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If you are not located in the United States, you'll have -to check the laws of the country where you are located before using this ebook. - - - - -Title: Die Oberheudorfer in der Stadt - Allerlei heitere Geschichten von den Oberheudorfer Buben und Mädeln - - -Author: Josephine Siebe - - - -Release Date: October 5, 2015 [eBook #50136] - -Language: German - -Character set encoding: UTF-8 - - -***START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK DIE OBERHEUDORFER IN DER STADT*** - - -E-text prepared by Norbert H. Langkau and the Online Distributed -Proofreading Team (http://www.pgdp.net) - - - -Note: Project Gutenberg also has an HTML version of this - file which includes the original illustrations. - See 50136-h.htm or 50136-h.zip: - (http://www.gutenberg.org/files/50136/50136-h/50136-h.htm) - or - (http://www.gutenberg.org/files/50136/50136-h.zip) - - -Anmerkungen zur Transkription - - Im Original gesperrter Text ist +so ausgezeichnet+. - - Weitere Anmerkungen zur Transkription finden sich am Ende des - Buches. - - - - - -[Illustration: Die Oberheudorfer in der Stadt] - - -Die Oberheudorfer - -in der Stadt - -[Illustration] - -Allerlei heitere Geschichten -von den Oberheudorfer Buben und Mädeln - -von - -JOSEPHINE SIEBE - -Mit vier farbigen Vollbildern und zahlreichen Textillustrationen -von +Karl Schmauk+ - - - - - - - -[Illustration] - -Stuttgart -+Verlag von Levy & Müller+ - -Nachdruck verboten. -Alle Rechte, insbesondere das Übersetzungsrecht, vorbehalten. - -Druck vom Chr. Verlagshaus in Stuttgart. - - - - -Inhalt. - - - Seite - - Auf dem Johannesplan 1 - - Traumfriedes Abschied 10 - - Die Grünmützen von Feldburg 25 - - Ein böser Tag 38 - - Heine Peterles Brief 58 - - Eine Stadtfahrt 71 - - Verkehrte Gedanken 110 - - Das Abenteuer im Schloß 126 - - Der kleine Teufel hilft Fräulein - Wunderlich über die Dornenhecke 147 - - Allerlei Geschenke, und was aus ihnen wird 163 - - Die Denkmalsbuben von Schwipperlingen 178 - - Sommerferienlust 203 - - Im Zirkus 225 - -[Illustration] - - - - -[Illustration] - -Auf dem Johannesplan. - - -Auf den Stufen, die zu der altersgrauen Stadtkirche von Feldburg -emporführten, saßen drei Kinder: zwei Buben und ein Mädel. Es war just -um die Zeit, da es die Blumen schrecklich langweilig finden, immer warm -und wohlbehütet im braunen Erdbettchen zu liegen, und lieber hinaus -wollen, um die Sonne zu sehen und den blauen Himmel. Auch die drei -Kinder ließen sich die Frühlingssonne behaglich auf die Nasen scheinen. -Mit untergeschlagenen Armen und weit vorgestreckten Füßen saßen die -drei da und schauten unverwandt nach einem kleinen Haus hinüber, das -in einem Winkel lag. An dem Haus war eigentlich nicht viel zu sehen. -Es war das unscheinbarste und kleinste am Johannesplan -- so wurde -der Kirchplatz genannt. Ein bissel schüchtern und schief stand es in -seinem Eckchen, zwei vornehme Nachbarn zur Seite. Links wurde es von -dem Schulhof des Gymnasiums begrenzt, zur rechten Seite stand ein -prächtiges, altertümliches Haus. Recht vornehm, ja beinahe hochmütig -sah das aus; seine Fenster waren fest verschlossen und verhüllt, und -über dem breiten Tor trug es ein großes steinernes Wappen. - -»Es ist noch immer zu,« sagte das eine Mädel und warf einen flüchtigen -Blick auf die verhängten Fenster des großen Hauses. Die Kleine seufzte, -und da keiner der Buben etwas sagte, begann sie wieder: »Ich möchte nur -wissen, wann er kommt!« - -»Wer?« fragte der eine Junge kurz, »der Professor oder der Junge aus -Oberheudorf?« - -»Natürlich der Junge!« rief das Mädel, verwundert, daß der Gefährte -überhaupt fragen konnte. - -Der, ein stämmiger, hellblonder Junge, dem eine kleine, lustige -Himmelfahrtsnase keck im runden Gesicht stand, brummte etwas mürrisch: -»Du bist ganz verdreht mit deinem Oberheudorfer Jungen, Füchslein. Wer -weiß, was du gehört hast!« - -»Ich habe schon recht gehört; Fräulein Wunderlich hat es meiner Mutter -erzählt, sie bekämen einen Jungen aus Oberheudorf in Pension, für den -der Graf Dachhausen alles bezahle. Freilich, das Warten ist langweilig.« - -Die Kleine stand auf und rekelte sich. Sie war ein feines, hübsches -Ding mit einem Paar rotblonder Zöpfe und braunen, lachenden Augen. Um -der roten Haare willen nannten ihr Bruder Ulrich und ihr Freund Jobst -sie »das Füchslein«; der Neckname kränkte sie aber nicht, ja sie war -schon so daran gewöhnt, daß sie fast erstaunt war, wenn sie einmal -jemand mit ihrem Taufnamen Marianne ansprach. - -»Sei nicht so ungeduldig!« knurrte Ulli und sah gelassen weiter nach -dem Häuschen hinüber. Einmal würde ja dort die Türe aufgehen, und er, -Ulrich Sonntag, hatte das Warten gelernt. So rasch und flink in Wort -und Tat das Füchslein war, so langsam und bedächtig war ihr Bruder -Ulli. Dem spazierte jedes Wort immer fein sacht aus dem Munde heraus, -und die Schwester sagte manchmal ungeduldig: »Du sagst aber auch erst -zu Mittag guten Morgen, so lange dauert es bei dir!« - -»Ist besser, als vor Eifer mit der Nase in die Suppenschüssel fallen,« -gab dann wohl der Bruder zurück. Da lachte die Schwester, und die -beiden waren wieder die allerbesten Freunde; langes Bösesein kannten -sie nicht. - -»Jetzt wird die Türe aufgemacht,« schrie Marianne Sonntag plötzlich. -»Vater Wunderlich ist's, der sagt uns, ob der Junge wirklich kommt.« -Sie schnellte auf und raste über den Platz nach dem kleinen Haus -hinüber, aus dem jetzt ein alter Herr trat. Jobst rannte der Freundin -nach, Ulrich aber blieb sitzen, er dachte gelassen: »Sie werden schon -herüber kommen.« - -Sie kamen auch wirklich, denn Herr Matthias Wunderlich wollte in die -Kirche gehen. Das Füchslein hing an seinem Arm und schwatzte: »Vater -Wunderlich, ist das wahr, kommt ein Junge aus Oberheudorf zu dir, und -ist das der, von dem mein Onkel Doktor sagt, er wäre ein kleiner Held, -weil er einmal im Winter bei Gewitter -- -- --« - -»Aber Füchslein,« rief Jobst lachend, »bei einem Schneesturm war es -doch.« - -»Ach ja, das meine ich doch auch,« sagte Marianne verlegen. Sie redete -nämlich mitunter wirklich so geschwind, daß etwas anderes herauskam, -als sie sagen wollte. - -Der Organist hatte es aber doch verstanden, und just am Fuße der -Treppe, so daß Ulli die Antwort hören konnte, erwiderte er freundlich: -»Ich weiß schon, was du meinst, Mädel. Ja, das ist der Junge, der -einmal, um Medizin für seine kranke Pflegemutter zu holen, den weiten -Weg von Oberheudorf bis hierher gelaufen ist; er wäre ja damals beinahe -im Schnee umgekommen!« - -»Und was will er hier, warum kommt er her?« rief das Füchslein und -hielt den alten Mann fest, der gerade den riesigen Schlüssel in das -Schloß der Kirchtüre stecken wollte. - -»Lernen soll er hier, auf das Gymnasium gehen.« - -[Illustration] - -»Ein Junge aus 'nem Dorf auf das Gymnasium?« schrie Jobst und sah so -hochmütig drein, als wäre Gymnasiastsein die höchste Würde. - -»Warum nicht, wenn er gut lernt?« Vater Wunderlich schaute Jobst von -Hellfeld mit seinen klaren, guten Augen ernst an. »Dieser Friede, der -zu mir kommt, ist ein armer Waisenjunge, und wenn man den auf das -Gymnasium schickt, muß er doch schon ein besonders fleißiger Bube sein!« - -»Ich bin schrecklich neugierig auf ihn,« versicherte das Füchslein -eifrig, »o so neugierig! Wann kommt er denn, und wie heißt er weiter, -und warum kommt er gerade zu dir, Vater Wunderlich, und wie sieht er -aus?« - -»Wie er aussieht, wirst du ja sehen. Zu mir kommt er, weil der Lehrer -in Oberheudorf mich kennt; der bat mich auch, den Jungen wenigstens auf -ein halbes Jahr zu nehmen, bis er sich etwas an die Stadt gewöhnt hat.« - -»Wenn -- -- wenn -- -- er sich aber draußen nicht die Schuhe -abstreicht?« fragte Füchslein ganz ängstlich. - -Fräulein Wunderlich war nämlich als sehr ordnungsliebend bekannt, und -fast jedes Kind, das in das Haus kam, hatte schon tüchtige Schelte -bekommen wegen unsauberer Schuhe, nasser Regenschirme und dergleichen. -Einen Schmutztaps auf den weißgescheuerten Treppen konnte das Fräulein -nicht vertragen. Und dabei kamen viele Kinder in das Haus, denn der -Organist Wunderlich war ein sehr gesuchter Musiklehrer. - -»Dann wird sie wohl schelten,« sagte der alte Mann und seufzte ein -klein wenig bei des Füchsleins ängstlicher Frage. »Aber nun laß mich -los, Kind, ich muß in die Kirche gehen, meine Orgel verlangt nach mir.« - -»Ach bitte, bitte,« flehte Marianne und hielt den Organisten ganz fest, -»sage mir noch, liebster, bester Vater Wunderlich, wird wirklich über -die Oberheudorfer Kinder ein Buch geschrieben?« - -Der alte Herr lachte: »Ja, man sagt so, Kind. Die Oberheudorfer meinen, -ihre Kinder machten so viele dumme und lustige Streiche, daß man gleich -ein paar Bücher davon schreiben könnte. Und wahr ist's ja: wie mein -künftiger Pflegesohn zu seiner Pflegemutter gekommen ist, und daß man -ihn hierher schickt auf das Gymnasium, das sind lauter lustige und auch -ein bißchen ernsthafte Geschichten.« - -»Ach, ich verhungere schon vor Neugier auf den Jungen,« rief das -Füchslein, »wäre er doch erst da!« - -»Abwarten und Tee trinken, sagte meine Mutter schon.« Vater Wunderlich -hatte nun wirklich die Kirchentüre aufgeschlossen. Er befreite sich -von Mariannes Händchen, nickte den Kindern freundlich zu und trat in -die Kirche. Sonst schlüpften die drei ihm gerne nach und lauschten -still auf einer Bank den schönen Klängen der Orgel; heute waren sie, -besonders das Füchslein, zu ungeduldig. »Ich muß essen,« sagte das -Mädel seufzend; »wenn ich warten muß, fährt's mir allemal in den -Magen.« - -Die Buben waren damit einverstanden, ihr Vesperbrot zu verzehren. -Hunger hatten sie immer, und ob der von der Neugierde oder von der -Ungeduld kam, war ihnen gleichgültig, Hunger ist Hunger. - -Während alle drei schmausten, redete das Füchslein wieder von dem -Oberheudorfer Jungen. In dem Hause der Sonntags -- es war ein altes, -wohlhabendes Kaufmannshaus -- diente ein Mädchen, das aus Berenbach -bei Oberheudorf stammte. Diese Katerliese -- sie hieß Katharina Luise -und wurde von den Kindern einfach Katerliese genannt -- hatte viel von -dem freundlichen Dorf erzählt, von den Bergen, Wäldern und Tälern der -Heimat; ihrer Meinung nach gab es nichts Schöneres auf der Welt als -Berenbach und Oberheudorf. Sie pflegte zu sagen: »Die Oberheudorfer -sind was Besonderes; was wo anders eine Dummheit ist, wird bei ihnen -eine lustige Geschichte.« - -»Katerliese sagt,« begann Marianne gerade wieder zwischen Kauen und -Schlucken, »in Oberheudorf -- --« - -»Nun sei schon damit still,« schrie Jobst von Hellfeld plötzlich, »du -redest immer nur von Oberheudorf, und wie es meinen Kaninchen geht, -danach fragst du nicht.« - -Das Füchslein lachte, schlang den Arm um den Freund und sagte neckend: -»Tu doch nicht so, bist ja auch neugierig; aber erzähl', ist der neue -Stall schon fertig?« - -Während die Kinder draußen auf der Kirchentreppe im Sonnenschein -saßen und von den Kaninchen, Ullis Schildkröten, Oberheudorf und der -Schule, die am Mittwoch beginnen sollte, plauderten, saß drinnen -Herr Wunderlich an seiner Orgel und spielte leise; nur mit halben -Gedanken war er beim Spiel. Dem freundlichen alten Manne war das Herz -ein bißchen schwer. Als sein Verwandter, der Lehrer von Oberheudorf, -ihn gefragt, ob er wohl für einige Zeit einen Buben in sein Haus -aufnehmen wollte, hatte er gleich zugesagt. Was er von diesem Friede -hörte, gefiel ihm sehr; er dachte, der würde ein recht guter, -kleiner Hausgenosse sein. Ein braver, fleißiger Junge sollte dieser -Friede sein, ein armes Waisenkind, dem sie im Dorf alle herzlich die -Freistelle am Gymnasium in Feldburg gönnten, ihm und seiner braven -Pflegemutter. So gern Herr Wunderlich ja gesagt hatte, so ungern tat es -nachher seine Schwester; die seufzte von früh bis abends: »Der Junge -wird uns eine rechte Last sein.« - -Hörte sie jetzt von einer Bubendummheit, dann sagte sie gewiß: »So -was wird der Friede auch anstellen!« Kamen mit Lärm und Geschrei die -Gymnasiasten über den Johannesplan, dann seufzte sie: »Bald wird in -unserem Haus auch solcher Lärm sein!« - -Das Fräulein war eigentlich nicht böse, nur sehr heftig und leicht -erzürnt, auch wollte sie immer recht behalten. Weil sie nun von Anfang -an gesagt hatte, ein Bube passe nicht in ihr stilles Haus, darum sagte -sie das jetzt täglich, früh, mittags und abends. »Hoffentlich geht es -gut aus,« seufzte Herr Wunderlich an seiner Orgel. »Ich wollte beinahe, -der Junge bliebe in Oberheudorf.« - - - - -[Illustration] - -Traumfriedes Abschied. - - -Just um die gleiche Zeit, da die drei Kinder auf der Kirchentreppe von -Feldburg von dem Oberheudorfer Jungen sprachen, der zu Vater Wunderlich -kommen sollte, ging dieser Bube in seinem Heimatort von Haus zu Haus, -um Abschied zu nehmen. Traumfriede nannte man den schlanken, blonden -Jungen im kleinen Dorf zum Unterschied von ein paar gleichnamigen -Genossen, dem dicken Friede und dem blauen Friede. An diesem Tage war -der Traumfriede aber gar kein Träumer, er war vielmehr ganz wach und -munter und sah jeden Menschen, jedes Haus, jeden Baum und Strauch an, -als müßte er sich die Abbilder davon fest, fest in sein Herz einprägen. -Zum Träumen ließen ihm aber auch seine Freunde und Freundinnen keine -Zeit; ein ganzer Trupp lief mit ihm, und mitunter tat sich da und dort -ein Fenster auf, und jemand sagte brummend: »Nä, die Kinder sind heute -aber auch zu toll, sie tun ja gerade, als wäre Jahrmarkt, so einen Lärm -machen sie.« - -[Illustration: Traumfriedes Abschied.] - -Die Kinder von Oberheudorf scherten sich kein bißchen um die -ärgerlichen Zurufe und Verbote; sie meinten heute ein Recht zu haben, -sehr laut zu sein. Es war doch keine Kleinigkeit, wenn auf einmal ein -Dorfbube, dazu noch ein armer Waisenjunge, plötzlich in die Stadt -ziehen sollte, um dort ein Gymnasiast zu werden. Schon das Wort -klang so feierlich. Die meisten Kinder konnten es gar nicht richtig -aussprechen, und Anton Friedlich hatte es flugs umgeändert und sagte: -»Kimm na'm Ast.« Und merkwürdigerweise merkten sich diesen Namen -alle Buben und Mädel ausgezeichnet. Also ein »Kimm na'm Ast« sollte -Traumfriede werden und später ein Student, -- und da sollen seine -Kameraden nicht schreien und laut schwatzen am letzten Tag? Na, das -wäre doch wirklich etwas viel verlangt gewesen! Es gab auch vor jedem -Haus einen kleinen Aufstand. Während der Bube hineinging und Abschied -nahm, redeten die Kinder laut von der Stadt, und ob Traumfriede drinnen -im Bauernhaus wohl etwas geschenkt bekommen würde. Denn fürs Schenken --- sie mußten aber die Beschenkten sein -- waren die Oberheudorfer -Kinder alle sehr eingenommen. - -Sie standen alle zusammen, die ungefähr in Friedes Alter waren. -Schulzens Jakob, seine Schwester Röse, Annchen Amsee, Anton Friedlich, -Schnipfelbauers Fritz und Krämers Trude. Natürlich fehlten weder der -dicke noch der blaue Friede, die beiden mußten doch ihren Namensvetter -begleiten. Und Heine Peterle war auch da, der erst recht. Mit einem so -wütenden Gesicht ging der einher, als hätte er einen Krug voll Essig -getrunken. »Nä, in die Stadt,« murrte er immerzu, »zu dumm, da ging ich -nich rein!« Er versicherte dabei aber doch dem Traumfriede, er würde -ihn besuchen, ganz gewiß. - -Heine Peterle dachte noch immer voll Entsetzen an den einzigen Tag -zurück, den er einmal in der Stadt verlebt hatte. Zu dumm waren doch -die Leute in der Stadt und gleich immer so grob! Nein, da war es doch -in Oberheudorf viel, viel schöner, und ordentlich mitleidig schaute er -den Traumfriede an, der gerade wieder aus einem Hause kam. Der Friede -fühlte sich aber just gar nicht bemitleidenswert, sondern meinte, ihm -gehe es recht gut auf der Welt. Überall bekam er freundliche Worte zu -hören, wohl auch eine kleine Abschiedsgabe, und jeder sagte: »Aber -gelt, wenn du heimkommst, siehst du bei mir ein, na, und vielleicht -besuchen wir dich mal in der Stadt.« - -Ihn in der Stadt zu besuchen versprachen ihm auch alle seine Freunde -und Freundinnen einmütig, Schulzens Jakob sagte sogar: »Kann sein, ich -komme schon nächste Woche.« - -»Wenn's nämlich der Vater erlaubt,« fuhr seine Schwester Röse -dazwischen, »der hat aber gesagt, mit der dummen Stadtfahrerei wär's -nichts.« - -»Ha, meiner hat g'sagt, ich därf, wenn ich nur mal'n Einser bring',« -schrie Anton Friedlich so stolz, als trüge er die Einser schockweis in -der Hosentasche herum. - -»Dann wirst du wohl am Nimmermehrstag in die Stadt fahren,« kicherte -Annchen Amsee, und die andern schrieen und lachten: »Du kommst aber fix -hin!« - -Anton Friedlich war nämlich ein ausgemachter Faulpelz, und seine Einser -hatten meist recht hübsche Querbalken und wurden Vierer genannt. -Der Bube schrie aber doch ganz patzig: »Pah, werd' schon sehen, und -vielleicht werd' ich auch noch mal'n Kimm na'm Ast.« - -So unter Geschwätz und Geschrei, Necken und Lachen hatte Traumfriede -seine Abschiedsbesuche gemacht, und die Zeit, da die Bäuerinnen die -Abendsuppe auftischten, war gekommen. Friede nahm am Dorfbrunnen -Abschied von seinen Gefährten; ein wenig kurz und eilig ging es dabei -zu, denn Friede war das Herz schwer, und er konnte nicht viel sagen. -Die andern aber hatten sich alle vorgenommen, morgen vor Tau und Tag -aufzustehen und dem Freund noch einmal Lebewohl zu sagen. Kaspar auf -dem Berge, der Wirt zur himmelblauen Ente, wollte am nächsten Morgen um -vier Uhr die Stadtfahrt antreten und Friede mitnehmen samt seinem recht -bescheidenen Köfferlein. - -Als Traumfriede sich dem Häuslein der Muhme Lenelies, seiner -Pflegemutter, näherte, sah er am Zaun dort Waldbauers Mariandel stehen. -Das Mädel war vorangelaufen, um mit seinem guten Kameraden noch ein -Weilchen zu schwatzen, und eifrig kam es ihm entgegen und erzählte, die -Muhme habe Besuch, und mit dem Abendbrot sei es noch nicht so weit. Da -liefen die Kinder den kleinen Nußberg hinauf, der über dem windschiefen -Häuslein der Muhme anstieg, und oben setzten sie sich unter einen -Haselbusch, der erst winzige, feine Blättchen hatte, und sprachen von -Friedes künftigem Leben. - -»Und Pfingsten kommst du wieder in die Ferien heim,« sagte Mariandel, -froh, daß Pfingsten so bald schon auf Ostern folgen sollte. - -Doch Friede schüttelte den Kopf: »Muhme Lenelies hat gesagt, so bald -heimkommen gibt kein Geschick; vor den Sommerferien wird's nichts.« - -»Oh,« schrie Mariandel entsetzt, »meine Mutter meint, du würdest wohl -oft auf Sonntag kommen.« - -»Die Muhme will's nicht, und der Herr Lehrer sagt auch, es wäre besser, -ich lebte mich erst ordentlich in der Stadt ein, nur -- -- nur -- -- -wenn ich's mal gar nicht aushalten könnte vor Heimweh, dann dürfte ich -kommen, aber das tue ich nicht -- -- weil's doch feig wär.« - -[Illustration] - -Mariandel schwieg betrübt, und die Kinder saßen still beisammen. Da -tat sich auf einmal unten die Türe auf, und Muhme Lenelies trat heraus -mit ihrem Gast: der Schulze war es selbst. Er war gekommen, um mit der -alten Frau noch allerlei über ihren Pflegesohn zu sprechen, und als -er jetzt aus dem Hause ging, sagte er -- und der Wind trug die Worte -zu den Kindern auf dem Nußhügel empor --: »Nun vermahne Sie den Buben -nur noch ordentlich scharf, Muhme, damit er unserm Dorf keine Schande -macht in der Stadt und kein eingebildeter Zierbengel wird oder gar -dumme Streiche macht. Eine tüchtige Predigt zum Abschied ist allemal -gut, himmelangst muß es so'nem Bengel werden!« - -Friede wurde puterrot vor Entrüstung, und dem weichherzigen Mariandel -kamen gleich die Tränen; es flüsterte: »Aber du bist doch brav und hast -nichts getan!« - -»Sei still,« tuschelte Friede, denn Muhme Lenelies sprach unten, und -in diesem Augenblick kam es dem Buben gar nicht in den Sinn, daß er -eigentlich lauschte; es war ihm plötzlich so schwer und bang ums Herz -geworden. Würde die Muhme auch denken, daß es nötig sei, ihn hart zu -vermahnen? - -»Von so'ner Predigt halte ich nicht viel. Seht, so ein Kinderherz ist -wie ein Garten im Frühling, man sät und pflanzt hinein und muß dann -halt geduldig warten, ob alles blühen und reifen will. Man gießt immer -achtsam, zieht ein Unkräutlein aus, aber viel hilft nicht immer viel, -und wenn man den Garten überschwemmt, geht der Samen erst recht nicht -auf. Alles mit Maßen, Schulze, und alles zu seiner Zeit. Ich habe an -meinem Friede getan, was ich konnte, aber ihm heute den letzten Abend -noch mit ellenlangen Ermahnungen verderben, das will ich lieber lassen; -vergißt er mich und meine Worte, dann vergißt er auch die lange -Predigt.« - -»Muhme Lenelies,« schrie Friede plötzlich oben unterm Nußstrauch und -raste den Abhang hinab, »ich vergeß dich nicht, ich vergeß dich nie, -und ich werde dir gewiß keine Schande machen.« Da hing er schon am -Hals der alten Frau, und alles Abschiedsleid, das er bisher tapfer -unterdrückt hatte, brach hervor; er weinte bitterlich und vergaß ganz, -daß Buben immer meinen, ein paar Tränen zur rechten Stunde wären eine -Schande. - -Über den Kopf des weinenden Jungen hinweg, den sie sacht streichelte, -sah die Muhme mit ihren klugen, freundlichen Augen still den Schulzen -an. Der nickte, schüttelte den Kopf und sagte endlich: »Weiß der -Himmel, nä, Ihr seid doch ein ausnehmend kluges Weibsbild, Muhme. Hm, -ja, na lebt wohl! Gib mir die Hand, Friede, und heule nicht, und das -sage ich dir, wenn du mal vergißt, was du der Muhme verdankst, dann -schlag' ich dir alle Knochen entzwei.« - -Damit ging der Schulze seinem Hause zu, und Friede hatte nun doch seine -Abschiedspredigt erhalten. Sie kränkte ihn aber nicht und trübte nicht -den stillen Frieden dieses letzten Abends. Die Muhme und ihr Pflegesohn -sprachen fröhlich von den Tagen, die kommen sollten, und von denen, die -vergangen waren. Waldbauers Mariandel hatte dableiben dürfen, und auf -ihr Flehen erzählte Muhme Lenelies selbst die Geschichte, wie Friede -einmal durch den Schornstein in ihren Suppentopf gefallen war. »Da -biste mir gleich ins Herz gefallen, mein Junge,« schloß die alte Frau -ihre Erzählung. »So, und nun bring das Mariandel heim, und dann gehst -du zu Bett; morgen um vier fährt Kaspar auf dem Berge schon los, da -heißt es früh aufstehen.« - -Ich werde sicher nicht schlafen, dachte Friede, als er zu Bett ging. -Dann schlief er aber doch wie ein Murmeltier und mußte sich erst -besinnen, was eigentlich für ein Tag sei, als die Muhme ihn weckte. Er -war sogar noch ein bißchen verschlafen, als er im grauen Morgendämmern --- denn die Sonne war noch gar nicht aufgegangen -- mit Muhme Lenelies -vor der himmelblauen Ente anlangte. Dort schirrte gerade der Knecht -die Pferde an, und eben trat auch der Wirt aus dem Haus und rief -freundlich: »Na, da ist ja unser Städter! Nun man aufgesessen, eins, -zwei, drei, und keinen langen Abschied.« - -Dafür war Muhme Lenelies auch nicht, sie umarmte noch einmal ihren -Pflegesohn und sagte schlicht: »Zieh mit Gott,« und dann rollte der -Wagen die Dorfstraße entlang. Die Muhme aber drehte sich um und -kehrte rasch in ihr Häuschen zurück; es brauchte keiner zu sehen, wie -bitterschwer ihr doch der Abschied wurde. - -Friede war es zumute, als träume er, als er so in der Frühmorgenstille -durch das Dorf fuhr. Mal bellte ein Hund auf, da und dort krähte ein -Hahn, und aus den Ställen klang das Gebrüll der Kühe, die gerade ihr -erstes Frühstück bekamen. Hans Rumpf, der Nachtwächter, kam just -verschlafen, noch ein paar Strohhalme am Rock, aus einer Scheune -heraus; er war von dem Wagenrollen aufgewacht, worüber er eigentlich -etwas ärgerlich war. Er hatte nun mal die Meinung, ein armer, geplagter -Nachtwächter brauche vor allem einen ruhigen Nachtschlaf. Als Hans -Rumpf aber sah, daß es Traumfriede war, der davonfuhr, rief er ihm -freundlich zu: »Gute Reise, Musjeh Kimmnaschiaste, und halt dich brav -in der Stadt, sonst kommt's gleich in der ganzen Welt rum, daß die -Oberheudorfer nichts taugen.« - -»Na, er wird schon,« brummte Kaspar auf dem Berge. »Aber sag mal, -Nachtwächter, wo sind denn die Kinder? Is doch zu kurios, daß auch -nicht eine Bubennase zu sehen ist, nä, so was!« - -Hans Rumpf drehte sich eilig rundum, er sah rechts und links, sah in -die Luft, auf die Erde, legte den Finger an die Nase und sagte endlich -bedächtig: »Die haben's alle verschlafen!« - -Der Wirt lachte. »Dank schön für die Auskunft, die is mächtig klug. Hüh -hott, wir woll'n bißchen rascher fahren!« - -Die Pferde trabten davon, und der Nachtwächter sah dem Wagen -stolz nach. Ja freilich, er war mächtig klug; es ist schon was, -herauszukriegen, daß es die Buben und Mädel verschlafen haben, wenn sie -nicht zur rechten Zeit auf der Dorfstraße sind! - -Verschlafen hatten Friedes Freunde und Freundinnen das große Ereignis -aber doch nicht, sondern sie waren alle putzmunter. Ganz leise und -heimlich hatten sie sich wecken lassen, und ebenso leise und heimlich -hatten sie sich aus den Häusern geschlichen, denn sie hatten sich -miteinander eine Überraschung ausgedacht. Überraschungen fanden die -Oberheudorfer Buben und Mädel immer sehr fein, wenn auch leider oft -die Erwachsenen der Meinung waren, diese oder jene Überraschung wäre -gar nicht so fein gewesen. Diesmal hatte Schulzes Jakob und der dicke -Friede es gesagt, man müsse Traumfriede noch einen ganz besonders -schönen Abschied bereiten. Natürlich waren alle Kinder einverstanden -gewesen und waren sehr heimlich dabei zu Werke gegangen. Selbst -Schuster Pechdraht, der doch sonst die Mäuslein pfeifen und das Gras -wachsen hörte, hatte nichts gemerkt. - -Dem Traumfriede war es eigentlich ganz recht, als er niemand sah, von -dem er noch einmal Abschied nehmen mußte. Ihm kam es doch recht schwer -an, daß er nun die Heimat verlassen mußte. Den ganzen Winter hatte -er fleißig gelernt beim Herrn Pfarrer und in der Schule und immer -gedacht, es würde wunderschön sein, wenn er erst in der Stadt auf das -Gymnasium gehen könnte. Nun auf einmal dachte er mit heimlicher Angst -und Bangigkeit an die fremde Stadt, in der er außer dem Doktor, den er -einst zu Muhme Lenelies geholt hatte, niemand kannte, niemand unter -den vielen, vielen Menschen. Feldburg war zwar keine große Stadt. Wer -in Berlin wohnte, sagte wohl: »Ach, so ein Nest!« dem Oberheudorfer -Buben erschien diese kleine Stadt aber doch groß, fremd und ein wenig -unheimlich. - -Schon war das letzte Haus von Oberheudorf erreicht, und Friede drehte -sich gerade noch einmal um und schaute hinüber nach dem Häuschen -der Pflegemutter, als ganz jäh aus dem Straßengraben lauter dunkle -Gestalten aufsprangen. Von rechts und links tauchten sie auf, und -plötzlich erhob sich ein wildes Geschrei. Kaspar auf dem Berge, der -noch etwas verschlafen war, schrak auf seinem Bock zusammen und -wußte gar nicht, ob er wachte oder träumte. Aber mehr noch als er -erschraken seine beiden braunen Pferde; denen kam die ganze Sache -höchst unheimlich vor, und da Ausreißen ihnen in solchen Fällen gut und -nützlich erschien, rissen sie eben aus. - -Heidi ging es wie die wilde Jagd davon. Kaspar auf dem Wege schrie -laut: »Halt, halt, halt!« und Friede umklammerte angstvoll seine -kleine Reisetasche, die seine wenigen Habseligkeiten enthielt. - -Es ging bergab in wildem Galopp. Einmal schwankte der Wagen nach -rechts, einmal nach links; ein Stein kam, hopp flog der Wagen hoch, nun -kam ein Loch im Wege, und plumps fiel Friede mit der Nase vornüber. -Die Sache wäre vielleicht schlimm ausgegangen, wenn der Weg statt -bergab zur Abwechslung nicht einmal bergauf gelaufen wäre. Da wurde den -Pferden das Ausreißen zu beschwerlich, und sie blieben einfach stehen -und ruhten sich etwas aus. - -»Potzhundert noch mal, diese Rasselbande!« schalt Kaspar auf dem Berge -wütend. Er kletterte vom Bock und brachte das verwirrte Geschirr -in Ordnung; dabei sah er Friede ingrimmig an und schrie: »Mit der -Rasselbande meine ich deine lieben Kameraden, Musjeh! Nä, sag mir mal, -was haben die vor Tau und Tag im Straßengraben zu sitzen und so'n -Geschrei zu machen?« - -»Ich weiß doch nicht,« stammelte Friede, der noch ganz verdattert war, -»aber ich glaub' -- -- ich glaub', das sollte zum Abschied für mich -sein.« - -»Wa--as?« Der Wirt sah den Buben groß an, dann brach er in ein -dröhnendes Lachen aus. »Is gut, is sehr gut, nä wirklich, wenn's auf -die Dummheiten ankommt, dann stehen unsere Mädel und Buben immer -an erster Stelle. 'n bißchen geschwind ist das ja nun man mit dem -Abschied gegangen, und ich gäb' was drum, wenn ich die dummen Gesichter -sehen könnte, mit denen sie jetzt im Straßengraben sitzen. Na, nu hüh -hott, jetzt woll'n wir mal 'n bißchen langsamer nach der Stadt fahren.« - -Die Oberheudorfer Buben und Mädel saßen inzwischen wirklich mit -reichlich dummen Gesichtern im Straßengraben. Sie hatten sich die -Geschichte aber doch so wunderschön ausgedacht! Mit Gesang hatten -sie Traumfriede ein Stück begleiten wollen und hatten gemeint, der -würde glückselig sein vor Überraschung, wenn sie alle aus dem Graben -sprängen. Sie hatten sich dazu in zwei Hälften geteilt, in die rechten -und in die linken Straßengräbler; vorher hatten sie es aber leider -vergessen, sich das Lied zu sagen, das sie singen wollten. So fingen -die von rechts mit: »Heil dir im Siegerkranz --« an und die von -links mit: »Das Wandern ist des Müllers Lust.« Das stimmte nicht gut -zusammen, und weil ein paar Buben, die nicht singen konnten, noch hurra -dazwischen brüllten, klang der Gesang schon etwas wüst, und es war -Kaspars Braunen nicht übel zu nehmen, daß sie lieber ausrissen, anstatt -zuzuhören. - -»So'ne albernen Pferde,« brummte Heine Peterle wütend. Annchen Amsee -und Waldbauers Mariandel heulten aber plötzlich laut los: »Friede fällt -runter, und denn ist er tot, huhuhu!« - -»Huhuhu, huhuhu,« heulten ein paar andere Mädel mit. Die Buben -schalten, das wäre Unsinn, aber ganz wohl war ihnen auch nicht -zumute, und zuletzt zogen alle zusammen heulend und schreiend in das -morgenstille Dorf hinein. - -Da gab es nun eine Aufregung! Jene, die an diesem Morgen noch -schliefen, wurden unsanft geweckt, und der Ruf: »Kaspar auf dem Berge -ist mit seinem Wagen verunglückt,« verbreitete sich rasch im Dorf. Die -Besonnenen meinten freilich, es würde wohl nicht so schlimm sein, und -der Wirt käme schon mit seinen Pferden zurecht, aber sie riefen doch, -man müsse ihm jemand nachschicken. Der Schulze gab in aller Eile seinem -Jakob einen Katzenkopf: »Dummer Junge, was stellt ihr aber auch immer -an!« - -Der Schulze und der Schnipfelbauer ritten wirklich dem Wirt nach. -Ein Viertelstündchen hinter dem Dorf aber trafen sie den Waldwärter -Leberecht Sperling, der ihnen erzählte, Kaspar auf dem Berge sei ganz -vergnügt an ihm vorbeigefahren. Da kehrten die beiden Helfer um, und -man freute sich im Dorf, daß kein Unglück geschehen war. Weil die -Kinder inzwischen aber so viele drohende »Nachhers« und »Wartenur« -gehört hatten, machten sie es nun den Pferden des Gastwirts nach und -rissen auch aus. Hui! waren sie weg, dorthin und dahin gelaufen, bis -die Schulglocke ertönte -- denn in Oberheudorf waren die Osterferien -kürzer als in der Stadt --, und Hans Rumpf, der Nachtwächter, wieder -mal sagen konnte: »Na, endlich sind sie wieder untergebracht; so'ne -Schule ist doch was Gutes, namentlich wenn die Kinder erst drin sind!« - -Muhme Lenelies hatte von allem Lärm und Geschrei nichts vernommen. Sie -saß still in ihrem etwas abseits liegenden Häuschen, und ihre guten, -sorgenden Gedanken gingen ihrem Pflegesohn nach: jetzt war er da, jetzt -fuhr er durch den Wald, nun wohl den Hohlweg entlang, und als ihre Uhr -die Stunde anzeigte, da vor den Reisenden das Städtchen aufsteigen -mußte, sagte die alte Frau still und fromm vor sich hin: »Gottes Segen -mit dir, mein Herzensjunge!« - - - - -[Illustration] - -Die Grünmützen von Feldburg. - - -»So, da wär'n wir ja,« sagte Kaspar auf dem Berge, als die ersten -Stadthäuser vor seinen Blicken auftauchten. »Sitz gerade Bub und -halt die Nase hoch! In der Stadt muß man reputierlich auftreten, sie -heißen's hier Manieren.« - -Er selbst reckte und streckte sich nach dieser Ermahnung, schnalzte mit -der Peitsche und fuhr sehr stolz mit seinem mit Säcken, Butter und -Eierkästen beladenen Wäglein in der Stadt ein. Er wollte es den Leuten -da schon zeigen, was der Gastwirt aus Oberheudorf für ein gewichtiger -Mann sei. - -Friede schaute sich mit großen Augen um. Da war er nun in der Stadt, -die er nur einmal im Winterschnee gesehen hatte, und in der er jetzt -viele, viele Jahre wohnen sollte. Das Herz klopfte ihm stark, und er -sah jedes Haus, an dem der Wagen vorbeirollte, so genau an, als müßte -er gleich in alle Stuben hineinsehen und die Menschen betrachten, die -darin wohnten. In der Vorstadt gab es freundliche, helle Häuser, die in -großen oder kleinen Gärten lagen; je weiter in die Stadt hinein aber -Friede kam, desto enger wurden die Straßen. Da gab es schmale Gäßlein -mit uralten, spitzgiebeligen Häusern; ein dicker, grauer Turm erhob -sich am Ende der Vorstadt, an ihm lehnte noch ein Stück zerbröckelte -Stadtmauer, und darüber hatte der Efeu ein immergrünes Tuch gespannt. - -»Ich fahre dich vors Organistenhaus,« erklärte Kaspar auf dem Berge, -»es hat ein besseres Ansehen, wenn einer angefahren kommt.« Er klopfte -dem Buben freundlich auf die Schulter: »Gelt ja, wir zwei beide wollen -es den Städtern schon zeigen, was zwei rechte Oberheudorfer sind!« - -Freundlich nickte er nach rechts und links und brummte dann: »Das ist -nu so'ne dumme städtische Mode, daß sie nicht recht guten Tag sagen -können.« - -Das Wäglein rasselte und rumpelte durch die Straßen; nun ging es ein -wenig bergauf, der Johannesplan war erreicht, und die alte Stadtkirche -mit ihren schönen Portalen und den spitzen, schlanken Türmen erhob sich -vor den beiden. - -Über den Kirchplatz liefen just um diese Stunde eine Anzahl Buben, ein -paar davon in Friedes Alter, die andern etwas größer. Sie trugen alle -grasgrüne Mützen und sahen an diesem Morgen alle miteinander aus, als -wären sie ganz aufgelegt zu lustigen Streichen. Es waren Gymnasiasten, -die an dem letzten Ferientag sich mit ein paar Lehrern und Mitschülern -auf dem Schulhof treffen wollten, um einen Ausflug zu machen. - -Die Buben kamen sehr eilfertig heran; sie rannten beinahe Kaspar auf -dem Berge mit seinem Wagen um. - -»He, nicht so hitzig!« schrie Kaspar auf dem Berge. »Sagt mir lieber, -Buben, wo wohnt der Herr Organist Wunderlich? Ich bringe den Friede aus -Oberheudorf.« - -Die Buben blieben lachend stehen, und ein schlanker, langer Junge sagte -spöttisch und keck: »Nein, wie nett, daß Sie aus Oberheudorf sind.« - -»Gelt ja, das ist schon was,« nickte der dicke Wirt. »Aber du meine -Güte, warum habt ihr denn alle so grasgrüne Mützen auf? Die reinen -Laubfrösche!« - -»Holla!« schrieen ein paar Buben empört, »wir sind keine Laubfrösche, -wir sind Gymnasiasten.« - -»Ih nä,« rief der Wirt vergnügt und gab Friede einen kleinen -Rippenstoß, »sieh doch, Friede, das sind nun alles deine Kameraden. -Gib'n die Hand, sieh nicht so dämlich drein, Bub!« - -»Was, der Bauernbengel will ein Gymnasiast sein?« rief der lange Junge -wieder. - -»Na freilich,« Kaspar grinste vergnügt, »der Friede Heller ist's doch -aus Oberheudorf, der Muhme Lenelies ihr Friede. Gelt, ihr habt euch -schon recht auf'n gefreut?« - -Die Jungen brachen in ein lautes Gelächter aus. Der dicke Wirt und der -blonde Junge, der vor Verlegenheit so rot wie ein Bündel Radieschen -geworden war, kam ihnen höchst spaßhaft vor. Sie schauten einander an, -keiner sagte etwas zum andern, aber jeder dachte wie der andere: »Wir -machen einen Ulk.« Sie brüllten auf einmal so laut, daß es über den -ganzen Kirchplatz dröhnte: »Der Friede Heller aus Oberheudorf ist da, -der Friede Heller ist da, hurra, hurra, hurra!« - -»Friede Pfennig,« schrie ein kleiner, kecker Bursche, »'n Pfennig ist -mehr als 'n Heller,« und die andern echoten: »Friede Pfennig, Friede -Pfennig!« - -»Aufgepaßt, da kommt der Herr Direktor!« sagte plötzlich der erste -Sprecher und deutete auf einen langen, dünnen Mann, der vom Gymnasium -herkam. Im Nu rissen alle Buben die Mützen vom Kopf und schrieen: -»Guten Morgen, Herr Direktor!« - -Flugs riß Kaspar seine Kappe auch ab, Friede bekam einen Puff, weil -er die seine nicht schnell genug abnahm, und während der Bube nur -schüchtern sein guten Morgen sagte, brüllte der Oberheudorfer Wirt -laut: »Allerschönsten guten Morgen, Herr Drektor, un hier is nu der -Friede Heller aus Oberheudorf, und ich bin der Wirt Kaspar auf dem -Berge von der himmelblauen Ente.« - -[Illustration] - -»Das ist -- -- un -- -- unverschämt,« schrie der mit »Herr Drektor« -Angeredete. »Was fällt Ihnen ein, Sie -- -- Sie -- -- Kaspar, Sie!« - -Die Buben kreischten vor Lachen: »Friede Pfennig, steig aus, Friede -Pfennig, steig aus, sag dem Herrn Direktor guten Tag!« - -Friede hatte rasch gemerkt, daß die Buben ihren Spott mit ihm und -seinem Beschützer trieben, er zupfte diesen ängstlich am Ärmel und bat: -»Wir wollen weiterfahren!« - -»Nä,« rief der, »fällt mir nicht ein, un wenn das zehnmal ein Drektor -ist, anschrein lasse ich mich nicht. Sie, Herr Drektor,« brüllte er, -»ich bin der Wirt zur himmelblauen Ente aus Oberheudorf.« - -»Das ist un -- -- unverschämt,« rief der andere wieder, »denken Sie -denn, Sie können mich foppen mit Ihrer himmelblauen Ente? Was fällt -Ihnen denn ein, Sie grober Bauer, Sie!« - -»Nä, nu schlägt's dreizehn!« Kaspar auf dem Berge war jetzt wirklich -wütend, er fuchtelte mit seiner Peitsche in der Luft herum und -donnerte: »So, Schulmeister woll'n Sie sein und benehmen sich gegen -einen rechten Mann so? Nä, hier bleibt mir der Friede nicht; Muhme -Lenelies heult sich ja die Augen aus, wenn sie das erfährt, Herr -Drektor!« - -»Sie sind ein ganz unverschämter, grober Bauer,« kreischte der andere -wieder -- er konnte vor Zorn kaum noch reden -- »der Kuckuck ist Ihr -Direktor!