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| author | nfenwick <nfenwick@pglaf.org> | 2025-02-04 23:05:51 -0800 |
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If you are not located in the United States, you'll have -to check the laws of the country where you are located before using this ebook. - - - - -Title: Die Oberheudorfer in der Stadt - Allerlei heitere Geschichten von den Oberheudorfer Buben und Mädeln - - -Author: Josephine Siebe - - - -Release Date: October 5, 2015 [eBook #50136] - -Language: German - -Character set encoding: UTF-8 - - -***START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK DIE OBERHEUDORFER IN DER STADT*** - - -E-text prepared by Norbert H. Langkau and the Online Distributed -Proofreading Team (http://www.pgdp.net) - - - -Note: Project Gutenberg also has an HTML version of this - file which includes the original illustrations. - See 50136-h.htm or 50136-h.zip: - (http://www.gutenberg.org/files/50136/50136-h/50136-h.htm) - or - (http://www.gutenberg.org/files/50136/50136-h.zip) - - -Anmerkungen zur Transkription - - Im Original gesperrter Text ist +so ausgezeichnet+. - - Weitere Anmerkungen zur Transkription finden sich am Ende des - Buches. - - - - - -[Illustration: Die Oberheudorfer in der Stadt] - - -Die Oberheudorfer - -in der Stadt - -[Illustration] - -Allerlei heitere Geschichten -von den Oberheudorfer Buben und Mädeln - -von - -JOSEPHINE SIEBE - -Mit vier farbigen Vollbildern und zahlreichen Textillustrationen -von +Karl Schmauk+ - - - - - - - -[Illustration] - -Stuttgart -+Verlag von Levy & Müller+ - -Nachdruck verboten. -Alle Rechte, insbesondere das Übersetzungsrecht, vorbehalten. - -Druck vom Chr. Verlagshaus in Stuttgart. - - - - -Inhalt. - - - Seite - - Auf dem Johannesplan 1 - - Traumfriedes Abschied 10 - - Die Grünmützen von Feldburg 25 - - Ein böser Tag 38 - - Heine Peterles Brief 58 - - Eine Stadtfahrt 71 - - Verkehrte Gedanken 110 - - Das Abenteuer im Schloß 126 - - Der kleine Teufel hilft Fräulein - Wunderlich über die Dornenhecke 147 - - Allerlei Geschenke, und was aus ihnen wird 163 - - Die Denkmalsbuben von Schwipperlingen 178 - - Sommerferienlust 203 - - Im Zirkus 225 - -[Illustration] - - - - -[Illustration] - -Auf dem Johannesplan. - - -Auf den Stufen, die zu der altersgrauen Stadtkirche von Feldburg -emporführten, saßen drei Kinder: zwei Buben und ein Mädel. Es war just -um die Zeit, da es die Blumen schrecklich langweilig finden, immer warm -und wohlbehütet im braunen Erdbettchen zu liegen, und lieber hinaus -wollen, um die Sonne zu sehen und den blauen Himmel. Auch die drei -Kinder ließen sich die Frühlingssonne behaglich auf die Nasen scheinen. -Mit untergeschlagenen Armen und weit vorgestreckten Füßen saßen die -drei da und schauten unverwandt nach einem kleinen Haus hinüber, das -in einem Winkel lag. An dem Haus war eigentlich nicht viel zu sehen. -Es war das unscheinbarste und kleinste am Johannesplan -- so wurde -der Kirchplatz genannt. Ein bissel schüchtern und schief stand es in -seinem Eckchen, zwei vornehme Nachbarn zur Seite. Links wurde es von -dem Schulhof des Gymnasiums begrenzt, zur rechten Seite stand ein -prächtiges, altertümliches Haus. Recht vornehm, ja beinahe hochmütig -sah das aus; seine Fenster waren fest verschlossen und verhüllt, und -über dem breiten Tor trug es ein großes steinernes Wappen. - -»Es ist noch immer zu,« sagte das eine Mädel und warf einen flüchtigen -Blick auf die verhängten Fenster des großen Hauses. Die Kleine seufzte, -und da keiner der Buben etwas sagte, begann sie wieder: »Ich möchte nur -wissen, wann er kommt!« - -»Wer?« fragte der eine Junge kurz, »der Professor oder der Junge aus -Oberheudorf?« - -»Natürlich der Junge!« rief das Mädel, verwundert, daß der Gefährte -überhaupt fragen konnte. - -Der, ein stämmiger, hellblonder Junge, dem eine kleine, lustige -Himmelfahrtsnase keck im runden Gesicht stand, brummte etwas mürrisch: -»Du bist ganz verdreht mit deinem Oberheudorfer Jungen, Füchslein. Wer -weiß, was du gehört hast!« - -»Ich habe schon recht gehört; Fräulein Wunderlich hat es meiner Mutter -erzählt, sie bekämen einen Jungen aus Oberheudorf in Pension, für den -der Graf Dachhausen alles bezahle. Freilich, das Warten ist langweilig.« - -Die Kleine stand auf und rekelte sich. Sie war ein feines, hübsches -Ding mit einem Paar rotblonder Zöpfe und braunen, lachenden Augen. Um -der roten Haare willen nannten ihr Bruder Ulrich und ihr Freund Jobst -sie »das Füchslein«; der Neckname kränkte sie aber nicht, ja sie war -schon so daran gewöhnt, daß sie fast erstaunt war, wenn sie einmal -jemand mit ihrem Taufnamen Marianne ansprach. - -»Sei nicht so ungeduldig!« knurrte Ulli und sah gelassen weiter nach -dem Häuschen hinüber. Einmal würde ja dort die Türe aufgehen, und er, -Ulrich Sonntag, hatte das Warten gelernt. So rasch und flink in Wort -und Tat das Füchslein war, so langsam und bedächtig war ihr Bruder -Ulli. Dem spazierte jedes Wort immer fein sacht aus dem Munde heraus, -und die Schwester sagte manchmal ungeduldig: »Du sagst aber auch erst -zu Mittag guten Morgen, so lange dauert es bei dir!« - -»Ist besser, als vor Eifer mit der Nase in die Suppenschüssel fallen,« -gab dann wohl der Bruder zurück. Da lachte die Schwester, und die -beiden waren wieder die allerbesten Freunde; langes Bösesein kannten -sie nicht. - -»Jetzt wird die Türe aufgemacht,« schrie Marianne Sonntag plötzlich. -»Vater Wunderlich ist's, der sagt uns, ob der Junge wirklich kommt.« -Sie schnellte auf und raste über den Platz nach dem kleinen Haus -hinüber, aus dem jetzt ein alter Herr trat. Jobst rannte der Freundin -nach, Ulrich aber blieb sitzen, er dachte gelassen: »Sie werden schon -herüber kommen.« - -Sie kamen auch wirklich, denn Herr Matthias Wunderlich wollte in die -Kirche gehen. Das Füchslein hing an seinem Arm und schwatzte: »Vater -Wunderlich, ist das wahr, kommt ein Junge aus Oberheudorf zu dir, und -ist das der, von dem mein Onkel Doktor sagt, er wäre ein kleiner Held, -weil er einmal im Winter bei Gewitter -- -- --« - -»Aber Füchslein,« rief Jobst lachend, »bei einem Schneesturm war es -doch.« - -»Ach ja, das meine ich doch auch,« sagte Marianne verlegen. Sie redete -nämlich mitunter wirklich so geschwind, daß etwas anderes herauskam, -als sie sagen wollte. - -Der Organist hatte es aber doch verstanden, und just am Fuße der -Treppe, so daß Ulli die Antwort hören konnte, erwiderte er freundlich: -»Ich weiß schon, was du meinst, Mädel. Ja, das ist der Junge, der -einmal, um Medizin für seine kranke Pflegemutter zu holen, den weiten -Weg von Oberheudorf bis hierher gelaufen ist; er wäre ja damals beinahe -im Schnee umgekommen!« - -»Und was will er hier, warum kommt er her?« rief das Füchslein und -hielt den alten Mann fest, der gerade den riesigen Schlüssel in das -Schloß der Kirchtüre stecken wollte. - -»Lernen soll er hier, auf das Gymnasium gehen.« - -[Illustration] - -»Ein Junge aus 'nem Dorf auf das Gymnasium?« schrie Jobst und sah so -hochmütig drein, als wäre Gymnasiastsein die höchste Würde. - -»Warum nicht, wenn er gut lernt?« Vater Wunderlich schaute Jobst von -Hellfeld mit seinen klaren, guten Augen ernst an. »Dieser Friede, der -zu mir kommt, ist ein armer Waisenjunge, und wenn man den auf das -Gymnasium schickt, muß er doch schon ein besonders fleißiger Bube sein!« - -»Ich bin schrecklich neugierig auf ihn,« versicherte das Füchslein -eifrig, »o so neugierig! Wann kommt er denn, und wie heißt er weiter, -und warum kommt er gerade zu dir, Vater Wunderlich, und wie sieht er -aus?« - -»Wie er aussieht, wirst du ja sehen. Zu mir kommt er, weil der Lehrer -in Oberheudorf mich kennt; der bat mich auch, den Jungen wenigstens auf -ein halbes Jahr zu nehmen, bis er sich etwas an die Stadt gewöhnt hat.« - -»Wenn -- -- wenn -- -- er sich aber draußen nicht die Schuhe -abstreicht?« fragte Füchslein ganz ängstlich. - -Fräulein Wunderlich war nämlich als sehr ordnungsliebend bekannt, und -fast jedes Kind, das in das Haus kam, hatte schon tüchtige Schelte -bekommen wegen unsauberer Schuhe, nasser Regenschirme und dergleichen. -Einen Schmutztaps auf den weißgescheuerten Treppen konnte das Fräulein -nicht vertragen. Und dabei kamen viele Kinder in das Haus, denn der -Organist Wunderlich war ein sehr gesuchter Musiklehrer. - -»Dann wird sie wohl schelten,« sagte der alte Mann und seufzte ein -klein wenig bei des Füchsleins ängstlicher Frage. »Aber nun laß mich -los, Kind, ich muß in die Kirche gehen, meine Orgel verlangt nach mir.« - -»Ach bitte, bitte,« flehte Marianne und hielt den Organisten ganz fest, -»sage mir noch, liebster, bester Vater Wunderlich, wird wirklich über -die Oberheudorfer Kinder ein Buch geschrieben?« - -Der alte Herr lachte: »Ja, man sagt so, Kind. Die Oberheudorfer meinen, -ihre Kinder machten so viele dumme und lustige Streiche, daß man gleich -ein paar Bücher davon schreiben könnte. Und wahr ist's ja: wie mein -künftiger Pflegesohn zu seiner Pflegemutter gekommen ist, und daß man -ihn hierher schickt auf das Gymnasium, das sind lauter lustige und auch -ein bißchen ernsthafte Geschichten.« - -»Ach, ich verhungere schon vor Neugier auf den Jungen,« rief das -Füchslein, »wäre er doch erst da!« - -»Abwarten und Tee trinken, sagte meine Mutter schon.« Vater Wunderlich -hatte nun wirklich die Kirchentüre aufgeschlossen. Er befreite sich -von Mariannes Händchen, nickte den Kindern freundlich zu und trat in -die Kirche. Sonst schlüpften die drei ihm gerne nach und lauschten -still auf einer Bank den schönen Klängen der Orgel; heute waren sie, -besonders das Füchslein, zu ungeduldig. »Ich muß essen,« sagte das -Mädel seufzend; »wenn ich warten muß, fährt's mir allemal in den -Magen.« - -Die Buben waren damit einverstanden, ihr Vesperbrot zu verzehren. -Hunger hatten sie immer, und ob der von der Neugierde oder von der -Ungeduld kam, war ihnen gleichgültig, Hunger ist Hunger. - -Während alle drei schmausten, redete das Füchslein wieder von dem -Oberheudorfer Jungen. In dem Hause der Sonntags -- es war ein altes, -wohlhabendes Kaufmannshaus -- diente ein Mädchen, das aus Berenbach -bei Oberheudorf stammte. Diese Katerliese -- sie hieß Katharina Luise -und wurde von den Kindern einfach Katerliese genannt -- hatte viel von -dem freundlichen Dorf erzählt, von den Bergen, Wäldern und Tälern der -Heimat; ihrer Meinung nach gab es nichts Schöneres auf der Welt als -Berenbach und Oberheudorf. Sie pflegte zu sagen: »Die Oberheudorfer -sind was Besonderes; was wo anders eine Dummheit ist, wird bei ihnen -eine lustige Geschichte.« - -»Katerliese sagt,« begann Marianne gerade wieder zwischen Kauen und -Schlucken, »in Oberheudorf -- --« - -»Nun sei schon damit still,« schrie Jobst von Hellfeld plötzlich, »du -redest immer nur von Oberheudorf, und wie es meinen Kaninchen geht, -danach fragst du nicht.« - -Das Füchslein lachte, schlang den Arm um den Freund und sagte neckend: -»Tu doch nicht so, bist ja auch neugierig; aber erzähl', ist der neue -Stall schon fertig?« - -Während die Kinder draußen auf der Kirchentreppe im Sonnenschein -saßen und von den Kaninchen, Ullis Schildkröten, Oberheudorf und der -Schule, die am Mittwoch beginnen sollte, plauderten, saß drinnen -Herr Wunderlich an seiner Orgel und spielte leise; nur mit halben -Gedanken war er beim Spiel. Dem freundlichen alten Manne war das Herz -ein bißchen schwer. Als sein Verwandter, der Lehrer von Oberheudorf, -ihn gefragt, ob er wohl für einige Zeit einen Buben in sein Haus -aufnehmen wollte, hatte er gleich zugesagt. Was er von diesem Friede -hörte, gefiel ihm sehr; er dachte, der würde ein recht guter, -kleiner Hausgenosse sein. Ein braver, fleißiger Junge sollte dieser -Friede sein, ein armes Waisenkind, dem sie im Dorf alle herzlich die -Freistelle am Gymnasium in Feldburg gönnten, ihm und seiner braven -Pflegemutter. So gern Herr Wunderlich ja gesagt hatte, so ungern tat es -nachher seine Schwester; die seufzte von früh bis abends: »Der Junge -wird uns eine rechte Last sein.« - -Hörte sie jetzt von einer Bubendummheit, dann sagte sie gewiß: »So -was wird der Friede auch anstellen!« Kamen mit Lärm und Geschrei die -Gymnasiasten über den Johannesplan, dann seufzte sie: »Bald wird in -unserem Haus auch solcher Lärm sein!« - -Das Fräulein war eigentlich nicht böse, nur sehr heftig und leicht -erzürnt, auch wollte sie immer recht behalten. Weil sie nun von Anfang -an gesagt hatte, ein Bube passe nicht in ihr stilles Haus, darum sagte -sie das jetzt täglich, früh, mittags und abends. »Hoffentlich geht es -gut aus,« seufzte Herr Wunderlich an seiner Orgel. »Ich wollte beinahe, -der Junge bliebe in Oberheudorf.« - - - - -[Illustration] - -Traumfriedes Abschied. - - -Just um die gleiche Zeit, da die drei Kinder auf der Kirchentreppe von -Feldburg von dem Oberheudorfer Jungen sprachen, der zu Vater Wunderlich -kommen sollte, ging dieser Bube in seinem Heimatort von Haus zu Haus, -um Abschied zu nehmen. Traumfriede nannte man den schlanken, blonden -Jungen im kleinen Dorf zum Unterschied von ein paar gleichnamigen -Genossen, dem dicken Friede und dem blauen Friede. An diesem Tage war -der Traumfriede aber gar kein Träumer, er war vielmehr ganz wach und -munter und sah jeden Menschen, jedes Haus, jeden Baum und Strauch an, -als müßte er sich die Abbilder davon fest, fest in sein Herz einprägen. -Zum Träumen ließen ihm aber auch seine Freunde und Freundinnen keine -Zeit; ein ganzer Trupp lief mit ihm, und mitunter tat sich da und dort -ein Fenster auf, und jemand sagte brummend: »Nä, die Kinder sind heute -aber auch zu toll, sie tun ja gerade, als wäre Jahrmarkt, so einen Lärm -machen sie.« - -[Illustration: Traumfriedes Abschied.] - -Die Kinder von Oberheudorf scherten sich kein bißchen um die -ärgerlichen Zurufe und Verbote; sie meinten heute ein Recht zu haben, -sehr laut zu sein. Es war doch keine Kleinigkeit, wenn auf einmal ein -Dorfbube, dazu noch ein armer Waisenjunge, plötzlich in die Stadt -ziehen sollte, um dort ein Gymnasiast zu werden. Schon das Wort -klang so feierlich. Die meisten Kinder konnten es gar nicht richtig -aussprechen, und Anton Friedlich hatte es flugs umgeändert und sagte: -»Kimm na'm Ast.« Und merkwürdigerweise merkten sich diesen Namen -alle Buben und Mädel ausgezeichnet. Also ein »Kimm na'm Ast« sollte -Traumfriede werden und später ein Student, -- und da sollen seine -Kameraden nicht schreien und laut schwatzen am letzten Tag? Na, das -wäre doch wirklich etwas viel verlangt gewesen! Es gab auch vor jedem -Haus einen kleinen Aufstand. Während der Bube hineinging und Abschied -nahm, redeten die Kinder laut von der Stadt, und ob Traumfriede drinnen -im Bauernhaus wohl etwas geschenkt bekommen würde. Denn fürs Schenken --- sie mußten aber die Beschenkten sein -- waren die Oberheudorfer -Kinder alle sehr eingenommen. - -Sie standen alle zusammen, die ungefähr in Friedes Alter waren. -Schulzens Jakob, seine Schwester Röse, Annchen Amsee, Anton Friedlich, -Schnipfelbauers Fritz und Krämers Trude. Natürlich fehlten weder der -dicke noch der blaue Friede, die beiden mußten doch ihren Namensvetter -begleiten. Und Heine Peterle war auch da, der erst recht. Mit einem so -wütenden Gesicht ging der einher, als hätte er einen Krug voll Essig -getrunken. »Nä, in die Stadt,« murrte er immerzu, »zu dumm, da ging ich -nich rein!« Er versicherte dabei aber doch dem Traumfriede, er würde -ihn besuchen, ganz gewiß. - -Heine Peterle dachte noch immer voll Entsetzen an den einzigen Tag -zurück, den er einmal in der Stadt verlebt hatte. Zu dumm waren doch -die Leute in der Stadt und gleich immer so grob! Nein, da war es doch -in Oberheudorf viel, viel schöner, und ordentlich mitleidig schaute er -den Traumfriede an, der gerade wieder aus einem Hause kam. Der Friede -fühlte sich aber just gar nicht bemitleidenswert, sondern meinte, ihm -gehe es recht gut auf der Welt. Überall bekam er freundliche Worte zu -hören, wohl auch eine kleine Abschiedsgabe, und jeder sagte: »Aber -gelt, wenn du heimkommst, siehst du bei mir ein, na, und vielleicht -besuchen wir dich mal in der Stadt.« - -Ihn in der Stadt zu besuchen versprachen ihm auch alle seine Freunde -und Freundinnen einmütig, Schulzens Jakob sagte sogar: »Kann sein, ich -komme schon nächste Woche.« - -»Wenn's nämlich der Vater erlaubt,« fuhr seine Schwester Röse -dazwischen, »der hat aber gesagt, mit der dummen Stadtfahrerei wär's -nichts.« - -»Ha, meiner hat g'sagt, ich därf, wenn ich nur mal'n Einser bring',« -schrie Anton Friedlich so stolz, als trüge er die Einser schockweis in -der Hosentasche herum. - -»Dann wirst du wohl am Nimmermehrstag in die Stadt fahren,« kicherte -Annchen Amsee, und die andern schrieen und lachten: »Du kommst aber fix -hin!« - -Anton Friedlich war nämlich ein ausgemachter Faulpelz, und seine Einser -hatten meist recht hübsche Querbalken und wurden Vierer genannt. -Der Bube schrie aber doch ganz patzig: »Pah, werd' schon sehen, und -vielleicht werd' ich auch noch mal'n Kimm na'm Ast.« - -So unter Geschwätz und Geschrei, Necken und Lachen hatte Traumfriede -seine Abschiedsbesuche gemacht, und die Zeit, da die Bäuerinnen die -Abendsuppe auftischten, war gekommen. Friede nahm am Dorfbrunnen -Abschied von seinen Gefährten; ein wenig kurz und eilig ging es dabei -zu, denn Friede war das Herz schwer, und er konnte nicht viel sagen. -Die andern aber hatten sich alle vorgenommen, morgen vor Tau und Tag -aufzustehen und dem Freund noch einmal Lebewohl zu sagen. Kaspar auf -dem Berge, der Wirt zur himmelblauen Ente, wollte am nächsten Morgen um -vier Uhr die Stadtfahrt antreten und Friede mitnehmen samt seinem recht -bescheidenen Köfferlein. - -Als Traumfriede sich dem Häuslein der Muhme Lenelies, seiner -Pflegemutter, näherte, sah er am Zaun dort Waldbauers Mariandel stehen. -Das Mädel war vorangelaufen, um mit seinem guten Kameraden noch ein -Weilchen zu schwatzen, und eifrig kam es ihm entgegen und erzählte, die -Muhme habe Besuch, und mit dem Abendbrot sei es noch nicht so weit. Da -liefen die Kinder den kleinen Nußberg hinauf, der über dem windschiefen -Häuslein der Muhme anstieg, und oben setzten sie sich unter einen -Haselbusch, der erst winzige, feine Blättchen hatte, und sprachen von -Friedes künftigem Leben. - -»Und Pfingsten kommst du wieder in die Ferien heim,« sagte Mariandel, -froh, daß Pfingsten so bald schon auf Ostern folgen sollte. - -Doch Friede schüttelte den Kopf: »Muhme Lenelies hat gesagt, so bald -heimkommen gibt kein Geschick; vor den Sommerferien wird's nichts.« - -»Oh,« schrie Mariandel entsetzt, »meine Mutter meint, du würdest wohl -oft auf Sonntag kommen.« - -»Die Muhme will's nicht, und der Herr Lehrer sagt auch, es wäre besser, -ich lebte mich erst ordentlich in der Stadt ein, nur -- -- nur -- -- -wenn ich's mal gar nicht aushalten könnte vor Heimweh, dann dürfte ich -kommen, aber das tue ich nicht -- -- weil's doch feig wär.« - -[Illustration] - -Mariandel schwieg betrübt, und die Kinder saßen still beisammen. Da -tat sich auf einmal unten die Türe auf, und Muhme Lenelies trat heraus -mit ihrem Gast: der Schulze war es selbst. Er war gekommen, um mit der -alten Frau noch allerlei über ihren Pflegesohn zu sprechen, und als -er jetzt aus dem Hause ging, sagte er -- und der Wind trug die Worte -zu den Kindern auf dem Nußhügel empor --: »Nun vermahne Sie den Buben -nur noch ordentlich scharf, Muhme, damit er unserm Dorf keine Schande -macht in der Stadt und kein eingebildeter Zierbengel wird oder gar -dumme Streiche macht. Eine tüchtige Predigt zum Abschied ist allemal -gut, himmelangst muß es so'nem Bengel werden!« - -Friede wurde puterrot vor Entrüstung, und dem weichherzigen Mariandel -kamen gleich die Tränen; es flüsterte: »Aber du bist doch brav und hast -nichts getan!« - -»Sei still,« tuschelte Friede, denn Muhme Lenelies sprach unten, und -in diesem Augenblick kam es dem Buben gar nicht in den Sinn, daß er -eigentlich lauschte; es war ihm plötzlich so schwer und bang ums Herz -geworden. Würde die Muhme auch denken, daß es nötig sei, ihn hart zu -vermahnen? - -»Von so'ner Predigt halte ich nicht viel. Seht, so ein Kinderherz ist -wie ein Garten im Frühling, man sät und pflanzt hinein und muß dann -halt geduldig warten, ob alles blühen und reifen will. Man gießt immer -achtsam, zieht ein Unkräutlein aus, aber viel hilft nicht immer viel, -und wenn man den Garten überschwemmt, geht der Samen erst recht nicht -auf. Alles mit Maßen, Schulze, und alles zu seiner Zeit. Ich habe an -meinem Friede getan, was ich konnte, aber ihm heute den letzten Abend -noch mit ellenlangen Ermahnungen verderben, das will ich lieber lassen; -vergißt er mich und meine Worte, dann vergißt er auch die lange -Predigt.« - -»Muhme Lenelies,« schrie Friede plötzlich oben unterm Nußstrauch und -raste den Abhang hinab, »ich vergeß dich nicht, ich vergeß dich nie, -und ich werde dir gewiß keine Schande machen.« Da hing er schon am -Hals der alten Frau, und alles Abschiedsleid, das er bisher tapfer -unterdrückt hatte, brach hervor; er weinte bitterlich und vergaß ganz, -daß Buben immer meinen, ein paar Tränen zur rechten Stunde wären eine -Schande. - -Über den Kopf des weinenden Jungen hinweg, den sie sacht streichelte, -sah die Muhme mit ihren klugen, freundlichen Augen still den Schulzen -an. Der nickte, schüttelte den Kopf und sagte endlich: »Weiß der -Himmel, nä, Ihr seid doch ein ausnehmend kluges Weibsbild, Muhme. Hm, -ja, na lebt wohl! Gib mir die Hand, Friede, und heule nicht, und das -sage ich dir, wenn du mal vergißt, was du der Muhme verdankst, dann -schlag' ich dir alle Knochen entzwei.« - -Damit ging der Schulze seinem Hause zu, und Friede hatte nun doch seine -Abschiedspredigt erhalten. Sie kränkte ihn aber nicht und trübte nicht -den stillen Frieden dieses letzten Abends. Die Muhme und ihr Pflegesohn -sprachen fröhlich von den Tagen, die kommen sollten, und von denen, die -vergangen waren. Waldbauers Mariandel hatte dableiben dürfen, und auf -ihr Flehen erzählte Muhme Lenelies selbst die Geschichte, wie Friede -einmal durch den Schornstein in ihren Suppentopf gefallen war. »Da -biste mir gleich ins Herz gefallen, mein Junge,« schloß die alte Frau -ihre Erzählung. »So, und nun bring das Mariandel heim, und dann gehst -du zu Bett; morgen um vier fährt Kaspar auf dem Berge schon los, da -heißt es früh aufstehen.« - -Ich werde sicher nicht schlafen, dachte Friede, als er zu Bett ging. -Dann schlief er aber doch wie ein Murmeltier und mußte sich erst -besinnen, was eigentlich für ein Tag sei, als die Muhme ihn weckte. Er -war sogar noch ein bißchen verschlafen, als er im grauen Morgendämmern --- denn die Sonne war noch gar nicht aufgegangen -- mit Muhme Lenelies -vor der himmelblauen Ente anlangte. Dort schirrte gerade der Knecht -die Pferde an, und eben trat auch der Wirt aus dem Haus und rief -freundlich: »Na, da ist ja unser Städter! Nun man aufgesessen, eins, -zwei, drei, und keinen langen Abschied.« - -Dafür war Muhme Lenelies auch nicht, sie umarmte noch einmal ihren -Pflegesohn und sagte schlicht: »Zieh mit Gott,« und dann rollte der -Wagen die Dorfstraße entlang. Die Muhme aber drehte sich um und -kehrte rasch in ihr Häuschen zurück; es brauchte keiner zu sehen, wie -bitterschwer ihr doch der Abschied wurde. - -Friede war es zumute, als träume er, als er so in der Frühmorgenstille -durch das Dorf fuhr. Mal bellte ein Hund auf, da und dort krähte ein -Hahn, und aus den Ställen klang das Gebrüll der Kühe, die gerade ihr -erstes Frühstück bekamen. Hans Rumpf, der Nachtwächter, kam just -verschlafen, noch ein paar Strohhalme am Rock, aus einer Scheune -heraus; er war von dem Wagenrollen aufgewacht, worüber er eigentlich -etwas ärgerlich war. Er hatte nun mal die Meinung, ein armer, geplagter -Nachtwächter brauche vor allem einen ruhigen Nachtschlaf. Als Hans -Rumpf aber sah, daß es Traumfriede war, der davonfuhr, rief er ihm -freundlich zu: »Gute Reise, Musjeh Kimmnaschiaste, und halt dich brav -in der Stadt, sonst kommt's gleich in der ganzen Welt rum, daß die -Oberheudorfer nichts taugen.« - -»Na, er wird schon,« brummte Kaspar auf dem Berge. »Aber sag mal, -Nachtwächter, wo sind denn die Kinder? Is doch zu kurios, daß auch -nicht eine Bubennase zu sehen ist, nä, so was!« - -Hans Rumpf drehte sich eilig rundum, er sah rechts und links, sah in -die Luft, auf die Erde, legte den Finger an die Nase und sagte endlich -bedächtig: »Die haben's alle verschlafen!« - -Der Wirt lachte. »Dank schön für die Auskunft, die is mächtig klug. Hüh -hott, wir woll'n bißchen rascher fahren!« - -Die Pferde trabten davon, und der Nachtwächter sah dem Wagen -stolz nach. Ja freilich, er war mächtig klug; es ist schon was, -herauszukriegen, daß es die Buben und Mädel verschlafen haben, wenn sie -nicht zur rechten Zeit auf der Dorfstraße sind! - -Verschlafen hatten Friedes Freunde und Freundinnen das große Ereignis -aber doch nicht, sondern sie waren alle putzmunter. Ganz leise und -heimlich hatten sie sich wecken lassen, und ebenso leise und heimlich -hatten sie sich aus den Häusern geschlichen, denn sie hatten sich -miteinander eine Überraschung ausgedacht. Überraschungen fanden die -Oberheudorfer Buben und Mädel immer sehr fein, wenn auch leider oft -die Erwachsenen der Meinung waren, diese oder jene Überraschung wäre -gar nicht so fein gewesen. Diesmal hatte Schulzes Jakob und der dicke -Friede es gesagt, man müsse Traumfriede noch einen ganz besonders -schönen Abschied bereiten. Natürlich waren alle Kinder einverstanden -gewesen und waren sehr heimlich dabei zu Werke gegangen. Selbst -Schuster Pechdraht, der doch sonst die Mäuslein pfeifen und das Gras -wachsen hörte, hatte nichts gemerkt. - -Dem Traumfriede war es eigentlich ganz recht, als er niemand sah, von -dem er noch einmal Abschied nehmen mußte. Ihm kam es doch recht schwer -an, daß er nun die Heimat verlassen mußte. Den ganzen Winter hatte -er fleißig gelernt beim Herrn Pfarrer und in der Schule und immer -gedacht, es würde wunderschön sein, wenn er erst in der Stadt auf das -Gymnasium gehen könnte. Nun auf einmal dachte er mit heimlicher Angst -und Bangigkeit an die fremde Stadt, in der er außer dem Doktor, den er -einst zu Muhme Lenelies geholt hatte, niemand kannte, niemand unter -den vielen, vielen Menschen. Feldburg war zwar keine große Stadt. Wer -in Berlin wohnte, sagte wohl: »Ach, so ein Nest!« dem Oberheudorfer -Buben erschien diese kleine Stadt aber doch groß, fremd und ein wenig -unheimlich. - -Schon war das letzte Haus von Oberheudorf erreicht, und Friede drehte -sich gerade noch einmal um und schaute hinüber nach dem Häuschen -der Pflegemutter, als ganz jäh aus dem Straßengraben lauter dunkle -Gestalten aufsprangen. Von rechts und links tauchten sie auf, und -plötzlich erhob sich ein wildes Geschrei. Kaspar auf dem Berge, der -noch etwas verschlafen war, schrak auf seinem Bock zusammen und -wußte gar nicht, ob er wachte oder träumte. Aber mehr noch als er -erschraken seine beiden braunen Pferde; denen kam die ganze Sache -höchst unheimlich vor, und da Ausreißen ihnen in solchen Fällen gut und -nützlich erschien, rissen sie eben aus. - -Heidi ging es wie die wilde Jagd davon. Kaspar auf dem Wege schrie -laut: »Halt, halt, halt!« und Friede umklammerte angstvoll seine -kleine Reisetasche, die seine wenigen Habseligkeiten enthielt. - -Es ging bergab in wildem Galopp. Einmal schwankte der Wagen nach -rechts, einmal nach links; ein Stein kam, hopp flog der Wagen hoch, nun -kam ein Loch im Wege, und plumps fiel Friede mit der Nase vornüber. -Die Sache wäre vielleicht schlimm ausgegangen, wenn der Weg statt -bergab zur Abwechslung nicht einmal bergauf gelaufen wäre. Da wurde den -Pferden das Ausreißen zu beschwerlich, und sie blieben einfach stehen -und ruhten sich etwas aus. - -»Potzhundert noch mal, diese Rasselbande!« schalt Kaspar auf dem Berge -wütend. Er kletterte vom Bock und brachte das verwirrte Geschirr -in Ordnung; dabei sah er Friede ingrimmig an und schrie: »Mit der -Rasselbande meine ich deine lieben Kameraden, Musjeh! Nä, sag mir mal, -was haben die vor Tau und Tag im Straßengraben zu sitzen und so'n -Geschrei zu machen?« - -»Ich weiß doch nicht,« stammelte Friede, der noch ganz verdattert war, -»aber ich glaub' -- -- ich glaub', das sollte zum Abschied für mich -sein.« - -»Wa--as?« Der Wirt sah den Buben groß an, dann brach er in ein -dröhnendes Lachen aus. »Is gut, is sehr gut, nä wirklich, wenn's auf -die Dummheiten ankommt, dann stehen unsere Mädel und Buben immer -an erster Stelle. 'n bißchen geschwind ist das ja nun man mit dem -Abschied gegangen, und ich gäb' was drum, wenn ich die dummen Gesichter -sehen könnte, mit denen sie jetzt im Straßengraben sitzen. Na, nu hüh -hott, jetzt woll'n wir mal 'n bißchen langsamer nach der Stadt fahren.« - -Die Oberheudorfer Buben und Mädel saßen inzwischen wirklich mit -reichlich dummen Gesichtern im Straßengraben. Sie hatten sich die -Geschichte aber doch so wunderschön ausgedacht! Mit Gesang hatten -sie Traumfriede ein Stück begleiten wollen und hatten gemeint, der -würde glückselig sein vor Überraschung, wenn sie alle aus dem Graben -sprängen. Sie hatten sich dazu in zwei Hälften geteilt, in die rechten -und in die linken Straßengräbler; vorher hatten sie es aber leider -vergessen, sich das Lied zu sagen, das sie singen wollten. So fingen -die von rechts mit: »Heil dir im Siegerkranz --« an und die von -links mit: »Das Wandern ist des Müllers Lust.« Das stimmte nicht gut -zusammen, und weil ein paar Buben, die nicht singen konnten, noch hurra -dazwischen brüllten, klang der Gesang schon etwas wüst, und es war -Kaspars Braunen nicht übel zu nehmen, daß sie lieber ausrissen, anstatt -zuzuhören. - -»So'ne albernen Pferde,« brummte Heine Peterle wütend. Annchen Amsee -und Waldbauers Mariandel heulten aber plötzlich laut los: »Friede fällt -runter, und denn ist er tot, huhuhu!« - -»Huhuhu, huhuhu,« heulten ein paar andere Mädel mit. Die Buben -schalten, das wäre Unsinn, aber ganz wohl war ihnen auch nicht -zumute, und zuletzt zogen alle zusammen heulend und schreiend in das -morgenstille Dorf hinein. - -Da gab es nun eine Aufregung! Jene, die an diesem Morgen noch -schliefen, wurden unsanft geweckt, und der Ruf: »Kaspar auf dem Berge -ist mit seinem Wagen verunglückt,« verbreitete sich rasch im Dorf. Die -Besonnenen meinten freilich, es würde wohl nicht so schlimm sein, und -der Wirt käme schon mit seinen Pferden zurecht, aber sie riefen doch, -man müsse ihm jemand nachschicken. Der Schulze gab in aller Eile seinem -Jakob einen Katzenkopf: »Dummer Junge, was stellt ihr aber auch immer -an!« - -Der Schulze und der Schnipfelbauer ritten wirklich dem Wirt nach. -Ein Viertelstündchen hinter dem Dorf aber trafen sie den Waldwärter -Leberecht Sperling, der ihnen erzählte, Kaspar auf dem Berge sei ganz -vergnügt an ihm vorbeigefahren. Da kehrten die beiden Helfer um, und -man freute sich im Dorf, daß kein Unglück geschehen war. Weil die -Kinder inzwischen aber so viele drohende »Nachhers« und »Wartenur« -gehört hatten, machten sie es nun den Pferden des Gastwirts nach und -rissen auch aus. Hui! waren sie weg, dorthin und dahin gelaufen, bis -die Schulglocke ertönte -- denn in Oberheudorf waren die Osterferien -kürzer als in der Stadt --, und Hans Rumpf, der Nachtwächter, wieder -mal sagen konnte: »Na, endlich sind sie wieder untergebracht; so'ne -Schule ist doch was Gutes, namentlich wenn die Kinder erst drin sind!« - -Muhme Lenelies hatte von allem Lärm und Geschrei nichts vernommen. Sie -saß still in ihrem etwas abseits liegenden Häuschen, und ihre guten, -sorgenden Gedanken gingen ihrem Pflegesohn nach: jetzt war er da, jetzt -fuhr er durch den Wald, nun wohl den Hohlweg entlang, und als ihre Uhr -die Stunde anzeigte, da vor den Reisenden das Städtchen aufsteigen -mußte, sagte die alte Frau still und fromm vor sich hin: »Gottes Segen -mit dir, mein Herzensjunge!« - - - - -[Illustration] - -Die Grünmützen von Feldburg. - - -»So, da wär'n wir ja,« sagte Kaspar auf dem Berge, als die ersten -Stadthäuser vor seinen Blicken auftauchten. »Sitz gerade Bub und -halt die Nase hoch! In der Stadt muß man reputierlich auftreten, sie -heißen's hier Manieren.« - -Er selbst reckte und streckte sich nach dieser Ermahnung, schnalzte mit -der Peitsche und fuhr sehr stolz mit seinem mit Säcken, Butter und -Eierkästen beladenen Wäglein in der Stadt ein. Er wollte es den Leuten -da schon zeigen, was der Gastwirt aus Oberheudorf für ein gewichtiger -Mann sei. - -Friede schaute sich mit großen Augen um. Da war er nun in der Stadt, -die er nur einmal im Winterschnee gesehen hatte, und in der er jetzt -viele, viele Jahre wohnen sollte. Das Herz klopfte ihm stark, und er -sah jedes Haus, an dem der Wagen vorbeirollte, so genau an, als müßte -er gleich in alle Stuben hineinsehen und die Menschen betrachten, die -darin wohnten. In der Vorstadt gab es freundliche, helle Häuser, die in -großen oder kleinen Gärten lagen; je weiter in die Stadt hinein aber -Friede kam, desto enger wurden die Straßen. Da gab es schmale Gäßlein -mit uralten, spitzgiebeligen Häusern; ein dicker, grauer Turm erhob -sich am Ende der Vorstadt, an ihm lehnte noch ein Stück zerbröckelte -Stadtmauer, und darüber hatte der Efeu ein immergrünes Tuch gespannt. - -»Ich fahre dich vors Organistenhaus,« erklärte Kaspar auf dem Berge, -»es hat ein besseres Ansehen, wenn einer angefahren kommt.« Er klopfte -dem Buben freundlich auf die Schulter: »Gelt ja, wir zwei beide wollen -es den Städtern schon zeigen, was zwei rechte Oberheudorfer sind!« - -Freundlich nickte er nach rechts und links und brummte dann: »Das ist -nu so'ne dumme städtische Mode, daß sie nicht recht guten Tag sagen -können.« - -Das Wäglein rasselte und rumpelte durch die Straßen; nun ging es ein -wenig bergauf, der Johannesplan war erreicht, und die alte Stadtkirche -mit ihren schönen Portalen und den spitzen, schlanken Türmen erhob sich -vor den beiden. - -Über den Kirchplatz liefen just um diese Stunde eine Anzahl Buben, ein -paar davon in Friedes Alter, die andern etwas größer. Sie trugen alle -grasgrüne Mützen und sahen an diesem Morgen alle miteinander aus, als -wären sie ganz aufgelegt zu lustigen Streichen. Es waren Gymnasiasten, -die an dem letzten Ferientag sich mit ein paar Lehrern und Mitschülern -auf dem Schulhof treffen wollten, um einen Ausflug zu machen. - -Die Buben kamen sehr eilfertig heran; sie rannten beinahe Kaspar auf -dem Berge mit seinem Wagen um. - -»He, nicht so hitzig!« schrie Kaspar auf dem Berge. »Sagt mir lieber, -Buben, wo wohnt der Herr Organist Wunderlich? Ich bringe den Friede aus -Oberheudorf.« - -Die Buben blieben lachend stehen, und ein schlanker, langer Junge sagte -spöttisch und keck: »Nein, wie nett, daß Sie aus Oberheudorf sind.« - -»Gelt ja, das ist schon was,« nickte der dicke Wirt. »Aber du meine -Güte, warum habt ihr denn alle so grasgrüne Mützen auf? Die reinen -Laubfrösche!« - -»Holla!« schrieen ein paar Buben empört, »wir sind keine Laubfrösche, -wir sind Gymnasiasten.« - -»Ih nä,« rief der Wirt vergnügt und gab Friede einen kleinen -Rippenstoß, »sieh doch, Friede, das sind nun alles deine Kameraden. -Gib'n die Hand, sieh nicht so dämlich drein, Bub!« - -»Was, der Bauernbengel will ein Gymnasiast sein?« rief der lange Junge -wieder. - -»Na freilich,« Kaspar grinste vergnügt, »der Friede Heller ist's doch -aus Oberheudorf, der Muhme Lenelies ihr Friede. Gelt, ihr habt euch -schon recht auf'n gefreut?« - -Die Jungen brachen in ein lautes Gelächter aus. Der dicke Wirt und der -blonde Junge, der vor Verlegenheit so rot wie ein Bündel Radieschen -geworden war, kam ihnen höchst spaßhaft vor. Sie schauten einander an, -keiner sagte etwas zum andern, aber jeder dachte wie der andere: »Wir -machen einen Ulk.« Sie brüllten auf einmal so laut, daß es über den -ganzen Kirchplatz dröhnte: »Der Friede Heller aus Oberheudorf ist da, -der Friede Heller ist da, hurra, hurra, hurra!« - -»Friede Pfennig,« schrie ein kleiner, kecker Bursche, »'n Pfennig ist -mehr als 'n Heller,« und die andern echoten: »Friede Pfennig, Friede -Pfennig!« - -»Aufgepaßt, da kommt der Herr Direktor!« sagte plötzlich der erste -Sprecher und deutete auf einen langen, dünnen Mann, der vom Gymnasium -herkam. Im Nu rissen alle Buben die Mützen vom Kopf und schrieen: -»Guten Morgen, Herr Direktor!« - -Flugs riß Kaspar seine Kappe auch ab, Friede bekam einen Puff, weil -er die seine nicht schnell genug abnahm, und während der Bube nur -schüchtern sein guten Morgen sagte, brüllte der Oberheudorfer Wirt -laut: »Allerschönsten guten Morgen, Herr Drektor, un hier is nu der -Friede Heller aus Oberheudorf, und ich bin der Wirt Kaspar auf dem -Berge von der himmelblauen Ente.« - -[Illustration] - -»Das ist -- -- un -- -- unverschämt,« schrie der mit »Herr Drektor« -Angeredete. »Was fällt Ihnen ein, Sie -- -- Sie -- -- Kaspar, Sie!« - -Die Buben kreischten vor Lachen: »Friede Pfennig, steig aus, Friede -Pfennig, steig aus, sag dem Herrn Direktor guten Tag!« - -Friede hatte rasch gemerkt, daß die Buben ihren Spott mit ihm und -seinem Beschützer trieben, er zupfte diesen ängstlich am Ärmel und bat: -»Wir wollen weiterfahren!« - -»Nä,« rief der, »fällt mir nicht ein, un wenn das zehnmal ein Drektor -ist, anschrein lasse ich mich nicht. Sie, Herr Drektor,« brüllte er, -»ich bin der Wirt zur himmelblauen Ente aus Oberheudorf.« - -»Das ist un -- -- unverschämt,« rief der andere wieder, »denken Sie -denn, Sie können mich foppen mit Ihrer himmelblauen Ente? Was fällt -Ihnen denn ein, Sie grober Bauer, Sie!« - -»Nä, nu schlägt's dreizehn!« Kaspar auf dem Berge war jetzt wirklich -wütend, er fuchtelte mit seiner Peitsche in der Luft herum und -donnerte: »So, Schulmeister woll'n Sie sein und benehmen sich gegen -einen rechten Mann so? Nä, hier bleibt mir der Friede nicht; Muhme -Lenelies heult sich ja die Augen aus, wenn sie das erfährt, Herr -Drektor!« - -»Sie sind ein ganz unverschämter, grober Bauer,« kreischte der andere -wieder -- er konnte vor Zorn kaum noch reden -- »der Kuckuck ist Ihr -Direktor!« - -»Herr Direktor, Herr Direktor,« jauchzten die Jungen, »Friede Pfennig, -steig aus, gib ihm die Hand, sonst schilt Muhme Lenelies!« - -Der Lärm, das Schreien, Lachen und Schimpfen wäre wohl noch eine Weile -fortgegangen, wenn nicht der Organist Wunderlich aus seinem Haus -gekommen wäre. Da stoben plötzlich die grünbemützten Gymnasiasten -davon, und der sogenannte Direktor eilte beinahe ängstlich auf den -alten Herrn zu und rief kläglich: »Jetzt verhöhnt mich sogar der grobe -Bauer dort!« - -»Ich bin kein grober Bauer, potzwetter noch mal, Sie -- Bohnenstange; -ich bin Kaspar auf dem Berge, Wirt zur himmelblauen Ente.« - -Von der Schulmauer her, hinter welche die Gymnasiasten geflüchtet -waren, kam ein wahrer Lachsturm. »Kaspar auf dem Berge bringt Friede -Pfennig, haha, huhu! Herr Direktor, hahaha!« - -»Na wartet nur!« Mit ein paar langen Sätzen verschwand der Direktor -hinter der Schulmauer, und von dort her tönte erneuter Lärm, bis -plötzlich eine tiefe Stille eintrat. - -Der Oberheudorfer Wirt schaute höchst verdutzt drein, Friede aber -saß ganz zusammengekauert auf dem Wagen, er kämpfte nur mit Mühe die -Tränen nieder. »Das also ist mein künftiger Hausgenosse?« sagte der -alte Herr jetzt freundlich zu ihm, dann wandte er sich zu dem Wirt und -klärte diesen über seinen Irrtum auf. Der sogenannte Direktor war der -Schuldiener Mayer, den die übermütigen Jungen meist spottend »Herr -Direktor« nannten. Sie taten es leider, weil sie wußten, daß der -Schuldiener sich bitter darüber ärgerte. Der hatte nun wohl gedacht, -Kaspar auf dem Berge wolle ihn auch necken, und war darum so bitterböse -geworden. - -»Kurioses Volk, die Stadtleute!« murmelte Kaspar auf dem Berge. Er -fuhr sich nachdenklich durch die Haare, und als er nun Friede so -niedergeschlagen seine Sachen vom Wagen heben sah, sagte er gutmütig: -»Mach dir nichts draus, Bube, daß sie dich Friede Pfennig genannt -haben, du beißt dich schon durch, und beim Kohlbauern hast es ärger -gehabt.« - -Für Friede, den der Spott tief gedemütigt hatte, war dies der rechte -Trost. Beim Kohlbauern, zu dem man ihn als armes, verlassenes -Waisenbüblein gebracht, hatte er Schläge genug bekommen und Hunger -gelitten, nein wirklich, so schlimm würde es hier sicher nicht sein, -und ganz getröstet sah er zu dem kleinen, blitzsauberen Organistenhaus -hinauf. In ihm sollte er künftig seine Heimat haben. - -Er trug seine Sachen hinein, und drinnen kam ihm Fräulein Wunderlich, -des Organisten Schwester, entgegen, eine rundliche, lebhafte kleine -Dame. Sie empfing den neuen Hausgenossen aber nicht sonderlich -freundlich. - -»Ah, da bist du ja!« rief sie. »Na meinetwegen, mir ist es recht, daß -du bleibst, nur das sage ich dir, mit schmutzigen Schuhen darfst du mir -nicht in die Zimmer gehen; Maikäfer, Frösche, Mäuse und solche Tiere -darfst du nicht fangen und sie in meine gute Stube setzen oder in mein -Bett legen. Und Feuer darfst du auch nicht anzünden, daß einem in der -Nacht das Haus über dem Kopf zusammenbrennt. So was kann ich nicht -leiden!« - -Friede wollte gerade bescheidentlich sagen, daß er alles dies gewiß -nicht tun wolle, als die Dame eindringlich fortfuhr: »Mit den Leuten -nebenan im großen Hause darfst du auch nicht sprechen, hörst du, sonst -werde ich böse. So, und nun geh die Treppe hinauf! Rechts die erste -Türe ist offen, das ist dein Zimmer, du kannst gleich deine Sachen -auspacken.« - -Husch war die Dame schon über den Flur gelaufen, um draußen mit Kaspar -auf dem Berge zu sprechen. Von ihm wollte sie durchaus Hühner kaufen, -obgleich der Wirt versicherte, er hätte keine. »Na, das begreife ich -nicht,« rief Fräulein Wunderlich, »wie man vom Dorfe sein und keine -Hühner haben kann!« - -Kaspar ärgerte sich, er schwieg aber und dachte mitleidig: »Die Städter -sind nun mal nicht recht gescheit, aber leid tut's mir um den Friede, -er hätte lieber bei uns bleiben sollen.« - -Friede war unterdessen die Treppe hinaufgestiegen, hatte eine Türe -offen gefunden und sich etwas erstaunt in dem Zimmer umgesehen. -Komisch war das, denn es stand mehr als alles darin, übereinander, -untereinander, Möbel, Kisten und Kasten, Einmachbüchsen, eine -Waschwanne, alte Blumentöpfe, Bilder mit zerschlagenen Rahmen, und -Platz war wahrlich nicht viel, nicht einmal für so einen schmalen -Jungen, wie Friede einer war. Der Bube war an einfaches Hausen gewöhnt, -immerhin hatte er sich sein Stadtkämmerlein doch anders vorgestellt, -wenigstens so sauber und ordentlich, wie es im Häusel der Muhme -Lenelies aussah. - -Kaspar auf dem Berge wollte auch sehen, wie der Junge untergebracht -war. Er habe das der Muhme versprochen, erklärte er. So stapfte er -hinter Friede die Treppe hinauf, während Herr Wunderlich selbst unten -auf die Pferde achtgab. - -»Potzhundert!« rief der dicke Gastwirt oben erstaunt, »meiner Seel', -ich hätt' nicht gedacht, daß man in der Stadt so kurios die Kammern -einrichtet. Hm, hm, nä, wirklich, Friede, meine Frau würde das 'ne -Rumpelkammer nennen.« - -»Muhme Lenelies auch,« sagte Friede kleinlaut, »aber da steht 'n Bett -und -- -- --« - -»Junge, sag mir mal, was machst du denn in meiner Schrankstube?« rief -plötzlich Fräulein Wunderlich von unten herauf, und dann erkletterte -die rundliche Dame eilig die Treppe. »Aber Junge, Junge, doch auf der -andern Seite!« - -»Rechts sollte ich -- --,« stotterte Friede. - -»Rechts, ach so, ja, ja!« Die Dame brach in ein höchst vergnügtes -Lachen aus: »Junge, merk dir das, rechts und links kann ich einmal -nicht unterscheiden, und wenn ich rechts sage, meine ich fast immer -links, und wenn ich links sage, dann meine ich rechts, das ist mal so!« - -»Ih, nä!« Der Wirt grinste: »So was, das habe ich meiner Lebtage nicht -gehört, daß 'n Frauenzimmer so verdreht ist und links sagt und -- -- --« - -»Erlauben Sie mal,« rief Fräulein Wunderlich entrüstet, »ich bin kein -Frauenzimmer! Auf dem Dorfe gibt es Frauenzimmer, in der Stadt gibt -es Damen.« Dabei sah sie den dicken Kaspar so von oben herab an, daß -dem himmelangst wurde. Er scharrte verlegen mit seinen Füßen auf -dem blitzsauberen Fußboden, was Fräulein Wunderlichs erneuten Ärger -erregte. Sie sagte aber nichts und öffnete nun links eine Türe zu -einem so freundlich eingerichteten Stübchen, daß Friede einen hellen -Freudenruf ausstieß. »Hier soll ich wohnen, hier?« - -»Freilich!« Das Fräulein lächelte nun freundlicher; sie strich sogar -dem Buben die Wangen und sagte: »Mag's dir gut gehen bei uns in unserem -Hause!« - -Kaspar auf dem Berge nickte wohlgefällig, so war's recht; das Stübchen -gefiel ihm wohl, und zuletzt schied er mit dem Bewußtsein, dem Friede -ginge es so gut, wie es einem in der Stadt gehen kann. So schön wie in -Oberheudorf konnte es eben nirgends sein. - -Am Abend erzählte er daheim viel von seiner und Friedes Ankunft, -von den Laubfröschen, dem falschen »Drektor« und dem verkehrten -Frauenzimmer, und Muhme Lenelies, die in die himmelblaue Ente gekommen -war, dachte voll heimlicher, sorgender Angst: »Wie wird es nur meinem -Friede ergehen in der fremden, fremden Stadt!« - -Die Oberheudorfer Buben und Mädels redeten am nächsten Morgen mehr vom -Traumfriede und der Stadt als von ihrer Schule und ihren Arbeiten. -Die Buben besonders beneideten den Kameraden glühend. Es mußte doch -wundervoll sein, eine froschgrüne Mütze zu tragen! Allein um dieser -Mütze willen wären die meisten gleich bereit gewesen, auch auf das -Gymnasium zu gehen. »Und so'ne feine Kammer hat er,« wisperten die -Mädels, »der Wirt hat gesagt, seine Fremdenstube wäre nicht schöner. -Ach ja, der Friede hat's gut!« - -»Vielleicht geh ich auch noch in die Stadt zur Schule,« sagte Heine -Peterle daheim sehr wichtig zu Muhme Rese, »die grüne Mütze ist fein!« - -»Ja,« meinte Muhme Rese, »'ne Mütze tragen und lernen ist halt 'n -Unterschied; wieviel Fehler haste heute gehabt?« - -Flugs war der Bube hinaus. Nach seinen Schularbeiten ließ er sich nicht -gern fragen, denn darin sind die Erwachsenen komisch; sie schreien über -ein paar Dutzend Fehler immer gleich, als wäre das eine ganz schlimme -Sache! -- -- -- - -[Illustration] - - - - -[Illustration] - -Ein böser Tag. - - -»Nimm's nicht schwer, wenn dir im Anfang alles etwas fremd vorkommt,« -hatte der Organist Wunderlich seinen Hausgenossen ermahnt, als er -am Nachmittag nach seiner Ankunft mit ihm hinüber ins Gymnasium zur -Aufnahmeprüfung ging. »Sei tapfer! Wer ein rechter Mann werden will, -darf nicht gleich verzagen, wenn auch der Anfang etwas schwer ist.« - -Traumfriede nahm sich die Worte zu Herzen und dachte: »Ich will schon -tapfer sein.« Doch bei der Prüfung hatte er die Tapferkeit gar nicht -nötig, er wußte viel und konnte gut antworten. Die Lehrer sagten, -das, was er noch nicht wisse, würde er schnell nachholen. Er kam, wie -es der Oberheudorfer Lehrer gesagt hatte, in die Quarta hinein, und -sein Pflegevater ging gleich nach der Prüfung und kaufte ihm eine -froschgrüne Mütze. Die gehörte nun einmal dazu, und als Friede sie -aufsetzte, dachte er: »Ach, könnte ich doch jetzt einmal mich damit im -Dorfe zeigen!« - -Der erste Tag und die erste Nacht gingen vorbei. Traumfriede schlief, -trotzdem es ihm am Abend seltsam bang ums Herz wurde, doch wie ein -Murmeltier im fremden Hause. Und tapfer, zuversichtlich und vergnügt -marschierte er am nächsten Morgen in das Gymnasium hinüber, die grüne -Mütze keck auf dem blonden Kopf. Er hatte es sehr eilig gehabt, und -so betrat er als einer der Ersten den weiten Schulhof. Das Haus -- -es war ein ehemaliges Stiftsgebäude -- kam Friede überaus prächtig -vor, und da die große Uhr über dem Eingang ihm zeigte, daß er noch -viel Zeit hatte, so blieb er stehen und betrachtete sich fast -ehrfürchtig das weitgestreckte Gebäude, zu dem eine breite Freitreppe -hinaufführte. Dorthinein sollte er nun täglich gehen; statt Hirtenjunge -und Allerweltshelfer in Oberheudorf war er nun ein Gymnasiast, ein -Lateinschüler, und später würde er vielleicht auch ein Pfarrer, ein -Doktor, ein -- -- - -»Herrjeh, da ist ja Friede Pfennig aus Oberheudorf! Na, Friede Pfennig, -wie geht es denn Muhme Lenelies?« rief es da plötzlich laut in seine -stolzen Zukunftsgedanken hinein. - -Verwirrt drehte sich der Bube um, er mußte sich erst besinnen, daß der -Ruf ihm galt. Ein paar Jungen standen neben ihm, der längste von ihnen -war der Sprecher gewesen. Er schaute Friede spöttisch an, so spöttisch -und unfreundlich, daß dem plötzlich die Glut ins Gesicht stieg, was den -andern zu lautem Lachen reizte: »Seht nur, wie er rot wird, der Herr -Oberheudorfer! Sag mal, du hast wohl Spatzen unter deiner Mütze?« Und -ehe es sich Friede versah, sauste ihm die Mütze vom Kopfe und geriet -schnell unter ein paar Bubenbeine. - -[Illustration] - -»Meine Mütze,« rief Friede unwillkürlich erschrocken, und weil er, -der in Armut groß geworden war, das Neue stets schonte, hob er die -Mütze eilig auf und sagte kläglich: »Sie ist doch ganz neu! Pfui, wie -abscheulich von dir!« - -»Na, seht doch den Bauernbuben an!« höhnte der lange Junge. »Geh doch, -klag's der Muhme Lenelies, Friede Pfennig!« - -Das war ein übler Anfang. Wenn nicht ein paar Lehrer über den Schulhof -gekommen wären, hätte es sicher eine Prügelei gegeben, und als Friede -ein Weilchen später in seiner neuen Klasse saß, hatte er das Gefühl, -unter lauter Feinden zu sitzen. Das tuschelte und lachte um ihn herum: -»Friede Pfennig aus Oberheudorf ist da, Friede Pfennig, Friede Pfennig.« - -Wenn er aufsah, begegnete er lauter lustigen Spottblicken, und -zuletzt wurde er ganz verwirrt und verlegen, er konnte in der Stunde -nicht mehr die einfachsten Fragen beantworten. Der Klassenlehrer, -Doktor Schneider, sah ihn darum nicht scheel an, er fand des Buben -Verlegenheit begreiflich, er wußte ja auch, wie gut der seine Prüfung -bestanden hatte. Aber Friede schämte sich doch gewaltig, und als die -Stunde aus war, rannte er wie gejagt davon. Doch draußen auf dem Flur -hielt ihn einer fest: »Bist du der Friede aus Oberheudorf?« - -»Ja,« schrie Friede, und den sonst so sanften Jungen übermannte der -Zorn. Warum neckten sie ihn nur so, war es denn eine Schande, aus -Oberheudorf zu sein? »Ja, der bin ich,« schrie er noch einmal, und -schwapp, schlug er dem andern die Mütze vom Kopf. »Ich kann das auch!« - -Hinaus war er, die Treppe hinab, er raste über den Schulhof und kam -heiß und atemlos in dem Organistenhaus an. Es hatte draußen inzwischen -etwas geregnet, und auf dem Johannesplan standen kleine Pfützen. -Friede hatte wenig darauf acht gegeben, er dachte auch nicht an das -Schuhabputzen; tapp, tapp lief er die Treppe zu seinem Kämmerlein -hinauf und warf drinnen aufschluchzend seine Bücher auf den Tisch. - -Bums, da lagen die Bücher, und bums ging die Türe auf. Fräulein -Wunderlich stand auf der Schwelle und rief wütend: »Ich habe dir doch -gesagt, du sollst die Füße abwischen, o du böser, böser Junge, du! -Wenn du es noch einmal vergißt, dann mußt du die Treppe scheuern.« -Krach, flog die Türe wieder zu, und Friede starrte ganz betäubt der -zornigen Dame nach. Er hörte sie unten noch ein Weilchen schelten, und -bedrückt schlich er an das Fenster und sah hinaus. Sein Zimmerchen lag -an der Wand des Hauses, die an den Garten des stattlichen Nachbarhauses -anstieß, und Friede konnte weit hinein in diesen großen, schönen Garten -sehen. In dem standen viele alte Bäume; jetzt freilich waren sie noch -kahl, nur ein feines grünes Schimmern lag darüber, aber die großen -Rasenflächen leuchteten schon im ersten frischen Grün, und da und dort -blühten bunte Frühlingsblumen, Hyazinthen, Tulpen und Narzissen. Der -Garten gefiel Traumfriede über die Maßen gut, und er sah so lange und -andächtig hinein, bis er ein wenig seinen Kummer vergaß. - -Etwas beruhigter ging er zum Mittagessen hinab, und da Fräulein -Wunderlich nicht mehr so bitterböse aussah, wollte er sie gerade um -Entschuldigung bitten, als der Herr Organist ihn etwas streng fragte: -»Du, sag mal, Friede, warum bist du gleich so patzig? Dem Ulrich -Sonntag hast du so heftig die Mütze vom Kopf geschlagen, daß er eine -Beule an der Stirn davongetragen hat. Na, das ist ja eine schöne -Aufführung für den ersten Tag! Schämst du dich nicht?« - -Fragte nun jemand den Traumfriede mild, wie war das oder dies, -dann sagte er stets freimütig und offen die Wahrheit, doch Strenge -schüchterte ihn leicht ein, und er wußte nichts zu sagen. Herrn -Wunderlichs Vorwurf und des Fräuleins Schelte verwirrten ihn namenlos; -er wagte nicht aufzusehen, still und niedergeschlagen saß er da. Dem -alten Herrn tat es fast leid, und freundlicher forderte er ihn auf: -»Erzähle mir doch einmal, wie war es heute früh, und warum hast du -gerade mit Ulrich Sonntag Streit gehabt?« - -Friede wollte soeben, durch den freundlichen Ton ermuntert, antworten, -wollte sagen, er wüßte gar nicht, wer dieser Ulrich Sonntag sei, als -Fräulein Wunderlich empört rief: »Bewahr mich, der Junge steckt ja das -Messer in den Mund!« - -Erschrocken ließ Friede das Messer fallen, das rutschte aus, er wollte -es halten, doch da geriet der Teller ins Schwanken, und beinahe ging es -wie beim Kippelphilipp im Struwelpeter: Teller, Glas, Messer, Löffel, -Brot, alles kollerte mit viel Geklirr und Gekrach auf den Fußboden. - -»Das ist ja ein furchtbarer Junge!« rief Fräulein Wunderlich empört, -und sie hätte wohl noch manches böse Wort gesagt, wenn ihr Bruder sie -nicht mit ernstem Blick gebeten hätte: »Wir wollen jetzt nichts mehr -sagen, Friede und ich sprechen nachher miteinander. Geh jetzt in dein -Zimmer und arbeite. Bis fünf Uhr habe ich Stunden zu geben, nachher -komm zu mir.« - -Friede war heilfroh, daß er aufstehen durfte. Er war freilich nur halb -satt, aber er hätte jetzt vor lauter Verlegenheit und Scham doch keinen -Bissen mehr hinuntergebracht. Als er die Türe hinter sich schloß, hörte -er gerade noch Fräulein Wunderlich triumphierend sagen: »Ich habe es -gleich gewußt, so ein Junge vom Dorf paßt nicht in unser Haus.« - -Traurig schlich Friede die Treppe hinauf. Heute hatte er keine Freude -an dem hübschen Stübchen, selbst die neuen Bücher auf dem Tisch, an -denen er sich gestern noch so gefreut hatte, lockten ihn nicht. Er -setzte sich niedergeschlagen an das offene Fenster, starrte in den -Nachbargarten hinunter und dachte, während ihm dicke Tränen über die -Wangen liefen: »Ach, wäre ich doch wieder in Oberheudorf bei Muhme -Lenelies!« - -In dem großen, schönen Haus mit dem steinernen Wappen über dem Tor, -das neben dem Organistenhaus lag, wohnte ein alter Herr, Professor -von Spiegel. Das Haus stand schon beinahe zweihundert Jahre auf dem -Johannesplan, und so lange war es auch in dem Besitz der Familie -Spiegel. Wohl nie war es aber so still in dem Hause gewesen wie jetzt. -Sein Besitzer hatte weder Frau noch Kinder, er war ein hochgelehrter -Herr, der viel auf Reisen war und manchmal monatelang nicht in dem -alten Familienhaus wohnte. Sein Gärtner und dessen Frau bewachten das -Haus; kam der Professor selbst, dann bewohnte er meist nur wenige -Zimmer, alle andern blieben verschlossen. Fräulein Wunderlich haßte den -Nachbar, obgleich sie Nachbarskinder waren und ihr Bruder Matthias sich -in seiner Jugend den besten Freund des Herrn von Spiegel genannt hatte. -Die Freundschaft war entzwei gegangen durch kleine Mißverständnisse -und Übelnehmereien. Die meiste Schuld daran trug Fräulein Wunderlich. -Sie hatte nie zum Frieden geredet, sondern immer ein wenig gehetzt -und gestichelt. Einmal hatte sie behauptet, der Nachbar sei hochmütig -und habe sie nicht gegrüßt, dann wieder, man habe ihre Katze drüben -im Nachbargarten vergiftet, und zuletzt war es so weit gekommen, daß -die Nachbarn sich nicht mehr ansahen. Herr Matthias Wunderlich schaute -freilich oft trübselig nach dem Haus hinüber und seufzte wohl: »Wäre es -doch wie damals!« - -Ähnlich dachte auch der alte Professor von Spiegel, als er an diesem -Frühlingstag zum erstenmal wieder nach langer Abwesenheit durch seinen -Garten schritt. Aufmerksam betrachtete er, wie bunt und reich der -Frühling die Beete geschmückt hatte; bald blieb er vor einem Baum -stehen, der ein lichtgrünes Schleierkleid trug, bald vor einem Beet, -auf dem allerlei Blumen zart und lustig im Sonnenschein standen. An der -Mauer des Nachbarhauses blühten noch die Veilchen, und der Professor -bückte sich, um ein paar der lieblichen Dinger abzupflücken, als er -Friedes bitterliches Schluchzen hörte. Die Kammer des Knaben war gerade -an der Veilchenwand, und da das Organistenhaus ziemlich klein gewachsen -war, konnte der alte Herr den weinenden Knaben gut sehen. »Na nu,« -rief er hinauf, »wer heult denn da? Schickt sich das für einen schönen -Frühlingstag, he?« - -Friede hob verwirrt den Kopf und sah nun den alten Herrn an, der unten -im Garten stand. Das Gesicht kam ihm bekannt vor, es war ihm, als müßte -er schon einmal dies von struppigem, weißem Haar umgebene Gesicht mit -den hellen Augen gesehen haben. - -»Na, was guckste mich denn an, Junge, als wäre ich aus einem -Märchenbuch herausgepurzelt?« rief Professor von Spiegel und -zwinkerte lustig mit den Augen. »Ich bin kein Mittagsgespenst, kein -Kinderschreck, kein Bubenfresser. Aber nun sag du mir mal, woher du -kommst, und warum du so weinst, als wolltest du den Johannesplan unter -Wasser setzen. Bei Wunderlichs gibt es doch sonst keine heulenden -Buben, he?« - -»Ich bin aus Oberheudorf,« stammelte Friede, »ich soll hier aufs -Gymnasium gehen.« - -»So, aus Oberheudorf? Na, das ist dort eine nette Sorte Buben und -Mädels.« - -Der alte Herr lachte leise und behaglich, und Friede dachte wieder: -»Aber den kennst du doch!« Da fragte schon der Fremde in sein Überlegen -hinein: »Du kennst mich wohl nicht mehr, oder warst du nicht dabei, wie -wir voriges Jahr bei euch ein Hünengrab öffneten, he?« - -»Ich weiß, ach, ich weiß!« rief Friede, und ein heller Schein lief -über sein Gesicht. Ach, das war ja einer der Herren, die an einem -Sommertag in Oberheudorf gewesen, das Hünengrab erforscht und seinen -Lieblingsplatz dadurch zerstört hatten. Just dieser hatte dann am -meisten darüber gelacht, daß die Mädels die ausgegrabenen Sachen alle -hatten schön blank putzen wollen. - -»Komm mal zu mir herunter, dich muß ich mir näher ansehen,« sagte der -alte Herr fröhlich, und als sich Friede zweifelnd umsah, holte er -selbst eine lange Leiter herbei und schob sie unter Friedes Fenster. -»Da ist die Treppe, nun komm!« - -Friede dachte in diesem Augenblick gar nicht an Fräulein Wunderlichs -strenges Verbot, jeden Verkehr mit dem Nachbarhause zu vermeiden, er -war zu froh, mit jemand von Oberheudorf sprechen zu können; eins, zwei, -drei war er unten neben dem alten Herrn, der ihm freundlich die Hand -entgegenstreckte. »Na, grüß dich Gott, Oberheudorfer Bube du, und nun -komm, setz dich neben mich und erzähle mir, wie du aus deinem hübschen -Oberheudorf heraus und gerade zu den Wunderlichs gekommen bist.« - -Bei dieser gütigen Frage verlor Friede alle Befangenheit, und ein -großes Vertrauen zu dem Herrn, der seine Heimat so gut kannte, erfüllte -gleich sein Herz, und es wurde ihm gar nicht schwer, dem Fremden alle -seine Schicksale zu erzählen, von der Heimat, und wie er hierher -gekommen war, von der gestrigen Ankunft und dem bösen Schulanfang -heute, von Fräulein Wunderlichs Zorn und -- da stockte er und wurde -blutrot. - -»Na und weiter? Immer ehrlich gesagt, was man denkt,« ermunterte der -Professor. - -»Ich -- -- -- ich sollte doch mit niemand von den Nachbarn sprechen,« -stammelte Friede, dem plötzlich das Verbot einfiel. - -[Illustration] - -»So, das sieht ja dem wunderlichen Fräulein Wunderlich ähnlich,« rief -Herr von Spiegel grimmig lachend. »Sieh mal einer an, nicht einmal -reden soll man mit mir! Sag einmal, Bub, spricht es sich nicht ganz gut -mit mir?« - -Friede lachte, nickte und erwiderte treuherzig: »Ja.« Er blieb auch -sitzen und gab fröhlich und willig Antwort, denn der Professor fragte -gar viel nach dem Heimatsdorf und seinen Bewohnern, und darüber -vergaßen die beiden ungleichen Kameraden wieder Fräulein Wunderlichs -Verbot. - -Das Fräulein hatte unterdessen viel an ihren kleinen Hausgenossen -gedacht. Etwas bereute sie beim Nachdenken ihre Strenge schon, und -wäre ihr Friede jetzt in den Weg gekommen, dann hätte er wohl ein -freundliches, mildes Wort gehört. Inzwischen klingelte es an der Türe, -und Marianne Sonntag kam zur Geigenstunde. Fräulein Wunderlich öffnete -selbst und sprach ein paar Worte mit dem Mädel, das ihres Bruders -Lieblingsschülerin war. Dabei fiel ihr wieder ein, daß Friede am Morgen -mit Ulrich Sonntag Streit gehabt hatte, und sie forschte: »Sag mal, -Kind, was hat denn dein Bruder unserm Pflegling getan?« - -»Er ihm?« rief das Füchslein und wurde rot vor Ärger. »O pfui, Fräulein -Wunderlich, dieser Junge aus Oberheudorf ist abscheulich! Ulli wollte -mit ihm sprechen, da hat er gleich losgehauen -- -- so -- --,« und -krach schlug sie mit ihrer Notenmappe auf einen Stuhl, »so war's!« - -»Aber Mädchen, nicht so wild!« mahnte Fräulein Wunderlich und seufzte: -»Ja, ja, ich glaube, wir haben uns einen bösen Knaben in das Haus -genommen, ich fürchte sehr, es wird viel Ärger geben. Nun geh also in -deine Stunde, Kind!« - -Marianne schlüpfte in das Musikzimmer, Fräulein Wunderlich aber stieg -die Treppe hinauf, um einmal nach ihrem schlimmen Kostgänger zu sehen. -Zu ihrem Erstaunen fand sie oben das Zimmer leer und das Fenster weit -offen. »Er ist ausgerissen,« dachte sie erschrocken, »ich habe ihn -aus dem Hause getrieben.« Aber da hörte sie auf einmal Stimmen aus -dem Nachbargarten heraufschallen, und nun -- was war das? -- -- -- -ein höchst vergnügtes Bubenlachen erklang da unten. Geschwind lief -sie ans Fenster und bog sich weit hinaus. Das war doch toll! Da saß -dieser abscheuliche Bengel und schwatzte mit dem verhaßten Nachbar, als -wäre der sein allerbester Freund! Ein heftiger Zorn erfaßte Fräulein -Wunderlich, und sie wollte schon laut ihren Pflegling anschreien; auf -einmal hielt sie inne, kehrte in das Zimmer zurück und begann sehr -geschwind Friedes Sachen zusammenzupacken. Der Junge mußte ihr aus dem -Hause, gleich, auf der Stelle! Husch, husch ging es, Bücher, Wäsche, -den neuen Sonntagsanzug, alles tat sie in den Sack. Dann schloß sie -ganz leise das Fenster, eilte hinab und rief ihre Magd. »Marie, nimm -die Sachen, trag sie hinüber zum Herrn Professor von Spiegel und sage, -dies wären die Sachen von dem Oberheudorfer Jungen, der möchte sehen, -wo er bleiben kann, wir hätten keinen Platz in unserm Hause für so -rüpelige Jungens, die zum Fenster hinausklettern.« - -Marie sah ihre Herrin ein wenig zweifelnd an; es schien ihr doch ein -bißchen eilig mit dem Hinauswerfen zu gehen, und sie dachte: »Wenn doch -der Herr das hörte!« - -Doch der hörte nichts, Marianne Sonntag stand drinnen in seinem Zimmer -und geigte so fein und lieblich, als wäre sie gar nicht das wilde -Füchslein. Auch als Marie draußen etwas laut polterte und rief, daß -es durch den ganzen Flur hallte: »Soll ich's wirklich bestellen, daß -der Friede nicht mehr zurückkommen darf?« hörten die beiden drinnen es -immer noch nicht, und brummend zog das Mädchen ab. - -Friede saß noch immer auf der Bank neben dem Professor, als Marie -vorn am Tor stark die Glocke zog. Weil sie sich ärgerte, tat sie es -besonders laut, und weil die Botschaft, die sie ausrichten sollte, ihr -selbst zu hart vorkam, schrie sie den armen Friede heftig an, als sie -ihn erblickte, und ihre Stimme klang rauh, denn die Tränen saßen ihr in -der Kehle. »Da! -- Nu ist's wohl am besten, du gehst jetzt wieder nach -Oberheudorf zurück.« - -Erst begriff Friede gar nichts. Er starrte die Magd ganz fassungslos -an, und der liefen in hellem Mitgefühl die Tränen aus den Augen. -»'s ist wahr, wahrhaftig wahr, du armer Junge,« schluchzte sie, -»rausgeworfen bist du, ritsch, ratsch rausgeworfen. Aber ich gehe auch, -in so 'nem Haus bleibe ich nicht, fällt mir nicht ein.« Damit lief sie -weg, sie konnte das bleiche, verstörte Gesicht des armen Jungen gar -nicht ansehen. - -Der Professor war nicht minder erschrocken als Friede. Gleich fiel's -ihm ein, daran bist du schuld, du hättest den Buben nicht herunterrufen -sollen, und dann überkam ihn ein heftiger Zorn auf das hartherzige -Fräulein. »Bleib hier, ich geh' hinüber,« sagte er rasch, »ich werde -dem Fräulein Wunderlich ordentlich meine Meinung sagen.« - -»Mit Verlaub, gnädiger Herr, das täte ich nicht gleich!« Der Gärtner -und Hausverwalter, der Marie die Türe geöffnet hatte, stand bescheiden -vor seinem Herrn und fuhr treuherzig fort: »Jetzt raucht der Ärger -drüben und hier noch zu sehr, und es könnte leicht ein Feuer geben. -Wär's nicht besser, der Junge da bliebe noch ein Weilchen hier? -Vermute, der Herr Organist wird bald selbst kommen, jetzt wird er den -Weg schon finden, und das wäre mir eine rechte Herzensfreude.« - -»Ist recht,« rief der Professor, »das war ein guter Rat, und am besten -wär's jetzt, einen ordentlichen Kaffee zu trinken. Komm, Friede von -Oberheudorf, du bist mein Gast, jetzt sollst du mal Stadtkuchen -schmecken. Sieh nicht so unglücklich aus, armer Kerl, es wird alles -wieder gut werden.« Und als er sah, wie Friede sich tapfer die Tränen -verbiß, strich er ihm gütig über den blonden Krauskopf. »Ich verlasse -dich nicht, ich bleibe dein Freund.« - -Im Organistenhaus war des Füchsleins Stunde zu Ende. Die Kleine packte -ihre Noten ein, so langsam und nachdenklich, daß Herr Wunderlich -lächelnd fragte: »Na, Mädel, was gibt's, was hast du noch auf dem -Herzen?« - -»Ich möchte den Oberheudorfer Jungen sehen,« platzte Marianne heraus, -»er soll zwar gräßlich sein, aber -- -- aber -- --« - -»Ich bin doch zu neugierig auf ihn,« vollendete der Organist. »So -schlimm ist es gar nicht mit ihm, er ist ganz brav, und ich rufe ihn -gerne; er fühlt sich gewiß recht einsam und schwatzt vielleicht eher -mit dir als mit uns.« - -Und dann kam es heraus: Friede war nicht mehr im Hause, Fräulein -Wunderlich hatte ihn hinausgeworfen. Ihr Bruder wurde ganz blaß vor -Schreck. Ein anvertrautes Kind am ersten Tage aus dem Hause weisen, -das war ihm doch zu viel. »Ich muß ihn holen,« rief er und nahm -geschwind seinen Hut. - -»Nein, nein,« jammerte seine Schwester, »ich nehme ihn nicht wieder, -nie wieder, und du darfst nicht zu dem Professor hinüber gehen, ich -leide es nicht!« - -Herr Wunderlich antwortete gar nicht, er sah seine Schwester nur ernst -und tieftraurig an, und das zornige Fräulein fühlte beschämt, welch -großes Unrecht sie begangen hatte. Weil sie das aber nicht eingestehen -wollte fing sie an jämmerlich zu weinen und zu klagen, sie schrie, -stöhnte, rang die Hände und tat, als sei ihr das allergrößte Herzeleid -geschehen. Ihr Bruder beachtete dies gar nicht, er nahm Marianne -Sonntag bei der Hand und verließ mit ihr das Haus. Draußen sagte er -betrübt: »Geh nach Hause, mein Kind, und denke nicht zu schlecht -von dem armen Jungen und gib ihm ein freundliches Wort, wenn du ihn -siehst.« Er nickte dem Füchslein noch einmal zu und zog dann die Glocke -am Nachbarhaus, zum erstenmal wieder seit vielen Jahren. - -»Der Herr Organist ist da,« sagte nach einem Weilchen die Gärtnersfrau -mit strahlendem Gesicht zu dem Professor, der mit seinem sehr -niedergeschlagenen Gast am Kaffeetisch saß, »er ist doch gekommen!« - -Der Professor sprang auf. »Bleib, Junge,« rief er, »daß der Matthias -Wunderlich zu mir kommt, freut mich. Vielleicht hast du mir Glück -gebracht, Friede von Oberheudorf, und ich gewinne einen alten Freund -wieder.« - -Friede mußte lange, lange warten, ehe sein Gastfreund zurückkehrte. -Herr Wunderlich kam mit ihm, und die beiden alten Herren sahen aus, als -hätten sie sich recht tüchtig mit Frühlingssonnenschein eingerieben, so -glänzten ihre Gesichter und so strahlten ihre Augen. Das Wiedersehen -nach langen Jahren war auch ein Wiederfinden geworden; sie hatten sich -ausgesprochen und hatten dabei entdeckt, daß sie beide im Herzen noch -die gleiche Freundschaft hegten. - -»Deine Schwester versöhnen wir auch noch,« sagte der Professor heiter, -»der Junge, den sie so geschwind aus dem Haus gestoßen, soll uns -helfen. Laß ihn vorläufig bei mir, ich bleibe den Sommer über hier und -will ihn behalten, bis deine Schwester ihn selbst zurückholt.« - -Der Organist schüttelte trübe den Kopf. »Sie ist sehr böse auf ihn.« - -»Sie hat aber doch ein gutes Herz, ich weiß es, ich weiß, wie viel -Gutes sie in aller Stille tut, und ich glaube bestimmt, der Junge ist -uns dreien zur Versöhnung gekommen.« - -Friede war es wohl zufrieden, daß er unter des Professors Schutz in -dem schönen Hause bleiben sollte, und weil Herr Wunderlich gar nicht -schalt, sondern gütig und väterlich mit ihm sprach, hellte sich sein -Gesicht auf. Er versprach, tapfer zu sein und brav in die Schule zu -gehen, seine Pflicht zu tun und seinem Beschützer Freude zu machen. -»Ich schreibe selbst an deine Muhme oder fahre nächste Woche einmal -hinaus nach Oberheudorf, damit die alte Frau sich nicht sorgt,« -versprach der Professor. »Hast du ihr schon geschrieben?« - -Friede schüttelte den Kopf. »Ich soll erst in vierzehn Tagen schreiben, -früher nicht; Muhme Lenelies meinte, sonst würde ich mit dem Heimweh zu -schwer fertig!« - -»Deine Muhme hat recht, und nun sieh zu, daß du ihr in vierzehn Tagen -einen guten, fröhlichen Brief schreiben kannst. So viel wie an diesem -ersten Tag wirst du wohl nicht jeden Tag erleben.« - -So blieb Traumfriede in dem großen Haus mit dem steinernen Wappen über -dem Tor. Frau Emma, die Hausverwalterin, richtete ihm ein freundliches -Zimmer ein, von dessen Fenstern aus er gerade das Organistenhaus sehen -konnte und die Veilchenwand, an der er hinabgestiegen war. - -Friede kam sich an diesem Abend wie einer der verwunschenen, verfolgten -und verspotteten Prinzen vor, von denen es in Muhme Lenelies' Märchen -wimmelte. Aber er schlief auch hier gut und wanderte am nächsten -Morgen wieder mutiger in die Schule, doch bedrückt kehrte er heim. Er -hatte so fremd unter seinen Mitschülern gesessen wie am vergangenen -Tage, und wieder hatten sie ihn mit spottenden Worten und höhnischen -Sticheleien gekränkt. Ein Gymnasiast zu sein, war doch viel schwerer, -als in die Oberheudorfer Schule zu gehen. Und weil die Sehnsucht in ihm -klopfte und pochte und er so viel an Oberheudorf denken mußte, setzte -er sich hin und schrieb an Heine Peterle einen Brief. An die Freunde -zu schreiben hatte ihm die Muhme ja nicht verboten, und sicher würden -diese warten, und gewiß würden sie sich sehr freuen. Ach, es gab ja so -viele Gründe, einen Brief zu schreiben! - - - - -[Illustration] - -Heine Peterles Brief. - - -Es war wieder einmal die Stunde gekommen, in der die meisten -Oberheudorfer Kinder die Schule am liebsten hatten, -- sie war nämlich -aus. Die Schulglocke hatte geschwind und eilig gebimmelt, fast heiser -war sie dabei geworden; dann hatte der Lehrer das Buch zugeklappt, -und nun ging es laut und lustig auf der Dorfstraße zu. Und es war -drollig: jene, die in der Schule immer ihren Mund hielten, wenn der -Lehrer fragte, taten ihn hier draußen kaum zu. Zu diesen gehörte an -diesem Tage auch Heine Peterle. In der Schule hatte er nichts gewußt, -so wenig, daß es beinah zum Nachsitzen gekommen wäre, und draußen -schwatzte er, als hätte er sich von der Jungfer Elster den Schnabel -geborgt. Gerade wie der Lärm am größten war und die Kinder nun alle -aus dem Schulhaus herausgekommen waren, schritt der Postbote durch das -Dorf. Allzuviel hatte der immer nicht abzugeben, denn die Oberheudorfer -waren keine großen Briefschreiber. Ihre Sippschaft saß meist in den -Dörfern in der Nähe, und wenn ein Familienmitglied dem andern etwas -sagen wollte, lief es lieber drei, vier oder fünf Stunden, ehe es einen -Brief schrieb. Die Kinder bekamen erst recht keine Briefe, und so -purzelten sämtliche Buben und Mädel vor Erstaunen beinahe um, als der -Postbote auf die Kinder zukam, einen Brief hochhielt und rief: »Der ist -für Heine Peterle Putzenkeller!« - -Heine Peterle riß seinen Mund auf, als wollte er ein Fliegenschnapper -werden, doch seine Gefährten brüllten gleich laut los: »Heine Peterle -kriegt 'n Brief -- 'n Briiiieef!« - -»Na freilich, warum soll er nicht mal 'nen Brief kriegen?« Der Postbote -schmunzelte und hielt dem Buben das Schreiben hin. »Da, nimm es doch!« -Aber der sah es an, als wäre es ein glühender Plättstahl, er stöhnte -ordentlich; der Gedanke einen Brief zu bekommen, war zu überwältigend. - -»Nimm ihn doch, nimm, nimm!« forderten die andern auf. Anton Friedlich -versetzte ihm einen Puff von links, Schulzens Jakob einen von rechts, -und nun entschloß sich Heine Peterle endlich, den Brief zu nehmen. Er -wurde feuerrot dabei und hielt das kleine weiße Ding zitternd in der -Hand. - -[Illustration] - -»Es ist von Friede Heller, auf der Rückseite steht's,« sagte der -Postbote, »nu mach ihn nur auf!« - -»Von Friede, oh von Friede,« schrieen die Buben und Mädel vergnügt, -»dann ist der Brief für uns alle.« - -»Nä, der ist for mich.« Heine Peterle preßte das Schreiben fest an -seine Brust, denn Anton Friedlich griff schon danach. »Mach ihn doch -auf!« mahnte der. - -»Ja, mach'n auf, wir wollen wissen, was drin steht,« ermunterten auch -die andern, und Annchen Amsee drängte sich dicht an Heine Peterle -heran. »Uh je, geht das langsam!« - -»Das is doch mein Brief,« rief der Bube patzig, »erst lese ich'n -alleine. Nä, laß doch!« - -Schulzens Jakob hatte versucht, den Brief zu greifen, und kaum hatte -ihn Heine Peterle vor dem Griff geschützt, als der dicke Friede danach -langte. »An mich ist er erst recht, ich heiße Friede!« - -»Nä, mir gehört er!« Mit beiden Händen umklammerte Heine Peterle das -weiße Ding, er puffte mit den Ellenbogen nach beiden Seiten und trotzte -borstig auf: »Wenn ihr so seid, dann sag' ich nicht, was drinne steht.« - -»Wie sind wir denn?« fragten die andern gekränkt. »Nä, pfui, wie du -bist! Der Brief ist doch für uns alle!« - -»Nä,« Heine Peterle stampfte mit dem Fuß auf, »der gehört mir, erst muß -ich'n lesen.« - -»Na, dann lies doch fix! O bist du'n Tranpeter!« - -»Ihr laßt mich ja nicht lesen.« Heine Peterle wurde immer zorniger, -immer röter, und trotzdem ein kühler, frischer Wind wehte und es gar -nicht heiß war, traten ihm doch die Schweißperlen auf das Gesicht, denn -immer dichter, immer enger umschloß ihn der Kinderkreis, er konnte sich -kaum noch rühren. »Ich kann doch nicht aufmachen,« stöhnte er, »erst -muß ich ein Messer haben!« - -»Hier mein's!« »Nimm mein's!« »Nein, mein's ist schöner!« »Mein's -schneidet am besten!« Die Buben suchten in ihren Taschen und holten -Messer heraus. Die Mädel ärgerten sich, daß sie keine hatten, und -Schulzens Röse rief beleidigt: »Zu so was nimmt man 'ne Stricknadel, -Vater nimmt immer Muttern ihre.« - -Einen Augenblick sahen die Buben betroffen drein; der Schulze bekam die -meisten Briefe, und wenn der eine Stricknadel zum Öffnen nahm, mußte -es wohl richtig sein. Aber dann brüllte Anton Friedlich: »Buben machen -alles mit 'nem Messer, da ist mein's!« - -»Das hat ja keine Klinge,« höhnte Schnipfelbauers Fritz und streckte -seins schmeichelnd Heine Peterle hin: »Nimm mein's!« - -»Nä, das is nie ordentlich scharf,« empörte sich der blaue Friede, »da -guck mal meins!« - -»Au!« brüllte Heine Peterle, denn im Eifer hatte ihn der andere mit dem -angepriesenen Messer in die Hand geritzt. - -»Ihr stecht ihn ja tot!« kreischte Bäckermeisters Mariele, die sehr -ängstlich war; sie fing auch gleich an zu heulen, und Heine Peterle -hatte nicht übel Lust, es ihr nachzumachen, denn seine Lage war nicht -beneidenswert. Die Kinder drängten und drängten; er konnte sich nun -wirklich nicht mehr rühren, puffte mit den Ellenbogen, stieß mit den -Füßen, alles half nichts. Endlich schrie er jammernd: »Laßt mich los -- -sonst -- sonst -- eß ich den Brief auf!« - -Die Kinder schrieen allesamt laut auf vor Schreck, Bewunderung und -Angst. Die Drohung machte einen solch ungeheuren Eindruck auf sie, daß -sie den armen Heine Peterle beinahe zerquetschten. »Mach's nich, nä, -mach's nich, der Brief ist doch for uns alle,« bettelten sie, und Heine -Peterle hätte seine Drohung auch wirklich nicht ausführen können, er -konnte nicht einmal mehr stoßen, so fest eingekeilt stand er da. - -»Potztausend, ihr Kindervolk, was macht ihr heute wieder für'n -Geschrei? 's ist ja, als wäre Krieg und die Feinde hätten euch aus -der Schule hinausgeschmissen!« Der das sagte, war Hans Rumpf, der -Nachtwächter und Ortspolizist. Er kam mit einem grimmigen Gesicht -herbei, denn er ärgerte sich schon eine ganze Weile über die Kinder, -die da mitten auf der Dorfstraße standen und standen und nicht -heimgehen wollten. Seine barsche Frage scheuchte die Kinder diesmal -aber nicht auseinander, sie blieben stehen und klagten: »Heine Peterle -hat'n Brief bekommen und will ihn uns nicht lesen lassen. Er will ihn -aufessen, und er ist vom Friede, und er ist doch für uns alle, und wir -lassen ihn nicht aufessen.« - -»Nä, er ist for mich alleine,« heulte Heine Peterle, dem jetzt die -Geduld riß, »und ich -- ich -- esse ihn doch auf.« - -»Das muß ich sagen, dies is nu nich scheene von dir,« sagte Hans Rumpf -strafend. »Nä, Heine Peterle, das mußte nich machen, so ungefällig -sein.« - -»Nich wahr?« schrieen alle Kinder, und Schulzens Jakob griff wieder -nach dem Brief. »Gib her, ich mach'n auf!« - -»Nä!« Heine Peterle trampelte vor Wut mit den Füßen und wurde nun so -fuchswild, daß er wie ein Ziegenböcklein mit dem Kopf den dicken Friede -in sein Bäuchlein stieß. Der quiekte erschrocken, wollte flüchten und -stieß in der Enge so derb an Annchen Amsee, daß die kreischend zu -fliehen trachtete. - -»Nich so hitzig! So was, das is nich scheene!« tadelte Hans Rumpf, -aber seine Worte verhallten ungehört. Die Buben und Mädel stießen, -schubbsten und drängten einander, teilten Püffe aus, suchten immer -wieder Heine Peterles Brief zu fassen, quietschten, schrieen, heulten -und kreischten, -- es war ein fürchterlicher Lärm. - -»Hollah, fort von der Straße!« Des Schulzen Oberknecht kam mit einem -Wagen angefahren, hinter ihm her kamen noch zwei Wagen. Die Leute -hatten Dünger auf das Feld gefahren und kehrten nun heim. »Hollah, aus -dem Wege!« Der Oberknecht ließ die Peitsche knallen, und nun flüchteten -die Kinder und stoben auseinander wie ein Krähenschwarm, in den ein -Schuß gefallen ist. Dabei versuchten Schulzens Jakob, Anton Friedlich -und etliche andere aber doch noch Heine Peterle den Brief zu entreißen. -Der wehrte sich. »Mein Brief, mein Brief,« brüllte er. - -»Hollah, aus dem Wege, unnützes Bubenpack!« brüllte der Oberknecht -wieder; seine Peitsche sauste, und Anton Friedlich bekam eins über den -Rücken. Mit einem lauten Schrei riß er aus, stieß an Heine Peterle -an, der verlor das Gleichgewicht, purzelte hin, sprang aber geschwind -wieder auf, denn dicht vor ihm standen die Pferde, und einen Augenblick -später wäre er unter ihre Hufe gekommen. - -»Potzwetter noch einmal,« schrie der Oberknecht erschrocken, »am -hellichten Tage kann man hier nicht ruhig fahren, weil einem die Buben -in den Weg laufen.« Srrr, srrr, sauste seine Peitsche durch die Luft, -und hier gab es einen Schlag, dort einen. Die Kinder jammerten, denn -die Peitschenhiebe waren nicht sanft, aber alles Klagen und Jammern -übertönte plötzlich laut Heine Peterles Stimme. »Mein Brief ist weg, -huhuhuhu, ich habe meinen Brief verloren.« - -Die Wagen rollten vorbei, die Knechte schalten, Hans Rumpf schalt, die -Kinder sollten nach Hause gehen, aber die blieben auf der Dorfstraße -stehen und fragten und klagten untereinander: »Wer hat ihn denn?« - -»Ihr habt ihn mir genommen, mein Brief, huhuh, mein Brief!« - -»Er hat ihn doch aufgegessen!« - -»Nä, ich hab'n nich gegessen, mein Brief, huhuh, mein Brief!« - -»Hier liegt er!