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-Project Gutenberg's Die Schwägerinnen. Zweiter Theil., by Henriette Hanke
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-Title: Die Schwägerinnen. Zweiter Theil.
-
-Author: Henriette Hanke
-
-Release Date: October 4, 2015 [EBook #50128]
-
-Language: German
-
-Character set encoding: ISO-8859-1
-
-*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DIE SCHWÄGERINNEN. ZWEITER THEIL. ***
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-
-Produced by The Online Distributed Proofreading Team at
-http://www.pgdp.net (This file was produced from images
-generously made available by The Internet Archive)
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-[ Symbole für Schriftarten: _gesperrt_ : =Antiqua= ]
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- Die Schwägerinnen.
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- Roman
- von
- Henriette Hanke
- geb. Arndt.
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- Zweiter Theil.
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- Ist die Natur nicht mit dem Glück im Bunde,
- Dann kommt sie übel fort, wie jede Saat,
- Die man gesäet auf fremdem falschen Grunde.
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- _Dante Alighieri._
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- Hannover, 1836.
- Im Verlage der Hahnschen Hofbuchhandlung.
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-Graf Frankenstern war der letzte Sprößling eines alten fränkischen
-Geschlechts. Früh verwais't, seinem Stammhaus entfremdet, hatte er den
-Besitz der deutschen Standesherrschaft Bonna und Bühle, einer Spaltung
-der Familie und dem Unglück seines Oheims zu danken, der vier kräftige
-Söhne in der Blüthe ihrer Jugend hinsterben sah, um dies reiche Majorat
-einem kränklichen Neffen zu hinterlassen, der schon im Sarge gelegen.
-Graf Frankenstern war von Kindheit an zu Starrkrampf geneigt, und in
-solchem Zustande einmal für todt gehalten worden. Ein rettender Zufall
-gab ihn dem Leben zurück; doch den tiefen Eindruck jener entsetzlichen
-Gefahr nahm die Oberfläche der Welt nicht mehr hinweg. Dem edlen
-Gesichte blieben leichenhafte Züge, ein Grauen vor Allem, was an das
-Grab erinnert, wurzelte tief in der Natur dieses Erstandenen, und jene
-bange einsame Ruhe, welche die Todten umschwebt, wich nie von seiner
-blassen Stirne. --
-
-Von seinem Oheim mit kalter Strenge behandelt, hatte Graf Frankenstern
-schon zeitig das Weh empfunden, ein aufgedrungener Erbe zu seyn. Kein
-inniges Band zärtlicher Achtung knüpfte ihn an seine Verwandten, Liebe
-machte seine dankbare Pflicht nicht freiwillig: das Schloß zu Bonna war
-eine Oede des Hasses für seinen künftigen Herrn. Als dieser nun auf
-eine ferne Ritterschule kam, fühlte er sich zum erstenmale gesellig
-glücklich, und in einem Zusammenhange, der sein Herz erweiterte.
-Vorzugsweise schloß er sich an einen jungen Edelmann fremder
-Abkunft, und vielleicht war es weniger manches Gleiche in den äußern
-Verhältnissen der beiden Jünglinge, als ihre innerste Verschiedenheit,
-was diese Freundschaft begründete.
-
-Sylvius de Romana war durch ein seltsames Geschick von den Küsten seiner
-Heimath auf den Boden dieses Landes verschlagen worden. Seine Vorfahren
-hatten großen Rang und Reichthum in Spanien behauptet, doch den
-Umschwung ihres zeitlichen Glückes erfahren, und seitdem die schwebende
-Fortuna auf andern Stellen der Erdkugel gesucht. Eine junge verwittwete
-Dame jenes einst glänzenden Namens bewohnte im Gebiet von Valencia ein
-verfallnes Landhaus am Meere. Sie hatte den Gemahl auf einer Seereise
-verloren, und den letzten schmerzlichen Trost entbehrt, seinen Leichnam
-gesehen zu haben. Sein Ebenbild, ein holder Knabe, war ihr einziges
-Glück! -- Nach einer stürmischen Gewitternacht, in der ein Schiff
-verunglückt war, fand Donna Romana einen Mann besinnungslos an einen
-Balken geklammert, unter Trümmern am Strande. Sein Blut floß aus einer
-Armwunde, die er im Kampf gegen den Untergang davon getragen haben
-mogte, sacht in den glühenden Sand. Dieser traurige Anblick regte in der
-Spanierinn Erinnerungen auf, die sie bestimmten, sich des Ohnmächtigen
-anzunehmen. Sie glaubte noch schwache Spuren des Lebens in ihm zu
-entdecken. Es war der Kaufmann, den jener Verlust betroffen; doch die
-Dame dachte nur an ihren eigenen, indem sie ihm Hülfe leistete. Sie ließ
-ihn in das Landhaus tragen und pflegte sein mit samaritischem Geist. Er
-erkrankte schwer, das Fieber ward durch die schädlichen Einflüsse des
-Climas und der Jahreszeit auflösend; doch er genas, und kaum war der
-Sieg seiner rüstigen Natur entschieden, als die gute Dame ein Opfer
-ihrer Menschenfreundlichkeit ward. Die Dame richtete die schwarzen
-Augen, vor denen die Schatten des Todes schwebten, auf den
-unglückseligen Gast, der händeringend an ihrem Lager stand -- dann
-erlosch ihr Blick, dieser mütterliche Strahl, auf dem weinenden Gesicht
-ihres Kindes. Der Kaufmann vergaß niemals diesen Blick. Das Lächeln,
-womit die Mutter starb, als sie ihren Sohn in den Armen jenes Mannes
-und sich verstanden sah, hatte ein Testament in sein redliches Herz
-geschrieben, mit Zügen, die keine Zeit verwischte. Niemand that
-Einspruch, als der Fremdling den kleinen Romana als sein Eigenthum
-ansah, und sobald er dazu im Stande war, ihn fortführte von dieser
-traurigen Küste. Der kleine Sylvius nahm nichts von dort mit sich
-hinweg, als ein dämmerndes Gedenken an die Schönheit seines Vaterlandes,
-eine Sprache, die in der Stimme seiner Mutter lebenslang wie
-Frühlingslaut an seine Seele rührte -- und das Blut seiner Nation, das
-stolz und heiß in seinen Adern floß. Im Hause des Kaufmanns kam dem
-Knaben daher -- sprüchwörtlich gesagt -- Alles spanisch vor, und nichts
-heimisch. Bis dahin hatte er im Garten des mütterlichen Landhauses
-unter einer Dattelpalme, in deren Kern sich bekanntlich die
-Seidenraupe einspinnt, den langen Tag der Kindheit verträumt, und,
-ein Fischerliedchen summend, kleine Grotten von Muscheln gebaut. Jetzt
-schirmte ihn zwar auch der Baum des Friedens und des Fleißes; aber der
-Ernst eines geschäftsthätigen Lebens rief seine Kräfte zu nützlicher
-Uebung auf. Das jüngste Töchterchen des Kaufmanns hatte sich mit Sylvius
-in eine Art von Verständniß zu setzen gewußt, die andern Geschwister
-nicht. Die kleine Blanka schien ihm ein Engel, und waltete schützend
-um ihm wie ein solcher. Einst sagte sie bittend: »Vater! lasse doch den
-kleinen Ritter --« der Kaufmann lächelte zu dieser anmuthigen Benennung,
--- »nicht mehr in die Manufactur gehen; das Getöse der Webstühle macht
-ihm Kopfschmerz.« Der Vater legte seine Hand auf die blonden Flechten
-seines Kindes und sprach: »das Meer, daran die Wiege Deines kleinen
-Freundes gestanden, toset viel stärker, Blanka!«
-
-Aber er sorgte dafür, daß Sylvius bald darauf in verhältnißmäßige
-Aufsicht käme, und brachte ihn später in jenes adelige Institut, wo
-er sich, wie wir bereits erwähnt, mit Graf Frankenstern freundlich
-zusammenfand. Als die Zeit ihrer Trennung gekommen war, dachten sie
-kaum, wann? und wo? ein günstiger Stern sie wieder vereinigen werde, und
-eben so wenig daran, einen Briefwechsel zu verabreden. Das Band einer
-jugendlichen Freundschaft hält sich so stark, daß es keiner Verknüpfung
-dieser Art bedarf oder zu bedürfen glaubt.
-
-Graf Frankenstern kehrte nach Bonna zurück, und nahm die Stellung ein,
-auf die er Ansprüche hatte. Die Welt zog ihn in ihre Kreise, ohne daß er
-sich ihrem Interesse hätte anschließen können; immer war und blieb der
-Hang zur Einsamkeit vorherrschend in ihm.
-
-Als er nach dem Tode seines Oheims die Güter antrat, meinte er, es
-sey nun schicklich, daß er sich vermähle. Wenig zugänglich für
-leidenschaftliche Gefühle der Liebe, richtete er mit ruhiger Ueberlegung
-sein Augenmerk auf die Töchter edler Herkunft, und seine Wahl fiel auf
-ein liebes, leutseliges Wesen, welches den Grafen durch eine Ahnung
-von Stille für sich einnahm, die in diesem Gemüth wohne, und ihn ein
-Uebereinstimmen ihrer Neigungen hoffen ließ. Ein so glänzendes Loos
-wäre dem Fräulein nicht im Traume eingefallen. Dies liebenswerthe Kind,
-elternlos und unbegütert, lebte in Mitten einer hochmüthigen Familie,
-hart gedrückt, und war, ohne Aussicht auf eine andere Versorgung,
-entschlossen gewesen, den Schleier zu nehmen, der damals noch manches
-Mädchen durch freiwillige Entsagung vor dem Schmerz schützte, unbegehrt
-von einem Manne zu bleiben. Der irdische Bräutigam kam bei dem Fräulein
-dem himmlischen zuvor, und ein beinahe fürstlicher Brautschatz machte es
-dem Gelübde der Armuth untreu.
-
-Aber es schien doch, als ob jene Idee Beruf und Element dieser
-jungfräulichen Seele gewesen wäre. Ein klösterlicher Hauch -- wenn wir
-so sagen dürften -- schwebte um die Gestalt der jungen Gräfinn, und
-die Blume ihres Glückes hatte einen Athem von Resignation. Sie verehrte
-ihren Gemahl gleich einem Schutzheiligen, hütete sich sorgsam, gegen
-seine Eigenheiten zu verstoßen, deren der Graf wirklich viele hatte;
-doch war es nur Achtung, nicht Liebe, was die Gräfinn so zart in ihren
-Pflichten machte. In ihrem Herzen blieb eine Lücke, welche der ganze
-Vollbesitz ihrer Lage nicht auszufüllen vermogte. Einen verborgenen
-Kummer trug sie darüber. In ihrer linken Brust war eine kleine
-Verhärtung entstanden, die Gräfinn wußte nicht wie? Sie hatte lange
-keine Gelegenheit, einen Sachverständigen um Rath zu fragen, und dann
-eine schmerzliche Schaam zu überwinden, als es später doch geschah. Der
-Graf duldete keinen Wundarzt erster Classe im Bereich seiner Herrschaft,
-und der Bader des Ortes mußte sich wie ein Geächteter seinem Blick
-entziehen. Als die Gräfinn ihrem Gemahl sanfte Vorstellungen zu machen
-pflegte, ward er heftig und sagte: »nein, nein! meine Liebste! solch ein
-Messer in der Hand des Chirurgs, was er mit Gleichgültigkeit entblößt,
-während das arme Opfer zitternd sitzt und nach dem furchtbaren Stahl
-zitternd hinblinzelt -- ist mir nicht viel anders, als ob ich ein
-Richtschwert schwingen sähe. --« Ein jäher Krampf flog über seine Züge,
-die Gräfinn erbleichte -- und es war nie mehr die Rede davon.
-
-Nur zum Behuf des Gottesdienstes durften die Glocken in Bonna geläutet
-werden; die Todten wurden ohne Sang und Klang bestattet. Der Graf
-entschädigte die Geistlichkeit für den Verlust, den sie an diesen
-stillen Begräbnissen erlitt, sehr freigebig. Doch, wie väterlich er
-für seine Unterthanen sorgte, ihnen Krankenhäuser baute, nasse Augen
-heimlich trocknete, und sich als den Schutzfreund ihrer Wittwen und
-Waisen bewies, so verziehen sie es ihm doch nicht, daß er ihnen den
-Genuß öffentlicher Trauer und Thränen raubte; das Gepränge mit ihren
-Todten galt ihnen mehr, als die Zufriedenheit der Lebendigen. Daß ihr
-gütiger Grundherr einen Grund zu diesem Verfahren haben müsse, dies
-sahen sie nicht ein. Der Graf fühlte jedesmal eine Anwandlung seiner
-Krankheit, so oft er einen Leichenzug erblickte. Endlich machte er
-seinen Unterthanen den Vorschlag, ihre Gestorbenen zu verbrennen,
-und diese classische Idee wurzelte in seiner nervösen Furcht vor der
-Möglichkeit, lebendig begraben zu werden. Alle Spuren der Verwesung
-wären dann vertilgt vom Boden seines Gebiets, und er war Willens, der
-Erfüllung dieses Wunsches Denen, die sich ihm fügten, große Vortheile
-einzuräumen. Der Aschenkrug, darin die Reste der guten Landleute von
-Bonna gesammelt würden, sollte ein volles Maß von Wohlergehen über sie
-ausgießen. -- Aber es gab einen Aufruhr -- und wenig fehlte, so hätten
-sie das Schloß gestürmt und den Grafen gesteinigt. Nur die abgöttische
-Hochachtung vor seiner Gemahlinn hielt das Volk von roher Unbill zurück.
-
-Von dieser Zeit an ward Graf Frankenstern mit Vorurtheil gehaßt. Dies
-nährte seinen tiefsinnigen Stolz, und er verschloß sich in sich
-selbst; nur das Gefühl, geliebt zu seyn, macht populair. Seine Güte
-war Grundsatz, deshalb erschütterte ihn der Undank nicht; aber er stand
-allein, und auf einer schroffen Spitze.
-
-»Das wollen wir erleben, _Der_ wird noch überschnappen --« sagte der
-Bader, so oft er eine alte Gevatterinn zur Ader ließ, beflissen, den
-Widerwillen des Grafen gegen seine Person auf eine Art zu erklären, die
-nur Jenem schadete. So kam das Gerücht in Umlauf, es sey nicht richtig
-mit ihm. Und da die Sage es ist, welche Verhältnisse schafft, so wie
-nicht selten durch die Meinung Zustände entstehen: so schwebte auch
-dieserhalb Graf Frankenstern in Gefahr, für wahnsinnig gehalten zu
-werden.
-
-Mit jener tiefen Wehmuth, die nur die Reichen dieser Welt kennen, die da
-wissen, wie nichtig eitler Besitz für das Bedürfniß des Glückes sey
--- entäußerte sich die Gräfinn ihrer Vorzüge, und meinte das Beste
-zu entbehren, da es nicht in ihrem Vermögen läge, ihren Gemahl zu
-erheitern. Sie glaubte, seine finstere Seele werde sanften Eindrücken
-sich öffnen, als sie sich Mutter fühlte, und ihr ganzes Herz hing
-an diese Hoffnung. Die Gräfinn ward von einem Knaben entbunden, aber
-schwer; es mußte ein Geburtshelfer geholt werden. Der Graf hielt sich
-in seinen Zimmern, und kam nicht eher wieder zum Vorschein, bis man ihm
-sagte, Alles wäre vorüber.
-
-Wie duldsam die Gräfinn nun auch war, eine kleine Empfindlichkeit, so
-weit ihre Schwäche sie zuließ, konnte sie doch nicht bergen. Und als das
-Kind nach kurzer Zeit an Krämpfen starb, brachte der Gedanke, mit welch
-einsamen Schmerzen sie es geboren, und daß die Natur des Vaters es
-ihr entrissen -- die Mutter aus dem Gleichgewicht sanftmüthiger
-Gelassenheit, so daß sie schwankte, zwischen Groll und Gram. Der Graf
-weigerte sich, den kleinen Leichnam zu sehen, und seine Gattinn fühlte
-sich verlassen wie eine Wittwe, da sie ihn mit ihren mütterlichen
-Thränen salbte. »Mein Kind, mein süßes, kleines Kind!« jammerte die
-Gräfinn, »so mußtest Du mir hinsterben, bewußtlos wie eine Blume
-einschläft, die in tödtendem Frost erschauert! -- Und kaum habe ich das
-Blinken Deines Auges gesehen, keinen Blick des Verstandes. --«
-
-»Das Kind war weise --« sprach der Graf am Fenster eines Coridors, wo er
-in der umgebenden Stille die Klage seiner Frau vernommen hatte.
-
-»_Weiß_? sagst Du?« fragte die Gräfinn, aufhorchend, welch ein Wort
-der stumme, scheinbar kalte Vater fallen ließe, und schritt mit matten
-Schritten näher, »nein, da irrst Du, mein Gemahl! es hatte von Geburt an
-eine blaurothe Farbe.«
-
-»Es war _weise_, sagte ich,« betonte der Graf, »denn es sträubte sich
-gegen das Licht dieser Welt, und hat sie bald wieder verlassen, weil
-sich die Mühe des Lebens nicht verlohnt.«
-
-Diese Worte schnitten mit zwiefachem Weh in die Seele der Mutter, sie
-erinnerten an Stunden der Angst, und zeigten, welch eine düstere Ansicht
-ihr Gemahl von einem Daseyn hätte, das Schätze über seinem Haupte
-gehäuft, ohne ihm eine Freude abzugewinnen.
-
-Die Gräfinn konnte sich nicht von dem Anblick ihres Kindes trennen, und
-hätte es lieber wie ein Bild unter Glas und Rahmen gesetzt. Sie schützte
-vor, es könne wohl gar in Starrsucht liegen; aber es lag im Arm des
-Todes.
-
-Der Graf hatte die ganze Zeit unbeschreiblich gelitten, und sein
-bleiches, verstörtes Gesicht forderte Schonung für seinen Zustand.
-Da dieser Zustand nun das Geheimniß eines Leidens war, was innig
-verflochten in das wundervolle Gewebe der Nerven, nicht minder eine
-Krankheit der Seele wie des Körpers genannt werden können, und die
-Menschen in der Regel nur ein mitleidiges Auge für sichtbare Uebel
-haben: so schonte selbst die Gräfinn bei aller natürlichen Zartheit der
-Empfindung, ihren Gemahl nicht immer genug. Wir wollen bedenken, daß
-der Gräfinn jenes Gefühl für ihn abging, welches allein den Geist zu
-durchdringen vermag: die _Liebe_ -- das tiefste Verständniß! --
-
-Ob wir auch Tugenden an dieser liebenswürdigen Frau rühmen müssen,
-die kein Gemeingut ihres Geschlechts sind, und nur das Eigenthum der
-edelsten weiblichen Seelen, so war sie doch als Evas Tochter von einer
-kleinen Schwäche nicht frei. Der Reiz des Versagten wirkte auf
-ihren bescheidenen Sinn. In absonderlicher Hinneigung zu Aerzten und
-Wundärzten, nahm sie den geringsten Anlaß wahr, ihre Kunst anzusprechen,
-selbst den Bader von Bonna grüßte sie freundlich und bedeutsam -- was
-freilich zur Ehre eines vergütenden Willens erklärt werden könnte. Für
-die Utensilien des Todes hatte die Gräfinn ein bemerkendes Interesse;
-und so wie Jemand das, was eine Gestalt in ihm gewonnen, in jedem
-Gegenstande erblickt: so prägte sich ihr Alles zu Bildern der
-Sterblichkeit aus.
-
-Im Verschluß ihres Gemahls befand sie eine Chatoulle, worin die Juwelen
-der Familie aufgehoben lagen. Dies Kästchen, von einer Form, wie man
-auch jetzt noch, nur im kleinsten Verhältniß, ein kompendiöses Nähzeug
-für Damen kennt, war von dunklem Saffian; um die schmal abwärts laufende
-Höhe zog sich eine feine stählerne Gallerie, Schloß und Handhaben waren
-massiv und von Silber. Die Gräfinn, gleichgültig gegen Schmuck und Putz,
-so daß sie als Braut jedes schimmernde Geschenk verschmäht hatte,
-liebte von allem Geschmeide nur Perlen. Eines Tages erwähnte sie
-gesprächsweise, daß die Perlen im Halsband von ihrer seligen Mutter,
-worin sie sich trauen lassen, nun auch abgestorben wären. Sie sagte
-dies mit so bekümmerter Miene, als wäre ein Leben von größerem Werth ihr
-erblichen. »O! da sey ruhig, mein Schatz!« antwortete der Graf eilig,
-weil jener bildliche Ausdruck ihn schon leise ängstete, »Perlen kannst
-Du sehr schön haben, wirklich köstlich; ächte! orientalische! --« Und
-mit freundlicher Gefälligkeit für den Geschmack der Gattinn, ließ er das
-Kästchen aus dem Behältniß eines Schrankes heben, und reichte ihr
-den Schlüssel. Die Gräfinn war doch eine Frau. Mit leuchtenden Augen
-betrachtete sie das nette Köfferchen und sprach: »ist dies doch ein
-förmlich kleiner Sarg! das niedlichste Modell zu einem solchen. Oben
-fehlt nur noch das Crucifix, so ist er fertig.« Das Schloß, leise
-erklingend, that sich auf; dieser Ton, jene Worte, berührten in dem
-Grafen eine überspannte Saite -- und schaudernd wendete er sich ab.
-
-»Und innen auch --« fuhr die Gräfinn unvorsichtig fort, »dieses duftende
-Kissen von weißem Atlaß, mit kleinen Franzen besetzt, was darauf ruht,
-ist doch ein wenig mehr als Staub. --« Sie nahm ein Stück nach dem
-andern heraus, und der Schimmer der Edelsteine spiegelte sich in ihrem
-lächelnden Blicke.
-
-Der Graf bat seine Frau mit dumpfer Stimme, das Kästchen von nun an in
-Gewahrsam zu behalten.
-
-Eine abermalige Niederkunft der Gräfinn war nicht glücklicher als die
-erste. Das Kind starb an Krämpfen. Sie fing an zu zweifeln, daß ihr
-Mutterfreuden beschieden seyn würden, nur halb getröstet von dem
-Gedanken, es geschehe ihr zum Wohl: denn kränklichen Geschöpfen das
-Leben gegeben zu haben für langes Leiden, sey viel schmerzlicher, als
-ihren frühen Tod zu beweinen.
-
-Graf Frankenstern nahm diesen Verlust mit gewohnter düstrer Fassung hin,
-und diese melancholische Unempfindlichkeit vereinsamte seine Gattinn in
-ihrem Schmerz. Mit der bedenklichen Stelle in ihrer linken Brust war
-es während jener Zustände schlimmer geworden, und ein erfahrener Arzt
-äußerte, wenn die Gräfinn nur nicht wieder guter Hoffnung würde, so
-dürfe sie schon ohne Furcht seyn. --
-
-Eine Reihe von Jahren war hingegangen, ohne daß irgend ein Ereigniß
-bedeutender Art die tiefe, eintönige Ruhe im Schloß zu Bonna
-unterbrochen hätte. Es war der Gräfinn zuweilen, als hätte sie seit
-ihrer Verheirathung ein Weltalter durchlebt. -- Sie brachte jeden
-Sommer eine Zeitlang in Bühle zu und besuchte dann freundschaftlich die
-Cisterzienserinnen von Sanct Capella. Mit einem schmerzlichen Lächeln
-blickte sie in das heitere, vollblühende Gesicht mancher geistlichen
-Schwester, deren Geburtstag nicht weit von dem ihrigen aus einander lag.
-Sie sah an dem jungen Zuwachs der Töchter auf den Gütern ihres Gemahls,
-daß sie alt würde, und nahm in trübem Verzichten auf die Freuden des
-Lebens das Gefühl einer Matrone voraus. Die schweigsame Haltung
-des Grafen, die goldne Wucht des Reichthums und der Druck der
-Gleichmäßigkeit, beugte ihre liebliche Gestalt vor der Zeit.
-
-Jetzt aber wurde die Gräfinn, deren zarte Gesundheit selten gestört
-gewesen, sehr kränklich und verfiel sichtbar. Ein Arzt, dem die Gräfinn
-ihr Zutrauen schenkte, meinte, als er ihre Klage vernahm, sie fühle sich
-beengt und einen Andrang nach dem Herzen -- traurige Gedanken schwebten
-ihr beständig vor, und sie sey nicht mehr im Stande, die Stimmung ihres
-Gemahls auszuhalten --: es läge ihr ein wenig im Gemüth, und Zerstreuung
-würde hier das Beste thun. Die Gräfinn schüttelte leise den Kopf, wobei
-ein paar Thränen von ihren Wimpern tropften. Sie sprach: »habe ich jene
-Schwermuth, unter der eine Frau unsäglich leidet, doch so lange mit
-Freudigkeit getragen, warum sinkt mir denn jetzt der Muth?«
-
-»Weil jede Last mit jedem Tage schwerer und zuletzt unerträglich
-wird --« erwiederte ihr hierauf der Doctor. Er gab sein Gutachten dahin
-ab, daß, wenn der Graf sich entschließen könnte, die Bäder von S... zu
-gebrauchen, so wäre hoffentlich auch seiner Gemahlinn geholfen. -- Es
-kostete einen schweren Entschluß, daß dieser Rath befolgt würde. Der
-Graf war beinahe menschenscheu, die Gräfinn, durch langes Entwöhnen von
-geselligem Umgang nonnenhaft blöde geworden; es grauete Beiden vor dem
-Geräusch der Welt. Der Graf machte die schöne Reise wie ein Automat. Er
-sprach nur, was er mußte. -- Die Gräfinn saß stumm an seiner Seite,
-und ihr Blick streifte düster über die wallenden Getraidefelder hin, an
-denen noch die letzte Blüthe hing -- oder tauchte unter in ein Meer von
-Sorgen. Sie ließ halten, so oft ein Fußgänger, mühselig und beladen, ein
-Armer am Wege mit neidendem Staunen zu der prächtigen Equipage aufsah,
-und reichte ein Geldstück heraus, das ihm fröhlich weiter half. So
-sammelte die gute Gräfinn tausend Segenswünsche ein, und der große
-Rentirer an der Hauptcasse des Himmels zahlte richtig an Ort und Stelle
-die Zinsen des Wohlthuns.
-
-In dem pallastähnlichen Hause, worin Graf Frankenstern mit seiner
-Gemahlinn Wohnung fand, hatte die nächst daran stoßenden Zimmer ein
-alter freundlicher Mann, mit einer jungen blassen Frau inne.
-
-Ein Zufall brachte die Gräfinn schon am ersten Morgen in nähernde
-Beziehung zu dem alten Nachbar. Es war ein berühmter Accoucheur, der
-seiner Schwiegertochter zu Liebe hierher gekommen war. Er erzählte,
-die junge Frau hätte fünf todte Kinder geboren, »und _fünftausend
-lebendige_,« setzte er mit summarischem Accent und einer Mischung von
-Stolz und Schmerz hinzu: »habe ich mit dieser meiner Hand eingetragen,
-und komme mir deshalb wie ein kleiner Herrgott vor, der seine Kinder
-=nolens volens= an das Licht bringt.«
-
-Bei diesen Worten hob er die Hand empor, die obgleich klein und hager
-doch so gewaltig war; der Gräfinn Auge haftete auf einem Siegelringe
-am Finger des Priesters der Lucina. Sie erröthete gleich dem schönen
-Carniol, und faßte ein Herz zu diesem Manne. --
-
-»Mein bleiches Töchterchen,« fuhr er fort, »thut mir leid; das gute Weib
-grämt sich und weint oftmals im Stillen, eine Leichenmutter zu seyn.
-Und ich, der Geburtshelfer! kann ihr nicht helfen, und muß meinen Ruf
-verlieren am eigenen Blut. So kannte ich einen Mann, der die halbe
-verkrüppelte Welt gerade gemacht hatte, und sein einziger Sohn war
-ein Aesop. Dies ist ein herber Spott für die Kunst, und ein mächtiger
-Schlagbaum gegen den Egoismus; aber gewiß eine weise Einrichtung von
-Gott. Die Kräfte des Einzelnen gehören der Menschheit und nicht seinem
-Glück.«
-
-Die Gräfinn hörte ihm mit ersichtlicher Theilnahme zu. Sie kam sich,
-im Vergleich zu jener beklagenswerthen Frau, minder unglücklich vor. So
-erwähnte sie ihrer eigenen Leiden, und fragte ihn um seine Meinung, über
-den Gebrauch der Bäder dieses Ortes für sie selbst. Der Alte that ein
-paar Querfragen, dann mit einem practischen Lächeln den Ausspruch: die
-Gräfinn würde noch vor Ablauf des Jahres einer kleinen Wanne bedürfen.
--- Sie sah ihn an mit einem Blick -- einem Blick! -- wenn, nach einem
-platonischen Ausdruck, Verwunderung die Mutter des Schönen und Guten
-sey: so dürfen wir, in kühner Anwendung desselben, die Gräfinn als eine
-Gesegnete ihres Geschlechts betrachten.
-
-In dieser Stunde ging der Graf einsam ins Freie; er überließ sich seinen
-Gedanken, und gerieth auf einen jener geheimnißvollen Spaziergänge,
-die dadurch an ihrem Reiz verlieren, daß die Menge sie weder kennt noch
-sucht. Unter dem Niederhang einer Birke saß ein Mann, der einen Knaben
-zwischen seinen Knieen hielt, dem er aus einem Buche etwas zu erklären
-schien. Der Graf grüßte stumm und ging vorüber. »Gieb Acht, Sylvius!«
-sagte der Fremde, als der Knabe zerstreut Jenem mit seinen Blicken
-folgte.
-
-»Sylvius!« wiederholte der Graf leise, und blieb stehen, um einem
-Echo der Erinnerung zu lauschen. Als er aber jenen Mann mit einer
-fremdartigen Aussprache weiter reden hörte, rief er, daß Berg und Thal
-davon wiederhallte: »Sylvius!« Vater und Sohn dieses Namens sprangen
-erschrocken auf, und Romana lag in den Armen seines Freundes.
-
-Der Knabe stand ausgeschlossen, ja scheinbar vergessen, und schaute
-mit großen Augen unter einem strohernen Hütchen hervor, dem eine kleine
-rothe Feder ein phantastisches Ansehn gab; der Unbekannte hatte sich mit
-all' der hinreißenden Gewalt der Freundschaft seines Vaters bemächtigt.
-
-»Sieh hier meinen Sohn!« sagte der ältere Sylvius, und streckte seine
-Hand nach dem jüngeren aus: »mein einzig Gut -- Du bist wohl reicher,
-Frankenstern?«
-
-»Ich habe gar keine Kinder --« antwortete der Graf schmerzlich.
-
-»Aber verheirathet bist Du doch?« fragte der Freund, und es gereute ihn,
-voreilig gewesen zu seyn. Der Graf nickte bloß. Wie wenig diese Antwort
-auch besagte: Romana würde, sie geben zu können, sich für einen Crösus
-an Glückseligkeit gehalten haben.
-
-Seine geliebte Frau war gestorben: die kleine blonde Blanka, die groß
-und schön, und sein größtes Glück geworden war. Er hatte mit ihr in
-Virginien gelebt. Diese Versorgung seines jüngsten und besten Kindes
-war ein Opfer gewesen, welches der edelmüthige Kaufmann seinen
-Familien-Verhältnissen gebracht. Seine älteren Töchter haßten den
-Sylvius, und liebten ihren Vater nicht, und lohnten ihm schlecht. Er
-hatte sich aus dem Vortheil gegeben: das giebt nie ein gutes Ende -- es
-wäre denn ein leichtes Sterben darunter gemeint.
-
-»Mein Vater sehnt sich nach mir --« sagte Blanka mit thränenden Augen
-zu ihrem Gemahl: »ich höre mich zuweilen ganz deutlich von ihm rufen.
-Jüngst träumte mir, sein Reichthum wäre zu Wasser geworden, wir
-schifften still darauf hin -- und hatten uns verirrt: denn es war das
-_todte Meer_.«
-
-Als Sylvius nun sah, daß seine Frau gemüthskrank vor Heimweh werden
-könnte, machte er die Rückreise möglich. Die Fahrt war aber nicht
-glücklich, und ihr Ziel traurig. Der Kaufmann lag im Grabe und konnte
-nicht mehr klagen, was ihn hinein gedrückt; aber man hörte es doch, und
-auch wes Geistes Kind seine Töchter wären. -- Die Folgen der Seereise,
-erschütternde Gefühle wirkten schädlich auf Blankas zarte Gesundheit,
-und nicht lange, so bettete man sie an ihres Vaters Seite.
-
-Romana nahm sein Kind, nahm den Rest seiner Habe, und verließ dies
-Haus für immer. Er wollte eine Anstellung suchen, wie er sie bei seiner
-vielseitigen Ausbildung in diesem oder jenem Fache finden konnte, als er
-den Jugendfreund wiederfand. Er erkannte den Grafen Frankenstern nur
-an der alten Liebe noch: seine Gestalt war ihm unkenntlich geworden. In
-tiefen Höhlen, von finstern Braunen überbuscht, lagen seine Augen, sein
-Blick war verstört, und verrieth eine zerrüttete Seele. Und jenes ihm
-eigenthümliche Lächeln um den geklemmten Mund, war nicht mehr
-todtenhaft friedlich wie sonst, sondern krampfhaft: so daß auch dieser
-weltversöhnte Zug, nur wie ein Nervenspiel innerster Angst erschien.
-
-Auch Sylvius de Romana hatte sich sehr verändert. Er war sehr braun
-geworden, sonst würde er sehr bleich gewesen seyn, wie dies in den
-Schattirungen seiner Gesichtsfarbe zu bemerken. Sein stolzer Wuchs hatte
-etwas Gebeugtes angenommen, tiefe Erfahrungen ruhten in seinen Zügen
--- aber sie _ruhten_. Der Klang seiner Stimme, sonst voll und laut,
-der Ausdruck einer heftigen Seele, war geistig besänftiget, und etwas
-langsam und leise. --
-
-Doch, empfände wohl der Mensch eine äußere Veränderung, ob er sie auch
-sähe, in einem Augenblicke unsterblicher Freude? -- Der Begriff der
-Zeit verschwindet, wo wir fühlen, daß die Freundschaft _ewig_ ist. --
-Virginien, das Andenken an Blanka, ihres Vaters Grab, jeder in Thränen
-und Tagen verflossene Schmerz: Alles sank in der Unendlichkeit unter,
-was, wie ein Weltmeer, in Sylvius Herzen aufwallte, da es an dem des
-Freundes schlug, und seine Augen wurden feucht. Und im Anblick der
-kleinen Narbe an Romanas Stirn, die Graf Frankenstern ihm einst in der
-Fechtschule mit dem Rappier geschlagen, schloß sich für Diesen jede
-Wunde des Schicksals, und seine kranke Seele blutete nicht mehr.
-Entzückt führte er den Freund und dessen Sohn mit sich fort in seine
-Wohnung, sein Glück mit seiner Frau zu theilen.
-
-Die Gräfinn brannte unterdessen vor Begierde, die große Nachricht, die
-sie wußte, ihrem Gemahl mitzutheilen. Er ließ lange auf sich warten,
-endlich kam er, doch nicht allein. Die Fremden, die er mitbrachte, waren
-als eine Störung von ihr angesehen, und leider! ist der erste Eindruck
-beinahe immer entscheidend. So ist es nicht genug, daß Jemand ein Recht
-zu kommen hat: er muß auch zur _rechten_ Zeit kommen, und kein Mensch --
-nur ein Gott kann diese wissen.
-
-Hier, im Beiseyn seiner Frau, schüttete der Graf das verschlossene Herz
-aus, dessen eiserne Bänder die Freude sprengte. »Du bleibst nun bei mir,
-Romana! denke nicht daran, mich zu verlassen --« sagte er gebietend,
-und in den Ausdruck, wie sehr, wie innerlichst er dieser Nähe bedürfe,
-mischte sich etwas von dem Bewußtseyn, wie viel er äußerlich zu gewähren
-vermöge. »Dein Sohn --« so fuhr der Graf fort, »soll wie der meine
-gehalten seyn, um so mehr, da wir keine Kinder haben.« Die Gräfinn
-hustete leise, und wurde blaß vor Schrecken. Sie wäre keine Frau
-gewesen, wenn diese Aeußerung ihres Gemahls gegen einen ihr fremden
-Freund, sie nicht beleidiget hätte; dazu diese gesprächige Wärme, als ob
-Geist des Lebens über ihn gekommen. Nie hatte sie, auch zur Brautzeit,
-eine ähnliche Macht auf ihn geübt, und ganz nach Art weiblicher
-Eifersucht, nahm sie dies Dem übel, der diese erheiternde Wirkung
-hervorbrachte, ohne sich selbst heiter zu zeigen -- was immer
-anspruchslos erscheint. Der unschuldige Knabe kränkte in der Aeußerung
-des Grafen ihr neugebornes Kind -- und ein leiser Widerwille gegen diese
-Fremden schlich wie eine Schlange über ihr Herz. --
-
-Als die Gräfinn Gelegenheit hatte, ihren Gemahl mit der neuen Hoffnung
-bekannt zu machen, fand sie ihn zwar erfreut; aber -- nicht im richtigen
-Verhältniß zu ihrer mütterlichen Erwartung. Vielleicht fürchtete
-der Graf, das Kind werde wieder sterben -- oder er schlug als ein
-seelenkranker und niedergeschlagener Mann, den Werth eines Leibeserben
-überhaupt nicht hoch an: genug, seine Freude war mäßig.
-
-Die Gräfinn trug ihr Glück wie eine Buße, mit schwerem, verschwiegenem
-Herzen; mancher Stich ging jetzt durch ihre leidende Brust, die sich
-täglich mehr verhärtete.
-
-Romana und sein Sohn begleiteten das Ehepaar von Frankenstern nach
-Bonna. Ersterer sollte Forstmeister werden -- hatte der Graf flüchtig
-hingeworfen. Den ersten Abend ihrer Ankunft daselbst, sagte die Gräfinn:
-»ein Einziges bitte ich von Dir, mein lieber Mann! bleibt Romana hier:
-so sey es doch nicht in unserm Hause; ich habe dazu meine guten Gründe.«
-
-Der Graf sah seine Frau bestürzt an, nie hatte sie durch Laune oder
-Eigensinn seine Handlungsweise bedingt -- er schwieg, aber er wagte
-nicht, diesen befremdenden Wunsch zu verneinen.
-
-Romana stellte die Bedingungen, unter denen er in Bonna bleiben wolle,
-mit edler Selbständigkeit fest. Er sagte: »gieb mir ein Plätzchen,
-Frankenstern, nach meinem Sinn, darauf ich mir ein Haus baue, und
-Material dazu; dann Gelegenheit, Deinen Gütern wie Dir selbst zu nützen:
-so hast Du mich.«
-
-Sie gingen aus, einen Platz zu suchen, und der Graf dachte seufzend,
-wie viel Raum in dem weiten Schlosse, und daß keine Frau, auch die beste
-nicht! durchaus verträglich wäre.
-
-Ganz in der Nähe von Bonna, kaum ein paar hundert Schritte davon
-entfernt, lag ein kleines Vorwerk, Heiland genannt. Vermuthlich hatte
-es diesen ehrwürdigen Namen von einem Christuskreuze erhalten, das in
-ungewöhnlicher Höhe zwischen dem herrschaftlichen Hof und diesem Höfchen
-stand. Ein klares Brünnlein rieselte darunter hin, und eine eingerostete
-Gitterthüre schien diesen lautern Quell zu verschließen. Es waren Spuren
-da, die es wahrscheinlich machten, daß der Bezirk dieser Stelle
-einst Mauern getragen habe, und bewohnt gewesen sey; die Aussicht war
-himmlisch. »Laß mich hier zu Jesu Füßen wohnen!« sagte Romana, indem er
-mit glänzenden Augen an dem Crucifix hinauf blickte, »doch Dir zuvor
-und gewiß am rechten Ort -- ein Bekenntniß ablegen, nach welchem es
-sich fragt, ob ich nicht den Staub von den meinigen schütteln und weiter
-ziehen muß.«
-
-Graf Frankenstern glaubte seinen Ohren nicht zu trauen, als er vernahm,
-daß Romana, dieser catholische Edelmann, unter dessen Vorfahren
-vielleicht Ritter vom goldenen Vließ gewesen, seinem Glauben entsagt
-habe, und der eifrige Anhänger einer frommen Gemeinde geworden sey,
-die das Lamm verehrt, was der Welt Sünde trägt. So wie Menschen von
-schwärmerischer Anlage der äußersten und entgegengesetzten Richtungen
-ihres Wesens fähig sind: so hatte Romana in Verbindungen, darin er mit
-Blanka in Virginien gelebt, diesen Umschwung seiner religiösen Ideenwelt
-erfahren. Eine große Gefahr, aus der er auf beinahe übernatürliche Weise
-gerettet worden, entschied, und seine angestammte Wundergläubigkeit
-wechselte nur ihre Form in seinem Gemüthe. Das Gefühl seiner Abkunft
-und Armuth ward christlicher Stolz: den Armen war ja vorzugsweise das
-Evangelium gepredigt. --
-
-Nachdem der Graf dies vernommen, stand er eine lange, sinnende Weile.
-Der Boden dieser catholischen Gegend schien empfänglich, um die neue
-Lehre darauf zu verpflanzen, und neben Klöstern, päbstlichen Kirchen und
-Heiligenbildern, lebte friedsam und einmüthig ein Häufchen der Stillen
-im Lande. Selbst unter den Beamten der Ortschaft waren einige derselben,
-deren gewissenhafte Redlichkeit Graf Frankenstern schätzte. Und so sagte
-er: »was ich höre, Romana, setzt mich in Erstaunen, wie Du siehst; aber
-es ändert nichts zwischen uns. Unsere Freundschaft ist mir eine Art
-Religion -- und so glaube ich an Dich, wenn ich auch nicht begreife,
-wie es möglich war, daß Du -- ein Abtrünniger werden konntest. Ich halte
-Dich für einen ehrenwerthen Mann, und mich an diese Ueberzeugung. --
-So eben dachte ich, wie seltsam es sey, daß der Wind des Schicksals
-Menschen eines Sinnes von allen Enden der Welt hierher zusammen weht.«
-
-Von der festen Zuversicht des Freundes gerührt, antwortete Romana:
-»_weht_! ja, das ist das rechte Wort. Der Herr sammelt, was verstreut
-gewesen. Sein Athem ist es, das Wehen seines Geistes, was den
-Blüthenstaub im Frühling, auch über Mauern, zu der verwandten Blume
-trägt.«
-
-Die Grundmauern zu dem neuen Hause wurden nun gelegt und hundert
-arbeitsame Hände förderten den Bau. Es fand sich, daß ein gewölbter,
-völlig gut erhaltener Gang von hier aus nach dem Schlosse führe, wovon
-die eiserne Gitterthüre am Brunnen der Ausgang wäre. Dieser Fund war
-für den Grafen die Entdeckung einer Goldmine. Er dachte bekümmert, seine
-Frau wüßte bereits, was er ihr verhehlen mögen, und am liebsten für
-immer, denn er kannte ihren Abscheu gegen Apostaten. »Sieh!« sagte er
-sehr glücklich, und sich ins Geheim bewußt, sein Umgang mit dem Freunde
-stände unter unsichtbarem Schutze, »so können wir ungehindert und selbst
-zur Nachtzeit zu einander kommen. --« Aber der Saamen des Geheimnisses
-trägt selten Früchte für das Licht.
-
-Endlich stand das Haus fertig, mit plattem Dach, worauf Romana einen
-kleinen Garten anzulegen gesonnen war. Der Herr Christus prangte als
-Schutzwache davor, und leise rieselte das Wässerchen unter der marmornen
-Schwelle. Hinein zog Romana mit seinem Sohn, und lebte nicht allein
-in strenger Absonderung, sondern einsiedlerisch verschlossen. Wenn die
-Förster und Holzschläger, die den Forstmeister zu sprechen kamen,
-Einlaß suchten, so zitterte der Schall der hellen Hausglocke durch den
-mäuschenstillen Flur, und selbst Verstockte meinten, der Himmel werde
-ihnen einmal eher aufgethan werden.
-
-Wie selig Graf Frankenstern sich die Nähe seines Freundes geträumt: so
-empfand er doch die Beruhigung nicht davon, welche er gehofft hatte.
-Er sah ein, daß die Gefühle der Jugend eine bedeutende Zuthat zu jener
-innigen und beglückenden Freundschaft gewesen wären. Wirklich hatte
-Romana sich sehr geändert, und war ein wenig kopfhängerisch geworden;
-der Graf war ein geisteskranker Mann, der ganz eigen behandelt
-seyn wollte, und eines aufrichtenden Umgangs bedurft hätte. Romanas
-Uebertritt hatte eine Kluft zwischen ihnen gerissen, die der Graf in der
-Fülle seines Herzens anfänglich nur für eine Linie hielt --; aber es war
-ein tiefer, dunkler Spalt, der ihr innigstes allseitiges Vertrauen nicht
-zuließ. Sie vermieden sorgsam jedes Gespräch, das nur von fern diesen
-Punkt berührte, und wehe der Freundschaft, die, wenn auch nur _eine_
-Stelle weiß, welche geschont werden muß! --
-
-Der Hochmuth des Grafen war durch seine Verhältnisse, durch das Gefühl,
-verkannt zu seyn, durch die Natur seiner Krankheit genährt worden. Auch
-der Unglückseligste hat noch _einen_ Freund: den Tod! Graf
-Frankenstern aber sah in diesem das Gespenst seines Lebens, und die öde
-Unsterblichkeit, die er sich in der Angst seiner Seele wünschte, stellte
-ihn allein unter den Menschen. Romanas ritterlicher Sinn war Stolz der
-christlichen Demuth geworden. Ein leiser Hang zum Abenteuerlichen,
-der ihm verblieben, ein inneres Absondern von Andern, ließ ihn von der
-breiten Straße abbeugen, auf der gewöhnliche Menschen das Glück suchen.
-Der Geist seiner Secte setzt etwas darin, vertraut mit dem Tode seyn
-und seine düstern Farben und Symbole in den Bedarf des häuslichen Lebens
-aufzunehmen; Romana schlief unter einer Decke schwarz und weiß, zu
-seinen Häupten lief lautlos oder stand eine Sanduhr, weil sein Schlaf
-so leise war, daß auch der sanfteste Seiger ihn verscheuchte. Er würde
-lächelnd seinen Morgentrunk aus einem Schädel genommen haben, er sprach
-freudig von seiner Auflösung, und diese Kraft stellte ihn hoch über
-seinen Freund.
-
-Graf Frankenstern arbeitete nichts; nur seine Phantasie war unablässig
-beschäftiget. Das Bewußtseyn, durch seine eigensten Kräfte zu nützen,
-hatte ihn nie gehoben. Die Leichtigkeit, womit er wohlthun konnte,
-täuschte ihn über die Unterlassungs-Sünde, die Mittel dazu aus sich
-selbst zu schöpfen.
-
-Romana besaß schöne Kenntnisse, und übte sie mit Fleiß. Er war thätig
-von früh bis spät, und der Kernspruch seines großen Landsmanns, daß
-Arbeit des Blutes Balsam sey -- bewährte sich an ihm: er war sehr
-gesund. Er trieb viel Mathematik, und flößte seinem Sohne Lust und
-Eifer für diese Wissenschaft ein; indem er ihn gewöhnte, seinen Verstand
-anzustrengen, unterdrückte er das frühzeitige Aufstreben von Gefühlen,
-denen die Einsamkeit Nahrung giebt.
-
-Die Gräfinn war im Spätherbst jenes Jahres, welches ihren Gemahl seinen
-Freund wiederfinden ließ, schnell und sonder Gefährlichkeit von einer
-Tochter entbunden worden. Ein niedliches Mädchen machte ihr das Leben
-leicht. Dennoch schien die Mutter tödtlich erschöpft.
-
-»Das Kind ist im Zeichen des Krebses geboren --« sagte die Wärterinn
-nach einem Blick in den Calender, »Gott verhüte, daß ihm nicht Alles
-rückgängig werde!« Die Gräfinn erschauerte bei diesen Worten in einer
-andern Furcht.
-
-Die Kleine ward Albane getauft, und gedieh wunderschön an der Brust
-einer derben Amme. Keine Spur von Krämpfen zog das Herz der Mutter in
-der Befürchtung zusammen, dies Engelskind werde ja doch nur wieder ein
-geliehenes Gut seyn, wie die kleinen Brüder -- was sie nach kurzer Zeit
-mit tausend Thränen zurück zahlen müssen. Langsam hatte sich die Gräfinn
-erholt, und war auch bei wiedererlangten Kräften, und ihres Anlasses zur
-Freude ungeachtet, in sich gekehrt und traurig geblieben.
-
-Zwei Jahre waren seitdem verstrichen, als eines Tages Romana sich bei
-seinem Freunde im Schloß befand. Sie unterredeten sich über die Zukunft
-seines Sohnes. »Sylvius bekommt einmal Deine Stelle --« sagte Graf
-Frankenstern gleichsam zusichernd. Er sprach damit die Gewißheit an, den
-Vater des künftigen Forstmeisters zu überleben.
-
-»Meinem Wunsche nach,« antwortete Jener, »geht er in die weite Welt.«
-
-»Dein einziger Sohn?« erwiederte der Graf mit Vorwurf, »Du willst doch
-nicht, daß er ein Glücksritter werde?«
-
-»Warum nicht? bin ich doch auch Einer --« sagte Romana, und lächelte wie
-ein Eremit. »Sieh lieber Frankenstern,« fuhr er fort, »die Seinen
-für sich behalten und in den Kreis der angestammten Verhältnisse
-einschließen wollen, wäre engherzig gedacht. Nur in der Welt wird der
-Mann ein Mensch und lernt brüderlich denken. In diesem Aussenden liegt
-mir etwas Göttliches --«
-
-»Wir aber sind Menschen, Romana,« unterbrach ihn der Graf, »und es liegt
-in der Natur, daß man sein Kind so nahe und so lange als möglich um sich
-habe; es ohne Noth dem Zufall zu opfern, kommt mir wie Vermessenheit
-vor.«
-
-»Aber gehorsam dem Willen des Herrn? oder einer heiligen Idee?« wendete
-Romana mit erhöheter Stimme ein, »ich fühle, das würde ich können.
-Wäre es dem Sylvius bestimmt, in einem rechtlichen Kriege zu fallen:
-so preise ich ihn selig. Zöge er übers Meer, um die Heiden dem Erlöser
-zuzuführen und versänke: ich würde deshalb nicht zu Boden sinken. Im
-Aufgeben, Freund, liegt das wahre _Haben_, und das Geheimniß ewigen
-Gewinns. Wie ärmlich ist das Leben, wenn es keinen andern Werth hat, als
-daß man athme!« der Graf seufzte schwer, und Romana verließ ihn.
-
-Noch wirkte dieses Gespräch nach, als die Gräfinn in das Zimmer ihres
-Gemahls trat. Die kleine Albane hing schlafend auf ihrem Arme, und das
-volle Händchen des Kindes, wie aus rosigem Wachs mit reizenden Grübchen
-geformt, lag schützend auf der linken Brust der Mutter.
-
-Den Grafen rührte dieser Anblick. Er küßte väterlich sacht diese kleine
-Hand, und das Mutterherz darunter schlug stärker. Vielleicht ward in
-diesem Augenblicke der Gedanke an das, was Romana gesagt, zu einer
-stillen Freude, daß dies sein einziges Kind eine _Tochter_ sey. Zum
-erstenmale äußerte er, wie glücklich ihn der Besitz des Kindes mache,
-und daß es so gesund sey, und die Mutter dazu, um die er vordem doch
-sehr besorgt gewesen.
