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-The Project Gutenberg eBook, Die Oberheudorfer in der Stadt, by Josephine
-Siebe, Illustrated by Karl Schmauk
-
-
-This eBook is for the use of anyone anywhere in the United States and most
-other parts of the world at no cost and with almost no restrictions
-whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it under the terms of
-the Project Gutenberg License included with this eBook or online at
-www.gutenberg.org. If you are not located in the United States, you'll have
-to check the laws of the country where you are located before using this ebook.
-
-
-
-
-Title: Die Oberheudorfer in der Stadt
- Allerlei heitere Geschichten von den Oberheudorfer Buben und Mädeln
-
-
-Author: Josephine Siebe
-
-
-
-Release Date: October 5, 2015 [eBook #50136]
-
-Language: German
-
-Character set encoding: UTF-8
-
-
-***START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK DIE OBERHEUDORFER IN DER STADT***
-
-
-E-text prepared by Norbert H. Langkau and the Online Distributed
-Proofreading Team (http://www.pgdp.net)
-
-
-
-Note: Project Gutenberg also has an HTML version of this
- file which includes the original illustrations.
- See 50136-h.htm or 50136-h.zip:
- (http://www.gutenberg.org/files/50136/50136-h/50136-h.htm)
- or
- (http://www.gutenberg.org/files/50136/50136-h.zip)
-
-
-Anmerkungen zur Transkription
-
- Im Original gesperrter Text ist +so ausgezeichnet+.
-
- Weitere Anmerkungen zur Transkription finden sich am Ende des
- Buches.
-
-
-
-
-
-[Illustration: Die Oberheudorfer in der Stadt]
-
-
-Die Oberheudorfer
-
-in der Stadt
-
-[Illustration]
-
-Allerlei heitere Geschichten
-von den Oberheudorfer Buben und Mädeln
-
-von
-
-JOSEPHINE SIEBE
-
-Mit vier farbigen Vollbildern und zahlreichen Textillustrationen
-von +Karl Schmauk+
-
-
-
-
-
-
-
-[Illustration]
-
-Stuttgart
-+Verlag von Levy & Müller+
-
-Nachdruck verboten.
-Alle Rechte, insbesondere das Übersetzungsrecht, vorbehalten.
-
-Druck vom Chr. Verlagshaus in Stuttgart.
-
-
-
-
-Inhalt.
-
-
- Seite
-
- Auf dem Johannesplan 1
-
- Traumfriedes Abschied 10
-
- Die Grünmützen von Feldburg 25
-
- Ein böser Tag 38
-
- Heine Peterles Brief 58
-
- Eine Stadtfahrt 71
-
- Verkehrte Gedanken 110
-
- Das Abenteuer im Schloß 126
-
- Der kleine Teufel hilft Fräulein
- Wunderlich über die Dornenhecke 147
-
- Allerlei Geschenke, und was aus ihnen wird 163
-
- Die Denkmalsbuben von Schwipperlingen 178
-
- Sommerferienlust 203
-
- Im Zirkus 225
-
-[Illustration]
-
-
-
-
-[Illustration]
-
-Auf dem Johannesplan.
-
-
-Auf den Stufen, die zu der altersgrauen Stadtkirche von Feldburg
-emporführten, saßen drei Kinder: zwei Buben und ein Mädel. Es war just
-um die Zeit, da es die Blumen schrecklich langweilig finden, immer warm
-und wohlbehütet im braunen Erdbettchen zu liegen, und lieber hinaus
-wollen, um die Sonne zu sehen und den blauen Himmel. Auch die drei
-Kinder ließen sich die Frühlingssonne behaglich auf die Nasen scheinen.
-Mit untergeschlagenen Armen und weit vorgestreckten Füßen saßen die
-drei da und schauten unverwandt nach einem kleinen Haus hinüber, das
-in einem Winkel lag. An dem Haus war eigentlich nicht viel zu sehen.
-Es war das unscheinbarste und kleinste am Johannesplan -- so wurde
-der Kirchplatz genannt. Ein bissel schüchtern und schief stand es in
-seinem Eckchen, zwei vornehme Nachbarn zur Seite. Links wurde es von
-dem Schulhof des Gymnasiums begrenzt, zur rechten Seite stand ein
-prächtiges, altertümliches Haus. Recht vornehm, ja beinahe hochmütig
-sah das aus; seine Fenster waren fest verschlossen und verhüllt, und
-über dem breiten Tor trug es ein großes steinernes Wappen.
-
-»Es ist noch immer zu,« sagte das eine Mädel und warf einen flüchtigen
-Blick auf die verhängten Fenster des großen Hauses. Die Kleine seufzte,
-und da keiner der Buben etwas sagte, begann sie wieder: »Ich möchte nur
-wissen, wann er kommt!«
-
-»Wer?« fragte der eine Junge kurz, »der Professor oder der Junge aus
-Oberheudorf?«
-
-»Natürlich der Junge!« rief das Mädel, verwundert, daß der Gefährte
-überhaupt fragen konnte.
-
-Der, ein stämmiger, hellblonder Junge, dem eine kleine, lustige
-Himmelfahrtsnase keck im runden Gesicht stand, brummte etwas mürrisch:
-»Du bist ganz verdreht mit deinem Oberheudorfer Jungen, Füchslein. Wer
-weiß, was du gehört hast!«
-
-»Ich habe schon recht gehört; Fräulein Wunderlich hat es meiner Mutter
-erzählt, sie bekämen einen Jungen aus Oberheudorf in Pension, für den
-der Graf Dachhausen alles bezahle. Freilich, das Warten ist langweilig.«
-
-Die Kleine stand auf und rekelte sich. Sie war ein feines, hübsches
-Ding mit einem Paar rotblonder Zöpfe und braunen, lachenden Augen. Um
-der roten Haare willen nannten ihr Bruder Ulrich und ihr Freund Jobst
-sie »das Füchslein«; der Neckname kränkte sie aber nicht, ja sie war
-schon so daran gewöhnt, daß sie fast erstaunt war, wenn sie einmal
-jemand mit ihrem Taufnamen Marianne ansprach.
-
-»Sei nicht so ungeduldig!« knurrte Ulli und sah gelassen weiter nach
-dem Häuschen hinüber. Einmal würde ja dort die Türe aufgehen, und er,
-Ulrich Sonntag, hatte das Warten gelernt. So rasch und flink in Wort
-und Tat das Füchslein war, so langsam und bedächtig war ihr Bruder
-Ulli. Dem spazierte jedes Wort immer fein sacht aus dem Munde heraus,
-und die Schwester sagte manchmal ungeduldig: »Du sagst aber auch erst
-zu Mittag guten Morgen, so lange dauert es bei dir!«
-
-»Ist besser, als vor Eifer mit der Nase in die Suppenschüssel fallen,«
-gab dann wohl der Bruder zurück. Da lachte die Schwester, und die
-beiden waren wieder die allerbesten Freunde; langes Bösesein kannten
-sie nicht.
-
-»Jetzt wird die Türe aufgemacht,« schrie Marianne Sonntag plötzlich.
-»Vater Wunderlich ist's, der sagt uns, ob der Junge wirklich kommt.«
-Sie schnellte auf und raste über den Platz nach dem kleinen Haus
-hinüber, aus dem jetzt ein alter Herr trat. Jobst rannte der Freundin
-nach, Ulrich aber blieb sitzen, er dachte gelassen: »Sie werden schon
-herüber kommen.«
-
-Sie kamen auch wirklich, denn Herr Matthias Wunderlich wollte in die
-Kirche gehen. Das Füchslein hing an seinem Arm und schwatzte: »Vater
-Wunderlich, ist das wahr, kommt ein Junge aus Oberheudorf zu dir, und
-ist das der, von dem mein Onkel Doktor sagt, er wäre ein kleiner Held,
-weil er einmal im Winter bei Gewitter -- -- --«
-
-»Aber Füchslein,« rief Jobst lachend, »bei einem Schneesturm war es
-doch.«
-
-»Ach ja, das meine ich doch auch,« sagte Marianne verlegen. Sie redete
-nämlich mitunter wirklich so geschwind, daß etwas anderes herauskam,
-als sie sagen wollte.
-
-Der Organist hatte es aber doch verstanden, und just am Fuße der
-Treppe, so daß Ulli die Antwort hören konnte, erwiderte er freundlich:
-»Ich weiß schon, was du meinst, Mädel. Ja, das ist der Junge, der
-einmal, um Medizin für seine kranke Pflegemutter zu holen, den weiten
-Weg von Oberheudorf bis hierher gelaufen ist; er wäre ja damals beinahe
-im Schnee umgekommen!«
-
-»Und was will er hier, warum kommt er her?« rief das Füchslein und
-hielt den alten Mann fest, der gerade den riesigen Schlüssel in das
-Schloß der Kirchtüre stecken wollte.
-
-»Lernen soll er hier, auf das Gymnasium gehen.«
-
-[Illustration]
-
-»Ein Junge aus 'nem Dorf auf das Gymnasium?« schrie Jobst und sah so
-hochmütig drein, als wäre Gymnasiastsein die höchste Würde.
-
-»Warum nicht, wenn er gut lernt?« Vater Wunderlich schaute Jobst von
-Hellfeld mit seinen klaren, guten Augen ernst an. »Dieser Friede, der
-zu mir kommt, ist ein armer Waisenjunge, und wenn man den auf das
-Gymnasium schickt, muß er doch schon ein besonders fleißiger Bube sein!«
-
-»Ich bin schrecklich neugierig auf ihn,« versicherte das Füchslein
-eifrig, »o so neugierig! Wann kommt er denn, und wie heißt er weiter,
-und warum kommt er gerade zu dir, Vater Wunderlich, und wie sieht er
-aus?«
-
-»Wie er aussieht, wirst du ja sehen. Zu mir kommt er, weil der Lehrer
-in Oberheudorf mich kennt; der bat mich auch, den Jungen wenigstens auf
-ein halbes Jahr zu nehmen, bis er sich etwas an die Stadt gewöhnt hat.«
-
-»Wenn -- -- wenn -- -- er sich aber draußen nicht die Schuhe
-abstreicht?« fragte Füchslein ganz ängstlich.
-
-Fräulein Wunderlich war nämlich als sehr ordnungsliebend bekannt, und
-fast jedes Kind, das in das Haus kam, hatte schon tüchtige Schelte
-bekommen wegen unsauberer Schuhe, nasser Regenschirme und dergleichen.
-Einen Schmutztaps auf den weißgescheuerten Treppen konnte das Fräulein
-nicht vertragen. Und dabei kamen viele Kinder in das Haus, denn der
-Organist Wunderlich war ein sehr gesuchter Musiklehrer.
-
-»Dann wird sie wohl schelten,« sagte der alte Mann und seufzte ein
-klein wenig bei des Füchsleins ängstlicher Frage. »Aber nun laß mich
-los, Kind, ich muß in die Kirche gehen, meine Orgel verlangt nach mir.«
-
-»Ach bitte, bitte,« flehte Marianne und hielt den Organisten ganz fest,
-»sage mir noch, liebster, bester Vater Wunderlich, wird wirklich über
-die Oberheudorfer Kinder ein Buch geschrieben?«
-
-Der alte Herr lachte: »Ja, man sagt so, Kind. Die Oberheudorfer meinen,
-ihre Kinder machten so viele dumme und lustige Streiche, daß man gleich
-ein paar Bücher davon schreiben könnte. Und wahr ist's ja: wie mein
-künftiger Pflegesohn zu seiner Pflegemutter gekommen ist, und daß man
-ihn hierher schickt auf das Gymnasium, das sind lauter lustige und auch
-ein bißchen ernsthafte Geschichten.«
-
-»Ach, ich verhungere schon vor Neugier auf den Jungen,« rief das
-Füchslein, »wäre er doch erst da!«
-
-»Abwarten und Tee trinken, sagte meine Mutter schon.« Vater Wunderlich
-hatte nun wirklich die Kirchentüre aufgeschlossen. Er befreite sich
-von Mariannes Händchen, nickte den Kindern freundlich zu und trat in
-die Kirche. Sonst schlüpften die drei ihm gerne nach und lauschten
-still auf einer Bank den schönen Klängen der Orgel; heute waren sie,
-besonders das Füchslein, zu ungeduldig. »Ich muß essen,« sagte das
-Mädel seufzend; »wenn ich warten muß, fährt's mir allemal in den
-Magen.«
-
-Die Buben waren damit einverstanden, ihr Vesperbrot zu verzehren.
-Hunger hatten sie immer, und ob der von der Neugierde oder von der
-Ungeduld kam, war ihnen gleichgültig, Hunger ist Hunger.
-
-Während alle drei schmausten, redete das Füchslein wieder von dem
-Oberheudorfer Jungen. In dem Hause der Sonntags -- es war ein altes,
-wohlhabendes Kaufmannshaus -- diente ein Mädchen, das aus Berenbach
-bei Oberheudorf stammte. Diese Katerliese -- sie hieß Katharina Luise
-und wurde von den Kindern einfach Katerliese genannt -- hatte viel von
-dem freundlichen Dorf erzählt, von den Bergen, Wäldern und Tälern der
-Heimat; ihrer Meinung nach gab es nichts Schöneres auf der Welt als
-Berenbach und Oberheudorf. Sie pflegte zu sagen: »Die Oberheudorfer
-sind was Besonderes; was wo anders eine Dummheit ist, wird bei ihnen
-eine lustige Geschichte.«
-
-»Katerliese sagt,« begann Marianne gerade wieder zwischen Kauen und
-Schlucken, »in Oberheudorf -- --«
-
-»Nun sei schon damit still,« schrie Jobst von Hellfeld plötzlich, »du
-redest immer nur von Oberheudorf, und wie es meinen Kaninchen geht,
-danach fragst du nicht.«
-
-Das Füchslein lachte, schlang den Arm um den Freund und sagte neckend:
-»Tu doch nicht so, bist ja auch neugierig; aber erzähl', ist der neue
-Stall schon fertig?«
-
-Während die Kinder draußen auf der Kirchentreppe im Sonnenschein
-saßen und von den Kaninchen, Ullis Schildkröten, Oberheudorf und der
-Schule, die am Mittwoch beginnen sollte, plauderten, saß drinnen
-Herr Wunderlich an seiner Orgel und spielte leise; nur mit halben
-Gedanken war er beim Spiel. Dem freundlichen alten Manne war das Herz
-ein bißchen schwer. Als sein Verwandter, der Lehrer von Oberheudorf,
-ihn gefragt, ob er wohl für einige Zeit einen Buben in sein Haus
-aufnehmen wollte, hatte er gleich zugesagt. Was er von diesem Friede
-hörte, gefiel ihm sehr; er dachte, der würde ein recht guter,
-kleiner Hausgenosse sein. Ein braver, fleißiger Junge sollte dieser
-Friede sein, ein armes Waisenkind, dem sie im Dorf alle herzlich die
-Freistelle am Gymnasium in Feldburg gönnten, ihm und seiner braven
-Pflegemutter. So gern Herr Wunderlich ja gesagt hatte, so ungern tat es
-nachher seine Schwester; die seufzte von früh bis abends: »Der Junge
-wird uns eine rechte Last sein.«
-
-Hörte sie jetzt von einer Bubendummheit, dann sagte sie gewiß: »So
-was wird der Friede auch anstellen!« Kamen mit Lärm und Geschrei die
-Gymnasiasten über den Johannesplan, dann seufzte sie: »Bald wird in
-unserem Haus auch solcher Lärm sein!«
-
-Das Fräulein war eigentlich nicht böse, nur sehr heftig und leicht
-erzürnt, auch wollte sie immer recht behalten. Weil sie nun von Anfang
-an gesagt hatte, ein Bube passe nicht in ihr stilles Haus, darum sagte
-sie das jetzt täglich, früh, mittags und abends. »Hoffentlich geht es
-gut aus,« seufzte Herr Wunderlich an seiner Orgel. »Ich wollte beinahe,
-der Junge bliebe in Oberheudorf.«
-
-
-
-
-[Illustration]
-
-Traumfriedes Abschied.
-
-
-Just um die gleiche Zeit, da die drei Kinder auf der Kirchentreppe von
-Feldburg von dem Oberheudorfer Jungen sprachen, der zu Vater Wunderlich
-kommen sollte, ging dieser Bube in seinem Heimatort von Haus zu Haus,
-um Abschied zu nehmen. Traumfriede nannte man den schlanken, blonden
-Jungen im kleinen Dorf zum Unterschied von ein paar gleichnamigen
-Genossen, dem dicken Friede und dem blauen Friede. An diesem Tage war
-der Traumfriede aber gar kein Träumer, er war vielmehr ganz wach und
-munter und sah jeden Menschen, jedes Haus, jeden Baum und Strauch an,
-als müßte er sich die Abbilder davon fest, fest in sein Herz einprägen.
-Zum Träumen ließen ihm aber auch seine Freunde und Freundinnen keine
-Zeit; ein ganzer Trupp lief mit ihm, und mitunter tat sich da und dort
-ein Fenster auf, und jemand sagte brummend: »Nä, die Kinder sind heute
-aber auch zu toll, sie tun ja gerade, als wäre Jahrmarkt, so einen Lärm
-machen sie.«
-
-[Illustration: Traumfriedes Abschied.]
-
-Die Kinder von Oberheudorf scherten sich kein bißchen um die
-ärgerlichen Zurufe und Verbote; sie meinten heute ein Recht zu haben,
-sehr laut zu sein. Es war doch keine Kleinigkeit, wenn auf einmal ein
-Dorfbube, dazu noch ein armer Waisenjunge, plötzlich in die Stadt
-ziehen sollte, um dort ein Gymnasiast zu werden. Schon das Wort
-klang so feierlich. Die meisten Kinder konnten es gar nicht richtig
-aussprechen, und Anton Friedlich hatte es flugs umgeändert und sagte:
-»Kimm na'm Ast.« Und merkwürdigerweise merkten sich diesen Namen
-alle Buben und Mädel ausgezeichnet. Also ein »Kimm na'm Ast« sollte
-Traumfriede werden und später ein Student, -- und da sollen seine
-Kameraden nicht schreien und laut schwatzen am letzten Tag? Na, das
-wäre doch wirklich etwas viel verlangt gewesen! Es gab auch vor jedem
-Haus einen kleinen Aufstand. Während der Bube hineinging und Abschied
-nahm, redeten die Kinder laut von der Stadt, und ob Traumfriede drinnen
-im Bauernhaus wohl etwas geschenkt bekommen würde. Denn fürs Schenken
--- sie mußten aber die Beschenkten sein -- waren die Oberheudorfer
-Kinder alle sehr eingenommen.
-
-Sie standen alle zusammen, die ungefähr in Friedes Alter waren.
-Schulzens Jakob, seine Schwester Röse, Annchen Amsee, Anton Friedlich,
-Schnipfelbauers Fritz und Krämers Trude. Natürlich fehlten weder der
-dicke noch der blaue Friede, die beiden mußten doch ihren Namensvetter
-begleiten. Und Heine Peterle war auch da, der erst recht. Mit einem so
-wütenden Gesicht ging der einher, als hätte er einen Krug voll Essig
-getrunken. »Nä, in die Stadt,« murrte er immerzu, »zu dumm, da ging ich
-nich rein!« Er versicherte dabei aber doch dem Traumfriede, er würde
-ihn besuchen, ganz gewiß.
-
-Heine Peterle dachte noch immer voll Entsetzen an den einzigen Tag
-zurück, den er einmal in der Stadt verlebt hatte. Zu dumm waren doch
-die Leute in der Stadt und gleich immer so grob! Nein, da war es doch
-in Oberheudorf viel, viel schöner, und ordentlich mitleidig schaute er
-den Traumfriede an, der gerade wieder aus einem Hause kam. Der Friede
-fühlte sich aber just gar nicht bemitleidenswert, sondern meinte, ihm
-gehe es recht gut auf der Welt. Überall bekam er freundliche Worte zu
-hören, wohl auch eine kleine Abschiedsgabe, und jeder sagte: »Aber
-gelt, wenn du heimkommst, siehst du bei mir ein, na, und vielleicht
-besuchen wir dich mal in der Stadt.«
-
-Ihn in der Stadt zu besuchen versprachen ihm auch alle seine Freunde
-und Freundinnen einmütig, Schulzens Jakob sagte sogar: »Kann sein, ich
-komme schon nächste Woche.«
-
-»Wenn's nämlich der Vater erlaubt,« fuhr seine Schwester Röse
-dazwischen, »der hat aber gesagt, mit der dummen Stadtfahrerei wär's
-nichts.«
-
-»Ha, meiner hat g'sagt, ich därf, wenn ich nur mal'n Einser bring',«
-schrie Anton Friedlich so stolz, als trüge er die Einser schockweis in
-der Hosentasche herum.
-
-»Dann wirst du wohl am Nimmermehrstag in die Stadt fahren,« kicherte
-Annchen Amsee, und die andern schrieen und lachten: »Du kommst aber fix
-hin!«
-
-Anton Friedlich war nämlich ein ausgemachter Faulpelz, und seine Einser
-hatten meist recht hübsche Querbalken und wurden Vierer genannt.
-Der Bube schrie aber doch ganz patzig: »Pah, werd' schon sehen, und
-vielleicht werd' ich auch noch mal'n Kimm na'm Ast.«
-
-So unter Geschwätz und Geschrei, Necken und Lachen hatte Traumfriede
-seine Abschiedsbesuche gemacht, und die Zeit, da die Bäuerinnen die
-Abendsuppe auftischten, war gekommen. Friede nahm am Dorfbrunnen
-Abschied von seinen Gefährten; ein wenig kurz und eilig ging es dabei
-zu, denn Friede war das Herz schwer, und er konnte nicht viel sagen.
-Die andern aber hatten sich alle vorgenommen, morgen vor Tau und Tag
-aufzustehen und dem Freund noch einmal Lebewohl zu sagen. Kaspar auf
-dem Berge, der Wirt zur himmelblauen Ente, wollte am nächsten Morgen um
-vier Uhr die Stadtfahrt antreten und Friede mitnehmen samt seinem recht
-bescheidenen Köfferlein.
-
-Als Traumfriede sich dem Häuslein der Muhme Lenelies, seiner
-Pflegemutter, näherte, sah er am Zaun dort Waldbauers Mariandel stehen.
-Das Mädel war vorangelaufen, um mit seinem guten Kameraden noch ein
-Weilchen zu schwatzen, und eifrig kam es ihm entgegen und erzählte, die
-Muhme habe Besuch, und mit dem Abendbrot sei es noch nicht so weit. Da
-liefen die Kinder den kleinen Nußberg hinauf, der über dem windschiefen
-Häuslein der Muhme anstieg, und oben setzten sie sich unter einen
-Haselbusch, der erst winzige, feine Blättchen hatte, und sprachen von
-Friedes künftigem Leben.
-
-»Und Pfingsten kommst du wieder in die Ferien heim,« sagte Mariandel,
-froh, daß Pfingsten so bald schon auf Ostern folgen sollte.
-
-Doch Friede schüttelte den Kopf: »Muhme Lenelies hat gesagt, so bald
-heimkommen gibt kein Geschick; vor den Sommerferien wird's nichts.«
-
-»Oh,« schrie Mariandel entsetzt, »meine Mutter meint, du würdest wohl
-oft auf Sonntag kommen.«
-
-»Die Muhme will's nicht, und der Herr Lehrer sagt auch, es wäre besser,
-ich lebte mich erst ordentlich in der Stadt ein, nur -- -- nur -- --
-wenn ich's mal gar nicht aushalten könnte vor Heimweh, dann dürfte ich
-kommen, aber das tue ich nicht -- -- weil's doch feig wär.«
-
-[Illustration]
-
-Mariandel schwieg betrübt, und die Kinder saßen still beisammen. Da
-tat sich auf einmal unten die Türe auf, und Muhme Lenelies trat heraus
-mit ihrem Gast: der Schulze war es selbst. Er war gekommen, um mit der
-alten Frau noch allerlei über ihren Pflegesohn zu sprechen, und als
-er jetzt aus dem Hause ging, sagte er -- und der Wind trug die Worte
-zu den Kindern auf dem Nußhügel empor --: »Nun vermahne Sie den Buben
-nur noch ordentlich scharf, Muhme, damit er unserm Dorf keine Schande
-macht in der Stadt und kein eingebildeter Zierbengel wird oder gar
-dumme Streiche macht. Eine tüchtige Predigt zum Abschied ist allemal
-gut, himmelangst muß es so'nem Bengel werden!«
-
-Friede wurde puterrot vor Entrüstung, und dem weichherzigen Mariandel
-kamen gleich die Tränen; es flüsterte: »Aber du bist doch brav und hast
-nichts getan!«
-
-»Sei still,« tuschelte Friede, denn Muhme Lenelies sprach unten, und
-in diesem Augenblick kam es dem Buben gar nicht in den Sinn, daß er
-eigentlich lauschte; es war ihm plötzlich so schwer und bang ums Herz
-geworden. Würde die Muhme auch denken, daß es nötig sei, ihn hart zu
-vermahnen?
-
-»Von so'ner Predigt halte ich nicht viel. Seht, so ein Kinderherz ist
-wie ein Garten im Frühling, man sät und pflanzt hinein und muß dann
-halt geduldig warten, ob alles blühen und reifen will. Man gießt immer
-achtsam, zieht ein Unkräutlein aus, aber viel hilft nicht immer viel,
-und wenn man den Garten überschwemmt, geht der Samen erst recht nicht
-auf. Alles mit Maßen, Schulze, und alles zu seiner Zeit. Ich habe an
-meinem Friede getan, was ich konnte, aber ihm heute den letzten Abend
-noch mit ellenlangen Ermahnungen verderben, das will ich lieber lassen;
-vergißt er mich und meine Worte, dann vergißt er auch die lange
-Predigt.«
-
-»Muhme Lenelies,« schrie Friede plötzlich oben unterm Nußstrauch und
-raste den Abhang hinab, »ich vergeß dich nicht, ich vergeß dich nie,
-und ich werde dir gewiß keine Schande machen.« Da hing er schon am
-Hals der alten Frau, und alles Abschiedsleid, das er bisher tapfer
-unterdrückt hatte, brach hervor; er weinte bitterlich und vergaß ganz,
-daß Buben immer meinen, ein paar Tränen zur rechten Stunde wären eine
-Schande.
-
-Über den Kopf des weinenden Jungen hinweg, den sie sacht streichelte,
-sah die Muhme mit ihren klugen, freundlichen Augen still den Schulzen
-an. Der nickte, schüttelte den Kopf und sagte endlich: »Weiß der
-Himmel, nä, Ihr seid doch ein ausnehmend kluges Weibsbild, Muhme. Hm,
-ja, na lebt wohl! Gib mir die Hand, Friede, und heule nicht, und das
-sage ich dir, wenn du mal vergißt, was du der Muhme verdankst, dann
-schlag' ich dir alle Knochen entzwei.«
-
-Damit ging der Schulze seinem Hause zu, und Friede hatte nun doch seine
-Abschiedspredigt erhalten. Sie kränkte ihn aber nicht und trübte nicht
-den stillen Frieden dieses letzten Abends. Die Muhme und ihr Pflegesohn
-sprachen fröhlich von den Tagen, die kommen sollten, und von denen, die
-vergangen waren. Waldbauers Mariandel hatte dableiben dürfen, und auf
-ihr Flehen erzählte Muhme Lenelies selbst die Geschichte, wie Friede
-einmal durch den Schornstein in ihren Suppentopf gefallen war. »Da
-biste mir gleich ins Herz gefallen, mein Junge,« schloß die alte Frau
-ihre Erzählung. »So, und nun bring das Mariandel heim, und dann gehst
-du zu Bett; morgen um vier fährt Kaspar auf dem Berge schon los, da
-heißt es früh aufstehen.«
-
-Ich werde sicher nicht schlafen, dachte Friede, als er zu Bett ging.
-Dann schlief er aber doch wie ein Murmeltier und mußte sich erst
-besinnen, was eigentlich für ein Tag sei, als die Muhme ihn weckte. Er
-war sogar noch ein bißchen verschlafen, als er im grauen Morgendämmern
--- denn die Sonne war noch gar nicht aufgegangen -- mit Muhme Lenelies
-vor der himmelblauen Ente anlangte. Dort schirrte gerade der Knecht
-die Pferde an, und eben trat auch der Wirt aus dem Haus und rief
-freundlich: »Na, da ist ja unser Städter! Nun man aufgesessen, eins,
-zwei, drei, und keinen langen Abschied.«
-
-Dafür war Muhme Lenelies auch nicht, sie umarmte noch einmal ihren
-Pflegesohn und sagte schlicht: »Zieh mit Gott,« und dann rollte der
-Wagen die Dorfstraße entlang. Die Muhme aber drehte sich um und
-kehrte rasch in ihr Häuschen zurück; es brauchte keiner zu sehen, wie
-bitterschwer ihr doch der Abschied wurde.
-
-Friede war es zumute, als träume er, als er so in der Frühmorgenstille
-durch das Dorf fuhr. Mal bellte ein Hund auf, da und dort krähte ein
-Hahn, und aus den Ställen klang das Gebrüll der Kühe, die gerade ihr
-erstes Frühstück bekamen. Hans Rumpf, der Nachtwächter, kam just
-verschlafen, noch ein paar Strohhalme am Rock, aus einer Scheune
-heraus; er war von dem Wagenrollen aufgewacht, worüber er eigentlich
-etwas ärgerlich war. Er hatte nun mal die Meinung, ein armer, geplagter
-Nachtwächter brauche vor allem einen ruhigen Nachtschlaf. Als Hans
-Rumpf aber sah, daß es Traumfriede war, der davonfuhr, rief er ihm
-freundlich zu: »Gute Reise, Musjeh Kimmnaschiaste, und halt dich brav
-in der Stadt, sonst kommt's gleich in der ganzen Welt rum, daß die
-Oberheudorfer nichts taugen.«
-
-»Na, er wird schon,« brummte Kaspar auf dem Berge. »Aber sag mal,
-Nachtwächter, wo sind denn die Kinder? Is doch zu kurios, daß auch
-nicht eine Bubennase zu sehen ist, nä, so was!«
-
-Hans Rumpf drehte sich eilig rundum, er sah rechts und links, sah in
-die Luft, auf die Erde, legte den Finger an die Nase und sagte endlich
-bedächtig: »Die haben's alle verschlafen!«
-
-Der Wirt lachte. »Dank schön für die Auskunft, die is mächtig klug. Hüh
-hott, wir woll'n bißchen rascher fahren!«
-
-Die Pferde trabten davon, und der Nachtwächter sah dem Wagen
-stolz nach. Ja freilich, er war mächtig klug; es ist schon was,
-herauszukriegen, daß es die Buben und Mädel verschlafen haben, wenn sie
-nicht zur rechten Zeit auf der Dorfstraße sind!
-
-Verschlafen hatten Friedes Freunde und Freundinnen das große Ereignis
-aber doch nicht, sondern sie waren alle putzmunter. Ganz leise und
-heimlich hatten sie sich wecken lassen, und ebenso leise und heimlich
-hatten sie sich aus den Häusern geschlichen, denn sie hatten sich
-miteinander eine Überraschung ausgedacht. Überraschungen fanden die
-Oberheudorfer Buben und Mädel immer sehr fein, wenn auch leider oft
-die Erwachsenen der Meinung waren, diese oder jene Überraschung wäre
-gar nicht so fein gewesen. Diesmal hatte Schulzes Jakob und der dicke
-Friede es gesagt, man müsse Traumfriede noch einen ganz besonders
-schönen Abschied bereiten. Natürlich waren alle Kinder einverstanden
-gewesen und waren sehr heimlich dabei zu Werke gegangen. Selbst
-Schuster Pechdraht, der doch sonst die Mäuslein pfeifen und das Gras
-wachsen hörte, hatte nichts gemerkt.
-
-Dem Traumfriede war es eigentlich ganz recht, als er niemand sah, von
-dem er noch einmal Abschied nehmen mußte. Ihm kam es doch recht schwer
-an, daß er nun die Heimat verlassen mußte. Den ganzen Winter hatte
-er fleißig gelernt beim Herrn Pfarrer und in der Schule und immer
-gedacht, es würde wunderschön sein, wenn er erst in der Stadt auf das
-Gymnasium gehen könnte. Nun auf einmal dachte er mit heimlicher Angst
-und Bangigkeit an die fremde Stadt, in der er außer dem Doktor, den er
-einst zu Muhme Lenelies geholt hatte, niemand kannte, niemand unter
-den vielen, vielen Menschen. Feldburg war zwar keine große Stadt. Wer
-in Berlin wohnte, sagte wohl: »Ach, so ein Nest!« dem Oberheudorfer
-Buben erschien diese kleine Stadt aber doch groß, fremd und ein wenig
-unheimlich.
-
-Schon war das letzte Haus von Oberheudorf erreicht, und Friede drehte
-sich gerade noch einmal um und schaute hinüber nach dem Häuschen
-der Pflegemutter, als ganz jäh aus dem Straßengraben lauter dunkle
-Gestalten aufsprangen. Von rechts und links tauchten sie auf, und
-plötzlich erhob sich ein wildes Geschrei. Kaspar auf dem Berge, der
-noch etwas verschlafen war, schrak auf seinem Bock zusammen und
-wußte gar nicht, ob er wachte oder träumte. Aber mehr noch als er
-erschraken seine beiden braunen Pferde; denen kam die ganze Sache
-höchst unheimlich vor, und da Ausreißen ihnen in solchen Fällen gut und
-nützlich erschien, rissen sie eben aus.
-
-Heidi ging es wie die wilde Jagd davon. Kaspar auf dem Wege schrie
-laut: »Halt, halt, halt!« und Friede umklammerte angstvoll seine
-kleine Reisetasche, die seine wenigen Habseligkeiten enthielt.
-
-Es ging bergab in wildem Galopp. Einmal schwankte der Wagen nach
-rechts, einmal nach links; ein Stein kam, hopp flog der Wagen hoch, nun
-kam ein Loch im Wege, und plumps fiel Friede mit der Nase vornüber.
-Die Sache wäre vielleicht schlimm ausgegangen, wenn der Weg statt
-bergab zur Abwechslung nicht einmal bergauf gelaufen wäre. Da wurde den
-Pferden das Ausreißen zu beschwerlich, und sie blieben einfach stehen
-und ruhten sich etwas aus.
-
-»Potzhundert noch mal, diese Rasselbande!« schalt Kaspar auf dem Berge
-wütend. Er kletterte vom Bock und brachte das verwirrte Geschirr
-in Ordnung; dabei sah er Friede ingrimmig an und schrie: »Mit der
-Rasselbande meine ich deine lieben Kameraden, Musjeh! Nä, sag mir mal,
-was haben die vor Tau und Tag im Straßengraben zu sitzen und so'n
-Geschrei zu machen?«
-
-»Ich weiß doch nicht,« stammelte Friede, der noch ganz verdattert war,
-»aber ich glaub' -- -- ich glaub', das sollte zum Abschied für mich
-sein.«
-
-»Wa--as?« Der Wirt sah den Buben groß an, dann brach er in ein
-dröhnendes Lachen aus. »Is gut, is sehr gut, nä wirklich, wenn's auf
-die Dummheiten ankommt, dann stehen unsere Mädel und Buben immer
-an erster Stelle. 'n bißchen geschwind ist das ja nun man mit dem
-Abschied gegangen, und ich gäb' was drum, wenn ich die dummen Gesichter
-sehen könnte, mit denen sie jetzt im Straßengraben sitzen. Na, nu hüh
-hott, jetzt woll'n wir mal 'n bißchen langsamer nach der Stadt fahren.«
-
-Die Oberheudorfer Buben und Mädel saßen inzwischen wirklich mit
-reichlich dummen Gesichtern im Straßengraben. Sie hatten sich die
-Geschichte aber doch so wunderschön ausgedacht! Mit Gesang hatten
-sie Traumfriede ein Stück begleiten wollen und hatten gemeint, der
-würde glückselig sein vor Überraschung, wenn sie alle aus dem Graben
-sprängen. Sie hatten sich dazu in zwei Hälften geteilt, in die rechten
-und in die linken Straßengräbler; vorher hatten sie es aber leider
-vergessen, sich das Lied zu sagen, das sie singen wollten. So fingen
-die von rechts mit: »Heil dir im Siegerkranz --« an und die von
-links mit: »Das Wandern ist des Müllers Lust.« Das stimmte nicht gut
-zusammen, und weil ein paar Buben, die nicht singen konnten, noch hurra
-dazwischen brüllten, klang der Gesang schon etwas wüst, und es war
-Kaspars Braunen nicht übel zu nehmen, daß sie lieber ausrissen, anstatt
-zuzuhören.
-
-»So'ne albernen Pferde,« brummte Heine Peterle wütend. Annchen Amsee
-und Waldbauers Mariandel heulten aber plötzlich laut los: »Friede fällt
-runter, und denn ist er tot, huhuhu!«
-
-»Huhuhu, huhuhu,« heulten ein paar andere Mädel mit. Die Buben
-schalten, das wäre Unsinn, aber ganz wohl war ihnen auch nicht
-zumute, und zuletzt zogen alle zusammen heulend und schreiend in das
-morgenstille Dorf hinein.
-
-Da gab es nun eine Aufregung! Jene, die an diesem Morgen noch
-schliefen, wurden unsanft geweckt, und der Ruf: »Kaspar auf dem Berge
-ist mit seinem Wagen verunglückt,« verbreitete sich rasch im Dorf. Die
-Besonnenen meinten freilich, es würde wohl nicht so schlimm sein, und
-der Wirt käme schon mit seinen Pferden zurecht, aber sie riefen doch,
-man müsse ihm jemand nachschicken. Der Schulze gab in aller Eile seinem
-Jakob einen Katzenkopf: »Dummer Junge, was stellt ihr aber auch immer
-an!«
-
-Der Schulze und der Schnipfelbauer ritten wirklich dem Wirt nach.
-Ein Viertelstündchen hinter dem Dorf aber trafen sie den Waldwärter
-Leberecht Sperling, der ihnen erzählte, Kaspar auf dem Berge sei ganz
-vergnügt an ihm vorbeigefahren. Da kehrten die beiden Helfer um, und
-man freute sich im Dorf, daß kein Unglück geschehen war. Weil die
-Kinder inzwischen aber so viele drohende »Nachhers« und »Wartenur«
-gehört hatten, machten sie es nun den Pferden des Gastwirts nach und
-rissen auch aus. Hui! waren sie weg, dorthin und dahin gelaufen, bis
-die Schulglocke ertönte -- denn in Oberheudorf waren die Osterferien
-kürzer als in der Stadt --, und Hans Rumpf, der Nachtwächter, wieder
-mal sagen konnte: »Na, endlich sind sie wieder untergebracht; so'ne
-Schule ist doch was Gutes, namentlich wenn die Kinder erst drin sind!«
-
-Muhme Lenelies hatte von allem Lärm und Geschrei nichts vernommen. Sie
-saß still in ihrem etwas abseits liegenden Häuschen, und ihre guten,
-sorgenden Gedanken gingen ihrem Pflegesohn nach: jetzt war er da, jetzt
-fuhr er durch den Wald, nun wohl den Hohlweg entlang, und als ihre Uhr
-die Stunde anzeigte, da vor den Reisenden das Städtchen aufsteigen
-mußte, sagte die alte Frau still und fromm vor sich hin: »Gottes Segen
-mit dir, mein Herzensjunge!«
-
-
-
-
-[Illustration]
-
-Die Grünmützen von Feldburg.
-
-
-»So, da wär'n wir ja,« sagte Kaspar auf dem Berge, als die ersten
-Stadthäuser vor seinen Blicken auftauchten. »Sitz gerade Bub und
-halt die Nase hoch! In der Stadt muß man reputierlich auftreten, sie
-heißen's hier Manieren.«
-
-Er selbst reckte und streckte sich nach dieser Ermahnung, schnalzte mit
-der Peitsche und fuhr sehr stolz mit seinem mit Säcken, Butter und
-Eierkästen beladenen Wäglein in der Stadt ein. Er wollte es den Leuten
-da schon zeigen, was der Gastwirt aus Oberheudorf für ein gewichtiger
-Mann sei.
-
-Friede schaute sich mit großen Augen um. Da war er nun in der Stadt,
-die er nur einmal im Winterschnee gesehen hatte, und in der er jetzt
-viele, viele Jahre wohnen sollte. Das Herz klopfte ihm stark, und er
-sah jedes Haus, an dem der Wagen vorbeirollte, so genau an, als müßte
-er gleich in alle Stuben hineinsehen und die Menschen betrachten, die
-darin wohnten. In der Vorstadt gab es freundliche, helle Häuser, die in
-großen oder kleinen Gärten lagen; je weiter in die Stadt hinein aber
-Friede kam, desto enger wurden die Straßen. Da gab es schmale Gäßlein
-mit uralten, spitzgiebeligen Häusern; ein dicker, grauer Turm erhob
-sich am Ende der Vorstadt, an ihm lehnte noch ein Stück zerbröckelte
-Stadtmauer, und darüber hatte der Efeu ein immergrünes Tuch gespannt.
-
-»Ich fahre dich vors Organistenhaus,« erklärte Kaspar auf dem Berge,
-»es hat ein besseres Ansehen, wenn einer angefahren kommt.« Er klopfte
-dem Buben freundlich auf die Schulter: »Gelt ja, wir zwei beide wollen
-es den Städtern schon zeigen, was zwei rechte Oberheudorfer sind!«
-
-Freundlich nickte er nach rechts und links und brummte dann: »Das ist
-nu so'ne dumme städtische Mode, daß sie nicht recht guten Tag sagen
-können.«
-
-Das Wäglein rasselte und rumpelte durch die Straßen; nun ging es ein
-wenig bergauf, der Johannesplan war erreicht, und die alte Stadtkirche
-mit ihren schönen Portalen und den spitzen, schlanken Türmen erhob sich
-vor den beiden.
-
-Über den Kirchplatz liefen just um diese Stunde eine Anzahl Buben, ein
-paar davon in Friedes Alter, die andern etwas größer. Sie trugen alle
-grasgrüne Mützen und sahen an diesem Morgen alle miteinander aus, als
-wären sie ganz aufgelegt zu lustigen Streichen. Es waren Gymnasiasten,
-die an dem letzten Ferientag sich mit ein paar Lehrern und Mitschülern
-auf dem Schulhof treffen wollten, um einen Ausflug zu machen.
-
-Die Buben kamen sehr eilfertig heran; sie rannten beinahe Kaspar auf
-dem Berge mit seinem Wagen um.
-
-»He, nicht so hitzig!« schrie Kaspar auf dem Berge. »Sagt mir lieber,
-Buben, wo wohnt der Herr Organist Wunderlich? Ich bringe den Friede aus
-Oberheudorf.«
-
-Die Buben blieben lachend stehen, und ein schlanker, langer Junge sagte
-spöttisch und keck: »Nein, wie nett, daß Sie aus Oberheudorf sind.«
-
-»Gelt ja, das ist schon was,« nickte der dicke Wirt. »Aber du meine
-Güte, warum habt ihr denn alle so grasgrüne Mützen auf? Die reinen
-Laubfrösche!«
-
-»Holla!« schrieen ein paar Buben empört, »wir sind keine Laubfrösche,
-wir sind Gymnasiasten.«
-
-»Ih nä,« rief der Wirt vergnügt und gab Friede einen kleinen
-Rippenstoß, »sieh doch, Friede, das sind nun alles deine Kameraden.
-Gib'n die Hand, sieh nicht so dämlich drein, Bub!«
-
-»Was, der Bauernbengel will ein Gymnasiast sein?« rief der lange Junge
-wieder.
-
-»Na freilich,« Kaspar grinste vergnügt, »der Friede Heller ist's doch
-aus Oberheudorf, der Muhme Lenelies ihr Friede. Gelt, ihr habt euch
-schon recht auf'n gefreut?«
-
-Die Jungen brachen in ein lautes Gelächter aus. Der dicke Wirt und der
-blonde Junge, der vor Verlegenheit so rot wie ein Bündel Radieschen
-geworden war, kam ihnen höchst spaßhaft vor. Sie schauten einander an,
-keiner sagte etwas zum andern, aber jeder dachte wie der andere: »Wir
-machen einen Ulk.« Sie brüllten auf einmal so laut, daß es über den
-ganzen Kirchplatz dröhnte: »Der Friede Heller aus Oberheudorf ist da,
-der Friede Heller ist da, hurra, hurra, hurra!«
-
-»Friede Pfennig,« schrie ein kleiner, kecker Bursche, »'n Pfennig ist
-mehr als 'n Heller,« und die andern echoten: »Friede Pfennig, Friede
-Pfennig!«
-
-»Aufgepaßt, da kommt der Herr Direktor!« sagte plötzlich der erste
-Sprecher und deutete auf einen langen, dünnen Mann, der vom Gymnasium
-herkam. Im Nu rissen alle Buben die Mützen vom Kopf und schrieen:
-»Guten Morgen, Herr Direktor!«
-
-Flugs riß Kaspar seine Kappe auch ab, Friede bekam einen Puff, weil
-er die seine nicht schnell genug abnahm, und während der Bube nur
-schüchtern sein guten Morgen sagte, brüllte der Oberheudorfer Wirt
-laut: »Allerschönsten guten Morgen, Herr Drektor, un hier is nu der
-Friede Heller aus Oberheudorf, und ich bin der Wirt Kaspar auf dem
-Berge von der himmelblauen Ente.«
-
-[Illustration]
-
-»Das ist -- -- un -- -- unverschämt,« schrie der mit »Herr Drektor«
-Angeredete. »Was fällt Ihnen ein, Sie -- -- Sie -- -- Kaspar, Sie!«
-
-Die Buben kreischten vor Lachen: »Friede Pfennig, steig aus, Friede
-Pfennig, steig aus, sag dem Herrn Direktor guten Tag!«
-
-Friede hatte rasch gemerkt, daß die Buben ihren Spott mit ihm und
-seinem Beschützer trieben, er zupfte diesen ängstlich am Ärmel und bat:
-»Wir wollen weiterfahren!«
-
-»Nä,« rief der, »fällt mir nicht ein, un wenn das zehnmal ein Drektor
-ist, anschrein lasse ich mich nicht. Sie, Herr Drektor,« brüllte er,
-»ich bin der Wirt zur himmelblauen Ente aus Oberheudorf.«
-
-»Das ist un -- -- unverschämt,« rief der andere wieder, »denken Sie
-denn, Sie können mich foppen mit Ihrer himmelblauen Ente? Was fällt
-Ihnen denn ein, Sie grober Bauer, Sie!«
-
-»Nä, nu schlägt's dreizehn!« Kaspar auf dem Berge war jetzt wirklich
-wütend, er fuchtelte mit seiner Peitsche in der Luft herum und
-donnerte: »So, Schulmeister woll'n Sie sein und benehmen sich gegen
-einen rechten Mann so? Nä, hier bleibt mir der Friede nicht; Muhme
-Lenelies heult sich ja die Augen aus, wenn sie das erfährt, Herr
-Drektor!«
-
-»Sie sind ein ganz unverschämter, grober Bauer,« kreischte der andere
-wieder -- er konnte vor Zorn kaum noch reden -- »der Kuckuck ist Ihr
-Direktor!«
-
-»Herr Direktor, Herr Direktor,« jauchzten die Jungen, »Friede Pfennig,
-steig aus, gib ihm die Hand, sonst schilt Muhme Lenelies!«
-
-Der Lärm, das Schreien, Lachen und Schimpfen wäre wohl noch eine Weile
-fortgegangen, wenn nicht der Organist Wunderlich aus seinem Haus
-gekommen wäre. Da stoben plötzlich die grünbemützten Gymnasiasten
-davon, und der sogenannte Direktor eilte beinahe ängstlich auf den
-alten Herrn zu und rief kläglich: »Jetzt verhöhnt mich sogar der grobe
-Bauer dort!«
-
-»Ich bin kein grober Bauer, potzwetter noch mal, Sie -- Bohnenstange;
-ich bin Kaspar auf dem Berge, Wirt zur himmelblauen Ente.«
-
-Von der Schulmauer her, hinter welche die Gymnasiasten geflüchtet
-waren, kam ein wahrer Lachsturm. »Kaspar auf dem Berge bringt Friede
-Pfennig, haha, huhu! Herr Direktor, hahaha!«
-
-»Na wartet nur!« Mit ein paar langen Sätzen verschwand der Direktor
-hinter der Schulmauer, und von dort her tönte erneuter Lärm, bis
-plötzlich eine tiefe Stille eintrat.
-
-Der Oberheudorfer Wirt schaute höchst verdutzt drein, Friede aber
-saß ganz zusammengekauert auf dem Wagen, er kämpfte nur mit Mühe die
-Tränen nieder. »Das also ist mein künftiger Hausgenosse?« sagte der
-alte Herr jetzt freundlich zu ihm, dann wandte er sich zu dem Wirt und
-klärte diesen über seinen Irrtum auf. Der sogenannte Direktor war der
-Schuldiener Mayer, den die übermütigen Jungen meist spottend »Herr
-Direktor« nannten. Sie taten es leider, weil sie wußten, daß der
-Schuldiener sich bitter darüber ärgerte. Der hatte nun wohl gedacht,
-Kaspar auf dem Berge wolle ihn auch necken, und war darum so bitterböse
-geworden.
-
-»Kurioses Volk, die Stadtleute!« murmelte Kaspar auf dem Berge. Er
-fuhr sich nachdenklich durch die Haare, und als er nun Friede so
-niedergeschlagen seine Sachen vom Wagen heben sah, sagte er gutmütig:
-»Mach dir nichts draus, Bube, daß sie dich Friede Pfennig genannt
-haben, du beißt dich schon durch, und beim Kohlbauern hast es ärger
-gehabt.«
-
-Für Friede, den der Spott tief gedemütigt hatte, war dies der rechte
-Trost. Beim Kohlbauern, zu dem man ihn als armes, verlassenes
-Waisenbüblein gebracht, hatte er Schläge genug bekommen und Hunger
-gelitten, nein wirklich, so schlimm würde es hier sicher nicht sein,
-und ganz getröstet sah er zu dem kleinen, blitzsauberen Organistenhaus
-hinauf. In ihm sollte er künftig seine Heimat haben.
-
-Er trug seine Sachen hinein, und drinnen kam ihm Fräulein Wunderlich,
-des Organisten Schwester, entgegen, eine rundliche, lebhafte kleine
-Dame. Sie empfing den neuen Hausgenossen aber nicht sonderlich
-freundlich.
-
-»Ah, da bist du ja!« rief sie. »Na meinetwegen, mir ist es recht, daß
-du bleibst, nur das sage ich dir, mit schmutzigen Schuhen darfst du mir
-nicht in die Zimmer gehen; Maikäfer, Frösche, Mäuse und solche Tiere
-darfst du nicht fangen und sie in meine gute Stube setzen oder in mein
-Bett legen. Und Feuer darfst du auch nicht anzünden, daß einem in der
-Nacht das Haus über dem Kopf zusammenbrennt. So was kann ich nicht
-leiden!«
-
-Friede wollte gerade bescheidentlich sagen, daß er alles dies gewiß
-nicht tun wolle, als die Dame eindringlich fortfuhr: »Mit den Leuten
-nebenan im großen Hause darfst du auch nicht sprechen, hörst du, sonst
-werde ich böse. So, und nun geh die Treppe hinauf! Rechts die erste
-Türe ist offen, das ist dein Zimmer, du kannst gleich deine Sachen
-auspacken.«
-
-Husch war die Dame schon über den Flur gelaufen, um draußen mit Kaspar
-auf dem Berge zu sprechen. Von ihm wollte sie durchaus Hühner kaufen,
-obgleich der Wirt versicherte, er hätte keine. »Na, das begreife ich
-nicht,« rief Fräulein Wunderlich, »wie man vom Dorfe sein und keine
-Hühner haben kann!«
-
-Kaspar ärgerte sich, er schwieg aber und dachte mitleidig: »Die Städter
-sind nun mal nicht recht gescheit, aber leid tut's mir um den Friede,
-er hätte lieber bei uns bleiben sollen.«
-
-Friede war unterdessen die Treppe hinaufgestiegen, hatte eine Türe
-offen gefunden und sich etwas erstaunt in dem Zimmer umgesehen.
-Komisch war das, denn es stand mehr als alles darin, übereinander,
-untereinander, Möbel, Kisten und Kasten, Einmachbüchsen, eine
-Waschwanne, alte Blumentöpfe, Bilder mit zerschlagenen Rahmen, und
-Platz war wahrlich nicht viel, nicht einmal für so einen schmalen
-Jungen, wie Friede einer war. Der Bube war an einfaches Hausen gewöhnt,
-immerhin hatte er sich sein Stadtkämmerlein doch anders vorgestellt,
-wenigstens so sauber und ordentlich, wie es im Häusel der Muhme
-Lenelies aussah.
-
-Kaspar auf dem Berge wollte auch sehen, wie der Junge untergebracht
-war. Er habe das der Muhme versprochen, erklärte er. So stapfte er
-hinter Friede die Treppe hinauf, während Herr Wunderlich selbst unten
-auf die Pferde achtgab.
-
-»Potzhundert!« rief der dicke Gastwirt oben erstaunt, »meiner Seel',
-ich hätt' nicht gedacht, daß man in der Stadt so kurios die Kammern
-einrichtet. Hm, hm, nä, wirklich, Friede, meine Frau würde das 'ne
-Rumpelkammer nennen.«
-
-»Muhme Lenelies auch,« sagte Friede kleinlaut, »aber da steht 'n Bett
-und -- -- --«
-
-»Junge, sag mir mal, was machst du denn in meiner Schrankstube?« rief
-plötzlich Fräulein Wunderlich von unten herauf, und dann erkletterte
-die rundliche Dame eilig die Treppe. »Aber Junge, Junge, doch auf der
-andern Seite!«
-
-»Rechts sollte ich -- --,« stotterte Friede.
-
-»Rechts, ach so, ja, ja!« Die Dame brach in ein höchst vergnügtes
-Lachen aus: »Junge, merk dir das, rechts und links kann ich einmal
-nicht unterscheiden, und wenn ich rechts sage, meine ich fast immer
-links, und wenn ich links sage, dann meine ich rechts, das ist mal so!«
-
-»Ih, nä!« Der Wirt grinste: »So was, das habe ich meiner Lebtage nicht
-gehört, daß 'n Frauenzimmer so verdreht ist und links sagt und -- -- --«
-
-»Erlauben Sie mal,« rief Fräulein Wunderlich entrüstet, »ich bin kein
-Frauenzimmer! Auf dem Dorfe gibt es Frauenzimmer, in der Stadt gibt
-es Damen.« Dabei sah sie den dicken Kaspar so von oben herab an, daß
-dem himmelangst wurde. Er scharrte verlegen mit seinen Füßen auf
-dem blitzsauberen Fußboden, was Fräulein Wunderlichs erneuten Ärger
-erregte. Sie sagte aber nichts und öffnete nun links eine Türe zu
-einem so freundlich eingerichteten Stübchen, daß Friede einen hellen
-Freudenruf ausstieß. »Hier soll ich wohnen, hier?«
-
-»Freilich!« Das Fräulein lächelte nun freundlicher; sie strich sogar
-dem Buben die Wangen und sagte: »Mag's dir gut gehen bei uns in unserem
-Hause!«
-
-Kaspar auf dem Berge nickte wohlgefällig, so war's recht; das Stübchen
-gefiel ihm wohl, und zuletzt schied er mit dem Bewußtsein, dem Friede
-ginge es so gut, wie es einem in der Stadt gehen kann. So schön wie in
-Oberheudorf konnte es eben nirgends sein.
-
-Am Abend erzählte er daheim viel von seiner und Friedes Ankunft,
-von den Laubfröschen, dem falschen »Drektor« und dem verkehrten
-Frauenzimmer, und Muhme Lenelies, die in die himmelblaue Ente gekommen
-war, dachte voll heimlicher, sorgender Angst: »Wie wird es nur meinem
-Friede ergehen in der fremden, fremden Stadt!«
-
-Die Oberheudorfer Buben und Mädels redeten am nächsten Morgen mehr vom
-Traumfriede und der Stadt als von ihrer Schule und ihren Arbeiten.
-Die Buben besonders beneideten den Kameraden glühend. Es mußte doch
-wundervoll sein, eine froschgrüne Mütze zu tragen! Allein um dieser
-Mütze willen wären die meisten gleich bereit gewesen, auch auf das
-Gymnasium zu gehen. »Und so'ne feine Kammer hat er,« wisperten die
-Mädels, »der Wirt hat gesagt, seine Fremdenstube wäre nicht schöner.
-Ach ja, der Friede hat's gut!«
-
-»Vielleicht geh ich auch noch in die Stadt zur Schule,« sagte Heine
-Peterle daheim sehr wichtig zu Muhme Rese, »die grüne Mütze ist fein!«
-
-»Ja,« meinte Muhme Rese, »'ne Mütze tragen und lernen ist halt 'n
-Unterschied; wieviel Fehler haste heute gehabt?«
-
-Flugs war der Bube hinaus. Nach seinen Schularbeiten ließ er sich nicht
-gern fragen, denn darin sind die Erwachsenen komisch; sie schreien über
-ein paar Dutzend Fehler immer gleich, als wäre das eine ganz schlimme
-Sache! -- -- --
-
-[Illustration]
-
-
-
-
-[Illustration]
-
-Ein böser Tag.
-
-
-»Nimm's nicht schwer, wenn dir im Anfang alles etwas fremd vorkommt,«
-hatte der Organist Wunderlich seinen Hausgenossen ermahnt, als er
-am Nachmittag nach seiner Ankunft mit ihm hinüber ins Gymnasium zur
-Aufnahmeprüfung ging. »Sei tapfer! Wer ein rechter Mann werden will,
-darf nicht gleich verzagen, wenn auch der Anfang etwas schwer ist.«
-
-Traumfriede nahm sich die Worte zu Herzen und dachte: »Ich will schon
-tapfer sein.« Doch bei der Prüfung hatte er die Tapferkeit gar nicht
-nötig, er wußte viel und konnte gut antworten. Die Lehrer sagten,
-das, was er noch nicht wisse, würde er schnell nachholen. Er kam, wie
-es der Oberheudorfer Lehrer gesagt hatte, in die Quarta hinein, und
-sein Pflegevater ging gleich nach der Prüfung und kaufte ihm eine
-froschgrüne Mütze. Die gehörte nun einmal dazu, und als Friede sie
-aufsetzte, dachte er: »Ach, könnte ich doch jetzt einmal mich damit im
-Dorfe zeigen!«
-
-Der erste Tag und die erste Nacht gingen vorbei. Traumfriede schlief,
-trotzdem es ihm am Abend seltsam bang ums Herz wurde, doch wie ein
-Murmeltier im fremden Hause. Und tapfer, zuversichtlich und vergnügt
-marschierte er am nächsten Morgen in das Gymnasium hinüber, die grüne
-Mütze keck auf dem blonden Kopf. Er hatte es sehr eilig gehabt, und
-so betrat er als einer der Ersten den weiten Schulhof. Das Haus --
-es war ein ehemaliges Stiftsgebäude -- kam Friede überaus prächtig
-vor, und da die große Uhr über dem Eingang ihm zeigte, daß er noch
-viel Zeit hatte, so blieb er stehen und betrachtete sich fast
-ehrfürchtig das weitgestreckte Gebäude, zu dem eine breite Freitreppe
-hinaufführte. Dorthinein sollte er nun täglich gehen; statt Hirtenjunge
-und Allerweltshelfer in Oberheudorf war er nun ein Gymnasiast, ein
-Lateinschüler, und später würde er vielleicht auch ein Pfarrer, ein
-Doktor, ein -- --
-
-»Herrjeh, da ist ja Friede Pfennig aus Oberheudorf! Na, Friede Pfennig,
-wie geht es denn Muhme Lenelies?« rief es da plötzlich laut in seine
-stolzen Zukunftsgedanken hinein.
-
-Verwirrt drehte sich der Bube um, er mußte sich erst besinnen, daß der
-Ruf ihm galt. Ein paar Jungen standen neben ihm, der längste von ihnen
-war der Sprecher gewesen. Er schaute Friede spöttisch an, so spöttisch
-und unfreundlich, daß dem plötzlich die Glut ins Gesicht stieg, was den
-andern zu lautem Lachen reizte: »Seht nur, wie er rot wird, der Herr
-Oberheudorfer! Sag mal, du hast wohl Spatzen unter deiner Mütze?« Und
-ehe es sich Friede versah, sauste ihm die Mütze vom Kopfe und geriet
-schnell unter ein paar Bubenbeine.
-
-[Illustration]
-
-»Meine Mütze,« rief Friede unwillkürlich erschrocken, und weil er,
-der in Armut groß geworden war, das Neue stets schonte, hob er die
-Mütze eilig auf und sagte kläglich: »Sie ist doch ganz neu! Pfui, wie
-abscheulich von dir!«
-
-»Na, seht doch den Bauernbuben an!« höhnte der lange Junge. »Geh doch,
-klag's der Muhme Lenelies, Friede Pfennig!«
-
-Das war ein übler Anfang. Wenn nicht ein paar Lehrer über den Schulhof
-gekommen wären, hätte es sicher eine Prügelei gegeben, und als Friede
-ein Weilchen später in seiner neuen Klasse saß, hatte er das Gefühl,
-unter lauter Feinden zu sitzen. Das tuschelte und lachte um ihn herum:
-»Friede Pfennig aus Oberheudorf ist da, Friede Pfennig, Friede Pfennig.«
-
-Wenn er aufsah, begegnete er lauter lustigen Spottblicken, und
-zuletzt wurde er ganz verwirrt und verlegen, er konnte in der Stunde
-nicht mehr die einfachsten Fragen beantworten. Der Klassenlehrer,
-Doktor Schneider, sah ihn darum nicht scheel an, er fand des Buben
-Verlegenheit begreiflich, er wußte ja auch, wie gut der seine Prüfung
-bestanden hatte. Aber Friede schämte sich doch gewaltig, und als die
-Stunde aus war, rannte er wie gejagt davon. Doch draußen auf dem Flur
-hielt ihn einer fest: »Bist du der Friede aus Oberheudorf?«
-
-»Ja,« schrie Friede, und den sonst so sanften Jungen übermannte der
-Zorn. Warum neckten sie ihn nur so, war es denn eine Schande, aus
-Oberheudorf zu sein? »Ja, der bin ich,« schrie er noch einmal, und
-schwapp, schlug er dem andern die Mütze vom Kopf. »Ich kann das auch!«
-
-Hinaus war er, die Treppe hinab, er raste über den Schulhof und kam
-heiß und atemlos in dem Organistenhaus an. Es hatte draußen inzwischen
-etwas geregnet, und auf dem Johannesplan standen kleine Pfützen.
-Friede hatte wenig darauf acht gegeben, er dachte auch nicht an das
-Schuhabputzen; tapp, tapp lief er die Treppe zu seinem Kämmerlein
-hinauf und warf drinnen aufschluchzend seine Bücher auf den Tisch.
-
-Bums, da lagen die Bücher, und bums ging die Türe auf. Fräulein
-Wunderlich stand auf der Schwelle und rief wütend: »Ich habe dir doch
-gesagt, du sollst die Füße abwischen, o du böser, böser Junge, du!
-Wenn du es noch einmal vergißt, dann mußt du die Treppe scheuern.«
-Krach, flog die Türe wieder zu, und Friede starrte ganz betäubt der
-zornigen Dame nach. Er hörte sie unten noch ein Weilchen schelten, und
-bedrückt schlich er an das Fenster und sah hinaus. Sein Zimmerchen lag
-an der Wand des Hauses, die an den Garten des stattlichen Nachbarhauses
-anstieß, und Friede konnte weit hinein in diesen großen, schönen Garten
-sehen. In dem standen viele alte Bäume; jetzt freilich waren sie noch
-kahl, nur ein feines grünes Schimmern lag darüber, aber die großen
-Rasenflächen leuchteten schon im ersten frischen Grün, und da und dort
-blühten bunte Frühlingsblumen, Hyazinthen, Tulpen und Narzissen. Der
-Garten gefiel Traumfriede über die Maßen gut, und er sah so lange und
-andächtig hinein, bis er ein wenig seinen Kummer vergaß.
-
-Etwas beruhigter ging er zum Mittagessen hinab, und da Fräulein
-Wunderlich nicht mehr so bitterböse aussah, wollte er sie gerade um
-Entschuldigung bitten, als der Herr Organist ihn etwas streng fragte:
-»Du, sag mal, Friede, warum bist du gleich so patzig? Dem Ulrich
-Sonntag hast du so heftig die Mütze vom Kopf geschlagen, daß er eine
-Beule an der Stirn davongetragen hat. Na, das ist ja eine schöne
-Aufführung für den ersten Tag! Schämst du dich nicht?«
-
-Fragte nun jemand den Traumfriede mild, wie war das oder dies,
-dann sagte er stets freimütig und offen die Wahrheit, doch Strenge
-schüchterte ihn leicht ein, und er wußte nichts zu sagen. Herrn
-Wunderlichs Vorwurf und des Fräuleins Schelte verwirrten ihn namenlos;
-er wagte nicht aufzusehen, still und niedergeschlagen saß er da. Dem
-alten Herrn tat es fast leid, und freundlicher forderte er ihn auf:
-»Erzähle mir doch einmal, wie war es heute früh, und warum hast du
-gerade mit Ulrich Sonntag Streit gehabt?«
-
-Friede wollte soeben, durch den freundlichen Ton ermuntert, antworten,
-wollte sagen, er wüßte gar nicht, wer dieser Ulrich Sonntag sei, als
-Fräulein Wunderlich empört rief: »Bewahr mich, der Junge steckt ja das
-Messer in den Mund!«
-
-Erschrocken ließ Friede das Messer fallen, das rutschte aus, er wollte
-es halten, doch da geriet der Teller ins Schwanken, und beinahe ging es
-wie beim Kippelphilipp im Struwelpeter: Teller, Glas, Messer, Löffel,
-Brot, alles kollerte mit viel Geklirr und Gekrach auf den Fußboden.
-
-»Das ist ja ein furchtbarer Junge!« rief Fräulein Wunderlich empört,
-und sie hätte wohl noch manches böse Wort gesagt, wenn ihr Bruder sie
-nicht mit ernstem Blick gebeten hätte: »Wir wollen jetzt nichts mehr
-sagen, Friede und ich sprechen nachher miteinander. Geh jetzt in dein
-Zimmer und arbeite. Bis fünf Uhr habe ich Stunden zu geben, nachher
-komm zu mir.«
-
-Friede war heilfroh, daß er aufstehen durfte. Er war freilich nur halb
-satt, aber er hätte jetzt vor lauter Verlegenheit und Scham doch keinen
-Bissen mehr hinuntergebracht. Als er die Türe hinter sich schloß, hörte
-er gerade noch Fräulein Wunderlich triumphierend sagen: »Ich habe es
-gleich gewußt, so ein Junge vom Dorf paßt nicht in unser Haus.«
-
-Traurig schlich Friede die Treppe hinauf. Heute hatte er keine Freude
-an dem hübschen Stübchen, selbst die neuen Bücher auf dem Tisch, an
-denen er sich gestern noch so gefreut hatte, lockten ihn nicht. Er
-setzte sich niedergeschlagen an das offene Fenster, starrte in den
-Nachbargarten hinunter und dachte, während ihm dicke Tränen über die
-Wangen liefen: »Ach, wäre ich doch wieder in Oberheudorf bei Muhme
-Lenelies!«
-
-In dem großen, schönen Haus mit dem steinernen Wappen über dem Tor,
-das neben dem Organistenhaus lag, wohnte ein alter Herr, Professor
-von Spiegel. Das Haus stand schon beinahe zweihundert Jahre auf dem
-Johannesplan, und so lange war es auch in dem Besitz der Familie
-Spiegel. Wohl nie war es aber so still in dem Hause gewesen wie jetzt.
-Sein Besitzer hatte weder Frau noch Kinder, er war ein hochgelehrter
-Herr, der viel auf Reisen war und manchmal monatelang nicht in dem
-alten Familienhaus wohnte. Sein Gärtner und dessen Frau bewachten das
-Haus; kam der Professor selbst, dann bewohnte er meist nur wenige
-Zimmer, alle andern blieben verschlossen. Fräulein Wunderlich haßte den
-Nachbar, obgleich sie Nachbarskinder waren und ihr Bruder Matthias sich
-in seiner Jugend den besten Freund des Herrn von Spiegel genannt hatte.
-Die Freundschaft war entzwei gegangen durch kleine Mißverständnisse
-und Übelnehmereien. Die meiste Schuld daran trug Fräulein Wunderlich.
-Sie hatte nie zum Frieden geredet, sondern immer ein wenig gehetzt
-und gestichelt. Einmal hatte sie behauptet, der Nachbar sei hochmütig
-und habe sie nicht gegrüßt, dann wieder, man habe ihre Katze drüben
-im Nachbargarten vergiftet, und zuletzt war es so weit gekommen, daß
-die Nachbarn sich nicht mehr ansahen. Herr Matthias Wunderlich schaute
-freilich oft trübselig nach dem Haus hinüber und seufzte wohl: »Wäre es
-doch wie damals!«
-
-Ähnlich dachte auch der alte Professor von Spiegel, als er an diesem
-Frühlingstag zum erstenmal wieder nach langer Abwesenheit durch seinen
-Garten schritt. Aufmerksam betrachtete er, wie bunt und reich der
-Frühling die Beete geschmückt hatte; bald blieb er vor einem Baum
-stehen, der ein lichtgrünes Schleierkleid trug, bald vor einem Beet,
-auf dem allerlei Blumen zart und lustig im Sonnenschein standen. An der
-Mauer des Nachbarhauses blühten noch die Veilchen, und der Professor
-bückte sich, um ein paar der lieblichen Dinger abzupflücken, als er
-Friedes bitterliches Schluchzen hörte. Die Kammer des Knaben war gerade
-an der Veilchenwand, und da das Organistenhaus ziemlich klein gewachsen
-war, konnte der alte Herr den weinenden Knaben gut sehen. »Na nu,«
-rief er hinauf, »wer heult denn da? Schickt sich das für einen schönen
-Frühlingstag, he?«
-
-Friede hob verwirrt den Kopf und sah nun den alten Herrn an, der unten
-im Garten stand. Das Gesicht kam ihm bekannt vor, es war ihm, als müßte
-er schon einmal dies von struppigem, weißem Haar umgebene Gesicht mit
-den hellen Augen gesehen haben.
-
-»Na, was guckste mich denn an, Junge, als wäre ich aus einem
-Märchenbuch herausgepurzelt?« rief Professor von Spiegel und
-zwinkerte lustig mit den Augen. »Ich bin kein Mittagsgespenst, kein
-Kinderschreck, kein Bubenfresser. Aber nun sag du mir mal, woher du
-kommst, und warum du so weinst, als wolltest du den Johannesplan unter
-Wasser setzen. Bei Wunderlichs gibt es doch sonst keine heulenden
-Buben, he?«
-
-»Ich bin aus Oberheudorf,« stammelte Friede, »ich soll hier aufs
-Gymnasium gehen.«
-
-»So, aus Oberheudorf? Na, das ist dort eine nette Sorte Buben und
-Mädels.«
-
-Der alte Herr lachte leise und behaglich, und Friede dachte wieder:
-»Aber den kennst du doch!« Da fragte schon der Fremde in sein Überlegen
-hinein: »Du kennst mich wohl nicht mehr, oder warst du nicht dabei, wie
-wir voriges Jahr bei euch ein Hünengrab öffneten, he?«
-
-»Ich weiß, ach, ich weiß!« rief Friede, und ein heller Schein lief
-über sein Gesicht. Ach, das war ja einer der Herren, die an einem
-Sommertag in Oberheudorf gewesen, das Hünengrab erforscht und seinen
-Lieblingsplatz dadurch zerstört hatten. Just dieser hatte dann am
-meisten darüber gelacht, daß die Mädels die ausgegrabenen Sachen alle
-hatten schön blank putzen wollen.
-
-»Komm mal zu mir herunter, dich muß ich mir näher ansehen,« sagte der
-alte Herr fröhlich, und als sich Friede zweifelnd umsah, holte er
-selbst eine lange Leiter herbei und schob sie unter Friedes Fenster.
-»Da ist die Treppe, nun komm!«
-
-Friede dachte in diesem Augenblick gar nicht an Fräulein Wunderlichs
-strenges Verbot, jeden Verkehr mit dem Nachbarhause zu vermeiden, er
-war zu froh, mit jemand von Oberheudorf sprechen zu können; eins, zwei,
-drei war er unten neben dem alten Herrn, der ihm freundlich die Hand
-entgegenstreckte. »Na, grüß dich Gott, Oberheudorfer Bube du, und nun
-komm, setz dich neben mich und erzähle mir, wie du aus deinem hübschen
-Oberheudorf heraus und gerade zu den Wunderlichs gekommen bist.«
-
-Bei dieser gütigen Frage verlor Friede alle Befangenheit, und ein
-großes Vertrauen zu dem Herrn, der seine Heimat so gut kannte, erfüllte
-gleich sein Herz, und es wurde ihm gar nicht schwer, dem Fremden alle
-seine Schicksale zu erzählen, von der Heimat, und wie er hierher
-gekommen war, von der gestrigen Ankunft und dem bösen Schulanfang
-heute, von Fräulein Wunderlichs Zorn und -- da stockte er und wurde
-blutrot.
-
-»Na und weiter? Immer ehrlich gesagt, was man denkt,« ermunterte der
-Professor.
-
-»Ich -- -- -- ich sollte doch mit niemand von den Nachbarn sprechen,«
-stammelte Friede, dem plötzlich das Verbot einfiel.
-
-[Illustration]
-
-»So, das sieht ja dem wunderlichen Fräulein Wunderlich ähnlich,« rief
-Herr von Spiegel grimmig lachend. »Sieh mal einer an, nicht einmal
-reden soll man mit mir! Sag einmal, Bub, spricht es sich nicht ganz gut
-mit mir?«
-
-Friede lachte, nickte und erwiderte treuherzig: »Ja.« Er blieb auch
-sitzen und gab fröhlich und willig Antwort, denn der Professor fragte
-gar viel nach dem Heimatsdorf und seinen Bewohnern, und darüber
-vergaßen die beiden ungleichen Kameraden wieder Fräulein Wunderlichs
-Verbot.
-
-Das Fräulein hatte unterdessen viel an ihren kleinen Hausgenossen
-gedacht. Etwas bereute sie beim Nachdenken ihre Strenge schon, und
-wäre ihr Friede jetzt in den Weg gekommen, dann hätte er wohl ein
-freundliches, mildes Wort gehört. Inzwischen klingelte es an der Türe,
-und Marianne Sonntag kam zur Geigenstunde. Fräulein Wunderlich öffnete
-selbst und sprach ein paar Worte mit dem Mädel, das ihres Bruders
-Lieblingsschülerin war. Dabei fiel ihr wieder ein, daß Friede am Morgen
-mit Ulrich Sonntag Streit gehabt hatte, und sie forschte: »Sag mal,
-Kind, was hat denn dein Bruder unserm Pflegling getan?«
-
-»Er ihm?« rief das Füchslein und wurde rot vor Ärger. »O pfui, Fräulein
-Wunderlich, dieser Junge aus Oberheudorf ist abscheulich! Ulli wollte
-mit ihm sprechen, da hat er gleich losgehauen -- -- so -- --,« und
-krach schlug sie mit ihrer Notenmappe auf einen Stuhl, »so war's!«
-
-»Aber Mädchen, nicht so wild!« mahnte Fräulein Wunderlich und seufzte:
-»Ja, ja, ich glaube, wir haben uns einen bösen Knaben in das Haus
-genommen, ich fürchte sehr, es wird viel Ärger geben. Nun geh also in
-deine Stunde, Kind!«
-
-Marianne schlüpfte in das Musikzimmer, Fräulein Wunderlich aber stieg
-die Treppe hinauf, um einmal nach ihrem schlimmen Kostgänger zu sehen.
-Zu ihrem Erstaunen fand sie oben das Zimmer leer und das Fenster weit
-offen. »Er ist ausgerissen,« dachte sie erschrocken, »ich habe ihn
-aus dem Hause getrieben.« Aber da hörte sie auf einmal Stimmen aus
-dem Nachbargarten heraufschallen, und nun -- was war das? -- -- --
-ein höchst vergnügtes Bubenlachen erklang da unten. Geschwind lief
-sie ans Fenster und bog sich weit hinaus. Das war doch toll! Da saß
-dieser abscheuliche Bengel und schwatzte mit dem verhaßten Nachbar, als
-wäre der sein allerbester Freund! Ein heftiger Zorn erfaßte Fräulein
-Wunderlich, und sie wollte schon laut ihren Pflegling anschreien; auf
-einmal hielt sie inne, kehrte in das Zimmer zurück und begann sehr
-geschwind Friedes Sachen zusammenzupacken. Der Junge mußte ihr aus dem
-Hause, gleich, auf der Stelle! Husch, husch ging es, Bücher, Wäsche,
-den neuen Sonntagsanzug, alles tat sie in den Sack. Dann schloß sie
-ganz leise das Fenster, eilte hinab und rief ihre Magd. »Marie, nimm
-die Sachen, trag sie hinüber zum Herrn Professor von Spiegel und sage,
-dies wären die Sachen von dem Oberheudorfer Jungen, der möchte sehen,
-wo er bleiben kann, wir hätten keinen Platz in unserm Hause für so
-rüpelige Jungens, die zum Fenster hinausklettern.«
-
-Marie sah ihre Herrin ein wenig zweifelnd an; es schien ihr doch ein
-bißchen eilig mit dem Hinauswerfen zu gehen, und sie dachte: »Wenn doch
-der Herr das hörte!«
-
-Doch der hörte nichts, Marianne Sonntag stand drinnen in seinem Zimmer
-und geigte so fein und lieblich, als wäre sie gar nicht das wilde
-Füchslein. Auch als Marie draußen etwas laut polterte und rief, daß
-es durch den ganzen Flur hallte: »Soll ich's wirklich bestellen, daß
-der Friede nicht mehr zurückkommen darf?« hörten die beiden drinnen es
-immer noch nicht, und brummend zog das Mädchen ab.
-
-Friede saß noch immer auf der Bank neben dem Professor, als Marie
-vorn am Tor stark die Glocke zog. Weil sie sich ärgerte, tat sie es
-besonders laut, und weil die Botschaft, die sie ausrichten sollte, ihr
-selbst zu hart vorkam, schrie sie den armen Friede heftig an, als sie
-ihn erblickte, und ihre Stimme klang rauh, denn die Tränen saßen ihr in
-der Kehle. »Da! -- Nu ist's wohl am besten, du gehst jetzt wieder nach
-Oberheudorf zurück.«
-
-Erst begriff Friede gar nichts. Er starrte die Magd ganz fassungslos
-an, und der liefen in hellem Mitgefühl die Tränen aus den Augen.
-»'s ist wahr, wahrhaftig wahr, du armer Junge,« schluchzte sie,
-»rausgeworfen bist du, ritsch, ratsch rausgeworfen. Aber ich gehe auch,
-in so 'nem Haus bleibe ich nicht, fällt mir nicht ein.« Damit lief sie
-weg, sie konnte das bleiche, verstörte Gesicht des armen Jungen gar
-nicht ansehen.
-
-Der Professor war nicht minder erschrocken als Friede. Gleich fiel's
-ihm ein, daran bist du schuld, du hättest den Buben nicht herunterrufen
-sollen, und dann überkam ihn ein heftiger Zorn auf das hartherzige
-Fräulein. »Bleib hier, ich geh' hinüber,« sagte er rasch, »ich werde
-dem Fräulein Wunderlich ordentlich meine Meinung sagen.«
-
-»Mit Verlaub, gnädiger Herr, das täte ich nicht gleich!« Der Gärtner
-und Hausverwalter, der Marie die Türe geöffnet hatte, stand bescheiden
-vor seinem Herrn und fuhr treuherzig fort: »Jetzt raucht der Ärger
-drüben und hier noch zu sehr, und es könnte leicht ein Feuer geben.
-Wär's nicht besser, der Junge da bliebe noch ein Weilchen hier?
-Vermute, der Herr Organist wird bald selbst kommen, jetzt wird er den
-Weg schon finden, und das wäre mir eine rechte Herzensfreude.«
-
-»Ist recht,« rief der Professor, »das war ein guter Rat, und am besten
-wär's jetzt, einen ordentlichen Kaffee zu trinken. Komm, Friede von
-Oberheudorf, du bist mein Gast, jetzt sollst du mal Stadtkuchen
-schmecken. Sieh nicht so unglücklich aus, armer Kerl, es wird alles
-wieder gut werden.« Und als er sah, wie Friede sich tapfer die Tränen
-verbiß, strich er ihm gütig über den blonden Krauskopf. »Ich verlasse
-dich nicht, ich bleibe dein Freund.«
-
-Im Organistenhaus war des Füchsleins Stunde zu Ende. Die Kleine packte
-ihre Noten ein, so langsam und nachdenklich, daß Herr Wunderlich
-lächelnd fragte: »Na, Mädel, was gibt's, was hast du noch auf dem
-Herzen?«
-
-»Ich möchte den Oberheudorfer Jungen sehen,« platzte Marianne heraus,
-»er soll zwar gräßlich sein, aber -- -- aber -- --«
-
-»Ich bin doch zu neugierig auf ihn,« vollendete der Organist. »So
-schlimm ist es gar nicht mit ihm, er ist ganz brav, und ich rufe ihn
-gerne; er fühlt sich gewiß recht einsam und schwatzt vielleicht eher
-mit dir als mit uns.«
-
-Und dann kam es heraus: Friede war nicht mehr im Hause, Fräulein
-Wunderlich hatte ihn hinausgeworfen. Ihr Bruder wurde ganz blaß vor
-Schreck. Ein anvertrautes Kind am ersten Tage aus dem Hause weisen,
-das war ihm doch zu viel. »Ich muß ihn holen,« rief er und nahm
-geschwind seinen Hut.
-
-»Nein, nein,« jammerte seine Schwester, »ich nehme ihn nicht wieder,
-nie wieder, und du darfst nicht zu dem Professor hinüber gehen, ich
-leide es nicht!«
-
-Herr Wunderlich antwortete gar nicht, er sah seine Schwester nur ernst
-und tieftraurig an, und das zornige Fräulein fühlte beschämt, welch
-großes Unrecht sie begangen hatte. Weil sie das aber nicht eingestehen
-wollte fing sie an jämmerlich zu weinen und zu klagen, sie schrie,
-stöhnte, rang die Hände und tat, als sei ihr das allergrößte Herzeleid
-geschehen. Ihr Bruder beachtete dies gar nicht, er nahm Marianne
-Sonntag bei der Hand und verließ mit ihr das Haus. Draußen sagte er
-betrübt: »Geh nach Hause, mein Kind, und denke nicht zu schlecht
-von dem armen Jungen und gib ihm ein freundliches Wort, wenn du ihn
-siehst.« Er nickte dem Füchslein noch einmal zu und zog dann die Glocke
-am Nachbarhaus, zum erstenmal wieder seit vielen Jahren.
-
-»Der Herr Organist ist da,« sagte nach einem Weilchen die Gärtnersfrau
-mit strahlendem Gesicht zu dem Professor, der mit seinem sehr
-niedergeschlagenen Gast am Kaffeetisch saß, »er ist doch gekommen!«
-
-Der Professor sprang auf. »Bleib, Junge,« rief er, »daß der Matthias
-Wunderlich zu mir kommt, freut mich. Vielleicht hast du mir Glück
-gebracht, Friede von Oberheudorf, und ich gewinne einen alten Freund
-wieder.«
-
-Friede mußte lange, lange warten, ehe sein Gastfreund zurückkehrte.
-Herr Wunderlich kam mit ihm, und die beiden alten Herren sahen aus, als
-hätten sie sich recht tüchtig mit Frühlingssonnenschein eingerieben, so
-glänzten ihre Gesichter und so strahlten ihre Augen. Das Wiedersehen
-nach langen Jahren war auch ein Wiederfinden geworden; sie hatten sich
-ausgesprochen und hatten dabei entdeckt, daß sie beide im Herzen noch
-die gleiche Freundschaft hegten.
-
-»Deine Schwester versöhnen wir auch noch,« sagte der Professor heiter,
-»der Junge, den sie so geschwind aus dem Haus gestoßen, soll uns
-helfen. Laß ihn vorläufig bei mir, ich bleibe den Sommer über hier und
-will ihn behalten, bis deine Schwester ihn selbst zurückholt.«
-
-Der Organist schüttelte trübe den Kopf. »Sie ist sehr böse auf ihn.«
-
-»Sie hat aber doch ein gutes Herz, ich weiß es, ich weiß, wie viel
-Gutes sie in aller Stille tut, und ich glaube bestimmt, der Junge ist
-uns dreien zur Versöhnung gekommen.«
-
-Friede war es wohl zufrieden, daß er unter des Professors Schutz in
-dem schönen Hause bleiben sollte, und weil Herr Wunderlich gar nicht
-schalt, sondern gütig und väterlich mit ihm sprach, hellte sich sein
-Gesicht auf. Er versprach, tapfer zu sein und brav in die Schule zu
-gehen, seine Pflicht zu tun und seinem Beschützer Freude zu machen.
-»Ich schreibe selbst an deine Muhme oder fahre nächste Woche einmal
-hinaus nach Oberheudorf, damit die alte Frau sich nicht sorgt,«
-versprach der Professor. »Hast du ihr schon geschrieben?«
-
-Friede schüttelte den Kopf. »Ich soll erst in vierzehn Tagen schreiben,
-früher nicht; Muhme Lenelies meinte, sonst würde ich mit dem Heimweh zu
-schwer fertig!«
-
-»Deine Muhme hat recht, und nun sieh zu, daß du ihr in vierzehn Tagen
-einen guten, fröhlichen Brief schreiben kannst. So viel wie an diesem
-ersten Tag wirst du wohl nicht jeden Tag erleben.«
-
-So blieb Traumfriede in dem großen Haus mit dem steinernen Wappen über
-dem Tor. Frau Emma, die Hausverwalterin, richtete ihm ein freundliches
-Zimmer ein, von dessen Fenstern aus er gerade das Organistenhaus sehen
-konnte und die Veilchenwand, an der er hinabgestiegen war.
-
-Friede kam sich an diesem Abend wie einer der verwunschenen, verfolgten
-und verspotteten Prinzen vor, von denen es in Muhme Lenelies' Märchen
-wimmelte. Aber er schlief auch hier gut und wanderte am nächsten
-Morgen wieder mutiger in die Schule, doch bedrückt kehrte er heim. Er
-hatte so fremd unter seinen Mitschülern gesessen wie am vergangenen
-Tage, und wieder hatten sie ihn mit spottenden Worten und höhnischen
-Sticheleien gekränkt. Ein Gymnasiast zu sein, war doch viel schwerer,
-als in die Oberheudorfer Schule zu gehen. Und weil die Sehnsucht in ihm
-klopfte und pochte und er so viel an Oberheudorf denken mußte, setzte
-er sich hin und schrieb an Heine Peterle einen Brief. An die Freunde
-zu schreiben hatte ihm die Muhme ja nicht verboten, und sicher würden
-diese warten, und gewiß würden sie sich sehr freuen. Ach, es gab ja so
-viele Gründe, einen Brief zu schreiben!
-
-
-
-
-[Illustration]
-
-Heine Peterles Brief.
-
-
-Es war wieder einmal die Stunde gekommen, in der die meisten
-Oberheudorfer Kinder die Schule am liebsten hatten, -- sie war nämlich
-aus. Die Schulglocke hatte geschwind und eilig gebimmelt, fast heiser
-war sie dabei geworden; dann hatte der Lehrer das Buch zugeklappt,
-und nun ging es laut und lustig auf der Dorfstraße zu. Und es war
-drollig: jene, die in der Schule immer ihren Mund hielten, wenn der
-Lehrer fragte, taten ihn hier draußen kaum zu. Zu diesen gehörte an
-diesem Tage auch Heine Peterle. In der Schule hatte er nichts gewußt,
-so wenig, daß es beinah zum Nachsitzen gekommen wäre, und draußen
-schwatzte er, als hätte er sich von der Jungfer Elster den Schnabel
-geborgt. Gerade wie der Lärm am größten war und die Kinder nun alle
-aus dem Schulhaus herausgekommen waren, schritt der Postbote durch das
-Dorf. Allzuviel hatte der immer nicht abzugeben, denn die Oberheudorfer
-waren keine großen Briefschreiber. Ihre Sippschaft saß meist in den
-Dörfern in der Nähe, und wenn ein Familienmitglied dem andern etwas
-sagen wollte, lief es lieber drei, vier oder fünf Stunden, ehe es einen
-Brief schrieb. Die Kinder bekamen erst recht keine Briefe, und so
-purzelten sämtliche Buben und Mädel vor Erstaunen beinahe um, als der
-Postbote auf die Kinder zukam, einen Brief hochhielt und rief: »Der ist
-für Heine Peterle Putzenkeller!«
-
-Heine Peterle riß seinen Mund auf, als wollte er ein Fliegenschnapper
-werden, doch seine Gefährten brüllten gleich laut los: »Heine Peterle
-kriegt 'n Brief -- 'n Briiiieef!«
-
-»Na freilich, warum soll er nicht mal 'nen Brief kriegen?« Der Postbote
-schmunzelte und hielt dem Buben das Schreiben hin. »Da, nimm es doch!«
-Aber der sah es an, als wäre es ein glühender Plättstahl, er stöhnte
-ordentlich; der Gedanke einen Brief zu bekommen, war zu überwältigend.
-
-»Nimm ihn doch, nimm, nimm!« forderten die andern auf. Anton Friedlich
-versetzte ihm einen Puff von links, Schulzens Jakob einen von rechts,
-und nun entschloß sich Heine Peterle endlich, den Brief zu nehmen. Er
-wurde feuerrot dabei und hielt das kleine weiße Ding zitternd in der
-Hand.
-
-[Illustration]
-
-»Es ist von Friede Heller, auf der Rückseite steht's,« sagte der
-Postbote, »nu mach ihn nur auf!«
-
-»Von Friede, oh von Friede,« schrieen die Buben und Mädel vergnügt,
-»dann ist der Brief für uns alle.«
-
-»Nä, der ist for mich.« Heine Peterle preßte das Schreiben fest an
-seine Brust, denn Anton Friedlich griff schon danach. »Mach ihn doch
-auf!« mahnte der.
-
-»Ja, mach'n auf, wir wollen wissen, was drin steht,« ermunterten auch
-die andern, und Annchen Amsee drängte sich dicht an Heine Peterle
-heran. »Uh je, geht das langsam!«
-
-»Das is doch mein Brief,« rief der Bube patzig, »erst lese ich'n
-alleine. Nä, laß doch!«
-
-Schulzens Jakob hatte versucht, den Brief zu greifen, und kaum hatte
-ihn Heine Peterle vor dem Griff geschützt, als der dicke Friede danach
-langte. »An mich ist er erst recht, ich heiße Friede!«
-
-»Nä, mir gehört er!« Mit beiden Händen umklammerte Heine Peterle das
-weiße Ding, er puffte mit den Ellenbogen nach beiden Seiten und trotzte
-borstig auf: »Wenn ihr so seid, dann sag' ich nicht, was drinne steht.«
-
-»Wie sind wir denn?« fragten die andern gekränkt. »Nä, pfui, wie du
-bist! Der Brief ist doch für uns alle!«
-
-»Nä,« Heine Peterle stampfte mit dem Fuß auf, »der gehört mir, erst muß
-ich'n lesen.«
-
-»Na, dann lies doch fix! O bist du'n Tranpeter!«
-
-»Ihr laßt mich ja nicht lesen.« Heine Peterle wurde immer zorniger,
-immer röter, und trotzdem ein kühler, frischer Wind wehte und es gar
-nicht heiß war, traten ihm doch die Schweißperlen auf das Gesicht, denn
-immer dichter, immer enger umschloß ihn der Kinderkreis, er konnte sich
-kaum noch rühren. »Ich kann doch nicht aufmachen,« stöhnte er, »erst
-muß ich ein Messer haben!«
-
-»Hier mein's!« »Nimm mein's!« »Nein, mein's ist schöner!« »Mein's
-schneidet am besten!« Die Buben suchten in ihren Taschen und holten
-Messer heraus. Die Mädel ärgerten sich, daß sie keine hatten, und
-Schulzens Röse rief beleidigt: »Zu so was nimmt man 'ne Stricknadel,
-Vater nimmt immer Muttern ihre.«
-
-Einen Augenblick sahen die Buben betroffen drein; der Schulze bekam die
-meisten Briefe, und wenn der eine Stricknadel zum Öffnen nahm, mußte
-es wohl richtig sein. Aber dann brüllte Anton Friedlich: »Buben machen
-alles mit 'nem Messer, da ist mein's!«
-
-»Das hat ja keine Klinge,« höhnte Schnipfelbauers Fritz und streckte
-seins schmeichelnd Heine Peterle hin: »Nimm mein's!«
-
-»Nä, das is nie ordentlich scharf,« empörte sich der blaue Friede, »da
-guck mal meins!«
-
-»Au!« brüllte Heine Peterle, denn im Eifer hatte ihn der andere mit dem
-angepriesenen Messer in die Hand geritzt.
-
-»Ihr stecht ihn ja tot!« kreischte Bäckermeisters Mariele, die sehr
-ängstlich war; sie fing auch gleich an zu heulen, und Heine Peterle
-hatte nicht übel Lust, es ihr nachzumachen, denn seine Lage war nicht
-beneidenswert. Die Kinder drängten und drängten; er konnte sich nun
-wirklich nicht mehr rühren, puffte mit den Ellenbogen, stieß mit den
-Füßen, alles half nichts. Endlich schrie er jammernd: »Laßt mich los --
-sonst -- sonst -- eß ich den Brief auf!«
-
-Die Kinder schrieen allesamt laut auf vor Schreck, Bewunderung und
-Angst. Die Drohung machte einen solch ungeheuren Eindruck auf sie, daß
-sie den armen Heine Peterle beinahe zerquetschten. »Mach's nich, nä,
-mach's nich, der Brief ist doch for uns alle,« bettelten sie, und Heine
-Peterle hätte seine Drohung auch wirklich nicht ausführen können, er
-konnte nicht einmal mehr stoßen, so fest eingekeilt stand er da.
-
-»Potztausend, ihr Kindervolk, was macht ihr heute wieder für'n
-Geschrei? 's ist ja, als wäre Krieg und die Feinde hätten euch aus
-der Schule hinausgeschmissen!« Der das sagte, war Hans Rumpf, der
-Nachtwächter und Ortspolizist. Er kam mit einem grimmigen Gesicht
-herbei, denn er ärgerte sich schon eine ganze Weile über die Kinder,
-die da mitten auf der Dorfstraße standen und standen und nicht
-heimgehen wollten. Seine barsche Frage scheuchte die Kinder diesmal
-aber nicht auseinander, sie blieben stehen und klagten: »Heine Peterle
-hat'n Brief bekommen und will ihn uns nicht lesen lassen. Er will ihn
-aufessen, und er ist vom Friede, und er ist doch für uns alle, und wir
-lassen ihn nicht aufessen.«
-
-»Nä, er ist for mich alleine,« heulte Heine Peterle, dem jetzt die
-Geduld riß, »und ich -- ich -- esse ihn doch auf.«
-
-»Das muß ich sagen, dies is nu nich scheene von dir,« sagte Hans Rumpf
-strafend. »Nä, Heine Peterle, das mußte nich machen, so ungefällig
-sein.«
-
-»Nich wahr?« schrieen alle Kinder, und Schulzens Jakob griff wieder
-nach dem Brief. »Gib her, ich mach'n auf!«
-
-»Nä!« Heine Peterle trampelte vor Wut mit den Füßen und wurde nun so
-fuchswild, daß er wie ein Ziegenböcklein mit dem Kopf den dicken Friede
-in sein Bäuchlein stieß. Der quiekte erschrocken, wollte flüchten und
-stieß in der Enge so derb an Annchen Amsee, daß die kreischend zu
-fliehen trachtete.
-
-»Nich so hitzig! So was, das is nich scheene!« tadelte Hans Rumpf,
-aber seine Worte verhallten ungehört. Die Buben und Mädel stießen,
-schubbsten und drängten einander, teilten Püffe aus, suchten immer
-wieder Heine Peterles Brief zu fassen, quietschten, schrieen, heulten
-und kreischten, -- es war ein fürchterlicher Lärm.
-
-»Hollah, fort von der Straße!« Des Schulzen Oberknecht kam mit einem
-Wagen angefahren, hinter ihm her kamen noch zwei Wagen. Die Leute
-hatten Dünger auf das Feld gefahren und kehrten nun heim. »Hollah, aus
-dem Wege!« Der Oberknecht ließ die Peitsche knallen, und nun flüchteten
-die Kinder und stoben auseinander wie ein Krähenschwarm, in den ein
-Schuß gefallen ist. Dabei versuchten Schulzens Jakob, Anton Friedlich
-und etliche andere aber doch noch Heine Peterle den Brief zu entreißen.
-Der wehrte sich. »Mein Brief, mein Brief,« brüllte er.
-
-»Hollah, aus dem Wege, unnützes Bubenpack!« brüllte der Oberknecht
-wieder; seine Peitsche sauste, und Anton Friedlich bekam eins über den
-Rücken. Mit einem lauten Schrei riß er aus, stieß an Heine Peterle
-an, der verlor das Gleichgewicht, purzelte hin, sprang aber geschwind
-wieder auf, denn dicht vor ihm standen die Pferde, und einen Augenblick
-später wäre er unter ihre Hufe gekommen.
-
-»Potzwetter noch einmal,« schrie der Oberknecht erschrocken, »am
-hellichten Tage kann man hier nicht ruhig fahren, weil einem die Buben
-in den Weg laufen.« Srrr, srrr, sauste seine Peitsche durch die Luft,
-und hier gab es einen Schlag, dort einen. Die Kinder jammerten, denn
-die Peitschenhiebe waren nicht sanft, aber alles Klagen und Jammern
-übertönte plötzlich laut Heine Peterles Stimme. »Mein Brief ist weg,
-huhuhuhu, ich habe meinen Brief verloren.«
-
-Die Wagen rollten vorbei, die Knechte schalten, Hans Rumpf schalt, die
-Kinder sollten nach Hause gehen, aber die blieben auf der Dorfstraße
-stehen und fragten und klagten untereinander: »Wer hat ihn denn?«
-
-»Ihr habt ihn mir genommen, mein Brief, huhuh, mein Brief!«
-
-»Er hat ihn doch aufgegessen!«
-
-»Nä, ich hab'n nich gegessen, mein Brief, huhuh, mein Brief!«
-
-»Hier liegt er!« Annchen Amsee, die Luchsaugen hatte und alles sah,
-was andere nicht sahen, hob ein schwarzes, triefendes Ding von der
-Straße auf: in einer Pfütze hatte es gelegen, und ein Wagen war darüber
-hingegangen.
-
-Entsetzt starrten die Kinder den verunstalteten Brief an, von dem eine
-schwärzliche Tunke herniederrann, und jetzt streckten sich die Hände
-nicht nach ihm aus. Schulzens Jakob sagte kleinlaut: »Den kann man doch
-nicht mehr lesen!«
-
-»Erst muß er ganz trocken sein,« riefen zwei, drei Stimmen.
-
-»Ich weiß was!« Bäckermeisters Mariele schob sich wichtig vor und griff
-mit spitzen Fingern nach dem schmutzigen Ding. »Ich hab' mal mein Buch
-in den Schmutz geworfen und es hernach im Backofen fein getrocknet,
-dann konnte ich wieder alles lesen. Kommt, wir woll'n den Brief auch
-trocknen!«
-
-»Fein,« riefen die andern, »und nachher lesen wir unsern Brief.«
-
-»'s ist doch mein Brief,« schluchzte Heine Peterle, und auf einmal
-empfanden etliche der Mädel herzliches Mitleid mit dem Kameraden. Sie
-trösteten ihn, nahmen ihn in ihre Mitte, und Mariele sagte gnädig:
-»Wenn er trocken ist, bekommst du ihn zuerst.«
-
-Alle miteinander zogen nach der Bäckerei. Das war nun keine Bäckerei,
-wie die etwa in einer Stadt ist. Abseits von dem Wohnhaus in einem
-Grasgarten stand das Backhäuschen, darin waren der Ofen und eine
-Backstube nebenan. Die war jetzt leer, aber der Ofen war warm, denn am
-Nachmittag wollten ein paar Bauersfrauen Striezel backen, und darum
-hatte Marieles Vater schon geheizt.
