den Leib
-umschlang, sie wieder an. Die Hände rasten um diesen. In kurzen Sekunden
-war er gelöst.
-
-Wenks Leib im weiteren Fall richtete sich aufrecht, nur noch gehalten
-von den Stricken, die seine Brust an die Wand anschnürten. Er fühlte
-plötzlich, daß seine Hände frei waren, und mit diesem Gefühl schlug eine
-jähe Hoffnung durch sein Blut.
-
-Aus dem Verhüllten seiner Phantasie stieg, wie ein Märchen, prangend,
-mit Wollust und Sehnsucht beladen, mit Glück durchstrahlt, die
-Erinnerung, daß er die Schönheit und Menschlichkeit der seinem Ende
-jetzt so nahen Gräfin Told einmal angebetet und nicht vergessen hatte.
-Eine wundersame Macht ging von diesem Gefühl aus, das sich im nächsten
-Blutschlag schon, in der Kraft des letzten Augenblicks vor dem Tod, zu
-einer unlösbaren Blutsbrüderschaft gesteigert hatte und wie ein Gewölbe
-voll Stolz und Mut über den wilden Schädel des Mörders hinweg auf der
-anderen Seite auf das menschliche Herz dieser Frau einen Fuß absetzte.
-
-Er sah, wie auf einmal die Augen der Gräfin irr, wie Vögel, die aus dem
-Äther abgeschossen werden, über Mabuses weit und gierig vorgebeugten
-Kopf sich errichteten ... Er sah, wie die Hände aus den Pelzhandschuhen
-zuckten und weiß funkelten, so nackt, als böte sich ihm ihr ganzer Leib
-in keuschem, heißem Opfer dar, sich an Mabuses Schulter krallten und ihn
-zurückreißen wollten.
-
-Aber Mabuse schüttelte die Frau mit einem Ruck seines Körpers zurück. Er
-hob die Hände mit einer tobenden Wut an den letzten Strick. Sie rissen
-die ersten Knoten auf ... der Körper Wenks rutschte etwas tiefer ...
-schlugen Wenks Hände, die nach dem Rand der Gondel irrten, mit
-geschlossenen Fäusten zurück ...
-
-Da erhob sich ein letzter Widerstand aus einem flutenden Schein von
-Lebenswillen heraus, und Wenks Stimme brüllte in die Luft hinauf, die
-das Flugzeug brausend umschwankte: »Der ist der Mörder des Grafen Told.
-Der ließ ihn falsch spielen! Der gab ihm das Rasiermesser in die Hand,
-um sich die Kehle zu durchschneiden!«
-
-Eine Faust schlug ihn in den Mund. Er spürte Blut hinter der Zunge
-fließen, und es schmeckte in diesen vorletzten Augenblicken, in denen er
-noch sein Leben besaß, voll von einer seinen Geist vulkanisch
-durchbrausenden Süßigkeit.
-
-Dann war es, als wollte ihn eine letzte Gewalt aus dem Strick stoßen.
-Ein furchtbares Gewicht preßte sich auf seinen Kopf, rollte über seinen
-Leib, um ihn abzudrücken. Das Gewicht war grenzenlos, schwarz, von einer
-tosenden Eile erfüllt.
-
-Aber mit einemmal war das eiserne Gewicht von ihm abgerutscht. Ein Teil
-löste sich vom Flugzeug ab, unerkenntlich, und versank. Wenks Hände
-hielten den Rand der Gondel umklammert wie Schrauben. Das Flugzeug
-schwankte, als sei es von der hohen dünnen Luft betrunken.
-
- * * * * *
-
-Es war folgendes geschehen:
-
-Als der Name des Grafen Told durch die Luft klang, wie hergeworfen von
-der raum- und zeitlosen Höhe, war es der Gräfin, als erwache sie aus
-einem Traum auf dem Grund eines Moores. Seit jener Nacht, die sie von
-ihrem Mann gerissen und an den bösen Willen Mabuses gefesselt hatte, war
-dieser Name von ihr nicht mehr gesprochen und nicht mehr gedacht worden.