-
-Die Gräfinn entfärbte sich. Mit bewegter Stimme sagte sie: »es könnte
-seyn, daß ich mein Leben um einen Preis gerettet hätte, der Dir
-mißfällt.«
-
-Dem Grafen fiel diese Aeußerung auf. Er sah seine Frau forschend
-an, welche ihm nunmehr gestand, wie sie seit ihrer Verheirathung ein
-schadhaftes Fleckchen in der Brust verspürt, was ihr dann und
-wann Schmerzen, immer aber Kummer verursacht habe. In jedesmaliger
-Schwangerschaft sey es schlimmer damit geworden, bis endlich bei der
-Geburt der kleinen Albane der leidende Theil sich zu Stein verhärtet und
-dergestalt sich entzündet habe, daß sie (die Gräfinn) fürchten müssen,
-den Krebs zu bekommen, wenn sie nicht Muth zu einem gewagten Schritt
-fassen könnte. --
-
-Der Graf legte beide Hände vor das Gesicht, schon bedeckt von der Blässe
-des Grauens. Er sagte: »gut, daß ich es nicht wußte; der bloße Gedanke
-macht mich schaudern. Eine Operation solcher Art brächte mich von
-Sinnen. Du glaubst nicht,« setzte er mit scheuem Vertrauen hinzu, »wie
-tausend Dinge, stumpf für den Verstand Anderer, in mein Gehirn bohren!
-diese Vorstellung zum Beispiel -- durchdringt mich entsetzlich.« Seine
-Lippen zuckten, als wühle ein Messer in seiner Seele.
-
-Die Gräfinn hätte beinahe ihr Geständniß bereut -- gewiß hätte sie es
-sollen. Sie sprach: »in dieser Noth that ich das Gelübde, hülfe mir der
-Himmel und würde ich geheilt: so solle die Brust meines Kindes sich nie
-für eitle Wünsche heben -- nur dem Heil der Seele. Und es dauerte nicht
-lange, so genaß ich an einem simpeln Umschlage.«
-
-»Verstehe ich Dich recht?« fragte der Graf schwach, »Albane -- eine
-Klosterfrau?« Die Mutter nickte ängstlich.
-
-»Das ist hart!« murrte der Graf, und seine Frau hatte jene Gefahr
-nicht härter empfunden, als diese drei Worte. So sprach die Gräfinn
-weichmüthig: »Du mein Gemahl machst Dir ja selbst nichts aus der
-Welt, und ihren trüglichen Freuden. Die Güter kommen an fremde Hand --
-Anverwandte haben wir nicht, Albane stünde allein. So ist sie unter den
-vornehmsten Schutz gestellt, und die Kirche, eine segensreiche Mutter,
-giebt ihr Schwestern.«
-
-Der Graf lächelte kalt, und murmelte etwas von Stiefgeschwisterschaft.
-
-»Nein,« fuhr die Gräfinn, ihren Gemahl mißverstehend, fort, »dort würde
-mir Albane nicht aufgehoben gewesen seyn. -- Sage, was fehlt einer Braut
-Christi?«
-
-»Dieses Glück!« antwortete Graf Frankenstern und deutete auf
-seine Kleine, »eine Brust, daran solch ein Kind erblüht, kann viel
-verschmerzen. Ihr seyd zu Müttern geboren. Und -- daß ich es nur frei
-gestehe -- ich mag die Klöster nicht leiden, und es wird einmal aller
-Tage Abend mit ihnen werden. Warum aber soll meine Tochter darin
-untergehen?«
-
-»O mein Gott!« jammerte die Gräfinn, und hob ihre Augen thränenschwer
-zur Höhe, »warum bin ich nicht gestorben?« Ihr Herz schlug so mächtig,
-daß des Kindes Händchen auf dem Busen seiner Mutter erbebte. Sie selbst
-wankte.
-
-Der Graf war erschüttert; nach einer Pause sagte er: »Du wirst glauben,
-daß mir Dein Leben über Alles theuer ist! nur _den_ Beweis fordere
-nicht, daß ich gleichgültig dazu wäre, wenn unser einziges Kind geopfert
-wird, in welchem ich Dich ja auch liebe. Uebrigens warst Du damals in
-einem Zustande, der keiner Zurechnung fähig ist. -- Nöthigenfalls würde
-Dispens vom Pabst zu erlangen seyn. Ich zweifle jedoch, ob das Recht,
-über das Schicksal eines Menschen also zu verfügen, auch einer Mutter
-zusteht, und meine, von der Sünde, es gethan zu haben, könne Jeder sich
-selbst entbinden.«
-
-»Dies sind Romanas Grundsätze,« stöhnte die Gräfinn, »es ist _sein_
-Geist, der aus Dir redet, mein Gemahl. Irret Euch nicht, Gott läßt sich
-nicht spotten; ich will Wort halten, wenigstens.«
-
-Sie entfernte sich hierauf, heftig alterirt. Die Gräfinn fühlte einen
-tiefen körperlichen Schmerz in ihrem Herzen, und sich wie im Innersten
-zerrissen. Von Frost geschüttelt mußte sie sich alsbald zu Bett legen.
-O! daß die Arme gesprochen und mit dem Laut der Rede den stillen Wächter
-ihres Geheimnisses verscheucht hatte! ihre Ruhe war dahin. Seltsam
-genug warf sich ein schnell entwickelter Krankheitsstoff auf ihre zuvor
-genesene Brust. Es half nichts, daß die Gräfinn ihr erneuetes Unglück
-siebenfach verhüllte; jede Hoffnung schien verloren, und das Leben war
-ihr nichts mehr werth.
-
-Wenn die geneigten Leser der Meinung wären, Güte und Liebe in dem
-Charakter der Gräfinn Frankenstern würde nicht zugelassen haben, daß sie
-in grausamer Selbstsucht das Glück ihres einzigen Kindes zum Preis ihrer
-Rettung gemacht hätte, so glauben wir diesem Vorwurf zu begegnen, wenn
-wir bemerken, wie grade die zärtlichsten, die weichsten Mütter es
-sind, und die Natur mag diesen Widerspruch lösen -- welche oftmals das
-Schwerste über ihre Kinder verhängen. Hier war es ein Schleier, und
-den zu tragen hielt die Gräfinn für leicht. Sie hielt ferner, im
-Gefühl _ihrer_ Ehe, _keine_ für ganz glücklich, und verwechselte
-ihr unbefriedigtes Herz mit dem Sehnen nach einer Bestimmung, die
-vollendender wäre. Und wie es im menschlichen Wunsche liegt, daß
-Diejenigen, welche unser Daseyn fortsetzen, Alles weiter bringen, jeden
-Keim unsers innersten Lebens entwickeln, und ein höheres Glück erreichen
-sollen: so war der Gräfinn der Gedanke lieb geworden, ihre Tochter würde
-werden, was zu seyn ihr nicht bestimmt gewesen. Von einer gewissen Stufe
-der Erfahrung scheint jeder Schritt, den wir unsern Nachkommen zumuthen,
-ob er auch die liebsten Freuden hinter sich lasse -- _klein_,
-im Vergleich zu dem, was er anstrebt. Vielleicht war es auch die
-mütterliche Ahnung, welche die Gräfinn fürchten ließ, ihre Tochter in
-den Armen eines Mannes nicht sicher genug zu wissen. --
-
-Nach einiger Zeit ward Romana heimlicher Weise zur Gräfinn
-berufen. Diese einfache Bitte machte den Forstmeister stutzen, und
-Schwierigkeiten, daß er sie erfülle: denn der Graf mußte umgangen
-werden. -- Zur bestimmten Stunde fand sich Romana ein. Die Gräfinn war
-in ihrem Schlafzimmer. Jener erschrak vor ihrem Anblick. Sie war
-total entstellt, ihr Gesicht aschfarb, ihr Auge erloschen, und nur ein
-schwachglimmender Lebensfunken noch darin. So krank hatte er sie nicht
-geglaubt, obgleich er von ihrem Uebelbefinden wußte.
-
-»Verzeihen Sie, Romana, daß ich Sie bemühte!« redete sie ihn mit jenem
-rührenden Wohllaut der Stimme an, der je leiser, um desto stärker
-ans Herz dringt, »ich habe etwas Wichtiges mit Ihnen zu sprechen. Sie
-könnten mir einen großen Gefallen erzeigen.«
-
-»Herr mein Gott!« antwortete der Forstmeister, und das Mitleid mäßigte
-diesen Ausruf bis zur zartesten Versicherung, »gebieten Sie doch über
-mich!«
-
-»Es wäre mir viel daran gelegen,« sprach hierauf die Gräfinn, »wenn
-Sie morgen -- oder übermorgen,« der kranke Blick ihres matten Auges
-verdunkelte sich wie die Nacht dazwischen, und ein voller Seufzer füllte
-den Moment, »meinen Mann auf einen halben Tag -- besser wäre freilich
-ein ganzer -- zu entfernen wüßten.«
-
-»Das wird schwer halten,« erwog Romana, »hält doch Frankenstern kaum
-mehr eine halbe Stunde bei mir aus. Verlassen Sie Sich indeß darauf, es
-geschieht! ich sinne nur nach, wie ich es anzustellen habe, ihn zu einer
-kleinen Reise zu bereden.«
-
-»Dann fiele mir ein Stein vom Herzen,« erwiederte die Gräfinn, indem ein
-paar Thränen über ihre abgehärmten Wangen rollten. »Wissen Sie denn,
-ich werde operirt -- das heißt, ich lasse mir die Brust ablösen. So
-begreifen Sie auch, daß dies meinem Manne verschwiegen bleiben muß.«
-
-Diese Worte, mit Ruhe und Resignation gesprochen, sträubten dem
-Forstmeister das Haar. »Die Brust -- ablösen?« fragte er, und sein
-männliches Gesicht erröthete in Angst; die Gräfinn erbarmte ihn
-unaussprechlich. »Und bleibt kein anderes Mittel?«
-
-Ein sanftes Kopfschütteln, und: »nur dieses letzte --« war die sehr
-leise Antwort.
-
-»Sie werden eines Beistandes bedürfen, arme Gräfinn!« sagte Romana
-dringend, und irrte mit seinen Gedanken hin und her, wie er zugleich den
-Grafen abwehren, und hier eine Stütze in der Gefahr seyn könnte.
-
-Die Gräfinn lächelte; es war, als hätte die Sense des Todes dies Lächeln
-in ihre tiefen Züge eingeschnitten -- und dem Forstmeister blutete das
-Herz. Sie sprach: »ich wäre doch allein, im Grausen Dessen, was mir
-bevorsteht; allein muß Jeder seinen Weg gehen. Aber, wenn ich am Ziele
-bin, verlassen Sie meinen Mann nicht! er wird den Freund dann nöthig
-haben. -- Und nun das Wichtigste. Wir sind zwar nicht mehr Eines
-Glaubens, Sie -- doch lassen wir das. Ich halte Sie für einen redlichen
-Mann, Romana.« Nie hatte der Forstmeister ein ehrenwertheres Zeugniß
-empfangen, als dies. Er würdigte es, und die Gräfinn fuhr mit bewegter
-Stimme und widerstrebenden Lippen fort: »an ihre männliche und
-christliche Ehre nun wende ich mich, wenn ich hoffe, daß Sie, unserer
-abweichenden Meinungen ungeachtet, das Wort, was eine bedrängte Mutter
-dem Himmel als Pfand eingesetzt, nicht verfallen lassen werden, gleich
-einer Schuld. Versprächen Sie, Ihren Einfluß auf meinen Mann für diesen
-Zweck zu benutzen: dies würde mich sterbend noch erquicken.«
-
-Darauf erzählte die Gräfinn dem Forstmeister, was unsere Leser schon
-wissen. Wie lange und wie still sie den Kummer in ihrer Brust getragen,
-was die Aerzte gesagt, und so weiter. Und als sie ihr letztes Kind
-geboren, habe sie es mit tiefem Erbarmen angesehen, wie vielen Schmerzen
-eine Mutter unterworfen sey und was ein Weib schweigend erdulden müsse.
-So sey ihr denn ein Leben in Gott als das höchste Glück erschienen, dem
-sie das Neugeborene gelobt, wenn er das ihrige fristen wolle, weniger,
-um sich selbst zu retten, als ihr Kind. -- Die Gräfinn eröffnete nun
-dem Freunde ihres Gemahls mit reuiger Wehmuth, daß sie sich von einem
-ungewöhnlichen Anfluge ehelicher und väterlicher Zärtlichkeit des Grafen
-hinreißen lassen, ihm dies zu gestehen, worauf er ihr bittern Vorwurf
-gemacht, und das Ansinnen, jenes Gelöbniß zu brechen. »Ich muß nun,«
-setzte sie trostlos hinzu, »den Frevel dieses Gedankens mit dem Tode
-büßen: denn der Himmel läßt nicht mit sich spaßen. Ich bekam sofort
-Frost, die alten Schmerzen -- es ward schlimmer mit mir, wie je zuvor.
-So will ich, obwohl selbst ein Opfer, doch, daß meine Tochter durch
-Gehorsam sühne, was ihr Vater zu sagen sich vermaß. Werden Sie es nicht
-hindern, Romana? daß Albane --« weicher läßt sich nicht bitten, als es
-in diesen Worten geschah; die Stimme der Gräfinn zerschmolz in Thränen.
-
-Der Forstmeister legte stumm seine Rechte in ihre kleine, weiße, feuchte
-Hand. In seinen Augen, denen Kreuz und Leiden in aller ihrer Heiligkeit
-vorschwebten, brannte ein Schwur. Sie glaubte ihm, ohne daß er eine
-zusichernde Sylbe gesagt hätte.
-
-Wie überzeugend ist das Vertrauen! Romana, seinem gewandelten Sinne
-nach, ein Feind der Klöster, hätte die kleine Albane lieber heute schon
-einsperren mögen. Er war der geistliche Anwalt des Wunsches ihrer Mutter
-geworden, daß dies liebe Kind, einst absagend weltlichen Schimmer, der
-Edelstein eines Ordens würde. Vielleicht wäre die Gräfinn dennoch zu
-retten gewesen; aber das Fatum, dem selbst die Parzen dienen, hatte
-ihrem Leibarzt den Lebensfaden, und somit die Gelegenheit abgeschnitten,
-ihren frommen festen Glauben an göttliche Hülfe und an die seinige noch
-einmal zu bewähren. Der junge Aesculap, der das Zutrauen der Gräfinn von
-ihm ererbt, war ein hitziger Anatomiker, der seinen besten Freund
-eben so gern secirt, als ganz glücklich gesehen haben würde -- und Wir
-wissen, daß die Leidenschaft ihren Gegenstand nicht immer zeitgemäß
-behandle. -- Als nun der gefürchtete Morgen kam, und mit ihm der Doctor,
-begleitet von einem Wundarzt, fand er Alles bereit, sogar die Seele der
-Gräfinn zum Sterben. Graf Frankenstern war durch einen Anlaß, den
-die Klugheit des Forstmeisters ersonnen, geschickt entfernt worden.
-Todtenstille herrschte im Schlosse. Die weiblich-vornehme Fassung der
-Gräfinn entmannte den Operateur. Verstörten Auges blickte er nach der
-Uhr, und seine Hand zitterte mit dem Secundenzeiger um die Wette. Nach
-dem ersten Schnitte entfiel ihm das Messer, und es sank mit solcher
-Schärfe in die Diele ein, daß ein kleiner blutbefleckter Spahn daneben
-aufgaffte. -- Die Gräfinn verlangte mit erlöschender Stimme: man
-solle das Messer nur liegen lassen. Aber dieser Zufall war von übler
-Vorbedeutung: die Gräfinn verschied am dritten Tage. --
-
-Wir wagen nicht, den Zustand ihres Gemahls beschreiben zu wollen. Er
-klagte sich als den Mörder dieser unvergleichlichen Gattinn an, obgleich
-er die eigentlichen Umstände ihres Todes nicht kannte, und nur wußte,
-daß sie von jenem Wortwechsel an gekränkelt hatte; die Wahrheit würde
-zu stark für ihn gewesen seyn. Liebe und Schauder bekämpften ihn mit
-gleichen Waffen. Romanas Freundschaft stand ihm kräftig bei; aber --
-wie sind jene finstern Mächte zu bezwingen, die den Menschen sich selbst
-entfremden? -- Vergebens mahnte der Forstmeister ihn an die Pflicht,
-sich zu zerstreuen. Er konnte ihm nicht einmal den Abgrund zeigen, der
-unter dieser tiefsinnigen Langeweile gähnte, aus Furcht, der Graf könne
-dann früher noch in das Elend völliger Geistesverwirrung stürzen. --
-Romana bot ferner Alles auf, jedoch umsonst, ihn zu bewegen, daß er die
-kleine Albane unter andere Aufsicht gäbe, als die ihrer Amme. Mit jener
-Hartnäckigkeit, womit schon der Eigensinn wie viel mehr der Wahnsinn,
-ob er auch unterdrückt wäre, an seinem Willen festhält, behauptete der
-Graf, er könne nirgend ausdauern unter Menschen, und eben so wenig ein
-weiblich Wesen in bessern Kleidern um sich sehen, als Die trüge, welche
-seine Albane genährt.
-
-»Und wozu auch?« fragte er mit düsterm Stolz, »meine Tochter kommt
-einmal ins Kloster, und also nie in den Fall, der Welt und dessen, was
-sie fordert, zu bedürfen. Gott hat sie wohl gebildet -- es ist nichts zu
-tadeln an meinem Kind.« Dagegen ließ sich nun freilich nichts sagen, und
-Romana schwieg.
-
-Wenn man annehmen darf: daß die Freundschaft durch ein verjährtes
-Zusammenleben tausendmal eher aufgehoben als befestiget wird -- so wie
-durch lange Trennung verinniget -- so spricht die Erfahrung dafür
-und den Beweis an: Verstand, Einsicht, Wissenschaft, Dankbarkeit,
-Lebenssinn, Erinnerung -- könnten zwar als eine feste Grundlage
-freundschaftlicher Verhältnisse angesehen werden, doch nicht
-unerschütterlich gegen die Gewalt der Zeit und Umstände. Die einzige
-Basis des Bestands ist ein tiefes Gemüth voll göttlicher Kraft der
-Liebe!
-
-Allmälig hatte Romana sich seinem unglücklichen Freunde entfremdet,
-und es war so unmerklich geschehen, daß ihre Seelen sich wie aus weiter
-Ferne kaum mehr verstanden, als ihr äußerer Verkehr, besonders von
-Seiten des Forstmeisters -- noch ganz derselbe schien. In dem Grade, als
-der Graf sich in sich selbst zurückgezogen, war ihm auch das Nächste,
-sein Kind ausgenommen -- gleichgültig geworden. Er vermißte Romana
-nicht, er suchte ihn nie auf. Tagelang saß er allein, und flüsterte
-so anhaltend, daß die Bedienten oft lange warten mußten, ehe sie
-ihn unterbrechen durften. Des Abends klagte er sich matt, von der
-fortwährenden Unterhaltung. Da sahen seine Leute sich an und es
-grauete ihnen: denn Niemand war bei ihm gewesen, als sein Dämon. Daß
-er gestörten Geistes sey, war, wenn auch ein bewahrtes Geheimniß der
-Achtung, doch Jedem klar.
-
-Einst, an einem milden Herbsttage fand ihn Romana im Garten, seltsam
-beschäftiget. Er band die Blätter einer Espe mit grüner Seide an die
-Zweige fest, der Knäuel, dessen Faden eine rothe Wunde in seine Finger
-eingeschnitten, lag im falben Grase und glänzte in der Sonne.
-
-»Gott grüße Dich, lieber Frankenstern!« sagte Jener, »was machst Du denn
-da?«
-
-Der Graf lächelte und sprach: »ei! ich binde mir die Blätter ein wenig
-fest, dies Zittern ängstet mich, so oft ich es sehe. Ich weiß, wie
-Einem zu Muthe ist, der vor jedem Lüftchen bebt: die Furcht ist das
-entsetzlichste Gefühl.« Und indem er emsig in seinem unheimlichen
-Treiben fortfuhr, setzte er hinzu: »dann -- Dir will ich es wohl sagen,
-Romana, wenn der Wind nun rauher weht, und die Blätter fallen, und
-liegen fahl und still an der kalten Erde, wie aufgehäufte Leichen --
-manche haben ordentlich Physiognomie --« Der Forstmeister sah voll
-Mitleid in die seines Freundes. »Den Schmerz der Natur,« sagte er mit
-dem tiefsten, »wollen wir ihrem Schöpfer überlassen. Dieser Faden, Du
-Armer, schneidet mir in die Seele. Hast Du nie den Frühling gesehen,
-das Bild der Auferstehung? Wer bindet denn da die Kränze von Laub und
-Blumen, welche Himmel und Erde umschlingen? --« Er umschlang den Freund,
-und weinte vor großer Rührung.
-
-So wurde es immer finsterer um den Grafen, nur in dem hellen Blick
-seines Töchterchens ging ihm zuweilen ein Strahl von Freude, das Licht
-des Lebens auf. Er hing mit unendlicher Liebe an dem Kinde, und diese
-zärtliche Empfindung wurde nur durch das Andenken an die verstorbene
-Frau getheilt. -- Die kleine Albane, obwohl ohne alle Erziehung,
-entwickelte sich zart und schön. Die Natur war ihre Gouvernante, und
-welche Bonne bildet so gut als sie? -- Ihre Sprache hatte den reinen
-Klang des Gefühls, ihr Gang war ein leichtes Schweben über gemeinen
-Boden, und jenen angeborenen Adel der Sitten hätte weder die
-Stiftshofmeisterinn eines Fräuleins-Instituts heben, noch die gutmüthige
-Plumpheit der Amme unterdrücken können. --
-
-Die Amme, welche mit roher Treue um ihren Pflegling sorgte und waltete,
-sprach oft von seiner künftigen Bestimmung: dem Kloster; aber die
-Farben, womit sie die Zukunft mahlte, waren eine Reibung für das junge
-Herz, und es mischte sich in ihnen religiöse Ehrfurcht, mit dem Schein
-von Hoffnung, Albane werde hinsichtlich ihres wahren Glückes zu täuschen
-seyn. Sie staffirte die Zelle mit Gold aus, und bekleidete die
-kleine Gräfinn mit den Würden einer Aebtissinn. Aber es giebt nur ein
-Bedürfniß, ein Talent, welches die Einsamkeit vorzugsweise weckt: das
-Verlangen und die Fähigkeit _zu lieben_. Während die Amme wähnte, sie
-baue möglicher Abneigung vor, ward Albanen der Gedanke an das
-Kloster verhaßt, und der Instinkt ihres Geschlechts stellte eine
-Widersetzlichkeit dagegen auf. Dem Grafen war es zwar unumstößlich
-gewiß, daß seine Tochter Profeß thun müsse --; doch den Zeitpunkt dazu
-glaubte er hinaus schieben zu dürfen, wie weit? dies wußte er selbst
-nicht, und es dämmerte ihm vor den Augen.
-
-»Wie könnte ich Dich nur verlassen, mein Vater?« fragte Albane ihn in
-bangen Stunden der Anfechtung, und ihr Vater fühlte dann selbst die
-Unmöglichkeit, seinen einzigen Trost in ihr entbehren zu können. Mehr
-als diese Frage erlaubte sich jedoch die junge Gräfinn nicht, um an
-ihrem Ziel zu rücken: denn als sie einst den Versuch gewagt, ihrem Vater
-recht kindlich zu sagen, daß sie doch lieber den Brautkranz wie den
-Schleier trüge, wenn sich nämlich ein Mann für sie fände, der sie
-nicht von ihm und ihrer Pflicht trennte -- war der Graf in einen
-fürchterlichen Zustand gerathen. »Soll ich auch des Todes sterben, wie
-Deine Mutter?« hatte er ihr rollenden Auges entgegnet. »Es war mein
-Wunsch wie der Deine, armes Wesen, Du mögtest glücklich werden; aber
-ich bin nur elend deshalb geworden. Mögte wohl ein Vater sein Kind zu
-lebenslänglicher Gefangenschaft verurtheilen, wenn es nicht die Rettung
-des Lebens gälte? -- Aber es giebt einen Schlüssel zur Freiheit -- --«
-
-Geistig Gestörte sind wie Inspirirte zu betrachten. »Der Schlüssel zum
-höheren Leben ist die Liebe!« und Albane trug ihn in stiller Brust. --
-
-Wie durch ein stillschweigend Uebereinkommen der Grundsätze beider Väter
-waren ihre Kinder fast gar nicht zusammen gekommen. Auch war Sylvius
-ziemlich voraus; doch die Natur hob durch ihre höchste Kraft diesen
-Unterschied auf, und lernte die beiden jungen Leute, wie fremd und
-fern von einander gehalten, sich innigst finden. -- Jener Arzt, der
-die Gräfinn operirt hatte, war dem herrschaftlichen Hause von Bonna
-verpflichtet geblieben, und weil er sich vorwurfsvoll beimaß, durch
-Uebereilung an dem Tode einer der trefflichsten Frauen, die er je
-gekannt, Schuld zu seyn, nahm er die Gesundheit ihrer Tochter mit
-vergütender Sorgfalt und um so gewissenhafter in Acht. -- Und wie das,
-was wir bewahren, wäre es auch fremdes Eigenthum, allmählig eigenen
-Werth für uns gewinnt, so war das Glück nicht minder als das Leben der
-Comteß ihm theuer geworden. Er bedauerte, daß ein so schönes Kind dem
-Kloster bestimmt seyn solle. Mit leiser Geschäftigkeit tastete er
-an diesem Entschluß herum. Albane hüthete sich indeß wohl, ihm
-ihr jungfräuliches Herz zu öffnen -- und der Graf zeigte bei dem
-behutsamsten Versuch, ob er hierin wankend zu machen wäre, sich so
-erschüttert, daß der Arzt, gegen dessen persönliches Annähern er eine
-innerste ahnungsvolle Abneigung zu empfinden schien -- es nicht wagen
-durfte, stärker in ihn zu dringen. So begnügte er sich, dem armen
-Opfer noch einigen Genuß des Daseyns zu wünschen, ehe es seine düstere
-Bestimmung erreiche. Er konnte nicht begreifen, wie die junge Gräfinn
-es so ganz ohne allen Umgang aushalten könne, und erwähnte zugleich, wie
-dies bei dem Sohne des Forstmeisters, einem vielversprechenden Jüngling
-der nämliche Fall sey; so daß Albane ein sinnverwandtes Wesen in Sylvius
-ahnete. Im Hause Romanas hingegen sprach der Arzt mit Begeisterung von
-der Tochter des Grafen, bejammerte ihr Loos jetzt und künftig -- rührte
-und regte ein Herz für die himmlische Schönheit, für das schuldlose
-Unglück dieses Mädchens an -- ein Herz, dessen heiße Sehnsucht ein
-langes stilles Glühen für ein verhangenes Bild gewesen war, das sein
-Idol nun gefunden zu haben glaubte, und heftig aufflammte. -- So war
-der Arzt, indem er hastig hin und her fuhr, wie der Wind, hier ein Wort
-verstreuete, dort eines, gleich dem Träger des Saamens, aus dem die
-Blume der Liebe erwuchs. Und wie in der Welt jedes Verhältniß, auch
-das tiefste, sich verflacht, so wird in der Einsamkeit auch das
-oberflächlichste bedeutend. -- Nicht leicht wird ein Mädchen dieses
-Ranges einsamer erwachsen, als Albane. Ach! sie war wohl schlimmer
-daran, als eine Waise. Die Mutter lag in tiefer Ruhe, und das Geheimniß
-manch schwerer Sorge war mit ihr versenkt; der Vater, Herr eines beinahe
-fürstlichen Besitzthums, war ein armer verstörter Mann, mit dem der
-geplagteste seiner Unterthanen nicht tauschen mögen. -- Seine Tochter
-hing mit kindlicher Seele an ihm, und hielt so nur allein seine
-zerrissenen Gedanken in einem gewissen Zusammenhange. Sie fand sich mit
-jener Sicherheit, die ein Gott uns lehrt, in seinem zerrütteten Geiste
-zurecht, wie dunkel die Spur auch gewesen wäre. Wenn Albane ihren Vater
-ansah, so oft er wirre Worte redete und die Begriffe durcheinander
-warf, so drang mit diesem Blick ein mildes Licht in sein Inneres, und
-er erkannte sich selbst wieder und sein Kind. Ihre liebe, sanfte
-Stimme, vom innigsten Bezug, war wie der Laut eines Glöckleins, was den
-Verirrten auf den rechten Weg ruft. Wenn der Graf seine Beamten vor sich
-ließ, und Geschäfte von Wichtigkeit zu besprechen waren, so stand die
-Comteß daneben, und hielt wie mit einem leisen Faden die Gedanken im
-Zuge; verwickelte er sich auch einmal in einen Widerspruch, so wußte
-Albane ihn leicht zu lösen. Die Bewunderung, mit der jene Männer zu ihr
-aufschauten, erlaubte ihnen nicht, einen Blick des Mitleids zu wechseln.
-O heilige Liebe! Du bist jener wunderbare Hauch der Allmacht, der den
-Funken des Geistes nicht verglühen läßt in todter wüster Asche. Darum
-ist es unser laienhaftes Urtheil, daß Kranke dieser Art unter der
-verschwiegenen, liebevollen Pflege der Ihrigen am besten aufgehoben
-sind. Verstand und Kunst stützen zwar die Pfeiler, auf denen das
-Gleichgewicht der Seele ruht, können aber gänzlicher Zerstörung nicht
-immer vorbeugen. Die Liebe in ihrem umfassendsten Sinne ersteigt nicht
-allein Mauern, sie wirft auch welche auf, gegen solchen Verfall.
-
-Doch nichtsdestoweniger war dem armen Kinde das Herz unsäglich schwer.
-Albane hatte keinen Trost als sich selbst, und daß sie sich nicht selbst
-genüge, ward ihr klar in Thränen, die sie heiß und heimlich weinte. --
-Wenn der Graf schlief, und er schlummerte oftmals des Tages über ein,
-weil er sich des Nachts gegen die Wohlthat der Ruhe sträubte, aus
-Furcht, in Bewußtlosigkeit zu versinken -- so lauschte Albane, wie tief
-und stöhnend er athme. Ihr Blick hing bewölkt an seinem grauenden Haar,
-an der gealterten zusammengesunkenen Gestalt -- und ihr Gefühl hatte
-keine Stütze. Albane durfte nur an seiner Seite sitzen, und den weichen
-Wedel von Pfauenfedern schwingen, daß die summende Fliege ihren Vater
-nicht belästige, so sanken vor den Augen des Argus die seinen zu,
-und einschläfernde Regenbogenkreise zogen seine wache Seele in ein
-träumendes Vergessen. --
-
-Niemals kamen Gäste in das Schloß zu Bonna, niemals! Auf der breiten
-steinernen Brücke, die zu seinen Thoren führte, wuchs Gras, als hätte
-ein altgläubiger Fluch es hervorgerufen. Die Zimmer waren pomphaft, doch
-leer und öde, nur die Zeit wohnte darin, und nützte den Glanz der Möbeln
-nicht mehr ab, wie eine ruhige alte Frau von leisem Schritt und Wesen.
-Losgesprochen von jeder andern Aufgabe als der: zu leiden, fand die
-junge Gräfinn nie und nirgend etwas zu thun. -- Der Tag zu Bonna und
-seine Glocke war ein Tonstück von ganzen Noten und großen Pausen. Tanz
-und Musik, die kirchliche ausgenommen -- waren Freuden, welche Albane
-nur dem Namen nach kannte, und manchmal wünschte sie wohl, die Horen
-mögten ihr die Pforten des Himmels öffnen, daß Alles zu Ende wäre. Sie
-thaten es, doch auf andere Weise, zu dem Anfange eines neuen Lebens. --
-Die Weidenflöte, das Geläut der Heerden, der klingende Tropfenfall des
-Springbrunnens, das Schwirren der Heimchen im abgesichelten Felde,
-dies Alles regte eine sehnsüchtige Wehmuth in ihr an, einen wollüstigen
-Schmerz, gemischt aus Grauen und Entzücken. Einst fand der Graf seine
-Tochter, wie sie das bethränte Gesicht an den Blättern einer dunkeln
-Laube trocknete. Erschrocken fragte er: »Du hast geweint? Was fehlt Dir,
-mein liebes Kind?« Albane antwortete überrascht, »die Freiheit,
-mein Vater! ich fühle mich so beengt.« -- Es war einer der lichten
-Augenblicke des Grafen, worin ihm diese Klage seiner Tochter
-einleuchtete. Er erlaubte ihr nun spazieren zu gehen, wann, und wie
-weit sie nur irgend wolle. Von dieser Zeit an ging eine Veränderung mit
-Albanen vor. Als ob tausend Seelen in ihr erwacht wären, belebte und
-erhöhte sich ihr ganzes Wesen. In dem großen, kalten Schlosse war es wie
-Frühling geworden. Die zarte Wange der jungen Gräfinn, sonst nur schwach
-gefärbt, war eine glühende Rose, ihre sanften Augen leuchteten wie in
-einem seligen Fieber, und die grauen Riesen am Steinthor schienen im
-Abglanz ihres Blickes zu lächeln. Anstatt leise aufzutreten, schwebte
-sie nur, kein Unfall berührte sie mehr, alle Gesichter erheiterten
-sich bei ihrem Anblick, und selbst auf der finstern Stirn ihres Vaters
-blühete eine kleine kümmerliche Freude an der reizenden Zufriedenheit
-seines himmlischen Kindes auf.
-
-Es ist bereits früher erwähnt worden, daß mehrere Anwohner dieser
-catholischen Herrschaft zu den Stillen im Lande gerechnet wurden; dies
-nicht allein, auch die ersten von den Offizianten des Grafen gehörten
-jener religiösen Innung an. Darunter war der Oberverwalter, ein
-schätzbarer Oekonom. Der Geschäftskreis, den er mit der besonnensten
-Umsicht versah, war groß, der seines Familienlebens hingegen klein.
-Er hatte seine einzige Tochter Fabia dem Cassirer des Majoratsherrn
-verlobt, und konnte sicher darauf rechnen, seine Tochter werde an der
-Seite dieses redlichen Mannes, den sie mit ruhiger Neigung gewählt,
-eben so sicher zufriedne Tage zählen, als dieser, von dem kein Error
-zu besorgen war, die ihm anvertrauten Summen. -- Die junge Gräfinn,
-obgleich weder von Fabia angezogen, noch festgehalten, hatte durch
-die Leitung des Zufalls, oder, um uns angemessener auszudrücken: einer
-höheren Hand -- die fromme Braut kennen gelernt, und konnte ihr ein
-Gefühl der Achtung nicht versagen. Fabia hatte einige Jahre früher
-eine herzlichgeliebte Freundinn verloren -- unsere Leser kennen die
-Geschichte jener Todten und ihrer Freundschaft -- und vielleicht war es
-ein sanfter Nachhall jenes erschütternden Ereignisses, vielleicht ein
-noch _innigerer_ Ton, was Anklang fand in Albanens Seele. Die stille
-Weise, in der Fabia viel leistete, ihr gesetztes Betragen, der Tact der
-Ruhe und Rechtmäßigkeit -- wenn wir so sagen dürfen -- womit sie sich
-bewegte, und das Ruder des Hausstands lenkte, bildete eine Art
-von Gegensatz zu dem leidenschaftlichen Zustande Jener, und wirkte
-beschwichtigend auf sie ein. Albane empfand, daß Verlaß auf Fabia zu
-setzen, und konnte sich des stillen Zugeständnisses nicht erwehren, daß,
-in solch sichere Hand sein Schicksal zu legen, keinem Manne zu verargen
-sey. Ein _festes_ weibliches Herz, dachte die junge Gräfinn, wäre
-vielleicht ein größeres Glück als Eigenthum, wie als Geschenk -- und
-dachte doch mit Schauder, mit dem Schauder der Vernichtung, sie könne
-einst dieses Stillstands, dieses Gleichmuths theilhaftig werden. --
-Fabia sprach gelassen von der nächsten Zukunft, in der ihre Heirath
-vollzogen werden sollte; der Schritt von ihrer heimathlichen Schwelle
-geschah mit so leisem Bedacht, mit so viel Rücksicht auf das Größte wie
-auf das Kleinste, was dem Vater zu Gute kommen könnte, da sein Kind
-ihn verlassen müsse, um dem Manne zu folgen -- daß Albane auch dies
-vergleichungsweise bemerkte und fühlte. Sie galt für eine Braut der
-Kirche; aber Frieden und Freudigkeit war nicht in ihr. Die Gegenwart
-erfüllte ihr Herz -- eine ungeheure Kluft trennte sie von ihrer Pflicht,
-und an das Künftige vermogte sie nicht zu denken. Der neue Ehestand hob
-jenen Umgang auf, wenn die weite Beziehung, worin die Tochter des Grafen
-zu der des Oberverwalters gestanden, nämlich so zu nennen -- man sagte
-die Comteß kränklich, der Arzt kam oft nach Bonna, und Albane war
-beinahe von Niemand mehr gesehen.
-
-Inzwischen waren ein paar Jahre vergangen. Man hatte wenig oder nichts
-von dem jungen Ehepaare gehört, ein Beweis, daß es glücklich lebte. Da
-ward die Gattinn des Cassirers eines Tages der Gräfinn Albane gemeldet,
-und alsbald stand jene bekannte Gestalt vor ihr. -- Ein wenig fraulich
-hatte Fabia sich doch verändert. Sie war hagerer als sonst -- die
-frischen Wangenrosen waren verweht und etwas eingefallen, und um den
-Mund hatte sich ein matronenhafter Zug von kleinen Falten gebildet,
-der um so schärfer hervortrat, als sie sich zu lächeln bemühte. -- Doch
-ungleich deutlicher noch machte Fabia ihrerseits die Bemerkung, daß
-Albane kaum mehr zu kennen wäre. -- Sie saß an dem einzigen Fenster
-eines Gemachs, das wie eine Laube gemalt, und deshalb düster war.
-Seltsam stachen die unbeweglichen Schatten der Malerei gegen das
-lebendige Farbenspiel der Tuberosen und grünen duftenden Stauden ab, die
-in einem kleinen reizenden Gartenflor an dieser sonnigen Stelle blühten.
-Der Wind strich leise durch die Zweige, und ihre Umrisse spielten warm
-auf dem Gesicht der Gräfinn, die, verbleicht, krankhaft zu frösteln
-schien, denn sie trug in dieser Jahreszeit -- es war im August -- einen
-weiten Mantel von Seide. -- Dieser Anblick brachte Fabien um die
-ihr eigenthümliche Gegenwart des Geistes. Ihre Seele forschte in dem
-bestürzten Blicke nach der Ursache dieser Veränderung. Wie war diese
-unvergleichliche Schönheit zerstört! welches verwahrlosende Geschick
-hatte das Feuer dieser herrlichen Augen ausgelöscht? -- Zwar hatte
-man lange schon von einer bedeutenden Unpäßlichkeit der jungen Gräfinn
-gesprochen, und wie diese selbst für die Diener des Hauses unsichtbar
-würde -- die Amme war sichtlich geängstet, doch schweigsam wie das Grab,
-das sie für ihren Liebling fürchtete --: aber diese matte Blässe, diese
-kranke Stimme, aus Seufzern zusammengehaucht, deutete eben so sehr auf
-ein beladenes Gemüth, als auf unterdrückte Kraft des Körpers hin.
-
-Mit Fabien stand der Gräfinn die Vergangenheit vor Augen. Das klare
-Ansehen der jungen Frau und ihrer reinen Verhältnisse bewegte das Herz
-im Busen der unglücklichen Albane. Ein tiefer Seufzer schwebte auf ihren
-Lippen, da sie nach dem Anlaß dieses lieben Zuspruchs fragte. -- Darauf
-trug Frau Fabia bescheidentlich die Bitte vor, ihr gütigst eine blaue
-Camelia abzulassen, womit sie ihrem Manne, der ein großer Blumenfreund
-sey, eine Freude zu seinem Geburtstage zu machen wünsche. Die Gräfinn
-gewährte dies und mehr, jede schöne seltne Pflanze, die sich innerhalb
-der Glashäuser, oder im Bereich des Gartens überhaupt befinde, solle
-zu ihrer Auswahl stehn. Fabia bezeigte ein lebhaftes Vergnügen. Albane
-erkundigte sich nun nach dem Ergehen der jungen Frau, und kam der
-zögernden Antwort zuvor, indem sie schmerzlich lächelnd sagte: »doch
-diese Frage ist wohl vom Ueberfluß. Sie haben aus Neigung geheirathet.
-Sie sind die Gattin Dessen, den Sie lieben, vor der Welt die Seine, und
-begünstiget durch ein Stillleben, was ich mir über alle Maaßen traut und
-glücklich denke. Sie dürfen ihren Ehemann mit jeder Blume beschenken,
-mit _jeder_ -- selbst wenn sie unter Ihrem Herzen blüht --« hier
-stockte die Gräfinn. Fabia senkte tief das Auge, und es bedeckte eine
-aufquellende Thräne. Diese Seligsprechung einer Vermählten im Munde der
-gräflichen Jungfrau, die eine geistliche zu werden bestimmt war, mußte
-die Frau des Cassirers befremden, und jene höchste Blüthe der Liebe,
-worin Albane das, was sie dachte, verblümte, auf der schaamhaften Lippe
-eines Mädchens die züchtige Fabia allerdings Wunder nehmen. Sie sprach
-erröthend: »ich darf mein Loos nicht beklagen; doch auch die günstigste
-Lage läßt wohl etwas zu wünschen übrig. Mein Mann ist brav, und hat
-mich noch mit keiner Miene beleidiget; aber er ist peinlichen
-Gemüths, besonders was seine Geschäfte betrifft. Freilich ist sein Amt
-verantwortlich, da der gnädige Herr Graf --« Albane nickte, und Fabia
-fuhr fort: »dann mag die Erziehung meines guten Mannes hier und da
-verfehlt gewesen seyn -- damit hat eine Frau auch zu kämpfen. Er
-verbittert sich manchen Lebensgenuß, mein Vater spricht, es komme von
-einer krankhaften Galle her. Schreckt er doch selbst mich nicht selten
-mit einer gewissen mißtrauischen Kälte ab -- und der Himmel ist mein
-Zeuge! daß ich ihm gern die Sonne zuneigen mögte. Endlich wünscht er
-sich so sehnlich ein Kind -- und es wäre hart für mich, wenn dieser
-Segen uns versagt bleiben sollte.«
-
-Nichts lockt so sicher Aeußerungen des Vertrauens auch aus der
-verschlossensten Brust, als wenn der Schatz, den sie besitzt,
-überschätzt wird. In diesem Falle dürfte sich selbst der vorsichtigste
-Geizhals in einer ohngefähren Angabe seines Vermögens errathen.
-
-Die weiße Albane ward wie mit Rosenblut begossen. Sie brach eine Knospe
-ab und zerpflückte sie in ihrem Schooße. Das Gespräch ward noch eine
-Weile mit Wärme fortgesetzt -- dann ging Fabia. Später hörte man von ihr
-und ihrem Manne, sie hätten ein Pflegekind angenommen.
-
-Wieder eine geraume Zeit war seitdem verflossen. Da ging Albane an
-einem milden Sommerabend spazieren, und wie gewöhnlich allein. Sie war
-kürzlich abermals sehr krank gewesen, und als sie zum Vorschein kam, sah
-man wohl, wie viel sie gelitten. Man beklagte die arme junge Gräfinn,
-die schwerlich zu völliger Gesundheit und Kräften kommen könne, in ihrer
-herzpressenden Lage, und der, allem Vermuthen nach -- sich die Thüren
-der Gruft eher öffnen würden, als die Pforten des Klosters. --
-
-Ein Hirtenknabe durchkreuzte ihren Weg, der weinte. Die Gräfinn fragte
-nach der Ursache dieser Betrübniß: ein junges Lamm war ihm von der
-Heerde abhanden gekommen. Albane bot ihm Geld, der kleine traurige
-Schäfer aber in Angst und Eile des Suchens schlug es aus und sprach:
-»wenn ich das Verlorene nur wieder hätte! das wäre mir lieber als
-Alles.« Dieser kleine Vorfall rührte wunderbar an Albanens Gemüth. Dort
-flog er hin, der kindliche Hirt! Albane sah ihn hinter dem blühenden
-Klee verschwinden; am Hügel tauchte er wieder auf, und hielt das
-gefundene Lämmlein mit beiden Armen umschlungen, und fest an seine Brust
-gedrückt. Er winkte aus der Ferne der Dame zu, daß es nun da sey, seine
-Miene lachte entzückt und der schlichte blonde Scheitel des Knaben
-glänzte im Schein der sinkenden Sonne.
-
-Die Gräfinn sah thränenden Blickes und versenkt in tiefe Gedanken
-nach ihm hin; tiefer noch war die Quelle, die in ihren schönen Augen
-überfloß. -- Sie setzte sich auf einen Feldstein, neigte das Haupt und
-starrte zu Boden. Da stand der alte Romana vor ihr, der unbemerkt heran
-gekommen war. Er hatte die Tochter seines Freundes lange nicht gesehen,
-und konnte seine Betroffenheit über ihren Anblick an dieser einsamen
-Stelle nicht bergen. Albane fühlte ihre Wange erkalten, und stammelte,
-daß sie von einer jähen Schwäche angewandelt worden sey, die ihr von
-der letzten Krankheit anhänge. Der Forstmeister betrachtete dies holde,
-tödtlich erblaßte Gesicht wie mit väterlichem Mitleid. Er bat, die
-Gräfinn wolle ihm erlauben, sie in seine Wohnung zu führen, die in der
-Nähe sey, auf daß sie sich daselbst erholen und eine kleine Stärkung
-zu sich nehmen könne. Er bat so herzlich, daß Albane seine Güte nicht
-ablehnen konnte. Während des Gehens unterstützte er die zarte Gestalt,
-deren biegsamer Wuchs wie bewegt von einem innern Sturme an seinem Arme
-schwankte. Er machte ihr sanfte Vorwürfe, sich als eine kaum Genesene,
-unbegleitet solch einer Anwandlung ausgesetzt zu haben. »Ihr Vater,
-liebe Comteß,« redete er treumüthig weiter, »dem die nächste Sorge für
-die theure Gesundheit seines Kindes zustünde, ist leider! dieser Obhut
-nicht fähig; vergeben Sie es mir daher, wenn ich Sie aufmerksam mache,
-auf die Pflicht sich zu schonen. Lassen Sie mich in dieser Mahnung
-Vaterstelle an Ihnen vertreten! -- Was sollte aus meinem armen Freunde
-werden, wenn seine einzige Stütze vor ihm sänke in das Grab? -- Und wenn
-das so fortgeht -- --« Sie standen an dem Hause, Albane drückte die
-Hand des liebreichen Mannes, als wolle sie damit ein stummes Versprechen
-leisten. Sie sah empor; ihr Blick hing an dem südlichen Dach, das
-getragen von der heitersten Wohnung, einem der hängenden Gärten der
-Semiramis zu gleichen schien.
-
-Der Forstmeister fragte: ob die Gräfinn sich wohl zu erschöpft fühle, um
-diese mäßige Höhe zu ersteigen? und als sie es als Wunsch äußerte, ließ
-er Brod und Wein hinauf bringen, den werthen Gast zu erquicken.
-
-Es war ein himmlisches Plätzchen, und Albane genoß zum erstenmale den
-Reiz dieser Aussicht weitschauenden Blickes. »Wie schön ist es hier!
-eine wahre Augenweide!« sagte sie tiefathmend, und ihr Gedanke streifte
-in diesem Ausdruck noch leise an der Heerde hin, welche die wallenden
-Wolkenschäfchen ätherisch versinnlichten.
-
-»Ja,« antwortete Romana innigst begnügt, »ich danke dieser Anlage manche
-Stunde, die ich mit einem goldnen Platz nicht tauschen mögte. Und an
-Gold mangelt es hier auch nicht.« Die Sonne goß eben ihren letzten Glanz
-blendend aus, der Himmel flammte und das Blut der Traube perlte im Glase
-wie ein flüssiger Rubin. »Wie Viele mögten in erträumter Größe mich
-beklagen,« setzte er mit heiterm Lächeln hinzu, »während ich mein Glück
-hoch genug zum Preise des Herrn anschlage. Wer die Einsamkeit liebt und
-mit sich selbst umzugehen weiß, entbehrt nie eines tröstenden Freundes.
-Wäre mein Sohn fortzubringen von hier, oder anders -- er ist so wenig
-froh -- so würde ich von keinem Kummer wissen, als an den ich mich
-aus vergangener Zeit erinnere. Im Revier des Waldes bin ich in meinem
-Element, und kenne jeden Baum. Wenn der frische Morgenhauch die grüne
-Haide durchschauert, dann athme ich wie ein Jüngling; und wenn ich des
-Abends hier sitze: welcher Odem des ewigen Lebens weht mich von _diesem_
-Holze da an?« Er deutete auf das Kreuz.
-
-»Gräfinn!« fuhr Romana begeistert fort, und vergaß zu Wem er rede, »wie
-mag es doch Menschen geben, die ihr Heil in andern Dingen suchen, als
-bei dem Einen: dem Heiland? -- Wie still ist die Seele, die Ihn liebt!
-Sie geht geführt von seiner Hand auf den Wogen des Lebens, wo
-Andere untersinken. Einst war es nicht so mit mir. Ich war ein
-leidenschaftlicher Mensch, ungestüm in meinen Wünschen, meinem Begehren;
-ich fürchtete das Geliebte zu verlieren, obgleich ich es noch hatte,
-ohne daß ich es eigentlich besaß. Die Leidenschaft betäubt, sie ist der
-Sturm in unsrer Brust, der unsre beste Habe verschlingt, der unser
-Glück zertrümmert, nur beschwichtiget von Dem, welchem Wind und Willen
-gehorchen.«
-
-Diese Worte schlugen an Albanens Herz. Sie wagte jedoch hierauf zu
-entgegnen: diese Ruhe des Gemüths, diese Stille der Seele mögte wohl
-eine Frucht gereifter Jahre seyn.
-
-Der Forstmeister schüttelte sein ehrwürdiges Haupt und sprach: »das wäre
-traurig, liebe Comteß. Dann wäre die Jugend ein ausgeschlossenes Kind,
-und das Alter ruhete der Liebe im Schooße. Nein! wir sind nur blind,
-bis wir sehend werden. Wer sich auch in der Verblendung gefällt: er wird
-früh oder spät merken, welcher Sinn ihm abgeht. Wage Jemand, ein Glück
-behaupten zu wollen, was Gott nicht billigt! ja, der Mensch ist so
-wundersam beschaffen, daß, wo Niemand ihm streitig macht, was er
-besitzt, er, _er selbst_ es ins tiefste Meer würfe, zur Sühne für den
-Himmel! Schon die Gesetze der Welt müssen das Juwel unserer Freuden
-fassen, sollen wir es tragen können.«
-
-Mit diesen Worten hatte der ehrenwerthe Mann das Innerste Albanens
-ausgesprochen. Sie schwieg, tief erschüttert, und als er ihr das Brod
-und den Wein wohlmeinend aufdrang, war ihr nicht viel anders, als
-genösse sie das heilige Abendmahl.
-
-Die Unterredung nahm nun die Wendung auf Sylvius. Sein Vater klagte, und
-ahnete nicht, daß er die Seele der Gräfinn zerriß -- wie vielen Kummer
-ihm dieser so treffliche Sohn verursache, durch stillen Trübsinn, durch
-sein eigensinniges Beharren, nicht weichen zu wollen von der heimischen
-Scholle, da ihm doch die weite Erde offen stände. »Es ist,« fuhr der
-Alte mit sorgenschwerer Stimme fort, »als ob ein Bann ihn hier gefangen
-hielte, den der Herr lösen wolle! -- Was ihn hält und härmt: ich weiß
-es nicht, denn er hat kein Vertrauen zu mir, seinem einzigen und besten
-Freunde! --« Ein gekränkter Seufzer stieg aus dieser väterlichen Brust
--- Albane stand auf. »Aber was ist Ihnen, liebe Gräfinn?« fragte Romana
-bestürzt, »Sie weinen? Sie zittern?« Albane konnte den hervorbrechenden
-Thränen nicht wehren; das Herz wollte ihr zerspringen, und sie
-machte eine Bewegung, als wolle sie dem Forstmeister zu Füßen sinken.