-
-»Hier auf den Schieber müssen wir den Brief legen,« wisperte Mariele
-eifrig. Dann erschrak sie aber selbst, als sie das schmutzige Ding
-ansah.
-
-»Leg meine Schürze unter!« Annchen Amsee hatte so geschwind, wie sie
-alles tat, Schwatzen, Essen und besonders Lachen, auch so rasch ihr
-Schürzchen abgebunden, das merkwürdig sauber war. Darauf wurde sorgsam
-der Brief gelegt und wie ein Brot in den Ofen geschoben.
-
-»Nicht so rasch,« warnte Mariele ängstlich, denn die Buben schoben
-gleich sehr kräftig zu, sie dachten: »Viel hilft viel.«
-
-Ein Weilchen standen die Kinder alle miteinander wartend in der
-Backstube, sie blieben aber nicht lange allein. Die Magd hatte sie
-durch den Grasgarten laufen sehen, und weil sie wußte, daß es verboten
-war, in das Backhäuschen zu gehen, meldete sie es rasch der Hausfrau.
-Diese rief ihren Mann, und der rannte denn auch ärgerlich nach dem
-Backhaus hinüber, riß dort die Türe auf und rief scheltend: »Na was
-soll denn das, was macht ihr denn hier alle in meinem Backhaus? Ei der
-Tausend, solche Gäste könnte ich hier gerade brauchen!«
-
-Der Bäcker war ein gutmütiger Mann, darum klang sein Schelten auch
-nicht sonderlich böse, und ein paar von den Buben hatten auch den Mut,
-ihm die ganze Geschichte zu erzählen.
-
-»Potz Weißbrot und Striezel, ihr seid doch ein närrisches Volk,« sagte
-der Bäcker, »backt 'n Brief in meinem Backofen. Na, woll'n mal sehen,
-ob er schon eine Butterbretzel geworden ist!«
-
-»Das wär' fein,« schmunzelte der dicke Friede, der gleich Hunger bekam,
-wenn er nur das Wort »Butterbretzel« hörte.
-
-Der Bäcker hatte unterdessen in seinen Ofen geschaut, aber er sah weder
-Annchen Amsees Schürze noch Heine Peterles Brief. Er fuhr suchend mit
-einem Stock im Ofen herum. »Meiner Seel',« rief er endlich, »das
-ist aber mal 'ne kuriose Butterbretzel geworden!« Er zog ein kleines
-Häufchen Zunder aus der Tiefe hervor: Schürze und Brief waren der Glut
-zu nahe gekommen und verbrannt.
-
-»Mein Brief,« brüllte Heine Peterle, und Annchen Amsee weinte: »Meine
-Schürze, sie war ganz neu!« Doch alles Klagen und Weinen, alles
-Jammergeschrei half nichts, Brief und Schürze blieben verbrannt.
-Traurig, mit gesenkten Köpfen zogen alle miteinander heimwärts; wie
-die begossenen Pudelchen kamen sie einher, und wer die Buben und Mädel
-sah, schüttelte den Kopf und meinte: »Na, da hat's was in der Schule
-gegeben.«
-
-Heine Peterle war ganz entzwei vor Kummer um den verlorenen Brief, er
-hätte doch so himmelgern gewußt, was darin gestanden hatte. Selbst
-Muhme Lenelies, die zum erstenmal bitterböse auf die Kinder war,
-denn auch sie hätte zu gern den Inhalt des Briefes gewußt, tröstete
-schließlich den armen Buben und versprach ihm, sie würde ihm Friedes
-nächsten Brief vorlesen. Das beruhigte Heine Peterle aber nur halb,
-und er stieg an diesem Abend mit dem Gedanken ins Bett: »Wenn ich nur
-wüßte, was in dem Brief gestanden hatte!« Auf einmal, er war schon
-völlig ausgekleidet, wutschte er zur Kammer hinaus, raste die Treppe
-hinunter, riß unten die Wohnstubentüre auf und brüllte: »Ich weiß, der
-Friede hat mich eingeladen!«
-
-Schwapp, hatte er einen Katzenkopf weg. »Dummer Bengel,« rief sein
-Vater, »was soll das Geschrei? Man denkt ja, es brennt im Hause!«
-
-So endete dieser Tag, der eigentlich wunderschön hätte sein müssen,
-trübe für den armen Heine Peterle. Es war nur gut, daß ein freundlicher
-Traum kam, sich an sein Bett setzte und ihm die prächtigsten Dinge
-erzählte. Als der Bube am nächsten Morgen aufwachte, war aller Kummer
-weg, wie weggeblasen, und als er in seine Höschen fuhr, sagte er höchst
-vergnügt zu Muhme Rese, die ihn geweckt hatte: »Aber mein war doch der
-Brief, mein Name hat drauf gestanden.«
-
-Und ein wenig später ging er steif und stolz wie ein Gockel zur Schule
-und rief seinen Kameraden wichtig zu: »Etsch, ihr habt noch nie 'nen
-Brief gekriegt, aber ich!«
-
-Da sahen ihn die andern betroffen an, seufzten und dachten: »Ja, recht
-hat der Heine Peterle schon, gekriegt hatte er den Brief, und das Lesen
--- -- ja, das Lesen war schließlich doch Nebensache. Lesen konnte jeder
-einen Brief, aber kriegen nicht.«
-
-[Illustration]
-
-
-
-
-[Illustration]
-
-Eine Stadtfahrt.
-
-
-Traumfriede war schon eine Woche fort, als die Oberheudorfer Kinder
-ganz unerwartet eine große Freude hatten; der Lehrer sagte ihnen
-nämlich am Schluß der Stunde: »Kinder, morgen habt ihr frei.«
-
-Dies klang allen so überraschend, daß sie mäuschenstill saßen und den
-Herrn Lehrer nur mit großen Augen verwundert ansahen. Der fragte: »Ihr
-freut euch wohl nicht? Das ist nett von euch!«
-
-»O ja,« brüllten alle geschwind, und plötzlich war es, als wäre der
-Sturm in die Klasse hineingesaust. Die Kinder drehten sich auf ihren
-Plätzen um, nickten und winkten hierhin und dorthin, lachten und
-tuschelten, und die Buben- und Mädelbeine zappelten wie gefangene
-Fische im Netz.
-
-Der Lehrer lächelte ein wenig: »Es waren doch erst Ferien!«
-
-»Och, das ist ja schon furchtbar lange her,« riefen ein paar Buben; es
-klang, als wäre Ostern vor hundert Jahren und nicht vor vierzehn Tagen
-gewesen.
-
-»Na, dann geht mal heim und seid hübsch brav morgen. Ich muß mit dem
-Herrn Pfarrer nach Tannenroda; es ist eine wichtige Sache, die sich
-nicht aufschieben läßt, es tut mir leid genug.«
-
-Die Kinder hörten wohl, was der Herr Lehrer sagte, ihre Gedanken waren
-aber sehr wenig dabei, und Schulzens Jakob erzählte nachher daheim: Der
-Herr Lehrer müßte den Herrn Pfarrer nach Tannenroda schieben, und das
-wäre sehr wichtig. Die Buben und Mädel dachten nun daran, wie sie den
-schulfreien Tag recht vergnügt verleben könnten, sie machten Pläne, als
-wäre der eine Tag so lang wie die Sommerferien.
-
-Wie etliche Buben und Mädel so schwatzend die Dorfstraße entlang
-gingen, trafen sie Friede Hopserling, den Müllerknecht. Mit dem waren
-sie immer gut Freund, und ihm erzählten sie auch gleich, daß morgen
-schulfrei sei. »Na, dann besucht doch den Friede in Feldburg,« riet der
-Knecht.
-
-»Friede besuchen!« Die Kinder sahen sich an. Fein wäre das schon, aber
-Feldburg war arg weit, und ob sie durften?
-
-»Macht's so. Ich fahre früh hin mit Säcken und nachmittags leer heim;
-zurück nehme ich euch mit, hin müßt ihr laufen. Fein, was?« Friede
-Hopserling grinste die Kinder an wie ein lachendes Kasperle vom
-Vogelschießen, die Buben und Mädel grinsten wieder, und auf einmal
-schrieen sie alle: »Ich will mit, ich auch, ich auch!«
-
-Friede Hopserling übersah die Schar, schüttelte den Kopf, zählte an
-seinen Fingern ab und brummte endlich: »Vier, mehr nicht.«
-
-»Ich, ich, ich, nein ich, lieber ich, nimm mich mit!« Jedes rief, jedes
-bat, aber der Knecht schüttelte den Kopf. »Geht nicht, vier, sonst
-haben's die Pferde zu schwer.«
-
-Er trat zur Seite, maß nachdenklich den ziemlich breiten Straßengraben
-mit seinen Blicken und sagte dann: »Wer am besten springt, darf mit.«
-Er selbst sprang hinüber, zog drüben einen Strich, kam zurück und
-stellte sich an einen Meilenstein. »Einer nach dem andern, -- wer fängt
-an?«
-
-Die Kinder gehorchten, das Springen erschien ihnen zu lustig, und jedes
-hoffte: »Ich erreich's.« Anton Friedlich hatte sich vorgedrängt: »Ich
-will anfangen, ich spring' am besten.«
-
-»Na los!« rief Friede Hopserling, und plumps lag Anton auch schon im
-Graben. »Mit 'nem großem Maul springt man nicht,« lachte der Knecht.
-»Schulzens Jakob spring!«
-
-Der sprang und kam richtig über den Strich. Seine Schwester Röse, die
-es ihm nachmachen wollte, fiel aber in den Graben, dort bekam sie
-gleich Gesellschaft vom blauen Friede, und noch waren sie beide nicht
-herausgekrabbelt, da plumpste ihnen schon Bäckermeisters Mariele nach.
-
-»Es ist zu weit,« riefen ein paar Kinder; Friede Hopserling erwiderte
-aber gelassen: »Wer nicht gut springt, kann vielleicht nicht gut
-laufen, und wer nach der Stadt will, muß gut laufen können, basta!«
-
-[Illustration]
-
-Hopsa, da war Schnipfelbauers Fritz drüben, der dicke Friede sprang ihm
-nach, und klatsch, lag er im Graben.
-
-»Jetzt muß Heine Peterle springen,« riefen ein paar Stimmen. Heine
-Peterle aber stand unentschlossen da. Wenn er gut sprang, mußte er mit
-in die Stadt, und eigentlich wollte er doch nicht, hatte gesagt, er
-würde nie mehr in die Stadt gehen.
-
-»He, der Heine Peterle, der Städter, mag nicht in die Stadt,« neckte
-Friede Hopserling, »er fürchtet sich.«
-
-»Nä,« rief Heine Peterle patzig, »pah, vor der Stadt fürchten!«
-und hops war er drüben, sogar noch ein Stück über den Strich war er
-gesprungen.
-
-»Mädel können nicht springen,« höhnte Anton Friedlich, als Krämers
-Trude in den Graben sank.
-
-»Das ist frech, hast auch drin gelegen!« Annchen Amsee reckte sich,
-nahm eilig einen ihrer braunen Bummelzöpfe in den Mund und sauste so
-geschwind über den Graben, daß sie drüben gleich Schulzens Jakob und
-Schnipfelbauers Fritz umriß.
-
-»So nun sind's vier,« sagte Friede Hopserling, »weil Annchen am besten
-gesprungen ist, darf sie sich noch ein Mädel aussuchen. Ein Mädel ist
-leicht, das ziehen meine Pferde noch.«
-
-»Mariandel,« rief Annchen Amsee geschwind und lief auf das schüchterne
-blonde Dirnchen zu, das es gar nicht gewagt hatte, zu springen. »Du
-mußt mit, über dich freut sich der Friede am meisten.«
-
-»Nä, über mich, an mich hat er geschrieben,« beharrte Heine Peterle,
-und die andern widersprachen ihm nicht. Sie redeten schon eifrig von
-der Fahrt, und ob es die Eltern erlauben würden. Doch die waren gut
-und sagten nicht nein; wenn Friede Hopserling die Kinder unter seinen
-Schutz nahm, dann waren sie wohl geborgen.
-
-Es gab an diesem Nachmittag viel Aufregung im Dorf. Die Kinder liefen
-dahin und dorthin, um von ihrer Stadtfahrt zu erzählen, und jeder gab
-ihnen gute Ratschläge. Kaspar auf dem Berge sagte: »Nehmt ein Huhn mit,
-die Dame -- denn das ist sie --, sie hat's gesagt, will immer ein Huhn
-haben!«
-
-Da rannten die Kinder und flehten ihre Mütter an, sie sollten ihnen ein
-Huhn schenken, und die Mütter sagten, so was wäre Unsinn, dann sollten
-sie lieber daheim bleiben. Endlich, als das Bitten gar nicht nachließ,
-gab Heine Peterles Mutter wirklich ein Huhn her, eins, das keine Eier
-legte, pechschwarz und so unnütz war, daß man es im ganzen Dorfe nur
-den kleinen Teufel nannte. Nachdem die Kinder das Huhn hatten, wollten
-sie auch Eier haben, aber da schrie Heine Peterle: »Nä, nä, mit Eiern
-fällt man in der Stadt immer hin!«
-
-»Ich geb' euch für den Friede und seine Pflegeeltern Kuchen mit,
-und damit ist's genug, weiter wird nichts mitgenommen,« sagte die
-Schulzenfrau endlich, denn ihr Jakob hätte am liebsten das halbe
-Bauerngut mit nach der Stadt geschleppt. Muhme Lenelies kam auch und
-brachte einen Brief für ihren Friede. Die alte Frau freute sich über
-die Fahrt der Kinder am allermeisten, sie dachte nur immer: »Wie wird
-sich mein Friede freuen! Gewiß hat er sich schon sehr gebangt!«
-
-[Illustration: Die Liebesgabe.]
-
-Mit viel Geschwätz, Geschrei, mit großer Wichtigkeit und Eile brachen
-die fünf Reisenden am nächsten Morgen auf. Auf dem Dorfplatz am
-Brunnen trafen sie sich und taten, als wollten sie miteinander eine
-Reise um die Welt machen. Der Abschied war auch danach. Annchen Amsee
-und Mariandel weinten ein bißchen, und die Buben sahen so grimmig
-drein, als wollten sie in der Stadt die größten Heldentaten verrichten.
-Jedes trug ein rotgemustertes Taschentuch zu einem Eßbündelchen
-zusammengebunden, und jedes fand das überflüssig, nur Heine Peterle
-nicht, der sagte: »In der Stadt ist's komisch, ich hab' dort nischt zu
-essen gekriegt.« Sein Bündelchen war auch am dicksten, und seine Mutter
-meinte bedenklich: »Das ist zu viel, du wirst ja krank!«
-
-»Nä,« rief Heine Peterle vergnügt, »vom Essen nie!« Und pfeifend zog
-er mit seinem Bündel neben den Gefährten her, er kam sich so ungeheuer
-klug und erfahren vor; er war doch schon einmal in der Stadt gewesen,
-und gewiß würden sie in der Stadt sehr staunen, daß Heine Peterle aus
-Oberheudorf wieder einmal kam.
-
-Fräulein Wunderlich hatte an diesem Tag »Rumpelkammerlaune«, wie das
-Mädchen Marie es nannte. Diese Laune hatte sie jetzt freilich immer,
-und ob es draußen regnete oder die Sonne schien, immer ging das
-Fräulein mit einem brummigen Gesicht einher. »Seit sie den Jungen aus
-Oberheudorf rausgeschmissen hat, ist's, als säße sie immer in unserer
-dunklen Kammer,« murrte Marie, der es gar nicht mehr im Organistenhaus
-gefiel. Sie sah dann auch nicht gerade wie Frühlingswetter aus, als sie
-an diesem Tage die Fenster blank putzte. Der Johannesplan lag still und
-einsam da, das Gymnasium hatte schon begonnen, und kein grünbemützter
-Bube rannte mehr über den Platz. Nur am andern Ende spielten ein paar
-kleine Kinder Kreisel; manchmal drang ihr lustiges Lachen zu Marie
-hinüber, dann erhellte sich deren Gesicht immer ein bißchen, denn sie
-hatte alle Kinder lieb. In dem großen Garten des Nachbarhauses war
-auch alles still, und Marie dachte, wie schon so oft in diesen Tagen:
-»Rein wie verschwunden ist der Junge, nicht mal sehen tue ich ihn.« Sie
-ahnte nicht, daß Friede stets durch eine kleine Seitentüre am andern
-Gartenende das Haus verließ und um die Kirche herumlief, nur um nicht
-am Organistenhaus vorbei zu müssen. So hatte er es auch an diesem Tage
-gemacht, an dem er wieder wie immer mit schwerem Herzen in die Schule
-lief. Einsam saß er unter seinen Genossen, er sprach mit keinem, ging
-allen scheu aus dem Wege, aber oft genug gellte der spottende Ruf:
-»Friede Pfennig aus Oberheudorf,« hinter ihm her.
-
-Während Friede so still in der Schule saß und Marie Fenster putzte,
-klippten und klappten auf einmal fünf Paar Kinderbeine laut über das
-Pflaster des Kirchplatzes. Marie bog sich aus dem Fenster und schaute
-erstaunt die Buben und Mädel an, die da einherkamen. »Na, die sind
-doch nicht von hier,« dachte sie lächelnd; die fünf hatten sich so fein
-gemacht und sahen so stolz und vergnügt drein, als wollten sie den
-ganzen Johannesplan kaufen. »Du meine Güte,« rief Marie erstaunt, »sie
-kommen zu uns!«
-
-Wirklich kamen die Kinder auf das Organistenhaus zu. Einer der Buben
-streckte die Hand aus: »Dort ist's,« und ein Mädel rief eifrig: »Es
-steht Wunderlich dran, ich kann's lesen.«
-
-»Ich will klingeln.« Heine Peterle drängte sich vor und drückte sehr
-kräftig auf den weißen Knopf; oh, er wußte schon Bescheid mit dem
-städtischen Klingeln!
-
-Ehe Marie noch voller Erstaunen von dem Fensterbrett heruntergeklettert
-war, lief Fräulein Wunderlich schon ärgerlich herbei, um zu öffnen.
-Es hatte den ganzen Tag noch nicht einmal geklingelt, und doch schalt
-sie: »Man hat auch nicht fünf Minuten Ruhe.« Sie riß die Türe auf
-und schaute verdutzt auf die Buben und Mädel draußen, die sie halb
-neugierig, halb verlegen anstarrten. Nur ein Bube trat eiligst vor,
-verbeugte sich sehr tief und schrie das Fräulein an, als wäre sie taub:
-»Wir sind da, weil der Friede mich eingeladen hat und -- und --«
-
-Annchen Amsee trug das schwarze Huhn, das den Kindern unterwegs schon
-recht unbequem gewesen war; es wollte sich durchaus nicht ruhig tragen
-lassen, zappelte immer hin und her und benahm sich recht wie ein
-kleiner Teufel. Annchen hatte es noch am längsten tragen können, doch
-jetzt war ihre Kraft und die Geduld des Huhnes zu Ende; mit lautem
-Geschrei flog es Fräulein Wunderlich an die Nase. -- »Das Huhn bringen
-wir mit,« vollendete Heine Peterle aufatmend.
-
-»Ich danke schön dafür,« rief das Fräulein wütend.
-
-»Bitte!« Annchen Amsee und Mariandel knicksten tief, sie wußten doch,
-daß es sich schickt, nach jedem Dank »bitte« zu sagen.
-
-»Bitte,« brüllten es ihnen die Buben nach und verneigten sich auch.
-Heine Peterle aber sagte stolz: »Das ist von meiner Mutter und heißt
-Teufel, und Muhme Rese hat gesagt, für die Stadt wär's gut genug!«
-
-»Ih, du bist ja ein ganz abscheulicher, frecher Bengel,« rief Fräulein
-Wunderlich so entrüstet, daß Heine Peterle ganz erschrocken zurückwich.
-
-»Nä, das ist er nicht!« Annchen Amsee strich sich ihr Schürzchen glatt,
-stellte sich wichtig vor das Fräulein hin, schaute sie mit ihren runden
-Braunaugen treuherzig an und versicherte: »Nä, das müssen Se nich vom
-Heine Peterle denken, der ist ganz gut.«
-
-Das kleine Mädel, das so zutraulich und offen zu ihr aufsah, brachte
-Fräulein Wunderlich in Verlegenheit. Sie schämte sich im Herzen etwas
-ihrer schnellen Heftigkeit, und viel sanfter fragte sie: »Ja Kinder,
-was wollt ihr denn eigentlich hier?«
-
-»Den Friede besuchen!« riefen alle wie aus einem Munde, und Annchen
-Amsee knickste wieder und begann geschwind zu erzählen von dem
-schulfreien Tag, von Friede Hopserling, von dem Wettspringen, und
-während sie schwatzte, bekamen Mariandel und die Buben auch Mut und
-redeten mit; sie redeten wie ihnen der Schnabel gewachsen war.
-
-Marie kamen die fünf sehr spaßhaft vor, sie lachte vergnügt, während
-sie das schwarze Huhn gutmütig streichelte. Das Lachen machte die
-Kinder noch mutiger, sie schwatzten immer lebhafter, erzählten die
-Geschichte von dem ungelesenen Brief und versicherten dazwischen immer
-wieder, Friede würde sich ungeheuer über ihren Besuch freuen. »Er
-schießt 'nen Purzelbaum, sicher,« behauptete Schnipfelbauers Fritz. Das
-tat er selber nämlich immer, wenn er Geburtstag hatte.
-
-»Und Kuchen haben wir auch mit,« zwitscherte Annchen Amsee.
-
-»Ja, viel!« Schulzens Jakob blähte sich wie ein kleiner Frosch auf.
-»Meine Mutter hat gesagt, da wär' ordentlich Butter drin, der würde den
-Stadtleuten schon schmecken!«
-
-»Der ist fein!« Annchen Amsee leckte mit ihrem roten Zünglein geschwind
-die Mundwinkel, »hm, fein!«
-
-»Und 'nen Brief hab' ich für Friede von Muhme Lenelies,« flüsterte
-Waldbauers Mariandel schüchtern, »und grüßen soll ich von der Muhme,
-und -- und -- sie tät Ihnen dankbar sein.« Das Mädel atmete tief auf,
-die lange Bestellung war ihm sehr schwer geworden.
-
-Die Kinder hatten in all ihrem Schwatzen gar nicht gemerkt, daß das
-Fräulein ganz still war; kein Wort sagte es, und manchmal seufzte es
-tief, wie jemand, dem eine Last auf dem Herzen liegt. Die fünf Paar
-Beine, die so tapfer die vielen Stunden auf der Landstraße gelaufen
-waren, hatten den schneeweißen Hausflur bald recht schmutzig getreten,
-und das Schwatzen durchhallte das Haus sehr laut. Selbst die alte
-Treppe wunderte sich über den ungewohnten Lärm, und sie knackte ein
-paarmal unwirsch. Aber das alles schien Fräulein Wunderlich gar
-nicht zu merken. Sinnend, ernsthaft betrachtete sie die Kinder,
-schaute in die treuherzigen Augen, die ihr aus den blühenden, runden
-Gesichtern entgegenstrahlten, und dachte nur immer: »Das sind nun
-Friedes Freundinnen und Freunde, -- ob der Junge wohl auch so vergnügt
-hätte schwatzen können?« Und dann sann sie nach: Was tue ich nur mit
-den Kindern, wie sage ich es ihnen, daß ich ihren Freund -- --? Sie
-erschrak auf einmal tief vor ihrer Tat. Hinausgeworfen hatte sie den
-Jungen, und plötzlich schlug sie vor den Kindern die Augen nieder.
-
-»Jetzt sieht sie die Schmutztrapsen, jetzt wird sie gleich furchtbar
-schelten,« dachte Marie erschrocken, die mit großer Freude den Kindern
-zugehört hatte. Aber merkwürdigerweise schalt Fräulein Wunderlich
-nicht, sondern sagte sehr sanft: »Marie, du könntest Schokolade für
-die Kinder kochen. Die Schule ist ja noch lange nicht aus, und sicher
-werden die Kinder hungrig sein.«
-
-»Schokolade?« Die fünf Reisegefährten rissen Augen und Mund weit
-auf; Schokolade gab es in Oberheudorf sehr, sehr selten, nur an den
-allerhöchsten Festtagen, und hier in der Stadt sollten sie gleich das
-köstliche Getränk bekommen. Und wie komisch, das Fräulein fragte auch
-noch: »Mögt ihr Schokolade gern?«
-
-»Ja!« brüllten alle fünf, so laut sie konnten, und unverhohlen,
-riesengroß stand die Freude auf ihren Gesichtern geschrieben.
-
-Fräulein Wunderlich lächelte milde, so milde, wie sie lange,
-lange nicht gelächelt hatte. Sie führte die Kinder selbst in das
-Wohnzimmer und schien es gar nicht zu sehen, daß der Teppich auch ein
-bissel Schmutz von der Landstraße als Mitbringsel bekam. Die fünf
-Oberheudorfer durften sich um den runden Tisch herumsetzen, auf den
-Marie alsbald ein blütenweißes Tischtuch breitete, und auf den sie
-wundervolle, mit Rosen bemalte Tassen stellte. Ordentlich feierlich
-wurde es den Kindern zumute, sie verstummten mehr und mehr, und
-Fräulein Wunderlich mußte ein paarmal mahnen: »Erzählt mir noch etwas!
-Seid ihr wirklich den weiten Weg immerzu gelaufen?«
-
-Die Kinder antworteten, aber als dann Marie mit der Schokolade kam und
-einen Teller feine, weiße Buttersemmeln dazu hinstellte, da verstummten
-die Buben und Mädel vollständig. Sie lachten nur selig vergnügt, und
-dann kauten und schluckten sie voller Behagen, während Herrin und
-Dienerin ihnen andächtig zusahen. Fräulein Wunderlich mußte an ihre
-Kinderzeit denken. Damals hatte es zu den Geburtstagen auch Schokolade
-gegeben, ihre beiden Schwestern hatten noch gelebt, und drüben aus
-dem Nachbarhause waren die lustigen Spiegeleier gekommen -- so hatten
-die Wunderlichkinder die beiden Brüder von Spiegel genannt. Dem
-Fräulein wurde es seltsam weich ums Herz. Warum war nur alles so anders
-geworden? Feindschaft herrschte, wo es einst Freundschaft gegeben
-hatte! -- --
-
-Heine Peterle setzte tief aufatmend seine Tasse nieder, -- die fünfte
-war es gewesen, nun konnte er wirklich nicht mehr, er war plumpssatt.
-Jetzt dachte er wieder an den Freund und fragte: »Kommt der Friede nun
-bald aus der Schule?«
-
-»Der hat's aber gut!« seufzte Schulzens Jakob, der einen
-Schokoladenbart von einem Ohr bis zum andern hatte.
-
-In Fräulein Wunderlichs blasses Gesicht stieg eine leichte Röte,
-wirklich, sie schämte sich vor den Kindern. Leise stockend erwiderte
-sie: »Der Friede -- -- ist -- -- er wohnt gar nicht bei mir, sondern im
-Nebenhaus.«
-
-Buben und Mädel sahen einander verdutzt an, endlich sagte Annchen Amsee
-schüchtern: »Ach -- -- hier ist's wohl zu fein für ihn?«
-
-»Wo ist er denn?« rief Mariandel kläglich. »Ich will doch zum Friede!«
-
-»Im Nebenhaus drüben wohnt er, Kinder!« Fräulein Wunderlich seufzte
-wieder; ja, nun mußte sie doch den Kindern alles erzählen!
-
-Aber da sagte Marie plötzlich: »Das mit dem Friede ist nu so'ne
-Geschichte. Mein Fräulein hat nicht gleich gewußt, was das für'n guter
-Junge ist, und hat gedacht, er tut's aus Bosheit, daß er rüber in'n
-Garten geklettert ist, und drüben, da wohnt 'n alter Herr, der hat ihn
-gleich behalten. Habt ihr denn das in Oberheudorf nicht gewußt?«
-
-»Nä!« Die Kinder sahen wieder höchst erstaunt drein. Maries Rede hatten
-sie nicht ganz verstanden, nur Mariandel rief plötzlich entrüstet: »Der
-Friede ist doch nicht boshaft!«
-
-»Ih wo, ist er auch nicht,« beruhigte Marie, »ich bringe euch nachher
-ins Nachbarhaus, und dann erzählt ihr dem Friede, wie schön's hier
-gewesen ist.«
-
-»Ja, und sagt ihm, er möchte mich recht bald besuchen,« fiel Fräulein
-Wunderlich hastig ein, und im Herzen nahm sie sich vor: »Ich tue dem
-Buben was Liebes an, ich will meine Härte gut machen.«
-
-»Jetzt wird bald drüben die Schulglocke läuten, nun kommt euer Friede
-gleich raus,« rief Marie, und dies Wort ließ selbst das plumpssatte
-Heine Peterle gleich aufspringen, und die Buben wären beinahe ohne
-Lebewohl und Dank hinausgestürmt; aber Annchen Amsee mahnte mit sanften
-Püffen an diese Pflicht, und so dankten denn alle sehr höflich, legten
-ihre braunen Patschen treuherzig in der Hausherrin weiße Hand und
-versprachen sehr vergnügt das Wiederkommen.
-
-»Wenn wieder keine Schule ist,« »Wenn Schnipfelbauers Fritz wieder
-fährt,« »Nächste Woche vielleicht,« so tönte es durcheinander. Und
-dann dachten die Mädel an den Kuchen und an das Huhn, aber Fräulein
-Wunderlich sagte, das müßten sie alles mit ins Nachbarhaus nehmen, das
-ginge nicht anders. Das wollten aber die Kinder durchaus nicht, denn
-das Huhn hatten sie doch für Fräulein Wunderlich mitgebracht. Kaspar
-auf dem Berge hatte doch gesagt, das Fräulein wünsche sich eins.
-
-»Behalten Sie's nur,« redete Annchen Amsee zu, »es ist ganz gut, und
-meine Mutter sagt, vielleicht legt's doch Eier, man weiß nur nicht
-wohin.«
-
-»Nä, ich nehm's nicht mehr mit,« wehrte Heine Peterle ab, der heimlich
-Angst hatte, er müßte es tragen, und die andern sagten es auch, von dem
-Kuchen sagten sie aber nichts.
-
-»Ich dächte, 's wär' schon am besten, wir behielten den kleinen Teufel
-jetzt da,« ließ sich Marie vernehmen, »denn sonst passiert den Kindern
-noch was damit.«
-
-»Nun gut, es soll hier bleiben, und der Friede kann's besuchen,«
-entschied Fräulein Wunderlich. »Und vergeßt es nicht, Friede zu sagen,
-er soll bald zu mir kommen,« mahnte sie noch, als die fünf schon zur
-Haustüre hinausliefen.
-
-Die hörten dies kaum noch, sie sahen die ersten Grünmützen über den
-Johannesplan laufen und rannten auf das Gymnasium zu. »Da ist er!«
-brüllte Heine Peterle, und trotz der vielen Schokolade lief er nun doch
-wie ein Wiesel ihm entgegen in den Schulhof hinein.
-
-»Friede, wir sind da! Friede, wir woll'n dich besuchen!« Traumfriede
-wußte nicht, wie ihm geschah, als ihn da auf einmal die fünf
-Oberheudorfer umringten. Jubelnd und lachend schwatzten sie auf ihn
-ein und merkten es gar nicht, daß sich um sie herum lauter Grünmützen
-stellten. »Hollah, Friede Pfennig hat Besuch bekommen, wohl auch aus
-Oberheudorf!« schrie ein Klassengenosse, und ein paar Stimmen schrien
-es ihm nach.
-
-Friede wurde totenblaß bei diesem Spott, und ein häßliches, nie
-gekanntes Gefühl stieg in ihm auf: er schämte sich in diesem Augenblick
-der alten Freunde, und diese Scham schloß ihm jäh den Mund.
-
-Die fünf sahen ihn an. Der da, das war doch gar nicht mehr ihr Friede,
-ihr alter Schulgefährte. So fremd sah er aus, und nun merkten sie auch,
-daß die Buben, die um sie herumstanden, spotteten, keck und übermütig.
-Ein langer Junge griff nach Heine Peterles vielgeliebter Pelzmütze, die
-dieser trotz des warmen Frühlingswetters trug. »Heda, du kommst ja wohl
-vom Nordpol?«
-
-»Nee, aus Oberheudorf,« spotteten die andern. Aber sie hatten sich
-verrechnet, allzu viel ließen sich die Dorfbuben nicht gefallen.
-Klatsch, klatsch, schlug Schulzens Jakob geschwind um sich, und Heine
-Peterle und Schnipfelbauers Fritz folgten seinem Beispiel. Da kam
-Friede auch wieder zu sich. Zorn und Scham über sich selbst verliehen
-ihm doppelte Kräfte, er schob einen Buben, der ihn um Kopfgröße
-überragte, einfach zur Seite und schrie grob: »Laßt sie in Frieden, die
-gehören zu mir!«
-
-»Na, seht doch die frechen Dorfjungen!« höhnte einer, aber schwapp
-hatte er einen Katzenkopf weg und einen Rippenstoß dazu, beides
-von guter Oberheudorfer Art. Die Stadtjungen merkten bald, daß die
-Oberheudorfer nicht mit sich spaßen ließen. Puffend, stoßend,
-kampfbereit wie junge Hähne zogen die sechs Heimatgenossen aus dem
-Schulhof wieder hinaus. Die Mädel ließen sich auch nichts gefallen, und
-Annchen Amsee gebrauchte ihr rotes Eßbündelchen dazu, es den Grünmützen
-um die Ohren zu schlagen. Die traten endlich den Rückzug an, und vor
-dem Spiegelhaus ließen sie die sechs in Ruhe und liefen davon.
-
-Der Gärtner hatte das Geschrei gehört und kam eilig herbei, um zu
-sehen, was dies eigentlich zu bedeuten hätte. Erstaunt sah er den
-kleinen Gast seines Herrn unter den Dorfkindern stehen. Die redeten
-eifrigst auf Friede ein, erzählten von dem Brief, ihrem Weg hierher und
-versicherten immer wieder: »Wir sind nur gekommen, um dich zu besuchen.«
-
-Mariandel fragte eindringlich: »Freust dich wohl arg, gelt, Friede?«
-Aber sie erhielt keine Antwort. Friede konnte sich gar nicht recht
-freuen, er wünschte, die Freunde wären nicht gekommen; er wußte nicht,
-was er mit ihnen anfangen sollte. Sie mit in das Haus zu nehmen, wagte
-er nicht, und er seufzte, als Annchen Amsee nun schon zum dritten Male
-fragte: »Gehen wir nun ins Haus? Das sieht aber fein aus!«
-
-Der Gärtner war inzwischen zu dem Professor gegangen und hatte ihm von
-dem Kinderbesuch erzählt. Der rief zwar etwas erschrocken: »Lieber
-Himmel, gleich fünf!« Er erlaubte aber doch, daß sie hereinkamen.
-Friede war heilfroh, als der Hausverwalter seine Gäste holte, er hätte
-in seiner Verlegenheit wohl noch etliche Stunden mit ihnen vor dem Tore
-gestanden. Er schämte sich nachher seiner Zaghaftigkeit sehr, denn der
-Professor empfing die Kinder so freundlich, als hätte er just an dem
-Tage gedacht: »Wenn ich doch Besuch aus Oberheudorf bekäme!«
-
-Annchen Amsee erkannte den alten Herrn gleich wieder. Oh, sie wußte es
-noch genau, er hatte ihr die Backen gestreichelt und sie ein putziges
-Frauenzimmerchen genannt. »Ja,« rief Schnipfelbauers Fritz stolz, als
-Annchen dies erzählte, »un ich sollt' 'ne Maulschelle kriegen, aber ich
-hab' se nich gekriegt!«
-
-»Na siehst du,« sagte der Professor lächelnd, »da sind wir ja alte
-Freunde. Nun erzählt mir mal, wie ihr hergekommen seid.«
-
-Das ließen sich die Kinder nicht zweimal sagen, sie erzählten alles,
-auch von dem Schokoladefest bei Fräulein Wunderlich. Zu essen bekamen
-die Kinder auch etwas, und es schmeckte ihnen so gut in dem gastlichen
-Hause, daß die Hausverwalterin mitleidig dachte: »Die bekommen zu Hause
-gewiß recht wenig zu essen.« Sie hatte eben keine Ahnung, was in einen
-rechten Oberheudorfer Kindermagen hineingeht.
-
-Nach Tisch sollten sich die Kinder die Stadt ansehen, da Friede an
-diesem Nachmittage keine Schule hatte. Zuvor durfte sie Friede selbst
-rasch einmal durch alle Zimmer führen, die der Professor bewohnte.
-Dabei kamen sie auch durch einen großen Saal, in dem die Sammlung des
-Hausherrn aufgestellt war: antike Büsten und Statuen, Krüge, Vasen,
-Waffen und allerlei Gebrauchsgegenstände aus uralten Zeiten, und die
-fünf Oberheudorfer rissen die Augen weit auf vor Erstaunen. »Ja warum
-stellt sich jemand nur so häßliche alte Sachen hin?« fragten diese
-Augen alle.
-
-»Es ist ja fast alles zerbrochen,« flüsterte Annchen Amsee, und
-Mariandel lispelte ängstlich: »Weiß denn der Herr, daß sein Zeug alles
-kaput ist?«
-
-»Ja doch, er hat dies alles gesammelt,« erklärte Friede, und in seine
-blauen Augen trat ein träumerisches Sinnen. Er fand nämlich die kaputen
-Sachen gar nicht so häßlich. Aber da puffte Heine Peterle und kicherte:
-»Nun sieh doch da den Topf mit 'nem Loch, und da noch einen, und
-der Mann hat keine Arme, und, hihihihi, der Frau haben sie die Nase
-abgehauen.«
-
-»Herr Professor hat aber seine Freude an den Sachen,« sagte Friede, und
-er hätte ganz gern den Freunden von den alten Griechen und Römern etwas
-erzählt, denen einst alle diese Dinge gehört hatten. Die fünf meinten
-aber, es wäre nun besser, sie gingen in die Stadt. Die zerbrochenen
-Töpfe gefielen ihnen gar nicht, ja Annchen Amsee sagte verächtlich:
-»Meine Mutter hat ein paar, da fehlt der Henkel, aber die sind viel
-hübscher.«
-
-»Ach, kommt in die Stadt, ich will was kaufen,« rief Schulzens Jakob
-und klimperte protzig mit drei Groschen. Er kam sich ungeheuer reich
-vor.
-
-»Ja, einkaufen wollen wir,« riefen auch die andern. Da schwieg
-Traumfriede von den alten Griechen und Römern und führte seine
-Heimatgenossen in die Stadt.
-
-Feldburg hatte nur eine Hauptstraße, in der es hübsche Läden gab, denn
-es war ja eine kleine Stadt, Großstädter nannten sie eben »ein Nest«.
-Aber die Oberheudorfer Buben und Mädel waren halt keine Großstädter,
-ihnen kam die Stadt erstaunlich groß vor. Ihre derben Schuhe klapperten
-laut über das Pflaster, als sie nun wieder über den Johannesplan
-trabten. Jeden Menschen, den sie sahen, grüßten sie höflich. Als sie
-aber in die Hauptstraße einbogen, sagte Friede: »Laßt lieber das
-Gutentagsagen sein, hier tut man das nicht!«
-
-»Pfui, wie unhöflich!« Annchen Amsee rümpfte das Näschen, aber gleich
-darauf vergaß auch sie ihre Entrüstung, denn Heine Peterle schrie
-plötzlich laut auf: »Nä, da rennt 'n Wagen ohne Pferde!«
-
-Die Wege, die nach Oberheudorf führten, waren nicht besonders glatt und
-schön, und darum hatte noch niemand diese Fahrt mit einem Automobil
-unternommen. Ein solches Fahrzeug war den Kindern also vollständig
-unbekannt. Sie staunten es darum mit offenem Mund an. »Wie war es nur
-möglich, daß ein Wagen ohne Pferde fahren konnte!«
-
-»Da ist noch einer!« schrie Jakob, und alle fünf rannten auf den
-Fahrdamm dem merkwürdigen Ding entgegen.
-
-»Runter!« brüllte sie da ein Mann an. Er faßte Heine Peterle und
-Schulzens Jakob beim Kragen, Friede zerrte die Mädel auf den Fußsteig
-zurück, eine Frau hatte Schnipfelbauers Fritz ergriffen. Mit einem Ruck
-stand das Automobil still, es hätte beinahe die Kinder überfahren. Der
-Chauffeur, die Insassen, die Fußgänger, alles schalt auf die Kinder
-ein, die so verdattert waren, daß sie gar nichts sagen konnten. Nur
-Schnipfelbauers Fritz schrie immerfort: »'n Wagen ohne Pferd, 'n Wagen
-ohne Pferd!«
-
-»Die sind ja wohl aus Afrika?« brummte ein dicker Schutzmann, und die
-Umstehenden lachten.
-
-»Nee, die sind aus Oberheudorf,« brüllten etliche Grünmützen, und
-Friede erkannte zu seinem Entsetzen ein paar Klassengenossen. O weh,
-nun würde der Spott wieder losgehen. Er senkte scheu den Kopf und bat:
-»Kommt doch, kommt, da ist ein Laden. Annchen kann dort eine Tasse
-kaufen.«
-
-Den fünfen war das recht. Sie waren auch froh, aus dem Tumult
-herauszukommen, und so folgten sie alle eilig Friede in einen großen
-Laden hinein. Hier vergaßen sie vor Staunen gleich den soeben
-überstandenen Schrecken. So viele schöne Tassen, Teller, Krüge, Vasen,
-silberne Kannen und Zuckerschalen und hunderterlei Sachen hatten sie
-noch nie gesehen. Besonders die Mädel gerieten fast aus dem Häuschen
-vor Freude, und Annchen Amsee rief gleich: »Die Tasse will ich kaufen,
--- nein, die da, nein, die!«
-
-Die Verkäuferin sah die neuen Kunden etwas erstaunt an. Weil aber
-Annchen Amsee so rasch dies und das kaufen wollte, lächelte sie
-huldvoll und sagte: »Sucht euch nur aus, die Tassen dort sind besonders
-schön.«
-
-Ja, Annchen fand die bezeichneten Tassen auch wunderfein, sie waren
-ganz mit Rosen bemalt und innen vergoldet. »So eine nehme ich,«
-rief Annchen und holte ihr Sacktüchlein hervor, in dem sie ihr Geld
-eingebunden hatte. Sie war sehr reich, reicher noch als Schulzens
-Jakob, denn sie hatte vier Groschen. Wichtig legte sie das Geld auf den
-Ladentisch und fragte: »Krieg ich zwei dafür?«
-
-Ihre Gefährten sahen sie bewundernd an. Nein, war das Annchen schnell
-beim Kauf! Sie tat ja gerade, als wäre sie schon hundertmal in der
-Stadt gewesen und hätte schon oft schöne Tassen gekauft.
-
-Die Verkäuferin hatte eine Rosentasse vom Brett genommen und sah nun
-prüfend auf das Geld. »Aber Kind,« rief sie, »so eine Tasse kostet
-drei Mark! So billige Tassen haben wir überhaupt nicht; da kannst du
-höchstens so eine dafür bekommen.« Sie hielt Annchen eine glatte weiße
-Tasse hin, die nur einen schmalen goldenen Rand hatte. »Nimm die, sie
-ist sehr hübsch.«
-
-»Nä, die is nich hübsch, gar nich.« Heine Peterle kam Annchen zu Hilfe.
-Er mußte doch zeigen, daß er in der Stadt Bescheid wußte, und kräftig
-tippte er mit seinem braunen Zeigefinger auf die Rosentasse: »So eine
-soll's sein.« Klirr, wackelte dabei die Tasse hin und her. »Ih, du
-dummer Bube,« rief die Verkäuferin und sah auf einmal gar nicht mehr
-freundlich, sondern ziemlich ärgerlich aus. »Gleich läßt du die Tasse
-stehen! Ich dachte es mir gleich, solche teure Sachen sind nichts
-für euch. Geht hier gleich gegenüber zu Herrn Schulze, das ist ein
-Ramschladen, der hat Tassen genug für euch.«
-
-»Ja, wir wollen lieber gehen,« flüsterte Mariandel und sah ängstlich
-auf Schulzens Jakob, der sehr eifrig eine schöne Vase befühlte. »Kommt,
-sonst macht Jakob was kaput.«
-
-Die Verkäuferin schien das auch zu befürchten, sie rief erschrocken:
-»Stehen lassen, nichts angreifen! Wer etwas anfaßt, muß Strafe zahlen.
-Geht nur, geht; im Ramschladen findet ihr schon etwas!«
-
-»Ja, kommt,« mahnte auch Friede, und die Oberheudorfer fanden auch,
-das Fräulein im Laden sei viel zu unfreundlich. Der mochten sie gar
-nichts mehr abkaufen. Sie verließen rasch das Geschäft und beschlossen
-draußen, zu Herrn Schulz zu gehen; sicher war der höflicher als das
-Fräulein. Herr Schulz hatte nun freilich keinen so prächtigen Laden,
-sondern nur ein kleines, schmales Budchen, in dem alles durcheinander
-und übereinander stand. Es herrschte ein richtiges Sammelsurium darin,
-aber den Oberheudorfern gefiel es doch sehr. Die Buben zogen höflich
-die Mützen, die Mädel knicksten tief, und Herr Schulz lächelte und zog
-seinen Mund so breit wie eine Schublade.
-
-»Na, Kinder, was wollt ihr denn?«
-
-»Eine Tasse kaufen in Ihrem Ramschladen,« sagte Heine Peterle und
-fand das sehr nett und höflich gesagt. Und Annchen Amsee rief voller
-Bewunderung: »Ach, der Ramschladen ist aber fein!«
-
-»Potzwetter,« schrie Herr Schulz da zornig, »so eine freche Bande, mein
-Geschäft einen Ramschladen zu nennen! Na wartet nur!« Und hopps sprang
-Herr Schulz über den Ladentisch und packte Schulzens Jakob, der sich
-am weitesten vorgedrängt hatte. Er wollte dem gerade einen richtigen
-Katzenkopf versetzen, als Friede seine Hand erschrocken festhielt und
-sagte: »Bitte nicht schlagen, Herr Schulz, die haben es nicht böse
-gemeint.«
-
-»Nä, nä,« schrieen die andern angsterfüllt, »wir haben doch nischt
-getan!«
-
-»So, mein Geschäft einen Ramschladen nennen, das nennt ihr wohl
-höflich?« Ein bißchen freundlicher schaute Herr Schulz schon drein, und
-Friede erzählte geschwind, was das Fräulein gegenüber gesagt hatte.
-»Na, der werde ich noch meine Meinung sagen,« brummte Herr Schulz und
-fragte nun gar nicht mehr streng: »Ihr dachtet wohl, ein Ramschladen
-wäre etwas sehr Nettes?«
-
-Die Kinder nickten, und Annchen Amsee flüsterte: »Hier ist's doch auch
-so schön!«
-
-»Ja freilich ist's schön bei mir!« Herr Schulz lächelte wieder
-versöhnt. »Nun sagt mir, was ihr haben wollt.«
-
-Die Kinder wollten viel. Mit Herrn Schulz ließ es sich aber auch gut
-handeln, der fragte erst, wieviel Geld sie hätten, und dann schnitt er
-kein verächtliches Gesicht wie das Fräulein gegenüber, sondern holte
-ganz wundervolle Tassen herbei. Jedes Mädel konnte eine Tasse erstehen
-und noch ein buntes Zopfband dazu, denn Bänder hatte Herr Schulz auch.
-Und für die Buben waren Trillerpfeifen und Mundharmonikas da. Heine
-Peterle erstand sogar eine rosenrote Flöte, die zur allgemeinen Freude
-wie ein Frosch quakte, obgleich Herr Schulz behauptete, man könnte
-darauf wie eine Nachtigall flöten. Schulzens Jakob sagte aber: »'n
-Frosch ist besser als 'ne Nachtigall.«
-
-Die Kinder trennten sich nur schwer von dem freundlichen Herrn Schulz,
-und sie versprachen ihm ganz fest, das nächste Mal würden sie bestimmt
-wiederkommen.
-
-Schnipfelbauers Fritz und Schulzens Jakob, die sehr schöne,
-grelltönende Trillerpfeifen gekauft hatten, verließen den Laden
-zuletzt. Als sie schon an der Türe standen, sagte Herr Schulz plötzlich
-halblaut zu ihnen: »Ich würde dem groben Fräulein da drüben einmal
-etwas pfeifen, wenn ich ein Bube wäre.«
-
-Die beiden sahen sich an. Heisa, das war so ein Spaß nach ihrem Sinn!
-
-»Wir machen's, aber allein,« tuschelte Schnipfelbauers Fritz, »die
-Mädel haben gleich Angst, und der Friede mag so was auch nicht.«
-
-»Hm, alleine!« Jakob blieb stehen und sah den Kameraden nach. Die
-bogen just in eine Seitenstraße ein und schwatzten so miteinander,
-daß sie sich an der Ecke gar nicht umsahen. Einen Augenblick zögerten
-die Buben noch, schwapps flogen da Annchen Amsees braune Zöpfe um die
-Ecke. Nun waren die vier verschwunden, die beiden aber liefen auf den
-Laden zu und spähten erst einmal durch die Glastüre hinein. Sie sahen
-niemand. Die Verkäuferin stand ganz hinten; dort suchten sich gerade
-ein paar Damen eine Teekanne aus. Wie die Buben leise zögernd die Türe
-öffneten, sahen sie gegenüber Herrn Schulz höchst vergnügt vor seinem
-Ramschladen stehen. Das stärkte ihren Mut, wutsch waren sie im Laden
-drin und pfiffen dort laut und gellend auf ihren Pfeifen. »Trilililiiii
---« schallte es in den Laden hinein, und das Fräulein ließ vor Schreck
-fast eine Teekanne fallen. Die beiden Damen aber riefen entsetzt: »Das
-brennt wohl, oder eine Lokomotive ist auf der Straße, o Himmel!«
-
-»Trilililiiii,« pfiffen die Buben weiter, aber da kam schon die
-Verkäuferin angerannt, und nun hieß es ausreißen. Sie wollten
-geschwind zur Türe hinaus, doch die ging nicht nach außen, sondern
-nach innen auf. Die Buben prallten zurück; Schnipfelbauers Fritz stieß
-an Schulzens Jakob, und der an etwas, das hinter ihm mit einem ganz
-fürchterlichen Geklirr zusammenstürzte. Das Ladenfräulein schrie laut
-auf: »Hilfe, Hilfe! Polizei, Polizei!«
-
-Die beiden Missetäter entflohen entsetzt. Sie sahen nicht rechts, nicht
-links; sie liefen wie die Hasen. Draußen bogen sie statt nach rechts
-nach links herum, rannten dann in die nächste Querstraße hinein, und
-als sie jemand anredete: »Na, was rennt ihr denn so?« da sausten sie in
-ihrer Angst noch schneller weiter.
-
-Um diese frühe Nachmittagsstunde waren wenige Menschen unterwegs
-in der Stadt, und die beiden Buben kamen ungehindert durch allerlei
-Straßen und Gassen, bis sie endlich merkten, daß sie gar niemand
-verfolgte. Da blieben sie stehen und sahen sich um. Ja wo waren sie
-eigentlich? Die Straße, in der sie standen, war still und einsam; ein
-paar stattliche Häuser standen darin, die in großen Gärten zu liegen
-schienen, denn über graue Mauern ragten Bäume hinweg. Die beiden
-kamen sich schrecklich hilflos und verlassen in der großen Stadt vor,
-von den Gefährten war nirgends auch nur ein Zipfelchen zu erblicken,
-und dazu quälte beide noch das böse Gewissen. Das hatte gar so sehr
-geklirrt in dem Laden, gewiß war sehr viel zerbrochen, und gewiß würde
-man sie suchen und --. Sie wagten die Folgen ihres Streiches gar nicht
-auszudenken, nur einmal murmelte Jakob: »Sie sperren uns ein!«
-
-»Wir reißen aus,« flüsterte Schnipfelbauers Fritz und sah sich scheu
-um. »Weißte was, wir laufen immer voran nach Hause.«
-
-Der Plan leuchtete Schulzens Jakob ein, aber wo lag Oberheudorf?
-
-»Wir fragen,« meinte Fritz mutig und trat wirklich keck auf einen etwas
-größeren Jungen zu, der gerade vorbeiging. »Weißte, wo Oberheudorf
-liegt?«
-
-»Auf dem Monde,« sagte der, pfiff sich eins und lief die Straße
-entlang.
-
-»Frech!« sagten die beiden Oberheudorfer entrüstet, als hätten sie
-noch nie eine unnütze Antwort gegeben. Sie liefen wieder ein Stück
-die Straße entlang und fragten dann wieder einen Buben. Der wußte
-ihnen aber auch keine Antwort zu geben, er riet ihnen: »Geht nur immer
-der Nase nach.« Damit wären die beiden freilich nie nach Oberheudorf
-gekommen, denn Jakob mit seiner Himmelfahrtsnase hätte immer bergauf
-gehen müssen und Schnipfelbauers Fritz links herum; seine Nase war
-nämlich schief. Den beiden war das Weinen schon näher als das Lachen,
-sie standen wie ein paar begossene Pudel auf der Straße, und wenn
-jemand kam, erschraken sie. Sicher holte man sie und sperrte sie ein.
-Endlich fiel Schnipfelbauers Fritz der Name des letzten Dorfes ein,
-durch das Friede Hopserling sie gefahren hatte. Vielleicht wußte
-hier in der Stadt eher jemand, wo das lag. Da sie mit den Stadtbuben
-schlechte Erfahrungen gemacht hatten, fragten sie ein Mädchen, das aus
-einem der Häuser kam, und wirklich wußte sie Bescheid.
-
-»Kommt ein paar Schritte mit,« sagte sie, »dann zeige ich euch die
-Straße, und ihr braucht nur immer geradeaus zu gehen. Seit ihr denn von
-dort her?«
-
-»Nä, aus Oberheudorf,« bekannte Jakob zögernd.
-
-»Du meine Güte, und ich bin aus Berenbach,« erzählte das Mädchen. »Ich
-bin die Katerliese und diene bei Sonntags. Aber wie kommt ihr denn
-hierher, seid ihr allein in der Stadt, und wie heißt ihr denn?«
-
-Die Buben wurden verlegen, sie fürchteten sich, das Mädchen, das zwar
-sehr freundlich aussah, könnte sie verraten, und scheu sahen sie
-die Katerliese von der Seite an. Diese sagte jetzt: »Geht hier die
-Straße hinaus und dann immer gradaus, dann kommt ihr nach Wiesental;
-dort fragt ihr am besten noch einmal. Aber erst erzählt mir, wie ihr
-hergekommen seid.«
-
-Das Mädchen konnte lange fragen; kaum wußten die Buben den Weg, da
-rannten sie auch schon wie besessen davon. »Na, so was!« brummelte das
-Mädchen. »Ich glaube, sie haben ein schlechtes Gewissen gehabt; sicher
-haben sie einen dummen Streich gemacht! Den Oberheudorfern kann man so
-was schon zutrauen. Ich muß die Sache nachher gleich unserem Füchslein
-erzählen.«
-
-Die andern Kinder hatten inzwischen erst nach einer ziemlichen Weile
-das Fehlen der beiden Buben bemerkt. Sie rannten eiligst den Weg
-wieder zurück, aber nirgends waren die beiden zu erblicken. Sogar zu
-Herrn Schulz in den Laden liefen sie hinein. Herr Schulz wurde etwas
-verlegen, denn er hatte die beiden wie die wilde Jagd aus dem Laden
-rennen sehen. Er sagte: »Ach, ihr werdet sie schon finden! Übrigens
-sind sie nach jener Seite gelaufen!«
-
-Nun liefen die vier die Straße hinab, aber kein Jakob und kein Fritz
-war zu sehen. Friede fragte ein paar Leute, einen Schutzmann, einen
-Briefträger, -- niemand hatte die Buben gesehen.
-
-»Vielleicht sind sie zurückgelaufen,« sagte Annchen Amsee endlich, und
-alle vier trabten nach dem Johannesplan. Dort wußte aber auch niemand
-etwas von den Vermißten. Sogar bei Wunderlichs fragten die Mädel nach,
-aber Marie, die öffnete, hatte keinen Zipfel von den beiden gesehen.
-
-Professor von Spiegel tröstete: »Sie werden sich schon finden, in
-Feldburg gehen nicht plötzlich ein paar Buben verloren.« Aber die Mädel
-brachen in ein so jämmerliches Geheul aus, daß es dem guten alten
-Herrn himmelangst wurde. Er gab den Kindern den Gärtner mit zur Hilfe.
-Der ging auf die Polizei, aber auch dort hatte niemand die Vermißten
-gesehen.
-
-Als Friede Hopserling mit dem Wagen kam, seine Schützlinge abzuholen,
-schimpfte er gewaltig, als er von dem Verschwinden der beiden hörte.
-»Haue müssen sie haben, aber ordentliche! Na die sollen meine Peitsche
-fühlen.«
-
-»Ich dächte, wenn man jemand hauen will, muß man ihn erst haben,« sagte
-Frau Emma, die Hausverwalterin des Professors.
-
-»Ja schon,« brummte Friede Hopserling und sah besorgt nach seiner Uhr.
-Er mußte aufbrechen, es wurde zu spät, er wagte aber nicht, ohne die
-Buben heimzukommen.
-
-»Da kommt mein Mann mit 'nem Schutzmann. Du lieber Himmel, sie haben
-wohl gar die Buben eingesperrt,« rief die Gärtnerin.
-
-Jetzt brach auch Heine Peterle, der sich bis dahin sehr männlich und
-tapfer bewiesen hatte, in ein lautes Geheul aus, und dies Geschrei
-hörten die wenigen Menschen, die gerade über den Johannesplan gingen.
-»Im Spiegelhaus ist was passiert,« rief eine Frau und rannte geschwind
-nach dem Hause hin. Einige andere folgten, und zu Friedes Entsetzen
-kamen auch etliche Grünmützen dazu. »Natürlich wieder was mit den
-Oberheudorfern los,« höhnte der eine. Es war der lange Junge, der
-Friede schon oft geneckt hatte; er wohnte am Plan, darum war er bei
-allem, was geschah, dabei.
-
-»Ich glaube, es ist am besten, Sie fahren heim,« riet der Schutzmann
-Friede Hopserling. »Wir werden die Knaben suchen, sie werden sich schon
-finden.«
-
-»Ich bleibe hier, ich suche mit,« schrie Heine Peterle, und »Ich auch,
-ich auch,« schluchzten die Mädel.
-
-»Ich weiß was,« sagte da plötzlich ein feines Stimmchen. Marianne
-Sonntag drängte sich durch die Leute und betrachtete mitleidig die
-weinenden Oberheudorfer. »Weint nicht,« tröstete sie, und dann
-erzählte sie flink, daß zwei Buben Sonntags Dienstmädchen nach dem Weg
-nach Oberheudorf gefragt hätten.
-
-»Das sind sie, das sind sie,« riefen die Oberheudorfer alle, als
-Marianne sagte: »Einer hatte ein blaues Halstuch, der andere ein rotes.«
-
-»Die haben 'ne Dummheit gemacht,« brummelte Friede Hopserling leise vor
-sich hin. »Steigt auf, ihr drei, wir finden sie schon.«
-
-»Die haben sicher etwas begangen, darum sind sie ausgerissen,« sagte
-auch der Schutzmann und sah die andern Kinder scharf an, daß sie mit
-einer ungeheuren Eile auf den Wagen kletterten. Frau Emma konnte ihnen
-kaum noch ihre roten Eßbündel hineinwerfen, so rasch fuhr der Friede
-davon. »Halt, warten Sie einmal!« wollte der Schutzmann rufen, aber da
-rasselte der Wagen schon in die Rosengasse hinein.
-
-Dem Friede war das Herz sehr schwer. Die Angst um die Gefährten, der
-Abschied, alles bedrückte ihn. Am liebsten wäre er mit nach Oberheudorf
-gefahren, und als der Wagen in der Rosengasse verschwand, da war es
-ihm, als müßte er schreien: »Nimm mich mit, Friede Hopserling, nimm
-mich mit!« Er biß aber die Lippen zusammen und lief in das Haus hinein.
-
-»Nun läuft er fort und sagt gar nichts,« murrte Marianne Sonntag.
-»Dieser Friede ist wirklich ein Grobian, Ulli hat recht.« Sie ahnte
-nicht, daß der Geschmähte in diesem Augenblick in einem Gartenwinkel
-saß und bitterlich weinte. Ach, überall war er fremd!
-
-Im Spiegelhaus waren sie freilich alle gut zu ihm; er hatte aber doch
-immer das Gefühl: »Hier gehöre ich nicht hin.« Der Professor würde
-ihn nicht vermissen, wenn er fortging; ein paar Wochen wollte er ihn
-ja überhaupt nur behalten. In der Schule mochte auch wohl niemand den
-Friede Pfennig leiden, und morgen spotteten sie gewiß wieder über
-seinen Dorfbesuch. Und dann würde er sich gar wieder schämen wie heute,
-und daß er es getan hatte, quälte ihn so sehr; wie eine Last lag es auf
-seinem Herzen. So abscheulich kam er sich vor, weil er immer gedacht
-hatte: »Wären die Freunde doch nicht gekommen!« Was wohl Muhme Lenelies
-dazu sagen würde? Und was dazu, daß er so schlecht auf seine Freunde
-aufgepaßt hatte? Vielleicht -- -- -- -- hatte sie ihn dann auch nicht
-mehr lieb?
-
-»Gagagagag, gagagei,« schrie es auf einmal neben ihm. Ein kleines,
-schwarzes Huhn stand da und schaute mit schief geneigtem Kopf zu ihm
-hin.
-
-»Das ist der kleine Teufel, den Heine Peterle mitgebracht hat,« dachte
-er und griff unwillkürlich nach dem Huhn. Das kreischte und schlug mit
-den Flügeln um sich; aber Friede hatte gar geschwind zugepackt, und das
-Teufelchen konnte nicht mehr ausreißen.
-
-»Es ist aus Oberheudorf.« Weiter überlegte Friede nichts; wie ein
-Stück Heimat erschien ihm das schwarze Tierchen. Und sachte, liebevoll
-streichelte er es. »Du bleibst bei mir,« tröstete er. Gewiß hatte
-Fräulein Wunderlich den Teufel auch hinausgeworfen wie ihn selbst. Er
-trug das Huhn zu dem Gärtner, der auch ein paar Hühner hatte und den
-schwarzen Gast aus Oberheudorf bereitwillig aufnahm.
-
-Friede Hopserling war unterdessen sehr eilig, immer brummend und
-knurrend durch die Stadt gefahren und hatte endlich die Landstraße
-erreicht. »Nun paßt ordentlich auf, ihr drei,« gebot er, »irgendwo im
-Weggraben werden sie schon sitzen.«
-
-Heine Peterle und die Mädel hatten das Weinen aufgegeben. Alle drei
-hielten so eifrig Umschau, daß erst Annchen Amsee einen Meilenstein
-für Fritz und dann Heine Peterle einen Baumstumpf für Schulzens Jakob
-hielt. Aber sie erreichten Wiesental, ohne eine Spur der Vermißten
-zu finden, und Friede Hopserling schaute immer sorgenvoller drein,
-obgleich er tat, als wären ihm die Buben höchst gleichgültig. In
-Wiesental mußte er erst dreimal fragen, ehe jemand ihm Auskunft geben
-konnte. Eine alte Frau endlich sagte, sie habe die beiden gesehen und
-ihnen die Straße nach dem nächsten Dorf gezeigt.
-
-Es dämmerte schon, als der Wagen wieder zu dem Dorf hinausrollte. Ein
-feines Grau verhüllte die Ferne, und in dem Wald, an dessen Rand jetzt
-die Landstraße hinlief, herrschte bereits ein geheimnisvolles Dunkel.
-»Nun wird's gar schon dunkel,« grollte der Knecht. »Am Ende sind gar
-die verflixten Buben durch den Wald gelaufen; na denen will ich's
-heimzahlen.« Er ließ wütend die Peitsche durch die Luft sausen, und zu
-seinem großen Erstaunen schrie die Luft laut auf. »So was,« rief Friede
-Hopserling verdutzt, »der Schrei kam doch von oben!«
-
-»Da hängen ein paar Beine,« quiekte Annchen Amsee und deutete auf eine
-hohe, noch kahle Kastanie, die hier einsam unter Kirschbäumen an der
-Landstraße stand. »Das sind Fritzens Beine!«
-
-»Sie sind's, sie sind's!« riefen jauchzend Heine Peterle und
-Mariandel. Wirklich tauchte Schulzens Jakob aus dem Straßengraben auf,
-Schnipfelbauers Fritz aber zappelte noch in den Ästen der Kastanie hin
-und her. Endlich kam er mit zerrissenen Hosen unten an.
-
-»Nicht hauen,« flehten Annchen und Mariandel und hielten Friede
-Hopserling beide Arme fest, »nicht hauen, bitte nicht!«
-
-Der Knecht sah aber auch wirklich sehr grimmig aus, und Fritz und Jakob
-rutschten vor Angst wieder in den Straßengraben hinein. Von dort aus
-erzählten sie klagend ihre Erlebnisse.
-
-»So, Schaden habt ihr angerichtet?« rief Friede, aber er sah lange
-nicht mehr so böse aus. Die beiden taten ihm schon leid; er dachte, sie
-hätten mit ihrer ausgestandenen Angst Strafe genug gehabt. »Steigt nun
-mal ein,« brummte er, »hoffentlich habt ihr nicht zu viel zerbrochen,
-denn was kaput ist, müßt ihr bezahlen, das hilft nun nichts.«
-
-»Dann hätten wir ja gar nicht erst -- -- huhu -- -- auszureißen
-brauchen,« schluchzte Jakob.
-
-»Nä, war auch gar nicht nötig. Ausreißen nutzt nie nischt. 'n ehrlicher
-Mann zahlt den Schaden, den er macht, damit basta. Jetzt hört mit der
-Heulerei auf, 's wird schon nicht so schlimm sein. Bei uns ist mal ein
-Mann vom Speicher gefallen, da dachten alle, er wäre tot, und dabei
-war er gar nicht runtergefallen, sondern 'n Mehlsack.« Mit dieser
-tröstlichen Erzählung beruhigte Friede die beiden Schelme wenigstens
-so weit, daß sie das Heulen aufgaben und nach ihren Eßbündeln griffen.
-Die Kinder schmausten, aßen sich plumssatt, schwatzten eine Weile,
-schilderten sich ihre ausgestandene Angst, schalten weidlich auf Herrn
-Schulz, der ihrer Meinung nach an allem schuld war, und dann schliefen
-sie ein. Sie lagen alle fünf im Wagen und schliefen so fest und süß
-wie daheim in ihren Betten, und Friede Hopserling brummte schmunzelnd:
-»Na, 's ist gerade, als hätte ich wieder Mehlsäcke geladen.« Er lud
-dann jeden kleinen lebendigen Mehlsack vor dem rechten Hause ab, und
-nur Annchen Amsee wurde so weit munter, um ein »Danke schön« sagen zu
-können. Wer dachte, er bekäme noch etwas von der Stadtfahrt erzählt,
-der irrte sich gewaltig, kein Wörtlein sagten die fünf Kinder an diesem
-Abend mehr. Doch die Erwachsenen trösteten sich und meinten: »Morgen
-werden sie schon schwatzen, mehr als man vertragen kann.«
-
-
-
-
-[Illustration]
-
-Verkehrte Gedanken.
-
-
-An dem Tage nach der Stadtfahrt der fünf Oberheudorfer Kinder dachten
-in Feldburg und Oberheudorf allerlei Leute allerlei Sachen, die nicht
-eintrafen. Wie es so geht, Schulzens Jakob und Schnipfelbauers Fritz
-dachten, es würde niemand etwas merken von dem, was sie in der Stadt
-angerichtet hatten, und dabei sagte jede Mutter gleich am frühen Morgen
-zu ihrem Buben: »Sag mal, was hast du nur getan? Du hast ja ein so
-schlechtes Gewissen.«
-
-Was Mütter auch immer alles sehen und wissen! Den beiden blieb nichts
-anderes übrig, als ihre Untat zu bekennen. Die Mütter schalten zwar
-nicht sehr, aber beide sagten: »Bezahlt muß werden, das hilft nichts,
-und wenn die Sparbüchse ganz leer wird.« Dies klang den Buben gar
-bitter in den Ohren. Nachher in der Schule vergaßen sie zwar ihren
-Jammer rasch, denn es war zu schön, von der Stadt zu erzählen.
-Ordentlich protzig kamen die fünf an und sagten: »Wir haben aber viel
-gesehen!« Und als die andern schrieen: »Erzählt, erzählt! Wie war's?«
-da sahen die Buben die Mädel an und die Mädel die Buben, sie nickten
-und blinkerten sich zu und taten so wichtig und geheimnisvoll, daß die
-andern vor Neugier fast platzten. Zu schön war dies, so schön, daß
-Heine Peterle und Annchen Amsee dachten: »Heute wird der Herr Lehrer
-über ein bißchen Plappern in der Stunde nicht schelten.« Oh, das war
-aber falsch gedacht! Er schalt sogar sehr, und Annchen Amsee bekam
-wirklich eine Strafarbeit und Heine Peterle beinahe eine.
-
-Die andern Kinder sagten an diesem Tage: »Vielleicht gibt es bald
-schulfrei, vielleicht schon morgen;« aber sie merkten es dann auch,
-wie falsch sie gedacht hatten. Kein Wunder war es, denn selbst die
-Erwachsenen dachten an diesem Tage immer etwas Verkehrtes. So dachte
-die Hausfrau in der himmelblauen Ente: »Heute wird mein Kuchen aber gut
-geraten,« und dann verbrannte der Kuchen und wurde pechschwarz. Und
-Schnipfelbauers Kathrine sagte: »Frau, ich denke, heute kriechen unsere
-ersten Hühnchen aus.« Aber denen fiel das gar nicht ein, sie blieben
-noch zwei Tage in ihren Eierschalen sitzen.
-
-Auch Muhme Lenelies dachte etwas, das nicht in Erfüllung ging. Sie
-meinte, die Kinder würden ihr viele schöne Dinge von ihrem Friede
-erzählen. Was die fünf aber berichteten, klang der alten Frau so
-seltsam, daß ihr das Herz darüber schwer wurde. Und weil es mit
-dem Abschied in der Stadt so flink gegangen war, konnten ihr die
-Stadtfahrer nicht einmal Grüße ausrichten. »Nä, Grüße hat Friede nicht
-gesagt,« versicherte Heine Peterle, und Annchen Amsee wußte auch
-nichts von Grüßen. »Er hat gesagt, er käme am liebsten wieder nach
-Oberheudorf,« flüsterte Mariandel.
-
-Dies Wort vermehrte nur noch die Sorgen der guten Muhme, und sie
-seufzte tief darüber, weil der Weg in die Stadt gar so weit und das
-Gehen ihr jetzt so beschwerlich fiel. Wie mochte es nur ihrem Friede
-gehen? Stimmte das wirklich alles so, wie es die Kinder erzählten,
-daß ihn das Fräulein Wunderlich aus dem Hause geworfen hatte und die
-Schulkameraden ihn nicht leiden konnten? Die Gedanken der guten Muhme
-liefen so geschwind nach Feldburg wie keine Buben- oder Mädelbeine
-jemals laufen können, und in Feldburg liefen diese Gedanken immer um
-Friede herum; der merkte aber nichts davon. Er ging wie alle Tage
-um die Kirche herum ins Gymnasium und war dort froh, als endlich
-die Stunden begannen, denn laut und leise rief es hinter ihm und
-neben ihm: »Friede Pfennig, wie geht's den Oberheudorfern?« »Friede
-Pfennig, fährst du auch auf dem Mehlwagen spazieren?« »Hör du mal, in
-Oberheudorf sind die Leute wohl neunmalklug?«
-
-»Na wartet nur,« dachte Friede trotzig, »ich will's euch schon zeigen,
-daß die Oberheudorfer nicht auf den Kopf gefallen sind.« Er konnte
-das auch gleich an diesem Morgen zeigen. Der Lehrer fragte ihn in der
-Geschichtsstunde allerlei, und Friede konnte klug und sicher Antwort
-geben, ja er wußte noch mehr zu sagen als der Klassenerste.
-
-»Ei, du weißt ja sehr gut Bescheid,« sagte Doktor Schneider freundlich.
-
-Weil der sonst nicht viel lobte, machte dies Lob auch großen Eindruck,
-und die Klassengenossen schauten den Oberheudorfer Buben auf einmal
-ordentlich verwundert an. So viel wußte der? Manch einer wünschte sich
-da heimlich: »Ach, wäre ich doch so klug!« und darüber wagte er es dann
-nicht, den Oberheudorfer Buben zu verhöhnen.
-
-Trotzdem lief Friede nachher wieder allein aus der Schule nach dem
-Spiegelhaus, wieder um die Kirche herum. Er ahnte nicht, daß Fräulein
-Wunderlich am Fenster saß und dachte: »Heute wird der Friede wohl zu
-mir hereinkommen, weil ich gestern so nett zu seinen Freunden war.«
-
-Damit hatte sie aber auch etwas Verkehrtes gedacht, denn Friede kam der
-Besuch gar nicht in den Sinn, und Fräulein Wunderlich verlor darüber
-wieder ihre gute Laune, wurde brummig und verdrießlich und schalt im
-Hause herum. Sie gehörte eben auch zu den Menschen die meinen, eine
-einzige Freundlichkeit muß gleich Liebe erwecken.
-
-An diesem Nachmittag sagte Frau Emma, die Hausbesorgerin: »Geh, Friede,
-besorg' mir einmal etwas in der Stadt, du tätest mir damit einen großen
-Gefallen.«
-
-Sie brauchte wirklich nicht lange zu bitten, Friede war gleich bereit,
-und die Frau dachte: »Er ist doch ein gefälliger, lieber Junge.« Damit
-hatte sie nun wirklich etwas Rechtes und nichts Verkehrtes gedacht.
-Friede tat gern jemand einen Gefallen, und er lief auch gar eilig in
-die beiden Geschäfte, in denen er allerlei bestellen sollte. Der zweite
-Laden war jener, in dem er am Tage vorher mit seinen Gefährten zuerst
-gewesen war, und etwas bänglich betrat er das Geschäft. Die Verkäuferin
-erkannte ihn auch gleich wieder und rief ärgerlich: »Na, du hast aber
-ungezogene Freunde! Was waren denn das für abscheuliche Bengel, die
-hier so gepfiffen haben?«
-
-»Gepfiffen?« Friede sah die Verkäuferin sehr erstaunt an, und diese
-merkte schnell, der Bube ahnte nichts. Ihr Gesicht hellte sich etwas
-auf, und sie erzählte den Streich, den Jakob und Fritz ihr gespielt
-hatten. Während sie erzählte, konnte Friede sich nicht helfen, er
-mußte ein wenig lachen, und dabei kam die Geschichte auch dem Fräulein
-auf einmal mehr lächerlich als ernsthaft vor, und zuletzt lachten sie
-beide ganz fröhlich und herzlich. Als Friede ihr sagte, seine Gefährten
-seien ausgerissen, gewiß vor Angst, rief sie sogar mitleidig: »Schreib
-es ihnen doch, es wäre nichts kaput gegangen, es sind nur ein paar
-Nickelbretter umgefallen, das hat freilich schrecklich gepoltert und
-geklirrt.«
-
-In guter Freundschaft trennte sich Friede, nachdem er seine Botschaft
-ausgerichtet hatte, von dem Fräulein, und als er wieder auf der Straße
-stand und ihm die Frühlingsluft so mild um die Nase wehte, bekam er
-Lust, spazieren zu gehen. Er hatte Zeit, und im Spiegelhaus schalt
-niemand, wenn er später heimkam. Der Professor ermahnte ihn ja selbst
-manchmal: »Lauf hinaus, sieh dich in der Stadt um! Man muß mit offenen
-Augen durch die Welt gehen!«
-
-Das tat Friede auch an diesem Tage. Er lief durch allerlei Straßen, die
-er noch nicht kannte, und schaute sich ganz ernsthaft die Häuser an und
-auch die Menschen, die an ihm vorübergingen. Dabei empfand er wieder
-so recht, wie einsam er doch in der Stadt war. In Oberheudorf hatte er
-jeden gekannt, dem er auf der Straße begegnet war. Unwillkürlich schlug
-er in seinen sehnsüchtigen Gedanken den Weg ein, der nach Oberheudorf
-führen sollte. Dabei kam er auch an einer langen, grauen Gartenmauer
-vorbei, und wie er so dahinging, fühlte er auf einmal einen Ruck an
-seiner Mütze, und zu seinem maßlosen Erstaunen sah er diese durch die
-Luft entschwinden.
-
-[Illustration]
-
-»Meine Mütze,« schrie er erschrocken, und in diesem Augenblick tauchte
-ein sehr verlegenes Gesichtchen über der Mauer auf. Das Füchslein war
-es, das rief bittend: »Ach du, ich dachte mein Bruder wär's, nun habe
-ich deine Mütze geangelt.«
-
-»Geangelt?« Friede riß seine Augen weit auf, und er sah so erstaunt
-drein, daß Marianne Sonntag kichernd sagte: »Aber jetzt machst du ein
-dummes Gesicht, und Ulli meint doch, du seist klug!«
-
-Friede wurde blutrot und brummte ein wenig beschämt: »Das ist doch aber
-auch komisch, Mützen zu angeln.«
-
-Das Füchslein war jetzt ganz auf die Mauer geklettert, saß behaglich
-oben und schaute sehr vergnügt auf den Buben herab. »Ich will dir's
-erklären. Jobst und Ulli angeln manchmal Fische, -- nein, so nicht --
-sie wollen welche angeln und fangen keine, bloß mal einen, und der war
-vorher schon tot. Aber weißt du, Buben sind immer eingebildet« -- --
-
-»Das stimmt nicht,« rief Friede dazwischen. Doch das Füchslein ließ
-sich nicht stören, es rutschte auf der Mauer hin und her, seine
-rotbraunen Zöpfe wippten wie ein Paar Uhrenpendel auf und ab, und
-lustig schwatzte es weiter: »Buben sind immer eingebildet, und darum
-wollten sie mich nicht mitnehmen. Wir haben uns miteinander gestritten,
-und ich habe gesagt, ich kann was Besseres angeln als tote Fische, und
-darum sitze ich hier.«
-
-»Und angelst meine Mütze?« Friede lachte. Das lustige Mädel auf der
-Gartenmauer gefiel ihm so gut, daß er alle Befangenheit verlor. Dies
-gefiel nun wieder Marianne ausnehmend, und sie rief: »Deine sollte es
-ja nicht sein. Aber komm doch rein, wir angeln dann beide Jobst und
-Ullis Mützen. Komm fix, sonst sehen sie dich!«
-
-Friede überlegte nicht lange, sondern trat durch die Türe, die Marianne
-ihm zeigte, in den Garten. Der war weder sehr groß, noch besonders
-schön angelegt, es war ein richtiger Obst- und Krautgarten, einer, in
-dem es sich gewiß wundervoll spielen ließ. Ein umgestülpter Schubkarren
-diente dem Füchslein als Standort. Sie konnte von ihrem Platz aus
-bequem die Straße überschauen, und Friede mußte sich neben sie stellen
-und aufpassen. »Du kennst doch Ulli und Jobst,« sagte sie, »sie gehen
-mit dir in eine Klasse. Sag mal, warum bist du am ersten Tage gleich so
-grob zu Ulli gewesen? Er ist ganz wütend auf dich.«
-
-»Ich bin gar nicht grob,« verteidigte sich Friede, und er erzählte dem
-Füchslein, wie sehr seine Mitschüler ihn vom ersten Tage an geneckt
-hätten, und daß ihn in seiner Klasse niemand leiden möchte.
-
-Das Füchslein wieder verteidigte den Bruder und Freund. Eifrig rief
-es: »Wir haben uns auf dich gefreut, weil Onkel Treumann schon von dir
-erzählt hat, und weil unsere Katerlies sagt, in Oberheudorf passieren
-so viele Geschichten. Aber warte, jetzt stifte ich Frieden zwischen
-euch. Erst angeln wir Ulli und Jobsts Mützen weg, und nachher werdet
-ihr gute Freunde.«
-
-Im Eifer hatten sie aber vergessen, auf die Straße zu schauen, und so
-traten plötzlich die zwei Buben, von denen sie eben gesprochen hatten,
-in den Garten.
-
-»O pfui, ihr kommt so heimlich,« schalt Marianne schmollend.
-
-Die beiden achteten nicht auf sie. Erstaunt blickten sie auf den Gast,
-und Jobst rief in seiner herrischen Art: »Was tust du denn hier?« Er
-meinte es nicht so schlimm, es kam bei ihm aber alles etwas patzig und
-abweisend heraus, und wer ihn nicht kannte, hielt ihn wohl für einen
-recht eingebildeten Buben.
-
-Ulli knurrte nur »Na« und maß den unwillkommenen Gast mit einem
-unfreundlichen Blick. Friede wurde feuerrot. Er fühlte, die Buben sahen
-ihn als einen Eindringling an in ihrem Garten. Vor Scham und Ärger
-vergaß er das freundliche Füchslein, und daß dies Frieden hatte stiften
-wollen; schwipp, schwapp, drehte er sich trotzig um und lief zum Garten
-hinaus.
-
-»Friede,« schrie Marianne ihm nach, und dann schalt sie ärgerlich auf
-den Bruder und Freund: »Pfui, warum seid ihr denn so abscheulich zu
-Friede? Gerade war er so nett und wollte mit eure Mützen angeln.«
-
-»Was?« rief Jobst erstaunt, »was wollte er tun?«
-
-»Den geht meine Mütze gar nichts an,« brummte Ulli.
-
-Mit ein paar guten Worten hätte Füchslein nun schnell alles erklären
-können, und sie hätte auch die Buben dazu gebracht, den Schulgenossen
-wieder zurückzuholen, doch sie war wie eine kleine Rakete. Puff,
-puff, ging es bei ihr gleich immer oben hinaus. Hinterher tat es ihr
-freilich bitter leid, aber dann wurde manchmal nicht so rasch glatt und
-gut, was ihr Ungestüm verfahren hatte. So ging es auch heute. Marianne
-schalt ein paar Minuten heftig auf die Buben ein, und die gaben ihr die
-unguten Worte reichlich zurück, Jobst laut und heftig, Ulli mit Brummen
-und Knurren. Es schallte gar nicht lieblich durch den Garten, bis sie
-auf einmal vor Wut und Ärger alle drei davonrannten, eines hierhin, das
-andere dahin. Im Winkel eines Gartenhauses heulte sich dann Marianne
-zurecht, wie die Mutter es nannte. Als sie das getan, lief sie in den
-Garten zurück und suchte versöhnungsbereit Jobst und Ulli, aber die
-waren weg und blieben weg. Da ging die Kleine mit kummerbeschwertem
-Herzelein zur Mutter, die an ihrem Nähtisch saß, erzählte der die ganze
-Geschichte und klagte sich dann selbst an: »Und ich dachte, nun würde
-alles gut werden.«
-
-»Ja, mein Mädel, man denkt eben manchmal verkehrt herum,« sagte die
-Mutter, »und das Friedenstiften will sacht und leise angefaßt werden.
-Wenn du so wild und ungestüm auf deiner Geige spielen wolltest, kämen
-auch keine lieblichen Töne heraus, und mit Menschenherzen muß man
-ebenso zart umgehen.«
-
-Marianne Sonntag nahm erst den rechten, dann den linken Zopf in den
-Mund, dann seufzte sie, und nach diesen Vorbereitungen sagte sie
-betrübt: »Ich will auf der Geige üben.«
-
-»Tu es,« riet die Mutter und nickte ihrem Mädel zu. Sie lauschte
-dann dem Spiel der Kleinen, das klang erst gar nicht melodisch, aber
-nach und nach wurde es reiner, zarter. Dann klappte eine Tür, das
-Spiel brach jäh ab, nun flüsterten und tuschelten im Nebenzimmer
-zwei Stimmen, und plötzlich riß das Füchslein die Türe auf und rief:
-»Mutterle, wir vertragen uns wieder, und Ulli will auch nett zum Friede
-sein.«
-
-Frau Sonntag hörte den guten Vorsatz, hörte ihre Kinder von Versöhnung
-reden, und sie freute sich darüber. Aber Friede wußte nichts davon.
-Traurig lief der durch allerlei Straßen, und wie er so ziel- und
-zwecklos dahin rannte, kam es ihm auf einmal in den Sinn: »Es wäre am
-besten, ich liefe nach Oberheudorf zurück.«
-
-Er blieb unwillkürlich stehen. Der Gedanke an die Heimat erfaßte ihn
-mit solcher Gewalt, daß ihm die Tränen in die Augen traten. Ganz
-deutlich sah er das Haus von Muhme Lenelies, die Muhme selbst, die
-Dorfstraße, seine Gefährten, alles vor sich, und da fing er auch schon
-an zu laufen. Ich muß heim, gleich, dachte er, ich muß die Muhme sehen,
-ihr alles sagen, ich will wieder dort bleiben. Er kannte den Weg schon
-besser als Schulzens Jakob und Schnipfelbauers Fritz. Dort um jene
-Ecke mußte er gehen; nun kam die Straße, an deren Ende er schon grüne
-Saaten schimmern sah; da war er im Freien, war auf dem rechten Weg zur
-Heimat.
-
-Aber allzu weit kam er nicht. Ein Wäglein kam angerollt. Er sah es
-erst, als es dicht vor ihm war; da sprang er zur Seite. In dem Wagen
-saß ein einzelner Herr, der sich scheltend herausbeugte: »Na, was ist
-denn das für eine Sitte, so toll auf der Straße herumzulaufen!«
-
-Friede stutzte und blieb erschrocken stehen. Den Herrn kannte er, das
-war ja Doktor Treumann, zu dem er einst an einem stürmischen Wintertag
-gerannt war, um eine Medizin für Muhme Lenelies zu holen. Auch der Arzt
-hatte den Buben erkannt. »He, du,« rief er, »bist du nicht der Friede
-aus Oberheudorf, nach dem mich meiner Schwester Kinder schon halb
-entzweigefragt haben? Komm einmal her, wir zwei kennen uns doch, du
-bist ja mein kleiner Held.«
-
-Friede trat verlegen an den Wagen heran, und der Arzt prüfte mit
-klugen, ernsten Augen sein Gesicht. Holla, da stimmt etwas nicht. Er
-merkte es gleich und fragte laut: »Läufst wohl spazieren, was?«
-
-Der Bube nickte nur befangen, er stand mit gesenktem Kopf da und wagte
-es gar nicht aufzuschauen. Einen kleinen Helden hatte ihn Doktor
-Treumann eben genannt, das war er doch nicht, er, der eben hatte feige
-ausreißen wollen.
-
-»Na, sieh mich doch mal an, mein Junge!« sagte da der Arzt gemütlich.
-»Straßenstaub und Steine kannst du ja noch oft sehen, aber mich hast
-du doch noch nicht gesehen, solange du in der Stadt bist. War übrigens
-verreist, sonst hätte ich mich schon um dich gekümmert. Na, Kopf hoch!
-Ein tapferer Junge sieht jedem frei ins Gesicht.«
-
-Friede schlug rasch die Augen zu dem Arzte auf. Er fühlte, der
-durchschaute ihn, ahnte, daß er nicht auf rechten Wegen ging. Stirn
-und Backen brannten ihm, er atmete tief, aber fest sagte er dann: »Ich
-wollte ausreißen, nach Oberheudorf zurück.«
-
-»So, so!« Doktor Treumann war gar nicht überrascht, seine Augen
-blitzten, und seine Stimme klang scharf: »Bist du jetzt so einer
-geworden, der gleich das Hasenpanier ergreift? Hm, meinst wohl, die
-Muhme wird sich arg über dein Heimkommen freuen?«
-
-Darauf gab Friede keine Antwort. Er schämte sich plötzlich unsäglich
-der eigenen Feigheit, und hastig drehte er sich um, lüftete höflich
-seine Mütze und begann wieder nach der Stadt zurückzulaufen.
-
-Da rief ihm der Doktor nach: »Stadtwärts kannst du mitfahren. Komm,
-steig ein!«
-
-Der Junge blieb zögernd stehen, er war unschlüssig, was er tun sollte.
-Mit dem Arzt zu fahren erschien ihm in diesem Augenblick gar nicht so
-vergnüglich, aber der streckte ihm jetzt die Hand entgegen und sagte in
-dem alten freundlichen Tone: »Du hast mir ja noch gar nicht die Hand
-gegeben, du Friede aus Oberheudorf. Komm, steig ein, wir erzählen uns
-was miteinander!«
-
-Friede kletterte in das Wäglein und mußte sich neben den Arzt setzen,
-der so gemütlich zu plaudern begann, als wäre der kleine, blonde
-Dorfbube ihm ein herzlicher Freund. Und Friede taute auch bald auf
-und erzählte nun wieder treuherzig von seinen Kümmernissen. Nur
-seine letzte bittere Erfahrung verschwieg er. Doktor Treumann war ja
-Mariannes und Ulrichs Oheim, da wollte er nicht anklagen. »Ich hab' es
-mir ganz anders auf der Stadtschule gedacht,« schloß Friede seufzend
-seinen Bericht.
-
-»Ja, ja, mein Junge, man denkt sich manchmal manches anders in der
-Welt,« tröstete der Arzt. »Ich dachte vorhin auch: Holla, der Friede
-aus Oberheudorf ist ja ein Feigling geworden! und dann habe ich
-gemerkt, daß ich falsch gedacht habe und du doch ein tapferer kleiner
-Kerl bist, und so einer kommt schon durch. So, und nun steig aus, da
-geht's zum Johannesplan hinauf. Grüße mir meinen alten Freund, den
-Professor, und dann, immer tapfer den Kopf oben behalten!«
-
-Friede kletterte aus dem Wagen, grüßte und dankte. Jetzt brannte ihm
-wieder das Gesicht, aber diesmal vor Freude. Er nahm das gute Wort
-des Arztes mit in das stille Spiegelhaus, und an diesem Abend schrieb
-er den ersten Brief an Muhme Lenelies. Alles erzählte er darin, er
-schrieb aber auch, daß er tapfer sein und aushalten wolle. Und dieser
-Brief fiel nicht auf die Dorfstraße, er wurde auch nicht im Backofen
-verbrannt. Muhme Lenelies hob ihn gar sorgsam auf und las ihn so oft,
-bis sie ihn besser auswendig konnte als die Kinder in der Schule ihre
-Verse und Sprüche.
-
-Schulzens Jakob und Schnipfelbauers Fritz hatten aber auch ihre
-unbändige Freude über den Brief, stand doch darin, daß sie nichts
-zerbrochen hatten. Seit sie das wußten, redeten sie noch kecker und
-hochmütiger von der Stadt und trillerten immerzu laut auf ihren
-Pfeifen, und alle Leute im Dorf sagten: »Wenn die Pfeifen nur erst
-kaput wären!« -- --
-
-[Illustration]
-
-
-
-
-[Illustration]
-
-Das Abenteuer im Schloß.
-
-
-In Feldburg gab es wie in vielen andern altertümlichen Kleinstädten
-auch ein Schloß. Es lag, wie es sich für ein richtiges Schloß schickt,
-etwas höher als die andern Häuser der Stadt und war auch von einem
-wirklichen Fürsten und einer wirklichen Fürstin bewohnt. Meist war
-zwar der Fürst von Salheim nicht in Feldburg, er hatte noch andere
-Schlösser, und da er ein Fürst ohne Land war und in Feldburg nichts zu
-regieren hatte, kam er immer nur etliche Wochen im Jahr dorthin. Er kam
-aber gern, und die Feldburger freuten sich auch über sein Kommen, und
-über das Schloß freuten sie sich auch; es sah so stattlich aus, und die
-Fremden, die in das Städtchen kamen, sagten immer entzückt: »Nein, ist
-das aber malerisch!«
-
-In Oberheudorf hatten die Kinder schon früher manchmal von dem
-Feldburger Schloß gehört; seit Traumfriede aber in der Stadt war,
-sprachen sie sehr viel davon. Das Schloß zu sehen lockte sie sehr.
-Muhme Lenelies sagte zwar oft: »Ach was, Schloß hin, Schloß her, meine
-Märchenschlösser sind schöner.«
-
-Doch die Kinder glaubten ihr das nicht recht und gaben wohl zur
-Antwort: »Du sagst aber nicht, wo die liegen.« Auch der Lehrer in
-der Schule hatte von dem Schloß erzählt, das in der Geschichte des
-Herzogtums, zu dem Feldburg und Oberheudorf gehörten, eine ziemliche
-Rolle gespielt hatte. Ein deutscher Kaiser hatte einmal dort gewohnt,
-und allerlei dunkle Sagen umspielten das alte, graue Schloß.
-
-»Warum hat uns Friede das Schloß nur nicht gezeigt? Zu dumm von ihm!«
-murrten die fünf ersten Stadtfahrer oft. Ihnen und den andern Kindern
-war es daher eine wundervolle Überraschung, als der Herr Lehrer eines
-Tages sagte: »Wir wollen einen Spaziergang machen, ratet wohin?«
-
-»Nach Dachhausen,« schrieen die einen; die andern rieten: »Nach dem
-Kuhberger Walde.« Wo anders hin war es nämlich noch nie gegangen.
-
-»Falsch geraten! Nach Feldburg, das Schloß ansehen.«
-
-Ein unglaublicher Jubel erhob sich. Selbst der Lehrer erschrak, dies
-war ja noch ärger, als er gedacht hatte, und streng gebot er Ruhe. Da
-wurde es auch still im Schulzimmer, aber draußen auf der Dorfstraße
-ging der Lärm nachher wieder los. Die Buben und Mädel schwatzten so
-laut und eifrig miteinander, daß an diesem Tage sogar die Gänse, die
-Hauptspektakelmacher im Dorfe, eifersüchtig wurden. Eine dicke Gans
-schnatterte der andern zu: »Gräßlich das, man versteht ja sein eigenes
-Geschnatter nicht bei diesem Kindergeschrei!«
-
-In heller Aufregung liefen die Kinder heim. »Wir gehn aufs Schloß,«
-schrie Heine Peterle schon zum Fenster hinein, damit es nur ja gleich
-alle wußten. Die erwartete Überraschung blieb leider aus, denn nur
-Muhme Rese saß in der Stube, und die dachte, es wäre wieder einer von
-des Buben Späßen. Sie brummelte nur: »Warum willste nich gleich zum
-Kaiser?«
-
-Heine Peterle war entrüstet. Aufgeregt erzählte er nun ausführlich, was
-der Lehrer gesagt hatte. Da ließ die Muhme ihren Strickstrumpf sinken,
-sah den Buben nachdenklich an und sagte zuletzt: »Geh nur ja nich mit,
-Heine Peterle, nä, nä, tu das nich, dir passiert was, du paßt nich in
-en Schloß.«
-
-Trotz dieser düstern Warnung dachte Heine Peterle gar nicht daran,
-daheim zu bleiben. Er gehörte ja schon zu den Großen, die mit durften,
-zu den »Gernegroßen«, sagte der Vater.
-
-Die Regenwolken, die über Oberheudorf hingen, taten den Kindern
-den Gefallen, am Tage vorher eiligst auszureißen, und am Morgen
-des Festtages war der Himmel so blank geputzt, als hätten ihn die
-Oberheudorfer Mädel mit Sand und Seife abgescheuert.
-
-Hatten die Kinder vor diesem Tage gefragt: »Wie kommen wir nach der
-Stadt?« dann hatten die Erwachsenen erwidert: »Auf Schusters Rappen,
-wie sonst; meint ihr, für euch würden Kutschen angespannt?«
-
-Und dann standen zur Überraschung der Buben und Mädel am Morgen doch
-zwei große Leiterwagen auf dem Dorfplatz, und Friede Hopserling
-schmückte die Pferde gerade noch mit frischen Maiensträußen, als die
-Kinder angelaufen kamen. »Hurra, wir dürfen fahren,« schrieen alle.
-
-»Nä, wer hat das gesagt?« brummte Friede Hopserling, und der
-Schulzenknecht, der den andern Wagen führte, rief: »Wer mitfahren will,
-muß 'nen Taler zahlen, billiger tu' ich's nicht.«
-
-Aber die Kinder kletterten schon auf die Wagen hinauf, sie wußten
-genau, woran sie waren. Und dann kam der Herr Lehrer und setzte sich
-auch in den einen Wagen, und los ging die Fahrt. Die Dorfbewohner
-standen auf der Straße oder schauen zu den Fenstern heraus, sie winkten
-und nickten, und die Kinder taten, als ginge die Reise mindestens nach
-Amerika. Heine Peterle blies auf seiner rosenroten Flöte, Schulzens
-Jakob und Schnipfelbauers Fritz auf ihren Trillerpfeifen, die andern
-wieder sangen, und Friede Hopserling knurrte: »Die Pferde werden noch
-scheu werden.«
-
-An einem sonnenhellen Frühlingstag auf einem Leiterwagen durch den
-Wald zu fahren, ist höchst vergnüglich, und die Oberheudorfer Buben
-und Mädel waren auch so lustig, wie man nur sein kann. In Wiesental,
-dem letzten Dorf vor Feldburg, wurde ausgestiegen. Von da aus ging es
-zu Fuß nach der Stadt. »Gleich zum Schloß hinauf,« gab der Lehrer den
-Ungeduldigen zur Antwort.
-
-O dieser Zug durch die Stadt! Diejenigen, die schon dagewesen waren,
-blähten sich wie die Fröschlein auf und sagten wichtig, wenn sich die
-Gefährten über dies oder das wunderten: »Das ist so in der Stadt.«
-
-»Da ist Herrn Schulz sein Ramschladen,« schrie Schulzens Jakob, und
-sämtliche Kinder blieben vor dem Laden stehen, preßten die Nasen an die
-Fensterscheibe und hatten nicht übel Lust, Herrn Schulz zu besuchen.
-Doch da rief Heine Peterle: »Nu kommt wieder der Wagen ohne Pferde.«
-
-»Brrr bums,« blieb das Automobil stehen, und der Führer schalt zornig:
-»Ja, was soll denn das, Kinder? Runter von der Straße! Ich glaube gar,
-das sind wieder die dummen Buben von neulich!«
-
-Der Lehrer hatte seine Not, ehe er es seinen Buben und Mädeln
-begreiflich machen konnte, daß sie immer nur auf dem schmalen
-gepflasterten Bürgersteig zu gehen hätten.
-
-»Du, Mariele,« rief da Annchen Amsee, »sieh mal, hier wohnt 'n Bäcker.«
-
-Es war die größte Bäckerei der Stadt, vor der die Kinder gerade
-angelangt waren: ein stattlicher Laden mit breitem Schaufenster, in dem
-Torten, Kuchen, Körbchen mit allerlei feinen Weißbrötchen aufgebaut
-waren; dahinter wieder standen lange, dunkelbraune Brote, ernsthaft wie
-Schildwachen.
-
-Mariele sah mit großen Augen drein; fast andächtig, ehrfurchtsvoll
-musterte sie den Laden. Das sollte eine Bäckerei sein, wie ihr Vater
-sie hatte? Dem kleinen Mädel kam hier plötzlich die Erkenntnis, wie
-klein doch das Heimatdorf war gegen Feldburg, und hatte der Lehrer
-nicht gesagt, Feldburg wäre eine kleine Stadt? So gab es noch größere
-Städte mit noch viel, viel größeren Bäckereien? Mariele seufzte so tief
-und schwer, daß es der Lehrer hörte. Er wandte sich um und fragte: »Was
-hast du denn, Mädel?«
-
-»'s ist nich hübsch in der Stadt,« klagte Mariele angstvoll und starrte
-den Bäckerladen an, der ihr in seiner Größe und Pracht fast unheimlich
-war.
