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-Project Gutenberg's Die Schwägerinnen. Zweiter Theil., by Henriette Hanke
-
-This eBook is for the use of anyone anywhere in the United States and most
-other parts of the world at no cost and with almost no restrictions
-whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it under the terms of
-the Project Gutenberg License included with this eBook or online at
-www.gutenberg.org. If you are not located in the United States, you'll have
-to check the laws of the country where you are located before using this ebook.
-
-
-
-Title: Die Schwägerinnen. Zweiter Theil.
-
-Author: Henriette Hanke
-
-Release Date: October 4, 2015 [EBook #50128]
-
-Language: German
-
-Character set encoding: ISO-8859-1
-
-*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DIE SCHWÄGERINNEN. ZWEITER THEIL. ***
-
-
-
-
-Produced by The Online Distributed Proofreading Team at
-http://www.pgdp.net (This file was produced from images
-generously made available by The Internet Archive)
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-
-[ Symbole für Schriftarten: _gesperrt_ : =Antiqua= ]
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- Die Schwägerinnen.
-
- Roman
- von
- Henriette Hanke
- geb. Arndt.
-
- Zweiter Theil.
-
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- Ist die Natur nicht mit dem Glück im Bunde,
- Dann kommt sie übel fort, wie jede Saat,
- Die man gesäet auf fremdem falschen Grunde.
-
- _Dante Alighieri._
-
-
- Hannover, 1836.
- Im Verlage der Hahnschen Hofbuchhandlung.
-
-
-
-
-Graf Frankenstern war der letzte Sprößling eines alten fränkischen
-Geschlechts. Früh verwais't, seinem Stammhaus entfremdet, hatte er den
-Besitz der deutschen Standesherrschaft Bonna und Bühle, einer Spaltung
-der Familie und dem Unglück seines Oheims zu danken, der vier kräftige
-Söhne in der Blüthe ihrer Jugend hinsterben sah, um dies reiche Majorat
-einem kränklichen Neffen zu hinterlassen, der schon im Sarge gelegen.
-Graf Frankenstern war von Kindheit an zu Starrkrampf geneigt, und in
-solchem Zustande einmal für todt gehalten worden. Ein rettender Zufall
-gab ihn dem Leben zurück; doch den tiefen Eindruck jener entsetzlichen
-Gefahr nahm die Oberfläche der Welt nicht mehr hinweg. Dem edlen
-Gesichte blieben leichenhafte Züge, ein Grauen vor Allem, was an das
-Grab erinnert, wurzelte tief in der Natur dieses Erstandenen, und jene
-bange einsame Ruhe, welche die Todten umschwebt, wich nie von seiner
-blassen Stirne. --
-
-Von seinem Oheim mit kalter Strenge behandelt, hatte Graf Frankenstern
-schon zeitig das Weh empfunden, ein aufgedrungener Erbe zu seyn. Kein
-inniges Band zärtlicher Achtung knüpfte ihn an seine Verwandten, Liebe
-machte seine dankbare Pflicht nicht freiwillig: das Schloß zu Bonna war
-eine Oede des Hasses für seinen künftigen Herrn. Als dieser nun auf
-eine ferne Ritterschule kam, fühlte er sich zum erstenmale gesellig
-glücklich, und in einem Zusammenhange, der sein Herz erweiterte.
-Vorzugsweise schloß er sich an einen jungen Edelmann fremder
-Abkunft, und vielleicht war es weniger manches Gleiche in den äußern
-Verhältnissen der beiden Jünglinge, als ihre innerste Verschiedenheit,
-was diese Freundschaft begründete.
-
-Sylvius de Romana war durch ein seltsames Geschick von den Küsten seiner
-Heimath auf den Boden dieses Landes verschlagen worden. Seine Vorfahren
-hatten großen Rang und Reichthum in Spanien behauptet, doch den
-Umschwung ihres zeitlichen Glückes erfahren, und seitdem die schwebende
-Fortuna auf andern Stellen der Erdkugel gesucht. Eine junge verwittwete
-Dame jenes einst glänzenden Namens bewohnte im Gebiet von Valencia ein
-verfallnes Landhaus am Meere. Sie hatte den Gemahl auf einer Seereise
-verloren, und den letzten schmerzlichen Trost entbehrt, seinen Leichnam
-gesehen zu haben. Sein Ebenbild, ein holder Knabe, war ihr einziges
-Glück! -- Nach einer stürmischen Gewitternacht, in der ein Schiff
-verunglückt war, fand Donna Romana einen Mann besinnungslos an einen
-Balken geklammert, unter Trümmern am Strande. Sein Blut floß aus einer
-Armwunde, die er im Kampf gegen den Untergang davon getragen haben
-mogte, sacht in den glühenden Sand. Dieser traurige Anblick regte in der
-Spanierinn Erinnerungen auf, die sie bestimmten, sich des Ohnmächtigen
-anzunehmen. Sie glaubte noch schwache Spuren des Lebens in ihm zu
-entdecken. Es war der Kaufmann, den jener Verlust betroffen; doch die
-Dame dachte nur an ihren eigenen, indem sie ihm Hülfe leistete. Sie ließ
-ihn in das Landhaus tragen und pflegte sein mit samaritischem Geist. Er
-erkrankte schwer, das Fieber ward durch die schädlichen Einflüsse des
-Climas und der Jahreszeit auflösend; doch er genas, und kaum war der
-Sieg seiner rüstigen Natur entschieden, als die gute Dame ein Opfer
-ihrer Menschenfreundlichkeit ward. Die Dame richtete die schwarzen
-Augen, vor denen die Schatten des Todes schwebten, auf den
-unglückseligen Gast, der händeringend an ihrem Lager stand -- dann
-erlosch ihr Blick, dieser mütterliche Strahl, auf dem weinenden Gesicht
-ihres Kindes. Der Kaufmann vergaß niemals diesen Blick. Das Lächeln,
-womit die Mutter starb, als sie ihren Sohn in den Armen jenes Mannes
-und sich verstanden sah, hatte ein Testament in sein redliches Herz
-geschrieben, mit Zügen, die keine Zeit verwischte. Niemand that
-Einspruch, als der Fremdling den kleinen Romana als sein Eigenthum
-ansah, und sobald er dazu im Stande war, ihn fortführte von dieser
-traurigen Küste. Der kleine Sylvius nahm nichts von dort mit sich
-hinweg, als ein dämmerndes Gedenken an die Schönheit seines Vaterlandes,
-eine Sprache, die in der Stimme seiner Mutter lebenslang wie
-Frühlingslaut an seine Seele rührte -- und das Blut seiner Nation, das
-stolz und heiß in seinen Adern floß. Im Hause des Kaufmanns kam dem
-Knaben daher -- sprüchwörtlich gesagt -- Alles spanisch vor, und nichts
-heimisch. Bis dahin hatte er im Garten des mütterlichen Landhauses
-unter einer Dattelpalme, in deren Kern sich bekanntlich die
-Seidenraupe einspinnt, den langen Tag der Kindheit verträumt, und,
-ein Fischerliedchen summend, kleine Grotten von Muscheln gebaut. Jetzt
-schirmte ihn zwar auch der Baum des Friedens und des Fleißes; aber der
-Ernst eines geschäftsthätigen Lebens rief seine Kräfte zu nützlicher
-Uebung auf. Das jüngste Töchterchen des Kaufmanns hatte sich mit Sylvius
-in eine Art von Verständniß zu setzen gewußt, die andern Geschwister
-nicht. Die kleine Blanka schien ihm ein Engel, und waltete schützend
-um ihm wie ein solcher. Einst sagte sie bittend: »Vater! lasse doch den
-kleinen Ritter --« der Kaufmann lächelte zu dieser anmuthigen Benennung,
--- »nicht mehr in die Manufactur gehen; das Getöse der Webstühle macht
-ihm Kopfschmerz.« Der Vater legte seine Hand auf die blonden Flechten
-seines Kindes und sprach: »das Meer, daran die Wiege Deines kleinen
-Freundes gestanden, toset viel stärker, Blanka!«
-
-Aber er sorgte dafür, daß Sylvius bald darauf in verhältnißmäßige
-Aufsicht käme, und brachte ihn später in jenes adelige Institut, wo
-er sich, wie wir bereits erwähnt, mit Graf Frankenstern freundlich
-zusammenfand. Als die Zeit ihrer Trennung gekommen war, dachten sie
-kaum, wann? und wo? ein günstiger Stern sie wieder vereinigen werde, und
-eben so wenig daran, einen Briefwechsel zu verabreden. Das Band einer
-jugendlichen Freundschaft hält sich so stark, daß es keiner Verknüpfung
-dieser Art bedarf oder zu bedürfen glaubt.
-
-Graf Frankenstern kehrte nach Bonna zurück, und nahm die Stellung ein,
-auf die er Ansprüche hatte. Die Welt zog ihn in ihre Kreise, ohne daß er
-sich ihrem Interesse hätte anschließen können; immer war und blieb der
-Hang zur Einsamkeit vorherrschend in ihm.
-
-Als er nach dem Tode seines Oheims die Güter antrat, meinte er, es
-sey nun schicklich, daß er sich vermähle. Wenig zugänglich für
-leidenschaftliche Gefühle der Liebe, richtete er mit ruhiger Ueberlegung
-sein Augenmerk auf die Töchter edler Herkunft, und seine Wahl fiel auf
-ein liebes, leutseliges Wesen, welches den Grafen durch eine Ahnung
-von Stille für sich einnahm, die in diesem Gemüth wohne, und ihn ein
-Uebereinstimmen ihrer Neigungen hoffen ließ. Ein so glänzendes Loos
-wäre dem Fräulein nicht im Traume eingefallen. Dies liebenswerthe Kind,
-elternlos und unbegütert, lebte in Mitten einer hochmüthigen Familie,
-hart gedrückt, und war, ohne Aussicht auf eine andere Versorgung,
-entschlossen gewesen, den Schleier zu nehmen, der damals noch manches
-Mädchen durch freiwillige Entsagung vor dem Schmerz schützte, unbegehrt
-von einem Manne zu bleiben. Der irdische Bräutigam kam bei dem Fräulein
-dem himmlischen zuvor, und ein beinahe fürstlicher Brautschatz machte es
-dem Gelübde der Armuth untreu.
-
-Aber es schien doch, als ob jene Idee Beruf und Element dieser
-jungfräulichen Seele gewesen wäre. Ein klösterlicher Hauch -- wenn wir
-so sagen dürften -- schwebte um die Gestalt der jungen Gräfinn, und
-die Blume ihres Glückes hatte einen Athem von Resignation. Sie verehrte
-ihren Gemahl gleich einem Schutzheiligen, hütete sich sorgsam, gegen
-seine Eigenheiten zu verstoßen, deren der Graf wirklich viele hatte;
-doch war es nur Achtung, nicht Liebe, was die Gräfinn so zart in ihren
-Pflichten machte. In ihrem Herzen blieb eine Lücke, welche der ganze
-Vollbesitz ihrer Lage nicht auszufüllen vermogte. Einen verborgenen
-Kummer trug sie darüber. In ihrer linken Brust war eine kleine
-Verhärtung entstanden, die Gräfinn wußte nicht wie? Sie hatte lange
-keine Gelegenheit, einen Sachverständigen um Rath zu fragen, und dann
-eine schmerzliche Schaam zu überwinden, als es später doch geschah. Der
-Graf duldete keinen Wundarzt erster Classe im Bereich seiner Herrschaft,
-und der Bader des Ortes mußte sich wie ein Geächteter seinem Blick
-entziehen. Als die Gräfinn ihrem Gemahl sanfte Vorstellungen zu machen
-pflegte, ward er heftig und sagte: »nein, nein! meine Liebste! solch ein
-Messer in der Hand des Chirurgs, was er mit Gleichgültigkeit entblößt,
-während das arme Opfer zitternd sitzt und nach dem furchtbaren Stahl
-zitternd hinblinzelt -- ist mir nicht viel anders, als ob ich ein
-Richtschwert schwingen sähe. --« Ein jäher Krampf flog über seine Züge,
-die Gräfinn erbleichte -- und es war nie mehr die Rede davon.
-
-Nur zum Behuf des Gottesdienstes durften die Glocken in Bonna geläutet
-werden; die Todten wurden ohne Sang und Klang bestattet. Der Graf
-entschädigte die Geistlichkeit für den Verlust, den sie an diesen
-stillen Begräbnissen erlitt, sehr freigebig. Doch, wie väterlich er
-für seine Unterthanen sorgte, ihnen Krankenhäuser baute, nasse Augen
-heimlich trocknete, und sich als den Schutzfreund ihrer Wittwen und
-Waisen bewies, so verziehen sie es ihm doch nicht, daß er ihnen den
-Genuß öffentlicher Trauer und Thränen raubte; das Gepränge mit ihren
-Todten galt ihnen mehr, als die Zufriedenheit der Lebendigen. Daß ihr
-gütiger Grundherr einen Grund zu diesem Verfahren haben müsse, dies
-sahen sie nicht ein. Der Graf fühlte jedesmal eine Anwandlung seiner
-Krankheit, so oft er einen Leichenzug erblickte. Endlich machte er
-seinen Unterthanen den Vorschlag, ihre Gestorbenen zu verbrennen,
-und diese classische Idee wurzelte in seiner nervösen Furcht vor der
-Möglichkeit, lebendig begraben zu werden. Alle Spuren der Verwesung
-wären dann vertilgt vom Boden seines Gebiets, und er war Willens, der
-Erfüllung dieses Wunsches Denen, die sich ihm fügten, große Vortheile
-einzuräumen. Der Aschenkrug, darin die Reste der guten Landleute von
-Bonna gesammelt würden, sollte ein volles Maß von Wohlergehen über sie
-ausgießen. -- Aber es gab einen Aufruhr -- und wenig fehlte, so hätten
-sie das Schloß gestürmt und den Grafen gesteinigt. Nur die abgöttische
-Hochachtung vor seiner Gemahlinn hielt das Volk von roher Unbill zurück.
-
-Von dieser Zeit an ward Graf Frankenstern mit Vorurtheil gehaßt. Dies
-nährte seinen tiefsinnigen Stolz, und er verschloß sich in sich
-selbst; nur das Gefühl, geliebt zu seyn, macht populair. Seine Güte
-war Grundsatz, deshalb erschütterte ihn der Undank nicht; aber er stand
-allein, und auf einer schroffen Spitze.
-
-»Das wollen wir erleben, _Der_ wird noch überschnappen --« sagte der
-Bader, so oft er eine alte Gevatterinn zur Ader ließ, beflissen, den
-Widerwillen des Grafen gegen seine Person auf eine Art zu erklären, die
-nur Jenem schadete. So kam das Gerücht in Umlauf, es sey nicht richtig
-mit ihm. Und da die Sage es ist, welche Verhältnisse schafft, so wie
-nicht selten durch die Meinung Zustände entstehen: so schwebte auch
-dieserhalb Graf Frankenstern in Gefahr, für wahnsinnig gehalten zu
-werden.
-
-Mit jener tiefen Wehmuth, die nur die Reichen dieser Welt kennen, die da
-wissen, wie nichtig eitler Besitz für das Bedürfniß des Glückes sey
--- entäußerte sich die Gräfinn ihrer Vorzüge, und meinte das Beste
-zu entbehren, da es nicht in ihrem Vermögen läge, ihren Gemahl zu
-erheitern. Sie glaubte, seine finstere Seele werde sanften Eindrücken
-sich öffnen, als sie sich Mutter fühlte, und ihr ganzes Herz hing
-an diese Hoffnung. Die Gräfinn ward von einem Knaben entbunden, aber
-schwer; es mußte ein Geburtshelfer geholt werden. Der Graf hielt sich
-in seinen Zimmern, und kam nicht eher wieder zum Vorschein, bis man ihm
-sagte, Alles wäre vorüber.
-
-Wie duldsam die Gräfinn nun auch war, eine kleine Empfindlichkeit, so
-weit ihre Schwäche sie zuließ, konnte sie doch nicht bergen. Und als das
-Kind nach kurzer Zeit an Krämpfen starb, brachte der Gedanke, mit welch
-einsamen Schmerzen sie es geboren, und daß die Natur des Vaters es
-ihr entrissen -- die Mutter aus dem Gleichgewicht sanftmüthiger
-Gelassenheit, so daß sie schwankte, zwischen Groll und Gram. Der Graf
-weigerte sich, den kleinen Leichnam zu sehen, und seine Gattinn fühlte
-sich verlassen wie eine Wittwe, da sie ihn mit ihren mütterlichen
-Thränen salbte. »Mein Kind, mein süßes, kleines Kind!« jammerte die
-Gräfinn, »so mußtest Du mir hinsterben, bewußtlos wie eine Blume
-einschläft, die in tödtendem Frost erschauert! -- Und kaum habe ich das
-Blinken Deines Auges gesehen, keinen Blick des Verstandes. --«
-
-»Das Kind war weise --« sprach der Graf am Fenster eines Coridors, wo er
-in der umgebenden Stille die Klage seiner Frau vernommen hatte.
-
-»_Weiß_? sagst Du?« fragte die Gräfinn, aufhorchend, welch ein Wort
-der stumme, scheinbar kalte Vater fallen ließe, und schritt mit matten
-Schritten näher, »nein, da irrst Du, mein Gemahl! es hatte von Geburt an
-eine blaurothe Farbe.«
-
-»Es war _weise_, sagte ich,« betonte der Graf, »denn es sträubte sich
-gegen das Licht dieser Welt, und hat sie bald wieder verlassen, weil
-sich die Mühe des Lebens nicht verlohnt.«
-
-Diese Worte schnitten mit zwiefachem Weh in die Seele der Mutter, sie
-erinnerten an Stunden der Angst, und zeigten, welch eine düstere Ansicht
-ihr Gemahl von einem Daseyn hätte, das Schätze über seinem Haupte
-gehäuft, ohne ihm eine Freude abzugewinnen.
-
-Die Gräfinn konnte sich nicht von dem Anblick ihres Kindes trennen, und
-hätte es lieber wie ein Bild unter Glas und Rahmen gesetzt. Sie schützte
-vor, es könne wohl gar in Starrsucht liegen; aber es lag im Arm des
-Todes.
-
-Der Graf hatte die ganze Zeit unbeschreiblich gelitten, und sein
-bleiches, verstörtes Gesicht forderte Schonung für seinen Zustand.
-Da dieser Zustand nun das Geheimniß eines Leidens war, was innig
-verflochten in das wundervolle Gewebe der Nerven, nicht minder eine
-Krankheit der Seele wie des Körpers genannt werden können, und die
-Menschen in der Regel nur ein mitleidiges Auge für sichtbare Uebel
-haben: so schonte selbst die Gräfinn bei aller natürlichen Zartheit der
-Empfindung, ihren Gemahl nicht immer genug. Wir wollen bedenken, daß
-der Gräfinn jenes Gefühl für ihn abging, welches allein den Geist zu
-durchdringen vermag: die _Liebe_ -- das tiefste Verständniß! --
-
-Ob wir auch Tugenden an dieser liebenswürdigen Frau rühmen müssen,
-die kein Gemeingut ihres Geschlechts sind, und nur das Eigenthum der
-edelsten weiblichen Seelen, so war sie doch als Evas Tochter von einer
-kleinen Schwäche nicht frei. Der Reiz des Versagten wirkte auf
-ihren bescheidenen Sinn. In absonderlicher Hinneigung zu Aerzten und
-Wundärzten, nahm sie den geringsten Anlaß wahr, ihre Kunst anzusprechen,
-selbst den Bader von Bonna grüßte sie freundlich und bedeutsam -- was
-freilich zur Ehre eines vergütenden Willens erklärt werden könnte. Für
-die Utensilien des Todes hatte die Gräfinn ein bemerkendes Interesse;
-und so wie Jemand das, was eine Gestalt in ihm gewonnen, in jedem
-Gegenstande erblickt: so prägte sich ihr Alles zu Bildern der
-Sterblichkeit aus.
