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| author | nfenwick <nfenwick@pglaf.org> | 2025-02-05 00:12:34 -0800 |
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MABUSE, DER SPIELER *** - - - - -Produced by Peter Becker, Jens Sadowski, and the Online -Distributed Proofreading Team at http://www.pgdp.net, in -celebration of Distributed Proofreaders' 15th Anniversary. - - - - - - - Dr. Mabuse / der Spieler - - Ullstein-Bücher - - Eine Sammlung zeitgenössischer Romane - - - - - Dr. Mabuse - der - Spieler - - - Roman - von - Norbert Jacques - - Im Verlag Ullstein / Berlin - - Alle Rechte, einschließlich des Rechts der Übersetzung, - vorbehalten - Amerikanisches Copyright 1920 by Ullstein & Co., Berlin - - - - - I - - -Der alte vornehme Herr stellte sich selber vor. Wie üblich, verstand -niemand den Namen. Aber er war elegant und in diskretes bestes Tuch -gekleidet. Er hatte als Vorstecknadel eine einfache weiße Perle, etwas -barock, aber von der Weiße eines blonden Frauenrückens, wie Karstens -sagte, und legte gleich so gegen 20000 Mark vor sich auf den Spieltisch. - -Der junge Hull, Stämmling eines Industrie-Millionen-Vermögens, an dem -sein Vater ihn reichlich teilnehmen ließ, hatte ihn mitgebracht. - -Man begann gleich zu spielen. Der Gast nahm mit einer stummen Verbeugung -das Spiel an, das man vorschlug: Einundzwanzig. Die Sätze waren -unbegrenzt. Ritter hielt die Bank als erster. - -Zunächst zeigte das Spiel durchaus nichts Ungewöhnliches. Verlust, -Gewinn gingen reihum. - -Aber bald begann es, daß Hull verlor. Das begann fast mit demselben -Augenblick, da die Reihe, die Bank zu halten, an den alten Herrn kam. -Hull verlor zuerst Hundertmarkscheine. Er spielte gelassen und in sein -Pech ergeben. Vor dem alten Herrn mischten sich kleinere Noten in den -Haufen der Tausender, die er vor sich hingelegt hatte. - -Nur nach außen spielte Hull gelassen. Innerlich befand er sich in einer -heißen Erregung. Es gingen Schleier vor seinem Hirn hin und her. Seine -Noten chassierten zu dem Gast hinüber, ohne daß er es eigentlich merkte. -Seine Sinne waren wie von einem feinen und unsichtbaren Spinnweb belegt, -das ihn immer mehr einengte. - -Er trank einige Kognaks und ließ sich dann eine Flasche Sekt bringen. -Das half aber zu nichts weiterem, als daß er das Fach seiner Brieftasche -wechselte und zu den Tausendern griff. Er hatte sie nachmittags von der -Bank geholt. - -Sein Spielpech wurde unwahrscheinlich. Hatte er gute Karten, so war ihm, -als ob aus irgendeinem in Dunkel verhüllten Winkel seines Innern heraus -eine mahnende Hand sich auf seinen Mund legte. Er verließ die Höhe -seiner Einsätze und nannte eine geringfügige Summe. - -Der alte Herr sollte nun die Bank weitergeben. Aber er erbot sich, Hull -zuliebe sie noch zu behalten. Er sagte: - -»Wenn die Herren einverstanden sind, so behalte ich die Bank noch einige -Runden. Sie sehen, wie sich vor mir das Geld häuft. Ich bin der Gast -Ihres liebenswürdigen Klubs. Tragen Sie meinen peinlichen Gefühlen gegen -Herrn Hull Rechnung, und gestatten Sie mir, um was ich Sie bitte.« - -Aber obgleich das in bescheidener Redeform gesagt wurde, klang es doch -herrisch, jede Abweisung fortschiebend. - -Der Klubdiener beäugte den Gast argwöhnisch. Aber er spielte mit den -Karten, die der Klub selber stellte und die stets eben erst aus der -Hülle gebrochen wurden. - -Das Spiel feuerte in den Kreis. Man trank auch viel. Ein leichter Rausch -umsponn den Tisch. Der Gast schloß sich beim Trinken nicht aus. Er -benahm sich in keiner Weise auffällig. Er hatte einen ruhigen, lang in -jedem Auge, das ihn anschaute, verweilenden Blick, große graue Augen, -die etwas Herrenhaftes hatten und die das Spiel kaum zu begleiten -schienen. Seine Hände waren groß, massiv und ruhig, als seien sie aus -Holz. Den andern, viel jüngern, zitterten schon die Finger vom -Widerschein innerer Erregtheit. - -Hull spielte weiter, obgleich er seine Tasche immer dünner werden -spürte. - -Was ist los? fragte er sich immer. Er wollte aufstehen und ein Spiel -vorübergehen lassen, um an einem Fenster Luft zu schöpfen und einmal in -die Stille der Nacht hinauszuschauen, aus der er einen Strom Ruhe für -sich selber atmen zu können hoffte. Aber er saß wie gefesselt auf dem -Leder, preßte die Ellbogen auf den roten Filz, und alle Gedanken fielen -unbeherrscht aus ihm in eine Leere, wie in die Dimensionslosigkeit eines -Schlafs. - -Sonst war er nicht gerade ein leichtsinniger Spieler. Er überlegte, -verfolgte den Gang des Glücks und war immer dran, ihn auszunutzen, wenn -er ihm günstig war, oder sich zu dämpfen, wenn ein anderer an der Reihe -war. - -Doch an diesem Abend kannte er bald keine Hemmungen mehr. Keine Note -hatte einen Wert für ihn. Ja, es war fast als ob er mit Lust verlöre. -Mit Genuß seine Noten hinüberwechseln sah. Es mußte nur immer etwas -geschehen. Man teilte die Karten viel zu träg. Man verzögerte ins -Endlose das Nennen der Einsätze. Das Geld schlich um den Tisch für ihn -wie kranke Kröten. - -Dazu trank er, und alle Sinne, über die er die Herrschaft verloren -hatte, wurden feurig wie Vollbluthengste, die auf einer Heide dem -Kutscher durchbrennen. Sie rannten mit ihm in eine Wüste. Es gab keinen -Menschen und keinen Weg mehr. Ja, die Luft schien weggeatmet. Er fiel -nur hin im Spiel. - -Man begann sein Pech zu besprechen. Er bekam schlechte Karten, das war -gewiß, aber er spielte auch schlecht. Er war unvernünftig. Man begann -von befreundeter Seite aus das Spiel zu zügeln und sprach von letzten -Runden. - -Hull erfaßte das Wort zuerst nicht. Man mußte es ihm begreiflich machen. -Da lehnte er sich auf. Er ward unvermittelt jähzornig, schrie und schlug -mit der Faust auf den Tisch. - -Das große Auge des Unbekannten zog sich da leicht etwas von ihm und den -andern zurück, und es schien, als glitte es nach innen. Leis erlosch -etwas von dem Glanz. Der Gast legte die Karten hin und stopfte das Geld -in die Tasche; doch tat er das nur so nebensächlich, als sei es ein -Taschentuch. Es stand aber noch eine Runde. - -Hull schrie: - -»^Va banque!^« - -Der alte Herr gab die Karten. Hull deckte die seinigen rasch für sich -auf. Er hatte 21. - -Da geschah etwas in ihm, etwas ganz Unverständliches, Widersinniges ... -er warf seine Karten mit den Bildern nach unten auf das Paket der -andern, beiseite geschobenen und rief: - -»Ich habe wieder verloren.« - -Rasch deckte der alte Herr seine Karten auf. Sein Auge erflammte wieder, -hastig und blitzschnell verlöschend. Er zählte die Summe, nannte eine -Zahl und warf seine Karten mitten auf den Tisch. - -Hull geschah es, als fiele er von einem schwankenden Brett, das irgendwo -in einer Finsternis schwebte, in unsichtbare Dinge aufgehängt. - -Wo war ich? fragte er sich zaghaft und verblüfft. - -Er begann, alles um sich neu zu sehen, so als träte er jetzt erst in den -Kreis: die drei Glühbirnen, rund, matt unter dem Schirm, das rote, -lichtbeschienene Tuch, seine Freunde, den fremden, alten Herrn, -zerstreute Karten und Geld. - -»Wo war ich? Wo war ich?« stammelte er. - -Seine Gedanken erwachten, wurden aus einem nebelhaft Umfangenen zu einer -kleinen, nüchternen Klarheit. Es war so, als ob er Behänge von ihnen -fortzöge, um sie zu entkleiden. - -Dann wurde er von einem plötzlichen Mißtrauen gegen sich selber erfaßt, -das ihn krank machte. Eine Weile grub er den Kopf in die Fäuste, badete -die Augen in den Handhöhlen, die wie mit eisigem Reif belegt sich -anfühlten, und sich aufrichtend, sagte er: - -»Was habe ich getan? Ich hatte 21! Da hat jemand mit meiner Stimme -gesagt: Ich habe wieder nichts! ... Da ...« - -Er riß die fortgeworfenen Karten vom Haufen und deckte sie auf. - -Es war ein As, eine Zehn und ein Bube! - -Einundzwanzig! - -Der alte Herr zog seine großen grauen Augen nun ganz in sich hinein. Sie -wurden klein und sahen aus, als ob sie in einer großen Ferne stünden. -Durch den Körper des Fremden ging sichtbar ein gewaltsames Reißen -- -rasch, hastig besiegt. Dann dehnte sich der Brustkorb, und der Atem ging -einige Male tief und schwer, als müsse er Luft unmittelbar in die Seele -pumpen. - -»Zu spät!« sagte er dann leis und streng. - -Hull schüttelte nur den Kopf. - -»Meine Bemerkung ging nicht gegen Sie,« antwortete er wieder gefaßt, -»sondern gegen mich. Wieviel schulde ich?« fragte er liebenswürdig. - -»30000!« - -Hull leerte seine Brieftasche. - -»Sie müssen sich bis morgen nachmittag vier Uhr mit 10000 Mark begnügen -und einem Schuldschein natürlich. Wollen Sie die Freundlichkeit haben, -mir Adresse und Summe in mein Notizbuch zu schreiben!« - -Als Hull sein Buch zurückbekam, stand darin: - - _Balling_ - Hotel Excelsior, Zimmer 15. - -Er übergab mit einer lächelnden Verbeugung seinen Schuldschein dagegen. - -»Zur Revanche bereit, Herr Hull!« sagte Balling, indem er sich erhob. -»Meine Herren, darf ich Ihnen für die Gastfreundschaft des Abends -danken? Gute Nacht!« - -Er sagte das in einem fast unhöflichen Ton, aber mit einer -Entschiedenheit, die die anderen Herren auf die Beine brachte. - -Karstens bot ihm sein Auto an. - -»Nein, danke, mein eigenes erwartet mich unten.« - -Er ging etwas steif, als sei er ermattet, hinaus, ohne weitere -Höflichkeitsbezeugung. Der Klubdiener führte ihn zur Haustür. - -»Hull, du bist verrückt,« sagte Karstens, als der Fremde den Raum -verlassen hatte. - -»Was ist nun eigentlich geschehen?« fragte Hull ruhig dagegen. - -»Frage deinen Geldbeutel!« - -»Meine Geldtasche ist leer. Wer hat mein Geld gewonnen?« - -»Dein Freund!« machte Karstens, indem er zur Tür hinaus zeigte. - -»Wieso mein Freund? Ich sehe den Mann zum erstenmal. Wie kam er -hierher?« - -»Hull, entschieden, du brauchst die Adresse von einem guten Arzt. Emil, -Telephonbuch!« - -Karstens blätterte: - -»Da, Dr. Schramm, psycho-pathologische Behandlung, Ludwigstraße 35 ...« - -»Ich verstehe deine Scherze nicht, lieber Karstens!« - -»Wer hat denn diesen herrlichen Einundzwanzig-Spieler mitgebracht? -- -Du!« - -»Das ist nicht wahr, Karstens!« - -»Ludwigstraße 35, mein Teurer! Rasch!« - -»Natürlich haben Sie ihn hergebracht, Hull,« sagte ein anderer. - -»Ich? Ich? Ich erinnere mich jedenfalls nicht mehr. Es kann sein.« - -Hull zog sich dann zurück, erschlafft, erstaunt, grübelnd über das -Rätsel, das dieser Abend so unerwartet und brutal über ihn geworfen -hatte. - -Gegen Morgen, als er einmal erwachte, kam ihm eine blasse, rasch -vergehende Erinnerung, als ob der fremde alte Herr an einem Tisch im -Café Bastin mit ihm gesessen und als ob sie zusammen gesprochen hätten, -und zwar über das Theater. Aber was sie gesagt, wußte er nicht mehr, -noch über welches Theater gesprochen wurde. Das dunkle Gewebe seines -Hirns hielt nur noch die blitzende Empfindung eines schrillen -Scheinwerfers fest, der ihn während des Gespräches bestrahlte. Er bohrte -sich, nicht mehr zum Schlaf kommend, hinter den grauen Fetzen dieser -Erinnerungen her; aber mehr bekam er nicht mehr zusammen. - - * * * * * - -Das Erlebnis gewann nicht an Klärung durch das, was Hull am Nachmittag -des dem Spieltag folgenden Tages widerfuhr. - -Er hatte bis vier Uhr die 20000 Mark flüssig gemacht und brachte sie ins -Hotel Excelsior. - -Man telephonierte ins Zimmer Nr. 15. - -Herr Balling sei da, hörte Hull, und bitte um die Karte des Herrn. Die -gab er und fuhr bald hinauf. - -Mitten im Zimmer Nr. 15 stand ein Mann, den Hull in seinem Leben noch -nicht gesehen hatte. Ein kleiner, dicker, glatt rasierter Mann mit -amerikanischen Zügen. Er machte auch eine puritanische Verbeugung. - -»Ich bin wohl falsch geführt worden. Verzeihen Sie!« sagte Hull zu ihm. -»Ich wollte ins Zimmer Nr. 15.« - -»Da sind Sie!« antwortete der andere. - -»Dann hat Herr Balling mir eine fremde Nummer aufnotiert.« - -»Ich heiße Balling!« - -Diesmal träume ich nicht. Ich bin ganz bei Sinnen. Ich spiele nicht -einundzwanzig, sagte sich Hull und fuhr dann laut redend zu dem Fremden -fort: »Aber das Rätsel wird sich ja gleich lösen. Haben Sie dies -geschrieben?« - -Er hielt Balling sein Notizbuch hin, in das der Fremde von gestern Abend -Namen und Adresse eingetragen hatte. - -»Nein!« antwortete der Dicke. - -»Dann bin ich Ihnen auch nicht beim Einundzwanzig 20000 Mark schuldig -geblieben?« - -»Meine Zeit ist kurz bemessen. Ich erwarte einen Geschäftsfreund,« sagte -der Dicke und zog seine Uhr. - -»Ich überlasse Sie sofort Ihrem Freund, mein Herr, und bitte nur noch -eine Frage stellen zu dürfen. Es ist nicht meine Schuld, daß ich Sie -belästige. Ich bin irgendwie irregeführt worden.« - -Der andere nickte. - -Hull fuhr fort: »Ist Ihnen dann vielleicht ein Herr bekannt, der große -graue Augen hat, etwa sechzig Jahre, weiße Favorites, grauer Zylinder, -elegant diskret gekleidet, große Nase, und der auch Herr Balling heißt?« - -»Ich kann Ihnen immer nur nein sagen!« antwortete Balling von Zimmer Nr. -15. - -Da empfahl sich Hull. Er fragte unten, ob nicht ein zweiter Herr Balling -im Hotel wohne? - -Nein! - -Ob Zimmer Nr. 15 nicht vielleicht von einem inzwischen verreisten Herrn -Balling ...? - -Nein! - -Ob die Schrift hier bekannt sei? - -Nein! - -Zum ersten Male in meinem Leben kann ich eine Spielschuld nicht an den -Mann bringen, sagte sich Hull, als er das Hotel verließ. - -Allmählich aber wurde er unruhig. - -Welche geheimnisvollen Zusammenhänge! So etwas war ihm nie geschehen. Er -hatte gewonnen ... verloren ... viel und wenig. Er war in Geldnöten -gewesen. Er hatte Pech mit einem Mädchen gehabt. Er hatte sich einmal -seriös auf Pistolen geschossen. Aber das konnte man alles mit der Hand -greifen sozusagen ... - -Doch diese Geschichte mit dem Herrn Balling und den 20000 Mark flatterte -immer irgendwie hinter einem. Er hatte vergessen, daß er selber den -Fremden in den Klub gebracht. Er hatte gespielt, als habe er den Kopf in -einem Sack. Er war 20000 Mark schuldig geblieben; der andere gibt eine -Adresse an, die zwar besteht, aber nicht die seinige ist, und auch das -Geld will er nicht haben ...? - -Wenn nicht Hull gerade ohne Geliebte gewesen wäre, so hätte er sich -mitteilen können. Nun fraß er es in sich hinein, während er über den -Lenbachplatz und die Promenade hinaufschlenderte und allen Menschen ins -Gesicht schaute, ob nicht vielleicht zufällig der alte vornehme Herr -unter ihnen komme. Er ging ins Café Bastin und schaute jedem, der dort -saß, unter die Nase. Er setzte sich hin und wartete darauf, ob nicht -vielleicht, wie er sich sagte, der ^genius loci^ seinen Erinnerungen -unter die Arme greife. - -Aber es endigte alles in einem wüsten Durcheinander. Er fand sich immer -weniger zurecht und bekam allmählich mit einer kleinen, aber zähen -Beunruhigung zu tun. Es war ihm, als liefe unsichtbar neben ihm eine -zweite Kraft, die mit ihm nichts zu tun hatte, als daß sie darauf drang, -auf ihn aufzuhocken wie ein Affe und ihn zu irgendwelchen bösen -Abenteuern zu führen. - -Hull drückte sich daran vorbei, in seine einsame Junggesellenwohnung zu -gehen. Da traf er Karstens. Er rief ihn erleichtert an. - -Aber Karstens fragte: - -»Nun, ist dir die Erinnerung gekommen?« - -»Mein Lieber, mir geht es böse!« - -»Mit den 20000?« - -»Da sind sie!« Er klopfte auf die Brusttasche. »Nein, die will keiner -haben, denke dir. Im Zimmer Nr. 15 im Excelsior wohnt ein Herr Balling, -aber es ist nicht der meinige. Wir haben uns nie gesehen. Er hat nie -Einundzwanzig gespielt, und niemand ist ihm 20000 Mark schuldig. Ich -werde die 20000 Mark nicht los! Aber dafür bekomme ich das Gruseln. Es -geschieht etwas mit mir. Wer ist um mich? Und ich sehe ihn nicht! Mit -mir wird es noch böse gehen!« - -»Auf in den Klub! Vielleicht kommt dein Herr Balling, sich heute sein -Geld selber holen!« - -»Und der wirkliche Herr Balling von Zimmer 15 im Excelsior?« - -»Ja, Mensch, du hast Sorgen! Ich gestehe dir's zu. Komm!« - -»Gut! Vielleicht kommt er.« - -Abends im Klub kam es nicht zum Spiel. Der Fall regte die Phantasien -dermaßen auf, daß niemand den Pfeffer des Hasards nötig hatte. Man -überhäufte Hull mit dummen oder gleichgültigen Ratschlägen. - -»Emil,« fragte einer den Diener, »wie war denn sein Auto?« - -»Förstklassig, Herr Baron, etwa ein Zwanziger zumindest, geschlossen, -elegant, eine Karosserie wie die Wiege eines Kronprinzen, wenn man -diesen Vergleich heute noch machen darf, so ... gerundet, geschweift, so -... so ... Er setzte mit einem Sprung von fünf Metern an und fort war -er. Seine 24 hatte der Wagen. Aber auf die Finger habe ich ihm geschaut, -wie er das Sauglück gegen den Herrn von Hull gehabt hat. Reinlich -gespielt hat er.« - -Mehr erfuhr man nicht über den Fremden. Es meldete sich niemand weder im -Klub noch bei Hull, um die 20000 Mark einzukassieren oder Revanche zu -geben. - -Hull lernte tagsdarauf ein Mädchen kennen, das in der Bonbonniere -Grotesktänze aufführte. Sie war halb mexikanischer Abstammung, sagte -sie. Sie beschäftigte ihn sofort in ausgiebigem Maße, lenkte ihn ab, und -bei ihr befreite er sich rasch vom Druck der 20000 Mark, die er nicht an -den Mann bringen konnte. - -»Es war halt bestimmt, daß du sie an die Frau bringen solltest,« sagte -ihm Karstens, als er diesen von der wieder zurückgekehrten Sorglosigkeit -unterrichtete. - - - - - II - - -Etwa vierzehn Tage später waren die Kreise der Menschen, in denen das -Leben des Tages nur ein langweiliges Verplempern von Zeit ist, vor -Anbruch der Stunde des Spiels, in der die Nerven aus dem Blut Spannung, -Leben und Kraft pumpen, mit der Märe eines Fremden erfüllt, der, wo er -in einen Spielsaal eindrang, sich mit Geld belud. - -Es war immer ein anderer. Es war bald ein junger Sportsmensch, bald ein -gesetzter Provinzpapa, bald ein blondbärtiger, wie ein Künstler -zurechtgemachter Mann, bald ein entsprungener Raubmörder ... bald ein -entthronter Fürst ... heute Franzose, morgen aus Leipzig ... er verschob -im Nebenberuf Steinkohlen von der Saar über die Schweiz nach Bayern oder -machte Valutageschäfte mit Neuyork und Rio de Janeiro. Es war immer ein -anderer, aber die Phantasie legte die verschiedenen Bilder übereinander -und machte eines daraus. - -Geschlossene Gesellschaften gab es ja nicht mehr. Das Geld war ein -Schlüssel auf alle Schlösser, ein Pelzmantel bedeckte jeden Beruf, wenn -man ihn anhatte, und eine Brillantennadel überstrahlte jeden Charakter. -Man kam, in welche Gesellschaft man wollte. - -So war keiner mehr vor dem anderen sicher, und in jeder Gesellschaft -wurde der Sagenhafte, wurde der Glücksspieler an jedem Abend erwartet -und gefürchtet. Jeder Nachbar konnte es sein. - -Bei den Behörden liefen Klagen über räuberische Spieler ein. Es konnte -ihnen wohl in keiner Weise Falschspiel nachgewiesen werden. Aber ihr -Glück im Spiel war derart, daß man nicht glauben konnte, es ginge von -allein. - -Hull kam jetzt durch die Dame aus der Bonbonniere in mehrere -Gesellschaften, in denen gespielt wurde. Er hörte viel von dem -Spielräuber und von verschiedenen Seiten, denn die Kulissenleute -beschäftigten sich gern mit solchen Erscheinungen, die, wie ihr eigenes -Leben, den Rahmen des ans Alltägliche Gebundenen sprengten, und waren -bedacht, es ins große Phantastische, aus unheimlichen Kräften sich -Nährende abzuschieben. - -Aber Hull hatte einen kleinen, alltäglich gescheiten Kopf. Er dachte -wohl noch immer an die Geschichte seiner 20000 Mark, jedoch mehr von dem -heiteren Punkt aus, daß er sie nach einer radikal anderen Richtung -untergebracht hatte als derjenigen, zu der sie bestimmt gewesen waren. -Er wußte heute, wo er sich gänzlich von dem Vergessen-Spuk befreit hatte -und immer mehr zur Überzeugung gekommen war, seine Freunde hätten ihm -mit jener Nacht einen konsequenten, aber schlechten Scherz serviert, daß -sein Schuldschein und die 20000 Mark erledigt seien, und daß das einzig -Anrüchige an der Sache jener Balling gewesen war, der irgendwie mit -seinem Spielglück trotz des Dieners Emil sich nicht sicher gefühlt habe. - -Um so mehr war er erstaunt, als sich bei ihm eines Tages ein Herr von -Wenk meldete und ihm die Geschichte aus jener Nacht neu aufgewärmt auf -den Tisch stellte. - -Hull verhielt sich ablehnend. - -Aber da sagte der andere, er sei Staatsanwalt. Der Herr von Wenk wurde -in den höflichsten Formen sogar zudringlich und zog ein Schriftstück -hervor. Das sei er gezwungen, in seiner Eigenschaft als Beamter -vorzulegen, wie er sagte. - -Hätte Hull sich wenigstens mit der Cara Carozza, der Freundin aus der -Bonbonniere, besprechen können, statt allein da vor dem Mann zu sitzen -und allein nachzugrübeln, was zu sagen oder wegzulassen für seine -Bequemlichkeit am zuträglichsten wäre. - -Er befand sich wohl in seinem Liebesglück mit Cara Carozza und hielt -nicht im mindesten darauf, im Namen der Tugend des Landes von alten -Speisen zu essen. - -»Sie unterhalten, verübeln Sie mir die Einmischung in so persönliche -Verhältnisse nicht, Beziehungen zu Fräulein Cara Carozza von der -Bonbonniere,« sagte nun gar der Besucher. - -»Uff, mein Gott!« seufzte es in Hull. - -»Können Sie mich mit der Dame zusammenbringen? In Erfüllung meines -Amtes, das mir der Staat übertrug. Wenn ich Sie freilich bitten dürfte, -dem Fräulein gegenüber mich als Privatperson gelten zu lassen. Unnütz, -Ihnen zu versichern, daß ich Sie für einen durch und durch makellosen -Mann halte, der vollkommen unverdächtig ist. Auch über die Dame ist mir -Nachteiliges nicht bekannt. Sie erweisen aber dem Land und -wahrscheinlich sich selber einen Dienst. Sie stehen von heute an -unmittelbar unter dem Schutz der Polizei. Beunruhigen Sie sich nicht. -Noch ist das nichts anderes als eine vielleicht übertriebene Vorsicht. -Sie sollen jedoch sicher sein, in keiner Weise an den Diensten zu -Schaden zu kommen, die Sie Volk und Staat zu erweisen in der Lage sind.« - -»Wie soll ich das alles verstehen, Herr Staatsanwalt?« fragte Hull -unsicher. - -»Sie werden sich doch Gedanken über Ihren glücklichen Gegenspieler -gemacht haben?« - -»Ganz offen gesagt, ich hatte eine Weile Angst, Herr Staatsanwalt. Es -schien mir etwas Unheimliches bei der Sache zu sein. Schließlich habe -ich mein vermutliches Vergessen, daß ich selber jenen Herrn mitgebracht -hätte, auf einen schlechten Spaß meiner Freunde geschoben.« - -»Aber dieser Herr Balling, der im Hotel ein anderer war als abends zuvor -im Klub?« - -»Der ist mir noch heute unklar. Man gibt sonst falsche Adressen an, um -zu prellen. In diesem Fall aber war es geschehen, um 20000 Mark nicht zu -bekommen.« - -»Könnten Sie es sich nicht so erklären,« fuhr der Staatsanwalt fort, -»der fremde alte Herr muß in irgendeiner Weise falsch gespielt haben? Er -begnügte sich, vorsichtig oder gewarnt durch einen Zufall, dessen -Kenntnis sich Ihnen entzieht, mit dem Geld, das er in bar gewonnen -hatte. Er nannte einen Namen, der ihm gerade einfiel und von dem er -durch irgendeinen Zufall Kenntnis hatte. Wenn nicht der Herr Balling vom -Nachmittag im Excelsior nichts anderes als eine Ummaskierung des Herrn -Balling aus Ihrem Klub war. Aber Sie sagen ja, der erste sei ein -kleiner, dicker Mann gewesen, der andere aber von auffallender -Körperform ... Spielen Sie noch, Herr Hull?« - -»Ein bißchen, so dann und wann!« - -»Zusammen mit Fräulein Carozza? Ich bin mit einem Ihrer Kameraden -befreundet. Mit Karstens! Er wird mich Ihnen vorstellen, und wir werden -eine Bekanntschaft gesellschaftlich erneuern, der amtlich vorgegriffen -zu haben mir nicht allzu sehr verübelt werden möge. Ich hoffe, Sie auf -meine Seite zu bekommen.« - -Dann ging Wenk. Er begab sich in sein Amtszimmer. - - * * * * * - -Wenk hatte einen Monat vor diesem Besuch in einem Prozeß, in dem er als -Staatsanwalt wirkte, zum ersten Male gesehen, wie die Spielwut als eine -Seuche die Stadt fiebern machte. Er selber liebte den Anreiz, den das -Hasardspiel der Phantasie und den Nerven und die Abwechslung, die es -seinem Beruf zwischen Anwälten, Richtern, Angeklagten gab. Früher hatte -er regelmäßig gespielt. Nicht aus Leidenschaft, aber mit einer eifrigen -Liebe, im Spiel die Macht über eigene Beherrschung ausprobierend, -Menschen beobachtend und dem reizvollen, nervenbadenden Zickzack des -Glückes anheim gegeben. - -In dem Spielerprozeß hatte er erlebt, welche Gefahr dem Volk durch das -Spiel drohte. Das Auslaufen des Krieges in den keineswegs abspannenden -Zustand, den die Bedingungen von Versailles dem deutschen Volk brachten, -hatte die Phantasie nicht beruhigt, sondern hielt sie angestachelt. - -Die Heeresberichte waren vielleicht die erste Schuld gewesen. Sie waren, -oft wochenlang, monatelang, wie eine Lotterie fürs ganze Volk gewesen. -Dann hatte bald jene verhängnisvolle Bewegung eingesetzt, mit der von -den Kriegsbehörden ganze Kreise des Volles systematisch in Spielwut -versetzt wurden, um sie für die Zwecke der Heeresleitung gut gestimmt zu -halten: die gesteigerten Löhne der Kriegsarbeiter und das Nachwerfen von -Geld an die Industrie. Der Handel hinkte nicht lange nach. Überall -wurden Schleusen geöffnet, und in dem Maße, als die Waren seltener -wurden, begann das Geld über alle Dämme zu schwemmen. Es war Wenk klar, -daß jene Menschen in den hohen Stellen der vergangenen Zeit, die -glaubten, die Seele des Volkes mit Geld zu kaufen, schuld an dem -verhängnisvollen Ausgang des Krieges für Deutschland und so auch schuld -an der politischen Entwickelung waren. - -Sie hatten an Stelle der unvergänglichen, zu aller Entsagung, zu voller -Pflichterfüllung gegen die Allgemeinheit bereiten Seele einen Götzen -- -das Geld gesetzt. Der Tanz um ihn erfaßte das ganze Volk. - -Der Krieg hörte auf. Das Geld hatte an Wert verloren und beherrschte -doch mehr als jemals das Leben eines Volkes, dem der äußere Erfolg, der -äußere Glanz genommen worden war. - -Hunderttausende waren durch den Krieg an ein untätiges Leben gewöhnt -worden. Dies Leben war durch Jahre nichts anderes gewesen als eine -Lotterie um Sein oder Nichtsein. Es hatte sich in nichts anderem -betätigt als einesteils im Bewußtsein der Macht über Nebenmenschen und -andernteils rein in den Nerven. Hirn wie Gemüt waren verhängt worden. - -Sie brachten in die von nun an lebenssicheren Verhältnisse, in die sie -aus dem Krieg herauskamen, die immer zum Spiel gespannte Phantasie. Sie -waren immer gewohnt und entschlossen, auf eine Karte zu setzen. Sie -führten das ehemalige Leben weiter, indem sie die Atmosphäre der -Zufälle, der rasch aber hastig und vorübergehend die Nerven betäubenden -Zustände aus der Kriegszone in das ganze zum Frieden zurückgekehrte Volk -warfen, sein Klima zu ihren Bedürfnissen umschufen. - -Das war begreiflich, gewiß! Aber die bestimmt waren, die Geschicke des -Volkes über den laufenden Tag hinaus zu leiten, müßten nun mit letzter -Selbstverleugnung am Werk sein. Dann wäre eine Genesung zu erhoffen. - -Der Spielerprozeß hatte Beispiel über Beispiel gezeigt, wie die -Entwickelung sich gemacht hatte. - -Dieser Prozeß hatte Wenk weit herum in den Gesellschaften geführt, die -in dem neuen Laster -- im Spiel -- lebten und auch von ihm lebten. Seine -Überzeugungen waren verankert, seine Kenntnis und sein Erkennen der -Gefahr schreckhaft vergrößert worden. - -Man spielte im Sous-sol um fünf und im ersten Stock um Fünftausende von -Mark. Man spielte straßein, straßaus, hausauf und -ab. Man spielte mit -Karten, mit Waren, mit Gedanken und mit Genüssen, mit der Macht wie mit -der Schwäche, mit dem Nächsten wie mit sich selber. - -Heute spielten auch die Menschen, deren Natur das Spiel nicht lag, die, -bequem und gelassen, gewohnt waren, Gelegenheiten abzuwarten und nicht -sich ihnen entgegenzuwerfen. - -Wenk war ein Beamter gewesen, der sein achtunddreißigstes Jahr in einer -ebnen und gut temperierten Karriere erreicht hatte. Im Krieg hatte er -sich bei den Fliegern als Freiwilliger gestellt, weil er Liebe zum Sport -hatte und von seiner lebhaften Jugend her die Erinnerung an den Reiz der -Gefahr in sich bewahrte. Diese Tätigkeit hatte ihn aufgepulvert, und er -ging in seinen Beruf mit heftigeren Gefühlen zurück, als er ihn -verlassen hatte. Der Spielerprozeß und was er in seiner Atmosphäre -gesehen, hatte ihn aufs leidenschaftlichste aufgerührt. - -Er war sofort zum Minister gegangen, hatte geschildert, was er gesehen -und erkannt, und ihm dargestellt, daß gegen diese neue Cholera gekämpft -werden müsse, sonst zermürbe sie den Volkskörper. Bei der Wertlosigkeit -des Geldes und den gesteigerten Bedürfnissen könne sich das Volk nicht -anders helfen, als die zahllosen Papierscheine rastlos immer wieder aus -einem Besitz in den andern zu jagen. Der normale Produktions- und -Vertriebsverkehr ergäbe dazu aber nicht das nötige Tempo und beanspruche -auch Arbeit. So geschehe es nach und nach, daß das Spiel den Herzschlag -hergeben müsse, in dem das wirtschaftliche Leben pulsiere. - -Der Minister lächelte. Er war ein neuer Mann. Er sagte: »Unser Volk ist -gesund. Sie sind ein Pessimist!« - -Aber Wenk fuhr gegen ihn an: »Es ist durch und durch krank! Woher kann -es gesund sein -- nach solchen Jahren und einem solchen Leben?« - -Da gab der Minister, der sich unsicher fühlte und nichts unversucht -lassen wollte, nach und schuf einen neuen Posten, den Wenk einnahm. - -Der ehemalige Staatsanwalt und Beamte wurde wie in einem Wirbel in sein -neues Amt aufgerissen. Er widmete ihm alle Anstrengung und Energie. Er -schaffte sich nicht zu seinem Titel einen Klubsessel und ein bequemes -Bureau, sondern bildete sein Amt vom geringsten auf, ward Spitzel und -Detektiv, unermüdlich immer sich selber hinausstellend, sammelnd, was er -erreichen konnte. Alles tat er selber. So war er bald, da er das geringe -Ausmaß seiner Kräfte im Kampf gegen die Ausdehnung des Lasters früh -erkannte, auf den Gedanken gekommen, aus den Kranken selber eine Garde -zu schaffen. - -Und er fing bei jenen Menschen an, deren Reichtum nicht wie ein -zugelaufener Hund im Haus herumlief, sondern die durch ihren -Zusammenhang mit der Gesellschaftsordnung, die gestürzt war, politisch -und menschlich in die Opposition gedrängt worden waren. - -Er wußte: Keines Schuld an den bestehenden Verhältnissen war stärker als -die dieser Menschen, weil sie zu einer Zeit, wo Widerstand nötig gewesen -wäre, feig sich versteckt hatten. Aber er wußte auch, daß in ihnen eine -neue Entschlußkraft emporwollte, daß sie gut zu machen sich sehnten, was -sie gesündigt hatten. - -Das waren vor allem die reichen jungen Männer ohne Beruf. In der -Formlosigkeit, in die die Entwertung und Verschiebung des Geldes das -Land gestürzt hatte, war es ihnen verwehrt, ihr bisheriges Leben -fortzuführen. Ihre Gesellschaft hatte sich mit neuen Reichen durchsetzt, -die sie gebrauchten, weil sie sich von ihnen gebrauchen ließen. - -Der Staatsanwalt von Wenk hatte sich an ehemalige Korpsbrüder gewandt, -von denen das unterschiedliche Leben seines Amts ihn seit langem -getrennt hatte; und den er zuerst wiedergefunden und auch gewonnen -hatte, war Karstens gewesen. Von ihm hatte er Hulls sonderbares und -verdächtiges Spielabenteuer mit allen Einzelheiten erfahren. - -Er verglich die Geschichte Hulls mit dem Material, das sich rasch bei -ihm gesammelt hatte. Es kamen immer neue Klagen über räuberische -Spieler, die so ausgezeichnet arbeiteten, daß ihnen ein Makel nicht -nachgewiesen werden konnte, so andauernd aber gewannen, daß nichts -anders denkbar war, als daß sie dem Glück nachhalfen. - -Wenk war geneigt, aus einigen, wenn auch sehr weitläufigen Ähnlichkeiten -alle diese Fälle auf eine zusammenarbeitende Bande zurückzuführen. Ja, -er hatte den Eindruck, als sei hier ein einzelner Mann am Werk. Aber -dieser Eindruck war nur gefühlsmäßig. Hulls Erlebnis war nun in dieser -Reihe das sonderbarste, rätselhafteste und gefährlichste. Aber Wenk -witterte, daß in ihm dafür auch der Schlüssel zu den andern läge. - - * * * * * - -Als Wenk gegangen war, stritt Hull lange Zeit mit sich. Die -unnachsichtige Form, in der Wenk bei aller Höflichkeit bei ihm auftrat, -hatte auf ihn gewirkt. Er ahnte, was der Staatsanwalt wollte. Denn er -selber mußte sich oft unzufrieden erklären mit seinem Leben, wenn auch -meist die Bequemlichkeit derartige Gedanken von ihm fern hielt. - -Er hätte in gewöhnlichen Zeitläuften hemmungslos und ohne Bedenken sein -genießerisches Leben so lange geführt, bis seine Gesundheit ihm das -übliche Ende gesetzt hätte, oder bis es in eine der herkömmlichen oder -unvorhergesehenen Ehen ausgegangen wäre. - -Hull stimmte nicht überein mit dem Verlauf, den die Dinge in Deutschland -nach Versailles genommen hatten. Zugleich fragte er sich: Wo warst du -1918, als die Wendung kam? Und früher, als sie sich vorbereitete? Bist -du nicht mit schuld, du, Hull und ihr alle? ... Das meinte der -Staatsanwalt. - -Aber Hull sah in sich nicht das geringste jener Persönlichkeit, die zur -Rettung fehlte, und er schüttelte das Bedenken von sich ab, fuhr zu Cara -Carozza und erzählte ihr vom Besuche Wenks. »Um Gottes willen, bringe -uns nicht in die Tinte mit deinem Staatsanwalt, lieber Gardi,« sagte -die. - -»Aber ... aber ... spielen wir falsch? Betrügen wir? Wuchern wir, -schieben wir? Wir lassen uns doch nur leben. Wo denkst du hin, -Maidscherl?« - -»Gardi, ein aufgefaltetes Spiel Karten ... ein Bankhalter ... -geschlossene Türen und ein Staatsanwalt! Das kann einen an den Galgen -bringen!« - -»Ich versprach's ihm aber!« - -»Dumm!« sagte sie nur mehr. »Du hättest dich anders herausziehen können. -Die Escha bringt heute ihren Freund mit. Wir gehen zu Schramms. Karstens -telephonierte vorhin, er komme auch.« - -»Dann kommt Wenk sowieso. Also gut, es ist nun einmal so!« - -Der Oberkellner des kleinen Weinrestaurants von Schramms, das sich -kürzlich in einer der vornehmen Villenstraßen aufgetan hatte und von -einem raffinierten Kunstgewerbler in einem verschrobenen Geschmack -ausgestattet worden war, führte Karstens und Wenk nach dem Nachtmahl in -einer Loge nach hinten und eine Wendeltreppe hinauf in ein Zimmer, das -keinen anderen Ausgang und überhaupt keine Fenster zu haben schien. - -In der Mitte des Sälchens stand ein Tisch von einigem Umfang, oval, aber -bei jedem Sessel zu einer Nische ausgehöhlt, in die sich der -Platzinhaber hineinsetzen konnte, so daß die Tischplatte rechts und -links unter seinen Ellbogen ihn umfloß. Die Platte war aus einem barock -geäderten, flammigen Kiefersfeldener Marmor. Nur in der Mitte war ein -vollkommen weißes Oval eingelassen. Um den Tisch herum, hinter den -Sesseln der Spieler erhöhte sich der Fußboden, aber die Wände waren mit -verdehnten Liegediwans ganz angebaut, auf denen mild himbeerfarbene -Polster mit schwarzen Ornamenten aufquollen. Eine gläserne geschliffene -Tonne hing an Messinggestäng tief über den Tisch und erstrahlte von -elektrischen Birnen, die aus silbernen Armen niedergriffen. Die Wände -oberhalb der himbeerfarbenen Polster waren mit demselben freudigen -Marmor belegt, aus dem die Tischplatte bestand. - -Wenk wurde der Carozza vorgestellt. - -»Ich konnte den Mund nicht halten, Herr Staatsanwalt. Meine Freundin ist -unterrichtet. Verübeln Sie mir das nicht, bitte!« - -Wenk machte eine leichte Verbeugung, in der ein Bedauern nicht -unterdrückt war. - -Für Karstens und Wenk waren Plätze am Tisch zurückbehalten worden. Sie -setzten sich mit Verbeugungen, aber ohne daß jemand sie weiter -vorstellte. - -Man spielte Bakkarat. - -Karstens neigte sich zu Wenk: »Nur der junge Mann mit dem blonden -Vollbart ist fremd. Die andern spielen immer hier.« - -Wenk warf einen Blick auf den Genannten und traf dessen Augen. Er sah, -daß auch sie ihn anschauten, und er blickte gleich über sie weg in die -Höhe. Aber er fühlte, daß der andere gemerkt hatte, man habe von ihm -gesprochen. So oft in der Folge er nun zu dem Fremden hinüberblickte, -fand er dessen Augen wie aufpassend auf sich liegen. - -Der Fremde spielte kühl und zurückhaltend. Er verlor oft. Da ließ Wenk -seine Aufmerksamkeit von ihm und wandte sich den andern zu, die er der -Reihe nach beobachtete. Sie waren alle mit ihren Blicken in dem weißen -Oval, auf das die Karten aufgeschlagen wurden. Selten kehrte einer den -Blick ab. Es waren Herren in Frack und Damen, dekolletiert und übermäßig -modisch gekleidet. Das Spiel hatte sie ins Genick gebissen und ritt auf -ihnen. - -Da ist niemand, sagte Wenk sich. Es sei denn der mit dem blonden -Vollbart. Er begann wieder, ihn zu beobachten. Aber es fiel ihm nichts -anderes auf, als daß jener seine Blicke erwiderte. Wenk widmete zugleich -der Carozza seine Aufmerksamkeit. Er sah sie hingegeben spielend neben -Hull sitzen, aus dessen Kasse sie sich bediente, wenn sie verlor. Gewann -sie, so häufte sie aber das Geld vor sich auf. In einem Spieler zu ihrer -andern Seite glaubte er einen bekannten Tenor der Staatsbühne zu -erkennen, dessen Bild oft in den Schaukästen hing. - -»Ist das Märker?« fragte er Karstens. - -Der nickte. - -Wenk gewann etwas. Er spielte nicht länger, als bis er sich überzeugt -hatte, daß für ihn nichts los sei. Dann überließ er seinen Platz einem -älteren Herrn, der schon eine Weile hinter ihm saß und ihm mit -Bemerkungen über seine Art zu spielen lästig gefallen war. Er setzte -sich in eines der Polster und schaute noch ein Stündchen dem Spiel zu. -Dann empfahl er sich. Karstens ging mit. Hull blieb mit der Carozza. Als -Wenk schon einige Stufen hinuntergegangen war, blickte er nochmals zum -Tisch zurück. - -Da war es ihm, als ob der Blondbärtige mit seinen großen mausgrauen -Augen gierig sein Fortgehen verfolgte und dann blitzschnell, wie in -einer bezwingenden Drohung die Augen auf die Carozza richtete. Aber es -mochte auch eine Täuschung des Lichts sein. Als Wenk unten an der Treppe -angekommen war, stand er unversehens einen Blutschlag lang Brust an -Brust mit einer Dame, die die Hand schon auf das Treppengeländer gelegt -hatte. Er sah ihr mitten in die Augen. Betroffen trat er zurück, indem -er sich tief wie zu einer Huldigung verneigte, und ging. Er wollte zu -Karstens sagen: - -»So schön sah ich nie eine Frau!« - -Dann aber kam ihm das wie ein Verrat vor, und er trug, mit Wünschen -umbrennend, das rasche Bild ihrer Erscheinung schweigsam durch die -Nachtgassen. Zu Hause geriet er bald in Schlaf. Doch die zwei mausgrauen -Augen, die viel älter waren als der gepflegte leuchtende Bart, hockten -ihm im Schlaf auf die Brust und versuchten, das rote As unmittelbar aus -seinem Herzblut herauszumischen. - -Als er am Morgen erwachte, empfand er jedoch nichts als eine weite -Sehnsucht, die Frau an der Wendeltreppe wiederzusehen. - - - - - III - - -Am Abend darauf war Wenk in der Nähe von Schramms zu einem musikalischen -Abend geladen. Eine junge Klavierspielerin spielte moderne Geräusche. -Wenk langweilte sich, ward unruhig und die Beute von immer abirrenden -Vorstellungen. Es war ihm, als verabsäume er irgend anderswo etwas. Das -wurde so quälerisch in ihm, daß er sich heimlich aus dem Haus entfernte -und nur der Dame des Hauses eine Entschuldigungskarte hinterließ. - -Er kam bei Schramms vorbei und wollte hastig vorübergehen. Da fiel ihm -ein, auf dem ersten Stockwerk der Villa, in der dies neue Speise- und -Spielhaus war, nach den Fenstern des Sälchens zu schauen, in dem er -gestern abend gespielt hatte. Die Fassade hatte unten im Hochparterre -große Fenster, hinter denen malvenfarbene Vorhänge ein sachtes Licht -spendeten. Auf dem ersten Stockwerk waren nur vier Fenster. Doch alle -sah er leblos und dunkel. Da sagte er hinauf: »Und hinter euch -lichtlosen Fenstern leuchtet doch ihr Licht ... ihr Licht.« Da ging er -hinein, voll von Hoffnung, die Frau wiederzusehen. - -Der Oberkellner kam sofort auf ihn zu, nahm Hut und Mantel, indem er -flüsterte: »Marmortisch?« und den Gast gespannt anschaute. Das war, wie -es schien, das Losungswort für die Wendeltreppe. Wenk nickte: Ja. Der -Oberkellner ging rasch vor ihm her nach hinten. Wenk folgte gemessen. -Dann wurde er die Wendeltreppe hinaufgeleitet. - -Der erste Mensch, den er am Spieltisch sah, war der Blondbärtige. Er saß -in seiner Nische, mit breiten Schultern vorgebückt, die Augen fast -erstarrt über den Tisch scheinbar auf einen Spieler geheftet. Er saß da, -aufgeballt, wie ein Raubtier, das seiner Beute schon einen Tatzenhieb -versetzt hat und wartet, was das Opfer noch tun könne. Er schien nur -Muskel zu sein. Diese Empfindung hatte Wenk. Sie flog ihn so stark an, -daß er erschrak. - -Ein Platz war leer. Er setzte sich und zog seine Geldtasche. Er war -durchkreuzt von Vorstellungen, als ob etwas am Tisch geschehen sei. Er -sah die Spieler, niedergebeugt über die Gier ihres Erwartens, rundum -hocken. Sie waren allein einer deutlichen, wenn auch nicht absichtlichen -Bewegung eines von ihnen zugewandt. - -Der Blondbärtige hielt die Bank. - -Da erst sah dieser auf. Wenk bemerkte, wie er erst unwillig durch die -Störung die Augen zu ihm hob. Dann geschah es, ganz gewiß zu erkennen, -daß der Fremde leis mit dem Gesicht zurückzuckte. Aber mit derselben -Bewegung schon bissen sich seine Kinnladen aufeinander, daß der Bart -rundum sich hochhob. Alles andere war nur Eindruck gewesen. Dies aber -war für Wenk ganz sicher. Ein Schauer überlief ihn wie vor einer -plötzlichen gefährlichen Begegnung. - -In demselben Augenblick drehte der Bankhalter die Karten um. - -Einer sagte: »Basch hat schon wieder verloren!« - -Alle schauten nun deutlich auf den blassen, mageren Mann, dem sie -heimlich zugewandt gewesen, als Wenk eintrat. - -Basch schob mit einer milden, verschlafenen Bewegung die Geldnoten, die -er in das weiße Oval vor sich gelegt hatte, dem Blondbärtigen zu. Der -hackte danach wie ein Raubvogel. Der Verlierer sank zurück, fingerte -eine neue Tausender-Note heraus und legte sie mit derselben langsamen, -traumhaft befangenen Sanftheit vor sich, mit der er die verlorenen -Scheine fortgeschoben hatte. - -»Wieviel verlieren Sie jetzt?« fragte eine Dame vom Polster hinter Basch -her. »Sie werden Glück im Leben haben. Wenn man so verliert! Ich schaue -Ihnen zu wie einem Wettlauf. Sie müssen einen Rekord aufstellen. Im -Verlieren! Dann werden Sie im Leben so glücklich sein, daß ich Sie ...« -Dazu lachte sie verwegen. Da erkannte Wenk mit einem süßen Erschrecken -in seinen Adern in der Sprecherin die schöne Frau, die er gestern an der -Wendeltreppe fast überrannt hatte. - -»Alles fertig!« rief der Blondbärtige mit einer strengen Stimme und -schlug der Sprechenden das letzte Wort vom Mund zurück. - -Basch hatte ihr nicht geantwortet. Er machte nur, als der Bankhalter -rief, eine melancholische darbietende Bewegung der Hand über seinen -Tausend-Markschein, eine Bewegung, lose, verschwommen und geheimnisvoll, -als wolle er das Papier beschwören, dahinzugehen. - -Er schaute seine Blätter an. Er hatte die Hand, und außer ihm hatte -diesmal niemand pointiert. - -»Ich gebe,« sagte der Blondbärtige scharf. - -Basch wiegte träumerisch: Nein, mit dem Kopf. - -Wenk sah den gefärbten, lohenden Haarschopf der Carozza, hoch und lose -aufgetürmt, hinter einem Gesicht leuchten. Aber seine Augen gingen immer -wieder zu der anderen Frau. - -Der Bankhalter kaufte eine Figur und deckte seine Karten auf. Er hatte -nur vier. Auch Basch legte seine Karten um, auf einmal, mit einem -fieberhaften Anlauf. Er hatte drei. - -»Er spielt, als habe er Äther getrunken!« flüsterte Wenks Nachbarin. -»Bei drei keine Karte zu nehmen! Idiotie!« - -Der Blondbärtige im Geldeinziehen warf einen raschen Blick über Wenk. -Der fühlte sich gegen den Gewinner gereizt. Er erhöhte seine Einsätze. -Er gewann, verlor manchmal dazwischen und gewann wieder. - -Basch verlor weiter, jedesmal. Wenk nahm innerlich immer mehr seine -Partei. Er setzte sein Geld, als sei es eine Waffe für Basch und gegen -den Blondbärtigen ... als schlüge er damit auf den Blondbärtigen ein. - -Wenk sah, der Blondbärtige schaute niemanden an als Basch und ihn. Er -nahm also den Kampf auf. Wenk stürzte kopfüber ins Spiel, heißblütig, -von einer dunklen Kraft bezwungen, die gegen den Bankhalter aus seinem -Blut in sein Hirn wuchs. Er verlor sich von sich selber. Er spielte -nicht mehr, um zu beobachten und zu entdecken. Er war dem Spiel -unterlegen. Er spielte wie alle die Menschen, die er dem Spiel zu -entreißen hergekommen war. Er vergaß sogar die schöne Frau. Als er das -leis zu erkennen begann, schämte er sich, und es kam ihm zum erstenmal -am Abend der Gedanke, im Zimmer umzuschauen, ob Hull das nun sähe. - -Aber es war gar nicht Hull, der hinter der Carozza saß. Wenk schaute -vergeblich umher. Hull war nicht da. Die Carozza saß mit einem fremden -Kavalier hinter einem Spieler, mit dem sie gemeinsame Einsätze machte. -Da fand sich Wenk wieder zurück. Er hörte auf zu spielen und verließ -gleich den Saal im Ärger gegen sich. - -Als er auf der Wendeltreppe war, sah er, daß auch der Blondbärtige sich -erhob. - -Wenk hatte sein Auto zur Villa der Musikfreunde bestellt. Daran -erinnerte er sich erst, als er schon ein Stück Weges der Stadt zu -gegangen war. Er ging also rasch zurück und fuhr heim. Er legte sich -gleich ins Bett. Aber er fand keinen Schlaf, weil ihn der Gedanke nicht -verließ, daß er nicht hätte weggehen, sondern bleiben sollen. Daß er -hätte mit Basch sprechen sollen. - -Er stand wieder auf und ging ein Bündel Akten durch, um sein Gewissen zu -beruhigen. Bei diesem Durchlesen von Angaben fremder Menschen bekam er -den Eindruck, sie alle, die in dem Maße verloren hatten, daß sie an -nichts anderes als an Falschspiel glauben konnten, möchten so ähnlich -wie Basch am Spieltisch gesessen haben. Wäre er geblieben und hätte er -sich vernünftig benommen, so hätte er also zum erstenmal Gelegenheit -gehabt, selber zu sehen, was bis dahin sich erst durch fremdes -Bewußtsein durchsieben mußte, bis es zu ihm kam. - -Da war Wenk ganz verzagt. Ich muß anders arbeiten, ganz anders! Der gute -Wille genügt nicht. Fleiß genügt nicht. Selbstverleugnung und -unerbittliche Disziplin und ein wenig mehr Schlauheit! Ich muß auch mit -allen Tricks arbeiten, die der Gegner anwendet ... mit Maskierung, -heimlicher Überwachung ... Ich muß mich selber aufs Spiel zu setzen -vermögen ... muß selber Leimrute sein, um nicht als Gimpel darauf -gefangen zu werden ... Der Herr Staatsanwalt mit einem falschen Bart ... -den Browning im Handballen versteckt ... Jockeymütze und Zylinderhut mit -Perücke und so weiter ... wie im Kino ... - -Vor dem Spiegel beschaute er sein bartloses Gesicht, und er fand, -Grimassen schneidend, den Mund verziehend, die Kinnladen auseinander -spannend, aus Papierfetzen geschnitzte Bartschemen vorklebend, daß sich -sein Kopf zum Maskieren sehr eignen müsse. - -Am nächsten Tage ließ er sich von der Fahndungs-Polizei eine ganze -Ausstattung besorgen. Mit Hilfe eines Fachmannes der Polizei probierte -er alle Requisiten durch, lernte Bärte kleben, durch eine Schminke -Gesichtsfarbe ändern und älter oder jünger machen, Entstellungen durch -Narben und anderes mehr. Er konnte nun als Onkel aus der Provinz, als -roter Eilradler, als Taxameterchauffeur, als Dienstmann, Kellner, -Hausmeister, Fensterputzer, Arbeitsloser und so weiter losgehen. Den -Vormittag über studierte er das kriminalistische Museum durch, das die -Polizei angelegt hatte, begab sich wieder mit Photographien, die er dort -gefunden, zu seinen falschen Bärten zurück und arbeitete mit fanatischem -Eifer. - -So verging der Tag, und abends war ihm, als sei er ein stärkerer Mensch -geworden. Er war zugleich bescheidener und wagemutiger. Er wäre am -liebsten gleich durch alle Spielhäuser der Stadt gelaufen. - -Aber er ging nur zu Schramms. Lang hatte er sich überlegt, ob er nicht -in irgendeiner Ummaskierung dort erscheinen sollte, mehr um sie ein -erstes Mal auszuprobieren und zu lernen, sich sicher darin zu fühlen, -als um etwa unter ihrer Deckung ans Werk zu gehen. Er wurde auch weniger -durch die Aussicht, etwas zu erreichen, hingeführt, als um ein neues Mal -vielleicht den Blondbärtigen spielen zu sehen: er wollte so sich selber -gegenüber gutmachen, was ihm von seinem Versagen am vergangenen Abend -her so peinigend nicht aus der Erinnerung weichen wollte. Auch Basch -hätte er gern gesehen und versucht, mit ihm über das Kartenpech zu -sprechen, unter dem er so gelitten. Er ging also, wie er war. - -Es war schon spät, als er hinkam. Hull war dort. Aber es zeigte sich -weder der Blondbärtige noch Basch. Von dem ersten hörte er nur, er sei -gleich nach ihm fortgegangen, und das sei allgemein aufgefallen. Basch -habe nach dem Weggehen des Blonden wie erschlafft und ohne -weiterzuspielen in seinem Sessel gesessen und sei auf einmal -verschwunden gewesen. Niemand kannte ihn recht. Er sei sonst nie zu -Schramms gekommen. - -Die Frau, die hinter Basch gesessen, schätzte seine Verluste auf -dreißig- bis fünfunddreißigtausend Mark. Der Blonde habe das alles -gewonnen. Er habe aber erst gewonnen, als er die Bank selber hielt. Es -sei wohl alles in Ordnung zugegangen. Der Diener, der die Karten -liefere, sei sehr zuverlässig. - -Unter den Gesprächen über den gestrigen Abend hörte man auf zu spielen. - -Die Carozza sagte: »Es gibt Menschen, die sind zum Spielen geboren, und -wenn sie nur eine Karte in die Hand nehmen, ist es ein As. Sie können -tun, was sie wollen. Es ist stärker als sie. Es ist ihr Geist, ihr -Gott.« - -Aber das glaubte die Escha nicht. Sie meinte, ein jeder Spieler treffe -einmal in seiner Laufbahn auf die Serie der Glücksstunden. Sie lägen -vorbereitet vor ihm, langerhand hingehängt von seiner guten Fee. Denn -sie glaube an die gute Fee eines jeden Menschenkindes. Man dürfe es -nicht aufgeben, diesen Stunden entgegenzuspielen. Man werde sie einmal -pflücken können wie Äpfel im Herbst vom Baum ... - -Den Blonden kannte keiner. Basch hatte ihn mitgebracht. Am ersten Abend -seien sie auch zusammen fortgegangen. Am zweiten Abend zusammen -gekommen. Man hielt ihn für einen entthronten Fürsten. Er war so -herrenhaft und so kurz in der Sprache. Für einen entthronten Fürsten, -der Geld brauche. - -»Es ist mir sonderbar mit ihm,« sagte Hull, »es ist mir, als ob ich -schon einmal mit ihm gespielt hätte ...« - -»Blödsinn!« sagte die Carozza. - -In seinem Innern jedoch lebten diese Vorstellungen sich weiter aus: -Nicht, als ob ich mit ihm gespielt hätte. Als habe er mich in -irgendeiner Weise beleidigt, ganz schwer, bis ins Blut hinein. Aber wie? -wo? wann? das weiß ich nicht. Es ist mir fast, als sei es in einem Traum -gewesen. - -»Böse Augen hat er,« sagte eine Frauenstimme. - -Die Stimme schien Wenk bekannt. Er schaute hin. Vor dem hellen Licht -über dem Tisch war der Winkel so finster wie ein Loch. Er sah niemanden -darin. - -Die Carozza sagte gegen die Stimme im Dunkeln mit einem Ton, der Wenk -gereizt vorkam: »Böse Augen! Was will das sagen! Beim Spiel schaut -niemand darein wie der heilige Aloysius.« - -Aus der finsteren Ecke kam es zurück: »Er sah Basch an wie ein Raubtier -seine zu Tode gehetzte Beute!« - -Wenk rief: »Genau denselben Eindruck hatte ich!« - -Lebhaft erhob er sich und ging auf den Winkel zu, trat in die dunkle -Nische und schrak zurück. Denn die Sprecherin war die schöne fremde -Frau. Wenks Gesicht überströmte Blut. Sein Herz begann zu klopfen, daß -ihm war, als ob die Schläge aus der Brust heraus rundum in den Raum -klopften. Da faßte er sich. Er sagte sich: Das ist nun ganz toll! Ich -suche Verbrecher und bin im Begriff, mich in jemand zu verlieben, den -ich morgen vielleicht ins Gefängnis bringen muß. Das ist blöde! Er nahm -seine Geistesgegenwart zusammen, verbeugte sich vor der Fremden und -fragte: »Es würde mich interessieren, wieso die Gnädigste zu einem -Eindruck kommen, der bis aufs Bild meiner Vorstellung entsprach?« - -»Das kann nichts anderes sein,« entgegnete die Frau lächelnd, »als eine -ungewöhnliche innere Übereinstimmung zwischen mir und dem Herrn -Staatsanwalt!« - -Staatsanwalt? Wenk erschrak. War er hier bekannt? Aber ja doch, durch -die Carozza! Ein Staatsanwalt, Hüter des Gesetzes, Rächer der gestörten -Ordnung und ... selber die Gesetze übertretend. Das war malerisch. Ja, -die Carozza! Er sah aus der Nische in das feurig beleuchtete Zimmer. Der -gefärbte Schopf der Tänzerin flammte zwischen den Köpfen. So, du! -schimpfte er ergrimmt bei sich. Du willst mir meine Mühe verderben, du -... - -Da erinnerte er sich des Blickes, den der Blondbärtige auf sie geworfen -hatte, an jenem ersten Abend, und er vollendete: Du Anreißerin! Denn nun -war ihm der Zusammenhang klar. Die Carozza schleppte dem Blondbärtigen -Opfer herbei. Er drohte: Warte du, ich passe auf! - -»Unsere Übereinstimmung scheint Sie betroffen zu machen,« sagte die -fremde Dame in seine Gedanken hinein. - -»Meine Gedanken wurden in der Tat abgelenkt. Verübeln Sie, bitte, das -mir nicht, gnädige Frau,« bat Wenk, »es ist unverständlich, daß eine -fremde Macht die Kraft Ihrer Nähe zu durchbrechen vermag. Aber es ist -erklärlich ...« - -Er vollendete nicht. Zwei Vorstellungen drängten sich plötzlich in ihm -herauf: Diese Frau war zweifellos eine vorzügliche Beobachterin. Wenn er -eine solche Frau zur Helferin hätte! Aber die andere Vorstellung kam -weit her aus seinem Blut: Wäre es nicht lohnender, all dies Suchen, -Spähen, Listen hinter schlechten Menschen aufzugeben und diese Frau zu -lieben? Sie ist schön wie eine Königin! Sie sieht stolz aus wie eine -Göttin! - -Da spürte er, wie mit einer heftigen Bewegung ihre Hand seinen Arm traf. -»Still!« zischte sie, »bitte!« Zugleich sah Wenk drei Herren in den -hellen Kreis des Zimmers treten. Voran ging ein junger Mann, den er vom -Sehen kannte, weil vor einigen Tagen in einer Ausstellung kubistischer -Maler ihm aufgefallen war, daß jemand die ungewöhnlichsten dieser Bilder -zusammenkaufte. Er fragte nach dem Namen des Käufers. Der Saaldiener -sagte: »Der Graf Told ist es. Dort steht er.« Dieser Graf Told war der -junge Mann, der den anderen voranging. - -»Herr Staatsanwalt,« hörte er die Frauenstimme flüstern, »wollen Sie mir -einen großen Dienst erweisen?« - -»Ich stehe Ihnen zur Verfügung!« - -»Herr Staatsanwalt, ich will ungesehen in den nächsten Minuten diesen -Saal verlassen haben. Können Sie mir dazu verhelfen?« - -»Ja,« antwortete Wenk. - -»Wie kann ich dies machen?« - -»Das ist einfach. Merken Sie sich den Durchgang zur Treppe. Es sind nur -einige Schritte, sehen Sie. Sie müssen sich ihn so merken, daß Sie ihn -im Dunkeln finden. Ich habe mich vergewissert, wie das elektrische Licht -funktioniert. Die Anschalter sind über dem ersten Treppenabsatz. Ich -gehe hin, drehe aus, Sie benutzen die Dunkelheit, um auf die Treppe zu -kommen. Sind Sie an mir vorbei, stelle ich mich jedem in den Weg, der -zur Treppe will, um Sie zu verfolgen oder um an die Schalter zu kommen.« - -»Gut! Ich danke Ihnen!« - -Die Flucht glückte. Als Wenk die Frau unten ankommen sah, drehte er -wieder an, trat mit einem Lächeln ins Zimmer zurück und sagte: »Eine -Spielerei, die nicht die Folgen der gänzlichen Finsternis voraussah. -Verübeln Sie, bitte, es mir nicht.« - -Man lachte. Aber die Carozza stand bleich am Ausgang zur Treppe, wohin -sie mit einem Sprung in der Dunkelheit gekommen war. Sie erholte sich -rasch und begab sich zu Hull zurück, ihn auffordernd, sie heimzuführen. -Wenk schloß sich ihnen an. - -Im Begriff, die Speiseräume zu durchschreiten, sah er, wie der -Oberkellner Hull einen Brief übergab. Hull trat an einen leeren Tisch -unter eine Lampe, riß die Umhüllung auf und zog einen kleinen Zettel -hervor. - -Dann war es, als ob ihn ein unsichtbarer Hieb auf den Sessel -niedergeschlagen hätte. Die Carozza trat auf ihn zu. Er knüllte den -Zettel in die Tasche, erhob sich und folgte der Gesellschaft. - -Draußen trennte man sich. - -Hull kam nochmals zu Wenk zurück und sagte ihm mit hastiger, -aufzitternder Stimme: »Ich muß mit Ihnen sprechen. Noch heute nacht! -Können Sie mich in Ihrer Wohnung empfangen in einer Stunde? Es ist -furchtbar. Ich werde verfolgt!« - -»Da schauen Sie!« sagte Hull, als er kam. - -Er warf mit einer verzweifelten Gebärde ein Kuvert auf Wenks Tisch. Der -öffnete es und entzog ihm ein Kärtchen. Darauf stand: - - »Bestätige, Herrn Balling - - 20000 Mark - (_Zwanzigtausend_) - - zu schulden, zahlbar bis 21. November 4 Uhr nachmittags. - - _Gerhard Hull._« - -»Mein Schuldschein,« sagte Hull tonlos. Und nach einer Weile: »Drehen -Sie um!« - -Auf der Rückseite las Wenk: »Sie sind gewarnt. Meine Sache allein ist -es, daß ich die 20000 Mark nicht einkassierte. Spiel ist Spiel! Eine -Angelegenheit zwischen Ihnen und mir, und kein Staatsanwalt hat etwas -dabei zu suchen.« - -Wenk war erschüttert. »Ja, ja, ja,« rief er immer wieder und fand keinen -andern Laut, um den inneren Sturm auszudrücken. - -Dann nach einer Weile, in der er um Fassung kämpfte: »Wir haben neben -ihm gesessen. Sie, ich! Wir hätten ihn am Arm fassen können, ein jeder -an einem Arm! Sie ... ich! Begreifen Sie?« - -»Ich bin verfolgt!« flüsterte Hull, der für nichts anderes als für seine -eigene Bedrängnis Gefühl hatte. - -»Begreifen Sie! Wissen Sie, wer Balling ist? Ihr Balling? Ihr alter -vornehmer Herr? ... Der mit dem blonden Bart ist es, von Schramms der. -Das ist auch Ihr Balling! Himmel ... Himmel ... Wir hätten ihm die Hand -auf die Schulter legen können!« - -Hull öffnete nur den Mund. Jetzt wußte er, weshalb ihm der Blondbärtige -bekannt vorgekommen war: die großen grauen, brutalen Augen! »Ja,« sagte -er nur, »es ist derselbe!« - -»Er ist entwischt!« rief Wenk. »Jetzt kommt er nicht mehr zu Schramms. -Und Sie, Herr Hull, müssen wir weiter unter unsere Obhut nehmen. Aber -kommen Sie uns entgegen und seien Sie nie unvorsichtig.