-
-Der Oberheudorfer Lehrer kannte die Kinder gut und verstand des
-Marieles Schrecken. Er nahm die Kleine an der Hand, und während
-sie alle miteinander den Schloßberg hinaufpilgerten, zeigte er ihr
-allerlei, ein hübsches Haus, einen Garten, in dem allerlei Blumen
-blühten, er zeigte ihr, wie ein paar kleine Mädel ihre Puppen in der
-Sonne spazierenführten, und allmählich verlor Mariele die Angst vor der
-Stadt. Häuser, Bäume, Blumen, Menschen, die gab es auch in Oberheudorf,
-na, und wenn der Vater auch keinen großen, feinen Laden hatte, ein
-Bäcker war er doch, und der Herr Lehrer sagte: »Auf den großen Laden
-kommt es nicht an, nur darauf, ob das Brot gut ist, das einer bäckt,
-und das Brot deines Vaters schmeckt so gut, daß viele Stadtleute es
-sich kommen lassen, weil sie es besonders gern essen.«
-
-Da wurde Mariele sehr stolz auf ihren Vater, und Feldburg mit all
-seinen Häusern und Läden kam ihr gar nicht mehr unheimlich vor, ja am
-Schloßtor schaute sie sich ganz kühn um und tuschelte Annchen Amsee zu:
-»Am Ende essen sie drinnen gar auch Brot vom -- Vater.«
-
-Ein paar Buben und Mädel hatten sich den ganzen Weg über nach dem
-Friede Heller umgeschaut. Warum der wohl nicht zu sehen war?
-
-»Er weiß nicht, daß wir da sind,« sagten einige.
-
-»Vielleicht hat er noch Schule,« meinte Heine Peterle nachdenklich,
-der dachte, in der Stadt könnte schon mal von früh bis abends Schule
-sein.
-
-Als sie aber alle ans Schloßtor kamen, stand dort ein Bube und
-schwenkte jauchzend seine grüne Mütze: Friede war es. Er stürmte ihnen
-entgegen und hätte sie in der Freude seines Herzens am liebsten umarmt,
-den Herrn Lehrer voran. Ehe er aber noch alle recht begrüßt hatte,
-schrie Anton Friedlich, dessen Augen neugierig rundum gingen: »Uh je,
-da steht der Fürst mit 'nem großen Stock!«
-
-»Er kommt her, er kommt her,« quiekten etliche Mädel und knicksten
-erschrocken bis zur Erde. Fein angetan in dunkelrotem, goldgesticktem
-Rock, einen Dreispitz auf dem Kopf, kam der Türhüter heran. Er wußte
-von dem Kommen der Oberheudorfer; der Lehrer hatte angefragt, ob er mit
-seinen Schulkindern an diesem Tage das Schloß besichtigen dürfe. Mit
-gnädigem Lächeln sah der Türhüter die Kinder an. Daß sie ihn für den
-Fürsten hielten, freute ihn, und er erlaubte es huldvoll, daß die Buben
-und Mädel ihn von allen Seiten betrachteten und um ihn herumliefen wie
-um einen Weihnachtsbaum. Sie hörten erst mit Bewundern und Besehen auf,
-als der Diener kam, der sie im Schloß herumführen sollte. »Hört nun
-schon auf,« mahnte der, »wenn ihr drinnen alles so genau besehen wollt
-wie unsern Türhüter, dann werdet ihr bis morgen früh nicht fertig.
-Kommt jetzt, drinnen gibt es Schöneres zu sehen.«
-
-»Grobian,« brummte der Türhüter, der sich sehr gern bewundern ließ,
-aber dann sagte er auch: »Geht nur hinein!«
-
-Es gab wirklich sehr viel in dem Schloß zu sehen: geschnitzte,
-vergoldete, mit Seide und Samt überzogene Sessel, Stühle, Sofas, Tische
-mit eingelegten, kunstvoll verzierten Platten, schimmernde Spiegel,
-Bilder, Vasen, kurz so viel schönen, reichen Hausrat, daß die Buben
-und Mädel aus dem Erstaunen und der Bewunderung gar nicht herauskamen.
-In einem Saal, der ganz von Gold schimmerte, mußten sie alle riesige
-Filzschuhe über ihre eigenen Schuhe ziehen. Der Fußboden war so fein
-und glänzend, so spiegelglatt, als sollte darauf gespeist werden, und
-der Diener mahnte: »Hier muß man vorsichtig gehen!«
-
-[Illustration: Der hohe Herr.]
-
-Ja gehen, er hatte gut reden! Hopps, da lag der dicke Friede schon,
-und krach setzte sich Schulzens Jakob auf seinen Hosenboden. Krämers
-Trude zappelte ein Weilchen wie ein Fisch, dann fiel sie auch hin, und
-Bäckermeisters Mariele rutschte wie ein kleiner Schlitten auf ihrem
-Bäuchlein den halben Saal entlang. Der Führer hatte gerade mit dem
-Erklären beginnen wollen, als er sah, wie es um ihn herum plumpste.
-»Aber Kinder, was macht ihr denn?« rief er erschrocken.
-
-Krach, da lag auch er da, so lang er war. Anton Friedlich hatte sich an
-seinem Bein halten wollen und ihn mit umgerissen.
-
-»Uff!« stöhnte er. Vor lauter Überraschung wußte er nichts weiter
-zu sagen, nicht einmal schelten konnte er. Kaum hatte er sich
-aufgerichtet, da purzelte schon wieder eins hin, und ein Mädel griff
-angstvoll nach seinem Rockschoß.
-
-»Aber was macht ihr denn?« schrie er nun entsetzt. »Haltet doch
---« bums setzte sich vor ihm wieder ein Bube sehr unsanft auf den
-Hosenboden, und alles klirrte und krachte im Saal.
-
-»Das geht nicht,« riefen der Lehrer und der Führer erschrocken wie
-aus einem Munde, und die Kinder klagten: »Wir können nicht in den
-Pantoffeln gehen.«
-
-»Wir ziehen alle die Schuhe aus!« Annchen Amsee saß auf dem Fußboden,
-sie stand auch nicht auf, weil sie dachte, sie falle ja doch wieder
-hin. »In Strümpfen geht's, da trapsen wir auch nicht!«
-
-»Ja, wir wollen die Schuhe ausziehen,« schrieen ihr die andern nach,
-und schon hatten ritsch, ratsch ein paar Mädel ihre Schuhe aufgebunden.
-
-»Es wird wohl am besten so sein,« meinte der Herr Lehrer, und der
-Diener sagte seufzend und ergeben: »Meinetwegen, obgleich sonst nie
-jemand so in den Festsaal geht.« Eins, zwei, drei, waren alle Schuhe
-ausgezogen, und dann tappelten lauter rosenrote und kornblumenblaue
-Füße über das glatte Parkett. Die Oberheudorfer Mütter liebten nämlich
-die bunten Strümpfe sehr.
-
-Aus dem Festsaal ging es in die Silberkammer, von da in das gelbe
-Zimmer, dann in den roten Saal, dann in die grüne Kammer; es war
-beinahe wie in einem Märchen. Endlich schloß der Führer eine schwere
-eichene Türe auf und sagte: »Das ist der Ahnensaal.« Aber erschrocken
-prallten die Kinder zurück, und den Mädeln wurde es himmelangst. An
-den Wänden hingen die lebensgroßen Bilder vieler Männer und Frauen
-in seltsamen Trachten. Manche von ihnen sahen recht grimmig aus, gar
-nicht, als hätten sie vom Anderwandhängen einen sonderlichen Spaß.
-Dies und das erzählte der Führer von dem und jenem: der war ein großer
-Held gewesen in dem langen Krieg von dreißig Jahren, und jener hatte
-gegen die Türken gefochten. Die eine der Schloßfrauen hatte einmal mit
-tapferer, mutiger List Stadt und Schloß aus großer Gefahr gerettet.
-Sie sah auf ihrem Bilde aber auch so stolz und feierlich aus, daß die
-Kinder sie sehr ehrfürchtig anschauten. Krämers Trude knickste sogar
-vor ihr.
-
-Am Südende des Saales lag neben einer Tür, die auf einen schmalen
-Vorsaal endete, eine kleine Nische. In der hing noch ein Bild:
-ein finsterer Herr in der spanischen Hoftracht des sechzehnten
-Jahrhunderts war es. Von ihm erzählte der Führer, er sei ein gar arger
-Bösewicht gewesen, er gehöre von rechtswegen gar nicht in diesen Saal,
-denn er sei nur ein entfernter Verwandter des Fürstenhauses. Man lasse
-aber sein Bild hängen, obgleich er es gar nicht um die Familie des
-Fürsten verdient habe. In einer wilden Sturmnacht habe er versucht,
-die einzige Tochter des damals regierenden Herrn zu rauben. Fahrende
-Spielleute hätten ihm dann aber das schöne Fräulein abgejagt, als sie
-im Walde nach Hilfe gerufen habe. Sie sei dann vor Schreck und Grauen
-in ein Kloster gegangen. Ihr Räuber aber sei landflüchtig geworden, man
-wisse nichts von seinem Ende.
-
-»Huhu,« graulten sich die Mädel und sahen ordentlich ängstlich auf den
-finsteren Mann, just als würde der mit seinen spitzen Schnabelschuhen
-aus dem Bilde herausmarschieren. Heine Peterle tat einen tiefen Atemzug
-und sagte: »Man hätt' ihn ordentlich verdreschen müssen.«
-
-Das Wort gefiel den Buben, und der eine sagte dies, der andere das, was
-sie getan hätten, wenn sie die fahrenden Leute gewesen wären.
-
-Der Herr Lehrer war inzwischen mit dem Führer an eins der spitzbogigen
-Fenster des Saales getreten, und die Kinder konnten sich ungestört über
-den finsteren Gesellen unterhalten.
-
-»Wie er die Augen aufreißt!« tuschelte Annchen Amsee, »puh, wie
-graulich!«
-
-»Ich hätte ihn ganz gewiß gefangen und in den Turm gesteckt,«
-versicherte Schulzens Jakob zum drittenmal. Da trat Heine Peterle ganz
-dicht an das Bild heran und sagte keck: »Ich geb' ihm jetzt noch was
-für seine Schlechtigkeit.« Und patsch schlug er mit seiner kleinen
-Faust dem gemalten Mann auf den Bauch.
-
-Die Kinder lachten, aber ihr Lachen erstarb jäh.
-
-Himmel, was war das?
-
-Urplötzlich verschwand das Bild und -- Heine Peterle -- ihr Heine
-Peterle mit ihm. Ein paar Sekunden lang zappelten und strampelten zwei
-rosenrote Beine in der Luft herum, es polterte und krachte, und dann
-waren gemalter Mann und Heine Peterle weg.
-
-Die Kinder schrieen so gellend, so angsterfüllt auf, daß der Lehrer mit
-dem Führer so schnell herankamen, als es mit den großen Filzpantoffeln
-ging.
-
-»Heine Peterle -- -- da -- -- der -- -- Mann, huhuhu,« kreischten die
-Kinder und deuteten entsetzt auf die Nische. Dort gähnte jetzt nur ein
-dunkles Loch.
-
-»Er -- -- hat -- -- ihn -- -- ge--ge--holt,« wimmerten ein paar Mädel.
-
-Doch plötzlich zappelte ein rosa Bein in der Luft herum, dann noch
-eins, und dann -- -- stand Heine Peterle wieder da.
-
-Aber wie sah er nur aus! »Bube, was ist denn geschehen?« Mit einem Ruck
-zog ihn der Lehrer ans Licht, während der Diener noch immer sprachlos
-in das dunkle Loch starrte, der gemalte Mann kam nämlich nicht wieder.
-
-»I -- ich -- hazieh, hazieh!« Heine Peterle nieste einmal, zweimal,
-immerzu, und das war kein Wunder, denn er war von oben bis unten mit
-Staub bedeckt, Spinnweben lagen auf dem Haar und auf seiner Jacke; er
-sah aus, als hätte er ein halbes Jahrhundert in einer Rumpelkammer
-gesessen. »Was hast du denn gemacht, was hat er denn gemacht?« fragte
-der Lehrer ihn und die andern. Aber selbst für ihn, der doch die
-Buben und Mädel wahrlich kannte, war es schwer, etwas in dem wilden
-Durcheinander zu verstehen, nur ein Wort vernahm er immer wieder:
-»Er hat ihn auf den Bauch geschlagen,« »Er hat ihn auf den Bauch
-geschlagen.« »Hazieh, hazieh, hazieh!« nieste Heine Peterle, er
-schluchzte, hustete und stöhnte endlich: »Da -- -- da -- --«
-
-»Was ist da?« rief der Diener aufgeregt, und der Lehrer und die Kinder
-alle sahen gespannt auf Heine Peterle.
-
-»Hazieh -- -- da -- hazieh -- -- ist -- hazieh -- -- 'n Loch!«
-
-»Schafskopf,« schrie ihn der Diener an, »das sehen wir doch.« Auf
-einmal schlug er sich vor den Kopf. »Ich hab's: die geheime Türe
-ist das, die geheime Türe nach dem verborgenen Gang, nach der unser
-Fürst schon lange sucht. Das Bild ist die Türe.« Er raste an die
-große Haupttüre des Saales, an der ein Klingelzug hing, und läutete
-Sturm. Laut, dringlich schallte es durch das Schloß, und von allen
-Seiten eilten Diener herbei. Endlich kam auch der Kastellan, der in
-Abwesenheit des Fürsten das Schloß verwaltete. Lampen wurden gebracht
-und die geheimnisvolle Öffnung untersucht; eine ganz schmale, enge
-abwärtsführende Treppe wurde sichtbar.
-
-»Es ist wirklich der geheime Gang,« sagte der Kastellan erstaunt.
-»Unser Fürst hat schon von einem Baumeister nach ihm suchen lassen, der
-aber nichts gefunden hat. Man vermutet nämlich irgendwo ein Gelaß, in
-dem wichtige Familienurkunden liegen sollen, aber bei einem Brande sind
-auch die Baupläne des Schlosses mit vernichtet worden. Der Großvater
-unseres jetzigen Fürsten hat den Gang noch gekannt, er starb aber
-unerwartet, und so erfuhr sein Sohn das Geheimnis nicht. Wie wird sich
-unser Fürst über die Entdeckung freuen!«
-
-»Das ist dein Glück,« sagte der Lehrer sehr ernst zu Heine Peterle,
-»in fremden Schlössern haut man nämlich nicht mit der Faust nach den
-Bildern.«
-
-»Nein,« meinte der Kastellan, »das tut man freilich nicht. Eigentlich
-ist's auch strafbar. Heute mag es freilich hingehen; hier ist mal eine
-Dummheit gut ausgegangen.«
-
-»Er wollte den Räuber doch nur hauen, weil der so böse war,« flüsterte
-Annchen Amsee, um ihren Freund zu entschuldigen. Der wischte, pustete
-und nieste noch immer ganz furchtbar und konnte noch immer nicht viel
-sagen.
-
-»Ach, darum also!« Der Lehrer, der Kastellan und der Führer riefen es
-wie aus einem Munde; sie sahen einander an und lächelten, lachten und
-fanden blitzschnell ein jauchzendes Echo bei den Kindern. Die waren
-ja heilfroh! Das ernste Gesicht des Lehrers hatte ihnen doch bisher
-die rechte Freude an der Entdeckung getrübt, aber jetzt kamen sie
-sich gleich ungeheuer wichtig vor, und ein paar der kecksten Buben
-tuschelten: »Da haben wir was Feines gemacht!« Himmelgern wären nun
-natürlich die Buben die Treppe hinuntergeklettert -- den Mädeln war
-es zu unheimlich -- aber das gab es nicht. Der Herr Kastellan zog den
-gemalten Bösewicht, der hinter die Wand gerutscht war, wieder hervor,
-und schnapp, war das dunkle Treppengelaß wieder verschwunden.
-
-»Gut, mein Junge,« sagte der Kastellan, »daß du nicht größer und
-nicht kleiner bist; hast gerade auf die rechte Stelle gehauen. Hier
-am Degenknauf des finstern Herrn sitzt ein Knopf; durch einen Druck
-darauf kann man anscheinend die geheime Pforte öffnen.« Er drückte,
-er drückte noch einmal, aber -- -- keine Türe sprang auf. »Na, was ist
-denn das?« rief er verwundert. »Herr Lehrer, versuchen Sie es doch
-einmal!«
-
-Der Lehrer trat heran, er drückte auch, aber das Bild blieb unbeweglich
-an seinem Platze, und seine finsteren Augen starrten die Kinder an.
-
-»Man muß hauen, aber feste,« sagte Heine Peterle plötzlich, der nun
-endlich das Niesen eingestellt hatte.
-
-Der Kastellan folgte dem Rat, er schlug einmal, zweimal, aber erst beim
-drittenmal spazierte der finstere Bösewicht davon. »Potzwetter, so eine
-Oberheudorfer Bubenfaust kann aber kräftig dreinschlagen,« rief der
-Kastellan. »Gut, daß es nicht etwas anderes war.«
-
-Der Herr Lehrer war auch sehr froh darüber, und er war es recht
-zufrieden, als er mit seiner Schar wieder auf dem Schloßhof stand. Dort
-hinaus brachten auf des Kastellans Befehl die Diener ein paar Tische
-und Stühle, und die Kinder durften unter den uralten Linden des schönen
-Hofes ihre mitgebrachten Butterbrote verzehren. »Vielleicht gibt's
-Schokolade,« sagte Schulzens Jakob und dachte an Fräulein Wunderlich,
-doch darin irrte er sich. Die Limonade, die die Schloßköchin den
-Kindern schickte, schmeckte ihnen aber auch sehr gut, und es wurde eine
-fröhliche Schmauserei.
-
-Nachher gab es noch die Waffenkammer zu sehen, in der so viele alte
-Ritterrüstungen, Hellebarden, Schwerter und andere Waffen und Geräte
-hingen, daß die Buben sich am liebsten alle in eisengepanzerte Ritter
-verwandelt hätten. Darüber war die Zeit schnell vergangen, und die
-Sonne dachte schon etwas an den Heimweg und an das Zubettgehen. Zeit
-war es also auch für die Oberheudorfer, daran zu denken, obgleich sie
-alle sich noch sehr gern die Stadt angesehen hätten.
-
-»Friedes Schule wollen wir sehen,« bettelten ein paar Buben. Friede
-erschrak. Ganz jäh kam ihm der Gedanke an den Spott der stolzen
-Gymnasiasten. Was würden die sagen, wenn sie die Oberheudorfer, seine
-Heimatgenossen, sehen würden? Gleich schämte er sich aber wieder:
-mochten sie doch lachen, was kümmerte es ihn!
-
-Ob der Lehrer etwas von den Gedanken ahnte? Er sagte so freundlich und
-gütig, wie er immer zu Friede sprach: »Es wird zu spät werden und ist
-auch ein großer Umweg, über den Johannesplan zu gehen!«
-
-Doch da bat Friede heiß und dringlich: »Ach bitte, bitte, ich möchte
-allen so gern das Gymnasium zeigen.« Er wollte es beweisen, daß er sich
-der lieben Heimatgenossen nicht schämte, weil sie anders in Art und
-Wesen waren als die Buben und Mädel in der Stadt, und so bat er noch
-einmal: »Bitte, bitte, wir wollen alle über den Johannesplan gehen.«
-
-Der Lehrer sah seinen einstigen Schüler prüfend an, dann strich er ihm
-über die heiße Wange und sagte froh: »Bist doch noch mein alter Friede,
-doch heute ist es wirklich zu spät, wir müssen uns sputen, um zu
-unseren Wagen zu kommen. Ein anderes Mal dann. Komm aber mit, begleite
-uns noch ein Stück heimwärts.«
-
-Friede tat es, und er tat es gern. So vergnügt, als gehöre er noch
-ganz zu ihnen, lief er mit den Heimatgenossen durch Feldburgs Straßen
-bis dahin, wo er vor einiger Zeit Doktor Treumann getroffen hatte.
-Hier nahm er Abschied. »Auf Wiedersehen, auf Wiedersehen in den
-Sommerferien,« hieß es.
-
-»Wir kommen dir entgegen,« versprachen die Freunde.
-
-»Wir auch,« riefen die Mädel, »und -- --«
-
-»Macht Schluß, es ist Zeit!« mahnte der Lehrer und schob ein paar
-Kinder vorwärts.
-
-Friede war schon wieder ein paar Schritte zurückgelaufen, als er noch
-einmal innehielt und den Gefährten nachrief: »Heine Peterle, wenn etwas
-von dem geheimen Gang in der Zeitung steht, schreibe ich es dir.«
-
-»In der Zeitung stehen!« Heine Peterle wußte plötzlich nicht, sollte
-er vor- oder rückwärts laufen, sollte er einen Luftsprung machen oder
-einen Purzelbaum schießen. Er drehte sich rundum und brachte den ganzen
-Zug auseinander, und es hätte wohl eine schlimme Verwirrung gegeben,
-wenn der Lehrer Heine Peterle nicht an der Hand gefaßt und gesagt
-hätte: »Wir zwei gehen mal miteinander. Nun vorwärts rasch, sonst fährt
-Friede Hopserling fort!«
-
-Das half, nun liefen sie alle, so rasch sie konnten, und erreichten
-bald Wiesental, wo die Wagen schon warteten.
-
-Von der Rückfahrt ist nur zu sagen, daß sie sehr lustig war. Es wurde
-viel gelacht, geschwatzt und gesungen, und die treuen Wächter des
-Dorfes, die Hofhunde, hörten die Stimmen der Heimkehrenden zuerst und
-grüßten sie durch ein langanhaltendes Gebell.
-
-»Auf der Dorfstraße wird nicht mehr gestanden und geschwatzt,« gebot
-der Herr Lehrer, »Abschied nehmen ist nicht nötig, morgen seht ihr euch
-ja wieder.«
-
-Heine Peterle hatte es am eiligsten, aber auch die anderen folgten alle
-brav dem Befehl. Heine Peterle mußte doch den Eltern und Muhme Rese
-sein Abenteuer erzählen, das preßte ihm fast das Herz ab. Mit noch
-mehr Gepolter und Lärm und noch ungestümer als sonst stürzte er daheim
-in das Wohnzimmer, in dem sein Vater just die Zeitung las. Der fuhr
-erschrocken empor.
-
-»Vater, ich komm' auch nein,« schrie Heine Peterle und tippte mit
-seinem Finger gleich ein Loch durch die Zeitung, »wegen dem Gang im
-Schloß, wo der Räuber davor stand, und -- --«
-
-»Bewahr mich!« rief der Bauer. »Frau, der Bube ist ja woll
-übergeschnappt. Leg ihn rasch ins Bett und tu ihm ein kaltes Tuch auf
-den Kopf!«
-
-»Nä,« schrie Heine Peterle angstvoll, »ich hab doch -- --«
-
-»Ins Bett,« befahl der Bauer, »er hat Fieber.«
-
-»Je, je, je,« jammerte Muhme Rese, »er wird krank, ich koch'n
-Fliedertee.«
-
-»Nä!« Heine Peterle sträubte sich, denn seine Mutter wollte ihn in die
-Schlafkammer führen. »Komm nun, komm, schlaf dich aus!« tröstete sie.
-
-Aber Heine Peterle mochte gar nicht schlafen, er wollte erzählen, und
-hastig schwatzte er alles durcheinander heraus, und Vater und Mutter
-sahen sich besorgt an, und die Mutter sagte: »Er hat wahrhaftig Fieber!«
-
-»'n kaltes Tuch auf den Kopf und ins Bett, basta,« befahl der Bauer.
-Da half kein Widerstreben mehr. Heine Peterle wurde ins Bett gesteckt,
-und die Mutter legte ihm ein kaltes Tuch auf den Kopf, und Muhme Rese
-brachte Fliedertee.
-
-Aber der Bube, als er sah, daß doch niemand seine schöne Geschichte
-hören wollte, schrie: »Ich hab' Hunger.«
-
-»Man muß'n ja nich aufregen,« tuschelte Muhme Rese ängstlich und
-schlurfte, so schnell sie konnte, in die Vorratskammer und holte
-viele Butterschnitten und frischen Sonntagskuchen dazu. Heine Peterle
-aß sehr brummig und schweigend alles auf, und je mehr er aß, desto
-beruhigter sah die Mutter drein. Nur Muhme Rese schüttelte noch immer
-ängstlich den Kopf und sagte wieder und wieder: »Wärste doch nicht
-mitgegangen! Ich hab's gleich gesagt, im Schloß passiert nischte nischt
-Gutes. Nu haste so'ne Geschichte im Kopp!«
-
-Schluck! tat Heine Peterle, und der letzte Bissen war hinunter. Er
-schüttelte energisch den nassen Umschlag von der Stirn, streckte sich
-aus, sagte sehr vergnügt: »Und 's ist doch wahr, un vielleicht kommt's
-in die Zeitung.« Dann schlief er bums ein.
-
-»Ein sonderbarer Bube!« seufzte Muhme Rese.
-
-
-
-
-[Illustration]
-
-Der kleine Teufel hilft Fräulein Wunderlich über die Dornenhecke.
-
-
-Ulrich Sonntag hatte sich zwar der Schwester gegenüber bereit
-erklärt, mit Friede nett zu sein, aber Jobst von Hellfeld wollte
-nicht, der bockte. Als Ulli ihm am andern Morgen auf dem Schulweg die
-Versöhnungsgeschichte erzählte, rief er borstig: »Ich tu' nicht mit,
-fällt mir gar nicht ein; dem Bauernjungen nachlaufen, das könnte mir
-passen!«
-
-Und gerade an diesem Tage ging Friede nicht um die Kirche herum,
-sondern lief an dem Organistenhaus vorbei und kam gerade hinter den
-Freunden her, als Jobst das vom Bauernjungen sprach. Husch flogen da
-auch all die guten Vorsätze weg, mit denen er gekommen war. Er hatte
-Ulrich anreden wollen, ganz leicht hatte er sich das vorgestellt, und
-nun ging er stumm und ohne Gruß an seinen Kameraden vorüber, und ebenso
-stumm lief er dann wieder nach dem Spiegelhaus zurück.
-
-»Hast du mit ihm gesprochen?« rief das Füchslein dem Bruder an diesem
-Tage entgegen. Sie erzürnte sich sehr, als sie sein »nein« hörte, und
-sie war schon drum und dran, mit zornigen Worten ihrem Grolle Luft
-zu machen, als ihr noch zur rechten Zeit der Mutter Worte einfielen.
-Sie seufzte zwar dreimal tief, dann war der Zorn in sein dunkles
-Herzkämmerchen zurückgesunken, und Füchslein sagte sanft und lieblich:
-»Aber morgen, Ulli, gelt, morgen tust du es?«
-
-Ulli versprach es. Am nächsten Tag kam er aber sehr brummig heim. Schon
-von weitem schrie er: »Füchslein, er will gar nicht, tut, als sei ich
-Luft. Frech! Nun will ich aber auch nicht mehr.«
-
-Von diesem Entschluß brachte den Bruder kein sanftes und kein
-zorniges Bitten und Fordern ab, und das Füchslein sah betrübt alle
-schönen Friedenspläne zerrinnen, denn sie selbst zankte sich wieder
-einmal gründlich mit dem Bruder. Sie sah Friede in diesen Tagen
-auch nur einmal von ferne; sie rief ihn an, er lief aber geschwind
-davon. Im Organistenhaus war er auch nicht gewesen, ärgerlich sagte
-es ihr Fräulein Wunderlich. Diese hatte schon wieder alle gute
-Schokoladenlaune verloren; sie ging verdrießlich im Hause herum
-und schalt und brummte, wenn sie an den bösen Nachbarn und den
-hinausgeworfenen Buben dachte. Selbst über den entflohenen kleinen
-Teufel schalt sie jeden Tag. Daß das Huhn entwichen war, kränkte sie
-bitter.
-
-Marianne Sonntag bekam auch von dem entflohenen Oberheudorfer Huhn zu
-hören. An einem Frühlingsnachmittag war es, an dem ein leiser, warmer
-Regen auf die Erde niederfiel. Fräulein Wunderlich hatte trotz des
-Regens in ihrem Gärtchen gegraben und gepflanzt, und das Füchslein war
-zu ihr gekommen. Sie standen beide an der Mauer des Nachbargartens
-unter einem kleinen Schutzdach, und dort erzählte das Fräulein laut und
-zornig von dem entflohenen Huhn.
-
-»Das ist gewiß nach Oberheudorf zurückgeflogen,« rief Marianne mit
-ihrem hellen Stimmlein. »Ihm gefällt es nicht in der Stadt.«
-
-»Rede doch nicht solchen Unsinn, wie soll ein Huhn nach Oberheudorf
-fliegen!« schalt Fräulein Wunderlich. »Aber meinetwegen, ich mag schon
-gar nicht mehr von dem Ort und seinen Bewohnern hören. Nichts wie
-Ärger hat man davon.« Die Dame machte ein so bitterböses Gesicht, daß
-es dem Füchslein ganz ungemütlich wurde.
-
-»Ich will jetzt hineingehen, Onkel Wunderlich ist gewiß wieder zurück.«
-
-»War mein Bruder nicht da?« fragte das Fräulein.
-
-»Nein, er ging vorhin noch mit dem Herrn Professor von Spiegel auf dem
-Platz draußen hin und her,« sagte Marianne arglos; sie hatte in diesem
-Augenblick die nachbarliche Feindschaft ganz vergessen.
-
-»Geh, pfui, geh, du bist auch ein abscheuliches Mädchen!« rief Fräulein
-Wunderlich plötzlich. »Kommst nur, um mir unangenehme Sachen zu sagen.«
-
-»Aber ich hab' doch nichts getan,« stammelte Marianne, doch Fräulein
-Wunderlich rief noch einmal: »Geh, geh, ich will dich nicht mehr sehen.«
-
-Betrübt verließ die Kleine den Garten, und drinnen fiel es ihr erst
-ein, warum sie die Hausherrin erzürnt hatte. Die war böse, daß
-ihr Bruder mit dem Nachbar ging; sie haßte den, und Mutter hatte
-doch gesagt, einmal wären sie miteinander gute Freunde gewesen!
-Nachdenklich, mit gesenktem Kopf trat Marianne in das Musikzimmer. Dort
-stand der alte Organist und sah sinnend in den leise rinnenden Regen
-hinaus. »Was hast du denn, Kind?« fragte er, sich seiner Schülerin
-zuwendend, als diese eintrat, »du siehst ja gar nicht wie ein rechter
-Sonntag aus?«
-
-»A--ch!« -- Füchslein seufzte -- »das Friedenstiften ist doch arg
-schwer!«
-
-»Ja freilich, schwer ist's, sehr schwer sogar!« Herr Wunderlich seufzte
-nun auch. »Es ist darum am besten, es gar nicht zum Unfrieden kommen zu
-lassen. Aus einem kleinen Pflänzchen wächst oft eine ganze Dornenhecke
-auf, und keines kommt mehr herüber oder hinüber.«
-
-»Nur ein Prinz,« sagte Füchslein, die gut verstanden hatte, daß ihr
-Lehrer an seiner Schwester Zwist mit dem Nachbarn dachte.
-
-Herr Wunderlich lächelte. »Ja, ein Märchenprinz, und ein Märchenprinz
-kann auch ein Oberheudorfer Bauernbube sein. Man muß aber Geduld haben,
-viel Geduld. Wir wollen uns nur hüten, daß nicht noch mehr Streit und
-Unfriede entsteht, nicht noch zwischen anderen Brüdern und Schwestern.«
-
-Marianne wurde rot, seufzte tief und murmelte, während sie ihre Geige
-aus dem Kasten nahm: »Ich will Ulli nachher wieder gute Worte geben.«
-
-»Und ich will meiner Schwester auch gute Worte geben,« sagte der alte
-Herr, und auf einmal lachten sich Lehrer und Schülerin sehr vergnügt
-an, nickten sich zu, und dann spielten sie zusammen und vergaßen
-darüber Zank und Streit.
-
-Im Spiegelhaus dachten just zwei auch gerade an die Nachbarn hinter
-der Hecke. Friede war es und der Gärtner. Dieser hatte gerade an der
-Mauer gestanden, als Fräulein Wunderlich von des schwarzen Teufels
-Verschwinden erzählte. Lieber Himmel, das war doch das kleine Huhn,
-das Friede ihm gebracht. Eilig lief er zu dem Knaben, der über seinen
-Büchern saß, und erzählte ihm das Gehörte.
-
-Friede erschrak. »Ich dachte, sie hätte es hinausgeworfen wie mich,«
-stammelte er erschrocken.
-
-»Ja, das hilft nun nichts, du mußt es ihr schon wieder hinübertragen,«
-meinte der Gärtner.
-
-»Aber ich kann doch nicht zu ihr gehen,« rief Friede ordentlich
-entsetzt, »ich will's über die Mauer heben.«
-
-»Trag's lieber hinüber! Gib es der Marie, das ist kein ungutes Mädchen,
-die wird schon verstehen, daß du das Huhn nicht hast behalten wollen.
-Aber fort muß es gleich, mein Herr möchte sehr böse werden, wenn er
-wüßte, ich habe ein fremdes Huhn im Stall, nach dem sie drüben suchen.
-Übrigens hat das Fräulein dich ja neulich grüßen lassen, vielleicht ist
-sie gar nicht mehr böse.«
-
-»Ich mag nicht zu ihr gehen,« rief Friede trotzig.
-
-»Gut,« brummte der Gärtner, »dann trage ich das Huhn fort, wenn du dich
-fürchtest! Im Hause darf es nicht bleiben, und der Herr Professor soll
-mich keinen alten Eigensinn schelten.«
-
-»Ich will's schon hinübertragen,« murmelte Friede kleinlaut. »Pah, ich
-fürchte mich nicht, und Marie macht ja immer die Türe auf, der kann
-ich es übergeben.« Er nahm seine Mütze, ging in den Garten hinab und
-holte den kleinen Oberheudorfer Teufel aus dem Stall heraus. »Schade
-ist's nicht darum,« brummte der Gärtner, »und arg viel Freude wird das
-Fräulein an dem kleinen Untier nicht haben, aber zurückhaben soll sie
-es; was Recht ist, ist Recht.«
-
-Es wurde Friede nicht leicht, bis zu dem Nachbarhaus zu gehen. Er sah
-sich draußen erst um. Niemand war zu sehen; der Johannesplan lag, wie
-fast immer, wenn nicht Schulanfang oder Schulschluß war, menschenleer
-da. Als er an das Organistenhaus kam, sah er, daß eins der Fenster
-neben der Haustüre halb offen stand. Von seinem kurzen Aufenthalt im
-Hause her wußte er noch nicht gut Bescheid, wie und wo die einzelnen
-Zimmer und Wirtschaftsräume lagen; er glaubte aber, dies Fenster sei
-eins von dem breiten Hausflur. Er überlegte nicht lange und fand,
-es sei am besten, das Huhn einfach durch das Fenster in das Haus zu
-lassen, dann war es drinnen, und Marie würde es bald merken, denn der
-kleine Teufel wußte seine Stimme gut zu gebrauchen. Wenn jemand etwas
-bequem ist, dann erscheint es ihm leicht gut und richtig, und Friede
-erging es mit dem Huhn auch so. Kurz entschlossen schwang er sich von
-der Treppe auf die Fensterbrüstung; es ging ganz leicht. Dann ließ er
-das Huhn durch das offene Fenster in das Haus hinein, zog vorsichtig,
-so gut es gehen wollte, das Fenster von außen wieder zu und ging
-befriedigt ins Spiegelhaus zurück. Dort lief er gleich hinauf zu seinen
-Büchern, weil er sich im Herzen ein bißchen schämte, dem Gärtner zu
-sagen, wie er das Huhn bei Wunderlichs abgegeben hatte.
-
-Fräulein Wunderlich war in ihrem Gärtchen immer auf und ab gegangen,
-ärgerlich auf alle Welt und ärgerlich auf sich. Es erzürnte sie auch,
-daß sie naß wurde; trotzdem holte sie sich keinen Schirm. Endlich
-kehrte sie in ihr Haus zurück. Dort scheuerte Marie mit viel Lärm und
-Gepolter die große, nach dem Garten gehende Hinterstube aus. Pfingsten
-rückte näher, und zu Pfingsten mußte alles noch blanker als blank sein.
-Sie fing daher immer zeitig mit Scheuern und Putzen an. Wenn sie so
-recht in der Arbeit war, hörte und sah sie nichts. Sie schaute auch
-erst auf, als Fräulein Wunderlich die Türe öffnete und rief: »Marie,
-hier schreit ja ein Huhn im Hause!«
-
-»Ih nee,« rief Marie vergnügt, »ja, da geistert vielleicht gar
-der kleine schwarze Teufel aus Oberheudorf im Hause herum!« Sie
-lauschte, es war aber nichts zu hören, und Fräulein Wunderlich ging
-noch verdrießlicher von dannen, hinauf in ihr Schlafzimmer, um sich
-umzuziehen, denn sie war ganz naß geworden. Alles ärgerte sie, Maries
-Lachen, daß ein Huhn schrie und dann doch nicht schrie. Sie war so
-recht in der Stimmung, sich über die Fliege an der Wand zu ärgern.
-
-Unten hatte es geklingelt, erst einmal schüchtern, dann noch einmal
-lauter.
-
-Marie war durch den Hausflur geschlurft, hatte geöffnet und kam und
-meldete: »Fräulein Müller ist da, mit dem neuen Kleid.«
-
-»Lange genug hat es gedauert,« murrte Fräulein Wunderlich. Vorgestern
-hatte die Schneiderin schon das neue Kleid bringen sollen, und jetzt
-brachte sie es erst. Fräulein Wunderlich hätte das Kleid sicher in
-den zwei Tagen nicht angezogen, ja eigentlich hatte sie gar nicht
-daran gedacht, nun aber schalt sie über die Unpünktlichkeit und ging
-mit dem allerfinstersten Gesicht zu der Schneiderin hinab. Diese sah
-noch blässer, noch bekümmerter als sonst drein. Sie wollte gerade eine
-Entschuldigung sagen, als Fräulein Wunderlich sie zornig anschrie:
-»Schämen Sie sich, so unpünktlich zu sein, ich werde nichts mehr« -- --
-
-»Gagagagaaag« gackerte es auf einmal laut dazwischen, und Fräulein
-Wunderlich brach erschrocken ab. »Marie, Marie,« rief sie, »es ist doch
-ein Huhn in der Wohnung!«
-
-Marie stürzte herbei. »Wo denn? Ich höre ja nichts!« Sie konnte auch
-wirklich nichts hören, denn es war wieder alles still im Haus. »Das ist
-'ne putzige Geschichte,« meinte sie und schlurfte kopfschüttelnd wieder
-davon.
-
-Fräulein Wunderlich war aber so verärgert, daß sie die arme Schneiderin
-noch heftiger anschrie. Die wollte etwas sagen; sie wäre aber sicher
-noch lange nicht zu Worte gekommen, wenn nicht plötzlich wieder laut
-ein Huhn gegackert hätte.
-
-»Da ist es ja wieder,« rief Fräulein Wunderlich und riß die Türe auf.
-»Marie, Marie, es gackert wieder.«
-
-Diese kam angerannt. »Das ist der kleine Teufel aus Oberheudorf, der
-geistert im Hause rum,« rief sie, »der ist 'n Gespenst geworden.«
-
-Die arme Schneiderin wollte gern ihr Geld haben. Daheim war ihre
-Mutter so krank, und sie hatte sie pflegen müssen und dabei Tag und
-Nacht genäht. Nun war kein Geld im Hause, ach, und nun war ihre Kundin
-so böse. Wie sollte sie das nur sagen? Sie atmete tief und flüsterte
-ängstlich: »Ich wollte um mein Geld bitten, ich -- --«
-
-»Nein, so eine Unverschämtheit, so -- -- --«
-
-»Gagagagaaag, gagagag,« gackerte es laut. Fräulein Wunderlich brach
-wieder ihre Rede ab und stammelte: »Wo ist das nur?«
-
-»Hier drinnen schreit es,« rief Marie und riß die Türe zu dem
-Besuchszimmer auf, der »Putzstube«, wie sie es nannte. »Alle guten
-Geister, das ist wirklich 'n Gespenst,« schrie sie entsetzt. »Da, da, o
-du meine Güte, wie graulich!«
-
-Über einem zierlichen Glasschränkchen hingen die Bilder von
-Fräulein Wunderlichs Eltern, darunter stand eine große Schale, mit
-Frühlingsblumen gefüllt. Auf dem Rand dieser Schale aber saß der kleine
-Teufel und rupfte und zerrte an den Blumen herum; die Hälfte davon lag
-schon am Boden. »Gagagagag, gagagaag,« schrie das Tier jedesmal, wenn
-es wieder ein paar Blumen zerpflückt hatte. Dann pickte es wieder nach
-den Efeuranken, die das Bild umgaben; von ihnen hatte es auch schon die
-Hälfte Blätter abgezupft.
-
-Fräulein Wunderlich brachte vor Entsetzen kein Wort heraus. Seit dem
-Tode ihrer Eltern stellte sie immer blühende Blumen unter das Bild. Sie
-meinte damit das Andenken der Toten gar gut zu ehren. Niemand durfte
-an den Blumen rühren, und nun saß das kleine, schwarze Untier oben und
-zerstörte alles.
-
-Minna Müller, die Schneiderin, fand es nicht weiter schlimm, daß
-ein Huhn einmal Blumen zerzauste. Marie würde es schon fangen und
-alles wieder in Ordnung bringen. Sie dachte immer nur an ihre kranke
-Mutter, und daß sie Geld haben und rasch heimgehen mußte. Weil
-Fräulein Wunderlich so stumm geworden war, wagte sie es noch einmal zu
-bitten. »Meine Mutter ist so krank,« flehte sie; »ach bitte, Fräulein
-Wunderlich, geben sie mir doch das Geld, ich brauche es für Medizin.
-Ach, wenn meine Mutter nun stirbt!«
-
-[Illustration]
-
-»Ritsch, ratsch,« zog das Huhn an der Efeuranke, und das Bild selbst
-wackelte und schwankte plötzlich hin und her. Mit einem Schrei sprang
-Fräulein Wunderlich hinzu, der kleine Teufel flüchtete und riß die
-Schale vom Schränkchen, die mit lautem Geklirr zu Boden fiel. Doch
-das Bild war an seinem Platz geblieben, Fräulein Wunderlich hielt es
-fest. Dabei sah sie in die Augen ihrer Mutter, die nun schon so lange
-tot war. Gute, sanfte Augen waren es, und der Tochter fiel ein, daß sie
-wohl immer Blumen unter das Bild stellte, aber recht lange schon nicht
-in die lieben Mutteraugen geblickt hatte. Sie tat es jetzt, schaute,
-während Marie schreiend das Huhn fing und Fräulein Müller leise weinte,
-nachdenklich in das treue, gute Muttergesicht, und da war es ihr, als
-spräche der Mund wieder wie einst mahnend: »Sei nicht so zornig, sei
-mild, laß dich nicht von deiner bösen Laune so beherrschen! Nachher
-bereust du es, aber die Reue kommt manchmal zu spät.«
-
-»Ich hab's, Fräulein, ich hab's,« schrie Marie und hielt das kleine
-schreiende Huhn fest. »Ist doch zu närrisch, da geistert das Untier die
-ganze Zeit im Hause rum, und niemand merkt was. Wo's nur gesteckt hat?
-Und den Schaden, den es angerichtet hat, die schöne Schale!«
-
-Zu Maries großem Erstaunen hatte ihre Herrin kein zorniges Wort. Diese
-bückte sich nicht einmal, um die Scherben aufzuheben, sie sagte rasch
-zu der kleinen, noch immer weinenden Schneiderin: »Kommen Sie, Fräulein
-Müller, ich will Ihnen Ihr Geld geben; das Kleid wird schon sitzen.«
-Ihre Stimme klang so sanft, daß Marie wieder dachte: »Wenn sie so
-spricht, ist sie zu nett. Und komisch, nicht mal schelten tut sie über
-die zerbrochene Schale!«
-
-Ihre Herrin ging schweigend hinüber, und drüben sprach sie liebe,
-freundliche Worte mit Minna Müller, und dann packte sie für die kranke
-Mutter lauter gute Sachen ein und versprach, sie wolle morgen selbst
-nach der Kranken sehen. Die Schneiderin weinte noch immer, aber jetzt
-tat sie es vor Freude und Dankbarkeit. Als sie durch den Flur ging und
-Marie ihr die Haustüre öffnete, rief sie: »O, Fräulein Wunderlich ist
-aber gut, so gut! Und immer habe ich mich vor ihr gefürchtet, und das
-ist gar nicht nötig, sie ist ja so freundlich!«
-
-Ein Weilchen später dachte das Marianne Sonntag auch. Fräulein
-Wunderlich rief sie gar freundlich an, als sie heimgehen wollte, und
-setzte ihr Teekuchen vor, und Marie erzählte die seltsame Geschichte
-von dem schwarzen Huhn. »'n Wunder ist's, 'n richtiges Wunder! Wo das
-Untier nur gewesen ist?« rief sie. »Und Herr Wunderlich muß es hören,
-er wird sich auch wundern.«
-
-Herr Wunderlich wunderte sich auch wirklich, er wunderte sich aber
-noch viel mehr über seine Schwester: die war so sanft und gut wie seit
-langem nicht. Es war wirklich, als wäre hellster Sonnenschein, und
-dabei rann und rieselte draußen der Regen immer stärker vom Himmel
-herab. »Ich muß heimgehen,« sagte Füchslein endlich, »ich habe keinen
-Regenschirm.«
-
-»Wart' nur noch ein Weilchen, es hört wohl auf,« riet Fräulein
-Wunderlich. Es hörte aber nicht auf, dafür klingelte es nach einer
-Viertelstunde etwas laut. Draußen stand Ulrich Sonntag und sagte
-verdrossen: »Ich will unser Füchslein abholen, weil es regnet.«
-
-Beim Anblick des Bruders kamen Marianne alle guten Versöhnungsgedanken
-in den Sinn. Mit einem Jubelschrei fiel sie dem Buben um den Hals,
-unbekümmert darum, daß er recht naß war. »O Ulli,« rief sie, »wir
-wollen wieder gut sein miteinander. Onkel Wunderlich sagt, sonst wird
-'ne Dornenhecke draus, und wir können nicht mehr drüber. Ach, und Ulli,
-der Teufel ist wieder da!«
-
-»Füchslein, du bist verdreht,« brummte Ulrich. Er streichelte aber
-der Schwester doch die Backen, wenn es auch ein bißchen ungeschickt
-ausfiel. Er war heilfroh, daß sein Füchslein wieder gut zu ihm war.
-
-Beim Wort von der Dornenhecke war Fräulein Wunderlich zusammengezuckt;
-sie sah zu ihrem Bruder auf und begegnete dem Blick seiner guten,
-stillen Augen. »Er hat der Mutter Augen,« dachte sie und streckte ihm
-rasch die Hand hin. »Man kommt manchmal auch über eine Dornenhecke,
-Matthias,« sagte sie, »wenn man nur den guten Willen hat. Wollen wir
-nachher zusammen ins Spiegelhaus gehen und den alten Freund besuchen?«
-
-»O Line,« sagte der alte Mann froh, »so soll endlich Friede werden
-zwischen uns? Gott sei gelobt!«
-
-Die beiden Sonntagskinder hatten das Zwiegespräch nicht gehört.
-Füchslein hatte die wunderbare Geschichte von dem Oberheudorfer Huhn
-erzählt, und Ulrich wunderte sich gebührend. Dann mahnte er: »Komm
-heim, Mutter sorgt sich sonst. Und Jobst wartet auch!«
-
-Marianne stülpte sich flink ihren Hut auf, nahm ihre Geige, und nach
-fröhlichem Abschied patschten sie beide versöhnt und einträchtig über
-den Johannesplan heimwärts.
-
-Ein Weilchen später gingen die beiden alten Leute durch den rinnenden
-Regen hinüber in das Nachbarhaus zu dem Freunde ihrer Jugend. Friede
-stand an der Türe, als sie kamen, und er erschrak sehr, als er Fräulein
-Wunderlich so plötzlich vor sich sah. Sicher kam sie des Huhnes wegen.
-»Das Huhn,« stammelte er erschrocken, »ich -- ich dachte, Sie hätten es
-hinausgeworfen!«
-
-»Das Huhn! Hast du es gebracht?« rief Fräulein Wunderlich und zog den
-Knaben in ihre Arme. »O Friede, Junge, ich danke dir, o so sehr!«
-
-»Für das Huhn?« Friede sah namenlos verdutzt drein.
-
-Fräulein Wunderlich lachte, wirklich, sie lachte herzlich und froh,
-und dabei sah sie so hübsch aus wie ein Sonnentag. »Ja, für das Huhn,
-und noch für viel mehr. Komm, gib mir die Hand, wir wollen Frieden
-schließen miteinander, willst du?«
-
-»Ja,« rief Friede vergnügt und rannte ins Haus hinein, um seinem
-Pflegevater den Besuch anzukündigen.
-
-Der schlug mit lautem Knall das Buch zu, in dem er gelesen hatte.
-»Endlich,« rief er, »endlich ist die Dornenhecke fort!« Froh eilte
-er den Gästen entgegen, streckte ihnen beide Hände hin und rief:
-»Willkommen im Spiegelhaus! Das hätte ich nicht gedacht, daß mir der
-Regentag eine solche Freude bringen würde.«
-
-
-
-
-[Illustration]
-
-Allerlei Geschenke, und was aus ihnen wird.
-
-
-»Heute brauche ich nicht um die Kirche herum zu gehen,« dachte
-Traumfriede an dem Morgen nach der Versöhnung zwischen den feindlichen
-Nachbarn. Der Junge packte recht nachdenklich seine Bücher zusammen. Er
-freute sich, daß nun keine Feindschaft mehr zwischen dem Spiegelhaus
-und dem kleinen Organistenhaus herrschte, aber daß er nun wieder zu
-Wunderlichs sollte, tat ihm bitter leid. Gestern war es verabredet
-worden, und Fräulein Wunderlich war gar lieb und freundlich zu ihm
-gewesen. Er wußte aber doch, so lieb wie den Professor würde er sie nie
-gewinnen. »Könnte ich bei ihm bleiben!« wünschte er sich, als er durch
-den Garten auf das Tor zuschritt. Aber das war wohl ein vergeblicher
-Wunsch; Professor von Spiegel hatte ja gleich gesagt, er würde ihn nur
-kurze Zeit behalten.
-
-»Heda, Traumfriede! Na, so etwas, der Bube sieht nicht rechts und
-links,« schrie ihn plötzlich eine laute Stimme an, und als er sich
-verwirrt umsah, hielt gerade vor ihm Kaspar auf dem Berge mit seinem
-Wäglein. »Na gelt, das freut dich, daß de mal wieder 'n Oberheudorfer
-siehst?« fragte der Wirt behaglich.
-
-In Friedes Augen leuchtete es auf; er freute sich wirklich, und an die
-hochmütigen Grünmützen dachte er gar nicht. Er hatte gleich hundert
-Fragen zu stellen, fragte dies und das, wollte wissen, wie es Muhme
-Lenelies gehe und allen andern im Dorfe, und der dicke Wirt konnte kaum
-Luft schnappen. Endlich schrie er: »Nä, Friede, so 'n Gefrage! Kannst
-du aber schwätzen! Wie geht's?«
-
-[Illustration: Ein Gruß aus der Heimat.]
-
-Friede wollte gerade den Mund zu einer neuen Frage auftun, als bimbam
-im Gymnasium die Uhr anschlug. Himmel, die Schule begann! »Ich muß
-fort,« rief Friede erschrocken, aber Kaspar auf dem Berge hielt ihn
-noch fest. »Da, Bub', die Wurst; ich hab' dir eine mitgebracht. Weißt
-schon, wie 'ne Oberheudorfer Wurst schmeckt keine andere.« Und ehe
-Friede noch recht wußte, wie und was, hatte er eine lange Wurst im Arm.
-Er stammelte noch einen kurzen Dank und raste dann eilig in die Schule.
-Es war allerhöchste Zeit.
-
-»Ich soll noch 'ne Kiste abgeben; die stell ich hier rein,« schrie der
-Wirt noch. »Laß dir's schmecken!«
-
-Friede hörte das gar nicht mehr, er rannte, seine Wurst fast zärtlich
-im Arm, über den Schulhof die Treppe hinauf und kam gerade noch im
-letzten Augenblick in das Klassenzimmer hinein.
-
-»Er hat eine Wurst im Arm, eine Wurst aus Oberheudorf,« tönten ihm
-gleich etliche Stimmen entgegen, und nun besann sich Friede erst, daß
-er die Wurst ganz offen im Arme trug. In seiner Verlegenheit sagte er
-patzig zu seinem Nachbar: »Laß meine Wurst zufrieden!«
-
-»Na nu,« rief der, »ich habe deiner Wurst ja nichts getan, nicht einmal
-angesehen habe ich sie. Zeig sie erst mal her!«
-
-»Ja, zeig sie uns auch, Friede Pfennig!« Ein paar Bubenhände langten
-nach der Wurst, Friede wollte sie halten, aber schon hatte einer sie
-ihm entrissen. Dem wieder suchte sie ein anderer zu entreißen; drei,
-vier riefen: »Ich will die Wurst« und »Gebt sie ihm doch wieder!«
-
-Just in diesem Augenblick tat sich die Türe auf, und Doktor Schneider
-trat ein. Die Buben schnellten zurück, der die Wurst hatte, wollte sie
-Friede zuwerfen und --
-
-[Illustration]
-
-»Au!« rief Doktor Schneider erschrocken, denn die große Wurst sauste
-ihm plötzlich an den Magen. Nun gehört eine Wurst allemal in den
-Magen, aber an den Magen sicher nicht, und in einer Schulstube sind
-herumfliegende Würste auch nicht am Platze. Das Gesicht des Lehrers
-verfinsterte sich auch beträchtlich, mit strengen Augen musterte er die
-Schüler. Er sah in lauter erschrockene und verlegene Gesichter, als er
-ernst fragte: »Wem gehört die Wurst?«
-
-Einen Augenblick herrschte Totenstille in der Klasse, keiner wagte
-Friedes Namen zu nennen; sie wußten es alle ja ganz genau, daß er die
-Wurst nicht geworfen hatte. Noch einmal fragte der Lehrer streng: »Wem
-gehört die Wurst?« Da stand Friede auf und sagte leise aber fest: »Mir!«
-
-Doktor Schneiders Blick ruhte prüfend auf dem Knaben. Der war zwar
-blutrot geworden, aber seine Augen sahen offen und frei zu dem Lehrer
-auf. »Hast du die Wurst geworfen?« fragte er wieder.
-
-Einen Herzschlag lang zögerte Friede. Er wußte, wer die Wurst geworfen
-hatte. Jobst von Hellfeld war's gewesen, er hatte es wohl gesehen, aber
-angeben, nein, das tat er nicht. »Es ist meine Wurst,« sagte er nur,
-kein Wort der Anklage, nichts weiter.
-
-»Warum hast du denn die Wurst mit in die Klasse gebracht?« Doktor
-Schneiders Stimme klang schon ein wenig milder als zuvor.
-
-Friede war es da, als stände Kaspar auf dem Berge vor ihm; er sah
-sein rundes Gesicht und hörte seine breite Stimme freundlich reden,
-und ganz fest sagte er: »Ich habe die Wurst geschenkt bekommen. Der
-Wirt aus Oberheudorf hat sie mir mitgebracht, und es war zu spät, sie
-heimzutragen.«
-
-»So -- und warum hast du mit der Wurst geworfen, oder -- warst du es
-nicht?«
-
-Friede atmete tief, aber er schwieg. Doktor Schneider lächelte
-unmerklich. »Hm, vielleicht ist die Wurst von selbst durch die Luft
-geflogen, was meinst du?«
-
-Zweiunddreißig Paar Bubenaugen ruhten auf Friede. Was würde er jetzt
-sagen? würde er doch der Angeber sein? Jobst von Hellfeld hatte die
-Lippen verächtlich zusammengepreßt; er verrät mich doch, dachte er,
-natürlich, er haßt mich ja!
-
-»Na, Friede Heller,« fragte Doktor Schneider noch einmal, »was meinst
-du, ist die Wurst von selbst geflogen?«
-
-
-»Nein,« rief Friede rasch und schaute zu dem Lehrer mit blitzenden
-Augen auf, »ich denke aus -- Versehen. Wir haben uns geneckt.«
-
-»Ich war's, ich warf die Wurst.« Jobst von Hellfeld schnellte wie ein
-Pfeil empor, er war auch blutrot geworden, aber mutig und ehrlich sah
-auch er zu dem Lehrer auf.
-
-Doktor Schneider nickte gelassen: »Es mag gut sein, ich wollte nur
-wissen, ob Würste von allein fliegen können. Wir wollen beginnen!«
-
-Dreiunddreißig Bubenköpfe senkten sich auf die Bücher herab, die Stunde
-begann, und es war eine, in der die Buben ihre Dummheiten vergaßen und
-mit leuchtenden Augen dem Lehrer lauschten. Geographie gab es. Die
-Landkarte an der Wand wurde weit und groß. Da waren nicht bloß Linien
-und blau getuschtes Meer, da rauschten die Wellen, Wikingerschiffe
-durchsegelten den Ozean; Italien, Griechenland, den sonnigen Süden
-meinten die Buben zu schauen; sie lugten hinüber nach Afrikas Küste,
-und als draußen die Glocke den Schluß der Stunde verkündete, da kehrten
-alle nur langsam, fast betrübt von einer wunderschönen Fahrt zurück.
-
-Friede kam erst recht zu sich, als die Türe hinter Doktor Schneider
-klappte. Wirklich, da war das Schulzimmer, da saß er, Friede Heller
-aus Oberheudorf, auch Traumfriede genannt. Und er war kein nordischer
-Seefahrer, wie er noch eben gemeint hatte. So recht zu sich kam er
-erst, als über ein paar Köpfe hinweg ihm Jobst von Hellfeld seine
-braune Hand hinreichte: »Heller, verzeih mir, bist ein anständiger
-Kerl!«
-
-»Ja, ein sehr anständiger Kerl!« Ulrich Sonntag hielt ihm auch die Hand
-hin. Er lachte gutmütig: »Das Füchslein hat doch recht gehabt!«
-
-Aus dem Kreise der andern traten noch etliche zu dem Oberheudorfer
-Buben; die waren es, die ihn am meisten geneckt hatten. Doch ehe Friede
-sich noch recht ausgewundert und alle Hände geschüttelt hatte, ertönte
-schon wieder die Glocke, und Doktor Schneider, der auch die zweite
-Stunde zu geben hatte, betrat von neuem das Klassenzimmer. Diesmal
-flog ihm keine Wurst an den Magen; er sagte aber auch nichts mehr von
-dem Vorhergegangenen. Die Buben merkten bald, er hatte vergeben und
-vergessen.
-
-In der großen Pause fanden sich Friede, Jobst und Ulrich zusammen auf
-dem Schulhof. Friede hatte seine Wurst mitgebracht, denn Ulrich Sonntag
-hatte gemeint, sie wäre gewiß besonders gut. Nun probierten sie alle
-drei einträchtig die Wurst und schlossen dabei Freundschaft. Und wie
-sie so saßen, kam einer nach dem andern hinzu, und Friede teilte aus;
-bereitwillig gab er jedem etwas, froh, daß er der Geber sein durfte.
-
-»Die schmeckt aber fein!« Peter Müller, ein kleiner, dicker Kerl,
-schlug sich auf den Bauch. »Ich wollte, ich kriegte auch mal eine.«
-
-»Die ißt du dann doch allein, und wir kriegen nichts,« brummte Ulrich
-Sonntag. »Der Friede ist ein anderer Kerl, der gibt uns doch was ab!«
-
-»Freilich, der Heller ist ein anständiger Kerl!« Das Wort tönte Friede
-noch in den Ohren, als er schon wieder oben im Schulzimmer saß. Mit
-so hellen Augen wie an diesem Tage hatte er noch nie das Gymnasium
-verlassen. Er ging auch nicht allein, er ging mit Jobst und Ulrich,
-und er nahm gerade so lustig und vergnügt von den andern Abschied wie
-diese voneinander; er fühlte, er gehörte jetzt zu ihnen. Als er über
-den Johannesplan lief und Fräulein Wunderlich am Fenster saß, da
-schwenkte er jauchzend seine grüne Mütze. Nun hatte er ja Freunde, gute
-Kameraden! Heisa, wie anders sah da die Welt aus!
-
-Singend betrat er das Spiegelhaus. Aber nicht wie sonst kam ihm
-Frau Emma freundlich entgegen; sie sah ganz ärgerlich drein. »Du,
-Friede, sieh nur,« rief sie, »was soll nun das bedeuten?« Sie zeigte
-verächtlich auf eine Anzahl Töpfe, Teller und Kannen, die am Boden
-standen. Alle hatten abgebrochene Henkel, große Sprünge und Lücken.
-»Dies hat ein Mann gebracht; er sagt, er wäre Kaspar auf dem Berge, und
-er solle dies Herrn Professor abgeben. Erbarm' dich, Friede, was soll
-der mit dem kaputen Zeug?«
-
-»Ich weiß nicht,« stotterte Friede verdutzt und musterte die Scherben.
-Die Kanne mit den Rosen und Vergißmeinnicht kannte er. Das war
-Waldbauers Staatskanne gewesen. Ja, und aus dem Topfe mit dem grünen
-Eichenkranz -- aus dem hatte Heine Peterles Muhme sonst immer ihren
-Sonntagnachmittagkaffee getrunken.
-
-»Ja so,« sagte Frau Emma wieder, »und hier ist ein Brief an dich.
-Vielleicht steht da drin, was der Unsinn bedeuten soll.« Sie reichte
-Friede einen Brief, der reichlich mit Fettfingern geziert war, und als
-der Junge ihn erbrach, strahlte ihm als Erstes ein großer Tintenklecks
-entgegen. »Ach,« dachte er, »der ist von Heine Peterle.« Denn Heine
-Peterle war groß in Tintenklecksen, ein richtiger Künstler war er
-darin; niemand in ganz Oberheudorf machte so viele und so große
-Tintenkleckse wie Heine Peterle.
-
-Der Brief war auch wirklich von ihm. Er lautete: »Lieber Friede! Weil
-Dein Härr Brofester so arg gern gapuhte Töppe hat, kriechst Du welche.
-Wir haben alle welche gebragt und weil ich keins hatte, habb ich Muhme
-Rese seinen Kaffätopp erschlagen. Und wenns wider was gapuht ist,
-kriechts Härr Brofester. Und file Grüßen von alle. Und wenns doch erst
-Fährchen giehbt. Und mit filen Grüßen Dein liebr Heine Peterle. Und auf
-Witersähen. Haste die Stattjungens schon ferhauen?«
-
-Friede ließ den Brief sinken und sah Frau Emma halb kläglich, halb
-lachend an. »Die Töpfe sind wirklich für den Herrn Professor! Hier
-steht's.«
-
-»Was ist für mich?« Professor von Spiegel hatte in seinem Zimmer
-Friedes Worte gehört. Er schaute zur Tür hinaus, und das erste, was er
-sah, war das zerschlagene Geschirr. »Na nu,« rief er, »es hat heute
-wohl hier Polterabend gegeben?«
-
-»Das ist für Sie, Herr Professor,« rief die ordentliche Frau Emma
-ärgerlich. »Aus Oberheudorf haben sie es geschickt. So ein Unsinn,
-solchen Kram zu schicken!«
-
-»Wer weiß, was sie sich dabei gedacht haben. Zeig doch mal deinen
-Brief, Friede!«
-
-»Heine Peterle kann nicht so sehr gut schreiben,« murmelte Friede
-verlegen, den Brief hinreichend.
-
-»Aber Kleckse kann er scheint's machen,« meinte der Professor, »und
--- oh -- --.« Der alte Herr lachte plötzlich laut auf, lachte so
-schallend und herzlich, daß sein Lachen die andern ansteckte. Sie
-lachten mit, Frau Emma, ohne zu wissen, warum, und Friede, weil er
-herzlich froh war, daß sein Beschützer sich nicht ärgerte. »Oh,« rief
-der, »ihr Oberheudorfer seid doch wirklich ein kurioses Volk! Zu meinen
-Altertümern, zu meinen wertvollen Ausgrabungen soll ich diese Scherben
-stellen. O, o Kinder! Dieser Heine Peterle schlägt auch noch dafür
-seiner Muhme den Kaffeetopf entzwei.«
-
-Die Gärtnersfrau hatte inzwischen den Brief genommen und ihn gelesen,
-und ihr kullerten gleich die hellen Tränen vor Lachen über das runde
-Gesicht. »Nein, dieser Purzel,« rief sie, »ich koche ihm Schokolade,
-wenn er noch einmal kommt.«
-
-»Er meinte es so gut,« sagte Friede. Der Freund tat ihm leid. Wie würde
-sich der kränken, wenn er wüßte, wie er ausgelacht würde! Und noch
-einmal sagte er bittend, entschuldigend: »Er ist doch so gut!«
-
-»Brav, mein Junge, entschuldige deinen Freund!« Der Professor klopfte
-noch immer lachend Friede auf die Schulter. »Freilich, woher sollt ihr
-es auch wissen, was meine Sammlung bedeutet,« fügte er gutherzig hinzu.
-
-»Ach, der Friede ahnt es schon,« rief Frau Emma rasch. »Der steckt, so
-oft er kann, im Saal; ich glaube, der kennt schon jedes Stück.«
-
-Überrascht schaute der Professor seinen Pflegesohn an. Er war allezeit
-freundlich und väterlich zu dem Buben gewesen, aber allzuviel hatte
-er sich doch nicht mit ihm unterhalten. Er hatte ihn in sein Haus
-genommen, weil es gerade nicht anders ging, aber eigentlich hatte er
-ihn immer nur wie einen Gast betrachtet, der kommt und wieder geht
-und nie weiter an seine Zukunft gedacht. »Wollen wir einmal zusammen
-zu meinen Lieblingen gehen?« fragte er jetzt freundlich. »Unterdessen
-denkt Frau Emma vielleicht an das Mittagessen.«
-
-»Ach, du meine Güte,« rief die Frau erschrocken, »ich vergesse ja
-rein über dem Oberheudorfer Unsinn die Küche und lasse meinen Herrn
-verhungern!« Sie rannte aufgeregt davon.
-
-Der alte Herr aber stieg heiter mit dem Knaben in das obere Stockwerk
-hinauf und betrat den Saal, in dem seine Sammlung aufgestellt war. Er
-erklärte Friede dies und das, fragte auch einmal und verwunderte sich
-immer mehr über des Buben kluge Antworten und sein lebhaftes Interesse.
-»Eigentlich ist's schade,« rief Herr von Spiegel, »daß du wieder
-fortgehst.«
-
-»Ach ja!« Aus allertiefstem Herzensgrund kam Friedes Seufzer, und seine
-blauen Augen sprachen so deutlich: »Ich möchte hier bleiben,« daß der
-Professor erst gar nicht darum zu fragen brauchte. Er rief lachend:
-»Ja, Friede Heller, ich glaube wirklich, du bleibst lieber bei mir und
-magst nicht zu den Wunderlichs hinüber!«
-
-Friede nickte strahlend, hoffnungsfroh: »Ich blieb' so gern, ach
-furchtbar gern.«
-
-»Aber Fräulein Wunderlich, was wird sie sagen?« Der alte Herr sah
-bedenklich aus.
-
-»Ach, sie ist sicher sehr froh, wenn ich nicht komme,« rief Friede
-aufgeregt. »Ich mache doch Schmutztapsen auf der Treppe und bin laut
-und ärgere sie und -- --«
-
-»Na, du hast es ja gut vor! Bist du so ein Schelm?« fragte der
-Professor lachend. »Wir wollen uns einmal die Sache überlegen. Jetzt
-ruft uns Frau Emma zu Tisch, und ich denke, wir haben beide Hunger.«
-
-Friede spürte zwar keinen Hunger. In der Freude seines Herzens aber
-sauste er im Oberheudorfer Geschwindschritt die Treppe hinab. Das
-Speisezimmer lag im Erdgeschoß. Es ging trapp, trapp, trapp. Auf der
-vorletzten Stufe verlor er das Gleichgewicht, und mit lautem Gepolter
-sauste er in die Töpfe, Kannen und Teller hinein, die noch immer auf
-dem Flur standen. Klirr, krach, zersprang Muhme Reses Kaffeetopf
-in tausend Scherben, und Waldbauers einstige Staatskanne kollerte
-dem Professor vor die Füße, während der Kuchenteller, der einst im
-Schulzenhause Prunkstück gewesen war, den ganzen Flur entlang rollte.
-
-»Erbarm dich, Junge!« rief Frau Emma. »Wenn du so toben willst, dann
-wird dich drüben Fräulein Wunderlich gut ansehen!«
-
-»Da ist's wohl besser, er bleibt hier bei uns, nicht wahr, Frau Emma?«
-meinte der Professor und sah lächelnd, prüfend in Friedes Gesicht.
-
-»Na allemal,« rief die Gärtnersfrau. »Ist doch was Junges im Haus!«
-
-Friede war sehr verlegen geworden. »Ich kann auch leiser gehen,«
-stotterte er beschämt und trat zur Seite, und klirr, ging Kaspars auf
-dem Berge alter Bierkrug völlig auseinander; Friede war gerade darauf
-getreten. Da nahm der Professor den Buben gütig an der Hand und zog ihn
-mit in das Eßzimmer hinein. »Ich sehe schon, es hilft nichts; ich muß
-nachher hinüber gehen und dich von den Wunderlichs losbitten. Ich werde
-ihnen sagen, daß du ein ganz schlimmer Bube bist und alle Oberheudorfer
-Altertümer zertreten hast.«
-
-Das Losbitten war nicht leicht. Im Musikzimmer des Organistenhauses
-brachte der Professor seine Bitte vor, und Fräulein Wunderlich sah
-trübe drein. Einstmals hatte sie sich gesträubt, den Oberheudorfer
-Buben in ihr Haus zu nehmen, nun tat es ihr bitter leid, daß er nicht
-kommen wollte.
-
-»Ich würde so gut zu ihm sein,« sagte sie traurig; »aber freilich,
-Liebe läßt sich nicht erzwingen.«
-
-»Aber erwerben! Wir wollen uns teilen,« gab Herr von Spiegel zur
-Antwort. »Friede soll bei mir und hier zu Hause sein. Er soll oft, oft
-zu den guten Nachbarn gehen.«
-
-»Er darf auch poltern und mal ein rechter Oberheudorfer Bube sein,«
-rief das Fräulein halb lachend, halb wehmütig.
-
-»Er hat's schon gut, der Junge,« sagte Herr Wunderlich heiter. »Erst
-mochte ihn niemand leiden, nun streiten sich gar zwei um ihn. Aber was
-ist das?« Er deutete auf den Johannesplan, den man durch das Fenster
-sehen konnte. Da stand Friede mit Jobst und den Geschwistern Sonntag,
-und alle vier lachten laut und herzlich; der ganze Platz schien
-mitzulachen. Das Füchslein hopste vor Vergnügen immer von einem Bein
-auf das andere. Es schwenkte einen Brief hin und her, und sein helles
-Stimmlein drang zu den drei alten Leuten in das Zimmer hinein: »Oh!
-Heine Peterle ist zu ulkig. Ach, ich muß nach Oberheudorf, ich muß
-Heine Peterle sehen!«
-
-»Wir auch, wir auch,« brüllten die Buben.
-
-»Freundschaft überall,« sagte Herr von Spiegel, nickte heiter und
-rief seinen Pflegesohn herbei. Die Kinder kamen eilig an, und Friedes
-Augen strahlten hell, als er erfuhr, daß ihm das Spiegelhaus weiter
-Heimat sein sollte. Fräulein Wunderlichs Gesicht wurde ernst, ja
-finster; des Buben Freude tat ihr bitter weh. Der Professor merkte
-es, und rasch sagte er: »Zeig mal Heine Peterles Brief.« Und während
-die alte Freundin las, erzählte er von den Oberheudorfer Altertümern,
-und allgemach wurden die Kummerfalten in Fräulein Wunderlichs Gesicht
-wieder glatt. Ein Lachen zuckte um ihren Mund, und zuletzt lachte sie
-mit den Kindern um die Wette. Draußen hörte es Marie und wurde auch
-angesteckt, und die Wände des alten Hauses wunderten sich über das
-frohe herzliche Lachen. So etwas hatten sie lange, lange nicht gehört!
-
-
-
-
-[Illustration]
-
-Die Denkmalsbuben von Schwipperlingen.
-
-
-Wenn die Oberheudorfer Buben und Mädel gar so stolz und aufgebläht von
-ihren Stadtbesuchen sprachen, dann sagte wohl Schuster Pechdraht, der
-gern ein wenig neckte: »Aber in Schwipperlingen waret ihr doch noch
-nicht.«
-
-Das stimmte. In Schwipperlingen war noch keins der Kinder gewesen,
-und dann ärgerten sie sich jedesmal, wenn es der Schuster sagte. Das
-Städtchen lag nicht viel weiter von Oberheudorf entfernt als Feldburg,
-aber der Weg dahin war etwas beschwerlicher. Außerdem gingen die
-Oberheudorfer seit vielen Jahren nach Feldburg, denn Schwipperlingen
-hatte früher einem andern Fürstentum angehört, und die ältesten Leute
-sagten noch immer: »Schwipperlingen liegt im Ausland.«
-
-An einem Samstagnachmittag nun marschierten etliche Buben und Mädel an
-des Schusters Haus vorbei und machten so viel Geschrei und Geträtsch,
-daß der Schuster zum Fenster hinaussah und ein bißchen ärgerlich sagte:
-»Na, was habt ihr denn wieder?«
-
-»Anton Friedlich und der dicke Friede verreisen,« schrieen etliche
-Buben.
-
-»Verreisen? So, wohin denn? Was haben denn dumme Buben zu verreisen?«
-
-»Nach Schwipperlingen geht's,« rief Anton Friedlich keck, den die
-dummen Buben erbosten.
-
-Die andern Kinder lachten, und Schuster Pechdraht ärgerte sich über
-die Antwort. Er klappte das Fenster zu und schalt: »In Schwipperlingen
-können sie euch gar nicht gebrauchen.«
-
-»Jetzt hat er's! Warum neckt er uns immer,« rief Anton Friedlich stolz.
-
-»Am Ende denkt er gar, ihr geht nach Schwipperlingen,« kicherte
-Schulzens Röse, und das kam allen so komisch vor, daß sie zusammen in
-ein lautes Gelächter ausbrachen.
-
-Anton Friedlich sollte im Forsthaus Hirschsprung seine Muhme, seines
-Vaters Schwester, besuchen, und da diese Muhme auch des dicken Friedes
-Muhme war, durfte der mit. Bis zu dem Forsthaus hatten sie etwa zwei
-Stunden zu gehen, und da sie dort übernachten durften, machten sie
-natürlich eine Reise. Wenn einer aber eine Reise macht, geben ihm gute
-Freunde bis zum Bahnhof das Geleit. Da es in Oberheudorf aber keinen
-Bahnhof gab, liefen die Kinder wenigstens bis zum Kuhberger Walde mit.
-Dort wurde Abschied genommen, und der dicke Friede seufzte dabei schwer.
-
-»Warum stöhnste denn?« forschte Annchen Amsee.
-
-»Ich mag nich verreisen,« brummte Friede.
-
-»Komm nur, Dicker,« redete Anton Friedlich zu, dem es allein zu
-langweilig war. »Komm, wir gehen nach Schwipperlingen.«
-
-»Fein, nach Schwipperlingen!« riefen alle, und Heine Peterle sagte:
-»Na, dann möchte Schuster Pechdraht aber staunen, puh! Viel Vergnügen
-in Schwipperlingen!«
-
-Lachend trennten sich die Kinder, und der dicke Friede sah den
-Zurückbleibenden noch ein Weilchen sehnsüchtig nach. Er hatte wirklich
-keine große Lust, die Muhme zu besuchen.
-
-»Nach Schwipperlingen gingste wohl lieber?« fragte Anton neckend.
-
-»Freilich, gleich,« knurrte Friede.
-
-Anton Friedlich blieb stehen. Lust zu dummen Streichen hatte er
-allemal, und plötzlich erschien es ihm sehr lustig, sehr verlockend,
-nach Schwipperlingen zu gehen. Warum eigentlich nicht? Wenn er nicht
-kam, würde sich die Muhme nicht sorgen, denn sie wußte nichts von dem
-Besuch. Und daheim dachten sie, er sei im Forsthaus. »Du, Dicker,«
-sagte er atemlos vor Aufregung, »komm, wir beide gehen jetzt nach
-Schwipperlingen!«
-
-Der dicke Friede blieb stehen und sah den Vetter verdutzt an. Meinte
-der es ernst? Aber Anton meinte es wirklich ernst. »Komm,« drängte er,
-»erst gehen wir nach Schwipperlingen und morgen früh zur Muhme. Du,
-dann sind wir zuerst in Schwipperlingen gewesen. Paß auf, dort ist's
-gar noch feiner als in Feldburg!«
-
-Friede seufzte und dachte nach. »Hm -- aber wenn wir Hunger kriegen!«
-
-»Oh, ich hab' Kuchen mit.« Anton Friedlich schwenkte ein rotes
-Taschentuchbündel. Der Kuchen war zwar für die Muhme bestimmt, aber der
-Bube dachte leichtsinnig: »Alles essen wir ja nicht auf.«
-
-Friede war einverstanden und sagte vergnügt: »Na, die werden staunen!«
-
-»Hoi,« schrie Anton begeistert, »und wir tun uns aber nachher! Und
-vielleicht hat Schwipperlingen auch ein Schloß.«
-
-»Oder zwei Schlösser, und vielleicht ist gerade Vogelschießen dort,«
-orakelte der dicke Friede. Er fing an, schnell zu laufen. Jetzt freute
-ihn die Reise erst recht.
-
-Der Weg ging bergauf und bergabwärts wie alle Wege von Oberheudorf
-aus. Lange wanderten die Buben durch den Wald, der in seiner
-frühlingsfrischen Pracht wunderschön war; aber dafür hatten die Buben
-keinen Sinn an diesem Tag. Sie redeten nur von Schwipperlingen. Wenn
-sich ein grünes Tälchen vor ihnen auftat und ein kleiner Bach glucksend
-an ihnen vorbeirann, dachten sie an Schwipperlingen, und wenn sie einen
-Berg hinaufstiegen, sagten sie zueinander: »Vielleicht sehen wir bald
-Schwipperlingen liegen.«
-
-So rasch fanden die Bubenbeine aber doch nicht den Weg in das
-Städtchen. Er dehnte sich gar lang, und da die Wegweiser selten waren,
-machten die Wanderer auch manchen Umweg. Antons Kuchenbündel wurde
-immer leichter, und doch behauptete Friede ein paarmal: »Ich habe
-Hunger!« Er sagte auch: »Ich bin müde,« und Anton Friedlich sagte ihm
-das nach. Da rasteten sie denn am Wege, und es wäre ihnen recht lieb
-gewesen, wenn jemand sie nach Schwipperlingen gefahren hätte. Ein Bauer
-kam auch mit einem leeren Wagen an. Der fragte aber so genau nach dem
-»Woher« und »Wohin«, daß es den beiden Ausreißern himmelangst wurde,
-und darum antworteten sie auf seine Frage: »Wollt ihr mit?« rasch: »Nä,
-danke schön, wir gehen lieber.«
-
-Das kam dem Bauern seltsam vor, und er forschte: »Was habt ihr denn in
-Schwipperlingen zu tun?«
-
-»Du, Friede,« tuschelte Anton Friedlich, »komm, wir reißen aus!«
-
-Friede, dem es ohnehin bänglich zumute war, nickte: »Ja, komm!« Und
-heidi -- sprangen alle beide auf und rasten davon.
-
-»Holla, heda, was soll das?« schrie der Bauer ihnen überrascht nach,
-aber er konnte viel rufen; die beiden liefen in schnellstem Lauf in den
-nahen Wald hinein.
-
-»Die haben was angestellt,« dachte er und schaute sich um. Da sah
-er ein rotes Bündel im Grase liegen. Anton Friedlich hatte das
-Kuchenbündel vergessen. »Na wartet,« brummte das Bäuerlein, »das sollt
-ihr suchen, ihr Schelme. Wer weiß, wo ihr das hergenommen habt!« Er
-trug das Bündel in seinen Wagen und fuhr von dannen, und zwei paar
-Bubenaugen sahen ihm aus dem Walde traurig nach.
-
-»Er nimmt's mit,« schluchzte der dicke Friede. »Oh, ich hab' solchen
-Hunger!«
-
-»Schrei nich,« tröstete Anton Friedlich. »Ich hab' zwei Groschen; da
-können wir uns in Schwipperlingen sattessen.«
-
-»Wenn's nur nicht so weit wäre,« seufzte der dicke Friede. Er trabte
-aber doch tapfer der Stadt zu, von der jetzt die ersten Türme in der
-Ferne aufstiegen. Die beiden gingen sehr vorsichtig auf dem schmalen
-Fußweg entlang; sie sahen sich ängstlich nach allen Seiten um, ja sogar
-in die Kirschbäume am Wege sahen sie hinauf, ob sich nicht etwa der
-Bauer mit seinem Wagen auf einen Baum gesetzt hätte. Zu dumm war es;
-aber immer redete da leise und eindringlich eine Stimme in den Herzen
-der Buben: »Wärt ihr nur zur Muhme gegangen, ihr seid auf falschem
-Wege.« Keiner wollte es dem andern sagen, wie unbehaglich es ihm
-eigentlich zumute war, und namentlich Anton Friedlich redete immer laut
-und dreist von der Stadt. Friede war stiller und bedrückter.
-
-Der Frühlingstag war schon müde geworden, und der Abend stand da,
-bereit, ihn in seine Arme zu nehmen, da gelangten die beiden endlich
-nach Schwipperlingen. Die kleine Stadt schmiegte sich in ein enges
-Tal, und da sie nicht Platz darin hatte, waren kleine Häuser und ein
-paar helle Villen zu beiden Seiten die Berge hinaufgelaufen. Wie
-Feldburg hatte auch Schwipperlingen noch alte Häuser und Mauerreste
-aus vergangenen Zeiten, und zwei Kirchtürme, der eine spitz und
-schlank, der andere rund und dick, ragten aus dem Häusergewirr auf;
-von einem Schloß war nichts zu sehen. Dafür sahen die Buben aber etwas
-anderes, was ihnen so seltsam festlich und feierlich vorkam, daß
-sie erst zögerten, in die Stadt hineinzugehen. Die Häuser waren mit
-bunten Fahnen geschmückt, die im Abendwind lustig flatterten. Dazu
-hingen Kränze und Girlanden von den Fenstern herab, und über ein paar
-Straßen waren grüne Bogen gespannt. Wer an diesem Frühlingsabend in
-Schwipperlingen gesund und lustig war, der wanderte durch die Straßen
-und freute sich mit den andern an dem heiteren Schmuck, und so zogen
-durch die sonst so stillen Straßen ganze Scharen froher, lachender und
-singender Menschen. Den beiden Dorfbuben gefiel das sehr gut, und eine
-Weile vergaßen sie Müdigkeit und Angst, so viel gab es zu schauen.
-
-»Siehste,« sagte Anton Friedlich stolz, »sie haben Vogelschießen, fein,
-nich?«
-
-»Jaaah.« Friede fuhr nachdenklich mit der Hand in seine Hosentasche.
-»Du,« brummelte er, »wir haben aber kein Geld!«
-
-Anton erschrak. Ja freilich, zum Vogelschießen gehört Geld, und er
-hatte nur zwanzig Pfennig, und -- Hunger hatte er auch. »Wenn wir nur
-den Kuchen hätten!« seufzte er.
-
-»Da -- -- ist der Bauer.« Friede stieß plötzlich den Vetter an.
-Richtig, da hielt der Bauer vor einem Hause und sprach mit einem Mann.
-
-»Er sieht uns nicht,« flüsterte Anton; aber gerade da wendete sich der
-Bauer um und schaute dorthin, wo die beiden Buben standen. Heisa! waren
-die um eine Ecke herum verschwunden, und ein paar Minuten lang liefen
-sie, ohne sich umzusehen durch die Straßen. Die Angst, entdeckt zu
-werden, trieb sie vorwärts. Aber der Bauer verfolgte sie nicht, und so
-blieben sie wieder stehen. Die Straße, die sie entlang gelaufen waren,
-mündete auf einen von Häusern umstandenen Platz. Auf dem stand in der
-Mitte ein großer Bretterverschlag.
-
-»Dort bauen sie 'n Karussell,« rief Anton.
-
-Aber Friede sah kaum hin; ihm war plötzlich etwas eingefallen. »Du,«
-sagte er ängstlich, »wo schlafen wir denn?«
-
-Anton Friedlich vergaß den Bretterverschlag, die geschmückte Stadt,
-alles. Er blickte sich scheu um. Es war schon ziemlich dunkel geworden;
-nur kurze Zeit noch, dann war es Nacht. Was taten sie dann?
-
-»Ich hab' Hunger,« klagte der dicke Friede, der mehr und mehr die Lust
-verlor, sich die Fahnen und Girlanden anzusehen. Die vielen, vielen
-Menschen auf den Straßen wurden ihm immer unheimlicher, und eine
-heiße Sehnsucht nach Oberheudorf packte ihn. Dort brauchte er nicht zu
-hungern, dort stand sein Bett, dort --
-
-»Dort kommt er wieder,« tuschelte Anton Friedlich aufgeregt. Ein Wagen
-rollte die Straße entlang, und die Buben rissen aus, obgleich sie in
-der immer tiefer werdenden Dämmerung gar nicht erkannten, ob es der
-Bauer war, den sie auf der Landstraße getroffen hatten.
-
-»Ich hab' Hunger,« klagte Friede nach einem Weilchen wieder, und der
-Vetter nahm trotzig seine beiden Groschen aus der Tasche und tröstete:
-»Wir kaufen uns was, dort ist ein Laden.« Er zog Friede mit über die
-Straße und blieb vor einem hellerleuchteten kleinen Laden stehen. Im
-Schaufenster lagen allerlei gute Dinge: Wurst, Käse, Früchte; alles sah
-sehr verlockend aus, und den hungrigen Buben lief das Wasser im Munde
-zusammen.
-
-»So'ne Fische sind fein,« sagte Friede und deutete auf geräucherte
-Aale. Einmal hatte die Mutter so einen Fisch aus der Stadt mitgebracht.
-
-Der Kaufmann öffnete seine Türe, sah die Straßen entlang, und als er
-die beiden Buben erblickte, fragte er: »Wollt ihr noch was kaufen, dann
-sputet euch. Jetzt wird zugemacht.«
-
-»Ja, so'n Fisch,« flüsterte Anton verlegen und deutete auf den größten
-fetten Aal.
-
-»Na, dann kommt nur herein. Habt ihr Geld?«
-
-»Ja.« Stolz reichte Anton Friedlich seine Groschen hin, und Friede
-bewunderte heimlich des Vetters Kühnheit. Der tat auch, als wäre er
-schon wer weiß wie oft in der Stadt gewesen. Der Kaufmann sah die
-beiden Groschen an und lachte. »Das ist zu wenig, dafür bekommst du
-nur zwei von dieser Sorte; sind auch gut, sind sogar sehr fein.« Er
-wickelte zwei große Bücklinge ein und reichte sie den Buben. »Laßt's
-euch gut schmecken. Und nun geht, ich muß meinen Laden schließen.«
-
-Die beiden standen draußen und wußten kaum, wie sie hinausgekommen
-waren. Und hinter ihnen schloß der Kaufmann rasselnd seinen Laden.
-»Mein Geld,« schrie Anton Friedlich erschrocken, »ich will die Fische
-nicht.«
-
-Er konnte aber lange rufen, das Geschäft war zu, und niemand kümmerte
-sich um seine Klage. Nur ein paar Vorübergehende sahen sich nach den
-Buben um, und das war denen so unheimlich, daß sie weiter liefen.
-Sie rannten mit ihren Fischen straßauf, straßab; sie wußten nicht,
-wo sie sich hinsetzen und bleiben sollten. Jeder Mensch, den sie
-trafen, schien sie mit strengen, musternden Blicken anzusehen, und mit
-gesenkten Köpfen rannten sie weiter. Endlich gelangten sie wieder auf
-den Platz, auf dem die Bretterbude stand. Die Menschen waren inzwischen
-alle in ihre Häuser gegangen, und der ganze Platz lag öde und
-verlassen da. »Weißte was,« tuschelte Anton Friedlich, »wir kriechen in
-die Bude rein.«
-
-»Hm,« knurrte der dicke Friede nur noch. Er war so müde geworden, daß
-er kaum noch die Augen aufhalten konnte. Stumm stolperte er hinter dem
-Vetter drein, und zweimal liefen sie um die Bretterbude herum, ehe sie
-eine lose Planke entdeckten und da hineinschlüpfen konnten. Innen war
-es ganz still, nichts rührte und regte sich. Wie ein Karussell sah es
-eigentlich nicht aus; nur in der Mitte stand ein großer verhüllter
-Gegenstand.
-
-Anton guckte zaghaft unter das verhüllende Tuch und entdeckte ein paar
-Pferdebeine. Erst erschrak er. Da die Beine sich aber nicht bewegten
-und der Dorfbube vor Pferden keine Angst hatte, tippte er vorsichtig
-daran und fühlte, daß die Beine hart und kalt waren. »Siehste,« sagte
-er stolz, »das ist'n Karussell, und morgen ist Vogelschießen und --«
-
-»Ich hab' Hunger,« seufzte Friede und aß dann schon halb schlafend
-den einen der teuer erkauften Fische auf. Der schmeckte ihm nicht
-sonderlich, und das Loch in seinem Magen füllte er auch nicht aus. Aber
-vor Müdigkeit vergaß er zuletzt auch seinen Hunger. Am Boden lagen
-ein paar leere Säcke. Sie gaben zwar ein hartes Lager ab, es war aber
-doch ein Lager. Die Buben dachten nicht mehr weiter darüber nach, was
-morgen sein würde; sie streckten sich aus und schliefen schon ein,
-während sie sich noch reckten und dehnten. Über ihnen summte und surrte
-von Stunde zu Stunde laut eine große Kirchenglocke, aber die beiden
-wachten davon nicht auf, sie schliefen auf ihrem harten Lager bis zum
-lichten Morgen.
-
-Anton Friedlich wachte zuerst auf. Ganz deutlich hatte er laute Stimmen
-neben sich vernommen. Schlaftrunken rieb er sich die Augen, und erst
-allmählich fiel ihm ein, daß er ja in Schwipperlingen war und nicht
-daheim. Der dicke Friede schnarchte noch mit offenem Munde, und Anton
-wollte ihn gerade mit lautem Zuruf wecken, als in allernächster Nähe
-eine Stimme sagte: »Jetzt schnell runter mit dem Gerüst, damit Ordnung
-wird.« Und krach schlug es an die Bretterplanke.
-
-»Friede,« flüsterte Anton ängstlich, »komm, sie hauen 's Karussell ab.«
-
-Friede richtete sich auf und sah sich schlaftrunken um. Da krachte es
-wieder auf der andern Seite, und mit Getöse fiel die halbe Wand um.
-»Hier unters Tuch!« wisperte Anton leise. Er zog den Vetter rasch mit
-sich, und beide schlüpften unter die Leinwand. Gerade zur rechten Zeit.
-Wieder fiel eine Planke um, und durch einen Ritz sah Anton ein paar
-Männer, die eifrig daran gingen, das ganze Holzgerüst einzureißen.
-»Ih, das ist doch aber abscheulich,« sagte der eine plötzlich laut
-und zornig. »Was ist das! Hier hat jemand Fischköpfe und Gräten
-hingeworfen. Na, den sollte ich erwischen, dem ging's schlecht!«
-
-Den Buben wurde es heiß und kalt bei dieser Drohung, und ängstlich
-schmiegten sie sich dicht aneinander an, sie wagten kaum zu atmen. Die
-Männer rissen unterdessen das Brettergerüst ein, räumten Schutt und die
-Säcke weg und spannten ein Seil um das verhüllte Pferd. Dann fingen
-die Kirchenglocken an zu dröhnen und zu singen, und Menschen eilten
-über den Platz der nahen Kirche zu. Ein paar sehr stattlich aussehende
-Polizisten kamen und schritten immer auf und ab, und wenn jemand näher
-kam, dann riefen sie: »Platz da, am Denkmal darf niemand stehen.«
-
-»Bumbum, bumbum, ratata, ratara,« ertönte es auf einmal, und die
-Schwipperlinger Straßenbuben schrieen: »Sie kommen, sie kommen.«
-
-»'s ist doch Vogelschießen,« flüsterte Anton dem Vetter zu. »Wenn sie
-jetzt mal nich hinsehen, reißen wir aus!« Aber es war wie verhext. Alle
-schauten immer nach dem verhüllten Ding hin; es war, als hätten sie gar
-nichts anders zu sehen. Durch ein paar Ritzen und Löcher konnten die
-Buben alles ganz gut überschauen. Eigentlich war es ein ganz feiner
-Platz, den sie hatten. Wenn nur Furcht und Hunger nicht gewesen wären;
-das waren ein paar ungute Gesellen, welche die beiden Oberheudorfer
-Ausreißer tüchtig zwickten und zwackten.
-
-»Bumbum, bumbum, ratabum, ratara.« Immer näher kam die Musik, und
-wieder schrieen die Schwipperlinger Buben: »Sie kommen, sie kommen!«
-Alle Hälse reckten sich, alle Augen richteten sich auf die eine breite,
-auf den Platz mündende Straße. Von dort her kam jetzt ein langer Zug,
-weißgekleidete Mädchen voran, dann viele Männer, die Fahnen trugen,
-Musikanten, dann eine Anzahl Buben in einer wunderlichen Tracht, und
-alle diese Leute stellten sich in einem großen Halbkreis auf, und aus
-ihrer Mitte schritt ein Herr heraus und trat auf das verhüllte Ding zu.
-
-»Der kriecht auch hier unter,« tuschelte Anton aufgeregt. Aber das
-tat der Herr nun nicht. Er stellte sich auf einen hohen mit Girlanden
-und buntem Tuch geschmückten Block, die Musik machte noch einmal
-»ratabum ratara,« dann war alles still. Nur der Herr auf dem Block
-sprach. Er erzählte eine Geschichte, gerade so eine Geschichte, wie sie
-manchmal in Oberheudorf der Herr Lehrer erzählte. Da wurde einmal in
-Schwipperlingen ein Mann geboren, der später ein gar berühmter Feldherr
-geworden war. Den Buben in ihrem Versteck schlug ordentlich das Herz,
-als der Herr von den Heldentaten dieses Mannes erzählte. In schweren
-Zeiten der Not hatte der treu und fest zu seinem Vaterland gestanden,
-und noch heute lebte sein Andenken in aller Herzen. »Und dieser Mann
-war ein Schwipperlinger,« rief der schwarzgekleidete Herr, »er lebt
-noch in unseren Herzen, aber wir wollen auch immer sein Bild vor Augen
-haben. Schwipperlingen ehrt seinen großen Sohn. Heute an dem Tag, an
-dem er vor 150 Jahren in dieser Stadt geboren wurde, falle die Hülle
-von seinem Denkmal!«
-
-»Bumbum, bumbum, ratabum, ratara,« fiel die Musik ein. Ein paar Männer
-zogen, und klatsch -- fielen die Hüllen vom Denkmal.
-
-»Ah,« riefen alle, und dann ertönte jäh ein einziger lauter Schrei des
-Entsetzens. Totenbleich lehnten rechts und links an dem Pferde des
-großen Feldherrn die beiden Oberheudorfer Buben.
-
-»So eine Frechheit! Unerhört!« brüllten ein paar hundert Stimmen, und
-der Herr, der die Rede gehalten hatte, drehte sich erschrocken um.
-Dabei verlor er das Gleichgewicht und purzelte von seinem hohen Kasten
-herunter. »Was ist das, was ist das?« rief er.
-
-»Eine Frechheit, eine Frechheit!« riefen die Zuschauer.
-
-»Ein Hinfall,« schrie einer, der gern Witze machte.
-
-Aber schon waren ein paar Polizisten herzugesprungen. Der eine faßte
-Anton, der andere Friede am Kragen, und die beiden wurden unter
-johlendem Geschrei von dem Denkmal weggezogen.
-
-[Illustration]
-
-»Haue müssen sie haben,« rief jemand, und gleich schrieen zwanzig,
-dreißig Stimmen nach: »Haue müssen sie haben.«
-
-»Bumbum, bumratabum, ratara,« fiel die Musik wieder ein. Der Dirigent
-hatte gar nichts von den Buben gesehen; er dachte nur, jetzt ist es
-Zeit, daß ich mal wieder eins blasen lasse.
-
-»Hurra, hurra, hurra,« brüllte die Menge. Hüte und Tücher wurden
-geschwenkt. Dazwischen riefen wieder etliche: »Die frechen Buben
-müssen tüchtig verhauen werden.«
-
-»Schwipperlinger sind's nicht, die tun nie so was,« kreischten ein paar
-Stimmen. »Wer weiß, wo die her sind!«
-
-Anton und Friede waren halbtot vor Angst, als sie von den Polizisten
-weggeschleppt wurden. Sie sahen viele Augen drohend auf sich gerichtet
-und meinten, alle diese Menschen wollten sie schlagen. Das Schreien,
-die Musik, das ganze wilde Getöse verwirrte sie so, daß sie sich ziehen
-und schubsen ließen und keinen Laut von sich gaben. Die Polizisten
-kamen aber auch schwer mit ihnen durch das Gedränge. Viele Zuschauer
-dachten gar nicht mehr an das Denkmal, an den Festzug und die schöne
-Rede. Die Frage, woher eigentlich die beiden Buben gekommen waren,
-erschien ihnen viel wichtiger. Namentlich alle Schwipperlinger
-Straßenjungen hatten das allergrößte Interesse an Friede und Anton. Sie
-liefen immer hinterdrein und jauchzten: »Das sind die Enthüllten, das
-sind die Denkmalsjungen, hurra, die Denkmalsbuben!«
-
-Endlich war die Polizeiwache erreicht, und ein gestrenger
-Oberwachtmeister empfing die Missetäter. Er sah sie drohend an und
-fragte barsch: »Warum habt ihr euch an das Denkmal gesetzt?«
-
-»Weil -- weil -- weil -- wir -- dachten -- 's wär 'n Karussell,«
-schluchzte Anton Friedlich. Der dicke Friede sagte gar nichts, der
-heulte nur.
-
-»Ein -- Karussell?« Der Oberwachtmeister sah die Polizisten an. Er
-tippte mit der Hand an die Stirn, und die Polizisten nickten. Ja, es
-schien ihnen auch so, als wären die Buben nicht recht bei Verstand.
-
-»Hm.« Der Oberwachtmeister wurde freundlicher. »Woher seid ihr denn?«
-
-»Mit Verlaub, ich glaube, die sind irgendwo ausgerissen,« rief da
-eine Stimme. Der Bauer, dem die Buben am Tage vorher begegnet waren,
-hatte die Wachtstube betreten. In der Hand hielt er Antons rotes
-Kuchenbündel. »Das da haben sie liegen lassen, und so was läßt doch nur
-einer liegen, der ein schlechtes Gewissen hat!«
-
-»Ich hab' Hunger,« schrie der dicke Friede plötzlich aufgeregt beim
-Anblick des Kuchenbündels, und »knurrrknurrr« knurrte sein Mäglein so
-laut, daß sich alle in der Wachtstube erstaunt ansahen. So etwas hatten
-sie noch gar nicht gehört.