« - -»Herr Direktor, Herr Direktor,« jauchzten die Jungen, »Friede Pfennig, -steig aus, gib ihm die Hand, sonst schilt Muhme Lenelies!« - -Der Lärm, das Schreien, Lachen und Schimpfen wäre wohl noch eine Weile -fortgegangen, wenn nicht der Organist Wunderlich aus seinem Haus -gekommen wäre. Da stoben plötzlich die grünbemützten Gymnasiasten -davon, und der sogenannte Direktor eilte beinahe ängstlich auf den -alten Herrn zu und rief kläglich: »Jetzt verhöhnt mich sogar der grobe -Bauer dort!« - -»Ich bin kein grober Bauer, potzwetter noch mal, Sie -- Bohnenstange; -ich bin Kaspar auf dem Berge, Wirt zur himmelblauen Ente.« - -Von der Schulmauer her, hinter welche die Gymnasiasten geflüchtet -waren, kam ein wahrer Lachsturm. »Kaspar auf dem Berge bringt Friede -Pfennig, haha, huhu! Herr Direktor, hahaha!« - -»Na wartet nur!« Mit ein paar langen Sätzen verschwand der Direktor -hinter der Schulmauer, und von dort her tönte erneuter Lärm, bis -plötzlich eine tiefe Stille eintrat. - -Der Oberheudorfer Wirt schaute höchst verdutzt drein, Friede aber -saß ganz zusammengekauert auf dem Wagen, er kämpfte nur mit Mühe die -Tränen nieder. »Das also ist mein künftiger Hausgenosse?« sagte der -alte Herr jetzt freundlich zu ihm, dann wandte er sich zu dem Wirt und -klärte diesen über seinen Irrtum auf. Der sogenannte Direktor war der -Schuldiener Mayer, den die übermütigen Jungen meist spottend »Herr -Direktor« nannten. Sie taten es leider, weil sie wußten, daß der -Schuldiener sich bitter darüber ärgerte. Der hatte nun wohl gedacht, -Kaspar auf dem Berge wolle ihn auch necken, und war darum so bitterböse -geworden. - -»Kurioses Volk, die Stadtleute!« murmelte Kaspar auf dem Berge. Er -fuhr sich nachdenklich durch die Haare, und als er nun Friede so -niedergeschlagen seine Sachen vom Wagen heben sah, sagte er gutmütig: -»Mach dir nichts draus, Bube, daß sie dich Friede Pfennig genannt -haben, du beißt dich schon durch, und beim Kohlbauern hast es ärger -gehabt.« - -Für Friede, den der Spott tief gedemütigt hatte, war dies der rechte -Trost. Beim Kohlbauern, zu dem man ihn als armes, verlassenes -Waisenbüblein gebracht, hatte er Schläge genug bekommen und Hunger -gelitten, nein wirklich, so schlimm würde es hier sicher nicht sein, -und ganz getröstet sah er zu dem kleinen, blitzsauberen Organistenhaus -hinauf. In ihm sollte er künftig seine Heimat haben. - -Er trug seine Sachen hinein, und drinnen kam ihm Fräulein Wunderlich, -des Organisten Schwester, entgegen, eine rundliche, lebhafte kleine -Dame. Sie empfing den neuen Hausgenossen aber nicht sonderlich -freundlich. - -»Ah, da bist du ja!« rief sie. »Na meinetwegen, mir ist es recht, daß -du bleibst, nur das sage ich dir, mit schmutzigen Schuhen darfst du mir -nicht in die Zimmer gehen; Maikäfer, Frösche, Mäuse und solche Tiere -darfst du nicht fangen und sie in meine gute Stube setzen oder in mein -Bett legen. Und Feuer darfst du auch nicht anzünden, daß einem in der -Nacht das Haus über dem Kopf zusammenbrennt. So was kann ich nicht -leiden!« - -Friede wollte gerade bescheidentlich sagen, daß er alles dies gewiß -nicht tun wolle, als die Dame eindringlich fortfuhr: »Mit den Leuten -nebenan im großen Hause darfst du auch nicht sprechen, hörst du, sonst -werde ich böse. So, und nun geh die Treppe hinauf! Rechts die erste -Türe ist offen, das ist dein Zimmer, du kannst gleich deine Sachen -auspacken.« - -Husch war die Dame schon über den Flur gelaufen, um draußen mit Kaspar -auf dem Berge zu sprechen. Von ihm wollte sie durchaus Hühner kaufen, -obgleich der Wirt versicherte, er hätte keine. »Na, das begreife ich -nicht,« rief Fräulein Wunderlich, »wie man vom Dorfe sein und keine -Hühner haben kann!« - -Kaspar ärgerte sich, er schwieg aber und dachte mitleidig: »Die Städter -sind nun mal nicht recht gescheit, aber leid tut's mir um den Friede, -er hätte lieber bei uns bleiben sollen.« - -Friede war unterdessen die Treppe hinaufgestiegen, hatte eine Türe -offen gefunden und sich etwas erstaunt in dem Zimmer umgesehen. -Komisch war das, denn es stand mehr als alles darin, übereinander, -untereinander, Möbel, Kisten und Kasten, Einmachbüchsen, eine -Waschwanne, alte Blumentöpfe, Bilder mit zerschlagenen Rahmen, und -Platz war wahrlich nicht viel, nicht einmal für so einen schmalen -Jungen, wie Friede einer war. Der Bube war an einfaches Hausen gewöhnt, -immerhin hatte er sich sein Stadtkämmerlein doch anders vorgestellt, -wenigstens so sauber und ordentlich, wie es im Häusel der Muhme -Lenelies aussah. - -Kaspar auf dem Berge wollte auch sehen, wie der Junge untergebracht -war. Er habe das der Muhme versprochen, erklärte er. So stapfte er -hinter Friede die Treppe hinauf, während Herr Wunderlich selbst unten -auf die Pferde achtgab. - -»Potzhundert!« rief der dicke Gastwirt oben erstaunt, »meiner Seel', -ich hätt' nicht gedacht, daß man in der Stadt so kurios die Kammern -einrichtet. Hm, hm, nä, wirklich, Friede, meine Frau würde das 'ne -Rumpelkammer nennen.« - -»Muhme Lenelies auch,« sagte Friede kleinlaut, »aber da steht 'n Bett -und -- -- --« - -»Junge, sag mir mal, was machst du denn in meiner Schrankstube?« rief -plötzlich Fräulein Wunderlich von unten herauf, und dann erkletterte -die rundliche Dame eilig die Treppe. »Aber Junge, Junge, doch auf der -andern Seite!« - -»Rechts sollte ich -- --,« stotterte Friede. - -»Rechts, ach so, ja, ja!« Die Dame brach in ein höchst vergnügtes -Lachen aus: »Junge, merk dir das, rechts und links kann ich einmal -nicht unterscheiden, und wenn ich rechts sage, meine ich fast immer -links, und wenn ich links sage, dann meine ich rechts, das ist mal so!« - -»Ih, nä!« Der Wirt grinste: »So was, das habe ich meiner Lebtage nicht -gehört, daß 'n Frauenzimmer so verdreht ist und links sagt und -- -- --« - -»Erlauben Sie mal,« rief Fräulein Wunderlich entrüstet, »ich bin kein -Frauenzimmer! Auf dem Dorfe gibt es Frauenzimmer, in der Stadt gibt -es Damen.« Dabei sah sie den dicken Kaspar so von oben herab an, daß -dem himmelangst wurde. Er scharrte verlegen mit seinen Füßen auf -dem blitzsauberen Fußboden, was Fräulein Wunderlichs erneuten Ärger -erregte. Sie sagte aber nichts und öffnete nun links eine Türe zu -einem so freundlich eingerichteten Stübchen, daß Friede einen hellen -Freudenruf ausstieß. »Hier soll ich wohnen, hier?« - -»Freilich!« Das Fräulein lächelte nun freundlicher; sie strich sogar -dem Buben die Wangen und sagte: »Mag's dir gut gehen bei uns in unserem -Hause!« - -Kaspar auf dem Berge nickte wohlgefällig, so war's recht; das Stübchen -gefiel ihm wohl, und zuletzt schied er mit dem Bewußtsein, dem Friede -ginge es so gut, wie es einem in der Stadt gehen kann. So schön wie in -Oberheudorf konnte es eben nirgends sein. - -Am Abend erzählte er daheim viel von seiner und Friedes Ankunft, -von den Laubfröschen, dem falschen »Drektor« und dem verkehrten -Frauenzimmer, und Muhme Lenelies, die in die himmelblaue Ente gekommen -war, dachte voll heimlicher, sorgender Angst: »Wie wird es nur meinem -Friede ergehen in der fremden, fremden Stadt!« - -Die Oberheudorfer Buben und Mädels redeten am nächsten Morgen mehr vom -Traumfriede und der Stadt als von ihrer Schule und ihren Arbeiten. -Die Buben besonders beneideten den Kameraden glühend. Es mußte doch -wundervoll sein, eine froschgrüne Mütze zu tragen! Allein um dieser -Mütze willen wären die meisten gleich bereit gewesen, auch auf das -Gymnasium zu gehen. »Und so'ne feine Kammer hat er,« wisperten die -Mädels, »der Wirt hat gesagt, seine Fremdenstube wäre nicht schöner. -Ach ja, der Friede hat's gut!« - -»Vielleicht geh ich auch noch in die Stadt zur Schule,« sagte Heine -Peterle daheim sehr wichtig zu Muhme Rese, »die grüne Mütze ist fein!« - -»Ja,« meinte Muhme Rese, »'ne Mütze tragen und lernen ist halt 'n -Unterschied; wieviel Fehler haste heute gehabt?« - -Flugs war der Bube hinaus. Nach seinen Schularbeiten ließ er sich nicht -gern fragen, denn darin sind die Erwachsenen komisch; sie schreien über -ein paar Dutzend Fehler immer gleich, als wäre das eine ganz schlimme -Sache! -- -- -- - -[Illustration] - - - - -[Illustration] - -Ein böser Tag. - - -»Nimm's nicht schwer, wenn dir im Anfang alles etwas fremd vorkommt,« -hatte der Organist Wunderlich seinen Hausgenossen ermahnt, als er -am Nachmittag nach seiner Ankunft mit ihm hinüber ins Gymnasium zur -Aufnahmeprüfung ging. »Sei tapfer! Wer ein rechter Mann werden will, -darf nicht gleich verzagen, wenn auch der Anfang etwas schwer ist.« - -Traumfriede nahm sich die Worte zu Herzen und dachte: »Ich will schon -tapfer sein.« Doch bei der Prüfung hatte er die Tapferkeit gar nicht -nötig, er wußte viel und konnte gut antworten. Die Lehrer sagten, -das, was er noch nicht wisse, würde er schnell nachholen. Er kam, wie -es der Oberheudorfer Lehrer gesagt hatte, in die Quarta hinein, und -sein Pflegevater ging gleich nach der Prüfung und kaufte ihm eine -froschgrüne Mütze. Die gehörte nun einmal dazu, und als Friede sie -aufsetzte, dachte er: »Ach, könnte ich doch jetzt einmal mich damit im -Dorfe zeigen!« - -Der erste Tag und die erste Nacht gingen vorbei. Traumfriede schlief, -trotzdem es ihm am Abend seltsam bang ums Herz wurde, doch wie ein -Murmeltier im fremden Hause. Und tapfer, zuversichtlich und vergnügt -marschierte er am nächsten Morgen in das Gymnasium hinüber, die grüne -Mütze keck auf dem blonden Kopf. Er hatte es sehr eilig gehabt, und -so betrat er als einer der Ersten den weiten Schulhof. Das Haus -- -es war ein ehemaliges Stiftsgebäude -- kam Friede überaus prächtig -vor, und da die große Uhr über dem Eingang ihm zeigte, daß er noch -viel Zeit hatte, so blieb er stehen und betrachtete sich fast -ehrfürchtig das weitgestreckte Gebäude, zu dem eine breite Freitreppe -hinaufführte. Dorthinein sollte er nun täglich gehen; statt Hirtenjunge -und Allerweltshelfer in Oberheudorf war er nun ein Gymnasiast, ein -Lateinschüler, und später würde er vielleicht auch ein Pfarrer, ein -Doktor, ein -- -- - -»Herrjeh, da ist ja Friede Pfennig aus Oberheudorf! Na, Friede Pfennig, -wie geht es denn Muhme Lenelies?« rief es da plötzlich laut in seine -stolzen Zukunftsgedanken hinein. - -Verwirrt drehte sich der Bube um, er mußte sich erst besinnen, daß der -Ruf ihm galt. Ein paar Jungen standen neben ihm, der längste von ihnen -war der Sprecher gewesen. Er schaute Friede spöttisch an, so spöttisch -und unfreundlich, daß dem plötzlich die Glut ins Gesicht stieg, was den -andern zu lautem Lachen reizte: »Seht nur, wie er rot wird, der Herr -Oberheudorfer! Sag mal, du hast wohl Spatzen unter deiner Mütze?« Und -ehe es sich Friede versah, sauste ihm die Mütze vom Kopfe und geriet -schnell unter ein paar Bubenbeine. - -[Illustration] - -»Meine Mütze,« rief Friede unwillkürlich erschrocken, und weil er, -der in Armut groß geworden war, das Neue stets schonte, hob er die -Mütze eilig auf und sagte kläglich: »Sie ist doch ganz neu! Pfui, wie -abscheulich von dir!« - -»Na, seht doch den Bauernbuben an!« höhnte der lange Junge. »Geh doch, -klag's der Muhme Lenelies, Friede Pfennig!« - -Das war ein übler Anfang. Wenn nicht ein paar Lehrer über den Schulhof -gekommen wären, hätte es sicher eine Prügelei gegeben, und als Friede -ein Weilchen später in seiner neuen Klasse saß, hatte er das Gefühl, -unter lauter Feinden zu sitzen. Das tuschelte und lachte um ihn herum: -»Friede Pfennig aus Oberheudorf ist da, Friede Pfennig, Friede Pfennig.« - -Wenn er aufsah, begegnete er lauter lustigen Spottblicken, und -zuletzt wurde er ganz verwirrt und verlegen, er konnte in der Stunde -nicht mehr die einfachsten Fragen beantworten. Der Klassenlehrer, -Doktor Schneider, sah ihn darum nicht scheel an, er fand des Buben -Verlegenheit begreiflich, er wußte ja auch, wie gut der seine Prüfung -bestanden hatte. Aber Friede schämte sich doch gewaltig, und als die -Stunde aus war, rannte er wie gejagt davon. Doch draußen auf dem Flur -hielt ihn einer fest: »Bist du der Friede aus Oberheudorf?« - -»Ja,« schrie Friede, und den sonst so sanften Jungen übermannte der -Zorn. Warum neckten sie ihn nur so, war es denn eine Schande, aus -Oberheudorf zu sein? »Ja, der bin ich,« schrie er noch einmal, und -schwapp, schlug er dem andern die Mütze vom Kopf. »Ich kann das auch!« - -Hinaus war er, die Treppe hinab, er raste über den Schulhof und kam -heiß und atemlos in dem Organistenhaus an. Es hatte draußen inzwischen -etwas geregnet, und auf dem Johannesplan standen kleine Pfützen. -Friede hatte wenig darauf acht gegeben, er dachte auch nicht an das -Schuhabputzen; tapp, tapp lief er die Treppe zu seinem Kämmerlein -hinauf und warf drinnen aufschluchzend seine Bücher auf den Tisch. - -Bums, da lagen die Bücher, und bums ging die Türe auf. Fräulein -Wunderlich stand auf der Schwelle und rief wütend: »Ich habe dir doch -gesagt, du sollst die Füße abwischen, o du böser, böser Junge, du! -Wenn du es noch einmal vergißt, dann mußt du die Treppe scheuern.« -Krach, flog die Türe wieder zu, und Friede starrte ganz betäubt der -zornigen Dame nach. Er hörte sie unten noch ein Weilchen schelten, und -bedrückt schlich er an das Fenster und sah hinaus. Sein Zimmerchen lag -an der Wand des Hauses, die an den Garten des stattlichen Nachbarhauses -anstieß, und Friede konnte weit hinein in diesen großen, schönen Garten -sehen. In dem standen viele alte Bäume; jetzt freilich waren sie noch -kahl, nur ein feines grünes Schimmern lag darüber, aber die großen -Rasenflächen leuchteten schon im ersten frischen Grün, und da und dort -blühten bunte Frühlingsblumen, Hyazinthen, Tulpen und Narzissen. Der -Garten gefiel Traumfriede über die Maßen gut, und er sah so lange und -andächtig hinein, bis er ein wenig seinen Kummer vergaß. - -Etwas beruhigter ging er zum Mittagessen hinab, und da Fräulein -Wunderlich nicht mehr so bitterböse aussah, wollte er sie gerade um -Entschuldigung bitten, als der Herr Organist ihn etwas streng fragte: -»Du, sag mal, Friede, warum bist du gleich so patzig? Dem Ulrich -Sonntag hast du so heftig die Mütze vom Kopf geschlagen, daß er eine -Beule an der Stirn davongetragen hat. Na, das ist ja eine schöne -Aufführung für den ersten Tag! Schämst du dich nicht?« - -Fragte nun jemand den Traumfriede mild, wie war das oder dies, -dann sagte er stets freimütig und offen die Wahrheit, doch Strenge -schüchterte ihn leicht ein, und er wußte nichts zu sagen. Herrn -Wunderlichs Vorwurf und des Fräuleins Schelte verwirrten ihn namenlos; -er wagte nicht aufzusehen, still und niedergeschlagen saß er da. Dem -alten Herrn tat es fast leid, und freundlicher forderte er ihn auf: -»Erzähle mir doch einmal, wie war es heute früh, und warum hast du -gerade mit Ulrich Sonntag Streit gehabt?« - -Friede wollte soeben, durch den freundlichen Ton ermuntert, antworten, -wollte sagen, er wüßte gar nicht, wer dieser Ulrich Sonntag sei, als -Fräulein Wunderlich empört rief: »Bewahr mich, der Junge steckt ja das -Messer in den Mund!« - -Erschrocken ließ Friede das Messer fallen, das rutschte aus, er wollte -es halten, doch da geriet der Teller ins Schwanken, und beinahe ging es -wie beim Kippelphilipp im Struwelpeter: Teller, Glas, Messer, Löffel, -Brot, alles kollerte mit viel Geklirr und Gekrach auf den Fußboden. - -»Das ist ja ein furchtbarer Junge!« rief Fräulein Wunderlich empört, -und sie hätte wohl noch manches böse Wort gesagt, wenn ihr Bruder sie -nicht mit ernstem Blick gebeten hätte: »Wir wollen jetzt nichts mehr -sagen, Friede und ich sprechen nachher miteinander. Geh jetzt in dein -Zimmer und arbeite. Bis fünf Uhr habe ich Stunden zu geben, nachher -komm zu mir.« - -Friede war heilfroh, daß er aufstehen durfte. Er war freilich nur halb -satt, aber er hätte jetzt vor lauter Verlegenheit und Scham doch keinen -Bissen mehr hinuntergebracht. Als er die Türe hinter sich schloß, hörte -er gerade noch Fräulein Wunderlich triumphierend sagen: »Ich habe es -gleich gewußt, so ein Junge vom Dorf paßt nicht in unser Haus.« - -Traurig schlich Friede die Treppe hinauf. Heute hatte er keine Freude -an dem hübschen Stübchen, selbst die neuen Bücher auf dem Tisch, an -denen er sich gestern noch so gefreut hatte, lockten ihn nicht. Er -setzte sich niedergeschlagen an das offene Fenster, starrte in den -Nachbargarten hinunter und dachte, während ihm dicke Tränen über die -Wangen liefen: »Ach, wäre ich doch wieder in Oberheudorf bei Muhme -Lenelies!« - -In dem großen, schönen Haus mit dem steinernen Wappen über dem Tor, -das neben dem Organistenhaus lag, wohnte ein alter Herr, Professor -von Spiegel. Das Haus stand schon beinahe zweihundert Jahre auf dem -Johannesplan, und so lange war es auch in dem Besitz der Familie -Spiegel. Wohl nie war es aber so still in dem Hause gewesen wie jetzt. -Sein Besitzer hatte weder Frau noch Kinder, er war ein hochgelehrter -Herr, der viel auf Reisen war und manchmal monatelang nicht in dem -alten Familienhaus wohnte. Sein Gärtner und dessen Frau bewachten das -Haus; kam der Professor selbst, dann bewohnte er meist nur wenige -Zimmer, alle andern blieben verschlossen. Fräulein Wunderlich haßte den -Nachbar, obgleich sie Nachbarskinder waren und ihr Bruder Matthias sich -in seiner Jugend den besten Freund des Herrn von Spiegel genannt hatte. -Die Freundschaft war entzwei gegangen durch kleine Mißverständnisse -und Übelnehmereien. Die meiste Schuld daran trug Fräulein Wunderlich. -Sie hatte nie zum Frieden geredet, sondern immer ein wenig gehetzt -und gestichelt. Einmal hatte sie behauptet, der Nachbar sei hochmütig -und habe sie nicht gegrüßt, dann wieder, man habe ihre Katze drüben -im Nachbargarten vergiftet, und zuletzt war es so weit gekommen, daß -die Nachbarn sich nicht mehr ansahen. Herr Matthias Wunderlich schaute -freilich oft trübselig nach dem Haus hinüber und seufzte wohl: »Wäre es -doch wie damals!« - -Ähnlich dachte auch der alte Professor von Spiegel, als er an diesem -Frühlingstag zum erstenmal wieder nach langer Abwesenheit durch seinen -Garten schritt. Aufmerksam betrachtete er, wie bunt und reich der -Frühling die Beete geschmückt hatte; bald blieb er vor einem Baum -stehen, der ein lichtgrünes Schleierkleid trug, bald vor einem Beet, -auf dem allerlei Blumen zart und lustig im Sonnenschein standen. An der -Mauer des Nachbarhauses blühten noch die Veilchen, und der Professor -bückte sich, um ein paar der lieblichen Dinger abzupflücken, als er -Friedes bitterliches Schluchzen hörte. Die Kammer des Knaben war gerade -an der Veilchenwand, und da das Organistenhaus ziemlich klein gewachsen -war, konnte der alte Herr den weinenden Knaben gut sehen. »Na nu,« -rief er hinauf, »wer heult denn da? Schickt sich das für einen schönen -Frühlingstag, he?« - -Friede hob verwirrt den Kopf und sah nun den alten Herrn an, der unten -im Garten stand. Das Gesicht kam ihm bekannt vor, es war ihm, als müßte -er schon einmal dies von struppigem, weißem Haar umgebene Gesicht mit -den hellen Augen gesehen haben. - -»Na, was guckste mich denn an, Junge, als wäre ich aus einem -Märchenbuch herausgepurzelt?« rief Professor von Spiegel und -zwinkerte lustig mit den Augen. »Ich bin kein Mittagsgespenst, kein -Kinderschreck, kein Bubenfresser. Aber nun sag du mir mal, woher du -kommst, und warum du so weinst, als wolltest du den Johannesplan unter -Wasser setzen. Bei Wunderlichs gibt es doch sonst keine heulenden -Buben, he?« - -»Ich bin aus Oberheudorf,« stammelte Friede, »ich soll hier aufs -Gymnasium gehen.« - -»So, aus Oberheudorf? Na, das ist dort eine nette Sorte Buben und -Mädels.« - -Der alte Herr lachte leise und behaglich, und Friede dachte wieder: -»Aber den kennst du doch!« Da fragte schon der Fremde in sein Überlegen -hinein: »Du kennst mich wohl nicht mehr, oder warst du nicht dabei, wie -wir voriges Jahr bei euch ein Hünengrab öffneten, he?« - -»Ich weiß, ach, ich weiß!« rief Friede, und ein heller Schein lief -über sein Gesicht. Ach, das war ja einer der Herren, die an einem -Sommertag in Oberheudorf gewesen, das Hünengrab erforscht und seinen -Lieblingsplatz dadurch zerstört hatten. Just dieser hatte dann am -meisten darüber gelacht, daß die Mädels die ausgegrabenen Sachen alle -hatten schön blank putzen wollen. - -»Komm mal zu mir herunter, dich muß ich mir näher ansehen,« sagte der -alte Herr fröhlich, und als sich Friede zweifelnd umsah, holte er -selbst eine lange Leiter herbei und schob sie unter Friedes Fenster. -»Da ist die Treppe, nun komm!« - -Friede dachte in diesem Augenblick gar nicht an Fräulein Wunderlichs -strenges Verbot, jeden Verkehr mit dem Nachbarhause zu vermeiden, er -war zu froh, mit jemand von Oberheudorf sprechen zu können; eins, zwei, -drei war er unten neben dem alten Herrn, der ihm freundlich die Hand -entgegenstreckte. »Na, grüß dich Gott, Oberheudorfer Bube du, und nun -komm, setz dich neben mich und erzähle mir, wie du aus deinem hübschen -Oberheudorf heraus und gerade zu den Wunderlichs gekommen bist.« - -Bei dieser gütigen Frage verlor Friede alle Befangenheit, und ein -großes Vertrauen zu dem Herrn, der seine Heimat so gut kannte, erfüllte -gleich sein Herz, und es wurde ihm gar nicht schwer, dem Fremden alle -seine Schicksale zu erzählen, von der Heimat, und wie er hierher -gekommen war, von der gestrigen Ankunft und dem bösen Schulanfang -heute, von Fräulein Wunderlichs Zorn und -- da stockte er und wurde -blutrot. - -»Na und weiter? Immer ehrlich gesagt, was man denkt,« ermunterte der -Professor. - -»Ich -- -- -- ich sollte doch mit niemand von den Nachbarn sprechen,« -stammelte Friede, dem plötzlich das Verbot einfiel. - -[Illustration] - -»So, das sieht ja dem wunderlichen Fräulein Wunderlich ähnlich,« rief -Herr von Spiegel grimmig lachend. »Sieh mal einer an, nicht einmal -reden soll man mit mir! Sag einmal, Bub, spricht es sich nicht ganz gut -mit mir?« - -Friede lachte, nickte und erwiderte treuherzig: »Ja.« Er blieb auch -sitzen und gab fröhlich und willig Antwort, denn der Professor fragte -gar viel nach dem Heimatsdorf und seinen Bewohnern, und darüber -vergaßen die beiden ungleichen Kameraden wieder Fräulein Wunderlichs -Verbot. - -Das Fräulein hatte unterdessen viel an ihren kleinen Hausgenossen -gedacht. Etwas bereute sie beim Nachdenken ihre Strenge schon, und -wäre ihr Friede jetzt in den Weg gekommen, dann hätte er wohl ein -freundliches, mildes Wort gehört. Inzwischen klingelte es an der Türe, -und Marianne Sonntag kam zur Geigenstunde. Fräulein Wunderlich öffnete -selbst und sprach ein paar Worte mit dem Mädel, das ihres Bruders -Lieblingsschülerin war. Dabei fiel ihr wieder ein, daß Friede am Morgen -mit Ulrich Sonntag Streit gehabt hatte, und sie forschte: »Sag mal, -Kind, was hat denn dein Bruder unserm Pflegling getan?« - -»Er ihm?« rief das Füchslein und wurde rot vor Ärger. »O pfui, Fräulein -Wunderlich, dieser Junge aus Oberheudorf ist abscheulich! Ulli wollte -mit ihm sprechen, da hat er gleich losgehauen -- -- so -- --,« und -krach schlug sie mit ihrer Notenmappe auf einen Stuhl, »so war's!« - -»Aber Mädchen, nicht so wild!« mahnte Fräulein Wunderlich und seufzte: -»Ja, ja, ich glaube, wir haben uns einen bösen Knaben in das Haus -genommen, ich fürchte sehr, es wird viel Ärger geben. Nun geh also in -deine Stunde, Kind!« - -Marianne schlüpfte in das Musikzimmer, Fräulein Wunderlich aber stieg -die Treppe hinauf, um einmal nach ihrem schlimmen Kostgänger zu sehen. -Zu ihrem Erstaunen fand sie oben das Zimmer leer und das Fenster weit -offen. »Er ist ausgerissen,« dachte sie erschrocken, »ich habe ihn -aus dem Hause getrieben.« Aber da hörte sie auf einmal Stimmen aus -dem Nachbargarten heraufschallen, und nun -- was war das? -- -- -- -ein höchst vergnügtes Bubenlachen erklang da unten. Geschwind lief -sie ans Fenster und bog sich weit hinaus. Das war doch toll! Da saß -dieser abscheuliche Bengel und schwatzte mit dem verhaßten Nachbar, als -wäre der sein allerbester Freund! Ein heftiger Zorn erfaßte Fräulein -Wunderlich, und sie wollte schon laut ihren Pflegling anschreien; auf -einmal hielt sie inne, kehrte in das Zimmer zurück und begann sehr -geschwind Friedes Sachen zusammenzupacken. Der Junge mußte ihr aus dem -Hause, gleich, auf der Stelle! Husch, husch ging es, Bücher, Wäsche, -den neuen Sonntagsanzug, alles tat sie in den Sack. Dann schloß sie -ganz leise das Fenster, eilte hinab und rief ihre Magd. »Marie, nimm -die Sachen, trag sie hinüber zum Herrn Professor von Spiegel und sage, -dies wären die Sachen von dem Oberheudorfer Jungen, der möchte sehen, -wo er bleiben kann, wir hätten keinen Platz in unserm Hause für so -rüpelige Jungens, die zum Fenster hinausklettern.« - -Marie sah ihre Herrin ein wenig zweifelnd an; es schien ihr doch ein -bißchen eilig mit dem Hinauswerfen zu gehen, und sie dachte: »Wenn doch -der Herr das hörte!« - -Doch der hörte nichts, Marianne Sonntag stand drinnen in seinem Zimmer -und geigte so fein und lieblich, als wäre sie gar nicht das wilde -Füchslein. Auch als Marie draußen etwas laut polterte und rief, daß -es durch den ganzen Flur hallte: »Soll ich's wirklich bestellen, daß -der Friede nicht mehr zurückkommen darf?« hörten die beiden drinnen es -immer noch nicht, und brummend zog das Mädchen ab. - -Friede saß noch immer auf der Bank neben dem Professor, als Marie -vorn am Tor stark die Glocke zog. Weil sie sich ärgerte, tat sie es -besonders laut, und weil die Botschaft, die sie ausrichten sollte, ihr -selbst zu hart vorkam, schrie sie den armen Friede heftig an, als sie -ihn erblickte, und ihre Stimme klang rauh, denn die Tränen saßen ihr in -der Kehle. »Da! -- Nu ist's wohl am besten, du gehst jetzt wieder nach -Oberheudorf zurück.« - -Erst begriff Friede gar nichts. Er starrte die Magd ganz fassungslos -an, und der liefen in hellem Mitgefühl die Tränen aus den Augen. -»'s ist wahr, wahrhaftig wahr, du armer Junge,« schluchzte sie, -»rausgeworfen bist du, ritsch, ratsch rausgeworfen. Aber ich gehe auch, -in so 'nem Haus bleibe ich nicht, fällt mir nicht ein.« Damit lief sie -weg, sie konnte das bleiche, verstörte Gesicht des armen Jungen gar -nicht ansehen. - -Der Professor war nicht minder erschrocken als Friede. Gleich fiel's -ihm ein, daran bist du schuld, du hättest den Buben nicht herunterrufen -sollen, und dann überkam ihn ein heftiger Zorn auf das hartherzige -Fräulein. »Bleib hier, ich geh' hinüber,« sagte er rasch, »ich werde -dem Fräulein Wunderlich ordentlich meine Meinung sagen.« - -»Mit Verlaub, gnädiger Herr, das täte ich nicht gleich!« Der Gärtner -und Hausverwalter, der Marie die Türe geöffnet hatte, stand bescheiden -vor seinem Herrn und fuhr treuherzig fort: »Jetzt raucht der Ärger -drüben und hier noch zu sehr, und es könnte leicht ein Feuer geben. -Wär's nicht besser, der Junge da bliebe noch ein Weilchen hier? -Vermute, der Herr Organist wird bald selbst kommen, jetzt wird er den -Weg schon finden, und das wäre mir eine rechte Herzensfreude.« - -»Ist recht,« rief der Professor, »das war ein guter Rat, und am besten -wär's jetzt, einen ordentlichen Kaffee zu trinken. Komm, Friede von -Oberheudorf, du bist mein Gast, jetzt sollst du mal Stadtkuchen -schmecken. Sieh nicht so unglücklich aus, armer Kerl, es wird alles -wieder gut werden.« Und als er sah, wie Friede sich tapfer die Tränen -verbiß, strich er ihm gütig über den blonden Krauskopf. »Ich verlasse -dich nicht, ich bleibe dein Freund.« - -Im Organistenhaus war des Füchsleins Stunde zu Ende. Die Kleine packte -ihre Noten ein, so langsam und nachdenklich, daß Herr Wunderlich -lächelnd fragte: »Na, Mädel, was gibt's, was hast du noch auf dem -Herzen?« - -»Ich möchte den Oberheudorfer Jungen sehen,« platzte Marianne heraus, -»er soll zwar gräßlich sein, aber -- -- aber -- --« - -»Ich bin doch zu neugierig auf ihn,« vollendete der Organist. »So -schlimm ist es gar nicht mit ihm, er ist ganz brav, und ich rufe ihn -gerne; er fühlt sich gewiß recht einsam und schwatzt vielleicht eher -mit dir als mit uns.« - -Und dann kam es heraus: Friede war nicht mehr im Hause, Fräulein -Wunderlich hatte ihn hinausgeworfen. Ihr Bruder wurde ganz blaß vor -Schreck. Ein anvertrautes Kind am ersten Tage aus dem Hause weisen, -das war ihm doch zu viel. »Ich muß ihn holen,« rief er und nahm -geschwind seinen Hut. - -»Nein, nein,« jammerte seine Schwester, »ich nehme ihn nicht wieder, -nie wieder, und du darfst nicht zu dem Professor hinüber gehen, ich -leide es nicht!« - -Herr Wunderlich antwortete gar nicht, er sah seine Schwester nur ernst -und tieftraurig an, und das zornige Fräulein fühlte beschämt, welch -großes Unrecht sie begangen hatte. Weil sie das aber nicht eingestehen -wollte fing sie an jämmerlich zu weinen und zu klagen, sie schrie, -stöhnte, rang die Hände und tat, als sei ihr das allergrößte Herzeleid -geschehen. Ihr Bruder beachtete dies gar nicht, er nahm Marianne -Sonntag bei der Hand und verließ mit ihr das Haus. Draußen sagte er -betrübt: »Geh nach Hause, mein Kind, und denke nicht zu schlecht -von dem armen Jungen und gib ihm ein freundliches Wort, wenn du ihn -siehst.« Er nickte dem Füchslein noch einmal zu und zog dann die Glocke -am Nachbarhaus, zum erstenmal wieder seit vielen Jahren. - -»Der Herr Organist ist da,« sagte nach einem Weilchen die Gärtnersfrau -mit strahlendem Gesicht zu dem Professor, der mit seinem sehr -niedergeschlagenen Gast am Kaffeetisch saß, »er ist doch gekommen!« - -Der Professor sprang auf. »Bleib, Junge,« rief er, »daß der Matthias -Wunderlich zu mir kommt, freut mich. Vielleicht hast du mir Glück -gebracht, Friede von Oberheudorf, und ich gewinne einen alten Freund -wieder.« - -Friede mußte lange, lange warten, ehe sein Gastfreund zurückkehrte. -Herr Wunderlich kam mit ihm, und die beiden alten Herren sahen aus, als -hätten sie sich recht tüchtig mit Frühlingssonnenschein eingerieben, so -glänzten ihre Gesichter und so strahlten ihre Augen. Das Wiedersehen -nach langen Jahren war auch ein Wiederfinden geworden; sie hatten sich -ausgesprochen und hatten dabei entdeckt, daß sie beide im Herzen noch -die gleiche Freundschaft hegten. - -»Deine Schwester versöhnen wir auch noch,« sagte der Professor heiter, -»der Junge, den sie so geschwind aus dem Haus gestoßen, soll uns -helfen. Laß ihn vorläufig bei mir, ich bleibe den Sommer über hier und -will ihn behalten, bis deine Schwester ihn selbst zurückholt.« - -Der Organist schüttelte trübe den Kopf. »Sie ist sehr böse auf ihn.« - -»Sie hat aber doch ein gutes Herz, ich weiß es, ich weiß, wie viel -Gutes sie in aller Stille tut, und ich glaube bestimmt, der Junge ist -uns dreien zur Versöhnung gekommen.« - -Friede war es wohl zufrieden, daß er unter des Professors Schutz in -dem schönen Hause bleiben sollte, und weil Herr Wunderlich gar nicht -schalt, sondern gütig und väterlich mit ihm sprach, hellte sich sein -Gesicht auf. Er versprach, tapfer zu sein und brav in die Schule zu -gehen, seine Pflicht zu tun und seinem Beschützer Freude zu machen. -»Ich schreibe selbst an deine Muhme oder fahre nächste Woche einmal -hinaus nach Oberheudorf, damit die alte Frau sich nicht sorgt,« -versprach der Professor. »Hast du ihr schon geschrieben?« - -Friede schüttelte den Kopf. »Ich soll erst in vierzehn Tagen schreiben, -früher nicht; Muhme Lenelies meinte, sonst würde ich mit dem Heimweh zu -schwer fertig!« - -»Deine Muhme hat recht, und nun sieh zu, daß du ihr in vierzehn Tagen -einen guten, fröhlichen Brief schreiben kannst. So viel wie an diesem -ersten Tag wirst du wohl nicht jeden Tag erleben.« - -So blieb Traumfriede in dem großen Haus mit dem steinernen Wappen über -dem Tor. Frau Emma, die Hausverwalterin, richtete ihm ein freundliches -Zimmer ein, von dessen Fenstern aus er gerade das Organistenhaus sehen -konnte und die Veilchenwand, an der er hinabgestiegen war. - -Friede kam sich an diesem Abend wie einer der verwunschenen, verfolgten -und verspotteten Prinzen vor, von denen es in Muhme Lenelies' Märchen -wimmelte. Aber er schlief auch hier gut und wanderte am nächsten -Morgen wieder mutiger in die Schule, doch bedrückt kehrte er heim. Er -hatte so fremd unter seinen Mitschülern gesessen wie am vergangenen -Tage, und wieder hatten sie ihn mit spottenden Worten und höhnischen -Sticheleien gekränkt. Ein Gymnasiast zu sein, war doch viel schwerer, -als in die Oberheudorfer Schule zu gehen. Und weil die Sehnsucht in ihm -klopfte und pochte und er so viel an Oberheudorf denken mußte, setzte -er sich hin und schrieb an Heine Peterle einen Brief. An die Freunde -zu schreiben hatte ihm die Muhme ja nicht verboten, und sicher würden -diese warten, und gewiß würden sie sich sehr freuen. Ach, es gab ja so -viele Gründe, einen Brief zu schreiben! - - - - -[Illustration] - -Heine Peterles Brief. - - -Es war wieder einmal die Stunde gekommen, in der die meisten -Oberheudorfer Kinder die Schule am liebsten hatten, -- sie war nämlich -aus. Die Schulglocke hatte geschwind und eilig gebimmelt, fast heiser -war sie dabei geworden; dann hatte der Lehrer das Buch zugeklappt, -und nun ging es laut und lustig auf der Dorfstraße zu. Und es war -drollig: jene, die in der Schule immer ihren Mund hielten, wenn der -Lehrer fragte, taten ihn hier draußen kaum zu. Zu diesen gehörte an -diesem Tage auch Heine Peterle. In der Schule hatte er nichts gewußt, -so wenig, daß es beinah zum Nachsitzen gekommen wäre, und draußen -schwatzte er, als hätte er sich von der Jungfer Elster den Schnabel -geborgt. Gerade wie der Lärm am größten war und die Kinder nun alle -aus dem Schulhaus herausgekommen waren, schritt der Postbote durch das -Dorf. Allzuviel hatte der immer nicht abzugeben, denn die Oberheudorfer -waren keine großen Briefschreiber. Ihre Sippschaft saß meist in den -Dörfern in der Nähe, und wenn ein Familienmitglied dem andern etwas -sagen wollte, lief es lieber drei, vier oder fünf Stunden, ehe es einen -Brief schrieb. Die Kinder bekamen erst recht keine Briefe, und so -purzelten sämtliche Buben und Mädel vor Erstaunen beinahe um, als der -Postbote auf die Kinder zukam, einen Brief hochhielt und rief: »Der ist -für Heine Peterle Putzenkeller!« - -Heine Peterle riß seinen Mund auf, als wollte er ein Fliegenschnapper -werden, doch seine Gefährten brüllten gleich laut los: »Heine Peterle -kriegt 'n Brief -- 'n Briiiieef!« - -»Na freilich, warum soll er nicht mal 'nen Brief kriegen?« Der Postbote -schmunzelte und hielt dem Buben das Schreiben hin. »Da, nimm es doch!« -Aber der sah es an, als wäre es ein glühender Plättstahl, er stöhnte -ordentlich; der Gedanke einen Brief zu bekommen, war zu überwältigend. - -»Nimm ihn doch, nimm, nimm!« forderten die andern auf. Anton Friedlich -versetzte ihm einen Puff von links, Schulzens Jakob einen von rechts, -und nun entschloß sich Heine Peterle endlich, den Brief zu nehmen. Er -wurde feuerrot dabei und hielt das kleine weiße Ding zitternd in der -Hand. - -[Illustration] - -»Es ist von Friede Heller, auf der Rückseite steht's,« sagte der -Postbote, »nu mach ihn nur auf!« - -»Von Friede, oh von Friede,« schrieen die Buben und Mädel vergnügt, -»dann ist der Brief für uns alle.« - -»Nä, der ist for mich.« Heine Peterle preßte das Schreiben fest an -seine Brust, denn Anton Friedlich griff schon danach. »Mach ihn doch -auf!« mahnte der. - -»Ja, mach'n auf, wir wollen wissen, was drin steht,« ermunterten auch -die andern, und Annchen Amsee drängte sich dicht an Heine Peterle -heran. »Uh je, geht das langsam!« - -»Das is doch mein Brief,« rief der Bube patzig, »erst lese ich'n -alleine. Nä, laß doch!« - -Schulzens Jakob hatte versucht, den Brief zu greifen, und kaum hatte -ihn Heine Peterle vor dem Griff geschützt, als der dicke Friede danach -langte. »An mich ist er erst recht, ich heiße Friede!« - -»Nä, mir gehört er!« Mit beiden Händen umklammerte Heine Peterle das -weiße Ding, er puffte mit den Ellenbogen nach beiden Seiten und trotzte -borstig auf: »Wenn ihr so seid, dann sag' ich nicht, was drinne steht.« - -»Wie sind wir denn?« fragten die andern gekränkt. »Nä, pfui, wie du -bist! Der Brief ist doch für uns alle!« - -»Nä,« Heine Peterle stampfte mit dem Fuß auf, »der gehört mir, erst muß -ich'n lesen.« - -»Na, dann lies doch fix! O bist du'n Tranpeter!« - -»Ihr laßt mich ja nicht lesen.« Heine Peterle wurde immer zorniger, -immer röter, und trotzdem ein kühler, frischer Wind wehte und es gar -nicht heiß war, traten ihm doch die Schweißperlen auf das Gesicht, denn -immer dichter, immer enger umschloß ihn der Kinderkreis, er konnte sich -kaum noch rühren. »Ich kann doch nicht aufmachen,« stöhnte er, »erst -muß ich ein Messer haben!« - -»Hier mein's!« »Nimm mein's!« »Nein, mein's ist schöner!« »Mein's -schneidet am besten!« Die Buben suchten in ihren Taschen und holten -Messer heraus. Die Mädel ärgerten sich, daß sie keine hatten, und -Schulzens Röse rief beleidigt: »Zu so was nimmt man 'ne Stricknadel, -Vater nimmt immer Muttern ihre.« - -Einen Augenblick sahen die Buben betroffen drein; der Schulze bekam die -meisten Briefe, und wenn der eine Stricknadel zum Öffnen nahm, mußte -es wohl richtig sein. Aber dann brüllte Anton Friedlich: »Buben machen -alles mit 'nem Messer, da ist mein's!« - -»Das hat ja keine Klinge,« höhnte Schnipfelbauers Fritz und streckte -seins schmeichelnd Heine Peterle hin: »Nimm mein's!« - -»Nä, das is nie ordentlich scharf,« empörte sich der blaue Friede, »da -guck mal meins!« - -»Au!« brüllte Heine Peterle, denn im Eifer hatte ihn der andere mit dem -angepriesenen Messer in die Hand geritzt. - -»Ihr stecht ihn ja tot!« kreischte Bäckermeisters Mariele, die sehr -ängstlich war; sie fing auch gleich an zu heulen, und Heine Peterle -hatte nicht übel Lust, es ihr nachzumachen, denn seine Lage war nicht -beneidenswert. Die Kinder drängten und drängten; er konnte sich nun -wirklich nicht mehr rühren, puffte mit den Ellenbogen, stieß mit den -Füßen, alles half nichts. Endlich schrie er jammernd: »Laßt mich los -- -sonst -- sonst -- eß ich den Brief auf!