« Annchen Amsee, die Luchsaugen hatte und alles sah, -was andere nicht sahen, hob ein schwarzes, triefendes Ding von der -Straße auf: in einer Pfütze hatte es gelegen, und ein Wagen war darüber -hingegangen. - -Entsetzt starrten die Kinder den verunstalteten Brief an, von dem eine -schwärzliche Tunke herniederrann, und jetzt streckten sich die Hände -nicht nach ihm aus. Schulzens Jakob sagte kleinlaut: »Den kann man doch -nicht mehr lesen!« - -»Erst muß er ganz trocken sein,« riefen zwei, drei Stimmen. - -»Ich weiß was!« Bäckermeisters Mariele schob sich wichtig vor und griff -mit spitzen Fingern nach dem schmutzigen Ding. »Ich hab' mal mein Buch -in den Schmutz geworfen und es hernach im Backofen fein getrocknet, -dann konnte ich wieder alles lesen. Kommt, wir woll'n den Brief auch -trocknen!« - -»Fein,« riefen die andern, »und nachher lesen wir unsern Brief.« - -»'s ist doch mein Brief,« schluchzte Heine Peterle, und auf einmal -empfanden etliche der Mädel herzliches Mitleid mit dem Kameraden. Sie -trösteten ihn, nahmen ihn in ihre Mitte, und Mariele sagte gnädig: -»Wenn er trocken ist, bekommst du ihn zuerst.« - -Alle miteinander zogen nach der Bäckerei. Das war nun keine Bäckerei, -wie die etwa in einer Stadt ist. Abseits von dem Wohnhaus in einem -Grasgarten stand das Backhäuschen, darin waren der Ofen und eine -Backstube nebenan. Die war jetzt leer, aber der Ofen war warm, denn am -Nachmittag wollten ein paar Bauersfrauen Striezel backen, und darum -hatte Marieles Vater schon geheizt. - -»Hier auf den Schieber müssen wir den Brief legen,« wisperte Mariele -eifrig. Dann erschrak sie aber selbst, als sie das schmutzige Ding -ansah. - -»Leg meine Schürze unter!« Annchen Amsee hatte so geschwind, wie sie -alles tat, Schwatzen, Essen und besonders Lachen, auch so rasch ihr -Schürzchen abgebunden, das merkwürdig sauber war. Darauf wurde sorgsam -der Brief gelegt und wie ein Brot in den Ofen geschoben. - -»Nicht so rasch,« warnte Mariele ängstlich, denn die Buben schoben -gleich sehr kräftig zu, sie dachten: »Viel hilft viel.« - -Ein Weilchen standen die Kinder alle miteinander wartend in der -Backstube, sie blieben aber nicht lange allein. Die Magd hatte sie -durch den Grasgarten laufen sehen, und weil sie wußte, daß es verboten -war, in das Backhäuschen zu gehen, meldete sie es rasch der Hausfrau. -Diese rief ihren Mann, und der rannte denn auch ärgerlich nach dem -Backhaus hinüber, riß dort die Türe auf und rief scheltend: »Na was -soll denn das, was macht ihr denn hier alle in meinem Backhaus? Ei der -Tausend, solche Gäste könnte ich hier gerade brauchen!« - -Der Bäcker war ein gutmütiger Mann, darum klang sein Schelten auch -nicht sonderlich böse, und ein paar von den Buben hatten auch den Mut, -ihm die ganze Geschichte zu erzählen. - -»Potz Weißbrot und Striezel, ihr seid doch ein närrisches Volk,« sagte -der Bäcker, »backt 'n Brief in meinem Backofen. Na, woll'n mal sehen, -ob er schon eine Butterbretzel geworden ist!« - -»Das wär' fein,« schmunzelte der dicke Friede, der gleich Hunger bekam, -wenn er nur das Wort »Butterbretzel« hörte. - -Der Bäcker hatte unterdessen in seinen Ofen geschaut, aber er sah weder -Annchen Amsees Schürze noch Heine Peterles Brief. Er fuhr suchend mit -einem Stock im Ofen herum. »Meiner Seel',« rief er endlich, »das -ist aber mal 'ne kuriose Butterbretzel geworden!« Er zog ein kleines -Häufchen Zunder aus der Tiefe hervor: Schürze und Brief waren der Glut -zu nahe gekommen und verbrannt. - -»Mein Brief,« brüllte Heine Peterle, und Annchen Amsee weinte: »Meine -Schürze, sie war ganz neu!« Doch alles Klagen und Weinen, alles -Jammergeschrei half nichts, Brief und Schürze blieben verbrannt. -Traurig, mit gesenkten Köpfen zogen alle miteinander heimwärts; wie -die begossenen Pudelchen kamen sie einher, und wer die Buben und Mädel -sah, schüttelte den Kopf und meinte: »Na, da hat's was in der Schule -gegeben.« - -Heine Peterle war ganz entzwei vor Kummer um den verlorenen Brief, er -hätte doch so himmelgern gewußt, was darin gestanden hatte. Selbst -Muhme Lenelies, die zum erstenmal bitterböse auf die Kinder war, -denn auch sie hätte zu gern den Inhalt des Briefes gewußt, tröstete -schließlich den armen Buben und versprach ihm, sie würde ihm Friedes -nächsten Brief vorlesen. Das beruhigte Heine Peterle aber nur halb, -und er stieg an diesem Abend mit dem Gedanken ins Bett: »Wenn ich nur -wüßte, was in dem Brief gestanden hatte!« Auf einmal, er war schon -völlig ausgekleidet, wutschte er zur Kammer hinaus, raste die Treppe -hinunter, riß unten die Wohnstubentüre auf und brüllte: »Ich weiß, der -Friede hat mich eingeladen!« - -Schwapp, hatte er einen Katzenkopf weg. »Dummer Bengel,« rief sein -Vater, »was soll das Geschrei? Man denkt ja, es brennt im Hause!« - -So endete dieser Tag, der eigentlich wunderschön hätte sein müssen, -trübe für den armen Heine Peterle. Es war nur gut, daß ein freundlicher -Traum kam, sich an sein Bett setzte und ihm die prächtigsten Dinge -erzählte. Als der Bube am nächsten Morgen aufwachte, war aller Kummer -weg, wie weggeblasen, und als er in seine Höschen fuhr, sagte er höchst -vergnügt zu Muhme Rese, die ihn geweckt hatte: »Aber mein war doch der -Brief, mein Name hat drauf gestanden.« - -Und ein wenig später ging er steif und stolz wie ein Gockel zur Schule -und rief seinen Kameraden wichtig zu: »Etsch, ihr habt noch nie 'nen -Brief gekriegt, aber ich!« - -Da sahen ihn die andern betroffen an, seufzten und dachten: »Ja, recht -hat der Heine Peterle schon, gekriegt hatte er den Brief, und das Lesen --- -- ja, das Lesen war schließlich doch Nebensache. Lesen konnte jeder -einen Brief, aber kriegen nicht.« - -[Illustration] - - - - -[Illustration] - -Eine Stadtfahrt. - - -Traumfriede war schon eine Woche fort, als die Oberheudorfer Kinder -ganz unerwartet eine große Freude hatten; der Lehrer sagte ihnen -nämlich am Schluß der Stunde: »Kinder, morgen habt ihr frei.« - -Dies klang allen so überraschend, daß sie mäuschenstill saßen und den -Herrn Lehrer nur mit großen Augen verwundert ansahen. Der fragte: »Ihr -freut euch wohl nicht? Das ist nett von euch!« - -»O ja,« brüllten alle geschwind, und plötzlich war es, als wäre der -Sturm in die Klasse hineingesaust. Die Kinder drehten sich auf ihren -Plätzen um, nickten und winkten hierhin und dorthin, lachten und -tuschelten, und die Buben- und Mädelbeine zappelten wie gefangene -Fische im Netz. - -Der Lehrer lächelte ein wenig: »Es waren doch erst Ferien!« - -»Och, das ist ja schon furchtbar lange her,« riefen ein paar Buben; es -klang, als wäre Ostern vor hundert Jahren und nicht vor vierzehn Tagen -gewesen. - -»Na, dann geht mal heim und seid hübsch brav morgen. Ich muß mit dem -Herrn Pfarrer nach Tannenroda; es ist eine wichtige Sache, die sich -nicht aufschieben läßt, es tut mir leid genug.« - -Die Kinder hörten wohl, was der Herr Lehrer sagte, ihre Gedanken waren -aber sehr wenig dabei, und Schulzens Jakob erzählte nachher daheim: Der -Herr Lehrer müßte den Herrn Pfarrer nach Tannenroda schieben, und das -wäre sehr wichtig. Die Buben und Mädel dachten nun daran, wie sie den -schulfreien Tag recht vergnügt verleben könnten, sie machten Pläne, als -wäre der eine Tag so lang wie die Sommerferien. - -Wie etliche Buben und Mädel so schwatzend die Dorfstraße entlang -gingen, trafen sie Friede Hopserling, den Müllerknecht. Mit dem waren -sie immer gut Freund, und ihm erzählten sie auch gleich, daß morgen -schulfrei sei. »Na, dann besucht doch den Friede in Feldburg,« riet der -Knecht. - -»Friede besuchen!« Die Kinder sahen sich an. Fein wäre das schon, aber -Feldburg war arg weit, und ob sie durften? - -»Macht's so. Ich fahre früh hin mit Säcken und nachmittags leer heim; -zurück nehme ich euch mit, hin müßt ihr laufen. Fein, was?« Friede -Hopserling grinste die Kinder an wie ein lachendes Kasperle vom -Vogelschießen, die Buben und Mädel grinsten wieder, und auf einmal -schrieen sie alle: »Ich will mit, ich auch, ich auch!« - -Friede Hopserling übersah die Schar, schüttelte den Kopf, zählte an -seinen Fingern ab und brummte endlich: »Vier, mehr nicht.« - -»Ich, ich, ich, nein ich, lieber ich, nimm mich mit!« Jedes rief, jedes -bat, aber der Knecht schüttelte den Kopf. »Geht nicht, vier, sonst -haben's die Pferde zu schwer.« - -Er trat zur Seite, maß nachdenklich den ziemlich breiten Straßengraben -mit seinen Blicken und sagte dann: »Wer am besten springt, darf mit.« -Er selbst sprang hinüber, zog drüben einen Strich, kam zurück und -stellte sich an einen Meilenstein. »Einer nach dem andern, -- wer fängt -an?« - -Die Kinder gehorchten, das Springen erschien ihnen zu lustig, und jedes -hoffte: »Ich erreich's.« Anton Friedlich hatte sich vorgedrängt: »Ich -will anfangen, ich spring' am besten.« - -»Na los!« rief Friede Hopserling, und plumps lag Anton auch schon im -Graben. »Mit 'nem großem Maul springt man nicht,« lachte der Knecht. -»Schulzens Jakob spring!« - -Der sprang und kam richtig über den Strich. Seine Schwester Röse, die -es ihm nachmachen wollte, fiel aber in den Graben, dort bekam sie -gleich Gesellschaft vom blauen Friede, und noch waren sie beide nicht -herausgekrabbelt, da plumpste ihnen schon Bäckermeisters Mariele nach. - -»Es ist zu weit,« riefen ein paar Kinder; Friede Hopserling erwiderte -aber gelassen: »Wer nicht gut springt, kann vielleicht nicht gut -laufen, und wer nach der Stadt will, muß gut laufen können, basta!« - -[Illustration] - -Hopsa, da war Schnipfelbauers Fritz drüben, der dicke Friede sprang ihm -nach, und klatsch, lag er im Graben. - -»Jetzt muß Heine Peterle springen,« riefen ein paar Stimmen. Heine -Peterle aber stand unentschlossen da. Wenn er gut sprang, mußte er mit -in die Stadt, und eigentlich wollte er doch nicht, hatte gesagt, er -würde nie mehr in die Stadt gehen. - -»He, der Heine Peterle, der Städter, mag nicht in die Stadt,« neckte -Friede Hopserling, »er fürchtet sich.« - -»Nä,« rief Heine Peterle patzig, »pah, vor der Stadt fürchten!« -und hops war er drüben, sogar noch ein Stück über den Strich war er -gesprungen. - -»Mädel können nicht springen,« höhnte Anton Friedlich, als Krämers -Trude in den Graben sank. - -»Das ist frech, hast auch drin gelegen!« Annchen Amsee reckte sich, -nahm eilig einen ihrer braunen Bummelzöpfe in den Mund und sauste so -geschwind über den Graben, daß sie drüben gleich Schulzens Jakob und -Schnipfelbauers Fritz umriß. - -»So nun sind's vier,« sagte Friede Hopserling, »weil Annchen am besten -gesprungen ist, darf sie sich noch ein Mädel aussuchen. Ein Mädel ist -leicht, das ziehen meine Pferde noch.« - -»Mariandel,« rief Annchen Amsee geschwind und lief auf das schüchterne -blonde Dirnchen zu, das es gar nicht gewagt hatte, zu springen. »Du -mußt mit, über dich freut sich der Friede am meisten.« - -»Nä, über mich, an mich hat er geschrieben,« beharrte Heine Peterle, -und die andern widersprachen ihm nicht. Sie redeten schon eifrig von -der Fahrt, und ob es die Eltern erlauben würden. Doch die waren gut -und sagten nicht nein; wenn Friede Hopserling die Kinder unter seinen -Schutz nahm, dann waren sie wohl geborgen. - -Es gab an diesem Nachmittag viel Aufregung im Dorf. Die Kinder liefen -dahin und dorthin, um von ihrer Stadtfahrt zu erzählen, und jeder gab -ihnen gute Ratschläge. Kaspar auf dem Berge sagte: »Nehmt ein Huhn mit, -die Dame -- denn das ist sie --, sie hat's gesagt, will immer ein Huhn -haben!« - -Da rannten die Kinder und flehten ihre Mütter an, sie sollten ihnen ein -Huhn schenken, und die Mütter sagten, so was wäre Unsinn, dann sollten -sie lieber daheim bleiben. Endlich, als das Bitten gar nicht nachließ, -gab Heine Peterles Mutter wirklich ein Huhn her, eins, das keine Eier -legte, pechschwarz und so unnütz war, daß man es im ganzen Dorfe nur -den kleinen Teufel nannte. Nachdem die Kinder das Huhn hatten, wollten -sie auch Eier haben, aber da schrie Heine Peterle: »Nä, nä, mit Eiern -fällt man in der Stadt immer hin!« - -»Ich geb' euch für den Friede und seine Pflegeeltern Kuchen mit, -und damit ist's genug, weiter wird nichts mitgenommen,« sagte die -Schulzenfrau endlich, denn ihr Jakob hätte am liebsten das halbe -Bauerngut mit nach der Stadt geschleppt. Muhme Lenelies kam auch und -brachte einen Brief für ihren Friede. Die alte Frau freute sich über -die Fahrt der Kinder am allermeisten, sie dachte nur immer: »Wie wird -sich mein Friede freuen! Gewiß hat er sich schon sehr gebangt!« - -[Illustration: Die Liebesgabe.] - -Mit viel Geschwätz, Geschrei, mit großer Wichtigkeit und Eile brachen -die fünf Reisenden am nächsten Morgen auf. Auf dem Dorfplatz am -Brunnen trafen sie sich und taten, als wollten sie miteinander eine -Reise um die Welt machen. Der Abschied war auch danach. Annchen Amsee -und Mariandel weinten ein bißchen, und die Buben sahen so grimmig -drein, als wollten sie in der Stadt die größten Heldentaten verrichten. -Jedes trug ein rotgemustertes Taschentuch zu einem Eßbündelchen -zusammengebunden, und jedes fand das überflüssig, nur Heine Peterle -nicht, der sagte: »In der Stadt ist's komisch, ich hab' dort nischt zu -essen gekriegt.« Sein Bündelchen war auch am dicksten, und seine Mutter -meinte bedenklich: »Das ist zu viel, du wirst ja krank!« - -»Nä,« rief Heine Peterle vergnügt, »vom Essen nie!« Und pfeifend zog -er mit seinem Bündel neben den Gefährten her, er kam sich so ungeheuer -klug und erfahren vor; er war doch schon einmal in der Stadt gewesen, -und gewiß würden sie in der Stadt sehr staunen, daß Heine Peterle aus -Oberheudorf wieder einmal kam. - -Fräulein Wunderlich hatte an diesem Tag »Rumpelkammerlaune«, wie das -Mädchen Marie es nannte. Diese Laune hatte sie jetzt freilich immer, -und ob es draußen regnete oder die Sonne schien, immer ging das -Fräulein mit einem brummigen Gesicht einher. »Seit sie den Jungen aus -Oberheudorf rausgeschmissen hat, ist's, als säße sie immer in unserer -dunklen Kammer,« murrte Marie, der es gar nicht mehr im Organistenhaus -gefiel. Sie sah dann auch nicht gerade wie Frühlingswetter aus, als sie -an diesem Tage die Fenster blank putzte. Der Johannesplan lag still und -einsam da, das Gymnasium hatte schon begonnen, und kein grünbemützter -Bube rannte mehr über den Platz. Nur am andern Ende spielten ein paar -kleine Kinder Kreisel; manchmal drang ihr lustiges Lachen zu Marie -hinüber, dann erhellte sich deren Gesicht immer ein bißchen, denn sie -hatte alle Kinder lieb. In dem großen Garten des Nachbarhauses war -auch alles still, und Marie dachte, wie schon so oft in diesen Tagen: -»Rein wie verschwunden ist der Junge, nicht mal sehen tue ich ihn.« Sie -ahnte nicht, daß Friede stets durch eine kleine Seitentüre am andern -Gartenende das Haus verließ und um die Kirche herumlief, nur um nicht -am Organistenhaus vorbei zu müssen. So hatte er es auch an diesem Tage -gemacht, an dem er wieder wie immer mit schwerem Herzen in die Schule -lief. Einsam saß er unter seinen Genossen, er sprach mit keinem, ging -allen scheu aus dem Wege, aber oft genug gellte der spottende Ruf: -»Friede Pfennig aus Oberheudorf,« hinter ihm her. - -Während Friede so still in der Schule saß und Marie Fenster putzte, -klippten und klappten auf einmal fünf Paar Kinderbeine laut über das -Pflaster des Kirchplatzes. Marie bog sich aus dem Fenster und schaute -erstaunt die Buben und Mädel an, die da einherkamen. »Na, die sind -doch nicht von hier,« dachte sie lächelnd; die fünf hatten sich so fein -gemacht und sahen so stolz und vergnügt drein, als wollten sie den -ganzen Johannesplan kaufen. »Du meine Güte,« rief Marie erstaunt, »sie -kommen zu uns!« - -Wirklich kamen die Kinder auf das Organistenhaus zu. Einer der Buben -streckte die Hand aus: »Dort ist's,« und ein Mädel rief eifrig: »Es -steht Wunderlich dran, ich kann's lesen.« - -»Ich will klingeln.« Heine Peterle drängte sich vor und drückte sehr -kräftig auf den weißen Knopf; oh, er wußte schon Bescheid mit dem -städtischen Klingeln! - -Ehe Marie noch voller Erstaunen von dem Fensterbrett heruntergeklettert -war, lief Fräulein Wunderlich schon ärgerlich herbei, um zu öffnen. -Es hatte den ganzen Tag noch nicht einmal geklingelt, und doch schalt -sie: »Man hat auch nicht fünf Minuten Ruhe.« Sie riß die Türe auf -und schaute verdutzt auf die Buben und Mädel draußen, die sie halb -neugierig, halb verlegen anstarrten. Nur ein Bube trat eiligst vor, -verbeugte sich sehr tief und schrie das Fräulein an, als wäre sie taub: -»Wir sind da, weil der Friede mich eingeladen hat und -- und --« - -Annchen Amsee trug das schwarze Huhn, das den Kindern unterwegs schon -recht unbequem gewesen war; es wollte sich durchaus nicht ruhig tragen -lassen, zappelte immer hin und her und benahm sich recht wie ein -kleiner Teufel. Annchen hatte es noch am längsten tragen können, doch -jetzt war ihre Kraft und die Geduld des Huhnes zu Ende; mit lautem -Geschrei flog es Fräulein Wunderlich an die Nase. -- »Das Huhn bringen -wir mit,« vollendete Heine Peterle aufatmend. - -»Ich danke schön dafür,« rief das Fräulein wütend. - -»Bitte!« Annchen Amsee und Mariandel knicksten tief, sie wußten doch, -daß es sich schickt, nach jedem Dank »bitte« zu sagen. - -»Bitte,« brüllten es ihnen die Buben nach und verneigten sich auch. -Heine Peterle aber sagte stolz: »Das ist von meiner Mutter und heißt -Teufel, und Muhme Rese hat gesagt, für die Stadt wär's gut genug!« - -»Ih, du bist ja ein ganz abscheulicher, frecher Bengel,« rief Fräulein -Wunderlich so entrüstet, daß Heine Peterle ganz erschrocken zurückwich. - -»Nä, das ist er nicht!« Annchen Amsee strich sich ihr Schürzchen glatt, -stellte sich wichtig vor das Fräulein hin, schaute sie mit ihren runden -Braunaugen treuherzig an und versicherte: »Nä, das müssen Se nich vom -Heine Peterle denken, der ist ganz gut.« - -Das kleine Mädel, das so zutraulich und offen zu ihr aufsah, brachte -Fräulein Wunderlich in Verlegenheit. Sie schämte sich im Herzen etwas -ihrer schnellen Heftigkeit, und viel sanfter fragte sie: »Ja Kinder, -was wollt ihr denn eigentlich hier?« - -»Den Friede besuchen!« riefen alle wie aus einem Munde, und Annchen -Amsee knickste wieder und begann geschwind zu erzählen von dem -schulfreien Tag, von Friede Hopserling, von dem Wettspringen, und -während sie schwatzte, bekamen Mariandel und die Buben auch Mut und -redeten mit; sie redeten wie ihnen der Schnabel gewachsen war. - -Marie kamen die fünf sehr spaßhaft vor, sie lachte vergnügt, während -sie das schwarze Huhn gutmütig streichelte. Das Lachen machte die -Kinder noch mutiger, sie schwatzten immer lebhafter, erzählten die -Geschichte von dem ungelesenen Brief und versicherten dazwischen immer -wieder, Friede würde sich ungeheuer über ihren Besuch freuen. »Er -schießt 'nen Purzelbaum, sicher,« behauptete Schnipfelbauers Fritz. Das -tat er selber nämlich immer, wenn er Geburtstag hatte. - -»Und Kuchen haben wir auch mit,« zwitscherte Annchen Amsee. - -»Ja, viel!« Schulzens Jakob blähte sich wie ein kleiner Frosch auf. -»Meine Mutter hat gesagt, da wär' ordentlich Butter drin, der würde den -Stadtleuten schon schmecken!« - -»Der ist fein!« Annchen Amsee leckte mit ihrem roten Zünglein geschwind -die Mundwinkel, »hm, fein!« - -»Und 'nen Brief hab' ich für Friede von Muhme Lenelies,« flüsterte -Waldbauers Mariandel schüchtern, »und grüßen soll ich von der Muhme, -und -- und -- sie tät Ihnen dankbar sein.« Das Mädel atmete tief auf, -die lange Bestellung war ihm sehr schwer geworden. - -Die Kinder hatten in all ihrem Schwatzen gar nicht gemerkt, daß das -Fräulein ganz still war; kein Wort sagte es, und manchmal seufzte es -tief, wie jemand, dem eine Last auf dem Herzen liegt. Die fünf Paar -Beine, die so tapfer die vielen Stunden auf der Landstraße gelaufen -waren, hatten den schneeweißen Hausflur bald recht schmutzig getreten, -und das Schwatzen durchhallte das Haus sehr laut. Selbst die alte -Treppe wunderte sich über den ungewohnten Lärm, und sie knackte ein -paarmal unwirsch. Aber das alles schien Fräulein Wunderlich gar -nicht zu merken. Sinnend, ernsthaft betrachtete sie die Kinder, -schaute in die treuherzigen Augen, die ihr aus den blühenden, runden -Gesichtern entgegenstrahlten, und dachte nur immer: »Das sind nun -Friedes Freundinnen und Freunde, -- ob der Junge wohl auch so vergnügt -hätte schwatzen können?« Und dann sann sie nach: Was tue ich nur mit -den Kindern, wie sage ich es ihnen, daß ich ihren Freund -- --? Sie -erschrak auf einmal tief vor ihrer Tat. Hinausgeworfen hatte sie den -Jungen, und plötzlich schlug sie vor den Kindern die Augen nieder. - -»Jetzt sieht sie die Schmutztrapsen, jetzt wird sie gleich furchtbar -schelten,« dachte Marie erschrocken, die mit großer Freude den Kindern -zugehört hatte. Aber merkwürdigerweise schalt Fräulein Wunderlich -nicht, sondern sagte sehr sanft: »Marie, du könntest Schokolade für -die Kinder kochen. Die Schule ist ja noch lange nicht aus, und sicher -werden die Kinder hungrig sein.« - -»Schokolade?« Die fünf Reisegefährten rissen Augen und Mund weit -auf; Schokolade gab es in Oberheudorf sehr, sehr selten, nur an den -allerhöchsten Festtagen, und hier in der Stadt sollten sie gleich das -köstliche Getränk bekommen. Und wie komisch, das Fräulein fragte auch -noch: »Mögt ihr Schokolade gern?« - -»Ja!« brüllten alle fünf, so laut sie konnten, und unverhohlen, -riesengroß stand die Freude auf ihren Gesichtern geschrieben. - -Fräulein Wunderlich lächelte milde, so milde, wie sie lange, -lange nicht gelächelt hatte. Sie führte die Kinder selbst in das -Wohnzimmer und schien es gar nicht zu sehen, daß der Teppich auch ein -bissel Schmutz von der Landstraße als Mitbringsel bekam. Die fünf -Oberheudorfer durften sich um den runden Tisch herumsetzen, auf den -Marie alsbald ein blütenweißes Tischtuch breitete, und auf den sie -wundervolle, mit Rosen bemalte Tassen stellte. Ordentlich feierlich -wurde es den Kindern zumute, sie verstummten mehr und mehr, und -Fräulein Wunderlich mußte ein paarmal mahnen: »Erzählt mir noch etwas! -Seid ihr wirklich den weiten Weg immerzu gelaufen?« - -Die Kinder antworteten, aber als dann Marie mit der Schokolade kam und -einen Teller feine, weiße Buttersemmeln dazu hinstellte, da verstummten -die Buben und Mädel vollständig. Sie lachten nur selig vergnügt, und -dann kauten und schluckten sie voller Behagen, während Herrin und -Dienerin ihnen andächtig zusahen. Fräulein Wunderlich mußte an ihre -Kinderzeit denken. Damals hatte es zu den Geburtstagen auch Schokolade -gegeben, ihre beiden Schwestern hatten noch gelebt, und drüben aus -dem Nachbarhause waren die lustigen Spiegeleier gekommen -- so hatten -die Wunderlichkinder die beiden Brüder von Spiegel genannt. Dem -Fräulein wurde es seltsam weich ums Herz. Warum war nur alles so anders -geworden? Feindschaft herrschte, wo es einst Freundschaft gegeben -hatte! -- -- - -Heine Peterle setzte tief aufatmend seine Tasse nieder, -- die fünfte -war es gewesen, nun konnte er wirklich nicht mehr, er war plumpssatt. -Jetzt dachte er wieder an den Freund und fragte: »Kommt der Friede nun -bald aus der Schule?« - -»Der hat's aber gut!« seufzte Schulzens Jakob, der einen -Schokoladenbart von einem Ohr bis zum andern hatte. - -In Fräulein Wunderlichs blasses Gesicht stieg eine leichte Röte, -wirklich, sie schämte sich vor den Kindern. Leise stockend erwiderte -sie: »Der Friede -- -- ist -- -- er wohnt gar nicht bei mir, sondern im -Nebenhaus.« - -Buben und Mädel sahen einander verdutzt an, endlich sagte Annchen Amsee -schüchtern: »Ach -- -- hier ist's wohl zu fein für ihn?« - -»Wo ist er denn?« rief Mariandel kläglich. »Ich will doch zum Friede!« - -»Im Nebenhaus drüben wohnt er, Kinder!« Fräulein Wunderlich seufzte -wieder; ja, nun mußte sie doch den Kindern alles erzählen! - -Aber da sagte Marie plötzlich: »Das mit dem Friede ist nu so'ne -Geschichte. Mein Fräulein hat nicht gleich gewußt, was das für'n guter -Junge ist, und hat gedacht, er tut's aus Bosheit, daß er rüber in'n -Garten geklettert ist, und drüben, da wohnt 'n alter Herr, der hat ihn -gleich behalten. Habt ihr denn das in Oberheudorf nicht gewußt?« - -»Nä!« Die Kinder sahen wieder höchst erstaunt drein. Maries Rede hatten -sie nicht ganz verstanden, nur Mariandel rief plötzlich entrüstet: »Der -Friede ist doch nicht boshaft!« - -»Ih wo, ist er auch nicht,« beruhigte Marie, »ich bringe euch nachher -ins Nachbarhaus, und dann erzählt ihr dem Friede, wie schön's hier -gewesen ist.« - -»Ja, und sagt ihm, er möchte mich recht bald besuchen,« fiel Fräulein -Wunderlich hastig ein, und im Herzen nahm sie sich vor: »Ich tue dem -Buben was Liebes an, ich will meine Härte gut machen.« - -»Jetzt wird bald drüben die Schulglocke läuten, nun kommt euer Friede -gleich raus,« rief Marie, und dies Wort ließ selbst das plumpssatte -Heine Peterle gleich aufspringen, und die Buben wären beinahe ohne -Lebewohl und Dank hinausgestürmt; aber Annchen Amsee mahnte mit sanften -Püffen an diese Pflicht, und so dankten denn alle sehr höflich, legten -ihre braunen Patschen treuherzig in der Hausherrin weiße Hand und -versprachen sehr vergnügt das Wiederkommen. - -»Wenn wieder keine Schule ist,« »Wenn Schnipfelbauers Fritz wieder -fährt,« »Nächste Woche vielleicht,« so tönte es durcheinander. Und -dann dachten die Mädel an den Kuchen und an das Huhn, aber Fräulein -Wunderlich sagte, das müßten sie alles mit ins Nachbarhaus nehmen, das -ginge nicht anders. Das wollten aber die Kinder durchaus nicht, denn -das Huhn hatten sie doch für Fräulein Wunderlich mitgebracht. Kaspar -auf dem Berge hatte doch gesagt, das Fräulein wünsche sich eins. - -»Behalten Sie's nur,« redete Annchen Amsee zu, »es ist ganz gut, und -meine Mutter sagt, vielleicht legt's doch Eier, man weiß nur nicht -wohin.« - -»Nä, ich nehm's nicht mehr mit,« wehrte Heine Peterle ab, der heimlich -Angst hatte, er müßte es tragen, und die andern sagten es auch, von dem -Kuchen sagten sie aber nichts. - -»Ich dächte, 's wär' schon am besten, wir behielten den kleinen Teufel -jetzt da,« ließ sich Marie vernehmen, »denn sonst passiert den Kindern -noch was damit.« - -»Nun gut, es soll hier bleiben, und der Friede kann's besuchen,« -entschied Fräulein Wunderlich. »Und vergeßt es nicht, Friede zu sagen, -er soll bald zu mir kommen,« mahnte sie noch, als die fünf schon zur -Haustüre hinausliefen. - -Die hörten dies kaum noch, sie sahen die ersten Grünmützen über den -Johannesplan laufen und rannten auf das Gymnasium zu. »Da ist er!« -brüllte Heine Peterle, und trotz der vielen Schokolade lief er nun doch -wie ein Wiesel ihm entgegen in den Schulhof hinein. - -»Friede, wir sind da! Friede, wir woll'n dich besuchen!« Traumfriede -wußte nicht, wie ihm geschah, als ihn da auf einmal die fünf -Oberheudorfer umringten. Jubelnd und lachend schwatzten sie auf ihn -ein und merkten es gar nicht, daß sich um sie herum lauter Grünmützen -stellten. »Hollah, Friede Pfennig hat Besuch bekommen, wohl auch aus -Oberheudorf!« schrie ein Klassengenosse, und ein paar Stimmen schrien -es ihm nach. - -Friede wurde totenblaß bei diesem Spott, und ein häßliches, nie -gekanntes Gefühl stieg in ihm auf: er schämte sich in diesem Augenblick -der alten Freunde, und diese Scham schloß ihm jäh den Mund. - -Die fünf sahen ihn an. Der da, das war doch gar nicht mehr ihr Friede, -ihr alter Schulgefährte. So fremd sah er aus, und nun merkten sie auch, -daß die Buben, die um sie herumstanden, spotteten, keck und übermütig. -Ein langer Junge griff nach Heine Peterles vielgeliebter Pelzmütze, die -dieser trotz des warmen Frühlingswetters trug. »Heda, du kommst ja wohl -vom Nordpol?« - -»Nee, aus Oberheudorf,« spotteten die andern. Aber sie hatten sich -verrechnet, allzu viel ließen sich die Dorfbuben nicht gefallen. -Klatsch, klatsch, schlug Schulzens Jakob geschwind um sich, und Heine -Peterle und Schnipfelbauers Fritz folgten seinem Beispiel. Da kam -Friede auch wieder zu sich. Zorn und Scham über sich selbst verliehen -ihm doppelte Kräfte, er schob einen Buben, der ihn um Kopfgröße -überragte, einfach zur Seite und schrie grob: »Laßt sie in Frieden, die -gehören zu mir!« - -»Na, seht doch die frechen Dorfjungen!« höhnte einer, aber schwapp -hatte er einen Katzenkopf weg und einen Rippenstoß dazu, beides -von guter Oberheudorfer Art. Die Stadtjungen merkten bald, daß die -Oberheudorfer nicht mit sich spaßen ließen. Puffend, stoßend, -kampfbereit wie junge Hähne zogen die sechs Heimatgenossen aus dem -Schulhof wieder hinaus. Die Mädel ließen sich auch nichts gefallen, und -Annchen Amsee gebrauchte ihr rotes Eßbündelchen dazu, es den Grünmützen -um die Ohren zu schlagen. Die traten endlich den Rückzug an, und vor -dem Spiegelhaus ließen sie die sechs in Ruhe und liefen davon. - -Der Gärtner hatte das Geschrei gehört und kam eilig herbei, um zu -sehen, was dies eigentlich zu bedeuten hätte. Erstaunt sah er den -kleinen Gast seines Herrn unter den Dorfkindern stehen. Die redeten -eifrigst auf Friede ein, erzählten von dem Brief, ihrem Weg hierher und -versicherten immer wieder: »Wir sind nur gekommen, um dich zu besuchen.« - -Mariandel fragte eindringlich: »Freust dich wohl arg, gelt, Friede?« -Aber sie erhielt keine Antwort. Friede konnte sich gar nicht recht -freuen, er wünschte, die Freunde wären nicht gekommen; er wußte nicht, -was er mit ihnen anfangen sollte. Sie mit in das Haus zu nehmen, wagte -er nicht, und er seufzte, als Annchen Amsee nun schon zum dritten Male -fragte: »Gehen wir nun ins Haus? Das sieht aber fein aus!« - -Der Gärtner war inzwischen zu dem Professor gegangen und hatte ihm von -dem Kinderbesuch erzählt. Der rief zwar etwas erschrocken: »Lieber -Himmel, gleich fünf!« Er erlaubte aber doch, daß sie hereinkamen. -Friede war heilfroh, als der Hausverwalter seine Gäste holte, er hätte -in seiner Verlegenheit wohl noch etliche Stunden mit ihnen vor dem Tore -gestanden. Er schämte sich nachher seiner Zaghaftigkeit sehr, denn der -Professor empfing die Kinder so freundlich, als hätte er just an dem -Tage gedacht: »Wenn ich doch Besuch aus Oberheudorf bekäme!« - -Annchen Amsee erkannte den alten Herrn gleich wieder. Oh, sie wußte es -noch genau, er hatte ihr die Backen gestreichelt und sie ein putziges -Frauenzimmerchen genannt. »Ja,« rief Schnipfelbauers Fritz stolz, als -Annchen dies erzählte, »un ich sollt' 'ne Maulschelle kriegen, aber ich -hab' se nich gekriegt!« - -»Na siehst du,« sagte der Professor lächelnd, »da sind wir ja alte -Freunde. Nun erzählt mir mal, wie ihr hergekommen seid.« - -Das ließen sich die Kinder nicht zweimal sagen, sie erzählten alles, -auch von dem Schokoladefest bei Fräulein Wunderlich. Zu essen bekamen -die Kinder auch etwas, und es schmeckte ihnen so gut in dem gastlichen -Hause, daß die Hausverwalterin mitleidig dachte: »Die bekommen zu Hause -gewiß recht wenig zu essen.« Sie hatte eben keine Ahnung, was in einen -rechten Oberheudorfer Kindermagen hineingeht. - -Nach Tisch sollten sich die Kinder die Stadt ansehen, da Friede an -diesem Nachmittage keine Schule hatte. Zuvor durfte sie Friede selbst -rasch einmal durch alle Zimmer führen, die der Professor bewohnte. -Dabei kamen sie auch durch einen großen Saal, in dem die Sammlung des -Hausherrn aufgestellt war: antike Büsten und Statuen, Krüge, Vasen, -Waffen und allerlei Gebrauchsgegenstände aus uralten Zeiten, und die -fünf Oberheudorfer rissen die Augen weit auf vor Erstaunen. »Ja warum -stellt sich jemand nur so häßliche alte Sachen hin?« fragten diese -Augen alle. - -»Es ist ja fast alles zerbrochen,« flüsterte Annchen Amsee, und -Mariandel lispelte ängstlich: »Weiß denn der Herr, daß sein Zeug alles -kaput ist?« - -»Ja doch, er hat dies alles gesammelt,« erklärte Friede, und in seine -blauen Augen trat ein träumerisches Sinnen. Er fand nämlich die kaputen -Sachen gar nicht so häßlich. Aber da puffte Heine Peterle und kicherte: -»Nun sieh doch da den Topf mit 'nem Loch, und da noch einen, und -der Mann hat keine Arme, und, hihihihi, der Frau haben sie die Nase -abgehauen.« - -»Herr Professor hat aber seine Freude an den Sachen,« sagte Friede, und -er hätte ganz gern den Freunden von den alten Griechen und Römern etwas -erzählt, denen einst alle diese Dinge gehört hatten. Die fünf meinten -aber, es wäre nun besser, sie gingen in die Stadt. Die zerbrochenen -Töpfe gefielen ihnen gar nicht, ja Annchen Amsee sagte verächtlich: -»Meine Mutter hat ein paar, da fehlt der Henkel, aber die sind viel -hübscher.« - -»Ach, kommt in die Stadt, ich will was kaufen,« rief Schulzens Jakob -und klimperte protzig mit drei Groschen. Er kam sich ungeheuer reich -vor. - -»Ja, einkaufen wollen wir,« riefen auch die andern. Da schwieg -Traumfriede von den alten Griechen und Römern und führte seine -Heimatgenossen in die Stadt. - -Feldburg hatte nur eine Hauptstraße, in der es hübsche Läden gab, denn -es war ja eine kleine Stadt, Großstädter nannten sie eben »ein Nest«. -Aber die Oberheudorfer Buben und Mädel waren halt keine Großstädter, -ihnen kam die Stadt erstaunlich groß vor. Ihre derben Schuhe klapperten -laut über das Pflaster, als sie nun wieder über den Johannesplan -trabten. Jeden Menschen, den sie sahen, grüßten sie höflich. Als sie -aber in die Hauptstraße einbogen, sagte Friede: »Laßt lieber das -Gutentagsagen sein, hier tut man das nicht!« - -»Pfui, wie unhöflich!« Annchen Amsee rümpfte das Näschen, aber gleich -darauf vergaß auch sie ihre Entrüstung, denn Heine Peterle schrie -plötzlich laut auf: »Nä, da rennt 'n Wagen ohne Pferde!« - -Die Wege, die nach Oberheudorf führten, waren nicht besonders glatt und -schön, und darum hatte noch niemand diese Fahrt mit einem Automobil -unternommen. Ein solches Fahrzeug war den Kindern also vollständig -unbekannt. Sie staunten es darum mit offenem Mund an. »Wie war es nur -möglich, daß ein Wagen ohne Pferde fahren konnte!« - -»Da ist noch einer!« schrie Jakob, und alle fünf rannten auf den -Fahrdamm dem merkwürdigen Ding entgegen. - -»Runter!« brüllte sie da ein Mann an. Er faßte Heine Peterle und -Schulzens Jakob beim Kragen, Friede zerrte die Mädel auf den Fußsteig -zurück, eine Frau hatte Schnipfelbauers Fritz ergriffen. Mit einem Ruck -stand das Automobil still, es hätte beinahe die Kinder überfahren. Der -Chauffeur, die Insassen, die Fußgänger, alles schalt auf die Kinder -ein, die so verdattert waren, daß sie gar nichts sagen konnten. Nur -Schnipfelbauers Fritz schrie immerfort: »'n Wagen ohne Pferd, 'n Wagen -ohne Pferd!« - -»Die sind ja wohl aus Afrika?« brummte ein dicker Schutzmann, und die -Umstehenden lachten. - -»Nee, die sind aus Oberheudorf,« brüllten etliche Grünmützen, und -Friede erkannte zu seinem Entsetzen ein paar Klassengenossen. O weh, -nun würde der Spott wieder losgehen. Er senkte scheu den Kopf und bat: -»Kommt doch, kommt, da ist ein Laden. Annchen kann dort eine Tasse -kaufen.« - -Den fünfen war das recht. Sie waren auch froh, aus dem Tumult -herauszukommen, und so folgten sie alle eilig Friede in einen großen -Laden hinein. Hier vergaßen sie vor Staunen gleich den soeben -überstandenen Schrecken. So viele schöne Tassen, Teller, Krüge, Vasen, -silberne Kannen und Zuckerschalen und hunderterlei Sachen hatten sie -noch nie gesehen. Besonders die Mädel gerieten fast aus dem Häuschen -vor Freude, und Annchen Amsee rief gleich: »Die Tasse will ich kaufen, --- nein, die da, nein, die!« - -Die Verkäuferin sah die neuen Kunden etwas erstaunt an. Weil aber -Annchen Amsee so rasch dies und das kaufen wollte, lächelte sie -huldvoll und sagte: »Sucht euch nur aus, die Tassen dort sind besonders -schön.« - -Ja, Annchen fand die bezeichneten Tassen auch wunderfein, sie waren -ganz mit Rosen bemalt und innen vergoldet. »So eine nehme ich,« -rief Annchen und holte ihr Sacktüchlein hervor, in dem sie ihr Geld -eingebunden hatte. Sie war sehr reich, reicher noch als Schulzens -Jakob, denn sie hatte vier Groschen. Wichtig legte sie das Geld auf den -Ladentisch und fragte: »Krieg ich zwei dafür?« - -Ihre Gefährten sahen sie bewundernd an. Nein, war das Annchen schnell -beim Kauf! Sie tat ja gerade, als wäre sie schon hundertmal in der -Stadt gewesen und hätte schon oft schöne Tassen gekauft. - -Die Verkäuferin hatte eine Rosentasse vom Brett genommen und sah nun -prüfend auf das Geld. »Aber Kind,« rief sie, »so eine Tasse kostet -drei Mark! So billige Tassen haben wir überhaupt nicht; da kannst du -höchstens so eine dafür bekommen.« Sie hielt Annchen eine glatte weiße -Tasse hin, die nur einen schmalen goldenen Rand hatte. »Nimm die, sie -ist sehr hübsch.« - -»Nä, die is nich hübsch, gar nich.« Heine Peterle kam Annchen zu Hilfe. -Er mußte doch zeigen, daß er in der Stadt Bescheid wußte, und kräftig -tippte er mit seinem braunen Zeigefinger auf die Rosentasse: »So eine -soll's sein.« Klirr, wackelte dabei die Tasse hin und her. »Ih, du -dummer Bube,« rief die Verkäuferin und sah auf einmal gar nicht mehr -freundlich, sondern ziemlich ärgerlich aus. »Gleich läßt du die Tasse -stehen! Ich dachte es mir gleich, solche teure Sachen sind nichts -für euch. Geht hier gleich gegenüber zu Herrn Schulze, das ist ein -Ramschladen, der hat Tassen genug für euch.« - -»Ja, wir wollen lieber gehen,« flüsterte Mariandel und sah ängstlich -auf Schulzens Jakob, der sehr eifrig eine schöne Vase befühlte. »Kommt, -sonst macht Jakob was kaput.« - -Die Verkäuferin schien das auch zu befürchten, sie rief erschrocken: -»Stehen lassen, nichts angreifen! Wer etwas anfaßt, muß Strafe zahlen. -Geht nur, geht; im Ramschladen findet ihr schon etwas!« - -»Ja, kommt,« mahnte auch Friede, und die Oberheudorfer fanden auch, -das Fräulein im Laden sei viel zu unfreundlich. Der mochten sie gar -nichts mehr abkaufen. Sie verließen rasch das Geschäft und beschlossen -draußen, zu Herrn Schulz zu gehen; sicher war der höflicher als das -Fräulein. Herr Schulz hatte nun freilich keinen so prächtigen Laden, -sondern nur ein kleines, schmales Budchen, in dem alles durcheinander -und übereinander stand. Es herrschte ein richtiges Sammelsurium darin, -aber den Oberheudorfern gefiel es doch sehr. Die Buben zogen höflich -die Mützen, die Mädel knicksten tief, und Herr Schulz lächelte und zog -seinen Mund so breit wie eine Schublade. - -»Na, Kinder, was wollt ihr denn?« - -»Eine Tasse kaufen in Ihrem Ramschladen,« sagte Heine Peterle und -fand das sehr nett und höflich gesagt. Und Annchen Amsee rief voller -Bewunderung: »Ach, der Ramschladen ist aber fein!« - -»Potzwetter,« schrie Herr Schulz da zornig, »so eine freche Bande, mein -Geschäft einen Ramschladen zu nennen! Na wartet nur!« Und hopps sprang -Herr Schulz über den Ladentisch und packte Schulzens Jakob, der sich -am weitesten vorgedrängt hatte. Er wollte dem gerade einen richtigen -Katzenkopf versetzen, als Friede seine Hand erschrocken festhielt und -sagte: »Bitte nicht schlagen, Herr Schulz, die haben es nicht böse -gemeint.« - -»Nä, nä,« schrieen die andern angsterfüllt, »wir haben doch nischt -getan!« - -»So, mein Geschäft einen Ramschladen nennen, das nennt ihr wohl -höflich?« Ein bißchen freundlicher schaute Herr Schulz schon drein, und -Friede erzählte geschwind, was das Fräulein gegenüber gesagt hatte. -»Na, der werde ich noch meine Meinung sagen,« brummte Herr Schulz und -fragte nun gar nicht mehr streng: »Ihr dachtet wohl, ein Ramschladen -wäre etwas sehr Nettes?« - -Die Kinder nickten, und Annchen Amsee flüsterte: »Hier ist's doch auch -so schön!« - -»Ja freilich ist's schön bei mir!« Herr Schulz lächelte wieder -versöhnt. »Nun sagt mir, was ihr haben wollt.« - -Die Kinder wollten viel. Mit Herrn Schulz ließ es sich aber auch gut -handeln, der fragte erst, wieviel Geld sie hätten, und dann schnitt er -kein verächtliches Gesicht wie das Fräulein gegenüber, sondern holte -ganz wundervolle Tassen herbei. Jedes Mädel konnte eine Tasse erstehen -und noch ein buntes Zopfband dazu, denn Bänder hatte Herr Schulz auch. -Und für die Buben waren Trillerpfeifen und Mundharmonikas da. Heine -Peterle erstand sogar eine rosenrote Flöte, die zur allgemeinen Freude -wie ein Frosch quakte, obgleich Herr Schulz behauptete, man könnte -darauf wie eine Nachtigall flöten. Schulzens Jakob sagte aber: »'n -Frosch ist besser als 'ne Nachtigall.« - -Die Kinder trennten sich nur schwer von dem freundlichen Herrn Schulz, -und sie versprachen ihm ganz fest, das nächste Mal würden sie bestimmt -wiederkommen. - -Schnipfelbauers Fritz und Schulzens Jakob, die sehr schöne, -grelltönende Trillerpfeifen gekauft hatten, verließen den Laden -zuletzt. Als sie schon an der Türe standen, sagte Herr Schulz plötzlich -halblaut zu ihnen: »Ich würde dem groben Fräulein da drüben einmal -etwas pfeifen, wenn ich ein Bube wäre.« - -Die beiden sahen sich an. Heisa, das war so ein Spaß nach ihrem Sinn! - -»Wir machen's, aber allein,« tuschelte Schnipfelbauers Fritz, »die -Mädel haben gleich Angst, und der Friede mag so was auch nicht.« - -»Hm, alleine!« Jakob blieb stehen und sah den Kameraden nach. Die -bogen just in eine Seitenstraße ein und schwatzten so miteinander, -daß sie sich an der Ecke gar nicht umsahen. Einen Augenblick zögerten -die Buben noch, schwapps flogen da Annchen Amsees braune Zöpfe um die -Ecke. Nun waren die vier verschwunden, die beiden aber liefen auf den -Laden zu und spähten erst einmal durch die Glastüre hinein. Sie sahen -niemand. Die Verkäuferin stand ganz hinten; dort suchten sich gerade -ein paar Damen eine Teekanne aus. Wie die Buben leise zögernd die Türe -öffneten, sahen sie gegenüber Herrn Schulz höchst vergnügt vor seinem -Ramschladen stehen. Das stärkte ihren Mut, wutsch waren sie im Laden -drin und pfiffen dort laut und gellend auf ihren Pfeifen. »Trilililiiii ---« schallte es in den Laden hinein, und das Fräulein ließ vor Schreck -fast eine Teekanne fallen. Die beiden Damen aber riefen entsetzt: »Das -brennt wohl, oder eine Lokomotive ist auf der Straße, o Himmel!« - -»Trilililiiii,« pfiffen die Buben weiter, aber da kam schon die -Verkäuferin angerannt, und nun hieß es ausreißen. Sie wollten -geschwind zur Türe hinaus, doch die ging nicht nach außen, sondern -nach innen auf. Die Buben prallten zurück; Schnipfelbauers Fritz stieß -an Schulzens Jakob, und der an etwas, das hinter ihm mit einem ganz -fürchterlichen Geklirr zusammenstürzte. Das Ladenfräulein schrie laut -auf: »Hilfe, Hilfe! Polizei, Polizei!« - -Die beiden Missetäter entflohen entsetzt. Sie sahen nicht rechts, nicht -links; sie liefen wie die Hasen. Draußen bogen sie statt nach rechts -nach links herum, rannten dann in die nächste Querstraße hinein, und -als sie jemand anredete: »Na, was rennt ihr denn so?« da sausten sie in -ihrer Angst noch schneller weiter. - -Um diese frühe Nachmittagsstunde waren wenige Menschen unterwegs -in der Stadt, und die beiden Buben kamen ungehindert durch allerlei -Straßen und Gassen, bis sie endlich merkten, daß sie gar niemand -verfolgte. Da blieben sie stehen und sahen sich um. Ja wo waren sie -eigentlich? Die Straße, in der sie standen, war still und einsam; ein -paar stattliche Häuser standen darin, die in großen Gärten zu liegen -schienen, denn über graue Mauern ragten Bäume hinweg. Die beiden -kamen sich schrecklich hilflos und verlassen in der großen Stadt vor, -von den Gefährten war nirgends auch nur ein Zipfelchen zu erblicken, -und dazu quälte beide noch das böse Gewissen. Das hatte gar so sehr -geklirrt in dem Laden, gewiß war sehr viel zerbrochen, und gewiß würde -man sie suchen und --. Sie wagten die Folgen ihres Streiches gar nicht -auszudenken, nur einmal murmelte Jakob: »Sie sperren uns ein!« - -»Wir reißen aus,« flüsterte Schnipfelbauers Fritz und sah sich scheu -um. »Weißte was, wir laufen immer voran nach Hause.« - -Der Plan leuchtete Schulzens Jakob ein, aber wo lag Oberheudorf? - -»Wir fragen,« meinte Fritz mutig und trat wirklich keck auf einen etwas -größeren Jungen zu, der gerade vorbeiging. »Weißte, wo Oberheudorf -liegt?« - -»Auf dem Monde,« sagte der, pfiff sich eins und lief die Straße -entlang. - -»Frech!« sagten die beiden Oberheudorfer entrüstet, als hätten sie -noch nie eine unnütze Antwort gegeben. Sie liefen wieder ein Stück -die Straße entlang und fragten dann wieder einen Buben. Der wußte -ihnen aber auch keine Antwort zu geben, er riet ihnen: »Geht nur immer -der Nase nach.« Damit wären die beiden freilich nie nach Oberheudorf -gekommen, denn Jakob mit seiner Himmelfahrtsnase hätte immer bergauf -gehen müssen und Schnipfelbauers Fritz links herum; seine Nase war -nämlich schief. Den beiden war das Weinen schon näher als das Lachen, -sie standen wie ein paar begossene Pudel auf der Straße, und wenn -jemand kam, erschraken sie. Sicher holte man sie und sperrte sie ein. -Endlich fiel Schnipfelbauers Fritz der Name des letzten Dorfes ein, -durch das Friede Hopserling sie gefahren hatte. Vielleicht wußte -hier in der Stadt eher jemand, wo das lag. Da sie mit den Stadtbuben -schlechte Erfahrungen gemacht hatten, fragten sie ein Mädchen, das aus -einem der Häuser kam, und wirklich wußte sie Bescheid. - -»Kommt ein paar Schritte mit,« sagte sie, »dann zeige ich euch die -Straße, und ihr braucht nur immer geradeaus zu gehen. Seit ihr denn von -dort her?« - -»Nä, aus Oberheudorf,« bekannte Jakob zögernd. - -»Du meine Güte, und ich bin aus Berenbach,« erzählte das Mädchen. »Ich -bin die Katerliese und diene bei Sonntags. Aber wie kommt ihr denn -hierher, seid ihr allein in der Stadt, und wie heißt ihr denn?« - -Die Buben wurden verlegen, sie fürchteten sich, das Mädchen, das zwar -sehr freundlich aussah, könnte sie verraten, und scheu sahen sie -die Katerliese von der Seite an. Diese sagte jetzt: »Geht hier die -Straße hinaus und dann immer gradaus, dann kommt ihr nach Wiesental; -dort fragt ihr am besten noch einmal. Aber erst erzählt mir, wie ihr -hergekommen seid.« - -Das Mädchen konnte lange fragen; kaum wußten die Buben den Weg, da -rannten sie auch schon wie besessen davon. »Na, so was!« brummelte das -Mädchen. »Ich glaube, sie haben ein schlechtes Gewissen gehabt; sicher -haben sie einen dummen Streich gemacht! Den Oberheudorfern kann man so -was schon zutrauen. Ich muß die Sache nachher gleich unserem Füchslein -erzählen.« - -Die andern Kinder hatten inzwischen erst nach einer ziemlichen Weile -das Fehlen der beiden Buben bemerkt. Sie rannten eiligst den Weg -wieder zurück, aber nirgends waren die beiden zu erblicken. Sogar zu -Herrn Schulz in den Laden liefen sie hinein. Herr Schulz wurde etwas -verlegen, denn er hatte die beiden wie die wilde Jagd aus dem Laden -rennen sehen. Er sagte: »Ach, ihr werdet sie schon finden! Übrigens -sind sie nach jener Seite gelaufen!« - -Nun liefen die vier die Straße hinab, aber kein Jakob und kein Fritz -war zu sehen. Friede fragte ein paar Leute, einen Schutzmann, einen -Briefträger, -- niemand hatte die Buben gesehen. - -»Vielleicht sind sie zurückgelaufen,« sagte Annchen Amsee endlich, und -alle vier trabten nach dem Johannesplan. Dort wußte aber auch niemand -etwas von den Vermißten. Sogar bei Wunderlichs fragten die Mädel nach, -aber Marie, die öffnete, hatte keinen Zipfel von den beiden gesehen. - -Professor von Spiegel tröstete: »Sie werden sich schon finden, in -Feldburg gehen nicht plötzlich ein paar Buben verloren.« Aber die Mädel -brachen in ein so jämmerliches Geheul aus, daß es dem guten alten -Herrn himmelangst wurde. Er gab den Kindern den Gärtner mit zur Hilfe. -Der ging auf die Polizei, aber auch dort hatte niemand die Vermißten -gesehen. - -Als Friede Hopserling mit dem Wagen kam, seine Schützlinge abzuholen, -schimpfte er gewaltig, als er von dem Verschwinden der beiden hörte. -»Haue müssen sie haben, aber ordentliche! Na die sollen meine Peitsche -fühlen.« - -»Ich dächte, wenn man jemand hauen will, muß man ihn erst haben,« sagte -Frau Emma, die Hausverwalterin des Professors. - -»Ja schon,« brummte Friede Hopserling und sah besorgt nach seiner Uhr. -Er mußte aufbrechen, es wurde zu spät, er wagte aber nicht, ohne die -Buben heimzukommen. - -»Da kommt mein Mann mit 'nem Schutzmann. Du lieber Himmel, sie haben -wohl gar die Buben eingesperrt,« rief die Gärtnerin. - -Jetzt brach auch Heine Peterle, der sich bis dahin sehr männlich und -tapfer bewiesen hatte, in ein lautes Geheul aus, und dies Geschrei -hörten die wenigen Menschen, die gerade über den Johannesplan gingen. -»Im Spiegelhaus ist was passiert,« rief eine Frau und rannte geschwind -nach dem Hause hin. Einige andere folgten, und zu Friedes Entsetzen -kamen auch etliche Grünmützen dazu. »Natürlich wieder was mit den -Oberheudorfern los,« höhnte der eine. Es war der lange Junge, der -Friede schon oft geneckt hatte; er wohnte am Plan, darum war er bei -allem, was geschah, dabei. - -»Ich glaube, es ist am besten, Sie fahren heim,« riet der Schutzmann -Friede Hopserling. »Wir werden die Knaben suchen, sie werden sich schon -finden.« - -»Ich bleibe hier, ich suche mit,« schrie Heine Peterle, und »Ich auch, -ich auch,« schluchzten die Mädel. - -»Ich weiß was,« sagte da plötzlich ein feines Stimmchen. Marianne -Sonntag drängte sich durch die Leute und betrachtete mitleidig die -weinenden Oberheudorfer. »Weint nicht,« tröstete sie, und dann -erzählte sie flink, daß zwei Buben Sonntags Dienstmädchen nach dem Weg -nach Oberheudorf gefragt hätten. - -»Das sind sie, das sind sie,« riefen die Oberheudorfer alle, als -Marianne sagte: »Einer hatte ein blaues Halstuch, der andere ein rotes.« - -»Die haben 'ne Dummheit gemacht,« brummelte Friede Hopserling leise vor -sich hin. »Steigt auf, ihr drei, wir finden sie schon.« - -»Die haben sicher etwas begangen, darum sind sie ausgerissen,« sagte -auch der Schutzmann und sah die andern Kinder scharf an, daß sie mit -einer ungeheuren Eile auf den Wagen kletterten. Frau Emma konnte ihnen -kaum noch ihre roten Eßbündel hineinwerfen, so rasch fuhr der Friede -davon. »Halt, warten Sie einmal!« wollte der Schutzmann rufen, aber da -rasselte der Wagen schon in die Rosengasse hinein. - -Dem Friede war das Herz sehr schwer. Die Angst um die Gefährten, der -Abschied, alles bedrückte ihn. Am liebsten wäre er mit nach Oberheudorf -gefahren, und als der Wagen in der Rosengasse verschwand, da war es -ihm, als müßte er schreien: »Nimm mich mit, Friede Hopserling, nimm -mich mit!« Er biß aber die Lippen zusammen und lief in das Haus hinein. - -»Nun läuft er fort und sagt gar nichts,« murrte Marianne Sonntag. -»Dieser Friede ist wirklich ein Grobian, Ulli hat recht.« Sie ahnte -nicht, daß der Geschmähte in diesem Augenblick in einem Gartenwinkel -saß und bitterlich weinte. Ach, überall war er fremd! - -Im Spiegelhaus waren sie freilich alle gut zu ihm; er hatte aber doch -immer das Gefühl: »Hier gehöre ich nicht hin.« Der Professor würde -ihn nicht vermissen, wenn er fortging; ein paar Wochen wollte er ihn -ja überhaupt nur behalten. In der Schule mochte auch wohl niemand den -Friede Pfennig leiden, und morgen spotteten sie gewiß wieder über -seinen Dorfbesuch. Und dann würde er sich gar wieder schämen wie heute, -und daß er es getan hatte, quälte ihn so sehr; wie eine Last lag es auf -seinem Herzen. So abscheulich kam er sich vor, weil er immer gedacht -hatte: »Wären die Freunde doch nicht gekommen!« Was wohl Muhme Lenelies -dazu sagen würde? Und was dazu, daß er so schlecht auf seine Freunde -aufgepaßt hatte? Vielleicht -- -- -- -- hatte sie ihn dann auch nicht -mehr lieb? - -»Gagagagag, gagagei,« schrie es auf einmal neben ihm. Ein kleines, -schwarzes Huhn stand da und schaute mit schief geneigtem Kopf zu ihm -hin. - -»Das ist der kleine Teufel, den Heine Peterle mitgebracht hat,« dachte -er und griff unwillkürlich nach dem Huhn. Das kreischte und schlug mit -den Flügeln um sich; aber Friede hatte gar geschwind zugepackt, und das -Teufelchen konnte nicht mehr ausreißen. - -»Es ist aus Oberheudorf.« Weiter überlegte Friede nichts; wie ein -Stück Heimat erschien ihm das schwarze Tierchen. Und sachte, liebevoll -streichelte er es. »Du bleibst bei mir,« tröstete er. Gewiß hatte -Fräulein Wunderlich den Teufel auch hinausgeworfen wie ihn selbst. Er -trug das Huhn zu dem Gärtner, der auch ein paar Hühner hatte und den -schwarzen Gast aus Oberheudorf bereitwillig aufnahm. - -Friede Hopserling war unterdessen sehr eilig, immer brummend und -knurrend durch die Stadt gefahren und hatte endlich die Landstraße -erreicht. »Nun paßt ordentlich auf, ihr drei,« gebot er, »irgendwo im -Weggraben werden sie schon sitzen.« - -Heine Peterle und die Mädel hatten das Weinen aufgegeben. Alle drei -hielten so eifrig Umschau, daß erst Annchen Amsee einen Meilenstein -für Fritz und dann Heine Peterle einen Baumstumpf für Schulzens Jakob -hielt. Aber sie erreichten Wiesental, ohne eine Spur der Vermißten -zu finden, und Friede Hopserling schaute immer sorgenvoller drein, -obgleich er tat, als wären ihm die Buben höchst gleichgültig. In -Wiesental mußte er erst dreimal fragen, ehe jemand ihm Auskunft geben -konnte. Eine alte Frau endlich sagte, sie habe die beiden gesehen und -ihnen die Straße nach dem nächsten Dorf gezeigt. - -Es dämmerte schon, als der Wagen wieder zu dem Dorf hinausrollte. Ein -feines Grau verhüllte die Ferne, und in dem Wald, an dessen Rand jetzt -die Landstraße hinlief, herrschte bereits ein geheimnisvolles Dunkel. -»Nun wird's gar schon dunkel,« grollte der Knecht. »Am Ende sind gar -die verflixten Buben durch den Wald gelaufen; na denen will ich's -heimzahlen.« Er ließ wütend die Peitsche durch die Luft sausen, und zu -seinem großen Erstaunen schrie die Luft laut auf. »So was,« rief Friede -Hopserling verdutzt, »der Schrei kam doch von oben!« - -»Da hängen ein paar Beine,« quiekte Annchen Amsee und deutete auf eine -hohe, noch kahle Kastanie, die hier einsam unter Kirschbäumen an der -Landstraße stand. »Das sind Fritzens Beine!« - -»Sie sind's, sie sind's!« riefen jauchzend Heine Peterle und -Mariandel. Wirklich tauchte Schulzens Jakob aus dem Straßengraben auf, -Schnipfelbauers Fritz aber zappelte noch in den Ästen der Kastanie hin -und her. Endlich kam er mit zerrissenen Hosen unten an. - -»Nicht hauen,« flehten Annchen und Mariandel und hielten Friede -Hopserling beide Arme fest, »nicht hauen, bitte nicht!« - -Der Knecht sah aber auch wirklich sehr grimmig aus, und Fritz und Jakob -rutschten vor Angst wieder in den Straßengraben hinein. Von dort aus -erzählten sie klagend ihre Erlebnisse. - -»So, Schaden habt ihr angerichtet?« rief Friede, aber er sah lange -nicht mehr so böse aus. Die beiden taten ihm schon leid; er dachte, sie -hätten mit ihrer ausgestandenen Angst Strafe genug gehabt. »Steigt nun -mal ein,« brummte er, »hoffentlich habt ihr nicht zu viel zerbrochen, -denn was kaput ist, müßt ihr bezahlen, das hilft nun nichts.« - -»Dann hätten wir ja gar nicht erst -- -- huhu -- -- auszureißen -brauchen,« schluchzte Jakob. - -»Nä, war auch gar nicht nötig. Ausreißen nutzt nie nischt. 'n ehrlicher -Mann zahlt den Schaden, den er macht, damit basta. Jetzt hört mit der -Heulerei auf, 's wird schon nicht so schlimm sein. Bei uns ist mal ein -Mann vom Speicher gefallen, da dachten alle, er wäre tot, und dabei -war er gar nicht runtergefallen, sondern 'n Mehlsack.« Mit dieser -tröstlichen Erzählung beruhigte Friede die beiden Schelme wenigstens -so weit, daß sie das Heulen aufgaben und nach ihren Eßbündeln griffen. -Die Kinder schmausten, aßen sich plumssatt, schwatzten eine Weile, -schilderten sich ihre ausgestandene Angst, schalten weidlich auf Herrn -Schulz, der ihrer Meinung nach an allem schuld war, und dann schliefen -sie ein. Sie lagen alle fünf im Wagen und schliefen so fest und süß -wie daheim in ihren Betten, und Friede Hopserling brummte schmunzelnd: -»Na, 's ist gerade, als hätte ich wieder Mehlsäcke geladen.« Er lud -dann jeden kleinen lebendigen Mehlsack vor dem rechten Hause ab, und -nur Annchen Amsee wurde so weit munter, um ein »Danke schön« sagen zu -können. Wer dachte, er bekäme noch etwas von der Stadtfahrt erzählt, -der irrte sich gewaltig, kein Wörtlein sagten die fünf Kinder an diesem -Abend mehr. Doch die Erwachsenen trösteten sich und meinten: »Morgen -werden sie schon schwatzen, mehr als man vertragen kann.« - - - - -[Illustration] - -Verkehrte Gedanken. - - -An dem Tage nach der Stadtfahrt der fünf Oberheudorfer Kinder dachten -in Feldburg und Oberheudorf allerlei Leute allerlei Sachen, die nicht -eintrafen. Wie es so geht, Schulzens Jakob und Schnipfelbauers Fritz -dachten, es würde niemand etwas merken von dem, was sie in der Stadt -angerichtet hatten, und dabei sagte jede Mutter gleich am frühen Morgen -zu ihrem Buben: »Sag mal, was hast du nur getan? Du hast ja ein so -schlechtes Gewissen.« - -Was Mütter auch immer alles sehen und wissen! Den beiden blieb nichts -anderes übrig, als ihre Untat zu bekennen. Die Mütter schalten zwar -nicht sehr, aber beide sagten: »Bezahlt muß werden, das hilft nichts, -und wenn die Sparbüchse ganz leer wird.« Dies klang den Buben gar -bitter in den Ohren. Nachher in der Schule vergaßen sie zwar ihren -Jammer rasch, denn es war zu schön, von der Stadt zu erzählen. -Ordentlich protzig kamen die fünf an und sagten: »Wir haben aber viel -gesehen!« Und als die andern schrieen: »Erzählt, erzählt! Wie war's?« -da sahen die Buben die Mädel an und die Mädel die Buben, sie nickten -und blinkerten sich zu und taten so wichtig und geheimnisvoll, daß die -andern vor Neugier fast platzten. Zu schön war dies, so schön, daß -Heine Peterle und Annchen Amsee dachten: »Heute wird der Herr Lehrer -über ein bißchen Plappern in der Stunde nicht schelten.« Oh, das war -aber falsch gedacht! Er schalt sogar sehr, und Annchen Amsee bekam -wirklich eine Strafarbeit und Heine Peterle beinahe eine. - -Die andern Kinder sagten an diesem Tage: »Vielleicht gibt es bald -schulfrei, vielleicht schon morgen;« aber sie merkten es dann auch, -wie falsch sie gedacht hatten. Kein Wunder war es, denn selbst die -Erwachsenen dachten an diesem Tage immer etwas Verkehrtes. So dachte -die Hausfrau in der himmelblauen Ente: »Heute wird mein Kuchen aber gut -geraten,« und dann verbrannte der Kuchen und wurde pechschwarz. Und -Schnipfelbauers Kathrine sagte: »Frau, ich denke, heute kriechen unsere -ersten Hühnchen aus.« Aber denen fiel das gar nicht ein, sie blieben -noch zwei Tage in ihren Eierschalen sitzen. - -Auch Muhme Lenelies dachte etwas, das nicht in Erfüllung ging. Sie -meinte, die Kinder würden ihr viele schöne Dinge von ihrem Friede -erzählen. Was die fünf aber berichteten, klang der alten Frau so -seltsam, daß ihr das Herz darüber schwer wurde. Und weil es mit -dem Abschied in der Stadt so flink gegangen war, konnten ihr die -Stadtfahrer nicht einmal Grüße ausrichten. »Nä, Grüße hat Friede nicht -gesagt,« versicherte Heine Peterle, und Annchen Amsee wußte auch -nichts von Grüßen. »Er hat gesagt, er käme am liebsten wieder nach -Oberheudorf,« flüsterte Mariandel. - -Dies Wort vermehrte nur noch die Sorgen der guten Muhme, und sie -seufzte tief darüber, weil der Weg in die Stadt gar so weit und das -Gehen ihr jetzt so beschwerlich fiel. Wie mochte es nur ihrem Friede -gehen? Stimmte das wirklich alles so, wie es die Kinder erzählten, -daß ihn das Fräulein Wunderlich aus dem Hause geworfen hatte und die -Schulkameraden ihn nicht leiden konnten? Die Gedanken der guten Muhme -liefen so geschwind nach Feldburg wie keine Buben- oder Mädelbeine -jemals laufen können, und in Feldburg liefen diese Gedanken immer um -Friede herum; der merkte aber nichts davon. Er ging wie alle Tage -um die Kirche herum ins Gymnasium und war dort froh, als endlich -die Stunden begannen, denn laut und leise rief es hinter ihm und -neben ihm: »Friede Pfennig, wie geht's den Oberheudorfern?« »Friede -Pfennig, fährst du auch auf dem Mehlwagen spazieren?« »Hör du mal, in -Oberheudorf sind die Leute wohl neunmalklug?« - -»Na wartet nur,« dachte Friede trotzig, »ich will's euch schon zeigen, -daß die Oberheudorfer nicht auf den Kopf gefallen sind.« Er konnte -das auch gleich an diesem Morgen zeigen. Der Lehrer fragte ihn in der -Geschichtsstunde allerlei, und Friede konnte klug und sicher Antwort -geben, ja er wußte noch mehr zu sagen als der Klassenerste. - -»Ei, du weißt ja sehr gut Bescheid,« sagte Doktor Schneider freundlich. - -Weil der sonst nicht viel lobte, machte dies Lob auch großen Eindruck, -und die Klassengenossen schauten den Oberheudorfer Buben auf einmal -ordentlich verwundert an. So viel wußte der? Manch einer wünschte sich -da heimlich: »Ach, wäre ich doch so klug!« und darüber wagte er es dann -nicht, den Oberheudorfer Buben zu verhöhnen. - -Trotzdem lief Friede nachher wieder allein aus der Schule nach dem -Spiegelhaus, wieder um die Kirche herum. Er ahnte nicht, daß Fräulein -Wunderlich am Fenster saß und dachte: »Heute wird der Friede wohl zu -mir hereinkommen, weil ich gestern so nett zu seinen Freunden war.« - -Damit hatte sie aber auch etwas Verkehrtes gedacht, denn Friede kam der -Besuch gar nicht in den Sinn, und Fräulein Wunderlich verlor darüber -wieder ihre gute Laune, wurde brummig und verdrießlich und schalt im -Hause herum. Sie gehörte eben auch zu den Menschen die meinen, eine -einzige Freundlichkeit muß gleich Liebe erwecken. - -An diesem Nachmittag sagte Frau Emma, die Hausbesorgerin: »Geh, Friede, -besorg' mir einmal etwas in der Stadt, du tätest mir damit einen großen -Gefallen.« - -Sie brauchte wirklich nicht lange zu bitten, Friede war gleich bereit, -und die Frau dachte: »Er ist doch ein gefälliger, lieber Junge.« Damit -hatte sie nun wirklich etwas Rechtes und nichts Verkehrtes gedacht. -Friede tat gern jemand einen Gefallen, und er lief auch gar eilig in -die beiden Geschäfte, in denen er allerlei bestellen sollte. Der zweite -Laden war jener, in dem er am Tage vorher mit seinen Gefährten zuerst -gewesen war, und etwas bänglich betrat er das Geschäft. Die Verkäuferin -erkannte ihn auch gleich wieder und rief ärgerlich: »Na, du hast aber -ungezogene Freunde! Was waren denn das für abscheuliche Bengel, die -hier so gepfiffen haben?« - -»Gepfiffen?« Friede sah die Verkäuferin sehr erstaunt an, und diese -merkte schnell, der Bube ahnte nichts. Ihr Gesicht hellte sich etwas -auf, und sie erzählte den Streich, den Jakob und Fritz ihr gespielt -hatten. Während sie erzählte, konnte Friede sich nicht helfen, er -mußte ein wenig lachen, und dabei kam die Geschichte auch dem Fräulein -auf einmal mehr lächerlich als ernsthaft vor, und zuletzt lachten sie -beide ganz fröhlich und herzlich. Als Friede ihr sagte, seine Gefährten -seien ausgerissen, gewiß vor Angst, rief sie sogar mitleidig: »Schreib -es ihnen doch, es wäre nichts kaput gegangen, es sind nur ein paar -Nickelbretter umgefallen, das hat freilich schrecklich gepoltert und -geklirrt.« - -In guter Freundschaft trennte sich Friede, nachdem er seine Botschaft -ausgerichtet hatte, von dem Fräulein, und als er wieder auf der Straße -stand und ihm die Frühlingsluft so mild um die Nase wehte, bekam er -Lust, spazieren zu gehen. Er hatte Zeit, und im Spiegelhaus schalt -niemand, wenn er später heimkam. Der Professor ermahnte ihn ja selbst -manchmal: »Lauf hinaus, sieh dich in der Stadt um! Man muß mit offenen -Augen durch die Welt gehen!« - -Das tat Friede auch an diesem Tage. Er lief durch allerlei Straßen, die -er noch nicht kannte, und schaute sich ganz ernsthaft die Häuser an und -auch die Menschen, die an ihm vorübergingen. Dabei empfand er wieder -so recht, wie einsam er doch in der Stadt war. In Oberheudorf hatte er -jeden gekannt, dem er auf der Straße begegnet war. Unwillkürlich schlug -er in seinen sehnsüchtigen Gedanken den Weg ein, der nach Oberheudorf -führen sollte. Dabei kam er auch an einer langen, grauen Gartenmauer -vorbei, und wie er so dahinging, fühlte er auf einmal einen Ruck an -seiner Mütze, und zu seinem maßlosen Erstaunen sah er diese durch die -Luft entschwinden. - -[Illustration] - -»Meine Mütze,« schrie er erschrocken, und in diesem Augenblick tauchte -ein sehr verlegenes Gesichtchen über der Mauer auf. Das Füchslein war -es, das rief bittend: »Ach du, ich dachte mein Bruder wär's, nun habe -ich deine Mütze geangelt.« - -»Geangelt?« Friede riß seine Augen weit auf, und er sah so erstaunt -drein, daß Marianne Sonntag kichernd sagte: »Aber jetzt machst du ein -dummes Gesicht, und Ulli meint doch, du seist klug!« - -Friede wurde blutrot und brummte ein wenig beschämt: »Das ist doch aber -auch komisch, Mützen zu angeln.« - -Das Füchslein war jetzt ganz auf die Mauer geklettert, saß behaglich -oben und schaute sehr vergnügt auf den Buben herab. »Ich will dir's -erklären. Jobst und Ulli angeln manchmal Fische, -- nein, so nicht -- -sie wollen welche angeln und fangen keine, bloß mal einen, und der war -vorher schon tot. Aber weißt du, Buben sind immer eingebildet« -- -- - -»Das stimmt nicht,« rief Friede dazwischen. Doch das Füchslein ließ -sich nicht stören, es rutschte auf der Mauer hin und her, seine -rotbraunen Zöpfe wippten wie ein Paar Uhrenpendel auf und ab, und -lustig schwatzte es weiter: »Buben sind immer eingebildet, und darum -wollten sie mich nicht mitnehmen. Wir haben uns miteinander gestritten, -und ich habe gesagt, ich kann was Besseres angeln als tote Fische, und -darum sitze ich hier.« - -»Und angelst meine Mütze?« Friede lachte. Das lustige Mädel auf der -Gartenmauer gefiel ihm so gut, daß er alle Befangenheit verlor. Dies -gefiel nun wieder Marianne ausnehmend, und sie rief: »Deine sollte es -ja nicht sein. Aber komm doch rein, wir angeln dann beide Jobst und -Ullis Mützen. Komm fix, sonst sehen sie dich!« - -Friede überlegte nicht lange, sondern trat durch die Türe, die Marianne -ihm zeigte, in den Garten. Der war weder sehr groß, noch besonders -schön angelegt, es war ein richtiger Obst- und Krautgarten, einer, in -dem es sich gewiß wundervoll spielen ließ. Ein umgestülpter Schubkarren -diente dem Füchslein als Standort. Sie konnte von ihrem Platz aus -bequem die Straße überschauen, und Friede mußte sich neben sie stellen -und aufpassen. »Du kennst doch Ulli und Jobst,« sagte sie, »sie gehen -mit dir in eine Klasse. Sag mal, warum bist du am ersten Tage gleich so -grob zu Ulli gewesen? Er ist ganz wütend auf dich.« - -»Ich bin gar nicht grob,« verteidigte sich Friede, und er erzählte dem -Füchslein, wie sehr seine Mitschüler ihn vom ersten Tage an geneckt -hätten, und daß ihn in seiner Klasse niemand leiden möchte. - -Das Füchslein wieder verteidigte den Bruder und Freund. Eifrig rief -es: »Wir haben uns auf dich gefreut, weil Onkel Treumann schon von dir -erzählt hat, und weil unsere Katerlies sagt, in Oberheudorf passieren -so viele Geschichten. Aber warte, jetzt stifte ich Frieden zwischen -euch. Erst angeln wir Ulli und Jobsts Mützen weg, und nachher werdet -ihr gute Freunde.« - -Im Eifer hatten sie aber vergessen, auf die Straße zu schauen, und so -traten plötzlich die zwei Buben, von denen sie eben gesprochen hatten, -in den Garten. - -»O pfui, ihr kommt so heimlich,« schalt Marianne schmollend. - -Die beiden achteten nicht auf sie. Erstaunt blickten sie auf den Gast, -und Jobst rief in seiner herrischen Art: »Was tust du denn hier?« Er -meinte es nicht so schlimm, es kam bei ihm aber alles etwas patzig und -abweisend heraus, und wer ihn nicht kannte, hielt ihn wohl für einen -recht eingebildeten Buben. - -Ulli knurrte nur »Na« und maß den unwillkommenen Gast mit einem -unfreundlichen Blick. Friede wurde feuerrot. Er fühlte, die Buben sahen -ihn als einen Eindringling an in ihrem Garten. Vor Scham und Ärger -vergaß er das freundliche Füchslein, und daß dies Frieden hatte stiften -wollen; schwipp, schwapp, drehte er sich trotzig um und lief zum Garten -hinaus. - -»Friede,« schrie Marianne ihm nach, und dann schalt sie ärgerlich auf -den Bruder und Freund: »Pfui, warum seid ihr denn so abscheulich zu -Friede? Gerade war er so nett und wollte mit eure Mützen angeln.« - -»Was?« rief Jobst erstaunt, »was wollte er tun?« - -»Den geht meine Mütze gar nichts an,« brummte Ulli. - -Mit ein paar guten Worten hätte Füchslein nun schnell alles erklären -können, und sie hätte auch die Buben dazu gebracht, den Schulgenossen -wieder zurückzuholen, doch sie war wie eine kleine Rakete. Puff, -puff, ging es bei ihr gleich immer oben hinaus. Hinterher tat es ihr -freilich bitter leid, aber dann wurde manchmal nicht so rasch glatt und -gut, was ihr Ungestüm verfahren hatte. So ging es auch heute. Marianne -schalt ein paar Minuten heftig auf die Buben ein, und die gaben ihr die -unguten Worte reichlich zurück, Jobst laut und heftig, Ulli mit Brummen -und Knurren. Es schallte gar nicht lieblich durch den Garten, bis sie -auf einmal vor Wut und Ärger alle drei davonrannten, eines hierhin, das -andere dahin. Im Winkel eines Gartenhauses heulte sich dann Marianne -zurecht, wie die Mutter es nannte. Als sie das getan, lief sie in den -Garten zurück und suchte versöhnungsbereit Jobst und Ulli, aber die -waren weg und blieben weg. Da ging die Kleine mit kummerbeschwertem -Herzelein zur Mutter, die an ihrem Nähtisch saß, erzählte der die ganze -Geschichte und klagte sich dann selbst an: »Und ich dachte, nun würde -alles gut werden.« - -»Ja, mein Mädel, man denkt eben manchmal verkehrt herum,« sagte die -Mutter, »und das Friedenstiften will sacht und leise angefaßt werden. -Wenn du so wild und ungestüm auf deiner Geige spielen wolltest, kämen -auch keine lieblichen Töne heraus, und mit Menschenherzen muß man -ebenso zart umgehen.« - -Marianne Sonntag nahm erst den rechten, dann den linken Zopf in den -Mund, dann seufzte sie, und nach diesen Vorbereitungen sagte sie -betrübt: »Ich will auf der Geige üben.« - -»Tu es,« riet die Mutter und nickte ihrem Mädel zu. Sie lauschte -dann dem Spiel der Kleinen, das klang erst gar nicht melodisch, aber -nach und nach wurde es reiner, zarter. Dann klappte eine Tür, das -Spiel brach jäh ab, nun flüsterten und tuschelten im Nebenzimmer -zwei Stimmen, und plötzlich riß das Füchslein die Türe auf und rief: -»Mutterle, wir vertragen uns wieder, und Ulli will auch nett zum Friede -sein.« - -Frau Sonntag hörte den guten Vorsatz, hörte ihre Kinder von Versöhnung -reden, und sie freute sich darüber. Aber Friede wußte nichts davon. -Traurig lief der durch allerlei Straßen, und wie er so ziel- und -zwecklos dahin rannte, kam es ihm auf einmal in den Sinn: »Es wäre am -besten, ich liefe nach Oberheudorf zurück.« - -Er blieb unwillkürlich stehen. Der Gedanke an die Heimat erfaßte ihn -mit solcher Gewalt, daß ihm die Tränen in die Augen traten. Ganz -deutlich sah er das Haus von Muhme Lenelies, die Muhme selbst, die -Dorfstraße, seine Gefährten, alles vor sich, und da fing er auch schon -an zu laufen. Ich muß heim, gleich, dachte er, ich muß die Muhme sehen, -ihr alles sagen, ich will wieder dort bleiben. Er kannte den Weg schon -besser als Schulzens Jakob und Schnipfelbauers Fritz. Dort um jene -Ecke mußte er gehen; nun kam die Straße, an deren Ende er schon grüne -Saaten schimmern sah; da war er im Freien, war auf dem rechten Weg zur -Heimat. - -Aber allzu weit kam er nicht. Ein Wäglein kam angerollt. Er sah es -erst, als es dicht vor ihm war; da sprang er zur Seite. In dem Wagen -saß ein einzelner Herr, der sich scheltend herausbeugte: »Na, was ist -denn das für eine Sitte, so toll auf der Straße herumzulaufen!« - -Friede stutzte und blieb erschrocken stehen. Den Herrn kannte er, das -war ja Doktor Treumann, zu dem er einst an einem stürmischen Wintertag -gerannt war, um eine Medizin für Muhme Lenelies zu holen. Auch der Arzt -hatte den Buben erkannt. »He, du,« rief er, »bist du nicht der Friede -aus Oberheudorf, nach dem mich meiner Schwester Kinder schon halb -entzweigefragt haben? Komm einmal her, wir zwei kennen uns doch, du -bist ja mein kleiner Held.« - -Friede trat verlegen an den Wagen heran, und der Arzt prüfte mit -klugen, ernsten Augen sein Gesicht. Holla, da stimmt etwas nicht. Er -merkte es gleich und fragte laut: »Läufst wohl spazieren, was?« - -Der Bube nickte nur befangen, er stand mit gesenktem Kopf da und wagte -es gar nicht aufzuschauen. Einen kleinen Helden hatte ihn Doktor -Treumann eben genannt, das war er doch nicht, er, der eben hatte feige -ausreißen wollen. - -»Na, sieh mich doch mal an, mein Junge!« sagte da der Arzt gemütlich. -»Straßenstaub und Steine kannst du ja noch oft sehen, aber mich hast -du doch noch nicht gesehen, solange du in der Stadt bist. War übrigens -verreist, sonst hätte ich mich schon um dich gekümmert. Na, Kopf hoch! -Ein tapferer Junge sieht jedem frei ins Gesicht.« - -Friede schlug rasch die Augen zu dem Arzte auf. Er fühlte, der -durchschaute ihn, ahnte, daß er nicht auf rechten Wegen ging. Stirn -und Backen brannten ihm, er atmete tief, aber fest sagte er dann: »Ich -wollte ausreißen, nach Oberheudorf zurück.« - -»So, so!« Doktor Treumann war gar nicht überrascht, seine Augen -blitzten, und seine Stimme klang scharf: »Bist du jetzt so einer -geworden, der gleich das Hasenpanier ergreift? Hm, meinst wohl, die -Muhme wird sich arg über dein Heimkommen freuen?« - -Darauf gab Friede keine Antwort. Er schämte sich plötzlich unsäglich -der eigenen Feigheit, und hastig drehte er sich um, lüftete höflich -seine Mütze und begann wieder nach der Stadt zurückzulaufen. - -Da rief ihm der Doktor nach: »Stadtwärts kannst du mitfahren. Komm, -steig ein!« - -Der Junge blieb zögernd stehen, er war unschlüssig, was er tun sollte. -Mit dem Arzt zu fahren erschien ihm in diesem Augenblick gar nicht so -vergnüglich, aber der streckte ihm jetzt die Hand entgegen und sagte in -dem alten freundlichen Tone: »Du hast mir ja noch gar nicht die Hand -gegeben, du Friede aus Oberheudorf. Komm, steig ein, wir erzählen uns -was miteinander!« - -Friede kletterte in das Wäglein und mußte sich neben den Arzt setzen, -der so gemütlich zu plaudern begann, als wäre der kleine, blonde -Dorfbube ihm ein herzlicher Freund. Und Friede taute auch bald auf -und erzählte nun wieder treuherzig von seinen Kümmernissen. Nur -seine letzte bittere Erfahrung verschwieg er. Doktor Treumann war ja -Mariannes und Ulrichs Oheim, da wollte er nicht anklagen. »Ich hab' es -mir ganz anders auf der Stadtschule gedacht,« schloß Friede seufzend -seinen Bericht. - -»Ja, ja, mein Junge, man denkt sich manchmal manches anders in der -Welt,« tröstete der Arzt. »Ich dachte vorhin auch: Holla, der Friede -aus Oberheudorf ist ja ein Feigling geworden! und dann habe ich -gemerkt, daß ich falsch gedacht habe und du doch ein tapferer kleiner -Kerl bist, und so einer kommt schon durch. So, und nun steig aus, da -geht's zum Johannesplan hinauf. Grüße mir meinen alten Freund, den -Professor, und dann, immer tapfer den Kopf oben behalten!« - -Friede kletterte aus dem Wagen, grüßte und dankte. Jetzt brannte ihm -wieder das Gesicht, aber diesmal vor Freude. Er nahm das gute Wort -des Arztes mit in das stille Spiegelhaus, und an diesem Abend schrieb -er den ersten Brief an Muhme Lenelies. Alles erzählte er darin, er -schrieb aber auch, daß er tapfer sein und aushalten wolle. Und dieser -Brief fiel nicht auf die Dorfstraße, er wurde auch nicht im Backofen -verbrannt. Muhme Lenelies hob ihn gar sorgsam auf und las ihn so oft, -bis sie ihn besser auswendig konnte als die Kinder in der Schule ihre -Verse und Sprüche. - -Schulzens Jakob und Schnipfelbauers Fritz hatten aber auch ihre -unbändige Freude über den Brief, stand doch darin, daß sie nichts -zerbrochen hatten. Seit sie das wußten, redeten sie noch kecker und -hochmütiger von der Stadt und trillerten immerzu laut auf ihren -Pfeifen, und alle Leute im Dorf sagten: »Wenn die Pfeifen nur erst -kaput wären!« -- -- - -[Illustration] - - - - -[Illustration] - -Das Abenteuer im Schloß. - - -In Feldburg gab es wie in vielen andern altertümlichen Kleinstädten -auch ein Schloß. Es lag, wie es sich für ein richtiges Schloß schickt, -etwas höher als die andern Häuser der Stadt und war auch von einem -wirklichen Fürsten und einer wirklichen Fürstin bewohnt. Meist war -zwar der Fürst von Salheim nicht in Feldburg, er hatte noch andere -Schlösser, und da er ein Fürst ohne Land war und in Feldburg nichts zu -regieren hatte, kam er immer nur etliche Wochen im Jahr dorthin. Er kam -aber gern, und die Feldburger freuten sich auch über sein Kommen, und -über das Schloß freuten sie sich auch; es sah so stattlich aus, und die -Fremden, die in das Städtchen kamen, sagten immer entzückt: »Nein, ist -das aber malerisch!« - -In Oberheudorf hatten die Kinder schon früher manchmal von dem -Feldburger Schloß gehört; seit Traumfriede aber in der Stadt war, -sprachen sie sehr viel davon. Das Schloß zu sehen lockte sie sehr. -Muhme Lenelies sagte zwar oft: »Ach was, Schloß hin, Schloß her, meine -Märchenschlösser sind schöner.« - -Doch die Kinder glaubten ihr das nicht recht und gaben wohl zur -Antwort: »Du sagst aber nicht, wo die liegen.« Auch der Lehrer in -der Schule hatte von dem Schloß erzählt, das in der Geschichte des -Herzogtums, zu dem Feldburg und Oberheudorf gehörten, eine ziemliche -Rolle gespielt hatte. Ein deutscher Kaiser hatte einmal dort gewohnt, -und allerlei dunkle Sagen umspielten das alte, graue Schloß. - -»Warum hat uns Friede das Schloß nur nicht gezeigt? Zu dumm von ihm!« -murrten die fünf ersten Stadtfahrer oft. Ihnen und den andern Kindern -war es daher eine wundervolle Überraschung, als der Herr Lehrer eines -Tages sagte: »Wir wollen einen Spaziergang machen, ratet wohin?« - -»Nach Dachhausen,« schrieen die einen; die andern rieten: »Nach dem -Kuhberger Walde.« Wo anders hin war es nämlich noch nie gegangen. - -»Falsch geraten! Nach Feldburg, das Schloß ansehen.« - -Ein unglaublicher Jubel erhob sich. Selbst der Lehrer erschrak, dies -war ja noch ärger, als er gedacht hatte, und streng gebot er Ruhe. Da -wurde es auch still im Schulzimmer, aber draußen auf der Dorfstraße -ging der Lärm nachher wieder los. Die Buben und Mädel schwatzten so -laut und eifrig miteinander, daß an diesem Tage sogar die Gänse, die -Hauptspektakelmacher im Dorfe, eifersüchtig wurden. Eine dicke Gans -schnatterte der andern zu: »Gräßlich das, man versteht ja sein eigenes -Geschnatter nicht bei diesem Kindergeschrei!« - -In heller Aufregung liefen die Kinder heim. »Wir gehn aufs Schloß,« -schrie Heine Peterle schon zum Fenster hinein, damit es nur ja gleich -alle wußten. Die erwartete Überraschung blieb leider aus, denn nur -Muhme Rese saß in der Stube, und die dachte, es wäre wieder einer von -des Buben Späßen. Sie brummelte nur: »Warum willste nich gleich zum -Kaiser?« - -Heine Peterle war entrüstet. Aufgeregt erzählte er nun ausführlich, was -der Lehrer gesagt hatte. Da ließ die Muhme ihren Strickstrumpf sinken, -sah den Buben nachdenklich an und sagte zuletzt: »Geh nur ja nich mit, -Heine Peterle, nä, nä, tu das nich, dir passiert was, du paßt nich in -en Schloß.« - -Trotz dieser düstern Warnung dachte Heine Peterle gar nicht daran, -daheim zu bleiben. Er gehörte ja schon zu den Großen, die mit durften, -zu den »Gernegroßen«, sagte der Vater. - -Die Regenwolken, die über Oberheudorf hingen, taten den Kindern -den Gefallen, am Tage vorher eiligst auszureißen, und am Morgen -des Festtages war der Himmel so blank geputzt, als hätten ihn die -Oberheudorfer Mädel mit Sand und Seife abgescheuert. - -Hatten die Kinder vor diesem Tage gefragt: »Wie kommen wir nach der -Stadt?« dann hatten die Erwachsenen erwidert: »Auf Schusters Rappen, -wie sonst; meint ihr, für euch würden Kutschen angespannt?« - -Und dann standen zur Überraschung der Buben und Mädel am Morgen doch -zwei große Leiterwagen auf dem Dorfplatz, und Friede Hopserling -schmückte die Pferde gerade noch mit frischen Maiensträußen, als die -Kinder angelaufen kamen. »Hurra, wir dürfen fahren,« schrieen alle. - -»Nä, wer hat das gesagt?« brummte Friede Hopserling, und der -Schulzenknecht, der den andern Wagen führte, rief: »Wer mitfahren will, -muß 'nen Taler zahlen, billiger tu' ich's nicht.« - -Aber die Kinder kletterten schon auf die Wagen hinauf, sie wußten -genau, woran sie waren. Und dann kam der Herr Lehrer und setzte sich -auch in den einen Wagen, und los ging die Fahrt. Die Dorfbewohner -standen auf der Straße oder schauen zu den Fenstern heraus, sie winkten -und nickten, und die Kinder taten, als ginge die Reise mindestens nach -Amerika. Heine Peterle blies auf seiner rosenroten Flöte, Schulzens -Jakob und Schnipfelbauers Fritz auf ihren Trillerpfeifen, die andern -wieder sangen, und Friede Hopserling knurrte: »Die Pferde werden noch -scheu werden.