« - - - - - IV - - -Hull ging, und Wenk, allein gelassen mit dem Eindruck des Erlebnisses -dieses Abends, fragte sich: Weshalb hat die schöne Frau auf die -geheimnisvolle Weise fortgehen müssen? Habe ich wiederum versagt -vielleicht? Habe ich mit der Hilfe zur Flucht selber vielleicht die Hand -gegeben gegen mich und mein Werk? Er geriet in eine steigende Bewegung. -Er schob den zweifelnden Gedanken an die Frau fort. Nein, er fühlte, -ihrer konnte er sicher sein. Und nun setzte das Erkennen der -Zusammenhänge, die sich zwischen Hull und dem Spieler und anderen -Erscheinungen und diesem aufgedeckt, sein ganzes Hirn in eine -beschwingte Fruchtbarkeit. Er hörte über seinem Leben den Flügelschlag -eines neuen, starken und vergrößerten Daseins. Er bestand Kämpfe des -Leibes, der Phantasie, der Nerven, des Spürsinns, der Energie und -Ausdauer, der Menschenkenntnisse und des Menschenbeherrschens. - -Aus seinem Mund lösten sich die Rauchwölkchen der Zigarre, die er eine -nach der anderen verbrannte, und schwebten über ihm. Es lenzte, stürmte, -Sonne schien, Sturm prallte ihm durchs Blut. Seine Muskeln tanzten in -eingebildeten, heldenhaft überstandenen Kämpfen mit dunklen großen -Riesen, die Mitmenschen erwürgen wollten. Er hatte jemanden bei einem -falschen, rotblonden, Männlichkeit vortäuschenden Bart gefaßt. - -Aus der nachtbesessenen Stadt stürzte die Zeit herauf in das Zimmer, die -mit Gefahren, Forderungen, neuen Spannungen wie eine Hochstromleitung -geladene Zeit. Verlangte Menschen. Verlangte von allen Menschen allen -Ehrgeiz, alle Selbstzucht, Intelligenz, Selbstverleugnung ... -Selbstverleugnung ... Ihn sollte sie nur nehmen! Da war er, entkleidet -allen Dünkels wie aller Bequemlichkeit! Er wußte nicht, sagte er sich in -seinen ekstatischen Selbstgesprächen, war das eine neue, erlösunggebende -Demokratie? War das jenes Ziel, zu dem das Dunkel dieser Zeit die -Menschen erzog? Hob er sich auf die sturmrollenden Wogen? - -Nicht mehr in dem blassen Idealismus, dem Vaterland zu dienen, floß er -nun. Nein, er stand auf eigenen Beinen: Kampf! Kampf! Nicht dienen! -Selbstlos und bis zum letzten Tropfen Bluts das zu sein, was er gelernt -hatte, und bis zum letzten roten Tropfen das herzugeben, was er -herzugeben hatte. - -Er hatte nicht seine Laufbahn, aber dies Einzige einzusetzen, was -Menschen gemeinsam haben, gemeinsam im Kampf gegeneinander, gemeinsam in -der Hilfe des einen zum andern: dies rote schäumende Meer, das an den -Küsten des Menschseins in einer Dunkelheit, über die niemand Herr war, -zu Gut oder Böse verbrannte. Ein Verbrecher hörte auf für den -Staatsanwalt von Wenk in dieser Nacht ein Mensch niederer Ordnung zu -sein. Er wurde ein Wesen mit gesteigerten Impulsen, mit von der Kraft -der Hölle gespeisten Sinnen, deren gelüstige, dämongesättigte, sich -selber übertrumpfende Taten in der Hand des Staatsanwalts ins Nichts -zurückgebrochen wurden, so wie Jesus die Sünden der Menschheit in seinem -Wesen ertrinken ließ. Der Kämpfer wuchs am Gegner. - -Mit der Phantasie hatte Wenk den Blondbärtigen nun ins Genick gebissen. -Wenk hatte in ihm einen großen Gegner. Das ahnte er noch mehr, als er es -bereits wußte. Konnte er ihn von der Menschheit abtrennen, so hatte er -ein Werk geleistet, an dem er sich zu Weiterem nährte. - -Das Lied, das so zwei Stunden lang durch Wenks Herz sang, schien ihm auf -einmal vertraut. Und staunend erkannte er, daß der Zustand, in den er -geraten war, aus seiner Jugend hervorlief, vor Universität, Korps und -Examina, als nichts von Menscheneinrichtungen noch sein Blut gemischt -hatte. Da war er betroffen, und durch sein Leben, das er unbeweibt -geführt hatte, stieg, wie ein Saft, eine starke, wehmütige Sehnsucht -nach seinem Vater, der nicht mehr lebte. - - * * * * * - -Von Hull erbat sich Wenk am nächsten Tage eine Liste aller heimlichen -Spielhäuser, deren Adressen mit Hilfe der in diesen Dingen bewanderten -Carozza zu erfahren waren. Er bekam von Hull aber das Versprechen, dem -Mädchen gegenüber dabei nicht genannt zu werden. - -Wenk besuchte die Häuser Abend für Abend. Er ging dabei in der -Verkleidung eines reichen älteren Herrn aus der Provinz. Diese -Verkleidung hatte er als die erste gewählt, weil er für sie in einem -Onkel ein Modell hatte, das er sich bloß zu kopieren bemühte. Der ältere -Herr gab sich den ungezwungenen Anschein, die Großstadt aus vollen Zügen -zu genießen. - -Wenk hatte einige Helfershelfer aus Karstens Bekanntschaft. Er bat sie, -unter der Hand zu verbreiten, daß er, der Provinzonkel, von einem -unglaubhaften Reichtum sei, von dem er, einmal in den Sattel gehoben, in -der rechten Weise Gebrauch mache. Er dachte sich, der Spieler von -Schramms und andere, die auf Raub ausgingen, könnten so, wie eine -Nachtmotte von der Lampe, angelockt werden. Ab und zu spielte er nun -eine halbe Stunde lang unsinnig und der Laune des Spiels angemessen, -gewann er dann feste Summen, die er das nächstemal wieder dem Spiel ins -Maul warf. Dabei verlor er aber niemals mehr den Überblick über sich und -die Mitglieder, und sein Hirn arbeitete über Karten und Spiel hinweg mit -einer Schärfe, die ihm Genugtuung verschaffte. - -Als er an einem Abend der zweiten Woche, in der er dies Leben führte, in -ein Spielhaus der inneren Stadt kam, das ihm durch die Zusammensetzung -der Besucher, die hier noch unvermittelter war als anderswo, etwas zu -versprechen schien, sah er am Spieltisch einen alten Herrn sitzen, der -ihm durch seine Hornbrille auffiel. Diese Hornbrille hatte ein ganz -ungewöhnliches Ausmaß. Der alte Herr wurde mit Professor angeredet. Als -der alte Herr seine Karten in die Hand nahm, setzte er die Hornbrille ab -und tauschte sie gegen einen Kneifer von ungewöhnlicher Form. - -Da bemerkte Wenk, daß die Brille, die nun auf dem Tisch lag, keine der -üblichen modernen Hornbrillen, sondern aus Schildpatt sehr kunstvoll -geschnitzt war. Der alte Herr versenkte sie dann in eine geräumige Dose, -die mit grüngepunkteter Haifischhaut überzogen war. Er machte alle -Bewegungen mit einer eindringlichen Langsamkeit, so daß Wenk viel Zeit -zum Beobachten blieb. Das ist ja eine chinesische Brille, sagte er sich -auf einmal, sich an China erinnernd, wohin er vor dem Krieg einmal eine -Reise gemacht hatte. Die plötzlich auftauchende Erinnerung war so -heftig, daß er laut aussprach, was er sich eigentlich nur hatte für sich -selber sagen wollen. - -Der Professor saß ihm gegenüber, nickte ihm ernst zu und sagte mit einer -Stimme, die hart war und die er nicht aus so greisenhaftem Mund erwartet -hatte: »Sie ist aus Tsi nan fu!« - -Er wiederholte betonend und skandierend: »Tsi ... nan ... fu ...« Als -sei der Name ein Lied und Erinnerung dahinter, die hart auf ihn -einströme und die er im Klang des fremden Wortes genösse. Er schaute -dazu Wenk an, als werfe er ihm einen Schlag zu aus seinen hinter den -Gläsern vergrößerten Augen. - -Wenk war sofort in einem besonderen Verhältnis zu dem alten Professor. - -»Tsi nan fu!« sagte die harte Stimme nochmals, wie mit einer besonderen -Bedeutung; ja so, als wolle er mit den drei Silben nach etwas werfen, -nach immer demselben unsichtbaren Ziel hinter Wenk. Dreimal denselben -unsichtbaren Punkt in der Dunkelheit treffen, die sich jenseits des -Lichtkreises der Lampen über seiner Stirn errichtete wie eine Öffnung in -der Wand. - -Wenk griff unwillkürlich mit der Hand an seinen Hinterkopf und schaute -sich einmal um. Schaute er nach dem Ziel der drei Silben? Hatten die -drei Silben, fremd und aus fremdem Mund wie rote Bälle kommend, das Ziel -getroffen? - -Wie Wenk sich so umschaute, sah er, daß hinter seinem Spielnachbar die -Frau saß, der er bei Schramms zu der sonderbaren Flucht verholfen hatte. -Es schien ihm, als blicke sie ihn spöttisch an. Er wußte nicht, wie er -sich zu ihr benehmen sollte. Da fühlte er an seinen Fingern die -Spielkarten, die ihm inzwischen hingelegt worden waren. Aber als er sich -daraufhin dem Tisch wieder zukehrte, um die Karten aufzunehmen, ward er -schläfrig. Dunkel spürte er, daß die starren Augen des Professors schuld -an dieser Schläfrigkeit waren. Er vergaß die schöne Frau. - -Wenk verscheuchte diese Schläfrigkeit. Er setzte sich steif auf und -schaute auf die grüne Haifischhaut der chinesischen Brillenschachtel. Es -war ihm, als lägen die durch das Glas so sehr vergrößerten Augen des -alten Gelehrten auf ihm, verschwimmend, und eine dämmerige Erinnerung an -einen Reisetag entstieg ihnen und verflog in Wenks Bewußtsein. Eines -Morgens auf seiner Reise nach China schaut er durch das Ochsenauge -seiner Kabine und sieht ein dünnes Ufer wie ein Staubband zwischen dem -Meer und dem Himmel. Das ist die Mündung des Jangtsekiang. Ja, des -Jangtsekiang ... - -Wenk nannte eine Summe, der Erinnerung folgend. Er gewann und ließ das -Geld stehen. Eine wohlige Erschlaffung begann sich in seinem Körper -einzunisten. Wenk streckte sich aus und genoß sie. - -Dann wurde er wieder wach, spielte und beobachtete. Das Bankhalten ging -reihum. Es war Wenk, als erwarte er nur den Augenblick, daß der alte -Herr die Bank übernehme. Er fragte sich: Weshalb erwarte ich das? Das -ist sonderbar, daß ich das erwarte! Es gibt Regungen, die man nicht bis -zu ihren letzten Wurzelfasern verfolgen kann. - -Wenk entschied sich, daß er das erwarte, weil ihm der Professor durch -die chinesische Brille, durch seine ganze hier so fremde Erscheinung -interessanter sei als alle andern, und daß dies Erwarten einem Gefühl -der Anteilnahme und Sympathie entspränge. - -Je weiter der Abend voranschritt, um so inniger und vorherrschender -wurde die geheime Bindung, in die er zu dem Unbekannten geriet. Es ist -kindisch, sagte er sich noch, es ist sentimental. Es ist jugendlich! -Wohin wird das geraten? - -Da übernahm der alte Herr die Bank, und es ging wie eine Erlösung durch -Wenk ... wie die Erlösung von einer unsinnigen und unnatürlichen -Spannung. Jetzt wird alles in Ordnung ausgehen, sagte er sich. Er setzte -eine kleine Summe und wollte damit betonen, daß er sich nicht als Gegner -des Bankhalters empfinde, daß er nur für die Form gegen ihn mitmache ... - -Er gewann. Er hatte acht. Und stellte dann fest, daß er eine viel höhere -Note gesetzt, als er beabsichtigt hatte. Deshalb schob er Einsatz und -Gewinn zu neuem Einsatz hin. - -Er zog einen König und eine Fünf. Er kaufte bei einer Fünf nie eine -Karte hinzu. Das war so feststehend in ihm, daß, als die Reihe an ihm -war, Ja oder Nein zu sagen, er überhaupt nichts sagte. - -»Sie nehmen!« hörte er auf einmal in seine Zerstreutheit hinein. Es war -eine große, gewaltvolle Stimme, die das sprach. Sie klang fast wie ein -ihn bedrohendes Erbrausen. Aber es war ihm sonderbarerweise, als käme -sie von dort, wo vorhin die drei Laute »Tsi nan fu« das unsichtbare Ziel -getroffen hatten. - -Da flüsterte Wenk verschüchtert: »Bitte!« Im selben Augenblick fuhr er -gegen eine innere Zersplitterung auf. Aber es war zu spät. Er hatte eine -Fünf bekommen, die, zu den fünf gezählt, sein Spiel wertlos machte. - -Der Bankhalter deckte für sich eine Vier mit einer Dame auf, zu denen er -keine Karte genommen und infolgedessen gewonnen hatte. »Der Onkel aus -der Provinz verliert!« hörte Wenk eine Frauenstimme. - -Wenk war erstaunt über die flüchtige Begebenheit. Er drehte sich noch -einmal herum und schaute in die Dunkelheit hinauf. Dann wurde er -unruhig. Und zugleich war es ihm, als senkte sich ein Flügelschlag über -seine Augen. Flügelschlag, sagte er sich, als das Bild erschien. Ja, er -saß doch in einem Vogelkäfig. Er bekam sieben. - -Das ist nichts, redete ihm etwas ein, obschon es fast sicher gewonnenes -Spiel war. Aber Wenk widerstand und sagte deutlich: »Keine Karte!« - -Ihm war es, als fielen ihm die Augen zu über der Anstrengung, dieses -Nein gesagt zu haben ... Dünne Stäbe versuchten sich wie Gitter durch -seine Augendeckel zu rammen, um sie ganz zu schließen. - -Da, in einer letzten Auflehnung seines Willens gegen die unnatürliche -Müdigkeit erkannte er, wie die Hand des Professors auf den Karten lag. -Sie drückte sich mit einem leisen Erzittern an die obere Karte an, -inbrünstig sie an ihn abgeben wollend, und es ging ein heimlicher, -heißer Strom von dieser Hand auf ihn über, der ihn zwingen wollte, die -Karte zu nehmen, obgleich er schon Nein gesagt hatte. - -Mit dieser Erkenntnis wurde er plötzlich ganz wach. Er empfand, als -sänken hinter seinen Augen Ketten durch, die bestimmt gewesen waren, -seinen Geist zu fesseln, und mit offenen Augen schaute er den Professor -an, auf einmal von einem unbegreiflichen, gierigen und aufreizenden -Mißtrauen gegen ihn befallen. Er war versucht, aufzuspringen und die -bebenden Finger von der Karte fortzuschlagen. - -»Sie nehmen!« sagte die harte, große Stimme, wie einen Befehl. Es war -dieselbe Stimme, die er vorhin gehört hatte. - -Da antwortete Wenk, übermäßig laut, sich vergessend und unwillig: »Nein, -ich habe schon gedankt!« - -Die vergrößerten Augen in den Scheiben der Gläser blieben stehen, lagen -einen Blutschlag lang auf ihm, sprangen zurück wie Hunde vor einem -mächtigeren Angreifer. Der alte Herr legte sich etwas nach vorn, bat um -Wasser und Kognak und in rascher Folge darum, das Spiel aufgeben und die -Bank abtreten zu dürfen. Ein plötzliches Unwohlsein ... - -Alle kümmerten sich um ihn, scharten sich um seinen Platz. - -Wenk blieb sitzen. Er war betroffen durch den Zusammenhang seines -kleinen Erlebnisses mit dem Schwächezustand des Greises. Hing das -zusammen? Er fühlte sich verantwortlich für das Zusammenklappen des -alten Herrn. Irgendwo in seinem Unterbewußtsein deckte sich verdunkelt -eine Vorstellung auf, als habe er mit jenem einen Kampf ausgefochten, -und die Folge sei nun das Unwohlsein. Er überlegte, wie er helfen könne -... - -Da langte er in die Westentasche und suchte das Fläschchen mit -Englischem Salz hervor. Er nahm den Stöpsel ab und hielt es hinüber, -indem er sagte: »Vielleicht Englisches Salz? Ich habe grade ...« - -Aber da war er sehr erstaunt zu sehen, daß der alte Herr schon fort war. - -Das jähe Mißtrauen von vorhin kam zurück. Er erhob sich rasch und -drängte sich durch die herumstehenden Spieler. Er wollte dem Manne nach -und ihn einholen. Einer erhob die Hand gegen ihn und sagte etwas -Unverständliches, als sei er, Wenk, schuld am Zustand des alten Herrn -Professors. Aber Wenk fuhr mit der Hand zu seinem Revolver in die -Brusttasche. Die Carozza trat ihm entgegen. Er umging sie hastig, den -anderen mitziehend. Mit der freien Hand löste er dann den fremden Griff -gewaltsam, all seine Kraft einsetzend, von seinem Arm. Befreit eilte er -in den Flur hinaus, der lang und halb verdunkelt seitwärts aus dem Haus -ging. Er hörte, sobald er ihn betreten hatte, Schritte hinter sich, -hastete weiter, schloß eine Tür hinter sich ab, die er durchgehen mußte, -und mündete bald in die Nebengasse, wo die Automobile warteten. - -Im Schein einer Laterne bemerkte er noch den alten Herrn, nun keineswegs -mehr gebückt, sondern mit kräftiger Eile in eines der Autos steigend. - -Seinen eigenen Chauffeur sah er auch schon das Fahrzeug ankurbeln. Er -rief ihm leise zu: »Hinter dem dort her!« - -Sie flogen ihm nach. Es war ein großer, überlegener Wagen. Aber da es -noch früh am Abend war, war viel Verkehr in den Straßen. Der andere -konnte seine volle Schnelligkeit nicht geben, und sie blieben -hintereinander hängen. Bald wurden sie in eine Kette von Autos und Wagen -eingeschlossen, die von einem Theater kamen, und Wenk konnte bequem und -unverdächtig bis zum Palasthotel folgen. Vor diesem Hotel hielt der -Wagen des Professors. Bevor noch Wenks Fahrzeug stoppte, sah Wenk den -andern hastig in die Hotelhalle hineingehen. Er drehte sich einmal ganz -flüchtig um. Wenk eilte ihm nach. - -Ein Zufall schloß ihn in eine ins Hotel einkehrende größere Gesellschaft -ein. Sie deckte ihn. Er sah beim Bureaufenster den alten Herrn eine -Depesche hastig aufreißen. Das Lesen hielt jenen fest. - -Wenk hatte Zeit, sich einen deckenden Beobachtungsposten auszuwählen. Er -sah von dort aus, wie der alte Herr verstohlen über sein Telegramm -hinweg den Vorraum musterte. Dann ging jener rasch zum Lift, riß die Tür -auf und verschwand hinein. Aber Wenk sah, daß im Innern ein Führerjunge -gesessen hatte. - -Er wartete, bis an der kleinen Lichtscheibe das Stockwerk aufleuchtete, -an dem der Lift hielt. Er sah ihn im Zwischengeschoß durchfahren, im -ersten Stockwerk halten. Dann läutete er den Lift herab. - -»Erster!« sagte er dem Bediener. Sie fuhren allein hinauf. - -»Ist das nicht der Herr aus Zimmer Nr. 15 gewesen, der grade -hinauffuhr?« fragte Wenk den Jungen. - -»Nein, mein Herr, es ist der holländische Professor von Nr. 10.« - -»Dann hab ich mich verschaut! Danke!« sagte Wenk. - -Langsam schlenderte er durch den Flur. Er kam an 10 vorbei, verweilte -einen Augenblick, indem er sich vorsichtig gegen die Tür hinüber beugte, -ging dann weiter und lauschte rückwärts nach der Tür von Nr. 10. Er -hörte eine Tür sich öffnen. Es konnte 10 sein. Er verweilte, indem er -etwas an seinen Hosen richtete, und als die Tür sich wieder geschlossen -hatte, drehte er sich um. - -Da sah er, daß vor 10 ein Paar Schuhe stand. - -Er ging zurück und hatte einen ungewöhnlichen Einfall. Er wollte bei 10 -anklopfen und den alten Herrn fragen, ob sein Unwohlsein vorüber sei. -Ihn so überrumpeln. Denn es war sicher, daß dieser Mann für eine -Verhaftung reif sei. - -Dieser Gedanke schien Wenk sehr kühn und aussichtsreich zu sein. Aber -als er vor 10 stand, sah er, daß die Schuhe, die hinausgestellt worden, -ein Paar Damenschuhe waren. Da gab er den Gedanken auf, begab sich -hinunter und verlangte den Direktor des Hotels zu sprechen. Er zeigte -ihm die nötigen Ausweise und erkundigte sich nach dem Bewohner von Nr. -10. - -Man brachte das Gastbuch. »Nr. 10, sehen Sie hier, Herr Staatsanwalt, -Professor Groich, Haag.« - -»Nach ihrem Buch wohnt er allein.« - -»Jawohl.« - -»Wohnt er immer oder nur vorübergehend allein und gelegentlich mit -weiblicher Gesellschaft?« - -»Ich übernehme jede Garantie, Herr Staatsanwalt. Wir sind sehr streng -darin gegen unsere Gäste.« - -»Dann hat dieser Gast trotz seines beträchtlichen Körperbaus sehr kleine -Füße.« - -»Wie meinen Herr Staatsanwalt?« - -»Er trägt nämlich Damenschuhe!« - -»Herr Staatsanwalt belieben zu scherzen.« - -»Kommen Sie mit, Herr Direktor.« - -Die beiden fuhren zusammen hinauf. Vor Nr. 10 standen Damenschuhe mit -hohen Stöckeln, elegante Lackschuhe mit Einlagen von hellem Rehleder. - -Da entsicherte Wenk seinen Browning und öffnete ohne zu klopfen die Tür. -Er trat rasch ein. Der Direktor folgte ihm. Das Licht brannte. Aber das -Zimmer war leer. Die beiden Fenster waren geschlossen. Das Badezimmer, -das offen stand, hatte kein Fenster. Wenk durchsuchte sofort alle -Schränke, das Bett, die Läden. Nirgends lag mehr ein Faden. Er hastete -auf die Straße hinab. Das Auto des Fremden war verschwunden. - -Er ließ den Direktor fragen, wer in den letzten zehn Minuten das Hotel -verlassen habe. »Nur der Bureauchef!« sagte der Portier. - -In dem Augenblick aber kam der Bureauchef aus einem hinteren Raum und -wollte davongehen. Der Portier sah ihn betroffen an. »Sie sind ja eben -schon weggegangen!« rief er. - -»Ich? -- Ich war bis vor einer Minute im Bureau!« antwortete der -Angestellte. - -Da wußte Wenk genug und suchte nicht mehr weiter. Der Zusammenhang war -ihm sofort klar. Der Verschwundene hatte sich für den Fall der Not die -Maskierung eines im Hotel bekannten Mannes vorbereitet. Die Damenschuhe -hatte er vor die Tür gestellt, weil er richtig berechnete, daß der -Verfolger, bevor er ins Zimmer eindränge, auf die unerwarteten -Damenschuhe hin noch einmal ins Bureau nachfragen ginge. Und diese Zeit -hatte er dann gut genutzt. Wenk hatte es mit einem Meister zu tun. Er -bewunderte die Schlagkraft, mit der jener arbeitete. Es lag nahe, dabei -an den rotblonden Mann von Schramms zu denken und an den Herrn Balling -von Hull. - -Wenk durchforschte auf der Heimfahrt und dann zu Haus in der Erinnerung -alles, was ihm von jenem Blondbärtigen noch vorhanden war, und versuchte -es zu vergleichen mit dem, was er von dem Professor behalten hatte. Aber -sonderbarerweise, so viele Einzelheiten ihm von dem Manne bei Schramms -haften geblieben waren, ganz deutlich und unverwischbar, so -verschwommen, ändernd und ungewiß war das, was er von dem alten -Professor in seinem Hirn zurückfand, obgleich diese Begegnung kaum eine -Stunde hinter ihm lag. - -Über dem wurde er schläfrig. Es war ihm, als habe er sich von einer -ungeheuren Strapaze, die er im Verlauf des Tages ausgestanden hatte, zu -erholen. Er zog sich aus. Eine Mattigkeit überfiel ihn wie nach -einem starken Blutverlust. Jenes Gefühl von einem inneren -Leichtergewordensein, das er vom Schluß von Mensuren so wohlig in der -Erinnerung behalten hatte: die Abspannung der Nerven nach dem letzten -Gang zusammen mit dem Blutverlust nahm ihn vollständig in Besitz. - -Er ergab sich ihr und schlief ein, noch bevor er vermocht hatte, sich -ganz auszukleiden. Er fühlte sich dabei leise umbaut wie von einem -rätselvollen Schloß. Und er wußte, in den drei Zauberlauten »Tsi nan -fu«, wenn man sie richtig deutete, oder wenn man das Loch in der Wand -erkennen konnte, wohin sie aus dem Mund des Haager Professors zielten, -lag der Schlüssel, um das Tor des verzauberten Schlosses zu öffnen. - - * * * * * - -Wenk ging die nächsten Abende in kein Spielhaus. Er fuhr als sein -eigener Chauffeur in Lederjoppe und Sturmkappe in der Stadt herum, -stellte seinen Wagen vor eines der bekannten Lokale und beobachtete im -Schutz des Führersitzes die Menschen, die eintraten oder gingen. - -Einmal, als er auf der Fahrt zu dem ersten der Häuser war und langsam -die Dienerstraße hinabfuhr, wurde er durch eine Verkehrsstockung -aufgehalten. Als er so dastand, sah er in einem Zigarrenladen, an dem er -gerade hielt, etwas, das ihm einen zweiseitig geschärften Schrecken -durch den Leib trieb. Denn das war er! Der Blondbärtige! Er drehte den -Rücken und kaufte Zigarren. Aber das war er! Er suchte langsam und -wählerisch, als ob er der Gefahr, entdeckt zu werden, trotze. Ein Auto -hielt vor der Tür. Wenk besah es sich genau. Aber es war ihm unbekannt. -Er schrieb sich die Nummer auf. - -Der Chauffeur verließ es einmal, um hinten am Wagen etwas nachzusehen. -Wenk, der hinter ihm hielt, rief ihn an. Der Chauffeur schaute auf, -machte aber mit den Händen Zeichen an seinen Mund, als ob er stumm sei. - -Der im Laden nahm sein Paket auf, drehte sich um, der Tür zu. Da war es -aber ein ganz anderes Gesicht. Wenk hatte es nie gesehen. Leute schoben -sich zwischen den Fremden und seine Blicke. Er sah ihn nur eine Sekunde. -Die Verkehrsstockung war in demselben Augenblick behoben. Die Reihe der -Wagen fuhr an. Das Auto vor ihm nahm einen mächtigen Sprung, als wolle -es ihm enteilen. - -Wenk aber wollte sich nicht trennen von seinem Glauben. Er folgte ihm. -Sobald das andere Auto aus der Kette los war, nahm es gleich eine -größere Schnelligkeit und bog in die Maximilianstraße. Wenk vermochte -nicht Schritt zu halten. Die Straße war weithin leer. Er sah, als er -selber noch auf dem Maximilianplatz war, daß das Auto die -Wiedenmeierstraße nahm. So fuhr er, immer weiter zurückbleibend, aber in -der hellen Nacht ihn nie aus dem Blick verlierend, hinter ihm die ganze -Wiedenmeierstraße her. Als Wenk auf der Max-Josef-Brücke ankam, sah er, -wie das andere Auto um den freien Platz auf der anderen Isarseite eine -sausende Kurve fuhr und plötzlich mit donnerndem Motor auf die Brücke -zurück und an ihm vorbeistürzte. Er fuhr wieder die Wiedenmeierstraße -hinab, die er gerade heraufgekommen war. - -Das war natürlich verdächtig, und Wenk gab sich nun alle Mühe, den -Anschluß an ihn zu behalten. Noch auf der Brücke machte er kehrt. Wieder -bog der andere Wagen in die Maximilianstraße hinein. Diese war nun von -Fuhrwerken belebt, und es gelang Wenk, mit seinem Wagen an den andern -heranzukommen. - -Das fremde Auto hielt vor einem Varietétheater. Wenk sprang jenseits der -Straße aus dem Wagen, und wie der andere sein Auto verließ und, Wenk den -Rücken kehrend, in das Theater hineinging, bekam Wenk wieder den -därmezerreißenden Schrecken: Das war er doch! der Blondbärtige! ... Das -ist er doch! - -Von einem Fieber gepackt, schob er durch die Menschen ihm nach ins -Theater hinein. Er sah, daß er den Fremden im Foyer überholte. Dann -wartete Wenk mitten zwischen Menschen, drehte sich auf einmal um, als -der andere bei ihm angekommen sein mußte ... - -Aber Wenk sah ein breites, bartloses Gesicht mit einem brutalen Mund und -brennenden großen Augen. Es war ihm fremd. Und fremd und gleichgültig -schauten ihn die großen Augen an. Wenk, zornig und enttäuscht, drückte -sich beiseite und wollte wieder hinaus zu seinem Auto. - -Einige Verspätete hasteten um ihn herum zur Garderobe. Es war genau acht -Uhr, und die Klingeln gingen zum Zeichen des Beginns. Wenk malte sich in -diesem Augenblick aus, was für ein Taumel es für ihn geworden wäre, und -was für ein Aufsehen es erregt hätte, wenn er ihn mitten aus den -Menschen heraus verhaftet hätte. - -Unfähig, sich von dem enttäuschenden Fremden zu trennen, wandte er sich -noch einmal um. Er sah, wie sich der andere gerade aus einem Rudel -Menschen trennte, die in den Saal stoben, und ruhig nach der linken -Seite der Logen ging. Dort waren die fünf Parterrelogen. Das wußte Wenk. -Da entschloß er sich kurz und kaufte einen der Logenplätze. Er bekam den -letzten. In jeder Loge waren fünf Sitze, sah er auf dem Plan. - -Er ging zu seinem Auto zurück, schmuggelte sich hinein, kleidete sich -drin in den Frack, telephonierte vom Theaterbureau seinem Chauffeur, das -Auto holen zu kommen, und begab sich zu den Logen. - -Es war dunkel, als er eintrat. Er versuchte gleich, in dem ungewissen -Licht die Gesichter zu unterscheiden und den Fremden herauszufinden. -Aber er fand ihn nicht. - -Als die Nummer vorbei war und das Licht wiederkam, gelang es ihm jedoch -ebensowenig, den Fremden unter den zwanzig Herren und Damen zu finden, -die in der Loge saßen. Das war durchaus unglaubhaft. Der Flur führte nur -auf die fünf Logen. Die Logen waren über mannshoch höher als der Saal. - -Wo war jener Mann hingekommen? - -Von einem Argwohn erfaßt und unruhig eilte Wenk auf die Straße, um zu -schauen, ob das Auto des Fremden noch da sei. Ja, es stand noch da. Gott -sei Dank! - -Wenk atmete auf und wollte zu seinem eigenen Fahrzeug gehen und in ihm -abwarten, wohin der fremde Wagen später fahren werde. Da sah er, daß der -Wagen auf einmal eine Taxameteruhr hatte. Er hatte sich vorhin das Auto -genau angeschaut. Es hatte bestimmt keine Uhr gehabt. - -Wenk, schon im Vorbeigehen, überlegte nicht mehr lange, trat auf den -Chauffeur zu und fragte: »Sind Sie frei?« - -Der Chauffeur sagte: »Jawohl!« - -Da stieg Wenk ein, indem er seine eigene Adresse nannte. Er wollte sich -auf der Fahrt überlegen, was er weiter tun müsse. Da fiel ihm auf, daß -der Führer, der in der Dienerstraße stumm gewesen war, hier auf einmal -gesprochen hatte. - -Das Auto fuhr an. Ein süßlicher Duft begann sich im Innern auszubreiten. -Wenk fühlte von ihm seine Schleimhäute gereizt. - -Also etwas war doch los! Vorhin stumm, jetzt kann er sprechen, überlegte -Wenk. Vorhin privat ... jetzt Taxameter. Wonach roch es so stark? Es -brannte ihm förmlich in Nase und Augenwinkel. - -Wenk zog, um das herauszufinden, einige volle Züge ein. Er wollte dann -das Fenster öffnen. Er hielt den Geruch nicht länger aus. Wonach roch es -denn? Er hob seinen Arm. Aber er sah, der Arm ging nicht hoch, gehorchte -einfach nicht. Zugleich war ihm, als sei ihm ein Brett vor die Augen -gepreßt. - -Da bekam er eine Angst, die wie ein glühender Ball ihn durchplatzte. -Nicht mehr fähig, sich zu wehren, begann er laut zu brüllen, warf sich -hin und stieß mit dem Fuß nach der Klinke der Tür. Er traf sie nicht. - -Er lag nur noch wenige Augenblicke am Boden, in denen rasch sich -verdunkelnde Lichtfetzen von Bewußtsein sein Blut durchflogen. Dann -erloschen auch sie, und eine Ohnmacht, die sein Gehirn wie mit Blei -ausgoß, preßte ihn auf den Bodenteppich des bald in rasender Fahrt die -Straßen durchtobenden Automobils. - -Der Chauffeur fuhr mit dem betäubten Staatsanwalt von Wenk in der Nacht -nach Schleißheim. Dort lud er ihn auf eine Bank und fuhr nach München -zurück. Er fuhr zur Xenienstraße und hielt vor einer alleinstehenden -Villa. Auf einem Schild war zu lesen: - - _Dr. Mabuse_ - Psycho-analytische Behandlung. - -Gleich kam ein Mann von massiger Gestalt, pelzverhüllt aus der Tür und -rasch durch das Gärtchen auf die Straße. »Er liegt im Schleißheimer -Park. Hier ist das Notizbuch,« sagte der Chauffeur. - -»Haben Sie die Gasflaschen aus dem Wagen entfernt?« - -»Jawohl, Herr Doktor!« - -»Fahren Sie!« - -Doch in diesem Augenblick trat eine verhüllte Frau aus der Nacht auf das -Auto zu, hielt die Tür an und flüsterte bettelnd: »Du.« Mabuse zuckte -unwillig auf: »Was willst du? Betteln?« - -Die Frauenstimme antwortete mild und traurig: »Ja, du weißt es, um -Liebe!« - -»Du kennst meine Antwort.« - -»Es ist doch einmal gewesen! Weshalb ...?« flehte die Frauenstimme. - -Mabuse, erbost: »Gewesen ist gewesen! Du hast zu folgen. Mein Befehl ist -klar. Es gibt nichts zwischen Nein und Ja! Du weißt von Georg, was ich -will. Georg, fahren!« - -Er war schon im Wagen. Die Frau sank ans Geländer des Gartens, barg sich -in ihre Pelerine und schluchzte dem rasenden Auto nach: »Und wenn ich -nicht aufhören kann zu lieben? ...« - -Da schlug ein zweites Auto dicht bei ihr in die Bremsen. Ein Mann sprang -ab, auf sie zu: »Was wollen Sie hier?« fragte er drohend. »Ach so! Cara, -du! Nun denn! Hast du mit dem Doktor gesprochen?« - -Sie nickte nur verzweifelt. - -»Da ist nichts zu machen. Sein Wille ist wie ein Keulenschlag vor die -Stirn. Also folge! Adje, ich muß ihm nach!« - -Und Cara Carozza hob sich in den dunklen Kleiderhüllen hoch, ging davon, -schmerzhaft gefaßt, dumpfwillig und opferte sich für ihn. -- -- - -»Wo sind wir?« fragte Mabuse durch das Sprachrohr. - -»Landsberg vorbei!« antwortete Georgs Stimme. - -Die Pläne in Mabuses Kopf wuchsen aneinander wie Wälder, in denen er -weiter jagte und die nicht aufhören wollten. Immer neue Halden, immer -neue Schluchten! Pläne? Sind es Pläne? Sind es nicht Träume? fragte er -sich mit einem plötzlichen Erkalten seiner heißgelaufenen Gedanken. - -... Fünf Millionen Schweizer Franken sind jetzt etwa 25 Millionen Lire, -sind fünf Millionen italienische Fünf-Lire-Stücke. Ein jedes im Gewicht -von 20 Gramm. Fünf Millionen, genügt das? Der Gedanke ist gut. Es ist -dabei brutto zu gewinnen auf jedes Fünf-Lire-Stück, das ich nach dem -heutigen Kurs mit einem Schweizer Franken kaufe, vier Franken; ganzer -Gewinn also vier Millionen Schweizer Franken. Abgehen 30 Prozent Spesen. -Gut! Ein jedes 20 Gramm, wie gesagt ... Fünf Millionen mal 20 Gramm, -wieviel Kilogramm sind das? Hundert Millionen Gramm? Weshalb kann ich so -einfache Rechnungen nicht klar ausdenken? Habe ich Angst? - -Ja, da stand er in einem neuen Wald. Habe ich Angst? Angst? Wenn ich -Angst habe, stürze ich schon. Wer ist denn Hull? Wer ist Wenk? Das sind -Lachhaftigkeiten! Angst? - -Er faßte seine Gedanken wie mit der Faust zusammen und stürzte sie -zurück auf den Weg, von dem sie sich entfernt hatten ... - -... Hundert Millionen Gramm sind 100000 Kilo. Ein Schmuggler trägt -jedesmal, je nach der Gegend, 10 bis 15 Kilo. Wieviel Menschen lasse ich -leben auf diesem einzigen Geschäft? In einem Monat muß die Summe aus -Italien in Südtirol und von dort in der Schweiz sein. Über Österreich -ist die Grenze leichter, wenn ich auch zweimal Personal haben muß. Das -Risiko hat Spoerri, nach den Polizeiberichten, mit nur 3 Prozent -berechnet, gegen 10 Prozent über den Bodensee oder auch über die -Tessiner Grenze, wo die Grenzwächter ja schon im Frieden alle glaubten, -sie müßten Füchse sein. - -Mabuses Vorstellungen drohten wieder auseinanderzuwachsen. Soll ich -nicht versuchen, doch zu schlafen? »Wo?« rief er ins Sprachrohr. - -»Buchloe!« - -... Buchloe bis Röthenbach sind 18 Kilometer. Zwei Stunden. Das täte -wohl. Um zwei Uhr müssen wir in Schachen sein. Dazwischen Spoerri in -Opfenbach und Pesch in der Lindauer Steige. Dann sind wir gleich in -Schachen. Dann gibt es keinen Schlaf mehr. - -Aber er fand doch keine Macht über sich. Er stand unter dem Druck von -Wenks Verfolgungsversuchen. Im Palasthotel war er ihm nur um zehn -Minuten voraus. - -Er wollte es sich nicht eingestehen. Er rechnete aus, daß der Schmuggel -von fünf Millionen Fünf-Lire-Stücken von Italien und Südtirol über -Vorarlberg nach der Schweiz zweihundertfünfzig Menschen am Tage -beschäftigte an jeder Grenze. Das waren fünfhundert Menschen für den -Schmuggel allein. Rechnete er die Aufkäufer dazu und die Sammler in -Bozen, so kam er auf siebenhundert Menschen. Mit ihren Familien rund -viertausend Menschen, die er erhielt. Das war eine kleine Stadt. Eine -kleine Stadt stand in seiner Faust, gebannt im Bösen, und schlich durch -lichtlose Nächte, ausgetrocknete Bergbäche hin und durch verwachsene und -vereiste Winterwälder unter dem Hammer seines Willens und an den -Gewehröffnungen der Grenzwächter vorbei. Und hatten keine Gedanken in -sich als ihn, den Besitzer des Silbers, den Ernährer, den Befehlshaber, -den Herrn der Macht. - -Ihr Leben wagten sie für ihn. Er hatte nie einen von ihnen gesehen. Wie -wäre es erst, wenn sie ihn sähen, wenn er mit ihnen spräche, auf einmal -auf ihrem Schmuggelweg aus der fremden Nacht auf sie stoßend, und sie -glaubten, sie seien abgefaßt, und es sei dann gerade er, der sie im -Dienst hatte, ihr Herr! - -Viertausend Menschen, eine ganze Gegend. Aber in Eitopomar wird es noch -anders sein! Wenn er über den gestürzten Urwald ritte und die -Waldmenschen, die Botokuden, und wie sie alle heißen, unter seine -Peitsche nähme und das aasige kleine Europa hinter ihm versunken läge! -Da wäre weitum nichts anderes als sein Wort. In Eitopomar, wo der Traum -sich erfüllen wird, der ihn seit seiner Knabenzeit beschlich ... und der -sich einst zu erfüllen begonnen hatte drüben auf der einsamen großen -Insel, die in die Freiheit der Meere gespannt lag wie in eine wollüstige -Schaukel, deren Seile aus Wellenbändern bestanden. Da hatte er Menschen -besessen, da war die Natur sein gewesen, da siegte er mit seinen Segeln -über das Meer, mit seinen Muskeln und seinem Blut über die Menschen, mit -seinem Willen über die Natur, die Palmen seiner Pflanzungen überwuchsen -ihn mit einem Reichtum, wachsendes Gold, er konnte es verachten, weil er -es nicht nötig hatte, da er so, so frei war, König und Gott ... - -Aber der Krieg stöberte ihn aus seinem Paradies und trieb ihn in das -verhaßte kleine Europa zurück. Er konnte nicht leben in diesen Ländern. -Er fühlte sich, wie in eine Weide eingespannt, Gras fressen wie die -dummen Kühe! Das vorgeschriebene, eingehagte Gras! Nein! so vermochte er -nicht zu leben. Deshalb hatte er unterhalb der Organisation des Staates -einen Staat für sich gegründet mit Gesetzen, die er allein ausgab, mit -Macht über Leben und Tod von Menschen. Mit seiner Hilfe wollte er Geld -erraffen, um sein Kaiserreich in den Urwäldern Brasiliens zu gründen, -das Reich Eitopomar. - -Er war sich selber genug. Was waren ihm die Menschen? Sein Wille -zerspritzte sie. Aber drüben in der Zukunft, in Eitopomar, gab es -niemanden, der seinem Willen vorgesetzt war. - -Allmählich, unter den gesteigerten Vorstellungen, war Mabuse in einen -Schlaf geglitten, der seine Glieder, geballt zwischen die Polster, und -seine Phantasie verloren an Träume fesselte, die alles Schwergewicht der -Materie aufhoben. Zwei Stunden lang schlief er, in die schwarzen Meere -seiner Träume versunken. - -Dann war es ihm, als schlüge ein Hämmerchen auf seinen Schädel. Immer -auf dieselbe Stelle seines Schädels. Es war lästig. Es war unerhört. Er -hatte nur zwei Stunden zu schlafen zwischen Buchloe und Röthenbach. Wer -wagte, diesen Hammer an seinen Kopf zu schlagen? - -Mit einemmal war er wach. Der Hammer war die Signalpfeife des -Sprachrohrs. »Ja!« rief Mabuse in den Sprecher. - -»Ein Auto ist hinter uns!« - -»Gezeichnet?« - -»Grauer Fleck auf der rechten Laterne.« - -»Wie spät?« - -»Halb eins!« - -»Wo sind wir?« - -»Zwei Kilometer vor Röthenbach!« - -»Halten Sie! Es ist Spoerri!« - -Das Auto hielt. Gleichzeitig verloschen die Scheinwerfer. Sofort -verloschen auch die des folgenden Autos. Dieses fuhr dicht auf. Dann -stoppte es. Eine Stimme hustete herüber. - -»Kommen Sie!« rief Mabuse. - -Einer kam durch die Nacht heran. Mabuse hatte die Mauserpistole aus der -Manteltasche genommen. Der Wagenführer setzte eine kleine elektrische -Lampe an, und man sah im Lichtkegel einen mantelverhüllten Menschen. - -»Spoerri?« - -»Ja, Herr Doktor!« - -Die Hand ließ die Pistole in die Tasche zurückgleiten. »Spoerri, halten -Sie hier eine Viertelstunde oder fahren Sie auf einem andern Weg nach -Schachen. Sie müssen kurz nach mir dort sein, halb zwei bis zwei. Ich -bin zu großen Änderungen entschlossen, die ich Ihnen mitteilen muß, -bevor wir in die Schweiz hinüberfahren. Sonst? ...« - -»Alles in Ordnung. Ich habe noch hundert Kilogramm Cer-Eisen im Wagen.« - -»Los! Halb zwei bis zwei!« - -Sie fuhren wieder. Die Scheinwerfer blieben eine Weile, wo die -Landstraße sich der österreichischen Grenze näherte und Grenzwächter -patrouillierten, gelöscht. In Schlachters brannten sie wieder an, und -das Dorf sank mit hastiger Gespensterhaftigkeit in ihren Lichtkegeln -zurück. - -Halbwegs Lindau, wo der Wald auf die Lindauer Steige stößt, hielt es -wieder. »Niemand da?« - -»Nein, Herr Doktor!« - -»Pesch?« - -»Ich sehe niemanden!« - -Mabuse verließ ungeduldig den Wagen. »Ich will ihn züchtigen. Ich will -absolut, daß alle pünktlich sind!« - -Er wartete weiter. Die Minuten krochen. Mabuse schlug mit der Faust in -der Manteltasche auf die Schenkel. Warten lassen! ... Warten lassen ... -der Schmuggler! Ungeduld verbrannte ihn. Er war tief beleidigt, -irgendwie an seiner Ehre gekränkt. Ein Schmuggler ließ ihn warten ... -den Herrn. - -Nach fünf Minuten tönte ein Auto über den Nebenweg. Es fuhr mit -schwachen Lichtern. Auf der Landstraße hielt es. »Pesch!« schrie Mabuse. - -Ein Mann wand sich aus dem offenen Wagen. »Ja, hier! Ich bin es, Herr -Doktor! Pesch!« - -»Es ist 1 Uhr 45. Um 1 Uhr 35 sollten Sie hier sein.« - -»Auf zehn Minuten kommt es nicht an. Ich habe auch schon gewartet!« -antwortete auflehnend die Stimme aus der Finsternis. - -»Wenn ich eine Peitsche hier hätte, würde ich Sie durchprügeln. Zehn -Minuten sind fünfzehn Kilometer Vorsprung vor einer Verfolgung, Sie -Esel! Sie verdienen in dieser Nacht zweitausend Mark von mir.« - -Der andere entgegnete frech: »Und Sie mit meiner Hilfe zwanzigtausend!« - -Mabuse: »Schwachkopf -- fünfhunderttausend! Das geht Sie jetzt nichts -an. Es ist nur, um zu sagen, wer hier Herr und wer Knecht ist.« - -Der andere: »Sie sind nicht mein Herr!« - -Da bäumte Mabuse sich auf. »Ich bin nicht ... sagen Sie!« Er brüllte: -»Doch! Sie können heimfahren. Ich brauche Sie nicht mehr. Nie mehr!« - -Er wandte sich schon in sein Auto hinein. Da sagte er noch hastig und -drohend: »Sollten Sie etwa Lust verspüren, eine anonyme Anzeige zu -versenden, so wissen Sie, daß in einem Wald eine Tanne wächst. Bis der -Strick vermorscht und Sie in Ihren eigenen Dreck fallen läßt. Wie der -Kollege Haim. Fahren, Georg!« - -Das Auto stürzte weiter. - -In der Gegend von Bad Schachen, wo Villen mit üppigen Anlagen Automobile -unauffällig machten, war ein Parktor offen, und ohne sich zu besinnen, -fand Georg den Weg in die schwarze Allee, die zur Villa führte. Die -Lichter waren gelöscht. - -Spoerri kam, noch während Mabuse und Georg an der Haustür standen. - -Als Mabuse aufschloß und im Flur das Licht andrehte, sah er, daß Spoerri -in der Tracht eines Mönches war. »Es ist nebensächlich,« sagte Spoerri. -»Ich mußte heute rasch in die Schweiz hinüber, und drüben im Rheintal -ist die Kutte besser als ein ungefälschter Grenzschein. Der letzte von -mir liegt in St. Gallen. Sie wissen ja, daß ich dort vorzeitig abreisen -mußte. Ich hatte aber bei Xaver die Listen. Die brachte er mir heute -nach Altstätten. Das kann man doch nicht mit der Post schicken, -heutzutage.« - -Sie saßen dann in dem großen getäfelten Speisezimmer. Georg brachte ein -Nachtessen, das er zubereitet aus München mitgenommen hatte. Er hatte es -auf dem elektrischen Herd aufgewärmt. Noch essend, sagte Mabuse: »Wir -liquidieren am Bodensee. Die Verluste sind fünf Punkte höher als an -Land, nach den Listen, die geführt wurden. Ich habe fünf Millionen -Stücke italienischer Fünf-Lire-Stücke aufkaufen lassen. Sie kommen nach -Südtirol, müssen über Vorarlberg nach der Schweiz geschafft werden. -Organisieren Sie das, Spoerri. Der italienische Mittelsmann ist Dalbelli -in Meran. Sie müssen morgen hinreisen. Ich gebe einen Monat Zeit. Damit -fangen wir dann zugleich das neue Gebiet an. Die Schweiz ist jetzt -scharf gegen Silbereinfuhr. Darum ist die Konkurrenz im Einkauf -schwächer. Man bekommt genug Fünf-Lire-Stücke in Italien. Ich habe es -auch mit französischem Silber versucht. Aber seit dem Frieden von -Versailles ist in Frankreich eine unmögliche Bande in die Geschäfte -hineingekommen, die niemandem etwas gönnt, weil sie früher keine -Kaufleute gewesen sind. Haben Sie sich gemerkt?« - -Spoerri nickte und rechnete heimlich. - -»Warten Sie mit dem Rechnen, bis ich alles gesagt habe,« fuhr Mabuse ihn -scharf an. - -Spoerri schaute verwirrt auf. - -Mabuse fuhr fort: »Mein Vertrauensmann in der Regierung hat mich darüber -unterrichtet, daß die Zwangswirtschaft auf Fleisch im nächsten Monat in -Bayern beseitigt wird. Die Tatsache wird noch geheimgehalten. Die -Preisunterschiede zwischen Bayern und Württemberg sind enorm und werden -die erste Woche wenigstens nach der Aufhebung bedeutend bleiben. Aber -gut ist, man kauft jetzt schon auf. Notieren Sie sich, daß ich bis zehn -Millionen Mark darin anlege. Soviel man bekommt, kaufen. Baldauff ist -tüchtig. Sie fragen Mägerle in Stuttgart wegen der Abnahme an. Daß -beizeiten für die Kleinarbeit des Hinüberbringens genügend Leute mobil -sind! Es muß alles am dritten Tage nach der Ausgabe der Verordnung -erledigt sein. Es wird sich um tausend bis zwölfhundert Stück Großvieh -handeln. Man schaut wieder etwas auf Qualität. Kein Kleinvieh. Das -Risiko ist zu groß. Rechnen Sie es selber aus, bevor Sie Weiteres darin -vornehmen. Es sind 30 Prozent mehr zu lösen. Davon können 10 Prozent als -Ausgaben verwandt werden. Sie müssen genauer rechnen als das letztemal -beim Salvarsan.« - -»Ich hatte dabei nicht ...« - -»Ich weiß; wie gesagt, nicht genau gerechnet. Pesch scheidet aus. Lassen -Sie ihn von der Beseitigungskommission scharf bewachen. Er ist impulsiv. -Es darf bei dem geringsten Anzeichen nicht gefaxt werden. Er kann zu -Haim gehenkt werden. Man hat den noch heute nicht gefunden ... Wie teuer -haben Sie das Cer-Eisen bezahlt?« - -»Es war teurer als ...« - -»Es ist immer alles teurer, als ... Polen oder die Sowjets können es -draufschlagen. Wie teuer?« - -»Fünfzig Mark!« - -»Also fünfzig Schweizer Franken. Sie müssen es haben. Keinen Rappen -nachgeben!« - -Es pfiff im Sprachrohr unter dem Tisch. »Ja, Georg,« rief Mabuse hinein. -»So ... gut. Die >Rhein< ist da, Spoerri. Georg, Sie steuern. Die -Wertpapiertasche nicht vergessen. Schluß! Sie reisen doch ohne jede -Gefahr nach Zürich, Spoerri?« - -»Sobald ich über die Grenzkontrolle bin, ja! Ich reise dann weiter als -Pater.« - -»Wenn Sie mit der >Rhein< fahren, brauchen Sie doch keine -Grenzkontrolle, Sie übernehmen die Aktentasche und bringen ihren Inhalt -auf meine Bank. Konto: Ingenieur Salbaz de Marte. Hier ist die Liste: -eine Million Deutsch-Luxemburger, zwei Millionen Deutsch-Überseer, -fünfhundert Stück Tausendmarkscheine. Diese gleich in Milreis -umwechseln. Es ist günstiger als über Dollars oder Schweizer Franken. -Benachrichtigen Sie Doktor Ebenhügel, daß neue Papiere im Depot sind. -Ich lasse ihm sagen, die erste Konjunktur benutzen und verkaufen, gegen -Milreis ... Es ist noch eine schwierige Sache zu erledigen: die Ablösung -der Leute am Bodensee, die für mich tätig waren. Wenn sie verdienstlos -werden ...« - -»Viele wollen sowieso nicht mehr mitmachen,« sagte Spoerri. - -»Ich weiß. Das sind die, die satt geworden sind. Sie sind nicht zu -fürchten. Sie haben sich mit meiner Hilfe ihre Häuser schuldenfrei -gemacht. Aber die Not zwang mich manchmal wahllos zu sein. Alle, die -kein eigenes Haus haben, nicht aus den Augen lassen! In Konstanz ist das -Pulverfaß. Da wohnen die jungen Burschen. Wenn wir ihnen den üppigen -Verdienst entziehen, sind sie plötzlich nichts mehr als Gauner, sitzen -in acht Tagen im Gefängnis und reden in der Wut. Sprechen Sie noch mit -Georg darüber, was dort zu machen ist. Er soll morgen hin. Am sichersten -wäre, sie in die Fremdenlegion abschieben. Gehen Sie Magnard aufsuchen, -sobald Sie von Zürich und Meran zurück sind. Auf das Kopfgeld verzichten -Sie natürlich nicht. Sie geben es Georg, damit er es unter die -Betroffenen verteilt ... Beauftragen Sie Böhm, die drei Motorboote zu -verkaufen, die wir außer der >Rhein< noch auf dem See haben. Der trägt -noch immer an der Mütze die Fassade des Königlich Württembergischen -Yachtklubs. Darunter geht das unauffällig. >Rhein< bleibt in der Nähe, -für alle Fälle. Das Boot kann sechzig Kilometer machen, wenn es ihm aufs -Steuer brennt. Wir gehen!« - -Georg wartete draußen. Die drei Männer tasteten sich durch die -Dunkelheit des Parks zum Steg. Sie hörten schon den Motor leis atmen. - -»Man hat meinen Befehl ausgeführt: Es ist nichts an Bord?« fragte -Mabuse. - -»Außer dem Cer-Eisen, nichts!« - -»Hinaus damit. Ich bin kein Alteisen-Trödler!« - -Georg lief voran. Drei Männer arbeiteten in der Finsternis. Dann stiegen -Mabuse und Spoerri ein, und das Boot fuhr gleich los. Es fuhr vorsichtig -unter der niederen Nacht. Kaum wagte der Motor zu pusten. Leis -schütterte die Kabine, in der Mabuse sich in seinen Pelz hüllte. Dann -ging er auf die hintere Plattform hinaus und dann ungeduldig zum Motor -nach vorn. - -Als sie eine Weile fuhren, horchte er hinaus. Es war ihm, als hörte er -einen Lärm. Der Lärm perlte durch die Geräusche des eigenen Bootes an -sein Ohr. »Halt!« befahl er. - -Georg stoppte. Da verging der Lärm draußen. Man fuhr wieder an. Es -geschah alsbald, daß auch der Lärm auf dem See um sie von neuem klang -... bald rechts, bald links ... Mabuse ging auf die Plattform, wo das -Geräusch des Motors weniger stark war. Da hörte er es ganz deutlich. - -Wir sind verfolgt oder wenigstens beobachtet, sagte er sich. Ist das -schon der Staatsanwalt Wenk? Ruhig und trotzig bereitete er seine beiden -Pistolen. Er überlegte, was er tun sollte, wenn ihn die Verfolger -anriefen. Er bemühte sich, in der Finsternis die kleine Flagge zu -erkennen, die am Heck der >Rhein< flatterte. Aber es war zu dunkel. - -»Spoerri!« rief er leise in die Kabine. - -Als Spoerri kam, fragte er: »Als was fahren wir? Horchen Sie, wir sind -verfolgt!« - -»Nein, nein,« sagte Spoerri, »wir fahren als Schweizer Wachtboot. Ich -habe Warnung, daß die Deutschen heute mobil sind. Da habe ich die drei -anderen Boote herbeordert. Eines fährt hinter uns, die beiden anderen -rechts und links. Es käme niemand durch. Wir sind schon im Schweizer -Fahrwasser.« - -»Wieviel verdienen Sie im Jahr bei mir, daß Sie soviel Sorge um mich -haben?« fragte Mabuse mit einem gehässigen Ton. - -»Genug!« antwortete Spoerri. »Aber es ist nicht deshalb.« - -»Es ist aus Liebe!« geiferte Mabuse. »Wollen Sie mit mir schlafen gehen? -Oder ist es die reine Nächstenliebe, die seit dem Kriege euch Schweizern -so gut steht?« - -»Nun ja«, sagte Spoerri nur. - -»Ich habe dreiundeinehalbe Million bei mir in der Aktentasche. Wenn Sie -wagten, mich zu erwürgen, täten Sie es. Aber Sie wagen es nicht. Das ist -alles. Das ist die ganze Menschlichkeit und Liebe, Sie haben im letzten -Jahr von mir 85677 Mark bekommen, und nebenbei ... genügt das Ihnen, -kein Mordsgelüst gegen einen Menschen zu haben?« - -»Ja!« antwortete Spoerri einfach. - -»Dann sind Sie ein Knecht. Mein Knecht. Hören Sie: mein Knecht!« - -»Ich höre!« - -»Soll ich dich ins Gesicht schlagen? Nein, ich bringe meine Haut nicht -in Berührung mit deinem Knechtsfell. Ich spucke nur durch die Luft!« - -»Über Bord. Sie bekommen mit niemandem Streit. Der Bodensee hat keinen -^point d'honneur^.« - -»^Point d'honneur^ ist ein fabelhafter Ausdruck. Ein Point ist so groß -wie eine halb ausgetretene Wanze. Genau so groß wie die Ehre der -Menschen. Was? Ihre auch, ha? Sie haben wohl solch eine Ehre, wie sie -der Bodensee nicht hat?« - -»Ich habe sie nie gemessen!« - -»Sprechen Sie anständig mit mir. Ich vertrage Ihren Käsewitz nicht ...« - -»Wir kommen aufs Ufer zu.« - -»Weichen Sie nicht aus, Sie!« - -»Nein!« - -»Sie!« rief Mabuse unterdrückt, aufquellend in jäher Erbosung. »Ich -spüre, wie der Haß aus meinen Fingerspitzen sprüht. Ich drücke Sie Ihnen -an den Hals, Sie ... Sie Hund ... Sie Menschengehunds. Als seien Sie ein -elektrischer Draht in einem amerikanischen Hinrichtestuhl. So fallen Sie -um, Sie jämmerliche Kreatur.« - -In diesem Augenblick stellte der Motor ab. Der Lärm der Boote hinter -ihnen war seit einer Weile verstummt. »Weshalb fährt er nicht mehr. Habe -ich befohlen?« fragte Mabuse jähzornig. - -»Es ist kein Signal am Ufer!« - -Da kam Mabuse zu sich. Er stand auf, knirschte mit den Zähnen und -fragte: »Was ist los?« - -»Wir müssen warten. Säuli ist sonst zuverlässig. Es ist etwas los.« - -»Warten wir! Haben Sie die Waffen bereit?« - -»Ja, wenn das Signal nicht kommt, wäre es besser, wir gingen ins -Beiboot. Wir könnten dann zu den anderen Booten zurückrudern.« - -Hinter Romanshorn begann ein Scheinwerfer aufzudrehen. Er warf einen -Lichtbalken in den Himmel. Der Balken senkte sich, die Finsternis -durchtastend, genau suchend und verweilend, nach der Seemitte aufs -Wasser. Bald stieg er wieder rasch in den Himmel und fiel erbarmungslos -auf die Stelle zu, wo Mabuses Boot hielt. - -Mabuse zitterten die Fußgelenke vor Spannung. - -Aber auf einmal blieb die Säule von Licht an einem hervorstehenden Haus -in Romanshorn hängen, dort, wo auf dem Hügel am Ufer die neue Kirche -war. Daraus sahen sie im Boot, daß das andere Fahrzeug weit hinter -Romanshorn sein mußte und keine Gefahr bedeutete. Ihr Boot blieb im -Dunkel. Im Bahnhof am Ufer hingen weit verteilt einige Bogenlampen. Ihr -Schein spielte fern auf dem schwarzen Wasser, wie blaßleuchtende Leichen -schaukelnd, vergehend, wieder emportauchend. - -Da sagte Mabuse streng: »Nein, wir bleiben! Sagen Sie Georg, er solle -die Luftdruck-Mitrailleuse an den Motor anschalten.« - -Spoerri ging. - -Unter dem Polster war ein Giftgas-Apparat. Mabuse zog den Schlauch -hervor. Der Wind kam von Südosten, also dafür aus guter Richtung. Er -bereitete für sich und seine Begleiter die Masken und versuchte den -Öffnungshahn. - -Da erschien am Ufer ein Licht, verging schnell, kam wieder, zuckte fort -und blieb dann. - -Der Motor knurrte wieder an. Bald fuhr das Boot in den Bach hinein, -zwang sich zwischen Bäumen weiter und stieß dann sacht an. Der Motor -schwieg, und ein Mann reichte vom Land aus ein Tau. - -Dann hörte Mabuse den Namen Dr. Ebenhügel. »Ja,« sagte Mabuse, »er soll -ins Boot kommen.« - -Eine Gestalt trat aufs Boot herüber. »Doktor Mabuse, ich, Ebenhügel. Ich -komme gerade von Zürich. Mein Auto ist schuld, daß Säuli das Zeichen -nicht pünktlich gab. Die Grenzer-Automobile spuken jetzt jede Nacht -herum. Bekamen Sie mein Telegramm? Es ist etwas los. Der Schreiber hat -gewarnt. Er konnte nicht sagen, was es ist. Er erfuhr nur aus einer -Antwort seines Bureauvorstandes, daß es über das Generalkonsulat in -Zürich von der Münchner Staatsanwaltschaft kam.« - -»So,« sagte Mabuse, mit zusammengedrückten Zähnen, »das ist der -Staatsanwalt von Wenk. Warte, Herr Staatsanwalt von Wenk!« Dann wandte -er sich an Ebenhügel: »Ich war nie ohne Gefahr und bin nie darin -untergegangen.« - -»Ich wollte sagen, daß man nur von München aus die Gefahr neutralisieren -kann. Es soll nicht heißen, wenn etwas schief geht, wir in Zürich seien -schuld daran.« - -Mabuse antwortete schroff: »Wie sprechen Sie?« - -»Die Sache ist für mehrere Menschen wichtig.« - -»Für wen denn noch?« - -»Zum Beispiel für mich!« - -Mabuse zog eine weitläufige wegschiebende Gebärde durch die Luft. -Ebenhügel sog geräuschvoll die Luft ein. - -»Ich habe nicht getrunken,« fuhr ihn Mabuse an. »Wie können Sie mich -wegen einer solchen Nichtigkeit diese Reise machen lassen!« - -»Ich hielt es für wichtig, Sie selber zu unterrichten. Alle Post wird -heute kontrolliert, Menschen sind unzuverlässig.« - -»Wer bezeugt mir, daß Sie zuverlässig sind? Sie sind auch ein Mensch.« - -»Unsere gemeinsamen Interessen, Herr Doktor. Ich wollte nur sagen, die -Gefahr droht von München aus. In der Schweiz wären Sie sicher. Sie haben -ja Reichtümer aufgestapelt, die Ihnen erlauben, in jedem Land zu leben. -Bleiben Sie hier. Bei uns sind Sie sicher.« - -»Was wissen Sie davon? Sie haben mein Vermögen zu verwalten, sonst -nichts. Nur zu verwalten! Basta! Noch etwas?« - -Der Rechtsanwalt berichtete über seine letzten finanziellen Operationen -für Mabuse. Mabuse nahm die Aufzeichnungen, die jener mitgebracht hatte, -an sich. Er schritt dann am Bachufer fünf Minuten auf und ab, allein, um -sich nach dem langen Fahren zu ergehen. - -»Ist Spoerri noch da?« fragte er. »Sie brauchen dann nicht nach Zürich -zu reisen,« sagte er ihm. »Ebenhügel nimmt die Mappe mit. Wir fahren -zusammen nach Schachen zurück.« - -Auf der Rückfahrt vermochte Mabuse nicht sitzen zu bleiben. Er ging -ununterbrochen auf der kleinen Plattform hin und her. Ein Lichtzeichen -blitzte vor ihm auf. Die drei Konvoiboote pochten wieder um sie. Ihr -Lärm ging verborgen in der Finsternis wie von Geistern. - -Mabuse telephonierte durchs Sprachrohr nach vorn: »Georg, Kognak!« Das -hörte Spoerri, und er erschrak. - -Mabuse trank in der halben Stunde, die die Fahrt dauerte, die Flasche -leer. Er war betrunken, als sie an Land gingen. Er torkelte durch die -Finsternis dem Hause zu, den andern voran, die nach seinem Befehl fünf -Minuten warten mußten, bevor sie ihm folgten. »Wir trinken weiter,« -befahl er im Speisezimmer. »Bring! Georg!« - -Spoerri überfiel ein Gruseln. Er wußte, wie es ging. Der Doktor wurde, -je mehr er trank, immer nüchterner und grausamer. Spoerri selber mußte -sich bis zur Bewußtlosigkeit betrinken. Sie tranken nun Sekt zur Hälfte -mit Kognak gemischt. - -»Das ist aufgelöstes Gold,« stammelte Mabuse. »Her! Größere Gläser! -Georg! Die Pokale! Spoerri, ein Zug! Reisläufer-Sohn! auf einen Zug! -Hundeblase, hinab! In deine Hundeblase!« Er trank vor. »Gefehlt!« schrie -er, da er vor Spoerri fertig war. »Noch einen! Du mußt kotzen! Ich muß -dich kotzen sehn! Deine Seele ausspucken sehn, du halbverdautes -Menschenaas!« - -Spoerri trank, und in den Augwinkeln drehte alles kopfüber in eine Tiefe -hinab, in die er selber zu fallen drohte. - -»Hast du gehört, der Herr von Wenk? Staatsanwalt in München! Dein -Notizbuch! ... Beseitigungskommission ... Befehl des Generals, nein des -... Fürsten ... Staatsanwalt Wenk. Nein, warte ... Zuerst der Herr Hull. -Der fing an ... Spoerri, Landsknecht, Gedärm, sauf'! So wie ich! ... Ja -... Hull, Hull, schreib': Gerhard Hull! Hubertusstraße 34. Ab mit ihm! -Der Reihe nach. Der zuerst! Wie sie's selber gemacht haben. Georg macht -es. Du hilfst! Die Carozza fädelt es ein. Such' Helfer! Schreib'! Befehl -des ... Fürsten! Trink' ... Du ... des Fürsten, hast du? Hä, welches -Fürsten, Gedärm, beschmierter Stiefel, welches Fürsten? du ... des -Fürsten, des Kaisers von Eitopomar in Süd-Brasilien. Ein Wort aus seinem -Mund, und tausend Weibern bluten die Rippen, und fünfhundert Männer -können nicht mehr zeugen. Ein einziges Wort! Eine Gebärde! Grinse nicht, -oder ich kastriere dich mit dem Glasscherben!« - -Er zerschlug seinen Pokal und bedrohte Spoerri mit den Scherben. -»Schreib' i... ich,« stöhnte der, »schreib' i... ich schon.« - -»Tausend Weiber und fünfhundert Männer!« schrie Mabuse. - -»Doktor?« fragte Spoerri zaghaft und durch seine sinnenfressende -Betrunkenheit voll Dumpfheit erschreckend. »Weiß i... ich jetzt nicht -... weiß ... Hull! Ich? Hubertusstraße 34 ... Ich? Ist dir ernst, -Doktor?« - -Da stand Mabuse auf einmal, so betrunken er war, kerzengrad. Er brüllte: -»Dir?« Dann schlug er Spoerri von oben herab mit der Faust auf die -Stirn, daß der mit seinem Stuhl langhin auf den Boden fiel. - -»Will schlafen gehn, Georg!« schrie er hinaus, von Wut zersprengt. Er -ließ Spoerri bewußtlos liegen, wie er hingefallen war, und ging. - -Am nächsten Morgen saß Spoerri schon im Eßzimmer, als Mabuse kam. Mabuse -hatte im Bett gefrühstückt. »Zeigen Sie Ihre Notizen!« befahl er barsch. - -Er durchflog sie, fand Hulls Adresse mit trunken fallenden Buchstaben -dazwischen geschrieben und gab Spoerri das Buch zurück. - -»In Ordnung!« sagte Mabuse. - -Spoerri umkroch ihn wie ein Hund auf der ängstlichen Lauer vor der -Stiefelsohle. - -Das tat Mabuse wohl. Das beruhigte und versöhnte ihn. Er wurde -gesprächig. Spoerri ging es auf wie ein taubes kleines Glück, daß der -Herr freundlich zu ihm ward, daß der furchtbare Wille, der aus dem -großen Kopf dieses machtvollen Mannes auf ihn hämmerte, freundliche -Worte für ihn herausbrachte und ihm Anerkennung gab. - -»Spoerri,« sagte Mabuse, »ich geh' mit Ihnen nach Konstanz. Es ist -wichtig, daß die jungen Leute uns keine Dummheiten machen!« - -Da leuchtete Spoerri. »Ja, wenn sie den Herrn Doktor sehen, dann ist -nichts zu fürchten.« - -Die beiden blieben tagsüber in der Villa. Mabuse trank, zwang Spoerri -aber nicht mehr mitzutun. Vor dem Mittagessen schon war er betrunken. - -Spoerri war, müd in Hirn und Blut von dem schweren Rausch der -vergangenen Nacht, auf eine überweiche Art um Mabuse besorgt. Er -versuchte heimlich mit naiven Kniffen, ihn vom Trinken abzuhalten. Aber -Mabuse merkte das bald. »Weg da! Die volle Flasche her! Daß das nicht -noch einmal versucht wird!« sagte er. - -Er mußte trinken. Er trank und feuerte seinen bösen, starken Geist an. -Seine Phantasie fand im Rausch die Einfälle der großen Geschäfte, wenn -sie von seinem Willen alle Ablenkung nach außen fernhielt und der Rausch -ihn in sich selber einschloß wie in eine Burg aus Tausendundeiner Nacht. - -Das verstand niemand. Der Alkohol war ihm ein Märchenerzähler, war ihm -der Strom, der in der Tiefe den Saft des Lebens trug und zum Schöpfen -hinreichte. Er badete in ihm wie in der Liebe zu einer Frau, in -fließenden Abspannungen, neue Bahnen erspringend, ununterbrochen. Löste -alle Gesetze auf und ließ ihn im Eignen uneingeschränkt, hemmungslos -wachsend, über alle Grenzen sich dehnen ... sein eignes System, seine -eigne Welt und Sonne. - -»Spoerri, wie gefällt dir Europa?« lallt er. - -»O gut, Herr Doktor!« antwortet Spoerri entgegenkommend unbesonnen. - -Da brüllt Mabuse ihn an: »Du gehst nicht mit nach Eitopomar, meinem -Reich! Europa ist eine Filzlaus. Einer kriecht dem andern ins Fell. Alle -überkriechen sich. Sie ertränken sich mit Petroleum. Alle die Filzläuse, -die Schmarotzer, die Stinker, die Heimlichen, die Hautjucker. Mit -Petroleum, weil sie wissen, daran krepiert man nicht. Eine Hautpore ist -schon ein Krater für sie. Aber wenn ich in Eitopomar sein werde ... -Spoerri, du gehst nicht mit! Ich geh' jetzt schlafen. Bis nachher.