-»Entlassen Sie mich --,« bat Albane sehr leise, »ich fühle mich krank.«
-Sogleich wollte Romana einen Wagen kommen lassen; die Gräfinn lehnte
-dies ab, und sich auf seinen Arm. Er führte sie sacht und sanft nach dem
-Schlosse, unwissend, daß er seine Schwiegertochter leite.
-
-Ach! die arme Gräfinn war seit mehreren Jahren Sylvius heimlich
-angetraute Gattinn, und binnen dieser Zeit zweimal Mutter geworden. --
-Sie hatte den heißen Bitten des Geliebten nicht widerstehen können,
-sich mit ihm zu verbinden, und ihrer Bestimmung also zu entziehen.
-Nimmermehr, das wußte Albane, würde ihr Vater seine Einwilligung dazu
-gegeben haben, und auch der junge Romana hatte Ursache zu glauben, der
-seinige werde nicht minder entschieden dagegen seyn, wenn gleich der
-Grund diesseitiger Abneigung ihm verborgen war. Der Arzt und die Amme
-waren im Geheimniß dieser Ehe, und ihrer vereinten List gelang es, unter
-dem Schutz der Umstände eine Täuschung der Art zu ermöglichen, und bis
-dahin dauernd zu erhalten.
-
-Tief in der weiblichen Natur begründet, liegt etwas Widerstrebendes, ein
-geheimnißvoller Wille, nicht zu wollen, was ein höheres Gesetz als sein
-Geschlecht von ihm fordert, während der Mann, wo er im Kampf begriffen
-scheint, mit der Welt und dem, was sie ihm weigert, nur seiner innersten
-Ueberzeugung gehorcht.
-
-Der Gedanke an das Kloster war der Gräfinn stets furchtbar gewesen,
-und das Gefühl ihres Menschenrechts hatte sich gegen diese Bestimmung
-gesträubt. -- Jetzt galt es, aus freier Wahl diese Nothwendigkeit
-aufzuheben. Der Vater wurde nicht davon berührt -- er wußte nichts.
-Und wie mag ein weiblich Ohr, erfüllt von den Stimmen der Liebe, und in
-nervöser Scheu vor jenem Glöcklein der Kirche, das über der absterbenden
-Novize geläutet wird -- auf das Flüstern religiösen Zartgefühls hören?
--- Dieser verschwiegene Bund, sein verstohlnes Verhältniß, ja selbst
-der Reiz einer gewissen Gefahr erhöhete die heimlichen Entzückungen
-desselben, da des Vaters Ruhe, wo nicht sein Leben daran hing, daß es
-unentdeckt bliebe, seine Tochter wäre vermählt. Diese Gattinn, das freie
-Eigenthum der Liebe, würde dem Sylvius der öffentlichen Stimme nach,
-nur ein kirchenräuberischer Besitz gewesen seyn; aber er trank von ihren
-Lippen Weihe und Wonne. -- Als hätte eine schützende Gottheit einen
-Schleier über diese Ehe geworfen, so blieb sie jedem Auge verhüllt.
-Albane galt für eine Himmelsbraut, kein schnöder Verdacht schlich ihren
-Schritten nach; ihr kindlicher Ruf war über jeden Argwohn erhaben;
-wie hätte man denken können, sie wolle sich einer heiligen Pflicht des
-Glaubens entziehen, für den ihre Mutter gestorben? -- Das Bedauern
-für die junge Gräfinn war so allgemein und innig, daß man ihr jede
-Seltsamkeit nachgesehen haben würde -- und nachsah. Die Natur gab diesem
-Bündniß Unauflöslichkeit, und jetzt fühlte Albane zum erstenmale, daß
-das Einsseyn zweier Herzen, ob auch vereiniget durch Priesters Hand,
-unter den Schutz der Oeffentlichkeit gehört; denn schon die Gestalt
-einer werdenden Mutter heischt eine rechtliche Meinung, und macht
-es unmöglich, ohne Sünde oder Sorge den höchsten Segen des Weibes zu
-verheimlichen. Nur die Lage der Gräfinn, so gänzlich abgesondert von der
-Welt, und in diesem Vorzug -- dieser Begriff gelte für jene Umstände --
-fast einzig und allein in ihrer Art, der blöde Geist ihres Vaters, das
-blinde Vertrauen dessen sie genoß, das vorsichtige Verfahren des Arztes
-und die erfinderische Klugheit der Amme halfen über jenen schwierigen
-Zeitpunct wiederholentlich hinweg. -- So waren Jahre verflossen. Das
-Band dieser ehelichen Liebe schien an Stützen gebunden, die tiefer
-begründet waren, als für ein sterbliches Auge einzusehen möglich, es
-war so innig mit beruhigendem Schweigen verwebt, daß die furchtsame
-Besorgniß Albanens, es könne zur Kenntniß ihres Vaters kommen, allmählig
-nachließ. Sie ward endlich sicher.
-
-Aber _die_ Stimme in der menschlichen Brust, ein schwacher Vorklang
-jener, die einst schlafende Welten wecken wird, welche in den leisesten
-Bebungen des sittlichen Sinnes an ein betäubtes Herz dringt --
-ward laut. Die Gräfinn war längst nicht mehr glücklich, wenn sie es
-eigentlich jemals gewesen. Ihr Glück däuchte ihr nur ein entzückender
-Traum, unhaltbar zerronnen, aus dem sie schwerblütig erwacht wäre. Ihr
-ganzes Wesen, vom Sitz des Herzens aus, durchdrang ein traurig Sehnen,
-was sich selbst in Sylvius Armen nicht stillte; das Bewußtseyn ihrer,
-seiner Liebe genügte ihr nicht mehr. -- Ein kränklicher Gram zehrte an
-ihrer Gestalt, und ein Gefühl unsäglicher Wehmuth, von trübem Grund der
-Seele, bedrängte ihren Busen. Sah sie ein junges Ehepaar neben einander
-sitzen oder gehen: so dachte sie mit einem alten Liede: »manches Herz
-geht _ganz alleine_ seinem stillen Kummer nach --« Albane verkannte, daß
-der Liebe Geist, der treueste von allen Freunden, ihr zur Seite wäre. --
-Geschah es, daß sie Fabien von oder zu ihrem Mann reden hörte: so fühlte
-sie sich schmerzlich fremd, wie eine Taubstumme, Angesichts Solcher,
-denen das Vorrecht und die geistige Beziehung der Sprache gegeben ist.
-Ein weinendes Kind, geschmiegt an den Hals seiner Mutter, lockte bittre
-Tropfen in ihr Auge, und die arme Gräfinn hätte all ihr Blut verströmen
-mögen, wenn sie eine Thräne ihres Kindes, _eine_ nur -- tröstend hätte
-wegküssen dürfen. --
-
-In dieser Stimmung dachte Albane oft an ihre Mutter, auf die sie sich
-wenig zu besinnen wußte. Zwar bebte ihr Gedanke vor diesem beleidigten
-Bilde zurück; aber es zog allmählig immer trauter und versöhnender
-ihr Denken und Sinnen an sich. Einst führte das Bedürfniß innerster
-Ansprache sie an die Familiengruft, deren Thür sie sich öffnen ließ.
-Auch den Deckel des Sarges ihrer Mutter ließ sie abheben, und diesem
-Willen der jungen Gebieterinn ward, wenn auch widerstrebend, doch Folge
-geleistet. Der Leichnam lag unversehrt, nur das weiße Kleid war in
-der linken Brustgegend hochroth gefärbt, als hätte der Todten das Herz
-geblutet; das rechte Auge war nicht ganz geschlossen: wie drang dieser
-erstorbene Blick in die Seele ihrer Tochter! -- Um den eingefallenen
-Mund schwebte noch der Schatten eines Lächelns, womit die edle Frau die
-Welt gesegnet hatte. Albane stand in heiliger Rührung an dieser Stätte
-der Ruhe. Ein ganzes Leben voll Vorwürfe hätte nicht so dringend an
-ihr Herz reden können, als dieser stille Anblick, der den Frieden der
-Gottseligkeit schweigend offenbarte. Und hier war es, wo Albane den
-Schmerz der Leidenschaft als sündlich empfand. -- Fuhr die Gräfinn des
-Sonntags nach der Kirche, so trat sie mit einem Schauer der Buße in
-die vergitterte Loge. Das Erbrausen der Orgel schwellte ihre Brust, ihr
-Gefühl war ein frommes Heimweh. Sie wünschte sterben zu können an diesen
-Tönen des Himmels. Und wenn die Sonne zu den hohen Fenstern herein
-schien, und in der Stola des Priesters flimmerte: dann leuchtete dieser
-Strahl auch in ihr Innerstes, und um den dunkeln Altar des Gemüths ward
-es helle. -- Doch ein Blick der Liebe ihres Vaters, der kleinste Beweis
-seiner Zuversicht zu ihr, die sein Ein und Alles war, spaltete Albanen
-das Herz. -- Wenn schon eine zarte Scheu sich in Acht nimmt, einem
-Blinden auf irgend eine Weise Anstoß zu geben: so wird ein zarterer Sinn
-Anstand nehmen, den geistig Blöden zu hintergehen. So war Albane sich
-nach und nach einer Schuld gegen ihren Vater bewußt worden, die sie in
-heißer Reue mit keinem Opfer der Liebe, auch dem größten nicht, sühnen
-zu können glaubte. -- Die Unterredung mit dem Forstmeister, welche das
-Herz der Gräfinn erschütterte, fand daher den Tag der Reife, und lösete
-die Frucht der Selbsterkenntniß ab, in einem Gedanken, den sie lange
-getragen.
-
-Auch Sylvius war unbefriediget, und konnte es nicht immer verhehlen. Er
-vergaß in der Heftigkeit seiner strebsamen Wünsche, daß Albane, indem
-sie ihnen nachgegeben, ihm das Ziel derselben als ein unabänderliches
-gezeigt. Das süße Geheimniß, der unsichtbare Trauring, war ihm eine
-Fessel, die er in männlichem Trotz abstreifen mögen -- er fühlte
-sich beschränkt, und die Geliebte war es, die ihn hinderte, seine
-jugendlichen Kräfte an den Schranken der Welt zu versuchen.
-
-»Ich las heute,« sagte die Gräfinn in der Späte jenes Abends, an dem sie
-seinen Vater gesprochen, zu ihrem Gemahl, »die entstehende Liebe ist in
-einem Nichts reich, die wachsende ist in den Wünschen bescheiden, nur
-die glückliche Liebe hat nie genug -- da dachte ich an Dich.«
-
-»Ach, Albane!« lautete seine Antwort, »wie könnte meine Liebe glücklich
-seyn, da Du es nicht bist? Umsonst verbirgst Du mir einen Kummer, als
-dessen Ursache ich mich ansehen muß -- ich bin nicht im Stande, Dein
-Herz ganz auszufüllen. Lebten wir nicht in dieser unseligen lichtscheuen
-Vereinzelung: kein finstrer Gedanke würde Raum finden zwischen Dir und
-mir.«
-
-»Wie Du mich quälst, Romana!« seufzte seine Frau, »gönne mir den Trost,
-das Leben meines Vaters zu schonen; an diesem schwachen Faden laß mich
-vorsichtig halten, das Gewebe der Verhängnisse ist zart. -- Und damit
-Du das Wenige schätzen lernst, was Du an mir besitzest: so dürfte es gut
-seyn, wenn Du mich eine Zeitlang ganz entbehrtest. Der Arzt dringt in
-mich, den Vater zu einer Reise von längerer Dauer zu bereden, und auch
-Dir, mein Sylvius, dürfte eine weite Ausflucht eben einmal nöthig seyn.«
-
-Albane stellte nun dem Gemahl diese Reise aus den verschiedensten
-Gesichtspunkten als eine allseitige Nothwendigkeit dar. Der jüngere
-Romana glaubte jedoch nicht, daß es dazu kommen würde; aber der Graf
-zeigte sich viel leichter entschlossen, als zu erwarten gewesen, ja,
-es war, als ob dieser Entschluß seine Kräfte aus ihrem lethargischen
-Zustande aufgerufen hätte. Er war zum Staunen der Seinen der
-besonnensten Maßregeln fähig, und Albane, welche diesen Lichtblick
-benützten zu müssen glaubte, förderte die Anstalten in drängender Eile.
-
-Es gab mehr Leute, welche diesen günstigen Zeitpunkt zur Erreichung
-ihrer Zwecke absahen. Der Oberverwalter, Fabiens Vater, war vor Jahr
-und Tagen gestorben, und ein Mann an seine Stelle gekommen, der obgleich
-tüchtig für sein Fach, doch nicht als vertragsam gerühmt werden
-konnte, am wenigsten von dem Schwiegersohn seines Vorgängers.
-Dieser, ärgerlicher Art, that nur seine Pflicht, doch nichts, um ein
-freundlicheres Verhältniß einzuleiten; bei solcher Unfügsamkeit in nahem
-Verkehr waren Reibungen unvermeidlich, und es kam so weit, daß Fabia
-einsah, ihrem Manne würde nicht nur sein Amt, sondern das Leben
-verleidet. So redete sie ihm zu, den Grafen um Versetzung anzugehen. --
-Aber dieser Gutsherr war so wenig zugänglich, wie ein Fels im Meer, und
-einmal abgeschlagen, konnte jener Wunsch nicht wiederholt werden.
-Als nun Graf Frankenstern den Cassirer rufen ließ, und ihn dieser
-gesammelten Geistes und überaus gütig fand, erschrak er fast vor Freude,
-daß der Blüthenmoment für seine Angelegenheit so plötzlich gekommen
-wäre. Er trug seine Bitte vor, zugleich mit der Beschwerde über den
-Oberverwalter, und der Graf verfügte ohne Weiteres, daß der Antagonist
-desselben als Rentmeister nach Bühle versetzt würde. -- Er hob
-bedeutende Summen aus, und fand das Rechnungswesen in musterhafter
-Ordnung; es ergab ein Facit gegenseitiger Zufriedenheit. Frau Fabia
-hatte, als ihr Mann vom Schlosse nach Hause kam, eine langentbehrte
-heitre Stunde; aber diese war auch für längere Zeit die letzte. Nachdem
-die Spannung nachgelassen, worin er sich zeither befunden, fühlte er
-sich krank, in Folge verhaltnen Aergers. Als der Graf nun Tages vor
-seiner Abreise den Rentmeister noch einmal zu sich rufen ließ, ihm
-Papiere von Wichtigkeit zu übergeben, raffte Dieser sich mühsam auf, die
-Befehle des Gutsherrn zu empfangen, und besorgt sah seine Frau ihm nach.
-
-Graf Frankenstern war heute nicht völlig so klar, als er ihn das
-letztemal gesehen; er konnte sich auf Einiges durchaus nicht besinnen,
-und schritt nach dem Flügel, den seine Tochter bewohnte, Aufschluß von
-ihr zu fordern.
-
-Die Gräfinn war nicht da -- und als ihr Vater unverrichteter Sache in
-seine Zimmer zurückkehrte, sah er auf dem Gange ein Gewölbe offen,
-worin Silberzeug und kostbare Vorräthe verwahrt wurden. »Welche
-Unvorsichtigkeit!« murmelte der Graf; Niemand war zu sehen. Er bewegte
-die eiserne Thür nach Außen und trat hinein; sein Begleiter blieb auf
-der Schwelle. Eine Truhe war geöffnet, woraus Pelzwerk, wahrscheinlich
-zum Bedarf der Reise, genommen worden, denn ein feines Marderfutter
-hing über dem Deckel, Büschel getrockneten Lavendels lagen verstreut
-am Boden, und ein starker Geruch erfüllte den kühlen Raum. In
-einer schmalen Vertiefung der Mauer stand, etwas erhöht, jenes
-Schmuckkästchen, das unsre Leser kennen. Eine schöne, doch schadhafte
-Statue von Alabaster, das Haupt sinnig gebeugt, den Finger auf dem Mund
--- schien als Wache neben dies Depot gestellt; in der zerbrochenen Brust
-steckte eine kleine verwelkte Rose. --
-
-Der Graf warf einen Blick in jenen Winkel und schauderte. »Freund!«
-sagte er hinter sich gewandt, »Sie könnten mir einen Gefallen thun --
-und Sie werden es!« setzte er mit unabweislichem Tone hinzu, »in jener
-Chatoulle dort ist der Familienschmuck -- nehmen Sie ihn zu sich. Meine
-Tochter hat den Platz für die Kleinodien des Hauses --« hier lächelte
-der Graf düster --, »seltsam gewählt; ich muß diesen Fehler verbessern.
-Mitnehmen kann ich das Kästchen nicht, und muß es daher während unserer
-Abwesenheit gut aufgehoben wissen. Sie sind ein zuverlässiger Mann, ich
-weiß Niemand, zu dessen Redlichkeit ich größeres Vertrauen hätte.«
-
-Der Rentmeister verbeugte sich. Er hatte den Grafen erbleichen gesehen,
-und gab dies dem Odem des Kampfers Schuld, der hier wehete, und den
-die kranken Nerven desselben nicht vertrügen. Auf einen Wink hob er das
-Köfferchen hinweg, und bat um den Schlüssel. »Albane wird ihn haben --«
-versetzte der Graf in Scheu und Hast, »verlassen Sie Sich jedoch darauf,
-ich sende ihn heut Abend noch; das Verzeichniß des Inhalts kann ich
-Ihnen sogleich suchen.« Auf seinem Zimmer suchte Graf Frankenstern nach
-dieser Liste, und es währte lange, ehe er sie fand.
-
-Mittlerweilen hatte der Rentmeister sich gesetzt und hielt das Kästchen
-auf seinem Schooße; die Kniee zitterten ihm unter der kostbaren
-Last, denn die Stunde des schleichenden Fiebers, an dem er litt, war
-herangekommen. Endlich reichte der Graf ihm das Papier und sprach, als
-Jener es mit bebender Hand empfing: »das ist ein schlimmer Frost, und
-Sie sind so leicht gekleidet! -- Wahrlich! ich hätte ihnen unter diesen
-Umständen den Ueberrock nicht übel genommen; vielmehr verbinden Sie mich
-durch Bedacht auf Ihre Gesundheit. Nehmen Sie einen Mantel von mir an!
-die Abendluft könnte Ihnen schädlich werden.«
-
-Unter dieser gnädigen Fürsorge, obgleich sie gewiß redlich gemeint war,
-verbarg der Graf mit der eigenthümlichen Schlauheit Derer, die in der
-Regel geistesabwesend sind, den vorsichtigen Wunsch, der Rentmeister
-mögte die Chatoulle unbemerkt in seine Wohnung tragen.
-
-Frau Fabia erschrak nicht wenig, als sie ihren Mann nun langsam
-kommen sah. Er war leichenblaß, unter einem dunkeln Mantel, der in der
-Dämmerung wie schwarz ließ, trug er einen zierlichen Kindersarg,
-und seine Schritte schwankten wie die des Trägers einer Bahre. --
-Erschrocken eilte seine Frau ihm an die klingelnde Hausthüre entgegen;
-aber schweigend trat er ein, stumm ging er in die Mitte des Zimmers,
-setzte das Kästchen auf den Tisch und sprach mit erschöpfter Stimme:
-»ich bin krank, Fabia, recht sehr krank. Der Weg vom Schlosse bis
-hierher -- nun der Himmel weiß es -- wie sauer er mir geworden! ich ging
-gleich dem heiligen Christopherus wie im Wasser, und als trüge ich eine
-Weltlast, die immer schwerer würde. -- Ist denn das Kästchen wirklich so
-schwer? die Juwelen der gräflich Frankensternschen Familie liegen darin,
-und ich wünschte wohl, ich wäre der Ehre, sie zu bewahren, überhoben
-gewesen. Das Fieber scheint heftig im Anzuge -- ich kam mir wie ein
-Todtengräber vor; nur die Citrone fehlte noch in meiner Hand.«
-
-Fabia warf einen bekümmerten Blick auf ihren Mann, dann auf die
-Chatoulle, welche durch ihre Form diese wüste Idee erregt haben mogte,
-und um seinen Sinn auf Realien zu lenken, sagte sie: »das Kästchen
-hebt sich leicht; mir deucht, Edelsteine müßten schwerer in das Gewicht
-fallen.«
-
-Nun drang Fabia darauf, daß der Kranke sich sogleich zur Ruhe begäbe;
-und kaum war dies geschehen: so fing er an zu phantasiren. Er klagte,
-der Oberverwalter hätte ihm die Demanten aus Christi Krone verfälscht,
-sprach vom Gott des Schweigens, der ihm den Finger auf den Mund gelegt
-habe -- pflückte Lavendel von der Decke, und schalt auf seine Frau, daß
-sie ihm den Pelz auszuklopfen vergessen. Er sähe eine Unzahl Motten um
-das Licht flirren. --
-
-Fabia, dies Muster häuslicher Ordnung, konnte die Vorwürfe des
-Fieberträumenden ungekränkt anhören. Sie lächelte beklommen, und starrte
-verstört in die ruhige Nachtleuchte, in deren mattem Schimmer die
-Beschläge der Chatoulle unheimlich blinkten. -- Gegen den anbrechenden
-Tag hörte Fabia die herrschaftliche Reisekutsche über die Schloßbrücke
-dröhnen. Sie hatte die ganze Nacht am Bette ihres Mannes verwacht, und
-kein Auge geschlossen. Jetzt stand sie auf und trat ans Fenster. Da
-rollte der Wagen vorüber und verschwand in der grauenden Frühe, und
-Fabia sah zum Himmel auf und sprach mit der Inbrunst eines geängsteten
-Herzens: »Sey mir gnädig, Gott, sey mir gnädig; denn auf Dich trauet
-meine Seele! -- wende Dich zu mir, denn ich bin einsam und elend, und
-Deine Güte ist tröstlich. Du meines Lebens Licht! Betet an den Herrn
-im heiligen Schmuck --« Der Osten bekleidete sich mit Purpur, und der
-Morgenstern ging unter in schwachem Geflimmer.
-
-Dem Krankenbette, dieser dunkeln Stelle -- wendete Fabia die volle
-Lichtseite ihres Charakters zu, und es wäre heilsam für trübe
-Erfahrungen, wenn diese Eigenschaft an mancher Frau zu rühmen, die
-unsern Lesern oder den Augen der Welt vielleicht besser gefällt, als
-diese werkthätige Fromme. Nicht umsonst hatte die Vorsehung sie daher
-als Gattinn einem Hypochondristen zugetheilt, der auch in gesunden Tagen
-krank genug und voll wunderlicher Gramhaftigkeit war, um die Kraft
-der Geduld seiner Frau in beständiger Uebung zu erhalten. Kein Phantom
-seiner Einbildung schreckte ihren ruhigen Sinn. Ihr gelassener Muth
-siegte über jede Unbill verdrüßlicher Launen ihres Mannes, ihre klare
-verständige Handlungsweise lag offen da vor seinem mißtrauischem Blick;
-stets achtsam auf ihre Pflicht versäumte Fabia nie, was ihr zu thun oder
-zu lassen oblag, und der Glaube an die rechtliche Strenge, womit
-seine Gattinn alles Mögliche von sich forderte, und nicht viel
-weniger leistete, zwang ihrem Manne eine, wenn auch _widerwillige_ --
-Zufriedenheit mit seinem häuslichen Glück ab.
-
-Diesmal machte ein bösartig galligtes Fieber den Rentmeister für längere
-Zeit unfähig, sein Amt zu verwalten. Auch hierin trat seine Frau helfend
-ein. Fabia schrieb eine schöne, feste Hand; accurat bis ins Kleinliche,
-war sie unfehlbar in jeder Art der Buchführung, und deshalb wohl
-geeignet, einen Secretair ihres Mannes zu vertreten. Sie unterzog sich
-auch diesem Geschäft mit willigem Eifer, und theilte ihre Zeit zwischen
-seiner Pflege und seinem Beruf. Wir können uns nicht enthalten, hier zu
-sagen, wie wichtig es sey, daß eine Frau den Beruf des Mannes ehre.
-Wo dies geschieht, da ist in der Achtung dafür auch ein Gesetz der
-Unterordnung gegeben, nach welchem weibliches Wirken und Wollen bestimmt
-werden muß. -- Auch von dieser Seite hätte ihr bitterster Feind unsrer
-Fabia nichts zur Last legen können. Dies, wie überhaupt den reellen
-Werth seiner Frau, wußte der Rentmeister auch zu schätzen, und
-vielleicht war es mehr ein Bedürfniß seiner Krankheit als seines
-Herzens, daß er die Freude an einem Kinde, ihrer ermangelnd -- so gar
-tief empfand. Das liebenswürdige Pflegekind füllte diese Lücke nicht
-aus, die eine Wunde in Fabiens Herzen blieb; denn tief im Innersten
-verletzt, kämpfte sie oft mit Thränen, wenn ihr Mann mißmüthig gegen die
-Vorsicht grollte, und sich in Worten Luft machte, die eben so gut eine
-Anklage für sie selbst enthalten konnten.
-
-»Wie aus einem Stein entsprungen,« sagte er dann wohl, »wie von der
-Sonne ausgebrütet, bin ich bestimmt, ohne Vater, ohne Kind zu leben
-und zu sterben. Der natürlichste Trost für eine verwaisete Jugend, der
-Trost, sein Daseyn fortzupflanzen, ist mir versagt. Wenn einst Deine
-Thräne, gute Fabia, versiegt ist, dann gedenkt man mein nicht mehr, und
-keine Blume sprießt aus der trocknen Erde meines Grabes.«
-
-Da weinte Fabia schon jetzt. »Du schneidest mir mein Herz entzwei --«
-sprach sie mit unterdrückter Stimme. »Wir wollen uns nicht versündigen,
-Lieber! wenn uns nun ein Kind zu Theil geworden wäre, etwa behaftet mit
-einem Fehl, oder erbärmlicher Art, dessen klägliches Geschrei Tag und
-Nacht nicht zu stillen? Wie? oder wenn aber ein gesundes, das uns zu
-größerem Jammer bald wieder entrissen würde?--« Auch ein stummes, auch
-ein todtes Kind wäre ihm lieber als keines -- gab der Rentmeister in
-eigenwilligem Trotze der besänftigenden Vorstellung seiner Frau zur
-Antwort. Fabia flehete hierauf ihren Mann an, sich solcher Reden zu
-enthalten, und warnte ihn mit christlichem Sinn, aber im Geiste jener
-heidnischen Worte: »ihnen zur Strafe erhören die Götter der Sterblichen
-Wünsche! --«
-
-Dies war in den ersten Jahren der Verheirathung des Rentmeisters
-gewesen. Später hatten sich diese Eheleute der Hoffnung begeben, daß
-dies ersehnte Glück ihnen noch werden könne, und sich mit ganzer Liebe
--- so weit Fabiens Gemüth derselben fähig war, und der kränkliche
-Zustand ihres Mannes sie zuließ -- der Erziehung der kleinen Josephine
-gewidmet. Sobald der Rentmeister sich von jener Niederlage erholt hatte,
-ging er mit den Seinen von Bonna ab. Fabien fiel das Scheiden von der
-Heimath doch schwerer, als sie gedacht. Der neue Wohnort war auch schön;
-aber so recht wohl wollte es ihr in Bühle nicht werden. Dazu kam, daß
-ihr Mann, obgleich von amtlichen Unannehmlichkeiten frei, doch sein
-verdrüßlich Wesen beibehielt, jeden erheiternden Umgang mied und
-verscheuchte, und endlich durch eine gewaltsame Entdeckung für immer
-verstört wurde. Jene Chatoulle deren unsre Leser gedenken -- war
-unter dem Drangsal des hitzigen Fiebers, was sich unmittelbar an
-ihre Uebergabe schloß, abseits gekommen. Nach dieser Zeit fand
-der Rentmeister so viel Geschäfte, deren Abschluß ihm bei seiner
-Ortsveränderung dringend anlag, daß es ihm genügte, dies anvertraute Gut
-wohlverschlossen zu wissen. -- Einst aber sprang ihm das Kästchen
-ins Auge, und er verlangte den Schlüssel dazu von seiner Frau. »Den
-Schlüssel?« fragte Fabia befremdet, »ich habe keinen je gesehen. Du
-brachtest das Kästchen ja selbst, wie es hier ist. O, ich weiß mich
-jenes schrecklichen Abends noch ganz genau zu entsinnen.«
-
-Der Rentmeister besann sich jetzt, daß der Graf den Schlüssel hatte
-schicken wollen, und er muthmaßte, daß es in der Verwirrung der Abreise
-vergessen worden wäre. Einen Schlosser kommen zu lassen, daß dieser den
-innenliegenden Reichthum sähe, dazu war der Rentmeister zu furchtsam.
-Ein krankhaftes Mißtrauen verursachte ihm und Andern gar manche unnütze
-Qual -- und so beredete Fabia ihn, das Geschmeide und dessen Richtigkeit
-einstweilen auf sich beruhen zu lassen.
-
-Nach längerem Verlauf seitdem starb eine alte Jungfer in Bühle, die
-daselbst gelebt; die Tochter des Fiscal. Dem Rentmeister, als einem
-Bekannten der Wohlseligen, fiel ein kleines Legat mit dem Auftrag zu,
-ihren Nachlaß zu reguliren, und somit eine Menge Schlüssel in die Hände,
-darunter mehrere kleine waren. An einem Tage, wo Fabia auf die Bleiche
-gegangen war und Josephine mit sich genommen hatte, ihr Mann sich
-ungewohnter Weise ganz allein befand, beschlich ihn der Geist des
-Unglücks in dem Gedanken, einen jener Schlüssel an dem Kästchen zu
-versuchen, ob es sich öffnen ließe. Das künstliche Schloß widerstand
-dieser Probe, doch erhitzt vom bösen Feind, der nicht selten in Gestalt
-der Neugier den Menschen berückt, that er ihm Gewalt an. Die feine
-Stahlfeder sprang entzwei, der Deckel auf -- und der Rentmeister
-blieb mit entsetztem Blick starr vor dem Inhalte stehen. Statt des
-verzeichneten Schmuckes funkelte ein Messer, daran Blut eingerostet
-war -- und auf dem atlaßnen Kissen, wo sonst blitzende Rosetten und
-Brustschleifen geruht, lag, in weißem Battist gewickelt, der Leichnam
-eines Kindes, so mumienartig zusammengetrocknet, daß er kaum zu erkennen
-war. Nur wie ein brauner Gedanke, so unkörperlich, so gewesen -- sah das
-winzige Gesicht unter einem tiefen Häubchen hervor, dessen Form für ein
-Mädchen zeugte. -- Ein schwach gewürzhafter Geruch war die erstickte
-Luft dieses kleinen Grabmals.
-
-Als Fabia mit heißen Wangen von der Bleiche heimkehrte, fand sie ihren
-Mann selbst erbleicht. »Sieh hin!« sagte er mit bläulichen Lippen, »der
-Hehler einer schauderhaften Mordthat bin ich gewesen, und nicht allein
-um die Ruhe meiner Seele, sondern auch um all mein Gut, wenn ich den
-Majoratsschmuck ersetzen muß. Wer wird mir denn glauben, daß ich dem
-Worte eines Wahnsinnigen trauete? -- Darum fand sich der Schlüssel
-nicht, und ich -- ich leichtgläubiger Thor! ladete mir ein fremdes
-Verbrechen auf. Wie oft hast Du meine argwöhnische Vorsichtigkeit
-getadelt? Du siehst nun, _wie_ vorsichtig ich war! --«
-
-Zum erstenmale verließ Fabien ihre Fassung. Sie stieß einen leisen
-Schrei aus, und stand entfärbt, Grausen im Blick, wie unbeweglich.
-»Mein Herr und Heiland!« stammelte sie, »das ist ganz erschrecklich! der
-Verstand steht mir still.«
-
-»Der meinige ist hier zu Ende --« fuhr der Rentmeister fort, »Was soll
-ich nun anfangen! Anzeige davon machen? stillschweigen? daß ein Zufall
-diese Beweise einer Unthat bei mir entdecke, und mich zum Mörder
-stemple? -- Ich habe nicht Lust, zum Lohne für Treu und Glauben auf dem
-Schaffot zu beschließen.«
-
-Fabia kannte ihres Mannes Weise, sich selbst in furchtbaren
-Möglichkeiten zu überbieten. Sie sprach aus geängsteter Seele: »ach!
-warum bin ich heute nicht zu Hause geblieben! Wer hieß Dich dies
-Behältniß öffnen? -- Das Kind läge fein stille vor wie nach, und wir
-wüßten von nichts. Das arme Würmchen! --« Und mit gewundenen Händen
-niederblickend darauf, dachte sie an den Wurm im Gewissen, der die
-unglückliche Albane wohl genagt haben mogte. --
-
-»Was redest Du doch, Frau?« rief der Rentmeister erzürnt, »es hätte
-längst geschehen sollen, sage ich Dir. Unverzeihlich ist meine
-Saumseligkeit! ich bin wie mit Blindheit geschlagen gewesen. Deshalb
-wurden die Anstalten zu jener fluchwürdigen Reise so schleunigst
-getroffen, als wie auf der Flucht -- der Sohn des Forstmeisters ist
-auch fort in die weite Welt; die Früchte ihres Leibes fallen Anderen zur
-Last, und von ihnen heißt es: Die sind besorgt und aufgehoben, der Graf
-wird seine Diener loben.«
-
-»Du vergissest, lieber Mann,« fiel Fabia betäubt ihm in die Rede, »daß
-man die Gräfinn todt sagt. Ach! ihr wäre wohl, wenn solch ein Weh auf
-ihrem Leben gelastet hätte. -- Graf Frankenstern aber und der junge
-Romana müssen doch einmal wieder kommen. --«
-
-»Die werden sich hüten --« entgegnete Fabiens Gemahl. »Der Alte -- ich
-meine den Grafen -- hat um dies gräuliche Geheimniß gewußt: nichts ist
-gewisser. Die Hast, womit er mich nöthigte, das Kästchen anzunehmen, ist
-mir deutlich im Gedächtniß. Sieh, Fabia! ich habe eine Ahnung gehabt;
-denn es wollte mich erdrücken, als ich es mir nach Hause trug.«
-
-Fabia sah diese verschwiegene Erfahrung als ein göttliches Strafgericht
-an. Wie oft hatte ihr Mann gegen den Himmel gemurrt! jetzt war ihm zu
-Theil geworden, was er für besser hielt, als das weise Versagen seines
-Wunsches: ein todtes, ein stummes Kind! -- Sie selbst verstummte vor
-dieser Betrachtung und war sehr gebeugt.
-
-Die unglückliche Fabia! dieser heimliche Gedanke schlug Wurzel in der
-Seele ihres Mannes, und wurde zum Polyp, der mit tausend Fasern seine
-Lebenskräfte umklammerte. Der Rentmeister ward nicht mehr gesund.
-Wir wissen, wie er nach kränklichen Jahren kurz vor seinem Ende die
-Beruhigung genoß, in dem Bruder, der sich zu ihm finden mußte, den
-Seinen eine Stütze hinterlassen zu können. Sterbend legte er in die
-Brust des wackern Administrators das Geheimniß nieder, was ihn zu Tode
-gedrückt, und die Pflicht, den ihm gespielten Betrug zu seiner Zeit
-offenkundig zu machen.
-
-Nachdem sein Bruder bestattet worden, ließ Herr Prälat bei nächtlicher
-Weile den kleinen Schmucksarg unter den Altar der Capelle versenken, von
-der das Stift den Namen führt. Die Maurer mogten wähnen, sie vergrüben
-einen Schatz -- aber diese Stelle stand unter heiligem Schutz.
-Schweigend verrichteten sie ihre Arbeit, und die dumpfen Schläge hallten
-schaurig von den stillen Wänden wieder.
-
-Die Wittwe, gesenkten Hauptes, sah ihnen zu. »Was blickst Du so düster,
-Fabia?« flüsterte ihr Schwager, »verlasse Dich darauf, ich bin zwar
-nicht so bibelfest wie Du, weiß aber doch, daß, wenn ein finstres Werk
-zu Tage kommen soll, oder die Unschuld gerechtfertiget, die Steine reden
-müssen. Darin lasse Alles sich fügen, wie es des Himmels Wille ist! --«
-
-Als die Gräfinn, der heimischen Gegend entrückt, fremde Luft sog,
-athmete sie doch etwas leichter auf, und es war, als ob hinter ihr die
-leidige Welt versänke. Zwar war nicht fester Boden unter ihren Füßen,
-und die Zukunft ihr nichts weniger als klar; aber der trübe Strom, worin
-Albane dem Versinken nahe gewesen, rann doch abwärts, so wie die Räder
-des Reisewagens entrollten. Nach einer folgerichtigen Nothwendigkeit
-müssen leidenschaftliche Gemüther zuletzt vor ihrem eigenen Glücke
-fliehen, und nur Ruhe suchen. Ruhe, der Friede stiller Seelen, dieser
-tiefe geistige Genuß, ist ihnen das einzige Bedürfniß. Weinend wenden
-sie das Auge von jenem süßen Taumel, jener Freudetrunkenheit, die nicht
-dauern kann, und streben nach Selbstbewußtseyn. Sie wissen, wie bald das
-schwache Herz erliegt, wie nöthig ihm eine Stütze sey. Das Glück aber
-fordert Kraft zur Ausdauer -- des Himmels Seligkeit, unser höchstes
-Streben, währt ewig. Die überspannte Saite springt jedoch mit einem
-Wehlaut. -- Vielleicht hatte eine gewisse Uebersättigung von Geheimniß
-das Verlangen in der Gräfinn erzeugt, öde zu bleiben, ohne irgend eine
-andere Beziehung als auf ihren Vater; ja, sie hatte in den verflossenen
-Jahren, trotz der befriedigten Leidenschaft und dem Gelingen ihrer
-kühnsten Plane -- so viel gelitten und nur Gott bewußt --: daß ein
-völliges Nichtseyn ihr dagegen wünschenswerth erschien. Daß sie spurlos
-verschwände, sich und Andern, das hätte Albane wohl gewünscht. So war
-diese Reise vorläufig als eine Gestorbenheit zu betrachten, die von
-mancher Seite erlösend für sie wäre. -- Auch waren Gründe dazu vorhanden
-gewesen, abgesehen von denen, die das Innnerste der Seele so zart
-verhüllen, daß nur der Finger Gottes sie aufzudecken vermag. Der Arzt,
-der Gräfinn vertrautester Freund, hatte ihr eröffnet, wie er von hoher
-Behörde aufgefordert worden sey, über den Gesundheitszustand ihres
-Vaters und sein geistiges Vermögen Zeugniß einzusenden. Der Staat trage
-billiges Verlangen, unter der Befugniß, für eine bedeutende Seelenzahl
-zu sorgen, deren Aufsicht unmöglich einem Geisteskranken anvertraut
-bleiben könne, das schöne Majorat bei Leibesleben seines derzeitigen
-Grundherrn zu ererben, und den Grafen Frankenstern anständig zu
-pensioniren. Zudem wisse er von guter Hand, daß der Bischof, in Kenntniß
-von dem Gelübde der Mutter Albanens, sich höchlich wundere, wie und
-warum dem Himmel eine Seele und der Kirche ein Brautschatz so lange
-vorenthalten werde? -- Auch von dieser Seite drohe den Verhältnissen
-der Gräfinn ein Angriff. -- Sonach sey es an der Zeit, sich diesen
-Anmaßungen zu entziehen.
-
-Wie durch Inspiration jener Frage an das Gewissen seines
-Leibarztes kundig, beantwortete der Graf sie selbst. Nie war er
-gesammelter gewesen, als zu dieser Zeit, wo die Zerstreuung der
-Reise-Angelegenheiten seine verworrenen Gedanken auf gewisse Weise
-entschuldigt haben würde. Da war kein träges Säumen mehr. Gleich einem
-schlafenden Funken, den ein Hauch plötzlich weckt, leuchtete er auf,
-und entbrannte auch wohl im Zorn über so manchen Mißbrauch, der sich
-eingeschlichen. Die Beamten erstaunten, denen er sich edelstolz als Herr
-zeigte, als der gütige Schützer seiner Unterthanen gegen die Strenge der
-Verwaltung. Alles trat in ein anderes Licht -- und erröthend vor Freude,
-schrieb der Arzt sein Attestat an die Regierung.
-
-Doch nur für diesen Zweck schien der Graf durch die freundliche
-Ohrenbläserei desselben zu thätiger Umsicht entflammt worden zu seyn.
-Er sank alsbald wieder in seine gewöhnliche Apathie zurück, und fuhr mit
-geschlossenen Augen und Sinnen durch die Natur, ohne daß ihre schönsten
-Wunder vermogt hätten, nur mit einem Strahl göttlicher Offenbarung an
-seinen finstern Geist zu dringen.
-
-Albane webte um ihn wie ein Schatten, und verließ ihn nie; die Pflicht
-der Sorge für ihren Vater erfüllte jeden ihrer Augenblicke. Auch
-bedurfte der Graf dieser Treue. Die Furcht vor dem Tode quälte ihn
-abwesend minder, und war zu der fixen Idee geworden, dieser Feind seiner
-Lebensruhe könne ihn nicht ereilen, so lange er von Ort zu Ort zöge, wie
-man nur in der Heimath schlafen zu können meint. Ein beständiges Fliehen
-trieb ihn rastlos umher, und die Geißel der Menschheit vereinigte sich
-mit diesem unstäten Drange, ihm keine bleibende Stätte zu gönnen.
-
-Der Ausbruch des Krieges hatte das Land überschwemmt -- die Güter des
-Grafen waren stark mitgenommen. Albane erkannte es als eine nicht genug
-zu preisende Wohlthat, dieser Usurpation entronnen zu seyn. Sie lebte in
-verborgner Stille mit ihrem Vater, bald hier, bald da. Ein, dem Grafen
-vormals befreundeter reicher Edelmann, der sein einsames Alter in der
-Hauptstadt gesellig erheiterte, hatte Albane und ihren Vater unterweges
-getroffen, und ihnen seine unbewohnten Schlösser in Auswahl zum
-Aufenthalt angeboten, welche sie zu Zeiten benützten. Der Oberverwalter
-sendete die verlangten Summen durch die dritte, vierte Hand gegen die
-Unterschrift des Grafen, an ein Handlungshaus, und mußte in Allem für
-sich selbst stehen. --
-
-Ein Irrthum hatte die Nachricht, Albane sey todt, in Bonna verbreitet,
-leicht für wahr angenommen, da ja die Gräfinn immer kränklich gewesen.
-Eine authentische Bestätigung war unter jenen wüsten Umständen nicht
-einzuziehen. Niemand zweifelte, auch Sylvius nicht. Wir wissen, welche
-Folge dies hatte. Zweifel wäre hier Glauben gewesen -- Glaube der
-Liebe! --
-
-Als die Gräfinn daher ihren Gemahl in Tonys Arm erblickt, als sie die
-Geschichte der gestorbenen Frau aus seinem Munde vernommen: da war ihr
-Zustand der jener abgeschiedenen Gattinn vergleichbar, welche, wie eine
-sinnige Sage uns erzählt -- nachdem sie ihren Gatten, den zu trösten sie
-aus der Unterwelt herauf gestiegen, an der Seite seiner Braut gesehen,
-ob auch nur einen Augenblick lang -- willig in die Hölle zurückgekehrt
-sey, auf ewig. -- Albane floh vor diesem Anblick, diesen Worten,
-unauslöschliche Flammen im Busen. Wie eine Verfolgte warf sie sich an
-den Hals ihres Vaters, und das ungestüm klopfende Herz begehrte Zuflucht
-bei ihm. Sie vergaß, daß der Graf ihr Geheimniß nicht kenne. Sie wußte
-nicht, daß Sylvius sie für todt hielt. Die Gräfinn dachte endlich nicht
-daran, daß sie selbst sich zuerst von ihrem Gemahl losgerissen hatte.
-Aber nichts destoweniger fühlte sie unter heißen Schmerzen, wie sehr sie
-ihn geliebt, und daß er sie nicht vergessen dürfen noch sollen. Jener
-Moment, der sie davon überzeugte, hatte eigentlich und weit anders als
-ihre Trennung, ein inniges Band zerrissen, und das Herz blutete nach.
-
-»Dies also war die Liebe --« sagte Albane mit dem wunden Lächeln einer
-frischen Kränkung, »der ich mein Seelenheil geopfert!? -- O Gott! so
-lieben Menschen, -- _Männer_! O meine Mutter!«
-
-Ihr grauete nun vor nichts mehr auf Erden, es wäre denn die Rückkehr
-nach Bonna gewesen. -- Nach und nach spannten ihre Gefühle sich ab, und
-eine tonlose Stille, die keinen Anklang mehr von sich giebt, schwebte um
-das zertrümmerte Saitenspiel ihrer Empfindung. Wenn alle Schmerzen der
-Seele sich durch Mittheilung lindern: die Leiden gekränkter Liebe nicht.
-Diese tragen sich nur allein. Wo Menschen um eine verlorene, verrathene
-Liebe wissen, da wird ihr Verlust doppelt gefühlt, da ist der Schmerz
-jenes Wissens größer, als der ihrer Erfahrung. Wer getröstet seyn will,
-darf nur die Theilnahme der Engel ansprechen, und wirklich war ein Engel
-Albanens einziger Trost: ihre kindliche Pflicht.
-
-Graf Frankenstern war allgemach ein Greis geworden. Sein Körper schien
-gesund, doch sein Geist bei zunehmenden Jahren die zerstörende
-Kraft verloren zu haben, und in einen gewissen Zustand der Kindheit
-zurückgegangen zu seyn. Seine Imagination war ein Spiel -- aber mit
-ernsten Gegenständen. Er interessirte sich für Politik -- allein nur
-in Gemäßheit seiner verworrenen Begriffe. Aus Mangel entsprechender
-Mittheilung berief er oft die Monarchen und ihre Feldherrn zu sich, und
-legte ihnen seine Ansichten und Plane vor. »Ach!« sagte er dann, und
-deutete traurig auf die hohen Stühle, »Sie schweigen, meine Tochter! ich
-hoffe wenig.« Albane schwieg auch. Sie hoffte gar nichts mehr. --
-
-Die Gräfinn pflegte ihres Vaters treu und sanft wie eine Mutter.
-Sie schmückte sich geduldig, wenn er es für solch eine Zusammenkunft
-wünschte, sorgte für eine vornehme Bewirthung, die unberührt blieb, weil
-nur Geister zu Gast waren -- und machte ihm allen Willen, wie man einem
-kranken Kinde thut. Mit träumerischem Lächeln starrte sie in die wüste
-Leere des Zimmers -- nur der Spiegel zeigte ihr ein bleiches Bild. Aber
-jener Friede, welcher höher ist als alle Vernunft, fing an, bei ihr
-einzukehren.
-
-Vorzugsweise beschäftigte den Grafen _eine_ welthistorische Person: der
-beseitigte Schutzgeist Napoleons, die Exkaiserinn von Frankreich. Sie
-war die liebste Puppe seiner Gedanken, ihr Schicksal trug er im Herzen
--- und hätte lieber gesehen, daß Jedermann diese Erste Frau auf Händen
-trüge.
-
-»Heut kommt Josephine -- sie hat es mir geschrieben,« sagte der Graf und
-blickte in einen kleinen Zettel der vor ihm lag, »binde Dir ein besseres
-Halsband um, meine Tochter.«
-
-Albane erblaßte. Dieser theure Name regte die tiefste Sehnsucht ihres
-Busens auf. »Wenn das wäre,« antwortete sie mit wankender Stimme,
-»dann hätte ich nur _einen_ Schmuck --: zahllose Perlen! Perlen aus dem
-tiefsten Meer!« Und über ihre Wangen rollten Thränen, in denen ein Glanz
-von Freude schimmerte.
-
-Die große Tragödie des Krieges war aus, die Völker steckten das Schwerdt
-in die Scheide, die Fürsten zogen ruhmgekrönt nach Haus. Gras wuchs über
-den Schmerz der Welt, und wo am meisten Blut geflossen, da blühte die
-segensreiche Aehre am schönsten. -- Jetzt war dem Grafen zu Muthe, als
-wäre ein langer Kampf in ihm zu Ende, und er dürfe nun auch heimziehen.
-Er sehnte sich nach Ruhe -- nach einer neuen oder vielmehr alten
-Ordnung der Dinge. »Albane,« sagte er, »ich habe es nun satt, dies
-Nomaden-Leben. Wir wollen fort, nach Bühle --« ein leiser letzter
-Schauer vor Bonna rieselte über seine Nerven -- »hörst Du? meine
-Tochter?« Dann setzte er hinzu: »Sanct Capella ist nicht weit von dort.«
-
-»Die Klöster sind aufgehoben --« antwortete die Gräfinn, indem sich bei
-dem Worte ihres Vaters der Schleier hob, worein sie, völlig entsagend,
-alle Wünsche, ihr irdisch Leid, vor der ganzen Welt verhüllt hatte.
-
-»Nun, das Stift steht ja noch --« versetzte Jener, als wolle er sich
-nicht merken lassen, daß er daran nicht gedacht. »Nonne kannst Du nicht
-werden --« fuhr der Graf wie befreit fort, »nicht Seine päbstliche
-Heiligkeit, nein! der himmlische Vater selbst hat Dir Dispens davon
-gegeben, und Du bist mehr als eine barmherzige Schwester, Du bist eine
-wohlthätige Tochter geworden, für mich alten schwachen Mann!«
-
-Da weinte Albane laut. Sie fühlte sich entsündigt, und daß die Liebe des
-Gesetzes Erfüllung sey.
-
-Die Zurüstungen zur Reise wurden nun getroffen. »Wie werde ich Alles
-finden?« fragte die Gräfinn sich tausendmal. Das Thor der Möglichkeiten
-that sich weit vor ihr auf -- doch der künftige Tag ist den Sterblichen
-verschlossen.
-
- * * * * *
-
-Wir finden Theresen auf der Reise nach ihrem künftigen Wohnorte wieder.
-Sie sitzt an der Seite des Gemahls, berührt von seinem Mantel; ihre Hand
-liegt in der seinigen --; aber die Jahre ihrer Entfernung, die Länder,
-welche Constanz durchreist, liegen fühlbarer noch für seine Gattinn,
-zwischen ihnen. Sogar seine Stimme klingt ihr fremd -- wie von einem
-dunkeln Jenseits herüber. Jener rührende Zauber, womit die geliebteste
-Stimme an die Seele dringt: er war vernichtet durch eine Gegenkraft --
-und Therese hörte nur, daß ihr Mann etwas heiser sey. -- Sie blickt in
-den Boden seines Hutes, den sie auf ihrem Schooße hält, weil Constanz,
-um besser zu ruhen, sich mit unbedecktem Haupte in die Ecke des Wagens
-geschmiegt hat; doch eigentlich blickt sie in die Tiefe ihres Herzens,
-das auch ohne _Hut_ und deshalb übel gefahren ist -- und ein fremder
-Meister hat dort auch seine dunkle Vignette angeheftet. -- Die Fahrt
-geht rasch; aber Therese kann sich von dem Gedanken an das Stift
-nicht losreißen, und doch, so wie der unermeßliche Himmel sich vor ihr
-ausspannt, spannt ein geheimnißvoller Aether die Flügel ihrer Sehnsucht
-nach der Ferne. --
-
-»Erzähle mir etwas Du Liebste! von Deinen Freunden --« sagte Constanz zu
-seiner schweigsamen Gefährtinn, »und vergönne, daß ich Dir still zuhöre.
-Es ist, als ob mir jedes Wort einen schmerzenden Reiz in der Luftröhre
-verursachte. Wie es scheint, hast Du sehr glücklich in Sanct Capella
-gelebt.«
-
-»O sehr glücklich!« antwortete Therese mit einem Seufzer der Wehmuth;
-und der Accent dieser Versicherung hätte ihren Mann beleidigen müssen,
-wenn er innigere Ansprüche an seine Frau gemacht.