-
-Im Verschluß ihres Gemahls befand sie eine Chatoulle, worin die Juwelen
-der Familie aufgehoben lagen. Dies Kästchen, von einer Form, wie man
-auch jetzt noch, nur im kleinsten Verhältniß, ein kompendiöses Nähzeug
-für Damen kennt, war von dunklem Saffian; um die schmal abwärts laufende
-Höhe zog sich eine feine stählerne Gallerie, Schloß und Handhaben waren
-massiv und von Silber. Die Gräfinn, gleichgültig gegen Schmuck und Putz,
-so daß sie als Braut jedes schimmernde Geschenk verschmäht hatte,
-liebte von allem Geschmeide nur Perlen. Eines Tages erwähnte sie
-gesprächsweise, daß die Perlen im Halsband von ihrer seligen Mutter,
-worin sie sich trauen lassen, nun auch abgestorben wären. Sie sagte
-dies mit so bekümmerter Miene, als wäre ein Leben von größerem Werth ihr
-erblichen. »O! da sey ruhig, mein Schatz!« antwortete der Graf eilig,
-weil jener bildliche Ausdruck ihn schon leise ängstete, »Perlen kannst
-Du sehr schön haben, wirklich köstlich; ächte! orientalische! --« Und
-mit freundlicher Gefälligkeit für den Geschmack der Gattinn, ließ er das
-Kästchen aus dem Behältniß eines Schrankes heben, und reichte ihr
-den Schlüssel. Die Gräfinn war doch eine Frau. Mit leuchtenden Augen
-betrachtete sie das nette Köfferchen und sprach: »ist dies doch ein
-förmlich kleiner Sarg! das niedlichste Modell zu einem solchen. Oben
-fehlt nur noch das Crucifix, so ist er fertig.« Das Schloß, leise
-erklingend, that sich auf; dieser Ton, jene Worte, berührten in dem
-Grafen eine überspannte Saite -- und schaudernd wendete er sich ab.
-
-»Und innen auch --« fuhr die Gräfinn unvorsichtig fort, »dieses duftende
-Kissen von weißem Atlaß, mit kleinen Franzen besetzt, was darauf ruht,
-ist doch ein wenig mehr als Staub. --« Sie nahm ein Stück nach dem
-andern heraus, und der Schimmer der Edelsteine spiegelte sich in ihrem
-lächelnden Blicke.
-
-Der Graf bat seine Frau mit dumpfer Stimme, das Kästchen von nun an in
-Gewahrsam zu behalten.
-
-Eine abermalige Niederkunft der Gräfinn war nicht glücklicher als die
-erste. Das Kind starb an Krämpfen. Sie fing an zu zweifeln, daß ihr
-Mutterfreuden beschieden seyn würden, nur halb getröstet von dem
-Gedanken, es geschehe ihr zum Wohl: denn kränklichen Geschöpfen das
-Leben gegeben zu haben für langes Leiden, sey viel schmerzlicher, als
-ihren frühen Tod zu beweinen.
-
-Graf Frankenstern nahm diesen Verlust mit gewohnter düstrer Fassung hin,
-und diese melancholische Unempfindlichkeit vereinsamte seine Gattinn in
-ihrem Schmerz. Mit der bedenklichen Stelle in ihrer linken Brust war
-es während jener Zustände schlimmer geworden, und ein erfahrener Arzt
-äußerte, wenn die Gräfinn nur nicht wieder guter Hoffnung würde, so
-dürfe sie schon ohne Furcht seyn. --
-
-Eine Reihe von Jahren war hingegangen, ohne daß irgend ein Ereigniß
-bedeutender Art die tiefe, eintönige Ruhe im Schloß zu Bonna
-unterbrochen hätte. Es war der Gräfinn zuweilen, als hätte sie seit
-ihrer Verheirathung ein Weltalter durchlebt. -- Sie brachte jeden
-Sommer eine Zeitlang in Bühle zu und besuchte dann freundschaftlich die
-Cisterzienserinnen von Sanct Capella. Mit einem schmerzlichen Lächeln
-blickte sie in das heitere, vollblühende Gesicht mancher geistlichen
-Schwester, deren Geburtstag nicht weit von dem ihrigen aus einander lag.
-Sie sah an dem jungen Zuwachs der Töchter auf den Gütern ihres Gemahls,
-daß sie alt würde, und nahm in trübem Verzichten auf die Freuden des
-Lebens das Gefühl einer Matrone voraus. Die schweigsame Haltung
-des Grafen, die goldne Wucht des Reichthums und der Druck der
-Gleichmäßigkeit, beugte ihre liebliche Gestalt vor der Zeit.
-
-Jetzt aber wurde die Gräfinn, deren zarte Gesundheit selten gestört
-gewesen, sehr kränklich und verfiel sichtbar. Ein Arzt, dem die Gräfinn
-ihr Zutrauen schenkte, meinte, als er ihre Klage vernahm, sie fühle sich
-beengt und einen Andrang nach dem Herzen -- traurige Gedanken schwebten
-ihr beständig vor, und sie sey nicht mehr im Stande, die Stimmung ihres
-Gemahls auszuhalten --: es läge ihr ein wenig im Gemüth, und Zerstreuung
-würde hier das Beste thun. Die Gräfinn schüttelte leise den Kopf, wobei
-ein paar Thränen von ihren Wimpern tropften. Sie sprach: »habe ich jene
-Schwermuth, unter der eine Frau unsäglich leidet, doch so lange mit
-Freudigkeit getragen, warum sinkt mir denn jetzt der Muth?«
-
-»Weil jede Last mit jedem Tage schwerer und zuletzt unerträglich
-wird --« erwiederte ihr hierauf der Doctor. Er gab sein Gutachten dahin
-ab, daß, wenn der Graf sich entschließen könnte, die Bäder von S... zu
-gebrauchen, so wäre hoffentlich auch seiner Gemahlinn geholfen. -- Es
-kostete einen schweren Entschluß, daß dieser Rath befolgt würde. Der
-Graf war beinahe menschenscheu, die Gräfinn, durch langes Entwöhnen von
-geselligem Umgang nonnenhaft blöde geworden; es grauete Beiden vor dem
-Geräusch der Welt. Der Graf machte die schöne Reise wie ein Automat. Er
-sprach nur, was er mußte. -- Die Gräfinn saß stumm an seiner Seite,
-und ihr Blick streifte düster über die wallenden Getraidefelder hin, an
-denen noch die letzte Blüthe hing -- oder tauchte unter in ein Meer von
-Sorgen. Sie ließ halten, so oft ein Fußgänger, mühselig und beladen, ein
-Armer am Wege mit neidendem Staunen zu der prächtigen Equipage aufsah,
-und reichte ein Geldstück heraus, das ihm fröhlich weiter half. So
-sammelte die gute Gräfinn tausend Segenswünsche ein, und der große
-Rentirer an der Hauptcasse des Himmels zahlte richtig an Ort und Stelle
-die Zinsen des Wohlthuns.
-
-In dem pallastähnlichen Hause, worin Graf Frankenstern mit seiner
-Gemahlinn Wohnung fand, hatte die nächst daran stoßenden Zimmer ein
-alter freundlicher Mann, mit einer jungen blassen Frau inne.
-
-Ein Zufall brachte die Gräfinn schon am ersten Morgen in nähernde
-Beziehung zu dem alten Nachbar. Es war ein berühmter Accoucheur, der
-seiner Schwiegertochter zu Liebe hierher gekommen war. Er erzählte,
-die junge Frau hätte fünf todte Kinder geboren, »und _fünftausend
-lebendige_,« setzte er mit summarischem Accent und einer Mischung von
-Stolz und Schmerz hinzu: »habe ich mit dieser meiner Hand eingetragen,
-und komme mir deshalb wie ein kleiner Herrgott vor, der seine Kinder
-=nolens volens= an das Licht bringt.«
-
-Bei diesen Worten hob er die Hand empor, die obgleich klein und hager
-doch so gewaltig war; der Gräfinn Auge haftete auf einem Siegelringe
-am Finger des Priesters der Lucina. Sie erröthete gleich dem schönen
-Carniol, und faßte ein Herz zu diesem Manne. --
-
-»Mein bleiches Töchterchen,« fuhr er fort, »thut mir leid; das gute Weib
-grämt sich und weint oftmals im Stillen, eine Leichenmutter zu seyn.
-Und ich, der Geburtshelfer! kann ihr nicht helfen, und muß meinen Ruf
-verlieren am eigenen Blut. So kannte ich einen Mann, der die halbe
-verkrüppelte Welt gerade gemacht hatte, und sein einziger Sohn war
-ein Aesop. Dies ist ein herber Spott für die Kunst, und ein mächtiger
-Schlagbaum gegen den Egoismus; aber gewiß eine weise Einrichtung von
-Gott. Die Kräfte des Einzelnen gehören der Menschheit und nicht seinem
-Glück.«
-
-Die Gräfinn hörte ihm mit ersichtlicher Theilnahme zu. Sie kam sich,
-im Vergleich zu jener beklagenswerthen Frau, minder unglücklich vor. So
-erwähnte sie ihrer eigenen Leiden, und fragte ihn um seine Meinung, über
-den Gebrauch der Bäder dieses Ortes für sie selbst. Der Alte that ein
-paar Querfragen, dann mit einem practischen Lächeln den Ausspruch: die
-Gräfinn würde noch vor Ablauf des Jahres einer kleinen Wanne bedürfen.
--- Sie sah ihn an mit einem Blick -- einem Blick! -- wenn, nach einem
-platonischen Ausdruck, Verwunderung die Mutter des Schönen und Guten
-sey: so dürfen wir, in kühner Anwendung desselben, die Gräfinn als eine
-Gesegnete ihres Geschlechts betrachten.
-
-In dieser Stunde ging der Graf einsam ins Freie; er überließ sich seinen
-Gedanken, und gerieth auf einen jener geheimnißvollen Spaziergänge,
-die dadurch an ihrem Reiz verlieren, daß die Menge sie weder kennt noch
-sucht. Unter dem Niederhang einer Birke saß ein Mann, der einen Knaben
-zwischen seinen Knieen hielt, dem er aus einem Buche etwas zu erklären
-schien. Der Graf grüßte stumm und ging vorüber. »Gieb Acht, Sylvius!«
-sagte der Fremde, als der Knabe zerstreut Jenem mit seinen Blicken
-folgte.
-
-»Sylvius!« wiederholte der Graf leise, und blieb stehen, um einem
-Echo der Erinnerung zu lauschen. Als er aber jenen Mann mit einer
-fremdartigen Aussprache weiter reden hörte, rief er, daß Berg und Thal
-davon wiederhallte: »Sylvius!« Vater und Sohn dieses Namens sprangen
-erschrocken auf, und Romana lag in den Armen seines Freundes.
-
-Der Knabe stand ausgeschlossen, ja scheinbar vergessen, und schaute
-mit großen Augen unter einem strohernen Hütchen hervor, dem eine kleine
-rothe Feder ein phantastisches Ansehn gab; der Unbekannte hatte sich mit
-all' der hinreißenden Gewalt der Freundschaft seines Vaters bemächtigt.
-
-»Sieh hier meinen Sohn!« sagte der ältere Sylvius, und streckte seine
-Hand nach dem jüngeren aus: »mein einzig Gut -- Du bist wohl reicher,
-Frankenstern?«
-
-»Ich habe gar keine Kinder --« antwortete der Graf schmerzlich.
-
-»Aber verheirathet bist Du doch?« fragte der Freund, und es gereute ihn,
-voreilig gewesen zu seyn. Der Graf nickte bloß. Wie wenig diese Antwort
-auch besagte: Romana würde, sie geben zu können, sich für einen Crösus
-an Glückseligkeit gehalten haben.
-
-Seine geliebte Frau war gestorben: die kleine blonde Blanka, die groß
-und schön, und sein größtes Glück geworden war. Er hatte mit ihr in
-Virginien gelebt. Diese Versorgung seines jüngsten und besten Kindes
-war ein Opfer gewesen, welches der edelmüthige Kaufmann seinen
-Familien-Verhältnissen gebracht. Seine älteren Töchter haßten den
-Sylvius, und liebten ihren Vater nicht, und lohnten ihm schlecht. Er
-hatte sich aus dem Vortheil gegeben: das giebt nie ein gutes Ende -- es
-wäre denn ein leichtes Sterben darunter gemeint.
-
-»Mein Vater sehnt sich nach mir --« sagte Blanka mit thränenden Augen
-zu ihrem Gemahl: »ich höre mich zuweilen ganz deutlich von ihm rufen.
-Jüngst träumte mir, sein Reichthum wäre zu Wasser geworden, wir
-schifften still darauf hin -- und hatten uns verirrt: denn es war das
-_todte Meer_.«
-
-Als Sylvius nun sah, daß seine Frau gemüthskrank vor Heimweh werden
-könnte, machte er die Rückreise möglich. Die Fahrt war aber nicht
-glücklich, und ihr Ziel traurig. Der Kaufmann lag im Grabe und konnte
-nicht mehr klagen, was ihn hinein gedrückt; aber man hörte es doch, und
-auch wes Geistes Kind seine Töchter wären. -- Die Folgen der Seereise,
-erschütternde Gefühle wirkten schädlich auf Blankas zarte Gesundheit,
-und nicht lange, so bettete man sie an ihres Vaters Seite.
-
-Romana nahm sein Kind, nahm den Rest seiner Habe, und verließ dies
-Haus für immer. Er wollte eine Anstellung suchen, wie er sie bei seiner
-vielseitigen Ausbildung in diesem oder jenem Fache finden konnte, als er
-den Jugendfreund wiederfand. Er erkannte den Grafen Frankenstern nur
-an der alten Liebe noch: seine Gestalt war ihm unkenntlich geworden. In
-tiefen Höhlen, von finstern Braunen überbuscht, lagen seine Augen, sein
-Blick war verstört, und verrieth eine zerrüttete Seele. Und jenes ihm
-eigenthümliche Lächeln um den geklemmten Mund, war nicht mehr
-todtenhaft friedlich wie sonst, sondern krampfhaft: so daß auch dieser
-weltversöhnte Zug, nur wie ein Nervenspiel innerster Angst erschien.
-
-Auch Sylvius de Romana hatte sich sehr verändert. Er war sehr braun
-geworden, sonst würde er sehr bleich gewesen seyn, wie dies in den
-Schattirungen seiner Gesichtsfarbe zu bemerken. Sein stolzer Wuchs hatte
-etwas Gebeugtes angenommen, tiefe Erfahrungen ruhten in seinen Zügen
--- aber sie _ruhten_. Der Klang seiner Stimme, sonst voll und laut,
-der Ausdruck einer heftigen Seele, war geistig besänftiget, und etwas
-langsam und leise. --
-
-Doch, empfände wohl der Mensch eine äußere Veränderung, ob er sie auch
-sähe, in einem Augenblicke unsterblicher Freude? -- Der Begriff der
-Zeit verschwindet, wo wir fühlen, daß die Freundschaft _ewig_ ist. --
-Virginien, das Andenken an Blanka, ihres Vaters Grab, jeder in Thränen
-und Tagen verflossene Schmerz: Alles sank in der Unendlichkeit unter,
-was, wie ein Weltmeer, in Sylvius Herzen aufwallte, da es an dem des
-Freundes schlug, und seine Augen wurden feucht. Und im Anblick der
-kleinen Narbe an Romanas Stirn, die Graf Frankenstern ihm einst in der
-Fechtschule mit dem Rappier geschlagen, schloß sich für Diesen jede
-Wunde des Schicksals, und seine kranke Seele blutete nicht mehr.
-Entzückt führte er den Freund und dessen Sohn mit sich fort in seine
-Wohnung, sein Glück mit seiner Frau zu theilen.
-
-Die Gräfinn brannte unterdessen vor Begierde, die große Nachricht, die
-sie wußte, ihrem Gemahl mitzutheilen. Er ließ lange auf sich warten,
-endlich kam er, doch nicht allein. Die Fremden, die er mitbrachte, waren
-als eine Störung von ihr angesehen, und leider! ist der erste Eindruck
-beinahe immer entscheidend. So ist es nicht genug, daß Jemand ein Recht
-zu kommen hat: er muß auch zur _rechten_ Zeit kommen, und kein Mensch --
-nur ein Gott kann diese wissen.
-
-Hier, im Beiseyn seiner Frau, schüttete der Graf das verschlossene Herz
-aus, dessen eiserne Bänder die Freude sprengte. »Du bleibst nun bei mir,
-Romana! denke nicht daran, mich zu verlassen --« sagte er gebietend,
-und in den Ausdruck, wie sehr, wie innerlichst er dieser Nähe bedürfe,
-mischte sich etwas von dem Bewußtseyn, wie viel er äußerlich zu gewähren
-vermöge. »Dein Sohn --« so fuhr der Graf fort, »soll wie der meine
-gehalten seyn, um so mehr, da wir keine Kinder haben.« Die Gräfinn
-hustete leise, und wurde blaß vor Schrecken. Sie wäre keine Frau
-gewesen, wenn diese Aeußerung ihres Gemahls gegen einen ihr fremden
-Freund, sie nicht beleidiget hätte; dazu diese gesprächige Wärme, als ob
-Geist des Lebens über ihn gekommen. Nie hatte sie, auch zur Brautzeit,
-eine ähnliche Macht auf ihn geübt, und ganz nach Art weiblicher
-Eifersucht, nahm sie dies Dem übel, der diese erheiternde Wirkung
-hervorbrachte, ohne sich selbst heiter zu zeigen -- was immer
-anspruchslos erscheint. Der unschuldige Knabe kränkte in der Aeußerung
-des Grafen ihr neugebornes Kind -- und ein leiser Widerwille gegen diese
-Fremden schlich wie eine Schlange über ihr Herz. --
-
-Als die Gräfinn Gelegenheit hatte, ihren Gemahl mit der neuen Hoffnung
-bekannt zu machen, fand sie ihn zwar erfreut; aber -- nicht im richtigen
-Verhältniß zu ihrer mütterlichen Erwartung. Vielleicht fürchtete
-der Graf, das Kind werde wieder sterben -- oder er schlug als ein
-seelenkranker und niedergeschlagener Mann, den Werth eines Leibeserben
-überhaupt nicht hoch an: genug, seine Freude war mäßig.
-
-Die Gräfinn trug ihr Glück wie eine Buße, mit schwerem, verschwiegenem
-Herzen; mancher Stich ging jetzt durch ihre leidende Brust, die sich
-täglich mehr verhärtete.
-
-Romana und sein Sohn begleiteten das Ehepaar von Frankenstern nach
-Bonna. Ersterer sollte Forstmeister werden -- hatte der Graf flüchtig
-hingeworfen. Den ersten Abend ihrer Ankunft daselbst, sagte die Gräfinn:
-»ein Einziges bitte ich von Dir, mein lieber Mann! bleibt Romana hier:
-so sey es doch nicht in unserm Hause; ich habe dazu meine guten Gründe.«
-
-Der Graf sah seine Frau bestürzt an, nie hatte sie durch Laune oder
-Eigensinn seine Handlungsweise bedingt -- er schwieg, aber er wagte
-nicht, diesen befremdenden Wunsch zu verneinen.