« - -An einem sonnenhellen Frühlingstag auf einem Leiterwagen durch den -Wald zu fahren, ist höchst vergnüglich, und die Oberheudorfer Buben -und Mädel waren auch so lustig, wie man nur sein kann. In Wiesental, -dem letzten Dorf vor Feldburg, wurde ausgestiegen. Von da aus ging es -zu Fuß nach der Stadt. »Gleich zum Schloß hinauf,« gab der Lehrer den -Ungeduldigen zur Antwort. - -O dieser Zug durch die Stadt! Diejenigen, die schon dagewesen waren, -blähten sich wie die Fröschlein auf und sagten wichtig, wenn sich die -Gefährten über dies oder das wunderten: »Das ist so in der Stadt.« - -»Da ist Herrn Schulz sein Ramschladen,« schrie Schulzens Jakob, und -sämtliche Kinder blieben vor dem Laden stehen, preßten die Nasen an die -Fensterscheibe und hatten nicht übel Lust, Herrn Schulz zu besuchen. -Doch da rief Heine Peterle: »Nu kommt wieder der Wagen ohne Pferde.« - -»Brrr bums,« blieb das Automobil stehen, und der Führer schalt zornig: -»Ja, was soll denn das, Kinder? Runter von der Straße! Ich glaube gar, -das sind wieder die dummen Buben von neulich!« - -Der Lehrer hatte seine Not, ehe er es seinen Buben und Mädeln -begreiflich machen konnte, daß sie immer nur auf dem schmalen -gepflasterten Bürgersteig zu gehen hätten. - -»Du, Mariele,« rief da Annchen Amsee, »sieh mal, hier wohnt 'n Bäcker.« - -Es war die größte Bäckerei der Stadt, vor der die Kinder gerade -angelangt waren: ein stattlicher Laden mit breitem Schaufenster, in dem -Torten, Kuchen, Körbchen mit allerlei feinen Weißbrötchen aufgebaut -waren; dahinter wieder standen lange, dunkelbraune Brote, ernsthaft wie -Schildwachen. - -Mariele sah mit großen Augen drein; fast andächtig, ehrfurchtsvoll -musterte sie den Laden. Das sollte eine Bäckerei sein, wie ihr Vater -sie hatte? Dem kleinen Mädel kam hier plötzlich die Erkenntnis, wie -klein doch das Heimatdorf war gegen Feldburg, und hatte der Lehrer -nicht gesagt, Feldburg wäre eine kleine Stadt? So gab es noch größere -Städte mit noch viel, viel größeren Bäckereien? Mariele seufzte so tief -und schwer, daß es der Lehrer hörte. Er wandte sich um und fragte: »Was -hast du denn, Mädel?« - -»'s ist nich hübsch in der Stadt,« klagte Mariele angstvoll und starrte -den Bäckerladen an, der ihr in seiner Größe und Pracht fast unheimlich -war. - -Der Oberheudorfer Lehrer kannte die Kinder gut und verstand des -Marieles Schrecken. Er nahm die Kleine an der Hand, und während -sie alle miteinander den Schloßberg hinaufpilgerten, zeigte er ihr -allerlei, ein hübsches Haus, einen Garten, in dem allerlei Blumen -blühten, er zeigte ihr, wie ein paar kleine Mädel ihre Puppen in der -Sonne spazierenführten, und allmählich verlor Mariele die Angst vor der -Stadt. Häuser, Bäume, Blumen, Menschen, die gab es auch in Oberheudorf, -na, und wenn der Vater auch keinen großen, feinen Laden hatte, ein -Bäcker war er doch, und der Herr Lehrer sagte: »Auf den großen Laden -kommt es nicht an, nur darauf, ob das Brot gut ist, das einer bäckt, -und das Brot deines Vaters schmeckt so gut, daß viele Stadtleute es -sich kommen lassen, weil sie es besonders gern essen.« - -Da wurde Mariele sehr stolz auf ihren Vater, und Feldburg mit all -seinen Häusern und Läden kam ihr gar nicht mehr unheimlich vor, ja am -Schloßtor schaute sie sich ganz kühn um und tuschelte Annchen Amsee zu: -»Am Ende essen sie drinnen gar auch Brot vom -- Vater.« - -Ein paar Buben und Mädel hatten sich den ganzen Weg über nach dem -Friede Heller umgeschaut. Warum der wohl nicht zu sehen war? - -»Er weiß nicht, daß wir da sind,« sagten einige. - -»Vielleicht hat er noch Schule,« meinte Heine Peterle nachdenklich, -der dachte, in der Stadt könnte schon mal von früh bis abends Schule -sein. - -Als sie aber alle ans Schloßtor kamen, stand dort ein Bube und -schwenkte jauchzend seine grüne Mütze: Friede war es. Er stürmte ihnen -entgegen und hätte sie in der Freude seines Herzens am liebsten umarmt, -den Herrn Lehrer voran. Ehe er aber noch alle recht begrüßt hatte, -schrie Anton Friedlich, dessen Augen neugierig rundum gingen: »Uh je, -da steht der Fürst mit 'nem großen Stock!« - -»Er kommt her, er kommt her,« quiekten etliche Mädel und knicksten -erschrocken bis zur Erde. Fein angetan in dunkelrotem, goldgesticktem -Rock, einen Dreispitz auf dem Kopf, kam der Türhüter heran. Er wußte -von dem Kommen der Oberheudorfer; der Lehrer hatte angefragt, ob er mit -seinen Schulkindern an diesem Tage das Schloß besichtigen dürfe. Mit -gnädigem Lächeln sah der Türhüter die Kinder an. Daß sie ihn für den -Fürsten hielten, freute ihn, und er erlaubte es huldvoll, daß die Buben -und Mädel ihn von allen Seiten betrachteten und um ihn herumliefen wie -um einen Weihnachtsbaum. Sie hörten erst mit Bewundern und Besehen auf, -als der Diener kam, der sie im Schloß herumführen sollte. »Hört nun -schon auf,« mahnte der, »wenn ihr drinnen alles so genau besehen wollt -wie unsern Türhüter, dann werdet ihr bis morgen früh nicht fertig. -Kommt jetzt, drinnen gibt es Schöneres zu sehen.« - -»Grobian,« brummte der Türhüter, der sich sehr gern bewundern ließ, -aber dann sagte er auch: »Geht nur hinein!« - -Es gab wirklich sehr viel in dem Schloß zu sehen: geschnitzte, -vergoldete, mit Seide und Samt überzogene Sessel, Stühle, Sofas, Tische -mit eingelegten, kunstvoll verzierten Platten, schimmernde Spiegel, -Bilder, Vasen, kurz so viel schönen, reichen Hausrat, daß die Buben -und Mädel aus dem Erstaunen und der Bewunderung gar nicht herauskamen. -In einem Saal, der ganz von Gold schimmerte, mußten sie alle riesige -Filzschuhe über ihre eigenen Schuhe ziehen. Der Fußboden war so fein -und glänzend, so spiegelglatt, als sollte darauf gespeist werden, und -der Diener mahnte: »Hier muß man vorsichtig gehen!« - -[Illustration: Der hohe Herr.] - -Ja gehen, er hatte gut reden! Hopps, da lag der dicke Friede schon, -und krach setzte sich Schulzens Jakob auf seinen Hosenboden. Krämers -Trude zappelte ein Weilchen wie ein Fisch, dann fiel sie auch hin, und -Bäckermeisters Mariele rutschte wie ein kleiner Schlitten auf ihrem -Bäuchlein den halben Saal entlang. Der Führer hatte gerade mit dem -Erklären beginnen wollen, als er sah, wie es um ihn herum plumpste. -»Aber Kinder, was macht ihr denn?« rief er erschrocken. - -Krach, da lag auch er da, so lang er war. Anton Friedlich hatte sich an -seinem Bein halten wollen und ihn mit umgerissen. - -»Uff!« stöhnte er. Vor lauter Überraschung wußte er nichts weiter -zu sagen, nicht einmal schelten konnte er. Kaum hatte er sich -aufgerichtet, da purzelte schon wieder eins hin, und ein Mädel griff -angstvoll nach seinem Rockschoß. - -»Aber was macht ihr denn?« schrie er nun entsetzt. »Haltet doch ---« bums setzte sich vor ihm wieder ein Bube sehr unsanft auf den -Hosenboden, und alles klirrte und krachte im Saal. - -»Das geht nicht,« riefen der Lehrer und der Führer erschrocken wie -aus einem Munde, und die Kinder klagten: »Wir können nicht in den -Pantoffeln gehen.« - -»Wir ziehen alle die Schuhe aus!« Annchen Amsee saß auf dem Fußboden, -sie stand auch nicht auf, weil sie dachte, sie falle ja doch wieder -hin. »In Strümpfen geht's, da trapsen wir auch nicht!« - -»Ja, wir wollen die Schuhe ausziehen,« schrieen ihr die andern nach, -und schon hatten ritsch, ratsch ein paar Mädel ihre Schuhe aufgebunden. - -»Es wird wohl am besten so sein,« meinte der Herr Lehrer, und der -Diener sagte seufzend und ergeben: »Meinetwegen, obgleich sonst nie -jemand so in den Festsaal geht.« Eins, zwei, drei, waren alle Schuhe -ausgezogen, und dann tappelten lauter rosenrote und kornblumenblaue -Füße über das glatte Parkett. Die Oberheudorfer Mütter liebten nämlich -die bunten Strümpfe sehr. - -Aus dem Festsaal ging es in die Silberkammer, von da in das gelbe -Zimmer, dann in den roten Saal, dann in die grüne Kammer; es war -beinahe wie in einem Märchen. Endlich schloß der Führer eine schwere -eichene Türe auf und sagte: »Das ist der Ahnensaal.« Aber erschrocken -prallten die Kinder zurück, und den Mädeln wurde es himmelangst. An -den Wänden hingen die lebensgroßen Bilder vieler Männer und Frauen -in seltsamen Trachten. Manche von ihnen sahen recht grimmig aus, gar -nicht, als hätten sie vom Anderwandhängen einen sonderlichen Spaß. -Dies und das erzählte der Führer von dem und jenem: der war ein großer -Held gewesen in dem langen Krieg von dreißig Jahren, und jener hatte -gegen die Türken gefochten. Die eine der Schloßfrauen hatte einmal mit -tapferer, mutiger List Stadt und Schloß aus großer Gefahr gerettet. -Sie sah auf ihrem Bilde aber auch so stolz und feierlich aus, daß die -Kinder sie sehr ehrfürchtig anschauten. Krämers Trude knickste sogar -vor ihr. - -Am Südende des Saales lag neben einer Tür, die auf einen schmalen -Vorsaal endete, eine kleine Nische. In der hing noch ein Bild: -ein finsterer Herr in der spanischen Hoftracht des sechzehnten -Jahrhunderts war es. Von ihm erzählte der Führer, er sei ein gar arger -Bösewicht gewesen, er gehöre von rechtswegen gar nicht in diesen Saal, -denn er sei nur ein entfernter Verwandter des Fürstenhauses. Man lasse -aber sein Bild hängen, obgleich er es gar nicht um die Familie des -Fürsten verdient habe. In einer wilden Sturmnacht habe er versucht, -die einzige Tochter des damals regierenden Herrn zu rauben. Fahrende -Spielleute hätten ihm dann aber das schöne Fräulein abgejagt, als sie -im Walde nach Hilfe gerufen habe. Sie sei dann vor Schreck und Grauen -in ein Kloster gegangen. Ihr Räuber aber sei landflüchtig geworden, man -wisse nichts von seinem Ende. - -»Huhu,« graulten sich die Mädel und sahen ordentlich ängstlich auf den -finsteren Mann, just als würde der mit seinen spitzen Schnabelschuhen -aus dem Bilde herausmarschieren. Heine Peterle tat einen tiefen Atemzug -und sagte: »Man hätt' ihn ordentlich verdreschen müssen.« - -Das Wort gefiel den Buben, und der eine sagte dies, der andere das, was -sie getan hätten, wenn sie die fahrenden Leute gewesen wären. - -Der Herr Lehrer war inzwischen mit dem Führer an eins der spitzbogigen -Fenster des Saales getreten, und die Kinder konnten sich ungestört über -den finsteren Gesellen unterhalten. - -»Wie er die Augen aufreißt!« tuschelte Annchen Amsee, »puh, wie -graulich!« - -»Ich hätte ihn ganz gewiß gefangen und in den Turm gesteckt,« -versicherte Schulzens Jakob zum drittenmal. Da trat Heine Peterle ganz -dicht an das Bild heran und sagte keck: »Ich geb' ihm jetzt noch was -für seine Schlechtigkeit.« Und patsch schlug er mit seiner kleinen -Faust dem gemalten Mann auf den Bauch. - -Die Kinder lachten, aber ihr Lachen erstarb jäh. - -Himmel, was war das? - -Urplötzlich verschwand das Bild und -- Heine Peterle -- ihr Heine -Peterle mit ihm. Ein paar Sekunden lang zappelten und strampelten zwei -rosenrote Beine in der Luft herum, es polterte und krachte, und dann -waren gemalter Mann und Heine Peterle weg. - -Die Kinder schrieen so gellend, so angsterfüllt auf, daß der Lehrer mit -dem Führer so schnell herankamen, als es mit den großen Filzpantoffeln -ging. - -»Heine Peterle -- -- da -- -- der -- -- Mann, huhuhu,« kreischten die -Kinder und deuteten entsetzt auf die Nische. Dort gähnte jetzt nur ein -dunkles Loch. - -»Er -- -- hat -- -- ihn -- -- ge--ge--holt,« wimmerten ein paar Mädel. - -Doch plötzlich zappelte ein rosa Bein in der Luft herum, dann noch -eins, und dann -- -- stand Heine Peterle wieder da. - -Aber wie sah er nur aus! »Bube, was ist denn geschehen?« Mit einem Ruck -zog ihn der Lehrer ans Licht, während der Diener noch immer sprachlos -in das dunkle Loch starrte, der gemalte Mann kam nämlich nicht wieder. - -»I -- ich -- hazieh, hazieh!« Heine Peterle nieste einmal, zweimal, -immerzu, und das war kein Wunder, denn er war von oben bis unten mit -Staub bedeckt, Spinnweben lagen auf dem Haar und auf seiner Jacke; er -sah aus, als hätte er ein halbes Jahrhundert in einer Rumpelkammer -gesessen. »Was hast du denn gemacht, was hat er denn gemacht?« fragte -der Lehrer ihn und die andern. Aber selbst für ihn, der doch die -Buben und Mädel wahrlich kannte, war es schwer, etwas in dem wilden -Durcheinander zu verstehen, nur ein Wort vernahm er immer wieder: -»Er hat ihn auf den Bauch geschlagen,« »Er hat ihn auf den Bauch -geschlagen.« »Hazieh, hazieh, hazieh!« nieste Heine Peterle, er -schluchzte, hustete und stöhnte endlich: »Da -- -- da -- --« - -»Was ist da?« rief der Diener aufgeregt, und der Lehrer und die Kinder -alle sahen gespannt auf Heine Peterle. - -»Hazieh -- -- da -- hazieh -- -- ist -- hazieh -- -- 'n Loch!« - -»Schafskopf,« schrie ihn der Diener an, »das sehen wir doch.« Auf -einmal schlug er sich vor den Kopf. »Ich hab's: die geheime Türe -ist das, die geheime Türe nach dem verborgenen Gang, nach der unser -Fürst schon lange sucht. Das Bild ist die Türe.« Er raste an die -große Haupttüre des Saales, an der ein Klingelzug hing, und läutete -Sturm. Laut, dringlich schallte es durch das Schloß, und von allen -Seiten eilten Diener herbei. Endlich kam auch der Kastellan, der in -Abwesenheit des Fürsten das Schloß verwaltete. Lampen wurden gebracht -und die geheimnisvolle Öffnung untersucht; eine ganz schmale, enge -abwärtsführende Treppe wurde sichtbar. - -»Es ist wirklich der geheime Gang,« sagte der Kastellan erstaunt. -»Unser Fürst hat schon von einem Baumeister nach ihm suchen lassen, der -aber nichts gefunden hat. Man vermutet nämlich irgendwo ein Gelaß, in -dem wichtige Familienurkunden liegen sollen, aber bei einem Brande sind -auch die Baupläne des Schlosses mit vernichtet worden. Der Großvater -unseres jetzigen Fürsten hat den Gang noch gekannt, er starb aber -unerwartet, und so erfuhr sein Sohn das Geheimnis nicht. Wie wird sich -unser Fürst über die Entdeckung freuen!« - -»Das ist dein Glück,« sagte der Lehrer sehr ernst zu Heine Peterle, -»in fremden Schlössern haut man nämlich nicht mit der Faust nach den -Bildern.« - -»Nein,« meinte der Kastellan, »das tut man freilich nicht. Eigentlich -ist's auch strafbar. Heute mag es freilich hingehen; hier ist mal eine -Dummheit gut ausgegangen.« - -»Er wollte den Räuber doch nur hauen, weil der so böse war,« flüsterte -Annchen Amsee, um ihren Freund zu entschuldigen. Der wischte, pustete -und nieste noch immer ganz furchtbar und konnte noch immer nicht viel -sagen. - -»Ach, darum also!« Der Lehrer, der Kastellan und der Führer riefen es -wie aus einem Munde; sie sahen einander an und lächelten, lachten und -fanden blitzschnell ein jauchzendes Echo bei den Kindern. Die waren -ja heilfroh! Das ernste Gesicht des Lehrers hatte ihnen doch bisher -die rechte Freude an der Entdeckung getrübt, aber jetzt kamen sie -sich gleich ungeheuer wichtig vor, und ein paar der kecksten Buben -tuschelten: »Da haben wir was Feines gemacht!« Himmelgern wären nun -natürlich die Buben die Treppe hinuntergeklettert -- den Mädeln war -es zu unheimlich -- aber das gab es nicht. Der Herr Kastellan zog den -gemalten Bösewicht, der hinter die Wand gerutscht war, wieder hervor, -und schnapp, war das dunkle Treppengelaß wieder verschwunden. - -»Gut, mein Junge,« sagte der Kastellan, »daß du nicht größer und -nicht kleiner bist; hast gerade auf die rechte Stelle gehauen. Hier -am Degenknauf des finstern Herrn sitzt ein Knopf; durch einen Druck -darauf kann man anscheinend die geheime Pforte öffnen.« Er drückte, -er drückte noch einmal, aber -- -- keine Türe sprang auf. »Na, was ist -denn das?« rief er verwundert. »Herr Lehrer, versuchen Sie es doch -einmal!« - -Der Lehrer trat heran, er drückte auch, aber das Bild blieb unbeweglich -an seinem Platze, und seine finsteren Augen starrten die Kinder an. - -»Man muß hauen, aber feste,« sagte Heine Peterle plötzlich, der nun -endlich das Niesen eingestellt hatte. - -Der Kastellan folgte dem Rat, er schlug einmal, zweimal, aber erst beim -drittenmal spazierte der finstere Bösewicht davon. »Potzwetter, so eine -Oberheudorfer Bubenfaust kann aber kräftig dreinschlagen,« rief der -Kastellan. »Gut, daß es nicht etwas anderes war.« - -Der Herr Lehrer war auch sehr froh darüber, und er war es recht -zufrieden, als er mit seiner Schar wieder auf dem Schloßhof stand. Dort -hinaus brachten auf des Kastellans Befehl die Diener ein paar Tische -und Stühle, und die Kinder durften unter den uralten Linden des schönen -Hofes ihre mitgebrachten Butterbrote verzehren. »Vielleicht gibt's -Schokolade,« sagte Schulzens Jakob und dachte an Fräulein Wunderlich, -doch darin irrte er sich. Die Limonade, die die Schloßköchin den -Kindern schickte, schmeckte ihnen aber auch sehr gut, und es wurde eine -fröhliche Schmauserei. - -Nachher gab es noch die Waffenkammer zu sehen, in der so viele alte -Ritterrüstungen, Hellebarden, Schwerter und andere Waffen und Geräte -hingen, daß die Buben sich am liebsten alle in eisengepanzerte Ritter -verwandelt hätten. Darüber war die Zeit schnell vergangen, und die -Sonne dachte schon etwas an den Heimweg und an das Zubettgehen. Zeit -war es also auch für die Oberheudorfer, daran zu denken, obgleich sie -alle sich noch sehr gern die Stadt angesehen hätten. - -»Friedes Schule wollen wir sehen,« bettelten ein paar Buben. Friede -erschrak. Ganz jäh kam ihm der Gedanke an den Spott der stolzen -Gymnasiasten. Was würden die sagen, wenn sie die Oberheudorfer, seine -Heimatgenossen, sehen würden? Gleich schämte er sich aber wieder: -mochten sie doch lachen, was kümmerte es ihn! - -Ob der Lehrer etwas von den Gedanken ahnte? Er sagte so freundlich und -gütig, wie er immer zu Friede sprach: »Es wird zu spät werden und ist -auch ein großer Umweg, über den Johannesplan zu gehen!« - -Doch da bat Friede heiß und dringlich: »Ach bitte, bitte, ich möchte -allen so gern das Gymnasium zeigen.« Er wollte es beweisen, daß er sich -der lieben Heimatgenossen nicht schämte, weil sie anders in Art und -Wesen waren als die Buben und Mädel in der Stadt, und so bat er noch -einmal: »Bitte, bitte, wir wollen alle über den Johannesplan gehen.« - -Der Lehrer sah seinen einstigen Schüler prüfend an, dann strich er ihm -über die heiße Wange und sagte froh: »Bist doch noch mein alter Friede, -doch heute ist es wirklich zu spät, wir müssen uns sputen, um zu -unseren Wagen zu kommen. Ein anderes Mal dann. Komm aber mit, begleite -uns noch ein Stück heimwärts.« - -Friede tat es, und er tat es gern. So vergnügt, als gehöre er noch -ganz zu ihnen, lief er mit den Heimatgenossen durch Feldburgs Straßen -bis dahin, wo er vor einiger Zeit Doktor Treumann getroffen hatte. -Hier nahm er Abschied. »Auf Wiedersehen, auf Wiedersehen in den -Sommerferien,« hieß es. - -»Wir kommen dir entgegen,« versprachen die Freunde. - -»Wir auch,« riefen die Mädel, »und -- --« - -»Macht Schluß, es ist Zeit!« mahnte der Lehrer und schob ein paar -Kinder vorwärts. - -Friede war schon wieder ein paar Schritte zurückgelaufen, als er noch -einmal innehielt und den Gefährten nachrief: »Heine Peterle, wenn etwas -von dem geheimen Gang in der Zeitung steht, schreibe ich es dir.« - -»In der Zeitung stehen!« Heine Peterle wußte plötzlich nicht, sollte -er vor- oder rückwärts laufen, sollte er einen Luftsprung machen oder -einen Purzelbaum schießen. Er drehte sich rundum und brachte den ganzen -Zug auseinander, und es hätte wohl eine schlimme Verwirrung gegeben, -wenn der Lehrer Heine Peterle nicht an der Hand gefaßt und gesagt -hätte: »Wir zwei gehen mal miteinander. Nun vorwärts rasch, sonst fährt -Friede Hopserling fort!« - -Das half, nun liefen sie alle, so rasch sie konnten, und erreichten -bald Wiesental, wo die Wagen schon warteten. - -Von der Rückfahrt ist nur zu sagen, daß sie sehr lustig war. Es wurde -viel gelacht, geschwatzt und gesungen, und die treuen Wächter des -Dorfes, die Hofhunde, hörten die Stimmen der Heimkehrenden zuerst und -grüßten sie durch ein langanhaltendes Gebell. - -»Auf der Dorfstraße wird nicht mehr gestanden und geschwatzt,« gebot -der Herr Lehrer, »Abschied nehmen ist nicht nötig, morgen seht ihr euch -ja wieder.« - -Heine Peterle hatte es am eiligsten, aber auch die anderen folgten alle -brav dem Befehl. Heine Peterle mußte doch den Eltern und Muhme Rese -sein Abenteuer erzählen, das preßte ihm fast das Herz ab. Mit noch -mehr Gepolter und Lärm und noch ungestümer als sonst stürzte er daheim -in das Wohnzimmer, in dem sein Vater just die Zeitung las. Der fuhr -erschrocken empor. - -»Vater, ich komm' auch nein,« schrie Heine Peterle und tippte mit -seinem Finger gleich ein Loch durch die Zeitung, »wegen dem Gang im -Schloß, wo der Räuber davor stand, und -- --« - -»Bewahr mich!« rief der Bauer. »Frau, der Bube ist ja woll -übergeschnappt. Leg ihn rasch ins Bett und tu ihm ein kaltes Tuch auf -den Kopf!« - -»Nä,« schrie Heine Peterle angstvoll, »ich hab doch -- --« - -»Ins Bett,« befahl der Bauer, »er hat Fieber.« - -»Je, je, je,« jammerte Muhme Rese, »er wird krank, ich koch'n -Fliedertee.« - -»Nä!« Heine Peterle sträubte sich, denn seine Mutter wollte ihn in die -Schlafkammer führen. »Komm nun, komm, schlaf dich aus!« tröstete sie. - -Aber Heine Peterle mochte gar nicht schlafen, er wollte erzählen, und -hastig schwatzte er alles durcheinander heraus, und Vater und Mutter -sahen sich besorgt an, und die Mutter sagte: »Er hat wahrhaftig Fieber!« - -»'n kaltes Tuch auf den Kopf und ins Bett, basta,« befahl der Bauer. -Da half kein Widerstreben mehr. Heine Peterle wurde ins Bett gesteckt, -und die Mutter legte ihm ein kaltes Tuch auf den Kopf, und Muhme Rese -brachte Fliedertee. - -Aber der Bube, als er sah, daß doch niemand seine schöne Geschichte -hören wollte, schrie: »Ich hab' Hunger.« - -»Man muß'n ja nich aufregen,« tuschelte Muhme Rese ängstlich und -schlurfte, so schnell sie konnte, in die Vorratskammer und holte -viele Butterschnitten und frischen Sonntagskuchen dazu. Heine Peterle -aß sehr brummig und schweigend alles auf, und je mehr er aß, desto -beruhigter sah die Mutter drein. Nur Muhme Rese schüttelte noch immer -ängstlich den Kopf und sagte wieder und wieder: »Wärste doch nicht -mitgegangen! Ich hab's gleich gesagt, im Schloß passiert nischte nischt -Gutes. Nu haste so'ne Geschichte im Kopp!« - -Schluck! tat Heine Peterle, und der letzte Bissen war hinunter. Er -schüttelte energisch den nassen Umschlag von der Stirn, streckte sich -aus, sagte sehr vergnügt: »Und 's ist doch wahr, un vielleicht kommt's -in die Zeitung.« Dann schlief er bums ein. - -»Ein sonderbarer Bube!« seufzte Muhme Rese. - - - - -[Illustration] - -Der kleine Teufel hilft Fräulein Wunderlich über die Dornenhecke. - - -Ulrich Sonntag hatte sich zwar der Schwester gegenüber bereit -erklärt, mit Friede nett zu sein, aber Jobst von Hellfeld wollte -nicht, der bockte. Als Ulli ihm am andern Morgen auf dem Schulweg die -Versöhnungsgeschichte erzählte, rief er borstig: »Ich tu' nicht mit, -fällt mir gar nicht ein; dem Bauernjungen nachlaufen, das könnte mir -passen!« - -Und gerade an diesem Tage ging Friede nicht um die Kirche herum, -sondern lief an dem Organistenhaus vorbei und kam gerade hinter den -Freunden her, als Jobst das vom Bauernjungen sprach. Husch flogen da -auch all die guten Vorsätze weg, mit denen er gekommen war. Er hatte -Ulrich anreden wollen, ganz leicht hatte er sich das vorgestellt, und -nun ging er stumm und ohne Gruß an seinen Kameraden vorüber, und ebenso -stumm lief er dann wieder nach dem Spiegelhaus zurück. - -»Hast du mit ihm gesprochen?« rief das Füchslein dem Bruder an diesem -Tage entgegen. Sie erzürnte sich sehr, als sie sein »nein« hörte, und -sie war schon drum und dran, mit zornigen Worten ihrem Grolle Luft -zu machen, als ihr noch zur rechten Zeit der Mutter Worte einfielen. -Sie seufzte zwar dreimal tief, dann war der Zorn in sein dunkles -Herzkämmerchen zurückgesunken, und Füchslein sagte sanft und lieblich: -»Aber morgen, Ulli, gelt, morgen tust du es?« - -Ulli versprach es. Am nächsten Tag kam er aber sehr brummig heim. Schon -von weitem schrie er: »Füchslein, er will gar nicht, tut, als sei ich -Luft. Frech! Nun will ich aber auch nicht mehr.« - -Von diesem Entschluß brachte den Bruder kein sanftes und kein -zorniges Bitten und Fordern ab, und das Füchslein sah betrübt alle -schönen Friedenspläne zerrinnen, denn sie selbst zankte sich wieder -einmal gründlich mit dem Bruder. Sie sah Friede in diesen Tagen -auch nur einmal von ferne; sie rief ihn an, er lief aber geschwind -davon. Im Organistenhaus war er auch nicht gewesen, ärgerlich sagte -es ihr Fräulein Wunderlich. Diese hatte schon wieder alle gute -Schokoladenlaune verloren; sie ging verdrießlich im Hause herum -und schalt und brummte, wenn sie an den bösen Nachbarn und den -hinausgeworfenen Buben dachte. Selbst über den entflohenen kleinen -Teufel schalt sie jeden Tag. Daß das Huhn entwichen war, kränkte sie -bitter. - -Marianne Sonntag bekam auch von dem entflohenen Oberheudorfer Huhn zu -hören. An einem Frühlingsnachmittag war es, an dem ein leiser, warmer -Regen auf die Erde niederfiel. Fräulein Wunderlich hatte trotz des -Regens in ihrem Gärtchen gegraben und gepflanzt, und das Füchslein war -zu ihr gekommen. Sie standen beide an der Mauer des Nachbargartens -unter einem kleinen Schutzdach, und dort erzählte das Fräulein laut und -zornig von dem entflohenen Huhn. - -»Das ist gewiß nach Oberheudorf zurückgeflogen,« rief Marianne mit -ihrem hellen Stimmlein. »Ihm gefällt es nicht in der Stadt.« - -»Rede doch nicht solchen Unsinn, wie soll ein Huhn nach Oberheudorf -fliegen!« schalt Fräulein Wunderlich. »Aber meinetwegen, ich mag schon -gar nicht mehr von dem Ort und seinen Bewohnern hören. Nichts wie -Ärger hat man davon.« Die Dame machte ein so bitterböses Gesicht, daß -es dem Füchslein ganz ungemütlich wurde. - -»Ich will jetzt hineingehen, Onkel Wunderlich ist gewiß wieder zurück.« - -»War mein Bruder nicht da?« fragte das Fräulein. - -»Nein, er ging vorhin noch mit dem Herrn Professor von Spiegel auf dem -Platz draußen hin und her,« sagte Marianne arglos; sie hatte in diesem -Augenblick die nachbarliche Feindschaft ganz vergessen. - -»Geh, pfui, geh, du bist auch ein abscheuliches Mädchen!« rief Fräulein -Wunderlich plötzlich. »Kommst nur, um mir unangenehme Sachen zu sagen.« - -»Aber ich hab' doch nichts getan,« stammelte Marianne, doch Fräulein -Wunderlich rief noch einmal: »Geh, geh, ich will dich nicht mehr sehen.« - -Betrübt verließ die Kleine den Garten, und drinnen fiel es ihr erst -ein, warum sie die Hausherrin erzürnt hatte. Die war böse, daß -ihr Bruder mit dem Nachbar ging; sie haßte den, und Mutter hatte -doch gesagt, einmal wären sie miteinander gute Freunde gewesen! -Nachdenklich, mit gesenktem Kopf trat Marianne in das Musikzimmer. Dort -stand der alte Organist und sah sinnend in den leise rinnenden Regen -hinaus. »Was hast du denn, Kind?« fragte er, sich seiner Schülerin -zuwendend, als diese eintrat, »du siehst ja gar nicht wie ein rechter -Sonntag aus?« - -»A--ch!« -- Füchslein seufzte -- »das Friedenstiften ist doch arg -schwer!« - -»Ja freilich, schwer ist's, sehr schwer sogar!« Herr Wunderlich seufzte -nun auch. »Es ist darum am besten, es gar nicht zum Unfrieden kommen zu -lassen. Aus einem kleinen Pflänzchen wächst oft eine ganze Dornenhecke -auf, und keines kommt mehr herüber oder hinüber.« - -»Nur ein Prinz,« sagte Füchslein, die gut verstanden hatte, daß ihr -Lehrer an seiner Schwester Zwist mit dem Nachbarn dachte. - -Herr Wunderlich lächelte. »Ja, ein Märchenprinz, und ein Märchenprinz -kann auch ein Oberheudorfer Bauernbube sein. Man muß aber Geduld haben, -viel Geduld. Wir wollen uns nur hüten, daß nicht noch mehr Streit und -Unfriede entsteht, nicht noch zwischen anderen Brüdern und Schwestern.« - -Marianne wurde rot, seufzte tief und murmelte, während sie ihre Geige -aus dem Kasten nahm: »Ich will Ulli nachher wieder gute Worte geben.« - -»Und ich will meiner Schwester auch gute Worte geben,« sagte der alte -Herr, und auf einmal lachten sich Lehrer und Schülerin sehr vergnügt -an, nickten sich zu, und dann spielten sie zusammen und vergaßen -darüber Zank und Streit. - -Im Spiegelhaus dachten just zwei auch gerade an die Nachbarn hinter -der Hecke. Friede war es und der Gärtner. Dieser hatte gerade an der -Mauer gestanden, als Fräulein Wunderlich von des schwarzen Teufels -Verschwinden erzählte. Lieber Himmel, das war doch das kleine Huhn, -das Friede ihm gebracht. Eilig lief er zu dem Knaben, der über seinen -Büchern saß, und erzählte ihm das Gehörte. - -Friede erschrak. »Ich dachte, sie hätte es hinausgeworfen wie mich,« -stammelte er erschrocken. - -»Ja, das hilft nun nichts, du mußt es ihr schon wieder hinübertragen,« -meinte der Gärtner. - -»Aber ich kann doch nicht zu ihr gehen,« rief Friede ordentlich -entsetzt, »ich will's über die Mauer heben.« - -»Trag's lieber hinüber! Gib es der Marie, das ist kein ungutes Mädchen, -die wird schon verstehen, daß du das Huhn nicht hast behalten wollen. -Aber fort muß es gleich, mein Herr möchte sehr böse werden, wenn er -wüßte, ich habe ein fremdes Huhn im Stall, nach dem sie drüben suchen. -Übrigens hat das Fräulein dich ja neulich grüßen lassen, vielleicht ist -sie gar nicht mehr böse.« - -»Ich mag nicht zu ihr gehen,« rief Friede trotzig. - -»Gut,« brummte der Gärtner, »dann trage ich das Huhn fort, wenn du dich -fürchtest! Im Hause darf es nicht bleiben, und der Herr Professor soll -mich keinen alten Eigensinn schelten.« - -»Ich will's schon hinübertragen,« murmelte Friede kleinlaut. »Pah, ich -fürchte mich nicht, und Marie macht ja immer die Türe auf, der kann -ich es übergeben.« Er nahm seine Mütze, ging in den Garten hinab und -holte den kleinen Oberheudorfer Teufel aus dem Stall heraus. »Schade -ist's nicht darum,« brummte der Gärtner, »und arg viel Freude wird das -Fräulein an dem kleinen Untier nicht haben, aber zurückhaben soll sie -es; was Recht ist, ist Recht.« - -Es wurde Friede nicht leicht, bis zu dem Nachbarhaus zu gehen. Er sah -sich draußen erst um. Niemand war zu sehen; der Johannesplan lag, wie -fast immer, wenn nicht Schulanfang oder Schulschluß war, menschenleer -da. Als er an das Organistenhaus kam, sah er, daß eins der Fenster -neben der Haustüre halb offen stand. Von seinem kurzen Aufenthalt im -Hause her wußte er noch nicht gut Bescheid, wie und wo die einzelnen -Zimmer und Wirtschaftsräume lagen; er glaubte aber, dies Fenster sei -eins von dem breiten Hausflur. Er überlegte nicht lange und fand, -es sei am besten, das Huhn einfach durch das Fenster in das Haus zu -lassen, dann war es drinnen, und Marie würde es bald merken, denn der -kleine Teufel wußte seine Stimme gut zu gebrauchen. Wenn jemand etwas -bequem ist, dann erscheint es ihm leicht gut und richtig, und Friede -erging es mit dem Huhn auch so. Kurz entschlossen schwang er sich von -der Treppe auf die Fensterbrüstung; es ging ganz leicht. Dann ließ er -das Huhn durch das offene Fenster in das Haus hinein, zog vorsichtig, -so gut es gehen wollte, das Fenster von außen wieder zu und ging -befriedigt ins Spiegelhaus zurück. Dort lief er gleich hinauf zu seinen -Büchern, weil er sich im Herzen ein bißchen schämte, dem Gärtner zu -sagen, wie er das Huhn bei Wunderlichs abgegeben hatte. - -Fräulein Wunderlich war in ihrem Gärtchen immer auf und ab gegangen, -ärgerlich auf alle Welt und ärgerlich auf sich. Es erzürnte sie auch, -daß sie naß wurde; trotzdem holte sie sich keinen Schirm. Endlich -kehrte sie in ihr Haus zurück. Dort scheuerte Marie mit viel Lärm und -Gepolter die große, nach dem Garten gehende Hinterstube aus. Pfingsten -rückte näher, und zu Pfingsten mußte alles noch blanker als blank sein. -Sie fing daher immer zeitig mit Scheuern und Putzen an. Wenn sie so -recht in der Arbeit war, hörte und sah sie nichts. Sie schaute auch -erst auf, als Fräulein Wunderlich die Türe öffnete und rief: »Marie, -hier schreit ja ein Huhn im Hause!« - -»Ih nee,« rief Marie vergnügt, »ja, da geistert vielleicht gar -der kleine schwarze Teufel aus Oberheudorf im Hause herum!« Sie -lauschte, es war aber nichts zu hören, und Fräulein Wunderlich ging -noch verdrießlicher von dannen, hinauf in ihr Schlafzimmer, um sich -umzuziehen, denn sie war ganz naß geworden. Alles ärgerte sie, Maries -Lachen, daß ein Huhn schrie und dann doch nicht schrie. Sie war so -recht in der Stimmung, sich über die Fliege an der Wand zu ärgern. - -Unten hatte es geklingelt, erst einmal schüchtern, dann noch einmal -lauter. - -Marie war durch den Hausflur geschlurft, hatte geöffnet und kam und -meldete: »Fräulein Müller ist da, mit dem neuen Kleid.« - -»Lange genug hat es gedauert,« murrte Fräulein Wunderlich. Vorgestern -hatte die Schneiderin schon das neue Kleid bringen sollen, und jetzt -brachte sie es erst. Fräulein Wunderlich hätte das Kleid sicher in -den zwei Tagen nicht angezogen, ja eigentlich hatte sie gar nicht -daran gedacht, nun aber schalt sie über die Unpünktlichkeit und ging -mit dem allerfinstersten Gesicht zu der Schneiderin hinab. Diese sah -noch blässer, noch bekümmerter als sonst drein. Sie wollte gerade eine -Entschuldigung sagen, als Fräulein Wunderlich sie zornig anschrie: -»Schämen Sie sich, so unpünktlich zu sein, ich werde nichts mehr« -- -- - -»Gagagagaaag« gackerte es auf einmal laut dazwischen, und Fräulein -Wunderlich brach erschrocken ab. »Marie, Marie,« rief sie, »es ist doch -ein Huhn in der Wohnung!« - -Marie stürzte herbei. »Wo denn? Ich höre ja nichts!« Sie konnte auch -wirklich nichts hören, denn es war wieder alles still im Haus. »Das ist -'ne putzige Geschichte,« meinte sie und schlurfte kopfschüttelnd wieder -davon. - -Fräulein Wunderlich war aber so verärgert, daß sie die arme Schneiderin -noch heftiger anschrie. Die wollte etwas sagen; sie wäre aber sicher -noch lange nicht zu Worte gekommen, wenn nicht plötzlich wieder laut -ein Huhn gegackert hätte. - -»Da ist es ja wieder,« rief Fräulein Wunderlich und riß die Türe auf. -»Marie, Marie, es gackert wieder.« - -Diese kam angerannt. »Das ist der kleine Teufel aus Oberheudorf, der -geistert im Hause rum,« rief sie, »der ist 'n Gespenst geworden.« - -Die arme Schneiderin wollte gern ihr Geld haben. Daheim war ihre -Mutter so krank, und sie hatte sie pflegen müssen und dabei Tag und -Nacht genäht. Nun war kein Geld im Hause, ach, und nun war ihre Kundin -so böse. Wie sollte sie das nur sagen? Sie atmete tief und flüsterte -ängstlich: »Ich wollte um mein Geld bitten, ich -- --« - -»Nein, so eine Unverschämtheit, so -- -- --« - -»Gagagagaaag, gagagag,« gackerte es laut. Fräulein Wunderlich brach -wieder ihre Rede ab und stammelte: »Wo ist das nur?« - -»Hier drinnen schreit es,« rief Marie und riß die Türe zu dem -Besuchszimmer auf, der »Putzstube«, wie sie es nannte. »Alle guten -Geister, das ist wirklich 'n Gespenst,« schrie sie entsetzt. »Da, da, o -du meine Güte, wie graulich!« - -Über einem zierlichen Glasschränkchen hingen die Bilder von -Fräulein Wunderlichs Eltern, darunter stand eine große Schale, mit -Frühlingsblumen gefüllt. Auf dem Rand dieser Schale aber saß der kleine -Teufel und rupfte und zerrte an den Blumen herum; die Hälfte davon lag -schon am Boden. »Gagagagag, gagagaag,« schrie das Tier jedesmal, wenn -es wieder ein paar Blumen zerpflückt hatte. Dann pickte es wieder nach -den Efeuranken, die das Bild umgaben; von ihnen hatte es auch schon die -Hälfte Blätter abgezupft. - -Fräulein Wunderlich brachte vor Entsetzen kein Wort heraus. Seit dem -Tode ihrer Eltern stellte sie immer blühende Blumen unter das Bild. Sie -meinte damit das Andenken der Toten gar gut zu ehren. Niemand durfte -an den Blumen rühren, und nun saß das kleine, schwarze Untier oben und -zerstörte alles. - -Minna Müller, die Schneiderin, fand es nicht weiter schlimm, daß -ein Huhn einmal Blumen zerzauste. Marie würde es schon fangen und -alles wieder in Ordnung bringen. Sie dachte immer nur an ihre kranke -Mutter, und daß sie Geld haben und rasch heimgehen mußte. Weil -Fräulein Wunderlich so stumm geworden war, wagte sie es noch einmal zu -bitten. »Meine Mutter ist so krank,« flehte sie; »ach bitte, Fräulein -Wunderlich, geben sie mir doch das Geld, ich brauche es für Medizin. -Ach, wenn meine Mutter nun stirbt!« - -[Illustration] - -»Ritsch, ratsch,« zog das Huhn an der Efeuranke, und das Bild selbst -wackelte und schwankte plötzlich hin und her. Mit einem Schrei sprang -Fräulein Wunderlich hinzu, der kleine Teufel flüchtete und riß die -Schale vom Schränkchen, die mit lautem Geklirr zu Boden fiel. Doch -das Bild war an seinem Platz geblieben, Fräulein Wunderlich hielt es -fest. Dabei sah sie in die Augen ihrer Mutter, die nun schon so lange -tot war. Gute, sanfte Augen waren es, und der Tochter fiel ein, daß sie -wohl immer Blumen unter das Bild stellte, aber recht lange schon nicht -in die lieben Mutteraugen geblickt hatte. Sie tat es jetzt, schaute, -während Marie schreiend das Huhn fing und Fräulein Müller leise weinte, -nachdenklich in das treue, gute Muttergesicht, und da war es ihr, als -spräche der Mund wieder wie einst mahnend: »Sei nicht so zornig, sei -mild, laß dich nicht von deiner bösen Laune so beherrschen! Nachher -bereust du es, aber die Reue kommt manchmal zu spät.« - -»Ich hab's, Fräulein, ich hab's,« schrie Marie und hielt das kleine -schreiende Huhn fest. »Ist doch zu närrisch, da geistert das Untier die -ganze Zeit im Hause rum, und niemand merkt was. Wo's nur gesteckt hat? -Und den Schaden, den es angerichtet hat, die schöne Schale!« - -Zu Maries großem Erstaunen hatte ihre Herrin kein zorniges Wort. Diese -bückte sich nicht einmal, um die Scherben aufzuheben, sie sagte rasch -zu der kleinen, noch immer weinenden Schneiderin: »Kommen Sie, Fräulein -Müller, ich will Ihnen Ihr Geld geben; das Kleid wird schon sitzen.« -Ihre Stimme klang so sanft, daß Marie wieder dachte: »Wenn sie so -spricht, ist sie zu nett. Und komisch, nicht mal schelten tut sie über -die zerbrochene Schale!« - -Ihre Herrin ging schweigend hinüber, und drüben sprach sie liebe, -freundliche Worte mit Minna Müller, und dann packte sie für die kranke -Mutter lauter gute Sachen ein und versprach, sie wolle morgen selbst -nach der Kranken sehen. Die Schneiderin weinte noch immer, aber jetzt -tat sie es vor Freude und Dankbarkeit. Als sie durch den Flur ging und -Marie ihr die Haustüre öffnete, rief sie: »O, Fräulein Wunderlich ist -aber gut, so gut! Und immer habe ich mich vor ihr gefürchtet, und das -ist gar nicht nötig, sie ist ja so freundlich!« - -Ein Weilchen später dachte das Marianne Sonntag auch. Fräulein -Wunderlich rief sie gar freundlich an, als sie heimgehen wollte, und -setzte ihr Teekuchen vor, und Marie erzählte die seltsame Geschichte -von dem schwarzen Huhn. »'n Wunder ist's, 'n richtiges Wunder! Wo das -Untier nur gewesen ist?« rief sie. »Und Herr Wunderlich muß es hören, -er wird sich auch wundern.« - -Herr Wunderlich wunderte sich auch wirklich, er wunderte sich aber -noch viel mehr über seine Schwester: die war so sanft und gut wie seit -langem nicht. Es war wirklich, als wäre hellster Sonnenschein, und -dabei rann und rieselte draußen der Regen immer stärker vom Himmel -herab. »Ich muß heimgehen,« sagte Füchslein endlich, »ich habe keinen -Regenschirm.« - -»Wart' nur noch ein Weilchen, es hört wohl auf,« riet Fräulein -Wunderlich. Es hörte aber nicht auf, dafür klingelte es nach einer -Viertelstunde etwas laut. Draußen stand Ulrich Sonntag und sagte -verdrossen: »Ich will unser Füchslein abholen, weil es regnet.« - -Beim Anblick des Bruders kamen Marianne alle guten Versöhnungsgedanken -in den Sinn. Mit einem Jubelschrei fiel sie dem Buben um den Hals, -unbekümmert darum, daß er recht naß war. »O Ulli,« rief sie, »wir -wollen wieder gut sein miteinander. Onkel Wunderlich sagt, sonst wird -'ne Dornenhecke draus, und wir können nicht mehr drüber. Ach, und Ulli, -der Teufel ist wieder da!« - -»Füchslein, du bist verdreht,« brummte Ulrich. Er streichelte aber -der Schwester doch die Backen, wenn es auch ein bißchen ungeschickt -ausfiel. Er war heilfroh, daß sein Füchslein wieder gut zu ihm war. - -Beim Wort von der Dornenhecke war Fräulein Wunderlich zusammengezuckt; -sie sah zu ihrem Bruder auf und begegnete dem Blick seiner guten, -stillen Augen. »Er hat der Mutter Augen,« dachte sie und streckte ihm -rasch die Hand hin. »Man kommt manchmal auch über eine Dornenhecke, -Matthias,« sagte sie, »wenn man nur den guten Willen hat. Wollen wir -nachher zusammen ins Spiegelhaus gehen und den alten Freund besuchen?« - -»O Line,« sagte der alte Mann froh, »so soll endlich Friede werden -zwischen uns? Gott sei gelobt!« - -Die beiden Sonntagskinder hatten das Zwiegespräch nicht gehört. -Füchslein hatte die wunderbare Geschichte von dem Oberheudorfer Huhn -erzählt, und Ulrich wunderte sich gebührend. Dann mahnte er: »Komm -heim, Mutter sorgt sich sonst. Und Jobst wartet auch!« - -Marianne stülpte sich flink ihren Hut auf, nahm ihre Geige, und nach -fröhlichem Abschied patschten sie beide versöhnt und einträchtig über -den Johannesplan heimwärts. - -Ein Weilchen später gingen die beiden alten Leute durch den rinnenden -Regen hinüber in das Nachbarhaus zu dem Freunde ihrer Jugend. Friede -stand an der Türe, als sie kamen, und er erschrak sehr, als er Fräulein -Wunderlich so plötzlich vor sich sah. Sicher kam sie des Huhnes wegen. -»Das Huhn,« stammelte er erschrocken, »ich -- ich dachte, Sie hätten es -hinausgeworfen!« - -»Das Huhn! Hast du es gebracht?« rief Fräulein Wunderlich und zog den -Knaben in ihre Arme. »O Friede, Junge, ich danke dir, o so sehr!« - -»Für das Huhn?« Friede sah namenlos verdutzt drein. - -Fräulein Wunderlich lachte, wirklich, sie lachte herzlich und froh, -und dabei sah sie so hübsch aus wie ein Sonnentag. »Ja, für das Huhn, -und noch für viel mehr. Komm, gib mir die Hand, wir wollen Frieden -schließen miteinander, willst du?« - -»Ja,« rief Friede vergnügt und rannte ins Haus hinein, um seinem -Pflegevater den Besuch anzukündigen. - -Der schlug mit lautem Knall das Buch zu, in dem er gelesen hatte. -»Endlich,« rief er, »endlich ist die Dornenhecke fort!« Froh eilte -er den Gästen entgegen, streckte ihnen beide Hände hin und rief: -»Willkommen im Spiegelhaus! Das hätte ich nicht gedacht, daß mir der -Regentag eine solche Freude bringen würde.« - - - - -[Illustration] - -Allerlei Geschenke, und was aus ihnen wird. - - -»Heute brauche ich nicht um die Kirche herum zu gehen,« dachte -Traumfriede an dem Morgen nach der Versöhnung zwischen den feindlichen -Nachbarn. Der Junge packte recht nachdenklich seine Bücher zusammen. Er -freute sich, daß nun keine Feindschaft mehr zwischen dem Spiegelhaus -und dem kleinen Organistenhaus herrschte, aber daß er nun wieder zu -Wunderlichs sollte, tat ihm bitter leid. Gestern war es verabredet -worden, und Fräulein Wunderlich war gar lieb und freundlich zu ihm -gewesen. Er wußte aber doch, so lieb wie den Professor würde er sie nie -gewinnen. »Könnte ich bei ihm bleiben!« wünschte er sich, als er durch -den Garten auf das Tor zuschritt. Aber das war wohl ein vergeblicher -Wunsch; Professor von Spiegel hatte ja gleich gesagt, er würde ihn nur -kurze Zeit behalten. - -»Heda, Traumfriede! Na, so etwas, der Bube sieht nicht rechts und -links,« schrie ihn plötzlich eine laute Stimme an, und als er sich -verwirrt umsah, hielt gerade vor ihm Kaspar auf dem Berge mit seinem -Wäglein. »Na gelt, das freut dich, daß de mal wieder 'n Oberheudorfer -siehst?« fragte der Wirt behaglich. - -In Friedes Augen leuchtete es auf; er freute sich wirklich, und an die -hochmütigen Grünmützen dachte er gar nicht. Er hatte gleich hundert -Fragen zu stellen, fragte dies und das, wollte wissen, wie es Muhme -Lenelies gehe und allen andern im Dorfe, und der dicke Wirt konnte kaum -Luft schnappen. Endlich schrie er: »Nä, Friede, so 'n Gefrage! Kannst -du aber schwätzen! Wie geht's?« - -[Illustration: Ein Gruß aus der Heimat.] - -Friede wollte gerade den Mund zu einer neuen Frage auftun, als bimbam -im Gymnasium die Uhr anschlug. Himmel, die Schule begann! »Ich muß -fort,« rief Friede erschrocken, aber Kaspar auf dem Berge hielt ihn -noch fest. »Da, Bub', die Wurst; ich hab' dir eine mitgebracht. Weißt -schon, wie 'ne Oberheudorfer Wurst schmeckt keine andere.« Und ehe -Friede noch recht wußte, wie und was, hatte er eine lange Wurst im Arm. -Er stammelte noch einen kurzen Dank und raste dann eilig in die Schule. -Es war allerhöchste Zeit. - -»Ich soll noch 'ne Kiste abgeben; die stell ich hier rein,« schrie der -Wirt noch. »Laß dir's schmecken!« - -Friede hörte das gar nicht mehr, er rannte, seine Wurst fast zärtlich -im Arm, über den Schulhof die Treppe hinauf und kam gerade noch im -letzten Augenblick in das Klassenzimmer hinein. - -»Er hat eine Wurst im Arm, eine Wurst aus Oberheudorf,« tönten ihm -gleich etliche Stimmen entgegen, und nun besann sich Friede erst, daß -er die Wurst ganz offen im Arme trug. In seiner Verlegenheit sagte er -patzig zu seinem Nachbar: »Laß meine Wurst zufrieden!« - -»Na nu,« rief der, »ich habe deiner Wurst ja nichts getan, nicht einmal -angesehen habe ich sie. Zeig sie erst mal her!« - -»Ja, zeig sie uns auch, Friede Pfennig!« Ein paar Bubenhände langten -nach der Wurst, Friede wollte sie halten, aber schon hatte einer sie -ihm entrissen. Dem wieder suchte sie ein anderer zu entreißen; drei, -vier riefen: »Ich will die Wurst« und »Gebt sie ihm doch wieder!« - -Just in diesem Augenblick tat sich die Türe auf, und Doktor Schneider -trat ein. Die Buben schnellten zurück, der die Wurst hatte, wollte sie -Friede zuwerfen und -- - -[Illustration] - -»Au!« rief Doktor Schneider erschrocken, denn die große Wurst sauste -ihm plötzlich an den Magen. Nun gehört eine Wurst allemal in den -Magen, aber an den Magen sicher nicht, und in einer Schulstube sind -herumfliegende Würste auch nicht am Platze. Das Gesicht des Lehrers -verfinsterte sich auch beträchtlich, mit strengen Augen musterte er die -Schüler. Er sah in lauter erschrockene und verlegene Gesichter, als er -ernst fragte: »Wem gehört die Wurst?« - -Einen Augenblick herrschte Totenstille in der Klasse, keiner wagte -Friedes Namen zu nennen; sie wußten es alle ja ganz genau, daß er die -Wurst nicht geworfen hatte. Noch einmal fragte der Lehrer streng: »Wem -gehört die Wurst?« Da stand Friede auf und sagte leise aber fest: »Mir!« - -Doktor Schneiders Blick ruhte prüfend auf dem Knaben. Der war zwar -blutrot geworden, aber seine Augen sahen offen und frei zu dem Lehrer -auf. »Hast du die Wurst geworfen?« fragte er wieder. - -Einen Herzschlag lang zögerte Friede. Er wußte, wer die Wurst geworfen -hatte. Jobst von Hellfeld war's gewesen, er hatte es wohl gesehen, aber -angeben, nein, das tat er nicht. »Es ist meine Wurst,« sagte er nur, -kein Wort der Anklage, nichts weiter. - -»Warum hast du denn die Wurst mit in die Klasse gebracht?« Doktor -Schneiders Stimme klang schon ein wenig milder als zuvor. - -Friede war es da, als stände Kaspar auf dem Berge vor ihm; er sah -sein rundes Gesicht und hörte seine breite Stimme freundlich reden, -und ganz fest sagte er: »Ich habe die Wurst geschenkt bekommen. Der -Wirt aus Oberheudorf hat sie mir mitgebracht, und es war zu spät, sie -heimzutragen.« - -»So -- und warum hast du mit der Wurst geworfen, oder -- warst du es -nicht?« - -Friede atmete tief, aber er schwieg. Doktor Schneider lächelte -unmerklich. »Hm, vielleicht ist die Wurst von selbst durch die Luft -geflogen, was meinst du?« - -Zweiunddreißig Paar Bubenaugen ruhten auf Friede. Was würde er jetzt -sagen? würde er doch der Angeber sein? Jobst von Hellfeld hatte die -Lippen verächtlich zusammengepreßt; er verrät mich doch, dachte er, -natürlich, er haßt mich ja! - -»Na, Friede Heller,« fragte Doktor Schneider noch einmal, »was meinst -du, ist die Wurst von selbst geflogen?« - - -»Nein,« rief Friede rasch und schaute zu dem Lehrer mit blitzenden -Augen auf, »ich denke aus -- Versehen. Wir haben uns geneckt.« - -»Ich war's, ich warf die Wurst.« Jobst von Hellfeld schnellte wie ein -Pfeil empor, er war auch blutrot geworden, aber mutig und ehrlich sah -auch er zu dem Lehrer auf. - -Doktor Schneider nickte gelassen: »Es mag gut sein, ich wollte nur -wissen, ob Würste von allein fliegen können. Wir wollen beginnen!« - -Dreiunddreißig Bubenköpfe senkten sich auf die Bücher herab, die Stunde -begann, und es war eine, in der die Buben ihre Dummheiten vergaßen und -mit leuchtenden Augen dem Lehrer lauschten. Geographie gab es. Die -Landkarte an der Wand wurde weit und groß. Da waren nicht bloß Linien -und blau getuschtes Meer, da rauschten die Wellen, Wikingerschiffe -durchsegelten den Ozean; Italien, Griechenland, den sonnigen Süden -meinten die Buben zu schauen; sie lugten hinüber nach Afrikas Küste, -und als draußen die Glocke den Schluß der Stunde verkündete, da kehrten -alle nur langsam, fast betrübt von einer wunderschönen Fahrt zurück. - -Friede kam erst recht zu sich, als die Türe hinter Doktor Schneider -klappte. Wirklich, da war das Schulzimmer, da saß er, Friede Heller -aus Oberheudorf, auch Traumfriede genannt. Und er war kein nordischer -Seefahrer, wie er noch eben gemeint hatte. So recht zu sich kam er -erst, als über ein paar Köpfe hinweg ihm Jobst von Hellfeld seine -braune Hand hinreichte: »Heller, verzeih mir, bist ein anständiger -Kerl!« - -»Ja, ein sehr anständiger Kerl!« Ulrich Sonntag hielt ihm auch die Hand -hin. Er lachte gutmütig: »Das Füchslein hat doch recht gehabt!« - -Aus dem Kreise der andern traten noch etliche zu dem Oberheudorfer -Buben; die waren es, die ihn am meisten geneckt hatten. Doch ehe Friede -sich noch recht ausgewundert und alle Hände geschüttelt hatte, ertönte -schon wieder die Glocke, und Doktor Schneider, der auch die zweite -Stunde zu geben hatte, betrat von neuem das Klassenzimmer. Diesmal -flog ihm keine Wurst an den Magen; er sagte aber auch nichts mehr von -dem Vorhergegangenen. Die Buben merkten bald, er hatte vergeben und -vergessen. - -In der großen Pause fanden sich Friede, Jobst und Ulrich zusammen auf -dem Schulhof. Friede hatte seine Wurst mitgebracht, denn Ulrich Sonntag -hatte gemeint, sie wäre gewiß besonders gut. Nun probierten sie alle -drei einträchtig die Wurst und schlossen dabei Freundschaft. Und wie -sie so saßen, kam einer nach dem andern hinzu, und Friede teilte aus; -bereitwillig gab er jedem etwas, froh, daß er der Geber sein durfte. - -»Die schmeckt aber fein!« Peter Müller, ein kleiner, dicker Kerl, -schlug sich auf den Bauch. »Ich wollte, ich kriegte auch mal eine.« - -»Die ißt du dann doch allein, und wir kriegen nichts,« brummte Ulrich -Sonntag. »Der Friede ist ein anderer Kerl, der gibt uns doch was ab!« - -»Freilich, der Heller ist ein anständiger Kerl!« Das Wort tönte Friede -noch in den Ohren, als er schon wieder oben im Schulzimmer saß. Mit -so hellen Augen wie an diesem Tage hatte er noch nie das Gymnasium -verlassen. Er ging auch nicht allein, er ging mit Jobst und Ulrich, -und er nahm gerade so lustig und vergnügt von den andern Abschied wie -diese voneinander; er fühlte, er gehörte jetzt zu ihnen. Als er über -den Johannesplan lief und Fräulein Wunderlich am Fenster saß, da -schwenkte er jauchzend seine grüne Mütze. Nun hatte er ja Freunde, gute -Kameraden! Heisa, wie anders sah da die Welt aus! - -Singend betrat er das Spiegelhaus. Aber nicht wie sonst kam ihm -Frau Emma freundlich entgegen; sie sah ganz ärgerlich drein. »Du, -Friede, sieh nur,« rief sie, »was soll nun das bedeuten?« Sie zeigte -verächtlich auf eine Anzahl Töpfe, Teller und Kannen, die am Boden -standen. Alle hatten abgebrochene Henkel, große Sprünge und Lücken. -»Dies hat ein Mann gebracht; er sagt, er wäre Kaspar auf dem Berge, und -er solle dies Herrn Professor abgeben. Erbarm' dich, Friede, was soll -der mit dem kaputen Zeug?« - -»Ich weiß nicht,« stotterte Friede verdutzt und musterte die Scherben. -Die Kanne mit den Rosen und Vergißmeinnicht kannte er. Das war -Waldbauers Staatskanne gewesen. Ja, und aus dem Topfe mit dem grünen -Eichenkranz -- aus dem hatte Heine Peterles Muhme sonst immer ihren -Sonntagnachmittagkaffee getrunken. - -»Ja so,« sagte Frau Emma wieder, »und hier ist ein Brief an dich. -Vielleicht steht da drin, was der Unsinn bedeuten soll.« Sie reichte -Friede einen Brief, der reichlich mit Fettfingern geziert war, und als -der Junge ihn erbrach, strahlte ihm als Erstes ein großer Tintenklecks -entgegen. »Ach,« dachte er, »der ist von Heine Peterle.« Denn Heine -Peterle war groß in Tintenklecksen, ein richtiger Künstler war er -darin; niemand in ganz Oberheudorf machte so viele und so große -Tintenkleckse wie Heine Peterle. - -Der Brief war auch wirklich von ihm. Er lautete: »Lieber Friede! Weil -Dein Härr Brofester so arg gern gapuhte Töppe hat, kriechst Du welche. -Wir haben alle welche gebragt und weil ich keins hatte, habb ich Muhme -Rese seinen Kaffätopp erschlagen. Und wenns wider was gapuht ist, -kriechts Härr Brofester. Und file Grüßen von alle. Und wenns doch erst -Fährchen giehbt. Und mit filen Grüßen Dein liebr Heine Peterle. Und auf -Witersähen. Haste die Stattjungens schon ferhauen?« - -Friede ließ den Brief sinken und sah Frau Emma halb kläglich, halb -lachend an. »Die Töpfe sind wirklich für den Herrn Professor! Hier -steht's.« - -»Was ist für mich?« Professor von Spiegel hatte in seinem Zimmer -Friedes Worte gehört. Er schaute zur Tür hinaus, und das erste, was er -sah, war das zerschlagene Geschirr. »Na nu,« rief er, »es hat heute -wohl hier Polterabend gegeben?« - -»Das ist für Sie, Herr Professor,« rief die ordentliche Frau Emma -ärgerlich. »Aus Oberheudorf haben sie es geschickt. So ein Unsinn, -solchen Kram zu schicken!« - -»Wer weiß, was sie sich dabei gedacht haben. Zeig doch mal deinen -Brief, Friede!« - -»Heine Peterle kann nicht so sehr gut schreiben,« murmelte Friede -verlegen, den Brief hinreichend. - -»Aber Kleckse kann er scheint's machen,« meinte der Professor, »und --- oh -- --.« Der alte Herr lachte plötzlich laut auf, lachte so -schallend und herzlich, daß sein Lachen die andern ansteckte. Sie -lachten mit, Frau Emma, ohne zu wissen, warum, und Friede, weil er -herzlich froh war, daß sein Beschützer sich nicht ärgerte. »Oh,« rief -der, »ihr Oberheudorfer seid doch wirklich ein kurioses Volk! Zu meinen -Altertümern, zu meinen wertvollen Ausgrabungen soll ich diese Scherben -stellen. O, o Kinder! Dieser Heine Peterle schlägt auch noch dafür -seiner Muhme den Kaffeetopf entzwei.« - -Die Gärtnersfrau hatte inzwischen den Brief genommen und ihn gelesen, -und ihr kullerten gleich die hellen Tränen vor Lachen über das runde -Gesicht. »Nein, dieser Purzel,« rief sie, »ich koche ihm Schokolade, -wenn er noch einmal kommt.« - -»Er meinte es so gut,« sagte Friede. Der Freund tat ihm leid. Wie würde -sich der kränken, wenn er wüßte, wie er ausgelacht würde! Und noch -einmal sagte er bittend, entschuldigend: »Er ist doch so gut!« - -»Brav, mein Junge, entschuldige deinen Freund!« Der Professor klopfte -noch immer lachend Friede auf die Schulter. »Freilich, woher sollt ihr -es auch wissen, was meine Sammlung bedeutet,« fügte er gutherzig hinzu. - -»Ach, der Friede ahnt es schon,« rief Frau Emma rasch. »Der steckt, so -oft er kann, im Saal; ich glaube, der kennt schon jedes Stück.« - -Überrascht schaute der Professor seinen Pflegesohn an. Er war allezeit -freundlich und väterlich zu dem Buben gewesen, aber allzuviel hatte -er sich doch nicht mit ihm unterhalten. Er hatte ihn in sein Haus -genommen, weil es gerade nicht anders ging, aber eigentlich hatte er -ihn immer nur wie einen Gast betrachtet, der kommt und wieder geht -und nie weiter an seine Zukunft gedacht. »Wollen wir einmal zusammen -zu meinen Lieblingen gehen?« fragte er jetzt freundlich. »Unterdessen -denkt Frau Emma vielleicht an das Mittagessen.« - -»Ach, du meine Güte,« rief die Frau erschrocken, »ich vergesse ja -rein über dem Oberheudorfer Unsinn die Küche und lasse meinen Herrn -verhungern!« Sie rannte aufgeregt davon. - -Der alte Herr aber stieg heiter mit dem Knaben in das obere Stockwerk -hinauf und betrat den Saal, in dem seine Sammlung aufgestellt war. Er -erklärte Friede dies und das, fragte auch einmal und verwunderte sich -immer mehr über des Buben kluge Antworten und sein lebhaftes Interesse. -»Eigentlich ist's schade,« rief Herr von Spiegel, »daß du wieder -fortgehst.« - -»Ach ja!« Aus allertiefstem Herzensgrund kam Friedes Seufzer, und seine -blauen Augen sprachen so deutlich: »Ich möchte hier bleiben,« daß der -Professor erst gar nicht darum zu fragen brauchte. Er rief lachend: -»Ja, Friede Heller, ich glaube wirklich, du bleibst lieber bei mir und -magst nicht zu den Wunderlichs hinüber!« - -Friede nickte strahlend, hoffnungsfroh: »Ich blieb' so gern, ach -furchtbar gern.« - -»Aber Fräulein Wunderlich, was wird sie sagen?« Der alte Herr sah -bedenklich aus. - -»Ach, sie ist sicher sehr froh, wenn ich nicht komme,« rief Friede -aufgeregt. »Ich mache doch Schmutztapsen auf der Treppe und bin laut -und ärgere sie und -- --« - -»Na, du hast es ja gut vor! Bist du so ein Schelm?« fragte der -Professor lachend. »Wir wollen uns einmal die Sache überlegen. Jetzt -ruft uns Frau Emma zu Tisch, und ich denke, wir haben beide Hunger.« - -Friede spürte zwar keinen Hunger. In der Freude seines Herzens aber -sauste er im Oberheudorfer Geschwindschritt die Treppe hinab. Das -Speisezimmer lag im Erdgeschoß. Es ging trapp, trapp, trapp. Auf der -vorletzten Stufe verlor er das Gleichgewicht, und mit lautem Gepolter -sauste er in die Töpfe, Kannen und Teller hinein, die noch immer auf -dem Flur standen. Klirr, krach, zersprang Muhme Reses Kaffeetopf -in tausend Scherben, und Waldbauers einstige Staatskanne kollerte -dem Professor vor die Füße, während der Kuchenteller, der einst im -Schulzenhause Prunkstück gewesen war, den ganzen Flur entlang rollte. - -»Erbarm dich, Junge!« rief Frau Emma. »Wenn du so toben willst, dann -wird dich drüben Fräulein Wunderlich gut ansehen!« - -»Da ist's wohl besser, er bleibt hier bei uns, nicht wahr, Frau Emma?« -meinte der Professor und sah lächelnd, prüfend in Friedes Gesicht. - -»Na allemal,« rief die Gärtnersfrau. »Ist doch was Junges im Haus!« - -Friede war sehr verlegen geworden. »Ich kann auch leiser gehen,« -stotterte er beschämt und trat zur Seite, und klirr, ging Kaspars auf -dem Berge alter Bierkrug völlig auseinander; Friede war gerade darauf -getreten. Da nahm der Professor den Buben gütig an der Hand und zog ihn -mit in das Eßzimmer hinein. »Ich sehe schon, es hilft nichts; ich muß -nachher hinüber gehen und dich von den Wunderlichs losbitten. Ich werde -ihnen sagen, daß du ein ganz schlimmer Bube bist und alle Oberheudorfer -Altertümer zertreten hast.« - -Das Losbitten war nicht leicht. Im Musikzimmer des Organistenhauses -brachte der Professor seine Bitte vor, und Fräulein Wunderlich sah -trübe drein. Einstmals hatte sie sich gesträubt, den Oberheudorfer -Buben in ihr Haus zu nehmen, nun tat es ihr bitter leid, daß er nicht -kommen wollte. - -»Ich würde so gut zu ihm sein,« sagte sie traurig; »aber freilich, -Liebe läßt sich nicht erzwingen.« - -»Aber erwerben! Wir wollen uns teilen,« gab Herr von Spiegel zur -Antwort. »Friede soll bei mir und hier zu Hause sein. Er soll oft, oft -zu den guten Nachbarn gehen.« - -»Er darf auch poltern und mal ein rechter Oberheudorfer Bube sein,« -rief das Fräulein halb lachend, halb wehmütig. - -»Er hat's schon gut, der Junge,« sagte Herr Wunderlich heiter. »Erst -mochte ihn niemand leiden, nun streiten sich gar zwei um ihn. Aber was -ist das?« Er deutete auf den Johannesplan, den man durch das Fenster -sehen konnte. Da stand Friede mit Jobst und den Geschwistern Sonntag, -und alle vier lachten laut und herzlich; der ganze Platz schien -mitzulachen. Das Füchslein hopste vor Vergnügen immer von einem Bein -auf das andere. Es schwenkte einen Brief hin und her, und sein helles -Stimmlein drang zu den drei alten Leuten in das Zimmer hinein: »Oh! -Heine Peterle ist zu ulkig. Ach, ich muß nach Oberheudorf, ich muß -Heine Peterle sehen!« - -»Wir auch, wir auch,« brüllten die Buben. - -»Freundschaft überall,« sagte Herr von Spiegel, nickte heiter und -rief seinen Pflegesohn herbei. Die Kinder kamen eilig an, und Friedes -Augen strahlten hell, als er erfuhr, daß ihm das Spiegelhaus weiter -Heimat sein sollte. Fräulein Wunderlichs Gesicht wurde ernst, ja -finster; des Buben Freude tat ihr bitter weh. Der Professor merkte -es, und rasch sagte er: »Zeig mal Heine Peterles Brief.« Und während -die alte Freundin las, erzählte er von den Oberheudorfer Altertümern, -und allgemach wurden die Kummerfalten in Fräulein Wunderlichs Gesicht -wieder glatt. Ein Lachen zuckte um ihren Mund, und zuletzt lachte sie -mit den Kindern um die Wette. Draußen hörte es Marie und wurde auch -angesteckt, und die Wände des alten Hauses wunderten sich über das -frohe herzliche Lachen. So etwas hatten sie lange, lange nicht gehört! - - - - -[Illustration] - -Die Denkmalsbuben von Schwipperlingen. - - -Wenn die Oberheudorfer Buben und Mädel gar so stolz und aufgebläht von -ihren Stadtbesuchen sprachen, dann sagte wohl Schuster Pechdraht, der -gern ein wenig neckte: »Aber in Schwipperlingen waret ihr doch noch -nicht.« - -Das stimmte. In Schwipperlingen war noch keins der Kinder gewesen, -und dann ärgerten sie sich jedesmal, wenn es der Schuster sagte. Das -Städtchen lag nicht viel weiter von Oberheudorf entfernt als Feldburg, -aber der Weg dahin war etwas beschwerlicher. Außerdem gingen die -Oberheudorfer seit vielen Jahren nach Feldburg, denn Schwipperlingen -hatte früher einem andern Fürstentum angehört, und die ältesten Leute -sagten noch immer: »Schwipperlingen liegt im Ausland.« - -An einem Samstagnachmittag nun marschierten etliche Buben und Mädel an -des Schusters Haus vorbei und machten so viel Geschrei und Geträtsch, -daß der Schuster zum Fenster hinaussah und ein bißchen ärgerlich sagte: -»Na, was habt ihr denn wieder?« - -»Anton Friedlich und der dicke Friede verreisen,« schrieen etliche -Buben. - -»Verreisen? So, wohin denn? Was haben denn dumme Buben zu verreisen?« - -»Nach Schwipperlingen geht's,« rief Anton Friedlich keck, den die -dummen Buben erbosten. - -Die andern Kinder lachten, und Schuster Pechdraht ärgerte sich über -die Antwort. Er klappte das Fenster zu und schalt: »In Schwipperlingen -können sie euch gar nicht gebrauchen.« - -»Jetzt hat er's! Warum neckt er uns immer,« rief Anton Friedlich stolz. - -»Am Ende denkt er gar, ihr geht nach Schwipperlingen,« kicherte -Schulzens Röse, und das kam allen so komisch vor, daß sie zusammen in -ein lautes Gelächter ausbrachen. - -Anton Friedlich sollte im Forsthaus Hirschsprung seine Muhme, seines -Vaters Schwester, besuchen, und da diese Muhme auch des dicken Friedes -Muhme war, durfte der mit. Bis zu dem Forsthaus hatten sie etwa zwei -Stunden zu gehen, und da sie dort übernachten durften, machten sie -natürlich eine Reise. Wenn einer aber eine Reise macht, geben ihm gute -Freunde bis zum Bahnhof das Geleit. Da es in Oberheudorf aber keinen -Bahnhof gab, liefen die Kinder wenigstens bis zum Kuhberger Walde mit. -Dort wurde Abschied genommen, und der dicke Friede seufzte dabei schwer. - -»Warum stöhnste denn?« forschte Annchen Amsee. - -»Ich mag nich verreisen,« brummte Friede. - -»Komm nur, Dicker,« redete Anton Friedlich zu, dem es allein zu -langweilig war. »Komm, wir gehen nach Schwipperlingen.« - -»Fein, nach Schwipperlingen!« riefen alle, und Heine Peterle sagte: -»Na, dann möchte Schuster Pechdraht aber staunen, puh! Viel Vergnügen -in Schwipperlingen!« - -Lachend trennten sich die Kinder, und der dicke Friede sah den -Zurückbleibenden noch ein Weilchen sehnsüchtig nach. Er hatte wirklich -keine große Lust, die Muhme zu besuchen. - -»Nach Schwipperlingen gingste wohl lieber?« fragte Anton neckend. - -»Freilich, gleich,« knurrte Friede. - -Anton Friedlich blieb stehen. Lust zu dummen Streichen hatte er -allemal, und plötzlich erschien es ihm sehr lustig, sehr verlockend, -nach Schwipperlingen zu gehen. Warum eigentlich nicht? Wenn er nicht -kam, würde sich die Muhme nicht sorgen, denn sie wußte nichts von dem -Besuch. Und daheim dachten sie, er sei im Forsthaus. »Du, Dicker,« -sagte er atemlos vor Aufregung, »komm, wir beide gehen jetzt nach -Schwipperlingen!« - -Der dicke Friede blieb stehen und sah den Vetter verdutzt an. Meinte -der es ernst? Aber Anton meinte es wirklich ernst. »Komm,« drängte er, -»erst gehen wir nach Schwipperlingen und morgen früh zur Muhme. Du, -dann sind wir zuerst in Schwipperlingen gewesen. Paß auf, dort ist's -gar noch feiner als in Feldburg!« - -Friede seufzte und dachte nach. »Hm -- aber wenn wir Hunger kriegen!« - -»Oh, ich hab' Kuchen mit.« Anton Friedlich schwenkte ein rotes -Taschentuchbündel. Der Kuchen war zwar für die Muhme bestimmt, aber der -Bube dachte leichtsinnig: »Alles essen wir ja nicht auf.« - -Friede war einverstanden und sagte vergnügt: »Na, die werden staunen!« - -»Hoi,« schrie Anton begeistert, »und wir tun uns aber nachher! Und -vielleicht hat Schwipperlingen auch ein Schloß.« - -»Oder zwei Schlösser, und vielleicht ist gerade Vogelschießen dort,« -orakelte der dicke Friede. Er fing an, schnell zu laufen. Jetzt freute -ihn die Reise erst recht. - -Der Weg ging bergauf und bergabwärts wie alle Wege von Oberheudorf -aus. Lange wanderten die Buben durch den Wald, der in seiner -frühlingsfrischen Pracht wunderschön war; aber dafür hatten die Buben -keinen Sinn an diesem Tag. Sie redeten nur von Schwipperlingen. Wenn -sich ein grünes Tälchen vor ihnen auftat und ein kleiner Bach glucksend -an ihnen vorbeirann, dachten sie an Schwipperlingen, und wenn sie einen -Berg hinaufstiegen, sagten sie zueinander: »Vielleicht sehen wir bald -Schwipperlingen liegen.« - -So rasch fanden die Bubenbeine aber doch nicht den Weg in das -Städtchen. Er dehnte sich gar lang, und da die Wegweiser selten waren, -machten die Wanderer auch manchen Umweg. Antons Kuchenbündel wurde -immer leichter, und doch behauptete Friede ein paarmal: »Ich habe -Hunger!« Er sagte auch: »Ich bin müde,« und Anton Friedlich sagte ihm -das nach. Da rasteten sie denn am Wege, und es wäre ihnen recht lieb -gewesen, wenn jemand sie nach Schwipperlingen gefahren hätte. Ein Bauer -kam auch mit einem leeren Wagen an. Der fragte aber so genau nach dem -»Woher« und »Wohin«, daß es den beiden Ausreißern himmelangst wurde, -und darum antworteten sie auf seine Frage: »Wollt ihr mit?« rasch: »Nä, -danke schön, wir gehen lieber.« - -Das kam dem Bauern seltsam vor, und er forschte: »Was habt ihr denn in -Schwipperlingen zu tun?« - -»Du, Friede,« tuschelte Anton Friedlich, »komm, wir reißen aus!« - -Friede, dem es ohnehin bänglich zumute war, nickte: »Ja, komm!« Und -heidi -- sprangen alle beide auf und rasten davon. - -»Holla, heda, was soll das?« schrie der Bauer ihnen überrascht nach, -aber er konnte viel rufen; die beiden liefen in schnellstem Lauf in den -nahen Wald hinein. - -»Die haben was angestellt,« dachte er und schaute sich um. Da sah -er ein rotes Bündel im Grase liegen. Anton Friedlich hatte das -Kuchenbündel vergessen. »Na wartet,« brummte das Bäuerlein, »das sollt -ihr suchen, ihr Schelme. Wer weiß, wo ihr das hergenommen habt!« Er -trug das Bündel in seinen Wagen und fuhr von dannen, und zwei paar -Bubenaugen sahen ihm aus dem Walde traurig nach. - -»Er nimmt's mit,« schluchzte der dicke Friede. »Oh, ich hab' solchen -Hunger!« - -»Schrei nich,« tröstete Anton Friedlich. »Ich hab' zwei Groschen; da -können wir uns in Schwipperlingen sattessen.« - -»Wenn's nur nicht so weit wäre,« seufzte der dicke Friede. Er trabte -aber doch tapfer der Stadt zu, von der jetzt die ersten Türme in der -Ferne aufstiegen. Die beiden gingen sehr vorsichtig auf dem schmalen -Fußweg entlang; sie sahen sich ängstlich nach allen Seiten um, ja sogar -in die Kirschbäume am Wege sahen sie hinauf, ob sich nicht etwa der -Bauer mit seinem Wagen auf einen Baum gesetzt hätte. Zu dumm war es; -aber immer redete da leise und eindringlich eine Stimme in den Herzen -der Buben: »Wärt ihr nur zur Muhme gegangen, ihr seid auf falschem -Wege.« Keiner wollte es dem andern sagen, wie unbehaglich es ihm -eigentlich zumute war, und namentlich Anton Friedlich redete immer laut -und dreist von der Stadt. Friede war stiller und bedrückter. - -Der Frühlingstag war schon müde geworden, und der Abend stand da, -bereit, ihn in seine Arme zu nehmen, da gelangten die beiden endlich -nach Schwipperlingen. Die kleine Stadt schmiegte sich in ein enges -Tal, und da sie nicht Platz darin hatte, waren kleine Häuser und ein -paar helle Villen zu beiden Seiten die Berge hinaufgelaufen. Wie -Feldburg hatte auch Schwipperlingen noch alte Häuser und Mauerreste -aus vergangenen Zeiten, und zwei Kirchtürme, der eine spitz und -schlank, der andere rund und dick, ragten aus dem Häusergewirr auf; -von einem Schloß war nichts zu sehen. Dafür sahen die Buben aber etwas -anderes, was ihnen so seltsam festlich und feierlich vorkam, daß -sie erst zögerten, in die Stadt hineinzugehen. Die Häuser waren mit -bunten Fahnen geschmückt, die im Abendwind lustig flatterten. Dazu -hingen Kränze und Girlanden von den Fenstern herab, und über ein paar -Straßen waren grüne Bogen gespannt. Wer an diesem Frühlingsabend in -Schwipperlingen gesund und lustig war, der wanderte durch die Straßen -und freute sich mit den andern an dem heiteren Schmuck, und so zogen -durch die sonst so stillen Straßen ganze Scharen froher, lachender und -singender Menschen. Den beiden Dorfbuben gefiel das sehr gut, und eine -Weile vergaßen sie Müdigkeit und Angst, so viel gab es zu schauen. - -»Siehste,« sagte Anton Friedlich stolz, »sie haben Vogelschießen, fein, -nich?« - -»Jaaah.« Friede fuhr nachdenklich mit der Hand in seine Hosentasche. -»Du,« brummelte er, »wir haben aber kein Geld!« - -Anton erschrak. Ja freilich, zum Vogelschießen gehört Geld, und er -hatte nur zwanzig Pfennig, und -- Hunger hatte er auch. »Wenn wir nur -den Kuchen hätten!« seufzte er. - -»Da -- -- ist der Bauer.« Friede stieß plötzlich den Vetter an. -Richtig, da hielt der Bauer vor einem Hause und sprach mit einem Mann. - -»Er sieht uns nicht,« flüsterte Anton; aber gerade da wendete sich der -Bauer um und schaute dorthin, wo die beiden Buben standen. Heisa! waren -die um eine Ecke herum verschwunden, und ein paar Minuten lang liefen -sie, ohne sich umzusehen durch die Straßen. Die Angst, entdeckt zu -werden, trieb sie vorwärts. Aber der Bauer verfolgte sie nicht, und so -blieben sie wieder stehen. Die Straße, die sie entlang gelaufen waren, -mündete auf einen von Häusern umstandenen Platz. Auf dem stand in der -Mitte ein großer Bretterverschlag. - -»Dort bauen sie 'n Karussell,« rief Anton. - -Aber Friede sah kaum hin; ihm war plötzlich etwas eingefallen. »Du,« -sagte er ängstlich, »wo schlafen wir denn?« - -Anton Friedlich vergaß den Bretterverschlag, die geschmückte Stadt, -alles. Er blickte sich scheu um. Es war schon ziemlich dunkel geworden; -nur kurze Zeit noch, dann war es Nacht. Was taten sie dann? - -»Ich hab' Hunger,« klagte der dicke Friede, der mehr und mehr die Lust -verlor, sich die Fahnen und Girlanden anzusehen. Die vielen, vielen -Menschen auf den Straßen wurden ihm immer unheimlicher, und eine -heiße Sehnsucht nach Oberheudorf packte ihn. Dort brauchte er nicht zu -hungern, dort stand sein Bett, dort -- - -»Dort kommt er wieder,« tuschelte Anton Friedlich aufgeregt. Ein Wagen -rollte die Straße entlang, und die Buben rissen aus, obgleich sie in -der immer tiefer werdenden Dämmerung gar nicht erkannten, ob es der -Bauer war, den sie auf der Landstraße getroffen hatten. - -»Ich hab' Hunger,« klagte Friede nach einem Weilchen wieder, und der -Vetter nahm trotzig seine beiden Groschen aus der Tasche und tröstete: -»Wir kaufen uns was, dort ist ein Laden.« Er zog Friede mit über die -Straße und blieb vor einem hellerleuchteten kleinen Laden stehen. Im -Schaufenster lagen allerlei gute Dinge: Wurst, Käse, Früchte; alles sah -sehr verlockend aus, und den hungrigen Buben lief das Wasser im Munde -zusammen. - -»So'ne Fische sind fein,« sagte Friede und deutete auf geräucherte -Aale. Einmal hatte die Mutter so einen Fisch aus der Stadt mitgebracht. - -Der Kaufmann öffnete seine Türe, sah die Straßen entlang, und als er -die beiden Buben erblickte, fragte er: »Wollt ihr noch was kaufen, dann -sputet euch. Jetzt wird zugemacht.« - -»Ja, so'n Fisch,« flüsterte Anton verlegen und deutete auf den größten -fetten Aal. - -»Na, dann kommt nur herein. Habt ihr Geld?« - -»Ja.« Stolz reichte Anton Friedlich seine Groschen hin, und Friede -bewunderte heimlich des Vetters Kühnheit. Der tat auch, als wäre er -schon wer weiß wie oft in der Stadt gewesen. Der Kaufmann sah die -beiden Groschen an und lachte. »Das ist zu wenig, dafür bekommst du -nur zwei von dieser Sorte; sind auch gut, sind sogar sehr fein.« Er -wickelte zwei große Bücklinge ein und reichte sie den Buben. »Laßt's -euch gut schmecken. Und nun geht, ich muß meinen Laden schließen.« - -Die beiden standen draußen und wußten kaum, wie sie hinausgekommen -waren. Und hinter ihnen schloß der Kaufmann rasselnd seinen Laden. -»Mein Geld,« schrie Anton Friedlich erschrocken, »ich will die Fische -nicht.« - -Er konnte aber lange rufen, das Geschäft war zu, und niemand kümmerte -sich um seine Klage. Nur ein paar Vorübergehende sahen sich nach den -Buben um, und das war denen so unheimlich, daß sie weiter liefen. -Sie rannten mit ihren Fischen straßauf, straßab; sie wußten nicht, -wo sie sich hinsetzen und bleiben sollten. Jeder Mensch, den sie -trafen, schien sie mit strengen, musternden Blicken anzusehen, und mit -gesenkten Köpfen rannten sie weiter. Endlich gelangten sie wieder auf -den Platz, auf dem die Bretterbude stand. Die Menschen waren inzwischen -alle in ihre Häuser gegangen, und der ganze Platz lag öde und -verlassen da. »Weißte was,« tuschelte Anton Friedlich, »wir kriechen in -die Bude rein.« - -»Hm,« knurrte der dicke Friede nur noch. Er war so müde geworden, daß -er kaum noch die Augen aufhalten konnte. Stumm stolperte er hinter dem -Vetter drein, und zweimal liefen sie um die Bretterbude herum, ehe sie -eine lose Planke entdeckten und da hineinschlüpfen konnten. Innen war -es ganz still, nichts rührte und regte sich. Wie ein Karussell sah es -eigentlich nicht aus; nur in der Mitte stand ein großer verhüllter -Gegenstand. - -Anton guckte zaghaft unter das verhüllende Tuch und entdeckte ein paar -Pferdebeine. Erst erschrak er. Da die Beine sich aber nicht bewegten -und der Dorfbube vor Pferden keine Angst hatte, tippte er vorsichtig -daran und fühlte, daß die Beine hart und kalt waren. »Siehste,« sagte -er stolz, »das ist'n Karussell, und morgen ist Vogelschießen und --« - -»Ich hab' Hunger,« seufzte Friede und aß dann schon halb schlafend -den einen der teuer erkauften Fische auf. Der schmeckte ihm nicht -sonderlich, und das Loch in seinem Magen füllte er auch nicht aus. Aber -vor Müdigkeit vergaß er zuletzt auch seinen Hunger. Am Boden lagen -ein paar leere Säcke. Sie gaben zwar ein hartes Lager ab, es war aber -doch ein Lager. Die Buben dachten nicht mehr weiter darüber nach, was -morgen sein würde; sie streckten sich aus und schliefen schon ein, -während sie sich noch reckten und dehnten. Über ihnen summte und surrte -von Stunde zu Stunde laut eine große Kirchenglocke, aber die beiden -wachten davon nicht auf, sie schliefen auf ihrem harten Lager bis zum -lichten Morgen. - -Anton Friedlich wachte zuerst auf. Ganz deutlich hatte er laute Stimmen -neben sich vernommen. Schlaftrunken rieb er sich die Augen, und erst -allmählich fiel ihm ein, daß er ja in Schwipperlingen war und nicht -daheim. Der dicke Friede schnarchte noch mit offenem Munde, und Anton -wollte ihn gerade mit lautem Zuruf wecken, als in allernächster Nähe -eine Stimme sagte: »Jetzt schnell runter mit dem Gerüst, damit Ordnung -wird.« Und krach schlug es an die Bretterplanke. - -»Friede,« flüsterte Anton ängstlich, »komm, sie hauen 's Karussell ab.« - -Friede richtete sich auf und sah sich schlaftrunken um. Da krachte es -wieder auf der andern Seite, und mit Getöse fiel die halbe Wand um. -»Hier unters Tuch!« wisperte Anton leise. Er zog den Vetter rasch mit -sich, und beide schlüpften unter die Leinwand. Gerade zur rechten Zeit. -Wieder fiel eine Planke um, und durch einen Ritz sah Anton ein paar -Männer, die eifrig daran gingen, das ganze Holzgerüst einzureißen. -»Ih, das ist doch aber abscheulich,« sagte der eine plötzlich laut -und zornig. »Was ist das! Hier hat jemand Fischköpfe und Gräten -hingeworfen. Na, den sollte ich erwischen, dem ging's schlecht!« - -Den Buben wurde es heiß und kalt bei dieser Drohung, und ängstlich -schmiegten sie sich dicht aneinander an, sie wagten kaum zu atmen. Die -Männer rissen unterdessen das Brettergerüst ein, räumten Schutt und die -Säcke weg und spannten ein Seil um das verhüllte Pferd. Dann fingen -die Kirchenglocken an zu dröhnen und zu singen, und Menschen eilten -über den Platz der nahen Kirche zu. Ein paar sehr stattlich aussehende -Polizisten kamen und schritten immer auf und ab, und wenn jemand näher -kam, dann riefen sie: »Platz da, am Denkmal darf niemand stehen.« - -»Bumbum, bumbum, ratata, ratara,« ertönte es auf einmal, und die -Schwipperlinger Straßenbuben schrieen: »Sie kommen, sie kommen.« - -»'s ist doch Vogelschießen,« flüsterte Anton dem Vetter zu. »Wenn sie -jetzt mal nich hinsehen, reißen wir aus!« Aber es war wie verhext. Alle -schauten immer nach dem verhüllten Ding hin; es war, als hätten sie gar -nichts anders zu sehen. Durch ein paar Ritzen und Löcher konnten die -Buben alles ganz gut überschauen. Eigentlich war es ein ganz feiner -Platz, den sie hatten. Wenn nur Furcht und Hunger nicht gewesen wären; -das waren ein paar ungute Gesellen, welche die beiden Oberheudorfer -Ausreißer tüchtig zwickten und zwackten. - -»Bumbum, bumbum, ratabum, ratara.« Immer näher kam die Musik, und -wieder schrieen die Schwipperlinger Buben: »Sie kommen, sie kommen!« -Alle Hälse reckten sich, alle Augen richteten sich auf die eine breite, -auf den Platz mündende Straße. Von dort her kam jetzt ein langer Zug, -weißgekleidete Mädchen voran, dann viele Männer, die Fahnen trugen, -Musikanten, dann eine Anzahl Buben in einer wunderlichen Tracht, und -alle diese Leute stellten sich in einem großen Halbkreis auf, und aus -ihrer Mitte schritt ein Herr heraus und trat auf das verhüllte Ding zu. - -»Der kriecht auch hier unter,« tuschelte Anton aufgeregt. Aber das -tat der Herr nun nicht. Er stellte sich auf einen hohen mit Girlanden -und buntem Tuch geschmückten Block, die Musik machte noch einmal -»ratabum ratara,« dann war alles still. Nur der Herr auf dem Block -sprach. Er erzählte eine Geschichte, gerade so eine Geschichte, wie sie -manchmal in Oberheudorf der Herr Lehrer erzählte. Da wurde einmal in -Schwipperlingen ein Mann geboren, der später ein gar berühmter Feldherr -geworden war. Den Buben in ihrem Versteck schlug ordentlich das Herz, -als der Herr von den Heldentaten dieses Mannes erzählte. In schweren -Zeiten der Not hatte der treu und fest zu seinem Vaterland gestanden, -und noch heute lebte sein Andenken in aller Herzen. »Und dieser Mann -war ein Schwipperlinger,« rief der schwarzgekleidete Herr, »er lebt -noch in unseren Herzen, aber wir wollen auch immer sein Bild vor Augen -haben. Schwipperlingen ehrt seinen großen Sohn. Heute an dem Tag, an -dem er vor 150 Jahren in dieser Stadt geboren wurde, falle die Hülle -von seinem Denkmal!« - -»Bumbum, bumbum, ratabum, ratara,« fiel die Musik ein. Ein paar Männer -zogen, und klatsch -- fielen die Hüllen vom Denkmal. - -»Ah,« riefen alle, und dann ertönte jäh ein einziger lauter Schrei des -Entsetzens. Totenbleich lehnten rechts und links an dem Pferde des -großen Feldherrn die beiden Oberheudorfer Buben. - -»So eine Frechheit! Unerhört!