-
-»Potzwetter ja,« rief der Oberwachtmeister, »Hunger hat der Bube
-anscheinend wirklich.« Dann fiel ihm etwas ein. Er schüttelte Friede
-an den Schultern und sagte streng: »Jetzt erzählst du mir alles, woher
-ihr kommt, warum ihr an dem Denkmal gesessen seid, und wenn du in
-fünf Minuten fertig bist und nicht dabei heulst wie ein Schloßhund,
-bekommst du eine Butterschnitte.«
-
-Das war ein Wort! Hätte der Wachtmeister dem Buben eine goldene
-Königskrone versprochen, das Erzählen wäre nicht so fix gegangen. Aber
-die Sehnsucht nach der Butterschnitte war riesengroß, und der dicke
-Friede wurde darüber ordentlich gesprächig. In drei Minuten wußten sie
-in der Wachtstube alles, selbst den Fischkauf verschwieg Friede nicht,
-und daß sie gedacht hätten, es wäre Vogelschießen, und das Denkmal sei
-ein Karussell.
-
-»Ihr wißt wohl gar nicht, was ein Denkmal ist?« fragte der
-Oberwachtmeister kopfschüttelnd.
-
-»Nä,« sagte Friede treuherzig, »in Oberheudorf ist so was nich!«
-
-»Das glaube ich!« Der Herr Oberwachtmeister lächelte. »Oberheudorf und
-Schwipperlingen, das ist auch ein Unterschied. Also da habt ihr jeder
-eine Butterschnitte. 's ist mein Frühstück, aber mein Magen knurrt
-nicht so arg, und dann macht, daß ihr heimkommt. Eigentlich habt ihr
-Strafe verdient, denn ihr habt die ganze Feierlichkeit gestört. Die
-ausgestandene Angst ist aber auch eine Strafe gewesen. Höfer, bringen
-Sie die Buben an die Stadtgrenze.«
-
-Von einem Schutzmann geleitet, aus der Stadt gebracht zu werden, war
-wirklich keine Ehre und kein Vergnügen. Die Buben büßten auf dem Gang
-noch einmal bitter ihr heimliches Davonlaufen. Es war wirklich, als
-hätten die unnützen Schwipperlinger Buben und Mädel nichts weiter zu
-tun, als immer nur über die Denkmalsbuben zu spotten und zu lachen.
-Ach, und Schwipperlingen, das nur ein kleines Städtchen war, erschien
-den beiden riesengroß. Immer wieder gab es Straßen und Häuser, und die
-Schwipperlinger waren so schrecklich neugierig. Im allerletzten Haus
-noch guckte eine Frau aus dem Fenster heraus und rief: »Was haben denn
-die gemacht?«
-
-»Das sind die Enthüllten, die Denkmalsbuben,« schrieen ein paar
-Straßenjungen, und das Wort gellte Anton und Friede noch eine ganze
-Weile nach, als das Städtchen schon hinter ihnen lag. Anfangs liefen
-sie wie ein paar Rennpferde, und erst als die Stadt ganz in der Ferne
-verschwunden war, setzten sie sich an den Straßenrand, aßen ihren
-Kuchen und redeten ganz trübselig von der Heimkehr.
-
-»Weißte,« sagte Anton Friedlich, als er den letzten Bissen verschluckt
-hatte, »wir tun, als wär's furchtbar lustig gewesen. Vom dummen Denkmal
-sagen wir gar nichts.«
-
-Der dicke Friede seufzte tief. Das Lustigsein erschien ihm eine schwere
-Arbeit. Freilich, vor dem Ausgelachtwerden fürchtete er sich auch,
-und so versprach er denn, er wolle ein lustiges Gesicht machen.
-Er probierte es schon unterwegs, bald zog er den Mund ganz breit,
-dann wieder lachte er laut, und ein paar Landleute, die den Buben
-begegneten, fragten ängstlich: »Der Dicke ist wohl krank?«
-
-»Jetzt kannste's schon,« rief Anton Friedlich froh, als die
-Oberheudorfer Kirchturmspitze vor beiden auftauchte. »Paß auf, es merkt
-niemand was!«
-
-Das Dorf lag im Sonntagsfrieden, als die beiden es erreichten. Alle
-Arbeit ruhte, und vor den Türen saßen die Erwachsenen und freuten sich
-an dem Sonnenschein und an dem Blühen in ihren kleinen Gärten. Um den
-Dorfbrunnen herum aber lärmten mal wieder die Buben und Mädel. Sie
-spielten Räuber und Prinzessin, und Krämers Trude saß als Prinzessin
-auf dem Brunnenrand und sah zu, wie sich ihre Getreuen mit den Räubern
-herumbalgten. Es war immer eine gefährliche Sache, als Prinzessin
-auf dem Brunnenrand zu sitzen. Denn schon manche Prinzessin war im
-stürmischen Kampf in den Trog geplumpst, und Krämers Trude sah auch
-ziemlich ängstlich drein und dachte: »Vielleicht plumpse ich auch.«
-
-Just als nun die Räuber angerast kamen und die Ritter die Prinzessin
-verteidigen wollten, stolperten Anton Friedlich und der dicke Friede
-müde und matt die Dorfstraße entlang. »Da sind die feigen Ausreißer,«
-schrie Heine Peterle und schwenkte drohend seinen Holzpantoffel, und
-Schulzens Jakob stakerte mit seiner Bohnenstange in der Luft herum und
-brüllte, so laut er konnte: »Nieder mit den Ausreißern, nieder mit den
-feigen Hallunken!«
-
-»Na, das ist doch zu frech,« schrie Anton Friedlich erbost. »Wir sind
-keine Hallunken, und in Schwipperlingen war's fein!« Er entriß Heine
-Peterle zornig den Holzpantoffel, und es hätte sicher eine Balgerei
-gegeben, wenn der dicke Friede nicht mutig geschrieen hätte: »Wir waren
-in Schwipperlingen!«
-
-Ritter und Räuber vergaßen ihre Kampfeslust, die Prinzessin rutschte
-vom Brunnenrand herab, und alle umdrängten neugierig die Heimkehrenden.
-»Warum seid ihr in Schwipperlingen gewesen? Wie war's denn? Erzählt
-doch!«
-
-Anton Friedlich war schon wieder friedlich gesinnt. Er merkte, daß
-Heine Peterle und Jakob ihn gar nicht gemeint hatten, und stolz begann
-er zu erzählen. Er schwadronierte darauf los, schwatzte von den
-Schönheiten Schwipperlingens, und der dicke Friede riß den Mund vor
-Staunen weit auf. Nein, konnte der Vetter aber aufschneiden!
-
-Wie ein paar Helden wurden die Buben geehrt. Das war noch einmal
-etwas: in Schwipperlingen war noch niemand von den Kindern gewesen! Ja
-sogar die Eltern schalten nicht so sehr. Heimlich sagte sogar Anton
-Friedlichs Vater zum Schulzen: »Sind doch ein paar tüchtige Buben!
-Laufen in eine fremde Stadt, als wär' das nichts. Ist ganz gut, wenn
-sie in den Städten merken, was wir Oberheudorfer für Leute sind.«
-
-Drei Tage dauerte der Ruhm der Buben, und Anton Friedlich wurde
-immer kühner, immer frecher im Aufschneiden. Er wußte immer mehr von
-Schwipperlingen zu erzählen, und beim Heimweg umdrängten ihn stets
-alle Kinder neugierig. Nur von Schwipperlingen wollten sie hören, an
-Feldburg dachten sie kaum noch. Am dritten Tage aber, als die Kinder
-wieder auf der Dorfstraße lärmten, rief Schuster Pechdraht auf einmal:
-»Kommt her, ich will euch eine feine Geschichte vorlesen.«
-
-Na, neugierig waren die Oberheudorfer Buben und Mädel alle, und sie
-überpurzelten sich beinahe, um nur rasch an das Schusterhaus zu kommen.
-Meister Pechdraht saß vor seiner Tür und hatte ein Zeitungsblatt in der
-Hand. »Stellt euch alle um mich herum; Anton Friedlich und du, dicker
-Friede, ihr dürft euch neben mich setzen, ihr Schwipperlinger Helden
-ihr.«
-
-Die beiden lachten stolz und blähten sich ordentlich auf; die andern
-sahen sie ganz ehrfürchtig an. Auch ein paar Mägde kamen angelaufen,
-selbst der Schulze und der Waldbauer, die gerade vorbeikamen, blieben
-stehen und fragten: »Was gibt's denn?«
-
-»Hört nur zu, eine feine Geschichte gibt's,« sagte Meister
-Pechdraht und lachte so recht spöttisch; dann las er laut: »Die
-Denkmalsenthüllung in Schwipperlingen.« Nun bekamen der Anton und der
-Friede auf einmal rote Köpfe. Aber der Schuster schien das gar nicht zu
-merken, er las laut, wie man in Schwipperlingen die Stadt geschmückt
-hatte; die Rede des Bürgermeisters kam und dann -- oh, wäre doch ein
-Mauseloch dagewesen für die beiden Schwipperlinger Helden. Da stand
-alles, ihre ganze Leidensgeschichte war berichtet worden, und zuletzt
-hieß es: »Hoffentlich sind die Oberheudorfer Buben nicht alle so dumm
-wie diese beiden.«
-
-»Nä!« schrieen sämtliche Kinder entrüstet. Der Schulze aber schalt
-wütend: »Potzwetter, ihr Buben, was habt ihr angerichtet! Ihr bringt ja
-unser ganzes Dorf in Verruf. Na, wartet nur!«
-
-Die beiden warteten aber nicht. Und so wütend die Kinder auf sie waren,
-durchschlüpfen ließen sie die Missetäter doch. Dann rannten freilich
-sämtliche Buben und Mädel hinter ihnen her und spotteten: »War's
-fein in Schwipperlingen? Erzählt doch von Schwipperlingen! Ha, die
-Denkmalsbuben!«
-
-Die beiden hatten keine guten Tage, und sie wurden sehr kleinlaut und
-bescheiden in dieser Zeit. Wenn jetzt einer nur »Schwipp« sagte, dann
-huschten sie schon geschwind um die nächste Ecke herum. Aber auch die
-andern Kinder wollen nichts von Schwipperlingen wissen, und Schuster
-Pechdraht kann zehnmal sagen: »Aber in Schwipperlingen waret ihr
-doch nicht,« sie machten sich nichts daraus, sie schrieen nur: »Nach
-Schwipperlingen gehen wir nicht, schwipp, schwapp, Feldburg ist besser!«
-
-
-
-
-[Illustration]
-
-Sommerferienlust.
-
-
-»Übermorgen gibt's Ferien, und Friede Heller kommt heim.« Die
-Oberheudorfer Buben und Mädel erzählten sich das nun schon zum
-hundertsten Male, und wenn nur ein Mensch in Oberheudorf gewesen wäre,
-der diese wichtige Sache nicht gewußt hatte, alle hätten es ihm gern
-nochmals und nochmals gesagt. Aber die Erwachsenen mochten gar nichts
-mehr von den Ferien hören. Hans Rumpf, der Nachtwächter, meinte sogar,
-es sei ein rechter Unsinn damit, doppelt Schule wäre richtiger. Nur
-Muhme Lenelies ließ sich immer wieder von den Ferien erzählen, und
-jedesmal freute sie sich und sagte auch: »Und Friede kommt heim.«
-
-»Wenn er kommt, machen wir was,« erklärte Heine Peterle.
-
-»Was denn?«
-
-»Na, Musik oder so was. Wie wenn der Herzog kommt.«
-
-»Laßt es lieber,« riet Muhme Lenelies. »Solche Überraschungen gehen
-manchmal verkehrt aus.«
-
-Aber die Kinder hörten nicht auf den guten Rat. Traumfriede mußte
-feierlich empfangen werden, das stand fest. Aber wie? Anton Friedlich
-sagte: »Fahnen und Musik müßten wir haben, das ist fein.«
-
-»So war's wohl in Schwipperlingen?« neckten etliche. Aber die Fahnen
-gefielen doch allen, nur -- sie hatten keine. Die drei Fahnen, die
-manchmal an Festtagen das Dorf schmückten, bekamen die Kinder nicht,
-das wußten sie, auch ohne danach zu fragen. Sie rieten hin und her,
-bis auf einmal Schnipfelbauers Fritz rief: »Ich weiß was. Kathrine hat
-einen roten Rock und Mutter eine schwarze Schürze und ein weißes Tuch
-dazu; das ist wie 'ne Fahne.«
-
-»Meine Mutter hat nur blaue Schürzen,« meinte der dicke Friede betrübt.
-
-»Och, das schadet nicht,« schrie Anton Friedlich. »Fahne ist Fahne, 's
-kann auch blaue geben.«
-
-»Und grüne und gelbe und rote und alle möglichen,« riefen die andern
-Kinder. Und jedem fiel ganz unversehens ein, aus was eine Fahne gemacht
-werden könnte. Es würde gewiß ganz wundervoll werden, und höchst
-befriedigt liefen alle heim.
-
-Einen Tag vor Ferienanfang verschwanden den Bäuerinnen auf sehr
-geheimnisvolle Weise Schürzen, Röcke, Umschlagtücher, Bettlaken und
-ähnliche Dinge. Die meisten Hausfrauen merkten es gar nicht. Nur
-da, wo sich ein großes Suchen und Geschrei darum erhob, kamen die
-entschwundenen Sachen sehr geheimnisvoll wieder. So vermißte Muhme Rese
-plötzlich ihren neuen kornblumenblauen Sonntagsrock, worüber denn bald
-das ganze Haus in Aufregung geriet. Und auf einmal hing der Rock in der
-Federkammer, und kein Mensch wußte, wie er dahin gekommen war. Heine
-Peterle konnte nicht mal Antwort geben. Der Bube saß und lernte so
-eifrig; er schien nichts zu sehen und zu hören, und Muhme Rese dachte:
-»Er geht vielleicht doch noch auf die Stadtschule. So'n Fleiß ist noch
-gar nich dagewesen.«
-
-Endlich war der letzte Schultag gekommen. Da an diesem Tage niemand zur
-Stadt fuhr, sollte Traumfriede zu Fuß heimkommen. Seine Sachen wollte
-Friede Hopserling am nächsten Tage mitbringen. Um zwölf Uhr wurde in
-Oberheudorf die Schule geschlossen, und die Kinder rechneten: »Erst ißt
-der Friede zu Mittag, dann läuft er vier Stunden, dann ist er da.« Sie
-fragten aber erst noch Muhme Lenelies: »Wann kommt er denn?«
-
-»So um fünfe rum, denk' ich,« meinte die Muhme. »Aber Kinder, Kinder,
-macht nur keine Dummheiten.«
-
-Hans Rumpf, der Nachtwächter, sah an diesem Tage alle Buben und Mädel
-auf eine am äußersten Ende des Dorfes gelegene Scheune zulaufen. Jedes
-trug geheimnisvoll ein Paket und eine Bohnenstange, und alle rannten
-scheu und heimlich hinter den Häusern vorbei. »Na warte, die haben
-einen dummen Streich vor,« dachte der Nachtwächter. »Da will ich mal
-aufpassen.« Er wanderte auch auf die Scheune zu, und als er hinkam,
-hörte er drinnen Geschwätz und Gelächter. »Was macht ihr da?« rief er
-und versuchte die Türe zu öffnen. Doch die ging nicht auf, sie wurde
-von innen zugehalten. Er bekam auch keine Antwort auf seine Frage, und
-so drohte er: »Ich werde euch schon erwischen, paßt nur auf; ich bleibe
-hier sitzen.«
-
-Er setzte sich auf einen Baumstumpf am Scheuneneingang, zündete sich
-seine Pfeife an und wartete.
-
-Innen schwatzte, lachte, polterte und lärmte es inzwischen ruhig
-weiter. Allmählich aber wurde es still und stiller, zuletzt schwieg
-alles. »Hei, nun möchten sie raus,« dachte der Nachtwächter. »Bleibt
-nur drinnen, ihr Mäuslein; ich erwische euch schon.« Er rauchte,
-betrachtete sich die Gegend und freute sich, daß er so ausnehmend klug
-war. Auf einmal ertönte vom Waldrand her ein lautes Geschrei. »Man
-sollte doch meinen, die Kinder wären's, wenn die nicht in der Scheune
-säßen,« dachte er und zündete sich eine neue Pfeife an.
-
-Von Zeit zu Zeit lauschte er. In der Scheune blieb alles still. Aber
-aus der Ferne erklang immer wieder Lärm und Geschrei. »'s muß rein
-das Echo sein,« brummelte Hans Rumpf und zog sein Vesperbrot aus der
-Tasche, schmauste und rief dazwischen: »Na, ihr Mäuslein, wie gefällt's
-euch denn da drinnen?«
-
-[Illustration]
-
-Keine Antwort kam aus der Scheune. Alles blieb still wie zuvor. Doch
-jetzt wurde es im Dorfe laut. Von den Feldern kamen die Männer heim,
-der Hirte trieb die Herde in das Dorf zurück, und die Abendglocke
-begann leise zu tönen und zu singen. Rufe erschallten vom Dorfe her,
-lauter und lauter erklangen sie, die Kinder wurden zum Abendessen
-gerufen. Endlich kamen ein paar Frauen angelaufen. »Hans Rumpf, hast du
-nicht unsere Buben und unsere Mädel gesehen?«
-
-»Freilich, freilich!« Hans Rumpf nickte und lachte. Er deutete mit dem
-Pfeifenkopf auf die Scheune und sagte: »Da drinnen, alle sind drin. Sie
-haben 'ne Dummheit gemacht und trauen sich nicht raus!«
-
-»Lieber Himmel, was das Kindervolk auch immer anstellt!« rief die
-Schulzenfrau. »Und sicher haben sie mir dazu wieder ein Bettuch von der
-Leine genommen; es fehlt eins.«
-
-»Freilich, freilich, jedes hat'n Paket gehabt.« Hans Rumpf sah
-ordentlich stolz aus.
-
-»Nä, aber so was! Fritze, komm 'raus! Je, der Bube hat am Ende gar der
-Kathrine ihren roten Rock, um den die den ganzen Nachmittag heult,«
-schrie die Schnipfelbäuerin.
-
-»Freilich, freilich, der Fritze hatte 'n rotes Paket.«
-
-Ein paar Bauern, die vom Felde heimkehrten, blieben stehen. »Was
-gibt's?«
-
-»Da drin sind alle Kinder; sie haben 'ne Dummheit gemacht,« erzählten
-die Frauen.
-
-Die Schnipfelbäuerin klopfte an das Tor: »Komm 'raus, Fritze,
-geschwind!«
-
-»Se haben Angst.« Hans Rumpf hielt sich den Bauch vor Lachen. »Ja mit
-mir ist nich gut Kirschen essen.«
-
-»Jakob, Röse, kommt 'raus, flink!« Die Schulzenfrau rüttelte an dem
-Scheunentor, und das sperrte sich gar nicht. Es ging ganz gutwillig
-auf, und -- die leere Scheune gähnte allen entgegen.
-
-»Die sind hinten 'raus,« brummte ein Bauer und deutete auf das zweite
-gegenüberliegende Scheunentor, das weit offen stand.
-
-»Ja, nä!« Hans Rumpf setzte sich vor lauter Erstaunen wieder auf seinen
-Baumstumpf. »So 'ne Frechheit!«
-
-»Na, weißte, Nachtwächter,« sagte der Waldbauer lachend, »die wären arg
-dumm gewesen, wenn sie in der Scheune geblieben wären. Wo sind sie aber
-hin?«
-
-»Am Walde hat's immer geschrieen und gelacht!« Hans Rumpf sah sich
-kläglich um. »Vielleicht waren sie das?«
-
-»Sicher,« riefen die Frauen, und Heine Peterles Mutter, die auch
-herbeigekommen war, meinte: »Die warten auf Muhme Lenelies' Friede; der
-soll heute heimkommen.«
-
-Der Abendwind trug jetzt näherkommendes Stimmengewirr zu den Wartenden
-hin, und die sagten zueinander: »Sie kommen schon, das Warten wird
-ihnen zu lang.«
-
-Wirklich, sie kamen auch. Der Abendbrothunger trieb sie heim. In langem
-Zuge kamen sie an, und die Frauen kreischten erschrocken auf: »Aber so
-etwas! Was haben sie denn da!«
-
-Seltsame Fahnen flatterten im Winde, und die Bäuerinnen riefen
-entrüstet: »Das ist meine Schürze,« »Unsere Tischdecke,« »Kathrines
-Rock,« »Mein Umschlagtuch,« »Nä so was, das ist Vaters Taschentuch,«
-»Je, und meine blaue Nachtjacke.«
-
-Die Buben und Mädel erschraken, als sie vor der Scheune Väter und
-Mütter versammelt sahen. Sie hätten nun himmelgern ihre Fahnen
-versteckt, die sie heimlich in der Scheune hatten abbinden wollen. Nun
-war es zu spät. Die Fahnen hinwerfen und ausreißen ging auch nicht.
-Gesehen waren sie einmal, also zogen sie kleinlaut und recht langsam
-näher.
-
-»Nur fix! Sollen wir euch Beine machen?« drohte die Schulzenfrau.
-»Warte, Jakob und Röse, ich will euch was lehren, mir meine Laken als
-Fahne zu nehmen!«
-
-»Wir wollten Friede erwarten,« riefen die Kinder sehr kläglich.
-
-»Aber der ist lange da! Um drei Uhr ist er schon gekommen; der hat
-lange Beine gemacht und um zehn Uhr schon frei bekommen,« rief die
-Waldbäuerin, die eben auch ihr Mariandel suchen kam.
-
-»Juhu,« schluchzte Heine Peterle plötzlich, »jetzt krieg ich die
-Schimpfe umsonst.«
-
-»Und Haue obendrein!« rief sein Vater; aber es war leicht zu merken,
-daß er es nicht so ernst meinte.
-
-Es wurde auch mit der Schelte nicht so schlimm. Nur als die Bäuerinnen
-ein paar Löcher in den Fahnen entdeckten, wurden sie sehr ärgerlich.
-»Ihr müßt sie selbst flicken,« forderten sie. Als sie aber recht
-zusahen, waren es immer die Bubenfahnen, die Löcher hatten. Die
-Missetäter standen sehr keinlaut und verlegen da; flicken konnten sie
-doch nicht!
-
-Da zeigte es sich aber, wie gut es ist, daß es Mädel auf der Welt gibt.
-Und wie hilfsbereit die Oberheudorfer Mädel waren! Krämers Trude,
-die immer mit einer blanken Eins aus der Handarbeitsstunde heimkam,
-erklärte gleich: »Ich flicke sie,« und ein paar andere Mädel riefen:
-»Wir helfen.«
-
-Da hoben die Buben gleich wieder mutig die Köpfe, und ein paar der
-kecksten bettelten: »Aber sehen muß Friede die Fahnen doch, nur mal
-sehen; wir machen auch keine Löcher mehr.«
-
-»Er kann doch nichts dafür,« wisperte Waldbauers Mariandel.
-
-»Wird nicht erlaubt,« knurrte Hans Rumpf, der sehr böse darüber war,
-daß er so lange vergeblich vor der Türe gesessen hatte. »Marsch heim,
-ins Bett, marsch!«
-
-Die Mütter waren nicht so streng wie der Nachtwächter. Als die Mädel
-feierlich gelobten, gleich morgen am ersten Ferientag alles sauber
-und ordentlich zu flicken, und die Buben nicht minder feierlich das
-Versprechen gaben, nie mehr Röcke, Jacken, Tücher und ähnliche Dinge
-als Fahnen zu verwenden, durften sie alle mitsammen zu Muhme Lenelies'
-Haus ziehen und Friede begrüßen.
-
-»Hurra, Friede ist da! Hurra, hurra!« gellte es durch das Dorf. Die
-Fahnen flatterten lustig, und wenn jemand gesagt hätte: »Das sind
-aber sonderbare Fahnen!« den hätten die Oberheudorfer Buben und Mädel
-für sehr dumm gehalten. Traumfriede fand denn auch den ganzen Empfang
-großartig, auch Muhme Lenelies fand das. Da liefen alle Fahnenträger
-befriedigt heim, und daß Hans Rumpf diesen ersten Ferientag nicht schön
-fand, war seine Sache; den Kindern hatte er ausnehmend gefallen.
-
-So glücklich war aber doch kein Bube und kein Mädel wie Traumfriede.
-Nun er wieder bei Muhme Lenelies in dem lieben kleinen, windschiefen
-Häuschen saß, merkte er erst, wie groß sein Heimweh gewesen war. Alles
-hatte er der Muhme gleich an diesem Abend erzählt; auch daß er hatte
-ausreißen wollen und sich der Kameraden geschämt hatte. Wenn sie es
-auch schon wußte, er mußte doch das Gesicht sehen, das sie dazu machte.
-Die Muhme hatte ihn nur mit ihren stillen, guten Augen angesehen und
-gesagt: »Wir laufen alle einmal ein Stück einen falschen Weg. Die
-Hauptsache ist, daß wir uns bald zurechtfinden. Nun aber schlaf, mein
-Junge, es gibt ja noch viele Ferientage.«
-
-Friede reckte und streckte sich in seinem Bett. Wie schön war es
-wieder daheim bei Muhme Lenelies! O wie köstlich lang doch die Ferien
-waren; was konnte man da alles unternehmen!
-
-Die Kinder unternahmen auch sehr viel. Sie liefen in den Kuhberger
-Wald, spielten so heftig Räuber und Prinzessin, daß erst Annchen Amsee,
-dann Waldbauers Mariandel in den Brunnen plumpsten. Und immer dachten
-sie am Abend, daß Ferientage sicher achtbeinig seien, so fix laufen sie
-über die Erde. Traumfriede war bei allem dabei, und wenn Muhme Lenelies
-manchmal gedacht hatte, es würde dem Buben nicht mehr auf dem Dorf
-gefallen, so merkte sie nun, wie sehr sie sich geirrt hatte.
-
-Am ersten Tage hatte Friede erzählt, die Sonntagkinder wollten einmal
-kommen und Jobst von Hellfeld. Aber ein Tag nach dem andern verging,
-sie kamen nicht, bis sie plötzlich eines Nachmittags ganz unvermutet
-auf der Dorfstraße standen.
-
-»Was ist das jetzt für 'ne Geschichte,« sagte Schuster Pechdraht
-erstaunt; »da sind ja auf einmal drei Stadtkinder.« Da stürzte aber
-auch schon Traumfriede über den Dorfplatz und begrüßte die drei mit
-lautem Halloh. »Wie seid ihr hergekommen?«
-
-»Kaspar auf dem Berge hat uns mitgenommen,« rief das Füchslein und
-strich sich sein weißes Kleidchen glatt. »Ich hab' ihn heute früh
-gesehen und gesagt, ich möchte nach Oberheudorf. ›Komm mit!‹ hat er
-gerufen, na -- -- -- und da sind wir.«
-
-»Ein paar Tage dürfen wir bleiben,« erzählte Jobst. »Der Wirt hat
-gesagt, Nachtquartier bekämen wir, nur heimgehen müssen wir zu Fuß, und
-Herr Professor läßt dich grüßen. Er kann nicht kommen, er hat einen
-schlimmen Fuß.«
-
-»Und das da ist Heine Peterle, nicht wahr?« rief das Füchslein und
-stürzte so eilfertig auf diesen zu, daß der beinahe hintenüber fiel vor
-Schreck. Nachher wurde er aber gleich gut Freund mit dem zierlichen
-Stadtmädel.
-
-Die drei Städter gefielen überhaupt den Oberheudorfern sehr gut, und es
-entstand fast ein großer Streit darum, wo sie wohnen sollten.
-
-»Die Buben kommen zu mir, und das Mädel muß ins Schulzenhaus, weil der
-Schulze nun doch mal der Schulze ist,« entschied Kaspar auf dem Berge.
-»Immer alles, wie sich's schickt.«
-
-Da der Wirt die Kinder hergebracht hatte, gaben ihm alle recht, und
-so zog Füchslein in das Schulzenhaus, obgleich es am liebsten bei
-Muhme Lenelies gewohnt hätte. Aber in dem kleinen Haus war kein Platz,
-während es im Schulzenhaus eine stattliche Gaststube gab mit einem
-hochgetürmten Federbett darin. Eine ebensolche stattliche Gaststube
-bekamen die Buben in der himmelblauen Ente, und sie gaben Kaspar auf
-dem Berge recht, als der sagte: »Ein Prinz könnte drin wohnen, wenn
-einer da wäre.«
-
-»In Oberheudorf ist's herrlich,« rief Füchslein am nächsten Tage. »Ich
-wollte, ich könnte ewig hier bleiben!«
-
-Die Hausfrau schenkte ihr gerade Milch ein und stellte ihr die
-verlockendsten Honigbrote hin. Jakob, Röse und die jüngeren Geschwister
-umdrängten den Gast, und Heine Peterle steckte seine Stubsnase zur Türe
-herein und rief: »Ist se noch da?«
-
-»Warum soll ich denn fort sein?« fragte Füchslein erstaunt.
-
-»Ich dachte, ich hätt's geträumt,« bekannte Heine Peterle. Er schob
-sich zur Türe hinein, warf einen riesengroßen, bunten Blumenstrauß
-gerade auf Füchsleins Honigbrot und stammelte: »Du, Muhme Rese sagt,
-weil de aus der Stadt bist, mußte de Blumen haben. Spielste auch Räuber
-und Prinzessin mit?«
-
-»Ja,« schrie Füchslein entzückt, »und ich bin der Räuberhauptmann. Ich
-kann furchtbar schreien, paßt auf!« Und das zarte Stadtmädel schrie
-so laut und gellend, daß alle Hausbewohner zusammenliefen; selbst der
-Schulze kam angerannt. »Was macht ihr mit dem Mädel? Potzwetter, mit
-'nem Stadtmädel geht man fein um!«
-
-»Die -- -- die -- -- ist Räuberhauptmann!« Jakob krümmte sich vor
-Lachen. Röse und die Kleinen quiekten und kicherten. Heine Peterle aber
-stand mit offenem Munde da; endlich atmete er tief und bat: »Schrei
-noch mal!«
-
-»Lieber nicht,« meinte die Hausfrau. »Jetzt hab' ich freilich keine
-Angst mehr, ihr könntet zu wild für unsern Gast sein. Da geht nur und
-spielt!«
-
-Und sie spielten. Sie tobten die Dorfstraße entlang, daß Hans Rumpf
-grollte: »So schlimm war's noch nie.« Sie spazierten durch alle Gärten,
-sahen in alle Ställe hinein, lärmten um den Brunnen herum, und ganz
-alltägliche Dinge erschienen den Oberheudorfer Kindern auf einmal
-schön und groß, weil die drei Städter sie mit so jauchzender Freude
-bewunderten. Wie konnte sich das Füchslein über ein Lämmchen, ein
-Zicklein, eine junge Katze oder kleine Hühnchen freuen! So sehr, daß
-ihr Heine Peterle, Waldbauers Mariandel und Annchen Amsee am liebsten
-alles Kleintier gebracht hätten. Und wie gern fuhren Jobst und Ulrich
-mit auf das Feld hinaus, wo gerade der erste Schnitt getan wurde.
-
-»Die sind besser als ihr,« sagten die Bauern; »die möchten wir wohl
-behalten.« Da blähten sich die beiden Stadtbuben ordentlich über das
-Lob, und am Abend schmeckte ihnen das Essen so gut, daß Kaspar auf dem
-Berge seine helle Freude daran hatte. Denn Gäste, denen es schmeckte,
-die tüchtig zulangten und die Schüsseln leer aßen, die hatte man
-besonders gern in Oberheudorf.
-
-In diesem wohlhabenden kleinen Dorfe saßen die Bauern meist schon seit
-Urgroßvaters Zeiten auf ihren Höfen. Darum gab es in ihren Häusern
-auch viel stattlichen Hausrat. Geschnitzte Truhen und Schränke,
-schöne Kannen, Teller und Schüsseln aus Zinn, auch Spinnräder gab es
-noch, wenn auch nur ein paar ganz alte Weiblein aus alter Gewohnheit
-die Räder surren ließen. Füchslein ließ sich besonders gern alle
-diese Dinge zeigen. Die Buben waren mehr für das Draußensein. Wenn
-Füchslein auch immer sagte: »Am allerbesten gefällt es mir doch bei
-Muhme Lenelies,« so kroch sie doch im Schulzenhaus, bei Heine Peterles
-Eltern, bei Amsees und auf dem Waldbauernhof in alle Winkel. Auch in
-das Schulhaus kamen die Stadtkinder. Der Lehrer war zu Friedes großem
-Leidwesen verreist; aber die Frau Lehrer zeigte den dreien noch am
-letzten Tage die Schule. In der sah Füchslein zuerst eine Geige.
-
-»Eine Geige, eine Geige,« rief sie sehnsüchtig, und die Lust nach dem
-geliebten Instrument erwachte in ihr.
-
-»Kannst du denn spielen?« fragte die Frau Lehrer.
-
-»Ach ja!« Füchslein streckte die Hände aus. »Darf ich darauf spielen,
-einmal nur?«
-
-»Ja, hole sie dir heute nachmittag. Wenn du gut damit umgehst, leihe
-ich sie dir gern.«
-
-»Oh, mit einer Geige muß man gut sein; sie hat eine Seele, sagt Herr
-Wunderlich,« versicherte Marianne Sonntag eifrig.
-
-»Nun, so hole sie dir jeden Tag!«
-
-»Ach, morgen müssen wir schon fort,« riefen alle drei betrübt.
-
-»Es ist dumm,« brummte Jobst von Hellfeld, der ganz vergessen hatte,
-daß er nur auf allerdringlichstes Bitten vom Füchslein mitgekommen war.
-
-Am Nachmittag holte sich Marianne die Geige. Am Dorfbrunnen wollte sie
-spielen; so hatte sie es den Buben und Mädels versprochen.
-
-Ein Mädel, das Geige spielt, hatten die Oberheudorfer noch nicht
-gesehen, und selbst die allerfleißigsten Hausfrauen ließen ein Weilchen
-ihre Arbeit ruhen, als Marianne Sonntag zu spielen begann. »Wir wollen
-auf der Dorfstraße tanzen,« hatten die Kinder gesagt, aber sie vergaßen
-das Tanzen über dem Spiel. Feine und süße Klänge durchzogen das Dorf.
-Es war wie das Singen der Vögel im Frühling, wie das Rauschen der
-Bäume, wenn leise der Abendwind über sie dahinstreicht. Immer stiller
-wurde es ringsum, und immer mehr Leute ließen ihre Arbeit ruhen und
-lauschten. Niemand aber hörte andächtiger zu als Muhme Lenelies,
-Friede und Waldbauers Mariandel. »Es ist, als ob du ein Märchen
-erzählst, Muhme Lenelies,« sagte Mariandel leise, und Friede dachte an
-Griechenland, von dem Professor von Spiegel ihm erzählt hatte. Er hörte
-das blaue Meer rauschen und sah die weißen Tempel am Ufer stehen. Die
-Sehnsucht erwachte in ihm, dorthin zu ziehen und alles zu sehen und
-dann auch so davon singen zu können wie Homer, der blinde Sänger.
-
-Daran dachte Heine Peterle nun nicht. Ihm gefiel das Spiel und das
-zierliche geigende Mädel furchtbar gut. Er schwitzte ordentlich vor
-Entzücken; er wünschte, seine Feldburger Flöte wäre noch ganz, dann
-hätte er darauf blasen können, und als Marianne Sonntag die Geige
-sinken ließ, schrie er: »Das will ich auch lernen.«
-
-»Nä, er ist und bleibt ein merkwürdiger Bube, unser Heine Peterle; aus
-dem wird noch was Großes,« sagte Muhme Rese zu Muhme Lenelies. Aber
-die gab keine Antwort. In ihren guten Augen lag ein stiller Glanz, sie
-schaute Marianne Sonntag an, wie ein Blumenfreund eine feine, schöne
-Blüte freudvoll betrachtet. Das Stadtmädel schien den Blick zu fühlen;
-es lief plötzlich auf die alte, arme Frau zu, legte beide Arme um
-deren Hals und flüsterte: »Muhme Lenelies, dich hab' ich aber doch am
-liebsten in Oberheudorf.«
-
-»Fein hast du gespielt, Füchslein,« rief Jobst, der stolz auf die
-Freundin war.
-
-»Ja, schene war's; blasen klingt freilich noch besser,« schnarrte
-eine Stimme, die wie eine knarrende Türe klang. Hans Rumpf hatte auch
-zugehört und nickte nun wohlgefällig. »Und gut ist's doch, daß es keine
-Tänze waren, sonst wär' gleich auf der Dorfstraße getanzt worden.«
-
-»Ach ja, tanzen, wir wollen tanzen,« flehten ein paar Mädels.
-
-»Nä, nä, das ist nicht,« brummte Hans Rumpf. Aber niemand hörte auf
-ihn. Füchslein begann wirklich eine lustige Tanzweise zu spielen. Sie
-kletterte dabei auf den Brunnenrand, und um sie herum hüpften und
-sprangen bald alle Buben und Mädel im Kreise. Im Takt, außer dem Takt,
-im Polkaschritt und Walzertritt, allein, zusammen, wie es gerade paßte.
-Eins schleifte, eins wiegte sich, eins schwenkte die Beinchen, als
-wollte es die eigene Nase treffen, eins trampelte einem andern auf die
-Füße, ein Mädel purzelte hin; aber alles in allem war es wunderschön.
-
-Der herrliche Abend ging viel zu früh vorbei, und all die dicken,
-rotkarierten Federdecken sperrten ihre Mäuler auf, um die Buben und
-Mädel zu verschlingen. Die ließen sich das auch ganz gern gefallen,
-und mancher kleine Tänzer drehte sich im Traum noch weiter, linksum,
-rechtsum, fiedelfiedeldum. Heine Peterle aber sagte noch halb im
-Schlafe: »Ich will auch fiedeln lernen.«
-
-Nur Traumfriede war an diesem Abend nicht so froh wie sonst. In
-Feldburg hatte er sich heiß nach Oberheudorf gesehnt, und heute sehnte
-er sich auf einmal nach Feldburg. Er schämte sich ordentlich, als er
-immer wieder denken mußte: »Könnte ich morgen einmal heimgehen ins
-Spiegelhaus! Wie mag es wohl dem Professor gehen?«
-
-»Morgen gehen deine Freunde weg,« sagte auf einmal Muhme Lenelies.
-»Möchtest du nicht mit und den Herrn Professor einmal besuchen?«
-
-Friede wurde blutrot. Ja konnte denn die Muhme Gedanken lesen, seine
-Wünsche erraten? Er senkte verwirrt die Augen: »Ich bin furchtbar gern
-bei dir.«
-
-Muhme Lenelies lachte leise. »Das weiß ich, mein Friede; aber man kann
-irgendwo sehr gern sein, und es kann doch einen andern Ort geben, wo
-man auch gern ist. Und eigentlich wär's schlimm, wenn du den Professor
-nicht lieb hättest.«
-
-Friede atmete tief auf und fiel der Muhme um den Hals: »Dich hab' ich
-aber doch am liebsten.«
-
-»Und sehnst dich doch hinaus, das ist nun mal so in der Welt. Geh du
-morgen ruhig mit nach Feldburg, übermorgen kommst du wieder, und wir
-feiern Wiedersehen.« --
-
-Kaspar auf dem Berge hatte gesagt: »Wen ich geholt habe, den bringe
-ich auch wieder heim.« Darum brauchten die Stadtkinder auch nicht zu
-laufen; sie konnten nach Feldburg zurückfahren. Der Abschied wurde
-ihnen deshalb nicht leichter, und obgleich Jobst und Ulli sagten:
-»Tränen sind doch dumm,« schluchzte Füchslein ganz herzbrechend.
-»Kommt mit, ach, kommt alle mit!« bat sie. Sämtliche Buben und Mädel
-standen vor der himmelblauen Ente, als die Gäste schieden. Sogar die
-Wickelkinder waren von den großen Schwestern mitgebracht worden.
-
-»Macht's nicht so arg mit dem Abschied!« mahnten die Erwachsenen. Aber
-die Kinder vollführten ein ganz unglaubliches Geschrei. Jedes hatte
-noch etwas zu sagen und zu fragen; am liebsten wären sie natürlich
-alle mitgefahren, und daß Friede es durfte, neideten sie ihm fast. Nur
-Heine Peterle fehlte. Seine Mutter war da und rief nach ihm; Muhme Rese
-suchte ihn an den merkwürdigsten Orten. Er war und blieb verschwunden.
-»Der wartet am Waldrand,« rieten die Kinder.
-
-»Vielleicht liegt er noch im Bett,« sagte der dicke Friede. Doch Muhme
-Rese versicherte, dort sei er bestimmt nicht.
-
-»Es ist häßlich von ihm, daß er nicht kommt,« schluchzte Füchslein. Da
-tröstete seine Mutter: »Paß auf, er kommt schon, ihm ist's arg leid,
-daß du wieder gehst!«
-
-»Uns auch, uns auch,« schrieen die andern Kinder. »Wir besuchen euch
-alle.«
-
-»Ja,« riefen die Stadtkinder, »bald!«
-
-»Wenn Zirkus ist; im September ist Zirkus,« rief Marianne.
-
-»Was ist denn das, ist das was zu essen?« fragte der dicke Friede
-nachdenklich.
-
-Füchslein lachte hell auf und vergaß darüber das Weinen. Sie lachte
-immer noch, als der Wagen schon zum Dorf hinausrollte. »Dort steht
-Muhme Lenelies vor ihrem Hause,« rief Friede und winkte. Die drei
-andern taten es ihm nach. Sie winkten, nickten, die Kinder liefen
-hinter dem Wagen her, und immer wieder klang's: »Auf Wiedersehen, auf
-Wiedersehen!«
-
-Bis zum Waldrand liefen die Oberheudorfer mit. Ein bißchen Neugier
-war auch dabei, zu sehen, ob Heine Peterle nicht dort wäre. Er war
-aber nicht dort, und als die Mitgelaufenen umkehrten und der Wagen in
-den Wald hineinrollte, sagte Füchslein betrübt: »Heine Peterle liegt
-vielleicht doch noch im Bette.«
-
-»Nä, da liegt er nich,« erklang's laut, und aus Decken, unter
-Strohbündeln hervor kroch sehr vergnügt -- Heine Peterle. »Ich fahr
-mit,« rief er stolz.
-
-»Wer fährt mit?« Kaspar auf dem Berge drehte sich flink auf dem Bock
-herum. »Potzwetter, Bube, was fällt dir ein?«
-
-»Ich will mit, Oheim,« rief Heine Peterle. Kaspar auf dem Berge war
-nämlich seiner Mutter Bruder, und er hatte gedacht: »Der Oheim nimmt
-mich schon mit, wenn wir nur erst zum Dorf hinaus sind.«
-
-Er hatte sich aber verrechnet. »So was, das gibt's nicht,« sagte
-der Wirt. »Ausreißen gilt nicht. Gelt, daß dir's wie denen in
-Schwipperlingen geht! Nä, steig man runter.«
-
-Da half kein Bitten. Heine Peterle mußte aussteigen. Sein schöner
-Plan war zu Wasser geworden. »Wir laden dich bald ein,« trösteten die
-Stadtkinder.
-
-»Ich will auch in die Stadt,« heulte der Bube, »ich lern 's Fiedeln.«
-
-»Lern du nur erst ordentlich das Lesen und Schreiben,« riet der Oheim.
-
-»Nä,« murrte Heine Peterle, »fiedeln ist besser, da macht man keine
-Kleckse.« Und schwupp, drehte er sich um und lief dem Dorfe zu. Erst
-als er dort war, fiel's ihm ein, daß er nicht einmal Abschied genommen
-hatte.
-
-Den vier Reisenden wurde unterdessen die Zeit nicht lang, sie kamen
-schneller nach Feldburg, als sie gedacht hatten. Erst fuhr der Wirt
-die beiden Sonntagskinder heim, dann Jobst von Hellfeld, der drei
-Häuser von denen entfernt wohnte, und zuletzt rollte das Wägelein über
-den Johannesplan und hielt vor dem Spiegelhaus. Friede sprang heraus,
-nahm kurzen Abschied und lief dann ins Haus. Niemand hatte ihn gehört,
-niemand ihn gesehen. Die Tür stand offen, und so kam er unbemerkt an
-des Professors Studierzimmer. Er klopfte an und trat ein. Da saß der
-Professor über ein dickes Buch gebeugt an seinem Schreibtisch. Als er
-den blonden Buben gewahrte, glitt ein froher Schein über sein Gesicht.
-»Grüß Gott, Oberheudorfer Friede!« rief er. »Das ist recht, daß du
-einmal kommst; ich habe mich schon sehr nach dir gebangt.«
-
-Da war es dem Friede auf einmal, als flüstere in seinem Herzen eine
-Stimme: »In Oberheudorf hast du eine Mutter, in Feldburg einen Vater.
-Ei, hast du es gut auf der Welt, Friede Heller!«
-
-
-
-
-[Illustration]
-
-Im Zirkus.
-
-
-Im September kam wirklich, wie es das Füchslein gesagt hat, nach
-Feldburg ein Zirkus. Es ist aber noch nicht gesagt, daß alle in einen
-Zirkus gehen können, wenn schon einer da ist. Die Oberheudorfer Bauern
-meinten, es sei genug, wenn ihre Kinder in diesen Herbstferien zum
-Vogelschießen nach Niederheudorf gingen. Vom Zirkus wollten sie nicht
-viel wissen. Ja freilich, das Vogelschießen lockte nicht minder. Da
-wollten sie alle hin, und wenn in dieser Zeit jemand gesagt hätte,
-rechts ist Zirkus, links ist Vogelschießen, kein Kind in Oberheudorf
-hätte gleich eine Antwort geben können. Einmal bettelte Schulzens Jakob
-beim Sonntagmittagessen: »Ich möcht' in den Zirkus.«
-
-»Ach was, Vogelschießen ist genug,« brummte der Schulze.
-
-»Aber -- -- aber, Zirkus soll so fein sein! Friede Hopserling sagt, man
-muß hin, weil -- --«
-
-»Na, wenn's Friede Hopserling so gut weiß, dann soll er dich man
-einladen und die andern dazu; mir ist's recht.«
-
-Der Schulze schob seinen Teller ein Stück fort. Das war ein Zeichen:
-»Nun sputet euch, ihr andern, wir haben lange genug gegessen.«
-
-Jakob wagte kein Wort mehr; aber nachher auf dem Dorfplatz erzählte
-er, was der Vater gesagt hatte. »Friede Hopserling läd uns nicht ein,«
-schrie Anton Friedlich, »aber vielleicht sonst wer.«
-
-Ja, sonst wer! Niemand fand sich, der es tat. Die Tage kamen und
-gingen. Das Vogelschießen kam und ging auch vorbei und war vergnüglich
-wie immer, und schon guckten die Herbstferien in das Schulhaus hinein,
-und von einer Einladung war nichts zu sehen und zu hören. Da kam eines
-Tages ein Brief an den Lehrer, und der ging mit dem Schreiben zum
-Schulzen. Der lachte und sagte: »Meinetwegen.« Und ebenso sagten noch
-ein paar andere Bauern, und die Bäuerinnen setzten noch hinzu: »Man
-gönnt's ihnen schon, das Vergnügen.«
-
-Auch Muhme Lenelies bekam einen Brief, und auch sie schaute froh drein;
-ja sie guckte geschwind mal nach dem Wetter und sagte: »Wenn's doch
-schön würde!«
-
-Am nächsten Tag also gab es in der Schule eine große Überraschung.
-Keine solche, bei der die Feuerspritze die Schulstube unter Wasser
-setzt oder jemand in die große Trommel fällt oder in sonst etwas
-hinein, nein, eine wundervolle Überraschung war es. Professor von
-Spiegel lud Traumfriedes Freunde und Freundinnen zum Zirkus ein.
-Und das beste dabei war, die Eltern erlaubten es. Glücklicherweise
-begannen just die Herbstferien, und Sonnabend früh durften sie
-alle nach Feldburg fahren. Am Nachmittag war im Zirkus eine große
-Festvorstellung; zu der sollten sie gehen. Der Herr Lehrer hatte die
-Sache am Schulschluß gesagt, und das war gut. Wohl keines der Kinder
-hätte sonst mehr aufgepaßt.
-
-»Eingeladen zum Zirkus!« Sie stürzten alle eilfertig auf die Straße.
-Dort konnte man sich doch ordentlich freuen, und das taten sie auch
-sehr laut und sehr nachdrücklich. In der Stadt hätten die Menschen
-wohl gleich die Feuerwehr herbeigerufen oder gedacht, ein Kirchturm
-oder mindestens drei Häuser wären eingestürzt, der Krieg sei
-ausgebrochen oder so etwas Ähnliches; doch in Oberheudorf war man nicht
-so zimperlich.
-
-Vier Schultage waren es noch, und jeder Schultag dehnte und dehnte sich
-wie ein Stück Gummi. Unglaublich, wie es ein Schultag fertig bringt,
-so lang zu sein. Aber dann kam doch der Morgen, an dem es hieß: »Heute
-geht's nach Feldburg zum Zirkus!« Und daß es kein Traum war, bewiesen
-die beiden Wagen, die mit Tannengrün geschmückt auf dem Dorfplatz die
-Stadtfahrer aufnahmen.
-
-Es war eine wunderschöne Fahrt durch den herbstlichen Wald. Die Buchen,
-die da und dort in den Tannenwald hineingelaufen waren, und die
-Eichen, die am Rande standen, trugen schon ihr goldrotes Herbstkleid.
-Sie spreizten ihre Laubkronen stolz in der Sonne und schienen zu
-rufen: »Seht uns an, wir haben ein goldenes Gewand.« Ach, die armen
-Bäume konnten viel rufen, die Oberheudorfer Buben und Mädel achteten
-gar nicht darauf; sie sahen nichts von der Pracht des sonnenreichen
-Herbsttages, sie schwatzten nur vom Zirkus. Höchstens sagte mal eins:
-»Die Eicheln fallen schon runter,« oder sie lugten auf der Landstraße
-nach den Pflaumenbäumen und griffen in die vollen Äste hinein, denn
-Friede Hopserling zumal, der den einen Wagen führte, fuhr auch immer so
-seltsam dicht unter den Bäumen dahin.
-
-Im Spiegelhaus warteten die Sonntagskinder und Jobst und Friede auf
-die Gäste. Fräulein Wunderlich war herübergekommen und hatte mit Frau
-Emma und Marie ungeheure Töpfe voll Schokolade gekocht. Weißbrot und
-Kuchen standen bereit, und hinten im Garten waren ein paar lange Tafeln
-gedeckt. Professor von Spiegel ging lächelnd und heiter auf und ab,
-schaute sich alles an und freute sich mit seinem Pflegesohn auf die
-Gäste. Füchslein war in namenloser Aufregung. Sie rannte immer zwischen
-Tor und Festplatz hin und her. »Ich kann's kaum erwarten,« rief sie
-immer wieder. »Friede, freu dich doch, schrei mal, du bist so still!«
-
-Traumfriede gehörte nun nicht zu denen, deren Freude überlaut ist. Wenn
-er sich so recht innerlich im Herzen freute, war er meist sehr still.
-Aber Jobst besorgte etliche Male das Freudeschreien, und drüben in
-Wunderlichs Garten krähte der kleine Teufel wie besessen. »Er ahnt, daß
-die Oberheudorfer kommen,« sagte Marie. »Es ist ein sehr kluges Tier.«
-
-Endlich kamen sie. Die beiden Wagen rumpelten laut und vernehmlich
-über den Johannesplan, und ein paar Minuten lang war der stille Platz
-von dem fröhlichsten Leben erfüllt. »Muhme Lenelies,« rief Friede
-plötzlich aufgeregt und stürzte auf die alte Frau zu, die zwischen
-allen Buben und Mädeln aus Friede Hopserlings Wagen kletterte.
-
-»Nun siehst du, mein Friede,« sagte die alte Frau vergnügt, »da bin ich
-auch einmal. Wenn man eingeladen wird und es so arg bequem hat, nach
-der Stadt zu kommen, ist es eine leichte Sache.«
-
-Muhme Lenelies konnte es schon sagen, daß es arg bequem sei, auf einem
-Mehlwagen zu fahren, denn sie war viele, viele Jahre als Botenfrau den
-weiten Weg zwischen Oberheudorf und Feldburg hin und her gegangen.
-Heute kam sie als lieber Gast. Professor von Spiegel und Fräulein
-Wunderlich gingen ihr beide so freudevoll entgegen, als wäre die
-einfache alte Frau ihnen schon eine gute, langvertraute Freundin.
-
-Das Schokoladenfest im Spiegelhaus war sehr schön, aber das
-allerschönste war dann doch der Zirkus. Der war so groß, daß sicher
-das ganze Niederheudorfer Vogelschießen mitsamt dem Karussell, dem
-Kasperletheater, der Pfefferkuchenfrau und allem, was sonst da war,
-hineingegangen wäre. Die Buben und Mädel sagten gleich alle am Eingang:
-»Ah,« und sie waren ein bißchen ärgerlich, daß sie nicht »ah« genug
-sagen konnten, denn ein Mann rief immer: »Weiter, weiter, Stehenbleiben
-ist verboten.«
-
-»Das ist in Niederheudorf nie verboten,« knurrte Schnipfelbauers
-Fritz; aber als er von einem nachfolgenden Mann einen Puff in den
-Rücken erhielt, ging er doch eilig weiter.
-
-Der dicke Friede hatte einen heißen, sehnsüchtigen Wunsch; es war der,
-nur einmal im Leben ein richtiges Kasperle zu sehen. Ein Kasperle
-war für ihn das Allerlustigste, Allerschönste, was er sich denken
-konnte. Als nun gleich zu Anfang ein Clown in die Reitbahn sprang,
-entzückte ihn dieses große, lebendige Kasperle so, daß er in ein nicht
-endenwollendes Gelächter ausbrach, in das seine Gefährten jauchzend
-einstimmten. Und weil es die Oberheudorfer vom Niederheudorfer
-Vogelschießen so gewöhnt waren, mit dem Kasperle zu reden, so schrieen
-sie allesamt: »Guten Tag, Kasperle, wir sind da!«
-
-»Freut mich sehr.« Der Clown war etwas verblüfft; der Zuruf paßte nicht
-in sein Spiel. Er fragte aber doch: »Woher seid ihr denn?«
-
-»Aus Oberheudorf!« tönte es zurück, und von gegenüber kamen ein paar
-Bubenstimmen: »Herrjeh! die Oberheudorfer sind auch da!«
-
-Der Clown grinste und schoß zehn Purzelbäume hintereinander, so fix,
-daß Anton Friedlich bewundernd rief: »Der kann's fein.« Aber da ritt
-plötzlich eine wunderschöne Dame in die Reitbahn, die in ihrem rosa
-Kleid mit goldenen Flügeln wie ein leibhaftiger Engel aussah. Sie
-verneigte sich auf ihrem Pferd, sprang in die Höhe, streckte erst das
-rechte, dann das linke Bein in die Luft und ergriff schließlich ein
-von der Decke herabhängendes Seil. Flugs lief in diesem Augenblick das
-Pferd unter ihr weg, und Heine Peterle, den eine namenlose Angst um die
-schöne Dame ergriff, warnte: »Du, dein Pferd reißt aus.«
-
-»Seid doch still da oben,« rief der Clown.
-
-»Ja,« brüllten die Buben und Mädel nach Niederheudorfer Gewohnheit, und
-das Pferd erschrak über das Gebrüll und stieg erschrocken kerzengerade
-in die Höhe.
-
-Der Stallmeister rief »Stille!« und der Clown drohte mit der Faust. Nun
-sieht aber ein Clown, wenn er ernst sein will, erst recht komisch aus,
-und die Buben und Mädel fanden es denn auch so spaßhaft, daß sie vor
-Vergnügen kreischten und auf ihren Sitzen hin und her wackelten. Das
-steckte an, der Zirkus dröhnte vor Lachen. Da aber keine lustige Nummer
-auf dem Programm stand, sondern Miß Florence Wilson ihre Künste als
-Seiltänzerin zeigen sollte, ging der Clown rasch hinaus.
-
-»Adjeh, Kasperle! Legste dich ins Bett?« schrieen sämtliche
-Oberheudorfer, und von neuem rauschte das Lachen durch den Zirkus.
-
-»Nä, Kinder, ihr müßt doch stille sein,« mahnte Muhme Lenelies, während
-Professor von Spiegel lachte, daß ihm nur immer die dicken Lachtränen
-über die Wangen rannen. Die Kinder dachten: »Wenn man in der Stadt
-ist, hört man darauf, was Stadtleute sagen.« Da der Professor jedoch
-schwieg und selbst lachte, achteten sie nicht auf der Muhme sanfte
-Mahnung, sondern brüllten: »Kasperle, komm raus, Kasperle, komm raus!«
-
-Da! Atemlos stieß Heine Peterle Annchen Amsee an. Die schöne Dame
-war an dem Seil hochgeklettert und schwebte nun wie ein großer
-Schmetterling in der Luft auf und ab. »Die kann fliegen,« kreischte
-Schulzens Jakob, während Heine Peterles Augen vor Erstaunen immer
-runder und kugliger wurden.
-
-Jetzt trat Miß Florence auf ein hoch über dem Boden ausgespanntes
-Seil, und aus der Luft schwebte eine Geige herab. Die ergriff sie und
-begann auf dem dünnen Seil stehend zu spielen. Sehr schön klang das
-nun zwar nicht, und Füchslein dachte: »Dies sollte Herr Wunderlich
-hören, der möchte gut schelten!« Aber die Oberheudorfer gingen beinahe
-auseinander vor Staunen. Sie waren noch ganz verdattert, als ein Reiter
-mit vier Pferden in die Bahn sprengte und diese die merkwürdigsten
-Dinge vollführten. Sie sprangen, stellten sich auf die Hinterbeine,
-tanzten. Und Bäckermeisters Mariele flüsterte: »Am Ende sind's gar
-keine richtigen Pferde.«
-
-»Guten Tag, Kasperle, biste wieder da?« brüllten etliche Buben,
-und Mariele vergaß ihren Zweifel über dem Kasperle, das mit einem
-Purzelbaum in die Reitbahn schoß. Hinter ihm drein kam noch eins, aber
-auf einmal -- nein, das war doch nicht schön -- fing der schwarze
-Herr mit den Kasperles an zu zanken; er sagte, sie hätten ihm etwas
-weggenommen.
-
-»Laß se doch, die tun doch nischt,« schrieen Jakob und Schnipfelbauers
-Fritz empört.
-
-Aber der schwarze Herr kümmerte sich gar nicht darum, er schalt immer
-weiter, immer heftiger auf die Kasperle. Das wurde dem dicken Friede
-zu toll, er nahm einen Apfel, den er in der Tasche hatte, und warf ihn
-höchst geschickt dem schwarzen Herrn an den Rücken. Dabei kreischte er
-zornig: »Die haben nischt genommen, ich hab's doch gesehn!«
-
-»Nicht wahr?« Der erste Clown trat an die Rampe und sah zu den
-Oberheudorfern hinauf. »Du bist aber gut, daß du mir hilfst!«
-
-Der dicke Friede wurde klatschmohnrot vor Freude über das Lob, er
-reckte sich ordentlich und schrie: »Verhau den schwarzen Herrn, der ist
-eklig!«
-
-Schwupp lief das Kasperle zu dem schwarzen Herrn hin; es legte den Kopf
-auf die Seite und sagte mit dünner Stimme: »Erlaubst du es mir, daß ich
-dich verhaue?«
-
-»Der ist aber dumm, der fragt erst,« riefen ein paar Buben, und sie
-fanden es höchst begreiflich, als der schwarze Herr sagte: »Nein, ich
-erlaube es nicht, mach daß du fortkommst.«
-
-In diesem Augenblick drehte sich eins der Pferde um und fuhr mit seinem
-Maul in des Clowns Hosentasche. Der schrie laut auf und flüchtete,
-hopps, sprang er über die Bänke, sauste über die Köpfe hinweg und
-platsch -- saß er mitten zwischen den Oberheudorfer Buben und Mädeln.
-Die kreischten wie besessen. Ein paar Mädel flüchteten unter die Bänke,
-der dicke Friede schnappte wie ein Fisch nach Luft, und der ganze
-Zirkus bebte von dem Gelächter der Zuschauer.
-
-Aber -- trapp, trapp, trapp -- kam das Pferd die Treppe herauf. Wutsch,
-kroch der Clown hinter Krämers Trude und Schulzens Röse her unter die
-Bank und jammerte: »Der war's, der war's!« Dabei zeigte er auf den
-völlig sprachlosen Friede.
-
-Und da -- -- laut gellte das Angstrufen der Kinder durch den Zirkus --,
-das Pferd packte den dicken Friede am Hosenboden und trug ihn davon.
-
-»Es frißt ihn, es frißt ihn, es macht ihn tot! Halt, halt! huhuhuhu!«
-
-»Aber Kinder, 's ist nur Spaß!« Der Professor konnte kaum noch vor
-Lachen. Traumfriede tröstete: »Aber seid doch still, seid doch still!«
-Fräulein Wunderlich nahm gleich zwei heulende Mädel auf den Schoß.
-Muhme Lenelies wußte nicht, um wie viele sie schützend die Arme
-breiten sollte. Die Nachbarn beruhigten: »Kinder, Kinder, es ist ja
-nur ein Scherz!« Doch das half alles nichts. Die Kinder brüllten, als
-ob sie alle miteinander gebraten werden sollten. Selbst Füchslein,
-das doch die Sache kannte, brüllte mit. Nur Heine Peterle brüllte
-nicht, der zeigte, was ein echter Held in der Welt ist. Trapp, trapp
--- polterte er auch die Stufen hinab, dem Pferde nach, und urplötzlich
-fühlte sich das so fest am Schwanz gepackt, daß es den dicken Friede
-erschrocken fallen ließ und der in den Sand der Reitbahn kollerte.
-
-[Illustration]
-
-Der schwarze Herr und ein paar Diener sprangen herbei, hoben Friede auf
-und führten das Pferd zur Seite. Rings von den Bänken und aus den Logen
-heraus aber ertönte ein nicht endenwollender Jubel: »Bravo, bravo,
-bravo!«
-
-Das schien dem Pferd besonders gut zu gefallen, denn -- eins, zwei,
-drei -- ergriff es Held Heine Peterle am Hosenboden und trug ihn nun im
-sausenden Galopp in der Reitbahn herum, bis ihm der Stallmeister ein
-»Halt« zurief.
-
-»Jetzt frißt er Heine Peterle!« Anton Friedlich und Schnipfelbauers
-Fritz wollten auch hinunter, wollten auch Helden sein. Doch der
-Professor hielt sie erschrocken fest; ihm war es ordentlich unheimlich
-zumute geworden bei dem Geschrei.
-
-Unten sprach der Stallmeister mit dem Pferd, und während der Diener
-die beiden Buben vom Staub reinigte, lief das Pferd hinaus und kam
-wieder und -- -- brachte eine riesengroße Zuckertüte. Die legte es vor
-Heine Peterle nieder, dann kehrte es wieder um, lief noch mal zurück,
-kam noch mal wieder und brachte eine zweite Zuckertüte für den dicken
-Friede.
-
-Da vergaßen oben sämtliche Oberheudorfer Buben und Mädel ihre Angst,
-und jubelnd fielen sie in das Bravorufen des Publikums ein.
-
-Der Stallmeister sagte unten etwas zu den Buben, und stolz kehrten
-diese nun wieder auf ihre Plätze zurück. Das Pferd aber kam -- trapp,
-trapp -- hinter ihnen her.
-
-»Vielleicht holt's uns, und wir kriegen auch 'ne Tüte,« sagte Anton
-Friedlich hoffnungsfroh, aber der Clown jammerte: »Es holt mich, es
-holt mich!«
-
-»Kriech nur wieder unter die Bank,« rieten die Kinder hilfsbereit,
-obgleich den Mädeln das Kasperle so in der Nähe recht unheimlich war.
-Aber da war schon das Pferd und -- schnapp -- hatte es den Clown am
-Hosenboden gepackt und trug ihn nun die Treppe hinab. Unten rollten
-die Diener eine große Tonne herbei, und o Entsetzen! das Pferd steckte
-Kasperle in die Tonne. Eine Zuckertüte gab's nicht.
-
-»Das ist, weil er gelogen hat,« rief Heine Peterle und preßte stolz
-seine Zuckertüte ans Herz. Trotzdem sah er mitleidig nach dem Kasperle
-aus. Würde das in der Tonne stecken bleiben? Die Diener rollten die
-zur Bahn hinaus, sie rollten und rollten sehr heftig, und auf einmal
-war der Clown draußen, und niemand hatte es gesehen. Die Oberheudorfer
-brachen in stürmischen Jubel aus: »Kasperle, das war fein!«
-
-»Lebt wohl!« rief der Clown, stand plötzlich auf den Händen und lief so
-davon.
-
-»Komm bald wieder!« brüllten ihm alle nach. Da drehte er sich wie ein
-Rad und stand wieder auf den Beinen und quiekte mit ganz hoher, dünner
-Fistelstimme: »Ach nein, jetzt muß ich mich bei meiner Mutter in einen
-Pflaumenmußtopf schlafen legen, lebt alle wohl!«
-
-»Heute macht der Clown auch zu dumme Witze,« brummte ein alter,
-griesgrämiger Herr hinter den Kindern, der sich schon die ganze Zeit
-über den Lärm geärgert hatte.
-
-Da drehten sich urplötzlich alle Buben und Mädel um und starrten den
-Griesgram namenlos verwundert an. Der wurde ordentlich verlegen und
-murrte: »Das sind ja unglaublich ungezogene Rangen.«
-
-»Ungezogen, diese Kinder? Na hören Sie, mein Herr, die tun doch
-nichts,« rief Fräulein Wunderlich entrüstet. Ihr, die sonst so leicht
-gescholten hatte, gefielen alle diese Buben und Mädel gut, denn in
-ihrem Herzen war ein Türlein aufgesprungen, durch das viel Freude und
-Liebe aus und ein gehen konnte. Waldbauers Mariandel, die neben ihr
-saß, streichelte sie zutraulich und flüsterte: »Du bist aber nett,
-Fräulein Wunderlich.«
-
-Annchen Amsee huschelte sich von der andern Seite an sie an, und
-Traumfriede drehte sich um und nickte ihr strahlend, dankbar zu.
-
-Der verdrießliche Herr aber brummelte weiter. Dies war ihm nicht recht
-und das. Einige Buben sagten schon untereinander: »Er ist wie Hans
-Rumpf, wenn er seinen Linksaufstehtag hat.«
-
-»Das Schwatzen stört,« knurrte der Herr wieder, schon zornesrot im
-Gesicht.
-
-Unten standen gerade acht Pferde steif in einer Reihe, und alles
-wartete neugierig, daß sie springen würden, da tönte in die tiefe
-Stille, die just über dem Zirkus lagerte, Annchen Amsees helles
-Stimmchen hinein: »Gib dem Herrn was aus deiner Tüte, Heine Peterle,
-der ärgert sich nur, weil er keine hat.«
-
-Hunderte von Augen richteten sich auf den Platz, wo die Kinder saßen,
-und alle diese vielen, vielen Augen sahen, wie Heine Peterle über die
-Köpfe seiner Gefährten hinweg seine Tüte dem brummigen Herrn darbot.
-
-»Es sind furchtbare Kinder,« dachte der. All die lachenden Blicke waren
-ihm äußerst fatal, und in seiner Verlegenheit griff er wirklich in
-die Tüte, und weil er sich schämte, lächelte er dazu ganz freundlich,
-und Heine Peterle lächelte wieder und sagte in hörbarem Flüsterton zu
-Schulzens Jakob: »Jetzt sieht er nicht mehr so böse aus!«
-
-»In der nächsten Pause geh' ich,« dachte der brummige Herr wütend.
-»Für diese Nachbarschaft danke ich.« Aber dann kam die Pause, und kaum
-hatte sie begonnen, da wandte sich Heine Peterle wieder um, streckte
-ihm nochmals seine Tüte hin und fragte treuherzig: »Gelt, das ist
-fein?« Und auf einmal lächelten ihm alle Buben und Mädel freundlich
-und ermunternd zu. Da vergaß er das Weggehen und blieb; er vergaß
-aber auch das Brummen, denn der Jubel der Oberheudorfer erklang immer
-von neuem so laut, so selig froh, daß sich darüber die griesgrämigsten
-Mienen aufhellten.
-
-Was gab es aber auch nur für wunderbare Dinge in diesem Zirkus!
-
-Vier feuerrote Clowns brachten vier rosenrote Schweinchen an, und die
-machten allerlei Kunststücke. Sie sprangen und marschierten auf Befehl,
-wie es noch nie in Oberheudorf ein Schwein getan hatte.
-
-»Warum machen sie's nur bei uns nicht?« tuschelten die Kinder einander
-zu. Ein paar Augenblicke später hatten sie diese Frage schon wieder
-vergessen, denn lauter schöne Fräuleins schwebten in die Bahn. Auf
-einem Wagen wurde eine Prinzessin hereingefahren, und nun gab es einen
-wundervollen Tanz. Als er zu Ende war, war auch die Vorstellung zu
-Ende, und der Professor mahnte zur Heimkehr.
-
-»Schon aus?« »Ach, ich wollte, ich könnte bis morgen bleiben,« erklang
-es. Draußen auf der Straße aber rief der dicke Friede laut: »Ich werd'n
-Kasperle.«
-
-»Ich so einer, der mit den Pferden springt,« schrie Anton Friedlich,
-und das wollten noch etliche andere ebenfalls. Die Mädel wollten so
-wunderschöne Tänzerinnen werden. Annchen Amsee quiekte: »Ich so eine
-mit Flügeln,« und Schulzens Jakob, ein dicker, purzeliger Bube sagte
-bestimmt: »Ich werd' auch so'ne Dame!« Nur Heine Peterle blieb dabei:
-»Ich lern 's Fiedeln.« Alle waren sich aber darüber einig, einstmals
-zum Zirkus zu gehen, und Friede Hopserling riet ihnen: »Bleibt doch
-gleich da!«
-
-Das wollten sie nun doch nicht, nur der dicke Friede schwankte ein
-wenig, dann kletterte er aber doch noch fix mit auf den Wagen.
-Vorläufig erschien ihm das Elternhaus noch verlockender. Freilich, der
-Abschied von Feldburg wurde ihnen allen an diesem Abend bitter schwer,
-und sie alle stimmten laut und sehnsüchtig in des Füchsleins Ruf ein:
-»Ach, lägen doch Feldburg und Oberheudorf nur etwas näher zusammen!«
-
-Beim Abschied hielt Muhme Lenelies Herrn von Spiegels Hand fest in
-ihrer arbeitsharten. Sie wollte ihm danken für alles, was er an ihrem
-Friede getan hatte und noch tun wollte, aber sie vermochte nur ein paar
-Worte zu reden. Doch der alte Herr klopfte und streichelte die Muhme
-herzlich und sagte: »So Gott will, sehen wir uns noch oft, ehe unser
-Friede ein Mann geworden ist.«
-
-»Und Gott geb's, daß er ein rechter Mann wird,« flüsterte die alte
-Frau. »So einer wie sein Pflegevater,« fügte sie ganz leise hinzu.
-
-Der Professor aber hatte es doch gehört. Er sah der alten Frau in die
-guten Augen und sagte fest: »So einer, der seiner Pflegemutter Ehre
-macht.«
-
-Von den andern hatte niemand auf das Zwiegespräch geachtet. Die
-schwatzten, lachten und lärmten, bis Friede Hopserling »hüh hott«
-rief und die beiden Wagen davonrollten. Bis Wiesental etwa ging's
-noch laut in den Wagen zu, dann wurde es still und stiller. Ein Kind
-nach dem anderen schlief ein; zuletzt wachten außer den Kutschern nur
-noch Muhme Lenelies und Friede. Die sahen beide, wie der Mond groß
-und rot über den Bergen emporstieg. Dann sahen sie, wie sein Licht
-in den Wald eindrang, sie hörten das Rauschen der Bäume und hin und
-wieder den verschlafenen Schrei eines Vogels. Manchmal kletterte auch
-Friede Hopserling vom Wagen herunter und schaute nach, ob noch alle da
-waren, ob nicht eins im Begriff war hinauszufallen. »Die bringen alles
-fertig,« dachte er und stopfte kräftig ein vorwitziges Bubenbein in den
-Wagen zurück. Reden tat er nicht dabei, und auch der Schulzenknecht,
-der den andern Wagen führte, störte die Muhme und ihren Pflegesohn
-nicht im traulichen Zwiegespräch.
-
-»Möchtest du auch zum Zirkus gehen?« fragte Muhme Lenelies den Buben
-lächelnd.
-
-»Nein!« Der schüttelte den blonden Kopf und schmiegte sich fest an die
-treue alte Freundin an. »Muhme Lenelies, weißt du, weit in die Welt
-hinein reisen möchte ich einmal wie der Herr Professor. Griechenland
-möchte ich sehen und viele, viele fremde Länder und viel, viel lernen
-und -- --.« Traumfriede wollte noch viel; große Taten wollte er
-vollbringen, Schönes, Gutes tun, alles wollte er. Nur die alte Muhme
-und der Heimatwald hörten, was er alles wollte, sann und dachte.
-Knabenträume waren es, aber Muhme Lenelies dachte bei diesen Träumen
-doch: »Vielleicht wird mein Friede noch einmal einer, dessen Name einst
-die Welt mit Stolz und Freude nennt. Warum soll in einem kleinen Dorf
-wie Oberheudorf nicht auch ein großer Mann geboren werden, ja warum
-nicht?«
-
-[Illustration]
-
-
-
-
- * * * * * *
-
-
-
-
-Weitere Anmerkungen zur Transkription
-
- Offensichtlich fehlerhafte Zeichensetzung wurde stillschweigend
- korrigiert.
-
- Korrekturen (das korrigierte Wort ist in {} eingeschlossen):
-
- S. 44: Nachbargarten im Scan unlesbar
- starrte in den {Nachbargarten} hinunter und dachte
-
- S. 90: emfing → empfing
- denn der Professor {empfing} die Kinder so freundlich
-
- S. 164: leuchete → leuchtete
- In Friedes Augen {leuchtete} es auf
-
- S. 166: im → ihm
- die große Wurst sauste {ihm} plötzlich an den Magen
-
- S. 237: ihn → ihm
- bis {ihm} der Stallmeister ein »Halt« zurief
-
- S. 242: Hosperling → Hopserling
- und Friede {Hopserling} riet ihnen
-
-
-
-***END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK DIE OBERHEUDORFER IN DER STADT***
-
-
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-
-
-This and all associated files of various formats will be found in:
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-
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-<title>The Project Gutenberg eBook of Die Oberheudorfer in der Stadt, by Josephine Siebe</title>
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-<h1>The Project Gutenberg eBook, Die Oberheudorfer in der Stadt, by Josephine
-Siebe, Illustrated by Karl Schmauk</h1>
-<p>This eBook is for the use of anyone anywhere in the United States
-and most other parts of the world at no cost and with almost no
-restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it
-under the terms of the Project Gutenberg License included with this
-eBook or online at <a
-href="http://www.gutenberg.org">www.gutenberg.org</a>. If you are not
-located in the United States, you'll have to check the laws of the
-country where you are located before using this ebook.</p>
-<p>Title: Die Oberheudorfer in der Stadt</p>
-<p> Allerlei heitere Geschichten von den Oberheudorfer Buben und Mädeln</p>
-<p>Author: Josephine Siebe</p>
-<p>Release Date: October 5, 2015 [eBook #50136]</p>
-<p>Language: German</p>
-<p>Character set encoding: UTF-8</p>
-<p>***START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK DIE OBERHEUDORFER IN DER STADT***</p>
-<p>&nbsp;</p>
-<h3>E-text prepared by Norbert H. Langkau<br />
- and the Online Distributed Proofreading Team<br />
- (http://www.pgdp.net)</h3>
-<p>&nbsp;</p>
-<div class="transnote">
-<p class="h2">Anmerkungen zur Transkription</p>
-
-<p>Im Original gesperrter Text ist <em class="gesperrt">so ausgezeichnet</em>.</p>
-
-<p>Weitere Anmerkungen zur Transkription finden sich am
-<a href="#tnextra">Ende des Buches.</a></p>
-</div>
-<p>&nbsp;</p>
-<hr class="pg" />
-<p>&nbsp;</p>
-<p>&nbsp;</p>
-<p>&nbsp;</p>
-
-<div class="figcenter">
-<img src="images/illu-a2.png" alt="Die Oberheudorfer in der Stadt" />
-</div>
-
-<hr class="chap" />
-
-<h1>
-Die Oberheudorfer<br />
-in der Stadt</h1>
-<div class="figcenter">
-<img src="images/illu-a4.png" alt="" />
-</div>
-<p class="center">
-Allerlei heitere Geschichten<br />
-von den Oberheudorfer Buben und Mädeln</p>
-<p class="center">
-von<br />
-<span class="larger">Josephine Siebe</span></p>
-<hr class="r5" />
-<p class="center">
-Mit vier farbigen Vollbildern und zahlreichen Textillustrationen<br />
-von <em class="gesperrt">Karl Schmauk</em></p>
-<div class="figcenter">
-<img src="images/signet.png" alt="" />
-</div>
-<p class="center p2">
-<b>Stuttgart</b><br />
-<em class="gesperrt">Verlag von Levy &amp; Müller</em>
-</p>
-<hr class="chap" />
-
-<p class="center">
-Nachdruck verboten.<br />
-Alle Rechte, insbesondere das Übersetzungsrecht, vorbehalten.</p>
-<hr class="r5" />
-<p class="center">
-Druck vom Chr. Verlagshaus in Stuttgart.<br />
-</p>
-
-<hr class="chap" />
-
-<div class="chapter"></div>
-
-<div class="dbbox">
-<h2 id="Inhalt">Inhalt.</h2>
-<hr class="full" />
-
-<table summary="Inhalt">
-<tr>
-<td></td><td class="tdr">Seite</td>
-</tr>
-<tr>
-<td>Auf dem Johannesplan</td><td class="tdr"><a href="#Auf_dem_Johannesplan">1</a></td>
-</tr>
-<tr>
-<td>Traumfriedes Abschied</td><td class="tdr"><a href="#Traumfriedes_Abschied">10</a></td>
-</tr>
-<tr>
-<td>Die Grünmützen von Feldburg</td><td class="tdr"><a href="#Die_Gruenmuetzen">25</a></td>
-</tr>
-<tr>
-<td>Ein böser Tag</td><td class="tdr"><a href="#Ein_boeser_Tag">38</a></td>
-</tr>
-<tr>
-<td>Heine Peterles Brief</td><td class="tdr"><a href="#Heine_Peterles_Brief">58</a></td>
-</tr>
-<tr>
-<td>Eine Stadtfahrt</td><td class="tdr"><a href="#Eine_Stadtfahrt">71</a></td>
-</tr>
-<tr>
-<td>Verkehrte Gedanken</td><td class="tdr"><a href="#Verkehrte_Gedanken">110</a></td>
-</tr>
-<tr>
-<td>Das Abenteuer im Schloß</td><td class="tdr"><a href="#Das_Abenteuer_im_Schloss">126</a></td>
-</tr>
-<tr>
-<td>Der kleine Teufel hilft Fräulein
-Wunderlich über die Dornenhecke</td><td class="tdr"><a href="#Der_kleine_Teufel">147</a></td>
-</tr>
-<tr>
-<td>Allerlei Geschenke, und was aus ihnen wird</td><td class="tdr"><a href="#Allerlei_Geschenke">163</a></td>
-</tr>
-<tr>
-<td>Die Denkmalsbuben von Schwipperlingen</td><td class="tdr"><a href="#Die_Denkmalsbuben">178</a></td>
-</tr>
-<tr>
-<td>Sommerferienlust</td><td class="tdr"><a href="#Sommerferienlust">203</a></td>
-</tr>
-<tr>
-<td>Im Zirkus</td><td class="tdr"><a href="#Im_Zirkus">225</a></td>
-</tr>
-</table>
-
-<div class="figcenter">
-<img src="images/illu-a6.png" alt="" />
-</div>
-</div>
-<hr class="chap" />
-
-<div class="chapter">
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_p001">1</a></span></p>
-
-<h2 id="Auf_dem_Johannesplan">
-<img src="images/illu-001.png" alt="" /><br />
-Auf dem Johannesplan.</h2>
-</div>
-
-<p class="drop">Auf den Stufen, die zu der altersgrauen
-Stadtkirche von Feldburg emporführten,
-saßen drei Kinder: zwei Buben und ein Mädel. Es
-war just um die Zeit, da es die Blumen schrecklich langweilig
-finden, immer warm und wohlbehütet im braunen
-Erdbettchen zu liegen, und lieber hinaus wollen, um die
-Sonne zu sehen und den blauen Himmel. Auch die
-drei Kinder ließen sich die Frühlingssonne behaglich auf
-die Nasen scheinen. Mit untergeschlagenen Armen und
-weit vorgestreckten Füßen saßen die drei da und schauten
-unverwandt nach einem kleinen Haus hinüber, das
-in einem Winkel lag. An dem Haus war eigentlich
-nicht viel zu sehen. Es war das unscheinbarste und
-kleinste am Johannesplan &ndash; so wurde der Kirchplatz genannt.
-Ein bissel schüchtern und schief stand es in
-seinem Eckchen, zwei vornehme Nachbarn zur Seite.<span class="pagenum"><a id="Seite_p002">2</a></span>
-Links wurde es von dem Schulhof des Gymnasiums
-begrenzt, zur rechten Seite stand ein prächtiges, altertümliches
-Haus. Recht vornehm, ja beinahe hochmütig
-sah das aus; seine Fenster waren fest verschlossen und
-verhüllt, und über dem breiten Tor trug es ein großes
-steinernes Wappen.</p>
-
-<p>»Es ist noch immer zu,« sagte das eine Mädel
-und warf einen flüchtigen Blick auf die verhängten
-Fenster des großen Hauses. Die Kleine seufzte, und da
-keiner der Buben etwas sagte, begann sie wieder: »Ich
-möchte nur wissen, wann er kommt!«</p>
-
-<p>»Wer?« fragte der eine Junge kurz, »der Professor
-oder der Junge aus Oberheudorf?«</p>
-
-<p>»Natürlich der Junge!« rief das Mädel, verwundert,
-daß der Gefährte überhaupt fragen konnte.</p>
-
-<p>Der, ein stämmiger, hellblonder Junge, dem eine
-kleine, lustige Himmelfahrtsnase keck im runden Gesicht
-stand, brummte etwas mürrisch: »Du bist ganz verdreht
-mit deinem Oberheudorfer Jungen, Füchslein. Wer
-weiß, was du gehört hast!«</p>
-
-<p>»Ich habe schon recht gehört; Fräulein Wunderlich
-hat es meiner Mutter erzählt, sie bekämen einen Jungen
-aus Oberheudorf in Pension, für den der Graf Dachhausen
-alles bezahle. Freilich, das Warten ist langweilig.«</p>
-
-<p>Die Kleine stand auf und rekelte sich. Sie war ein
-feines, hübsches Ding mit einem Paar rotblonder Zöpfe<span class="pagenum"><a id="Seite_p003">3</a></span>
-und braunen, lachenden Augen. Um der roten Haare
-willen nannten ihr Bruder Ulrich und ihr Freund Jobst
-sie »das Füchslein«; der Neckname kränkte sie aber
-nicht, ja sie war schon so daran gewöhnt, daß sie fast
-erstaunt war, wenn sie einmal jemand mit ihrem Taufnamen
-Marianne ansprach.</p>
-
-<p>»Sei nicht so ungeduldig!« knurrte Ulli und sah
-gelassen weiter nach dem Häuschen hinüber. Einmal
-würde ja dort die Türe aufgehen, und er, Ulrich Sonntag,
-hatte das Warten gelernt. So rasch und flink in Wort
-und Tat das Füchslein war, so langsam und bedächtig
-war ihr Bruder Ulli. Dem spazierte jedes Wort immer
-fein sacht aus dem Munde heraus, und die Schwester
-sagte manchmal ungeduldig: »Du sagst aber auch erst
-zu Mittag guten Morgen, so lange dauert es bei dir!«</p>
-
-<p>»Ist besser, als vor Eifer mit der Nase in die
-Suppenschüssel fallen,« gab dann wohl der Bruder zurück.
-Da lachte die Schwester, und die beiden waren wieder
-die allerbesten Freunde; langes Bösesein kannten sie nicht.</p>
-
-<p>»Jetzt wird die Türe aufgemacht,« schrie Marianne
-Sonntag plötzlich. »Vater Wunderlich ist's, der sagt
-uns, ob der Junge wirklich kommt.« Sie schnellte auf
-und raste über den Platz nach dem kleinen Haus hinüber,
-aus dem jetzt ein alter Herr trat. Jobst rannte
-der Freundin nach, Ulrich aber blieb sitzen, er dachte
-gelassen: »Sie werden schon herüber kommen.«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_p004">4</a></span></p>
-
-<p>Sie kamen auch wirklich, denn Herr Matthias
-Wunderlich wollte in die Kirche gehen. Das Füchslein
-hing an seinem Arm und schwatzte: »Vater Wunderlich,
-ist das wahr, kommt ein Junge aus Oberheudorf zu dir,
-und ist das der, von dem mein Onkel Doktor sagt, er
-wäre ein kleiner Held, weil er einmal im Winter bei
-Gewitter&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<p>»Aber Füchslein,« rief Jobst lachend, »bei einem
-Schneesturm war es doch.«</p>
-
-<p>»Ach ja, das meine ich doch auch,« sagte Marianne
-verlegen. Sie redete nämlich mitunter wirklich so geschwind,
-daß etwas anderes herauskam, als sie sagen
-wollte.</p>
-
-<p>Der Organist hatte es aber doch verstanden, und
-just am Fuße der Treppe, so daß Ulli die Antwort
-hören konnte, erwiderte er freundlich: »Ich weiß schon,
-was du meinst, Mädel. Ja, das ist der Junge, der
-einmal, um Medizin für seine kranke Pflegemutter zu
-holen, den weiten Weg von Oberheudorf bis hierher
-gelaufen ist; er wäre ja damals beinahe im Schnee
-umgekommen!«</p>
-
-<p>»Und was will er hier, warum kommt er her?«
-rief das Füchslein und hielt den alten Mann fest, der
-gerade den riesigen Schlüssel in das Schloß der Kirchtüre
-stecken wollte.</p>
-
-<p>»Lernen soll er hier, auf das Gymnasium gehen.«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_p005">5</a></span></p>
-
-<div class="figcenter">
-<img src="images/illu-005.png" alt="" />
-</div>
-
-<p>»Ein Junge aus 'nem Dorf auf das Gymnasium?«
-schrie Jobst und sah so hochmütig drein, als wäre
-Gymnasiastsein die höchste Würde.</p>
-
-<p>»Warum nicht, wenn er gut lernt?« Vater Wunderlich<span class="pagenum"><a id="Seite_p006">6</a></span>
-schaute Jobst von Hellfeld mit seinen klaren, guten
-Augen ernst an. »Dieser Friede, der zu mir kommt,
-ist ein armer Waisenjunge, und wenn man den auf das
-Gymnasium schickt, muß er doch schon ein besonders
-fleißiger Bube sein!«</p>
-
-<p>»Ich bin schrecklich neugierig auf ihn,« versicherte
-das Füchslein eifrig, »o so neugierig! Wann kommt
-er denn, und wie heißt er weiter, und warum kommt er
-gerade zu dir, Vater Wunderlich, und wie sieht er aus?«</p>
-
-<p>»Wie er aussieht, wirst du ja sehen. Zu mir kommt
-er, weil der Lehrer in Oberheudorf mich kennt; der bat
-mich auch, den Jungen wenigstens auf ein halbes Jahr
-zu nehmen, bis er sich etwas an die Stadt gewöhnt hat.«</p>
-
-<p>»Wenn &ndash; &ndash; wenn &ndash; &ndash; er sich aber draußen
-nicht die Schuhe abstreicht?« fragte Füchslein ganz
-ängstlich.</p>
-
-<p>Fräulein Wunderlich war nämlich als sehr ordnungsliebend
-bekannt, und fast jedes Kind, das in das Haus
-kam, hatte schon tüchtige Schelte bekommen wegen unsauberer
-Schuhe, nasser Regenschirme und dergleichen.
-Einen Schmutztaps auf den weißgescheuerten Treppen
-konnte das Fräulein nicht vertragen. Und dabei kamen
-viele Kinder in das Haus, denn der Organist Wunderlich
-war ein sehr gesuchter Musiklehrer.</p>
-
-<p>»Dann wird sie wohl schelten,« sagte der alte Mann
-und seufzte ein klein wenig bei des Füchsleins ängstlicher<span class="pagenum"><a id="Seite_p007">7</a></span>
-Frage. »Aber nun laß mich los, Kind, ich muß in
-die Kirche gehen, meine Orgel verlangt nach mir.«</p>
-
-<p>»Ach bitte, bitte,« flehte Marianne und hielt den
-Organisten ganz fest, »sage mir noch, liebster, bester
-Vater Wunderlich, wird wirklich über die Oberheudorfer
-Kinder ein Buch geschrieben?«</p>
-
-<p>Der alte Herr lachte: »Ja, man sagt so, Kind.
-Die Oberheudorfer meinen, ihre Kinder machten so viele
-dumme und lustige Streiche, daß man gleich ein paar
-Bücher davon schreiben könnte. Und wahr ist's ja: wie
-mein künftiger Pflegesohn zu seiner Pflegemutter gekommen
-ist, und daß man ihn hierher schickt auf das
-Gymnasium, das sind lauter lustige und auch ein bißchen
-ernsthafte Geschichten.«</p>
-
-<p>»Ach, ich verhungere schon vor Neugier auf den
-Jungen,« rief das Füchslein, »wäre er doch erst da!«</p>
-
-<p>»Abwarten und Tee trinken, sagte meine Mutter
-schon.« Vater Wunderlich hatte nun wirklich die Kirchentüre
-aufgeschlossen. Er befreite sich von Mariannes
-Händchen, nickte den Kindern freundlich zu und trat in
-die Kirche. Sonst schlüpften die drei ihm gerne nach
-und lauschten still auf einer Bank den schönen Klängen
-der Orgel; heute waren sie, besonders das Füchslein,
-zu ungeduldig. »Ich muß essen,« sagte das Mädel
-seufzend; »wenn ich warten muß, fährt's mir allemal
-in den Magen.«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_p008">8</a></span></p>
-
-<p>Die Buben waren damit einverstanden, ihr Vesperbrot
-zu verzehren. Hunger hatten sie immer, und ob
-der von der Neugierde oder von der Ungeduld kam, war
-ihnen gleichgültig, Hunger ist Hunger.</p>
-
-<p>Während alle drei schmausten, redete das Füchslein
-wieder von dem Oberheudorfer Jungen. In dem Hause
-der Sonntags &ndash; es war ein altes, wohlhabendes Kaufmannshaus
-&ndash; diente ein Mädchen, das aus Berenbach
-bei Oberheudorf stammte. Diese Katerliese &ndash; sie hieß
-Katharina Luise und wurde von den Kindern einfach
-Katerliese genannt &ndash; hatte viel von dem freundlichen
-Dorf erzählt, von den Bergen, Wäldern und Tälern
-der Heimat; ihrer Meinung nach gab es nichts Schöneres
-auf der Welt als Berenbach und Oberheudorf. Sie
-pflegte zu sagen: »Die Oberheudorfer sind was Besonderes;
-was wo anders eine Dummheit ist, wird bei
-ihnen eine lustige Geschichte.«</p>
-
-<p>»Katerliese sagt,« begann Marianne gerade wieder
-zwischen Kauen und Schlucken, »in Oberheudorf&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<p>»Nun sei schon damit still,« schrie Jobst von Hellfeld
-plötzlich, »du redest immer nur von Oberheudorf,
-und wie es meinen Kaninchen geht, danach fragst du nicht.«</p>
-
-<p>Das Füchslein lachte, schlang den Arm um den
-Freund und sagte neckend: »Tu doch nicht so, bist ja
-auch neugierig; aber erzähl', ist der neue Stall schon
-fertig?«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_p009">9</a></span></p>
-
-<p>Während die Kinder draußen auf der Kirchentreppe
-im Sonnenschein saßen und von den Kaninchen, Ullis
-Schildkröten, Oberheudorf und der Schule, die am Mittwoch
-beginnen sollte, plauderten, saß drinnen Herr
-Wunderlich an seiner Orgel und spielte leise; nur mit
-halben Gedanken war er beim Spiel. Dem freundlichen
-alten Manne war das Herz ein bißchen schwer. Als
-sein Verwandter, der Lehrer von Oberheudorf, ihn gefragt,
-ob er wohl für einige Zeit einen Buben in sein
-Haus aufnehmen wollte, hatte er gleich zugesagt. Was
-er von diesem Friede hörte, gefiel ihm sehr; er dachte,
-der würde ein recht guter, kleiner Hausgenosse sein.
-Ein braver, fleißiger Junge sollte dieser Friede sein, ein
-armes Waisenkind, dem sie im Dorf alle herzlich die
-Freistelle am Gymnasium in Feldburg gönnten, ihm
-und seiner braven Pflegemutter. So gern Herr Wunderlich
-ja gesagt hatte, so ungern tat es nachher seine
-Schwester; die seufzte von früh bis abends: »Der Junge
-wird uns eine rechte Last sein.«</p>
-
-<p>Hörte sie jetzt von einer Bubendummheit, dann
-sagte sie gewiß: »So was wird der Friede auch anstellen!«
-Kamen mit Lärm und Geschrei die Gymnasiasten
-über den Johannesplan, dann seufzte sie: »Bald
-wird in unserem Haus auch solcher Lärm sein!«</p>
-
-<p>Das Fräulein war eigentlich nicht böse, nur sehr
-heftig und leicht erzürnt, auch wollte sie immer recht<span class="pagenum"><a id="Seite_p010">10</a></span>
-behalten. Weil sie nun von Anfang an gesagt hatte,
-ein Bube passe nicht in ihr stilles Haus, darum sagte
-sie das jetzt täglich, früh, mittags und abends. »Hoffentlich
-geht es gut aus,« seufzte Herr Wunderlich an seiner
-Orgel. »Ich wollte beinahe, der Junge bliebe in Oberheudorf.«</p>
-
-<hr class="chap" />
-
-<div class="chapter">
-<h2 id="Traumfriedes_Abschied">
-<img src="images/illu-chapter.png" alt="" /><br />
-Traumfriedes Abschied.</h2>
-</div>
-
-<p class="drop">Just um die gleiche Zeit, da die drei Kinder auf der
-Kirchentreppe von Feldburg von dem Oberheudorfer
-Jungen sprachen, der zu Vater Wunderlich kommen
-sollte, ging dieser Bube in seinem Heimatort von
-Haus zu Haus, um Abschied zu nehmen. Traumfriede
-nannte man den schlanken, blonden Jungen im kleinen
-Dorf zum Unterschied von ein paar gleichnamigen Genossen,
-dem dicken Friede und dem blauen Friede. An
-diesem Tage war der Traumfriede aber gar kein Träumer,
-er war vielmehr ganz wach und munter und sah
-jeden Menschen, jedes Haus, jeden Baum und Strauch
-an, als müßte er sich die Abbilder davon fest, fest in
-sein Herz einprägen. Zum Träumen ließen ihm aber
-auch seine Freunde und Freundinnen keine Zeit; ein
-ganzer Trupp lief mit ihm, und mitunter tat sich da<span class="pagenum"><a id="Seite_p011">11</a></span>
-und dort ein Fenster auf, und jemand sagte brummend:
-»Nä, die Kinder sind heute aber auch zu toll, sie tun
-ja gerade, als wäre Jahrmarkt, so einen Lärm machen sie.«</p>
-
-<div class="figcenter">
-<img src="images/illu-012.jpg" alt="" />
-<div class="caption">Traumfriedes Abschied.</div>
-</div>
-
-<p>Die Kinder von Oberheudorf scherten sich kein
-bißchen um die ärgerlichen Zurufe und Verbote; sie
-meinten heute ein Recht zu haben, sehr laut zu sein.
-Es war doch keine Kleinigkeit, wenn auf einmal ein
-Dorfbube, dazu noch ein armer Waisenjunge, plötzlich
-in die Stadt ziehen sollte, um dort ein Gymnasiast zu
-werden. Schon das Wort klang so feierlich. Die meisten
-Kinder konnten es gar nicht richtig aussprechen, und
-Anton Friedlich hatte es flugs umgeändert und sagte:
-»Kimm na'm Ast.« Und merkwürdigerweise merkten
-sich diesen Namen alle Buben und Mädel ausgezeichnet.