-Er hatte sich in ihr Inneres, tief in das Chaos, aus dem sich ihr Leben
-nährte, verkrochen. Er war da hineingeschlagen worden von der
-dämonenhaften Gewalt des Herrschwillens Mabuses, und die Frau hatte es
-geduldet, in einer Art unbewußter Selbstwehr. Sie wäre sonst ganz und
-ohne Rettung dem Werwolf verfallen gewesen.
-
-Dort im Innern hatte der Name nun gelegen und gewartet, hatte gelauert,
-bis er wieder emporsteigen konnte, um ihre Seele zu retten.
-
-Wenks letzter Schrei hatte ihn aus dem Unterdunkel hervorgerissen. Die
-Gräfin hatte ihn empfangen wie eine erste Waffe gegen die geheime Kraft
-des Mannes, der ihren Willen und ihre ganze Persönlichkeit so lange
-vergewaltigt hatte. Sie war auf einmal wieder zu sich selber
-emporerwacht. Das Erstarrte zerschmolz. Die Finsternis, in die sie
-eingekrallt lag, erleuchtete sich. Es ward Tag in ihr.
-
-Und da bekam sie all die stolze junge Kraft ihres Gemüts wieder in die
-Hand. Sie geriet in einen Grimm, den Gott ihr einflößte. Ihre Muskeln
-nährten sich an ihm unüberwindlich. Ihre Hände wurden eisern wie ihr
-Herz, und sie nahm die erste Waffe, die herumlag, den schweren
-Schraubenschlüssel, und schlug dem Verbrecher zur Rache und zur
-Befreiung mit ihm von hinten den Schädel ein.
-
-Mabuse, gerichtet, bekam das Übergewicht und stürzte über Wenk hinüber
-in die Tiefe, die ihn gleich begrub ...
-
- * * * * *
-
-Wenk erreichte mit den Beinen eine Querstange, schob sich blitzschnell
-hoch, der Knoten über der Brust, gelockert, löste sich von selber. Wenk
-fiel in die Gondel. Das Flugzeug stürzte schon in irren Schwankungen im
-Raum. Da bekam Wenk noch rechtzeitig die Hebel zu fassen. Der Motor
-tobte weiter. Das Flugzeug errichtete sich wieder, und nach einer
-raschen Orientierung den Motor ausschaltend, ließ es Wenk im Gleitflug
-zur Erde zurück und auf das Ufer zu sinken.
-
-Es landete an den Dünen der ostfriesischen Küste.
-
-Wenk half der Gräfin aus der Gondel. Sie war bleich, aber bei vollem
-Bewußtsein. Sie fiel vor ihm nieder und drückte ihr Gesicht an seine
-Hände.
-
-Er hob sie auf und sagte: »Wir haben uns gegenseitig das Leben gerettet.
-Wir wollen schweigen! Und versuchen zu vergessen. Trennen wir uns!«
-
-Aber da sagte die Gräfin: »Nein! Ich habe nichts zu verschweigen und
-nichts zu vergessen. Das Blut, das ich vergießen mußte, kam vom Bösen.
-Ich habe ihn von sich selber und die Menschen von ihm befreit. Wer kann
-gegen mich zeugen?«
-
-Wenk schaute sie stumm an. Langsam begriff er. Dann gingen Schauer durch
-ihn. Wie stolz! wie kühn sie ist! wollte er sich sagen. Aber sein Herz
-warf Strahlen auf in ihm. Er breitete die Arme aus in einer
-selbstopfernden und sich hingebenden Gebärde. Das Leben, jung,
-wiedergewonnen, überstürzte ihn, und in demselben Augenblick brach die
-von so vielen Geschehnissen verschüttete Liebe wieder auf, die sich nie
-erfüllt hatte.
-
-Dann stiegen sie zusammen über die Dünen dem nächsten Dorf und wieder
-den Menschen zu.
-
-
-
-
-
-
-
- Von Norbert Jacques erschien ferner
- im Verlag Ullstein
-
- DIE ZWEI IN DER SÜDSEE
- Ein Abenteuer unter Wilden
-
- *
-
- Zwei deutsche Freunde werden Stewards auf einem australischen
- Dampfer, lassen sich als Pflanzer einstellen, wirken unter
- alkoholisierten Schwarzen, die sie mit Tod bedrohen, und
- fahren mit einem chinesischen Koch auf einem kleinen Segelkutter
- kreuz und quer über das Weltmeer. Bunt und abenteuerlich wie
- Kapitel aus dem »Lederstrumpf« hat Jacques diesen Stoff
- gestaltet.