-
-Romana stellte die Bedingungen, unter denen er in Bonna bleiben wolle,
-mit edler Selbständigkeit fest. Er sagte: »gieb mir ein Plätzchen,
-Frankenstern, nach meinem Sinn, darauf ich mir ein Haus baue, und
-Material dazu; dann Gelegenheit, Deinen Gütern wie Dir selbst zu nützen:
-so hast Du mich.«
-
-Sie gingen aus, einen Platz zu suchen, und der Graf dachte seufzend,
-wie viel Raum in dem weiten Schlosse, und daß keine Frau, auch die beste
-nicht! durchaus verträglich wäre.
-
-Ganz in der Nähe von Bonna, kaum ein paar hundert Schritte davon
-entfernt, lag ein kleines Vorwerk, Heiland genannt. Vermuthlich hatte
-es diesen ehrwürdigen Namen von einem Christuskreuze erhalten, das in
-ungewöhnlicher Höhe zwischen dem herrschaftlichen Hof und diesem Höfchen
-stand. Ein klares Brünnlein rieselte darunter hin, und eine eingerostete
-Gitterthüre schien diesen lautern Quell zu verschließen. Es waren Spuren
-da, die es wahrscheinlich machten, daß der Bezirk dieser Stelle
-einst Mauern getragen habe, und bewohnt gewesen sey; die Aussicht war
-himmlisch. »Laß mich hier zu Jesu Füßen wohnen!« sagte Romana, indem er
-mit glänzenden Augen an dem Crucifix hinauf blickte, »doch Dir zuvor
-und gewiß am rechten Ort -- ein Bekenntniß ablegen, nach welchem es
-sich fragt, ob ich nicht den Staub von den meinigen schütteln und weiter
-ziehen muß.«
-
-Graf Frankenstern glaubte seinen Ohren nicht zu trauen, als er vernahm,
-daß Romana, dieser catholische Edelmann, unter dessen Vorfahren
-vielleicht Ritter vom goldenen Vließ gewesen, seinem Glauben entsagt
-habe, und der eifrige Anhänger einer frommen Gemeinde geworden sey,
-die das Lamm verehrt, was der Welt Sünde trägt. So wie Menschen von
-schwärmerischer Anlage der äußersten und entgegengesetzten Richtungen
-ihres Wesens fähig sind: so hatte Romana in Verbindungen, darin er mit
-Blanka in Virginien gelebt, diesen Umschwung seiner religiösen Ideenwelt
-erfahren. Eine große Gefahr, aus der er auf beinahe übernatürliche Weise
-gerettet worden, entschied, und seine angestammte Wundergläubigkeit
-wechselte nur ihre Form in seinem Gemüthe. Das Gefühl seiner Abkunft
-und Armuth ward christlicher Stolz: den Armen war ja vorzugsweise das
-Evangelium gepredigt. --
-
-Nachdem der Graf dies vernommen, stand er eine lange, sinnende Weile.
-Der Boden dieser catholischen Gegend schien empfänglich, um die neue
-Lehre darauf zu verpflanzen, und neben Klöstern, päbstlichen Kirchen und
-Heiligenbildern, lebte friedsam und einmüthig ein Häufchen der Stillen
-im Lande. Selbst unter den Beamten der Ortschaft waren einige derselben,
-deren gewissenhafte Redlichkeit Graf Frankenstern schätzte. Und so sagte
-er: »was ich höre, Romana, setzt mich in Erstaunen, wie Du siehst; aber
-es ändert nichts zwischen uns. Unsere Freundschaft ist mir eine Art
-Religion -- und so glaube ich an Dich, wenn ich auch nicht begreife,
-wie es möglich war, daß Du -- ein Abtrünniger werden konntest. Ich halte
-Dich für einen ehrenwerthen Mann, und mich an diese Ueberzeugung. --
-So eben dachte ich, wie seltsam es sey, daß der Wind des Schicksals
-Menschen eines Sinnes von allen Enden der Welt hierher zusammen weht.«
-
-Von der festen Zuversicht des Freundes gerührt, antwortete Romana:
-»_weht_! ja, das ist das rechte Wort. Der Herr sammelt, was verstreut
-gewesen. Sein Athem ist es, das Wehen seines Geistes, was den
-Blüthenstaub im Frühling, auch über Mauern, zu der verwandten Blume
-trägt.«
-
-Die Grundmauern zu dem neuen Hause wurden nun gelegt und hundert
-arbeitsame Hände förderten den Bau. Es fand sich, daß ein gewölbter,
-völlig gut erhaltener Gang von hier aus nach dem Schlosse führe, wovon
-die eiserne Gitterthüre am Brunnen der Ausgang wäre. Dieser Fund war
-für den Grafen die Entdeckung einer Goldmine. Er dachte bekümmert, seine
-Frau wüßte bereits, was er ihr verhehlen mögen, und am liebsten für
-immer, denn er kannte ihren Abscheu gegen Apostaten. »Sieh!« sagte er
-sehr glücklich, und sich ins Geheim bewußt, sein Umgang mit dem Freunde
-stände unter unsichtbarem Schutze, »so können wir ungehindert und selbst
-zur Nachtzeit zu einander kommen. --« Aber der Saamen des Geheimnisses
-trägt selten Früchte für das Licht.
-
-Endlich stand das Haus fertig, mit plattem Dach, worauf Romana einen
-kleinen Garten anzulegen gesonnen war. Der Herr Christus prangte als
-Schutzwache davor, und leise rieselte das Wässerchen unter der marmornen
-Schwelle. Hinein zog Romana mit seinem Sohn, und lebte nicht allein
-in strenger Absonderung, sondern einsiedlerisch verschlossen. Wenn die
-Förster und Holzschläger, die den Forstmeister zu sprechen kamen,
-Einlaß suchten, so zitterte der Schall der hellen Hausglocke durch den
-mäuschenstillen Flur, und selbst Verstockte meinten, der Himmel werde
-ihnen einmal eher aufgethan werden.
-
-Wie selig Graf Frankenstern sich die Nähe seines Freundes geträumt: so
-empfand er doch die Beruhigung nicht davon, welche er gehofft hatte.
-Er sah ein, daß die Gefühle der Jugend eine bedeutende Zuthat zu jener
-innigen und beglückenden Freundschaft gewesen wären. Wirklich hatte
-Romana sich sehr geändert, und war ein wenig kopfhängerisch geworden;
-der Graf war ein geisteskranker Mann, der ganz eigen behandelt
-seyn wollte, und eines aufrichtenden Umgangs bedurft hätte. Romanas
-Uebertritt hatte eine Kluft zwischen ihnen gerissen, die der Graf in der
-Fülle seines Herzens anfänglich nur für eine Linie hielt --; aber es war
-ein tiefer, dunkler Spalt, der ihr innigstes allseitiges Vertrauen nicht
-zuließ. Sie vermieden sorgsam jedes Gespräch, das nur von fern diesen
-Punkt berührte, und wehe der Freundschaft, die, wenn auch nur _eine_
-Stelle weiß, welche geschont werden muß! --
-
-Der Hochmuth des Grafen war durch seine Verhältnisse, durch das Gefühl,
-verkannt zu seyn, durch die Natur seiner Krankheit genährt worden. Auch
-der Unglückseligste hat noch _einen_ Freund: den Tod! Graf
-Frankenstern aber sah in diesem das Gespenst seines Lebens, und die öde
-Unsterblichkeit, die er sich in der Angst seiner Seele wünschte, stellte
-ihn allein unter den Menschen. Romanas ritterlicher Sinn war Stolz der
-christlichen Demuth geworden. Ein leiser Hang zum Abenteuerlichen,
-der ihm verblieben, ein inneres Absondern von Andern, ließ ihn von der
-breiten Straße abbeugen, auf der gewöhnliche Menschen das Glück suchen.
-Der Geist seiner Secte setzt etwas darin, vertraut mit dem Tode seyn
-und seine düstern Farben und Symbole in den Bedarf des häuslichen Lebens
-aufzunehmen; Romana schlief unter einer Decke schwarz und weiß, zu
-seinen Häupten lief lautlos oder stand eine Sanduhr, weil sein Schlaf
-so leise war, daß auch der sanfteste Seiger ihn verscheuchte. Er würde
-lächelnd seinen Morgentrunk aus einem Schädel genommen haben, er sprach
-freudig von seiner Auflösung, und diese Kraft stellte ihn hoch über
-seinen Freund.
-
-Graf Frankenstern arbeitete nichts; nur seine Phantasie war unablässig
-beschäftiget. Das Bewußtseyn, durch seine eigensten Kräfte zu nützen,
-hatte ihn nie gehoben. Die Leichtigkeit, womit er wohlthun konnte,
-täuschte ihn über die Unterlassungs-Sünde, die Mittel dazu aus sich
-selbst zu schöpfen.
-
-Romana besaß schöne Kenntnisse, und übte sie mit Fleiß. Er war thätig
-von früh bis spät, und der Kernspruch seines großen Landsmanns, daß
-Arbeit des Blutes Balsam sey -- bewährte sich an ihm: er war sehr
-gesund. Er trieb viel Mathematik, und flößte seinem Sohne Lust und
-Eifer für diese Wissenschaft ein; indem er ihn gewöhnte, seinen Verstand
-anzustrengen, unterdrückte er das frühzeitige Aufstreben von Gefühlen,
-denen die Einsamkeit Nahrung giebt.
-
-Die Gräfinn war im Spätherbst jenes Jahres, welches ihren Gemahl seinen
-Freund wiederfinden ließ, schnell und sonder Gefährlichkeit von einer
-Tochter entbunden worden. Ein niedliches Mädchen machte ihr das Leben
-leicht. Dennoch schien die Mutter tödtlich erschöpft.
-
-»Das Kind ist im Zeichen des Krebses geboren --« sagte die Wärterinn
-nach einem Blick in den Calender, »Gott verhüte, daß ihm nicht Alles
-rückgängig werde!« Die Gräfinn erschauerte bei diesen Worten in einer
-andern Furcht.
-
-Die Kleine ward Albane getauft, und gedieh wunderschön an der Brust
-einer derben Amme. Keine Spur von Krämpfen zog das Herz der Mutter in
-der Befürchtung zusammen, dies Engelskind werde ja doch nur wieder ein
-geliehenes Gut seyn, wie die kleinen Brüder -- was sie nach kurzer Zeit
-mit tausend Thränen zurück zahlen müssen. Langsam hatte sich die Gräfinn
-erholt, und war auch bei wiedererlangten Kräften, und ihres Anlasses zur
-Freude ungeachtet, in sich gekehrt und traurig geblieben.
-
-Zwei Jahre waren seitdem verstrichen, als eines Tages Romana sich bei
-seinem Freunde im Schloß befand. Sie unterredeten sich über die Zukunft
-seines Sohnes. »Sylvius bekommt einmal Deine Stelle --« sagte Graf
-Frankenstern gleichsam zusichernd. Er sprach damit die Gewißheit an, den
-Vater des künftigen Forstmeisters zu überleben.
-
-»Meinem Wunsche nach,« antwortete Jener, »geht er in die weite Welt.«
-
-»Dein einziger Sohn?« erwiederte der Graf mit Vorwurf, »Du willst doch
-nicht, daß er ein Glücksritter werde?«
-
-»Warum nicht? bin ich doch auch Einer --« sagte Romana, und lächelte wie
-ein Eremit. »Sieh lieber Frankenstern,« fuhr er fort, »die Seinen
-für sich behalten und in den Kreis der angestammten Verhältnisse
-einschließen wollen, wäre engherzig gedacht. Nur in der Welt wird der
-Mann ein Mensch und lernt brüderlich denken. In diesem Aussenden liegt
-mir etwas Göttliches --«
-
-»Wir aber sind Menschen, Romana,« unterbrach ihn der Graf, »und es liegt
-in der Natur, daß man sein Kind so nahe und so lange als möglich um sich
-habe; es ohne Noth dem Zufall zu opfern, kommt mir wie Vermessenheit
-vor.«
-
-»Aber gehorsam dem Willen des Herrn? oder einer heiligen Idee?« wendete
-Romana mit erhöheter Stimme ein, »ich fühle, das würde ich können.
-Wäre es dem Sylvius bestimmt, in einem rechtlichen Kriege zu fallen:
-so preise ich ihn selig. Zöge er übers Meer, um die Heiden dem Erlöser
-zuzuführen und versänke: ich würde deshalb nicht zu Boden sinken. Im
-Aufgeben, Freund, liegt das wahre _Haben_, und das Geheimniß ewigen
-Gewinns. Wie ärmlich ist das Leben, wenn es keinen andern Werth hat, als
-daß man athme!« der Graf seufzte schwer, und Romana verließ ihn.
-
-Noch wirkte dieses Gespräch nach, als die Gräfinn in das Zimmer ihres
-Gemahls trat. Die kleine Albane hing schlafend auf ihrem Arme, und das
-volle Händchen des Kindes, wie aus rosigem Wachs mit reizenden Grübchen
-geformt, lag schützend auf der linken Brust der Mutter.
-
-Den Grafen rührte dieser Anblick. Er küßte väterlich sacht diese kleine
-Hand, und das Mutterherz darunter schlug stärker. Vielleicht ward in
-diesem Augenblicke der Gedanke an das, was Romana gesagt, zu einer
-stillen Freude, daß dies sein einziges Kind eine _Tochter_ sey. Zum
-erstenmale äußerte er, wie glücklich ihn der Besitz des Kindes mache,
-und daß es so gesund sey, und die Mutter dazu, um die er vordem doch
-sehr besorgt gewesen.
-
-Die Gräfinn entfärbte sich. Mit bewegter Stimme sagte sie: »es könnte
-seyn, daß ich mein Leben um einen Preis gerettet hätte, der Dir
-mißfällt.«
-
-Dem Grafen fiel diese Aeußerung auf. Er sah seine Frau forschend
-an, welche ihm nunmehr gestand, wie sie seit ihrer Verheirathung ein
-schadhaftes Fleckchen in der Brust verspürt, was ihr dann und
-wann Schmerzen, immer aber Kummer verursacht habe. In jedesmaliger
-Schwangerschaft sey es schlimmer damit geworden, bis endlich bei der
-Geburt der kleinen Albane der leidende Theil sich zu Stein verhärtet und
-dergestalt sich entzündet habe, daß sie (die Gräfinn) fürchten müssen,
-den Krebs zu bekommen, wenn sie nicht Muth zu einem gewagten Schritt
-fassen könnte. --
-
-Der Graf legte beide Hände vor das Gesicht, schon bedeckt von der Blässe
-des Grauens. Er sagte: »gut, daß ich es nicht wußte; der bloße Gedanke
-macht mich schaudern. Eine Operation solcher Art brächte mich von
-Sinnen. Du glaubst nicht,« setzte er mit scheuem Vertrauen hinzu, »wie
-tausend Dinge, stumpf für den Verstand Anderer, in mein Gehirn bohren!
-diese Vorstellung zum Beispiel -- durchdringt mich entsetzlich.« Seine
-Lippen zuckten, als wühle ein Messer in seiner Seele.
-
-Die Gräfinn hätte beinahe ihr Geständniß bereut -- gewiß hätte sie es
-sollen. Sie sprach: »in dieser Noth that ich das Gelübde, hülfe mir der
-Himmel und würde ich geheilt: so solle die Brust meines Kindes sich nie
-für eitle Wünsche heben -- nur dem Heil der Seele. Und es dauerte nicht
-lange, so genaß ich an einem simpeln Umschlage.«
-
-»Verstehe ich Dich recht?« fragte der Graf schwach, »Albane -- eine
-Klosterfrau?« Die Mutter nickte ängstlich.
-
-»Das ist hart!« murrte der Graf, und seine Frau hatte jene Gefahr
-nicht härter empfunden, als diese drei Worte. So sprach die Gräfinn
-weichmüthig: »Du mein Gemahl machst Dir ja selbst nichts aus der
-Welt, und ihren trüglichen Freuden. Die Güter kommen an fremde Hand --
-Anverwandte haben wir nicht, Albane stünde allein. So ist sie unter den
-vornehmsten Schutz gestellt, und die Kirche, eine segensreiche Mutter,
-giebt ihr Schwestern.«
-
-Der Graf lächelte kalt, und murmelte etwas von Stiefgeschwisterschaft.
-
-»Nein,« fuhr die Gräfinn, ihren Gemahl mißverstehend, fort, »dort würde
-mir Albane nicht aufgehoben gewesen seyn. -- Sage, was fehlt einer Braut
-Christi?«
-
-»Dieses Glück!« antwortete Graf Frankenstern und deutete auf
-seine Kleine, »eine Brust, daran solch ein Kind erblüht, kann viel
-verschmerzen. Ihr seyd zu Müttern geboren. Und -- daß ich es nur frei
-gestehe -- ich mag die Klöster nicht leiden, und es wird einmal aller
-Tage Abend mit ihnen werden. Warum aber soll meine Tochter darin
-untergehen?«
-
-»O mein Gott!« jammerte die Gräfinn, und hob ihre Augen thränenschwer
-zur Höhe, »warum bin ich nicht gestorben?« Ihr Herz schlug so mächtig,
-daß des Kindes Händchen auf dem Busen seiner Mutter erbebte. Sie selbst
-wankte.
-
-Der Graf war erschüttert; nach einer Pause sagte er: »Du wirst glauben,
-daß mir Dein Leben über Alles theuer ist! nur _den_ Beweis fordere
-nicht, daß ich gleichgültig dazu wäre, wenn unser einziges Kind geopfert
-wird, in welchem ich Dich ja auch liebe. Uebrigens warst Du damals in
-einem Zustande, der keiner Zurechnung fähig ist. -- Nöthigenfalls würde
-Dispens vom Pabst zu erlangen seyn. Ich zweifle jedoch, ob das Recht,
-über das Schicksal eines Menschen also zu verfügen, auch einer Mutter
-zusteht, und meine, von der Sünde, es gethan zu haben, könne Jeder sich
-selbst entbinden.«
-
-»Dies sind Romanas Grundsätze,« stöhnte die Gräfinn, »es ist _sein_
-Geist, der aus Dir redet, mein Gemahl. Irret Euch nicht, Gott läßt sich
-nicht spotten; ich will Wort halten, wenigstens.«
-
-Sie entfernte sich hierauf, heftig alterirt. Die Gräfinn fühlte einen
-tiefen körperlichen Schmerz in ihrem Herzen, und sich wie im Innersten
-zerrissen. Von Frost geschüttelt mußte sie sich alsbald zu Bett legen.
-O! daß die Arme gesprochen und mit dem Laut der Rede den stillen Wächter
-ihres Geheimnisses verscheucht hatte! ihre Ruhe war dahin. Seltsam
-genug warf sich ein schnell entwickelter Krankheitsstoff auf ihre zuvor
-genesene Brust. Es half nichts, daß die Gräfinn ihr erneuetes Unglück
-siebenfach verhüllte; jede Hoffnung schien verloren, und das Leben war
-ihr nichts mehr werth.