« - -Mabuse torkelte hinaus. Im Schlafzimmer auf seinem Bett, angekleidet, -ließ er noch einige Minuten, als sei er selber Weltall, befreit von -Grenzen und Räumen, die Ausbrüche seines Willens über sich fließen, Lava -und Urschlamm, kochend durch tausend Nächte dem einen Tag entgegen, der -ihm in dem fernen Reich alle Macht über Leben und Tod von Tieren, -Wäldern und Menschen in seine beiden gierigen Hände geben sollte. - -Abends, als die Dämmerung eingebrochen war, fuhren sie nach Konstanz. - -Mabuse war nüchtern, schweigsam und mürrisch. Seine Vorstellungen -bearbeiteten schon mit harten Schlägen, die in seinen Nerven fühlbar -widerzitterten, das Rudel junger Burschen, das in dieser Stadt, die in -die Grenze eingespießt lag wie eine Zecke, seit dem Waffenstillstand für -ihn tätig gewesen war. Von dieser selben Stadt aus hatte er begonnen, -als der Krieg ihn aus dem eignen und selbstherrlichen Reich seiner -Pflanzung auf der Salomonen-Insel nach Europa zurückgeworfen hatte und -er sich hier mit der sprengenden Macht seines Willens nicht besser -zurechtfand als damals, da er, nach dem Examen, die Südsee gegen eine -Arztkarriere in einer süddeutschen Stadt getauscht hatte. - - - - - VI - - -Wenk erwachte an einem Gefühl von Kälte, das ihn mit Schauern -überhüpfte. Er zog den Mantel fest, in der Meinung, es sei die -entglittene Bettdecke. Bald ward er seinen Irrtum gewahr. Er erhob sich. -Ein taumeliges Gefühl bohrte sich, noch Erinnerungen erstickend, durch -seine Adern. Langsam besann er sich. Er sah gleich, wo er war. Die -Schloßgebäude durchleuchteten die Nacht. - -Er sprang heftig auf und ging davon. Halb erstarrt. Er mußte rechts und -links und hin und her springen, um seinem Körper wieder Wärme -zuzuführen. Wie spät war es? - -Er griff nach der Uhr. Sie fehlte. Dann durchsuchte er seine Taschen. -Seine Brieftasche fehlte ebenfalls, und mit ihr sein Geld und sein -Notizbuch. Er war einem Räuber in die Hände gefallen. Sonderbar ... wie -war es gegangen, daß er mit dem Leben davongekommen war? - -Da auf einmal empfand er einen wilden Schrecken. Er faßte sich an den -Kopf und drückte die Schläfen fest, um des verzweifelten Gefühls Meister -zu werden. Sein Notizbuch fehlte auch. In diesem Notizbuch standen -Adressen, Beobachtungen, Mitteilungen, Anweisungen, Pläne ... Das erste, -was er sich davon erinnerte, war die erste Seite, auf der die ganze -Geschichte mit Hulls 20000 Mark stand ... - -Wenk lief jetzt gradaus. Als ob er sein Notizbuch einholen könnte! Er -stürmte, daß ihm der Atem verging. Etwas lief ihm davon. Er hielt an und -fragte sich: Was ist jetzt zu tun? Auf den nächsten Bahnhof? Aber wie -spät ist es? Vielleicht ist es fünf Uhr, vielleicht erst eins! Und der -erste Zug? Warten ... vier, fünf Stunden vor einem geschlossenen Bahnhof -warten! - -Sollte er nicht jemand im Schloß wecken? Dann müßte er erzählen. - -Nein, das hätte keinen Zweck. Jetzt Lärm machen! Der Chauffeur hatte im -Auftrag des Blondbärtigen gearbeitet. Das war zweifellos! Hatte jener -ihn in seiner Verkleidung erkannt und das Werk so geschickt und kühn -voraussehend in den Weg geleitet? Oder war es System, daß einer, der -irgendwie verdächtig erscheint, von vornherein einmal auf diese Weise -auf die Nieren geprüft wurde? Oder konnte es doch vielleicht nur Raub -sein, bei dem das Buch mitgegangen war? Dadurch, daß er sich ins Polster -setzte, öffnete er wohl die Gasleitung; denn es war kein Gas im Wagen, -als er einstieg. Das war so vorgesehen. Nein, so war es nicht. Es war -viel einfacher und sicherer. Der Führer konnte den Gashahn öffnen von -seinem Sitz aus. Natürlich war es so! - -Währenddessen ging Wenk schon auf der Landstraße, und zwar erst im -halben Bewußtsein seines Entschlusses, zu Fuß in der Richtung auf -München zurück. Er ging, so schnell er konnte. Manchmal mußte er stehen -bleiben, um ein Gefühl des Taumels abzuwarten und abzuwehren, das sich -seiner bemächtigen und ihn auf der Straße niederpressen wollte. - -Das war wohl eine Nachwirkung des Gases. Was war das für ein Gas, das so -rasch wirkte und so unschädlich war? Man hätte ihn ebensogut in ein -tödliches Gas setzen können. Dann wäre man ihn sicher los gewesen! -Weshalb nur in ein betäubendes Gas? - -Sollte es eine Warnung sein? - -Jetzt hatte man sein Notizbuch! Vielleicht wollte man nichts anderes von -ihm als sein Notizbuch! Ein Anschlag auf sein kleines Notizbuch! Was -stand noch drin? Welche Namen hatte er noch drin? Karstens ... Und alle -Erlebnisse in den Spielhäusern mit dem Blondbärtigen und dem alten -Professor und im Palasthotel. Und alle Häuser, in denen gespielt wurde! -Es war klar. Nur sein Buch wollte man haben. Das war geglückt. Das war -davon. Es war ihm ein liebes kleines und bewegtes Buch gewesen. - -Er ging schneller und schneller. Die Häuser schliefen in der Landschaft. -Die Ortschaften schliefen. Die Vorstadtstraßen schliefen. Sie kamen ihm -wie blasse Lindwürmer durch die Nacht entgegengekrochen, schliefen auf -den flachen Äckern, in denen Reste von Schnee eingenistet lagen und in -der Finsternis zur Straße heraufleuchteten, als seien sie in einem -geisterhaften Halbleben an den Weg geworfen worden, um zu beobachten, -wer darüber ginge. Es schauderte Wenk. - -Als aber dann ein Trambahnwagen kam, beruhigte er sich. Bald kannte er -sich aus und eilte in die Stadt hinein und seiner Wohnung zu. Er kam -vollkommen erschöpft in seinem Zimmer an, legte sich in den Kleidern -aufs Bett und verfiel einer zweiten Bewußtlosigkeit, aus der heraus er -unvermittelt in stärkenden Schlaf glitt. Erst am Abend wachte er auf. - -Der erste Einfall, der ihm kam, war der, daß sein Leben von jetzt an auf -dem Spiel stand. Er nahm ihn ruhig hin. Das war selbstverständlich. Er -kämpfte mit dem Bösen. Dessen Schlachtplatz lag immer da, wo die Grenze -zwischen Sein und Zerstören war. Er fragte sich, ob der Gegenstand des -Einsatzes wert sei, und antwortete sich selbst im nächsten Augenblick: - -Darüber gibt es kein Nachdenken. Die Menschen sind losgelassen aus der -Menagerie. Es war sein Amt, seine Pflicht, seine Daseinsberechtigung, -mitzuhelfen, sie gefahrlos zu machen. Keine Menschenfurcht! Keine des -Leibes, wie er keine der Seele hatte, seitdem es seinem Geist geglückt -war, sich in die krisenhafte Zeit des neuen Deutschlands hineinzufühlen -... sich mitverantwortlich zu sehen an dem Entstehen dieser Zeit, aber -auch an ihrer Überwindung. - -Aber eins: War er dem andern gewachsen? Sollte er sich nicht dahinter -verschanzen müssen, daß er sein Leben und seine Kraft von vornherein in -ein vergebliches Wagnis setzte? Der Gegner schien ihm überlegen. Der -Gegner arbeitete im Finstern. - -Waren Wenks Hände stark genug, da hineinzugreifen und festzuhalten, was -an dunkeln Mächten sich ihnen entgegenwälzte, um sie zu zerquetschen? -War er stark genug gegen diese Zeit? Denn sein Gegner war mehr als -Falschspieler, Verbrecher ... war die ganze Zeit, die von der -Kriegskatastrophe losgerissen worden war aus dem Höllenschoß der -Schöpfung und heraufbrach über die Welt und seine Heimat. - -Er sah ein, daß er gegen einen solchen Gegner die Netze weiter spannen -mußte, wenn er dran denken wollte, ihn zu fangen. Er mußte seine -Organisation gegen die des Verbrechers stellen. Er durfte dabei nicht, -wie bisher, in seinen Bundesgenossen geistige Kräfte berücksichtigen, -die er auf einen Klang mit sich selber bringen wollte. Er mußte Helfer -im Lager des Feindes holen gehen. - -Sofort dachte er an die Frau, der er zu der sonderbaren und -zweifelhaften Flucht verholfen hatte. Er fuhr gleich zu Schramms. Ja, -sie saß da. Wie immer schaute sie nur zu. Er setzte sich zu ihr. »Sie -spielen nicht, Herr Staatsanwalt?« fragte sie. - -»Nein, Ihr Beispiel hat mir das Beobachten interessanter gemacht als das -Spiel.« - -»Das Beobachten,« lachte sie leis zurück, »ist bei einem Staatsanwalt -nicht gut ... für die Mitspieler!« - -Wenk hatte einen leisen Verdacht, als ob das mit einer Nebenabsicht -gesagt sei, spöttisch oder lauernd, darüber fand er sich nicht zurecht; -jedenfalls im Dienst eines andern. Der saß wohl da und spielte mit. Ja, -vielleicht wirkten die beiden heimlich zusammen. - -Er beobachtete sie. Sie saß aber gelassen und untätig da. Sie gab ihre -funkelnden Blicke nach allen Richtungen. Er sagte ihr abtastend: »Sie -sahen einen Staatsanwalt selber in den Krallen des Spielteufels. Sein -Bann ist beschworen für den Mitspieler!« - -Er sagte für »den« Mitspieler und dachte: jetzt zuckt sie auf, stutzt, -blickt ihn rasch an. Er weiß etwas von ihr. Er wunderte sich, daß er so -kühl berechnend mit ihr verkehren konnte. - -Aber sie blieb ruhig sitzen und nahm seine Worte nur mit einem -gesellschaftlichen Lächeln entgegen. - -Sie ist schön, und es ist etwas von heimlicher, zurückhaltender Kraft an -ihr. Die Männer spielen um Geld. Es wäre männlicher, wenn sie um diese -Frau spielten, dachte er sich. - -Nach einer Weile beugte sie sich auf dem Polster etwas zu ihm herüber -und sagte leise und mit einer spielerischen Eindringlichkeit: »Ich war -an dem Abend hier, als Basch verlor!« - -»Ich weiß ja,« antwortete Wenk befremdet und fragend. - -»Da haben Sie auch gespielt, Herr Staatsanwalt.« - -»Nun ja, ich habe gespielt. Ich sagte das ja eben!« - -»Ja, ich meine, da haben Sie gespielt! Am ersten Abend, als Sie mit Hull -kamen, haben Sie auch gespielt. Aber das war nicht gespielt. Und am -Abend mit dem alten Professor, weiß ich nicht recht, da war eine -atmosphärische Störung ... Nicht wahr?« fragte sie auf einmal mit einer -schmelzenden und ganz damenhaften Liebenswürdigkeit. - -Wenk war betreten. Er fragte zurück: »Am Abend mit dem alten Professor? -Mit welchem alten Professor?« - -»Als Sie als Ihr Onkel aus der Provinz kamen,« lächelte sie schelmisch. - -Da sah Wenk ein, daß sie ihn erkannt hatte. Er machte ein enttäuschtes -Gesicht. Aber sie bat ihn, nicht darüber traurig zu sein, daß sie ihn -erkannt habe. - -»Sie waren gut maskiert,« sagte sie. »Aber ich konnte nicht glauben, daß -in München zwei solcher kleinen süßen Affen auf einem Pfirsich seien, -die ein chinesischer Steinschneider aus einem Amethysten gezaubert hat. -Der Ring hatte mir das erstemal, als ich ihn sah, zwischen den dummen -Brillanten an den dummen Männerfingern so wohlgetan.« - -Wenk blickte sie abwartend an. Wer war sie? Sie fuhr dann fort: »Daß es -nämlich auch in unsern Kreisen« -- wobei sie rund um den Tisch blickte --- »Männer gab, die so etwas wie Geschmack hatten ...« - -»Ihre sprudelnde Ironie,« entgegnete Wenk, auf ihren Ton eingehend, -»verlangt wohl kein Nein oder Ja! Schon daß Ihnen mein Ring auffiel und -daß Sie seine Heimat so richtig schätzen, verlegt auch Sie in andere -Kreise als die, in denen Sie sich zeigen.« - -»Ich war Stewardeß auf einem Ostasiendampfer. Aber der Krieg hat uns ja -nun Schiffe und Beruf weggenommen!« - -»Darf ich Ihnen dann das Kompliment machen, daß Sie sich von Ihrem -früheren Beruf lobenswert fortentwickelt haben?« - -»Ich bin nicht dumm!« lächelte sie. - -»Es gibt nichts, was unnötiger zu versichern wäre, Frau Gräfin.« - -Da gab es einen ganz kurzen Augenblick im Auge der schönen Frau, in dem -es wie unmerklich gestaut in ihm stillstand. Hatte er gewußt, wer sie -war? Hatte er ein wenig mit ihr spielen wollen, und wird er jetzt sich -dick tun mit seinem Wissen, daß sie an solchen Orten heimlich verkehrte? - -Wenk lachte heraus: »Oder kommt Ihr mit der Krone verziertes Taschentuch -aus dem Koffer einer nach Ostasien gereisten Gräfin? ... sagte Sherlock -Holmes. Wir sind quitt, Gnädigste. Wir wollen beide uns bessern und -vorsichtiger sein, wenn wir unter die Sterblichen gehn. Ich stecke einen -dummen Brillanten an den Finger. Sie sticken ein Monogramm ohne Krone in -Ihre Taschentücher, Frau Gräfin ...« - -Sie machte erregt: »Pst!« - -»Aber auch dies Mimikry wird nichts nutzen!« - -»Ich verstehe Sie nicht!« - -»Sie wollen mich zwingen, Ihnen Schmeicheleien zu sagen. Ich suche -vergeblich nach einer Fabel, um meinen Gedanken ein Kleid zu geben, das -erlaubt, Ihnen unter einem Symbol zu sagen, daß man die >Gräfin< nicht -in sich unterdrücken kann.« - -Gleich wird er mich zum Souper einladen! Er will ein Abenteuer mit mir! -sagte sie sich. Sie fühlte sich dadurch sehr aufgeheitert. Sie war -hierher das Lebensüberschuß stillende Abenteuern um nichts suchen -gekommen, unter ihrer Maske, und fand einen Staatsanwalt. - -»Den Umweg über Schramms hätte ich dazu nicht nötig gehabt!« lächelte -sie bei sich. - -Am Tisch ging das Spiel heute ohne Sensation. Sie beschloß den -Seitensprung zu machen, wenn der Staatsanwalt dorthin mündete. - -Sie sagte ihm spöttisch: »Sie vermögen Ihre Schmeicheleien in eine so -gute Maske zu kleiden wie sich selber, Herr Staatsanwalt. Ich muß sie -annehmen, da Sie mich unerkannt überrumpeln.« - -»Ich meine nur,« beharrte Wenk, »auch die Entfernung der Krone von Ihrem -Monogramm entfernt nicht, um ein beliebtes Wort zu gebrauchen, den Adel -von Ihrer Stirn.« - -»Ich hoffe, Sie maskieren sich noch immer!« - -»Als entzückter Leser sentimentaler Romane, meinen Sie. Allerdings, -Gnädigste ... Aber ist dies der Ort, unser Gespräch fortzusetzen, das -vielleicht sich nach einer ernsteren Wendung sehnt?« - -Sie antwortete und blickte ihn dabei von oben an, hochmütig und -überlegen: »Das will sagen, Sie laden mich zum Nachtessen ein!« - -»Das wollte ich eigentlich nicht sagen, weil ich es nicht wagte,« wandte -Wenk rasch ein, da er sie erkannte. Er spürte, sie meine, er wolle ein -Liebesabenteuer mit ihr einfädeln. Mit dem üblichen Weg über das -Nachtessen mit Champagner. Jetzt darf ich, sagte er sich, um sie zu -gewinnen, ihre Meinung nicht ganz täuschen und zugleich aber auch nicht -ihre Vermutungen erfüllen, und da sie mich erraten zu haben glaubt, ihr -dann das Gefühl einer Überlegenheit über mich lassen. Sie darf mich -nicht als dummen Kerl ansehn. Das Taschentuch mit der Krone scheint echt -zu sein. Wegen Geldes kommt sie nicht. Denn sie spielt nie. Also bringt -sie einer der Anwesenden her oder irgendein Abenteuer, das ich -herausfinden muß. Was es auch sei, ich muß, um sie mir zu gewinnen, -stärker sein als das Ungewöhnliche, das sie hierher führt. - -»Was können Sie mir anbieten?« fragte sie ein wenig frivol. - -Aber es war Wenk, als empfinde er etwas von Wesenhaftem hinter dem -leichtsinnigen Ton. Da antwortete er rasch, ganz intuitiv, und sobald er -es gesagt hatte, fürchtete er, es sei mißlungen: »Große Abenteuer! -Wirklich große Abenteuer!« - -»Mit Ihnen?« fragte sie dagegen, ebenfalls ohne sich zu besinnen. »Als -Liebhaber oder als Staatsanwalt?« - -»Mit mir als Detektiv!« - -»Können Sie das?« fragte sie wegwerfend. - -»Soll ich Ihnen einige Proben geben? Ich bin gestern nacht in ein Auto -gelockt und im Schleißheimer Park durch Gas betäubt bei vier Grad Kälte -auf eine Bank abgeladen worden. Schon heute, vierundzwanzig Stunden -später, weiß ich, daß der Mann, der es tat oder tun ließ, derselbe ist, -den Sie kürzlich als alten Professor spielen sahen, und daß dieses -gelehrte alte Haus derselbe Mann ist, der mit einem blonden Vollbart vor -Ihren Augen hier Basch sein Geld abnahm.« - -»Ist das wahr?« fragte sie mit einer schweren Stimme. - -»Ja.« - -»Der ... da ... saß ... mit dem rötlich blonden Vollbart!« - -»Der wie ein Raubtier vor Basch saß ... ja!« - -»Und was soll ... ich? Was ... soll ich dabei tun?« - -»Mir helfen diesen Mann suchen, von dem die Menschen befreit werden -müssen.« - -»Ich bewundere ihn!« - -»Ich mißachte seine Kraft nicht. Aber es gibt auch Kräfte, die böse sind -...« - -»Und menschlicher und größer demnach als die, die sich gut nennen!« rief -sie, und ihre Büste, schlank und voll reifster Jugend, straffte sich in -Auflehnung vor Wenk auf. - -»Ich verstehe Sie jetzt, gnädige Frau. Hören Sie: Nicht menschlicher und -nicht größer ... Kraft ist Kraft. Man kann nicht ihre Ausmaße zum -Abmessen nebeneinander stellen, sondern nur ihre Wesenheiten. Menschlich -ist alles, gut wie böse. Die böse Kraft bringt immer nur aus der -Zerstörung guter Kräfte Vorteile, und diese Vorteile immer nur für den -Zerstörer allein. Die gute Kraft trägt Nutzen zu allen, ohne ihrem -Besitzer jenen realen, rohen Gewinn abzuwerfen, den allein der Ausüber -böser Kräfte zu erreichen trachtet. Welches ist die edlere? Das müssen -Sie sich fragen und ihr folgen, wenn in Ihrem Temperament ein Überschuß -an Kräften ist, die Sie in der Gesellschaftsordnung, der Sie angehören, -nicht tätig machen können und aber auch nicht brachliegen lassen wollen -... Man wird übrigens auf unser Gespräch aufmerksam. Ich vermute, der -Blondbärtige hat überall Agenten. Erlauben Sie mir, von Ihnen Abschied -zu nehmen und von Ihnen eine Gelegenheit zu erbitten, unsere -Unterhaltung fortzusetzen.« - -»Kommen Sie mich morgen besuchen! Zum Tee, bitte. Nach Tutzing. Gräfin -Told.« - -Sie gab ihm die Hand. Wenk, dem der Name die Zusammenhänge bei der -Flucht in jener Nacht, da der Graf Told hereingekommen war, überraschend -erklärte, küßte die schmalen Finger, mit einem Male hemmungslos ihrer -Schönheit hingegeben und wieder mit dem gaukelnden Gedanken spielend: -Weshalb Menschen jagen und nicht diese Frau lieben? - -Von diesen Vorstellungen erfüllt, ging er. - -Als die Gräfin allein war, sagte sie sich: Wir Frauen haben keine -Phantasie. Es ist wahr. Das Abenteuer suchte ich zwischen den vom Spiel -Aufgefressenen, und als es kam, glaubte ich an einen Liebeshandel. Aber -siehe, dieser ist ein Mann! Er setzt sein Leben an seine Aufgabe, und -mehr als sein Leben hat kein Mensch zu vergeben, und auch nichts -Stärkeres und nichts Schöneres als sein Leben! Wenn mir die Möglichkeit -käme, dies zu tun! - -Sie war entschlossen, Wenk zu folgen, und war ganz seinen Gedanken -anheimgegeben. Sie schob ihr Leben, wie sie es bisher geführt hatte: -tagsüber Dame und nachts auf der Jagd nach dem Erleben kühner und -dunkler Dinge, die sich nie erfüllten, weit von sich. - - * * * * * - -Wenk fand am nächsten Morgen unter seiner Post ein kleines -eingeschriebenes Paket. Als er es öffnete, lagen seine Uhr und seine -Brieftasche drin mit allem Geld. Nur das Notizbuch fehlte. Auf einem -Zettel war in Maschinenschrift folgendes zu lesen: »Ich bin kein -Leichenfledderer. Die Sachen, die mein Angestellter irrtümlich von Ihnen -nahm, erstatte ich Ihnen hiermit zurück. Das Notizbuch behalte ich, weil -sein Inhalt mich angeht. Balling.« - -Wenk war nicht überrascht. Jener spielte um Zehntausende. Was waren ihm -einige hundert Mark und eine goldene Uhr? Auch die Gewißheit, daß der -Anschlag wirklich ihm und in engerem Sinne seinem Notizbuch galt, hatte -er zu bekommen ja nicht mehr nötig gehabt. Er schob die Uhr und die -Tasche ein und setzte seine Gedanken wieder in Trab hinter der lockenden -Gräfin her. - -Nachmittags wurde er von ihr empfangen. Sie wohnte in einem großen -Hause, das sehr reich, aber mit einem Geschmack eingerichtet war, der -Wenks Empfinden verletzte. Denn seine Vorstellungen über die Gräfin -hatten seit gestern einige Fortschritte gemacht, die es ihm angenehm -gestaltet hätten, wenn er sie mit sich in einer stärkeren -Übereinstimmung gefühlt hätte, als die Einrichtung dieses Hauses sie -bewies. - -Gleich an der großen Hallenwand hatte ein Pinsel Menschenakte zu -verdehnten Prismen und springenden Kurven, zu Maschinenteilen und -Ochsenvierteln zerfleischt. Farbenklatsche standen da aneinander und -versuchten den Eintretenden zu zwingen, an die Wut des Temperaments zu -glauben, das sie verfertigt hatte. »Ach, ihr seid ja klein und kühl, -ihr!« sagte Wenk zu ihnen hinauf. »Man kann irgendeinen unter euch -herausnehmen, und der daneben hat nicht so viel Blut in den Adern, daß -er das Verschwinden seines Bruders merkte. So kalt seid ihr.« - -Der Diener, in einem Kostüm, dessen dunkle Strenge vornehm von einigen -kleinen Silberknöpfchen und blauen Litzchen aufstilisiert war, nahm ihm -Mantel und Hut ab und ging voran. Die Gräfin erwartete ihn am Teetisch. - -»Wir sind nicht lange allein,« sagte sie, »mein Mann kommt um fünf Uhr!« - -Aber Wenk war von der Aufplusterung dieses Hauses die Laune genommen -worden. - -Bevor er antwortete, warf er einen flüchtig hinweisenden Blick auf die -Wände des Zimmers. - -Die Gräfin lachte nur. »Das ist mein Mann,« sagte sie. »Ich halte das -alles für Idiotien. Was soll denn schließlich daraus werden, wenn man -eine Bluse malt, an einigen frischgestrichenen Scheunentoren abwischt -und dem Beschauer sagt: Sinfonie von Beethoven? Aber, lassen wir jedem -das Seine. Oder ist der Herr Staatsanwalt auch expressionistisch?« - -»Ich kann das nicht behaupten,« antwortete Wenk. »Sie behaupten, sie -seien das Neue und das andere. Aber unter sich führen sie alle doch -dieselbe Geheimsprache. Unser Erlösendes aber kommt nur von einer -Persönlichkeit!« - -»Sie wollen erlöst sein?« fragte die Frau. »Erlösen Sie sich denn nicht -selber? In Ihrem Beruf? Ich meine, in Ihrer Tätigkeit? Eine andere -Erlösung, eine Erlösung von außen gibt es doch nicht!« - -»Das ist wahr,« sagte Wenk einfach und hatte das Bild der Frau wieder -eingeholt, das ihn seit gestern verfolgte und ihn beim Betreten des -Hauses verlassen hatte. »Das ist übrigens dasselbe, was wir gestern -besprachen, als wir von der Wage der Kräfte des Guten und Bösen redeten. -Und das wollte ich Ihnen heute nochmals sagen.« - -»Ich habe Sie wohl verstanden,« entgegnete die Gräfin. »Ich kann es -Ihnen ja eingestehen: Anfangs dachte ich, Sie suchten ein -Liebesabenteuer. Das war mir sehr lustig. Denn weiß Gott, ich suchte -etwas anderes in den Spielhäusern.« - -»Sie werden, was Sie suchen, in meinem Werk finden, Frau Gräfin,« wandte -Wenk rasch ein. - -Da stand lautlos plötzlich der Diener im schwarzen Anzug mit den -Silberknöpfchen und den blauen stilisierenden Litzchen hinter dem Sessel -der Gräfin und neigte sich flüsternd zu ihr. - -Die Gräfin sagte zu Wenk: »Mein Mann!« Sie sah Wenk ruhig und verweilend -an, und als der Graf kam, stellte sie die beiden Herren einander vor. - -Der Graf Told war ein übermäßig schlanker, mit einer übertriebenen -Lebhaftigkeit wirkender Mann. Er war auffallend jung. Er war mit -Anspruch elegant gekleidet. Er hatte ein besonderes Spiel der Hände, -wobei ein Ring immer wieder in den Vordergrund kam, in dem ein Stein -eingelassen war, wie ihn Wenk niemals gesehen hatte. - -Es mochte ein Rauchtopas sein, aber von blutigen Blitzen durchzuckt, -die, milchig an den Rändern verlaufend, die kleine klare Honigglut des -durchsichtigen Gesteins überschrien. Und mittendrin, wo sich all die -grellen Blitze trafen, hoben sie ein Perlchen hervor, eine Insel, nicht -größer als eine winzige Linse. Die aber war von einem Blau, daß ein -Saphir melancholisch wurde und ein ... Das dachte sich Wenk und wandte -keinen Blick von dem Stein. - -»Er ist ein wenig zu groß für meine Hand,« sagte der Graf, der die -Blicke des Besuchers auf diese Weise beantwortete, »aber der Stein ist -so ... wie soll ich seine Ungewöhnlichkeit bezeichnen ... nun, ich sage -nichts anderes, so wie eine Erzählung von Endivian, der Ihnen gewiß -bekannt ist, und von dem ich ihn auch habe. Er brachte ihn mit aus -Penderappopimur.« - -»Ist das jetzt der modische Edelsteinhändler?« fragte Wenk, der ein -wenig betroffen und keineswegs im Bild war. - -»Herr von Wenk,« sagte die Gräfin ernsthaft ... »Endivian ist jetzt der -modische junge Goethe dieses Vierteljahrs.« Dann lachte sie: »Nein! -Endivian, der Dichter, bekam den Stein am Hof Abtimurksers II. statt des -Bechers aus dem Gedicht seines geistigen Vaters ... Sie wissen: Die -goldene Kette gib mir nicht. Und als er zurückkam, schrieb er ihn aus in -Deutschland, sozusagen, wie der Papst die Tugendrose: sein größter -Bewunderer sollte ihn haben. Die Wahl traf meinen Mann. Besser, er hätte -mir ihn gegeben.« - -»Weshalb schwärmst du nicht für ihn wie ich?« fragte mit mildem Lächeln -der Graf Told und voll Verliebtheit sie anblickend. - -»Peter Resch hat seine papiernen Lenden angedichtet. Das gibt dir darauf -die Antwort!« lachte die Gräfin zurück. - -»Pfui, Peter Resch,« sagte der Graf. »Er ist einer von den arrivierten -Impressionisten. Übrigens habe ich eine neue Erwerbung gemacht, -Liebste.« - -»Bei den Juryfreien?« - -»Kann man anderswo noch Bilder kaufen? Da ist überhaupt nichts mehr ... -Und man hat die ganz klare, unzweifelhaft eindeutige Empfindung: Wenn -dies Malertemperament doch auch noch auf die Farben verzichten könnte -... Es ist der Beginn der Abstraktion von allem, was zur Vermittlung der -Vision eines fremden Bewußtseins Hilfsmittel braucht, die in der -Schöpfung außerhalb der betreffenden Kunst liegen.« - -Scheinbar ernsthaft erwiderte die Gräfin: »Gott sei Dank, man kommt -weiter. Wenn wir nun auch auf dem Gebiet der Musik das Genie in Aussicht -hätten, das auf den Lärm der Töne verzichten kann, um sich mitzuteilen, -so wäre die Welt an ihrem Ziel angelangt.« - -Der Graf schwärmend: »... Eine hehre Atmosphärenlosigkeit ... in zwei -Blau ... die sich gegenseitig wie auf einer Himmelsleiter zwischen Sturm -und Blitz in die Weltharmonie schleudern ...« - -»Worauf Gott seinen Thron verläßt, lieber Herr Staatsanwalt, sprechend: -Mein Geschöpf hat mich überholt, adieu!« - -Auf diese Weise ging das Gespräch noch eine Weile weiter, und es blieb -Wenk eine Stunde später nichts anderes übrig, als sich zu empfehlen. Er -war traurig, als er nach Hause fuhr. - -Kaum saß er eine Viertelstunde an seinem Tisch, als ihm ein Brief -übergeben wurde. Er las: - - »Sehr geehrter Herr von Wenk, - - es tut mir leid, daß unsere Zusammenkunft anders verlief, als wir - beide gedacht hatten. Nicht deshalb schreibe ich Ihnen, denn wir - können unsere Gespräche an einem andern Ort und zu einer andern - Zeit ja wieder aufnehmen. Aber es könnte sein, daß Sie unser Haus - mit der Empfindung verlassen haben, als ob mein Mann so etwas wie - ein >kleiner Narr< wäre. Auch in meinen Augen. Ich bin daran - schuld, und ich habe deshalb solche Eile, Sie zu beschwören, - diese irrtümliche, durch mich verschuldete Einschätzung eines - Menschen nicht in sich festsetzen zu lassen. Es ist wahr, mein - Mann kauft expressionistische Bilder. Aber das ist mehr - symbolisch aufzufassen. Ich habe immer gefunden, je >närrischer< - ein Mensch beim ersten Zusammentreffen erschien, um so heftiger - näherte er sich einem, wenn man ihn in ernsteren Augenblicken - wieder traf. - - Auf Wiedersehen ... wann? und wo? ... Ihre - - Gräfin Dusy Told.« - -»Dusy heißt sie!« sagte Wenk laut vor sich hin. »Lieb' du sie! Küss' du -sie! ... Toll! ...« Es überkam Wenk wie ein Strudel eines heißen Klimas, -nach dem er sich immer sehnte ... - -Dann stand er auf, schüttelte die feuchten, warmen Schauer von sich und -sagte bissig gegen sich selber: »Das ist ein lieblicher Weg zu dem -Verbrecher ... über die Verliebtheit in eine schöne Frau.« - -Der Fernsprecher läutete. »Hier Hull!« - -Hull teilte ihm mit, es sei ein neuer Spielsaal eröffnet worden. Er -müsse den kennen lernen. Der Saal sei nicht nur fürs Spiel im großen -eingerichtet, hundert Personen mindestens, sondern er sei mit -mechanischen Vorrichtungen versehen, die bei einem Erscheinen der -Polizei ihn in ein Varieté umändern könnten. Davon sollte allerdings -auch er vorläufig noch nichts wissen. Aber die Carozza habe einen Brief -bei ihm liegen lassen. Sie sei ja stets über alle Sensationen in diesen -Kreisen auf dem laufenden. Sie sollten auch Karstens mitnehmen. Nur -wisse Hull die Adresse des Saales nicht. Sie müßten sich der Führung der -Carozza anvertrauen. Von seiner Kenntnis des Briefes wisse die -allerdings nichts. - -Es wurde eine Zusammenkunft verabredet, und um zehn Uhr fuhr Wenk ins -Café Bastin, von wo aus man hinwollte. - - - - - VII - - -Das Haus, das sie betraten, lag am Rand der inneren Stadt in einer der -häßlichen, gleichmäßigen Gassen, die Schwabing einleiteten. Von außen -zeigte es eine unauffällige Fassade, wie alle Nachbarn. Es war eines der -Laden- und Mietshäuser. Die Rolläden vor dem Geschäft zu ebner Erde -waren geschlossen. Die Inschriften konnte man in der Dunkelheit nicht -lesen. Wenk merkte sich die Nummer. Es war die Nummer seines -Geburtsjahrs: 76! - -Man ging in ein verschmutztes Stiegenhaus hinein, in dem eine -schwärzliche, ausgebrannte Glühbirne mit jener traurigen -Gleichgültigkeit leuchtete, in die sich die paar Dutzend unbekannter, -oft wechselnder Bewohner solcher Häuser teilten. Man erstieg zwei -Treppen. Eine massive Tür öffnete sich vor ihnen, und aus einem -Seitenflur schwamm ein Licht auf die arme Treppe. Der Flur war der -Bruder der Treppe. Er war gänzlich leer. Ein billiger Läufer, -abgeschabt, melancholisch in seinem Alter und seiner Verwüstung, schwarz -und weiß gewürfelt durchlief ihn. Die Wände waren mit gealterten Tapeten -beklebt. »Lustig,« sagte die Carozza. »Aber wartet nur!« - -Da schwang vom Flur aus eine schmale Tür sich auf. Ein Quell von Licht -stürzte in die armselige Düsternis. Ein Schwall von Luxus fiel in den -Blick. Ein kleines Foyer mit Polstern, Garderoben, Büfettischchen tat -sich auf. Champagner und kalte Platten rochen heraus. Einige Menschen -saßen da, fremd. Man legte die Mäntel ab und ging durch in den -Spielsaal. - -Ja, der war etwas Neues. Er erinnerte, wenn man eintrat, an den -Promenadenraum der bekannten Pariser Varietés. Man sah durch Luken oder -Logen auf eine von Licht erstrahlende Platte. Diese Platte war der -Spieltisch. Er war von enormem Ausmaß. - -In der Mitte war eine kreisrunde Öffnung, in der ein breiter Drehstuhl -stand. Das war der Platz des Bankhalters. Um den Tisch herum waren die -Plätze für die Spieler als Logen eingerichtet. Jede Loge -- es gab -solche für eine Person, für zwei und für vier -- lag in abtrennendes -Dunkel versenkt, mit weichen Sitzen versehen. Durch einen Vorhang konnte -man sich vollständig abtrennen, und ein Gitter, das man, die Pariser -Theater nachahmend, aufziehen konnte, vervollständigte den Apparat. - -Man konnte darin wie in einer Maske spielen. Man konnte, ohne erkannt -oder auch nur gesehen zu werden, seiner Leidenschaft frönen. - -Zwei Miniaturschienchen gingen von jedem Platz aus zum Bankhalter. Auf -jeder stand ein Wägelchen. Es war zur Beförderung des Einsatzes und auf -der Rückreise des eventuellen Gewinns bestimmt. Die Summe machte man -durch verschiebbare Ziffernschilder bekannt. Ein Druck auf einen Knopf -beförderte das Fahrzeug zu seinem Bestimmungsort. - -An der Decke, die kreisrund über dem Tisch von den Logenwänden umspannt -war, stand ein Spiel von Pferden in verschiedenen Farben. Die Pferdchen -waren von einem expressionistischen Bildhauer als Silhouetten aus -Messing geschnitten und mit Kupferemaille in ihren verschiedenen Farben -bemalt worden. Sie wurden vom Bankhalter mit einer Kurbel in Bewegung -gesetzt. Unter den Pferden in der Mitte hing ein kleiner Scheinwerfer, -der, nach unten abgeblendet, sein Licht gegen die Decke goß. - -In diesem Licht liefen die Pferde gegen die Decke, und die Decke war mit -dem Spektrum der Farben in Kreisen bunt bemalt, so daß stets ein helles -Pferd gegen eine dunkle und ein dunkles gegen eine helle Farbe lief, -verfolgt von ihren Schatten. Das brachte ein Durcheinander zustande, -das, je rascher der Lauf, um so stärker vervielfacht erschien. - -Das Ziel war durch eine dünne Leiste von Glühbirnchen gebildet, die in -die Decke eingelassen war. An jeder Loge war ein System von Spiegeln -angebracht, durch das man untrüglich den Sieger erkennen konnte. - -Wenk und seine Gesellschaft nahmen Platz in einer Loge für vier -Personen, die ihnen vorbehalten zu sein schien. Die Carozza und Karstens -saßen zusammen vorn, hinter ihnen die beiden andern Herren. - -Der Bankhalter, als sich die Logen alle gefüllt hatten, erhob seinen -sehr eleganten Frack aus der Mitte des Tisches, und wie auf einer -mechanisch rotierenden Scheibe, langsam auf seinem Stuhl rundum gehend, -hielt er folgende Ansprache: - - »Meine Damen, meine Herren! - -Dies ist das Haus >Fort<. >Fort< vereinigt die Wurzel von stark und von -Glück. Wir leben in einer bunten Zeit, und unser Unternehmen hat -versucht, ihren gesteigerten Ansprüchen gerecht zu werden. Sie können -hier spielen: Solo! ^à deux! en compagnie!^ Wie Sie wollen. Solo, indem -Sie sich wie in ein Domino in eine Loge zu einer Person verbergen, -gleich dieser reizenden Dame, von der ich allerdings nicht mehr sehe, ja -ahne, als den rosa Reiherbusch in ihrem Haar ... Sie können, wenn Sie -sich lieben und in der Verbindung der Herzen eine ^captatio -benevolentiae^ für das Glück sehen, sich zu zweit von allen Anwesenden -in die düstere Laube jener Loge zum Beispiel absondern, in der der -elegante Kavalier gerade seine Dame ... vermute ich natürlich nur; denn -ich sehe von hier aus nicht mehr als die vor dem Einsatztablett -errichteten Zahlen, die auf das Glück gesetzt werden ... An der Decke -finden Sie, meine Damen, meine Herren, unser Spiel, unser Hausspiel -möchte ich es nennen, denn außer ihm steht Ihnen jedes andere Spiel zur -Verfügung. ^Les petits chevaux^ des Hauses >Fort<. Einer unserer ersten -Künstler, dessen Namen Sie in den Ausstellungen und Zeitschriften -ununterbrochen begegnen, hat sie für unser Haus >Fort< geschaffen und -sie selber hergestellt. Der Kunst haben wir die Technik vereint, die -stärkste Tochter unserer Zeit. Das Spiegelsystem erlaubt Ihnen, von -jedem Platz aus sofort und sicher zu erkennen, ob Ihr Pferd das Finish -macht. Erlauben Sie mir noch, Sie auf das angenehme, sehr kunstreiche -Spiel und Gegenspiel aufmerksam zu machen, das, drehe ich an der Kurbel, -über Ihnen sich an der Decke entwickelt. Peter Schlemihl hatte keinen -Schatten. Von unseren ^petits chevaux^ kann man das nicht sagen. Schauen -Sie bitte hin, in welch kunstvoller Weise sich Figuren und Schatten zu -einem Werk vereinigen, das in dieser reichen und originellen -Absichtlichkeit unserem Hauskünstler höchste Ehre macht ...« - -Er drehte an der Kurbel. Pferde und Schatten liefen wie in einem -Kaleidoskop durcheinander. Es war ein hübsches, spielerisches Bild. - -Langsam liefen die Pferde aus. - -»Auf das hätte ich gesetzt!« rief eine Frauenstimme, als der -Isabellenschimmel am Zielband hielt. Am Kopf des Schimmels leuchteten -auf einmal die Augen wie zwei Sterne. Sie waren von kleinen Glühbirnen -gebildet. - -Der Bankhalter: - -»Ihrem Glück wollen wir nicht länger, Gnädigste, einen Damm der Geduld -vorbauen, als bis ich Sie nicht mit der epochalen Neuerung des Hauses ->Fort< bekanntgemacht habe. Was« ... er erhob die Stimme ... »täten Sie -jetzt, meine Herrschaften, wenn plötzlich die Polizei in Ihre Logen -eindränge und sie wegen verbotenen Spiels Ihres Geldes und Ihrer -Freiheit beraubte? Keine Angst. Wir haben eine Einrichtung getroffen, -die man einen ^Garde-Police^ nennen könnte. Das Haus >Fort< mag ruhig -der Polizei verraten werden. Es mag von der Polizei umstellt, erobert -werden! Wir sind gesichert. Mit meinem kleinen Finger drücke ich die -ganze Polizei der Stadt von Ihnen fort. Sehn Sie ...!« - -Er erhob hoch die Hand. Dann senkte er sie mit gezierter -Eindringlichkeit, den Zeigefinger vorspreizend, auf den schwarzen Knopf -neben sich. Einen Augenblick später setzte sich die Platte des Tisches -in Bewegung. Sie begann zu sinken. Es ging geräuschlos und rasch. Der -Redner sank mit hinab. Die Logen blieben. Aber von der Decke glitt das -Spiel mit den Pferden und den farbigen Kreisen herab, an den Logen -vorbei, die Decke folgte, und wenige Augenblicke später tanzte auf einem -neuen Fußboden ein Quartett von nackten zwölfjährigen Kindern zu einem -Spiel von Geigen und Flöten, das irgendwo im Unsichtbaren plötzlich zu -erschallen begann. - -Ein Trupp von Männern, die in die Uniform der Stadtpolizei gekleidet -waren, stürmte auf die Logen zu, schreiend: »Man hat uns gesagt, hier -werde gespielt! Wo wird gespielt?« - -Überall lachte man in den Logen. Die Mädchen tanzten. Die verkleideten -Polizisten warfen die Uniform ab und standen nun als Kavaliere im Frack -da, lachend. Der Boden schwebte mit den tanzenden Mädchen hoch. Eines -machte eine angelernte Bewegung nach einem einsamen Herrn. Der griff aus -der Loge nach der Entschwebenden, etwas rufend, mit einem Lachen und -einem knurrenden Fluch. Er erreichte das Mädchen nicht. Der Boden schloß -sich an der Decke. Das Pferdchenspiel drehte vor den Spektren, und in -der Spielarena war wieder der befrackte Redner. - -»Sie sehen, meine Damen und meine Herren, eine Konzession machen wir der -Polizei -- die nackten Mädchen! Im übrigen, wenn es einmal ernst würde, -hätten sie rasch ein Tüchlein um. Außerdem ist wöchentlich -Programmwechsel ...« - -In diesem Ton redete er noch eine Weile. - -»Das ist ja dummes Kino«, sagte Wenk, indem er sich zu Karstens -vorbeugte, diesem ins Ohr. »Allerdümmstes Kino! Wenn die Polizei käme, -hätte sie in zehn Minuten doch den ganzen Schwindel heraus.« - -Karstens zuckte nur mit der Schulter. - -Wenk fragte sich, was für einen Zweck diese Anstalt habe; denn es ginge -unmöglich eine Woche, bis sie entdeckt sei und geschlossen werde. Die -Auslagen müßten doch geradezu enorm gewesen sein. - -Hull war betroffen. Er fand noch keine Stellung zu dem, was er sah und -hörte. - -»Entzückend!« rief die Carozza ein übers andere Mal. »Unsere Zeit ist -genial, was? Hier werden wir Stammgäste. Gardi, wie? Auf welches setzt -du? Ich nehme den Araber, den schwarzen. Ich bin für schwarz, Gardi! -Weil du so blond bist!« - -Karstens warf Wenk einen belustigten Blick zu. - -Es wurde ein Nachtessen gegeben von kleinen, feinsten Delikatessen ... -Waren, die man vor der deutschen Valuta geflohen glaubte: frische -Trüffeln auf Straßburger Gansleber, Kaviar, Krammetsvögel ... - -Vor dem Gebirg der Gansleber mit Trüffeln, aus denen diese süß -hervorduftete, sagte Karstens: »Unsere Mark notiert heut in der Schweiz -sieben. Aber Centimes. Was man hier vergessen zu machen besorgt -scheint.« - -»Hier ist eine Mark noch weniger wert als sieben Centimes!« sagte Wenk. -Er war niedergeschlagen. Wohin? Wohin? flehte hilfesuchend sein Herz. Er -aß nicht. - -Die Carozza trillerte. Hull begann allmählich sich zu schämen, jetzt, wo -seine Genußsucht von dem Bewußtsein eines andern sozusagen kontrolliert -wurde. Er beschloß, am nächsten Morgen der Carozza ein Abschiedsgeschenk -zu schicken. Es sollte die Garnitur australischer schwarzer Opale sein, -die, mit goldenen Runen bedeckt, zwischen grau, grün und Feuer -schillerten, und die eine russische Fürstin verkaufen wollte. Die -Fürstin hatte über die Bonbonniere Anschluß an die Carozza gefunden. Sie -versuchte auf die Bretter zu kommen. - -Schluß! flehte alles in diesem phlegmatischen Hull. Er war aufgebracht -wie eine Glucke. Und zugleich war er melancholisch ... Sie soll ... -sagte er sich ... Ich geh' ins Kloster lieber, als ... - -Eine Trüffel zerging ihm am Gaumen, bevor sie körnig noch einmal ihren -Wohlgeschmack zwischen den Zähnen wiederholte und ihn der ganzen -Mundhöhle preisgab. Trotzdem, sagte sich Hull! Trotzdem! Und wenn ich -kein getrüffeltes Aspik mehr zu essen bekäme ... Was ja nicht gesagt ist -... übrigens! - -Wenk stand plötzlich auf und ging. »Wohin?« rief die Carozza. Sie war -mit einem Male erregt. - -Karstens wandte sich in demselben Augenblick zu ihr. Er trennte sie von -Wenk, der den Saal ungestört verlassen konnte. Im Vorzimmer nahm er -rasch seinen Mantel. Er wurde hinuntergeleitet. Der Diener schloß die -Haustür vor ihm auf. Bevor er aber öffnete, schaute der Diener durch das -Guckloch, das in die Tür eingelassen war, auf die Straße. - -Da machte er ungeheuer aufgeregt: »Mein Herr, ein Polizist!« - -Aber er öffnete trotzdem. Wenk trat hinaus. Der Polizist grüßte ihn. -Wenk sah, daß der Beamte lachte. Der Diener in der Tür lachte auch. Der -Polizist war vom Haus »Fort« hingestellt worden. Wenn ein wirklicher -Polizist in die Straße wollte, erklärte der Hausdiener rasch dem -Davongehenden, sah er, daß sie schon bewacht war, und ging. - -Wenk schritt rasch auf die Stelle zu, wohin er sein Auto bestellt hatte. -Er war entschlossen, dies Haus schließen zu lassen. Nur wollte er -verhindern, daß das Eingreifen der Polizei durch die Zeitungen bekannt -gemacht wurde und die Feder eines Reporters der armen Phantasie der -Leser mit der ganzen Dummheit einheizte, als seien im Geheimen der Stadt -weiß Gott was für raffinierte Lasterhöhlen. - -Er überlegte während der Fahrt die Formulierung der Anzeige. Möglichst -ohne Bezeichnung des Sachverhalts. Kurz etwa: Grober Unfug, Irreführung -des Publikums, schwindelhafte Vorspiegelungen oder so ähnlich. - -Er arbeitete lebhaft, versenkte sich immer tiefer in den Kampf mit dem -Haus »Fort« und hielt, noch im Auto, ein Plaidoyer als Staatsanwalt, das -mit allen geschickten Kniffen, mit scharfen geistigen Schnitten der -Öffentlichkeit diese Beule wegnahm, ohne daß sie merkte, was es -eigentlich war. - -Bevor er einschlief, dachte er auf einmal, scheinbar ohne Zusammenhang -mit seinen Vorstellungen, an Hull. Hull war ihm in einer plötzlichen -Erleuchtung wie ein Symbol des jungen Mannes der Zeit. Verbunden mit -einem aufgedonnerten Nichts von einem Weib, das sich auf einer Bühne mit -Talent zur Schau stellte. Elegant gekleidet, ohne elegant zu sein. -Ruhelos den nervenauftreibenden Nächten ergeben und in einem Leben -zwischen Spieltisch, Nachtlokal und Tänzerinnenbett Erfüllung suchend, -wo es ihm gar nicht so ums Herz war und er mit mehr Genugtuung und -Selbstverständlichkeit einen Gutshof geführt oder ein angesehenes, -ruhiges Amt verwaltet und dazu gesetzliche Kinder gezeugt hätte, wenn er -nur den Dreh gefunden ... - -Sie spielten alle so Kraftmenschen auf ihren Nerven und Sinnen und waren -Bürger, zur Behäbigkeit neigend, denen Sinne mehr Qual als Lebensziel -waren und die Nerven in kleinen, dünnen Bündeln sich zwischen arme Adern -verbargen, zu schwach selbst, dem Leben diesen ruhigen Gang abzuringen, -für den es von Haus aus bei ihnen bestimmt war ... diese -Renaissance-Menschen zwischen Mitternacht und Morgenfrühe! - -Er telephonierte dann noch an die Polizei die Adresse des Spielhauses. -Der Beamte, der Herrn Hull zu überwachen hätte, sollte sich gleich -hinbegeben, aber nichts anderes tun, was er auch sähe, als den Herrn im -Auge behalten, sobald der das Haus verließe. - - * * * * * - -Aber mitten in den festen Schlaf hämmerte das Telephon am Bett. Es war -zwei Stunden nach Wenks Heimkehr. Er war gleich ganz wach. »Hier -Staatsanwalt Wenk!« rief er, und er wußte, von einem Zusammenhang -gepackt, der jenseits seiner klaren Vorstellungen auftrat, aber mit den -Gedanken einig ging, unter denen er eingeschlafen war, daß dieses -Gespräch, das in dem kleinen schwarzen Kasten auf seinem Nachttisch dort -vor ihm seiner wartete, sich um Hull drehte ... in irgendeiner -verhängnisvollen Weise Hull aus der tiefen Nacht der Stadt geheimnisvoll -und gewaltsam hervorzerrte. - -»Hier Staatsanwalt Wenk!« rief er nochmals und war erregt durch seinen -ganzen Körper. - -»Ja!« antwortete eine Stimme, »hier der diensttuende Polizeikommissar!« - -»Rasch!« sagte Wenk. Seine Phantasie durchfieberte ihm die Nerven. Was -lauerte? Was lauerte? - -Die Stimme jenseits des Drahts überstürzte sich: »Der Herr namens Edgar -Hull, der unter dem Schutz der Polizei stand ... der ist diese Nacht -ermordet worden. Auf der offenen Straße! Um zwei Uhr etwa. Ein anderer -Herr namens Karstens schwer verwundet. Der Beamte, der den Ermordeten zu -überwachen hatte, ist ebenfalls verwundet. Beide sind ins Krankenhaus -transportiert worden. Eine Dame, die bei den Herren war, ist auf -Veranlassung des verwundeten Beamten verhaftet worden. Den Ermordeten -habe ich am Tatort liegen zu lassen befohlen, bis der Herr Staatsanwalt -persönlich erscheint. Das Dienstauto ist unterwegs zum Herrn -Staatsanwalt. Schluß!« - -»Schluß!« zitterte Wenks Stimme nach. - -Er hastete in seine Kleider. Das Auto hupte schon herauf. Wenk stürzte -durch den dunklen Treppengang hinab, vergaß Licht zu machen. Dann, als -er das Auto in der finsteren Straße hörte, seine Umrisse sah, biß er die -Kiefer aufeinander und erkannte die Notwendigkeit, nun mit festem Gemüt -diesen Tod hinzunehmen, an dem er beteiligt war, und seiner Pflicht -nachzugehen über die Blutlache in der nächtlichen Straße hinweg, sich -ganz einsetzend, um ganz handeln zu können. - -In der Fahrt zwang etwas ihn immer wieder, sich selber zu bespiegeln: -Ich hätte nicht zittern sollen, als die Nachricht mich traf. Ich muß es -so weit bringen, daß ich meinen eignen Tod ohne zurückzuschrecken -hinnehmen könnte. Ich muß mich weiter erziehen. Ich muß alle Liebhaberei -zu Lebensziel erstarken lassen. Dann erst kann ich meinen Plänen -gewachsen sein. - -... Hulls Leiche lag im Finstern. - -Vier Umrisse von schwarzen Männern umstanden sie und traten zurück, als -der Staatsanwalt dem Auto entstieg. Wenk bat sie -- es waren Polizisten ---, die Zugänge zu der Straße zu bewachen und niemanden an den Tatort -herangelangen zu lassen. Dieser lag in den finstern Straßenbiegungen -hinter dem Wittelsbacher Palast. In den Häusern zeigte sich kein Mensch. - -Ein Beamter sagte, Privatpersonen seien seit der Tat nicht -vorbeigekommen. - -Es war drei Uhr früh. - -Mit einer elektrischen Lampe leuchtete Wenk die Leiche ab. Sie hatte -einen tiefen Stich vom Hals bis in den Rücken. Sie lag mit dem Gesicht -auf der Erde. So hatten die Polizisten sie gefunden, als ihr Kollege -blutend, die Augen von Pfeffer erblindet, sie herbeigepfiffen hatte. Die -Leiche war starr und wie ein gebogener Baumstamm aufgekrampft. Das Blut, -das den Wunden entflossen, glänzte im Licht wie schwarzer Marmor. - -Wenk war durchzuckt von grausigen Vorstellungen, die er zu besiegen -trachtete. Er versuchte sich den Ort einzuprägen, die Lage der Leiche, -die Hausnummern schrieb er sich auf. Versuchte, ob alle Türen und -Fenster in der Nähe geschlossen waren. Ob Fußspuren zu sehen waren. Ob -nicht Gegenstände herumlagen oder weiter in der Gasse zu finden waren -... Nichts! - -Die Täter seien in den Park des Palastes geflüchtet, hatte einer der -Beamten gesagt, und darin wie mit einem Schlag verschwunden. - -Wenk suchte die Mauern ab. Es war nichts zu bemerken. - -Ein Beamter ging ein Auto holen zur Fortschaffung der Leiche. »Bitte -niemanden in die Straße lassen! Jeden, der herein will, zur Wache -führen. Seien Sie höflich mit den Leuten, nicht wahr?« ordnete Wenk an. - -Er fuhr ins Krankenhaus, wo die Verwundeten lagen. - -Karstens war bewußtlos. Der Arzt berichtete, er habe einen schweren -Stich mit einem schmalen, scheinbar vierkantigen Dolch im Rücken, und -von einem Schlag mit einem stumpfen Gegenstand sei ihm aller -Wahrscheinlichkeit nach die Schädeldecke eingeschlagen. Der Beamte war -weniger schwer verwundet. Die Stichwaffe hatte ihm mehrere Fleischwunden -verursacht. Schulter und Oberarm waren ihm verbunden. Aber er konnte -noch kaum die Augen öffnen. - -Er erzählte: - -»Etwas vor zwei Uhr kam der Ermordete mit einem andern Herrn und einer -Dame aus dem Haus, das mir bezeichnet worden war. Vor dem Haus hat ein -Polizeibeamter gestanden. Das kam mir auffällig vor. Ich fragte mich: -Weshalb steht der Polizeibeamte da, statt herumzugehen? Ich sah ihn -wenigstens eine Stunde so stehen. Dann wollte ich ihn anreden. Ich ging -auf ihn zu. Er sagte mir barsch: >Was wollen Sie? Gehen Sie weiter!< und -rückte mir bedrohend entgegen. Ich wollte ihm meine Erkennungsmarke -zeigen. In diesem Augenblick aber öffnete sich die Tür, und ich sah, daß -einer herauskam, in dem ich trotz der Finsternis gleich Herrn Hull -erkannte. Der Polizist drängte mich weg. Ich wollte zuerst kein Aufsehen -machen und ließ mich abdrängen. Ich sah, daß mit Herrn Hull noch die -Dame und ein anderer Herr war. - -»Sie gingen rasch in der Richtung der Ludwigstraße davon. Ich war mit -dem Polizisten etwa drei Häuser in der entgegengesetzten Richtung. Da -wandte er sich zum Haus zurück und sagte mir: >Nun gehen Sie im Guten!< -Ich kümmerte mich nun nicht weiter um ihn und folgte in einem Abstand, -der ziemlich groß war, den drei Herrschaften. Sie bogen aus der -Türkenstraße in die Gabelsbergerstraße ein und verschwanden mir. - -»Ich eilte nach und sah sie nicht mehr. Sie konnten aber höchstens bis -zur Jägerstraße gekommen sein. Da lief ich. Ich lief in die Jägerstraße -hinein. Plötzlich hörte ich Schreie. Sie waren ganz unterdrückt und -spitz. Ich wußte vom Feld her, daß so Menschen schreien, die im -Todesschrecken sind. Ich begann gleich, bevor ich noch jemanden sah, in -meine Signalpfeife zu blasen und lief, was ich konnte, in die Gasse -hinein. Zugleich zog ich meinen Revolver. - -»Ich kam aber nicht weit. Auf einmal ward ich von hinten umfaßt. Meine -Augen brannten mich furchtbar. Ich spürte einen Stich in der Schulter. -Ich wollte meinen Revolver abdrücken, aber ich hatte ihn nicht mehr in -der Hand. Mein Arm war mir ganz lahm. Da dachte ich, es sei am besten, -ich werfe mich nieder und tue so, als ob ich tot sei. Das hatte unser -Herr Major uns im Feld so angeraten. Da lag ich dann, und einer saß auf -mir und hieb mit etwas auf mich ein, indem er mir den Mund zuhielt. -Vielleicht waren es auch zwei. Ich sah es nicht, denn ich schloß die -Augen. Sie müssen aus einer Haustür auf mich losgestürzt sein. Ich war -dann halb betäubt. - -»Wie es weiterging, weiß ich nicht mehr genau. Ich hörte nur Schritte -laufen. Ich wurde aufgehoben. Es war ein Kollege. Ich sagte ihm rasch -alles, was ich erlebt hatte. Da lief er weiter in die Gasse. Ein zweiter -kam angelaufen. >Polizei?< fragte ich ihm laut entgegen. >Ja!< rief er -zurück, >was ist los?< -- >Lauf um die Ecke, rasch!< rief ich. - -»Ich zwang mich aufzustehen und fühlte, daß ich nicht so schwer -verwundet sein konnte. Nur die Augen vermochte ich nicht zu öffnen. Sie -hatten mir Pfeffer hineingerieben. Ich tastete mich um die Ecke. Ich -konnte aber gar nichts sehen. - -»Der Lärm führte mich zum Tatort. Ich hörte, wie einer sprach und eine -Frauenstimme antwortete. >Was ist?< fragte ich. Da sagte die Stimme: ->Der eine hat gesagt, wir sollten das Frauenzimmer verhaften.< - -»>Wer sind Sie, Frau?< fragte ich. - -»Da antwortete die Frauenstimme: - -»>Ich bin Künstlerin. Ich bin die Freundin von Herrn Hull. Was will man -mit mir?< - -»Ich sagte: >Wenn der Herr das gesagt hat, so verhafte sie!< - -»Sie wehrte sich. Sie sagte: >Ich wünsche sofort den Herrn Staatsanwalt -von Wenk zu sprechen.< - -»>Später!< sagte der Beamte. - -»Da wollte sie fortlaufen. Aber das ging alles viel mehr durcheinander, -als ich es so erzählen kann. Dann mußte der Kollege sie fesseln, so -wehrte sie sich, und da hörte ich, wie sie >Georch!< rief. - -»>Verhaftet sie! Verhaftet sie!< rief ich da. - -»Weiter weiß ich nichts mehr. Ich verlor dann das Bewußtsein und bin -erst im Krankenwagen wieder zu mir gekommen. Ich bin schwer verwundet. -Herr Staatsanwalt, sagen Sie mir die Wahrheit: Muß ich sterben?« - -Da lachte ihn der Arzt aus. - -»Der Herr Staatsanwalt soll es mir selber sagen. Dem Doktor ist es Beruf -zu sagen, daß man nicht stirbt.« - -»Aber, Herr Boß, wie können Sie auch nur ans Sterben denken«, sagte -ebenfalls lachend der Staatsanwalt. »Sie haben einige heftige -Fleischwunden und Beulen. Damit stirbt ein Mann wie Sie nicht!« - -»Herr Staatsanwalt, ich hab' meine Pflicht getan!« sagte der Verwundete. -Seine Stimme begann zu zittern, dann löste sich die verballte Spannung, -und er weinte tief und ruhig. - -»Mehr weiß ... ich nicht ... Ich hab' ... meine Pflicht ... getan!« - -»Das brauchen Sie nicht zu versichern,« sagte ihm Wenk, »wer seine Haut -dransetzt, tut immer seine Pflicht. Wertvolleres als das kann niemand -dran wagen! Aber, Herr Boß, nicht wahr, eines versprechen Sie mir gegen -Handschlag: Es wird nichts von dem, was Sie heute nacht erlebt oder -gesehen haben, weitererzählt ... Herr Doktor, auch Sie bitte ich darum. -Es steht viel auf dem Spiel, und zwar für die Allgemeinheit. Ich lege es -Ihnen sehr, sehr ans Herz! Es handelt sich nicht um ein Verbrechen, -sondern um eine Verbrechergeneration.« - -Von dem Beamten, der zuerst an Ort und Stelle war, ließ sich Wenk -erzählen, daß er einige Gestalten noch an der Mauer des Parks gesehen -habe. Die Finsternis verhinderte, ihre Zahl festzustellen. Er konnte sie -auch nicht beschreiben. Er ward aufgehalten durch den einen Herrn, der -versuchte sich aufzurichten und sich an seinem Beinkleid anhielt, und -der ein paarmal sagte: »Frau verhaften ... Frau verhaften ...« - -»Dann erst fiel er hin und ließ mich los,« erzählte der Beamte weiter. -»Ich konnte nun erst den Schritten nachlaufen und sah die Gestalten an -der Parkmauer. Aber als ich am Fuß der Mauer war, war nichts mehr von -ihnen da. Die Täter müssen sich gegenseitig auf die Mauer hinaufgeholfen -haben. Ich wollte ihnen gleich nach, kam aber nicht hinauf, denn es war -viel zu hoch. Da ging ich zurück zum Tatort.« - -»Und die Frau?« fragte Wenk. »Was geschah dann mit der?« - -»Ich hatte den Eindruck ...« - -»Nein, Herr Stamm, nicht Ihren Eindruck will ich kennenlernen, sondern -nur, was Sie mit Ihren Augen gesehen und mit Ihren Ohren gehört haben. -Seien Sie darin sehr gewissenhaft, nicht wahr?« - -»Jawohl, Herr Staatsanwalt. Als ich zurückkam, hielt ein Kollege die -Frau fest. Ich rief ihm zu: >Verhafte sie! Der Herr dort hat es gesagt. -Verhafte sie auf alle Fälle. Halt sie fest! Laß sie nicht fort!< Wir -waren alle ein wenig aufgeregt. Sie rief, sie wolle den Herrn -Staatsanwalt von Wenk sprechen. Sie wollte sich nicht verhaften lassen. -Sie setzte uns Widerstand entgegen. Da haben wir ihr die Hände -zusammengebunden. Wir waren zu zweit und mußten dem überfallenen und -verwundeten Kollegen helfen. Wir wußten noch gar nicht, was los war. -Dann erst hatten wir ...« - -»Wir? Erzählen Sie nur, was Sie gesehen haben ...« - -»Dann erst suchte ich zu erkennen, was geschehen war. Einer lag im Blut -am Boden. Er schien tot zu sein; denn er war ganz starr. Der andere -stöhnte. Nun kam ein dritter Polizist. Wir schickten ihn zum Telephon -wegen des Sanitätswagens und wegen Benachrichtigung der Kriminalpolizei -und des Herrn Staatsanwalts. Darum hatte der Kollege Boß gebeten. Wir -sollten das zuerst tun, hatte er gesagt.« - -»Was tat die Frau in dieser Zeit?« - -»Der zweite Kollege ging mit ihr zur Wache!« - -»Unterbrechen Sie Ihre Erzählung, Herr Stamm, bis ich mit diesem -gesprochen habe. Wie heißt er? Halten Sie sich weiter bereit, nicht -wahr? Und kein Wort über den Vorfall außeramtlich erzählen, auch nicht -Ihrer Frau. Sie geben mir Ihr Ehrenwort!« - -»Jawohl, Herr Staatsanwalt. Der Kollege heißt Wasserschmidt.« - -Wasserschmidt kam. »Sie haben eine Frau in der Nacht verhaftet, die bei -dem Überfall auf die beiden Herren dabei war?« fragte Wenk. »Weshalb -taten Sie das?« - -»Weil Polizist Stamm sagte, der eine der Überfallenen habe es ihm -zugerufen, bevor er ohnmächtig wurde. Und auch der Kollege Boß hat mich -dazu aufgefordert.« - -In diesem Augenblick ging das Telephon des Amtszimmers in der -Kriminalpolizei, in der Wenk diese Berichte entgegennahm. Wenk nahm den -Horcher. »Bitte?« fragte er. - -»Hier Nachtredaktion der Anzeigen! Es wird uns soeben von einem Mord -berichtet ...« - -»Einen Augenblick,« rief Wenk aufgeregt zurück. »Wer hat Ihnen das -berichtet?« - -»Ich kann Ihnen das sagen, ohne das Redaktionsgeheimnis zu verletzen, -denn es geschah sozusagen anonym. Es klingelte an der Nachtglocke. Ich -ging ans Fenster und sah einen Mann sich entfernen. Er rief herauf, als -ich öffnete, und fragte, was denn los sei ... >Im Briefkasten!< Da ging -ich hinunter, und es lag ein Brief im Kasten. Da stand es drin.« - -»Können Sie mir vorlesen, was in dem Brief stand? Hier Staatsanwalt -Wenk!« - -»Ja gewiß, einen Augenblick, Herr Staatsanwalt. Also es steht drin: ->Heut nacht wurde der Privatier Edgar Hull in der Jägerstraße überfallen -und ermordet. Die Täter sind entkommen. Es scheint sich um einen -Racheakt zu handeln. Der Ermordete verkehrte in Spielerkreisen.< Das ist -alles.« - -»Weiß außer Ihnen jemand in der Zeitung von dem Brief?« - -»Nein!« - -»Können Sie mir diesen Brief sofort persönlich bringen? Ich schicke -Ihnen ein Dienstauto.« - -»Herr Staatsanwalt, das hat Schwierigkeiten. Ich bin allein und muß die -Redaktion fertigmachen!« - -»Wie ist doch Ihr Name, Herr Redakteur?« - -»Grube!« - -»Also Herr Grube, das hat gar keine Schwierigkeiten, wenn ich Ihnen sehr -bestimmt sage, daß Ihr sofortiges Herkommen äußerst wichtig ist und -wichtiger, als daß morgen zur schwarzgebackenen weißen Semmel der Herr -Hubermeier eine solche Nachricht mit verzehren kann.« - -»Meine Pflicht ist ...« - -»Verübeln Sie mir nicht, wenn ich Ihnen aus Mangel an Zeit nichts -anderes mehr sage, als daß in diesem Augenblick das Polizeiauto zu Ihnen -fährt, um Sie herzubringen. Der Beamte ist ausgestattet mit allen -Befugnissen. Schließen Sie die Redaktion Ihrer Depeschen bitte so, daß -das Blatt gedruckt werden kann ohne die Mitteilung, die Sie mir gerade -über einen Mord machten. Auf Wiedersehen, Herr Grube. Schluß!« - -Wenk schickte gleich das Auto. - -»Also, Herr Wasserschmidt, bitte weiter. Die Dame hat Widerstand -geleistet. Wie machte sie das?« - -»Sie lief einige Schritte von mir fort auf die Mauer des -Wittelsbachpalastes zu, wohin die Täter gelaufen waren, und rief den -Namen: Georg!« - -»Das haben Sie gehört?« - -»Ja, ganz deutlich. Sie sprach es aus: >Georch!< Ganz genau! Und weil -sie auch noch auf diese Mauer zulief, habe ich nicht lange gespaßt und -ihr die Hände gebunden.« - -»Was tat die Dame dann?« - -»Dann war sie ruhig und ließ sich abführen. Unterwegs sagte sie noch: ->Ich kann doch wohl gleich mit dem Herrn Staatsanwalt von Wenk -sprechen?<« - -»Da müssen Sie wohl schon warten, bis der Herr Staatsanwalt morgen -gefrühstückt hat,« sagte ich. - -»Vielleicht telephonisch,« bat sie nun sehr höflich. - -Ich sagte: »Wahrscheinlich nicht.« - -»Und später? Wo ist die Dame?« - -»Noch auf der Wache. Sie sprach ganz ruhig und sagte noch: >Das ist ein -böser Mißgriff von Ihnen, lieber Freund. Ich hoffe, beim Herrn -Staatsanwalt ein gutes Wort für Sie einlegen zu können. Denn schließlich -erfüllen Sie nur Ihre Pflicht. Ich war ja selber bei den überfallenen -Herren, und der Herr Staatsanwalt war auch mit. Er ging nur früher heim. -Sonst hätte er alles selber mitgemacht< ... >Warten wir ab!< sagte ich -darauf nur.« - -»Haben Sie ihr vielleicht gesagt, weshalb Sie sie verhaftet haben?« - -»Nein, kein Wort!« - -»Das ist gut. Bleiben Sie im Nebenzimmer.« - -Wenk bat noch andere Schutzleute herein. Dann kam der Redakteur. Er -protestierte laut, es sei eine Vergewaltigung der Presse durch eine -Behörde, was man ihm antue, und die Zeitung ... - -»Wenn für Sie Ihre Zeitung dazu da ist, um den Lesern so rasch und -kopflos unzusammenhängend, wie es Ihnen berichtet wird, stets als -Klatsch das Allerneueste vorzuschwatzen, sei es ein Mord oder ein mit -Unglück endigender Liebeshandel, nur weil es Klatsch ist ..., so haben -Sie recht. Sie haben aber kein Recht, von vornherein einer Behörde, die -dazu da ist, etwas ungleich Wichtigeres zu vollziehen als dumme Leute -mit Klatschprimeurs zufriedenzustellen ...« - -»Sie ...,« stotterte erregt der Redakteur, »... versuchen die Presse zu -knebeln. Wir leben nicht mehr im alten System. Der Landtag wird ...« - -»Ich habe jetzt keine Zeit, mich mit dem Landtag zu befassen. Wollen Sie -mir bitte den Brief geben, von dem Sie telephonierten!« - -»Ich bedaure,« sagte der Redakteur, jetzt mit sieghafter Schlauheit. -»Das ist Redaktionsgeheimnis.« - -»Verzeihen Sie, Herr Grube, Sie sind ein Narr. Ich achte jedes -Redaktionsgeheimnis, das die Interessen einer Allgemeinheit schützt. Die -Weigerung, diesen Brief herzugeben, verletzt sie aber nur. Bevor ich -Ihnen nun dieses Redaktionsgeheimnis mit Gewalt aus der Tasche nehmen -lasse, indem ich Sie auf die strafrechtlichen Folgen Ihres Widerstandes -aufmerksam mache, sage ich Ihnen, daß dieser Brief das einzige Material -ist, das uns bis jetzt über eine ungeheuer gefährliche Mordgeschichte -zur Verfügung steht. Vielleicht nehmen Sie dann Vernunft an und -verbocken sich nicht länger hinter einer Berufspflicht, die ich, wie -gesagt, anerkenne, aber sehr weit hinter die Interessen einordne, die -mich beschäftigen.« - -Grube wurde unsicher. Schließlich langte er das Papier heraus und -stammelte dazu: »Unter Protest ...« - -»Haben Sie noch etwas von dem Mann gesehen, der es brachte? Etwas -erkannt an ihm?« - -»Es fiel nur wenig Licht aus meinem Fenster auf die Straße. Ich glaubte -bloß zu sehen, daß er gut gekleidet war. Jedenfalls trug er einen -Zylinderhut. Eine Zeit, nachdem er in der Straße verschwunden war, hörte -ich in der Richtung, in der er sich entfernt hatte, ein Auto -davonfahren. Ich nehme an, daß es das seinige war.« - -»Herr Grube, Sie sind so freundlich und lassen mir diesen Brief. Sie -werden in einem der aufregendsten Prozesse der letzten Jahre ein -Hauptzeuge sein. Ich bitte Sie um Ihr Ehrenwort, vollkommenes Schweigen -über den Brief und alles, was mit ihm zusammenhängt, zu bewahren.« - -Grube, nun gefügig unter den Schauern, die ihn überrannen, entflammt für -die Sache, gegen die er sich gerade aufgelehnt hatte, sagte laut: »Sie -haben es! Ich steh' ganz zu Ihrer Verfügung. Das ist etwas anderes!« - -»Mein Auto wird Sie zurückbringen. Bitte hinterlassen Sie Ihrem Herrn -Chefredakteur, daß ich ihn zu sprechen wünsche, sobald er mir zur -Verfügung stehen kann.