« brüllten ein paar hundert Stimmen, und -der Herr, der die Rede gehalten hatte, drehte sich erschrocken um. -Dabei verlor er das Gleichgewicht und purzelte von seinem hohen Kasten -herunter. »Was ist das, was ist das?« rief er. - -»Eine Frechheit, eine Frechheit!« riefen die Zuschauer. - -»Ein Hinfall,« schrie einer, der gern Witze machte. - -Aber schon waren ein paar Polizisten herzugesprungen. Der eine faßte -Anton, der andere Friede am Kragen, und die beiden wurden unter -johlendem Geschrei von dem Denkmal weggezogen. - -[Illustration] - -»Haue müssen sie haben,« rief jemand, und gleich schrieen zwanzig, -dreißig Stimmen nach: »Haue müssen sie haben.« - -»Bumbum, bumratabum, ratara,« fiel die Musik wieder ein. Der Dirigent -hatte gar nichts von den Buben gesehen; er dachte nur, jetzt ist es -Zeit, daß ich mal wieder eins blasen lasse. - -»Hurra, hurra, hurra,« brüllte die Menge. Hüte und Tücher wurden -geschwenkt. Dazwischen riefen wieder etliche: »Die frechen Buben -müssen tüchtig verhauen werden.« - -»Schwipperlinger sind's nicht, die tun nie so was,« kreischten ein paar -Stimmen. »Wer weiß, wo die her sind!« - -Anton und Friede waren halbtot vor Angst, als sie von den Polizisten -weggeschleppt wurden. Sie sahen viele Augen drohend auf sich gerichtet -und meinten, alle diese Menschen wollten sie schlagen. Das Schreien, -die Musik, das ganze wilde Getöse verwirrte sie so, daß sie sich ziehen -und schubsen ließen und keinen Laut von sich gaben. Die Polizisten -kamen aber auch schwer mit ihnen durch das Gedränge. Viele Zuschauer -dachten gar nicht mehr an das Denkmal, an den Festzug und die schöne -Rede. Die Frage, woher eigentlich die beiden Buben gekommen waren, -erschien ihnen viel wichtiger. Namentlich alle Schwipperlinger -Straßenjungen hatten das allergrößte Interesse an Friede und Anton. Sie -liefen immer hinterdrein und jauchzten: »Das sind die Enthüllten, das -sind die Denkmalsjungen, hurra, die Denkmalsbuben!« - -Endlich war die Polizeiwache erreicht, und ein gestrenger -Oberwachtmeister empfing die Missetäter. Er sah sie drohend an und -fragte barsch: »Warum habt ihr euch an das Denkmal gesetzt?« - -»Weil -- weil -- weil -- wir -- dachten -- 's wär 'n Karussell,« -schluchzte Anton Friedlich. Der dicke Friede sagte gar nichts, der -heulte nur. - -»Ein -- Karussell?« Der Oberwachtmeister sah die Polizisten an. Er -tippte mit der Hand an die Stirn, und die Polizisten nickten. Ja, es -schien ihnen auch so, als wären die Buben nicht recht bei Verstand. - -»Hm.« Der Oberwachtmeister wurde freundlicher. »Woher seid ihr denn?« - -»Mit Verlaub, ich glaube, die sind irgendwo ausgerissen,« rief da -eine Stimme. Der Bauer, dem die Buben am Tage vorher begegnet waren, -hatte die Wachtstube betreten. In der Hand hielt er Antons rotes -Kuchenbündel. »Das da haben sie liegen lassen, und so was läßt doch nur -einer liegen, der ein schlechtes Gewissen hat!« - -»Ich hab' Hunger,« schrie der dicke Friede plötzlich aufgeregt beim -Anblick des Kuchenbündels, und »knurrrknurrr« knurrte sein Mäglein so -laut, daß sich alle in der Wachtstube erstaunt ansahen. So etwas hatten -sie noch gar nicht gehört. - -»Potzwetter ja,« rief der Oberwachtmeister, »Hunger hat der Bube -anscheinend wirklich.« Dann fiel ihm etwas ein. Er schüttelte Friede -an den Schultern und sagte streng: »Jetzt erzählst du mir alles, woher -ihr kommt, warum ihr an dem Denkmal gesessen seid, und wenn du in -fünf Minuten fertig bist und nicht dabei heulst wie ein Schloßhund, -bekommst du eine Butterschnitte.« - -Das war ein Wort! Hätte der Wachtmeister dem Buben eine goldene -Königskrone versprochen, das Erzählen wäre nicht so fix gegangen. Aber -die Sehnsucht nach der Butterschnitte war riesengroß, und der dicke -Friede wurde darüber ordentlich gesprächig. In drei Minuten wußten sie -in der Wachtstube alles, selbst den Fischkauf verschwieg Friede nicht, -und daß sie gedacht hätten, es wäre Vogelschießen, und das Denkmal sei -ein Karussell. - -»Ihr wißt wohl gar nicht, was ein Denkmal ist?« fragte der -Oberwachtmeister kopfschüttelnd. - -»Nä,« sagte Friede treuherzig, »in Oberheudorf ist so was nich!« - -»Das glaube ich!« Der Herr Oberwachtmeister lächelte. »Oberheudorf und -Schwipperlingen, das ist auch ein Unterschied. Also da habt ihr jeder -eine Butterschnitte. 's ist mein Frühstück, aber mein Magen knurrt -nicht so arg, und dann macht, daß ihr heimkommt. Eigentlich habt ihr -Strafe verdient, denn ihr habt die ganze Feierlichkeit gestört. Die -ausgestandene Angst ist aber auch eine Strafe gewesen. Höfer, bringen -Sie die Buben an die Stadtgrenze.« - -Von einem Schutzmann geleitet, aus der Stadt gebracht zu werden, war -wirklich keine Ehre und kein Vergnügen. Die Buben büßten auf dem Gang -noch einmal bitter ihr heimliches Davonlaufen. Es war wirklich, als -hätten die unnützen Schwipperlinger Buben und Mädel nichts weiter zu -tun, als immer nur über die Denkmalsbuben zu spotten und zu lachen. -Ach, und Schwipperlingen, das nur ein kleines Städtchen war, erschien -den beiden riesengroß. Immer wieder gab es Straßen und Häuser, und die -Schwipperlinger waren so schrecklich neugierig. Im allerletzten Haus -noch guckte eine Frau aus dem Fenster heraus und rief: »Was haben denn -die gemacht?« - -»Das sind die Enthüllten, die Denkmalsbuben,« schrieen ein paar -Straßenjungen, und das Wort gellte Anton und Friede noch eine ganze -Weile nach, als das Städtchen schon hinter ihnen lag. Anfangs liefen -sie wie ein paar Rennpferde, und erst als die Stadt ganz in der Ferne -verschwunden war, setzten sie sich an den Straßenrand, aßen ihren -Kuchen und redeten ganz trübselig von der Heimkehr. - -»Weißte,« sagte Anton Friedlich, als er den letzten Bissen verschluckt -hatte, »wir tun, als wär's furchtbar lustig gewesen. Vom dummen Denkmal -sagen wir gar nichts.« - -Der dicke Friede seufzte tief. Das Lustigsein erschien ihm eine schwere -Arbeit. Freilich, vor dem Ausgelachtwerden fürchtete er sich auch, -und so versprach er denn, er wolle ein lustiges Gesicht machen. -Er probierte es schon unterwegs, bald zog er den Mund ganz breit, -dann wieder lachte er laut, und ein paar Landleute, die den Buben -begegneten, fragten ängstlich: »Der Dicke ist wohl krank?« - -»Jetzt kannste's schon,« rief Anton Friedlich froh, als die -Oberheudorfer Kirchturmspitze vor beiden auftauchte. »Paß auf, es merkt -niemand was!« - -Das Dorf lag im Sonntagsfrieden, als die beiden es erreichten. Alle -Arbeit ruhte, und vor den Türen saßen die Erwachsenen und freuten sich -an dem Sonnenschein und an dem Blühen in ihren kleinen Gärten. Um den -Dorfbrunnen herum aber lärmten mal wieder die Buben und Mädel. Sie -spielten Räuber und Prinzessin, und Krämers Trude saß als Prinzessin -auf dem Brunnenrand und sah zu, wie sich ihre Getreuen mit den Räubern -herumbalgten. Es war immer eine gefährliche Sache, als Prinzessin -auf dem Brunnenrand zu sitzen. Denn schon manche Prinzessin war im -stürmischen Kampf in den Trog geplumpst, und Krämers Trude sah auch -ziemlich ängstlich drein und dachte: »Vielleicht plumpse ich auch.« - -Just als nun die Räuber angerast kamen und die Ritter die Prinzessin -verteidigen wollten, stolperten Anton Friedlich und der dicke Friede -müde und matt die Dorfstraße entlang. »Da sind die feigen Ausreißer,« -schrie Heine Peterle und schwenkte drohend seinen Holzpantoffel, und -Schulzens Jakob stakerte mit seiner Bohnenstange in der Luft herum und -brüllte, so laut er konnte: »Nieder mit den Ausreißern, nieder mit den -feigen Hallunken!« - -»Na, das ist doch zu frech,« schrie Anton Friedlich erbost. »Wir sind -keine Hallunken, und in Schwipperlingen war's fein!« Er entriß Heine -Peterle zornig den Holzpantoffel, und es hätte sicher eine Balgerei -gegeben, wenn der dicke Friede nicht mutig geschrieen hätte: »Wir waren -in Schwipperlingen!« - -Ritter und Räuber vergaßen ihre Kampfeslust, die Prinzessin rutschte -vom Brunnenrand herab, und alle umdrängten neugierig die Heimkehrenden. -»Warum seid ihr in Schwipperlingen gewesen? Wie war's denn? Erzählt -doch!« - -Anton Friedlich war schon wieder friedlich gesinnt. Er merkte, daß -Heine Peterle und Jakob ihn gar nicht gemeint hatten, und stolz begann -er zu erzählen. Er schwadronierte darauf los, schwatzte von den -Schönheiten Schwipperlingens, und der dicke Friede riß den Mund vor -Staunen weit auf. Nein, konnte der Vetter aber aufschneiden! - -Wie ein paar Helden wurden die Buben geehrt. Das war noch einmal -etwas: in Schwipperlingen war noch niemand von den Kindern gewesen! Ja -sogar die Eltern schalten nicht so sehr. Heimlich sagte sogar Anton -Friedlichs Vater zum Schulzen: »Sind doch ein paar tüchtige Buben! -Laufen in eine fremde Stadt, als wär' das nichts. Ist ganz gut, wenn -sie in den Städten merken, was wir Oberheudorfer für Leute sind.« - -Drei Tage dauerte der Ruhm der Buben, und Anton Friedlich wurde -immer kühner, immer frecher im Aufschneiden. Er wußte immer mehr von -Schwipperlingen zu erzählen, und beim Heimweg umdrängten ihn stets -alle Kinder neugierig. Nur von Schwipperlingen wollten sie hören, an -Feldburg dachten sie kaum noch. Am dritten Tage aber, als die Kinder -wieder auf der Dorfstraße lärmten, rief Schuster Pechdraht auf einmal: -»Kommt her, ich will euch eine feine Geschichte vorlesen.« - -Na, neugierig waren die Oberheudorfer Buben und Mädel alle, und sie -überpurzelten sich beinahe, um nur rasch an das Schusterhaus zu kommen. -Meister Pechdraht saß vor seiner Tür und hatte ein Zeitungsblatt in der -Hand. »Stellt euch alle um mich herum; Anton Friedlich und du, dicker -Friede, ihr dürft euch neben mich setzen, ihr Schwipperlinger Helden -ihr.« - -Die beiden lachten stolz und blähten sich ordentlich auf; die andern -sahen sie ganz ehrfürchtig an. Auch ein paar Mägde kamen angelaufen, -selbst der Schulze und der Waldbauer, die gerade vorbeikamen, blieben -stehen und fragten: »Was gibt's denn?« - -»Hört nur zu, eine feine Geschichte gibt's,« sagte Meister -Pechdraht und lachte so recht spöttisch; dann las er laut: »Die -Denkmalsenthüllung in Schwipperlingen.« Nun bekamen der Anton und der -Friede auf einmal rote Köpfe. Aber der Schuster schien das gar nicht zu -merken, er las laut, wie man in Schwipperlingen die Stadt geschmückt -hatte; die Rede des Bürgermeisters kam und dann -- oh, wäre doch ein -Mauseloch dagewesen für die beiden Schwipperlinger Helden. Da stand -alles, ihre ganze Leidensgeschichte war berichtet worden, und zuletzt -hieß es: »Hoffentlich sind die Oberheudorfer Buben nicht alle so dumm -wie diese beiden.« - -»Nä!« schrieen sämtliche Kinder entrüstet. Der Schulze aber schalt -wütend: »Potzwetter, ihr Buben, was habt ihr angerichtet! Ihr bringt ja -unser ganzes Dorf in Verruf. Na, wartet nur!« - -Die beiden warteten aber nicht. Und so wütend die Kinder auf sie waren, -durchschlüpfen ließen sie die Missetäter doch. Dann rannten freilich -sämtliche Buben und Mädel hinter ihnen her und spotteten: »War's -fein in Schwipperlingen? Erzählt doch von Schwipperlingen! Ha, die -Denkmalsbuben!« - -Die beiden hatten keine guten Tage, und sie wurden sehr kleinlaut und -bescheiden in dieser Zeit. Wenn jetzt einer nur »Schwipp« sagte, dann -huschten sie schon geschwind um die nächste Ecke herum. Aber auch die -andern Kinder wollen nichts von Schwipperlingen wissen, und Schuster -Pechdraht kann zehnmal sagen: »Aber in Schwipperlingen waret ihr -doch nicht,« sie machten sich nichts daraus, sie schrieen nur: »Nach -Schwipperlingen gehen wir nicht, schwipp, schwapp, Feldburg ist besser!« - - - - -[Illustration] - -Sommerferienlust. - - -»Übermorgen gibt's Ferien, und Friede Heller kommt heim.« Die -Oberheudorfer Buben und Mädel erzählten sich das nun schon zum -hundertsten Male, und wenn nur ein Mensch in Oberheudorf gewesen wäre, -der diese wichtige Sache nicht gewußt hatte, alle hätten es ihm gern -nochmals und nochmals gesagt. Aber die Erwachsenen mochten gar nichts -mehr von den Ferien hören. Hans Rumpf, der Nachtwächter, meinte sogar, -es sei ein rechter Unsinn damit, doppelt Schule wäre richtiger. Nur -Muhme Lenelies ließ sich immer wieder von den Ferien erzählen, und -jedesmal freute sie sich und sagte auch: »Und Friede kommt heim.« - -»Wenn er kommt, machen wir was,« erklärte Heine Peterle. - -»Was denn?« - -»Na, Musik oder so was. Wie wenn der Herzog kommt.« - -»Laßt es lieber,« riet Muhme Lenelies. »Solche Überraschungen gehen -manchmal verkehrt aus.« - -Aber die Kinder hörten nicht auf den guten Rat. Traumfriede mußte -feierlich empfangen werden, das stand fest. Aber wie? Anton Friedlich -sagte: »Fahnen und Musik müßten wir haben, das ist fein.« - -»So war's wohl in Schwipperlingen?« neckten etliche. Aber die Fahnen -gefielen doch allen, nur -- sie hatten keine. Die drei Fahnen, die -manchmal an Festtagen das Dorf schmückten, bekamen die Kinder nicht, -das wußten sie, auch ohne danach zu fragen. Sie rieten hin und her, -bis auf einmal Schnipfelbauers Fritz rief: »Ich weiß was. Kathrine hat -einen roten Rock und Mutter eine schwarze Schürze und ein weißes Tuch -dazu; das ist wie 'ne Fahne.« - -»Meine Mutter hat nur blaue Schürzen,« meinte der dicke Friede betrübt. - -»Och, das schadet nicht,« schrie Anton Friedlich. »Fahne ist Fahne, 's -kann auch blaue geben.« - -»Und grüne und gelbe und rote und alle möglichen,« riefen die andern -Kinder. Und jedem fiel ganz unversehens ein, aus was eine Fahne gemacht -werden könnte. Es würde gewiß ganz wundervoll werden, und höchst -befriedigt liefen alle heim. - -Einen Tag vor Ferienanfang verschwanden den Bäuerinnen auf sehr -geheimnisvolle Weise Schürzen, Röcke, Umschlagtücher, Bettlaken und -ähnliche Dinge. Die meisten Hausfrauen merkten es gar nicht. Nur -da, wo sich ein großes Suchen und Geschrei darum erhob, kamen die -entschwundenen Sachen sehr geheimnisvoll wieder. So vermißte Muhme Rese -plötzlich ihren neuen kornblumenblauen Sonntagsrock, worüber denn bald -das ganze Haus in Aufregung geriet. Und auf einmal hing der Rock in der -Federkammer, und kein Mensch wußte, wie er dahin gekommen war. Heine -Peterle konnte nicht mal Antwort geben. Der Bube saß und lernte so -eifrig; er schien nichts zu sehen und zu hören, und Muhme Rese dachte: -»Er geht vielleicht doch noch auf die Stadtschule. So'n Fleiß ist noch -gar nich dagewesen.« - -Endlich war der letzte Schultag gekommen. Da an diesem Tage niemand zur -Stadt fuhr, sollte Traumfriede zu Fuß heimkommen. Seine Sachen wollte -Friede Hopserling am nächsten Tage mitbringen. Um zwölf Uhr wurde in -Oberheudorf die Schule geschlossen, und die Kinder rechneten: »Erst ißt -der Friede zu Mittag, dann läuft er vier Stunden, dann ist er da.« Sie -fragten aber erst noch Muhme Lenelies: »Wann kommt er denn?« - -»So um fünfe rum, denk' ich,« meinte die Muhme. »Aber Kinder, Kinder, -macht nur keine Dummheiten.« - -Hans Rumpf, der Nachtwächter, sah an diesem Tage alle Buben und Mädel -auf eine am äußersten Ende des Dorfes gelegene Scheune zulaufen. Jedes -trug geheimnisvoll ein Paket und eine Bohnenstange, und alle rannten -scheu und heimlich hinter den Häusern vorbei. »Na warte, die haben -einen dummen Streich vor,« dachte der Nachtwächter. »Da will ich mal -aufpassen.« Er wanderte auch auf die Scheune zu, und als er hinkam, -hörte er drinnen Geschwätz und Gelächter. »Was macht ihr da?« rief er -und versuchte die Türe zu öffnen. Doch die ging nicht auf, sie wurde -von innen zugehalten. Er bekam auch keine Antwort auf seine Frage, und -so drohte er: »Ich werde euch schon erwischen, paßt nur auf; ich bleibe -hier sitzen.« - -Er setzte sich auf einen Baumstumpf am Scheuneneingang, zündete sich -seine Pfeife an und wartete. - -Innen schwatzte, lachte, polterte und lärmte es inzwischen ruhig -weiter. Allmählich aber wurde es still und stiller, zuletzt schwieg -alles. »Hei, nun möchten sie raus,« dachte der Nachtwächter. »Bleibt -nur drinnen, ihr Mäuslein; ich erwische euch schon.« Er rauchte, -betrachtete sich die Gegend und freute sich, daß er so ausnehmend klug -war. Auf einmal ertönte vom Waldrand her ein lautes Geschrei. »Man -sollte doch meinen, die Kinder wären's, wenn die nicht in der Scheune -säßen,« dachte er und zündete sich eine neue Pfeife an. - -Von Zeit zu Zeit lauschte er. In der Scheune blieb alles still. Aber -aus der Ferne erklang immer wieder Lärm und Geschrei. »'s muß rein -das Echo sein,« brummelte Hans Rumpf und zog sein Vesperbrot aus der -Tasche, schmauste und rief dazwischen: »Na, ihr Mäuslein, wie gefällt's -euch denn da drinnen?« - -[Illustration] - -Keine Antwort kam aus der Scheune. Alles blieb still wie zuvor. Doch -jetzt wurde es im Dorfe laut. Von den Feldern kamen die Männer heim, -der Hirte trieb die Herde in das Dorf zurück, und die Abendglocke -begann leise zu tönen und zu singen. Rufe erschallten vom Dorfe her, -lauter und lauter erklangen sie, die Kinder wurden zum Abendessen -gerufen. Endlich kamen ein paar Frauen angelaufen. »Hans Rumpf, hast du -nicht unsere Buben und unsere Mädel gesehen?« - -»Freilich, freilich!« Hans Rumpf nickte und lachte. Er deutete mit dem -Pfeifenkopf auf die Scheune und sagte: »Da drinnen, alle sind drin. Sie -haben 'ne Dummheit gemacht und trauen sich nicht raus!« - -»Lieber Himmel, was das Kindervolk auch immer anstellt!« rief die -Schulzenfrau. »Und sicher haben sie mir dazu wieder ein Bettuch von der -Leine genommen; es fehlt eins.« - -»Freilich, freilich, jedes hat'n Paket gehabt.« Hans Rumpf sah -ordentlich stolz aus. - -»Nä, aber so was! Fritze, komm 'raus! Je, der Bube hat am Ende gar der -Kathrine ihren roten Rock, um den die den ganzen Nachmittag heult,« -schrie die Schnipfelbäuerin. - -»Freilich, freilich, der Fritze hatte 'n rotes Paket.« - -Ein paar Bauern, die vom Felde heimkehrten, blieben stehen. »Was -gibt's?« - -»Da drin sind alle Kinder; sie haben 'ne Dummheit gemacht,« erzählten -die Frauen. - -Die Schnipfelbäuerin klopfte an das Tor: »Komm 'raus, Fritze, -geschwind!« - -»Se haben Angst.« Hans Rumpf hielt sich den Bauch vor Lachen. »Ja mit -mir ist nich gut Kirschen essen.« - -»Jakob, Röse, kommt 'raus, flink!« Die Schulzenfrau rüttelte an dem -Scheunentor, und das sperrte sich gar nicht. Es ging ganz gutwillig -auf, und -- die leere Scheune gähnte allen entgegen. - -»Die sind hinten 'raus,« brummte ein Bauer und deutete auf das zweite -gegenüberliegende Scheunentor, das weit offen stand. - -»Ja, nä!« Hans Rumpf setzte sich vor lauter Erstaunen wieder auf seinen -Baumstumpf. »So 'ne Frechheit!« - -»Na, weißte, Nachtwächter,« sagte der Waldbauer lachend, »die wären arg -dumm gewesen, wenn sie in der Scheune geblieben wären. Wo sind sie aber -hin?« - -»Am Walde hat's immer geschrieen und gelacht!« Hans Rumpf sah sich -kläglich um. »Vielleicht waren sie das?« - -»Sicher,« riefen die Frauen, und Heine Peterles Mutter, die auch -herbeigekommen war, meinte: »Die warten auf Muhme Lenelies' Friede; der -soll heute heimkommen.« - -Der Abendwind trug jetzt näherkommendes Stimmengewirr zu den Wartenden -hin, und die sagten zueinander: »Sie kommen schon, das Warten wird -ihnen zu lang.« - -Wirklich, sie kamen auch. Der Abendbrothunger trieb sie heim. In langem -Zuge kamen sie an, und die Frauen kreischten erschrocken auf: »Aber so -etwas! Was haben sie denn da!« - -Seltsame Fahnen flatterten im Winde, und die Bäuerinnen riefen -entrüstet: »Das ist meine Schürze,« »Unsere Tischdecke,« »Kathrines -Rock,« »Mein Umschlagtuch,« »Nä so was, das ist Vaters Taschentuch,« -»Je, und meine blaue Nachtjacke.« - -Die Buben und Mädel erschraken, als sie vor der Scheune Väter und -Mütter versammelt sahen. Sie hätten nun himmelgern ihre Fahnen -versteckt, die sie heimlich in der Scheune hatten abbinden wollen. Nun -war es zu spät. Die Fahnen hinwerfen und ausreißen ging auch nicht. -Gesehen waren sie einmal, also zogen sie kleinlaut und recht langsam -näher. - -»Nur fix! Sollen wir euch Beine machen?« drohte die Schulzenfrau. -»Warte, Jakob und Röse, ich will euch was lehren, mir meine Laken als -Fahne zu nehmen!« - -»Wir wollten Friede erwarten,« riefen die Kinder sehr kläglich. - -»Aber der ist lange da! Um drei Uhr ist er schon gekommen; der hat -lange Beine gemacht und um zehn Uhr schon frei bekommen,« rief die -Waldbäuerin, die eben auch ihr Mariandel suchen kam. - -»Juhu,« schluchzte Heine Peterle plötzlich, »jetzt krieg ich die -Schimpfe umsonst.« - -»Und Haue obendrein!« rief sein Vater; aber es war leicht zu merken, -daß er es nicht so ernst meinte. - -Es wurde auch mit der Schelte nicht so schlimm. Nur als die Bäuerinnen -ein paar Löcher in den Fahnen entdeckten, wurden sie sehr ärgerlich. -»Ihr müßt sie selbst flicken,« forderten sie. Als sie aber recht -zusahen, waren es immer die Bubenfahnen, die Löcher hatten. Die -Missetäter standen sehr keinlaut und verlegen da; flicken konnten sie -doch nicht! - -Da zeigte es sich aber, wie gut es ist, daß es Mädel auf der Welt gibt. -Und wie hilfsbereit die Oberheudorfer Mädel waren! Krämers Trude, -die immer mit einer blanken Eins aus der Handarbeitsstunde heimkam, -erklärte gleich: »Ich flicke sie,« und ein paar andere Mädel riefen: -»Wir helfen.« - -Da hoben die Buben gleich wieder mutig die Köpfe, und ein paar der -kecksten bettelten: »Aber sehen muß Friede die Fahnen doch, nur mal -sehen; wir machen auch keine Löcher mehr.« - -»Er kann doch nichts dafür,« wisperte Waldbauers Mariandel. - -»Wird nicht erlaubt,« knurrte Hans Rumpf, der sehr böse darüber war, -daß er so lange vergeblich vor der Türe gesessen hatte. »Marsch heim, -ins Bett, marsch!« - -Die Mütter waren nicht so streng wie der Nachtwächter. Als die Mädel -feierlich gelobten, gleich morgen am ersten Ferientag alles sauber -und ordentlich zu flicken, und die Buben nicht minder feierlich das -Versprechen gaben, nie mehr Röcke, Jacken, Tücher und ähnliche Dinge -als Fahnen zu verwenden, durften sie alle mitsammen zu Muhme Lenelies' -Haus ziehen und Friede begrüßen. - -»Hurra, Friede ist da! Hurra, hurra!« gellte es durch das Dorf. Die -Fahnen flatterten lustig, und wenn jemand gesagt hätte: »Das sind -aber sonderbare Fahnen!« den hätten die Oberheudorfer Buben und Mädel -für sehr dumm gehalten. Traumfriede fand denn auch den ganzen Empfang -großartig, auch Muhme Lenelies fand das. Da liefen alle Fahnenträger -befriedigt heim, und daß Hans Rumpf diesen ersten Ferientag nicht schön -fand, war seine Sache; den Kindern hatte er ausnehmend gefallen. - -So glücklich war aber doch kein Bube und kein Mädel wie Traumfriede. -Nun er wieder bei Muhme Lenelies in dem lieben kleinen, windschiefen -Häuschen saß, merkte er erst, wie groß sein Heimweh gewesen war. Alles -hatte er der Muhme gleich an diesem Abend erzählt; auch daß er hatte -ausreißen wollen und sich der Kameraden geschämt hatte. Wenn sie es -auch schon wußte, er mußte doch das Gesicht sehen, das sie dazu machte. -Die Muhme hatte ihn nur mit ihren stillen, guten Augen angesehen und -gesagt: »Wir laufen alle einmal ein Stück einen falschen Weg. Die -Hauptsache ist, daß wir uns bald zurechtfinden. Nun aber schlaf, mein -Junge, es gibt ja noch viele Ferientage.« - -Friede reckte und streckte sich in seinem Bett. Wie schön war es -wieder daheim bei Muhme Lenelies! O wie köstlich lang doch die Ferien -waren; was konnte man da alles unternehmen! - -Die Kinder unternahmen auch sehr viel. Sie liefen in den Kuhberger -Wald, spielten so heftig Räuber und Prinzessin, daß erst Annchen Amsee, -dann Waldbauers Mariandel in den Brunnen plumpsten. Und immer dachten -sie am Abend, daß Ferientage sicher achtbeinig seien, so fix laufen sie -über die Erde. Traumfriede war bei allem dabei, und wenn Muhme Lenelies -manchmal gedacht hatte, es würde dem Buben nicht mehr auf dem Dorf -gefallen, so merkte sie nun, wie sehr sie sich geirrt hatte. - -Am ersten Tage hatte Friede erzählt, die Sonntagkinder wollten einmal -kommen und Jobst von Hellfeld. Aber ein Tag nach dem andern verging, -sie kamen nicht, bis sie plötzlich eines Nachmittags ganz unvermutet -auf der Dorfstraße standen. - -»Was ist das jetzt für 'ne Geschichte,« sagte Schuster Pechdraht -erstaunt; »da sind ja auf einmal drei Stadtkinder.« Da stürzte aber -auch schon Traumfriede über den Dorfplatz und begrüßte die drei mit -lautem Halloh. »Wie seid ihr hergekommen?« - -»Kaspar auf dem Berge hat uns mitgenommen,« rief das Füchslein und -strich sich sein weißes Kleidchen glatt. »Ich hab' ihn heute früh -gesehen und gesagt, ich möchte nach Oberheudorf. ›Komm mit!‹ hat er -gerufen, na -- -- -- und da sind wir.« - -»Ein paar Tage dürfen wir bleiben,« erzählte Jobst. »Der Wirt hat -gesagt, Nachtquartier bekämen wir, nur heimgehen müssen wir zu Fuß, und -Herr Professor läßt dich grüßen. Er kann nicht kommen, er hat einen -schlimmen Fuß.« - -»Und das da ist Heine Peterle, nicht wahr?« rief das Füchslein und -stürzte so eilfertig auf diesen zu, daß der beinahe hintenüber fiel vor -Schreck. Nachher wurde er aber gleich gut Freund mit dem zierlichen -Stadtmädel. - -Die drei Städter gefielen überhaupt den Oberheudorfern sehr gut, und es -entstand fast ein großer Streit darum, wo sie wohnen sollten. - -»Die Buben kommen zu mir, und das Mädel muß ins Schulzenhaus, weil der -Schulze nun doch mal der Schulze ist,« entschied Kaspar auf dem Berge. -»Immer alles, wie sich's schickt.« - -Da der Wirt die Kinder hergebracht hatte, gaben ihm alle recht, und -so zog Füchslein in das Schulzenhaus, obgleich es am liebsten bei -Muhme Lenelies gewohnt hätte. Aber in dem kleinen Haus war kein Platz, -während es im Schulzenhaus eine stattliche Gaststube gab mit einem -hochgetürmten Federbett darin. Eine ebensolche stattliche Gaststube -bekamen die Buben in der himmelblauen Ente, und sie gaben Kaspar auf -dem Berge recht, als der sagte: »Ein Prinz könnte drin wohnen, wenn -einer da wäre.« - -»In Oberheudorf ist's herrlich,« rief Füchslein am nächsten Tage. »Ich -wollte, ich könnte ewig hier bleiben!« - -Die Hausfrau schenkte ihr gerade Milch ein und stellte ihr die -verlockendsten Honigbrote hin. Jakob, Röse und die jüngeren Geschwister -umdrängten den Gast, und Heine Peterle steckte seine Stubsnase zur Türe -herein und rief: »Ist se noch da?« - -»Warum soll ich denn fort sein?« fragte Füchslein erstaunt. - -»Ich dachte, ich hätt's geträumt,« bekannte Heine Peterle. Er schob -sich zur Türe hinein, warf einen riesengroßen, bunten Blumenstrauß -gerade auf Füchsleins Honigbrot und stammelte: »Du, Muhme Rese sagt, -weil de aus der Stadt bist, mußte de Blumen haben. Spielste auch Räuber -und Prinzessin mit?« - -»Ja,« schrie Füchslein entzückt, »und ich bin der Räuberhauptmann. Ich -kann furchtbar schreien, paßt auf!« Und das zarte Stadtmädel schrie -so laut und gellend, daß alle Hausbewohner zusammenliefen; selbst der -Schulze kam angerannt. »Was macht ihr mit dem Mädel? Potzwetter, mit -'nem Stadtmädel geht man fein um!« - -»Die -- -- die -- -- ist Räuberhauptmann!« Jakob krümmte sich vor -Lachen. Röse und die Kleinen quiekten und kicherten. Heine Peterle aber -stand mit offenem Munde da; endlich atmete er tief und bat: »Schrei -noch mal!« - -»Lieber nicht,« meinte die Hausfrau. »Jetzt hab' ich freilich keine -Angst mehr, ihr könntet zu wild für unsern Gast sein. Da geht nur und -spielt!« - -Und sie spielten. Sie tobten die Dorfstraße entlang, daß Hans Rumpf -grollte: »So schlimm war's noch nie.« Sie spazierten durch alle Gärten, -sahen in alle Ställe hinein, lärmten um den Brunnen herum, und ganz -alltägliche Dinge erschienen den Oberheudorfer Kindern auf einmal -schön und groß, weil die drei Städter sie mit so jauchzender Freude -bewunderten. Wie konnte sich das Füchslein über ein Lämmchen, ein -Zicklein, eine junge Katze oder kleine Hühnchen freuen! So sehr, daß -ihr Heine Peterle, Waldbauers Mariandel und Annchen Amsee am liebsten -alles Kleintier gebracht hätten. Und wie gern fuhren Jobst und Ulrich -mit auf das Feld hinaus, wo gerade der erste Schnitt getan wurde. - -»Die sind besser als ihr,« sagten die Bauern; »die möchten wir wohl -behalten.« Da blähten sich die beiden Stadtbuben ordentlich über das -Lob, und am Abend schmeckte ihnen das Essen so gut, daß Kaspar auf dem -Berge seine helle Freude daran hatte. Denn Gäste, denen es schmeckte, -die tüchtig zulangten und die Schüsseln leer aßen, die hatte man -besonders gern in Oberheudorf. - -In diesem wohlhabenden kleinen Dorfe saßen die Bauern meist schon seit -Urgroßvaters Zeiten auf ihren Höfen. Darum gab es in ihren Häusern -auch viel stattlichen Hausrat. Geschnitzte Truhen und Schränke, -schöne Kannen, Teller und Schüsseln aus Zinn, auch Spinnräder gab es -noch, wenn auch nur ein paar ganz alte Weiblein aus alter Gewohnheit -die Räder surren ließen. Füchslein ließ sich besonders gern alle -diese Dinge zeigen. Die Buben waren mehr für das Draußensein. Wenn -Füchslein auch immer sagte: »Am allerbesten gefällt es mir doch bei -Muhme Lenelies,« so kroch sie doch im Schulzenhaus, bei Heine Peterles -Eltern, bei Amsees und auf dem Waldbauernhof in alle Winkel. Auch in -das Schulhaus kamen die Stadtkinder. Der Lehrer war zu Friedes großem -Leidwesen verreist; aber die Frau Lehrer zeigte den dreien noch am -letzten Tage die Schule. In der sah Füchslein zuerst eine Geige. - -»Eine Geige, eine Geige,« rief sie sehnsüchtig, und die Lust nach dem -geliebten Instrument erwachte in ihr. - -»Kannst du denn spielen?« fragte die Frau Lehrer. - -»Ach ja!« Füchslein streckte die Hände aus. »Darf ich darauf spielen, -einmal nur?« - -»Ja, hole sie dir heute nachmittag. Wenn du gut damit umgehst, leihe -ich sie dir gern.« - -»Oh, mit einer Geige muß man gut sein; sie hat eine Seele, sagt Herr -Wunderlich,« versicherte Marianne Sonntag eifrig. - -»Nun, so hole sie dir jeden Tag!« - -»Ach, morgen müssen wir schon fort,« riefen alle drei betrübt. - -»Es ist dumm,« brummte Jobst von Hellfeld, der ganz vergessen hatte, -daß er nur auf allerdringlichstes Bitten vom Füchslein mitgekommen war. - -Am Nachmittag holte sich Marianne die Geige. Am Dorfbrunnen wollte sie -spielen; so hatte sie es den Buben und Mädels versprochen. - -Ein Mädel, das Geige spielt, hatten die Oberheudorfer noch nicht -gesehen, und selbst die allerfleißigsten Hausfrauen ließen ein Weilchen -ihre Arbeit ruhen, als Marianne Sonntag zu spielen begann. »Wir wollen -auf der Dorfstraße tanzen,« hatten die Kinder gesagt, aber sie vergaßen -das Tanzen über dem Spiel. Feine und süße Klänge durchzogen das Dorf. -Es war wie das Singen der Vögel im Frühling, wie das Rauschen der -Bäume, wenn leise der Abendwind über sie dahinstreicht. Immer stiller -wurde es ringsum, und immer mehr Leute ließen ihre Arbeit ruhen und -lauschten. Niemand aber hörte andächtiger zu als Muhme Lenelies, -Friede und Waldbauers Mariandel. »Es ist, als ob du ein Märchen -erzählst, Muhme Lenelies,« sagte Mariandel leise, und Friede dachte an -Griechenland, von dem Professor von Spiegel ihm erzählt hatte. Er hörte -das blaue Meer rauschen und sah die weißen Tempel am Ufer stehen. Die -Sehnsucht erwachte in ihm, dorthin zu ziehen und alles zu sehen und -dann auch so davon singen zu können wie Homer, der blinde Sänger. - -Daran dachte Heine Peterle nun nicht. Ihm gefiel das Spiel und das -zierliche geigende Mädel furchtbar gut. Er schwitzte ordentlich vor -Entzücken; er wünschte, seine Feldburger Flöte wäre noch ganz, dann -hätte er darauf blasen können, und als Marianne Sonntag die Geige -sinken ließ, schrie er: »Das will ich auch lernen.« - -»Nä, er ist und bleibt ein merkwürdiger Bube, unser Heine Peterle; aus -dem wird noch was Großes,« sagte Muhme Rese zu Muhme Lenelies. Aber -die gab keine Antwort. In ihren guten Augen lag ein stiller Glanz, sie -schaute Marianne Sonntag an, wie ein Blumenfreund eine feine, schöne -Blüte freudvoll betrachtet. Das Stadtmädel schien den Blick zu fühlen; -es lief plötzlich auf die alte, arme Frau zu, legte beide Arme um -deren Hals und flüsterte: »Muhme Lenelies, dich hab' ich aber doch am -liebsten in Oberheudorf.« - -»Fein hast du gespielt, Füchslein,« rief Jobst, der stolz auf die -Freundin war. - -»Ja, schene war's; blasen klingt freilich noch besser,« schnarrte -eine Stimme, die wie eine knarrende Türe klang. Hans Rumpf hatte auch -zugehört und nickte nun wohlgefällig. »Und gut ist's doch, daß es keine -Tänze waren, sonst wär' gleich auf der Dorfstraße getanzt worden.« - -»Ach ja, tanzen, wir wollen tanzen,« flehten ein paar Mädels. - -»Nä, nä, das ist nicht,« brummte Hans Rumpf. Aber niemand hörte auf -ihn. Füchslein begann wirklich eine lustige Tanzweise zu spielen. Sie -kletterte dabei auf den Brunnenrand, und um sie herum hüpften und -sprangen bald alle Buben und Mädel im Kreise. Im Takt, außer dem Takt, -im Polkaschritt und Walzertritt, allein, zusammen, wie es gerade paßte. -Eins schleifte, eins wiegte sich, eins schwenkte die Beinchen, als -wollte es die eigene Nase treffen, eins trampelte einem andern auf die -Füße, ein Mädel purzelte hin; aber alles in allem war es wunderschön. - -Der herrliche Abend ging viel zu früh vorbei, und all die dicken, -rotkarierten Federdecken sperrten ihre Mäuler auf, um die Buben und -Mädel zu verschlingen. Die ließen sich das auch ganz gern gefallen, -und mancher kleine Tänzer drehte sich im Traum noch weiter, linksum, -rechtsum, fiedelfiedeldum. Heine Peterle aber sagte noch halb im -Schlafe: »Ich will auch fiedeln lernen.« - -Nur Traumfriede war an diesem Abend nicht so froh wie sonst. In -Feldburg hatte er sich heiß nach Oberheudorf gesehnt, und heute sehnte -er sich auf einmal nach Feldburg. Er schämte sich ordentlich, als er -immer wieder denken mußte: »Könnte ich morgen einmal heimgehen ins -Spiegelhaus! Wie mag es wohl dem Professor gehen?« - -»Morgen gehen deine Freunde weg,« sagte auf einmal Muhme Lenelies. -»Möchtest du nicht mit und den Herrn Professor einmal besuchen?« - -Friede wurde blutrot. Ja konnte denn die Muhme Gedanken lesen, seine -Wünsche erraten? Er senkte verwirrt die Augen: »Ich bin furchtbar gern -bei dir.« - -Muhme Lenelies lachte leise. »Das weiß ich, mein Friede; aber man kann -irgendwo sehr gern sein, und es kann doch einen andern Ort geben, wo -man auch gern ist. Und eigentlich wär's schlimm, wenn du den Professor -nicht lieb hättest.« - -Friede atmete tief auf und fiel der Muhme um den Hals: »Dich hab' ich -aber doch am liebsten.« - -»Und sehnst dich doch hinaus, das ist nun mal so in der Welt. Geh du -morgen ruhig mit nach Feldburg, übermorgen kommst du wieder, und wir -feiern Wiedersehen.« -- - -Kaspar auf dem Berge hatte gesagt: »Wen ich geholt habe, den bringe -ich auch wieder heim.« Darum brauchten die Stadtkinder auch nicht zu -laufen; sie konnten nach Feldburg zurückfahren. Der Abschied wurde -ihnen deshalb nicht leichter, und obgleich Jobst und Ulli sagten: -»Tränen sind doch dumm,« schluchzte Füchslein ganz herzbrechend. -»Kommt mit, ach, kommt alle mit!« bat sie. Sämtliche Buben und Mädel -standen vor der himmelblauen Ente, als die Gäste schieden. Sogar die -Wickelkinder waren von den großen Schwestern mitgebracht worden. - -»Macht's nicht so arg mit dem Abschied!« mahnten die Erwachsenen. Aber -die Kinder vollführten ein ganz unglaubliches Geschrei. Jedes hatte -noch etwas zu sagen und zu fragen; am liebsten wären sie natürlich -alle mitgefahren, und daß Friede es durfte, neideten sie ihm fast. Nur -Heine Peterle fehlte. Seine Mutter war da und rief nach ihm; Muhme Rese -suchte ihn an den merkwürdigsten Orten. Er war und blieb verschwunden. -»Der wartet am Waldrand,« rieten die Kinder. - -»Vielleicht liegt er noch im Bett,« sagte der dicke Friede. Doch Muhme -Rese versicherte, dort sei er bestimmt nicht. - -»Es ist häßlich von ihm, daß er nicht kommt,« schluchzte Füchslein. Da -tröstete seine Mutter: »Paß auf, er kommt schon, ihm ist's arg leid, -daß du wieder gehst!« - -»Uns auch, uns auch,« schrieen die andern Kinder. »Wir besuchen euch -alle.« - -»Ja,« riefen die Stadtkinder, »bald!« - -»Wenn Zirkus ist; im September ist Zirkus,« rief Marianne. - -»Was ist denn das, ist das was zu essen?« fragte der dicke Friede -nachdenklich. - -Füchslein lachte hell auf und vergaß darüber das Weinen. Sie lachte -immer noch, als der Wagen schon zum Dorf hinausrollte. »Dort steht -Muhme Lenelies vor ihrem Hause,« rief Friede und winkte. Die drei -andern taten es ihm nach. Sie winkten, nickten, die Kinder liefen -hinter dem Wagen her, und immer wieder klang's: »Auf Wiedersehen, auf -Wiedersehen!« - -Bis zum Waldrand liefen die Oberheudorfer mit. Ein bißchen Neugier -war auch dabei, zu sehen, ob Heine Peterle nicht dort wäre. Er war -aber nicht dort, und als die Mitgelaufenen umkehrten und der Wagen in -den Wald hineinrollte, sagte Füchslein betrübt: »Heine Peterle liegt -vielleicht doch noch im Bette.« - -»Nä, da liegt er nich,« erklang's laut, und aus Decken, unter -Strohbündeln hervor kroch sehr vergnügt -- Heine Peterle. »Ich fahr -mit,« rief er stolz. - -»Wer fährt mit?« Kaspar auf dem Berge drehte sich flink auf dem Bock -herum. »Potzwetter, Bube, was fällt dir ein?« - -»Ich will mit, Oheim,« rief Heine Peterle. Kaspar auf dem Berge war -nämlich seiner Mutter Bruder, und er hatte gedacht: »Der Oheim nimmt -mich schon mit, wenn wir nur erst zum Dorf hinaus sind.« - -Er hatte sich aber verrechnet. »So was, das gibt's nicht,« sagte -der Wirt. »Ausreißen gilt nicht. Gelt, daß dir's wie denen in -Schwipperlingen geht! Nä, steig man runter.« - -Da half kein Bitten. Heine Peterle mußte aussteigen. Sein schöner -Plan war zu Wasser geworden. »Wir laden dich bald ein,« trösteten die -Stadtkinder. - -»Ich will auch in die Stadt,« heulte der Bube, »ich lern 's Fiedeln.« - -»Lern du nur erst ordentlich das Lesen und Schreiben,« riet der Oheim. - -»Nä,« murrte Heine Peterle, »fiedeln ist besser, da macht man keine -Kleckse.« Und schwupp, drehte er sich um und lief dem Dorfe zu. Erst -als er dort war, fiel's ihm ein, daß er nicht einmal Abschied genommen -hatte. - -Den vier Reisenden wurde unterdessen die Zeit nicht lang, sie kamen -schneller nach Feldburg, als sie gedacht hatten. Erst fuhr der Wirt -die beiden Sonntagskinder heim, dann Jobst von Hellfeld, der drei -Häuser von denen entfernt wohnte, und zuletzt rollte das Wägelein über -den Johannesplan und hielt vor dem Spiegelhaus. Friede sprang heraus, -nahm kurzen Abschied und lief dann ins Haus. Niemand hatte ihn gehört, -niemand ihn gesehen. Die Tür stand offen, und so kam er unbemerkt an -des Professors Studierzimmer. Er klopfte an und trat ein. Da saß der -Professor über ein dickes Buch gebeugt an seinem Schreibtisch. Als er -den blonden Buben gewahrte, glitt ein froher Schein über sein Gesicht. -»Grüß Gott, Oberheudorfer Friede!« rief er. »Das ist recht, daß du -einmal kommst; ich habe mich schon sehr nach dir gebangt.« - -Da war es dem Friede auf einmal, als flüstere in seinem Herzen eine -Stimme: »In Oberheudorf hast du eine Mutter, in Feldburg einen Vater. -Ei, hast du es gut auf der Welt, Friede Heller!« - - - - -[Illustration] - -Im Zirkus. - - -Im September kam wirklich, wie es das Füchslein gesagt hat, nach -Feldburg ein Zirkus. Es ist aber noch nicht gesagt, daß alle in einen -Zirkus gehen können, wenn schon einer da ist. Die Oberheudorfer Bauern -meinten, es sei genug, wenn ihre Kinder in diesen Herbstferien zum -Vogelschießen nach Niederheudorf gingen. Vom Zirkus wollten sie nicht -viel wissen. Ja freilich, das Vogelschießen lockte nicht minder. Da -wollten sie alle hin, und wenn in dieser Zeit jemand gesagt hätte, -rechts ist Zirkus, links ist Vogelschießen, kein Kind in Oberheudorf -hätte gleich eine Antwort geben können. Einmal bettelte Schulzens Jakob -beim Sonntagmittagessen: »Ich möcht' in den Zirkus.« - -»Ach was, Vogelschießen ist genug,« brummte der Schulze. - -»Aber -- -- aber, Zirkus soll so fein sein! Friede Hopserling sagt, man -muß hin, weil -- --« - -»Na, wenn's Friede Hopserling so gut weiß, dann soll er dich man -einladen und die andern dazu; mir ist's recht.« - -Der Schulze schob seinen Teller ein Stück fort. Das war ein Zeichen: -»Nun sputet euch, ihr andern, wir haben lange genug gegessen.« - -Jakob wagte kein Wort mehr; aber nachher auf dem Dorfplatz erzählte -er, was der Vater gesagt hatte. »Friede Hopserling läd uns nicht ein,« -schrie Anton Friedlich, »aber vielleicht sonst wer.« - -Ja, sonst wer! Niemand fand sich, der es tat. Die Tage kamen und -gingen. Das Vogelschießen kam und ging auch vorbei und war vergnüglich -wie immer, und schon guckten die Herbstferien in das Schulhaus hinein, -und von einer Einladung war nichts zu sehen und zu hören. Da kam eines -Tages ein Brief an den Lehrer, und der ging mit dem Schreiben zum -Schulzen. Der lachte und sagte: »Meinetwegen.« Und ebenso sagten noch -ein paar andere Bauern, und die Bäuerinnen setzten noch hinzu: »Man -gönnt's ihnen schon, das Vergnügen.« - -Auch Muhme Lenelies bekam einen Brief, und auch sie schaute froh drein; -ja sie guckte geschwind mal nach dem Wetter und sagte: »Wenn's doch -schön würde!« - -Am nächsten Tag also gab es in der Schule eine große Überraschung. -Keine solche, bei der die Feuerspritze die Schulstube unter Wasser -setzt oder jemand in die große Trommel fällt oder in sonst etwas -hinein, nein, eine wundervolle Überraschung war es. Professor von -Spiegel lud Traumfriedes Freunde und Freundinnen zum Zirkus ein. -Und das beste dabei war, die Eltern erlaubten es. Glücklicherweise -begannen just die Herbstferien, und Sonnabend früh durften sie -alle nach Feldburg fahren. Am Nachmittag war im Zirkus eine große -Festvorstellung; zu der sollten sie gehen. Der Herr Lehrer hatte die -Sache am Schulschluß gesagt, und das war gut. Wohl keines der Kinder -hätte sonst mehr aufgepaßt. - -»Eingeladen zum Zirkus!« Sie stürzten alle eilfertig auf die Straße. -Dort konnte man sich doch ordentlich freuen, und das taten sie auch -sehr laut und sehr nachdrücklich. In der Stadt hätten die Menschen -wohl gleich die Feuerwehr herbeigerufen oder gedacht, ein Kirchturm -oder mindestens drei Häuser wären eingestürzt, der Krieg sei -ausgebrochen oder so etwas Ähnliches; doch in Oberheudorf war man nicht -so zimperlich. - -Vier Schultage waren es noch, und jeder Schultag dehnte und dehnte sich -wie ein Stück Gummi. Unglaublich, wie es ein Schultag fertig bringt, -so lang zu sein. Aber dann kam doch der Morgen, an dem es hieß: »Heute -geht's nach Feldburg zum Zirkus!« Und daß es kein Traum war, bewiesen -die beiden Wagen, die mit Tannengrün geschmückt auf dem Dorfplatz die -Stadtfahrer aufnahmen. - -Es war eine wunderschöne Fahrt durch den herbstlichen Wald. Die Buchen, -die da und dort in den Tannenwald hineingelaufen waren, und die -Eichen, die am Rande standen, trugen schon ihr goldrotes Herbstkleid. -Sie spreizten ihre Laubkronen stolz in der Sonne und schienen zu -rufen: »Seht uns an, wir haben ein goldenes Gewand.« Ach, die armen -Bäume konnten viel rufen, die Oberheudorfer Buben und Mädel achteten -gar nicht darauf; sie sahen nichts von der Pracht des sonnenreichen -Herbsttages, sie schwatzten nur vom Zirkus. Höchstens sagte mal eins: -»Die Eicheln fallen schon runter,« oder sie lugten auf der Landstraße -nach den Pflaumenbäumen und griffen in die vollen Äste hinein, denn -Friede Hopserling zumal, der den einen Wagen führte, fuhr auch immer so -seltsam dicht unter den Bäumen dahin. - -Im Spiegelhaus warteten die Sonntagskinder und Jobst und Friede auf -die Gäste. Fräulein Wunderlich war herübergekommen und hatte mit Frau -Emma und Marie ungeheure Töpfe voll Schokolade gekocht. Weißbrot und -Kuchen standen bereit, und hinten im Garten waren ein paar lange Tafeln -gedeckt. Professor von Spiegel ging lächelnd und heiter auf und ab, -schaute sich alles an und freute sich mit seinem Pflegesohn auf die -Gäste. Füchslein war in namenloser Aufregung. Sie rannte immer zwischen -Tor und Festplatz hin und her. »Ich kann's kaum erwarten,« rief sie -immer wieder. »Friede, freu dich doch, schrei mal, du bist so still!« - -Traumfriede gehörte nun nicht zu denen, deren Freude überlaut ist. Wenn -er sich so recht innerlich im Herzen freute, war er meist sehr still. -Aber Jobst besorgte etliche Male das Freudeschreien, und drüben in -Wunderlichs Garten krähte der kleine Teufel wie besessen. »Er ahnt, daß -die Oberheudorfer kommen,« sagte Marie. »Es ist ein sehr kluges Tier.« - -Endlich kamen sie. Die beiden Wagen rumpelten laut und vernehmlich -über den Johannesplan, und ein paar Minuten lang war der stille Platz -von dem fröhlichsten Leben erfüllt. »Muhme Lenelies,« rief Friede -plötzlich aufgeregt und stürzte auf die alte Frau zu, die zwischen -allen Buben und Mädeln aus Friede Hopserlings Wagen kletterte. - -»Nun siehst du, mein Friede,« sagte die alte Frau vergnügt, »da bin ich -auch einmal. Wenn man eingeladen wird und es so arg bequem hat, nach -der Stadt zu kommen, ist es eine leichte Sache.« - -Muhme Lenelies konnte es schon sagen, daß es arg bequem sei, auf einem -Mehlwagen zu fahren, denn sie war viele, viele Jahre als Botenfrau den -weiten Weg zwischen Oberheudorf und Feldburg hin und her gegangen. -Heute kam sie als lieber Gast. Professor von Spiegel und Fräulein -Wunderlich gingen ihr beide so freudevoll entgegen, als wäre die -einfache alte Frau ihnen schon eine gute, langvertraute Freundin. - -Das Schokoladenfest im Spiegelhaus war sehr schön, aber das -allerschönste war dann doch der Zirkus. Der war so groß, daß sicher -das ganze Niederheudorfer Vogelschießen mitsamt dem Karussell, dem -Kasperletheater, der Pfefferkuchenfrau und allem, was sonst da war, -hineingegangen wäre. Die Buben und Mädel sagten gleich alle am Eingang: -»Ah,« und sie waren ein bißchen ärgerlich, daß sie nicht »ah« genug -sagen konnten, denn ein Mann rief immer: »Weiter, weiter, Stehenbleiben -ist verboten.« - -»Das ist in Niederheudorf nie verboten,« knurrte Schnipfelbauers -Fritz; aber als er von einem nachfolgenden Mann einen Puff in den -Rücken erhielt, ging er doch eilig weiter. - -Der dicke Friede hatte einen heißen, sehnsüchtigen Wunsch; es war der, -nur einmal im Leben ein richtiges Kasperle zu sehen. Ein Kasperle -war für ihn das Allerlustigste, Allerschönste, was er sich denken -konnte. Als nun gleich zu Anfang ein Clown in die Reitbahn sprang, -entzückte ihn dieses große, lebendige Kasperle so, daß er in ein nicht -endenwollendes Gelächter ausbrach, in das seine Gefährten jauchzend -einstimmten. Und weil es die Oberheudorfer vom Niederheudorfer -Vogelschießen so gewöhnt waren, mit dem Kasperle zu reden, so schrieen -sie allesamt: »Guten Tag, Kasperle, wir sind da!« - -»Freut mich sehr.« Der Clown war etwas verblüfft; der Zuruf paßte nicht -in sein Spiel. Er fragte aber doch: »Woher seid ihr denn?« - -»Aus Oberheudorf!« tönte es zurück, und von gegenüber kamen ein paar -Bubenstimmen: »Herrjeh! die Oberheudorfer sind auch da!« - -Der Clown grinste und schoß zehn Purzelbäume hintereinander, so fix, -daß Anton Friedlich bewundernd rief: »Der kann's fein.« Aber da ritt -plötzlich eine wunderschöne Dame in die Reitbahn, die in ihrem rosa -Kleid mit goldenen Flügeln wie ein leibhaftiger Engel aussah. Sie -verneigte sich auf ihrem Pferd, sprang in die Höhe, streckte erst das -rechte, dann das linke Bein in die Luft und ergriff schließlich ein -von der Decke herabhängendes Seil. Flugs lief in diesem Augenblick das -Pferd unter ihr weg, und Heine Peterle, den eine namenlose Angst um die -schöne Dame ergriff, warnte: »Du, dein Pferd reißt aus.« - -»Seid doch still da oben,« rief der Clown. - -»Ja,« brüllten die Buben und Mädel nach Niederheudorfer Gewohnheit, und -das Pferd erschrak über das Gebrüll und stieg erschrocken kerzengerade -in die Höhe. - -Der Stallmeister rief »Stille!« und der Clown drohte mit der Faust. Nun -sieht aber ein Clown, wenn er ernst sein will, erst recht komisch aus, -und die Buben und Mädel fanden es denn auch so spaßhaft, daß sie vor -Vergnügen kreischten und auf ihren Sitzen hin und her wackelten. Das -steckte an, der Zirkus dröhnte vor Lachen. Da aber keine lustige Nummer -auf dem Programm stand, sondern Miß Florence Wilson ihre Künste als -Seiltänzerin zeigen sollte, ging der Clown rasch hinaus. - -»Adjeh, Kasperle! Legste dich ins Bett?« schrieen sämtliche -Oberheudorfer, und von neuem rauschte das Lachen durch den Zirkus. - -»Nä, Kinder, ihr müßt doch stille sein,« mahnte Muhme Lenelies, während -Professor von Spiegel lachte, daß ihm nur immer die dicken Lachtränen -über die Wangen rannen. Die Kinder dachten: »Wenn man in der Stadt -ist, hört man darauf, was Stadtleute sagen.« Da der Professor jedoch -schwieg und selbst lachte, achteten sie nicht auf der Muhme sanfte -Mahnung, sondern brüllten: »Kasperle, komm raus, Kasperle, komm raus!« - -Da! Atemlos stieß Heine Peterle Annchen Amsee an. Die schöne Dame -war an dem Seil hochgeklettert und schwebte nun wie ein großer -Schmetterling in der Luft auf und ab. »Die kann fliegen,« kreischte -Schulzens Jakob, während Heine Peterles Augen vor Erstaunen immer -runder und kugliger wurden. - -Jetzt trat Miß Florence auf ein hoch über dem Boden ausgespanntes -Seil, und aus der Luft schwebte eine Geige herab. Die ergriff sie und -begann auf dem dünnen Seil stehend zu spielen. Sehr schön klang das -nun zwar nicht, und Füchslein dachte: »Dies sollte Herr Wunderlich -hören, der möchte gut schelten!« Aber die Oberheudorfer gingen beinahe -auseinander vor Staunen. Sie waren noch ganz verdattert, als ein Reiter -mit vier Pferden in die Bahn sprengte und diese die merkwürdigsten -Dinge vollführten. Sie sprangen, stellten sich auf die Hinterbeine, -tanzten. Und Bäckermeisters Mariele flüsterte: »Am Ende sind's gar -keine richtigen Pferde.« - -»Guten Tag, Kasperle, biste wieder da?« brüllten etliche Buben, -und Mariele vergaß ihren Zweifel über dem Kasperle, das mit einem -Purzelbaum in die Reitbahn schoß. Hinter ihm drein kam noch eins, aber -auf einmal -- nein, das war doch nicht schön -- fing der schwarze -Herr mit den Kasperles an zu zanken; er sagte, sie hätten ihm etwas -weggenommen. - -»Laß se doch, die tun doch nischt,« schrieen Jakob und Schnipfelbauers -Fritz empört. - -Aber der schwarze Herr kümmerte sich gar nicht darum, er schalt immer -weiter, immer heftiger auf die Kasperle. Das wurde dem dicken Friede -zu toll, er nahm einen Apfel, den er in der Tasche hatte, und warf ihn -höchst geschickt dem schwarzen Herrn an den Rücken. Dabei kreischte er -zornig: »Die haben nischt genommen, ich hab's doch gesehn!« - -»Nicht wahr?« Der erste Clown trat an die Rampe und sah zu den -Oberheudorfern hinauf. »Du bist aber gut, daß du mir hilfst!« - -Der dicke Friede wurde klatschmohnrot vor Freude über das Lob, er -reckte sich ordentlich und schrie: »Verhau den schwarzen Herrn, der ist -eklig!« - -Schwupp lief das Kasperle zu dem schwarzen Herrn hin; es legte den Kopf -auf die Seite und sagte mit dünner Stimme: »Erlaubst du es mir, daß ich -dich verhaue?« - -»Der ist aber dumm, der fragt erst,« riefen ein paar Buben, und sie -fanden es höchst begreiflich, als der schwarze Herr sagte: »Nein, ich -erlaube es nicht, mach daß du fortkommst.« - -In diesem Augenblick drehte sich eins der Pferde um und fuhr mit seinem -Maul in des Clowns Hosentasche. Der schrie laut auf und flüchtete, -hopps, sprang er über die Bänke, sauste über die Köpfe hinweg und -platsch -- saß er mitten zwischen den Oberheudorfer Buben und Mädeln. -Die kreischten wie besessen. Ein paar Mädel flüchteten unter die Bänke, -der dicke Friede schnappte wie ein Fisch nach Luft, und der ganze -Zirkus bebte von dem Gelächter der Zuschauer. - -Aber -- trapp, trapp, trapp -- kam das Pferd die Treppe herauf. Wutsch, -kroch der Clown hinter Krämers Trude und Schulzens Röse her unter die -Bank und jammerte: »Der war's, der war's!« Dabei zeigte er auf den -völlig sprachlosen Friede. - -Und da -- -- laut gellte das Angstrufen der Kinder durch den Zirkus --, -das Pferd packte den dicken Friede am Hosenboden und trug ihn davon. - -»Es frißt ihn, es frißt ihn, es macht ihn tot! Halt, halt! huhuhuhu!« - -»Aber Kinder, 's ist nur Spaß!« Der Professor konnte kaum noch vor -Lachen. Traumfriede tröstete: »Aber seid doch still, seid doch still!« -Fräulein Wunderlich nahm gleich zwei heulende Mädel auf den Schoß. -Muhme Lenelies wußte nicht, um wie viele sie schützend die Arme -breiten sollte. Die Nachbarn beruhigten: »Kinder, Kinder, es ist ja -nur ein Scherz!« Doch das half alles nichts. Die Kinder brüllten, als -ob sie alle miteinander gebraten werden sollten. Selbst Füchslein, -das doch die Sache kannte, brüllte mit. Nur Heine Peterle brüllte -nicht, der zeigte, was ein echter Held in der Welt ist. Trapp, trapp --- polterte er auch die Stufen hinab, dem Pferde nach, und urplötzlich -fühlte sich das so fest am Schwanz gepackt, daß es den dicken Friede -erschrocken fallen ließ und der in den Sand der Reitbahn kollerte. - -[Illustration] - -Der schwarze Herr und ein paar Diener sprangen herbei, hoben Friede auf -und führten das Pferd zur Seite. Rings von den Bänken und aus den Logen -heraus aber ertönte ein nicht endenwollender Jubel: »Bravo, bravo, -bravo!« - -Das schien dem Pferd besonders gut zu gefallen, denn -- eins, zwei, -drei -- ergriff es Held Heine Peterle am Hosenboden und trug ihn nun im -sausenden Galopp in der Reitbahn herum, bis ihm der Stallmeister ein -»Halt« zurief. - -»Jetzt frißt er Heine Peterle!« Anton Friedlich und Schnipfelbauers -Fritz wollten auch hinunter, wollten auch Helden sein. Doch der -Professor hielt sie erschrocken fest; ihm war es ordentlich unheimlich -zumute geworden bei dem Geschrei. - -Unten sprach der Stallmeister mit dem Pferd, und während der Diener -die beiden Buben vom Staub reinigte, lief das Pferd hinaus und kam -wieder und -- -- brachte eine riesengroße Zuckertüte. Die legte es vor -Heine Peterle nieder, dann kehrte es wieder um, lief noch mal zurück, -kam noch mal wieder und brachte eine zweite Zuckertüte für den dicken -Friede. - -Da vergaßen oben sämtliche Oberheudorfer Buben und Mädel ihre Angst, -und jubelnd fielen sie in das Bravorufen des Publikums ein. - -Der Stallmeister sagte unten etwas zu den Buben, und stolz kehrten -diese nun wieder auf ihre Plätze zurück. Das Pferd aber kam -- trapp, -trapp -- hinter ihnen her. - -»Vielleicht holt's uns, und wir kriegen auch 'ne Tüte,« sagte Anton -Friedlich hoffnungsfroh, aber der Clown jammerte: »Es holt mich, es -holt mich!« - -»Kriech nur wieder unter die Bank,« rieten die Kinder hilfsbereit, -obgleich den Mädeln das Kasperle so in der Nähe recht unheimlich war. -Aber da war schon das Pferd und -- schnapp -- hatte es den Clown am -Hosenboden gepackt und trug ihn nun die Treppe hinab. Unten rollten -die Diener eine große Tonne herbei, und o Entsetzen! das Pferd steckte -Kasperle in die Tonne. Eine Zuckertüte gab's nicht. - -»Das ist, weil er gelogen hat,« rief Heine Peterle und preßte stolz -seine Zuckertüte ans Herz. Trotzdem sah er mitleidig nach dem Kasperle -aus. Würde das in der Tonne stecken bleiben? Die Diener rollten die -zur Bahn hinaus, sie rollten und rollten sehr heftig, und auf einmal -war der Clown draußen, und niemand hatte es gesehen. Die Oberheudorfer -brachen in stürmischen Jubel aus: »Kasperle, das war fein!« - -»Lebt wohl!« rief der Clown, stand plötzlich auf den Händen und lief so -davon. - -»Komm bald wieder!« brüllten ihm alle nach. Da drehte er sich wie ein -Rad und stand wieder auf den Beinen und quiekte mit ganz hoher, dünner -Fistelstimme: »Ach nein, jetzt muß ich mich bei meiner Mutter in einen -Pflaumenmußtopf schlafen legen, lebt alle wohl!« - -»Heute macht der Clown auch zu dumme Witze,« brummte ein alter, -griesgrämiger Herr hinter den Kindern, der sich schon die ganze Zeit -über den Lärm geärgert hatte. - -Da drehten sich urplötzlich alle Buben und Mädel um und starrten den -Griesgram namenlos verwundert an. Der wurde ordentlich verlegen und -murrte: »Das sind ja unglaublich ungezogene Rangen.« - -»Ungezogen, diese Kinder? Na hören Sie, mein Herr, die tun doch -nichts,« rief Fräulein Wunderlich entrüstet. Ihr, die sonst so leicht -gescholten hatte, gefielen alle diese Buben und Mädel gut, denn in -ihrem Herzen war ein Türlein aufgesprungen, durch das viel Freude und -Liebe aus und ein gehen konnte. Waldbauers Mariandel, die neben ihr -saß, streichelte sie zutraulich und flüsterte: »Du bist aber nett, -Fräulein Wunderlich.« - -Annchen Amsee huschelte sich von der andern Seite an sie an, und -Traumfriede drehte sich um und nickte ihr strahlend, dankbar zu. - -Der verdrießliche Herr aber brummelte weiter. Dies war ihm nicht recht -und das. Einige Buben sagten schon untereinander: »Er ist wie Hans -Rumpf, wenn er seinen Linksaufstehtag hat.« - -»Das Schwatzen stört,« knurrte der Herr wieder, schon zornesrot im -Gesicht. - -Unten standen gerade acht Pferde steif in einer Reihe, und alles -wartete neugierig, daß sie springen würden, da tönte in die tiefe -Stille, die just über dem Zirkus lagerte, Annchen Amsees helles -Stimmchen hinein: »Gib dem Herrn was aus deiner Tüte, Heine Peterle, -der ärgert sich nur, weil er keine hat.« - -Hunderte von Augen richteten sich auf den Platz, wo die Kinder saßen, -und alle diese vielen, vielen Augen sahen, wie Heine Peterle über die -Köpfe seiner Gefährten hinweg seine Tüte dem brummigen Herrn darbot. - -»Es sind furchtbare Kinder,« dachte der. All die lachenden Blicke waren -ihm äußerst fatal, und in seiner Verlegenheit griff er wirklich in -die Tüte, und weil er sich schämte, lächelte er dazu ganz freundlich, -und Heine Peterle lächelte wieder und sagte in hörbarem Flüsterton zu -Schulzens Jakob: »Jetzt sieht er nicht mehr so böse aus!« - -»In der nächsten Pause geh' ich,« dachte der brummige Herr wütend. -»Für diese Nachbarschaft danke ich.« Aber dann kam die Pause, und kaum -hatte sie begonnen, da wandte sich Heine Peterle wieder um, streckte -ihm nochmals seine Tüte hin und fragte treuherzig: »Gelt, das ist -fein?« Und auf einmal lächelten ihm alle Buben und Mädel freundlich -und ermunternd zu. Da vergaß er das Weggehen und blieb; er vergaß -aber auch das Brummen, denn der Jubel der Oberheudorfer erklang immer -von neuem so laut, so selig froh, daß sich darüber die griesgrämigsten -Mienen aufhellten. - -Was gab es aber auch nur für wunderbare Dinge in diesem Zirkus! - -Vier feuerrote Clowns brachten vier rosenrote Schweinchen an, und die -machten allerlei Kunststücke. Sie sprangen und marschierten auf Befehl, -wie es noch nie in Oberheudorf ein Schwein getan hatte. - -»Warum machen sie's nur bei uns nicht?« tuschelten die Kinder einander -zu. Ein paar Augenblicke später hatten sie diese Frage schon wieder -vergessen, denn lauter schöne Fräuleins schwebten in die Bahn. Auf -einem Wagen wurde eine Prinzessin hereingefahren, und nun gab es einen -wundervollen Tanz. Als er zu Ende war, war auch die Vorstellung zu -Ende, und der Professor mahnte zur Heimkehr. - -»Schon aus?« »Ach, ich wollte, ich könnte bis morgen bleiben,« erklang -es. Draußen auf der Straße aber rief der dicke Friede laut: »Ich werd'n -Kasperle.« - -»Ich so einer, der mit den Pferden springt,« schrie Anton Friedlich, -und das wollten noch etliche andere ebenfalls. Die Mädel wollten so -wunderschöne Tänzerinnen werden. Annchen Amsee quiekte: »Ich so eine -mit Flügeln,« und Schulzens Jakob, ein dicker, purzeliger Bube sagte -bestimmt: »Ich werd' auch so'ne Dame!« Nur Heine Peterle blieb dabei: -»Ich lern 's Fiedeln.« Alle waren sich aber darüber einig, einstmals -zum Zirkus zu gehen, und Friede Hopserling riet ihnen: »Bleibt doch -gleich da!« - -Das wollten sie nun doch nicht, nur der dicke Friede schwankte ein -wenig, dann kletterte er aber doch noch fix mit auf den Wagen. -Vorläufig erschien ihm das Elternhaus noch verlockender. Freilich, der -Abschied von Feldburg wurde ihnen allen an diesem Abend bitter schwer, -und sie alle stimmten laut und sehnsüchtig in des Füchsleins Ruf ein: -»Ach, lägen doch Feldburg und Oberheudorf nur etwas näher zusammen!« - -Beim Abschied hielt Muhme Lenelies Herrn von Spiegels Hand fest in -ihrer arbeitsharten. Sie wollte ihm danken für alles, was er an ihrem -Friede getan hatte und noch tun wollte, aber sie vermochte nur ein paar -Worte zu reden. Doch der alte Herr klopfte und streichelte die Muhme -herzlich und sagte: »So Gott will, sehen wir uns noch oft, ehe unser -Friede ein Mann geworden ist.« - -»Und Gott geb's, daß er ein rechter Mann wird,« flüsterte die alte -Frau. »So einer wie sein Pflegevater,« fügte sie ganz leise hinzu. - -Der Professor aber hatte es doch gehört. Er sah der alten Frau in die -guten Augen und sagte fest: »So einer, der seiner Pflegemutter Ehre -macht.« - -Von den andern hatte niemand auf das Zwiegespräch geachtet. Die -schwatzten, lachten und lärmten, bis Friede Hopserling »hüh hott« -rief und die beiden Wagen davonrollten. Bis Wiesental etwa ging's -noch laut in den Wagen zu, dann wurde es still und stiller. Ein Kind -nach dem anderen schlief ein; zuletzt wachten außer den Kutschern nur -noch Muhme Lenelies und Friede. Die sahen beide, wie der Mond groß -und rot über den Bergen emporstieg. Dann sahen sie, wie sein Licht -in den Wald eindrang, sie hörten das Rauschen der Bäume und hin und -wieder den verschlafenen Schrei eines Vogels. Manchmal kletterte auch -Friede Hopserling vom Wagen herunter und schaute nach, ob noch alle da -waren, ob nicht eins im Begriff war hinauszufallen. »Die bringen alles -fertig,« dachte er und stopfte kräftig ein vorwitziges Bubenbein in den -Wagen zurück. Reden tat er nicht dabei, und auch der Schulzenknecht, -der den andern Wagen führte, störte die Muhme und ihren Pflegesohn -nicht im traulichen Zwiegespräch. - -»Möchtest du auch zum Zirkus gehen?« fragte Muhme Lenelies den Buben -lächelnd. - -»Nein!« Der schüttelte den blonden Kopf und schmiegte sich fest an die -treue alte Freundin an. »Muhme Lenelies, weißt du, weit in die Welt -hinein reisen möchte ich einmal wie der Herr Professor. Griechenland -möchte ich sehen und viele, viele fremde Länder und viel, viel lernen -und -- --.« Traumfriede wollte noch viel; große Taten wollte er -vollbringen, Schönes, Gutes tun, alles wollte er. Nur die alte Muhme -und der Heimatwald hörten, was er alles wollte, sann und dachte. -Knabenträume waren es, aber Muhme Lenelies dachte bei diesen Träumen -doch: »Vielleicht wird mein Friede noch einmal einer, dessen Name einst -die Welt mit Stolz und Freude nennt. Warum soll in einem kleinen Dorf -wie Oberheudorf nicht auch ein großer Mann geboren werden, ja warum -nicht?« - -[Illustration] - - - - - * * * * * * - - - - -Weitere Anmerkungen zur Transkription - - Offensichtlich fehlerhafte Zeichensetzung wurde stillschweigend - korrigiert. - - Korrekturen (das korrigierte Wort ist in {} eingeschlossen): - - S. 44: Nachbargarten im Scan unlesbar - starrte in den {Nachbargarten} hinunter und dachte - - S. 90: emfing → empfing - denn der Professor {empfing} die Kinder so freundlich - - S. 164: leuchete → leuchtete - In Friedes Augen {leuchtete} es auf - - S. 166: im → ihm - die große Wurst sauste {ihm} plötzlich an den Magen - - S. 237: ihn → ihm - bis {ihm} der Stallmeister ein »Halt« zurief - - S. 242: Hosperling → Hopserling - und Friede {Hopserling} riet ihnen - - - -***END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK DIE OBERHEUDORFER IN DER STADT*** - - -******* This file should be named 50136-0.txt or 50136-0.zip ******* - - -This and all associated files of various formats will be found in: -http://www.gutenberg.org/dirs/5/0/1/3/50136 - - -Updated editions will replace the previous one--the old editions will -be renamed. - -Creating the works from print editions not protected by U.S. copyright -law means that no one owns a United States copyright in these works, -so the Foundation (and you!) can copy and distribute it in the United -States without permission and without paying copyright -royalties. 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You may copy it, give it away or re-use it -under the terms of the Project Gutenberg License included with this -eBook or online at <a -href="http://www.gutenberg.org">www.gutenberg.org</a>. If you are not -located in the United States, you'll have to check the laws of the -country where you are located before using this ebook.</p> -<p>Title: Die Oberheudorfer in der Stadt</p> -<p> Allerlei heitere Geschichten von den Oberheudorfer Buben und Mädeln</p> -<p>Author: Josephine Siebe</p> -<p>Release Date: October 5, 2015 [eBook #50136]</p> -<p>Language: German</p> -<p>Character set encoding: UTF-8</p> -<p>***START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK DIE OBERHEUDORFER IN DER STADT***</p> -<p> </p> -<h3>E-text prepared by Norbert H. Langkau<br /> - and the Online Distributed Proofreading Team<br /> - (http://www.pgdp.net)</h3> -<p> </p> -<div class="transnote"> -<p class="h2">Anmerkungen zur Transkription</p> - -<p>Im Original gesperrter Text ist <em class="gesperrt">so ausgezeichnet</em>.</p> - -<p>Weitere Anmerkungen zur Transkription finden sich am -<a href="#tnextra">Ende des Buches.</a></p> -</div> -<p> </p> -<hr class="pg" /> -<p> </p> -<p> </p> -<p> </p> - -<div class="figcenter"> -<img src="images/illu-a2.png" alt="Die Oberheudorfer in der Stadt" /> -</div> - -<hr class="chap" /> - -<h1> -Die Oberheudorfer<br /> -in der Stadt</h1> -<div class="figcenter"> -<img src="images/illu-a4.png" alt="" /> -</div> -<p class="center"> -Allerlei heitere Geschichten<br /> -von den Oberheudorfer Buben und Mädeln</p> -<p class="center"> -von<br /> -<span class="larger">Josephine Siebe</span></p> -<hr class="r5" /> -<p class="center"> -Mit vier farbigen Vollbildern und zahlreichen Textillustrationen<br /> -von <em class="gesperrt">Karl Schmauk</em></p> -<div class="figcenter"> -<img src="images/signet.png" alt="" /> -</div> -<p class="center p2"> -<b>Stuttgart</b><br /> -<em class="gesperrt">Verlag von Levy & Müller</em> -</p> -<hr class="chap" /> - -<p class="center"> -Nachdruck verboten.<br /> -Alle Rechte, insbesondere das Übersetzungsrecht, vorbehalten.</p> -<hr class="r5" /> -<p class="center"> -Druck vom Chr. Verlagshaus in Stuttgart.<br /> -</p> - -<hr class="chap" /> - -<div class="chapter"></div> - -<div class="dbbox"> -<h2 id="Inhalt">Inhalt.</h2> -<hr class="full" /> - -<table summary="Inhalt"> -<tr> -<td></td><td class="tdr">Seite</td> -</tr> -<tr> -<td>Auf dem Johannesplan</td><td class="tdr"><a href="#Auf_dem_Johannesplan">1</a></td> -</tr> -<tr> -<td>Traumfriedes Abschied</td><td class="tdr"><a href="#Traumfriedes_Abschied">10</a></td> -</tr> -<tr> -<td>Die Grünmützen von Feldburg</td><td class="tdr"><a href="#Die_Gruenmuetzen">25</a></td> -</tr> -<tr> -<td>Ein böser Tag</td><td class="tdr"><a href="#Ein_boeser_Tag">38</a></td> -</tr> -<tr> -<td>Heine Peterles Brief</td><td class="tdr"><a href="#Heine_Peterles_Brief">58</a></td> -</tr> -<tr> -<td>Eine Stadtfahrt</td><td class="tdr"><a href="#Eine_Stadtfahrt">71</a></td> -</tr> -<tr> -<td>Verkehrte Gedanken</td><td class="tdr"><a href="#Verkehrte_Gedanken">110</a></td> -</tr> -<tr> -<td>Das Abenteuer im Schloß</td><td class="tdr"><a href="#Das_Abenteuer_im_Schloss">126</a></td> -</tr> -<tr> -<td>Der kleine Teufel hilft Fräulein -Wunderlich über die Dornenhecke</td><td class="tdr"><a href="#Der_kleine_Teufel">147</a></td> -</tr> -<tr> -<td>Allerlei Geschenke, und was aus ihnen wird</td><td class="tdr"><a href="#Allerlei_Geschenke">163</a></td> -</tr> -<tr> -<td>Die Denkmalsbuben von Schwipperlingen</td><td class="tdr"><a href="#Die_Denkmalsbuben">178</a></td> -</tr> -<tr> -<td>Sommerferienlust</td><td class="tdr"><a href="#Sommerferienlust">203</a></td> -</tr> -<tr> -<td>Im Zirkus</td><td class="tdr"><a href="#Im_Zirkus">225</a></td> -</tr> -</table> - -<div class="figcenter"> -<img src="images/illu-a6.png" alt="" /> -</div> -</div> -<hr class="chap" /> - -<div class="chapter"> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_p001">1</a></span></p> - -<h2 id="Auf_dem_Johannesplan"> -<img src="images/illu-001.png" alt="" /><br /> -Auf dem Johannesplan.</h2> -</div> - -<p class="drop">Auf den Stufen, die zu der altersgrauen -Stadtkirche von Feldburg emporführten, -saßen drei Kinder: zwei Buben und ein Mädel. Es -war just um die Zeit, da es die Blumen schrecklich langweilig -finden, immer warm und wohlbehütet im braunen -Erdbettchen zu liegen, und lieber hinaus wollen, um die -Sonne zu sehen und den blauen Himmel. Auch die -drei Kinder ließen sich die Frühlingssonne behaglich auf -die Nasen scheinen. Mit untergeschlagenen Armen und -weit vorgestreckten Füßen saßen die drei da und schauten -unverwandt nach einem kleinen Haus hinüber, das -in einem Winkel lag. An dem Haus war eigentlich -nicht viel zu sehen. Es war das unscheinbarste und -kleinste am Johannesplan – so wurde der Kirchplatz genannt. -Ein bissel schüchtern und schief stand es in -seinem Eckchen, zwei vornehme Nachbarn zur Seite.<span class="pagenum"><a id="Seite_p002">2</a></span> -Links wurde es von dem Schulhof des Gymnasiums -begrenzt, zur rechten Seite stand ein prächtiges, altertümliches -Haus. Recht vornehm, ja beinahe hochmütig -sah das aus; seine Fenster waren fest verschlossen und -verhüllt, und über dem breiten Tor trug es ein großes -steinernes Wappen.</p> - -<p>»Es ist noch immer zu,« sagte das eine Mädel -und warf einen flüchtigen Blick auf die verhängten -Fenster des großen Hauses. Die Kleine seufzte, und da -keiner der Buben etwas sagte, begann sie wieder: »Ich -möchte nur wissen, wann er kommt!«</p> - -<p>»Wer?« fragte der eine Junge kurz, »der Professor -oder der Junge aus Oberheudorf?«</p> - -<p>»Natürlich der Junge!« rief das Mädel, verwundert, -daß der Gefährte überhaupt fragen konnte.</p> - -<p>Der, ein stämmiger, hellblonder Junge, dem eine -kleine, lustige Himmelfahrtsnase keck im runden Gesicht -stand, brummte etwas mürrisch: »Du bist ganz verdreht -mit deinem Oberheudorfer Jungen, Füchslein. Wer -weiß, was du gehört hast!«</p> - -<p>»Ich habe schon recht gehört; Fräulein Wunderlich -hat es meiner Mutter erzählt, sie bekämen einen Jungen -aus Oberheudorf in Pension, für den der Graf Dachhausen -alles bezahle. Freilich, das Warten ist langweilig.«</p> - -<p>Die Kleine stand auf und rekelte sich. Sie war ein -feines, hübsches Ding mit einem Paar rotblonder Zöpfe<span class="pagenum"><a id="Seite_p003">3</a></span> -und braunen, lachenden Augen. Um der roten Haare -willen nannten ihr Bruder Ulrich und ihr Freund Jobst -sie »das Füchslein«; der Neckname kränkte sie aber -nicht, ja sie war schon so daran gewöhnt, daß sie fast -erstaunt war, wenn sie einmal jemand mit ihrem Taufnamen -Marianne ansprach.</p> - -<p>»Sei nicht so ungeduldig!« knurrte Ulli und sah -gelassen weiter nach dem Häuschen hinüber. Einmal -würde ja dort die Türe aufgehen, und er, Ulrich Sonntag, -hatte das Warten gelernt. So rasch und flink in Wort -und Tat das Füchslein war, so langsam und bedächtig -war ihr Bruder Ulli. Dem spazierte jedes Wort immer -fein sacht aus dem Munde heraus, und die Schwester -sagte manchmal ungeduldig: »Du sagst aber auch erst -zu Mittag guten Morgen, so lange dauert es bei dir!«</p> - -<p>»Ist besser, als vor Eifer mit der Nase in die -Suppenschüssel fallen,« gab dann wohl der Bruder zurück. -Da lachte die Schwester, und die beiden waren wieder -die allerbesten Freunde; langes Bösesein kannten sie nicht.</p> - -<p>»Jetzt wird die Türe aufgemacht,« schrie Marianne -Sonntag plötzlich. »Vater Wunderlich ist's, der sagt -uns, ob der Junge wirklich kommt.« Sie schnellte auf -und raste über den Platz nach dem kleinen Haus hinüber, -aus dem jetzt ein alter Herr trat. Jobst rannte -der Freundin nach, Ulrich aber blieb sitzen, er dachte -gelassen: »Sie werden schon herüber kommen.«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_p004">4</a></span></p> - -<p>Sie kamen auch wirklich, denn Herr Matthias -Wunderlich wollte in die Kirche gehen. Das Füchslein -hing an seinem Arm und schwatzte: »Vater Wunderlich, -ist das wahr, kommt ein Junge aus Oberheudorf zu dir, -und ist das der, von dem mein Onkel Doktor sagt, er -wäre ein kleiner Held, weil er einmal im Winter bei -Gewitter – – –«</p> - -<p>»Aber Füchslein,« rief Jobst lachend, »bei einem -Schneesturm war es doch.«</p> - -<p>»Ach ja, das meine ich doch auch,« sagte Marianne -verlegen. Sie redete nämlich mitunter wirklich so geschwind, -daß etwas anderes herauskam, als sie sagen -wollte.</p> - -<p>Der Organist hatte es aber doch verstanden, und -just am Fuße der Treppe, so daß Ulli die Antwort -hören konnte, erwiderte er freundlich: »Ich weiß schon, -was du meinst, Mädel. Ja, das ist der Junge, der -einmal, um Medizin für seine kranke Pflegemutter zu -holen, den weiten Weg von Oberheudorf bis hierher -gelaufen ist; er wäre ja damals beinahe im Schnee -umgekommen!«</p> - -<p>»Und was will er hier, warum kommt er her?« -rief das Füchslein und hielt den alten Mann fest, der -gerade den riesigen Schlüssel in das Schloß der Kirchtüre -stecken wollte.</p> - -<p>»Lernen soll er hier, auf das Gymnasium gehen.«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_p005">5</a></span></p> - -<div class="figcenter"> -<img src="images/illu-005.png" alt="" /> -</div> - -<p>»Ein Junge aus 'nem Dorf auf das Gymnasium?« -schrie Jobst und sah so hochmütig drein, als wäre -Gymnasiastsein die höchste Würde.</p> - -<p>»Warum nicht, wenn er gut lernt?« Vater Wunderlich<span class="pagenum"><a id="Seite_p006">6</a></span> -schaute Jobst von Hellfeld mit seinen klaren, guten -Augen ernst an. »Dieser Friede, der zu mir kommt, -ist ein armer Waisenjunge, und wenn man den auf das -Gymnasium schickt, muß er doch schon ein besonders -fleißiger Bube sein!«</p> - -<p>»Ich bin schrecklich neugierig auf ihn,« versicherte -das Füchslein eifrig, »o so neugierig! Wann kommt -er denn, und wie heißt er weiter, und warum kommt er -gerade zu dir, Vater Wunderlich, und wie sieht er aus?«</p> - -<p>»Wie er aussieht, wirst du ja sehen. Zu mir kommt -er, weil der Lehrer in Oberheudorf mich kennt; der bat -mich auch, den Jungen wenigstens auf ein halbes Jahr -zu nehmen, bis er sich etwas an die Stadt gewöhnt hat.«</p> - -<p>»Wenn – – wenn – – er sich aber draußen -nicht die Schuhe abstreicht?« fragte Füchslein ganz -ängstlich.</p> - -<p>Fräulein Wunderlich war nämlich als sehr ordnungsliebend -bekannt, und fast jedes Kind, das in das Haus -kam, hatte schon tüchtige Schelte bekommen wegen unsauberer -Schuhe, nasser Regenschirme und dergleichen. -Einen Schmutztaps auf den weißgescheuerten Treppen -konnte das Fräulein nicht vertragen. Und dabei kamen -viele Kinder in das Haus, denn der Organist Wunderlich -war ein sehr gesuchter Musiklehrer.</p> - -<p>»Dann wird sie wohl schelten,« sagte der alte Mann -und seufzte ein klein wenig bei des Füchsleins ängstlicher<span class="pagenum"><a id="Seite_p007">7</a></span> -Frage. »Aber nun laß mich los, Kind, ich muß in -die Kirche gehen, meine Orgel verlangt nach mir.«</p> - -<p>»Ach bitte, bitte,« flehte Marianne und hielt den -Organisten ganz fest, »sage mir noch, liebster, bester -Vater Wunderlich, wird wirklich über die Oberheudorfer -Kinder ein Buch geschrieben?«</p> - -<p>Der alte Herr lachte: »Ja, man sagt so, Kind. -Die Oberheudorfer meinen, ihre Kinder machten so viele -dumme und lustige Streiche, daß man gleich ein paar -Bücher davon schreiben könnte. Und wahr ist's ja: wie -mein künftiger Pflegesohn zu seiner Pflegemutter gekommen -ist, und daß man ihn hierher schickt auf das -Gymnasium, das sind lauter lustige und auch ein bißchen -ernsthafte Geschichten.«</p> - -<p>»Ach, ich verhungere schon vor Neugier auf den -Jungen,« rief das Füchslein, »wäre er doch erst da!«</p> - -<p>»Abwarten und Tee trinken, sagte meine Mutter -schon.« Vater Wunderlich hatte nun wirklich die Kirchentüre -aufgeschlossen. Er befreite sich von Mariannes -Händchen, nickte den Kindern freundlich zu und trat in -die Kirche. Sonst schlüpften die drei ihm gerne nach -und lauschten still auf einer Bank den schönen Klängen -der Orgel; heute waren sie, besonders das Füchslein, -zu ungeduldig. »Ich muß essen,« sagte das Mädel -seufzend; »wenn ich warten muß, fährt's mir allemal -in den Magen.«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_p008">8</a></span></p> - -<p>Die Buben waren damit einverstanden, ihr Vesperbrot -zu verzehren. Hunger hatten sie immer, und ob -der von der Neugierde oder von der Ungeduld kam, war -ihnen gleichgültig, Hunger ist Hunger.</p> - -<p>Während alle drei schmausten, redete das Füchslein -wieder von dem Oberheudorfer Jungen. In dem Hause -der Sonntags – es war ein altes, wohlhabendes Kaufmannshaus -– diente ein Mädchen, das aus Berenbach -bei Oberheudorf stammte. Diese Katerliese – sie hieß -Katharina Luise und wurde von den Kindern einfach -Katerliese genannt – hatte viel von dem freundlichen -Dorf erzählt, von den Bergen, Wäldern und Tälern -der Heimat; ihrer Meinung nach gab es nichts Schöneres -auf der Welt als Berenbach und Oberheudorf. Sie -pflegte zu sagen: »Die Oberheudorfer sind was Besonderes; -was wo anders eine Dummheit ist, wird bei -ihnen eine lustige Geschichte.«</p> - -<p>»Katerliese sagt,« begann Marianne gerade wieder -zwischen Kauen und Schlucken, »in Oberheudorf – –«</p> - -<p>»Nun sei schon damit still,« schrie Jobst von Hellfeld -plötzlich, »du redest immer nur von Oberheudorf, -und wie es meinen Kaninchen geht, danach fragst du nicht.«</p> - -<p>Das Füchslein lachte, schlang den Arm um den -Freund und sagte neckend: »Tu doch nicht so, bist ja -auch neugierig; aber erzähl', ist der neue Stall schon -fertig?«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_p009">9</a></span></p> - -<p>Während die Kinder draußen auf der Kirchentreppe -im Sonnenschein saßen und von den Kaninchen, Ullis -Schildkröten, Oberheudorf und der Schule, die am Mittwoch -beginnen sollte, plauderten, saß drinnen Herr -Wunderlich an seiner Orgel und spielte leise; nur mit -halben Gedanken war er beim Spiel. Dem freundlichen -alten Manne war das Herz ein bißchen schwer. Als -sein Verwandter, der Lehrer von Oberheudorf, ihn gefragt, -ob er wohl für einige Zeit einen Buben in sein -Haus aufnehmen wollte, hatte er gleich zugesagt. Was -er von diesem Friede hörte, gefiel ihm sehr; er dachte, -der würde ein recht guter, kleiner Hausgenosse sein. -Ein braver, fleißiger Junge sollte dieser Friede sein, ein -armes Waisenkind, dem sie im Dorf alle herzlich die -Freistelle am Gymnasium in Feldburg gönnten, ihm -und seiner braven Pflegemutter. So gern Herr Wunderlich -ja gesagt hatte, so ungern tat es nachher seine -Schwester; die seufzte von früh bis abends: »Der Junge -wird uns eine rechte Last sein.«</p> - -<p>Hörte sie jetzt von einer Bubendummheit, dann -sagte sie gewiß: »So was wird der Friede auch anstellen!« -Kamen mit Lärm und Geschrei die Gymnasiasten -über den Johannesplan, dann seufzte sie: »Bald -wird in unserem Haus auch solcher Lärm sein!«</p> - -<p>Das Fräulein war eigentlich nicht böse, nur sehr -heftig und leicht erzürnt, auch wollte sie immer recht<span class="pagenum"><a id="Seite_p010">10</a></span> -behalten. Weil sie nun von Anfang an gesagt hatte, -ein Bube passe nicht in ihr stilles Haus, darum sagte -sie das jetzt täglich, früh, mittags und abends. »Hoffentlich -geht es gut aus,« seufzte Herr Wunderlich an seiner -Orgel. »Ich wollte beinahe, der Junge bliebe in Oberheudorf.«</p> - -<hr class="chap" /> - -<div class="chapter"> -<h2 id="Traumfriedes_Abschied"> -<img src="images/illu-chapter.png" alt="" /><br /> -Traumfriedes Abschied.</h2> -</div> - -<p class="drop">Just um die gleiche Zeit, da die drei Kinder auf der -Kirchentreppe von Feldburg von dem Oberheudorfer -Jungen sprachen, der zu Vater Wunderlich kommen -sollte, ging dieser Bube in seinem Heimatort von -Haus zu Haus, um Abschied zu nehmen. Traumfriede -nannte man den schlanken, blonden Jungen im kleinen -Dorf zum Unterschied von ein paar gleichnamigen Genossen, -dem dicken Friede und dem blauen Friede. An -diesem Tage war der Traumfriede aber gar kein Träumer, -er war vielmehr ganz wach und munter und sah -jeden Menschen, jedes Haus, jeden Baum und Strauch -an, als müßte er sich die Abbilder davon fest, fest in -sein Herz einprägen. Zum Träumen ließen ihm aber -auch seine Freunde und Freundinnen keine Zeit; ein -ganzer Trupp lief mit ihm, und mitunter tat sich da<span class="pagenum"><a id="Seite_p011">11</a></span> -und dort ein Fenster auf, und jemand sagte brummend: -»Nä, die Kinder sind heute aber auch zu toll, sie tun -ja gerade, als wäre Jahrmarkt, so einen Lärm machen sie.