-Also ein »Kimm na'm Ast« sollte Traumfriede
-werden und später ein Student, &ndash; und da sollen seine
-Kameraden nicht schreien und laut schwatzen am letzten
-Tag? Na, das wäre doch wirklich etwas viel verlangt
-gewesen! Es gab auch vor jedem Haus einen kleinen
-Aufstand. Während der Bube hineinging und Abschied
-nahm, redeten die Kinder laut von der Stadt, und ob
-Traumfriede drinnen im Bauernhaus wohl etwas geschenkt
-bekommen würde. Denn fürs Schenken &ndash; sie
-mußten aber die Beschenkten sein &ndash; waren die Oberheudorfer
-Kinder alle sehr eingenommen.</p>
-
-<p>Sie standen alle zusammen, die ungefähr in Friedes<span class="pagenum"><a id="Seite_p012">12</a></span>
-Alter waren. Schulzens Jakob, seine Schwester Röse,
-Annchen Amsee, Anton Friedlich, Schnipfelbauers Fritz
-und Krämers Trude. Natürlich fehlten weder der dicke
-noch der blaue Friede, die beiden mußten doch ihren
-Namensvetter begleiten. Und Heine Peterle war auch
-da, der erst recht. Mit einem so wütenden Gesicht
-ging der einher, als hätte er einen Krug voll Essig
-getrunken. »Nä, in die Stadt,« murrte er immerzu,
-»zu dumm, da ging ich nich rein!« Er versicherte dabei
-aber doch dem Traumfriede, er würde ihn besuchen,
-ganz gewiß.</p>
-
-<p>Heine Peterle dachte noch immer voll Entsetzen an
-den einzigen Tag zurück, den er einmal in der Stadt
-verlebt hatte. Zu dumm waren doch die Leute in der
-Stadt und gleich immer so grob! Nein, da war es doch
-in Oberheudorf viel, viel schöner, und ordentlich mitleidig
-schaute er den Traumfriede an, der gerade wieder
-aus einem Hause kam. Der Friede fühlte sich aber
-just gar nicht bemitleidenswert, sondern meinte, ihm
-gehe es recht gut auf der Welt. Überall bekam er
-freundliche Worte zu hören, wohl auch eine kleine Abschiedsgabe,
-und jeder sagte: »Aber gelt, wenn du heimkommst,
-siehst du bei mir ein, na, und vielleicht besuchen
-wir dich mal in der Stadt.«</p>
-
-<p>Ihn in der Stadt zu besuchen versprachen ihm auch
-alle seine Freunde und Freundinnen einmütig, Schulzens<span class="pagenum"><a id="Seite_p013">13</a></span>
-Jakob sagte sogar: »Kann sein, ich komme schon nächste
-Woche.«</p>
-
-<p>»Wenn's nämlich der Vater erlaubt,« fuhr seine
-Schwester Röse dazwischen, »der hat aber gesagt, mit
-der dummen Stadtfahrerei wär's nichts.«</p>
-
-<p>»Ha, meiner hat g'sagt, ich därf, wenn ich nur
-mal'n Einser bring',« schrie Anton Friedlich so stolz,
-als trüge er die Einser schockweis in der Hosentasche
-herum.</p>
-
-<p>»Dann wirst du wohl am Nimmermehrstag in die
-Stadt fahren,« kicherte Annchen Amsee, und die andern
-schrieen und lachten: »Du kommst aber fix hin!«</p>
-
-<p>Anton Friedlich war nämlich ein ausgemachter
-Faulpelz, und seine Einser hatten meist recht hübsche
-Querbalken und wurden Vierer genannt. Der Bube
-schrie aber doch ganz patzig: »Pah, werd' schon sehen,
-und vielleicht werd' ich auch noch mal'n Kimm na'm Ast.«</p>
-
-<p>So unter Geschwätz und Geschrei, Necken und
-Lachen hatte Traumfriede seine Abschiedsbesuche gemacht,
-und die Zeit, da die Bäuerinnen die Abendsuppe
-auftischten, war gekommen. Friede nahm am Dorfbrunnen
-Abschied von seinen Gefährten; ein wenig kurz
-und eilig ging es dabei zu, denn Friede war das Herz
-schwer, und er konnte nicht viel sagen. Die andern aber
-hatten sich alle vorgenommen, morgen vor Tau und
-Tag aufzustehen und dem Freund noch einmal Lebewohl<span class="pagenum"><a id="Seite_p014">14</a></span>
-zu sagen. Kaspar auf dem Berge, der Wirt zur
-himmelblauen Ente, wollte am nächsten Morgen um
-vier Uhr die Stadtfahrt antreten und Friede mitnehmen
-samt seinem recht bescheidenen Köfferlein.</p>
-
-<p>Als Traumfriede sich dem Häuslein der Muhme
-Lenelies, seiner Pflegemutter, näherte, sah er am Zaun
-dort Waldbauers Mariandel stehen. Das Mädel war
-vorangelaufen, um mit seinem guten Kameraden noch
-ein Weilchen zu schwatzen, und eifrig kam es ihm entgegen
-und erzählte, die Muhme habe Besuch, und mit
-dem Abendbrot sei es noch nicht so weit. Da liefen
-die Kinder den kleinen Nußberg hinauf, der über dem
-windschiefen Häuslein der Muhme anstieg, und oben
-setzten sie sich unter einen Haselbusch, der erst winzige,
-feine Blättchen hatte, und sprachen von Friedes künftigem
-Leben.</p>
-
-<p>»Und Pfingsten kommst du wieder in die Ferien
-heim,« sagte Mariandel, froh, daß Pfingsten so bald
-schon auf Ostern folgen sollte.</p>
-
-<p>Doch Friede schüttelte den Kopf: »Muhme Lenelies
-hat gesagt, so bald heimkommen gibt kein Geschick;
-vor den Sommerferien wird's nichts.«</p>
-
-<p>»Oh,« schrie Mariandel entsetzt, »meine Mutter
-meint, du würdest wohl oft auf Sonntag kommen.«</p>
-
-<p>»Die Muhme will's nicht, und der Herr Lehrer sagt
-auch, es wäre besser, ich lebte mich erst ordentlich in<span class="pagenum"><a id="Seite_p015">15</a></span>
-der Stadt ein, nur &ndash; &ndash; nur &ndash; &ndash; wenn ich's mal
-gar nicht aushalten könnte vor Heimweh, dann dürfte
-ich kommen, aber das tue ich nicht &ndash; &ndash; weil's doch
-feig wär.«</p>
-
-<div class="figcenter">
-<img src="images/illu-015.png" alt="" />
-</div>
-
-<p>Mariandel schwieg betrübt, und die Kinder saßen
-still beisammen. Da tat sich auf einmal unten die Türe
-auf, und Muhme Lenelies trat heraus mit ihrem Gast:
-der Schulze war es selbst. Er war gekommen, um mit
-der alten Frau noch allerlei über ihren Pflegesohn zu
-sprechen, und als er jetzt aus dem Hause ging, sagte
-er &ndash; und der Wind trug die Worte zu den Kindern
-auf dem Nußhügel empor &ndash;: »Nun vermahne Sie
-den Buben nur noch ordentlich scharf, Muhme, damit<span class="pagenum"><a id="Seite_p016">16</a></span>
-er unserm Dorf keine Schande macht in der Stadt und
-kein eingebildeter Zierbengel wird oder gar dumme
-Streiche macht. Eine tüchtige Predigt zum Abschied
-ist allemal gut, himmelangst muß es so'nem Bengel
-werden!«</p>
-
-<p>Friede wurde puterrot vor Entrüstung, und dem
-weichherzigen Mariandel kamen gleich die Tränen; es
-flüsterte: »Aber du bist doch brav und hast nichts
-getan!«</p>
-
-<p>»Sei still,« tuschelte Friede, denn Muhme Lenelies
-sprach unten, und in diesem Augenblick kam es dem
-Buben gar nicht in den Sinn, daß er eigentlich lauschte;
-es war ihm plötzlich so schwer und bang ums Herz geworden.
-Würde die Muhme auch denken, daß es nötig
-sei, ihn hart zu vermahnen?</p>
-
-<p>»Von so'ner Predigt halte ich nicht viel. Seht,
-so ein Kinderherz ist wie ein Garten im Frühling, man
-sät und pflanzt hinein und muß dann halt geduldig
-warten, ob alles blühen und reifen will. Man gießt
-immer achtsam, zieht ein Unkräutlein aus, aber viel hilft
-nicht immer viel, und wenn man den Garten überschwemmt,
-geht der Samen erst recht nicht auf. Alles
-mit Maßen, Schulze, und alles zu seiner Zeit. Ich
-habe an meinem Friede getan, was ich konnte, aber
-ihm heute den letzten Abend noch mit ellenlangen Ermahnungen
-verderben, das will ich lieber lassen; vergißt<span class="pagenum"><a id="Seite_p017">17</a></span>
-er mich und meine Worte, dann vergißt er auch
-die lange Predigt.«</p>
-
-<p>»Muhme Lenelies,« schrie Friede plötzlich oben
-unterm Nußstrauch und raste den Abhang hinab, »ich
-vergeß dich nicht, ich vergeß dich nie, und ich werde dir
-gewiß keine Schande machen.« Da hing er schon am
-Hals der alten Frau, und alles Abschiedsleid, das er
-bisher tapfer unterdrückt hatte, brach hervor; er weinte
-bitterlich und vergaß ganz, daß Buben immer meinen,
-ein paar Tränen zur rechten Stunde wären eine Schande.</p>
-
-<p>Über den Kopf des weinenden Jungen hinweg,
-den sie sacht streichelte, sah die Muhme mit ihren klugen,
-freundlichen Augen still den Schulzen an. Der nickte,
-schüttelte den Kopf und sagte endlich: »Weiß der Himmel,
-nä, Ihr seid doch ein ausnehmend kluges Weibsbild,
-Muhme. Hm, ja, na lebt wohl! Gib mir die Hand,
-Friede, und heule nicht, und das sage ich dir, wenn du
-mal vergißt, was du der Muhme verdankst, dann schlag'
-ich dir alle Knochen entzwei.«</p>
-
-<p>Damit ging der Schulze seinem Hause zu, und
-Friede hatte nun doch seine Abschiedspredigt erhalten.
-Sie kränkte ihn aber nicht und trübte nicht den stillen
-Frieden dieses letzten Abends. Die Muhme und ihr
-Pflegesohn sprachen fröhlich von den Tagen, die kommen
-sollten, und von denen, die vergangen waren. Waldbauers
-Mariandel hatte dableiben dürfen, und auf ihr<span class="pagenum"><a id="Seite_p018">18</a></span>
-Flehen erzählte Muhme Lenelies selbst die Geschichte,
-wie Friede einmal durch den Schornstein in ihren Suppentopf
-gefallen war. »Da biste mir gleich ins Herz gefallen,
-mein Junge,« schloß die alte Frau ihre Erzählung.
-»So, und nun bring das Mariandel heim, und dann
-gehst du zu Bett; morgen um vier fährt Kaspar auf
-dem Berge schon los, da heißt es früh aufstehen.«</p>
-
-<p>Ich werde sicher nicht schlafen, dachte Friede, als
-er zu Bett ging. Dann schlief er aber doch wie ein
-Murmeltier und mußte sich erst besinnen, was eigentlich
-für ein Tag sei, als die Muhme ihn weckte. Er war
-sogar noch ein bißchen verschlafen, als er im grauen
-Morgendämmern &ndash; denn die Sonne war noch gar
-nicht aufgegangen &ndash; mit Muhme Lenelies vor der
-himmelblauen Ente anlangte. Dort schirrte gerade der
-Knecht die Pferde an, und eben trat auch der Wirt
-aus dem Haus und rief freundlich: »Na, da ist ja unser
-Städter! Nun man aufgesessen, eins, zwei, drei, und
-keinen langen Abschied.«</p>
-
-<p>Dafür war Muhme Lenelies auch nicht, sie umarmte
-noch einmal ihren Pflegesohn und sagte schlicht:
-»Zieh mit Gott,« und dann rollte der Wagen die Dorfstraße
-entlang. Die Muhme aber drehte sich um und
-kehrte rasch in ihr Häuschen zurück; es brauchte keiner
-zu sehen, wie bitterschwer ihr doch der Abschied wurde.</p>
-
-<p>Friede war es zumute, als träume er, als er so<span class="pagenum"><a id="Seite_p019">19</a></span>
-in der Frühmorgenstille durch das Dorf fuhr. Mal
-bellte ein Hund auf, da und dort krähte ein Hahn, und
-aus den Ställen klang das Gebrüll der Kühe, die gerade
-ihr erstes Frühstück bekamen. Hans Rumpf, der
-Nachtwächter, kam just verschlafen, noch ein paar Strohhalme
-am Rock, aus einer Scheune heraus; er war
-von dem Wagenrollen aufgewacht, worüber er eigentlich
-etwas ärgerlich war. Er hatte nun mal die Meinung,
-ein armer, geplagter Nachtwächter brauche vor allem
-einen ruhigen Nachtschlaf. Als Hans Rumpf aber
-sah, daß es Traumfriede war, der davonfuhr, rief er
-ihm freundlich zu: »Gute Reise, Musjeh Kimmnaschiaste,
-und halt dich brav in der Stadt, sonst kommt's gleich
-in der ganzen Welt rum, daß die Oberheudorfer nichts
-taugen.«</p>
-
-<p>»Na, er wird schon,« brummte Kaspar auf dem
-Berge. »Aber sag mal, Nachtwächter, wo sind denn
-die Kinder? Is doch zu kurios, daß auch nicht eine
-Bubennase zu sehen ist, nä, so was!«</p>
-
-<p>Hans Rumpf drehte sich eilig rundum, er sah
-rechts und links, sah in die Luft, auf die Erde, legte
-den Finger an die Nase und sagte endlich bedächtig:
-»Die haben's alle verschlafen!«</p>
-
-<p>Der Wirt lachte. »Dank schön für die Auskunft,
-die is mächtig klug. Hüh hott, wir woll'n bißchen
-rascher fahren!«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_p020">20</a></span></p>
-
-<p>Die Pferde trabten davon, und der Nachtwächter
-sah dem Wagen stolz nach. Ja freilich, er war mächtig
-klug; es ist schon was, herauszukriegen, daß es die
-Buben und Mädel verschlafen haben, wenn sie nicht
-zur rechten Zeit auf der Dorfstraße sind!</p>
-
-<p>Verschlafen hatten Friedes Freunde und Freundinnen
-das große Ereignis aber doch nicht, sondern sie
-waren alle putzmunter. Ganz leise und heimlich hatten
-sie sich wecken lassen, und ebenso leise und heimlich
-hatten sie sich aus den Häusern geschlichen, denn sie
-hatten sich miteinander eine Überraschung ausgedacht.
-Überraschungen fanden die Oberheudorfer Buben und
-Mädel immer sehr fein, wenn auch leider oft die Erwachsenen
-der Meinung waren, diese oder jene Überraschung
-wäre gar nicht so fein gewesen. Diesmal hatte
-Schulzes Jakob und der dicke Friede es gesagt, man
-müsse Traumfriede noch einen ganz besonders schönen
-Abschied bereiten. Natürlich waren alle Kinder einverstanden
-gewesen und waren sehr heimlich dabei zu
-Werke gegangen. Selbst Schuster Pechdraht, der doch
-sonst die Mäuslein pfeifen und das Gras wachsen
-hörte, hatte nichts gemerkt.</p>
-
-<p>Dem Traumfriede war es eigentlich ganz recht, als
-er niemand sah, von dem er noch einmal Abschied nehmen
-mußte. Ihm kam es doch recht schwer an, daß er nun
-die Heimat verlassen mußte. Den ganzen Winter hatte<span class="pagenum"><a id="Seite_p021">21</a></span>
-er fleißig gelernt beim Herrn Pfarrer und in der
-Schule und immer gedacht, es würde wunderschön sein,
-wenn er erst in der Stadt auf das Gymnasium gehen
-könnte. Nun auf einmal dachte er mit heimlicher Angst
-und Bangigkeit an die fremde Stadt, in der er außer
-dem Doktor, den er einst zu Muhme Lenelies geholt
-hatte, niemand kannte, niemand unter den vielen, vielen
-Menschen. Feldburg war zwar keine große Stadt.
-Wer in Berlin wohnte, sagte wohl: »Ach, so ein Nest!«
-dem Oberheudorfer Buben erschien diese kleine Stadt
-aber doch groß, fremd und ein wenig unheimlich.</p>
-
-<p>Schon war das letzte Haus von Oberheudorf erreicht,
-und Friede drehte sich gerade noch einmal um
-und schaute hinüber nach dem Häuschen der Pflegemutter,
-als ganz jäh aus dem Straßengraben lauter
-dunkle Gestalten aufsprangen. Von rechts und links
-tauchten sie auf, und plötzlich erhob sich ein wildes Geschrei.
-Kaspar auf dem Berge, der noch etwas verschlafen
-war, schrak auf seinem Bock zusammen und
-wußte gar nicht, ob er wachte oder träumte. Aber mehr
-noch als er erschraken seine beiden braunen Pferde;
-denen kam die ganze Sache höchst unheimlich vor, und
-da Ausreißen ihnen in solchen Fällen gut und nützlich
-erschien, rissen sie eben aus.</p>
-
-<p>Heidi ging es wie die wilde Jagd davon. Kaspar
-auf dem Wege schrie laut: »Halt, halt, halt!« und<span class="pagenum"><a id="Seite_p022">22</a></span>
-Friede umklammerte angstvoll seine kleine Reisetasche,
-die seine wenigen Habseligkeiten enthielt.</p>
-
-<p>Es ging bergab in wildem Galopp. Einmal schwankte
-der Wagen nach rechts, einmal nach links; ein Stein
-kam, hopp flog der Wagen hoch, nun kam ein Loch im
-Wege, und plumps fiel Friede mit der Nase vornüber.
-Die Sache wäre vielleicht schlimm ausgegangen, wenn
-der Weg statt bergab zur Abwechslung nicht einmal
-bergauf gelaufen wäre. Da wurde den Pferden das
-Ausreißen zu beschwerlich, und sie blieben einfach stehen
-und ruhten sich etwas aus.</p>
-
-<p>»Potzhundert noch mal, diese Rasselbande!« schalt
-Kaspar auf dem Berge wütend. Er kletterte vom Bock
-und brachte das verwirrte Geschirr in Ordnung; dabei
-sah er Friede ingrimmig an und schrie: »Mit der
-Rasselbande meine ich deine lieben Kameraden, Musjeh!
-Nä, sag mir mal, was haben die vor Tau und Tag im
-Straßengraben zu sitzen und so'n Geschrei zu machen?«</p>
-
-<p>»Ich weiß doch nicht,« stammelte Friede, der noch
-ganz verdattert war, »aber ich glaub' &ndash; &ndash; ich glaub',
-das sollte zum Abschied für mich sein.«</p>
-
-<p>»Wa&ndash;as?« Der Wirt sah den Buben groß an,
-dann brach er in ein dröhnendes Lachen aus. »Is gut,
-is sehr gut, nä wirklich, wenn's auf die Dummheiten
-ankommt, dann stehen unsere Mädel und Buben immer
-an erster Stelle. 'n bißchen geschwind ist das ja nun<span class="pagenum"><a id="Seite_p023">23</a></span>
-man mit dem Abschied gegangen, und ich gäb' was
-drum, wenn ich die dummen Gesichter sehen könnte, mit
-denen sie jetzt im Straßengraben sitzen. Na, nu hüh
-hott, jetzt woll'n wir mal 'n bißchen langsamer nach
-der Stadt fahren.«</p>
-
-<p>Die Oberheudorfer Buben und Mädel saßen inzwischen
-wirklich mit reichlich dummen Gesichtern im
-Straßengraben. Sie hatten sich die Geschichte aber doch so
-wunderschön ausgedacht! Mit Gesang hatten sie Traumfriede
-ein Stück begleiten wollen und hatten gemeint,
-der würde glückselig sein vor Überraschung, wenn sie
-alle aus dem Graben sprängen. Sie hatten sich dazu
-in zwei Hälften geteilt, in die rechten und in die linken
-Straßengräbler; vorher hatten sie es aber leider vergessen,
-sich das Lied zu sagen, das sie singen wollten.
-So fingen die von rechts mit: »Heil dir im Siegerkranz
-&ndash;« an und die von links mit: »Das Wandern
-ist des Müllers Lust.« Das stimmte nicht gut zusammen,
-und weil ein paar Buben, die nicht singen
-konnten, noch hurra dazwischen brüllten, klang der Gesang
-schon etwas wüst, und es war Kaspars Braunen nicht
-übel zu nehmen, daß sie lieber ausrissen, anstatt zuzuhören.</p>
-
-<p>»So'ne albernen Pferde,« brummte Heine Peterle
-wütend. Annchen Amsee und Waldbauers Mariandel
-heulten aber plötzlich laut los: »Friede fällt runter,
-und denn ist er tot, huhuhu!«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_p024">24</a></span></p>
-
-<p>»Huhuhu, huhuhu,« heulten ein paar andere Mädel
-mit. Die Buben schalten, das wäre Unsinn, aber ganz
-wohl war ihnen auch nicht zumute, und zuletzt zogen
-alle zusammen heulend und schreiend in das morgenstille
-Dorf hinein.</p>
-
-<p>Da gab es nun eine Aufregung! Jene, die an
-diesem Morgen noch schliefen, wurden unsanft geweckt,
-und der Ruf: »Kaspar auf dem Berge ist mit seinem
-Wagen verunglückt,« verbreitete sich rasch im Dorf.
-Die Besonnenen meinten freilich, es würde wohl nicht
-so schlimm sein, und der Wirt käme schon mit seinen
-Pferden zurecht, aber sie riefen doch, man müsse ihm
-jemand nachschicken. Der Schulze gab in aller Eile
-seinem Jakob einen Katzenkopf: »Dummer Junge, was
-stellt ihr aber auch immer an!«</p>
-
-<p>Der Schulze und der Schnipfelbauer ritten wirklich
-dem Wirt nach. Ein Viertelstündchen hinter dem
-Dorf aber trafen sie den Waldwärter Leberecht Sperling,
-der ihnen erzählte, Kaspar auf dem Berge sei
-ganz vergnügt an ihm vorbeigefahren. Da kehrten die
-beiden Helfer um, und man freute sich im Dorf, daß
-kein Unglück geschehen war. Weil die Kinder inzwischen
-aber so viele drohende »Nachhers« und »Wartenur«
-gehört hatten, machten sie es nun den Pferden des
-Gastwirts nach und rissen auch aus. Hui! waren sie
-weg, dorthin und dahin gelaufen, bis die Schulglocke<span class="pagenum"><a id="Seite_p025">25</a></span>
-ertönte &ndash; denn in Oberheudorf waren die Osterferien
-kürzer als in der Stadt &ndash;, und Hans Rumpf, der
-Nachtwächter, wieder mal sagen konnte: »Na, endlich
-sind sie wieder untergebracht; so'ne Schule ist doch was
-Gutes, namentlich wenn die Kinder erst drin sind!«</p>
-
-<p>Muhme Lenelies hatte von allem Lärm und Geschrei
-nichts vernommen. Sie saß still in ihrem etwas
-abseits liegenden Häuschen, und ihre guten, sorgenden
-Gedanken gingen ihrem Pflegesohn nach: jetzt war er
-da, jetzt fuhr er durch den Wald, nun wohl den Hohlweg
-entlang, und als ihre Uhr die Stunde anzeigte,
-da vor den Reisenden das Städtchen aufsteigen mußte,
-sagte die alte Frau still und fromm vor sich hin:
-»Gottes Segen mit dir, mein Herzensjunge!«</p>
-
-<hr class="chap" />
-
-<div class="chapter">
-<h2 id="Die_Gruenmuetzen">
-<img src="images/illu-chapter.png" alt="" /><br />
-Die Grünmützen von Feldburg.</h2>
-</div>
-
-<p class="drop">»So, da wär'n wir ja,« sagte Kaspar auf dem Berge,
-als die ersten Stadthäuser vor seinen Blicken
-auftauchten. »Sitz gerade Bub und halt die Nase
-hoch! In der Stadt muß man reputierlich auftreten, sie
-heißen's hier Manieren.«</p>
-
-<p>Er selbst reckte und streckte sich nach dieser Ermahnung,
-schnalzte mit der Peitsche und fuhr sehr stolz<span class="pagenum"><a id="Seite_p026">26</a></span>
-mit seinem mit Säcken, Butter und Eierkästen beladenen
-Wäglein in der Stadt ein. Er wollte es den Leuten
-da schon zeigen, was der Gastwirt aus Oberheudorf für
-ein gewichtiger Mann sei.</p>
-
-<p>Friede schaute sich mit großen Augen um. Da
-war er nun in der Stadt, die er nur einmal im Winterschnee
-gesehen hatte, und in der er jetzt viele, viele Jahre
-wohnen sollte. Das Herz klopfte ihm stark, und er
-sah jedes Haus, an dem der Wagen vorbeirollte, so
-genau an, als müßte er gleich in alle Stuben hineinsehen
-und die Menschen betrachten, die darin wohnten.
-In der Vorstadt gab es freundliche, helle Häuser, die
-in großen oder kleinen Gärten lagen; je weiter in die
-Stadt hinein aber Friede kam, desto enger wurden die
-Straßen. Da gab es schmale Gäßlein mit uralten,
-spitzgiebeligen Häusern; ein dicker, grauer Turm erhob
-sich am Ende der Vorstadt, an ihm lehnte noch ein
-Stück zerbröckelte Stadtmauer, und darüber hatte der
-Efeu ein immergrünes Tuch gespannt.</p>
-
-<p>»Ich fahre dich vors Organistenhaus,« erklärte
-Kaspar auf dem Berge, »es hat ein besseres Ansehen,
-wenn einer angefahren kommt.« Er klopfte dem Buben
-freundlich auf die Schulter: »Gelt ja, wir zwei beide
-wollen es den Städtern schon zeigen, was zwei rechte
-Oberheudorfer sind!«</p>
-
-<p>Freundlich nickte er nach rechts und links und<span class="pagenum"><a id="Seite_p027">27</a></span>
-brummte dann: »Das ist nu so'ne dumme städtische
-Mode, daß sie nicht recht guten Tag sagen können.«</p>
-
-<p>Das Wäglein rasselte und rumpelte durch die
-Straßen; nun ging es ein wenig bergauf, der Johannesplan
-war erreicht, und die alte Stadtkirche mit ihren
-schönen Portalen und den spitzen, schlanken Türmen erhob
-sich vor den beiden.</p>
-
-<p>Über den Kirchplatz liefen just um diese Stunde
-eine Anzahl Buben, ein paar davon in Friedes Alter,
-die andern etwas größer. Sie trugen alle grasgrüne
-Mützen und sahen an diesem Morgen alle miteinander
-aus, als wären sie ganz aufgelegt zu lustigen Streichen.
-Es waren Gymnasiasten, die an dem letzten Ferientag
-sich mit ein paar Lehrern und Mitschülern auf dem
-Schulhof treffen wollten, um einen Ausflug zu machen.</p>
-
-<p>Die Buben kamen sehr eilfertig heran; sie rannten
-beinahe Kaspar auf dem Berge mit seinem Wagen um.</p>
-
-<p>»He, nicht so hitzig!« schrie Kaspar auf dem Berge.
-»Sagt mir lieber, Buben, wo wohnt der Herr Organist
-Wunderlich? Ich bringe den Friede aus Oberheudorf.«</p>
-
-<p>Die Buben blieben lachend stehen, und ein schlanker,
-langer Junge sagte spöttisch und keck: »Nein, wie nett,
-daß Sie aus Oberheudorf sind.«</p>
-
-<p>»Gelt ja, das ist schon was,« nickte der dicke Wirt.
-»Aber du meine Güte, warum habt ihr denn alle so
-grasgrüne Mützen auf? Die reinen Laubfrösche!«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_p028">28</a></span></p>
-
-<p>»Holla!« schrieen ein paar Buben empört, »wir
-sind keine Laubfrösche, wir sind Gymnasiasten.«</p>
-
-<p>»Ih nä,« rief der Wirt vergnügt und gab Friede
-einen kleinen Rippenstoß, »sieh doch, Friede, das sind
-nun alles deine Kameraden. Gib'n die Hand, sieh
-nicht so dämlich drein, Bub!«</p>
-
-<p>»Was, der Bauernbengel will ein Gymnasiast sein?«
-rief der lange Junge wieder.</p>
-
-<p>»Na freilich,« Kaspar grinste vergnügt, »der Friede
-Heller ist's doch aus Oberheudorf, der Muhme Lenelies
-ihr Friede. Gelt, ihr habt euch schon recht auf'n
-gefreut?«</p>
-
-<p>Die Jungen brachen in ein lautes Gelächter aus.
-Der dicke Wirt und der blonde Junge, der vor Verlegenheit
-so rot wie ein Bündel Radieschen geworden
-war, kam ihnen höchst spaßhaft vor. Sie schauten einander
-an, keiner sagte etwas zum andern, aber jeder
-dachte wie der andere: »Wir machen einen Ulk.« Sie
-brüllten auf einmal so laut, daß es über den ganzen
-Kirchplatz dröhnte: »Der Friede Heller aus Oberheudorf
-ist da, der Friede Heller ist da, hurra, hurra, hurra!«</p>
-
-<p>»Friede Pfennig,« schrie ein kleiner, kecker Bursche,
-»'n Pfennig ist mehr als 'n Heller,« und die andern
-echoten: »Friede Pfennig, Friede Pfennig!«</p>
-
-<p>»Aufgepaßt, da kommt der Herr Direktor!« sagte
-plötzlich der erste Sprecher und deutete auf einen langen,<span class="pagenum"><a id="Seite_p029">29</a></span>
-dünnen Mann, der vom Gymnasium herkam. Im Nu
-rissen alle Buben die Mützen vom Kopf und schrieen:
-»Guten Morgen, Herr Direktor!«</p>
-
-<p>Flugs riß Kaspar seine Kappe auch ab, Friede
-bekam einen Puff, weil er die seine nicht schnell genug
-abnahm, und während der Bube nur schüchtern sein
-guten Morgen sagte, brüllte der Oberheudorfer Wirt
-laut: »Allerschönsten guten Morgen, Herr Drektor, un
-hier is nu der Friede Heller aus Oberheudorf, und ich
-bin der Wirt Kaspar auf dem Berge von der himmelblauen
-Ente.«</p>
-
-<div class="figcenter">
-<img src="images/illu-029.png" alt="" />
-</div>
-
-<p>»Das ist &ndash; &ndash; un &ndash; &ndash; unverschämt,« schrie der
-mit »Herr Drektor« Angeredete. »Was fällt Ihnen
-ein, Sie &ndash; &ndash; Sie &ndash; &ndash; Kaspar, Sie!«</p>
-
-<p>Die Buben kreischten vor Lachen: »Friede Pfennig,<span class="pagenum"><a id="Seite_p030">30</a></span>
-steig aus, Friede Pfennig, steig aus, sag dem Herrn
-Direktor guten Tag!«</p>
-
-<p>Friede hatte rasch gemerkt, daß die Buben ihren Spott
-mit ihm und seinem Beschützer trieben, er zupfte diesen
-ängstlich am Ärmel und bat: »Wir wollen weiterfahren!«</p>
-
-<p>»Nä,« rief der, »fällt mir nicht ein, un wenn das
-zehnmal ein Drektor ist, anschrein lasse ich mich nicht.
-Sie, Herr Drektor,« brüllte er, »ich bin der Wirt zur
-himmelblauen Ente aus Oberheudorf.«</p>
-
-<p>»Das ist un &ndash; &ndash; unverschämt,« rief der andere
-wieder, »denken Sie denn, Sie können mich foppen mit
-Ihrer himmelblauen Ente? Was fällt Ihnen denn ein,
-Sie grober Bauer, Sie!«</p>
-
-<p>»Nä, nu schlägt's dreizehn!« Kaspar auf dem
-Berge war jetzt wirklich wütend, er fuchtelte mit seiner
-Peitsche in der Luft herum und donnerte: »So, Schulmeister
-woll'n Sie sein und benehmen sich gegen einen
-rechten Mann so? Nä, hier bleibt mir der Friede
-nicht; Muhme Lenelies heult sich ja die Augen aus,
-wenn sie das erfährt, Herr Drektor!«</p>
-
-<p>»Sie sind ein ganz unverschämter, grober Bauer,«
-kreischte der andere wieder &ndash; er konnte vor Zorn kaum
-noch reden &ndash; »der Kuckuck ist Ihr Direktor!«</p>
-
-<p>»Herr Direktor, Herr Direktor,« jauchzten die Jungen,
-»Friede Pfennig, steig aus, gib ihm die Hand, sonst
-schilt Muhme Lenelies!«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_p031">31</a></span></p>
-
-<p>Der Lärm, das Schreien, Lachen und Schimpfen
-wäre wohl noch eine Weile fortgegangen, wenn nicht
-der Organist Wunderlich aus seinem Haus gekommen
-wäre. Da stoben plötzlich die grünbemützten Gymnasiasten
-davon, und der sogenannte Direktor eilte beinahe
-ängstlich auf den alten Herrn zu und rief kläglich:
-»Jetzt verhöhnt mich sogar der grobe Bauer dort!«</p>
-
-<p>»Ich bin kein grober Bauer, potzwetter noch mal,
-Sie &ndash; Bohnenstange; ich bin Kaspar auf dem Berge,
-Wirt zur himmelblauen Ente.«</p>
-
-<p>Von der Schulmauer her, hinter welche die Gymnasiasten
-geflüchtet waren, kam ein wahrer Lachsturm.
-»Kaspar auf dem Berge bringt Friede Pfennig, haha,
-huhu! Herr Direktor, hahaha!«</p>
-
-<p>»Na wartet nur!« Mit ein paar langen Sätzen
-verschwand der Direktor hinter der Schulmauer, und
-von dort her tönte erneuter Lärm, bis plötzlich eine
-tiefe Stille eintrat.</p>
-
-<p>Der Oberheudorfer Wirt schaute höchst verdutzt
-drein, Friede aber saß ganz zusammengekauert auf dem
-Wagen, er kämpfte nur mit Mühe die Tränen nieder.
-»Das also ist mein künftiger Hausgenosse?« sagte der
-alte Herr jetzt freundlich zu ihm, dann wandte er sich
-zu dem Wirt und klärte diesen über seinen Irrtum auf.
-Der sogenannte Direktor war der Schuldiener Mayer,
-den die übermütigen Jungen meist spottend »Herr<span class="pagenum"><a id="Seite_p032">32</a></span>
-Direktor« nannten. Sie taten es leider, weil sie wußten,
-daß der Schuldiener sich bitter darüber ärgerte.
-Der hatte nun wohl gedacht, Kaspar auf dem Berge
-wolle ihn auch necken, und war darum so bitterböse
-geworden.</p>
-
-<p>»Kurioses Volk, die Stadtleute!« murmelte Kaspar
-auf dem Berge. Er fuhr sich nachdenklich durch die
-Haare, und als er nun Friede so niedergeschlagen seine
-Sachen vom Wagen heben sah, sagte er gutmütig:
-»Mach dir nichts draus, Bube, daß sie dich Friede
-Pfennig genannt haben, du beißt dich schon durch, und
-beim Kohlbauern hast es ärger gehabt.«</p>
-
-<p>Für Friede, den der Spott tief gedemütigt hatte,
-war dies der rechte Trost. Beim Kohlbauern, zu dem
-man ihn als armes, verlassenes Waisenbüblein gebracht,
-hatte er Schläge genug bekommen und Hunger gelitten,
-nein wirklich, so schlimm würde es hier sicher nicht sein,
-und ganz getröstet sah er zu dem kleinen, blitzsauberen
-Organistenhaus hinauf. In ihm sollte er künftig seine
-Heimat haben.</p>
-
-<p>Er trug seine Sachen hinein, und drinnen kam
-ihm Fräulein Wunderlich, des Organisten Schwester,
-entgegen, eine rundliche, lebhafte kleine Dame. Sie
-empfing den neuen Hausgenossen aber nicht sonderlich
-freundlich.</p>
-
-<p>»Ah, da bist du ja!« rief sie. »Na meinetwegen,<span class="pagenum"><a id="Seite_p033">33</a></span>
-mir ist es recht, daß du bleibst, nur das sage ich dir,
-mit schmutzigen Schuhen darfst du mir nicht in die
-Zimmer gehen; Maikäfer, Frösche, Mäuse und solche
-Tiere darfst du nicht fangen und sie in meine gute
-Stube setzen oder in mein Bett legen. Und Feuer
-darfst du auch nicht anzünden, daß einem in der Nacht
-das Haus über dem Kopf zusammenbrennt. So was
-kann ich nicht leiden!«</p>
-
-<p>Friede wollte gerade bescheidentlich sagen, daß er
-alles dies gewiß nicht tun wolle, als die Dame eindringlich
-fortfuhr: »Mit den Leuten nebenan im großen
-Hause darfst du auch nicht sprechen, hörst du, sonst
-werde ich böse. So, und nun geh die Treppe hinauf!
-Rechts die erste Türe ist offen, das ist dein Zimmer, du
-kannst gleich deine Sachen auspacken.«</p>
-
-<p>Husch war die Dame schon über den Flur gelaufen,
-um draußen mit Kaspar auf dem Berge zu
-sprechen. Von ihm wollte sie durchaus Hühner kaufen,
-obgleich der Wirt versicherte, er hätte keine. »Na, das
-begreife ich nicht,« rief Fräulein Wunderlich, »wie man
-vom Dorfe sein und keine Hühner haben kann!«</p>
-
-<p>Kaspar ärgerte sich, er schwieg aber und dachte
-mitleidig: »Die Städter sind nun mal nicht recht gescheit,
-aber leid tut's mir um den Friede, er hätte lieber
-bei uns bleiben sollen.«</p>
-
-<p>Friede war unterdessen die Treppe hinaufgestiegen,<span class="pagenum"><a id="Seite_p034">34</a></span>
-hatte eine Türe offen gefunden und sich etwas erstaunt
-in dem Zimmer umgesehen. Komisch war das, denn
-es stand mehr als alles darin, übereinander, untereinander,
-Möbel, Kisten und Kasten, Einmachbüchsen,
-eine Waschwanne, alte Blumentöpfe, Bilder mit zerschlagenen
-Rahmen, und Platz war wahrlich nicht viel,
-nicht einmal für so einen schmalen Jungen, wie Friede
-einer war. Der Bube war an einfaches Hausen gewöhnt,
-immerhin hatte er sich sein Stadtkämmerlein
-doch anders vorgestellt, wenigstens so sauber und ordentlich,
-wie es im Häusel der Muhme Lenelies aussah.</p>
-
-<p>Kaspar auf dem Berge wollte auch sehen, wie der
-Junge untergebracht war. Er habe das der Muhme
-versprochen, erklärte er. So stapfte er hinter Friede die
-Treppe hinauf, während Herr Wunderlich selbst unten
-auf die Pferde achtgab.</p>
-
-<p>»Potzhundert!« rief der dicke Gastwirt oben erstaunt,
-»meiner Seel', ich hätt' nicht gedacht, daß man
-in der Stadt so kurios die Kammern einrichtet. Hm,
-hm, nä, wirklich, Friede, meine Frau würde das 'ne
-Rumpelkammer nennen.«</p>
-
-<p>»Muhme Lenelies auch,« sagte Friede kleinlaut,
-»aber da steht 'n Bett und&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<p>»Junge, sag mir mal, was machst du denn in
-meiner Schrankstube?« rief plötzlich Fräulein Wunderlich
-von unten herauf, und dann erkletterte die rundliche<span class="pagenum"><a id="Seite_p035">35</a></span>
-Dame eilig die Treppe. »Aber Junge, Junge, doch
-auf der andern Seite!«</p>
-
-<p>»Rechts sollte ich &ndash; &ndash;,« stotterte Friede.</p>
-
-<p>»Rechts, ach so, ja, ja!« Die Dame brach in ein
-höchst vergnügtes Lachen aus: »Junge, merk dir das,
-rechts und links kann ich einmal nicht unterscheiden,
-und wenn ich rechts sage, meine ich fast immer links,
-und wenn ich links sage, dann meine ich rechts, das ist
-mal so!«</p>
-
-<p>»Ih, nä!« Der Wirt grinste: »So was, das habe
-ich meiner Lebtage nicht gehört, daß 'n Frauenzimmer
-so verdreht ist und links sagt und&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<p>»Erlauben Sie mal,« rief Fräulein Wunderlich
-entrüstet, »ich bin kein Frauenzimmer! Auf dem Dorfe
-gibt es Frauenzimmer, in der Stadt gibt es Damen.«
-Dabei sah sie den dicken Kaspar so von oben herab an,
-daß dem himmelangst wurde. Er scharrte verlegen mit
-seinen Füßen auf dem blitzsauberen Fußboden, was
-Fräulein Wunderlichs erneuten Ärger erregte. Sie
-sagte aber nichts und öffnete nun links eine Türe zu
-einem so freundlich eingerichteten Stübchen, daß Friede
-einen hellen Freudenruf ausstieß. »Hier soll ich wohnen,
-hier?«</p>
-
-<p>»Freilich!« Das Fräulein lächelte nun freundlicher;
-sie strich sogar dem Buben die Wangen und
-sagte: »Mag's dir gut gehen bei uns in unserem Hause!«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_p036">36</a></span></p>
-
-<p>Kaspar auf dem Berge nickte wohlgefällig, so war's
-recht; das Stübchen gefiel ihm wohl, und zuletzt schied
-er mit dem Bewußtsein, dem Friede ginge es so gut,
-wie es einem in der Stadt gehen kann. So schön wie
-in Oberheudorf konnte es eben nirgends sein.</p>
-
-<p>Am Abend erzählte er daheim viel von seiner und
-Friedes Ankunft, von den Laubfröschen, dem falschen
-»Drektor« und dem verkehrten Frauenzimmer, und Muhme
-Lenelies, die in die himmelblaue Ente gekommen war,
-dachte voll heimlicher, sorgender Angst: »Wie wird es
-nur meinem Friede ergehen in der fremden, fremden
-Stadt!«</p>
-
-<p>Die Oberheudorfer Buben und Mädels redeten
-am nächsten Morgen mehr vom Traumfriede und der
-Stadt als von ihrer Schule und ihren Arbeiten. Die
-Buben besonders beneideten den Kameraden glühend.
-Es mußte doch wundervoll sein, eine froschgrüne Mütze
-zu tragen! Allein um dieser Mütze willen wären die
-meisten gleich bereit gewesen, auch auf das Gymnasium
-zu gehen. »Und so'ne feine Kammer hat er,« wisperten
-die Mädels, »der Wirt hat gesagt, seine Fremdenstube
-wäre nicht schöner. Ach ja, der Friede hat's gut!«</p>
-
-<p>»Vielleicht geh ich auch noch in die Stadt zur
-Schule,« sagte Heine Peterle daheim sehr wichtig zu
-Muhme Rese, »die grüne Mütze ist fein!«</p>
-
-<p>»Ja,« meinte Muhme Rese, »'ne Mütze tragen<span class="pagenum"><a id="Seite_p037">37</a></span>
-und lernen ist halt 'n Unterschied; wieviel Fehler haste
-heute gehabt?«</p>
-
-<p>Flugs war der Bube hinaus. Nach seinen Schularbeiten
-ließ er sich nicht gern fragen, denn darin sind
-die Erwachsenen komisch; sie schreien über ein paar
-Dutzend Fehler immer gleich, als wäre das eine ganz
-schlimme Sache!&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;</p>
-
-<div class="figcenter">
-<img src="images/illu-037.png" alt="" />
-</div>
-
-<hr class="chap" />
-
-<div class="chapter">
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_p038">38</a></span></p>
-<h2 id="Ein_boeser_Tag">
-<img src="images/illu-038.png" alt="" /><br />
-Ein böser Tag.</h2>
-</div>
-
-<p class="drop">»Nimm's nicht schwer, wenn dir im Anfang alles
-etwas fremd vorkommt,« hatte der Organist
-Wunderlich seinen Hausgenossen ermahnt, als er am
-Nachmittag nach seiner Ankunft mit ihm hinüber ins
-Gymnasium zur Aufnahmeprüfung ging. »Sei tapfer!
-Wer ein rechter Mann werden will, darf nicht gleich
-verzagen, wenn auch der Anfang etwas schwer ist.«</p>
-
-<p>Traumfriede nahm sich die Worte zu Herzen und
-dachte: »Ich will schon tapfer sein.« Doch bei der
-Prüfung hatte er die Tapferkeit gar nicht nötig, er
-wußte viel und konnte gut antworten. Die Lehrer
-sagten, das, was er noch nicht wisse, würde er schnell
-nachholen. Er kam, wie es der Oberheudorfer Lehrer
-gesagt hatte, in die Quarta hinein, und sein Pflegevater
-ging gleich nach der Prüfung und kaufte ihm<span class="pagenum"><a id="Seite_p039">39</a></span>
-eine froschgrüne Mütze. Die gehörte nun einmal dazu,
-und als Friede sie aufsetzte, dachte er: »Ach, könnte
-ich doch jetzt einmal mich damit im Dorfe zeigen!«</p>
-
-<p>Der erste Tag und die erste Nacht gingen vorbei.
-Traumfriede schlief, trotzdem es ihm am Abend seltsam
-bang ums Herz wurde, doch wie ein Murmeltier im
-fremden Hause. Und tapfer, zuversichtlich und vergnügt
-marschierte er am nächsten Morgen in das Gymnasium
-hinüber, die grüne Mütze keck auf dem blonden Kopf.
-Er hatte es sehr eilig gehabt, und so betrat er als einer
-der Ersten den weiten Schulhof. Das Haus &ndash; es
-war ein ehemaliges Stiftsgebäude &ndash; kam Friede überaus
-prächtig vor, und da die große Uhr über dem
-Eingang ihm zeigte, daß er noch viel Zeit hatte, so
-blieb er stehen und betrachtete sich fast ehrfürchtig das
-weitgestreckte Gebäude, zu dem eine breite Freitreppe
-hinaufführte. Dorthinein sollte er nun täglich gehen;
-statt Hirtenjunge und Allerweltshelfer in Oberheudorf
-war er nun ein Gymnasiast, ein Lateinschüler, und später
-würde er vielleicht auch ein Pfarrer, ein Doktor, ein&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>»Herrjeh, da ist ja Friede Pfennig aus Oberheudorf!
-Na, Friede Pfennig, wie geht es denn Muhme
-Lenelies?« rief es da plötzlich laut in seine stolzen Zukunftsgedanken
-hinein.</p>
-
-<p>Verwirrt drehte sich der Bube um, er mußte sich
-erst besinnen, daß der Ruf ihm galt. Ein paar Jungen<span class="pagenum"><a id="Seite_p040">40</a></span>
-standen neben ihm, der längste von ihnen war der
-Sprecher gewesen. Er schaute Friede spöttisch an, so
-spöttisch und unfreundlich, daß dem plötzlich die Glut
-ins Gesicht stieg, was den andern zu lautem Lachen
-reizte: »Seht nur, wie er rot wird, der Herr Oberheudorfer!
-Sag mal, du hast wohl Spatzen unter deiner
-Mütze?« Und ehe es sich Friede versah, sauste ihm
-die Mütze vom Kopfe und geriet schnell unter ein paar
-Bubenbeine.</p>
-
-<div class="figcenter">
-<img src="images/illu-040.png" alt="" />
-</div>
-
-<p>»Meine Mütze,« rief Friede unwillkürlich erschrocken,
-und weil er, der in Armut groß geworden war, das
-Neue stets schonte, hob er die Mütze eilig auf und
-sagte kläglich: »Sie ist doch ganz neu! Pfui, wie abscheulich
-von dir!«</p>
-
-<p>»Na, seht doch den Bauernbuben an!« höhnte der<span class="pagenum"><a id="Seite_p041">41</a></span>
-lange Junge. »Geh doch, klag's der Muhme Lenelies,
-Friede Pfennig!«</p>
-
-<p>Das war ein übler Anfang. Wenn nicht ein paar
-Lehrer über den Schulhof gekommen wären, hätte es
-sicher eine Prügelei gegeben, und als Friede ein Weilchen
-später in seiner neuen Klasse saß, hatte er das
-Gefühl, unter lauter Feinden zu sitzen. Das tuschelte
-und lachte um ihn herum: »Friede Pfennig aus Oberheudorf
-ist da, Friede Pfennig, Friede Pfennig.«</p>
-
-<p>Wenn er aufsah, begegnete er lauter lustigen Spottblicken,
-und zuletzt wurde er ganz verwirrt und verlegen,
-er konnte in der Stunde nicht mehr die einfachsten
-Fragen beantworten. Der Klassenlehrer, Doktor Schneider,
-sah ihn darum nicht scheel an, er fand des Buben Verlegenheit
-begreiflich, er wußte ja auch, wie gut der seine
-Prüfung bestanden hatte. Aber Friede schämte sich
-doch gewaltig, und als die Stunde aus war, rannte er
-wie gejagt davon. Doch draußen auf dem Flur hielt
-ihn einer fest: »Bist du der Friede aus Oberheudorf?«</p>
-
-<p>»Ja,« schrie Friede, und den sonst so sanften
-Jungen übermannte der Zorn. Warum neckten sie ihn
-nur so, war es denn eine Schande, aus Oberheudorf
-zu sein? »Ja, der bin ich,« schrie er noch einmal,
-und schwapp, schlug er dem andern die Mütze vom
-Kopf. »Ich kann das auch!«</p>
-
-<p>Hinaus war er, die Treppe hinab, er raste über<span class="pagenum"><a id="Seite_p042">42</a></span>
-den Schulhof und kam heiß und atemlos in dem
-Organistenhaus an. Es hatte draußen inzwischen etwas
-geregnet, und auf dem Johannesplan standen kleine
-Pfützen. Friede hatte wenig darauf acht gegeben, er
-dachte auch nicht an das Schuhabputzen; tapp, tapp
-lief er die Treppe zu seinem Kämmerlein hinauf und
-warf drinnen aufschluchzend seine Bücher auf den
-Tisch.</p>
-
-<p>Bums, da lagen die Bücher, und bums ging die
-Türe auf. Fräulein Wunderlich stand auf der Schwelle
-und rief wütend: »Ich habe dir doch gesagt, du sollst
-die Füße abwischen, o du böser, böser Junge, du!
-Wenn du es noch einmal vergißt, dann mußt du die
-Treppe scheuern.« Krach, flog die Türe wieder zu,
-und Friede starrte ganz betäubt der zornigen Dame
-nach. Er hörte sie unten noch ein Weilchen schelten,
-und bedrückt schlich er an das Fenster und sah hinaus.
-Sein Zimmerchen lag an der Wand des Hauses, die
-an den Garten des stattlichen Nachbarhauses anstieß,
-und Friede konnte weit hinein in diesen großen, schönen
-Garten sehen. In dem standen viele alte Bäume;
-jetzt freilich waren sie noch kahl, nur ein feines grünes
-Schimmern lag darüber, aber die großen Rasenflächen
-leuchteten schon im ersten frischen Grün, und da und
-dort blühten bunte Frühlingsblumen, Hyazinthen, Tulpen
-und Narzissen. Der Garten gefiel Traumfriede über<span class="pagenum"><a id="Seite_p043">43</a></span>
-die Maßen gut, und er sah so lange und andächtig
-hinein, bis er ein wenig seinen Kummer vergaß.</p>
-
-<p>Etwas beruhigter ging er zum Mittagessen hinab,
-und da Fräulein Wunderlich nicht mehr so bitterböse
-aussah, wollte er sie gerade um Entschuldigung bitten,
-als der Herr Organist ihn etwas streng fragte: »Du,
-sag mal, Friede, warum bist du gleich so patzig? Dem
-Ulrich Sonntag hast du so heftig die Mütze vom Kopf
-geschlagen, daß er eine Beule an der Stirn davongetragen
-hat. Na, das ist ja eine schöne Aufführung
-für den ersten Tag! Schämst du dich nicht?«</p>
-
-<p>Fragte nun jemand den Traumfriede mild, wie
-war das oder dies, dann sagte er stets freimütig und
-offen die Wahrheit, doch Strenge schüchterte ihn leicht
-ein, und er wußte nichts zu sagen. Herrn Wunderlichs
-Vorwurf und des Fräuleins Schelte verwirrten
-ihn namenlos; er wagte nicht aufzusehen, still und niedergeschlagen
-saß er da. Dem alten Herrn tat es fast
-leid, und freundlicher forderte er ihn auf: »Erzähle
-mir doch einmal, wie war es heute früh, und warum
-hast du gerade mit Ulrich Sonntag Streit gehabt?«</p>
-
-<p>Friede wollte soeben, durch den freundlichen Ton
-ermuntert, antworten, wollte sagen, er wüßte gar nicht,
-wer dieser Ulrich Sonntag sei, als Fräulein Wunderlich
-empört rief: »Bewahr mich, der Junge steckt ja
-das Messer in den Mund!«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_p044">44</a></span></p>
-
-<p>Erschrocken ließ Friede das Messer fallen, das
-rutschte aus, er wollte es halten, doch da geriet der Teller
-ins Schwanken, und beinahe ging es wie beim Kippelphilipp
-im Struwelpeter: Teller, Glas, Messer, Löffel,
-Brot, alles kollerte mit viel Geklirr und Gekrach auf
-den Fußboden.</p>
-
-<p>»Das ist ja ein furchtbarer Junge!« rief Fräulein
-Wunderlich empört, und sie hätte wohl noch manches
-böse Wort gesagt, wenn ihr Bruder sie nicht mit ernstem
-Blick gebeten hätte: »Wir wollen jetzt nichts mehr sagen,
-Friede und ich sprechen nachher miteinander. Geh jetzt
-in dein Zimmer und arbeite. Bis fünf Uhr habe ich
-Stunden zu geben, nachher komm zu mir.«</p>
-
-<p>Friede war heilfroh, daß er aufstehen durfte. Er
-war freilich nur halb satt, aber er hätte jetzt vor lauter
-Verlegenheit und Scham doch keinen Bissen mehr hinuntergebracht.
-Als er die Türe hinter sich schloß, hörte
-er gerade noch Fräulein Wunderlich triumphierend sagen:
-»Ich habe es gleich gewußt, so ein Junge vom Dorf
-paßt nicht in unser Haus.«</p>
-
-<p>Traurig schlich Friede die Treppe hinauf. Heute
-hatte er keine Freude an dem hübschen Stübchen, selbst
-die neuen Bücher auf dem Tisch, an denen er sich
-gestern noch so gefreut hatte, lockten ihn nicht. Er setzte
-sich niedergeschlagen an das offene Fenster, starrte in
-den <span id="corr044">Nachbargarten</span> hinunter und dachte, während ihm<span class="pagenum"><a id="Seite_p045">45</a></span>
-dicke Tränen über die Wangen liefen: »Ach, wäre ich
-doch wieder in Oberheudorf bei Muhme Lenelies!«</p>
-
-<p>In dem großen, schönen Haus mit dem steinernen
-Wappen über dem Tor, das neben dem Organistenhaus
-lag, wohnte ein alter Herr, Professor von Spiegel.
-Das Haus stand schon beinahe zweihundert Jahre auf
-dem Johannesplan, und so lange war es auch in dem
-Besitz der Familie Spiegel. Wohl nie war es aber
-so still in dem Hause gewesen wie jetzt. Sein Besitzer
-hatte weder Frau noch Kinder, er war ein hochgelehrter
-Herr, der viel auf Reisen war und manchmal monatelang
-nicht in dem alten Familienhaus wohnte. Sein
-Gärtner und dessen Frau bewachten das Haus; kam
-der Professor selbst, dann bewohnte er meist nur wenige
-Zimmer, alle andern blieben verschlossen. Fräulein
-Wunderlich haßte den Nachbar, obgleich sie Nachbarskinder
-waren und ihr Bruder Matthias sich in seiner
-Jugend den besten Freund des Herrn von Spiegel genannt
-hatte. Die Freundschaft war entzwei gegangen
-durch kleine Mißverständnisse und Übelnehmereien. Die
-meiste Schuld daran trug Fräulein Wunderlich. Sie
-hatte nie zum Frieden geredet, sondern immer ein wenig
-gehetzt und gestichelt. Einmal hatte sie behauptet, der
-Nachbar sei hochmütig und habe sie nicht gegrüßt, dann
-wieder, man habe ihre Katze drüben im Nachbargarten
-vergiftet, und zuletzt war es so weit gekommen, daß die<span class="pagenum"><a id="Seite_p046">46</a></span>
-Nachbarn sich nicht mehr ansahen. Herr Matthias
-Wunderlich schaute freilich oft trübselig nach dem Haus
-hinüber und seufzte wohl: »Wäre es doch wie damals!«</p>
-
-<p>Ähnlich dachte auch der alte Professor von Spiegel,
-als er an diesem Frühlingstag zum erstenmal wieder
-nach langer Abwesenheit durch seinen Garten schritt.
-Aufmerksam betrachtete er, wie bunt und reich der
-Frühling die Beete geschmückt hatte; bald blieb er vor
-einem Baum stehen, der ein lichtgrünes Schleierkleid
-trug, bald vor einem Beet, auf dem allerlei Blumen
-zart und lustig im Sonnenschein standen. An der Mauer
-des Nachbarhauses blühten noch die Veilchen, und der
-Professor bückte sich, um ein paar der lieblichen Dinger
-abzupflücken, als er Friedes bitterliches Schluchzen hörte.
-Die Kammer des Knaben war gerade an der Veilchenwand,
-und da das Organistenhaus ziemlich klein gewachsen
-war, konnte der alte Herr den weinenden Knaben
-gut sehen. »Na nu,« rief er hinauf, »wer heult denn
-da? Schickt sich das für einen schönen Frühlingstag, he?«</p>
-
-<p>Friede hob verwirrt den Kopf und sah nun den
-alten Herrn an, der unten im Garten stand. Das Gesicht
-kam ihm bekannt vor, es war ihm, als müßte er
-schon einmal dies von struppigem, weißem Haar umgebene
-Gesicht mit den hellen Augen gesehen haben.</p>
-
-<p>»Na, was guckste mich denn an, Junge, als wäre
-ich aus einem Märchenbuch herausgepurzelt?« rief Professor<span class="pagenum"><a id="Seite_p047">47</a></span>
-von Spiegel und zwinkerte lustig mit den Augen.
-»Ich bin kein Mittagsgespenst, kein Kinderschreck, kein
-Bubenfresser. Aber nun sag du mir mal, woher du
-kommst, und warum du so weinst, als wolltest du den
-Johannesplan unter Wasser setzen. Bei Wunderlichs
-gibt es doch sonst keine heulenden Buben, he?«</p>
-
-<p>»Ich bin aus Oberheudorf,« stammelte Friede, »ich
-soll hier aufs Gymnasium gehen.«</p>
-
-<p>»So, aus Oberheudorf? Na, das ist dort eine
-nette Sorte Buben und Mädels.«</p>
-
-<p>Der alte Herr lachte leise und behaglich, und Friede
-dachte wieder: »Aber den kennst du doch!« Da fragte
-schon der Fremde in sein Überlegen hinein: »Du kennst
-mich wohl nicht mehr, oder warst du nicht dabei, wie
-wir voriges Jahr bei euch ein Hünengrab öffneten, he?«</p>
-
-<p>»Ich weiß, ach, ich weiß!« rief Friede, und ein
-heller Schein lief über sein Gesicht. Ach, das war ja
-einer der Herren, die an einem Sommertag in Oberheudorf
-gewesen, das Hünengrab erforscht und seinen
-Lieblingsplatz dadurch zerstört hatten. Just dieser hatte
-dann am meisten darüber gelacht, daß die Mädels die
-ausgegrabenen Sachen alle hatten schön blank putzen
-wollen.</p>
-
-<p>»Komm mal zu mir herunter, dich muß ich mir
-näher ansehen,« sagte der alte Herr fröhlich, und als
-sich Friede zweifelnd umsah, holte er selbst eine lange<span class="pagenum"><a id="Seite_p048">48</a></span>
-Leiter herbei und schob sie unter Friedes Fenster. »Da
-ist die Treppe, nun komm!«</p>
-
-<p>Friede dachte in diesem Augenblick gar nicht an
-Fräulein Wunderlichs strenges Verbot, jeden Verkehr
-mit dem Nachbarhause zu vermeiden, er war zu froh,
-mit jemand von Oberheudorf sprechen zu können; eins,
-zwei, drei war er unten neben dem alten Herrn, der
-ihm freundlich die Hand entgegenstreckte. »Na, grüß
-dich Gott, Oberheudorfer Bube du, und nun komm,
-setz dich neben mich und erzähle mir, wie du aus deinem
-hübschen Oberheudorf heraus und gerade zu den Wunderlichs
-gekommen bist.«</p>
-
-<p>Bei dieser gütigen Frage verlor Friede alle Befangenheit,
-und ein großes Vertrauen zu dem Herrn,
-der seine Heimat so gut kannte, erfüllte gleich sein Herz,
-und es wurde ihm gar nicht schwer, dem Fremden alle
-seine Schicksale zu erzählen, von der Heimat, und wie
-er hierher gekommen war, von der gestrigen Ankunft
-und dem bösen Schulanfang heute, von Fräulein Wunderlichs
-Zorn und &ndash; da stockte er und wurde blutrot.</p>
-
-<p>»Na und weiter? Immer ehrlich gesagt, was man
-denkt,« ermunterte der Professor.</p>
-
-<p>»Ich &ndash; &ndash; &ndash; ich sollte doch mit niemand von
-den Nachbarn sprechen,« stammelte Friede, dem plötzlich
-das Verbot einfiel.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_p049">49</a></span></p>
-
-<div class="figcenter">
-<img src="images/illu-049.png" alt="" />
-</div>
-
-<p>»So, das sieht ja dem wunderlichen Fräulein
-Wunderlich ähnlich,« rief Herr von Spiegel grimmig<span class="pagenum"><a id="Seite_p050">50</a></span>
-lachend. »Sieh mal einer an, nicht einmal reden soll
-man mit mir! Sag einmal, Bub, spricht es sich nicht
-ganz gut mit mir?«</p>
-
-<p>Friede lachte, nickte und erwiderte treuherzig: »Ja.«
-Er blieb auch sitzen und gab fröhlich und willig Antwort,
-denn der Professor fragte gar viel nach dem
-Heimatsdorf und seinen Bewohnern, und darüber vergaßen
-die beiden ungleichen Kameraden wieder Fräulein
-Wunderlichs Verbot.</p>
-
-<p>Das Fräulein hatte unterdessen viel an ihren kleinen
-Hausgenossen gedacht. Etwas bereute sie beim Nachdenken
-ihre Strenge schon, und wäre ihr Friede jetzt
-in den Weg gekommen, dann hätte er wohl ein freundliches,
-mildes Wort gehört. Inzwischen klingelte es an
-der Türe, und Marianne Sonntag kam zur Geigenstunde.
-Fräulein Wunderlich öffnete selbst und sprach
-ein paar Worte mit dem Mädel, das ihres Bruders
-Lieblingsschülerin war. Dabei fiel ihr wieder ein, daß
-Friede am Morgen mit Ulrich Sonntag Streit gehabt
-hatte, und sie forschte: »Sag mal, Kind, was hat denn
-dein Bruder unserm Pflegling getan?«</p>
-
-<p>»Er ihm?« rief das Füchslein und wurde rot vor
-Ärger. »O pfui, Fräulein Wunderlich, dieser Junge
-aus Oberheudorf ist abscheulich! Ulli wollte mit ihm
-sprechen, da hat er gleich losgehauen &ndash; &ndash; so &ndash; &ndash;,«<span class="pagenum"><a id="Seite_p051">51</a></span>
-und krach schlug sie mit ihrer Notenmappe auf einen
-Stuhl, »so war's!«</p>
-
-<p>»Aber Mädchen, nicht so wild!« mahnte Fräulein
-Wunderlich und seufzte: »Ja, ja, ich glaube, wir haben
-uns einen bösen Knaben in das Haus genommen, ich
-fürchte sehr, es wird viel Ärger geben. Nun geh also
-in deine Stunde, Kind!«</p>
-
-<p>Marianne schlüpfte in das Musikzimmer, Fräulein
-Wunderlich aber stieg die Treppe hinauf, um einmal
-nach ihrem schlimmen Kostgänger zu sehen. Zu ihrem
-Erstaunen fand sie oben das Zimmer leer und das Fenster
-weit offen. »Er ist ausgerissen,« dachte sie erschrocken,
-»ich habe ihn aus dem Hause getrieben.« Aber da
-hörte sie auf einmal Stimmen aus dem Nachbargarten
-heraufschallen, und nun &ndash; was war das? &ndash; &ndash; &ndash; ein
-höchst vergnügtes Bubenlachen erklang da unten. Geschwind
-lief sie ans Fenster und bog sich weit hinaus.
-Das war doch toll! Da saß dieser abscheuliche Bengel
-und schwatzte mit dem verhaßten Nachbar, als wäre der
-sein allerbester Freund! Ein heftiger Zorn erfaßte
-Fräulein Wunderlich, und sie wollte schon laut ihren
-Pflegling anschreien; auf einmal hielt sie inne, kehrte
-in das Zimmer zurück und begann sehr geschwind Friedes
-Sachen zusammenzupacken. Der Junge mußte ihr aus
-dem Hause, gleich, auf der Stelle! Husch, husch ging
-es, Bücher, Wäsche, den neuen Sonntagsanzug, alles<span class="pagenum"><a id="Seite_p052">52</a></span>
-tat sie in den Sack. Dann schloß sie ganz leise das
-Fenster, eilte hinab und rief ihre Magd. »Marie,
-nimm die Sachen, trag sie hinüber zum Herrn Professor
-von Spiegel und sage, dies wären die Sachen von dem
-Oberheudorfer Jungen, der möchte sehen, wo er bleiben
-kann, wir hätten keinen Platz in unserm Hause für so
-rüpelige Jungens, die zum Fenster hinausklettern.«</p>
-
-<p>Marie sah ihre Herrin ein wenig zweifelnd an; es
-schien ihr doch ein bißchen eilig mit dem Hinauswerfen
-zu gehen, und sie dachte: »Wenn doch der Herr das
-hörte!«</p>
-
-<p>Doch der hörte nichts, Marianne Sonntag stand
-drinnen in seinem Zimmer und geigte so fein und lieblich,
-als wäre sie gar nicht das wilde Füchslein. Auch als
-Marie draußen etwas laut polterte und rief, daß es
-durch den ganzen Flur hallte: »Soll ich's wirklich bestellen,
-daß der Friede nicht mehr zurückkommen darf?«
-hörten die beiden drinnen es immer noch nicht, und
-brummend zog das Mädchen ab.</p>
-
-<p>Friede saß noch immer auf der Bank neben dem
-Professor, als Marie vorn am Tor stark die Glocke
-zog. Weil sie sich ärgerte, tat sie es besonders laut,
-und weil die Botschaft, die sie ausrichten sollte, ihr selbst
-zu hart vorkam, schrie sie den armen Friede heftig an,
-als sie ihn erblickte, und ihre Stimme klang rauh, denn
-die Tränen saßen ihr in der Kehle. »Da! &ndash; Nu ist's<span class="pagenum"><a id="Seite_p053">53</a></span>
-wohl am besten, du gehst jetzt wieder nach Oberheudorf
-zurück.«</p>
-
-<p>Erst begriff Friede gar nichts. Er starrte die Magd
-ganz fassungslos an, und der liefen in hellem Mitgefühl
-die Tränen aus den Augen. »'s ist wahr, wahrhaftig
-wahr, du armer Junge,« schluchzte sie, »rausgeworfen
-bist du, ritsch, ratsch rausgeworfen. Aber ich gehe auch,
-in so 'nem Haus bleibe ich nicht, fällt mir nicht ein.«
-Damit lief sie weg, sie konnte das bleiche, verstörte
-Gesicht des armen Jungen gar nicht ansehen.</p>
-
-<p>Der Professor war nicht minder erschrocken als
-Friede. Gleich fiel's ihm ein, daran bist du schuld, du
-hättest den Buben nicht herunterrufen sollen, und dann
-überkam ihn ein heftiger Zorn auf das hartherzige
-Fräulein. »Bleib hier, ich geh' hinüber,« sagte er
-rasch, »ich werde dem Fräulein Wunderlich ordentlich
-meine Meinung sagen.«</p>
-
-<p>»Mit Verlaub, gnädiger Herr, das täte ich nicht
-gleich!« Der Gärtner und Hausverwalter, der Marie
-die Türe geöffnet hatte, stand bescheiden vor seinem
-Herrn und fuhr treuherzig fort: »Jetzt raucht der Ärger
-drüben und hier noch zu sehr, und es könnte leicht ein
-Feuer geben. Wär's nicht besser, der Junge da bliebe
-noch ein Weilchen hier? Vermute, der Herr Organist
-wird bald selbst kommen, jetzt wird er den Weg schon
-finden, und das wäre mir eine rechte Herzensfreude.«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_p054">54</a></span></p>
-
-<p>»Ist recht,« rief der Professor, »das war ein guter
-Rat, und am besten wär's jetzt, einen ordentlichen Kaffee
-zu trinken. Komm, Friede von Oberheudorf, du bist
-mein Gast, jetzt sollst du mal Stadtkuchen schmecken.
-Sieh nicht so unglücklich aus, armer Kerl, es wird alles
-wieder gut werden.« Und als er sah, wie Friede sich
-tapfer die Tränen verbiß, strich er ihm gütig über den
-blonden Krauskopf. »Ich verlasse dich nicht, ich bleibe
-dein Freund.«</p>
-
-<p>Im Organistenhaus war des Füchsleins Stunde
-zu Ende. Die Kleine packte ihre Noten ein, so langsam
-und nachdenklich, daß Herr Wunderlich lächelnd
-fragte: »Na, Mädel, was gibt's, was hast du noch auf
-dem Herzen?«</p>
-
-<p>»Ich möchte den Oberheudorfer Jungen sehen,«
-platzte Marianne heraus, »er soll zwar gräßlich sein,
-aber &ndash; &ndash; aber&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<p>»Ich bin doch zu neugierig auf ihn,« vollendete der
-Organist. »So schlimm ist es gar nicht mit ihm, er
-ist ganz brav, und ich rufe ihn gerne; er fühlt sich gewiß
-recht einsam und schwatzt vielleicht eher mit dir als
-mit uns.«</p>
-
-<p>Und dann kam es heraus: Friede war nicht mehr
-im Hause, Fräulein Wunderlich hatte ihn hinausgeworfen.
-Ihr Bruder wurde ganz blaß vor Schreck.
-Ein anvertrautes Kind am ersten Tage aus dem Hause<span class="pagenum"><a id="Seite_p055">55</a></span>
-weisen, das war ihm doch zu viel. »Ich muß ihn holen,«
-rief er und nahm geschwind seinen Hut.</p>
-
-<p>»Nein, nein,« jammerte seine Schwester, »ich nehme
-ihn nicht wieder, nie wieder, und du darfst nicht zu dem
-Professor hinüber gehen, ich leide es nicht!«</p>
-
-<p>Herr Wunderlich antwortete gar nicht, er sah seine
-Schwester nur ernst und tieftraurig an, und das zornige
-Fräulein fühlte beschämt, welch großes Unrecht sie begangen
-hatte. Weil sie das aber nicht eingestehen wollte
-fing sie an jämmerlich zu weinen und zu klagen, sie
-schrie, stöhnte, rang die Hände und tat, als sei ihr das
-allergrößte Herzeleid geschehen. Ihr Bruder beachtete
-dies gar nicht, er nahm Marianne Sonntag bei der
-Hand und verließ mit ihr das Haus. Draußen sagte
-er betrübt: »Geh nach Hause, mein Kind, und denke
-nicht zu schlecht von dem armen Jungen und gib ihm
-ein freundliches Wort, wenn du ihn siehst.« Er nickte
-dem Füchslein noch einmal zu und zog dann die Glocke
-am Nachbarhaus, zum erstenmal wieder seit vielen
-Jahren.</p>
-
-<p>»Der Herr Organist ist da,« sagte nach einem
-Weilchen die Gärtnersfrau mit strahlendem Gesicht zu
-dem Professor, der mit seinem sehr niedergeschlagenen
-Gast am Kaffeetisch saß, »er ist doch gekommen!«</p>
-
-<p>Der Professor sprang auf. »Bleib, Junge,« rief
-er, »daß der Matthias Wunderlich zu mir kommt, freut<span class="pagenum"><a id="Seite_p056">56</a></span>
-mich. Vielleicht hast du mir Glück gebracht, Friede von
-Oberheudorf, und ich gewinne einen alten Freund wieder.«</p>
-
-<p>Friede mußte lange, lange warten, ehe sein Gastfreund
-zurückkehrte. Herr Wunderlich kam mit ihm,
-und die beiden alten Herren sahen aus, als hätten sie
-sich recht tüchtig mit Frühlingssonnenschein eingerieben,
-so glänzten ihre Gesichter und so strahlten ihre Augen.
-Das Wiedersehen nach langen Jahren war auch ein
-Wiederfinden geworden; sie hatten sich ausgesprochen
-und hatten dabei entdeckt, daß sie beide im Herzen noch
-die gleiche Freundschaft hegten.</p>
-
-<p>»Deine Schwester versöhnen wir auch noch,« sagte
-der Professor heiter, »der Junge, den sie so geschwind
-aus dem Haus gestoßen, soll uns helfen. Laß ihn vorläufig
-bei mir, ich bleibe den Sommer über hier und
-will ihn behalten, bis deine Schwester ihn selbst zurückholt.«</p>
-
-<p>Der Organist schüttelte trübe den Kopf. »Sie ist
-sehr böse auf ihn.«</p>
-
-<p>»Sie hat aber doch ein gutes Herz, ich weiß es,
-ich weiß, wie viel Gutes sie in aller Stille tut, und
-ich glaube bestimmt, der Junge ist uns dreien zur Versöhnung
-gekommen.«</p>
-
-<p>Friede war es wohl zufrieden, daß er unter des
-Professors Schutz in dem schönen Hause bleiben sollte,
-und weil Herr Wunderlich gar nicht schalt, sondern
-gütig und väterlich mit ihm sprach, hellte sich sein Gesicht<span class="pagenum"><a id="Seite_p057">57</a></span>
-auf. Er versprach, tapfer zu sein und brav in die
-Schule zu gehen, seine Pflicht zu tun und seinem Beschützer
-Freude zu machen. »Ich schreibe selbst an deine
-Muhme oder fahre nächste Woche einmal hinaus nach
-Oberheudorf, damit die alte Frau sich nicht sorgt,«
-versprach der Professor. »Hast du ihr schon geschrieben?«</p>
-
-<p>Friede schüttelte den Kopf. »Ich soll erst in vierzehn
-Tagen schreiben, früher nicht; Muhme Lenelies
-meinte, sonst würde ich mit dem Heimweh zu schwer
-fertig!«</p>
-
-<p>»Deine Muhme hat recht, und nun sieh zu, daß
-du ihr in vierzehn Tagen einen guten, fröhlichen Brief
-schreiben kannst. So viel wie an diesem ersten Tag
-wirst du wohl nicht jeden Tag erleben.«</p>
-
-<p>So blieb Traumfriede in dem großen Haus mit
-dem steinernen Wappen über dem Tor. Frau Emma,
-die Hausverwalterin, richtete ihm ein freundliches Zimmer
-ein, von dessen Fenstern aus er gerade das Organistenhaus
-sehen konnte und die Veilchenwand, an der er
-hinabgestiegen war.</p>
-
-<p>Friede kam sich an diesem Abend wie einer der
-verwunschenen, verfolgten und verspotteten Prinzen vor,
-von denen es in Muhme Lenelies' Märchen wimmelte.
-Aber er schlief auch hier gut und wanderte am nächsten
-Morgen wieder mutiger in die Schule, doch bedrückt
-kehrte er heim. Er hatte so fremd unter seinen Mitschülern<span class="pagenum"><a id="Seite_p058">58</a></span>
-gesessen wie am vergangenen Tage, und wieder
-hatten sie ihn mit spottenden Worten und höhnischen
-Sticheleien gekränkt. Ein Gymnasiast zu sein, war doch
-viel schwerer, als in die Oberheudorfer Schule zu gehen.
-Und weil die Sehnsucht in ihm klopfte und pochte und
-er so viel an Oberheudorf denken mußte, setzte er sich
-hin und schrieb an Heine Peterle einen Brief. An die
-Freunde zu schreiben hatte ihm die Muhme ja nicht
-verboten, und sicher würden diese warten, und gewiß
-würden sie sich sehr freuen. Ach, es gab ja so viele
-Gründe, einen Brief zu schreiben!</p>
-
-<hr class="chap" />
-
-<div class="chapter">
-<h2 id="Heine_Peterles_Brief">
-<img src="images/illu-chapter.png" alt="" /><br />
-Heine Peterles Brief.</h2>
-</div>
-
-<p class="drop">Es war wieder einmal die Stunde gekommen, in
-der die meisten Oberheudorfer Kinder die Schule
-am liebsten hatten, &ndash; sie war nämlich aus. Die Schulglocke
-hatte geschwind und eilig gebimmelt, fast heiser
-war sie dabei geworden; dann hatte der Lehrer das
-Buch zugeklappt, und nun ging es laut und lustig auf
-der Dorfstraße zu. Und es war drollig: jene, die in
-der Schule immer ihren Mund hielten, wenn der Lehrer
-fragte, taten ihn hier draußen kaum zu. Zu diesen gehörte
-an diesem Tage auch Heine Peterle. In der<span class="pagenum"><a id="Seite_p059">59</a></span>
-Schule hatte er nichts gewußt, so wenig, daß es beinah
-zum Nachsitzen gekommen wäre, und draußen schwatzte
-er, als hätte er sich von der Jungfer Elster den Schnabel
-geborgt. Gerade wie der Lärm am größten war und
-die Kinder nun alle aus dem Schulhaus herausgekommen
-waren, schritt der Postbote durch das Dorf. Allzuviel
-hatte der immer nicht abzugeben, denn die Oberheudorfer
-waren keine großen Briefschreiber. Ihre Sippschaft
-saß meist in den Dörfern in der Nähe, und wenn ein
-Familienmitglied dem andern etwas sagen wollte, lief
-es lieber drei, vier oder fünf Stunden, ehe es einen
-Brief schrieb. Die Kinder bekamen erst recht keine
-Briefe, und so purzelten sämtliche Buben und Mädel
-vor Erstaunen beinahe um, als der Postbote auf die
-Kinder zukam, einen Brief hochhielt und rief: »Der ist
-für Heine Peterle Putzenkeller!«</p>
-
-<p>Heine Peterle riß seinen Mund auf, als wollte er
-ein Fliegenschnapper werden, doch seine Gefährten brüllten
-gleich laut los: »Heine Peterle kriegt 'n Brief &ndash; 'n
-Briiiieef!«</p>
-
-<p>»Na freilich, warum soll er nicht mal 'nen Brief
-kriegen?« Der Postbote schmunzelte und hielt dem
-Buben das Schreiben hin. »Da, nimm es doch!« Aber
-der sah es an, als wäre es ein glühender Plättstahl,
-er stöhnte ordentlich; der Gedanke einen Brief zu bekommen,
-war zu überwältigend.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_p060">60</a></span></p>
-
-<p>»Nimm ihn doch, nimm, nimm!« forderten die
-andern auf. Anton Friedlich versetzte ihm einen Puff
-von links, Schulzens Jakob einen von rechts, und nun
-entschloß sich Heine Peterle endlich, den Brief zu
-nehmen. Er wurde feuerrot dabei und hielt das kleine
-weiße Ding zitternd in der Hand.</p>
-
-<div class="figcenter">
-<img src="images/illu-060.png" alt="" />
-</div>
-
-<p>»Es ist von Friede Heller, auf der Rückseite
-steht's,« sagte der Postbote, »nu mach ihn nur auf!«</p>
-
-<p>»Von Friede, oh von Friede,« schrieen die Buben
-und Mädel vergnügt, »dann ist der Brief für uns alle.«</p>
-
-<p>»Nä, der ist for mich.« Heine Peterle preßte
-das Schreiben fest an seine Brust, denn Anton Friedlich
-griff schon danach. »Mach ihn doch auf!« mahnte der.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_p061">61</a></span></p>
-
-<p>»Ja, mach'n auf, wir wollen wissen, was drin
-steht,« ermunterten auch die andern, und Annchen Amsee
-drängte sich dicht an Heine Peterle heran. »Uh je,
-geht das langsam!«</p>
-
-<p>»Das is doch mein Brief,« rief der Bube patzig,
-»erst lese ich'n alleine. Nä, laß doch!«</p>
-
-<p>Schulzens Jakob hatte versucht, den Brief zu
-greifen, und kaum hatte ihn Heine Peterle vor dem
-Griff geschützt, als der dicke Friede danach langte. »An
-mich ist er erst recht, ich heiße Friede!«</p>
-
-<p>»Nä, mir gehört er!« Mit beiden Händen umklammerte
-Heine Peterle das weiße Ding, er puffte
-mit den Ellenbogen nach beiden Seiten und trotzte
-borstig auf: »Wenn ihr so seid, dann sag' ich nicht,
-was drinne steht.«</p>
-
-<p>»Wie sind wir denn?« fragten die andern gekränkt.
-»Nä, pfui, wie du bist! Der Brief ist doch für uns alle!«</p>
-
-<p>»Nä,« Heine Peterle stampfte mit dem Fuß auf,
-»der gehört mir, erst muß ich'n lesen.«</p>
-
-<p>»Na, dann lies doch fix! O bist du'n Tranpeter!«</p>
-
-<p>»Ihr laßt mich ja nicht lesen.« Heine Peterle
-wurde immer zorniger, immer röter, und trotzdem ein
-kühler, frischer Wind wehte und es gar nicht heiß war,
-traten ihm doch die Schweißperlen auf das Gesicht,
-denn immer dichter, immer enger umschloß ihn der
-Kinderkreis, er konnte sich kaum noch rühren. »Ich<span class="pagenum"><a id="Seite_p062">62</a></span>
-kann doch nicht aufmachen,« stöhnte er, »erst muß ich
-ein Messer haben!«</p>
-
-<p>»Hier mein's!« »Nimm mein's!« »Nein, mein's ist
-schöner!« »Mein's schneidet am besten!« Die Buben
-suchten in ihren Taschen und holten Messer heraus. Die
-Mädel ärgerten sich, daß sie keine hatten, und Schulzens
-Röse rief beleidigt: »Zu so was nimmt man 'ne
-Stricknadel, Vater nimmt immer Muttern ihre.«</p>
-
-<p>Einen Augenblick sahen die Buben betroffen drein;
-der Schulze bekam die meisten Briefe, und wenn der
-eine Stricknadel zum Öffnen nahm, mußte es wohl
-richtig sein. Aber dann brüllte Anton Friedlich: »Buben
-machen alles mit 'nem Messer, da ist mein's!«</p>
-
-<p>»Das hat ja keine Klinge,« höhnte Schnipfelbauers
-Fritz und streckte seins schmeichelnd Heine Peterle hin:
-»Nimm mein's!«</p>
-
-<p>»Nä, das is nie ordentlich scharf,« empörte sich
-der blaue Friede, »da guck mal meins!«</p>
-
-<p>»Au!« brüllte Heine Peterle, denn im Eifer hatte
-ihn der andere mit dem angepriesenen Messer in die
-Hand geritzt.</p>
-
-<p>»Ihr stecht ihn ja tot!« kreischte Bäckermeisters
-Mariele, die sehr ängstlich war; sie fing auch gleich an
-zu heulen, und Heine Peterle hatte nicht übel Lust, es
-ihr nachzumachen, denn seine Lage war nicht beneidenswert.
-Die Kinder drängten und drängten; er konnte<span class="pagenum"><a id="Seite_p063">63</a></span>
-sich nun wirklich nicht mehr rühren, puffte mit den
-Ellenbogen, stieß mit den Füßen, alles half nichts.
-Endlich schrie er jammernd: »Laßt mich los &ndash; sonst &ndash;
-sonst &ndash; eß ich den Brief auf!«</p>
-
-<p>Die Kinder schrieen allesamt laut auf vor Schreck,
-Bewunderung und Angst. Die Drohung machte einen
-solch ungeheuren Eindruck auf sie, daß sie den armen
-Heine Peterle beinahe zerquetschten. »Mach's nich,
-nä, mach's nich, der Brief ist doch for uns alle,«
-bettelten sie, und Heine Peterle hätte seine Drohung
-auch wirklich nicht ausführen können, er konnte nicht
-einmal mehr stoßen, so fest eingekeilt stand er da.</p>
-
-<p>»Potztausend, ihr Kindervolk, was macht ihr heute
-wieder für'n Geschrei? 's ist ja, als wäre Krieg und die
-Feinde hätten euch aus der Schule hinausgeschmissen!«
-Der das sagte, war Hans Rumpf, der Nachtwächter
-und Ortspolizist. Er kam mit einem grimmigen Gesicht
-herbei, denn er ärgerte sich schon eine ganze Weile über
-die Kinder, die da mitten auf der Dorfstraße standen
-und standen und nicht heimgehen wollten. Seine barsche
-Frage scheuchte die Kinder diesmal aber nicht auseinander,
-sie blieben stehen und klagten: »Heine Peterle
-hat'n Brief bekommen und will ihn uns nicht lesen
-lassen. Er will ihn aufessen, und er ist vom Friede,
-und er ist doch für uns alle, und wir lassen ihn nicht
-aufessen.«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_p064">64</a></span></p>
-
-<p>»Nä, er ist for mich alleine,« heulte Heine Peterle,
-dem jetzt die Geduld riß, »und ich &ndash; ich &ndash; esse ihn
-doch auf.«</p>
-
-<p>»Das muß ich sagen, dies is nu nich scheene von
-dir,« sagte Hans Rumpf strafend. »Nä, Heine Peterle,
-das mußte nich machen, so ungefällig sein.«</p>
-
-<p>»Nich wahr?« schrieen alle Kinder, und Schulzens
-Jakob griff wieder nach dem Brief. »Gib her, ich
-mach'n auf!«</p>
-
-<p>»Nä!« Heine Peterle trampelte vor Wut mit
-den Füßen und wurde nun so fuchswild, daß er wie
-ein Ziegenböcklein mit dem Kopf den dicken Friede in
-sein Bäuchlein stieß. Der quiekte erschrocken, wollte
-flüchten und stieß in der Enge so derb an Annchen
-Amsee, daß die kreischend zu fliehen trachtete.</p>
-
-<p>»Nich so hitzig! So was, das is nich scheene!«
-tadelte Hans Rumpf, aber seine Worte verhallten ungehört.
-Die Buben und Mädel stießen, schubbsten
-und drängten einander, teilten Püffe aus, suchten immer
-wieder Heine Peterles Brief zu fassen, quietschten,
-schrieen, heulten und kreischten, &ndash; es war ein fürchterlicher
-Lärm.</p>
-
-<p>»Hollah, fort von der Straße!« Des Schulzen
-Oberknecht kam mit einem Wagen angefahren, hinter
-ihm her kamen noch zwei Wagen. Die Leute hatten
-Dünger auf das Feld gefahren und kehrten nun heim.<span class="pagenum"><a id="Seite_p065">65</a></span>
-»Hollah, aus dem Wege!« Der Oberknecht ließ die
-Peitsche knallen, und nun flüchteten die Kinder und
-stoben auseinander wie ein Krähenschwarm, in den ein
-Schuß gefallen ist. Dabei versuchten Schulzens Jakob,
-Anton Friedlich und etliche andere aber doch noch Heine
-Peterle den Brief zu entreißen. Der wehrte sich. »Mein
-Brief, mein Brief,« brüllte er.</p>
-
-<p>»Hollah, aus dem Wege, unnützes Bubenpack!«
-brüllte der Oberknecht wieder; seine Peitsche sauste,
-und Anton Friedlich bekam eins über den Rücken.
-Mit einem lauten Schrei riß er aus, stieß an Heine
-Peterle an, der verlor das Gleichgewicht, purzelte hin,
-sprang aber geschwind wieder auf, denn dicht vor ihm
-standen die Pferde, und einen Augenblick später wäre
-er unter ihre Hufe gekommen.</p>
-
-<p>»Potzwetter noch einmal,« schrie der Oberknecht
-erschrocken, »am hellichten Tage kann man hier nicht
-ruhig fahren, weil einem die Buben in den Weg
-laufen.« Srrr, srrr, sauste seine Peitsche durch die Luft,
-und hier gab es einen Schlag, dort einen. Die Kinder
-jammerten, denn die Peitschenhiebe waren nicht sanft,
-aber alles Klagen und Jammern übertönte plötzlich laut
-Heine Peterles Stimme. »Mein Brief ist weg, huhuhuhu,
-ich habe meinen Brief verloren.«</p>
-
-<p>Die Wagen rollten vorbei, die Knechte schalten,
-Hans Rumpf schalt, die Kinder sollten nach Hause<span class="pagenum"><a id="Seite_p066">66</a></span>
-gehen, aber die blieben auf der Dorfstraße stehen und
-fragten und klagten untereinander: »Wer hat ihn
-denn?«</p>
-
-<p>»Ihr habt ihn mir genommen, mein Brief, huhuh,
-mein Brief!«</p>
-
-<p>»Er hat ihn doch aufgegessen!«</p>
-
-<p>»Nä, ich hab'n nich gegessen, mein Brief, huhuh,
-mein Brief!«</p>
-
-<p>»Hier liegt er!« Annchen Amsee, die Luchsaugen
-hatte und alles sah, was andere nicht sahen, hob ein
-schwarzes, triefendes Ding von der Straße auf: in
-einer Pfütze hatte es gelegen, und ein Wagen war
-darüber hingegangen.</p>
-
-<p>Entsetzt starrten die Kinder den verunstalteten Brief
-an, von dem eine schwärzliche Tunke herniederrann, und
-jetzt streckten sich die Hände nicht nach ihm aus. Schulzens
-Jakob sagte kleinlaut: »Den kann man doch nicht
-mehr lesen!«</p>
-
-<p>»Erst muß er ganz trocken sein,« riefen zwei, drei
-Stimmen.</p>
-
-<p>»Ich weiß was!« Bäckermeisters Mariele schob
-sich wichtig vor und griff mit spitzen Fingern nach dem
-schmutzigen Ding. »Ich hab' mal mein Buch in den
-Schmutz geworfen und es hernach im Backofen fein
-getrocknet, dann konnte ich wieder alles lesen. Kommt,
-wir woll'n den Brief auch trocknen!«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_p067">67</a></span></p>
-
-<p>»Fein,« riefen die andern, »und nachher lesen wir
-unsern Brief.«</p>
-
-<p>»'s ist doch mein Brief,« schluchzte Heine Peterle,
-und auf einmal empfanden etliche der Mädel herzliches
-Mitleid mit dem Kameraden. Sie trösteten ihn,
-nahmen ihn in ihre Mitte, und Mariele sagte gnädig:
-»Wenn er trocken ist, bekommst du ihn zuerst.«</p>
-
-<p>Alle miteinander zogen nach der Bäckerei. Das
-war nun keine Bäckerei, wie die etwa in einer Stadt
-ist. Abseits von dem Wohnhaus in einem Grasgarten
-stand das Backhäuschen, darin waren der Ofen und
-eine Backstube nebenan. Die war jetzt leer, aber der
-Ofen war warm, denn am Nachmittag wollten ein paar
-Bauersfrauen Striezel backen, und darum hatte Marieles
-Vater schon geheizt.</p>
-
-<p>»Hier auf den Schieber müssen wir den Brief
-legen,« wisperte Mariele eifrig. Dann erschrak sie aber
-selbst, als sie das schmutzige Ding ansah.</p>
-
-<p>»Leg meine Schürze unter!« Annchen Amsee hatte
-so geschwind, wie sie alles tat, Schwatzen, Essen und besonders
-Lachen, auch so rasch ihr Schürzchen abgebunden,
-das merkwürdig sauber war. Darauf wurde sorgsam der
-Brief gelegt und wie ein Brot in den Ofen geschoben.</p>
-
-<p>»Nicht so rasch,« warnte Mariele ängstlich, denn
-die Buben schoben gleich sehr kräftig zu, sie dachten:
-»Viel hilft viel.«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_p068">68</a></span></p>
-
-<p>Ein Weilchen standen die Kinder alle miteinander
-wartend in der Backstube, sie blieben aber nicht lange
-allein. Die Magd hatte sie durch den Grasgarten laufen
-sehen, und weil sie wußte, daß es verboten war, in das
-Backhäuschen zu gehen, meldete sie es rasch der Hausfrau.
-Diese rief ihren Mann, und der rannte denn
-auch ärgerlich nach dem Backhaus hinüber, riß dort die
-Türe auf und rief scheltend: »Na was soll denn das,
-was macht ihr denn hier alle in meinem Backhaus?
-Ei der Tausend, solche Gäste könnte ich hier gerade
-brauchen!«</p>
-
-<p>Der Bäcker war ein gutmütiger Mann, darum
-klang sein Schelten auch nicht sonderlich böse, und ein
-paar von den Buben hatten auch den Mut, ihm die
-ganze Geschichte zu erzählen.</p>
-
-<p>»Potz Weißbrot und Striezel, ihr seid doch ein
-närrisches Volk,« sagte der Bäcker, »backt 'n Brief in
-meinem Backofen. Na, woll'n mal sehen, ob er schon
-eine Butterbretzel geworden ist!«</p>
-
-<p>»Das wär' fein,« schmunzelte der dicke Friede, der
-gleich Hunger bekam, wenn er nur das Wort »Butterbretzel«
-hörte.</p>
-
-<p>Der Bäcker hatte unterdessen in seinen Ofen geschaut,
-aber er sah weder Annchen Amsees Schürze
-noch Heine Peterles Brief. Er fuhr suchend mit einem
-Stock im Ofen herum. »Meiner Seel',« rief er endlich,<span class="pagenum"><a id="Seite_p069">69</a></span>
-»das ist aber mal 'ne kuriose Butterbretzel geworden!«
-Er zog ein kleines Häufchen Zunder aus der Tiefe
-hervor: Schürze und Brief waren der Glut zu nahe
-gekommen und verbrannt.</p>
-
-<p>»Mein Brief,« brüllte Heine Peterle, und Annchen
-Amsee weinte: »Meine Schürze, sie war ganz neu!«
-Doch alles Klagen und Weinen, alles Jammergeschrei
-half nichts, Brief und Schürze blieben verbrannt. Traurig,
-mit gesenkten Köpfen zogen alle miteinander heimwärts;
-wie die begossenen Pudelchen kamen sie einher, und wer
-die Buben und Mädel sah, schüttelte den Kopf und
-meinte: »Na, da hat's was in der Schule gegeben.«</p>
-
-<p>Heine Peterle war ganz entzwei vor Kummer um
-den verlorenen Brief, er hätte doch so himmelgern gewußt,
-was darin gestanden hatte. Selbst Muhme Lenelies,
-die zum erstenmal bitterböse auf die Kinder war,
-denn auch sie hätte zu gern den Inhalt des Briefes
-gewußt, tröstete schließlich den armen Buben und versprach
-ihm, sie würde ihm Friedes nächsten Brief vorlesen.
-Das beruhigte Heine Peterle aber nur halb,
-und er stieg an diesem Abend mit dem Gedanken ins
-Bett: »Wenn ich nur wüßte, was in dem Brief gestanden
-hatte!« Auf einmal, er war schon völlig ausgekleidet,
-wutschte er zur Kammer hinaus, raste die
-Treppe hinunter, riß unten die Wohnstubentüre auf und
-brüllte: »Ich weiß, der Friede hat mich eingeladen!«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_p070">70</a></span></p>
-
-<p>Schwapp, hatte er einen Katzenkopf weg. »Dummer
-Bengel,« rief sein Vater, »was soll das Geschrei? Man
-denkt ja, es brennt im Hause!«</p>
-
-<p>So endete dieser Tag, der eigentlich wunderschön
-hätte sein müssen, trübe für den armen Heine Peterle.
-Es war nur gut, daß ein freundlicher Traum kam, sich
-an sein Bett setzte und ihm die prächtigsten Dinge erzählte.
-Als der Bube am nächsten Morgen aufwachte,
-war aller Kummer weg, wie weggeblasen, und als er
-in seine Höschen fuhr, sagte er höchst vergnügt zu
-Muhme Rese, die ihn geweckt hatte: »Aber mein war
-doch der Brief, mein Name hat drauf gestanden.«</p>
-
-<p>Und ein wenig später ging er steif und stolz wie
-ein Gockel zur Schule und rief seinen Kameraden wichtig
-zu: »Etsch, ihr habt noch nie 'nen Brief gekriegt,
-aber ich!«</p>
-
-<p>Da sahen ihn die andern betroffen an, seufzten
-und dachten: »Ja, recht hat der Heine Peterle schon,
-gekriegt hatte er den Brief, und das Lesen &ndash; &ndash; ja,
-das Lesen war schließlich doch Nebensache. Lesen konnte
-jeder einen Brief, aber kriegen nicht.«</p>
-
-<div class="figcenter">
-<img src="images/illu-close.png" alt="" />
-</div>
-
-<hr class="chap" />
-
-<div class="chapter">
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_p071">71</a></span></p>
-<h2 id="Eine_Stadtfahrt">
-<img src="images/illu-chapter.png" alt="" /><br />
-Eine Stadtfahrt.</h2>
-</div>
-
-<p class="drop">Traumfriede war schon eine Woche fort, als die
-Oberheudorfer Kinder ganz unerwartet eine große
-Freude hatten; der Lehrer sagte ihnen nämlich am Schluß
-der Stunde: »Kinder, morgen habt ihr frei.«</p>
-
-<p>Dies klang allen so überraschend, daß sie mäuschenstill
-saßen und den Herrn Lehrer nur mit großen Augen
-verwundert ansahen. Der fragte: »Ihr freut euch wohl
-nicht? Das ist nett von euch!«</p>
-
-<p>»O ja,« brüllten alle geschwind, und plötzlich war
-es, als wäre der Sturm in die Klasse hineingesaust.
-Die Kinder drehten sich auf ihren Plätzen um, nickten
-und winkten hierhin und dorthin, lachten und tuschelten,
-und die Buben- und Mädelbeine zappelten wie gefangene
-Fische im Netz.</p>
-
-<p>Der Lehrer lächelte ein wenig: »Es waren doch
-erst Ferien!«</p>
-
-<p>»Och, das ist ja schon furchtbar lange her,« riefen
-ein paar Buben; es klang, als wäre Ostern vor hundert
-Jahren und nicht vor vierzehn Tagen gewesen.</p>
-
-<p>»Na, dann geht mal heim und seid hübsch brav
-morgen. Ich muß mit dem Herrn Pfarrer nach Tannenroda;<span class="pagenum"><a id="Seite_p072">72</a></span>
-es ist eine wichtige Sache, die sich nicht aufschieben
-läßt, es tut mir leid genug.«</p>
-
-<p>Die Kinder hörten wohl, was der Herr Lehrer
-sagte, ihre Gedanken waren aber sehr wenig dabei, und
-Schulzens Jakob erzählte nachher daheim: Der Herr
-Lehrer müßte den Herrn Pfarrer nach Tannenroda
-schieben, und das wäre sehr wichtig. Die Buben und
-Mädel dachten nun daran, wie sie den schulfreien Tag
-recht vergnügt verleben könnten, sie machten Pläne, als
-wäre der eine Tag so lang wie die Sommerferien.</p>
-
-<p>Wie etliche Buben und Mädel so schwatzend die
-Dorfstraße entlang gingen, trafen sie Friede Hopserling,
-den Müllerknecht. Mit dem waren sie immer gut Freund,
-und ihm erzählten sie auch gleich, daß morgen schulfrei
-sei. »Na, dann besucht doch den Friede in Feldburg,«
-riet der Knecht.</p>
-
-<p>»Friede besuchen!« Die Kinder sahen sich an. Fein
-wäre das schon, aber Feldburg war arg weit, und ob
-sie durften?</p>
-
-<p>»Macht's so. Ich fahre früh hin mit Säcken und
-nachmittags leer heim; zurück nehme ich euch mit, hin
-müßt ihr laufen. Fein, was?« Friede Hopserling
-grinste die Kinder an wie ein lachendes Kasperle vom
-Vogelschießen, die Buben und Mädel grinsten wieder,
-und auf einmal schrieen sie alle: »Ich will mit, ich auch,
-ich auch!«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_p073">73</a></span></p>
-
-<p>Friede Hopserling übersah die Schar, schüttelte den
-Kopf, zählte an seinen Fingern ab und brummte endlich:
-»Vier, mehr nicht.«</p>
-
-<p>»Ich, ich, ich, nein ich, lieber ich, nimm mich mit!«
-Jedes rief, jedes bat, aber der Knecht schüttelte den Kopf.