« - -Der Redakteur ging. - - - - - VIII - - -Wenk blieb allein. Er war innerlich ganz kühl. Er hatte vermocht, alles, -was das Verbrechen an Schrecken und Grauen erregender menschlicher -Anteilnahme in ihm aufgewühlt, ruhig zu unterdrücken. - -Den Beweggrund des Mordes kannte er. Es war nicht Rache, sondern etwas -viel Gefährlicheres und viel Böseres. Es war Terror! Das verriet ihm der -Brief an die Zeitung, der den Mord über die Polizei hinweg bekanntmachen -sollte. Es war Terror gegen die alle, die sich als Opfer des Spielglücks -jenes blondbärtigen Mannes fühlten. - -Wieviel durfte dieser Spieler wagen, daß er selber sein Verbrechen der -Zeitung mitteilte, damit es so wirkte, wie er es haben wollte? Wieviel -Menschen hatte er im Sold, um ein Verbrechen auf diese weit vorbereitete -große Art ausführen zu können? Was waren das für Menschen? Was für -Beispiele gab er den Phantasien jener Menschen, die noch unentschieden -zwischen Gut und Böse sich hielten? Was für Zuläufer mochte das -Bekanntwerden der Tat ihm wieder sichern? - -Hull war tot, weil er ihm, dem Staatsanwalt, das Erlebnis mit dem -Wechsel erzählt hatte und weil der falsche Herr Balling ein Beispiel -aufstellen wollte, wie es denen erginge, die sich gegen ihn richteten. -Vielleicht, ja wahrscheinlich war der Anschlag auch mit auf ihn geplant -gewesen, und er war nur gerettet worden, weil sein Unwille ihn aus jenem -Hause davongetrieben hatte. - -Nun war es vielleicht unmöglich, aus taktischen Gründen unmöglich, das -Haus »Fort« schließen zu lassen ... Es mußte, wie so viele -seinesgleichen, als Falle geduldet werden. - -Und die Carozza? Werde ich sie zum Verraten bringen können, wem sie als -Treiberin gedient hat? Was? ... Wen verraten? ... Und habe ich ihn dann, -wenn ich schon einen Namen und vielleicht eine Hausnummer weiß? Kenne -ich seine Geheimnisse? Seine Vorsichtsmaßregeln gegen mich? - -Ich werde noch nicht zur Carozza gehen. Ich werde sie in Haft setzen -lassen, sie warten lassen ... Dann sieht sie, daß sie sich keines Guten -zu versehen hat. Sie ist lasterhaft, verweichlicht ... Vielleicht macht -sie das von selber mürb? - -Aber zuletzt entschloß sich Wenk doch anders. Nein! sagte er, ganz das -Gegenteil werde ich machen. Ich werde sie durch Anteilnahme -einschläfern. Sie ist schlau, aber sie gehört zum Theater. Je mehr es -mir gelingt, die genauen Ränder der Ereignisse, die zu ihrer Verhaftung -führten, in vor Teilnahme triefenden Reden verschwimmen zu machen, um so -unbedachter geht sie mir zu. - -Da fuhr er gleich zur Wache. Sie saß auf einem Stuhl in einer -Nebenkammer. - -Wenk stürzte auf sie zu: »Aber Fräulein ... Fräulein, was hat man mit -Ihnen gemacht? Erst jetzt telephoniert man mir, was geschehen ist. Es -ist gut, daß Sie an mich gedacht haben!« - -»O, Herr Staatsanwalt, Engel, der in meinen Kerker Licht bringt! -Verlassen wir diesen Raum! Gleich! Keine Minute kann ich länger hier -atmen! Furchtbar!« - -Sie zog voran gegen die Tür ... - -»Ja, nun muß ich Ihnen allerdings die Enttäuschung bereiten, die ich -gefürchtet habe. Wir leben in einem Staat, liebes Fräulein. Jeder Staat -ist grausam. Da gibt es Beamte, jeder für seinen kleinen Kreis und darf -darüber hinaus nicht verfügen. Ich bin Staatsanwalt. Aber der -Staatsanwalt ist nur da, um anzuklagen, und nicht, um Unschuldige zu -befreien.« - -»Und dann?« fragte die Carozza auf einmal hart. - -Der Ton dieser Stimme warnte Wenk. Er wurde schichtweise sachlicher. -»Ihr Fall hängt nämlich vorerst nicht von mir ab, sondern vom -Untersuchungsrichter. Ein Verhör durch ihn müssen Sie sich schon noch -gefallen lassen. Das ist peinlich. Aber die Verkettung der Umstände ist -schuld daran.« - -»Und Sie?« fragte die Carozza. - -»Ja, ich? Ich kann nichts anderes tun, als dem Richter sagen, daß wir -alte Bekannte sind und daß ich Sie der Teilnahme an einem solchen -Verbrechen nicht für fähig halte.« - -»Weshalb kamen Sie denn her? Sie sind ja der Untersuchungsrichter -nicht.« - -Da merkte Wenk, daß sie ihn durchschaut hatte. Er wußte damit wohl, daß -sie ihm entglitten sei, aber wußte zugleich auch: Sie ist schuldig! - -»Ich komme her wegen eines kleinen Umstandes. Ich will Ihnen helfen,« -sagte er rasch. »Sie haben dem Beamten Widerstand geleistet?« - -»Welche Frau läßt sich widerstandslos von Rüpeln von Polizeihunden -anfallen?« - -»Ja, gewiß, die Lage war an vielem schuld, daß Sie sich unbesonnen -benahmen und die Beamten zu ihrem Vorgehen zwangen.« - -»Ich bin eine bekannte Künstlerin. Mein Name hätte ihnen Gewähr geben -sollen!« - -»Haben Sie denn den Beamten Ihren Namen genannt?« - -»Jawohl! Jawohl! Sofort!« - -»Das haben die mir merkwürdigerweise nicht gesagt. Sie nannten mir einen -anderen Namen, den Sie gerufen hätten!« - -Da sah Wenk, wie die Carozza ihn mit einem raschen, im Haß noch -prüfenden Blick bewarf. Sie schaute gleich wieder fort und trommelte -ungeduldig mit den Fingern auf ihre Knie. - -»O, einen anderen Namen! Merkwürdig! Mein Name ist doch bekannt genug! -Umworben genug! Was wäre das für ein sonderbarer anderer Name gewesen?« - -»Der Beamte nannte den Namen Georg.« - -Es ging nichts vor im Gesicht der Frau, als Wenk das sagte. »So hat er -schlecht gehört. Ich heiße, wie Ihnen bekannt ist, nicht Georg!« sagte -sie gleichgültig. - -»Es hat aber auch ein zweiter Beamter diesen Namen aus Ihrem Munde -gehört. Das ist es ja!« - -»Sonderbar!« sagte nach einer Weile des Nachdenkens die Carozza. »Mein -Mann hieß Georg! Sollte ich in der Aufregung ...« - -»Nun, dann ist ja alles klar. Das ist begreiflich. Nur wußte niemand, -daß Sie verheiratet waren.« - -»Sind!« - -»Noch sind! Ja, das ist etwas anderes. Soll ich Ihren Gatten -benachrichtigen? Oder haben Sie vielleicht keine Beziehungen mehr zu -ihm?« - -»Doch! Seine Adresse ist Frankfurt am Main, Eschenheimer Landstraße 234 -... Georg Strümpfli heißt er.« - -»Es wird ihm peinlich sein. Fürchten Sie keine Schwierigkeiten, weil -durch das Ereignis ja nun Ihr Name, geknüpft an den des ermordeten Hull, -in die Öffentlichkeit kommt?« - -Da riß die Carozza den Mund auf. Sie fiel auf den Stuhl zurück. Sie -rief: »Ermordet ... Hull ...,« und sank dann vom Stuhl auf den Boden. - -Wenk war Augenblicke unsicher. Er entschloß sich dann aber, diesen -Anfall nicht zu glauben. Er hob sie auf das Lager. Dann ging er, ohne -sich noch um sie zu kümmern. Er befahl den Beamten, scharf auf die Dame -aufzupassen und vor allem niemanden zu ihr, ja nicht einmal in die -Wachtstube zu lassen. Die Waffen seien schußbereit zu halten. - -Er fuhr zur Polizeidirektion zurück, verständigte den Polizeiarzt und -bat ihn, gleich hinzufahren und der Kranken in unauffälliger Weise auch -die Kleider untersuchen zu lassen. Darauf schrieb er einen Haftbefehl -für sie aus und gab ihn weiter. Er benachrichtigte noch das -Informationsbureau der Polizeidirektion, jeden Journalisten, der etwa -über den Fall Nachrichten erbitten komme, zu ihm zu senden, aber selber -nichts zu sagen. - -Es war Tag geworden. Wenk nahm ein Bad und fuhr dann in die Redaktion -der Anzeigen. Der Chefredakteur hatte ihn antelephoniert. - -Nachdem Wenk ihm erzählt hatte, was vorgefallen war, sagte er: »Was mich -ermutigt hat, Ihre Zeit etwas zu beanspruchen, ist nun folgendes: Wenn -es ein einzelner Mord wäre, würde ich der Berichterstattung meinetwegen, -wenn auch ungern, freien Lauf lassen. Aber hinter diesem Überfall steht -eine Gesellschaft, an ihrer Spitze ein Mann von scheinbar starken, -vielseitigen Kräften. Er muß um sein verbrecherisches Leben eine ganze -Organisation geschaffen haben, die allein den Zweck hat, es zu -beschützen. Der Brief, den er vielleicht selber in Ihren Kasten geworfen -hat, verrät, daß er darauf hielt, den Mord selber in einer seinen -Zwecken passenden Form bekanntzugeben. Damit will er warnen. Das Opfer -hat mir nämlich früher erzählt, daß es mit ihm in einer eigenartigen -Weise zusammengetroffen sei. Er wußte das! Er will um seine Tätigkeit im -Dunkeln eine Mauer des Terrors aufbauen. Man soll wissen, daß kein Leben -sicher ist, das sich an seines wagt. Sie begreifen, eine wie schwere -Gefahr solch ein Mensch in einer Zeit ist, die, erweicht und zerknetet -einerseits und anderseits in allen bösen Instinkten gesteigert, wie sie -der Krieg zurückließ, jeder Ansteckung zugänglich ist. Ganz können wir -das Ereignis nicht unterdrücken. Ich möchte mich aber bemühen, es -außerhalb seines Zusammenhangs, der mir bekannt ist, der Öffentlichkeit -zu übergeben, damit die Phantasien nicht aus Mördern Volkshelden machen. -Dabei bin ich auf Ihre und Ihrer Kollegen Mithilfe angewiesen. Darf ich -Sie bitten, aufs strengste darüber zu wachen, daß keine Nachrichten über -den Fall Hull veröffentlicht werden, die nicht durch meine Hände gingen? -Wir sind in einer Zeit geistiger und seelischer Epidemien. Jeder, dem es -um das Wohl des Ganzen zu tun ist, muß sich opfern.« - -»Gewiß!« sagte der Chefredakteur. - -»Ich möchte um nichts in der Welt dabei den Eindruck erwecken, als ob -dieses Vorgehen von der Besserwisserei oder dem Allmachtsgefühl eines -Gerichtsbeamten erwartet werde. Nichts liegt mir ferner!« - -»Ich bin auf dem laufenden,« antwortete der freundliche Redakteur. - -»So danke ich Ihnen und wünsche uns beiden fruchtbare Zusammenarbeit. -Unser Volk ist in schwerer Lage.« - -Wenk wollte sich zu Bett legen, als er heimkam, und einige Stunden -ruhen. Es war zehn Uhr geworden. Da brachte sein Chauffeur, der zugleich -als Diener waltete, eine Visitenkarte: Gräfin Dusy Told. - -»Bitte, bitte!« rief Wenk lebhaft und ließ die Gräfin eintreten. - -»Hier wird uns zum Gegenstück doch nicht etwa eine besorgte Gattin -stören, die für unsere Veranlagung nicht das nötige Verständnis hat?« -sagte sie, indem sie Wenk die schlanke Hand herzlich hinhielt. - -»Das Glück einer Genossin ist mir nicht beschieden worden!« antwortete -Wenk und empfand mit einer betörenden Süße die Nähe der Frau. Und -dennoch stand sie vor ihm, wie etwas, das traumhaft in einem andern -Leben lag, das er früher einmal geführt zu haben schien. Jetzt, hinter -den Ereignissen der Nacht, fehlte ihm der Mut, an die Gefühle der Liebe -und des Begehrens als an etwas Wirkliches zu denken. - -Die Frau stand vor ihm. Er fand kein Wort für sie, und sie selber, in -deren Gedanken die Tatkraft des Mannes und der Flug seiner Seele nach -großen Dingen weitergewirkt hatten, wurde vor diesem Schweigen verlegen, -weil es ihr wie eine Bestätigung eigner Empfindungen vorkam. Ja, sagte -es in ihr, gewiß, was ich für ihn jetzt fühle, ist ... Aber sie drückte -sich an dem Wort Liebe vorbei. Sie errötete darob. Wenk sah es. Ein -Schauer ging durch ihn. Er kämpfte mit sich. Er beugte sich auf ihre -Hand nieder. - -Aber da stand auf einmal die Leiche des Ermordeten aus seinen Gefühlen -auf, und er war nicht mehr so kühn, in einem Wort oder einer Gebärde die -betörte Benommenheit seines Herzens mitzuteilen. Er bot der Gräfin einen -Sessel an, und während er selber sich einen zweiten holte, kam ihm ein -Einfall, der wie eine Errettung aus dem Zwiespalt mit einemmal seine -ganze Vorstellungskraft überschwemmte: Er wollte diese Frau, die er -liebte, und der er nicht gleichgültig war, seinem Unternehmen -verknüpfen, und aus gemeinsamem Werk mochte ihnen die Ernte reifen. - -Da sagte er ihr: »Diese Nacht ist ein gemeinsamer Bekannter von uns, -Hull, ermordet worden. Karstens ist schwer verletzt. Ich entging, weil -ich zufällig zwei Stunden früher das neue Lokal verlassen hatte, in das -wir gelockt worden waren. Den Anstifter glaube ich zu kennen. Es ist -wieder der blondbärtige Spieler und alte Professor. Die Täter entkamen -spurlos, aber wir haben eine sonderbare Verhaftung vorgenommen, die eine -Ihnen ebenfalls bekannte Dame betrifft. Es ist die Carozza. Sie wissen -von ihrem Verhältnis zu Hull. Ich habe allerdings kaum mehr als -Gefühlsbeweise für ihre Schuld. Aber ich wüßte ein Mittel, ihr die Zunge -zu lösen: wenn Sie, Frau Gräfin, das Wagnis unternähmen, sich ebenfalls -verhaften zu lassen, so trüge ich Sorge dafür, daß Sie mit der Carozza -in einer Zelle untergebracht würden. Sie kennt Sie nicht als Gräfin -Told, sondern als eine Dame aus ihren eignen Kreisen. Stellen Sie Ihr -Vergehen als geringfügig hin, daß Sie bald wieder herauskämen, selbst -wenn Sie wegen Teilnahme an verbotenem Spiel verurteilt werden müßten -... Versprechen Sie ihr zu helfen ... bei einer Flucht etwa ... Vorher -müßten Sie ihr weis gemacht haben, daß die Lage der Carozza sehr -gefährdet sei. Vielleicht Verhaftungen in derselben Sache erfinden ... -Sie wird Ihnen dann wahrscheinlich sagen, wer für ihre Flucht mobil zu -machen sei. Sie verstehen, Frau Gräfin. Und wir können den Verbrecher -unschädlich machen. Ist das nicht ein geradezu tolles Ansinnen?« - -»Ich erfülle Ihren Wunsch!« antwortete, ohne sich zu besinnen, die -Gräfin. Ihre Stimme klang wie heißgelaufen. Wenk war ängstlich berührt -von der Heftigkeit, von der hektischen Hingabe, mit der diese schöne, -vornehme Dame seinen Einfall hinnahm. - -»Mir hat das ja gerade gefehlt,« sagte mit leisem Ton die Frau, »etwas -zu tun, nützlich zu sein, in einem kühnen Werk der Einsatz des Lebens, -um das Leben zu spüren.« - -»Und das haben Sie in den Spielräumen gesucht?« sagte er. - -»Ich weiß es nicht genau. Ich fühlte mich wohl in dieser Gesellschaft, -weil ich keinen Rand sah. In meinem Kreis sah ich über alle Horizonte. -Ich hielt das nicht aus. Ich bin Ihnen dankbar ...« - -Wenk wurde es heiß in den Augen. Ein Verlangen ergriff ihn, es quälte -ihn, er quälte sich selber mit ihm, und fast brutal fragte er: »Und Ihr -Mann?« - -Die Frau antwortete mild: »In jeder Ehe, das wissen Sie nicht aus -Erfahrung, bleibt etwas unerfüllt von dem, was das Herz erwartet hat. -Ich nehme meinem Mann nichts, wenn ich versuche, dieses Fehlende ohne -ihn zu finden.« - -»Ich verehre Sie!« sagte Wenk. Ein leises Zittern ging durch seine -Stimme. - -»Nein,« wehrte die Gräfin ab, »es ist Gesetz. Es ist natürlich. Und nun -sagen Sie mir, was ich zu tun habe.« - -»Ich werde Sie an einem Tag, den Sie bestimmen, mit meinem Auto zum -Gefängnisdirektor bringen, und wir werden mit ihm alles vereinbaren. -Wann paßt es Ihnen?« - -»Am nächsten Samstag um diese Stunde.« Sie erhob sich. - -»Die grauen Mauern des Gefängnisses werden zu leuchten beginnen!« sagte -Wenk. - -»Vor soviel Abenteuerei!« lachte die Gräfin. - -»Nein, Gnädigste, vor Ihrer Schönheit!« - -Und es war Wenk auf einmal, als liebte er sie mit einer Leidenschaft, -die wie eine Flamme aus seinen Augen schlug, unsichtbar. Er beugte sich -so tief über ihre Hand, daß er sein Gesicht verbarg. Sie drückte ihre -Hand mit einer heißen, freien Regung sanft an sein Gesicht an zum -Eingeständnis heimlicher Übereinstimmung und huschte davon. - -Draußen auf der Straße schoß ihr alles Blut zu Kopf. Sie sagte halblaut -das Wort vor sich hin, das sie oben unterdrückt hatte: »Liebe ... Liebe -...« - -Im Zimmer Wenks blieb ihr Duft. Wenk sog ihn ein. Dann hob er beide -Hände vor sein Gesicht, und von einem Geheimnis und von Ahnungen dumpf -dahin geführt, flüsterte er inbrünstig in die Dunkelheit hinein, die er -so vor seine Augen legte: »Mord und Liebe! ... Mord und Liebe! ...« - - * * * * * - -Im Verlauf des Tages stieg das Gerücht des Mordes durch die Stadt. Es -wand sich aus der trüben Ecke, wo Hull sein wertloses kleines Leben -gelassen hatte. Es war ein dunkler Fleck geblieben. Das Pflaster war -finster vom verwaschenen Blut gefärbt. Tauwetter hatte die Bodenrinne -zwischen den Pflastersteinen weich und erdig gemacht. Die Erdkrumen -hatten das Blut gierig zurückgesogen. Sie hatten sich daran berauscht. -Und aus dem Rausch des handgroßen Erdflecks stieg das Scheusal auf, wand -sich aus dem engen Winkel davon und errichtete sich durch die ganze -Stadt. - -Es kamen Menschen, seine Geburtsstelle zu sehen, und tranken an der -Quelle von den Schauern der Tat. Sie sahen das Ungeheuer aufstreben. -Ihre Herzen sträubten sich vor dem Unwesen. Es trampfte zwischen ihnen -durch, durch sie hindurch wie durch einen Nebel, körperlos ... -eiskalter, flüssiger Geist. Es ward ein Lindwurm und ringelte durch die -Gassen in die breite Ludwigstraße, rannte über die Plätze ins Herz der -Stadt hinein, begann zu fließen nach allen Richtungen, durch die Straßen -in die Häuser. - -Es rann wie eine dunkle Kloake. Es rann tagelang. Sein dumpfer, -feuchtheißer Geruch von Auflösung ließ Angst in die Menschenporen -dämpfen oder riß eine Kraft, die keinen guten Weg finden konnte, nach -dem Bösen. - -In einer Vorstadtstraße wurde in der dritten Nacht später eine Dirne -ermordet. Man fing den Mörder am nächsten Tag. Es war ein Arbeitsloser, -eine aus dem Krieg übriggebliebene Phantasie, die in die Barbarei -zurückgeirrt war. Er sagte, er habe nicht gewußt, was er tat, als er dem -Mädchen die Hände an die Gurgel drückte. Es sei aus der finstern Straße -etwas über ihn geflossen, es sei um die Ecke gekommen aus der -Jägerstraße ... und das hätte ihn gezwungen. - -Ein Föhn durchfraß vom Gebirge her die Stadt. Er war weich und -leidenschaftlich wie ein Menschenherz. Er brüllte den Frühling hinter -sich her. Alle Lichter waren grell. Alle Schatten waren von einer -wilden, jähzornigen Schwärze. Alle Herzen in zwei Farben gespalten. - - - - - IX - - -Um vier Uhr kam von Frankfurt ein telephonisches Gespräch: »Georg -Strümpfli, Artist, geboren 1885 in Basel, hat an der mitgeteilten -Adresse gewohnt vom 1. Januar bis 10. Dezember des vergangenen Jahres. -Verzogen nach dem Ausland. Aufenthaltsort unbekannt. Eingetragen als -verheiratet. Nationalität Schweizer.« - -Vom Einwohneramt wurde Wenk berichtet, die Carozza sei unter folgenden -Angaben angemeldet: »Maria Strümpfli, geb. Essert, genannt Cara Carozza, -Tänzerin, geboren in Brünn am 1. Mai 1892. Nach München verzogen von -Kopenhagen.« - -Wenk sann nach, woher die Aussprache Georch für Georg kommen könne. -Beide waren süddeutscher Sprache. Georch sagte man in Norddeutschland. - -Wenk suchte die Carozza nochmals auf. Sie war jetzt im Gefängnis. »Ich -will nichts von Ihnen wissen,« sagte sie schroff zu Wenk. »Sie wollen -mir helfen und bringen mich ins Gefängnis.« - -»Nicht ich! Das ist ein Irrtum. Der Untersuchungsrichter, wie ich Ihnen -gleich sagte. Ich komme auch nur, um Sie über etwas aufzuklären. Was -Ihnen die ganze Schwierigkeit bereitet, ist der Name, den Sie gerufen -haben. Darüber streitet man jetzt.« - -»So. Sie scheinen Sorgen zu haben beim Gericht.« - -»Ha, das haben wir allerdings. Wenn Sie bereit wären, sie zu zerstreuen, -könnten Sie uns und sich helfen. Sie sagten, Ihr Mann heiße ... Karl, -nicht wahr, Karl Strümpfli?« - -»Und wenn Sie es nochmals vergessen, er heißt Georg!« - -»Er ist Schweizer?« - -»Sie haben sich erkundigt, wie ich merke.« - -»Gewiß. Also, er heißt Georg. Sagen Sie, es ist in Ihren Augen -vielleicht eine dumme Frage: hatten Sie einen besonderen Namen für ihn?« - -»Nein!« - -»Nannten Sie ihn nie anders als ...?« - -»Nein, nur Georg! Wann kann ich hier fort?« - -»Das hängt vom Untersuchungsrichter ab.« - -»So soll der Herr endlich kommen. Es ist unwürdig für eine angesehene -Künstlerin wie mich ...« - -»Das hat leider alles seinen vorgeschriebenen Gang. Ohne Anbetracht der -Persönlichkeit, wie die Formel lautet. Mehr als meine Hilfe kann ich -Ihnen nicht versprechen.« - -»Sie gehen wieder? Ohne mich?« - -»Mehr kann ich vorerst nicht tun,« sagte Wenk. - -Die Carozza wandte sich ab. - -Wenk begab sich an den Tatort. Er hatte zu Hause die Einwohnerlisten der -Häuser durchstudiert, die an die Stelle stießen, an der der Überfall -vorgekommen war. Besonders genau die Finkenstraße. Er nahm zwei -Geheimpolizisten mit, darunter den Beamten, der die Täter bis an die -Mauer verfolgt hatte. - -Er untersuchte die Mauer bei Tageslicht. Sie zeigte Kratzspuren von -Schuhspitzen, und ganz oben war ein Blutfleck. Es mochte sein, daß einer -hochgehoben wurde, der dort erst die Mauer mit den Händen berührte. Aus -dem Fleck leuchtete das Blut des ermordeten Hull in den prallen -Februartag. - -Wenk ging in die Häuser. Mehrere führten, wie er sah, nach hinten auf -den Park. Er sprach mit jedem einzelnen der Bewohner dieser Häuser. -Einige hatten Lärm in der Nacht gehört. Aber sie hatten sich nicht darum -gekümmert, weil es das jetzt immer gab. - -»Und in den Häusern selber?« fragte Wenk. »Haben Sie da nichts gehört?« - -»Nein, da hatte niemand etwas gehört.« - -Wenk ging auf die andere Seite der Mauer in den Park. Es war nichts zu -sehen als an einer Stelle Spuren von vielen Füßen. Da waren sie -scheinbar abgesprungen. Man sah das an den Eindrücken, die ziemlich tief -waren. Aber die Spuren waren mit einer Hacke verwischt, und es war -Karbol darüber gegossen worden. Ein Blechgefäß lag da, das, wie der -Geruch verriet, das Karbol enthalten hatte. - -Diese Vorsicht war zweifellos gegen die Polizeihunde gerichtet. Das -Karbol mochte vorher hingestellt worden sein. Aber ganz verstand er es -nicht. - -Er wollte es trotzdem versuchen und ließ einen der Hunde holen. Der Hund -nahm die Fährte in der Jägerstraße auf, rannte an die Mauer und sprang -an ihr hoch. Als man ihn aber an die andere Seite hob, ging er nicht -weiter. Er wandte die Nase entsetzt von dem Karbolgeruch ab, lief die -Mauer entlang und wieder zurück und wieder entlang, immer in derselben -Richtung, aber immer unentschlossen. Er versuchte hochzuspringen. - -Wenk ließ ihn wieder hinüberheben. Aber wie der Hund auf dem Scheitel -der Mauer abgesetzt wurde, um von dem jenseits aufgestellten Beamten -herübergehoben zu werden, entriß er sich der haltenden Hand und rannte -ungebärdig bellend oben auf der Mauer davon. Er lief nicht weit. Er -blieb an einer Mauerstelle stehen und bellte in den Hof eines Hauses -hinab, tief den Kopf bückend, und versuchte hinabzuspringen. - -Auf einmal war er unten und lief auf das Haus zu, blieb dann aber an der -Hauswand stehen. - -Diese Hauswand untersuchte Wenk genau. Er fand verkratzte Stellen an -ihr, die in regelmäßigen Abständen nach oben gingen. Hier waren Leute -zweifellos mit einer Strickleiter emporgeklettert. Die Spuren führten an -ein Fenster im ersten Stockwerk. - -Die Wohnung, zu der das Fenster gehörte, war leer. Er fragte im Haus, -seit wann sie nicht mehr bewohnt sei? - -Da waren alle erstaunt; denn sie glaubten, sie sei bewohnt. Einer sagte: -»Da wohnt doch der Georch drin!« - -Wenks Herz machte einen heftigen Schlag. - -»Wer?« fragte er rasch. »Wie hieß er?« - -Er hörte nochmals: »Georch!« - -»Kannten Sie ihn auch?« fragte er eine Frau. - -»Ja natürlich, den Georch!« - -»War das sein Familienname?« - -»Das weiß ich nicht!« - -Das wußte niemand. - -»Von wem wurde er denn so genannt?« - -»Von den Burschen, die immer zu ihm kamen!« - -»Also Georg hieß er,« prüfte Wenk, um ganz sicher zu sein. - -»Nein, Georch wurde er genannt,« sagte einer. - -»Hat er lange da gewohnt?« - -Das wußte genau niemand. Einige meinten, ein Jahr wohl. Aber er war fast -nie zu Hause. - -Er ließ sich den Mann beschreiben. Da geschah etwas Merkwürdiges. Schon -über die Haarfarbe begannen die Leute zu streiten. Der eine gab ihm -blaue Augen, der andere dunkle. Er war ein bißchen lang und mager und -gekleidet wie ein Matrose. Er sah auch ein wenig aus wie ein Athlet. -»Was war er denn? Was machte er?« - -»Geschäftsreisender soll er gewesen sein!« - -Es war sonderbar, dieser Georch war nicht in dem Haus angemeldet. Auf -Wenks Liste stand er nicht. - -Wenk fuhr ins Meldeamt und stellte dort mit Hilfe des Vorstehers fest, -daß ein Bewohner des Hauses Georg Hinrichsen geheißen habe, gebürtig aus -der Elbegegend. Daß er aber die Wohnung vor vier Wochen verlassen und -sich nach Ravensburg abgemeldet habe. Die Wohnung war dann von einem -Geschäftsreisenden bezogen worden, der sich Poldringer nannte. - -Es war Wenk klar, daß Hinrichsen und der Geschäftsreisende dieselbe -Person waren. Vier Wochen waren es her, daß Hull die Unterhaltung mit -Wenk gehabt hatte. Und Hinrichsen und Poldringer waren dieselbe -Persönlichkeit und auch der Mörder oder wenigstens der Anführer der -Mörder Hulls. Denn die Carozza hatte nach ihm um Hilfe gerufen. - -Vielleicht stimmte die Richtung der Abreise Hinrichsens wenigstens. Der -Bodensee lag in der Nähe von Ravensburg. Die Schweiz war erreichbar. - -Wenk telegraphierte nach den Hauptorten am Bodensee, insbesondere an die -Paßstellen. - -Einige Stunden später rief Konstanz die Polizeidirektion an, ein Mann -namens Poldringer habe sich hier angemeldet. Als Staatsangehörigkeit -habe er Bayern angegeben, was dem Meldebeamten aufgefallen sei, weil der -Mann einen ganz ausgesprochenen norddeutschen Dialekt redete. Die -Polizei habe ihn deshalb beobachtet. Sie habe dabei festgestellt, daß er -in den Kreisen der Leute verkehre, die im Verdacht stehen, Waren über -die Schweizer Grenze zu schieben und zu schmuggeln. Er fahre öfter mit -dem Lindauer Dampfboot. »Erwarten Sie mich bitte noch heute in -Konstanz,« sagte Wenk zurück. »Schluß!« - -Wenk machte sich gleich reisefertig. Er konnte vor der Nacht noch in -Konstanz sein, wenn der kleine Schnellflieger seines Freundes, der ihm -stets zur Verfügung stand, flugbereit war. Er telephonierte ihm. - -Ja, das Flugzeug war bereit. - -Um vier Uhr flog Wenk ab. Mit der niedergehenden Dunkelheit landete er -auf dem Petershausener Flugplatz bei Konstanz. - -Die Polizei bezeichnete ihm die Lokale, in denen die Leute verkehrten. -Er kleidete sich um und ging als Chauffeur in eine dieser Wirtschaften, -um dort zu Nacht zu essen. Er redete jemanden, den er für geeignet -hielt, an. Er habe zwei Autos an der Hand, sagte er, und könne sich auch -eine Art von Ausfuhrbewilligung verschaffen, wenn die allerdings nicht -so genau angesehen werde. Aber wenn er einen oder besser zwei -kouragierte Männer mithätte, so ginge es. Es seien einige Zehntausende -zu verdienen. Denn die Autos seien noch vom Herbst 1918 gekauft und so -lange verborgen gehalten worden. Es seien Prachtwagen von zwei -Generälen. - -Der andere überlegte nicht lang. Er werde es einem Freund sagen. Zu -dreien könnten sie die Sache machen. - -Sie gingen später in ein anderes Haus. Da käme der Freund hin. Sie saßen -lange da. Aber er kam nicht. »Wie heißt er?« fragte Wenk. »Vielleicht -kenne ich ihn?« - -»Er nannte sich Ball. Aber vielleicht hieß er früher anders. Wir haben -hier alle ein bißchen andere Namen ... hi-hi, du verstehst!« - -»Ich verstehe,« sagte Wenk. - -Da wurde er blaß. Denn es kam ein Mann herein, in dem er den Chauffeur -zu erkennen glaubte, der ihn im Gasauto nach Schleißheim geführt hatte. -Es war alles auf dem Spiel. Wenks Maskierung war mangelhaft. Wenn nun -der andere vielleicht der erwartete Ball wäre! Und er käme zu ihnen an -den Tisch! Dann wäre es wahrscheinlich, daß er Wenk erkenne, und alles -wäre aus. - -Wenk wandte alle Kraft an, sich zu beherrschen, und versuchte durch -Anziehen der Gesichtsmuskeln seine Züge zu entstellen. Er hatte sowieso -von vornherein die Vorsicht gehabt, sich aus dem grellen Licht heraus in -eine dunklere Ecke zu setzen. - -Der andere ließ sich jedoch entfernt von ihm an einem großen Tisch -nieder, an dem bereits eine Schar von jungen Burschen saß. Er kehrte -Wenk wohl den Rücken, aber der Staatsanwalt wollte es nicht weiter wagen -und verabredete auf morgen abend eine neue Zusammenkunft. Er ging rasch -durch die Hintertür hinaus. - -Er ging zur Polizei, sagte, wo er gewesen, und beschrieb den -verdächtigen Mann. Der Kommissar holte einen Beamten. Der sagte, nach -der Beschreibung scheine das der Poldringer zu sein. - -»Können Sie mir Gewißheit darüber verschaffen? Noch in der Nacht? Nur -bitte ich Sie vorsichtig zu sein, denn dieser Mann ist mit allen Wassern -gewaschen!« drängte und mahnte Wenk. - -Dann gehe er lieber nicht hin, antwortete der Beamte. Die Stadt sei -klein und alle Angestellten der Polizei, selbst die, die nur in Zivil -ausgehen, den Schiebern bekannt. Sein plötzliches Erscheinen könne Alarm -geben. - -»Ich muß mich dann gedulden. Sie wissen, wo er wohnt?« - -»Ja!« - -»So führen Sie mich gleich hin!« - -Der Polizist brachte Wenk in eine Gasse, in der sich ein alter, -schmutziger Gasthof befand, der sich nach hinten in viele Höfe -verschachtelte. Wenk sah gleich, hier war ein Überfall schwer ohne -großes Aufgebot an Mannschaften. Ein solches Aufgebot aber war in einer -kleinen Stadt nicht rasch und geheim genug zu machen. - -Gegenüber war das Lager einer Eisenhandlung. In diesem Lager verbrachte -Wenk zusammen mit einem der Beamten, die Poldringer kannten, den -nächsten Vormittag, hinter einem verstaubten Fenster verborgen. - -Als um elf Uhr der Mann aus dem Gasthof kam, den Wenk für den Chauffeur -des blondbärtigen Spielers hielt, stieß ihn der Beamte an und raunte ihm -zu: »Das ist er, der Poldringer!« - -Wenk sagte: »Es ist derselbe!« - -Nachmittags war eine Zusammenkunft beim Kriminalkommissar. Wenk -erklärte, es käme darauf an, nicht nur die eine Person, sondern lebend -die ganze Gesellschaft auszuheben. Hier bestehe sozusagen nur die -Unterabteilung des Münchener Generalkommandos. Und bevor man nicht den -Leiter sicher in der Hand habe, sei es ziemlich wertlos, sich dieses -Dutzend Angestellter zu sichern. Er rate, sich zuerst nicht durch die -Belohnung von fünftausend Mark, die gegen seinen Willen ausgeschrieben -worden sei, verlocken zu lassen, sondern, da man nun eines der Nester -kenne, dieses gut zu überwachen. Das sei jetzt der sicherste Weg, an den -Anführer der Bande zu gelangen. Nehme man jetzt den Chauffeur, so sei -der Chef doppelt gewarnt. Und der sei eine der ganz großen Nummern der -Kriminalgeschichte aus den letzten Jahrzehnten. Dann sei nicht nur -Belohnung durch Geld, sondern Ruhm zu erwarten. Die Beamten versprachen -das Ihrige zu tun. - -Abends traf Wenk den jungen Mann, der die Autos schieben helfen wollte. -Sein Freund sei verreist, sagte er. Die Geschäfte gingen nämlich so -schlecht in der letzten Zeit. Die Schweiz sei übersättigt mit deutschen -Waren, und die deutschen Behörden seien wieder etwas Meister geworden -über den See. Man könne zum Hungern kommen. Aber er wisse, was er täte. -Verhungern wolle er nicht. Und eher, als daß er sich durch Hunger aus -dem Loch vertreiben lasse, verschreibe er seine Haut der Fremdenlegion. -Da sei er wenigstens auch vor der deutschen Behörde sicher. Er könne in -Ruhe fressen und in Freiheit sich erschießen lassen. Hier endigten doch -alle im Kittchen! - -Wenk fragte, wie er es denn anstelle, um in die Fremdenlegion zu kommen? -»Das ist einfacher als jemals,« antwortete er. »Vor dem Krieg mußte man -nach Belfort reisen. Das ist nicht mehr nötig. Ich kann mich hier -anwerben lassen!« - -»Das läßt sich für den äußersten Fall merken,« sagte Wenk. »Und bei -welcher Adresse?« - -»Da brauchste nur zum Gasthof >Zum schwarzen Stier< gehn und nach dem -Poldringer fragen. Oder komm abends in die Wirtschaft, wo wir gestern -waren. Da saß er. Er hat die janzen Küken an seim Tisch in' Topf -jekriegt! Ich überlegt es mir noch, sagt ich ihm. Wenn unsere -Töff-Töff-Sache klappt, hab ich's nich mehr so nötig. Aber nun ist der -Ball nich aufzufinden. Der fingerte so wat jlänzend. Er wird sich wohl -nach dem fettern Land drüben durchjeschlagen haben. Übrigens hat der -Poldringer sich jestern abend nach dir erkundigt. Was? Du mußt auch ein -Schwergewichtler sein. Er meinte, er kenne dir. Ich sagt ihm aber, du -kämst von Basel. Du wolltest zwei Autos überschaffen. Dann sagt er: Dann -ist er's doch nicht, der aus München! Ich dacht mir, einer kann in -München jewesen sein und ist jetzt doch in Basel, wat?« - -»Ich war nie in München,« sagte Wenk, »nein, er muß sich irren!« - -»Ejal! Schieben wir nur unsere Autos jetzt, wat?! Sag, kannst du mir -einen Jrünen zulangen, als Abschlagzahlung?« - -»Fuffzig?« fragte Wenk. - -»Wenn es dir nich jenügt, kannste auch zwei losmachen!« - -»Einer genügt mir völlig!« Er gab ihm einen Schein aus der Westentasche. - -»Du brauchst dich deiner Brieftasche nicht schämen, wenn sie auch en -Loch hat!« sagte der andere. - -»Für fuffzig Mark aus meiner Brieftasche kaufst du dir nicht mehr als -für fuffzig aus meiner Westentasche.« - -»No is jut! Wo wohnste?« - -»Im Barbarossa,« sagte Wenk auf gut Glück. - -»Kotznobel, aber wenn sie dir mal an die Hammelbeine wollen, da kommste -nich durch, daß de's weißt! Geh lieber in den >Schwarzen Stier<. Da is -man sich druff einjerichtet. Uffs Loslösen von die Jrünen! Spurlos, sag -ich dir! Wie wechjeblasen, sag ich dir!« - -Wenk flog am nächsten Morgen nach München zurück. Er fühlte sich reich. -Die Reise, so hoch und von praller Kälte umstrudelt, gehoben von den -raschen, glücklichen Erfolgen, stärkte sein Herz. Er zog an allen -Leinen. Er hatte das ganze Geschirr in der Hand. Es lief auf ein großes -Netz zu. Und er, der Fischer, war bereit und stark. - - * * * * * - -Eine Stunde, bevor Wenk hinter den blinden Fenstern des Eisenwarenlagers -die Tür des »Schwarzen Stiers« zu überwachen begann, flog folgendes -Gespräch durch die Fernsprechdrähte von Konstanz nach München: »Hallo, -holla, hier Doktor Dringer. Wer da?« - -»Holla, hier Doktor Mabuse! Bitte!« - -»Der Kranke scheint sich hier aufzuhalten. Ich bin mir noch nicht ganz -gewiß, daß er's war. Aber ich glaube ihn erkannt zu haben. Ich erbitte -Anweisungen.« - -»Das ist sonderbar! Gestern kurz vor vier Uhr wurde er mir noch in -München gemeldet. Ganz zweifellos gemeldet. Um wieviel Uhr glauben Sie -ihn gesehen zu haben, Herr Kollege?« - -»Halb acht!« - -»Der Schnellzug fährt erst um sieben und ist gegen elf in Lindau. Hätte -er selbst ein Auto benützt, könnte er unmöglich um halb acht in Konstanz -gewesen sein!« - -»Es ist möglich, daß ich mich verschaut habe, aber wenig wahrscheinlich. -Ich gebe die Möglichkeit, daß es der gesuchte Geistesgestörte war, nicht -aus der Hand.« - -»Nein, auf alle Fälle, forschen Sie weiter. Wenn Sie sicher sind, so -wenden Sie sofort, verstehen Sie, Herr Kollege, sofort die sichersten -Mittel an.« - -»Die eiserne Zwangsjacke, Herr Kollege?« - -»Jawohl! Sie wissen, er ist gemeingefährlich. Berichten Sie weiter. Was -machen die Nervenkranken?« - -»Sie sind bereit, ins Sanatorium einzutreten. Übermorgen reisen sie ab.« - -»Danke! Schluß. Empfehlungen, Herr Kollege!« - -Mabuse ging erregt einige Male durchs Zimmer. Wie war das möglich, daß -der Staatsanwalt, der gestern um vier Uhr noch in München war, um halb -acht in Konstanz gesehen wurde? Täuschte sich Georg nicht? - -Er kleidete sich als Dienstmann um und begab sich in die Amandastraße, -wo Wenk wohnte. Er klingelte an seiner Tür. Der Diener öffnete. »Ist der -Herr Staatsanwalt zu Haus?« - -»Nein, er ist verreist. Geben Sie her!« - -»Ich soll aber persönlich ... Wann kommt er zurück?« - -»Ich weiß nicht!« - -»Ist er länger verreist, oder könnte ich vielleicht am Nachmittag den -Brief abgeben?« - -»Der Herr Staatsanwalt hat nichts hinterlassen.« - -»Ho, ich kann mich wohl auch auf Sie verlassen,« sagte dann der -Dienstmann. »Sie geben den Brief ja so sicher ab wie ich, was?« - -»Natürlich! Geben Sie her!« - -Der Diener las rasch die Adresse. Aber sie lautete: An Herrn -Staatsanwalt Dr. Müller. »Sie sind ja überhaupt falsch. Hier wohnt Herr -Staatsanwalt von Wenk.« - -»Ach der Herrgott! Da hat man mir eine falsche Nummer genannt. Ich sag' -ja immer: aufschreiben, Herrschaften. Jetzt heißt's wieder, ich hab's -falsch behalten! Also, wo wohnt denn nun der Staatsanwalt?« - -»Ich kenn' ihn nicht!« - -»Da ist nichts zu machen! Also wieder zurück! Adieu!« - -Der falsche Dienstmann ging und wußte halb nur, was er wissen wollte. - -Unterwegs aber wurde ihm Erleuchtung. Ja natürlich, sagte er sich, er -ist im Flugzeug hingeflogen. Und ich weiß wohl, weshalb ... - -Den Bruchteil eines Augenblicks wurde es ihm dunkel vor den Augen. So -traf ihn diese Entdeckung. Er maß zum ersten Male seinen Gegner. Diese -Mittel hatte noch niemand gegen ihn angewandt. Georg hatte die -entlassenen Schmuggler noch nicht abgeschoben. Ob durch einen von ihnen -die Reise nach Konstanz so hastig veranlaßt wurde? Hatte sein, Mabuses, -Überwachungsdienst versagt? Es war jedenfalls gefährlicher als jemals -zuvor. Denn es waren mehrere Agenten der Fremdenlegion entlarvt und -verhaftet worden. - -Wenn Wenk die ganze Gesellschaft einsperren läßt, kann einer so viel -verraten, daß die Wellen bis an mich heranschlagen. Ich bin zum -erstenmal nicht mehr sicher. Ich werde ihn beiseite schaffen ... Weshalb -hat Georg ihn durchgehen lassen, sobald er nur im Zweifel war, es könnte -der Staatsanwalt sein? Der Teufel hole die Menschlichkeit, mit der wir -ihn in Schleißheim laufen ließen! Früher lebe ich nicht mehr, als bis er -fort ist, bis er ausgetilgt ist! - -Ich werde meine Flucht gleich vorbereiten. Ich werde über die Schweizer -Grenze fliehen, wenn ich bis acht Uhr nicht weiß, ob Georg nicht -verhaftet ist. - -Wo hat ihn Georg gesehen? Wenn ich das wüßte! Darauf kommt alles an! - -Ungeduld, friß mich! Ich habe Fieber vor Haß auf diesen Störer. Wenn ich -mein Fürstentum Eitopomar nicht erreiche! - -Dann ging Mabuse in seine Wohnung zurück. Er hatte ein Paket unter dem -Arm für sich selber. Auf alle Fälle! Wenn sie vielleicht heimlich im -Innern schon von der Polizei besetzt war, war er ein Dienstmann, der -etwas abzugeben hatte. Es waren Zigarren in dem Paket. Aber die Wohnung -war leer, und rundum war alles unverdächtig. - -An diesem Abend verließ Mabuse sein Haus nicht mehr. Es war sicherer, -daß er vom Fenster aus selber sah, wer zu ihm kam, als daß in seiner -Abwesenheit jemand eindrang und am Fenster auf ihn warten konnte. Er war -doch für alles bereit! - -Er verbrachte den Abend damit, seine Vermögensaufstellung zu überprüfen. -Zu der Summe, die er zu brauchen berechnet hatte, fehlte ein halbes Jahr -Arbeit noch in Deutschland. Dort kannte er das Terrain. Überall anderswo -mußte er mindestens ein Jahr dransetzen, bevor er von neuem beginnen -konnte. Seine Sprachkenntnisse hätten ihn sowieso nur auf ein -angelsächsisches Land beschränkt. - -Ein halbes Jahr. Er trommelte das in sein Hirn, sein Herz, sein Blut. - -»Ich bleib' es!« sagte er laut in das einsame Zimmer, und es war ihm, -als hörte er wie einen Hammer auf Eisen den Trotz durch sich pochen, der -ihm diesen Entschluß eingab. - -Er wurde am nächsten Morgen um halb acht dringend von Konstanz -angerufen. »Doktor Dringer! Herr Kollege, ich muß mich geirrt haben. -Nichts mehr zu sehen. Habe alles mobil gemacht. Die anderen Patienten -sind zur Abreise vorbereitet.« - -»Schade, Herr Kollege! Läuten Sie abends nochmals an!« - -»Hund!« knirschte Mabuse durch das Fenster in die Stadt hinaus, in der -Wenk mit ihm wohnte. »Und wenn es nur für diese halbe Stunde der -Unsicherheit wäre, so gehst du um die Ecke! Das erstemal ist es durch -einen Zufall mißlungen. Das zweitemal wird es keinen Zufall mehr geben.« - -Mabuse verließ das Haus und ging zu Fuß davon. Er begab sich in eines -der modischen Hotels und fragte nach Herrn Generaldirektor Hungerbühler. - -Jawohl, er sei da. Zimmer 115. - -Als Mabuse in das Zimmer eintrat, ohne geklopft zu haben, war es leer. -»Spoerri!« rief er leise. - -Da öffnete sich eine Schranktür, und Spoerri kam heraus. - -»Wenk scheint in Konstanz zu sein. Georg hat es mir grade telephoniert. -Aufpassen! Was macht die Carozza im Gefängnis?« - -»Es wäre doch gut, wenn wir sie der Beseitigungskommission überwiesen! -Ein toter Mund ist sicher!« - -»Nein, habe ich gesagt. Ihr lebender ist mir sicherer als ihr toter,« -entgegnete Mabuse heftig. - -»Ich habe auf alle Fälle Verbindungen mit einem Wärter begonnen.« - -»Wozu?« - -»Um sie herauszuholen, wenn sie leben bleiben soll!« - -»Esel!« rief Mabuse unterdrückt. »Ich sage: sie ist sicher, wo sie ist. -Wenn man ihr mit den Eisenstäben der Gitter die Lippen aufbricht, redet -sie nicht. Lassen Sie diese Dummheiten! Sie kommt heraus, wenn ich -Europa verlasse, eher nicht! Ich kam, um Ihnen zu sagen, daß ich für -Wenk noch einen Monat Zeit lasse. So lang, damit sicher gearbeitet -werden kann. Merken Sie sich das Datum. Keinen Tag länger!« Dann ging er -wieder, fast ohne Gruß. - - - - - X - - -Am nächsten Abend war Dr. Mabuse zu Geheimrat Wendel, dem Psychiater, -eingeladen. Es sollte nach einem kleinen Nachtessen eine interessante -Somnambule auftreten. Im Dämmerzustand weckte sie Erinnerungen in sich -auf, die bis in ihre frühen Kindertage zurückreichten ... bis in eine -Zeit, in der die Ausbildung des Hirns noch nicht so weit vorgeschritten -ist, daß es über den Augenblick der körperlichen Erfordernisse hinaus -empfindet oder aufzeichnet. - -Mit dem Geheimrat war Mabuse durch einen Patienten bekannt geworden, -durch eine Dame der Aristokratie, die an schweren nervösen Hemmungen -litt, und die Mabuse durch eine hypnotische Behandlung geheilt hatte. In -der Gesellschaft trafen sich nicht nur Gelehrte, sondern auch -Schriftsteller, Künstler und Kunstfreunde von Ruf, so wie es in den -letzten Jahren in der wohlhabenden Gesellschaft Mode geworden war. - -Mabuse hatte als Tischdame eine Frau, die er erstaunt, ja betroffen, -kannte. Sie hatte bei seinen Helfershelfern in den Spielsälen den -Spitznamen: die Unaktive! Es war die Gräfin Told. - -Er widmete ihr den Abend über alle Aufmerksamkeiten, deren er fähig war, -erzählte spannende, ungewöhnliche Erlebnisse von waghalsigen Reisen, von -Tier- und Menschenjagden in fremden Weltteilen. Er sprach mit einer -grimmigen Hingerissenheit, mit einer tierischen Wut, in seinen -Erinnerungen die Kraft nachgenießend, die er veräußert hatte. Er fühlte, -was diese Frau in die Spielsäle trieb, und es war ihm über dieser -plötzlichen Entdeckung, als blute sein Herz. Als öffne sich in seinem -Blut ein Spalt, eine Schlucht, die so tief war, daß nur zuckendes -Menschenherz sie füllen konnte. Er jagte mit seiner Phantasie und seiner -Sprache nach diesem Herzen wie in den Dschungeln nach Tigern, die -Menschenblut aufgerissen und die Jäger zu tobender Blutlust entflammt -hatten. - -Diese Frau war das Herz, das er brauchte. Herrschsüchtiges Begehren -schoß in sein Hirn und füllte es aus. Er wollte diese Frau für sich -haben. Er sah durch ihre Augen, wie seine Erzählungen ihr Blut -lockerten. Das wollte sie. Er verstand sie immer ungebärdiger und -umfassender. Er malte ihr die fremde Natur, er warf sie ihr hin im Kampf -mit seinem Willen, seinen Muskeln, seinem Geist. Und sie sollte glauben, -die ganze fremde Natur, um die er so gewaltig kämpfte, sei sie. - -Sie zitterte in seinen Worten. Sie erschwachte an ihnen. Eine Glut nach -Anlehnung und Zärtlichkeit überfiel sie vor den Äußerungen dieser -Männerkraft so stark, daß sie sich von seinen gewaltsamen Erzählungen, -mit denen er sie an sich zu heften trachtete, wie ein Stück lebendiger, -blutnasser Haut losriß, zu ihrem Mann ging und in einer flehenden, -heftigen Bewegung mit ihrem ganzen Leib ihn berührte. - -Mabuse sah es. Es ward rot vor seinen Augen aus seinem ganzen Blut -herauf. Rot von Verlangen und Blutgier. Er ertrug nicht mehr, daß andere -Blicke sich auf sie legten ... daß irgendeiner der fremden Männer sie -ansprechen durfte ... Lippen sich über ihre Hand beugten ... Willen nach -ihr angelten. Rot von Blutgier und Verlangen. - -Er mußte fort. Er raste gleich im Auto nach Haus. Alle Sinne blieben bei -der Frau zurück, und sich so von ihr entfernend, seinen Körper so von -dem Blut losreißend, schrie er in der Fahrt, in der er, selber lenkend, -die Straßen durchtoste, das Bild heraus, das in der Schlucht lag: »Mord -und Verlangen! Mord und Verlangen!« - -Zu Hause trank er, bis er nichts mehr sah als in den Kreisen, mit denen -die Trunkenheit das Zimmer um ihn wirbeln ließ, ihr Herz. Es war von -seiner Hand dem schönen Leib entrissen, blutete über seine Finger und -zuckte in sein Hirn. - - * * * * * - -Für die Gräfin Told kam der Tag, an dem ihr Unternehmen im Gefängnis -beginnen sollte. Sie begab sich zu Wenk. Er führte sie zu der Anstalt -und besprach mit dem Direktor die Angelegenheit. - -Bevor sie zur Zelle geführt wurde, fragte sie noch: »Auf wie lange?« - -»So lange Sie wollen, Frau Gräfin,« antwortete Wenk. »Immerhin hängt es -von Ihrer Geschicklichkeit ab. Doch selbstverständlich genügt ein Wort, -und Sie sind frei, auch wenn Sie Ihr Ziel nicht erreicht haben.« - -Sie sagte: »Zeit habe ich. Nur möchte ich am nächsten Montag zu einer -Veranstaltung mir einen Ausgehtag erbitten.« - -»Aber natürlich, das läßt sich sehr gut machen! Ich werde mir erlauben, -Sie abzuholen. Etwas zu berichten werden Sie ja auch dann wohl schon -haben!« - -»Übrigens, Herr Doktor,« sagte sie noch, »mein Mann ist auf dem -laufenden. Und gelt, Sie besuchen ihn. Er leidet! Gelt?« - -Wenk verbeugte sich. - -Ein Wärter übernahm die Gräfin. Sie wandte sich lächelnd nochmals -zurück. - -»Gut Glück!« rief Wenk. Dann verschwand sie in dem langen Flur. - - * * * * * - -Die Gräfin hatte das Haus des Geheimrats Wendel in einem Taumel -verlassen. Der fremde Mann war auf einmal unsichtbar geworden. Aber die -Berührung mit der Kraft seines Geistes hatte sich in sie eingebadet und -verließ sie nicht mehr; diese Kraft, voll Geheimnis, drängte den -Staatsanwalt von ihr zurück. - -Es kam ihr vor, da sich die Zellentür vor ihr öffnete, als ginge sie nun -in diese Kammer hinein, in diese fremde, kalte, weltabgeschiedene -Kammer, wie in eine Zeit der Prüfung. - -Sie sollte ihn am Montag wiedersehen. »Ich lade zu einem zweiten Abend -meiner Somnambule am nächsten Montag auch Ihren Tischnachbar wieder -ein,« hatte der alte Geheimrat mit seinem gütig-skeptischen, anzüglichen -Lächeln gesagt. »Er hat ja nachzuholen, da er unerwartet fort mußte. Die -Somnambule hat er nicht gesehen, aber die wache Frau Gräfin Told!« - -»Wohlan!« hatte sie nur geantwortet, kameradschaftlich, sachlich, nicht -verbergend, aber auch kein Eingeständnis. - -Die Zellentür schloß sich hinter ihr. Vor ihr saß eine Gestalt auf einem -Stuhl. Sie drehte sich nicht her. »Nun?« knurrte sie wie ein Hund. - -»Guten Tag!« sagte die Gräfin. - -Die Carozza wandte sich gemessen um. Erst als sie der Gräfin ihr Gesicht -voll zukehrte, stieß diese einen kleinen Schrei aus, und mit einem gut -gespielten Erstaunen rief sie die Carozza an, indem sie lebhaft zu ihr -trat. »Fräulein, Sie! Wir kennen uns ja! Welch ein Zufall!« - -Sie begann gleich zu plaudern, so als bemerkte sie die grimmige Laune -der Carozza nicht. »Denken Sie sich, man hat uns ausgehoben, richtig -ausgehoben! Bei Schramms! Das vornehmste Lokal. Ich sag' Ihnen, -Fräulein, ein Radau war das! Einer piepste, der andere wollte zum -Fenster hinaus, die doch alle zugemauert sind! Sie wissen ja. Einer -setzte sich hin und weinte: >Meine Frau, meine vier Kinder, ich bin -entehrt!< Es war ein Durcheinander wie in einem Taubenhaus. Ich konnte -mich nicht ausweisen, und da haben sie mich mitgenommen! Sagen Sie, was -soll ich tun? Das ist doch nichts Böses, in ein Spiellokal zu gehen! Und -gespielt hab' ich ja auch noch nicht einmal!« - -Aber die Carozza schaute sie nur böse an. »Sagen Sie etwas! Was haben -Sie?« bettelte die Gräfin. - -»Ich hab' das Bedürfnis, von Ihnen in Ruhe gelassen zu werden. War der -junge Herr mit dem blonden Vollbart auch dabei?« - -»Der mit dem Basch, meinen Sie? Nein, der war nicht da. Der ist seitdem -nicht wiedergekommen!« - -»Und der alte Professor?« - -»Nein, auch nicht!« - -»Sie brauchen mir nichts weiter davon zu erzählen,« sagte dann die -Carozza barsch. »Es interessiert mich nicht. Die Welt interessiert mich -nicht. Ich bin unglücklich! Ich bin verraten und verlassen worden. -Nichts anderes interessiert mich mehr. Ich bin verloren. Daß Sie's -wissen! Ihnen sag' ich's! Sie gehören zu uns. Verloren, ganz verloren, -sag' ich Ihnen. Und verraten, daß man sich weniger um mich kümmert als -um eine erfrorene Maus in einer Wiese. Die bösen Hunde! ... Die bösen -Hunde! ...« - -Die Carozza sprang von ihrem Schemel und faßte die Gräfin an der -Schulter. »Sie waren mit uns. Ich schüttle es in Sie hinein,« rief sie, -immer ungebärdiger werdend, »daß nie jemand so verraten wurde wie ich. -Und ich hatte es nicht nötig. Ich war eine Künstlerin. Ich war begehrt -und dann so verraten und verlassen! Als sei ich ein räudiger Katzenbalg -in einer Gosse!« - -»Weshalb hat er sie verlassen?« fragte die Gräfin. Sie fragte das so -schüchtern. Sie kam sich vor wie ein kleines Mädchen neben dieser großen -wilden Person ... Ja, er hat sie verlassen, dachte sie sich, ja -freilich, verlassen für immer, und ihr grauste dabei. Denn er ist ja -tot. Sie wurde unsicher vor ihrem Unternehmen. »Er ist tot!« sagte sie -leise und schwingend. - -»Wer?« rief die Carozza. - -»Ihr Freund ... Hull!« zirpte die Gräfin wie ein Insektchen und begehrte -an dem Schmerz des Mädchens teilzunehmen. Der Staatsanwalt begann in -ihrer Phantasie zu unterliegen. - -Aber da schrie die andere auf sie ein: »Ach was! Er ist nicht tot! Den -ich meine, der lebt! Und ich sitze hier gefangen! Er steht da draußen in -der Stadt, so groß wie ein Turm, wie ein Fels, sag' ich dir! Du -Rotznas', was weißt du denn, was er war? Alles andere war blödes -Getändel. Untreue ein Nebensächelchen! Hull? Tot? Was ist dümmer, -kleiner, als daß Hull tot ist? Aber der andere, der lebt und lebt frei -da draußen, wo Liebe ist, wo Licht ist, wo Leben ist ... Wo er mich zu -seinen Füßen dulden könnte ... vielleicht ... wie ein Fell, das nur dazu -da ist, seine dicke Zehe warmzuhalten. Das ist der größte Mann, der -besteht. Der wildeste, sag' ich dir! Ein Bär, ein Löwenmännchen, ein -Königstiger aus Bengalen ... hörst du? Nicht aus diesem frostigen Land -... Aus Bengalen, wo das Paradies war. Wo ich nie mehr hinkomm'! Weil -man mich in diesem Loch verfaulen läßt!« - -Auf einmal sagte sie ruhig und fest: »Sag', glaubst du, daß es Männer -gibt, die so stark sind, daß ihr Wille diese Mauer da vor mir ... um -mich ... einblasen kann, wenn er weiß, daß ich das so ... so begehre?« - -»Draußen gibt es sie nicht. In uns gibt es sie!« antwortete die Gräfin. -Der leidenschaftliche Atem, der sie so plötzlich aus einem -Menschenherzen überfallen hatte, tobte wie ein Sturm in ihr weiter. - -Wie erbärmlich war sie, einen Menschen überlisten gewollt zu haben. Sie -kam sich klein vor. Sie warf alle Versprechen und Pläne als etwas -Beschmutzendes ab. Sie erglühte an dieser fremden Person wie ein Faden -an den elektrischen Strömen. - -»Ja, in uns gibt es sie!« wiederholte sie. - -»Er! ... Er! ...« sang die Carozza mit einem Tonfall aus der -Appassionata. - -Und der Gräfin trat der fremde Mann von jenem Abend wie ein -Marmorbildnis aufs Herz. Mitten aufs Herz! Aber es zersprang nicht. Sie -ließ die Gestalt gewähren. Sie kam und ging und kam über sie, wie sie -wollte. - -»Liebst du ihn?« fragte sie die Carozza. - -Aber die antwortete nur, es wegschiebend wie ein Nichts: »Ach was ... -lieben!« - -»Ich liebe ihn nicht!« ereiferte sich die Gräfin, den Bewegungen der -spukhaften großen Gestalt auf ihrem Herzen zu folgen. »Aber er ist doch -alles! Er ist ein Mensch. Aber er ist doch eine Welt für sich. Er liegt -da in solch einer Stadt von kleinen Menschen, kleinen begehrlichen -Häusern und Gassen und ist ein Dschungel und ein Urwald. Mir ist, als -habe er Tiger und Schlangen in sich. Alles was stark ist in der Natur. -Und ganze riesenhafte Bäume und weite, undurchdringliche Schilfwälder! -Weißt du, man kann hineinkriechen! Kommt an kein Ende und ist doch in -ihm!« - -Sie schwieg unvermittelt. Sie vermochte nicht in Worten zu sagen, was an -Erscheinungen ihr Blut durchschattete. Denn jener Mann, den sie so über -sich treten ließ, war wie ein Bruder. Nein, ein Vater? Gebunden in der -Wollust einer Stunde, von der kein menschliches Hirn auch nur ein -Atömchen wußte noch sah. In der Stunde, in der zwei Wesen in eins -versanken, um ein neues in die Dunkelheit zu werfen, aus der es fern in -der Zeit wieder als etwas auftauchte, was ein Leben für sich begann und -nur mit schattenhaften Schnüren an jener Stunde hing. Man konnte die -Schnüre zerschneiden, zertreten, auseinanderzerren. Sie blieben -zusammen. Kein anderes Verlangen trug sie zu ihm zurück, als noch einmal -ihre Sinne jenem Bewußtsein noch ungehemmter anheimzugeben, das wie ein -Traum sie bedeckte und sie zugleich von sich stieß. - -Die beiden Frauen saßen nebeneinander, die Gräfin auf dem Boden, beide -wie von einer unsichtbaren Faust niedergeschlagen in diese Stellungen -der Zerknirschung, Sehnsucht und Auflösung in dem fremden Blut. Ein -Schweigen lag nach den heftigen, ihrem Innern entrissenen Worten über -ihnen, das grauenvoll das Nichts aus dem Schoß der rinnenden stummen -Zeit heraufflattern ließ. »Sagen Sie etwas!« bat die Gräfin mit -schüchternem Flehen. - -»Still, oder ich erwürg' dich ... erwürg' dich!« schrie die Carozza. - -Da wich die Gräfin zurück. Sie fühlte sich, ungemessen und grenzenlos, -wie sie bis dahin ihr inneres Leben nach außen zu wenden getrachtet -hatte, der andern unterlegen wie ein Wiesel in den Krallen eines -Steinadlers. - -Es wurde Essen hereingeschoben. Keine der beiden sah es. Es wurde -finster. Die Carozza legte sich in den Kleidern auf eine der Pritschen. -Die Gräfin ahmte sie nach und streckte sich in das Stroh der zweiten -Liegestatt. Die Nacht ging über sie. Die Vorstellungen versanken in -einer wehen, ermattenden Schlaflosigkeit wie in einer Kloake. - -Einmal mitten in der Finsternis fragte die Carozza streng: »Schläfst -du?« - -»Nein!« - -»Weshalb bist du hier?« - -Da war die Gräfin nicht mehr so kühn, ihre Lüge zu wiederholen. Sie -schwieg kleinmütig. - -Die Carozza blieb eine Weile stumm. Dann sagte sie mit Gleichmut: »Du -solltest mich aushorchen! Hab' ich dir etwas gesagt?« - -»Ja!« - -»Von ihm?« - -»Ja!« - -»Hab' ich dir seinen Namen genannt?« - -»Nein!« - -»Das ist gut. Sonst kämst du nicht lebend hier heraus. Aber selbst wenn -ich ihn genannt hätte und du lügst jetzt, so wisse, daß er keinen Namen -hat. Er ist tausend Männer. Er ist ein ganzes Land! Er ist ein ganzer -Erdteil!« - -»So wie er!« sagte die Gräfin bei sich. Aber einen Augenblick später -wußte sie nicht, ob sie das nicht laut gesprochen hätte. - -»Wann gehst du wieder fort?« - -»Wann du willst!« - -»Dann geh gleich! Geh, sag' alles, was ich gesprochen hab'!« - -»Nein!« antwortete die Gräfin störrisch. - -»Weshalb sagst du es nicht? Wenn du doch deshalb hergekommen bist?« - -»Es ist jetzt anders!« - -»Nichts ist anders,« begehrte die Carozza wieder auf. »Es ist alles, wie -es ist. Wie es war. Wie es sein wird! Er draußen in tausend Freiheiten! -Ich hier ein Aas, das schon halb unter einem Rasenstück liegt. Sag' mir -alles!« - -»Nein, ich sag' nichts!« - -»Weshalb, du ... du Luder?« fuhr sie die Carozza aufschreiend an. - -»Weil Sie ihn so lieben!« - -Da ward die Carozza still. Aber einige Blutschläge später warf sie sich -hin und begann wild zu weinen und zu schluchzen. - -Die Gräfin blieb liegen. Sie spürte, wie eine Seele, entblößt, mit -Tatzen, von denen Haut und Fell abgezogen waren, über ihrem Herzen lag -und es gefangen hielt. Sie spürte ihr eigenes Blut über das Herz unter -der Tatze rieseln und sich mit dem der Tatze vermengen. - -Die Tatze ward ihre Schwester. Nun hatte sie Blutsbrüderschaft mit der -Mörderin drüben an der andern Wand. Aber keine von den beiden wußte, daß -es derselbe Mann war, der in der Gefängnisnacht ihre Pulse vereinigte. - - - - - XI - - -Wenk bekam schlechte Nachrichten über das Befinden Karstens. Er hatte, -da er sich scheinbar sofort energisch zur Wehr gesetzt hatte, wohl von -einer zweiten Person Hiebe mit einem stumpfen Gegenstand auf den Kopf -bekommen, die die Schädeldecke gesprengt hatten. Er gewann das -Bewußtsein immer noch nicht wieder und war seit der Tat in einem -überfeinen Zustand, der sich nicht nach der einen und nicht nach der -andern Seite zu lösen vermochte. - -An eine Aussprache mit ihm, sagten die Ärzte, sei in zwei, drei Wochen -nicht zu denken, selbst wenn er durchkommen sollte. - -Der Carozza gegenüber, über die er, wie sein Ruf, sie zu verhaften -bewies, etwas hätte aussagen können, was ihre Anteilnahme an dem -Verbrechen genauer bestimmt hätte, mußte sich Wenk mit dem Unternehmen -der Gräfin begnügen. Heute war Montag, und um vier Uhr erfuhr er auf -alle Fälle, ob etwas von der Carozza an Klärung zu erwarten war oder -nicht. - -Wenk verließ sein Haus an diesem Tag nicht. Die zwei Pole, zwischen -denen er seine Kräfte sammelte, waren persönlich nicht erreichbar für -ihn: der eine war das Frauengefängnis, der andere, wichtigere wohl war -Konstanz. Von dort wurde er öfter angerufen. Dieser Poldringer durfte -keinen Augenblick aus dem Apparat herausspringen. - -Da er all die Stunden zu Hause verbringen und viel warten mußte, ging er -in einer erregten Ungeduld hin und her und öfter ans Fenster. - -Da fiel ihm schließlich ein Mann auf. Er hatte ihn um acht Uhr in der -Frühe zum erstenmal gesehen. Dann vielleicht eine halbe Stunde später -nochmals. Darauf nicht mehr. Aber auf einmal wieder. Der Mann ging immer -rasch an seinem Hause vorbei, wenn er ihn sah, oder er stand ferner an -einer Ecke. - -Hatte dieser Mann die Aufgabe, ihn zu überwachen? Wenk wollte die Probe -machen. - -Er bat einen Beamten der Geheimpolizei, sich so zu maskieren, daß -jemand, der ihn nur flüchtig sah, ihn für den Staatsanwalt selber halten -konnte. Dann holte der Chauffeur das Auto zu Wenks Wohnung, wo der -Maskierte wartete, und der Verkleidete begab sich hinab in einem -Augenblick, wo der Unbekannte wieder an einer Straßenecke sichtbar -wurde. Der Geheimpolizist stürzte rasch das kurze Stück von der Haustür -auf den Wagen zu, drückte sich in eine Ecke, und das Auto sauste davon. -Diesen einfachen Trick will ich mir merken, dachte sich Wenk. - -Der Fernsprecher rief: Konstanz dringend kommt! - -»Der Beobachtete hat 3 Uhr 16 die Burschen, mit denen er zusammen saß, -zum Bahnhof gebracht. Um 3 Uhr 36 fährt der Schnellzug nach Offenburg. -Es ist ungewiß, wer von der Gesellschaft mit verreist. Die einen haben -Handtaschen, die andern haben keine. Vor allem ist es ungewiß, ob der -Beobachtete selber mitfährt. Ein anderer hat sieben Karten gelöst, nach -Offenburg. Sie sind aber mit dem Beobachteten zu acht. Einer darunter -sieht anders aus und wurde hier noch nicht gesehen. Es ist möglich, daß -er der Führer der Burschen wird und in französischem Dienst steht. Was -sollen wir tun?« - -»Stellen Sie drei Zivilbeamte bereit. Fahren alle acht, reisen auch die -drei Beamten mit. Bleibt einer oder mehrere zurück, bleibt einer der -Beamten ebenfalls zurück, der diesen oder diese nicht außer acht lassen -darf. Es wäre möglich, daß sie getrennte Routen reisen.« - -Der Beamte in Konstanz wiederholte. - -»Gut! Melden Sie schon jetzt das Gespräch an für die Abfahrt des Zuges. -Schluß!« - -Wenk bat um Verbindung mit Offenburg. In fünf Minuten konnte er -sprechen. - -»Mit dem Konstanzer Schnellzug kommen sieben oder acht Leute. -Geheimbeamte fahren im selben Zug. Halten Sie auf alle Fälle sechzehn -Mann bewaffnet am Bahnhof bereit. Es ist wahrscheinlich, daß die -Reisenden Pässe nach dem Elsaß haben. Sie sind gefälscht ... Wenn Sie -verhaften, so vermeiden Sie, bitte, alles Aufsehen. Mitteilung an die -Presse nur, daß es sich um Deutsche handelt, die in die Fremdenlegion -gelockt worden seien, und vor allem: sie seien gleich wieder freigegeben -und nach Hause expediert worden. Über die falschen Pässe zeigen Sie sich -nicht unterrichtet. Falls sich einer namens Poldringer oder Hinrichsen -unter ihnen befindet, so ist er abgesondert zu halten und sehr stark zu -bewachen.« - -Bald danach kam wieder Konstanz: »Sieben sind abgereist. Poldringer -allein zurückgeblieben. Er ging zum >Schwarzen Stier< und wird -beobachtet.« - -»Es ist gut, danke. Bitte, läuten Sie wieder um sieben Uhr an! In der -Zwischenzeit, wenn Wichtiges vorliegt, an die Kriminalpolizei!