-
-Wenn die geneigten Leser der Meinung wären, Güte und Liebe in dem
-Charakter der Gräfinn Frankenstern würde nicht zugelassen haben, daß sie
-in grausamer Selbstsucht das Glück ihres einzigen Kindes zum Preis ihrer
-Rettung gemacht hätte, so glauben wir diesem Vorwurf zu begegnen, wenn
-wir bemerken, wie grade die zärtlichsten, die weichsten Mütter es
-sind, und die Natur mag diesen Widerspruch lösen -- welche oftmals das
-Schwerste über ihre Kinder verhängen. Hier war es ein Schleier, und
-den zu tragen hielt die Gräfinn für leicht. Sie hielt ferner, im
-Gefühl _ihrer_ Ehe, _keine_ für ganz glücklich, und verwechselte
-ihr unbefriedigtes Herz mit dem Sehnen nach einer Bestimmung, die
-vollendender wäre. Und wie es im menschlichen Wunsche liegt, daß
-Diejenigen, welche unser Daseyn fortsetzen, Alles weiter bringen, jeden
-Keim unsers innersten Lebens entwickeln, und ein höheres Glück erreichen
-sollen: so war der Gräfinn der Gedanke lieb geworden, ihre Tochter würde
-werden, was zu seyn ihr nicht bestimmt gewesen. Von einer gewissen Stufe
-der Erfahrung scheint jeder Schritt, den wir unsern Nachkommen zumuthen,
-ob er auch die liebsten Freuden hinter sich lasse -- _klein_,
-im Vergleich zu dem, was er anstrebt. Vielleicht war es auch die
-mütterliche Ahnung, welche die Gräfinn fürchten ließ, ihre Tochter in
-den Armen eines Mannes nicht sicher genug zu wissen. --
-
-Nach einiger Zeit ward Romana heimlicher Weise zur Gräfinn
-berufen. Diese einfache Bitte machte den Forstmeister stutzen, und
-Schwierigkeiten, daß er sie erfülle: denn der Graf mußte umgangen
-werden. -- Zur bestimmten Stunde fand sich Romana ein. Die Gräfinn war
-in ihrem Schlafzimmer. Jener erschrak vor ihrem Anblick. Sie war
-total entstellt, ihr Gesicht aschfarb, ihr Auge erloschen, und nur ein
-schwachglimmender Lebensfunken noch darin. So krank hatte er sie nicht
-geglaubt, obgleich er von ihrem Uebelbefinden wußte.
-
-»Verzeihen Sie, Romana, daß ich Sie bemühte!« redete sie ihn mit jenem
-rührenden Wohllaut der Stimme an, der je leiser, um desto stärker
-ans Herz dringt, »ich habe etwas Wichtiges mit Ihnen zu sprechen. Sie
-könnten mir einen großen Gefallen erzeigen.«
-
-»Herr mein Gott!« antwortete der Forstmeister, und das Mitleid mäßigte
-diesen Ausruf bis zur zartesten Versicherung, »gebieten Sie doch über
-mich!«
-
-»Es wäre mir viel daran gelegen,« sprach hierauf die Gräfinn, »wenn
-Sie morgen -- oder übermorgen,« der kranke Blick ihres matten Auges
-verdunkelte sich wie die Nacht dazwischen, und ein voller Seufzer füllte
-den Moment, »meinen Mann auf einen halben Tag -- besser wäre freilich
-ein ganzer -- zu entfernen wüßten.«
-
-»Das wird schwer halten,« erwog Romana, »hält doch Frankenstern kaum
-mehr eine halbe Stunde bei mir aus. Verlassen Sie Sich indeß darauf, es
-geschieht! ich sinne nur nach, wie ich es anzustellen habe, ihn zu einer
-kleinen Reise zu bereden.«
-
-»Dann fiele mir ein Stein vom Herzen,« erwiederte die Gräfinn, indem ein
-paar Thränen über ihre abgehärmten Wangen rollten. »Wissen Sie denn,
-ich werde operirt -- das heißt, ich lasse mir die Brust ablösen. So
-begreifen Sie auch, daß dies meinem Manne verschwiegen bleiben muß.«
-
-Diese Worte, mit Ruhe und Resignation gesprochen, sträubten dem
-Forstmeister das Haar. »Die Brust -- ablösen?« fragte er, und sein
-männliches Gesicht erröthete in Angst; die Gräfinn erbarmte ihn
-unaussprechlich. »Und bleibt kein anderes Mittel?«
-
-Ein sanftes Kopfschütteln, und: »nur dieses letzte --« war die sehr
-leise Antwort.
-
-»Sie werden eines Beistandes bedürfen, arme Gräfinn!« sagte Romana
-dringend, und irrte mit seinen Gedanken hin und her, wie er zugleich den
-Grafen abwehren, und hier eine Stütze in der Gefahr seyn könnte.
-
-Die Gräfinn lächelte; es war, als hätte die Sense des Todes dies Lächeln
-in ihre tiefen Züge eingeschnitten -- und dem Forstmeister blutete das
-Herz. Sie sprach: »ich wäre doch allein, im Grausen Dessen, was mir
-bevorsteht; allein muß Jeder seinen Weg gehen. Aber, wenn ich am Ziele
-bin, verlassen Sie meinen Mann nicht! er wird den Freund dann nöthig
-haben. -- Und nun das Wichtigste. Wir sind zwar nicht mehr Eines
-Glaubens, Sie -- doch lassen wir das. Ich halte Sie für einen redlichen
-Mann, Romana.« Nie hatte der Forstmeister ein ehrenwertheres Zeugniß
-empfangen, als dies. Er würdigte es, und die Gräfinn fuhr mit bewegter
-Stimme und widerstrebenden Lippen fort: »an ihre männliche und
-christliche Ehre nun wende ich mich, wenn ich hoffe, daß Sie, unserer
-abweichenden Meinungen ungeachtet, das Wort, was eine bedrängte Mutter
-dem Himmel als Pfand eingesetzt, nicht verfallen lassen werden, gleich
-einer Schuld. Versprächen Sie, Ihren Einfluß auf meinen Mann für diesen
-Zweck zu benutzen: dies würde mich sterbend noch erquicken.«
-
-Darauf erzählte die Gräfinn dem Forstmeister, was unsere Leser schon
-wissen. Wie lange und wie still sie den Kummer in ihrer Brust getragen,
-was die Aerzte gesagt, und so weiter. Und als sie ihr letztes Kind
-geboren, habe sie es mit tiefem Erbarmen angesehen, wie vielen Schmerzen
-eine Mutter unterworfen sey und was ein Weib schweigend erdulden müsse.
-So sey ihr denn ein Leben in Gott als das höchste Glück erschienen, dem
-sie das Neugeborene gelobt, wenn er das ihrige fristen wolle, weniger,
-um sich selbst zu retten, als ihr Kind. -- Die Gräfinn eröffnete nun
-dem Freunde ihres Gemahls mit reuiger Wehmuth, daß sie sich von einem
-ungewöhnlichen Anfluge ehelicher und väterlicher Zärtlichkeit des Grafen
-hinreißen lassen, ihm dies zu gestehen, worauf er ihr bittern Vorwurf
-gemacht, und das Ansinnen, jenes Gelöbniß zu brechen. »Ich muß nun,«
-setzte sie trostlos hinzu, »den Frevel dieses Gedankens mit dem Tode
-büßen: denn der Himmel läßt nicht mit sich spaßen. Ich bekam sofort
-Frost, die alten Schmerzen -- es ward schlimmer mit mir, wie je zuvor.
-So will ich, obwohl selbst ein Opfer, doch, daß meine Tochter durch
-Gehorsam sühne, was ihr Vater zu sagen sich vermaß. Werden Sie es nicht
-hindern, Romana? daß Albane --« weicher läßt sich nicht bitten, als es
-in diesen Worten geschah; die Stimme der Gräfinn zerschmolz in Thränen.
-
-Der Forstmeister legte stumm seine Rechte in ihre kleine, weiße, feuchte
-Hand. In seinen Augen, denen Kreuz und Leiden in aller ihrer Heiligkeit
-vorschwebten, brannte ein Schwur. Sie glaubte ihm, ohne daß er eine
-zusichernde Sylbe gesagt hätte.
-
-Wie überzeugend ist das Vertrauen! Romana, seinem gewandelten Sinne
-nach, ein Feind der Klöster, hätte die kleine Albane lieber heute schon
-einsperren mögen. Er war der geistliche Anwalt des Wunsches ihrer Mutter
-geworden, daß dies liebe Kind, einst absagend weltlichen Schimmer, der
-Edelstein eines Ordens würde. Vielleicht wäre die Gräfinn dennoch zu
-retten gewesen; aber das Fatum, dem selbst die Parzen dienen, hatte
-ihrem Leibarzt den Lebensfaden, und somit die Gelegenheit abgeschnitten,
-ihren frommen festen Glauben an göttliche Hülfe und an die seinige noch
-einmal zu bewähren. Der junge Aesculap, der das Zutrauen der Gräfinn von
-ihm ererbt, war ein hitziger Anatomiker, der seinen besten Freund
-eben so gern secirt, als ganz glücklich gesehen haben würde -- und Wir
-wissen, daß die Leidenschaft ihren Gegenstand nicht immer zeitgemäß
-behandle. -- Als nun der gefürchtete Morgen kam, und mit ihm der Doctor,
-begleitet von einem Wundarzt, fand er Alles bereit, sogar die Seele der
-Gräfinn zum Sterben. Graf Frankenstern war durch einen Anlaß, den
-die Klugheit des Forstmeisters ersonnen, geschickt entfernt worden.
-Todtenstille herrschte im Schlosse. Die weiblich-vornehme Fassung der
-Gräfinn entmannte den Operateur. Verstörten Auges blickte er nach der
-Uhr, und seine Hand zitterte mit dem Secundenzeiger um die Wette. Nach
-dem ersten Schnitte entfiel ihm das Messer, und es sank mit solcher
-Schärfe in die Diele ein, daß ein kleiner blutbefleckter Spahn daneben
-aufgaffte. -- Die Gräfinn verlangte mit erlöschender Stimme: man
-solle das Messer nur liegen lassen. Aber dieser Zufall war von übler
-Vorbedeutung: die Gräfinn verschied am dritten Tage. --
-
-Wir wagen nicht, den Zustand ihres Gemahls beschreiben zu wollen. Er
-klagte sich als den Mörder dieser unvergleichlichen Gattinn an, obgleich
-er die eigentlichen Umstände ihres Todes nicht kannte, und nur wußte,
-daß sie von jenem Wortwechsel an gekränkelt hatte; die Wahrheit würde
-zu stark für ihn gewesen seyn. Liebe und Schauder bekämpften ihn mit
-gleichen Waffen. Romanas Freundschaft stand ihm kräftig bei; aber --
-wie sind jene finstern Mächte zu bezwingen, die den Menschen sich selbst
-entfremden? -- Vergebens mahnte der Forstmeister ihn an die Pflicht,
-sich zu zerstreuen. Er konnte ihm nicht einmal den Abgrund zeigen, der
-unter dieser tiefsinnigen Langeweile gähnte, aus Furcht, der Graf könne
-dann früher noch in das Elend völliger Geistesverwirrung stürzen. --
-Romana bot ferner Alles auf, jedoch umsonst, ihn zu bewegen, daß er die
-kleine Albane unter andere Aufsicht gäbe, als die ihrer Amme. Mit jener
-Hartnäckigkeit, womit schon der Eigensinn wie viel mehr der Wahnsinn,
-ob er auch unterdrückt wäre, an seinem Willen festhält, behauptete der
-Graf, er könne nirgend ausdauern unter Menschen, und eben so wenig ein
-weiblich Wesen in bessern Kleidern um sich sehen, als Die trüge, welche
-seine Albane genährt.
-
-»Und wozu auch?« fragte er mit düsterm Stolz, »meine Tochter kommt
-einmal ins Kloster, und also nie in den Fall, der Welt und dessen, was
-sie fordert, zu bedürfen. Gott hat sie wohl gebildet -- es ist nichts zu
-tadeln an meinem Kind.« Dagegen ließ sich nun freilich nichts sagen, und
-Romana schwieg.
-
-Wenn man annehmen darf: daß die Freundschaft durch ein verjährtes
-Zusammenleben tausendmal eher aufgehoben als befestiget wird -- so wie
-durch lange Trennung verinniget -- so spricht die Erfahrung dafür
-und den Beweis an: Verstand, Einsicht, Wissenschaft, Dankbarkeit,
-Lebenssinn, Erinnerung -- könnten zwar als eine feste Grundlage
-freundschaftlicher Verhältnisse angesehen werden, doch nicht
-unerschütterlich gegen die Gewalt der Zeit und Umstände. Die einzige
-Basis des Bestands ist ein tiefes Gemüth voll göttlicher Kraft der
-Liebe!
-
-Allmälig hatte Romana sich seinem unglücklichen Freunde entfremdet,
-und es war so unmerklich geschehen, daß ihre Seelen sich wie aus weiter
-Ferne kaum mehr verstanden, als ihr äußerer Verkehr, besonders von
-Seiten des Forstmeisters -- noch ganz derselbe schien. In dem Grade, als
-der Graf sich in sich selbst zurückgezogen, war ihm auch das Nächste,
-sein Kind ausgenommen -- gleichgültig geworden. Er vermißte Romana
-nicht, er suchte ihn nie auf. Tagelang saß er allein, und flüsterte
-so anhaltend, daß die Bedienten oft lange warten mußten, ehe sie
-ihn unterbrechen durften. Des Abends klagte er sich matt, von der
-fortwährenden Unterhaltung. Da sahen seine Leute sich an und es
-grauete ihnen: denn Niemand war bei ihm gewesen, als sein Dämon. Daß
-er gestörten Geistes sey, war, wenn auch ein bewahrtes Geheimniß der
-Achtung, doch Jedem klar.
-
-Einst, an einem milden Herbsttage fand ihn Romana im Garten, seltsam
-beschäftiget. Er band die Blätter einer Espe mit grüner Seide an die
-Zweige fest, der Knäuel, dessen Faden eine rothe Wunde in seine Finger
-eingeschnitten, lag im falben Grase und glänzte in der Sonne.
-
-»Gott grüße Dich, lieber Frankenstern!« sagte Jener, »was machst Du denn
-da?«
-
-Der Graf lächelte und sprach: »ei! ich binde mir die Blätter ein wenig
-fest, dies Zittern ängstet mich, so oft ich es sehe. Ich weiß, wie
-Einem zu Muthe ist, der vor jedem Lüftchen bebt: die Furcht ist das
-entsetzlichste Gefühl.« Und indem er emsig in seinem unheimlichen
-Treiben fortfuhr, setzte er hinzu: »dann -- Dir will ich es wohl sagen,
-Romana, wenn der Wind nun rauher weht, und die Blätter fallen, und
-liegen fahl und still an der kalten Erde, wie aufgehäufte Leichen --
-manche haben ordentlich Physiognomie --« Der Forstmeister sah voll
-Mitleid in die seines Freundes. »Den Schmerz der Natur,« sagte er mit
-dem tiefsten, »wollen wir ihrem Schöpfer überlassen. Dieser Faden, Du
-Armer, schneidet mir in die Seele. Hast Du nie den Frühling gesehen,
-das Bild der Auferstehung? Wer bindet denn da die Kränze von Laub und
-Blumen, welche Himmel und Erde umschlingen? --« Er umschlang den Freund,
-und weinte vor großer Rührung.
-
-So wurde es immer finsterer um den Grafen, nur in dem hellen Blick
-seines Töchterchens ging ihm zuweilen ein Strahl von Freude, das Licht
-des Lebens auf. Er hing mit unendlicher Liebe an dem Kinde, und diese
-zärtliche Empfindung wurde nur durch das Andenken an die verstorbene
-Frau getheilt. -- Die kleine Albane, obwohl ohne alle Erziehung,
-entwickelte sich zart und schön. Die Natur war ihre Gouvernante, und
-welche Bonne bildet so gut als sie? -- Ihre Sprache hatte den reinen
-Klang des Gefühls, ihr Gang war ein leichtes Schweben über gemeinen
-Boden, und jenen angeborenen Adel der Sitten hätte weder die
-Stiftshofmeisterinn eines Fräuleins-Instituts heben, noch die gutmüthige
-Plumpheit der Amme unterdrücken können. --
-
-Die Amme, welche mit roher Treue um ihren Pflegling sorgte und waltete,
-sprach oft von seiner künftigen Bestimmung: dem Kloster; aber die
-Farben, womit sie die Zukunft mahlte, waren eine Reibung für das junge
-Herz, und es mischte sich in ihnen religiöse Ehrfurcht, mit dem Schein
-von Hoffnung, Albane werde hinsichtlich ihres wahren Glückes zu täuschen
-seyn. Sie staffirte die Zelle mit Gold aus, und bekleidete die
-kleine Gräfinn mit den Würden einer Aebtissinn. Aber es giebt nur ein
-Bedürfniß, ein Talent, welches die Einsamkeit vorzugsweise weckt: das
-Verlangen und die Fähigkeit _zu lieben_. Während die Amme wähnte, sie
-baue möglicher Abneigung vor, ward Albanen der Gedanke an das
-Kloster verhaßt, und der Instinkt ihres Geschlechts stellte eine
-Widersetzlichkeit dagegen auf. Dem Grafen war es zwar unumstößlich
-gewiß, daß seine Tochter Profeß thun müsse --; doch den Zeitpunkt dazu
-glaubte er hinaus schieben zu dürfen, wie weit? dies wußte er selbst
-nicht, und es dämmerte ihm vor den Augen.