-»Geht nicht, vier, sonst haben's die Pferde zu schwer.«</p>
-
-<p>Er trat zur Seite, maß nachdenklich den ziemlich
-breiten Straßengraben mit seinen Blicken und sagte
-dann: »Wer am besten springt, darf mit.« Er selbst
-sprang hinüber, zog drüben einen Strich, kam zurück
-und stellte sich an einen Meilenstein. »Einer nach dem
-andern, &ndash; wer fängt an?«</p>
-
-<p>Die Kinder gehorchten, das Springen erschien ihnen
-zu lustig, und jedes hoffte: »Ich erreich's.« Anton Friedlich
-hatte sich vorgedrängt: »Ich will anfangen, ich spring'
-am besten.«</p>
-
-<p>»Na los!« rief Friede Hopserling, und plumps lag
-Anton auch schon im Graben. »Mit 'nem großem Maul
-springt man nicht,« lachte der Knecht. »Schulzens Jakob
-spring!«</p>
-
-<p>Der sprang und kam richtig über den Strich. Seine
-Schwester Röse, die es ihm nachmachen wollte, fiel aber
-in den Graben, dort bekam sie gleich Gesellschaft vom
-blauen Friede, und noch waren sie beide nicht herausgekrabbelt,
-da plumpste ihnen schon Bäckermeisters
-Mariele nach.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_p074">74</a></span></p>
-
-<p>»Es ist zu weit,« riefen ein paar Kinder; Friede
-Hopserling erwiderte aber gelassen: »Wer nicht gut
-springt, kann vielleicht nicht gut laufen, und wer nach
-der Stadt will, muß gut laufen können, basta!«</p>
-
-<div class="figcenter">
-<img src="images/illu-074.png" alt="" />
-</div>
-
-<p>Hopsa, da war Schnipfelbauers Fritz drüben, der
-dicke Friede sprang ihm nach, und klatsch, lag er im
-Graben.</p>
-
-<p>»Jetzt muß Heine Peterle springen,« riefen ein
-paar Stimmen. Heine Peterle aber stand unentschlossen
-da. Wenn er gut sprang, mußte er mit in die Stadt,
-und eigentlich wollte er doch nicht, hatte gesagt, er
-würde nie mehr in die Stadt gehen.</p>
-
-<p>»He, der Heine Peterle, der Städter, mag nicht
-in die Stadt,« neckte Friede Hopserling, »er fürchtet sich.«</p>
-
-<p>»Nä,« rief Heine Peterle patzig, »pah, vor der<span class="pagenum"><a id="Seite_p075">75</a></span>
-Stadt fürchten!« und hops war er drüben, sogar noch
-ein Stück über den Strich war er gesprungen.</p>
-
-<p>»Mädel können nicht springen,« höhnte Anton
-Friedlich, als Krämers Trude in den Graben sank.</p>
-
-<p>»Das ist frech, hast auch drin gelegen!« Annchen
-Amsee reckte sich, nahm eilig einen ihrer braunen Bummelzöpfe
-in den Mund und sauste so geschwind über den
-Graben, daß sie drüben gleich Schulzens Jakob und
-Schnipfelbauers Fritz umriß.</p>
-
-<p>»So nun sind's vier,« sagte Friede Hopserling,
-»weil Annchen am besten gesprungen ist, darf sie sich
-noch ein Mädel aussuchen. Ein Mädel ist leicht, das
-ziehen meine Pferde noch.«</p>
-
-<p>»Mariandel,« rief Annchen Amsee geschwind und
-lief auf das schüchterne blonde Dirnchen zu, das es
-gar nicht gewagt hatte, zu springen. »Du mußt mit,
-über dich freut sich der Friede am meisten.«</p>
-
-<p>»Nä, über mich, an mich hat er geschrieben,« beharrte
-Heine Peterle, und die andern widersprachen ihm
-nicht. Sie redeten schon eifrig von der Fahrt, und ob
-es die Eltern erlauben würden. Doch die waren gut
-und sagten nicht nein; wenn Friede Hopserling die
-Kinder unter seinen Schutz nahm, dann waren sie wohl
-geborgen.</p>
-
-<p>Es gab an diesem Nachmittag viel Aufregung im
-Dorf. Die Kinder liefen dahin und dorthin, um von<span class="pagenum"><a id="Seite_p076">76</a></span>
-ihrer Stadtfahrt zu erzählen, und jeder gab ihnen gute
-Ratschläge. Kaspar auf dem Berge sagte: »Nehmt
-ein Huhn mit, die Dame &ndash; denn das ist sie &ndash;, sie
-hat's gesagt, will immer ein Huhn haben!«</p>
-
-<p>Da rannten die Kinder und flehten ihre Mütter
-an, sie sollten ihnen ein Huhn schenken, und die Mütter
-sagten, so was wäre Unsinn, dann sollten sie lieber
-daheim bleiben. Endlich, als das Bitten gar nicht
-nachließ, gab Heine Peterles Mutter wirklich ein Huhn
-her, eins, das keine Eier legte, pechschwarz und so unnütz
-war, daß man es im ganzen Dorfe nur den kleinen
-Teufel nannte. Nachdem die Kinder das Huhn hatten,
-wollten sie auch Eier haben, aber da schrie Heine
-Peterle: »Nä, nä, mit Eiern fällt man in der Stadt
-immer hin!«</p>
-
-<p>»Ich geb' euch für den Friede und seine Pflegeeltern
-Kuchen mit, und damit ist's genug, weiter wird
-nichts mitgenommen,« sagte die Schulzenfrau endlich,
-denn ihr Jakob hätte am liebsten das halbe Bauerngut
-mit nach der Stadt geschleppt. Muhme Lenelies kam
-auch und brachte einen Brief für ihren Friede. Die
-alte Frau freute sich über die Fahrt der Kinder am
-allermeisten, sie dachte nur immer: »Wie wird sich mein
-Friede freuen! Gewiß hat er sich schon sehr gebangt!«</p>
-
-<div class="figcenter">
-<img src="images/illu-077.jpg" alt="" />
-<div class="caption">Die Liebesgabe.</div>
-</div>
-
-<p>Mit viel Geschwätz, Geschrei, mit großer Wichtigkeit
-und Eile brachen die fünf Reisenden am nächsten<span class="pagenum"><a id="Seite_p077">77</a></span>
-Morgen auf. Auf dem Dorfplatz am Brunnen trafen
-sie sich und taten, als wollten sie miteinander eine Reise
-um die Welt machen. Der Abschied war auch danach.
-Annchen Amsee und Mariandel weinten ein bißchen,
-und die Buben sahen so grimmig drein, als wollten
-sie in der Stadt die größten Heldentaten verrichten.
-Jedes trug ein rotgemustertes Taschentuch zu einem Eßbündelchen
-zusammengebunden, und jedes fand das überflüssig,
-nur Heine Peterle nicht, der sagte: »In der
-Stadt ist's komisch, ich hab' dort nischt zu essen gekriegt.«
-Sein Bündelchen war auch am dicksten, und seine Mutter
-meinte bedenklich: »Das ist zu viel, du wirst ja krank!«</p>
-
-<p>»Nä,« rief Heine Peterle vergnügt, »vom Essen
-nie!« Und pfeifend zog er mit seinem Bündel neben
-den Gefährten her, er kam sich so ungeheuer klug und
-erfahren vor; er war doch schon einmal in der Stadt
-gewesen, und gewiß würden sie in der Stadt sehr staunen,
-daß Heine Peterle aus Oberheudorf wieder einmal kam.</p>
-
-<p>Fräulein Wunderlich hatte an diesem Tag »Rumpelkammerlaune«,
-wie das Mädchen Marie es nannte.
-Diese Laune hatte sie jetzt freilich immer, und ob es
-draußen regnete oder die Sonne schien, immer ging das
-Fräulein mit einem brummigen Gesicht einher. »Seit
-sie den Jungen aus Oberheudorf rausgeschmissen hat,
-ist's, als säße sie immer in unserer dunklen Kammer,«
-murrte Marie, der es gar nicht mehr im Organistenhaus<span class="pagenum"><a id="Seite_p079">78</a></span>
-gefiel. Sie sah dann auch nicht gerade wie Frühlingswetter
-aus, als sie an diesem Tage die Fenster
-blank putzte. Der Johannesplan lag still und einsam
-da, das Gymnasium hatte schon begonnen, und kein
-grünbemützter Bube rannte mehr über den Platz. Nur
-am andern Ende spielten ein paar kleine Kinder Kreisel;
-manchmal drang ihr lustiges Lachen zu Marie hinüber,
-dann erhellte sich deren Gesicht immer ein bißchen, denn
-sie hatte alle Kinder lieb. In dem großen Garten des
-Nachbarhauses war auch alles still, und Marie dachte,
-wie schon so oft in diesen Tagen: »Rein wie verschwunden
-ist der Junge, nicht mal sehen tue ich ihn.«
-Sie ahnte nicht, daß Friede stets durch eine kleine
-Seitentüre am andern Gartenende das Haus verließ
-und um die Kirche herumlief, nur um nicht am Organistenhaus
-vorbei zu müssen. So hatte er es auch an
-diesem Tage gemacht, an dem er wieder wie immer mit
-schwerem Herzen in die Schule lief. Einsam saß er
-unter seinen Genossen, er sprach mit keinem, ging allen
-scheu aus dem Wege, aber oft genug gellte der spottende
-Ruf: »Friede Pfennig aus Oberheudorf,« hinter ihm her.</p>
-
-<p>Während Friede so still in der Schule saß und
-Marie Fenster putzte, klippten und klappten auf einmal
-fünf Paar Kinderbeine laut über das Pflaster des
-Kirchplatzes. Marie bog sich aus dem Fenster und
-schaute erstaunt die Buben und Mädel an, die da<span class="pagenum"><a id="Seite_p080">79</a></span>
-einherkamen. »Na, die sind doch nicht von hier,« dachte
-sie lächelnd; die fünf hatten sich so fein gemacht und
-sahen so stolz und vergnügt drein, als wollten sie den
-ganzen Johannesplan kaufen. »Du meine Güte,« rief
-Marie erstaunt, »sie kommen zu uns!«</p>
-
-<p>Wirklich kamen die Kinder auf das Organistenhaus
-zu. Einer der Buben streckte die Hand aus:
-»Dort ist's,« und ein Mädel rief eifrig: »Es steht
-Wunderlich dran, ich kann's lesen.«</p>
-
-<p>»Ich will klingeln.« Heine Peterle drängte sich
-vor und drückte sehr kräftig auf den weißen Knopf; oh,
-er wußte schon Bescheid mit dem städtischen Klingeln!</p>
-
-<p>Ehe Marie noch voller Erstaunen von dem Fensterbrett
-heruntergeklettert war, lief Fräulein Wunderlich
-schon ärgerlich herbei, um zu öffnen. Es hatte den ganzen
-Tag noch nicht einmal geklingelt, und doch schalt sie:
-»Man hat auch nicht fünf Minuten Ruhe.« Sie riß
-die Türe auf und schaute verdutzt auf die Buben und
-Mädel draußen, die sie halb neugierig, halb verlegen
-anstarrten. Nur ein Bube trat eiligst vor, verbeugte
-sich sehr tief und schrie das Fräulein an, als wäre sie
-taub: »Wir sind da, weil der Friede mich eingeladen
-hat und &ndash; und&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<p>Annchen Amsee trug das schwarze Huhn, das den
-Kindern unterwegs schon recht unbequem gewesen war;
-es wollte sich durchaus nicht ruhig tragen lassen, zappelte<span class="pagenum"><a id="Seite_p081">80</a></span>
-immer hin und her und benahm sich recht wie ein kleiner
-Teufel. Annchen hatte es noch am längsten tragen
-können, doch jetzt war ihre Kraft und die Geduld des
-Huhnes zu Ende; mit lautem Geschrei flog es Fräulein
-Wunderlich an die Nase. &ndash; »Das Huhn bringen wir
-mit,« vollendete Heine Peterle aufatmend.</p>
-
-<p>»Ich danke schön dafür,« rief das Fräulein wütend.</p>
-
-<p>»Bitte!« Annchen Amsee und Mariandel knicksten
-tief, sie wußten doch, daß es sich schickt, nach jedem
-Dank »bitte« zu sagen.</p>
-
-<p>»Bitte,« brüllten es ihnen die Buben nach und
-verneigten sich auch. Heine Peterle aber sagte stolz:
-»Das ist von meiner Mutter und heißt Teufel, und
-Muhme Rese hat gesagt, für die Stadt wär's gut
-genug!«</p>
-
-<p>»Ih, du bist ja ein ganz abscheulicher, frecher
-Bengel,« rief Fräulein Wunderlich so entrüstet, daß
-Heine Peterle ganz erschrocken zurückwich.</p>
-
-<p>»Nä, das ist er nicht!« Annchen Amsee strich
-sich ihr Schürzchen glatt, stellte sich wichtig vor das
-Fräulein hin, schaute sie mit ihren runden Braunaugen
-treuherzig an und versicherte: »Nä, das müssen Se nich
-vom Heine Peterle denken, der ist ganz gut.«</p>
-
-<p>Das kleine Mädel, das so zutraulich und offen zu
-ihr aufsah, brachte Fräulein Wunderlich in Verlegenheit.
-Sie schämte sich im Herzen etwas ihrer schnellen<span class="pagenum"><a id="Seite_p082">81</a></span>
-Heftigkeit, und viel sanfter fragte sie: »Ja Kinder, was
-wollt ihr denn eigentlich hier?«</p>
-
-<p>»Den Friede besuchen!« riefen alle wie aus einem
-Munde, und Annchen Amsee knickste wieder und begann
-geschwind zu erzählen von dem schulfreien Tag, von
-Friede Hopserling, von dem Wettspringen, und während
-sie schwatzte, bekamen Mariandel und die Buben auch
-Mut und redeten mit; sie redeten wie ihnen der Schnabel
-gewachsen war.</p>
-
-<p>Marie kamen die fünf sehr spaßhaft vor, sie lachte
-vergnügt, während sie das schwarze Huhn gutmütig
-streichelte. Das Lachen machte die Kinder noch mutiger,
-sie schwatzten immer lebhafter, erzählten die Geschichte
-von dem ungelesenen Brief und versicherten dazwischen
-immer wieder, Friede würde sich ungeheuer über ihren
-Besuch freuen. »Er schießt 'nen Purzelbaum, sicher,«
-behauptete Schnipfelbauers Fritz. Das tat er selber
-nämlich immer, wenn er Geburtstag hatte.</p>
-
-<p>»Und Kuchen haben wir auch mit,« zwitscherte
-Annchen Amsee.</p>
-
-<p>»Ja, viel!« Schulzens Jakob blähte sich wie ein
-kleiner Frosch auf. »Meine Mutter hat gesagt, da wär'
-ordentlich Butter drin, der würde den Stadtleuten schon
-schmecken!«</p>
-
-<p>»Der ist fein!« Annchen Amsee leckte mit ihrem
-roten Zünglein geschwind die Mundwinkel, »hm, fein!«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_p083">82</a></span></p>
-
-<p>»Und 'nen Brief hab' ich für Friede von Muhme
-Lenelies,« flüsterte Waldbauers Mariandel schüchtern,
-»und grüßen soll ich von der Muhme, und &ndash; und &ndash;
-sie tät Ihnen dankbar sein.« Das Mädel atmete tief
-auf, die lange Bestellung war ihm sehr schwer geworden.</p>
-
-<p>Die Kinder hatten in all ihrem Schwatzen gar
-nicht gemerkt, daß das Fräulein ganz still war; kein
-Wort sagte es, und manchmal seufzte es tief, wie
-jemand, dem eine Last auf dem Herzen liegt. Die fünf
-Paar Beine, die so tapfer die vielen Stunden auf der
-Landstraße gelaufen waren, hatten den schneeweißen
-Hausflur bald recht schmutzig getreten, und das Schwatzen
-durchhallte das Haus sehr laut. Selbst die alte Treppe
-wunderte sich über den ungewohnten Lärm, und sie
-knackte ein paarmal unwirsch. Aber das alles schien
-Fräulein Wunderlich gar nicht zu merken. Sinnend,
-ernsthaft betrachtete sie die Kinder, schaute in die treuherzigen
-Augen, die ihr aus den blühenden, runden
-Gesichtern entgegenstrahlten, und dachte nur immer:
-»Das sind nun Friedes Freundinnen und Freunde, &ndash; ob
-der Junge wohl auch so vergnügt hätte schwatzen können?«
-Und dann sann sie nach: Was tue ich nur mit den Kindern,
-wie sage ich es ihnen, daß ich ihren Freund &ndash; &ndash;?
-Sie erschrak auf einmal tief vor ihrer Tat. Hinausgeworfen
-hatte sie den Jungen, und plötzlich schlug sie
-vor den Kindern die Augen nieder.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_p084">83</a></span></p>
-
-<p>»Jetzt sieht sie die Schmutztrapsen, jetzt wird sie
-gleich furchtbar schelten,« dachte Marie erschrocken, die
-mit großer Freude den Kindern zugehört hatte. Aber
-merkwürdigerweise schalt Fräulein Wunderlich nicht,
-sondern sagte sehr sanft: »Marie, du könntest Schokolade
-für die Kinder kochen. Die Schule ist ja noch lange
-nicht aus, und sicher werden die Kinder hungrig sein.«</p>
-
-<p>»Schokolade?« Die fünf Reisegefährten rissen
-Augen und Mund weit auf; Schokolade gab es in
-Oberheudorf sehr, sehr selten, nur an den allerhöchsten
-Festtagen, und hier in der Stadt sollten sie gleich das
-köstliche Getränk bekommen. Und wie komisch, das Fräulein
-fragte auch noch: »Mögt ihr Schokolade gern?«</p>
-
-<p>»Ja!« brüllten alle fünf, so laut sie konnten, und
-unverhohlen, riesengroß stand die Freude auf ihren Gesichtern
-geschrieben.</p>
-
-<p>Fräulein Wunderlich lächelte milde, so milde, wie
-sie lange, lange nicht gelächelt hatte. Sie führte die
-Kinder selbst in das Wohnzimmer und schien es gar
-nicht zu sehen, daß der Teppich auch ein bissel Schmutz
-von der Landstraße als Mitbringsel bekam. Die fünf
-Oberheudorfer durften sich um den runden Tisch herumsetzen,
-auf den Marie alsbald ein blütenweißes Tischtuch
-breitete, und auf den sie wundervolle, mit Rosen
-bemalte Tassen stellte. Ordentlich feierlich wurde es
-den Kindern zumute, sie verstummten mehr und mehr,<span class="pagenum"><a id="Seite_p085">84</a></span>
-und Fräulein Wunderlich mußte ein paarmal mahnen:
-»Erzählt mir noch etwas! Seid ihr wirklich den weiten
-Weg immerzu gelaufen?«</p>
-
-<p>Die Kinder antworteten, aber als dann Marie mit
-der Schokolade kam und einen Teller feine, weiße Buttersemmeln
-dazu hinstellte, da verstummten die Buben und
-Mädel vollständig. Sie lachten nur selig vergnügt,
-und dann kauten und schluckten sie voller Behagen,
-während Herrin und Dienerin ihnen andächtig zusahen.
-Fräulein Wunderlich mußte an ihre Kinderzeit denken.
-Damals hatte es zu den Geburtstagen auch Schokolade
-gegeben, ihre beiden Schwestern hatten noch gelebt, und
-drüben aus dem Nachbarhause waren die lustigen Spiegeleier
-gekommen &ndash; so hatten die Wunderlichkinder die
-beiden Brüder von Spiegel genannt. Dem Fräulein
-wurde es seltsam weich ums Herz. Warum war nur
-alles so anders geworden? Feindschaft herrschte, wo
-es einst Freundschaft gegeben hatte!&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>Heine Peterle setzte tief aufatmend seine Tasse
-nieder, &ndash; die fünfte war es gewesen, nun konnte er wirklich
-nicht mehr, er war plumpssatt. Jetzt dachte er
-wieder an den Freund und fragte: »Kommt der Friede
-nun bald aus der Schule?«</p>
-
-<p>»Der hat's aber gut!« seufzte Schulzens Jakob,
-der einen Schokoladenbart von einem Ohr bis zum
-andern hatte.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_p086">85</a></span></p>
-
-<p>In Fräulein Wunderlichs blasses Gesicht stieg eine
-leichte Röte, wirklich, sie schämte sich vor den Kindern.
-Leise stockend erwiderte sie: »Der Friede &ndash; &ndash; ist &ndash; &ndash;
-er wohnt gar nicht bei mir, sondern im Nebenhaus.«</p>
-
-<p>Buben und Mädel sahen einander verdutzt an,
-endlich sagte Annchen Amsee schüchtern: »Ach &ndash; &ndash; hier
-ist's wohl zu fein für ihn?«</p>
-
-<p>»Wo ist er denn?« rief Mariandel kläglich. »Ich
-will doch zum Friede!«</p>
-
-<p>»Im Nebenhaus drüben wohnt er, Kinder!« Fräulein
-Wunderlich seufzte wieder; ja, nun mußte sie doch
-den Kindern alles erzählen!</p>
-
-<p>Aber da sagte Marie plötzlich: »Das mit dem
-Friede ist nu so'ne Geschichte. Mein Fräulein hat nicht
-gleich gewußt, was das für'n guter Junge ist, und hat
-gedacht, er tut's aus Bosheit, daß er rüber in'n Garten
-geklettert ist, und drüben, da wohnt 'n alter Herr, der
-hat ihn gleich behalten. Habt ihr denn das in Oberheudorf
-nicht gewußt?«</p>
-
-<p>»Nä!« Die Kinder sahen wieder höchst erstaunt
-drein. Maries Rede hatten sie nicht ganz verstanden,
-nur Mariandel rief plötzlich entrüstet: »Der Friede ist
-doch nicht boshaft!«</p>
-
-<p>»Ih wo, ist er auch nicht,« beruhigte Marie, »ich
-bringe euch nachher ins Nachbarhaus, und dann erzählt
-ihr dem Friede, wie schön's hier gewesen ist.«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_p087">86</a></span></p>
-
-<p>»Ja, und sagt ihm, er möchte mich recht bald besuchen,«
-fiel Fräulein Wunderlich hastig ein, und im
-Herzen nahm sie sich vor: »Ich tue dem Buben was
-Liebes an, ich will meine Härte gut machen.«</p>
-
-<p>»Jetzt wird bald drüben die Schulglocke läuten,
-nun kommt euer Friede gleich raus,« rief Marie, und
-dies Wort ließ selbst das plumpssatte Heine Peterle
-gleich aufspringen, und die Buben wären beinahe ohne
-Lebewohl und Dank hinausgestürmt; aber Annchen
-Amsee mahnte mit sanften Püffen an diese Pflicht,
-und so dankten denn alle sehr höflich, legten ihre braunen
-Patschen treuherzig in der Hausherrin weiße Hand und
-versprachen sehr vergnügt das Wiederkommen.</p>
-
-<p>»Wenn wieder keine Schule ist,« »Wenn Schnipfelbauers
-Fritz wieder fährt,« »Nächste Woche vielleicht,«
-so tönte es durcheinander. Und dann dachten die Mädel
-an den Kuchen und an das Huhn, aber Fräulein
-Wunderlich sagte, das müßten sie alles mit ins Nachbarhaus
-nehmen, das ginge nicht anders. Das wollten
-aber die Kinder durchaus nicht, denn das Huhn hatten
-sie doch für Fräulein Wunderlich mitgebracht. Kaspar
-auf dem Berge hatte doch gesagt, das Fräulein wünsche
-sich eins.</p>
-
-<p>»Behalten Sie's nur,« redete Annchen Amsee zu,
-»es ist ganz gut, und meine Mutter sagt, vielleicht legt's
-doch Eier, man weiß nur nicht wohin.«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_p088">87</a></span></p>
-
-<p>»Nä, ich nehm's nicht mehr mit,« wehrte Heine
-Peterle ab, der heimlich Angst hatte, er müßte es tragen,
-und die andern sagten es auch, von dem Kuchen sagten
-sie aber nichts.</p>
-
-<p>»Ich dächte, 's wär' schon am besten, wir behielten
-den kleinen Teufel jetzt da,« ließ sich Marie vernehmen,
-»denn sonst passiert den Kindern noch was damit.«</p>
-
-<p>»Nun gut, es soll hier bleiben, und der Friede
-kann's besuchen,« entschied Fräulein Wunderlich. »Und
-vergeßt es nicht, Friede zu sagen, er soll bald zu mir
-kommen,« mahnte sie noch, als die fünf schon zur Haustüre
-hinausliefen.</p>
-
-<p>Die hörten dies kaum noch, sie sahen die ersten
-Grünmützen über den Johannesplan laufen und rannten
-auf das Gymnasium zu. »Da ist er!« brüllte Heine
-Peterle, und trotz der vielen Schokolade lief er nun doch
-wie ein Wiesel ihm entgegen in den Schulhof hinein.</p>
-
-<p>»Friede, wir sind da! Friede, wir woll'n dich besuchen!«
-Traumfriede wußte nicht, wie ihm geschah,
-als ihn da auf einmal die fünf Oberheudorfer umringten.
-Jubelnd und lachend schwatzten sie auf ihn
-ein und merkten es gar nicht, daß sich um sie herum
-lauter Grünmützen stellten. »Hollah, Friede Pfennig
-hat Besuch bekommen, wohl auch aus Oberheudorf!«
-schrie ein Klassengenosse, und ein paar Stimmen schrien
-es ihm nach.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_p089">88</a></span></p>
-
-<p>Friede wurde totenblaß bei diesem Spott, und ein
-häßliches, nie gekanntes Gefühl stieg in ihm auf: er
-schämte sich in diesem Augenblick der alten Freunde,
-und diese Scham schloß ihm jäh den Mund.</p>
-
-<p>Die fünf sahen ihn an. Der da, das war doch gar
-nicht mehr ihr Friede, ihr alter Schulgefährte. So
-fremd sah er aus, und nun merkten sie auch, daß die
-Buben, die um sie herumstanden, spotteten, keck und
-übermütig. Ein langer Junge griff nach Heine Peterles
-vielgeliebter Pelzmütze, die dieser trotz des warmen Frühlingswetters
-trug. »Heda, du kommst ja wohl vom
-Nordpol?«</p>
-
-<p>»Nee, aus Oberheudorf,« spotteten die andern.
-Aber sie hatten sich verrechnet, allzu viel ließen sich die
-Dorfbuben nicht gefallen. Klatsch, klatsch, schlug Schulzens
-Jakob geschwind um sich, und Heine Peterle und
-Schnipfelbauers Fritz folgten seinem Beispiel. Da kam
-Friede auch wieder zu sich. Zorn und Scham über sich
-selbst verliehen ihm doppelte Kräfte, er schob einen
-Buben, der ihn um Kopfgröße überragte, einfach zur
-Seite und schrie grob: »Laßt sie in Frieden, die gehören
-zu mir!«</p>
-
-<p>»Na, seht doch die frechen Dorfjungen!« höhnte
-einer, aber schwapp hatte er einen Katzenkopf weg und
-einen Rippenstoß dazu, beides von guter Oberheudorfer
-Art. Die Stadtjungen merkten bald, daß die Oberheudorfer<span class="pagenum"><a id="Seite_p090">89</a></span>
-nicht mit sich spaßen ließen. Puffend, stoßend,
-kampfbereit wie junge Hähne zogen die sechs Heimatgenossen
-aus dem Schulhof wieder hinaus. Die Mädel
-ließen sich auch nichts gefallen, und Annchen Amsee
-gebrauchte ihr rotes Eßbündelchen dazu, es den Grünmützen
-um die Ohren zu schlagen. Die traten endlich
-den Rückzug an, und vor dem Spiegelhaus ließen sie
-die sechs in Ruhe und liefen davon.</p>
-
-<p>Der Gärtner hatte das Geschrei gehört und kam
-eilig herbei, um zu sehen, was dies eigentlich zu bedeuten
-hätte. Erstaunt sah er den kleinen Gast seines
-Herrn unter den Dorfkindern stehen. Die redeten eifrigst
-auf Friede ein, erzählten von dem Brief, ihrem Weg
-hierher und versicherten immer wieder: »Wir sind nur
-gekommen, um dich zu besuchen.«</p>
-
-<p>Mariandel fragte eindringlich: »Freust dich wohl
-arg, gelt, Friede?« Aber sie erhielt keine Antwort.
-Friede konnte sich gar nicht recht freuen, er wünschte,
-die Freunde wären nicht gekommen; er wußte nicht, was
-er mit ihnen anfangen sollte. Sie mit in das Haus zu
-nehmen, wagte er nicht, und er seufzte, als Annchen
-Amsee nun schon zum dritten Male fragte: »Gehen
-wir nun ins Haus? Das sieht aber fein aus!«</p>
-
-<p>Der Gärtner war inzwischen zu dem Professor
-gegangen und hatte ihm von dem Kinderbesuch erzählt.
-Der rief zwar etwas erschrocken: »Lieber Himmel, gleich<span class="pagenum"><a id="Seite_p091">90</a></span>
-fünf!« Er erlaubte aber doch, daß sie hereinkamen.
-Friede war heilfroh, als der Hausverwalter seine Gäste
-holte, er hätte in seiner Verlegenheit wohl noch etliche
-Stunden mit ihnen vor dem Tore gestanden. Er schämte
-sich nachher seiner Zaghaftigkeit sehr, denn der Professor
-<span id="corr090">empfing</span> die Kinder so freundlich, als hätte er just an
-dem Tage gedacht: »Wenn ich doch Besuch aus Oberheudorf
-bekäme!«</p>
-
-<p>Annchen Amsee erkannte den alten Herrn gleich
-wieder. Oh, sie wußte es noch genau, er hatte ihr die
-Backen gestreichelt und sie ein putziges Frauenzimmerchen
-genannt. »Ja,« rief Schnipfelbauers Fritz stolz, als
-Annchen dies erzählte, »un ich sollt' 'ne Maulschelle
-kriegen, aber ich hab' se nich gekriegt!«</p>
-
-<p>»Na siehst du,« sagte der Professor lächelnd, »da
-sind wir ja alte Freunde. Nun erzählt mir mal, wie
-ihr hergekommen seid.«</p>
-
-<p>Das ließen sich die Kinder nicht zweimal sagen,
-sie erzählten alles, auch von dem Schokoladefest bei
-Fräulein Wunderlich. Zu essen bekamen die Kinder
-auch etwas, und es schmeckte ihnen so gut in dem gastlichen
-Hause, daß die Hausverwalterin mitleidig dachte:
-»Die bekommen zu Hause gewiß recht wenig zu essen.«
-Sie hatte eben keine Ahnung, was in einen rechten
-Oberheudorfer Kindermagen hineingeht.</p>
-
-<p>Nach Tisch sollten sich die Kinder die Stadt ansehen,<span class="pagenum"><a id="Seite_p092">91</a></span>
-da Friede an diesem Nachmittage keine Schule
-hatte. Zuvor durfte sie Friede selbst rasch einmal durch
-alle Zimmer führen, die der Professor bewohnte. Dabei
-kamen sie auch durch einen großen Saal, in dem
-die Sammlung des Hausherrn aufgestellt war: antike
-Büsten und Statuen, Krüge, Vasen, Waffen und
-allerlei Gebrauchsgegenstände aus uralten Zeiten, und
-die fünf Oberheudorfer rissen die Augen weit auf vor
-Erstaunen. »Ja warum stellt sich jemand nur so häßliche
-alte Sachen hin?« fragten diese Augen alle.</p>
-
-<p>»Es ist ja fast alles zerbrochen,« flüsterte Annchen
-Amsee, und Mariandel lispelte ängstlich: »Weiß denn
-der Herr, daß sein Zeug alles kaput ist?«</p>
-
-<p>»Ja doch, er hat dies alles gesammelt,« erklärte
-Friede, und in seine blauen Augen trat ein träumerisches
-Sinnen. Er fand nämlich die kaputen Sachen gar nicht
-so häßlich. Aber da puffte Heine Peterle und kicherte:
-»Nun sieh doch da den Topf mit 'nem Loch, und da
-noch einen, und der Mann hat keine Arme, und, hihihihi,
-der Frau haben sie die Nase abgehauen.«</p>
-
-<p>»Herr Professor hat aber seine Freude an den
-Sachen,« sagte Friede, und er hätte ganz gern den
-Freunden von den alten Griechen und Römern etwas
-erzählt, denen einst alle diese Dinge gehört hatten. Die
-fünf meinten aber, es wäre nun besser, sie gingen in
-die Stadt. Die zerbrochenen Töpfe gefielen ihnen gar<span class="pagenum"><a id="Seite_p093">92</a></span>
-nicht, ja Annchen Amsee sagte verächtlich: »Meine
-Mutter hat ein paar, da fehlt der Henkel, aber die sind
-viel hübscher.«</p>
-
-<p>»Ach, kommt in die Stadt, ich will was kaufen,«
-rief Schulzens Jakob und klimperte protzig mit drei
-Groschen. Er kam sich ungeheuer reich vor.</p>
-
-<p>»Ja, einkaufen wollen wir,« riefen auch die andern.
-Da schwieg Traumfriede von den alten Griechen und
-Römern und führte seine Heimatgenossen in die Stadt.</p>
-
-<p>Feldburg hatte nur eine Hauptstraße, in der es
-hübsche Läden gab, denn es war ja eine kleine Stadt,
-Großstädter nannten sie eben »ein Nest«. Aber die
-Oberheudorfer Buben und Mädel waren halt keine
-Großstädter, ihnen kam die Stadt erstaunlich groß vor.
-Ihre derben Schuhe klapperten laut über das Pflaster,
-als sie nun wieder über den Johannesplan trabten.
-Jeden Menschen, den sie sahen, grüßten sie höflich.
-Als sie aber in die Hauptstraße einbogen, sagte Friede:
-»Laßt lieber das Gutentagsagen sein, hier tut man das
-nicht!«</p>
-
-<p>»Pfui, wie unhöflich!« Annchen Amsee rümpfte
-das Näschen, aber gleich darauf vergaß auch sie ihre
-Entrüstung, denn Heine Peterle schrie plötzlich laut auf:
-»Nä, da rennt 'n Wagen ohne Pferde!«</p>
-
-<p>Die Wege, die nach Oberheudorf führten, waren
-nicht besonders glatt und schön, und darum hatte noch<span class="pagenum"><a id="Seite_p094">93</a></span>
-niemand diese Fahrt mit einem Automobil unternommen.
-Ein solches Fahrzeug war den Kindern also vollständig
-unbekannt. Sie staunten es darum mit offenem Mund
-an. »Wie war es nur möglich, daß ein Wagen ohne
-Pferde fahren konnte!«</p>
-
-<p>»Da ist noch einer!« schrie Jakob, und alle fünf
-rannten auf den Fahrdamm dem merkwürdigen Ding
-entgegen.</p>
-
-<p>»Runter!« brüllte sie da ein Mann an. Er faßte
-Heine Peterle und Schulzens Jakob beim Kragen,
-Friede zerrte die Mädel auf den Fußsteig zurück, eine
-Frau hatte Schnipfelbauers Fritz ergriffen. Mit einem
-Ruck stand das Automobil still, es hätte beinahe die
-Kinder überfahren. Der Chauffeur, die Insassen, die
-Fußgänger, alles schalt auf die Kinder ein, die so verdattert
-waren, daß sie gar nichts sagen konnten. Nur
-Schnipfelbauers Fritz schrie immerfort: »'n Wagen
-ohne Pferd, 'n Wagen ohne Pferd!«</p>
-
-<p>»Die sind ja wohl aus Afrika?« brummte ein dicker
-Schutzmann, und die Umstehenden lachten.</p>
-
-<p>»Nee, die sind aus Oberheudorf,« brüllten etliche
-Grünmützen, und Friede erkannte zu seinem Entsetzen
-ein paar Klassengenossen. O weh, nun würde der
-Spott wieder losgehen. Er senkte scheu den Kopf und
-bat: »Kommt doch, kommt, da ist ein Laden. Annchen
-kann dort eine Tasse kaufen.«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_p095">94</a></span></p>
-
-<p>Den fünfen war das recht. Sie waren auch froh,
-aus dem Tumult herauszukommen, und so folgten sie
-alle eilig Friede in einen großen Laden hinein. Hier
-vergaßen sie vor Staunen gleich den soeben überstandenen
-Schrecken. So viele schöne Tassen, Teller, Krüge,
-Vasen, silberne Kannen und Zuckerschalen und hunderterlei
-Sachen hatten sie noch nie gesehen. Besonders die
-Mädel gerieten fast aus dem Häuschen vor Freude,
-und Annchen Amsee rief gleich: »Die Tasse will ich
-kaufen, &ndash; nein, die da, nein, die!«</p>
-
-<p>Die Verkäuferin sah die neuen Kunden etwas erstaunt
-an. Weil aber Annchen Amsee so rasch dies und
-das kaufen wollte, lächelte sie huldvoll und sagte: »Sucht
-euch nur aus, die Tassen dort sind besonders schön.«</p>
-
-<p>Ja, Annchen fand die bezeichneten Tassen auch
-wunderfein, sie waren ganz mit Rosen bemalt und innen
-vergoldet. »So eine nehme ich,« rief Annchen und holte
-ihr Sacktüchlein hervor, in dem sie ihr Geld eingebunden
-hatte. Sie war sehr reich, reicher noch als Schulzens
-Jakob, denn sie hatte vier Groschen. Wichtig legte sie
-das Geld auf den Ladentisch und fragte: »Krieg ich
-zwei dafür?«</p>
-
-<p>Ihre Gefährten sahen sie bewundernd an. Nein,
-war das Annchen schnell beim Kauf! Sie tat ja gerade,
-als wäre sie schon hundertmal in der Stadt gewesen
-und hätte schon oft schöne Tassen gekauft.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_p096">95</a></span></p>
-
-<p>Die Verkäuferin hatte eine Rosentasse vom Brett
-genommen und sah nun prüfend auf das Geld. »Aber
-Kind,« rief sie, »so eine Tasse kostet drei Mark! So
-billige Tassen haben wir überhaupt nicht; da kannst du
-höchstens so eine dafür bekommen.« Sie hielt Annchen
-eine glatte weiße Tasse hin, die nur einen schmalen
-goldenen Rand hatte. »Nimm die, sie ist sehr hübsch.«</p>
-
-<p>»Nä, die is nich hübsch, gar nich.« Heine Peterle
-kam Annchen zu Hilfe. Er mußte doch zeigen, daß er
-in der Stadt Bescheid wußte, und kräftig tippte er mit
-seinem braunen Zeigefinger auf die Rosentasse: »So
-eine soll's sein.« Klirr, wackelte dabei die Tasse hin
-und her. »Ih, du dummer Bube,« rief die Verkäuferin
-und sah auf einmal gar nicht mehr freundlich, sondern
-ziemlich ärgerlich aus. »Gleich läßt du die Tasse stehen!
-Ich dachte es mir gleich, solche teure Sachen sind nichts
-für euch. Geht hier gleich gegenüber zu Herrn Schulze,
-das ist ein Ramschladen, der hat Tassen genug für euch.«</p>
-
-<p>»Ja, wir wollen lieber gehen,« flüsterte Mariandel
-und sah ängstlich auf Schulzens Jakob, der sehr eifrig
-eine schöne Vase befühlte. »Kommt, sonst macht Jakob
-was kaput.«</p>
-
-<p>Die Verkäuferin schien das auch zu befürchten, sie
-rief erschrocken: »Stehen lassen, nichts angreifen! Wer
-etwas anfaßt, muß Strafe zahlen. Geht nur, geht;
-im Ramschladen findet ihr schon etwas!«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_p097">96</a></span></p>
-
-<p>»Ja, kommt,« mahnte auch Friede, und die Oberheudorfer
-fanden auch, das Fräulein im Laden sei viel
-zu unfreundlich. Der mochten sie gar nichts mehr abkaufen.
-Sie verließen rasch das Geschäft und beschlossen
-draußen, zu Herrn Schulz zu gehen; sicher war der
-höflicher als das Fräulein. Herr Schulz hatte nun
-freilich keinen so prächtigen Laden, sondern nur ein
-kleines, schmales Budchen, in dem alles durcheinander
-und übereinander stand. Es herrschte ein richtiges
-Sammelsurium darin, aber den Oberheudorfern gefiel
-es doch sehr. Die Buben zogen höflich die Mützen,
-die Mädel knicksten tief, und Herr Schulz lächelte und
-zog seinen Mund so breit wie eine Schublade.</p>
-
-<p>»Na, Kinder, was wollt ihr denn?«</p>
-
-<p>»Eine Tasse kaufen in Ihrem Ramschladen,« sagte
-Heine Peterle und fand das sehr nett und höflich gesagt.
-Und Annchen Amsee rief voller Bewunderung:
-»Ach, der Ramschladen ist aber fein!«</p>
-
-<p>»Potzwetter,« schrie Herr Schulz da zornig, »so
-eine freche Bande, mein Geschäft einen Ramschladen
-zu nennen! Na wartet nur!« Und hopps sprang Herr
-Schulz über den Ladentisch und packte Schulzens Jakob,
-der sich am weitesten vorgedrängt hatte. Er wollte dem
-gerade einen richtigen Katzenkopf versetzen, als Friede
-seine Hand erschrocken festhielt und sagte: »Bitte nicht
-schlagen, Herr Schulz, die haben es nicht böse gemeint.«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_p098">97</a></span></p>
-
-<p>»Nä, nä,« schrieen die andern angsterfüllt, »wir
-haben doch nischt getan!«</p>
-
-<p>»So, mein Geschäft einen Ramschladen nennen,
-das nennt ihr wohl höflich?« Ein bißchen freundlicher
-schaute Herr Schulz schon drein, und Friede erzählte
-geschwind, was das Fräulein gegenüber gesagt hatte.
-»Na, der werde ich noch meine Meinung sagen,« brummte
-Herr Schulz und fragte nun gar nicht mehr streng:
-»Ihr dachtet wohl, ein Ramschladen wäre etwas sehr
-Nettes?«</p>
-
-<p>Die Kinder nickten, und Annchen Amsee flüsterte:
-»Hier ist's doch auch so schön!«</p>
-
-<p>»Ja freilich ist's schön bei mir!« Herr Schulz
-lächelte wieder versöhnt. »Nun sagt mir, was ihr
-haben wollt.«</p>
-
-<p>Die Kinder wollten viel. Mit Herrn Schulz ließ
-es sich aber auch gut handeln, der fragte erst, wieviel
-Geld sie hätten, und dann schnitt er kein verächtliches
-Gesicht wie das Fräulein gegenüber, sondern holte ganz
-wundervolle Tassen herbei. Jedes Mädel konnte eine
-Tasse erstehen und noch ein buntes Zopfband dazu, denn
-Bänder hatte Herr Schulz auch. Und für die Buben
-waren Trillerpfeifen und Mundharmonikas da. Heine
-Peterle erstand sogar eine rosenrote Flöte, die zur allgemeinen
-Freude wie ein Frosch quakte, obgleich Herr
-Schulz behauptete, man könnte darauf wie eine Nachtigall<span class="pagenum"><a id="Seite_p099">98</a></span>
-flöten. Schulzens Jakob sagte aber: »'n Frosch ist
-besser als 'ne Nachtigall.«</p>
-
-<p>Die Kinder trennten sich nur schwer von dem
-freundlichen Herrn Schulz, und sie versprachen ihm
-ganz fest, das nächste Mal würden sie bestimmt wiederkommen.</p>
-
-<p>Schnipfelbauers Fritz und Schulzens Jakob, die
-sehr schöne, grelltönende Trillerpfeifen gekauft hatten,
-verließen den Laden zuletzt. Als sie schon an der Türe
-standen, sagte Herr Schulz plötzlich halblaut zu ihnen:
-»Ich würde dem groben Fräulein da drüben einmal
-etwas pfeifen, wenn ich ein Bube wäre.«</p>
-
-<p>Die beiden sahen sich an. Heisa, das war so ein
-Spaß nach ihrem Sinn!</p>
-
-<p>»Wir machen's, aber allein,« tuschelte Schnipfelbauers
-Fritz, »die Mädel haben gleich Angst, und der
-Friede mag so was auch nicht.«</p>
-
-<p>»Hm, alleine!« Jakob blieb stehen und sah den
-Kameraden nach. Die bogen just in eine Seitenstraße
-ein und schwatzten so miteinander, daß sie sich an der
-Ecke gar nicht umsahen. Einen Augenblick zögerten die
-Buben noch, schwapps flogen da Annchen Amsees
-braune Zöpfe um die Ecke. Nun waren die vier verschwunden,
-die beiden aber liefen auf den Laden zu
-und spähten erst einmal durch die Glastüre hinein. Sie
-sahen niemand. Die Verkäuferin stand ganz hinten;<span class="pagenum"><a id="Seite_p100">99</a></span>
-dort suchten sich gerade ein paar Damen eine Teekanne
-aus. Wie die Buben leise zögernd die Türe öffneten,
-sahen sie gegenüber Herrn Schulz höchst vergnügt vor
-seinem Ramschladen stehen. Das stärkte ihren Mut,
-wutsch waren sie im Laden drin und pfiffen dort laut
-und gellend auf ihren Pfeifen. »Trilililiiii &ndash;« schallte
-es in den Laden hinein, und das Fräulein ließ vor
-Schreck fast eine Teekanne fallen. Die beiden Damen
-aber riefen entsetzt: »Das brennt wohl, oder eine Lokomotive
-ist auf der Straße, o Himmel!«</p>
-
-<p>»Trilililiiii,« pfiffen die Buben weiter, aber da kam
-schon die Verkäuferin angerannt, und nun hieß es ausreißen.
-Sie wollten geschwind zur Türe hinaus, doch
-die ging nicht nach außen, sondern nach innen auf.
-Die Buben prallten zurück; Schnipfelbauers Fritz stieß
-an Schulzens Jakob, und der an etwas, das hinter ihm
-mit einem ganz fürchterlichen Geklirr zusammenstürzte.
-Das Ladenfräulein schrie laut auf: »Hilfe, Hilfe! Polizei,
-Polizei!«</p>
-
-<p>Die beiden Missetäter entflohen entsetzt. Sie sahen
-nicht rechts, nicht links; sie liefen wie die Hasen. Draußen
-bogen sie statt nach rechts nach links herum, rannten
-dann in die nächste Querstraße hinein, und als sie jemand
-anredete: »Na, was rennt ihr denn so?« da sausten
-sie in ihrer Angst noch schneller weiter.</p>
-
-<p>Um diese frühe Nachmittagsstunde waren wenige<span class="pagenum"><a id="Seite_p101">100</a></span>
-Menschen unterwegs in der Stadt, und die beiden Buben
-kamen ungehindert durch allerlei Straßen und Gassen,
-bis sie endlich merkten, daß sie gar niemand verfolgte.
-Da blieben sie stehen und sahen sich um. Ja wo waren
-sie eigentlich? Die Straße, in der sie standen, war still
-und einsam; ein paar stattliche Häuser standen darin,
-die in großen Gärten zu liegen schienen, denn über
-graue Mauern ragten Bäume hinweg. Die beiden
-kamen sich schrecklich hilflos und verlassen in der großen
-Stadt vor, von den Gefährten war nirgends auch nur
-ein Zipfelchen zu erblicken, und dazu quälte beide noch
-das böse Gewissen. Das hatte gar so sehr geklirrt in
-dem Laden, gewiß war sehr viel zerbrochen, und gewiß
-würde man sie suchen und &ndash;. Sie wagten die Folgen
-ihres Streiches gar nicht auszudenken, nur einmal murmelte
-Jakob: »Sie sperren uns ein!«</p>
-
-<p>»Wir reißen aus,« flüsterte Schnipfelbauers Fritz
-und sah sich scheu um. »Weißte was, wir laufen immer
-voran nach Hause.«</p>
-
-<p>Der Plan leuchtete Schulzens Jakob ein, aber wo
-lag Oberheudorf?</p>
-
-<p>»Wir fragen,« meinte Fritz mutig und trat wirklich
-keck auf einen etwas größeren Jungen zu, der gerade
-vorbeiging. »Weißte, wo Oberheudorf liegt?«</p>
-
-<p>»Auf dem Monde,« sagte der, pfiff sich eins und
-lief die Straße entlang.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_p102">101</a></span></p>
-
-<p>»Frech!« sagten die beiden Oberheudorfer entrüstet,
-als hätten sie noch nie eine unnütze Antwort gegeben.
-Sie liefen wieder ein Stück die Straße entlang und
-fragten dann wieder einen Buben. Der wußte ihnen
-aber auch keine Antwort zu geben, er riet ihnen: »Geht
-nur immer der Nase nach.« Damit wären die beiden
-freilich nie nach Oberheudorf gekommen, denn Jakob
-mit seiner Himmelfahrtsnase hätte immer bergauf
-gehen müssen und Schnipfelbauers Fritz links herum;
-seine Nase war nämlich schief. Den beiden war das
-Weinen schon näher als das Lachen, sie standen wie
-ein paar begossene Pudel auf der Straße, und wenn
-jemand kam, erschraken sie. Sicher holte man sie und
-sperrte sie ein. Endlich fiel Schnipfelbauers Fritz der
-Name des letzten Dorfes ein, durch das Friede Hopserling
-sie gefahren hatte. Vielleicht wußte hier in der
-Stadt eher jemand, wo das lag. Da sie mit den
-Stadtbuben schlechte Erfahrungen gemacht hatten, fragten
-sie ein Mädchen, das aus einem der Häuser kam, und
-wirklich wußte sie Bescheid.</p>
-
-<p>»Kommt ein paar Schritte mit,« sagte sie, »dann
-zeige ich euch die Straße, und ihr braucht nur immer
-geradeaus zu gehen. Seit ihr denn von dort her?«</p>
-
-<p>»Nä, aus Oberheudorf,« bekannte Jakob zögernd.</p>
-
-<p>»Du meine Güte, und ich bin aus Berenbach,«
-erzählte das Mädchen. »Ich bin die Katerliese und<span class="pagenum"><a id="Seite_p103">102</a></span>
-diene bei Sonntags. Aber wie kommt ihr denn hierher,
-seid ihr allein in der Stadt, und wie heißt ihr denn?«</p>
-
-<p>Die Buben wurden verlegen, sie fürchteten sich,
-das Mädchen, das zwar sehr freundlich aussah, könnte
-sie verraten, und scheu sahen sie die Katerliese von der
-Seite an. Diese sagte jetzt: »Geht hier die Straße
-hinaus und dann immer gradaus, dann kommt ihr nach
-Wiesental; dort fragt ihr am besten noch einmal. Aber
-erst erzählt mir, wie ihr hergekommen seid.«</p>
-
-<p>Das Mädchen konnte lange fragen; kaum wußten
-die Buben den Weg, da rannten sie auch schon wie
-besessen davon. »Na, so was!« brummelte das Mädchen.
-»Ich glaube, sie haben ein schlechtes Gewissen
-gehabt; sicher haben sie einen dummen Streich gemacht!
-Den Oberheudorfern kann man so was schon zutrauen.
-Ich muß die Sache nachher gleich unserem Füchslein
-erzählen.«</p>
-
-<p>Die andern Kinder hatten inzwischen erst nach
-einer ziemlichen Weile das Fehlen der beiden Buben
-bemerkt. Sie rannten eiligst den Weg wieder zurück,
-aber nirgends waren die beiden zu erblicken. Sogar zu
-Herrn Schulz in den Laden liefen sie hinein. Herr
-Schulz wurde etwas verlegen, denn er hatte die beiden
-wie die wilde Jagd aus dem Laden rennen sehen. Er
-sagte: »Ach, ihr werdet sie schon finden! Übrigens sind
-sie nach jener Seite gelaufen!«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_p104">103</a></span></p>
-
-<p>Nun liefen die vier die Straße hinab, aber kein
-Jakob und kein Fritz war zu sehen. Friede fragte ein
-paar Leute, einen Schutzmann, einen Briefträger, &ndash;
-niemand hatte die Buben gesehen.</p>
-
-<p>»Vielleicht sind sie zurückgelaufen,« sagte Annchen
-Amsee endlich, und alle vier trabten nach dem Johannesplan.
-Dort wußte aber auch niemand etwas von den
-Vermißten. Sogar bei Wunderlichs fragten die Mädel
-nach, aber Marie, die öffnete, hatte keinen Zipfel von
-den beiden gesehen.</p>
-
-<p>Professor von Spiegel tröstete: »Sie werden sich
-schon finden, in Feldburg gehen nicht plötzlich ein paar
-Buben verloren.« Aber die Mädel brachen in ein so
-jämmerliches Geheul aus, daß es dem guten alten Herrn
-himmelangst wurde. Er gab den Kindern den Gärtner
-mit zur Hilfe. Der ging auf die Polizei, aber auch
-dort hatte niemand die Vermißten gesehen.</p>
-
-<p>Als Friede Hopserling mit dem Wagen kam, seine
-Schützlinge abzuholen, schimpfte er gewaltig, als er von
-dem Verschwinden der beiden hörte. »Haue müssen sie
-haben, aber ordentliche! Na die sollen meine Peitsche
-fühlen.«</p>
-
-<p>»Ich dächte, wenn man jemand hauen will, muß
-man ihn erst haben,« sagte Frau Emma, die Hausverwalterin
-des Professors.</p>
-
-<p>»Ja schon,« brummte Friede Hopserling und sah<span class="pagenum"><a id="Seite_p105">104</a></span>
-besorgt nach seiner Uhr. Er mußte aufbrechen, es wurde
-zu spät, er wagte aber nicht, ohne die Buben heimzukommen.</p>
-
-<p>»Da kommt mein Mann mit 'nem Schutzmann.
-Du lieber Himmel, sie haben wohl gar die Buben eingesperrt,«
-rief die Gärtnerin.</p>
-
-<p>Jetzt brach auch Heine Peterle, der sich bis dahin
-sehr männlich und tapfer bewiesen hatte, in ein lautes
-Geheul aus, und dies Geschrei hörten die wenigen
-Menschen, die gerade über den Johannesplan gingen.
-»Im Spiegelhaus ist was passiert,« rief eine Frau und
-rannte geschwind nach dem Hause hin. Einige andere
-folgten, und zu Friedes Entsetzen kamen auch etliche
-Grünmützen dazu. »Natürlich wieder was mit den Oberheudorfern
-los,« höhnte der eine. Es war der lange
-Junge, der Friede schon oft geneckt hatte; er wohnte
-am Plan, darum war er bei allem, was geschah, dabei.</p>
-
-<p>»Ich glaube, es ist am besten, Sie fahren heim,«
-riet der Schutzmann Friede Hopserling. »Wir werden
-die Knaben suchen, sie werden sich schon finden.«</p>
-
-<p>»Ich bleibe hier, ich suche mit,« schrie Heine Peterle,
-und »Ich auch, ich auch,« schluchzten die Mädel.</p>
-
-<p>»Ich weiß was,« sagte da plötzlich ein feines
-Stimmchen. Marianne Sonntag drängte sich durch die
-Leute und betrachtete mitleidig die weinenden Oberheudorfer.
-»Weint nicht,« tröstete sie, und dann erzählte<span class="pagenum"><a id="Seite_p106">105</a></span>
-sie flink, daß zwei Buben Sonntags Dienstmädchen nach
-dem Weg nach Oberheudorf gefragt hätten.</p>
-
-<p>»Das sind sie, das sind sie,« riefen die Oberheudorfer
-alle, als Marianne sagte: »Einer hatte ein blaues
-Halstuch, der andere ein rotes.«</p>
-
-<p>»Die haben 'ne Dummheit gemacht,« brummelte
-Friede Hopserling leise vor sich hin. »Steigt auf, ihr
-drei, wir finden sie schon.«</p>
-
-<p>»Die haben sicher etwas begangen, darum sind sie
-ausgerissen,« sagte auch der Schutzmann und sah die
-andern Kinder scharf an, daß sie mit einer ungeheuren
-Eile auf den Wagen kletterten. Frau Emma konnte
-ihnen kaum noch ihre roten Eßbündel hineinwerfen, so
-rasch fuhr der Friede davon. »Halt, warten Sie einmal!«
-wollte der Schutzmann rufen, aber da rasselte der
-Wagen schon in die Rosengasse hinein.</p>
-
-<p>Dem Friede war das Herz sehr schwer. Die Angst
-um die Gefährten, der Abschied, alles bedrückte ihn.
-Am liebsten wäre er mit nach Oberheudorf gefahren,
-und als der Wagen in der Rosengasse verschwand, da
-war es ihm, als müßte er schreien: »Nimm mich mit,
-Friede Hopserling, nimm mich mit!« Er biß aber die
-Lippen zusammen und lief in das Haus hinein.</p>
-
-<p>»Nun läuft er fort und sagt gar nichts,« murrte
-Marianne Sonntag. »Dieser Friede ist wirklich ein
-Grobian, Ulli hat recht.« Sie ahnte nicht, daß der<span class="pagenum"><a id="Seite_p107">106</a></span>
-Geschmähte in diesem Augenblick in einem Gartenwinkel
-saß und bitterlich weinte. Ach, überall war er fremd!</p>
-
-<p>Im Spiegelhaus waren sie freilich alle gut zu ihm;
-er hatte aber doch immer das Gefühl: »Hier gehöre
-ich nicht hin.« Der Professor würde ihn nicht vermissen,
-wenn er fortging; ein paar Wochen wollte er
-ihn ja überhaupt nur behalten. In der Schule mochte
-auch wohl niemand den Friede Pfennig leiden, und
-morgen spotteten sie gewiß wieder über seinen Dorfbesuch.
-Und dann würde er sich gar wieder schämen
-wie heute, und daß er es getan hatte, quälte ihn so sehr;
-wie eine Last lag es auf seinem Herzen. So abscheulich
-kam er sich vor, weil er immer gedacht hatte:
-»Wären die Freunde doch nicht gekommen!« Was wohl
-Muhme Lenelies dazu sagen würde? Und was dazu,
-daß er so schlecht auf seine Freunde aufgepaßt hatte?
-Vielleicht &ndash; &ndash; &ndash; &ndash; hatte sie ihn dann auch nicht
-mehr lieb?</p>
-
-<p>»Gagagagag, gagagei,« schrie es auf einmal neben
-ihm. Ein kleines, schwarzes Huhn stand da und schaute
-mit schief geneigtem Kopf zu ihm hin.</p>
-
-<p>»Das ist der kleine Teufel, den Heine Peterle
-mitgebracht hat,« dachte er und griff unwillkürlich nach
-dem Huhn. Das kreischte und schlug mit den Flügeln
-um sich; aber Friede hatte gar geschwind zugepackt, und
-das Teufelchen konnte nicht mehr ausreißen.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_p108">107</a></span></p>
-
-<p>»Es ist aus Oberheudorf.« Weiter überlegte Friede
-nichts; wie ein Stück Heimat erschien ihm das schwarze
-Tierchen. Und sachte, liebevoll streichelte er es. »Du
-bleibst bei mir,« tröstete er. Gewiß hatte Fräulein
-Wunderlich den Teufel auch hinausgeworfen wie ihn
-selbst. Er trug das Huhn zu dem Gärtner, der auch
-ein paar Hühner hatte und den schwarzen Gast aus
-Oberheudorf bereitwillig aufnahm.</p>
-
-<p>Friede Hopserling war unterdessen sehr eilig, immer
-brummend und knurrend durch die Stadt gefahren und
-hatte endlich die Landstraße erreicht. »Nun paßt ordentlich
-auf, ihr drei,« gebot er, »irgendwo im Weggraben
-werden sie schon sitzen.«</p>
-
-<p>Heine Peterle und die Mädel hatten das Weinen
-aufgegeben. Alle drei hielten so eifrig Umschau, daß
-erst Annchen Amsee einen Meilenstein für Fritz und
-dann Heine Peterle einen Baumstumpf für Schulzens
-Jakob hielt. Aber sie erreichten Wiesental, ohne eine
-Spur der Vermißten zu finden, und Friede Hopserling
-schaute immer sorgenvoller drein, obgleich er tat, als
-wären ihm die Buben höchst gleichgültig. In Wiesental
-mußte er erst dreimal fragen, ehe jemand ihm Auskunft
-geben konnte. Eine alte Frau endlich sagte, sie
-habe die beiden gesehen und ihnen die Straße nach dem
-nächsten Dorf gezeigt.</p>
-
-<p>Es dämmerte schon, als der Wagen wieder zu dem<span class="pagenum"><a id="Seite_p109">108</a></span>
-Dorf hinausrollte. Ein feines Grau verhüllte die Ferne,
-und in dem Wald, an dessen Rand jetzt die Landstraße
-hinlief, herrschte bereits ein geheimnisvolles Dunkel.
-»Nun wird's gar schon dunkel,« grollte der Knecht.
-»Am Ende sind gar die verflixten Buben durch den
-Wald gelaufen; na denen will ich's heimzahlen.« Er
-ließ wütend die Peitsche durch die Luft sausen, und zu
-seinem großen Erstaunen schrie die Luft laut auf. »So
-was,« rief Friede Hopserling verdutzt, »der Schrei kam
-doch von oben!«</p>
-
-<p>»Da hängen ein paar Beine,« quiekte Annchen
-Amsee und deutete auf eine hohe, noch kahle Kastanie,
-die hier einsam unter Kirschbäumen an der Landstraße
-stand. »Das sind Fritzens Beine!«</p>
-
-<p>»Sie sind's, sie sind's!« riefen jauchzend Heine
-Peterle und Mariandel. Wirklich tauchte Schulzens
-Jakob aus dem Straßengraben auf, Schnipfelbauers
-Fritz aber zappelte noch in den Ästen der Kastanie hin
-und her. Endlich kam er mit zerrissenen Hosen unten an.</p>
-
-<p>»Nicht hauen,« flehten Annchen und Mariandel und
-hielten Friede Hopserling beide Arme fest, »nicht hauen,
-bitte nicht!«</p>
-
-<p>Der Knecht sah aber auch wirklich sehr grimmig
-aus, und Fritz und Jakob rutschten vor Angst wieder
-in den Straßengraben hinein. Von dort aus erzählten
-sie klagend ihre Erlebnisse.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_p110">109</a></span></p>
-
-<p>»So, Schaden habt ihr angerichtet?« rief Friede,
-aber er sah lange nicht mehr so böse aus. Die beiden
-taten ihm schon leid; er dachte, sie hätten mit ihrer ausgestandenen
-Angst Strafe genug gehabt. »Steigt nun
-mal ein,« brummte er, »hoffentlich habt ihr nicht zu
-viel zerbrochen, denn was kaput ist, müßt ihr bezahlen,
-das hilft nun nichts.«</p>
-
-<p>»Dann hätten wir ja gar nicht erst &ndash; &ndash; huhu &ndash; &ndash;
-auszureißen brauchen,« schluchzte Jakob.</p>
-
-<p>»Nä, war auch gar nicht nötig. Ausreißen nutzt
-nie nischt. 'n ehrlicher Mann zahlt den Schaden, den
-er macht, damit basta. Jetzt hört mit der Heulerei auf,
-'s wird schon nicht so schlimm sein. Bei uns ist mal
-ein Mann vom Speicher gefallen, da dachten alle, er
-wäre tot, und dabei war er gar nicht runtergefallen,
-sondern 'n Mehlsack.« Mit dieser tröstlichen Erzählung
-beruhigte Friede die beiden Schelme wenigstens so weit,
-daß sie das Heulen aufgaben und nach ihren Eßbündeln
-griffen. Die Kinder schmausten, aßen sich plumssatt,
-schwatzten eine Weile, schilderten sich ihre ausgestandene
-Angst, schalten weidlich auf Herrn Schulz, der ihrer
-Meinung nach an allem schuld war, und dann schliefen
-sie ein. Sie lagen alle fünf im Wagen und schliefen
-so fest und süß wie daheim in ihren Betten, und Friede
-Hopserling brummte schmunzelnd: »Na, 's ist gerade,
-als hätte ich wieder Mehlsäcke geladen.« Er lud dann<span class="pagenum"><a id="Seite_p111">110</a></span>
-jeden kleinen lebendigen Mehlsack vor dem rechten Hause
-ab, und nur Annchen Amsee wurde so weit munter,
-um ein »Danke schön« sagen zu können. Wer dachte,
-er bekäme noch etwas von der Stadtfahrt erzählt, der
-irrte sich gewaltig, kein Wörtlein sagten die fünf Kinder
-an diesem Abend mehr. Doch die Erwachsenen trösteten
-sich und meinten: »Morgen werden sie schon schwatzen,
-mehr als man vertragen kann.«</p>
-
-<hr class="chap" />
-
-<div class="chapter">
-<h2 id="Verkehrte_Gedanken">
-<img src="images/illu-chapter.png" alt="" /><br />
-Verkehrte Gedanken.</h2>
-</div>
-
-<p class="drop">An dem Tage nach der Stadtfahrt der fünf Oberheudorfer
-Kinder dachten in Feldburg und Oberheudorf
-allerlei Leute allerlei Sachen, die nicht eintrafen.
-Wie es so geht, Schulzens Jakob und Schnipfelbauers
-Fritz dachten, es würde niemand etwas merken von dem,
-was sie in der Stadt angerichtet hatten, und dabei sagte
-jede Mutter gleich am frühen Morgen zu ihrem Buben:
-»Sag mal, was hast du nur getan? Du hast ja ein so
-schlechtes Gewissen.«</p>
-
-<p>Was Mütter auch immer alles sehen und wissen!
-Den beiden blieb nichts anderes übrig, als ihre Untat
-zu bekennen. Die Mütter schalten zwar nicht sehr,
-aber beide sagten: »Bezahlt muß werden, das hilft<span class="pagenum"><a id="Seite_p112">111</a></span>
-nichts, und wenn die Sparbüchse ganz leer wird.« Dies
-klang den Buben gar bitter in den Ohren. Nachher
-in der Schule vergaßen sie zwar ihren Jammer rasch,
-denn es war zu schön, von der Stadt zu erzählen.
-Ordentlich protzig kamen die fünf an und sagten: »Wir
-haben aber viel gesehen!« Und als die andern schrieen:
-»Erzählt, erzählt! Wie war's?« da sahen die Buben
-die Mädel an und die Mädel die Buben, sie nickten und
-blinkerten sich zu und taten so wichtig und geheimnisvoll,
-daß die andern vor Neugier fast platzten. Zu
-schön war dies, so schön, daß Heine Peterle und Annchen
-Amsee dachten: »Heute wird der Herr Lehrer über
-ein bißchen Plappern in der Stunde nicht schelten.«
-Oh, das war aber falsch gedacht! Er schalt sogar sehr,
-und Annchen Amsee bekam wirklich eine Strafarbeit und
-Heine Peterle beinahe eine.</p>
-
-<p>Die andern Kinder sagten an diesem Tage: »Vielleicht
-gibt es bald schulfrei, vielleicht schon morgen;« aber
-sie merkten es dann auch, wie falsch sie gedacht hatten.
-Kein Wunder war es, denn selbst die Erwachsenen
-dachten an diesem Tage immer etwas Verkehrtes. So
-dachte die Hausfrau in der himmelblauen Ente: »Heute
-wird mein Kuchen aber gut geraten,« und dann verbrannte
-der Kuchen und wurde pechschwarz. Und
-Schnipfelbauers Kathrine sagte: »Frau, ich denke, heute
-kriechen unsere ersten Hühnchen aus.« Aber denen fiel<span class="pagenum"><a id="Seite_p113">112</a></span>
-das gar nicht ein, sie blieben noch zwei Tage in ihren
-Eierschalen sitzen.</p>
-
-<p>Auch Muhme Lenelies dachte etwas, das nicht in
-Erfüllung ging. Sie meinte, die Kinder würden ihr
-viele schöne Dinge von ihrem Friede erzählen. Was
-die fünf aber berichteten, klang der alten Frau so seltsam,
-daß ihr das Herz darüber schwer wurde. Und
-weil es mit dem Abschied in der Stadt so flink gegangen
-war, konnten ihr die Stadtfahrer nicht einmal
-Grüße ausrichten. »Nä, Grüße hat Friede nicht gesagt,«
-versicherte Heine Peterle, und Annchen Amsee
-wußte auch nichts von Grüßen. »Er hat gesagt, er
-käme am liebsten wieder nach Oberheudorf,« flüsterte
-Mariandel.</p>
-
-<p>Dies Wort vermehrte nur noch die Sorgen der
-guten Muhme, und sie seufzte tief darüber, weil der
-Weg in die Stadt gar so weit und das Gehen ihr jetzt
-so beschwerlich fiel. Wie mochte es nur ihrem Friede
-gehen? Stimmte das wirklich alles so, wie es die
-Kinder erzählten, daß ihn das Fräulein Wunderlich aus
-dem Hause geworfen hatte und die Schulkameraden
-ihn nicht leiden konnten? Die Gedanken der guten
-Muhme liefen so geschwind nach Feldburg wie keine
-Buben- oder Mädelbeine jemals laufen können, und in
-Feldburg liefen diese Gedanken immer um Friede herum;
-der merkte aber nichts davon. Er ging wie alle<span class="pagenum"><a id="Seite_p114">113</a></span>
-Tage um die Kirche herum ins Gymnasium und war
-dort froh, als endlich die Stunden begannen, denn laut
-und leise rief es hinter ihm und neben ihm: »Friede
-Pfennig, wie geht's den Oberheudorfern?« »Friede
-Pfennig, fährst du auch auf dem Mehlwagen spazieren?«
-»Hör du mal, in Oberheudorf sind die Leute wohl neunmalklug?«</p>
-
-<p>»Na wartet nur,« dachte Friede trotzig, »ich will's
-euch schon zeigen, daß die Oberheudorfer nicht auf den
-Kopf gefallen sind.« Er konnte das auch gleich an
-diesem Morgen zeigen. Der Lehrer fragte ihn in der
-Geschichtsstunde allerlei, und Friede konnte klug und
-sicher Antwort geben, ja er wußte noch mehr zu sagen
-als der Klassenerste.</p>
-
-<p>»Ei, du weißt ja sehr gut Bescheid,« sagte Doktor
-Schneider freundlich.</p>
-
-<p>Weil der sonst nicht viel lobte, machte dies Lob
-auch großen Eindruck, und die Klassengenossen schauten
-den Oberheudorfer Buben auf einmal ordentlich verwundert
-an. So viel wußte der? Manch einer wünschte
-sich da heimlich: »Ach, wäre ich doch so klug!« und
-darüber wagte er es dann nicht, den Oberheudorfer
-Buben zu verhöhnen.</p>
-
-<p>Trotzdem lief Friede nachher wieder allein aus der
-Schule nach dem Spiegelhaus, wieder um die Kirche
-herum. Er ahnte nicht, daß Fräulein Wunderlich am<span class="pagenum"><a id="Seite_p115">114</a></span>
-Fenster saß und dachte: »Heute wird der Friede wohl
-zu mir hereinkommen, weil ich gestern so nett zu seinen
-Freunden war.«</p>
-
-<p>Damit hatte sie aber auch etwas Verkehrtes gedacht,
-denn Friede kam der Besuch gar nicht in den
-Sinn, und Fräulein Wunderlich verlor darüber wieder
-ihre gute Laune, wurde brummig und verdrießlich und
-schalt im Hause herum. Sie gehörte eben auch zu den
-Menschen die meinen, eine einzige Freundlichkeit muß
-gleich Liebe erwecken.</p>
-
-<p>An diesem Nachmittag sagte Frau Emma, die
-Hausbesorgerin: »Geh, Friede, besorg' mir einmal etwas
-in der Stadt, du tätest mir damit einen großen Gefallen.«</p>
-
-<p>Sie brauchte wirklich nicht lange zu bitten, Friede
-war gleich bereit, und die Frau dachte: »Er ist doch
-ein gefälliger, lieber Junge.« Damit hatte sie nun
-wirklich etwas Rechtes und nichts Verkehrtes gedacht.
-Friede tat gern jemand einen Gefallen, und er lief auch
-gar eilig in die beiden Geschäfte, in denen er allerlei
-bestellen sollte. Der zweite Laden war jener, in dem
-er am Tage vorher mit seinen Gefährten zuerst gewesen
-war, und etwas bänglich betrat er das Geschäft. Die
-Verkäuferin erkannte ihn auch gleich wieder und rief
-ärgerlich: »Na, du hast aber ungezogene Freunde! Was
-waren denn das für abscheuliche Bengel, die hier so
-gepfiffen haben?«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_p116">115</a></span></p>
-
-<p>»Gepfiffen?« Friede sah die Verkäuferin sehr erstaunt
-an, und diese merkte schnell, der Bube ahnte
-nichts. Ihr Gesicht hellte sich etwas auf, und sie erzählte
-den Streich, den Jakob und Fritz ihr gespielt
-hatten. Während sie erzählte, konnte Friede sich nicht
-helfen, er mußte ein wenig lachen, und dabei kam die
-Geschichte auch dem Fräulein auf einmal mehr lächerlich
-als ernsthaft vor, und zuletzt lachten sie beide ganz fröhlich
-und herzlich. Als Friede ihr sagte, seine Gefährten
-seien ausgerissen, gewiß vor Angst, rief sie sogar mitleidig:
-»Schreib es ihnen doch, es wäre nichts kaput
-gegangen, es sind nur ein paar Nickelbretter umgefallen,
-das hat freilich schrecklich gepoltert und geklirrt.«</p>
-
-<p>In guter Freundschaft trennte sich Friede, nachdem
-er seine Botschaft ausgerichtet hatte, von dem Fräulein,
-und als er wieder auf der Straße stand und ihm die
-Frühlingsluft so mild um die Nase wehte, bekam er
-Lust, spazieren zu gehen. Er hatte Zeit, und im Spiegelhaus
-schalt niemand, wenn er später heimkam. Der
-Professor ermahnte ihn ja selbst manchmal: »Lauf hinaus,
-sieh dich in der Stadt um! Man muß mit offenen
-Augen durch die Welt gehen!«</p>
-
-<p>Das tat Friede auch an diesem Tage. Er lief
-durch allerlei Straßen, die er noch nicht kannte, und
-schaute sich ganz ernsthaft die Häuser an und auch die
-Menschen, die an ihm vorübergingen. Dabei empfand<span class="pagenum"><a id="Seite_p117">116</a></span>
-er wieder so recht, wie einsam er doch in der Stadt
-war. In Oberheudorf hatte er jeden gekannt, dem er
-auf der Straße begegnet war. Unwillkürlich schlug er
-in seinen sehnsüchtigen Gedanken den Weg ein, der nach
-Oberheudorf führen
-sollte. Dabei kam er
-auch an einer langen,
-grauen Gartenmauer
-vorbei, und wie er so
-dahinging, fühlte er
-auf einmal einen Ruck
-an seiner Mütze, und
-zu seinem maßlosen
-Erstaunen sah er diese
-durch die Luft entschwinden.</p>
-
-<div class="figleft">
-<img src="images/illu-116.png" alt="" />
-</div>
-
-<p>»Meine Mütze,«
-schrie er erschrocken,
-und in diesem Augenblick
-tauchte ein sehr
-verlegenes Gesichtchen über der Mauer auf. Das
-Füchslein war es, das rief bittend: »Ach du, ich dachte
-mein Bruder wär's, nun habe ich deine Mütze geangelt.«</p>
-
-<p>»Geangelt?« Friede riß seine Augen weit auf,
-und er sah so erstaunt drein, daß Marianne Sonntag<span class="pagenum"><a id="Seite_p118">117</a></span>
-kichernd sagte: »Aber jetzt machst du ein dummes Gesicht,
-und Ulli meint doch, du seist klug!«</p>
-
-<p>Friede wurde blutrot und brummte ein wenig beschämt:
-»Das ist doch aber auch komisch, Mützen zu
-angeln.«</p>
-
-<p>Das Füchslein war jetzt ganz auf die Mauer geklettert,
-saß behaglich oben und schaute sehr vergnügt
-auf den Buben herab. »Ich will dir's erklären. Jobst
-und Ulli angeln manchmal Fische, &ndash; nein, so nicht &ndash;
-sie wollen welche angeln und fangen keine, bloß mal
-einen, und der war vorher schon tot. Aber weißt du,
-Buben sind immer eingebildet«&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>»Das stimmt nicht,« rief Friede dazwischen. Doch
-das Füchslein ließ sich nicht stören, es rutschte auf der
-Mauer hin und her, seine rotbraunen Zöpfe wippten
-wie ein Paar Uhrenpendel auf und ab, und lustig schwatzte
-es weiter: »Buben sind immer eingebildet, und darum
-wollten sie mich nicht mitnehmen. Wir haben uns miteinander
-gestritten, und ich habe gesagt, ich kann was
-Besseres angeln als tote Fische, und darum sitze ich hier.«</p>
-
-<p>»Und angelst meine Mütze?« Friede lachte. Das
-lustige Mädel auf der Gartenmauer gefiel ihm so gut,
-daß er alle Befangenheit verlor. Dies gefiel nun wieder
-Marianne ausnehmend, und sie rief: »Deine sollte es ja
-nicht sein. Aber komm doch rein, wir angeln dann beide
-Jobst und Ullis Mützen. Komm fix, sonst sehen sie dich!«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_p119">118</a></span></p>
-
-<p>Friede überlegte nicht lange, sondern trat durch
-die Türe, die Marianne ihm zeigte, in den Garten.
-Der war weder sehr groß, noch besonders schön angelegt,
-es war ein richtiger Obst- und Krautgarten, einer, in
-dem es sich gewiß wundervoll spielen ließ. Ein umgestülpter
-Schubkarren diente dem Füchslein als Standort.
-Sie konnte von ihrem Platz aus bequem die Straße
-überschauen, und Friede mußte sich neben sie stellen und
-aufpassen. »Du kennst doch Ulli und Jobst,« sagte sie,
-»sie gehen mit dir in eine Klasse. Sag mal, warum
-bist du am ersten Tage gleich so grob zu Ulli gewesen?
-Er ist ganz wütend auf dich.«</p>
-
-<p>»Ich bin gar nicht grob,« verteidigte sich Friede,
-und er erzählte dem Füchslein, wie sehr seine Mitschüler
-ihn vom ersten Tage an geneckt hätten, und daß
-ihn in seiner Klasse niemand leiden möchte.</p>
-
-<p>Das Füchslein wieder verteidigte den Bruder und
-Freund. Eifrig rief es: »Wir haben uns auf dich
-gefreut, weil Onkel Treumann schon von dir erzählt hat,
-und weil unsere Katerlies sagt, in Oberheudorf passieren
-so viele Geschichten. Aber warte, jetzt stifte ich Frieden
-zwischen euch. Erst angeln wir Ulli und Jobsts Mützen
-weg, und nachher werdet ihr gute Freunde.«</p>
-
-<p>Im Eifer hatten sie aber vergessen, auf die Straße
-zu schauen, und so traten plötzlich die zwei Buben,
-von denen sie eben gesprochen hatten, in den Garten.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_p120">119</a></span></p>
-
-<p>»O pfui, ihr kommt so heimlich,« schalt Marianne
-schmollend.</p>
-
-<p>Die beiden achteten nicht auf sie. Erstaunt blickten
-sie auf den Gast, und Jobst rief in seiner herrischen
-Art: »Was tust du denn hier?« Er meinte es nicht
-so schlimm, es kam bei ihm aber alles etwas patzig und
-abweisend heraus, und wer ihn nicht kannte, hielt ihn
-wohl für einen recht eingebildeten Buben.</p>
-
-<p>Ulli knurrte nur »Na« und maß den unwillkommenen
-Gast mit einem unfreundlichen Blick. Friede wurde feuerrot.
-Er fühlte, die Buben sahen ihn als einen Eindringling
-an in ihrem Garten. Vor Scham und Ärger vergaß
-er das freundliche Füchslein, und daß dies Frieden
-hatte stiften wollen; schwipp, schwapp, drehte er sich
-trotzig um und lief zum Garten hinaus.</p>
-
-<p>»Friede,« schrie Marianne ihm nach, und dann
-schalt sie ärgerlich auf den Bruder und Freund:
-»Pfui, warum seid ihr denn so abscheulich zu Friede?
-Gerade war er so nett und wollte mit eure Mützen
-angeln.«</p>
-
-<p>»Was?« rief Jobst erstaunt, »was wollte er tun?«</p>
-
-<p>»Den geht meine Mütze gar nichts an,« brummte Ulli.</p>
-
-<p>Mit ein paar guten Worten hätte Füchslein nun
-schnell alles erklären können, und sie hätte auch die
-Buben dazu gebracht, den Schulgenossen wieder zurückzuholen,
-doch sie war wie eine kleine Rakete. Puff,<span class="pagenum"><a id="Seite_p121">120</a></span>
-puff, ging es bei ihr gleich immer oben hinaus. Hinterher
-tat es ihr freilich bitter leid, aber dann wurde
-manchmal nicht so rasch glatt und gut, was ihr Ungestüm
-verfahren hatte. So ging es auch heute. Marianne
-schalt ein paar Minuten heftig auf die Buben ein, und
-die gaben ihr die unguten Worte reichlich zurück, Jobst
-laut und heftig, Ulli mit Brummen und Knurren. Es
-schallte gar nicht lieblich durch den Garten, bis sie auf
-einmal vor Wut und Ärger alle drei davonrannten,
-eines hierhin, das andere dahin. Im Winkel eines
-Gartenhauses heulte sich dann Marianne zurecht, wie
-die Mutter es nannte. Als sie das getan, lief sie in
-den Garten zurück und suchte versöhnungsbereit Jobst
-und Ulli, aber die waren weg und blieben weg. Da
-ging die Kleine mit kummerbeschwertem Herzelein zur
-Mutter, die an ihrem Nähtisch saß, erzählte der die
-ganze Geschichte und klagte sich dann selbst an: »Und
-ich dachte, nun würde alles gut werden.«</p>
-
-<p>»Ja, mein Mädel, man denkt eben manchmal verkehrt
-herum,« sagte die Mutter, »und das Friedenstiften
-will sacht und leise angefaßt werden. Wenn du so
-wild und ungestüm auf deiner Geige spielen wolltest,
-kämen auch keine lieblichen Töne heraus, und mit Menschenherzen
-muß man ebenso zart umgehen.«</p>
-
-<p>Marianne Sonntag nahm erst den rechten, dann
-den linken Zopf in den Mund, dann seufzte sie, und<span class="pagenum"><a id="Seite_p122">121</a></span>
-nach diesen Vorbereitungen sagte sie betrübt: »Ich will
-auf der Geige üben.«</p>
-
-<p>»Tu es,« riet die Mutter und nickte ihrem Mädel
-zu. Sie lauschte dann dem Spiel der Kleinen, das klang
-erst gar nicht melodisch, aber nach und nach wurde es
-reiner, zarter. Dann klappte eine Tür, das Spiel brach
-jäh ab, nun flüsterten und tuschelten im Nebenzimmer
-zwei Stimmen, und plötzlich riß das Füchslein die Türe
-auf und rief: »Mutterle, wir vertragen uns wieder,
-und Ulli will auch nett zum Friede sein.«</p>
-
-<p>Frau Sonntag hörte den guten Vorsatz, hörte ihre
-Kinder von Versöhnung reden, und sie freute sich darüber.
-Aber Friede wußte nichts davon. Traurig lief
-der durch allerlei Straßen, und wie er so ziel- und
-zwecklos dahin rannte, kam es ihm auf einmal in den
-Sinn: »Es wäre am besten, ich liefe nach Oberheudorf
-zurück.«</p>
-
-<p>Er blieb unwillkürlich stehen. Der Gedanke an die
-Heimat erfaßte ihn mit solcher Gewalt, daß ihm die
-Tränen in die Augen traten. Ganz deutlich sah er das
-Haus von Muhme Lenelies, die Muhme selbst, die
-Dorfstraße, seine Gefährten, alles vor sich, und da fing
-er auch schon an zu laufen. Ich muß heim, gleich,
-dachte er, ich muß die Muhme sehen, ihr alles sagen,
-ich will wieder dort bleiben. Er kannte den Weg schon
-besser als Schulzens Jakob und Schnipfelbauers Fritz.<span class="pagenum"><a id="Seite_p123">122</a></span>
-Dort um jene Ecke mußte er gehen; nun kam die
-Straße, an deren Ende er schon grüne Saaten schimmern
-sah; da war er im Freien, war auf dem rechten Weg
-zur Heimat.</p>
-
-<p>Aber allzu weit kam er nicht. Ein Wäglein kam
-angerollt. Er sah es erst, als es dicht vor ihm war; da
-sprang er zur Seite. In dem Wagen saß ein einzelner
-Herr, der sich scheltend herausbeugte: »Na, was ist
-denn das für eine Sitte, so toll auf der Straße herumzulaufen!«</p>
-
-<p>Friede stutzte und blieb erschrocken stehen. Den
-Herrn kannte er, das war ja Doktor Treumann, zu
-dem er einst an einem stürmischen Wintertag gerannt
-war, um eine Medizin für Muhme Lenelies zu holen.
-Auch der Arzt hatte den Buben erkannt. »He, du,«
-rief er, »bist du nicht der Friede aus Oberheudorf, nach
-dem mich meiner Schwester Kinder schon halb entzweigefragt
-haben? Komm einmal her, wir zwei kennen
-uns doch, du bist ja mein kleiner Held.«</p>
-
-<p>Friede trat verlegen an den Wagen heran, und
-der Arzt prüfte mit klugen, ernsten Augen sein Gesicht.
-Holla, da stimmt etwas nicht. Er merkte es gleich und
-fragte laut: »Läufst wohl spazieren, was?«</p>
-
-<p>Der Bube nickte nur befangen, er stand mit gesenktem
-Kopf da und wagte es gar nicht aufzuschauen.
-Einen kleinen Helden hatte ihn Doktor Treumann eben<span class="pagenum"><a id="Seite_p124">123</a></span>
-genannt, das war er doch nicht, er, der eben hatte feige
-ausreißen wollen.</p>
-
-<p>»Na, sieh mich doch mal an, mein Junge!« sagte
-da der Arzt gemütlich. »Straßenstaub und Steine kannst
-du ja noch oft sehen, aber mich hast du doch noch nicht
-gesehen, solange du in der Stadt bist. War übrigens
-verreist, sonst hätte ich mich schon um dich gekümmert.
-Na, Kopf hoch! Ein tapferer Junge sieht jedem frei
-ins Gesicht.«</p>
-
-<p>Friede schlug rasch die Augen zu dem Arzte auf.
-Er fühlte, der durchschaute ihn, ahnte, daß er nicht
-auf rechten Wegen ging. Stirn und Backen brannten
-ihm, er atmete tief, aber fest sagte er dann: »Ich wollte
-ausreißen, nach Oberheudorf zurück.«</p>
-
-<p>»So, so!« Doktor Treumann war gar nicht überrascht,
-seine Augen blitzten, und seine Stimme klang
-scharf: »Bist du jetzt so einer geworden, der gleich das
-Hasenpanier ergreift? Hm, meinst wohl, die Muhme
-wird sich arg über dein Heimkommen freuen?«</p>
-
-<p>Darauf gab Friede keine Antwort. Er schämte
-sich plötzlich unsäglich der eigenen Feigheit, und hastig
-drehte er sich um, lüftete höflich seine Mütze und begann
-wieder nach der Stadt zurückzulaufen.</p>
-
-<p>Da rief ihm der Doktor nach: »Stadtwärts kannst
-du mitfahren. Komm, steig ein!«</p>
-
-<p>Der Junge blieb zögernd stehen, er war unschlüssig,<span class="pagenum"><a id="Seite_p125">124</a></span>
-was er tun sollte. Mit dem Arzt zu fahren erschien
-ihm in diesem Augenblick gar nicht so vergnüglich, aber
-der streckte ihm jetzt die Hand entgegen und sagte in
-dem alten freundlichen Tone: »Du hast mir ja noch
-gar nicht die Hand gegeben, du Friede aus Oberheudorf.
-Komm, steig ein, wir erzählen uns was miteinander!«</p>
-
-<p>Friede kletterte in das Wäglein und mußte sich
-neben den Arzt setzen, der so gemütlich zu plaudern
-begann, als wäre der kleine, blonde Dorfbube ihm ein
-herzlicher Freund. Und Friede taute auch bald auf und
-erzählte nun wieder treuherzig von seinen Kümmernissen.
-Nur seine letzte bittere Erfahrung verschwieg er. Doktor
-Treumann war ja Mariannes und Ulrichs Oheim, da
-wollte er nicht anklagen. »Ich hab' es mir ganz anders
-auf der Stadtschule gedacht,« schloß Friede seufzend
-seinen Bericht.</p>
-
-<p>»Ja, ja, mein Junge, man denkt sich manchmal
-manches anders in der Welt,« tröstete der Arzt. »Ich
-dachte vorhin auch: Holla, der Friede aus Oberheudorf
-ist ja ein Feigling geworden! und dann habe ich gemerkt,
-daß ich falsch gedacht habe und du doch ein tapferer
-kleiner Kerl bist, und so einer kommt schon durch. So,
-und nun steig aus, da geht's zum Johannesplan hinauf.
-Grüße mir meinen alten Freund, den Professor, und
-dann, immer tapfer den Kopf oben behalten!«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_p126">125</a></span></p>
-
-<p>Friede kletterte aus dem Wagen, grüßte und
-dankte. Jetzt brannte ihm wieder das Gesicht, aber diesmal
-vor Freude. Er nahm das gute Wort des Arztes
-mit in das stille Spiegelhaus, und an diesem Abend
-schrieb er den ersten Brief an Muhme Lenelies. Alles
-erzählte er darin, er schrieb aber auch, daß er tapfer
-sein und aushalten wolle. Und dieser Brief fiel nicht
-auf die Dorfstraße, er wurde auch nicht im Backofen
-verbrannt. Muhme Lenelies hob ihn gar sorgsam auf
-und las ihn so oft, bis sie ihn besser auswendig konnte
-als die Kinder in der Schule ihre Verse und Sprüche.</p>
-
-<p>Schulzens Jakob und Schnipfelbauers Fritz hatten
-aber auch ihre unbändige Freude über den Brief, stand
-doch darin, daß sie nichts zerbrochen hatten. Seit sie
-das wußten, redeten sie noch kecker und hochmütiger von
-der Stadt und trillerten immerzu laut auf ihren Pfeifen,
-und alle Leute im Dorf sagten: »Wenn die Pfeifen
-nur erst kaput wären!«&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;</p>
-
-<div class="figcenter">
-<img src="images/illu-close.png" alt="" />
-</div>
-
-<hr class="chap" />
-
-<div class="chapter">
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_p127">126</a></span></p>
-<h2 id="Das_Abenteuer_im_Schloss">
-<img src="images/illu-126.png" alt="" /><br />
-Das Abenteuer im Schloß.</h2>
-</div>
-
-<p class="drop">In Feldburg gab es wie in vielen andern altertümlichen
-Kleinstädten auch ein Schloß. Es lag,
-wie es sich für ein richtiges Schloß schickt, etwas höher
-als die andern Häuser der Stadt und war auch von
-einem wirklichen Fürsten und einer wirklichen Fürstin
-bewohnt. Meist war zwar der Fürst von Salheim
-nicht in Feldburg, er hatte noch andere Schlösser, und
-da er ein Fürst ohne Land war und in Feldburg nichts
-zu regieren hatte, kam er immer nur etliche Wochen im
-Jahr dorthin. Er kam aber gern, und die Feldburger
-freuten sich auch über sein Kommen, und über das
-Schloß freuten sie sich auch; es sah so stattlich aus,
-und die Fremden, die in das Städtchen kamen, sagten
-immer entzückt: »Nein, ist das aber malerisch!«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_p128">127</a></span></p>
-
-<p>In Oberheudorf hatten die Kinder schon früher
-manchmal von dem Feldburger Schloß gehört; seit
-Traumfriede aber in der Stadt war, sprachen sie sehr
-viel davon. Das Schloß zu sehen lockte sie sehr. Muhme
-Lenelies sagte zwar oft: »Ach was, Schloß hin, Schloß
-her, meine Märchenschlösser sind schöner.«</p>
-
-<p>Doch die Kinder glaubten ihr das nicht recht und
-gaben wohl zur Antwort: »Du sagst aber nicht, wo
-die liegen.« Auch der Lehrer in der Schule hatte von
-dem Schloß erzählt, das in der Geschichte des Herzogtums,
-zu dem Feldburg und Oberheudorf gehörten, eine
-ziemliche Rolle gespielt hatte. Ein deutscher Kaiser
-hatte einmal dort gewohnt, und allerlei dunkle Sagen
-umspielten das alte, graue Schloß.</p>
-
-<p>»Warum hat uns Friede das Schloß nur nicht
-gezeigt? Zu dumm von ihm!« murrten die fünf ersten
-Stadtfahrer oft. Ihnen und den andern Kindern war
-es daher eine wundervolle Überraschung, als der Herr
-Lehrer eines Tages sagte: »Wir wollen einen Spaziergang
-machen, ratet wohin?«</p>
-
-<p>»Nach Dachhausen,« schrieen die einen; die andern
-rieten: »Nach dem Kuhberger Walde.« Wo anders
-hin war es nämlich noch nie gegangen.</p>
-
-<p>»Falsch geraten! Nach Feldburg, das Schloß ansehen.«</p>
-
-<p>Ein unglaublicher Jubel erhob sich. Selbst der<span class="pagenum"><a id="Seite_p129">128</a></span>
-Lehrer erschrak, dies war ja noch ärger, als er gedacht
-hatte, und streng gebot er Ruhe. Da wurde es auch
-still im Schulzimmer, aber draußen auf der Dorfstraße
-ging der Lärm nachher wieder los. Die Buben und
-Mädel schwatzten so laut und eifrig miteinander, daß
-an diesem Tage sogar die Gänse, die Hauptspektakelmacher
-im Dorfe, eifersüchtig wurden. Eine dicke Gans
-schnatterte der andern zu: »Gräßlich das, man versteht ja
-sein eigenes Geschnatter nicht bei diesem Kindergeschrei!«</p>
-
-<p>In heller Aufregung liefen die Kinder heim. »Wir
-gehn aufs Schloß,« schrie Heine Peterle schon zum
-Fenster hinein, damit es nur ja gleich alle wußten. Die
-erwartete Überraschung blieb leider aus, denn nur
-Muhme Rese saß in der Stube, und die dachte, es
-wäre wieder einer von des Buben Späßen. Sie brummelte
-nur: »Warum willste nich gleich zum Kaiser?«</p>
-
-<p>Heine Peterle war entrüstet. Aufgeregt erzählte
-er nun ausführlich, was der Lehrer gesagt hatte. Da
-ließ die Muhme ihren Strickstrumpf sinken, sah den
-Buben nachdenklich an und sagte zuletzt: »Geh nur ja
-nich mit, Heine Peterle, nä, nä, tu das nich, dir passiert
-was, du paßt nich in en Schloß.«</p>
-
-<p>Trotz dieser düstern Warnung dachte Heine Peterle
-gar nicht daran, daheim zu bleiben. Er gehörte ja schon
-zu den Großen, die mit durften, zu den »Gernegroßen«,
-sagte der Vater.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_p130">129</a></span></p>
-
-<p>Die Regenwolken, die über Oberheudorf hingen,
-taten den Kindern den Gefallen, am Tage vorher eiligst
-auszureißen, und am Morgen des Festtages war der
-Himmel so blank geputzt, als hätten ihn die Oberheudorfer
-Mädel mit Sand und Seife abgescheuert.</p>
-
-<p>Hatten die Kinder vor diesem Tage gefragt: »Wie
-kommen wir nach der Stadt?« dann hatten die Erwachsenen
-erwidert: »Auf Schusters Rappen, wie sonst;
-meint ihr, für euch würden Kutschen angespannt?«</p>
-
-<p>Und dann standen zur Überraschung der Buben
-und Mädel am Morgen doch zwei große Leiterwagen
-auf dem Dorfplatz, und Friede Hopserling schmückte die
-Pferde gerade noch mit frischen Maiensträußen, als
-die Kinder angelaufen kamen. »Hurra, wir dürfen
-fahren,« schrieen alle.</p>
-
-<p>»Nä, wer hat das gesagt?« brummte Friede
-Hopserling, und der Schulzenknecht, der den andern
-Wagen führte, rief: »Wer mitfahren will, muß 'nen
-Taler zahlen, billiger tu' ich's nicht.«</p>
-
-<p>Aber die Kinder kletterten schon auf die Wagen
-hinauf, sie wußten genau, woran sie waren. Und dann
-kam der Herr Lehrer und setzte sich auch in den einen
-Wagen, und los ging die Fahrt. Die Dorfbewohner
-standen auf der Straße oder schauen zu den Fenstern
-heraus, sie winkten und nickten, und die Kinder taten,
-als ginge die Reise mindestens nach Amerika. Heine<span class="pagenum"><a id="Seite_p131">130</a></span>
-Peterle blies auf seiner rosenroten Flöte, Schulzens
-Jakob und Schnipfelbauers Fritz auf ihren Trillerpfeifen,
-die andern wieder sangen, und Friede Hopserling knurrte:
-»Die Pferde werden noch scheu werden.«</p>
-
-<p>An einem sonnenhellen Frühlingstag auf einem
-Leiterwagen durch den Wald zu fahren, ist höchst vergnüglich,
-und die Oberheudorfer Buben und Mädel waren
-auch so lustig, wie man nur sein kann. In Wiesental,
-dem letzten Dorf vor Feldburg, wurde ausgestiegen.
-Von da aus ging es zu Fuß nach der Stadt. »Gleich
-zum Schloß hinauf,« gab der Lehrer den Ungeduldigen
-zur Antwort.</p>
-
-<p>O dieser Zug durch die Stadt! Diejenigen, die
-schon dagewesen waren, blähten sich wie die Fröschlein
-auf und sagten wichtig, wenn sich die Gefährten über
-dies oder das wunderten: »Das ist so in der Stadt.«</p>
-
-<p>»Da ist Herrn Schulz sein Ramschladen,« schrie
-Schulzens Jakob, und sämtliche Kinder blieben vor dem
-Laden stehen, preßten die Nasen an die Fensterscheibe
-und hatten nicht übel Lust, Herrn Schulz zu besuchen.
-Doch da rief Heine Peterle: »Nu kommt wieder der
-Wagen ohne Pferde.«</p>
-
-<p>»Brrr bums,« blieb das Automobil stehen, und
-der Führer schalt zornig: »Ja, was soll denn das, Kinder?
-Runter von der Straße! Ich glaube gar, das sind wieder
-die dummen Buben von neulich!«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_p132">131</a></span></p>
-
-<p>Der Lehrer hatte seine Not, ehe er es seinen Buben
-und Mädeln begreiflich machen konnte, daß sie immer
-nur auf dem schmalen gepflasterten Bürgersteig zu gehen
-hätten.</p>
-
-<p>»Du, Mariele,« rief da Annchen Amsee, »sieh mal,
-hier wohnt 'n Bäcker.«</p>
-
-<p>Es war die größte Bäckerei der Stadt, vor der
-die Kinder gerade angelangt waren: ein stattlicher Laden
-mit breitem Schaufenster, in dem Torten, Kuchen, Körbchen
-mit allerlei feinen Weißbrötchen aufgebaut waren;
-dahinter wieder standen lange, dunkelbraune Brote, ernsthaft
-wie Schildwachen.</p>
-
-<p>Mariele sah mit großen Augen drein; fast andächtig,
-ehrfurchtsvoll musterte sie den Laden. Das sollte
-eine Bäckerei sein, wie ihr Vater sie hatte? Dem kleinen
-Mädel kam hier plötzlich die Erkenntnis, wie klein doch
-das Heimatdorf war gegen Feldburg, und hatte der
-Lehrer nicht gesagt, Feldburg wäre eine kleine Stadt?