« - -Dann wollte sich Wenk rüsten, um die Gräfin im Gefängnis abzuholen. Es -war 3 Uhr 30. Er war allein zu Hause. Er telephonierte nach seinem Auto. -Als er es unter den Fenstern rattern hörte, ging er hinaus. Er öffnete -seine Tür. - -Da stand ein älterer Mann draußen. Der Herr war gebeugt, hatte einen -buschigen schneeweißen Schnurrbart, feste rote Backen und lichtblaue -Augen. - -»Herr von Wenk?« fragte er. - -»Bitte!« sagte der Staatsanwalt. »Verübeln Sie mir nicht ... ich habe -einen eiligen amtlichen Ausgang vor.« - -»Einen Augenblick nur,« antwortete der andere. »Mein Name ist Hull. Ich -bin der Vater!« - -Wenk verbeugte sich und ließ den Herrn herein. Er führte ihn in sein -Arbeitszimmer. - -»Herr von Wenk, man hat mir gesagt, Sie führten die Untersuchung. Edgar -war mein einziger Sohn. Ich habe ihn schlecht erzogen. Mein Leben war -meine Arbeit. Meine Fabriken waren groß. Meine Frau starb früh. Es ist -vielen Söhnen unserer Zeit so gegangen.« Er sprach mit einer graden -Stimme, fast rauh. »Das nimmt meine Schuld nicht von mir. Unsere Söhne -waren unser Luxus, unsere Arbeit war unsere Pflicht. Besser, wir hätten -es umgekehrt gehalten. Sein Leben kann ich nicht zurückverlangen. Was -ich von anderer Seite über die näheren Umstände erfahren, genügt mir. -Ich will nicht mehr wissen. Ich habe mir erlaubt, wegen anderm zu -kommen. Mein Sohn bekam zehntausend Mark monatlicher Rente von mir. Ich -habe aus dem ganzen Unglücksfall nur den einzigen Wunsch übrigbehalten, -diese zehntausend Mark monatlich so weiterzugeben, als sei er noch da. -Ich will weitere zehntausend dazu legen. Das Geld soll dienen, etwas zu -schaffen, was die Menschen gut machen hilft. Und was bleibt. Herr von -Wenk, können Sie mir raten?« - -Wenk antwortete zögernd: »Ich muß Ihnen ... gestehen ... zuerst ... Herr -Hull, Sie machen mich betroffen!« - -Wenk war von der Haltung des Vaters tief erregt. Gebändigte -Menschenkraft, erwürgter Vaterschmerz, unbesiegbare Menschlichkeit ... -alles, was da so unvermutet vor ihn hingetreten war, machte ihn im -ersten Augenblick vor Bewegung und Anteilnahme unsicher. »Ja, ich weiß -nicht ... Herr Hull ... weshalb wenden Sie sich gerade an mich?« - -»Das kann ich Ihnen genau sagen, Herr Staatsanwalt. Sie haben die -Pflicht, die Mörder zu vernichten. Ich möchte das, was Sie an Schlechtem -aus unserer Heimat zu entfernen haben, durch etwas Gutes ersetzen. Das -Andenken meines Sohnes soll fruchtbar werden. Von seinem Leben habe ich -nichts gehabt. Sein Tod soll mir nun etwas geben, was ich mit in die -Ewigkeit nehme.« Seine Stimme blieb fest bis zum letzten Wort. - -»Sie haben es eilig. Vielleicht ist es gerade dieser Unglücksfall, der -Sie verhindert, mir mehr Zeit zu widmen?« - -»Allerdings,« sagte Wenk. - -»Kann ich Sie morgen oder an einem andern Tag in Ruhe sprechen? Wenn Sie -frei sind?« - -»Ich bin morgen frei, Herr Hull. Kommen Sie, wann Sie wollen. Am besten -vormittags. Sie brauchen sich auf keine Stunde festzulegen. Ich bin -immer zu Hause. Ich danke Ihnen. Wir können zusammen ein Werk schaffen, -glaube ich!« - -»Nein, ich habe Ihnen zu danken, daß Sie mir helfen wollen, dies -bescheidene Denkmal zu setzen, damit der Name des Unglücklichen nicht -nur im Blut unter den Menschen bleibt.« - -Sie gingen zusammen aus dem Hause. - -Wenk fuhr zum Gefängnis. Er kam eine halbe Stunde später, als verabredet -worden war. »Die Frau ist schon lange vor vier Uhr fortgegangen,« sagte -der Direktor. - -»So!« machte Wenk enttäuscht. »Was hat sie hinterlassen?« - -»Nichts!« - -»Und Sie selber wissen auch nichts? Über das Ergebnis? Hat sie Erfolg -gehabt?« - -»Ich habe nicht gefragt!« - -»Weshalb nicht?« fragte Wenk, durch den Ton gereizt. - -»Es stand nicht in meinen Instruktionen, das zu fragen,« antwortete der -Direktor mißlaunig. - -»Es handelt sich nicht um Ihre Instruktionen, sondern um den Versuch, -eine der gefährlichsten Verbrecherbanden Deutschlands aufzuspüren. Sie -scheinen das mißzuverstehen. Sie und Ihre Instruktionen sind absolut -nichts in dieser Sache.« - -»Um so besser. Wenn ich dann bitten darf, mich nächstens mit solchen -Neuerungen zu verschonen ...« - -»Sie scheinen sich in Ihrem Amt nicht mehr wohlzufühlen, Herr Direktor. -Ich werde ein Wort für Sie beim Minister einlegen. Ich empfehle mich!« - -Was ist geschehen? fragte sich Wenk. Er war enttäuscht und zornig, als -er zu seinem Auto hinauseilte. Was ist los? - - * * * * * - -Die Gräfin fuhr um sieben Uhr dieses Tages zum Geheimrat Wendel. Sie kam -in dieselbe Gesellschaft wie das letztemal. Sie sah so wenig von dieser -Gesellschaft, wie sie das letztemal gesehen hatte. Um sie und ihren -Tischnachbar, den Dr. Mabuse, stiegen die Gespräche wie ein Netz von -Tönen, wie eine Laube von Lauten, abschattend alles von draußen. Ihr -Nachbar war schweigsamer an diesem Abend. Aber was er sprach, sagte er -mit einem eindringlichen Zielen auf einen unerkennbaren Punkt. - -Die Gräfin stritt die ganze Zeit mit sich, ob sie ihm nicht das Erlebnis -im Gefängnis erzählen sollte ... daß sie mit dieser Frauenseele zusammen -gewesen, die so stark war wie die Erlebnisse und Gestalten seiner Worte, -und noch stärker, da sie in der Entsagung und Frau war und alles nur in -der Abwehr erlebte und erkämpfte. Sie spann sich so ein in diese -Vorstellungen, und das Ereignis ihrer Begegnung mit der Verbrecherin -nahm in der Entfernung so plötzliche Verhältnisse an, daß die Kraft des -Mannes daneben zu verblassen begann. Die Erfüllung der zweiten Begegnung -mit ihm gab nichts von dem, was die Sehnsucht leidenschaftlich erwartet -hatte. Der Mann sank hin vor ihr. - -Sie bemerkte, daß, wie er sie am ersten Abend mit den starken Worten -seines Mundes, er sie heute mit dem gewaltsamen und verlangenden, aber -kalten Strahl seiner Augen an sich zog. Diese Augen waren von einem -steinernen Grau. Da bekam sie ein wenig Angst, und aus der Angst heraus -sehnte sie sich nach der Anteilnahme eines Menschen, die sie erwärmen -und ihr Inneres mild beschatten könnte. - -Sie blickte zu ihrem Mann hinüber. Der Graf saß neben der Somnambulen. -Er sprach auf sie ein. Es war, als ob seine Worte nur um die ziervollen -Bewegungen seiner Finger spielten. Der Ring beherrschte die Hände. Da -erhob sich aus dem Herzen der bewegten Frau ein ganz fernes Gefühl, das -wie die Lösung eines Fiebers ihr Herz warm überrieselte ... ein Gefühl -edlen, frauenhaften Mitleids. Er ist ein Kind! sagte sie sich. Wenn er -mich nicht hätte, wäre er schutzlos. Wäre er ein Reifen, der die Straßen -hinabrollt, von den Steinen und Unebenheiten des Weges gestoßen und -geführt. - -In dies Empfinden drang dann wieder die Glut ihres Erlebnisses mit der -Tänzerin Carozza, hob sie vom Alltag, verwühlte sie, machte sie von -einer heißen, sprühenden Inbrunst und dann wieder eiskühl und fern. -Orgiastisch lief sie hinterher. Es schien ihr dann, sie sei auf der Jagd -nach ihrem Mann, und wenn sie zugreifen wollte, patschte sie mit den -dünnen, weißen Fingern in die Teiche der großen wolkengrauen Augen ihres -Nachbarn. - -Mabuse wurde immer schweigsamer. Er aß nichts. Er legte sich auch keinen -Zwang an, seine Schweigsamkeit zu bemänteln. Er gab sich ihr im -Gegenteil mit einer drohenden Eindringlichkeit hin, als habe sich die -ganze Gesellschaft um ihn herumgesetzt, um diese Schweigsamkeit wie die -gottgegebene Tyrannei eines afrikanischen Königs zu erdulden und -anzubeten. Die Menschen aßen nur, um sich zu dieser Anbetung zu stärken. - -Nur der Graf Told tänzelte wie auf Steckelbeinen mit zierlicher Komik an -der Somnambulen herum, die schwarzhaarig, mit dicken, bleichen Backen, -fett und fest neben ihm saß und ihre Blicke um ihn in die Gesellschaft -entließ. Da haßte die Gräfin den Mann, der neben ihr saß und schlecht -gelaunt war, während ihr Gatte so gefährlich auf der Scheide des -Lächerlichen hüpfte. Nein, es war nicht Haß. Es war der innere Grimm -zwischen Abwehr und dem Willen zur Hingabe an ein selbststarkes und -selbstsicheres Hirn und Blut. - -Die Tafel wurde aufgehoben. Eine Weile stand man plaudernd rundum. - -Mabuse hatte sich von seiner Tischnachbarin gelöst und die Gesellschaft -des Grafen Told aufgesucht. Er brachte ihn in ein Gespräch über die -Psychologie des Glücksspiels. - -»Ich bin eine Spielernatur eigentlich,« sagte der Graf, »ich bleibe -eiskühl, wenn ich verliere; ich entflamme und werde in der Phantasie -fruchtbar, wenn ich gewinne.« - -Mabuse sagte: »Das Glücksspiel ist die älteste Form, die stärkste und -allgemeinste Form, in der der Mensch, dem nicht die Gabe einer -Künstlerschaft gegeben ist, sich Künstler zu fühlen vermag.« - -»Interessant,« antwortete der Graf, »führen Sie das, bitte, weiter aus.« - -»Weil im Glücksspiel ein jeder Mensch die Erzwingung einer Annäherung -wenigstens an einen Schöpferakt durchsetzen kann. Die Erschaffung durch -das Prinzip, dem sich alles Leben verdankt, speist ihre Macht aus dem -Kräfteparallelogramm von Willen und Zufall. Unter Zufall ist das -Unerwägbare, Unmeßbare, Fremde und zum Erkennen aus sich selbst heraus -Unmögliche zu verstehen. Dies ist auch die seelische Mechanik der -Geschöpfe, denen die Natur einen Teil der Urkraft verliehen hat: der -Künstler! Zwischen den Polen Willen und Zufall läuft ihre Tätigkeit in -einer Art von Trancezustand. Goethe hat das von sich selber gesagt, wenn -er dichtete. Die Synthese des glückenden Spiels ist dieselbe: der Zufall -gibt dem Spieler das Material; es kann winzig und nichtig und es kann -alles beherrschend sein. Den Willen setzt er dann hinein, aus diesem -Zufall ein Werk eigener Schöpfung zu machen.« - -»Sie sind auch Dichter, Herr Doktor?« - -»Nein, ich bin psychopathologischer Arzt!« - -»Das sind ja gerade unsere modernsten Dichter. Denn sie geben der Kunde -des Unbewußten, oder des Unterbewußten vielmehr, die sichtbare Form. Das -Unterbewußte aber, das steht doch heute fest, trägt unser Seelenleben. -Wir spielen nachher Bakkarat, nicht wahr?« - -»Gut!« - -Die Somnambule sollte ihre Tätigkeit beginnen. Ein Arzt führte sie vor -und setzte sie in den hypnotischen Zustand, in dem sie ihre Wunder der -Erinnerung vollbringen sollte. Sie hatte am ersten Abend, das erzählte -der Graf mit ehrfürchtig flüsternder Stimme Mabuse, Erlebnisse erzählt, -die sich in ihrem Innern während ihrer ersten Gehversuche abgespielt -hatten. - -Der Graf fühlte eine Wärme, die unnatürlich seinen Hinterkopf -bestrahlte, während er das sagte. Er drehte sich um. Aber es war nichts -hinter ihm als die Tapetenwand, an der Gemälde hingen, die älterer -Schule waren und ihn gleichgültig ließen. - -Die Somnambule gehorchte dem Willen des Suggestors nicht. Sie entglitt -wohl dem Wachsein; aber jeder Zuschauer konnte erkennen, wie allmählich -der Ausdruck ihrer Augen wie aus der Ferne wieder hervorkam, bis er ganz -vorn stand und plötzlich wieder wach aufstrahlte, wach und unwillig. -»Einer quält mich,« sagte sie. - -»Niemand quält Sie,« sagte die Stimme des Arztes eintönig und -skandierend. »Man will Sie in die frühen Länder Ihrer Jugend geleiten -... eins ... zwei ... drei ... schlafen Sie ... ein ... eins ... zwei -... Sie schlafen! ...« - -Er rieb langsam, kaum berührend mit der Hand über ihre Stirn, immer -wieder ... zählend ... »Drei ... eins ... zwei ... Wie alt sind Sie -jetzt?« - -»Ich bin jetzt zehn Monate alt und drei Tage.« - -»Was hat morgens die Mutter gemacht, wenn sie Sie aus der Wiege hob?« - -»Hat mich losgewickelt und geschmerzt und ... und ...« - -Sie seufzte, erwachte rasch: »Es ist jemand da, der soll fort. Wer quält -mich?« - -»Es geht heute nicht. Es sind kreuzende Störungen vorhanden, die ich -nicht erkennen und infolgedessen auch nicht abstellen kann,« sagte der -Arzt. - -Der Geheimrat trat auf Mabuse zu. »Herr Doktor, wollen Sie nicht einmal -versuchen? Nach den Proben, die ich damals von Ihnen sah, verspreche ich -mir von Ihrem Eintreten eine Behebung der Störungen.« - -Mabuse wollte wohl versuchen, sagte er. Aber Erfolg vermöge er nicht zu -versprechen. Er sei lahm im Kopf von einer Erkältung. Er trat aber -sofort einen kleinen Schritt auf das Medium zu. Man sah, daß dieses auf -die unscheinbare Bewegung hin wie ein Eisenteilchen vor einem Magneten -sich anders richtete. Mabuse sagte kein Wort zu ihr. Er überstrich einen -Teil ihres Körpers mit den Augen. Das Mädchen wurde wie mit einem Schlag -blasser, als es war. Ohne daß das Medium auch nur eine Bewegung machte, -ward deutlich zu erkennen, daß in ihr ein Kampf gegen fremdes -Unsichtbares aufging ... daß ein Widerstand rasch erlahmte, daß ihre -Augen fielen ... fielen ... - -Dann sagte Mabuse mit hastigen, vergewaltigenden Worten: »Sie liegen in -Tüchern. Sie haben die Arme fest an den Leib gebunden. Sie sind sechs -Monate alt. Es ist Abend. Sie schreien. Weshalb schreien Sie?« - -Und aus dem schweren Körper dieses bei offenen Augen schlafenden -Mädchens drang eine piepsende, winzige Stimme: »Im Bauch drückt es!« - -»Das ist schlechte Luft. Man gab Ihnen zuviel zu trinken. Wer gab Ihnen -das?« - -»Der Leib einer Frau,« sagte das Stimmchen. - -»Lieben Sie den Leib?« - -Da ward das Mädchen aschfahl, und durch die piepsende Stimme drang ein -schriller, qualvoller und böser Ton: »Nein!« - -»Was wollten Sie tun?« - -»Ihn mit dem Gaumen zerbeißen!« - -»Weshalb?« - -Doch ein Zittern brach über die Lippen des Mediums, teilte sich dem -Körper mit, und Mabuse sagte: »Jede Minute länger ist Lebensgefahr. Ich -muß die Sitzung beschließen!« - -Er legte das Mädchen auf ein Sofa. Mit beruhigenden Bewegungen erlöste -er es, wusch ihm das Gesicht mit Wein, und als es zu sich gekommen war, -wurde es zu Bett geführt. - -Die Unterhaltung stürzte nun über Mabuse. Man fragte, riet, was es sagen -gewollt hatte. - -»Das ist ein Märchen gewesen,« sagte Told, »ein Märchen vor dem Tor des -Lebens! Sie sind ein Genie, Herr Doktor. Was wollte es aber sagen, das -es so zittern gemacht hat?« - -Eine Dame schob sich heran und fragte. Aber Mabuses Augen suchten die -Gräfin. Sie trat heran. Auch sie fragte. - -Da sagte Mabuse: »Sie wollte sagen: Weil ich ihr Blut so gehaßt habe!« - -Die Gräfin erschrak. Die andern schwiegen, peinlich betroffen. Die -Gräfin lehnte sich auf und sagte hart: »Ein Kind kann nicht hassen!« - -»Woher wissen Sie das?« fragte Mabuse brutal. - -»Das weiß ich ... von mir selber!« antwortete sie. - -»So freuen Sie sich über sich. Denn dann sind Sie nicht nur ein Genie an -Erinnerungskraft, sondern auch ein Engel an Gemüt!« entgegnete Mabuse -höhnisch. - -Gespräche lösten die Gesellschaft auseinander. Nur der Graf Told war -schweigsam geworden. Immer dieser unnatürliche Hitzstrahl gegen seinen -Hinterkopf! Er schaute hinter sich. Er faßte mit der Hand den Schädel -ab. Nichts! Er ging zu einem Spiegel! Nichts! Er setzte sich hin, und -ihm war, als solle er einschlafen. Aber er sah alle Menschen und hörte -alles. Er wollte etwas sagen, doch fühlte er, wie die Worte von seinem -Mund weggepflückt wurden gleich fallreifen Früchten. - -Als eine Weile so vergangen war, erhob er sich, trat auf den Kreis zu, -in dem Dr. Mabuse stand, und sagte: »Wir wollten Bakkarat spielen!« - -»Wie Sie wollen! Wenn wir noch Spielliebhaber finden!« antwortete -Mabuse. - -Da wurde Told lebhaft. »Großartig, mit Ihnen Bakkarat spielen! -Geheimrat, was? Machen Sie auch mit?« - -»Ich habe gesellschaftliche Pflichten gegen die Damen. Aber Sie werden -Partner genug finden,« antwortete der Geheimrat. - -Bald saßen sechs Herren um den Spieltisch. Er stand in einem Raum, der -an den Wintergarten stieß. Die Lampe mit einem tiefen Schirm neigte sich -über den Tisch und ließ das Zimmer in einer schummerigen Dunkelheit. Im -Wintergarten, in den man durch ein Fenster sah, leuchteten dunkel die -gespenstischen Arme der fremden Palmen gegen das von Sternenschein -angegeisterte Glas der Wände. Sie sahen aus wie Leitern, die, aus ihren -starren, hölzernen Formen erlöst, dunkel und wie ekstatische Schatten -sich gegen Himmel erstreckten. - -Man schlug die Karten, wer zuerst die Bank halten sollte. Gäste -umlagerten den Spieltisch. Die Gräfin Told stand im Dunkeln abseits und -schaute herüber. Mabuse sah ihr Fleisch leuchten auf dem dunkelroten, -weit ausgeschnittenen Kleid, das sie trug. Er war finster und kalt. Kaum -sprach er ein Wort. Alles, was in ihm aufsteigen wollte, unterdrückte -er, und nur um den Grafen Told häuften sich seine Gedanken und türmte -sich sein Willen hoch. Wenn jemand ihn anredete, antwortete er kurz und -abweisend. Er spielte scheinbar mit großer Aufmerksamkeit. Aber er -spielte in Sprüngen. - -Bald begann es, daß die Herren, die mit geringen Sätzen angefangen -hatten, ihm dies Beispiel nachmachten. Dadurch ging die Werteinschätzung -des Einsatzes verloren. Neben drei Mark standen fünfzig Mark, standen -zweihundert Mark. Die drei Mark schämten sich, wurden rasch zwanzig und -rascher hundert und zweihundert ... Es ging nicht lang und niemand -wagte, weniger als hundert Mark zu setzen. - -Als man begann, fand man Zeit, die Zwischenräume zwischen dem -Kartenablegen und dem Aufheben der neuen Karten mit Gesprächen zu -füllen. Diese Unterhaltung versickerte, verschwand. Die Zuschauer wurden -stumm. Unter den Spielern entbrannte der Kampf, kreiste das Fieber. Es -ging auf die Zuschauer über. - -Die Gräfin sah, welche Summen ihr Mann setzte. - -Er hat nie gespielt! Was ist los mit ihm? fragte sie sich. - -Der Graf gewann. Er ließ Einsatz und Gewinn stehen. Es war ihm, als sei -er ein Pferd, über dessen Flanken der Reiter bedrohend und anfeuernd -hing und hetzte. Er warf Geld hin. - -Der Graf sollte als Letzter in der Runde die Bank bekommen. Es war ihm, -als stände der Augenblick, in dem er selber die Karten verteilen und das -vierfache Risiko an Gewinn oder Verlust haben sollte, wie eine Empore -vor ihm, deren reiche Geheimnisse zu erklettern ein wunderbares Glück -sei. - -Es wurde heiß. Aus den Phantasien zuckte die Hitze durch den Raum. - -Die Gräfin beugte sich in dem halben Licht vor, gebannt von dem -unbegreiflichen Tun ihres Mannes. Auf einmal berührte der volle -Lichtschein den Ansatz ihrer Brust, der sich klar und schön aus dem -Kleidrand hob. »Norden und Süden!« sagte Mabuse, der diesen -Zwillingspfirsich sah; bös und voll dunkler Wut sagte er es. »Norden und -Süden, warte! ...« - -Dann wich sein Blick zurück und legte sich dem Grafen Told auf die -Hände. - -Der übernahm in diesem Augenblick die Bank. - -Er teilte die Karten aus. Er war auf einmal verwirrt, als sei etwas -geschehen. Er war froh, wie er das Paket verteilt hatte. Er gewann -sämtliche Einsätze. Es war sonderbar, daß sich auch das zweitemal -dasselbe Gefühl der Unsicherheit wiederholte. Er gewann wieder. - -Das geschah nun öfter hintereinander. Die Spieler wie die Zuschauer -erregten sich an der Glücksserie des Grafen. - -»Ihr Gatte!« wandte sich jemand an die Gräfin, »schauen Sie, er gewinnt -jedesmal.« - -Alle warfen einen Blick, den die Karten rasch wieder zurücknahmen, auf -die Gräfin. - -Der Graf teilte die Karten wieder aus. Er deckte sein Blatt auf; er -hatte zwei Figuren und schickte sich eben an, eine Karte zu kaufen. - -»Halt!« rief plötzlich eine Stimme, wie von einem Unteroffizier. Eine -Hand fuhr rot und roh auf den Tisch, auf die schöne, schmale weiße Hand -des Grafen, an der der farbige Stein funkelte, riß sie empor, und alle -sahen, daß der Graf im Begriff gewesen, die Karte, die unten lag, statt -der obersten zu seinen Karten zu nehmen. - -Es war eine Neun. - -»Aha, eine Neun! Jetzt verstehe ich Ihr Glück, Sie Kujon!« schrie die -schnarrende Stimme. »Sie sind ein Falschspieler!« - -Alles sprang auf. Man rief durcheinander. Der Graf Told saß klein und -zusammengebrochen an seinem Platz. Er saß da wie ein eingeschlagener Hut -und schaute hilflos auf. - -Der mit der schnarrenden Stimme drang auf den Grafen ein. »Das Geld her! -Sie!« rief er drohend. »Alles Geld!« - -Zuschauer und Spieler waren durcheinander gemengt. Ein Schrei fiel im -Dunkeln. Durch die gewaltsamen Bewegungen des starken Mannes, der den -Grafen entlarvt hatte, war ein Herr hingefallen, hatte einen andern -mitgerissen. Der wollte sich am Tischtuch anhalten. Das Tuch wurde von -der Platte gezogen. Geld und Karten streuten sich auf dem Boden unter -den Füßen der Menschen durcheinander. Die Menschen drüber her! Da -erlosch die elektrische Birne. - -Aber der Dr. Mabuse, der auf den Schrei aus dem Dunkeln gewartet hatte, -war auf die hinfallende Gräfin gestürzt, hatte sie hoch in seine Arme -gerissen, und einen Sprung später war er zwischen den Palmen und trug -die Ohnmächtige hinaus in den Park unter die Sterne und die Bäume und -weit nach hinten durch Gebüsch zu der kleinen Mauer, an der eine Straße -vorbeiführte. Er hob sie über die Mauer hinüber. Jemand half von drüben. -Und einen Augenblick später toste das Automobil wie ein Räuber davon. - -»Nord- und Südkugel!« sagte Mabuse ingrimmig und laut in die Fahrt -hinein. »Jetzt seid ihr mein!« - -Die Xenienstraße war leer. Mit einem Ruck schlug sich vor Mabuses Haus -das Auto fest in die Bremsen. Er trug die Frau, die immer noch -ohnmächtig war, in seine Wohnung hinein. - - - - - XII - - -Aus dem schimpfenden Durcheinander, aus dem Chaos von verächtlichen -Blicken und Selbstunsicherheit löste sich Graf Told wie von einem Traum -und schlich ins Vestibül. Er dachte an seine Frau. Aber er hatte nicht -den Mut, sich nach ihr umzuschauen, noch nach ihr zu fragen. Vor dem -Haustor stand sein Auto. Der Chauffeur fuhr mit der Hand an den Schlag. -Aber Told winkte ab: »Warten Sie auf die Frau Gräfin!« - -Er ging in die Stadt und mietete das erste Auto, das kam, um nach Hause -zu fahren. Weiß ich denn, was geschah? fragte er sich ununterbrochen. Es -ist über mich hergefallen ... Es hat meine Hand auf den Tisch geschlagen -... Weiß ich denn, was geschah? ... Wenn es nur ein schlimmer Traum -wäre! - -Aber es war kein Traum. Er kam vor seiner Villa an. Er mußte aussteigen. -Er ging den Garten entlang und hinein. Der Diener nahm seinen Mantel. -Der Graf begab sich in das Zimmer, in dem er mit seiner Frau, wenn sie -zusammen irgendwo gewesen waren, noch etwas vor dem Zubettgehen zu -verweilen pflegte und aus den Erlebnissen des Abends einer dem andern -das nachmalte, was ihm etwas gegeben hatte. Er hing mit einer verliebten -Pedanterie stark an diesem Zusammensein. - -Heute war er allein da. Wo ist meine Frau? fragte er sich, unbewußt und -erstaunt. So stark floß um ihn die Stimmung der vielen zarten -Erinnerungen des Raumes. Er fühlte sich enttäuscht, daß sie ihm in -dieser grausamen Stunde nicht an der Seite war. Es war das erste schwere -Erlebnis seines Daseins. - -Aber zugleich dünkte es ihn selbstverständlich, daß sie sich von ihm -getrennt hatte. Er kam sich vor, als habe das unnennbare Ereignis am -Spieltisch in der Wendelschen Villa ihn in Schmutz gewalkt. Es roch -schlecht aus ihm. Nein, Dusy _soll_ fort von ihm sein! Es kam eine -Prüfungszeit. Sie soll fort sein, bis er sich gereinigt habe. - -Aber wovon sollte er sich reinigen? - -Und auf einmal überfiel ihn, lastend und kalt, was er getan hatte, wie -eine einbrechende Eisdecke. Er hatte es getan! Ja, er hatte es getan! Er -hatte Karten unten hingemischt und hatte Karten unten herausgezogen. Er -hatte damit Geld gewonnen. Aber er hatte ja kein Geld gewinnen wollen! -Was war geschehen? Kann keiner mir helfen? Ich habe etwas getan, was ich -nicht tun wollte. Ich habe mich aus der Gesellschaft ausgestoßen! Ich -werde bis ans Ende meines Lebens ein Falschspieler sein. Kann niemand -mir helfen? - -Ich weiß, daß ich es getan habe. Aber ich weiß nicht, wie ich es getan -habe! Und nicht weshalb und nicht wozu. Ich werde verrückt. Ich verliere -mein Vertrauen in mich. Ich kann keinen Augenblick in meinem Leben für -das, was ich tue, sicher sein. Entsetzlich! Grauenhaft! Es graust mir -vor mir selber. Wie kam ich dahin? Das da ist ein Bild von Kokoschka! -Das ist eine Plastik von Archipenko! Das werde ich immer wissen. Aber -was da allein aus diesem Kopf, aus diesem meinem Kopf herausschleicht, -das kann ich nun nie mehr in meinem Leben sicher wissen. Ich behalte -meine Augen, mein Gehör, mein Gefühl ... Aber mein Hirn verfault. -Irrenanstalt! Mein Körper geht im Licht des Tages. Und mein Gehirn ist -in Zwischendunkelheit eingehüllt. Kann denn keiner mir helfen? - -Er kämpfte mit den Tränen. Aber er wagte nicht einmal, zu weinen. Er -wußte nicht: Täuscht mich nicht vielleicht mein Bewußtsein über das, was -ich tue? Und wenn ich weine, geschieht es dann vielleicht nicht in -Wirklichkeit, daß ich ein Bild zerschneide, das ich bisher geliebt und -angebetet habe, oder meinen Diener einen Mörder nenne oder der -Kammerzofe Dusys Unzüchtigkeiten sage? ... - -Und dann war es ihm, als bräche er zusammen über den einen Namen: Dusy! -Kannst du mir nicht helfen, Dusy, du? Wirst du nicht kommen? Glaubst du -mir nicht? Hilfst du mir nicht! - -Er klingelte und lief dem Diener entgegen. »Die Frau Gräfin?« rief er. - -»Die Frau Gräfin ist noch nicht zurück!« - -»Nicht telephoniert? Hat sie nicht ...« - -»Nein, Herr Graf. Aber Herr Doktor von Wenk hat vor einer Stunde -angerufen. Die Frau Gräfin läßt er um die Ehre bitten, ihn morgen -vormittag zu empfangen. Seine Rufnummer ist am Fernsprecher -aufgeschrieben.« - -»Gehen Sie!« sagte der Graf. - -Ich gehe zu Dr. Wenk ... ja, ich gehe zu Dr. Wenk ... Und dann rief er -laut ins Zimmer hinein, gepeitscht von tausend Unsichtbarkeiten, -gestäupt von zehntausend Ängsten: - -»Sonst muß ich mich aufhängen! Ich muß es einem Menschen sagen, einem -Menschen! ...« - -Er stürzte zum Fernsprecher. Er rief die aufgeschriebene Nummer an. -»Hier Staatsanwalt Wenk!« rief eine fremde, ferne Stimme, so daß Told zu -erzittern begann. - -Aber er raffte alle Energie und Selbstverleugnung zusammen und -antwortete: »Kann ich jetzt gleich mit Ihnen sprechen?« - -Ihm war in furchtbarer Not, als schmölzen vor dem Fieber seines -Verlangens die übermittelnden Drähte und es könne keine Antwort durch -sie kommen. Er atmete auf, als er dann hörte: »Mit Vergnügen! Ich -erwarte Sie!« - -»Fritz!« schrie er hinaus. »Richten Sie mir das kleine Auto!« - -Und er fuhr zurück nach München. - -Wenk glaubte, er käme im Namen der Gräfin und es sei im Gefängnis etwas -geschehen, was seine Beziehungen zu ihr durchschnitte. - -»Herr Graf ... ich vermute, es war ein gefährliches Experiment! Die Frau -Gräfin ...« - -»Nein, nein,« rief Told dagegen, »ich, ich ... Meinetwegen komme ich. -Mir ist etwas geschehen!« - -Er erzählte. Er erzählte auch, wie er den Abend über diese unnatürliche -Bestrahlung seines Hinterkopfes empfunden hätte. Das sei wohl ein -Vorbote des kommenden Unglücks gewesen. - -»Seien Sie mir nicht böse, Herr Doktor Wenk. Ich bin ein Fremder. Ich -überfalle Sie. Aber ich hätte mich aufhängen müssen, wenn ich es nicht -gleich in der Nacht einem Menschen gesagt hätte. Darf ich fortfahren? -Und diese starren Strahlen, wie eine glühende Eisenstange am Hinterkopf, -flossen dann so weich und so wohlig lau in meinem Innern aus. Es war, -als sei es auf einmal ein warmes Bad. Ich hatte die Empfindung, ich sei -vor irgend etwas, was vor mir gelegen, gerettet, und in diesem -Augenblick, der mir so wohl tat -- da geschah es! In der ersten halben -Stunde habe ich es geleugnet vor mir selber. Als ich nach Hause ging. -Aber es ist geschehen. Es ist wahr! Es ist nicht rückgängig zu machen, -nicht vor Menschen, nicht vor mir selber.« - -Wenk war sofort sein Erlebnis mit dem alten Professor gegenwärtig. Um -Gottes willen, schrak er auf, sollte der auch hier ...? Die Gräfin und -die Carozza! Er fragte Told: - -»Haben Sie einen Verdacht?« - -Der Graf verstand die Frage nicht. »Einen Verdacht? Wie meinen ... daß -ich früher schon so gewesen bin? Krank? Nein, niemals!« - -»Nein, einen Verdacht gegen eine bestimmte Person, die zugegen war?« - -»Der Gedanke ist mir nicht gekommen. Ich verstehe nicht, wie ein anderer -... Nein ... Gegen niemanden!« - -»Ist niemand in der Gesellschaft gewesen, der nicht hinzupassen schien -... der Ihnen verdächtig vorkam? Der sich anders benahm als die andern -Geladenen?« - -»Es war ein kleiner Kreis persönlicher Bekannter des Geheimrats. Nein, -niemand!« - -Wenk ließ den Verdacht fallen. Wie hätte er auch selbst die Anwesenheit -des gesuchten Verbrechers mit dem Falschspiel des Grafen zusammenbringen -können! Es lag so scheinbar ein seelisches Entgleiten der Macht über den -Willen vor. Ein Vorgang, der sich im Unterbewußtsein einer ans -Krankhafte streifenden, subtilen Persönlichkeit abspielte, den das Hirn -nur über seine Wirkung auf die Mitspielenden registriert hatte. Der Graf -mußte zu einem Psychiater gehen. Es war auffallend, daß er zu ihm, dem -Kriminalisten, kam. Aber er wollte nicht fragen. - -Told versank in Schweigen. Der Staatsanwalt überließ ihn sich selber. -Dann erhob sich der Graf unvermittelt und sagte: »Es kommt mir zum -Bewußtsein, daß ich, ohne jedes Recht an Sie zu haben, Ihre Nachtruhe -gestört habe. Ich bitte Sie aufs herzlichste, mir das nicht -übelzunehmen. Im Unglück ist es, als fiele die Seele in eine Schlucht. -Und da greift das Bewußtsein nach dem ersten Halt. Sie hatten -angeläutet. Es war eine Verbindung zwischen Ihnen und ... meinem Haus. -Und da ...« - -Er schlug um: »Aber sagen Sie, spreche ich jetzt wirklich aus, was ich -sagen will, oder verrichte ich irgend etwas Unsinniges? Sehen Sie, das -ist das Furchtbare des Erlebnisses. Mir steht nun als Lebensbegleiter -der Psychiater bevor.« - -»Nein, Herr Graf, Sie sprechen durchaus klar und sagen gewiß, was Sie -sagen wollen. Ich bitte Sie, über mich zu verfügen. Irgendwo rührt mein -Beruf an die Sphäre des Psychiaters; er ist vielleicht tiefer noch und -jedenfalls an das Unheimlichere und Geisterhaftere des Menschen -gebunden. Ich bedaure, daß der Anlaß Ihres Besuchs ein so unglücklicher -ist, sonst hätte ich mich freuen können.« - -Indem Wenk das sagte und damit ausdrücken wollte, daß das Abseitige, -geistig oder seelisch Ungewöhnliche, Verfeinerte ihm nahe ging, bekam er -den Einfall, den Grafen in den Kreis seiner Absichten einzuweihen. Told -war ein Mann von Welt. Er gehörte der Sphäre an, von der aus Wenk wieder -das Leben des Volkes mit edleren Eigenschaften durchsetzen zu können -glaubte. Er hatte in den praktischen Erfordernissen der letzten Monate -sich um diese ideelle Seite seiner Aufgabe wenig kümmern können. Die -Nacht war angebrochen, hatte in einer unerwarteten Wendung einen -Menschen zu ihm gestellt. Diesem Menschen war damit gedient, nicht -allein gelassen zu werden. Das alles sagte Wenk dem Grafen. - -»Man spricht von unserer Klasse als von einem >besseren< Stand. Diese -Bezeichnung, jedenfalls aus einer Wahrheit entstanden, müßte wieder -lebendig gemacht werden. Unsere Klasse, frei von dem Kampf um die Sorgen -sozialer Verbesserungen, ist mehr als vorher auf die Pflege geistiger -Entwickelung und geistigen Besitzes angewiesen. Sie sollte die edeln -Eigenschaften in sich wieder pflegen und sie nach außen wenden. -Geistespolitik sollen wir treiben. Seelenpolitik!« - -Der Graf Told hatte sein Leben vornehm geführt, vornehm in den Formen -und vornehm in der Gesinnung. Aber er hatte sich Liebhabereien -hingegeben aus Mangel an ernsthaften, seine Persönlichkeit bindenden -Verpflichtungen. Er hatte sogenannte expressionistische Kunstwerke -gesammelt; das waren Kunstwerke, deren Wert noch kein Maßstab gegeben -war. Er hatte die jungen Dichter gepflegt, die anders waren, weil sie -aus sich heraus nichts waren als Durchschnitt. Sie wurden von Leuten ins -Licht gesetzt, die Geschäfte auf Entdeckungen machten. Der Kampf um das -Wachsen, um das Neuwerden in der Kunst war nicht weniger zu einer -Schieber-Angelegenheit gemacht worden als irgendwelche Waren ... Nicht -die schlechtesten reichen Leute wurden hineingelegt, sondern die, die -für ihren Reichtum einen Kanal suchten, der das Geld zu Schönem und -Geistigem umgemünzt ihnen zurückbrachte. Aber sie wurden ein Opfer der -Zeit. Die ganze Zeit löste hysterisch wie eine schreiende Frau ihr -ganzes Bewußtsein in der einen Vorstellung auf. Das Geld verkam; um so -unbegrenzter wurde seine Macht über die Menschen. Wie kranke Frauengier -den Schoß verkommen ließ und ihn immer unstillbarer machte. Alles war -krank. - -Da lag die Berührung der Liebhabereien des Grafen und seinesgleichen mit -der Zeit. Die Zeit benützte, was edel an ihnen war. Die Propagierer der -neuen Bilder waren Börsenjobber. Sie warfen die Spekulation um Geld -zusammen mit geistigen Bestrebungen. Die »Blauen Pferde« hat man einmal -für zweihundert Mark haben können. X. kaufte sie für achthundert. Heute -sind sie für zweihunderttausend nicht mehr käuflich. Das waren die -Anekdoten, die sie vermünzten. - -Wenk und der Graf sprachen stundenlang so. Der Graf widerstand. Er hatte -etwas von der Dialektik der Künstler gelernt, deren Bilder er kaufte. - -»Man wird das Wort prägen,« sagte ihm einmal Wenk, »er spricht so gut -wie ein Expressionist! Und übrigens beginnt diese Kunstgattung sich mit -einer andern geistigen Gesellschaft unserer Zeit zu verschwägern, die -auf ähnlichen Voraussetzungen steht: mit den sogenannten Theosophen. Sie -werden es erleben, daß der Expressionist ^eo ipso^ auch Theosoph sein -wird oder Anthroposoph. Nicht weil sich diese Gebilde innerlich -nahestünden, sondern man wirft die Geschäfte zusammen. Sie werden heute -stets finden, daß diejenigen, die am meisten über den Materialismus -unserer Zeit wehjammern, ihm in ihrem Privatleben durchaus ergeben sind. -Im übrigen braucht es bei den einen wie bei den andern ja durchaus nicht -immer um Geld zu gehen. Herrschsucht über Geist und Seele ist auch ein -Element dieser Zeit, die die Herrschsucht der einen gegen die der andern -tauschte. Man fischt halt jetzt überall im Trüben der Verhältnisse ... -Und uns Menschlichen bleibt immer nur der Krieg. Gegen die neben uns, -gegen die mit uns und gegen uns selber. Unserer Klasse gehört jetzt der -Krieg gegen uns selber!« - -Einmal sagte Wenk dann dem Grafen, er möge doch bei ihm übernachten, da -es so spät geworden sei. - -Told antwortete unwillkürlich: »Ja, aber meine Frau ...« - -Aber dann schaute er Wenk an. Er schwieg. Sein Gesicht war durchzuckt -vom Widerschein der Qual. Erst nach einer Weile vermochte er zu -sprechen: »Sie hatten es mich vergessen machen, Herr Doktor Wenk! Ich -werde für diese Nacht, die ich Ihnen raubte und die Sie mir so -menschenvoll schenkten, so lang ich lebe, in Ihrer Schuld sein. Ich weiß -nicht, wie ich sie überdauert hätte -- allein! Jetzt ist sie hinter mir -wie ein Geschenk. Ich nehme Ihr Gastbett an.« - -»Wäre es Ihnen,« fragte am nächsten Morgen Wenk den Grafen, »unangenehm, -wenn ich mit dem Geheimrat Wendel Ihr Erlebnis bespreche?« - -»Nein,« antwortete Told. »Ich bitte Sie, es zu tun!« - -Der Graf zögerte, weiterzusprechen. Wenk sah es und wartete. Er sagte -dann, den andern erratend: »Ich stehe Ihnen ganz zur Verfügung. Wenn Sie -noch einen Wunsch hätten ...« - -Da antwortete Told rasch und errötend: »Ja ... auch mit meiner Frau zu -sprechen, vor der ich mich so ... schäme!« - -»Sie brauchen sich nicht zu schämen!« - -»Meine Frau hat einen so starken Lebenswillen. Unser Leben war ihr, -glaube ich, immer ein wenig zu schwach, zu blaß ... Es fragt sich, ob -ihr zugemutet werden kann, es weiter mit einem Mann zu führen, der nun -doch nur ein Kranker ist!« - -»Ich werde mit ihr sprechen!« - - * * * * * - -Der Geheimrat empfing Wenk sofort. So liebenswürdig er konnte und mit -der gütigen Ironie, mit der er alle Erscheinungen des Lebens abkantete, -erklärte er Wenk, seine Auffassung sei, der Graf habe spielen wollen, -abenteuern wollen. Er habe das wohl seiner Gattin abgeschaut. Die Kraft -der Persönlichkeit seiner Frau habe er erreichen wollen, indem er von -dem Weg des Anstands ab auf diesen abenteuerlichen Einfall fiel, falsch -zu mischen und Geld zu gewinnen. Es sei nicht wegen des Geldes gewesen, -gewiß nicht! Er habe eben nur ein Abenteuer der Phantasie erleben -wollen, so wie er es an seiner Frau sah. Diese aber vermochte durch ihre -persönlichen Kräfte sich stets aus der Schlinge zu ziehen. Dem schwachen -Grafen aber sei schon der erste Versuch ins Unglück ausgeschlagen. Seine -Phantasie sei wohl erfüllt gewesen mit den Räubergeschichten von -Falschspielern, die jetzt in Kurs sind. Die ganze Sache falle -schließlich auf seinen Spielnachbar, den seine Geldgier trieb, aus dem -Erlebnis der Phantasie eines schwächlichen Mannes einen -gesellschaftlichen Skandal zu machen. - -»Darf ich erfahren, wer dieser Nachbar war, Herr Geheimrat?« - -»Ja, jetzt,« lachte Wendel, »wo ich so unfreundlich über ihn sprach, -kann ich ihn nicht verraten. Er ist übrigens ein harmloser -Familienvater, ein Professor an der Anatomie.« - -»Es ist nämlich alles viel ernster, als Herr Geheimrat wissen können. -Der Graf hat die Nacht bei mir zugebracht, wohin er vor sich selber -geflohen war. Er hat mir den Fall bis in die geringsten Einzelheiten -erzählt, und ich habe gar keinen Grund, an die geringsten entstellenden -Tendenzen bei ihm zu glauben. Er war durch und durch zermürbt und -zerstört von dem Ereignis. Es scheint sich um ein geistiges Versagen zu -handeln, um ein plötzliches Ausschalten der Gehirnkontrolle. Könnte -nicht unter Ihren Gästen ein Mensch gewesen sein, der vielleicht einen -besonderen Eindruck auf den Grafen machte?« - -»Nein, es war weder ein expressionistischer Dichter, noch ein solcher -Maler bei mir,« lächelte der Rat. - -»Bitte, verübeln Sie mir meine Fragen nicht als zudringlich, Herr -Geheimrat. Sie glauben nicht, daß ein solcher Mensch anwesend war?« - -»Nein, das glaube ich nicht. Alle Gäste sind mir seit langem persönlich -bekannt. Sie wissen ja, um welchen Anlaß es sich handelte. Diese -Somnambule, nicht wahr! Es waren Fachleute, Professoren, einige Künstler -von Namen und persönliche Freunde. Dann ein Doktor Mabuse, den ich noch -nicht sehr lange kenne, dessen außergewöhnliche praktische Fähigkeiten -ich aber sehr schätze. Er ist psychopathologischer Arzt. Was mich drauf -bringt, daß man den Grafen Told vielleicht ihm zuschicken soll, wenn die -Sache so liegt, wie Sie eben erzählten. Der Graf ist der Sohn meines -Jugendfreundes. Ich nehme sehr Anteil an ihm. Raten Sie ihm in meinem -Namen, er solle zu Doktor Mabuse gehen. Ich gebe ihm einen Brief an ihn. -Allerdings kenne ich nur seine Fernsprechnummer.« - -Wenk ging. - -Vom Geheimrat fuhr er nach Tutzing in die Toldsche Villa. Er hoffte dort -die Gräfin zu treffen. Aber der Diener sagte ihm, weder die Gräfin noch -der Herr hätten die Nacht in der Villa zugebracht. - -Darauf begab sich Wenk in seine eigene Wohnung zurück, in der Told blaß, -verhärmt und mit zerrissenen Gesichtszügen auf ihn wartete. »Ich habe es -gewußt,« sagte er, als Wenk ihm mitteilte, die Gräfin sei nicht nach -Hause gekommen. »Aber man hofft immer auf das Unwahrscheinliche. Und der -Geheimrat?« - -»Ich habe ihm wiederholt, was Sie mir erzählt haben. Er hatte das -Erlebnis anders, aber als nicht sehr böse eingeschätzt. Er rät Ihnen, -sich von einem Psychopathologen behandeln zu lassen, den er kennt. Er -gab mir einen Brief mit an ihn, sehen Sie!« - -»Doktor Mabuse ... der war gestern ja auch in der Gesellschaft!« sagte -der Graf, als er die Aufschrift las. - -»Soll ich zu ihm gehen?« bot Wenk an. - -»Nein, Herr Doktor, einmal muß Ihre Liebenswürdigkeit aufhören. Ich muß -mich ja auch entschließen, meinen Fall als etwas nun wirklich in meinem -Leben Vorhandenes in meine täglichen Verrichtungen aufzunehmen. Ich -werde, da seine Fernsprechnummer gerade dasteht, den Doktor Mabuse -anrufen. Wenn Sie erlauben, gleich von hier aus.« - -»Herr Doktor Mabuse,« sagte ihm Told im Fernsprecher, »Sie waren gestern -zugegen, wie mir der Unfall beim Geheimrat Wendel zustieß ...« - -»Ja!« - -»Ich bedarf Ihrer ärztlichen Hilfe. Geheimrat Wendel gab mir einen Brief -an Sie. Darf ich ihn Ihnen bringen!« - -Die andere Stimme antwortete schroff: »Nein. Ich behandle nur im Haus -des Patienten selber. Wie ist Ihre Adresse? Erwarten Sie mich morgen -vormittag elf Uhr. Wiederholen Sie: um wieviel Uhr?« - -»Um elf Uhr!« wiederholte Told erschrocken bis ins Herz hinein. - -Dann verließ er den Staatsanwalt. - - - - - XIII - - -An etwas Schwarzem, von roten Ringen und Blitzen Durchfurchtem erwachte -die Gräfin Told. Es war dunkel und fremd um sie. Ein ganz zartes Licht -leuchtete abgedämpft irgendwo hoch, wie auf einem Berg, in das Zimmer, -in dem sie lag. Sie lag auf einem Ruhebett, angekleidet. Sie hatte das -Zimmer nie gesehen. Auch erkannte sie kaum etwas in dem Raum. Sie lag da -und versuchte, das, was sie erlebt hatte, in sich wieder hervorzurufen. -Es widerstand. Nur hart, wie mit einem Schlag, stand ein Augenblick da, -in dem die grauen Augen jenes Dr. Mabuse, der ihr von Tigern erzählt -hatte, sich über sie senkten, grauenerregender als Krallen einer Bestie, -die Blut roch ... geisterhaft ... ein Griff aus Luft, aber der Atem -gerann ihr. Ihr ward, als ob ihr das Herz zurückfloh und wie ein Pferd, -dem die Hufe nicht mehr am Stein hielten, hinterrücks verloren in eine -Schlucht stürzte. - -Eine Tür öffnete sich. Sie wußte nicht genau, wo. Sie fühlte es mehr, -als daß sie es genau gehört hätte. Sie wartete auf etwas. Auch ihre -Vorstellungen stauten sich zurück und warteten. - -Nach einer Weile sprach aus der zarten Düsternis heraus eine Stimme: -»Sie sind wach. Wünschen Sie, daß ich Licht mache?« - -Es war eine Stimme, von der im ersten Klang der Gräfin dünkte, sie sei -eine Glocke, das Fest der Seele einzuläuten. Aber im Nu zerging diese -Empfindung. Ein Gefühl des Nichtglaubens durchzog sie. Wie kam diese -Stimme in die Dunkelheit? Diese einzige von allen Stimmen, die sie nicht -erwartet hatte. Sie erschrak so ins Unerkennbare der Seele tief hinein, -daß ihr war, als fröre ihre Haut über den ganzen Körper zu Eisblumen -zusammen. - -Ein Laut knirschte aus ihrer Kehle. Sie hörte ihn nicht. Sie streckte -nur abwehrend die Hände aus. Da wurde es hell im Zimmer. - -Dr. Mabuse schloß die Tür und kam an das Lager heran. Er sagte: »Die -Lage ist so: ich habe Sie gewünscht! Ich habe Sie mir genommen!« - -Die Gräfin gewann an den menschlichen Lauten die Beherrschung wieder. -Sie erhob sich vom Ruhebett, aber sie fühlte sich von der Ohnmacht wie -ausgesogen. Was wollte dieser Mann? Ja, sie wußte doch genau, was er -wollte. Er war ein Tiger. - -Trotzdem fragte sie: »Was wollen Sie?« - -»Ich sagte es Ihnen eben!« antwortete die große Stimme kurz. - -»Und nun?« - -»Bleiben Sie bei mir!« - -»Ich will nicht!« schrie die Gräfin. »Ich will meinem Mann helfen. Ich -will nicht!« - -Da erst ward ihr wieder klar, was sich ereignet hatte. Ihr Mann hatte -falsch gespielt! - -Du mein Gott, mein lieber Gott, wie war das möglich gewesen! Sie wußte -doch so genau, daß er das nie tun würde. Welche Widersprüche! Welche -Qualen! Welche Verzweiflung! Welche Hölle! Und sie war bei der Helferin -der Mörder Hulls gewesen und war ihr erlegen. Alles drehte sich -durcheinander, und Blut erschien neben dem schwarzen, ohnmächtigen -Unglück, das ihr Mann angerichtet hatte. - -Sie hörte die Männerstimme, groß, voll Grauen, voll Gefahren: »Sie -wollen nicht? Frage ich danach?« - -Er hatte den Tiger nicht gefragt und den Auerochsen nicht. Sollte er -eine schwache Frau fragen! Das ist wahr! Sollte er sie fragen? Sie war -seine Beute. - -Dieser Vorstellung gab sie sich mit einer wollüstigen Angst hin. Sie -gehörte dem stärksten Mann, den ihre Augen jemals gesehen. Was konnte -sie sich wehren? Er hatte sie einfach genommen. Gab es Männer, deren -Willen genügte, ohne Berührung eine Frau zu nehmen? - -»Wie bin ich hergekommen?« fragte sie. - -»Wir haben zuvor Wichtigeres zu besprechen. Wie wollen Sie sich -einrichten?« fragte die Stimme groß und kalt neben ihr und mit einem -erbebenmachenden Ernst. - -»Ich will nicht!« schrie die Gräfin. Ihr war, als seien Marterwerkzeuge -in ihr Hirn eingegraben. - -»Das ist nicht die Frage!« antwortete die Stimme, wie ein Stein ... er -fällt ... er liegt! liegt Jahrtausende ... »Es handelt sich darum: -bleiben Sie freiwillig bei mir oder als meine Gefangene?« - -Die Frau, erwachend am Gefühl des Zwanges, mit dem sie bedroht wurde, -vermochte ihre Sinne zu sammeln. Sie schaute, horchte, lauerte. Leise -begann sie zu rechnen: List oder Widerstand? - -Sie antwortete nach einer Weile: »Sie können mich in München nicht als -Ihre Gefangene halten!« - -Mabuse mit einem drohenden Ton: »Woher wissen Sie, daß Sie in München -sind?« - -»Haben Sie mich verschleppt?« rief die Gräfin. - -»Ich bin kein Gorilla!« - -»Wer sind Sie? Wie heißen Sie?« - -»Wie Sie mich nennen werden!« - -»Dann werde ich Sie Gorilla nennen!« wollte sie böse sagen. Aber es -begann, daß ihre Zunge in einer süßen Schwere diesem häßlichen Namen -widerstand. Sie sprach ihn nicht aus. Irgend etwas war in sie -eingetreten, was ihre Lage so mild machte. Was Lockungen und Versprechen -aus der Weite herholte und in ihrem kleinen Herzen zusammentrug wie -emsige, nächtliche Heinzelmännchen. - -Etwas in ihrem Gewissen lehnte sich dagegen auf, daß es ihr gut gehen -sollte, wo ihrem Mann doch ein Unglück zugestoßen war und ihr selbst, -wer weiß was, widerfuhr. - -Sie fragte trotzig: »Nun also, was wollen Sie von mir?« - -Aber der Mann schaute sie nur hart und ruhig an, und ihr war, ihre Frage -schwömme klein und verächtlich auf einem großen Meer davon. Das Meer -aber war die Brust dieses Mannes. Es gab innen und außen keine -kraftvollere Brust. Diese Brust war ein Idol ihrer heimlichsten, ihrer -eingeschlossensten Wünsche gewesen. Sich hineinbetten ... hineinbetten -... wie in das Dschungel ... - -Da sagte der Mann, nachdem er sie so eine Weile angeschaut hatte, mit -einer gewaltsam erfüllten Ruhe: »Das Geschlecht der Menschen ist zu -verächtlich geringherzig, als daß seine Männer und Frauen der einen -Kraft fähig wären, die die Schöpfung sonst in den Unterschied der -Geschlechter gelegt hat: einmal sehen, wissen, und eins gehört dem -andern so ganz wie der Tag dem Licht!« - -»Das will sagen,« fragte die Gräfin zaghaft, »Sie lieben mich? Deshalb -... bin ich hier!« - -»Ich begehre Sie. Das ist mehr als Liebe -- für mich! Sie sind hier, -weil es meinem Begehren keinen Widerstand gibt. Sie können eine Königin -werden. In dieser Brust und in Eitopomar in Südbrasilien. Eine Königin -über Urwälder, wilde Tiere, zahme und wilde Menschen, Täler, Felsen und -Fernen. Wer kann in dieser verächtlichen Gegend Ihnen mehr geben?« - -»Niemand!« sagte die Gräfin, traumhaft vom Geheimnis umfangen, das so -rasch das doppelte Spiel in ihr begonnen hatte. - -»Sie haben sich also entschlossen, freiwillig zu bleiben?« fragte -Mabuse. - -Die Gräfin fiel wieder zu ihrer Lage zurück. Sie wich von dem Mann, und -wie Schutz suchend stellte sie sich hinter die Ottomane. Sie preßte die -Lippen aufeinander. Aber in ihrem Schweigen wühlte in zerrender Qual das -Doppelte, daß sie fort wollte und dennoch irgendwoher das Verlangen -trug, zu bleiben und zu gehorchen. - -Er sagte: »Wenn es das gäbe: Ein Mann und eine Frau sehen sich zum -erstenmal, und in dem ersten Blick, den sie tauschen, sagen sie sich: -Jetzt gibt es nichts mehr in mir von dem, was ich war. Jetzt ist alles -wie ein tönernes Gestell zerschlagen, und nur du ... du bestehst. -Undenkbar ist auch nur ein Blutschlag, der nicht durch alles, was ich -bin, dir gehört. Es ist, als ob die Jahrzehntausende des Bestehens der -Geschlechter in diese zwei Wesen auf einmal alle ihre Kraft geschleudert -hätten, mit der die Menschen in so dreckiger Sparsamkeit und mit so -kupplerischen Bremsen umgehen. Welch ein Geäse ist der Mensch! Aber das -andere wäre Ebenbild Gottes und Schöpfung!« - -Der Gräfin war, als spanne sie eine plötzliche Gewalt zwischen zwei -Pole. Sie wußte, sie war selber die zwei Pole zugleich, und doch war der -eine anders als der andre. Muß ich von einem zum andern laufen? fragte -sie sich ... Sie wurde sehr müde ... Oder kann ich so ausgespannt -bleiben ... so wohlig ... so von der Sonne einer Wesensart beschienen, -die ich an mir liebe? - -Es war der Hang, dem Außergewöhnlichen nachzugehen, um zu fühlen, wo sie -am meisten Mensch sei und sie selber, gelöst von allem, was um sie hing -und nichts mit ihr zu tun hatte. Und über die Gräfin fiel wieder das -Gefühl eines Paradieses, die Windgesänge elysäischer Gefilde, die reine, -ungeteilte Gefühle aushauchten. Fiel über sie, als ob sie fähig wäre, -die süßen Gruppen fern von ihrem Blick aufgescharter Horizonte von ihrer -Sehnsucht zu erlösen und in ihrem Blut als eigenen Besitz einzubergen. -Was geschieht mit mir? fragte sie, sich leise zurückkämpfend und schnell -wieder dem tönenden Paradies entgegensinkend, das vor ihren ermatteten -Augen in ihr Herz zu schweben begann. - -Das graue Auge des fremden, drohenden Mannes strahlte wie eine -Jahreszeit auf sie. Es stand vor ihr, hoch wie Wolken. Die Jahreszeit -vergewaltigte die Erde. Aber die Erde gab sich in aller Liebe hin. War -das das Geheimnis auch ihrer Natur? fragte sich die Gräfin. Die -Jahreszeit ging wie ein Unwesen mit Kräften von jenseits des Horizonts -durch die Wälder, über die Flüsse, Städte, Gebirge ... mit Augen, nicht -rechts, nicht links schauend vor geisterhafter Macht, und war auf einmal -mitten in allen Dingen. Wenn der Mann so wie die Jahreszeit über mich -geht ... ist das ... das Paradies? Erfüllung? Wahr gewordene Sehnsucht? -Erlöster Wahn? Ist das meine zweite Natur? Der ich nicht zu folgen -gewagt habe? - -Sie wollte widerstehen. Aber eine süße Kraftlosigkeit öffnete alle Poren -an ihr. Sie ward dunkel und voll gebender Schmerzhaftigkeit, wie ein -Acker im März. Eine Dohle krähte. Aber es sang eine Amsel hinterher über -sie. Und die krächzende Dohle und die singende Amsel entrissen eine -Made, eine lebende Made ihrem Bett in der Baumrinde. Und auch die -Baumrinde war im Erwachen, und es sang durch ihre Zellen. Und die Amsel -stieg hoch auf in die Luft und sang in Triolen, die von Erdgeist -trieften ... - -Die Frau ward die Amsel. Und ward zugleich die Made. Sie gab sich und -wurde vertilgt. Und wußte es nicht vor Dunkelheit und Trubel im Blut. -Sie ward zu allerinnerst aufgerührt und war ganz unten gewesen, schäumte -oben und war nicht greifbar, wie eine Seifenblase ... Über ihr stieg der -Ruf des Mannes wie das Rauschen des Sommers, der das Steigen der Säfte -im gereiften Ährenfeld bricht. - - - - - XIV - - -Der Besuch Mabuses beim Grafen Told fand statt. »Ihr Krankheitsbild ist -durchaus nicht ein außergewöhnliches,« sagte Mabuse. »Es heilt aus, wenn -Sie die Sicherheit über sich wieder erlangen. Es wird unheilbar und -verschlimmert sich, wenn Ihnen das nicht gelingt. Es ist ein Vorbote -einer ^dementia praecox^. Ich werde Sie, wie alle Patienten, aus -taktischen Gründen in Ihrem Hause behandeln. Ich stelle eine Bedingung, -daß Sie, so lange Sie in Behandlung sind, das Haus nicht verlassen und -niemanden sehen, der Sie an Ihr früheres Leben erinnert.« - -Told war betäubt von der Gewaltsamkeit, mit der dieser Arzt gegen ihn -auftrat. Zart und scheu, wie er war, erdrückt von dem Erlebnis, wagte er -kein Wort gegen ihn. Er fürchtete ihn von der ersten Minute an. - -Als Mabuse die Villa verließ, in der er eine Menge Dinge gesehen, die -von dem Kult zeugten, den der Graf mit seiner Frau trieb, sagte er sich: -Er muß fort, wenn sein Name nur einmal wieder über ihre Lippen kommt. - -Mabuse war in einer wilden und tierhaften Weise erregt. Die Berührung -mit diesem Mann, dem die Frau solange schon zueigen gewesen war, pflügte -seine Adern auf, reizte ihn, als sei er ein Stier und empfinge -Wurfspeere in den Nacken. Er bückte sich unversehens wie zum Angriff vor -und bohrte sich in seine Vorstellungen hinein, berstend vor Haß und -Rachsucht. Es war ihm, als sei eine Beule in ihm geplatzt und entließe -einen Strom von Bösem. Er warf sich vollends hinein. - -Als er heim kam, ging er gleich zu dem Zimmer, in dem die Gräfin -eingeschlossen war. Der Raum war wie ein Versteck ins Haus -hineingeborgen. Licht kam nur aus einem runden Fenster, zu dem sich die -Decke in reichen Formen emporwölbte. - -Die Frau erhob sich, als er kam. Sie war weiß wie das Leinentuch ihres -Bettes. Sie ging ihm entgegen und sagte: »Es ist in der Nacht etwas mit -mir geschehen, das außerhalb meines Bewußtseins liegt. Was haben Sie mit -mir gemacht?« - -»Was Sie mit sich machen ließen!« - -Da erzitterte die Frau so stark, daß sie niederglitt, und am Boden -liegend, hob sie ihren Blick, verletzt, wie von einem angeschossenen -Tier zu ihm und rief entsetzt: »Teufel! Teufel!« - -»Dieser Name gefällt mir,« sagte Mabuse. »Er schmeichelt mir. Er ist, -ohne daß Sie es ahnen, eine Liebkosung. Das nächstemal werden Sie mich -Luzifer nennen. Denn ich werde Ihnen das Licht bringen!« - -Die Gräfin, zusammengebrochen am Boden liegend, verfiel einem -leidenschaftlichen Schluchzen. Eine haltlose, verzerrende Angst brach in -ihr auf. Sie rief, bebend, im Weinkrampf: »Wo ist mein Mann?« - -Aber da sah sie, daß Mabuse eine so nichtige, kleine und wegschiebende -Bewegung machte, daß der Frau geschah, als ränne ihre schmerzhafte, -peinigende Frage wie ein Taukügelchen aus der Hand und spurlos -verschwindend in den Staub, und es sei überflüssig, nach ihr auch nur -einmal hinabzuschauen. Und so über ihr zerfetztes Herz gebeugt, fragte -sie sich: Ist dieser Mann denn so gewaltig, daß vor ihm und seinem -Willen alles zergeht, was ich war, und was andere Menschen vorher mir -waren? - -Wieder mußte sie sich dem zwiefachen Strom ergeben, der sie zu tragen -begann. Heimlichstes, selber nie Gesehenes trieb aus der Flut in ihr -Hirn. Gemartert ließ sie ihre Vorstellungen gewähren. Mußte es nicht -wahr sein, was so aus ihrem Blut entstand? Sie konnte sich von dem Neuen -nicht mehr trennen. Sie konnte sich dagegen wehren; sie konnte dagegen -antoben. Aber sie konnte es nicht mehr von sich ablösen. - -Der Mann stand schweigsam über ihr. Die Stummheit bedrohte sie. Sie -dachte, mit einem eigenen Laut könne sie dies Drohende zerschlagen wie -eine Seifenblase. Aber sie fand nicht die Kraft zu einem anderen Wort -und wiederholte, gefesselt an ihren Zustand, die Frage: »Wo ist mein -Mann?« - -Da ging Mabuse wortlos und schroff hinaus. - -Als er von ihr so fortgegangen war und in dem Raum nichts anderes mehr -zurückgelassen hatte als seinen herrischen Unwillen, vermißte sie etwas. -Es wäre ihr lieber gewesen, er stünde noch da. Ihre Vereinsamung wuchs -um sie und schlug alle Grenzen ein. Eine Raumlosigkeit tat sich um sie -auf, wie ein Abgrund, der mit saugenden Spektren sie hinablockte. Aber -sie konnte nicht stürzen. Sie hing an einer dünnen Wurzel. Sie wußte: -Diese Wurzel ist das Wenige, was mir aus meinem bisherigen Leben -geblieben ist. - -Sie wünschte, auch diese Wurzel möchte abreißen. Lieber hätte sie den -ganzen Tod gehabt als das Schweben über dem Nichts. - - * * * * * - -Mabuse ging in seinem Zimmer hin und her. Er war ein gefangenes Tier, -gefangen zwischen seiner Rachwut und Herrschsucht und dem Widerstand -dessen, was draußen gegen sein Ziel lag. Es war etwas so Kleines wie die -Erinnerungen, mit denen eine Frau an die Stunden gebunden war, die sie -geheim oder vor Menschen mit ihrem Mann verbracht hatte. Aber weil es so -wenig war, wuchs die Vernichtungsraserei so begehrend in ihm an, um es -ganz zu zermalmen. - -Spoerri kam. Er war als Soldat gekleidet. »Weshalb?« fragte Mabuse -unwirsch, vergaß aber gleich seine Frage und wollte etwas über Georg -hören. - -»Er ist in Schachen in der Villa. Er geht nicht aus. Er ist vorsichtig!« - -»Was macht er?« - -»Nachts hilft er das Kokainlager unter dem Gartenhaus nach der Schweiz -hinüberbringen. Ich wüßte einen neuen Artikel, den sie drüben abnähmen. -Äther!« - -»Weshalb Äther?« fragte Mabuse. - -»Man beginnt es zu konsumieren.« - -»Wer -- man? Wo?« - -»Bei uns, in der Schweiz!« - -»Bei euch? Zu wievielen seid ihr?« - -»Man kann es unter die Leute bringen!« - -»Das erinnert mich an die Mädchen, die Sie nach der Schweiz -exportierten, um den Salvarsanschmuggel zu beleben. Ich will nichts von -Geschäften wissen. Verstehen Sie -- nichts!« - -»Ich sage nichts mehr darüber!« - -»Spoerri, vielleicht nie mehr!« - -Da drang ein Jodler aus dem rauhen Hals Spoerris. »Herr Doktor! -Eitopomar?« - -»Wir saufen, Spoerri, wir saufen! Ich weiß nicht! Wir saufen! -Hirtenknabe mit 86000 Mark Jahreseinkommen ...« - -»O, was habe ich davon? Ich stecke es ja immer wieder in die Unternehmen -vom Herrn Doktor!« - -»Weil es sich dort um 10 Prozent höher verzinst als bei einer -Versicherungsgesellschaft. Soll ich dich auf die Sohle nehmen, -Hirtenknabe? Trink'!« - -Spoerri fiel als der erste vom Sessel. Er lag auf dem Boden, rund um -sich Schmutz, und schaute unglücklich den Herrn an. Er lag da wie ein -Hund, der am Sterben war und sich bewußt wurde, das Leben des Herrn nun -nicht mehr bewachen zu können. - -Mabuse, pendelnd, mit einer Hand schon an die Tischkante gekrallt, um -nicht mit dem Stuhl zu Boden zu drehen, stotterte: »Spoerri, glaubst du, -es gibt einen Menschen, dessen Wille so stark ist, daß er einen Mann -töten kann, ohne ihn zu berühren?« - -Aber Spoerri verstand nicht. Mit seinen glotzenden Augen schaute er dumm -und treu, bekümmert und krank zum Herrn hinauf. - -»Ich kann das! Und ich tue es! ... Schlafe!« sagte er plötzlich; und -sich erhebend, trat er den andern mit dem Fuß nieder. - -Mabuse ging einige Schritte. Er mußte sich stützen. Da raffte er sich -auf. Sein Willen durchstieg ihn wie eine bronzene Schraube. Und steif -und starr, ohne zu schwanken, vom Trunk entzündet und über sich selbst -hinausgehoben, ging er in das Zimmer, in dem sich die Gräfin aufhielt, -und blieb bei ihr, ohne ein Wort zu sagen. Von dieser Stunde der Schmach -an war die Frau willig seiner Knechtschaft. Sie vergaß ihre -Vergangenheit, vergaß sich selber und war ihm untertan. - - * * * * * - -In der Nacht fuhr Mabuse nach dem Bodensee. - -Beinahe, da er in der Nähe der Villa die Lichter löschte, verunglückte -er am Wagen der Straßenwalze, die keine dreißig Schritte von seinem -Garteneingang entfernt stand. Unmittelbar vor ihr griffen die Bremsen -fest. Da fuhr er nicht gleich ins Haus, sondern einen Kilometer weiter, -ließ das Auto am Straßenrand stehen und ging am Ufer entlang zum Haus. - -»Weshalb sagen Sie mir nichts von der Straßenwalze?« herrschte er Georg -an. »Eine Streichholzschachtel, die draußen auf dem Wege liegt, kann -unser Verderben sein. Holen Sie das Auto! Laufen Sie! Es steht auf -Wasserburg zu an der Landstraße. Bringen Sie es zu Steuer und kommen Sie -gleich zurück.« - - * * * * * - -Am nächsten Morgen rief der Fernsprecher Wenk aus dem Schlaf. »Hier -Straßenwalze!« hörte er. Er erwachte sofort. - -»Ich höre, bitte!« - -»Gestern nacht um zwei Uhr kam ein Auto, blieb unmittelbar vor unserem -Wagen halten und fuhr dann weiter. Da es ohne Licht fuhr, folgte auf -meinen Befehl Schmied mit dem Rad. Er fand es eine Viertelstunde weiter -an der Landstraße verlassen. Er kam sofort zur Meldung zurück. Ich -schlich mich in den Garten der Villa. Aber der Hund schlug an. Da ging -ich außen herum ans Ufer. Ich sah einen Mann vom See her in den Garten -und ins Haus gehen. Als Schmied und ich dann zum Auto zurückgehen -wollten, war es nicht mehr da. Heute morgen nichts Auffallendes!« - -»Danke! Erwarten Sie mich heute!