-
-»Wie könnte ich Dich nur verlassen, mein Vater?« fragte Albane ihn in
-bangen Stunden der Anfechtung, und ihr Vater fühlte dann selbst die
-Unmöglichkeit, seinen einzigen Trost in ihr entbehren zu können. Mehr
-als diese Frage erlaubte sich jedoch die junge Gräfinn nicht, um an
-ihrem Ziel zu rücken: denn als sie einst den Versuch gewagt, ihrem Vater
-recht kindlich zu sagen, daß sie doch lieber den Brautkranz wie den
-Schleier trüge, wenn sich nämlich ein Mann für sie fände, der sie
-nicht von ihm und ihrer Pflicht trennte -- war der Graf in einen
-fürchterlichen Zustand gerathen. »Soll ich auch des Todes sterben, wie
-Deine Mutter?« hatte er ihr rollenden Auges entgegnet. »Es war mein
-Wunsch wie der Deine, armes Wesen, Du mögtest glücklich werden; aber
-ich bin nur elend deshalb geworden. Mögte wohl ein Vater sein Kind zu
-lebenslänglicher Gefangenschaft verurtheilen, wenn es nicht die Rettung
-des Lebens gälte? -- Aber es giebt einen Schlüssel zur Freiheit -- --«
-
-Geistig Gestörte sind wie Inspirirte zu betrachten. »Der Schlüssel zum
-höheren Leben ist die Liebe!« und Albane trug ihn in stiller Brust. --
-
-Wie durch ein stillschweigend Uebereinkommen der Grundsätze beider Väter
-waren ihre Kinder fast gar nicht zusammen gekommen. Auch war Sylvius
-ziemlich voraus; doch die Natur hob durch ihre höchste Kraft diesen
-Unterschied auf, und lernte die beiden jungen Leute, wie fremd und
-fern von einander gehalten, sich innigst finden. -- Jener Arzt, der
-die Gräfinn operirt hatte, war dem herrschaftlichen Hause von Bonna
-verpflichtet geblieben, und weil er sich vorwurfsvoll beimaß, durch
-Uebereilung an dem Tode einer der trefflichsten Frauen, die er je
-gekannt, Schuld zu seyn, nahm er die Gesundheit ihrer Tochter mit
-vergütender Sorgfalt und um so gewissenhafter in Acht. -- Und wie das,
-was wir bewahren, wäre es auch fremdes Eigenthum, allmählig eigenen
-Werth für uns gewinnt, so war das Glück nicht minder als das Leben der
-Comteß ihm theuer geworden. Er bedauerte, daß ein so schönes Kind dem
-Kloster bestimmt seyn solle. Mit leiser Geschäftigkeit tastete er
-an diesem Entschluß herum. Albane hüthete sich indeß wohl, ihm
-ihr jungfräuliches Herz zu öffnen -- und der Graf zeigte bei dem
-behutsamsten Versuch, ob er hierin wankend zu machen wäre, sich so
-erschüttert, daß der Arzt, gegen dessen persönliches Annähern er eine
-innerste ahnungsvolle Abneigung zu empfinden schien -- es nicht wagen
-durfte, stärker in ihn zu dringen. So begnügte er sich, dem armen
-Opfer noch einigen Genuß des Daseyns zu wünschen, ehe es seine düstere
-Bestimmung erreiche. Er konnte nicht begreifen, wie die junge Gräfinn
-es so ganz ohne allen Umgang aushalten könne, und erwähnte zugleich, wie
-dies bei dem Sohne des Forstmeisters, einem vielversprechenden Jüngling
-der nämliche Fall sey; so daß Albane ein sinnverwandtes Wesen in Sylvius
-ahnete. Im Hause Romanas hingegen sprach der Arzt mit Begeisterung von
-der Tochter des Grafen, bejammerte ihr Loos jetzt und künftig -- rührte
-und regte ein Herz für die himmlische Schönheit, für das schuldlose
-Unglück dieses Mädchens an -- ein Herz, dessen heiße Sehnsucht ein
-langes stilles Glühen für ein verhangenes Bild gewesen war, das sein
-Idol nun gefunden zu haben glaubte, und heftig aufflammte. -- So war
-der Arzt, indem er hastig hin und her fuhr, wie der Wind, hier ein Wort
-verstreuete, dort eines, gleich dem Träger des Saamens, aus dem die
-Blume der Liebe erwuchs. Und wie in der Welt jedes Verhältniß, auch
-das tiefste, sich verflacht, so wird in der Einsamkeit auch das
-oberflächlichste bedeutend. -- Nicht leicht wird ein Mädchen dieses
-Ranges einsamer erwachsen, als Albane. Ach! sie war wohl schlimmer
-daran, als eine Waise. Die Mutter lag in tiefer Ruhe, und das Geheimniß
-manch schwerer Sorge war mit ihr versenkt; der Vater, Herr eines beinahe
-fürstlichen Besitzthums, war ein armer verstörter Mann, mit dem der
-geplagteste seiner Unterthanen nicht tauschen mögen. -- Seine Tochter
-hing mit kindlicher Seele an ihm, und hielt so nur allein seine
-zerrissenen Gedanken in einem gewissen Zusammenhange. Sie fand sich mit
-jener Sicherheit, die ein Gott uns lehrt, in seinem zerrütteten Geiste
-zurecht, wie dunkel die Spur auch gewesen wäre. Wenn Albane ihren Vater
-ansah, so oft er wirre Worte redete und die Begriffe durcheinander
-warf, so drang mit diesem Blick ein mildes Licht in sein Inneres, und
-er erkannte sich selbst wieder und sein Kind. Ihre liebe, sanfte
-Stimme, vom innigsten Bezug, war wie der Laut eines Glöckleins, was den
-Verirrten auf den rechten Weg ruft. Wenn der Graf seine Beamten vor sich
-ließ, und Geschäfte von Wichtigkeit zu besprechen waren, so stand die
-Comteß daneben, und hielt wie mit einem leisen Faden die Gedanken im
-Zuge; verwickelte er sich auch einmal in einen Widerspruch, so wußte
-Albane ihn leicht zu lösen. Die Bewunderung, mit der jene Männer zu ihr
-aufschauten, erlaubte ihnen nicht, einen Blick des Mitleids zu wechseln.
-O heilige Liebe! Du bist jener wunderbare Hauch der Allmacht, der den
-Funken des Geistes nicht verglühen läßt in todter wüster Asche. Darum
-ist es unser laienhaftes Urtheil, daß Kranke dieser Art unter der
-verschwiegenen, liebevollen Pflege der Ihrigen am besten aufgehoben
-sind. Verstand und Kunst stützen zwar die Pfeiler, auf denen das
-Gleichgewicht der Seele ruht, können aber gänzlicher Zerstörung nicht
-immer vorbeugen. Die Liebe in ihrem umfassendsten Sinne ersteigt nicht
-allein Mauern, sie wirft auch welche auf, gegen solchen Verfall.
-
-Doch nichtsdestoweniger war dem armen Kinde das Herz unsäglich schwer.
-Albane hatte keinen Trost als sich selbst, und daß sie sich nicht selbst
-genüge, ward ihr klar in Thränen, die sie heiß und heimlich weinte. --
-Wenn der Graf schlief, und er schlummerte oftmals des Tages über ein,
-weil er sich des Nachts gegen die Wohlthat der Ruhe sträubte, aus
-Furcht, in Bewußtlosigkeit zu versinken -- so lauschte Albane, wie tief
-und stöhnend er athme. Ihr Blick hing bewölkt an seinem grauenden Haar,
-an der gealterten zusammengesunkenen Gestalt -- und ihr Gefühl hatte
-keine Stütze. Albane durfte nur an seiner Seite sitzen, und den weichen
-Wedel von Pfauenfedern schwingen, daß die summende Fliege ihren Vater
-nicht belästige, so sanken vor den Augen des Argus die seinen zu,
-und einschläfernde Regenbogenkreise zogen seine wache Seele in ein
-träumendes Vergessen. --
-
-Niemals kamen Gäste in das Schloß zu Bonna, niemals! Auf der breiten
-steinernen Brücke, die zu seinen Thoren führte, wuchs Gras, als hätte
-ein altgläubiger Fluch es hervorgerufen. Die Zimmer waren pomphaft, doch
-leer und öde, nur die Zeit wohnte darin, und nützte den Glanz der Möbeln
-nicht mehr ab, wie eine ruhige alte Frau von leisem Schritt und Wesen.
-Losgesprochen von jeder andern Aufgabe als der: zu leiden, fand die
-junge Gräfinn nie und nirgend etwas zu thun. -- Der Tag zu Bonna und
-seine Glocke war ein Tonstück von ganzen Noten und großen Pausen. Tanz
-und Musik, die kirchliche ausgenommen -- waren Freuden, welche Albane
-nur dem Namen nach kannte, und manchmal wünschte sie wohl, die Horen
-mögten ihr die Pforten des Himmels öffnen, daß Alles zu Ende wäre. Sie
-thaten es, doch auf andere Weise, zu dem Anfange eines neuen Lebens. --
-Die Weidenflöte, das Geläut der Heerden, der klingende Tropfenfall des
-Springbrunnens, das Schwirren der Heimchen im abgesichelten Felde,
-dies Alles regte eine sehnsüchtige Wehmuth in ihr an, einen wollüstigen
-Schmerz, gemischt aus Grauen und Entzücken. Einst fand der Graf seine
-Tochter, wie sie das bethränte Gesicht an den Blättern einer dunkeln
-Laube trocknete. Erschrocken fragte er: »Du hast geweint? Was fehlt Dir,
-mein liebes Kind?« Albane antwortete überrascht, »die Freiheit,
-mein Vater! ich fühle mich so beengt.« -- Es war einer der lichten
-Augenblicke des Grafen, worin ihm diese Klage seiner Tochter
-einleuchtete. Er erlaubte ihr nun spazieren zu gehen, wann, und wie
-weit sie nur irgend wolle. Von dieser Zeit an ging eine Veränderung mit
-Albanen vor. Als ob tausend Seelen in ihr erwacht wären, belebte und
-erhöhte sich ihr ganzes Wesen. In dem großen, kalten Schlosse war es wie
-Frühling geworden. Die zarte Wange der jungen Gräfinn, sonst nur schwach
-gefärbt, war eine glühende Rose, ihre sanften Augen leuchteten wie in
-einem seligen Fieber, und die grauen Riesen am Steinthor schienen im
-Abglanz ihres Blickes zu lächeln. Anstatt leise aufzutreten, schwebte
-sie nur, kein Unfall berührte sie mehr, alle Gesichter erheiterten
-sich bei ihrem Anblick, und selbst auf der finstern Stirn ihres Vaters
-blühete eine kleine kümmerliche Freude an der reizenden Zufriedenheit
-seines himmlischen Kindes auf.
-
-Es ist bereits früher erwähnt worden, daß mehrere Anwohner dieser
-catholischen Herrschaft zu den Stillen im Lande gerechnet wurden; dies
-nicht allein, auch die ersten von den Offizianten des Grafen gehörten
-jener religiösen Innung an. Darunter war der Oberverwalter, ein
-schätzbarer Oekonom. Der Geschäftskreis, den er mit der besonnensten
-Umsicht versah, war groß, der seines Familienlebens hingegen klein.
-Er hatte seine einzige Tochter Fabia dem Cassirer des Majoratsherrn
-verlobt, und konnte sicher darauf rechnen, seine Tochter werde an der
-Seite dieses redlichen Mannes, den sie mit ruhiger Neigung gewählt,
-eben so sicher zufriedne Tage zählen, als dieser, von dem kein Error
-zu besorgen war, die ihm anvertrauten Summen. -- Die junge Gräfinn,
-obgleich weder von Fabia angezogen, noch festgehalten, hatte durch
-die Leitung des Zufalls, oder, um uns angemessener auszudrücken: einer
-höheren Hand -- die fromme Braut kennen gelernt, und konnte ihr ein
-Gefühl der Achtung nicht versagen. Fabia hatte einige Jahre früher
-eine herzlichgeliebte Freundinn verloren -- unsere Leser kennen die
-Geschichte jener Todten und ihrer Freundschaft -- und vielleicht war es
-ein sanfter Nachhall jenes erschütternden Ereignisses, vielleicht ein
-noch _innigerer_ Ton, was Anklang fand in Albanens Seele. Die stille
-Weise, in der Fabia viel leistete, ihr gesetztes Betragen, der Tact der
-Ruhe und Rechtmäßigkeit -- wenn wir so sagen dürfen -- womit sie sich
-bewegte, und das Ruder des Hausstands lenkte, bildete eine Art
-von Gegensatz zu dem leidenschaftlichen Zustande Jener, und wirkte
-beschwichtigend auf sie ein. Albane empfand, daß Verlaß auf Fabia zu
-setzen, und konnte sich des stillen Zugeständnisses nicht erwehren, daß,
-in solch sichere Hand sein Schicksal zu legen, keinem Manne zu verargen
-sey. Ein _festes_ weibliches Herz, dachte die junge Gräfinn, wäre
-vielleicht ein größeres Glück als Eigenthum, wie als Geschenk -- und
-dachte doch mit Schauder, mit dem Schauder der Vernichtung, sie könne
-einst dieses Stillstands, dieses Gleichmuths theilhaftig werden. --
-Fabia sprach gelassen von der nächsten Zukunft, in der ihre Heirath
-vollzogen werden sollte; der Schritt von ihrer heimathlichen Schwelle
-geschah mit so leisem Bedacht, mit so viel Rücksicht auf das Größte wie
-auf das Kleinste, was dem Vater zu Gute kommen könnte, da sein Kind
-ihn verlassen müsse, um dem Manne zu folgen -- daß Albane auch dies
-vergleichungsweise bemerkte und fühlte. Sie galt für eine Braut der
-Kirche; aber Frieden und Freudigkeit war nicht in ihr. Die Gegenwart
-erfüllte ihr Herz -- eine ungeheure Kluft trennte sie von ihrer Pflicht,
-und an das Künftige vermogte sie nicht zu denken. Der neue Ehestand hob
-jenen Umgang auf, wenn die weite Beziehung, worin die Tochter des Grafen
-zu der des Oberverwalters gestanden, nämlich so zu nennen -- man sagte
-die Comteß kränklich, der Arzt kam oft nach Bonna, und Albane war
-beinahe von Niemand mehr gesehen.
-
-Inzwischen waren ein paar Jahre vergangen. Man hatte wenig oder nichts
-von dem jungen Ehepaare gehört, ein Beweis, daß es glücklich lebte. Da
-ward die Gattinn des Cassirers eines Tages der Gräfinn Albane gemeldet,
-und alsbald stand jene bekannte Gestalt vor ihr. -- Ein wenig fraulich
-hatte Fabia sich doch verändert. Sie war hagerer als sonst -- die
-frischen Wangenrosen waren verweht und etwas eingefallen, und um den
-Mund hatte sich ein matronenhafter Zug von kleinen Falten gebildet,
-der um so schärfer hervortrat, als sie sich zu lächeln bemühte. -- Doch
-ungleich deutlicher noch machte Fabia ihrerseits die Bemerkung, daß
-Albane kaum mehr zu kennen wäre. -- Sie saß an dem einzigen Fenster
-eines Gemachs, das wie eine Laube gemalt, und deshalb düster war.
-Seltsam stachen die unbeweglichen Schatten der Malerei gegen das
-lebendige Farbenspiel der Tuberosen und grünen duftenden Stauden ab, die
-in einem kleinen reizenden Gartenflor an dieser sonnigen Stelle blühten.
-Der Wind strich leise durch die Zweige, und ihre Umrisse spielten warm
-auf dem Gesicht der Gräfinn, die, verbleicht, krankhaft zu frösteln
-schien, denn sie trug in dieser Jahreszeit -- es war im August -- einen
-weiten Mantel von Seide. -- Dieser Anblick brachte Fabien um die
-ihr eigenthümliche Gegenwart des Geistes. Ihre Seele forschte in dem
-bestürzten Blicke nach der Ursache dieser Veränderung. Wie war diese
-unvergleichliche Schönheit zerstört! welches verwahrlosende Geschick
-hatte das Feuer dieser herrlichen Augen ausgelöscht? -- Zwar hatte
-man lange schon von einer bedeutenden Unpäßlichkeit der jungen Gräfinn
-gesprochen, und wie diese selbst für die Diener des Hauses unsichtbar
-würde -- die Amme war sichtlich geängstet, doch schweigsam wie das Grab,
-das sie für ihren Liebling fürchtete --: aber diese matte Blässe, diese
-kranke Stimme, aus Seufzern zusammengehaucht, deutete eben so sehr auf
-ein beladenes Gemüth, als auf unterdrückte Kraft des Körpers hin.
-
-Mit Fabien stand der Gräfinn die Vergangenheit vor Augen. Das klare
-Ansehen der jungen Frau und ihrer reinen Verhältnisse bewegte das Herz
-im Busen der unglücklichen Albane. Ein tiefer Seufzer schwebte auf ihren
-Lippen, da sie nach dem Anlaß dieses lieben Zuspruchs fragte. -- Darauf
-trug Frau Fabia bescheidentlich die Bitte vor, ihr gütigst eine blaue
-Camelia abzulassen, womit sie ihrem Manne, der ein großer Blumenfreund
-sey, eine Freude zu seinem Geburtstage zu machen wünsche. Die Gräfinn
-gewährte dies und mehr, jede schöne seltne Pflanze, die sich innerhalb
-der Glashäuser, oder im Bereich des Gartens überhaupt befinde, solle
-zu ihrer Auswahl stehn. Fabia bezeigte ein lebhaftes Vergnügen. Albane
-erkundigte sich nun nach dem Ergehen der jungen Frau, und kam der
-zögernden Antwort zuvor, indem sie schmerzlich lächelnd sagte: »doch
-diese Frage ist wohl vom Ueberfluß. Sie haben aus Neigung geheirathet.
-Sie sind die Gattin Dessen, den Sie lieben, vor der Welt die Seine, und
-begünstiget durch ein Stillleben, was ich mir über alle Maaßen traut und
-glücklich denke. Sie dürfen ihren Ehemann mit jeder Blume beschenken,
-mit _jeder_ -- selbst wenn sie unter Ihrem Herzen blüht --« hier
-stockte die Gräfinn. Fabia senkte tief das Auge, und es bedeckte eine
-aufquellende Thräne. Diese Seligsprechung einer Vermählten im Munde der
-gräflichen Jungfrau, die eine geistliche zu werden bestimmt war, mußte
-die Frau des Cassirers befremden, und jene höchste Blüthe der Liebe,
-worin Albane das, was sie dachte, verblümte, auf der schaamhaften Lippe
-eines Mädchens die züchtige Fabia allerdings Wunder nehmen. Sie sprach
-erröthend: »ich darf mein Loos nicht beklagen; doch auch die günstigste
-Lage läßt wohl etwas zu wünschen übrig. Mein Mann ist brav, und hat
-mich noch mit keiner Miene beleidiget; aber er ist peinlichen
-Gemüths, besonders was seine Geschäfte betrifft. Freilich ist sein Amt
-verantwortlich, da der gnädige Herr Graf --« Albane nickte, und Fabia
-fuhr fort: »dann mag die Erziehung meines guten Mannes hier und da
-verfehlt gewesen seyn -- damit hat eine Frau auch zu kämpfen. Er
-verbittert sich manchen Lebensgenuß, mein Vater spricht, es komme von
-einer krankhaften Galle her. Schreckt er doch selbst mich nicht selten
-mit einer gewissen mißtrauischen Kälte ab -- und der Himmel ist mein
-Zeuge! daß ich ihm gern die Sonne zuneigen mögte. Endlich wünscht er
-sich so sehnlich ein Kind -- und es wäre hart für mich, wenn dieser
-Segen uns versagt bleiben sollte.«
-
-Nichts lockt so sicher Aeußerungen des Vertrauens auch aus der
-verschlossensten Brust, als wenn der Schatz, den sie besitzt,
-überschätzt wird. In diesem Falle dürfte sich selbst der vorsichtigste
-Geizhals in einer ohngefähren Angabe seines Vermögens errathen.
-
-Die weiße Albane ward wie mit Rosenblut begossen. Sie brach eine Knospe
-ab und zerpflückte sie in ihrem Schooße. Das Gespräch ward noch eine
-Weile mit Wärme fortgesetzt -- dann ging Fabia. Später hörte man von ihr
-und ihrem Manne, sie hätten ein Pflegekind angenommen.
-
-Wieder eine geraume Zeit war seitdem verflossen. Da ging Albane an
-einem milden Sommerabend spazieren, und wie gewöhnlich allein. Sie war
-kürzlich abermals sehr krank gewesen, und als sie zum Vorschein kam, sah
-man wohl, wie viel sie gelitten. Man beklagte die arme junge Gräfinn,
-die schwerlich zu völliger Gesundheit und Kräften kommen könne, in ihrer
-herzpressenden Lage, und der, allem Vermuthen nach -- sich die Thüren
-der Gruft eher öffnen würden, als die Pforten des Klosters. --
-
-Ein Hirtenknabe durchkreuzte ihren Weg, der weinte. Die Gräfinn fragte
-nach der Ursache dieser Betrübniß: ein junges Lamm war ihm von der
-Heerde abhanden gekommen. Albane bot ihm Geld, der kleine traurige
-Schäfer aber in Angst und Eile des Suchens schlug es aus und sprach:
-»wenn ich das Verlorene nur wieder hätte! das wäre mir lieber als
-Alles.« Dieser kleine Vorfall rührte wunderbar an Albanens Gemüth. Dort
-flog er hin, der kindliche Hirt! Albane sah ihn hinter dem blühenden
-Klee verschwinden; am Hügel tauchte er wieder auf, und hielt das
-gefundene Lämmlein mit beiden Armen umschlungen, und fest an seine Brust
-gedrückt. Er winkte aus der Ferne der Dame zu, daß es nun da sey, seine
-Miene lachte entzückt und der schlichte blonde Scheitel des Knaben
-glänzte im Schein der sinkenden Sonne.