-
-»Der Ort ist doch wirklich zauberisch schön gelegen,« fuhr Therese fort,
-»und läßt nichts vermissen. Wir bildeten eine kleine Gesellschaft unter
-uns, das ist denn ein ganz anderes Verhältniß, als die Verbindungen in
-Mitten der Welt. Wir waren Hausgenossen -- Eine Familie gleichsam --
-und mit wahrer Lust im Bann des Klosters. Die Verschiedenheit der
-Charaktere, welche dazu gehört, um innig im Umgange zu seyn, gab unserm
-einfachen Zusammenleben vielseitiges Interesse. -- Welch ein köstlicher
-Mensch ist der Bruder! nur gesunder möchte ich ihn wünschen, obgleich
-er sich in der letzteren Zeit erholt zu haben schien. Dann Fabia -- wie
-eine Mutter war sie für mein Bestes bedacht. Man muß sie nur kennen.
-Wer sie aber kennt, schätzt sie gewiß. Sie gleicht einem süßen Kern in
-spröder Schale. Und etwas Lieberes, als die alte Nonne, die Du gesehen
-hast, kannst Du Dir gar nicht denken, Constanz. Das ist wahrlich eine
-heilige Jungfrau, die besser als der Papst die Sünde den Menschen
-verzeihen könnte! -- Da ist nichts von der finstern Verdammniß zu
-spüren, die Niemand selig werden lässet, der die Welt ein wenig lieb
-hat. Schwester Veronica ist sanftmüthigen Geistes, mild gegen Jedermann
--- kein feindlicher Gedanke, kein gehässiges Gefühl fände Raum in ihrer
-friedenvollen Seele. Auch hat sie selbst geliebt, und ihr Herz dieser
-Liebe geopfert. Man kann diese kleine Geschichte nicht ohne die größte
-Rührung hören. -- Dafür scheint ihr denn auch ewige Jugend geworden zu
-seyn, und ich habe zuweilen schon gedacht, die gute Nonne stirbt wohl
-gar nicht, und wird in ihrem Erdenleibe, worin sie himmlisch lebt,
-einmal von Engeln emporgetragen.«
-
-»Deine Schilderung ist begeistert, meine Therese --« fiel hier Constanz
-seiner Gattinn in die Rede, »und ich hätte Dir so viel Sinn für
-_klösterliche_ Vorzüge kaum zugetraut.«
-
-Therese empfand die leise Ironie in den Worten ihres Mannes nicht. Sie
-sprach: »von der Clausur merkte man nicht das Geringste an ihr. Veronica
-konnte sehr heiter seyn, und sogar anmuthig scherzen. Wie oft hat
-sie über die tollen Lügen Moorhausens herzlich gelacht! wo selbst der
-Schwager ergrimmte, sagte sie nur: es ist ihm zur andern Natur geworden,
-ich denke mir, er genießt das Vergnügen eines Fabeldichters, der aus dem
-Stegreif erzählt, und gönne es ihm.«
-
-»Und der Major?« mit diesen drei Frageworten störte hier abermals
-Constanz die Charakteristik, womit seine Frau ihn unterhielt, »dem
-scheinst Du ganz besonders wohl zu wollen.«
-
-Therese erröthete; ein Widerschein von Purpur, von zarterem Anflug und
-höherer Farbe als das Futter ihres Hutes, hauchte ihre Wange an, und sie
-schlug die braunen Augen tief nieder. Sie sprach: »o! das ist auch ein
-excellenter Mann! Den solltest Du kennen. Er war mir väterlich gut, und
-ich hätte ihm zuweilen die Hand küssen mögen.«
-
-Hier zog Constanz die seinige aus Theresens Hand, und schlang einen
-Knoten in das bastseidne Schnupftuch, als wolle er sich etwas in das
-Gedächtniß knüpfen. Eine Pause trat ein, dann sagte er: »dieser Major
-Feldmesser --«
-
-»_Feldmeister_,« berichtigte Therese, und ihr Mann redete weiter, »hat
-mir auch sehr gefallen.« Seine Frau warf auf diesen Ausspruch ihm
-einen schönen Blick zu, und erwiederte: »er ist der beste Freund Deines
-Bruders, und diesen Rang wird ihm schwerlich jener Sylvius streitig
-machen, der mir immer unheimlich vorgekommen ist.«
-
-»Nun der Schatten darf Deinem Gemälde auch nicht fehlen --« versetzte
-Constanz, »doch das Schönste, den Lichtpunkt, hast Du Dir bis zuletzt
-aufgehoben: Josephine. Dieses liebenswürdige Geschöpf, erquicklich in
-seinem Anblick und bescheiden, ist ein wahres Blümchen Augentrost.«
-
-Es ist ein schlimmes Zeichen, wenn eine Frau, auch die beste -- das Lob
-einer Andern ihres Geschlechts, ohne Eifersucht, aus dem Munde ihres
-Gemahls hört. Ohne Extase entgegnete hierauf Therese: »es ist ein
-seelengutes Mädchen, und gar nicht so simpel, wie man glauben könnte. --
-Sie wird strenge gehalten, die arme Josephine! und ihren zarten Kräften
-wird viel aufgebürdet, was nur durch diese stille Duldung zu ertragen
-möglich ist.«
-
-»Das süße Lamm!« sprach Constanz mit regem Bedauern, »doch nach dem
-Sprüchwort und der Erfahrung: regieren gestrenge Herren nicht lange.«
-Ein diplomatisches Lächeln spielte um seinen Mund. Und weil dieses Bild
-von raschem Umschwung ihn in den Kreislauf seiner Vergangenheit zurück
-versetzte, so kam er durch eine sehr natürliche Association der Ideen
-auf die Frage: »wie brachtet Ihr denn sammt und sonders Eure Tage zu?«
-
-»Du meinst, wir hätten Langeweile gehabt? nicht einen Augenblick, sage
-ich Dir!« versicherte Therese mit leuchtenden Augen. Und das Quecksilber
-ihres Temperaments machte ihre Seele zu einem Spiegel, der die kleinen
-Freuden des Stiftes glänzend verdoppelte; ihre Rückblicke zeigten Alles
-in erhöheter und reinster Potenz. »Des Abends waren wir zusammen, und
-spielten Whist oder Schach --« setzte sie mit fallender Stimme hinzu,
-und der Tagesbericht der muntern Kostgängerinn von Sanct Capella endete
-in einem leisen, ernsten Seufzer.
-
-»Und da schlugst Du selbst den tapfern Feldmeister aus dem Felde --
-nicht wahr?« fragte Constanz, ihrer Fertigkeit sich entsinnend, und
-zupfte seine Frau an einem Löckchen hinterm Ohr. Aber es war Theresen,
-als ob sie am Gewissen gezupft würde.
-
-»Nicht immer --,« antwortete sie halblaut, »ich war auch bisweilen im
-Verlust.« -- War es der versteckte Sinn dieser Worte, oder der Geist der
-Liebe, der in der Erinnerung an das Schachspiel ahnungsvoll sein Herz
-bewegte? -- Genug, die Wage seines unpäßlichen Gleichmuths schwankte,
-und der Ton war von Gewicht, als ob ein Vorwurf ihn herabzöge, womit
-er sagte: »da Deine Zeit so mit Vergnügen besetzt war, wie ich zu dem
-meinigen höre, -- so fandest Du wohl wenig Muße, meiner zu gedenken?--«
-
-So hätte Constanz jedoch nicht fragen sollen! Therese ward sich bewußt,
-daß ihr Gemahl beinahe drei Jahre abwesend gewesen. Sie antwortete
-tiefsinnig lächelnd: »es braucht viel Zeit, bis eine Welt untergeht.« --
-
-»Wo hast Du die Phrase her, Therese?« fragte Constanz, erstaunt über das
-Wissen seiner Frau, und über die Anwendung, welche sie von jenen Worten
-machte.
-
-»Ich schlug sie jüngst in einem Buche auf, worin der Bruder las --«
-sagte die schöne Frau, welcher der Verfall des ganzen römischen Reichs
-übrigens sehr gleichgültig war.
-
-»So bin ich noch Deine Welt?« fragte er seltsam heftig, und neigte sich
-zu ihr, und Theresens Blick, ein Abglanz jener Sonne, die ihn einst
-erwärmt, fiel wie ein Mondstrahl, kühl und geheimnißvoll, in das Düster
-seiner Vorstellungen.
-
-Während der längeren Dauer dieser Reise suchte Therese durch
-freundliches Geschwätz ihren Mann zu erheitern, der sich leidend dabei
-verhielt. Wenn sie beflissen schien, von Diesem und Jenem zu sprechen,
-so war's vielleicht, daß er ihre Absicht merkte, was ihn verstimmte. --
-Das Bedürfniß der Unterhaltung ist ein schlimmes Merkmal für die Liebe.
-Wo ein Liebender die Langeweile des Andern empfindet, da ist dieser
-Andere schon verkürzt. Ein Herz, ganz von seinem Gegenstande ausgefüllt,
-bedarf nichts als des Glückes, bei ihm zu seyn. Liebende sind -- ist ihr
-Verhältniß in der Ordnung -- Sich die Einzigen, die da leben: denn
-jede junge Ehe wiederholt die Schöpfung, und der Athem Gottes hat
-millionenmal das Paradies geschaffen, seit das erste verloren ging.
-Wenn daher Menschen, beseelt von diesem ewigen Hauch, etwas außer
-sich merken, und mit jenem Bewußtseyn, was der Liebe heiliges Glück
-vernichtet, ihr Gefühl verhüllen, o! dann blitzt der feurigste Gedanke,
-oder auch ein Witzfunken, nur von dem flammenden Schwerte des Engels,
-der an der Gartenpforte ihres Edens steht. Sie wandeln fortan zwischen
-Dornen und Disteln der Erbsünde, und das Kind der harten Erde wird mit
-Schmerzen geboren, wissend, daß es sterben muß! --
-
-Nach mehreren Tagen, in denen der neue Legationsrath sich und seiner
-Gattinn nur wenige Stunden der Ruhe gegönnt, sahen sie die schöne
-Stadt nun vor sich, welche der Ort seiner Bestimmung war. In äußerster
-Erschöpfung freute sich Therese, endlich am Ziel zu seyn. Ihr Blut war
-durch das anhaltend rasche Fahren in Wallung, das feine Geäder am Halse
-hüpfte, in jeder Fingerspitze hämmerte ein Puls. Sie war zu müde, um
-sich ängsten zu können, da Constanz sich unwohl klagte. »Dein Husten
-pfeift ordentlich und hat einen schneidenden Ton,« sagte sie unter einem
-nervenfröstelnden Rückenschauer zu ihrem Manne. »Ich denke, wenn Du
-wirst ausgeschlafen haben, dann giebt es sich.«
-
-»Ja, ich denke einen langen Schlaf zu thun --« antwortete Constanz mit
-mattem Lächeln, und schloß die entzündeten Augen vor dem Häusermeer, was
-der letzte Abendschein vergoldete.
-
-»Das wolle der Himmel geben!« erwiederte Therese unschuldig auf jene
-berühmten Worte.
-
-Indessen dämmerte es tief, ehe sie die Stadt erreichten. Es war zur
-Meßzeit, und trotz der abendlichen Späte ein wogendes Gewimmel in den
-Straßen. Der Reisewagen, dem der blasende Postillon Respect verschaffte,
-rückte jedoch nur langsam vorwärts, und hielt am Engel, einem Hotel, das
-hinsichtlich seiner Vorzüglichkeit so hoch über die Adler und Sterne
-der besten Gasthöfe ragte, wie der Geist seines Sinnbilds über die
-menschliche Unvollkommenheit.
-
-Therese erschrak, als die großen Laternen zu beiden Seiten des
-ätherblauen Schildes, worauf der weiße Engel, mit einer Palme in den
-Händen, schwebte, ihren Schein auf das Gesicht ihres Mannes fallen
-ließen; es war todtenblaß, Constanz war kaum noch im Stande, die bequeme
-Stiege hinanzusteigen. Im Zimmer angelangt, sank er beinahe ohnmächtig
-in einen Stuhl. -- Hier, von einem erstickenden Husten, wobei ihm jede
-Muskel schwoll, convulsivisch erregt, konnte er lange nicht zu Worte
-kommen; doch als er eines Sylbenlautes mächtig war, forderte er einen
-Arzt, weil der Schmerz im Halse von Minute zu Minute furchtbarer wurde.
-Es ward bestellt. Alsbald rauschte unter den Händen eines flinken
-Dienstmädchens das Bett, wonach Constanz stöhnend verlangte; der Tisch
-war gedeckt, die kräftige Suppe dampfte -- aber der Kranke schüttelte
-sich gegen den Genuß, und der armen Therese war aller Appetit vergangen.
-
-Eine tödtlich lange Stunde war vorüber, und der Doctor noch immer
-nicht da. Das Kommen an der Hausthüre, das unaufhörliche Gehen auf
-dem Vorsaal, der Laut jeder männlichen Stimme im Flur, täuschte die
-peinliche Erwartung der harrenden Frau. Constanz lag ganz still, er
-seufzte nur. --
-
-Unglücklicherweise hatte man für das Erkranken eines Herrn, der mit vier
-Pferden Extrapost angekommen, nur den vornehmsten Arzt passend gefunden.
-Leider aber war dieser der bequemste von Allen, der lieber seinen Leib
-pflegte, als den Derer, die sich seiner Kunst anvertrauten. In solchen
-Aerzten hat das Gefühl ihrer eigenen Unsterblichkeit die achtsame Sorge
-für das Leben Anderer verschlungen. Sie fußen fest auf der begrabenen
-Welt, die einen düstern Lorbeer für sie trägt. --
-
-Jener Primus der Mediciner dieser Stadt saß bei einem Abendschmause,
-kaum frugaler als der in Voßens Idyllen, und gehabte sich gleich seinem
-Collegen aus Hamburg, den der Pächter redend darin einführt -- als der
-Ruf aus dem Engel an ihn erging. Er that jedoch seiner Menschlichkeit
-zuvor volle Genüge und gütlich, ehe er ihm Folge leistete.
-
-Endlich rollte sein Wagen vor. »Der Regierungsrath kommt --« rief der
-Kellner in das stille Zimmer, und ein stattlicher Mann keuchte die
-Treppe herauf. Therese war eines deutlichen Berichts fast unfähig, der
-Doctor verpustete inzwischen. Dann schritt er gravitätisch dem Bette zu,
-nahm Platz, seine Taschenuhr in die Hand und faßte den Puls des Kranken.
-Die ruhige Flamme der Kerzen zitterte im Zifferblatt, und warf einen
-prunkenden Schein auf den Orden an der Brust des Arztes. Theresens Herz
-schlug flüchtig; doch ihr Athem stockte. --
-
-»Eine schlimme Halsentzündung ist im Anzuge --« war der Ausspruch, wobei
-Therese ihren schönen, freien Hals wie zugeschnürt fühlte. »Ein Wundarzt
-muß schleunigst herbeigerufen werden --« setzte der Doctor dictatorisch
-hinzu, und betrachtete einige Momente die Gesichtszüge des Kranken, der
-taub und glühend, wie in den Schmerz von Flammen eingehüllt, da lag, und
-kein Zeichen der Theilnahme an seinem eignen Wohl und Weh -- von sich
-gab. Man brachte das verlangte Schreibzeug, der Doctor schrieb nach
-kurzem Besinnen einige Abreviaturen mit blasser Dinte, und schlang
-seinen Namenszug in eine großartige Hieroglyphe. Dann schnitt er -- mit
-der Scheere der Parze -- den Streifen Papier ab, und reichte ihn einem
-Aufwärter, der schon darauf wartete, das Recept in die Apotheke zu
-tragen.
-
-Unterdessen kam der Wundarzt und empfing seine Instruction. Dann
-entfernte sich der Regierungsrath, um an die Tafel des Wohllebens zurück
-zu kehren; unbekümmert darum, ob auch wissend -- daß ein bedeutenderer
-Mann hier stürbe.
-
-»Verlassen _Sie_ mich nur nicht!« flehte Therese den Wundarzt an, der,
-ein guter Mensch und viel sanfter als sein Beruf -- ihr versprach, die
-Nacht über da zu bleiben. »Auch wird es nöthig sein --« sagte er, um
-diese Maßregel durch mehr als sein Mitleid, durch Erkenntniß der Gefahr
-zu rechtfertigen, »der Herr Gemahl haben die Bräune.«
-
-Therese starrte den Chirurg mit ihren braunen Augen an, die auch wohl
-gefährlich werden konnten, und fragte furchtsam: »die Bräune? an der
-sterben doch wohl nur Kinder? --«
-
-Der Wundarzt schwieg; ein Lächeln trüber Erfahrung, ein leises
-Achselzucken nur, war seine Antwort.
-
-Mit einem kindischen Grauen sah Therese ihn die zappelnden Blutegel
-auspacken, die sich ihr wie kleine dunkle Schlangen an das Herz legten.
-
-Welch eine Nacht! -- doch auch die Schatten der bängsten zerfließen.
-
-Als der goldne Morgen heraufstieg, zerfloß Therese in tausend Thränen:
-Constanz war gegen die dritte Stunde gestorben. Mit allen Schauern der
-Natur hatte seine Frau zum erstenmale den Tod gesehn, und in den Zügen
-Dessen, den sie einst geliebt. Dort lag er nun, ein starrer Leichnam!
-die bleierne Stille seines Anblicks wirkte zermalmend auf Theresens
-Leichtsinn -- es waren die schwersten Stunden, die sie gelebt; denn an
-dem Todtenbette ihrer Mutter hatte die Liebe ihr zur Seite gestanden.
-
-»Eine Stunde früher --« hatte der Wundarzt unbedachtsam geäussert, und
-der Kranke wäre zu retten gewesen; jene Stunde der Säumniß, am Tische
-des reichen Mannes, die dem armen Constanz himmlisches Manna zu kosten
-gab.
-
-Das Geräusch des Tages erwachte, der Markt füllte sich mit Menschen, die
-Kaufleute legten heute bunte Waaren aus. Eine fremde, gleichgültige
-Welt bewegte sich unter Theresens verweintem Blick. Die Sonne schien
-frühlingsheiter -- sah denn das Auge Gottes diesen Jammer nicht? -- die
-furchtbare Eile dieses Vorfalls machte den Eindruck davon auf das Gemüth
-der beklagenswerthen Frau noch gewaltsamer, so daß sie zu erliegen
-glaubte. Sie fühlte sich fürchterlich allein. Sie dachte an die Bewohner
-des Stiftes, die ruhig träumen würden, es gehe ihr nach Wunsch. Endlich
-sank sie in eine fühllose Mattigkeit.
-
-Wie ungemein dies traurige Ereigniß nun auch war, so konnte der Wirth
-zum Engel, bei dem Gedränge seines Hauses, sich nur auf flüchtige
-Beweise seiner Theilnahme einlassen. Er übernahm die Meldung bei den
-Behörden, die Besorgnisse der Bestattung, und hatte nun für weiteren
-Beistand keine Zeit; doch destomehr, seine Gäste mit jenem interessanten
-Vorfall zu unterhalten. Zum Tröster war der practische Mann ohnehin
-nicht geschaffen. Man denke Theresen! sie, die, selbst für den
-freudigsten Zweck, keines geschäftsmäßigen Bestellens jemals fähig
-gewesen, sollte eine Auskunft geben, wie sie wünsche, daß ihr Gemahl
-begraben werde, mit dem Tischler reden, der, das Maaß zum Sarge zu
-nehmen, kam, und dem Schlosser Gehör geben, für den der Wirth bat, daß
-er die Arbeit bekäme. -- »Ich beschwöre Dich, Füßli« --, sagte sie
-mit gerungenen Händen zu dem Bedienten ihres Mannes, einer treuen,
-leidtragenden Seele, »überhebe mich dieser Menschen, die härter sind als
-ihr Holz und Eisen, was sie handhaben! ich halte es länger nicht aus,
-ihnen Rede zu stehen.«
-
-In einem kraftlosen Zustande lag sie auf dem Sopha; unter ihren Fenstern
-summte das Gewühl. Sie glaubte, die Bewegung des Fahrens noch zu
-empfinden, zuweilen schrak sie auf, im Gefühl von einem tiefen Fall. Wie
-im Traume traten die Bilder vergangener Stunden zu ihr hin. Es war ihr,
-als ob Fabia spräche: »Du bist nun auch eine Wittwe, wie ich!« _Eine
-Wittwe!_ diesem bangen einsamen Begriff widerstrebte ihre frische
-Jugend, und der harmlose Sinn, welcher sie bisher beglückt hatte. Die
-Glocken hallten mit tiefen Tönen dies Wort -- die Stille flüsterte es
-nach, und die Reiseuhr, die noch regelmäßig ging, da die Zeit ihres
-Besitzers abgelaufen war, pickte mit sachter silberner Ruhe, daß es
-wirklich wahr sey. -- Auf einmal fragte sie scheu und leise: »hörtest Du
-nichts, Füßli?« »Nein,« antwortete der Bediente, »ich glaubte, gnädige
-Frau wären eingeschlafen, und dankte meinem Gott dafür. Ach!« fuhr er
-sein betrübtes Herz erleichternd fort, »zur Messe ankommen und sterben,
-und in einem Gasthofe seyn: das ist Alles, was ein Mensch ausstehen
-kann. Das Leichenbrett sogar steht auf der Rechnung.«
-
-»Ach laß es stehen! Sey nur still, um Gotteswillen -- wenn Du nicht
-willst, daß ich selbst den Tod davon habe --« sagte Therese abwehrend,
-»es war mir, als hörte ich Jemand sprechen, dessen Stimme mir bekannt
-ist.« Sie lauschte nach der Wandseite.
-
-»Eine Herrschaft vom Lande, eine alte Baroninn, war eben angekommen, und
-logirt daneben --« antwortete Füßli, und seine Dame nahm doch Anstand,
-ihm einen Auftrag der Neugier zu geben.
-
-»Mein Kopf ist wüst --« sagte Therese, »und in diesem Gewirre der Angst
-werden Einem selbst die stillsten Gedanken laut.« Doch wie von jener
-Täuschung besänftiget, schlief sie nun wirklich ein.
-
-Als Therese am nächsten Morgen zu einer dumpfen Besonnenheit erwachte,
-sagte sie: »mit Schrecken sehe ich, daß ich noch wie ein Regenbogen
-gekleidet bin -- ich muß doch wohl ein wenig trauern? Mir ist ganz
-schwarz vor den Augen, wenn ich nur daran denke. Gehe Füßli, und kaufe
-mir einen Streifen Flor zur Binde -- eine finstre Haube könnte ich nicht
-tragen, ich stürbe -- Dann hole mir ein Paar Schuhe von Serge; nimm
-einen von diesen mit, sie passen mir am besten.« Sie schleuderte den
-Probeschuh -- eine seidne Aurora -- von dem zierlichen Fuß, und setzte
-mit einem herben Lächeln hinzu: »Wer mich so sähe, müßte glauben, ich
-wandelte auf Rosen. -- Das Kleid will mir die Wirthstochter besorgen.«
-
-Der Befehligte ging und kam lange nicht wieder. Endlich trat er ein mit
-einer gewissen Hast, der Athem schien ihm entgangen, und die Zornader
-stark angelaufen.
-
-»Du warst lange, Füßli --« empfing ihn seine Dame im Klageton eines
-gütigen Vorwurfs, »wohl eine Stunde, und Du glaubst nicht, wie bange mir
-der Augenblick vergeht, den ich ganz allein zubringe.«
-
-»Kann nichts dafür, gnädigste Frau,« entschuldigte sich jener, »es ist
-überall ein Gedränge, man kann nirgends zu. Aus einem Viertel machen
-sich die Kaufleute nichts -- es wird Alles im Ganzen abgesetzt; da
-ließen sie mich stehen. Dann müssen kleine Füße bei großen Damen hier
-rar seyn. Des Suchens war kein Ende, und an Kinderschuhen von diesem
-Maaße kein Vorrath. Zuletzt hatte ich noch einen Auftritt auf offner
-Straße. Es ist hier eine verflixte Polizei.«
-
-»Wie so?« fragte Therese, und schickte sich an, den Einkauf zu
-versuchen.
-
-»Nun,« antwortete der Bediente mit entrüstetem Tone: »wie ich so im
-besten Gehen bin, kommt Einer von der Polizei daher -- ich meine, das
-müsse er gewesen seyn -- stiert auf meine Hand und ruft: Freund! wo hast
-Du den Schuh her? -- Es fiel mich an. Mein Herr Offizier, gab ich ihm
-zur Antwort, gestohlen habe ich den Schuh nicht, und um das Weitere
-braucht sich Niemand zu kümmern. Nun legte er sich aufs Bitten, besah
-sich den Schuh von allen Seiten, so daß ich daran denken mußte, was
-mir, da ich noch ein kleiner Knabe war, meine Mutter seliger von einem
-bezauberten Prinzen erzählte, der -- --«
-
-»Ich weiß, ich weiß --« unterbrach ihn Therese mit einiger Heftigkeit.
--- Füßli starrte seine Dame an. Sie war wie mit Blut begossen -- er
-meinte, es käme vom Bücken; nur über seinen Horizont ging es gänzlich,
-daß sie wissen wolle, was er aus dem tiefsten Winkel der Beilade seiner
-Mutter Goldamme hervorzusuchen im Begriff gewesen. »Wie sah denn der
-Herr aus?« fragte sie.
-
-»Es war der hübscheste Polizei-Lieutenant, den ich noch gesehen habe --«
-antwortete Füßli, »lang und wohl gewachsen; aber seine Keckheit hatte
-mich verdrossen, deshalb gab ich ihm nur kurzen Bescheid.« Therese ließ
-sich die Uniform beschreiben. Sie hörte still zu, dann sagte sie mit
-rügender Stimme: »Du hättest ihm doch höflicher Auskunft geben sollen.«
-
-Füßli, stumm gekränkt, schüttelte leise den Kopf. Er meinte in seinem
-subalternen Verstande, daß selbst die betrübteste Frau sich von der
-Aufmerksamkeit eines Mannes geschmeichelt fühle, die dem kleinsten
-ihrer persönlichen Reize zu Theil würde: er wußte nicht, wie viel feiner
-Therese combinirte, da sie ihrem Diener den Mangel eines verbindlicheren
-Benehmens vorhielt. --
-
-Jetzt ward es laut auf dem Vorsaal. Therese öffnete die Thür, und
-trat hinaus. Die Dame vom Lande, ihre Wandnachbarinn, stand im Begriff
-abzureisen, von ihren Leuten und den dienstbaren Geistern des Hotels
-umgeben, welche mit Schachteln, Paqueten, Flaschen, und hundert
-unnennbaren Kleinigkeiten des Bedarfs zu einem behaglichen Leben,
-belastet waren. Sie selbst glich einem wandelnden Pavillon, blieb
-aber stehen, als die ätherische Gestalt Theresens, nur etwa wie ein
-Trauermantel mit leichtem Schwarz besäumt, aus der düstern Stille ihres
-Zimmers aufflatterte, und redete sie an. »Ach meine Liebe,« sagte sie
-mit einer Fülle von Gutherzigkeit in dem wohlgenährten Gesicht, »Sie
-sind gewiß die junge Dame, welche hier zu einer so traurigen Erfahrung
-gekommen ist? -- Wie mich das gedauert hat! so jung Wittwe werden,
-das ist in Wahrheit betrübt. Wie gern hätte ich Ihnen meine Theilnahme
-bezeugt! aber man hat den Kopf so voll von Einkäufen, -- sieh Dörtchen!
-o verzeihen Sie -- den polnischen Gries, den haben wir ja nun doch
-vergessen!« Therese bedeckte mit der weißen Hand die Augen, vor all'
-diesem häuslichen Wust. Sie hätte keiner Erinnerung bedurft, an den
-unwirthbaren Boden ihrer Heimath. Mit leisem, verachtenden Stolz, wie
-er dem Schmerz und der Liebe gegen solche Geringfügigkeiten eigen ist,
-verbeugte sie sich, aber doch mit der Grazie des Kummers.
-
-»Könnte ich Ihnen irgend womit dienen?« fragte die Baroninn im Tone
-erhöheter Achtung, da sie kein Sterbenswörtchen, kaum einen Seufzer,
-aus diesem schönen Munde vernommen, der ein so heiliges Recht zur Klage
-hatte, deren Zurückhaltung stets am stärksten an das Herz des Mitleids
-dringt. Therese dankte gerührt. Sie konnte den Wunsch, ein aufrichtiges
-Mitgefühl zu äußern, nicht verkennen.
-
-»Die Zeit --« setzte die Baroninn, wie wenig sie deren auch zu haben
-schien, in der Weise einer erfahrnen Trösterinn hinzu: »die Zeit,
-glauben Sie das mir, meine Beste! lindert auch den größten Schmerz. Da
-mein guter Mann starb -- er ist nun schon seit zwanzig Jahren todt -- da
-meinte ich auch nicht, noch einen frohen Tag zu erleben. Es giebt sich
-jedoch Alles, auch das, was uns beugt. -- Werden Sie, wenn man fragen
-darf -- Sich lange hier aufhalten?«
-
-»Ich fürchte nicht, daß ich das müßte,« antwortete Therese mit einem
-Blick voll Schauer: »der Boden dieses Hauses brennt unter meinen Füßen.«
-
-Die Dame nickte, gleich einer unförmlichen Pagode auf diesem großartigen
-Kamin, worin ein frisches Leben zu Asche geworden war, und sprach:
-»sonst hätte ich Sie gebeten, zu mir zu kommen, auf mein Gut. Ich bin
-die Baroninn Lenau.«
-
-Dieser Name schlug mit einem bekannten Klange nicht an Theresens
-Ohr, nein! an ihr Herz. Therese wußte von jenem Nicolaus, der ihn mit
-dichterischen Ehren führt, und würdigte ihn wohl höher als den Kaiser,
-den sie als einen Feind ihres zerstückten Vaterlandes betrachtete. Eine
-poetische Verwandtschaft so wenig wie eine andere, zwischen diesem Lenau
-und der Baroninn, ließ sich gleichwohl schwerlich voraussetzen, und doch
--- trotz der Prosa dieser Erscheinung, und wie versunken in sich selbst
-Therese auch war, so flüsterte, da sie ihn nennen hörte, ein zartes ob
-auch melancholisches Gefühl, wie das Schönste seiner Schilflieder es
-erregt, in ihrem Busen auf. --
-
-Das Wohlwollen verbindet schnell. Mit einem Zuge von Wehmuth ließ
-Therese die Baroninn aus den Augen. Sie trat ans Fenster, und sah die
-bepackte Landkutsche, von ihrer aristokratischen Bestimmung zu einer
-anspruchslosen Victualienfuhre benützt -- langsam und schwerfällig
-abfahren. Therese dachte dieser flüchtigen Begegnung nach, welche
-sie doch ein wenig zerstreut hatte. Sie besaß überhaupt eine gewisse
-Vorliebe für ältere Personen ihres Geschlechts, und die Gabe ihnen zu
-gefallen; hingegen Frauen von mittleren Jahren konnte sie nicht leiden,
-ohne sich eines Grundes dafür bewußt zu seyn. Diese Eigenheit, denen,
-die mit ihr lebten, so bekannt, daß, als Therese einst ein rüstiges
-Weib, welches ihr Erdbeeren feil bot, gegen ihre Gewohnheit ziemlich
-unfreundlich abwies, ihr Schwager lächelnd sagte: »die Arme hat
-wahrscheinlich nicht das rechte Alter, um Dir sammt ihren schönen
-Früchten anzustehen? --« hielt sie vielleicht theilweise von Fabia
-entfernt, während ein Verhältniß ungeheuchelter Zuneigung zwischen der
-alten Nonne und der jüngsten Schwägerinn des Administrators bestand.
-
-»Es giebt sich Alles,« hatte die Baroninn gesagt, »auch das, was uns
-beugt.«
-
-Was ist wohl starrer als der Tod? Und doch schmiegt der Gedanke an die
-Verstorbenen sich allmählig unsern Vorstellungen an, hausbequem wie ein
-Kleid, in dessen weiten Falten ein wenig Staub ruht, ohne daß auch das
-reinste Herz davon beunruhigt würde.
-
-Therese blickte tiefsinnig in das Gewühl, welches geräuschvoll wie ein
-Strom, doch eben so unverständlich sich unter ihr bewegte. Stunde an
-Stunde verrann -- gegen den Abend sollte Constanz still, doch feierlich
-beerdiget werden, und seine Frau begehrte, während dieses Acts allein zu
-bleiben. Füßli wagte bescheidenen Widerspruch; das Gefühl der Einsamkeit
-und eines gemeinsamen Verlustes hatte dem treuen Diener Freundesrecht
-dazu gegeben.
-
-»Es ist so schön, gnädigste Frau,« sagte er beklommen, »wenn ein
-Ehegatte den letzten Gang mit dem Andern nicht scheut, sey er immerhin
-der schwerste. Ich mögte sagen, es sähe den Frauen so ähnlich. Die
-Mutter blickt zehnmal in die Wiege, ob ihr Kindlein gut schläft, eine
-Pflegerinn achtet darauf, ob die Kissen des Kranken recht liegen, und
-eine Wittwe sollte das Auge abwenden und nicht sehen wollen, wie man
-ihren Todten gebettet hat? -- Was mich betrifft, so würde ich meinen
-Herrn begleiten, und wenn ich auf den Knieen seinem Sarge nachrutschen
-müßte.«
-
-Therese erröthete beschämt, und ein Anflug von Zorn über den Vorwurf,
-der in diesen treuen Worten für sie lag, schürte die Flamme ihres
-Angesichts. Sie sagte mit Selbstvertheidigung: »daß ich mein blutend
-Weh vor den Augen fremder Menschen entschleiern, und der Neugier ein
-Schauspiel geben sollte: dies kann ich nicht. Es wäre eine Form, die
-meinem Wesen widerstünde; meinem Constanz hilft es nicht mehr, und Wem
-schadet es, wenn ich lasse, was zu thun er selbst unräthlich finden
-würde? -- Jeder hat seine eigene Schicklichkeit, guter Füßli.« Und dabei
-lächelte sie todesängstlich, wie im Besserwissen einer höheren Stimmung.
-
-Jener schüttelte den Kopf, und seine Miene würde ein Kundiger dieser
-Sprache der Seele in die Antwort übertragen haben: »aber die Liebe ist
-doch nur Eine!«
-
-»Wäre nur der Schwager hier,« jammerte Therese, und brach in Thränen
-aus, deren Thau sie dem Gras des fremden Kirchhofs vorenthielt --, »oder
-ein anderer Freund, der sich meiner annähme!« Füßli schwieg gekränkt.
-Seine weinende Dame sprach: »verlassener als ich, ist wohl auf Gottes
-Erde Niemand -- und war ich es eigentlich nicht immer? --« In dieser
-Frage, womit Therese sich gleichsam frei sprach von den zarten Pflichten
-einer Verbundenen, geschah dem Anspruch des Gemahls Eintrag, den der Tod
-von jedem irdischen Bande gelös't; aber die Stunde des Begräbnisses gab
-ihm sein volles Recht wieder. Erschütternd in Schluchzen, aufgelös't
-in Leid, saß Therese im einsamen Sopha, während Der, dem sie kraft des
-ehelichen Gehorsams hierher gefolgt war, zu seiner letzten Ruhestätte
-schwankte, und sie an fremder Stelle allein ließ. Jeder Glockenhall
-bewegte ihre Seele in einer Schwingung stürmischen Schmerzes;
-überwältigt von unbekannten aber furchtbaren Gefühlen, war sie keines
-klaren Gedankens fähig. Endlich lagerte sich eine dumpfe Stille um ihren
-müden Geist. Sie lehnte den Kopf hinten über, schloß die Augen, und ließ
-unbewußt einzelne Tropfen unter den Wimpern hervorrinnen. -- Im Hause,
-was den todten Gast entlassen, herrschte eine ungewöhnliche und bange
-Stille; selten schwebte der Engel mit der Palme in solcher Ruhe.
-
-Da eilte ein starker doch gedämpfter Schritt die Treppe herauf an
-die Thür von Theresens Zimmer; es klopfte, und ohne das Wörtchen der
-Erlaubniß abzuwarten, trat ein Offizier ein. Rudolph Feldmeister lag zu
-Theresens Füßen, und hauchte athemlos einen ehrerbietigen Kuß auf die
-schwarze Serge ihres Schuhes.
-
-Wie von einem elektrischen Schlage geweckt schaute sie auf. Schweigend
-sah sie ihn an, nur der nasse Blick, die zitternde Hand redete in einem
-leisen Druck, der dennoch die gepreßte Empfindung verständlich machte,
-worin sie athmete. Therese glaubte, der Himmel habe sich geöffnet, ihr
-seinen sichtbaren Schutz zuzusenden. Nach einer unaussprechlichen Minute
-sagte sie mit wankender Stimme: »so eben begräbt man meinen Mann -- und
-ich weiß nicht, ob es sich ziemt, daß Ihr Hierseyn, lieber Freund, seine
-Wittwe tröste? --«
-
-»O Therese!« rief der Lieutnant leidenschaftlich versichernd, »wie hat
-dieser Todesfall mich ergriffen, ohne daß ich wußte, Wen er träfe! und
-nun sollte ein erbärmlicher Anstand mich fern halten, wohin mein Herz
-mich drängt, selbst wenn es anders schlüge, als für den einzigen Wunsch
-dieser geliebten Nähe?«
-
-Therese weinte heftig, der Lieutnant stand langsam auf, und sah finster
-in den Fall ihrer Thränen. »Fürchten Sie nicht, Therese,« sagte er mit
-jener edelsinnigen Achtung, die einem höheren Gemüth der Anblick des
-Leidens einflößt, wenn gleich sich in seinen Ton ein wenig verbitternde
-Kälte der Eifersucht mischte, »daß ich die Heiligkeit dieser Stunde und
-ihrer Gefühle nicht genug ehren mögte, um von dem meinigen zu schweigen.
--- Aber -- die Vorsehung scheint mich zu Ihrem Schutz berufen zu
-haben, den Sie in so seltsam unglücklicher Lage in dieser fremden Stadt
-bedürfen könnten. Mit unsäglicher Mühe und Eile bin ich einer zarten
-Spur von Ihnen nachgegangen, hoffend, daß ich Sie fände -- -- Therese!
-mein Wiedersehen so unvermuthet, freut Sie nicht?«
-
-Therese erhob das quellende Auge zu ihm; ein warmer Strom floß in sein
-Herz, und machte es schwellen. Sie schüttelte den schönen Kopf, und
-diese verneinende Geberde sprach jene zuversichtliche Erwartung nicht
-ab. »_Unvermuthet?_« sagte sie mit dem leisen Accent magnetischer
-Ahnung, »nein mein Freund! ich wußte, Sie wären mir nahe. Wo ich
-bedrängt bin, da erscheinen _Sie_! -- Habe ich doch schon ihre Stimme
-vernommen. Unmöglich scheint mir nichts, nachdem, was ich erfahren.
-Ach!« und bei diesem seufzenden Ausruf rang sie die zarten Hände in
-ihrem Schooße, »_was_ habe ich gelitten seit unserer Trennung! ich werde
-es nie -- _nie!_ vergessen.«
-
-Diese Versicherung spaltete sich in dem Gefühl des Empfängers. Der
-angegebene Zeitpunct schmeichelte, ob auch unbestimmt, seinem fordernden
-Herzen; doch das Unmaß von Weh, wovon der leichte Sinn dieses harmlosen
-Wesens betroffen worden, deutete wahrscheinlich nur auf einen Schlag des
-Schicksals hin, der zur Zeit seine eigenen Empfindungen unterdrückte.
-Seine Zunge war für einen Moment gelähmt, dann sagte er: »ich glaubte
-nicht, daß der Verlust eines Mannes, den Sie eigentlich nur dem Namen
-nach besaßen, Sie bis zu diesem Grade außer Fassung bringen könnte,
-da es nur auf Ihre Neigung ankommen würde, jenen hohlen Besitz zu
-behalten.«
-
-Therese seufzte aus voller Brust und dachte: »am Ende nimmt er es wohl
-übel, daß ich traurig bin? -- O über die Männer! ihre Eigensucht findet
-sich sogar durch die Aufregung beleidigt, welche Derjenige verursacht,
-der allen irrdischen Wallungen ein Ziel setzt! --« Sie antwortete:
-»als Constanz zurückkehrte -- o Gott! wann kam er denn? da hätte ich
-im Voraus wissen können, was mir begegnen würde. Mir war so kalt und
-schauerlich zu Muthe, als ob der Tod mich in seine Arme schlösse. Nun
-ging es holter, polter fort. Unerbittlich für den Wunsch der Seinen,
-gönnte er mir kaum Zeit, mich zu fassen, da das Scheiden vom Stift
-mir sehr schwer fiel. Dort ist mir wohl gewesen, sehr wohl! kleine
-Uebelstände etwa abgerechnet, die gegen so vieles Gute nicht in Betracht
-zu ziehen sind. Mit freundlicher Vernunft ließ der Schwager mich
-gewähren, und mir kein Härchen krümmen. Er war mir ein Bruder,
-wahrhaftig ein Bruder! und Ihren Oheim, ja den Major, habe ich wie einen
-Vater geliebt!«
-
-Sein Neffe lächelte kühl, wie mit der Indolenz eines dankbaren Vetters,
-denn die Wärme, womit Therese des Administrators erwähnte, that der
-Wirkung jenes kindlichen Gedankens Eintrag.
-
-»Der Morgen, wo wir von Sanct Capella abreiseten,« fuhr sie fort, »war
-mir schrecklich. Die ganze Welt kam mir verändert vor, so auch mein
-Mann. Ich war wirklich ein wenig einsiedlerisch geworden -- und
-der Gedanke, mich wieder in seine umherfahrende Weise einzurichten,
-widerstrebte mir. Unbeschreiblich abgemüdet, mehr am Geist als am
-Körper, langte ich hier an. Erlassen Sie es mir, daß ich Ihnen von der
-kurzen Krankheit erzähle, die den armen Constanz binnen wenig Stunden
-hinabwürgte; ich bin es nicht im Stande. Und wäre er mein Feind gewesen,
-und nicht mein Mann, ich hätte gern, als es ihm an Luft gebrach, den
-Athem meiner Brust ihm einhauchen mögen.« Ein langer zitternder Seufzer,
-aushaltend in sprachlosem Schmerz, schloß diese Rede.
-
-»Ich glaube Ihnen --,« sagte Rudolph bewältigt. Doch von seinem
-Standpunkt aus, und nach der Behauptung jenes Kenners der menschlichen
-Seele, dessen genialem Blick diese dunkle Substanz durchsichtig war, so
-daß er ihre tiefsten Geheimnisse an das Licht brachte, wie zum Beispiel
-eine beschattete Stelle der Theilnahme, die da lautet: _denn nichts
-scheint Denen trübe, die gewinnen_ --, setzte er hinzu: »jenes Bild
-des Grauens wird sich mildern, theure Therese. Wie sollte, wenn die
-Vorstellung des Todes haften bliebe, der Soldat bestehen, der ihn mit
-all seinen Schrecken ertragen, und in furchtbarer Masse sehen muß, ohne
-daß er bei diesem Anblick zagen dürfte? Ein stärkeres Gefühl bezwingt
-ihn. Mein süßes Leben! beruhige Dich! jetzt bin _ich_ da.«
-
-Ein Blick innigster Schutzversicherung ward zwischen ihnen gewechselt.
-Und mit dem schüchternen Aufschluchzen überwundner Aengste sagte
-Therese: »ich bin kein Held, lieber Freund! und mich in einer so ganz
-einzigen Lage zu benehmen, fehlt es mir an Umsicht, wie an Erfahrung.
-Mich mit dem Nachlaß des Verstorbenen zu befassen, ist mir rein
-unmöglich. Ich glaube, ich könnte die größte Erbschaft wegschenken, um
-nur nicht davon reden zu hören.«
-
-Der Lieutnant lächelte wundersam in sich hinein. Und Therese sprach
-weiter: »ein feiner Mann vom Corps Diplomatique war bei mir, dem ich das
-Portefeuille meines Mannes aushändigen mußte. Ich wußte nicht, ob ich
-recht daran gethan, und ob nicht noch andere als staatsgeheime Papiere
-darin gewesen? -- Wäre nur der Schwager hier? ich habe einen Brief an
-ihn angefangen -- dort liegt er noch. Als ich mich dazu sammeln wollte,
-kam ein Sammelbruder, wie denn überhaupt Störungen begehrlicher Art hier
-unvermeidlich sind. -- Die Gedanken versagten mir, kein Wort wollte aus
-der Feder fließen; aber Thränen sind genug auf das Papier geflossen.«
-
-»Ich schreibe an den Major --« sagte der Lieutnant mit nachholender
-Hast, »heute noch! sogleich. Wir senden eine Estafette. Der
-Administrator muß her. Doch dürfte es bei der großen Entfernung eine
-ziemliche Weile dauern. O Therese, Muth gefaßt, holde Freundinn! es
-werden bessere Tage kommen; dann sind diese ein beklemmender Traum
-gewesen. Mir war, als hätte ich auch geträumt -- aber feenhaft, und
-meine Zukunft wäre verwandelt. Ich wüßte Ihnen Gutes zu erzählen; allein
-es deucht mir unzart, daß ich in diesen Augenblicken von mir spräche,
-und von irgend einem andern Glück als dem, zu Ihrer Beruhigung beitragen
-zu können.«
-
-Therese athmete erleichtert auf, reichte ihm herzlich die Hand und
-sprach: »so wäre mir denn geholfen; zweifeln Sie nicht, daß Ihre
-Gegenwart die größte Wohlthat für mich ist. Aber noch ist mein ganzes
-Wesen so von Furcht und Beben eingenommen, daß ich die Hoffnung nicht
-zu fassen vermag, ich würde mich wieder einmal freuen können. -- Es ist
-mir, als begäbe sich der Trost, daß ich Sie sähe, nur im Fieber. Ihr
-Bild wankt vor meinen Augen, eine so jähe, so erschütternde Veränderung
-läßt uns fühlen, daß nichts Bestand hat. Und die Angst zuckt schreckend
-durch meine Glieder, ich könnte erwachen, und Sie wären verschwunden.«
-
-»Nein ich bleibe!« rief der junge Mann mit fester Innigkeit, und der Ton
-entschiedenen Selbstvertrauens steigerte sich zur Leidenschaft, da er
-hinzusetzte: »ich bleibe ewig Ihr treuester Freund! und eher mögte
-ich mich wohl selbst verlassen, als von dem Platze weichen, auf den
-himmlische Gunst mich gestellt hat. -- Ist es ein Zufall, daß wir uns
-in Polen, im Stifte, und nun hier, in öder Weite, abgerissen von allen
-vorigen Beziehungen, gefunden haben? Eine unsichtbare Hand hat uns
-verknüpft, Therese! ich halte meinen Schwur, und der Himmel selbst
-scheint es zu wollen.«
-
-»Constanz --« flüsterte Therese, »wird mir auch sein Schatten zürnen?«
-
-»Er war eine vermittelnde Macht zwischen uns --« entgegnete Rudolph,
-»sein Daseyn, nun nicht mehr begrenzt, erweitert sich für unendliche
-Wünsche. Ein Geist ist nicht engherzig mehr, daß er dem Liebsten, was
-die Erde für ihn hatte, einen Strahl von Seligkeit, die Liebe! mißgönnen
-sollte. Aber Therese -- Sie sind krank, und ein Wunder ist es nicht.
-Wenn ich Sie nur besser aufgehoben wüßte, in weiblich schicklicher
-Pflege. Der Gasthof ist kein Asyl für eine Leidtragende. Nun, morgen
-wird es anders seyn. Ich schreibe die Nacht hindurch, und mit Anbruch
-des Tages lasse ich meinen Boten fliegen.«
-
-Jetzt trat Füßli ein. Die Schwermuth der Dienstpflicht, von der er
-zurückkehrte, beugte ihn sichtbar, ein Grabeswehen düsterte um die
-beflorte Gestalt, und die Citrone in seiner Hand, deren Poren im
-Ausdruck starken Schmerzes lind geworden waren, hauchte einen leisen,
-bangen Geruch aus.
-
-Eine wunde Röthe floß mit der Blässe Theresens zusammen, als sie den
-Diener ansichtig ward, an den sie während dieser Scene mit keiner Sylbe
-gedacht hatte. Und auch das erdfahle Gesicht des ehrlichen Schweizers
-überzog sich mit der Farbe der Empfindlichkeit, da er den fremden
-Offizier erkannte. »Füßli!« sagte Therese mit weichem Tone, »dieser
-Herr, ein naher Verwandter des Major von Feldmeister im Stift, wird so
-gütig seyn, in meinem Namen nach Sanct Capella zu schreiben, und Dir das
-Nöthige hierüber ertheilen.«
-
-Der Diener verbeugte sich stumm, und indem seine Dame sich gleichsam zu
-einer Entschuldigung herabließ, über dies Zusammentreffen, wie über
-die Vollmacht, welche der Lieutnant von ihr empfangen, zwang eine zarte
-Stimme ihres Busens sie, sich solchergestalt gegen ihn zu erklären.
--- Wenn es eine Pflicht zu trauern giebt, so ist stumme Treue der
-beredteste Vorwurf. Wer sich schweigend härmt, versenkt in tiefen Gram,
-erhebt sich in jeder Sphäre über Den, der Ohr und Lippe dem Troste
-öffnet.
-
-Rudolph ging bald darauf. Er beeilte sich, die Briefe zu schreiben, die
-keinen längeren Verzug gestatteten. Den folgenden Nachmittag wollte er
-wieder kommen, weil der Dienst ihn am Morgen nicht entließ.
-
-Therese empfand sein Fortgehen selbst für die Frist einer kurzen
-Frühlingsnacht, und bei der Gewißheit seiner Wiederkehr, doch
-beängstend.
-
-Füßli blieb stöckisch, und wartete mit finsterer Unterwürfigkeit seines
-Dienstes. O! warum kann keiner sehnenden Seele Erquickung zu Theil
-werden, ohne daß die Mißgunst irgend einen erbitternden Tropfen dazu
-mischte? -- Vor Allem stehet der Genuß auch der schuldlosesten Liebe
-unter diesem weltlichen Fluch. Sie ist das himmlische Feuer, dessen
-Raub mit jener Strafe gebüßt wird, die sich täglich erneut. -- Der
-Freundschaft -- und ist diese weniger ätherischen Ursprungs? -- wird
-ihre schmelzende Kraft eher verziehen. Sie -- »die Freundschaft hat
-Stufen, die am Throne Gottes durch alle Geister hinaufsteigen, bis zum
-Unendlichen!« So hoch kann der gewöhnliche Begriff sich nicht erheben.
-Aber Liebe, hienieden gefühlt, erscheint den Menschen oftmals niedrig.
--- Und nicht immer sind die Beweggründe Derer rein, die im unberufenen
-Zweifel, ob ein Verhältniß lauter sey, ein Herz in Flammen läutern.
--- Hätte der Major anstatt seines Neffen sich zum Beistand Theresens
-gefunden, der Diener ihres verstorbenen Gemahls würde ihn gesegnet
-haben; der junge hübsche Offizier, der ihren Schuh sogar erkannt -- war
-ihm ein Dorn im Auge.
-
-Schon hatte Therese am folgenden Tage ihres Freundes geharrt, und die
-Minuten, welche er zögerte, berechnet, als Rudolph kam, und wie es
-schien im Drange einer willkommnen Nachricht.
-
-»Ich habe über Sie verfügt --« sagte er mit einem offnen Blicke, und
-hörbar knitterte seine Hand ein Blatt Papier in der Tasche, was er aber
-stecken ließ, als bedürfe es zwischen ihnen des Beweises nicht, »werden
-Sie mir das Zutrauen verleiden, daß ich es durfte?«
-
-Therese bat ihn, mit einer Miene der Vorausbilligung, niemals ungewiß
-darüber und jetzt deutlicher zu seyn.