« - -Die Kinder schrieen allesamt laut auf vor Schreck, Bewunderung und -Angst. Die Drohung machte einen solch ungeheuren Eindruck auf sie, daß -sie den armen Heine Peterle beinahe zerquetschten. »Mach's nich, nä, -mach's nich, der Brief ist doch for uns alle,« bettelten sie, und Heine -Peterle hätte seine Drohung auch wirklich nicht ausführen können, er -konnte nicht einmal mehr stoßen, so fest eingekeilt stand er da. - -»Potztausend, ihr Kindervolk, was macht ihr heute wieder für'n -Geschrei? 's ist ja, als wäre Krieg und die Feinde hätten euch aus -der Schule hinausgeschmissen!« Der das sagte, war Hans Rumpf, der -Nachtwächter und Ortspolizist. Er kam mit einem grimmigen Gesicht -herbei, denn er ärgerte sich schon eine ganze Weile über die Kinder, -die da mitten auf der Dorfstraße standen und standen und nicht -heimgehen wollten. Seine barsche Frage scheuchte die Kinder diesmal -aber nicht auseinander, sie blieben stehen und klagten: »Heine Peterle -hat'n Brief bekommen und will ihn uns nicht lesen lassen. Er will ihn -aufessen, und er ist vom Friede, und er ist doch für uns alle, und wir -lassen ihn nicht aufessen.« - -»Nä, er ist for mich alleine,« heulte Heine Peterle, dem jetzt die -Geduld riß, »und ich -- ich -- esse ihn doch auf.« - -»Das muß ich sagen, dies is nu nich scheene von dir,« sagte Hans Rumpf -strafend. »Nä, Heine Peterle, das mußte nich machen, so ungefällig -sein.« - -»Nich wahr?« schrieen alle Kinder, und Schulzens Jakob griff wieder -nach dem Brief. »Gib her, ich mach'n auf!« - -»Nä!« Heine Peterle trampelte vor Wut mit den Füßen und wurde nun so -fuchswild, daß er wie ein Ziegenböcklein mit dem Kopf den dicken Friede -in sein Bäuchlein stieß. Der quiekte erschrocken, wollte flüchten und -stieß in der Enge so derb an Annchen Amsee, daß die kreischend zu -fliehen trachtete. - -»Nich so hitzig! So was, das is nich scheene!« tadelte Hans Rumpf, -aber seine Worte verhallten ungehört. Die Buben und Mädel stießen, -schubbsten und drängten einander, teilten Püffe aus, suchten immer -wieder Heine Peterles Brief zu fassen, quietschten, schrieen, heulten -und kreischten, -- es war ein fürchterlicher Lärm. - -»Hollah, fort von der Straße!« Des Schulzen Oberknecht kam mit einem -Wagen angefahren, hinter ihm her kamen noch zwei Wagen. Die Leute -hatten Dünger auf das Feld gefahren und kehrten nun heim. »Hollah, aus -dem Wege!« Der Oberknecht ließ die Peitsche knallen, und nun flüchteten -die Kinder und stoben auseinander wie ein Krähenschwarm, in den ein -Schuß gefallen ist. Dabei versuchten Schulzens Jakob, Anton Friedlich -und etliche andere aber doch noch Heine Peterle den Brief zu entreißen. -Der wehrte sich. »Mein Brief, mein Brief,« brüllte er. - -»Hollah, aus dem Wege, unnützes Bubenpack!« brüllte der Oberknecht -wieder; seine Peitsche sauste, und Anton Friedlich bekam eins über den -Rücken. Mit einem lauten Schrei riß er aus, stieß an Heine Peterle -an, der verlor das Gleichgewicht, purzelte hin, sprang aber geschwind -wieder auf, denn dicht vor ihm standen die Pferde, und einen Augenblick -später wäre er unter ihre Hufe gekommen. - -»Potzwetter noch einmal,« schrie der Oberknecht erschrocken, »am -hellichten Tage kann man hier nicht ruhig fahren, weil einem die Buben -in den Weg laufen.« Srrr, srrr, sauste seine Peitsche durch die Luft, -und hier gab es einen Schlag, dort einen. Die Kinder jammerten, denn -die Peitschenhiebe waren nicht sanft, aber alles Klagen und Jammern -übertönte plötzlich laut Heine Peterles Stimme. »Mein Brief ist weg, -huhuhuhu, ich habe meinen Brief verloren.« - -Die Wagen rollten vorbei, die Knechte schalten, Hans Rumpf schalt, die -Kinder sollten nach Hause gehen, aber die blieben auf der Dorfstraße -stehen und fragten und klagten untereinander: »Wer hat ihn denn?« - -»Ihr habt ihn mir genommen, mein Brief, huhuh, mein Brief!« - -»Er hat ihn doch aufgegessen!« - -»Nä, ich hab'n nich gegessen, mein Brief, huhuh, mein Brief!« - -»Hier liegt er!« Annchen Amsee, die Luchsaugen hatte und alles sah, -was andere nicht sahen, hob ein schwarzes, triefendes Ding von der -Straße auf: in einer Pfütze hatte es gelegen, und ein Wagen war darüber -hingegangen. - -Entsetzt starrten die Kinder den verunstalteten Brief an, von dem eine -schwärzliche Tunke herniederrann, und jetzt streckten sich die Hände -nicht nach ihm aus. Schulzens Jakob sagte kleinlaut: »Den kann man doch -nicht mehr lesen!« - -»Erst muß er ganz trocken sein,« riefen zwei, drei Stimmen. - -»Ich weiß was!« Bäckermeisters Mariele schob sich wichtig vor und griff -mit spitzen Fingern nach dem schmutzigen Ding. »Ich hab' mal mein Buch -in den Schmutz geworfen und es hernach im Backofen fein getrocknet, -dann konnte ich wieder alles lesen. Kommt, wir woll'n den Brief auch -trocknen!« - -»Fein,« riefen die andern, »und nachher lesen wir unsern Brief.« - -»'s ist doch mein Brief,« schluchzte Heine Peterle, und auf einmal -empfanden etliche der Mädel herzliches Mitleid mit dem Kameraden. Sie -trösteten ihn, nahmen ihn in ihre Mitte, und Mariele sagte gnädig: -»Wenn er trocken ist, bekommst du ihn zuerst.« - -Alle miteinander zogen nach der Bäckerei. Das war nun keine Bäckerei, -wie die etwa in einer Stadt ist. Abseits von dem Wohnhaus in einem -Grasgarten stand das Backhäuschen, darin waren der Ofen und eine -Backstube nebenan. Die war jetzt leer, aber der Ofen war warm, denn am -Nachmittag wollten ein paar Bauersfrauen Striezel backen, und darum -hatte Marieles Vater schon geheizt. - -»Hier auf den Schieber müssen wir den Brief legen,« wisperte Mariele -eifrig. Dann erschrak sie aber selbst, als sie das schmutzige Ding -ansah. - -»Leg meine Schürze unter!« Annchen Amsee hatte so geschwind, wie sie -alles tat, Schwatzen, Essen und besonders Lachen, auch so rasch ihr -Schürzchen abgebunden, das merkwürdig sauber war. Darauf wurde sorgsam -der Brief gelegt und wie ein Brot in den Ofen geschoben. - -»Nicht so rasch,« warnte Mariele ängstlich, denn die Buben schoben -gleich sehr kräftig zu, sie dachten: »Viel hilft viel.« - -Ein Weilchen standen die Kinder alle miteinander wartend in der -Backstube, sie blieben aber nicht lange allein. Die Magd hatte sie -durch den Grasgarten laufen sehen, und weil sie wußte, daß es verboten -war, in das Backhäuschen zu gehen, meldete sie es rasch der Hausfrau. -Diese rief ihren Mann, und der rannte denn auch ärgerlich nach dem -Backhaus hinüber, riß dort die Türe auf und rief scheltend: »Na was -soll denn das, was macht ihr denn hier alle in meinem Backhaus? Ei der -Tausend, solche Gäste könnte ich hier gerade brauchen!« - -Der Bäcker war ein gutmütiger Mann, darum klang sein Schelten auch -nicht sonderlich böse, und ein paar von den Buben hatten auch den Mut, -ihm die ganze Geschichte zu erzählen. - -»Potz Weißbrot und Striezel, ihr seid doch ein närrisches Volk,« sagte -der Bäcker, »backt 'n Brief in meinem Backofen. Na, woll'n mal sehen, -ob er schon eine Butterbretzel geworden ist!« - -»Das wär' fein,« schmunzelte der dicke Friede, der gleich Hunger bekam, -wenn er nur das Wort »Butterbretzel« hörte. - -Der Bäcker hatte unterdessen in seinen Ofen geschaut, aber er sah weder -Annchen Amsees Schürze noch Heine Peterles Brief. Er fuhr suchend mit -einem Stock im Ofen herum. »Meiner Seel',« rief er endlich, »das -ist aber mal 'ne kuriose Butterbretzel geworden!« Er zog ein kleines -Häufchen Zunder aus der Tiefe hervor: Schürze und Brief waren der Glut -zu nahe gekommen und verbrannt. - -»Mein Brief,« brüllte Heine Peterle, und Annchen Amsee weinte: »Meine -Schürze, sie war ganz neu!« Doch alles Klagen und Weinen, alles -Jammergeschrei half nichts, Brief und Schürze blieben verbrannt. -Traurig, mit gesenkten Köpfen zogen alle miteinander heimwärts; wie -die begossenen Pudelchen kamen sie einher, und wer die Buben und Mädel -sah, schüttelte den Kopf und meinte: »Na, da hat's was in der Schule -gegeben.« - -Heine Peterle war ganz entzwei vor Kummer um den verlorenen Brief, er -hätte doch so himmelgern gewußt, was darin gestanden hatte. Selbst -Muhme Lenelies, die zum erstenmal bitterböse auf die Kinder war, -denn auch sie hätte zu gern den Inhalt des Briefes gewußt, tröstete -schließlich den armen Buben und versprach ihm, sie würde ihm Friedes -nächsten Brief vorlesen. Das beruhigte Heine Peterle aber nur halb, -und er stieg an diesem Abend mit dem Gedanken ins Bett: »Wenn ich nur -wüßte, was in dem Brief gestanden hatte!« Auf einmal, er war schon -völlig ausgekleidet, wutschte er zur Kammer hinaus, raste die Treppe -hinunter, riß unten die Wohnstubentüre auf und brüllte: »Ich weiß, der -Friede hat mich eingeladen!« - -Schwapp, hatte er einen Katzenkopf weg. »Dummer Bengel,« rief sein -Vater, »was soll das Geschrei? Man denkt ja, es brennt im Hause!« - -So endete dieser Tag, der eigentlich wunderschön hätte sein müssen, -trübe für den armen Heine Peterle. Es war nur gut, daß ein freundlicher -Traum kam, sich an sein Bett setzte und ihm die prächtigsten Dinge -erzählte. Als der Bube am nächsten Morgen aufwachte, war aller Kummer -weg, wie weggeblasen, und als er in seine Höschen fuhr, sagte er höchst -vergnügt zu Muhme Rese, die ihn geweckt hatte: »Aber mein war doch der -Brief, mein Name hat drauf gestanden.« - -Und ein wenig später ging er steif und stolz wie ein Gockel zur Schule -und rief seinen Kameraden wichtig zu: »Etsch, ihr habt noch nie 'nen -Brief gekriegt, aber ich!« - -Da sahen ihn die andern betroffen an, seufzten und dachten: »Ja, recht -hat der Heine Peterle schon, gekriegt hatte er den Brief, und das Lesen --- -- ja, das Lesen war schließlich doch Nebensache. Lesen konnte jeder -einen Brief, aber kriegen nicht.« - -[Illustration] - - - - -[Illustration] - -Eine Stadtfahrt. - - -Traumfriede war schon eine Woche fort, als die Oberheudorfer Kinder -ganz unerwartet eine große Freude hatten; der Lehrer sagte ihnen -nämlich am Schluß der Stunde: »Kinder, morgen habt ihr frei.« - -Dies klang allen so überraschend, daß sie mäuschenstill saßen und den -Herrn Lehrer nur mit großen Augen verwundert ansahen. Der fragte: »Ihr -freut euch wohl nicht? Das ist nett von euch!« - -»O ja,« brüllten alle geschwind, und plötzlich war es, als wäre der -Sturm in die Klasse hineingesaust. Die Kinder drehten sich auf ihren -Plätzen um, nickten und winkten hierhin und dorthin, lachten und -tuschelten, und die Buben- und Mädelbeine zappelten wie gefangene -Fische im Netz. - -Der Lehrer lächelte ein wenig: »Es waren doch erst Ferien!« - -»Och, das ist ja schon furchtbar lange her,« riefen ein paar Buben; es -klang, als wäre Ostern vor hundert Jahren und nicht vor vierzehn Tagen -gewesen. - -»Na, dann geht mal heim und seid hübsch brav morgen. Ich muß mit dem -Herrn Pfarrer nach Tannenroda; es ist eine wichtige Sache, die sich -nicht aufschieben läßt, es tut mir leid genug.« - -Die Kinder hörten wohl, was der Herr Lehrer sagte, ihre Gedanken waren -aber sehr wenig dabei, und Schulzens Jakob erzählte nachher daheim: Der -Herr Lehrer müßte den Herrn Pfarrer nach Tannenroda schieben, und das -wäre sehr wichtig. Die Buben und Mädel dachten nun daran, wie sie den -schulfreien Tag recht vergnügt verleben könnten, sie machten Pläne, als -wäre der eine Tag so lang wie die Sommerferien. - -Wie etliche Buben und Mädel so schwatzend die Dorfstraße entlang -gingen, trafen sie Friede Hopserling, den Müllerknecht. Mit dem waren -sie immer gut Freund, und ihm erzählten sie auch gleich, daß morgen -schulfrei sei. »Na, dann besucht doch den Friede in Feldburg,« riet der -Knecht. - -»Friede besuchen!« Die Kinder sahen sich an. Fein wäre das schon, aber -Feldburg war arg weit, und ob sie durften? - -»Macht's so. Ich fahre früh hin mit Säcken und nachmittags leer heim; -zurück nehme ich euch mit, hin müßt ihr laufen. Fein, was?« Friede -Hopserling grinste die Kinder an wie ein lachendes Kasperle vom -Vogelschießen, die Buben und Mädel grinsten wieder, und auf einmal -schrieen sie alle: »Ich will mit, ich auch, ich auch!« - -Friede Hopserling übersah die Schar, schüttelte den Kopf, zählte an -seinen Fingern ab und brummte endlich: »Vier, mehr nicht.« - -»Ich, ich, ich, nein ich, lieber ich, nimm mich mit!« Jedes rief, jedes -bat, aber der Knecht schüttelte den Kopf. »Geht nicht, vier, sonst -haben's die Pferde zu schwer.« - -Er trat zur Seite, maß nachdenklich den ziemlich breiten Straßengraben -mit seinen Blicken und sagte dann: »Wer am besten springt, darf mit.« -Er selbst sprang hinüber, zog drüben einen Strich, kam zurück und -stellte sich an einen Meilenstein. »Einer nach dem andern, -- wer fängt -an?« - -Die Kinder gehorchten, das Springen erschien ihnen zu lustig, und jedes -hoffte: »Ich erreich's.« Anton Friedlich hatte sich vorgedrängt: »Ich -will anfangen, ich spring' am besten.« - -»Na los!« rief Friede Hopserling, und plumps lag Anton auch schon im -Graben. »Mit 'nem großem Maul springt man nicht,« lachte der Knecht. -»Schulzens Jakob spring!« - -Der sprang und kam richtig über den Strich. Seine Schwester Röse, die -es ihm nachmachen wollte, fiel aber in den Graben, dort bekam sie -gleich Gesellschaft vom blauen Friede, und noch waren sie beide nicht -herausgekrabbelt, da plumpste ihnen schon Bäckermeisters Mariele nach. - -»Es ist zu weit,« riefen ein paar Kinder; Friede Hopserling erwiderte -aber gelassen: »Wer nicht gut springt, kann vielleicht nicht gut -laufen, und wer nach der Stadt will, muß gut laufen können, basta!« - -[Illustration] - -Hopsa, da war Schnipfelbauers Fritz drüben, der dicke Friede sprang ihm -nach, und klatsch, lag er im Graben. - -»Jetzt muß Heine Peterle springen,« riefen ein paar Stimmen. Heine -Peterle aber stand unentschlossen da. Wenn er gut sprang, mußte er mit -in die Stadt, und eigentlich wollte er doch nicht, hatte gesagt, er -würde nie mehr in die Stadt gehen. - -»He, der Heine Peterle, der Städter, mag nicht in die Stadt,« neckte -Friede Hopserling, »er fürchtet sich.« - -»Nä,« rief Heine Peterle patzig, »pah, vor der Stadt fürchten!« -und hops war er drüben, sogar noch ein Stück über den Strich war er -gesprungen. - -»Mädel können nicht springen,« höhnte Anton Friedlich, als Krämers -Trude in den Graben sank. - -»Das ist frech, hast auch drin gelegen!« Annchen Amsee reckte sich, -nahm eilig einen ihrer braunen Bummelzöpfe in den Mund und sauste so -geschwind über den Graben, daß sie drüben gleich Schulzens Jakob und -Schnipfelbauers Fritz umriß. - -»So nun sind's vier,« sagte Friede Hopserling, »weil Annchen am besten -gesprungen ist, darf sie sich noch ein Mädel aussuchen. Ein Mädel ist -leicht, das ziehen meine Pferde noch.« - -»Mariandel,« rief Annchen Amsee geschwind und lief auf das schüchterne -blonde Dirnchen zu, das es gar nicht gewagt hatte, zu springen. »Du -mußt mit, über dich freut sich der Friede am meisten.« - -»Nä, über mich, an mich hat er geschrieben,« beharrte Heine Peterle, -und die andern widersprachen ihm nicht. Sie redeten schon eifrig von -der Fahrt, und ob es die Eltern erlauben würden. Doch die waren gut -und sagten nicht nein; wenn Friede Hopserling die Kinder unter seinen -Schutz nahm, dann waren sie wohl geborgen. - -Es gab an diesem Nachmittag viel Aufregung im Dorf. Die Kinder liefen -dahin und dorthin, um von ihrer Stadtfahrt zu erzählen, und jeder gab -ihnen gute Ratschläge. Kaspar auf dem Berge sagte: »Nehmt ein Huhn mit, -die Dame -- denn das ist sie --, sie hat's gesagt, will immer ein Huhn -haben!« - -Da rannten die Kinder und flehten ihre Mütter an, sie sollten ihnen ein -Huhn schenken, und die Mütter sagten, so was wäre Unsinn, dann sollten -sie lieber daheim bleiben. Endlich, als das Bitten gar nicht nachließ, -gab Heine Peterles Mutter wirklich ein Huhn her, eins, das keine Eier -legte, pechschwarz und so unnütz war, daß man es im ganzen Dorfe nur -den kleinen Teufel nannte. Nachdem die Kinder das Huhn hatten, wollten -sie auch Eier haben, aber da schrie Heine Peterle: »Nä, nä, mit Eiern -fällt man in der Stadt immer hin!« - -»Ich geb' euch für den Friede und seine Pflegeeltern Kuchen mit, -und damit ist's genug, weiter wird nichts mitgenommen,« sagte die -Schulzenfrau endlich, denn ihr Jakob hätte am liebsten das halbe -Bauerngut mit nach der Stadt geschleppt. Muhme Lenelies kam auch und -brachte einen Brief für ihren Friede. Die alte Frau freute sich über -die Fahrt der Kinder am allermeisten, sie dachte nur immer: »Wie wird -sich mein Friede freuen! Gewiß hat er sich schon sehr gebangt!« - -[Illustration: Die Liebesgabe.] - -Mit viel Geschwätz, Geschrei, mit großer Wichtigkeit und Eile brachen -die fünf Reisenden am nächsten Morgen auf. Auf dem Dorfplatz am -Brunnen trafen sie sich und taten, als wollten sie miteinander eine -Reise um die Welt machen. Der Abschied war auch danach. Annchen Amsee -und Mariandel weinten ein bißchen, und die Buben sahen so grimmig -drein, als wollten sie in der Stadt die größten Heldentaten verrichten. -Jedes trug ein rotgemustertes Taschentuch zu einem Eßbündelchen -zusammengebunden, und jedes fand das überflüssig, nur Heine Peterle -nicht, der sagte: »In der Stadt ist's komisch, ich hab' dort nischt zu -essen gekriegt.« Sein Bündelchen war auch am dicksten, und seine Mutter -meinte bedenklich: »Das ist zu viel, du wirst ja krank!« - -»Nä,« rief Heine Peterle vergnügt, »vom Essen nie!« Und pfeifend zog -er mit seinem Bündel neben den Gefährten her, er kam sich so ungeheuer -klug und erfahren vor; er war doch schon einmal in der Stadt gewesen, -und gewiß würden sie in der Stadt sehr staunen, daß Heine Peterle aus -Oberheudorf wieder einmal kam. - -Fräulein Wunderlich hatte an diesem Tag »Rumpelkammerlaune«, wie das -Mädchen Marie es nannte. Diese Laune hatte sie jetzt freilich immer, -und ob es draußen regnete oder die Sonne schien, immer ging das -Fräulein mit einem brummigen Gesicht einher. »Seit sie den Jungen aus -Oberheudorf rausgeschmissen hat, ist's, als säße sie immer in unserer -dunklen Kammer,« murrte Marie, der es gar nicht mehr im Organistenhaus -gefiel. Sie sah dann auch nicht gerade wie Frühlingswetter aus, als sie -an diesem Tage die Fenster blank putzte. Der Johannesplan lag still und -einsam da, das Gymnasium hatte schon begonnen, und kein grünbemützter -Bube rannte mehr über den Platz. Nur am andern Ende spielten ein paar -kleine Kinder Kreisel; manchmal drang ihr lustiges Lachen zu Marie -hinüber, dann erhellte sich deren Gesicht immer ein bißchen, denn sie -hatte alle Kinder lieb. In dem großen Garten des Nachbarhauses war -auch alles still, und Marie dachte, wie schon so oft in diesen Tagen: -»Rein wie verschwunden ist der Junge, nicht mal sehen tue ich ihn.« Sie -ahnte nicht, daß Friede stets durch eine kleine Seitentüre am andern -Gartenende das Haus verließ und um die Kirche herumlief, nur um nicht -am Organistenhaus vorbei zu müssen. So hatte er es auch an diesem Tage -gemacht, an dem er wieder wie immer mit schwerem Herzen in die Schule -lief. Einsam saß er unter seinen Genossen, er sprach mit keinem, ging -allen scheu aus dem Wege, aber oft genug gellte der spottende Ruf: -»Friede Pfennig aus Oberheudorf,« hinter ihm her. - -Während Friede so still in der Schule saß und Marie Fenster putzte, -klippten und klappten auf einmal fünf Paar Kinderbeine laut über das -Pflaster des Kirchplatzes. Marie bog sich aus dem Fenster und schaute -erstaunt die Buben und Mädel an, die da einherkamen. »Na, die sind -doch nicht von hier,« dachte sie lächelnd; die fünf hatten sich so fein -gemacht und sahen so stolz und vergnügt drein, als wollten sie den -ganzen Johannesplan kaufen. »Du meine Güte,« rief Marie erstaunt, »sie -kommen zu uns!« - -Wirklich kamen die Kinder auf das Organistenhaus zu. Einer der Buben -streckte die Hand aus: »Dort ist's,« und ein Mädel rief eifrig: »Es -steht Wunderlich dran, ich kann's lesen.« - -»Ich will klingeln.« Heine Peterle drängte sich vor und drückte sehr -kräftig auf den weißen Knopf; oh, er wußte schon Bescheid mit dem -städtischen Klingeln! - -Ehe Marie noch voller Erstaunen von dem Fensterbrett heruntergeklettert -war, lief Fräulein Wunderlich schon ärgerlich herbei, um zu öffnen. -Es hatte den ganzen Tag noch nicht einmal geklingelt, und doch schalt -sie: »Man hat auch nicht fünf Minuten Ruhe.« Sie riß die Türe auf -und schaute verdutzt auf die Buben und Mädel draußen, die sie halb -neugierig, halb verlegen anstarrten. Nur ein Bube trat eiligst vor, -verbeugte sich sehr tief und schrie das Fräulein an, als wäre sie taub: -»Wir sind da, weil der Friede mich eingeladen hat und -- und --« - -Annchen Amsee trug das schwarze Huhn, das den Kindern unterwegs schon -recht unbequem gewesen war; es wollte sich durchaus nicht ruhig tragen -lassen, zappelte immer hin und her und benahm sich recht wie ein -kleiner Teufel. Annchen hatte es noch am längsten tragen können, doch -jetzt war ihre Kraft und die Geduld des Huhnes zu Ende; mit lautem -Geschrei flog es Fräulein Wunderlich an die Nase. -- »Das Huhn bringen -wir mit,« vollendete Heine Peterle aufatmend. - -»Ich danke schön dafür,« rief das Fräulein wütend. - -»Bitte!« Annchen Amsee und Mariandel knicksten tief, sie wußten doch, -daß es sich schickt, nach jedem Dank »bitte« zu sagen. - -»Bitte,« brüllten es ihnen die Buben nach und verneigten sich auch. -Heine Peterle aber sagte stolz: »Das ist von meiner Mutter und heißt -Teufel, und Muhme Rese hat gesagt, für die Stadt wär's gut genug!« - -»Ih, du bist ja ein ganz abscheulicher, frecher Bengel,« rief Fräulein -Wunderlich so entrüstet, daß Heine Peterle ganz erschrocken zurückwich. - -»Nä, das ist er nicht!« Annchen Amsee strich sich ihr Schürzchen glatt, -stellte sich wichtig vor das Fräulein hin, schaute sie mit ihren runden -Braunaugen treuherzig an und versicherte: »Nä, das müssen Se nich vom -Heine Peterle denken, der ist ganz gut.« - -Das kleine Mädel, das so zutraulich und offen zu ihr aufsah, brachte -Fräulein Wunderlich in Verlegenheit. Sie schämte sich im Herzen etwas -ihrer schnellen Heftigkeit, und viel sanfter fragte sie: »Ja Kinder, -was wollt ihr denn eigentlich hier?« - -»Den Friede besuchen!« riefen alle wie aus einem Munde, und Annchen -Amsee knickste wieder und begann geschwind zu erzählen von dem -schulfreien Tag, von Friede Hopserling, von dem Wettspringen, und -während sie schwatzte, bekamen Mariandel und die Buben auch Mut und -redeten mit; sie redeten wie ihnen der Schnabel gewachsen war. - -Marie kamen die fünf sehr spaßhaft vor, sie lachte vergnügt, während -sie das schwarze Huhn gutmütig streichelte. Das Lachen machte die -Kinder noch mutiger, sie schwatzten immer lebhafter, erzählten die -Geschichte von dem ungelesenen Brief und versicherten dazwischen immer -wieder, Friede würde sich ungeheuer über ihren Besuch freuen. »Er -schießt 'nen Purzelbaum, sicher,« behauptete Schnipfelbauers Fritz. Das -tat er selber nämlich immer, wenn er Geburtstag hatte. - -»Und Kuchen haben wir auch mit,« zwitscherte Annchen Amsee. - -»Ja, viel!« Schulzens Jakob blähte sich wie ein kleiner Frosch auf. -»Meine Mutter hat gesagt, da wär' ordentlich Butter drin, der würde den -Stadtleuten schon schmecken!« - -»Der ist fein!« Annchen Amsee leckte mit ihrem roten Zünglein geschwind -die Mundwinkel, »hm, fein!« - -»Und 'nen Brief hab' ich für Friede von Muhme Lenelies,« flüsterte -Waldbauers Mariandel schüchtern, »und grüßen soll ich von der Muhme, -und -- und -- sie tät Ihnen dankbar sein.« Das Mädel atmete tief auf, -die lange Bestellung war ihm sehr schwer geworden. - -Die Kinder hatten in all ihrem Schwatzen gar nicht gemerkt, daß das -Fräulein ganz still war; kein Wort sagte es, und manchmal seufzte es -tief, wie jemand, dem eine Last auf dem Herzen liegt. Die fünf Paar -Beine, die so tapfer die vielen Stunden auf der Landstraße gelaufen -waren, hatten den schneeweißen Hausflur bald recht schmutzig getreten, -und das Schwatzen durchhallte das Haus sehr laut. Selbst die alte -Treppe wunderte sich über den ungewohnten Lärm, und sie knackte ein -paarmal unwirsch. Aber das alles schien Fräulein Wunderlich gar -nicht zu merken. Sinnend, ernsthaft betrachtete sie die Kinder, -schaute in die treuherzigen Augen, die ihr aus den blühenden, runden -Gesichtern entgegenstrahlten, und dachte nur immer: »Das sind nun -Friedes Freundinnen und Freunde, -- ob der Junge wohl auch so vergnügt -hätte schwatzen können?« Und dann sann sie nach: Was tue ich nur mit -den Kindern, wie sage ich es ihnen, daß ich ihren Freund -- --? Sie -erschrak auf einmal tief vor ihrer Tat. Hinausgeworfen hatte sie den -Jungen, und plötzlich schlug sie vor den Kindern die Augen nieder. - -»Jetzt sieht sie die Schmutztrapsen, jetzt wird sie gleich furchtbar -schelten,« dachte Marie erschrocken, die mit großer Freude den Kindern -zugehört hatte. Aber merkwürdigerweise schalt Fräulein Wunderlich -nicht, sondern sagte sehr sanft: »Marie, du könntest Schokolade für -die Kinder kochen. Die Schule ist ja noch lange nicht aus, und sicher -werden die Kinder hungrig sein.« - -»Schokolade?« Die fünf Reisegefährten rissen Augen und Mund weit -auf; Schokolade gab es in Oberheudorf sehr, sehr selten, nur an den -allerhöchsten Festtagen, und hier in der Stadt sollten sie gleich das -köstliche Getränk bekommen. Und wie komisch, das Fräulein fragte auch -noch: »Mögt ihr Schokolade gern?« - -»Ja!« brüllten alle fünf, so laut sie konnten, und unverhohlen, -riesengroß stand die Freude auf ihren Gesichtern geschrieben. - -Fräulein Wunderlich lächelte milde, so milde, wie sie lange, -lange nicht gelächelt hatte. Sie führte die Kinder selbst in das -Wohnzimmer und schien es gar nicht zu sehen, daß der Teppich auch ein -bissel Schmutz von der Landstraße als Mitbringsel bekam. Die fünf -Oberheudorfer durften sich um den runden Tisch herumsetzen, auf den -Marie alsbald ein blütenweißes Tischtuch breitete, und auf den sie -wundervolle, mit Rosen bemalte Tassen stellte. Ordentlich feierlich -wurde es den Kindern zumute, sie verstummten mehr und mehr, und -Fräulein Wunderlich mußte ein paarmal mahnen: »Erzählt mir noch etwas! -Seid ihr wirklich den weiten Weg immerzu gelaufen?« - -Die Kinder antworteten, aber als dann Marie mit der Schokolade kam und -einen Teller feine, weiße Buttersemmeln dazu hinstellte, da verstummten -die Buben und Mädel vollständig. Sie lachten nur selig vergnügt, und -dann kauten und schluckten sie voller Behagen, während Herrin und -Dienerin ihnen andächtig zusahen. Fräulein Wunderlich mußte an ihre -Kinderzeit denken. Damals hatte es zu den Geburtstagen auch Schokolade -gegeben, ihre beiden Schwestern hatten noch gelebt, und drüben aus -dem Nachbarhause waren die lustigen Spiegeleier gekommen -- so hatten -die Wunderlichkinder die beiden Brüder von Spiegel genannt. Dem -Fräulein wurde es seltsam weich ums Herz. Warum war nur alles so anders -geworden? Feindschaft herrschte, wo es einst Freundschaft gegeben -hatte! -- -- - -Heine Peterle setzte tief aufatmend seine Tasse nieder, -- die fünfte -war es gewesen, nun konnte er wirklich nicht mehr, er war plumpssatt. -Jetzt dachte er wieder an den Freund und fragte: »Kommt der Friede nun -bald aus der Schule?« - -»Der hat's aber gut!« seufzte Schulzens Jakob, der einen -Schokoladenbart von einem Ohr bis zum andern hatte. - -In Fräulein Wunderlichs blasses Gesicht stieg eine leichte Röte, -wirklich, sie schämte sich vor den Kindern. Leise stockend erwiderte -sie: »Der Friede -- -- ist -- -- er wohnt gar nicht bei mir, sondern im -Nebenhaus.« - -Buben und Mädel sahen einander verdutzt an, endlich sagte Annchen Amsee -schüchtern: »Ach -- -- hier ist's wohl zu fein für ihn?« - -»Wo ist er denn?« rief Mariandel kläglich. »Ich will doch zum Friede!« - -»Im Nebenhaus drüben wohnt er, Kinder!« Fräulein Wunderlich seufzte -wieder; ja, nun mußte sie doch den Kindern alles erzählen! - -Aber da sagte Marie plötzlich: »Das mit dem Friede ist nu so'ne -Geschichte. Mein Fräulein hat nicht gleich gewußt, was das für'n guter -Junge ist, und hat gedacht, er tut's aus Bosheit, daß er rüber in'n -Garten geklettert ist, und drüben, da wohnt 'n alter Herr, der hat ihn -gleich behalten. Habt ihr denn das in Oberheudorf nicht gewußt?« - -»Nä!« Die Kinder sahen wieder höchst erstaunt drein. Maries Rede hatten -sie nicht ganz verstanden, nur Mariandel rief plötzlich entrüstet: »Der -Friede ist doch nicht boshaft!« - -»Ih wo, ist er auch nicht,« beruhigte Marie, »ich bringe euch nachher -ins Nachbarhaus, und dann erzählt ihr dem Friede, wie schön's hier -gewesen ist.« - -»Ja, und sagt ihm, er möchte mich recht bald besuchen,« fiel Fräulein -Wunderlich hastig ein, und im Herzen nahm sie sich vor: »Ich tue dem -Buben was Liebes an, ich will meine Härte gut machen.« - -»Jetzt wird bald drüben die Schulglocke läuten, nun kommt euer Friede -gleich raus,« rief Marie, und dies Wort ließ selbst das plumpssatte -Heine Peterle gleich aufspringen, und die Buben wären beinahe ohne -Lebewohl und Dank hinausgestürmt; aber Annchen Amsee mahnte mit sanften -Püffen an diese Pflicht, und so dankten denn alle sehr höflich, legten -ihre braunen Patschen treuherzig in der Hausherrin weiße Hand und -versprachen sehr vergnügt das Wiederkommen. - -»Wenn wieder keine Schule ist,« »Wenn Schnipfelbauers Fritz wieder -fährt,« »Nächste Woche vielleicht,« so tönte es durcheinander. Und -dann dachten die Mädel an den Kuchen und an das Huhn, aber Fräulein -Wunderlich sagte, das müßten sie alles mit ins Nachbarhaus nehmen, das -ginge nicht anders. Das wollten aber die Kinder durchaus nicht, denn -das Huhn hatten sie doch für Fräulein Wunderlich mitgebracht. Kaspar -auf dem Berge hatte doch gesagt, das Fräulein wünsche sich eins. - -»Behalten Sie's nur,« redete Annchen Amsee zu, »es ist ganz gut, und -meine Mutter sagt, vielleicht legt's doch Eier, man weiß nur nicht -wohin.« - -»Nä, ich nehm's nicht mehr mit,« wehrte Heine Peterle ab, der heimlich -Angst hatte, er müßte es tragen, und die andern sagten es auch, von dem -Kuchen sagten sie aber nichts. - -»Ich dächte, 's wär' schon am besten, wir behielten den kleinen Teufel -jetzt da,« ließ sich Marie vernehmen, »denn sonst passiert den Kindern -noch was damit.« - -»Nun gut, es soll hier bleiben, und der Friede kann's besuchen,« -entschied Fräulein Wunderlich. »Und vergeßt es nicht, Friede zu sagen, -er soll bald zu mir kommen,« mahnte sie noch, als die fünf schon zur -Haustüre hinausliefen. - -Die hörten dies kaum noch, sie sahen die ersten Grünmützen über den -Johannesplan laufen und rannten auf das Gymnasium zu. »Da ist er!« -brüllte Heine Peterle, und trotz der vielen Schokolade lief er nun doch -wie ein Wiesel ihm entgegen in den Schulhof hinein. - -»Friede, wir sind da! Friede, wir woll'n dich besuchen!« Traumfriede -wußte nicht, wie ihm geschah, als ihn da auf einmal die fünf -Oberheudorfer umringten. Jubelnd und lachend schwatzten sie auf ihn -ein und merkten es gar nicht, daß sich um sie herum lauter Grünmützen -stellten. »Hollah, Friede Pfennig hat Besuch bekommen, wohl auch aus -Oberheudorf!« schrie ein Klassengenosse, und ein paar Stimmen schrien -es ihm nach. - -Friede wurde totenblaß bei diesem Spott, und ein häßliches, nie -gekanntes Gefühl stieg in ihm auf: er schämte sich in diesem Augenblick -der alten Freunde, und diese Scham schloß ihm jäh den Mund. - -Die fünf sahen ihn an. Der da, das war doch gar nicht mehr ihr Friede, -ihr alter Schulgefährte. So fremd sah er aus, und nun merkten sie auch, -daß die Buben, die um sie herumstanden, spotteten, keck und übermütig. -Ein langer Junge griff nach Heine Peterles vielgeliebter Pelzmütze, die -dieser trotz des warmen Frühlingswetters trug. »Heda, du kommst ja wohl -vom Nordpol?« - -»Nee, aus Oberheudorf,« spotteten die andern. Aber sie hatten sich -verrechnet, allzu viel ließen sich die Dorfbuben nicht gefallen. -Klatsch, klatsch, schlug Schulzens Jakob geschwind um sich, und Heine -Peterle und Schnipfelbauers Fritz folgten seinem Beispiel. Da kam -Friede auch wieder zu sich. Zorn und Scham über sich selbst verliehen -ihm doppelte Kräfte, er schob einen Buben, der ihn um Kopfgröße -überragte, einfach zur Seite und schrie grob: »Laßt sie in Frieden, die -gehören zu mir!« - -»Na, seht doch die frechen Dorfjungen!« höhnte einer, aber schwapp -hatte er einen Katzenkopf weg und einen Rippenstoß dazu, beides -von guter Oberheudorfer Art. Die Stadtjungen merkten bald, daß die -Oberheudorfer nicht mit sich spaßen ließen. Puffend, stoßend, -kampfbereit wie junge Hähne zogen die sechs Heimatgenossen aus dem -Schulhof wieder hinaus. Die Mädel ließen sich auch nichts gefallen, und -Annchen Amsee gebrauchte ihr rotes Eßbündelchen dazu, es den Grünmützen -um die Ohren zu schlagen. Die traten endlich den Rückzug an, und vor -dem Spiegelhaus ließen sie die sechs in Ruhe und liefen davon. - -Der Gärtner hatte das Geschrei gehört und kam eilig herbei, um zu -sehen, was dies eigentlich zu bedeuten hätte. Erstaunt sah er den -kleinen Gast seines Herrn unter den Dorfkindern stehen. Die redeten -eifrigst auf Friede ein, erzählten von dem Brief, ihrem Weg hierher und -versicherten immer wieder: »Wir sind nur gekommen, um dich zu besuchen.« - -Mariandel fragte eindringlich: »Freust dich wohl arg, gelt, Friede?« -Aber sie erhielt keine Antwort. Friede konnte sich gar nicht recht -freuen, er wünschte, die Freunde wären nicht gekommen; er wußte nicht, -was er mit ihnen anfangen sollte. Sie mit in das Haus zu nehmen, wagte -er nicht, und er seufzte, als Annchen Amsee nun schon zum dritten Male -fragte: »Gehen wir nun ins Haus? Das sieht aber fein aus!« - -Der Gärtner war inzwischen zu dem Professor gegangen und hatte ihm von -dem Kinderbesuch erzählt. Der rief zwar etwas erschrocken: »Lieber -Himmel, gleich fünf!« Er erlaubte aber doch, daß sie hereinkamen. -Friede war heilfroh, als der Hausverwalter seine Gäste holte, er hätte -in seiner Verlegenheit wohl noch etliche Stunden mit ihnen vor dem Tore -gestanden. Er schämte sich nachher seiner Zaghaftigkeit sehr, denn der -Professor empfing die Kinder so freundlich, als hätte er just an dem -Tage gedacht: »Wenn ich doch Besuch aus Oberheudorf bekäme!« - -Annchen Amsee erkannte den alten Herrn gleich wieder. Oh, sie wußte es -noch genau, er hatte ihr die Backen gestreichelt und sie ein putziges -Frauenzimmerchen genannt. »Ja,« rief Schnipfelbauers Fritz stolz, als -Annchen dies erzählte, »un ich sollt' 'ne Maulschelle kriegen, aber ich -hab' se nich gekriegt!« - -»Na siehst du,« sagte der Professor lächelnd, »da sind wir ja alte -Freunde. Nun erzählt mir mal, wie ihr hergekommen seid.« - -Das ließen sich die Kinder nicht zweimal sagen, sie erzählten alles, -auch von dem Schokoladefest bei Fräulein Wunderlich. Zu essen bekamen -die Kinder auch etwas, und es schmeckte ihnen so gut in dem gastlichen -Hause, daß die Hausverwalterin mitleidig dachte: »Die bekommen zu Hause -gewiß recht wenig zu essen.« Sie hatte eben keine Ahnung, was in einen -rechten Oberheudorfer Kindermagen hineingeht. - -Nach Tisch sollten sich die Kinder die Stadt ansehen, da Friede an -diesem Nachmittage keine Schule hatte. Zuvor durfte sie Friede selbst -rasch einmal durch alle Zimmer führen, die der Professor bewohnte. -Dabei kamen sie auch durch einen großen Saal, in dem die Sammlung des -Hausherrn aufgestellt war: antike Büsten und Statuen, Krüge, Vasen, -Waffen und allerlei Gebrauchsgegenstände aus uralten Zeiten, und die -fünf Oberheudorfer rissen die Augen weit auf vor Erstaunen. »Ja warum -stellt sich jemand nur so häßliche alte Sachen hin?« fragten diese -Augen alle. - -»Es ist ja fast alles zerbrochen,« flüsterte Annchen Amsee, und -Mariandel lispelte ängstlich: »Weiß denn der Herr, daß sein Zeug alles -kaput ist?« - -»Ja doch, er hat dies alles gesammelt,« erklärte Friede, und in seine -blauen Augen trat ein träumerisches Sinnen. Er fand nämlich die kaputen -Sachen gar nicht so häßlich. Aber da puffte Heine Peterle und kicherte: -»Nun sieh doch da den Topf mit 'nem Loch, und da noch einen, und -der Mann hat keine Arme, und, hihihihi, der Frau haben sie die Nase -abgehauen.« - -»Herr Professor hat aber seine Freude an den Sachen,« sagte Friede, und -er hätte ganz gern den Freunden von den alten Griechen und Römern etwas -erzählt, denen einst alle diese Dinge gehört hatten. Die fünf meinten -aber, es wäre nun besser, sie gingen in die Stadt. Die zerbrochenen -Töpfe gefielen ihnen gar nicht, ja Annchen Amsee sagte verächtlich: -»Meine Mutter hat ein paar, da fehlt der Henkel, aber die sind viel -hübscher.« - -»Ach, kommt in die Stadt, ich will was kaufen,« rief Schulzens Jakob -und klimperte protzig mit drei Groschen. Er kam sich ungeheuer reich -vor. - -»Ja, einkaufen wollen wir,« riefen auch die andern. Da schwieg -Traumfriede von den alten Griechen und Römern und führte seine -Heimatgenossen in die Stadt. - -Feldburg hatte nur eine Hauptstraße, in der es hübsche Läden gab, denn -es war ja eine kleine Stadt, Großstädter nannten sie eben »ein Nest«. -Aber die Oberheudorfer Buben und Mädel waren halt keine Großstädter, -ihnen kam die Stadt erstaunlich groß vor. Ihre derben Schuhe klapperten -laut über das Pflaster, als sie nun wieder über den Johannesplan -trabten. Jeden Menschen, den sie sahen, grüßten sie höflich. Als sie -aber in die Hauptstraße einbogen, sagte Friede: »Laßt lieber das -Gutentagsagen sein, hier tut man das nicht!« - -»Pfui, wie unhöflich!« Annchen Amsee rümpfte das Näschen, aber gleich -darauf vergaß auch sie ihre Entrüstung, denn Heine Peterle schrie -plötzlich laut auf: »Nä, da rennt 'n Wagen ohne Pferde!« - -Die Wege, die nach Oberheudorf führten, waren nicht besonders glatt und -schön, und darum hatte noch niemand diese Fahrt mit einem Automobil -unternommen. Ein solches Fahrzeug war den Kindern also vollständig -unbekannt. Sie staunten es darum mit offenem Mund an. »Wie war es nur -möglich, daß ein Wagen ohne Pferde fahren konnte!« - -»Da ist noch einer!« schrie Jakob, und alle fünf rannten auf den -Fahrdamm dem merkwürdigen Ding entgegen. - -»Runter!