-
- *
-
- Preis 4 Mark
-
- ULLSTEIN-BÜCHER
-
- DAS INDISCHE GRABMAL
- von Thea von Harbou
-
- Abendland und indische Wunderwelt fließen seltsam ineinander.
- Bauwerke von himmelanstürmender Großartigkeit ragen empor;
- Palasträume und Tempelhallen werden von spukhaftem Grauen
- durchwebt.
-
- DAS RECHT DER MUTTER
- von Helene Böhlau
-
- Dieser Roman ist das Hohelied der von der Natur geheiligten
- Mutterschaft. In einem stillen Thüringer Walddorf läßt die
- Dichterin von Alt-Weimar, Helene Böhlau, die romantisch
- verschlungene Handlung enden.
-
- DAS EXPRESSKIND
- von Fedor von Zobeltitz
-
- Das Expreßkind ist der Inhalt des Gepäckstücks Nr. 666, in dem
- ein junger Hund befördert werden sollte. Eine Komödie der
- Irrungen hat zwei Pakete vertauscht. Das ist die Lustspielidee,
- die das Schicksal des kleinen Mädeli und ihres unfreiwilligen
- Finders und Vormundes, des Studiosus Werner von Ewekerken, trägt.
-
- DER ENGEL ELISABETH
- von Hans Reimann
-
- Elisabeth, der Engel, läßt sich auf die Erde beurlauben und
- versucht, trotz Mühsal und Niedrigkeit, des Himmels würdig zu
- bleiben. Wie es ihr gelingt und wieder nicht gelingt, das
- schildert Hans Reimann mit Phantasie, mit grotesker Lustigkeit
- und empfindsamer Güte.
-
- In gleicher Ausstattung
-
- ULLSTEIN-BÜCHER
-
- SCHLOSS VOGELÖD
- von Rudolph Stratz
-
- Überraschend im Stoff, überraschend in der Psychologie der
- Hauptgestalten ist diese »Geschichte eines Geheimnisses«. In die
- Vergangenheit hat Stratz sie zurückverlegt. Aber durch die
- eigentümliche Technik des Berichts macht er uns zu unmittelbaren
- Zeugen von Ereignissen, die dunkel und drohend herannahen.
-
- STRANDKORB 57
- von Friedel Merzenich
-
- Der Strandkorb 57 steht im Sand von Bansin, und drei Paare finden
- sich darin fürs Leben. In diesem heiteren Roman gibt es allerlei
- Leutchen, Gäste der Pension Sommerlust, eine Zufallsgesellschaft:
- liebenswürdige Menschen und auch andere.
-
- FRAU DOLDERSUM UND IHRE TÖCHTER
- von Clara Ratzka
-
- Von Frau Doldersum und ihren drei Töchtern erzählt Clara Ratzka,
- von den Erinnerungen der Mutter, deren Gatte verschollen ist, und
- die in Soest, der alten westfälischen Stadt, eine Zuflucht sucht,
- und von den Liebesabenteuern der Mädchen.
-
- FLAMMEN
- von Helene Kalisch
-
- Im Titel des Werkes klingt das Motto an; und zugleich deutet er
- auf die roten Flammen, die zuletzt, im Schweigen eines
- sommerlichen Kiefernwaldes, aus einem Fabrikgebäude bei Berlin
- emporschlagen. Andere Kapitel spielen im ältesten Berlin, im
- Köllnischen Viertel, wieder andere, reizvoll in den zerfließenden
- Stimmungen von Luft und Licht, an der Ostsee.
-
- In gleicher Ausstattung
-
- Bücher von Norbert Jacques
-
- Im Verlag S. Fischer, Berlin:
-
- DER HAFEN
- Roman / 42. Tausend
-
- PIRATHS INSEL
- Roman / 32. Tausend
-
- LANDMANN HAL
- Roman / 10. Tausend
-
- HEISSE STÄDTE
- Eine Reise nach Brasilien
-
- AUF DEM CHINESISCHEN FLUSS
- Reisebuch / 4. Auflage
-
- *
-
- Im Drei Masken-Verlag, München:
-
- DIE FRAU VON AFRIKA
- Roman
-
- SÜDSEE
- Reisebuch
-
- *
-
- Im Verlag W. Seifert, Stuttgart:
-
- MARIENS TOR
- Erzählungen
-
- *
-
- Im Wegweiser-Verlag:
-
- DIE HEILIGE LANT
- Roman
-
-
-
-
-
-
-
- Ullstein A. G.