-
-Die Gräfinn sah thränenden Blickes und versenkt in tiefe Gedanken
-nach ihm hin; tiefer noch war die Quelle, die in ihren schönen Augen
-überfloß. -- Sie setzte sich auf einen Feldstein, neigte das Haupt und
-starrte zu Boden. Da stand der alte Romana vor ihr, der unbemerkt heran
-gekommen war. Er hatte die Tochter seines Freundes lange nicht gesehen,
-und konnte seine Betroffenheit über ihren Anblick an dieser einsamen
-Stelle nicht bergen. Albane fühlte ihre Wange erkalten, und stammelte,
-daß sie von einer jähen Schwäche angewandelt worden sey, die ihr von
-der letzten Krankheit anhänge. Der Forstmeister betrachtete dies holde,
-tödtlich erblaßte Gesicht wie mit väterlichem Mitleid. Er bat, die
-Gräfinn wolle ihm erlauben, sie in seine Wohnung zu führen, die in der
-Nähe sey, auf daß sie sich daselbst erholen und eine kleine Stärkung
-zu sich nehmen könne. Er bat so herzlich, daß Albane seine Güte nicht
-ablehnen konnte. Während des Gehens unterstützte er die zarte Gestalt,
-deren biegsamer Wuchs wie bewegt von einem innern Sturme an seinem Arme
-schwankte. Er machte ihr sanfte Vorwürfe, sich als eine kaum Genesene,
-unbegleitet solch einer Anwandlung ausgesetzt zu haben. »Ihr Vater,
-liebe Comteß,« redete er treumüthig weiter, »dem die nächste Sorge für
-die theure Gesundheit seines Kindes zustünde, ist leider! dieser Obhut
-nicht fähig; vergeben Sie es mir daher, wenn ich Sie aufmerksam mache,
-auf die Pflicht sich zu schonen. Lassen Sie mich in dieser Mahnung
-Vaterstelle an Ihnen vertreten! -- Was sollte aus meinem armen Freunde
-werden, wenn seine einzige Stütze vor ihm sänke in das Grab? -- Und wenn
-das so fortgeht -- --« Sie standen an dem Hause, Albane drückte die
-Hand des liebreichen Mannes, als wolle sie damit ein stummes Versprechen
-leisten. Sie sah empor; ihr Blick hing an dem südlichen Dach, das
-getragen von der heitersten Wohnung, einem der hängenden Gärten der
-Semiramis zu gleichen schien.
-
-Der Forstmeister fragte: ob die Gräfinn sich wohl zu erschöpft fühle, um
-diese mäßige Höhe zu ersteigen? und als sie es als Wunsch äußerte, ließ
-er Brod und Wein hinauf bringen, den werthen Gast zu erquicken.
-
-Es war ein himmlisches Plätzchen, und Albane genoß zum erstenmale den
-Reiz dieser Aussicht weitschauenden Blickes. »Wie schön ist es hier!
-eine wahre Augenweide!« sagte sie tiefathmend, und ihr Gedanke streifte
-in diesem Ausdruck noch leise an der Heerde hin, welche die wallenden
-Wolkenschäfchen ätherisch versinnlichten.
-
-»Ja,« antwortete Romana innigst begnügt, »ich danke dieser Anlage manche
-Stunde, die ich mit einem goldnen Platz nicht tauschen mögte. Und an
-Gold mangelt es hier auch nicht.« Die Sonne goß eben ihren letzten Glanz
-blendend aus, der Himmel flammte und das Blut der Traube perlte im Glase
-wie ein flüssiger Rubin. »Wie Viele mögten in erträumter Größe mich
-beklagen,« setzte er mit heiterm Lächeln hinzu, »während ich mein Glück
-hoch genug zum Preise des Herrn anschlage. Wer die Einsamkeit liebt und
-mit sich selbst umzugehen weiß, entbehrt nie eines tröstenden Freundes.
-Wäre mein Sohn fortzubringen von hier, oder anders -- er ist so wenig
-froh -- so würde ich von keinem Kummer wissen, als an den ich mich
-aus vergangener Zeit erinnere. Im Revier des Waldes bin ich in meinem
-Element, und kenne jeden Baum. Wenn der frische Morgenhauch die grüne
-Haide durchschauert, dann athme ich wie ein Jüngling; und wenn ich des
-Abends hier sitze: welcher Odem des ewigen Lebens weht mich von _diesem_
-Holze da an?« Er deutete auf das Kreuz.
-
-»Gräfinn!« fuhr Romana begeistert fort, und vergaß zu Wem er rede, »wie
-mag es doch Menschen geben, die ihr Heil in andern Dingen suchen, als
-bei dem Einen: dem Heiland? -- Wie still ist die Seele, die Ihn liebt!
-Sie geht geführt von seiner Hand auf den Wogen des Lebens, wo
-Andere untersinken. Einst war es nicht so mit mir. Ich war ein
-leidenschaftlicher Mensch, ungestüm in meinen Wünschen, meinem Begehren;
-ich fürchtete das Geliebte zu verlieren, obgleich ich es noch hatte,
-ohne daß ich es eigentlich besaß. Die Leidenschaft betäubt, sie ist der
-Sturm in unsrer Brust, der unsre beste Habe verschlingt, der unser
-Glück zertrümmert, nur beschwichtiget von Dem, welchem Wind und Willen
-gehorchen.«
-
-Diese Worte schlugen an Albanens Herz. Sie wagte jedoch hierauf zu
-entgegnen: diese Ruhe des Gemüths, diese Stille der Seele mögte wohl
-eine Frucht gereifter Jahre seyn.
-
-Der Forstmeister schüttelte sein ehrwürdiges Haupt und sprach: »das wäre
-traurig, liebe Comteß. Dann wäre die Jugend ein ausgeschlossenes Kind,
-und das Alter ruhete der Liebe im Schooße. Nein! wir sind nur blind,
-bis wir sehend werden. Wer sich auch in der Verblendung gefällt: er wird
-früh oder spät merken, welcher Sinn ihm abgeht. Wage Jemand, ein Glück
-behaupten zu wollen, was Gott nicht billigt! ja, der Mensch ist so
-wundersam beschaffen, daß, wo Niemand ihm streitig macht, was er
-besitzt, er, _er selbst_ es ins tiefste Meer würfe, zur Sühne für den
-Himmel! Schon die Gesetze der Welt müssen das Juwel unserer Freuden
-fassen, sollen wir es tragen können.«
-
-Mit diesen Worten hatte der ehrenwerthe Mann das Innerste Albanens
-ausgesprochen. Sie schwieg, tief erschüttert, und als er ihr das Brod
-und den Wein wohlmeinend aufdrang, war ihr nicht viel anders, als
-genösse sie das heilige Abendmahl.
-
-Die Unterredung nahm nun die Wendung auf Sylvius. Sein Vater klagte, und
-ahnete nicht, daß er die Seele der Gräfinn zerriß -- wie vielen Kummer
-ihm dieser so treffliche Sohn verursache, durch stillen Trübsinn, durch
-sein eigensinniges Beharren, nicht weichen zu wollen von der heimischen
-Scholle, da ihm doch die weite Erde offen stände. »Es ist,« fuhr der
-Alte mit sorgenschwerer Stimme fort, »als ob ein Bann ihn hier gefangen
-hielte, den der Herr lösen wolle! -- Was ihn hält und härmt: ich weiß
-es nicht, denn er hat kein Vertrauen zu mir, seinem einzigen und besten
-Freunde! --« Ein gekränkter Seufzer stieg aus dieser väterlichen Brust
--- Albane stand auf. »Aber was ist Ihnen, liebe Gräfinn?« fragte Romana
-bestürzt, »Sie weinen? Sie zittern?« Albane konnte den hervorbrechenden
-Thränen nicht wehren; das Herz wollte ihr zerspringen, und sie
-machte eine Bewegung, als wolle sie dem Forstmeister zu Füßen sinken.
-»Entlassen Sie mich --,« bat Albane sehr leise, »ich fühle mich krank.«
-Sogleich wollte Romana einen Wagen kommen lassen; die Gräfinn lehnte
-dies ab, und sich auf seinen Arm. Er führte sie sacht und sanft nach dem
-Schlosse, unwissend, daß er seine Schwiegertochter leite.
-
-Ach! die arme Gräfinn war seit mehreren Jahren Sylvius heimlich
-angetraute Gattinn, und binnen dieser Zeit zweimal Mutter geworden. --
-Sie hatte den heißen Bitten des Geliebten nicht widerstehen können,
-sich mit ihm zu verbinden, und ihrer Bestimmung also zu entziehen.
-Nimmermehr, das wußte Albane, würde ihr Vater seine Einwilligung dazu
-gegeben haben, und auch der junge Romana hatte Ursache zu glauben, der
-seinige werde nicht minder entschieden dagegen seyn, wenn gleich der
-Grund diesseitiger Abneigung ihm verborgen war. Der Arzt und die Amme
-waren im Geheimniß dieser Ehe, und ihrer vereinten List gelang es, unter
-dem Schutz der Umstände eine Täuschung der Art zu ermöglichen, und bis
-dahin dauernd zu erhalten.
-
-Tief in der weiblichen Natur begründet, liegt etwas Widerstrebendes, ein
-geheimnißvoller Wille, nicht zu wollen, was ein höheres Gesetz als sein
-Geschlecht von ihm fordert, während der Mann, wo er im Kampf begriffen
-scheint, mit der Welt und dem, was sie ihm weigert, nur seiner innersten
-Ueberzeugung gehorcht.
-
-Der Gedanke an das Kloster war der Gräfinn stets furchtbar gewesen,
-und das Gefühl ihres Menschenrechts hatte sich gegen diese Bestimmung
-gesträubt. -- Jetzt galt es, aus freier Wahl diese Nothwendigkeit
-aufzuheben. Der Vater wurde nicht davon berührt -- er wußte nichts.
-Und wie mag ein weiblich Ohr, erfüllt von den Stimmen der Liebe, und in
-nervöser Scheu vor jenem Glöcklein der Kirche, das über der absterbenden
-Novize geläutet wird -- auf das Flüstern religiösen Zartgefühls hören?
--- Dieser verschwiegene Bund, sein verstohlnes Verhältniß, ja selbst
-der Reiz einer gewissen Gefahr erhöhete die heimlichen Entzückungen
-desselben, da des Vaters Ruhe, wo nicht sein Leben daran hing, daß es
-unentdeckt bliebe, seine Tochter wäre vermählt. Diese Gattinn, das freie
-Eigenthum der Liebe, würde dem Sylvius der öffentlichen Stimme nach,
-nur ein kirchenräuberischer Besitz gewesen seyn; aber er trank von ihren
-Lippen Weihe und Wonne. -- Als hätte eine schützende Gottheit einen
-Schleier über diese Ehe geworfen, so blieb sie jedem Auge verhüllt.
-Albane galt für eine Himmelsbraut, kein schnöder Verdacht schlich ihren
-Schritten nach; ihr kindlicher Ruf war über jeden Argwohn erhaben;
-wie hätte man denken können, sie wolle sich einer heiligen Pflicht des
-Glaubens entziehen, für den ihre Mutter gestorben? -- Das Bedauern
-für die junge Gräfinn war so allgemein und innig, daß man ihr jede
-Seltsamkeit nachgesehen haben würde -- und nachsah. Die Natur gab diesem
-Bündniß Unauflöslichkeit, und jetzt fühlte Albane zum erstenmale, daß
-das Einsseyn zweier Herzen, ob auch vereiniget durch Priesters Hand,
-unter den Schutz der Oeffentlichkeit gehört; denn schon die Gestalt
-einer werdenden Mutter heischt eine rechtliche Meinung, und macht
-es unmöglich, ohne Sünde oder Sorge den höchsten Segen des Weibes zu
-verheimlichen. Nur die Lage der Gräfinn, so gänzlich abgesondert von der
-Welt, und in diesem Vorzug -- dieser Begriff gelte für jene Umstände --
-fast einzig und allein in ihrer Art, der blöde Geist ihres Vaters, das
-blinde Vertrauen dessen sie genoß, das vorsichtige Verfahren des Arztes
-und die erfinderische Klugheit der Amme halfen über jenen schwierigen
-Zeitpunct wiederholentlich hinweg. -- So waren Jahre verflossen. Das
-Band dieser ehelichen Liebe schien an Stützen gebunden, die tiefer
-begründet waren, als für ein sterbliches Auge einzusehen möglich, es
-war so innig mit beruhigendem Schweigen verwebt, daß die furchtsame
-Besorgniß Albanens, es könne zur Kenntniß ihres Vaters kommen, allmählig
-nachließ. Sie ward endlich sicher.
-
-Aber _die_ Stimme in der menschlichen Brust, ein schwacher Vorklang
-jener, die einst schlafende Welten wecken wird, welche in den leisesten
-Bebungen des sittlichen Sinnes an ein betäubtes Herz dringt --
-ward laut. Die Gräfinn war längst nicht mehr glücklich, wenn sie es
-eigentlich jemals gewesen. Ihr Glück däuchte ihr nur ein entzückender
-Traum, unhaltbar zerronnen, aus dem sie schwerblütig erwacht wäre. Ihr
-ganzes Wesen, vom Sitz des Herzens aus, durchdrang ein traurig Sehnen,
-was sich selbst in Sylvius Armen nicht stillte; das Bewußtseyn ihrer,
-seiner Liebe genügte ihr nicht mehr. -- Ein kränklicher Gram zehrte an
-ihrer Gestalt, und ein Gefühl unsäglicher Wehmuth, von trübem Grund der
-Seele, bedrängte ihren Busen. Sah sie ein junges Ehepaar neben einander
-sitzen oder gehen: so dachte sie mit einem alten Liede: »manches Herz
-geht _ganz alleine_ seinem stillen Kummer nach --« Albane verkannte, daß
-der Liebe Geist, der treueste von allen Freunden, ihr zur Seite wäre. --
-Geschah es, daß sie Fabien von oder zu ihrem Mann reden hörte: so fühlte
-sie sich schmerzlich fremd, wie eine Taubstumme, Angesichts Solcher,
-denen das Vorrecht und die geistige Beziehung der Sprache gegeben ist.
-Ein weinendes Kind, geschmiegt an den Hals seiner Mutter, lockte bittre
-Tropfen in ihr Auge, und die arme Gräfinn hätte all ihr Blut verströmen
-mögen, wenn sie eine Thräne ihres Kindes, _eine_ nur -- tröstend hätte
-wegküssen dürfen. --
-
-In dieser Stimmung dachte Albane oft an ihre Mutter, auf die sie sich
-wenig zu besinnen wußte. Zwar bebte ihr Gedanke vor diesem beleidigten
-Bilde zurück; aber es zog allmählig immer trauter und versöhnender
-ihr Denken und Sinnen an sich. Einst führte das Bedürfniß innerster
-Ansprache sie an die Familiengruft, deren Thür sie sich öffnen ließ.
-Auch den Deckel des Sarges ihrer Mutter ließ sie abheben, und diesem
-Willen der jungen Gebieterinn ward, wenn auch widerstrebend, doch Folge
-geleistet. Der Leichnam lag unversehrt, nur das weiße Kleid war in
-der linken Brustgegend hochroth gefärbt, als hätte der Todten das Herz
-geblutet; das rechte Auge war nicht ganz geschlossen: wie drang dieser
-erstorbene Blick in die Seele ihrer Tochter! -- Um den eingefallenen
-Mund schwebte noch der Schatten eines Lächelns, womit die edle Frau die
-Welt gesegnet hatte. Albane stand in heiliger Rührung an dieser Stätte
-der Ruhe. Ein ganzes Leben voll Vorwürfe hätte nicht so dringend an
-ihr Herz reden können, als dieser stille Anblick, der den Frieden der
-Gottseligkeit schweigend offenbarte. Und hier war es, wo Albane den
-Schmerz der Leidenschaft als sündlich empfand. -- Fuhr die Gräfinn des
-Sonntags nach der Kirche, so trat sie mit einem Schauer der Buße in
-die vergitterte Loge. Das Erbrausen der Orgel schwellte ihre Brust, ihr
-Gefühl war ein frommes Heimweh. Sie wünschte sterben zu können an diesen
-Tönen des Himmels. Und wenn die Sonne zu den hohen Fenstern herein
-schien, und in der Stola des Priesters flimmerte: dann leuchtete dieser
-Strahl auch in ihr Innerstes, und um den dunkeln Altar des Gemüths ward
-es helle. -- Doch ein Blick der Liebe ihres Vaters, der kleinste Beweis
-seiner Zuversicht zu ihr, die sein Ein und Alles war, spaltete Albanen
-das Herz. -- Wenn schon eine zarte Scheu sich in Acht nimmt, einem
-Blinden auf irgend eine Weise Anstoß zu geben: so wird ein zarterer Sinn
-Anstand nehmen, den geistig Blöden zu hintergehen. So war Albane sich
-nach und nach einer Schuld gegen ihren Vater bewußt worden, die sie in
-heißer Reue mit keinem Opfer der Liebe, auch dem größten nicht, sühnen
-zu können glaubte. -- Die Unterredung mit dem Forstmeister, welche das
-Herz der Gräfinn erschütterte, fand daher den Tag der Reife, und lösete
-die Frucht der Selbsterkenntniß ab, in einem Gedanken, den sie lange
-getragen.
-
-Auch Sylvius war unbefriediget, und konnte es nicht immer verhehlen. Er
-vergaß in der Heftigkeit seiner strebsamen Wünsche, daß Albane, indem
-sie ihnen nachgegeben, ihm das Ziel derselben als ein unabänderliches
-gezeigt. Das süße Geheimniß, der unsichtbare Trauring, war ihm eine
-Fessel, die er in männlichem Trotz abstreifen mögen -- er fühlte
-sich beschränkt, und die Geliebte war es, die ihn hinderte, seine
-jugendlichen Kräfte an den Schranken der Welt zu versuchen.
-
-»Ich las heute,« sagte die Gräfinn in der Späte jenes Abends, an dem sie
-seinen Vater gesprochen, zu ihrem Gemahl, »die entstehende Liebe ist in
-einem Nichts reich, die wachsende ist in den Wünschen bescheiden, nur
-die glückliche Liebe hat nie genug -- da dachte ich an Dich.«
-
-»Ach, Albane!« lautete seine Antwort, »wie könnte meine Liebe glücklich
-seyn, da Du es nicht bist? Umsonst verbirgst Du mir einen Kummer, als
-dessen Ursache ich mich ansehen muß -- ich bin nicht im Stande, Dein
-Herz ganz auszufüllen. Lebten wir nicht in dieser unseligen lichtscheuen
-Vereinzelung: kein finstrer Gedanke würde Raum finden zwischen Dir und
-mir.«
-
-»Wie Du mich quälst, Romana!« seufzte seine Frau, »gönne mir den Trost,
-das Leben meines Vaters zu schonen; an diesem schwachen Faden laß mich
-vorsichtig halten, das Gewebe der Verhängnisse ist zart. -- Und damit
-Du das Wenige schätzen lernst, was Du an mir besitzest: so dürfte es gut
-seyn, wenn Du mich eine Zeitlang ganz entbehrtest. Der Arzt dringt in
-mich, den Vater zu einer Reise von längerer Dauer zu bereden, und auch
-Dir, mein Sylvius, dürfte eine weite Ausflucht eben einmal nöthig seyn.«
-
-Albane stellte nun dem Gemahl diese Reise aus den verschiedensten
-Gesichtspunkten als eine allseitige Nothwendigkeit dar. Der jüngere
-Romana glaubte jedoch nicht, daß es dazu kommen würde; aber der Graf
-zeigte sich viel leichter entschlossen, als zu erwarten gewesen, ja,
-es war, als ob dieser Entschluß seine Kräfte aus ihrem lethargischen
-Zustande aufgerufen hätte. Er war zum Staunen der Seinen der
-besonnensten Maßregeln fähig, und Albane, welche diesen Lichtblick
-benützten zu müssen glaubte, förderte die Anstalten in drängender Eile.