« brüllte sie da ein Mann an. Er faßte Heine Peterle und -Schulzens Jakob beim Kragen, Friede zerrte die Mädel auf den Fußsteig -zurück, eine Frau hatte Schnipfelbauers Fritz ergriffen. Mit einem Ruck -stand das Automobil still, es hätte beinahe die Kinder überfahren. Der -Chauffeur, die Insassen, die Fußgänger, alles schalt auf die Kinder -ein, die so verdattert waren, daß sie gar nichts sagen konnten. Nur -Schnipfelbauers Fritz schrie immerfort: »'n Wagen ohne Pferd, 'n Wagen -ohne Pferd!« - -»Die sind ja wohl aus Afrika?« brummte ein dicker Schutzmann, und die -Umstehenden lachten. - -»Nee, die sind aus Oberheudorf,« brüllten etliche Grünmützen, und -Friede erkannte zu seinem Entsetzen ein paar Klassengenossen. O weh, -nun würde der Spott wieder losgehen. Er senkte scheu den Kopf und bat: -»Kommt doch, kommt, da ist ein Laden. Annchen kann dort eine Tasse -kaufen.« - -Den fünfen war das recht. Sie waren auch froh, aus dem Tumult -herauszukommen, und so folgten sie alle eilig Friede in einen großen -Laden hinein. Hier vergaßen sie vor Staunen gleich den soeben -überstandenen Schrecken. So viele schöne Tassen, Teller, Krüge, Vasen, -silberne Kannen und Zuckerschalen und hunderterlei Sachen hatten sie -noch nie gesehen. Besonders die Mädel gerieten fast aus dem Häuschen -vor Freude, und Annchen Amsee rief gleich: »Die Tasse will ich kaufen, --- nein, die da, nein, die!« - -Die Verkäuferin sah die neuen Kunden etwas erstaunt an. Weil aber -Annchen Amsee so rasch dies und das kaufen wollte, lächelte sie -huldvoll und sagte: »Sucht euch nur aus, die Tassen dort sind besonders -schön.« - -Ja, Annchen fand die bezeichneten Tassen auch wunderfein, sie waren -ganz mit Rosen bemalt und innen vergoldet. »So eine nehme ich,« -rief Annchen und holte ihr Sacktüchlein hervor, in dem sie ihr Geld -eingebunden hatte. Sie war sehr reich, reicher noch als Schulzens -Jakob, denn sie hatte vier Groschen. Wichtig legte sie das Geld auf den -Ladentisch und fragte: »Krieg ich zwei dafür?« - -Ihre Gefährten sahen sie bewundernd an. Nein, war das Annchen schnell -beim Kauf! Sie tat ja gerade, als wäre sie schon hundertmal in der -Stadt gewesen und hätte schon oft schöne Tassen gekauft. - -Die Verkäuferin hatte eine Rosentasse vom Brett genommen und sah nun -prüfend auf das Geld. »Aber Kind,« rief sie, »so eine Tasse kostet -drei Mark! So billige Tassen haben wir überhaupt nicht; da kannst du -höchstens so eine dafür bekommen.« Sie hielt Annchen eine glatte weiße -Tasse hin, die nur einen schmalen goldenen Rand hatte. »Nimm die, sie -ist sehr hübsch.« - -»Nä, die is nich hübsch, gar nich.« Heine Peterle kam Annchen zu Hilfe. -Er mußte doch zeigen, daß er in der Stadt Bescheid wußte, und kräftig -tippte er mit seinem braunen Zeigefinger auf die Rosentasse: »So eine -soll's sein.« Klirr, wackelte dabei die Tasse hin und her. »Ih, du -dummer Bube,« rief die Verkäuferin und sah auf einmal gar nicht mehr -freundlich, sondern ziemlich ärgerlich aus. »Gleich läßt du die Tasse -stehen! Ich dachte es mir gleich, solche teure Sachen sind nichts -für euch. Geht hier gleich gegenüber zu Herrn Schulze, das ist ein -Ramschladen, der hat Tassen genug für euch.« - -»Ja, wir wollen lieber gehen,« flüsterte Mariandel und sah ängstlich -auf Schulzens Jakob, der sehr eifrig eine schöne Vase befühlte. »Kommt, -sonst macht Jakob was kaput.« - -Die Verkäuferin schien das auch zu befürchten, sie rief erschrocken: -»Stehen lassen, nichts angreifen! Wer etwas anfaßt, muß Strafe zahlen. -Geht nur, geht; im Ramschladen findet ihr schon etwas!« - -»Ja, kommt,« mahnte auch Friede, und die Oberheudorfer fanden auch, -das Fräulein im Laden sei viel zu unfreundlich. Der mochten sie gar -nichts mehr abkaufen. Sie verließen rasch das Geschäft und beschlossen -draußen, zu Herrn Schulz zu gehen; sicher war der höflicher als das -Fräulein. Herr Schulz hatte nun freilich keinen so prächtigen Laden, -sondern nur ein kleines, schmales Budchen, in dem alles durcheinander -und übereinander stand. Es herrschte ein richtiges Sammelsurium darin, -aber den Oberheudorfern gefiel es doch sehr. Die Buben zogen höflich -die Mützen, die Mädel knicksten tief, und Herr Schulz lächelte und zog -seinen Mund so breit wie eine Schublade. - -»Na, Kinder, was wollt ihr denn?« - -»Eine Tasse kaufen in Ihrem Ramschladen,« sagte Heine Peterle und -fand das sehr nett und höflich gesagt. Und Annchen Amsee rief voller -Bewunderung: »Ach, der Ramschladen ist aber fein!« - -»Potzwetter,« schrie Herr Schulz da zornig, »so eine freche Bande, mein -Geschäft einen Ramschladen zu nennen! Na wartet nur!« Und hopps sprang -Herr Schulz über den Ladentisch und packte Schulzens Jakob, der sich -am weitesten vorgedrängt hatte. Er wollte dem gerade einen richtigen -Katzenkopf versetzen, als Friede seine Hand erschrocken festhielt und -sagte: »Bitte nicht schlagen, Herr Schulz, die haben es nicht böse -gemeint.« - -»Nä, nä,« schrieen die andern angsterfüllt, »wir haben doch nischt -getan!« - -»So, mein Geschäft einen Ramschladen nennen, das nennt ihr wohl -höflich?« Ein bißchen freundlicher schaute Herr Schulz schon drein, und -Friede erzählte geschwind, was das Fräulein gegenüber gesagt hatte. -»Na, der werde ich noch meine Meinung sagen,« brummte Herr Schulz und -fragte nun gar nicht mehr streng: »Ihr dachtet wohl, ein Ramschladen -wäre etwas sehr Nettes?« - -Die Kinder nickten, und Annchen Amsee flüsterte: »Hier ist's doch auch -so schön!« - -»Ja freilich ist's schön bei mir!« Herr Schulz lächelte wieder -versöhnt. »Nun sagt mir, was ihr haben wollt.« - -Die Kinder wollten viel. Mit Herrn Schulz ließ es sich aber auch gut -handeln, der fragte erst, wieviel Geld sie hätten, und dann schnitt er -kein verächtliches Gesicht wie das Fräulein gegenüber, sondern holte -ganz wundervolle Tassen herbei. Jedes Mädel konnte eine Tasse erstehen -und noch ein buntes Zopfband dazu, denn Bänder hatte Herr Schulz auch. -Und für die Buben waren Trillerpfeifen und Mundharmonikas da. Heine -Peterle erstand sogar eine rosenrote Flöte, die zur allgemeinen Freude -wie ein Frosch quakte, obgleich Herr Schulz behauptete, man könnte -darauf wie eine Nachtigall flöten. Schulzens Jakob sagte aber: »'n -Frosch ist besser als 'ne Nachtigall.« - -Die Kinder trennten sich nur schwer von dem freundlichen Herrn Schulz, -und sie versprachen ihm ganz fest, das nächste Mal würden sie bestimmt -wiederkommen. - -Schnipfelbauers Fritz und Schulzens Jakob, die sehr schöne, -grelltönende Trillerpfeifen gekauft hatten, verließen den Laden -zuletzt. Als sie schon an der Türe standen, sagte Herr Schulz plötzlich -halblaut zu ihnen: »Ich würde dem groben Fräulein da drüben einmal -etwas pfeifen, wenn ich ein Bube wäre.« - -Die beiden sahen sich an. Heisa, das war so ein Spaß nach ihrem Sinn! - -»Wir machen's, aber allein,« tuschelte Schnipfelbauers Fritz, »die -Mädel haben gleich Angst, und der Friede mag so was auch nicht.« - -»Hm, alleine!« Jakob blieb stehen und sah den Kameraden nach. Die -bogen just in eine Seitenstraße ein und schwatzten so miteinander, -daß sie sich an der Ecke gar nicht umsahen. Einen Augenblick zögerten -die Buben noch, schwapps flogen da Annchen Amsees braune Zöpfe um die -Ecke. Nun waren die vier verschwunden, die beiden aber liefen auf den -Laden zu und spähten erst einmal durch die Glastüre hinein. Sie sahen -niemand. Die Verkäuferin stand ganz hinten; dort suchten sich gerade -ein paar Damen eine Teekanne aus. Wie die Buben leise zögernd die Türe -öffneten, sahen sie gegenüber Herrn Schulz höchst vergnügt vor seinem -Ramschladen stehen. Das stärkte ihren Mut, wutsch waren sie im Laden -drin und pfiffen dort laut und gellend auf ihren Pfeifen. »Trilililiiii ---« schallte es in den Laden hinein, und das Fräulein ließ vor Schreck -fast eine Teekanne fallen. Die beiden Damen aber riefen entsetzt: »Das -brennt wohl, oder eine Lokomotive ist auf der Straße, o Himmel!« - -»Trilililiiii,« pfiffen die Buben weiter, aber da kam schon die -Verkäuferin angerannt, und nun hieß es ausreißen. Sie wollten -geschwind zur Türe hinaus, doch die ging nicht nach außen, sondern -nach innen auf. Die Buben prallten zurück; Schnipfelbauers Fritz stieß -an Schulzens Jakob, und der an etwas, das hinter ihm mit einem ganz -fürchterlichen Geklirr zusammenstürzte. Das Ladenfräulein schrie laut -auf: »Hilfe, Hilfe! Polizei, Polizei!« - -Die beiden Missetäter entflohen entsetzt. Sie sahen nicht rechts, nicht -links; sie liefen wie die Hasen. Draußen bogen sie statt nach rechts -nach links herum, rannten dann in die nächste Querstraße hinein, und -als sie jemand anredete: »Na, was rennt ihr denn so?« da sausten sie in -ihrer Angst noch schneller weiter. - -Um diese frühe Nachmittagsstunde waren wenige Menschen unterwegs -in der Stadt, und die beiden Buben kamen ungehindert durch allerlei -Straßen und Gassen, bis sie endlich merkten, daß sie gar niemand -verfolgte. Da blieben sie stehen und sahen sich um. Ja wo waren sie -eigentlich? Die Straße, in der sie standen, war still und einsam; ein -paar stattliche Häuser standen darin, die in großen Gärten zu liegen -schienen, denn über graue Mauern ragten Bäume hinweg. Die beiden -kamen sich schrecklich hilflos und verlassen in der großen Stadt vor, -von den Gefährten war nirgends auch nur ein Zipfelchen zu erblicken, -und dazu quälte beide noch das böse Gewissen. Das hatte gar so sehr -geklirrt in dem Laden, gewiß war sehr viel zerbrochen, und gewiß würde -man sie suchen und --. Sie wagten die Folgen ihres Streiches gar nicht -auszudenken, nur einmal murmelte Jakob: »Sie sperren uns ein!« - -»Wir reißen aus,« flüsterte Schnipfelbauers Fritz und sah sich scheu -um. »Weißte was, wir laufen immer voran nach Hause.« - -Der Plan leuchtete Schulzens Jakob ein, aber wo lag Oberheudorf? - -»Wir fragen,« meinte Fritz mutig und trat wirklich keck auf einen etwas -größeren Jungen zu, der gerade vorbeiging. »Weißte, wo Oberheudorf -liegt?« - -»Auf dem Monde,« sagte der, pfiff sich eins und lief die Straße -entlang. - -»Frech!« sagten die beiden Oberheudorfer entrüstet, als hätten sie -noch nie eine unnütze Antwort gegeben. Sie liefen wieder ein Stück -die Straße entlang und fragten dann wieder einen Buben. Der wußte -ihnen aber auch keine Antwort zu geben, er riet ihnen: »Geht nur immer -der Nase nach.« Damit wären die beiden freilich nie nach Oberheudorf -gekommen, denn Jakob mit seiner Himmelfahrtsnase hätte immer bergauf -gehen müssen und Schnipfelbauers Fritz links herum; seine Nase war -nämlich schief. Den beiden war das Weinen schon näher als das Lachen, -sie standen wie ein paar begossene Pudel auf der Straße, und wenn -jemand kam, erschraken sie. Sicher holte man sie und sperrte sie ein. -Endlich fiel Schnipfelbauers Fritz der Name des letzten Dorfes ein, -durch das Friede Hopserling sie gefahren hatte. Vielleicht wußte -hier in der Stadt eher jemand, wo das lag. Da sie mit den Stadtbuben -schlechte Erfahrungen gemacht hatten, fragten sie ein Mädchen, das aus -einem der Häuser kam, und wirklich wußte sie Bescheid. - -»Kommt ein paar Schritte mit,« sagte sie, »dann zeige ich euch die -Straße, und ihr braucht nur immer geradeaus zu gehen. Seit ihr denn von -dort her?« - -»Nä, aus Oberheudorf,« bekannte Jakob zögernd. - -»Du meine Güte, und ich bin aus Berenbach,« erzählte das Mädchen. »Ich -bin die Katerliese und diene bei Sonntags. Aber wie kommt ihr denn -hierher, seid ihr allein in der Stadt, und wie heißt ihr denn?« - -Die Buben wurden verlegen, sie fürchteten sich, das Mädchen, das zwar -sehr freundlich aussah, könnte sie verraten, und scheu sahen sie -die Katerliese von der Seite an. Diese sagte jetzt: »Geht hier die -Straße hinaus und dann immer gradaus, dann kommt ihr nach Wiesental; -dort fragt ihr am besten noch einmal. Aber erst erzählt mir, wie ihr -hergekommen seid.« - -Das Mädchen konnte lange fragen; kaum wußten die Buben den Weg, da -rannten sie auch schon wie besessen davon. »Na, so was!« brummelte das -Mädchen. »Ich glaube, sie haben ein schlechtes Gewissen gehabt; sicher -haben sie einen dummen Streich gemacht! Den Oberheudorfern kann man so -was schon zutrauen. Ich muß die Sache nachher gleich unserem Füchslein -erzählen.« - -Die andern Kinder hatten inzwischen erst nach einer ziemlichen Weile -das Fehlen der beiden Buben bemerkt. Sie rannten eiligst den Weg -wieder zurück, aber nirgends waren die beiden zu erblicken. Sogar zu -Herrn Schulz in den Laden liefen sie hinein. Herr Schulz wurde etwas -verlegen, denn er hatte die beiden wie die wilde Jagd aus dem Laden -rennen sehen. Er sagte: »Ach, ihr werdet sie schon finden! Übrigens -sind sie nach jener Seite gelaufen!« - -Nun liefen die vier die Straße hinab, aber kein Jakob und kein Fritz -war zu sehen. Friede fragte ein paar Leute, einen Schutzmann, einen -Briefträger, -- niemand hatte die Buben gesehen. - -»Vielleicht sind sie zurückgelaufen,« sagte Annchen Amsee endlich, und -alle vier trabten nach dem Johannesplan. Dort wußte aber auch niemand -etwas von den Vermißten. Sogar bei Wunderlichs fragten die Mädel nach, -aber Marie, die öffnete, hatte keinen Zipfel von den beiden gesehen. - -Professor von Spiegel tröstete: »Sie werden sich schon finden, in -Feldburg gehen nicht plötzlich ein paar Buben verloren.« Aber die Mädel -brachen in ein so jämmerliches Geheul aus, daß es dem guten alten -Herrn himmelangst wurde. Er gab den Kindern den Gärtner mit zur Hilfe. -Der ging auf die Polizei, aber auch dort hatte niemand die Vermißten -gesehen. - -Als Friede Hopserling mit dem Wagen kam, seine Schützlinge abzuholen, -schimpfte er gewaltig, als er von dem Verschwinden der beiden hörte. -»Haue müssen sie haben, aber ordentliche! Na die sollen meine Peitsche -fühlen.« - -»Ich dächte, wenn man jemand hauen will, muß man ihn erst haben,« sagte -Frau Emma, die Hausverwalterin des Professors. - -»Ja schon,« brummte Friede Hopserling und sah besorgt nach seiner Uhr. -Er mußte aufbrechen, es wurde zu spät, er wagte aber nicht, ohne die -Buben heimzukommen. - -»Da kommt mein Mann mit 'nem Schutzmann. Du lieber Himmel, sie haben -wohl gar die Buben eingesperrt,« rief die Gärtnerin. - -Jetzt brach auch Heine Peterle, der sich bis dahin sehr männlich und -tapfer bewiesen hatte, in ein lautes Geheul aus, und dies Geschrei -hörten die wenigen Menschen, die gerade über den Johannesplan gingen. -»Im Spiegelhaus ist was passiert,« rief eine Frau und rannte geschwind -nach dem Hause hin. Einige andere folgten, und zu Friedes Entsetzen -kamen auch etliche Grünmützen dazu. »Natürlich wieder was mit den -Oberheudorfern los,« höhnte der eine. Es war der lange Junge, der -Friede schon oft geneckt hatte; er wohnte am Plan, darum war er bei -allem, was geschah, dabei. - -»Ich glaube, es ist am besten, Sie fahren heim,« riet der Schutzmann -Friede Hopserling. »Wir werden die Knaben suchen, sie werden sich schon -finden.« - -»Ich bleibe hier, ich suche mit,« schrie Heine Peterle, und »Ich auch, -ich auch,« schluchzten die Mädel. - -»Ich weiß was,« sagte da plötzlich ein feines Stimmchen. Marianne -Sonntag drängte sich durch die Leute und betrachtete mitleidig die -weinenden Oberheudorfer. »Weint nicht,« tröstete sie, und dann -erzählte sie flink, daß zwei Buben Sonntags Dienstmädchen nach dem Weg -nach Oberheudorf gefragt hätten. - -»Das sind sie, das sind sie,« riefen die Oberheudorfer alle, als -Marianne sagte: »Einer hatte ein blaues Halstuch, der andere ein rotes.« - -»Die haben 'ne Dummheit gemacht,« brummelte Friede Hopserling leise vor -sich hin. »Steigt auf, ihr drei, wir finden sie schon.« - -»Die haben sicher etwas begangen, darum sind sie ausgerissen,« sagte -auch der Schutzmann und sah die andern Kinder scharf an, daß sie mit -einer ungeheuren Eile auf den Wagen kletterten. Frau Emma konnte ihnen -kaum noch ihre roten Eßbündel hineinwerfen, so rasch fuhr der Friede -davon. »Halt, warten Sie einmal!« wollte der Schutzmann rufen, aber da -rasselte der Wagen schon in die Rosengasse hinein. - -Dem Friede war das Herz sehr schwer. Die Angst um die Gefährten, der -Abschied, alles bedrückte ihn. Am liebsten wäre er mit nach Oberheudorf -gefahren, und als der Wagen in der Rosengasse verschwand, da war es -ihm, als müßte er schreien: »Nimm mich mit, Friede Hopserling, nimm -mich mit!« Er biß aber die Lippen zusammen und lief in das Haus hinein. - -»Nun läuft er fort und sagt gar nichts,« murrte Marianne Sonntag. -»Dieser Friede ist wirklich ein Grobian, Ulli hat recht.« Sie ahnte -nicht, daß der Geschmähte in diesem Augenblick in einem Gartenwinkel -saß und bitterlich weinte. Ach, überall war er fremd! - -Im Spiegelhaus waren sie freilich alle gut zu ihm; er hatte aber doch -immer das Gefühl: »Hier gehöre ich nicht hin.« Der Professor würde -ihn nicht vermissen, wenn er fortging; ein paar Wochen wollte er ihn -ja überhaupt nur behalten. In der Schule mochte auch wohl niemand den -Friede Pfennig leiden, und morgen spotteten sie gewiß wieder über -seinen Dorfbesuch. Und dann würde er sich gar wieder schämen wie heute, -und daß er es getan hatte, quälte ihn so sehr; wie eine Last lag es auf -seinem Herzen. So abscheulich kam er sich vor, weil er immer gedacht -hatte: »Wären die Freunde doch nicht gekommen!« Was wohl Muhme Lenelies -dazu sagen würde? Und was dazu, daß er so schlecht auf seine Freunde -aufgepaßt hatte? Vielleicht -- -- -- -- hatte sie ihn dann auch nicht -mehr lieb? - -»Gagagagag, gagagei,« schrie es auf einmal neben ihm. Ein kleines, -schwarzes Huhn stand da und schaute mit schief geneigtem Kopf zu ihm -hin. - -»Das ist der kleine Teufel, den Heine Peterle mitgebracht hat,« dachte -er und griff unwillkürlich nach dem Huhn. Das kreischte und schlug mit -den Flügeln um sich; aber Friede hatte gar geschwind zugepackt, und das -Teufelchen konnte nicht mehr ausreißen. - -»Es ist aus Oberheudorf.« Weiter überlegte Friede nichts; wie ein -Stück Heimat erschien ihm das schwarze Tierchen. Und sachte, liebevoll -streichelte er es. »Du bleibst bei mir,« tröstete er. Gewiß hatte -Fräulein Wunderlich den Teufel auch hinausgeworfen wie ihn selbst. Er -trug das Huhn zu dem Gärtner, der auch ein paar Hühner hatte und den -schwarzen Gast aus Oberheudorf bereitwillig aufnahm. - -Friede Hopserling war unterdessen sehr eilig, immer brummend und -knurrend durch die Stadt gefahren und hatte endlich die Landstraße -erreicht. »Nun paßt ordentlich auf, ihr drei,« gebot er, »irgendwo im -Weggraben werden sie schon sitzen.« - -Heine Peterle und die Mädel hatten das Weinen aufgegeben. Alle drei -hielten so eifrig Umschau, daß erst Annchen Amsee einen Meilenstein -für Fritz und dann Heine Peterle einen Baumstumpf für Schulzens Jakob -hielt. Aber sie erreichten Wiesental, ohne eine Spur der Vermißten -zu finden, und Friede Hopserling schaute immer sorgenvoller drein, -obgleich er tat, als wären ihm die Buben höchst gleichgültig. In -Wiesental mußte er erst dreimal fragen, ehe jemand ihm Auskunft geben -konnte. Eine alte Frau endlich sagte, sie habe die beiden gesehen und -ihnen die Straße nach dem nächsten Dorf gezeigt. - -Es dämmerte schon, als der Wagen wieder zu dem Dorf hinausrollte. Ein -feines Grau verhüllte die Ferne, und in dem Wald, an dessen Rand jetzt -die Landstraße hinlief, herrschte bereits ein geheimnisvolles Dunkel. -»Nun wird's gar schon dunkel,« grollte der Knecht. »Am Ende sind gar -die verflixten Buben durch den Wald gelaufen; na denen will ich's -heimzahlen.« Er ließ wütend die Peitsche durch die Luft sausen, und zu -seinem großen Erstaunen schrie die Luft laut auf. »So was,« rief Friede -Hopserling verdutzt, »der Schrei kam doch von oben!« - -»Da hängen ein paar Beine,« quiekte Annchen Amsee und deutete auf eine -hohe, noch kahle Kastanie, die hier einsam unter Kirschbäumen an der -Landstraße stand. »Das sind Fritzens Beine!« - -»Sie sind's, sie sind's!« riefen jauchzend Heine Peterle und -Mariandel. Wirklich tauchte Schulzens Jakob aus dem Straßengraben auf, -Schnipfelbauers Fritz aber zappelte noch in den Ästen der Kastanie hin -und her. Endlich kam er mit zerrissenen Hosen unten an. - -»Nicht hauen,« flehten Annchen und Mariandel und hielten Friede -Hopserling beide Arme fest, »nicht hauen, bitte nicht!« - -Der Knecht sah aber auch wirklich sehr grimmig aus, und Fritz und Jakob -rutschten vor Angst wieder in den Straßengraben hinein. Von dort aus -erzählten sie klagend ihre Erlebnisse. - -»So, Schaden habt ihr angerichtet?« rief Friede, aber er sah lange -nicht mehr so böse aus. Die beiden taten ihm schon leid; er dachte, sie -hätten mit ihrer ausgestandenen Angst Strafe genug gehabt. »Steigt nun -mal ein,« brummte er, »hoffentlich habt ihr nicht zu viel zerbrochen, -denn was kaput ist, müßt ihr bezahlen, das hilft nun nichts.« - -»Dann hätten wir ja gar nicht erst -- -- huhu -- -- auszureißen -brauchen,« schluchzte Jakob. - -»Nä, war auch gar nicht nötig. Ausreißen nutzt nie nischt. 'n ehrlicher -Mann zahlt den Schaden, den er macht, damit basta. Jetzt hört mit der -Heulerei auf, 's wird schon nicht so schlimm sein. Bei uns ist mal ein -Mann vom Speicher gefallen, da dachten alle, er wäre tot, und dabei -war er gar nicht runtergefallen, sondern 'n Mehlsack.« Mit dieser -tröstlichen Erzählung beruhigte Friede die beiden Schelme wenigstens -so weit, daß sie das Heulen aufgaben und nach ihren Eßbündeln griffen. -Die Kinder schmausten, aßen sich plumssatt, schwatzten eine Weile, -schilderten sich ihre ausgestandene Angst, schalten weidlich auf Herrn -Schulz, der ihrer Meinung nach an allem schuld war, und dann schliefen -sie ein. Sie lagen alle fünf im Wagen und schliefen so fest und süß -wie daheim in ihren Betten, und Friede Hopserling brummte schmunzelnd: -»Na, 's ist gerade, als hätte ich wieder Mehlsäcke geladen.« Er lud -dann jeden kleinen lebendigen Mehlsack vor dem rechten Hause ab, und -nur Annchen Amsee wurde so weit munter, um ein »Danke schön« sagen zu -können. Wer dachte, er bekäme noch etwas von der Stadtfahrt erzählt, -der irrte sich gewaltig, kein Wörtlein sagten die fünf Kinder an diesem -Abend mehr. Doch die Erwachsenen trösteten sich und meinten: »Morgen -werden sie schon schwatzen, mehr als man vertragen kann.« - - - - -[Illustration] - -Verkehrte Gedanken. - - -An dem Tage nach der Stadtfahrt der fünf Oberheudorfer Kinder dachten -in Feldburg und Oberheudorf allerlei Leute allerlei Sachen, die nicht -eintrafen. Wie es so geht, Schulzens Jakob und Schnipfelbauers Fritz -dachten, es würde niemand etwas merken von dem, was sie in der Stadt -angerichtet hatten, und dabei sagte jede Mutter gleich am frühen Morgen -zu ihrem Buben: »Sag mal, was hast du nur getan? Du hast ja ein so -schlechtes Gewissen.« - -Was Mütter auch immer alles sehen und wissen! Den beiden blieb nichts -anderes übrig, als ihre Untat zu bekennen. Die Mütter schalten zwar -nicht sehr, aber beide sagten: »Bezahlt muß werden, das hilft nichts, -und wenn die Sparbüchse ganz leer wird.« Dies klang den Buben gar -bitter in den Ohren. Nachher in der Schule vergaßen sie zwar ihren -Jammer rasch, denn es war zu schön, von der Stadt zu erzählen. -Ordentlich protzig kamen die fünf an und sagten: »Wir haben aber viel -gesehen!« Und als die andern schrieen: »Erzählt, erzählt! Wie war's?« -da sahen die Buben die Mädel an und die Mädel die Buben, sie nickten -und blinkerten sich zu und taten so wichtig und geheimnisvoll, daß die -andern vor Neugier fast platzten. Zu schön war dies, so schön, daß -Heine Peterle und Annchen Amsee dachten: »Heute wird der Herr Lehrer -über ein bißchen Plappern in der Stunde nicht schelten.« Oh, das war -aber falsch gedacht! Er schalt sogar sehr, und Annchen Amsee bekam -wirklich eine Strafarbeit und Heine Peterle beinahe eine. - -Die andern Kinder sagten an diesem Tage: »Vielleicht gibt es bald -schulfrei, vielleicht schon morgen;« aber sie merkten es dann auch, -wie falsch sie gedacht hatten. Kein Wunder war es, denn selbst die -Erwachsenen dachten an diesem Tage immer etwas Verkehrtes. So dachte -die Hausfrau in der himmelblauen Ente: »Heute wird mein Kuchen aber gut -geraten,« und dann verbrannte der Kuchen und wurde pechschwarz. Und -Schnipfelbauers Kathrine sagte: »Frau, ich denke, heute kriechen unsere -ersten Hühnchen aus.« Aber denen fiel das gar nicht ein, sie blieben -noch zwei Tage in ihren Eierschalen sitzen. - -Auch Muhme Lenelies dachte etwas, das nicht in Erfüllung ging. Sie -meinte, die Kinder würden ihr viele schöne Dinge von ihrem Friede -erzählen. Was die fünf aber berichteten, klang der alten Frau so -seltsam, daß ihr das Herz darüber schwer wurde. Und weil es mit -dem Abschied in der Stadt so flink gegangen war, konnten ihr die -Stadtfahrer nicht einmal Grüße ausrichten. »Nä, Grüße hat Friede nicht -gesagt,« versicherte Heine Peterle, und Annchen Amsee wußte auch -nichts von Grüßen. »Er hat gesagt, er käme am liebsten wieder nach -Oberheudorf,« flüsterte Mariandel. - -Dies Wort vermehrte nur noch die Sorgen der guten Muhme, und sie -seufzte tief darüber, weil der Weg in die Stadt gar so weit und das -Gehen ihr jetzt so beschwerlich fiel. Wie mochte es nur ihrem Friede -gehen? Stimmte das wirklich alles so, wie es die Kinder erzählten, -daß ihn das Fräulein Wunderlich aus dem Hause geworfen hatte und die -Schulkameraden ihn nicht leiden konnten? Die Gedanken der guten Muhme -liefen so geschwind nach Feldburg wie keine Buben- oder Mädelbeine -jemals laufen können, und in Feldburg liefen diese Gedanken immer um -Friede herum; der merkte aber nichts davon. Er ging wie alle Tage -um die Kirche herum ins Gymnasium und war dort froh, als endlich -die Stunden begannen, denn laut und leise rief es hinter ihm und -neben ihm: »Friede Pfennig, wie geht's den Oberheudorfern?« »Friede -Pfennig, fährst du auch auf dem Mehlwagen spazieren?« »Hör du mal, in -Oberheudorf sind die Leute wohl neunmalklug?« - -»Na wartet nur,« dachte Friede trotzig, »ich will's euch schon zeigen, -daß die Oberheudorfer nicht auf den Kopf gefallen sind.« Er konnte -das auch gleich an diesem Morgen zeigen. Der Lehrer fragte ihn in der -Geschichtsstunde allerlei, und Friede konnte klug und sicher Antwort -geben, ja er wußte noch mehr zu sagen als der Klassenerste. - -»Ei, du weißt ja sehr gut Bescheid,« sagte Doktor Schneider freundlich. - -Weil der sonst nicht viel lobte, machte dies Lob auch großen Eindruck, -und die Klassengenossen schauten den Oberheudorfer Buben auf einmal -ordentlich verwundert an. So viel wußte der? Manch einer wünschte sich -da heimlich: »Ach, wäre ich doch so klug!« und darüber wagte er es dann -nicht, den Oberheudorfer Buben zu verhöhnen. - -Trotzdem lief Friede nachher wieder allein aus der Schule nach dem -Spiegelhaus, wieder um die Kirche herum. Er ahnte nicht, daß Fräulein -Wunderlich am Fenster saß und dachte: »Heute wird der Friede wohl zu -mir hereinkommen, weil ich gestern so nett zu seinen Freunden war.« - -Damit hatte sie aber auch etwas Verkehrtes gedacht, denn Friede kam der -Besuch gar nicht in den Sinn, und Fräulein Wunderlich verlor darüber -wieder ihre gute Laune, wurde brummig und verdrießlich und schalt im -Hause herum. Sie gehörte eben auch zu den Menschen die meinen, eine -einzige Freundlichkeit muß gleich Liebe erwecken. - -An diesem Nachmittag sagte Frau Emma, die Hausbesorgerin: »Geh, Friede, -besorg' mir einmal etwas in der Stadt, du tätest mir damit einen großen -Gefallen.« - -Sie brauchte wirklich nicht lange zu bitten, Friede war gleich bereit, -und die Frau dachte: »Er ist doch ein gefälliger, lieber Junge.« Damit -hatte sie nun wirklich etwas Rechtes und nichts Verkehrtes gedacht. -Friede tat gern jemand einen Gefallen, und er lief auch gar eilig in -die beiden Geschäfte, in denen er allerlei bestellen sollte. Der zweite -Laden war jener, in dem er am Tage vorher mit seinen Gefährten zuerst -gewesen war, und etwas bänglich betrat er das Geschäft. Die Verkäuferin -erkannte ihn auch gleich wieder und rief ärgerlich: »Na, du hast aber -ungezogene Freunde! Was waren denn das für abscheuliche Bengel, die -hier so gepfiffen haben?« - -»Gepfiffen?« Friede sah die Verkäuferin sehr erstaunt an, und diese -merkte schnell, der Bube ahnte nichts. Ihr Gesicht hellte sich etwas -auf, und sie erzählte den Streich, den Jakob und Fritz ihr gespielt -hatten. Während sie erzählte, konnte Friede sich nicht helfen, er -mußte ein wenig lachen, und dabei kam die Geschichte auch dem Fräulein -auf einmal mehr lächerlich als ernsthaft vor, und zuletzt lachten sie -beide ganz fröhlich und herzlich. Als Friede ihr sagte, seine Gefährten -seien ausgerissen, gewiß vor Angst, rief sie sogar mitleidig: »Schreib -es ihnen doch, es wäre nichts kaput gegangen, es sind nur ein paar -Nickelbretter umgefallen, das hat freilich schrecklich gepoltert und -geklirrt.« - -In guter Freundschaft trennte sich Friede, nachdem er seine Botschaft -ausgerichtet hatte, von dem Fräulein, und als er wieder auf der Straße -stand und ihm die Frühlingsluft so mild um die Nase wehte, bekam er -Lust, spazieren zu gehen. Er hatte Zeit, und im Spiegelhaus schalt -niemand, wenn er später heimkam. Der Professor ermahnte ihn ja selbst -manchmal: »Lauf hinaus, sieh dich in der Stadt um! Man muß mit offenen -Augen durch die Welt gehen!« - -Das tat Friede auch an diesem Tage. Er lief durch allerlei Straßen, die -er noch nicht kannte, und schaute sich ganz ernsthaft die Häuser an und -auch die Menschen, die an ihm vorübergingen. Dabei empfand er wieder -so recht, wie einsam er doch in der Stadt war. In Oberheudorf hatte er -jeden gekannt, dem er auf der Straße begegnet war. Unwillkürlich schlug -er in seinen sehnsüchtigen Gedanken den Weg ein, der nach Oberheudorf -führen sollte. Dabei kam er auch an einer langen, grauen Gartenmauer -vorbei, und wie er so dahinging, fühlte er auf einmal einen Ruck an -seiner Mütze, und zu seinem maßlosen Erstaunen sah er diese durch die -Luft entschwinden. - -[Illustration] - -»Meine Mütze,« schrie er erschrocken, und in diesem Augenblick tauchte -ein sehr verlegenes Gesichtchen über der Mauer auf. Das Füchslein war -es, das rief bittend: »Ach du, ich dachte mein Bruder wär's, nun habe -ich deine Mütze geangelt.« - -»Geangelt?« Friede riß seine Augen weit auf, und er sah so erstaunt -drein, daß Marianne Sonntag kichernd sagte: »Aber jetzt machst du ein -dummes Gesicht, und Ulli meint doch, du seist klug!« - -Friede wurde blutrot und brummte ein wenig beschämt: »Das ist doch aber -auch komisch, Mützen zu angeln.« - -Das Füchslein war jetzt ganz auf die Mauer geklettert, saß behaglich -oben und schaute sehr vergnügt auf den Buben herab. »Ich will dir's -erklären. Jobst und Ulli angeln manchmal Fische, -- nein, so nicht -- -sie wollen welche angeln und fangen keine, bloß mal einen, und der war -vorher schon tot. Aber weißt du, Buben sind immer eingebildet« -- -- - -»Das stimmt nicht,« rief Friede dazwischen. Doch das Füchslein ließ -sich nicht stören, es rutschte auf der Mauer hin und her, seine -rotbraunen Zöpfe wippten wie ein Paar Uhrenpendel auf und ab, und -lustig schwatzte es weiter: »Buben sind immer eingebildet, und darum -wollten sie mich nicht mitnehmen. Wir haben uns miteinander gestritten, -und ich habe gesagt, ich kann was Besseres angeln als tote Fische, und -darum sitze ich hier.« - -»Und angelst meine Mütze?« Friede lachte. Das lustige Mädel auf der -Gartenmauer gefiel ihm so gut, daß er alle Befangenheit verlor. Dies -gefiel nun wieder Marianne ausnehmend, und sie rief: »Deine sollte es -ja nicht sein. Aber komm doch rein, wir angeln dann beide Jobst und -Ullis Mützen. Komm fix, sonst sehen sie dich!« - -Friede überlegte nicht lange, sondern trat durch die Türe, die Marianne -ihm zeigte, in den Garten. Der war weder sehr groß, noch besonders -schön angelegt, es war ein richtiger Obst- und Krautgarten, einer, in -dem es sich gewiß wundervoll spielen ließ. Ein umgestülpter Schubkarren -diente dem Füchslein als Standort. Sie konnte von ihrem Platz aus -bequem die Straße überschauen, und Friede mußte sich neben sie stellen -und aufpassen. »Du kennst doch Ulli und Jobst,« sagte sie, »sie gehen -mit dir in eine Klasse. Sag mal, warum bist du am ersten Tage gleich so -grob zu Ulli gewesen? Er ist ganz wütend auf dich.« - -»Ich bin gar nicht grob,« verteidigte sich Friede, und er erzählte dem -Füchslein, wie sehr seine Mitschüler ihn vom ersten Tage an geneckt -hätten, und daß ihn in seiner Klasse niemand leiden möchte. - -Das Füchslein wieder verteidigte den Bruder und Freund. Eifrig rief -es: »Wir haben uns auf dich gefreut, weil Onkel Treumann schon von dir -erzählt hat, und weil unsere Katerlies sagt, in Oberheudorf passieren -so viele Geschichten. Aber warte, jetzt stifte ich Frieden zwischen -euch. Erst angeln wir Ulli und Jobsts Mützen weg, und nachher werdet -ihr gute Freunde.« - -Im Eifer hatten sie aber vergessen, auf die Straße zu schauen, und so -traten plötzlich die zwei Buben, von denen sie eben gesprochen hatten, -in den Garten. - -»O pfui, ihr kommt so heimlich,« schalt Marianne schmollend. - -Die beiden achteten nicht auf sie. Erstaunt blickten sie auf den Gast, -und Jobst rief in seiner herrischen Art: »Was tust du denn hier?« Er -meinte es nicht so schlimm, es kam bei ihm aber alles etwas patzig und -abweisend heraus, und wer ihn nicht kannte, hielt ihn wohl für einen -recht eingebildeten Buben. - -Ulli knurrte nur »Na« und maß den unwillkommenen Gast mit einem -unfreundlichen Blick. Friede wurde feuerrot. Er fühlte, die Buben sahen -ihn als einen Eindringling an in ihrem Garten. Vor Scham und Ärger -vergaß er das freundliche Füchslein, und daß dies Frieden hatte stiften -wollen; schwipp, schwapp, drehte er sich trotzig um und lief zum Garten -hinaus. - -»Friede,« schrie Marianne ihm nach, und dann schalt sie ärgerlich auf -den Bruder und Freund: »Pfui, warum seid ihr denn so abscheulich zu -Friede? Gerade war er so nett und wollte mit eure Mützen angeln.« - -»Was?« rief Jobst erstaunt, »was wollte er tun?« - -»Den geht meine Mütze gar nichts an,« brummte Ulli. - -Mit ein paar guten Worten hätte Füchslein nun schnell alles erklären -können, und sie hätte auch die Buben dazu gebracht, den Schulgenossen -wieder zurückzuholen, doch sie war wie eine kleine Rakete. Puff, -puff, ging es bei ihr gleich immer oben hinaus. Hinterher tat es ihr -freilich bitter leid, aber dann wurde manchmal nicht so rasch glatt und -gut, was ihr Ungestüm verfahren hatte. So ging es auch heute. Marianne -schalt ein paar Minuten heftig auf die Buben ein, und die gaben ihr die -unguten Worte reichlich zurück, Jobst laut und heftig, Ulli mit Brummen -und Knurren. Es schallte gar nicht lieblich durch den Garten, bis sie -auf einmal vor Wut und Ärger alle drei davonrannten, eines hierhin, das -andere dahin. Im Winkel eines Gartenhauses heulte sich dann Marianne -zurecht, wie die Mutter es nannte. Als sie das getan, lief sie in den -Garten zurück und suchte versöhnungsbereit Jobst und Ulli, aber die -waren weg und blieben weg. Da ging die Kleine mit kummerbeschwertem -Herzelein zur Mutter, die an ihrem Nähtisch saß, erzählte der die ganze -Geschichte und klagte sich dann selbst an: »Und ich dachte, nun würde -alles gut werden.« - -»Ja, mein Mädel, man denkt eben manchmal verkehrt herum,« sagte die -Mutter, »und das Friedenstiften will sacht und leise angefaßt werden. -Wenn du so wild und ungestüm auf deiner Geige spielen wolltest, kämen -auch keine lieblichen Töne heraus, und mit Menschenherzen muß man -ebenso zart umgehen.« - -Marianne Sonntag nahm erst den rechten, dann den linken Zopf in den -Mund, dann seufzte sie, und nach diesen Vorbereitungen sagte sie -betrübt: »Ich will auf der Geige üben.« - -»Tu es,« riet die Mutter und nickte ihrem Mädel zu. Sie lauschte -dann dem Spiel der Kleinen, das klang erst gar nicht melodisch, aber -nach und nach wurde es reiner, zarter. Dann klappte eine Tür, das -Spiel brach jäh ab, nun flüsterten und tuschelten im Nebenzimmer -zwei Stimmen, und plötzlich riß das Füchslein die Türe auf und rief: -»Mutterle, wir vertragen uns wieder, und Ulli will auch nett zum Friede -sein.« - -Frau Sonntag hörte den guten Vorsatz, hörte ihre Kinder von Versöhnung -reden, und sie freute sich darüber. Aber Friede wußte nichts davon. -Traurig lief der durch allerlei Straßen, und wie er so ziel- und -zwecklos dahin rannte, kam es ihm auf einmal in den Sinn: »Es wäre am -besten, ich liefe nach Oberheudorf zurück.« - -Er blieb unwillkürlich stehen. Der Gedanke an die Heimat erfaßte ihn -mit solcher Gewalt, daß ihm die Tränen in die Augen traten. Ganz -deutlich sah er das Haus von Muhme Lenelies, die Muhme selbst, die -Dorfstraße, seine Gefährten, alles vor sich, und da fing er auch schon -an zu laufen. Ich muß heim, gleich, dachte er, ich muß die Muhme sehen, -ihr alles sagen, ich will wieder dort bleiben. Er kannte den Weg schon -besser als Schulzens Jakob und Schnipfelbauers Fritz. Dort um jene -Ecke mußte er gehen; nun kam die Straße, an deren Ende er schon grüne -Saaten schimmern sah; da war er im Freien, war auf dem rechten Weg zur -Heimat. - -Aber allzu weit kam er nicht. Ein Wäglein kam angerollt. Er sah es -erst, als es dicht vor ihm war; da sprang er zur Seite. In dem Wagen -saß ein einzelner Herr, der sich scheltend herausbeugte: »Na, was ist -denn das für eine Sitte, so toll auf der Straße herumzulaufen!« - -Friede stutzte und blieb erschrocken stehen. Den Herrn kannte er, das -war ja Doktor Treumann, zu dem er einst an einem stürmischen Wintertag -gerannt war, um eine Medizin für Muhme Lenelies zu holen. Auch der Arzt -hatte den Buben erkannt. »He, du,« rief er, »bist du nicht der Friede -aus Oberheudorf, nach dem mich meiner Schwester Kinder schon halb -entzweigefragt haben? Komm einmal her, wir zwei kennen uns doch, du -bist ja mein kleiner Held.« - -Friede trat verlegen an den Wagen heran, und der Arzt prüfte mit -klugen, ernsten Augen sein Gesicht. Holla, da stimmt etwas nicht. Er -merkte es gleich und fragte laut: »Läufst wohl spazieren, was?« - -Der Bube nickte nur befangen, er stand mit gesenktem Kopf da und wagte -es gar nicht aufzuschauen. Einen kleinen Helden hatte ihn Doktor -Treumann eben genannt, das war er doch nicht, er, der eben hatte feige -ausreißen wollen. - -»Na, sieh mich doch mal an, mein Junge!