«</p> - -<div class="figcenter"> -<img src="images/illu-012.jpg" alt="" /> -<div class="caption">Traumfriedes Abschied.</div> -</div> - -<p>Die Kinder von Oberheudorf scherten sich kein -bißchen um die ärgerlichen Zurufe und Verbote; sie -meinten heute ein Recht zu haben, sehr laut zu sein. -Es war doch keine Kleinigkeit, wenn auf einmal ein -Dorfbube, dazu noch ein armer Waisenjunge, plötzlich -in die Stadt ziehen sollte, um dort ein Gymnasiast zu -werden. Schon das Wort klang so feierlich. Die meisten -Kinder konnten es gar nicht richtig aussprechen, und -Anton Friedlich hatte es flugs umgeändert und sagte: -»Kimm na'm Ast.« Und merkwürdigerweise merkten -sich diesen Namen alle Buben und Mädel ausgezeichnet. -Also ein »Kimm na'm Ast« sollte Traumfriede -werden und später ein Student, – und da sollen seine -Kameraden nicht schreien und laut schwatzen am letzten -Tag? Na, das wäre doch wirklich etwas viel verlangt -gewesen! Es gab auch vor jedem Haus einen kleinen -Aufstand. Während der Bube hineinging und Abschied -nahm, redeten die Kinder laut von der Stadt, und ob -Traumfriede drinnen im Bauernhaus wohl etwas geschenkt -bekommen würde. Denn fürs Schenken – sie -mußten aber die Beschenkten sein – waren die Oberheudorfer -Kinder alle sehr eingenommen.</p> - -<p>Sie standen alle zusammen, die ungefähr in Friedes<span class="pagenum"><a id="Seite_p012">12</a></span> -Alter waren. Schulzens Jakob, seine Schwester Röse, -Annchen Amsee, Anton Friedlich, Schnipfelbauers Fritz -und Krämers Trude. Natürlich fehlten weder der dicke -noch der blaue Friede, die beiden mußten doch ihren -Namensvetter begleiten. Und Heine Peterle war auch -da, der erst recht. Mit einem so wütenden Gesicht -ging der einher, als hätte er einen Krug voll Essig -getrunken. »Nä, in die Stadt,« murrte er immerzu, -»zu dumm, da ging ich nich rein!« Er versicherte dabei -aber doch dem Traumfriede, er würde ihn besuchen, -ganz gewiß.</p> - -<p>Heine Peterle dachte noch immer voll Entsetzen an -den einzigen Tag zurück, den er einmal in der Stadt -verlebt hatte. Zu dumm waren doch die Leute in der -Stadt und gleich immer so grob! Nein, da war es doch -in Oberheudorf viel, viel schöner, und ordentlich mitleidig -schaute er den Traumfriede an, der gerade wieder -aus einem Hause kam. Der Friede fühlte sich aber -just gar nicht bemitleidenswert, sondern meinte, ihm -gehe es recht gut auf der Welt. Überall bekam er -freundliche Worte zu hören, wohl auch eine kleine Abschiedsgabe, -und jeder sagte: »Aber gelt, wenn du heimkommst, -siehst du bei mir ein, na, und vielleicht besuchen -wir dich mal in der Stadt.«</p> - -<p>Ihn in der Stadt zu besuchen versprachen ihm auch -alle seine Freunde und Freundinnen einmütig, Schulzens<span class="pagenum"><a id="Seite_p013">13</a></span> -Jakob sagte sogar: »Kann sein, ich komme schon nächste -Woche.«</p> - -<p>»Wenn's nämlich der Vater erlaubt,« fuhr seine -Schwester Röse dazwischen, »der hat aber gesagt, mit -der dummen Stadtfahrerei wär's nichts.«</p> - -<p>»Ha, meiner hat g'sagt, ich därf, wenn ich nur -mal'n Einser bring',« schrie Anton Friedlich so stolz, -als trüge er die Einser schockweis in der Hosentasche -herum.</p> - -<p>»Dann wirst du wohl am Nimmermehrstag in die -Stadt fahren,« kicherte Annchen Amsee, und die andern -schrieen und lachten: »Du kommst aber fix hin!«</p> - -<p>Anton Friedlich war nämlich ein ausgemachter -Faulpelz, und seine Einser hatten meist recht hübsche -Querbalken und wurden Vierer genannt. Der Bube -schrie aber doch ganz patzig: »Pah, werd' schon sehen, -und vielleicht werd' ich auch noch mal'n Kimm na'm Ast.«</p> - -<p>So unter Geschwätz und Geschrei, Necken und -Lachen hatte Traumfriede seine Abschiedsbesuche gemacht, -und die Zeit, da die Bäuerinnen die Abendsuppe -auftischten, war gekommen. Friede nahm am Dorfbrunnen -Abschied von seinen Gefährten; ein wenig kurz -und eilig ging es dabei zu, denn Friede war das Herz -schwer, und er konnte nicht viel sagen. Die andern aber -hatten sich alle vorgenommen, morgen vor Tau und -Tag aufzustehen und dem Freund noch einmal Lebewohl<span class="pagenum"><a id="Seite_p014">14</a></span> -zu sagen. Kaspar auf dem Berge, der Wirt zur -himmelblauen Ente, wollte am nächsten Morgen um -vier Uhr die Stadtfahrt antreten und Friede mitnehmen -samt seinem recht bescheidenen Köfferlein.</p> - -<p>Als Traumfriede sich dem Häuslein der Muhme -Lenelies, seiner Pflegemutter, näherte, sah er am Zaun -dort Waldbauers Mariandel stehen. Das Mädel war -vorangelaufen, um mit seinem guten Kameraden noch -ein Weilchen zu schwatzen, und eifrig kam es ihm entgegen -und erzählte, die Muhme habe Besuch, und mit -dem Abendbrot sei es noch nicht so weit. Da liefen -die Kinder den kleinen Nußberg hinauf, der über dem -windschiefen Häuslein der Muhme anstieg, und oben -setzten sie sich unter einen Haselbusch, der erst winzige, -feine Blättchen hatte, und sprachen von Friedes künftigem -Leben.</p> - -<p>»Und Pfingsten kommst du wieder in die Ferien -heim,« sagte Mariandel, froh, daß Pfingsten so bald -schon auf Ostern folgen sollte.</p> - -<p>Doch Friede schüttelte den Kopf: »Muhme Lenelies -hat gesagt, so bald heimkommen gibt kein Geschick; -vor den Sommerferien wird's nichts.«</p> - -<p>»Oh,« schrie Mariandel entsetzt, »meine Mutter -meint, du würdest wohl oft auf Sonntag kommen.«</p> - -<p>»Die Muhme will's nicht, und der Herr Lehrer sagt -auch, es wäre besser, ich lebte mich erst ordentlich in<span class="pagenum"><a id="Seite_p015">15</a></span> -der Stadt ein, nur – – nur – – wenn ich's mal -gar nicht aushalten könnte vor Heimweh, dann dürfte -ich kommen, aber das tue ich nicht – – weil's doch -feig wär.«</p> - -<div class="figcenter"> -<img src="images/illu-015.png" alt="" /> -</div> - -<p>Mariandel schwieg betrübt, und die Kinder saßen -still beisammen. Da tat sich auf einmal unten die Türe -auf, und Muhme Lenelies trat heraus mit ihrem Gast: -der Schulze war es selbst. Er war gekommen, um mit -der alten Frau noch allerlei über ihren Pflegesohn zu -sprechen, und als er jetzt aus dem Hause ging, sagte -er – und der Wind trug die Worte zu den Kindern -auf dem Nußhügel empor –: »Nun vermahne Sie -den Buben nur noch ordentlich scharf, Muhme, damit<span class="pagenum"><a id="Seite_p016">16</a></span> -er unserm Dorf keine Schande macht in der Stadt und -kein eingebildeter Zierbengel wird oder gar dumme -Streiche macht. Eine tüchtige Predigt zum Abschied -ist allemal gut, himmelangst muß es so'nem Bengel -werden!«</p> - -<p>Friede wurde puterrot vor Entrüstung, und dem -weichherzigen Mariandel kamen gleich die Tränen; es -flüsterte: »Aber du bist doch brav und hast nichts -getan!«</p> - -<p>»Sei still,« tuschelte Friede, denn Muhme Lenelies -sprach unten, und in diesem Augenblick kam es dem -Buben gar nicht in den Sinn, daß er eigentlich lauschte; -es war ihm plötzlich so schwer und bang ums Herz geworden. -Würde die Muhme auch denken, daß es nötig -sei, ihn hart zu vermahnen?</p> - -<p>»Von so'ner Predigt halte ich nicht viel. Seht, -so ein Kinderherz ist wie ein Garten im Frühling, man -sät und pflanzt hinein und muß dann halt geduldig -warten, ob alles blühen und reifen will. Man gießt -immer achtsam, zieht ein Unkräutlein aus, aber viel hilft -nicht immer viel, und wenn man den Garten überschwemmt, -geht der Samen erst recht nicht auf. Alles -mit Maßen, Schulze, und alles zu seiner Zeit. Ich -habe an meinem Friede getan, was ich konnte, aber -ihm heute den letzten Abend noch mit ellenlangen Ermahnungen -verderben, das will ich lieber lassen; vergißt<span class="pagenum"><a id="Seite_p017">17</a></span> -er mich und meine Worte, dann vergißt er auch -die lange Predigt.«</p> - -<p>»Muhme Lenelies,« schrie Friede plötzlich oben -unterm Nußstrauch und raste den Abhang hinab, »ich -vergeß dich nicht, ich vergeß dich nie, und ich werde dir -gewiß keine Schande machen.« Da hing er schon am -Hals der alten Frau, und alles Abschiedsleid, das er -bisher tapfer unterdrückt hatte, brach hervor; er weinte -bitterlich und vergaß ganz, daß Buben immer meinen, -ein paar Tränen zur rechten Stunde wären eine Schande.</p> - -<p>Über den Kopf des weinenden Jungen hinweg, -den sie sacht streichelte, sah die Muhme mit ihren klugen, -freundlichen Augen still den Schulzen an. Der nickte, -schüttelte den Kopf und sagte endlich: »Weiß der Himmel, -nä, Ihr seid doch ein ausnehmend kluges Weibsbild, -Muhme. Hm, ja, na lebt wohl! Gib mir die Hand, -Friede, und heule nicht, und das sage ich dir, wenn du -mal vergißt, was du der Muhme verdankst, dann schlag' -ich dir alle Knochen entzwei.«</p> - -<p>Damit ging der Schulze seinem Hause zu, und -Friede hatte nun doch seine Abschiedspredigt erhalten. -Sie kränkte ihn aber nicht und trübte nicht den stillen -Frieden dieses letzten Abends. Die Muhme und ihr -Pflegesohn sprachen fröhlich von den Tagen, die kommen -sollten, und von denen, die vergangen waren. Waldbauers -Mariandel hatte dableiben dürfen, und auf ihr<span class="pagenum"><a id="Seite_p018">18</a></span> -Flehen erzählte Muhme Lenelies selbst die Geschichte, -wie Friede einmal durch den Schornstein in ihren Suppentopf -gefallen war. »Da biste mir gleich ins Herz gefallen, -mein Junge,« schloß die alte Frau ihre Erzählung. -»So, und nun bring das Mariandel heim, und dann -gehst du zu Bett; morgen um vier fährt Kaspar auf -dem Berge schon los, da heißt es früh aufstehen.«</p> - -<p>Ich werde sicher nicht schlafen, dachte Friede, als -er zu Bett ging. Dann schlief er aber doch wie ein -Murmeltier und mußte sich erst besinnen, was eigentlich -für ein Tag sei, als die Muhme ihn weckte. Er war -sogar noch ein bißchen verschlafen, als er im grauen -Morgendämmern – denn die Sonne war noch gar -nicht aufgegangen – mit Muhme Lenelies vor der -himmelblauen Ente anlangte. Dort schirrte gerade der -Knecht die Pferde an, und eben trat auch der Wirt -aus dem Haus und rief freundlich: »Na, da ist ja unser -Städter! Nun man aufgesessen, eins, zwei, drei, und -keinen langen Abschied.«</p> - -<p>Dafür war Muhme Lenelies auch nicht, sie umarmte -noch einmal ihren Pflegesohn und sagte schlicht: -»Zieh mit Gott,« und dann rollte der Wagen die Dorfstraße -entlang. Die Muhme aber drehte sich um und -kehrte rasch in ihr Häuschen zurück; es brauchte keiner -zu sehen, wie bitterschwer ihr doch der Abschied wurde.</p> - -<p>Friede war es zumute, als träume er, als er so<span class="pagenum"><a id="Seite_p019">19</a></span> -in der Frühmorgenstille durch das Dorf fuhr. Mal -bellte ein Hund auf, da und dort krähte ein Hahn, und -aus den Ställen klang das Gebrüll der Kühe, die gerade -ihr erstes Frühstück bekamen. Hans Rumpf, der -Nachtwächter, kam just verschlafen, noch ein paar Strohhalme -am Rock, aus einer Scheune heraus; er war -von dem Wagenrollen aufgewacht, worüber er eigentlich -etwas ärgerlich war. Er hatte nun mal die Meinung, -ein armer, geplagter Nachtwächter brauche vor allem -einen ruhigen Nachtschlaf. Als Hans Rumpf aber -sah, daß es Traumfriede war, der davonfuhr, rief er -ihm freundlich zu: »Gute Reise, Musjeh Kimmnaschiaste, -und halt dich brav in der Stadt, sonst kommt's gleich -in der ganzen Welt rum, daß die Oberheudorfer nichts -taugen.«</p> - -<p>»Na, er wird schon,« brummte Kaspar auf dem -Berge. »Aber sag mal, Nachtwächter, wo sind denn -die Kinder? Is doch zu kurios, daß auch nicht eine -Bubennase zu sehen ist, nä, so was!«</p> - -<p>Hans Rumpf drehte sich eilig rundum, er sah -rechts und links, sah in die Luft, auf die Erde, legte -den Finger an die Nase und sagte endlich bedächtig: -»Die haben's alle verschlafen!«</p> - -<p>Der Wirt lachte. »Dank schön für die Auskunft, -die is mächtig klug. Hüh hott, wir woll'n bißchen -rascher fahren!«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_p020">20</a></span></p> - -<p>Die Pferde trabten davon, und der Nachtwächter -sah dem Wagen stolz nach. Ja freilich, er war mächtig -klug; es ist schon was, herauszukriegen, daß es die -Buben und Mädel verschlafen haben, wenn sie nicht -zur rechten Zeit auf der Dorfstraße sind!</p> - -<p>Verschlafen hatten Friedes Freunde und Freundinnen -das große Ereignis aber doch nicht, sondern sie -waren alle putzmunter. Ganz leise und heimlich hatten -sie sich wecken lassen, und ebenso leise und heimlich -hatten sie sich aus den Häusern geschlichen, denn sie -hatten sich miteinander eine Überraschung ausgedacht. -Überraschungen fanden die Oberheudorfer Buben und -Mädel immer sehr fein, wenn auch leider oft die Erwachsenen -der Meinung waren, diese oder jene Überraschung -wäre gar nicht so fein gewesen. Diesmal hatte -Schulzes Jakob und der dicke Friede es gesagt, man -müsse Traumfriede noch einen ganz besonders schönen -Abschied bereiten. Natürlich waren alle Kinder einverstanden -gewesen und waren sehr heimlich dabei zu -Werke gegangen. Selbst Schuster Pechdraht, der doch -sonst die Mäuslein pfeifen und das Gras wachsen -hörte, hatte nichts gemerkt.</p> - -<p>Dem Traumfriede war es eigentlich ganz recht, als -er niemand sah, von dem er noch einmal Abschied nehmen -mußte. Ihm kam es doch recht schwer an, daß er nun -die Heimat verlassen mußte. Den ganzen Winter hatte<span class="pagenum"><a id="Seite_p021">21</a></span> -er fleißig gelernt beim Herrn Pfarrer und in der -Schule und immer gedacht, es würde wunderschön sein, -wenn er erst in der Stadt auf das Gymnasium gehen -könnte. Nun auf einmal dachte er mit heimlicher Angst -und Bangigkeit an die fremde Stadt, in der er außer -dem Doktor, den er einst zu Muhme Lenelies geholt -hatte, niemand kannte, niemand unter den vielen, vielen -Menschen. Feldburg war zwar keine große Stadt. -Wer in Berlin wohnte, sagte wohl: »Ach, so ein Nest!« -dem Oberheudorfer Buben erschien diese kleine Stadt -aber doch groß, fremd und ein wenig unheimlich.</p> - -<p>Schon war das letzte Haus von Oberheudorf erreicht, -und Friede drehte sich gerade noch einmal um -und schaute hinüber nach dem Häuschen der Pflegemutter, -als ganz jäh aus dem Straßengraben lauter -dunkle Gestalten aufsprangen. Von rechts und links -tauchten sie auf, und plötzlich erhob sich ein wildes Geschrei. -Kaspar auf dem Berge, der noch etwas verschlafen -war, schrak auf seinem Bock zusammen und -wußte gar nicht, ob er wachte oder träumte. Aber mehr -noch als er erschraken seine beiden braunen Pferde; -denen kam die ganze Sache höchst unheimlich vor, und -da Ausreißen ihnen in solchen Fällen gut und nützlich -erschien, rissen sie eben aus.</p> - -<p>Heidi ging es wie die wilde Jagd davon. Kaspar -auf dem Wege schrie laut: »Halt, halt, halt!« und<span class="pagenum"><a id="Seite_p022">22</a></span> -Friede umklammerte angstvoll seine kleine Reisetasche, -die seine wenigen Habseligkeiten enthielt.</p> - -<p>Es ging bergab in wildem Galopp. Einmal schwankte -der Wagen nach rechts, einmal nach links; ein Stein -kam, hopp flog der Wagen hoch, nun kam ein Loch im -Wege, und plumps fiel Friede mit der Nase vornüber. -Die Sache wäre vielleicht schlimm ausgegangen, wenn -der Weg statt bergab zur Abwechslung nicht einmal -bergauf gelaufen wäre. Da wurde den Pferden das -Ausreißen zu beschwerlich, und sie blieben einfach stehen -und ruhten sich etwas aus.</p> - -<p>»Potzhundert noch mal, diese Rasselbande!« schalt -Kaspar auf dem Berge wütend. Er kletterte vom Bock -und brachte das verwirrte Geschirr in Ordnung; dabei -sah er Friede ingrimmig an und schrie: »Mit der -Rasselbande meine ich deine lieben Kameraden, Musjeh! -Nä, sag mir mal, was haben die vor Tau und Tag im -Straßengraben zu sitzen und so'n Geschrei zu machen?«</p> - -<p>»Ich weiß doch nicht,« stammelte Friede, der noch -ganz verdattert war, »aber ich glaub' – – ich glaub', -das sollte zum Abschied für mich sein.«</p> - -<p>»Wa–as?« Der Wirt sah den Buben groß an, -dann brach er in ein dröhnendes Lachen aus. »Is gut, -is sehr gut, nä wirklich, wenn's auf die Dummheiten -ankommt, dann stehen unsere Mädel und Buben immer -an erster Stelle. 'n bißchen geschwind ist das ja nun<span class="pagenum"><a id="Seite_p023">23</a></span> -man mit dem Abschied gegangen, und ich gäb' was -drum, wenn ich die dummen Gesichter sehen könnte, mit -denen sie jetzt im Straßengraben sitzen. Na, nu hüh -hott, jetzt woll'n wir mal 'n bißchen langsamer nach -der Stadt fahren.«</p> - -<p>Die Oberheudorfer Buben und Mädel saßen inzwischen -wirklich mit reichlich dummen Gesichtern im -Straßengraben. Sie hatten sich die Geschichte aber doch so -wunderschön ausgedacht! Mit Gesang hatten sie Traumfriede -ein Stück begleiten wollen und hatten gemeint, -der würde glückselig sein vor Überraschung, wenn sie -alle aus dem Graben sprängen. Sie hatten sich dazu -in zwei Hälften geteilt, in die rechten und in die linken -Straßengräbler; vorher hatten sie es aber leider vergessen, -sich das Lied zu sagen, das sie singen wollten. -So fingen die von rechts mit: »Heil dir im Siegerkranz -–« an und die von links mit: »Das Wandern -ist des Müllers Lust.« Das stimmte nicht gut zusammen, -und weil ein paar Buben, die nicht singen -konnten, noch hurra dazwischen brüllten, klang der Gesang -schon etwas wüst, und es war Kaspars Braunen nicht -übel zu nehmen, daß sie lieber ausrissen, anstatt zuzuhören.</p> - -<p>»So'ne albernen Pferde,« brummte Heine Peterle -wütend. Annchen Amsee und Waldbauers Mariandel -heulten aber plötzlich laut los: »Friede fällt runter, -und denn ist er tot, huhuhu!«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_p024">24</a></span></p> - -<p>»Huhuhu, huhuhu,« heulten ein paar andere Mädel -mit. Die Buben schalten, das wäre Unsinn, aber ganz -wohl war ihnen auch nicht zumute, und zuletzt zogen -alle zusammen heulend und schreiend in das morgenstille -Dorf hinein.</p> - -<p>Da gab es nun eine Aufregung! Jene, die an -diesem Morgen noch schliefen, wurden unsanft geweckt, -und der Ruf: »Kaspar auf dem Berge ist mit seinem -Wagen verunglückt,« verbreitete sich rasch im Dorf. -Die Besonnenen meinten freilich, es würde wohl nicht -so schlimm sein, und der Wirt käme schon mit seinen -Pferden zurecht, aber sie riefen doch, man müsse ihm -jemand nachschicken. Der Schulze gab in aller Eile -seinem Jakob einen Katzenkopf: »Dummer Junge, was -stellt ihr aber auch immer an!«</p> - -<p>Der Schulze und der Schnipfelbauer ritten wirklich -dem Wirt nach. Ein Viertelstündchen hinter dem -Dorf aber trafen sie den Waldwärter Leberecht Sperling, -der ihnen erzählte, Kaspar auf dem Berge sei -ganz vergnügt an ihm vorbeigefahren. Da kehrten die -beiden Helfer um, und man freute sich im Dorf, daß -kein Unglück geschehen war. Weil die Kinder inzwischen -aber so viele drohende »Nachhers« und »Wartenur« -gehört hatten, machten sie es nun den Pferden des -Gastwirts nach und rissen auch aus. Hui! waren sie -weg, dorthin und dahin gelaufen, bis die Schulglocke<span class="pagenum"><a id="Seite_p025">25</a></span> -ertönte – denn in Oberheudorf waren die Osterferien -kürzer als in der Stadt –, und Hans Rumpf, der -Nachtwächter, wieder mal sagen konnte: »Na, endlich -sind sie wieder untergebracht; so'ne Schule ist doch was -Gutes, namentlich wenn die Kinder erst drin sind!«</p> - -<p>Muhme Lenelies hatte von allem Lärm und Geschrei -nichts vernommen. Sie saß still in ihrem etwas -abseits liegenden Häuschen, und ihre guten, sorgenden -Gedanken gingen ihrem Pflegesohn nach: jetzt war er -da, jetzt fuhr er durch den Wald, nun wohl den Hohlweg -entlang, und als ihre Uhr die Stunde anzeigte, -da vor den Reisenden das Städtchen aufsteigen mußte, -sagte die alte Frau still und fromm vor sich hin: -»Gottes Segen mit dir, mein Herzensjunge!«</p> - -<hr class="chap" /> - -<div class="chapter"> -<h2 id="Die_Gruenmuetzen"> -<img src="images/illu-chapter.png" alt="" /><br /> -Die Grünmützen von Feldburg.</h2> -</div> - -<p class="drop">»So, da wär'n wir ja,« sagte Kaspar auf dem Berge, -als die ersten Stadthäuser vor seinen Blicken -auftauchten. »Sitz gerade Bub und halt die Nase -hoch! In der Stadt muß man reputierlich auftreten, sie -heißen's hier Manieren.«</p> - -<p>Er selbst reckte und streckte sich nach dieser Ermahnung, -schnalzte mit der Peitsche und fuhr sehr stolz<span class="pagenum"><a id="Seite_p026">26</a></span> -mit seinem mit Säcken, Butter und Eierkästen beladenen -Wäglein in der Stadt ein. Er wollte es den Leuten -da schon zeigen, was der Gastwirt aus Oberheudorf für -ein gewichtiger Mann sei.</p> - -<p>Friede schaute sich mit großen Augen um. Da -war er nun in der Stadt, die er nur einmal im Winterschnee -gesehen hatte, und in der er jetzt viele, viele Jahre -wohnen sollte. Das Herz klopfte ihm stark, und er -sah jedes Haus, an dem der Wagen vorbeirollte, so -genau an, als müßte er gleich in alle Stuben hineinsehen -und die Menschen betrachten, die darin wohnten. -In der Vorstadt gab es freundliche, helle Häuser, die -in großen oder kleinen Gärten lagen; je weiter in die -Stadt hinein aber Friede kam, desto enger wurden die -Straßen. Da gab es schmale Gäßlein mit uralten, -spitzgiebeligen Häusern; ein dicker, grauer Turm erhob -sich am Ende der Vorstadt, an ihm lehnte noch ein -Stück zerbröckelte Stadtmauer, und darüber hatte der -Efeu ein immergrünes Tuch gespannt.</p> - -<p>»Ich fahre dich vors Organistenhaus,« erklärte -Kaspar auf dem Berge, »es hat ein besseres Ansehen, -wenn einer angefahren kommt.« Er klopfte dem Buben -freundlich auf die Schulter: »Gelt ja, wir zwei beide -wollen es den Städtern schon zeigen, was zwei rechte -Oberheudorfer sind!«</p> - -<p>Freundlich nickte er nach rechts und links und<span class="pagenum"><a id="Seite_p027">27</a></span> -brummte dann: »Das ist nu so'ne dumme städtische -Mode, daß sie nicht recht guten Tag sagen können.«</p> - -<p>Das Wäglein rasselte und rumpelte durch die -Straßen; nun ging es ein wenig bergauf, der Johannesplan -war erreicht, und die alte Stadtkirche mit ihren -schönen Portalen und den spitzen, schlanken Türmen erhob -sich vor den beiden.</p> - -<p>Über den Kirchplatz liefen just um diese Stunde -eine Anzahl Buben, ein paar davon in Friedes Alter, -die andern etwas größer. Sie trugen alle grasgrüne -Mützen und sahen an diesem Morgen alle miteinander -aus, als wären sie ganz aufgelegt zu lustigen Streichen. -Es waren Gymnasiasten, die an dem letzten Ferientag -sich mit ein paar Lehrern und Mitschülern auf dem -Schulhof treffen wollten, um einen Ausflug zu machen.</p> - -<p>Die Buben kamen sehr eilfertig heran; sie rannten -beinahe Kaspar auf dem Berge mit seinem Wagen um.</p> - -<p>»He, nicht so hitzig!« schrie Kaspar auf dem Berge. -»Sagt mir lieber, Buben, wo wohnt der Herr Organist -Wunderlich? Ich bringe den Friede aus Oberheudorf.«</p> - -<p>Die Buben blieben lachend stehen, und ein schlanker, -langer Junge sagte spöttisch und keck: »Nein, wie nett, -daß Sie aus Oberheudorf sind.«</p> - -<p>»Gelt ja, das ist schon was,« nickte der dicke Wirt. -»Aber du meine Güte, warum habt ihr denn alle so -grasgrüne Mützen auf? Die reinen Laubfrösche!«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_p028">28</a></span></p> - -<p>»Holla!« schrieen ein paar Buben empört, »wir -sind keine Laubfrösche, wir sind Gymnasiasten.«</p> - -<p>»Ih nä,« rief der Wirt vergnügt und gab Friede -einen kleinen Rippenstoß, »sieh doch, Friede, das sind -nun alles deine Kameraden. Gib'n die Hand, sieh -nicht so dämlich drein, Bub!«</p> - -<p>»Was, der Bauernbengel will ein Gymnasiast sein?« -rief der lange Junge wieder.</p> - -<p>»Na freilich,« Kaspar grinste vergnügt, »der Friede -Heller ist's doch aus Oberheudorf, der Muhme Lenelies -ihr Friede. Gelt, ihr habt euch schon recht auf'n -gefreut?«</p> - -<p>Die Jungen brachen in ein lautes Gelächter aus. -Der dicke Wirt und der blonde Junge, der vor Verlegenheit -so rot wie ein Bündel Radieschen geworden -war, kam ihnen höchst spaßhaft vor. Sie schauten einander -an, keiner sagte etwas zum andern, aber jeder -dachte wie der andere: »Wir machen einen Ulk.« Sie -brüllten auf einmal so laut, daß es über den ganzen -Kirchplatz dröhnte: »Der Friede Heller aus Oberheudorf -ist da, der Friede Heller ist da, hurra, hurra, hurra!«</p> - -<p>»Friede Pfennig,« schrie ein kleiner, kecker Bursche, -»'n Pfennig ist mehr als 'n Heller,« und die andern -echoten: »Friede Pfennig, Friede Pfennig!«</p> - -<p>»Aufgepaßt, da kommt der Herr Direktor!« sagte -plötzlich der erste Sprecher und deutete auf einen langen,<span class="pagenum"><a id="Seite_p029">29</a></span> -dünnen Mann, der vom Gymnasium herkam. Im Nu -rissen alle Buben die Mützen vom Kopf und schrieen: -»Guten Morgen, Herr Direktor!«</p> - -<p>Flugs riß Kaspar seine Kappe auch ab, Friede -bekam einen Puff, weil er die seine nicht schnell genug -abnahm, und während der Bube nur schüchtern sein -guten Morgen sagte, brüllte der Oberheudorfer Wirt -laut: »Allerschönsten guten Morgen, Herr Drektor, un -hier is nu der Friede Heller aus Oberheudorf, und ich -bin der Wirt Kaspar auf dem Berge von der himmelblauen -Ente.«</p> - -<div class="figcenter"> -<img src="images/illu-029.png" alt="" /> -</div> - -<p>»Das ist – – un – – unverschämt,« schrie der -mit »Herr Drektor« Angeredete. »Was fällt Ihnen -ein, Sie – – Sie – – Kaspar, Sie!«</p> - -<p>Die Buben kreischten vor Lachen: »Friede Pfennig,<span class="pagenum"><a id="Seite_p030">30</a></span> -steig aus, Friede Pfennig, steig aus, sag dem Herrn -Direktor guten Tag!«</p> - -<p>Friede hatte rasch gemerkt, daß die Buben ihren Spott -mit ihm und seinem Beschützer trieben, er zupfte diesen -ängstlich am Ärmel und bat: »Wir wollen weiterfahren!«</p> - -<p>»Nä,« rief der, »fällt mir nicht ein, un wenn das -zehnmal ein Drektor ist, anschrein lasse ich mich nicht. -Sie, Herr Drektor,« brüllte er, »ich bin der Wirt zur -himmelblauen Ente aus Oberheudorf.«</p> - -<p>»Das ist un – – unverschämt,« rief der andere -wieder, »denken Sie denn, Sie können mich foppen mit -Ihrer himmelblauen Ente? Was fällt Ihnen denn ein, -Sie grober Bauer, Sie!«</p> - -<p>»Nä, nu schlägt's dreizehn!« Kaspar auf dem -Berge war jetzt wirklich wütend, er fuchtelte mit seiner -Peitsche in der Luft herum und donnerte: »So, Schulmeister -woll'n Sie sein und benehmen sich gegen einen -rechten Mann so? Nä, hier bleibt mir der Friede -nicht; Muhme Lenelies heult sich ja die Augen aus, -wenn sie das erfährt, Herr Drektor!«</p> - -<p>»Sie sind ein ganz unverschämter, grober Bauer,« -kreischte der andere wieder – er konnte vor Zorn kaum -noch reden – »der Kuckuck ist Ihr Direktor!«</p> - -<p>»Herr Direktor, Herr Direktor,« jauchzten die Jungen, -»Friede Pfennig, steig aus, gib ihm die Hand, sonst -schilt Muhme Lenelies!«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_p031">31</a></span></p> - -<p>Der Lärm, das Schreien, Lachen und Schimpfen -wäre wohl noch eine Weile fortgegangen, wenn nicht -der Organist Wunderlich aus seinem Haus gekommen -wäre. Da stoben plötzlich die grünbemützten Gymnasiasten -davon, und der sogenannte Direktor eilte beinahe -ängstlich auf den alten Herrn zu und rief kläglich: -»Jetzt verhöhnt mich sogar der grobe Bauer dort!«</p> - -<p>»Ich bin kein grober Bauer, potzwetter noch mal, -Sie – Bohnenstange; ich bin Kaspar auf dem Berge, -Wirt zur himmelblauen Ente.«</p> - -<p>Von der Schulmauer her, hinter welche die Gymnasiasten -geflüchtet waren, kam ein wahrer Lachsturm. -»Kaspar auf dem Berge bringt Friede Pfennig, haha, -huhu! Herr Direktor, hahaha!«</p> - -<p>»Na wartet nur!« Mit ein paar langen Sätzen -verschwand der Direktor hinter der Schulmauer, und -von dort her tönte erneuter Lärm, bis plötzlich eine -tiefe Stille eintrat.</p> - -<p>Der Oberheudorfer Wirt schaute höchst verdutzt -drein, Friede aber saß ganz zusammengekauert auf dem -Wagen, er kämpfte nur mit Mühe die Tränen nieder. -»Das also ist mein künftiger Hausgenosse?« sagte der -alte Herr jetzt freundlich zu ihm, dann wandte er sich -zu dem Wirt und klärte diesen über seinen Irrtum auf. -Der sogenannte Direktor war der Schuldiener Mayer, -den die übermütigen Jungen meist spottend »Herr<span class="pagenum"><a id="Seite_p032">32</a></span> -Direktor« nannten. Sie taten es leider, weil sie wußten, -daß der Schuldiener sich bitter darüber ärgerte. -Der hatte nun wohl gedacht, Kaspar auf dem Berge -wolle ihn auch necken, und war darum so bitterböse -geworden.</p> - -<p>»Kurioses Volk, die Stadtleute!« murmelte Kaspar -auf dem Berge. Er fuhr sich nachdenklich durch die -Haare, und als er nun Friede so niedergeschlagen seine -Sachen vom Wagen heben sah, sagte er gutmütig: -»Mach dir nichts draus, Bube, daß sie dich Friede -Pfennig genannt haben, du beißt dich schon durch, und -beim Kohlbauern hast es ärger gehabt.«</p> - -<p>Für Friede, den der Spott tief gedemütigt hatte, -war dies der rechte Trost. Beim Kohlbauern, zu dem -man ihn als armes, verlassenes Waisenbüblein gebracht, -hatte er Schläge genug bekommen und Hunger gelitten, -nein wirklich, so schlimm würde es hier sicher nicht sein, -und ganz getröstet sah er zu dem kleinen, blitzsauberen -Organistenhaus hinauf. In ihm sollte er künftig seine -Heimat haben.</p> - -<p>Er trug seine Sachen hinein, und drinnen kam -ihm Fräulein Wunderlich, des Organisten Schwester, -entgegen, eine rundliche, lebhafte kleine Dame. Sie -empfing den neuen Hausgenossen aber nicht sonderlich -freundlich.</p> - -<p>»Ah, da bist du ja!« rief sie. »Na meinetwegen,<span class="pagenum"><a id="Seite_p033">33</a></span> -mir ist es recht, daß du bleibst, nur das sage ich dir, -mit schmutzigen Schuhen darfst du mir nicht in die -Zimmer gehen; Maikäfer, Frösche, Mäuse und solche -Tiere darfst du nicht fangen und sie in meine gute -Stube setzen oder in mein Bett legen. Und Feuer -darfst du auch nicht anzünden, daß einem in der Nacht -das Haus über dem Kopf zusammenbrennt. So was -kann ich nicht leiden!«</p> - -<p>Friede wollte gerade bescheidentlich sagen, daß er -alles dies gewiß nicht tun wolle, als die Dame eindringlich -fortfuhr: »Mit den Leuten nebenan im großen -Hause darfst du auch nicht sprechen, hörst du, sonst -werde ich böse. So, und nun geh die Treppe hinauf! -Rechts die erste Türe ist offen, das ist dein Zimmer, du -kannst gleich deine Sachen auspacken.«</p> - -<p>Husch war die Dame schon über den Flur gelaufen, -um draußen mit Kaspar auf dem Berge zu -sprechen. Von ihm wollte sie durchaus Hühner kaufen, -obgleich der Wirt versicherte, er hätte keine. »Na, das -begreife ich nicht,« rief Fräulein Wunderlich, »wie man -vom Dorfe sein und keine Hühner haben kann!«</p> - -<p>Kaspar ärgerte sich, er schwieg aber und dachte -mitleidig: »Die Städter sind nun mal nicht recht gescheit, -aber leid tut's mir um den Friede, er hätte lieber -bei uns bleiben sollen.«</p> - -<p>Friede war unterdessen die Treppe hinaufgestiegen,<span class="pagenum"><a id="Seite_p034">34</a></span> -hatte eine Türe offen gefunden und sich etwas erstaunt -in dem Zimmer umgesehen. Komisch war das, denn -es stand mehr als alles darin, übereinander, untereinander, -Möbel, Kisten und Kasten, Einmachbüchsen, -eine Waschwanne, alte Blumentöpfe, Bilder mit zerschlagenen -Rahmen, und Platz war wahrlich nicht viel, -nicht einmal für so einen schmalen Jungen, wie Friede -einer war. Der Bube war an einfaches Hausen gewöhnt, -immerhin hatte er sich sein Stadtkämmerlein -doch anders vorgestellt, wenigstens so sauber und ordentlich, -wie es im Häusel der Muhme Lenelies aussah.</p> - -<p>Kaspar auf dem Berge wollte auch sehen, wie der -Junge untergebracht war. Er habe das der Muhme -versprochen, erklärte er. So stapfte er hinter Friede die -Treppe hinauf, während Herr Wunderlich selbst unten -auf die Pferde achtgab.</p> - -<p>»Potzhundert!« rief der dicke Gastwirt oben erstaunt, -»meiner Seel', ich hätt' nicht gedacht, daß man -in der Stadt so kurios die Kammern einrichtet. Hm, -hm, nä, wirklich, Friede, meine Frau würde das 'ne -Rumpelkammer nennen.«</p> - -<p>»Muhme Lenelies auch,« sagte Friede kleinlaut, -»aber da steht 'n Bett und – – –«</p> - -<p>»Junge, sag mir mal, was machst du denn in -meiner Schrankstube?« rief plötzlich Fräulein Wunderlich -von unten herauf, und dann erkletterte die rundliche<span class="pagenum"><a id="Seite_p035">35</a></span> -Dame eilig die Treppe. »Aber Junge, Junge, doch -auf der andern Seite!«</p> - -<p>»Rechts sollte ich – –,« stotterte Friede.</p> - -<p>»Rechts, ach so, ja, ja!« Die Dame brach in ein -höchst vergnügtes Lachen aus: »Junge, merk dir das, -rechts und links kann ich einmal nicht unterscheiden, -und wenn ich rechts sage, meine ich fast immer links, -und wenn ich links sage, dann meine ich rechts, das ist -mal so!«</p> - -<p>»Ih, nä!« Der Wirt grinste: »So was, das habe -ich meiner Lebtage nicht gehört, daß 'n Frauenzimmer -so verdreht ist und links sagt und – – –«</p> - -<p>»Erlauben Sie mal,« rief Fräulein Wunderlich -entrüstet, »ich bin kein Frauenzimmer! Auf dem Dorfe -gibt es Frauenzimmer, in der Stadt gibt es Damen.« -Dabei sah sie den dicken Kaspar so von oben herab an, -daß dem himmelangst wurde. Er scharrte verlegen mit -seinen Füßen auf dem blitzsauberen Fußboden, was -Fräulein Wunderlichs erneuten Ärger erregte. Sie -sagte aber nichts und öffnete nun links eine Türe zu -einem so freundlich eingerichteten Stübchen, daß Friede -einen hellen Freudenruf ausstieß. »Hier soll ich wohnen, -hier?«</p> - -<p>»Freilich!« Das Fräulein lächelte nun freundlicher; -sie strich sogar dem Buben die Wangen und -sagte: »Mag's dir gut gehen bei uns in unserem Hause!«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_p036">36</a></span></p> - -<p>Kaspar auf dem Berge nickte wohlgefällig, so war's -recht; das Stübchen gefiel ihm wohl, und zuletzt schied -er mit dem Bewußtsein, dem Friede ginge es so gut, -wie es einem in der Stadt gehen kann. So schön wie -in Oberheudorf konnte es eben nirgends sein.</p> - -<p>Am Abend erzählte er daheim viel von seiner und -Friedes Ankunft, von den Laubfröschen, dem falschen -»Drektor« und dem verkehrten Frauenzimmer, und Muhme -Lenelies, die in die himmelblaue Ente gekommen war, -dachte voll heimlicher, sorgender Angst: »Wie wird es -nur meinem Friede ergehen in der fremden, fremden -Stadt!«</p> - -<p>Die Oberheudorfer Buben und Mädels redeten -am nächsten Morgen mehr vom Traumfriede und der -Stadt als von ihrer Schule und ihren Arbeiten. Die -Buben besonders beneideten den Kameraden glühend. -Es mußte doch wundervoll sein, eine froschgrüne Mütze -zu tragen! Allein um dieser Mütze willen wären die -meisten gleich bereit gewesen, auch auf das Gymnasium -zu gehen. »Und so'ne feine Kammer hat er,« wisperten -die Mädels, »der Wirt hat gesagt, seine Fremdenstube -wäre nicht schöner. Ach ja, der Friede hat's gut!«</p> - -<p>»Vielleicht geh ich auch noch in die Stadt zur -Schule,« sagte Heine Peterle daheim sehr wichtig zu -Muhme Rese, »die grüne Mütze ist fein!«</p> - -<p>»Ja,« meinte Muhme Rese, »'ne Mütze tragen<span class="pagenum"><a id="Seite_p037">37</a></span> -und lernen ist halt 'n Unterschied; wieviel Fehler haste -heute gehabt?«</p> - -<p>Flugs war der Bube hinaus. Nach seinen Schularbeiten -ließ er sich nicht gern fragen, denn darin sind -die Erwachsenen komisch; sie schreien über ein paar -Dutzend Fehler immer gleich, als wäre das eine ganz -schlimme Sache! – – –</p> - -<div class="figcenter"> -<img src="images/illu-037.png" alt="" /> -</div> - -<hr class="chap" /> - -<div class="chapter"> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_p038">38</a></span></p> -<h2 id="Ein_boeser_Tag"> -<img src="images/illu-038.png" alt="" /><br /> -Ein böser Tag.</h2> -</div> - -<p class="drop">»Nimm's nicht schwer, wenn dir im Anfang alles -etwas fremd vorkommt,« hatte der Organist -Wunderlich seinen Hausgenossen ermahnt, als er am -Nachmittag nach seiner Ankunft mit ihm hinüber ins -Gymnasium zur Aufnahmeprüfung ging. »Sei tapfer! -Wer ein rechter Mann werden will, darf nicht gleich -verzagen, wenn auch der Anfang etwas schwer ist.«</p> - -<p>Traumfriede nahm sich die Worte zu Herzen und -dachte: »Ich will schon tapfer sein.« Doch bei der -Prüfung hatte er die Tapferkeit gar nicht nötig, er -wußte viel und konnte gut antworten. Die Lehrer -sagten, das, was er noch nicht wisse, würde er schnell -nachholen. Er kam, wie es der Oberheudorfer Lehrer -gesagt hatte, in die Quarta hinein, und sein Pflegevater -ging gleich nach der Prüfung und kaufte ihm<span class="pagenum"><a id="Seite_p039">39</a></span> -eine froschgrüne Mütze. Die gehörte nun einmal dazu, -und als Friede sie aufsetzte, dachte er: »Ach, könnte -ich doch jetzt einmal mich damit im Dorfe zeigen!«</p> - -<p>Der erste Tag und die erste Nacht gingen vorbei. -Traumfriede schlief, trotzdem es ihm am Abend seltsam -bang ums Herz wurde, doch wie ein Murmeltier im -fremden Hause. Und tapfer, zuversichtlich und vergnügt -marschierte er am nächsten Morgen in das Gymnasium -hinüber, die grüne Mütze keck auf dem blonden Kopf. -Er hatte es sehr eilig gehabt, und so betrat er als einer -der Ersten den weiten Schulhof. Das Haus – es -war ein ehemaliges Stiftsgebäude – kam Friede überaus -prächtig vor, und da die große Uhr über dem -Eingang ihm zeigte, daß er noch viel Zeit hatte, so -blieb er stehen und betrachtete sich fast ehrfürchtig das -weitgestreckte Gebäude, zu dem eine breite Freitreppe -hinaufführte. Dorthinein sollte er nun täglich gehen; -statt Hirtenjunge und Allerweltshelfer in Oberheudorf -war er nun ein Gymnasiast, ein Lateinschüler, und später -würde er vielleicht auch ein Pfarrer, ein Doktor, ein – –</p> - -<p>»Herrjeh, da ist ja Friede Pfennig aus Oberheudorf! -Na, Friede Pfennig, wie geht es denn Muhme -Lenelies?« rief es da plötzlich laut in seine stolzen Zukunftsgedanken -hinein.</p> - -<p>Verwirrt drehte sich der Bube um, er mußte sich -erst besinnen, daß der Ruf ihm galt. Ein paar Jungen<span class="pagenum"><a id="Seite_p040">40</a></span> -standen neben ihm, der längste von ihnen war der -Sprecher gewesen. Er schaute Friede spöttisch an, so -spöttisch und unfreundlich, daß dem plötzlich die Glut -ins Gesicht stieg, was den andern zu lautem Lachen -reizte: »Seht nur, wie er rot wird, der Herr Oberheudorfer! -Sag mal, du hast wohl Spatzen unter deiner -Mütze?« Und ehe es sich Friede versah, sauste ihm -die Mütze vom Kopfe und geriet schnell unter ein paar -Bubenbeine.</p> - -<div class="figcenter"> -<img src="images/illu-040.png" alt="" /> -</div> - -<p>»Meine Mütze,« rief Friede unwillkürlich erschrocken, -und weil er, der in Armut groß geworden war, das -Neue stets schonte, hob er die Mütze eilig auf und -sagte kläglich: »Sie ist doch ganz neu! Pfui, wie abscheulich -von dir!«</p> - -<p>»Na, seht doch den Bauernbuben an!« höhnte der<span class="pagenum"><a id="Seite_p041">41</a></span> -lange Junge. »Geh doch, klag's der Muhme Lenelies, -Friede Pfennig!«</p> - -<p>Das war ein übler Anfang. Wenn nicht ein paar -Lehrer über den Schulhof gekommen wären, hätte es -sicher eine Prügelei gegeben, und als Friede ein Weilchen -später in seiner neuen Klasse saß, hatte er das -Gefühl, unter lauter Feinden zu sitzen. Das tuschelte -und lachte um ihn herum: »Friede Pfennig aus Oberheudorf -ist da, Friede Pfennig, Friede Pfennig.«</p> - -<p>Wenn er aufsah, begegnete er lauter lustigen Spottblicken, -und zuletzt wurde er ganz verwirrt und verlegen, -er konnte in der Stunde nicht mehr die einfachsten -Fragen beantworten. Der Klassenlehrer, Doktor Schneider, -sah ihn darum nicht scheel an, er fand des Buben Verlegenheit -begreiflich, er wußte ja auch, wie gut der seine -Prüfung bestanden hatte. Aber Friede schämte sich -doch gewaltig, und als die Stunde aus war, rannte er -wie gejagt davon. Doch draußen auf dem Flur hielt -ihn einer fest: »Bist du der Friede aus Oberheudorf?«</p> - -<p>»Ja,« schrie Friede, und den sonst so sanften -Jungen übermannte der Zorn. Warum neckten sie ihn -nur so, war es denn eine Schande, aus Oberheudorf -zu sein? »Ja, der bin ich,« schrie er noch einmal, -und schwapp, schlug er dem andern die Mütze vom -Kopf. »Ich kann das auch!«</p> - -<p>Hinaus war er, die Treppe hinab, er raste über<span class="pagenum"><a id="Seite_p042">42</a></span> -den Schulhof und kam heiß und atemlos in dem -Organistenhaus an. Es hatte draußen inzwischen etwas -geregnet, und auf dem Johannesplan standen kleine -Pfützen. Friede hatte wenig darauf acht gegeben, er -dachte auch nicht an das Schuhabputzen; tapp, tapp -lief er die Treppe zu seinem Kämmerlein hinauf und -warf drinnen aufschluchzend seine Bücher auf den -Tisch.</p> - -<p>Bums, da lagen die Bücher, und bums ging die -Türe auf. Fräulein Wunderlich stand auf der Schwelle -und rief wütend: »Ich habe dir doch gesagt, du sollst -die Füße abwischen, o du böser, böser Junge, du! -Wenn du es noch einmal vergißt, dann mußt du die -Treppe scheuern.« Krach, flog die Türe wieder zu, -und Friede starrte ganz betäubt der zornigen Dame -nach. Er hörte sie unten noch ein Weilchen schelten, -und bedrückt schlich er an das Fenster und sah hinaus. -Sein Zimmerchen lag an der Wand des Hauses, die -an den Garten des stattlichen Nachbarhauses anstieß, -und Friede konnte weit hinein in diesen großen, schönen -Garten sehen. In dem standen viele alte Bäume; -jetzt freilich waren sie noch kahl, nur ein feines grünes -Schimmern lag darüber, aber die großen Rasenflächen -leuchteten schon im ersten frischen Grün, und da und -dort blühten bunte Frühlingsblumen, Hyazinthen, Tulpen -und Narzissen. Der Garten gefiel Traumfriede über<span class="pagenum"><a id="Seite_p043">43</a></span> -die Maßen gut, und er sah so lange und andächtig -hinein, bis er ein wenig seinen Kummer vergaß.</p> - -<p>Etwas beruhigter ging er zum Mittagessen hinab, -und da Fräulein Wunderlich nicht mehr so bitterböse -aussah, wollte er sie gerade um Entschuldigung bitten, -als der Herr Organist ihn etwas streng fragte: »Du, -sag mal, Friede, warum bist du gleich so patzig? Dem -Ulrich Sonntag hast du so heftig die Mütze vom Kopf -geschlagen, daß er eine Beule an der Stirn davongetragen -hat. Na, das ist ja eine schöne Aufführung -für den ersten Tag! Schämst du dich nicht?«</p> - -<p>Fragte nun jemand den Traumfriede mild, wie -war das oder dies, dann sagte er stets freimütig und -offen die Wahrheit, doch Strenge schüchterte ihn leicht -ein, und er wußte nichts zu sagen. Herrn Wunderlichs -Vorwurf und des Fräuleins Schelte verwirrten -ihn namenlos; er wagte nicht aufzusehen, still und niedergeschlagen -saß er da. Dem alten Herrn tat es fast -leid, und freundlicher forderte er ihn auf: »Erzähle -mir doch einmal, wie war es heute früh, und warum -hast du gerade mit Ulrich Sonntag Streit gehabt?«</p> - -<p>Friede wollte soeben, durch den freundlichen Ton -ermuntert, antworten, wollte sagen, er wüßte gar nicht, -wer dieser Ulrich Sonntag sei, als Fräulein Wunderlich -empört rief: »Bewahr mich, der Junge steckt ja -das Messer in den Mund!«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_p044">44</a></span></p> - -<p>Erschrocken ließ Friede das Messer fallen, das -rutschte aus, er wollte es halten, doch da geriet der Teller -ins Schwanken, und beinahe ging es wie beim Kippelphilipp -im Struwelpeter: Teller, Glas, Messer, Löffel, -Brot, alles kollerte mit viel Geklirr und Gekrach auf -den Fußboden.</p> - -<p>»Das ist ja ein furchtbarer Junge!« rief Fräulein -Wunderlich empört, und sie hätte wohl noch manches -böse Wort gesagt, wenn ihr Bruder sie nicht mit ernstem -Blick gebeten hätte: »Wir wollen jetzt nichts mehr sagen, -Friede und ich sprechen nachher miteinander. Geh jetzt -in dein Zimmer und arbeite. Bis fünf Uhr habe ich -Stunden zu geben, nachher komm zu mir.«</p> - -<p>Friede war heilfroh, daß er aufstehen durfte. Er -war freilich nur halb satt, aber er hätte jetzt vor lauter -Verlegenheit und Scham doch keinen Bissen mehr hinuntergebracht. -Als er die Türe hinter sich schloß, hörte -er gerade noch Fräulein Wunderlich triumphierend sagen: -»Ich habe es gleich gewußt, so ein Junge vom Dorf -paßt nicht in unser Haus.«</p> - -<p>Traurig schlich Friede die Treppe hinauf. Heute -hatte er keine Freude an dem hübschen Stübchen, selbst -die neuen Bücher auf dem Tisch, an denen er sich -gestern noch so gefreut hatte, lockten ihn nicht. Er setzte -sich niedergeschlagen an das offene Fenster, starrte in -den <span id="corr044">Nachbargarten</span> hinunter und dachte, während ihm<span class="pagenum"><a id="Seite_p045">45</a></span> -dicke Tränen über die Wangen liefen: »Ach, wäre ich -doch wieder in Oberheudorf bei Muhme Lenelies!«</p> - -<p>In dem großen, schönen Haus mit dem steinernen -Wappen über dem Tor, das neben dem Organistenhaus -lag, wohnte ein alter Herr, Professor von Spiegel. -Das Haus stand schon beinahe zweihundert Jahre auf -dem Johannesplan, und so lange war es auch in dem -Besitz der Familie Spiegel. Wohl nie war es aber -so still in dem Hause gewesen wie jetzt. Sein Besitzer -hatte weder Frau noch Kinder, er war ein hochgelehrter -Herr, der viel auf Reisen war und manchmal monatelang -nicht in dem alten Familienhaus wohnte. Sein -Gärtner und dessen Frau bewachten das Haus; kam -der Professor selbst, dann bewohnte er meist nur wenige -Zimmer, alle andern blieben verschlossen. Fräulein -Wunderlich haßte den Nachbar, obgleich sie Nachbarskinder -waren und ihr Bruder Matthias sich in seiner -Jugend den besten Freund des Herrn von Spiegel genannt -hatte. Die Freundschaft war entzwei gegangen -durch kleine Mißverständnisse und Übelnehmereien. Die -meiste Schuld daran trug Fräulein Wunderlich. Sie -hatte nie zum Frieden geredet, sondern immer ein wenig -gehetzt und gestichelt. Einmal hatte sie behauptet, der -Nachbar sei hochmütig und habe sie nicht gegrüßt, dann -wieder, man habe ihre Katze drüben im Nachbargarten -vergiftet, und zuletzt war es so weit gekommen, daß die<span class="pagenum"><a id="Seite_p046">46</a></span> -Nachbarn sich nicht mehr ansahen. Herr Matthias -Wunderlich schaute freilich oft trübselig nach dem Haus -hinüber und seufzte wohl: »Wäre es doch wie damals!«</p> - -<p>Ähnlich dachte auch der alte Professor von Spiegel, -als er an diesem Frühlingstag zum erstenmal wieder -nach langer Abwesenheit durch seinen Garten schritt. -Aufmerksam betrachtete er, wie bunt und reich der -Frühling die Beete geschmückt hatte; bald blieb er vor -einem Baum stehen, der ein lichtgrünes Schleierkleid -trug, bald vor einem Beet, auf dem allerlei Blumen -zart und lustig im Sonnenschein standen. An der Mauer -des Nachbarhauses blühten noch die Veilchen, und der -Professor bückte sich, um ein paar der lieblichen Dinger -abzupflücken, als er Friedes bitterliches Schluchzen hörte. -Die Kammer des Knaben war gerade an der Veilchenwand, -und da das Organistenhaus ziemlich klein gewachsen -war, konnte der alte Herr den weinenden Knaben -gut sehen. »Na nu,« rief er hinauf, »wer heult denn -da? Schickt sich das für einen schönen Frühlingstag, he?«</p> - -<p>Friede hob verwirrt den Kopf und sah nun den -alten Herrn an, der unten im Garten stand. Das Gesicht -kam ihm bekannt vor, es war ihm, als müßte er -schon einmal dies von struppigem, weißem Haar umgebene -Gesicht mit den hellen Augen gesehen haben.</p> - -<p>»Na, was guckste mich denn an, Junge, als wäre -ich aus einem Märchenbuch herausgepurzelt?« rief Professor<span class="pagenum"><a id="Seite_p047">47</a></span> -von Spiegel und zwinkerte lustig mit den Augen. -»Ich bin kein Mittagsgespenst, kein Kinderschreck, kein -Bubenfresser. Aber nun sag du mir mal, woher du -kommst, und warum du so weinst, als wolltest du den -Johannesplan unter Wasser setzen. Bei Wunderlichs -gibt es doch sonst keine heulenden Buben, he?«</p> - -<p>»Ich bin aus Oberheudorf,« stammelte Friede, »ich -soll hier aufs Gymnasium gehen.«</p> - -<p>»So, aus Oberheudorf? Na, das ist dort eine -nette Sorte Buben und Mädels.«</p> - -<p>Der alte Herr lachte leise und behaglich, und Friede -dachte wieder: »Aber den kennst du doch!« Da fragte -schon der Fremde in sein Überlegen hinein: »Du kennst -mich wohl nicht mehr, oder warst du nicht dabei, wie -wir voriges Jahr bei euch ein Hünengrab öffneten, he?«</p> - -<p>»Ich weiß, ach, ich weiß!« rief Friede, und ein -heller Schein lief über sein Gesicht. Ach, das war ja -einer der Herren, die an einem Sommertag in Oberheudorf -gewesen, das Hünengrab erforscht und seinen -Lieblingsplatz dadurch zerstört hatten. Just dieser hatte -dann am meisten darüber gelacht, daß die Mädels die -ausgegrabenen Sachen alle hatten schön blank putzen -wollen.</p> - -<p>»Komm mal zu mir herunter, dich muß ich mir -näher ansehen,« sagte der alte Herr fröhlich, und als -sich Friede zweifelnd umsah, holte er selbst eine lange<span class="pagenum"><a id="Seite_p048">48</a></span> -Leiter herbei und schob sie unter Friedes Fenster. »Da -ist die Treppe, nun komm!«</p> - -<p>Friede dachte in diesem Augenblick gar nicht an -Fräulein Wunderlichs strenges Verbot, jeden Verkehr -mit dem Nachbarhause zu vermeiden, er war zu froh, -mit jemand von Oberheudorf sprechen zu können; eins, -zwei, drei war er unten neben dem alten Herrn, der -ihm freundlich die Hand entgegenstreckte. »Na, grüß -dich Gott, Oberheudorfer Bube du, und nun komm, -setz dich neben mich und erzähle mir, wie du aus deinem -hübschen Oberheudorf heraus und gerade zu den Wunderlichs -gekommen bist.«</p> - -<p>Bei dieser gütigen Frage verlor Friede alle Befangenheit, -und ein großes Vertrauen zu dem Herrn, -der seine Heimat so gut kannte, erfüllte gleich sein Herz, -und es wurde ihm gar nicht schwer, dem Fremden alle -seine Schicksale zu erzählen, von der Heimat, und wie -er hierher gekommen war, von der gestrigen Ankunft -und dem bösen Schulanfang heute, von Fräulein Wunderlichs -Zorn und – da stockte er und wurde blutrot.</p> - -<p>»Na und weiter? Immer ehrlich gesagt, was man -denkt,« ermunterte der Professor.</p> - -<p>»Ich – – – ich sollte doch mit niemand von -den Nachbarn sprechen,« stammelte Friede, dem plötzlich -das Verbot einfiel.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_p049">49</a></span></p> - -<div class="figcenter"> -<img src="images/illu-049.png" alt="" /> -</div> - -<p>»So, das sieht ja dem wunderlichen Fräulein -Wunderlich ähnlich,« rief Herr von Spiegel grimmig<span class="pagenum"><a id="Seite_p050">50</a></span> -lachend. »Sieh mal einer an, nicht einmal reden soll -man mit mir! Sag einmal, Bub, spricht es sich nicht -ganz gut mit mir?«</p> - -<p>Friede lachte, nickte und erwiderte treuherzig: »Ja.« -Er blieb auch sitzen und gab fröhlich und willig Antwort, -denn der Professor fragte gar viel nach dem -Heimatsdorf und seinen Bewohnern, und darüber vergaßen -die beiden ungleichen Kameraden wieder Fräulein -Wunderlichs Verbot.</p> - -<p>Das Fräulein hatte unterdessen viel an ihren kleinen -Hausgenossen gedacht. Etwas bereute sie beim Nachdenken -ihre Strenge schon, und wäre ihr Friede jetzt -in den Weg gekommen, dann hätte er wohl ein freundliches, -mildes Wort gehört. Inzwischen klingelte es an -der Türe, und Marianne Sonntag kam zur Geigenstunde. -Fräulein Wunderlich öffnete selbst und sprach -ein paar Worte mit dem Mädel, das ihres Bruders -Lieblingsschülerin war. Dabei fiel ihr wieder ein, daß -Friede am Morgen mit Ulrich Sonntag Streit gehabt -hatte, und sie forschte: »Sag mal, Kind, was hat denn -dein Bruder unserm Pflegling getan?«</p> - -<p>»Er ihm?« rief das Füchslein und wurde rot vor -Ärger. »O pfui, Fräulein Wunderlich, dieser Junge -aus Oberheudorf ist abscheulich! Ulli wollte mit ihm -sprechen, da hat er gleich losgehauen – – so – –,«<span class="pagenum"><a id="Seite_p051">51</a></span> -und krach schlug sie mit ihrer Notenmappe auf einen -Stuhl, »so war's!«</p> - -<p>»Aber Mädchen, nicht so wild!« mahnte Fräulein -Wunderlich und seufzte: »Ja, ja, ich glaube, wir haben -uns einen bösen Knaben in das Haus genommen, ich -fürchte sehr, es wird viel Ärger geben. Nun geh also -in deine Stunde, Kind!«</p> - -<p>Marianne schlüpfte in das Musikzimmer, Fräulein -Wunderlich aber stieg die Treppe hinauf, um einmal -nach ihrem schlimmen Kostgänger zu sehen. Zu ihrem -Erstaunen fand sie oben das Zimmer leer und das Fenster -weit offen. »Er ist ausgerissen,« dachte sie erschrocken, -»ich habe ihn aus dem Hause getrieben.« Aber da -hörte sie auf einmal Stimmen aus dem Nachbargarten -heraufschallen, und nun – was war das? – – – ein -höchst vergnügtes Bubenlachen erklang da unten. Geschwind -lief sie ans Fenster und bog sich weit hinaus. -Das war doch toll! Da saß dieser abscheuliche Bengel -und schwatzte mit dem verhaßten Nachbar, als wäre der -sein allerbester Freund! Ein heftiger Zorn erfaßte -Fräulein Wunderlich, und sie wollte schon laut ihren -Pflegling anschreien; auf einmal hielt sie inne, kehrte -in das Zimmer zurück und begann sehr geschwind Friedes -Sachen zusammenzupacken. Der Junge mußte ihr aus -dem Hause, gleich, auf der Stelle! Husch, husch ging -es, Bücher, Wäsche, den neuen Sonntagsanzug, alles<span class="pagenum"><a id="Seite_p052">52</a></span> -tat sie in den Sack. Dann schloß sie ganz leise das -Fenster, eilte hinab und rief ihre Magd. »Marie, -nimm die Sachen, trag sie hinüber zum Herrn Professor -von Spiegel und sage, dies wären die Sachen von dem -Oberheudorfer Jungen, der möchte sehen, wo er bleiben -kann, wir hätten keinen Platz in unserm Hause für so -rüpelige Jungens, die zum Fenster hinausklettern.«</p> - -<p>Marie sah ihre Herrin ein wenig zweifelnd an; es -schien ihr doch ein bißchen eilig mit dem Hinauswerfen -zu gehen, und sie dachte: »Wenn doch der Herr das -hörte!«</p> - -<p>Doch der hörte nichts, Marianne Sonntag stand -drinnen in seinem Zimmer und geigte so fein und lieblich, -als wäre sie gar nicht das wilde Füchslein. Auch als -Marie draußen etwas laut polterte und rief, daß es -durch den ganzen Flur hallte: »Soll ich's wirklich bestellen, -daß der Friede nicht mehr zurückkommen darf?« -hörten die beiden drinnen es immer noch nicht, und -brummend zog das Mädchen ab.</p> - -<p>Friede saß noch immer auf der Bank neben dem -Professor, als Marie vorn am Tor stark die Glocke -zog. Weil sie sich ärgerte, tat sie es besonders laut, -und weil die Botschaft, die sie ausrichten sollte, ihr selbst -zu hart vorkam, schrie sie den armen Friede heftig an, -als sie ihn erblickte, und ihre Stimme klang rauh, denn -die Tränen saßen ihr in der Kehle. »Da! – Nu ist's<span class="pagenum"><a id="Seite_p053">53</a></span> -wohl am besten, du gehst jetzt wieder nach Oberheudorf -zurück.«</p> - -<p>Erst begriff Friede gar nichts. Er starrte die Magd -ganz fassungslos an, und der liefen in hellem Mitgefühl -die Tränen aus den Augen. »'s ist wahr, wahrhaftig -wahr, du armer Junge,« schluchzte sie, »rausgeworfen -bist du, ritsch, ratsch rausgeworfen. Aber ich gehe auch, -in so 'nem Haus bleibe ich nicht, fällt mir nicht ein.« -Damit lief sie weg, sie konnte das bleiche, verstörte -Gesicht des armen Jungen gar nicht ansehen.</p> - -<p>Der Professor war nicht minder erschrocken als -Friede. Gleich fiel's ihm ein, daran bist du schuld, du -hättest den Buben nicht herunterrufen sollen, und dann -überkam ihn ein heftiger Zorn auf das hartherzige -Fräulein. »Bleib hier, ich geh' hinüber,« sagte er -rasch, »ich werde dem Fräulein Wunderlich ordentlich -meine Meinung sagen.«</p> - -<p>»Mit Verlaub, gnädiger Herr, das täte ich nicht -gleich!« Der Gärtner und Hausverwalter, der Marie -die Türe geöffnet hatte, stand bescheiden vor seinem -Herrn und fuhr treuherzig fort: »Jetzt raucht der Ärger -drüben und hier noch zu sehr, und es könnte leicht ein -Feuer geben. Wär's nicht besser, der Junge da bliebe -noch ein Weilchen hier? Vermute, der Herr Organist -wird bald selbst kommen, jetzt wird er den Weg schon -finden, und das wäre mir eine rechte Herzensfreude.«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_p054">54</a></span></p> - -<p>»Ist recht,« rief der Professor, »das war ein guter -Rat, und am besten wär's jetzt, einen ordentlichen Kaffee -zu trinken. Komm, Friede von Oberheudorf, du bist -mein Gast, jetzt sollst du mal Stadtkuchen schmecken. -Sieh nicht so unglücklich aus, armer Kerl, es wird alles -wieder gut werden.« Und als er sah, wie Friede sich -tapfer die Tränen verbiß, strich er ihm gütig über den -blonden Krauskopf. »Ich verlasse dich nicht, ich bleibe -dein Freund.«</p> - -<p>Im Organistenhaus war des Füchsleins Stunde -zu Ende. Die Kleine packte ihre Noten ein, so langsam -und nachdenklich, daß Herr Wunderlich lächelnd -fragte: »Na, Mädel, was gibt's, was hast du noch auf -dem Herzen?«</p> - -<p>»Ich möchte den Oberheudorfer Jungen sehen,« -platzte Marianne heraus, »er soll zwar gräßlich sein, -aber – – aber – –«</p> - -<p>»Ich bin doch zu neugierig auf ihn,« vollendete der -Organist. »So schlimm ist es gar nicht mit ihm, er -ist ganz brav, und ich rufe ihn gerne; er fühlt sich gewiß -recht einsam und schwatzt vielleicht eher mit dir als -mit uns.«</p> - -<p>Und dann kam es heraus: Friede war nicht mehr -im Hause, Fräulein Wunderlich hatte ihn hinausgeworfen. -Ihr Bruder wurde ganz blaß vor Schreck. -Ein anvertrautes Kind am ersten Tage aus dem Hause<span class="pagenum"><a id="Seite_p055">55</a></span> -weisen, das war ihm doch zu viel. »Ich muß ihn holen,« -rief er und nahm geschwind seinen Hut.</p> - -<p>»Nein, nein,« jammerte seine Schwester, »ich nehme -ihn nicht wieder, nie wieder, und du darfst nicht zu dem -Professor hinüber gehen, ich leide es nicht!«</p> - -<p>Herr Wunderlich antwortete gar nicht, er sah seine -Schwester nur ernst und tieftraurig an, und das zornige -Fräulein fühlte beschämt, welch großes Unrecht sie begangen -hatte. Weil sie das aber nicht eingestehen wollte -fing sie an jämmerlich zu weinen und zu klagen, sie -schrie, stöhnte, rang die Hände und tat, als sei ihr das -allergrößte Herzeleid geschehen. Ihr Bruder beachtete -dies gar nicht, er nahm Marianne Sonntag bei der -Hand und verließ mit ihr das Haus. Draußen sagte -er betrübt: »Geh nach Hause, mein Kind, und denke -nicht zu schlecht von dem armen Jungen und gib ihm -ein freundliches Wort, wenn du ihn siehst.« Er nickte -dem Füchslein noch einmal zu und zog dann die Glocke -am Nachbarhaus, zum erstenmal wieder seit vielen -Jahren.</p> - -<p>»Der Herr Organist ist da,« sagte nach einem -Weilchen die Gärtnersfrau mit strahlendem Gesicht zu -dem Professor, der mit seinem sehr niedergeschlagenen -Gast am Kaffeetisch saß, »er ist doch gekommen!«</p> - -<p>Der Professor sprang auf. »Bleib, Junge,« rief -er, »daß der Matthias Wunderlich zu mir kommt, freut<span class="pagenum"><a id="Seite_p056">56</a></span> -mich. Vielleicht hast du mir Glück gebracht, Friede von -Oberheudorf, und ich gewinne einen alten Freund wieder.«</p> - -<p>Friede mußte lange, lange warten, ehe sein Gastfreund -zurückkehrte. Herr Wunderlich kam mit ihm, -und die beiden alten Herren sahen aus, als hätten sie -sich recht tüchtig mit Frühlingssonnenschein eingerieben, -so glänzten ihre Gesichter und so strahlten ihre Augen. -Das Wiedersehen nach langen Jahren war auch ein -Wiederfinden geworden; sie hatten sich ausgesprochen -und hatten dabei entdeckt, daß sie beide im Herzen noch -die gleiche Freundschaft hegten.</p> - -<p>»Deine Schwester versöhnen wir auch noch,« sagte -der Professor heiter, »der Junge, den sie so geschwind -aus dem Haus gestoßen, soll uns helfen. Laß ihn vorläufig -bei mir, ich bleibe den Sommer über hier und -will ihn behalten, bis deine Schwester ihn selbst zurückholt.«</p> - -<p>Der Organist schüttelte trübe den Kopf. »Sie ist -sehr böse auf ihn.«</p> - -<p>»Sie hat aber doch ein gutes Herz, ich weiß es, -ich weiß, wie viel Gutes sie in aller Stille tut, und -ich glaube bestimmt, der Junge ist uns dreien zur Versöhnung -gekommen.«</p> - -<p>Friede war es wohl zufrieden, daß er unter des -Professors Schutz in dem schönen Hause bleiben sollte, -und weil Herr Wunderlich gar nicht schalt, sondern -gütig und väterlich mit ihm sprach, hellte sich sein Gesicht<span class="pagenum"><a id="Seite_p057">57</a></span> -auf. Er versprach, tapfer zu sein und brav in die -Schule zu gehen, seine Pflicht zu tun und seinem Beschützer -Freude zu machen. »Ich schreibe selbst an deine -Muhme oder fahre nächste Woche einmal hinaus nach -Oberheudorf, damit die alte Frau sich nicht sorgt,« -versprach der Professor. »Hast du ihr schon geschrieben?«</p> - -<p>Friede schüttelte den Kopf. »Ich soll erst in vierzehn -Tagen schreiben, früher nicht; Muhme Lenelies -meinte, sonst würde ich mit dem Heimweh zu schwer -fertig!«</p> - -<p>»Deine Muhme hat recht, und nun sieh zu, daß -du ihr in vierzehn Tagen einen guten, fröhlichen Brief -schreiben kannst. So viel wie an diesem ersten Tag -wirst du wohl nicht jeden Tag erleben.«</p> - -<p>So blieb Traumfriede in dem großen Haus mit -dem steinernen Wappen über dem Tor. Frau Emma, -die Hausverwalterin, richtete ihm ein freundliches Zimmer -ein, von dessen Fenstern aus er gerade das Organistenhaus -sehen konnte und die Veilchenwand, an der er -hinabgestiegen war.</p> - -<p>Friede kam sich an diesem Abend wie einer der -verwunschenen, verfolgten und verspotteten Prinzen vor, -von denen es in Muhme Lenelies' Märchen wimmelte. -Aber er schlief auch hier gut und wanderte am nächsten -Morgen wieder mutiger in die Schule, doch bedrückt -kehrte er heim. Er hatte so fremd unter seinen Mitschülern<span class="pagenum"><a id="Seite_p058">58</a></span> -gesessen wie am vergangenen Tage, und wieder -hatten sie ihn mit spottenden Worten und höhnischen -Sticheleien gekränkt. Ein Gymnasiast zu sein, war doch -viel schwerer, als in die Oberheudorfer Schule zu gehen. -Und weil die Sehnsucht in ihm klopfte und pochte und -er so viel an Oberheudorf denken mußte, setzte er sich -hin und schrieb an Heine Peterle einen Brief. An die -Freunde zu schreiben hatte ihm die Muhme ja nicht -verboten, und sicher würden diese warten, und gewiß -würden sie sich sehr freuen. Ach, es gab ja so viele -Gründe, einen Brief zu schreiben!</p> - -<hr class="chap" /> - -<div class="chapter"> -<h2 id="Heine_Peterles_Brief"> -<img src="images/illu-chapter.png" alt="" /><br /> -Heine Peterles Brief.</h2> -</div> - -<p class="drop">Es war wieder einmal die Stunde gekommen, in -der die meisten Oberheudorfer Kinder die Schule -am liebsten hatten, – sie war nämlich aus. Die Schulglocke -hatte geschwind und eilig gebimmelt, fast heiser -war sie dabei geworden; dann hatte der Lehrer das -Buch zugeklappt, und nun ging es laut und lustig auf -der Dorfstraße zu. Und es war drollig: jene, die in -der Schule immer ihren Mund hielten, wenn der Lehrer -fragte, taten ihn hier draußen kaum zu. Zu diesen gehörte -an diesem Tage auch Heine Peterle. In der<span class="pagenum"><a id="Seite_p059">59</a></span> -Schule hatte er nichts gewußt, so wenig, daß es beinah -zum Nachsitzen gekommen wäre, und draußen schwatzte -er, als hätte er sich von der Jungfer Elster den Schnabel -geborgt. Gerade wie der Lärm am größten war und -die Kinder nun alle aus dem Schulhaus herausgekommen -waren, schritt der Postbote durch das Dorf. Allzuviel -hatte der immer nicht abzugeben, denn die Oberheudorfer -waren keine großen Briefschreiber. Ihre Sippschaft -saß meist in den Dörfern in der Nähe, und wenn ein -Familienmitglied dem andern etwas sagen wollte, lief -es lieber drei, vier oder fünf Stunden, ehe es einen -Brief schrieb. Die Kinder bekamen erst recht keine -Briefe, und so purzelten sämtliche Buben und Mädel -vor Erstaunen beinahe um, als der Postbote auf die -Kinder zukam, einen Brief hochhielt und rief: »Der ist -für Heine Peterle Putzenkeller!«</p> - -<p>Heine Peterle riß seinen Mund auf, als wollte er -ein Fliegenschnapper werden, doch seine Gefährten brüllten -gleich laut los: »Heine Peterle kriegt 'n Brief – 'n -Briiiieef!«</p> - -<p>»Na freilich, warum soll er nicht mal 'nen Brief -kriegen?« Der Postbote schmunzelte und hielt dem -Buben das Schreiben hin. »Da, nimm es doch!« Aber -der sah es an, als wäre es ein glühender Plättstahl, -er stöhnte ordentlich; der Gedanke einen Brief zu bekommen, -war zu überwältigend.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_p060">60</a></span></p> - -<p>»Nimm ihn doch, nimm, nimm!« forderten die -andern auf. Anton Friedlich versetzte ihm einen Puff -von links, Schulzens Jakob einen von rechts, und nun -entschloß sich Heine Peterle endlich, den Brief zu -nehmen. Er wurde feuerrot dabei und hielt das kleine -weiße Ding zitternd in der Hand.</p> - -<div class="figcenter"> -<img src="images/illu-060.png" alt="" /> -</div> - -<p>»Es ist von Friede Heller, auf der Rückseite -steht's,« sagte der Postbote, »nu mach ihn nur auf!«</p> - -<p>»Von Friede, oh von Friede,« schrieen die Buben -und Mädel vergnügt, »dann ist der Brief für uns alle.«</p> - -<p>»Nä, der ist for mich.« Heine Peterle preßte -das Schreiben fest an seine Brust, denn Anton Friedlich -griff schon danach. »Mach ihn doch auf!« mahnte der.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_p061">61</a></span></p> - -<p>»Ja, mach'n auf, wir wollen wissen, was drin -steht,« ermunterten auch die andern, und Annchen Amsee -drängte sich dicht an Heine Peterle heran. »Uh je, -geht das langsam!«</p> - -<p>»Das is doch mein Brief,« rief der Bube patzig, -»erst lese ich'n alleine. Nä, laß doch!«</p> - -<p>Schulzens Jakob hatte versucht, den Brief zu -greifen, und kaum hatte ihn Heine Peterle vor dem -Griff geschützt, als der dicke Friede danach langte. »An -mich ist er erst recht, ich heiße Friede!«</p> - -<p>»Nä, mir gehört er!« Mit beiden Händen umklammerte -Heine Peterle das weiße Ding, er puffte -mit den Ellenbogen nach beiden Seiten und trotzte -borstig auf: »Wenn ihr so seid, dann sag' ich nicht, -was drinne steht.«</p> - -<p>»Wie sind wir denn?« fragten die andern gekränkt. -»Nä, pfui, wie du bist! Der Brief ist doch für uns alle!«</p> - -<p>»Nä,« Heine Peterle stampfte mit dem Fuß auf, -»der gehört mir, erst muß ich'n lesen.«</p> - -<p>»Na, dann lies doch fix! O bist du'n Tranpeter!«</p> - -<p>»Ihr laßt mich ja nicht lesen.« Heine Peterle -wurde immer zorniger, immer röter, und trotzdem ein -kühler, frischer Wind wehte und es gar nicht heiß war, -traten ihm doch die Schweißperlen auf das Gesicht, -denn immer dichter, immer enger umschloß ihn der -Kinderkreis, er konnte sich kaum noch rühren. »Ich<span class="pagenum"><a id="Seite_p062">62</a></span> -kann doch nicht aufmachen,« stöhnte er, »erst muß ich -ein Messer haben!«</p> - -<p>»Hier mein's!« »Nimm mein's!« »Nein, mein's ist -schöner!« »Mein's schneidet am besten!« Die Buben -suchten in ihren Taschen und holten Messer heraus. Die -Mädel ärgerten sich, daß sie keine hatten, und Schulzens -Röse rief beleidigt: »Zu so was nimmt man 'ne -Stricknadel, Vater nimmt immer Muttern ihre.«</p> - -<p>Einen Augenblick sahen die Buben betroffen drein; -der Schulze bekam die meisten Briefe, und wenn der -eine Stricknadel zum Öffnen nahm, mußte es wohl -richtig sein. Aber dann brüllte Anton Friedlich: »Buben -machen alles mit 'nem Messer, da ist mein's!«</p> - -<p>»Das hat ja keine Klinge,« höhnte Schnipfelbauers -Fritz und streckte seins schmeichelnd Heine Peterle hin: -»Nimm mein's!«</p> - -<p>»Nä, das is nie ordentlich scharf,« empörte sich -der blaue Friede, »da guck mal meins!«</p> - -<p>»Au!« brüllte Heine Peterle, denn im Eifer hatte -ihn der andere mit dem angepriesenen Messer in die -Hand geritzt.</p> - -<p>»Ihr stecht ihn ja tot!« kreischte Bäckermeisters -Mariele, die sehr ängstlich war; sie fing auch gleich an -zu heulen, und Heine Peterle hatte nicht übel Lust, es -ihr nachzumachen, denn seine Lage war nicht beneidenswert. -Die Kinder drängten und drängten; er konnte<span class="pagenum"><a id="Seite_p063">63</a></span> -sich nun wirklich nicht mehr rühren, puffte mit den -Ellenbogen, stieß mit den Füßen, alles half nichts. -Endlich schrie er jammernd: »Laßt mich los – sonst – -sonst – eß ich den Brief auf!«</p> - -<p>Die Kinder schrieen allesamt laut auf vor Schreck, -Bewunderung und Angst. Die Drohung machte einen -solch ungeheuren Eindruck auf sie, daß sie den armen -Heine Peterle beinahe zerquetschten. »Mach's nich, -nä, mach's nich, der Brief ist doch for uns alle,« -bettelten sie, und Heine Peterle hätte seine Drohung -auch wirklich nicht ausführen können, er konnte nicht -einmal mehr stoßen, so fest eingekeilt stand er da.</p> - -<p>»Potztausend, ihr Kindervolk, was macht ihr heute -wieder für'n Geschrei? 's ist ja, als wäre Krieg und die -Feinde hätten euch aus der Schule hinausgeschmissen!« -Der das sagte, war Hans Rumpf, der Nachtwächter -und Ortspolizist. Er kam mit einem grimmigen Gesicht -herbei, denn er ärgerte sich schon eine ganze Weile über -die Kinder, die da mitten auf der Dorfstraße standen -und standen und nicht heimgehen wollten. Seine barsche -Frage scheuchte die Kinder diesmal aber nicht auseinander, -sie blieben stehen und klagten: »Heine Peterle -hat'n Brief bekommen und will ihn uns nicht lesen -lassen. Er will ihn aufessen, und er ist vom Friede, -und er ist doch für uns alle, und wir lassen ihn nicht -aufessen.«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_p064">64</a></span></p> - -<p>»Nä, er ist for mich alleine,« heulte Heine Peterle, -dem jetzt die Geduld riß, »und ich – ich – esse ihn -doch auf.«</p> - -<p>»Das muß ich sagen, dies is nu nich scheene von -dir,« sagte Hans Rumpf strafend. »Nä, Heine Peterle, -das mußte nich machen, so ungefällig sein.«</p> - -<p>»Nich wahr?« schrieen alle Kinder, und Schulzens -Jakob griff wieder nach dem Brief. »Gib her, ich -mach'n auf!«</p> - -<p>»Nä!« Heine Peterle trampelte vor Wut mit -den Füßen und wurde nun so fuchswild, daß er wie -ein Ziegenböcklein mit dem Kopf den dicken Friede in -sein Bäuchlein stieß. Der quiekte erschrocken, wollte -flüchten und stieß in der Enge so derb an Annchen -Amsee, daß die kreischend zu fliehen trachtete.</p> - -<p>»Nich so hitzig! So was, das is nich scheene!« -tadelte Hans Rumpf, aber seine Worte verhallten ungehört. -Die Buben und Mädel stießen, schubbsten -und drängten einander, teilten Püffe aus, suchten immer -wieder Heine Peterles Brief zu fassen, quietschten, -schrieen, heulten und kreischten, – es war ein fürchterlicher -Lärm.</p> - -<p>»Hollah, fort von der Straße!« Des Schulzen -Oberknecht kam mit einem Wagen angefahren, hinter -ihm her kamen noch zwei Wagen. Die Leute hatten -Dünger auf das Feld gefahren und kehrten nun heim.<span class="pagenum"><a id="Seite_p065">65</a></span> -»Hollah, aus dem Wege!« Der Oberknecht ließ die -Peitsche knallen, und nun flüchteten die Kinder und -stoben auseinander wie ein Krähenschwarm, in den ein -Schuß gefallen ist. Dabei versuchten Schulzens Jakob, -Anton Friedlich und etliche andere aber doch noch Heine -Peterle den Brief zu entreißen. Der wehrte sich. »Mein -Brief, mein Brief,« brüllte er.</p> - -<p>»Hollah, aus dem Wege, unnützes Bubenpack!« -brüllte der Oberknecht wieder; seine Peitsche sauste, -und Anton Friedlich bekam eins über den Rücken. -Mit einem lauten Schrei riß er aus, stieß an Heine -Peterle an, der verlor das Gleichgewicht, purzelte hin, -sprang aber geschwind wieder auf, denn dicht vor ihm -standen die Pferde, und einen Augenblick später wäre -er unter ihre Hufe gekommen.</p> - -<p>»Potzwetter noch einmal,« schrie der Oberknecht -erschrocken, »am hellichten Tage kann man hier nicht -ruhig fahren, weil einem die Buben in den Weg -laufen.« Srrr, srrr, sauste seine Peitsche durch die Luft, -und hier gab es einen Schlag, dort einen. Die Kinder -jammerten, denn die Peitschenhiebe waren nicht sanft, -aber alles Klagen und Jammern übertönte plötzlich laut -Heine Peterles Stimme. »Mein Brief ist weg, huhuhuhu, -ich habe meinen Brief verloren.«</p> - -<p>Die Wagen rollten vorbei, die Knechte schalten, -Hans Rumpf schalt, die Kinder sollten nach Hause<span class="pagenum"><a id="Seite_p066">66</a></span> -gehen, aber die blieben auf der Dorfstraße stehen und -fragten und klagten untereinander: »Wer hat ihn -denn?«</p> - -<p>»Ihr habt ihn mir genommen, mein Brief, huhuh, -mein Brief!«</p> - -<p>»Er hat ihn doch aufgegessen!«</p> - -<p>»Nä, ich hab'n nich gegessen, mein Brief, huhuh, -mein Brief!«</p> - -<p>»Hier liegt er!« Annchen Amsee, die Luchsaugen -hatte und alles sah, was andere nicht sahen, hob ein -schwarzes, triefendes Ding von der Straße auf: in -einer Pfütze hatte es gelegen, und ein Wagen war -darüber hingegangen.</p> - -<p>Entsetzt starrten die Kinder den verunstalteten Brief -an, von dem eine schwärzliche Tunke herniederrann, und -jetzt streckten sich die Hände nicht nach ihm aus. Schulzens -Jakob sagte kleinlaut: »Den kann man doch nicht -mehr lesen!«</p> - -<p>»Erst muß er ganz trocken sein,« riefen zwei, drei -Stimmen.</p> - -<p>»Ich weiß was!« Bäckermeisters Mariele schob -sich wichtig vor und griff mit spitzen Fingern nach dem -schmutzigen Ding. »Ich hab' mal mein Buch in den -Schmutz geworfen und es hernach im Backofen fein -getrocknet, dann konnte ich wieder alles lesen. Kommt, -wir woll'n den Brief auch trocknen!«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_p067">67</a></span></p> - -<p>»Fein,« riefen die andern, »und nachher lesen wir -unsern Brief.«</p> - -<p>»'s ist doch mein Brief,« schluchzte Heine Peterle, -und auf einmal empfanden etliche der Mädel herzliches -Mitleid mit dem Kameraden. Sie trösteten ihn, -nahmen ihn in ihre Mitte, und Mariele sagte gnädig: -»Wenn er trocken ist, bekommst du ihn zuerst.«</p> - -<p>Alle miteinander zogen nach der Bäckerei. Das -war nun keine Bäckerei, wie die etwa in einer Stadt -ist. Abseits von dem Wohnhaus in einem Grasgarten -stand das Backhäuschen, darin waren der Ofen und -eine Backstube nebenan. Die war jetzt leer, aber der -Ofen war warm, denn am Nachmittag wollten ein paar -Bauersfrauen Striezel backen, und darum hatte Marieles -Vater schon geheizt.</p> - -<p>»Hier auf den Schieber müssen wir den Brief -legen,« wisperte Mariele eifrig. Dann erschrak sie aber -selbst, als sie das schmutzige Ding ansah.</p> - -<p>»Leg meine Schürze unter!« Annchen Amsee hatte -so geschwind, wie sie alles tat, Schwatzen, Essen und besonders -Lachen, auch so rasch ihr Schürzchen abgebunden, -das merkwürdig sauber war. Darauf wurde sorgsam der -Brief gelegt und wie ein Brot in den Ofen geschoben.</p> - -<p>»Nicht so rasch,« warnte Mariele ängstlich, denn -die Buben schoben gleich sehr kräftig zu, sie dachten: -»Viel hilft viel.«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_p068">68</a></span></p> - -<p>Ein Weilchen standen die Kinder alle miteinander -wartend in der Backstube, sie blieben aber nicht lange -allein. Die Magd hatte sie durch den Grasgarten laufen -sehen, und weil sie wußte, daß es verboten war, in das -Backhäuschen zu gehen, meldete sie es rasch der Hausfrau. -Diese rief ihren Mann, und der rannte denn -auch ärgerlich nach dem Backhaus hinüber, riß dort die -Türe auf und rief scheltend: »Na was soll denn das, -was macht ihr denn hier alle in meinem Backhaus? -Ei der Tausend, solche Gäste könnte ich hier gerade -brauchen!«</p> - -<p>Der Bäcker war ein gutmütiger Mann, darum -klang sein Schelten auch nicht sonderlich böse, und ein -paar von den Buben hatten auch den Mut, ihm die -ganze Geschichte zu erzählen.</p> - -<p>»Potz Weißbrot und Striezel, ihr seid doch ein -närrisches Volk,« sagte der Bäcker, »backt 'n Brief in -meinem Backofen. Na, woll'n mal sehen, ob er schon -eine Butterbretzel geworden ist!«</p> - -<p>»Das wär' fein,« schmunzelte der dicke Friede, der -gleich Hunger bekam, wenn er nur das Wort »Butterbretzel« -hörte.</p> - -<p>Der Bäcker hatte unterdessen in seinen Ofen geschaut, -aber er sah weder Annchen Amsees Schürze -noch Heine Peterles Brief. Er fuhr suchend mit einem -Stock im Ofen herum. »Meiner Seel',« rief er endlich,<span class="pagenum"><a id="Seite_p069">69</a></span> -»das ist aber mal 'ne kuriose Butterbretzel geworden!« -Er zog ein kleines Häufchen Zunder aus der Tiefe -hervor: Schürze und Brief waren der Glut zu nahe -gekommen und verbrannt.</p> - -<p>»Mein Brief,« brüllte Heine Peterle, und Annchen -Amsee weinte: »Meine Schürze, sie war ganz neu!« -Doch alles Klagen und Weinen, alles Jammergeschrei -half nichts, Brief und Schürze blieben verbrannt. Traurig, -mit gesenkten Köpfen zogen alle miteinander heimwärts; -wie die begossenen Pudelchen kamen sie einher, und wer -die Buben und Mädel sah, schüttelte den Kopf und -meinte: »Na, da hat's was in der Schule gegeben.«</p> - -<p>Heine Peterle war ganz entzwei vor Kummer um -den verlorenen Brief, er hätte doch so himmelgern gewußt, -was darin gestanden hatte. Selbst Muhme Lenelies, -die zum erstenmal bitterböse auf die Kinder war, -denn auch sie hätte zu gern den Inhalt des Briefes -gewußt, tröstete schließlich den armen Buben und versprach -ihm, sie würde ihm Friedes nächsten Brief vorlesen. -Das beruhigte Heine Peterle aber nur halb, -und er stieg an diesem Abend mit dem Gedanken ins -Bett: »Wenn ich nur wüßte, was in dem Brief gestanden -hatte!« Auf einmal, er war schon völlig ausgekleidet, -wutschte er zur Kammer hinaus, raste die -Treppe hinunter, riß unten die Wohnstubentüre auf und -brüllte: »Ich weiß, der Friede hat mich eingeladen!«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_p070">70</a></span></p> - -<p>Schwapp, hatte er einen Katzenkopf weg. »Dummer -Bengel,« rief sein Vater, »was soll das Geschrei? Man -denkt ja, es brennt im Hause!«</p> - -<p>So endete dieser Tag, der eigentlich wunderschön -hätte sein müssen, trübe für den armen Heine Peterle. -Es war nur gut, daß ein freundlicher Traum kam, sich -an sein Bett setzte und ihm die prächtigsten Dinge erzählte. -Als der Bube am nächsten Morgen aufwachte, -war aller Kummer weg, wie weggeblasen, und als er -in seine Höschen fuhr, sagte er höchst vergnügt zu -Muhme Rese, die ihn geweckt hatte: »Aber mein war -doch der Brief, mein Name hat drauf gestanden.«</p> - -<p>Und ein wenig später ging er steif und stolz wie -ein Gockel zur Schule und rief seinen Kameraden wichtig -zu: »Etsch, ihr habt noch nie 'nen Brief gekriegt, -aber ich!«</p> - -<p>Da sahen ihn die andern betroffen an, seufzten -und dachten: »Ja, recht hat der Heine Peterle schon, -gekriegt hatte er den Brief, und das Lesen – – ja, -das Lesen war schließlich doch Nebensache. Lesen konnte -jeder einen Brief, aber kriegen nicht.«</p> - -<div class="figcenter"> -<img src="images/illu-close.png" alt="" /> -</div> - -<hr class="chap" /> - -<div class="chapter"> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_p071">71</a></span></p> -<h2 id="Eine_Stadtfahrt"> -<img src="images/illu-chapter.png" alt="" /><br /> -Eine Stadtfahrt.</h2> -</div> - -<p class="drop">Traumfriede war schon eine Woche fort, als die -Oberheudorfer Kinder ganz unerwartet eine große -Freude hatten; der Lehrer sagte ihnen nämlich am Schluß -der Stunde: »Kinder, morgen habt ihr frei.«</p> - -<p>Dies klang allen so überraschend, daß sie mäuschenstill -saßen und den Herrn Lehrer nur mit großen Augen -verwundert ansahen. Der fragte: »Ihr freut euch wohl -nicht? Das ist nett von euch!«</p> - -<p>»O ja,« brüllten alle geschwind, und plötzlich war -es, als wäre der Sturm in die Klasse hineingesaust. -Die Kinder drehten sich auf ihren Plätzen um, nickten -und winkten hierhin und dorthin, lachten und tuschelten, -und die Buben- und Mädelbeine zappelten wie gefangene -Fische im Netz.</p> - -<p>Der Lehrer lächelte ein wenig: »Es waren doch -erst Ferien!«</p> - -<p>»Och, das ist ja schon furchtbar lange her,« riefen -ein paar Buben; es klang, als wäre Ostern vor hundert -Jahren und nicht vor vierzehn Tagen gewesen.</p> - -<p>»Na, dann geht mal heim und seid hübsch brav -morgen. Ich muß mit dem Herrn Pfarrer nach Tannenroda;<span class="pagenum"><a id="Seite_p072">72</a></span> -es ist eine wichtige Sache, die sich nicht aufschieben -läßt, es tut mir leid genug.