-
-Es gab mehr Leute, welche diesen günstigen Zeitpunkt zur Erreichung
-ihrer Zwecke absahen. Der Oberverwalter, Fabiens Vater, war vor Jahr
-und Tagen gestorben, und ein Mann an seine Stelle gekommen, der obgleich
-tüchtig für sein Fach, doch nicht als vertragsam gerühmt werden
-konnte, am wenigsten von dem Schwiegersohn seines Vorgängers.
-Dieser, ärgerlicher Art, that nur seine Pflicht, doch nichts, um ein
-freundlicheres Verhältniß einzuleiten; bei solcher Unfügsamkeit in nahem
-Verkehr waren Reibungen unvermeidlich, und es kam so weit, daß Fabia
-einsah, ihrem Manne würde nicht nur sein Amt, sondern das Leben
-verleidet. So redete sie ihm zu, den Grafen um Versetzung anzugehen. --
-Aber dieser Gutsherr war so wenig zugänglich, wie ein Fels im Meer, und
-einmal abgeschlagen, konnte jener Wunsch nicht wiederholt werden.
-Als nun Graf Frankenstern den Cassirer rufen ließ, und ihn dieser
-gesammelten Geistes und überaus gütig fand, erschrak er fast vor Freude,
-daß der Blüthenmoment für seine Angelegenheit so plötzlich gekommen
-wäre. Er trug seine Bitte vor, zugleich mit der Beschwerde über den
-Oberverwalter, und der Graf verfügte ohne Weiteres, daß der Antagonist
-desselben als Rentmeister nach Bühle versetzt würde. -- Er hob
-bedeutende Summen aus, und fand das Rechnungswesen in musterhafter
-Ordnung; es ergab ein Facit gegenseitiger Zufriedenheit. Frau Fabia
-hatte, als ihr Mann vom Schlosse nach Hause kam, eine langentbehrte
-heitre Stunde; aber diese war auch für längere Zeit die letzte. Nachdem
-die Spannung nachgelassen, worin er sich zeither befunden, fühlte er
-sich krank, in Folge verhaltnen Aergers. Als der Graf nun Tages vor
-seiner Abreise den Rentmeister noch einmal zu sich rufen ließ, ihm
-Papiere von Wichtigkeit zu übergeben, raffte Dieser sich mühsam auf, die
-Befehle des Gutsherrn zu empfangen, und besorgt sah seine Frau ihm nach.
-
-Graf Frankenstern war heute nicht völlig so klar, als er ihn das
-letztemal gesehen; er konnte sich auf Einiges durchaus nicht besinnen,
-und schritt nach dem Flügel, den seine Tochter bewohnte, Aufschluß von
-ihr zu fordern.
-
-Die Gräfinn war nicht da -- und als ihr Vater unverrichteter Sache in
-seine Zimmer zurückkehrte, sah er auf dem Gange ein Gewölbe offen,
-worin Silberzeug und kostbare Vorräthe verwahrt wurden. »Welche
-Unvorsichtigkeit!« murmelte der Graf; Niemand war zu sehen. Er bewegte
-die eiserne Thür nach Außen und trat hinein; sein Begleiter blieb auf
-der Schwelle. Eine Truhe war geöffnet, woraus Pelzwerk, wahrscheinlich
-zum Bedarf der Reise, genommen worden, denn ein feines Marderfutter
-hing über dem Deckel, Büschel getrockneten Lavendels lagen verstreut
-am Boden, und ein starker Geruch erfüllte den kühlen Raum. In
-einer schmalen Vertiefung der Mauer stand, etwas erhöht, jenes
-Schmuckkästchen, das unsre Leser kennen. Eine schöne, doch schadhafte
-Statue von Alabaster, das Haupt sinnig gebeugt, den Finger auf dem Mund
--- schien als Wache neben dies Depot gestellt; in der zerbrochenen Brust
-steckte eine kleine verwelkte Rose. --
-
-Der Graf warf einen Blick in jenen Winkel und schauderte. »Freund!«
-sagte er hinter sich gewandt, »Sie könnten mir einen Gefallen thun --
-und Sie werden es!« setzte er mit unabweislichem Tone hinzu, »in jener
-Chatoulle dort ist der Familienschmuck -- nehmen Sie ihn zu sich. Meine
-Tochter hat den Platz für die Kleinodien des Hauses --« hier lächelte
-der Graf düster --, »seltsam gewählt; ich muß diesen Fehler verbessern.
-Mitnehmen kann ich das Kästchen nicht, und muß es daher während unserer
-Abwesenheit gut aufgehoben wissen. Sie sind ein zuverlässiger Mann, ich
-weiß Niemand, zu dessen Redlichkeit ich größeres Vertrauen hätte.«
-
-Der Rentmeister verbeugte sich. Er hatte den Grafen erbleichen gesehen,
-und gab dies dem Odem des Kampfers Schuld, der hier wehete, und den
-die kranken Nerven desselben nicht vertrügen. Auf einen Wink hob er das
-Köfferchen hinweg, und bat um den Schlüssel. »Albane wird ihn haben --«
-versetzte der Graf in Scheu und Hast, »verlassen Sie Sich jedoch darauf,
-ich sende ihn heut Abend noch; das Verzeichniß des Inhalts kann ich
-Ihnen sogleich suchen.« Auf seinem Zimmer suchte Graf Frankenstern nach
-dieser Liste, und es währte lange, ehe er sie fand.
-
-Mittlerweilen hatte der Rentmeister sich gesetzt und hielt das Kästchen
-auf seinem Schooße; die Kniee zitterten ihm unter der kostbaren
-Last, denn die Stunde des schleichenden Fiebers, an dem er litt, war
-herangekommen. Endlich reichte der Graf ihm das Papier und sprach, als
-Jener es mit bebender Hand empfing: »das ist ein schlimmer Frost, und
-Sie sind so leicht gekleidet! -- Wahrlich! ich hätte ihnen unter diesen
-Umständen den Ueberrock nicht übel genommen; vielmehr verbinden Sie mich
-durch Bedacht auf Ihre Gesundheit. Nehmen Sie einen Mantel von mir an!
-die Abendluft könnte Ihnen schädlich werden.«
-
-Unter dieser gnädigen Fürsorge, obgleich sie gewiß redlich gemeint war,
-verbarg der Graf mit der eigenthümlichen Schlauheit Derer, die in der
-Regel geistesabwesend sind, den vorsichtigen Wunsch, der Rentmeister
-mögte die Chatoulle unbemerkt in seine Wohnung tragen.
-
-Frau Fabia erschrak nicht wenig, als sie ihren Mann nun langsam
-kommen sah. Er war leichenblaß, unter einem dunkeln Mantel, der in der
-Dämmerung wie schwarz ließ, trug er einen zierlichen Kindersarg,
-und seine Schritte schwankten wie die des Trägers einer Bahre. --
-Erschrocken eilte seine Frau ihm an die klingelnde Hausthüre entgegen;
-aber schweigend trat er ein, stumm ging er in die Mitte des Zimmers,
-setzte das Kästchen auf den Tisch und sprach mit erschöpfter Stimme:
-»ich bin krank, Fabia, recht sehr krank. Der Weg vom Schlosse bis
-hierher -- nun der Himmel weiß es -- wie sauer er mir geworden! ich ging
-gleich dem heiligen Christopherus wie im Wasser, und als trüge ich eine
-Weltlast, die immer schwerer würde. -- Ist denn das Kästchen wirklich so
-schwer? die Juwelen der gräflich Frankensternschen Familie liegen darin,
-und ich wünschte wohl, ich wäre der Ehre, sie zu bewahren, überhoben
-gewesen. Das Fieber scheint heftig im Anzuge -- ich kam mir wie ein
-Todtengräber vor; nur die Citrone fehlte noch in meiner Hand.«
-
-Fabia warf einen bekümmerten Blick auf ihren Mann, dann auf die
-Chatoulle, welche durch ihre Form diese wüste Idee erregt haben mogte,
-und um seinen Sinn auf Realien zu lenken, sagte sie: »das Kästchen
-hebt sich leicht; mir deucht, Edelsteine müßten schwerer in das Gewicht
-fallen.«
-
-Nun drang Fabia darauf, daß der Kranke sich sogleich zur Ruhe begäbe;
-und kaum war dies geschehen: so fing er an zu phantasiren. Er klagte,
-der Oberverwalter hätte ihm die Demanten aus Christi Krone verfälscht,
-sprach vom Gott des Schweigens, der ihm den Finger auf den Mund gelegt
-habe -- pflückte Lavendel von der Decke, und schalt auf seine Frau, daß
-sie ihm den Pelz auszuklopfen vergessen. Er sähe eine Unzahl Motten um
-das Licht flirren. --
-
-Fabia, dies Muster häuslicher Ordnung, konnte die Vorwürfe des
-Fieberträumenden ungekränkt anhören. Sie lächelte beklommen, und starrte
-verstört in die ruhige Nachtleuchte, in deren mattem Schimmer die
-Beschläge der Chatoulle unheimlich blinkten. -- Gegen den anbrechenden
-Tag hörte Fabia die herrschaftliche Reisekutsche über die Schloßbrücke
-dröhnen. Sie hatte die ganze Nacht am Bette ihres Mannes verwacht, und
-kein Auge geschlossen. Jetzt stand sie auf und trat ans Fenster. Da
-rollte der Wagen vorüber und verschwand in der grauenden Frühe, und
-Fabia sah zum Himmel auf und sprach mit der Inbrunst eines geängsteten
-Herzens: »Sey mir gnädig, Gott, sey mir gnädig; denn auf Dich trauet
-meine Seele! -- wende Dich zu mir, denn ich bin einsam und elend, und
-Deine Güte ist tröstlich. Du meines Lebens Licht! Betet an den Herrn
-im heiligen Schmuck --« Der Osten bekleidete sich mit Purpur, und der
-Morgenstern ging unter in schwachem Geflimmer.
-
-Dem Krankenbette, dieser dunkeln Stelle -- wendete Fabia die volle
-Lichtseite ihres Charakters zu, und es wäre heilsam für trübe
-Erfahrungen, wenn diese Eigenschaft an mancher Frau zu rühmen, die
-unsern Lesern oder den Augen der Welt vielleicht besser gefällt, als
-diese werkthätige Fromme. Nicht umsonst hatte die Vorsehung sie daher
-als Gattinn einem Hypochondristen zugetheilt, der auch in gesunden Tagen
-krank genug und voll wunderlicher Gramhaftigkeit war, um die Kraft
-der Geduld seiner Frau in beständiger Uebung zu erhalten. Kein Phantom
-seiner Einbildung schreckte ihren ruhigen Sinn. Ihr gelassener Muth
-siegte über jede Unbill verdrüßlicher Launen ihres Mannes, ihre klare
-verständige Handlungsweise lag offen da vor seinem mißtrauischem Blick;
-stets achtsam auf ihre Pflicht versäumte Fabia nie, was ihr zu thun oder
-zu lassen oblag, und der Glaube an die rechtliche Strenge, womit
-seine Gattinn alles Mögliche von sich forderte, und nicht viel
-weniger leistete, zwang ihrem Manne eine, wenn auch _widerwillige_ --
-Zufriedenheit mit seinem häuslichen Glück ab.
-
-Diesmal machte ein bösartig galligtes Fieber den Rentmeister für längere
-Zeit unfähig, sein Amt zu verwalten. Auch hierin trat seine Frau helfend
-ein. Fabia schrieb eine schöne, feste Hand; accurat bis ins Kleinliche,
-war sie unfehlbar in jeder Art der Buchführung, und deshalb wohl
-geeignet, einen Secretair ihres Mannes zu vertreten. Sie unterzog sich
-auch diesem Geschäft mit willigem Eifer, und theilte ihre Zeit zwischen
-seiner Pflege und seinem Beruf. Wir können uns nicht enthalten, hier zu
-sagen, wie wichtig es sey, daß eine Frau den Beruf des Mannes ehre.
-Wo dies geschieht, da ist in der Achtung dafür auch ein Gesetz der
-Unterordnung gegeben, nach welchem weibliches Wirken und Wollen bestimmt
-werden muß. -- Auch von dieser Seite hätte ihr bitterster Feind unsrer
-Fabia nichts zur Last legen können. Dies, wie überhaupt den reellen
-Werth seiner Frau, wußte der Rentmeister auch zu schätzen, und
-vielleicht war es mehr ein Bedürfniß seiner Krankheit als seines
-Herzens, daß er die Freude an einem Kinde, ihrer ermangelnd -- so gar
-tief empfand. Das liebenswürdige Pflegekind füllte diese Lücke nicht
-aus, die eine Wunde in Fabiens Herzen blieb; denn tief im Innersten
-verletzt, kämpfte sie oft mit Thränen, wenn ihr Mann mißmüthig gegen die
-Vorsicht grollte, und sich in Worten Luft machte, die eben so gut eine
-Anklage für sie selbst enthalten konnten.
-
-»Wie aus einem Stein entsprungen,« sagte er dann wohl, »wie von der
-Sonne ausgebrütet, bin ich bestimmt, ohne Vater, ohne Kind zu leben
-und zu sterben. Der natürlichste Trost für eine verwaisete Jugend, der
-Trost, sein Daseyn fortzupflanzen, ist mir versagt. Wenn einst Deine
-Thräne, gute Fabia, versiegt ist, dann gedenkt man mein nicht mehr, und
-keine Blume sprießt aus der trocknen Erde meines Grabes.«
-
-Da weinte Fabia schon jetzt. »Du schneidest mir mein Herz entzwei --«
-sprach sie mit unterdrückter Stimme. »Wir wollen uns nicht versündigen,
-Lieber! wenn uns nun ein Kind zu Theil geworden wäre, etwa behaftet mit
-einem Fehl, oder erbärmlicher Art, dessen klägliches Geschrei Tag und
-Nacht nicht zu stillen? Wie? oder wenn aber ein gesundes, das uns zu
-größerem Jammer bald wieder entrissen würde?--« Auch ein stummes, auch
-ein todtes Kind wäre ihm lieber als keines -- gab der Rentmeister in
-eigenwilligem Trotze der besänftigenden Vorstellung seiner Frau zur
-Antwort. Fabia flehete hierauf ihren Mann an, sich solcher Reden zu
-enthalten, und warnte ihn mit christlichem Sinn, aber im Geiste jener
-heidnischen Worte: »ihnen zur Strafe erhören die Götter der Sterblichen
-Wünsche! --«
-
-Dies war in den ersten Jahren der Verheirathung des Rentmeisters
-gewesen. Später hatten sich diese Eheleute der Hoffnung begeben, daß
-dies ersehnte Glück ihnen noch werden könne, und sich mit ganzer Liebe
--- so weit Fabiens Gemüth derselben fähig war, und der kränkliche
-Zustand ihres Mannes sie zuließ -- der Erziehung der kleinen Josephine
-gewidmet. Sobald der Rentmeister sich von jener Niederlage erholt hatte,
-ging er mit den Seinen von Bonna ab. Fabien fiel das Scheiden von der
-Heimath doch schwerer, als sie gedacht. Der neue Wohnort war auch schön;
-aber so recht wohl wollte es ihr in Bühle nicht werden. Dazu kam, daß
-ihr Mann, obgleich von amtlichen Unannehmlichkeiten frei, doch sein
-verdrüßlich Wesen beibehielt, jeden erheiternden Umgang mied und
-verscheuchte, und endlich durch eine gewaltsame Entdeckung für immer
-verstört wurde. Jene Chatoulle deren unsre Leser gedenken -- war
-unter dem Drangsal des hitzigen Fiebers, was sich unmittelbar an
-ihre Uebergabe schloß, abseits gekommen. Nach dieser Zeit fand
-der Rentmeister so viel Geschäfte, deren Abschluß ihm bei seiner
-Ortsveränderung dringend anlag, daß es ihm genügte, dies anvertraute Gut
-wohlverschlossen zu wissen. -- Einst aber sprang ihm das Kästchen
-ins Auge, und er verlangte den Schlüssel dazu von seiner Frau. »Den
-Schlüssel?« fragte Fabia befremdet, »ich habe keinen je gesehen. Du
-brachtest das Kästchen ja selbst, wie es hier ist. O, ich weiß mich
-jenes schrecklichen Abends noch ganz genau zu entsinnen.«
-
-Der Rentmeister besann sich jetzt, daß der Graf den Schlüssel hatte
-schicken wollen, und er muthmaßte, daß es in der Verwirrung der Abreise
-vergessen worden wäre. Einen Schlosser kommen zu lassen, daß dieser den
-innenliegenden Reichthum sähe, dazu war der Rentmeister zu furchtsam.
-Ein krankhaftes Mißtrauen verursachte ihm und Andern gar manche unnütze
-Qual -- und so beredete Fabia ihn, das Geschmeide und dessen Richtigkeit
-einstweilen auf sich beruhen zu lassen.
-
-Nach längerem Verlauf seitdem starb eine alte Jungfer in Bühle, die
-daselbst gelebt; die Tochter des Fiscal. Dem Rentmeister, als einem
-Bekannten der Wohlseligen, fiel ein kleines Legat mit dem Auftrag zu,
-ihren Nachlaß zu reguliren, und somit eine Menge Schlüssel in die Hände,
-darunter mehrere kleine waren. An einem Tage, wo Fabia auf die Bleiche
-gegangen war und Josephine mit sich genommen hatte, ihr Mann sich
-ungewohnter Weise ganz allein befand, beschlich ihn der Geist des
-Unglücks in dem Gedanken, einen jener Schlüssel an dem Kästchen zu
-versuchen, ob es sich öffnen ließe. Das künstliche Schloß widerstand
-dieser Probe, doch erhitzt vom bösen Feind, der nicht selten in Gestalt
-der Neugier den Menschen berückt, that er ihm Gewalt an. Die feine
-Stahlfeder sprang entzwei, der Deckel auf -- und der Rentmeister
-blieb mit entsetztem Blick starr vor dem Inhalte stehen. Statt des
-verzeichneten Schmuckes funkelte ein Messer, daran Blut eingerostet
-war -- und auf dem atlaßnen Kissen, wo sonst blitzende Rosetten und
-Brustschleifen geruht, lag, in weißem Battist gewickelt, der Leichnam
-eines Kindes, so mumienartig zusammengetrocknet, daß er kaum zu erkennen
-war. Nur wie ein brauner Gedanke, so unkörperlich, so gewesen -- sah das
-winzige Gesicht unter einem tiefen Häubchen hervor, dessen Form für ein
-Mädchen zeugte. -- Ein schwach gewürzhafter Geruch war die erstickte
-Luft dieses kleinen Grabmals.
-
-Als Fabia mit heißen Wangen von der Bleiche heimkehrte, fand sie ihren
-Mann selbst erbleicht. »Sieh hin!« sagte er mit bläulichen Lippen, »der
-Hehler einer schauderhaften Mordthat bin ich gewesen, und nicht allein
-um die Ruhe meiner Seele, sondern auch um all mein Gut, wenn ich den
-Majoratsschmuck ersetzen muß. Wer wird mir denn glauben, daß ich dem
-Worte eines Wahnsinnigen trauete? -- Darum fand sich der Schlüssel
-nicht, und ich -- ich leichtgläubiger Thor! ladete mir ein fremdes
-Verbrechen auf. Wie oft hast Du meine argwöhnische Vorsichtigkeit
-getadelt? Du siehst nun, _wie_ vorsichtig ich war! --«
-
-Zum erstenmale verließ Fabien ihre Fassung. Sie stieß einen leisen
-Schrei aus, und stand entfärbt, Grausen im Blick, wie unbeweglich.