-
-»Hier können Sie nicht bleiben, mein süßes Kind!« sprach der Lieutnant,
-und dieser zärtliche Zusatz sänftigte den taktischen Ton, der die
-Vermuthung anschlug, dieser Feldmeister von Theresens Gegenwart werde
-sich, als ehelicher Feldherr ihrer Zukunft, gar wohl zu benehmen wissen.
--- »Selbst meine Besuche,« fuhr er fort, »würden einem ärgerlichen
-Aufsehen nicht entgehen, und ich -- ich leugne es nicht -- bin
-empfindlich gegen die öffentliche Meinung. Lieber aber mögte ich einen
-Flecken an meiner Ehre dulden, oder in der Pupille meines Auges, als daß
-Ihr Ruf, theure Therese! durch mich, und wäre es um den leisesten Hauch
-eines Wortes -- verdunkelt würde. Da ist mir denn guter Rath nicht über
-Nacht, nein! gestern Abend schon gekommen. Eine Anverwandte von mir,
-die Besitzerinn eines hübschen Landgutes in hiesiger Gegend, und eine
-so wackere Frau, daß ich wohl manche weibliche Tugend neben der
-harmlosesten Gutherzigkeit an ihr verehre, ist freundlich bereit, Sie
-bei sich aufzunehmen. Meine Tante ist in jedem Sinne wie von Milch
-genährt, und der Aufenthalt bei ihr ganz geeignet, den Affect der
-Betrübniß herabzustimmen. Sie werden --,« dies setzte der Lieutnant mit
-einem gutmüthigen Lächeln hinzu, »Gelegenheit finden, sich zu beruhigen;
-ein Athem von pflegmatischer Behaglichkeit ist die Lebensluft dieses
-Hauses, und ich werde Fug und Recht haben, oft genug darin einzukehren.«
-
-Es hätte dieses letzteren Antriebes kaum bedurft, um Theresen dem
-Vorschlag ihres Freundes geneigt zu machen. Das wilde Täubchen war
-völlig zahm geworden.
-
-Füßli -- so wurde beschlossen -- sollte im Gasthof bei den Sachen
-bleiben, bis der Administrator in Person, oder doch Nachricht von ihm
-käme. Auch konnte von Seiten der Behörden noch irgend eine Forderung
-ergehen, zu deren Aufnahme Jemand an Ort und Stelle seyn müßte. Schon
-in einer Stunde -- mit solch militairischer Kürze war dieser Aufbruch
-bestimmt worden -- sollte die Equipage da seyn, worin Therese nach jenem
-Landgute abgeholt werden würde. Rudolph wollte sie zu Pferde begleiten.
-In fliegender Eil wurden nun die Anstalten zur Abreise getroffen.
-Therese säumte keinesweges, den Engel dieses Hauses zu verlassen, um
-dem zu folgen, den sie mit besserem Recht für den ihrigen, und für
-einen Boten des Himmels hielt. Sie zog den schwarzen Schleier über ihr
-Gesicht, und sich in den Hintergrund des Wagens zurück, so lange er
-durch das lärmende Getöse der Stadt rollte. Doch als auch das Geräusch
-der Vorstadt immer ländlicher wurde, bis endlich am letzten Häuschen die
-sausenden Räder an dem schwirrenden Rade eines Seilers vorüberflogen,
-der sein hartes Gespinnst durch die weichen Frühlingslüfte milderte, da
-bewegte diese Schnur Theresens Herz, und es schlug in der grünen Stille
-einsam wie eine Bilderuhr. -- Wie sanft wallten die Saaten! wie weit
-vergoldete die Sonne den Gesichtskreis! in welcher erhabenen Ruhe
-mischte das Blaßblau eines fernen Amphitheaters von Bergen sich mit dem
-Horizont! -- Die Natur senkte ihren malerischen Vorhang über Theresens
-Einbildungskraft, und den Tumult jener wüsten Scenen, denen sie
-entronnen war. Kein neugierig kalter Blick traf sie mehr, und hier
-und da fiel der ihrige auf ein unschuldiges Blumenauge, in der zarten
-Frische erster Färbung, und es schien mit Wärme zu sagen, daß es den
-Thau gar wohl kenne, der zu nächtlicher Zeit sinkt. --
-
-Rudolph ritt nebenher, und zum erstenmale ein neues schönes Pferd,
-womit er ritterlich bei dem Geleit seiner trauernden Dame paradirte, und
-dessen charakteristische Uebermüthigkeiten sein Aufmerken erforderten.
-Therese saß allein in tiefen Gedanken. Wie wenig glich ihre dermalige
-Stimmung jener, in welcher sie einst nach dem Scheiden von ihrem Gemahl,
-in Begleitung seines Bruders, dem gastfreundlichen Kloster zuflüchtete.
--- Gänzlich unbekannt war ihr der Ort und die Person, denen sie nun
-eine schützende Aufnahme verdanken würde; aber sie überließ sich mit
-unbedingtem Vertrauen ihrem Führer. Die Gleichgültigkeit des Kummers und
-erschöpfter Kräfte, nahm dieser Hingebung auch das leiseste Bedenken.
-Das Fahren erinnerte sie an die jüngste Vergangenheit. Constanz lag nun
-still für immer. Welch ein kleiner bescheidener Raum genügte ihm zur
-langen Rast! sein ruheloses Leben voll glänzender Entwürfe war nun aus,
-wie ein fliegender Stern in Dunkelheit erlischt. Sie versetzte sich in
-die Empfindungen, welche sie bei seiner Ankunft und während der Reise
-gehabt hatte, und gestand sich, daß es Vorgefühle gebe. War die
-tiefe sehnende Ruhe, in welcher alle Aengste, alle Wünsche schwiegen,
-vielleicht Gewähr dafür, daß Furcht und Hoffnung nun erfüllt seyen? --
-Nie hatte Therese mit zarteren Regungen der Reue an Constanz gedacht,
-nie sein Verhängniß in so innigem Bezug auf ihr Gemüth empfunden; obzwar
-jeder Faden von Eintrag in dem Gewebe ihres gegenseitigen Lebens nun
-abgerissen war. Auch das Glück wird mit Buße getragen, nicht allein das
-Gefühl der Schuld und der Besitz, sogar der zu hoffende, giebt uns
-nicht selten erst eine vorwurfsvolle Schätzung dessen, was wir verloren
-haben. --
-
-Der Abend begann, sich auf die Landschaft zu senken. Noch schwebte der
-feurige Sonnenball, jedes Lüftchen riß eine flammende Rose aus dem Kranz
-von Purpurgewölk, der Himmel glich einem Garten voll brennender Liebe.
--- Das Geläut der ziehenden Heerden vom frischen Anger scholl fernher,
-wie wandelnde Abendglöckchen, da der Tag sich neigte, und dieser
-friedsame begnügte Ton weckte ein traumhaftes Sehnen, dem Heimweh
-verwandt, in Theresens Seele. Wo war ihre Heimath auf Erden? Nirgend! --
-Als nun die Sonne hinunter war, die geschäftigen Schatten einschliefen,
-und ein dämmernder Duft sich über Feld und Wiese verbreitete, da
-erschien ihre selige Mutter vor Theresens träumenden Augen, und ihr
-überirrdisches Lächeln sagte: »mir ist recht wohl! laß mich schlafen,
-Kind!« Auch Constanz richtete sich auf, und seine gestorbene Gestalt
-blühete wie unter einem Veilchenschimmer, der vom violetten Schein der
-Höhen mit dem röthlichen Hauch noch nicht aufgebrochner Laubknospen
-zusammenfloß. Und der Abendwind flüsterte mit _seiner_ Stimme: »ich habe
-nun Ruhe gefunden -- was betrübst Du Dich?« Eine namenlose Wehmuth ließ
-Theresen wünschen, sie könnte auch sterben. -- »Sterben? jetzt, wo ihrer
-treulosen Neigung nichts mehr im Wege steht?« frägst Du vielleicht meine
-Leserinn, und Deine Hand hebt den Stein des Anstoßes. Aber lasse mich
-den Zweifel Deiner Frage heben. Wisse! der Schmerz um Die, welche nicht
-mehr athmen, und das Entzücken des Lebens, die Liebe! mischen ihre
-tiefsten Einflüsse zu einem Quell, der verlangend strebt, sich in das
-Meer der Ewigkeit zu ergießen. In Beiden fühlen wir uns unendlich. So
-stirbt die Jugend leicht unter dem vollen Blüthenhang ihrer Hoffnungen;
-nur das Alter klammert sich fest an den entblätterten Stamm des Daseyns,
-hätte es auch nur bittere Früchte getragen. --
-
-Bei einem Bug der Straße öffnete sich die Aussicht in ein reiches
-Dorf, von Obstgärten umgeben. Das Schloß, kein Rittersitz von
-architektonischem Prunk, nur ein stattlicheres Wohnhaus -- lag kaum
-abgesondert und sehr freundlich.
-
-Der Lieutenant rief in den Wagen: »Wir sind an Ort und Stelle, --«
-und bei dem ersten Hinblick auf die Fenster, welche ein Abglanz der
-Abendröthe in saffranfarbenem Mattgold erhellte, spürte Therese jenes
-Bangen, welches uns Frauen mehr oder minder vor dem Eingehen in ein
-neues Verhältniß ergreift, oder, was oft gleichbedeutend ist -- wenn wir
-uns dem Ziele einer Reise nähern.
-
-Der Spiegel eines schöngeformten Teiches dicht vor dem Schlosse, am
-vorderen Rande von einer Brustwehr eingefaßt, und zu beiden Seiten mit
-weißen Gartenbänken versehen, strahlte das schwache Geflimmer einzelner
-Sterne zurück, und daneben den leuchtenden Vollmond des runden, rothen
-Gesichts einer Dame, die über das Geländer gelehnt, Karpfen fütterte.
-Die auftauchenden Fische zogen dunkle Kreise über die glatte
-Wasserfläche, worin das Schloß winkte und wankte; die Dame aber wich
-nicht von ihrem Platze, und war so vertieft in ihre speisende Lust, daß
-sie den Wagen nicht kommen gehört hatte. Schweigend hob der Lieutnant
-Theresen heraus, und sie gingen dem Teiche zu. Die Dame wendete sich um
--- erleichterten Herzens erkannte Therese die Baroninn Lenau in ihr. Und
-jetzt wußte sie auch auf einmal, daß Rudolph schon im Stift ihr diese
-Verwandte genannt, und von ihr erzählt hatte.
-
-Die Baroninn schien mit dem Begriff der Nahrung völlig identisch
-zu seyn. Ihre Gestalt war wie die Fülle von Gottes Segen, ein
-angeschnittnes Brod lag in ihrem derben Arm, und das Messer blickte nur
-wie zum Spott der ihr eigenthümlichen Milde, womit sie nie eine andere
-Schärfe handhabte. -- »Sieh da!« sagte die Baroninn sichtlich erfreut,
-»mein einladender Wunsch kam von Herzen, und ist deßhalb zu Herzen
-gegangen -- wenn gleich auf einem kleinen Umwege --« setzte sie mit
-einem Lächeln vergnügter Schlauheit hinzu.
-
-Diese einfachen Worte, und eine begrüßende Umarmung ließen Theresen
-fühlen, wie herzlich es mit dieser Aufnahme gemeint sey.
-
-Rudolph hatte nicht nöthig, das Kleinod seiner Sorge der gütigen Tante
-werth und wichtig zu machen, welche liebreich es in Gold fassen mögen.
-
-Die Baroninn hielt in einer einfachen neidlosen Denkweise die Schönheit
-für einen Empfehlungsbrief ihres Schöpfers, und das Unglück für ein
-heiliges Recht. Sie benahm sich, diesem Glauben zufolge, so, daß Therese
-sich wie im Himmel fühlte. Selbst ihr Aufenthalt im Stift, wie geneigt
-wir auch sind, das Vergangene zu überschätzen -- war von mancher Seite
-für sie und für manche kleine Blöße schonungsloser gewesen, als der
-gastfreie Schirm dieses Hauses. Die Baroninn war nicht minder ein Muster
-der Wirthlichkeit, als Du, häusliche Fabia! aber dies hausmütterliche
-Walten war ihr ein rühriges Vergnügen, ein vorbereitender Genuß, kein
-werkthätiges Verdienst, was sich geltend machte. Sie war auch fromm;
-doch ohne selbstgefällige Strenge. Ihr Christenmuth war kein abtödtender
-und absondernder Stolz, sondern guter Muth, und deshalb ein tägliches
-Wohlleben, wie die Schrift sagt. Die fröhliche Zutraulichkeit zu
-Gott, womit sie sich des Besten von ihm versah, belohnte sich durch
-Zufriedenheit mit allen Menschen. Sie ließ die ganze Welt gewähren --
-und Wer jemals unter intoleranten Bekehrungs-Versuchen gelitten, weiß
-diese köstliche Eigenschaft zu würdigen. Allein auch Therese hatte sich
-geändert, nicht nur, daß ihre Umgebung eine andere war. Wir dürfen es
-zudem rühmlich voraussetzen, daß Frau Fabia sich der _verwittweten_
-Schwägerinn gewissenhaft angenommen haben würde. Theilnahme an
-_widrigen_ Erfahrungen ward nimmer bei ihr vergebens gesucht; nur der
-_Mitfreude_ war dies verschlossene Gemüth nicht fähig. Ihre Tugenden
-schmeckten alle, -- wenn dieser Ausdruck nicht profan wäre -- ein wenig
-nach dem Essig vom Kreuz. So versüßte sie Niemandem das Leben, und
-selbst das Gute, was sie erwies, blieb nicht ohne eine säuernde
-Mischung. -- Die Baroninn dagegen war ein christlich-weiblicher Epikur;
-ihre Glückseligkeitslehre lief auf unschädlichen Genuß hinaus, den keine
-Verbitterung trübte. Sie schlürfte Geist des Lebens mit jedem Athemzuge,
-und wandelte das reine Element in stärkenden Wein. -- Einer Therese
-mußte dieses System freilich besser zusagen. Jener anmuthige Leichtsinn
-zwar, der zu so vielen Mißhelligkeiten zwischen den Schwägerinnen Anlaß
-gegeben, trug nunmehr einen Flor von Melancholie, der ihn niederhielt;
-doch wäre ihr bewegliches Naturell auch nicht durch diesen zarten
-Ueberhang von Trauer gehalten worden, das Geheimniß jener wunderbaren
-Gegenwirkung Anderer auf uns, würde hier, wo im Umgange einer
-frohsinnigen Matrone nichts von der jungen Frau gefordert ward, als daß
-sie sich erheitern möge, Theresen zu einem soliden Ernst für Pflicht
-und Nachdenken gestimmt haben. Und endlich die Hauptsache! welch eine
-scharfe Ehrenwächterinn war ihr Fabia gegen den Blick eines Mannes
-gewesen! wie kränkend hatte jenes wachsame Auge auf jeden Schatten
-gedeutet, wenn der wohlwollende Schwager die Schwächen von Constanz
-reizender Gattin in allzugünstigem Lichte zu betrachten schien! Und
-welcher stummen aber richterlichen Rüge war die bemerkte Leidenschaft
-Rudolphs verfallen! und wie streng war das Urtheil, was über den
-aufmunternden Gegenstand seiner strafbaren Flammen erging! -- Die
-Baroninn gönnte das menschliche Glück, zu gefallen, von ganzem guten
-Herzen so gern, ohne deßhalb eine liebenswürdige Frau für einen
-gefallnen Engel zu halten. Jeder Vorzug, den Therese besaß oder empfing,
-schien ihr natürlich. Sie fand die öfteren Besuche des Lieutnants, die
-Begeisterung für sein Schutzamt, ganz in der Ordnung und rechtmäßig. Sie
-schalt, wenn er eine Stunde länger ausblieb, als zu erwarten gewesen,
-und Therese vertheidigte lächelnd den Freund, der sich zu ihr bekennen,
-und die Wirksamkeit ihrer anziehenden Kräfte beweisen durfte.
-
-Der junge Mann war seiner Tante sehr ehrenwerth und ein Schooßkind des
-Geschicks; -- den Neigungen der Günstlinge aber wird geschmeichelt, und
-vielleicht war die Baroninn es sich kaum bewußt, daß sie die Güte
-der Gottheit verehrte, indem ihre eigene ein Verhältniß heiligte, was
-außerdem dem Bannstrahl der Welt schwerlich entgehen können.
-
-Und da wir Theresen einstweilen so wohl aufgehoben wissen, wenden wir
-uns nach Sanct Capella zurück.
-
- * * * * *
-
-An einem milden Abend jener Zeit, in welcher wir die abwesende Therese
-begleitet haben, befand Schwester Veronica sich mit Josephinen in
-demselben großen Zimmer, worin unsere Erzählung anhebt. Sie saßen
-feiernd am offnen Fenster einander gegenüber. Tiefe, ernste Dämmerung
-herrschte in dem bewohnten Raum, in schattigen Umrissen zeigten sich
-alle Gegenstände; die Miene des Reformators war nicht mehr kenntlich,
-und nur der Rahmen seines Bildes warf einen zweifelhaften Strahl in das
-uranfängliche Düster.
-
-Fabia, welche die sogenannte Dunkelstunde nicht liebte, wie man dies --
-beiläufig gesagt -- meistens bei Personen von vorwaltendem Verstande und
-äußerer Thätigkeit findet -- war in die Familie eines der Unterbeamten
-des Stiftes berufen worden, wo eben ein Lebensfunke erlöschen wollte.
-Ein liebholdes Kind, das einzige der Eltern, lag im Sterben. Man hatte
-die Schwägerinn des Administrators, deren Umsicht und christliche
-Gemüthsfassung geachtet war, zum Trost der Mutter herbei geholt, und
-noch sollte sie aus der Wohnung des Jammers wiederkehren. Von diesem
-Fenster aus war jene Wohnung in einem der klösterlichen Seitengebäude
-zu übersehen, und von dem wankenden Lichte da unten schwebte der stille
-Schatten des Todes herauf um die beiden Gestalten. Draußen aber pulsirte
-das warme Leben der Natur, und das Firmament flimmerte frühlingskräftig.
-Prachtvoller hatte die Nacht ihren Bogen nie gewölbt; die grüne Erde,
-gestickt mit Thauperlen und einer Milchstraße von Blüthen, schien
-dunkelblau, und nur ein tieferer Himmel.
-
-Veronica hing mit verklärten Zügen an der überirrdischen Welt, die --
-nach einem poetischen Gleichniß -- wie eine heilige Nonne verschleiert
-aus dem Sprachgitter der Sterne blickte; Josephine hing das Köpfchen auf
-den Busen. Beide hatten bisher geschwiegen. Jetzt sagte die Erstere,
-wie in sich selbst zurücksinkend: »ich will doch warten, bis Frau Fabia
-kommt, obgleich ich kaum zweifle, welche Kunde sie uns bringen wird.
--- Die arme Mutter! noch schwach und angegriffen von einer schweren
-Krankheit, wäre es viel, wenn sie es ertrüge, daß ihre süße Blume
-gebrochen da liegt!«
-
-Josephine lächelte sanft und sprach: »ich, liebe Veronica, kann das
-Sterben nicht so sehr bedauern. Es hebt uns leise empor über _alles_
-Schwere, und stillt unsre Sehnsucht. Muß uns Jemand sterben, müssen wir
-erst traurig werden, um diese Sehnsucht zu empfinden? _mir_ erregt sie
-der auflebende Frühling, die Freude sogar. Ihnen, liebe Veronica, darf
-ich es gestehen: es gehet mir wohl, worüber hätte ich mich zu beklagen?
-und doch ist mir zuweilen so weh zu Muthe, daß ich es nicht zu
-beschreiben wüßte. Aber um alles Glück der Welt mögte ich dieses
-wehmüthige Gefühl nicht tauschen.«
-
-»Mein Kind,« antwortete die Nonne, und die geistliche Jungfrau nahm
-in ihrer Seelenreine keinen Anstand, ein mütterliches Bild für ihre
-Erklärung anzuwenden, »das sind die jugendlichen Wehen des Herzens, aus
-denen der _Mensch_ in zartester Bildung hervorgeht, und die Liebe, ein
-Kind ihres Schöpfers, wird zum Licht geboren.«
-
-Hier rauschte der Wind, wie jener Geist, von dem man nicht weiß, von
-wannen er kommt -- und ein zartes Erröthen Josephinens barg sich unter
-dem dunkeln Flügel der Luft. Mit einem linden langen Odemzuge sprach
-das Mädchen: »ach, und der Frühling! das lichte Weiß seines ersten
-Blümchens, sein Blüthenschnee, das rinnende Gewässer, kommt mir wie
-der reine Glanz eines Engels vor, der am Grabe der Natur: Auferstehen!
-singt, und die Erde gleichsam heiligt. Ein seliger Schmerz durchdringt
-meine Seele, ich liebe Alles, was mir angehört, inniger aber
-sehnsüchtig. Das Künftige zieht mich zu sich heran, und von dem
-Gegenwärtigen kann ich nicht lassen.«
-
-»Und wenn nun,« fuhr Schwester Veronica fort, »die Farben aufglühen,
-und wie Töne zusammenklingen, so daß Eine Stimme der Unsterblichkeit uns
-vernehmlich wird, wenn alles Leben sich erneut und verjüngt, dann feiern
-wir das Gedächtniß der Todten, und die Sonne bescheint den Tag aller
-Seelen, der in den Frühling gehört und nicht in den Herbst, zur trüben
-Zeit, wo die letzten Blätter fallen. Nie habe ich für meine Verstorbene
-inbrünstiger gebetet, und ihre versunkenen Denkmale wieder aufgerichtet
-in meinem Gemüth, als wenn ich zum erstenmale den frischen Sproß des
-Grases aus ihrer Asche grünen und blühen sah. -- Ich verstehe wohl Dein
-Gefühl, aber das meinige kannst Du noch nicht fassen. Die Jugend reißt
-der warme Strom des Lebens mit sich fort; doch das Alter steht am Ufer
-der Zeit, worin so mancher Wunsch einwinterte und erstarrte. Jenseits
-strecken die Vorangegangenen ihre Arme nach uns aus, und der Blick ihrer
-Nähe zieht uns zu ihnen hinüber.«
-
-»Nein, nein!« rief Josephine lebhaft und ängstlich, und faßte das Gewand
-der Nonne wie ein Kind, was die davoneilende Mutter an diesem schwachen
-Stoff zu halten meint, »es ist, als ob dieser Gedanke schon Sie mir
-entzöge. Auch reißt mich nichts hinweg -- diese Möglichkeit könnte ich
-nur fürchten, doch mich ihr willig hingeben? nie! o _nie_! -- Als ich
-Sie am Sonntage auf ihrer Violine phantasiren hörte -- ich saß auf der
-Bank im Klostergarten -- war es mir, als ob ein Himmel unaussprechlicher
-Empfindung auf mich niederschwebte. Ich mußte weinen, und wußte doch
-nicht warum? Ich dachte, wie so mancher dieser entzückenden Klänge in
-den Mauern Ihrer Zelle schliefe, und daß, wenn einst ein Herz voll Liebe
-darin klopft, es diese Capelle aufwecken würde, um ihrer Heiligkeit und
-Ruhe theilhaft zu werden. Wer wird einst dieses Weihestübchen bewohnen?
--- O laß mich ruhn an dieser lieben Stelle -- bat ich den lieben Gott.
-Wenn ich aber dennoch scheiden müßte --« ihre Stimme versagte für einen
-Moment --, »so werde ich jene Töne, die mich über das Irrdische hinaus
-trugen, lebenslang mit dem Athem meines Herzens tragen, und in diesem
-Herzen Alles, was ich hier geliebt, und für wenig Anderes wird Raum
-darin seyn.«
-
-»Mein trautes Kind!« rief Veronica in einem Ausbruch der Rührung und
-Güte, »Du sollst meine Zelle erben, ich verspreche es Dir. Und meine
-Bücher, meine Blumen -- die Violine, den Ring --: Alles, was ich habe.
-Es ist mein liebster Wunsch, daß _Du_ mir die Augen zudrückest. Dann
-werde ich --« setzte sie leise hinzu, »wie eine Nonne sterben, von der
-man sagt, daß der Engel jungfräulicher Frömmigkeit sichtbar wird, wenn
-sie verscheidet -- und wie eine Mutter zugleich. Du weinst, Josephine?
-es fiel ein Tropfen, und Deine Wange ist feucht. Beruhige Dich,
-Herzenskind! nimm Deine Guitarre, und singe mir ein kleines Lied, es ist
-lange nicht geschehen. Du fühlst sehr wahr: die Musik ist ein religiöses
-Geheimniß, und nicht auf Erden geboren. Die Töne, welche aus der
-innersten Fülle der Seele quellen, sind himmlische Eingebungen und
-die Sprache der Geister. So soll das ganz einzige Spiel des großen
-Violinisten -- ich hätte ihn hören mögen -- etwas Dämonisches gehabt
-haben, und alle Schönheit seines Vortrages würde mir höchstens nur
-gewesen seyn, als ob ich empfände, wie die Kunst verzweifelt. Nein!
-selbst Paganini hätte meine cremoneser Geige nicht erben dürfen; sie
-ist nur Dein Vermächtniß -- keines Andern. Und wenn ein Zufall den
-Bogen zerbräche, und nur ein Seufzer Deines reinen Odems jemals über den
-stummen Steg hinstreicht: so ist ewige Harmonie darin, und das Werkzeug
-meiner innigsten Freuden kann schweigen und zerfallen, wie ich, oder wie
-Das, was lieblich an mir ist.«
-
-Die Violine war -- wie wir bemerken -- eine schwache Saite dieser
-trefflichen Choristinn; eine Saite, welche leicht in nachtönende
-Schwingung gerieth. Sie wollte nächstdem das geschmeichelte Gefühl
-ihrer Virtuosität mit dem unerkünstelten Beifall vergelten, den sie den
-einfachen Melodieen ihres Lieblings zollte.
-
-Josephine, gehorsam dem Wunsch der Nonne, lös'te das Instrument, ein
-Geschenk des Administrators, von der Wand, und griff einige Accorde.
-Dann setzte sie sich nieder, hob das schöne Auge aufwärts und sang mit
-jenem melancholischen Wohllaut der die tiefste Glückseligkeit anspricht:
-
- »Kaum hat mit frischem Thau die Nacht
- Des Himmels dunkle Au begossen,
- So seh ich tausend Lilien sprossen,
- Verklärt von wundersamer Pracht.
- Sie öffnen ihre Kelche weit
- Und lassen ihre Strahlen regnen,
- Die schlummermüde Welt zu segnen
- Durch einen Traum von Herrlichkeit!
-
- Ihr Lilien der heil'gen Nacht!
- Wie sehn ich mich nach Eurem Garten,
- Wo Engel liebend Eurer warten,
- Ein treuer Gärtner Euch bewacht:
- Gebt ihr so fern mit mildem Schein
- Schon süßen Trost der Brust hienieden,
- Wie süß, wie süß wird einst der Frieden
- Im Schatten Eurer Blüthen seyn!«
-
-»Welch ein köstliches Lied, mein süßes Mädchen!« sagte die Nonne mit
-schimmernden Augen, »es spricht für eine tiefe und heilige Empfindung.
-Kennst Du den Dichter?«
-
-Josephine nannte ihn --*) und sprach: »es ist auch mein liebstes. Seit
-ich es habe, singe ich es fast nur allein, doch nicht oft, weil es
-weder gestört noch täglich werden darf, und eine Stimmung und Stille
-erheischt, die -- wie jetzt --«
-
- *): Heinrich Wenzel.
-
-»Ein Schlummerlied im höheren Chor --« unterbrach Schwester Veronica die
-Rede des Mädchens. »Wenn das Kind etwa schon gestorben wäre: so könntest
-Du den Schrei des Schmerzes aus der Brust der Eltern damit eingesungen
-haben.«
-
-Die Thür ging auf, und Fabiens dunkle Gestalt trat gespenstisch mit
-müden Schritten ein. Sie hielt einen Brief uneröffnet, verhängnißvoll in
-ihrer weißen Hand.
-
-»Nun, Frau Fabia,« sagte die Nonne und erhob sich von ihrem Sessel, »was
-werden wir nun erfahren?«
-
-»Die Kleine ist dem Herrn entschlafen --« antwortete Fabia mit jener
-dumpfen Ruhe christlicher Ergebung, die jedoch wachsam für ihren
-Ausdruck ist. »Noch ist die Mutter betäubt, der Vater hingegen scheint
-gelassen; nur fürchte ich, daß es nicht vorhalten werde. -- Noch kein
-Licht, Josephine? wie kann man so gern im Finstern seyn! -- besorge
-es geschwind, daß ich diesen Brief lesen kann. Ein Bote von Bühle ist
-angekommen, und die einfältigen Leute schickten ihn mir nach. Es war,
-als ob der Tod hörbar anklopfte, und Furcht und Schrecken kam uns Alle
-an, die wir still um das kleine Sterbebett standen und beteten.«
-
-Josephine eilte, die Lampe anzuzünden, und indem der kaum entglommene
-Schein derselben auf Fabiens Gesicht fiel und ihr Auge von einer Zeile
-zur andern glitt, sah Veronica, daß ihre Züge sich veränderten. »Eine
-Neuigkeit, Schwester Veronica,« wendete die Pflegemutter Josephinens
-im Drange der Mittheilung sich an die Nonne, »Graf Frankenstern ist mit
-seiner Tochter endlich angekommen.«
-
-»Graf Frankenstern!« rief Jene mit antheilvollem Interesse, und der Ton,
-den die Glocke dieser Nachricht anschlug, war ein Klang aus der guten
-alten Zeit des Klosters. »Der hochbejahrte Herr lebt also noch! und
-Comteß Albane kann auch nicht mehr jung seyn -- wenn ich mir die Gräfinn
-Mutter bedenke -- diese leutselige Dame war mir ein höheres Wesen und
-wie so ganz war sie für Sanct Capella eingenommen! -- In Bühle, sagten
-Sie, hält die Herrschaft sich auf?«
-
-»Ja --« antwortete Fabia schwach, und eine große Erschütterung dieser
-starkmüthigen Frau ward laut in der kleinen Sylbe, »reiche mir einen
-Stuhl, Josephine --« sagte sie sehr sacht, während das sichtliche
-Schwanken ihres Körpers verrieth, daß Fabia mit dem Gefühl der Ohnmacht
-kämpfe. --
-
-Diese Botschaft wirkte nach, und ihr schlagender Eindruck hielt an. Die
-kleinen klaren Schriftzüge, von einer Hand kommend, welche, wie Fabia
-jetzt deutlich empfand -- Gram und Herzeleid über ihr unbeflecktes Leben
-gebracht, verwirrten ihre Seele. Das Dunkel einer finstern That stieg
-vor ihr auf, daneben der Schatten ihres Mannes, kummerkrank und dräuend,
-daß seine Frau nicht vergessen möge, welch eine Last ihn ins Grab
-gedrückt, und Fabia glaubte mit ihm zu versinken.
-
-»Jesus Maria!« rief die Nonne, als sie die Todesblässe auf dem Angesicht
-ihrer Freundinn sah, »was widerfährt Ihnen denn? Ein paar Tropfen
-Lebensgeist -- wenn ich sie nur bei der Hand hätte -- ein Trunk frischen
-Wassers --« das zitternde Mädchen flog hinab, ihn zu holen. Inzwischen
-hatte Frau Fabia sich schon erholt. Sie wehrte sich mit selbständiger
-Kraft gegen die Schwäche, von der sie einen Augenblick bewältigt worden
-war, wie gegen die mitleidige Angst, welche über sie verfügen wollte,
-und sprach, obgleich mit bebenden Lippen: »es ist schon vorüber. Seyn
-Sie außer Sorgen meinetwegen, Schwester Veronica. Und Josephine --
-Du siehst, mein Kind, es ist mir wieder besser. Aber trinken will ich
-doch. --« Sie stärkte sich durch einen erfrischenden Zug.
-
-»Ja, ja!« sagte die Nonne, und ihre Rede nahm wider Wissen und Willen
-die Methode einer gelinden Strafpredigt an, »ein _geistlich_ Amt, das
-der Tröstung und des Beistands in der letzten Noth, erfordert starken
-Odem, und Wer sich stark fühlt, ist es deshalb nicht zu allen Zeiten,
-und übernimmt sich wohl einmal. Sterben aber ist kein Kinderspiel, und
-man sieht nicht zu, daß man sich daran ergötze.« So ist aber --
-der geneigte Leser erlaube uns diese Episode -- auch eine edle und
-geläuterte Seele nicht sicher, daß kleinliche und niedere Stoffe, welche
-die Scheidekunst eines gereinigten Charakters für immer aussondern
-müßte, sich in das Ergebniß ihrer Urtheile mischen. Wir sind uns selbst
-nicht klar. In der freundschaftlichen Aeußerung der Schwester Veronica,
-die wir vor Vielen ihres Gleichen heilig und selig preisen, dürfte ein
-kleiner Nonnendünkel kaum zu verkennen seyn, und der Glaube, daß, um in
-Todesängsten beizustehen, menschliche Theilnahme hiezu nicht genüge, und
-die Kraft zu solchem Beistand nur von einem Geiste ausfließen könne, der
-durch _priesterliche_ Weihen dazu befähigt worden sey.
-
-»Denn der Bote --« so fahren wir mit den Worten der Nonne fort, »ein
-Bote hat mir all mein Lebtag Schrecken eingejagt, und es war mir immer,
-als ob ich das Schicksal in Person kommen sähe, was mir ein neues
-Päckchen zu tragen brächte. Wer weiß auch, was der Brief enthält! -- So
-viel ich mich erinnere, waren Sie in früheren Jahren in Verbindung mit
-Gräfinn Albane? --«
-
-Fabia nickte schwer und schwieg. »Wenn nur der Schwager da wäre!« sagte
-sie, und ihr Auge starrte sinnend vor sich hin, »erst morgen Abend kehrt
-er zurück, dann ist es zu spät.«
-
-»Wozu?« fragte die Nonne mit einem leichten Anfluge jener Neugier ihres
-Alters und Standes. Und mit aufrichtiger Liebedienstlichkeit setzte sie
-hinzu: »wenn Sie in Etwas bedrängt wären, Frau Fabia, worin ich Ihnen
-mit Rath und That nützlich werden könnte --«
-
-»Das wird sich später finden --« antwortete Fabia mit einem bedeutenden
-Blicke nach Josephinen hin, und drückte dankbar die zellenzarte Hand der
-Nonne, wie aus Wachs gewebt, »für jetzt bedarf ich nichts als Ruhe.«
-
-»Wie kalt Sie noch sind!« sagte Schwester Veronica besorglich, »ich
-dächte, ein Krampfpulver wäre nicht übel für die Nacht; es beruhiget die
-Nerven.«
-
-Fabia lächelte seltsam bitter, als bedürfe ihre innere Aufregung ein
-anderes Opium. Sie verneinte den Gebrauch des Mittels, und begab sich in
-ihr Schlafgemach. Den folgenden Morgen war große Wäsche im Stift; eine
-der Haupt-Stadien dieser geregelten Oekonomie. An solchen Tagen ging
-Frau Fabia sonst gleich der Sommersonne früh auf, um sich mit wahrer
-Hoheit im Meere dieser Waschfluth zu bespiegeln. Ja, wir dürfen kühn
-behaupten, daß die Göttinn, an der wir Selbstgefälligkeit so natürlich
-finden, sich vielleicht in einem minderen Grade derselben aus dem Schaum
-der Wellen erhoben habe, als womit die Juno dieser häuslichen Sphäre
-sich von ihrem brausenden Element benetzen ließ. -- Daß diese Wolke ihm
-vorübergehe, hatte der Administrator stets und so auch jetzt eine kleine
-Reise unternommen, und Therese ihm einst muthwillig gedroht, er werde
-einmal aus dem Regen in die Traufe kommen. In diesem Punkte war aber
-Therese gleich den Männern, und wendete am liebsten jener häuslichen
-Nothwendigkeit den Rücken. Sie badete wohl eher die Füßchen im Thau, als
-daß sie einen ihrer rosigen Finger zu Gunsten einer wirthschaftlichen
-Bemühung naß gemacht hätte. -- Wir zweifeln daher, daß Therese selbst
-der Waschfrau Chamissos die poetische Seite abgewinnen mögen, wogegen
-sie gewiß den trockensten Gegenstand des versandeten Schlaraffenlandes
-geeigneter gehalten haben würde, besungen zu werden. --
-
-Heute aber schwebte kein ordnender und waltender Geist über diesen
-Wässern. Fabia schien in tiefem Schlaf versunken zu seyn. Josephine
-klopfte leise an die Thür der Pflegemutter, und Fabia that auf. --
-Ihr Aussehen trug die Spuren einer schlummerlosen Nacht, ungewöhnlich
-achtlos war ihr Anzug; doch selbst in seiner Nachlässigkeit noch keusch
-und sauber. Ihr Auge, von Schatten vertieft, die sich darunter gelagert,
-glühte fieberhaft, und Miene wie Gebehrde war von jener Ermattung -- der
-Feindinn jeder Thätigkeit -- beschlichen, welche uns anhängt, sobald wir
-herzenskränklich sind.
-
-»Vergieb, liebe Mutter, daß ich es wagte, Dich zu stören --« sagte
-Josephine, indem sie ihren betroffenen Blick in einen bittenden zu
-mildern suchte. »Es befremdete uns, daß Du noch nicht aufgestanden
-warst, weil es gegen Deine Weise ist.«
-
-»Ich habe nicht viel geschlafen --« antwortete Fabia gemäßigt wie immer,
-»und mich auf Wichtiges vorzubereiten. Wir müssen heute nach Bühle auf
-das Schloß -- mein Kind; doch fahren wir erst nach Tische. Ziehe Dir das
-neue luftblaue Kleid an, und ordne Dein Haar sorgfältig, ich will Dir
-gern behülflich dabei seyn. Das goldne Kreuzchen binde um den Hals, und
-wirf den gestickten Schleier über, er läßt Dir äußerst günstig.«
-
-»_Heute?_« fragte Josephine bestürzt, und dachte, der Herold des
-jüngsten Tages habe die Stimme ihrer Pflegemutter geliehen. Nie war
-Frau Fabia an Tagen häuslicher Geschäftigkeit nur einen Schritt von der
-Schwelle dieses Hauses und von ihrer Pflicht gewichen; nie hatte das
-Mädchen ein eitles Wort aus Fabiens Munde gehört. Das Ende aller Dinge
-schien gekommen, oder doch nahe zu seyn. Scheu und bekümmert setzte
-daher Josephine jener einsylbigen Frage hinzu, deren Accent all ihre
-Verwunderung ausdrückte: »Du scheinst sehr unwohl, meine Mutter.«
-
-»Und wenn auch!« antwortete Diese, indem ein herbes Lächeln der
-Gleichgültigkeit gegen alles Bisherige auf ihre Lippen stieg, »der Herr
-mein Gott wird mich stärken.« Sie heftete dabei einen durchdringenden
-Blick auf das Crucifix von Gußeisen, welches auf ihrem Nachttische
-stand. Dieser Blick enthielt ein angsthaftes Gebet, und besagte,
-soviel wir von dem flehenden Geflüster am Altar des innern Heiligthums
-verstehen: »_Du!_ der Du uns rein gewaschen hast von unsern Sünden
-mit Deinem theuren Blut, gieb, daß Albane --« hier drang ein
-unaussprechlicher Seufzer durch das kalte Metall an das Herz des
-höchsten Erbarmers. Und von einem Gefühl ermuthiget, was sich erhob,
-sagte sie: »es muß Alles gehen. Wie wird es seyn, wenn ich nicht mehr da
-bin?«
-
-»O sprich mir davon nicht!« bat Josephine, und küßte Fabiens mütterliche
-Hand.
-
-»Eben jetzt muß ich recht sehr mit Dir davon sprechen,« erwiederte
-Fabia, selbst in dieser erweichenden Minute dem Grundsatz treu, dem
-Eigenwillen eines Kindes niemals nachzugeben. »Wir haben viel mit
-einander zu reden. -- Doch siehe! daß Du die Thür zuvor verschließest.
-So! nun schiebe den Riegel vor.«
-
-Von dieser Vorsicht geängstet, war Josephine voll Furcht und Warten
-der Dinge, die da kommen würden. Frau Fabia schien einer vorbereitenden
-Pause zu bedürfen, in der sie sich fasse, dann sprach sie mit einem Ton
-würdevoller Abbitte: »wenn ich Dich zuweilen hart angelassen, und Dir
-zeither strenger war, als daß ich Deinen unschuldigen Neigungen und
-Wünschen jemals geschmeichelt hätte -- so geschah es --« ihre Stimme
-wankte.
-
-»O geliebte Mutter!« rief Josephine, welche diese demüthige Sprache der
-tugendstolzen Pflegemutter nicht aushalten konnte, »es ist nur zu meinem
-Besten geschehen. Womit habe ich Dich beleidiget, daß Du Dich so fremd
-gegen mich ausweisest? bin ich nicht Dein Kind? -- Ich will sie ablegen,
-diese Fehler, denen mein guter Wille noch manchmal unterliegt; habe nur
-ein wenig Geduld mit mir. Und wenn ich mich heute in Bühle etwa linkisch
-benehmen sollte --«
-
-Ein Lächeln, worin mehr Rechtfertigung lag, als in jedem moralischen
-Beweise, flog Fabiens Miene an. Sie antwortete: »das fürchte nicht. Du
-hast ein _Recht_, dort zu seyn: die Gräfinn Frankenstern, der ich Dich
-zuführe, ist Deine Mutter.«
-
-Josephine stieß einen leisen Schrei aus, als hätte ihr dies Wort einen
-Dolch in die Brust gestoßen. Der Name Derer, die ihr das Leben gegeben,
-schien diese Himmelsgabe zurück zu nehmen, und das liebliche Bild des
-Mädchens versteinte zu weißem Marmor.
-
-»So ist's, mein Kind!« setzte Fabia mütterlicher als je hinzu, »die
-Stunde, darin das Band sich lös't, was uns so lange verknüpfte, reißt
-nicht allein an meinem Herzen -- ich muß mich ernstlich zusammennehmen.«
-
-»Mutter!« sagte Josephine furchtsam und leidenschaftlich, »ich hoffe zu
-Gott, Du willst mich nicht verstoßen.«
-
-»Du brichst mir das Herz entzwei, Mädchen!« entgegnete Fabia
-schmerzlich. »Darf ich Dich denn jenen Ansprüchen vorenthalten? Es wird
-Alles darauf ankommen, wie wir die Gräfinn finden. Du bist die Tochter
-einer heimlichen Ehe, und dein Vater -- der Onkel wird Dir sagen --«
-
-»Der Onkel -- ist mein Vater?« fragte Josephine mit schwacher Stimme.
-
-»Der Onkel -- komme doch zu Dir, Kind! ist auch Dein Onkel nicht, und es
-nur dem Namen nach gewesen. Dem Blute nach, gehst Du uns gar nichts an.«
-
-Bei dieser Erklärung, welche Fabia nicht aus lossagender Kälte, sondern
-der vollständigen Erklärung wegen gab, sah Josephine aus, als wären ihr
-alle Adern geöffnet. Ihre Seele strömte in Liebe für die Menschen, mit
-denen sie gelebt, für den Ort, der ihr die trauteste Heimath geworden
-war. Sie empfand den Einfluß einer innigen Gewohnheit. Sie empfand
-ihn mit schwellendem Herzen, da sie den Abschied so nahe wußte. Die
-gräfliche Mutter stand wie eine verhüllte Gottheit von ferne, und scheue
-Ehrfurcht, ein fremdartiges Grauen war Alles, was Josephine für ihre
-Näherung hatte. Und der Administrator war nicht einmal da! es däuchte
-Josephinen, als ob sie diesem gütigen Freunde hinterrücks entführt
-würde. Ein Gefühl, zarter noch als Dankbarkeit, forderte in ihr, daß
-sie ihm diesen schnellen und gewaltsamen Abruf selbst sagen und klagen
-könnte, daß er Augenzeuge wäre der sträubenden Wehmuth, womit sie von
-hinnen schied. --
-
-Als der Nachmittag nun kam, erschien Josephine in vorschriftlichem
-Anzuge. Sie war bei dem Werk der Toilette ihrer wenig bewußt gewesen, um
-so eifriger hatten ihr die Grazien gedient, welche zurückweichen, wo die
-Eitelkeit handreicht. Auch Fabia war ausnahmsweise festlich angethan.
-Sie trug ein dunkles Kleid von tannengrüner Seide; doch indem die
-verwittwete Frau bei dieser seltnen Gelegenheit ihr Licht leuchten
-ließ, trug doch der Christbaum ihres Gewandes kein einziges Flämmchen
-Flitterstaat zur Schau, sondern nur die Frucht bescheidener Einfalt, an
-der man erkannte, weß Geistes Kind sie wäre.
-
-Der Himmel hatte sich mit Gewölk umzogen. Frau Fabia, im Begriff, sich
-in den Wagen zu setzen, schaute auf und sprach: »den guten Regenschirm
-wollen wir noch mitnehmen, zur Fürsorge. Wir könnten ihn brauchen, beim
-Aussteigen. Er steht, wenn ich nicht irre, in des Schwagers Zimmer, im
-Winkel wo die Pfeifen lehnen --« Und hurtiger flattert der Vogel
-nicht vom Zweig, als Josephine dahin flog, ehe es möglich war, ihr
-zuvorzukommen. Sie drängte die Seele des Abschieds, als den Inbegriff
-schmerzlicher Empfindung, in den heißen Blick, womit sie die stummen
-kalten Wände grüßte, und Wer weiß, ob nicht zum letztenmal! -- Dort
-stand der braune Schirm, und neben dem Saum seines geschlossenen
-Zeltes, blickte der Kopf des Mustapha zu ihr hinauf, die in dem
-wehenden Schleier, eher der schönsten Blume des Harems, als, des goldnen
-Kreuzchens ungeachtet -- einer jungen Braut der Kirche glich. Hier stand
-das Schreibpult des Administrators, und ein kleines weißes Blättchen lag
-lockend auf der grünen Fläche. Josephine warf einen Blick darauf -- ein
-Sonnenstrahl fiel gleichzeitig in die Werkstatt ihrer Gedanken. Eine
-Feder war auf jenem Streifen Papier probirt: »Josephine,« stand in
-kalligraphischer Schönheit am Rande des Blättchens, und das Urbild
-dieses wohllautenden Namens stand mit schöneren Zügen davor. Sie ergriff
-die Feder, und schrieb mit fliegenden Fingern:
-
- »Ich muß fort -- verzeihe, daß ich mit Ich anfange; aber Stolz
- ist nicht in mir, nur eine sehr traurige Liebe, daß ich von Sanct
- Capella scheiden muß. Kannst Du etwas beitragen -- --
-
- Deine --«
-
-Josephine vernahm, daß ein Eilbote ihr nachgeschickt würde. Sie mußte
-sich losreißen. Ein Fädchen aus dem Blondengewirk ihres Schleiers blieb
-an dem Gefieder der Schreibfeder hangen, und ein kleiner Dintenfleck an
-ihrem Finger.
-
-Josephine wie ihre Pflegemutter sprachen wenig auf dem Wege nach Bühle.
-Fabia saß still in sich gekehrt, trübsinnig starrte Jene in die Ferne.
-Als aber jetzt der englische Garten sichtbar ward, und hinter dem
-Immergrün seiner Gehölze, vermischt mit der zarten Frische lebendiger
-Knospen, das graue, todte Schloß, eine verstorbene Einöde von Stein --
-als sie jetzt bei dem Postamente vorüber fuhren, worunter der todte Hund
-begraben liegt: da erblickte Josephine den stummen Wächter mit keinem
-minderen Schauer als eine abgeschiedene Seele der Vorwelt den Cerberus,
-und als sey dies festgehaltene flüchtige Bild nur allein ein Symbol
-ewiger Ruhe, und dies der Eingang in das stille Reich der Schatten.
-
-Das eintönige Geräusch des Brunnens, auch nicht um den leisesten Tonfall
-eines Tropfens anders als sonst, weckte in Fabien bittere Gefühle
-der Vergangenheit. Dort war die Wohnung, in der ihr Mann gelitten und
-aufgehört zu leben -- es däuchte seiner Wittwe, als ob das Lüftchen,
-welches die spielenden Wellen der Wasserkufe kräuselte, ihr seine
-letzten Seufzer zuwehete. Blüthenbäume streuten ihren Schmuck vor die
-Schwelle, über die Kummer und Gram mit ihm eingezogen waren, um nur den
-Todten zu entlassen --; und diese Gleichgültigkeit der Natur, welcher
-der Mensch unwillkürlich Theilnahme abverlangt, diese Wiederkehr ihrer
-unschuldigen Freuden, an dieselbe Stätte, wo die Schuld, eigene
-oder fremde, unsre besten hinweggenommen für immer -- schärfte die
-Empfindung, womit Fabia sich jener Zeit bewußt ward, und des wichtigen
-Moments, der ihr jetzt bevorstand.
-
-Um das Schloßgebäude schwebte die Stille der Einsamkeit und der
-Ehrfurcht vor dem Range, wie vor dem kranken Geiste seiner dermaligen
-Bewohner. Der Zustand des Grafen war bekannt, und seine Tochter galt
-kaum weniger leidend an Gemüth.
-
-Das Unglück, wie mächtig es auch sey, hat stets eine kleine Hofhaltung.
-Nur ein einziger Bedienter stand, nicht unähnlich einer Statue seines
-Standes, an einer Säule des Flurs, harrend, wie es schien. Die Zeit
-hatte angemessen der altväterlichen Livree seinen Scheitel mit Puder
-bestreut, und mehr noch als diese greise Mode, gab ihm eine Miene
-unbewußter Geringschätzung gegen diese Etiquette adeliger Größe, und
-ein Zug von Schweigen in seinem erfahrungsvollen Gesicht ein ehrwürdiges
-Ansehen. Auf ihre Frage erhielt Fabia zur Antwort von ihm, daß sie
-erwartet würde -- und Josephinens Blick hing dabei so ängstlich an den
-goldbesponnenen Knöpfen seines Rockes, als ob sie eine nahe wichtige
-Entscheidung davon abzählen wolle. Noch fragte Fabia, die niemals sicher
-genug gehen konnte: die Herrschaft sey doch -- allein? -- Der
-Bediente, ein alter Bekannter von ihr, lächelte nur; die Tochter des
-Oberverwalters von Bonna mußte fremd geworden seyn, dem Andenken der
-Lebensweise des Majoratsherrn. Er sagte mit schwermüthigem Scherz: »es
-ist zwar heute großer Galatag; aber diese hohen Gäste lassen Raum und
-Ruhe, und die Frau Rentmeisterinn dürfen sich ganz und gar nicht irren
-lassen.«
-
-Indem Fabia die breite Treppe, mit Decken belegt, unter starkem
-Herzklopfen hinan stieg, erhob sie sich zu dem Gefühl, daß _sie_ es
-nicht sey, welche die nächste Minute zu scheuen brauche. Doch wie
-kommt es, daß die Last auf dem Gewissen eines Andern den Athem des
-Rechtschaffenen hemmt? und warum wirft ein fremdes Erröthen, noch ehe
-es vor unserm Auge aufgeht, den Schein der Schuldverkündigung auf unser
-eigenes Gesicht? --
-
-Sie standen auf dem öden Vorsaal. Eine Uhr, in langem weißen Gehäuse,
-nahm sich an dem dunklen Pfeiler, daran sie befestiget war, todtenhaft
-aus, und das Gleichmaaß des Perpendikels bewegte sich im Einklang mit
-dem Gesetz der Zeit und ihrer Schwere. Der Stundengott hatte hier
-keine Flügel. -- In den Nischen der Wand entlang, erblickte man zwar
-beschwingte Gestalten; doch schienen auch diese seit manchem Jahr
-unregsam ihren Standpunkt einzunehmen, und nur in so fern, wenn _Ruhe_
-der Begriff des Himmels ist -- dem Olymp anzugehören.
-
-Der Bediente zog die Thür sacht auf, ein Strom von Licht und Luft aus
-dem ihr gegenüber geöffneten Fenster quoll durch die Spalte. Die Meldung
-geschah lautlos, und alsbald traten auf einen Wink des Alten die beiden
-Damen ein.