«</p> - -<p>Die Kinder hörten wohl, was der Herr Lehrer -sagte, ihre Gedanken waren aber sehr wenig dabei, und -Schulzens Jakob erzählte nachher daheim: Der Herr -Lehrer müßte den Herrn Pfarrer nach Tannenroda -schieben, und das wäre sehr wichtig. Die Buben und -Mädel dachten nun daran, wie sie den schulfreien Tag -recht vergnügt verleben könnten, sie machten Pläne, als -wäre der eine Tag so lang wie die Sommerferien.</p> - -<p>Wie etliche Buben und Mädel so schwatzend die -Dorfstraße entlang gingen, trafen sie Friede Hopserling, -den Müllerknecht. Mit dem waren sie immer gut Freund, -und ihm erzählten sie auch gleich, daß morgen schulfrei -sei. »Na, dann besucht doch den Friede in Feldburg,« -riet der Knecht.</p> - -<p>»Friede besuchen!« Die Kinder sahen sich an. Fein -wäre das schon, aber Feldburg war arg weit, und ob -sie durften?</p> - -<p>»Macht's so. Ich fahre früh hin mit Säcken und -nachmittags leer heim; zurück nehme ich euch mit, hin -müßt ihr laufen. Fein, was?« Friede Hopserling -grinste die Kinder an wie ein lachendes Kasperle vom -Vogelschießen, die Buben und Mädel grinsten wieder, -und auf einmal schrieen sie alle: »Ich will mit, ich auch, -ich auch!«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_p073">73</a></span></p> - -<p>Friede Hopserling übersah die Schar, schüttelte den -Kopf, zählte an seinen Fingern ab und brummte endlich: -»Vier, mehr nicht.«</p> - -<p>»Ich, ich, ich, nein ich, lieber ich, nimm mich mit!« -Jedes rief, jedes bat, aber der Knecht schüttelte den Kopf. -»Geht nicht, vier, sonst haben's die Pferde zu schwer.«</p> - -<p>Er trat zur Seite, maß nachdenklich den ziemlich -breiten Straßengraben mit seinen Blicken und sagte -dann: »Wer am besten springt, darf mit.« Er selbst -sprang hinüber, zog drüben einen Strich, kam zurück -und stellte sich an einen Meilenstein. »Einer nach dem -andern, – wer fängt an?«</p> - -<p>Die Kinder gehorchten, das Springen erschien ihnen -zu lustig, und jedes hoffte: »Ich erreich's.« Anton Friedlich -hatte sich vorgedrängt: »Ich will anfangen, ich spring' -am besten.«</p> - -<p>»Na los!« rief Friede Hopserling, und plumps lag -Anton auch schon im Graben. »Mit 'nem großem Maul -springt man nicht,« lachte der Knecht. »Schulzens Jakob -spring!«</p> - -<p>Der sprang und kam richtig über den Strich. Seine -Schwester Röse, die es ihm nachmachen wollte, fiel aber -in den Graben, dort bekam sie gleich Gesellschaft vom -blauen Friede, und noch waren sie beide nicht herausgekrabbelt, -da plumpste ihnen schon Bäckermeisters -Mariele nach.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_p074">74</a></span></p> - -<p>»Es ist zu weit,« riefen ein paar Kinder; Friede -Hopserling erwiderte aber gelassen: »Wer nicht gut -springt, kann vielleicht nicht gut laufen, und wer nach -der Stadt will, muß gut laufen können, basta!«</p> - -<div class="figcenter"> -<img src="images/illu-074.png" alt="" /> -</div> - -<p>Hopsa, da war Schnipfelbauers Fritz drüben, der -dicke Friede sprang ihm nach, und klatsch, lag er im -Graben.</p> - -<p>»Jetzt muß Heine Peterle springen,« riefen ein -paar Stimmen. Heine Peterle aber stand unentschlossen -da. Wenn er gut sprang, mußte er mit in die Stadt, -und eigentlich wollte er doch nicht, hatte gesagt, er -würde nie mehr in die Stadt gehen.</p> - -<p>»He, der Heine Peterle, der Städter, mag nicht -in die Stadt,« neckte Friede Hopserling, »er fürchtet sich.«</p> - -<p>»Nä,« rief Heine Peterle patzig, »pah, vor der<span class="pagenum"><a id="Seite_p075">75</a></span> -Stadt fürchten!« und hops war er drüben, sogar noch -ein Stück über den Strich war er gesprungen.</p> - -<p>»Mädel können nicht springen,« höhnte Anton -Friedlich, als Krämers Trude in den Graben sank.</p> - -<p>»Das ist frech, hast auch drin gelegen!« Annchen -Amsee reckte sich, nahm eilig einen ihrer braunen Bummelzöpfe -in den Mund und sauste so geschwind über den -Graben, daß sie drüben gleich Schulzens Jakob und -Schnipfelbauers Fritz umriß.</p> - -<p>»So nun sind's vier,« sagte Friede Hopserling, -»weil Annchen am besten gesprungen ist, darf sie sich -noch ein Mädel aussuchen. Ein Mädel ist leicht, das -ziehen meine Pferde noch.«</p> - -<p>»Mariandel,« rief Annchen Amsee geschwind und -lief auf das schüchterne blonde Dirnchen zu, das es -gar nicht gewagt hatte, zu springen. »Du mußt mit, -über dich freut sich der Friede am meisten.«</p> - -<p>»Nä, über mich, an mich hat er geschrieben,« beharrte -Heine Peterle, und die andern widersprachen ihm -nicht. Sie redeten schon eifrig von der Fahrt, und ob -es die Eltern erlauben würden. Doch die waren gut -und sagten nicht nein; wenn Friede Hopserling die -Kinder unter seinen Schutz nahm, dann waren sie wohl -geborgen.</p> - -<p>Es gab an diesem Nachmittag viel Aufregung im -Dorf. Die Kinder liefen dahin und dorthin, um von<span class="pagenum"><a id="Seite_p076">76</a></span> -ihrer Stadtfahrt zu erzählen, und jeder gab ihnen gute -Ratschläge. Kaspar auf dem Berge sagte: »Nehmt -ein Huhn mit, die Dame – denn das ist sie –, sie -hat's gesagt, will immer ein Huhn haben!«</p> - -<p>Da rannten die Kinder und flehten ihre Mütter -an, sie sollten ihnen ein Huhn schenken, und die Mütter -sagten, so was wäre Unsinn, dann sollten sie lieber -daheim bleiben. Endlich, als das Bitten gar nicht -nachließ, gab Heine Peterles Mutter wirklich ein Huhn -her, eins, das keine Eier legte, pechschwarz und so unnütz -war, daß man es im ganzen Dorfe nur den kleinen -Teufel nannte. Nachdem die Kinder das Huhn hatten, -wollten sie auch Eier haben, aber da schrie Heine -Peterle: »Nä, nä, mit Eiern fällt man in der Stadt -immer hin!«</p> - -<p>»Ich geb' euch für den Friede und seine Pflegeeltern -Kuchen mit, und damit ist's genug, weiter wird -nichts mitgenommen,« sagte die Schulzenfrau endlich, -denn ihr Jakob hätte am liebsten das halbe Bauerngut -mit nach der Stadt geschleppt. Muhme Lenelies kam -auch und brachte einen Brief für ihren Friede. Die -alte Frau freute sich über die Fahrt der Kinder am -allermeisten, sie dachte nur immer: »Wie wird sich mein -Friede freuen! Gewiß hat er sich schon sehr gebangt!«</p> - -<div class="figcenter"> -<img src="images/illu-077.jpg" alt="" /> -<div class="caption">Die Liebesgabe.</div> -</div> - -<p>Mit viel Geschwätz, Geschrei, mit großer Wichtigkeit -und Eile brachen die fünf Reisenden am nächsten<span class="pagenum"><a id="Seite_p077">77</a></span> -Morgen auf. Auf dem Dorfplatz am Brunnen trafen -sie sich und taten, als wollten sie miteinander eine Reise -um die Welt machen. Der Abschied war auch danach. -Annchen Amsee und Mariandel weinten ein bißchen, -und die Buben sahen so grimmig drein, als wollten -sie in der Stadt die größten Heldentaten verrichten. -Jedes trug ein rotgemustertes Taschentuch zu einem Eßbündelchen -zusammengebunden, und jedes fand das überflüssig, -nur Heine Peterle nicht, der sagte: »In der -Stadt ist's komisch, ich hab' dort nischt zu essen gekriegt.« -Sein Bündelchen war auch am dicksten, und seine Mutter -meinte bedenklich: »Das ist zu viel, du wirst ja krank!«</p> - -<p>»Nä,« rief Heine Peterle vergnügt, »vom Essen -nie!« Und pfeifend zog er mit seinem Bündel neben -den Gefährten her, er kam sich so ungeheuer klug und -erfahren vor; er war doch schon einmal in der Stadt -gewesen, und gewiß würden sie in der Stadt sehr staunen, -daß Heine Peterle aus Oberheudorf wieder einmal kam.</p> - -<p>Fräulein Wunderlich hatte an diesem Tag »Rumpelkammerlaune«, -wie das Mädchen Marie es nannte. -Diese Laune hatte sie jetzt freilich immer, und ob es -draußen regnete oder die Sonne schien, immer ging das -Fräulein mit einem brummigen Gesicht einher. »Seit -sie den Jungen aus Oberheudorf rausgeschmissen hat, -ist's, als säße sie immer in unserer dunklen Kammer,« -murrte Marie, der es gar nicht mehr im Organistenhaus<span class="pagenum"><a id="Seite_p079">78</a></span> -gefiel. Sie sah dann auch nicht gerade wie Frühlingswetter -aus, als sie an diesem Tage die Fenster -blank putzte. Der Johannesplan lag still und einsam -da, das Gymnasium hatte schon begonnen, und kein -grünbemützter Bube rannte mehr über den Platz. Nur -am andern Ende spielten ein paar kleine Kinder Kreisel; -manchmal drang ihr lustiges Lachen zu Marie hinüber, -dann erhellte sich deren Gesicht immer ein bißchen, denn -sie hatte alle Kinder lieb. In dem großen Garten des -Nachbarhauses war auch alles still, und Marie dachte, -wie schon so oft in diesen Tagen: »Rein wie verschwunden -ist der Junge, nicht mal sehen tue ich ihn.« -Sie ahnte nicht, daß Friede stets durch eine kleine -Seitentüre am andern Gartenende das Haus verließ -und um die Kirche herumlief, nur um nicht am Organistenhaus -vorbei zu müssen. So hatte er es auch an -diesem Tage gemacht, an dem er wieder wie immer mit -schwerem Herzen in die Schule lief. Einsam saß er -unter seinen Genossen, er sprach mit keinem, ging allen -scheu aus dem Wege, aber oft genug gellte der spottende -Ruf: »Friede Pfennig aus Oberheudorf,« hinter ihm her.</p> - -<p>Während Friede so still in der Schule saß und -Marie Fenster putzte, klippten und klappten auf einmal -fünf Paar Kinderbeine laut über das Pflaster des -Kirchplatzes. Marie bog sich aus dem Fenster und -schaute erstaunt die Buben und Mädel an, die da<span class="pagenum"><a id="Seite_p080">79</a></span> -einherkamen. »Na, die sind doch nicht von hier,« dachte -sie lächelnd; die fünf hatten sich so fein gemacht und -sahen so stolz und vergnügt drein, als wollten sie den -ganzen Johannesplan kaufen. »Du meine Güte,« rief -Marie erstaunt, »sie kommen zu uns!«</p> - -<p>Wirklich kamen die Kinder auf das Organistenhaus -zu. Einer der Buben streckte die Hand aus: -»Dort ist's,« und ein Mädel rief eifrig: »Es steht -Wunderlich dran, ich kann's lesen.«</p> - -<p>»Ich will klingeln.« Heine Peterle drängte sich -vor und drückte sehr kräftig auf den weißen Knopf; oh, -er wußte schon Bescheid mit dem städtischen Klingeln!</p> - -<p>Ehe Marie noch voller Erstaunen von dem Fensterbrett -heruntergeklettert war, lief Fräulein Wunderlich -schon ärgerlich herbei, um zu öffnen. Es hatte den ganzen -Tag noch nicht einmal geklingelt, und doch schalt sie: -»Man hat auch nicht fünf Minuten Ruhe.« Sie riß -die Türe auf und schaute verdutzt auf die Buben und -Mädel draußen, die sie halb neugierig, halb verlegen -anstarrten. Nur ein Bube trat eiligst vor, verbeugte -sich sehr tief und schrie das Fräulein an, als wäre sie -taub: »Wir sind da, weil der Friede mich eingeladen -hat und – und –«</p> - -<p>Annchen Amsee trug das schwarze Huhn, das den -Kindern unterwegs schon recht unbequem gewesen war; -es wollte sich durchaus nicht ruhig tragen lassen, zappelte<span class="pagenum"><a id="Seite_p081">80</a></span> -immer hin und her und benahm sich recht wie ein kleiner -Teufel. Annchen hatte es noch am längsten tragen -können, doch jetzt war ihre Kraft und die Geduld des -Huhnes zu Ende; mit lautem Geschrei flog es Fräulein -Wunderlich an die Nase. – »Das Huhn bringen wir -mit,« vollendete Heine Peterle aufatmend.</p> - -<p>»Ich danke schön dafür,« rief das Fräulein wütend.</p> - -<p>»Bitte!« Annchen Amsee und Mariandel knicksten -tief, sie wußten doch, daß es sich schickt, nach jedem -Dank »bitte« zu sagen.</p> - -<p>»Bitte,« brüllten es ihnen die Buben nach und -verneigten sich auch. Heine Peterle aber sagte stolz: -»Das ist von meiner Mutter und heißt Teufel, und -Muhme Rese hat gesagt, für die Stadt wär's gut -genug!«</p> - -<p>»Ih, du bist ja ein ganz abscheulicher, frecher -Bengel,« rief Fräulein Wunderlich so entrüstet, daß -Heine Peterle ganz erschrocken zurückwich.</p> - -<p>»Nä, das ist er nicht!« Annchen Amsee strich -sich ihr Schürzchen glatt, stellte sich wichtig vor das -Fräulein hin, schaute sie mit ihren runden Braunaugen -treuherzig an und versicherte: »Nä, das müssen Se nich -vom Heine Peterle denken, der ist ganz gut.«</p> - -<p>Das kleine Mädel, das so zutraulich und offen zu -ihr aufsah, brachte Fräulein Wunderlich in Verlegenheit. -Sie schämte sich im Herzen etwas ihrer schnellen<span class="pagenum"><a id="Seite_p082">81</a></span> -Heftigkeit, und viel sanfter fragte sie: »Ja Kinder, was -wollt ihr denn eigentlich hier?«</p> - -<p>»Den Friede besuchen!« riefen alle wie aus einem -Munde, und Annchen Amsee knickste wieder und begann -geschwind zu erzählen von dem schulfreien Tag, von -Friede Hopserling, von dem Wettspringen, und während -sie schwatzte, bekamen Mariandel und die Buben auch -Mut und redeten mit; sie redeten wie ihnen der Schnabel -gewachsen war.</p> - -<p>Marie kamen die fünf sehr spaßhaft vor, sie lachte -vergnügt, während sie das schwarze Huhn gutmütig -streichelte. Das Lachen machte die Kinder noch mutiger, -sie schwatzten immer lebhafter, erzählten die Geschichte -von dem ungelesenen Brief und versicherten dazwischen -immer wieder, Friede würde sich ungeheuer über ihren -Besuch freuen. »Er schießt 'nen Purzelbaum, sicher,« -behauptete Schnipfelbauers Fritz. Das tat er selber -nämlich immer, wenn er Geburtstag hatte.</p> - -<p>»Und Kuchen haben wir auch mit,« zwitscherte -Annchen Amsee.</p> - -<p>»Ja, viel!« Schulzens Jakob blähte sich wie ein -kleiner Frosch auf. »Meine Mutter hat gesagt, da wär' -ordentlich Butter drin, der würde den Stadtleuten schon -schmecken!«</p> - -<p>»Der ist fein!« Annchen Amsee leckte mit ihrem -roten Zünglein geschwind die Mundwinkel, »hm, fein!«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_p083">82</a></span></p> - -<p>»Und 'nen Brief hab' ich für Friede von Muhme -Lenelies,« flüsterte Waldbauers Mariandel schüchtern, -»und grüßen soll ich von der Muhme, und – und – -sie tät Ihnen dankbar sein.« Das Mädel atmete tief -auf, die lange Bestellung war ihm sehr schwer geworden.</p> - -<p>Die Kinder hatten in all ihrem Schwatzen gar -nicht gemerkt, daß das Fräulein ganz still war; kein -Wort sagte es, und manchmal seufzte es tief, wie -jemand, dem eine Last auf dem Herzen liegt. Die fünf -Paar Beine, die so tapfer die vielen Stunden auf der -Landstraße gelaufen waren, hatten den schneeweißen -Hausflur bald recht schmutzig getreten, und das Schwatzen -durchhallte das Haus sehr laut. Selbst die alte Treppe -wunderte sich über den ungewohnten Lärm, und sie -knackte ein paarmal unwirsch. Aber das alles schien -Fräulein Wunderlich gar nicht zu merken. Sinnend, -ernsthaft betrachtete sie die Kinder, schaute in die treuherzigen -Augen, die ihr aus den blühenden, runden -Gesichtern entgegenstrahlten, und dachte nur immer: -»Das sind nun Friedes Freundinnen und Freunde, – ob -der Junge wohl auch so vergnügt hätte schwatzen können?« -Und dann sann sie nach: Was tue ich nur mit den Kindern, -wie sage ich es ihnen, daß ich ihren Freund – –? -Sie erschrak auf einmal tief vor ihrer Tat. Hinausgeworfen -hatte sie den Jungen, und plötzlich schlug sie -vor den Kindern die Augen nieder.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_p084">83</a></span></p> - -<p>»Jetzt sieht sie die Schmutztrapsen, jetzt wird sie -gleich furchtbar schelten,« dachte Marie erschrocken, die -mit großer Freude den Kindern zugehört hatte. Aber -merkwürdigerweise schalt Fräulein Wunderlich nicht, -sondern sagte sehr sanft: »Marie, du könntest Schokolade -für die Kinder kochen. Die Schule ist ja noch lange -nicht aus, und sicher werden die Kinder hungrig sein.«</p> - -<p>»Schokolade?« Die fünf Reisegefährten rissen -Augen und Mund weit auf; Schokolade gab es in -Oberheudorf sehr, sehr selten, nur an den allerhöchsten -Festtagen, und hier in der Stadt sollten sie gleich das -köstliche Getränk bekommen. Und wie komisch, das Fräulein -fragte auch noch: »Mögt ihr Schokolade gern?«</p> - -<p>»Ja!« brüllten alle fünf, so laut sie konnten, und -unverhohlen, riesengroß stand die Freude auf ihren Gesichtern -geschrieben.</p> - -<p>Fräulein Wunderlich lächelte milde, so milde, wie -sie lange, lange nicht gelächelt hatte. Sie führte die -Kinder selbst in das Wohnzimmer und schien es gar -nicht zu sehen, daß der Teppich auch ein bissel Schmutz -von der Landstraße als Mitbringsel bekam. Die fünf -Oberheudorfer durften sich um den runden Tisch herumsetzen, -auf den Marie alsbald ein blütenweißes Tischtuch -breitete, und auf den sie wundervolle, mit Rosen -bemalte Tassen stellte. Ordentlich feierlich wurde es -den Kindern zumute, sie verstummten mehr und mehr,<span class="pagenum"><a id="Seite_p085">84</a></span> -und Fräulein Wunderlich mußte ein paarmal mahnen: -»Erzählt mir noch etwas! Seid ihr wirklich den weiten -Weg immerzu gelaufen?«</p> - -<p>Die Kinder antworteten, aber als dann Marie mit -der Schokolade kam und einen Teller feine, weiße Buttersemmeln -dazu hinstellte, da verstummten die Buben und -Mädel vollständig. Sie lachten nur selig vergnügt, -und dann kauten und schluckten sie voller Behagen, -während Herrin und Dienerin ihnen andächtig zusahen. -Fräulein Wunderlich mußte an ihre Kinderzeit denken. -Damals hatte es zu den Geburtstagen auch Schokolade -gegeben, ihre beiden Schwestern hatten noch gelebt, und -drüben aus dem Nachbarhause waren die lustigen Spiegeleier -gekommen – so hatten die Wunderlichkinder die -beiden Brüder von Spiegel genannt. Dem Fräulein -wurde es seltsam weich ums Herz. Warum war nur -alles so anders geworden? Feindschaft herrschte, wo -es einst Freundschaft gegeben hatte! – –</p> - -<p>Heine Peterle setzte tief aufatmend seine Tasse -nieder, – die fünfte war es gewesen, nun konnte er wirklich -nicht mehr, er war plumpssatt. Jetzt dachte er -wieder an den Freund und fragte: »Kommt der Friede -nun bald aus der Schule?«</p> - -<p>»Der hat's aber gut!« seufzte Schulzens Jakob, -der einen Schokoladenbart von einem Ohr bis zum -andern hatte.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_p086">85</a></span></p> - -<p>In Fräulein Wunderlichs blasses Gesicht stieg eine -leichte Röte, wirklich, sie schämte sich vor den Kindern. -Leise stockend erwiderte sie: »Der Friede – – ist – – -er wohnt gar nicht bei mir, sondern im Nebenhaus.«</p> - -<p>Buben und Mädel sahen einander verdutzt an, -endlich sagte Annchen Amsee schüchtern: »Ach – – hier -ist's wohl zu fein für ihn?«</p> - -<p>»Wo ist er denn?« rief Mariandel kläglich. »Ich -will doch zum Friede!«</p> - -<p>»Im Nebenhaus drüben wohnt er, Kinder!« Fräulein -Wunderlich seufzte wieder; ja, nun mußte sie doch -den Kindern alles erzählen!</p> - -<p>Aber da sagte Marie plötzlich: »Das mit dem -Friede ist nu so'ne Geschichte. Mein Fräulein hat nicht -gleich gewußt, was das für'n guter Junge ist, und hat -gedacht, er tut's aus Bosheit, daß er rüber in'n Garten -geklettert ist, und drüben, da wohnt 'n alter Herr, der -hat ihn gleich behalten. Habt ihr denn das in Oberheudorf -nicht gewußt?«</p> - -<p>»Nä!« Die Kinder sahen wieder höchst erstaunt -drein. Maries Rede hatten sie nicht ganz verstanden, -nur Mariandel rief plötzlich entrüstet: »Der Friede ist -doch nicht boshaft!«</p> - -<p>»Ih wo, ist er auch nicht,« beruhigte Marie, »ich -bringe euch nachher ins Nachbarhaus, und dann erzählt -ihr dem Friede, wie schön's hier gewesen ist.«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_p087">86</a></span></p> - -<p>»Ja, und sagt ihm, er möchte mich recht bald besuchen,« -fiel Fräulein Wunderlich hastig ein, und im -Herzen nahm sie sich vor: »Ich tue dem Buben was -Liebes an, ich will meine Härte gut machen.«</p> - -<p>»Jetzt wird bald drüben die Schulglocke läuten, -nun kommt euer Friede gleich raus,« rief Marie, und -dies Wort ließ selbst das plumpssatte Heine Peterle -gleich aufspringen, und die Buben wären beinahe ohne -Lebewohl und Dank hinausgestürmt; aber Annchen -Amsee mahnte mit sanften Püffen an diese Pflicht, -und so dankten denn alle sehr höflich, legten ihre braunen -Patschen treuherzig in der Hausherrin weiße Hand und -versprachen sehr vergnügt das Wiederkommen.</p> - -<p>»Wenn wieder keine Schule ist,« »Wenn Schnipfelbauers -Fritz wieder fährt,« »Nächste Woche vielleicht,« -so tönte es durcheinander. Und dann dachten die Mädel -an den Kuchen und an das Huhn, aber Fräulein -Wunderlich sagte, das müßten sie alles mit ins Nachbarhaus -nehmen, das ginge nicht anders. Das wollten -aber die Kinder durchaus nicht, denn das Huhn hatten -sie doch für Fräulein Wunderlich mitgebracht. Kaspar -auf dem Berge hatte doch gesagt, das Fräulein wünsche -sich eins.</p> - -<p>»Behalten Sie's nur,« redete Annchen Amsee zu, -»es ist ganz gut, und meine Mutter sagt, vielleicht legt's -doch Eier, man weiß nur nicht wohin.«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_p088">87</a></span></p> - -<p>»Nä, ich nehm's nicht mehr mit,« wehrte Heine -Peterle ab, der heimlich Angst hatte, er müßte es tragen, -und die andern sagten es auch, von dem Kuchen sagten -sie aber nichts.</p> - -<p>»Ich dächte, 's wär' schon am besten, wir behielten -den kleinen Teufel jetzt da,« ließ sich Marie vernehmen, -»denn sonst passiert den Kindern noch was damit.«</p> - -<p>»Nun gut, es soll hier bleiben, und der Friede -kann's besuchen,« entschied Fräulein Wunderlich. »Und -vergeßt es nicht, Friede zu sagen, er soll bald zu mir -kommen,« mahnte sie noch, als die fünf schon zur Haustüre -hinausliefen.</p> - -<p>Die hörten dies kaum noch, sie sahen die ersten -Grünmützen über den Johannesplan laufen und rannten -auf das Gymnasium zu. »Da ist er!« brüllte Heine -Peterle, und trotz der vielen Schokolade lief er nun doch -wie ein Wiesel ihm entgegen in den Schulhof hinein.</p> - -<p>»Friede, wir sind da! Friede, wir woll'n dich besuchen!« -Traumfriede wußte nicht, wie ihm geschah, -als ihn da auf einmal die fünf Oberheudorfer umringten. -Jubelnd und lachend schwatzten sie auf ihn -ein und merkten es gar nicht, daß sich um sie herum -lauter Grünmützen stellten. »Hollah, Friede Pfennig -hat Besuch bekommen, wohl auch aus Oberheudorf!« -schrie ein Klassengenosse, und ein paar Stimmen schrien -es ihm nach.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_p089">88</a></span></p> - -<p>Friede wurde totenblaß bei diesem Spott, und ein -häßliches, nie gekanntes Gefühl stieg in ihm auf: er -schämte sich in diesem Augenblick der alten Freunde, -und diese Scham schloß ihm jäh den Mund.</p> - -<p>Die fünf sahen ihn an. Der da, das war doch gar -nicht mehr ihr Friede, ihr alter Schulgefährte. So -fremd sah er aus, und nun merkten sie auch, daß die -Buben, die um sie herumstanden, spotteten, keck und -übermütig. Ein langer Junge griff nach Heine Peterles -vielgeliebter Pelzmütze, die dieser trotz des warmen Frühlingswetters -trug. »Heda, du kommst ja wohl vom -Nordpol?«</p> - -<p>»Nee, aus Oberheudorf,« spotteten die andern. -Aber sie hatten sich verrechnet, allzu viel ließen sich die -Dorfbuben nicht gefallen. Klatsch, klatsch, schlug Schulzens -Jakob geschwind um sich, und Heine Peterle und -Schnipfelbauers Fritz folgten seinem Beispiel. Da kam -Friede auch wieder zu sich. Zorn und Scham über sich -selbst verliehen ihm doppelte Kräfte, er schob einen -Buben, der ihn um Kopfgröße überragte, einfach zur -Seite und schrie grob: »Laßt sie in Frieden, die gehören -zu mir!«</p> - -<p>»Na, seht doch die frechen Dorfjungen!« höhnte -einer, aber schwapp hatte er einen Katzenkopf weg und -einen Rippenstoß dazu, beides von guter Oberheudorfer -Art. Die Stadtjungen merkten bald, daß die Oberheudorfer<span class="pagenum"><a id="Seite_p090">89</a></span> -nicht mit sich spaßen ließen. Puffend, stoßend, -kampfbereit wie junge Hähne zogen die sechs Heimatgenossen -aus dem Schulhof wieder hinaus. Die Mädel -ließen sich auch nichts gefallen, und Annchen Amsee -gebrauchte ihr rotes Eßbündelchen dazu, es den Grünmützen -um die Ohren zu schlagen. Die traten endlich -den Rückzug an, und vor dem Spiegelhaus ließen sie -die sechs in Ruhe und liefen davon.</p> - -<p>Der Gärtner hatte das Geschrei gehört und kam -eilig herbei, um zu sehen, was dies eigentlich zu bedeuten -hätte. Erstaunt sah er den kleinen Gast seines -Herrn unter den Dorfkindern stehen. Die redeten eifrigst -auf Friede ein, erzählten von dem Brief, ihrem Weg -hierher und versicherten immer wieder: »Wir sind nur -gekommen, um dich zu besuchen.«</p> - -<p>Mariandel fragte eindringlich: »Freust dich wohl -arg, gelt, Friede?« Aber sie erhielt keine Antwort. -Friede konnte sich gar nicht recht freuen, er wünschte, -die Freunde wären nicht gekommen; er wußte nicht, was -er mit ihnen anfangen sollte. Sie mit in das Haus zu -nehmen, wagte er nicht, und er seufzte, als Annchen -Amsee nun schon zum dritten Male fragte: »Gehen -wir nun ins Haus? Das sieht aber fein aus!«</p> - -<p>Der Gärtner war inzwischen zu dem Professor -gegangen und hatte ihm von dem Kinderbesuch erzählt. -Der rief zwar etwas erschrocken: »Lieber Himmel, gleich<span class="pagenum"><a id="Seite_p091">90</a></span> -fünf!« Er erlaubte aber doch, daß sie hereinkamen. -Friede war heilfroh, als der Hausverwalter seine Gäste -holte, er hätte in seiner Verlegenheit wohl noch etliche -Stunden mit ihnen vor dem Tore gestanden. Er schämte -sich nachher seiner Zaghaftigkeit sehr, denn der Professor -<span id="corr090">empfing</span> die Kinder so freundlich, als hätte er just an -dem Tage gedacht: »Wenn ich doch Besuch aus Oberheudorf -bekäme!«</p> - -<p>Annchen Amsee erkannte den alten Herrn gleich -wieder. Oh, sie wußte es noch genau, er hatte ihr die -Backen gestreichelt und sie ein putziges Frauenzimmerchen -genannt. »Ja,« rief Schnipfelbauers Fritz stolz, als -Annchen dies erzählte, »un ich sollt' 'ne Maulschelle -kriegen, aber ich hab' se nich gekriegt!«</p> - -<p>»Na siehst du,« sagte der Professor lächelnd, »da -sind wir ja alte Freunde. Nun erzählt mir mal, wie -ihr hergekommen seid.«</p> - -<p>Das ließen sich die Kinder nicht zweimal sagen, -sie erzählten alles, auch von dem Schokoladefest bei -Fräulein Wunderlich. Zu essen bekamen die Kinder -auch etwas, und es schmeckte ihnen so gut in dem gastlichen -Hause, daß die Hausverwalterin mitleidig dachte: -»Die bekommen zu Hause gewiß recht wenig zu essen.« -Sie hatte eben keine Ahnung, was in einen rechten -Oberheudorfer Kindermagen hineingeht.</p> - -<p>Nach Tisch sollten sich die Kinder die Stadt ansehen,<span class="pagenum"><a id="Seite_p092">91</a></span> -da Friede an diesem Nachmittage keine Schule -hatte. Zuvor durfte sie Friede selbst rasch einmal durch -alle Zimmer führen, die der Professor bewohnte. Dabei -kamen sie auch durch einen großen Saal, in dem -die Sammlung des Hausherrn aufgestellt war: antike -Büsten und Statuen, Krüge, Vasen, Waffen und -allerlei Gebrauchsgegenstände aus uralten Zeiten, und -die fünf Oberheudorfer rissen die Augen weit auf vor -Erstaunen. »Ja warum stellt sich jemand nur so häßliche -alte Sachen hin?« fragten diese Augen alle.</p> - -<p>»Es ist ja fast alles zerbrochen,« flüsterte Annchen -Amsee, und Mariandel lispelte ängstlich: »Weiß denn -der Herr, daß sein Zeug alles kaput ist?«</p> - -<p>»Ja doch, er hat dies alles gesammelt,« erklärte -Friede, und in seine blauen Augen trat ein träumerisches -Sinnen. Er fand nämlich die kaputen Sachen gar nicht -so häßlich. Aber da puffte Heine Peterle und kicherte: -»Nun sieh doch da den Topf mit 'nem Loch, und da -noch einen, und der Mann hat keine Arme, und, hihihihi, -der Frau haben sie die Nase abgehauen.«</p> - -<p>»Herr Professor hat aber seine Freude an den -Sachen,« sagte Friede, und er hätte ganz gern den -Freunden von den alten Griechen und Römern etwas -erzählt, denen einst alle diese Dinge gehört hatten. Die -fünf meinten aber, es wäre nun besser, sie gingen in -die Stadt. Die zerbrochenen Töpfe gefielen ihnen gar<span class="pagenum"><a id="Seite_p093">92</a></span> -nicht, ja Annchen Amsee sagte verächtlich: »Meine -Mutter hat ein paar, da fehlt der Henkel, aber die sind -viel hübscher.«</p> - -<p>»Ach, kommt in die Stadt, ich will was kaufen,« -rief Schulzens Jakob und klimperte protzig mit drei -Groschen. Er kam sich ungeheuer reich vor.</p> - -<p>»Ja, einkaufen wollen wir,« riefen auch die andern. -Da schwieg Traumfriede von den alten Griechen und -Römern und führte seine Heimatgenossen in die Stadt.</p> - -<p>Feldburg hatte nur eine Hauptstraße, in der es -hübsche Läden gab, denn es war ja eine kleine Stadt, -Großstädter nannten sie eben »ein Nest«. Aber die -Oberheudorfer Buben und Mädel waren halt keine -Großstädter, ihnen kam die Stadt erstaunlich groß vor. -Ihre derben Schuhe klapperten laut über das Pflaster, -als sie nun wieder über den Johannesplan trabten. -Jeden Menschen, den sie sahen, grüßten sie höflich. -Als sie aber in die Hauptstraße einbogen, sagte Friede: -»Laßt lieber das Gutentagsagen sein, hier tut man das -nicht!«</p> - -<p>»Pfui, wie unhöflich!« Annchen Amsee rümpfte -das Näschen, aber gleich darauf vergaß auch sie ihre -Entrüstung, denn Heine Peterle schrie plötzlich laut auf: -»Nä, da rennt 'n Wagen ohne Pferde!«</p> - -<p>Die Wege, die nach Oberheudorf führten, waren -nicht besonders glatt und schön, und darum hatte noch<span class="pagenum"><a id="Seite_p094">93</a></span> -niemand diese Fahrt mit einem Automobil unternommen. -Ein solches Fahrzeug war den Kindern also vollständig -unbekannt. Sie staunten es darum mit offenem Mund -an. »Wie war es nur möglich, daß ein Wagen ohne -Pferde fahren konnte!«</p> - -<p>»Da ist noch einer!« schrie Jakob, und alle fünf -rannten auf den Fahrdamm dem merkwürdigen Ding -entgegen.</p> - -<p>»Runter!« brüllte sie da ein Mann an. Er faßte -Heine Peterle und Schulzens Jakob beim Kragen, -Friede zerrte die Mädel auf den Fußsteig zurück, eine -Frau hatte Schnipfelbauers Fritz ergriffen. Mit einem -Ruck stand das Automobil still, es hätte beinahe die -Kinder überfahren. Der Chauffeur, die Insassen, die -Fußgänger, alles schalt auf die Kinder ein, die so verdattert -waren, daß sie gar nichts sagen konnten. Nur -Schnipfelbauers Fritz schrie immerfort: »'n Wagen -ohne Pferd, 'n Wagen ohne Pferd!«</p> - -<p>»Die sind ja wohl aus Afrika?« brummte ein dicker -Schutzmann, und die Umstehenden lachten.</p> - -<p>»Nee, die sind aus Oberheudorf,« brüllten etliche -Grünmützen, und Friede erkannte zu seinem Entsetzen -ein paar Klassengenossen. O weh, nun würde der -Spott wieder losgehen. Er senkte scheu den Kopf und -bat: »Kommt doch, kommt, da ist ein Laden. Annchen -kann dort eine Tasse kaufen.«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_p095">94</a></span></p> - -<p>Den fünfen war das recht. Sie waren auch froh, -aus dem Tumult herauszukommen, und so folgten sie -alle eilig Friede in einen großen Laden hinein. Hier -vergaßen sie vor Staunen gleich den soeben überstandenen -Schrecken. So viele schöne Tassen, Teller, Krüge, -Vasen, silberne Kannen und Zuckerschalen und hunderterlei -Sachen hatten sie noch nie gesehen. Besonders die -Mädel gerieten fast aus dem Häuschen vor Freude, -und Annchen Amsee rief gleich: »Die Tasse will ich -kaufen, – nein, die da, nein, die!«</p> - -<p>Die Verkäuferin sah die neuen Kunden etwas erstaunt -an. Weil aber Annchen Amsee so rasch dies und -das kaufen wollte, lächelte sie huldvoll und sagte: »Sucht -euch nur aus, die Tassen dort sind besonders schön.«</p> - -<p>Ja, Annchen fand die bezeichneten Tassen auch -wunderfein, sie waren ganz mit Rosen bemalt und innen -vergoldet. »So eine nehme ich,« rief Annchen und holte -ihr Sacktüchlein hervor, in dem sie ihr Geld eingebunden -hatte. Sie war sehr reich, reicher noch als Schulzens -Jakob, denn sie hatte vier Groschen. Wichtig legte sie -das Geld auf den Ladentisch und fragte: »Krieg ich -zwei dafür?«</p> - -<p>Ihre Gefährten sahen sie bewundernd an. Nein, -war das Annchen schnell beim Kauf! Sie tat ja gerade, -als wäre sie schon hundertmal in der Stadt gewesen -und hätte schon oft schöne Tassen gekauft.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_p096">95</a></span></p> - -<p>Die Verkäuferin hatte eine Rosentasse vom Brett -genommen und sah nun prüfend auf das Geld. »Aber -Kind,« rief sie, »so eine Tasse kostet drei Mark! So -billige Tassen haben wir überhaupt nicht; da kannst du -höchstens so eine dafür bekommen.« Sie hielt Annchen -eine glatte weiße Tasse hin, die nur einen schmalen -goldenen Rand hatte. »Nimm die, sie ist sehr hübsch.«</p> - -<p>»Nä, die is nich hübsch, gar nich.« Heine Peterle -kam Annchen zu Hilfe. Er mußte doch zeigen, daß er -in der Stadt Bescheid wußte, und kräftig tippte er mit -seinem braunen Zeigefinger auf die Rosentasse: »So -eine soll's sein.« Klirr, wackelte dabei die Tasse hin -und her. »Ih, du dummer Bube,« rief die Verkäuferin -und sah auf einmal gar nicht mehr freundlich, sondern -ziemlich ärgerlich aus. »Gleich läßt du die Tasse stehen! -Ich dachte es mir gleich, solche teure Sachen sind nichts -für euch. Geht hier gleich gegenüber zu Herrn Schulze, -das ist ein Ramschladen, der hat Tassen genug für euch.«</p> - -<p>»Ja, wir wollen lieber gehen,« flüsterte Mariandel -und sah ängstlich auf Schulzens Jakob, der sehr eifrig -eine schöne Vase befühlte. »Kommt, sonst macht Jakob -was kaput.«</p> - -<p>Die Verkäuferin schien das auch zu befürchten, sie -rief erschrocken: »Stehen lassen, nichts angreifen! Wer -etwas anfaßt, muß Strafe zahlen. Geht nur, geht; -im Ramschladen findet ihr schon etwas!«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_p097">96</a></span></p> - -<p>»Ja, kommt,« mahnte auch Friede, und die Oberheudorfer -fanden auch, das Fräulein im Laden sei viel -zu unfreundlich. Der mochten sie gar nichts mehr abkaufen. -Sie verließen rasch das Geschäft und beschlossen -draußen, zu Herrn Schulz zu gehen; sicher war der -höflicher als das Fräulein. Herr Schulz hatte nun -freilich keinen so prächtigen Laden, sondern nur ein -kleines, schmales Budchen, in dem alles durcheinander -und übereinander stand. Es herrschte ein richtiges -Sammelsurium darin, aber den Oberheudorfern gefiel -es doch sehr. Die Buben zogen höflich die Mützen, -die Mädel knicksten tief, und Herr Schulz lächelte und -zog seinen Mund so breit wie eine Schublade.</p> - -<p>»Na, Kinder, was wollt ihr denn?«</p> - -<p>»Eine Tasse kaufen in Ihrem Ramschladen,« sagte -Heine Peterle und fand das sehr nett und höflich gesagt. -Und Annchen Amsee rief voller Bewunderung: -»Ach, der Ramschladen ist aber fein!«</p> - -<p>»Potzwetter,« schrie Herr Schulz da zornig, »so -eine freche Bande, mein Geschäft einen Ramschladen -zu nennen! Na wartet nur!« Und hopps sprang Herr -Schulz über den Ladentisch und packte Schulzens Jakob, -der sich am weitesten vorgedrängt hatte. Er wollte dem -gerade einen richtigen Katzenkopf versetzen, als Friede -seine Hand erschrocken festhielt und sagte: »Bitte nicht -schlagen, Herr Schulz, die haben es nicht böse gemeint.«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_p098">97</a></span></p> - -<p>»Nä, nä,« schrieen die andern angsterfüllt, »wir -haben doch nischt getan!«</p> - -<p>»So, mein Geschäft einen Ramschladen nennen, -das nennt ihr wohl höflich?« Ein bißchen freundlicher -schaute Herr Schulz schon drein, und Friede erzählte -geschwind, was das Fräulein gegenüber gesagt hatte. -»Na, der werde ich noch meine Meinung sagen,« brummte -Herr Schulz und fragte nun gar nicht mehr streng: -»Ihr dachtet wohl, ein Ramschladen wäre etwas sehr -Nettes?«</p> - -<p>Die Kinder nickten, und Annchen Amsee flüsterte: -»Hier ist's doch auch so schön!«</p> - -<p>»Ja freilich ist's schön bei mir!« Herr Schulz -lächelte wieder versöhnt. »Nun sagt mir, was ihr -haben wollt.«</p> - -<p>Die Kinder wollten viel. Mit Herrn Schulz ließ -es sich aber auch gut handeln, der fragte erst, wieviel -Geld sie hätten, und dann schnitt er kein verächtliches -Gesicht wie das Fräulein gegenüber, sondern holte ganz -wundervolle Tassen herbei. Jedes Mädel konnte eine -Tasse erstehen und noch ein buntes Zopfband dazu, denn -Bänder hatte Herr Schulz auch. Und für die Buben -waren Trillerpfeifen und Mundharmonikas da. Heine -Peterle erstand sogar eine rosenrote Flöte, die zur allgemeinen -Freude wie ein Frosch quakte, obgleich Herr -Schulz behauptete, man könnte darauf wie eine Nachtigall<span class="pagenum"><a id="Seite_p099">98</a></span> -flöten. Schulzens Jakob sagte aber: »'n Frosch ist -besser als 'ne Nachtigall.«</p> - -<p>Die Kinder trennten sich nur schwer von dem -freundlichen Herrn Schulz, und sie versprachen ihm -ganz fest, das nächste Mal würden sie bestimmt wiederkommen.</p> - -<p>Schnipfelbauers Fritz und Schulzens Jakob, die -sehr schöne, grelltönende Trillerpfeifen gekauft hatten, -verließen den Laden zuletzt. Als sie schon an der Türe -standen, sagte Herr Schulz plötzlich halblaut zu ihnen: -»Ich würde dem groben Fräulein da drüben einmal -etwas pfeifen, wenn ich ein Bube wäre.«</p> - -<p>Die beiden sahen sich an. Heisa, das war so ein -Spaß nach ihrem Sinn!</p> - -<p>»Wir machen's, aber allein,« tuschelte Schnipfelbauers -Fritz, »die Mädel haben gleich Angst, und der -Friede mag so was auch nicht.«</p> - -<p>»Hm, alleine!« Jakob blieb stehen und sah den -Kameraden nach. Die bogen just in eine Seitenstraße -ein und schwatzten so miteinander, daß sie sich an der -Ecke gar nicht umsahen. Einen Augenblick zögerten die -Buben noch, schwapps flogen da Annchen Amsees -braune Zöpfe um die Ecke. Nun waren die vier verschwunden, -die beiden aber liefen auf den Laden zu -und spähten erst einmal durch die Glastüre hinein. Sie -sahen niemand. Die Verkäuferin stand ganz hinten;<span class="pagenum"><a id="Seite_p100">99</a></span> -dort suchten sich gerade ein paar Damen eine Teekanne -aus. Wie die Buben leise zögernd die Türe öffneten, -sahen sie gegenüber Herrn Schulz höchst vergnügt vor -seinem Ramschladen stehen. Das stärkte ihren Mut, -wutsch waren sie im Laden drin und pfiffen dort laut -und gellend auf ihren Pfeifen. »Trilililiiii –« schallte -es in den Laden hinein, und das Fräulein ließ vor -Schreck fast eine Teekanne fallen. Die beiden Damen -aber riefen entsetzt: »Das brennt wohl, oder eine Lokomotive -ist auf der Straße, o Himmel!«</p> - -<p>»Trilililiiii,« pfiffen die Buben weiter, aber da kam -schon die Verkäuferin angerannt, und nun hieß es ausreißen. -Sie wollten geschwind zur Türe hinaus, doch -die ging nicht nach außen, sondern nach innen auf. -Die Buben prallten zurück; Schnipfelbauers Fritz stieß -an Schulzens Jakob, und der an etwas, das hinter ihm -mit einem ganz fürchterlichen Geklirr zusammenstürzte. -Das Ladenfräulein schrie laut auf: »Hilfe, Hilfe! Polizei, -Polizei!«</p> - -<p>Die beiden Missetäter entflohen entsetzt. Sie sahen -nicht rechts, nicht links; sie liefen wie die Hasen. Draußen -bogen sie statt nach rechts nach links herum, rannten -dann in die nächste Querstraße hinein, und als sie jemand -anredete: »Na, was rennt ihr denn so?« da sausten -sie in ihrer Angst noch schneller weiter.</p> - -<p>Um diese frühe Nachmittagsstunde waren wenige<span class="pagenum"><a id="Seite_p101">100</a></span> -Menschen unterwegs in der Stadt, und die beiden Buben -kamen ungehindert durch allerlei Straßen und Gassen, -bis sie endlich merkten, daß sie gar niemand verfolgte. -Da blieben sie stehen und sahen sich um. Ja wo waren -sie eigentlich? Die Straße, in der sie standen, war still -und einsam; ein paar stattliche Häuser standen darin, -die in großen Gärten zu liegen schienen, denn über -graue Mauern ragten Bäume hinweg. Die beiden -kamen sich schrecklich hilflos und verlassen in der großen -Stadt vor, von den Gefährten war nirgends auch nur -ein Zipfelchen zu erblicken, und dazu quälte beide noch -das böse Gewissen. Das hatte gar so sehr geklirrt in -dem Laden, gewiß war sehr viel zerbrochen, und gewiß -würde man sie suchen und –. Sie wagten die Folgen -ihres Streiches gar nicht auszudenken, nur einmal murmelte -Jakob: »Sie sperren uns ein!«</p> - -<p>»Wir reißen aus,« flüsterte Schnipfelbauers Fritz -und sah sich scheu um. »Weißte was, wir laufen immer -voran nach Hause.«</p> - -<p>Der Plan leuchtete Schulzens Jakob ein, aber wo -lag Oberheudorf?</p> - -<p>»Wir fragen,« meinte Fritz mutig und trat wirklich -keck auf einen etwas größeren Jungen zu, der gerade -vorbeiging. »Weißte, wo Oberheudorf liegt?«</p> - -<p>»Auf dem Monde,« sagte der, pfiff sich eins und -lief die Straße entlang.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_p102">101</a></span></p> - -<p>»Frech!« sagten die beiden Oberheudorfer entrüstet, -als hätten sie noch nie eine unnütze Antwort gegeben. -Sie liefen wieder ein Stück die Straße entlang und -fragten dann wieder einen Buben. Der wußte ihnen -aber auch keine Antwort zu geben, er riet ihnen: »Geht -nur immer der Nase nach.« Damit wären die beiden -freilich nie nach Oberheudorf gekommen, denn Jakob -mit seiner Himmelfahrtsnase hätte immer bergauf -gehen müssen und Schnipfelbauers Fritz links herum; -seine Nase war nämlich schief. Den beiden war das -Weinen schon näher als das Lachen, sie standen wie -ein paar begossene Pudel auf der Straße, und wenn -jemand kam, erschraken sie. Sicher holte man sie und -sperrte sie ein. Endlich fiel Schnipfelbauers Fritz der -Name des letzten Dorfes ein, durch das Friede Hopserling -sie gefahren hatte. Vielleicht wußte hier in der -Stadt eher jemand, wo das lag. Da sie mit den -Stadtbuben schlechte Erfahrungen gemacht hatten, fragten -sie ein Mädchen, das aus einem der Häuser kam, und -wirklich wußte sie Bescheid.</p> - -<p>»Kommt ein paar Schritte mit,« sagte sie, »dann -zeige ich euch die Straße, und ihr braucht nur immer -geradeaus zu gehen. Seit ihr denn von dort her?«</p> - -<p>»Nä, aus Oberheudorf,« bekannte Jakob zögernd.</p> - -<p>»Du meine Güte, und ich bin aus Berenbach,« -erzählte das Mädchen. »Ich bin die Katerliese und<span class="pagenum"><a id="Seite_p103">102</a></span> -diene bei Sonntags. Aber wie kommt ihr denn hierher, -seid ihr allein in der Stadt, und wie heißt ihr denn?«</p> - -<p>Die Buben wurden verlegen, sie fürchteten sich, -das Mädchen, das zwar sehr freundlich aussah, könnte -sie verraten, und scheu sahen sie die Katerliese von der -Seite an. Diese sagte jetzt: »Geht hier die Straße -hinaus und dann immer gradaus, dann kommt ihr nach -Wiesental; dort fragt ihr am besten noch einmal. Aber -erst erzählt mir, wie ihr hergekommen seid.«</p> - -<p>Das Mädchen konnte lange fragen; kaum wußten -die Buben den Weg, da rannten sie auch schon wie -besessen davon. »Na, so was!« brummelte das Mädchen. -»Ich glaube, sie haben ein schlechtes Gewissen -gehabt; sicher haben sie einen dummen Streich gemacht! -Den Oberheudorfern kann man so was schon zutrauen. -Ich muß die Sache nachher gleich unserem Füchslein -erzählen.«</p> - -<p>Die andern Kinder hatten inzwischen erst nach -einer ziemlichen Weile das Fehlen der beiden Buben -bemerkt. Sie rannten eiligst den Weg wieder zurück, -aber nirgends waren die beiden zu erblicken. Sogar zu -Herrn Schulz in den Laden liefen sie hinein. Herr -Schulz wurde etwas verlegen, denn er hatte die beiden -wie die wilde Jagd aus dem Laden rennen sehen. Er -sagte: »Ach, ihr werdet sie schon finden! Übrigens sind -sie nach jener Seite gelaufen!«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_p104">103</a></span></p> - -<p>Nun liefen die vier die Straße hinab, aber kein -Jakob und kein Fritz war zu sehen. Friede fragte ein -paar Leute, einen Schutzmann, einen Briefträger, – -niemand hatte die Buben gesehen.</p> - -<p>»Vielleicht sind sie zurückgelaufen,« sagte Annchen -Amsee endlich, und alle vier trabten nach dem Johannesplan. -Dort wußte aber auch niemand etwas von den -Vermißten. Sogar bei Wunderlichs fragten die Mädel -nach, aber Marie, die öffnete, hatte keinen Zipfel von -den beiden gesehen.</p> - -<p>Professor von Spiegel tröstete: »Sie werden sich -schon finden, in Feldburg gehen nicht plötzlich ein paar -Buben verloren.« Aber die Mädel brachen in ein so -jämmerliches Geheul aus, daß es dem guten alten Herrn -himmelangst wurde. Er gab den Kindern den Gärtner -mit zur Hilfe. Der ging auf die Polizei, aber auch -dort hatte niemand die Vermißten gesehen.</p> - -<p>Als Friede Hopserling mit dem Wagen kam, seine -Schützlinge abzuholen, schimpfte er gewaltig, als er von -dem Verschwinden der beiden hörte. »Haue müssen sie -haben, aber ordentliche! Na die sollen meine Peitsche -fühlen.«</p> - -<p>»Ich dächte, wenn man jemand hauen will, muß -man ihn erst haben,« sagte Frau Emma, die Hausverwalterin -des Professors.</p> - -<p>»Ja schon,« brummte Friede Hopserling und sah<span class="pagenum"><a id="Seite_p105">104</a></span> -besorgt nach seiner Uhr. Er mußte aufbrechen, es wurde -zu spät, er wagte aber nicht, ohne die Buben heimzukommen.</p> - -<p>»Da kommt mein Mann mit 'nem Schutzmann. -Du lieber Himmel, sie haben wohl gar die Buben eingesperrt,« -rief die Gärtnerin.</p> - -<p>Jetzt brach auch Heine Peterle, der sich bis dahin -sehr männlich und tapfer bewiesen hatte, in ein lautes -Geheul aus, und dies Geschrei hörten die wenigen -Menschen, die gerade über den Johannesplan gingen. -»Im Spiegelhaus ist was passiert,« rief eine Frau und -rannte geschwind nach dem Hause hin. Einige andere -folgten, und zu Friedes Entsetzen kamen auch etliche -Grünmützen dazu. »Natürlich wieder was mit den Oberheudorfern -los,« höhnte der eine. Es war der lange -Junge, der Friede schon oft geneckt hatte; er wohnte -am Plan, darum war er bei allem, was geschah, dabei.</p> - -<p>»Ich glaube, es ist am besten, Sie fahren heim,« -riet der Schutzmann Friede Hopserling. »Wir werden -die Knaben suchen, sie werden sich schon finden.«</p> - -<p>»Ich bleibe hier, ich suche mit,« schrie Heine Peterle, -und »Ich auch, ich auch,« schluchzten die Mädel.</p> - -<p>»Ich weiß was,« sagte da plötzlich ein feines -Stimmchen. Marianne Sonntag drängte sich durch die -Leute und betrachtete mitleidig die weinenden Oberheudorfer. -»Weint nicht,« tröstete sie, und dann erzählte<span class="pagenum"><a id="Seite_p106">105</a></span> -sie flink, daß zwei Buben Sonntags Dienstmädchen nach -dem Weg nach Oberheudorf gefragt hätten.</p> - -<p>»Das sind sie, das sind sie,« riefen die Oberheudorfer -alle, als Marianne sagte: »Einer hatte ein blaues -Halstuch, der andere ein rotes.«</p> - -<p>»Die haben 'ne Dummheit gemacht,« brummelte -Friede Hopserling leise vor sich hin. »Steigt auf, ihr -drei, wir finden sie schon.«</p> - -<p>»Die haben sicher etwas begangen, darum sind sie -ausgerissen,« sagte auch der Schutzmann und sah die -andern Kinder scharf an, daß sie mit einer ungeheuren -Eile auf den Wagen kletterten. Frau Emma konnte -ihnen kaum noch ihre roten Eßbündel hineinwerfen, so -rasch fuhr der Friede davon. »Halt, warten Sie einmal!« -wollte der Schutzmann rufen, aber da rasselte der -Wagen schon in die Rosengasse hinein.</p> - -<p>Dem Friede war das Herz sehr schwer. Die Angst -um die Gefährten, der Abschied, alles bedrückte ihn. -Am liebsten wäre er mit nach Oberheudorf gefahren, -und als der Wagen in der Rosengasse verschwand, da -war es ihm, als müßte er schreien: »Nimm mich mit, -Friede Hopserling, nimm mich mit!« Er biß aber die -Lippen zusammen und lief in das Haus hinein.</p> - -<p>»Nun läuft er fort und sagt gar nichts,« murrte -Marianne Sonntag. »Dieser Friede ist wirklich ein -Grobian, Ulli hat recht.« Sie ahnte nicht, daß der<span class="pagenum"><a id="Seite_p107">106</a></span> -Geschmähte in diesem Augenblick in einem Gartenwinkel -saß und bitterlich weinte. Ach, überall war er fremd!</p> - -<p>Im Spiegelhaus waren sie freilich alle gut zu ihm; -er hatte aber doch immer das Gefühl: »Hier gehöre -ich nicht hin.« Der Professor würde ihn nicht vermissen, -wenn er fortging; ein paar Wochen wollte er -ihn ja überhaupt nur behalten. In der Schule mochte -auch wohl niemand den Friede Pfennig leiden, und -morgen spotteten sie gewiß wieder über seinen Dorfbesuch. -Und dann würde er sich gar wieder schämen -wie heute, und daß er es getan hatte, quälte ihn so sehr; -wie eine Last lag es auf seinem Herzen. So abscheulich -kam er sich vor, weil er immer gedacht hatte: -»Wären die Freunde doch nicht gekommen!« Was wohl -Muhme Lenelies dazu sagen würde? Und was dazu, -daß er so schlecht auf seine Freunde aufgepaßt hatte? -Vielleicht – – – – hatte sie ihn dann auch nicht -mehr lieb?</p> - -<p>»Gagagagag, gagagei,« schrie es auf einmal neben -ihm. Ein kleines, schwarzes Huhn stand da und schaute -mit schief geneigtem Kopf zu ihm hin.</p> - -<p>»Das ist der kleine Teufel, den Heine Peterle -mitgebracht hat,« dachte er und griff unwillkürlich nach -dem Huhn. Das kreischte und schlug mit den Flügeln -um sich; aber Friede hatte gar geschwind zugepackt, und -das Teufelchen konnte nicht mehr ausreißen.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_p108">107</a></span></p> - -<p>»Es ist aus Oberheudorf.« Weiter überlegte Friede -nichts; wie ein Stück Heimat erschien ihm das schwarze -Tierchen. Und sachte, liebevoll streichelte er es. »Du -bleibst bei mir,« tröstete er. Gewiß hatte Fräulein -Wunderlich den Teufel auch hinausgeworfen wie ihn -selbst. Er trug das Huhn zu dem Gärtner, der auch -ein paar Hühner hatte und den schwarzen Gast aus -Oberheudorf bereitwillig aufnahm.</p> - -<p>Friede Hopserling war unterdessen sehr eilig, immer -brummend und knurrend durch die Stadt gefahren und -hatte endlich die Landstraße erreicht. »Nun paßt ordentlich -auf, ihr drei,« gebot er, »irgendwo im Weggraben -werden sie schon sitzen.«</p> - -<p>Heine Peterle und die Mädel hatten das Weinen -aufgegeben. Alle drei hielten so eifrig Umschau, daß -erst Annchen Amsee einen Meilenstein für Fritz und -dann Heine Peterle einen Baumstumpf für Schulzens -Jakob hielt. Aber sie erreichten Wiesental, ohne eine -Spur der Vermißten zu finden, und Friede Hopserling -schaute immer sorgenvoller drein, obgleich er tat, als -wären ihm die Buben höchst gleichgültig. In Wiesental -mußte er erst dreimal fragen, ehe jemand ihm Auskunft -geben konnte. Eine alte Frau endlich sagte, sie -habe die beiden gesehen und ihnen die Straße nach dem -nächsten Dorf gezeigt.</p> - -<p>Es dämmerte schon, als der Wagen wieder zu dem<span class="pagenum"><a id="Seite_p109">108</a></span> -Dorf hinausrollte. Ein feines Grau verhüllte die Ferne, -und in dem Wald, an dessen Rand jetzt die Landstraße -hinlief, herrschte bereits ein geheimnisvolles Dunkel. -»Nun wird's gar schon dunkel,« grollte der Knecht. -»Am Ende sind gar die verflixten Buben durch den -Wald gelaufen; na denen will ich's heimzahlen.« Er -ließ wütend die Peitsche durch die Luft sausen, und zu -seinem großen Erstaunen schrie die Luft laut auf. »So -was,« rief Friede Hopserling verdutzt, »der Schrei kam -doch von oben!«</p> - -<p>»Da hängen ein paar Beine,« quiekte Annchen -Amsee und deutete auf eine hohe, noch kahle Kastanie, -die hier einsam unter Kirschbäumen an der Landstraße -stand. »Das sind Fritzens Beine!«</p> - -<p>»Sie sind's, sie sind's!« riefen jauchzend Heine -Peterle und Mariandel. Wirklich tauchte Schulzens -Jakob aus dem Straßengraben auf, Schnipfelbauers -Fritz aber zappelte noch in den Ästen der Kastanie hin -und her. Endlich kam er mit zerrissenen Hosen unten an.</p> - -<p>»Nicht hauen,« flehten Annchen und Mariandel und -hielten Friede Hopserling beide Arme fest, »nicht hauen, -bitte nicht!«</p> - -<p>Der Knecht sah aber auch wirklich sehr grimmig -aus, und Fritz und Jakob rutschten vor Angst wieder -in den Straßengraben hinein. Von dort aus erzählten -sie klagend ihre Erlebnisse.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_p110">109</a></span></p> - -<p>»So, Schaden habt ihr angerichtet?« rief Friede, -aber er sah lange nicht mehr so böse aus. Die beiden -taten ihm schon leid; er dachte, sie hätten mit ihrer ausgestandenen -Angst Strafe genug gehabt. »Steigt nun -mal ein,« brummte er, »hoffentlich habt ihr nicht zu -viel zerbrochen, denn was kaput ist, müßt ihr bezahlen, -das hilft nun nichts.«</p> - -<p>»Dann hätten wir ja gar nicht erst – – huhu – – -auszureißen brauchen,« schluchzte Jakob.</p> - -<p>»Nä, war auch gar nicht nötig. Ausreißen nutzt -nie nischt. 'n ehrlicher Mann zahlt den Schaden, den -er macht, damit basta. Jetzt hört mit der Heulerei auf, -'s wird schon nicht so schlimm sein. Bei uns ist mal -ein Mann vom Speicher gefallen, da dachten alle, er -wäre tot, und dabei war er gar nicht runtergefallen, -sondern 'n Mehlsack.« Mit dieser tröstlichen Erzählung -beruhigte Friede die beiden Schelme wenigstens so weit, -daß sie das Heulen aufgaben und nach ihren Eßbündeln -griffen. Die Kinder schmausten, aßen sich plumssatt, -schwatzten eine Weile, schilderten sich ihre ausgestandene -Angst, schalten weidlich auf Herrn Schulz, der ihrer -Meinung nach an allem schuld war, und dann schliefen -sie ein. Sie lagen alle fünf im Wagen und schliefen -so fest und süß wie daheim in ihren Betten, und Friede -Hopserling brummte schmunzelnd: »Na, 's ist gerade, -als hätte ich wieder Mehlsäcke geladen.« Er lud dann<span class="pagenum"><a id="Seite_p111">110</a></span> -jeden kleinen lebendigen Mehlsack vor dem rechten Hause -ab, und nur Annchen Amsee wurde so weit munter, -um ein »Danke schön« sagen zu können. Wer dachte, -er bekäme noch etwas von der Stadtfahrt erzählt, der -irrte sich gewaltig, kein Wörtlein sagten die fünf Kinder -an diesem Abend mehr. Doch die Erwachsenen trösteten -sich und meinten: »Morgen werden sie schon schwatzen, -mehr als man vertragen kann.«</p> - -<hr class="chap" /> - -<div class="chapter"> -<h2 id="Verkehrte_Gedanken"> -<img src="images/illu-chapter.png" alt="" /><br /> -Verkehrte Gedanken.</h2> -</div> - -<p class="drop">An dem Tage nach der Stadtfahrt der fünf Oberheudorfer -Kinder dachten in Feldburg und Oberheudorf -allerlei Leute allerlei Sachen, die nicht eintrafen. -Wie es so geht, Schulzens Jakob und Schnipfelbauers -Fritz dachten, es würde niemand etwas merken von dem, -was sie in der Stadt angerichtet hatten, und dabei sagte -jede Mutter gleich am frühen Morgen zu ihrem Buben: -»Sag mal, was hast du nur getan? Du hast ja ein so -schlechtes Gewissen.«</p> - -<p>Was Mütter auch immer alles sehen und wissen! -Den beiden blieb nichts anderes übrig, als ihre Untat -zu bekennen. Die Mütter schalten zwar nicht sehr, -aber beide sagten: »Bezahlt muß werden, das hilft<span class="pagenum"><a id="Seite_p112">111</a></span> -nichts, und wenn die Sparbüchse ganz leer wird.« Dies -klang den Buben gar bitter in den Ohren. Nachher -in der Schule vergaßen sie zwar ihren Jammer rasch, -denn es war zu schön, von der Stadt zu erzählen. -Ordentlich protzig kamen die fünf an und sagten: »Wir -haben aber viel gesehen!« Und als die andern schrieen: -»Erzählt, erzählt! Wie war's?« da sahen die Buben -die Mädel an und die Mädel die Buben, sie nickten und -blinkerten sich zu und taten so wichtig und geheimnisvoll, -daß die andern vor Neugier fast platzten. Zu -schön war dies, so schön, daß Heine Peterle und Annchen -Amsee dachten: »Heute wird der Herr Lehrer über -ein bißchen Plappern in der Stunde nicht schelten.« -Oh, das war aber falsch gedacht! Er schalt sogar sehr, -und Annchen Amsee bekam wirklich eine Strafarbeit und -Heine Peterle beinahe eine.</p> - -<p>Die andern Kinder sagten an diesem Tage: »Vielleicht -gibt es bald schulfrei, vielleicht schon morgen;« aber -sie merkten es dann auch, wie falsch sie gedacht hatten. -Kein Wunder war es, denn selbst die Erwachsenen -dachten an diesem Tage immer etwas Verkehrtes. So -dachte die Hausfrau in der himmelblauen Ente: »Heute -wird mein Kuchen aber gut geraten,« und dann verbrannte -der Kuchen und wurde pechschwarz. Und -Schnipfelbauers Kathrine sagte: »Frau, ich denke, heute -kriechen unsere ersten Hühnchen aus.« Aber denen fiel<span class="pagenum"><a id="Seite_p113">112</a></span> -das gar nicht ein, sie blieben noch zwei Tage in ihren -Eierschalen sitzen.</p> - -<p>Auch Muhme Lenelies dachte etwas, das nicht in -Erfüllung ging. Sie meinte, die Kinder würden ihr -viele schöne Dinge von ihrem Friede erzählen. Was -die fünf aber berichteten, klang der alten Frau so seltsam, -daß ihr das Herz darüber schwer wurde. Und -weil es mit dem Abschied in der Stadt so flink gegangen -war, konnten ihr die Stadtfahrer nicht einmal -Grüße ausrichten. »Nä, Grüße hat Friede nicht gesagt,« -versicherte Heine Peterle, und Annchen Amsee -wußte auch nichts von Grüßen. »Er hat gesagt, er -käme am liebsten wieder nach Oberheudorf,« flüsterte -Mariandel.</p> - -<p>Dies Wort vermehrte nur noch die Sorgen der -guten Muhme, und sie seufzte tief darüber, weil der -Weg in die Stadt gar so weit und das Gehen ihr jetzt -so beschwerlich fiel. Wie mochte es nur ihrem Friede -gehen? Stimmte das wirklich alles so, wie es die -Kinder erzählten, daß ihn das Fräulein Wunderlich aus -dem Hause geworfen hatte und die Schulkameraden -ihn nicht leiden konnten? Die Gedanken der guten -Muhme liefen so geschwind nach Feldburg wie keine -Buben- oder Mädelbeine jemals laufen können, und in -Feldburg liefen diese Gedanken immer um Friede herum; -der merkte aber nichts davon. Er ging wie alle<span class="pagenum"><a id="Seite_p114">113</a></span> -Tage um die Kirche herum ins Gymnasium und war -dort froh, als endlich die Stunden begannen, denn laut -und leise rief es hinter ihm und neben ihm: »Friede -Pfennig, wie geht's den Oberheudorfern?« »Friede -Pfennig, fährst du auch auf dem Mehlwagen spazieren?« -»Hör du mal, in Oberheudorf sind die Leute wohl neunmalklug?«</p> - -<p>»Na wartet nur,« dachte Friede trotzig, »ich will's -euch schon zeigen, daß die Oberheudorfer nicht auf den -Kopf gefallen sind.« Er konnte das auch gleich an -diesem Morgen zeigen. Der Lehrer fragte ihn in der -Geschichtsstunde allerlei, und Friede konnte klug und -sicher Antwort geben, ja er wußte noch mehr zu sagen -als der Klassenerste.</p> - -<p>»Ei, du weißt ja sehr gut Bescheid,« sagte Doktor -Schneider freundlich.</p> - -<p>Weil der sonst nicht viel lobte, machte dies Lob -auch großen Eindruck, und die Klassengenossen schauten -den Oberheudorfer Buben auf einmal ordentlich verwundert -an. So viel wußte der? Manch einer wünschte -sich da heimlich: »Ach, wäre ich doch so klug!« und -darüber wagte er es dann nicht, den Oberheudorfer -Buben zu verhöhnen.</p> - -<p>Trotzdem lief Friede nachher wieder allein aus der -Schule nach dem Spiegelhaus, wieder um die Kirche -herum. Er ahnte nicht, daß Fräulein Wunderlich am<span class="pagenum"><a id="Seite_p115">114</a></span> -Fenster saß und dachte: »Heute wird der Friede wohl -zu mir hereinkommen, weil ich gestern so nett zu seinen -Freunden war.«</p> - -<p>Damit hatte sie aber auch etwas Verkehrtes gedacht, -denn Friede kam der Besuch gar nicht in den -Sinn, und Fräulein Wunderlich verlor darüber wieder -ihre gute Laune, wurde brummig und verdrießlich und -schalt im Hause herum. Sie gehörte eben auch zu den -Menschen die meinen, eine einzige Freundlichkeit muß -gleich Liebe erwecken.</p> - -<p>An diesem Nachmittag sagte Frau Emma, die -Hausbesorgerin: »Geh, Friede, besorg' mir einmal etwas -in der Stadt, du tätest mir damit einen großen Gefallen.«</p> - -<p>Sie brauchte wirklich nicht lange zu bitten, Friede -war gleich bereit, und die Frau dachte: »Er ist doch -ein gefälliger, lieber Junge.« Damit hatte sie nun -wirklich etwas Rechtes und nichts Verkehrtes gedacht. -Friede tat gern jemand einen Gefallen, und er lief auch -gar eilig in die beiden Geschäfte, in denen er allerlei -bestellen sollte. Der zweite Laden war jener, in dem -er am Tage vorher mit seinen Gefährten zuerst gewesen -war, und etwas bänglich betrat er das Geschäft. Die -Verkäuferin erkannte ihn auch gleich wieder und rief -ärgerlich: »Na, du hast aber ungezogene Freunde! Was -waren denn das für abscheuliche Bengel, die hier so -gepfiffen haben?«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_p116">115</a></span></p> - -<p>»Gepfiffen?« Friede sah die Verkäuferin sehr erstaunt -an, und diese merkte schnell, der Bube ahnte -nichts. Ihr Gesicht hellte sich etwas auf, und sie erzählte -den Streich, den Jakob und Fritz ihr gespielt -hatten. Während sie erzählte, konnte Friede sich nicht -helfen, er mußte ein wenig lachen, und dabei kam die -Geschichte auch dem Fräulein auf einmal mehr lächerlich -als ernsthaft vor, und zuletzt lachten sie beide ganz fröhlich -und herzlich. Als Friede ihr sagte, seine Gefährten -seien ausgerissen, gewiß vor Angst, rief sie sogar mitleidig: -»Schreib es ihnen doch, es wäre nichts kaput -gegangen, es sind nur ein paar Nickelbretter umgefallen, -das hat freilich schrecklich gepoltert und geklirrt.«</p> - -<p>In guter Freundschaft trennte sich Friede, nachdem -er seine Botschaft ausgerichtet hatte, von dem Fräulein, -und als er wieder auf der Straße stand und ihm die -Frühlingsluft so mild um die Nase wehte, bekam er -Lust, spazieren zu gehen. Er hatte Zeit, und im Spiegelhaus -schalt niemand, wenn er später heimkam. Der -Professor ermahnte ihn ja selbst manchmal: »Lauf hinaus, -sieh dich in der Stadt um! Man muß mit offenen -Augen durch die Welt gehen!«</p> - -<p>Das tat Friede auch an diesem Tage. Er lief -durch allerlei Straßen, die er noch nicht kannte, und -schaute sich ganz ernsthaft die Häuser an und auch die -Menschen, die an ihm vorübergingen. Dabei empfand<span class="pagenum"><a id="Seite_p117">116</a></span> -er wieder so recht, wie einsam er doch in der Stadt -war. In Oberheudorf hatte er jeden gekannt, dem er -auf der Straße begegnet war. Unwillkürlich schlug er -in seinen sehnsüchtigen Gedanken den Weg ein, der nach -Oberheudorf führen -sollte. Dabei kam er -auch an einer langen, -grauen Gartenmauer -vorbei, und wie er so -dahinging, fühlte er -auf einmal einen Ruck -an seiner Mütze, und -zu seinem maßlosen -Erstaunen sah er diese -durch die Luft entschwinden.</p> - -<div class="figleft"> -<img src="images/illu-116.png" alt="" /> -</div> - -<p>»Meine Mütze,« -schrie er erschrocken, -und in diesem Augenblick -tauchte ein sehr -verlegenes Gesichtchen über der Mauer auf. Das -Füchslein war es, das rief bittend: »Ach du, ich dachte -mein Bruder wär's, nun habe ich deine Mütze geangelt.«</p> - -<p>»Geangelt?« Friede riß seine Augen weit auf, -und er sah so erstaunt drein, daß Marianne Sonntag<span class="pagenum"><a id="Seite_p118">117</a></span> -kichernd sagte: »Aber jetzt machst du ein dummes Gesicht, -und Ulli meint doch, du seist klug!«</p> - -<p>Friede wurde blutrot und brummte ein wenig beschämt: -»Das ist doch aber auch komisch, Mützen zu -angeln.«</p> - -<p>Das Füchslein war jetzt ganz auf die Mauer geklettert, -saß behaglich oben und schaute sehr vergnügt -auf den Buben herab. »Ich will dir's erklären. Jobst -und Ulli angeln manchmal Fische, – nein, so nicht – -sie wollen welche angeln und fangen keine, bloß mal -einen, und der war vorher schon tot. Aber weißt du, -Buben sind immer eingebildet« – –</p> - -<p>»Das stimmt nicht,« rief Friede dazwischen. Doch -das Füchslein ließ sich nicht stören, es rutschte auf der -Mauer hin und her, seine rotbraunen Zöpfe wippten -wie ein Paar Uhrenpendel auf und ab, und lustig schwatzte -es weiter: »Buben sind immer eingebildet, und darum -wollten sie mich nicht mitnehmen. Wir haben uns miteinander -gestritten, und ich habe gesagt, ich kann was -Besseres angeln als tote Fische, und darum sitze ich hier.«</p> - -<p>»Und angelst meine Mütze?« Friede lachte. Das -lustige Mädel auf der Gartenmauer gefiel ihm so gut, -daß er alle Befangenheit verlor. Dies gefiel nun wieder -Marianne ausnehmend, und sie rief: »Deine sollte es ja -nicht sein. Aber komm doch rein, wir angeln dann beide -Jobst und Ullis Mützen. Komm fix, sonst sehen sie dich!«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_p119">118</a></span></p> - -<p>Friede überlegte nicht lange, sondern trat durch -die Türe, die Marianne ihm zeigte, in den Garten. -Der war weder sehr groß, noch besonders schön angelegt, -es war ein richtiger Obst- und Krautgarten, einer, in -dem es sich gewiß wundervoll spielen ließ. Ein umgestülpter -Schubkarren diente dem Füchslein als Standort. -Sie konnte von ihrem Platz aus bequem die Straße -überschauen, und Friede mußte sich neben sie stellen und -aufpassen. »Du kennst doch Ulli und Jobst,« sagte sie, -»sie gehen mit dir in eine Klasse. Sag mal, warum -bist du am ersten Tage gleich so grob zu Ulli gewesen? -Er ist ganz wütend auf dich.«</p> - -<p>»Ich bin gar nicht grob,« verteidigte sich Friede, -und er erzählte dem Füchslein, wie sehr seine Mitschüler -ihn vom ersten Tage an geneckt hätten, und daß -ihn in seiner Klasse niemand leiden möchte.</p> - -<p>Das Füchslein wieder verteidigte den Bruder und -Freund. Eifrig rief es: »Wir haben uns auf dich -gefreut, weil Onkel Treumann schon von dir erzählt hat, -und weil unsere Katerlies sagt, in Oberheudorf passieren -so viele Geschichten. Aber warte, jetzt stifte ich Frieden -zwischen euch. Erst angeln wir Ulli und Jobsts Mützen -weg, und nachher werdet ihr gute Freunde.«</p> - -<p>Im Eifer hatten sie aber vergessen, auf die Straße -zu schauen, und so traten plötzlich die zwei Buben, -von denen sie eben gesprochen hatten, in den Garten.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_p120">119</a></span></p> - -<p>»O pfui, ihr kommt so heimlich,« schalt Marianne -schmollend.</p> - -<p>Die beiden achteten nicht auf sie. Erstaunt blickten -sie auf den Gast, und Jobst rief in seiner herrischen -Art: »Was tust du denn hier?« Er meinte es nicht -so schlimm, es kam bei ihm aber alles etwas patzig und -abweisend heraus, und wer ihn nicht kannte, hielt ihn -wohl für einen recht eingebildeten Buben.</p> - -<p>Ulli knurrte nur »Na« und maß den unwillkommenen -Gast mit einem unfreundlichen Blick. Friede wurde feuerrot. -Er fühlte, die Buben sahen ihn als einen Eindringling -an in ihrem Garten. Vor Scham und Ärger vergaß -er das freundliche Füchslein, und daß dies Frieden -hatte stiften wollen; schwipp, schwapp, drehte er sich -trotzig um und lief zum Garten hinaus.</p> - -<p>»Friede,« schrie Marianne ihm nach, und dann -schalt sie ärgerlich auf den Bruder und Freund: -»Pfui, warum seid ihr denn so abscheulich zu Friede? -Gerade war er so nett und wollte mit eure Mützen -angeln.«</p> - -<p>»Was?« rief Jobst erstaunt, »was wollte er tun?«</p> - -<p>»Den geht meine Mütze gar nichts an,« brummte Ulli.</p> - -<p>Mit ein paar guten Worten hätte Füchslein nun -schnell alles erklären können, und sie hätte auch die -Buben dazu gebracht, den Schulgenossen wieder zurückzuholen, -doch sie war wie eine kleine Rakete. Puff,<span class="pagenum"><a id="Seite_p121">120</a></span> -puff, ging es bei ihr gleich immer oben hinaus. Hinterher -tat es ihr freilich bitter leid, aber dann wurde -manchmal nicht so rasch glatt und gut, was ihr Ungestüm -verfahren hatte. So ging es auch heute. Marianne -schalt ein paar Minuten heftig auf die Buben ein, und -die gaben ihr die unguten Worte reichlich zurück, Jobst -laut und heftig, Ulli mit Brummen und Knurren. Es -schallte gar nicht lieblich durch den Garten, bis sie auf -einmal vor Wut und Ärger alle drei davonrannten, -eines hierhin, das andere dahin. Im Winkel eines -Gartenhauses heulte sich dann Marianne zurecht, wie -die Mutter es nannte. Als sie das getan, lief sie in -den Garten zurück und suchte versöhnungsbereit Jobst -und Ulli, aber die waren weg und blieben weg. Da -ging die Kleine mit kummerbeschwertem Herzelein zur -Mutter, die an ihrem Nähtisch saß, erzählte der die -ganze Geschichte und klagte sich dann selbst an: »Und -ich dachte, nun würde alles gut werden.«</p> - -<p>»Ja, mein Mädel, man denkt eben manchmal verkehrt -herum,« sagte die Mutter, »und das Friedenstiften -will sacht und leise angefaßt werden. Wenn du so -wild und ungestüm auf deiner Geige spielen wolltest, -kämen auch keine lieblichen Töne heraus, und mit Menschenherzen -muß man ebenso zart umgehen.«</p> - -<p>Marianne Sonntag nahm erst den rechten, dann -den linken Zopf in den Mund, dann seufzte sie, und<span class="pagenum"><a id="Seite_p122">121</a></span> -nach diesen Vorbereitungen sagte sie betrübt: »Ich will -auf der Geige üben.«</p> - -<p>»Tu es,« riet die Mutter und nickte ihrem Mädel -zu. Sie lauschte dann dem Spiel der Kleinen, das klang -erst gar nicht melodisch, aber nach und nach wurde es -reiner, zarter. Dann klappte eine Tür, das Spiel brach -jäh ab, nun flüsterten und tuschelten im Nebenzimmer -zwei Stimmen, und plötzlich riß das Füchslein die Türe -auf und rief: »Mutterle, wir vertragen uns wieder, -und Ulli will auch nett zum Friede sein.«</p> - -<p>Frau Sonntag hörte den guten Vorsatz, hörte ihre -Kinder von Versöhnung reden, und sie freute sich darüber. -Aber Friede wußte nichts davon. Traurig lief -der durch allerlei Straßen, und wie er so ziel- und -zwecklos dahin rannte, kam es ihm auf einmal in den -Sinn: »Es wäre am besten, ich liefe nach Oberheudorf -zurück.«</p> - -<p>Er blieb unwillkürlich stehen. Der Gedanke an die -Heimat erfaßte ihn mit solcher Gewalt, daß ihm die -Tränen in die Augen traten. Ganz deutlich sah er das -Haus von Muhme Lenelies, die Muhme selbst, die -Dorfstraße, seine Gefährten, alles vor sich, und da fing -er auch schon an zu laufen. Ich muß heim, gleich, -dachte er, ich muß die Muhme sehen, ihr alles sagen, -ich will wieder dort bleiben. Er kannte den Weg schon -besser als Schulzens Jakob und Schnipfelbauers Fritz.<span class="pagenum"><a id="Seite_p123">122</a></span> -Dort um jene Ecke mußte er gehen; nun kam die -Straße, an deren Ende er schon grüne Saaten schimmern -sah; da war er im Freien, war auf dem rechten Weg -zur Heimat.</p> - -<p>Aber allzu weit kam er nicht. Ein Wäglein kam -angerollt. Er sah es erst, als es dicht vor ihm war; da -sprang er zur Seite. In dem Wagen saß ein einzelner -Herr, der sich scheltend herausbeugte: »Na, was ist -denn das für eine Sitte, so toll auf der Straße herumzulaufen!«</p> - -<p>Friede stutzte und blieb erschrocken stehen. Den -Herrn kannte er, das war ja Doktor Treumann, zu -dem er einst an einem stürmischen Wintertag gerannt -war, um eine Medizin für Muhme Lenelies zu holen. -Auch der Arzt hatte den Buben erkannt. »He, du,« -rief er, »bist du nicht der Friede aus Oberheudorf, nach -dem mich meiner Schwester Kinder schon halb entzweigefragt -haben? Komm einmal her, wir zwei kennen -uns doch, du bist ja mein kleiner Held.«</p> - -<p>Friede trat verlegen an den Wagen heran, und -der Arzt prüfte mit klugen, ernsten Augen sein Gesicht. -Holla, da stimmt etwas nicht. Er merkte es gleich und -fragte laut: »Läufst wohl spazieren, was?«</p> - -<p>Der Bube nickte nur befangen, er stand mit gesenktem -Kopf da und wagte es gar nicht aufzuschauen. -Einen kleinen Helden hatte ihn Doktor Treumann eben<span class="pagenum"><a id="Seite_p124">123</a></span> -genannt, das war er doch nicht, er, der eben hatte feige -ausreißen wollen.</p> - -<p>»Na, sieh mich doch mal an, mein Junge!« sagte -da der Arzt gemütlich. »Straßenstaub und Steine kannst -du ja noch oft sehen, aber mich hast du doch noch nicht -gesehen, solange du in der Stadt bist. War übrigens -verreist, sonst hätte ich mich schon um dich gekümmert. -Na, Kopf hoch! Ein tapferer Junge sieht jedem frei -ins Gesicht.«</p> - -<p>Friede schlug rasch die Augen zu dem Arzte auf. -Er fühlte, der durchschaute ihn, ahnte, daß er nicht -auf rechten Wegen ging. Stirn und Backen brannten -ihm, er atmete tief, aber fest sagte er dann: »Ich wollte -ausreißen, nach Oberheudorf zurück.«</p> - -<p>»So, so!« Doktor Treumann war gar nicht überrascht, -seine Augen blitzten, und seine Stimme klang -scharf: »Bist du jetzt so einer geworden, der gleich das -Hasenpanier ergreift? Hm, meinst wohl, die Muhme -wird sich arg über dein Heimkommen freuen?«</p> - -<p>Darauf gab Friede keine Antwort. Er schämte -sich plötzlich unsäglich der eigenen Feigheit, und hastig -drehte er sich um, lüftete höflich seine Mütze und begann -wieder nach der Stadt zurückzulaufen.</p> - -<p>Da rief ihm der Doktor nach: »Stadtwärts kannst -du mitfahren. Komm, steig ein!«</p> - -<p>Der Junge blieb zögernd stehen, er war unschlüssig,<span class="pagenum"><a id="Seite_p125">124</a></span> -was er tun sollte. Mit dem Arzt zu fahren erschien -ihm in diesem Augenblick gar nicht so vergnüglich, aber -der streckte ihm jetzt die Hand entgegen und sagte in -dem alten freundlichen Tone: »Du hast mir ja noch -gar nicht die Hand gegeben, du Friede aus Oberheudorf. -Komm, steig ein, wir erzählen uns was miteinander!«</p> - -<p>Friede kletterte in das Wäglein und mußte sich -neben den Arzt setzen, der so gemütlich zu plaudern -begann, als wäre der kleine, blonde Dorfbube ihm ein -herzlicher Freund. Und Friede taute auch bald auf und -erzählte nun wieder treuherzig von seinen Kümmernissen. -Nur seine letzte bittere Erfahrung verschwieg er. Doktor -Treumann war ja Mariannes und Ulrichs Oheim, da -wollte er nicht anklagen. »Ich hab' es mir ganz anders -auf der Stadtschule gedacht,« schloß Friede seufzend -seinen Bericht.</p> - -<p>»Ja, ja, mein Junge, man denkt sich manchmal -manches anders in der Welt,« tröstete der Arzt. »Ich -dachte vorhin auch: Holla, der Friede aus Oberheudorf -ist ja ein Feigling geworden! und dann habe ich gemerkt, -daß ich falsch gedacht habe und du doch ein tapferer -kleiner Kerl bist, und so einer kommt schon durch. So, -und nun steig aus, da geht's zum Johannesplan hinauf. -Grüße mir meinen alten Freund, den Professor, und -dann, immer tapfer den Kopf oben behalten!«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_p126">125</a></span></p> - -<p>Friede kletterte aus dem Wagen, grüßte und -dankte. Jetzt brannte ihm wieder das Gesicht, aber diesmal -vor Freude. Er nahm das gute Wort des Arztes -mit in das stille Spiegelhaus, und an diesem Abend -schrieb er den ersten Brief an Muhme Lenelies. Alles -erzählte er darin, er schrieb aber auch, daß er tapfer -sein und aushalten wolle. Und dieser Brief fiel nicht -auf die Dorfstraße, er wurde auch nicht im Backofen -verbrannt. Muhme Lenelies hob ihn gar sorgsam auf -und las ihn so oft, bis sie ihn besser auswendig konnte -als die Kinder in der Schule ihre Verse und Sprüche.</p> - -<p>Schulzens Jakob und Schnipfelbauers Fritz hatten -aber auch ihre unbändige Freude über den Brief, stand -doch darin, daß sie nichts zerbrochen hatten. Seit sie -das wußten, redeten sie noch kecker und hochmütiger von -der Stadt und trillerten immerzu laut auf ihren Pfeifen, -und alle Leute im Dorf sagten: »Wenn die Pfeifen -nur erst kaput wären!« – –</p> - -<div class="figcenter"> -<img src="images/illu-close.png" alt="" /> -</div> - -<hr class="chap" /> - -<div class="chapter"> -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_p127">126</a></span></p> -<h2 id="Das_Abenteuer_im_Schloss"> -<img src="images/illu-126.png" alt="" /><br /> -Das Abenteuer im Schloß.</h2> -</div> - -<p class="drop">In Feldburg gab es wie in vielen andern altertümlichen -Kleinstädten auch ein Schloß. Es lag, -wie es sich für ein richtiges Schloß schickt, etwas höher -als die andern Häuser der Stadt und war auch von -einem wirklichen Fürsten und einer wirklichen Fürstin -bewohnt. Meist war zwar der Fürst von Salheim -nicht in Feldburg, er hatte noch andere Schlösser, und -da er ein Fürst ohne Land war und in Feldburg nichts -zu regieren hatte, kam er immer nur etliche Wochen im -Jahr dorthin. Er kam aber gern, und die Feldburger -freuten sich auch über sein Kommen, und über das -Schloß freuten sie sich auch; es sah so stattlich aus, -und die Fremden, die in das Städtchen kamen, sagten -immer entzückt: »Nein, ist das aber malerisch!«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_p128">127</a></span></p> - -<p>In Oberheudorf hatten die Kinder schon früher -manchmal von dem Feldburger Schloß gehört; seit -Traumfriede aber in der Stadt war, sprachen sie sehr -viel davon. Das Schloß zu sehen lockte sie sehr. Muhme -Lenelies sagte zwar oft: »Ach was, Schloß hin, Schloß -her, meine Märchenschlösser sind schöner.«</p> - -<p>Doch die Kinder glaubten ihr das nicht recht und -gaben wohl zur Antwort: »Du sagst aber nicht, wo -die liegen.« Auch der Lehrer in der Schule hatte von -dem Schloß erzählt, das in der Geschichte des Herzogtums, -zu dem Feldburg und Oberheudorf gehörten, eine -ziemliche Rolle gespielt hatte. Ein deutscher Kaiser -hatte einmal dort gewohnt, und allerlei dunkle Sagen -umspielten das alte, graue Schloß.</p> - -<p>»Warum hat uns Friede das Schloß nur nicht -gezeigt? Zu dumm von ihm!« murrten die fünf ersten -Stadtfahrer oft. Ihnen und den andern Kindern war -es daher eine wundervolle Überraschung, als der Herr -Lehrer eines Tages sagte: »Wir wollen einen Spaziergang -machen, ratet wohin?«</p> - -<p>»Nach Dachhausen,« schrieen die einen; die andern -rieten: »Nach dem Kuhberger Walde.« Wo anders -hin war es nämlich noch nie gegangen.</p> - -<p>»Falsch geraten! Nach Feldburg, das Schloß ansehen.«</p> - -<p>Ein unglaublicher Jubel erhob sich. Selbst der<span class="pagenum"><a id="Seite_p129">128</a></span> -Lehrer erschrak, dies war ja noch ärger, als er gedacht -hatte, und streng gebot er Ruhe. Da wurde es auch -still im Schulzimmer, aber draußen auf der Dorfstraße -ging der Lärm nachher wieder los. Die Buben und -Mädel schwatzten so laut und eifrig miteinander, daß -an diesem Tage sogar die Gänse, die Hauptspektakelmacher -im Dorfe, eifersüchtig wurden. Eine dicke Gans -schnatterte der andern zu: »Gräßlich das, man versteht ja -sein eigenes Geschnatter nicht bei diesem Kindergeschrei!«</p> - -<p>In heller Aufregung liefen die Kinder heim. »Wir -gehn aufs Schloß,« schrie Heine Peterle schon zum -Fenster hinein, damit es nur ja gleich alle wußten. Die -erwartete Überraschung blieb leider aus, denn nur -Muhme Rese saß in der Stube, und die dachte, es -wäre wieder einer von des Buben Späßen. Sie brummelte -nur: »Warum willste nich gleich zum Kaiser?«</p> - -<p>Heine Peterle war entrüstet. Aufgeregt erzählte -er nun ausführlich, was der Lehrer gesagt hatte. Da -ließ die Muhme ihren Strickstrumpf sinken, sah den -Buben nachdenklich an und sagte zuletzt: »Geh nur ja -nich mit, Heine Peterle, nä, nä, tu das nich, dir passiert -was, du paßt nich in en Schloß.«</p> - -<p>Trotz dieser düstern Warnung dachte Heine Peterle -gar nicht daran, daheim zu bleiben. Er gehörte ja schon -zu den Großen, die mit durften, zu den »Gernegroßen«, -sagte der Vater.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_p130">129</a></span></p> - -<p>Die Regenwolken, die über Oberheudorf hingen, -taten den Kindern den Gefallen, am Tage vorher eiligst -auszureißen, und am Morgen des Festtages war der -Himmel so blank geputzt, als hätten ihn die Oberheudorfer -Mädel mit Sand und Seife abgescheuert.</p> - -<p>Hatten die Kinder vor diesem Tage gefragt: »Wie -kommen wir nach der Stadt?« dann hatten die Erwachsenen -erwidert: »Auf Schusters Rappen, wie sonst; -meint ihr, für euch würden Kutschen angespannt?«</p> - -<p>Und dann standen zur Überraschung der Buben -und Mädel am Morgen doch zwei große Leiterwagen -auf dem Dorfplatz, und Friede Hopserling schmückte die -Pferde gerade noch mit frischen Maiensträußen, als -die Kinder angelaufen kamen. »Hurra, wir dürfen -fahren,« schrieen alle.</p> - -<p>»Nä, wer hat das gesagt?« brummte Friede -Hopserling, und der Schulzenknecht, der den andern -Wagen führte, rief: »Wer mitfahren will, muß 'nen -Taler zahlen, billiger tu' ich's nicht.«</p> - -<p>Aber die Kinder kletterten schon auf die Wagen -hinauf, sie wußten genau, woran sie waren. Und dann -kam der Herr Lehrer und setzte sich auch in den einen -Wagen, und los ging die Fahrt. Die Dorfbewohner -standen auf der Straße oder schauen zu den Fenstern -heraus, sie winkten und nickten, und die Kinder taten, -als ginge die Reise mindestens nach Amerika. Heine<span class="pagenum"><a id="Seite_p131">130</a></span> -Peterle blies auf seiner rosenroten Flöte, Schulzens -Jakob und Schnipfelbauers Fritz auf ihren Trillerpfeifen, -die andern wieder sangen, und Friede Hopserling knurrte: -»Die Pferde werden noch scheu werden.«</p> - -<p>An einem sonnenhellen Frühlingstag auf einem -Leiterwagen durch den Wald zu fahren, ist höchst vergnüglich, -und die Oberheudorfer Buben und Mädel waren -auch so lustig, wie man nur sein kann. In Wiesental, -dem letzten Dorf vor Feldburg, wurde ausgestiegen. -Von da aus ging es zu Fuß nach der Stadt. »Gleich -zum Schloß hinauf,« gab der Lehrer den Ungeduldigen -zur Antwort.</p> - -<p>O dieser Zug durch die Stadt! Diejenigen, die -schon dagewesen waren, blähten sich wie die Fröschlein -auf und sagten wichtig, wenn sich die Gefährten über -dies oder das wunderten: »Das ist so in der Stadt.