« - - * * * * * - -Eine Stunde, bevor dieses Gespräch durch die Drähte lief, es war noch -Nacht, hatte Mabuse die Villa verlassen. Er hatte Frauenkleider angelegt -und war fortgerudert. Er fuhr auf Nonnenhorn zu. Ein Motorboot kam, ein -Fischer, der vom Schmuggel aus der Schweiz nach Hause fuhr. Mabuse hielt -ihn an. Der Fischer sagte, er habe keine Zeit. Er müsse mit seinen -Fischen heim. Da sprang Mabuse mit einem Satz aus seinem Boot hinüber -auf ihn, warf ihn unter die Bank, knebelte ihn und schob ihn in das -Ruderboot. Er fesselte ihn unter die Bank an, kletterte in das Motorboot -zurück und steuerte es in den See. Er zog die Weiberkleider aus. -Darunter hatte er einen Anzug, in dem man ihn für einen Fischer gehalten -hätte. In weitem Bogen fuhr er zum Ufer zurück, begab sich zu dem -Bauern, in dessen Scheune das Auto verborgen war. Georg lag darin und -schlief. - -Während einer längeren Aussprache mit Georg zog sich Mabuse um und fuhr -dann ins Württembergische. Georg ging nach Schachen zurück. - -Mabuse wollte nach Stuttgart. Seine Gesellschaft hatte ihn von dort aus -am gestrigen Morgen antelephoniert: ein Kranker wolle ihn konsultieren. -Das hieß: es war jemand eingefangen worden, der sich zum Ausplündern -eignete. - -Als Mabuse abends am Spieltisch saß, kam ihm plötzlich wieder das Bild -vor Augen, wie er unvermittelt vor der Dampfwalze seine Bremsen zog. Die -Walze stand mit großen Umrissen in der Finsternis. Es war, als wollte -sie über ihn niederfallen, wobei sie ganz unmeßbare Verhältnisse annahm -und langsam sich zu den Gesichtszügen des Staatsanwalts Wenk änderte. -Wie ein vorsintflutliches Tier stand sie nun, in dies Gesicht gekleidet, -in seiner Erinnerung. Eine flatterige Unruhe störte Mabuse. Er verließ -vorzeitig den Spieltisch mit Verlust und fuhr noch in der Nacht nach -München zurück. - -Unterwegs sagte er sich, als käme eine plötzliche Erkenntnis über ihn: -Es ist lächerlich. Es ist nur eine Verdrängung, der ich erlegen bin. Ich -will den Wunsch nach dieser Frau durch die Angst vor dem Staatsanwalt -verdrängen! - -Da lag Wenk noch stärker als bisher in seinem Weg. Weshalb war er noch -da? Hatte Mabuse nicht deutlich genug befohlen? So wollte er den Befehl -wiederholen! - -In seiner Wohnung in München legte er sich gleich ins Bett. Er schlug -die Lust nieder, zur Gräfin zu gehen, und schlief rasch ein. - - * * * * * - -Als die Straßenarbeiter in Schachen nach der Mittagspause zur Arbeit -zurückkehrten, hatte sich ein Mann unter sie gemischt, aus einer -Wirtschaft heraus, der ihren Aufseher zu sprechen wünschte. Ob er wohl -Arbeit fände? fragte er. - -»Meine kannst du gleich haben, wenn du sie gut bezahlst,« scherzte -einer. - -Aber der Mann sagte, er wolle die Arbeit ja nur, um selber dafür bezahlt -zu werden. - -»Das ist etwas anderes,« lachte der Arbeiter. »Da ist der Aufseher.« - -Der Mann ging zu ihm. Er sprach leise mit ihm und zog ihn wie -unabsichtlich von den andern fort. - -Er könne vielleicht Arbeit bekommen, sagte der Aufseher, als der ein -Polizeikommissar tätig war. Er wolle seine Papiere sehen. - -Die gab der Mann her, indem er sagte: »Herr Kommissar, zeigen Sie sich -nicht erstaunt. Tuen Sie, als läsen Sie die Papiere durch, und stellen -Sie mich als Gehilfen des Heizers auf die Walze. Der Heizer ist doch -Sergeant Schmied?« - -»Jawohl, Herr ... Ja, also gut! Kommen Sie,« antwortete der Kommissar. -»Sie können die Arbeit haben, da ... kommen Sie. Schmied, bitte!« rief -er. Er erklärte Schmied leise, daß der Herr Staatsanwalt als Gehilfe den -Tag auf der Walze verbringe. - -»Was haben Sie noch beobachtet?« fragte Wenk, als er mit Schmied auf der -Maschine fuhr. - -»Der Herr Kommissar hat Sie deswegen nochmals angeläutet. Aber Sie waren -schon fort. Es ist sonderbar. Wir sahen doch den Mann nachts in die -Villa gehen; wir dachten, es sei der gewesen, der das Auto an der Straße -stehen gelassen habe. Aber das scheint nicht zu stimmen. Als wir dann -zum Auto zurückkamen, war das Auto fort. Heute früh nun fuhr eine Frau -in der Nähe des Ufers hinter der Villa in einer Gondel. Ob sie von der -Villa kam, konnten wir nicht feststellen. Eine Stunde später aber kam -auf einmal der beobachtete Poldringer die Landstraße her und ging ins -Haus hinein. Den hatten wir aber gar nicht aus der Villa fortgehen -sehen. Das ist das Sonderbare.« - -»Sie haben keinen Verdacht, die Villa könnte einen unbekannten Ausgang -haben?« - -»Nein, unsere Beobachtungen Poldringers haben bisher stets ganz genau -gestimmt. Er kam immer denselben Weg zurück, den er fortgegangen war. Er -geht überhaupt kaum aus. Nicht jeden dritten Tag!« - -»Gibt es kein Mittel, in die Villa hineinzukommen?« - -»Ohne Auffallen zu erregen, nicht. Ich sehe das an der Art, wie Bettler -dort abgefertigt werden. Sie haben drinnen einen Wolfshund, der scharf -dressiert ist ... Man käme auch nicht heimlich hinein.« - -»Ist der Poldringer jetzt drin?« - -»Ja, ich sah ihn vorhin an einem Fenster!« - -»Hatte das Auto ein Nummernschild?« - -»Ja, Kreis Konstanz. Hier ist die Nummer!« - -»Das ist wohl gefälscht. Es kam von Lindau, sagten Sie?« - -»Jawohl. Ich habe die Nummer nach Friedrichshafen, Ravensburg, Lindau, -Wangen und Konstanz hintelephoniert. Von Konstanz aus wurde mir dann -mitgeteilt, die betreffende Nummer gehöre einem Auto der dortigen -Sanitätskolonne. Das Auto habe Konstanz noch nie verlassen.« - -»Kann man es sich nicht so erklären, daß das Auto in der Villa -angemeldet war, aber nicht vor der Villa hielt, weil man das so im -Gebrauch hat, oder weil etwas dem Insassen verdächtig war, zum Beispiel -die Straßenwalze ... daß Poldringer benachrichtigt war, das Auto an der -Straße erwartete und es zu irgendeinem Versteck weiterführte? In der -Zeit kam der Mann, der es hergebracht, in die Villa. Entweder ist er nun -mit Poldringer noch drin, oder er war das Weib in der Gondel. Er fuhr -dorthin, wo das Auto eingestellt war. Dieses Versteck müßten wir -ausfindig machen!« - -»Wir hören nachts öfter den Lärm eines Motorboots nicht weit vom Ufer. -Aber das können wir ja nicht überwachen.« - -»Ich schlafe diese Nacht bei Ihnen im Wagen. Wir stellen den Wagen einen -halben Kilometer weiter vom Haus weg. Kann man sich in der Nähe der -Villa gut eindecken?« - -»Ja!« - -»Wir gehen dann zusammen. Abgemacht? So lerne ich noch Straßen -glattwalzen,« lachte dann Wenk. »Bisher tat ich das nur mit -Verbrechern.« - -»Jawohl, Herr Staatsanwalt!« erheiterte sich Schmied und zog den Hebel, -der die Maschine anhielt. »Werfen Sie Kohlen ein, Herr Staatsanwalt!« -Und Wenk schaufelte der Maschine das feurige Maul voll Kohlen. - -»Bis dahin haben der Herr Staatsanwalt auch nie einer Straßenwalze -eingeheizt, sondern nur Verbrechern!« verweilte der Heizer bei dem von -Wenk begonnenen Witz. - -»Noch nicht genug, Herr Schmied, wie Sie an der Villa sehen. Aber ich -hoffe, mit Ihrer Hilfe ...« - -»Wir kriegen sie, Herr Staatsanwalt!« antwortete Schmied eifrig. - -»Nur nicht so feurig! Ich glaube, wir haben es mit der im Augenblick -wohl gefährlichsten Bande Europas zu tun. Sie wissen, festgestellt sind -schon jetzt: Falschspielerei, Mord und Terror! Und zwar bandenweise!« - -»Jawohl!« sagte Schmied. - -Als sie abends zusammen den Wagen verließen, flüsterte Schmied: »Herr -Staatsanwalt erlauben, daß ich auf etwas aufmerksam mache. Ich tue jeden -Abend hier so, als erginge ich mich ein wenig nach der Arbeit. Rauche -eine Pfeife dazu. Da ist seitlich, sehn Sie, wo wir jetzt hinkommen, -eine kleine Tür. So oft man da vorbeigeht, bellt der Hund. Da hab' ich -mir gedacht, da ist was los! Man sieht sie aber nicht von der Straße. -Sehn Sie ... jetzt bin ich gerade dran ... so! und da knüpf' ich rasch -so im Vorbeigehen ... hören Sie den Hund! ... immer einen Zwirnfaden -über. Wenn die Tür geöffnet wird, reißt es den Faden ab, ohne daß der -Durchgehende es merkt. Ich habe dann noch die Kontrolle über diese Tür -in der Hand, selbst wenn ich sie nicht sehe. Ich weiß dann, ob er nicht -in der Dunkelheit hier hinausging. Morgens ist mein erster Weg zur Tür, -um den Faden wieder wegzureißen.« - -»Hängt er jetzt schon?« - -»Ich habe ihn gerade angeknüpft!« - -»Das haben Sie geschickt gemacht. Ich hab's nicht einmal gemerkt!« lobte -Wenk. - -»Gehen wir zurück. Eigentlich ist es ein Nebenweg der anderen Villa!« - -»Kennen Sie deren Bewohner?« - -»Seit dreißig Jahren schon bewohnt sie ein altes Fräulein. Es bestehen -gewiß keine Beziehungen zwischen den beiden Villen.« - -Sie gingen auf die Straße zurück. - -»Wenn Sie schlafen wollen, so stehe ich nicht im Weg, Herr Schmied. Ich -weiß ja jetzt einigermaßen!« - -»Gut wäre es schon. Die letzte Nacht, Herr Staatsanwalt! und vor vier -muß ich wieder draußen sein.« - -»Ich weiß. Also gute Nacht ...« - -Wenk durchging die ganze dunkle Frühlingsnacht. Es geschah nichts. Er -bemerkte nichts. Am nächsten Morgen begab er sich in das Hotel in -Lindau, dessen Adresse er in München hinterlassen hatte. Er sei von -München angerufen worden, sagte ihm der Leiter. Sein Diener lasse -melden, der Graf Told wünsche ihn dringend so bald als möglich zu -sprechen. Der Herr Graf habe es in die Münchener Wohnung telephoniert. -Er sei sehr aufgeregt gewesen und habe den Diener gebeten, es gleich dem -Herrn Staatsanwalt nachzudrahten. - -Wenk fuhr nach München zurück. Er klingelte gleich den Grafen an. Eine -fremde Stimme antwortete, der Herr Graf sei verreist. - -»Hat er nichts hinterlassen?« - -»Nein!« - -»Wohin ist er gereist?« - -»Ohne Adresse. Schluß!« - -Das kam Wenk sonderbar vor. - - - - - XV - - -An diesem Morgen war Mabuse bei Told gewesen. »Es geht Ihnen schlecht, -sehe ich,« stürzte er über ihn. »Die Pupillen Ihrer Augen haben sich -unnatürlich erweitert!« - -»Ist das ein Zeichen ...?« wollte Told eingeschüchtert fragen. - -»Ja. Reden Sie nicht über Ihren Zustand. Schließen Sie ihn aus Ihren -Gedanken aus. Wo ist Ihre Frau?« - -Told, aufschreckend, vermochte nicht zu antworten. - -»Ihre Frau wollte wohl nicht mehr mit Ihnen leben ... leben!« -wiederholte der Arzt grausam. »Was? Sie haben Ihre ganze Vergangenheit -zu zerstören. Alle Verbindungen aufzugeben. Rufen Sie Ihren Diener!« - -Told klingelte. Der Diener kam. Der Graf verwies ihn mit einer -Handbewegung an den Arzt. - -»Hat jemand telephoniert?« - -»Nein, Herr Doktor!« - -»Hat jemand aus dem Haus telephoniert?« - -Told sagte: »Ich!« - -»Wem?« - -»Herrn Doktor von Wenk!« - -»Weshalb?« - -»Ich wollte mit ihm sprechen!« - -»Was?« - -Der Graf verwirrte sich: »... Nur ... so sprechen! Mit einem Menschen -sprechen!« - -»Ist Ihr Diener ... bin ich ein Auerochs?« fragte Mabuse grob. »Sie -können mit mir sprechen! Was haben Sie auf der Leber?« - -Der Graf starrte weg. Er hatte nicht einmal mehr den Mut, seinen Arzt -anzuschauen ... Wird er mich heilen? fragte er sich. Dann begehrte er -schwach und zaghaft gegen ihn auf. - -Du bist kein Mensch! Du bist ein Teufel! schrie sein Inneres heimlich. -Aber seine heftigen Gedanken glitten hastig davon. Er war so schläfrig. -»Ich bin immer müde!« sagte er. - -»Befehlen Sie in meiner Gegenwart Ihrem Diener alles, was Sie besuchen -will oder Sie anruft, kurz abzuweisen. Er hat zu sagen: Der Herr Graf -ist verreist. Ohne Adresse, Schluß!« - -Mechanisch wiederholte Told dem Diener den Befehl. Der verbeugte sich -und ging. - -»Ich bin nicht sicher, ob ich Sie weiter behandeln werde!« sagte Mabuse. - -Aber Told verstand ihn nur mehr halb. Es war ihm, als sickere ein träges -Gift durch seine Adern. - -»Sie haben Durst!« befahl Mabuse. - -»Ja!« flüsterte der Graf. - -»Trinken Sie Kognak und Tokaier gemischt. Soviel Sie wollen. Nur schwere -Sachen! Der Alkohol wird es Ihnen leicht machen. Sie müssen alles in -sich zerstören, was war. Ihre Frau auch. Wenn Sie die Überzeugung haben, -daß das Ihnen gelingt, sind Sie heilbar. Alles zerschlagen. Sie -verstehen mich! Der Alkohol hilft dazu!« - -»Alles ...,« stammelte der Graf, als läge er in einem Sumpf, der ihm -schon die Mundwinkel näßte ... »Alles ...« - -»Nach zwei Jahren können Sie dann daran denken, Ihr Leben wieder -aufzunehmen. Nach welcher Zeit?« warf brutal der Arzt dazwischen ... -»Nach welcher Zeit?« hämmerte er ihm nochmals ins Hirn. - -Told erwachte aus dem Hinbrüten. An der Zahl erschauernd, antwortete er -leise: »Zwei Jahre!« - -»Wissen Sie, daß Ihre Frau Sie in eine Irrenanstalt stecken will? Sie -benutzt dazu den Staatsanwalt Wenk. Ist das der, der angerufen hat? Ich -komme morgen wieder!« - -Der Graf blieb zurück, allein, verstoßen. Ihm schien sein Gehirn von -Elefanten ausgestampft, sein Gemüt von Nilpferden zerschmatzt, vermengt -mit Kot und Schlamm. - -Mich verläßt die Welt, murmelte er. Die Bilder, die er um sich gesammelt -hatte, feierten Orgien an den Wänden. Er verstand nicht mehr, was ihm an -ihnen so gefallen hatte, daß er sie jahrelang um sich geduldet hatte. Er -nahm ein Jagdmesser und schnitt ein jedes von oben bis unten durch und -schlug mit dem Messer in irrem Grimm in den Rahmen herum. - -Als er das getan hatte, sprang er entsetzt zurück. Er faßte sich an -seine Stirn und sagte laut: »Ja, du mein Gott, ich bin verrückt!« - -Er begann Kognak zu trinken. Er trank aus einem Rotweinglas. Als er drei -Gläser getrunken hatte, war er berauscht. Da schien ihm, als habe der -Arzt etwas zurückgelassen. Es lag vor ihm. Er wußte nicht, was es war. -Er griff danach. Da war es ihm auf einmal mitten in den Kopf -hineingesprungen. Wie ein Keil saß es drin eingeklemmt. Er fühlte es -genau zwischen den beiden Gehirnhälften. - -Eine Angst zerriß ihm das Herz wie Papier in Fetzen. »Doktor, Doktor!« -schrie er. Er hörte seine Stimme grausig in der Leere verschallen. So -weit die Welt war, er war allein! - -Da sank er ohnmächtig hin. - - * * * * * - -Karstens starb. Die Phantasie griff an dem Tod des zweiten Opfers wieder -verhängnisvoll in die Öffentlichkeit. Wenk sah sich bedrängt und -entschloß sich eines Tages, das Letzte mit der Carozza zu versuchen. Er -ging zu ihr ins Gefängnis. »Ich spreche nicht mit Ihnen!« sagte die -Carozza, sobald sie ihn sah. - -Wenk kehrte sich nicht daran und bemerkte mit bekümmertem Ton und -verschwommenen Hoffnungen: »Wissen Sie, daß auch die schöne Dame, die -stets bei Schramms saß und nicht mitspielte, verschwunden ist?« - -»Nein,« rief die Carozza im Augenblick, »die Sie zu mir ins Gefängnis -geschickt hatten?« - -»Ja!« sagte Wenk; aber erst, nachdem er dies gedankenlose Ja gesagt -hatte, erschien ihm die Bedeutung dieser Mitteilung. Das war nun -rätselhaft. Hatte die Gräfin der Carozza von ihrer Sendung erzählt? War -sie mit den Spielern im Bund? Das war doch unglaubhaft. Aber wie -auffallend: die Carozza, die nicht mit ihm sprechen wollte, gab ihre -Absicht auf, sobald die Rede auf diese Frau kam. Wenk wollte der Carozza -nicht die Gewißheit geben, daß er erstaunt über diese Mitteilung war. Er -redete deshalb, indem er zugleich einem Weg nachdachte, auf dem dem -Geheimnis beizukommen sei, ohne viel zu überlegen, was ihm gerade -einfiel. Im Verlauf dieses Hinsprechens äußerte er auch schließlich eine -Vermutung, die bei dem vielen Überdenken des Zusammenhangs der Carozza -mit dem Verbrecher ihm gekommen war, die er aber mitzuteilen noch nicht -reif genug gehalten hatte. Er sagte: - -»Sie sind ja nur das Opfer des Verbrechers. Weil Sie sich nicht von ihm -zu trennen vermochten.« - -Da sprang die Carozza vom Sitz auf und starrte Wenk an wie in einem -Krampfe. Er schaute ihr in die Augen. Der Ausdruck eines maßlosen -Schreckens stand in diesen Augen und in der Verzerrung der Gesichtszüge. -»Nun?« fragte er aufmunternd und hoffnungsvoll. - -Aber die Carozza verharrte in ihrer Erstarrung. Da wagte er es weiter: -»Ich könnte Ihnen, wenn wir einig werden, für Sie günstige Vorschläge -machen.« - -Langsam erwachte die Carozza aus ihrem Entsetzen zurück. Seit drei -Jahren, da Mabuse sie von sich gestoßen, war ihr Leben nichts anderes -gewesen als eine Kette von märtyrerhafter Selbstverleugnung und von -ergebener Opferwilligkeit gegen diesen Mann, der sie unglücklich machte -und sie zum Verbrechen trieb. Niemals hatte sie einen Gedanken an sich -herangelassen, ihn zu verraten, ihm diese Opferwilligkeit zu verweigern. -Sie trug wie einen Sklavenstempel durch ihr ganzes Blut das -unumstößliche Angehörigkeitsgefühl an seine Stärke. - -Da auf einmal, in der Bemerkung des Staatsanwalts, sah sie den geliebten -Mann bedroht. Was wußte der Staatsanwalt? Woher wußte er es? Hatte die -Gräfin sie dennoch verraten? Langsam nährte sie in sich den Plan, zu -erfahren, wie weit der Staatsanwalt unterrichtet wäre. Sie konnte -vielleicht warnen ... vielleicht -- und dabei durchzuckten sie wie -Blitze wollüstige Gefühle, Doktor Mabuse zu retten und ihn vielleicht -wiederzugewinnen. Nein, das nicht! Das wagte sie nicht auszudenken. Aber -ihn zu retten, wäre ihr schon genug gewesen, wäre Seligkeit. Sie sagte -schließlich: »Da Sie besser unterrichtet zu sein scheinen, als ich -dachte, so will ich reden. Lassen Sie mir zwei Tage Zeit.« - -Die Carozza hatte durch den Wärter erfahren, daß jemand sich um sie -kümmerte. Der Beschreibung des Wärters nach war es Spoerri. Sie fand -also Gelegenheit, von ihrem Gespräch mit dem Staatsanwalt Mitteilung zu -machen und ihre Warnungen anzubringen. - -»Gut!« sagte Wenk jubelnd. Dann wollte er ein übriges tun, und da er mit -seiner Vermutung das Richtige getroffen zu haben schien, dachte er, es -sei günstig, auch noch verhetzend dieser Seele zuzusetzen. Und er sagte: -»Ich bin übrigens in bezug auf die Gräfin einer Spur nachgegangen. Die -Gräfin scheint sich bei Ihrem Freund verborgen zu halten.« - -Aber er schämte sich über diese Worte so, daß er errötete und mit einer -schmerzlichen Inbrunst die paar Begegnungen wiedererlebte, die ihm die -Verschwundene so nahegebracht hatten. Doch seine Worte hatten eine -ungeahnte Folge. Die Carozza fiel über ihr Lager nieder, schluchzte auf, -versuchte zu sprechen, aber die Worte versagten ihr, und sie erhob nur -drohend und verzweiflungsvoll ihre Fäuste über den Kopf. - -Da ging Wenk ganz plötzlich, in der Meinung, es sei gut, sie in dieser -Stimmung nicht zu stören, sondern sie sich weiter in sie hineinhüllen zu -lassen. Als er die Tür aufriß, fiel ein Mann gegen ihn, doch war es nur -der Wärter. »Ich wollte gerade nach der Gefangenen schauen,« sagte er. - -»Verzeihen Sie!« entgegnete Wenk und ging davon. - - * * * * * - -Kurz darauf geschah folgendes: - -Bei Hengnau an der württembergischen Grenze war ein Mann angehalten und -verhaftet worden, der Kühe nach Württemberg treiben wollte. Der Mann -stellte sich in den ersten Tagen stumm, dann tobte er. Der -Untersuchungsrichter, um ihn einzuschüchtern, sagte ihm eines Tages: -»Gestehen Sie nur bald, bevor das neue Gesetz kommt. Wenn Sie vorher -abgeurteilt werden, kann es Ihnen mild gehen. Nachher kann es Ihnen den -Kopf kosten.« - -»Was ist das für ein neues Gesetz?« fragte er. - -»Auf die Vergehen, die die Ernährung des Volkes gefährden, kann -Todesstrafe gestellt werden.« - -»Wie wird man getötet?« - -»Mit dem Beil wahrscheinlich!« - -»Und wenn ich vorher abgeurteilt werde?« - -»Bekommen Sie höchstens ein Jahr Gefängnis.« - -Da gestand er auf einmal. Er öffnete alle Schleusen. Er gestand alles, -was er seit Jahren getrieben hatte, und nannte alle Namen von -Schmugglern, die er kannte. - -Es wurden mehrere Verhaftungen vorgenommen. Die Angelegenheit wuchs sich -immer breiter aus, und es wurde schließlich eines Tages auch der Name -jenes Mannes genannt, den Mabuse nachts auf der Lindauer Landstraße aus -seinem Dienst entlassen hatte -- Pesch! - -Pesch wurde verhaftet. - -Er verbrachte die erste Nacht im Gefängnis von Wangen, aus welcher -Gegend er war. Als der Wärter aber am nächsten Morgen seine Zelle -öffnete, war der Verhaftete verschwunden. Wenige Stunden später wurde -der Gendarmerie nach Wangen telephoniert: im Wald an der Lindauer Straße -liege ein Mann. Es sei zweifellos ein Mord vorgekommen. - -Das Gericht begab sich an die Stelle. Der Tote war Pesch. Er war -erdolcht worden. Als man seine Leiche forthob, sah man, daß auf dem -großen hellen Stein, auf dem sie gelegen, Zeichen mit Blut gemalt worden -waren. Sachverständige entzifferten am selben Tage die Zeichen. - -Sie hießen: Villa Elise ... - -Die Bürgermeister sämtlicher Ortschaften in der Nähe wurden angefragt -nach einer Villa dieses Namens. So hatte man bald herausgefunden, daß in -Schachen es eine Villa Elise gab, die von der Polizei bewacht wurde. - -Es wurde sofort Wenk gemeldet. Er fuhr nach Lindau. Die beiden Beamten, -die die Straßenwalze führten, hatten festgestellt, daß Poldringer am -Tage, an dem Pesch ins Gefängnis gebracht worden war, Schachen mit einem -Rad verlassen hatte. Er war erst nach drei Uhr in der Frühe -zurückgekommen. - -Da setzte es Wenk durch, daß zwei Motorboote auf den See gelegt -wurden. Man gab ihnen den Schein, als gehörten sie zu den -Zoll-Überwachungsbooten. Sie wurden mit Scheinwerfern ausgestattet. - -Es war wieder ein Menschenleben draufgegangen. Aber der neue Mord hatte -Weiteres verraten ... viel Gefährlicheres, als man bisher wußte. Es war -zweifellos, daß die Bande sich auch mit Schmuggel befaßte; man sah auch, -daß unsichtbar zwischen dem Leben und Treiben der Mitmenschen diese -Kraft des Bösen einen Staat für sich gebildet hatte, der von ihm und der -für ihn lebte und seinem Willen Tat angedeihen ließ. - -Pesch hinterließ eine Frau mit fünf Kindern. Da das Vermögen eingezogen -wurde, waren sie dem Elend preisgegeben. - -Wenk ging zum alten Hull, um dessen Hilfe für diese zu erbitten, und -sagte ihm in einem raschen Einfall: »Ein Erziehungsheim für Kinder von -Verbrechern gründen ... unter einem verbergenden Namen ... das wäre -vielleicht eine gute Anlage für Ihr Geld. Man kann die Kinder, auf die -sich ja öfter die Eigenschaften der Väter weiter vererben, von klein an -beobachten, ihre Neigungen erkennen, bessern, wenn es geht, oder wenn es -nicht geht, der menschlichen Gesellschaft diese Elemente fernhalten ... -noch bevor sie die Gesellschaft geschädigt haben. So würde von -vornherein ein großer Teil der Verbrecher unschädlich gemacht und viele -Menschen gerettet ...« - -»Ich will das tun,« sagte Hull. »Ich danke Ihnen.« - - * * * * * - -Am selben Abend ging Wenk durch die Marstall- auf die Maximilianstraße. -Als er am Vier-Jahreszeiten-Saal vorbeikam, war ihm, als sähe er in der -Menge von Menschen, die in den Eingang sich drängten, einen Bekannten. -Aber er kam nicht drauf, wer es war, und ging gleich weiter. Er -durchforschte sein Gedächtnis im Gehen, wem dieser so auffallende -bekannte Rücken wohl angehören möchte. Er fand aber die Person nicht -zurück. - -Gleich nachher kam er an einem Schaufenster vorbei, in dem ein Plan der -Klassenlotterie hing. Eine fette Schrift war im dunkeln Fenster zu -erkennen. Das Wort »Spielerglück!« stach aus ihr hervor. - -Dies Wort warf die Erinnerungen Wenks mit einem Schlag auf den Weg. Es -war der Rücken des blondbärtigen Spielers gewesen. - -Wenk erschrak vor dieser Entdeckung. Er suchte diesen Mann durch Tage -und Nächte und durch ganz Deutschland, und da war er so nahe an ihm -vorbeigegangen, daß er ihn hätte an der Schulter festhalten können. Er -kehrte gleich um, ging zum Saal zurück und las an der Eingangstür ein -kleines Plakat: - - _Experimenteller Abend des_ - Dr. _Mabuse_. - -Er beorderte einen der anwesenden Polizisten, sofort sechs Zivilbeamten -herbeizuholen, ließ sie in unauffälliger Weise alle Ausgänge schließen, -und als die Beamten aufgestellt waren, ging er in den Saal. Der Saal war -leicht zu überwachen. Er ging von Reihe zu Reihe. Der Experimentierer -war gerade mit Vorbereitungen beschäftigt. - -Wenk setzte sich hin und her und überblickte Gesicht um Gesicht, -Menschen um Menschen. Aber er fand niemanden, der diesen Rücken hatte, -dessen Bild sich ihm so stark eingeprägt. - -Er sah Bekannte. Der Geheimrat Wendel saß da, gleich in der vordersten -Reihe. Ein Kollege vom Gericht mit seiner Frau und seiner erwachsenen -Tochter. Er tat, als kenne er niemanden, und suchte fieberhaft. Aber es -war alles vergeblich. - -Da stürzte er sich hitzig kopfüber in das Unternehmen, ging zu den -Beamten hinaus und erteilte ihnen folgende Weisungen: - -Alle Türen werden verschlossen, bis auf diese eine. Zwei Beamte gehen in -den Saal. Einer von ihnen sofort auf die Bühne und bittet das Publikum, -in Ruhe einer nach dem andern den Saal zu verlassen. Beide passen auf, -daß niemand zurückbleibt. Die vier andern stellen sich an der Tür auf -und lassen die Leute durch, Person für Person. Von der Tür wird nur ein -Flügel geöffnet. - -Wenk selber wollte an der Tür stehenbleiben, und wenn er den -Verhaftungsbefehl gegen einen Mann ausspräche, sollte der Betroffene von -zwei Beamten sofort beiseite gezogen und gefesselt werden. Die beiden -andern Beamten hatten dann nichts anders zu tun, als aufzupassen, daß -keine Person sich den verhaftenden Beamten nähere. Die Dienstrevolver -seien schußbereit zu halten. - -Im Saal entstand bei der Verkündung des Beamten zunächst ein heiteres -Erstaunen. Dann hörte man einige unwillige Rufe. Der Beamte versuchte zu -beruhigen. - -Das erste, was sich in Mabuses Vorstellungen zeigte, als er die -Botschaft des Geheimpolizisten hörte, war, ob es nötig gewesen, sich der -Gefahr des öffentlichen Auftretens auszusetzen. Aber er schob diese -Vorstellung gleich als etwas Lästiges weg. - -Es war nötig, denn es war für seine Seele die Kugel, in der sich -Ernährungsstoff in konzentriertester Form zusammenpreßte. So mußte er -mit seinen suggestiven Fähigkeiten immer in Berührung mit einer -namenlosen Allgemeinheit bleiben. Dann spürte er seine Macht über die -Grenze des Kreises hinaus, der ihm verpflichtet war, und von dem er -jeden kannte, schier ins Ungemessene wachsen. Und sein Geist übte sich -vieles zu umfassen, viele Menschen auf einmal in die Hand zu nehmen und -in den irren Dingen, die seine geheime Gabe ihnen auferlegte, ihre -Wenigkeit und seinen Haß und seine Gewalt über sie auszukosten ... - -Hier auf dieser Bühne war er neu geboren worden. Hier hatte er sein -Leben der Macht begonnen, als der Krieg ihn von seinen Pflanzungen in -der Südsee als einen ruinierten Mann nach seiner Heimat zurückgetrieben -hatte. Dieses gab er nicht auf. - -Noch während mit traumhafter Schnelle diese Überlegungen ihn durchzogen, -ging er zum Beamten hin und fragte, was geschehen sei. »Sie müssen sich -an Herrn Staatsanwalt Wenk wenden,« sagte der. »Er ist draußen!« - -Da erblaßte Mabuse, wandte sich weg und stieg raschen Schritts zum -Geheimrat Wendel hinab, den er in der ersten Reihe noch immer sitzen -sah. Im Gehen entsicherte er mit der Hand in der Tasche seinen Browning -und zielte, von einer Blutwelle überlaufen, die Haß und Kampf durch -seine Muskeln warf wie einen Brand, mit seiner Phantasie Wenk mitten in -die Stirn. - -Du zuerst und dann! sagte er bei sich. - -Aber schon lächelte er den Geheimrat an. - -»Ihre suggestiven Kräfte,« sagte der Geheimrat, »scheinen den -Staatsanwalt Wenk zu beunruhigen!« - -»Wenk?« fragte Mabuse erstaunt tuend zurück. - -»Ich sah ihn nämlich mit Luchsaugen vorhin von Stuhl zu Stuhl schleichen -und jeden Besucher durch Jacke, Weste, Hemd und Unterkleid hindurch auf -sein kriminalistisches Gewissen prüfen. Er scheint seinen Mann aber -nicht gefunden zu haben.« - -Mabuses Brust dehnte sich von einem schnaufenden Gefühl des Glücks. Er -war wie ein Pferd, das nach langem Hungern und Ziehen den Kopf in die -Krippe senkt. - -Trotzdem er sofort klar verstand, fragte er den Geheimrat: »Weshalb -meinen Sie das?« - -»Einfach! Wenn er ihn gesehen hätte, hätte er sich ihn von seinen -Beamten herausholen lassen, ohne Ihre Sitzung zu stören!« - -»Das ist wahr,« sagte Mabuse. »Gehen wir!« - -Mabuse drängte zur Tür, den Geheimrat mit sich ziehend. Mit allen Sinnen -paßte er um sich auf, in seinen Rücken, wo er den Anschluß an Wendel -nicht verlieren durfte, nach vorn, wo die Gefahr drohte, der er -entweichen wollte. - -Bewegungen ließ er, wenn sie ihn von dem alten Professor zu trennen -drohten, mit allerlei Listen und einem Einsetzen seines ganzen Muskel- -und Gliederapparats anders verlaufen, als er sie begonnen hatte. - -Es kam ihm nur auf eines an: nicht als ein Besonderer durch die Tür vor -den Staatsanwalt zu treten. Der berühmte alte Geheimrat mußte von ihm -die Aufmerksamkeit des Spürhundes draußen wegsaugen. - -Wendel war ein alter Herr. Auf Eile kam es ihm nicht an. Aber Mabuse -durfte nur nicht als der letzte draußen vorbeigehen, bestrahlt von -Auffälligkeit, doppelt beäugt von der Enttäuschung, daß jener den -Gesuchten nicht gefunden hatte. Es kamen noch welche hinter ihm, unter -denen er sein konnte, wenn er nicht als der letzte den Saal verließ. - -Eines war sicher: Er war es, den der Staatsanwalt suchte, und kein -anderer! Wenk wußte nicht, daß es Mabuse sei, den er haben wollte, sonst -hätte er ihn von der Bühne herunter verhaftet. Wie war er ihm auf die -Spur gekommen? Ein Rätsel, das ihn reizte! Verrat? Er wurde nicht -verraten! Hatte Wenk irgend etwas an ihm erkannt von den Abenden in den -Spielsälen her? Nein! Er wußte, seine Masken machten ihn unkenntlich. -Also ... - -Da berührte eine Hand die seinige. Mabuse sah in das fragende Auge -Spoerris, erblickte neben ihm einen andern Mann seiner Sicherheitsgarde -und lenkte seine Augen sofort unbeteiligt weg. - -Spoerri und der Genosse drängten sich vor ihm durch die Tür. - -Mabuse rechnete weiter: Also ja, es konnte nur sein, daß irgendein -Zufall Wenk auf seine Spur gehetzt hatte. Vielleicht die Erinnerung -einer Ähnlichkeit ... Bewegung oder Erscheinung ... Wenk durfte also -möglichst wenig von ihm sehen. Und da sein Rücken Wenks Augen am -längsten ausgesetzt war, zog er den Mantel zwischen den Ellbogen durch -und verbarg damit diesen Rücken. - -Da war er mit dem Geheimrat an der Tür. Rasch schob er Wendel vor und -klebte sich an ihn. - -In dem Augenblick, wo der Geheimrat in die Tür trat, befahl Wenk einem -Beamten, zwei Männer, die in der Treppe verweilten, zum Gehen zu -nötigen. Mabuse hörte den Beamten sagen: »Soll ich sie verhaften?« - -Da gewann er den Blick hinaus. Er sah, daß die Drohung Spoerri und -seinem Genossen galt. Mabuse versuchte seinen Blick heraufzulenken. Er -schlug sein Taschentuch mit einer großen Bewegung durch die Luft und -schneuzte sich laut. Spoerri sah, verstand und zog den andern mit. - -Wenk hatte den Geheimrat an der Hand. Das sah Mabuse. - -Da sollte er hinaustreten. - -Der Geheimrat stellte vor: »Herr Doktor Mabuse!« - -Wenk, ohne das Auge von der Tür zu lassen, hinter der er den Saal schon -stark gelichtet sah, nahm Mabuses Hand und entschuldigte sich: »Sie -verübeln mir die Erfüllung einer Pflicht nicht, Herr Doktor?« - -Mabuse antwortete mit einer verbissenen Freundlichkeit, bereit, die Hand -in der Tasche an die Waffe zu werfen: »Nicht im geringsten. Ich trete -selbstverständlich zurück, wenn es sich wie hier zweifellos um das Wohl -der Allgemeinheit handelt, die Sie von einem Verbrecher zu befreien -haben.« - -Schon war er weitergeschoben. Wenk winkte ihm noch zu, schaute aber -nicht mehr um, da er die Tür nicht freigeben durfte. - -Der Geheimrat nahm Mabuses Arm für die Treppe. Mabuse geleitete ihn -rasch zur Garderobe und verabschiedete sich. Eines seiner Autos hielt in -der Maximilianstraße. Rechts und links von der Ausgangstür des Foyers -standen die Leute, die zu allem bereit waren, ihn stets begleiteten ... -Spoerri hatte sich mitten in den Ausgang gestellt, um die Treppe zu -überwachen. - -Er ging dann hinter Mabuse her. Die andern in gelösten Gruppen, aber -immer bereit, zusammenzuspringen, folgten. Erst als Mabuse im Auto -davonfuhr, gingen sie auseinander und ein jeder seinen Weg. - -Im Auto heimrasend, sagte Mabuse sich auf einmal: Ich habe eine Dummheit -gemacht. Ich hätte wenigstens fragen sollen, ob ich den Abend fortsetzen -dürfte. - -Das machte ihn niedergedrückt. Es hatte etwas an ihm versagt. Früher -wäre ihm ein solcher Fehler nie unterlaufen, sann er weiter und quälte -sich: Bin ich am Niedergang? Ist es Zeit für Eitopomar? - -Aber auf einmal schrie er dumpf und tierisch auf: »Nein. Es ist das -Weib! Wenk wird mich hängen. Das Weib macht mich alt und liefert mich -seinem Strick aus.« Weshalb machte die Frau ihn alt, die so jung und -schön war und sich ihm mit einem wehmütigen Fatalismus ergeben hatte? Er -trank diese Ergebenheit wie einen Wein, sagte ein anderer Zug von -Vorstellungen. - -Er wurde uneins mit sich. Er fand keinen Genuß mehr darin, daß er der -großen Gefahr entronnen war. Und in seine kreuz und quer pflügenden -Gedanken schlug unselig und den Atem raubend wie eine Katastrophe die -Vorstellung: - -Weil ich sie liebe! - -Da haßte er sich. Da führte er die Ballen von Haß, mit denen er den -Menschen zusetzte, gegen sich und lud sie über sich aus. So stark litt -er, daß er unter dem Druck, den dieses Chaos an Gefühl auf seine Adern -trieb, röchelte. - -Er war vor seinem Haus. - -Sein breites Gesicht hatte alle Furchen vertieft. Aber das Schreckliche -waren seine Augen. Die Gräfin erschrak vor ihnen, als er in ihr Zimmer -kam. Sie waren nicht mehr von dem großen steinernen Grau eines Achats. -Sie waren wie mit kupfern grellen Runen bezogen. »Was ist geschehen?« -fragte sie. - -Da erzählte er nicht, was er eigentlich erzählen gewollt. »Weißt du, wer -ich bin?« fragte er. Seine Stimme klang in einer tobenden Wildheit. »Ich -bin ein Werwolf. Ich sauge Menschenblut in mich! Jeden Tag brennt der -Haß alles Blut auf, das mir in den Adern läuft, und jede Nacht sauge ich -sie mit einem neuen Menschenblut voll. Wenn mich die Menschen fangen, -zerreißen sie mich in vierundsechzig Stücke. Ich beiße dir die Kehle -durch, du weißes Tier, das mich zerstören will!« - -Die Gräfin, aufgepeitscht, irr vor Schmerz und Zerrissenheit, stöhnte: -»Töte mich! Was gäbe es Besseres?« - -»Ich liebe dich!« schrie die Stimme des besessenen Mannes über ihr. - -Die Frau barg den Kopf in ihre Hände. Sie hörte dieses eingestehende -Wort zum erstenmal aus dem gewaltsamen Mund. Ertränkend wogte unter ihm -der Rausch des Blutes durch ihr Gemüt, das sich von der Welt fort in die -Schlucht eines Gefängnisses verloren hatte, aus dem es kein Hinaus mehr -gab. - -Ihr Leben war tot. Ihr Blut aber lebte in einer starren Grellheit, in -einer künstlichen, furchtbaren und geisterhaften Entzündung an der -Gewalt dieses Mannes und brannte durch ihre tote Seele wie eine Flamme -durch verschlossene Türen. Sie brannte, und es gab nichts mehr zu -verbrennen. Wovon lebte die Flamme? - -Mabuse verließ die Frau, ohne ein weiteres Wort gesagt zu haben. Ich -habe ihr genug gesagt! sprach er bei sich. - -Er legte sich zu Bett, fand keinen Schlaf. Es war, als sei etwas Neues -in sein Leben gekommen, das so unveränderlich geschienen hatte. Es war, -als habe die Gefahr, die er schon mit der Hand anfassen gekonnt, in dem -dunkeln, kalten Loch aufgewühlt, von dessen Grund er sein Leben und -seine Taten wie aus einem Brunnenschacht heraufzog. Stundenlang quälte -er sich, dies Neue zu fassen, in sich einzuordnen. Es entwich ihm. - -Da ging er zu der Frau zurück, die schlaflos und in Kleidern auf dem -Bett lag. - -Er sagte ihr: »Wir müssen uns aussprechen! Unsere Schicksale sind -ineinandergelaufen, und wir müssen sie durch unser Leben weitertragen. -Ich habe aus irgendeinem Brunnen meiner Abstammung einen Schuß ins Blut -bekommen, der mir ein Leben in der staatlichen Ordnung einer -Gemeinschaft unmöglich macht, in der Kräfte über meinen Kräften stehen. -Ich bin deshalb so etwas wie ein Räuberhauptmann geworden. Ich kenne nur -zwei Dinge: Herrschenwollen und Hassenmüssen! Seit diesem Tag kommst du -dazu. Ich dachte anfangs: die verbrennt mit in den zwei Flammen meines -Gemüts. Es ist aber nicht wahr. Hundert sind drin verbrannt. Du nährst -dich davon. Dir ist es Speise. Wenn ich betrunken bin und den Haß nicht -vergessen, aber etwas beiseitestellen kann, weil es dann schönere Dinge -gibt, nenn' ich dir oft den Namen: Eitopomar. - -Eitopomar ist kein Weindunst. Es ist ein Urwald in Brasilien. Er ist -hoch im Land drinnen. Er wird für mich gerodet. Alles Geld, was ich hier -dieser nichtigen Gesellschaft von Jammerkerlen abnehme, lege ich dort -an. Dort entsteht mein Land. Dort will ich mein Leben beschließen. Erst -dachte ich: mit meinem Harem! Jetzt weiß ich aber: mit dir! Vierzig Tage -muß man reiten, bis man zur nächsten Wohnung von Menschen kommt. Und -auch das sind welche, die es hier nicht aushielten. Man kommt aber nie -hin, weil die Botokuden einen nicht durchlassen. Es ist möglich, daß -meine Agenten, die das Geschäft geordnet haben, mich betrügen, und daß, -wenn wir hinkommen, es kein Fürstentum Eitopomar gibt. Aber um dich -betrügt mich niemand! - -Meine Lebensart hier hat inzwischen zu ausgedehnte Kreise gezogen, als -daß ich noch viel länger neben und unter der Ordnung und Macht des -Staates und der Gesellschaft mich erhalten könnte. Ich habe heut den -Beweis bekommen, daß man mir auf der Spur ist. Es gilt von nun an also -Vorsicht. - -In Genua wird für mich ein Schiff gebaut. Ich fahre nicht auf fremden -Schiffen. Ich bin mein Fürst. Das Schiff ist am ersten Juni abzuliefern. -In der Nacht vom ersten auf den zweiten Juni schiffen wir uns ein. Aber -bis dahin sind es fast noch zwei Monate. Ich kann nicht ruhen. Ich werde -bis zu der Nacht unserer Abreise Räuberhauptmann sein. - -Wir wollen klug sein. Du beziehst eine andere Wohnung. Sie ist so sicher -wie diese hier. Aber wenn sie mir diese hier ausspionieren, fangen sie -dich. Ich bin in der Lage, mit aller Wahrscheinlichkeit zu entkommen. -Morgen um Mitternacht siedelst du um. Spoerri führt dich hin.« - -Ohne Widerstand, ohne Beteiligung ihrer Sinne, verzehrt von der Flamme -dieses über sie hereingebrochenen männlichen Willens nahm die Gräfin -Worte und Befehl hin ... Schicksal. - - * * * * * - -Um neun Uhr war Dr. Mabuse beim Grafen Told. - -Mabuse, wo er zur Flucht sich jede Stunde bereithalten mußte, wollte -jetzt mit dem Gräflein abschließen. - -Er nötigte ihn zum Trinken. Das tat Told seit einigen Tagen mit einer -düsteren Leidenschaft. Schweigend sah Mabuse zu. Als Told betrunken war, -sagte ihm der Arzt: »Sie sind ein durchaus widerstandsloses Individuum. -Wo haben Sie Ihr Rasiermesser?« - -Told zeigte lallend auf den Waschtisch. - -»Ist es geschärft?« fragte Mabuse mit einem lastenden Nachdruck. »Scharf -genug?« fragte er nochmals mit einer Betonung, so scharf, als wollte er -dem Grafen die Frage durch die Kopfhaut einschneiden. - -Mabuse nahm es in die Hand, ergriff einen Papierbogen und schnitt einen -scharfen Riß hinein. Drohend sagte er dann: »Es ist scharf genug. Ja!« - -Darauf legte er das Messer zurück, schob es aber nicht mehr ins Etui. Er -rief den Diener herein und sagte ihm: »Der Zustand des Herrn Grafen hat -sich verschlechtert. Der Herr Graf trinkt Kognak und Tokaier. Gegen -einen leichten Mosel hätte ich nichts einzuwenden. Aber diese schweren -Spirituosen sind nicht erlaubt. Entfernen Sie, was der Graf -übriggelassen hat. Der Herr Graf will ... sich ... zur Ruhe ... -begeben!« - -Das sprach er mit einem auseinandergezogenen, befehlshaberischen Ton. Er -ging dann vor dem Diener aus dem Zimmer und verließ das Haus. - -Eine halbe Stunde später durchschnitt sich der Graf Told den Hals. Er -wußte nicht, was er tat. Er hatte die Empfindung, als hindere etwas in -seinem Hals ihn an einem unerhörten Glück. Er wollte nur dieses lästige -Hindernis entfernen. - -Um zwei Uhr kam ein Bote Mabuses, um sich nach dem Befinden des Grafen -zu erkundigen. Der Diener sagte, er schlafe. Aber er wollte lieber noch -einmal nachschauen. So fand er ihn blutbesudelt, vom Sessel auf den -Boden gerutscht, kalt schon und tot. Der Bote des Arztes kam ins Zimmer, -sah die Leiche und ging. - -Der Diener wußte nicht, was er tun sollte. Er hatte die Meinung, da -keine Verwandten des Grafen in der Nähe waren und die Adresse der Gräfin -ihm unbekannt war, er müsse den Selbstmord zuerst der Polizei anzeigen. -Dann wußte er aber wiederum nicht recht, an welches Amt man solche -Meldungen zu geben hätte, und es fiel ihm ein, daß der Staatsanwalt von -Wenk ja ein Bekannter des Grafen gewesen sei und als letzter ihm -nachgefragt hatte. Er fuhr nach München, suchte den Staatsanwalt auf und -erzählte. - -»Ist der Herr Graf denn immer zu Hause gewesen?« fragte Wenk. - -»Ja, immer!« - -»Weshalb sagten Sie mir denn damals, der Herr Graf sei ohne Adresse -verreist?« - -»Der Arzt hatte mir befohlen, im Interesse des Zustandes des Herrn -Grafen niemanden zu ihm zu lassen und alle Anfrager mit dieser Antwort -abzuweisen. Der Herr Graf empfing niemanden als den Arzt.« - -»Wie hieß der Arzt?« - -»Sein Name wurde nie genannt. Ich weiß es nicht!« - -Da erinnerte sich Wenk, daß der Geheimrat Wendel ihm doch den Brief an -den Dr. Mabuse gegeben hatte, und daß der Graf an seinem eigenen -Fernsprecher jenem telephoniert und mit ihm eine Zusammenkunft abgemacht -hatte. - -Wenk zitterte, als er, von den Schauern eines unerhörten Verdachtes -gestreift, dem Diener das Bild des Dr. Mabuse, wie er es von dem -Vier-Jahreszeiten-Saal her in der Erinnerung hatte, vorzeichnete: ein -großer Mann, etwas vorgebeugt, glatt rasiert und geschoren, ein breites -Gesicht mit einer großen Nase und grauen großen Augen. - -Wie der Diener sagte: »Ja, genau so sah er aus,« wurde Wenk aschfahl. -Mit einem Schlag sammelten sich auseinanderliegende Eindrücke ... nur -angeflogene Vorstellungen, halb angedachte Gedanken, Bilder, die sich -verschleiert, aber nicht verloren hatten ... - -Weshalb hatte der Dr. Mabuse, als Wenk den Saal räumen ließ, nicht -gefragt, zu welchem Zweck das geschehe? Nicht gefragt, ob er nicht nach -der vollbrachten Durchsuchung die Experimente wieder aufnehmen könnte? -Weshalb hatte Wenk, der doch den bekannten Rücken hatte in den Saal -gehen sehen, ihn drinnen nicht wieder zurückgefunden? Weshalb hatten die -zwei Männer, die der Anordnung, davonzugehen, nicht folgen wollten, mit -dem Augenblick, wo Mabuse aus dem Saal trat, dem Beamten plötzlich -gehorcht? Weshalb hatte das Auge dieses Mabuse, so kurz er -hineingeschaut, so eindringlich in ihm nachgewirkt, als suche es etwas, -was verschollen oder nicht aufgefunden tief in seinem Innersten lag? - -Er entließ den Diener. - -Er suchte die Adresse des Dr. Mabuse im Telephonbuch nach. Sie stand -nicht darin. Aber Mabuse hatte ein Telephon; denn der Graf hatte ihn ja -von hier aus angerufen. Der Geheimrat Wendel wußte die Nummer. - -Als jedoch Wenk, nachdem er sich bei Wendel erkundigt, die Nummer -anrief, meldete sich niemand. Er fragte auf dem Auskunftsamt des -Fernsprechers nach und hörte, die Nummer sei aufgehoben. - -Wer denn die Nummer bis vor drei Wochen gehabt habe? - -Das ließ sich so schnell nicht feststellen. - -Wenk fragte nochmals Wendel an. Dr. Mabuse habe seine Rufnummer -geändert. Ob er seine Adresse kenne? Nein, die kannte Wendel nicht. Er -habe von Mabuse nur die Rufnummer gehabt und stets telephonisch mit ihm -verkehrt. - -Auf dem Meldeamt der Polizei fragte Wenk nach der Adresse des Dr. -Mabuse. - -Man fand diesen Namen nicht unter den in München angemeldeten Personen. - -Auf dem Fahndungsamt ließ Wenk alle alten Telephonbücher nach dem Namen -Mabuse durchsuchen. Nirgends wurde dieser Name gefunden. - -Da ging Wenk zum Direktor des Fernsprechamts, um die Nachforschungen -dort zu beschleunigen. Der Direktor führte ihn ins Auskunftsbureau. Dort -waren zwei Fräulein. Die bat er nachzusuchen, worum er schon -telephonisch gebeten hatte. - -»Was wollten Sie wissen?« fragte die eine ältere der Damen. - -Die Adresse des Dr. Mabuse, der vor drei Wochen unter einer Nummer, die -nicht im Telephonbuch stand, in München angeschlossen gewesen sei. - -Das Mädchen sagte, es lasse sich nichts finden. - -Mit diesem Bescheid ging Wenk zum Direktor zurück. Der Direktor sagte, -das sei ganz ausgeschlossen, und begleitete Wenk selber zu dem Bureau -mit den beiden Damen. Er schaute zusammen mit ihnen nach und fand -nichts. - -Aber während der Direktor sich so vergeblich über die Listen beugte, kam -Wenk ein Einfall. - -Als der Direktor ihm meldete, ein Dr. Mabuse sei im Laufe dieses Jahres -überhaupt nicht in München angeschlossen gewesen, bat Wenk, dann -nachzuschauen, unter welcher Nummer und Adresse ein Mann namens -Poldringer eingetragen sei. Da sah er, wie die ältere der Frauen -aufzuckte und sich gleich wieder beherrschte. Doch einen Augenblick -später sagte sie ihm grob, Poldringer gebe es viele in München, und ohne -Vornamen und genaue Adresse könne sie nichts sagen. - -Wenk wandte sich an den Direktor: »Herr Direktor, es tut mir leid, Ihnen -die Unannehmlichkeit bereiten zu müssen: ich verhafte diese beiden -Damen!« - -Er trat gleich zwischen die Frauen und die Weckapparate. »Bitte nehmen -Sie Platz auf diesen beiden Stühlen, bis die Beamten kommen. Sie hier, -Fräulein, Sie dort!« - -Das eine der Mädchen wurde kreideweiß. Das andere errötete zuerst und -begann dann zu weinen. - -Wenk sagte, mehr zu ihm gewandt: »Es ist nur eine Formalität. Sie werden -mir durch Ihr Benehmen ermöglichen, die Angelegenheit ohne Aufsehen sich -entwickeln zu lassen, und es ist wahrscheinlich, daß Sie nicht lange -ohne Aufklärung bleiben!« Dann rief er die Kriminalpolizei an und erbat -sich drei Beamte. - -Der Direktor sah die Listen nach Poldringer durch. Unter diesem Namen -waren mehrere Eintragungen. Die meisten waren Geschäftsleute. Ein -anderer ohne nähere Bezeichnung wohnte Xenienstraße und ein zweiter ohne -Berufsangabe Ludwigstraße. - -Die Mädchen wurden fortgeführt. Wenk ging zur Ludwigstraße. Er kam in -ein Mietshaus, sah sich die Umgebung und das innere Haus an und ging -weiter zur Xenienstraße. - -Ihm blieb das Herz stehen, als er in der Xenienstraße an dem Haus, -dessen Nummer unter dem Namen Poldringer im Telephonamt angegeben worden -war, das Marmorschild sah: - - Dr. _Mabuse_ - _Psychopathologische Behandlung_. - -Er eilte davon, den Kopf zwischen den Schultern. Er merkte sich nur -rasch die Nummern der gegenüberliegenden Häuser. Die Straße bestand nur -aus freistehenden Villen. - -Das Blut trommelte in seine Augen. Das Herz blies Posaunen, in seinen -Ohren war Geschützbrausen. Er hatte den Verbrecher. Nein, er hatte ihn -noch nicht. Er kannte ihn nur! - -Bevor er Weiteres tat, fuhr er zum Gefängnis. Denn die Frist, die die -Carozza erbeten hatte, war um, und was sie ihm nun mitteilen sollte, -konnte ihm die letzten Sicherungen auf das Glücken des Werks geben. - - * * * * * - -Am frühen Morgen dieses Tages, als der Wärter im Frauengefängnis die -erste Runde zu machen hatte, wurde die Tür zur Zelle der Carozza -geöffnet. Die Carozza schlief noch. Sie wurde geschüttelt, und als sie -rasch erwachte, sah sie den Wärter über sich gebeugt. Aber es war nicht -der Wärter, es war Spoerri. Doch nein, sie träumte. Sie war doch im -Gefängnis. Wie kam Spoerri an ihr Bett? Sie wollte die Erscheinung -wegwischen. Doch ihre Hand blieb am Gesicht hängen. Da erhob sie sich -entsetzt. Sie erwachte sofort ganz. Ja, es war Spoerri. Er sagte: »Du -weißt, ich stehe mit dem Wärter im Bund!« - -Die Carozza nickte. - -»Damit wirst du auch wissen, daß er mir gesagt hat, was gestern hier -zwischen dir und dem Staatsanwalt vor sich ging.« - -Die Frau fragte fahrig: »Was war das denn?« - -»Daß du den Doktor verraten willst!« - -Die Carozza sprang aus dem Bett. »Wer sagt das?« schrie sie. - -»Bitte nicht schreien. Der Wärter sagte es.« - -»Es ist nicht wahr!« - -»Der Wärter hat kein Interesse zu lügen!« - -»Hat er dem Doktor es gesagt?« fragte angstvoll die Carozza. - -Da log Spoerri: »Ja, der Doktor schickt mich zu dir, natürlich!« - -»Es ist nicht wahr!« rief, dem Weinen nahe, die Carozza. »Ich wollte ihn -retten!« - -»Kannst du das beweisen?« - -»Ich wollte ihn retten. Spoerri, er ist bedroht!« - -»Er ist immer bedroht. Das ist Unsinn. Kannst du beweisen, was du -sagst?« - -Die Carozza erzählte heftig, was zwischen ihr und dem Staatsanwalt -vorgegangen war. Spoerri entgegnete gleichgültig: »Ich meine, so -beweisen, daß nichts mehr daran zu tüfteln ist? Rasch, bitte. Ich muß in -fünf Minuten aus dem Flur heraus sein.« - -»Was soll ich tun, daß der Doktor mir glaubt?« fragte entsetzensvoll die -Carozza. - -»Der Doktor ist sehr in Sorge, muß ich dir sagen. Er hatte so was nicht -von dir erwartet.« - -»Nein, nein,« stammelte fassungslos die Carozza. »Wie soll ich beweisen -... wie soll ich ... Du weißt doch, Spoerri ...« - -Da zog Spoerri mit einem feinen Lächeln ein Fläschchen aus der Tasche. -»Da drin«, sagte er, »liegt der Beweis.« - -»Wo?« fragte Carozza aufgelöst. - -»Hier drin, meine Liebste, nicht wahr?« - -»Ich verstehe dich nicht,« sagte die Carozza. - -»Ho, das brauchst du auch nicht. Nur zu trinken, weißt du, bloß ein -Schlückchen. Dann glaubt dir der Doktor aufs Wort.« - -Da sah die Carozza das Fläschchen entsetzt an. »Was ist es?« stotterte -sie. - -»Ein Himmelstränkli, meine Liebe. Tut nicht im mindesten weh. Vom Doktor -selber gebraut. Aber wirf es noch rasch zum Fenster hinaus! Ich mache -dir das Fenster schon auf. Vergiß das nicht! Aber ganz rasch, nicht -wahr? Sofort werfen! Denn ohne die Flasche merkt kein Mensch, was dir -geschah. Ja, das erwartet der Doktor. Das ist dann ein Beweis, an dem -nichts mehr zu tüfteln ist. Im übrigen, du kennst uns ja. Selbst ist der -Mann ...« - -Dabei hob er ein Messer aus der Tasche und spielte leichthin mit ihm. Er -warf es an die Tür, und es blieb mit der Spitze wagerecht darin stecken. -Er riß es zurück und sackte es wieder ein. - -»Siehst du,« sagte er. »Aber nun muß ich. Also auf Wiedersehen!« - -Er wollte gehen. Die Carozza sprang ihm nach und krallte sich an sein -Bein an. Sie sank in die Knie. Sie schluchzte: »Ich bin doch jung. Ich -lieb' doch das Leben. Ich habe ihm doch genützt. Ich hoffte befreit zu -werden. Von ihm. Wenigstens befreit, wenn er mich schon nicht lieben -kann.« - -»Na ja,« sagte Spoerri, »aber wie gesagt, er fühlt sich seitdem -beunruhigt. Du kannst es ja halten, wie du willst.« - -Die Carozza: »So befrei' du mich von hier. Ich werde es ihm tausendmal -beweisen, daß er meiner sicher sein kann. Ich gebe mein Leben für ihn -...« - -»Bitte!« warf Spoerri roh hinein. - -Aber die Frau, losgelassen: »Was bin ich denn? Ein Schatten, der hinter -ihm hergeht und sich vor ihm verbirgt, ohne sich von ihm trennen zu -können. Tausendmal ... tausendmal ... Befrei' mich ...« - -»Und wenn wir dabei erwischt werden, hängen wir beide, hat er gesagt. -Und wer weiß, ob sie dann nicht auch an ihn kommen.« - -Da war die Carozza auf einmal gefaßt und sagte: »Gut, es ist wahr! Geh! -Und sage ihm ... Nein, du brauchst nichts zu sagen. Ich will dann ja -nichts mehr von ihm ...« - -Spoerri ging rasch. Das Fläschchen blieb in der Hand der Carozza. Es war -an ihren fiebrigen Fingern warm geworden. ... Er glaubt mir nicht, sagte -sie zaghaft. Der Doktor glaubt mir nicht mehr. Sonderbar -- gibt es für -irgend etwas auf der Welt mehr Beweise als dafür, daß meine Gedanken ihm -treu waren? O, dies Leben, dies schmutzige, unverständliche, zerstörende -Leben! Dies furchtbare Leben! ... - -»Komm!« sagte sie zur Flasche. »Nein, daran brauchst du nicht mehr zu -tüfteln, du ... Mann! Du süßer Mörder! Du Erwürger ... Scheusäligkeit, -Seligkeit, du ...« - -Das schrie sie. - -Dann erschrak sie vor ihrem Schreien, als ob sie damit das geliebte -Leben in Gefahr bringen könnte. Sie riß den Stöpsel vom Fläschchen, und -mitten in der Zelle stehend, trank sie, warf einen Augenblick darauf die -Flasche in das feurige Fensterloch, in das der Morgen der freien Welt -draußen wie die Mündung einer losgehenden Kanone hereinschoß ... - - * * * * * - -Wenk stand vor dem Verwalter des Gefängnisses. »Ja, Herr Staatsanwalt, -wir haben Sie leider nicht verständigen können. Sie waren nicht zu -erreichen. Ein Herzschlag scheinbar, sagt der Arzt. Sie lag heute früh -tot in der Zelle.« - -Wenk ging zwischen Enttäuschung und Grauen in die Zelle. Sie war leer. -Die Pritsche noch unaufgeräumt. Die Kleider der Carozza lagen auf einem -Schemel. Wenk sah sich um und wollte wieder gehen. Da war ihm, als habe -auf dem Fenstergesims etwas aufgeleuchtet. Er trat zurück, untersuchte -das Fenster und fand einen kleinen Glasscherben, der gerundet war und -einen starken Geruch ausströmen ließ. Wenk stieg auf einen Stuhl. -Draußen fand er noch einen Splitter. Er ging in den Hof hinab, und bald -hatte er die Überreste des Fläschchens zusammen. Es hatte sich an einem -Eisenstab des Gitters zerschlagen. Wenk ließ die Glasreste untersuchen. -Es waren Spuren von Giften daran. - -Er ging zu Fuß nach seiner Wohnung zurück. Ein neues Opfer, sagte er -ununterbrochen. Ein neues Opfer ... Dann, auf dem Wort Opfer -weiterspielend: Ein wirkliches Opfer. Denn diese hat sich selbst -geopfert! Das fühlte er. Diese Dirne war als ein Opfer ihrer Liebe -gestorben. Sie hätte mir doch nichts gesagt, ahnte er nun. Sie wollte -mich bloß irreführen, um Zeit zu haben, jenen zu warnen. Ich habe kein -Glück bei Frauen. - -Er war tief ergriffen. Weshalb, fragte er sich, sind diese starken -Seelen immer nur auf der andern Seite zu finden? Immer beim Bösen? Und -als am nächsten Tag die Carozza begraben wurde, stand er als einziger -Leidtragender am Grab. Langsam nur fand er sich zur Arbeit zurück. - -Aber dann war er Hals über Kopf in sie hineingesunken. Er stellte Pläne -auf, den Dr. Mabuse in seinem Hause zu fangen. Das erste, was zu -geschehen hatte, war, daß man auskundschaften mußte, wann ganz sicher -jener sich in seinem Hause befand. Dann mußte man wenigstens sich die -beiden Hauptleute sichern, parallel in der Xenienstraße und in Schachen -vorgehen, keine Zeit lassen, daß einer den andern benachrichtigen -konnte. - -Die Vorbereitungen mußten bis aufs äußerste ausgearbeitet werden. Und -dann mit einer Überrumpelung, die nicht länger als drei Minuten dauern -durfte, losgeschlagen werden. Denn ein Mann, der mit einer solchen -Kühnheit mitten in der Stadt bis in die Domäne der staatlichen Justiz -hinein solche Verbrechen durchführen ließ, hatte sich in seinem Hause -gegen Überfälle aufs beste gesichert. Das war unumstößlich. - -Über diesen Vorbereitungen verging Zeit. - -Zuerst mußte sich Wenk eine der beiden gegenüberliegenden Villen als -Beobachtungsposten sichern. Er nahm dazu die Hilfe des alten Hull in -Anspruch. Er fuhr gleich zu ihm. - -»Können Sie mir einen großen Dienst leisten?« fragte er. »Lassen Sie -durch einen Vertrauensmann in einer der Villen Nr. 26 oder 28 in der -Xenienstraße ein Stockwerk oder besser die ganze Villa mieten. So wie -sie ist. Es muß übermorgen beziehbar sein. Kosten spielen keine Rolle. -Ich brauche das Haus für zwei oder drei Wochen. Das Frühjahr ist da. -Vielleicht wünscht eine Partei eine kleine Reise zu finanzieren.« Hull -begab sich gleich ans Werk. - -Von Lindau erbat Wenk den sofortigen Besuch des Kommissars von der -Straßenwalze. Der Kommissar kam mit dem Schnellzug um elf Uhr nachts. - -»Herr Kommissar, die Sache ist reif!« sagte ihm Wenk. »Sie müssen sich -bereithalten, in jedem Augenblick loszuschlagen. Ich überlasse Ihnen den -Plan. Sie haben ja reichlich Zeit gehabt, die Geographie und die -Gelegenheiten kennen zu lernen. Nur müssen Sie mit dem Augenblick des -Eintreffens meines Befehls: Villa Elise verhaften! was gehst du, was -hast du, vom Leder ziehen. Tot oder lebendig. Man wird ein zweites Boot -auf den See legen. Für die Landseite verdoppeln Sie die Zahl Ihrer -Leute. Die Straßenwalze führen Sie fort. In Schachen beginnt jetzt die -Frühjahrssaison. Halten Sie sich mit sechs bis acht Mann als Strandgäste -dort auf!« - -Um sieben Uhr am andern Morgen reiste der Kommissar zurück. - -Um elf Uhr kam der alte Hull mit einem Mietsvertrag für die Villa 26 in -der Xenienstraße. »Es wohnt ein junges Paar da,« sagte er, »dem mein -Vorschlag, wie es scheint, sehr zu recht kam. Sie wollten nach der -Schweiz, wo die Eltern wohnen, und hatten nur vor der Valuta -zurückgeschreckt. Ich bot ihnen fünftausend Mark für den Monat. Diese -werden sie in Franken umwechseln. Ich schädige unsere Valuta ...« - -»Aber Sie nützen der Heimat, Herr Hull! Sie werden sich bald davon -überzeugen,« sagte Wenk. - -»Sie können von heute abend sechs Uhr an die Villa beziehen!« - -Um sechs Uhr hielt Wenk in der Kleidung eines grünen Radlers seinen -Einzug in die leere Villa. Er ließ das Rad draußen stehen und suchte -sich gleich ein Fenster aus, das ihm paßte. Er war ganz allein im Haus. -Er verdeckte sich hinter einem Spitzenvorhang und schaute auf die -Straße. - -Das erste, was er sah, war, nachdem er so eine Viertelstunde Posten -gestanden hatte, daß jemand das Rad draußen stahl und damit fortsauste. -Er hatte niemals einen Verbrecher bei der Tat gesehen. Dies Letzte -seines Berufs war ihm erst heute vergönnt. Er leitete es als eine gute -Vorbedeutung in sein Gemüt und lachte über die komische Hast, mit der -der Dieb Umschau hielt, aber schon auch das Rad zwischen den Schenkeln -hatte. - -Er überblickte zwei Stunden lang in einem Stück die Haustür und die -Gartentür, die Fenster, das Dach der Villa Mabuses. Kein Mensch kam noch -ging. Wenk blieb bis Mitternacht. Nichts! Er schlief am Fenster ein, -wachte wieder auf, schaute und schlummerte wieder ein bißchen und -erwachte dann erst, gerädert, im hellen Morgenlicht. - -Wenks Diener als Ausläufer von Oberpollinger brachte ihm das Frühstück. - -Es wurde ein langer Tag. Wenk zog sich den Fernsprechapparat ans Fenster -und rief mehrere Bekannte und Ämter an. - -Endlich, abends sechs Uhr, hielt gegenüber ein Auto. Kaum hielt es, so -fuhr es wieder an und davon. Ein Herr schritt auf die Haustür zu. War es -aber Mabuse? Nein -- denn es war ein alter Herr, der die unverkennbaren -Schritte eines Tabetikers machte. Vielleicht ein Patient. - -Dann sah Wenk bald darauf einen Kaminfeger das Haus verlassen. Der -Kaminfeger ging rasch und lustig, eine Zigarette hoch in die Luft -dampfend. Wenk hatte den Kaminfeger nicht ins Haus hineingehen sehen. -Das war ein Zufall gewesen. Der alte tabetische Herr blieb lange. -Wartete er so lange auf den Arzt? Oder war es ein Helfer Mabuses? Das -war zweifelhaft. Aber es durfte nichts überstürzt werden. - -Die Dämmerung waltete bereits stark, als ein Mann mit einem Paket drüben -an der Haustür klingelte, die mit einer überraschenden Schnelligkeit -sich öffnete. Nach einer halben Stunde kam dieser Mann wieder heraus. - -So ging es noch einmal. Auch in der Nacht kamen und gingen ab und zu -Menschen. Dasselbe wiederholte sich am nächsten Tag. - -Am dritten Tag wurde Wenk in der Frühe angerufen. Es war sein Diener. -Die Kriminalpolizei habe ihm etwas Wichtiges mitzuteilen. Es sei in der -Nacht etwas in einem Spielsaal vorgefallen. Ob er einen Beamten zum -Berichte wünsche? - -Ja, er solle nur in irgendeiner Lieferanten-Uniform kommen. - -Der Beamte kam eine halbe Stunde später, als Telephonarbeiter gekleidet, -und berichtete: Gestern nacht kam ein junger Mann auf die Wache und -erzählte, in dem geheimen Spiellokal von Schmitz hätten sie Bakkarat -gespielt. Ein alter Herr, der zweifellos Tabetiker sei, habe mitgespielt -und immer verloren. Als es drei Uhr morgens war, habe der alte Herr -einen Wutanfall bekommen, habe etwas gerufen, und da seien auf einmal -drei Männer, die mitgespielt hatten, auf den Tisch gesprungen. Mit -vorgehaltenen Revolvern hätten sie »Hände hoch!