« sagte da der Arzt gemütlich. -»Straßenstaub und Steine kannst du ja noch oft sehen, aber mich hast -du doch noch nicht gesehen, solange du in der Stadt bist. War übrigens -verreist, sonst hätte ich mich schon um dich gekümmert. Na, Kopf hoch! -Ein tapferer Junge sieht jedem frei ins Gesicht.« - -Friede schlug rasch die Augen zu dem Arzte auf. Er fühlte, der -durchschaute ihn, ahnte, daß er nicht auf rechten Wegen ging. Stirn -und Backen brannten ihm, er atmete tief, aber fest sagte er dann: »Ich -wollte ausreißen, nach Oberheudorf zurück.« - -»So, so!« Doktor Treumann war gar nicht überrascht, seine Augen -blitzten, und seine Stimme klang scharf: »Bist du jetzt so einer -geworden, der gleich das Hasenpanier ergreift? Hm, meinst wohl, die -Muhme wird sich arg über dein Heimkommen freuen?« - -Darauf gab Friede keine Antwort. Er schämte sich plötzlich unsäglich -der eigenen Feigheit, und hastig drehte er sich um, lüftete höflich -seine Mütze und begann wieder nach der Stadt zurückzulaufen. - -Da rief ihm der Doktor nach: »Stadtwärts kannst du mitfahren. Komm, -steig ein!« - -Der Junge blieb zögernd stehen, er war unschlüssig, was er tun sollte. -Mit dem Arzt zu fahren erschien ihm in diesem Augenblick gar nicht so -vergnüglich, aber der streckte ihm jetzt die Hand entgegen und sagte in -dem alten freundlichen Tone: »Du hast mir ja noch gar nicht die Hand -gegeben, du Friede aus Oberheudorf. Komm, steig ein, wir erzählen uns -was miteinander!« - -Friede kletterte in das Wäglein und mußte sich neben den Arzt setzen, -der so gemütlich zu plaudern begann, als wäre der kleine, blonde -Dorfbube ihm ein herzlicher Freund. Und Friede taute auch bald auf -und erzählte nun wieder treuherzig von seinen Kümmernissen. Nur -seine letzte bittere Erfahrung verschwieg er. Doktor Treumann war ja -Mariannes und Ulrichs Oheim, da wollte er nicht anklagen. »Ich hab' es -mir ganz anders auf der Stadtschule gedacht,« schloß Friede seufzend -seinen Bericht. - -»Ja, ja, mein Junge, man denkt sich manchmal manches anders in der -Welt,« tröstete der Arzt. »Ich dachte vorhin auch: Holla, der Friede -aus Oberheudorf ist ja ein Feigling geworden! und dann habe ich -gemerkt, daß ich falsch gedacht habe und du doch ein tapferer kleiner -Kerl bist, und so einer kommt schon durch. So, und nun steig aus, da -geht's zum Johannesplan hinauf. Grüße mir meinen alten Freund, den -Professor, und dann, immer tapfer den Kopf oben behalten!« - -Friede kletterte aus dem Wagen, grüßte und dankte. Jetzt brannte ihm -wieder das Gesicht, aber diesmal vor Freude. Er nahm das gute Wort -des Arztes mit in das stille Spiegelhaus, und an diesem Abend schrieb -er den ersten Brief an Muhme Lenelies. Alles erzählte er darin, er -schrieb aber auch, daß er tapfer sein und aushalten wolle. Und dieser -Brief fiel nicht auf die Dorfstraße, er wurde auch nicht im Backofen -verbrannt. Muhme Lenelies hob ihn gar sorgsam auf und las ihn so oft, -bis sie ihn besser auswendig konnte als die Kinder in der Schule ihre -Verse und Sprüche. - -Schulzens Jakob und Schnipfelbauers Fritz hatten aber auch ihre -unbändige Freude über den Brief, stand doch darin, daß sie nichts -zerbrochen hatten. Seit sie das wußten, redeten sie noch kecker und -hochmütiger von der Stadt und trillerten immerzu laut auf ihren -Pfeifen, und alle Leute im Dorf sagten: »Wenn die Pfeifen nur erst -kaput wären!« -- -- - -[Illustration] - - - - -[Illustration] - -Das Abenteuer im Schloß. - - -In Feldburg gab es wie in vielen andern altertümlichen Kleinstädten -auch ein Schloß. Es lag, wie es sich für ein richtiges Schloß schickt, -etwas höher als die andern Häuser der Stadt und war auch von einem -wirklichen Fürsten und einer wirklichen Fürstin bewohnt. Meist war -zwar der Fürst von Salheim nicht in Feldburg, er hatte noch andere -Schlösser, und da er ein Fürst ohne Land war und in Feldburg nichts zu -regieren hatte, kam er immer nur etliche Wochen im Jahr dorthin. Er kam -aber gern, und die Feldburger freuten sich auch über sein Kommen, und -über das Schloß freuten sie sich auch; es sah so stattlich aus, und die -Fremden, die in das Städtchen kamen, sagten immer entzückt: »Nein, ist -das aber malerisch!« - -In Oberheudorf hatten die Kinder schon früher manchmal von dem -Feldburger Schloß gehört; seit Traumfriede aber in der Stadt war, -sprachen sie sehr viel davon. Das Schloß zu sehen lockte sie sehr. -Muhme Lenelies sagte zwar oft: »Ach was, Schloß hin, Schloß her, meine -Märchenschlösser sind schöner.« - -Doch die Kinder glaubten ihr das nicht recht und gaben wohl zur -Antwort: »Du sagst aber nicht, wo die liegen.« Auch der Lehrer in -der Schule hatte von dem Schloß erzählt, das in der Geschichte des -Herzogtums, zu dem Feldburg und Oberheudorf gehörten, eine ziemliche -Rolle gespielt hatte. Ein deutscher Kaiser hatte einmal dort gewohnt, -und allerlei dunkle Sagen umspielten das alte, graue Schloß. - -»Warum hat uns Friede das Schloß nur nicht gezeigt? Zu dumm von ihm!« -murrten die fünf ersten Stadtfahrer oft. Ihnen und den andern Kindern -war es daher eine wundervolle Überraschung, als der Herr Lehrer eines -Tages sagte: »Wir wollen einen Spaziergang machen, ratet wohin?« - -»Nach Dachhausen,« schrieen die einen; die andern rieten: »Nach dem -Kuhberger Walde.« Wo anders hin war es nämlich noch nie gegangen. - -»Falsch geraten! Nach Feldburg, das Schloß ansehen.« - -Ein unglaublicher Jubel erhob sich. Selbst der Lehrer erschrak, dies -war ja noch ärger, als er gedacht hatte, und streng gebot er Ruhe. Da -wurde es auch still im Schulzimmer, aber draußen auf der Dorfstraße -ging der Lärm nachher wieder los. Die Buben und Mädel schwatzten so -laut und eifrig miteinander, daß an diesem Tage sogar die Gänse, die -Hauptspektakelmacher im Dorfe, eifersüchtig wurden. Eine dicke Gans -schnatterte der andern zu: »Gräßlich das, man versteht ja sein eigenes -Geschnatter nicht bei diesem Kindergeschrei!« - -In heller Aufregung liefen die Kinder heim. »Wir gehn aufs Schloß,« -schrie Heine Peterle schon zum Fenster hinein, damit es nur ja gleich -alle wußten. Die erwartete Überraschung blieb leider aus, denn nur -Muhme Rese saß in der Stube, und die dachte, es wäre wieder einer von -des Buben Späßen. Sie brummelte nur: »Warum willste nich gleich zum -Kaiser?« - -Heine Peterle war entrüstet. Aufgeregt erzählte er nun ausführlich, was -der Lehrer gesagt hatte. Da ließ die Muhme ihren Strickstrumpf sinken, -sah den Buben nachdenklich an und sagte zuletzt: »Geh nur ja nich mit, -Heine Peterle, nä, nä, tu das nich, dir passiert was, du paßt nich in -en Schloß.« - -Trotz dieser düstern Warnung dachte Heine Peterle gar nicht daran, -daheim zu bleiben. Er gehörte ja schon zu den Großen, die mit durften, -zu den »Gernegroßen«, sagte der Vater. - -Die Regenwolken, die über Oberheudorf hingen, taten den Kindern -den Gefallen, am Tage vorher eiligst auszureißen, und am Morgen -des Festtages war der Himmel so blank geputzt, als hätten ihn die -Oberheudorfer Mädel mit Sand und Seife abgescheuert. - -Hatten die Kinder vor diesem Tage gefragt: »Wie kommen wir nach der -Stadt?« dann hatten die Erwachsenen erwidert: »Auf Schusters Rappen, -wie sonst; meint ihr, für euch würden Kutschen angespannt?« - -Und dann standen zur Überraschung der Buben und Mädel am Morgen doch -zwei große Leiterwagen auf dem Dorfplatz, und Friede Hopserling -schmückte die Pferde gerade noch mit frischen Maiensträußen, als die -Kinder angelaufen kamen. »Hurra, wir dürfen fahren,« schrieen alle. - -»Nä, wer hat das gesagt?« brummte Friede Hopserling, und der -Schulzenknecht, der den andern Wagen führte, rief: »Wer mitfahren will, -muß 'nen Taler zahlen, billiger tu' ich's nicht.« - -Aber die Kinder kletterten schon auf die Wagen hinauf, sie wußten -genau, woran sie waren. Und dann kam der Herr Lehrer und setzte sich -auch in den einen Wagen, und los ging die Fahrt. Die Dorfbewohner -standen auf der Straße oder schauen zu den Fenstern heraus, sie winkten -und nickten, und die Kinder taten, als ginge die Reise mindestens nach -Amerika. Heine Peterle blies auf seiner rosenroten Flöte, Schulzens -Jakob und Schnipfelbauers Fritz auf ihren Trillerpfeifen, die andern -wieder sangen, und Friede Hopserling knurrte: »Die Pferde werden noch -scheu werden.« - -An einem sonnenhellen Frühlingstag auf einem Leiterwagen durch den -Wald zu fahren, ist höchst vergnüglich, und die Oberheudorfer Buben -und Mädel waren auch so lustig, wie man nur sein kann. In Wiesental, -dem letzten Dorf vor Feldburg, wurde ausgestiegen. Von da aus ging es -zu Fuß nach der Stadt. »Gleich zum Schloß hinauf,« gab der Lehrer den -Ungeduldigen zur Antwort. - -O dieser Zug durch die Stadt! Diejenigen, die schon dagewesen waren, -blähten sich wie die Fröschlein auf und sagten wichtig, wenn sich die -Gefährten über dies oder das wunderten: »Das ist so in der Stadt.« - -»Da ist Herrn Schulz sein Ramschladen,« schrie Schulzens Jakob, und -sämtliche Kinder blieben vor dem Laden stehen, preßten die Nasen an die -Fensterscheibe und hatten nicht übel Lust, Herrn Schulz zu besuchen. -Doch da rief Heine Peterle: »Nu kommt wieder der Wagen ohne Pferde.« - -»Brrr bums,« blieb das Automobil stehen, und der Führer schalt zornig: -»Ja, was soll denn das, Kinder? Runter von der Straße! Ich glaube gar, -das sind wieder die dummen Buben von neulich!« - -Der Lehrer hatte seine Not, ehe er es seinen Buben und Mädeln -begreiflich machen konnte, daß sie immer nur auf dem schmalen -gepflasterten Bürgersteig zu gehen hätten. - -»Du, Mariele,« rief da Annchen Amsee, »sieh mal, hier wohnt 'n Bäcker.« - -Es war die größte Bäckerei der Stadt, vor der die Kinder gerade -angelangt waren: ein stattlicher Laden mit breitem Schaufenster, in dem -Torten, Kuchen, Körbchen mit allerlei feinen Weißbrötchen aufgebaut -waren; dahinter wieder standen lange, dunkelbraune Brote, ernsthaft wie -Schildwachen. - -Mariele sah mit großen Augen drein; fast andächtig, ehrfurchtsvoll -musterte sie den Laden. Das sollte eine Bäckerei sein, wie ihr Vater -sie hatte? Dem kleinen Mädel kam hier plötzlich die Erkenntnis, wie -klein doch das Heimatdorf war gegen Feldburg, und hatte der Lehrer -nicht gesagt, Feldburg wäre eine kleine Stadt? So gab es noch größere -Städte mit noch viel, viel größeren Bäckereien? Mariele seufzte so tief -und schwer, daß es der Lehrer hörte. Er wandte sich um und fragte: »Was -hast du denn, Mädel?« - -»'s ist nich hübsch in der Stadt,« klagte Mariele angstvoll und starrte -den Bäckerladen an, der ihr in seiner Größe und Pracht fast unheimlich -war. - -Der Oberheudorfer Lehrer kannte die Kinder gut und verstand des -Marieles Schrecken. Er nahm die Kleine an der Hand, und während -sie alle miteinander den Schloßberg hinaufpilgerten, zeigte er ihr -allerlei, ein hübsches Haus, einen Garten, in dem allerlei Blumen -blühten, er zeigte ihr, wie ein paar kleine Mädel ihre Puppen in der -Sonne spazierenführten, und allmählich verlor Mariele die Angst vor der -Stadt. Häuser, Bäume, Blumen, Menschen, die gab es auch in Oberheudorf, -na, und wenn der Vater auch keinen großen, feinen Laden hatte, ein -Bäcker war er doch, und der Herr Lehrer sagte: »Auf den großen Laden -kommt es nicht an, nur darauf, ob das Brot gut ist, das einer bäckt, -und das Brot deines Vaters schmeckt so gut, daß viele Stadtleute es -sich kommen lassen, weil sie es besonders gern essen.« - -Da wurde Mariele sehr stolz auf ihren Vater, und Feldburg mit all -seinen Häusern und Läden kam ihr gar nicht mehr unheimlich vor, ja am -Schloßtor schaute sie sich ganz kühn um und tuschelte Annchen Amsee zu: -»Am Ende essen sie drinnen gar auch Brot vom -- Vater.« - -Ein paar Buben und Mädel hatten sich den ganzen Weg über nach dem -Friede Heller umgeschaut. Warum der wohl nicht zu sehen war? - -»Er weiß nicht, daß wir da sind,« sagten einige. - -»Vielleicht hat er noch Schule,« meinte Heine Peterle nachdenklich, -der dachte, in der Stadt könnte schon mal von früh bis abends Schule -sein. - -Als sie aber alle ans Schloßtor kamen, stand dort ein Bube und -schwenkte jauchzend seine grüne Mütze: Friede war es. Er stürmte ihnen -entgegen und hätte sie in der Freude seines Herzens am liebsten umarmt, -den Herrn Lehrer voran. Ehe er aber noch alle recht begrüßt hatte, -schrie Anton Friedlich, dessen Augen neugierig rundum gingen: »Uh je, -da steht der Fürst mit 'nem großen Stock!« - -»Er kommt her, er kommt her,« quiekten etliche Mädel und knicksten -erschrocken bis zur Erde. Fein angetan in dunkelrotem, goldgesticktem -Rock, einen Dreispitz auf dem Kopf, kam der Türhüter heran. Er wußte -von dem Kommen der Oberheudorfer; der Lehrer hatte angefragt, ob er mit -seinen Schulkindern an diesem Tage das Schloß besichtigen dürfe. Mit -gnädigem Lächeln sah der Türhüter die Kinder an. Daß sie ihn für den -Fürsten hielten, freute ihn, und er erlaubte es huldvoll, daß die Buben -und Mädel ihn von allen Seiten betrachteten und um ihn herumliefen wie -um einen Weihnachtsbaum. Sie hörten erst mit Bewundern und Besehen auf, -als der Diener kam, der sie im Schloß herumführen sollte. »Hört nun -schon auf,« mahnte der, »wenn ihr drinnen alles so genau besehen wollt -wie unsern Türhüter, dann werdet ihr bis morgen früh nicht fertig. -Kommt jetzt, drinnen gibt es Schöneres zu sehen.« - -»Grobian,« brummte der Türhüter, der sich sehr gern bewundern ließ, -aber dann sagte er auch: »Geht nur hinein!« - -Es gab wirklich sehr viel in dem Schloß zu sehen: geschnitzte, -vergoldete, mit Seide und Samt überzogene Sessel, Stühle, Sofas, Tische -mit eingelegten, kunstvoll verzierten Platten, schimmernde Spiegel, -Bilder, Vasen, kurz so viel schönen, reichen Hausrat, daß die Buben -und Mädel aus dem Erstaunen und der Bewunderung gar nicht herauskamen. -In einem Saal, der ganz von Gold schimmerte, mußten sie alle riesige -Filzschuhe über ihre eigenen Schuhe ziehen. Der Fußboden war so fein -und glänzend, so spiegelglatt, als sollte darauf gespeist werden, und -der Diener mahnte: »Hier muß man vorsichtig gehen!« - -[Illustration: Der hohe Herr.] - -Ja gehen, er hatte gut reden! Hopps, da lag der dicke Friede schon, -und krach setzte sich Schulzens Jakob auf seinen Hosenboden. Krämers -Trude zappelte ein Weilchen wie ein Fisch, dann fiel sie auch hin, und -Bäckermeisters Mariele rutschte wie ein kleiner Schlitten auf ihrem -Bäuchlein den halben Saal entlang. Der Führer hatte gerade mit dem -Erklären beginnen wollen, als er sah, wie es um ihn herum plumpste. -»Aber Kinder, was macht ihr denn?« rief er erschrocken. - -Krach, da lag auch er da, so lang er war. Anton Friedlich hatte sich an -seinem Bein halten wollen und ihn mit umgerissen. - -»Uff!« stöhnte er. Vor lauter Überraschung wußte er nichts weiter -zu sagen, nicht einmal schelten konnte er. Kaum hatte er sich -aufgerichtet, da purzelte schon wieder eins hin, und ein Mädel griff -angstvoll nach seinem Rockschoß. - -»Aber was macht ihr denn?« schrie er nun entsetzt. »Haltet doch ---« bums setzte sich vor ihm wieder ein Bube sehr unsanft auf den -Hosenboden, und alles klirrte und krachte im Saal. - -»Das geht nicht,« riefen der Lehrer und der Führer erschrocken wie -aus einem Munde, und die Kinder klagten: »Wir können nicht in den -Pantoffeln gehen.« - -»Wir ziehen alle die Schuhe aus!« Annchen Amsee saß auf dem Fußboden, -sie stand auch nicht auf, weil sie dachte, sie falle ja doch wieder -hin. »In Strümpfen geht's, da trapsen wir auch nicht!« - -»Ja, wir wollen die Schuhe ausziehen,« schrieen ihr die andern nach, -und schon hatten ritsch, ratsch ein paar Mädel ihre Schuhe aufgebunden. - -»Es wird wohl am besten so sein,« meinte der Herr Lehrer, und der -Diener sagte seufzend und ergeben: »Meinetwegen, obgleich sonst nie -jemand so in den Festsaal geht.« Eins, zwei, drei, waren alle Schuhe -ausgezogen, und dann tappelten lauter rosenrote und kornblumenblaue -Füße über das glatte Parkett. Die Oberheudorfer Mütter liebten nämlich -die bunten Strümpfe sehr. - -Aus dem Festsaal ging es in die Silberkammer, von da in das gelbe -Zimmer, dann in den roten Saal, dann in die grüne Kammer; es war -beinahe wie in einem Märchen. Endlich schloß der Führer eine schwere -eichene Türe auf und sagte: »Das ist der Ahnensaal.« Aber erschrocken -prallten die Kinder zurück, und den Mädeln wurde es himmelangst. An -den Wänden hingen die lebensgroßen Bilder vieler Männer und Frauen -in seltsamen Trachten. Manche von ihnen sahen recht grimmig aus, gar -nicht, als hätten sie vom Anderwandhängen einen sonderlichen Spaß. -Dies und das erzählte der Führer von dem und jenem: der war ein großer -Held gewesen in dem langen Krieg von dreißig Jahren, und jener hatte -gegen die Türken gefochten. Die eine der Schloßfrauen hatte einmal mit -tapferer, mutiger List Stadt und Schloß aus großer Gefahr gerettet. -Sie sah auf ihrem Bilde aber auch so stolz und feierlich aus, daß die -Kinder sie sehr ehrfürchtig anschauten. Krämers Trude knickste sogar -vor ihr. - -Am Südende des Saales lag neben einer Tür, die auf einen schmalen -Vorsaal endete, eine kleine Nische. In der hing noch ein Bild: -ein finsterer Herr in der spanischen Hoftracht des sechzehnten -Jahrhunderts war es. Von ihm erzählte der Führer, er sei ein gar arger -Bösewicht gewesen, er gehöre von rechtswegen gar nicht in diesen Saal, -denn er sei nur ein entfernter Verwandter des Fürstenhauses. Man lasse -aber sein Bild hängen, obgleich er es gar nicht um die Familie des -Fürsten verdient habe. In einer wilden Sturmnacht habe er versucht, -die einzige Tochter des damals regierenden Herrn zu rauben. Fahrende -Spielleute hätten ihm dann aber das schöne Fräulein abgejagt, als sie -im Walde nach Hilfe gerufen habe. Sie sei dann vor Schreck und Grauen -in ein Kloster gegangen. Ihr Räuber aber sei landflüchtig geworden, man -wisse nichts von seinem Ende. - -»Huhu,« graulten sich die Mädel und sahen ordentlich ängstlich auf den -finsteren Mann, just als würde der mit seinen spitzen Schnabelschuhen -aus dem Bilde herausmarschieren. Heine Peterle tat einen tiefen Atemzug -und sagte: »Man hätt' ihn ordentlich verdreschen müssen.« - -Das Wort gefiel den Buben, und der eine sagte dies, der andere das, was -sie getan hätten, wenn sie die fahrenden Leute gewesen wären. - -Der Herr Lehrer war inzwischen mit dem Führer an eins der spitzbogigen -Fenster des Saales getreten, und die Kinder konnten sich ungestört über -den finsteren Gesellen unterhalten. - -»Wie er die Augen aufreißt!« tuschelte Annchen Amsee, »puh, wie -graulich!« - -»Ich hätte ihn ganz gewiß gefangen und in den Turm gesteckt,« -versicherte Schulzens Jakob zum drittenmal. Da trat Heine Peterle ganz -dicht an das Bild heran und sagte keck: »Ich geb' ihm jetzt noch was -für seine Schlechtigkeit.« Und patsch schlug er mit seiner kleinen -Faust dem gemalten Mann auf den Bauch. - -Die Kinder lachten, aber ihr Lachen erstarb jäh. - -Himmel, was war das? - -Urplötzlich verschwand das Bild und -- Heine Peterle -- ihr Heine -Peterle mit ihm. Ein paar Sekunden lang zappelten und strampelten zwei -rosenrote Beine in der Luft herum, es polterte und krachte, und dann -waren gemalter Mann und Heine Peterle weg. - -Die Kinder schrieen so gellend, so angsterfüllt auf, daß der Lehrer mit -dem Führer so schnell herankamen, als es mit den großen Filzpantoffeln -ging. - -»Heine Peterle -- -- da -- -- der -- -- Mann, huhuhu,« kreischten die -Kinder und deuteten entsetzt auf die Nische. Dort gähnte jetzt nur ein -dunkles Loch. - -»Er -- -- hat -- -- ihn -- -- ge--ge--holt,« wimmerten ein paar Mädel. - -Doch plötzlich zappelte ein rosa Bein in der Luft herum, dann noch -eins, und dann -- -- stand Heine Peterle wieder da. - -Aber wie sah er nur aus! »Bube, was ist denn geschehen?« Mit einem Ruck -zog ihn der Lehrer ans Licht, während der Diener noch immer sprachlos -in das dunkle Loch starrte, der gemalte Mann kam nämlich nicht wieder. - -»I -- ich -- hazieh, hazieh!« Heine Peterle nieste einmal, zweimal, -immerzu, und das war kein Wunder, denn er war von oben bis unten mit -Staub bedeckt, Spinnweben lagen auf dem Haar und auf seiner Jacke; er -sah aus, als hätte er ein halbes Jahrhundert in einer Rumpelkammer -gesessen. »Was hast du denn gemacht, was hat er denn gemacht?« fragte -der Lehrer ihn und die andern. Aber selbst für ihn, der doch die -Buben und Mädel wahrlich kannte, war es schwer, etwas in dem wilden -Durcheinander zu verstehen, nur ein Wort vernahm er immer wieder: -»Er hat ihn auf den Bauch geschlagen,« »Er hat ihn auf den Bauch -geschlagen.« »Hazieh, hazieh, hazieh!« nieste Heine Peterle, er -schluchzte, hustete und stöhnte endlich: »Da -- -- da -- --« - -»Was ist da?« rief der Diener aufgeregt, und der Lehrer und die Kinder -alle sahen gespannt auf Heine Peterle. - -»Hazieh -- -- da -- hazieh -- -- ist -- hazieh -- -- 'n Loch!« - -»Schafskopf,« schrie ihn der Diener an, »das sehen wir doch.« Auf -einmal schlug er sich vor den Kopf. »Ich hab's: die geheime Türe -ist das, die geheime Türe nach dem verborgenen Gang, nach der unser -Fürst schon lange sucht. Das Bild ist die Türe.« Er raste an die -große Haupttüre des Saales, an der ein Klingelzug hing, und läutete -Sturm. Laut, dringlich schallte es durch das Schloß, und von allen -Seiten eilten Diener herbei. Endlich kam auch der Kastellan, der in -Abwesenheit des Fürsten das Schloß verwaltete. Lampen wurden gebracht -und die geheimnisvolle Öffnung untersucht; eine ganz schmale, enge -abwärtsführende Treppe wurde sichtbar. - -»Es ist wirklich der geheime Gang,« sagte der Kastellan erstaunt. -»Unser Fürst hat schon von einem Baumeister nach ihm suchen lassen, der -aber nichts gefunden hat. Man vermutet nämlich irgendwo ein Gelaß, in -dem wichtige Familienurkunden liegen sollen, aber bei einem Brande sind -auch die Baupläne des Schlosses mit vernichtet worden. Der Großvater -unseres jetzigen Fürsten hat den Gang noch gekannt, er starb aber -unerwartet, und so erfuhr sein Sohn das Geheimnis nicht. Wie wird sich -unser Fürst über die Entdeckung freuen!« - -»Das ist dein Glück,« sagte der Lehrer sehr ernst zu Heine Peterle, -»in fremden Schlössern haut man nämlich nicht mit der Faust nach den -Bildern.« - -»Nein,« meinte der Kastellan, »das tut man freilich nicht. Eigentlich -ist's auch strafbar. Heute mag es freilich hingehen; hier ist mal eine -Dummheit gut ausgegangen.« - -»Er wollte den Räuber doch nur hauen, weil der so böse war,« flüsterte -Annchen Amsee, um ihren Freund zu entschuldigen. Der wischte, pustete -und nieste noch immer ganz furchtbar und konnte noch immer nicht viel -sagen. - -»Ach, darum also!« Der Lehrer, der Kastellan und der Führer riefen es -wie aus einem Munde; sie sahen einander an und lächelten, lachten und -fanden blitzschnell ein jauchzendes Echo bei den Kindern. Die waren -ja heilfroh! Das ernste Gesicht des Lehrers hatte ihnen doch bisher -die rechte Freude an der Entdeckung getrübt, aber jetzt kamen sie -sich gleich ungeheuer wichtig vor, und ein paar der kecksten Buben -tuschelten: »Da haben wir was Feines gemacht!« Himmelgern wären nun -natürlich die Buben die Treppe hinuntergeklettert -- den Mädeln war -es zu unheimlich -- aber das gab es nicht. Der Herr Kastellan zog den -gemalten Bösewicht, der hinter die Wand gerutscht war, wieder hervor, -und schnapp, war das dunkle Treppengelaß wieder verschwunden. - -»Gut, mein Junge,« sagte der Kastellan, »daß du nicht größer und -nicht kleiner bist; hast gerade auf die rechte Stelle gehauen. Hier -am Degenknauf des finstern Herrn sitzt ein Knopf; durch einen Druck -darauf kann man anscheinend die geheime Pforte öffnen.« Er drückte, -er drückte noch einmal, aber -- -- keine Türe sprang auf. »Na, was ist -denn das?« rief er verwundert. »Herr Lehrer, versuchen Sie es doch -einmal!« - -Der Lehrer trat heran, er drückte auch, aber das Bild blieb unbeweglich -an seinem Platze, und seine finsteren Augen starrten die Kinder an. - -»Man muß hauen, aber feste,« sagte Heine Peterle plötzlich, der nun -endlich das Niesen eingestellt hatte. - -Der Kastellan folgte dem Rat, er schlug einmal, zweimal, aber erst beim -drittenmal spazierte der finstere Bösewicht davon. »Potzwetter, so eine -Oberheudorfer Bubenfaust kann aber kräftig dreinschlagen,« rief der -Kastellan. »Gut, daß es nicht etwas anderes war.« - -Der Herr Lehrer war auch sehr froh darüber, und er war es recht -zufrieden, als er mit seiner Schar wieder auf dem Schloßhof stand. Dort -hinaus brachten auf des Kastellans Befehl die Diener ein paar Tische -und Stühle, und die Kinder durften unter den uralten Linden des schönen -Hofes ihre mitgebrachten Butterbrote verzehren. »Vielleicht gibt's -Schokolade,« sagte Schulzens Jakob und dachte an Fräulein Wunderlich, -doch darin irrte er sich. Die Limonade, die die Schloßköchin den -Kindern schickte, schmeckte ihnen aber auch sehr gut, und es wurde eine -fröhliche Schmauserei. - -Nachher gab es noch die Waffenkammer zu sehen, in der so viele alte -Ritterrüstungen, Hellebarden, Schwerter und andere Waffen und Geräte -hingen, daß die Buben sich am liebsten alle in eisengepanzerte Ritter -verwandelt hätten. Darüber war die Zeit schnell vergangen, und die -Sonne dachte schon etwas an den Heimweg und an das Zubettgehen. Zeit -war es also auch für die Oberheudorfer, daran zu denken, obgleich sie -alle sich noch sehr gern die Stadt angesehen hätten. - -»Friedes Schule wollen wir sehen,« bettelten ein paar Buben. Friede -erschrak. Ganz jäh kam ihm der Gedanke an den Spott der stolzen -Gymnasiasten. Was würden die sagen, wenn sie die Oberheudorfer, seine -Heimatgenossen, sehen würden? Gleich schämte er sich aber wieder: -mochten sie doch lachen, was kümmerte es ihn! - -Ob der Lehrer etwas von den Gedanken ahnte? Er sagte so freundlich und -gütig, wie er immer zu Friede sprach: »Es wird zu spät werden und ist -auch ein großer Umweg, über den Johannesplan zu gehen!« - -Doch da bat Friede heiß und dringlich: »Ach bitte, bitte, ich möchte -allen so gern das Gymnasium zeigen.« Er wollte es beweisen, daß er sich -der lieben Heimatgenossen nicht schämte, weil sie anders in Art und -Wesen waren als die Buben und Mädel in der Stadt, und so bat er noch -einmal: »Bitte, bitte, wir wollen alle über den Johannesplan gehen.« - -Der Lehrer sah seinen einstigen Schüler prüfend an, dann strich er ihm -über die heiße Wange und sagte froh: »Bist doch noch mein alter Friede, -doch heute ist es wirklich zu spät, wir müssen uns sputen, um zu -unseren Wagen zu kommen. Ein anderes Mal dann. Komm aber mit, begleite -uns noch ein Stück heimwärts.« - -Friede tat es, und er tat es gern. So vergnügt, als gehöre er noch -ganz zu ihnen, lief er mit den Heimatgenossen durch Feldburgs Straßen -bis dahin, wo er vor einiger Zeit Doktor Treumann getroffen hatte. -Hier nahm er Abschied. »Auf Wiedersehen, auf Wiedersehen in den -Sommerferien,« hieß es. - -»Wir kommen dir entgegen,« versprachen die Freunde. - -»Wir auch,« riefen die Mädel, »und -- --« - -»Macht Schluß, es ist Zeit!« mahnte der Lehrer und schob ein paar -Kinder vorwärts. - -Friede war schon wieder ein paar Schritte zurückgelaufen, als er noch -einmal innehielt und den Gefährten nachrief: »Heine Peterle, wenn etwas -von dem geheimen Gang in der Zeitung steht, schreibe ich es dir.« - -»In der Zeitung stehen!« Heine Peterle wußte plötzlich nicht, sollte -er vor- oder rückwärts laufen, sollte er einen Luftsprung machen oder -einen Purzelbaum schießen. Er drehte sich rundum und brachte den ganzen -Zug auseinander, und es hätte wohl eine schlimme Verwirrung gegeben, -wenn der Lehrer Heine Peterle nicht an der Hand gefaßt und gesagt -hätte: »Wir zwei gehen mal miteinander. Nun vorwärts rasch, sonst fährt -Friede Hopserling fort!« - -Das half, nun liefen sie alle, so rasch sie konnten, und erreichten -bald Wiesental, wo die Wagen schon warteten. - -Von der Rückfahrt ist nur zu sagen, daß sie sehr lustig war. Es wurde -viel gelacht, geschwatzt und gesungen, und die treuen Wächter des -Dorfes, die Hofhunde, hörten die Stimmen der Heimkehrenden zuerst und -grüßten sie durch ein langanhaltendes Gebell. - -»Auf der Dorfstraße wird nicht mehr gestanden und geschwatzt,« gebot -der Herr Lehrer, »Abschied nehmen ist nicht nötig, morgen seht ihr euch -ja wieder.« - -Heine Peterle hatte es am eiligsten, aber auch die anderen folgten alle -brav dem Befehl. Heine Peterle mußte doch den Eltern und Muhme Rese -sein Abenteuer erzählen, das preßte ihm fast das Herz ab. Mit noch -mehr Gepolter und Lärm und noch ungestümer als sonst stürzte er daheim -in das Wohnzimmer, in dem sein Vater just die Zeitung las. Der fuhr -erschrocken empor. - -»Vater, ich komm' auch nein,« schrie Heine Peterle und tippte mit -seinem Finger gleich ein Loch durch die Zeitung, »wegen dem Gang im -Schloß, wo der Räuber davor stand, und -- --« - -»Bewahr mich!« rief der Bauer. »Frau, der Bube ist ja woll -übergeschnappt. Leg ihn rasch ins Bett und tu ihm ein kaltes Tuch auf -den Kopf!« - -»Nä,« schrie Heine Peterle angstvoll, »ich hab doch -- --« - -»Ins Bett,« befahl der Bauer, »er hat Fieber.« - -»Je, je, je,« jammerte Muhme Rese, »er wird krank, ich koch'n -Fliedertee.« - -»Nä!« Heine Peterle sträubte sich, denn seine Mutter wollte ihn in die -Schlafkammer führen. »Komm nun, komm, schlaf dich aus!« tröstete sie. - -Aber Heine Peterle mochte gar nicht schlafen, er wollte erzählen, und -hastig schwatzte er alles durcheinander heraus, und Vater und Mutter -sahen sich besorgt an, und die Mutter sagte: »Er hat wahrhaftig Fieber!« - -»'n kaltes Tuch auf den Kopf und ins Bett, basta,« befahl der Bauer. -Da half kein Widerstreben mehr. Heine Peterle wurde ins Bett gesteckt, -und die Mutter legte ihm ein kaltes Tuch auf den Kopf, und Muhme Rese -brachte Fliedertee. - -Aber der Bube, als er sah, daß doch niemand seine schöne Geschichte -hören wollte, schrie: »Ich hab' Hunger.« - -»Man muß'n ja nich aufregen,« tuschelte Muhme Rese ängstlich und -schlurfte, so schnell sie konnte, in die Vorratskammer und holte -viele Butterschnitten und frischen Sonntagskuchen dazu. Heine Peterle -aß sehr brummig und schweigend alles auf, und je mehr er aß, desto -beruhigter sah die Mutter drein. Nur Muhme Rese schüttelte noch immer -ängstlich den Kopf und sagte wieder und wieder: »Wärste doch nicht -mitgegangen! Ich hab's gleich gesagt, im Schloß passiert nischte nischt -Gutes. Nu haste so'ne Geschichte im Kopp!« - -Schluck! tat Heine Peterle, und der letzte Bissen war hinunter. Er -schüttelte energisch den nassen Umschlag von der Stirn, streckte sich -aus, sagte sehr vergnügt: »Und 's ist doch wahr, un vielleicht kommt's -in die Zeitung.« Dann schlief er bums ein. - -»Ein sonderbarer Bube!« seufzte Muhme Rese. - - - - -[Illustration] - -Der kleine Teufel hilft Fräulein Wunderlich über die Dornenhecke. - - -Ulrich Sonntag hatte sich zwar der Schwester gegenüber bereit -erklärt, mit Friede nett zu sein, aber Jobst von Hellfeld wollte -nicht, der bockte. Als Ulli ihm am andern Morgen auf dem Schulweg die -Versöhnungsgeschichte erzählte, rief er borstig: »Ich tu' nicht mit, -fällt mir gar nicht ein; dem Bauernjungen nachlaufen, das könnte mir -passen!« - -Und gerade an diesem Tage ging Friede nicht um die Kirche herum, -sondern lief an dem Organistenhaus vorbei und kam gerade hinter den -Freunden her, als Jobst das vom Bauernjungen sprach. Husch flogen da -auch all die guten Vorsätze weg, mit denen er gekommen war. Er hatte -Ulrich anreden wollen, ganz leicht hatte er sich das vorgestellt, und -nun ging er stumm und ohne Gruß an seinen Kameraden vorüber, und ebenso -stumm lief er dann wieder nach dem Spiegelhaus zurück. - -»Hast du mit ihm gesprochen?« rief das Füchslein dem Bruder an diesem -Tage entgegen. Sie erzürnte sich sehr, als sie sein »nein« hörte, und -sie war schon drum und dran, mit zornigen Worten ihrem Grolle Luft -zu machen, als ihr noch zur rechten Zeit der Mutter Worte einfielen. -Sie seufzte zwar dreimal tief, dann war der Zorn in sein dunkles -Herzkämmerchen zurückgesunken, und Füchslein sagte sanft und lieblich: -»Aber morgen, Ulli, gelt, morgen tust du es?« - -Ulli versprach es. Am nächsten Tag kam er aber sehr brummig heim. Schon -von weitem schrie er: »Füchslein, er will gar nicht, tut, als sei ich -Luft. Frech! Nun will ich aber auch nicht mehr.« - -Von diesem Entschluß brachte den Bruder kein sanftes und kein -zorniges Bitten und Fordern ab, und das Füchslein sah betrübt alle -schönen Friedenspläne zerrinnen, denn sie selbst zankte sich wieder -einmal gründlich mit dem Bruder. Sie sah Friede in diesen Tagen -auch nur einmal von ferne; sie rief ihn an, er lief aber geschwind -davon. Im Organistenhaus war er auch nicht gewesen, ärgerlich sagte -es ihr Fräulein Wunderlich. Diese hatte schon wieder alle gute -Schokoladenlaune verloren; sie ging verdrießlich im Hause herum -und schalt und brummte, wenn sie an den bösen Nachbarn und den -hinausgeworfenen Buben dachte. Selbst über den entflohenen kleinen -Teufel schalt sie jeden Tag. Daß das Huhn entwichen war, kränkte sie -bitter. - -Marianne Sonntag bekam auch von dem entflohenen Oberheudorfer Huhn zu -hören. An einem Frühlingsnachmittag war es, an dem ein leiser, warmer -Regen auf die Erde niederfiel. Fräulein Wunderlich hatte trotz des -Regens in ihrem Gärtchen gegraben und gepflanzt, und das Füchslein war -zu ihr gekommen. Sie standen beide an der Mauer des Nachbargartens -unter einem kleinen Schutzdach, und dort erzählte das Fräulein laut und -zornig von dem entflohenen Huhn. - -»Das ist gewiß nach Oberheudorf zurückgeflogen,« rief Marianne mit -ihrem hellen Stimmlein. »Ihm gefällt es nicht in der Stadt.« - -»Rede doch nicht solchen Unsinn, wie soll ein Huhn nach Oberheudorf -fliegen!« schalt Fräulein Wunderlich. »Aber meinetwegen, ich mag schon -gar nicht mehr von dem Ort und seinen Bewohnern hören. Nichts wie -Ärger hat man davon.« Die Dame machte ein so bitterböses Gesicht, daß -es dem Füchslein ganz ungemütlich wurde. - -»Ich will jetzt hineingehen, Onkel Wunderlich ist gewiß wieder zurück.« - -»War mein Bruder nicht da?« fragte das Fräulein. - -»Nein, er ging vorhin noch mit dem Herrn Professor von Spiegel auf dem -Platz draußen hin und her,« sagte Marianne arglos; sie hatte in diesem -Augenblick die nachbarliche Feindschaft ganz vergessen. - -»Geh, pfui, geh, du bist auch ein abscheuliches Mädchen!« rief Fräulein -Wunderlich plötzlich. »Kommst nur, um mir unangenehme Sachen zu sagen.« - -»Aber ich hab' doch nichts getan,« stammelte Marianne, doch Fräulein -Wunderlich rief noch einmal: »Geh, geh, ich will dich nicht mehr sehen.« - -Betrübt verließ die Kleine den Garten, und drinnen fiel es ihr erst -ein, warum sie die Hausherrin erzürnt hatte. Die war böse, daß -ihr Bruder mit dem Nachbar ging; sie haßte den, und Mutter hatte -doch gesagt, einmal wären sie miteinander gute Freunde gewesen! -Nachdenklich, mit gesenktem Kopf trat Marianne in das Musikzimmer. Dort -stand der alte Organist und sah sinnend in den leise rinnenden Regen -hinaus. »Was hast du denn, Kind?« fragte er, sich seiner Schülerin -zuwendend, als diese eintrat, »du siehst ja gar nicht wie ein rechter -Sonntag aus?« - -»A--ch!« -- Füchslein seufzte -- »das Friedenstiften ist doch arg -schwer!« - -»Ja freilich, schwer ist's, sehr schwer sogar!« Herr Wunderlich seufzte -nun auch. »Es ist darum am besten, es gar nicht zum Unfrieden kommen zu -lassen. Aus einem kleinen Pflänzchen wächst oft eine ganze Dornenhecke -auf, und keines kommt mehr herüber oder hinüber.« - -»Nur ein Prinz,« sagte Füchslein, die gut verstanden hatte, daß ihr -Lehrer an seiner Schwester Zwist mit dem Nachbarn dachte. - -Herr Wunderlich lächelte. »Ja, ein Märchenprinz, und ein Märchenprinz -kann auch ein Oberheudorfer Bauernbube sein. Man muß aber Geduld haben, -viel Geduld. Wir wollen uns nur hüten, daß nicht noch mehr Streit und -Unfriede entsteht, nicht noch zwischen anderen Brüdern und Schwestern.« - -Marianne wurde rot, seufzte tief und murmelte, während sie ihre Geige -aus dem Kasten nahm: »Ich will Ulli nachher wieder gute Worte geben.« - -»Und ich will meiner Schwester auch gute Worte geben,« sagte der alte -Herr, und auf einmal lachten sich Lehrer und Schülerin sehr vergnügt -an, nickten sich zu, und dann spielten sie zusammen und vergaßen -darüber Zank und Streit. - -Im Spiegelhaus dachten just zwei auch gerade an die Nachbarn hinter -der Hecke. Friede war es und der Gärtner. Dieser hatte gerade an der -Mauer gestanden, als Fräulein Wunderlich von des schwarzen Teufels -Verschwinden erzählte. Lieber Himmel, das war doch das kleine Huhn, -das Friede ihm gebracht. Eilig lief er zu dem Knaben, der über seinen -Büchern saß, und erzählte ihm das Gehörte. - -Friede erschrak. »Ich dachte, sie hätte es hinausgeworfen wie mich,« -stammelte er erschrocken. - -»Ja, das hilft nun nichts, du mußt es ihr schon wieder hinübertragen,« -meinte der Gärtner. - -»Aber ich kann doch nicht zu ihr gehen,« rief Friede ordentlich -entsetzt, »ich will's über die Mauer heben.« - -»Trag's lieber hinüber! Gib es der Marie, das ist kein ungutes Mädchen, -die wird schon verstehen, daß du das Huhn nicht hast behalten wollen. -Aber fort muß es gleich, mein Herr möchte sehr böse werden, wenn er -wüßte, ich habe ein fremdes Huhn im Stall, nach dem sie drüben suchen. -Übrigens hat das Fräulein dich ja neulich grüßen lassen, vielleicht ist -sie gar nicht mehr böse.« - -»Ich mag nicht zu ihr gehen,« rief Friede trotzig. - -»Gut,« brummte der Gärtner, »dann trage ich das Huhn fort, wenn du dich -fürchtest! Im Hause darf es nicht bleiben, und der Herr Professor soll -mich keinen alten Eigensinn schelten.« - -»Ich will's schon hinübertragen,« murmelte Friede kleinlaut. »Pah, ich -fürchte mich nicht, und Marie macht ja immer die Türe auf, der kann -ich es übergeben.« Er nahm seine Mütze, ging in den Garten hinab und -holte den kleinen Oberheudorfer Teufel aus dem Stall heraus. »Schade -ist's nicht darum,« brummte der Gärtner, »und arg viel Freude wird das -Fräulein an dem kleinen Untier nicht haben, aber zurückhaben soll sie -es; was Recht ist, ist Recht.