«</p> - -<p>»Da ist Herrn Schulz sein Ramschladen,« schrie -Schulzens Jakob, und sämtliche Kinder blieben vor dem -Laden stehen, preßten die Nasen an die Fensterscheibe -und hatten nicht übel Lust, Herrn Schulz zu besuchen. -Doch da rief Heine Peterle: »Nu kommt wieder der -Wagen ohne Pferde.«</p> - -<p>»Brrr bums,« blieb das Automobil stehen, und -der Führer schalt zornig: »Ja, was soll denn das, Kinder? -Runter von der Straße! Ich glaube gar, das sind wieder -die dummen Buben von neulich!«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_p132">131</a></span></p> - -<p>Der Lehrer hatte seine Not, ehe er es seinen Buben -und Mädeln begreiflich machen konnte, daß sie immer -nur auf dem schmalen gepflasterten Bürgersteig zu gehen -hätten.</p> - -<p>»Du, Mariele,« rief da Annchen Amsee, »sieh mal, -hier wohnt 'n Bäcker.«</p> - -<p>Es war die größte Bäckerei der Stadt, vor der -die Kinder gerade angelangt waren: ein stattlicher Laden -mit breitem Schaufenster, in dem Torten, Kuchen, Körbchen -mit allerlei feinen Weißbrötchen aufgebaut waren; -dahinter wieder standen lange, dunkelbraune Brote, ernsthaft -wie Schildwachen.</p> - -<p>Mariele sah mit großen Augen drein; fast andächtig, -ehrfurchtsvoll musterte sie den Laden. Das sollte -eine Bäckerei sein, wie ihr Vater sie hatte? Dem kleinen -Mädel kam hier plötzlich die Erkenntnis, wie klein doch -das Heimatdorf war gegen Feldburg, und hatte der -Lehrer nicht gesagt, Feldburg wäre eine kleine Stadt? -So gab es noch größere Städte mit noch viel, viel -größeren Bäckereien? Mariele seufzte so tief und schwer, -daß es der Lehrer hörte. Er wandte sich um und fragte: -»Was hast du denn, Mädel?«</p> - -<p>»'s ist nich hübsch in der Stadt,« klagte Mariele -angstvoll und starrte den Bäckerladen an, der ihr in -seiner Größe und Pracht fast unheimlich war.</p> - -<p>Der Oberheudorfer Lehrer kannte die Kinder gut<span class="pagenum"><a id="Seite_p133">132</a></span> -und verstand des Marieles Schrecken. Er nahm die -Kleine an der Hand, und während sie alle miteinander -den Schloßberg hinaufpilgerten, zeigte er ihr allerlei, -ein hübsches Haus, einen Garten, in dem allerlei Blumen -blühten, er zeigte ihr, wie ein paar kleine Mädel ihre -Puppen in der Sonne spazierenführten, und allmählich -verlor Mariele die Angst vor der Stadt. Häuser, -Bäume, Blumen, Menschen, die gab es auch in Oberheudorf, -na, und wenn der Vater auch keinen großen, -feinen Laden hatte, ein Bäcker war er doch, und der -Herr Lehrer sagte: »Auf den großen Laden kommt es -nicht an, nur darauf, ob das Brot gut ist, das einer -bäckt, und das Brot deines Vaters schmeckt so gut, -daß viele Stadtleute es sich kommen lassen, weil sie es -besonders gern essen.«</p> - -<p>Da wurde Mariele sehr stolz auf ihren Vater, -und Feldburg mit all seinen Häusern und Läden kam -ihr gar nicht mehr unheimlich vor, ja am Schloßtor -schaute sie sich ganz kühn um und tuschelte Annchen -Amsee zu: »Am Ende essen sie drinnen gar auch Brot -vom – Vater.«</p> - -<p>Ein paar Buben und Mädel hatten sich den ganzen -Weg über nach dem Friede Heller umgeschaut. Warum -der wohl nicht zu sehen war?</p> - -<p>»Er weiß nicht, daß wir da sind,« sagten einige.</p> - -<p>»Vielleicht hat er noch Schule,« meinte Heine<span class="pagenum"><a id="Seite_p134">133</a></span> -Peterle nachdenklich, der dachte, in der Stadt könnte -schon mal von früh bis abends Schule sein.</p> - -<p>Als sie aber alle ans Schloßtor kamen, stand dort -ein Bube und schwenkte jauchzend seine grüne Mütze: -Friede war es. Er stürmte ihnen entgegen und hätte -sie in der Freude seines Herzens am liebsten umarmt, -den Herrn Lehrer voran. Ehe er aber noch alle recht -begrüßt hatte, schrie Anton Friedlich, dessen Augen neugierig -rundum gingen: »Uh je, da steht der Fürst mit -'nem großen Stock!«</p> - -<p>»Er kommt her, er kommt her,« quiekten etliche -Mädel und knicksten erschrocken bis zur Erde. Fein -angetan in dunkelrotem, goldgesticktem Rock, einen Dreispitz -auf dem Kopf, kam der Türhüter heran. Er wußte -von dem Kommen der Oberheudorfer; der Lehrer hatte -angefragt, ob er mit seinen Schulkindern an diesem Tage -das Schloß besichtigen dürfe. Mit gnädigem Lächeln -sah der Türhüter die Kinder an. Daß sie ihn für den -Fürsten hielten, freute ihn, und er erlaubte es huldvoll, -daß die Buben und Mädel ihn von allen Seiten -betrachteten und um ihn herumliefen wie um einen -Weihnachtsbaum. Sie hörten erst mit Bewundern -und Besehen auf, als der Diener kam, der sie im Schloß -herumführen sollte. »Hört nun schon auf,« mahnte -der, »wenn ihr drinnen alles so genau besehen wollt -wie unsern Türhüter, dann werdet ihr bis morgen früh<span class="pagenum"><a id="Seite_p135">134</a></span> -nicht fertig. Kommt jetzt, drinnen gibt es Schöneres -zu sehen.«</p> - -<p>»Grobian,« brummte der Türhüter, der sich sehr -gern bewundern ließ, aber dann sagte er auch: »Geht -nur hinein!«</p> - -<p>Es gab wirklich sehr viel in dem Schloß zu sehen: -geschnitzte, vergoldete, mit Seide und Samt überzogene -Sessel, Stühle, Sofas, Tische mit eingelegten, kunstvoll -verzierten Platten, schimmernde Spiegel, Bilder, Vasen, -kurz so viel schönen, reichen Hausrat, daß die Buben -und Mädel aus dem Erstaunen und der Bewunderung -gar nicht herauskamen. In einem Saal, der ganz von -Gold schimmerte, mußten sie alle riesige Filzschuhe über -ihre eigenen Schuhe ziehen. Der Fußboden war so fein -und glänzend, so spiegelglatt, als sollte darauf gespeist -werden, und der Diener mahnte: »Hier muß man vorsichtig -gehen!«</p> - -<div class="figcenter"> -<img src="images/illu-136.jpg" alt="" /> -<div class="caption">Der hohe Herr.</div> -</div> - -<p>Ja gehen, er hatte gut reden! Hopps, da lag der -dicke Friede schon, und krach setzte sich Schulzens Jakob -auf seinen Hosenboden. Krämers Trude zappelte ein -Weilchen wie ein Fisch, dann fiel sie auch hin, und -Bäckermeisters Mariele rutschte wie ein kleiner Schlitten -auf ihrem Bäuchlein den halben Saal entlang. Der -Führer hatte gerade mit dem Erklären beginnen wollen, -als er sah, wie es um ihn herum plumpste. »Aber -Kinder, was macht ihr denn?« rief er erschrocken.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_p136">135</a></span></p> - -<p>Krach, da lag auch er da, so lang er war. Anton -Friedlich hatte sich an seinem Bein halten wollen und -ihn mit umgerissen.</p> - -<p>»Uff!« stöhnte er. Vor lauter Überraschung wußte -er nichts weiter zu sagen, nicht einmal schelten konnte -er. Kaum hatte er sich aufgerichtet, da purzelte schon -wieder eins hin, und ein Mädel griff angstvoll nach -seinem Rockschoß.</p> - -<p>»Aber was macht ihr denn?« schrie er nun entsetzt. -»Haltet doch –« bums setzte sich vor ihm wieder ein Bube -sehr unsanft auf den Hosenboden, und alles klirrte und -krachte im Saal.</p> - -<p>»Das geht nicht,« riefen der Lehrer und der Führer -erschrocken wie aus einem Munde, und die Kinder -klagten: »Wir können nicht in den Pantoffeln gehen.«</p> - -<p>»Wir ziehen alle die Schuhe aus!« Annchen Amsee -saß auf dem Fußboden, sie stand auch nicht auf, weil -sie dachte, sie falle ja doch wieder hin. »In Strümpfen -geht's, da trapsen wir auch nicht!«</p> - -<p>»Ja, wir wollen die Schuhe ausziehen,« schrieen -ihr die andern nach, und schon hatten ritsch, ratsch ein -paar Mädel ihre Schuhe aufgebunden.</p> - -<p>»Es wird wohl am besten so sein,« meinte der Herr -Lehrer, und der Diener sagte seufzend und ergeben: -»Meinetwegen, obgleich sonst nie jemand so in den Festsaal -geht.« Eins, zwei, drei, waren alle Schuhe ausgezogen,<span class="pagenum"><a id="Seite_p138">136</a></span> -und dann tappelten lauter rosenrote und -kornblumenblaue Füße über das glatte Parkett. Die -Oberheudorfer Mütter liebten nämlich die bunten -Strümpfe sehr.</p> - -<p>Aus dem Festsaal ging es in die Silberkammer, -von da in das gelbe Zimmer, dann in den roten Saal, -dann in die grüne Kammer; es war beinahe wie in -einem Märchen. Endlich schloß der Führer eine schwere -eichene Türe auf und sagte: »Das ist der Ahnensaal.« -Aber erschrocken prallten die Kinder zurück, und den -Mädeln wurde es himmelangst. An den Wänden -hingen die lebensgroßen Bilder vieler Männer und -Frauen in seltsamen Trachten. Manche von ihnen -sahen recht grimmig aus, gar nicht, als hätten sie vom -Anderwandhängen einen sonderlichen Spaß. Dies und -das erzählte der Führer von dem und jenem: der war -ein großer Held gewesen in dem langen Krieg von -dreißig Jahren, und jener hatte gegen die Türken gefochten. -Die eine der Schloßfrauen hatte einmal mit -tapferer, mutiger List Stadt und Schloß aus großer -Gefahr gerettet. Sie sah auf ihrem Bilde aber auch -so stolz und feierlich aus, daß die Kinder sie sehr ehrfürchtig -anschauten. Krämers Trude knickste sogar vor ihr.</p> - -<p>Am Südende des Saales lag neben einer Tür, -die auf einen schmalen Vorsaal endete, eine kleine Nische. -In der hing noch ein Bild: ein finsterer Herr in der<span class="pagenum"><a id="Seite_p139">137</a></span> -spanischen Hoftracht des sechzehnten Jahrhunderts war -es. Von ihm erzählte der Führer, er sei ein gar arger -Bösewicht gewesen, er gehöre von rechtswegen gar nicht -in diesen Saal, denn er sei nur ein entfernter Verwandter -des Fürstenhauses. Man lasse aber sein Bild -hängen, obgleich er es gar nicht um die Familie des -Fürsten verdient habe. In einer wilden Sturmnacht -habe er versucht, die einzige Tochter des damals regierenden -Herrn zu rauben. Fahrende Spielleute hätten -ihm dann aber das schöne Fräulein abgejagt, als sie -im Walde nach Hilfe gerufen habe. Sie sei dann vor -Schreck und Grauen in ein Kloster gegangen. Ihr -Räuber aber sei landflüchtig geworden, man wisse nichts -von seinem Ende.</p> - -<p>»Huhu,« graulten sich die Mädel und sahen ordentlich -ängstlich auf den finsteren Mann, just als würde der -mit seinen spitzen Schnabelschuhen aus dem Bilde herausmarschieren. -Heine Peterle tat einen tiefen Atemzug und -sagte: »Man hätt' ihn ordentlich verdreschen müssen.«</p> - -<p>Das Wort gefiel den Buben, und der eine sagte -dies, der andere das, was sie getan hätten, wenn sie -die fahrenden Leute gewesen wären.</p> - -<p>Der Herr Lehrer war inzwischen mit dem Führer -an eins der spitzbogigen Fenster des Saales getreten, -und die Kinder konnten sich ungestört über den finsteren -Gesellen unterhalten.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_p140">138</a></span></p> - -<p>»Wie er die Augen aufreißt!« tuschelte Annchen -Amsee, »puh, wie graulich!«</p> - -<p>»Ich hätte ihn ganz gewiß gefangen und in den -Turm gesteckt,« versicherte Schulzens Jakob zum drittenmal. -Da trat Heine Peterle ganz dicht an das Bild -heran und sagte keck: »Ich geb' ihm jetzt noch was für -seine Schlechtigkeit.« Und patsch schlug er mit seiner -kleinen Faust dem gemalten Mann auf den Bauch.</p> - -<p>Die Kinder lachten, aber ihr Lachen erstarb jäh.</p> - -<p>Himmel, was war das?</p> - -<p>Urplötzlich verschwand das Bild und – Heine -Peterle – ihr Heine Peterle mit ihm. Ein paar -Sekunden lang zappelten und strampelten zwei rosenrote -Beine in der Luft herum, es polterte und krachte, und -dann waren gemalter Mann und Heine Peterle weg.</p> - -<p>Die Kinder schrieen so gellend, so angsterfüllt auf, -daß der Lehrer mit dem Führer so schnell herankamen, -als es mit den großen Filzpantoffeln ging.</p> - -<p>»Heine Peterle – – da – – der – – Mann, -huhuhu,« kreischten die Kinder und deuteten entsetzt auf -die Nische. Dort gähnte jetzt nur ein dunkles Loch.</p> - -<p>»Er – – hat – – ihn – – ge–ge–holt,« -wimmerten ein paar Mädel.</p> - -<p>Doch plötzlich zappelte ein rosa Bein in der Luft -herum, dann noch eins, und dann – – stand Heine -Peterle wieder da.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_p141">139</a></span></p> - -<p>Aber wie sah er nur aus! »Bube, was ist denn -geschehen?« Mit einem Ruck zog ihn der Lehrer ans -Licht, während der Diener noch immer sprachlos in das -dunkle Loch starrte, der gemalte Mann kam nämlich -nicht wieder.</p> - -<p>»I – ich – hazieh, hazieh!« Heine Peterle nieste -einmal, zweimal, immerzu, und das war kein Wunder, -denn er war von oben bis unten mit Staub bedeckt, -Spinnweben lagen auf dem Haar und auf seiner Jacke; -er sah aus, als hätte er ein halbes Jahrhundert in einer -Rumpelkammer gesessen. »Was hast du denn gemacht, -was hat er denn gemacht?« fragte der Lehrer ihn und -die andern. Aber selbst für ihn, der doch die Buben -und Mädel wahrlich kannte, war es schwer, etwas in -dem wilden Durcheinander zu verstehen, nur ein Wort -vernahm er immer wieder: »Er hat ihn auf den Bauch -geschlagen,« »Er hat ihn auf den Bauch geschlagen.« -»Hazieh, hazieh, hazieh!« nieste Heine Peterle, er schluchzte, -hustete und stöhnte endlich: »Da – – da – –«</p> - -<p>»Was ist da?« rief der Diener aufgeregt, und der -Lehrer und die Kinder alle sahen gespannt auf Heine -Peterle.</p> - -<p>»Hazieh – – da – hazieh – – ist – hazieh – -– 'n Loch!«</p> - -<p>»Schafskopf,« schrie ihn der Diener an, »das sehen -wir doch.« Auf einmal schlug er sich vor den Kopf.<span class="pagenum"><a id="Seite_p142">140</a></span> -»Ich hab's: die geheime Türe ist das, die geheime Türe -nach dem verborgenen Gang, nach der unser Fürst schon -lange sucht. Das Bild ist die Türe.« Er raste an -die große Haupttüre des Saales, an der ein Klingelzug -hing, und läutete Sturm. Laut, dringlich schallte -es durch das Schloß, und von allen Seiten eilten Diener -herbei. Endlich kam auch der Kastellan, der in Abwesenheit -des Fürsten das Schloß verwaltete. Lampen -wurden gebracht und die geheimnisvolle Öffnung untersucht; -eine ganz schmale, enge abwärtsführende Treppe -wurde sichtbar.</p> - -<p>»Es ist wirklich der geheime Gang,« sagte der -Kastellan erstaunt. »Unser Fürst hat schon von einem -Baumeister nach ihm suchen lassen, der aber nichts gefunden -hat. Man vermutet nämlich irgendwo ein Gelaß, -in dem wichtige Familienurkunden liegen sollen, aber -bei einem Brande sind auch die Baupläne des Schlosses -mit vernichtet worden. Der Großvater unseres jetzigen -Fürsten hat den Gang noch gekannt, er starb aber unerwartet, -und so erfuhr sein Sohn das Geheimnis nicht. -Wie wird sich unser Fürst über die Entdeckung freuen!«</p> - -<p>»Das ist dein Glück,« sagte der Lehrer sehr ernst -zu Heine Peterle, »in fremden Schlössern haut man -nämlich nicht mit der Faust nach den Bildern.«</p> - -<p>»Nein,« meinte der Kastellan, »das tut man freilich -nicht. Eigentlich ist's auch strafbar. Heute mag<span class="pagenum"><a id="Seite_p143">141</a></span> -es freilich hingehen; hier ist mal eine Dummheit gut -ausgegangen.«</p> - -<p>»Er wollte den Räuber doch nur hauen, weil der -so böse war,« flüsterte Annchen Amsee, um ihren Freund -zu entschuldigen. Der wischte, pustete und nieste noch -immer ganz furchtbar und konnte noch immer nicht viel -sagen.</p> - -<p>»Ach, darum also!« Der Lehrer, der Kastellan -und der Führer riefen es wie aus einem Munde; sie -sahen einander an und lächelten, lachten und fanden -blitzschnell ein jauchzendes Echo bei den Kindern. Die -waren ja heilfroh! Das ernste Gesicht des Lehrers -hatte ihnen doch bisher die rechte Freude an der Entdeckung -getrübt, aber jetzt kamen sie sich gleich ungeheuer -wichtig vor, und ein paar der kecksten Buben tuschelten: -»Da haben wir was Feines gemacht!« Himmelgern -wären nun natürlich die Buben die Treppe hinuntergeklettert -– den Mädeln war es zu unheimlich – aber -das gab es nicht. Der Herr Kastellan zog den gemalten -Bösewicht, der hinter die Wand gerutscht war, -wieder hervor, und schnapp, war das dunkle Treppengelaß -wieder verschwunden.</p> - -<p>»Gut, mein Junge,« sagte der Kastellan, »daß du -nicht größer und nicht kleiner bist; hast gerade auf die -rechte Stelle gehauen. Hier am Degenknauf des finstern -Herrn sitzt ein Knopf; durch einen Druck darauf kann<span class="pagenum"><a id="Seite_p144">142</a></span> -man anscheinend die geheime Pforte öffnen.« Er drückte, -er drückte noch einmal, aber – – keine Türe sprang -auf. »Na, was ist denn das?« rief er verwundert. -»Herr Lehrer, versuchen Sie es doch einmal!«</p> - -<p>Der Lehrer trat heran, er drückte auch, aber das -Bild blieb unbeweglich an seinem Platze, und seine -finsteren Augen starrten die Kinder an.</p> - -<p>»Man muß hauen, aber feste,« sagte Heine Peterle -plötzlich, der nun endlich das Niesen eingestellt hatte.</p> - -<p>Der Kastellan folgte dem Rat, er schlug einmal, -zweimal, aber erst beim drittenmal spazierte der finstere -Bösewicht davon. »Potzwetter, so eine Oberheudorfer -Bubenfaust kann aber kräftig dreinschlagen,« rief der -Kastellan. »Gut, daß es nicht etwas anderes war.«</p> - -<p>Der Herr Lehrer war auch sehr froh darüber, und -er war es recht zufrieden, als er mit seiner Schar wieder -auf dem Schloßhof stand. Dort hinaus brachten auf -des Kastellans Befehl die Diener ein paar Tische und -Stühle, und die Kinder durften unter den uralten Linden -des schönen Hofes ihre mitgebrachten Butterbrote verzehren. -»Vielleicht gibt's Schokolade,« sagte Schulzens -Jakob und dachte an Fräulein Wunderlich, doch darin -irrte er sich. Die Limonade, die die Schloßköchin den -Kindern schickte, schmeckte ihnen aber auch sehr gut, -und es wurde eine fröhliche Schmauserei.</p> - -<p>Nachher gab es noch die Waffenkammer zu sehen,<span class="pagenum"><a id="Seite_p145">143</a></span> -in der so viele alte Ritterrüstungen, Hellebarden, Schwerter -und andere Waffen und Geräte hingen, daß die Buben -sich am liebsten alle in eisengepanzerte Ritter verwandelt -hätten. Darüber war die Zeit schnell vergangen, und -die Sonne dachte schon etwas an den Heimweg und -an das Zubettgehen. Zeit war es also auch für die -Oberheudorfer, daran zu denken, obgleich sie alle sich -noch sehr gern die Stadt angesehen hätten.</p> - -<p>»Friedes Schule wollen wir sehen,« bettelten ein -paar Buben. Friede erschrak. Ganz jäh kam ihm der -Gedanke an den Spott der stolzen Gymnasiasten. Was -würden die sagen, wenn sie die Oberheudorfer, seine -Heimatgenossen, sehen würden? Gleich schämte er sich -aber wieder: mochten sie doch lachen, was kümmerte -es ihn!</p> - -<p>Ob der Lehrer etwas von den Gedanken ahnte? -Er sagte so freundlich und gütig, wie er immer zu -Friede sprach: »Es wird zu spät werden und ist auch -ein großer Umweg, über den Johannesplan zu gehen!«</p> - -<p>Doch da bat Friede heiß und dringlich: »Ach bitte, -bitte, ich möchte allen so gern das Gymnasium zeigen.« -Er wollte es beweisen, daß er sich der lieben Heimatgenossen -nicht schämte, weil sie anders in Art und Wesen -waren als die Buben und Mädel in der Stadt, und -so bat er noch einmal: »Bitte, bitte, wir wollen alle -über den Johannesplan gehen.«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_p146">144</a></span></p> - -<p>Der Lehrer sah seinen einstigen Schüler prüfend -an, dann strich er ihm über die heiße Wange und sagte -froh: »Bist doch noch mein alter Friede, doch heute -ist es wirklich zu spät, wir müssen uns sputen, um zu -unseren Wagen zu kommen. Ein anderes Mal dann. -Komm aber mit, begleite uns noch ein Stück heimwärts.«</p> - -<p>Friede tat es, und er tat es gern. So vergnügt, -als gehöre er noch ganz zu ihnen, lief er mit den Heimatgenossen -durch Feldburgs Straßen bis dahin, wo er -vor einiger Zeit Doktor Treumann getroffen hatte. Hier -nahm er Abschied. »Auf Wiedersehen, auf Wiedersehen -in den Sommerferien,« hieß es.</p> - -<p>»Wir kommen dir entgegen,« versprachen die -Freunde.</p> - -<p>»Wir auch,« riefen die Mädel, »und – –«</p> - -<p>»Macht Schluß, es ist Zeit!« mahnte der Lehrer -und schob ein paar Kinder vorwärts.</p> - -<p>Friede war schon wieder ein paar Schritte zurückgelaufen, -als er noch einmal innehielt und den Gefährten -nachrief: »Heine Peterle, wenn etwas von dem geheimen -Gang in der Zeitung steht, schreibe ich es dir.«</p> - -<p>»In der Zeitung stehen!« Heine Peterle wußte -plötzlich nicht, sollte er vor- oder rückwärts laufen, sollte -er einen Luftsprung machen oder einen Purzelbaum -schießen. Er drehte sich rundum und brachte den ganzen -Zug auseinander, und es hätte wohl eine schlimme Verwirrung<span class="pagenum"><a id="Seite_p147">145</a></span> -gegeben, wenn der Lehrer Heine Peterle nicht -an der Hand gefaßt und gesagt hätte: »Wir zwei gehen -mal miteinander. Nun vorwärts rasch, sonst fährt Friede -Hopserling fort!«</p> - -<p>Das half, nun liefen sie alle, so rasch sie konnten, -und erreichten bald Wiesental, wo die Wagen schon -warteten.</p> - -<p>Von der Rückfahrt ist nur zu sagen, daß sie sehr -lustig war. Es wurde viel gelacht, geschwatzt und gesungen, -und die treuen Wächter des Dorfes, die Hofhunde, -hörten die Stimmen der Heimkehrenden zuerst -und grüßten sie durch ein langanhaltendes Gebell.</p> - -<p>»Auf der Dorfstraße wird nicht mehr gestanden -und geschwatzt,« gebot der Herr Lehrer, »Abschied nehmen -ist nicht nötig, morgen seht ihr euch ja wieder.«</p> - -<p>Heine Peterle hatte es am eiligsten, aber auch die -anderen folgten alle brav dem Befehl. Heine Peterle -mußte doch den Eltern und Muhme Rese sein Abenteuer -erzählen, das preßte ihm fast das Herz ab. Mit -noch mehr Gepolter und Lärm und noch ungestümer als -sonst stürzte er daheim in das Wohnzimmer, in dem sein -Vater just die Zeitung las. Der fuhr erschrocken empor.</p> - -<p>»Vater, ich komm' auch nein,« schrie Heine Peterle -und tippte mit seinem Finger gleich ein Loch durch die -Zeitung, »wegen dem Gang im Schloß, wo der Räuber -davor stand, und – –«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_p148">146</a></span></p> - -<p>»Bewahr mich!« rief der Bauer. »Frau, der Bube -ist ja woll übergeschnappt. Leg ihn rasch ins Bett und -tu ihm ein kaltes Tuch auf den Kopf!«</p> - -<p>»Nä,« schrie Heine Peterle angstvoll, »ich hab -doch – –«</p> - -<p>»Ins Bett,« befahl der Bauer, »er hat Fieber.«</p> - -<p>»Je, je, je,« jammerte Muhme Rese, »er wird -krank, ich koch'n Fliedertee.«</p> - -<p>»Nä!« Heine Peterle sträubte sich, denn seine -Mutter wollte ihn in die Schlafkammer führen. »Komm -nun, komm, schlaf dich aus!« tröstete sie.</p> - -<p>Aber Heine Peterle mochte gar nicht schlafen, er -wollte erzählen, und hastig schwatzte er alles durcheinander -heraus, und Vater und Mutter sahen sich besorgt -an, und die Mutter sagte: »Er hat wahrhaftig Fieber!«</p> - -<p>»'n kaltes Tuch auf den Kopf und ins Bett, basta,« -befahl der Bauer. Da half kein Widerstreben mehr. -Heine Peterle wurde ins Bett gesteckt, und die Mutter -legte ihm ein kaltes Tuch auf den Kopf, und Muhme -Rese brachte Fliedertee.</p> - -<p>Aber der Bube, als er sah, daß doch niemand seine -schöne Geschichte hören wollte, schrie: »Ich hab' Hunger.«</p> - -<p>»Man muß'n ja nich aufregen,« tuschelte Muhme -Rese ängstlich und schlurfte, so schnell sie konnte, in -die Vorratskammer und holte viele Butterschnitten und -frischen Sonntagskuchen dazu. Heine Peterle aß sehr<span class="pagenum"><a id="Seite_p149">147</a></span> -brummig und schweigend alles auf, und je mehr er aß, -desto beruhigter sah die Mutter drein. Nur Muhme -Rese schüttelte noch immer ängstlich den Kopf und sagte -wieder und wieder: »Wärste doch nicht mitgegangen! -Ich hab's gleich gesagt, im Schloß passiert nischte nischt -Gutes. Nu haste so'ne Geschichte im Kopp!«</p> - -<p>Schluck! tat Heine Peterle, und der letzte Bissen -war hinunter. Er schüttelte energisch den nassen Umschlag -von der Stirn, streckte sich aus, sagte sehr vergnügt: -»Und 's ist doch wahr, un vielleicht kommt's in -die Zeitung.« Dann schlief er bums ein.</p> - -<p>»Ein sonderbarer Bube!« seufzte Muhme Rese.</p> - -<hr class="chap" /> - -<div class="chapter"> -<h2 id="Der_kleine_Teufel"> -<img src="images/illu-chapter.png" alt="" /><br /> -Der kleine Teufel hilft Fräulein -Wunderlich über die Dornenhecke.</h2> -</div> - -<p class="drop">Ulrich Sonntag hatte sich zwar der Schwester gegenüber -bereit erklärt, mit Friede nett zu sein, aber -Jobst von Hellfeld wollte nicht, der bockte. Als Ulli -ihm am andern Morgen auf dem Schulweg die Versöhnungsgeschichte -erzählte, rief er borstig: »Ich tu' nicht -mit, fällt mir gar nicht ein; dem Bauernjungen nachlaufen, -das könnte mir passen!«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_p150">148</a></span></p> - -<p>Und gerade an diesem Tage ging Friede nicht um -die Kirche herum, sondern lief an dem Organistenhaus -vorbei und kam gerade hinter den Freunden her, als -Jobst das vom Bauernjungen sprach. Husch flogen -da auch all die guten Vorsätze weg, mit denen er gekommen -war. Er hatte Ulrich anreden wollen, ganz -leicht hatte er sich das vorgestellt, und nun ging er -stumm und ohne Gruß an seinen Kameraden vorüber, -und ebenso stumm lief er dann wieder nach dem Spiegelhaus -zurück.</p> - -<p>»Hast du mit ihm gesprochen?« rief das Füchslein -dem Bruder an diesem Tage entgegen. Sie erzürnte -sich sehr, als sie sein »nein« hörte, und sie war schon -drum und dran, mit zornigen Worten ihrem Grolle -Luft zu machen, als ihr noch zur rechten Zeit der -Mutter Worte einfielen. Sie seufzte zwar dreimal -tief, dann war der Zorn in sein dunkles Herzkämmerchen -zurückgesunken, und Füchslein sagte sanft und lieblich: -»Aber morgen, Ulli, gelt, morgen tust du es?«</p> - -<p>Ulli versprach es. Am nächsten Tag kam er aber -sehr brummig heim. Schon von weitem schrie er: -»Füchslein, er will gar nicht, tut, als sei ich Luft. -Frech! Nun will ich aber auch nicht mehr.«</p> - -<p>Von diesem Entschluß brachte den Bruder kein -sanftes und kein zorniges Bitten und Fordern ab, und -das Füchslein sah betrübt alle schönen Friedenspläne<span class="pagenum"><a id="Seite_p151">149</a></span> -zerrinnen, denn sie selbst zankte sich wieder einmal gründlich -mit dem Bruder. Sie sah Friede in diesen Tagen -auch nur einmal von ferne; sie rief ihn an, er lief aber -geschwind davon. Im Organistenhaus war er auch nicht -gewesen, ärgerlich sagte es ihr Fräulein Wunderlich. -Diese hatte schon wieder alle gute Schokoladenlaune -verloren; sie ging verdrießlich im Hause herum und -schalt und brummte, wenn sie an den bösen Nachbarn -und den hinausgeworfenen Buben dachte. Selbst über -den entflohenen kleinen Teufel schalt sie jeden Tag. -Daß das Huhn entwichen war, kränkte sie bitter.</p> - -<p>Marianne Sonntag bekam auch von dem entflohenen -Oberheudorfer Huhn zu hören. An einem -Frühlingsnachmittag war es, an dem ein leiser, warmer -Regen auf die Erde niederfiel. Fräulein Wunderlich -hatte trotz des Regens in ihrem Gärtchen gegraben -und gepflanzt, und das Füchslein war zu ihr gekommen. -Sie standen beide an der Mauer des Nachbargartens -unter einem kleinen Schutzdach, und dort erzählte das -Fräulein laut und zornig von dem entflohenen Huhn.</p> - -<p>»Das ist gewiß nach Oberheudorf zurückgeflogen,« -rief Marianne mit ihrem hellen Stimmlein. »Ihm gefällt -es nicht in der Stadt.«</p> - -<p>»Rede doch nicht solchen Unsinn, wie soll ein Huhn -nach Oberheudorf fliegen!« schalt Fräulein Wunderlich. -»Aber meinetwegen, ich mag schon gar nicht mehr von<span class="pagenum"><a id="Seite_p152">150</a></span> -dem Ort und seinen Bewohnern hören. Nichts wie -Ärger hat man davon.« Die Dame machte ein so bitterböses -Gesicht, daß es dem Füchslein ganz ungemütlich -wurde.</p> - -<p>»Ich will jetzt hineingehen, Onkel Wunderlich ist -gewiß wieder zurück.«</p> - -<p>»War mein Bruder nicht da?« fragte das Fräulein.</p> - -<p>»Nein, er ging vorhin noch mit dem Herrn Professor -von Spiegel auf dem Platz draußen hin und her,« -sagte Marianne arglos; sie hatte in diesem Augenblick -die nachbarliche Feindschaft ganz vergessen.</p> - -<p>»Geh, pfui, geh, du bist auch ein abscheuliches Mädchen!« -rief Fräulein Wunderlich plötzlich. »Kommst nur, -um mir unangenehme Sachen zu sagen.«</p> - -<p>»Aber ich hab' doch nichts getan,« stammelte -Marianne, doch Fräulein Wunderlich rief noch einmal: -»Geh, geh, ich will dich nicht mehr sehen.«</p> - -<p>Betrübt verließ die Kleine den Garten, und drinnen -fiel es ihr erst ein, warum sie die Hausherrin erzürnt -hatte. Die war böse, daß ihr Bruder mit dem Nachbar -ging; sie haßte den, und Mutter hatte doch gesagt, -einmal wären sie miteinander gute Freunde gewesen! -Nachdenklich, mit gesenktem Kopf trat Marianne in -das Musikzimmer. Dort stand der alte Organist und -sah sinnend in den leise rinnenden Regen hinaus. »Was -hast du denn, Kind?« fragte er, sich seiner Schülerin zuwendend,<span class="pagenum"><a id="Seite_p153">151</a></span> -als diese eintrat, »du siehst ja gar nicht wie -ein rechter Sonntag aus?«</p> - -<p>»A–ch!« – Füchslein seufzte – »das Friedenstiften -ist doch arg schwer!«</p> - -<p>»Ja freilich, schwer ist's, sehr schwer sogar!« Herr -Wunderlich seufzte nun auch. »Es ist darum am besten, -es gar nicht zum Unfrieden kommen zu lassen. Aus -einem kleinen Pflänzchen wächst oft eine ganze Dornenhecke -auf, und keines kommt mehr herüber oder hinüber.«</p> - -<p>»Nur ein Prinz,« sagte Füchslein, die gut verstanden -hatte, daß ihr Lehrer an seiner Schwester Zwist -mit dem Nachbarn dachte.</p> - -<p>Herr Wunderlich lächelte. »Ja, ein Märchenprinz, -und ein Märchenprinz kann auch ein Oberheudorfer -Bauernbube sein. Man muß aber Geduld haben, viel -Geduld. Wir wollen uns nur hüten, daß nicht noch -mehr Streit und Unfriede entsteht, nicht noch zwischen -anderen Brüdern und Schwestern.«</p> - -<p>Marianne wurde rot, seufzte tief und murmelte, -während sie ihre Geige aus dem Kasten nahm: »Ich -will Ulli nachher wieder gute Worte geben.«</p> - -<p>»Und ich will meiner Schwester auch gute Worte -geben,« sagte der alte Herr, und auf einmal lachten -sich Lehrer und Schülerin sehr vergnügt an, nickten sich -zu, und dann spielten sie zusammen und vergaßen darüber -Zank und Streit.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_p154">152</a></span></p> - -<p>Im Spiegelhaus dachten just zwei auch gerade an -die Nachbarn hinter der Hecke. Friede war es und -der Gärtner. Dieser hatte gerade an der Mauer gestanden, -als Fräulein Wunderlich von des schwarzen -Teufels Verschwinden erzählte. Lieber Himmel, das -war doch das kleine Huhn, das Friede ihm gebracht. -Eilig lief er zu dem Knaben, der über seinen Büchern -saß, und erzählte ihm das Gehörte.</p> - -<p>Friede erschrak. »Ich dachte, sie hätte es hinausgeworfen -wie mich,« stammelte er erschrocken.</p> - -<p>»Ja, das hilft nun nichts, du mußt es ihr schon -wieder hinübertragen,« meinte der Gärtner.</p> - -<p>»Aber ich kann doch nicht zu ihr gehen,« rief Friede -ordentlich entsetzt, »ich will's über die Mauer heben.«</p> - -<p>»Trag's lieber hinüber! Gib es der Marie, das ist -kein ungutes Mädchen, die wird schon verstehen, daß -du das Huhn nicht hast behalten wollen. Aber fort muß -es gleich, mein Herr möchte sehr böse werden, wenn er -wüßte, ich habe ein fremdes Huhn im Stall, nach dem -sie drüben suchen. Übrigens hat das Fräulein dich ja -neulich grüßen lassen, vielleicht ist sie gar nicht mehr böse.«</p> - -<p>»Ich mag nicht zu ihr gehen,« rief Friede trotzig.</p> - -<p>»Gut,« brummte der Gärtner, »dann trage ich das -Huhn fort, wenn du dich fürchtest! Im Hause darf es -nicht bleiben, und der Herr Professor soll mich keinen -alten Eigensinn schelten.«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_p155">153</a></span></p> - -<p>»Ich will's schon hinübertragen,« murmelte Friede -kleinlaut. »Pah, ich fürchte mich nicht, und Marie -macht ja immer die Türe auf, der kann ich es übergeben.« -Er nahm seine Mütze, ging in den Garten -hinab und holte den kleinen Oberheudorfer Teufel aus -dem Stall heraus. »Schade ist's nicht darum,« brummte -der Gärtner, »und arg viel Freude wird das Fräulein -an dem kleinen Untier nicht haben, aber zurückhaben -soll sie es; was Recht ist, ist Recht.«</p> - -<p>Es wurde Friede nicht leicht, bis zu dem Nachbarhaus -zu gehen. Er sah sich draußen erst um. Niemand -war zu sehen; der Johannesplan lag, wie fast immer, -wenn nicht Schulanfang oder Schulschluß war, menschenleer -da. Als er an das Organistenhaus kam, sah er, -daß eins der Fenster neben der Haustüre halb offen -stand. Von seinem kurzen Aufenthalt im Hause her -wußte er noch nicht gut Bescheid, wie und wo die -einzelnen Zimmer und Wirtschaftsräume lagen; er glaubte -aber, dies Fenster sei eins von dem breiten Hausflur. -Er überlegte nicht lange und fand, es sei am besten, das -Huhn einfach durch das Fenster in das Haus zu lassen, -dann war es drinnen, und Marie würde es bald merken, -denn der kleine Teufel wußte seine Stimme gut zu gebrauchen. -Wenn jemand etwas bequem ist, dann erscheint -es ihm leicht gut und richtig, und Friede erging es mit -dem Huhn auch so. Kurz entschlossen schwang er sich<span class="pagenum"><a id="Seite_p156">154</a></span> -von der Treppe auf die Fensterbrüstung; es ging ganz -leicht. Dann ließ er das Huhn durch das offene Fenster -in das Haus hinein, zog vorsichtig, so gut es gehen -wollte, das Fenster von außen wieder zu und ging befriedigt -ins Spiegelhaus zurück. Dort lief er gleich -hinauf zu seinen Büchern, weil er sich im Herzen ein -bißchen schämte, dem Gärtner zu sagen, wie er das -Huhn bei Wunderlichs abgegeben hatte.</p> - -<p>Fräulein Wunderlich war in ihrem Gärtchen immer -auf und ab gegangen, ärgerlich auf alle Welt und -ärgerlich auf sich. Es erzürnte sie auch, daß sie naß -wurde; trotzdem holte sie sich keinen Schirm. Endlich -kehrte sie in ihr Haus zurück. Dort scheuerte Marie -mit viel Lärm und Gepolter die große, nach dem Garten -gehende Hinterstube aus. Pfingsten rückte näher, und -zu Pfingsten mußte alles noch blanker als blank sein. -Sie fing daher immer zeitig mit Scheuern und Putzen -an. Wenn sie so recht in der Arbeit war, hörte und -sah sie nichts. Sie schaute auch erst auf, als Fräulein -Wunderlich die Türe öffnete und rief: »Marie, hier -schreit ja ein Huhn im Hause!«</p> - -<p>»Ih nee,« rief Marie vergnügt, »ja, da geistert -vielleicht gar der kleine schwarze Teufel aus Oberheudorf -im Hause herum!« Sie lauschte, es war aber nichts -zu hören, und Fräulein Wunderlich ging noch verdrießlicher -von dannen, hinauf in ihr Schlafzimmer, um sich<span class="pagenum"><a id="Seite_p157">155</a></span> -umzuziehen, denn sie war ganz naß geworden. Alles -ärgerte sie, Maries Lachen, daß ein Huhn schrie und -dann doch nicht schrie. Sie war so recht in der Stimmung, -sich über die Fliege an der Wand zu ärgern.</p> - -<p>Unten hatte es geklingelt, erst einmal schüchtern, -dann noch einmal lauter.</p> - -<p>Marie war durch den Hausflur geschlurft, hatte -geöffnet und kam und meldete: »Fräulein Müller ist da, -mit dem neuen Kleid.«</p> - -<p>»Lange genug hat es gedauert,« murrte Fräulein -Wunderlich. Vorgestern hatte die Schneiderin schon -das neue Kleid bringen sollen, und jetzt brachte sie es -erst. Fräulein Wunderlich hätte das Kleid sicher in -den zwei Tagen nicht angezogen, ja eigentlich hatte sie -gar nicht daran gedacht, nun aber schalt sie über die -Unpünktlichkeit und ging mit dem allerfinstersten Gesicht -zu der Schneiderin hinab. Diese sah noch blässer, noch -bekümmerter als sonst drein. Sie wollte gerade eine -Entschuldigung sagen, als Fräulein Wunderlich sie zornig -anschrie: »Schämen Sie sich, so unpünktlich zu sein, ich -werde nichts mehr« – –</p> - -<p>»Gagagagaaag« gackerte es auf einmal laut dazwischen, -und Fräulein Wunderlich brach erschrocken ab. -»Marie, Marie,« rief sie, »es ist doch ein Huhn in -der Wohnung!«</p> - -<p>Marie stürzte herbei. »Wo denn? Ich höre ja<span class="pagenum"><a id="Seite_p158">156</a></span> -nichts!« Sie konnte auch wirklich nichts hören, denn -es war wieder alles still im Haus. »Das ist 'ne putzige -Geschichte,« meinte sie und schlurfte kopfschüttelnd wieder -davon.</p> - -<p>Fräulein Wunderlich war aber so verärgert, daß -sie die arme Schneiderin noch heftiger anschrie. Die -wollte etwas sagen; sie wäre aber sicher noch lange nicht -zu Worte gekommen, wenn nicht plötzlich wieder laut -ein Huhn gegackert hätte.</p> - -<p>»Da ist es ja wieder,« rief Fräulein Wunderlich -und riß die Türe auf. »Marie, Marie, es gackert -wieder.«</p> - -<p>Diese kam angerannt. »Das ist der kleine Teufel -aus Oberheudorf, der geistert im Hause rum,« rief sie, -»der ist 'n Gespenst geworden.«</p> - -<p>Die arme Schneiderin wollte gern ihr Geld haben. -Daheim war ihre Mutter so krank, und sie hatte sie -pflegen müssen und dabei Tag und Nacht genäht. Nun -war kein Geld im Hause, ach, und nun war ihre Kundin -so böse. Wie sollte sie das nur sagen? Sie atmete -tief und flüsterte ängstlich: »Ich wollte um mein Geld -bitten, ich – –«</p> - -<p>»Nein, so eine Unverschämtheit, so – – –«</p> - -<p>»Gagagagaaag, gagagag,« gackerte es laut. Fräulein -Wunderlich brach wieder ihre Rede ab und stammelte: -»Wo ist das nur?«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_p159">157</a></span></p> - -<p>»Hier drinnen schreit es,« rief Marie und riß die -Türe zu dem Besuchszimmer auf, der »Putzstube«, wie -sie es nannte. »Alle guten Geister, das ist wirklich 'n -Gespenst,« schrie sie entsetzt. »Da, da, o du meine -Güte, wie graulich!«</p> - -<p>Über einem zierlichen Glasschränkchen hingen die -Bilder von Fräulein Wunderlichs Eltern, darunter stand -eine große Schale, mit Frühlingsblumen gefüllt. Auf -dem Rand dieser Schale aber saß der kleine Teufel -und rupfte und zerrte an den Blumen herum; die Hälfte -davon lag schon am Boden. »Gagagagag, gagagaag,« -schrie das Tier jedesmal, wenn es wieder ein paar -Blumen zerpflückt hatte. Dann pickte es wieder nach -den Efeuranken, die das Bild umgaben; von ihnen hatte -es auch schon die Hälfte Blätter abgezupft.</p> - -<p>Fräulein Wunderlich brachte vor Entsetzen kein -Wort heraus. Seit dem Tode ihrer Eltern stellte sie -immer blühende Blumen unter das Bild. Sie meinte -damit das Andenken der Toten gar gut zu ehren. Niemand -durfte an den Blumen rühren, und nun saß das -kleine, schwarze Untier oben und zerstörte alles.</p> - -<p>Minna Müller, die Schneiderin, fand es nicht -weiter schlimm, daß ein Huhn einmal Blumen zerzauste. -Marie würde es schon fangen und alles wieder in -Ordnung bringen. Sie dachte immer nur an ihre kranke -Mutter, und daß sie Geld haben und rasch heimgehen<span class="pagenum"><a id="Seite_p160">158</a></span> -mußte. Weil Fräulein Wunderlich so stumm geworden -war, wagte sie es noch einmal zu bitten. »Meine -Mutter ist so krank,« flehte sie; »ach bitte, Fräulein -Wunderlich, geben sie mir doch das Geld, ich brauche -es für Medizin. Ach, wenn meine Mutter nun stirbt!«</p> - -<div class="figcenter"> -<img src="images/illu-134.png" alt="" /> -</div> - -<p>»Ritsch, ratsch,« zog das Huhn an der Efeuranke, -und das Bild selbst wackelte und schwankte plötzlich hin -und her. Mit einem Schrei sprang Fräulein Wunderlich -hinzu, der kleine Teufel flüchtete und riß die Schale<span class="pagenum"><a id="Seite_p161">159</a></span> -vom Schränkchen, die mit lautem Geklirr zu Boden -fiel. Doch das Bild war an seinem Platz geblieben, -Fräulein Wunderlich hielt es fest. Dabei sah sie in -die Augen ihrer Mutter, die nun schon so lange tot -war. Gute, sanfte Augen waren es, und der Tochter -fiel ein, daß sie wohl immer Blumen unter das Bild -stellte, aber recht lange schon nicht in die lieben Mutteraugen -geblickt hatte. Sie tat es jetzt, schaute, während -Marie schreiend das Huhn fing und Fräulein Müller -leise weinte, nachdenklich in das treue, gute Muttergesicht, -und da war es ihr, als spräche der Mund -wieder wie einst mahnend: »Sei nicht so zornig, sei -mild, laß dich nicht von deiner bösen Laune so beherrschen! -Nachher bereust du es, aber die Reue kommt -manchmal zu spät.«</p> - -<p>»Ich hab's, Fräulein, ich hab's,« schrie Marie und -hielt das kleine schreiende Huhn fest. »Ist doch zu -närrisch, da geistert das Untier die ganze Zeit im Hause -rum, und niemand merkt was. Wo's nur gesteckt hat? -Und den Schaden, den es angerichtet hat, die schöne -Schale!«</p> - -<p>Zu Maries großem Erstaunen hatte ihre Herrin -kein zorniges Wort. Diese bückte sich nicht einmal, um -die Scherben aufzuheben, sie sagte rasch zu der kleinen, -noch immer weinenden Schneiderin: »Kommen Sie, -Fräulein Müller, ich will Ihnen Ihr Geld geben; das<span class="pagenum"><a id="Seite_p162">160</a></span> -Kleid wird schon sitzen.« Ihre Stimme klang so sanft, -daß Marie wieder dachte: »Wenn sie so spricht, ist sie -zu nett. Und komisch, nicht mal schelten tut sie über -die zerbrochene Schale!«</p> - -<p>Ihre Herrin ging schweigend hinüber, und drüben -sprach sie liebe, freundliche Worte mit Minna Müller, -und dann packte sie für die kranke Mutter lauter gute -Sachen ein und versprach, sie wolle morgen selbst nach -der Kranken sehen. Die Schneiderin weinte noch immer, -aber jetzt tat sie es vor Freude und Dankbarkeit. Als -sie durch den Flur ging und Marie ihr die Haustüre -öffnete, rief sie: »O, Fräulein Wunderlich ist aber gut, -so gut! Und immer habe ich mich vor ihr gefürchtet, -und das ist gar nicht nötig, sie ist ja so freundlich!«</p> - -<p>Ein Weilchen später dachte das Marianne Sonntag -auch. Fräulein Wunderlich rief sie gar freundlich an, -als sie heimgehen wollte, und setzte ihr Teekuchen vor, -und Marie erzählte die seltsame Geschichte von dem -schwarzen Huhn. »'n Wunder ist's, 'n richtiges Wunder! -Wo das Untier nur gewesen ist?« rief sie. »Und Herr -Wunderlich muß es hören, er wird sich auch wundern.«</p> - -<p>Herr Wunderlich wunderte sich auch wirklich, er -wunderte sich aber noch viel mehr über seine Schwester: -die war so sanft und gut wie seit langem nicht. Es -war wirklich, als wäre hellster Sonnenschein, und dabei -rann und rieselte draußen der Regen immer stärker vom<span class="pagenum"><a id="Seite_p163">161</a></span> -Himmel herab. »Ich muß heimgehen,« sagte Füchslein -endlich, »ich habe keinen Regenschirm.«</p> - -<p>»Wart' nur noch ein Weilchen, es hört wohl auf,« -riet Fräulein Wunderlich. Es hörte aber nicht auf, -dafür klingelte es nach einer Viertelstunde etwas laut. -Draußen stand Ulrich Sonntag und sagte verdrossen: -»Ich will unser Füchslein abholen, weil es regnet.«</p> - -<p>Beim Anblick des Bruders kamen Marianne alle -guten Versöhnungsgedanken in den Sinn. Mit einem -Jubelschrei fiel sie dem Buben um den Hals, unbekümmert -darum, daß er recht naß war. »O Ulli,« rief sie, »wir -wollen wieder gut sein miteinander. Onkel Wunderlich -sagt, sonst wird 'ne Dornenhecke draus, und wir können -nicht mehr drüber. Ach, und Ulli, der Teufel ist -wieder da!«</p> - -<p>»Füchslein, du bist verdreht,« brummte Ulrich. Er -streichelte aber der Schwester doch die Backen, wenn -es auch ein bißchen ungeschickt ausfiel. Er war heilfroh, -daß sein Füchslein wieder gut zu ihm war.</p> - -<p>Beim Wort von der Dornenhecke war Fräulein -Wunderlich zusammengezuckt; sie sah zu ihrem Bruder -auf und begegnete dem Blick seiner guten, stillen Augen. -»Er hat der Mutter Augen,« dachte sie und streckte -ihm rasch die Hand hin. »Man kommt manchmal auch -über eine Dornenhecke, Matthias,« sagte sie, »wenn -man nur den guten Willen hat. Wollen wir nachher<span class="pagenum"><a id="Seite_p164">162</a></span> -zusammen ins Spiegelhaus gehen und den alten Freund -besuchen?«</p> - -<p>»O Line,« sagte der alte Mann froh, »so soll endlich -Friede werden zwischen uns? Gott sei gelobt!«</p> - -<p>Die beiden Sonntagskinder hatten das Zwiegespräch -nicht gehört. Füchslein hatte die wunderbare Geschichte -von dem Oberheudorfer Huhn erzählt, und Ulrich wunderte -sich gebührend. Dann mahnte er: »Komm heim, -Mutter sorgt sich sonst. Und Jobst wartet auch!«</p> - -<p>Marianne stülpte sich flink ihren Hut auf, nahm -ihre Geige, und nach fröhlichem Abschied patschten sie -beide versöhnt und einträchtig über den Johannesplan -heimwärts.</p> - -<p>Ein Weilchen später gingen die beiden alten Leute -durch den rinnenden Regen hinüber in das Nachbarhaus -zu dem Freunde ihrer Jugend. Friede stand an -der Türe, als sie kamen, und er erschrak sehr, als er -Fräulein Wunderlich so plötzlich vor sich sah. Sicher -kam sie des Huhnes wegen. »Das Huhn,« stammelte -er erschrocken, »ich – ich dachte, Sie hätten es hinausgeworfen!«</p> - -<p>»Das Huhn! Hast du es gebracht?« rief Fräulein -Wunderlich und zog den Knaben in ihre Arme. -»O Friede, Junge, ich danke dir, o so sehr!«</p> - -<p>»Für das Huhn?« Friede sah namenlos verdutzt -drein.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_p165">163</a></span></p> - -<p>Fräulein Wunderlich lachte, wirklich, sie lachte herzlich -und froh, und dabei sah sie so hübsch aus wie ein -Sonnentag. »Ja, für das Huhn, und noch für viel -mehr. Komm, gib mir die Hand, wir wollen Frieden -schließen miteinander, willst du?«</p> - -<p>»Ja,« rief Friede vergnügt und rannte ins Haus -hinein, um seinem Pflegevater den Besuch anzukündigen.</p> - -<p>Der schlug mit lautem Knall das Buch zu, in dem -er gelesen hatte. »Endlich,« rief er, »endlich ist die -Dornenhecke fort!« Froh eilte er den Gästen entgegen, -streckte ihnen beide Hände hin und rief: »Willkommen -im Spiegelhaus! Das hätte ich nicht gedacht, daß mir -der Regentag eine solche Freude bringen würde.«</p> - -<hr class="chap" /> - -<div class="chapter"> -<h2 id="Allerlei_Geschenke"> -<img src="images/illu-chapter.png" alt="" /><br /> -Allerlei Geschenke, -und was aus ihnen wird.</h2> -</div> - -<p class="drop">»Heute brauche ich nicht um die Kirche herum zu -gehen,« dachte Traumfriede an dem Morgen -nach der Versöhnung zwischen den feindlichen Nachbarn. -Der Junge packte recht nachdenklich seine Bücher zusammen. -Er freute sich, daß nun keine Feindschaft -mehr zwischen dem Spiegelhaus und dem kleinen Organistenhaus -herrschte, aber daß er nun wieder zu<span class="pagenum"><a id="Seite_p166">164</a></span> -Wunderlichs sollte, tat ihm bitter leid. Gestern war -es verabredet worden, und Fräulein Wunderlich war -gar lieb und freundlich zu ihm gewesen. Er wußte -aber doch, so lieb wie den Professor würde er sie nie -gewinnen. »Könnte ich bei ihm bleiben!« wünschte er -sich, als er durch den Garten auf das Tor zuschritt. -Aber das war wohl ein vergeblicher Wunsch; Professor -von Spiegel hatte ja gleich gesagt, er würde ihn nur -kurze Zeit behalten.</p> - -<p>»Heda, Traumfriede! Na, so etwas, der Bube -sieht nicht rechts und links,« schrie ihn plötzlich eine -laute Stimme an, und als er sich verwirrt umsah, hielt -gerade vor ihm Kaspar auf dem Berge mit seinem -Wäglein. »Na gelt, das freut dich, daß de mal -wieder 'n Oberheudorfer siehst?« fragte der Wirt behaglich.</p> - -<p>In Friedes Augen <span id="corr164">leuchtete</span> es auf; er freute sich -wirklich, und an die hochmütigen Grünmützen dachte er -gar nicht. Er hatte gleich hundert Fragen zu stellen, -fragte dies und das, wollte wissen, wie es Muhme -Lenelies gehe und allen andern im Dorfe, und der dicke -Wirt konnte kaum Luft schnappen. Endlich schrie er: -»Nä, Friede, so 'n Gefrage! Kannst du aber schwätzen! -Wie geht's?«</p> - -<div class="figcenter"> -<img src="images/illu-167.jpg" alt="" /> -<div class="caption">Ein Gruß aus der Heimat.</div> -</div> - -<p>Friede wollte gerade den Mund zu einer neuen -Frage auftun, als bimbam im Gymnasium die Uhr<span class="pagenum"><a id="Seite_p167">165</a></span> -anschlug. Himmel, die Schule begann! »Ich muß fort,« -rief Friede erschrocken, aber Kaspar auf dem Berge -hielt ihn noch fest. »Da, Bub', die Wurst; ich hab' -dir eine mitgebracht. Weißt schon, wie 'ne Oberheudorfer -Wurst schmeckt keine andere.« Und ehe Friede noch -recht wußte, wie und was, hatte er eine lange Wurst -im Arm. Er stammelte noch einen kurzen Dank und -raste dann eilig in die Schule. Es war allerhöchste Zeit.</p> - -<p>»Ich soll noch 'ne Kiste abgeben; die stell ich hier -rein,« schrie der Wirt noch. »Laß dir's schmecken!«</p> - -<p>Friede hörte das gar nicht mehr, er rannte, seine -Wurst fast zärtlich im Arm, über den Schulhof die -Treppe hinauf und kam gerade noch im letzten Augenblick -in das Klassenzimmer hinein.</p> - -<p>»Er hat eine Wurst im Arm, eine Wurst aus -Oberheudorf,« tönten ihm gleich etliche Stimmen entgegen, -und nun besann sich Friede erst, daß er die Wurst -ganz offen im Arme trug. In seiner Verlegenheit sagte -er patzig zu seinem Nachbar: »Laß meine Wurst zufrieden!«</p> - -<p>»Na nu,« rief der, »ich habe deiner Wurst ja -nichts getan, nicht einmal angesehen habe ich sie. Zeig -sie erst mal her!«</p> - -<p>»Ja, zeig sie uns auch, Friede Pfennig!« Ein -paar Bubenhände langten nach der Wurst, Friede -wollte sie halten, aber schon hatte einer sie ihm entrissen.<span class="pagenum"><a id="Seite_p169">166</a></span> -Dem wieder suchte sie ein anderer zu entreißen; -drei, vier riefen: »Ich will die Wurst« und »Gebt sie -ihm doch wieder!«</p> - -<p>Just in diesem Augenblick tat sich die Türe auf, -und Doktor Schneider trat ein. Die Buben schnellten -zurück, der die Wurst hatte, wollte sie Friede zuwerfen -und –</p> - -<div class="figcenter"> -<img src="images/illu-166.png" alt="" /> -</div> - -<p>»Au!« rief Doktor Schneider erschrocken, denn die -große Wurst sauste <span id="corr166">ihm</span> plötzlich an den Magen. Nun -gehört eine Wurst allemal in den Magen, aber an den -Magen sicher nicht, und in einer Schulstube sind herumfliegende -Würste auch nicht am Platze. Das Gesicht -des Lehrers verfinsterte sich auch beträchtlich, mit -strengen Augen musterte er die Schüler. Er sah in -lauter erschrockene und verlegene Gesichter, als er ernst -fragte: »Wem gehört die Wurst?«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_p170">167</a></span></p> - -<p>Einen Augenblick herrschte Totenstille in der Klasse, -keiner wagte Friedes Namen zu nennen; sie wußten es -alle ja ganz genau, daß er die Wurst nicht geworfen -hatte. Noch einmal fragte der Lehrer streng: »Wem -gehört die Wurst?« Da stand Friede auf und sagte -leise aber fest: »Mir!«</p> - -<p>Doktor Schneiders Blick ruhte prüfend auf dem -Knaben. Der war zwar blutrot geworden, aber seine -Augen sahen offen und frei zu dem Lehrer auf. »Hast -du die Wurst geworfen?« fragte er wieder.</p> - -<p>Einen Herzschlag lang zögerte Friede. Er wußte, -wer die Wurst geworfen hatte. Jobst von Hellfeld -war's gewesen, er hatte es wohl gesehen, aber angeben, -nein, das tat er nicht. »Es ist meine Wurst,« sagte er -nur, kein Wort der Anklage, nichts weiter.</p> - -<p>»Warum hast du denn die Wurst mit in die Klasse -gebracht?« Doktor Schneiders Stimme klang schon ein -wenig milder als zuvor.</p> - -<p>Friede war es da, als stände Kaspar auf dem -Berge vor ihm; er sah sein rundes Gesicht und hörte -seine breite Stimme freundlich reden, und ganz fest -sagte er: »Ich habe die Wurst geschenkt bekommen. Der -Wirt aus Oberheudorf hat sie mir mitgebracht, und -es war zu spät, sie heimzutragen.«</p> - -<p>»So – und warum hast du mit der Wurst geworfen, -oder – warst du es nicht?«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_p171">168</a></span></p> - -<p>Friede atmete tief, aber er schwieg. Doktor Schneider -lächelte unmerklich. »Hm, vielleicht ist die Wurst von -selbst durch die Luft geflogen, was meinst du?«</p> - -<p>Zweiunddreißig Paar Bubenaugen ruhten auf -Friede. Was würde er jetzt sagen? würde er doch der -Angeber sein? Jobst von Hellfeld hatte die Lippen -verächtlich zusammengepreßt; er verrät mich doch, dachte -er, natürlich, er haßt mich ja!</p> - -<p>»Na, Friede Heller,« fragte Doktor Schneider noch -einmal, »was meinst du, ist die Wurst von selbst geflogen?«</p> - -<p>»Nein,« rief Friede rasch und schaute zu dem Lehrer -mit blitzenden Augen auf, »ich denke aus – Versehen. -Wir haben uns geneckt.«</p> - -<p>»Ich war's, ich warf die Wurst.« Jobst von Hellfeld -schnellte wie ein Pfeil empor, er war auch blutrot -geworden, aber mutig und ehrlich sah auch er zu dem -Lehrer auf.</p> - -<p>Doktor Schneider nickte gelassen: »Es mag gut -sein, ich wollte nur wissen, ob Würste von allein fliegen -können. Wir wollen beginnen!«</p> - -<p>Dreiunddreißig Bubenköpfe senkten sich auf die -Bücher herab, die Stunde begann, und es war eine, -in der die Buben ihre Dummheiten vergaßen und mit -leuchtenden Augen dem Lehrer lauschten. Geographie -gab es. Die Landkarte an der Wand wurde weit und<span class="pagenum"><a id="Seite_p172">169</a></span> -groß. Da waren nicht bloß Linien und blau getuschtes -Meer, da rauschten die Wellen, Wikingerschiffe durchsegelten -den Ozean; Italien, Griechenland, den sonnigen -Süden meinten die Buben zu schauen; sie lugten hinüber -nach Afrikas Küste, und als draußen die Glocke -den Schluß der Stunde verkündete, da kehrten alle nur -langsam, fast betrübt von einer wunderschönen Fahrt -zurück.</p> - -<p>Friede kam erst recht zu sich, als die Türe hinter -Doktor Schneider klappte. Wirklich, da war das Schulzimmer, -da saß er, Friede Heller aus Oberheudorf, auch -Traumfriede genannt. Und er war kein nordischer Seefahrer, -wie er noch eben gemeint hatte. So recht zu -sich kam er erst, als über ein paar Köpfe hinweg ihm -Jobst von Hellfeld seine braune Hand hinreichte: »Heller, -verzeih mir, bist ein anständiger Kerl!«</p> - -<p>»Ja, ein sehr anständiger Kerl!« Ulrich Sonntag -hielt ihm auch die Hand hin. Er lachte gutmütig: »Das -Füchslein hat doch recht gehabt!«</p> - -<p>Aus dem Kreise der andern traten noch etliche -zu dem Oberheudorfer Buben; die waren es, die ihn -am meisten geneckt hatten. Doch ehe Friede sich noch -recht ausgewundert und alle Hände geschüttelt hatte, -ertönte schon wieder die Glocke, und Doktor Schneider, -der auch die zweite Stunde zu geben hatte, betrat von -neuem das Klassenzimmer. Diesmal flog ihm keine<span class="pagenum"><a id="Seite_p173">170</a></span> -Wurst an den Magen; er sagte aber auch nichts mehr -von dem Vorhergegangenen. Die Buben merkten bald, -er hatte vergeben und vergessen.</p> - -<p>In der großen Pause fanden sich Friede, Jobst -und Ulrich zusammen auf dem Schulhof. Friede hatte -seine Wurst mitgebracht, denn Ulrich Sonntag hatte -gemeint, sie wäre gewiß besonders gut. Nun probierten -sie alle drei einträchtig die Wurst und schlossen dabei -Freundschaft. Und wie sie so saßen, kam einer nach -dem andern hinzu, und Friede teilte aus; bereitwillig -gab er jedem etwas, froh, daß er der Geber sein durfte.</p> - -<p>»Die schmeckt aber fein!« Peter Müller, ein kleiner, -dicker Kerl, schlug sich auf den Bauch. »Ich wollte, -ich kriegte auch mal eine.«</p> - -<p>»Die ißt du dann doch allein, und wir kriegen -nichts,« brummte Ulrich Sonntag. »Der Friede ist ein -anderer Kerl, der gibt uns doch was ab!«</p> - -<p>»Freilich, der Heller ist ein anständiger Kerl!« Das -Wort tönte Friede noch in den Ohren, als er schon -wieder oben im Schulzimmer saß. Mit so hellen Augen -wie an diesem Tage hatte er noch nie das Gymnasium -verlassen. Er ging auch nicht allein, er ging mit Jobst -und Ulrich, und er nahm gerade so lustig und vergnügt -von den andern Abschied wie diese voneinander; er -fühlte, er gehörte jetzt zu ihnen. Als er über den -Johannesplan lief und Fräulein Wunderlich am Fenster<span class="pagenum"><a id="Seite_p174">171</a></span> -saß, da schwenkte er jauchzend seine grüne Mütze. Nun -hatte er ja Freunde, gute Kameraden! Heisa, wie anders -sah da die Welt aus!</p> - -<p>Singend betrat er das Spiegelhaus. Aber nicht -wie sonst kam ihm Frau Emma freundlich entgegen; -sie sah ganz ärgerlich drein. »Du, Friede, sieh nur,« -rief sie, »was soll nun das bedeuten?« Sie zeigte verächtlich -auf eine Anzahl Töpfe, Teller und Kannen, -die am Boden standen. Alle hatten abgebrochene Henkel, -große Sprünge und Lücken. »Dies hat ein Mann gebracht; -er sagt, er wäre Kaspar auf dem Berge, und -er solle dies Herrn Professor abgeben. Erbarm' dich, -Friede, was soll der mit dem kaputen Zeug?«</p> - -<p>»Ich weiß nicht,« stotterte Friede verdutzt und -musterte die Scherben. Die Kanne mit den Rosen und -Vergißmeinnicht kannte er. Das war Waldbauers -Staatskanne gewesen. Ja, und aus dem Topfe mit dem -grünen Eichenkranz – aus dem hatte Heine Peterles -Muhme sonst immer ihren Sonntagnachmittagkaffee -getrunken.</p> - -<p>»Ja so,« sagte Frau Emma wieder, »und hier ist -ein Brief an dich. Vielleicht steht da drin, was der -Unsinn bedeuten soll.« Sie reichte Friede einen Brief, -der reichlich mit Fettfingern geziert war, und als der -Junge ihn erbrach, strahlte ihm als Erstes ein großer -Tintenklecks entgegen. »Ach,« dachte er, »der ist von<span class="pagenum"><a id="Seite_p175">172</a></span> -Heine Peterle.« Denn Heine Peterle war groß in -Tintenklecksen, ein richtiger Künstler war er darin; -niemand in ganz Oberheudorf machte so viele und so -große Tintenkleckse wie Heine Peterle.</p> - -<p>Der Brief war auch wirklich von ihm. Er lautete: -»Lieber Friede! Weil Dein Härr Brofester so arg gern -gapuhte Töppe hat, kriechst Du welche. Wir haben -alle welche gebragt und weil ich keins hatte, habb ich -Muhme Rese seinen Kaffätopp erschlagen. Und wenns -wider was gapuht ist, kriechts Härr Brofester. Und -file Grüßen von alle. Und wenns doch erst Fährchen -giehbt. Und mit filen Grüßen Dein liebr Heine Peterle. -Und auf Witersähen. Haste die Stattjungens schon -ferhauen?«</p> - -<p>Friede ließ den Brief sinken und sah Frau Emma -halb kläglich, halb lachend an. »Die Töpfe sind wirklich -für den Herrn Professor! Hier steht's.«</p> - -<p>»Was ist für mich?« Professor von Spiegel -hatte in seinem Zimmer Friedes Worte gehört. Er -schaute zur Tür hinaus, und das erste, was er sah, -war das zerschlagene Geschirr. »Na nu,« rief er, »es -hat heute wohl hier Polterabend gegeben?«</p> - -<p>»Das ist für Sie, Herr Professor,« rief die ordentliche -Frau Emma ärgerlich. »Aus Oberheudorf haben -sie es geschickt. So ein Unsinn, solchen Kram zu -schicken!«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_p176">173</a></span></p> - -<p>»Wer weiß, was sie sich dabei gedacht haben. Zeig -doch mal deinen Brief, Friede!«</p> - -<p>»Heine Peterle kann nicht so sehr gut schreiben,« -murmelte Friede verlegen, den Brief hinreichend.</p> - -<p>»Aber Kleckse kann er scheint's machen,« meinte -der Professor, »und – oh – –.« Der alte Herr -lachte plötzlich laut auf, lachte so schallend und herzlich, -daß sein Lachen die andern ansteckte. Sie lachten mit, -Frau Emma, ohne zu wissen, warum, und Friede, weil -er herzlich froh war, daß sein Beschützer sich nicht -ärgerte. »Oh,« rief der, »ihr Oberheudorfer seid doch -wirklich ein kurioses Volk! Zu meinen Altertümern, -zu meinen wertvollen Ausgrabungen soll ich diese Scherben -stellen. O, o Kinder! Dieser Heine Peterle schlägt -auch noch dafür seiner Muhme den Kaffeetopf entzwei.«</p> - -<p>Die Gärtnersfrau hatte inzwischen den Brief genommen -und ihn gelesen, und ihr kullerten gleich die -hellen Tränen vor Lachen über das runde Gesicht. -»Nein, dieser Purzel,« rief sie, »ich koche ihm Schokolade, -wenn er noch einmal kommt.«</p> - -<p>»Er meinte es so gut,« sagte Friede. Der Freund -tat ihm leid. Wie würde sich der kränken, wenn er -wüßte, wie er ausgelacht würde! Und noch einmal -sagte er bittend, entschuldigend: »Er ist doch so gut!«</p> - -<p>»Brav, mein Junge, entschuldige deinen Freund!« -Der Professor klopfte noch immer lachend Friede auf<span class="pagenum"><a id="Seite_p177">174</a></span> -die Schulter. »Freilich, woher sollt ihr es auch wissen, -was meine Sammlung bedeutet,« fügte er gutherzig hinzu.</p> - -<p>»Ach, der Friede ahnt es schon,« rief Frau Emma -rasch. »Der steckt, so oft er kann, im Saal; ich glaube, -der kennt schon jedes Stück.«</p> - -<p>Überrascht schaute der Professor seinen Pflegesohn -an. Er war allezeit freundlich und väterlich zu dem -Buben gewesen, aber allzuviel hatte er sich doch nicht -mit ihm unterhalten. Er hatte ihn in sein Haus genommen, -weil es gerade nicht anders ging, aber eigentlich -hatte er ihn immer nur wie einen Gast betrachtet, -der kommt und wieder geht und nie weiter an seine Zukunft -gedacht. »Wollen wir einmal zusammen zu meinen -Lieblingen gehen?« fragte er jetzt freundlich. »Unterdessen -denkt Frau Emma vielleicht an das Mittagessen.«</p> - -<p>»Ach, du meine Güte,« rief die Frau erschrocken, -»ich vergesse ja rein über dem Oberheudorfer Unsinn -die Küche und lasse meinen Herrn verhungern!« Sie -rannte aufgeregt davon.</p> - -<p>Der alte Herr aber stieg heiter mit dem Knaben -in das obere Stockwerk hinauf und betrat den Saal, -in dem seine Sammlung aufgestellt war. Er erklärte -Friede dies und das, fragte auch einmal und verwunderte -sich immer mehr über des Buben kluge Antworten und -sein lebhaftes Interesse. »Eigentlich ist's schade,« rief -Herr von Spiegel, »daß du wieder fortgehst.«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_p178">175</a></span></p> - -<p>»Ach ja!« Aus allertiefstem Herzensgrund kam -Friedes Seufzer, und seine blauen Augen sprachen so -deutlich: »Ich möchte hier bleiben,« daß der Professor -erst gar nicht darum zu fragen brauchte. Er rief lachend: -»Ja, Friede Heller, ich glaube wirklich, du bleibst lieber -bei mir und magst nicht zu den Wunderlichs hinüber!«</p> - -<p>Friede nickte strahlend, hoffnungsfroh: »Ich blieb' -so gern, ach furchtbar gern.«</p> - -<p>»Aber Fräulein Wunderlich, was wird sie sagen?« -Der alte Herr sah bedenklich aus.</p> - -<p>»Ach, sie ist sicher sehr froh, wenn ich nicht komme,« -rief Friede aufgeregt. »Ich mache doch Schmutztapsen -auf der Treppe und bin laut und ärgere sie und – –«</p> - -<p>»Na, du hast es ja gut vor! Bist du so ein -Schelm?« fragte der Professor lachend. »Wir wollen -uns einmal die Sache überlegen. Jetzt ruft uns Frau -Emma zu Tisch, und ich denke, wir haben beide Hunger.«</p> - -<p>Friede spürte zwar keinen Hunger. In der Freude -seines Herzens aber sauste er im Oberheudorfer Geschwindschritt -die Treppe hinab. Das Speisezimmer lag -im Erdgeschoß. Es ging trapp, trapp, trapp. Auf der -vorletzten Stufe verlor er das Gleichgewicht, und mit -lautem Gepolter sauste er in die Töpfe, Kannen und -Teller hinein, die noch immer auf dem Flur standen. -Klirr, krach, zersprang Muhme Reses Kaffeetopf in -tausend Scherben, und Waldbauers einstige Staatskanne<span class="pagenum"><a id="Seite_p179">176</a></span> -kollerte dem Professor vor die Füße, während der Kuchenteller, -der einst im Schulzenhause Prunkstück gewesen -war, den ganzen Flur entlang rollte.</p> - -<p>»Erbarm dich, Junge!« rief Frau Emma. »Wenn -du so toben willst, dann wird dich drüben Fräulein -Wunderlich gut ansehen!«</p> - -<p>»Da ist's wohl besser, er bleibt hier bei uns, nicht -wahr, Frau Emma?« meinte der Professor und sah -lächelnd, prüfend in Friedes Gesicht.</p> - -<p>»Na allemal,« rief die Gärtnersfrau. »Ist doch -was Junges im Haus!«</p> - -<p>Friede war sehr verlegen geworden. »Ich kann -auch leiser gehen,« stotterte er beschämt und trat zur -Seite, und klirr, ging Kaspars auf dem Berge alter -Bierkrug völlig auseinander; Friede war gerade darauf -getreten. Da nahm der Professor den Buben gütig -an der Hand und zog ihn mit in das Eßzimmer hinein. -»Ich sehe schon, es hilft nichts; ich muß nachher hinüber -gehen und dich von den Wunderlichs losbitten. -Ich werde ihnen sagen, daß du ein ganz schlimmer -Bube bist und alle Oberheudorfer Altertümer zertreten -hast.«</p> - -<p>Das Losbitten war nicht leicht. Im Musikzimmer -des Organistenhauses brachte der Professor seine Bitte -vor, und Fräulein Wunderlich sah trübe drein. Einstmals -hatte sie sich gesträubt, den Oberheudorfer Buben<span class="pagenum"><a id="Seite_p180">177</a></span> -in ihr Haus zu nehmen, nun tat es ihr bitter leid, daß -er nicht kommen wollte.</p> - -<p>»Ich würde so gut zu ihm sein,« sagte sie traurig; -»aber freilich, Liebe läßt sich nicht erzwingen.«</p> - -<p>»Aber erwerben! Wir wollen uns teilen,« gab -Herr von Spiegel zur Antwort. »Friede soll bei mir -und hier zu Hause sein. Er soll oft, oft zu den guten -Nachbarn gehen.«</p> - -<p>»Er darf auch poltern und mal ein rechter Oberheudorfer -Bube sein,« rief das Fräulein halb lachend, -halb wehmütig.</p> - -<p>»Er hat's schon gut, der Junge,« sagte Herr -Wunderlich heiter. »Erst mochte ihn niemand leiden, -nun streiten sich gar zwei um ihn. Aber was ist das?« -Er deutete auf den Johannesplan, den man durch das -Fenster sehen konnte. Da stand Friede mit Jobst und -den Geschwistern Sonntag, und alle vier lachten laut -und herzlich; der ganze Platz schien mitzulachen. Das -Füchslein hopste vor Vergnügen immer von einem Bein -auf das andere. Es schwenkte einen Brief hin und -her, und sein helles Stimmlein drang zu den drei alten -Leuten in das Zimmer hinein: »Oh! Heine Peterle ist -zu ulkig. Ach, ich muß nach Oberheudorf, ich muß -Heine Peterle sehen!«</p> - -<p>»Wir auch, wir auch,« brüllten die Buben.</p> - -<p>»Freundschaft überall,« sagte Herr von Spiegel,<span class="pagenum"><a id="Seite_p181">178</a></span> -nickte heiter und rief seinen Pflegesohn herbei. Die -Kinder kamen eilig an, und Friedes Augen strahlten -hell, als er erfuhr, daß ihm das Spiegelhaus weiter -Heimat sein sollte. Fräulein Wunderlichs Gesicht wurde -ernst, ja finster; des Buben Freude tat ihr bitter weh. -Der Professor merkte es, und rasch sagte er: »Zeig -mal Heine Peterles Brief.« Und während die alte -Freundin las, erzählte er von den Oberheudorfer Altertümern, -und allgemach wurden die Kummerfalten in -Fräulein Wunderlichs Gesicht wieder glatt. Ein Lachen -zuckte um ihren Mund, und zuletzt lachte sie mit den -Kindern um die Wette. Draußen hörte es Marie und -wurde auch angesteckt, und die Wände des alten Hauses -wunderten sich über das frohe herzliche Lachen. So -etwas hatten sie lange, lange nicht gehört!</p> - -<hr class="chap" /> - -<div class="chapter"> -<h2 id="Die_Denkmalsbuben"> -<img src="images/illu-chapter.png" alt="" /><br /> -Die Denkmalsbuben von Schwipperlingen.</h2> -</div> - -<p class="drop">Wenn die Oberheudorfer Buben und Mädel gar -so stolz und aufgebläht von ihren Stadtbesuchen -sprachen, dann sagte wohl Schuster Pechdraht, der gern -ein wenig neckte: »Aber in Schwipperlingen waret ihr -doch noch nicht.«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_p182">179</a></span></p> - -<p>Das stimmte. In Schwipperlingen war noch keins -der Kinder gewesen, und dann ärgerten sie sich jedesmal, -wenn es der Schuster sagte. Das Städtchen lag nicht -viel weiter von Oberheudorf entfernt als Feldburg, -aber der Weg dahin war etwas beschwerlicher. Außerdem -gingen die Oberheudorfer seit vielen Jahren nach -Feldburg, denn Schwipperlingen hatte früher einem andern -Fürstentum angehört, und die ältesten Leute sagten -noch immer: »Schwipperlingen liegt im Ausland.«</p> - -<p>An einem Samstagnachmittag nun marschierten -etliche Buben und Mädel an des Schusters Haus -vorbei und machten so viel Geschrei und Geträtsch, daß -der Schuster zum Fenster hinaussah und ein bißchen -ärgerlich sagte: »Na, was habt ihr denn wieder?«</p> - -<p>»Anton Friedlich und der dicke Friede verreisen,« -schrieen etliche Buben.</p> - -<p>»Verreisen? So, wohin denn? Was haben denn -dumme Buben zu verreisen?«</p> - -<p>»Nach Schwipperlingen geht's,« rief Anton Friedlich -keck, den die dummen Buben erbosten.</p> - -<p>Die andern Kinder lachten, und Schuster Pechdraht -ärgerte sich über die Antwort. Er klappte das -Fenster zu und schalt: »In Schwipperlingen können sie -euch gar nicht gebrauchen.«</p> - -<p>»Jetzt hat er's! Warum neckt er uns immer,« rief -Anton Friedlich stolz.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_p183">180</a></span></p> - -<p>»Am Ende denkt er gar, ihr geht nach Schwipperlingen,« -kicherte Schulzens Röse, und das kam allen so -komisch vor, daß sie zusammen in ein lautes Gelächter -ausbrachen.</p> - -<p>Anton Friedlich sollte im Forsthaus Hirschsprung -seine Muhme, seines Vaters Schwester, besuchen, und -da diese Muhme auch des dicken Friedes Muhme war, -durfte der mit. Bis zu dem Forsthaus hatten sie etwa -zwei Stunden zu gehen, und da sie dort übernachten -durften, machten sie natürlich eine Reise. Wenn einer -aber eine Reise macht, geben ihm gute Freunde bis -zum Bahnhof das Geleit. Da es in Oberheudorf aber -keinen Bahnhof gab, liefen die Kinder wenigstens bis -zum Kuhberger Walde mit. Dort wurde Abschied genommen, -und der dicke Friede seufzte dabei schwer.</p> - -<p>»Warum stöhnste denn?« forschte Annchen Amsee.</p> - -<p>»Ich mag nich verreisen,« brummte Friede.</p> - -<p>»Komm nur, Dicker,« redete Anton Friedlich zu, -dem es allein zu langweilig war. »Komm, wir gehen -nach Schwipperlingen.«</p> - -<p>»Fein, nach Schwipperlingen!« riefen alle, und -Heine Peterle sagte: »Na, dann möchte Schuster Pechdraht -aber staunen, puh! Viel Vergnügen in Schwipperlingen!«</p> - -<p>Lachend trennten sich die Kinder, und der dicke -Friede sah den Zurückbleibenden noch ein Weilchen sehnsüchtig<span class="pagenum"><a id="Seite_p184">181</a></span> -nach. Er hatte wirklich keine große Lust, die -Muhme zu besuchen.</p> - -<p>»Nach Schwipperlingen gingste wohl lieber?« -fragte Anton neckend.</p> - -<p>»Freilich, gleich,« knurrte Friede.</p> - -<p>Anton Friedlich blieb stehen. Lust zu dummen -Streichen hatte er allemal, und plötzlich erschien es ihm -sehr lustig, sehr verlockend, nach Schwipperlingen zu -gehen. Warum eigentlich nicht? Wenn er nicht kam, -würde sich die Muhme nicht sorgen, denn sie wußte -nichts von dem Besuch. Und daheim dachten sie, er -sei im Forsthaus. »Du, Dicker,« sagte er atemlos vor -Aufregung, »komm, wir beide gehen jetzt nach Schwipperlingen!«</p> - -<p>Der dicke Friede blieb stehen und sah den Vetter -verdutzt an. Meinte der es ernst? Aber Anton meinte -es wirklich ernst. »Komm,« drängte er, »erst gehen wir -nach Schwipperlingen und morgen früh zur Muhme. -Du, dann sind wir zuerst in Schwipperlingen gewesen. -Paß auf, dort ist's gar noch feiner als in Feldburg!«</p> - -<p>Friede seufzte und dachte nach. »Hm – aber wenn -wir Hunger kriegen!«</p> - -<p>»Oh, ich hab' Kuchen mit.« Anton Friedlich -schwenkte ein rotes Taschentuchbündel. Der Kuchen war -zwar für die Muhme bestimmt, aber der Bube dachte -leichtsinnig: »Alles essen wir ja nicht auf.«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_p185">182</a></span></p> - -<p>Friede war einverstanden und sagte vergnügt: »Na, -die werden staunen!«</p> - -<p>»Hoi,« schrie Anton begeistert, »und wir tun uns -aber nachher! Und vielleicht hat Schwipperlingen auch -ein Schloß.«</p> - -<p>»Oder zwei Schlösser, und vielleicht ist gerade Vogelschießen -dort,« orakelte der dicke Friede. Er fing an, -schnell zu laufen. Jetzt freute ihn die Reise erst recht.</p> - -<p>Der Weg ging bergauf und bergabwärts wie alle -Wege von Oberheudorf aus. Lange wanderten die -Buben durch den Wald, der in seiner frühlingsfrischen -Pracht wunderschön war; aber dafür hatten die Buben -keinen Sinn an diesem Tag. Sie redeten nur von -Schwipperlingen. Wenn sich ein grünes Tälchen vor -ihnen auftat und ein kleiner Bach glucksend an ihnen -vorbeirann, dachten sie an Schwipperlingen, und wenn -sie einen Berg hinaufstiegen, sagten sie zueinander: -»Vielleicht sehen wir bald Schwipperlingen liegen.«</p> - -<p>So rasch fanden die Bubenbeine aber doch nicht -den Weg in das Städtchen. Er dehnte sich gar lang, -und da die Wegweiser selten waren, machten die Wanderer -auch manchen Umweg. Antons Kuchenbündel wurde -immer leichter, und doch behauptete Friede ein paarmal: -»Ich habe Hunger!« Er sagte auch: »Ich bin -müde,« und Anton Friedlich sagte ihm das nach. Da -rasteten sie denn am Wege, und es wäre ihnen recht<span class="pagenum"><a id="Seite_p186">183</a></span> -lieb gewesen, wenn jemand sie nach Schwipperlingen -gefahren hätte. Ein Bauer kam auch mit einem leeren -Wagen an. Der fragte aber so genau nach dem -»Woher« und »Wohin«, daß es den beiden Ausreißern -himmelangst wurde, und darum antworteten sie auf seine -Frage: »Wollt ihr mit?« rasch: »Nä, danke schön, wir -gehen lieber.«</p> - -<p>Das kam dem Bauern seltsam vor, und er forschte: -»Was habt ihr denn in Schwipperlingen zu tun?«</p> - -<p>»Du, Friede,« tuschelte Anton Friedlich, »komm, -wir reißen aus!«</p> - -<p>Friede, dem es ohnehin bänglich zumute war, nickte: -»Ja, komm!« Und heidi – sprangen alle beide auf -und rasten davon.</p> - -<p>»Holla, heda, was soll das?« schrie der Bauer -ihnen überrascht nach, aber er konnte viel rufen; die -beiden liefen in schnellstem Lauf in den nahen Wald -hinein.</p> - -<p>»Die haben was angestellt,« dachte er und schaute -sich um. Da sah er ein rotes Bündel im Grase liegen. -Anton Friedlich hatte das Kuchenbündel vergessen. »Na -wartet,« brummte das Bäuerlein, »das sollt ihr suchen, -ihr Schelme. Wer weiß, wo ihr das hergenommen -habt!« Er trug das Bündel in seinen Wagen und -fuhr von dannen, und zwei paar Bubenaugen sahen ihm -aus dem Walde traurig nach.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_p187">184</a></span></p> - -<p>»Er nimmt's mit,« schluchzte der dicke Friede. -»Oh, ich hab' solchen Hunger!«</p> - -<p>»Schrei nich,« tröstete Anton Friedlich. »Ich hab' -zwei Groschen; da können wir uns in Schwipperlingen -sattessen.«</p> - -<p>»Wenn's nur nicht so weit wäre,« seufzte der dicke -Friede. Er trabte aber doch tapfer der Stadt zu, von -der jetzt die ersten Türme in der Ferne aufstiegen. Die -beiden gingen sehr vorsichtig auf dem schmalen Fußweg -entlang; sie sahen sich ängstlich nach allen Seiten -um, ja sogar in die Kirschbäume am Wege sahen sie -hinauf, ob sich nicht etwa der Bauer mit seinem Wagen -auf einen Baum gesetzt hätte. Zu dumm war es; aber -immer redete da leise und eindringlich eine Stimme in -den Herzen der Buben: »Wärt ihr nur zur Muhme -gegangen, ihr seid auf falschem Wege.« Keiner wollte -es dem andern sagen, wie unbehaglich es ihm eigentlich -zumute war, und namentlich Anton Friedlich redete -immer laut und dreist von der Stadt. Friede war -stiller und bedrückter.</p> - -<p>Der Frühlingstag war schon müde geworden, und -der Abend stand da, bereit, ihn in seine Arme zu nehmen, -da gelangten die beiden endlich nach Schwipperlingen. -Die kleine Stadt schmiegte sich in ein enges Tal, und -da sie nicht Platz darin hatte, waren kleine Häuser und -ein paar helle Villen zu beiden Seiten die Berge hinaufgelaufen.<span class="pagenum"><a id="Seite_p188">185</a></span> -Wie Feldburg hatte auch Schwipperlingen -noch alte Häuser und Mauerreste aus vergangenen -Zeiten, und zwei Kirchtürme, der eine spitz und schlank, -der andere rund und dick, ragten aus dem Häusergewirr -auf; von einem Schloß war nichts zu sehen. -Dafür sahen die Buben aber etwas anderes, was ihnen -so seltsam festlich und feierlich vorkam, daß sie erst -zögerten, in die Stadt hineinzugehen. Die Häuser waren -mit bunten Fahnen geschmückt, die im Abendwind lustig -flatterten. Dazu hingen Kränze und Girlanden von -den Fenstern herab, und über ein paar Straßen waren -grüne Bogen gespannt. Wer an diesem Frühlingsabend -in Schwipperlingen gesund und lustig war, der -wanderte durch die Straßen und freute sich mit den -andern an dem heiteren Schmuck, und so zogen durch -die sonst so stillen Straßen ganze Scharen froher, -lachender und singender Menschen. Den beiden Dorfbuben -gefiel das sehr gut, und eine Weile vergaßen sie -Müdigkeit und Angst, so viel gab es zu schauen.</p> - -<p>»Siehste,« sagte Anton Friedlich stolz, »sie haben -Vogelschießen, fein, nich?«</p> - -<p>»Jaaah.« Friede fuhr nachdenklich mit der Hand -in seine Hosentasche. »Du,« brummelte er, »wir haben -aber kein Geld!«</p> - -<p>Anton erschrak. Ja freilich, zum Vogelschießen -gehört Geld, und er hatte nur zwanzig Pfennig, und –<span class="pagenum"><a id="Seite_p189">186</a></span> -Hunger hatte er auch. »Wenn wir nur den Kuchen -hätten!« seufzte er.</p> - -<p>»Da – – ist der Bauer.« Friede stieß plötzlich -den Vetter an. Richtig, da hielt der Bauer vor einem -Hause und sprach mit einem Mann.</p> - -<p>»Er sieht uns nicht,« flüsterte Anton; aber gerade -da wendete sich der Bauer um und schaute dorthin, wo -die beiden Buben standen. Heisa! waren die um eine -Ecke herum verschwunden, und ein paar Minuten lang -liefen sie, ohne sich umzusehen durch die Straßen. Die -Angst, entdeckt zu werden, trieb sie vorwärts. Aber -der Bauer verfolgte sie nicht, und so blieben sie wieder -stehen. Die Straße, die sie entlang gelaufen waren, -mündete auf einen von Häusern umstandenen Platz. -Auf dem stand in der Mitte ein großer Bretterverschlag.</p> - -<p>»Dort bauen sie 'n Karussell,« rief Anton.</p> - -<p>Aber Friede sah kaum hin; ihm war plötzlich etwas -eingefallen. »Du,« sagte er ängstlich, »wo schlafen wir -denn?«</p> - -<p>Anton Friedlich vergaß den Bretterverschlag, die -geschmückte Stadt, alles. Er blickte sich scheu um. Es -war schon ziemlich dunkel geworden; nur kurze Zeit noch, -dann war es Nacht. Was taten sie dann?</p> - -<p>»Ich hab' Hunger,« klagte der dicke Friede, der -mehr und mehr die Lust verlor, sich die Fahnen und -Girlanden anzusehen. Die vielen, vielen Menschen auf<span class="pagenum"><a id="Seite_p190">187</a></span> -den Straßen wurden ihm immer unheimlicher, und eine -heiße Sehnsucht nach Oberheudorf packte ihn. Dort -brauchte er nicht zu hungern, dort stand sein Bett, dort –</p> - -<p>»Dort kommt er wieder,« tuschelte Anton Friedlich -aufgeregt. Ein Wagen rollte die Straße entlang, und -die Buben rissen aus, obgleich sie in der immer tiefer -werdenden Dämmerung gar nicht erkannten, ob es der -Bauer war, den sie auf der Landstraße getroffen hatten.</p> - -<p>»Ich hab' Hunger,« klagte Friede nach einem -Weilchen wieder, und der Vetter nahm trotzig seine -beiden Groschen aus der Tasche und tröstete: »Wir -kaufen uns was, dort ist ein Laden.« Er zog Friede -mit über die Straße und blieb vor einem hellerleuchteten -kleinen Laden stehen. Im Schaufenster lagen allerlei -gute Dinge: Wurst, Käse, Früchte; alles sah sehr verlockend -aus, und den hungrigen Buben lief das Wasser -im Munde zusammen.</p> - -<p>»So'ne Fische sind fein,« sagte Friede und deutete -auf geräucherte Aale. Einmal hatte die Mutter so -einen Fisch aus der Stadt mitgebracht.</p> - -<p>Der Kaufmann öffnete seine Türe, sah die Straßen -entlang, und als er die beiden Buben erblickte, fragte -er: »Wollt ihr noch was kaufen, dann sputet euch. Jetzt -wird zugemacht.«</p> - -<p>»Ja, so'n Fisch,« flüsterte Anton verlegen und -deutete auf den größten fetten Aal.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_p191">188</a></span></p> - -<p>»Na, dann kommt nur herein. Habt ihr Geld?«</p> - -<p>»Ja.« Stolz reichte Anton Friedlich seine Groschen -hin, und Friede bewunderte heimlich des Vetters Kühnheit. -Der tat auch, als wäre er schon wer weiß wie -oft in der Stadt gewesen. Der Kaufmann sah die beiden -Groschen an und lachte. »Das ist zu wenig, dafür bekommst -du nur zwei von dieser Sorte; sind auch gut, sind -sogar sehr fein.« Er wickelte zwei große Bücklinge ein -und reichte sie den Buben. »Laßt's euch gut schmecken. -Und nun geht, ich muß meinen Laden schließen.«</p> - -<p>Die beiden standen draußen und wußten kaum, -wie sie hinausgekommen waren. Und hinter ihnen schloß -der Kaufmann rasselnd seinen Laden. »Mein Geld,« -schrie Anton Friedlich erschrocken, »ich will die Fische -nicht.«</p> - -<p>Er konnte aber lange rufen, das Geschäft war zu, -und niemand kümmerte sich um seine Klage. Nur ein -paar Vorübergehende sahen sich nach den Buben um, -und das war denen so unheimlich, daß sie weiter liefen. -Sie rannten mit ihren Fischen straßauf, straßab; sie -wußten nicht, wo sie sich hinsetzen und bleiben sollten. -Jeder Mensch, den sie trafen, schien sie mit strengen, -musternden Blicken anzusehen, und mit gesenkten Köpfen -rannten sie weiter. Endlich gelangten sie wieder auf -den Platz, auf dem die Bretterbude stand. Die Menschen -waren inzwischen alle in ihre Häuser gegangen,<span class="pagenum"><a id="Seite_p192">189</a></span> -und der ganze Platz lag öde und verlassen da. »Weißte -was,« tuschelte Anton Friedlich, »wir kriechen in die -Bude rein.«</p> - -<p>»Hm,« knurrte der dicke Friede nur noch. Er war -so müde geworden, daß er kaum noch die Augen aufhalten -konnte. Stumm stolperte er hinter dem Vetter -drein, und zweimal liefen sie um die Bretterbude herum, -ehe sie eine lose Planke entdeckten und da hineinschlüpfen -konnten. Innen war es ganz still, nichts rührte und -regte sich. Wie ein Karussell sah es eigentlich nicht -aus; nur in der Mitte stand ein großer verhüllter -Gegenstand.