- Berlin
-
-
-
-
-Anmerkungen zur Transkription
-
-In der Vorlage fehlen in der Kapitelnumerierung die Nummern V und XVI.
-Dies wurde wie im Original belassen. Ebenso wurde die offensichtlich
-falsche Entfernungsangabe Buchloe-Röthenbach (18 Kilometer, S. 51) nicht
-korrigiert.
-
-Der Originaltext ist in Fraktur gesetzt. Hervorhebungen, die im Original
-g e s p e r r t sind, wurden mit Unterstrichen wie _hier_
-gekennzeichnet. Textstellen, die im Original in Antiqua gesetzt waren,
-wurden ^so^ markiert.
-
-Die Schreibweise und Grammatik der Vorlage wurden weitgehend
-beibehalten. Lediglich offensichtliche Fehler wurden berichtigt wie hier
-aufgeführt (vorher/nachher):
-
- [S. 8]: (mehrfache Fälle)
- ... Es war ein Aß, eine Zehn und ein Bube! ...
- ... Es war ein As, eine Zehn und ein Bube! ...
-
- [S. 23]:
- ... Man spielte Baccarat. ...
- ... Man spielte Bakkarat. ...
-
- [S. 45]:
- ... der Erinnnerung alles, was ihm von jenem Blondbärtigen noch ...
- ... der Erinnerung alles, was ihm von jenem Blondbärtigen noch ...
-
- [S. 60]:
- ... Ȇber Bord. Sie bekommen mit niemanden Streit. Der ...
- ... Ȇber Bord. Sie bekommen mit niemandem Streit. Der ...
-
- [S. 62]:
- ... daß Säuli das Zeichen nicht pünklich gab. Die
- Grenzer-Automobile ...
- ... daß Säuli das Zeichen nicht pünktlich gab. Die
- Grenzer-Automobile ...
-
- [S. 64]:
- ... können nicht mehr zeugen. Ein einziges Wort! Eine Gebäude! ...
- ... können nicht mehr zeugen. Ein einziges Wort! Eine Gebärde! ...
-
- [S. 67]:
- ... Sonderbar ... wie war es gegangen, daß er mit dem Lehen ...
- ... Sonderbar ... wie war es gegangen, daß er mit dem Leben ...
-
- [S. 78]:
- ... geiistgen Vaters ... Sie wissen: Die goldene Kette gib mir
- nicht. ...
- ... geistigen Vaters ... Sie wissen: Die goldene Kette gib mir
- nicht. ...
-
- [S. 82]:
- ... Wie Sie wollen. Solo, indem sie sich wie in ein Domino in ...
- ... Wie Sie wollen. Solo, indem Sie sich wie in ein Domino in ...
-
- [S. 100]:
- ... »Noch sind! Ja, daß ist etwas anderes. Soll ich Ihren Gatten ...
- ... »Noch sind! Ja, das ist etwas anderes. Soll ich Ihren Gatten ...
-
- [S. 149]:
- ... um viewiel Uhr?« ...
- ... um wieviel Uhr?« ...
-
- [S. 165]:
- ... »Ist Ihr Diener ... bin ich ein Auerochs?« fragte Mubuse ...
- ... »Ist Ihr Diener ... bin ich ein Auerochs?« fragte Mabuse ...
-
- [S. 217]:
- ... Tod sie stören konnte. Sein Fürstentum Eitepomar wartete mit ...
- ... Tod sie stören konnte. Sein Fürstentum Eitopomar wartete mit ...
-
- [S. 228]:
- ... Weltmann hatte den Schurrbart schwarz und dicht und an ...
- ... Weltmann hatte den Schnurrbart schwarz und dicht und an ...
-
-
-
-
-
-
-End of Project Gutenberg's Dr. Mabuse, der Spieler, by Norbert Jacques
-
-*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DR. MABUSE, DER SPIELER ***
-
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