« - -Es wurde Friede nicht leicht, bis zu dem Nachbarhaus zu gehen. Er sah -sich draußen erst um. Niemand war zu sehen; der Johannesplan lag, wie -fast immer, wenn nicht Schulanfang oder Schulschluß war, menschenleer -da. Als er an das Organistenhaus kam, sah er, daß eins der Fenster -neben der Haustüre halb offen stand. Von seinem kurzen Aufenthalt im -Hause her wußte er noch nicht gut Bescheid, wie und wo die einzelnen -Zimmer und Wirtschaftsräume lagen; er glaubte aber, dies Fenster sei -eins von dem breiten Hausflur. Er überlegte nicht lange und fand, -es sei am besten, das Huhn einfach durch das Fenster in das Haus zu -lassen, dann war es drinnen, und Marie würde es bald merken, denn der -kleine Teufel wußte seine Stimme gut zu gebrauchen. Wenn jemand etwas -bequem ist, dann erscheint es ihm leicht gut und richtig, und Friede -erging es mit dem Huhn auch so. Kurz entschlossen schwang er sich von -der Treppe auf die Fensterbrüstung; es ging ganz leicht. Dann ließ er -das Huhn durch das offene Fenster in das Haus hinein, zog vorsichtig, -so gut es gehen wollte, das Fenster von außen wieder zu und ging -befriedigt ins Spiegelhaus zurück. Dort lief er gleich hinauf zu seinen -Büchern, weil er sich im Herzen ein bißchen schämte, dem Gärtner zu -sagen, wie er das Huhn bei Wunderlichs abgegeben hatte. - -Fräulein Wunderlich war in ihrem Gärtchen immer auf und ab gegangen, -ärgerlich auf alle Welt und ärgerlich auf sich. Es erzürnte sie auch, -daß sie naß wurde; trotzdem holte sie sich keinen Schirm. Endlich -kehrte sie in ihr Haus zurück. Dort scheuerte Marie mit viel Lärm und -Gepolter die große, nach dem Garten gehende Hinterstube aus. Pfingsten -rückte näher, und zu Pfingsten mußte alles noch blanker als blank sein. -Sie fing daher immer zeitig mit Scheuern und Putzen an. Wenn sie so -recht in der Arbeit war, hörte und sah sie nichts. Sie schaute auch -erst auf, als Fräulein Wunderlich die Türe öffnete und rief: »Marie, -hier schreit ja ein Huhn im Hause!« - -»Ih nee,« rief Marie vergnügt, »ja, da geistert vielleicht gar -der kleine schwarze Teufel aus Oberheudorf im Hause herum!« Sie -lauschte, es war aber nichts zu hören, und Fräulein Wunderlich ging -noch verdrießlicher von dannen, hinauf in ihr Schlafzimmer, um sich -umzuziehen, denn sie war ganz naß geworden. Alles ärgerte sie, Maries -Lachen, daß ein Huhn schrie und dann doch nicht schrie. Sie war so -recht in der Stimmung, sich über die Fliege an der Wand zu ärgern. - -Unten hatte es geklingelt, erst einmal schüchtern, dann noch einmal -lauter. - -Marie war durch den Hausflur geschlurft, hatte geöffnet und kam und -meldete: »Fräulein Müller ist da, mit dem neuen Kleid.« - -»Lange genug hat es gedauert,« murrte Fräulein Wunderlich. Vorgestern -hatte die Schneiderin schon das neue Kleid bringen sollen, und jetzt -brachte sie es erst. Fräulein Wunderlich hätte das Kleid sicher in -den zwei Tagen nicht angezogen, ja eigentlich hatte sie gar nicht -daran gedacht, nun aber schalt sie über die Unpünktlichkeit und ging -mit dem allerfinstersten Gesicht zu der Schneiderin hinab. Diese sah -noch blässer, noch bekümmerter als sonst drein. Sie wollte gerade eine -Entschuldigung sagen, als Fräulein Wunderlich sie zornig anschrie: -»Schämen Sie sich, so unpünktlich zu sein, ich werde nichts mehr« -- -- - -»Gagagagaaag« gackerte es auf einmal laut dazwischen, und Fräulein -Wunderlich brach erschrocken ab. »Marie, Marie,« rief sie, »es ist doch -ein Huhn in der Wohnung!« - -Marie stürzte herbei. »Wo denn? Ich höre ja nichts!« Sie konnte auch -wirklich nichts hören, denn es war wieder alles still im Haus. »Das ist -'ne putzige Geschichte,« meinte sie und schlurfte kopfschüttelnd wieder -davon. - -Fräulein Wunderlich war aber so verärgert, daß sie die arme Schneiderin -noch heftiger anschrie. Die wollte etwas sagen; sie wäre aber sicher -noch lange nicht zu Worte gekommen, wenn nicht plötzlich wieder laut -ein Huhn gegackert hätte. - -»Da ist es ja wieder,« rief Fräulein Wunderlich und riß die Türe auf. -»Marie, Marie, es gackert wieder.« - -Diese kam angerannt. »Das ist der kleine Teufel aus Oberheudorf, der -geistert im Hause rum,« rief sie, »der ist 'n Gespenst geworden.« - -Die arme Schneiderin wollte gern ihr Geld haben. Daheim war ihre -Mutter so krank, und sie hatte sie pflegen müssen und dabei Tag und -Nacht genäht. Nun war kein Geld im Hause, ach, und nun war ihre Kundin -so böse. Wie sollte sie das nur sagen? Sie atmete tief und flüsterte -ängstlich: »Ich wollte um mein Geld bitten, ich -- --« - -»Nein, so eine Unverschämtheit, so -- -- --« - -»Gagagagaaag, gagagag,« gackerte es laut. Fräulein Wunderlich brach -wieder ihre Rede ab und stammelte: »Wo ist das nur?« - -»Hier drinnen schreit es,« rief Marie und riß die Türe zu dem -Besuchszimmer auf, der »Putzstube«, wie sie es nannte. »Alle guten -Geister, das ist wirklich 'n Gespenst,« schrie sie entsetzt. »Da, da, o -du meine Güte, wie graulich!« - -Über einem zierlichen Glasschränkchen hingen die Bilder von -Fräulein Wunderlichs Eltern, darunter stand eine große Schale, mit -Frühlingsblumen gefüllt. Auf dem Rand dieser Schale aber saß der kleine -Teufel und rupfte und zerrte an den Blumen herum; die Hälfte davon lag -schon am Boden. »Gagagagag, gagagaag,« schrie das Tier jedesmal, wenn -es wieder ein paar Blumen zerpflückt hatte. Dann pickte es wieder nach -den Efeuranken, die das Bild umgaben; von ihnen hatte es auch schon die -Hälfte Blätter abgezupft. - -Fräulein Wunderlich brachte vor Entsetzen kein Wort heraus. Seit dem -Tode ihrer Eltern stellte sie immer blühende Blumen unter das Bild. Sie -meinte damit das Andenken der Toten gar gut zu ehren. Niemand durfte -an den Blumen rühren, und nun saß das kleine, schwarze Untier oben und -zerstörte alles. - -Minna Müller, die Schneiderin, fand es nicht weiter schlimm, daß -ein Huhn einmal Blumen zerzauste. Marie würde es schon fangen und -alles wieder in Ordnung bringen. Sie dachte immer nur an ihre kranke -Mutter, und daß sie Geld haben und rasch heimgehen mußte. Weil -Fräulein Wunderlich so stumm geworden war, wagte sie es noch einmal zu -bitten. »Meine Mutter ist so krank,« flehte sie; »ach bitte, Fräulein -Wunderlich, geben sie mir doch das Geld, ich brauche es für Medizin. -Ach, wenn meine Mutter nun stirbt!« - -[Illustration] - -»Ritsch, ratsch,« zog das Huhn an der Efeuranke, und das Bild selbst -wackelte und schwankte plötzlich hin und her. Mit einem Schrei sprang -Fräulein Wunderlich hinzu, der kleine Teufel flüchtete und riß die -Schale vom Schränkchen, die mit lautem Geklirr zu Boden fiel. Doch -das Bild war an seinem Platz geblieben, Fräulein Wunderlich hielt es -fest. Dabei sah sie in die Augen ihrer Mutter, die nun schon so lange -tot war. Gute, sanfte Augen waren es, und der Tochter fiel ein, daß sie -wohl immer Blumen unter das Bild stellte, aber recht lange schon nicht -in die lieben Mutteraugen geblickt hatte. Sie tat es jetzt, schaute, -während Marie schreiend das Huhn fing und Fräulein Müller leise weinte, -nachdenklich in das treue, gute Muttergesicht, und da war es ihr, als -spräche der Mund wieder wie einst mahnend: »Sei nicht so zornig, sei -mild, laß dich nicht von deiner bösen Laune so beherrschen! Nachher -bereust du es, aber die Reue kommt manchmal zu spät.« - -»Ich hab's, Fräulein, ich hab's,« schrie Marie und hielt das kleine -schreiende Huhn fest. »Ist doch zu närrisch, da geistert das Untier die -ganze Zeit im Hause rum, und niemand merkt was. Wo's nur gesteckt hat? -Und den Schaden, den es angerichtet hat, die schöne Schale!« - -Zu Maries großem Erstaunen hatte ihre Herrin kein zorniges Wort. Diese -bückte sich nicht einmal, um die Scherben aufzuheben, sie sagte rasch -zu der kleinen, noch immer weinenden Schneiderin: »Kommen Sie, Fräulein -Müller, ich will Ihnen Ihr Geld geben; das Kleid wird schon sitzen.« -Ihre Stimme klang so sanft, daß Marie wieder dachte: »Wenn sie so -spricht, ist sie zu nett. Und komisch, nicht mal schelten tut sie über -die zerbrochene Schale!« - -Ihre Herrin ging schweigend hinüber, und drüben sprach sie liebe, -freundliche Worte mit Minna Müller, und dann packte sie für die kranke -Mutter lauter gute Sachen ein und versprach, sie wolle morgen selbst -nach der Kranken sehen. Die Schneiderin weinte noch immer, aber jetzt -tat sie es vor Freude und Dankbarkeit. Als sie durch den Flur ging und -Marie ihr die Haustüre öffnete, rief sie: »O, Fräulein Wunderlich ist -aber gut, so gut! Und immer habe ich mich vor ihr gefürchtet, und das -ist gar nicht nötig, sie ist ja so freundlich!« - -Ein Weilchen später dachte das Marianne Sonntag auch. Fräulein -Wunderlich rief sie gar freundlich an, als sie heimgehen wollte, und -setzte ihr Teekuchen vor, und Marie erzählte die seltsame Geschichte -von dem schwarzen Huhn. »'n Wunder ist's, 'n richtiges Wunder! Wo das -Untier nur gewesen ist?« rief sie. »Und Herr Wunderlich muß es hören, -er wird sich auch wundern.« - -Herr Wunderlich wunderte sich auch wirklich, er wunderte sich aber -noch viel mehr über seine Schwester: die war so sanft und gut wie seit -langem nicht. Es war wirklich, als wäre hellster Sonnenschein, und -dabei rann und rieselte draußen der Regen immer stärker vom Himmel -herab. »Ich muß heimgehen,« sagte Füchslein endlich, »ich habe keinen -Regenschirm.« - -»Wart' nur noch ein Weilchen, es hört wohl auf,« riet Fräulein -Wunderlich. Es hörte aber nicht auf, dafür klingelte es nach einer -Viertelstunde etwas laut. Draußen stand Ulrich Sonntag und sagte -verdrossen: »Ich will unser Füchslein abholen, weil es regnet.« - -Beim Anblick des Bruders kamen Marianne alle guten Versöhnungsgedanken -in den Sinn. Mit einem Jubelschrei fiel sie dem Buben um den Hals, -unbekümmert darum, daß er recht naß war. »O Ulli,« rief sie, »wir -wollen wieder gut sein miteinander. Onkel Wunderlich sagt, sonst wird -'ne Dornenhecke draus, und wir können nicht mehr drüber. Ach, und Ulli, -der Teufel ist wieder da!« - -»Füchslein, du bist verdreht,« brummte Ulrich. Er streichelte aber -der Schwester doch die Backen, wenn es auch ein bißchen ungeschickt -ausfiel. Er war heilfroh, daß sein Füchslein wieder gut zu ihm war. - -Beim Wort von der Dornenhecke war Fräulein Wunderlich zusammengezuckt; -sie sah zu ihrem Bruder auf und begegnete dem Blick seiner guten, -stillen Augen. »Er hat der Mutter Augen,« dachte sie und streckte ihm -rasch die Hand hin. »Man kommt manchmal auch über eine Dornenhecke, -Matthias,« sagte sie, »wenn man nur den guten Willen hat. Wollen wir -nachher zusammen ins Spiegelhaus gehen und den alten Freund besuchen?« - -»O Line,« sagte der alte Mann froh, »so soll endlich Friede werden -zwischen uns? Gott sei gelobt!« - -Die beiden Sonntagskinder hatten das Zwiegespräch nicht gehört. -Füchslein hatte die wunderbare Geschichte von dem Oberheudorfer Huhn -erzählt, und Ulrich wunderte sich gebührend. Dann mahnte er: »Komm -heim, Mutter sorgt sich sonst. Und Jobst wartet auch!« - -Marianne stülpte sich flink ihren Hut auf, nahm ihre Geige, und nach -fröhlichem Abschied patschten sie beide versöhnt und einträchtig über -den Johannesplan heimwärts. - -Ein Weilchen später gingen die beiden alten Leute durch den rinnenden -Regen hinüber in das Nachbarhaus zu dem Freunde ihrer Jugend. Friede -stand an der Türe, als sie kamen, und er erschrak sehr, als er Fräulein -Wunderlich so plötzlich vor sich sah. Sicher kam sie des Huhnes wegen. -»Das Huhn,« stammelte er erschrocken, »ich -- ich dachte, Sie hätten es -hinausgeworfen!« - -»Das Huhn! Hast du es gebracht?« rief Fräulein Wunderlich und zog den -Knaben in ihre Arme. »O Friede, Junge, ich danke dir, o so sehr!« - -»Für das Huhn?« Friede sah namenlos verdutzt drein. - -Fräulein Wunderlich lachte, wirklich, sie lachte herzlich und froh, -und dabei sah sie so hübsch aus wie ein Sonnentag. »Ja, für das Huhn, -und noch für viel mehr. Komm, gib mir die Hand, wir wollen Frieden -schließen miteinander, willst du?« - -»Ja,« rief Friede vergnügt und rannte ins Haus hinein, um seinem -Pflegevater den Besuch anzukündigen. - -Der schlug mit lautem Knall das Buch zu, in dem er gelesen hatte. -»Endlich,« rief er, »endlich ist die Dornenhecke fort!« Froh eilte -er den Gästen entgegen, streckte ihnen beide Hände hin und rief: -»Willkommen im Spiegelhaus! Das hätte ich nicht gedacht, daß mir der -Regentag eine solche Freude bringen würde.« - - - - -[Illustration] - -Allerlei Geschenke, und was aus ihnen wird. - - -»Heute brauche ich nicht um die Kirche herum zu gehen,« dachte -Traumfriede an dem Morgen nach der Versöhnung zwischen den feindlichen -Nachbarn. Der Junge packte recht nachdenklich seine Bücher zusammen. Er -freute sich, daß nun keine Feindschaft mehr zwischen dem Spiegelhaus -und dem kleinen Organistenhaus herrschte, aber daß er nun wieder zu -Wunderlichs sollte, tat ihm bitter leid. Gestern war es verabredet -worden, und Fräulein Wunderlich war gar lieb und freundlich zu ihm -gewesen. Er wußte aber doch, so lieb wie den Professor würde er sie nie -gewinnen. »Könnte ich bei ihm bleiben!« wünschte er sich, als er durch -den Garten auf das Tor zuschritt. Aber das war wohl ein vergeblicher -Wunsch; Professor von Spiegel hatte ja gleich gesagt, er würde ihn nur -kurze Zeit behalten. - -»Heda, Traumfriede! Na, so etwas, der Bube sieht nicht rechts und -links,« schrie ihn plötzlich eine laute Stimme an, und als er sich -verwirrt umsah, hielt gerade vor ihm Kaspar auf dem Berge mit seinem -Wäglein. »Na gelt, das freut dich, daß de mal wieder 'n Oberheudorfer -siehst?« fragte der Wirt behaglich. - -In Friedes Augen leuchtete es auf; er freute sich wirklich, und an die -hochmütigen Grünmützen dachte er gar nicht. Er hatte gleich hundert -Fragen zu stellen, fragte dies und das, wollte wissen, wie es Muhme -Lenelies gehe und allen andern im Dorfe, und der dicke Wirt konnte kaum -Luft schnappen. Endlich schrie er: »Nä, Friede, so 'n Gefrage! Kannst -du aber schwätzen! Wie geht's?« - -[Illustration: Ein Gruß aus der Heimat.] - -Friede wollte gerade den Mund zu einer neuen Frage auftun, als bimbam -im Gymnasium die Uhr anschlug. Himmel, die Schule begann! »Ich muß -fort,« rief Friede erschrocken, aber Kaspar auf dem Berge hielt ihn -noch fest. »Da, Bub', die Wurst; ich hab' dir eine mitgebracht. Weißt -schon, wie 'ne Oberheudorfer Wurst schmeckt keine andere.« Und ehe -Friede noch recht wußte, wie und was, hatte er eine lange Wurst im Arm. -Er stammelte noch einen kurzen Dank und raste dann eilig in die Schule. -Es war allerhöchste Zeit. - -»Ich soll noch 'ne Kiste abgeben; die stell ich hier rein,« schrie der -Wirt noch. »Laß dir's schmecken!« - -Friede hörte das gar nicht mehr, er rannte, seine Wurst fast zärtlich -im Arm, über den Schulhof die Treppe hinauf und kam gerade noch im -letzten Augenblick in das Klassenzimmer hinein. - -»Er hat eine Wurst im Arm, eine Wurst aus Oberheudorf,« tönten ihm -gleich etliche Stimmen entgegen, und nun besann sich Friede erst, daß -er die Wurst ganz offen im Arme trug. In seiner Verlegenheit sagte er -patzig zu seinem Nachbar: »Laß meine Wurst zufrieden!« - -»Na nu,« rief der, »ich habe deiner Wurst ja nichts getan, nicht einmal -angesehen habe ich sie. Zeig sie erst mal her!« - -»Ja, zeig sie uns auch, Friede Pfennig!« Ein paar Bubenhände langten -nach der Wurst, Friede wollte sie halten, aber schon hatte einer sie -ihm entrissen. Dem wieder suchte sie ein anderer zu entreißen; drei, -vier riefen: »Ich will die Wurst« und »Gebt sie ihm doch wieder!« - -Just in diesem Augenblick tat sich die Türe auf, und Doktor Schneider -trat ein. Die Buben schnellten zurück, der die Wurst hatte, wollte sie -Friede zuwerfen und -- - -[Illustration] - -»Au!« rief Doktor Schneider erschrocken, denn die große Wurst sauste -ihm plötzlich an den Magen. Nun gehört eine Wurst allemal in den -Magen, aber an den Magen sicher nicht, und in einer Schulstube sind -herumfliegende Würste auch nicht am Platze. Das Gesicht des Lehrers -verfinsterte sich auch beträchtlich, mit strengen Augen musterte er die -Schüler. Er sah in lauter erschrockene und verlegene Gesichter, als er -ernst fragte: »Wem gehört die Wurst?« - -Einen Augenblick herrschte Totenstille in der Klasse, keiner wagte -Friedes Namen zu nennen; sie wußten es alle ja ganz genau, daß er die -Wurst nicht geworfen hatte. Noch einmal fragte der Lehrer streng: »Wem -gehört die Wurst?« Da stand Friede auf und sagte leise aber fest: »Mir!« - -Doktor Schneiders Blick ruhte prüfend auf dem Knaben. Der war zwar -blutrot geworden, aber seine Augen sahen offen und frei zu dem Lehrer -auf. »Hast du die Wurst geworfen?« fragte er wieder. - -Einen Herzschlag lang zögerte Friede. Er wußte, wer die Wurst geworfen -hatte. Jobst von Hellfeld war's gewesen, er hatte es wohl gesehen, aber -angeben, nein, das tat er nicht. »Es ist meine Wurst,« sagte er nur, -kein Wort der Anklage, nichts weiter. - -»Warum hast du denn die Wurst mit in die Klasse gebracht?« Doktor -Schneiders Stimme klang schon ein wenig milder als zuvor. - -Friede war es da, als stände Kaspar auf dem Berge vor ihm; er sah -sein rundes Gesicht und hörte seine breite Stimme freundlich reden, -und ganz fest sagte er: »Ich habe die Wurst geschenkt bekommen. Der -Wirt aus Oberheudorf hat sie mir mitgebracht, und es war zu spät, sie -heimzutragen.« - -»So -- und warum hast du mit der Wurst geworfen, oder -- warst du es -nicht?« - -Friede atmete tief, aber er schwieg. Doktor Schneider lächelte -unmerklich. »Hm, vielleicht ist die Wurst von selbst durch die Luft -geflogen, was meinst du?« - -Zweiunddreißig Paar Bubenaugen ruhten auf Friede. Was würde er jetzt -sagen? würde er doch der Angeber sein? Jobst von Hellfeld hatte die -Lippen verächtlich zusammengepreßt; er verrät mich doch, dachte er, -natürlich, er haßt mich ja! - -»Na, Friede Heller,« fragte Doktor Schneider noch einmal, »was meinst -du, ist die Wurst von selbst geflogen?« - - -»Nein,« rief Friede rasch und schaute zu dem Lehrer mit blitzenden -Augen auf, »ich denke aus -- Versehen. Wir haben uns geneckt.« - -»Ich war's, ich warf die Wurst.« Jobst von Hellfeld schnellte wie ein -Pfeil empor, er war auch blutrot geworden, aber mutig und ehrlich sah -auch er zu dem Lehrer auf. - -Doktor Schneider nickte gelassen: »Es mag gut sein, ich wollte nur -wissen, ob Würste von allein fliegen können. Wir wollen beginnen!« - -Dreiunddreißig Bubenköpfe senkten sich auf die Bücher herab, die Stunde -begann, und es war eine, in der die Buben ihre Dummheiten vergaßen und -mit leuchtenden Augen dem Lehrer lauschten. Geographie gab es. Die -Landkarte an der Wand wurde weit und groß. Da waren nicht bloß Linien -und blau getuschtes Meer, da rauschten die Wellen, Wikingerschiffe -durchsegelten den Ozean; Italien, Griechenland, den sonnigen Süden -meinten die Buben zu schauen; sie lugten hinüber nach Afrikas Küste, -und als draußen die Glocke den Schluß der Stunde verkündete, da kehrten -alle nur langsam, fast betrübt von einer wunderschönen Fahrt zurück. - -Friede kam erst recht zu sich, als die Türe hinter Doktor Schneider -klappte. Wirklich, da war das Schulzimmer, da saß er, Friede Heller -aus Oberheudorf, auch Traumfriede genannt. Und er war kein nordischer -Seefahrer, wie er noch eben gemeint hatte. So recht zu sich kam er -erst, als über ein paar Köpfe hinweg ihm Jobst von Hellfeld seine -braune Hand hinreichte: »Heller, verzeih mir, bist ein anständiger -Kerl!« - -»Ja, ein sehr anständiger Kerl!« Ulrich Sonntag hielt ihm auch die Hand -hin. Er lachte gutmütig: »Das Füchslein hat doch recht gehabt!« - -Aus dem Kreise der andern traten noch etliche zu dem Oberheudorfer -Buben; die waren es, die ihn am meisten geneckt hatten. Doch ehe Friede -sich noch recht ausgewundert und alle Hände geschüttelt hatte, ertönte -schon wieder die Glocke, und Doktor Schneider, der auch die zweite -Stunde zu geben hatte, betrat von neuem das Klassenzimmer. Diesmal -flog ihm keine Wurst an den Magen; er sagte aber auch nichts mehr von -dem Vorhergegangenen. Die Buben merkten bald, er hatte vergeben und -vergessen. - -In der großen Pause fanden sich Friede, Jobst und Ulrich zusammen auf -dem Schulhof. Friede hatte seine Wurst mitgebracht, denn Ulrich Sonntag -hatte gemeint, sie wäre gewiß besonders gut. Nun probierten sie alle -drei einträchtig die Wurst und schlossen dabei Freundschaft. Und wie -sie so saßen, kam einer nach dem andern hinzu, und Friede teilte aus; -bereitwillig gab er jedem etwas, froh, daß er der Geber sein durfte. - -»Die schmeckt aber fein!« Peter Müller, ein kleiner, dicker Kerl, -schlug sich auf den Bauch. »Ich wollte, ich kriegte auch mal eine.« - -»Die ißt du dann doch allein, und wir kriegen nichts,« brummte Ulrich -Sonntag. »Der Friede ist ein anderer Kerl, der gibt uns doch was ab!« - -»Freilich, der Heller ist ein anständiger Kerl!« Das Wort tönte Friede -noch in den Ohren, als er schon wieder oben im Schulzimmer saß. Mit -so hellen Augen wie an diesem Tage hatte er noch nie das Gymnasium -verlassen. Er ging auch nicht allein, er ging mit Jobst und Ulrich, -und er nahm gerade so lustig und vergnügt von den andern Abschied wie -diese voneinander; er fühlte, er gehörte jetzt zu ihnen. Als er über -den Johannesplan lief und Fräulein Wunderlich am Fenster saß, da -schwenkte er jauchzend seine grüne Mütze. Nun hatte er ja Freunde, gute -Kameraden! Heisa, wie anders sah da die Welt aus! - -Singend betrat er das Spiegelhaus. Aber nicht wie sonst kam ihm -Frau Emma freundlich entgegen; sie sah ganz ärgerlich drein. »Du, -Friede, sieh nur,« rief sie, »was soll nun das bedeuten?« Sie zeigte -verächtlich auf eine Anzahl Töpfe, Teller und Kannen, die am Boden -standen. Alle hatten abgebrochene Henkel, große Sprünge und Lücken. -»Dies hat ein Mann gebracht; er sagt, er wäre Kaspar auf dem Berge, und -er solle dies Herrn Professor abgeben. Erbarm' dich, Friede, was soll -der mit dem kaputen Zeug?« - -»Ich weiß nicht,« stotterte Friede verdutzt und musterte die Scherben. -Die Kanne mit den Rosen und Vergißmeinnicht kannte er. Das war -Waldbauers Staatskanne gewesen. Ja, und aus dem Topfe mit dem grünen -Eichenkranz -- aus dem hatte Heine Peterles Muhme sonst immer ihren -Sonntagnachmittagkaffee getrunken. - -»Ja so,« sagte Frau Emma wieder, »und hier ist ein Brief an dich. -Vielleicht steht da drin, was der Unsinn bedeuten soll.« Sie reichte -Friede einen Brief, der reichlich mit Fettfingern geziert war, und als -der Junge ihn erbrach, strahlte ihm als Erstes ein großer Tintenklecks -entgegen. »Ach,« dachte er, »der ist von Heine Peterle.« Denn Heine -Peterle war groß in Tintenklecksen, ein richtiger Künstler war er -darin; niemand in ganz Oberheudorf machte so viele und so große -Tintenkleckse wie Heine Peterle. - -Der Brief war auch wirklich von ihm. Er lautete: »Lieber Friede! Weil -Dein Härr Brofester so arg gern gapuhte Töppe hat, kriechst Du welche. -Wir haben alle welche gebragt und weil ich keins hatte, habb ich Muhme -Rese seinen Kaffätopp erschlagen. Und wenns wider was gapuht ist, -kriechts Härr Brofester. Und file Grüßen von alle. Und wenns doch erst -Fährchen giehbt. Und mit filen Grüßen Dein liebr Heine Peterle. Und auf -Witersähen. Haste die Stattjungens schon ferhauen?« - -Friede ließ den Brief sinken und sah Frau Emma halb kläglich, halb -lachend an. »Die Töpfe sind wirklich für den Herrn Professor! Hier -steht's.« - -»Was ist für mich?« Professor von Spiegel hatte in seinem Zimmer -Friedes Worte gehört. Er schaute zur Tür hinaus, und das erste, was er -sah, war das zerschlagene Geschirr. »Na nu,« rief er, »es hat heute -wohl hier Polterabend gegeben?« - -»Das ist für Sie, Herr Professor,« rief die ordentliche Frau Emma -ärgerlich. »Aus Oberheudorf haben sie es geschickt. So ein Unsinn, -solchen Kram zu schicken!« - -»Wer weiß, was sie sich dabei gedacht haben. Zeig doch mal deinen -Brief, Friede!« - -»Heine Peterle kann nicht so sehr gut schreiben,« murmelte Friede -verlegen, den Brief hinreichend. - -»Aber Kleckse kann er scheint's machen,« meinte der Professor, »und --- oh -- --.« Der alte Herr lachte plötzlich laut auf, lachte so -schallend und herzlich, daß sein Lachen die andern ansteckte. Sie -lachten mit, Frau Emma, ohne zu wissen, warum, und Friede, weil er -herzlich froh war, daß sein Beschützer sich nicht ärgerte. »Oh,« rief -der, »ihr Oberheudorfer seid doch wirklich ein kurioses Volk! Zu meinen -Altertümern, zu meinen wertvollen Ausgrabungen soll ich diese Scherben -stellen. O, o Kinder! Dieser Heine Peterle schlägt auch noch dafür -seiner Muhme den Kaffeetopf entzwei.« - -Die Gärtnersfrau hatte inzwischen den Brief genommen und ihn gelesen, -und ihr kullerten gleich die hellen Tränen vor Lachen über das runde -Gesicht. »Nein, dieser Purzel,« rief sie, »ich koche ihm Schokolade, -wenn er noch einmal kommt.« - -»Er meinte es so gut,« sagte Friede. Der Freund tat ihm leid. Wie würde -sich der kränken, wenn er wüßte, wie er ausgelacht würde! Und noch -einmal sagte er bittend, entschuldigend: »Er ist doch so gut!« - -»Brav, mein Junge, entschuldige deinen Freund!« Der Professor klopfte -noch immer lachend Friede auf die Schulter. »Freilich, woher sollt ihr -es auch wissen, was meine Sammlung bedeutet,« fügte er gutherzig hinzu. - -»Ach, der Friede ahnt es schon,« rief Frau Emma rasch. »Der steckt, so -oft er kann, im Saal; ich glaube, der kennt schon jedes Stück.« - -Überrascht schaute der Professor seinen Pflegesohn an. Er war allezeit -freundlich und väterlich zu dem Buben gewesen, aber allzuviel hatte -er sich doch nicht mit ihm unterhalten. Er hatte ihn in sein Haus -genommen, weil es gerade nicht anders ging, aber eigentlich hatte er -ihn immer nur wie einen Gast betrachtet, der kommt und wieder geht -und nie weiter an seine Zukunft gedacht. »Wollen wir einmal zusammen -zu meinen Lieblingen gehen?« fragte er jetzt freundlich. »Unterdessen -denkt Frau Emma vielleicht an das Mittagessen.« - -»Ach, du meine Güte,« rief die Frau erschrocken, »ich vergesse ja -rein über dem Oberheudorfer Unsinn die Küche und lasse meinen Herrn -verhungern!« Sie rannte aufgeregt davon. - -Der alte Herr aber stieg heiter mit dem Knaben in das obere Stockwerk -hinauf und betrat den Saal, in dem seine Sammlung aufgestellt war. Er -erklärte Friede dies und das, fragte auch einmal und verwunderte sich -immer mehr über des Buben kluge Antworten und sein lebhaftes Interesse. -»Eigentlich ist's schade,« rief Herr von Spiegel, »daß du wieder -fortgehst.« - -»Ach ja!« Aus allertiefstem Herzensgrund kam Friedes Seufzer, und seine -blauen Augen sprachen so deutlich: »Ich möchte hier bleiben,« daß der -Professor erst gar nicht darum zu fragen brauchte. Er rief lachend: -»Ja, Friede Heller, ich glaube wirklich, du bleibst lieber bei mir und -magst nicht zu den Wunderlichs hinüber!« - -Friede nickte strahlend, hoffnungsfroh: »Ich blieb' so gern, ach -furchtbar gern.« - -»Aber Fräulein Wunderlich, was wird sie sagen?« Der alte Herr sah -bedenklich aus. - -»Ach, sie ist sicher sehr froh, wenn ich nicht komme,« rief Friede -aufgeregt. »Ich mache doch Schmutztapsen auf der Treppe und bin laut -und ärgere sie und -- --« - -»Na, du hast es ja gut vor! Bist du so ein Schelm?« fragte der -Professor lachend. »Wir wollen uns einmal die Sache überlegen. Jetzt -ruft uns Frau Emma zu Tisch, und ich denke, wir haben beide Hunger.« - -Friede spürte zwar keinen Hunger. In der Freude seines Herzens aber -sauste er im Oberheudorfer Geschwindschritt die Treppe hinab. Das -Speisezimmer lag im Erdgeschoß. Es ging trapp, trapp, trapp. Auf der -vorletzten Stufe verlor er das Gleichgewicht, und mit lautem Gepolter -sauste er in die Töpfe, Kannen und Teller hinein, die noch immer auf -dem Flur standen. Klirr, krach, zersprang Muhme Reses Kaffeetopf -in tausend Scherben, und Waldbauers einstige Staatskanne kollerte -dem Professor vor die Füße, während der Kuchenteller, der einst im -Schulzenhause Prunkstück gewesen war, den ganzen Flur entlang rollte. - -»Erbarm dich, Junge!« rief Frau Emma. »Wenn du so toben willst, dann -wird dich drüben Fräulein Wunderlich gut ansehen!« - -»Da ist's wohl besser, er bleibt hier bei uns, nicht wahr, Frau Emma?« -meinte der Professor und sah lächelnd, prüfend in Friedes Gesicht. - -»Na allemal,« rief die Gärtnersfrau. »Ist doch was Junges im Haus!« - -Friede war sehr verlegen geworden. »Ich kann auch leiser gehen,« -stotterte er beschämt und trat zur Seite, und klirr, ging Kaspars auf -dem Berge alter Bierkrug völlig auseinander; Friede war gerade darauf -getreten. Da nahm der Professor den Buben gütig an der Hand und zog ihn -mit in das Eßzimmer hinein. »Ich sehe schon, es hilft nichts; ich muß -nachher hinüber gehen und dich von den Wunderlichs losbitten. Ich werde -ihnen sagen, daß du ein ganz schlimmer Bube bist und alle Oberheudorfer -Altertümer zertreten hast.« - -Das Losbitten war nicht leicht. Im Musikzimmer des Organistenhauses -brachte der Professor seine Bitte vor, und Fräulein Wunderlich sah -trübe drein. Einstmals hatte sie sich gesträubt, den Oberheudorfer -Buben in ihr Haus zu nehmen, nun tat es ihr bitter leid, daß er nicht -kommen wollte. - -»Ich würde so gut zu ihm sein,« sagte sie traurig; »aber freilich, -Liebe läßt sich nicht erzwingen.« - -»Aber erwerben! Wir wollen uns teilen,« gab Herr von Spiegel zur -Antwort. »Friede soll bei mir und hier zu Hause sein. Er soll oft, oft -zu den guten Nachbarn gehen.« - -»Er darf auch poltern und mal ein rechter Oberheudorfer Bube sein,« -rief das Fräulein halb lachend, halb wehmütig. - -»Er hat's schon gut, der Junge,« sagte Herr Wunderlich heiter. »Erst -mochte ihn niemand leiden, nun streiten sich gar zwei um ihn. Aber was -ist das?« Er deutete auf den Johannesplan, den man durch das Fenster -sehen konnte. Da stand Friede mit Jobst und den Geschwistern Sonntag, -und alle vier lachten laut und herzlich; der ganze Platz schien -mitzulachen. Das Füchslein hopste vor Vergnügen immer von einem Bein -auf das andere. Es schwenkte einen Brief hin und her, und sein helles -Stimmlein drang zu den drei alten Leuten in das Zimmer hinein: »Oh! -Heine Peterle ist zu ulkig. Ach, ich muß nach Oberheudorf, ich muß -Heine Peterle sehen!« - -»Wir auch, wir auch,« brüllten die Buben. - -»Freundschaft überall,« sagte Herr von Spiegel, nickte heiter und -rief seinen Pflegesohn herbei. Die Kinder kamen eilig an, und Friedes -Augen strahlten hell, als er erfuhr, daß ihm das Spiegelhaus weiter -Heimat sein sollte. Fräulein Wunderlichs Gesicht wurde ernst, ja -finster; des Buben Freude tat ihr bitter weh. Der Professor merkte -es, und rasch sagte er: »Zeig mal Heine Peterles Brief.« Und während -die alte Freundin las, erzählte er von den Oberheudorfer Altertümern, -und allgemach wurden die Kummerfalten in Fräulein Wunderlichs Gesicht -wieder glatt. Ein Lachen zuckte um ihren Mund, und zuletzt lachte sie -mit den Kindern um die Wette. Draußen hörte es Marie und wurde auch -angesteckt, und die Wände des alten Hauses wunderten sich über das -frohe herzliche Lachen. So etwas hatten sie lange, lange nicht gehört! - - - - -[Illustration] - -Die Denkmalsbuben von Schwipperlingen. - - -Wenn die Oberheudorfer Buben und Mädel gar so stolz und aufgebläht von -ihren Stadtbesuchen sprachen, dann sagte wohl Schuster Pechdraht, der -gern ein wenig neckte: »Aber in Schwipperlingen waret ihr doch noch -nicht.« - -Das stimmte. In Schwipperlingen war noch keins der Kinder gewesen, -und dann ärgerten sie sich jedesmal, wenn es der Schuster sagte. Das -Städtchen lag nicht viel weiter von Oberheudorf entfernt als Feldburg, -aber der Weg dahin war etwas beschwerlicher. Außerdem gingen die -Oberheudorfer seit vielen Jahren nach Feldburg, denn Schwipperlingen -hatte früher einem andern Fürstentum angehört, und die ältesten Leute -sagten noch immer: »Schwipperlingen liegt im Ausland.« - -An einem Samstagnachmittag nun marschierten etliche Buben und Mädel an -des Schusters Haus vorbei und machten so viel Geschrei und Geträtsch, -daß der Schuster zum Fenster hinaussah und ein bißchen ärgerlich sagte: -»Na, was habt ihr denn wieder?« - -»Anton Friedlich und der dicke Friede verreisen,« schrieen etliche -Buben. - -»Verreisen? So, wohin denn? Was haben denn dumme Buben zu verreisen?« - -»Nach Schwipperlingen geht's,« rief Anton Friedlich keck, den die -dummen Buben erbosten. - -Die andern Kinder lachten, und Schuster Pechdraht ärgerte sich über -die Antwort. Er klappte das Fenster zu und schalt: »In Schwipperlingen -können sie euch gar nicht gebrauchen.« - -»Jetzt hat er's! Warum neckt er uns immer,« rief Anton Friedlich stolz. - -»Am Ende denkt er gar, ihr geht nach Schwipperlingen,« kicherte -Schulzens Röse, und das kam allen so komisch vor, daß sie zusammen in -ein lautes Gelächter ausbrachen. - -Anton Friedlich sollte im Forsthaus Hirschsprung seine Muhme, seines -Vaters Schwester, besuchen, und da diese Muhme auch des dicken Friedes -Muhme war, durfte der mit. Bis zu dem Forsthaus hatten sie etwa zwei -Stunden zu gehen, und da sie dort übernachten durften, machten sie -natürlich eine Reise. Wenn einer aber eine Reise macht, geben ihm gute -Freunde bis zum Bahnhof das Geleit. Da es in Oberheudorf aber keinen -Bahnhof gab, liefen die Kinder wenigstens bis zum Kuhberger Walde mit. -Dort wurde Abschied genommen, und der dicke Friede seufzte dabei schwer. - -»Warum stöhnste denn?« forschte Annchen Amsee. - -»Ich mag nich verreisen,« brummte Friede. - -»Komm nur, Dicker,« redete Anton Friedlich zu, dem es allein zu -langweilig war. »Komm, wir gehen nach Schwipperlingen.« - -»Fein, nach Schwipperlingen!« riefen alle, und Heine Peterle sagte: -»Na, dann möchte Schuster Pechdraht aber staunen, puh! Viel Vergnügen -in Schwipperlingen!« - -Lachend trennten sich die Kinder, und der dicke Friede sah den -Zurückbleibenden noch ein Weilchen sehnsüchtig nach. Er hatte wirklich -keine große Lust, die Muhme zu besuchen. - -»Nach Schwipperlingen gingste wohl lieber?« fragte Anton neckend. - -»Freilich, gleich,« knurrte Friede. - -Anton Friedlich blieb stehen. Lust zu dummen Streichen hatte er -allemal, und plötzlich erschien es ihm sehr lustig, sehr verlockend, -nach Schwipperlingen zu gehen. Warum eigentlich nicht? Wenn er nicht -kam, würde sich die Muhme nicht sorgen, denn sie wußte nichts von dem -Besuch. Und daheim dachten sie, er sei im Forsthaus. »Du, Dicker,« -sagte er atemlos vor Aufregung, »komm, wir beide gehen jetzt nach -Schwipperlingen!« - -Der dicke Friede blieb stehen und sah den Vetter verdutzt an. Meinte -der es ernst? Aber Anton meinte es wirklich ernst. »Komm,« drängte er, -»erst gehen wir nach Schwipperlingen und morgen früh zur Muhme. Du, -dann sind wir zuerst in Schwipperlingen gewesen. Paß auf, dort ist's -gar noch feiner als in Feldburg!« - -Friede seufzte und dachte nach. »Hm -- aber wenn wir Hunger kriegen!« - -»Oh, ich hab' Kuchen mit.« Anton Friedlich schwenkte ein rotes -Taschentuchbündel. Der Kuchen war zwar für die Muhme bestimmt, aber der -Bube dachte leichtsinnig: »Alles essen wir ja nicht auf.« - -Friede war einverstanden und sagte vergnügt: »Na, die werden staunen!« - -»Hoi,« schrie Anton begeistert, »und wir tun uns aber nachher! Und -vielleicht hat Schwipperlingen auch ein Schloß.« - -»Oder zwei Schlösser, und vielleicht ist gerade Vogelschießen dort,« -orakelte der dicke Friede. Er fing an, schnell zu laufen. Jetzt freute -ihn die Reise erst recht. - -Der Weg ging bergauf und bergabwärts wie alle Wege von Oberheudorf -aus. Lange wanderten die Buben durch den Wald, der in seiner -frühlingsfrischen Pracht wunderschön war; aber dafür hatten die Buben -keinen Sinn an diesem Tag. Sie redeten nur von Schwipperlingen. Wenn -sich ein grünes Tälchen vor ihnen auftat und ein kleiner Bach glucksend -an ihnen vorbeirann, dachten sie an Schwipperlingen, und wenn sie einen -Berg hinaufstiegen, sagten sie zueinander: »Vielleicht sehen wir bald -Schwipperlingen liegen.« - -So rasch fanden die Bubenbeine aber doch nicht den Weg in das -Städtchen. Er dehnte sich gar lang, und da die Wegweiser selten waren, -machten die Wanderer auch manchen Umweg. Antons Kuchenbündel wurde -immer leichter, und doch behauptete Friede ein paarmal: »Ich habe -Hunger!« Er sagte auch: »Ich bin müde,« und Anton Friedlich sagte ihm -das nach. Da rasteten sie denn am Wege, und es wäre ihnen recht lieb -gewesen, wenn jemand sie nach Schwipperlingen gefahren hätte. Ein Bauer -kam auch mit einem leeren Wagen an. Der fragte aber so genau nach dem -»Woher« und »Wohin«, daß es den beiden Ausreißern himmelangst wurde, -und darum antworteten sie auf seine Frage: »Wollt ihr mit?« rasch: »Nä, -danke schön, wir gehen lieber.« - -Das kam dem Bauern seltsam vor, und er forschte: »Was habt ihr denn in -Schwipperlingen zu tun?« - -»Du, Friede,« tuschelte Anton Friedlich, »komm, wir reißen aus!« - -Friede, dem es ohnehin bänglich zumute war, nickte: »Ja, komm!« Und -heidi -- sprangen alle beide auf und rasten davon. - -»Holla, heda, was soll das?« schrie der Bauer ihnen überrascht nach, -aber er konnte viel rufen; die beiden liefen in schnellstem Lauf in den -nahen Wald hinein. - -»Die haben was angestellt,« dachte er und schaute sich um. Da sah -er ein rotes Bündel im Grase liegen. Anton Friedlich hatte das -Kuchenbündel vergessen. »Na wartet,« brummte das Bäuerlein, »das sollt -ihr suchen, ihr Schelme. Wer weiß, wo ihr das hergenommen habt!« Er -trug das Bündel in seinen Wagen und fuhr von dannen, und zwei paar -Bubenaugen sahen ihm aus dem Walde traurig nach. - -»Er nimmt's mit,« schluchzte der dicke Friede. »Oh, ich hab' solchen -Hunger!« - -»Schrei nich,« tröstete Anton Friedlich. »Ich hab' zwei Groschen; da -können wir uns in Schwipperlingen sattessen.