-So gab es noch größere Städte mit noch viel, viel
-größeren Bäckereien? Mariele seufzte so tief und schwer,
-daß es der Lehrer hörte. Er wandte sich um und fragte:
-»Was hast du denn, Mädel?«</p>
-
-<p>»'s ist nich hübsch in der Stadt,« klagte Mariele
-angstvoll und starrte den Bäckerladen an, der ihr in
-seiner Größe und Pracht fast unheimlich war.</p>
-
-<p>Der Oberheudorfer Lehrer kannte die Kinder gut<span class="pagenum"><a id="Seite_p133">132</a></span>
-und verstand des Marieles Schrecken. Er nahm die
-Kleine an der Hand, und während sie alle miteinander
-den Schloßberg hinaufpilgerten, zeigte er ihr allerlei,
-ein hübsches Haus, einen Garten, in dem allerlei Blumen
-blühten, er zeigte ihr, wie ein paar kleine Mädel ihre
-Puppen in der Sonne spazierenführten, und allmählich
-verlor Mariele die Angst vor der Stadt. Häuser,
-Bäume, Blumen, Menschen, die gab es auch in Oberheudorf,
-na, und wenn der Vater auch keinen großen,
-feinen Laden hatte, ein Bäcker war er doch, und der
-Herr Lehrer sagte: »Auf den großen Laden kommt es
-nicht an, nur darauf, ob das Brot gut ist, das einer
-bäckt, und das Brot deines Vaters schmeckt so gut,
-daß viele Stadtleute es sich kommen lassen, weil sie es
-besonders gern essen.«</p>
-
-<p>Da wurde Mariele sehr stolz auf ihren Vater,
-und Feldburg mit all seinen Häusern und Läden kam
-ihr gar nicht mehr unheimlich vor, ja am Schloßtor
-schaute sie sich ganz kühn um und tuschelte Annchen
-Amsee zu: »Am Ende essen sie drinnen gar auch Brot
-vom &ndash; Vater.«</p>
-
-<p>Ein paar Buben und Mädel hatten sich den ganzen
-Weg über nach dem Friede Heller umgeschaut. Warum
-der wohl nicht zu sehen war?</p>
-
-<p>»Er weiß nicht, daß wir da sind,« sagten einige.</p>
-
-<p>»Vielleicht hat er noch Schule,« meinte Heine<span class="pagenum"><a id="Seite_p134">133</a></span>
-Peterle nachdenklich, der dachte, in der Stadt könnte
-schon mal von früh bis abends Schule sein.</p>
-
-<p>Als sie aber alle ans Schloßtor kamen, stand dort
-ein Bube und schwenkte jauchzend seine grüne Mütze:
-Friede war es. Er stürmte ihnen entgegen und hätte
-sie in der Freude seines Herzens am liebsten umarmt,
-den Herrn Lehrer voran. Ehe er aber noch alle recht
-begrüßt hatte, schrie Anton Friedlich, dessen Augen neugierig
-rundum gingen: »Uh je, da steht der Fürst mit
-'nem großen Stock!«</p>
-
-<p>»Er kommt her, er kommt her,« quiekten etliche
-Mädel und knicksten erschrocken bis zur Erde. Fein
-angetan in dunkelrotem, goldgesticktem Rock, einen Dreispitz
-auf dem Kopf, kam der Türhüter heran. Er wußte
-von dem Kommen der Oberheudorfer; der Lehrer hatte
-angefragt, ob er mit seinen Schulkindern an diesem Tage
-das Schloß besichtigen dürfe. Mit gnädigem Lächeln
-sah der Türhüter die Kinder an. Daß sie ihn für den
-Fürsten hielten, freute ihn, und er erlaubte es huldvoll,
-daß die Buben und Mädel ihn von allen Seiten
-betrachteten und um ihn herumliefen wie um einen
-Weihnachtsbaum. Sie hörten erst mit Bewundern
-und Besehen auf, als der Diener kam, der sie im Schloß
-herumführen sollte. »Hört nun schon auf,« mahnte
-der, »wenn ihr drinnen alles so genau besehen wollt
-wie unsern Türhüter, dann werdet ihr bis morgen früh<span class="pagenum"><a id="Seite_p135">134</a></span>
-nicht fertig. Kommt jetzt, drinnen gibt es Schöneres
-zu sehen.«</p>
-
-<p>»Grobian,« brummte der Türhüter, der sich sehr
-gern bewundern ließ, aber dann sagte er auch: »Geht
-nur hinein!«</p>
-
-<p>Es gab wirklich sehr viel in dem Schloß zu sehen:
-geschnitzte, vergoldete, mit Seide und Samt überzogene
-Sessel, Stühle, Sofas, Tische mit eingelegten, kunstvoll
-verzierten Platten, schimmernde Spiegel, Bilder, Vasen,
-kurz so viel schönen, reichen Hausrat, daß die Buben
-und Mädel aus dem Erstaunen und der Bewunderung
-gar nicht herauskamen. In einem Saal, der ganz von
-Gold schimmerte, mußten sie alle riesige Filzschuhe über
-ihre eigenen Schuhe ziehen. Der Fußboden war so fein
-und glänzend, so spiegelglatt, als sollte darauf gespeist
-werden, und der Diener mahnte: »Hier muß man vorsichtig
-gehen!«</p>
-
-<div class="figcenter">
-<img src="images/illu-136.jpg" alt="" />
-<div class="caption">Der hohe Herr.</div>
-</div>
-
-<p>Ja gehen, er hatte gut reden! Hopps, da lag der
-dicke Friede schon, und krach setzte sich Schulzens Jakob
-auf seinen Hosenboden. Krämers Trude zappelte ein
-Weilchen wie ein Fisch, dann fiel sie auch hin, und
-Bäckermeisters Mariele rutschte wie ein kleiner Schlitten
-auf ihrem Bäuchlein den halben Saal entlang. Der
-Führer hatte gerade mit dem Erklären beginnen wollen,
-als er sah, wie es um ihn herum plumpste. »Aber
-Kinder, was macht ihr denn?« rief er erschrocken.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_p136">135</a></span></p>
-
-<p>Krach, da lag auch er da, so lang er war. Anton
-Friedlich hatte sich an seinem Bein halten wollen und
-ihn mit umgerissen.</p>
-
-<p>»Uff!« stöhnte er. Vor lauter Überraschung wußte
-er nichts weiter zu sagen, nicht einmal schelten konnte
-er. Kaum hatte er sich aufgerichtet, da purzelte schon
-wieder eins hin, und ein Mädel griff angstvoll nach
-seinem Rockschoß.</p>
-
-<p>»Aber was macht ihr denn?« schrie er nun entsetzt.
-»Haltet doch &ndash;« bums setzte sich vor ihm wieder ein Bube
-sehr unsanft auf den Hosenboden, und alles klirrte und
-krachte im Saal.</p>
-
-<p>»Das geht nicht,« riefen der Lehrer und der Führer
-erschrocken wie aus einem Munde, und die Kinder
-klagten: »Wir können nicht in den Pantoffeln gehen.«</p>
-
-<p>»Wir ziehen alle die Schuhe aus!« Annchen Amsee
-saß auf dem Fußboden, sie stand auch nicht auf, weil
-sie dachte, sie falle ja doch wieder hin. »In Strümpfen
-geht's, da trapsen wir auch nicht!«</p>
-
-<p>»Ja, wir wollen die Schuhe ausziehen,« schrieen
-ihr die andern nach, und schon hatten ritsch, ratsch ein
-paar Mädel ihre Schuhe aufgebunden.</p>
-
-<p>»Es wird wohl am besten so sein,« meinte der Herr
-Lehrer, und der Diener sagte seufzend und ergeben:
-»Meinetwegen, obgleich sonst nie jemand so in den Festsaal
-geht.« Eins, zwei, drei, waren alle Schuhe ausgezogen,<span class="pagenum"><a id="Seite_p138">136</a></span>
-und dann tappelten lauter rosenrote und
-kornblumenblaue Füße über das glatte Parkett. Die
-Oberheudorfer Mütter liebten nämlich die bunten
-Strümpfe sehr.</p>
-
-<p>Aus dem Festsaal ging es in die Silberkammer,
-von da in das gelbe Zimmer, dann in den roten Saal,
-dann in die grüne Kammer; es war beinahe wie in
-einem Märchen. Endlich schloß der Führer eine schwere
-eichene Türe auf und sagte: »Das ist der Ahnensaal.«
-Aber erschrocken prallten die Kinder zurück, und den
-Mädeln wurde es himmelangst. An den Wänden
-hingen die lebensgroßen Bilder vieler Männer und
-Frauen in seltsamen Trachten. Manche von ihnen
-sahen recht grimmig aus, gar nicht, als hätten sie vom
-Anderwandhängen einen sonderlichen Spaß. Dies und
-das erzählte der Führer von dem und jenem: der war
-ein großer Held gewesen in dem langen Krieg von
-dreißig Jahren, und jener hatte gegen die Türken gefochten.
-Die eine der Schloßfrauen hatte einmal mit
-tapferer, mutiger List Stadt und Schloß aus großer
-Gefahr gerettet. Sie sah auf ihrem Bilde aber auch
-so stolz und feierlich aus, daß die Kinder sie sehr ehrfürchtig
-anschauten. Krämers Trude knickste sogar vor ihr.</p>
-
-<p>Am Südende des Saales lag neben einer Tür,
-die auf einen schmalen Vorsaal endete, eine kleine Nische.
-In der hing noch ein Bild: ein finsterer Herr in der<span class="pagenum"><a id="Seite_p139">137</a></span>
-spanischen Hoftracht des sechzehnten Jahrhunderts war
-es. Von ihm erzählte der Führer, er sei ein gar arger
-Bösewicht gewesen, er gehöre von rechtswegen gar nicht
-in diesen Saal, denn er sei nur ein entfernter Verwandter
-des Fürstenhauses. Man lasse aber sein Bild
-hängen, obgleich er es gar nicht um die Familie des
-Fürsten verdient habe. In einer wilden Sturmnacht
-habe er versucht, die einzige Tochter des damals regierenden
-Herrn zu rauben. Fahrende Spielleute hätten
-ihm dann aber das schöne Fräulein abgejagt, als sie
-im Walde nach Hilfe gerufen habe. Sie sei dann vor
-Schreck und Grauen in ein Kloster gegangen. Ihr
-Räuber aber sei landflüchtig geworden, man wisse nichts
-von seinem Ende.</p>
-
-<p>»Huhu,« graulten sich die Mädel und sahen ordentlich
-ängstlich auf den finsteren Mann, just als würde der
-mit seinen spitzen Schnabelschuhen aus dem Bilde herausmarschieren.
-Heine Peterle tat einen tiefen Atemzug und
-sagte: »Man hätt' ihn ordentlich verdreschen müssen.«</p>
-
-<p>Das Wort gefiel den Buben, und der eine sagte
-dies, der andere das, was sie getan hätten, wenn sie
-die fahrenden Leute gewesen wären.</p>
-
-<p>Der Herr Lehrer war inzwischen mit dem Führer
-an eins der spitzbogigen Fenster des Saales getreten,
-und die Kinder konnten sich ungestört über den finsteren
-Gesellen unterhalten.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_p140">138</a></span></p>
-
-<p>»Wie er die Augen aufreißt!« tuschelte Annchen
-Amsee, »puh, wie graulich!«</p>
-
-<p>»Ich hätte ihn ganz gewiß gefangen und in den
-Turm gesteckt,« versicherte Schulzens Jakob zum drittenmal.
-Da trat Heine Peterle ganz dicht an das Bild
-heran und sagte keck: »Ich geb' ihm jetzt noch was für
-seine Schlechtigkeit.« Und patsch schlug er mit seiner
-kleinen Faust dem gemalten Mann auf den Bauch.</p>
-
-<p>Die Kinder lachten, aber ihr Lachen erstarb jäh.</p>
-
-<p>Himmel, was war das?</p>
-
-<p>Urplötzlich verschwand das Bild und &ndash; Heine
-Peterle &ndash; ihr Heine Peterle mit ihm. Ein paar
-Sekunden lang zappelten und strampelten zwei rosenrote
-Beine in der Luft herum, es polterte und krachte, und
-dann waren gemalter Mann und Heine Peterle weg.</p>
-
-<p>Die Kinder schrieen so gellend, so angsterfüllt auf,
-daß der Lehrer mit dem Führer so schnell herankamen,
-als es mit den großen Filzpantoffeln ging.</p>
-
-<p>»Heine Peterle &ndash; &ndash; da &ndash; &ndash; der &ndash; &ndash; Mann,
-huhuhu,« kreischten die Kinder und deuteten entsetzt auf
-die Nische. Dort gähnte jetzt nur ein dunkles Loch.</p>
-
-<p>»Er &ndash; &ndash; hat &ndash; &ndash; ihn &ndash; &ndash; ge&ndash;ge&ndash;holt,«
-wimmerten ein paar Mädel.</p>
-
-<p>Doch plötzlich zappelte ein rosa Bein in der Luft
-herum, dann noch eins, und dann &ndash; &ndash; stand Heine
-Peterle wieder da.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_p141">139</a></span></p>
-
-<p>Aber wie sah er nur aus! »Bube, was ist denn
-geschehen?« Mit einem Ruck zog ihn der Lehrer ans
-Licht, während der Diener noch immer sprachlos in das
-dunkle Loch starrte, der gemalte Mann kam nämlich
-nicht wieder.</p>
-
-<p>»I &ndash; ich &ndash; hazieh, hazieh!« Heine Peterle nieste
-einmal, zweimal, immerzu, und das war kein Wunder,
-denn er war von oben bis unten mit Staub bedeckt,
-Spinnweben lagen auf dem Haar und auf seiner Jacke;
-er sah aus, als hätte er ein halbes Jahrhundert in einer
-Rumpelkammer gesessen. »Was hast du denn gemacht,
-was hat er denn gemacht?« fragte der Lehrer ihn und
-die andern. Aber selbst für ihn, der doch die Buben
-und Mädel wahrlich kannte, war es schwer, etwas in
-dem wilden Durcheinander zu verstehen, nur ein Wort
-vernahm er immer wieder: »Er hat ihn auf den Bauch
-geschlagen,« »Er hat ihn auf den Bauch geschlagen.«
-»Hazieh, hazieh, hazieh!« nieste Heine Peterle, er schluchzte,
-hustete und stöhnte endlich: »Da &ndash; &ndash; da&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<p>»Was ist da?« rief der Diener aufgeregt, und der
-Lehrer und die Kinder alle sahen gespannt auf Heine
-Peterle.</p>
-
-<p>»Hazieh &ndash; &ndash; da &ndash; hazieh &ndash; &ndash; ist &ndash; hazieh &ndash;
-&ndash; 'n Loch!«</p>
-
-<p>»Schafskopf,« schrie ihn der Diener an, »das sehen
-wir doch.« Auf einmal schlug er sich vor den Kopf.<span class="pagenum"><a id="Seite_p142">140</a></span>
-»Ich hab's: die geheime Türe ist das, die geheime Türe
-nach dem verborgenen Gang, nach der unser Fürst schon
-lange sucht. Das Bild ist die Türe.« Er raste an
-die große Haupttüre des Saales, an der ein Klingelzug
-hing, und läutete Sturm. Laut, dringlich schallte
-es durch das Schloß, und von allen Seiten eilten Diener
-herbei. Endlich kam auch der Kastellan, der in Abwesenheit
-des Fürsten das Schloß verwaltete. Lampen
-wurden gebracht und die geheimnisvolle Öffnung untersucht;
-eine ganz schmale, enge abwärtsführende Treppe
-wurde sichtbar.</p>
-
-<p>»Es ist wirklich der geheime Gang,« sagte der
-Kastellan erstaunt. »Unser Fürst hat schon von einem
-Baumeister nach ihm suchen lassen, der aber nichts gefunden
-hat. Man vermutet nämlich irgendwo ein Gelaß,
-in dem wichtige Familienurkunden liegen sollen, aber
-bei einem Brande sind auch die Baupläne des Schlosses
-mit vernichtet worden. Der Großvater unseres jetzigen
-Fürsten hat den Gang noch gekannt, er starb aber unerwartet,
-und so erfuhr sein Sohn das Geheimnis nicht.
-Wie wird sich unser Fürst über die Entdeckung freuen!«</p>
-
-<p>»Das ist dein Glück,« sagte der Lehrer sehr ernst
-zu Heine Peterle, »in fremden Schlössern haut man
-nämlich nicht mit der Faust nach den Bildern.«</p>
-
-<p>»Nein,« meinte der Kastellan, »das tut man freilich
-nicht. Eigentlich ist's auch strafbar. Heute mag<span class="pagenum"><a id="Seite_p143">141</a></span>
-es freilich hingehen; hier ist mal eine Dummheit gut
-ausgegangen.«</p>
-
-<p>»Er wollte den Räuber doch nur hauen, weil der
-so böse war,« flüsterte Annchen Amsee, um ihren Freund
-zu entschuldigen. Der wischte, pustete und nieste noch
-immer ganz furchtbar und konnte noch immer nicht viel
-sagen.</p>
-
-<p>»Ach, darum also!« Der Lehrer, der Kastellan
-und der Führer riefen es wie aus einem Munde; sie
-sahen einander an und lächelten, lachten und fanden
-blitzschnell ein jauchzendes Echo bei den Kindern. Die
-waren ja heilfroh! Das ernste Gesicht des Lehrers
-hatte ihnen doch bisher die rechte Freude an der Entdeckung
-getrübt, aber jetzt kamen sie sich gleich ungeheuer
-wichtig vor, und ein paar der kecksten Buben tuschelten:
-»Da haben wir was Feines gemacht!« Himmelgern
-wären nun natürlich die Buben die Treppe hinuntergeklettert
-&ndash; den Mädeln war es zu unheimlich &ndash; aber
-das gab es nicht. Der Herr Kastellan zog den gemalten
-Bösewicht, der hinter die Wand gerutscht war,
-wieder hervor, und schnapp, war das dunkle Treppengelaß
-wieder verschwunden.</p>
-
-<p>»Gut, mein Junge,« sagte der Kastellan, »daß du
-nicht größer und nicht kleiner bist; hast gerade auf die
-rechte Stelle gehauen. Hier am Degenknauf des finstern
-Herrn sitzt ein Knopf; durch einen Druck darauf kann<span class="pagenum"><a id="Seite_p144">142</a></span>
-man anscheinend die geheime Pforte öffnen.« Er drückte,
-er drückte noch einmal, aber &ndash; &ndash; keine Türe sprang
-auf. »Na, was ist denn das?« rief er verwundert.
-»Herr Lehrer, versuchen Sie es doch einmal!«</p>
-
-<p>Der Lehrer trat heran, er drückte auch, aber das
-Bild blieb unbeweglich an seinem Platze, und seine
-finsteren Augen starrten die Kinder an.</p>
-
-<p>»Man muß hauen, aber feste,« sagte Heine Peterle
-plötzlich, der nun endlich das Niesen eingestellt hatte.</p>
-
-<p>Der Kastellan folgte dem Rat, er schlug einmal,
-zweimal, aber erst beim drittenmal spazierte der finstere
-Bösewicht davon. »Potzwetter, so eine Oberheudorfer
-Bubenfaust kann aber kräftig dreinschlagen,« rief der
-Kastellan. »Gut, daß es nicht etwas anderes war.«</p>
-
-<p>Der Herr Lehrer war auch sehr froh darüber, und
-er war es recht zufrieden, als er mit seiner Schar wieder
-auf dem Schloßhof stand. Dort hinaus brachten auf
-des Kastellans Befehl die Diener ein paar Tische und
-Stühle, und die Kinder durften unter den uralten Linden
-des schönen Hofes ihre mitgebrachten Butterbrote verzehren.
-»Vielleicht gibt's Schokolade,« sagte Schulzens
-Jakob und dachte an Fräulein Wunderlich, doch darin
-irrte er sich. Die Limonade, die die Schloßköchin den
-Kindern schickte, schmeckte ihnen aber auch sehr gut,
-und es wurde eine fröhliche Schmauserei.</p>
-
-<p>Nachher gab es noch die Waffenkammer zu sehen,<span class="pagenum"><a id="Seite_p145">143</a></span>
-in der so viele alte Ritterrüstungen, Hellebarden, Schwerter
-und andere Waffen und Geräte hingen, daß die Buben
-sich am liebsten alle in eisengepanzerte Ritter verwandelt
-hätten. Darüber war die Zeit schnell vergangen, und
-die Sonne dachte schon etwas an den Heimweg und
-an das Zubettgehen. Zeit war es also auch für die
-Oberheudorfer, daran zu denken, obgleich sie alle sich
-noch sehr gern die Stadt angesehen hätten.</p>
-
-<p>»Friedes Schule wollen wir sehen,« bettelten ein
-paar Buben. Friede erschrak. Ganz jäh kam ihm der
-Gedanke an den Spott der stolzen Gymnasiasten. Was
-würden die sagen, wenn sie die Oberheudorfer, seine
-Heimatgenossen, sehen würden? Gleich schämte er sich
-aber wieder: mochten sie doch lachen, was kümmerte
-es ihn!</p>
-
-<p>Ob der Lehrer etwas von den Gedanken ahnte?
-Er sagte so freundlich und gütig, wie er immer zu
-Friede sprach: »Es wird zu spät werden und ist auch
-ein großer Umweg, über den Johannesplan zu gehen!«</p>
-
-<p>Doch da bat Friede heiß und dringlich: »Ach bitte,
-bitte, ich möchte allen so gern das Gymnasium zeigen.«
-Er wollte es beweisen, daß er sich der lieben Heimatgenossen
-nicht schämte, weil sie anders in Art und Wesen
-waren als die Buben und Mädel in der Stadt, und
-so bat er noch einmal: »Bitte, bitte, wir wollen alle
-über den Johannesplan gehen.«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_p146">144</a></span></p>
-
-<p>Der Lehrer sah seinen einstigen Schüler prüfend
-an, dann strich er ihm über die heiße Wange und sagte
-froh: »Bist doch noch mein alter Friede, doch heute
-ist es wirklich zu spät, wir müssen uns sputen, um zu
-unseren Wagen zu kommen. Ein anderes Mal dann.
-Komm aber mit, begleite uns noch ein Stück heimwärts.«</p>
-
-<p>Friede tat es, und er tat es gern. So vergnügt,
-als gehöre er noch ganz zu ihnen, lief er mit den Heimatgenossen
-durch Feldburgs Straßen bis dahin, wo er
-vor einiger Zeit Doktor Treumann getroffen hatte. Hier
-nahm er Abschied. »Auf Wiedersehen, auf Wiedersehen
-in den Sommerferien,« hieß es.</p>
-
-<p>»Wir kommen dir entgegen,« versprachen die
-Freunde.</p>
-
-<p>»Wir auch,« riefen die Mädel, »und&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<p>»Macht Schluß, es ist Zeit!« mahnte der Lehrer
-und schob ein paar Kinder vorwärts.</p>
-
-<p>Friede war schon wieder ein paar Schritte zurückgelaufen,
-als er noch einmal innehielt und den Gefährten
-nachrief: »Heine Peterle, wenn etwas von dem geheimen
-Gang in der Zeitung steht, schreibe ich es dir.«</p>
-
-<p>»In der Zeitung stehen!« Heine Peterle wußte
-plötzlich nicht, sollte er vor- oder rückwärts laufen, sollte
-er einen Luftsprung machen oder einen Purzelbaum
-schießen. Er drehte sich rundum und brachte den ganzen
-Zug auseinander, und es hätte wohl eine schlimme Verwirrung<span class="pagenum"><a id="Seite_p147">145</a></span>
-gegeben, wenn der Lehrer Heine Peterle nicht
-an der Hand gefaßt und gesagt hätte: »Wir zwei gehen
-mal miteinander. Nun vorwärts rasch, sonst fährt Friede
-Hopserling fort!«</p>
-
-<p>Das half, nun liefen sie alle, so rasch sie konnten,
-und erreichten bald Wiesental, wo die Wagen schon
-warteten.</p>
-
-<p>Von der Rückfahrt ist nur zu sagen, daß sie sehr
-lustig war. Es wurde viel gelacht, geschwatzt und gesungen,
-und die treuen Wächter des Dorfes, die Hofhunde,
-hörten die Stimmen der Heimkehrenden zuerst
-und grüßten sie durch ein langanhaltendes Gebell.</p>
-
-<p>»Auf der Dorfstraße wird nicht mehr gestanden
-und geschwatzt,« gebot der Herr Lehrer, »Abschied nehmen
-ist nicht nötig, morgen seht ihr euch ja wieder.«</p>
-
-<p>Heine Peterle hatte es am eiligsten, aber auch die
-anderen folgten alle brav dem Befehl. Heine Peterle
-mußte doch den Eltern und Muhme Rese sein Abenteuer
-erzählen, das preßte ihm fast das Herz ab. Mit
-noch mehr Gepolter und Lärm und noch ungestümer als
-sonst stürzte er daheim in das Wohnzimmer, in dem sein
-Vater just die Zeitung las. Der fuhr erschrocken empor.</p>
-
-<p>»Vater, ich komm' auch nein,« schrie Heine Peterle
-und tippte mit seinem Finger gleich ein Loch durch die
-Zeitung, »wegen dem Gang im Schloß, wo der Räuber
-davor stand, und&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_p148">146</a></span></p>
-
-<p>»Bewahr mich!« rief der Bauer. »Frau, der Bube
-ist ja woll übergeschnappt. Leg ihn rasch ins Bett und
-tu ihm ein kaltes Tuch auf den Kopf!«</p>
-
-<p>»Nä,« schrie Heine Peterle angstvoll, »ich hab
-doch&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<p>»Ins Bett,« befahl der Bauer, »er hat Fieber.«</p>
-
-<p>»Je, je, je,« jammerte Muhme Rese, »er wird
-krank, ich koch'n Fliedertee.«</p>
-
-<p>»Nä!« Heine Peterle sträubte sich, denn seine
-Mutter wollte ihn in die Schlafkammer führen. »Komm
-nun, komm, schlaf dich aus!« tröstete sie.</p>
-
-<p>Aber Heine Peterle mochte gar nicht schlafen, er
-wollte erzählen, und hastig schwatzte er alles durcheinander
-heraus, und Vater und Mutter sahen sich besorgt
-an, und die Mutter sagte: »Er hat wahrhaftig Fieber!«</p>
-
-<p>»'n kaltes Tuch auf den Kopf und ins Bett, basta,«
-befahl der Bauer. Da half kein Widerstreben mehr.
-Heine Peterle wurde ins Bett gesteckt, und die Mutter
-legte ihm ein kaltes Tuch auf den Kopf, und Muhme
-Rese brachte Fliedertee.</p>
-
-<p>Aber der Bube, als er sah, daß doch niemand seine
-schöne Geschichte hören wollte, schrie: »Ich hab' Hunger.«</p>
-
-<p>»Man muß'n ja nich aufregen,« tuschelte Muhme
-Rese ängstlich und schlurfte, so schnell sie konnte, in
-die Vorratskammer und holte viele Butterschnitten und
-frischen Sonntagskuchen dazu. Heine Peterle aß sehr<span class="pagenum"><a id="Seite_p149">147</a></span>
-brummig und schweigend alles auf, und je mehr er aß,
-desto beruhigter sah die Mutter drein. Nur Muhme
-Rese schüttelte noch immer ängstlich den Kopf und sagte
-wieder und wieder: »Wärste doch nicht mitgegangen!
-Ich hab's gleich gesagt, im Schloß passiert nischte nischt
-Gutes. Nu haste so'ne Geschichte im Kopp!«</p>
-
-<p>Schluck! tat Heine Peterle, und der letzte Bissen
-war hinunter. Er schüttelte energisch den nassen Umschlag
-von der Stirn, streckte sich aus, sagte sehr vergnügt:
-»Und 's ist doch wahr, un vielleicht kommt's in
-die Zeitung.« Dann schlief er bums ein.</p>
-
-<p>»Ein sonderbarer Bube!« seufzte Muhme Rese.</p>
-
-<hr class="chap" />
-
-<div class="chapter">
-<h2 id="Der_kleine_Teufel">
-<img src="images/illu-chapter.png" alt="" /><br />
-Der kleine Teufel hilft Fräulein
-Wunderlich über die Dornenhecke.</h2>
-</div>
-
-<p class="drop">Ulrich Sonntag hatte sich zwar der Schwester gegenüber
-bereit erklärt, mit Friede nett zu sein, aber
-Jobst von Hellfeld wollte nicht, der bockte. Als Ulli
-ihm am andern Morgen auf dem Schulweg die Versöhnungsgeschichte
-erzählte, rief er borstig: »Ich tu' nicht
-mit, fällt mir gar nicht ein; dem Bauernjungen nachlaufen,
-das könnte mir passen!«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_p150">148</a></span></p>
-
-<p>Und gerade an diesem Tage ging Friede nicht um
-die Kirche herum, sondern lief an dem Organistenhaus
-vorbei und kam gerade hinter den Freunden her, als
-Jobst das vom Bauernjungen sprach. Husch flogen
-da auch all die guten Vorsätze weg, mit denen er gekommen
-war. Er hatte Ulrich anreden wollen, ganz
-leicht hatte er sich das vorgestellt, und nun ging er
-stumm und ohne Gruß an seinen Kameraden vorüber,
-und ebenso stumm lief er dann wieder nach dem Spiegelhaus
-zurück.</p>
-
-<p>»Hast du mit ihm gesprochen?« rief das Füchslein
-dem Bruder an diesem Tage entgegen. Sie erzürnte
-sich sehr, als sie sein »nein« hörte, und sie war schon
-drum und dran, mit zornigen Worten ihrem Grolle
-Luft zu machen, als ihr noch zur rechten Zeit der
-Mutter Worte einfielen. Sie seufzte zwar dreimal
-tief, dann war der Zorn in sein dunkles Herzkämmerchen
-zurückgesunken, und Füchslein sagte sanft und lieblich:
-»Aber morgen, Ulli, gelt, morgen tust du es?«</p>
-
-<p>Ulli versprach es. Am nächsten Tag kam er aber
-sehr brummig heim. Schon von weitem schrie er:
-»Füchslein, er will gar nicht, tut, als sei ich Luft.
-Frech! Nun will ich aber auch nicht mehr.«</p>
-
-<p>Von diesem Entschluß brachte den Bruder kein
-sanftes und kein zorniges Bitten und Fordern ab, und
-das Füchslein sah betrübt alle schönen Friedenspläne<span class="pagenum"><a id="Seite_p151">149</a></span>
-zerrinnen, denn sie selbst zankte sich wieder einmal gründlich
-mit dem Bruder. Sie sah Friede in diesen Tagen
-auch nur einmal von ferne; sie rief ihn an, er lief aber
-geschwind davon. Im Organistenhaus war er auch nicht
-gewesen, ärgerlich sagte es ihr Fräulein Wunderlich.
-Diese hatte schon wieder alle gute Schokoladenlaune
-verloren; sie ging verdrießlich im Hause herum und
-schalt und brummte, wenn sie an den bösen Nachbarn
-und den hinausgeworfenen Buben dachte. Selbst über
-den entflohenen kleinen Teufel schalt sie jeden Tag.
-Daß das Huhn entwichen war, kränkte sie bitter.</p>
-
-<p>Marianne Sonntag bekam auch von dem entflohenen
-Oberheudorfer Huhn zu hören. An einem
-Frühlingsnachmittag war es, an dem ein leiser, warmer
-Regen auf die Erde niederfiel. Fräulein Wunderlich
-hatte trotz des Regens in ihrem Gärtchen gegraben
-und gepflanzt, und das Füchslein war zu ihr gekommen.
-Sie standen beide an der Mauer des Nachbargartens
-unter einem kleinen Schutzdach, und dort erzählte das
-Fräulein laut und zornig von dem entflohenen Huhn.</p>
-
-<p>»Das ist gewiß nach Oberheudorf zurückgeflogen,«
-rief Marianne mit ihrem hellen Stimmlein. »Ihm gefällt
-es nicht in der Stadt.«</p>
-
-<p>»Rede doch nicht solchen Unsinn, wie soll ein Huhn
-nach Oberheudorf fliegen!« schalt Fräulein Wunderlich.
-»Aber meinetwegen, ich mag schon gar nicht mehr von<span class="pagenum"><a id="Seite_p152">150</a></span>
-dem Ort und seinen Bewohnern hören. Nichts wie
-Ärger hat man davon.« Die Dame machte ein so bitterböses
-Gesicht, daß es dem Füchslein ganz ungemütlich
-wurde.</p>
-
-<p>»Ich will jetzt hineingehen, Onkel Wunderlich ist
-gewiß wieder zurück.«</p>
-
-<p>»War mein Bruder nicht da?« fragte das Fräulein.</p>
-
-<p>»Nein, er ging vorhin noch mit dem Herrn Professor
-von Spiegel auf dem Platz draußen hin und her,«
-sagte Marianne arglos; sie hatte in diesem Augenblick
-die nachbarliche Feindschaft ganz vergessen.</p>
-
-<p>»Geh, pfui, geh, du bist auch ein abscheuliches Mädchen!«
-rief Fräulein Wunderlich plötzlich. »Kommst nur,
-um mir unangenehme Sachen zu sagen.«</p>
-
-<p>»Aber ich hab' doch nichts getan,« stammelte
-Marianne, doch Fräulein Wunderlich rief noch einmal:
-»Geh, geh, ich will dich nicht mehr sehen.«</p>
-
-<p>Betrübt verließ die Kleine den Garten, und drinnen
-fiel es ihr erst ein, warum sie die Hausherrin erzürnt
-hatte. Die war böse, daß ihr Bruder mit dem Nachbar
-ging; sie haßte den, und Mutter hatte doch gesagt,
-einmal wären sie miteinander gute Freunde gewesen!
-Nachdenklich, mit gesenktem Kopf trat Marianne in
-das Musikzimmer. Dort stand der alte Organist und
-sah sinnend in den leise rinnenden Regen hinaus. »Was
-hast du denn, Kind?« fragte er, sich seiner Schülerin zuwendend,<span class="pagenum"><a id="Seite_p153">151</a></span>
-als diese eintrat, »du siehst ja gar nicht wie
-ein rechter Sonntag aus?«</p>
-
-<p>»A&ndash;ch!« &ndash; Füchslein seufzte &ndash; »das Friedenstiften
-ist doch arg schwer!«</p>
-
-<p>»Ja freilich, schwer ist's, sehr schwer sogar!« Herr
-Wunderlich seufzte nun auch. »Es ist darum am besten,
-es gar nicht zum Unfrieden kommen zu lassen. Aus
-einem kleinen Pflänzchen wächst oft eine ganze Dornenhecke
-auf, und keines kommt mehr herüber oder hinüber.«</p>
-
-<p>»Nur ein Prinz,« sagte Füchslein, die gut verstanden
-hatte, daß ihr Lehrer an seiner Schwester Zwist
-mit dem Nachbarn dachte.</p>
-
-<p>Herr Wunderlich lächelte. »Ja, ein Märchenprinz,
-und ein Märchenprinz kann auch ein Oberheudorfer
-Bauernbube sein. Man muß aber Geduld haben, viel
-Geduld. Wir wollen uns nur hüten, daß nicht noch
-mehr Streit und Unfriede entsteht, nicht noch zwischen
-anderen Brüdern und Schwestern.«</p>
-
-<p>Marianne wurde rot, seufzte tief und murmelte,
-während sie ihre Geige aus dem Kasten nahm: »Ich
-will Ulli nachher wieder gute Worte geben.«</p>
-
-<p>»Und ich will meiner Schwester auch gute Worte
-geben,« sagte der alte Herr, und auf einmal lachten
-sich Lehrer und Schülerin sehr vergnügt an, nickten sich
-zu, und dann spielten sie zusammen und vergaßen darüber
-Zank und Streit.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_p154">152</a></span></p>
-
-<p>Im Spiegelhaus dachten just zwei auch gerade an
-die Nachbarn hinter der Hecke. Friede war es und
-der Gärtner. Dieser hatte gerade an der Mauer gestanden,
-als Fräulein Wunderlich von des schwarzen
-Teufels Verschwinden erzählte. Lieber Himmel, das
-war doch das kleine Huhn, das Friede ihm gebracht.
-Eilig lief er zu dem Knaben, der über seinen Büchern
-saß, und erzählte ihm das Gehörte.</p>
-
-<p>Friede erschrak. »Ich dachte, sie hätte es hinausgeworfen
-wie mich,« stammelte er erschrocken.</p>
-
-<p>»Ja, das hilft nun nichts, du mußt es ihr schon
-wieder hinübertragen,« meinte der Gärtner.</p>
-
-<p>»Aber ich kann doch nicht zu ihr gehen,« rief Friede
-ordentlich entsetzt, »ich will's über die Mauer heben.«</p>
-
-<p>»Trag's lieber hinüber! Gib es der Marie, das ist
-kein ungutes Mädchen, die wird schon verstehen, daß
-du das Huhn nicht hast behalten wollen. Aber fort muß
-es gleich, mein Herr möchte sehr böse werden, wenn er
-wüßte, ich habe ein fremdes Huhn im Stall, nach dem
-sie drüben suchen. Übrigens hat das Fräulein dich ja
-neulich grüßen lassen, vielleicht ist sie gar nicht mehr böse.«</p>
-
-<p>»Ich mag nicht zu ihr gehen,« rief Friede trotzig.</p>
-
-<p>»Gut,« brummte der Gärtner, »dann trage ich das
-Huhn fort, wenn du dich fürchtest! Im Hause darf es
-nicht bleiben, und der Herr Professor soll mich keinen
-alten Eigensinn schelten.«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_p155">153</a></span></p>
-
-<p>»Ich will's schon hinübertragen,« murmelte Friede
-kleinlaut. »Pah, ich fürchte mich nicht, und Marie
-macht ja immer die Türe auf, der kann ich es übergeben.«
-Er nahm seine Mütze, ging in den Garten
-hinab und holte den kleinen Oberheudorfer Teufel aus
-dem Stall heraus. »Schade ist's nicht darum,« brummte
-der Gärtner, »und arg viel Freude wird das Fräulein
-an dem kleinen Untier nicht haben, aber zurückhaben
-soll sie es; was Recht ist, ist Recht.«</p>
-
-<p>Es wurde Friede nicht leicht, bis zu dem Nachbarhaus
-zu gehen. Er sah sich draußen erst um. Niemand
-war zu sehen; der Johannesplan lag, wie fast immer,
-wenn nicht Schulanfang oder Schulschluß war, menschenleer
-da. Als er an das Organistenhaus kam, sah er,
-daß eins der Fenster neben der Haustüre halb offen
-stand. Von seinem kurzen Aufenthalt im Hause her
-wußte er noch nicht gut Bescheid, wie und wo die
-einzelnen Zimmer und Wirtschaftsräume lagen; er glaubte
-aber, dies Fenster sei eins von dem breiten Hausflur.
-Er überlegte nicht lange und fand, es sei am besten, das
-Huhn einfach durch das Fenster in das Haus zu lassen,
-dann war es drinnen, und Marie würde es bald merken,
-denn der kleine Teufel wußte seine Stimme gut zu gebrauchen.
-Wenn jemand etwas bequem ist, dann erscheint
-es ihm leicht gut und richtig, und Friede erging es mit
-dem Huhn auch so. Kurz entschlossen schwang er sich<span class="pagenum"><a id="Seite_p156">154</a></span>
-von der Treppe auf die Fensterbrüstung; es ging ganz
-leicht. Dann ließ er das Huhn durch das offene Fenster
-in das Haus hinein, zog vorsichtig, so gut es gehen
-wollte, das Fenster von außen wieder zu und ging befriedigt
-ins Spiegelhaus zurück. Dort lief er gleich
-hinauf zu seinen Büchern, weil er sich im Herzen ein
-bißchen schämte, dem Gärtner zu sagen, wie er das
-Huhn bei Wunderlichs abgegeben hatte.</p>
-
-<p>Fräulein Wunderlich war in ihrem Gärtchen immer
-auf und ab gegangen, ärgerlich auf alle Welt und
-ärgerlich auf sich. Es erzürnte sie auch, daß sie naß
-wurde; trotzdem holte sie sich keinen Schirm. Endlich
-kehrte sie in ihr Haus zurück. Dort scheuerte Marie
-mit viel Lärm und Gepolter die große, nach dem Garten
-gehende Hinterstube aus. Pfingsten rückte näher, und
-zu Pfingsten mußte alles noch blanker als blank sein.
-Sie fing daher immer zeitig mit Scheuern und Putzen
-an. Wenn sie so recht in der Arbeit war, hörte und
-sah sie nichts. Sie schaute auch erst auf, als Fräulein
-Wunderlich die Türe öffnete und rief: »Marie, hier
-schreit ja ein Huhn im Hause!«</p>
-
-<p>»Ih nee,« rief Marie vergnügt, »ja, da geistert
-vielleicht gar der kleine schwarze Teufel aus Oberheudorf
-im Hause herum!« Sie lauschte, es war aber nichts
-zu hören, und Fräulein Wunderlich ging noch verdrießlicher
-von dannen, hinauf in ihr Schlafzimmer, um sich<span class="pagenum"><a id="Seite_p157">155</a></span>
-umzuziehen, denn sie war ganz naß geworden. Alles
-ärgerte sie, Maries Lachen, daß ein Huhn schrie und
-dann doch nicht schrie. Sie war so recht in der Stimmung,
-sich über die Fliege an der Wand zu ärgern.</p>
-
-<p>Unten hatte es geklingelt, erst einmal schüchtern,
-dann noch einmal lauter.</p>
-
-<p>Marie war durch den Hausflur geschlurft, hatte
-geöffnet und kam und meldete: »Fräulein Müller ist da,
-mit dem neuen Kleid.«</p>
-
-<p>»Lange genug hat es gedauert,« murrte Fräulein
-Wunderlich. Vorgestern hatte die Schneiderin schon
-das neue Kleid bringen sollen, und jetzt brachte sie es
-erst. Fräulein Wunderlich hätte das Kleid sicher in
-den zwei Tagen nicht angezogen, ja eigentlich hatte sie
-gar nicht daran gedacht, nun aber schalt sie über die
-Unpünktlichkeit und ging mit dem allerfinstersten Gesicht
-zu der Schneiderin hinab. Diese sah noch blässer, noch
-bekümmerter als sonst drein. Sie wollte gerade eine
-Entschuldigung sagen, als Fräulein Wunderlich sie zornig
-anschrie: »Schämen Sie sich, so unpünktlich zu sein, ich
-werde nichts mehr«&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>»Gagagagaaag« gackerte es auf einmal laut dazwischen,
-und Fräulein Wunderlich brach erschrocken ab.
-»Marie, Marie,« rief sie, »es ist doch ein Huhn in
-der Wohnung!«</p>
-
-<p>Marie stürzte herbei. »Wo denn? Ich höre ja<span class="pagenum"><a id="Seite_p158">156</a></span>
-nichts!« Sie konnte auch wirklich nichts hören, denn
-es war wieder alles still im Haus. »Das ist 'ne putzige
-Geschichte,« meinte sie und schlurfte kopfschüttelnd wieder
-davon.</p>
-
-<p>Fräulein Wunderlich war aber so verärgert, daß
-sie die arme Schneiderin noch heftiger anschrie. Die
-wollte etwas sagen; sie wäre aber sicher noch lange nicht
-zu Worte gekommen, wenn nicht plötzlich wieder laut
-ein Huhn gegackert hätte.</p>
-
-<p>»Da ist es ja wieder,« rief Fräulein Wunderlich
-und riß die Türe auf. »Marie, Marie, es gackert
-wieder.«</p>
-
-<p>Diese kam angerannt. »Das ist der kleine Teufel
-aus Oberheudorf, der geistert im Hause rum,« rief sie,
-»der ist 'n Gespenst geworden.«</p>
-
-<p>Die arme Schneiderin wollte gern ihr Geld haben.
-Daheim war ihre Mutter so krank, und sie hatte sie
-pflegen müssen und dabei Tag und Nacht genäht. Nun
-war kein Geld im Hause, ach, und nun war ihre Kundin
-so böse. Wie sollte sie das nur sagen? Sie atmete
-tief und flüsterte ängstlich: »Ich wollte um mein Geld
-bitten, ich&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<p>»Nein, so eine Unverschämtheit, so&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<p>»Gagagagaaag, gagagag,« gackerte es laut. Fräulein
-Wunderlich brach wieder ihre Rede ab und stammelte:
-»Wo ist das nur?«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_p159">157</a></span></p>
-
-<p>»Hier drinnen schreit es,« rief Marie und riß die
-Türe zu dem Besuchszimmer auf, der »Putzstube«, wie
-sie es nannte. »Alle guten Geister, das ist wirklich 'n
-Gespenst,« schrie sie entsetzt. »Da, da, o du meine
-Güte, wie graulich!«</p>
-
-<p>Über einem zierlichen Glasschränkchen hingen die
-Bilder von Fräulein Wunderlichs Eltern, darunter stand
-eine große Schale, mit Frühlingsblumen gefüllt. Auf
-dem Rand dieser Schale aber saß der kleine Teufel
-und rupfte und zerrte an den Blumen herum; die Hälfte
-davon lag schon am Boden. »Gagagagag, gagagaag,«
-schrie das Tier jedesmal, wenn es wieder ein paar
-Blumen zerpflückt hatte. Dann pickte es wieder nach
-den Efeuranken, die das Bild umgaben; von ihnen hatte
-es auch schon die Hälfte Blätter abgezupft.</p>
-
-<p>Fräulein Wunderlich brachte vor Entsetzen kein
-Wort heraus. Seit dem Tode ihrer Eltern stellte sie
-immer blühende Blumen unter das Bild. Sie meinte
-damit das Andenken der Toten gar gut zu ehren. Niemand
-durfte an den Blumen rühren, und nun saß das
-kleine, schwarze Untier oben und zerstörte alles.</p>
-
-<p>Minna Müller, die Schneiderin, fand es nicht
-weiter schlimm, daß ein Huhn einmal Blumen zerzauste.
-Marie würde es schon fangen und alles wieder in
-Ordnung bringen. Sie dachte immer nur an ihre kranke
-Mutter, und daß sie Geld haben und rasch heimgehen<span class="pagenum"><a id="Seite_p160">158</a></span>
-mußte. Weil Fräulein Wunderlich so stumm geworden
-war, wagte sie es noch einmal zu bitten. »Meine
-Mutter ist so krank,« flehte sie; »ach bitte, Fräulein
-Wunderlich, geben sie mir doch das Geld, ich brauche
-es für Medizin. Ach, wenn meine Mutter nun stirbt!«</p>
-
-<div class="figcenter">
-<img src="images/illu-134.png" alt="" />
-</div>
-
-<p>»Ritsch, ratsch,« zog das Huhn an der Efeuranke,
-und das Bild selbst wackelte und schwankte plötzlich hin
-und her. Mit einem Schrei sprang Fräulein Wunderlich
-hinzu, der kleine Teufel flüchtete und riß die Schale<span class="pagenum"><a id="Seite_p161">159</a></span>
-vom Schränkchen, die mit lautem Geklirr zu Boden
-fiel. Doch das Bild war an seinem Platz geblieben,
-Fräulein Wunderlich hielt es fest. Dabei sah sie in
-die Augen ihrer Mutter, die nun schon so lange tot
-war. Gute, sanfte Augen waren es, und der Tochter
-fiel ein, daß sie wohl immer Blumen unter das Bild
-stellte, aber recht lange schon nicht in die lieben Mutteraugen
-geblickt hatte. Sie tat es jetzt, schaute, während
-Marie schreiend das Huhn fing und Fräulein Müller
-leise weinte, nachdenklich in das treue, gute Muttergesicht,
-und da war es ihr, als spräche der Mund
-wieder wie einst mahnend: »Sei nicht so zornig, sei
-mild, laß dich nicht von deiner bösen Laune so beherrschen!
-Nachher bereust du es, aber die Reue kommt
-manchmal zu spät.«</p>
-
-<p>»Ich hab's, Fräulein, ich hab's,« schrie Marie und
-hielt das kleine schreiende Huhn fest. »Ist doch zu
-närrisch, da geistert das Untier die ganze Zeit im Hause
-rum, und niemand merkt was. Wo's nur gesteckt hat?
-Und den Schaden, den es angerichtet hat, die schöne
-Schale!«</p>
-
-<p>Zu Maries großem Erstaunen hatte ihre Herrin
-kein zorniges Wort. Diese bückte sich nicht einmal, um
-die Scherben aufzuheben, sie sagte rasch zu der kleinen,
-noch immer weinenden Schneiderin: »Kommen Sie,
-Fräulein Müller, ich will Ihnen Ihr Geld geben; das<span class="pagenum"><a id="Seite_p162">160</a></span>
-Kleid wird schon sitzen.« Ihre Stimme klang so sanft,
-daß Marie wieder dachte: »Wenn sie so spricht, ist sie
-zu nett. Und komisch, nicht mal schelten tut sie über
-die zerbrochene Schale!«</p>
-
-<p>Ihre Herrin ging schweigend hinüber, und drüben
-sprach sie liebe, freundliche Worte mit Minna Müller,
-und dann packte sie für die kranke Mutter lauter gute
-Sachen ein und versprach, sie wolle morgen selbst nach
-der Kranken sehen. Die Schneiderin weinte noch immer,
-aber jetzt tat sie es vor Freude und Dankbarkeit. Als
-sie durch den Flur ging und Marie ihr die Haustüre
-öffnete, rief sie: »O, Fräulein Wunderlich ist aber gut,
-so gut! Und immer habe ich mich vor ihr gefürchtet,
-und das ist gar nicht nötig, sie ist ja so freundlich!«</p>
-
-<p>Ein Weilchen später dachte das Marianne Sonntag
-auch. Fräulein Wunderlich rief sie gar freundlich an,
-als sie heimgehen wollte, und setzte ihr Teekuchen vor,
-und Marie erzählte die seltsame Geschichte von dem
-schwarzen Huhn. »'n Wunder ist's, 'n richtiges Wunder!
-Wo das Untier nur gewesen ist?« rief sie. »Und Herr
-Wunderlich muß es hören, er wird sich auch wundern.«</p>
-
-<p>Herr Wunderlich wunderte sich auch wirklich, er
-wunderte sich aber noch viel mehr über seine Schwester:
-die war so sanft und gut wie seit langem nicht. Es
-war wirklich, als wäre hellster Sonnenschein, und dabei
-rann und rieselte draußen der Regen immer stärker vom<span class="pagenum"><a id="Seite_p163">161</a></span>
-Himmel herab. »Ich muß heimgehen,« sagte Füchslein
-endlich, »ich habe keinen Regenschirm.«</p>
-
-<p>»Wart' nur noch ein Weilchen, es hört wohl auf,«
-riet Fräulein Wunderlich. Es hörte aber nicht auf,
-dafür klingelte es nach einer Viertelstunde etwas laut.
-Draußen stand Ulrich Sonntag und sagte verdrossen:
-»Ich will unser Füchslein abholen, weil es regnet.«</p>
-
-<p>Beim Anblick des Bruders kamen Marianne alle
-guten Versöhnungsgedanken in den Sinn. Mit einem
-Jubelschrei fiel sie dem Buben um den Hals, unbekümmert
-darum, daß er recht naß war. »O Ulli,« rief sie, »wir
-wollen wieder gut sein miteinander. Onkel Wunderlich
-sagt, sonst wird 'ne Dornenhecke draus, und wir können
-nicht mehr drüber. Ach, und Ulli, der Teufel ist
-wieder da!«</p>
-
-<p>»Füchslein, du bist verdreht,« brummte Ulrich. Er
-streichelte aber der Schwester doch die Backen, wenn
-es auch ein bißchen ungeschickt ausfiel. Er war heilfroh,
-daß sein Füchslein wieder gut zu ihm war.</p>
-
-<p>Beim Wort von der Dornenhecke war Fräulein
-Wunderlich zusammengezuckt; sie sah zu ihrem Bruder
-auf und begegnete dem Blick seiner guten, stillen Augen.
-»Er hat der Mutter Augen,« dachte sie und streckte
-ihm rasch die Hand hin. »Man kommt manchmal auch
-über eine Dornenhecke, Matthias,« sagte sie, »wenn
-man nur den guten Willen hat. Wollen wir nachher<span class="pagenum"><a id="Seite_p164">162</a></span>
-zusammen ins Spiegelhaus gehen und den alten Freund
-besuchen?«</p>
-
-<p>»O Line,« sagte der alte Mann froh, »so soll endlich
-Friede werden zwischen uns? Gott sei gelobt!«</p>
-
-<p>Die beiden Sonntagskinder hatten das Zwiegespräch
-nicht gehört. Füchslein hatte die wunderbare Geschichte
-von dem Oberheudorfer Huhn erzählt, und Ulrich wunderte
-sich gebührend. Dann mahnte er: »Komm heim,
-Mutter sorgt sich sonst. Und Jobst wartet auch!«</p>
-
-<p>Marianne stülpte sich flink ihren Hut auf, nahm
-ihre Geige, und nach fröhlichem Abschied patschten sie
-beide versöhnt und einträchtig über den Johannesplan
-heimwärts.</p>
-
-<p>Ein Weilchen später gingen die beiden alten Leute
-durch den rinnenden Regen hinüber in das Nachbarhaus
-zu dem Freunde ihrer Jugend. Friede stand an
-der Türe, als sie kamen, und er erschrak sehr, als er
-Fräulein Wunderlich so plötzlich vor sich sah. Sicher
-kam sie des Huhnes wegen. »Das Huhn,« stammelte
-er erschrocken, »ich &ndash; ich dachte, Sie hätten es hinausgeworfen!«</p>
-
-<p>»Das Huhn! Hast du es gebracht?« rief Fräulein
-Wunderlich und zog den Knaben in ihre Arme.
-»O Friede, Junge, ich danke dir, o so sehr!«</p>
-
-<p>»Für das Huhn?« Friede sah namenlos verdutzt
-drein.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_p165">163</a></span></p>
-
-<p>Fräulein Wunderlich lachte, wirklich, sie lachte herzlich
-und froh, und dabei sah sie so hübsch aus wie ein
-Sonnentag. »Ja, für das Huhn, und noch für viel
-mehr. Komm, gib mir die Hand, wir wollen Frieden
-schließen miteinander, willst du?«</p>
-
-<p>»Ja,« rief Friede vergnügt und rannte ins Haus
-hinein, um seinem Pflegevater den Besuch anzukündigen.</p>
-
-<p>Der schlug mit lautem Knall das Buch zu, in dem
-er gelesen hatte. »Endlich,« rief er, »endlich ist die
-Dornenhecke fort!« Froh eilte er den Gästen entgegen,
-streckte ihnen beide Hände hin und rief: »Willkommen
-im Spiegelhaus! Das hätte ich nicht gedacht, daß mir
-der Regentag eine solche Freude bringen würde.«</p>
-
-<hr class="chap" />
-
-<div class="chapter">
-<h2 id="Allerlei_Geschenke">
-<img src="images/illu-chapter.png" alt="" /><br />
-Allerlei Geschenke,
-und was aus ihnen wird.</h2>
-</div>
-
-<p class="drop">»Heute brauche ich nicht um die Kirche herum zu
-gehen,« dachte Traumfriede an dem Morgen
-nach der Versöhnung zwischen den feindlichen Nachbarn.
-Der Junge packte recht nachdenklich seine Bücher zusammen.
-Er freute sich, daß nun keine Feindschaft
-mehr zwischen dem Spiegelhaus und dem kleinen Organistenhaus
-herrschte, aber daß er nun wieder zu<span class="pagenum"><a id="Seite_p166">164</a></span>
-Wunderlichs sollte, tat ihm bitter leid. Gestern war
-es verabredet worden, und Fräulein Wunderlich war
-gar lieb und freundlich zu ihm gewesen. Er wußte
-aber doch, so lieb wie den Professor würde er sie nie
-gewinnen. »Könnte ich bei ihm bleiben!« wünschte er
-sich, als er durch den Garten auf das Tor zuschritt.
-Aber das war wohl ein vergeblicher Wunsch; Professor
-von Spiegel hatte ja gleich gesagt, er würde ihn nur
-kurze Zeit behalten.</p>
-
-<p>»Heda, Traumfriede! Na, so etwas, der Bube
-sieht nicht rechts und links,« schrie ihn plötzlich eine
-laute Stimme an, und als er sich verwirrt umsah, hielt
-gerade vor ihm Kaspar auf dem Berge mit seinem
-Wäglein. »Na gelt, das freut dich, daß de mal
-wieder 'n Oberheudorfer siehst?« fragte der Wirt behaglich.</p>
-
-<p>In Friedes Augen <span id="corr164">leuchtete</span> es auf; er freute sich
-wirklich, und an die hochmütigen Grünmützen dachte er
-gar nicht. Er hatte gleich hundert Fragen zu stellen,
-fragte dies und das, wollte wissen, wie es Muhme
-Lenelies gehe und allen andern im Dorfe, und der dicke
-Wirt konnte kaum Luft schnappen. Endlich schrie er:
-»Nä, Friede, so 'n Gefrage! Kannst du aber schwätzen!
-Wie geht's?«</p>
-
-<div class="figcenter">
-<img src="images/illu-167.jpg" alt="" />
-<div class="caption">Ein Gruß aus der Heimat.</div>
-</div>
-
-<p>Friede wollte gerade den Mund zu einer neuen
-Frage auftun, als bimbam im Gymnasium die Uhr<span class="pagenum"><a id="Seite_p167">165</a></span>
-anschlug. Himmel, die Schule begann! »Ich muß fort,«
-rief Friede erschrocken, aber Kaspar auf dem Berge
-hielt ihn noch fest. »Da, Bub', die Wurst; ich hab'
-dir eine mitgebracht. Weißt schon, wie 'ne Oberheudorfer
-Wurst schmeckt keine andere.« Und ehe Friede noch
-recht wußte, wie und was, hatte er eine lange Wurst
-im Arm. Er stammelte noch einen kurzen Dank und
-raste dann eilig in die Schule. Es war allerhöchste Zeit.</p>
-
-<p>»Ich soll noch 'ne Kiste abgeben; die stell ich hier
-rein,« schrie der Wirt noch. »Laß dir's schmecken!«</p>
-
-<p>Friede hörte das gar nicht mehr, er rannte, seine
-Wurst fast zärtlich im Arm, über den Schulhof die
-Treppe hinauf und kam gerade noch im letzten Augenblick
-in das Klassenzimmer hinein.</p>
-
-<p>»Er hat eine Wurst im Arm, eine Wurst aus
-Oberheudorf,« tönten ihm gleich etliche Stimmen entgegen,
-und nun besann sich Friede erst, daß er die Wurst
-ganz offen im Arme trug. In seiner Verlegenheit sagte
-er patzig zu seinem Nachbar: »Laß meine Wurst zufrieden!«</p>
-
-<p>»Na nu,« rief der, »ich habe deiner Wurst ja
-nichts getan, nicht einmal angesehen habe ich sie. Zeig
-sie erst mal her!«</p>
-
-<p>»Ja, zeig sie uns auch, Friede Pfennig!« Ein
-paar Bubenhände langten nach der Wurst, Friede
-wollte sie halten, aber schon hatte einer sie ihm entrissen.<span class="pagenum"><a id="Seite_p169">166</a></span>
-Dem wieder suchte sie ein anderer zu entreißen;
-drei, vier riefen: »Ich will die Wurst« und »Gebt sie
-ihm doch wieder!«</p>
-
-<p>Just in diesem Augenblick tat sich die Türe auf,
-und Doktor Schneider trat ein. Die Buben schnellten
-zurück, der die Wurst hatte, wollte sie Friede zuwerfen
-und&nbsp;&ndash;</p>
-
-<div class="figcenter">
-<img src="images/illu-166.png" alt="" />
-</div>
-
-<p>»Au!« rief Doktor Schneider erschrocken, denn die
-große Wurst sauste <span id="corr166">ihm</span> plötzlich an den Magen. Nun
-gehört eine Wurst allemal in den Magen, aber an den
-Magen sicher nicht, und in einer Schulstube sind herumfliegende
-Würste auch nicht am Platze. Das Gesicht
-des Lehrers verfinsterte sich auch beträchtlich, mit
-strengen Augen musterte er die Schüler. Er sah in
-lauter erschrockene und verlegene Gesichter, als er ernst
-fragte: »Wem gehört die Wurst?«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_p170">167</a></span></p>
-
-<p>Einen Augenblick herrschte Totenstille in der Klasse,
-keiner wagte Friedes Namen zu nennen; sie wußten es
-alle ja ganz genau, daß er die Wurst nicht geworfen
-hatte. Noch einmal fragte der Lehrer streng: »Wem
-gehört die Wurst?« Da stand Friede auf und sagte
-leise aber fest: »Mir!«</p>
-
-<p>Doktor Schneiders Blick ruhte prüfend auf dem
-Knaben. Der war zwar blutrot geworden, aber seine
-Augen sahen offen und frei zu dem Lehrer auf. »Hast
-du die Wurst geworfen?« fragte er wieder.</p>
-
-<p>Einen Herzschlag lang zögerte Friede. Er wußte,
-wer die Wurst geworfen hatte. Jobst von Hellfeld
-war's gewesen, er hatte es wohl gesehen, aber angeben,
-nein, das tat er nicht. »Es ist meine Wurst,« sagte er
-nur, kein Wort der Anklage, nichts weiter.</p>
-
-<p>»Warum hast du denn die Wurst mit in die Klasse
-gebracht?« Doktor Schneiders Stimme klang schon ein
-wenig milder als zuvor.</p>
-
-<p>Friede war es da, als stände Kaspar auf dem
-Berge vor ihm; er sah sein rundes Gesicht und hörte
-seine breite Stimme freundlich reden, und ganz fest
-sagte er: »Ich habe die Wurst geschenkt bekommen. Der
-Wirt aus Oberheudorf hat sie mir mitgebracht, und
-es war zu spät, sie heimzutragen.«</p>
-
-<p>»So &ndash; und warum hast du mit der Wurst geworfen,
-oder &ndash; warst du es nicht?«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_p171">168</a></span></p>
-
-<p>Friede atmete tief, aber er schwieg. Doktor Schneider
-lächelte unmerklich. »Hm, vielleicht ist die Wurst von
-selbst durch die Luft geflogen, was meinst du?«</p>
-
-<p>Zweiunddreißig Paar Bubenaugen ruhten auf
-Friede. Was würde er jetzt sagen? würde er doch der
-Angeber sein? Jobst von Hellfeld hatte die Lippen
-verächtlich zusammengepreßt; er verrät mich doch, dachte
-er, natürlich, er haßt mich ja!</p>
-
-<p>»Na, Friede Heller,« fragte Doktor Schneider noch
-einmal, »was meinst du, ist die Wurst von selbst geflogen?«</p>
-
-<p>»Nein,« rief Friede rasch und schaute zu dem Lehrer
-mit blitzenden Augen auf, »ich denke aus &ndash; Versehen.
-Wir haben uns geneckt.«</p>
-
-<p>»Ich war's, ich warf die Wurst.« Jobst von Hellfeld
-schnellte wie ein Pfeil empor, er war auch blutrot
-geworden, aber mutig und ehrlich sah auch er zu dem
-Lehrer auf.</p>
-
-<p>Doktor Schneider nickte gelassen: »Es mag gut
-sein, ich wollte nur wissen, ob Würste von allein fliegen
-können. Wir wollen beginnen!«</p>
-
-<p>Dreiunddreißig Bubenköpfe senkten sich auf die
-Bücher herab, die Stunde begann, und es war eine,
-in der die Buben ihre Dummheiten vergaßen und mit
-leuchtenden Augen dem Lehrer lauschten. Geographie
-gab es. Die Landkarte an der Wand wurde weit und<span class="pagenum"><a id="Seite_p172">169</a></span>
-groß. Da waren nicht bloß Linien und blau getuschtes
-Meer, da rauschten die Wellen, Wikingerschiffe durchsegelten
-den Ozean; Italien, Griechenland, den sonnigen
-Süden meinten die Buben zu schauen; sie lugten hinüber
-nach Afrikas Küste, und als draußen die Glocke
-den Schluß der Stunde verkündete, da kehrten alle nur
-langsam, fast betrübt von einer wunderschönen Fahrt
-zurück.</p>
-
-<p>Friede kam erst recht zu sich, als die Türe hinter
-Doktor Schneider klappte. Wirklich, da war das Schulzimmer,
-da saß er, Friede Heller aus Oberheudorf, auch
-Traumfriede genannt. Und er war kein nordischer Seefahrer,
-wie er noch eben gemeint hatte. So recht zu
-sich kam er erst, als über ein paar Köpfe hinweg ihm
-Jobst von Hellfeld seine braune Hand hinreichte: »Heller,
-verzeih mir, bist ein anständiger Kerl!«</p>
-
-<p>»Ja, ein sehr anständiger Kerl!« Ulrich Sonntag
-hielt ihm auch die Hand hin. Er lachte gutmütig: »Das
-Füchslein hat doch recht gehabt!«</p>
-
-<p>Aus dem Kreise der andern traten noch etliche
-zu dem Oberheudorfer Buben; die waren es, die ihn
-am meisten geneckt hatten. Doch ehe Friede sich noch
-recht ausgewundert und alle Hände geschüttelt hatte,
-ertönte schon wieder die Glocke, und Doktor Schneider,
-der auch die zweite Stunde zu geben hatte, betrat von
-neuem das Klassenzimmer. Diesmal flog ihm keine<span class="pagenum"><a id="Seite_p173">170</a></span>
-Wurst an den Magen; er sagte aber auch nichts mehr
-von dem Vorhergegangenen. Die Buben merkten bald,
-er hatte vergeben und vergessen.</p>
-
-<p>In der großen Pause fanden sich Friede, Jobst
-und Ulrich zusammen auf dem Schulhof. Friede hatte
-seine Wurst mitgebracht, denn Ulrich Sonntag hatte
-gemeint, sie wäre gewiß besonders gut. Nun probierten
-sie alle drei einträchtig die Wurst und schlossen dabei
-Freundschaft. Und wie sie so saßen, kam einer nach
-dem andern hinzu, und Friede teilte aus; bereitwillig
-gab er jedem etwas, froh, daß er der Geber sein durfte.</p>
-
-<p>»Die schmeckt aber fein!« Peter Müller, ein kleiner,
-dicker Kerl, schlug sich auf den Bauch. »Ich wollte,
-ich kriegte auch mal eine.«</p>
-
-<p>»Die ißt du dann doch allein, und wir kriegen
-nichts,« brummte Ulrich Sonntag. »Der Friede ist ein
-anderer Kerl, der gibt uns doch was ab!«</p>
-
-<p>»Freilich, der Heller ist ein anständiger Kerl!« Das
-Wort tönte Friede noch in den Ohren, als er schon
-wieder oben im Schulzimmer saß. Mit so hellen Augen
-wie an diesem Tage hatte er noch nie das Gymnasium
-verlassen. Er ging auch nicht allein, er ging mit Jobst
-und Ulrich, und er nahm gerade so lustig und vergnügt
-von den andern Abschied wie diese voneinander; er
-fühlte, er gehörte jetzt zu ihnen. Als er über den
-Johannesplan lief und Fräulein Wunderlich am Fenster<span class="pagenum"><a id="Seite_p174">171</a></span>
-saß, da schwenkte er jauchzend seine grüne Mütze. Nun
-hatte er ja Freunde, gute Kameraden! Heisa, wie anders
-sah da die Welt aus!</p>
-
-<p>Singend betrat er das Spiegelhaus. Aber nicht
-wie sonst kam ihm Frau Emma freundlich entgegen;
-sie sah ganz ärgerlich drein. »Du, Friede, sieh nur,«
-rief sie, »was soll nun das bedeuten?« Sie zeigte verächtlich
-auf eine Anzahl Töpfe, Teller und Kannen,
-die am Boden standen. Alle hatten abgebrochene Henkel,
-große Sprünge und Lücken. »Dies hat ein Mann gebracht;
-er sagt, er wäre Kaspar auf dem Berge, und
-er solle dies Herrn Professor abgeben. Erbarm' dich,
-Friede, was soll der mit dem kaputen Zeug?«</p>
-
-<p>»Ich weiß nicht,« stotterte Friede verdutzt und
-musterte die Scherben. Die Kanne mit den Rosen und
-Vergißmeinnicht kannte er. Das war Waldbauers
-Staatskanne gewesen. Ja, und aus dem Topfe mit dem
-grünen Eichenkranz &ndash; aus dem hatte Heine Peterles
-Muhme sonst immer ihren Sonntagnachmittagkaffee
-getrunken.</p>
-
-<p>»Ja so,« sagte Frau Emma wieder, »und hier ist
-ein Brief an dich. Vielleicht steht da drin, was der
-Unsinn bedeuten soll.« Sie reichte Friede einen Brief,
-der reichlich mit Fettfingern geziert war, und als der
-Junge ihn erbrach, strahlte ihm als Erstes ein großer
-Tintenklecks entgegen. »Ach,« dachte er, »der ist von<span class="pagenum"><a id="Seite_p175">172</a></span>
-Heine Peterle.« Denn Heine Peterle war groß in
-Tintenklecksen, ein richtiger Künstler war er darin;
-niemand in ganz Oberheudorf machte so viele und so
-große Tintenkleckse wie Heine Peterle.</p>
-
-<p>Der Brief war auch wirklich von ihm. Er lautete:
-»Lieber Friede! Weil Dein Härr Brofester so arg gern
-gapuhte Töppe hat, kriechst Du welche. Wir haben
-alle welche gebragt und weil ich keins hatte, habb ich
-Muhme Rese seinen Kaffätopp erschlagen. Und wenns
-wider was gapuht ist, kriechts Härr Brofester. Und
-file Grüßen von alle. Und wenns doch erst Fährchen
-giehbt. Und mit filen Grüßen Dein liebr Heine Peterle.
-Und auf Witersähen. Haste die Stattjungens schon
-ferhauen?«</p>
-
-<p>Friede ließ den Brief sinken und sah Frau Emma
-halb kläglich, halb lachend an. »Die Töpfe sind wirklich
-für den Herrn Professor! Hier steht's.«</p>
-
-<p>»Was ist für mich?« Professor von Spiegel
-hatte in seinem Zimmer Friedes Worte gehört. Er
-schaute zur Tür hinaus, und das erste, was er sah,
-war das zerschlagene Geschirr. »Na nu,« rief er, »es
-hat heute wohl hier Polterabend gegeben?«</p>
-
-<p>»Das ist für Sie, Herr Professor,« rief die ordentliche
-Frau Emma ärgerlich. »Aus Oberheudorf haben
-sie es geschickt. So ein Unsinn, solchen Kram zu
-schicken!«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_p176">173</a></span></p>
-
-<p>»Wer weiß, was sie sich dabei gedacht haben. Zeig
-doch mal deinen Brief, Friede!«</p>
-
-<p>»Heine Peterle kann nicht so sehr gut schreiben,«
-murmelte Friede verlegen, den Brief hinreichend.</p>
-
-<p>»Aber Kleckse kann er scheint's machen,« meinte
-der Professor, »und &ndash; oh &ndash; &ndash;.« Der alte Herr
-lachte plötzlich laut auf, lachte so schallend und herzlich,
-daß sein Lachen die andern ansteckte. Sie lachten mit,
-Frau Emma, ohne zu wissen, warum, und Friede, weil
-er herzlich froh war, daß sein Beschützer sich nicht
-ärgerte. »Oh,« rief der, »ihr Oberheudorfer seid doch
-wirklich ein kurioses Volk! Zu meinen Altertümern,
-zu meinen wertvollen Ausgrabungen soll ich diese Scherben
-stellen. O, o Kinder! Dieser Heine Peterle schlägt
-auch noch dafür seiner Muhme den Kaffeetopf entzwei.«</p>
-
-<p>Die Gärtnersfrau hatte inzwischen den Brief genommen
-und ihn gelesen, und ihr kullerten gleich die
-hellen Tränen vor Lachen über das runde Gesicht.
-»Nein, dieser Purzel,« rief sie, »ich koche ihm Schokolade,
-wenn er noch einmal kommt.«</p>
-
-<p>»Er meinte es so gut,« sagte Friede. Der Freund
-tat ihm leid. Wie würde sich der kränken, wenn er
-wüßte, wie er ausgelacht würde! Und noch einmal
-sagte er bittend, entschuldigend: »Er ist doch so gut!«</p>
-
-<p>»Brav, mein Junge, entschuldige deinen Freund!«
-Der Professor klopfte noch immer lachend Friede auf<span class="pagenum"><a id="Seite_p177">174</a></span>
-die Schulter. »Freilich, woher sollt ihr es auch wissen,
-was meine Sammlung bedeutet,« fügte er gutherzig hinzu.</p>
-
-<p>»Ach, der Friede ahnt es schon,« rief Frau Emma
-rasch. »Der steckt, so oft er kann, im Saal; ich glaube,
-der kennt schon jedes Stück.«</p>
-
-<p>Überrascht schaute der Professor seinen Pflegesohn
-an. Er war allezeit freundlich und väterlich zu dem
-Buben gewesen, aber allzuviel hatte er sich doch nicht
-mit ihm unterhalten. Er hatte ihn in sein Haus genommen,
-weil es gerade nicht anders ging, aber eigentlich
-hatte er ihn immer nur wie einen Gast betrachtet,
-der kommt und wieder geht und nie weiter an seine Zukunft
-gedacht. »Wollen wir einmal zusammen zu meinen
-Lieblingen gehen?« fragte er jetzt freundlich. »Unterdessen
-denkt Frau Emma vielleicht an das Mittagessen.«</p>
-
-<p>»Ach, du meine Güte,« rief die Frau erschrocken,
-»ich vergesse ja rein über dem Oberheudorfer Unsinn
-die Küche und lasse meinen Herrn verhungern!« Sie
-rannte aufgeregt davon.</p>
-
-<p>Der alte Herr aber stieg heiter mit dem Knaben
-in das obere Stockwerk hinauf und betrat den Saal,
-in dem seine Sammlung aufgestellt war. Er erklärte
-Friede dies und das, fragte auch einmal und verwunderte
-sich immer mehr über des Buben kluge Antworten und
-sein lebhaftes Interesse. »Eigentlich ist's schade,« rief
-Herr von Spiegel, »daß du wieder fortgehst.«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_p178">175</a></span></p>
-
-<p>»Ach ja!« Aus allertiefstem Herzensgrund kam
-Friedes Seufzer, und seine blauen Augen sprachen so
-deutlich: »Ich möchte hier bleiben,« daß der Professor
-erst gar nicht darum zu fragen brauchte. Er rief lachend:
-»Ja, Friede Heller, ich glaube wirklich, du bleibst lieber
-bei mir und magst nicht zu den Wunderlichs hinüber!«</p>
-
-<p>Friede nickte strahlend, hoffnungsfroh: »Ich blieb'
-so gern, ach furchtbar gern.«</p>
-
-<p>»Aber Fräulein Wunderlich, was wird sie sagen?«
-Der alte Herr sah bedenklich aus.</p>
-
-<p>»Ach, sie ist sicher sehr froh, wenn ich nicht komme,«
-rief Friede aufgeregt. »Ich mache doch Schmutztapsen
-auf der Treppe und bin laut und ärgere sie und&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<p>»Na, du hast es ja gut vor! Bist du so ein
-Schelm?« fragte der Professor lachend. »Wir wollen
-uns einmal die Sache überlegen. Jetzt ruft uns Frau
-Emma zu Tisch, und ich denke, wir haben beide Hunger.«</p>
-
-<p>Friede spürte zwar keinen Hunger. In der Freude
-seines Herzens aber sauste er im Oberheudorfer Geschwindschritt
-die Treppe hinab. Das Speisezimmer lag
-im Erdgeschoß. Es ging trapp, trapp, trapp. Auf der
-vorletzten Stufe verlor er das Gleichgewicht, und mit
-lautem Gepolter sauste er in die Töpfe, Kannen und
-Teller hinein, die noch immer auf dem Flur standen.
-Klirr, krach, zersprang Muhme Reses Kaffeetopf in
-tausend Scherben, und Waldbauers einstige Staatskanne<span class="pagenum"><a id="Seite_p179">176</a></span>
-kollerte dem Professor vor die Füße, während der Kuchenteller,
-der einst im Schulzenhause Prunkstück gewesen
-war, den ganzen Flur entlang rollte.</p>
-
-<p>»Erbarm dich, Junge!« rief Frau Emma. »Wenn
-du so toben willst, dann wird dich drüben Fräulein
-Wunderlich gut ansehen!«</p>
-
-<p>»Da ist's wohl besser, er bleibt hier bei uns, nicht
-wahr, Frau Emma?« meinte der Professor und sah
-lächelnd, prüfend in Friedes Gesicht.</p>
-
-<p>»Na allemal,« rief die Gärtnersfrau. »Ist doch
-was Junges im Haus!«</p>
-
-<p>Friede war sehr verlegen geworden. »Ich kann
-auch leiser gehen,« stotterte er beschämt und trat zur
-Seite, und klirr, ging Kaspars auf dem Berge alter
-Bierkrug völlig auseinander; Friede war gerade darauf
-getreten. Da nahm der Professor den Buben gütig
-an der Hand und zog ihn mit in das Eßzimmer hinein.
-»Ich sehe schon, es hilft nichts; ich muß nachher hinüber
-gehen und dich von den Wunderlichs losbitten.
-Ich werde ihnen sagen, daß du ein ganz schlimmer
-Bube bist und alle Oberheudorfer Altertümer zertreten
-hast.«</p>
-
-<p>Das Losbitten war nicht leicht. Im Musikzimmer
-des Organistenhauses brachte der Professor seine Bitte
-vor, und Fräulein Wunderlich sah trübe drein. Einstmals
-hatte sie sich gesträubt, den Oberheudorfer Buben<span class="pagenum"><a id="Seite_p180">177</a></span>
-in ihr Haus zu nehmen, nun tat es ihr bitter leid, daß
-er nicht kommen wollte.</p>
-
-<p>»Ich würde so gut zu ihm sein,« sagte sie traurig;
-»aber freilich, Liebe läßt sich nicht erzwingen.«</p>
-
-<p>»Aber erwerben! Wir wollen uns teilen,« gab
-Herr von Spiegel zur Antwort. »Friede soll bei mir
-und hier zu Hause sein. Er soll oft, oft zu den guten
-Nachbarn gehen.«</p>
-
-<p>»Er darf auch poltern und mal ein rechter Oberheudorfer
-Bube sein,« rief das Fräulein halb lachend,
-halb wehmütig.</p>
-
-<p>»Er hat's schon gut, der Junge,« sagte Herr
-Wunderlich heiter. »Erst mochte ihn niemand leiden,
-nun streiten sich gar zwei um ihn. Aber was ist das?«
-Er deutete auf den Johannesplan, den man durch das
-Fenster sehen konnte. Da stand Friede mit Jobst und
-den Geschwistern Sonntag, und alle vier lachten laut
-und herzlich; der ganze Platz schien mitzulachen. Das
-Füchslein hopste vor Vergnügen immer von einem Bein
-auf das andere. Es schwenkte einen Brief hin und
-her, und sein helles Stimmlein drang zu den drei alten
-Leuten in das Zimmer hinein: »Oh! Heine Peterle ist
-zu ulkig. Ach, ich muß nach Oberheudorf, ich muß
-Heine Peterle sehen!«</p>
-
-<p>»Wir auch, wir auch,« brüllten die Buben.</p>
-
-<p>»Freundschaft überall,« sagte Herr von Spiegel,<span class="pagenum"><a id="Seite_p181">178</a></span>
-nickte heiter und rief seinen Pflegesohn herbei. Die
-Kinder kamen eilig an, und Friedes Augen strahlten
-hell, als er erfuhr, daß ihm das Spiegelhaus weiter
-Heimat sein sollte. Fräulein Wunderlichs Gesicht wurde
-ernst, ja finster; des Buben Freude tat ihr bitter weh.
-Der Professor merkte es, und rasch sagte er: »Zeig
-mal Heine Peterles Brief.« Und während die alte
-Freundin las, erzählte er von den Oberheudorfer Altertümern,
-und allgemach wurden die Kummerfalten in
-Fräulein Wunderlichs Gesicht wieder glatt. Ein Lachen
-zuckte um ihren Mund, und zuletzt lachte sie mit den
-Kindern um die Wette. Draußen hörte es Marie und
-wurde auch angesteckt, und die Wände des alten Hauses
-wunderten sich über das frohe herzliche Lachen. So
-etwas hatten sie lange, lange nicht gehört!</p>
-
-<hr class="chap" />
-
-<div class="chapter">
-<h2 id="Die_Denkmalsbuben">
-<img src="images/illu-chapter.png" alt="" /><br />
-Die Denkmalsbuben von Schwipperlingen.</h2>
-</div>
-
-<p class="drop">Wenn die Oberheudorfer Buben und Mädel gar
-so stolz und aufgebläht von ihren Stadtbesuchen
-sprachen, dann sagte wohl Schuster Pechdraht, der gern
-ein wenig neckte: »Aber in Schwipperlingen waret ihr
-doch noch nicht.«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_p182">179</a></span></p>
-
-<p>Das stimmte. In Schwipperlingen war noch keins
-der Kinder gewesen, und dann ärgerten sie sich jedesmal,
-wenn es der Schuster sagte. Das Städtchen lag nicht
-viel weiter von Oberheudorf entfernt als Feldburg,
-aber der Weg dahin war etwas beschwerlicher. Außerdem
-gingen die Oberheudorfer seit vielen Jahren nach
-Feldburg, denn Schwipperlingen hatte früher einem andern
-Fürstentum angehört, und die ältesten Leute sagten
-noch immer: »Schwipperlingen liegt im Ausland.«</p>
-
-<p>An einem Samstagnachmittag nun marschierten
-etliche Buben und Mädel an des Schusters Haus
-vorbei und machten so viel Geschrei und Geträtsch, daß
-der Schuster zum Fenster hinaussah und ein bißchen
-ärgerlich sagte: »Na, was habt ihr denn wieder?«</p>
-
-<p>»Anton Friedlich und der dicke Friede verreisen,«
-schrieen etliche Buben.</p>
-
-<p>»Verreisen? So, wohin denn? Was haben denn
-dumme Buben zu verreisen?«</p>
-
-<p>»Nach Schwipperlingen geht's,« rief Anton Friedlich
-keck, den die dummen Buben erbosten.</p>
-
-<p>Die andern Kinder lachten, und Schuster Pechdraht
-ärgerte sich über die Antwort. Er klappte das
-Fenster zu und schalt: »In Schwipperlingen können sie
-euch gar nicht gebrauchen.«</p>
-
-<p>»Jetzt hat er's! Warum neckt er uns immer,« rief
-Anton Friedlich stolz.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_p183">180</a></span></p>
-
-<p>»Am Ende denkt er gar, ihr geht nach Schwipperlingen,«
-kicherte Schulzens Röse, und das kam allen so
-komisch vor, daß sie zusammen in ein lautes Gelächter
-ausbrachen.</p>
-
-<p>Anton Friedlich sollte im Forsthaus Hirschsprung
-seine Muhme, seines Vaters Schwester, besuchen, und
-da diese Muhme auch des dicken Friedes Muhme war,
-durfte der mit. Bis zu dem Forsthaus hatten sie etwa
-zwei Stunden zu gehen, und da sie dort übernachten
-durften, machten sie natürlich eine Reise. Wenn einer
-aber eine Reise macht, geben ihm gute Freunde bis
-zum Bahnhof das Geleit. Da es in Oberheudorf aber
-keinen Bahnhof gab, liefen die Kinder wenigstens bis
-zum Kuhberger Walde mit. Dort wurde Abschied genommen,
-und der dicke Friede seufzte dabei schwer.</p>
-
-<p>»Warum stöhnste denn?« forschte Annchen Amsee.</p>
-
-<p>»Ich mag nich verreisen,« brummte Friede.</p>
-
-<p>»Komm nur, Dicker,« redete Anton Friedlich zu,
-dem es allein zu langweilig war. »Komm, wir gehen
-nach Schwipperlingen.«</p>
-
-<p>»Fein, nach Schwipperlingen!« riefen alle, und
-Heine Peterle sagte: »Na, dann möchte Schuster Pechdraht
-aber staunen, puh! Viel Vergnügen in Schwipperlingen!«</p>
-
-<p>Lachend trennten sich die Kinder, und der dicke
-Friede sah den Zurückbleibenden noch ein Weilchen sehnsüchtig<span class="pagenum"><a id="Seite_p184">181</a></span>
-nach. Er hatte wirklich keine große Lust, die
-Muhme zu besuchen.</p>
-
-<p>»Nach Schwipperlingen gingste wohl lieber?«
-fragte Anton neckend.</p>
-
-<p>»Freilich, gleich,« knurrte Friede.</p>
-
-<p>Anton Friedlich blieb stehen. Lust zu dummen
-Streichen hatte er allemal, und plötzlich erschien es ihm
-sehr lustig, sehr verlockend, nach Schwipperlingen zu
-gehen. Warum eigentlich nicht? Wenn er nicht kam,
-würde sich die Muhme nicht sorgen, denn sie wußte
-nichts von dem Besuch. Und daheim dachten sie, er
-sei im Forsthaus. »Du, Dicker,« sagte er atemlos vor
-Aufregung, »komm, wir beide gehen jetzt nach Schwipperlingen!«</p>
-
-<p>Der dicke Friede blieb stehen und sah den Vetter
-verdutzt an. Meinte der es ernst? Aber Anton meinte
-es wirklich ernst. »Komm,« drängte er, »erst gehen wir
-nach Schwipperlingen und morgen früh zur Muhme.
-Du, dann sind wir zuerst in Schwipperlingen gewesen.
-Paß auf, dort ist's gar noch feiner als in Feldburg!«</p>
-
-<p>Friede seufzte und dachte nach. »Hm &ndash; aber wenn
-wir Hunger kriegen!«</p>
-
-<p>»Oh, ich hab' Kuchen mit.« Anton Friedlich
-schwenkte ein rotes Taschentuchbündel. Der Kuchen war
-zwar für die Muhme bestimmt, aber der Bube dachte
-leichtsinnig: »Alles essen wir ja nicht auf.«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_p185">182</a></span></p>
-
-<p>Friede war einverstanden und sagte vergnügt: »Na,
-die werden staunen!«</p>
-
-<p>»Hoi,« schrie Anton begeistert, »und wir tun uns
-aber nachher! Und vielleicht hat Schwipperlingen auch
-ein Schloß.«</p>
-
-<p>»Oder zwei Schlösser, und vielleicht ist gerade Vogelschießen
-dort,« orakelte der dicke Friede. Er fing an,
-schnell zu laufen. Jetzt freute ihn die Reise erst recht.</p>
-
-<p>Der Weg ging bergauf und bergabwärts wie alle
-Wege von Oberheudorf aus. Lange wanderten die
-Buben durch den Wald, der in seiner frühlingsfrischen
-Pracht wunderschön war; aber dafür hatten die Buben
-keinen Sinn an diesem Tag. Sie redeten nur von
-Schwipperlingen. Wenn sich ein grünes Tälchen vor
-ihnen auftat und ein kleiner Bach glucksend an ihnen
-vorbeirann, dachten sie an Schwipperlingen, und wenn
-sie einen Berg hinaufstiegen, sagten sie zueinander:
-»Vielleicht sehen wir bald Schwipperlingen liegen.«</p>
-
-<p>So rasch fanden die Bubenbeine aber doch nicht
-den Weg in das Städtchen. Er dehnte sich gar lang,
-und da die Wegweiser selten waren, machten die Wanderer
-auch manchen Umweg. Antons Kuchenbündel wurde
-immer leichter, und doch behauptete Friede ein paarmal:
-»Ich habe Hunger!« Er sagte auch: »Ich bin
-müde,« und Anton Friedlich sagte ihm das nach. Da
-rasteten sie denn am Wege, und es wäre ihnen recht<span class="pagenum"><a id="Seite_p186">183</a></span>
-lieb gewesen, wenn jemand sie nach Schwipperlingen
-gefahren hätte. Ein Bauer kam auch mit einem leeren
-Wagen an. Der fragte aber so genau nach dem
-»Woher« und »Wohin«, daß es den beiden Ausreißern
-himmelangst wurde, und darum antworteten sie auf seine
-Frage: »Wollt ihr mit?« rasch: »Nä, danke schön, wir
-gehen lieber.«</p>
-
-<p>Das kam dem Bauern seltsam vor, und er forschte:
-»Was habt ihr denn in Schwipperlingen zu tun?«</p>
-
-<p>»Du, Friede,« tuschelte Anton Friedlich, »komm,
-wir reißen aus!«</p>
-
-<p>Friede, dem es ohnehin bänglich zumute war, nickte:
-»Ja, komm!« Und heidi &ndash; sprangen alle beide auf
-und rasten davon.</p>
-
-<p>»Holla, heda, was soll das?« schrie der Bauer
-ihnen überrascht nach, aber er konnte viel rufen; die
-beiden liefen in schnellstem Lauf in den nahen Wald
-hinein.</p>
-
-<p>»Die haben was angestellt,« dachte er und schaute
-sich um. Da sah er ein rotes Bündel im Grase liegen.
-Anton Friedlich hatte das Kuchenbündel vergessen. »Na
-wartet,« brummte das Bäuerlein, »das sollt ihr suchen,
-ihr Schelme. Wer weiß, wo ihr das hergenommen
-habt!« Er trug das Bündel in seinen Wagen und
-fuhr von dannen, und zwei paar Bubenaugen sahen ihm
-aus dem Walde traurig nach.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_p187">184</a></span></p>
-
-<p>»Er nimmt's mit,« schluchzte der dicke Friede.
-»Oh, ich hab' solchen Hunger!«</p>
-
-<p>»Schrei nich,« tröstete Anton Friedlich. »Ich hab'
-zwei Groschen; da können wir uns in Schwipperlingen
-sattessen.«</p>
-
-<p>»Wenn's nur nicht so weit wäre,« seufzte der dicke
-Friede. Er trabte aber doch tapfer der Stadt zu, von
-der jetzt die ersten Türme in der Ferne aufstiegen. Die
-beiden gingen sehr vorsichtig auf dem schmalen Fußweg
-entlang; sie sahen sich ängstlich nach allen Seiten
-um, ja sogar in die Kirschbäume am Wege sahen sie
-hinauf, ob sich nicht etwa der Bauer mit seinem Wagen
-auf einen Baum gesetzt hätte. Zu dumm war es; aber
-immer redete da leise und eindringlich eine Stimme in
-den Herzen der Buben: »Wärt ihr nur zur Muhme
-gegangen, ihr seid auf falschem Wege.« Keiner wollte
-es dem andern sagen, wie unbehaglich es ihm eigentlich
-zumute war, und namentlich Anton Friedlich redete
-immer laut und dreist von der Stadt. Friede war
-stiller und bedrückter.</p>
-
-<p>Der Frühlingstag war schon müde geworden, und
-der Abend stand da, bereit, ihn in seine Arme zu nehmen,
-da gelangten die beiden endlich nach Schwipperlingen.
-Die kleine Stadt schmiegte sich in ein enges Tal, und
-da sie nicht Platz darin hatte, waren kleine Häuser und
-ein paar helle Villen zu beiden Seiten die Berge hinaufgelaufen.<span class="pagenum"><a id="Seite_p188">185</a></span>
-Wie Feldburg hatte auch Schwipperlingen
-noch alte Häuser und Mauerreste aus vergangenen
-Zeiten, und zwei Kirchtürme, der eine spitz und schlank,
-der andere rund und dick, ragten aus dem Häusergewirr
-auf; von einem Schloß war nichts zu sehen.
-Dafür sahen die Buben aber etwas anderes, was ihnen
-so seltsam festlich und feierlich vorkam, daß sie erst
-zögerten, in die Stadt hineinzugehen. Die Häuser waren
-mit bunten Fahnen geschmückt, die im Abendwind lustig
-flatterten. Dazu hingen Kränze und Girlanden von
-den Fenstern herab, und über ein paar Straßen waren
-grüne Bogen gespannt. Wer an diesem Frühlingsabend
-in Schwipperlingen gesund und lustig war, der
-wanderte durch die Straßen und freute sich mit den
-andern an dem heiteren Schmuck, und so zogen durch
-die sonst so stillen Straßen ganze Scharen froher,
-lachender und singender Menschen. Den beiden Dorfbuben
-gefiel das sehr gut, und eine Weile vergaßen sie
-Müdigkeit und Angst, so viel gab es zu schauen.</p>
-
-<p>»Siehste,« sagte Anton Friedlich stolz, »sie haben
-Vogelschießen, fein, nich?«</p>
-
-<p>»Jaaah.« Friede fuhr nachdenklich mit der Hand
-in seine Hosentasche. »Du,« brummelte er, »wir haben
-aber kein Geld!«</p>
-
-<p>Anton erschrak. Ja freilich, zum Vogelschießen
-gehört Geld, und er hatte nur zwanzig Pfennig, und &ndash;<span class="pagenum"><a id="Seite_p189">186</a></span>
-Hunger hatte er auch. »Wenn wir nur den Kuchen
-hätten!« seufzte er.</p>
-
-<p>»Da &ndash; &ndash; ist der Bauer.« Friede stieß plötzlich
-den Vetter an. Richtig, da hielt der Bauer vor einem
-Hause und sprach mit einem Mann.</p>
-
-<p>»Er sieht uns nicht,« flüsterte Anton; aber gerade
-da wendete sich der Bauer um und schaute dorthin, wo
-die beiden Buben standen. Heisa! waren die um eine
-Ecke herum verschwunden, und ein paar Minuten lang
-liefen sie, ohne sich umzusehen durch die Straßen. Die
-Angst, entdeckt zu werden, trieb sie vorwärts. Aber
-der Bauer verfolgte sie nicht, und so blieben sie wieder
-stehen. Die Straße, die sie entlang gelaufen waren,
-mündete auf einen von Häusern umstandenen Platz.
-Auf dem stand in der Mitte ein großer Bretterverschlag.</p>
-
-<p>»Dort bauen sie 'n Karussell,« rief Anton.</p>
-
-<p>Aber Friede sah kaum hin; ihm war plötzlich etwas
-eingefallen. »Du,« sagte er ängstlich, »wo schlafen wir
-denn?«</p>
-
-<p>Anton Friedlich vergaß den Bretterverschlag, die
-geschmückte Stadt, alles. Er blickte sich scheu um. Es
-war schon ziemlich dunkel geworden; nur kurze Zeit noch,
-dann war es Nacht. Was taten sie dann?</p>
-
-<p>»Ich hab' Hunger,« klagte der dicke Friede, der
-mehr und mehr die Lust verlor, sich die Fahnen und
-Girlanden anzusehen. Die vielen, vielen Menschen auf<span class="pagenum"><a id="Seite_p190">187</a></span>
-den Straßen wurden ihm immer unheimlicher, und eine
-heiße Sehnsucht nach Oberheudorf packte ihn. Dort
-brauchte er nicht zu hungern, dort stand sein Bett, dort &ndash;</p>
-
-<p>»Dort kommt er wieder,« tuschelte Anton Friedlich
-aufgeregt. Ein Wagen rollte die Straße entlang, und
-die Buben rissen aus, obgleich sie in der immer tiefer
-werdenden Dämmerung gar nicht erkannten, ob es der
-Bauer war, den sie auf der Landstraße getroffen hatten.</p>
-
-<p>»Ich hab' Hunger,« klagte Friede nach einem
-Weilchen wieder, und der Vetter nahm trotzig seine
-beiden Groschen aus der Tasche und tröstete: »Wir
-kaufen uns was, dort ist ein Laden.« Er zog Friede
-mit über die Straße und blieb vor einem hellerleuchteten
-kleinen Laden stehen. Im Schaufenster lagen allerlei
-gute Dinge: Wurst, Käse, Früchte; alles sah sehr verlockend
-aus, und den hungrigen Buben lief das Wasser
-im Munde zusammen.</p>
-
-<p>»So'ne Fische sind fein,« sagte Friede und deutete
-auf geräucherte Aale. Einmal hatte die Mutter so
-einen Fisch aus der Stadt mitgebracht.</p>
-
-<p>Der Kaufmann öffnete seine Türe, sah die Straßen
-entlang, und als er die beiden Buben erblickte, fragte
-er: »Wollt ihr noch was kaufen, dann sputet euch. Jetzt
-wird zugemacht.«</p>
-
-<p>»Ja, so'n Fisch,« flüsterte Anton verlegen und
-deutete auf den größten fetten Aal.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_p191">188</a></span></p>
-
-<p>»Na, dann kommt nur herein. Habt ihr Geld?«</p>
-
-<p>»Ja.« Stolz reichte Anton Friedlich seine Groschen
-hin, und Friede bewunderte heimlich des Vetters Kühnheit.
-Der tat auch, als wäre er schon wer weiß wie
-oft in der Stadt gewesen. Der Kaufmann sah die beiden
-Groschen an und lachte. »Das ist zu wenig, dafür bekommst
-du nur zwei von dieser Sorte; sind auch gut, sind
-sogar sehr fein.« Er wickelte zwei große Bücklinge ein
-und reichte sie den Buben. »Laßt's euch gut schmecken.
-Und nun geht, ich muß meinen Laden schließen.«</p>
-
-<p>Die beiden standen draußen und wußten kaum,
-wie sie hinausgekommen waren. Und hinter ihnen schloß
-der Kaufmann rasselnd seinen Laden. »Mein Geld,«
-schrie Anton Friedlich erschrocken, »ich will die Fische
-nicht.«</p>
-
-<p>Er konnte aber lange rufen, das Geschäft war zu,
-und niemand kümmerte sich um seine Klage. Nur ein
-paar Vorübergehende sahen sich nach den Buben um,
-und das war denen so unheimlich, daß sie weiter liefen.
-Sie rannten mit ihren Fischen straßauf, straßab; sie
-wußten nicht, wo sie sich hinsetzen und bleiben sollten.
-Jeder Mensch, den sie trafen, schien sie mit strengen,
-musternden Blicken anzusehen, und mit gesenkten Köpfen
-rannten sie weiter. Endlich gelangten sie wieder auf
-den Platz, auf dem die Bretterbude stand. Die Menschen
-waren inzwischen alle in ihre Häuser gegangen,<span class="pagenum"><a id="Seite_p192">189</a></span>
-und der ganze Platz lag öde und verlassen da. »Weißte
-was,« tuschelte Anton Friedlich, »wir kriechen in die
-Bude rein.«</p>
-
-<p>»Hm,« knurrte der dicke Friede nur noch. Er war
-so müde geworden, daß er kaum noch die Augen aufhalten
-konnte. Stumm stolperte er hinter dem Vetter
-drein, und zweimal liefen sie um die Bretterbude herum,
-ehe sie eine lose Planke entdeckten und da hineinschlüpfen
-konnten. Innen war es ganz still, nichts rührte und
-regte sich. Wie ein Karussell sah es eigentlich nicht
-aus; nur in der Mitte stand ein großer verhüllter
-Gegenstand.</p>
-
-<p>Anton guckte zaghaft unter das verhüllende Tuch
-und entdeckte ein paar Pferdebeine. Erst erschrak er.
-Da die Beine sich aber nicht bewegten und der Dorfbube
-vor Pferden keine Angst hatte, tippte er vorsichtig
-daran und fühlte, daß die Beine hart und kalt waren.
-»Siehste,« sagte er stolz, »das ist'n Karussell, und morgen
-ist Vogelschießen und&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<p>»Ich hab' Hunger,« seufzte Friede und aß dann
-schon halb schlafend den einen der teuer erkauften
-Fische auf. Der schmeckte ihm nicht sonderlich, und das
-Loch in seinem Magen füllte er auch nicht aus. Aber
-vor Müdigkeit vergaß er zuletzt auch seinen Hunger.
-Am Boden lagen ein paar leere Säcke. Sie gaben
-zwar ein hartes Lager ab, es war aber doch ein Lager.<span class="pagenum"><a id="Seite_p193">190</a></span>
-Die Buben dachten nicht mehr weiter darüber nach,
-was morgen sein würde; sie streckten sich aus und
-schliefen schon ein, während sie sich noch reckten und
-dehnten. Über ihnen summte und surrte von Stunde
-zu Stunde laut eine große Kirchenglocke, aber die beiden
-wachten davon nicht auf, sie schliefen auf ihrem harten
-Lager bis zum lichten Morgen.</p>
-
-<p>Anton Friedlich wachte zuerst auf. Ganz deutlich
-hatte er laute Stimmen neben sich vernommen. Schlaftrunken
-rieb er sich die Augen, und erst allmählich fiel
-ihm ein, daß er ja in Schwipperlingen war und nicht
-daheim. Der dicke Friede schnarchte noch mit offenem
-Munde, und Anton wollte ihn gerade mit lautem Zuruf
-wecken, als in allernächster Nähe eine Stimme sagte:
-»Jetzt schnell runter mit dem Gerüst, damit Ordnung
-wird.« Und krach schlug es an die Bretterplanke.</p>
-
-<p>»Friede,« flüsterte Anton ängstlich, »komm, sie
-hauen 's Karussell ab.«</p>
-
-<p>Friede richtete sich auf und sah sich schlaftrunken
-um. Da krachte es wieder auf der andern Seite, und
-mit Getöse fiel die halbe Wand um. »Hier unters
-Tuch!« wisperte Anton leise. Er zog den Vetter rasch
-mit sich, und beide schlüpften unter die Leinwand. Gerade
-zur rechten Zeit. Wieder fiel eine Planke um, und durch
-einen Ritz sah Anton ein paar Männer, die eifrig daran
-gingen, das ganze Holzgerüst einzureißen. »Ih, das ist<span class="pagenum"><a id="Seite_p194">191</a></span>
-doch aber abscheulich,« sagte der eine plötzlich laut und
-zornig. »Was ist das! Hier hat jemand Fischköpfe und
-Gräten hingeworfen. Na, den sollte ich erwischen, dem
-ging's schlecht!«</p>
-
-<p>Den Buben wurde es heiß und kalt bei dieser
-Drohung, und ängstlich schmiegten sie sich dicht aneinander
-an, sie wagten kaum zu atmen. Die Männer rissen
-unterdessen das Brettergerüst ein, räumten Schutt und
-die Säcke weg und spannten ein Seil um das verhüllte
-Pferd. Dann fingen die Kirchenglocken an zu dröhnen
-und zu singen, und Menschen eilten über den Platz der
-nahen Kirche zu. Ein paar sehr stattlich aussehende
-Polizisten kamen und schritten immer auf und ab, und
-wenn jemand näher kam, dann riefen sie: »Platz da,
-am Denkmal darf niemand stehen.«</p>
-
-<p>»Bumbum, bumbum, ratata, ratara,« ertönte es
-auf einmal, und die Schwipperlinger Straßenbuben
-schrieen: »Sie kommen, sie kommen.«</p>
-
-<p>»'s ist doch Vogelschießen,« flüsterte Anton dem
-Vetter zu. »Wenn sie jetzt mal nich hinsehen, reißen
-wir aus!« Aber es war wie verhext. Alle schauten
-immer nach dem verhüllten Ding hin; es war, als
-hätten sie gar nichts anders zu sehen. Durch ein paar
-Ritzen und Löcher konnten die Buben alles ganz gut
-überschauen. Eigentlich war es ein ganz feiner Platz,
-den sie hatten. Wenn nur Furcht und Hunger nicht<span class="pagenum"><a id="Seite_p195">192</a></span>
-gewesen wären; das waren ein paar ungute Gesellen,
-welche die beiden Oberheudorfer Ausreißer tüchtig
-zwickten und zwackten.</p>
-
-<p>»Bumbum, bumbum, ratabum, ratara.« Immer
-näher kam die Musik, und wieder schrieen die Schwipperlinger
-Buben: »Sie kommen, sie kommen!« Alle Hälse
-reckten sich, alle Augen richteten sich auf die eine breite,
-auf den Platz mündende Straße. Von dort her kam
-jetzt ein langer Zug, weißgekleidete Mädchen voran,
-dann viele Männer, die Fahnen trugen, Musikanten,
-dann eine Anzahl Buben in einer wunderlichen Tracht,
-und alle diese Leute stellten sich in einem großen Halbkreis
-auf, und aus ihrer Mitte schritt ein Herr heraus
-und trat auf das verhüllte Ding zu.</p>
-
-<p>»Der kriecht auch hier unter,« tuschelte Anton aufgeregt.