-
-Frau Fabia, und hinter ihr das schüchterne Mädchen, sah sich in einem
-Zimmer, das füglich den Sälen des Schlosses beigezählt werden
-können. Zwei Reihen Ahnenbilder in Oel gemalt und tief nachgedunkelt,
-beschatteten die Seitenwände, und gaben der schweigsamen Leere dieses
-Prunkgemachs eine geisterartige Geselligkeit. An dem obern Ende des
-länglichen Zimmers stand ein antikes Canapee, breitgestreift, mit weiß
-und seladongrünem Atlas überzogen; davor ein Tisch, köstlich besetzt.
-Ein damastnes Tafeltuch, wie vom Webstuhl der kunstreichen Athene, hing
-in schimmernder Weiße bis auf das bunte Gewirk des Teppichs nieder,
-und um den Tisch herum standen mehrere Lehnsessel, deren jeder ein
-Großvater, bequem und doch galant, wie am Tage der goldnen Hochzeit. In
-einen Winkel geschmiegt saß der Graf, und dem Canapee gegenüber seine
-Tochter.
-
-Bei dem ersten Blicke auf jenen unglücklichen Mann, auf den Schnee
-seines Hauptes, auf den Staatsrock, der so weit, so spottend weit
-entfernt zu passen, um die abgezehrten Glieder hing, zerschmolz aller
-Groll in Fabiens Herzen. Der Putz der Alten wie der Blinden hat etwas
-eigenthümlich Rührendes. Jener: weil ihr hinfälliger Anblick das
-Nichtige der Eitelkeit predigt; dieser: daß ihnen selbst unsichtbar,
-eine Huldigung der Welt beigegeben ward, die nur am Schein hängt. Und
-sind Blödsinnige nicht Blinde in geistigem Sinn? -- Zwar könnte Graf
-Frankenstern für einen Seher gegolten haben, denn eben jetzt leuchtete
-sein Gesicht im Abglanz einer Vision; aber es war nur ein Blendwerk, nur
-das Irrlicht einer gespenstischen Imagination, daneben die Nacht seines
-innern Lebens nur um so finsterer erschien.
-
-Auch Gräfinn Albane war älter geworden, als zufolge einer Berechnung von
-Jahren; doch war der Eindruck dieser ersichtlichen Veränderung durchaus
-ein anderer. Man könnte von ihr sagen, ihre Schönheit sey verwelkt, um
-verklärt zu werden. Ein weißes Kleid von wolkigem Mousselin
-umhüllte ihre zarte Gestalt, doch, im schärfsten Contrast zu dieser
-anspruchslosen Wahl, blinkte jener Schmuck, so schwer vermißt! so
-grausig ersetzt! auf dem feinen Halse und der Brust der Gräfinn, und
-hielt ihren schlanken Leib, ihre Arme umschlossen -- wie wenn Kinder in
-eitlem Spiel sich mit dem Geschmeide ihrer Mutter zieren -- und
-stach, bewaffnet mit allen Blitzen der Frühlingssonne und einer jähen
-Reflexion, Fabien ins Auge und durch das Auge in das tiefste Herz. --
-Ein kleines blankes Schlüsselbund an ihrer linken Seite stellte die
-Gräfinn als Wirthinn des Hauses und jener unsichtbaren Gäste dar, denen
-zu Ehren sie so geschmückt, und gleichsam nur dadurch verkörpert sich
-zeigte. Doch der schmale zackige Reif einer goldnen Krone auf ihrem
-reichen Haar, ließ phantastisch und in Zweifel, welch eine Fürstinn in
-der wüsten Ideenwelt ihres Vaters, sie, fremd sich selbst, vorstelle?
--- Und über dies häusliche Theater goß die wasserziehende Sonne einen
-trüben Glanz der Illusion aus. Die Blumen in dem damastnen Gedeck traten
-labyrinthisch und winterweiß hervor, wie durch einen Hauch von Frost
-entstanden -- und der feurige Wein auf dem Tische glühte nur zum Schein.
-Das rothe Blut der Traube schwellt nur die Adern der Lebendigen; doch
-diese begeisternde Kraft leiht nimmer Denen eine Seele, welche keine
-Existenz haben. Der Graf fand nur Genuß in Gedanken, und schwelgte heute
-mehr als je in seinem Wahn; und Albane saß da so geisterhaft gesättigt
-und traumtrunken, mit einem herben verzichtenden Lächeln auf den
-bleichen Lippen, als hätten diese nie die Süßigkeit des Lebens gekostet,
-und jener edlen Gabe, die des Menschen Herz erfreut und stärkt! --
-
-Als die reelle Fabia dieses Schauspiels ansichtig ward, rieselte ein
-eisiger Schauer an ihrem Rücken hinab, und ihr nähernder Gang erstarrte.
-
-Die Gräfinn zeigte bei dem Eintritte derselben einen heftigen Ruck, so,
-als wenn eine Unbeweglichkeit mechanisch aufgehoben wird. Und indem sie
-dabei das Gleichgewicht verlor, fiel das Diadem, nur lose aufgelegt, von
-ihrem Haupte, und rollte zu Boden. Josephine bückte sich darnach. Doch
-achtlos dieses ominösen Vorfalls schritt die Gräfinn den Kommenden
-entgegen, und begrüßte sie mit sanfter, sehr bewegter Stimme. »Das ist
-Josephine?« fragte sie; aber das Epitheton für den Laut dieser Frage
-fehlt unserer Sprache und jeder. -- Darauf berührte ihr Mund die Stirn
-des Mädchens, und dieser heilige Kuß, den das verleugnete, namenlose
-Kind als Sacrament empfand, firmelte es.
-
-»Josephine!« rief der Graf mit dem herzschneidenden Tone der
-Ueberspannung, taumelte von seinem Sitz, und schwankte gegen die Gruppe,
-um in eine Kniebeugung zu sinken; aber Josephine kam ihm zuvor. Sie
-umschlang den Greis mit weichen Armen, und weinte über ihn. Gräfinn
-Albane überließ ihren Vater dem Entzücken, sein kaiserliches Idol, oder
-die Psyche desselben, in lieblicher Verjüngung vor sich zu sehen,
-und das Mädchen dem guten Geiste der Demuth und der Wahrheit der ihm
-einwohnte. Im Drange, ihr Herz zu öffnen, legte sie die zitternde Hand
-an den blanken Drücker einer Tapetenthür, und zog Fabien mit sich in
-ein anstoßendes Cabinet. »Wie viel Dank bin ich Ihnen schuldig, liebe
-Fabia!« sagte sie hastig und herzlich, »Josephine scheint ein Engel.
-Dieser Blick einer himmlischen Unschuld kann nicht lügen.«
-
-Die fromme Fabia antwortete: »Gottlob! nicht umsonst war mein Gebet bei
-des Mädchens Erziehung: hilf, Herr! hilf! laß wohl gelingen! Josephine
-ist ohne Trug und Arglist; lauter und rein von Gemüth und Sinn, wie ein
-Wassertropfen aus dem Weihebrunnen der göttlichen Gnade.«
-
-Wir lassen es dahin gestellt seyn, ob dieses Bild vom Tropfen, in
-welchem sich Frau Fabia zum Lobe der Tochter ergoß, ganz unvermischt
-und klar von einem Vorwurf ihrer Abstammung gewesen, der die erquickende
-Wirkung desselben trübte. --
-
-Albane senkte die benetzten Wimpern, wie beschämt von der Verschuldung,
-die sie gegen Fabia wissend war, und mit einem erkenntlichen Seufzer
-glitt ihr Blick, zufällig vielleicht -- auf einen Ring von großem Werth
-an ihrem Finger. Fabia fing diesen Blick im Brennpunkt ihrer Seele auf.
--- Sie sprach, und jede Fiber zitterte an ihrem Körper: »ich will nicht
-fürchten, Gräfinn, daß Sie mir ein Geschenk zudenken! -- Die Sucht zu
-glänzen war nie mein Fehler, nie die zufriedene Eitelkeit sogar, daß
-mein Thun Werth vor Gott hätte. Einer Wittwe ziemt es vollends nicht, zu
-brilliren, und die da einsam ist, sorge nur, daß sie dem Herrn gefalle.
-Der Frau, welcher die Brust des Mannes fehlt, zu ihrem Schilde vor den
-Pfeilen der Welt, steht nichts besser an, als ein Flor der Trauer und
-Zurückgezogenheit, der sie gleichsam unsichtbar mache unter Denen, die
-nach dem Schein urtheilen, und spitzfindig einen Stein des Anstoßes
-sehen, wo nichts zu sehen ist. -- Darum will ich ihn nicht tragen,
-und wenn er alle Schätze der Erde aufwöge! ist mir das Herz doch schon
-beschwert genug. O Gräfinn! diese Edelsteine hier haben meinen guten
-Mann in das Grab gedrückt und mir viel tausend, tausend Thränen
-gekostet!«
-
-Der Gräfinn Gesicht erbleichte zu Schnee, eine ängstliche Verwirrung
-sprach aus ihrer Miene. Sie richtete das Auge, voll eines sanften
-Lichtes, forschend auf Fabien, als wolle sie ihre dunkle Rede
-beleuchten. Ein krampfhaft leises Zucken regte sich nur auf
-ihren Lippen, als ob ihr die Kraft gebräche zu einer Frage, deren
-anschuldigende Beantwortung ihr das Herz brechen müßte.
-
-Es lag etwas Versöhnendes in diesem stummen Hinnehmen. Gemildert sprach
-Fabia: »Sie wissen wahrscheinlich, daß ihr Herr Vater meinem seligen
-Manne den Tag vor ihrer Abreise von Bonna, eine Chatoulle in Verwahrung
-gegeben, darin dieser Familienschmuck befindlich seyn sollte. Den
-Schlüssel dazu hatten wir nicht bekommen. Mein guter Mann ward gleich
-darauf so krank, daß ich fürchtete, das Grab werde sich ihm zunächst
-öffnen. Doch er genas. Nach Jahren, in denen er sich, peinlich wie
-dieser Redliche nun war, mit Zweifeln getragen, die ich jetzt für eine
-Ahnung halten mögte, gab uns der Zufall den Aufschluß in die Hände. Wir
-fanden in dem Kästchen nichts von Schmuck, nur eine todte Perle --: den
-Leichnam eines Kindes, und ein blutbeflecktes Messer.« Hier hielt Frau
-Fabia mit einem durchbohrenden Blicke bedeutsam inne.
-
-Aber nicht die Farbe der Blutschuld zeigte sich auf den Wangen der
-Gräfinn, nur jener zarte unschuldige Anflug, den ein schneidender
-Wind etwa in dem Kelch der weißen Rose entblößt. Sie lächelte kalt und
-sprach: »so hielten Sie vermuthlich davor, daß ein Zusammenhang zwischen
-beiden Dingen statt fände, der -- mich schaudert, es auszudenken. Wohl
-war jenes Kindlein das meine, ein zu früh Gebornes. Ich versündigte mich
-durch den Wunsch, es der Erde vorenthalten zu können -- o! wie bestraft
-sich doch jeder Gedanke räuberisch gegen die Natur! -- Der Arzt,
-vielleicht weniger aus Mitleid mit meinem mütterlichen Schmerz, als
-aus Leidenschaft für jedes Präparat, schlug mir vor, den Körper
-meines Kindes zu balsamiren, so könnte ich ihn in einem kühlen Gewölbe
-aufbewahren. Es geschah -- ich legte das kleine Vergißmeinnicht, was der
-Tod mir vom Herzen gepflückt, in jenes sargähnliche Kästchen; darin ist
-es vertrocknet. Mit jenem Messer aber hat der Arzt, der nämliche, meiner
-theuren Mutter die kranke Brust abgelöst.«
-
-Frau Fabia fühlte bei diesen erklärenden Worten einen Schnitt durch ihr
-tiefstes Innere. Nach einer verstummenden Pause sagte sie: »doch werden
-Sie zugeben, daß jenes Depot geeignet war, einen Geschäftsmann stutzig
-zu machen; zumal wenn er wie mein Seliger, von einem unseligen Mißtrauen
-heimgesucht, jeder Sache die schlimmste Seite absah.«
-
-Die Gräfinn sah still vor sich nieder, und antwortete eine lange Weile
-nicht. Dann sprach sie: »ach ich verzeihe Ihnen -- Wen man schwach
-gesehn, hält man gar bald eines Verbrechens fähig.«
-
-»Gräfinn --« stammelte die Wittwe, »ich habe viel gelitten, dieser
-Geschichte wegen.«
-
-»So wäre ich denn noch auf andere Art als ich meinte, in unabtragbarer
-Schuld gegen Sie!« erwiederte die Gräfinn mit dem herben Lächeln der
-Kränkung. Fabien stiegen Thränen in die Augen. Das Taschentuch entfiel
-ihr -- die Gräfinn beugte sich es aufzuheben, und die Schlüssel an ihrem
-Gürtel erklirrten silberhell und leise. Und wie geringfügig diese
-kleine Dienstleistung auch war, so verlieh ihr doch die augenblickliche
-Stellung gegen die Beleidigerinn etwas Hohes.
-
-Wie von diesem erklingelnden Laut erinnert, sonderte Albane nicht ohne
-Schwierigkeit einen kleinen Schlüssel von der Mehrzahl Derer, die der
-Ringhaken an ihrem Gürtel umfaßt hielt, bis es ihr gelang, ihn davon
-los zu machen; und sprach: »hätte ich diesen Schlüssel wohl so nahe
-an meinem Herzen tragen können, wenn dieses Herz noch ein strafbareres
-Geheimniß umschlösse, als dessen Mitwisserinn Sie sind? und wenn ich
-gewußt, welchen Kummer Sie deshalb trügen? -- Nehmen Sie ihn denn hin
-mit der Versicherung, daß ich unschuldig an Ihrem Gram, und Ihnen ewig,
-ewig! dankbar bin! -- Nein, gute Fabia! fürchten Sie keinen andern Lohn
-als dieses Wort, was bethätigen zu können, meine beste Hoffnung wäre.
-Ein Edelstein, und wäre es auch der erste Solitair der Welt -- bezahlt
-weder Liebe noch Leiden. -- Mit diesem Schmucke belade ich mich nur, um
-meinem Vater eine Freude zu machen. Wehe mir! o es ist schrecklich, wenn
-der Vater zum Kinde wird, und die Tochter zur Mutter! --«
-
-»Wissen Sie schon,« sagte Fabia, durch eine sehr natürliche Association
-der Ideen zu dieser Mittheilung gelenkt, indem sie ihre Thränen
-trocknete, »daß Herr de Romana, Sylvius bei uns genannt -- sich in Sanct
-Capella aufhält? Er ist der intimste Freund meines Schwagers.«
-
-Bei dieser Nachricht ging eine Wandlung in den Zügen der Gräfinn vor.
-
-»Um Gotteswillen!« sprach sie mit aller Dringlichkeit befürchtender
-Angst, »verhindern Sie, daß er hierher kommt! ich weiß nicht, ob ich es
-aushielte. Das geringe Maß meiner noch übrigen Kräfte reicht kaum zur
-Erfüllung der traurigen Pflicht, die ich meinem Vater schulde. Jenes
-Band ist gelöst. Wozu sollte er mich auch beunruhigen wollen? Für ihn
-bin ich todt. -- Ich, _ich_ selbst habe es gehört, wie er, ein jüngeres
-schönes Weib umfangend, davon sprach, daß eine gestorbene Liebe in
-ihrem Grabe bleiben müsse. -- So sey es denn! und nimmer will ich ihn
-wiedersehen.«
-
-Und indem die Gräfinn so sprach, schwand ein Schatten jener Scene, deren
-flüchtige Zeuginn sie gewesen, über ihr Gesicht. -- Eine Eifersucht
-höherer Art offenbart sich nur im Verschwinden der verdunkelten
-Erscheinung.
-
-»Wenn ich nur kann, liebe Gräfinn!« antwortete Fabia in Bezug auf das
-von ihr erflehte Verhindern, »wenn ich nur kann! -- Aber wird Sylvius --
-oder Romana -- nicht nach Josephinen fragen? und ist das Recht dazu ihm
-irgend verweigerlich?«
-
-»Josephine bleibt einstweilen hier,« entschied die Gräfinn, ohne sich
-auf eine nähere Bestimmung über diesen Punkt einzulassen, »auf Sie aber,
-liebe Fabia, verlasse ich mich, daß Sie den Vater derselben mir entfernt
-halten.«
-
-Frau Fabia versprach dies mit größerer Willfährigkeit als sie vielleicht
-früher gezeigt haben würde, eine Zusammenkunft der Liebenden zu
-ermitteln. Sie hielt den Schlüssel zur Chatoulle fest empor und sprach:
-»könnte ich nun -- nicht den kleinen Sarg, der ist auch versenkt --
-nein! den großen Sarg meines Mannes damit öffnen und ihm sagen, wie
-so ruhig er hätte seyn können bei Lebzeiten, und daß er sich und mich
-unnütz abgequält. Ach! er würde so wenig auf mich hören als sonst.«
-
-»Ja, die Todten schlafen tief --« sagte Albane mit verstörtem Lächeln.
-Das Bedürfniß dieser unaufregbaren Ruhe sprach eben jetzt lauter als
-jemals in ihr an.
-
-Als die Frauen ihre geheime Unterredung hiermit beendigten, und
-wieder in das Zimmer traten, fanden sie den Grafen auf dem Canapee an
-Josephinens Seite, und in emsigem Gespräch mit ihr, welches anziehend
-seyn mußte, denn die Augen des alten Herrn hingen innig an dem lieben
-Kinde, und jener crasse Ausdruck geistiger Verworrenheit, welche seine
-schlaffen Gesichtszüge charakterisirte, und unter jedem Härchen des
-greisen Bartes hervorstach -- war dem klaren Durchblick des Gefühls
-gewichen, womit die anmuthige Nähe eines Wesens auf ihn wirkte, was ihn
-so nahe anging.
-
-Wir überlassen diese kleine Gesellschaft des Weiteren sich selbst, und
-eilen der späten Rückkehr Fabiens nach dem Stifte zuvor.
-
-Zeitiger als er vermuthet worden, und ziemlich mißvergnügt, kam der
-Administrator mit seinem Freunde nach Sanct Capella zurück. Der Zweck
-dieser kleinen Reise war unerreicht geblieben, auf der ihnen einige
-Fatalitäten zugestoßen, und dies war es wohl nicht allein, was ihn
-verstimmte. Jenes geheimnißvolle Unbehagen, welches die Seele wie den
-Körper Dessen durchschleicht, Dem ein Uebel bevorsteht, der schwüle
-Schauer, der die Blitze ankündigt, die unser Herz treffen sollen, die
-ganze Atmosphäre trüber Ahnung beklemmte ihn heimlich, und verdunkelte
-seinem Blicke die Lieblichkeit der Natur. In solcher Stimmung gelingt
-uns fast nichts. Unsere Plane vereiteln, die sicherste Berechnung
-trügt -- wir finden Hindernisse bei Allem. Und von der Zukunft leise
-beängstigt, wird es uns nicht deutlich, warum die gegenwärtige Minute
-den gewohnten Gang unserer Weise, unserer Wünsche, also erschwere? So
-wie im Gegensatz die Hoffnung ohne eine andere Gewähr als sich
-selbst, zu jedem Glück verhilft, und oft unsere kühnsten Erwartungen
-überflügelt.
-
-Sylvius, der sich unpäßlich fühlte, begab sich sogleich in sein Zimmer,
-um noch einen Brief von dringendem Bezug auf das mißlungene Geschäft
-dieser Reise zu schreiben, und der weltliche Prälat von Sanct Capella
-schritt mit bewölkter Stirn dem seinen zu. Niemand hatte ihn willkommen
-geheißen -- das kam ihm seltsam vor. Etwas finster von dieser
-scheinbaren Vernachlässigung fragte er eine dienende Person, die ihm
-begegnete, nach Fabien, und erhielt zur Antwort, daß sie verreist wäre.
-
-»Verreist? meine Schwägerinn?« fragte der Administrator, und hätte
-nicht ungläubiger hohnlächeln können, wenn man ihm gesagt: das Stift,
-in höchsteigener steinerner Figur, sey bei dem schönen Abend ein wenig
-spatzieren gegangen.
-
-Man erwarte die Frau mit jedem Augenblick zurück, setzte die
-Berichterstatterin hinzu; worauf Jener flüchtig vermuthete, nur ein
-wirthschaftlicher Grund von großer Erheblichkeit müsse eine so stete
-Haushälterin von Ort und Stelle gerückt haben. Doch um nichts heiterer
-durch diese Folgerung, trat er in die heimische Wohnung, entledigte sich
-des Reisebedarfs und alsbald ward sein umherschweifender Blick von jenem
-Blättchen auf seinem Schreibpult magnetisch angezogen. Er las diese
-wenigen Zeilen unzähligemale, ehe er den Sinn derselben zu fassen
-vermogte.
-
-»Allmächtiger Gott!« rief er zu sich selbst, »das arme Mädchen in meiner
-Abwesenheit fortzuschaffen -- gleichsam wegzustehlen! --« Ein Getümmel
-aufrührischer Gedanken bestürmte ihn, und Frau Fabia, welche sich im
-Laufe des verflossenen Nachmittags richterlich benommen, ahnete wohl
-schwerlich, daß ihr Andenken ob jener eigenmächtigen Gewaltthat, um
-wenig später vor Gericht gezogen -- wo nicht zermalmt würde. -- Aber
-der kindliche Ton des kleinen Brief-Fragments entwaffnete ihn, und keine
-Reihe thatsächlicher Beweise hätte ihn so vollständig überzeugen können,
-wie die schulmäßige Entschuldigung der ersten Zeile: daß es nimmer ein
-Wesen gegeben, so fremd jeden Egoismus, so ganz aus Liebe und Hingebung
-gebildet, wie Josephine. Beitragen sollte er? Wozu? -- Er sammelte seine
-ganze Kraft für diese abgebrochene Bitte. Dabei nahm er das Fädchen an
-der Feder hangend wahr. Zarter sind die Fäden nicht, in denen der Sommer
-in die Lüfte flattert -- doch nichts wirkt so ausnehmend fein wie
-die Zuneigung zu einem persönlichen Gegenstand: und so war denn jene
-Seidenfaser ein starkes Bindemittel seiner Ideen, ein Segeltau, was sein
-Herz schwellen machte. »Schwester Veronica wird es wissen --« dachte der
-Administrator, und eilte ohne Verzug aus dem Zimmer. Leidenschaftliche
-Hast, dieses räthselhafte Dunkel aufgehellt zu sehen, trieb ihn die
-öden Säle entlang, bis zur Thür der entlegenen Zelle, an welche die
-Abendsonne Verklärung mahlte, so daß dieser Eingang wirklich einer
-Himmelspforte glich. Hier stand er still, und Stille waltete ringsum.
-Ein Gefühl, der Andacht verwandt, ließ ihn zögernd dies Altarblatt
-betrachten, dahinter ein Geist wohnte, der mit dem Göttlichen vertrauten
-Umgang pflog. Sein Herz, heftig klopfend vom hurtigen Gehen, vom Drange
-der Erwartung, ward in dieser sanften Nähe wunderbar besänftigt. Er
-richtete sich hochathmend auf, während er den gekrümmten Finger leise
-und langsam an die Thür legte. Sie that sich auf. Der hereindringende
-Strahl vergoldete diese anspruchlosen Wände, und warf einen Schimmer
-von Glanz und Heiligkeit auf die Gestalt der Nonne, welche in frommer
-Einfalt mit einem Liebeswerk beschäftiget war. Ein Myrthenbaum von
-üppiger Schönheit, davon die Nonne mit wähliger Vorsicht eine Menge
-Zweige abschnitt, stand vor ihr auf einem Tische und daneben lag ein
-kleiner Namenszug aus altdeutschen Lettern in Perlen gereiht. Und wie
-die klösterliche Jungfrau den alten schönen Kopf, um den ein Nimbus der
-Gottseligkeit schwebte, an den Baum der Liebe schmiegte, der ihr nie
-geblüht, der ihr nur die bittere Frucht der Entsagung bereitet: gewährte
-ihr Anblick ein fast überirdisches Bild.
-
-Wie selten hatte ein Mann diese einsame Schwelle beschritten! -- Der
-aufgeregte Blick des Administrators schien den ewigen Bestand der Dinge
-umher aufheben zu wollen. Kein Stäubchen dieser reinlichen Clause ruhete
-noch so tief und lange, es tief empor bei seinem Eintritt, um gesellig
-in der plötzlichen Erleuchtung zu schweben, und eine größere als diese
-lautlose Unruhe störte nie die stete Geborgenheit dieser Wohnung, deren
-Luft nur ein Odemzug des Friedens war.
-
-»Verzeihen Sie doch ja gütigst meiner Zudringlichkeit,« sagte der
-Besuchende nach ehrerbietigem Gruß, »Ihnen zu dieser Zeit vielleicht
-beschwerlich zu werden.« Man findet, in abgesondertem Verhältnisse
-werden die Menschen leicht eben so weitläuftig als förmlich gegen
-einander, wogegen die Welt der Umgangsweise eine drängende Kürze
-anschleift. Schwester Veronica ließ das Messerchen, womit sie Myrthen
-schnitt, ihrer Hand entgleiten, und bezeigte eine verwunderungsvolle
-Freude, den Vorstand des Hauses bei sich zu sehen, der ihr nach
-herzlicher Versicherung zu jeder Zeit willkommen wäre. Zugleich bemerkte
-sie still für sich, daß sein stattliches Aeußere etwas verstört sey
--- und die Stimmung der guten Nonne, seit einigen Tagen von stärkeren
-Eindrücken bewegt, spannte sich für den beziehungsvollen Ton, womit er
-anhob: »ich war verreist mit meinem Freunde und finde jetzt bei unserer
-Rückkehr die Schwägerinn nicht daheim. Das befremdet mich. Sie hat
-auch Josephine mitgenommen -- --« Der Administrator stockte. »Eine
-hypochondrische Aengstlichkeit wandelte mich an -- wenn nur kein
-unangenehmer Vorfall -- ich meinte nun, Sie, werthe Schwester Veronica,
-würden mir des Näheren Auskunft geben können.«
-
-»Was ich weiß, will ich ihnen sagen --« sprach die Nonne, und das
-tiefsinnige Lächeln in ihren Zügen drückte eben sowohl ihre bekümmerte
-Unwissenheit in dieser Sache, als eine Zuflucht der Gemüthsruhe aus, die
-sie dem Frager gäbe. »Frau Fabia ist nach Bühle gefahren, mit dem
-lieben Kinde. Dort ist die Gräfinn Frankenstern mit ihrem Herrn Vater
-angekommen -- und trägt Verlangen, ihre gute Freundin hiesigen Orts
-baldigst zu sprechen. Ein expresser Bote --«
-
-Das Gesicht des Administrators hatte sich während dieser Nachricht
-verändert. »Das ist ein großes Ereigniß!« unterbrach er die Nonne mit
-gesenkter Stimme; doch nur mechanisch schien er die Sylbenlaute dieses
-Wortes auszusprechen, das Muskelspiel seines Mundes schob krampfhaft der
-getroffenen Wahl des Ausdrucks einen andern unter, und sagte: »das ist
-ein großes Unglück!« Der Nonne ging die Ahnung auf, sie hätte ihm etwas
-höchst Wichtiges mitgetheilt.
-
-Da jedoch Niemand, am wenigsten aber ein ältliches Frauenzimmer, dem
-Reiz des Bewußtseyns zu widerstehen vermag, das, was man sagen könne,
-habe Werth für den, der es höre: so konnte auch Schwester Veronica nicht
-umhin, den Schatz ihrer Neuigkeit in kleiner Münze auszuzählen.
-Vorerst aber mußte sich der Administrator auf ihr inständiges Nöthigen
-niederlassen. Er berührte kaum die Kante eines Stuhls, und saß dennoch
-wie auf Nadeln. -- Schwester Veronica begann nun: »gestern Abend, da es
-dämmerte -- das Schummerstündchen bringe ich gern drüben zu -- ging ich
-hinüber zu den lieben Ihrigen. Es war uns Allen traurig zu Sinne: denn
-Gregors kleine Julie lag im Sterben -- ich bin, wie Sie sehen daran, für
-ein Todtenkränzchen zu sorgen -- die Mutter, hieß es, wäre außer sich,
-und man hatte geschickt, Frau Fabia mögte kommen, und in dieser Angst
-den armen Leutchen mit Rath und Zuspruch ein wenig beistehen. Sie ist,
-das muß man an ihr rühmen -- von christlicher Geduld und gelassenem
-Wesen --« diese Tugenden seiner Schwägerinn hätte jetzt schwerlich ein
-Freund der Wahrheit dem Administrator nachsagen mögen. Er sah die Nonne
-mit einem weitschauenden Blicke beschleunigender Aufmerksamkeit an, und
-es däuchte ihm, seiner theilnehmenden Nächstenliebe ungeachtet, als ob
-sie von einem Falle spräche, der die ersten Eltern nach Erschaffung der
-Welt betroffen hätte.
-
-»So blieb ich denn,« fuhr die geistliche Jungfrau fort, »mit Josephine
-allein. Das gute Kind war aber betrübt und äußerte sonderbare Gedanken,
-die ich jedoch für weiter nichts hielt, als jenen wehmüthigen Ernst, der
-ein jugendlich Gemüth ergreift, wenn es den Tod in der Nähe weiß, und
-gute Menschen in Schmerz und Leid um ein Liebstes und Einziges. Dann
-wird der Gedanke an jede mögliche Trennung, die uns selbst bevorstehen
-könnte, so natürlich. Wenn uns ein Verlust bewegt, dann scheint Alles
-um uns her zu wanken, und wir umfassen, was uns vorzugsweise am Herzen
-liegt, nur um so inniger. -- Also wieder auf Josephine zu kommen, so
-sagte sie: wie weh es ihr thun würde, Sanct Capella zu verlassen, wo
-ihr nur allein wohl wäre. Wie gern sie hier sterben mögte oder wohnen
-in dieser Zelle, es ging mir nahe. Ich erwiederte ihr, daß an solch ein
-Scheiden vor der Hand doch nicht zu denken sey, daß sie mein Stübchen
-erben solle, mit Allem, wie es steht und liegt.«
-
-Das Auge des Zuhörers schien dies Testament im Innersten seiner Seele
-aufzunehmen. Sein Blick spähte umher, als schätzte er die lieben
-Heiligen allzumal -- und der geringste Gegenstand war durch den Gebrauch
-ein kleiner Heiliger geworden -- nach ihrem Nennwerthe ab, und trüge
-die stummen Effecten in die Register seines Geistes ein. Dann ruhte
-sein Auge auf einem umgeschlagenen Notenblatte aus, als notire er dies
-Adagio, zähle die Pausen, und vergleiche den letzten hinsterbenden Ton
-mit der Rede der Erblasserinn, welche mit heiterem todesvertrauten
-Sinn an ihre Auflösung denken konnte. -- Ein anderer Kranz von diesem
-Myrthenbaume, ein anderer Name in den Anfangsbuchstaben dieser Perlen
-schwebte ihm in einer gewissen Ideenverwirrung vor. Die Wünsche des
-jungen Mädchens, welche beide auf bittere Resignation deuteten, griffen
-schmerzlich an sein Gefühl, und er schwieg mit einem tiefen Seufzer.
-»Wie wir noch so über mein Vermächtniß sprachen,« fuhr die Nonne fort:
-»kam Frau Fabia zurück. Sie trug einen Brief in ihrer Hand und begehrte
-Licht, um ihn zu lesen. Und da sie ihn las -- sehen Sie um Gotteswillen!
-wird uns die Frau schier ohnmächtig. Ich kann nicht leugnen, daß mir
-alle Glieder zitterten. Die Frau Schwägerinn ist nicht nervenschwach,
-nein! eine starkmüthige Person, häuslich erkräftiget, gesund an Leib und
-Seele: so mußte ihr der Brief hart angekommen seyn. Auch jagt der Sturm
-das Laub der Espe nicht geschwinder, als das Blatt in ihrer Hand flog.
-Sie ging alsbald zu Bette, und ich hatte ihretwegen eine unruhige Nacht.
-Am Morgen in aller Frühe wollte ich mich erkundigen, wie sie
-geschlafen: das Zimmer war noch zu. Ich kam wieder und fand es
-abermals verschlossen; doch vernahm ich drinnen ein leises Gespräch und
-unterschied Josephinens schluchzende Stimme. Nun halte ich Einbruch kaum
-so schlimm, als Eindrängen in das Geheimniß eines Andern, und habe
-mich mein Lebtag davor gescheut. Das Vertrauen muß ein Geschenk der
-Freundschaft seyn, nicht aber eine milde Gabe, die der Ungestüm davon
-trägt, wenn er die Gutherzigkeit überrascht. -- Ich dachte, es wird wohl
-an mich kommen. Auch kam Frau Fabia, um mir zu sagen: daß sie für diesen
-Nachmittag nach Bühle fahren würde. Josephine stand stumm und blaß
-wie ein Marienbild daneben, und sah mich nur mit einem barmherzigen
-Gesichtchen an. Und da die Mutter meinte: sie denke nicht allzuspät
-wieder da zu seyn, konnte sie sich nicht enthalten zu weinen, als
-sollten wir uns niemals wiedersehen. Ich sprach ihr Muth ein und sagte:
-nun, wir scheiden ja nicht für ewig, mein Herzenskind! was wärs denn
-auch, wenn Du ein paar Tage drüben bleiben müßtest? bin ich doch in
-meiner Jugend, und noch dazu als Braut, auch bei der hochseligen Gräfinn
-Frankenstern gewesen, und würde heut noch Bescheid im Schlosse wissen,
-und Dir das kleine Gemach zeigen können, worin ich geschlafen. -- Das
-schien dem lieben Mädchen denn traut und tröstlich zu seyn, und ein
-Mehreres, werther Herr Administrator, wüßte ich Ihnen nicht zu sagen.«
-
-Es genügte jedoch. Der Administrator dankte zerstreut, wechselte in
-gebundener Rede -- im Sinne der Zurückhaltung -- einige Worte; denn
-es machte ihn beklommen, daß er gegen die herzliche Nonne nicht ganz
-aufrichtig seyn dürfte. So war es ihm nicht unlieb, daß der Zufall ihm
-über einen Moment hinweghalf, der sein Zartgefühl, das der Freundschaft
-wie der Verschwiegenheit, in die Probe nahm. -- Er ward abgerufen,
-weil Jemand ihn zu sprechen begehre. Doch als der Administrator in sein
-Zimmer kam, fand er zu seinem Befremden keinen fremden Zuspruch, sondern
-seinen Freund, den Major Feldmeister, der im Gleichmaß starker Schritte
-auf und nieder ging. Es verändert seltsam unsere Stimmung, ob wir Besuch
-in unserm Eigenthum empfangen, oder von Andern darin empfangen werden.
-Demnach ließ eine gewisse erschrockene Verwunderung, gemischt mit einem
-dumpfen Gefühl getäuschten Erwartens, den Administrator an der Schwelle
-seines Zimmers zurücktreten, als er die Einquartierung desselben inne
-ward. --
-
-»Bitte nicht übel zu nehmen, Freundchen, daß ich so sans façon Eingang
-gesucht --« sagte der Major, die Miene des Unmuths an Jenem bemerkend,
-und ein fremdartiges Lächeln lief hurtig wie Geflügel über die Furchen
-seines Angesichts, was in diesem Augenblicke einem Winterfelde glich,
-matt von der Sonne beschienen.
-
-»Den rechten Eingang finden --« fuhr er fort, »ist schwer, und mancher
-folgerichtige, bei dem wahrhaftigen Gott! taugt dennoch nichts.«
-
-Herr Prälat kannte seinen Freund und dessen Redeweise zu genau, um noch
-eines einleitenden Wortes zu bedürfen. Eine böse Ahnung kroch an sein
-Herz; aber er nahm sich zusammen, und sagte mit stoischer Stimme: »Sie
-haben mir etwas Schlimmes anzukündigen, Major! fassen Sie Sich in der
-Kürze, ich bitte! _ich_ bin gefaßt. --«
-
-Diese Voraussetzung brachte den Major aus dem Zusammenhang. In
-merklicher Verwirrung antwortete er: »Schlimmes? nun ja, aber vermengt
-mit Gutem, wie uns die bittersten Erfahrungen gereicht werden. Das
-Schicksal ist ein Mischling, Glücklich retournirt, Freundchen? waren Sie
-schon da, wie die Estafette kam? -- Sehen Sie, da habe ich mir all
-mein Lebtag eingebildet, ein blasender Postillon müsse ein Glück
-verlautbaren: etwa des große Loos -- die Ankunft des Königs -- oder
-einen Ehrenaufzug und dergleichen. Daß eine Hiobspost mit solch
-fröhlichem Gebläse kommen könne, das hätte ich nimmer gedacht. So
-erinnere ich mich, daß, als ich, ein junger Offizier damals, in B--
-stand, hatten wir eine Schlittenfahrt =en Masque= mit solchem Vorklang.
-Der Zug war originell genug, und wir fuhren, so zu sagen, mit Furcht und
-Schrecken. Der Führer der ersten Dame, ein allerliebstes Mädchen, schön
-wie das Leben, war der Tod! --«
-
-»Major!« sagte der Administrator in sichtlicher Pein, »nochmals bitte
-ich Sie, sagen Sie mir ohne Bild, ohne Masque, Wessen Tod ich erfahren
-soll? -- Mein Bruder --«
-
-Es wäre nicht genau zu bestimmen, ob der alte Feldmeister hierbei
-nickte, oder nur das Haupt senkte, da er alle Allegorien fallen
-ließ, und einfach sagte: »ja, wozu die vorbereitende Folter und ihren
-ausdehnenden Grad? Sie sind ein Mann. Ihr Bruder -- ist nicht mehr, und
-nur an den Ort seiner Bestimmung gelangt, um auf das Schleunigste zu
-sterben. --«
-
-Alles Blut wich aus den Wangen des Administrators. »Großer Gott! mein
-guter Constanz!« rief er mit blassen Lippen, und fühlte in diesem
-herzandringenden Moment, daß Eines Vaters Blut in ihren Adern flösse.
-»Nicht möglich! und an Sie, Major, ist die Nachricht gekommen?« Es war,
-als ob ein leiser Zweifel in dieser Frage läge.
-
-»An mich!« antwortete der ehrliche Alte mit dem Vollbewußtseyn eines
-wahrhaften Freundes, »mein Neffe hat es mir geschrieben, da die arme
-Therese sich außer Stande dazu gefühlt, und Füßli nicht Zeit gehabt hat.
-_Füßli!_ der Leichtfuß vergißt zu bemerken, Wer Füßli sey, als ob mir
-wie dem Allwissenden aller Menschen Namen in mein Buch geschrieben
-wären.«
-
-Der Major berührte hierauf in Kürze, wie? und wann? der Gemahl Theresens
-gestorben sey.
-
-»Ich träume wohl?« fragte sein Bruder und legte die Hand an die Stirne,
-auf der noch bleiches Entsetzen schwebte, »wie aber kam der
-Lieutnant Feldmeister in jene ferne Gegend, und zu einer so herben
-Dienstleistung?« Es war, als ob er diese sonderbare Fügung im Namen des
-Verstorbenen übel nähme.
-
-»Sehen Sie,« erwiederte der Major, »das ist eine merkwürdige Geschichte,
-und ich gäbe meine Lieblingsschmarre darum, wenn ich in meiner
-Jugend Logik studirt hätte. Da könnte ich Ihnen Alles fein ordentlich
-entwickeln, statt daß ich hinten anfange, vorn ein Fädchen abreiße, --
-und so weiter. Der Rudolph hat ein enormes Glück gehabt, was mir bei
-dieser traurigen Gelegenheit kund geworden, und mein Glaube an die Fama
-der Estafette gewissermaßen doch Recht. Die Fee Fanferlüsche -- Sie
-wissen schon -- hat das Zeitliche gesegnet, und ihn zum Universalerben
-eingesetzt. Das hätte der Junge wohl nicht gedacht, daß, als er die alte
-Dame Wischiwaschi aus einer lächerlichen Verlegenheit empor riß, und
-sie vor aller Welt Augen in den Ballstuhl setzte, sie ihn dafür für
-zeitlebens jeder ernsthaften Verlegenheit überheben, und so weich
-setzen würde? -- Man schätzt ihren Nachlaß auf hunderttausend Thaler.
-Gleichzeitig mit diesem Vermächtniß erfährt er, versetzt zu seyn, worauf
-er, wie Sie Sich vielleicht erinnern, angetragen, um nicht für einen
-Erbschleicher zu gelten. So spielt der Zufall. Daß der Rudolph grade an
-den Ort kommen mußte, wohin Ihr Bruder, begleitet von der lieben Frau,
-seiner gesandschaftlichen Ordre folgte, scheint mir jedoch nicht von
-Ohngefähr. Taugt nichts! rief ich unwillkürlich aus, wie ich das las.
-
-Nun verursacht großes Glück auch im besten Falle eine kleine Narrheit.
-Und wie der Ritter Don Quixote ein Barbierbecken für Mambrins Helm
-hielt, so sieht nun Rudolph einen Damenschuh in Allem, was ihm begegnet.
-Ich glaube, würde die Armee auf Kriegsfuß gesetzt, er sähe sie auf
-Pantoffeln von Silbermoor marschiren. Der Pantoffelheld! Der! --«
-
-Der Administrator empfand schmerzlich, daß des alten Freundes
-theilnehmendes Interesse an den gemeinsamen wichtigen Mittheilungen
-diesmal zu _silbern_ sey, um mit dem seinigen in Einklang zu stehen. In
-diesen Augenblicken schien ihm kein todtes Metall beglückend. Er hatte
-nur Gefühl für den Verlust eines so kräftigen jungen Lebens, welches der
-Welt und ihren Freuden so im Umsehen entrissen worden war.
-
-»Ich kann es noch nicht fassen --« schob der Administrator in die Pause
-jenes Ausrufs ein, und sein Ton ließ errathen, daß er von der Rede des
-Freundes wenig oder nichts gehört, und während ihrer Dauer nur an den
-Verstorbenen gedacht hätte. Er sah jetzt auf, in seinem erloschenen
-Blicke entglomm ein Funke -- und so fragte er: »Sie meinen also, Major,
-daß Ihr Neffe in Verabredung mit Theresen dort eingetroffen wäre? --«
-Der Schatten, der in diesem Gedanken auf die Abwesende fiel,
-verfinsterte sein Gesicht tief. Aber mit dem Eifer der Selbstentrüstung
-trat der Major vor ihn hin, und sprach: »da sey Gott für! daß ich so
-etwas nur gedacht, geschweige denn geäußert hätte. Oder es müßte
-eine Verabredung der höheren Mächte darunter verstanden seyn, die
-vorausgesehen, daß Ihr Bruder sterben, und Therese fremd und verlassen
-allda, einen Freund brauchen würde, der wie mein braver Artillerist für
-sie durchs Feuer liefe. -- Besinnt Euch Freundchen! es wäre ja nicht
-einmal möglich gewesen; denn mein Neffe ward früher versetzt, als der
-Legationsrath seine Frau von hier abholte. -- Hätten Sie Acht gegeben,
-was ich gesagt: so würden Sie jetzt hören, wo ich hinaus gewollt -- mein
-Schwadroniren hat mich jedoch zu weit abwärts geführt. -- Da geht der
-Rudolph eines Tages über den Markt, und stößt auf einen Menschen, der
-einen Schuh trägt. Jener erkennt ihn -- den Schuh nämlich -- an der
-Farbe, an dem kleinen polnischen Maße; er kennt die Dame, der er gehört.
-Nun läuft gleichsam dieser niedliche Wegweiser vor ihm her, und führt
-ihn vor die rechte Schmiede. So ists, Freundchen. Und daß mein Neffe
-nun der armen Therese beisteht, so viel er kann, ist nicht mehr als
-billig. --«
-
-Dies Letztere sagte der Major in dem Tone löblichen Gutachtens, und
-mit persönlichem Accent -- als ob der Lieutnant nur bewogen von
-der Rücksicht, in welchem Verhältniß sein Oheim zu der Familie des
-Hingeschiedenen stände -- sich der jungen Frau angenommen. Dennoch
-konnte der Administrator ein Lächeln, so bitter als traurig, nicht
-unterdrücken, als er sagte: »es wäre dessenungeachtet sehr möglich, daß
-mein seliger Bruder so wie die Welt, welche er verlassen, etwas gegen
-diesen Curator einzuwenden hätte. --«
-
-Der Major zog die Braunen zusammen, und klemmte die Unterlippe ein. Er
-fühlte wohl, daß sein Freund recht hatte; wie hätte er aber das kleine
-Unrecht, was in dieser Erwiederung gegen ihn selbst lag, nicht lieber
-männlich verbeißen als rügen, und mit der Gereiztheit eines Betrübten
-Geduld haben mögen? Er antwortete demnach langmüthig: »das hat der
-Rudolph auch bedacht, und deshalb dafür gesorgt, daß Therese den Gasthof
-verließe. Sie hält sich jetzt höchst wahrscheinlich auf dem Gute
-der Baroninn Lenau, einer Schwester seiner Mutter auf. Dies war die
-Intention meines Neffen, als er den Brief an mich geschrieben. Doch
-die Hauptsache darin hätte ich beinahe vergessen. Therese läßt Sie
-flehentlichst bitten, wenn es irgend möglich wäre, hinzukommen. Sie
-wüßte sich nicht Rath und es gäbe Manches zu ordnen, was nur den
-nächsten Verwandten zustände. --«
-
-Herr Prälat sah schweigend vor sich hin. Die Forderung dieser weiten
-Reise von solch traurigem Anlaß, geschah zu einer Zeit, die dem
-Entschlusse günstig war. Sein Herz war erschüttert, und nicht von der
-Seite allein, wo der plötzliche Schlag der eben vernommenen Nachricht
-es bestürzte. Die Zukunft schwebte im Ungewissen -- und es war, als wäre
-der Bestand aller bisherigen Verhältnisse aufgelöst. Dann konnte Sylvius
-ihn jetzt vertreten. Wer wüßte, ob er jemals eine so lange Abwesenheit
-ohne Zeitverlust für sein Amt ermöglichen könnte? -- Und wie er auf
-der Wage der Gedanken alles Schwierige der fraglichen Reise erwog, und
-dachte, ob er sich auch stark genug dazu fände, die kalten Geschäfte
-des Verstorbenen zu besorgen, und ein warmes Bad hysterischer Thränen
-hinzunehmen, die Therese etwa vergießen mögte, -- fühlte er mit einem
-nervösen Schauer, daß ein Leben von so verhängnißvollem Gewicht, und
-in ewiger Pendel-Schwingung wie das seines Bruders, den Todten so früh
-hinab ziehen müssen. In Folge dieser Betrachtungen sagte er: »seine
-Rastlosigkeit -- glauben Sie es! hat den armen Constanz aufgerieben.«
-
-»Das sag' ich auch!« sprach der Major, »man bekam Schwindel, vom Hören
-bloß. Er flog ja, wie auf Fausts Mantel --« der Hund knurrte -- »still
-da! Dich meine ich nicht, mein Alterchen -- von einem Ende der Welt zum
-andern. Wären wir vom Schöpfer dazu geschaffen: dann hätte er uns Flügel
-gegeben wie der Schwalbe, oder uns luftig gemacht wie den Wind. So
-aber sind wir Wesen mit Fleisch und Bein, und ein standhafter Prinz ist
-Derjenige, der in der Tragödie dieses Erdenlebens am würdigsten aushält.
--- Wir schreiten bedächtig einher, oder fahren gemächlich mit Vieren. --
-In der Schrift steht, der Herr habe nicht Gefallen an Jemandes Beinen,
-noch an der Stärke des Rosses. -- Oft habe ich über diese Stelle
-nachgedacht. Wenn ich die Gicht in meinem Bein spürte, da empfand ich,
-daß der gütige Gott und Heiland kein Wohlgefallen daran haben könnte.«
-
-»Und jetzt,« sprach der Administrator, der nur wie im Dunkeln der
-Gedankenreihe seines alten Freundes gefolgt war, »wo er endlich festen
-Fuß gefaßt haben würde, mußte mein guter Bruder sterben!«
-
-»Ebendeswegen!« erwiederte der Major mit verstärkter Stimme,
-»ebendeswegen starb er. Gebt Euch zufrieden, Freundchen! -- Mit aller
-Hochachtung gegen den Legationsrath gesprochen; aber ein Mann der Ruhe
-war er nicht, und so machte er sich mit der Schnellpost des Todes davon.
-Vielleicht war dies der klügste Streich des Diplomaten, und jedenfalls
-besser als ein späterer Rückzug aus dem neuen Hausstaate. Er mogte
-die alte Urkunde der Liebe hervorgesucht und manchen Buchstaben darin
-verlöscht gefunden haben. Zum Ehestande dieser seßhaften Charge paßte er
-nur so wie der Vogel, der sich im Fluge vermählt, sein Weibchen dann in
-irgend einem Neste sitzen läßt, wo dann der Teufel nicht selten ein Ei
-in die Wirthschaft legt.« --
-
-Hier trat Frau Fabia ein, und bei dem Anblick der frommen Domina des
-weltlichen Klosterhauses erstarb das böse Princip dem alten Feldmeister
-auf der soldatischen Zunge. Er grüßte, schlüpfte zur Thür hinaus, durch
-ein unverständliches Murmeln andeutend, er wolle den bewußten Brief
-holen -- und Herr Prälat sah sich mit seiner Schwägerin allein. Er hatte
-den Wagen nicht kommen gehört, ihre Ankunft schien ihm ersehnt, obzwar
-sie allein kam. Auch entsprach Fabiens Gesicht der Empfindung, welche
-sie aufnahm. Der strenge Charakter desselben war einem Ausdruck von
-Schwermuth und Erleichterung gewichen, der sich wechselseitig aufhob,
-und ein sanftes Ineinanderfließen von Klarheit und Trübsinn über ihre
-Züge verbreitete, was Zutrauen einflößte, sie werde eine schmerzliche
-Erfahrung eben so wohl zu theilen fähig seyn, als zu beurtheilen wissen.
-
-»Es ist mir lieb, Fabia, daß Du nun da bist!« sagte der Administrator
-ihr entgegen tretend; aber sein Gruß klang traurig. »Denke nur, mein
-guter Bruder ist todt! und Therese ist nun eine Wittwe, wie Du!«
-
-Frau Fabia erschrak. Alles, was dieser Nachmittag für sie enthalten,
-trat vor der Bedeutendheit dieser Worte in den Schatten; aber ein leises
-Streiflicht zuckte auf ihren Lippen -- der Geist der Wahrsagung erschien
-darin, und ein Gedankenblitz des Vergleichs: Therese werde nimmer seyn
-wie sie.
-
-»Um Gott! was Du sagst, mein Bruder!« antwortete Fabia, »und wäre diese
-Nachricht mehr als ein Gerücht?«
-
-»Diese Nachricht,« erwiederte Jener mit abgeschlossener Gewißheit in
-Blick und Ton, »ist diesen Abend durch eine Estafette an den Major
-gekommen. Constanz ist in der Nacht seiner Ankunft in -- an der Bräune
-gestorben, und -- also erstickt!« Dies Letztere setzte der Administrator
-mit erstickter Stimme hinzu. Das Wasser schoß ihm in die Augen, und
-vor Fabiens Theilnahme, welche sich _mütterlich_ zu äußern pflegte,
-das heißt: ob auch zartsinnig, doch überlegen -- schämte er sich der
-brüderlichen Thräne nicht.
-
-»Denke Dir das nicht gar so schwarz --« sagte Fabia leidsam, und
-bemühte sich, obgleich unverhehlt der eigenen Rührung, ihren Schwager
-zu trösten. Sie machte dabei zu Gunsten einer dunklen Stunde eine Kraft
-geltend, welche gewiß zu den schätzbarsten dieser oft verkannten Frau
-gehörte. Fabia besaß die Gabe eines wunderbar wirkenden Zuspruchs.