</p> - -<p>Anton guckte zaghaft unter das verhüllende Tuch -und entdeckte ein paar Pferdebeine. Erst erschrak er. -Da die Beine sich aber nicht bewegten und der Dorfbube -vor Pferden keine Angst hatte, tippte er vorsichtig -daran und fühlte, daß die Beine hart und kalt waren. -»Siehste,« sagte er stolz, »das ist'n Karussell, und morgen -ist Vogelschießen und –«</p> - -<p>»Ich hab' Hunger,« seufzte Friede und aß dann -schon halb schlafend den einen der teuer erkauften -Fische auf. Der schmeckte ihm nicht sonderlich, und das -Loch in seinem Magen füllte er auch nicht aus. Aber -vor Müdigkeit vergaß er zuletzt auch seinen Hunger. -Am Boden lagen ein paar leere Säcke. Sie gaben -zwar ein hartes Lager ab, es war aber doch ein Lager.<span class="pagenum"><a id="Seite_p193">190</a></span> -Die Buben dachten nicht mehr weiter darüber nach, -was morgen sein würde; sie streckten sich aus und -schliefen schon ein, während sie sich noch reckten und -dehnten. Über ihnen summte und surrte von Stunde -zu Stunde laut eine große Kirchenglocke, aber die beiden -wachten davon nicht auf, sie schliefen auf ihrem harten -Lager bis zum lichten Morgen.</p> - -<p>Anton Friedlich wachte zuerst auf. Ganz deutlich -hatte er laute Stimmen neben sich vernommen. Schlaftrunken -rieb er sich die Augen, und erst allmählich fiel -ihm ein, daß er ja in Schwipperlingen war und nicht -daheim. Der dicke Friede schnarchte noch mit offenem -Munde, und Anton wollte ihn gerade mit lautem Zuruf -wecken, als in allernächster Nähe eine Stimme sagte: -»Jetzt schnell runter mit dem Gerüst, damit Ordnung -wird.« Und krach schlug es an die Bretterplanke.</p> - -<p>»Friede,« flüsterte Anton ängstlich, »komm, sie -hauen 's Karussell ab.«</p> - -<p>Friede richtete sich auf und sah sich schlaftrunken -um. Da krachte es wieder auf der andern Seite, und -mit Getöse fiel die halbe Wand um. »Hier unters -Tuch!« wisperte Anton leise. Er zog den Vetter rasch -mit sich, und beide schlüpften unter die Leinwand. Gerade -zur rechten Zeit. Wieder fiel eine Planke um, und durch -einen Ritz sah Anton ein paar Männer, die eifrig daran -gingen, das ganze Holzgerüst einzureißen. »Ih, das ist<span class="pagenum"><a id="Seite_p194">191</a></span> -doch aber abscheulich,« sagte der eine plötzlich laut und -zornig. »Was ist das! Hier hat jemand Fischköpfe und -Gräten hingeworfen. Na, den sollte ich erwischen, dem -ging's schlecht!«</p> - -<p>Den Buben wurde es heiß und kalt bei dieser -Drohung, und ängstlich schmiegten sie sich dicht aneinander -an, sie wagten kaum zu atmen. Die Männer rissen -unterdessen das Brettergerüst ein, räumten Schutt und -die Säcke weg und spannten ein Seil um das verhüllte -Pferd. Dann fingen die Kirchenglocken an zu dröhnen -und zu singen, und Menschen eilten über den Platz der -nahen Kirche zu. Ein paar sehr stattlich aussehende -Polizisten kamen und schritten immer auf und ab, und -wenn jemand näher kam, dann riefen sie: »Platz da, -am Denkmal darf niemand stehen.«</p> - -<p>»Bumbum, bumbum, ratata, ratara,« ertönte es -auf einmal, und die Schwipperlinger Straßenbuben -schrieen: »Sie kommen, sie kommen.«</p> - -<p>»'s ist doch Vogelschießen,« flüsterte Anton dem -Vetter zu. »Wenn sie jetzt mal nich hinsehen, reißen -wir aus!« Aber es war wie verhext. Alle schauten -immer nach dem verhüllten Ding hin; es war, als -hätten sie gar nichts anders zu sehen. Durch ein paar -Ritzen und Löcher konnten die Buben alles ganz gut -überschauen. Eigentlich war es ein ganz feiner Platz, -den sie hatten. Wenn nur Furcht und Hunger nicht<span class="pagenum"><a id="Seite_p195">192</a></span> -gewesen wären; das waren ein paar ungute Gesellen, -welche die beiden Oberheudorfer Ausreißer tüchtig -zwickten und zwackten.</p> - -<p>»Bumbum, bumbum, ratabum, ratara.« Immer -näher kam die Musik, und wieder schrieen die Schwipperlinger -Buben: »Sie kommen, sie kommen!« Alle Hälse -reckten sich, alle Augen richteten sich auf die eine breite, -auf den Platz mündende Straße. Von dort her kam -jetzt ein langer Zug, weißgekleidete Mädchen voran, -dann viele Männer, die Fahnen trugen, Musikanten, -dann eine Anzahl Buben in einer wunderlichen Tracht, -und alle diese Leute stellten sich in einem großen Halbkreis -auf, und aus ihrer Mitte schritt ein Herr heraus -und trat auf das verhüllte Ding zu.</p> - -<p>»Der kriecht auch hier unter,« tuschelte Anton aufgeregt. -Aber das tat der Herr nun nicht. Er stellte -sich auf einen hohen mit Girlanden und buntem Tuch -geschmückten Block, die Musik machte noch einmal -»ratabum ratara,« dann war alles still. Nur der Herr -auf dem Block sprach. Er erzählte eine Geschichte, -gerade so eine Geschichte, wie sie manchmal in Oberheudorf -der Herr Lehrer erzählte. Da wurde einmal -in Schwipperlingen ein Mann geboren, der später ein -gar berühmter Feldherr geworden war. Den Buben -in ihrem Versteck schlug ordentlich das Herz, als der -Herr von den Heldentaten dieses Mannes erzählte. In<span class="pagenum"><a id="Seite_p196">193</a></span> -schweren Zeiten der Not hatte der treu und fest zu seinem -Vaterland gestanden, und noch heute lebte sein Andenken -in aller Herzen. »Und dieser Mann war ein Schwipperlinger,« -rief der schwarzgekleidete Herr, »er lebt noch -in unseren Herzen, aber wir wollen auch immer sein -Bild vor Augen haben. Schwipperlingen ehrt seinen -großen Sohn. Heute an dem Tag, an dem er vor -150 Jahren in dieser Stadt geboren wurde, falle die -Hülle von seinem Denkmal!«</p> - -<p>»Bumbum, bumbum, ratabum, ratara,« fiel die -Musik ein. Ein paar Männer zogen, und klatsch – -fielen die Hüllen vom Denkmal.</p> - -<p>»Ah,« riefen alle, und dann ertönte jäh ein einziger -lauter Schrei des Entsetzens. Totenbleich lehnten rechts -und links an dem Pferde des großen Feldherrn die -beiden Oberheudorfer Buben.</p> - -<p>»So eine Frechheit! Unerhört!« brüllten ein paar -hundert Stimmen, und der Herr, der die Rede gehalten -hatte, drehte sich erschrocken um. Dabei verlor er das -Gleichgewicht und purzelte von seinem hohen Kasten -herunter. »Was ist das, was ist das?« rief er.</p> - -<p>»Eine Frechheit, eine Frechheit!« riefen die Zuschauer.</p> - -<p>»Ein Hinfall,« schrie einer, der gern Witze machte.</p> - -<p>Aber schon waren ein paar Polizisten herzugesprungen. -Der eine faßte Anton, der andere Friede<span class="pagenum"><a id="Seite_p197">194</a></span> -am Kragen, und die beiden wurden unter johlendem -Geschrei von dem Denkmal weggezogen.</p> - -<div class="figcenter"> -<img src="images/illu-194.png" alt="" /> -</div> - -<p>»Haue müssen sie haben,« rief jemand, und gleich -schrieen zwanzig, dreißig Stimmen nach: »Haue müssen -sie haben.«</p> - -<p>»Bumbum, bumratabum, ratara,« fiel die Musik -wieder ein. Der Dirigent hatte gar nichts von den -Buben gesehen; er dachte nur, jetzt ist es Zeit, daß ich -mal wieder eins blasen lasse.</p> - -<p>»Hurra, hurra, hurra,« brüllte die Menge. Hüte -und Tücher wurden geschwenkt. Dazwischen riefen wieder<span class="pagenum"><a id="Seite_p198">195</a></span> -etliche: »Die frechen Buben müssen tüchtig verhauen -werden.«</p> - -<p>»Schwipperlinger sind's nicht, die tun nie so was,« -kreischten ein paar Stimmen. »Wer weiß, wo die her -sind!«</p> - -<p>Anton und Friede waren halbtot vor Angst, als -sie von den Polizisten weggeschleppt wurden. Sie sahen -viele Augen drohend auf sich gerichtet und meinten, -alle diese Menschen wollten sie schlagen. Das Schreien, -die Musik, das ganze wilde Getöse verwirrte sie so, -daß sie sich ziehen und schubsen ließen und keinen Laut -von sich gaben. Die Polizisten kamen aber auch schwer -mit ihnen durch das Gedränge. Viele Zuschauer dachten -gar nicht mehr an das Denkmal, an den Festzug und -die schöne Rede. Die Frage, woher eigentlich die beiden -Buben gekommen waren, erschien ihnen viel wichtiger. -Namentlich alle Schwipperlinger Straßenjungen hatten -das allergrößte Interesse an Friede und Anton. Sie -liefen immer hinterdrein und jauchzten: »Das sind die -Enthüllten, das sind die Denkmalsjungen, hurra, die -Denkmalsbuben!«</p> - -<p>Endlich war die Polizeiwache erreicht, und ein gestrenger -Oberwachtmeister empfing die Missetäter. Er -sah sie drohend an und fragte barsch: »Warum habt -ihr euch an das Denkmal gesetzt?«</p> - -<p>»Weil – weil – weil – wir – dachten – 's<span class="pagenum"><a id="Seite_p199">196</a></span> -wär 'n Karussell,« schluchzte Anton Friedlich. Der dicke -Friede sagte gar nichts, der heulte nur.</p> - -<p>»Ein – Karussell?« Der Oberwachtmeister sah -die Polizisten an. Er tippte mit der Hand an die -Stirn, und die Polizisten nickten. Ja, es schien ihnen -auch so, als wären die Buben nicht recht bei Verstand.</p> - -<p>»Hm.« Der Oberwachtmeister wurde freundlicher. -»Woher seid ihr denn?«</p> - -<p>»Mit Verlaub, ich glaube, die sind irgendwo ausgerissen,« -rief da eine Stimme. Der Bauer, dem die -Buben am Tage vorher begegnet waren, hatte die Wachtstube -betreten. In der Hand hielt er Antons rotes -Kuchenbündel. »Das da haben sie liegen lassen, und -so was läßt doch nur einer liegen, der ein schlechtes -Gewissen hat!«</p> - -<p>»Ich hab' Hunger,« schrie der dicke Friede plötzlich -aufgeregt beim Anblick des Kuchenbündels, und »knurrrknurrr« -knurrte sein Mäglein so laut, daß sich alle in -der Wachtstube erstaunt ansahen. So etwas hatten sie -noch gar nicht gehört.</p> - -<p>»Potzwetter ja,« rief der Oberwachtmeister, »Hunger -hat der Bube anscheinend wirklich.« Dann fiel ihm -etwas ein. Er schüttelte Friede an den Schultern und -sagte streng: »Jetzt erzählst du mir alles, woher ihr -kommt, warum ihr an dem Denkmal gesessen seid, und -wenn du in fünf Minuten fertig bist und nicht dabei<span class="pagenum"><a id="Seite_p200">197</a></span> -heulst wie ein Schloßhund, bekommst du eine Butterschnitte.«</p> - -<p>Das war ein Wort! Hätte der Wachtmeister dem -Buben eine goldene Königskrone versprochen, das Erzählen -wäre nicht so fix gegangen. Aber die Sehnsucht -nach der Butterschnitte war riesengroß, und der dicke -Friede wurde darüber ordentlich gesprächig. In drei -Minuten wußten sie in der Wachtstube alles, selbst -den Fischkauf verschwieg Friede nicht, und daß sie gedacht -hätten, es wäre Vogelschießen, und das Denkmal -sei ein Karussell.</p> - -<p>»Ihr wißt wohl gar nicht, was ein Denkmal ist?« -fragte der Oberwachtmeister kopfschüttelnd.</p> - -<p>»Nä,« sagte Friede treuherzig, »in Oberheudorf -ist so was nich!«</p> - -<p>»Das glaube ich!« Der Herr Oberwachtmeister -lächelte. »Oberheudorf und Schwipperlingen, das ist -auch ein Unterschied. Also da habt ihr jeder eine -Butterschnitte. 's ist mein Frühstück, aber mein Magen -knurrt nicht so arg, und dann macht, daß ihr heimkommt. -Eigentlich habt ihr Strafe verdient, denn ihr -habt die ganze Feierlichkeit gestört. Die ausgestandene -Angst ist aber auch eine Strafe gewesen. Höfer, bringen -Sie die Buben an die Stadtgrenze.«</p> - -<p>Von einem Schutzmann geleitet, aus der Stadt -gebracht zu werden, war wirklich keine Ehre und kein<span class="pagenum"><a id="Seite_p201">198</a></span> -Vergnügen. Die Buben büßten auf dem Gang noch -einmal bitter ihr heimliches Davonlaufen. Es war -wirklich, als hätten die unnützen Schwipperlinger Buben -und Mädel nichts weiter zu tun, als immer nur über -die Denkmalsbuben zu spotten und zu lachen. Ach, -und Schwipperlingen, das nur ein kleines Städtchen -war, erschien den beiden riesengroß. Immer wieder gab -es Straßen und Häuser, und die Schwipperlinger waren -so schrecklich neugierig. Im allerletzten Haus noch guckte -eine Frau aus dem Fenster heraus und rief: »Was -haben denn die gemacht?«</p> - -<p>»Das sind die Enthüllten, die Denkmalsbuben,« -schrieen ein paar Straßenjungen, und das Wort gellte -Anton und Friede noch eine ganze Weile nach, als das -Städtchen schon hinter ihnen lag. Anfangs liefen sie -wie ein paar Rennpferde, und erst als die Stadt ganz -in der Ferne verschwunden war, setzten sie sich an den -Straßenrand, aßen ihren Kuchen und redeten ganz trübselig -von der Heimkehr.</p> - -<p>»Weißte,« sagte Anton Friedlich, als er den letzten -Bissen verschluckt hatte, »wir tun, als wär's furchtbar -lustig gewesen. Vom dummen Denkmal sagen wir gar -nichts.«</p> - -<p>Der dicke Friede seufzte tief. Das Lustigsein erschien -ihm eine schwere Arbeit. Freilich, vor dem Ausgelachtwerden -fürchtete er sich auch, und so versprach<span class="pagenum"><a id="Seite_p202">199</a></span> -er denn, er wolle ein lustiges Gesicht machen. Er probierte -es schon unterwegs, bald zog er den Mund ganz -breit, dann wieder lachte er laut, und ein paar Landleute, -die den Buben begegneten, fragten ängstlich: »Der -Dicke ist wohl krank?«</p> - -<p>»Jetzt kannste's schon,« rief Anton Friedlich froh, -als die Oberheudorfer Kirchturmspitze vor beiden auftauchte. -»Paß auf, es merkt niemand was!«</p> - -<p>Das Dorf lag im Sonntagsfrieden, als die beiden -es erreichten. Alle Arbeit ruhte, und vor den Türen -saßen die Erwachsenen und freuten sich an dem Sonnenschein -und an dem Blühen in ihren kleinen Gärten. -Um den Dorfbrunnen herum aber lärmten mal wieder -die Buben und Mädel. Sie spielten Räuber und -Prinzessin, und Krämers Trude saß als Prinzessin auf -dem Brunnenrand und sah zu, wie sich ihre Getreuen -mit den Räubern herumbalgten. Es war immer eine -gefährliche Sache, als Prinzessin auf dem Brunnenrand -zu sitzen. Denn schon manche Prinzessin war im -stürmischen Kampf in den Trog geplumpst, und Krämers -Trude sah auch ziemlich ängstlich drein und dachte: -»Vielleicht plumpse ich auch.«</p> - -<p>Just als nun die Räuber angerast kamen und die -Ritter die Prinzessin verteidigen wollten, stolperten -Anton Friedlich und der dicke Friede müde und matt -die Dorfstraße entlang. »Da sind die feigen Ausreißer,«<span class="pagenum"><a id="Seite_p203">200</a></span> -schrie Heine Peterle und schwenkte drohend seinen Holzpantoffel, -und Schulzens Jakob stakerte mit seiner -Bohnenstange in der Luft herum und brüllte, so laut -er konnte: »Nieder mit den Ausreißern, nieder mit den -feigen Hallunken!«</p> - -<p>»Na, das ist doch zu frech,« schrie Anton Friedlich -erbost. »Wir sind keine Hallunken, und in Schwipperlingen -war's fein!« Er entriß Heine Peterle zornig -den Holzpantoffel, und es hätte sicher eine Balgerei -gegeben, wenn der dicke Friede nicht mutig geschrieen -hätte: »Wir waren in Schwipperlingen!«</p> - -<p>Ritter und Räuber vergaßen ihre Kampfeslust, -die Prinzessin rutschte vom Brunnenrand herab, und -alle umdrängten neugierig die Heimkehrenden. »Warum -seid ihr in Schwipperlingen gewesen? Wie war's denn? -Erzählt doch!«</p> - -<p>Anton Friedlich war schon wieder friedlich gesinnt. -Er merkte, daß Heine Peterle und Jakob ihn gar nicht -gemeint hatten, und stolz begann er zu erzählen. Er -schwadronierte darauf los, schwatzte von den Schönheiten -Schwipperlingens, und der dicke Friede riß den Mund -vor Staunen weit auf. Nein, konnte der Vetter aber -aufschneiden!</p> - -<p>Wie ein paar Helden wurden die Buben geehrt. -Das war noch einmal etwas: in Schwipperlingen war -noch niemand von den Kindern gewesen! Ja sogar<span class="pagenum"><a id="Seite_p204">201</a></span> -die Eltern schalten nicht so sehr. Heimlich sagte sogar -Anton Friedlichs Vater zum Schulzen: »Sind doch ein -paar tüchtige Buben! Laufen in eine fremde Stadt, als -wär' das nichts. Ist ganz gut, wenn sie in den Städten -merken, was wir Oberheudorfer für Leute sind.«</p> - -<p>Drei Tage dauerte der Ruhm der Buben, und -Anton Friedlich wurde immer kühner, immer frecher -im Aufschneiden. Er wußte immer mehr von Schwipperlingen -zu erzählen, und beim Heimweg umdrängten ihn -stets alle Kinder neugierig. Nur von Schwipperlingen -wollten sie hören, an Feldburg dachten sie kaum noch. -Am dritten Tage aber, als die Kinder wieder auf der -Dorfstraße lärmten, rief Schuster Pechdraht auf einmal: -»Kommt her, ich will euch eine feine Geschichte vorlesen.«</p> - -<p>Na, neugierig waren die Oberheudorfer Buben -und Mädel alle, und sie überpurzelten sich beinahe, -um nur rasch an das Schusterhaus zu kommen. Meister -Pechdraht saß vor seiner Tür und hatte ein Zeitungsblatt -in der Hand. »Stellt euch alle um mich herum; -Anton Friedlich und du, dicker Friede, ihr dürft euch -neben mich setzen, ihr Schwipperlinger Helden ihr.«</p> - -<p>Die beiden lachten stolz und blähten sich ordentlich -auf; die andern sahen sie ganz ehrfürchtig an. Auch -ein paar Mägde kamen angelaufen, selbst der Schulze -und der Waldbauer, die gerade vorbeikamen, blieben -stehen und fragten: »Was gibt's denn?«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_p205">202</a></span></p> - -<p>»Hört nur zu, eine feine Geschichte gibt's,« sagte -Meister Pechdraht und lachte so recht spöttisch; dann -las er laut: »Die Denkmalsenthüllung in Schwipperlingen.« -Nun bekamen der Anton und der Friede auf -einmal rote Köpfe. Aber der Schuster schien das gar -nicht zu merken, er las laut, wie man in Schwipperlingen -die Stadt geschmückt hatte; die Rede des Bürgermeisters -kam und dann – oh, wäre doch ein Mauseloch -dagewesen für die beiden Schwipperlinger Helden. Da -stand alles, ihre ganze Leidensgeschichte war berichtet -worden, und zuletzt hieß es: »Hoffentlich sind die Oberheudorfer -Buben nicht alle so dumm wie diese beiden.«</p> - -<p>»Nä!« schrieen sämtliche Kinder entrüstet. Der -Schulze aber schalt wütend: »Potzwetter, ihr Buben, -was habt ihr angerichtet! Ihr bringt ja unser ganzes -Dorf in Verruf. Na, wartet nur!«</p> - -<p>Die beiden warteten aber nicht. Und so wütend -die Kinder auf sie waren, durchschlüpfen ließen sie die -Missetäter doch. Dann rannten freilich sämtliche Buben -und Mädel hinter ihnen her und spotteten: »War's -fein in Schwipperlingen? Erzählt doch von Schwipperlingen! -Ha, die Denkmalsbuben!«</p> - -<p>Die beiden hatten keine guten Tage, und sie wurden -sehr kleinlaut und bescheiden in dieser Zeit. Wenn jetzt -einer nur »Schwipp« sagte, dann huschten sie schon geschwind -um die nächste Ecke herum. Aber auch die<span class="pagenum"><a id="Seite_p206">203</a></span> -andern Kinder wollen nichts von Schwipperlingen wissen, -und Schuster Pechdraht kann zehnmal sagen: »Aber in -Schwipperlingen waret ihr doch nicht,« sie machten sich -nichts daraus, sie schrieen nur: »Nach Schwipperlingen -gehen wir nicht, schwipp, schwapp, Feldburg ist besser!«</p> - -<hr class="chap" /> - -<div class="chapter"> -<h2 id="Sommerferienlust"> -<img src="images/illu-chapter.png" alt="" /><br /> -Sommerferienlust.</h2> -</div> - -<p class="drop">»Übermorgen gibt's Ferien, und Friede Heller kommt -heim.« Die Oberheudorfer Buben und Mädel -erzählten sich das nun schon zum hundertsten Male, und -wenn nur ein Mensch in Oberheudorf gewesen wäre, -der diese wichtige Sache nicht gewußt hatte, alle hätten -es ihm gern nochmals und nochmals gesagt. Aber die -Erwachsenen mochten gar nichts mehr von den Ferien -hören. Hans Rumpf, der Nachtwächter, meinte sogar, -es sei ein rechter Unsinn damit, doppelt Schule wäre -richtiger. Nur Muhme Lenelies ließ sich immer wieder -von den Ferien erzählen, und jedesmal freute sie sich -und sagte auch: »Und Friede kommt heim.«</p> - -<p>»Wenn er kommt, machen wir was,« erklärte Heine -Peterle.</p> - -<p>»Was denn?«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_p207">204</a></span></p> - -<p>»Na, Musik oder so was. Wie wenn der Herzog -kommt.«</p> - -<p>»Laßt es lieber,« riet Muhme Lenelies. »Solche -Überraschungen gehen manchmal verkehrt aus.«</p> - -<p>Aber die Kinder hörten nicht auf den guten Rat. -Traumfriede mußte feierlich empfangen werden, das -stand fest. Aber wie? Anton Friedlich sagte: »Fahnen -und Musik müßten wir haben, das ist fein.«</p> - -<p>»So war's wohl in Schwipperlingen?« neckten -etliche. Aber die Fahnen gefielen doch allen, nur – -sie hatten keine. Die drei Fahnen, die manchmal an -Festtagen das Dorf schmückten, bekamen die Kinder -nicht, das wußten sie, auch ohne danach zu fragen. Sie -rieten hin und her, bis auf einmal Schnipfelbauers Fritz -rief: »Ich weiß was. Kathrine hat einen roten Rock -und Mutter eine schwarze Schürze und ein weißes Tuch -dazu; das ist wie 'ne Fahne.«</p> - -<p>»Meine Mutter hat nur blaue Schürzen,« meinte -der dicke Friede betrübt.</p> - -<p>»Och, das schadet nicht,« schrie Anton Friedlich. -»Fahne ist Fahne, 's kann auch blaue geben.«</p> - -<p>»Und grüne und gelbe und rote und alle möglichen,« -riefen die andern Kinder. Und jedem fiel ganz unversehens -ein, aus was eine Fahne gemacht werden könnte. -Es würde gewiß ganz wundervoll werden, und höchst -befriedigt liefen alle heim.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_p208">205</a></span></p> - -<p>Einen Tag vor Ferienanfang verschwanden den -Bäuerinnen auf sehr geheimnisvolle Weise Schürzen, -Röcke, Umschlagtücher, Bettlaken und ähnliche Dinge. -Die meisten Hausfrauen merkten es gar nicht. Nur -da, wo sich ein großes Suchen und Geschrei darum erhob, -kamen die entschwundenen Sachen sehr geheimnisvoll -wieder. So vermißte Muhme Rese plötzlich -ihren neuen kornblumenblauen Sonntagsrock, worüber -denn bald das ganze Haus in Aufregung geriet. Und -auf einmal hing der Rock in der Federkammer, und -kein Mensch wußte, wie er dahin gekommen war. Heine -Peterle konnte nicht mal Antwort geben. Der Bube -saß und lernte so eifrig; er schien nichts zu sehen und -zu hören, und Muhme Rese dachte: »Er geht vielleicht -doch noch auf die Stadtschule. So'n Fleiß ist noch -gar nich dagewesen.«</p> - -<p>Endlich war der letzte Schultag gekommen. Da -an diesem Tage niemand zur Stadt fuhr, sollte Traumfriede -zu Fuß heimkommen. Seine Sachen wollte Friede -Hopserling am nächsten Tage mitbringen. Um zwölf -Uhr wurde in Oberheudorf die Schule geschlossen, und -die Kinder rechneten: »Erst ißt der Friede zu Mittag, -dann läuft er vier Stunden, dann ist er da.« Sie fragten -aber erst noch Muhme Lenelies: »Wann kommt er denn?«</p> - -<p>»So um fünfe rum, denk' ich,« meinte die Muhme. -»Aber Kinder, Kinder, macht nur keine Dummheiten.«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_p209">206</a></span></p> - -<p>Hans Rumpf, der Nachtwächter, sah an diesem -Tage alle Buben und Mädel auf eine am äußersten -Ende des Dorfes gelegene Scheune zulaufen. Jedes -trug geheimnisvoll ein Paket und eine Bohnenstange, -und alle rannten scheu und heimlich hinter den Häusern -vorbei. »Na warte, die haben einen dummen Streich -vor,« dachte der Nachtwächter. »Da will ich mal aufpassen.« -Er wanderte auch auf die Scheune zu, und -als er hinkam, hörte er drinnen Geschwätz und Gelächter. -»Was macht ihr da?« rief er und versuchte die Türe -zu öffnen. Doch die ging nicht auf, sie wurde von -innen zugehalten. Er bekam auch keine Antwort auf -seine Frage, und so drohte er: »Ich werde euch schon -erwischen, paßt nur auf; ich bleibe hier sitzen.«</p> - -<p>Er setzte sich auf einen Baumstumpf am Scheuneneingang, -zündete sich seine Pfeife an und wartete.</p> - -<p>Innen schwatzte, lachte, polterte und lärmte es inzwischen -ruhig weiter. Allmählich aber wurde es still -und stiller, zuletzt schwieg alles. »Hei, nun möchten sie -raus,« dachte der Nachtwächter. »Bleibt nur drinnen, -ihr Mäuslein; ich erwische euch schon.« Er rauchte, -betrachtete sich die Gegend und freute sich, daß er so -ausnehmend klug war. Auf einmal ertönte vom Waldrand -her ein lautes Geschrei. »Man sollte doch meinen, -die Kinder wären's, wenn die nicht in der Scheune -säßen,« dachte er und zündete sich eine neue Pfeife an.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_p210">207</a></span></p> - -<p>Von Zeit zu Zeit lauschte er. In der Scheune -blieb alles still. Aber aus der Ferne erklang immer -wieder Lärm und Geschrei. »'s muß rein das Echo -sein,« brummelte Hans Rumpf und zog sein Vesperbrot -aus der Tasche, schmauste und rief dazwischen: -»Na, ihr Mäuslein, wie gefällt's euch denn da drinnen?«</p> - -<div class="figcenter"> -<img src="images/illu-207.png" alt="" /> -</div> - -<p>Keine Antwort kam -aus der Scheune. Alles -blieb still wie zuvor. Doch jetzt wurde es im Dorfe laut. -Von den Feldern kamen die Männer heim, der Hirte -trieb die Herde in das Dorf zurück, und die Abendglocke -begann leise zu tönen und zu singen. Rufe erschallten -vom Dorfe her, lauter und lauter erklangen -sie, die Kinder wurden zum Abendessen gerufen. Endlich -kamen ein paar Frauen angelaufen. »Hans Rumpf, -hast du nicht unsere Buben und unsere Mädel gesehen?«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_p211">208</a></span></p> - -<p>»Freilich, freilich!« Hans Rumpf nickte und lachte. -Er deutete mit dem Pfeifenkopf auf die Scheune und -sagte: »Da drinnen, alle sind drin. Sie haben 'ne -Dummheit gemacht und trauen sich nicht raus!«</p> - -<p>»Lieber Himmel, was das Kindervolk auch immer -anstellt!« rief die Schulzenfrau. »Und sicher haben sie -mir dazu wieder ein Bettuch von der Leine genommen; -es fehlt eins.«</p> - -<p>»Freilich, freilich, jedes hat'n Paket gehabt.« Hans -Rumpf sah ordentlich stolz aus.</p> - -<p>»Nä, aber so was! Fritze, komm 'raus! Je, der -Bube hat am Ende gar der Kathrine ihren roten Rock, -um den die den ganzen Nachmittag heult,« schrie die -Schnipfelbäuerin.</p> - -<p>»Freilich, freilich, der Fritze hatte 'n rotes Paket.«</p> - -<p>Ein paar Bauern, die vom Felde heimkehrten, -blieben stehen. »Was gibt's?«</p> - -<p>»Da drin sind alle Kinder; sie haben 'ne Dummheit -gemacht,« erzählten die Frauen.</p> - -<p>Die Schnipfelbäuerin klopfte an das Tor: »Komm -'raus, Fritze, geschwind!«</p> - -<p>»Se haben Angst.« Hans Rumpf hielt sich den -Bauch vor Lachen. »Ja mit mir ist nich gut Kirschen -essen.«</p> - -<p>»Jakob, Röse, kommt 'raus, flink!« Die Schulzenfrau -rüttelte an dem Scheunentor, und das sperrte sich<span class="pagenum"><a id="Seite_p212">209</a></span> -gar nicht. Es ging ganz gutwillig auf, und – die leere -Scheune gähnte allen entgegen.</p> - -<p>»Die sind hinten 'raus,« brummte ein Bauer und -deutete auf das zweite gegenüberliegende Scheunentor, -das weit offen stand.</p> - -<p>»Ja, nä!« Hans Rumpf setzte sich vor lauter -Erstaunen wieder auf seinen Baumstumpf. »So 'ne -Frechheit!«</p> - -<p>»Na, weißte, Nachtwächter,« sagte der Waldbauer -lachend, »die wären arg dumm gewesen, wenn sie in -der Scheune geblieben wären. Wo sind sie aber hin?«</p> - -<p>»Am Walde hat's immer geschrieen und gelacht!« -Hans Rumpf sah sich kläglich um. »Vielleicht waren -sie das?«</p> - -<p>»Sicher,« riefen die Frauen, und Heine Peterles -Mutter, die auch herbeigekommen war, meinte: »Die -warten auf Muhme Lenelies' Friede; der soll heute -heimkommen.«</p> - -<p>Der Abendwind trug jetzt näherkommendes Stimmengewirr -zu den Wartenden hin, und die sagten zueinander: -»Sie kommen schon, das Warten wird ihnen zu lang.«</p> - -<p>Wirklich, sie kamen auch. Der Abendbrothunger -trieb sie heim. In langem Zuge kamen sie an, und die -Frauen kreischten erschrocken auf: »Aber so etwas! Was -haben sie denn da!«</p> - -<p>Seltsame Fahnen flatterten im Winde, und die<span class="pagenum"><a id="Seite_p213">210</a></span> -Bäuerinnen riefen entrüstet: »Das ist meine Schürze,« -»Unsere Tischdecke,« »Kathrines Rock,« »Mein Umschlagtuch,« -»Nä so was, das ist Vaters Taschentuch,« -»Je, und meine blaue Nachtjacke.«</p> - -<p>Die Buben und Mädel erschraken, als sie vor -der Scheune Väter und Mütter versammelt sahen. Sie -hätten nun himmelgern ihre Fahnen versteckt, die sie -heimlich in der Scheune hatten abbinden wollen. Nun -war es zu spät. Die Fahnen hinwerfen und ausreißen -ging auch nicht. Gesehen waren sie einmal, also zogen -sie kleinlaut und recht langsam näher.</p> - -<p>»Nur fix! Sollen wir euch Beine machen?« drohte -die Schulzenfrau. »Warte, Jakob und Röse, ich will -euch was lehren, mir meine Laken als Fahne zu nehmen!«</p> - -<p>»Wir wollten Friede erwarten,« riefen die Kinder -sehr kläglich.</p> - -<p>»Aber der ist lange da! Um drei Uhr ist er schon -gekommen; der hat lange Beine gemacht und um zehn -Uhr schon frei bekommen,« rief die Waldbäuerin, die -eben auch ihr Mariandel suchen kam.</p> - -<p>»Juhu,« schluchzte Heine Peterle plötzlich, »jetzt -krieg ich die Schimpfe umsonst.«</p> - -<p>»Und Haue obendrein!« rief sein Vater; aber es -war leicht zu merken, daß er es nicht so ernst meinte.</p> - -<p>Es wurde auch mit der Schelte nicht so schlimm. -Nur als die Bäuerinnen ein paar Löcher in den Fahnen<span class="pagenum"><a id="Seite_p214">211</a></span> -entdeckten, wurden sie sehr ärgerlich. »Ihr müßt sie -selbst flicken,« forderten sie. Als sie aber recht zusahen, -waren es immer die Bubenfahnen, die Löcher hatten. -Die Missetäter standen sehr keinlaut und verlegen da; -flicken konnten sie doch nicht!</p> - -<p>Da zeigte es sich aber, wie gut es ist, daß es -Mädel auf der Welt gibt. Und wie hilfsbereit die -Oberheudorfer Mädel waren! Krämers Trude, die -immer mit einer blanken Eins aus der Handarbeitsstunde -heimkam, erklärte gleich: »Ich flicke sie,« und ein paar -andere Mädel riefen: »Wir helfen.«</p> - -<p>Da hoben die Buben gleich wieder mutig die Köpfe, -und ein paar der kecksten bettelten: »Aber sehen muß -Friede die Fahnen doch, nur mal sehen; wir machen -auch keine Löcher mehr.«</p> - -<p>»Er kann doch nichts dafür,« wisperte Waldbauers -Mariandel.</p> - -<p>»Wird nicht erlaubt,« knurrte Hans Rumpf, der -sehr böse darüber war, daß er so lange vergeblich vor -der Türe gesessen hatte. »Marsch heim, ins Bett, marsch!«</p> - -<p>Die Mütter waren nicht so streng wie der Nachtwächter. -Als die Mädel feierlich gelobten, gleich morgen -am ersten Ferientag alles sauber und ordentlich zu flicken, -und die Buben nicht minder feierlich das Versprechen -gaben, nie mehr Röcke, Jacken, Tücher und ähnliche -Dinge als Fahnen zu verwenden, durften sie alle mitsammen<span class="pagenum"><a id="Seite_p215">212</a></span> -zu Muhme Lenelies' Haus ziehen und Friede -begrüßen.</p> - -<p>»Hurra, Friede ist da! Hurra, hurra!« gellte es -durch das Dorf. Die Fahnen flatterten lustig, und -wenn jemand gesagt hätte: »Das sind aber sonderbare -Fahnen!« den hätten die Oberheudorfer Buben und -Mädel für sehr dumm gehalten. Traumfriede fand -denn auch den ganzen Empfang großartig, auch Muhme -Lenelies fand das. Da liefen alle Fahnenträger befriedigt -heim, und daß Hans Rumpf diesen ersten Ferientag -nicht schön fand, war seine Sache; den Kindern -hatte er ausnehmend gefallen.</p> - -<p>So glücklich war aber doch kein Bube und kein -Mädel wie Traumfriede. Nun er wieder bei Muhme -Lenelies in dem lieben kleinen, windschiefen Häuschen -saß, merkte er erst, wie groß sein Heimweh gewesen -war. Alles hatte er der Muhme gleich an diesem Abend -erzählt; auch daß er hatte ausreißen wollen und sich der -Kameraden geschämt hatte. Wenn sie es auch schon -wußte, er mußte doch das Gesicht sehen, das sie dazu -machte. Die Muhme hatte ihn nur mit ihren stillen, -guten Augen angesehen und gesagt: »Wir laufen alle -einmal ein Stück einen falschen Weg. Die Hauptsache -ist, daß wir uns bald zurechtfinden. Nun aber schlaf, -mein Junge, es gibt ja noch viele Ferientage.«</p> - -<p>Friede reckte und streckte sich in seinem Bett.<span class="pagenum"><a id="Seite_p216">213</a></span> -Wie schön war es wieder daheim bei Muhme Lenelies! -O wie köstlich lang doch die Ferien waren; was konnte -man da alles unternehmen!</p> - -<p>Die Kinder unternahmen auch sehr viel. Sie liefen -in den Kuhberger Wald, spielten so heftig Räuber und -Prinzessin, daß erst Annchen Amsee, dann Waldbauers -Mariandel in den Brunnen plumpsten. Und immer -dachten sie am Abend, daß Ferientage sicher achtbeinig -seien, so fix laufen sie über die Erde. Traumfriede -war bei allem dabei, und wenn Muhme Lenelies manchmal -gedacht hatte, es würde dem Buben nicht mehr -auf dem Dorf gefallen, so merkte sie nun, wie sehr sie -sich geirrt hatte.</p> - -<p>Am ersten Tage hatte Friede erzählt, die Sonntagkinder -wollten einmal kommen und Jobst von Hellfeld. -Aber ein Tag nach dem andern verging, sie kamen -nicht, bis sie plötzlich eines Nachmittags ganz unvermutet -auf der Dorfstraße standen.</p> - -<p>»Was ist das jetzt für 'ne Geschichte,« sagte Schuster -Pechdraht erstaunt; »da sind ja auf einmal drei Stadtkinder.« -Da stürzte aber auch schon Traumfriede über -den Dorfplatz und begrüßte die drei mit lautem Halloh. -»Wie seid ihr hergekommen?«</p> - -<p>»Kaspar auf dem Berge hat uns mitgenommen,« -rief das Füchslein und strich sich sein weißes Kleidchen -glatt. »Ich hab' ihn heute früh gesehen und gesagt,<span class="pagenum"><a id="Seite_p217">214</a></span> -ich möchte nach Oberheudorf. ›Komm mit!‹ hat er gerufen, -na – – – und da sind wir.«</p> - -<p>»Ein paar Tage dürfen wir bleiben,« erzählte -Jobst. »Der Wirt hat gesagt, Nachtquartier bekämen -wir, nur heimgehen müssen wir zu Fuß, und Herr -Professor läßt dich grüßen. Er kann nicht kommen, -er hat einen schlimmen Fuß.«</p> - -<p>»Und das da ist Heine Peterle, nicht wahr?« rief -das Füchslein und stürzte so eilfertig auf diesen zu, -daß der beinahe hintenüber fiel vor Schreck. Nachher -wurde er aber gleich gut Freund mit dem zierlichen -Stadtmädel.</p> - -<p>Die drei Städter gefielen überhaupt den Oberheudorfern -sehr gut, und es entstand fast ein großer -Streit darum, wo sie wohnen sollten.</p> - -<p>»Die Buben kommen zu mir, und das Mädel muß -ins Schulzenhaus, weil der Schulze nun doch mal der -Schulze ist,« entschied Kaspar auf dem Berge. »Immer -alles, wie sich's schickt.«</p> - -<p>Da der Wirt die Kinder hergebracht hatte, gaben -ihm alle recht, und so zog Füchslein in das Schulzenhaus, -obgleich es am liebsten bei Muhme Lenelies gewohnt -hätte. Aber in dem kleinen Haus war kein -Platz, während es im Schulzenhaus eine stattliche Gaststube -gab mit einem hochgetürmten Federbett darin. -Eine ebensolche stattliche Gaststube bekamen die Buben<span class="pagenum"><a id="Seite_p218">215</a></span> -in der himmelblauen Ente, und sie gaben Kaspar auf -dem Berge recht, als der sagte: »Ein Prinz könnte -drin wohnen, wenn einer da wäre.«</p> - -<p>»In Oberheudorf ist's herrlich,« rief Füchslein am -nächsten Tage. »Ich wollte, ich könnte ewig hier -bleiben!«</p> - -<p>Die Hausfrau schenkte ihr gerade Milch ein und -stellte ihr die verlockendsten Honigbrote hin. Jakob, -Röse und die jüngeren Geschwister umdrängten den -Gast, und Heine Peterle steckte seine Stubsnase zur -Türe herein und rief: »Ist se noch da?«</p> - -<p>»Warum soll ich denn fort sein?« fragte Füchslein -erstaunt.</p> - -<p>»Ich dachte, ich hätt's geträumt,« bekannte Heine -Peterle. Er schob sich zur Türe hinein, warf einen -riesengroßen, bunten Blumenstrauß gerade auf Füchsleins -Honigbrot und stammelte: »Du, Muhme Rese -sagt, weil de aus der Stadt bist, mußte de Blumen -haben. Spielste auch Räuber und Prinzessin mit?«</p> - -<p>»Ja,« schrie Füchslein entzückt, »und ich bin der -Räuberhauptmann. Ich kann furchtbar schreien, paßt -auf!« Und das zarte Stadtmädel schrie so laut und -gellend, daß alle Hausbewohner zusammenliefen; selbst -der Schulze kam angerannt. »Was macht ihr mit dem -Mädel? Potzwetter, mit 'nem Stadtmädel geht man -fein um!«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_p219">216</a></span></p> - -<p>»Die – – die – – ist Räuberhauptmann!« -Jakob krümmte sich vor Lachen. Röse und die Kleinen -quiekten und kicherten. Heine Peterle aber stand mit -offenem Munde da; endlich atmete er tief und bat: -»Schrei noch mal!«</p> - -<p>»Lieber nicht,« meinte die Hausfrau. »Jetzt hab' -ich freilich keine Angst mehr, ihr könntet zu wild für -unsern Gast sein. Da geht nur und spielt!«</p> - -<p>Und sie spielten. Sie tobten die Dorfstraße entlang, -daß Hans Rumpf grollte: »So schlimm war's -noch nie.« Sie spazierten durch alle Gärten, sahen in -alle Ställe hinein, lärmten um den Brunnen herum, -und ganz alltägliche Dinge erschienen den Oberheudorfer -Kindern auf einmal schön und groß, weil die drei -Städter sie mit so jauchzender Freude bewunderten. -Wie konnte sich das Füchslein über ein Lämmchen, ein -Zicklein, eine junge Katze oder kleine Hühnchen freuen! -So sehr, daß ihr Heine Peterle, Waldbauers Mariandel -und Annchen Amsee am liebsten alles Kleintier gebracht -hätten. Und wie gern fuhren Jobst und Ulrich mit -auf das Feld hinaus, wo gerade der erste Schnitt getan -wurde.</p> - -<p>»Die sind besser als ihr,« sagten die Bauern; »die -möchten wir wohl behalten.« Da blähten sich die beiden -Stadtbuben ordentlich über das Lob, und am Abend -schmeckte ihnen das Essen so gut, daß Kaspar auf dem<span class="pagenum"><a id="Seite_p220">217</a></span> -Berge seine helle Freude daran hatte. Denn Gäste, -denen es schmeckte, die tüchtig zulangten und die Schüsseln -leer aßen, die hatte man besonders gern in Oberheudorf.</p> - -<p>In diesem wohlhabenden kleinen Dorfe saßen die -Bauern meist schon seit Urgroßvaters Zeiten auf ihren -Höfen. Darum gab es in ihren Häusern auch viel -stattlichen Hausrat. Geschnitzte Truhen und Schränke, -schöne Kannen, Teller und Schüsseln aus Zinn, auch -Spinnräder gab es noch, wenn auch nur ein paar ganz -alte Weiblein aus alter Gewohnheit die Räder surren -ließen. Füchslein ließ sich besonders gern alle diese -Dinge zeigen. Die Buben waren mehr für das Draußensein. -Wenn Füchslein auch immer sagte: »Am allerbesten -gefällt es mir doch bei Muhme Lenelies,« so -kroch sie doch im Schulzenhaus, bei Heine Peterles -Eltern, bei Amsees und auf dem Waldbauernhof in -alle Winkel. Auch in das Schulhaus kamen die Stadtkinder. -Der Lehrer war zu Friedes großem Leidwesen -verreist; aber die Frau Lehrer zeigte den dreien noch -am letzten Tage die Schule. In der sah Füchslein zuerst -eine Geige.</p> - -<p>»Eine Geige, eine Geige,« rief sie sehnsüchtig, und -die Lust nach dem geliebten Instrument erwachte in ihr.</p> - -<p>»Kannst du denn spielen?« fragte die Frau Lehrer.</p> - -<p>»Ach ja!« Füchslein streckte die Hände aus. »Darf -ich darauf spielen, einmal nur?«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_p221">218</a></span></p> - -<p>»Ja, hole sie dir heute nachmittag. Wenn du gut -damit umgehst, leihe ich sie dir gern.«</p> - -<p>»Oh, mit einer Geige muß man gut sein; sie hat -eine Seele, sagt Herr Wunderlich,« versicherte Marianne -Sonntag eifrig.</p> - -<p>»Nun, so hole sie dir jeden Tag!«</p> - -<p>»Ach, morgen müssen wir schon fort,« riefen alle -drei betrübt.</p> - -<p>»Es ist dumm,« brummte Jobst von Hellfeld, der -ganz vergessen hatte, daß er nur auf allerdringlichstes -Bitten vom Füchslein mitgekommen war.</p> - -<p>Am Nachmittag holte sich Marianne die Geige. -Am Dorfbrunnen wollte sie spielen; so hatte sie es den -Buben und Mädels versprochen.</p> - -<p>Ein Mädel, das Geige spielt, hatten die Oberheudorfer -noch nicht gesehen, und selbst die allerfleißigsten -Hausfrauen ließen ein Weilchen ihre Arbeit ruhen, als -Marianne Sonntag zu spielen begann. »Wir wollen -auf der Dorfstraße tanzen,« hatten die Kinder gesagt, -aber sie vergaßen das Tanzen über dem Spiel. Feine -und süße Klänge durchzogen das Dorf. Es war wie -das Singen der Vögel im Frühling, wie das Rauschen -der Bäume, wenn leise der Abendwind über sie dahinstreicht. -Immer stiller wurde es ringsum, und immer -mehr Leute ließen ihre Arbeit ruhen und lauschten. -Niemand aber hörte andächtiger zu als Muhme Lenelies,<span class="pagenum"><a id="Seite_p222">219</a></span> -Friede und Waldbauers Mariandel. »Es ist, als ob du -ein Märchen erzählst, Muhme Lenelies,« sagte Mariandel -leise, und Friede dachte an Griechenland, von dem Professor -von Spiegel ihm erzählt hatte. Er hörte das -blaue Meer rauschen und sah die weißen Tempel am -Ufer stehen. Die Sehnsucht erwachte in ihm, dorthin -zu ziehen und alles zu sehen und dann auch so davon -singen zu können wie Homer, der blinde Sänger.</p> - -<p>Daran dachte Heine Peterle nun nicht. Ihm gefiel -das Spiel und das zierliche geigende Mädel furchtbar -gut. Er schwitzte ordentlich vor Entzücken; er wünschte, -seine Feldburger Flöte wäre noch ganz, dann hätte er -darauf blasen können, und als Marianne Sonntag die -Geige sinken ließ, schrie er: »Das will ich auch lernen.«</p> - -<p>»Nä, er ist und bleibt ein merkwürdiger Bube, -unser Heine Peterle; aus dem wird noch was Großes,« -sagte Muhme Rese zu Muhme Lenelies. Aber die -gab keine Antwort. In ihren guten Augen lag ein -stiller Glanz, sie schaute Marianne Sonntag an, wie -ein Blumenfreund eine feine, schöne Blüte freudvoll -betrachtet. Das Stadtmädel schien den Blick zu fühlen; -es lief plötzlich auf die alte, arme Frau zu, legte beide -Arme um deren Hals und flüsterte: »Muhme Lenelies, -dich hab' ich aber doch am liebsten in Oberheudorf.«</p> - -<p>»Fein hast du gespielt, Füchslein,« rief Jobst, der -stolz auf die Freundin war.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_p223">220</a></span></p> - -<p>»Ja, schene war's; blasen klingt freilich noch besser,« -schnarrte eine Stimme, die wie eine knarrende Türe -klang. Hans Rumpf hatte auch zugehört und nickte -nun wohlgefällig. »Und gut ist's doch, daß es keine -Tänze waren, sonst wär' gleich auf der Dorfstraße getanzt -worden.«</p> - -<p>»Ach ja, tanzen, wir wollen tanzen,« flehten ein -paar Mädels.</p> - -<p>»Nä, nä, das ist nicht,« brummte Hans Rumpf. -Aber niemand hörte auf ihn. Füchslein begann wirklich -eine lustige Tanzweise zu spielen. Sie kletterte -dabei auf den Brunnenrand, und um sie herum hüpften -und sprangen bald alle Buben und Mädel im Kreise. -Im Takt, außer dem Takt, im Polkaschritt und Walzertritt, -allein, zusammen, wie es gerade paßte. Eins -schleifte, eins wiegte sich, eins schwenkte die Beinchen, -als wollte es die eigene Nase treffen, eins trampelte -einem andern auf die Füße, ein Mädel purzelte hin; -aber alles in allem war es wunderschön.</p> - -<p>Der herrliche Abend ging viel zu früh vorbei, und -all die dicken, rotkarierten Federdecken sperrten ihre -Mäuler auf, um die Buben und Mädel zu verschlingen. -Die ließen sich das auch ganz gern gefallen, und mancher -kleine Tänzer drehte sich im Traum noch weiter, linksum, -rechtsum, fiedelfiedeldum. Heine Peterle aber sagte noch -halb im Schlafe: »Ich will auch fiedeln lernen.«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_p224">221</a></span></p> - -<p>Nur Traumfriede war an diesem Abend nicht so -froh wie sonst. In Feldburg hatte er sich heiß nach -Oberheudorf gesehnt, und heute sehnte er sich auf einmal -nach Feldburg. Er schämte sich ordentlich, als er -immer wieder denken mußte: »Könnte ich morgen einmal -heimgehen ins Spiegelhaus! Wie mag es wohl dem -Professor gehen?«</p> - -<p>»Morgen gehen deine Freunde weg,« sagte auf -einmal Muhme Lenelies. »Möchtest du nicht mit und -den Herrn Professor einmal besuchen?«</p> - -<p>Friede wurde blutrot. Ja konnte denn die Muhme -Gedanken lesen, seine Wünsche erraten? Er senkte verwirrt -die Augen: »Ich bin furchtbar gern bei dir.«</p> - -<p>Muhme Lenelies lachte leise. »Das weiß ich, mein -Friede; aber man kann irgendwo sehr gern sein, und -es kann doch einen andern Ort geben, wo man auch -gern ist. Und eigentlich wär's schlimm, wenn du den -Professor nicht lieb hättest.«</p> - -<p>Friede atmete tief auf und fiel der Muhme um -den Hals: »Dich hab' ich aber doch am liebsten.«</p> - -<p>»Und sehnst dich doch hinaus, das ist nun mal so -in der Welt. Geh du morgen ruhig mit nach Feldburg, -übermorgen kommst du wieder, und wir feiern Wiedersehen.« –</p> - -<p>Kaspar auf dem Berge hatte gesagt: »Wen ich -geholt habe, den bringe ich auch wieder heim.« Darum<span class="pagenum"><a id="Seite_p225">222</a></span> -brauchten die Stadtkinder auch nicht zu laufen; sie -konnten nach Feldburg zurückfahren. Der Abschied -wurde ihnen deshalb nicht leichter, und obgleich Jobst -und Ulli sagten: »Tränen sind doch dumm,« schluchzte -Füchslein ganz herzbrechend. »Kommt mit, ach, kommt -alle mit!« bat sie. Sämtliche Buben und Mädel -standen vor der himmelblauen Ente, als die Gäste -schieden. Sogar die Wickelkinder waren von den großen -Schwestern mitgebracht worden.</p> - -<p>»Macht's nicht so arg mit dem Abschied!« mahnten -die Erwachsenen. Aber die Kinder vollführten ein ganz -unglaubliches Geschrei. Jedes hatte noch etwas zu sagen -und zu fragen; am liebsten wären sie natürlich alle mitgefahren, -und daß Friede es durfte, neideten sie ihm -fast. Nur Heine Peterle fehlte. Seine Mutter war -da und rief nach ihm; Muhme Rese suchte ihn an den -merkwürdigsten Orten. Er war und blieb verschwunden. -»Der wartet am Waldrand,« rieten die Kinder.</p> - -<p>»Vielleicht liegt er noch im Bett,« sagte der dicke -Friede. Doch Muhme Rese versicherte, dort sei er -bestimmt nicht.</p> - -<p>»Es ist häßlich von ihm, daß er nicht kommt,« -schluchzte Füchslein. Da tröstete seine Mutter: »Paß auf, -er kommt schon, ihm ist's arg leid, daß du wieder gehst!«</p> - -<p>»Uns auch, uns auch,« schrieen die andern Kinder. -»Wir besuchen euch alle.«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_p226">223</a></span></p> - -<p>»Ja,« riefen die Stadtkinder, »bald!«</p> - -<p>»Wenn Zirkus ist; im September ist Zirkus,« rief -Marianne.</p> - -<p>»Was ist denn das, ist das was zu essen?« fragte -der dicke Friede nachdenklich.</p> - -<p>Füchslein lachte hell auf und vergaß darüber das -Weinen. Sie lachte immer noch, als der Wagen schon -zum Dorf hinausrollte. »Dort steht Muhme Lenelies -vor ihrem Hause,« rief Friede und winkte. Die drei -andern taten es ihm nach. Sie winkten, nickten, die -Kinder liefen hinter dem Wagen her, und immer wieder -klang's: »Auf Wiedersehen, auf Wiedersehen!«</p> - -<p>Bis zum Waldrand liefen die Oberheudorfer mit. -Ein bißchen Neugier war auch dabei, zu sehen, ob Heine -Peterle nicht dort wäre. Er war aber nicht dort, und -als die Mitgelaufenen umkehrten und der Wagen in -den Wald hineinrollte, sagte Füchslein betrübt: »Heine -Peterle liegt vielleicht doch noch im Bette.«</p> - -<p>»Nä, da liegt er nich,« erklang's laut, und aus -Decken, unter Strohbündeln hervor kroch sehr vergnügt -– Heine Peterle. »Ich fahr mit,« rief er stolz.</p> - -<p>»Wer fährt mit?« Kaspar auf dem Berge drehte -sich flink auf dem Bock herum. »Potzwetter, Bube, -was fällt dir ein?«</p> - -<p>»Ich will mit, Oheim,« rief Heine Peterle. Kaspar -auf dem Berge war nämlich seiner Mutter Bruder,<span class="pagenum"><a id="Seite_p227">224</a></span> -und er hatte gedacht: »Der Oheim nimmt mich schon -mit, wenn wir nur erst zum Dorf hinaus sind.«</p> - -<p>Er hatte sich aber verrechnet. »So was, das gibt's -nicht,« sagte der Wirt. »Ausreißen gilt nicht. Gelt, -daß dir's wie denen in Schwipperlingen geht! Nä, steig -man runter.«</p> - -<p>Da half kein Bitten. Heine Peterle mußte aussteigen. -Sein schöner Plan war zu Wasser geworden. -»Wir laden dich bald ein,« trösteten die Stadtkinder.</p> - -<p>»Ich will auch in die Stadt,« heulte der Bube, -»ich lern 's Fiedeln.«</p> - -<p>»Lern du nur erst ordentlich das Lesen und Schreiben,« -riet der Oheim.</p> - -<p>»Nä,« murrte Heine Peterle, »fiedeln ist besser, -da macht man keine Kleckse.« Und schwupp, drehte er -sich um und lief dem Dorfe zu. Erst als er dort war, -fiel's ihm ein, daß er nicht einmal Abschied genommen -hatte.</p> - -<p>Den vier Reisenden wurde unterdessen die Zeit -nicht lang, sie kamen schneller nach Feldburg, als sie -gedacht hatten. Erst fuhr der Wirt die beiden Sonntagskinder -heim, dann Jobst von Hellfeld, der drei Häuser -von denen entfernt wohnte, und zuletzt rollte das Wägelein -über den Johannesplan und hielt vor dem Spiegelhaus. -Friede sprang heraus, nahm kurzen Abschied und lief -dann ins Haus. Niemand hatte ihn gehört, niemand<span class="pagenum"><a id="Seite_p228">225</a></span> -ihn gesehen. Die Tür stand offen, und so kam er unbemerkt -an des Professors Studierzimmer. Er klopfte -an und trat ein. Da saß der Professor über ein dickes -Buch gebeugt an seinem Schreibtisch. Als er den blonden -Buben gewahrte, glitt ein froher Schein über sein Gesicht. -»Grüß Gott, Oberheudorfer Friede!« rief er. -»Das ist recht, daß du einmal kommst; ich habe mich -schon sehr nach dir gebangt.«</p> - -<p>Da war es dem Friede auf einmal, als flüstere -in seinem Herzen eine Stimme: »In Oberheudorf hast -du eine Mutter, in Feldburg einen Vater. Ei, hast du -es gut auf der Welt, Friede Heller!«</p> - -<hr class="chap" /> - -<div class="chapter"> -<h2 id="Im_Zirkus"> -<img src="images/illu-chapter.png" alt="" /><br /> -Im Zirkus.</h2> -</div> - -<p class="drop">Im September kam wirklich, wie es das Füchslein -gesagt hat, nach Feldburg ein Zirkus. Es ist aber -noch nicht gesagt, daß alle in einen Zirkus gehen können, -wenn schon einer da ist. Die Oberheudorfer Bauern -meinten, es sei genug, wenn ihre Kinder in diesen -Herbstferien zum Vogelschießen nach Niederheudorf -gingen. Vom Zirkus wollten sie nicht viel wissen. Ja -freilich, das Vogelschießen lockte nicht minder. Da<span class="pagenum"><a id="Seite_p229">226</a></span> -wollten sie alle hin, und wenn in dieser Zeit jemand -gesagt hätte, rechts ist Zirkus, links ist Vogelschießen, -kein Kind in Oberheudorf hätte gleich eine Antwort -geben können. Einmal bettelte Schulzens Jakob beim -Sonntagmittagessen: »Ich möcht' in den Zirkus.«</p> - -<p>»Ach was, Vogelschießen ist genug,« brummte der -Schulze.</p> - -<p>»Aber – – aber, Zirkus soll so fein sein! Friede -Hopserling sagt, man muß hin, weil – –«</p> - -<p>»Na, wenn's Friede Hopserling so gut weiß, dann -soll er dich man einladen und die andern dazu; mir -ist's recht.«</p> - -<p>Der Schulze schob seinen Teller ein Stück fort. -Das war ein Zeichen: »Nun sputet euch, ihr andern, -wir haben lange genug gegessen.«</p> - -<p>Jakob wagte kein Wort mehr; aber nachher auf -dem Dorfplatz erzählte er, was der Vater gesagt hatte. -»Friede Hopserling läd uns nicht ein,« schrie Anton -Friedlich, »aber vielleicht sonst wer.«</p> - -<p>Ja, sonst wer! Niemand fand sich, der es tat. -Die Tage kamen und gingen. Das Vogelschießen kam -und ging auch vorbei und war vergnüglich wie immer, -und schon guckten die Herbstferien in das Schulhaus -hinein, und von einer Einladung war nichts zu sehen -und zu hören. Da kam eines Tages ein Brief an den -Lehrer, und der ging mit dem Schreiben zum Schulzen.<span class="pagenum"><a id="Seite_p230">227</a></span> -Der lachte und sagte: »Meinetwegen.« Und ebenso -sagten noch ein paar andere Bauern, und die Bäuerinnen -setzten noch hinzu: »Man gönnt's ihnen schon, das -Vergnügen.«</p> - -<p>Auch Muhme Lenelies bekam einen Brief, und -auch sie schaute froh drein; ja sie guckte geschwind mal -nach dem Wetter und sagte: »Wenn's doch schön -würde!«</p> - -<p>Am nächsten Tag also gab es in der Schule eine -große Überraschung. Keine solche, bei der die Feuerspritze -die Schulstube unter Wasser setzt oder jemand -in die große Trommel fällt oder in sonst etwas hinein, -nein, eine wundervolle Überraschung war es. Professor -von Spiegel lud Traumfriedes Freunde und Freundinnen -zum Zirkus ein. Und das beste dabei war, die -Eltern erlaubten es. Glücklicherweise begannen just die -Herbstferien, und Sonnabend früh durften sie alle nach -Feldburg fahren. Am Nachmittag war im Zirkus eine -große Festvorstellung; zu der sollten sie gehen. Der Herr -Lehrer hatte die Sache am Schulschluß gesagt, und das -war gut. Wohl keines der Kinder hätte sonst mehr aufgepaßt.</p> - -<p>»Eingeladen zum Zirkus!« Sie stürzten alle eilfertig -auf die Straße. Dort konnte man sich doch -ordentlich freuen, und das taten sie auch sehr laut und -sehr nachdrücklich. In der Stadt hätten die Menschen<span class="pagenum"><a id="Seite_p231">228</a></span> -wohl gleich die Feuerwehr herbeigerufen oder gedacht, -ein Kirchturm oder mindestens drei Häuser wären eingestürzt, -der Krieg sei ausgebrochen oder so etwas -Ähnliches; doch in Oberheudorf war man nicht so -zimperlich.</p> - -<p>Vier Schultage waren es noch, und jeder Schultag -dehnte und dehnte sich wie ein Stück Gummi. Unglaublich, -wie es ein Schultag fertig bringt, so lang zu -sein. Aber dann kam doch der Morgen, an dem es -hieß: »Heute geht's nach Feldburg zum Zirkus!« Und -daß es kein Traum war, bewiesen die beiden Wagen, -die mit Tannengrün geschmückt auf dem Dorfplatz die -Stadtfahrer aufnahmen.</p> - -<p>Es war eine wunderschöne Fahrt durch den herbstlichen -Wald. Die Buchen, die da und dort in den -Tannenwald hineingelaufen waren, und die Eichen, die -am Rande standen, trugen schon ihr goldrotes Herbstkleid. -Sie spreizten ihre Laubkronen stolz in der Sonne -und schienen zu rufen: »Seht uns an, wir haben ein -goldenes Gewand.« Ach, die armen Bäume konnten -viel rufen, die Oberheudorfer Buben und Mädel achteten -gar nicht darauf; sie sahen nichts von der Pracht -des sonnenreichen Herbsttages, sie schwatzten nur vom -Zirkus. Höchstens sagte mal eins: »Die Eicheln fallen -schon runter,« oder sie lugten auf der Landstraße nach -den Pflaumenbäumen und griffen in die vollen Äste<span class="pagenum"><a id="Seite_p232">229</a></span> -hinein, denn Friede Hopserling zumal, der den einen -Wagen führte, fuhr auch immer so seltsam dicht unter -den Bäumen dahin.</p> - -<p>Im Spiegelhaus warteten die Sonntagskinder und -Jobst und Friede auf die Gäste. Fräulein Wunderlich -war herübergekommen und hatte mit Frau Emma und -Marie ungeheure Töpfe voll Schokolade gekocht. Weißbrot -und Kuchen standen bereit, und hinten im Garten -waren ein paar lange Tafeln gedeckt. Professor von -Spiegel ging lächelnd und heiter auf und ab, schaute -sich alles an und freute sich mit seinem Pflegesohn auf -die Gäste. Füchslein war in namenloser Aufregung. -Sie rannte immer zwischen Tor und Festplatz hin und -her. »Ich kann's kaum erwarten,« rief sie immer wieder. -»Friede, freu dich doch, schrei mal, du bist so still!«</p> - -<p>Traumfriede gehörte nun nicht zu denen, deren -Freude überlaut ist. Wenn er sich so recht innerlich -im Herzen freute, war er meist sehr still. Aber Jobst -besorgte etliche Male das Freudeschreien, und drüben -in Wunderlichs Garten krähte der kleine Teufel wie -besessen. »Er ahnt, daß die Oberheudorfer kommen,« -sagte Marie. »Es ist ein sehr kluges Tier.«</p> - -<p>Endlich kamen sie. Die beiden Wagen rumpelten -laut und vernehmlich über den Johannesplan, und ein -paar Minuten lang war der stille Platz von dem fröhlichsten -Leben erfüllt. »Muhme Lenelies,« rief Friede<span class="pagenum"><a id="Seite_p233">230</a></span> -plötzlich aufgeregt und stürzte auf die alte Frau zu, -die zwischen allen Buben und Mädeln aus Friede -Hopserlings Wagen kletterte.</p> - -<p>»Nun siehst du, mein Friede,« sagte die alte Frau -vergnügt, »da bin ich auch einmal. Wenn man eingeladen -wird und es so arg bequem hat, nach der Stadt -zu kommen, ist es eine leichte Sache.«</p> - -<p>Muhme Lenelies konnte es schon sagen, daß es arg -bequem sei, auf einem Mehlwagen zu fahren, denn sie -war viele, viele Jahre als Botenfrau den weiten Weg -zwischen Oberheudorf und Feldburg hin und her gegangen. -Heute kam sie als lieber Gast. Professor von Spiegel -und Fräulein Wunderlich gingen ihr beide so freudevoll -entgegen, als wäre die einfache alte Frau ihnen schon -eine gute, langvertraute Freundin.</p> - -<p>Das Schokoladenfest im Spiegelhaus war sehr -schön, aber das allerschönste war dann doch der Zirkus. -Der war so groß, daß sicher das ganze Niederheudorfer -Vogelschießen mitsamt dem Karussell, dem Kasperletheater, -der Pfefferkuchenfrau und allem, was sonst da -war, hineingegangen wäre. Die Buben und Mädel -sagten gleich alle am Eingang: »Ah,« und sie waren -ein bißchen ärgerlich, daß sie nicht »ah« genug sagen -konnten, denn ein Mann rief immer: »Weiter, weiter, -Stehenbleiben ist verboten.«</p> - -<p>»Das ist in Niederheudorf nie verboten,« knurrte<span class="pagenum"><a id="Seite_p234">231</a></span> -Schnipfelbauers Fritz; aber als er von einem nachfolgenden -Mann einen Puff in den Rücken erhielt, -ging er doch eilig weiter.</p> - -<p>Der dicke Friede hatte einen heißen, sehnsüchtigen -Wunsch; es war der, nur einmal im Leben ein richtiges -Kasperle zu sehen. Ein Kasperle war für ihn das Allerlustigste, -Allerschönste, was er sich denken konnte. Als -nun gleich zu Anfang ein Clown in die Reitbahn sprang, -entzückte ihn dieses große, lebendige Kasperle so, daß er -in ein nicht endenwollendes Gelächter ausbrach, in das -seine Gefährten jauchzend einstimmten. Und weil es die -Oberheudorfer vom Niederheudorfer Vogelschießen so -gewöhnt waren, mit dem Kasperle zu reden, so schrieen -sie allesamt: »Guten Tag, Kasperle, wir sind da!«</p> - -<p>»Freut mich sehr.« Der Clown war etwas verblüfft; -der Zuruf paßte nicht in sein Spiel. Er fragte -aber doch: »Woher seid ihr denn?«</p> - -<p>»Aus Oberheudorf!« tönte es zurück, und von -gegenüber kamen ein paar Bubenstimmen: »Herrjeh! -die Oberheudorfer sind auch da!«</p> - -<p>Der Clown grinste und schoß zehn Purzelbäume -hintereinander, so fix, daß Anton Friedlich bewundernd -rief: »Der kann's fein.« Aber da ritt plötzlich eine -wunderschöne Dame in die Reitbahn, die in ihrem rosa -Kleid mit goldenen Flügeln wie ein leibhaftiger Engel -aussah. Sie verneigte sich auf ihrem Pferd, sprang<span class="pagenum"><a id="Seite_p235">232</a></span> -in die Höhe, streckte erst das rechte, dann das linke -Bein in die Luft und ergriff schließlich ein von der -Decke herabhängendes Seil. Flugs lief in diesem Augenblick -das Pferd unter ihr weg, und Heine Peterle, -den eine namenlose Angst um die schöne Dame ergriff, -warnte: »Du, dein Pferd reißt aus.«</p> - -<p>»Seid doch still da oben,« rief der Clown.</p> - -<p>»Ja,« brüllten die Buben und Mädel nach Niederheudorfer -Gewohnheit, und das Pferd erschrak über das -Gebrüll und stieg erschrocken kerzengerade in die Höhe.</p> - -<p>Der Stallmeister rief »Stille!« und der Clown -drohte mit der Faust. Nun sieht aber ein Clown, wenn -er ernst sein will, erst recht komisch aus, und die Buben -und Mädel fanden es denn auch so spaßhaft, daß sie -vor Vergnügen kreischten und auf ihren Sitzen hin und -her wackelten. Das steckte an, der Zirkus dröhnte vor -Lachen. Da aber keine lustige Nummer auf dem Programm -stand, sondern Miß Florence Wilson ihre Künste -als Seiltänzerin zeigen sollte, ging der Clown rasch -hinaus.</p> - -<p>»Adjeh, Kasperle! Legste dich ins Bett?« schrieen -sämtliche Oberheudorfer, und von neuem rauschte das -Lachen durch den Zirkus.</p> - -<p>»Nä, Kinder, ihr müßt doch stille sein,« mahnte -Muhme Lenelies, während Professor von Spiegel lachte, -daß ihm nur immer die dicken Lachtränen über die Wangen<span class="pagenum"><a id="Seite_p236">233</a></span> -rannen. Die Kinder dachten: »Wenn man in der Stadt -ist, hört man darauf, was Stadtleute sagen.« Da der -Professor jedoch schwieg und selbst lachte, achteten sie -nicht auf der Muhme sanfte Mahnung, sondern brüllten: -»Kasperle, komm raus, Kasperle, komm raus!«</p> - -<p>Da! Atemlos stieß Heine Peterle Annchen Amsee -an. Die schöne Dame war an dem Seil hochgeklettert -und schwebte nun wie ein großer Schmetterling in der -Luft auf und ab. »Die kann fliegen,« kreischte Schulzens -Jakob, während Heine Peterles Augen vor Erstaunen -immer runder und kugliger wurden.</p> - -<p>Jetzt trat Miß Florence auf ein hoch über dem -Boden ausgespanntes Seil, und aus der Luft schwebte -eine Geige herab. Die ergriff sie und begann auf dem -dünnen Seil stehend zu spielen. Sehr schön klang das -nun zwar nicht, und Füchslein dachte: »Dies sollte Herr -Wunderlich hören, der möchte gut schelten!« Aber die -Oberheudorfer gingen beinahe auseinander vor Staunen. -Sie waren noch ganz verdattert, als ein Reiter mit vier -Pferden in die Bahn sprengte und diese die merkwürdigsten -Dinge vollführten. Sie sprangen, stellten -sich auf die Hinterbeine, tanzten. Und Bäckermeisters -Mariele flüsterte: »Am Ende sind's gar keine richtigen -Pferde.«</p> - -<p>»Guten Tag, Kasperle, biste wieder da?« brüllten -etliche Buben, und Mariele vergaß ihren Zweifel über<span class="pagenum"><a id="Seite_p237">234</a></span> -dem Kasperle, das mit einem Purzelbaum in die Reitbahn -schoß. Hinter ihm drein kam noch eins, aber auf -einmal – nein, das war doch nicht schön – fing der -schwarze Herr mit den Kasperles an zu zanken; er sagte, -sie hätten ihm etwas weggenommen.</p> - -<p>»Laß se doch, die tun doch nischt,« schrieen Jakob und -Schnipfelbauers Fritz empört.</p> - -<p>Aber der schwarze Herr kümmerte sich gar nicht -darum, er schalt immer weiter, immer heftiger auf die -Kasperle. Das wurde dem dicken Friede zu toll, er -nahm einen Apfel, den er in der Tasche hatte, und -warf ihn höchst geschickt dem schwarzen Herrn an den -Rücken. Dabei kreischte er zornig: »Die haben nischt -genommen, ich hab's doch gesehn!«</p> - -<p>»Nicht wahr?« Der erste Clown trat an die Rampe -und sah zu den Oberheudorfern hinauf. »Du bist aber -gut, daß du mir hilfst!«</p> - -<p>Der dicke Friede wurde klatschmohnrot vor Freude -über das Lob, er reckte sich ordentlich und schrie: »Verhau -den schwarzen Herrn, der ist eklig!«</p> - -<p>Schwupp lief das Kasperle zu dem schwarzen Herrn -hin; es legte den Kopf auf die Seite und sagte mit -dünner Stimme: »Erlaubst du es mir, daß ich dich -verhaue?«</p> - -<p>»Der ist aber dumm, der fragt erst,« riefen ein -paar Buben, und sie fanden es höchst begreiflich, als<span class="pagenum"><a id="Seite_p238">235</a></span> -der schwarze Herr sagte: »Nein, ich erlaube es nicht, -mach daß du fortkommst.«</p> - -<p>In diesem Augenblick drehte sich eins der Pferde -um und fuhr mit seinem Maul in des Clowns Hosentasche. -Der schrie laut auf und flüchtete, hopps, sprang -er über die Bänke, sauste über die Köpfe hinweg und -platsch – saß er mitten zwischen den Oberheudorfer -Buben und Mädeln. Die kreischten wie besessen. Ein -paar Mädel flüchteten unter die Bänke, der dicke Friede -schnappte wie ein Fisch nach Luft, und der ganze Zirkus -bebte von dem Gelächter der Zuschauer.</p> - -<p>Aber – trapp, trapp, trapp – kam das Pferd -die Treppe herauf. Wutsch, kroch der Clown hinter -Krämers Trude und Schulzens Röse her unter die -Bank und jammerte: »Der war's, der war's!« Dabei -zeigte er auf den völlig sprachlosen Friede.</p> - -<p>Und da – – laut gellte das Angstrufen der Kinder -durch den Zirkus –, das Pferd packte den dicken Friede -am Hosenboden und trug ihn davon.</p> - -<p>»Es frißt ihn, es frißt ihn, es macht ihn tot! -Halt, halt! huhuhuhu!«</p> - -<p>»Aber Kinder, 's ist nur Spaß!« Der Professor -konnte kaum noch vor Lachen. Traumfriede tröstete: -»Aber seid doch still, seid doch still!« Fräulein Wunderlich -nahm gleich zwei heulende Mädel auf den Schoß. -Muhme Lenelies wußte nicht, um wie viele sie schützend<span class="pagenum"><a id="Seite_p239">236</a></span> -die Arme breiten sollte. Die Nachbarn beruhigten: -»Kinder, Kinder, es ist ja nur ein Scherz!« Doch das -half alles nichts. Die Kinder brüllten, als ob sie alle -miteinander gebraten werden sollten. Selbst Füchslein, -das doch die Sache kannte, brüllte mit. Nur Heine -Peterle brüllte nicht, der zeigte, was ein echter Held -in der Welt ist. Trapp, trapp – polterte er auch die -Stufen hinab, dem Pferde nach, und urplötzlich fühlte -sich das so fest am Schwanz gepackt, daß es den dicken -Friede erschrocken fallen ließ und der in den Sand der -Reitbahn kollerte.</p> - -<div class="figcenter"> -<img src="images/illu-236.png" alt="" /> -</div> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_p240">237</a></span></p> - -<p>Der schwarze Herr und ein paar Diener sprangen -herbei, hoben Friede auf und führten das Pferd zur -Seite. Rings von den Bänken und aus den Logen -heraus aber ertönte ein nicht endenwollender Jubel: -»Bravo, bravo, bravo!«</p> - -<p>Das schien dem Pferd besonders gut zu gefallen, -denn – eins, zwei, drei – ergriff es Held Heine Peterle -am Hosenboden und trug ihn nun im sausenden Galopp -in der Reitbahn herum, bis <span id="corr237">ihm</span> der Stallmeister ein -»Halt« zurief.</p> - -<p>»Jetzt frißt er Heine Peterle!« Anton Friedlich -und Schnipfelbauers Fritz wollten auch hinunter, wollten -auch Helden sein. Doch der Professor hielt sie erschrocken -fest; ihm war es ordentlich unheimlich zumute -geworden bei dem Geschrei.</p> - -<p>Unten sprach der Stallmeister mit dem Pferd, und -während der Diener die beiden Buben vom Staub -reinigte, lief das Pferd hinaus und kam wieder und – – -brachte eine riesengroße Zuckertüte. Die legte es vor -Heine Peterle nieder, dann kehrte es wieder um, lief -noch mal zurück, kam noch mal wieder und brachte eine -zweite Zuckertüte für den dicken Friede.</p> - -<p>Da vergaßen oben sämtliche Oberheudorfer Buben -und Mädel ihre Angst, und jubelnd fielen sie in das -Bravorufen des Publikums ein.</p> - -<p>Der Stallmeister sagte unten etwas zu den Buben,<span class="pagenum"><a id="Seite_p241">238</a></span> -und stolz kehrten diese nun wieder auf ihre Plätze zurück. -Das Pferd aber kam – trapp, trapp – hinter -ihnen her.</p> - -<p>»Vielleicht holt's uns, und wir kriegen auch 'ne -Tüte,« sagte Anton Friedlich hoffnungsfroh, aber der -Clown jammerte: »Es holt mich, es holt mich!«</p> - -<p>»Kriech nur wieder unter die Bank,« rieten die -Kinder hilfsbereit, obgleich den Mädeln das Kasperle -so in der Nähe recht unheimlich war. Aber da war -schon das Pferd und – schnapp – hatte es den Clown -am Hosenboden gepackt und trug ihn nun die Treppe -hinab. Unten rollten die Diener eine große Tonne -herbei, und o Entsetzen! das Pferd steckte Kasperle in -die Tonne. Eine Zuckertüte gab's nicht.</p> - -<p>»Das ist, weil er gelogen hat,« rief Heine Peterle -und preßte stolz seine Zuckertüte ans Herz. Trotzdem -sah er mitleidig nach dem Kasperle aus. Würde das -in der Tonne stecken bleiben? Die Diener rollten die -zur Bahn hinaus, sie rollten und rollten sehr heftig, -und auf einmal war der Clown draußen, und niemand -hatte es gesehen. Die Oberheudorfer brachen in stürmischen -Jubel aus: »Kasperle, das war fein!«</p> - -<p>»Lebt wohl!« rief der Clown, stand plötzlich auf -den Händen und lief so davon.</p> - -<p>»Komm bald wieder!« brüllten ihm alle nach. Da -drehte er sich wie ein Rad und stand wieder auf den<span class="pagenum"><a id="Seite_p242">239</a></span> -Beinen und quiekte mit ganz hoher, dünner Fistelstimme: -»Ach nein, jetzt muß ich mich bei meiner Mutter in -einen Pflaumenmußtopf schlafen legen, lebt alle wohl!«</p> - -<p>»Heute macht der Clown auch zu dumme Witze,« -brummte ein alter, griesgrämiger Herr hinter den Kindern, -der sich schon die ganze Zeit über den Lärm geärgert -hatte.</p> - -<p>Da drehten sich urplötzlich alle Buben und Mädel -um und starrten den Griesgram namenlos verwundert -an. Der wurde ordentlich verlegen und murrte: »Das -sind ja unglaublich ungezogene Rangen.«</p> - -<p>»Ungezogen, diese Kinder? Na hören Sie, mein -Herr, die tun doch nichts,« rief Fräulein Wunderlich -entrüstet. Ihr, die sonst so leicht gescholten hatte, gefielen -alle diese Buben und Mädel gut, denn in ihrem -Herzen war ein Türlein aufgesprungen, durch das viel -Freude und Liebe aus und ein gehen konnte. Waldbauers -Mariandel, die neben ihr saß, streichelte sie zutraulich -und flüsterte: »Du bist aber nett, Fräulein Wunderlich.«</p> - -<p>Annchen Amsee huschelte sich von der andern Seite -an sie an, und Traumfriede drehte sich um und nickte -ihr strahlend, dankbar zu.</p> - -<p>Der verdrießliche Herr aber brummelte weiter. -Dies war ihm nicht recht und das. Einige Buben -sagten schon untereinander: »Er ist wie Hans Rumpf, -wenn er seinen Linksaufstehtag hat.«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_p243">240</a></span></p> - -<p>»Das Schwatzen stört,« knurrte der Herr wieder, -schon zornesrot im Gesicht.</p> - -<p>Unten standen gerade acht Pferde steif in einer -Reihe, und alles wartete neugierig, daß sie springen -würden, da tönte in die tiefe Stille, die just über dem -Zirkus lagerte, Annchen Amsees helles Stimmchen hinein: -»Gib dem Herrn was aus deiner Tüte, Heine -Peterle, der ärgert sich nur, weil er keine hat.«</p> - -<p>Hunderte von Augen richteten sich auf den Platz, -wo die Kinder saßen, und alle diese vielen, vielen Augen -sahen, wie Heine Peterle über die Köpfe seiner Gefährten -hinweg seine Tüte dem brummigen Herrn darbot.</p> - -<p>»Es sind furchtbare Kinder,« dachte der. All die -lachenden Blicke waren ihm äußerst fatal, und in seiner -Verlegenheit griff er wirklich in die Tüte, und weil er -sich schämte, lächelte er dazu ganz freundlich, und Heine -Peterle lächelte wieder und sagte in hörbarem Flüsterton -zu Schulzens Jakob: »Jetzt sieht er nicht mehr so -böse aus!«</p> - -<p>»In der nächsten Pause geh' ich,« dachte der brummige -Herr wütend. »Für diese Nachbarschaft danke ich.« -Aber dann kam die Pause, und kaum hatte sie begonnen, -da wandte sich Heine Peterle wieder um, streckte ihm -nochmals seine Tüte hin und fragte treuherzig: »Gelt, -das ist fein?« Und auf einmal lächelten ihm alle Buben -und Mädel freundlich und ermunternd zu. Da vergaß<span class="pagenum"><a id="Seite_p244">241</a></span> -er das Weggehen und blieb; er vergaß aber auch das -Brummen, denn der Jubel der Oberheudorfer erklang -immer von neuem so laut, so selig froh, daß sich darüber -die griesgrämigsten Mienen aufhellten.</p> - -<p>Was gab es aber auch nur für wunderbare Dinge -in diesem Zirkus!</p> - -<p>Vier feuerrote Clowns brachten vier rosenrote -Schweinchen an, und die machten allerlei Kunststücke. -Sie sprangen und marschierten auf Befehl, wie es noch -nie in Oberheudorf ein Schwein getan hatte.</p> - -<p>»Warum machen sie's nur bei uns nicht?« tuschelten -die Kinder einander zu. Ein paar Augenblicke später -hatten sie diese Frage schon wieder vergessen, denn lauter -schöne Fräuleins schwebten in die Bahn. Auf einem -Wagen wurde eine Prinzessin hereingefahren, und nun -gab es einen wundervollen Tanz. Als er zu Ende -war, war auch die Vorstellung zu Ende, und der Professor -mahnte zur Heimkehr.</p> - -<p>»Schon aus?« »Ach, ich wollte, ich könnte bis -morgen bleiben,« erklang es. Draußen auf der Straße -aber rief der dicke Friede laut: »Ich werd'n Kasperle.«</p> - -<p>»Ich so einer, der mit den Pferden springt,« schrie -Anton Friedlich, und das wollten noch etliche andere -ebenfalls. Die Mädel wollten so wunderschöne Tänzerinnen -werden. Annchen Amsee quiekte: »Ich so eine -mit Flügeln,« und Schulzens Jakob, ein dicker, purzeliger<span class="pagenum"><a id="Seite_p245">242</a></span> -Bube sagte bestimmt: »Ich werd' auch so'ne Dame!« -Nur Heine Peterle blieb dabei: »Ich lern 's Fiedeln.« -Alle waren sich aber darüber einig, einstmals zum Zirkus -zu gehen, und Friede <span id="corr242">Hopserling</span> riet ihnen: »Bleibt -doch gleich da!«</p> - -<p>Das wollten sie nun doch nicht, nur der dicke -Friede schwankte ein wenig, dann kletterte er aber doch -noch fix mit auf den Wagen. Vorläufig erschien ihm -das Elternhaus noch verlockender. Freilich, der Abschied -von Feldburg wurde ihnen allen an diesem -Abend bitter schwer, und sie alle stimmten laut und -sehnsüchtig in des Füchsleins Ruf ein: »Ach, lägen -doch Feldburg und Oberheudorf nur etwas näher zusammen!«</p> - -<p>Beim Abschied hielt Muhme Lenelies Herrn von -Spiegels Hand fest in ihrer arbeitsharten. Sie wollte -ihm danken für alles, was er an ihrem Friede getan -hatte und noch tun wollte, aber sie vermochte nur ein -paar Worte zu reden. Doch der alte Herr klopfte und -streichelte die Muhme herzlich und sagte: »So Gott -will, sehen wir uns noch oft, ehe unser Friede ein -Mann geworden ist.«</p> - -<p>»Und Gott geb's, daß er ein rechter Mann wird,« -flüsterte die alte Frau. »So einer wie sein Pflegevater,« -fügte sie ganz leise hinzu.</p> - -<p>Der Professor aber hatte es doch gehört. Er sah<span class="pagenum"><a id="Seite_p246">243</a></span> -der alten Frau in die guten Augen und sagte fest: -»So einer, der seiner Pflegemutter Ehre macht.«</p> - -<p>Von den andern hatte niemand auf das Zwiegespräch -geachtet. Die schwatzten, lachten und lärmten, -bis Friede Hopserling »hüh hott« rief und die beiden -Wagen davonrollten. Bis Wiesental etwa ging's noch -laut in den Wagen zu, dann wurde es still und stiller. -Ein Kind nach dem anderen schlief ein; zuletzt wachten -außer den Kutschern nur noch Muhme Lenelies und -Friede. Die sahen beide, wie der Mond groß und rot -über den Bergen emporstieg. Dann sahen sie, wie sein -Licht in den Wald eindrang, sie hörten das Rauschen -der Bäume und hin und wieder den verschlafenen Schrei -eines Vogels. Manchmal kletterte auch Friede Hopserling -vom Wagen herunter und schaute nach, ob noch -alle da waren, ob nicht eins im Begriff war hinauszufallen. -»Die bringen alles fertig,« dachte er und -stopfte kräftig ein vorwitziges Bubenbein in den Wagen -zurück. Reden tat er nicht dabei, und auch der Schulzenknecht, -der den andern Wagen führte, störte die Muhme -und ihren Pflegesohn nicht im traulichen Zwiegespräch.</p> - -<p>»Möchtest du auch zum Zirkus gehen?« fragte -Muhme Lenelies den Buben lächelnd.</p> - -<p>»Nein!« Der schüttelte den blonden Kopf und -schmiegte sich fest an die treue alte Freundin an. -»Muhme Lenelies, weißt du, weit in die Welt hinein<span class="pagenum"><a id="Seite_p247">244</a></span> -reisen möchte ich einmal wie der Herr Professor. Griechenland -möchte ich sehen und viele, viele fremde Länder und -viel, viel lernen und – –.« Traumfriede wollte noch -viel; große Taten wollte er vollbringen, Schönes, Gutes -tun, alles wollte er. Nur die alte Muhme und der -Heimatwald hörten, was er alles wollte, sann und dachte. -Knabenträume waren es, aber Muhme Lenelies dachte -bei diesen Träumen doch: »Vielleicht wird mein Friede -noch einmal einer, dessen Name einst die Welt mit Stolz -und Freude nennt. Warum soll in einem kleinen Dorf -wie Oberheudorf nicht auch ein großer Mann geboren -werden, ja warum nicht?«</p> - -<div class="figcenter"> -<img src="images/illu-244.png" alt="" /> -</div> - -<hr class="chap" /> -<p> </p> - -<div class="chapter"></div> - -<div class="transnote" id="tnextra"> - -<p class="h2">Weitere Anmerkungen zur Transkription</p> - -<p>Offensichtlich fehlerhafte Zeichensetzung wurde stillschweigend korrigiert.</p> - -<p>Korrekturen:</p> - -<div class="corr"> -<p> -S. 44: Nachbargarten im Scan unlesbar.<br /> -starrte in den <a href="#corr044">Nachbargarten</a> hinunter und dachte</p> -<p> -S. 90: emfing → empfing<br /> -denn der Professor <a href="#corr090">empfing</a> die Kinder so freundlich</p> -<p> -S. 164: leuchete → leuchtete<br /> -In Friedes Augen <a href="#corr164">leuchtete</a> es auf</p> -<p> -S. 166: im → ihm<br /> -die große Wurst sauste <a href="#corr166">ihm</a> plötzlich an den Magen</p> -<p> -S. 237: ihn → ihm<br /> -bis <a href="#corr237">ihm</a> der Stallmeister ein »Halt« zurief</p> -<p> -S. 242: Hosperling → Hopserling<br /> -und Friede <a href="#corr242">Hopserling</a> riet ihnen</p> -</div> -</div> - -<p> </p> -<hr class="pg" /> -<p>***END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK DIE OBERHEUDORFER IN DER STADT***</p> -<p>******* This file should be named 50136-h.htm or 50136-h.zip *******</p> -<p>This and all associated files of various formats will be found in:<br /> -<a href="http://www.gutenberg.org/dirs/5/0/1/3/50136">http://www.gutenberg.org/5/0/1/3/50136</a></p> -<p> -Updated editions will replace the previous one--the old editions will -be renamed.</p> - -<p>Creating the works from print editions not protected by U.S. copyright -law means that no one owns a United States copyright in these works, -so the Foundation (and you!) can copy and distribute it in the United -States without permission and without paying copyright -royalties. 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Information about the Project Gutenberg -Literary Archive Foundation</h3> - -<p>The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit -501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the -state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal -Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification -number is 64-6221541. Contributions to the Project Gutenberg Literary -Archive Foundation are tax deductible to the full extent permitted by -U.S. federal laws and your state's laws.</p> - -<p>The Foundation's principal office is in Fairbanks, Alaska, with the -mailing address: PO Box 750175, Fairbanks, AK 99775, but its -volunteers and employees are scattered throughout numerous -locations. Its business office is located at 809 North 1500 West, Salt -Lake City, UT 84116, (801) 596-1887. Email contact links and up to -date contact information can be found at the Foundation's web site and -official page at www.gutenberg.org/contact</p> - -<p>For additional contact information:</p> - -<p> Dr. Gregory B. Newby<br /> - Chief Executive and Director<br /> - gbnewby@pglaf.org</p> - -<h3>Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg -Literary Archive Foundation</h3> - -<p>Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide -spread public support and donations to carry out its mission of -increasing the number of public domain and licensed works that can be -freely distributed in machine readable form accessible by the widest -array of equipment including outdated equipment. Many small donations -($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt -status with the IRS.</p> - -<p>The Foundation is committed to complying with the laws regulating -charities and charitable donations in all 50 states of the United -States. Compliance requirements are not uniform and it takes a -considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up -with these requirements. We do not solicit donations in locations -where we have not received written confirmation of compliance. To SEND -DONATIONS or determine the status of compliance for any particular -state visit <a href="http://www.gutenberg.org/donate">www.gutenberg.org/donate</a>.</p> - -<p>While we cannot and do not solicit contributions from states where we -have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition -against accepting unsolicited donations from donors in such states who -approach us with offers to donate.</p> - -<p>International donations are gratefully accepted, but we cannot make -any statements concerning tax treatment of donations received from -outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff.</p> - -<p>Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation -methods and addresses. Donations are accepted in a number of other -ways including checks, online payments and credit card donations. To -donate, please visit: www.gutenberg.org/donate</p> - -<h3>Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic works.</h3> - -<p>Professor Michael S. Hart was the originator of the Project -Gutenberg-tm concept of a library of electronic works that could be -freely shared with anyone. For forty years, he produced and -distributed Project Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of -volunteer support.</p> - -<p>Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed -editions, all of which are confirmed as not protected by copyright in -the U.S. unless a copyright notice is included. Thus, we do not -necessarily keep eBooks in compliance with any particular paper -edition.</p> - -<p>Most people start at our Web site which has the main PG search -facility: www.gutenberg.org</p> - -<p>This Web site includes information about Project Gutenberg-tm, -including how to make donations to the Project Gutenberg Literary -Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to -subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks.</p> - -</body> -</html> - diff --git a/old/50136-h/images/cover.jpg b/old/50136-h/images/cover.jpg Binary files differdeleted file mode 100644 index 4825b30..0000000 --- a/old/50136-h/images/cover.jpg +++ /dev/null diff --git a/old/50136-h/images/illu-001.png b/old/50136-h/images/illu-001.png Binary files differdeleted file mode 100644 index 38954de..0000000 --- a/old/50136-h/images/illu-001.png +++ /dev/null diff --git a/old/50136-h/images/illu-005.png b/old/50136-h/images/illu-005.png Binary files differdeleted file mode 100644 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