« gerufen. Ein vierter -sei dann von Mann zu Mann gegangen, habe das Geld vom Tisch und alles -Geld aus den Taschen der Mitspieler genommen. Ihm hätten sie -zwölftausend Mark geraubt. Den alten Herrn aber hätten sie ruhig -gelassen. Der sei dann aufgestanden und sei fortgegangen und war auf -einmal ganz gesund. Zwei von den Räubern haben ihn hinausbegleitet. Die -andern haben den Rückzug gedeckt. Draußen hatten die Räuber zwei -Automobile. - -Diese Meldung erregte Wenk. - -Seinen Plan störte das Ereignis nicht. Im Gegenteil zeigte seine -Verwegenheit, daß Mabuse sich sicher fühlte. Aber Wenk hing hier in dem -fremden Haus an der Gardine wie eine schlafende Fledermaus, und der -Verbrecher ging in der Stadt seine Wege mit einer Kühnheit, als habe er -niemanden und nichts zu fürchten. - -Er nahm sich sein Recht. Wie konnte es anders sein, wenn er, der -Staatsanwalt, der damit betraut war, ihn zu fangen, sich hier an die -Fenstervorhänge klebte! - -Wenk verließ kurz entschlossen seinen Posten und kam erst abends zurück. -Er hatte den Befehl gegeben, die Laterne vor Mabuses Haus zu löschen, -indem man die Scheibe einwarf und den Glühkörper zerstörte. - -Es war eine dunkle Nacht. Wenk schlich sich in den Garten der Mabuse -benachbarten Villa, sobald sich deren Fenster verdunkelt hatten. Er -hatte einen Behälter mit geschwärztem Mehl bei sich. Er kletterte über -den Zaun in Mabuses Grundstück, schlich vorsichtig zum Gartenweg und -verteilte das Mehl in einer dünnen Schicht über ein Stück des kurzen -Dammes zwischen Gartentür und Haus. Darauf eilte er über den Zaun in den -Nachbargarten zurück und von dort in seine Nummer 26. - -Eine halbe Stunde später verließ jemand das Haus Mabuses. Wenk erkannte -nichts von der Person. - -Anderthalb Stunden nachher kamen Schritte in der Straße unter seinem -Fenster vorbei. Er sah einen Mann, der Soldatenuniform trug. Der Mann -ging plötzlich zum Haus Mabuses hinüber. Er verschwand in dessen Tür. - -Wenk stieg wieder hinab und klemmte sich wieder in einen Busch der -Mabuse benachbarten Villa. Nach einer langen Weile hörte er Mabuses Tür -gehen. Er sah im Sternenschein, daß eine ältere, beleibte Dame das Haus -verließ. Sie ging auf die Straße. Fast im selben Augenblick tauchte dort -ein Auto auf. Die Dame stieg rasch hinein, und das Auto jagte davon. - -Wenk überkletterte wieder vorsichtig den Hag, der zwischen ihm und -Mabuses Garten war, kroch auf allen vieren über den Rasen zum Weg, den -er mit dem Mehl bestreut hatte, und beleuchtete eilig mit einer kleinen -elektrischen Taschenlaterne den Boden. Da sah er, daß die Sohlenabdrücke -von allen drei Personen von genau denselben Schuhen herrührten. - -Also, der zuerst herausgekommen war, der Soldat und die Dame waren ein -und derselbe Mensch. Und gestern und vorgestern, ging es Wenk auf, der -Kaminfeger, der Tabetiker, der Mann mit dem Paket ... alle dieselbe -Person und alle -- Mabuse! - -Wenk blies vorsichtig den Mehlstaub fort. - -Diese Nacht mußte die Entscheidung bringen. Sturmtrupps der Polizei -lagen auf den beiden nächsten Wachen bereit. Sie waren gerüstet, in -jeder Sekunde aufzubrechen. Wenn Wenk Mabuse sicher im Hause wußte, -eilte er in seine Nr. 26 hinüber, rief an, und drei Minuten später -konnten die Polizisten das Haus Mabuses umstellt haben. Das Sprengen der -Tür kostete eine halbe Minute. Sechs Mann blieben draußen und umstellten -in drei Minuten das Haus. Sechs stürmten mit ihm hinein. War Mabuse in -seiner Hand, flog der Befehl nach Schachen. - -Wenk schlich rasch in den Nachbargarten zurück. Er legte sich flach auf -die Erde und wartete. Die Erde atmete die Wärme, mit der sie sich aus -dem Spätfrühjahrstag vollgesogen hatte, um seinen Leib. Er spürte die -Kraft des Bodens. Und in einem Gefühl der höchsten Spannung, jetzt, zwei -Stunden, eine Stunde, vielleicht nur Minuten vor dem Gelingen seines -Werkes, war ihm, als durchbrauste eine Musik, in der alle Geheimnisse -des Menschenblutes tobten, sein Herz. Tränen füllten seine Augen. Mit -Liebkosungen suchten seine nackten Finger den dunstenden Erdboden. Es -war ihm, als fühlte er das entblößte Herz der Menschheit, für die er -sein Leben aufs Spiel setzte. - -Sein Entschluß war, hier zu liegen und zu warten, bis Mabuse in -irgendeiner Verkleidung zurückkam. Er konnte nicht mehr fehlgehen. War -jener drinnen ... wie in einer Mausefalle drinnen im Hause ... so eilte -Wenk hinüber und rief seinen Befehl in den Fernsprecher. - -Aber bevor es soweit war, sollte er noch eine Erfahrung machen, die ihm -das Herz still stehen und einen Schrei in seinen Mund treiben ließ, -durch den er sich beinahe verraten hätte. Ein Auto kam die Straße -herauf. Es hielt mit einem schreienden Ruck vor Mabuses Gartentür. Aber -niemand stieg aus. Nein, die Tür Mabuses öffnete sich, und es kam jemand -die Stiegen herunter, und als dieser Mensch ins Licht der Scheinwerfer -trat, sah Wenk, daß es die Gräfin Told war. - -Wenn er nicht im selben Augenblick seinen Mund in den Erdboden gepreßt -hätte, wäre sein Schrei gehört worden. - -Das Auto raste den Weg zurück, den es gekommen war. Frauenräuber! -Gattenmörder! tobte Wenks Blut auf. - -Das also war das Geheimnis vom Tode des Grafen Told! Ein Teufel und ein -Werwolf! rief es durch ihn. - -Wenk fühlte auf einmal die Kühle der Nacht unter seinen Kleidern. Er -zitterte. Bekam er Fieber vor der letzten Minute? Er kämpfte alles in -sich nieder. Er hörte in der Stille der Nacht sein Blut wie einen -Wasserfall am Trommelfell rauschen; so war er mit aller Energie auf der -Lauer und lauschte dem, was kommen sollte. - -Es schlug zwölf Uhr. Ihm war, als bebte die Stadt vom Schlag der -Glocken. Als müßte dieser Glockenschlag in das unbekannte Haus -eindringen, in dem irgendwo gerade das Scheusal war, und jede Tonwelle -werde ein wogendes Messer, das ihn zerfleischte. - -Der Glockenschlag der Mitternacht ging vorüber. Ein Schritt hallte nah -oder fern. Wenk konnte es nicht unterscheiden. Von der Stille und der -erwartenden Gespanntheit trommelten seine Ohren laut. - -Auf einmal kreischte die Gartentür. Im Sternenlicht war eine breite -weiße Hemdenbrust zu sehen. Sie leuchtete. Ein Mann kam rasch auf die -Haustür Mabuses zu ... und in dem einen Augenblick, wo vor dem Öffnen -der Tür die Gestalt des Mannes da oben stand, erkannte Wenk trotz der -Dunkelheit ganz genau, daß diese Gestalt der Dr. Mabuse war. - -So schloß sich das Netz. - -Wenk wartete drei, vier Minuten. Stürzte die Stadt nicht ein in diesen -etlichen Minuten? Quoll das Pflaster nicht auf? Tobte der Jüngste Tag -nicht vom Himmel herunter? - -Dann raffte er sich auf und, steif wie ein Blech, überkletterte er den -Zaun auf die Straße und eilte hinüber zu Nr. 26. Er stürzte in der -Finsternis hinauf, fiel an den Fernsprecher, rief die Nummer und dann an -die Wache die Befehle, die er vorbereitet hatte. Er hatte nur die Straße -und die Hausnummer zu nennen, die er bisher der Sicherheit wegen -geheimgehalten hatte. - -Ein Motorfahrer sollte gleich beim Eintreffen der telephonischen Meldung -zur zweiten Wache. Unmittelbar nach ihm sollte das Auto mit der ersten -Mannschaft ihm folgen, an der zweiten Wache mußten die vom Motorfahrer -alarmierten Leute gleich auf das Auto und zusammen mit dem inzwischen -angekommenen Fahrzeug der ersten Wache zu dem Haus rasen. So war es -abgemacht. - -Wenk hastete, nachdem er telephoniert hatte, wieder hinab. Er stellte -sich in die dunkle Haustür und wartete darauf, den Klang der Automobile -die Straße herauf zu hören. Verbrannte er nicht? Nein, er biß sich auf -die Zähne. Er krampfte alle Muskeln. Er mußte kalt und hart sein. Stahl! -Stahl! Stahl! - -Er brauchte nicht lange zu warten. - - - - - XVII - - -Das Haus wurde von den dazu bestimmten Polizisten umzingelt, während -Wenk an der Spitze der andern zur Haustür hinaufeilte und auf die -Klingel drückte. - -Doch schon war die Sprengbombe bereitet. - -Mabuse war noch nicht zu Bett gegangen. Der Lärm, der unerwartet die -Straße erfüllt, hatte ihn an die Luke getrieben, die in einem der -geschlossenen Läden über der Haustür angebracht war. Er sah im ersten -Blick: es war die Polizei! - -Er erschrak nicht. Er sammelte sich nur. Aus allen Geweben und Gefäßen -zog er die Kraft, die ihnen innewohnte, in sein Hirn. Er befand sich vor -einem Augenblick, den er Tausende von Malen sich selber vorgeschildert -hatte. - -Während er das Gesicht an den Spion hielt und sich nichts von dem -entgehen ließ, was draußen im Licht der Scheinwerfer, die sein Haus von -allen Seiten in Grellheit badeten, geschah, zog er eilig aus dem -Schrank, den er, ohne seinen Posten zu verlassen, erreichte, eine -Polizistenuniform heraus. - -Er hörte die Hausglocke läuten. - -In der Wand hatte er ein Telephon. Es war eine Leitung, die er zusammen -mit Georg während einiger Nächte durch den Boden zu einer Villa gelegt -hatte, die auf der Hinterseite mit seinem Grundstück zusammenstieß. Er -drückte das verabredete Alarmzeichen auf den Wecker. »Spoerri?« - -»Ja!« - -»Die Polizei ist im Begriff, bei mir einzudringen. Fliehn Sie nach -verabredetem Programm. Die Gräfin holen. Das neue Auto für mich -bereiten. Zündung ausprobieren. Tauben nach Schachen! Schluß.« - -Während er noch sprach, begann er eilig über seine Kleider die -Polizistenuniform anzuziehen. - -Da flog der Knall der Explosion durchs Haus, unter der sich die Haustür -öffnete. Ein Stuhl flog um. Mit einem Satz war Mabuse im Flur. - -Mabuse befand sich, als das geschah, im ersten Stockwerk. Dies Stockwerk -war für sich gegen die Treppe abgeschlossen. - -Hinter dem ersten Polizisten, der durch die Fetzen der Tür ins Haus -drang, lief Wenk, einen schweren Revolver in der Hand. Er war betroffen -von der Vornehmheit der Einrichtung. In einem verschwenderischen -Reichtum waren die Täfelungen aus edeln Hölzern ausgearbeitet, mit den -kostbarsten alten asiatischen Teppichen behängt. Er sah das im Laufen im -ersten Blick. - -Stumm wies er die, die hinter ihm kamen, die Treppe hinauf. Er selber -und die dazu bestimmten Leute verteilten sich auf die drei Türen, die -aus der untern Halle abgingen. Sie waren alle drei abgeschlossen. In -einer Minute waren sie aufgesprengt. Die Polizisten sausten durch die -Löcher in die Zimmer. Einer gleich an die elektrischen Lampen. Aber alle -elektrischen Lampen waren ausgeschaltet. - -Sechs Polizisten waren die Treppen hinaufgestürmt. Die Tür, die in den -getäfelten Wänden des ersten Stocks diesen gegen das Treppenhaus -abschloß, war offen. Die Männer stürzten hinein in einen dunkeln Flur. -Sie hielten die Revolver vor. Sie durchwühlten mit den Spitzen ihrer -Revolver die Gegenstände, die aus der Dunkelheit gegen sie ragten. -Nirgends ging das elektrische Licht. - -Es dauerte eine Weile, bis genügend elektrische Taschenlampen zur -Verfügung standen. Dann waren im Nu alle Zimmer besetzt, und die Türen, -die auf den Flur führten, schlossen die Beamten hinter sich ab. Sie -zogen die Schlüssel heraus. Sie machten sich, als sie niemanden in den -Räumen sahen, über die Kisten her und brachen sie mit den Äxten auf. - -Mabuse lauschte dem Lärm, der sein sonst so schweigsames Haus wie eine -Fabrik erschütterte. - -Er hatte, als er sich das Haus einrichtete, neben die Tür, die ins erste -Stockwerk hineinführte, in das Täfelwerk eine Kabine einbauen lassen. -Ein Zimmermann, der zu seiner Bande gehörte, hatte ihm die Arbeiten -gemacht. - -Diese Kabine, durch eine Architektur, die von hervorragender -Geschicklichkeit war, verbarg sich unsichtbar in der Raumausgestaltung -des Flurs, von dem aus man hineinkam. Aber die Tür, die vom innern Flur -in diese geheime Kabine ging, war so in die Verzierungen des Getäfels -eingefaßt, daß niemand eine Öffnung dort vermuten konnte. - -In diese Kabine war Mabuse gesprungen, als er die Explosion der Haustür -gehört hatte. In ihr hatte er einen zweiten Apparat nach der anderen -Villa. Während die Treppen noch den Lärm der Heraufstürmenden durch die -Holzwände über ihn warfen, drückte er auf den Weckknopf und nahm das -Hörrohr. - -Aber niemand antwortete mehr von der anderen Villa. - -Spoerri war also schon fort. - -Nun kam der Augenblick, wo das Wagnis begann und Rettung oder Tod gleich -nah waren. - -Die Kabine hatte eine zweite Tür. Diese, ebenso wie die innere, in die -Architektur des Getäfels eingepaßt, dem Auge unauffindbar, öffnete sich -unmittelbar auf die Treppe. An diese Tür legte Mabuse das Ohr. - -Er vernichtete alle Sinne in sich mit der geisterhaften Kraft seines -Bluts, um nur Trommelfell sein zu können. Geräusche, Stimmen, -Axtschläge, Rufe, Schimpfworte, Befehle, anknipsende Taschenlaternen, ja -bis zu dem leisen Fauchen hinaus, in dem die Azetylen-Scheinwerfer -atmeten, empfing er wie ein Mikrophon. - -Aber nur auf eines mußte sich das Trommelfell einstellen: auf die erste -Sekunde, auf die erste Abbröckelung einer Sekunde, in der es keinen -Schritt, keinen Lärm, nicht einmal das Atmen, nicht einmal das Stehen -eines Menschen auf der Treppe hörte. - -Dieser Splitter eines Augenblicks mußte eintreten, bevor sämtliche Räume -des Hauses nach ihm durchsucht waren und man ihn nicht gefunden hatte. - -Dann konnte ... dann würde die Flucht gelingen! - -Es war ihm, als spüre er wie auf der Trommel einer Zentrifuge sein Blut -versprühn und auf das Trommelfell als einen nadelspitzendünnen Strahl -niedergehn, der sein Gehör für diese notwendige Fähigkeit vorbereitete. -Alles Blut zog sich aus den Nerven des Fühlens, Sehens, Schmeckens, -Riechens. Sein Wille schlug sich wie eine triumphierende rote Bande -durch seinen Leib. Sein Ohr wurde in seinen Vorstellungen so groß wie -der Bodensee und so fein wie der Gesang eines Edaphonfadens in dem -Bröckchen Erde, das er an seinen dünnen Lackschuhsohlen kleben fühlte. -Alles andre in ihm ward ein Eis, ward anästhetisiert. Aber sein Ohr eine -vulkanische Brunst am Herzen der Erde, aus der er lebte. - -Und da hörte er den ersehnten einzigen, den von Posaunen und Kanonen -umbrandeten Blutschlag, der ihn retten sollte. - -Er stieß die schmale Tür zur Treppe auf. Er rannte aufs Geratewohl -hinaus und hinab, bevor er noch nachkontrolliert hatte, ob sein Ohr ihn -nicht getäuscht. Aber er sah gleich: es glückt! - -Im Flur stand unten ein Polizist. Mabuse rief ihm zu: »Er hat sich im -Badezimmer ... Er hat sich im Badezimmer ...« - -Mabuse sieht sie noch alle herauslaufen aus einem Zimmer unten und die -Treppe anstürmen. In der Haustür stehn zwei Männer. Sie stehn mitten in -der zertrümmerten Tür, und die Fetzen des Holzes, rund um ihre Körper -hervorragend, scheinen ihnen wie die Spieße eines Heiligenkranzes in die -Rücken einzudringen. - -»Verstärkung holen ...,« schreit Mabuse, als er bei ihnen ist, »... im -Badezimmer verschanzt ...« - -Sie lassen ihn durch. Er läuft, die eine Hand zum Wegschieben benutzend, -mit der andern den Browning haltend. - -... Ja, er kommt hinaus ... - -Die Nacht brennt von den Scheinwerfern, ein Feuerwerk der Freiheit und -der Beglückung um ihn. Entzückte, flammende Visionen besprühen seinen -Geist und sein Herz. Er trinkt das Licht draußen in vollen Zügen in die -Augen. - -»Was ist?« schreit einer der Männer draußen auf den Einstürmenden. - -»Befehl des Staatsanwalts ... Verstärkung holen! Badezimmer verschanzt!« -schreit Mabuse zurück. - -»Nimm das Motorrad!« brüllt der andre. - -Auch das noch! Mabuse hat es schon unter den Schenkeln. Er fällt hinein, -er bettet sich hinein. Er fällt wie von einem Turm herab in ein -weltengroßes Polster. Und die Nacht saugt ihn wie ein befreundetes -Ungeheuer fort aus den Scheinwerfern und aus der Hatz, mit der sie ihn -fangen wollten. - -Eine Viertelstunde später wirft er das Rad in den Würmkanal und schwingt -sich in den neuen kleinen Rennwagen wie auf eine Wolke. Der Rennwagen -streckt den Schnabel nach Südwesten und rast schnaubend und wie ein vor -Entzücken der Schnelligkeit zirpendes Geschoß die Chaussee dahin. Der -Wagen ist gepanzert ... - - * * * * * - -»Was ist los?« rief Wenk den davonstürmenden Polizisten nach. - -»Er ist im Badezimmer. Er hat sich verschanzt!« schrie einer zurück. - -Wenk raste die Treppen hinauf. »Wo?« - -»Im Badezimmer!« brüllte es von allen Seiten. - -»Alle Mann zum Badezimmer!« kommandierte Wenk. - -Man lief. Die kleinen Scheinwerfer der Taschenlaternen rasten an den -Wänden ineinander und durcheinander. Wohin läuft man? Zum Badezimmer! -Fünfzehn Mann stürzten zum Badezimmer. - -Da fragte Wenk: »Wo ist denn das Badezimmer?« - -Aber niemand wußte, wo das Badezimmer war. - -Und nun schrie es durch alle: Was war das? Was war das? - -Die Zimmer wurden kopfüber gestellt. Die losgeschraubten Sicherungen -wurden am Schaltbrett wieder angedreht. Helligkeit wirft sich durchs -Haus. Die Räume glänzen ... Reichtum und Pracht, Gemälde, Teppiche, -Bronzen, Möbel. Das Badezimmer wurde gefunden. Es hatte eine Wanne aus -Marmor. - -Aber das ganze Haus war leer! - -Wenk raufte sich die Haare. Ihm war, als sei er ein leerer Schacht, und -alles Gute, Schöne, aller Erfolg, Stolz, alles sei durch den Schacht -hinab in ein unauffindbares Loch gefallen. - -Man ging mit den Äxten an die Wände. Man vermutete etwas. Und bald hatte -man die Lösung des Rätsels und die geheime rettende Kabine gefunden. - -Aber Wenk faßte sich. Es stand noch irgendwo eine zweite Mausefalle. In -Schachen! Die Villa Elise! - -Der Staatsanwalt brauste zur Zentrale des Fernsprechamts. Alle Linien -wurden für ihn geschlossen. Er hatte alles bis aufs letzte vorbereitet. -In Strahlen um München herum waren die Landstraßen unter den Augen der -Polizei! Die Strecke München-Lindau hatte acht Posten und jeder einen -Fernsprecher, der in einer Minute die Ereignisse, die vor ihm geschahen, -durch die Nacht nach München warf. - -Wenk gab Alarm nach allen Richtungen. - -Er hatte durch den Kniff Mabuses reichlich eine halbe Stunde versäumt. -Wenn es ginge, wie er es sich dachte, und wenn er das Auto des -Fliehenden auf achtzig bis neunzig Kilometer schätzte, so blieben zehn -Minuten, bis Buchloe den Durchgang melden mußte. - -Aber kaum hatte er das berechnet, mit dem Bleistift am Rand der -Kilometertafel, so meldete Buchloe. - -Wenks Herz sang auf. - -»Hier Buchloe! Ein Auto gerade durch! Polizeiwidrige Schnelligkeit. -Richtung Kempten. Großer gedeckter Wagen!« - -Es war 2 Uhr 10. Eine Viertelstunde später kam Kaufbeuren. - -»Großer gedeckter Wagen etwa achtzig Kilometer Geschwindigkeit soeben -durch. Richtung Kempten.« - -Es war 2 Uhr 25. - -Wenk begann rasch die Schnelligkeit auszurechnen, mit der der Wagen -fuhr. - -Aber da meldete sich Buchloe ein zweites Mal: »Ein zweiter Wagen soeben -durch! Kleiner offener Wagen mit einer Person!« - -Und zehn Minuten später folgte Kaufbeuren mit derselben Meldung. - -Sie fliehen truppweise. Der zweite Wagen fuhr schneller. In ihm wird -Mabuse sein. Im ersten Helfershelfer! - -Ober-Günzburg meldete die Durchfahrt der Wagen schon in einem Gespräch. -Der zweite Wagen folgte dem ersten, als der Beamte gerade den Durchgang -des ersten angezeigt hatte. - -Einen ähnlichen Bericht brachte Buchenberg. - -Da hielt Wenk es an der Zeit, Schachen anzurufen. Er gab die Anweisung, -das Eintreffen von zwei Wagen abzuwarten und dann nach dem -vorgezeichneten Plan loszuschlagen. Der Mann, auf den es vor allem -ankäme, trage wahrscheinlich die Uniform eines Münchener Polizisten. Man -solle sich dadurch nicht irremachen lassen. Das sei Mabuse! - -Wir haben sie sicher, sang alles in Wenk, als weiter Meldung auf Meldung -folgte. Und alle Meldungen ihm versicherten, daß der Weg der Fliehenden -auf Schachen ginge. - -Ortsnamen auf Ortsnamen glühten vor Wenk an der Namenstafel auf. Aus der -Nacht riefen ihn Dörfer und Städtchen an und banden sich an ihn. -Unsichtbares Geisterband warf er über Landschaften, die bis an die -Grenzen des Reiches gingen. Die heimliche Tat einer weiten Landstraße -riß er so aus der Finsternis an sich, und die Landstraße wußte nichts -davon. Er hatte mit dem kleinen Hebel diese ganze ungemessene, in -Finsternis gehüllte Chaussee, über die die Tat tobte, in seiner Hand. - -Die Etappen, die er eingerichtet, hatten ihm nicht versagt ... ihm, dem -Feldherrn. Keine einzige! - -»Hergatz« leuchtete es auf, und das kleine Geräusch des Weckers in der -Maschine vor ihm erscholl ihm so vertraut, als sei es sein Name, der -gerufen wurde. - -»Ja!« sagte er, »Staatsanwalt Wenk, München!« - -»Ein kleines offenes Auto mit großer Schnelligkeit vorbei auf Lindau zu. -Zwei Personen drin. Doch nicht sicher erkannt.« - -»Danke. Lassen Sie die Verbindung offen! Es wird noch ein Auto kommen!« - -Wenk wartete. Er hörte in den verstummten Drähten alle Geräusche, die -die Nacht zwischen München und einem kleinen Ort Hergatz, in dem er nie -gewesen, summte. - -»Sind Sie noch da?« fragte Wenk nach einer Weile. - -»Jawohl!« - -»Ist das zweite Auto noch nicht vorbei?« - -»Nein!« - -Nach einer Weile fragte Wenk wieder. »Nein!« hörte er nochmals. - -Eine Viertelstunde rief er Hergatz von neuem an. - -Es kam kein anderes Auto, antwortete der Beamte. - -Da warf Wenk erregt die Landkarte vor sich auf. Er suchte fieberhaft. -Buchenberg -- Isny -- Gestratz -- Opfenbach ... da Hergatz! Und hinter -Isny bog eine Landstraße nach Wangen und dem Württembergischen oder -links eine andere nach dem Österreichischen. - -Wenk rief Wangen an. Aber es antwortete nicht. Er wiederholte. Er ließ -zehn Minuten im Sturm läuten. Es war vergeblich. Wangen hatte er nicht -in seine Berechnungen und nicht in seine Vorbereitungen gezogen. Nach -dem Österreichischen aber konnte er keine Weisungen geben. Über diese -Gebiete erstreckte sich die Macht seines Hebels nicht mehr. Ein Auto -entwand sich ihm. Ein Auto wurde ihm von der Nacht gestohlen, von den -fremden, feindseligen, in Finsternis gehüllten Straßen entrissen. - -Aber dann überlegte er sich, es könnte eine Panne den großen Wagen auf -den Weg gelegt haben. Ja natürlich war es so. Denn deshalb hatte der -kleine Wagen auf einmal zwei Personen, der bis Hergatz immer nur mit -einer gemeldet worden war. Der neue Umstand durfte nicht mehr stören. -Durfte ihn nicht aus der Glückserie herausdrängen. Er vertraute, und es -mußte losgeschlagen werden. - -Er rief Schachen an. - -»Wahrscheinlich kommt nur ein Wagen. Lassen Sie ihn einfahren! Warten -Sie zwanzig Minuten, ob nicht der zweite folgt, und umstellen Sie die -Villa dicht. Und dann Schlag auf Schlag!« - -Kaum war sein letztes Wort im Sprachrohr verklungen, als der Weckapparat -wieder rief. Die letzte Etappe -- der Bahnhof von Enzisweiler! - -Ein kleines offenes Auto sei in rascher Fahrt von der Landstraße -Lindau-Friedrichshafen abgebogen und fahre Schachen zu. Zwei Personen! - -Es war vollbracht! Weiteres konnte Wenk selber nun nicht mehr tun! - -Er mußte warten. Vielleicht begann in wenigen Augenblicken die Schlacht -am Bodensee, die seine Strategie vorbereitet hatte. Er befahl noch, auf -den zweiten Wagen nicht erst zu warten, sondern beim Eintreffen des -ersten gleich hinter seinen Insassen in die Villa einzudringen, sie zu -fesseln, die Lichter zu löschen und eine Stunde lang noch auf den -zweiten Wagen zu warten. - -Wenk schaute auf die Uhr. Er legte sie vor sich. Es war 3 Uhr 18 -Minuten. - -Eine Unruhe bebte ihm in den Hand- und Fußgelenken und verzitterte in -sein Hirn. Er fühlte sie wie einen schmerzenden Wirbelwind aus seinen -Lenden in den Kopf rasen. Dort blieb sie stehen, ein Weilchen nur. Dann -pumpte sie sich wieder denselben Weg durch und ungezählte Male immer -denselben Weg von den Lenden ins Hirn. - - - - - XVIII - - -Spoerri hatte die Gräfin aus der Villa im Westen, in der sie eine halbe -Stunde lang gewohnt hatte, ins Auto gerissen. - -Mabuse hatte mit seinem neuen kleinen Wagen das große Fahrzeug zwischen -Kaufbeuren und Günzburg eingeholt. Sie fuhren, ohne anzuhalten, weiter. -Es war alles zwischen ihnen seit langem so festgelegt. - -Als die Straße nach Wangen von der Lindauer Chaussee abbog, hielt mit -einem Schlag der vorfahrende große Wagen. Das kleine Auto fuhr dicht an. -Die Gräfin wurde herübergehoben. Mabuse raste weiter. Spoerri fuhr nach -Österreich. - -Mabuse hatte angeordnet, von hier aus die Flucht geteilt vorzunehmen. -Spoerri sollte über den Rhein in die Schweiz. Ein jeder mußte Dr. -Ebenhügel in Zürich seine Adresse geben, der sie dann beiden austauschen -könnte. Mabuse und die Gräfin fuhren nach der Villa Elise. Dort wartete -Georg, der durch Brieftauben unterrichtet war, mit dem Koffer, in dem -die Dokumente und Edelsteine gesammelt waren, die Mabuse mit auf die -Flucht nahm. Sie sollten dann zu dreien ohne Verzug über den See in die -Luxburger Ach fahren und mit einem Auto, das dort wartete, auf der -Romanshorner Straße weiter nach Zürich. Für Zürich war nur ein kurzer -Aufenthalt vorgesehen, in dem Geschäfte erledigt wurden. - -Es war zu erwarten, daß die bayerischen Behörden die Schweiz baten, nach -den Flüchtigen zu fahnden. Mabuse wollte deshalb den Aufenthalt in der -Schweiz so kurz wie möglich halten und gleich zur italienischen Grenze -weiter eilen. Pässe hatte er für sich und die Gräfin auf einen -portugiesischen Namen anfertigen lassen. - -Ein italienischer Beamter war gekauft. Von ihm an fielen alle -Schwierigkeiten zu Boden wie Blätter im Herbst. - -Die Gräfin lag im Hintersitz des Wagens. Sie war verborgen von der -auffallend hohen Karosserie. Vor sich sah sie unbewegt wie ein Urgestein -Mabuse sich über das Steuer errichten. Das werfende Federn des rasenden -Wagens und die ungewisse Nachtdüsternis ließen die Umrisse seiner -breiten Gestalt ins Gespenstische verfließen. Nur diese Umrisse hatten -Leben. Mabuse machte nicht die geringste Bewegung. Er war dort vor ihr -herausgewachsen wie ein Felsblock aus einer Wiese. - -Straßenalleen, Bauerngehöfte, Dörfchen flogen zurück. Der Bodensee kam -in die Nacht. Einige Lichter, an fernen Ufern verteilt, Flächen, -versinkend in der Finsternis, von der Ahnung der Menschen ertastet, ein -Wechsel der Luft, die man einatmete und die das Gesicht badete ... Zwei -ferne Städtchen schwammen wie erleuchtete Schiffe auf dem Meer. Das war -schon die Schweiz. - -Lindau blieb abseits. Villenstraßen bogen sich über das sausende -Fahrzeug. - -Und dann kam die letzte Minute. Der Wagen prallte über das Geleis am -Enzisweiler Bahnhof, tobte auf die Villa Elise zu. Mabuse sah von weitem -durch die Nacht mit seinen scharfen und geschulten Augen, daß das -Gartentor weit offen stand. - -Die Tauben waren also richtig und rechtzeitig angekommen. Ihm war, als -ob er aus dem Brausen der Schnelligkeit heraus, das hinter ihm -zusammenschlug, in der Finsternis eine fremde Bewegung empfunden hätte. -Es war kurz nach halb vier Uhr. Er paßte mit allen Sinnen rund um sich, -ohne die Schnelligkeit zu bremsen. - -Als er ins Tor einbiegen sollte, warf er, und er ließ dem Wagen seinen -vollen Lauf dabei, die Bremsen alle mit äußerster Kraft einen Augenblick -lang zu. Der Wagen schlug wie ein Fisch hinten auf, warf herum und -schoß, wieder losgelassen, grade ins Tor hinein und in den Gartenweg. -Eine bleierne Finsternis fiel über Mabuse. - -Da fühlte er, daß etwas den Wagen angesprungen war. Eine Gestalt schwang -von der Bremserseite über die Tür, preßte sich zwischen die Seitenlehne -und Mabuse. Zwei Hände fuhren über seine Hände, entrissen ihm das -Steuer. Ein heißer Mund, wild, schwarz, hinreißend wie die Nacht, -flüsterte in ihn hinein: - -»Herr Doktor! Ich. Georg. Geben Sie das Steuer. Wir sind umstellt. -Gleich in den See ...« - -Mabuse ließ das Steuer, warf sich von den Bremsen. Der Wagen in der -neuen Faust dröhnte wie Schnellfeuergeschütze an die nachtgrauen Wände -der Villa, schnob um eine Ecke, setzte auf einen Rasen, tollte halb über -den Rasen, halb durch den Kies eines Gartenweges auf die Mauer zu, die -sich vor dem See errichtete, niedrig, den hohen Garten vom Wasser -abhaltend. Der Wagen schwänzelte einmal wie ein wildes Pferd und tobte -einen geneigten Holzsteg hinab, dessen Bretter unter ihm donnerten wie -ein Gewitter. - -Einen Augenblick später schlug er die Nase ins Wasser. Der See kreischte -auf. - -Georg machte einige blitzschnelle Griffe, von Mabuse unterstützt. Den -Schrei der Gräfin warf die Nacht zurück. Dann fuhr das Fahrzeug, mit -einigen wilden Schwankungen zuerst, aber bald ruhig, nur vorwärts -drängend, im Wasser weiter. - -»Es funktioniert wie Zauber!« rief Georg. - -Denn dieser Wagen war eine Erfindung von ihm. Man konnte ohne Aufenthalt -mit ihm von der Landstraße ins Wasser; ein paar Hebelgriffe verwandelten -ihn in ein Motorboot. - -»Die Tauben sind schuld!« sagte Georg, als er das Fahrzeug ganz in -seiner Gewalt hatte. »Als sie in der Dunkelheit kamen, vor einer Stunde, -da hörte ich auf einmal, als ginge eine flüsternde Stimme in einem -Buschwerk. Ich paßte scharf auf. Ich glaubte zu bemerken, daß eine -Bewegung um den ganzen Park herumschlich. Hier ... dann zwanzig Schritte -weiter ... dann wieder zwanzig Schritte weiter ... im Kreis herum, ganz -im Kreis herum, und da wußte ich, daß wir umstellt seien. Na, ich kam -unbemerkt wenigstens bis ans Gartentor. Fünfzig Minuten habe ich -gebraucht für die hundert Meter. Wenn wir den Bootwagen nicht hätten, -säßen wir jetzt mit Handschellen drinnen in der Villa Elise ...« - -Die Polizeibeamten, die sich mit aller erdenklichen Vorsicht um die -Villa herum verteilt und bis zum Schließen des Ringes vier Stunden -gebraucht hatten, da einer nach dem anderen gekommen war, hörten das -Auto durch die Nacht heranbrausen. Sie lagen gespannt auf ihren Posten -und warteten auf den Pfeifenruf, der sie über das Haus und die -Verbrecher loswerfen sollte. - -Es war ein kleines Intermezzo vor einer Stunde eingetreten. Ein Vogel -war auf einmal durch einen Baum geflogen und im Dachwerk des Hauses -verschwunden. Einer der Beamten, die dem Haus zunächst lagen, hatte ihn -wahrgenommen. Er hatte gesehen, wie der Vogel am Dach herumflatterte und -auf einmal irgendwie verschwand, ohne daß er das Dach wieder verlassen -hätte. Seine Vermutung, es könnte eine Brieftaube gewesen sein, wurde -bald durch die Erscheinung eines zweiten Vogels bestätigt, der auf -dieselbe Weise im Dachwerk verschwand. - -Der Beamte schlich sich zum Kommissar zurück und meldete, was er gesehen -und vermutete. Der Kommissar erfaßte sofort die Bedeutung, die diese -Boten haben konnten: daß Poldringer von München her und von den dort -Geflohenen gewarnt wurde. - -Er ließ deshalb mit großer Vorsicht einen Beamten von Posten zu Posten -gleiten und die Tatsache mitteilen, daß der Hausinsasse nun -wahrscheinlich gewarnt sei und daß man mit doppelter Vorsicht, aber auch -vervielfältigter Schlagkraft in der gegebenen Minute los müsse. - -Diese Bewegung, die der Bote des Kommissars um das Haus zog, war es, die -Georgs feine Witterung empfunden hatte. - -... Das Auto Mabuses sprang in den Park. Der Kommissar mit zitternden -Fingern hob schon die Signalflöte an die Lippen. Er wollte im -Augenblick, wo die Insassen den Wagen verlassen und die Tür der Villa -hinter sich zuziehen wollten, das Zeichen geben. - -Zwei Beamte lagen in den Sträuchern links des Hauseinganges und waren an -der Tür, bevor im Innern der Schlüssel umgedreht werden könnte. Aber der -Kommissar war nicht zum Flöten gekommen. - -Das Auto umbrauste die Ecke und hielt nicht an der Tür. Es stürzte ums -Haus herum, als wollte es Hals über Kopf sich in den See werfen. Der -Kommissar, in der Aufregung und Enttäuschung alle Vorsicht aufgebend, -sprang hervor, ihm nach und sah nun wirklich, daß das Auto in den See -hinein verschwand. Es hob sich gleich einem unheimlichen Amphibium über -das Mäuerchen, donnerte den Holzsteg hinab und sprang in die Nachtflut. - -Da erst pfiff er. Die Beamten liefen von allen Seiten herbei und eine -Weile durcheinander. »Ans Ufer!« brüllte der Kommissar. - -Sie sahen kein Auto mehr. Sie hörten schon zweihundert Meter vom Ufer -entfernt ein Motorboot in die Finsternis entlaufen. Sie suchten unter -dem Steg, das Ufer hinab und hinauf, kopflos und erschüttert, aber -vergeblich. - -Da erst verstand der Kommissar, was vor sich gegangen sein mußte. Die -unendlichen Mühen, Anstrengungen und Hoffnungen eines ganzen Monats -waren zerschlagen. Der große Fang war ihm entglitten. Er war so -zerdrückt von diesem wahnsinnigen Gedanken, daß er den Revolver, den er -nackt in der Hand hielt, unbewußt an seine Schläfe führte, als habe er -sein Leben durch das Mißglücken des Unternehmens verwirkt. - -Er riß ihn eine Sekunde später wieder weg, und der Schuß fuhr, seine -Haare versengend, vergeblich in die Nacht. Auf dem See blinkte ein -Lichtzeichen auf. Weiter ein zweites. Der Schuß hatte die Aufpasserboote -mobil gemacht. - -Da erst erinnerte sich der Kommissar dieser Helfer, die er im Ansturm -der Verzweiflung ganz vergessen hatte. »Die Morselampe!« schrie er. War -es möglich, daß er die Boote vergessen hatte? - -Die verabredeten Lichtzeichen wurden zu den beiden Booten gesandt: -»Flüchtlinge in Motorboot auf den See entkommen!« - -»Verstanden!« blinkte es zurück, und einige Augenblicke später schlugen -die Scheinwerfer über das finstere Wasser. - -Es ging nicht lange, so hatten sie das fliehende Boot entdeckt, aber -auch gewarnt. Denn es war im Begriff gewesen, in sie hineinzurennen. - - * * * * * - -Mabuse und Georg bemerkten sofort die Gefahr. Die beiden Scheinwerfer -kamen ihnen entgegen wie die geöffneten Kiefer eines Ungeheuers, das -nahte, um sie zu verschlucken. Georg trieb das Steuer nach Backbord, das -Boot fiel geneigt in voller Fahrt in die neue Richtung. Das Wasser -strömte am Steuerruder auf wie ein Hügel und leuchtete brausend in der -Nacht. »Es bleibt nur eins,« sagte leise Mabuse, »die Rheinmündung!« - -Er überlegte kühl und rasch. Er stand wieder in einer Lage, die ihm -bekannt war, weil er sie ungezählte Male in Gedanken durchlebt und -besiegt hatte. Am deutschen Ufer, an das sie leicht hätten zurückfahren -können, war wohl weitab alles gegen sie mobil. Am österreichischen lag -nur Bregenz, das die Scheinwerfer leicht auf die Beine brachten. Die -Rheinmündung hatte zwischen zwei Ländern ein breites, fast unbewohntes -Gebiet. Sie konnten in zwanzig Minuten drüben an Land sein und zwischen -Österreich und der Schweiz wählen. Glückte es, das Fahrzeug so gut aufs -Land zu bringen, wie es ins Wasser gekommen war, so hatten sie einen -Vorsprung, der ihre Rettung sicher machte. - -Aber eins der verfolgenden Boote lag weit im See. Es schien die Absicht -der Fliehenden zu erraten. Es folgte ihnen nicht direkt. Es glitt über -Steuerbord, Fahrt mit ihnen haltend, dem Schweizer Ufer zu, als wollte -es im günstigen Augenblick ihnen den Weg verlegen. - -Vielleicht wollte es aber auch nur sich zwischen sie und die Schweiz -legen. Die Scheinwerfer der beiden Boote schlugen zusammen über Mabuses -Boot her. Der Motor schrie. Über dem Pfänder lag ein kaum merkbarer -Streifen des kommenden Tages. Schüsse klangen hinter ihnen. Das eine der -Boote lag nun in ihrem Kielwasser, blieb aber leicht zurück. Die beiden -Verfolger signalisierten durch Morselampen miteinander. - -Georg steuerte eine Weile in leichten Zickzacklinien. Das Fahrzeug warf -hin und her unter dem oft wechselnden Druck des Steuers auf das Wasser. -Georg wollte vortäuschen, als versuchte es, nach der Schweiz -durchzubrechen. Aber er war auch von den Scheinwerfern erregt. Es gelang -ihm nicht, auch nur auf Augenblicke aus der Lichtbahn herauszukommen. - -Das eine der Boote, das ihnen im Rücken fuhr, ging wohl nur deshalb -jetzt so langsam, weil es keine andere Aufgabe hatte, als sie unter -Licht zu halten und ihnen den Rückweg nach dem deutschen Ufer -abzuschneiden? Die Morsezeichen waren geheim. Weder Georg noch Mabuse, -die sich sonst auf derartiges gut verstanden, weil sie beide viel auf -See gewesen, verstanden sie. - -Auf einmal erlosch auf dem Fahrzeug, das steuerbordseits mit ihnen fuhr, -der Scheinwerfer. Sie hörten über dem Höllenlärm, den ihr eigener Motor -machte, wie die Maschine dieses Bootes gegen vorher um einen Ton heller -und näher klang. Ihr eigener Motor stand auf seiner Höchstleistung. - -Die Schüsse hatten aufgehört. Über den Geräuschen ihres Bootes erhob -sich ein anderer Lärm. Mabuse hielt seine beiden Ohren hin, ihm -entgegen, stahlkalt und aufgereckt, grell beleuchtet von dem -Scheinwerfer. Er trug noch die Polizistenuniform, die ihm die Flucht -ermöglicht hatte. - -Die Gräfin hatte anfangs in einer halben Ohnmacht am Boden gelegen. Die -Schüsse, das schießende Dröhnen des Bootes, die Eile, die Aufregung der -beiden Männer hatten sie nach und nach wach gereizt. Sie begann zu -erfassen, was geschah. Sie auch hörte über dem Lärm ihres Fahrzeuges ein -zweites Geräusch. Sie richtete sich auf. Sie hob den Kopf über Bord und -hielt das Ohr in die Dunkelheit, woher der zweite Ton kam. - -»Was ist das?« fragte sie Mabuse, der neben ihr stand, mit dem Rücken -gegen die Fahrt, breitbeinig und sicher scheinend. An die Reeling mit -den Händen gestützt, ließ er das Licht des Scheinwerfers auf sich -liegen, nur um zu horchen ... - -»Nichts!« zischte er zurück. »Schweig'!« - -»Was ist das?« fragte die Frau noch einmal mit scharfer Stimme, und ein -Ton klang auf in dieser Stimme, den sie lange nicht mehr an sich gehört -hatte. - -Ihr war, als löste sich ein Stein, der ihr Herz eindeckte, langsam in -eine breiige Masse auf. Sie gab sich diesem Vorgang, der halb außer -ihres Bewußtseins lag, immer heftiger hin. Sie erkannte immer -deutlicher, was in ihr zu geschehen im Begriff war. Da schrie sie auf -einmal, sprang auf und stellte sich gegen Mabuse: »Jetzt aber! ...« - -Und hörte den verfolgenden Ton von See und Nacht über sich herfallen wie -ein Glück, das außer Rand und Band geraten war. Sie saugte sich mit den -Ohren und mit dem Herzen an das leichte, süße Geräusch ... Sie spürte, -wie es sekundenweise stärker wurde. Sie verstand: - -Der Verfolger fuhr rascher als sie, kam näher ... - -»Was ist: jetzt aber?« rief Mabuse sie heftig an. »Schweig' und setz' -dich!« - -»Was ist das für ein Ton ... dort?« fragte sie mit einer singenden -Stimme. - -»Der Tod ... vielleicht!« sagte Mabuse ruhig zurück. - -»Für dich!« schrie die Frau über das kreischende Heulen des aufgewühlten -Wassers in sein Gesicht. »Ich darf dich abschütteln! Ich werde gerettet -vor dir! Der Werwolf wird gefangen. Deine Macht über Menschen und über -mich ist aus!« - -»Das will ich dir zeigen,« raunte Mabuse ihr zu, sich dicht über sie -bückend. - -Dann geschah es, so rasch, daß sie kaum auseinanderhielt, was vor sich -ging. - -»Georg!« rief Mabuse. Nur dies eine Wort. Dann zog er sich die -Polizistenuniform von den Kleidern und warf sie hin, und schon hatte -Georg sie angezogen und stand neben der Gräfin, sich dem Licht des -Scheinwerfers preisgebend, Mabuse aber am Steuerrad. - -Sie hörte einen Ruf nahe. »Anhalten!« schrie nochmals eine Stimme aus -dem zweiten Ton heraus, der so wollüstig in ihr Ohr gesaugt lag. -»Anhalten!« ... - -Eine Kugel zwitscherte. Ein Knall zerspellte die Luft. - -Georg schoß zurück. Das Boot schwankte auf. Aber dann hatten es -plötzlich zwei hohe Dämme eingefaßt. Wo war der See? Wo war die weite -Nacht? Es rauschte. Es kämpfte gegen die Frühjahrswasser des Rheins. - -Der Scheinwerfer war verschwunden. Eine sachte, milde Grauheit hob die -Flut und die Dämme aus der Finsternis. Sie waren glatt wie Eisenbalken. -Eine Brücke stellte sich quer über sie. Der Schall des Motors schoß von -ihrem Gewölbe herab auf sie nieder. - -Da schlug eine fremde Kraft die Gräfin zu Boden. Das Boot bohrte sich -mit einem rasenden Schlag hinten in die Höhe. Aber die Frau wurde aus -dem Niederstürzen aufgefangen. Etwas nahm sie hoch. Das fühlte sie noch. -Etwas lief. Schreie erstickten in einem roten Nebel. - - * * * * * - -Georg lag an Land. Er hatte einen Arm gebrochen. Er hob mit der gesunden -Hand den Polizistenhelm auf und stülpte ihn auf seinen Kopf. Er war von -dem Fall leicht betäubt. Aber er hätte fortlaufen können. Dennoch blieb -er liegen. - -Es dauerte nicht lange, so sah er zwei Revolver auf sich gerichtet. Zwei -elektrische Laternen brannten ihre Kreise in seine Augen. »Es ist der -mit der Uniform!« sagte eine Stimme. - -Georg blieb ruhig. Er wurde vom Land in ein Boot gerissen, an eine Bank -gefesselt. Ein Motor setzte an. Das Fahrzeug raste auf der Strömung -hinab. Es fuhr quer dann über den See nach Schachen zurück. - -Der Tag begann, als sie Georg den Holzsteg hinaufschleppten. Sie zogen -ihn in die Villa hinein und schlossen ihn in einen Raum, der vergitterte -Fenster hatte und aus dem er nicht hätte fliehen können, selbst wenn -nicht zwei Männer bei ihm geblieben wären. - -Der Kommissar sagte: »Das ist er, Gott sei Dank! In der -Polizistenuniform! Gott sei Dank!« - - * * * * * - -Wenk stieg um fünf Uhr in der Früh mit dem Wasserflugzeug in München auf -und landete zwei Stunden später vor Schachen. Er flog die Treppen hinauf -in die Villa Elise und zu dem Raum, in dem der gefangene Räuberkönig -seiner wartete ... des Besiegers ... - -»Hier ist der Doktor Mabuse!« schrie ihm der Kommissar entgegen. »Jetzt -haben wir ihn, Gott sei Dank!« - -Wenk, ganz Musik, ganz Rauschen, Sieg, Kraft und Trompeten, trat in die -Tür und sah auf den an den Stuhl festgebundenen Polizisten. - -»Wo?« fragte er. - -»Dort ... auf dem Stuhl der!« - -Wenk schaute genauer hin. - -Schon wußte er: Entkommen! Schon fiel alles wieder zurück in den -endlosen, leeren schwarzen Schacht, noch bevor er ein weiteres Wort -hörte oder sprach. - -Auf einmal sagte der Kommissar: »Aber das ist doch der Poldringer, den -wir hier überwacht haben!« - -»Ja, das ist der Poldringer!« antwortete Wenk traurig. - -Mabuse war entkommen. - - - - - XIX - - -Mabuse trug die ohnmächtige Frau mit hastigen Schritten vom Ufer des -Rheinkanals fort in das nächste Haus. Es wohnte ein Rietbauer drin. - -»Wir sind verunglückt!« sagte Mabuse. Dann stellte er sich ans Fenster -und überwachte den Weg draußen, der vom Kanal kam. - -Als eine Stunde so vergangen war und die Frau die Augen wieder öffnete, -sah Mabuse, wie sie aufzuckte, als sie ihn erkannte, und sich, von einem -Schrecken gefaßt, fortwandte. Er ging rasch zu ihr und flüsterte, über -sie gebeugt, ihr zu: »Wir sind gerettet! Wir sind aneinander -geschmiedet!« - -Seine Worte legten sich eindringlich und im Flüsterton mit einer heißen -Heimlichkeit auf ihr Gemüt. Sie widerstand dem Mann nicht mehr und -begann sich zu erheben. Die Bäuerin versprach ihr beizustehen. - -Mabuse schaute auf einer Karte das nächste Dorf nach. Dann ging er, -sicher, nun nicht mehr unmittelbar verfolgt zu sein. Georg war als Opfer -geblieben und hatte ihn gerettet. Schuld daran war die kleine Dummheit -der Polizistenuniform. - -Das Dorf war nicht ferner als zwanzig Minuten. Es hatte einen -Fernsprecher in einem Gasthaus. Mabuse bestellte Kaffee und rief Zürich -an. Es kam nach einer halben Stunde. »Wer spricht?« fragte er. - -»Rechtsanwalt Ebenhügel, Zürich!« wurde geantwortet. - -»Ist Spoerri angekommen?« - -»Spoerri ist gerade angekommen. Er ist noch hier.« - -Spoerri stürzte ans Telephon. - -»Spoerri, ich bin verunglückt. Georg ist liegengeblieben. Wir beide -gerettet. Kommen Sie gleich mit dem Auto. Bringen Sie ein Reisekleid und -einen Reisemantel für meine Frau mit. Ich erwarte Sie um zwei Uhr am -Bahnhof von Au im Rheintal.« - -»In Ordnung!« rief Spoerri zurück. - -Meine Frau, sagte ich, wohl mit Berechnung und aus Vorsicht ... -meditierte Mabuse dann. Aber er lehnte sich gegen die Bezeichnung auf. -Sie klang wie eine Fessel. Dann schüttelte er aber diese Vorstellung ab: -Sie ist meine Frau, ein Besitz von mir ... Mein! So ist es wahr! - - * * * * * - -Spoerri kam pünktlich ... »Ich fahre Sie durchs Engadin gleich an die -italienische Grenze,« sagte er, nachdem Mabuse erzählt hatte, was -vorgefallen war. - -Aber Mabuse sagte nur ein Wort dagegen: »Nein!« - -»Herr Doktor,« flehte Spoerri, »in der Schweiz können Sie nicht bleiben. -Die Münchener Polizei hat Sie jetzt schon hier angekündigt. Wir kämen -nicht bis nach Toggenburg. Eher noch nach Deutschland zurück!« - -»Etwas anderes will ich auch nicht! Spoerri, das Leben des Staatsanwalts -Wenk steht von heut ab unter meiner Garantie. Sie ziehen sofort meine -früheren Befehle an die Beseitigungskommission zurück.« - -»Merkwürdige Freundschaften schließt der Herr Doktor, hihihi!« lachte -Spoerri. - -»Ruhig! Unter meiner Garantie!« befahl Mabuse, und sie fuhren durch die -flache Ebene zu dem Bauernhaus. - -Die Gräfin stieg gleich ein, und das Auto eilte der österreichischen -Grenze zu. »Was für Passierscheine haben Sie für uns?« fragte Mabuse. - -»Schweizerische! Nehmen Sie bitte!« - -Er reichte die beiden Heftchen, in denen eine Anzahl nachgemachter -Stempel ein Vertrauen erweckte, das stets getäuscht, aber nie klüger -wurde. - -Um drei Uhr fuhr das Auto über die Landstraße Bregenz-Kempten nach -Bayern hinein. Fuhr an einem Haus vorbei, in dem in der Nacht nach -München gemeldet worden war, daß es vorbeigerast sei, und fuhr aufs -Württembergische zu. - -Die Reisenden übernachteten in einem Städtchen südlich von Stuttgart. - -Abends kam Mabuse nochmals zu Spoerri in dessen Zimmer und sagte: »Für -mich gibt es jetzt nur noch ein Ding in Deutschland, in Europa ... den -Staatsanwalt Wenk lebendig in die Hand zu bekommen. Lebendig wie eine -Fliege in einem Glas. Merken Sie sich das! Die Gräfin und ich bleiben -morgen hier. Sie fahren nach Stuttgart und kaufen um jeden Preis einen -Flugapparat mit zwei Sitzen. Wir sind hier sicher. Der Wirt hat nicht -einmal unsere Namen einschreiben lassen. Wenn also die Polizei -kontrolliert, muß er uns verschweigen, sonst bekommt er eine Buße zu -zahlen. Haben Sie Kognak da?« - -Spoerri erschrak. Seine Marter kam wieder. Aber er hatte trotzdem drei -Flaschen mit aus der Schweiz geschmuggelt. »Natürlich haben Sie Kognak -da!« sagte Mabuse, bevor noch Spoerri antworten konnte. - -Mabuse trank aus dem Reiseglas, das er stets in der Tasche hatte. -Spoerri mußte sich das Wasserglas vom Waschtisch voll gießen. - -Mabuse sehnte sich nach einem Rausch, nach einem bleischweren Rausch, -der ihn am Hals faßte und unter das Wasser drückte ... als gäbe man ihm -einen Mühlstein als Schwimmgürtel. - -Er sah, als er die zweite Flasche geleert hatte, daß es nicht ging. - -»Haben Sie nicht mehr?« - -»Es ist alles. Ich wagte nicht mehr mit über die Grenze zu nehmen!« - -Da lachte Mabuse. - -»Glänzend. Spoerri hat drei Eisenbahnwagen voll Salvarsan, zwei Wagen -Kokain, drei Freudenhäuser voll Mädchen über die Grenze gebracht, aber -beim Kognak reicht sein Mut nicht über drei Flaschen hinaus. Leeren Sie -Ihr Glas in das meine. Verdient er nicht genug am Kognak?« - -Als die dritte Flasche leer war, begab sich Mabuse, klar im Kopf wie -zuvor, aber feuriger im Blut, zum Zimmer zurück, das die Gräfin neben -dem seinigen hatte. Er war verstimmt. Es war ihm wie einem -heißgelaufenen Motor. Alles verdampfte auf den in Glut geratenen -Zylindern, und sie waren nicht in Gang zu bringen. - -Er trat zur Gräfin ans Bett. »Wir haben einen Vertrag zusammen. Du hast -ihn gebrochen. Du warst bereit, mich zu verraten!« - -»Ja!« sagte sie kleinlaut. - -Da überfiel den Mann eine mörderische Raserei. Er erfaßte sie aus dem -Bett, hob sie, wo er sie zu packen bekam, mit einem Ruck hoch in die -Luft über sich, als wollte er sie wie eine morsche Kiste an der Wand -zerschellen. Er haßte sie. Sie war die Fleischwerdung aller Schwächen in -ihm. Sein Willen war an ihr gebrochen zehn Minuten lang, als das -Wachtboot ihnen auf den Fersen war. Und jetzt konnte er sie zerstören -und den Kopf, der ihn verraten hatte, an der Wand einschlagen. - -Die Frau, mit einem leisen Schrei, sah sich in der Luft hängen und -erkannte die Kraft der Arme und die Unbezwinglichkeit des Willens, dem -sie anheimgegeben war -- -- -- unentrinnbar! Sie wünschte den Tod. Leise -betete sie einen Satz aus dem Ave Maria, den sie behalten hatte aus der -Kinderzeit, und wußte, stürbe sie jetzt, so zöge sie den Mann mit in den -Tod. - -Aber in Mabuse, da er so seine Macht über den Leib der Frau spürte, den -er hochgestemmt hielt, kühlte sich unvermittelt der rasende Anlauf. Er -hatte wieder den Anschluß an sein Leben, an seine Rettung und ihr Glück. -Er ließ sie nieder, fast sanft, und begrub sich in sie mit Taumeln, die -seine Adern durchklangen, wie die tausendjährige Eiche im Sturz den -Wald. - -Die Gräfin blieb mit einer irren Enttäuschung im Leben zurück. Jeden -Flecken ihrer Haut fühlte sie erniedrigt, entweiht, verpestet. Und ihr -Gemüt floß aus wie ein Bach von Blut ... stundenlang ... die ganze Nacht -hindurch ... tränenlos, wo sie nur den einen Wunsch hatte, mit ihren -Tränen sich in das Nichts zu erlösen. - - * * * * * - -Am Morgen des nächsten Tages flog Mabuse mit ihr von Stuttgart nach -Berlin. - -Dort lebte er, eingedeckt in die unentwirrbaren Schlüsse, die die -Millionenstadt und seine Bande, deren Instinkte er ausbildete und -benutzte, um ihn legten, nur dem einen Ziel entgegen. Eine Vorstellung -wuchs wie ein einsamer, machtvoller Baum aus seinem Blut und überragte -ihn. Ein Gedanke ließ ihn ununterbrochen in seinem eigenen Gehirn -herumkreiseln in taumeliger, alles verzehrender Schnelligkeit. - -Dieser Gedanke, die Vorstellung, das Ziel bekamen ihr Blut von dem -bösesten und stärksten Trieb, der mit diesem Mann geboren worden war: -von der Herrschsucht! Es gab einen Menschen in der Welt, der es -unternommen hatte, seinen Wegen zu folgen, der ihn in seinem Land -aufgefunden und aus seiner Burg ausgestöbert hatte. Es gab einen -Menschen nur, der es gewagt hatte, sein Ziel zu stören, ihn zu einer -Flucht zu nötigen, die sein Leben in Gefahr gebracht hatte. Es war die -Schuld dieses Menschen, daß sich ganze Organisationen in seine -Rechtsprechung gegen die Menschen mischten, deren Entfernung sein Willen -verlangte. - -Er hatte der ersten Frau, die ihn bis auf den Grund seines Wesens in -Flammen gesetzt, ihren Willen abgerungen gegen alle Macht, die ihre -Persönlichkeit gegen ihn aufgeworfen hatte. Das war sein Stolz. Er -hatte ihr Dasein, ihre Schönheit, ihre Selbständigkeit, ihre -Ausschließlichkeit in die Hand gerissen und an sich befestigt. Das war -wie der höchste geistige Ausdruck des Bildes seiner Fähigkeiten. Aber -zwischen ihm und ihr gab es zehn Minuten, in denen sie seinem Zwang -entfallen war, in denen er auf den Besitz dieses Symbols aller -menschlichen und aller männlichen Kraft hatte verzichten müssen. An -diesen leeren zehn Minuten, die wie ein Loch unauffüllbar in seinem -Leben lagen, war dieser Mensch schuld ... - -Seine Flucht mit der Frau aus Deutschland und über den Atlantik -bereitete er von Berlin aus so vor, daß nur das Schicksal Tod sie stören -konnte. Sein Fürstentum Eitopomar wartete mit Urwäldern, schwarzen -Tigern, Klapperschlangen, in denen der Tod in einer Sekunde -verabreichbar war, mit Gebirgen und Wasserfällen, mit wilden Stämmen auf -ihn, um ihn von Europa zu befreien ... zu erlösen. Jeder Tag konnte ihn -zum Kaiser krönen. - -Aber er wäre wie abgestandenes Wasser für den Rest seines Lebens -verdorben gewesen, wenn er nicht mit aller Grausamkeit der Herrschsucht -und des Hasses diesen Mann an sich gerissen und zerstört hätte. Sein -eigenes Leben und das dieses Mannes liefen um die Wette nach Sein oder -Nichtsein. - -Dieser Mann war der Staatsanwalt Wenk. - -Einmal, wie Mabuses Adern schwollen von seinen Plänen gegen ihn, konnte -er die Flut nicht mehr von seinem Mund zurückdämmen, und er sagte der -Gräfin, die ihn fragte, wann sie Deutschland denn nun verlassen würden: -»Ich fange ihn lebend. Ich fange ihn wie eine Meise auf der Rute. Er -wird in meinem Leim zappeln. Eher nicht!« - -Die Frau wandte sich scheu ab. Sie vermutete nur, wen er meinte. Sie war -seit jener Auflehnung und den Hoffnungsaugenblicken auf Freiheit -sklavischer ihm verfallen, traumhaft grausamer, dämonischer aufgerührt -als zuvor. Sie wagte nicht, etwas zu entgegnen noch zu fragen. - -Mabuses Unternehmen gegen Wenk wuchs langsam. Aber Ring um Ring, -unaufhaltsam ... - - * * * * * - -Wenk saß in München. - -Georg hatte man dorthin ins Gefängnis geliefert. Er spielte den -Taubstummen. Seit seiner Verhaftung hatte kein Mensch ein Wort von ihm -gehört. Man stellte ihn zusammen mit den Beamten, mit den Kaufleuten aus -Schachen, die ihn wochenlang gesehen hatten, mit den Burschen, die er in -die Fremdenlegion hatte ausliefern wollen. - -Keiner zögerte einen Augenblick, ihn zu erkennen. - -Er blieb stumm. - -Eines Tages fand man ihn an seinen Hosenträgern erhängt. Er hatte ein -Wort an die Wand der Zelle geschrieben, das ein General Napoleons nach -der verlorenen Schlacht von Waterloo berühmt gemacht hatte. - -Die Durchsuchung der Villa Elise brachte wenig zutage. Man fand nur -einige Beweise, daß Mabuse die Gelder, die er durch Spiel und Raub -gewann, sofort in einer Schmuggelorganisation in mächtigem Stil weiter -vervielfältigte. Man arbeitete zusammen mit den Schweizer Behörden, da -man annahm, Mabuse halte sich in der Schweiz auf oder habe sie -wenigstens durchreist. Wenk fuhr alle vierzehn Tage nach Zürich. Dann -und wann packte man einen Nebenmann von Mabuses Garde. Aber alle waren -so streng geschult, daß keiner ein Wort des Verrats über die Lippen -brachte. - -Von Frankfurt kamen Nachrichten an Wenk, daß dort ein Spieler arbeitete, -dessen Ähnlichkeit mit Mabuse so groß war, daß er sofort hinreiste. Aber -als Wenk ankam, war nichts mehr von dem Mann in Frankfurt zu spüren. -Drei Tage später wurde Wenk aus Köln, dann aus Düsseldorf, darauf aus -Essen und schließlich aus Hannover alarmiert. - -Wenk war immer unterwegs. Es bestand für ihn kein Zweifel, daß es Mabuse -war, der so vor ihm davonwich. Er mußte Aufpasser in München haben, die -Wenk beobachteten und ihm folgten. Wenk ließ keine Vorsicht außer acht. -Er wandte alle Listen an, die er erfinden konnte. Er benutzte Züge, -Autos, Flugzeuge für jede Reise durcheinander. Er kontrollierte, als der -Verdacht sich nicht mehr abweisen ließ, daß Mabuse unter Wenks eigenen -Leuten Helfershelfer hatte, diese aufs hinterlistigste. Er wechselte -seinen Chauffeur, seine Haushälterin, änderte Fernsprechnummer und -Wohnung, logierte im Hotel, bei Freunden, auswärts. - -Sobald er aber in die Stadt kam, aus der der Spieler gemeldet wurde, war -dieser spurlos verschwunden und tauchte einige Tage später in der -Nachbarschaft auf. Das ganze Reich dehnte das Dasein und Wirken des -Räubers schon zu einer Sage aus. - -Dr. Mabuse, der Spieler! zog wie eine Ballade, aus der alle Dämonie des -tiefsten Widerstandes der Menschen gegen Gesetz und Ordnung in die -Phantasien verschwelte, von Ort zu Ort. - -Die Polizei schritt in allen Städten gleich zu Massenverhaftungen. Aber -sonderte man die Eingefangenen aus dem Netz, so war nie dieser Einzige -dabei, um den man alle Verbrecher sämtlicher Gefängnisse hätte laufen -lassen wollen. Aber eines fiel Wenk bald auf -- die Geographie! -Unverkennbar zog Mabuse im Kreis durch das Reich auf Berlin zu. - -Wenk erbat von seiner vorgesetzten Behörde Urlaub aus Bayern und setzte -sich mit den preußischen Gerichten ins Einvernehmen, die ihn als -Spezialisten nach Berlin holten. - -Er reiste sofort hin und mietete sich im Zentrum ein. Mabuse sah ihn aus -dem Bahnhof gehen und kannte eine Stunde später seine Wohnung. - -Nun hatte er ihn hier, wohin er ihn zur Vollendung seiner Rache -gewünscht und gelockt hatte. Mabuse hatte in Wirklichkeit Berlin nie -verlassen. In allen den Städten, in denen Wenk seiner Spur nachging, -waren falsche Mabuses aufgetreten, Leute seiner Truppe, von ihm -unterrichtet und abgesandt. München war zu klein für das, was Mabuse -vorhatte. Die Abgründe Berlins waren das sichere Jagdgebiet. - -Die Jagd begann schon am zweiten Tag. - - * * * * * - -Wenk hatte diesen Tag über mit einem jüngeren Kollegen von der Berliner -Polizei seine Akten über den Fall Mabuse durchgesprochen. Sie hatten -sich über einen Wirkungsplan unterhalten, waren aber in ihren Gesprächen -zu keinem Ergebnis gekommen als zu dem Entschluß, in der ersten Zeit den -Spieler selber handeln zu lassen. Ins Blinde hinein nach ihm zu zielen, -war höchstens angetan, den Stand des Jägers vorzeitig zu verraten. - -Abends, nachdem Wenk in der »Traube« zu Nacht gegessen hatte, ging er in -ein Café und dann, ermüdet von den langen Gesprächen, durch die -Taubenstraße seiner Wohnung zu. Da hielt ihn ein Mann an, in einer -Haustür, entfernt von der Laterne. »Bitte!« sagte der Mann. - -»Was wollen Sie?« fragte Wenk unwillig zurück. - -»Ist dem Herrn vielleicht Äther gefällig?« - -Wenk ging weiter, ohne zu antworten. Er sah, der Mann folgte. Er kam -dann aber in das Leben der Friedrichstraße und verlor ihn. - -Wenk machte sich bald Vorwürfe, so davongegangen zu sein. Er hätte mit -diesem Hausierer der Lasterhaftigkeit sprechen sollen. Denn der kam aus -dem Land, in dem Mabuse daheim war. Er wollte wieder zurück, ließ sich -aber von seiner Müdigkeit abhalten und ging nach Hause. - -Am nächsten Abend kam er denselben Weg von der »Traube« durch die -Taubenstraße. Aber der Mann war nicht da. Wenk verweilte noch hin und -her. Wie er dann in die Nähe seiner Wohnung am Gendarmenmarkt kam, trat -ihm ein Mann aus einer Haustür entgegen und flüsterte: »Wünschen Sie -Nackttänze zu sehen?« - -Wenk blieb stehen. Er sagte: »Sie kommen mir gerade recht. Ich bin kein -Berliner. Ja, so ein echtes Berliner Nachtleben möchte ich einmal -mitmachen. Wo sind Ihre Tänzerinnen? Los!« - -»Foljen Sie mir. Ick jeh voran! Und wo ick rin mach, da man fix -hinterher vonwejen die Polizei!« - -Wenk versprach es zu tun. - -Der Mann ging um die Ecke, horchte stehenbleibend, ob er folgte, und -ging dann weiter. Auf einmal war der Mann verschwunden. Wenk ging noch -einige Schritte geradeaus. Der Mann mußte doch in eine der nächsten -Haustüren eingetreten sein. Wenk verlangsamte seine Schritte, als er ihn -nicht fand. Er schaute dann spähend rundum. - -Plötzlich sagte in seinem Rücken die Stimme des Mannes leis und -vorwurfsvoll: »Det nenn ick nu jar nich fix. Sie wollen sich wohl von -die Polypen rankriejen lassen. Also man rasch herin!« - -Der Mann schob ihn in ein Haus weit zurück, zog ihn in eine Tür. Die Tür -öffnete sich in einen finstern Flur. Unversehens und geräuschlos schloß -sie sich sofort hinter ihm, und im selben Augenblick war der Flur -beleuchtet. Vom Flur ging es in ein Wohnzimmer, von dort in einen -kleinen Saal, der gedrängt voll Menschen saß. - -Zwei Herren, nahe der Tür, machten Wenk liebenswürdig Platz. - -Der Mann war verschwunden. - -Was Wenk sah, war eindeutig und hatte nur Interesse in der Heimlichkeit, -in der es geschah. - -Er horchte den Gesprächen seiner Tischnachbarn zu. Der eine sagte: »Also -mich interessiert daran nur, wie dieser Unternehmer hundert und mehr -Personen so jahraus, jahrein in das Haus locken läßt, ohne daß die -Polizei es merkt. Nu, sag' du mir das mal als Mann vom Fach!« - -Der andere antwortete in einem fremden Deutsch: »Das weißt du ja nicht, -ob das Lokal der Polizei bekannt ist oder nicht. Es gibt solche -Anstalten, die die Polizei duldet, weil sie für sie Verbrecherfallen -sind, ja geradezu Verbrecherfallen! Bei uns in Budapest ...