« - -»Wenn's nur nicht so weit wäre,« seufzte der dicke Friede. Er trabte -aber doch tapfer der Stadt zu, von der jetzt die ersten Türme in der -Ferne aufstiegen. Die beiden gingen sehr vorsichtig auf dem schmalen -Fußweg entlang; sie sahen sich ängstlich nach allen Seiten um, ja sogar -in die Kirschbäume am Wege sahen sie hinauf, ob sich nicht etwa der -Bauer mit seinem Wagen auf einen Baum gesetzt hätte. Zu dumm war es; -aber immer redete da leise und eindringlich eine Stimme in den Herzen -der Buben: »Wärt ihr nur zur Muhme gegangen, ihr seid auf falschem -Wege.« Keiner wollte es dem andern sagen, wie unbehaglich es ihm -eigentlich zumute war, und namentlich Anton Friedlich redete immer laut -und dreist von der Stadt. Friede war stiller und bedrückter. - -Der Frühlingstag war schon müde geworden, und der Abend stand da, -bereit, ihn in seine Arme zu nehmen, da gelangten die beiden endlich -nach Schwipperlingen. Die kleine Stadt schmiegte sich in ein enges -Tal, und da sie nicht Platz darin hatte, waren kleine Häuser und ein -paar helle Villen zu beiden Seiten die Berge hinaufgelaufen. Wie -Feldburg hatte auch Schwipperlingen noch alte Häuser und Mauerreste -aus vergangenen Zeiten, und zwei Kirchtürme, der eine spitz und -schlank, der andere rund und dick, ragten aus dem Häusergewirr auf; -von einem Schloß war nichts zu sehen. Dafür sahen die Buben aber etwas -anderes, was ihnen so seltsam festlich und feierlich vorkam, daß -sie erst zögerten, in die Stadt hineinzugehen. Die Häuser waren mit -bunten Fahnen geschmückt, die im Abendwind lustig flatterten. Dazu -hingen Kränze und Girlanden von den Fenstern herab, und über ein paar -Straßen waren grüne Bogen gespannt. Wer an diesem Frühlingsabend in -Schwipperlingen gesund und lustig war, der wanderte durch die Straßen -und freute sich mit den andern an dem heiteren Schmuck, und so zogen -durch die sonst so stillen Straßen ganze Scharen froher, lachender und -singender Menschen. Den beiden Dorfbuben gefiel das sehr gut, und eine -Weile vergaßen sie Müdigkeit und Angst, so viel gab es zu schauen. - -»Siehste,« sagte Anton Friedlich stolz, »sie haben Vogelschießen, fein, -nich?« - -»Jaaah.« Friede fuhr nachdenklich mit der Hand in seine Hosentasche. -»Du,« brummelte er, »wir haben aber kein Geld!« - -Anton erschrak. Ja freilich, zum Vogelschießen gehört Geld, und er -hatte nur zwanzig Pfennig, und -- Hunger hatte er auch. »Wenn wir nur -den Kuchen hätten!« seufzte er. - -»Da -- -- ist der Bauer.« Friede stieß plötzlich den Vetter an. -Richtig, da hielt der Bauer vor einem Hause und sprach mit einem Mann. - -»Er sieht uns nicht,« flüsterte Anton; aber gerade da wendete sich der -Bauer um und schaute dorthin, wo die beiden Buben standen. Heisa! waren -die um eine Ecke herum verschwunden, und ein paar Minuten lang liefen -sie, ohne sich umzusehen durch die Straßen. Die Angst, entdeckt zu -werden, trieb sie vorwärts. Aber der Bauer verfolgte sie nicht, und so -blieben sie wieder stehen. Die Straße, die sie entlang gelaufen waren, -mündete auf einen von Häusern umstandenen Platz. Auf dem stand in der -Mitte ein großer Bretterverschlag. - -»Dort bauen sie 'n Karussell,« rief Anton. - -Aber Friede sah kaum hin; ihm war plötzlich etwas eingefallen. »Du,« -sagte er ängstlich, »wo schlafen wir denn?« - -Anton Friedlich vergaß den Bretterverschlag, die geschmückte Stadt, -alles. Er blickte sich scheu um. Es war schon ziemlich dunkel geworden; -nur kurze Zeit noch, dann war es Nacht. Was taten sie dann? - -»Ich hab' Hunger,« klagte der dicke Friede, der mehr und mehr die Lust -verlor, sich die Fahnen und Girlanden anzusehen. Die vielen, vielen -Menschen auf den Straßen wurden ihm immer unheimlicher, und eine -heiße Sehnsucht nach Oberheudorf packte ihn. Dort brauchte er nicht zu -hungern, dort stand sein Bett, dort -- - -»Dort kommt er wieder,« tuschelte Anton Friedlich aufgeregt. Ein Wagen -rollte die Straße entlang, und die Buben rissen aus, obgleich sie in -der immer tiefer werdenden Dämmerung gar nicht erkannten, ob es der -Bauer war, den sie auf der Landstraße getroffen hatten. - -»Ich hab' Hunger,« klagte Friede nach einem Weilchen wieder, und der -Vetter nahm trotzig seine beiden Groschen aus der Tasche und tröstete: -»Wir kaufen uns was, dort ist ein Laden.« Er zog Friede mit über die -Straße und blieb vor einem hellerleuchteten kleinen Laden stehen. Im -Schaufenster lagen allerlei gute Dinge: Wurst, Käse, Früchte; alles sah -sehr verlockend aus, und den hungrigen Buben lief das Wasser im Munde -zusammen. - -»So'ne Fische sind fein,« sagte Friede und deutete auf geräucherte -Aale. Einmal hatte die Mutter so einen Fisch aus der Stadt mitgebracht. - -Der Kaufmann öffnete seine Türe, sah die Straßen entlang, und als er -die beiden Buben erblickte, fragte er: »Wollt ihr noch was kaufen, dann -sputet euch. Jetzt wird zugemacht.« - -»Ja, so'n Fisch,« flüsterte Anton verlegen und deutete auf den größten -fetten Aal. - -»Na, dann kommt nur herein. Habt ihr Geld?« - -»Ja.« Stolz reichte Anton Friedlich seine Groschen hin, und Friede -bewunderte heimlich des Vetters Kühnheit. Der tat auch, als wäre er -schon wer weiß wie oft in der Stadt gewesen. Der Kaufmann sah die -beiden Groschen an und lachte. »Das ist zu wenig, dafür bekommst du -nur zwei von dieser Sorte; sind auch gut, sind sogar sehr fein.« Er -wickelte zwei große Bücklinge ein und reichte sie den Buben. »Laßt's -euch gut schmecken. Und nun geht, ich muß meinen Laden schließen.« - -Die beiden standen draußen und wußten kaum, wie sie hinausgekommen -waren. Und hinter ihnen schloß der Kaufmann rasselnd seinen Laden. -»Mein Geld,« schrie Anton Friedlich erschrocken, »ich will die Fische -nicht.« - -Er konnte aber lange rufen, das Geschäft war zu, und niemand kümmerte -sich um seine Klage. Nur ein paar Vorübergehende sahen sich nach den -Buben um, und das war denen so unheimlich, daß sie weiter liefen. -Sie rannten mit ihren Fischen straßauf, straßab; sie wußten nicht, -wo sie sich hinsetzen und bleiben sollten. Jeder Mensch, den sie -trafen, schien sie mit strengen, musternden Blicken anzusehen, und mit -gesenkten Köpfen rannten sie weiter. Endlich gelangten sie wieder auf -den Platz, auf dem die Bretterbude stand. Die Menschen waren inzwischen -alle in ihre Häuser gegangen, und der ganze Platz lag öde und -verlassen da. »Weißte was,« tuschelte Anton Friedlich, »wir kriechen in -die Bude rein.« - -»Hm,« knurrte der dicke Friede nur noch. Er war so müde geworden, daß -er kaum noch die Augen aufhalten konnte. Stumm stolperte er hinter dem -Vetter drein, und zweimal liefen sie um die Bretterbude herum, ehe sie -eine lose Planke entdeckten und da hineinschlüpfen konnten. Innen war -es ganz still, nichts rührte und regte sich. Wie ein Karussell sah es -eigentlich nicht aus; nur in der Mitte stand ein großer verhüllter -Gegenstand. - -Anton guckte zaghaft unter das verhüllende Tuch und entdeckte ein paar -Pferdebeine. Erst erschrak er. Da die Beine sich aber nicht bewegten -und der Dorfbube vor Pferden keine Angst hatte, tippte er vorsichtig -daran und fühlte, daß die Beine hart und kalt waren. »Siehste,« sagte -er stolz, »das ist'n Karussell, und morgen ist Vogelschießen und --« - -»Ich hab' Hunger,« seufzte Friede und aß dann schon halb schlafend -den einen der teuer erkauften Fische auf. Der schmeckte ihm nicht -sonderlich, und das Loch in seinem Magen füllte er auch nicht aus. Aber -vor Müdigkeit vergaß er zuletzt auch seinen Hunger. Am Boden lagen -ein paar leere Säcke. Sie gaben zwar ein hartes Lager ab, es war aber -doch ein Lager. Die Buben dachten nicht mehr weiter darüber nach, was -morgen sein würde; sie streckten sich aus und schliefen schon ein, -während sie sich noch reckten und dehnten. Über ihnen summte und surrte -von Stunde zu Stunde laut eine große Kirchenglocke, aber die beiden -wachten davon nicht auf, sie schliefen auf ihrem harten Lager bis zum -lichten Morgen. - -Anton Friedlich wachte zuerst auf. Ganz deutlich hatte er laute Stimmen -neben sich vernommen. Schlaftrunken rieb er sich die Augen, und erst -allmählich fiel ihm ein, daß er ja in Schwipperlingen war und nicht -daheim. Der dicke Friede schnarchte noch mit offenem Munde, und Anton -wollte ihn gerade mit lautem Zuruf wecken, als in allernächster Nähe -eine Stimme sagte: »Jetzt schnell runter mit dem Gerüst, damit Ordnung -wird.« Und krach schlug es an die Bretterplanke. - -»Friede,« flüsterte Anton ängstlich, »komm, sie hauen 's Karussell ab.« - -Friede richtete sich auf und sah sich schlaftrunken um. Da krachte es -wieder auf der andern Seite, und mit Getöse fiel die halbe Wand um. -»Hier unters Tuch!« wisperte Anton leise. Er zog den Vetter rasch mit -sich, und beide schlüpften unter die Leinwand. Gerade zur rechten Zeit. -Wieder fiel eine Planke um, und durch einen Ritz sah Anton ein paar -Männer, die eifrig daran gingen, das ganze Holzgerüst einzureißen. -»Ih, das ist doch aber abscheulich,« sagte der eine plötzlich laut -und zornig. »Was ist das! Hier hat jemand Fischköpfe und Gräten -hingeworfen. Na, den sollte ich erwischen, dem ging's schlecht!« - -Den Buben wurde es heiß und kalt bei dieser Drohung, und ängstlich -schmiegten sie sich dicht aneinander an, sie wagten kaum zu atmen. Die -Männer rissen unterdessen das Brettergerüst ein, räumten Schutt und die -Säcke weg und spannten ein Seil um das verhüllte Pferd. Dann fingen -die Kirchenglocken an zu dröhnen und zu singen, und Menschen eilten -über den Platz der nahen Kirche zu. Ein paar sehr stattlich aussehende -Polizisten kamen und schritten immer auf und ab, und wenn jemand näher -kam, dann riefen sie: »Platz da, am Denkmal darf niemand stehen.« - -»Bumbum, bumbum, ratata, ratara,« ertönte es auf einmal, und die -Schwipperlinger Straßenbuben schrieen: »Sie kommen, sie kommen.« - -»'s ist doch Vogelschießen,« flüsterte Anton dem Vetter zu. »Wenn sie -jetzt mal nich hinsehen, reißen wir aus!« Aber es war wie verhext. Alle -schauten immer nach dem verhüllten Ding hin; es war, als hätten sie gar -nichts anders zu sehen. Durch ein paar Ritzen und Löcher konnten die -Buben alles ganz gut überschauen. Eigentlich war es ein ganz feiner -Platz, den sie hatten. Wenn nur Furcht und Hunger nicht gewesen wären; -das waren ein paar ungute Gesellen, welche die beiden Oberheudorfer -Ausreißer tüchtig zwickten und zwackten. - -»Bumbum, bumbum, ratabum, ratara.« Immer näher kam die Musik, und -wieder schrieen die Schwipperlinger Buben: »Sie kommen, sie kommen!« -Alle Hälse reckten sich, alle Augen richteten sich auf die eine breite, -auf den Platz mündende Straße. Von dort her kam jetzt ein langer Zug, -weißgekleidete Mädchen voran, dann viele Männer, die Fahnen trugen, -Musikanten, dann eine Anzahl Buben in einer wunderlichen Tracht, und -alle diese Leute stellten sich in einem großen Halbkreis auf, und aus -ihrer Mitte schritt ein Herr heraus und trat auf das verhüllte Ding zu. - -»Der kriecht auch hier unter,« tuschelte Anton aufgeregt. Aber das -tat der Herr nun nicht. Er stellte sich auf einen hohen mit Girlanden -und buntem Tuch geschmückten Block, die Musik machte noch einmal -»ratabum ratara,« dann war alles still. Nur der Herr auf dem Block -sprach. Er erzählte eine Geschichte, gerade so eine Geschichte, wie sie -manchmal in Oberheudorf der Herr Lehrer erzählte. Da wurde einmal in -Schwipperlingen ein Mann geboren, der später ein gar berühmter Feldherr -geworden war. Den Buben in ihrem Versteck schlug ordentlich das Herz, -als der Herr von den Heldentaten dieses Mannes erzählte. In schweren -Zeiten der Not hatte der treu und fest zu seinem Vaterland gestanden, -und noch heute lebte sein Andenken in aller Herzen. »Und dieser Mann -war ein Schwipperlinger,« rief der schwarzgekleidete Herr, »er lebt -noch in unseren Herzen, aber wir wollen auch immer sein Bild vor Augen -haben. Schwipperlingen ehrt seinen großen Sohn. Heute an dem Tag, an -dem er vor 150 Jahren in dieser Stadt geboren wurde, falle die Hülle -von seinem Denkmal!« - -»Bumbum, bumbum, ratabum, ratara,« fiel die Musik ein. Ein paar Männer -zogen, und klatsch -- fielen die Hüllen vom Denkmal. - -»Ah,« riefen alle, und dann ertönte jäh ein einziger lauter Schrei des -Entsetzens. Totenbleich lehnten rechts und links an dem Pferde des -großen Feldherrn die beiden Oberheudorfer Buben. - -»So eine Frechheit! Unerhört!« brüllten ein paar hundert Stimmen, und -der Herr, der die Rede gehalten hatte, drehte sich erschrocken um. -Dabei verlor er das Gleichgewicht und purzelte von seinem hohen Kasten -herunter. »Was ist das, was ist das?« rief er. - -»Eine Frechheit, eine Frechheit!« riefen die Zuschauer. - -»Ein Hinfall,« schrie einer, der gern Witze machte. - -Aber schon waren ein paar Polizisten herzugesprungen. Der eine faßte -Anton, der andere Friede am Kragen, und die beiden wurden unter -johlendem Geschrei von dem Denkmal weggezogen. - -[Illustration] - -»Haue müssen sie haben,« rief jemand, und gleich schrieen zwanzig, -dreißig Stimmen nach: »Haue müssen sie haben.« - -»Bumbum, bumratabum, ratara,« fiel die Musik wieder ein. Der Dirigent -hatte gar nichts von den Buben gesehen; er dachte nur, jetzt ist es -Zeit, daß ich mal wieder eins blasen lasse. - -»Hurra, hurra, hurra,« brüllte die Menge. Hüte und Tücher wurden -geschwenkt. Dazwischen riefen wieder etliche: »Die frechen Buben -müssen tüchtig verhauen werden.« - -»Schwipperlinger sind's nicht, die tun nie so was,« kreischten ein paar -Stimmen. »Wer weiß, wo die her sind!« - -Anton und Friede waren halbtot vor Angst, als sie von den Polizisten -weggeschleppt wurden. Sie sahen viele Augen drohend auf sich gerichtet -und meinten, alle diese Menschen wollten sie schlagen. Das Schreien, -die Musik, das ganze wilde Getöse verwirrte sie so, daß sie sich ziehen -und schubsen ließen und keinen Laut von sich gaben. Die Polizisten -kamen aber auch schwer mit ihnen durch das Gedränge. Viele Zuschauer -dachten gar nicht mehr an das Denkmal, an den Festzug und die schöne -Rede. Die Frage, woher eigentlich die beiden Buben gekommen waren, -erschien ihnen viel wichtiger. Namentlich alle Schwipperlinger -Straßenjungen hatten das allergrößte Interesse an Friede und Anton. Sie -liefen immer hinterdrein und jauchzten: »Das sind die Enthüllten, das -sind die Denkmalsjungen, hurra, die Denkmalsbuben!« - -Endlich war die Polizeiwache erreicht, und ein gestrenger -Oberwachtmeister empfing die Missetäter. Er sah sie drohend an und -fragte barsch: »Warum habt ihr euch an das Denkmal gesetzt?« - -»Weil -- weil -- weil -- wir -- dachten -- 's wär 'n Karussell,« -schluchzte Anton Friedlich. Der dicke Friede sagte gar nichts, der -heulte nur. - -»Ein -- Karussell?« Der Oberwachtmeister sah die Polizisten an. Er -tippte mit der Hand an die Stirn, und die Polizisten nickten. Ja, es -schien ihnen auch so, als wären die Buben nicht recht bei Verstand. - -»Hm.« Der Oberwachtmeister wurde freundlicher. »Woher seid ihr denn?« - -»Mit Verlaub, ich glaube, die sind irgendwo ausgerissen,« rief da -eine Stimme. Der Bauer, dem die Buben am Tage vorher begegnet waren, -hatte die Wachtstube betreten. In der Hand hielt er Antons rotes -Kuchenbündel. »Das da haben sie liegen lassen, und so was läßt doch nur -einer liegen, der ein schlechtes Gewissen hat!« - -»Ich hab' Hunger,« schrie der dicke Friede plötzlich aufgeregt beim -Anblick des Kuchenbündels, und »knurrrknurrr« knurrte sein Mäglein so -laut, daß sich alle in der Wachtstube erstaunt ansahen. So etwas hatten -sie noch gar nicht gehört. - -»Potzwetter ja,« rief der Oberwachtmeister, »Hunger hat der Bube -anscheinend wirklich.« Dann fiel ihm etwas ein. Er schüttelte Friede -an den Schultern und sagte streng: »Jetzt erzählst du mir alles, woher -ihr kommt, warum ihr an dem Denkmal gesessen seid, und wenn du in -fünf Minuten fertig bist und nicht dabei heulst wie ein Schloßhund, -bekommst du eine Butterschnitte.« - -Das war ein Wort! Hätte der Wachtmeister dem Buben eine goldene -Königskrone versprochen, das Erzählen wäre nicht so fix gegangen. Aber -die Sehnsucht nach der Butterschnitte war riesengroß, und der dicke -Friede wurde darüber ordentlich gesprächig. In drei Minuten wußten sie -in der Wachtstube alles, selbst den Fischkauf verschwieg Friede nicht, -und daß sie gedacht hätten, es wäre Vogelschießen, und das Denkmal sei -ein Karussell. - -»Ihr wißt wohl gar nicht, was ein Denkmal ist?« fragte der -Oberwachtmeister kopfschüttelnd. - -»Nä,« sagte Friede treuherzig, »in Oberheudorf ist so was nich!« - -»Das glaube ich!« Der Herr Oberwachtmeister lächelte. »Oberheudorf und -Schwipperlingen, das ist auch ein Unterschied. Also da habt ihr jeder -eine Butterschnitte. 's ist mein Frühstück, aber mein Magen knurrt -nicht so arg, und dann macht, daß ihr heimkommt. Eigentlich habt ihr -Strafe verdient, denn ihr habt die ganze Feierlichkeit gestört. Die -ausgestandene Angst ist aber auch eine Strafe gewesen. Höfer, bringen -Sie die Buben an die Stadtgrenze.« - -Von einem Schutzmann geleitet, aus der Stadt gebracht zu werden, war -wirklich keine Ehre und kein Vergnügen. Die Buben büßten auf dem Gang -noch einmal bitter ihr heimliches Davonlaufen. Es war wirklich, als -hätten die unnützen Schwipperlinger Buben und Mädel nichts weiter zu -tun, als immer nur über die Denkmalsbuben zu spotten und zu lachen. -Ach, und Schwipperlingen, das nur ein kleines Städtchen war, erschien -den beiden riesengroß. Immer wieder gab es Straßen und Häuser, und die -Schwipperlinger waren so schrecklich neugierig. Im allerletzten Haus -noch guckte eine Frau aus dem Fenster heraus und rief: »Was haben denn -die gemacht?« - -»Das sind die Enthüllten, die Denkmalsbuben,« schrieen ein paar -Straßenjungen, und das Wort gellte Anton und Friede noch eine ganze -Weile nach, als das Städtchen schon hinter ihnen lag. Anfangs liefen -sie wie ein paar Rennpferde, und erst als die Stadt ganz in der Ferne -verschwunden war, setzten sie sich an den Straßenrand, aßen ihren -Kuchen und redeten ganz trübselig von der Heimkehr. - -»Weißte,« sagte Anton Friedlich, als er den letzten Bissen verschluckt -hatte, »wir tun, als wär's furchtbar lustig gewesen. Vom dummen Denkmal -sagen wir gar nichts.« - -Der dicke Friede seufzte tief. Das Lustigsein erschien ihm eine schwere -Arbeit. Freilich, vor dem Ausgelachtwerden fürchtete er sich auch, -und so versprach er denn, er wolle ein lustiges Gesicht machen. -Er probierte es schon unterwegs, bald zog er den Mund ganz breit, -dann wieder lachte er laut, und ein paar Landleute, die den Buben -begegneten, fragten ängstlich: »Der Dicke ist wohl krank?« - -»Jetzt kannste's schon,« rief Anton Friedlich froh, als die -Oberheudorfer Kirchturmspitze vor beiden auftauchte. »Paß auf, es merkt -niemand was!« - -Das Dorf lag im Sonntagsfrieden, als die beiden es erreichten. Alle -Arbeit ruhte, und vor den Türen saßen die Erwachsenen und freuten sich -an dem Sonnenschein und an dem Blühen in ihren kleinen Gärten. Um den -Dorfbrunnen herum aber lärmten mal wieder die Buben und Mädel. Sie -spielten Räuber und Prinzessin, und Krämers Trude saß als Prinzessin -auf dem Brunnenrand und sah zu, wie sich ihre Getreuen mit den Räubern -herumbalgten. Es war immer eine gefährliche Sache, als Prinzessin -auf dem Brunnenrand zu sitzen. Denn schon manche Prinzessin war im -stürmischen Kampf in den Trog geplumpst, und Krämers Trude sah auch -ziemlich ängstlich drein und dachte: »Vielleicht plumpse ich auch.« - -Just als nun die Räuber angerast kamen und die Ritter die Prinzessin -verteidigen wollten, stolperten Anton Friedlich und der dicke Friede -müde und matt die Dorfstraße entlang. »Da sind die feigen Ausreißer,« -schrie Heine Peterle und schwenkte drohend seinen Holzpantoffel, und -Schulzens Jakob stakerte mit seiner Bohnenstange in der Luft herum und -brüllte, so laut er konnte: »Nieder mit den Ausreißern, nieder mit den -feigen Hallunken!« - -»Na, das ist doch zu frech,« schrie Anton Friedlich erbost. »Wir sind -keine Hallunken, und in Schwipperlingen war's fein!« Er entriß Heine -Peterle zornig den Holzpantoffel, und es hätte sicher eine Balgerei -gegeben, wenn der dicke Friede nicht mutig geschrieen hätte: »Wir waren -in Schwipperlingen!« - -Ritter und Räuber vergaßen ihre Kampfeslust, die Prinzessin rutschte -vom Brunnenrand herab, und alle umdrängten neugierig die Heimkehrenden. -»Warum seid ihr in Schwipperlingen gewesen? Wie war's denn? Erzählt -doch!« - -Anton Friedlich war schon wieder friedlich gesinnt. Er merkte, daß -Heine Peterle und Jakob ihn gar nicht gemeint hatten, und stolz begann -er zu erzählen. Er schwadronierte darauf los, schwatzte von den -Schönheiten Schwipperlingens, und der dicke Friede riß den Mund vor -Staunen weit auf. Nein, konnte der Vetter aber aufschneiden! - -Wie ein paar Helden wurden die Buben geehrt. Das war noch einmal -etwas: in Schwipperlingen war noch niemand von den Kindern gewesen! Ja -sogar die Eltern schalten nicht so sehr. Heimlich sagte sogar Anton -Friedlichs Vater zum Schulzen: »Sind doch ein paar tüchtige Buben! -Laufen in eine fremde Stadt, als wär' das nichts. Ist ganz gut, wenn -sie in den Städten merken, was wir Oberheudorfer für Leute sind.« - -Drei Tage dauerte der Ruhm der Buben, und Anton Friedlich wurde -immer kühner, immer frecher im Aufschneiden. Er wußte immer mehr von -Schwipperlingen zu erzählen, und beim Heimweg umdrängten ihn stets -alle Kinder neugierig. Nur von Schwipperlingen wollten sie hören, an -Feldburg dachten sie kaum noch. Am dritten Tage aber, als die Kinder -wieder auf der Dorfstraße lärmten, rief Schuster Pechdraht auf einmal: -»Kommt her, ich will euch eine feine Geschichte vorlesen.« - -Na, neugierig waren die Oberheudorfer Buben und Mädel alle, und sie -überpurzelten sich beinahe, um nur rasch an das Schusterhaus zu kommen. -Meister Pechdraht saß vor seiner Tür und hatte ein Zeitungsblatt in der -Hand. »Stellt euch alle um mich herum; Anton Friedlich und du, dicker -Friede, ihr dürft euch neben mich setzen, ihr Schwipperlinger Helden -ihr.« - -Die beiden lachten stolz und blähten sich ordentlich auf; die andern -sahen sie ganz ehrfürchtig an. Auch ein paar Mägde kamen angelaufen, -selbst der Schulze und der Waldbauer, die gerade vorbeikamen, blieben -stehen und fragten: »Was gibt's denn?« - -»Hört nur zu, eine feine Geschichte gibt's,« sagte Meister -Pechdraht und lachte so recht spöttisch; dann las er laut: »Die -Denkmalsenthüllung in Schwipperlingen.« Nun bekamen der Anton und der -Friede auf einmal rote Köpfe. Aber der Schuster schien das gar nicht zu -merken, er las laut, wie man in Schwipperlingen die Stadt geschmückt -hatte; die Rede des Bürgermeisters kam und dann -- oh, wäre doch ein -Mauseloch dagewesen für die beiden Schwipperlinger Helden. Da stand -alles, ihre ganze Leidensgeschichte war berichtet worden, und zuletzt -hieß es: »Hoffentlich sind die Oberheudorfer Buben nicht alle so dumm -wie diese beiden.« - -»Nä!« schrieen sämtliche Kinder entrüstet. Der Schulze aber schalt -wütend: »Potzwetter, ihr Buben, was habt ihr angerichtet! Ihr bringt ja -unser ganzes Dorf in Verruf. Na, wartet nur!« - -Die beiden warteten aber nicht. Und so wütend die Kinder auf sie waren, -durchschlüpfen ließen sie die Missetäter doch. Dann rannten freilich -sämtliche Buben und Mädel hinter ihnen her und spotteten: »War's -fein in Schwipperlingen? Erzählt doch von Schwipperlingen! Ha, die -Denkmalsbuben!« - -Die beiden hatten keine guten Tage, und sie wurden sehr kleinlaut und -bescheiden in dieser Zeit. Wenn jetzt einer nur »Schwipp« sagte, dann -huschten sie schon geschwind um die nächste Ecke herum. Aber auch die -andern Kinder wollen nichts von Schwipperlingen wissen, und Schuster -Pechdraht kann zehnmal sagen: »Aber in Schwipperlingen waret ihr -doch nicht,« sie machten sich nichts daraus, sie schrieen nur: »Nach -Schwipperlingen gehen wir nicht, schwipp, schwapp, Feldburg ist besser!« - - - - -[Illustration] - -Sommerferienlust. - - -»Übermorgen gibt's Ferien, und Friede Heller kommt heim.« Die -Oberheudorfer Buben und Mädel erzählten sich das nun schon zum -hundertsten Male, und wenn nur ein Mensch in Oberheudorf gewesen wäre, -der diese wichtige Sache nicht gewußt hatte, alle hätten es ihm gern -nochmals und nochmals gesagt. Aber die Erwachsenen mochten gar nichts -mehr von den Ferien hören. Hans Rumpf, der Nachtwächter, meinte sogar, -es sei ein rechter Unsinn damit, doppelt Schule wäre richtiger. Nur -Muhme Lenelies ließ sich immer wieder von den Ferien erzählen, und -jedesmal freute sie sich und sagte auch: »Und Friede kommt heim.« - -»Wenn er kommt, machen wir was,« erklärte Heine Peterle. - -»Was denn?« - -»Na, Musik oder so was. Wie wenn der Herzog kommt.« - -»Laßt es lieber,« riet Muhme Lenelies. »Solche Überraschungen gehen -manchmal verkehrt aus.« - -Aber die Kinder hörten nicht auf den guten Rat. Traumfriede mußte -feierlich empfangen werden, das stand fest. Aber wie? Anton Friedlich -sagte: »Fahnen und Musik müßten wir haben, das ist fein.« - -»So war's wohl in Schwipperlingen?« neckten etliche. Aber die Fahnen -gefielen doch allen, nur -- sie hatten keine. Die drei Fahnen, die -manchmal an Festtagen das Dorf schmückten, bekamen die Kinder nicht, -das wußten sie, auch ohne danach zu fragen. Sie rieten hin und her, -bis auf einmal Schnipfelbauers Fritz rief: »Ich weiß was. Kathrine hat -einen roten Rock und Mutter eine schwarze Schürze und ein weißes Tuch -dazu; das ist wie 'ne Fahne.« - -»Meine Mutter hat nur blaue Schürzen,« meinte der dicke Friede betrübt. - -»Och, das schadet nicht,« schrie Anton Friedlich. »Fahne ist Fahne, 's -kann auch blaue geben.« - -»Und grüne und gelbe und rote und alle möglichen,« riefen die andern -Kinder. Und jedem fiel ganz unversehens ein, aus was eine Fahne gemacht -werden könnte. Es würde gewiß ganz wundervoll werden, und höchst -befriedigt liefen alle heim. - -Einen Tag vor Ferienanfang verschwanden den Bäuerinnen auf sehr -geheimnisvolle Weise Schürzen, Röcke, Umschlagtücher, Bettlaken und -ähnliche Dinge. Die meisten Hausfrauen merkten es gar nicht. Nur -da, wo sich ein großes Suchen und Geschrei darum erhob, kamen die -entschwundenen Sachen sehr geheimnisvoll wieder. So vermißte Muhme Rese -plötzlich ihren neuen kornblumenblauen Sonntagsrock, worüber denn bald -das ganze Haus in Aufregung geriet. Und auf einmal hing der Rock in der -Federkammer, und kein Mensch wußte, wie er dahin gekommen war. Heine -Peterle konnte nicht mal Antwort geben. Der Bube saß und lernte so -eifrig; er schien nichts zu sehen und zu hören, und Muhme Rese dachte: -»Er geht vielleicht doch noch auf die Stadtschule. So'n Fleiß ist noch -gar nich dagewesen.« - -Endlich war der letzte Schultag gekommen. Da an diesem Tage niemand zur -Stadt fuhr, sollte Traumfriede zu Fuß heimkommen. Seine Sachen wollte -Friede Hopserling am nächsten Tage mitbringen. Um zwölf Uhr wurde in -Oberheudorf die Schule geschlossen, und die Kinder rechneten: »Erst ißt -der Friede zu Mittag, dann läuft er vier Stunden, dann ist er da.« Sie -fragten aber erst noch Muhme Lenelies: »Wann kommt er denn?« - -»So um fünfe rum, denk' ich,« meinte die Muhme. »Aber Kinder, Kinder, -macht nur keine Dummheiten.« - -Hans Rumpf, der Nachtwächter, sah an diesem Tage alle Buben und Mädel -auf eine am äußersten Ende des Dorfes gelegene Scheune zulaufen. Jedes -trug geheimnisvoll ein Paket und eine Bohnenstange, und alle rannten -scheu und heimlich hinter den Häusern vorbei. »Na warte, die haben -einen dummen Streich vor,« dachte der Nachtwächter. »Da will ich mal -aufpassen.« Er wanderte auch auf die Scheune zu, und als er hinkam, -hörte er drinnen Geschwätz und Gelächter. »Was macht ihr da?« rief er -und versuchte die Türe zu öffnen. Doch die ging nicht auf, sie wurde -von innen zugehalten. Er bekam auch keine Antwort auf seine Frage, und -so drohte er: »Ich werde euch schon erwischen, paßt nur auf; ich bleibe -hier sitzen.« - -Er setzte sich auf einen Baumstumpf am Scheuneneingang, zündete sich -seine Pfeife an und wartete. - -Innen schwatzte, lachte, polterte und lärmte es inzwischen ruhig -weiter. Allmählich aber wurde es still und stiller, zuletzt schwieg -alles. »Hei, nun möchten sie raus,« dachte der Nachtwächter. »Bleibt -nur drinnen, ihr Mäuslein; ich erwische euch schon.« Er rauchte, -betrachtete sich die Gegend und freute sich, daß er so ausnehmend klug -war. Auf einmal ertönte vom Waldrand her ein lautes Geschrei. »Man -sollte doch meinen, die Kinder wären's, wenn die nicht in der Scheune -säßen,« dachte er und zündete sich eine neue Pfeife an. - -Von Zeit zu Zeit lauschte er. In der Scheune blieb alles still. Aber -aus der Ferne erklang immer wieder Lärm und Geschrei. »'s muß rein -das Echo sein,« brummelte Hans Rumpf und zog sein Vesperbrot aus der -Tasche, schmauste und rief dazwischen: »Na, ihr Mäuslein, wie gefällt's -euch denn da drinnen?« - -[Illustration] - -Keine Antwort kam aus der Scheune. Alles blieb still wie zuvor. Doch -jetzt wurde es im Dorfe laut. Von den Feldern kamen die Männer heim, -der Hirte trieb die Herde in das Dorf zurück, und die Abendglocke -begann leise zu tönen und zu singen. Rufe erschallten vom Dorfe her, -lauter und lauter erklangen sie, die Kinder wurden zum Abendessen -gerufen. Endlich kamen ein paar Frauen angelaufen. »Hans Rumpf, hast du -nicht unsere Buben und unsere Mädel gesehen?« - -»Freilich, freilich!« Hans Rumpf nickte und lachte. Er deutete mit dem -Pfeifenkopf auf die Scheune und sagte: »Da drinnen, alle sind drin. Sie -haben 'ne Dummheit gemacht und trauen sich nicht raus!« - -»Lieber Himmel, was das Kindervolk auch immer anstellt!« rief die -Schulzenfrau. »Und sicher haben sie mir dazu wieder ein Bettuch von der -Leine genommen; es fehlt eins.« - -»Freilich, freilich, jedes hat'n Paket gehabt.« Hans Rumpf sah -ordentlich stolz aus. - -»Nä, aber so was! Fritze, komm 'raus! Je, der Bube hat am Ende gar der -Kathrine ihren roten Rock, um den die den ganzen Nachmittag heult,« -schrie die Schnipfelbäuerin. - -»Freilich, freilich, der Fritze hatte 'n rotes Paket.« - -Ein paar Bauern, die vom Felde heimkehrten, blieben stehen. »Was -gibt's?« - -»Da drin sind alle Kinder; sie haben 'ne Dummheit gemacht,« erzählten -die Frauen. - -Die Schnipfelbäuerin klopfte an das Tor: »Komm 'raus, Fritze, -geschwind!« - -»Se haben Angst.« Hans Rumpf hielt sich den Bauch vor Lachen. »Ja mit -mir ist nich gut Kirschen essen.« - -»Jakob, Röse, kommt 'raus, flink!« Die Schulzenfrau rüttelte an dem -Scheunentor, und das sperrte sich gar nicht. Es ging ganz gutwillig -auf, und -- die leere Scheune gähnte allen entgegen. - -»Die sind hinten 'raus,« brummte ein Bauer und deutete auf das zweite -gegenüberliegende Scheunentor, das weit offen stand. - -»Ja, nä!« Hans Rumpf setzte sich vor lauter Erstaunen wieder auf seinen -Baumstumpf. »So 'ne Frechheit!« - -»Na, weißte, Nachtwächter,« sagte der Waldbauer lachend, »die wären arg -dumm gewesen, wenn sie in der Scheune geblieben wären. Wo sind sie aber -hin?« - -»Am Walde hat's immer geschrieen und gelacht!« Hans Rumpf sah sich -kläglich um. »Vielleicht waren sie das?« - -»Sicher,« riefen die Frauen, und Heine Peterles Mutter, die auch -herbeigekommen war, meinte: »Die warten auf Muhme Lenelies' Friede; der -soll heute heimkommen.« - -Der Abendwind trug jetzt näherkommendes Stimmengewirr zu den Wartenden -hin, und die sagten zueinander: »Sie kommen schon, das Warten wird -ihnen zu lang.« - -Wirklich, sie kamen auch. Der Abendbrothunger trieb sie heim. In langem -Zuge kamen sie an, und die Frauen kreischten erschrocken auf: »Aber so -etwas! Was haben sie denn da!« - -Seltsame Fahnen flatterten im Winde, und die Bäuerinnen riefen -entrüstet: »Das ist meine Schürze,« »Unsere Tischdecke,« »Kathrines -Rock,« »Mein Umschlagtuch,« »Nä so was, das ist Vaters Taschentuch,« -»Je, und meine blaue Nachtjacke.« - -Die Buben und Mädel erschraken, als sie vor der Scheune Väter und -Mütter versammelt sahen. Sie hätten nun himmelgern ihre Fahnen -versteckt, die sie heimlich in der Scheune hatten abbinden wollen. Nun -war es zu spät. Die Fahnen hinwerfen und ausreißen ging auch nicht. -Gesehen waren sie einmal, also zogen sie kleinlaut und recht langsam -näher. - -»Nur fix! Sollen wir euch Beine machen?« drohte die Schulzenfrau. -»Warte, Jakob und Röse, ich will euch was lehren, mir meine Laken als -Fahne zu nehmen!« - -»Wir wollten Friede erwarten,« riefen die Kinder sehr kläglich. - -»Aber der ist lange da! Um drei Uhr ist er schon gekommen; der hat -lange Beine gemacht und um zehn Uhr schon frei bekommen,« rief die -Waldbäuerin, die eben auch ihr Mariandel suchen kam. - -»Juhu,« schluchzte Heine Peterle plötzlich, »jetzt krieg ich die -Schimpfe umsonst.« - -»Und Haue obendrein!« rief sein Vater; aber es war leicht zu merken, -daß er es nicht so ernst meinte. - -Es wurde auch mit der Schelte nicht so schlimm. Nur als die Bäuerinnen -ein paar Löcher in den Fahnen entdeckten, wurden sie sehr ärgerlich. -»Ihr müßt sie selbst flicken,« forderten sie. Als sie aber recht -zusahen, waren es immer die Bubenfahnen, die Löcher hatten. Die -Missetäter standen sehr keinlaut und verlegen da; flicken konnten sie -doch nicht! - -Da zeigte es sich aber, wie gut es ist, daß es Mädel auf der Welt gibt. -Und wie hilfsbereit die Oberheudorfer Mädel waren! Krämers Trude, -die immer mit einer blanken Eins aus der Handarbeitsstunde heimkam, -erklärte gleich: »Ich flicke sie,« und ein paar andere Mädel riefen: -»Wir helfen.« - -Da hoben die Buben gleich wieder mutig die Köpfe, und ein paar der -kecksten bettelten: »Aber sehen muß Friede die Fahnen doch, nur mal -sehen; wir machen auch keine Löcher mehr.« - -»Er kann doch nichts dafür,« wisperte Waldbauers Mariandel. - -»Wird nicht erlaubt,« knurrte Hans Rumpf, der sehr böse darüber war, -daß er so lange vergeblich vor der Türe gesessen hatte. »Marsch heim, -ins Bett, marsch!« - -Die Mütter waren nicht so streng wie der Nachtwächter. Als die Mädel -feierlich gelobten, gleich morgen am ersten Ferientag alles sauber -und ordentlich zu flicken, und die Buben nicht minder feierlich das -Versprechen gaben, nie mehr Röcke, Jacken, Tücher und ähnliche Dinge -als Fahnen zu verwenden, durften sie alle mitsammen zu Muhme Lenelies' -Haus ziehen und Friede begrüßen. - -»Hurra, Friede ist da! Hurra, hurra!« gellte es durch das Dorf. Die -Fahnen flatterten lustig, und wenn jemand gesagt hätte: »Das sind -aber sonderbare Fahnen!« den hätten die Oberheudorfer Buben und Mädel -für sehr dumm gehalten. Traumfriede fand denn auch den ganzen Empfang -großartig, auch Muhme Lenelies fand das. Da liefen alle Fahnenträger -befriedigt heim, und daß Hans Rumpf diesen ersten Ferientag nicht schön -fand, war seine Sache; den Kindern hatte er ausnehmend gefallen. - -So glücklich war aber doch kein Bube und kein Mädel wie Traumfriede. -Nun er wieder bei Muhme Lenelies in dem lieben kleinen, windschiefen -Häuschen saß, merkte er erst, wie groß sein Heimweh gewesen war. Alles -hatte er der Muhme gleich an diesem Abend erzählt; auch daß er hatte -ausreißen wollen und sich der Kameraden geschämt hatte. Wenn sie es -auch schon wußte, er mußte doch das Gesicht sehen, das sie dazu machte. -Die Muhme hatte ihn nur mit ihren stillen, guten Augen angesehen und -gesagt: »Wir laufen alle einmal ein Stück einen falschen Weg. Die -Hauptsache ist, daß wir uns bald zurechtfinden. Nun aber schlaf, mein -Junge, es gibt ja noch viele Ferientage.« - -Friede reckte und streckte sich in seinem Bett. Wie schön war es -wieder daheim bei Muhme Lenelies! O wie köstlich lang doch die Ferien -waren; was konnte man da alles unternehmen! - -Die Kinder unternahmen auch sehr viel. Sie liefen in den Kuhberger -Wald, spielten so heftig Räuber und Prinzessin, daß erst Annchen Amsee, -dann Waldbauers Mariandel in den Brunnen plumpsten. Und immer dachten -sie am Abend, daß Ferientage sicher achtbeinig seien, so fix laufen sie -über die Erde. Traumfriede war bei allem dabei, und wenn Muhme Lenelies -manchmal gedacht hatte, es würde dem Buben nicht mehr auf dem Dorf -gefallen, so merkte sie nun, wie sehr sie sich geirrt hatte. - -Am ersten Tage hatte Friede erzählt, die Sonntagkinder wollten einmal -kommen und Jobst von Hellfeld. Aber ein Tag nach dem andern verging, -sie kamen nicht, bis sie plötzlich eines Nachmittags ganz unvermutet -auf der Dorfstraße standen. - -»Was ist das jetzt für 'ne Geschichte,« sagte Schuster Pechdraht -erstaunt; »da sind ja auf einmal drei Stadtkinder.« Da stürzte aber -auch schon Traumfriede über den Dorfplatz und begrüßte die drei mit -lautem Halloh. »Wie seid ihr hergekommen?« - -»Kaspar auf dem Berge hat uns mitgenommen,« rief das Füchslein und -strich sich sein weißes Kleidchen glatt. »Ich hab' ihn heute früh -gesehen und gesagt, ich möchte nach Oberheudorf. ›Komm mit!‹ hat er -gerufen, na -- -- -- und da sind wir.« - -»Ein paar Tage dürfen wir bleiben,« erzählte Jobst. »Der Wirt hat -gesagt, Nachtquartier bekämen wir, nur heimgehen müssen wir zu Fuß, und -Herr Professor läßt dich grüßen. Er kann nicht kommen, er hat einen -schlimmen Fuß.« - -»Und das da ist Heine Peterle, nicht wahr?« rief das Füchslein und -stürzte so eilfertig auf diesen zu, daß der beinahe hintenüber fiel vor -Schreck. Nachher wurde er aber gleich gut Freund mit dem zierlichen -Stadtmädel. - -Die drei Städter gefielen überhaupt den Oberheudorfern sehr gut, und es -entstand fast ein großer Streit darum, wo sie wohnen sollten. - -»Die Buben kommen zu mir, und das Mädel muß ins Schulzenhaus, weil der -Schulze nun doch mal der Schulze ist,« entschied Kaspar auf dem Berge. -»Immer alles, wie sich's schickt.« - -Da der Wirt die Kinder hergebracht hatte, gaben ihm alle recht, und -so zog Füchslein in das Schulzenhaus, obgleich es am liebsten bei -Muhme Lenelies gewohnt hätte. Aber in dem kleinen Haus war kein Platz, -während es im Schulzenhaus eine stattliche Gaststube gab mit einem -hochgetürmten Federbett darin. Eine ebensolche stattliche Gaststube -bekamen die Buben in der himmelblauen Ente, und sie gaben Kaspar auf -dem Berge recht, als der sagte: »Ein Prinz könnte drin wohnen, wenn -einer da wäre.« - -»In Oberheudorf ist's herrlich,« rief Füchslein am nächsten Tage. »Ich -wollte, ich könnte ewig hier bleiben!