-Aber das tat der Herr nun nicht. Er stellte
-sich auf einen hohen mit Girlanden und buntem Tuch
-geschmückten Block, die Musik machte noch einmal
-»ratabum ratara,« dann war alles still. Nur der Herr
-auf dem Block sprach. Er erzählte eine Geschichte,
-gerade so eine Geschichte, wie sie manchmal in Oberheudorf
-der Herr Lehrer erzählte. Da wurde einmal
-in Schwipperlingen ein Mann geboren, der später ein
-gar berühmter Feldherr geworden war. Den Buben
-in ihrem Versteck schlug ordentlich das Herz, als der
-Herr von den Heldentaten dieses Mannes erzählte. In<span class="pagenum"><a id="Seite_p196">193</a></span>
-schweren Zeiten der Not hatte der treu und fest zu seinem
-Vaterland gestanden, und noch heute lebte sein Andenken
-in aller Herzen. »Und dieser Mann war ein Schwipperlinger,«
-rief der schwarzgekleidete Herr, »er lebt noch
-in unseren Herzen, aber wir wollen auch immer sein
-Bild vor Augen haben. Schwipperlingen ehrt seinen
-großen Sohn. Heute an dem Tag, an dem er vor
-150 Jahren in dieser Stadt geboren wurde, falle die
-Hülle von seinem Denkmal!«</p>
-
-<p>»Bumbum, bumbum, ratabum, ratara,« fiel die
-Musik ein. Ein paar Männer zogen, und klatsch &ndash;
-fielen die Hüllen vom Denkmal.</p>
-
-<p>»Ah,« riefen alle, und dann ertönte jäh ein einziger
-lauter Schrei des Entsetzens. Totenbleich lehnten rechts
-und links an dem Pferde des großen Feldherrn die
-beiden Oberheudorfer Buben.</p>
-
-<p>»So eine Frechheit! Unerhört!« brüllten ein paar
-hundert Stimmen, und der Herr, der die Rede gehalten
-hatte, drehte sich erschrocken um. Dabei verlor er das
-Gleichgewicht und purzelte von seinem hohen Kasten
-herunter. »Was ist das, was ist das?« rief er.</p>
-
-<p>»Eine Frechheit, eine Frechheit!« riefen die Zuschauer.</p>
-
-<p>»Ein Hinfall,« schrie einer, der gern Witze machte.</p>
-
-<p>Aber schon waren ein paar Polizisten herzugesprungen.
-Der eine faßte Anton, der andere Friede<span class="pagenum"><a id="Seite_p197">194</a></span>
-am Kragen, und die beiden wurden unter johlendem
-Geschrei von dem Denkmal weggezogen.</p>
-
-<div class="figcenter">
-<img src="images/illu-194.png" alt="" />
-</div>
-
-<p>»Haue müssen sie haben,« rief jemand, und gleich
-schrieen zwanzig, dreißig Stimmen nach: »Haue müssen
-sie haben.«</p>
-
-<p>»Bumbum, bumratabum, ratara,« fiel die Musik
-wieder ein. Der Dirigent hatte gar nichts von den
-Buben gesehen; er dachte nur, jetzt ist es Zeit, daß ich
-mal wieder eins blasen lasse.</p>
-
-<p>»Hurra, hurra, hurra,« brüllte die Menge. Hüte
-und Tücher wurden geschwenkt. Dazwischen riefen wieder<span class="pagenum"><a id="Seite_p198">195</a></span>
-etliche: »Die frechen Buben müssen tüchtig verhauen
-werden.«</p>
-
-<p>»Schwipperlinger sind's nicht, die tun nie so was,«
-kreischten ein paar Stimmen. »Wer weiß, wo die her
-sind!«</p>
-
-<p>Anton und Friede waren halbtot vor Angst, als
-sie von den Polizisten weggeschleppt wurden. Sie sahen
-viele Augen drohend auf sich gerichtet und meinten,
-alle diese Menschen wollten sie schlagen. Das Schreien,
-die Musik, das ganze wilde Getöse verwirrte sie so,
-daß sie sich ziehen und schubsen ließen und keinen Laut
-von sich gaben. Die Polizisten kamen aber auch schwer
-mit ihnen durch das Gedränge. Viele Zuschauer dachten
-gar nicht mehr an das Denkmal, an den Festzug und
-die schöne Rede. Die Frage, woher eigentlich die beiden
-Buben gekommen waren, erschien ihnen viel wichtiger.
-Namentlich alle Schwipperlinger Straßenjungen hatten
-das allergrößte Interesse an Friede und Anton. Sie
-liefen immer hinterdrein und jauchzten: »Das sind die
-Enthüllten, das sind die Denkmalsjungen, hurra, die
-Denkmalsbuben!«</p>
-
-<p>Endlich war die Polizeiwache erreicht, und ein gestrenger
-Oberwachtmeister empfing die Missetäter. Er
-sah sie drohend an und fragte barsch: »Warum habt
-ihr euch an das Denkmal gesetzt?«</p>
-
-<p>»Weil &ndash; weil &ndash; weil &ndash; wir &ndash; dachten &ndash; 's<span class="pagenum"><a id="Seite_p199">196</a></span>
-wär 'n Karussell,« schluchzte Anton Friedlich. Der dicke
-Friede sagte gar nichts, der heulte nur.</p>
-
-<p>»Ein &ndash; Karussell?« Der Oberwachtmeister sah
-die Polizisten an. Er tippte mit der Hand an die
-Stirn, und die Polizisten nickten. Ja, es schien ihnen
-auch so, als wären die Buben nicht recht bei Verstand.</p>
-
-<p>»Hm.« Der Oberwachtmeister wurde freundlicher.
-»Woher seid ihr denn?«</p>
-
-<p>»Mit Verlaub, ich glaube, die sind irgendwo ausgerissen,«
-rief da eine Stimme. Der Bauer, dem die
-Buben am Tage vorher begegnet waren, hatte die Wachtstube
-betreten. In der Hand hielt er Antons rotes
-Kuchenbündel. »Das da haben sie liegen lassen, und
-so was läßt doch nur einer liegen, der ein schlechtes
-Gewissen hat!«</p>
-
-<p>»Ich hab' Hunger,« schrie der dicke Friede plötzlich
-aufgeregt beim Anblick des Kuchenbündels, und »knurrrknurrr«
-knurrte sein Mäglein so laut, daß sich alle in
-der Wachtstube erstaunt ansahen. So etwas hatten sie
-noch gar nicht gehört.</p>
-
-<p>»Potzwetter ja,« rief der Oberwachtmeister, »Hunger
-hat der Bube anscheinend wirklich.« Dann fiel ihm
-etwas ein. Er schüttelte Friede an den Schultern und
-sagte streng: »Jetzt erzählst du mir alles, woher ihr
-kommt, warum ihr an dem Denkmal gesessen seid, und
-wenn du in fünf Minuten fertig bist und nicht dabei<span class="pagenum"><a id="Seite_p200">197</a></span>
-heulst wie ein Schloßhund, bekommst du eine Butterschnitte.«</p>
-
-<p>Das war ein Wort! Hätte der Wachtmeister dem
-Buben eine goldene Königskrone versprochen, das Erzählen
-wäre nicht so fix gegangen. Aber die Sehnsucht
-nach der Butterschnitte war riesengroß, und der dicke
-Friede wurde darüber ordentlich gesprächig. In drei
-Minuten wußten sie in der Wachtstube alles, selbst
-den Fischkauf verschwieg Friede nicht, und daß sie gedacht
-hätten, es wäre Vogelschießen, und das Denkmal
-sei ein Karussell.</p>
-
-<p>»Ihr wißt wohl gar nicht, was ein Denkmal ist?«
-fragte der Oberwachtmeister kopfschüttelnd.</p>
-
-<p>»Nä,« sagte Friede treuherzig, »in Oberheudorf
-ist so was nich!«</p>
-
-<p>»Das glaube ich!« Der Herr Oberwachtmeister
-lächelte. »Oberheudorf und Schwipperlingen, das ist
-auch ein Unterschied. Also da habt ihr jeder eine
-Butterschnitte. 's ist mein Frühstück, aber mein Magen
-knurrt nicht so arg, und dann macht, daß ihr heimkommt.
-Eigentlich habt ihr Strafe verdient, denn ihr
-habt die ganze Feierlichkeit gestört. Die ausgestandene
-Angst ist aber auch eine Strafe gewesen. Höfer, bringen
-Sie die Buben an die Stadtgrenze.«</p>
-
-<p>Von einem Schutzmann geleitet, aus der Stadt
-gebracht zu werden, war wirklich keine Ehre und kein<span class="pagenum"><a id="Seite_p201">198</a></span>
-Vergnügen. Die Buben büßten auf dem Gang noch
-einmal bitter ihr heimliches Davonlaufen. Es war
-wirklich, als hätten die unnützen Schwipperlinger Buben
-und Mädel nichts weiter zu tun, als immer nur über
-die Denkmalsbuben zu spotten und zu lachen. Ach,
-und Schwipperlingen, das nur ein kleines Städtchen
-war, erschien den beiden riesengroß. Immer wieder gab
-es Straßen und Häuser, und die Schwipperlinger waren
-so schrecklich neugierig. Im allerletzten Haus noch guckte
-eine Frau aus dem Fenster heraus und rief: »Was
-haben denn die gemacht?«</p>
-
-<p>»Das sind die Enthüllten, die Denkmalsbuben,«
-schrieen ein paar Straßenjungen, und das Wort gellte
-Anton und Friede noch eine ganze Weile nach, als das
-Städtchen schon hinter ihnen lag. Anfangs liefen sie
-wie ein paar Rennpferde, und erst als die Stadt ganz
-in der Ferne verschwunden war, setzten sie sich an den
-Straßenrand, aßen ihren Kuchen und redeten ganz trübselig
-von der Heimkehr.</p>
-
-<p>»Weißte,« sagte Anton Friedlich, als er den letzten
-Bissen verschluckt hatte, »wir tun, als wär's furchtbar
-lustig gewesen. Vom dummen Denkmal sagen wir gar
-nichts.«</p>
-
-<p>Der dicke Friede seufzte tief. Das Lustigsein erschien
-ihm eine schwere Arbeit. Freilich, vor dem Ausgelachtwerden
-fürchtete er sich auch, und so versprach<span class="pagenum"><a id="Seite_p202">199</a></span>
-er denn, er wolle ein lustiges Gesicht machen. Er probierte
-es schon unterwegs, bald zog er den Mund ganz
-breit, dann wieder lachte er laut, und ein paar Landleute,
-die den Buben begegneten, fragten ängstlich: »Der
-Dicke ist wohl krank?«</p>
-
-<p>»Jetzt kannste's schon,« rief Anton Friedlich froh,
-als die Oberheudorfer Kirchturmspitze vor beiden auftauchte.
-»Paß auf, es merkt niemand was!«</p>
-
-<p>Das Dorf lag im Sonntagsfrieden, als die beiden
-es erreichten. Alle Arbeit ruhte, und vor den Türen
-saßen die Erwachsenen und freuten sich an dem Sonnenschein
-und an dem Blühen in ihren kleinen Gärten.
-Um den Dorfbrunnen herum aber lärmten mal wieder
-die Buben und Mädel. Sie spielten Räuber und
-Prinzessin, und Krämers Trude saß als Prinzessin auf
-dem Brunnenrand und sah zu, wie sich ihre Getreuen
-mit den Räubern herumbalgten. Es war immer eine
-gefährliche Sache, als Prinzessin auf dem Brunnenrand
-zu sitzen. Denn schon manche Prinzessin war im
-stürmischen Kampf in den Trog geplumpst, und Krämers
-Trude sah auch ziemlich ängstlich drein und dachte:
-»Vielleicht plumpse ich auch.«</p>
-
-<p>Just als nun die Räuber angerast kamen und die
-Ritter die Prinzessin verteidigen wollten, stolperten
-Anton Friedlich und der dicke Friede müde und matt
-die Dorfstraße entlang. »Da sind die feigen Ausreißer,«<span class="pagenum"><a id="Seite_p203">200</a></span>
-schrie Heine Peterle und schwenkte drohend seinen Holzpantoffel,
-und Schulzens Jakob stakerte mit seiner
-Bohnenstange in der Luft herum und brüllte, so laut
-er konnte: »Nieder mit den Ausreißern, nieder mit den
-feigen Hallunken!«</p>
-
-<p>»Na, das ist doch zu frech,« schrie Anton Friedlich
-erbost. »Wir sind keine Hallunken, und in Schwipperlingen
-war's fein!« Er entriß Heine Peterle zornig
-den Holzpantoffel, und es hätte sicher eine Balgerei
-gegeben, wenn der dicke Friede nicht mutig geschrieen
-hätte: »Wir waren in Schwipperlingen!«</p>
-
-<p>Ritter und Räuber vergaßen ihre Kampfeslust,
-die Prinzessin rutschte vom Brunnenrand herab, und
-alle umdrängten neugierig die Heimkehrenden. »Warum
-seid ihr in Schwipperlingen gewesen? Wie war's denn?
-Erzählt doch!«</p>
-
-<p>Anton Friedlich war schon wieder friedlich gesinnt.
-Er merkte, daß Heine Peterle und Jakob ihn gar nicht
-gemeint hatten, und stolz begann er zu erzählen. Er
-schwadronierte darauf los, schwatzte von den Schönheiten
-Schwipperlingens, und der dicke Friede riß den Mund
-vor Staunen weit auf. Nein, konnte der Vetter aber
-aufschneiden!</p>
-
-<p>Wie ein paar Helden wurden die Buben geehrt.
-Das war noch einmal etwas: in Schwipperlingen war
-noch niemand von den Kindern gewesen! Ja sogar<span class="pagenum"><a id="Seite_p204">201</a></span>
-die Eltern schalten nicht so sehr. Heimlich sagte sogar
-Anton Friedlichs Vater zum Schulzen: »Sind doch ein
-paar tüchtige Buben! Laufen in eine fremde Stadt, als
-wär' das nichts. Ist ganz gut, wenn sie in den Städten
-merken, was wir Oberheudorfer für Leute sind.«</p>
-
-<p>Drei Tage dauerte der Ruhm der Buben, und
-Anton Friedlich wurde immer kühner, immer frecher
-im Aufschneiden. Er wußte immer mehr von Schwipperlingen
-zu erzählen, und beim Heimweg umdrängten ihn
-stets alle Kinder neugierig. Nur von Schwipperlingen
-wollten sie hören, an Feldburg dachten sie kaum noch.
-Am dritten Tage aber, als die Kinder wieder auf der
-Dorfstraße lärmten, rief Schuster Pechdraht auf einmal:
-»Kommt her, ich will euch eine feine Geschichte vorlesen.«</p>
-
-<p>Na, neugierig waren die Oberheudorfer Buben
-und Mädel alle, und sie überpurzelten sich beinahe,
-um nur rasch an das Schusterhaus zu kommen. Meister
-Pechdraht saß vor seiner Tür und hatte ein Zeitungsblatt
-in der Hand. »Stellt euch alle um mich herum;
-Anton Friedlich und du, dicker Friede, ihr dürft euch
-neben mich setzen, ihr Schwipperlinger Helden ihr.«</p>
-
-<p>Die beiden lachten stolz und blähten sich ordentlich
-auf; die andern sahen sie ganz ehrfürchtig an. Auch
-ein paar Mägde kamen angelaufen, selbst der Schulze
-und der Waldbauer, die gerade vorbeikamen, blieben
-stehen und fragten: »Was gibt's denn?«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_p205">202</a></span></p>
-
-<p>»Hört nur zu, eine feine Geschichte gibt's,« sagte
-Meister Pechdraht und lachte so recht spöttisch; dann
-las er laut: »Die Denkmalsenthüllung in Schwipperlingen.«
-Nun bekamen der Anton und der Friede auf
-einmal rote Köpfe. Aber der Schuster schien das gar
-nicht zu merken, er las laut, wie man in Schwipperlingen
-die Stadt geschmückt hatte; die Rede des Bürgermeisters
-kam und dann &ndash; oh, wäre doch ein Mauseloch
-dagewesen für die beiden Schwipperlinger Helden. Da
-stand alles, ihre ganze Leidensgeschichte war berichtet
-worden, und zuletzt hieß es: »Hoffentlich sind die Oberheudorfer
-Buben nicht alle so dumm wie diese beiden.«</p>
-
-<p>»Nä!« schrieen sämtliche Kinder entrüstet. Der
-Schulze aber schalt wütend: »Potzwetter, ihr Buben,
-was habt ihr angerichtet! Ihr bringt ja unser ganzes
-Dorf in Verruf. Na, wartet nur!«</p>
-
-<p>Die beiden warteten aber nicht. Und so wütend
-die Kinder auf sie waren, durchschlüpfen ließen sie die
-Missetäter doch. Dann rannten freilich sämtliche Buben
-und Mädel hinter ihnen her und spotteten: »War's
-fein in Schwipperlingen? Erzählt doch von Schwipperlingen!
-Ha, die Denkmalsbuben!«</p>
-
-<p>Die beiden hatten keine guten Tage, und sie wurden
-sehr kleinlaut und bescheiden in dieser Zeit. Wenn jetzt
-einer nur »Schwipp« sagte, dann huschten sie schon geschwind
-um die nächste Ecke herum. Aber auch die<span class="pagenum"><a id="Seite_p206">203</a></span>
-andern Kinder wollen nichts von Schwipperlingen wissen,
-und Schuster Pechdraht kann zehnmal sagen: »Aber in
-Schwipperlingen waret ihr doch nicht,« sie machten sich
-nichts daraus, sie schrieen nur: »Nach Schwipperlingen
-gehen wir nicht, schwipp, schwapp, Feldburg ist besser!«</p>
-
-<hr class="chap" />
-
-<div class="chapter">
-<h2 id="Sommerferienlust">
-<img src="images/illu-chapter.png" alt="" /><br />
-Sommerferienlust.</h2>
-</div>
-
-<p class="drop">Ȇbermorgen gibt's Ferien, und Friede Heller kommt
-heim.« Die Oberheudorfer Buben und Mädel
-erzählten sich das nun schon zum hundertsten Male, und
-wenn nur ein Mensch in Oberheudorf gewesen wäre,
-der diese wichtige Sache nicht gewußt hatte, alle hätten
-es ihm gern nochmals und nochmals gesagt. Aber die
-Erwachsenen mochten gar nichts mehr von den Ferien
-hören. Hans Rumpf, der Nachtwächter, meinte sogar,
-es sei ein rechter Unsinn damit, doppelt Schule wäre
-richtiger. Nur Muhme Lenelies ließ sich immer wieder
-von den Ferien erzählen, und jedesmal freute sie sich
-und sagte auch: »Und Friede kommt heim.«</p>
-
-<p>»Wenn er kommt, machen wir was,« erklärte Heine
-Peterle.</p>
-
-<p>»Was denn?«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_p207">204</a></span></p>
-
-<p>»Na, Musik oder so was. Wie wenn der Herzog
-kommt.«</p>
-
-<p>»Laßt es lieber,« riet Muhme Lenelies. »Solche
-Überraschungen gehen manchmal verkehrt aus.«</p>
-
-<p>Aber die Kinder hörten nicht auf den guten Rat.
-Traumfriede mußte feierlich empfangen werden, das
-stand fest. Aber wie? Anton Friedlich sagte: »Fahnen
-und Musik müßten wir haben, das ist fein.«</p>
-
-<p>»So war's wohl in Schwipperlingen?« neckten
-etliche. Aber die Fahnen gefielen doch allen, nur &ndash;
-sie hatten keine. Die drei Fahnen, die manchmal an
-Festtagen das Dorf schmückten, bekamen die Kinder
-nicht, das wußten sie, auch ohne danach zu fragen. Sie
-rieten hin und her, bis auf einmal Schnipfelbauers Fritz
-rief: »Ich weiß was. Kathrine hat einen roten Rock
-und Mutter eine schwarze Schürze und ein weißes Tuch
-dazu; das ist wie 'ne Fahne.«</p>
-
-<p>»Meine Mutter hat nur blaue Schürzen,« meinte
-der dicke Friede betrübt.</p>
-
-<p>»Och, das schadet nicht,« schrie Anton Friedlich.
-»Fahne ist Fahne, 's kann auch blaue geben.«</p>
-
-<p>»Und grüne und gelbe und rote und alle möglichen,«
-riefen die andern Kinder. Und jedem fiel ganz unversehens
-ein, aus was eine Fahne gemacht werden könnte.
-Es würde gewiß ganz wundervoll werden, und höchst
-befriedigt liefen alle heim.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_p208">205</a></span></p>
-
-<p>Einen Tag vor Ferienanfang verschwanden den
-Bäuerinnen auf sehr geheimnisvolle Weise Schürzen,
-Röcke, Umschlagtücher, Bettlaken und ähnliche Dinge.
-Die meisten Hausfrauen merkten es gar nicht. Nur
-da, wo sich ein großes Suchen und Geschrei darum erhob,
-kamen die entschwundenen Sachen sehr geheimnisvoll
-wieder. So vermißte Muhme Rese plötzlich
-ihren neuen kornblumenblauen Sonntagsrock, worüber
-denn bald das ganze Haus in Aufregung geriet. Und
-auf einmal hing der Rock in der Federkammer, und
-kein Mensch wußte, wie er dahin gekommen war. Heine
-Peterle konnte nicht mal Antwort geben. Der Bube
-saß und lernte so eifrig; er schien nichts zu sehen und
-zu hören, und Muhme Rese dachte: »Er geht vielleicht
-doch noch auf die Stadtschule. So'n Fleiß ist noch
-gar nich dagewesen.«</p>
-
-<p>Endlich war der letzte Schultag gekommen. Da
-an diesem Tage niemand zur Stadt fuhr, sollte Traumfriede
-zu Fuß heimkommen. Seine Sachen wollte Friede
-Hopserling am nächsten Tage mitbringen. Um zwölf
-Uhr wurde in Oberheudorf die Schule geschlossen, und
-die Kinder rechneten: »Erst ißt der Friede zu Mittag,
-dann läuft er vier Stunden, dann ist er da.« Sie fragten
-aber erst noch Muhme Lenelies: »Wann kommt er denn?«</p>
-
-<p>»So um fünfe rum, denk' ich,« meinte die Muhme.
-»Aber Kinder, Kinder, macht nur keine Dummheiten.«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_p209">206</a></span></p>
-
-<p>Hans Rumpf, der Nachtwächter, sah an diesem
-Tage alle Buben und Mädel auf eine am äußersten
-Ende des Dorfes gelegene Scheune zulaufen. Jedes
-trug geheimnisvoll ein Paket und eine Bohnenstange,
-und alle rannten scheu und heimlich hinter den Häusern
-vorbei. »Na warte, die haben einen dummen Streich
-vor,« dachte der Nachtwächter. »Da will ich mal aufpassen.«
-Er wanderte auch auf die Scheune zu, und
-als er hinkam, hörte er drinnen Geschwätz und Gelächter.
-»Was macht ihr da?« rief er und versuchte die Türe
-zu öffnen. Doch die ging nicht auf, sie wurde von
-innen zugehalten. Er bekam auch keine Antwort auf
-seine Frage, und so drohte er: »Ich werde euch schon
-erwischen, paßt nur auf; ich bleibe hier sitzen.«</p>
-
-<p>Er setzte sich auf einen Baumstumpf am Scheuneneingang,
-zündete sich seine Pfeife an und wartete.</p>
-
-<p>Innen schwatzte, lachte, polterte und lärmte es inzwischen
-ruhig weiter. Allmählich aber wurde es still
-und stiller, zuletzt schwieg alles. »Hei, nun möchten sie
-raus,« dachte der Nachtwächter. »Bleibt nur drinnen,
-ihr Mäuslein; ich erwische euch schon.« Er rauchte,
-betrachtete sich die Gegend und freute sich, daß er so
-ausnehmend klug war. Auf einmal ertönte vom Waldrand
-her ein lautes Geschrei. »Man sollte doch meinen,
-die Kinder wären's, wenn die nicht in der Scheune
-säßen,« dachte er und zündete sich eine neue Pfeife an.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_p210">207</a></span></p>
-
-<p>Von Zeit zu Zeit lauschte er. In der Scheune
-blieb alles still. Aber aus der Ferne erklang immer
-wieder Lärm und Geschrei. »'s muß rein das Echo
-sein,« brummelte Hans Rumpf und zog sein Vesperbrot
-aus der Tasche, schmauste und rief dazwischen:
-»Na, ihr Mäuslein, wie gefällt's euch denn da drinnen?«</p>
-
-<div class="figcenter">
-<img src="images/illu-207.png" alt="" />
-</div>
-
-<p>Keine Antwort kam
-aus der Scheune. Alles
-blieb still wie zuvor. Doch jetzt wurde es im Dorfe laut.
-Von den Feldern kamen die Männer heim, der Hirte
-trieb die Herde in das Dorf zurück, und die Abendglocke
-begann leise zu tönen und zu singen. Rufe erschallten
-vom Dorfe her, lauter und lauter erklangen
-sie, die Kinder wurden zum Abendessen gerufen. Endlich
-kamen ein paar Frauen angelaufen. »Hans Rumpf,
-hast du nicht unsere Buben und unsere Mädel gesehen?«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_p211">208</a></span></p>
-
-<p>»Freilich, freilich!« Hans Rumpf nickte und lachte.
-Er deutete mit dem Pfeifenkopf auf die Scheune und
-sagte: »Da drinnen, alle sind drin. Sie haben 'ne
-Dummheit gemacht und trauen sich nicht raus!«</p>
-
-<p>»Lieber Himmel, was das Kindervolk auch immer
-anstellt!« rief die Schulzenfrau. »Und sicher haben sie
-mir dazu wieder ein Bettuch von der Leine genommen;
-es fehlt eins.«</p>
-
-<p>»Freilich, freilich, jedes hat'n Paket gehabt.« Hans
-Rumpf sah ordentlich stolz aus.</p>
-
-<p>»Nä, aber so was! Fritze, komm 'raus! Je, der
-Bube hat am Ende gar der Kathrine ihren roten Rock,
-um den die den ganzen Nachmittag heult,« schrie die
-Schnipfelbäuerin.</p>
-
-<p>»Freilich, freilich, der Fritze hatte 'n rotes Paket.«</p>
-
-<p>Ein paar Bauern, die vom Felde heimkehrten,
-blieben stehen. »Was gibt's?«</p>
-
-<p>»Da drin sind alle Kinder; sie haben 'ne Dummheit
-gemacht,« erzählten die Frauen.</p>
-
-<p>Die Schnipfelbäuerin klopfte an das Tor: »Komm
-'raus, Fritze, geschwind!«</p>
-
-<p>»Se haben Angst.« Hans Rumpf hielt sich den
-Bauch vor Lachen. »Ja mit mir ist nich gut Kirschen
-essen.«</p>
-
-<p>»Jakob, Röse, kommt 'raus, flink!« Die Schulzenfrau
-rüttelte an dem Scheunentor, und das sperrte sich<span class="pagenum"><a id="Seite_p212">209</a></span>
-gar nicht. Es ging ganz gutwillig auf, und &ndash; die leere
-Scheune gähnte allen entgegen.</p>
-
-<p>»Die sind hinten 'raus,« brummte ein Bauer und
-deutete auf das zweite gegenüberliegende Scheunentor,
-das weit offen stand.</p>
-
-<p>»Ja, nä!« Hans Rumpf setzte sich vor lauter
-Erstaunen wieder auf seinen Baumstumpf. »So 'ne
-Frechheit!«</p>
-
-<p>»Na, weißte, Nachtwächter,« sagte der Waldbauer
-lachend, »die wären arg dumm gewesen, wenn sie in
-der Scheune geblieben wären. Wo sind sie aber hin?«</p>
-
-<p>»Am Walde hat's immer geschrieen und gelacht!«
-Hans Rumpf sah sich kläglich um. »Vielleicht waren
-sie das?«</p>
-
-<p>»Sicher,« riefen die Frauen, und Heine Peterles
-Mutter, die auch herbeigekommen war, meinte: »Die
-warten auf Muhme Lenelies' Friede; der soll heute
-heimkommen.«</p>
-
-<p>Der Abendwind trug jetzt näherkommendes Stimmengewirr
-zu den Wartenden hin, und die sagten zueinander:
-»Sie kommen schon, das Warten wird ihnen zu lang.«</p>
-
-<p>Wirklich, sie kamen auch. Der Abendbrothunger
-trieb sie heim. In langem Zuge kamen sie an, und die
-Frauen kreischten erschrocken auf: »Aber so etwas! Was
-haben sie denn da!«</p>
-
-<p>Seltsame Fahnen flatterten im Winde, und die<span class="pagenum"><a id="Seite_p213">210</a></span>
-Bäuerinnen riefen entrüstet: »Das ist meine Schürze,«
-»Unsere Tischdecke,« »Kathrines Rock,« »Mein Umschlagtuch,«
-»Nä so was, das ist Vaters Taschentuch,«
-»Je, und meine blaue Nachtjacke.«</p>
-
-<p>Die Buben und Mädel erschraken, als sie vor
-der Scheune Väter und Mütter versammelt sahen. Sie
-hätten nun himmelgern ihre Fahnen versteckt, die sie
-heimlich in der Scheune hatten abbinden wollen. Nun
-war es zu spät. Die Fahnen hinwerfen und ausreißen
-ging auch nicht. Gesehen waren sie einmal, also zogen
-sie kleinlaut und recht langsam näher.</p>
-
-<p>»Nur fix! Sollen wir euch Beine machen?« drohte
-die Schulzenfrau. »Warte, Jakob und Röse, ich will
-euch was lehren, mir meine Laken als Fahne zu nehmen!«</p>
-
-<p>»Wir wollten Friede erwarten,« riefen die Kinder
-sehr kläglich.</p>
-
-<p>»Aber der ist lange da! Um drei Uhr ist er schon
-gekommen; der hat lange Beine gemacht und um zehn
-Uhr schon frei bekommen,« rief die Waldbäuerin, die
-eben auch ihr Mariandel suchen kam.</p>
-
-<p>»Juhu,« schluchzte Heine Peterle plötzlich, »jetzt
-krieg ich die Schimpfe umsonst.«</p>
-
-<p>»Und Haue obendrein!« rief sein Vater; aber es
-war leicht zu merken, daß er es nicht so ernst meinte.</p>
-
-<p>Es wurde auch mit der Schelte nicht so schlimm.
-Nur als die Bäuerinnen ein paar Löcher in den Fahnen<span class="pagenum"><a id="Seite_p214">211</a></span>
-entdeckten, wurden sie sehr ärgerlich. »Ihr müßt sie
-selbst flicken,« forderten sie. Als sie aber recht zusahen,
-waren es immer die Bubenfahnen, die Löcher hatten.
-Die Missetäter standen sehr keinlaut und verlegen da;
-flicken konnten sie doch nicht!</p>
-
-<p>Da zeigte es sich aber, wie gut es ist, daß es
-Mädel auf der Welt gibt. Und wie hilfsbereit die
-Oberheudorfer Mädel waren! Krämers Trude, die
-immer mit einer blanken Eins aus der Handarbeitsstunde
-heimkam, erklärte gleich: »Ich flicke sie,« und ein paar
-andere Mädel riefen: »Wir helfen.«</p>
-
-<p>Da hoben die Buben gleich wieder mutig die Köpfe,
-und ein paar der kecksten bettelten: »Aber sehen muß
-Friede die Fahnen doch, nur mal sehen; wir machen
-auch keine Löcher mehr.«</p>
-
-<p>»Er kann doch nichts dafür,« wisperte Waldbauers
-Mariandel.</p>
-
-<p>»Wird nicht erlaubt,« knurrte Hans Rumpf, der
-sehr böse darüber war, daß er so lange vergeblich vor
-der Türe gesessen hatte. »Marsch heim, ins Bett, marsch!«</p>
-
-<p>Die Mütter waren nicht so streng wie der Nachtwächter.
-Als die Mädel feierlich gelobten, gleich morgen
-am ersten Ferientag alles sauber und ordentlich zu flicken,
-und die Buben nicht minder feierlich das Versprechen
-gaben, nie mehr Röcke, Jacken, Tücher und ähnliche
-Dinge als Fahnen zu verwenden, durften sie alle mitsammen<span class="pagenum"><a id="Seite_p215">212</a></span>
-zu Muhme Lenelies' Haus ziehen und Friede
-begrüßen.</p>
-
-<p>»Hurra, Friede ist da! Hurra, hurra!« gellte es
-durch das Dorf. Die Fahnen flatterten lustig, und
-wenn jemand gesagt hätte: »Das sind aber sonderbare
-Fahnen!« den hätten die Oberheudorfer Buben und
-Mädel für sehr dumm gehalten. Traumfriede fand
-denn auch den ganzen Empfang großartig, auch Muhme
-Lenelies fand das. Da liefen alle Fahnenträger befriedigt
-heim, und daß Hans Rumpf diesen ersten Ferientag
-nicht schön fand, war seine Sache; den Kindern
-hatte er ausnehmend gefallen.</p>
-
-<p>So glücklich war aber doch kein Bube und kein
-Mädel wie Traumfriede. Nun er wieder bei Muhme
-Lenelies in dem lieben kleinen, windschiefen Häuschen
-saß, merkte er erst, wie groß sein Heimweh gewesen
-war. Alles hatte er der Muhme gleich an diesem Abend
-erzählt; auch daß er hatte ausreißen wollen und sich der
-Kameraden geschämt hatte. Wenn sie es auch schon
-wußte, er mußte doch das Gesicht sehen, das sie dazu
-machte. Die Muhme hatte ihn nur mit ihren stillen,
-guten Augen angesehen und gesagt: »Wir laufen alle
-einmal ein Stück einen falschen Weg. Die Hauptsache
-ist, daß wir uns bald zurechtfinden. Nun aber schlaf,
-mein Junge, es gibt ja noch viele Ferientage.«</p>
-
-<p>Friede reckte und streckte sich in seinem Bett.<span class="pagenum"><a id="Seite_p216">213</a></span>
-Wie schön war es wieder daheim bei Muhme Lenelies!
-O wie köstlich lang doch die Ferien waren; was konnte
-man da alles unternehmen!</p>
-
-<p>Die Kinder unternahmen auch sehr viel. Sie liefen
-in den Kuhberger Wald, spielten so heftig Räuber und
-Prinzessin, daß erst Annchen Amsee, dann Waldbauers
-Mariandel in den Brunnen plumpsten. Und immer
-dachten sie am Abend, daß Ferientage sicher achtbeinig
-seien, so fix laufen sie über die Erde. Traumfriede
-war bei allem dabei, und wenn Muhme Lenelies manchmal
-gedacht hatte, es würde dem Buben nicht mehr
-auf dem Dorf gefallen, so merkte sie nun, wie sehr sie
-sich geirrt hatte.</p>
-
-<p>Am ersten Tage hatte Friede erzählt, die Sonntagkinder
-wollten einmal kommen und Jobst von Hellfeld.
-Aber ein Tag nach dem andern verging, sie kamen
-nicht, bis sie plötzlich eines Nachmittags ganz unvermutet
-auf der Dorfstraße standen.</p>
-
-<p>»Was ist das jetzt für 'ne Geschichte,« sagte Schuster
-Pechdraht erstaunt; »da sind ja auf einmal drei Stadtkinder.«
-Da stürzte aber auch schon Traumfriede über
-den Dorfplatz und begrüßte die drei mit lautem Halloh.
-»Wie seid ihr hergekommen?«</p>
-
-<p>»Kaspar auf dem Berge hat uns mitgenommen,«
-rief das Füchslein und strich sich sein weißes Kleidchen
-glatt. »Ich hab' ihn heute früh gesehen und gesagt,<span class="pagenum"><a id="Seite_p217">214</a></span>
-ich möchte nach Oberheudorf. ›Komm mit!‹ hat er gerufen,
-na &ndash; &ndash; &ndash; und da sind wir.«</p>
-
-<p>»Ein paar Tage dürfen wir bleiben,« erzählte
-Jobst. »Der Wirt hat gesagt, Nachtquartier bekämen
-wir, nur heimgehen müssen wir zu Fuß, und Herr
-Professor läßt dich grüßen. Er kann nicht kommen,
-er hat einen schlimmen Fuß.«</p>
-
-<p>»Und das da ist Heine Peterle, nicht wahr?« rief
-das Füchslein und stürzte so eilfertig auf diesen zu,
-daß der beinahe hintenüber fiel vor Schreck. Nachher
-wurde er aber gleich gut Freund mit dem zierlichen
-Stadtmädel.</p>
-
-<p>Die drei Städter gefielen überhaupt den Oberheudorfern
-sehr gut, und es entstand fast ein großer
-Streit darum, wo sie wohnen sollten.</p>
-
-<p>»Die Buben kommen zu mir, und das Mädel muß
-ins Schulzenhaus, weil der Schulze nun doch mal der
-Schulze ist,« entschied Kaspar auf dem Berge. »Immer
-alles, wie sich's schickt.«</p>
-
-<p>Da der Wirt die Kinder hergebracht hatte, gaben
-ihm alle recht, und so zog Füchslein in das Schulzenhaus,
-obgleich es am liebsten bei Muhme Lenelies gewohnt
-hätte. Aber in dem kleinen Haus war kein
-Platz, während es im Schulzenhaus eine stattliche Gaststube
-gab mit einem hochgetürmten Federbett darin.
-Eine ebensolche stattliche Gaststube bekamen die Buben<span class="pagenum"><a id="Seite_p218">215</a></span>
-in der himmelblauen Ente, und sie gaben Kaspar auf
-dem Berge recht, als der sagte: »Ein Prinz könnte
-drin wohnen, wenn einer da wäre.«</p>
-
-<p>»In Oberheudorf ist's herrlich,« rief Füchslein am
-nächsten Tage. »Ich wollte, ich könnte ewig hier
-bleiben!«</p>
-
-<p>Die Hausfrau schenkte ihr gerade Milch ein und
-stellte ihr die verlockendsten Honigbrote hin. Jakob,
-Röse und die jüngeren Geschwister umdrängten den
-Gast, und Heine Peterle steckte seine Stubsnase zur
-Türe herein und rief: »Ist se noch da?«</p>
-
-<p>»Warum soll ich denn fort sein?« fragte Füchslein
-erstaunt.</p>
-
-<p>»Ich dachte, ich hätt's geträumt,« bekannte Heine
-Peterle. Er schob sich zur Türe hinein, warf einen
-riesengroßen, bunten Blumenstrauß gerade auf Füchsleins
-Honigbrot und stammelte: »Du, Muhme Rese
-sagt, weil de aus der Stadt bist, mußte de Blumen
-haben. Spielste auch Räuber und Prinzessin mit?«</p>
-
-<p>»Ja,« schrie Füchslein entzückt, »und ich bin der
-Räuberhauptmann. Ich kann furchtbar schreien, paßt
-auf!« Und das zarte Stadtmädel schrie so laut und
-gellend, daß alle Hausbewohner zusammenliefen; selbst
-der Schulze kam angerannt. »Was macht ihr mit dem
-Mädel? Potzwetter, mit 'nem Stadtmädel geht man
-fein um!«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_p219">216</a></span></p>
-
-<p>»Die &ndash; &ndash; die &ndash; &ndash; ist Räuberhauptmann!«
-Jakob krümmte sich vor Lachen. Röse und die Kleinen
-quiekten und kicherten. Heine Peterle aber stand mit
-offenem Munde da; endlich atmete er tief und bat:
-»Schrei noch mal!«</p>
-
-<p>»Lieber nicht,« meinte die Hausfrau. »Jetzt hab'
-ich freilich keine Angst mehr, ihr könntet zu wild für
-unsern Gast sein. Da geht nur und spielt!«</p>
-
-<p>Und sie spielten. Sie tobten die Dorfstraße entlang,
-daß Hans Rumpf grollte: »So schlimm war's
-noch nie.« Sie spazierten durch alle Gärten, sahen in
-alle Ställe hinein, lärmten um den Brunnen herum,
-und ganz alltägliche Dinge erschienen den Oberheudorfer
-Kindern auf einmal schön und groß, weil die drei
-Städter sie mit so jauchzender Freude bewunderten.
-Wie konnte sich das Füchslein über ein Lämmchen, ein
-Zicklein, eine junge Katze oder kleine Hühnchen freuen!
-So sehr, daß ihr Heine Peterle, Waldbauers Mariandel
-und Annchen Amsee am liebsten alles Kleintier gebracht
-hätten. Und wie gern fuhren Jobst und Ulrich mit
-auf das Feld hinaus, wo gerade der erste Schnitt getan
-wurde.</p>
-
-<p>»Die sind besser als ihr,« sagten die Bauern; »die
-möchten wir wohl behalten.« Da blähten sich die beiden
-Stadtbuben ordentlich über das Lob, und am Abend
-schmeckte ihnen das Essen so gut, daß Kaspar auf dem<span class="pagenum"><a id="Seite_p220">217</a></span>
-Berge seine helle Freude daran hatte. Denn Gäste,
-denen es schmeckte, die tüchtig zulangten und die Schüsseln
-leer aßen, die hatte man besonders gern in Oberheudorf.</p>
-
-<p>In diesem wohlhabenden kleinen Dorfe saßen die
-Bauern meist schon seit Urgroßvaters Zeiten auf ihren
-Höfen. Darum gab es in ihren Häusern auch viel
-stattlichen Hausrat. Geschnitzte Truhen und Schränke,
-schöne Kannen, Teller und Schüsseln aus Zinn, auch
-Spinnräder gab es noch, wenn auch nur ein paar ganz
-alte Weiblein aus alter Gewohnheit die Räder surren
-ließen. Füchslein ließ sich besonders gern alle diese
-Dinge zeigen. Die Buben waren mehr für das Draußensein.
-Wenn Füchslein auch immer sagte: »Am allerbesten
-gefällt es mir doch bei Muhme Lenelies,« so
-kroch sie doch im Schulzenhaus, bei Heine Peterles
-Eltern, bei Amsees und auf dem Waldbauernhof in
-alle Winkel. Auch in das Schulhaus kamen die Stadtkinder.
-Der Lehrer war zu Friedes großem Leidwesen
-verreist; aber die Frau Lehrer zeigte den dreien noch
-am letzten Tage die Schule. In der sah Füchslein zuerst
-eine Geige.</p>
-
-<p>»Eine Geige, eine Geige,« rief sie sehnsüchtig, und
-die Lust nach dem geliebten Instrument erwachte in ihr.</p>
-
-<p>»Kannst du denn spielen?« fragte die Frau Lehrer.</p>
-
-<p>»Ach ja!« Füchslein streckte die Hände aus. »Darf
-ich darauf spielen, einmal nur?«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_p221">218</a></span></p>
-
-<p>»Ja, hole sie dir heute nachmittag. Wenn du gut
-damit umgehst, leihe ich sie dir gern.«</p>
-
-<p>»Oh, mit einer Geige muß man gut sein; sie hat
-eine Seele, sagt Herr Wunderlich,« versicherte Marianne
-Sonntag eifrig.</p>
-
-<p>»Nun, so hole sie dir jeden Tag!«</p>
-
-<p>»Ach, morgen müssen wir schon fort,« riefen alle
-drei betrübt.</p>
-
-<p>»Es ist dumm,« brummte Jobst von Hellfeld, der
-ganz vergessen hatte, daß er nur auf allerdringlichstes
-Bitten vom Füchslein mitgekommen war.</p>
-
-<p>Am Nachmittag holte sich Marianne die Geige.
-Am Dorfbrunnen wollte sie spielen; so hatte sie es den
-Buben und Mädels versprochen.</p>
-
-<p>Ein Mädel, das Geige spielt, hatten die Oberheudorfer
-noch nicht gesehen, und selbst die allerfleißigsten
-Hausfrauen ließen ein Weilchen ihre Arbeit ruhen, als
-Marianne Sonntag zu spielen begann. »Wir wollen
-auf der Dorfstraße tanzen,« hatten die Kinder gesagt,
-aber sie vergaßen das Tanzen über dem Spiel. Feine
-und süße Klänge durchzogen das Dorf. Es war wie
-das Singen der Vögel im Frühling, wie das Rauschen
-der Bäume, wenn leise der Abendwind über sie dahinstreicht.
-Immer stiller wurde es ringsum, und immer
-mehr Leute ließen ihre Arbeit ruhen und lauschten.
-Niemand aber hörte andächtiger zu als Muhme Lenelies,<span class="pagenum"><a id="Seite_p222">219</a></span>
-Friede und Waldbauers Mariandel. »Es ist, als ob du
-ein Märchen erzählst, Muhme Lenelies,« sagte Mariandel
-leise, und Friede dachte an Griechenland, von dem Professor
-von Spiegel ihm erzählt hatte. Er hörte das
-blaue Meer rauschen und sah die weißen Tempel am
-Ufer stehen. Die Sehnsucht erwachte in ihm, dorthin
-zu ziehen und alles zu sehen und dann auch so davon
-singen zu können wie Homer, der blinde Sänger.</p>
-
-<p>Daran dachte Heine Peterle nun nicht. Ihm gefiel
-das Spiel und das zierliche geigende Mädel furchtbar
-gut. Er schwitzte ordentlich vor Entzücken; er wünschte,
-seine Feldburger Flöte wäre noch ganz, dann hätte er
-darauf blasen können, und als Marianne Sonntag die
-Geige sinken ließ, schrie er: »Das will ich auch lernen.«</p>
-
-<p>»Nä, er ist und bleibt ein merkwürdiger Bube,
-unser Heine Peterle; aus dem wird noch was Großes,«
-sagte Muhme Rese zu Muhme Lenelies. Aber die
-gab keine Antwort. In ihren guten Augen lag ein
-stiller Glanz, sie schaute Marianne Sonntag an, wie
-ein Blumenfreund eine feine, schöne Blüte freudvoll
-betrachtet. Das Stadtmädel schien den Blick zu fühlen;
-es lief plötzlich auf die alte, arme Frau zu, legte beide
-Arme um deren Hals und flüsterte: »Muhme Lenelies,
-dich hab' ich aber doch am liebsten in Oberheudorf.«</p>
-
-<p>»Fein hast du gespielt, Füchslein,« rief Jobst, der
-stolz auf die Freundin war.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_p223">220</a></span></p>
-
-<p>»Ja, schene war's; blasen klingt freilich noch besser,«
-schnarrte eine Stimme, die wie eine knarrende Türe
-klang. Hans Rumpf hatte auch zugehört und nickte
-nun wohlgefällig. »Und gut ist's doch, daß es keine
-Tänze waren, sonst wär' gleich auf der Dorfstraße getanzt
-worden.«</p>
-
-<p>»Ach ja, tanzen, wir wollen tanzen,« flehten ein
-paar Mädels.</p>
-
-<p>»Nä, nä, das ist nicht,« brummte Hans Rumpf.
-Aber niemand hörte auf ihn. Füchslein begann wirklich
-eine lustige Tanzweise zu spielen. Sie kletterte
-dabei auf den Brunnenrand, und um sie herum hüpften
-und sprangen bald alle Buben und Mädel im Kreise.
-Im Takt, außer dem Takt, im Polkaschritt und Walzertritt,
-allein, zusammen, wie es gerade paßte. Eins
-schleifte, eins wiegte sich, eins schwenkte die Beinchen,
-als wollte es die eigene Nase treffen, eins trampelte
-einem andern auf die Füße, ein Mädel purzelte hin;
-aber alles in allem war es wunderschön.</p>
-
-<p>Der herrliche Abend ging viel zu früh vorbei, und
-all die dicken, rotkarierten Federdecken sperrten ihre
-Mäuler auf, um die Buben und Mädel zu verschlingen.
-Die ließen sich das auch ganz gern gefallen, und mancher
-kleine Tänzer drehte sich im Traum noch weiter, linksum,
-rechtsum, fiedelfiedeldum. Heine Peterle aber sagte noch
-halb im Schlafe: »Ich will auch fiedeln lernen.«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_p224">221</a></span></p>
-
-<p>Nur Traumfriede war an diesem Abend nicht so
-froh wie sonst. In Feldburg hatte er sich heiß nach
-Oberheudorf gesehnt, und heute sehnte er sich auf einmal
-nach Feldburg. Er schämte sich ordentlich, als er
-immer wieder denken mußte: »Könnte ich morgen einmal
-heimgehen ins Spiegelhaus! Wie mag es wohl dem
-Professor gehen?«</p>
-
-<p>»Morgen gehen deine Freunde weg,« sagte auf
-einmal Muhme Lenelies. »Möchtest du nicht mit und
-den Herrn Professor einmal besuchen?«</p>
-
-<p>Friede wurde blutrot. Ja konnte denn die Muhme
-Gedanken lesen, seine Wünsche erraten? Er senkte verwirrt
-die Augen: »Ich bin furchtbar gern bei dir.«</p>
-
-<p>Muhme Lenelies lachte leise. »Das weiß ich, mein
-Friede; aber man kann irgendwo sehr gern sein, und
-es kann doch einen andern Ort geben, wo man auch
-gern ist. Und eigentlich wär's schlimm, wenn du den
-Professor nicht lieb hättest.«</p>
-
-<p>Friede atmete tief auf und fiel der Muhme um
-den Hals: »Dich hab' ich aber doch am liebsten.«</p>
-
-<p>»Und sehnst dich doch hinaus, das ist nun mal so
-in der Welt. Geh du morgen ruhig mit nach Feldburg,
-übermorgen kommst du wieder, und wir feiern Wiedersehen.«&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>Kaspar auf dem Berge hatte gesagt: »Wen ich
-geholt habe, den bringe ich auch wieder heim.« Darum<span class="pagenum"><a id="Seite_p225">222</a></span>
-brauchten die Stadtkinder auch nicht zu laufen; sie
-konnten nach Feldburg zurückfahren. Der Abschied
-wurde ihnen deshalb nicht leichter, und obgleich Jobst
-und Ulli sagten: »Tränen sind doch dumm,« schluchzte
-Füchslein ganz herzbrechend. »Kommt mit, ach, kommt
-alle mit!« bat sie. Sämtliche Buben und Mädel
-standen vor der himmelblauen Ente, als die Gäste
-schieden. Sogar die Wickelkinder waren von den großen
-Schwestern mitgebracht worden.</p>
-
-<p>»Macht's nicht so arg mit dem Abschied!« mahnten
-die Erwachsenen. Aber die Kinder vollführten ein ganz
-unglaubliches Geschrei. Jedes hatte noch etwas zu sagen
-und zu fragen; am liebsten wären sie natürlich alle mitgefahren,
-und daß Friede es durfte, neideten sie ihm
-fast. Nur Heine Peterle fehlte. Seine Mutter war
-da und rief nach ihm; Muhme Rese suchte ihn an den
-merkwürdigsten Orten. Er war und blieb verschwunden.
-»Der wartet am Waldrand,« rieten die Kinder.</p>
-
-<p>»Vielleicht liegt er noch im Bett,« sagte der dicke
-Friede. Doch Muhme Rese versicherte, dort sei er
-bestimmt nicht.</p>
-
-<p>»Es ist häßlich von ihm, daß er nicht kommt,«
-schluchzte Füchslein. Da tröstete seine Mutter: »Paß auf,
-er kommt schon, ihm ist's arg leid, daß du wieder gehst!«</p>
-
-<p>»Uns auch, uns auch,« schrieen die andern Kinder.
-»Wir besuchen euch alle.«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_p226">223</a></span></p>
-
-<p>»Ja,« riefen die Stadtkinder, »bald!«</p>
-
-<p>»Wenn Zirkus ist; im September ist Zirkus,« rief
-Marianne.</p>
-
-<p>»Was ist denn das, ist das was zu essen?« fragte
-der dicke Friede nachdenklich.</p>
-
-<p>Füchslein lachte hell auf und vergaß darüber das
-Weinen. Sie lachte immer noch, als der Wagen schon
-zum Dorf hinausrollte. »Dort steht Muhme Lenelies
-vor ihrem Hause,« rief Friede und winkte. Die drei
-andern taten es ihm nach. Sie winkten, nickten, die
-Kinder liefen hinter dem Wagen her, und immer wieder
-klang's: »Auf Wiedersehen, auf Wiedersehen!«</p>
-
-<p>Bis zum Waldrand liefen die Oberheudorfer mit.
-Ein bißchen Neugier war auch dabei, zu sehen, ob Heine
-Peterle nicht dort wäre. Er war aber nicht dort, und
-als die Mitgelaufenen umkehrten und der Wagen in
-den Wald hineinrollte, sagte Füchslein betrübt: »Heine
-Peterle liegt vielleicht doch noch im Bette.«</p>
-
-<p>»Nä, da liegt er nich,« erklang's laut, und aus
-Decken, unter Strohbündeln hervor kroch sehr vergnügt
-&ndash; Heine Peterle. »Ich fahr mit,« rief er stolz.</p>
-
-<p>»Wer fährt mit?« Kaspar auf dem Berge drehte
-sich flink auf dem Bock herum. »Potzwetter, Bube,
-was fällt dir ein?«</p>
-
-<p>»Ich will mit, Oheim,« rief Heine Peterle. Kaspar
-auf dem Berge war nämlich seiner Mutter Bruder,<span class="pagenum"><a id="Seite_p227">224</a></span>
-und er hatte gedacht: »Der Oheim nimmt mich schon
-mit, wenn wir nur erst zum Dorf hinaus sind.«</p>
-
-<p>Er hatte sich aber verrechnet. »So was, das gibt's
-nicht,« sagte der Wirt. »Ausreißen gilt nicht. Gelt,
-daß dir's wie denen in Schwipperlingen geht! Nä, steig
-man runter.«</p>
-
-<p>Da half kein Bitten. Heine Peterle mußte aussteigen.
-Sein schöner Plan war zu Wasser geworden.
-»Wir laden dich bald ein,« trösteten die Stadtkinder.</p>
-
-<p>»Ich will auch in die Stadt,« heulte der Bube,
-»ich lern 's Fiedeln.«</p>
-
-<p>»Lern du nur erst ordentlich das Lesen und Schreiben,«
-riet der Oheim.</p>
-
-<p>»Nä,« murrte Heine Peterle, »fiedeln ist besser,
-da macht man keine Kleckse.« Und schwupp, drehte er
-sich um und lief dem Dorfe zu. Erst als er dort war,
-fiel's ihm ein, daß er nicht einmal Abschied genommen
-hatte.</p>
-
-<p>Den vier Reisenden wurde unterdessen die Zeit
-nicht lang, sie kamen schneller nach Feldburg, als sie
-gedacht hatten. Erst fuhr der Wirt die beiden Sonntagskinder
-heim, dann Jobst von Hellfeld, der drei Häuser
-von denen entfernt wohnte, und zuletzt rollte das Wägelein
-über den Johannesplan und hielt vor dem Spiegelhaus.
-Friede sprang heraus, nahm kurzen Abschied und lief
-dann ins Haus. Niemand hatte ihn gehört, niemand<span class="pagenum"><a id="Seite_p228">225</a></span>
-ihn gesehen. Die Tür stand offen, und so kam er unbemerkt
-an des Professors Studierzimmer. Er klopfte
-an und trat ein. Da saß der Professor über ein dickes
-Buch gebeugt an seinem Schreibtisch. Als er den blonden
-Buben gewahrte, glitt ein froher Schein über sein Gesicht.
-»Grüß Gott, Oberheudorfer Friede!« rief er.
-»Das ist recht, daß du einmal kommst; ich habe mich
-schon sehr nach dir gebangt.«</p>
-
-<p>Da war es dem Friede auf einmal, als flüstere
-in seinem Herzen eine Stimme: »In Oberheudorf hast
-du eine Mutter, in Feldburg einen Vater. Ei, hast du
-es gut auf der Welt, Friede Heller!«</p>
-
-<hr class="chap" />
-
-<div class="chapter">
-<h2 id="Im_Zirkus">
-<img src="images/illu-chapter.png" alt="" /><br />
-Im Zirkus.</h2>
-</div>
-
-<p class="drop">Im September kam wirklich, wie es das Füchslein
-gesagt hat, nach Feldburg ein Zirkus. Es ist aber
-noch nicht gesagt, daß alle in einen Zirkus gehen können,
-wenn schon einer da ist. Die Oberheudorfer Bauern
-meinten, es sei genug, wenn ihre Kinder in diesen
-Herbstferien zum Vogelschießen nach Niederheudorf
-gingen. Vom Zirkus wollten sie nicht viel wissen. Ja
-freilich, das Vogelschießen lockte nicht minder. Da<span class="pagenum"><a id="Seite_p229">226</a></span>
-wollten sie alle hin, und wenn in dieser Zeit jemand
-gesagt hätte, rechts ist Zirkus, links ist Vogelschießen,
-kein Kind in Oberheudorf hätte gleich eine Antwort
-geben können. Einmal bettelte Schulzens Jakob beim
-Sonntagmittagessen: »Ich möcht' in den Zirkus.«</p>
-
-<p>»Ach was, Vogelschießen ist genug,« brummte der
-Schulze.</p>
-
-<p>»Aber &ndash; &ndash; aber, Zirkus soll so fein sein! Friede
-Hopserling sagt, man muß hin, weil&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<p>»Na, wenn's Friede Hopserling so gut weiß, dann
-soll er dich man einladen und die andern dazu; mir
-ist's recht.«</p>
-
-<p>Der Schulze schob seinen Teller ein Stück fort.
-Das war ein Zeichen: »Nun sputet euch, ihr andern,
-wir haben lange genug gegessen.«</p>
-
-<p>Jakob wagte kein Wort mehr; aber nachher auf
-dem Dorfplatz erzählte er, was der Vater gesagt hatte.
-»Friede Hopserling läd uns nicht ein,« schrie Anton
-Friedlich, »aber vielleicht sonst wer.«</p>
-
-<p>Ja, sonst wer! Niemand fand sich, der es tat.
-Die Tage kamen und gingen. Das Vogelschießen kam
-und ging auch vorbei und war vergnüglich wie immer,
-und schon guckten die Herbstferien in das Schulhaus
-hinein, und von einer Einladung war nichts zu sehen
-und zu hören. Da kam eines Tages ein Brief an den
-Lehrer, und der ging mit dem Schreiben zum Schulzen.<span class="pagenum"><a id="Seite_p230">227</a></span>
-Der lachte und sagte: »Meinetwegen.« Und ebenso
-sagten noch ein paar andere Bauern, und die Bäuerinnen
-setzten noch hinzu: »Man gönnt's ihnen schon, das
-Vergnügen.«</p>
-
-<p>Auch Muhme Lenelies bekam einen Brief, und
-auch sie schaute froh drein; ja sie guckte geschwind mal
-nach dem Wetter und sagte: »Wenn's doch schön
-würde!«</p>
-
-<p>Am nächsten Tag also gab es in der Schule eine
-große Überraschung. Keine solche, bei der die Feuerspritze
-die Schulstube unter Wasser setzt oder jemand
-in die große Trommel fällt oder in sonst etwas hinein,
-nein, eine wundervolle Überraschung war es. Professor
-von Spiegel lud Traumfriedes Freunde und Freundinnen
-zum Zirkus ein. Und das beste dabei war, die
-Eltern erlaubten es. Glücklicherweise begannen just die
-Herbstferien, und Sonnabend früh durften sie alle nach
-Feldburg fahren. Am Nachmittag war im Zirkus eine
-große Festvorstellung; zu der sollten sie gehen. Der Herr
-Lehrer hatte die Sache am Schulschluß gesagt, und das
-war gut. Wohl keines der Kinder hätte sonst mehr aufgepaßt.</p>
-
-<p>»Eingeladen zum Zirkus!« Sie stürzten alle eilfertig
-auf die Straße. Dort konnte man sich doch
-ordentlich freuen, und das taten sie auch sehr laut und
-sehr nachdrücklich. In der Stadt hätten die Menschen<span class="pagenum"><a id="Seite_p231">228</a></span>
-wohl gleich die Feuerwehr herbeigerufen oder gedacht,
-ein Kirchturm oder mindestens drei Häuser wären eingestürzt,
-der Krieg sei ausgebrochen oder so etwas
-Ähnliches; doch in Oberheudorf war man nicht so
-zimperlich.</p>
-
-<p>Vier Schultage waren es noch, und jeder Schultag
-dehnte und dehnte sich wie ein Stück Gummi. Unglaublich,
-wie es ein Schultag fertig bringt, so lang zu
-sein. Aber dann kam doch der Morgen, an dem es
-hieß: »Heute geht's nach Feldburg zum Zirkus!« Und
-daß es kein Traum war, bewiesen die beiden Wagen,
-die mit Tannengrün geschmückt auf dem Dorfplatz die
-Stadtfahrer aufnahmen.</p>
-
-<p>Es war eine wunderschöne Fahrt durch den herbstlichen
-Wald. Die Buchen, die da und dort in den
-Tannenwald hineingelaufen waren, und die Eichen, die
-am Rande standen, trugen schon ihr goldrotes Herbstkleid.
-Sie spreizten ihre Laubkronen stolz in der Sonne
-und schienen zu rufen: »Seht uns an, wir haben ein
-goldenes Gewand.« Ach, die armen Bäume konnten
-viel rufen, die Oberheudorfer Buben und Mädel achteten
-gar nicht darauf; sie sahen nichts von der Pracht
-des sonnenreichen Herbsttages, sie schwatzten nur vom
-Zirkus. Höchstens sagte mal eins: »Die Eicheln fallen
-schon runter,« oder sie lugten auf der Landstraße nach
-den Pflaumenbäumen und griffen in die vollen Äste<span class="pagenum"><a id="Seite_p232">229</a></span>
-hinein, denn Friede Hopserling zumal, der den einen
-Wagen führte, fuhr auch immer so seltsam dicht unter
-den Bäumen dahin.</p>
-
-<p>Im Spiegelhaus warteten die Sonntagskinder und
-Jobst und Friede auf die Gäste. Fräulein Wunderlich
-war herübergekommen und hatte mit Frau Emma und
-Marie ungeheure Töpfe voll Schokolade gekocht. Weißbrot
-und Kuchen standen bereit, und hinten im Garten
-waren ein paar lange Tafeln gedeckt. Professor von
-Spiegel ging lächelnd und heiter auf und ab, schaute
-sich alles an und freute sich mit seinem Pflegesohn auf
-die Gäste. Füchslein war in namenloser Aufregung.
-Sie rannte immer zwischen Tor und Festplatz hin und
-her. »Ich kann's kaum erwarten,« rief sie immer wieder.
-»Friede, freu dich doch, schrei mal, du bist so still!«</p>
-
-<p>Traumfriede gehörte nun nicht zu denen, deren
-Freude überlaut ist. Wenn er sich so recht innerlich
-im Herzen freute, war er meist sehr still. Aber Jobst
-besorgte etliche Male das Freudeschreien, und drüben
-in Wunderlichs Garten krähte der kleine Teufel wie
-besessen. »Er ahnt, daß die Oberheudorfer kommen,«
-sagte Marie. »Es ist ein sehr kluges Tier.«</p>
-
-<p>Endlich kamen sie. Die beiden Wagen rumpelten
-laut und vernehmlich über den Johannesplan, und ein
-paar Minuten lang war der stille Platz von dem fröhlichsten
-Leben erfüllt. »Muhme Lenelies,« rief Friede<span class="pagenum"><a id="Seite_p233">230</a></span>
-plötzlich aufgeregt und stürzte auf die alte Frau zu,
-die zwischen allen Buben und Mädeln aus Friede
-Hopserlings Wagen kletterte.</p>
-
-<p>»Nun siehst du, mein Friede,« sagte die alte Frau
-vergnügt, »da bin ich auch einmal. Wenn man eingeladen
-wird und es so arg bequem hat, nach der Stadt
-zu kommen, ist es eine leichte Sache.«</p>
-
-<p>Muhme Lenelies konnte es schon sagen, daß es arg
-bequem sei, auf einem Mehlwagen zu fahren, denn sie
-war viele, viele Jahre als Botenfrau den weiten Weg
-zwischen Oberheudorf und Feldburg hin und her gegangen.
-Heute kam sie als lieber Gast. Professor von Spiegel
-und Fräulein Wunderlich gingen ihr beide so freudevoll
-entgegen, als wäre die einfache alte Frau ihnen schon
-eine gute, langvertraute Freundin.</p>
-
-<p>Das Schokoladenfest im Spiegelhaus war sehr
-schön, aber das allerschönste war dann doch der Zirkus.
-Der war so groß, daß sicher das ganze Niederheudorfer
-Vogelschießen mitsamt dem Karussell, dem Kasperletheater,
-der Pfefferkuchenfrau und allem, was sonst da
-war, hineingegangen wäre. Die Buben und Mädel
-sagten gleich alle am Eingang: »Ah,« und sie waren
-ein bißchen ärgerlich, daß sie nicht »ah« genug sagen
-konnten, denn ein Mann rief immer: »Weiter, weiter,
-Stehenbleiben ist verboten.«</p>
-
-<p>»Das ist in Niederheudorf nie verboten,« knurrte<span class="pagenum"><a id="Seite_p234">231</a></span>
-Schnipfelbauers Fritz; aber als er von einem nachfolgenden
-Mann einen Puff in den Rücken erhielt,
-ging er doch eilig weiter.</p>
-
-<p>Der dicke Friede hatte einen heißen, sehnsüchtigen
-Wunsch; es war der, nur einmal im Leben ein richtiges
-Kasperle zu sehen. Ein Kasperle war für ihn das Allerlustigste,
-Allerschönste, was er sich denken konnte. Als
-nun gleich zu Anfang ein Clown in die Reitbahn sprang,
-entzückte ihn dieses große, lebendige Kasperle so, daß er
-in ein nicht endenwollendes Gelächter ausbrach, in das
-seine Gefährten jauchzend einstimmten. Und weil es die
-Oberheudorfer vom Niederheudorfer Vogelschießen so
-gewöhnt waren, mit dem Kasperle zu reden, so schrieen
-sie allesamt: »Guten Tag, Kasperle, wir sind da!«</p>
-
-<p>»Freut mich sehr.« Der Clown war etwas verblüfft;
-der Zuruf paßte nicht in sein Spiel. Er fragte
-aber doch: »Woher seid ihr denn?«</p>
-
-<p>»Aus Oberheudorf!« tönte es zurück, und von
-gegenüber kamen ein paar Bubenstimmen: »Herrjeh!
-die Oberheudorfer sind auch da!«</p>
-
-<p>Der Clown grinste und schoß zehn Purzelbäume
-hintereinander, so fix, daß Anton Friedlich bewundernd
-rief: »Der kann's fein.« Aber da ritt plötzlich eine
-wunderschöne Dame in die Reitbahn, die in ihrem rosa
-Kleid mit goldenen Flügeln wie ein leibhaftiger Engel
-aussah. Sie verneigte sich auf ihrem Pferd, sprang<span class="pagenum"><a id="Seite_p235">232</a></span>
-in die Höhe, streckte erst das rechte, dann das linke
-Bein in die Luft und ergriff schließlich ein von der
-Decke herabhängendes Seil. Flugs lief in diesem Augenblick
-das Pferd unter ihr weg, und Heine Peterle,
-den eine namenlose Angst um die schöne Dame ergriff,
-warnte: »Du, dein Pferd reißt aus.«</p>
-
-<p>»Seid doch still da oben,« rief der Clown.</p>
-
-<p>»Ja,« brüllten die Buben und Mädel nach Niederheudorfer
-Gewohnheit, und das Pferd erschrak über das
-Gebrüll und stieg erschrocken kerzengerade in die Höhe.</p>
-
-<p>Der Stallmeister rief »Stille!« und der Clown
-drohte mit der Faust. Nun sieht aber ein Clown, wenn
-er ernst sein will, erst recht komisch aus, und die Buben
-und Mädel fanden es denn auch so spaßhaft, daß sie
-vor Vergnügen kreischten und auf ihren Sitzen hin und
-her wackelten. Das steckte an, der Zirkus dröhnte vor
-Lachen. Da aber keine lustige Nummer auf dem Programm
-stand, sondern Miß Florence Wilson ihre Künste
-als Seiltänzerin zeigen sollte, ging der Clown rasch
-hinaus.</p>
-
-<p>»Adjeh, Kasperle! Legste dich ins Bett?« schrieen
-sämtliche Oberheudorfer, und von neuem rauschte das
-Lachen durch den Zirkus.</p>
-
-<p>»Nä, Kinder, ihr müßt doch stille sein,« mahnte
-Muhme Lenelies, während Professor von Spiegel lachte,
-daß ihm nur immer die dicken Lachtränen über die Wangen<span class="pagenum"><a id="Seite_p236">233</a></span>
-rannen. Die Kinder dachten: »Wenn man in der Stadt
-ist, hört man darauf, was Stadtleute sagen.« Da der
-Professor jedoch schwieg und selbst lachte, achteten sie
-nicht auf der Muhme sanfte Mahnung, sondern brüllten:
-»Kasperle, komm raus, Kasperle, komm raus!«</p>
-
-<p>Da! Atemlos stieß Heine Peterle Annchen Amsee
-an. Die schöne Dame war an dem Seil hochgeklettert
-und schwebte nun wie ein großer Schmetterling in der
-Luft auf und ab. »Die kann fliegen,« kreischte Schulzens
-Jakob, während Heine Peterles Augen vor Erstaunen
-immer runder und kugliger wurden.</p>
-
-<p>Jetzt trat Miß Florence auf ein hoch über dem
-Boden ausgespanntes Seil, und aus der Luft schwebte
-eine Geige herab. Die ergriff sie und begann auf dem
-dünnen Seil stehend zu spielen. Sehr schön klang das
-nun zwar nicht, und Füchslein dachte: »Dies sollte Herr
-Wunderlich hören, der möchte gut schelten!« Aber die
-Oberheudorfer gingen beinahe auseinander vor Staunen.
-Sie waren noch ganz verdattert, als ein Reiter mit vier
-Pferden in die Bahn sprengte und diese die merkwürdigsten
-Dinge vollführten. Sie sprangen, stellten
-sich auf die Hinterbeine, tanzten. Und Bäckermeisters
-Mariele flüsterte: »Am Ende sind's gar keine richtigen
-Pferde.«</p>
-
-<p>»Guten Tag, Kasperle, biste wieder da?« brüllten
-etliche Buben, und Mariele vergaß ihren Zweifel über<span class="pagenum"><a id="Seite_p237">234</a></span>
-dem Kasperle, das mit einem Purzelbaum in die Reitbahn
-schoß. Hinter ihm drein kam noch eins, aber auf
-einmal &ndash; nein, das war doch nicht schön &ndash; fing der
-schwarze Herr mit den Kasperles an zu zanken; er sagte,
-sie hätten ihm etwas weggenommen.</p>
-
-<p>»Laß se doch, die tun doch nischt,« schrieen Jakob und
-Schnipfelbauers Fritz empört.</p>
-
-<p>Aber der schwarze Herr kümmerte sich gar nicht
-darum, er schalt immer weiter, immer heftiger auf die
-Kasperle. Das wurde dem dicken Friede zu toll, er
-nahm einen Apfel, den er in der Tasche hatte, und
-warf ihn höchst geschickt dem schwarzen Herrn an den
-Rücken. Dabei kreischte er zornig: »Die haben nischt
-genommen, ich hab's doch gesehn!«</p>
-
-<p>»Nicht wahr?« Der erste Clown trat an die Rampe
-und sah zu den Oberheudorfern hinauf. »Du bist aber
-gut, daß du mir hilfst!«</p>
-
-<p>Der dicke Friede wurde klatschmohnrot vor Freude
-über das Lob, er reckte sich ordentlich und schrie: »Verhau
-den schwarzen Herrn, der ist eklig!«</p>
-
-<p>Schwupp lief das Kasperle zu dem schwarzen Herrn
-hin; es legte den Kopf auf die Seite und sagte mit
-dünner Stimme: »Erlaubst du es mir, daß ich dich
-verhaue?«</p>
-
-<p>»Der ist aber dumm, der fragt erst,« riefen ein
-paar Buben, und sie fanden es höchst begreiflich, als<span class="pagenum"><a id="Seite_p238">235</a></span>
-der schwarze Herr sagte: »Nein, ich erlaube es nicht,
-mach daß du fortkommst.«</p>
-
-<p>In diesem Augenblick drehte sich eins der Pferde
-um und fuhr mit seinem Maul in des Clowns Hosentasche.
-Der schrie laut auf und flüchtete, hopps, sprang
-er über die Bänke, sauste über die Köpfe hinweg und
-platsch &ndash; saß er mitten zwischen den Oberheudorfer
-Buben und Mädeln. Die kreischten wie besessen. Ein
-paar Mädel flüchteten unter die Bänke, der dicke Friede
-schnappte wie ein Fisch nach Luft, und der ganze Zirkus
-bebte von dem Gelächter der Zuschauer.</p>
-
-<p>Aber &ndash; trapp, trapp, trapp &ndash; kam das Pferd
-die Treppe herauf. Wutsch, kroch der Clown hinter
-Krämers Trude und Schulzens Röse her unter die
-Bank und jammerte: »Der war's, der war's!« Dabei
-zeigte er auf den völlig sprachlosen Friede.</p>
-
-<p>Und da &ndash; &ndash; laut gellte das Angstrufen der Kinder
-durch den Zirkus &ndash;, das Pferd packte den dicken Friede
-am Hosenboden und trug ihn davon.</p>
-
-<p>»Es frißt ihn, es frißt ihn, es macht ihn tot!
-Halt, halt! huhuhuhu!«</p>
-
-<p>»Aber Kinder, 's ist nur Spaß!« Der Professor
-konnte kaum noch vor Lachen. Traumfriede tröstete:
-»Aber seid doch still, seid doch still!« Fräulein Wunderlich
-nahm gleich zwei heulende Mädel auf den Schoß.
-Muhme Lenelies wußte nicht, um wie viele sie schützend<span class="pagenum"><a id="Seite_p239">236</a></span>
-die Arme breiten sollte. Die Nachbarn beruhigten:
-»Kinder, Kinder, es ist ja nur ein Scherz!« Doch das
-half alles nichts. Die Kinder brüllten, als ob sie alle
-miteinander gebraten werden sollten. Selbst Füchslein,
-das doch die Sache kannte, brüllte mit. Nur Heine
-Peterle brüllte nicht, der zeigte, was ein echter Held
-in der Welt ist. Trapp, trapp &ndash; polterte er auch die
-Stufen hinab, dem Pferde nach, und urplötzlich fühlte
-sich das so fest am Schwanz gepackt, daß es den dicken
-Friede erschrocken fallen ließ und der in den Sand der
-Reitbahn kollerte.</p>
-
-<div class="figcenter">
-<img src="images/illu-236.png" alt="" />
-</div>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_p240">237</a></span></p>
-
-<p>Der schwarze Herr und ein paar Diener sprangen
-herbei, hoben Friede auf und führten das Pferd zur
-Seite. Rings von den Bänken und aus den Logen
-heraus aber ertönte ein nicht endenwollender Jubel:
-»Bravo, bravo, bravo!«</p>
-
-<p>Das schien dem Pferd besonders gut zu gefallen,
-denn &ndash; eins, zwei, drei &ndash; ergriff es Held Heine Peterle
-am Hosenboden und trug ihn nun im sausenden Galopp
-in der Reitbahn herum, bis <span id="corr237">ihm</span> der Stallmeister ein
-»Halt« zurief.</p>
-
-<p>»Jetzt frißt er Heine Peterle!« Anton Friedlich
-und Schnipfelbauers Fritz wollten auch hinunter, wollten
-auch Helden sein. Doch der Professor hielt sie erschrocken
-fest; ihm war es ordentlich unheimlich zumute
-geworden bei dem Geschrei.</p>
-
-<p>Unten sprach der Stallmeister mit dem Pferd, und
-während der Diener die beiden Buben vom Staub
-reinigte, lief das Pferd hinaus und kam wieder und &ndash; &ndash;
-brachte eine riesengroße Zuckertüte. Die legte es vor
-Heine Peterle nieder, dann kehrte es wieder um, lief
-noch mal zurück, kam noch mal wieder und brachte eine
-zweite Zuckertüte für den dicken Friede.</p>
-
-<p>Da vergaßen oben sämtliche Oberheudorfer Buben
-und Mädel ihre Angst, und jubelnd fielen sie in das
-Bravorufen des Publikums ein.</p>
-
-<p>Der Stallmeister sagte unten etwas zu den Buben,<span class="pagenum"><a id="Seite_p241">238</a></span>
-und stolz kehrten diese nun wieder auf ihre Plätze zurück.
-Das Pferd aber kam &ndash; trapp, trapp &ndash; hinter
-ihnen her.</p>
-
-<p>»Vielleicht holt's uns, und wir kriegen auch 'ne
-Tüte,« sagte Anton Friedlich hoffnungsfroh, aber der
-Clown jammerte: »Es holt mich, es holt mich!«</p>
-
-<p>»Kriech nur wieder unter die Bank,« rieten die
-Kinder hilfsbereit, obgleich den Mädeln das Kasperle
-so in der Nähe recht unheimlich war. Aber da war
-schon das Pferd und &ndash; schnapp &ndash; hatte es den Clown
-am Hosenboden gepackt und trug ihn nun die Treppe
-hinab. Unten rollten die Diener eine große Tonne
-herbei, und o Entsetzen! das Pferd steckte Kasperle in
-die Tonne. Eine Zuckertüte gab's nicht.</p>
-
-<p>»Das ist, weil er gelogen hat,« rief Heine Peterle
-und preßte stolz seine Zuckertüte ans Herz. Trotzdem
-sah er mitleidig nach dem Kasperle aus. Würde das
-in der Tonne stecken bleiben? Die Diener rollten die
-zur Bahn hinaus, sie rollten und rollten sehr heftig,
-und auf einmal war der Clown draußen, und niemand
-hatte es gesehen. Die Oberheudorfer brachen in stürmischen
-Jubel aus: »Kasperle, das war fein!«</p>
-
-<p>»Lebt wohl!« rief der Clown, stand plötzlich auf
-den Händen und lief so davon.</p>
-
-<p>»Komm bald wieder!« brüllten ihm alle nach. Da
-drehte er sich wie ein Rad und stand wieder auf den<span class="pagenum"><a id="Seite_p242">239</a></span>
-Beinen und quiekte mit ganz hoher, dünner Fistelstimme:
-»Ach nein, jetzt muß ich mich bei meiner Mutter in
-einen Pflaumenmußtopf schlafen legen, lebt alle wohl!«</p>
-
-<p>»Heute macht der Clown auch zu dumme Witze,«
-brummte ein alter, griesgrämiger Herr hinter den Kindern,
-der sich schon die ganze Zeit über den Lärm geärgert
-hatte.</p>
-
-<p>Da drehten sich urplötzlich alle Buben und Mädel
-um und starrten den Griesgram namenlos verwundert
-an. Der wurde ordentlich verlegen und murrte: »Das
-sind ja unglaublich ungezogene Rangen.«</p>
-
-<p>»Ungezogen, diese Kinder? Na hören Sie, mein
-Herr, die tun doch nichts,« rief Fräulein Wunderlich
-entrüstet. Ihr, die sonst so leicht gescholten hatte, gefielen
-alle diese Buben und Mädel gut, denn in ihrem
-Herzen war ein Türlein aufgesprungen, durch das viel
-Freude und Liebe aus und ein gehen konnte. Waldbauers
-Mariandel, die neben ihr saß, streichelte sie zutraulich
-und flüsterte: »Du bist aber nett, Fräulein Wunderlich.«</p>
-
-<p>Annchen Amsee huschelte sich von der andern Seite
-an sie an, und Traumfriede drehte sich um und nickte
-ihr strahlend, dankbar zu.</p>
-
-<p>Der verdrießliche Herr aber brummelte weiter.
-Dies war ihm nicht recht und das. Einige Buben
-sagten schon untereinander: »Er ist wie Hans Rumpf,
-wenn er seinen Linksaufstehtag hat.«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_p243">240</a></span></p>
-
-<p>»Das Schwatzen stört,« knurrte der Herr wieder,
-schon zornesrot im Gesicht.</p>
-
-<p>Unten standen gerade acht Pferde steif in einer
-Reihe, und alles wartete neugierig, daß sie springen
-würden, da tönte in die tiefe Stille, die just über dem
-Zirkus lagerte, Annchen Amsees helles Stimmchen hinein:
-»Gib dem Herrn was aus deiner Tüte, Heine
-Peterle, der ärgert sich nur, weil er keine hat.«</p>
-
-<p>Hunderte von Augen richteten sich auf den Platz,
-wo die Kinder saßen, und alle diese vielen, vielen Augen
-sahen, wie Heine Peterle über die Köpfe seiner Gefährten
-hinweg seine Tüte dem brummigen Herrn darbot.</p>
-
-<p>»Es sind furchtbare Kinder,« dachte der. All die
-lachenden Blicke waren ihm äußerst fatal, und in seiner
-Verlegenheit griff er wirklich in die Tüte, und weil er
-sich schämte, lächelte er dazu ganz freundlich, und Heine
-Peterle lächelte wieder und sagte in hörbarem Flüsterton
-zu Schulzens Jakob: »Jetzt sieht er nicht mehr so
-böse aus!«</p>
-
-<p>»In der nächsten Pause geh' ich,« dachte der brummige
-Herr wütend. »Für diese Nachbarschaft danke ich.«
-Aber dann kam die Pause, und kaum hatte sie begonnen,
-da wandte sich Heine Peterle wieder um, streckte ihm
-nochmals seine Tüte hin und fragte treuherzig: »Gelt,
-das ist fein?« Und auf einmal lächelten ihm alle Buben
-und Mädel freundlich und ermunternd zu. Da vergaß<span class="pagenum"><a id="Seite_p244">241</a></span>
-er das Weggehen und blieb; er vergaß aber auch das
-Brummen, denn der Jubel der Oberheudorfer erklang
-immer von neuem so laut, so selig froh, daß sich darüber
-die griesgrämigsten Mienen aufhellten.</p>
-
-<p>Was gab es aber auch nur für wunderbare Dinge
-in diesem Zirkus!</p>
-
-<p>Vier feuerrote Clowns brachten vier rosenrote
-Schweinchen an, und die machten allerlei Kunststücke.
-Sie sprangen und marschierten auf Befehl, wie es noch
-nie in Oberheudorf ein Schwein getan hatte.</p>
-
-<p>»Warum machen sie's nur bei uns nicht?« tuschelten
-die Kinder einander zu. Ein paar Augenblicke später
-hatten sie diese Frage schon wieder vergessen, denn lauter
-schöne Fräuleins schwebten in die Bahn. Auf einem
-Wagen wurde eine Prinzessin hereingefahren, und nun
-gab es einen wundervollen Tanz. Als er zu Ende
-war, war auch die Vorstellung zu Ende, und der Professor
-mahnte zur Heimkehr.</p>
-
-<p>»Schon aus?« »Ach, ich wollte, ich könnte bis
-morgen bleiben,« erklang es. Draußen auf der Straße
-aber rief der dicke Friede laut: »Ich werd'n Kasperle.«</p>
-
-<p>»Ich so einer, der mit den Pferden springt,« schrie
-Anton Friedlich, und das wollten noch etliche andere
-ebenfalls. Die Mädel wollten so wunderschöne Tänzerinnen
-werden. Annchen Amsee quiekte: »Ich so eine
-mit Flügeln,« und Schulzens Jakob, ein dicker, purzeliger<span class="pagenum"><a id="Seite_p245">242</a></span>
-Bube sagte bestimmt: »Ich werd' auch so'ne Dame!«
-Nur Heine Peterle blieb dabei: »Ich lern 's Fiedeln.«
-Alle waren sich aber darüber einig, einstmals zum Zirkus
-zu gehen, und Friede <span id="corr242">Hopserling</span> riet ihnen: »Bleibt
-doch gleich da!«</p>
-
-<p>Das wollten sie nun doch nicht, nur der dicke
-Friede schwankte ein wenig, dann kletterte er aber doch
-noch fix mit auf den Wagen. Vorläufig erschien ihm
-das Elternhaus noch verlockender. Freilich, der Abschied
-von Feldburg wurde ihnen allen an diesem
-Abend bitter schwer, und sie alle stimmten laut und
-sehnsüchtig in des Füchsleins Ruf ein: »Ach, lägen
-doch Feldburg und Oberheudorf nur etwas näher zusammen!«</p>
-
-<p>Beim Abschied hielt Muhme Lenelies Herrn von
-Spiegels Hand fest in ihrer arbeitsharten. Sie wollte
-ihm danken für alles, was er an ihrem Friede getan
-hatte und noch tun wollte, aber sie vermochte nur ein
-paar Worte zu reden. Doch der alte Herr klopfte und
-streichelte die Muhme herzlich und sagte: »So Gott
-will, sehen wir uns noch oft, ehe unser Friede ein
-Mann geworden ist.«</p>
-
-<p>»Und Gott geb's, daß er ein rechter Mann wird,«
-flüsterte die alte Frau. »So einer wie sein Pflegevater,«
-fügte sie ganz leise hinzu.</p>
-
-<p>Der Professor aber hatte es doch gehört. Er sah<span class="pagenum"><a id="Seite_p246">243</a></span>
-der alten Frau in die guten Augen und sagte fest:
-»So einer, der seiner Pflegemutter Ehre macht.«</p>
-
-<p>Von den andern hatte niemand auf das Zwiegespräch
-geachtet. Die schwatzten, lachten und lärmten,
-bis Friede Hopserling »hüh hott« rief und die beiden
-Wagen davonrollten. Bis Wiesental etwa ging's noch
-laut in den Wagen zu, dann wurde es still und stiller.
-Ein Kind nach dem anderen schlief ein; zuletzt wachten
-außer den Kutschern nur noch Muhme Lenelies und
-Friede. Die sahen beide, wie der Mond groß und rot
-über den Bergen emporstieg. Dann sahen sie, wie sein
-Licht in den Wald eindrang, sie hörten das Rauschen
-der Bäume und hin und wieder den verschlafenen Schrei
-eines Vogels. Manchmal kletterte auch Friede Hopserling
-vom Wagen herunter und schaute nach, ob noch
-alle da waren, ob nicht eins im Begriff war hinauszufallen.
-»Die bringen alles fertig,« dachte er und
-stopfte kräftig ein vorwitziges Bubenbein in den Wagen
-zurück. Reden tat er nicht dabei, und auch der Schulzenknecht,
-der den andern Wagen führte, störte die Muhme
-und ihren Pflegesohn nicht im traulichen Zwiegespräch.</p>
-
-<p>»Möchtest du auch zum Zirkus gehen?« fragte
-Muhme Lenelies den Buben lächelnd.</p>
-
-<p>»Nein!« Der schüttelte den blonden Kopf und
-schmiegte sich fest an die treue alte Freundin an.
-»Muhme Lenelies, weißt du, weit in die Welt hinein<span class="pagenum"><a id="Seite_p247">244</a></span>
-reisen möchte ich einmal wie der Herr Professor. Griechenland
-möchte ich sehen und viele, viele fremde Länder und
-viel, viel lernen und &ndash; &ndash;.« Traumfriede wollte noch
-viel; große Taten wollte er vollbringen, Schönes, Gutes
-tun, alles wollte er. Nur die alte Muhme und der
-Heimatwald hörten, was er alles wollte, sann und dachte.
-Knabenträume waren es, aber Muhme Lenelies dachte
-bei diesen Träumen doch: »Vielleicht wird mein Friede
-noch einmal einer, dessen Name einst die Welt mit Stolz
-und Freude nennt. Warum soll in einem kleinen Dorf
-wie Oberheudorf nicht auch ein großer Mann geboren
-werden, ja warum nicht?«</p>
-
-<div class="figcenter">
-<img src="images/illu-244.png" alt="" />
-</div>
-
-<hr class="chap" />
-<p>&nbsp;</p>
-
-<div class="chapter"></div>
-
-<div class="transnote" id="tnextra">
-
-<p class="h2">Weitere Anmerkungen zur Transkription</p>
-
-<p>Offensichtlich fehlerhafte Zeichensetzung wurde stillschweigend korrigiert.</p>
-
-<p>Korrekturen:</p>
-
-<div class="corr">
-<p>
-S. 44: Nachbargarten im Scan unlesbar.<br />
-starrte in den <a href="#corr044">Nachbargarten</a> hinunter und dachte</p>
-<p>
-S. 90: emfing → empfing<br />
-denn der Professor <a href="#corr090">empfing</a> die Kinder so freundlich</p>
-<p>
-S. 164: leuchete → leuchtete<br />
-In Friedes Augen <a href="#corr164">leuchtete</a> es auf</p>
-<p>
-S. 166: im → ihm<br />
-die große Wurst sauste <a href="#corr166">ihm</a> plötzlich an den Magen</p>
-<p>
-S. 237: ihn → ihm<br />
-bis <a href="#corr237">ihm</a> der Stallmeister ein »Halt« zurief</p>
-<p>
-S. 242: Hosperling → Hopserling<br />
-und Friede <a href="#corr242">Hopserling</a> riet ihnen</p>
-</div>
-</div>
-
-<p>&nbsp;</p>
-<hr class="pg" />
-<p>***END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK DIE OBERHEUDORFER IN DER STADT***</p>
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-<p>
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-</p>
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-Defect you cause. </p>
-
-<h3>Section 2. Information about the Mission of Project Gutenberg-tm</h3>
-
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-electronic works in formats readable by the widest variety of
-computers including obsolete, old, middle-aged and new computers. It
-exists because of the efforts of hundreds of volunteers and donations
-from people in all walks of life.</p>
-
-<p>Volunteers and financial support to provide volunteers with the
-assistance they need are critical to reaching Project Gutenberg-tm's
-goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
-remain freely available for generations to come. In 2001, the Project
-Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
-and permanent future for Project Gutenberg-tm and future
-generations. To learn more about the Project Gutenberg Literary
-Archive Foundation and how your efforts and donations can help, see
-Sections 3 and 4 and the Foundation information page at
-www.gutenberg.org.</p>
-
-<h3>Section 3. Information about the Project Gutenberg
-Literary Archive Foundation</h3>
-
-<p>The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
-501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
-state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
-Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification
-number is 64-6221541. Contributions to the Project Gutenberg Literary
-Archive Foundation are tax deductible to the full extent permitted by
-U.S. federal laws and your state's laws.</p>
-
-<p>The Foundation's principal office is in Fairbanks, Alaska, with the
-mailing address: PO Box 750175, Fairbanks, AK 99775, but its
-volunteers and employees are scattered throughout numerous
-locations. Its business office is located at 809 North 1500 West, Salt
-Lake City, UT 84116, (801) 596-1887. Email contact links and up to
-date contact information can be found at the Foundation's web site and
-official page at www.gutenberg.org/contact</p>
-
-<p>For additional contact information:</p>
-
-<p> Dr. Gregory B. Newby<br />
- Chief Executive and Director<br />
- gbnewby@pglaf.org</p>
-
-<h3>Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg
-Literary Archive Foundation</h3>
-
-<p>Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
-spread public support and donations to carry out its mission of
-increasing the number of public domain and licensed works that can be
-freely distributed in machine readable form accessible by the widest
-array of equipment including outdated equipment. Many small donations
-($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
-status with the IRS.</p>
-
-<p>The Foundation is committed to complying with the laws regulating
-charities and charitable donations in all 50 states of the United
-States. Compliance requirements are not uniform and it takes a
-considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
-with these requirements. We do not solicit donations in locations
-where we have not received written confirmation of compliance. To SEND
-DONATIONS or determine the status of compliance for any particular
-state visit <a href="http://www.gutenberg.org/donate">www.gutenberg.org/donate</a>.</p>
-
-<p>While we cannot and do not solicit contributions from states where we
-have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
-against accepting unsolicited donations from donors in such states who
-approach us with offers to donate.</p>
-
-<p>International donations are gratefully accepted, but we cannot make
-any statements concerning tax treatment of donations received from
-outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff.</p>
-
-<p>Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
-methods and addresses. Donations are accepted in a number of other
-ways including checks, online payments and credit card donations. To
-donate, please visit: www.gutenberg.org/donate</p>
-
-<h3>Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic works.</h3>
-
-<p>Professor Michael S. Hart was the originator of the Project
-Gutenberg-tm concept of a library of electronic works that could be
-freely shared with anyone. For forty years, he produced and
-distributed Project Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of
-volunteer support.</p>
-
-<p>Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
-editions, all of which are confirmed as not protected by copyright in
-the U.S. unless a copyright notice is included. Thus, we do not
-necessarily keep eBooks in compliance with any particular paper
-edition.</p>
-
-<p>Most people start at our Web site which has the main PG search
-facility: www.gutenberg.org</p>
-
-<p>This Web site includes information about Project Gutenberg-tm,
-including how to make donations to the Project Gutenberg Literary
-Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to
-subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks.</p>
-
-</body>
-</html>
-
diff --git a/old/50136-h/images/cover.jpg b/old/50136-h/images/cover.jpg
deleted file mode 100644
index 4825b30..0000000
--- a/old/50136-h/images/cover.jpg
+++ /dev/null
Binary files differ
diff --git a/old/50136-h/images/illu-001.png b/old/50136-h/images/illu-001.png
deleted file mode 100644
index 38954de..0000000
--- a/old/50136-h/images/illu-001.png
+++ /dev/null
Binary files differ
diff --git a/old/50136-h/images/illu-005.png b/old/50136-h/images/illu-005.png
deleted file mode 100644
index a487d3a..0000000
--- a/old/50136-h/images/illu-005.png
+++ /dev/null
Binary files differ
diff --git a/old/50136-h/images/illu-012.jpg b/old/50136-h/images/illu-012.jpg
deleted file mode 100644
index 3b703f9..0000000
--- a/old/50136-h/images/illu-012.jpg
+++ /dev/null
Binary files differ
diff --git a/old/50136-h/images/illu-015.png b/old/50136-h/images/illu-015.png
deleted file mode 100644
index e5d50c6..0000000
--- a/old/50136-h/images/illu-015.png
+++ /dev/null
Binary files differ
diff --git a/old/50136-h/images/illu-029.png b/old/50136-h/images/illu-029.png
deleted file mode 100644
index d2489e2..0000000
--- a/old/50136-h/images/illu-029.png
+++ /dev/null
Binary files differ
diff --git a/old/50136-h/images/illu-037.png b/old/50136-h/images/illu-037.png
deleted file mode 100644
index 1dc642c..0000000
--- a/old/50136-h/images/illu-037.png
+++ /dev/null
Binary files differ
diff --git a/old/50136-h/images/illu-038.png b/old/50136-h/images/illu-038.png
deleted file mode 100644
index 88d25b6..0000000
--- a/old/50136-h/images/illu-038.png
+++ /dev/null
Binary files differ
diff --git a/old/50136-h/images/illu-040.png b/old/50136-h/images/illu-040.png
deleted file mode 100644
index beccfaa..0000000
--- a/old/50136-h/images/illu-040.png
+++ /dev/null
Binary files differ
diff --git a/old/50136-h/images/illu-049.png b/old/50136-h/images/illu-049.png
deleted file mode 100644
index 94e53eb..0000000
--- a/old/50136-h/images/illu-049.png
+++ /dev/null
Binary files differ
diff --git a/old/50136-h/images/illu-060.png b/old/50136-h/images/illu-060.png
deleted file mode 100644
index 51cad63..0000000
--- a/old/50136-h/images/illu-060.png
+++ /dev/null
Binary files differ
diff --git a/old/50136-h/images/illu-074.png b/old/50136-h/images/illu-074.png
deleted file mode 100644
index 9cff988..0000000
--- a/old/50136-h/images/illu-074.png
+++ /dev/null
Binary files differ
diff --git a/old/50136-h/images/illu-077.jpg b/old/50136-h/images/illu-077.jpg
deleted file mode 100644
index 96549cf..0000000
--- a/old/50136-h/images/illu-077.jpg
+++ /dev/null
Binary files differ
diff --git a/old/50136-h/images/illu-116.png b/old/50136-h/images/illu-116.png
deleted file mode 100644
index efb0b20..0000000
--- a/old/50136-h/images/illu-116.png
+++ /dev/null
Binary files differ
diff --git a/old/50136-h/images/illu-126.png b/old/50136-h/images/illu-126.png
deleted file mode 100644
index 13c0d68..0000000
--- a/old/50136-h/images/illu-126.png
+++ /dev/null
Binary files differ
diff --git a/old/50136-h/images/illu-134.png b/old/50136-h/images/illu-134.png
deleted file mode 100644
index 7061523..0000000
--- a/old/50136-h/images/illu-134.png
+++ /dev/null
Binary files differ
diff --git a/old/50136-h/images/illu-136.jpg b/old/50136-h/images/illu-136.jpg
deleted file mode 100644
index d412481..0000000
--- a/old/50136-h/images/illu-136.jpg
+++ /dev/null
Binary files differ
diff --git a/old/50136-h/images/illu-166.png b/old/50136-h/images/illu-166.png
deleted file mode 100644
index 143cafa..0000000
--- a/old/50136-h/images/illu-166.png
+++ /dev/null
Binary files differ
diff --git a/old/50136-h/images/illu-167.jpg b/old/50136-h/images/illu-167.jpg
deleted file mode 100644
index 7586880..0000000
--- a/old/50136-h/images/illu-167.jpg
+++ /dev/null
Binary files differ
diff --git a/old/50136-h/images/illu-194.png b/old/50136-h/images/illu-194.png
deleted file mode 100644
index 095ee9c..0000000
--- a/old/50136-h/images/illu-194.png
+++ /dev/null
Binary files differ
diff --git a/old/50136-h/images/illu-207.png b/old/50136-h/images/illu-207.png
deleted file mode 100644
index 4633165..0000000
--- a/old/50136-h/images/illu-207.png
+++ /dev/null
Binary files differ
diff --git a/old/50136-h/images/illu-236.png b/old/50136-h/images/illu-236.png
deleted file mode 100644
index fd9bc33..0000000
--- a/old/50136-h/images/illu-236.png
+++ /dev/null
Binary files differ
diff --git a/old/50136-h/images/illu-244.png b/old/50136-h/images/illu-244.png
deleted file mode 100644
index d5323e2..0000000
--- a/old/50136-h/images/illu-244.png
+++ /dev/null
Binary files differ
diff --git a/old/50136-h/images/illu-a2.png b/old/50136-h/images/illu-a2.png
deleted file mode 100644
index bc034e3..0000000
--- a/old/50136-h/images/illu-a2.png
+++ /dev/null
Binary files differ
diff --git a/old/50136-h/images/illu-a4.png b/old/50136-h/images/illu-a4.png
deleted file mode 100644
index 4bd31f6..0000000
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+++ /dev/null
Binary files differ
diff --git a/old/50136-h/images/illu-a6.png b/old/50136-h/images/illu-a6.png
deleted file mode 100644
index 26c4d1e..0000000
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Binary files differ
diff --git a/old/50136-h/images/illu-chapter.png b/old/50136-h/images/illu-chapter.png
deleted file mode 100644
index b399967..0000000
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+++ /dev/null
Binary files differ
diff --git a/old/50136-h/images/illu-close.png b/old/50136-h/images/illu-close.png
deleted file mode 100644
index 6556401..0000000
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+++ /dev/null
Binary files differ
diff --git a/old/50136-h/images/signet.png b/old/50136-h/images/signet.png
deleted file mode 100644
index 01fbde9..0000000
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+++ /dev/null
Binary files differ