-Vermöge solcher Erfahrungen, die, indem sie das Leben trüben, den
-Blick des Geistes schärfen, war ihr eine tiefere Einsicht in die Herzen
-vergönnt, als diese sonst selten gefunden werden dürfte, wo es an
-Weltkenntniß fehlt, die Fabia nicht erwerben können. -- Zuweilen sogar
-sprach etwas Sibyllinisches aus ihr. Um ihrer Zuverlässigkeit willen
-glaubte man an sie. Und da Fabia es für eine Pflichterfüllung ihrer
-Religion hielt, sich der Betrübten anzunehmen: so versäumte sie
-keine Gelegenheit es zu thun; in ihrem Benehmen lag alsdann eine
-schmerzvergütende Innigkeit, deren sie gänzlich ermangelte, wo es darauf
-ankam, sich mit den Fröhlichen zu freuen. Gegen den Gottesdienst der
-Freude war Fabia stumpf. Und da sie im Geiste der Zerknirschung
-den Spruch vor Augen hatte: »ein zerschlagenes Herz wird Gott nicht
-verachten« --: so war ihr nichts von größerem Werth, sich linden und
-lieblichen Wesens daran zu beweisen, als -- eine Wunde. So ging ihr des
-Schwagers Leid sehr nahe, und zwar um so näher, als sie bedachte, er
-traure jetzt in gleichem Grade wie um ihren Mann. Und obgleich der
-verstorbene Bruder desselben ihr ein Fremder gewesen: so empfand doch
-auch sie seinen Tod in einem Nachgefühl ihrer eigenen Verwittwung.
-
-»Mein Herr und Heiland! was ist doch das Leben!« sagte nun Fabia
-beschaulicher Weise, als der Affect des Schmerzes besprochen schien,
-»hier stand er noch vor wenig Wochen -- ich sehe ihn leiblich vor mir
-stehen. Ich habe es Dir nicht sagen mögen und Keinem; aber der Bruder
-kam mir übel vor. Es giebt einen gewissen Verfall des Aussehens, der
-doch selten trügt; indeß wähnte ich, er wäre nur angegriffen von den
-Strapatzen seiner Reisen, auch habe ich ihn früher nicht gekannt. Glaube
-nur, Bester! das Zusammenleben mit Therese hätte nicht mehr gut gethan.
-Sie waren einander entwöhnt, wo nicht gar fremd geworden. Und was ist
-denn die Ehe, wenn sie Jahre zuläßt, in denen man vergnügt ohne einander
-seyn kann, und nach dem Lebewohl vom Munde des Gatten nun wirklich
-wohllebt? der Ehe Bund ist so enge, daß er alles Fremdartige
-ausschließt, und wo Mann und Weib einander _viel_ zu erzählen haben: da
-fühlt gewiß Eins für's Andre _wenig_.«
-
-»Du gehst zu weit, Fabia --« entgegnete der Administrator, »Tausende von
-Ehegatten werden durch Pflicht und Verhältniß getrennt, und lieben sich
-dennoch.«
-
-Darauf sprach Frau Fabia: »es mag eine Liebe geben, die in der Trennung
-sogar besser besteht; aber es ist nicht die, welche ich meine. -- Was
-nun Theresen anbetrifft: so dürfte ihr ehelich Gefühl schwerlich unter
-den ersteren Fall zu rechnen seyn. Wer weiß, wie sehr wir Ursach hätten,
-für diese Auflösung den Herrn zu preisen! -- Du weißt ja selbst, wie
-verbitternd Scheidungen anderer Art --« der Faden ihrer Rede riß bei
-dieser geschwisterlichen Beziehung ab, und der Administrator schaute
-düster wie in eine Ferne, der Zukunft oder der Vergangenheit.
-
-»Was soll nun aus Theresen werden?« fragte Fabia, und wendete die
-Richtung ihrer Gedanken, »ohne Vermögen, ohne einen Halt, der Lust am
-Fleiß, wie jeder Geschicklichkeit ermangelnd, die da Nutzen schafft --«
-
-Der Administrator lächelte dieser unnützen Sorge. »Ich glaube, gute
-Fabia,« sagte er mit jener Ironie der Duldsamkeit, die nur ganz schwach
-eine Schwäche andeutet, »_wir_ dürfen deßhalb unbekümmert seyn. Das
-Glück selbst scheint sich ihrer angenommen zu haben, und Wen dies sich
-zu eigen macht, der braucht nichts als ein paar Flügel des Leichtsinns,
-und diese hat Therese schon.« Und nun erzählte er seiner Schwägerinn
-halblaut, was er vom Major erfahren. Er schloß mit den Worten: »so läßt
-sich nun absehen, wie Alles kommen werde. Wenn es nun ein schöner
-Zug von Dir ist, liebe Fabia, daß Du das Unglück achtest, und Dem
-vorzugsweise freundlich bist, Den -- um in Deiner Sprache zu reden --
-_der Herr_ _heim sucht_: so laß uns Theresen mindestens nicht zürnen,
-daß sie verdienstlos eine Begünstigte scheint; daß noch vor dem Verlust
-der Ersatz schon Wurzel gefaßt, wie ein neuer Kinderzahn schon glänzend
-dasteht, ehe der erste fast schmerzlos gebrochen. -- Auch das Glück
-kommt von Gott, und wir schmähen den Geber, wenn wir vom Glücklichen
-nicht glimpflich denken.«
-
-Mit einem bekränkten Lächeln antwortete Fabia: »o! ich will ihr alles
-Gute gönnen und wünschen. Der Allwissende sieht ins Innerste, und weiß
-allein, ob wir treu erfunden werden oder nicht. Daß ich mich fortan auch
-der leisesten Verurtheilung enthalte: das ist gelobt. Ach mein Bruder!
-welch ein erfahrungsreicher Tag der heutige! seit gestern Abend ist mein
-Herz nicht aus der Presse gekommen. Ich war in Bühle -- Du weißt es.
-Frankensterns sind da, und die Gräfinn hatte mir geschrieben. Sie ist
-unschuldig -- und sehr unglücklich. Eine Centnerlast ist von meiner
-Seele gewälzt; aber ich könnte doch nicht sagen, daß mir leicht zu Muthe
-wäre; denn der Vorwurf, wie Unrecht ihr geschehen, wenn auch in Gedanken
-nur, drückt mich nieder.« Und nun erzählte auch Fabia ihrem Schwager,
-wie sie die Gräfinn und ihren Vater angetroffen, und wie Albane sich
-erklärt, hinsichtlich jenes empörenden Verdachts. Sie endete ihren
-Bericht mit den Worten: »und so hat denn mein Mann um ein Nichtiges sein
-Leben verkürzt, und das meine mir verkümmert!«
-
-»Sieh, Fabia!« sagte der Administrator nach einer ernsten Pause, »hätten
-wir _die göttliche Kraft, einem Menschen zu vertrauen_: dann wäre
-uns das nagende Gefühl bitterer und fruchtloser Reue erspart, und wir
-hielten uns an etwas Besseres, als an Beweise. Unsere Sinne sind falsche
-Zeugen -- nur das Herz spricht wahr, in dem Glauben an das ewig Gute.«
-
-Ein Gedenken an Sylvius, an das, was in seinen eigensten Angelegenheiten
-ihm einst das Licht dieser Ueberzeugung verdunkelt -- schwebte
-schattenähnlich vor ihm auf. »Und Josephine?« fragte er mit verhaltener
-Stimme.
-
-»Sie grüßt Dich -- grüßt Dich tausendmal!« antwortete Fabia. »Sie wird
-für einige Zeit in Bühle bleiben?« fragte der Administrator abermals,
-und ein Gefühl, gemischt aus Wunsch und Zweifel, ließ ihn seiner
-Schwägerinn diese Antwort in den Mund legen. Aber Fabia sagte nicht ja,
-nicht nein. Sie legte die Hand an die Stirne, und sprach: »was wird nun
-Romana dazu sagen? Seine Frau ist ihm so nahe -- und er hat es keinen
-Gewinn; die Tochter ist ihm entrückt, und er muß es geschehen lassen.
-Und wenn Albane Josephine nicht mehr von sich ließe: wer könnte es
-hindern? es ist einmal Ihr Kind!«
-
-»Wer es hindern könnte?« entgegnete Herr Prälat lebhaft und mit Wärme:
-»_Du_, Fabia! unbeschadet des mütterlichen Vorrechts ist Josephine auch
-Dein, durch die treue Mühe der Erziehung. Du hättest, dünkt mich, auch
-ein Wort dagegen zu sagen, daß das arme Mädchen in jener unheimlichen
-Umgebung verkommen sollte. Josephine ist an uns gewöhnt -- es wäre auch
-hart für den armen Sylvius, wenn er ihre Nähe -- dies einzige Glück, was
-er ohne Vorwurf genießt -- einbüßen sollte.«
-
-»Wirst Du mit ihm sprechen?« fragte Fabia mit kranker, krampfhafter
-Stimme, »mein Kopf glüht und hämmert; ich werde nun gehen, und mir einen
-Umschlag von Kräuteressig geben lassen.«
-
-Noch eine kleine Weile hielt ihr Schwager sie zurück und berieth, auf
-welche gleichlautende Weise diese unverweigerliche Mittheilung an den
-Freund beschränkt werden könnte und müßte. Dann eröffnete er ihr
-den Entschluß zur Reise, was der nöthigen Gestalten wegen auch nicht
-geeignet war, Fabiens tobenden Kopfschmerz zu beschwichtigen. Es giebt
-jedoch einen Zustand des Leibes und der Seele, der die Welt in Trümmer
-brechen sieht, ohne etwas mehr als aus Schwäche zu wanken. Mit diesem
-wankenden Schritte entfernte sich Fabia, und Herr Prälat mogte seinem
-Freunde die Ruhe der kommenden Nacht nicht stören. Ihm selbst kam und
-verging sie schlaflos. Als aber der Morgen frühlingshell und heilig
-erwachte, da ging aus dem Chaos seiner Gedanken ein neues Licht hervor,
-und der Gott in seinem Busen ordnete die finstern Kräfte. --
-
-Nachdem der Administrator nun den Brief an den Major gelesen, und sich
-gleichsam mit eigenen Augen von dem Geschehenen überzeugt hatte, sah er
-die darin enthaltenen Umstände wie mit andern an. Gesammelten Geistes
-hatte er eine lange Unterredung mit Sylvius, und betrieb dann seine
-Abreise, die in der Frühe des nächsten Tages statt haben sollte.
-
-Die Offiziere in Corpore kamen, um dem Administrator ihr Beileid bei dem
-Hintritt seines Bruders zu bezeugen; auch die Nonne, die Repräsentantinn
-der schlafen gegangenen Geistlichkeit des Stiftes, fehlte nicht,
-seinem Verweser ein Wort des Antheils und der Herzlichkeit über den
-Entschlafenen zu sagen. Sie äußerte sich dabei in der ihr eigenthümlich
-milden Gelassenheit, die auf der Höhe des Alters und eines erhobenen
-Charakters mit Ruhe dem Wechsel des Lebens zusieht. -- Veronica sprach:
-»besinnen Sie Sich einmal, Frau Fabia! sagte ich es nicht immer, daß die
-arme Therese noch nicht überhin wäre? solch glücklicher Leichtsinn ist
-oftmals zu großer Beschwerde bestimmt, und wer immer lustig und lässig
-seyn will, muß sich endlich durcharbeiten. Das Leben fordert Ernst, und
-selbst das Glück ist gewichtig und trägt sich schwer, wie vielmehr das
-Unglück! -- Jener berühmte Maler aus Modena, derselbe, der die heilige
-Nacht gemalt hat, o wunderschöne! trug sich an einem Geldsack todt.
-Wollte man Therese anspannen, fleißig zu seyn, so käme es mir vor,
-als sähe ich einen Schmetterling an einer dräthernen Kette sein
-Futternäpfchen ziehen, wie man Vögel abzurichten pflegt. Ich gönnte es
-ihr, daß sie sich von Blumen nährte.«
-
-Ein wenig Wermuth bitterte auf Fabiens Lippen, da sie antwortete:
-»wenn ich die Schwägerinn so eitlem Treiben hingegeben sah, so gänzlich
-unbekümmert um das Eine, was Noth ist, dann dachte ich wohl an jene
-Stelle in den Psalmen, die da heißt: es wird ein grausamer Engel über
-Dich kommen --«
-
-»Das ist denn der Gasthof zum Engel für die Aermste gewesen --«
-entgegnete die Nonne mit einem stillen Seufzer. Die beiden Prophetinnen
-theilten sich flüsternd mit, was sie von der Zukunft der jungen Wittwe
-dächten. Veronicas Schauen war ein gläubiges im Geist der Liebe, die
-allen Menschen Gutes wünscht, und das Beste gönnt. Und weil das Versagte
-uns das Höchste scheint, und die Reinheit des Ideals uns für den
-Nichtbesitz entschädigt: so that sich der Himmel vor ihr auf, der Himmel
-auf Erden, als wofür sie eine Ehe hielt, aus gegenseitiger Neigung
-geschlossen.
-
-Der Fernblick der Frau Fabia hatte die Erfahrung für sich. Indem sie
-wußte, daß eine Frau auch Tugend und Treue bedürfe, um ihren Mann auf
-die Dauer zu fesseln, setzte sie das Glück in den Selbstgenuß eines
-reinen Bewußtseyns, und Theresen deshalb in den Fall mancher trüben
-Stunde, die sich von vergangenen Tagen herleite.
-
-Frau Fabia mag auf ihre Weise Recht haben. Aber eben so gewiß ist es,
-daß jenes schöpferische Genie des Glückes, daraus die Poesie des Lebens,
-ja, das Leben selbst hervorgeht -- in etwas Unbewußtem besteht, und daß
-die Erfüllung unserer Pflichten nicht hinreicht, uns selig zu machen,
-hier und dort. --
-
-Unter den Pensionairen des Klosterhauses von Sanct Capella hatte
-nur Einer keine Notiz von dem traurigen Ereigniß genommen: Hauptmann
-Moorhausen, und der Administrator, trotz seiner Zerstreuung, ihn doch
-vermißt, da der gutmüthige Fabulist einer wahrhaften Theilnahme an
-Allem, was diese Familie betraf, sonst nie zu ermangeln pflegte.
-
-Gegen den Abend -- Sylvius de Romana war von einem einsamen Spaziergange
-in die Wildniß des Waldes noch nicht zurück -- Frau Fabia für ihren
-Schwager mit Einpacken beschäftiget, und Herr Prälat allein in seinem
-Zimmer, um einiges Nöthige für seine Abwesenheit zu besorgen; da trat
-der Hauptmann bei ihm ein.
-
-Obgleich Jener verdüsterten Blickes von seinem Schreibpult aufsah, als
-ob der Flor um seinem Arm ihm vor den Augen läge, so bemerkte er doch,
-er sähe den Hauptmann in der Staatsuniform. Die weißen Glaçee-Handschuh,
-blendend neu, doch mit einem gelblichen Schein vom langen Liegen --
-glänzten leichenförmlich mit gekreuzten Fingern auf dem Invalidenstocke,
-und deuteten trauerfeierlich auf den Tact der Condolenz, da von
-festlicher Eleganz anderer Art hier nicht die Rede seyn konnte. Seine
-Miene drückte den Anstand des Bedauerns, und einen Hinterhalt von
-Selbstgefälligkeit und Absicht aus. Er versicherte seine Theilnahme,
-und gemahnte in dem allegorischen Schwunge, den er dabei nahm, an die
-Sprache eines altmodischen Neujahrswunsches, der unter seiner Vignette,
-gepreßt mit den Insignien der Zeitlichkeit, einen Amor mit flammendem
-Herzen verbirgt, das im Verhältniß seiner Größe zu dem kleinen Gott
-jenes zwanzigpfündige anschaulich machte, wovon er einst erzählt.
-
-Der Administrator dankte in Kürze und lächelnd. Er erkundigte sich nach
-des Hauptmanns Befinden und sagte, daß, da er ihn diesen Morgen unter
-den andern Offizieren nicht bei sich gesehen, er beinahe gefürchtet,
-Jener, welcher bisweilen an krampfhaften Zufällen litt, hätte sein
-Zittern wieder bekommen.
-
-Der Veteran erröthete, faßte unter die straffe Halsbinde, räusperte sich
-und sprach: »=au contraire=, Werthester! ich war nie gesünder, und fühle
-mich wie verjüngt. Meine Natur --« »ist vortrefflich; ich weiß es --«
-unterbrach ihn der Administrator, der sich heute nicht stark genug
-fühlte, den Kampf mit dem Riesen dieser Imagination zu bestehen.
-
-»Von Zittern keine Spur --« setzte der Hauptmann die Ruhmrede seiner
-Gesundheit fort, »und nur aus einem festen Grundsatze kam ich nicht
-früher. Mir widersteht die übliche, oder vielmehr _üble_ Sitte, daß
-man mit seiner Theilnahme zudringlich werde, und =en Masse= über Einen
-herfalle, dem ein Trauerfall begegnet ist. Leidtragende mögten auf diese
-Weise unterliegen -- und Delicatesse in der Freundschaft geht mir über
-Alles.«
-
-»Sie ist die Grazie des Gefühls --« entgegnete der Administrator wie mit
-trübem Spott; doch konnte er nicht umhin, in dem, was Moorhausen gesagt,
-zum erstenmale etwas Wahres zu finden.
-
-»Grazie! ja, auf Ehre!« antwortete jener, »das ist das rechte Wort.«
-Und das fletschende Lächeln, womit er es aussprach, gab den
-Inbegriff weiblicher Anmuth in die widrige Gewalt eines Fauns. »Diese
-Eigenschaft,« setzte er mit Grimasse hinzu, »ist jedoch nicht Jedermanns
-Sache, und ich glaube, ihr verdanke ich es allein, daß mir alle Leute
-gut sind. Ich muß etwas Anziehendes an mir haben -- wo aber steckt es?
-dachte ich oft. Mir selbst unerklärbar. Als ich ein Knabe war, schenkte
-mir eine alte Pathe einen Magnet, in Gestalt einer Seejungfer -- wir
-können nicht ableugnen, in manchem Sinnbild wirkt Magie. Mein Glück bei
-dem schönen Geschlecht war enorm -- ich könnte Ihnen zum Erstaunen davon
-erzählen.«
-
-Herr Prälat entsetzte sich vor dieser Möglichkeit und sprach hastig
-in jener flüchtigen Tonweise, die nicht zweifeln läßt, man wünsche
-verschont zu bleiben: »zu besserer Zeit, Capitain! ein andermal wird mir
-das viel Vergnügen gewähren.«
-
-Doch nichtsdestoweniger verfolgte dieser Unabweisliche den Lauf der Rede
-wie folgt: »die Weiber -- ich sage Ihnen --«
-
-»liefen davon?« fiel der Administrator mit verzweifelndem Humor ein.
-Der Hauptmann stutzte betroffen, und jener setzte vergütend hinzu, »ich
-meine, aus Furcht vor dem Sieger.«
-
-»Ah so!« antwortete der Cäsar des Invalidencorps, zufriedengestellt,
-»diese kleinen Feinde wissen sich in ihren Waffen zu behaupten. Doch
-Wer sich stark fühlt, der hüte sich nur vor einer Delila, die ihn an die
-Philister verräth. Auch dem niedlichsten Satan hätte ich mich nicht bei
-einem Haare fassen lassen. -- So oft ich sogar auf eine Dame im Spiel
-pointirte, Tausend gegen Eins: ich gewann. Aber ein Mann von Ehre
-benimmt sich auch discret, wo er gewiß ist, sein Fortüne nicht zu
-verfehlen.«
-
-Der Administrator warf einen vielsagenden Blick auf den kahlen Scheitel
-dieses Simsons, und rief mit einem stillen Seufzer das Glück an, statt
-seiner ein Thor der Erlösung zu erschüttern, daß er frei würde. Es
-verließ sofort seinen Prahler, der den Stuhl heran schob, als wolle er
-dem Zwecke seines Besuchs näher kommen -- und entrückte ihm das Ziel.
-
-»Jetzt freilich,« sprach der Hauptmann, »habe ich manchen bedenklichen
-Augenblick, daß ich die Gunst der Gelegenheit mir entfliehen ließ. --
-Was nützt mir all' mein aufgespartes Vermögen? mein schönes Geldchen,
-und mein Gut? ich genieße es allein. Das macht grämlich vor der Zeit.
-Ich bedürfte Jemandes, der mich erheiterte.«
-
-Der Administrator lächelte ein wenig skoptisch, indem er erwiederte:
-»Wer so Viel in sich trägt, wie Sie, dächte ich, kann kaum in den Fall
-kommen, durch Gesellschaft zu gewinnen.«
-
-»Den Teufel auch, mein Freund!« antwortete der martialische Moorhausen,
-durch den leisen Stich, der ihm schmeichelnd versetzt worden,
-empfindlich gereizt. »Ein Mann von so ungeheuern Erfahrungen wie
-ich, ist nur um so mehr einsam, und bedarf seines Gegensatzes, eines
-kindlichen Wesens, dem er imponirt, das er glücklich macht, und welches
-ihn ergötzt -- und so habe ich denn längst reiflich überlegt und erwogen
--- Hm! Hm! es wäre das Zuträglichste für mich, ich heirathete. Nur
-schwankte das Schiff meiner Gedanken, nach allen Richtungen der
-Windrose; ich wußte nicht recht, wohin mich wenden? bis ich denn endlich
-wie durch einen plötzlichen Ruck fest in meiner Wahl geworden bin.«
-
-Der Administrator starrte den Hauptmann an. Er dachte an eine
-Windsbraut, und wie das Schifflein, dem darnach gelüstete, vermuthlich
-auf eine Sandbank gerathen wäre. So sprach er nicht ohne einen Blick
-mitleidigen Ernstes auf den kühnen Segler: »Heirathen? Sie scherzen,
-Capitain.«
-
-»Nicht daß ich wüßte --« antwortete Dieser, und zog die Stirn kraus.
-»Mir ist wahrhaftig in Gott! nicht spaßerlich zu Muthe. Auch wäre das
-zur Unzeit, Freund! weil aber die rechte Zeit treffen, ein Punkt ist,
-den ich stets im Auge gehabt -- weshalb man mich auch beim Regiment _den
-glücklichen Zieler_ zu nennen pflegte: so zog ich mich diesen Morgen
-in mein Zimmer zurück, und wartete bis jetzt. Ist das Gemüth einmal
-afficirt: so wird auch der beste Mensch leicht in Harnisch gebracht
-gegen eines Andern Anliegen. Man sagt: Weilen bringt Gefahr; aber die
-Eile thut es nicht minder. So erinnere ich mich, daß als meine Mutter im
-Sterben lag -- es dauerte lange, und es ist schrecklich, daß auch Leute
-von Rang so ringen müssen -- kamen Schlösser, Schreiner, und so weiter
--- um die Arbeit für die Leiche, die es noch nicht war, zu erbitten.
-Darob ergrimmte mein Vater dergestalt, daß er einen jener armen
-Handwerker, die um das liebe Leben zu fristen, dem Tode vorausgeeilt
-waren, beinahe gemißhandelt hätte. -- An diese Scene mußte ich
-unwillkürlich denken, da ich Anstand nahm, früher als in diesem
-Augenblick mich Ihrer gütigen Fürsprache bei der Wittwe Ihres Herrn
-Bruders zu versichern. Uf! nun war's heraus. --«
-
-Der Administrator zweifelte jetzt nicht mehr, daß Moorhausen den
-Verstand verloren hätte. Er meisterte daher sein sprachloses Staunen,
-und indem er in diese fixe Idee einzugehen schien, sagte er so
-vernünftig als möglich: »in der That, Sie fühlen fein; es wäre wirklich
-ein Stückchen Arbeit, was Sie in Theresens Hand ansprächen. --«
-
-Ein Lächeln der Selbstzuversicht verklärte den alten
-Ehestandscandidaten. »Sie meinen,« sprach er, »die schöne Frau würde mir
-den Kopf warm machen? thut nichts. Die kleine Hexe hat mir's angethan --
-werde schon mit ihr fertig werden. Eine Gardinenpredigt hält Die nicht,
-dafür stehe ich Ihnen. Und diese fatale Theologie macht nur verstockte
-Sünder und Langeweile. Wir liefern kleine Gefechte, allerliebste
-Scharmützel. Sie giebt mir Eins drauf -- ich aber liebe das.« »Capitain
-Moorhausen,« versetzte Herr Prälat, dessen Stimmung nicht darnach war,
-diesen Unsinn länger auszuhalten, »Sie sind ein eben so einsichtsvoller
-als expediter Mann. Wie zeitig Sie auch in dieser Angelegenheit kommen,
-ich habe dennoch Grund zu glauben, es geschähe in jedem Sinne _zu spät_.
-Sollte meine Schwägerinn sich wieder verehelichen: so steht ihr der
-Mann, den sie wählt, zweifelsohne schon zur Seite. --«
-
-Dem Hauptmann entfiel der Stock, sein Gesicht verlängerte sich
-zusehends. Der Administrator bückte sich nach dem Bambus, und legte
-ihn in die Hände, an denen jenes erwähnte Zittern sichtlich zu werden
-anfing. Und mit unverkennbarer Redlichkeit redete er sofort: »sehen Sie
-diese zutrauliche Erklärung meiner Seits nicht für einen Korb an;
-auch reiche ich Ihnen hiermit nicht den Stab zum Weitergehen in dieser
-Absicht. Nein! nur einen Stützpunkt auf dem einsamen Gange, der unter
-manchen Umständen, und in gewissen Jahren auch sein Gutes hat. Zuweilen
-borgt der Geist der Lüge die göttliche Stimme, welche einst sprach: es
-ist nicht gut, daß der Mensch allein sey.«
-
-Der Hauptmann verstummte. Er bat nur noch, daß sein Vertrauter auch
-schweigen möge. Die Glaçeehandschuh platzten bei dem Händedrucke
-des Abschieds, den er bald darauf nahm. Der Krampf zog ihm die Brust
-zusammen, das Herz schlug Chamade. Er ließ die Flügel tief hängen --
-und selbst der kleinste Querpfeifer bei seinem ehemaligen Regiment würde
-diesen Preiswürdigen jetzt nicht »den glücklichen Zieler« genannt haben.
-
-Josephine war nur ein paar Wochen in Bühle. Obgleich -- nach der
-Zeitrechnung des Geistes -- fast kein Augenblick verging, in welchem
-ihre Gedanken nicht hinüber schwebten nach St. Capella und weiter
-noch, da sie ihren Schutzfreund auf Reisen wußte --: so machte doch ihr
-jetziger Aufenthalt sein Recht auf dies empfängliche Gemüth geltend.
-Die traumhafte Stille des Schlosses, der melancholische Reiz seiner
-Umgebungen, die einsiedlerische Schwermuth der Gräfinn, die selbst
-der Umgang ihres liebenswürdigen Kindes nicht zerstreuen konnte -- die
-unheimliche Welt ihres Vaters, welche schweigsam die magischen Kreise
-zog, wirkte, vereint mit der Stimme der Natur, auf das junge Mädchen,
-dessen Herz jedem tiefen Eindruck offen war. Der Frühling hatte sich
-indeß entfaltet, und prangte in völlig aufgeschlossener Schönheit. Auch
-in die dumpfen Zimmer und Säle des herrschaftlichen Hauses von
-Bühle drang sein milder Hauch, und die warmen Sonnenschatten von den
-aufknospenden Blättern der Linde spielten an den kalten Wänden, und
-mischten ihren lebendigen Schein mit dem todten Ernst der Ahnenbilder.
-Der Brunnenstrahl blitzte vielfarbig, wie ein Ueberfluß von Diamanten,
-und sein eintöniges Rauschen weckte eine Quelle der Ahnung in dem Herzen
-seiner düstern Anwohner, und floß mit dem Strom von Lust, Leid und Leben
-zusammen, der die verjüngte Schöpfung schwellte. An einem der schönsten
-Abende hob Graf Frankenstern den Blick vom Boden auf, über den die Sonne
-lange goldene Brücken schlug, so daß die Möglichkeit ihm einleuchtete,
-sie zu passiren. -- Er hatte den lieben langen Tag mit so tief gesenktem
-Auge vor sich hin gesehen, als wolle er das Räthsel des Daseyns
-ergründen; doch als jetzt das himmlische Licht über diesen Abgrund
-schien, verlangte er, Josephine solle ihn in den Garten führen. Dies war
-unerhört. Seit Jahren hatte der Graf keinen Spaziergang gemacht, und
-nur den Sitz im Sessel mit dem Polster der Kutsche vertauscht. Freudig
-gehorchte das Mädchen, und reichte schnell, ehe der Vorsatz ihn gereue,
-Hut und Stock dar, und schlang ein kleines Tuch von Persischer Seide zur
-Fürsorge um seinen Hals. Die Gräfinn wollte nachkommen.
-
-Vorsichtig leitete Josephine den schwachen Greis die Treppe hinab, und
-unterstützte ihn zart, doch jugendkräftig. Seine gleitenden Schritte,
-das fühlbare Wanken des verfallnen Körpers bewegten ihr das Herz im
-Busen, und ihr elastischer Fuß ging so langsam als möglich. Der
-Bediente öffnete das eiserne Gitterthor und geleitete seinen Herrn mit
-theilnehmenden Blicken von ferne. Sie traten in den grünen Bezirk. Alles
-stand hier noch unverändert; nur die jungen Bäume waren groß und stark
-geworden, seit der Graf sie zum letzten Male gesehen, einige hingen voll
-Blüthen, und schimmerten mit weißröthlichen Büscheln lieblich zwischen
-dem finstern Gehölz.
-
-Josephine athmete tief -- und ein leiser Seufzer, ein Odem von langem
-Weh, schwebte auf den stummen Lippen des Grafen, und vermischte sich mit
-der Wonne der süßen, ambrosischen Luft. Beinahe taumelnd vor Schwäche,
-strebte der Graf doch weiter und weiter, obgleich Josephine ihn
-bescheiden aufmerksam machte, es mögte ihm für's Erste wohl zu viel
-werden. So waren sie an einen Platz gekommen, der eine schöne Aussicht
-bot. -- Unter einer breitästigen Esche winkte ein weißer Gartenstuhl, so
-hart und kunstlos, als hätte ihn ein Eremit geflochten -- zur Ruhe. Der
-Graf ließ sich mit Hülfe seiner Führerinn darin nieder, und Josephine
-setzte sich schmeichelnd zu seinen Füßen. Es war eine kleine Anhöhe. Der
-Wind kräuselte sanft das grüne Meer der Saat, ein lindes Säuseln,
-wie von Geisterflügeln, regte sich in den Wipfeln des Baumes. Eine
-ahnungsvolle Stille rings umher! -- Der Graf senkte das Gesicht, um sein
-Auge an dem frischen Anblick zu stärken. Er sah die Ernte im Geist
--- und die dünnen Halme seines Haupthaars weheten silberweiß auf und
-nieder, als wäre das Feld nun reif und der Schnitter in der Nähe.
-
-»Die Welt ist doch schön!« sagte er nach einer beschaulichen Pause,
-»wenn das Leben so hervorgeht, und Alles wach wird: _wach_!« Und mit
-fallender Stimme setzte er scheu und furchtsam hinzu: »gehst Du gern
-schlafen, mein Kind?« --
-
-Josephine fuhr aus träumerischem Sinnen empor. Sie antwortete: »ich?
-wenn ich müde bin, sehr gern. Der Schlaf, die Ruhe der Wesen, ist etwas
-recht Holdes. In sanfter Betäubung stärkt sein Labsal. Wer mögte ihn
-nicht lieben, diesen Wohlthäter? -- Auch beunruhigt mich nie ein böser
-Traum -- höchstens träume ich seltsam. In der verwichenen Nacht wärmte
-ich einen Schneekönig an meiner Brust -- der war erstarrt; plötzlich
-flatterte er auf, und verschwand in den Wolken -- und traurig sah ich
-ihm nach.«
-
-»Schneekönig?« erwiederte der Graf, »das ist ein kleiner Vogel, nicht
-wahr?« Und wie aus einem Geklüft seines Gedächtnisses tönte ein
-Echo jener Stelle: »der Mensch wird geboren zu leiden, wie die Vögel
-schweben, emporzufliegen.« -- In vergleichendem Sinne sagte er: »die
-Vögel des Waldes sind glücklicher daran als wir; sie steigen aufwärts
-mit fröhlichem Gesange -- die Tiefe nur ist still und schrecklich. Wer
-aber schläft, ist allein, ist in Gefahr, und schließt sich sein Auge,
-dann --« Josephine sah mit offenem blauen Auge zu dem Greise auf, der
-unter einem Schauer verstummte, ehe er noch ausgeredet hatte. Sie sprach
-mit leidsamem Widerspruch: »das will mir nicht so vorkommen, lieber Herr
-Graf. Die Menschen sind einsam, und daß sie es _wissen_, ist ihr größter
-Schmerz. Wer aber schläft -- und wäre es auch im Grabe -- genießt
-unbewußt Frieden, und Gott schützt den Schlummer des Gerechten! --«
-
-Graf Frankenstern schien sichtlich erschüttert durch diese Rede des
-Mädchens. Mit zitternder Lippe wagte er etwas auszusprechen, was ein
-halbes Säculum nicht laut in ihm geworden war: das Bannwort seines
-Dämons. Er sah Josephine dunkeln Blickes an, und sagte: »so fürchtest Du
-Dich nicht vor dem -- Tode -- mein Kind?«
-
-Ein unsterbliches Lächeln verklärte mit der Abendsonne zugleich
-Josephinens reine Züge. »Nein! gewiß nicht!« versicherte sie mit
-Innigkeit. »Ich halte dafür, der Tod sey ein verkannter Engel; kein Bote
-der Schrecken. Er kommt ja auch nur auf Gottes Geheiß: wie sollte er
-einer kindlichen Seele nicht willkommen seyn -- früh oder spät! -- Das
-kleinste Blümchen zerstiebt, und wenn seine Zeit da ist, erblühet es
-auf's neue; die Sonne geht unter und schöner wieder auf, und das
-Herz, welches selbst im Traume den kleinen Schneekönig erwärmt, sollte
-erstarren -- und nicht für den Himmel schlagen? -- Könnte ich glücklich
-machen, Alle, die ich liebe, ich gäbe gern die kleine Blume meines
-Lebens hin.« Ein paar Thränen rollten, als Josephine dies sprach, von
-ihren Wangen, und der Thau auf einer jungen Rose glänzt nicht schöner.
-
-Dies war der wunderbare Moment, der eine gequälte Seele erlösete. Der
-Graf athmete auf mit leisem Stöhnen, wie Einer der erwacht, und sprach:
-»ich sehe ein, daß Du recht hast, mein Kind, und wie bleiern meine Augen
-geschlossen gewesen. Mir ist, als ob ein Gespenst verschwände -- als ob
-es Morgen würde. Mir ist recht klar. Nun will ich erst noch einmal zu
-leben anfangen. Sieh! was dort so golden funkelt, ist das nicht Sanct
-Capella? vorhin erkannte ich es deutlich. Wir wollen nun nächstens
-einmal hinüber fahren.« Josephine lächelte wehmüthig, und das Herz war
-ihr unsäglich schwer. »Und glaubst Du wohl,« fragte der Greis abermals
-nach einer stillen Weile, »daß ich die Abendglocke höre?« Dem Mädchen
-kam ein Grauen an: es war fast unmöglich in dieser Entfernung. »Ich bin
-doch müde von dem kurzen Gange,« sagte er mit matter Stimme, »laß mich
-ein wenig an Dich lehnen -- oder ist Deine Brust auch krank? --«
-
-Josephine umschlang mit weichem Arm seine Schulter, und drückte das
-sinkende Haupt sanft an sich. Sie schwieg bange, und schaute geängstet
-aus, wo die Gräfinn nur bleiben möge? Da kam Albane. Das leichte
-Rauschen ihrer Schritte, den Gang, der ihm so treu durch die Wüste des
-Daseyns gefolgt, vernahm ihr Vater noch einmal. »Mir däucht, ich sähe
-meine Frau --« stammelte er kaum verständlich, »warum sprichst Du
-so leise? -- --« Und jetzt sprach der Graf nicht mehr, und athmete
-schwächer und schwächer. Die Gräfinn knieete in's Gras und faltete die
-Hände; ihr Gebet war ein unaussprechlicher Seufzer. Josephine glühte
-wie eine Fackel. Angst und Abendschein gaben ihr die flammendes Gestalt
-eines Cherubs. Sie glich dem Genius des Todes, wenn er sich des müden
-Menschen erbarmt: dem Sinnbild ihrer eigenen Vorstellung. Mit bebender
-Hand streichelte sie den kühlen Scheitel, den der Gedanke verließ, und
-dessen Sinne schon geschlossen waren. Sie legte den Finger prüfend an
-den Puls der Schläfe, und fand ihn stockend -- nun stand er stille.
-
-»Er ist gestorben --« sagte Josephine mit der allerleisesten Stimme, als
-könnte ein Laut ihn wecken.
-
-Albane schwieg noch immer und weinte nur heftig. So blieb die Gruppe
-lange in heiligem Verstummen.
-
-Jetzt schlief Josephinen der Arm ein; denn der Todte ward starr und
-schwer. Sie lehnte ihn zurück in den Sessel, und die Seinen schauten nun
-in sein erblaßtes Angesicht.
-
-»O mein Vater!« sagte die Gräfinn mit heißen Thränen, »kann man leichter
-und schöner sterben, als Du? Dein ganzes Leben war nur eine Flucht vor
-Dir selbst, eine Furcht vor dem Tode, und freundlich erschien er Dir,
-und ereilte Dich zu lieblicher Stunde.« In zerrinnenden Bildern sah
-Albane sein hartes Geschick und was sie mit ihm ertragen. Und so ergoß
-ihr gepreßtes Herz sich in den bekannten Strophen: »schlummre wohl
-indeß, du träge Bürde seines Erdengangs! ihren Mantel deckt auf Dich die
-Nacht, und ihre Lampen brennen über Dir im heil'gen Zelte. -- «
-
-Es schien der Gräfinn bedeutsam, daß ihr Vater unter einer Esche
-verschieden wäre, welchem Holze dieses Baumes man eine wundstillende und
-schmerzheilende Kraft zuschreibt. --
-
-Die Sterne brannten schon am Himmel, und ihr feierliches Licht fand jene
-Gruppe noch unverändert. Jetzt fing die Abendluft an kühl zu werden; die
-Gräfinn erschauerte in jenem Frösteln, welches man nur in der Nähe des
-Todes empfindet, und auch Josephinens blühende Wange war sehr blaß.
--- Auf einen Wink der Ersteren ward der weiße Gartensessel mit seinem
-stillen Inhaber sacht und sanft aufgehoben, und nach dem Schlosse
-getragen. Hier ließ man die Vorhänge tief herab, und die entseelte Hülle
-auf ein Lager nieder. Viele Kerzen wurden angezündet, auf daß es hell
-würde um den allerdunkelsten Schlaf. Albane und ihre Tochter setzten
-sich zu beiden Seiten des Verstorbenen, und blieben die Nacht hindurch
-bei ihm, weil sie fürchteten, er könne im Starrkrampf liegen. Hätte der
-Graf dies vorausgesehen: der traute Anblick dieser ersten Nachtwache
-würde ihn sein Lebelang beruhiget haben. An der Kerze, welche ihren
-geheimnißvollen Schein auf seine schweigsamen Züge warf, blühete ein
-glimmender Brief -- dies Auge aber war geschlossen, und las keinen
-mehr. Es hatte sich für jenen Freibrief geöffnet, der nicht mit Dinte
-geschrieben ist, oder Funken, oder in den rinnenden Sand der Zeit,
-sondern mit dem Geiste des lebendigen Gottes.
-
-Draußen erwachte der Gesang der Lerche, und vor der goldnen Leuchte des
-Tages erbleichte das nächtliche Licht. Ein purpurner Schimmer breitete
-sich mählig über den Leichnam aus -- da verließ ihn die Gräfinn unter
-den Flügeln der Morgenröthe, und begab sich zur Ruhe, deren ihre
-erschöpften Kräfte bedurften. Auch Josephine wankte von hinnen, zu
-versuchen, ob sie ein wenig schlummern könne? doch ihre Pulse klopften
-wie im Fieber, und das Herz schlug hoch und ängstlich unter dem weichen
-Sterbepfühl ihres Großvaters.
-
-Wie Albane es sich im Stillen gelobt: so geschah es. Die Section des
-Grafen ward, nachdem der Arzt die Auflösung desselben dargethan, ohne
-Geräusch vollbracht, und dann -- da kein eigentliches Familienbegräbniß
-in Bühle vorhanden war, sein sterblich Theil in Sanct Capella
-beigesetzt. Das Herz ihres Vaters aber blieb, in einer Urne verwahrt,
-ihr Eigenthum. -- Um jedes Aufsehen zu vermeiden, ging die Bestattung
-zu später Zeit vor sich, und nur das Heer der Sterne gab dem düstern
-Leichenzuge Glanz und Geleit. Still, wie der Thau der Nächte sinkt,
-fielen Albanens Thränen, und Josephine dachte mit Wehmuth daran, wie
-der Graf wenige Augenblicke vor seinem Abscheiden von der Fahrt nach dem
-Stifte gesprochen. --
-
- * * * * *
-
-Nachdem der Administrator seiner brüderlichen Pflicht vollkommen und
-nach bester Einsicht genügt, kehrte er, zufrieden mit dem Abschluß
-dessen, was ihn hierher gefordert, nach seiner Heimath zurück. Auf
-der langen Reise hatte er Muße, über dies Fragment seines Lebens
-nachzudenken, und auch die tiefsinnige Neigung dazu. Seine Brüder
-waren nun beide todt. Die Beschäftigung mit den Papieren des
-Jüngstverstorbenen hatte ihn dem Constanz inniger verschwistert, als
-das Vermächtniß der mütterlichen Natur ihn jemals fühlen lassen, daß sie
-ihnen Einen Vater gegeben. Er nahm ein besonderes Gefühl von Einsamkeit
-mit hinweg -- er stand nun allein. Wunderbar genug war Therese, welche
-länger als zwei Jahre in häuslicher Verbindung mit ihm gelebt, ihm fast
-entfremdet worden, im Gegensatz zu der Erfahrung, nach welcher eine
-Auflösung durch den Tod Familienbande selten erschlafft, sondern sie
-vielmehr enger zieht. Auch hätte die Weite den Verknüpfungspunkten ihrer
-gegenseitigen Anhänglichkeit wohl am wenigsten geschadet. Ein anderer
-Schutzfreund nahm sich ihrer innigst an, und solch ein Edelstein
-für weibliche Fassung ist immer ein Solitair. Diese Regel ist ohne
-Plural. --
-
-Es lag nicht in Theresens Wesen, Schmerz zu heucheln, mit Thränen Prunk
-zu treiben, oder sich in der Rolle einer Artemisia zu gefallen. Mit
-bewundernswürdiger Gewandtheit veränderte sie den Faltenwurf des
-Trauerflors, und verhüllte nur ganz leicht die Brust, voll von dem
-Wunsche, das Leben möglichst zu genießen, und kaum die Blöße der
-flatterhaften Schultern, welche keinen Kummer tragen könnten. So hatte
-die schöne leichtsinnige Frau es ihrem Schwager keinen Hehl, daß sie,
-sobald der Anstand es nur irgend erlaube, den Lieutenant Feldmeister
-heirathen werde, und sich von diesem Bündniß des Glückes Fülle
-verspreche. Mit jenem entziffernden Instinkt der Schlauheit, welche
-unser Geschlecht in den geheimsten Zügen eines Männerherzens lesen läßt,
-verschwieg sie ihm die Leidenschaft, welche diese Bürgschaft leistete,
-und sprach nur von den soliden Eigenschaften des künftigen Gatten, von
-seinem Erbvermögen, was sie über jeden Mangel hinwegsetze und sicher
-stelle; als ob sie darin die Gewähr fände, welche zunächst auf dem Grade
-ihrer eigenen Zuverlässigkeit beruhete.
-
-»So dürfen wir auch hoffen,« setzte Therese wie zum Facit der
-aufgezählten Summe ihrer Hoffnungen hinzu, »daß die gute Baronin uns ihr
-schönes Gut vermache. Sie hat schon ein Wörtchen davon gemunkelt. Dann
-lebe ich den Sommer über hier, glückselig wie eine kleine Fee in
-meinem Blumenreiche. Den Winter aber bringe ich in der Stadt zu. Eine
-Offiziersfrau steht immer ein wenig auf freierem Fuß, auf halbem Sold
-ihres Standes gleichsam, und ist von den Philistern entlassen. -- Sieh!
-so geht bei uns das Sprüchwort in Erfüllung, wo Tauben sind, fliegen
-Tauben zu.«
-
-Der Administrator hing schweigend an diesem geschwätzigen Munde, dem
-er so oft ein willigeres Ohr geliehen -- und sprach jetzt wie von einem
-plötzlichen Ingrimm überrascht: »nun so spanne Deine Tauben vor den
-Wagen der Liebe, und sorge, daß ihrer keine der Geier hole.«
-
-Therese sah ihren Schwager betroffen an. »Bist Du mir böse, Cölestin?«
-fragte sie, scheu geworden, »und dem Rudolph bist Du wohl auch nicht
-gut?«
-
-Herr Prälat verneinte mit Hitze jede Animosität gegen den Nachfolger
-seines Bruders, und sagte dann: »wie sollte ich Dir zürnen, Therese? Du
-bist ein Weib! --« Er lächelte bitter. Es lag viel herbe Wirklichkeit in
-diesem Lächeln, der Zauber jener kleinen einschmeichelnden Gaukeleien,
-die das Urtheil eines Mannes so leicht verblenden, war verschwunden. --
-Er nahm einen kühlen Abschied von der künftigen Frau von Feldmeister;
-Theresen aber schossen ein paar warme Thränen in die Augen.
-
-Die Baroninn Lenau empfand, vermöge der Sympathie ihres Geschlechts, den
-Kaltsinn, der ihre Schutzbefohlne betrübte, und sagte, als diese weinte:
-»das ist nun nicht anders, meine Goldtochter! wenn das Kind todt ist,
-hat die Gevatterschaft ein Ende.« Theresen aber fiel der Taufstein auf
-das Herz. --
-
-Der Administrator hing, wie wir bereits erwähnt, seinen stillen
-Betrachtungen nach. Wie anders erschien ihm Therese als sonst! Nicht
-der Bruder ihres Mannes war in ihm gekränkt, sondern der Mann im
-Allgemeinen. Er bedauerte es nun nicht mehr, daß ein mitleidiger Tod den
-armen Constanz einer schlimmeren Verkältung entrissen. Er dachte an
-die Worte des Majors. Dabei konnte er nicht umhin, mit inniger Achtung
-Fabiens zu gedenken. Er gestand sich, daß der pflichtgetreue Sinn einer
-Frau wohl die Gabe aufwöge, den Augen eines Mannes zu gefallen, und
-Theresens Liebreiz sank gegen den charakteristischen Gehalt ihrer
-Schwägerinn tief in der Wagschale. -- Doch man vergesse nicht, daß
-Therese _abwesend_ war. --
-
-Wenn nun Fabiens Gatte die Augen auf immer vor einem Phantom
-geschlossen, und Theresens Gemahl einem Schatten nachgejagt, der ihn vor
-der Zeit ins Grab stürzte: so mußte die philosophische Selbstfrage
-in dem letzten der drei Brüder entstehen: von welchem Geist und Wesen
-_sein_ Streben sey? Er stieg bis in die Gründe seines Herzens hinab, und
-was er da gefunden, wollen wir einstweilen auf sich beruhen lassen. --
-Dort lag seine Jugendliebe unter tiefem Schutt in sich selbst zerfallen;
-aber der Glaube an diese göttliche Kraft stand noch fest, und die
-Freundschaft unterstützte ihn, wenn gleich als Kummersäule. Die
-Nachricht von der Ankunft der Gräfinn hatte seinen Freund Sylvius außer
-sich gesetzt, und der Administrator ihn in dieser äußersten Aufregung
-verlassen müssen. Jetzt dachte er bekümmert darüber nach, was aus
-diesem ganz einzigen Verhältniß nun werden solle? -- In den zartesten
-Beziehungen hing ein Theil seines eigenen Glückes davon ab -- und nicht
-der kleinste.
-
-Mit aufgehobenem Gleichgewicht seiner Empfindungen kam er in Sanct
-Capella an, und das Erste was er vernahm, war: daß Graf Frankenstern
-unterdessen ein stiller Bewohner des Stifts geworden sey. Der Verweser
-desselben erschrak über diesen Verwesenden; denn daß Gräfinn Albane nun
-wegziehen und ihre Tochter mit sich nehmen würde, war die natürlichste
-Ideenfolge; aber sie führte ihn traurig ein. Er trat in das Kloster wie
-in eine Einöde. Seine Wohnung däuchte ihm unsäglich weit, und so war
-es ihm im Stillen lieb, daß er am Abend seiner Heimkehr mit Fabia nicht
-ganz allein wäre. Der Major und Schwester Veronica kamen, den Wirth
-des Hauses willkommen zu heißen. Der Administrator stattete Bericht ab,
-jedoch in Kürze, und hier und da sogar abgerissen. Fragen der Frauen,
-querfeldeingeschoben, konnten den Zusammenhang nicht durchaus ergänzen,
-wie sehr es auch der apostolischen Fabia zuwider war, daß ihr Wissen,
-wie das unser Aller, nur Stückwerk seyn solle, und wie auch Veronica,
-die fromme Tochter der Kirche, ihre Abstammung nicht verleugnete, und
-sich diesmal als Evens Tochter bewies. Wir sprechen die gute Nonne
-selig, aber von der Erbsünde einer kleinen Neugier gar nicht frei. --
-
-Herr Prälat lief flüchtig über die Vorgänge der Krankheit und über den
-Hügel hin, darunter sein Bruder schlief, und hielt sich nur etwas länger
-bei dem Glück des jungen Feldmeisters und dem Gute der Baroninn auf, was
-auch zu diesem gehörte. Von Theresen sprach er vermeidlicher Weise
-so wenig als möglich. Man nahm das Geschick dieser Beiden als ein
-entschieden gepaartes an, und stellte unter mancherlei Bemerkungen
-dieser Ehe das Prognosticon.
-
-Der Major hob an: »der Rudolph hat Glück, und ich gönne es ihm von
-Herzen, denn er verdient es auch. Er ist ein tüchtiger Mensch, ein
-ehrenwerther Soldat -- doch mag er sich in Acht nehmen, daß er nicht
-zu einem verrufenen Regiment komme. Der Pantoffel ist sein
-Schicksalszeichen -- und die verfängliche Devise nicht immer von
-Kraftmehl. Die Schleifen auf dem Schuh seiner alten Fee waren, wie mir
-die Obristinn erzählte, von gesponnenem Glase. Eine gefährliche Masse,
-das! man macht auch kleine Sprühteufelchen davon. Und dabei fällt mir
-eine merkwürdige Geschichte ein. Als ich ein Knabe war, ließ ich einst
-zur Fastnacht einen Reserve-Pfannkuchen in die Tasche schlüpfen, worin
-solch ein gehörntes Ding stack. Alsbald fuhr der Grünliche durch die
-geschmorte Rinde in die schwarze Hölle der gegossenen Pflaumen hinein,
-und that wie zu Hause. Ich aber aß den leidigen Satanas wie zur
-gesegneten Mahlzeit, und würde es bis jetzt noch nicht wissen, wenn
-mir nicht ein Splitter von diesem heillosen Füllsel die Zunge geritzt
-hätte.«
-
-»Gott behüte und bewahre!« rief die Nonne mit frommen Schaudern vor
-solch leiblicher und geistlicher Gefahr, und die Geberde des Entsetzens
-wurde in der Mechanik ihrer Finger zu einem Kreuz, »wie war es möglich,
-daß Sie ohne Schaden davon kamen?« Der Major lachte und sprach: »Was
-verdaut man nicht Alles, wenn man jung und gesund ist! -- Mein Vater
-tobte, daß ich den Teufel im Leibe hätte; und die Mama kochte ohne
-Unterlaß Milchbrei, den sie mit mütterlichen Thränen salzte. -- Aber
-um wieder auf das Vorige zu kommen: so will ich von Grund der Seele
-wünschen, daß die beiden Leutchen sich vertragen, und einander das Leben
-nicht versalzen mögen.«
-
-Fabia lächelte ganz leise. Sie sprach: »Therese lässet ihre Lindigkeit
-kund werden Jedermann -- und das Küchenwesen war nie ihre Sache.« Der
-Administrator bemerkte still, wie seine schriftkundige Schwägerinn
-sich glimpflich auszudrücken wüßte, indem sie doch verständlich genug
-andeutete, daß Coquetterie und Mangel an Häuslichkeit, diese
-Fehler, welche sie so oft zum Aerger gereizt hatten, der ehelichen
-Glückseligkeit, von der die Rede war, schädlich werden könnten. Und wie
-in unbewußter Gewohnheit, sich Theresens anzunehmen, nahm er das Wort
-und sprach: »der Geist einer guten Ehe kann dessenungeachtet bestehen.