« - -Die Hausfrau schenkte ihr gerade Milch ein und stellte ihr die -verlockendsten Honigbrote hin. Jakob, Röse und die jüngeren Geschwister -umdrängten den Gast, und Heine Peterle steckte seine Stubsnase zur Türe -herein und rief: »Ist se noch da?« - -»Warum soll ich denn fort sein?« fragte Füchslein erstaunt. - -»Ich dachte, ich hätt's geträumt,« bekannte Heine Peterle. Er schob -sich zur Türe hinein, warf einen riesengroßen, bunten Blumenstrauß -gerade auf Füchsleins Honigbrot und stammelte: »Du, Muhme Rese sagt, -weil de aus der Stadt bist, mußte de Blumen haben. Spielste auch Räuber -und Prinzessin mit?« - -»Ja,« schrie Füchslein entzückt, »und ich bin der Räuberhauptmann. Ich -kann furchtbar schreien, paßt auf!« Und das zarte Stadtmädel schrie -so laut und gellend, daß alle Hausbewohner zusammenliefen; selbst der -Schulze kam angerannt. »Was macht ihr mit dem Mädel? Potzwetter, mit -'nem Stadtmädel geht man fein um!« - -»Die -- -- die -- -- ist Räuberhauptmann!« Jakob krümmte sich vor -Lachen. Röse und die Kleinen quiekten und kicherten. Heine Peterle aber -stand mit offenem Munde da; endlich atmete er tief und bat: »Schrei -noch mal!« - -»Lieber nicht,« meinte die Hausfrau. »Jetzt hab' ich freilich keine -Angst mehr, ihr könntet zu wild für unsern Gast sein. Da geht nur und -spielt!« - -Und sie spielten. Sie tobten die Dorfstraße entlang, daß Hans Rumpf -grollte: »So schlimm war's noch nie.« Sie spazierten durch alle Gärten, -sahen in alle Ställe hinein, lärmten um den Brunnen herum, und ganz -alltägliche Dinge erschienen den Oberheudorfer Kindern auf einmal -schön und groß, weil die drei Städter sie mit so jauchzender Freude -bewunderten. Wie konnte sich das Füchslein über ein Lämmchen, ein -Zicklein, eine junge Katze oder kleine Hühnchen freuen! So sehr, daß -ihr Heine Peterle, Waldbauers Mariandel und Annchen Amsee am liebsten -alles Kleintier gebracht hätten. Und wie gern fuhren Jobst und Ulrich -mit auf das Feld hinaus, wo gerade der erste Schnitt getan wurde. - -»Die sind besser als ihr,« sagten die Bauern; »die möchten wir wohl -behalten.« Da blähten sich die beiden Stadtbuben ordentlich über das -Lob, und am Abend schmeckte ihnen das Essen so gut, daß Kaspar auf dem -Berge seine helle Freude daran hatte. Denn Gäste, denen es schmeckte, -die tüchtig zulangten und die Schüsseln leer aßen, die hatte man -besonders gern in Oberheudorf. - -In diesem wohlhabenden kleinen Dorfe saßen die Bauern meist schon seit -Urgroßvaters Zeiten auf ihren Höfen. Darum gab es in ihren Häusern -auch viel stattlichen Hausrat. Geschnitzte Truhen und Schränke, -schöne Kannen, Teller und Schüsseln aus Zinn, auch Spinnräder gab es -noch, wenn auch nur ein paar ganz alte Weiblein aus alter Gewohnheit -die Räder surren ließen. Füchslein ließ sich besonders gern alle -diese Dinge zeigen. Die Buben waren mehr für das Draußensein. Wenn -Füchslein auch immer sagte: »Am allerbesten gefällt es mir doch bei -Muhme Lenelies,« so kroch sie doch im Schulzenhaus, bei Heine Peterles -Eltern, bei Amsees und auf dem Waldbauernhof in alle Winkel. Auch in -das Schulhaus kamen die Stadtkinder. Der Lehrer war zu Friedes großem -Leidwesen verreist; aber die Frau Lehrer zeigte den dreien noch am -letzten Tage die Schule. In der sah Füchslein zuerst eine Geige. - -»Eine Geige, eine Geige,« rief sie sehnsüchtig, und die Lust nach dem -geliebten Instrument erwachte in ihr. - -»Kannst du denn spielen?« fragte die Frau Lehrer. - -»Ach ja!« Füchslein streckte die Hände aus. »Darf ich darauf spielen, -einmal nur?« - -»Ja, hole sie dir heute nachmittag. Wenn du gut damit umgehst, leihe -ich sie dir gern.« - -»Oh, mit einer Geige muß man gut sein; sie hat eine Seele, sagt Herr -Wunderlich,« versicherte Marianne Sonntag eifrig. - -»Nun, so hole sie dir jeden Tag!« - -»Ach, morgen müssen wir schon fort,« riefen alle drei betrübt. - -»Es ist dumm,« brummte Jobst von Hellfeld, der ganz vergessen hatte, -daß er nur auf allerdringlichstes Bitten vom Füchslein mitgekommen war. - -Am Nachmittag holte sich Marianne die Geige. Am Dorfbrunnen wollte sie -spielen; so hatte sie es den Buben und Mädels versprochen. - -Ein Mädel, das Geige spielt, hatten die Oberheudorfer noch nicht -gesehen, und selbst die allerfleißigsten Hausfrauen ließen ein Weilchen -ihre Arbeit ruhen, als Marianne Sonntag zu spielen begann. »Wir wollen -auf der Dorfstraße tanzen,« hatten die Kinder gesagt, aber sie vergaßen -das Tanzen über dem Spiel. Feine und süße Klänge durchzogen das Dorf. -Es war wie das Singen der Vögel im Frühling, wie das Rauschen der -Bäume, wenn leise der Abendwind über sie dahinstreicht. Immer stiller -wurde es ringsum, und immer mehr Leute ließen ihre Arbeit ruhen und -lauschten. Niemand aber hörte andächtiger zu als Muhme Lenelies, -Friede und Waldbauers Mariandel. »Es ist, als ob du ein Märchen -erzählst, Muhme Lenelies,« sagte Mariandel leise, und Friede dachte an -Griechenland, von dem Professor von Spiegel ihm erzählt hatte. Er hörte -das blaue Meer rauschen und sah die weißen Tempel am Ufer stehen. Die -Sehnsucht erwachte in ihm, dorthin zu ziehen und alles zu sehen und -dann auch so davon singen zu können wie Homer, der blinde Sänger. - -Daran dachte Heine Peterle nun nicht. Ihm gefiel das Spiel und das -zierliche geigende Mädel furchtbar gut. Er schwitzte ordentlich vor -Entzücken; er wünschte, seine Feldburger Flöte wäre noch ganz, dann -hätte er darauf blasen können, und als Marianne Sonntag die Geige -sinken ließ, schrie er: »Das will ich auch lernen.« - -»Nä, er ist und bleibt ein merkwürdiger Bube, unser Heine Peterle; aus -dem wird noch was Großes,« sagte Muhme Rese zu Muhme Lenelies. Aber -die gab keine Antwort. In ihren guten Augen lag ein stiller Glanz, sie -schaute Marianne Sonntag an, wie ein Blumenfreund eine feine, schöne -Blüte freudvoll betrachtet. Das Stadtmädel schien den Blick zu fühlen; -es lief plötzlich auf die alte, arme Frau zu, legte beide Arme um -deren Hals und flüsterte: »Muhme Lenelies, dich hab' ich aber doch am -liebsten in Oberheudorf.« - -»Fein hast du gespielt, Füchslein,« rief Jobst, der stolz auf die -Freundin war. - -»Ja, schene war's; blasen klingt freilich noch besser,« schnarrte -eine Stimme, die wie eine knarrende Türe klang. Hans Rumpf hatte auch -zugehört und nickte nun wohlgefällig. »Und gut ist's doch, daß es keine -Tänze waren, sonst wär' gleich auf der Dorfstraße getanzt worden.« - -»Ach ja, tanzen, wir wollen tanzen,« flehten ein paar Mädels. - -»Nä, nä, das ist nicht,« brummte Hans Rumpf. Aber niemand hörte auf -ihn. Füchslein begann wirklich eine lustige Tanzweise zu spielen. Sie -kletterte dabei auf den Brunnenrand, und um sie herum hüpften und -sprangen bald alle Buben und Mädel im Kreise. Im Takt, außer dem Takt, -im Polkaschritt und Walzertritt, allein, zusammen, wie es gerade paßte. -Eins schleifte, eins wiegte sich, eins schwenkte die Beinchen, als -wollte es die eigene Nase treffen, eins trampelte einem andern auf die -Füße, ein Mädel purzelte hin; aber alles in allem war es wunderschön. - -Der herrliche Abend ging viel zu früh vorbei, und all die dicken, -rotkarierten Federdecken sperrten ihre Mäuler auf, um die Buben und -Mädel zu verschlingen. Die ließen sich das auch ganz gern gefallen, -und mancher kleine Tänzer drehte sich im Traum noch weiter, linksum, -rechtsum, fiedelfiedeldum. Heine Peterle aber sagte noch halb im -Schlafe: »Ich will auch fiedeln lernen.« - -Nur Traumfriede war an diesem Abend nicht so froh wie sonst. In -Feldburg hatte er sich heiß nach Oberheudorf gesehnt, und heute sehnte -er sich auf einmal nach Feldburg. Er schämte sich ordentlich, als er -immer wieder denken mußte: »Könnte ich morgen einmal heimgehen ins -Spiegelhaus! Wie mag es wohl dem Professor gehen?« - -»Morgen gehen deine Freunde weg,« sagte auf einmal Muhme Lenelies. -»Möchtest du nicht mit und den Herrn Professor einmal besuchen?« - -Friede wurde blutrot. Ja konnte denn die Muhme Gedanken lesen, seine -Wünsche erraten? Er senkte verwirrt die Augen: »Ich bin furchtbar gern -bei dir.« - -Muhme Lenelies lachte leise. »Das weiß ich, mein Friede; aber man kann -irgendwo sehr gern sein, und es kann doch einen andern Ort geben, wo -man auch gern ist. Und eigentlich wär's schlimm, wenn du den Professor -nicht lieb hättest.« - -Friede atmete tief auf und fiel der Muhme um den Hals: »Dich hab' ich -aber doch am liebsten.« - -»Und sehnst dich doch hinaus, das ist nun mal so in der Welt. Geh du -morgen ruhig mit nach Feldburg, übermorgen kommst du wieder, und wir -feiern Wiedersehen.« -- - -Kaspar auf dem Berge hatte gesagt: »Wen ich geholt habe, den bringe -ich auch wieder heim.« Darum brauchten die Stadtkinder auch nicht zu -laufen; sie konnten nach Feldburg zurückfahren. Der Abschied wurde -ihnen deshalb nicht leichter, und obgleich Jobst und Ulli sagten: -»Tränen sind doch dumm,« schluchzte Füchslein ganz herzbrechend. -»Kommt mit, ach, kommt alle mit!« bat sie. Sämtliche Buben und Mädel -standen vor der himmelblauen Ente, als die Gäste schieden. Sogar die -Wickelkinder waren von den großen Schwestern mitgebracht worden. - -»Macht's nicht so arg mit dem Abschied!« mahnten die Erwachsenen. Aber -die Kinder vollführten ein ganz unglaubliches Geschrei. Jedes hatte -noch etwas zu sagen und zu fragen; am liebsten wären sie natürlich -alle mitgefahren, und daß Friede es durfte, neideten sie ihm fast. Nur -Heine Peterle fehlte. Seine Mutter war da und rief nach ihm; Muhme Rese -suchte ihn an den merkwürdigsten Orten. Er war und blieb verschwunden. -»Der wartet am Waldrand,« rieten die Kinder. - -»Vielleicht liegt er noch im Bett,« sagte der dicke Friede. Doch Muhme -Rese versicherte, dort sei er bestimmt nicht. - -»Es ist häßlich von ihm, daß er nicht kommt,« schluchzte Füchslein. Da -tröstete seine Mutter: »Paß auf, er kommt schon, ihm ist's arg leid, -daß du wieder gehst!« - -»Uns auch, uns auch,« schrieen die andern Kinder. »Wir besuchen euch -alle.« - -»Ja,« riefen die Stadtkinder, »bald!« - -»Wenn Zirkus ist; im September ist Zirkus,« rief Marianne. - -»Was ist denn das, ist das was zu essen?« fragte der dicke Friede -nachdenklich. - -Füchslein lachte hell auf und vergaß darüber das Weinen. Sie lachte -immer noch, als der Wagen schon zum Dorf hinausrollte. »Dort steht -Muhme Lenelies vor ihrem Hause,« rief Friede und winkte. Die drei -andern taten es ihm nach. Sie winkten, nickten, die Kinder liefen -hinter dem Wagen her, und immer wieder klang's: »Auf Wiedersehen, auf -Wiedersehen!« - -Bis zum Waldrand liefen die Oberheudorfer mit. Ein bißchen Neugier -war auch dabei, zu sehen, ob Heine Peterle nicht dort wäre. Er war -aber nicht dort, und als die Mitgelaufenen umkehrten und der Wagen in -den Wald hineinrollte, sagte Füchslein betrübt: »Heine Peterle liegt -vielleicht doch noch im Bette.« - -»Nä, da liegt er nich,« erklang's laut, und aus Decken, unter -Strohbündeln hervor kroch sehr vergnügt -- Heine Peterle. »Ich fahr -mit,« rief er stolz. - -»Wer fährt mit?« Kaspar auf dem Berge drehte sich flink auf dem Bock -herum. »Potzwetter, Bube, was fällt dir ein?« - -»Ich will mit, Oheim,« rief Heine Peterle. Kaspar auf dem Berge war -nämlich seiner Mutter Bruder, und er hatte gedacht: »Der Oheim nimmt -mich schon mit, wenn wir nur erst zum Dorf hinaus sind.« - -Er hatte sich aber verrechnet. »So was, das gibt's nicht,« sagte -der Wirt. »Ausreißen gilt nicht. Gelt, daß dir's wie denen in -Schwipperlingen geht! Nä, steig man runter.« - -Da half kein Bitten. Heine Peterle mußte aussteigen. Sein schöner -Plan war zu Wasser geworden. »Wir laden dich bald ein,« trösteten die -Stadtkinder. - -»Ich will auch in die Stadt,« heulte der Bube, »ich lern 's Fiedeln.« - -»Lern du nur erst ordentlich das Lesen und Schreiben,« riet der Oheim. - -»Nä,« murrte Heine Peterle, »fiedeln ist besser, da macht man keine -Kleckse.« Und schwupp, drehte er sich um und lief dem Dorfe zu. Erst -als er dort war, fiel's ihm ein, daß er nicht einmal Abschied genommen -hatte. - -Den vier Reisenden wurde unterdessen die Zeit nicht lang, sie kamen -schneller nach Feldburg, als sie gedacht hatten. Erst fuhr der Wirt -die beiden Sonntagskinder heim, dann Jobst von Hellfeld, der drei -Häuser von denen entfernt wohnte, und zuletzt rollte das Wägelein über -den Johannesplan und hielt vor dem Spiegelhaus. Friede sprang heraus, -nahm kurzen Abschied und lief dann ins Haus. Niemand hatte ihn gehört, -niemand ihn gesehen. Die Tür stand offen, und so kam er unbemerkt an -des Professors Studierzimmer. Er klopfte an und trat ein. Da saß der -Professor über ein dickes Buch gebeugt an seinem Schreibtisch. Als er -den blonden Buben gewahrte, glitt ein froher Schein über sein Gesicht. -»Grüß Gott, Oberheudorfer Friede!« rief er. »Das ist recht, daß du -einmal kommst; ich habe mich schon sehr nach dir gebangt.« - -Da war es dem Friede auf einmal, als flüstere in seinem Herzen eine -Stimme: »In Oberheudorf hast du eine Mutter, in Feldburg einen Vater. -Ei, hast du es gut auf der Welt, Friede Heller!« - - - - -[Illustration] - -Im Zirkus. - - -Im September kam wirklich, wie es das Füchslein gesagt hat, nach -Feldburg ein Zirkus. Es ist aber noch nicht gesagt, daß alle in einen -Zirkus gehen können, wenn schon einer da ist. Die Oberheudorfer Bauern -meinten, es sei genug, wenn ihre Kinder in diesen Herbstferien zum -Vogelschießen nach Niederheudorf gingen. Vom Zirkus wollten sie nicht -viel wissen. Ja freilich, das Vogelschießen lockte nicht minder. Da -wollten sie alle hin, und wenn in dieser Zeit jemand gesagt hätte, -rechts ist Zirkus, links ist Vogelschießen, kein Kind in Oberheudorf -hätte gleich eine Antwort geben können. Einmal bettelte Schulzens Jakob -beim Sonntagmittagessen: »Ich möcht' in den Zirkus.« - -»Ach was, Vogelschießen ist genug,« brummte der Schulze. - -»Aber -- -- aber, Zirkus soll so fein sein! Friede Hopserling sagt, man -muß hin, weil -- --« - -»Na, wenn's Friede Hopserling so gut weiß, dann soll er dich man -einladen und die andern dazu; mir ist's recht.« - -Der Schulze schob seinen Teller ein Stück fort. Das war ein Zeichen: -»Nun sputet euch, ihr andern, wir haben lange genug gegessen.« - -Jakob wagte kein Wort mehr; aber nachher auf dem Dorfplatz erzählte -er, was der Vater gesagt hatte. »Friede Hopserling läd uns nicht ein,« -schrie Anton Friedlich, »aber vielleicht sonst wer.« - -Ja, sonst wer! Niemand fand sich, der es tat. Die Tage kamen und -gingen. Das Vogelschießen kam und ging auch vorbei und war vergnüglich -wie immer, und schon guckten die Herbstferien in das Schulhaus hinein, -und von einer Einladung war nichts zu sehen und zu hören. Da kam eines -Tages ein Brief an den Lehrer, und der ging mit dem Schreiben zum -Schulzen. Der lachte und sagte: »Meinetwegen.« Und ebenso sagten noch -ein paar andere Bauern, und die Bäuerinnen setzten noch hinzu: »Man -gönnt's ihnen schon, das Vergnügen.« - -Auch Muhme Lenelies bekam einen Brief, und auch sie schaute froh drein; -ja sie guckte geschwind mal nach dem Wetter und sagte: »Wenn's doch -schön würde!« - -Am nächsten Tag also gab es in der Schule eine große Überraschung. -Keine solche, bei der die Feuerspritze die Schulstube unter Wasser -setzt oder jemand in die große Trommel fällt oder in sonst etwas -hinein, nein, eine wundervolle Überraschung war es. Professor von -Spiegel lud Traumfriedes Freunde und Freundinnen zum Zirkus ein. -Und das beste dabei war, die Eltern erlaubten es. Glücklicherweise -begannen just die Herbstferien, und Sonnabend früh durften sie -alle nach Feldburg fahren. Am Nachmittag war im Zirkus eine große -Festvorstellung; zu der sollten sie gehen. Der Herr Lehrer hatte die -Sache am Schulschluß gesagt, und das war gut. Wohl keines der Kinder -hätte sonst mehr aufgepaßt. - -»Eingeladen zum Zirkus!« Sie stürzten alle eilfertig auf die Straße. -Dort konnte man sich doch ordentlich freuen, und das taten sie auch -sehr laut und sehr nachdrücklich. In der Stadt hätten die Menschen -wohl gleich die Feuerwehr herbeigerufen oder gedacht, ein Kirchturm -oder mindestens drei Häuser wären eingestürzt, der Krieg sei -ausgebrochen oder so etwas Ähnliches; doch in Oberheudorf war man nicht -so zimperlich. - -Vier Schultage waren es noch, und jeder Schultag dehnte und dehnte sich -wie ein Stück Gummi. Unglaublich, wie es ein Schultag fertig bringt, -so lang zu sein. Aber dann kam doch der Morgen, an dem es hieß: »Heute -geht's nach Feldburg zum Zirkus!« Und daß es kein Traum war, bewiesen -die beiden Wagen, die mit Tannengrün geschmückt auf dem Dorfplatz die -Stadtfahrer aufnahmen. - -Es war eine wunderschöne Fahrt durch den herbstlichen Wald. Die Buchen, -die da und dort in den Tannenwald hineingelaufen waren, und die -Eichen, die am Rande standen, trugen schon ihr goldrotes Herbstkleid. -Sie spreizten ihre Laubkronen stolz in der Sonne und schienen zu -rufen: »Seht uns an, wir haben ein goldenes Gewand.« Ach, die armen -Bäume konnten viel rufen, die Oberheudorfer Buben und Mädel achteten -gar nicht darauf; sie sahen nichts von der Pracht des sonnenreichen -Herbsttages, sie schwatzten nur vom Zirkus. Höchstens sagte mal eins: -»Die Eicheln fallen schon runter,« oder sie lugten auf der Landstraße -nach den Pflaumenbäumen und griffen in die vollen Äste hinein, denn -Friede Hopserling zumal, der den einen Wagen führte, fuhr auch immer so -seltsam dicht unter den Bäumen dahin. - -Im Spiegelhaus warteten die Sonntagskinder und Jobst und Friede auf -die Gäste. Fräulein Wunderlich war herübergekommen und hatte mit Frau -Emma und Marie ungeheure Töpfe voll Schokolade gekocht. Weißbrot und -Kuchen standen bereit, und hinten im Garten waren ein paar lange Tafeln -gedeckt. Professor von Spiegel ging lächelnd und heiter auf und ab, -schaute sich alles an und freute sich mit seinem Pflegesohn auf die -Gäste. Füchslein war in namenloser Aufregung. Sie rannte immer zwischen -Tor und Festplatz hin und her. »Ich kann's kaum erwarten,« rief sie -immer wieder. »Friede, freu dich doch, schrei mal, du bist so still!« - -Traumfriede gehörte nun nicht zu denen, deren Freude überlaut ist. Wenn -er sich so recht innerlich im Herzen freute, war er meist sehr still. -Aber Jobst besorgte etliche Male das Freudeschreien, und drüben in -Wunderlichs Garten krähte der kleine Teufel wie besessen. »Er ahnt, daß -die Oberheudorfer kommen,« sagte Marie. »Es ist ein sehr kluges Tier.« - -Endlich kamen sie. Die beiden Wagen rumpelten laut und vernehmlich -über den Johannesplan, und ein paar Minuten lang war der stille Platz -von dem fröhlichsten Leben erfüllt. »Muhme Lenelies,« rief Friede -plötzlich aufgeregt und stürzte auf die alte Frau zu, die zwischen -allen Buben und Mädeln aus Friede Hopserlings Wagen kletterte. - -»Nun siehst du, mein Friede,« sagte die alte Frau vergnügt, »da bin ich -auch einmal. Wenn man eingeladen wird und es so arg bequem hat, nach -der Stadt zu kommen, ist es eine leichte Sache.« - -Muhme Lenelies konnte es schon sagen, daß es arg bequem sei, auf einem -Mehlwagen zu fahren, denn sie war viele, viele Jahre als Botenfrau den -weiten Weg zwischen Oberheudorf und Feldburg hin und her gegangen. -Heute kam sie als lieber Gast. Professor von Spiegel und Fräulein -Wunderlich gingen ihr beide so freudevoll entgegen, als wäre die -einfache alte Frau ihnen schon eine gute, langvertraute Freundin. - -Das Schokoladenfest im Spiegelhaus war sehr schön, aber das -allerschönste war dann doch der Zirkus. Der war so groß, daß sicher -das ganze Niederheudorfer Vogelschießen mitsamt dem Karussell, dem -Kasperletheater, der Pfefferkuchenfrau und allem, was sonst da war, -hineingegangen wäre. Die Buben und Mädel sagten gleich alle am Eingang: -»Ah,« und sie waren ein bißchen ärgerlich, daß sie nicht »ah« genug -sagen konnten, denn ein Mann rief immer: »Weiter, weiter, Stehenbleiben -ist verboten.« - -»Das ist in Niederheudorf nie verboten,« knurrte Schnipfelbauers -Fritz; aber als er von einem nachfolgenden Mann einen Puff in den -Rücken erhielt, ging er doch eilig weiter. - -Der dicke Friede hatte einen heißen, sehnsüchtigen Wunsch; es war der, -nur einmal im Leben ein richtiges Kasperle zu sehen. Ein Kasperle -war für ihn das Allerlustigste, Allerschönste, was er sich denken -konnte. Als nun gleich zu Anfang ein Clown in die Reitbahn sprang, -entzückte ihn dieses große, lebendige Kasperle so, daß er in ein nicht -endenwollendes Gelächter ausbrach, in das seine Gefährten jauchzend -einstimmten. Und weil es die Oberheudorfer vom Niederheudorfer -Vogelschießen so gewöhnt waren, mit dem Kasperle zu reden, so schrieen -sie allesamt: »Guten Tag, Kasperle, wir sind da!« - -»Freut mich sehr.« Der Clown war etwas verblüfft; der Zuruf paßte nicht -in sein Spiel. Er fragte aber doch: »Woher seid ihr denn?« - -»Aus Oberheudorf!« tönte es zurück, und von gegenüber kamen ein paar -Bubenstimmen: »Herrjeh! die Oberheudorfer sind auch da!« - -Der Clown grinste und schoß zehn Purzelbäume hintereinander, so fix, -daß Anton Friedlich bewundernd rief: »Der kann's fein.« Aber da ritt -plötzlich eine wunderschöne Dame in die Reitbahn, die in ihrem rosa -Kleid mit goldenen Flügeln wie ein leibhaftiger Engel aussah. Sie -verneigte sich auf ihrem Pferd, sprang in die Höhe, streckte erst das -rechte, dann das linke Bein in die Luft und ergriff schließlich ein -von der Decke herabhängendes Seil. Flugs lief in diesem Augenblick das -Pferd unter ihr weg, und Heine Peterle, den eine namenlose Angst um die -schöne Dame ergriff, warnte: »Du, dein Pferd reißt aus.« - -»Seid doch still da oben,« rief der Clown. - -»Ja,« brüllten die Buben und Mädel nach Niederheudorfer Gewohnheit, und -das Pferd erschrak über das Gebrüll und stieg erschrocken kerzengerade -in die Höhe. - -Der Stallmeister rief »Stille!« und der Clown drohte mit der Faust. Nun -sieht aber ein Clown, wenn er ernst sein will, erst recht komisch aus, -und die Buben und Mädel fanden es denn auch so spaßhaft, daß sie vor -Vergnügen kreischten und auf ihren Sitzen hin und her wackelten. Das -steckte an, der Zirkus dröhnte vor Lachen. Da aber keine lustige Nummer -auf dem Programm stand, sondern Miß Florence Wilson ihre Künste als -Seiltänzerin zeigen sollte, ging der Clown rasch hinaus. - -»Adjeh, Kasperle! Legste dich ins Bett?« schrieen sämtliche -Oberheudorfer, und von neuem rauschte das Lachen durch den Zirkus. - -»Nä, Kinder, ihr müßt doch stille sein,« mahnte Muhme Lenelies, während -Professor von Spiegel lachte, daß ihm nur immer die dicken Lachtränen -über die Wangen rannen. Die Kinder dachten: »Wenn man in der Stadt -ist, hört man darauf, was Stadtleute sagen.« Da der Professor jedoch -schwieg und selbst lachte, achteten sie nicht auf der Muhme sanfte -Mahnung, sondern brüllten: »Kasperle, komm raus, Kasperle, komm raus!« - -Da! Atemlos stieß Heine Peterle Annchen Amsee an. Die schöne Dame -war an dem Seil hochgeklettert und schwebte nun wie ein großer -Schmetterling in der Luft auf und ab. »Die kann fliegen,« kreischte -Schulzens Jakob, während Heine Peterles Augen vor Erstaunen immer -runder und kugliger wurden. - -Jetzt trat Miß Florence auf ein hoch über dem Boden ausgespanntes -Seil, und aus der Luft schwebte eine Geige herab. Die ergriff sie und -begann auf dem dünnen Seil stehend zu spielen. Sehr schön klang das -nun zwar nicht, und Füchslein dachte: »Dies sollte Herr Wunderlich -hören, der möchte gut schelten!« Aber die Oberheudorfer gingen beinahe -auseinander vor Staunen. Sie waren noch ganz verdattert, als ein Reiter -mit vier Pferden in die Bahn sprengte und diese die merkwürdigsten -Dinge vollführten. Sie sprangen, stellten sich auf die Hinterbeine, -tanzten. Und Bäckermeisters Mariele flüsterte: »Am Ende sind's gar -keine richtigen Pferde.« - -»Guten Tag, Kasperle, biste wieder da?« brüllten etliche Buben, -und Mariele vergaß ihren Zweifel über dem Kasperle, das mit einem -Purzelbaum in die Reitbahn schoß. Hinter ihm drein kam noch eins, aber -auf einmal -- nein, das war doch nicht schön -- fing der schwarze -Herr mit den Kasperles an zu zanken; er sagte, sie hätten ihm etwas -weggenommen. - -»Laß se doch, die tun doch nischt,« schrieen Jakob und Schnipfelbauers -Fritz empört. - -Aber der schwarze Herr kümmerte sich gar nicht darum, er schalt immer -weiter, immer heftiger auf die Kasperle. Das wurde dem dicken Friede -zu toll, er nahm einen Apfel, den er in der Tasche hatte, und warf ihn -höchst geschickt dem schwarzen Herrn an den Rücken. Dabei kreischte er -zornig: »Die haben nischt genommen, ich hab's doch gesehn!« - -»Nicht wahr?« Der erste Clown trat an die Rampe und sah zu den -Oberheudorfern hinauf. »Du bist aber gut, daß du mir hilfst!« - -Der dicke Friede wurde klatschmohnrot vor Freude über das Lob, er -reckte sich ordentlich und schrie: »Verhau den schwarzen Herrn, der ist -eklig!« - -Schwupp lief das Kasperle zu dem schwarzen Herrn hin; es legte den Kopf -auf die Seite und sagte mit dünner Stimme: »Erlaubst du es mir, daß ich -dich verhaue?« - -»Der ist aber dumm, der fragt erst,« riefen ein paar Buben, und sie -fanden es höchst begreiflich, als der schwarze Herr sagte: »Nein, ich -erlaube es nicht, mach daß du fortkommst.« - -In diesem Augenblick drehte sich eins der Pferde um und fuhr mit seinem -Maul in des Clowns Hosentasche. Der schrie laut auf und flüchtete, -hopps, sprang er über die Bänke, sauste über die Köpfe hinweg und -platsch -- saß er mitten zwischen den Oberheudorfer Buben und Mädeln. -Die kreischten wie besessen. Ein paar Mädel flüchteten unter die Bänke, -der dicke Friede schnappte wie ein Fisch nach Luft, und der ganze -Zirkus bebte von dem Gelächter der Zuschauer. - -Aber -- trapp, trapp, trapp -- kam das Pferd die Treppe herauf. Wutsch, -kroch der Clown hinter Krämers Trude und Schulzens Röse her unter die -Bank und jammerte: »Der war's, der war's!« Dabei zeigte er auf den -völlig sprachlosen Friede. - -Und da -- -- laut gellte das Angstrufen der Kinder durch den Zirkus --, -das Pferd packte den dicken Friede am Hosenboden und trug ihn davon. - -»Es frißt ihn, es frißt ihn, es macht ihn tot! Halt, halt! huhuhuhu!« - -»Aber Kinder, 's ist nur Spaß!« Der Professor konnte kaum noch vor -Lachen. Traumfriede tröstete: »Aber seid doch still, seid doch still!« -Fräulein Wunderlich nahm gleich zwei heulende Mädel auf den Schoß. -Muhme Lenelies wußte nicht, um wie viele sie schützend die Arme -breiten sollte. Die Nachbarn beruhigten: »Kinder, Kinder, es ist ja -nur ein Scherz!« Doch das half alles nichts. Die Kinder brüllten, als -ob sie alle miteinander gebraten werden sollten. Selbst Füchslein, -das doch die Sache kannte, brüllte mit. Nur Heine Peterle brüllte -nicht, der zeigte, was ein echter Held in der Welt ist. Trapp, trapp --- polterte er auch die Stufen hinab, dem Pferde nach, und urplötzlich -fühlte sich das so fest am Schwanz gepackt, daß es den dicken Friede -erschrocken fallen ließ und der in den Sand der Reitbahn kollerte. - -[Illustration] - -Der schwarze Herr und ein paar Diener sprangen herbei, hoben Friede auf -und führten das Pferd zur Seite. Rings von den Bänken und aus den Logen -heraus aber ertönte ein nicht endenwollender Jubel: »Bravo, bravo, -bravo!« - -Das schien dem Pferd besonders gut zu gefallen, denn -- eins, zwei, -drei -- ergriff es Held Heine Peterle am Hosenboden und trug ihn nun im -sausenden Galopp in der Reitbahn herum, bis ihm der Stallmeister ein -»Halt« zurief. - -»Jetzt frißt er Heine Peterle!« Anton Friedlich und Schnipfelbauers -Fritz wollten auch hinunter, wollten auch Helden sein. Doch der -Professor hielt sie erschrocken fest; ihm war es ordentlich unheimlich -zumute geworden bei dem Geschrei. - -Unten sprach der Stallmeister mit dem Pferd, und während der Diener -die beiden Buben vom Staub reinigte, lief das Pferd hinaus und kam -wieder und -- -- brachte eine riesengroße Zuckertüte. Die legte es vor -Heine Peterle nieder, dann kehrte es wieder um, lief noch mal zurück, -kam noch mal wieder und brachte eine zweite Zuckertüte für den dicken -Friede. - -Da vergaßen oben sämtliche Oberheudorfer Buben und Mädel ihre Angst, -und jubelnd fielen sie in das Bravorufen des Publikums ein. - -Der Stallmeister sagte unten etwas zu den Buben, und stolz kehrten -diese nun wieder auf ihre Plätze zurück. Das Pferd aber kam -- trapp, -trapp -- hinter ihnen her. - -»Vielleicht holt's uns, und wir kriegen auch 'ne Tüte,« sagte Anton -Friedlich hoffnungsfroh, aber der Clown jammerte: »Es holt mich, es -holt mich!« - -»Kriech nur wieder unter die Bank,« rieten die Kinder hilfsbereit, -obgleich den Mädeln das Kasperle so in der Nähe recht unheimlich war. -Aber da war schon das Pferd und -- schnapp -- hatte es den Clown am -Hosenboden gepackt und trug ihn nun die Treppe hinab. Unten rollten -die Diener eine große Tonne herbei, und o Entsetzen! das Pferd steckte -Kasperle in die Tonne. Eine Zuckertüte gab's nicht. - -»Das ist, weil er gelogen hat,« rief Heine Peterle und preßte stolz -seine Zuckertüte ans Herz. Trotzdem sah er mitleidig nach dem Kasperle -aus. Würde das in der Tonne stecken bleiben? Die Diener rollten die -zur Bahn hinaus, sie rollten und rollten sehr heftig, und auf einmal -war der Clown draußen, und niemand hatte es gesehen. Die Oberheudorfer -brachen in stürmischen Jubel aus: »Kasperle, das war fein!« - -»Lebt wohl!« rief der Clown, stand plötzlich auf den Händen und lief so -davon. - -»Komm bald wieder!« brüllten ihm alle nach. Da drehte er sich wie ein -Rad und stand wieder auf den Beinen und quiekte mit ganz hoher, dünner -Fistelstimme: »Ach nein, jetzt muß ich mich bei meiner Mutter in einen -Pflaumenmußtopf schlafen legen, lebt alle wohl!« - -»Heute macht der Clown auch zu dumme Witze,« brummte ein alter, -griesgrämiger Herr hinter den Kindern, der sich schon die ganze Zeit -über den Lärm geärgert hatte. - -Da drehten sich urplötzlich alle Buben und Mädel um und starrten den -Griesgram namenlos verwundert an. Der wurde ordentlich verlegen und -murrte: »Das sind ja unglaublich ungezogene Rangen.« - -»Ungezogen, diese Kinder? Na hören Sie, mein Herr, die tun doch -nichts,« rief Fräulein Wunderlich entrüstet. Ihr, die sonst so leicht -gescholten hatte, gefielen alle diese Buben und Mädel gut, denn in -ihrem Herzen war ein Türlein aufgesprungen, durch das viel Freude und -Liebe aus und ein gehen konnte. Waldbauers Mariandel, die neben ihr -saß, streichelte sie zutraulich und flüsterte: »Du bist aber nett, -Fräulein Wunderlich.« - -Annchen Amsee huschelte sich von der andern Seite an sie an, und -Traumfriede drehte sich um und nickte ihr strahlend, dankbar zu. - -Der verdrießliche Herr aber brummelte weiter. Dies war ihm nicht recht -und das. Einige Buben sagten schon untereinander: »Er ist wie Hans -Rumpf, wenn er seinen Linksaufstehtag hat.« - -»Das Schwatzen stört,« knurrte der Herr wieder, schon zornesrot im -Gesicht. - -Unten standen gerade acht Pferde steif in einer Reihe, und alles -wartete neugierig, daß sie springen würden, da tönte in die tiefe -Stille, die just über dem Zirkus lagerte, Annchen Amsees helles -Stimmchen hinein: »Gib dem Herrn was aus deiner Tüte, Heine Peterle, -der ärgert sich nur, weil er keine hat.« - -Hunderte von Augen richteten sich auf den Platz, wo die Kinder saßen, -und alle diese vielen, vielen Augen sahen, wie Heine Peterle über die -Köpfe seiner Gefährten hinweg seine Tüte dem brummigen Herrn darbot. - -»Es sind furchtbare Kinder,« dachte der. All die lachenden Blicke waren -ihm äußerst fatal, und in seiner Verlegenheit griff er wirklich in -die Tüte, und weil er sich schämte, lächelte er dazu ganz freundlich, -und Heine Peterle lächelte wieder und sagte in hörbarem Flüsterton zu -Schulzens Jakob: »Jetzt sieht er nicht mehr so böse aus!« - -»In der nächsten Pause geh' ich,« dachte der brummige Herr wütend. -»Für diese Nachbarschaft danke ich.« Aber dann kam die Pause, und kaum -hatte sie begonnen, da wandte sich Heine Peterle wieder um, streckte -ihm nochmals seine Tüte hin und fragte treuherzig: »Gelt, das ist -fein?« Und auf einmal lächelten ihm alle Buben und Mädel freundlich -und ermunternd zu. Da vergaß er das Weggehen und blieb; er vergaß -aber auch das Brummen, denn der Jubel der Oberheudorfer erklang immer -von neuem so laut, so selig froh, daß sich darüber die griesgrämigsten -Mienen aufhellten. - -Was gab es aber auch nur für wunderbare Dinge in diesem Zirkus! - -Vier feuerrote Clowns brachten vier rosenrote Schweinchen an, und die -machten allerlei Kunststücke. Sie sprangen und marschierten auf Befehl, -wie es noch nie in Oberheudorf ein Schwein getan hatte. - -»Warum machen sie's nur bei uns nicht?« tuschelten die Kinder einander -zu. Ein paar Augenblicke später hatten sie diese Frage schon wieder -vergessen, denn lauter schöne Fräuleins schwebten in die Bahn. Auf -einem Wagen wurde eine Prinzessin hereingefahren, und nun gab es einen -wundervollen Tanz. Als er zu Ende war, war auch die Vorstellung zu -Ende, und der Professor mahnte zur Heimkehr. - -»Schon aus?« »Ach, ich wollte, ich könnte bis morgen bleiben,« erklang -es. Draußen auf der Straße aber rief der dicke Friede laut: »Ich werd'n -Kasperle.« - -»Ich so einer, der mit den Pferden springt,« schrie Anton Friedlich, -und das wollten noch etliche andere ebenfalls. Die Mädel wollten so -wunderschöne Tänzerinnen werden. Annchen Amsee quiekte: »Ich so eine -mit Flügeln,« und Schulzens Jakob, ein dicker, purzeliger Bube sagte -bestimmt: »Ich werd' auch so'ne Dame!« Nur Heine Peterle blieb dabei: -»Ich lern 's Fiedeln.« Alle waren sich aber darüber einig, einstmals -zum Zirkus zu gehen, und Friede Hopserling riet ihnen: »Bleibt doch -gleich da!« - -Das wollten sie nun doch nicht, nur der dicke Friede schwankte ein -wenig, dann kletterte er aber doch noch fix mit auf den Wagen. -Vorläufig erschien ihm das Elternhaus noch verlockender. Freilich, der -Abschied von Feldburg wurde ihnen allen an diesem Abend bitter schwer, -und sie alle stimmten laut und sehnsüchtig in des Füchsleins Ruf ein: -»Ach, lägen doch Feldburg und Oberheudorf nur etwas näher zusammen!« - -Beim Abschied hielt Muhme Lenelies Herrn von Spiegels Hand fest in -ihrer arbeitsharten. Sie wollte ihm danken für alles, was er an ihrem -Friede getan hatte und noch tun wollte, aber sie vermochte nur ein paar -Worte zu reden. Doch der alte Herr klopfte und streichelte die Muhme -herzlich und sagte: »So Gott will, sehen wir uns noch oft, ehe unser -Friede ein Mann geworden ist.« - -»Und Gott geb's, daß er ein rechter Mann wird,« flüsterte die alte -Frau. »So einer wie sein Pflegevater,« fügte sie ganz leise hinzu. - -Der Professor aber hatte es doch gehört. Er sah der alten Frau in die -guten Augen und sagte fest: »So einer, der seiner Pflegemutter Ehre -macht.« - -Von den andern hatte niemand auf das Zwiegespräch geachtet. Die -schwatzten, lachten und lärmten, bis Friede Hopserling »hüh hott« -rief und die beiden Wagen davonrollten. Bis Wiesental etwa ging's -noch laut in den Wagen zu, dann wurde es still und stiller. Ein Kind -nach dem anderen schlief ein; zuletzt wachten außer den Kutschern nur -noch Muhme Lenelies und Friede. Die sahen beide, wie der Mond groß -und rot über den Bergen emporstieg. Dann sahen sie, wie sein Licht -in den Wald eindrang, sie hörten das Rauschen der Bäume und hin und -wieder den verschlafenen Schrei eines Vogels. Manchmal kletterte auch -Friede Hopserling vom Wagen herunter und schaute nach, ob noch alle da -waren, ob nicht eins im Begriff war hinauszufallen. »Die bringen alles -fertig,« dachte er und stopfte kräftig ein vorwitziges Bubenbein in den -Wagen zurück. Reden tat er nicht dabei, und auch der Schulzenknecht, -der den andern Wagen führte, störte die Muhme und ihren Pflegesohn -nicht im traulichen Zwiegespräch. - -»Möchtest du auch zum Zirkus gehen?« fragte Muhme Lenelies den Buben -lächelnd. - -»Nein!« Der schüttelte den blonden Kopf und schmiegte sich fest an die -treue alte Freundin an. »Muhme Lenelies, weißt du, weit in die Welt -hinein reisen möchte ich einmal wie der Herr Professor. Griechenland -möchte ich sehen und viele, viele fremde Länder und viel, viel lernen -und -- --.« Traumfriede wollte noch viel; große Taten wollte er -vollbringen, Schönes, Gutes tun, alles wollte er. Nur die alte Muhme -und der Heimatwald hörten, was er alles wollte, sann und dachte. -Knabenträume waren es, aber Muhme Lenelies dachte bei diesen Träumen -doch: »Vielleicht wird mein Friede noch einmal einer, dessen Name einst -die Welt mit Stolz und Freude nennt. Warum soll in einem kleinen Dorf -wie Oberheudorf nicht auch ein großer Mann geboren werden, ja warum -nicht?« - -[Illustration] - - - - - * * * * * * - - - - -Weitere Anmerkungen zur Transkription - - Offensichtlich fehlerhafte Zeichensetzung wurde stillschweigend - korrigiert. - - Korrekturen (das korrigierte Wort ist in {} eingeschlossen): - - S. 44: Nachbargarten im Scan unlesbar - starrte in den {Nachbargarten} hinunter und dachte - - S. 90: emfing → empfing - denn der Professor {empfing} die Kinder so freundlich - - S. 164: leuchete → leuchtete - In Friedes Augen {leuchtete} es auf - - S. 166: im → ihm - die große Wurst sauste {ihm} plötzlich an den Magen - - S. 237: ihn → ihm - bis {ihm} der Stallmeister ein »Halt« zurief - - S. 242: Hosperling → Hopserling - und Friede {Hopserling} riet ihnen - - - -***END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK DIE OBERHEUDORFER IN DER STADT*** - - -******* This file should be named 50136-0.txt or 50136-0.zip ******* - - -This and all associated files of various formats will be found in: -http://www.gutenberg.org/dirs/5/0/1/3/50136 - - -Updated editions will replace the previous one--the old editions will -be renamed. - -Creating the works from print editions not protected by U.S. copyright -law means that no one owns a United States copyright in these works, -so the Foundation (and you!) can copy and distribute it in the United -States without permission and without paying copyright -royalties. 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