« - -Wenk horchte gespannt zu. - -Die Herren zogen ihn in ungezwungener Weise bald selber ins Gespräch. -Man nannte sich Beruf, dann Namen. - -Der eine der Herren war, wie Wenk aus dem Gespräch gleich vermutet -hatte, ein höherer Polizeibeamter. Man traf sich öfter. - -Der Ungar erzählte interessante und verwickelte Fälle aus seiner Praxis. -Er erzählte von den Lasterhöhlen von Budapest, streifte auch die -heimlichen Spielhäuser, die seit Kriegsausgang überall so überhand -genommen hätten, und ereiferte sich gegen die immer unverschämter -werdende Kühnheit, mit der Verbrecher und Gesindel hervorträten. - -Wenk, in einem letzten uneingestandenen Mißtrauen, verhielt sich -vorsichtig und behauptete, er sei nur auf Urlaub in Berlin. Seine -Tätigkeit liege in München. Aber Berlin, als das größte Sumpfnest, sei -gerade für ihn als Münchener Staatsanwalt eine gute Schule. - -Wenk streifte das Dasein Mabuses, ohne seinen Namen zu nennen und nur -einige seiner grauenhaften und frechen Taten erzählend. - -»Wir haben,« nahm ihm der Budapester das Wort ab, »bei uns jüngst einen -ähnlichen Abenteurer festgemacht, und zwar auf eine etwas extravagante -und nicht gerade gesetzmäßige Weise. Aber wir kamen anders nicht mehr -weiter. Wie bei Ihnen ist auch in Ungarn die Zuhilfenahme der Hypnose -als rechtliches Zwangsmittel verboten. Wir hatten den Mann, von dem wir -ziemlich genau wußten ... aber Herr Staatsanwalt, Sie verraten mich -nicht, doch mich rechtfertigt das Interesse, das Sie solchen abseitigen -Existenzen entgegenbringen, beruflich entgegenbringen müssen ... also -ziemlich genau wußten, daß er derjenige sei, der eine Bande leitete, auf -deren Lasten schon mehrere Morde lagen. Wir hatten ihn, wie gesagt, im -Gefängnis. Er stellte sich taubstumm. Wir konnten seine Papiere nicht -nachkontrollieren. Niemand kannte ihn. Aber wir waren fast sicher. Das -ist eine ganz scheußliche Lage für einen Fachmann, wie? Denn wenn er vor -die Geschworenen gekommen wäre, wäre die Gefahr eines Freispruchs aus -Mangel an Beweisen Sicherheit geworden. Das wollte mir nun gar nicht -schmecken. Ich hatte über ein halbes Jahr drangesetzt, ihn -hochzukriegen. Sein Unschädlichmachen war meine Leistung. Da hab' ich -ganz etwas Verwegenes unternommen. Einer meiner Freunde hatte -hypnotische Gaben. Er war Rechtsanwalt und hatte manchmal einiges von -seinen Fähigkeiten in Privatgesellschaften vorgeführt. Ich überredete -ihn, mit ins Gefängnis zu kommen. Er sagte aber: Ich mach's von draußen! -Und wirklich: eine Viertelstunde später wußte ich, daß wir wirklich den -Bandenchef hatten, und es wurden mir Dinge verraten, die mir erlaubten, -ihn in kurzem an den Strick zu liefern.« - -Der Ungar wurde Wenk bei dieser Erzählung unangenehm. Er empfand einen -starken seelischen Widerwillen gegen ihn. Aber er konnte sich nicht -erklären, was einen solchen Umschwung in seinem Gefühl verursacht hatte. -»Interessieren Sie dergleichen mit suggestiver Kraft ausgestattete -Persönlichkeiten?« fragte der Polizeidirektor. - -»Ungemein!« antwortete Wenk. - -»Möchten Sie einmal mit meinem Freund zusammenkommen und etwas von -seinen Gaben sehen?« - -»Ist er denn in Berlin? Gewiß, das wünsche ich aufs lebhafteste!« - -»Ja, er ist hier. Er hat seine Praxis aufgegeben und zeigt seine -Fähigkeiten öffentlich. Er ist rasch berühmt geworden. Den Namen -Weltmann haben Sie gewiß schon gehört!« - -Wenk genierte sich Nein zu sagen. Er antwortete mit einem halb -unterdrückten: »Gewiß!« - -»Nun, dieser berühmte Weltmann ist es. Sie wissen, er ist bekannt, weil -er nur eine Hand hat. Die andere liegt in den Karpathen -- 1915! Also -abgemacht! Ich werde ihn morgen benachrichtigen. Haben Sie Telephon?« - -Wenk nannte seine Nummer. - -Die beiden Herren gingen dann in ein Haus, in dem Äther, Kokain und -Opium zu bekommen waren, im Durchschnitt aber viel handgreiflichere -Laster gepflogen wurden. - -Am nächsten Tag schon wurde Wenk gerufen. »Hier Polizeidirektor Vörös! -Es trifft sich wie bestellt für Sie, Herr Staatsanwalt. In einem -Privathaus bei einem Landsmann von uns, über den ich Ihnen lieber ^entre -nous^ etwas Persönliches sage, gibt Weltmann heut abend eine Soiree. Es -genügt, daß Sie den Wunsch äußern, und Sie können sich als eingeladen -betrachten. Ohne weitere Formalität. Es ist ein sehr gastliches Haus. -Sie werden sich nicht im geringsten als Fremder fühlen. Es sind -mindestens sechzig bis siebzig Leute geladen. Ich übernehme alles -Weitere, und wenn es Ihnen recht ist, hole ich Sie per Auto um neun Uhr -ab. Die Villa liegt etwas weit draußen. Hinter Nikolassee.« - -»Ich danke Ihnen vielmals. Sie überhäufen mich mit Liebenswürdigkeiten,« -antwortete Wenk zurück. »Und ich kann es Ihnen gar nicht entgelten.« - -»Wir Ungarn halten es immer so. Es macht uns Freude,« lachte die andere -Stimme zurück. »Also es ist abgemacht!« - -»Abgemacht!« - -Wirklich, wie liebenswürdig die Ungarn sind! sagte sich Wenk. Er fand -sich undankbar, daß er auf einmal seine Sympathie für den Kommissar -aufgegeben hatte. Es war ihm peinlich vor sich selber. - -Den Nachmittag verbrachte Wenk im Archiv der Kriminalpolizei, wo er -zusammen mit dem Herrn, der mit ihm den Fall Mabuse behandelte, die -Lichtbildersammlung des Erkennungsdienstes durchschaute. Gesicht an -Gesicht zog an seinen Augen vorbei. Er wollte nicht aufhören, bis er die -ganze Sammlung durchgesehen hatte, und als er nach Hause kam, ganz -ermattet von der langwierigen Arbeit, hatte er gerade nur noch Zeit, den -Gesellschaftsanzug anzulegen. - - - - - XX - - -Der Polizeidirektor Vörös war pünktlich. - -»Wissen Sie, ich muß Ihnen nun noch einiges über unsere Gastgeber und -meine Landsleute draußen bei Nikolassee sagen,« begann er gleich, als -das Auto anfuhr. »Es ist ein ehemaliger Fürst von Komor und Komorek, und -er hat eine Tänzerin von der Wiener Oper geheiratet. Gegen die Familie -natürlich! Sie haben es ihm so bunt gemacht, daß er ihnen eines Tages -sagte: >Gut! Da habt's ihr euern Fürsten. Ich pfeif' euch drauf. Von -heut an heiß' ich Komorek.< Und ist dann ausgewandert. Reich war er -sowieso und nicht von der Familie abhängig. Das einzige, was er noch vom -Fürsten hat, ist eine fürstliche Villa da draußen. Sie werden sie ja -sehen. Er wohnt schon an die zehn Jahre dort. Und die Frau ist schick -und apart. Aparter als eine Fürstin. Nur natürlich nicht mehr ganz jung. -Haben Sie schon zu Nacht gegessen?« - -»Nein!« - -»Ist auch nicht nötig. Man ist gastfrei bei Komorek. Sie werden etwas an -Delikatessen erleben.« - -Wenk fragte sich: Weshalb ist er so gesprächig? und ließ den peinlichen -Gefühlen gegen den Ungarn wieder freien Lauf. - -Wenk war heimlich erregt. Es war schwül in seinem Gemüt. Die Augen -schmerzten trotz der Dunkelheit im Auto immer mehr. In ihren Winkeln saß -eine unaufhörlich siechende Wundheit, die ihn unglücklich machte. Die -tausend Lichtbilder drehten drin durcheinander wie verrückt gehandhabte -Signalscheiben, die immer wieder versuchen, sich aufeinanderzupassen, -obschon es unmöglich zu machen war. - -»Läge ich doch in meinem Bett!« flehte er. - -Das Auto fuhr durch Gegenden, die er nicht kannte. Es war ihm sonderbar. -Gerade die Fahrt nach Nikolassee hatte er früher oft gemacht, und er -dachte, er kenne die Gegenden, die hinter Friedenau lagen. Aber heut war -ihm alles fremd. Machte das die dichte Finsternis der heutigen Nacht und -die seit dem Krieg so spärlich gebliebene Beleuchtung, oder war eine -innere Stimmung schuld daran? - -»Wir müßten doch eigentlich schon in Nikolassee sein!« sagte er. - -»Ich kenne mich nicht aus!« antwortete Vörös. - -»Früher hatte ich Freunde draußen, zu denen ich oft im Auto fuhr. Aber -das war ja vor dem Krieg!« - -»Ha, jaso, vor dem Krieg. Da war alles anders!« Dann schwiegen sie. - -Wenk schaute auf die Uhr. Aber die Finsternis war zu stark. Er erkannte -nicht einmal das Zifferblatt. Laternen kamen seit einer Weile keine -mehr. - -Nach längerem Schweigen sagte Wenk: »Der fährt doch nicht etwa drüber -hinaus!« - -»Es ist ein Berliner Taxameter. Er hat mir gesagt, er kenne sich gut -aus.« - -Wenk nahm das Sprachrohr: »Chauffeur, Sie wissen doch, Nikolassee ... -Villa Komorek?« - -In diesem Augenblick schwenkte der Wagen, und Lichter erschienen in der -Tiefe einer Allee. - -»Wir sind da!« sagte der Polizeidirektor. - -Bald hielt das Auto zwischen anderen Wagen, die vor einer Freitreppe -nebeneinander standen. Die Freitreppe selber war nicht beleuchtet, aber -es fiel Licht genug aus den drei hohen Glastüren, die sich auf sie -öffneten. - -Wenk ging rasch hinan ins Licht hinein. Vörös führte ihn zur Garderobe, -die stark mit Kleidungsstücken überfüllt war. Eine Uhr in der Halle -schlug zehn mit einem grellen, hastigen Schlag. Es war, als peitschte -sie die Stunden aus sich heraus. Wenk konnte nur mühsam mit Zählen -nachkommen. - -Zehn Uhr ist es, sagte er bei sich. Wir sind eine Stunde gefahren. Ich -hatte den Eindruck, als ob der Wagen seine fünfundvierzig Kilometer -machte. So weit ist Nikolassee doch nicht! Ein umwölktes Mißtrauen -erfüllte ihn. - -Er sah nach dem Ungarn. Der lachte ihm freundlich zu. Dann gingen sie -auf die große Flügeltür los. - -»Sie erlauben, ich trete vor. Ich werde Sie gleich zur Fürstin bringen!« - -Ein Diener zog die Tür auf. Wenk trat hinter dem Polizeidirektor in -einen mäßig großen Saal. Die Beleuchtung war stark gedeckt. Das war das -erste, was Wenk auffiel. Dann sah er eine Bühne klein und halbrund sich -aus einer Ecke erheben. Sie war mit einfarbigen Stoffen und asiatischen -Teppichen geradezu kostbar hergerichtet. Einige Stühle und ein Tisch -standen drauf. In den Stuhlreihen, die den Saal füllten, bewegten sich -Menschen in Abendtoiletten. Herren und Damen, aber viel mehr Herren -waren es, und die Damen waren alle auf eine auffällige Art modisch -gekleidet. - -Da sagte Vörös: »Die Fürstin!« Er stellte Wenk vor. - -»Ihr Freund, den Sie uns ankündigten?« fragte die Dame mit einem -gewinnenden Lächeln. »Sie sind uns willkommen, Herr von Wenk. Ich -glaube, wir brauchen nicht in Sorge darüber zu sein, daß Sie den Abend -in unserem Hause ohne Anregung verbringen. Darf ich die Herren meinem -Mann übergeben? Pflichten als Hausfrau, Herr Staatsanwalt, nicht wahr! -...« - -Die Frau trat einen Schritt näher in den Kreis eines der Lichter, die in -tiefen Seidenschirmen sich verbargen. Da sah Wenk, daß die Frau, die er -für sehr jung gehalten hatte, stark geschminkt und gepudert war. Ihr -Kleid war entsetzlich grell, so daß er erschrak, als sie ihn plötzlich, -sich von ihm trennend, mit einem übermäßig freundlichen Lächeln -anblickte. - -»Mein Gatte!« sagte sie dann. - -»Fürst, grüß' Gott!« lärmte der Polizeidirektor auf den Herankommenden -los. Der verbeugte sich vor Wenk. Etwas geziert, wie es dem Staatsanwalt -schien. Und als der Gastgeber den Kopf wieder emporrichtete, sah Wenk in -ein Gesicht mit einem schwarzen Schnurrbart, das dem Bild glich, das -sich in ihm am Abend aus der Vermischung der Verbrecherbildnisse -zusammengestellt hatte. - -Die Dame des Hauses war verschwunden. - -Der Fürst, wenn auch im Aussehen von einer weichlichen Gewöhnlichkeit, -war von den vollkommensten Manieren. Er hatte die selten gewordene Gabe, -zu unterhalten, ohne etwas zu sagen. Seine Gesprächsstoffe lagen -sozusagen außerhalb von ihm. Er nahm sie nur auf, scheinbar um ihnen -eine Form zu geben. Sonst wären sie unbeachtet liegen geblieben. - -Das ist alte Rasse, sagte sich Wenk. Mäßige Gaben, aber diese feine -Sehnsucht nach Form, die die größte Trivialität mit solcher Grazie -schaumig macht. Aber wie er aussieht! - -Der Fürst leitete ihn in die erste Stuhlreihe. - -Man wurde gebeten, Platz zu nehmen. In der Gesellschaft selber war -Weltmann, den Wenk an der Einhändigkeit ja erkannt hätte, nicht zu -sehen. - -Wenk saß zur Linken der Hausfrau. Rechts von ihm blieb der -Polizeidirektor, der sich an ihm festzuklammern schien. - -Eine Woge ging durch die reichen Tuchbehänge, und es trat ein breiter, -großer Mann mit einem etwas gewölbten Rücken heraus. Er war mit bester -Eleganz gekleidet. Er trug im Gegensatz zu den Gästen, die alle im Frack -und Dekolleté waren, einen dunkelgrauen Straßenanzug aus englischer -Wolle. Man sah gleich, daß die eine mit einem grauen Handschuh bedeckte -Hand leblos war. Der Mann war ein Ungar. Wer das leugnet! sagte sich -Wenk. Trotz des deutschen Namens. - -Weltmann hatte den Schnurrbart schwarz und dicht und an den Enden -hängend. Die Augenbrauen bogen sich in buschigen, dunkeln Winkeln rasch -über den Aughöhlen auf. Die Haare wie schwarzer Draht, hochgekämmt und -umgelegt. - -Weltmann sprach einige wenige Worte schmucklos und fast grob. Er sagte: -Die Gaben, die er vor den Gästen der Fürstin und des Fürsten Komorek -zeigen wollte, seien Gaben der Tat, und er zweifle auch nicht daran, daß -den Gästen Tatsachen nähergingen als der Versuch, erst mit Worten etwas -zu erklären zu versuchen, das wahrscheinlich nie erklärt werden könne. - -Er wolle sich selber zuerst als Objekt vorführen und jemanden bitten, -einen Herrn und eine Dame unter den Anwesenden zu nennen. Frau Fürstin -sei vielleicht bereit. - -Die Fürstin rief: »Als Herrn erbitte ich meinen Nachbar, den Herrn von -Wenk!« - -»Und die Dame? Vielleicht bezeichnet der Fürst die Dame!« - -Der Fürst sagte ohne langes Besinnen: »Wen soll ich anders bezeichnen -als meine Gattin?« - -Weltmann setzte sich auf einen Stuhl. Er legte die künstliche Hand in -auffälliger Weise vor sich auf ein Knie. Die andere vergrub er in der -Tasche seiner Jacke. - -»Frau Fürstin,« sagte er nach einer Weile, in der er sich gesammelt -hatte, »habe ich jemals Ihre Uhr in der Hand gehabt? Die kleine Uhr, die -Sie in Ihrer Handtasche bei sich tragen?« - -»Ich wüßte nicht!« antwortete die Fürstin. - -»Diese Uhr hat die Nummer 56403. Sie ist eine ovale Omega-Uhr!« - -Die Fürstin zog die Uhr heraus, öffnete den Deckel, schaute und nickte. -Sie zeigte sie ihren beiden Nachbarn und sagte lebhaft: »Es stimmt!« - -»Denken Sie sich bitte eine Farbe und schreiben Sie sie auf einen -Zettel. Zeigen Sie ihn Ihren Nachbarn!« - -Die Fürstin überlegte. Dann schrieb sie: Die Farbe des Amethysts in -Herrn von Wenks Ring! Sie gab Wenk den Zettel. - -Weltmann brauchte eine Weile. Dann sagte er zögernd: »Es ist eine Farbe, -die Sie in Ihrer Nähe ausgesucht haben. Sie ist aber unentschieden. Sie -ist durchsichtig, also wahrscheinlich von einem Stein. Ich kann nicht -genau sagen, aus welchen beiden Farben sie sich zusammensetzt. Violett -ist dabei!« - -»Heben Sie Ihren Ring ins Licht, Herr von Wenk,« bat die Fürstin, und -man sah, daß der Stein sich wirklich von einem dunklen Violett in ein -durchsichtiges Blauweiß umfärbte. - -»Welchen Herrn nannte die Fürstin?« fragte Weltmann. - -»Meinen Nachbar, den Herrn von Wenk!« - -»Mein Herr, Sie haben,« sagte Weltmann fast ohne Besinnen, ja, nur einen -ganz kleinen Ruck hatte Wenk seinen Kopf machen sehen, »in Ihrer -Brusttasche rechts Ihre Brieftasche. Darin befinden sich zwei -Tausendmarkscheine, Ausgabe 1918, Serie D, Nr. 65045 der eine und der -andere Serie E, Nr. 5567. Soll ich fortfahren, oder wollen Sie zuerst -kontrollieren, ob es stimmt?« - -Wenk griff lächelnd nach der Tasche. »Nein,« sagte Weltmann, »ich habe -die rechte Tasche gemeint, nicht die linke. In der linken haben Sie -Ihren Browning, Fabrikmarke von Serraing, Herstellungsnummer 201564.« - -Nun sah Wenk betroffen zu Weltmann hinauf. Denn es war wahr. Er hatte in -der linken Brusttasche seinen Browning, und der war von Serraing. Man -beugte sich von allen Seiten zu ihm. Die Fürstin neigte sich herüber. Er -roch das Parfüm ihres Puders. Sie sagte: »Nun, Herr von Wenk?« - -Der Suggestor lächelte auf ihn herab und sagte noch: »Sie können den -Revolver unbedenklich herzeigen. Sie haben ja in einem anderen Fach -Ihrer Brieftasche den Waffenschein, der Ihnen das Tragen der Waffe -erlaubt. Er ist in München erneuert worden am ersten Januar 1921. Er hat -die Nr. 5. Sie haben es eilig gehabt, sich einen Waffenschein ausstellen -zu lassen.« - -Höhnte dieser Mensch ihn in einem Traum? - -Er legte alles heraus. Es stimmte alles. - -»Genug!« sagte Weltmann. »Sie erlauben mir nun, zu Experimenten der -Willensübertragung überzugehen. Bitte einen der Herren!« - -Jemand kam auf die Bühne. »Ist der Herr Ihnen bekannt, Fürstin?« - -»Ja, es ist der Baron Prewitz!« - -»Genügt das allen Herrschaften, daß der Baron der Fürstin bekannt ist, -um etwa den Glauben an ein Einverständnis zwischen dem Herrn und mir -fernzuhalten?« - -Es wurde »Ja« gerufen. - -Inzwischen schrieb schon Weltmann etwas auf einen Block so, daß der -Baron unmöglich lesen konnte, und warf den leichten Block in den Saal. -Er schaute Prewitz an, ganz ruhig und nicht lange. Dann setzte sich -Prewitz in eine schleichende Bewegung, verließ die Bühne und ging -vorsichtig und langsam von Stuhl zu Stuhl, indem er jedem eine Weile ins -Gesicht schaute. - -Weltmann rief: »Ich bitte vier Herren oder Damen sich rasch zu mir -heraufzubegeben. Rasch!« - -Ein Rudel stürzte vor. Drei Herren und eine Dame wurden oben behalten; -die anderen gingen zu ihren Sitzen zurück. Der Suggestor setzte sie um -den Tisch. Er wies auf ein Spiel Karten, das auf dem Tisch lag. - -»Sind diese Dame und die drei Herren der Gesellschaft bekannt?« - -Die Fürstin winkte Ja. Viele Stimmen riefen: »Jawohl!« - -Prewitz näherte sich allmählich dem Stuhle Wenks. - -Weltmann schrieb lange wieder auf einen Block und schaute in kurzen, -gedrängten Pausen die vier auf den Stühlen Sitzenden an. - -Einer von ihnen sagte plötzlich: »Einundzwanzig oder Poker?« - -Weltmann schrieb stumm weiter. - -Man einigte sich auf Einundzwanzig und begann gleich zu spielen. - -»Es fehlt einer,« sagte die Dame. - -»Ich komme gleich!« antwortete Weltmann. »Halten Sie die Bank, -Gnädigste!« - -Inzwischen war Prewitz an Wenk herangekommen. Er schaute ihn lange an, -griff ihm dann mit großer Sicherheit in die linke Brusttasche und zog -den Browning heraus. Er stellte sich, die Waffe in der Hand, seitlich -von Wenk auf. - -Weltmann sagte von der Bühne herab: »Weil Sie so unvorsichtig sind, -einen nicht gesicherten Browning in der Tasche herumzutragen! Bitte,« -wandte er sich in den Saal, »vorlesen, was ich auf den Block geschrieben -habe!« - -Jemand las vor: »Der Baron soll die erste Reihe abgehen, Stuhl für -Stuhl, und wo jemand einen unentsicherten Browning in der Tasche hat, -diesen herausnehmen und sich seitlich damit aufstellen.« - -Man klatschte. Weltmann, mit einer kurzen Handbewegung, verbat sich das. -Er hielt mit Schreiben ein, reichte der Fürstin den Block hinab und -setzte sich zu den Spielenden. - -»Seite eins!« sagte er der Hausfrau. - -Sie las es für sich, hielt dann ihrem rechten Nachbar den Block hin und -schaute gespannt auf die Bühne. Dort ging folgendes vor sich: - -Der Suggestor gewann Spiel auf Spiel. Manchmal schaute er fort vom -Tisch, und es war dann Wenk, als zwinkerte er ihm zu, heraufzukommen. -Wenk wußte wohl, es war eine Täuschung. Irgendein Licht, das sich so -sonderbar in Weltmanns Auge brach, mußte schuld daran sein. Aber er -fühlte sich dennoch beunruhigt. Es nistete sich dann, immer stärker -drängend, bei ihm die Vorstellung ein, hinaufzugehen und dem Mann von -nahe in die Augen zu schauen, um sich zu versichern, daß die blinzelnden -Blicke nicht ihm galten. Aber das wäre ja närrisch! sagte er sich. - -Er versuchte, den Zwang von sich abzuschütteln. - -Plötzlich, ohne daß ein Wort gesprochen worden wäre, lehnte sich einer -der Spieler zurück und sagte mit kurz aufbellender Stimme, wie laut aus -einem Traum sprechend: »Was habe ich jetzt getan? Ich hatte -einundzwanzig. Da hat jemand gesagt mit meiner Stimme: Ich habe wieder -nichts!« - -Er griff seine weggeworfenen Karten wieder auf und zeigte ein As, einen -Buben und einen Zehner. - -»Zu spät!« sagte Weltmann, der Bankhalter. - -Wenk faßte sich an die Schläfen. Dieses Begebnis hatte er schon einmal -erlebt. Wann? Wo? Mit wem? Er zersiebte seine Erinnerungen. Er quälte -sein Hirn ab. Das Bild stand wie eingeschnitten in ihm. Aber es war -losgelöst von aller Atmosphäre des Wann und Wo und mit wem? - -Hinter seiner Stirn wuchs eine Form auf in einer Gleichzeitigkeit mit -dem Nachgrübeln hinter der nicht zu erfassenden Erinnerung, die ihn -geisterhaft bedrückte. Die Form ... war es ein Mensch, eine leblose -Säule, ein Untier ... er hätte es nicht sagen können ... Da blutete die -Form irgendwo, und Wenk sah nun durch die flüchtigen, wie Nebel -hingehauchten Bilder dieser neuen Vorgänge, daß die Form einen Mund -hatte und diesen Mund plötzlich spitzte und skandierend das Wort sprach: -»Tsi ... nan ... fu!« - -Dieses Wort erinnerte sich Wenk nun ganz genau aus dem Mund des alten -Professors gehört zu haben, der kein anderer war als der Dr. Mabuse, -dessentwegen er nach Berlin gekommen war. - -Dr. Mab... Dr. Mab... flüsterten die heimlichen Stimmen. Wenk versuchte -sich das Bild des alten Professors zu vergegenwärtigen und fand es nicht -mehr genau zurück. Nur der Mund ward ihm deutlich, der den Namen der -chinesischen Stadt so sonderbar eindringlich gesprochen hatte. - -Weshalb, fragte sich Wenk unter dem Strom von Bildern, die aus diesen -Erinnerungen aus ihm auftrieben, denke ich jetzt an diesen verkleideten -Professor? Weshalb gerade an den Professor und nicht an Mabuse in einer -andern Gestalt, zum Beispiel in seiner wirklichen Gestalt, wie ich sie -von dem Abend im Saal der Vier Jahreszeiten gut in Erinnerung habe? - -Mabuse als Suggestor! Welche Kühnheit! Als öffentlich auftretender -Suggestor! Ob Mabuse von ebenso verblüffenden Fähigkeiten war wie -Weltmann, und ob Weltmann ein ebenso von Abgründen durchhöhlter -Verbrecher war wie Mabuse? fragte sich Wenk. Immer weiter, unklarer und -unwirklicher verglitten ihm die Gedanken. Es waren keine Gedanken. Es -waren Dunstgebilde, die aus einem Druck dieser zerreibenden Augen da -oben seiner Phantasie entströmten und vor seinem Hirn durchtrieben. - -Er versuchte und richtete dabei seine Blicke mit zwingender Starrheit -auf Weltmann, diesem einen langen, rotblonden Bart umzuhängen, wie jene -erste Form, in der Mabuse an seinen Weg getreten war, sie gehabt hatte. - -Und da wußte Wenk auf einmal über einen Weg unerkenntlicher -Zusammenhänge, woher er die Situation mit dem Spieler kannte, der seine -Karten, ohne zu halten, wegwarf, obschon er einundzwanzig und von -vornherein gewonnen hatte. Er kannte sie aus der Erzählung des -ermordeten Hull. Er hatte sie nach der ersten Unterhaltung mit Hull in -seinem Notizbuch wörtlich aufgezeichnet. Sie standen auf einer der -ersten Seiten des Buches, das der Chauffeur Mabuses ihm aus der Tasche -genommen, als er ihn nachts im Schleißheimer Park abgesetzt hatte. Ja, -die Form, an der es blutete, war Hull selber. Sie lehnte sich jetzt über -Wenks Stirn wie eine Trauerweide. Leise rannen und raunten die -bluttropfenden Blättlein: Von mir ... Hull! Von mir ... Hull! - -Da geschah es in dem bewegten Nebelgebäude, das sich in Wenk ruhelos und -so vielgestaltig zusammenbaute, daß, wie ein Knochen aus dem -astralhaften Schatten, mit dem die Röntgenstrahlen das Gebein aus dem -durchleuchteten Fleisch hervortreten ließen, etwas aufwuchs ... ein -dunkler Kern, ein wilder, todgeladener Stein ... so schwarz ... ein -Mann! - -Die Fürstin reichte ihm den Block Weltmanns. Es schob sich in seinen -Vorstellungen etwas zurück. Er kämpfte, um die Worte zu fassen, die er -las: »Der Bankhalter gewinnt jedes Spiel. Hat einer der Spieler eine -bessere Karte als der Bankhalter, so ist er unfähig, gegen ihn zu -halten.« - -Kaum hatte Wenk das gelesen, so rief Weltmann mitten aus dem Spiel mit -einer Stimme, die Wenk wie ein niederbrechender Felsen durchschlug: -»Blatt zwei lesen!« - -Entsetzt drehte Wenk um. Er las: »Unter der Macht des Suggestors -versucht einer der Mitspieler die Karten falsch zu geben und sich ein As -nach unten zu legen. Er wird erwischt!« - -Da raste Wenk alles Blut ins Herz. Wie eine Lawine riß es ihm durch die -Adern. Seine Augen wurden kalt und vereist. Seinen Händen, zitternd, -entfiel das Blatt. Eine grauenhafte Erkenntnis wälzte sich über ihn: Das -Geheimnis des Falles Told! - -Mabuse hatte den Grafen unterhalb des Bewußtseins gezwungen, falsch zu -spielen, um ihn vor seiner Frau zu zerstören, die der Verbrecher haben -wollte! Das war es, daß die Gräfin damals nachts aus der Wohnung Mabuses -kam. Mabuse hatte den Grafen getötet! - -Was auf dem Blatt stand, geschah auf der Bühne. Die Dame, die inzwischen -die Bank wieder übernommen hatte, mischte falsch und wurde erwischt. - -Damit schloß Weltmann dieses Experiment. Er erlöste die vier Leute aus -dem Zustand, und sie suchten, verstört und mit Augen, die irgendwo fern -sich noch verloren, ihre Stühle wieder auf. - -Weltmann schaute auf Wenk herab. - -Wenk wußte: Du bist Mabuse! - -Die Plötzlichkeit der Erkenntnis hatte seinen Willen gelähmt. Er rang -mit sich um Ruhe und Überblick. War er in eine Falle gelockt worden? War -der Ungar ein bestellter Zutreiber? War dies ganze, von Siedlungen -entfernte Haus, die Gesellschaft drin ... ein Hinterhalt, nur -seinetwegen geschaffen? - -Langsam kämpfte er sich durch. - -Er stand zwischen zwei Polen. Entweder war alles um ihn im Bund mit -Mabuse. Dann gab es für ihn keine Rettung. Dann war, was er hier -erlebte, die Vorbereitung einer Rache, an deren Ende nur sein Tod stehen -konnte. - -Oder es war nur ein Zufall, daß er in eine Gesellschaft geraten war, in -der ebenfalls durch einen Zufall Mabuse auftrat? Es konnte ja sein, daß -Mabuse Ungar war. Es konnte ja sein, daß er früher Rechtsanwalt in Pest -gewesen. Seine Beziehungen zu Geheimrat Wendel bewiesen, welches -Doppelleben er geführt hatte. Das war also alles nicht von vornherein -ohne Übereinstimmung mit der Annahme, ein Zufall habe ihn und den -Verbrecher hier zusammengebracht. - -Die nächste Frage, über die Wenk Klarheit zu bekommen versuchte, war -die, ob Mabuse ihn kannte. - -Da sagte er sich, rasch, erbleichend: Ja, er kennt mich. Er hat mich bei -Schramms gesehen und in den Vier Jahreszeiten. Das ist sicher. - -War dieser Mann so tollkühn und über sich gewiß, daß er trotzdem, ja wie -zu einer teuflischen Verspottung Wenks, das aufführte, was Wenk soeben -droben auf der kleinen Bühne gesehen hatte ... ihm geradezu Aufschluß -über all die Rätsel gab, mit denen er seine verbrecherischen Handlungen -eingekleidet hatte ... - -An Hilfe der Polizei war nicht zu denken; denn Wenk wußte nicht einmal, -wo er war. Aber wenn er den Fürsten ins Einverständnis zöge? Aus der -Gesellschaft heraus sich Hilfe holte, um den Mörder dingfest zu machen? - -Das aber könnte er nur tun, wenn er der Gesellschaft vollkommen sicher -wäre; sonst wäre von vornherein alles verloren. Stimmte es schon mit dem -Haus, so war ihm durch Erfahrung bekannt, daß dieser Verbrecher stets -von einem Teil seiner Bande schützend umgeben war, und daß dies Leute -waren, die vor keinem Teufel zurückschreckten. Um ihn saßen gewiß -zahlreiche Helfershelfer Mabuses. - -Aber wenn Wenk sich wie unabsichtlich irgendwo an eine Tür machte, -hinausginge und im Schutz der Nacht entflöhe, den Gang mit Mabuse für -eine Gelegenheit aufsparend, bei der Wenk bessere Waffen zur Verfügung -hätte ... Oder wenn er unauffällig ein Telephon aufsuchte, im Hause und -die Polizei um Hilfe riefe? Aber wohin sollte er sie rufen? - -»Grandios, haben der Herr Staatsanwalt jemals Ähnliches gesehen?« fragte -Vörös. - -Wenk vergaß zu antworten. Er hatte die Frage gehört und sich, noch war -sie nicht ausgesprochen, vorgenommen, dem Ungarn harmlos und umständlich -begeistert zu antworten. Aber der Vorsatz war rasch in der Flut der -Überlegungen und Pläne, die ihn durchtobte, davongeschwommen. Er merkte -es nicht einmal. - -Vörös warf ihm einen raschen Blick zu. Da erbat der Suggestor neue -Mitwirkende. - -Wenk, plötzlich zu einem Entschluß kommend, wie mit einem Ruck gefaßt, -kühl und kühn, eilte selber hinauf als der erste. Lieber den Wolf im -Gesicht als im Rücken! - -Da sah er, wie der Baron Prewitz, den man vergessen hatte, ihm folgte. -Mit automatisch dem seinen angepaßten raschem Schritt sprang er hinter -ihm her, den Browning in der Hand. »Sie wagen sich nur unter Bedeckung -in mein Land, Herr Staatsanwalt,« lächelte der Suggestor. - -Das ist Hohn! sagte sich Wenk. Er kennt dich! - -Wenk verbeugte sich nur, wie um zu sagen, er heule mit den Wölfen. Er -stand nun neben dem Suggestor. Die beiden Gestalten maßen sich -aneinander. Wenk hatte diesen Werwolf gehaßt und mit der Rachsucht -verfolgt, die er dem Feind der Ordnung, in der allein das Volk gesunden -konnte, entgegenbringen mußte. - -Wie er sich nun aber neben ihm erhob, eine Weile allein mit ihm auf dem -Podium, abgesondert von allen andern, und sie beide auf dem Gipfel des -Kampfes umeinander standen, war ihm, als seien sie zwei gleich starke -Kräfte, die nur nach verschiedenen Richtungen gingen. Die Begriffe Gut -und Böse verwelkten an diesem heimlichen Optimismus und fielen ab. Es -war nur mehr: Mensch zu Mensch! - -Und aus seinem bedrängten Blut stieg etwas wie ein Vertrauen auf die -Ritterlichkeit seines Gegners ... ein Vertrauen, das auf einen -schwingenden, kaum wahrnehmbaren Instinkt zurückging: sie mußten beide -kämpfen stets unter dem Einsatz ihres Lebens. Sie hatten sich wohl einer -gegen den andern gewandt; aber das mußten sie sich nachsehen jetzt, in -dieser aufs letzte getriebenen, feierlichen, heißen Minute. - -Wenn ich schlafen könnte, sagte sich Wenk mit einer innigen und zarten -Sehnsucht. - -Er sah Weltmann von nahe in die Augen. Er übersah sein ganzes Bild. Es -war die aus Muskeln zusammengereckte Gestalt, und Wenk riß in Gedanken -den aufgeklebten Schnurrbart weg und die Augenbrauen und die schwarze -Perücke, und darunter sah er den kahlgeschorenen, hochgeschwungenen -Schädel des Dr. Mabuse. - -Wenk hätte ihn jetzt unter allen Verkleidungen erkannt. Er schaute -Mabuse ruhig an. Die Blicke des andern flackerten gegen ihn. Die grauen -Augen verzehrten sich selber in ihrer Größe und dem kalten Feuer, das -sie von sich gaben. - -Der Suggestor schien dann eine Weile Wenk nicht mehr zu beachten. Er -widmete sich den Heraufkommenden. Kaum hatte einer die Bühne betreten, -so machte er unversehens kehrt und begann zurück in den Saal zu laufen. -Einer nach dem andern! Ein Dutzend, mehr ... - -Die unten blieben, lachten. Der kleine Saal wollte entzweibrechen vor -Gelächter. Es kamen immer mehr. Einer machte es wie der andere. - -Wenk erfaßte mit einer Hand das Gelenk der andern Hand und fühlte, ob er -noch Bewußtsein über seine Nerven und Muskeln hatte. Er wollte -widerstehen. Die Aufwallung von Herzensgröße und Edelmut war rasch -verkältet. Er haßte, bedrohte, verwünschte jetzt. Er nahm den letzten -Kampf auf. - -Sein begieriges Blut flammte den Gegner an, überwachend und zugleich auf -Selbstwehr bedacht. Irgendwo in seinem Körper klang eine Saite an, wie -von einer Mandoline. Er begann dieser sonderbaren Musik hinzuhorchen. -Sie war so zart und fern. Aber gleich schlug er sich zurück auf seinen -Posten der Wehr und Wache. - -Da überfiel ihn ein geradezu wunderbarer Einfall: Wenn er jetzt so täte -wie die andern und liefe wie im Zwangstraum, da ... an den Stühlen -vorbei ... die Allee von Stühlen, die süße, rettende Allee ... die Tür -war offen, groß, verheißungsvoll ... Rettung und Pflicht zugleich ... -ans erste Telephon draußen in der Nachbarschaft ... Polizei rufen ... -eine glänzende List! und schauen, wie die andern es machten, und es -denen gleichtun und harmlos traumumfaßt tuend, zurück in den Saal kommen -und warten ... auf die Polizei, die helfende ... Eine wunderbare List! - -Ein Muskel schon zog sich in einem Bein an ... - -Da rief Weltmann dem Baron streng zu: »Weshalb passen Sie nicht auf? -Revolver hoch! Sehen Sie denn nicht, daß dieser Verbrecher fliehen -will?« - -Er wies auf Wenk, und Prewitz hob den Browning mit einer traumverlorenen -Lässigkeit, mit einer Entsetzen gebenden stupiden Gleichgültigkeit. Er -hob die Waffe Wenk vors Gesicht. Wenk sah das kleine Loch, und schwarz, -tief gefährlich tobte die Hölle da drinnen. Er wußte, die Waffe war -entsichert. - -»Sie schießen beim ersten Schritt, den er tut, ohne meinen Befehl,« -sagte Weltmann mit einem vieldeutigen strengen Lächeln. - -Wieder klang aus diesem furchtbaren Augenblick heraus die feine -Zupfsaite in Wenk an, an einer andern Stelle als vorhin. Eine milde, -wehmütige, gut gekannte Weise erklang, als bliese sein Vater an seiner -Wiege auf einer Flöte ein Schlaflied. - -Er horchte hin und er rutschte in diesen paar Blutschlägen, wo er sich -so an das Horchen nach den rätselvollen Klängen verlor, zwei Handbreiten -von der Wirklichkeit ab, die er noch gerade ganz klar mit der einen Hand -am Puls des andern Handgelenkes gespürt hatte. - -Die Flöte ward die Zauberflöte. Was rundum diese eine Vorstellung -einbettete, ward ein Zaubergarten; eine hohe, wilde Hecke umschloß seine -beängstigende Wirrnis. Aber ein Loch in dieser Hecke war offen. War von -ganz weitem offen, unbewacht ... der Himmel der Freiheit flutete herein -und kam auf ihn zu, wie mit silbernen Zangen aus Äther, um ihn an sich -zu reißen und zu befreien. - -Und da lief er trotz der Pistole des Barons. Er machte springende Sätze -über die Bühne ... der Revolver entsank der Hand des Barons ... Wenk -hetzte mit einem Sprung die Treppen hinab. Er durchraste die Allee der -Stühle auf die Tür zu, warf die Beine wie ein Füllen, das auf der Wiese -den Sommer spürt. - -Der ganze Saal brüllte vor Ergötzen über diesen Streich des Suggestors. -Aber Mabuse sandte ihm ein Lachen nach, das greulich berstend an den -Saalwänden zerschellte. - - - - - XXI - - -Wenk lief spornstreichs zwischen den Dienern an der Tür durch, die -hinter dem Handrücken mit ernsten Gesichtern lachten. Er lief durch die -Halle, die offene Tür auf die Freitreppe, purzelte die Stiegen hinunter, -riß die Tür des Autos auf, das dort stand ... Schon sprang das Auto an -und war in wenigen Augenblicken in der Allee und der Nacht verschwunden. - -Im Saal sagte Mabuse, sein Lachen auf einmal unterbrechend: »Er fährt -ins Café Hölle, Ihnen eine Weizensemmel holen!« - -Der Schlag, mit dem das Auto anfuhr, warf Wenk in den Polstersitz. Aber -kaum berührte er den Sitz, so war ihm, als öffnete sich das Leder. Wenk -sank rasch zurück in ein Loch hinein. Etwas schlug über ihm zusammen. Es -krachte wie von Eisen. - -Da erwachte er aus der Hypnose. Er lag unglücklich und unwissend, wie er -hingekommen, den Kopf hintenüber, scheinbar in einer Vertiefung des -Rücksitzes. Er wollte sich erheben, verstört, nach Ruhe und Erkennen -suchend. Aber er vermochte nicht aus der Vertiefung hochzukommen. Etwas -preßte ihn immer wieder zurück. Eine harte, unnachgiebige Fessel lag -über ihn mehrfach gekreuzt. - -Das Auto fuhr mit einer werfenden Tobsucht. Es schüttelte ihn gegen die -Eisenstäbe, als die er bald die Fesseln erkannte, die ihm das Aufstehen -unmöglich machten. Sie lagen eng über ihn gepreßt. - -Er stemmte sich in einer aufflammenden Verzweiflung gegen sie. Aber er -merkte gleich, das war alles vergebens. Das war alles für die Katze! -Also war er verkauft und verloren. Er war auf den Leim gegangen. - -Mit einem bösen Trotz wandte er sich gegen sich selber: So ist es recht! -Der Stärkere gewinnt! So warst du der Schwache! - -Weshalb war er der Schwache? Weil er etwas unternommen hatte, das von -vornherein den Rand seiner Fähigkeiten überstieg. Ein jeder bescheide -sich zu sich selber. - -Was hatte ihn verführt, über sich selbst hinaus zu wagen? Weshalb konnte -er jetzt, im verlorensten Augenblick, den sein Leben jemals besessen -hatte, und der ihm so unglaubhaft schien, daß ein letzter süßer Zweifel, -es möchte alles böser Traum sein, ihn nicht verlassen wollte ..., -weshalb konnte er seine Gedanken führen wie kleine, kühle, -wohlgezirkelte arithmetische Probleme und Lösungen? Was hatte ihn -verführt? - -Er wußte es. Das Gute in ihm war es gewesen. Die Einordnung in die -fließende Macht des Gewissens, das er gegen sein Volk hatte. Er hatte -diesem helfen wollen. Und weil sein Gewissen mächtiger war als seine -Fähigkeiten, war er dem Verderben entgegengegangen. - -Wenn dies Erlebnis seinen Tod am Ausgang hatte, so starb er einen Tod, -der edel war. So waren die seelischen Atome, die aus seinem Vergehen in -neu entstehendes Leben hineinschwebten, von edler Fruchtbarkeit ... Er -lebte im Geist weiter unter den Menschen ... - -Der Schall des Motors pochte durch den Wald. Das hörte Wenk. - -Was hatte der Feind mit ihm vor? - -Das Auto schlug sich mit einer Raserei durch die Nacht wie ein Schiff -durch einen Taifun. - -Wozu? Wohin brachte man ihn? - -Nach München? Aber weshalb? - -Wenn man ihn richten wollte, weil er die Wege böser Kräfte gestört hatte -und ihnen unterlegen war, weshalb setzte man die Rache noch aufs Spiel, -indem man ihn stundenlang verschleppte? - -Er sah, die Fenster des Autos waren nicht verhängt. Er erblickte Sterne, -die mit bebenden Sprüngen die Scheiben durchtanzten. Nach München kam -man nicht bis zum Morgen. Bei Tageslicht aber konnte man es unmöglich -wagen, ihn gefesselt hinter unbedeckten Scheiben durch halb Deutschland -zu fahren. - -Man verschleppte ihn irgendwohin. Wohin? Wohin? flehte er inbrünstig. - -Es mochte Mitternacht gewesen sein, als er die Villa verließ. Aber auch -das war nicht ganz sicher. Denn er wußte gar nichts mehr von dem, was -mit ihm geschehen war, während er noch mit der einen Hand den Puls der -andern gefaßt gehalten hatte. - -Da stand eine raum- und lichtlose Kluft in ihm. Er kam nicht hinein und -nicht hindurch. Der Puls war das letzte, was er jenseits noch in der -Erinnerung erblicken konnte. - -Ja, er wurde zur Richtstätte geführt. - -Er erinnerte sich mit einer Sehnsucht, die keine Grenzen hatte, und die -ihn wie in ein Meer warf, an seinen toten Vater. Mit allen Sinnen und -allen Nerven klammerte er sich an diese von einer schreienden -Melancholie hingepeitschten Erinnerungen. - -Das Werfen seines haltlosen Körpers im Auto durch Stunden zusammen mit -der Erregung seines Innern machte ihn krank. Er besudelte sein Gesicht. -So wurde er hilflos und verzagt. Sein Gehirn verließ die Kraft, den -Vorstellungen genaue Umrisse zu geben. Spuk trieb aus ihm auf. Teufel -spielten Ball mit ihm zwischen dem Gaurisankar und dem Aconcagua, ließen -ihn fallen und erhaschten ihn wieder, einen Augenblick, bevor er auf dem -einsamen Kap der Guten Hoffnung zerschellte. - -Dann wieder war ihm, als sei er von einer riesenhaften schwarzen Hand in -eine Höhle gestopft worden wie ein Sack. Die Wände der Höhle waren so -eng, daß er sich nicht einmal umlegen konnte. Aber plötzlich, langsam -und ohne Unterbrechung, begannen die Wände zu wachsen. Sie wuchsen aber -nicht auseinander. Sie bewegten sich von allen Seiten mit demselben Maß -auf ihn zu. Und vor ihm stand greifbar schon der Augenblick, in dem die -Felsen zwischen sich seine Knochen bersten und sein Hirn zerplatzen -ließen. - -Das Bewußtsein verließ ihn in einem traumähnlichen Zustand, den eine -dumpfe, aus der Tiefe gellende, unsichtbare Todesangst beherrschte. - -Als er erwachte, lag er ausgestreckt auf einem Ledersitz. Die eisernen -Bänder waren nicht mehr über ihm. Aber seine Arme waren an seinen Rücken -gefesselt und seine Beine übereinander gebunden. Über das Gesicht war -ein breites Tuch mit schmerzendem Druck geknüpft, das ihm den Mund fest -verschloß und ihm den Atem schwer machte. - -Es war Tag. - -Er hörte ein Brausen, das in gleichen Absätzen aufscholl und verklang. -Bald wußte er: es ist das Meer! - -Ein Mann schaute herein und über ihn. Das Tuch verhüllte Wenk nur ein -Auge. Er sah mit dem andern über den Rand der Binde halb die Dinge, die -auf gleicher Höhe lagen. Er kannte den Mann nicht. - -Der Mann rief einen zweiten an: »Komm! Er ist wach!« - -Da kam auch der zweite schauen. Jedoch auch diesen hatte Wenk nie -gesehen. - -Er hörte die beiden zusammen sprechen. »Es geht auf fünf Uhr. Der Doktor -muß bald da sein!« - -Der andere antwortete: »Wenn er gesagt hat, kurz nach fünf, so kommt er -dann auch! Wir müssen uns parat machen!« - -»Sieht man noch nichts?« - -Die Männer entfernten sich. - -Wenk versuchte, den Kopf zu heben. Aber er sah nicht über den Rand des -Fensters. Die Landschaft mußte flach sein. Nur Himmel stand draußen. - -»Gib das Glas! Da ist er!« hörte Wenk auf einmal rufen. Jetzt kommt die -Entscheidung, sagte er sich. Er sammelte alle Kraft, den Vorstellungen -zu widerstehen, die mit grauenmachenden Fragen seine Phantasie -bestürmten und aus dem Dunkel heraus Züge von Bildern zu zerren -versuchten, vor denen ihn graute. - -Was nun geschah, ging sehr rasch vor sich. - -Die Tür des Autos wurde aufgerissen. Hände faßten ihn an der Schulter. -Die Schulter lag in der Nähe der Tür. Die Hände zerrten sie hinaus. -Seine Füße schlugen schmerzend auf das Trittbrett und dann auf den -Boden. Der zweite Mann hob die Beine auf, und sie trugen ihn ein Stück -weit. - -Da sah Wenk kurz vor sich Dünen. Nur ein paar Schritte waren es bis zu -ihrem Kamm. Diesem kletterten die Männer nun mit ihm entgegen. - -»Rascher!« rief der hinten, indem er sich umdrehte und rückwärts in die -Landschaft schaute. - -Wenk hörte einen Motor. Er wußte, das ist Mabuse, der Motor! Auf einmal -baute sich ein lichtes Gewölbe über ihn. Erst nach einer Weile erkannte -er, daß es die Tragflächen eines Eindeckers waren. - -Die beiden Männer verrichteten alles mit hastigen Bewegungen. Wenk wurde -auf den Sand gelegt. Zwei Stricke wurden ihm unter Brust und Armen -durchgeknüpft. Ein Mann hob ihn an den Beinen hoch, und auch diese -wurden mit zwei Stricken, die irgendwo am Gestänge schon vorbereitet -waren, hochgebunden. Ein dritter Strick wurde dann um seinen Leib -geschlungen. - -Es dauerte nicht lange, bis Wenk erkannte, daß er mit dem Rücken an die -Wand der Gondel des Flugzeuges angebunden hing. Er lag da, angepreßt wie -ein Paket, das mit auf die Reise genommen wurde. Mit dem freien rechten -Auge sah er über den Rand der Binde hinweg, daß das Flugzeug auf einem -vorbereiteten Platz über einer sanft ins Meer fallenden Laufbahn stand. -An ihrem Fuß lief der Strand weiter. Es war Ebbe. - -Ich werde eine Reise übers Meer machen! sagte eine traurige Stimme in -ihm. Wie lang ist es seit meiner letzten Seereise her! Der ganze Krieg -liegt dazwischen. Aber jetzt kommt für mich erst der Krieg ... erst die -Granate. - -Aus der Tiefe seiner Muskeln brüllte eine Antwort gegen dieses kleine, -wehmütige Stimmlein. Die Muskeln lehnten sich gegen die Fesseln auf. -Sein Körper warf sich in den Stricken hin und her. Die Tragfläche bebte -unter den Schlägen und schwankte über ihm. - -Da neigte sich ein breites Gesicht und ein hochgeschwungener Schädel -über ihn, und zwei Augen brannten seinen ganzen Leib an. »So!« preßte -sich ein Laut aus dem Mund des Mannes, der sich über ihn neigte. - -Ja, das ist der Feind! Mabuse! durchfuhr es Wenk. - -»Steig' ein!« rief dann Mabuses Stimme. - -Man hörte ein Rauschen wie von Frauenkleidern. Dann stieg aus dem -Rauschen eine Stimme ... eine Stimme, die ihm unter dem Fleisch auf die -Knochen bebte. Er kannte sie! Das Kleiderrauschen wurde heftig und nah, -die Frauenstimme rief: »Was ist das?« - -Wenk hörte Entsetzen, Qualen und Grausen aus dieser Stimme und Frage. - -»Was ist das?« rief die Stimme schrill und versagend nochmals. - -»Steig' ein!« schrie Mabuse dagegen. - -Da fragte die Stimme der Frau, diese wohlbekannte, süße und dunkle -Stimme der Gräfin Told, wie verschüchtert in sich zurückgesunken: »Was -geschieht mit diesem Mann?« - -Wenk sagte sich: Sie kennt dich nicht! - -»Steig' ein! Er geht mit auf die Reise! Es ist kein dritter Sitz da! -Steig' ein, rasch!« rief Mabuse. - -Wenk sah, wie Mabuses Arme die Frau erfaßten und über ihn hinweg in die -Gondel hoben. Dann stieg Mabuse nach. Er benutzte als Tritt Wenks -angebundenen Leib, und wie er im Führersitz saß, keine zwei Finger breit -über Wenk, beugte sich Mabuse herüber zu seinem Kopf und sagte mit -rauhem Hohn: »Der Herr machen die Reise mit. Wohin? Glück auf!« - -»Fertig?« fragte Mabuse dann rückwärts. - -»Alles in Ordnung!« - -Der Propeller klopfte, und unversehens rutschte das Flugzeug in die -Bahn, und mit dem Augenblick, wo Wenk den Motor stoßen fühlte, waren die -Räder schon vom Boden frei, und die Erde fiel unter seinem halben Auge -hinab ins Grausige. - -Das Flugzeug stieg jäh aufwärts. Es war Wenk, als stünde sein Körper -fast aufrecht. In der Gondel wurde kein Wort gesprochen. Die Luft -prallte brutal an ihn, als sei sie aus fliegendem Holz. Bald begann ihn -zu frieren. Die Kälte schlug ihm durch den breiten Ausschnitt des -Frackhemds mitten ins Herz. Er spürte nur, daß die Kälte immer tiefer in -ihn eindrang, wie mit wühlenden Messern. Seine Haare waren starr und -standen aufrecht. Sie waren wie Nadeln schmerzhaft in seine Haut -gestoßen. - -Von aller Fähigkeit zu denken war nichts mehr in ihm als eine mit -dunklen Farben aufgemischte, fließende Scheibe. Eine kleine, unklare -Vorstellung sprang ihm daraus nun wieder in die Hände: als erleide er -ein Martyrium und als erleide er dieses Martyrium der Gräfin Told -zuliebe, die er einmal geliebt habe, wo es nicht erlaubt war. - -Dann fühlte er einen kurzen Fauststoß an seinen Kopf. Eine Stimme fragte -roh wie ein Holzknüttel auf ihn hernieder: »Ist Ihnen viertausend Meter -hoch genug?« - -Nach wenigen Augenblicken fragte es nochmals: »Oder haben Sie sich aus -Angst schon vorher verabschiedet?« - -Die Stimme ging fort, wie ein Geist. Wenk spürte, wie sich das Flugzeug -grade richtete. Als es eine kurze Weile so geflogen war, kam eine Hand -an seinen Kopf. Sie riß hastig und mit heftigen Stößen die Binde fort. - -Da sah Wenk, wie sich weit über seinen Kopf das Gesicht Mabuses -vorbeugte. Er blieb stumm. Aber die Züge waren wie auseinandergerissen -von einer Lust, die Entsetzen verbreitete. Die grauen Augen hatten keine -Form und keine Iris mehr. Sie waren wie alte verwitterte Steine. Sie -waren hart und voll von einem Tod, der sich Wenk gleich einem spaltenden -Hieb durch den Körper schlug. - -Dann sagte der verdehnte Mund und öffnete sich wie der Spalt einer -Klamm, die ins Rutschen kam: »Sie haben gewagt, meinem Weg -entgegenzutreten. Sie stehen vor Ihrem letzten Augenblick. Ich habe -Ihnen den Knebel vom Munde gerissen, daß ich mich an dem Schrei ergötze, -mit dem Sie die viertausend Meter zurück zu Ihrer Welt fallen!« - -Wenk hörte die Stimme wie einen über einen Blitz einkrachenden Donner. -Er spürte, wie die Hände Mabuses die Stricke an den Beinen lösten. Er -zerrte und riß daran. Auf einmal waren seine Beine frei. Sie fielen -hinab, einen Augenblick nur, dann hielt der Strick, der den Leib -umschlang, sie wieder an. Die Hände rasten um diesen. In kurzen Sekunden -war er gelöst. - -Wenks Leib im weiteren Fall richtete sich aufrecht, nur noch gehalten -von den Stricken, die seine Brust an die Wand anschnürten. Er fühlte -plötzlich, daß seine Hände frei waren, und mit diesem Gefühl schlug eine -jähe Hoffnung durch sein Blut. - -Aus dem Verhüllten seiner Phantasie stieg, wie ein Märchen, prangend, -mit Wollust und Sehnsucht beladen, mit Glück durchstrahlt, die -Erinnerung, daß er die Schönheit und Menschlichkeit der seinem Ende -jetzt so nahen Gräfin Told einmal angebetet und nicht vergessen hatte. -Eine wundersame Macht ging von diesem Gefühl aus, das sich im nächsten -Blutschlag schon, in der Kraft des letzten Augenblicks vor dem Tod, zu -einer unlösbaren Blutsbrüderschaft gesteigert hatte und wie ein Gewölbe -voll Stolz und Mut über den wilden Schädel des Mörders hinweg auf der -anderen Seite auf das menschliche Herz dieser Frau einen Fuß absetzte. - -Er sah, wie auf einmal die Augen der Gräfin irr, wie Vögel, die aus dem -Äther abgeschossen werden, über Mabuses weit und gierig vorgebeugten -Kopf sich errichteten ... Er sah, wie die Hände aus den Pelzhandschuhen -zuckten und weiß funkelten, so nackt, als böte sich ihm ihr ganzer Leib -in keuschem, heißem Opfer dar, sich an Mabuses Schulter krallten und ihn -zurückreißen wollten. - -Aber Mabuse schüttelte die Frau mit einem Ruck seines Körpers zurück. Er -hob die Hände mit einer tobenden Wut an den letzten Strick. Sie rissen -die ersten Knoten auf ... der Körper Wenks rutschte etwas tiefer ... -schlugen Wenks Hände, die nach dem Rand der Gondel irrten, mit -geschlossenen Fäusten zurück ... - -Da erhob sich ein letzter Widerstand aus einem flutenden Schein von -Lebenswillen heraus, und Wenks Stimme brüllte in die Luft hinauf, die -das Flugzeug brausend umschwankte: »Der ist der Mörder des Grafen Told. -Der ließ ihn falsch spielen! Der gab ihm das Rasiermesser in die Hand, -um sich die Kehle zu durchschneiden!« - -Eine Faust schlug ihn in den Mund. Er spürte Blut hinter der Zunge -fließen, und es schmeckte in diesen vorletzten Augenblicken, in denen er -noch sein Leben besaß, voll von einer seinen Geist vulkanisch -durchbrausenden Süßigkeit. - -Dann war es, als wollte ihn eine letzte Gewalt aus dem Strick stoßen. -Ein furchtbares Gewicht preßte sich auf seinen Kopf, rollte über seinen -Leib, um ihn abzudrücken. Das Gewicht war grenzenlos, schwarz, von einer -tosenden Eile erfüllt. - -Aber mit einemmal war das eiserne Gewicht von ihm abgerutscht. Ein Teil -löste sich vom Flugzeug ab, unerkenntlich, und versank. Wenks Hände -hielten den Rand der Gondel umklammert wie Schrauben. Das Flugzeug -schwankte, als sei es von der hohen dünnen Luft betrunken. - - * * * * * - -Es war folgendes geschehen: - -Als der Name des Grafen Told durch die Luft klang, wie hergeworfen von -der raum- und zeitlosen Höhe, war es der Gräfin, als erwache sie aus -einem Traum auf dem Grund eines Moores. Seit jener Nacht, die sie von -ihrem Mann gerissen und an den bösen Willen Mabuses gefesselt hatte, war -dieser Name von ihr nicht mehr gesprochen und nicht mehr gedacht worden. -Er hatte sich in ihr Inneres, tief in das Chaos, aus dem sich ihr Leben -nährte, verkrochen. Er war da hineingeschlagen worden von der -dämonenhaften Gewalt des Herrschwillens Mabuses, und die Frau hatte es -geduldet, in einer Art unbewußter Selbstwehr. Sie wäre sonst ganz und -ohne Rettung dem Werwolf verfallen gewesen. - -Dort im Innern hatte der Name nun gelegen und gewartet, hatte gelauert, -bis er wieder emporsteigen konnte, um ihre Seele zu retten. - -Wenks letzter Schrei hatte ihn aus dem Unterdunkel hervorgerissen. Die -Gräfin hatte ihn empfangen wie eine erste Waffe gegen die geheime Kraft -des Mannes, der ihren Willen und ihre ganze Persönlichkeit so lange -vergewaltigt hatte. Sie war auf einmal wieder zu sich selber -emporerwacht. Das Erstarrte zerschmolz. Die Finsternis, in die sie -eingekrallt lag, erleuchtete sich. Es ward Tag in ihr. - -Und da bekam sie all die stolze junge Kraft ihres Gemüts wieder in die -Hand. Sie geriet in einen Grimm, den Gott ihr einflößte. Ihre Muskeln -nährten sich an ihm unüberwindlich. Ihre Hände wurden eisern wie ihr -Herz, und sie nahm die erste Waffe, die herumlag, den schweren -Schraubenschlüssel, und schlug dem Verbrecher zur Rache und zur -Befreiung mit ihm von hinten den Schädel ein. - -Mabuse, gerichtet, bekam das Übergewicht und stürzte über Wenk hinüber -in die Tiefe, die ihn gleich begrub ... - - * * * * * - -Wenk erreichte mit den Beinen eine Querstange, schob sich blitzschnell -hoch, der Knoten über der Brust, gelockert, löste sich von selber. Wenk -fiel in die Gondel. Das Flugzeug stürzte schon in irren Schwankungen im -Raum. Da bekam Wenk noch rechtzeitig die Hebel zu fassen. Der Motor -tobte weiter. Das Flugzeug errichtete sich wieder, und nach einer -raschen Orientierung den Motor ausschaltend, ließ es Wenk im Gleitflug -zur Erde zurück und auf das Ufer zu sinken. - -Es landete an den Dünen der ostfriesischen Küste. - -Wenk half der Gräfin aus der Gondel. Sie war bleich, aber bei vollem -Bewußtsein. Sie fiel vor ihm nieder und drückte ihr Gesicht an seine -Hände. - -Er hob sie auf und sagte: »Wir haben uns gegenseitig das Leben gerettet. -Wir wollen schweigen! Und versuchen zu vergessen. Trennen wir uns!« - -Aber da sagte die Gräfin: »Nein! Ich habe nichts zu verschweigen und -nichts zu vergessen. Das Blut, das ich vergießen mußte, kam vom Bösen. -Ich habe ihn von sich selber und die Menschen von ihm befreit. Wer kann -gegen mich zeugen?« - -Wenk schaute sie stumm an. Langsam begriff er. Dann gingen Schauer durch -ihn. Wie stolz! wie kühn sie ist! wollte er sich sagen. Aber sein Herz -warf Strahlen auf in ihm. Er breitete die Arme aus in einer -selbstopfernden und sich hingebenden Gebärde. Das Leben, jung, -wiedergewonnen, überstürzte ihn, und in demselben Augenblick brach die -von so vielen Geschehnissen verschüttete Liebe wieder auf, die sich nie -erfüllt hatte. - -Dann stiegen sie zusammen über die Dünen dem nächsten Dorf und wieder -den Menschen zu. - - - - - - - - Von Norbert Jacques erschien ferner - im Verlag Ullstein - - DIE ZWEI IN DER SÜDSEE - Ein Abenteuer unter Wilden - - * - - Zwei deutsche Freunde werden Stewards auf einem australischen - Dampfer, lassen sich als Pflanzer einstellen, wirken unter - alkoholisierten Schwarzen, die sie mit Tod bedrohen, und - fahren mit einem chinesischen Koch auf einem kleinen Segelkutter - kreuz und quer über das Weltmeer. Bunt und abenteuerlich wie - Kapitel aus dem »Lederstrumpf« hat Jacques diesen Stoff - gestaltet. - - * - - Preis 4 Mark - - ULLSTEIN-BÜCHER - - DAS INDISCHE GRABMAL - von Thea von Harbou - - Abendland und indische Wunderwelt fließen seltsam ineinander. - Bauwerke von himmelanstürmender Großartigkeit ragen empor; - Palasträume und Tempelhallen werden von spukhaftem Grauen - durchwebt. - - DAS RECHT DER MUTTER - von Helene Böhlau - - Dieser Roman ist das Hohelied der von der Natur geheiligten - Mutterschaft. In einem stillen Thüringer Walddorf läßt die - Dichterin von Alt-Weimar, Helene Böhlau, die romantisch - verschlungene Handlung enden. - - DAS EXPRESSKIND - von Fedor von Zobeltitz - - Das Expreßkind ist der Inhalt des Gepäckstücks Nr. 666, in dem - ein junger Hund befördert werden sollte. Eine Komödie der - Irrungen hat zwei Pakete vertauscht. Das ist die Lustspielidee, - die das Schicksal des kleinen Mädeli und ihres unfreiwilligen - Finders und Vormundes, des Studiosus Werner von Ewekerken, trägt. - - DER ENGEL ELISABETH - von Hans Reimann - - Elisabeth, der Engel, läßt sich auf die Erde beurlauben und - versucht, trotz Mühsal und Niedrigkeit, des Himmels würdig zu - bleiben. Wie es ihr gelingt und wieder nicht gelingt, das - schildert Hans Reimann mit Phantasie, mit grotesker Lustigkeit - und empfindsamer Güte. - - In gleicher Ausstattung - - ULLSTEIN-BÜCHER - - SCHLOSS VOGELÖD - von Rudolph Stratz - - Überraschend im Stoff, überraschend in der Psychologie der - Hauptgestalten ist diese »Geschichte eines Geheimnisses«. In die - Vergangenheit hat Stratz sie zurückverlegt. Aber durch die - eigentümliche Technik des Berichts macht er uns zu unmittelbaren - Zeugen von Ereignissen, die dunkel und drohend herannahen. - - STRANDKORB 57 - von Friedel Merzenich - - Der Strandkorb 57 steht im Sand von Bansin, und drei Paare finden - sich darin fürs Leben. In diesem heiteren Roman gibt es allerlei - Leutchen, Gäste der Pension Sommerlust, eine Zufallsgesellschaft: - liebenswürdige Menschen und auch andere. - - FRAU DOLDERSUM UND IHRE TÖCHTER - von Clara Ratzka - - Von Frau Doldersum und ihren drei Töchtern erzählt Clara Ratzka, - von den Erinnerungen der Mutter, deren Gatte verschollen ist, und - die in Soest, der alten westfälischen Stadt, eine Zuflucht sucht, - und von den Liebesabenteuern der Mädchen. - - FLAMMEN - von Helene Kalisch - - Im Titel des Werkes klingt das Motto an; und zugleich deutet er - auf die roten Flammen, die zuletzt, im Schweigen eines - sommerlichen Kiefernwaldes, aus einem Fabrikgebäude bei Berlin - emporschlagen. Andere Kapitel spielen im ältesten Berlin, im - Köllnischen Viertel, wieder andere, reizvoll in den zerfließenden - Stimmungen von Luft und Licht, an der Ostsee. - - In gleicher Ausstattung - - Bücher von Norbert Jacques - - Im Verlag S. Fischer, Berlin: - - DER HAFEN - Roman / 42. Tausend - - PIRATHS INSEL - Roman / 32. Tausend - - LANDMANN HAL - Roman / 10. Tausend - - HEISSE STÄDTE - Eine Reise nach Brasilien - - AUF DEM CHINESISCHEN FLUSS - Reisebuch / 4. Auflage - - * - - Im Drei Masken-Verlag, München: - - DIE FRAU VON AFRIKA - Roman - - SÜDSEE - Reisebuch - - * - - Im Verlag W. Seifert, Stuttgart: - - MARIENS TOR - Erzählungen - - * - - Im Wegweiser-Verlag: - - DIE HEILIGE LANT - Roman - - - - - - - - Ullstein A. G. - Berlin - - - - -Anmerkungen zur Transkription - -In der Vorlage fehlen in der Kapitelnumerierung die Nummern V und XVI. -Dies wurde wie im Original belassen. Ebenso wurde die offensichtlich -falsche Entfernungsangabe Buchloe-Röthenbach (18 Kilometer, S. 51) nicht -korrigiert. - -Der Originaltext ist in Fraktur gesetzt. Hervorhebungen, die im Original -g e s p e r r t sind, wurden mit Unterstrichen wie _hier_ -gekennzeichnet. Textstellen, die im Original in Antiqua gesetzt waren, -wurden ^so^ markiert. - -Die Schreibweise und Grammatik der Vorlage wurden weitgehend -beibehalten. Lediglich offensichtliche Fehler wurden berichtigt wie hier -aufgeführt (vorher/nachher): - - [S. 8]: (mehrfache Fälle) - ... Es war ein Aß, eine Zehn und ein Bube! ... - ... Es war ein As, eine Zehn und ein Bube! ... - - [S. 23]: - ... Man spielte Baccarat. ... - ... Man spielte Bakkarat. ... - - [S. 45]: - ... der Erinnnerung alles, was ihm von jenem Blondbärtigen noch ... - ... der Erinnerung alles, was ihm von jenem Blondbärtigen noch ... - - [S. 60]: - ... »Über Bord. Sie bekommen mit niemanden Streit. Der ... - ... »Über Bord. Sie bekommen mit niemandem Streit. Der ... - - [S. 62]: - ... daß Säuli das Zeichen nicht pünklich gab. Die - Grenzer-Automobile ... - ... daß Säuli das Zeichen nicht pünktlich gab. Die - Grenzer-Automobile ... - - [S. 64]: - ... können nicht mehr zeugen. Ein einziges Wort! Eine Gebäude! ... - ... können nicht mehr zeugen. Ein einziges Wort! Eine Gebärde! ... - - [S. 67]: - ... Sonderbar ... wie war es gegangen, daß er mit dem Lehen ... - ... Sonderbar ... wie war es gegangen, daß er mit dem Leben ... - - [S. 78]: - ... geiistgen Vaters ... Sie wissen: Die goldene Kette gib mir - nicht. ... - ... geistigen Vaters ... Sie wissen: Die goldene Kette gib mir - nicht. ... - - [S. 82]: - ... Wie Sie wollen. Solo, indem sie sich wie in ein Domino in ... - ... Wie Sie wollen. Solo, indem Sie sich wie in ein Domino in ... - - [S. 100]: - ... »Noch sind! Ja, daß ist etwas anderes. Soll ich Ihren Gatten ... - ... »Noch sind! Ja, das ist etwas anderes. Soll ich Ihren Gatten ... - - [S. 149]: - ... um viewiel Uhr?« ... - ... um wieviel Uhr?« ... - - [S. 165]: - ... »Ist Ihr Diener ... bin ich ein Auerochs?« fragte Mubuse ... - ... »Ist Ihr Diener ... bin ich ein Auerochs?« fragte Mabuse ... - - [S. 217]: - ... Tod sie stören konnte. Sein Fürstentum Eitepomar wartete mit ... - ... Tod sie stören konnte. Sein Fürstentum Eitopomar wartete mit ... - - [S. 228]: - ... Weltmann hatte den Schurrbart schwarz und dicht und an ... - ... Weltmann hatte den Schnurrbart schwarz und dicht und an ... - - - - - - -End of Project Gutenberg's Dr. Mabuse, der Spieler, by Norbert Jacques - -*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DR. MABUSE, DER SPIELER *** - -***** This file should be named 50285-8.txt or 50285-8.zip ***** -This and all associated files of various formats will be found in: - http://www.gutenberg.org/5/0/2/8/50285/ - -Produced by Peter Becker, Jens Sadowski, and the Online -Distributed Proofreading Team at http://www.pgdp.net, in -celebration of Distributed Proofreaders' 15th Anniversary. - -Updated editions will replace the previous one--the old editions will -be renamed. - -Creating the works from print editions not protected by U.S. copyright -law means that no one owns a United States copyright in these works, -so the Foundation (and you!) can copy and distribute it in the United -States without permission and without paying copyright -royalties. Special rules, set forth in the General Terms of Use part -of this license, apply to copying and distributing Project -Gutenberg-tm electronic works to protect the PROJECT GUTENBERG-tm -concept and trademark. 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