-Wie manche treffliche Speisemeisterinn kocht Gift, vergällt ihrem Manne
-jede Freude, und brät ihn am langsamen Feuer! --« »Ach!« entgegnete
-Veronica, schauernd bei dieser Vorstellung, mit einem kühlenden Seufzer,
-»Das kann ich mir schrecklich denken. Zwar in der Welt, sagt man -- soll
-es da oder dort so seyn. Die Frauen, hörte ich, trachten nach eitlen
-Dingen, sind fremd daheim und wissen nicht Bescheid, weder im eigenen
-Hause noch in der Herzenskammer des Mannes. Sogar die Kindlein -- wenn
-es nicht etwa böser Leumund redet -- sind ihren Müttern häufig eine
-Nebensache, und öfterer lästig als lieb.-- Ich bin nur eine Jungfrau --
-aber daß mein Geschlecht dahin entartet wäre, scheint mir kaum möglich.
-So darf man sich jedoch nicht wundern, wenn heut zu Tage so viele Männer
-die schönste Gelegenheit links liegen lassen, das göttliche Gestift des
-Ehestands aufheben und leider Gottes! ledig bleiben. Wenn unsere
-Frauen fleißiger den Himmel bauten: so würde sich seltner ein Stein des
-Anstoßes für das Heirathen finden.«
-
-Der Major ergriff die heilige Hand der Nonne, und drückte sie etwas
-derb, wenn auch mit Verehrung, indem er sprach: »Hoch hinaus wollen sie
-wohl; aber es wird ein Thurm zu Babel daraus, eine Sprachverwirrung
-ohne Gleichen. Wo eine Frau den Mann verstände: da wäre die Loosung: Ein
-Gott! Ein Herz! Eine Seele! Ein Glück und Ein Grab! -- Dem Himmel sey's
-geklagt! es lautet anders -- und tiefer besehen, denken sie nur an die
-Grube. -- _Sie_, Schwester Veronica, wollte ich heute noch ehelichen.
-Sie würden jeden Mann nicht allein glücklich gemacht haben, sondern auch
-_gut_.«
-
-Bei dieser Erklärung in Kürze erröthete Veronica durch die blasse Tünche
-des Alters so jungfräulich schön, als hätte dies rauhe Betasten ihrer
-zartesten Gefühle auf der feinen Zeichnung des Gesichts eine Spätrose
-abgerieben. Herr Prälat kam ihrer bescheidenen Antwort zuvor und sprach:
-»an den Motiven zur Ehe mag es zumeist liegen, daß so wenige Segen
-tragen. Auf welches Fundament werden sie gegründet? -- Ich erinnere
-mich, daß meine Tante vermittelst einer Karte, der einzigen
-französischen Leichtfertigkeit, die das plattdeutsche Pfarrhaus
-aufzuweisen hatte, die innersten Herzensgedanken jedes Bräutigams in
-der Gemeine heraus brachte, indem sie dabei ein Sprüchelchen im Munde
-führte, wovon ich nur den Anfang noch weiß: der Eine thuts um der
-Ducaten, der Andre um ein schön Gesicht -- wobei der Onkel, wenn er
-guter Laune war, die Reihenfolge unterbrach, und mit poetischer Freiheit
-darauf reimte: _gerathen_ -- _nicht!_ -- Zwölf Aussprüche enthielt dies
-psychologische Orakel. _Zwölf?_ lieber Gott! das sind falsche Apostel.
-Legion heißt ihre Zahl, und dann wäre der Einzige noch nicht darunter,
-auf den sich bauen läßt: _wahre Liebe_!«
-
-»Wahre Liebe!« wiederholte der alte Feldmeister, und es war, als ob das
-leise Spottlächeln, welches ihm auf der bärtigen Lippe schwebte, jenes
-Wort mit der Andacht des Gefühls ausgesprochen -- hohnneckte. »Es ist
-damit,« fuhr er fort, »wie mit dem alleinseligmachenden Glauben: wie
-Viele bekennen sich bloß äußerlich dazu, ohne diese göttliche Mutter des
-Heils im Geist und in der Wahrheit zu verehren. Die Mehrzahl der Männer
-besteht aus heimlichen Mohamedanern -- getaufte Weiber in Massen sind
-dem heidnischen Götzendienste zugethan; in der Ehe aber herrscht das
-Judenthum vor, und der Erlöser wird da tagtäglich gekreuziget, so daß
-ihm die Lust zur Auferstehung wohl vergehen mögte.«
-
-»Wer Sie so hörte, Herr Major,« entgegnete hierauf die Nonne, welcher es
-leise beängstigte, so oft ein religiöses Bild, behuf der Rede gebraucht
-ward, »der sollte glauben, Sie sprächen aus Erfahrung. Und doch weiß ich
-von guter Hand, welch ein friedliches Stillleben Sie mit Ihrer lieben
-seligen Frau geführt haben, wie man diese allgemein als eine
-ganz vortreffliche Dame gerühmt -- der Meriten ihres Ehemannes zu
-geschweigen.«
-
-Dieser verbindliche Ausfall auf den seinigen, womit Veronica weiblichen
-Sinnes sich erwiedernd zeigte, schien von niederschlagender Wirkung auf
-den Major zu seyn. Die Menschen an ihre Verdienste wie an ihre Verluste
-zu erinnern, erreicht fast immer den Zweck, sie aus den Vortheil des
-Angriffs in jene leidsame Stellung zu versetzen, die der Geschmeichelte
-wie der Gerührte unwillkürlich annimmt. -- Die buschigen Braunen des
-Majors zogen sich zusammen, und seine Augen wurden feucht; das sanfte
-Bild seliger Tage schwamm in seinem Blick. Mit schwankender Stimme
-antwortete er: »meinen Sie, Schwester Veronica, daß, wenn jene Erfahrung
-meine eigene wäre, ich sie ausgesprochen haben würde? -- Meine Frau war
-gut und brav, und als sie todt war, da merkte ich erst, wie sehr sie es
-gewesen. -- Doch deßhalb widerrufe ich kein Jota von dem Obigen. Gott
-besser's! es ist an der Zeit.«
-
-Es war auch an der Zeit, dies Gespräch zu enden. Fabia, verstimmt durch
-die Vertheidigung des Schwagers, die er der abwesenden Therese nicht
-minder als der gegenwärtigen angedeihen ließ, hatte kein Wort mehr
-gesagt. Ihr däuchte, sie hätte die Kosten dazu getragen. Sein Urtheil
-schien ihr eine Geringschätzung derjenigen Verdienstlichkeiten zu
-enthalten, in denen sie sich auszeichnete. Sie wünschte, er mögte einmal
-zu der Einsicht gelangen, wie hoch eine gute Wirthinn zu halten sey.
-Sollte dies jedoch geschehen: so mußte er die treue Fabia vermissen.
-Und indem der Major davon sprach, daß er die abgeschiedene Gattinn erst
-vollkommen gewürdiget, regte dies den Gedanken in ihr an, zu scheiden.
-Sie legte in gekränktem Geiste das Amt der Schlüssel nieder, und ahnete
-nicht, daß diese Handlung in der Idee der Wirklichkeit nur um einen
-leisen Schritt vorauseilte.
-
- * * * * *
-
-Noch immer hatte Gräfinn Albane sich entschieden geweigert, ihren Gemahl
-zu sprechen, weil sie sich die Kraft dazu nicht zutraute. Sylvius, der
-das Heil seiner Beruhigung daran zu knüpfen schien, daß seine Frau ihm
-angehöre, ließ nicht ab mit Dringen, und setzte alle Hülfsmittel in
-Bewegung. Fabiens Zureden schürte den Funken, der in der Asche glomm,
-worin Albane büßte -- und Josephinens rührende Fürsprache gewann endlich
-ihrem Vater die heißersehnte Gunst. Der Tod des Vaters hatte seine
-Tochter dergestalt erschüttert, daß sie glauben mogte, die heftige
-Bewegung, in welche die Zusammenkunft mit ihrem Gemahl sie versetzen
-mußte, werde drein gehen. Und so war der Entschluß dazu gleichsam ein
-Abschluß aller bisherigen Verhältnisse, und sogar erforderlich, um
-Josephinens willen.
-
-In der Stunde, worin die Gräfinn ihren Gemahl in Bühle erwartete, saß
-sie am offnen Fenster und allein, von jener säuselnden und summenden
-Frühlingsstille träumerisch umwebt, welche aus dem Schlaf des Herzens,
-aus seinem innersten Düster herauf, Gefühle der Vergangenheit beschwört.
-Als sie den Hufschlag seines Pferdes vernahm, stand der Schlag in ihrem
-Busen stille, und nicht dies Herz selbst, nur ein Seufzer flog ihm
-entgegen. Jetzt hörte sie seinen Schritt auf der Treppe -- sein
-Näherkommen -- Zeit und Erfahrung hatten mächtige Fortschritte gemacht,
-seit sie den Besuch ihres Gemahls zum letztenmale in Bonna empfangen:
-dennoch drang dieser vertraute Hall wie einst an ihre Seele, und keine
-Empfindung, über welche er sonst Macht geübt, konnte ihm entweichen. Er
-trat langsam ein, Albane zitterte heftig, unvermögend sich aufrecht zu
-erhalten. Sylvius blieb wie gefesselt und gebannt an der Thüre stehen,
-und warf einen unaussprechlichen Blick nach der geliebten Gestalt,
-welche sein gewesen war -- und eine weite wüste Welt lag zwischen ihnen.
-»Albane!« sagte er leise, und ein paar große Thränen rollten über seine
-Wangen, »bin ich Dir gar nichts mehr? --« O! welch ein Zauber liegt in
-der Stimme eines Menschen, der uns theuer ist oder war! -- Solch eine
-Stimme enthält den Schlüssel zu jedem Geheimniß der Harmonie, und kann,
-ob sie durch tausend Mißverhältnisse hindurch klänge, nie zu einem
-Mißlaut für die Seele werden, darin einmal ihr Echo wohnte. Sylvius
-hatte seinen Jahren voraus gealtert, und Der, den die Morgenröthe
-der Jugend einst zu den Göttern erhoben, zeigte sich gebeugt von
-menschlicher Schwachheit; aber die Stimme war ihm geblieben, mit der
-er die Geliebte einst bewegt, daß ihr unsterblicher Antheil der seine
-würde. --
-
-Die Gräfinn wendete sich nach ihm um, mit einem Lächeln der Verzeihung,
-der Abgeschiedenheit -- wenn wir so sagen dürfen; es war das
-geistigselige Lächeln eines Schattens, was auf ihren Lippen schwebte,
-die so wenig eines Lautes mächtig schienen, wie ein körperloses Wesen
-der Rede fähig seyn mag. Endlich entrang sie ihnen die Kraft dazu, und
-sprach mit bebendem Munde: »vielleicht, Sylvius, wäre es besser gewesen,
-wir hätten die _begrabene Liebe_ früherer Jahre ruhen lassen --; aber,
-da es einmal Dein Wunsch war, da Du meinst, es werde zu Deinem Frieden
-gereichen, daß Du mich sähest, so komm doch näher und laß uns freundlich
-zusammen sprechen!«
-
-Diese Antwort zerriß Romanas männliche Seele. Was ist das _Zürnen_ der
-Liebe gegen die stille Freundlichkeit der erkalteten! -- Wir bemerken
-dabei, wie es Albanen selbst in dieser Minute nicht möglich war, ihr
-Geschlecht zu verleugnen, und in den ersten Worten, die sie zu ihrem
-Manne sprach, seit sie ihn in den Armen einer Andern gesehen, etwas
-Anderes zu fassen, als jene Erinnerung.
-
-Sylvius verstand seine beleidigte Gattinn augenblicklich. Daß Albane
-jedoch ihrer Weiblichkeit ein Genüge leistete, ermannte ihn. Gefaßt
-entgegnete er nun: »ja, theure Albane! es ist die Bedingniß meines
-Fortlebens, und der Ruhe, welcher ich noch irgend theilhaft werden kann,
-daß ich Dir sage, auf welche Weise Du Zeuginn jener unseligen Scene
-geworden bist, in der Du mich betroffen. Du wirst mich dann vielleicht
-weniger schuldig finden, als Du wähntest, und mindestens -- wie Dein
-Gefühl auch entscheide -- mich bedauern müssen. Höre mich gutwillig an!«
-Hierauf erzählte Sylvius de Romana seine Geschichte mit Tony von Schütz,
-einfach und wahr. Er verschmähete, nach edelsinniger Art, Alles und
-Jedes, was jenem Verhältniß zur Beschönigung dienen können. -- Diese
-Mittheilung hatte nicht den Stoff, aber seine Kraft, ihn zu bewältigen,
-erschöpft; und so eilte er zum Schluß und sprach: »Du weißt nun Alles --
-und doch auch _Nichts_: denn ich kann Dir nur die _äußern_ Beziehungen
-nachweisen, die mich in jenes Netz verlockten. Gott aber, der es einst
-auflösen wird vor Deinem Blick, sieht ins Innerste, und weiß, daß ich
-Dich, das Weib meines Herzens! nur allein geliebt, und ewig lieben
-werde. Wäre es Dir nicht möglich, einen flüchtigen Augenblick zu
-vergessen, in welchem Du an mir zweifeltest? -- Dein Vater ist nun todt.
-Was hindert Dich noch, für den Rest unseres Daseyns mein zu seyn, zu der
-öffentlichen Rechtfertigung unseres geheimen Bündnisses, und -- lass'
-mich es hinzufügen: zu dem Glück unseres Kindes? --«
-
-Die Gräfinn athmete tief. Sie schüttelte leise den Kopf, lächelte
-weinend und verneinend und sprach: »der Himmel sey mein Zeuge! ich
-zürne Dir nicht. Auch müßte ich mich zuvor selbst anklagen, denn mein
-Wegbleiben gab Dich ja frei. Doch jedes Zurückgehen ist unmöglich,
-des griechischen Sängers Gattinn verschwand vor einem Rückblicke. Ein
-erstorbenes Gefühl läßt sich nicht wecken -- und jenes, mit welchem ich
-mich die Deinige wußte -- ist todt. Aber Deine Freundinn bin ich noch
--- Deine beste Freundinn! ja, Sylvius, die will ich immer bleiben.
-Mache kein so unglückliches Gesicht, Lieber! frage Dich selbst, ob
-wir verdient haben, mit einander glücklich zu seyn? -- Die Ehe ist ein
-Verhältniß der Heiligkeit, nicht aber der Heimlichkeit, und Gott
-ist gerecht. Nach seinem unerforschlichen Gesetz und Willen müssen
-Diejenigen ein Glück verschmähen, welche es sich anzueignen wagten, ohne
-höhere Befugniß, als die der Leidenschaft. -- Wir versöhnen den Himmel
-durch ein freiwilliges Opfer. So werden unsere Väter uns von dorther
-segnen; hier glaubten wir dieser Weihung entbehren zu können, als das
-Band der Stola uns zusammenfügte. Ich werde nach Bonna ziehen, Sylvius!
-in jenes Haus, worin Du gelebt hast, und mich geliebt -- mich allein.
-Still, mein Freund! ich glaube Dir. -- Der Majoratserbe überläßt mir das
-kleine Witthum, und diese Angelegenheit ist längst berichtiget. Gönne
-es mir auch, in Frieden einsam zu seyn, und die stille Freude _meiner_
-Liebe. -- Ich werde in Deinem Cabinet schlafen, an derselben Stelle, wo
-Dein Bett gestanden, und die alte Einrichtung wie zu den Zeiten Deines
-Vaters herzustellen suchen. So werde ich Deine Hausfrau seyn, ohne
-Gemahl -- wie ich Deine Gattinn war, ohne Dein Haus zu kennen. Ein Theil
-jener früheren süßen Täuschungen wird mir wiederkehren, der Traum
-Deiner Nähe wird mich begleiten und beglücken, und so werden meine Tage
-gleichmäßig hinrinnen, wie das Bächlein unter dem Kreuze, welches dort
-die Wache hält.«
-
-»Albane!« rief Sylvius mit heftigem, mit heißem Schmerz, »Du reißest mir
-mein Herz entzwei, und ich weiß nicht, ob gütiger als grausam? Vermag
-nichts, Dich zu bewegen, daß Du anderes Sinnes würdest?«
-
-»Du solltest dies nicht einmal wünschen, viel weniger fragen --«
-antwortete die Gräfinn bedeutsam. »Sieh es doch ein, mein Sylvius,
-es geschieht zu Deinem Besten, daß ich mich Deinem Wunsche weigere.
-Willigte ich in Dein Begehr, es thäte nimmer gut. Nur auf _jene_ Weise
-können wir vereint seyn -- sonst nicht. Sänke ich in Deinen Arm: ein
-Gespenst, Dir innig angeschmiegt, scheuchte mich zurück, und so oft ich
-die Ebereschen Früchte tragen sehe, würde mein Herz bluten.« -- Und Wer
-mögte sie zählen, die Tropfen Herzblut, welche bei dieser Erinnerung der
-tiefen Wunde entträufelten, die Albane geschlossen wähnte? -- Doch nur
-ihre abgehärmte Wange war geröthet, und hellblinkende Tropfen standen in
-ihren Augen. Sylvius empfand, obwohl durch die Verhärtung des
-Vorwurfs, etwas vom Zartgefühl dieses Wehes, und wie jene Stunde nimmer
-ausgelöscht werden könne. -- Und während eine unsichtbare Feder in der
-Canzlei seiner Gedanken diesen Ausspruch unterzeichnete, strebte er
-mit überredenden Worten noch dagegen an. Er erinnerte seine Frau an
-Josephine, und wie das Verhältniß des Mädchens sich bei dem Zwiespalt
-der Eltern nun gestalten solle? --
-
-»Sieh!« antwortete die Gräfinn mit nachsinnender Miene, »auch die Mutter
-muß büßen, was sie gegen ihre Pflicht als Tochter gefehlt. Es ist als
-ob das liebe Kind mir nicht angehörte. Nur was man selbst gebildet hat,
-daran glaubt man ein Recht zu haben. -- Josephine scheint sich im Stift
-sehr glücklich zu fühlen, so könnte sie zunächst unter Deiner Aufsicht
-dort bleiben. Noch bin ich durch die verhängnißvolle letztere Zeit zu
-befangen, als daß ich sogleich das Beste ausfinden könnte; aber Gott
-wird Alles zum Guten leiten! --«
-
-»Wenn Du auf diese Weise am Ende bist --« entgegnete Sylvius, »so dürfte
-meines Bleibens in Sanct Capella nicht mehr lange seyn, und ich
-ziehe noch einmal von hinnen. Ruhe zu erwerben, hoffe ich nicht; aber
-vielleicht eine Ruhestätte. Du erwartest vom Zufall, er solle sich
-Josephinens annehmen, da Du selbst das natürlichste Glück abweisest?« --
-Die Gräfinn schwieg, und antwortete nur mit einem schmerzlichen Lächeln.
-Dann sagte sie: »ich liebe Josephinens Glück mehr als das meine --
-_darin_ fühle ich mich wenigstens als Mutter.«
-
-Ohne daß Beide es merkten, verlängerte sich dies Gespräch bis in den
-dämmernden Abend hinein. Jetzt stand Sylvius auf. Es war Albanen,
-als sollte sie ihn halten, so hatten sich während ihres trauten
-Zusammenseyns abgerissene Fäden aus dem Gewebe ehemaliger Beziehungen
-leise wieder angeknüpft: denn der Geist der Liebe -- auch einer
-abgeschiedenen -- webt geschäftig.
-
-»Es wird mir nicht leicht, zu scheiden --« sagte Romana mit einem Ton,
-der diese Versicherung beglaubigte, »meine Füße sind wie Blei, und
-versagen mir ihren Dienst -- und das Herz ist mir noch schwerer. Darf
-ich Dich wiedersehen, Albane?« Er sah sie dunklen Blickes an.
-
-Das Auge der Gräfinn glänzte, ein Sonnenschein verschwundener Tage war
-darin; ein Strahl von Freude drang tief in Sylvius Herz. Sie antwortete:
-»wenn es Dich trösten mag --: so sollst Du mir willkommen seyn.« Darauf
-faßte er ihre zarte Hand, woran kein Trauring blinkte -- er ergriff sein
-einstmaliges Eigenthum so furchtsam, wenn auch innig, wie man die letzte
-Hoffnung zu fassen wagt, und fühlte einen leisen Druck der seinigen.
-Dieser elastische Druck hob mit überirdischer Federkraft den Stein von
-seinem Herzen, von der Thür der begrabenen Liebe -- und ein Engel des
-Trostes, mit Flügeln, sich zum Himmel seiner Heimath aufzuschwingen,
-ging daraus hervor.
-
- * * * * *
-
-Der Administrator stand in vollem Anzuge vor dem Spiegel. Er wollte nach
-Bühle hinüber fahren, und der Gräfinn seine Aufwartung machen, deren
-Schicksal mit dem der Seinen in wundersamer Verbindung zu stehen schien.
-Vielleicht hätte das Interesse für diese Bekanntschaft ihm dennoch Zeit
-gegönnt; aber das Verlangen drängte ihn, Josephine wieder zu sehen. Das
-Zimmer war voll Sonnenglanz -- Herr Prälat aber blickte auf keine Weise
-verblendet, die schöne männliche Gestalt musternd an, welche auch ein
-mäßiger Grad von Selbstgefälligkeit tadellos gefunden haben würde.
-Er schaute vielmehr über aller Welt Eitelkeit hinaus, sich selbst so
-forschend ins Auge, als sollte ihm in diesem Spiegel der Seele die
-Wahrheit eine Gestalt gewinnen -- und seine Finger knitterten noch an
-den Fältchen der feinen Halsbinde, während er gleichgültig dazu aussah,
-und gleichsam unbewußt der verbessernden Mühe, die er sich gab, nur an
-die Falten seines Herzens dachte. Er stand so ernst dabei wie auf dem
-Katheder. -- Doch plötzlich schien unser Professor der Psychologie sein
-Studium zu wechseln, daran zu erkennen, daß er die Farbe wechselte, und
-daß ein so entzücktes Lächeln in seinem Gesicht aufging, als ob er einen
-Stern aufgehen sähe. Und wirklich war dem so. Die Thüre ging auf, und im
-Hintergrunde des Spiegels -- als hätte, Der hinein sah, eben eine Frage
-an den Himmel gerichtet -- erschien ein zauberhaftes Bild. Vor diesem
-Glanz jugendlicher Schönheit, erhöht durch einen Schimmer überirdischer
-Freude, den die Trauer nur wie ein Wölkchen umdüsterte -- verschwand
-Alles.
-
-»Josephine! mein einzig Mädchen!« rief der Administrator mit dem hellen
-Laut wonniger Ueberraschung, »wo kommst Du her? eben wollte ich nach
-Bühle.«
-
-Sie lag in seinen umschlingenden Armen, ihr Herz schlug an dem seinen
--- und onkelhaft dreist küßte er die süßen Lippen. -- Dieser Kuß -- die
-glückselige Innigkeit dieses Moments, beraubte das Mädchen der Sprache.
-»Ach! könnte ich Dir doch nur meine Freude aussagen, daß ich wieder hier
-bin!« sagte sie mit einer Stimme, die diesem Wunsche entsprach, »Seit
-ich wußte, daß Du da bist, Onkelchen, hatte ich keine Ruhe mehr. Ich
-quälte die Mutter -- sie sagte, es schicke sich nicht. Dies Wort wollte
-mir nicht zu Sinne. Ich bin ja das Kind des Hauses -- sagte ich -- da
-mußte sie endlich meinen Bitten nachgeben.«
-
-Herr Prälat lächelte begeistert. »Du Herzenskind!« sagte er gerührt.
-»Also hält die Gräfinn doch so viel auf Anstand?« Man glaube nicht, daß
-in dieser Frage der mindeste Vorwurf für die arme Albane lag. Nein! nur
-eine leise Verwunderung, daß bei dem einsamsten Unglück noch dieser Sinn
-für das Schickliche gefunden würde.
-
-»Nun, so ist es mir lieb,« setzte er schnell hinzu, »daß ich nicht
-zögern wollen, mich ihr vorzustellen. Du siehst, ich bin darnach
-angethan -- nur mit der Halsbinde konnte ich wie gewöhnlich nicht
-zurecht kommen.«
-
-»Das sehe ich!« sagte Josephine lachend, und schickte sich an,
-nachzuhelfen. »Es ist nicht allzuschön gerathen. Dieser Zipfel hier,
-nimm es mir nicht übel! sieht so pedantisch aus, wie die Schlafmütze des
-ehrwürdigen Ludimagister in Leidthal. -- Ist es denn so schwer, solch
-ein Knötchen zu knüpfen?«
-
-Aurorens Rosenfinger verbreiteten keine lieblichere Helle, als das
-Licht, welches dem Administrator während dieser verfänglichen Minute
-aufging. Sie standen wie ein trautes Ehepaar. Er hatte seine Hände an
-Josephinens schlanken Leib gelegt, die schwarzen Bänder ihres Hutes
-bewegten sich unter _seinen_ tiefen Odemzügen -- _ihr_ Athem spielte
-fühlbar wie ein laues Lüftchen, und immer wärmer wurde ihm ums Herz. Er
-ließ sie zierlich gewähren, und verhielt sich schweigsam und lauschend.
-
-Die magische Schleife war nun geschürzt -- legen die Grazien jemals eine
-Cravatten-Fabrik an: so wird man das Modell dazu finden. --
-
-»Auf _bindende_ Künste --« äußerte Herr Prälat etwas gepreßt, »versteht
-Dein Geschlecht sich schon am Besten. Josephine!« er hob das Mädchen zu
-sich empor, »überhebe mich künftig dieser Mühe -- heirathe mich, liebe,
-theure Seele! --«
-
-»Onkel!« rief Josephine, und machte sich von ihm los. Ihre jungfräuliche
-Wange glühte zwischen Schaam und Zürnen. Sie hielt diese Sprache für
-einen Scherz.
-
-»Ich bin Dein Onkel nicht!« entgegnete Jener heftig, »diesen
-Titular-Verwandten hat Dir Fabia aufgedrungen, um den Unterschied
-unserer Jahre durch gehörigen Respekt hervorzuheben. Aber Dein Mann kann
-ich werden, wenn ich Dir anstehe, Du mein Liebstes! -- Ich dachte immer,
-Du wärst mir gut -- so könnten wir zusammen bleiben, lebenslang -- und
-Alles bliebe beim Alten.«
-
-Da lag das Mädchen an seiner Brust und stammelte: »wenn es wahr wäre --
-o Gott im Himmel!«
-
-»Es ist wahr!« wiederholte der Administrator im gefühltesten Entzücken
-dieser Versicherung, und drückte das holde hingebende Wesen innigst an
-sich, »ich liebe Dich redlich, Josephine! und will Dein bester Freund
-auf Erden seyn. Doch frage Dein Herz! ich möchte es nicht räuberisch an
-mich reißen, aus freier Wahl sollst Du es mir schenken -- oder versagen.
-Wer weiß, ob ich Dir nicht zu ernst bin, zu kränklich -- oder was Du
-sonst an mir etwa auszusetzen hättest. Mir hast Du nur Einen Fehler,
-meine süße Kleine! -- Du bist noch sehr jung -- aber ich finde Dich
-gewachsen. --« Er lächelte wie ein Liebender, indem er den schlanken
-Wuchs des Mädchens mit einem langen Blicke maß -- »nicht nur wirklich
-ein Stückchen, seit ich Dich nicht gesehen, sondern überhaupt allen
-Forderungen und Wünschen an meine künftige Frau völlig gewachsen.«
-
-In reizender Verwirrung antwortete Josephine: »es mag vielleicht
-geziemend seyn, daß ein Mädchen an sich hält: ich gebe Dir mein Ja
-ohne Weiteres. Wen könnte ich lieber haben? -- Alle meine Wünsche sind
-erfüllt. In diesem Augenblicke weiß ich es erst ganz, wie unglücklich
-ich geworden wäre, wenn ich Dich und dieses geliebte Haus auf immer
-verlassen müssen! Jetzt bin ich Dein! --« Sie warf sich mit dem Ausdruck
-der liebevollsten Hingebung in seine Arme. -- Er umpfing sie jauchzend,
-und der Spiegel verdoppelte ein Bündniß, magisch geschlungen, in dem
-einfachen Glück der Herzenseinigung, dem einzigen, was es auf Erden wie
-im Himmel giebt. --
-
-Beide hatten in diesen seligen Minuten weder an die Gräfinn, noch an
-Fabia, oder Sylvius gedacht, die doch auch ein Wörtchen dazu sagen
-könnten. Es giebt einen Instinkt der Ahnung für unser Geschlecht,
-welcher uns einem unwillkommnen Vertrauen entrinnen läßt, wenn es unser
-Herz etwa wie ein Pfeil treffen könnte. -- Auch Frau Fabia entrann auf
-leiser aber sicherer Spur Dem, was ihr Schwager ihr zu sagen hatte.
-Josephine flüchtete mit ihrem Glück in das Betstübchen der Nonne, und
-legte das Bekenntniß desselben auf diesem jungfräulichen Hausaltare
-nieder. -- Sylvius war nicht daheim. Zeitiger, als es nöthig gewesen,
-brach Josephine auf, und der Administrator begleitete sie. »Hätte ich
-doch nicht geglaubt,« sagte das Mädchen mit jener Traulichkeit, in
-welcher auch die schüchternste Verlobte sich dem ausschließendsten
-Vertrauen annähert, woran der Geliebte ein Recht hat, »daß ich einmal
-Gott danken würde, von Sanct Capella weg zu kommen, und heute ist mir
-so. Ich konnte kein Auge aufschlagen -- Fabia hat mir die heimliche
-Braut ansehen müssen. Lieber! versäume doch ja nicht, sobald als möglich
-mit ihr zu sprechen. Ich thue es bei der Mutter, und davor bangt mir
-weniger.«
-
-»Meinst Du,« fragte Herr Prälat, »der bürgerliche Eidam werde der
-Gräfinn genehm seyn? -- wenn diese Hoffnung nur nicht allzukindlich ist,
-Josephine! --«
-
-Das Mädchen kopfschüttelte zu diesem Zweifel und sprach: »Du kennst
-die Mutter nicht, mein Freund! -- Sie ist so gänzlich ohne Anspruch und
-Eigensucht -- Fabia hingegen --« Josephine flüsterte diese Worte, »neigt
-ein wenig zur _Eifersucht_, und es ist eine ganz andere Zuversicht, die
-ich zu Jener habe als zu dieser. Ewig werde ich Fabien dankbar seyn:
-denn sie hat mich treu erzogen, und ohne sie wäre ich nimmer nach Sanct
-Capella gekommen; aber das Blut aus meinen Adern wollte ich verströmen,
-daß ich die theure Albane nur einmal lächeln sähe.«
-
-Der Administrator entdeckte noch an demselben Abend auf einem einsamen
-Spaziergange dem Freunde sein Herz. Sylvius nannte sich seinen größten
-Schuldner, und gab ihm damit das gelegene Wort zur Hand.
-
-»Wir könnten sehr bald mehr als quitt werden --« gab ihm jener zur
-Antwort, »Du nahmst mir einmal die Braut -- gieb mir Deine Tochter
-zur Frau: so bin ich nicht mehr Dein Gläubiger, sondern schulde Dir
-zwiefach.«
-
-»Wenn dies Dein Ernst ist --« entgegnete Herr de Romana, »so nimmst Du
-einen Kummer von meinem Herzen, und Niemand kann bei diesem Interesse
-des Deinigen froher betheiliget seyn, als ich. Es ist mir eine Sorge
-gewesen, das Mädchen werde die Jugend hinkümmern, bei der traurigen
-Mutter, und mit all seiner Liebenswürdigkeit der Bestimmung des
-Geschlechts verloren gehen. Was wird aber Albane dazu sagen? und bist Du
-Josephinens Neigung auch gewiß?«
-
-»Ich denke doch!« antwortete der Bräutigam lächelnd, »so gewiß man
-irgend einer weiblichen Neigung seyn kann. --« Ein leiser Seufzer
-verwebte sich dieser bedingten Voraussetzung.
-
-»Auch hoffe ich,« setzte er hinzu, »das Kloster werde mich schützen, das
-Invalidencorps -- und endlich die fromme Veronica. Wisse! ein Engel der
-Treue wohnt in der Nonne, und wird, wenn diese seine kleine Herberge
-einst zusammenbricht, den Ort nicht verlassen, den er so lange heimlich
-gesegnet. -- Sieh, Freund! ich habe Zeit gehabt, reiflich darüber
-nachzudenken, welche Eigenschaften der Frau einen Mann vor allen
-glücklich machen können, und da ist denn bei meinem Denken und Sinnen
-nur jener Satz heraus gekommen, den ich mir gemerkt: daß sich auf der
-Erde in jedem Beisammenleben der Kopf erschöpft, Witz und Phantasie und
-Verstand, nur aber nie ein gutes Herz, das eine ewige Quelle ist.«
-
-Romana schwieg, und sein Freund fuhr nach einer Weile fort: »aus welchen
-wunderbaren Stoffen besteht eine einzige Mischung, die wir Liebe
-nennen! glaubst Du wohl, Sylvius, daß jene sympathetische Regungen
-der Freundschaft für Dich, nur zarter -- mich zuerst an das Mädchen
-knüpften? die magnetische Kette der Gefühle, wie weit auch angelegt,
-läßt uns empfinden, wo unser Herz stark berührt war. Was mich ferner
-mit zärtlicher Innigkeit für das Mädchen erfüllt, ist nicht die holde
-Bildung allein, sondern auch der Einfluß ihrer Bildnerinnen. Darunter
-dürfte Fabiens der bedeutendste gewesen seyn, und Fabia ist mir doch
-sehr achtungswerth.«
-
-»Und das mit Recht --« erwiederte Sylvius. »Sie gehört meines Erachtens
-zu den unerkannten Größen. Ihr Charakter, nur etwas zu schroff für eine
-Frau, ist ein Fels für das Vertrauen. Ich schätze Fabia sehr hoch.«
-
-Der folgende Morgen war schon weit vorgerückt, ohne daß Herr Prälat
-einen Augenblick finden können, in welchem seine Schwägerinn zu sprechen
-wäre. Frau Fabia schien von kleinen geschäftigen Sorgen umringt, so daß
-sein Vertrauen nicht Raum gewann; eine finstere Zerstreuung in ihrer
-Miene ließ ihn den heitern Muth nicht sammeln, mit ihr über eine Sache
-zu reden, die ihm mehr am Herzen lag, als was zu Nutz und Frommen seiner
-Häuslichkeit geschehen mögte. Ihr Blick sogar war vermeidend -- und wich
-ihm aus. Endlich haschte er den günstigen Moment und sprach: »gönne mir
-ein paar Minuten, Fabia! ich habe Dir etwas Dringendes zu sagen.«
-
-Fabia machte ihre Hand, welche er sanft gefaßt hatte, leise los, setzte
-sich nieder, jedoch mit jener Art, die es deutlich macht, daß man sich
-nur auf flüchtiges Verweilen einlassen könne und wolle, und sagte: »nun,
-so lasse doch hören, wie _dringend_ das sey, was ich vernehmen soll.«
-
-Der Administrator war um seine Fassung zu dem Vortrage, er wußte nicht
-wie? -- Er antwortete mit merklicher Verlegenheit: »Deine Stimmung
-Fabia, ist meinem Wunsch nicht freundlich, und wirkt auf mich zurück.
-Ich wollte Dir eben eröffnen, daß ich -- daß Josephine --« Fabia
-lächelte, ihre Gesichtsfarbe war blässer als gewöhnlich. Sie sprach:
-»das käme zu spät, Freund -- die Gräfinn hat mir diesen Morgen
-geschrieben, daß Du ihrer Tochter den Antrag zur Heirath gemacht. Sie
-giebt Dir ihre Einwilligung; ich aber habe nichts zu geben, als den
-Wunsch, daß der Herr Alles wohl gelingen lasse!« Und während Fabia
-diese Worte sagte, zerrann ihre Stimme und das Lächeln ihres Mundes in
-Wehmuth, in _Wermuth_ -- und ihr Schwager, erstaunt über die Taubenpost
-der weiblichen Mittheilung, fühlte ein heißes bitteres Aufwallen in
-seinem Herzen, über das er nicht ganz klar werden konnte. Er nahm
-noch einmal ihre Hand in die seinige und sagte mit ergreifenderem
-Ton: »Fabia, es scheint, Du zürnest mir. Glaube nicht, daß ich Dir
-zurückhaltend eine Absicht verschwiegen -- ich bin mir keiner bewußt
-gewesen. Der Gedanke war nur ein Blitz, in welchem mir einleuchtete,
-Josephine werde als mein Weib mich glücklich machen. Und wenn diese
-Hoffnung wirklich wird, Wem werde ich es verdanken als Dir? Du hast das
-Mädchen erzogen. Dein frommer, fester Geist wird fortwirken zu meinem
-Glück. Ich denke, wir wollen freundlich zusammen leben -- nicht? --«
-
-Fabia sah ihn verdunkelten Auges an. »Nein, Bruder!« antwortete sie mit
-jener Besänftigung und Ruhe, die nur der Selbstgewißheit angehört: »das
-würde nimmer gut thun. Das taugt nichts -- würde der Major sagen --«
-Fabia lächelte bei diesen Worten noch einmal, und zwar sehr schmerzlich.
-»Darum entlasse mich, Lieber! ich lasse Dir dafür meinen besten Segen.
--- Jenes Geheimniß, was mich unter Deinen Schutz stellte, ist gelös't --
-Was sollte Dich hinfort noch an mich binden? -- Dein Herz hat an Einer
-Pflicht genug, und diese umfaßt der Trauring. Ich werde mit der Gräfinn
-ziehen. Die arme Albane wäre ja sonst ganz verlassen, und es ist billig,
-daß ein treues Gemüth ihr vergelte, was sie an dem Vater gethan. Der
-Herr hat den Willen dazu mir in den Sinn gegeben.«
-
-Der Administrator stand stumm und sah zu Boden.
-
-Fabia fuhr nach einer kleinen Pause mit steigender Bewegung fort: »wir
-wollen nach Bonna. Dort hat die Gräfinn einen Wittwensitz, den sie
-schwerlich tauschen mögte um einen Thron, das Vaterhaus ihres Gemahls,
-Heiland genannt. Dort ist mein Platz. _Hier_ würde ich überflüssig seyn,
-das macht alt vor der Zeit. Die Heimath aber giebt auch in späten Tagen
-einen Theil der Jugend zurück. Ich werde die Wohnung meiner guten Eltern
-wiedersehen, und jener harmlosen Zeit gedenken, wo ich darin glücklich
-war. Ich werde in der Nähe ihrer Gräber leben -- und den Garten des
-südlichen Daches pflegen, den der selige Oberförster Romana angelegt
--- die Sonne mag jetzt wohl eine Wüste darauf bescheinen. -- Ich bin
-alsdann -- Du weißt es -- an geeigneter Stelle, und gleichsam wie auf
-meines Zions Zinnen.«
-
-»Fabia!« antwortete ihr Schwager von einer seltsamen Rührung bewältiget,
-»besinne Dich anders -- bleibe bei mir! es wird sich für die Gräfinn ein
-Ausweg treffen lassen. Du bist mir nothwendig geworden, Du gehörst zu
-meinem Glück. Auch ist Josephine noch so jung und unerfahren, als daß
-sie Deines Rathes nicht wohl entbehren könnte.«
-
-»Sie hat _Dich_!« entgegnete Fabia mit einem Nachdruck, der alles
-Weitere behob, »und also den Rath und den Helfer dazu. Und was
-wirthschaftliche Leistungen anbelangt, darauf legst Du ja so wenig.«
-
-Auch Fabia, meine Leserinnen, war eine _Frau_, und nur ein weiblicher
-Engel würde es verschmäht haben, ein verkanntes Verdienst geltend zu
-machen. Es ist eine göttliche Sphäre, allwo der Ruhm verschwindet, den
-wir vor den Menschen haben und vor uns selbst. Wir aber leben auf
-der mängelvollen Erde, niedergehalten von dem Bedürfniß menschlicher
-Schwachheit. Das alte Lied des Lebens singt uns in _getragenen_ Tönen
-ein. Es war nur ein Aufschwung unterdrückten Gefühls, in welchem Fabia
-sich im Geist ihrer Sinnesweise zu erheben glaubte.
-
-Der Administrator dachte beklommen dem Entschluß seiner Schwägerinn
-nach, denn es fiel ihm in Wahrheit schwer, sie künftig zu vermissen.
-Seine brüderliche Freundschaft für die getreue Fabia ließ ihn nicht
-ergründen, aus welchen Ursachen sie so fest auf dem Abschied beharre.
-
-Es giebt nur Einen Dietrich, dem kein Aufschluß widersteht, der sich
-ohne Schwierigkeit in den Besitz der geheimsten Gedanken setzt. -- Die
-Geheimnisse der Seele liegen unter magischem Schutz, und nur durch ihn
-selbst können sie beschworen werden. --
-
-Freilich sah Herr Prälat ein, daß Fabia, im Ganzen genommen, Recht
-hätte, daß ihre häusliche Unfehlbarkeit, Josephinens schüchternen
-Versuchen, als Hausfrau für sich allein zu stehen, hinderlich seyn
-würde; daß die Gräfinn Jemandes bedürfe, der mit zarter achtsamer Sorge
-um sie sey -- und wie es in der religiösen Bußfertigkeit von Fabiens
-Character liege, sich selbst zur Sühne zu geben, für das Unrecht, was
-Dieser geschehen; -- aber dennoch gestaltete sich dies Verhältniß nicht
-nach seinem Wunsch, und es war ein Zwiespalt in seinem Herzen, als ob
-eine Flamme sich trenne. --
-
-Frau Fabia nahm sich zusammen, auf daß sie ein achtungsvolles Gedenken
-mit hinweg nähme. Sie ordnete alles mit Umsicht, und stimmte nicht
-dafür, daß die Hochzeit weithin aufgeschoben würde. -- Aus der Ferne
-kamen Briefe, welche den Zeitpunkt von Theresens zweiter Verbindung um
-nicht viel später anberaumten. Dann wollten die Neuvermählten im Herbst
-zum Besuch nach Sanct Capella kommen. Major Feldmeister verjüngte sich
-vor Vergnügen. Er hätte sich beinahe von seinem Sprichwort entwöhnt,
-denn er fand gut, wie das Schicksal seiner Freunde sich gewendet hatte,
-und -- Alles taugte ihm. --
-
-Hauptmann Moorhausen sprach von einem Urlaub über Winter. Vielleicht
-wollte er im gigantischen Eise seines Gutes die Schaamröthe abkühlen,
-womit er der Ehewerbung gedachte, und in diesem zersprungenen
-Weltspiegel nur ein Bild schauen, wie der Krystallpallast seines
-Wunsches, aus dem Frost des Alters erbaut, zu Wasser geworden wäre. --
-
-Den Tag vor der Hochzeit brachte Fabia ihr Haushaltungsbuch ihrem
-Schwager, ihm Rechnung abzulegen; zu gleicher Zeit entledigte sie sich
-des Amtes der Schlüssel. Die Redlichkeit, womit sie beides geführt, gab
-diesem kleinen Act etwas Feierliches.
-
-»Fabia!« sagte der Administrator gerührt, »wollte Gott! mein Facit wäre
-einst dem Deinen gleich, und wir Alle könnten in der Rechnung bestehen,
-wie Du! -- Wie treu hat Deine liebe Hand auf meinem Nutzen gesehen!
-der Himmel möge Dich dafür belohnen!« Er küßte die nützliche Rechte mit
-einer größeren Wärme als der Dankbarkeit -- und diese zuverlässige Hand
-zitterte ein wenig. --
-
-Am Morgen der Trauung -- Josephine war nur wenige Tage vorher von
-Bühle nach dem Stift zurückgekehrt -- brachte Schwester Veronica ihrem
-Liebling den Brautkranz. Sie waren allein. Mit zitternder Stimme sagte
-sie: »Josephine! mein theures Kind! hier bringe ich Dir den Kranz, von
-_meinen_ Händen sollst Du ihn empfangen.« Das zarteste jungfräuliche
-Bewußtseyn lag in diesen Worten. »Und indem ich Dir ihn aufsetze --«
-die Nonne that es mit leisem Beben, »ist es mir, als würde mein liebes
-Kloster mir wieder eingesetzt. Liebe und Treue sind doch Altäre, die
-der Himmel aufrecht hält! -- Als ich im Frühling die Zweiglein von der
-Myrthe schnitt, zu dem Todtenkränzchen für die kleine Julie, und Perlen
-dazu fädelte: wenn mir das der Baum damals gesagt hätte! -- Auch in
-diesen habe ich Perlen geflochten, Freudenperlen! Segensthränen! trage
-ihn zu lebenslänglichem Glück! die Krone der Unschuld, die Dir Dein
-Engel reicht, _die_ trägst Du ewig! -- Heute fühle ich wieder wie groß
-Gott ist! wie gut! -- Ich bin Jungfrau, und Dein bräutlicher Anblick
-läßt mich das Entzücken einer Mutter empfinden. Ich werde nun nicht
-einsam sterben; Du, geliebtes Kind, wirst mir meine Augen schließen --
-und dann den Ring erben.«
-
-Josephine umschlang die Nonne, und drückte schon jetzt, sanft küssend,
-die weinenden zu, das heilige Vermächtniß zu besiegeln. Sie war eine
-Erbinn dieses Herzens und seines Friedens.
-
-
-
-
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-Der Text des Originalbuches wurde grundsätzlich beibehalten,
-einschließlich uneinheitlicher Schreibweisen wie beispielsweise
-"irdisch" -- "irrdisch", "ist's" -- "ists", "Lieutenant" -- "Lieutnant",
-"Obristin" -- "Obristinn",
-
-mit folgenden Ausnahmen,
-
- Seite 6:
- "Aufsicht" geändert in "Aussicht"
- (ohne Aussicht auf eine andere Versorgung)
-
- Seite 18:
- "nnd" geändert in "und"
- (und fragte ihn um seine Meinung)
-
- Seite 19:
- "«" hinter "Freundes." entfernt
- (und Romana lag in den Armen seines Freundes.)
-
- Seite 26:
- "Gemeine" geändert in "Gemeinde"
- (Anhänger einer frommen Gemeinde geworden sey)
-
- Seite 26:
- "geretttet" geändert in "gerettet"
- (auf beinahe übernatürliche Weise gerettet worden)
-
- Seite 59:
- "»" eingefügt
- (»doch diese Frage ist wohl vom Ueberfluß)
-
- Seite 64:
- "erinnnere" geändert in "erinnere"
- (an den ich mich aus vergangener Zeit erinnere)
-
- Seite 66:
- "«," geändert in ",«"
- (»Entlassen Sie mich --,« bat Albane)
-
- Seite 79:
- "Famile" geändert in "Familie"
- (Juwelen der gräflich Frankensternschen Familie liegen darin)
-
- Seite 84:
- "entsinnnen" geändert in "entsinnen"
- (jenes schrecklichen Abends noch ganz genau zu entsinnen)
-
- Seite 86:
- "«" eingefügt
- (Mein Herr und Heiland!«)
-
- Seite 90:
- "Übersättigung" geändert in "Uebersättigung"
- (Vielleicht hatte eine gewisse Uebersättigung)
-
- Seite 103:
- "»" vor "regieren" entfernt
- (regieren gestrenge Herren nicht lange)
-
- Seite 103:
- "»" eingefügt
- (»Des Abends waren wir zusammen)
-
- Seite 104:
- "«," geändert in ",«"
- (»Nicht immer --,« antwortete sie halblaut)
-
- Seite 112:
- "»" eingefügt
- (»Du bist nun auch eine Wittwe)
-
- Seite 126:
- "«," geändert in ",«"
- (»Ich glaube Ihnen --,« sagte Rudolph bewältigt)
-
- Seite 128:
- "»" eingefügt
- (»heute noch! sogleich)
-
- Seite 133:
- "«," geändert in ",«"
- (Sie werden --,« dies setzte der Lieutnant)
-
- Seite 134:
- "." eingefügt
- (dem Vorschlag ihres Freundes geneigt zu machen.)
-
- Seite 135:
- "Blaßbau" geändert in "Blaßblau"
- (mischte das Blaßblau eines fernen Amphitheaters von Bergen)
-
- Seite 138:
- "Vei" geändert in "Bei"
- (Bei einem Bug der Straße öffnete sich die Aussicht)
-
- Seite 142:
- "gefordet" geändert in "gefordert"
- (nichts von der jungen Frau gefordert ward)
-
- Seite 151:
- "»" eingefügt
- (»Noch ist die Mutter betäubt)
-
- Seite 163:
- "«" eingefügt
- (Deine --«)
-
- Seite 170:
- "," geändert in "."
- (Josephine scheint ein Engel.)
-
- Seite 171:
- "anwortete" geändert in "antwortete"
- (Die fromme Fabia antwortete)
-
- Seite 172:
- "Borna" geändert in "Bonna"
- (den Tag vor ihrer Abreise von Bonna)
-
- Seite 174:
- "sie" geändert in "Sie"
- (doch werden Sie zugeben, daß jenes Depot geeignet war)
-
- Seite 175:
- "»" eingefügt
- (»hätte ich diesen Schlüssel wohl so nahe)
-
- Seite 196:
- "Batrachtungen" geändert in "Betrachtungen"
- (In Folge dieser Betrachtungen sagte er)
-
- Seite 202:
- "geschwisterliche" geändert in "geschwisterlichen"
- (riß bei dieser geschwisterlichen Beziehung ab)
-
- Seite 202:
- "Thereseu" geändert in "Theresen"
- (Was soll nun aus Theresen werden?)
-
- Seite 202:
- "«" eingefügt
- (Ich glaube, gute Fabia,«)
-
- Seite 202:
- "dem" geändert in "den"
- (Er schloß mit den Worten)
-
- Seite 205:
- "des" eingefügt
- (giebt jedoch einen Zustand des Leibes und der Seele)
-
- Seite 206:
- "Offfziere" geändert in "Offiziere"
- (Die Offiziere in Corpore kamen, um dem Administrator)
-
- Seite 208:
- "das" geändert in "daß"
- (Aber eben so gewiß ist es, daß jenes schöpferische Genie)
-
- Seite 213:
- "»" eingefügt
- (»Mir ist wahrhaftig in Gott)
-
- Seite 242:
- "öffentlilichen" geändert in "öffentlichen"
- (zu der öffentlichen Rechtfertigung unseres geheimen Bündnisses)]
-
-
-
-
-
-
-
-End of the Project Gutenberg EBook of Die Schwägerinnen. Zweiter Theil., by
-Henriette Hanke
-
-*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DIE SCHWÄGERINNEN. ZWEITER THEIL. ***
-
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-for nearly any purpose such as creation of derivative works, reports,
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-
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-Foundation" or PGLAF), owns a compilation copyright in the collection
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-Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
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