-»Mein Herr und Heiland!« stammelte sie, »das ist ganz erschrecklich! der
-Verstand steht mir still.«
-
-»Der meinige ist hier zu Ende --« fuhr der Rentmeister fort, »Was soll
-ich nun anfangen! Anzeige davon machen? stillschweigen? daß ein Zufall
-diese Beweise einer Unthat bei mir entdecke, und mich zum Mörder
-stemple? -- Ich habe nicht Lust, zum Lohne für Treu und Glauben auf dem
-Schaffot zu beschließen.«
-
-Fabia kannte ihres Mannes Weise, sich selbst in furchtbaren
-Möglichkeiten zu überbieten. Sie sprach aus geängsteter Seele: »ach!
-warum bin ich heute nicht zu Hause geblieben! Wer hieß Dich dies
-Behältniß öffnen? -- Das Kind läge fein stille vor wie nach, und wir
-wüßten von nichts. Das arme Würmchen! --« Und mit gewundenen Händen
-niederblickend darauf, dachte sie an den Wurm im Gewissen, der die
-unglückliche Albane wohl genagt haben mogte. --
-
-»Was redest Du doch, Frau?« rief der Rentmeister erzürnt, »es hätte
-längst geschehen sollen, sage ich Dir. Unverzeihlich ist meine
-Saumseligkeit! ich bin wie mit Blindheit geschlagen gewesen. Deshalb
-wurden die Anstalten zu jener fluchwürdigen Reise so schleunigst
-getroffen, als wie auf der Flucht -- der Sohn des Forstmeisters ist
-auch fort in die weite Welt; die Früchte ihres Leibes fallen Anderen zur
-Last, und von ihnen heißt es: Die sind besorgt und aufgehoben, der Graf
-wird seine Diener loben.«
-
-»Du vergissest, lieber Mann,« fiel Fabia betäubt ihm in die Rede, »daß
-man die Gräfinn todt sagt. Ach! ihr wäre wohl, wenn solch ein Weh auf
-ihrem Leben gelastet hätte. -- Graf Frankenstern aber und der junge
-Romana müssen doch einmal wieder kommen. --«
-
-»Die werden sich hüten --« entgegnete Fabiens Gemahl. »Der Alte -- ich
-meine den Grafen -- hat um dies gräuliche Geheimniß gewußt: nichts ist
-gewisser. Die Hast, womit er mich nöthigte, das Kästchen anzunehmen, ist
-mir deutlich im Gedächtniß. Sieh, Fabia! ich habe eine Ahnung gehabt;
-denn es wollte mich erdrücken, als ich es mir nach Hause trug.«
-
-Fabia sah diese verschwiegene Erfahrung als ein göttliches Strafgericht
-an. Wie oft hatte ihr Mann gegen den Himmel gemurrt! jetzt war ihm zu
-Theil geworden, was er für besser hielt, als das weise Versagen seines
-Wunsches: ein todtes, ein stummes Kind! -- Sie selbst verstummte vor
-dieser Betrachtung und war sehr gebeugt.
-
-Die unglückliche Fabia! dieser heimliche Gedanke schlug Wurzel in der
-Seele ihres Mannes, und wurde zum Polyp, der mit tausend Fasern seine
-Lebenskräfte umklammerte. Der Rentmeister ward nicht mehr gesund.
-Wir wissen, wie er nach kränklichen Jahren kurz vor seinem Ende die
-Beruhigung genoß, in dem Bruder, der sich zu ihm finden mußte, den
-Seinen eine Stütze hinterlassen zu können. Sterbend legte er in die
-Brust des wackern Administrators das Geheimniß nieder, was ihn zu Tode
-gedrückt, und die Pflicht, den ihm gespielten Betrug zu seiner Zeit
-offenkundig zu machen.
-
-Nachdem sein Bruder bestattet worden, ließ Herr Prälat bei nächtlicher
-Weile den kleinen Schmucksarg unter den Altar der Capelle versenken, von
-der das Stift den Namen führt. Die Maurer mogten wähnen, sie vergrüben
-einen Schatz -- aber diese Stelle stand unter heiligem Schutz.
-Schweigend verrichteten sie ihre Arbeit, und die dumpfen Schläge hallten
-schaurig von den stillen Wänden wieder.
-
-Die Wittwe, gesenkten Hauptes, sah ihnen zu. »Was blickst Du so düster,
-Fabia?« flüsterte ihr Schwager, »verlasse Dich darauf, ich bin zwar
-nicht so bibelfest wie Du, weiß aber doch, daß, wenn ein finstres Werk
-zu Tage kommen soll, oder die Unschuld gerechtfertiget, die Steine reden
-müssen. Darin lasse Alles sich fügen, wie es des Himmels Wille ist! --«
-
-Als die Gräfinn, der heimischen Gegend entrückt, fremde Luft sog,
-athmete sie doch etwas leichter auf, und es war, als ob hinter ihr die
-leidige Welt versänke. Zwar war nicht fester Boden unter ihren Füßen,
-und die Zukunft ihr nichts weniger als klar; aber der trübe Strom, worin
-Albane dem Versinken nahe gewesen, rann doch abwärts, so wie die Räder
-des Reisewagens entrollten. Nach einer folgerichtigen Nothwendigkeit
-müssen leidenschaftliche Gemüther zuletzt vor ihrem eigenen Glücke
-fliehen, und nur Ruhe suchen. Ruhe, der Friede stiller Seelen, dieser
-tiefe geistige Genuß, ist ihnen das einzige Bedürfniß. Weinend wenden
-sie das Auge von jenem süßen Taumel, jener Freudetrunkenheit, die nicht
-dauern kann, und streben nach Selbstbewußtseyn. Sie wissen, wie bald das
-schwache Herz erliegt, wie nöthig ihm eine Stütze sey. Das Glück aber
-fordert Kraft zur Ausdauer -- des Himmels Seligkeit, unser höchstes
-Streben, währt ewig. Die überspannte Saite springt jedoch mit einem
-Wehlaut. -- Vielleicht hatte eine gewisse Uebersättigung von Geheimniß
-das Verlangen in der Gräfinn erzeugt, öde zu bleiben, ohne irgend eine
-andere Beziehung als auf ihren Vater; ja, sie hatte in den verflossenen
-Jahren, trotz der befriedigten Leidenschaft und dem Gelingen ihrer
-kühnsten Plane -- so viel gelitten und nur Gott bewußt --: daß ein
-völliges Nichtseyn ihr dagegen wünschenswerth erschien. Daß sie spurlos
-verschwände, sich und Andern, das hätte Albane wohl gewünscht. So war
-diese Reise vorläufig als eine Gestorbenheit zu betrachten, die von
-mancher Seite erlösend für sie wäre. -- Auch waren Gründe dazu vorhanden
-gewesen, abgesehen von denen, die das Innnerste der Seele so zart
-verhüllen, daß nur der Finger Gottes sie aufzudecken vermag. Der Arzt,
-der Gräfinn vertrautester Freund, hatte ihr eröffnet, wie er von hoher
-Behörde aufgefordert worden sey, über den Gesundheitszustand ihres
-Vaters und sein geistiges Vermögen Zeugniß einzusenden. Der Staat trage
-billiges Verlangen, unter der Befugniß, für eine bedeutende Seelenzahl
-zu sorgen, deren Aufsicht unmöglich einem Geisteskranken anvertraut
-bleiben könne, das schöne Majorat bei Leibesleben seines derzeitigen
-Grundherrn zu ererben, und den Grafen Frankenstern anständig zu
-pensioniren. Zudem wisse er von guter Hand, daß der Bischof, in Kenntniß
-von dem Gelübde der Mutter Albanens, sich höchlich wundere, wie und
-warum dem Himmel eine Seele und der Kirche ein Brautschatz so lange
-vorenthalten werde? -- Auch von dieser Seite drohe den Verhältnissen
-der Gräfinn ein Angriff. -- Sonach sey es an der Zeit, sich diesen
-Anmaßungen zu entziehen.
-
-Wie durch Inspiration jener Frage an das Gewissen seines
-Leibarztes kundig, beantwortete der Graf sie selbst. Nie war er
-gesammelter gewesen, als zu dieser Zeit, wo die Zerstreuung der
-Reise-Angelegenheiten seine verworrenen Gedanken auf gewisse Weise
-entschuldigt haben würde. Da war kein träges Säumen mehr. Gleich einem
-schlafenden Funken, den ein Hauch plötzlich weckt, leuchtete er auf,
-und entbrannte auch wohl im Zorn über so manchen Mißbrauch, der sich
-eingeschlichen. Die Beamten erstaunten, denen er sich edelstolz als Herr
-zeigte, als der gütige Schützer seiner Unterthanen gegen die Strenge der
-Verwaltung. Alles trat in ein anderes Licht -- und erröthend vor Freude,
-schrieb der Arzt sein Attestat an die Regierung.
-
-Doch nur für diesen Zweck schien der Graf durch die freundliche
-Ohrenbläserei desselben zu thätiger Umsicht entflammt worden zu seyn.
-Er sank alsbald wieder in seine gewöhnliche Apathie zurück, und fuhr mit
-geschlossenen Augen und Sinnen durch die Natur, ohne daß ihre schönsten
-Wunder vermogt hätten, nur mit einem Strahl göttlicher Offenbarung an
-seinen finstern Geist zu dringen.
-
-Albane webte um ihn wie ein Schatten, und verließ ihn nie; die Pflicht
-der Sorge für ihren Vater erfüllte jeden ihrer Augenblicke. Auch
-bedurfte der Graf dieser Treue. Die Furcht vor dem Tode quälte ihn
-abwesend minder, und war zu der fixen Idee geworden, dieser Feind seiner
-Lebensruhe könne ihn nicht ereilen, so lange er von Ort zu Ort zöge, wie
-man nur in der Heimath schlafen zu können meint. Ein beständiges Fliehen
-trieb ihn rastlos umher, und die Geißel der Menschheit vereinigte sich
-mit diesem unstäten Drange, ihm keine bleibende Stätte zu gönnen.
-
-Der Ausbruch des Krieges hatte das Land überschwemmt -- die Güter des
-Grafen waren stark mitgenommen. Albane erkannte es als eine nicht genug
-zu preisende Wohlthat, dieser Usurpation entronnen zu seyn. Sie lebte in
-verborgner Stille mit ihrem Vater, bald hier, bald da. Ein, dem Grafen
-vormals befreundeter reicher Edelmann, der sein einsames Alter in der
-Hauptstadt gesellig erheiterte, hatte Albane und ihren Vater unterweges
-getroffen, und ihnen seine unbewohnten Schlösser in Auswahl zum
-Aufenthalt angeboten, welche sie zu Zeiten benützten. Der Oberverwalter
-sendete die verlangten Summen durch die dritte, vierte Hand gegen die
-Unterschrift des Grafen, an ein Handlungshaus, und mußte in Allem für
-sich selbst stehen. --
-
-Ein Irrthum hatte die Nachricht, Albane sey todt, in Bonna verbreitet,
-leicht für wahr angenommen, da ja die Gräfinn immer kränklich gewesen.
-Eine authentische Bestätigung war unter jenen wüsten Umständen nicht
-einzuziehen. Niemand zweifelte, auch Sylvius nicht. Wir wissen, welche
-Folge dies hatte. Zweifel wäre hier Glauben gewesen -- Glaube der
-Liebe! --
-
-Als die Gräfinn daher ihren Gemahl in Tonys Arm erblickt, als sie die
-Geschichte der gestorbenen Frau aus seinem Munde vernommen: da war ihr
-Zustand der jener abgeschiedenen Gattinn vergleichbar, welche, wie eine
-sinnige Sage uns erzählt -- nachdem sie ihren Gatten, den zu trösten sie
-aus der Unterwelt herauf gestiegen, an der Seite seiner Braut gesehen,
-ob auch nur einen Augenblick lang -- willig in die Hölle zurückgekehrt
-sey, auf ewig. -- Albane floh vor diesem Anblick, diesen Worten,
-unauslöschliche Flammen im Busen. Wie eine Verfolgte warf sie sich an
-den Hals ihres Vaters, und das ungestüm klopfende Herz begehrte Zuflucht
-bei ihm. Sie vergaß, daß der Graf ihr Geheimniß nicht kenne. Sie wußte
-nicht, daß Sylvius sie für todt hielt. Die Gräfinn dachte endlich nicht
-daran, daß sie selbst sich zuerst von ihrem Gemahl losgerissen hatte.
-Aber nichts destoweniger fühlte sie unter heißen Schmerzen, wie sehr sie
-ihn geliebt, und daß er sie nicht vergessen dürfen noch sollen. Jener
-Moment, der sie davon überzeugte, hatte eigentlich und weit anders als
-ihre Trennung, ein inniges Band zerrissen, und das Herz blutete nach.
-
-»Dies also war die Liebe --« sagte Albane mit dem wunden Lächeln einer
-frischen Kränkung, »der ich mein Seelenheil geopfert!? -- O Gott! so
-lieben Menschen, -- _Männer_! O meine Mutter!«
-
-Ihr grauete nun vor nichts mehr auf Erden, es wäre denn die Rückkehr
-nach Bonna gewesen. -- Nach und nach spannten ihre Gefühle sich ab, und
-eine tonlose Stille, die keinen Anklang mehr von sich giebt, schwebte um
-das zertrümmerte Saitenspiel ihrer Empfindung. Wenn alle Schmerzen der
-Seele sich durch Mittheilung lindern: die Leiden gekränkter Liebe nicht.
-Diese tragen sich nur allein. Wo Menschen um eine verlorene, verrathene
-Liebe wissen, da wird ihr Verlust doppelt gefühlt, da ist der Schmerz
-jenes Wissens größer, als der ihrer Erfahrung. Wer getröstet seyn will,
-darf nur die Theilnahme der Engel ansprechen, und wirklich war ein Engel
-Albanens einziger Trost: ihre kindliche Pflicht.
-
-Graf Frankenstern war allgemach ein Greis geworden. Sein Körper schien
-gesund, doch sein Geist bei zunehmenden Jahren die zerstörende
-Kraft verloren zu haben, und in einen gewissen Zustand der Kindheit
-zurückgegangen zu seyn. Seine Imagination war ein Spiel -- aber mit
-ernsten Gegenständen. Er interessirte sich für Politik -- allein nur
-in Gemäßheit seiner verworrenen Begriffe. Aus Mangel entsprechender
-Mittheilung berief er oft die Monarchen und ihre Feldherrn zu sich, und
-legte ihnen seine Ansichten und Plane vor. »Ach!« sagte er dann, und
-deutete traurig auf die hohen Stühle, »Sie schweigen, meine Tochter! ich
-hoffe wenig.« Albane schwieg auch. Sie hoffte gar nichts mehr. --
-
-Die Gräfinn pflegte ihres Vaters treu und sanft wie eine Mutter.
-Sie schmückte sich geduldig, wenn er es für solch eine Zusammenkunft
-wünschte, sorgte für eine vornehme Bewirthung, die unberührt blieb, weil
-nur Geister zu Gast waren -- und machte ihm allen Willen, wie man einem
-kranken Kinde thut. Mit träumerischem Lächeln starrte sie in die wüste
-Leere des Zimmers -- nur der Spiegel zeigte ihr ein bleiches Bild. Aber
-jener Friede, welcher höher ist als alle Vernunft, fing an, bei ihr
-einzukehren.
-
-Vorzugsweise beschäftigte den Grafen _eine_ welthistorische Person: der
-beseitigte Schutzgeist Napoleons, die Exkaiserinn von Frankreich. Sie
-war die liebste Puppe seiner Gedanken, ihr Schicksal trug er im Herzen
--- und hätte lieber gesehen, daß Jedermann diese Erste Frau auf Händen
-trüge.
-
-»Heut kommt Josephine -- sie hat es mir geschrieben,« sagte der Graf und
-blickte in einen kleinen Zettel der vor ihm lag, »binde Dir ein besseres
-Halsband um, meine Tochter.«
-
-Albane erblaßte. Dieser theure Name regte die tiefste Sehnsucht ihres
-Busens auf. »Wenn das wäre,« antwortete sie mit wankender Stimme,
-»dann hätte ich nur _einen_ Schmuck --: zahllose Perlen! Perlen aus dem
-tiefsten Meer!« Und über ihre Wangen rollten Thränen, in denen ein Glanz
-von Freude schimmerte.
-
-Die große Tragödie des Krieges war aus, die Völker steckten das Schwerdt
-in die Scheide, die Fürsten zogen ruhmgekrönt nach Haus. Gras wuchs über
-den Schmerz der Welt, und wo am meisten Blut geflossen, da blühte die
-segensreiche Aehre am schönsten. -- Jetzt war dem Grafen zu Muthe, als
-wäre ein langer Kampf in ihm zu Ende, und er dürfe nun auch heimziehen.
-Er sehnte sich nach Ruhe -- nach einer neuen oder vielmehr alten
-Ordnung der Dinge. »Albane,« sagte er, »ich habe es nun satt, dies
-Nomaden-Leben. Wir wollen fort, nach Bühle --« ein leiser letzter
-Schauer vor Bonna rieselte über seine Nerven -- »hörst Du? meine
-Tochter?« Dann setzte er hinzu: »Sanct Capella ist nicht weit von dort.«
-
-»Die Klöster sind aufgehoben --« antwortete die Gräfinn, indem sich bei
-dem Worte ihres Vaters der Schleier hob, worein sie, völlig entsagend,
-alle Wünsche, ihr irdisch Leid, vor der ganzen Welt verhüllt hatte.
-
-»Nun, das Stift steht ja noch --« versetzte Jener, als wolle er sich
-nicht merken lassen, daß er daran nicht gedacht. »Nonne kannst Du nicht
-werden --« fuhr der Graf wie befreit fort, »nicht Seine päbstliche
-Heiligkeit, nein! der himmlische Vater selbst hat Dir Dispens davon
-gegeben, und Du bist mehr als eine barmherzige Schwester, Du bist eine
-wohlthätige Tochter geworden, für mich alten schwachen Mann!«
-
-Da weinte Albane laut. Sie fühlte sich entsündigt, und daß die Liebe des
-Gesetzes Erfüllung sey.
-
-Die Zurüstungen zur Reise wurden nun getroffen. »Wie werde ich Alles
-finden?« fragte die Gräfinn sich tausendmal. Das Thor der Möglichkeiten
-that sich weit vor ihr auf -- doch der künftige Tag ist den Sterblichen
-verschlossen.
-
- * * * * *
-
-Wir finden Theresen auf der Reise nach ihrem künftigen Wohnorte wieder.
-Sie sitzt an der Seite des Gemahls, berührt von seinem Mantel; ihre Hand
-liegt in der seinigen --; aber die Jahre ihrer Entfernung, die Länder,
-welche Constanz durchreist, liegen fühlbarer noch für seine Gattinn,
-zwischen ihnen. Sogar seine Stimme klingt ihr fremd -- wie von einem
-dunkeln Jenseits herüber. Jener rührende Zauber, womit die geliebteste
-Stimme an die Seele dringt: er war vernichtet durch eine Gegenkraft --
-und Therese hörte nur, daß ihr Mann etwas heiser sey. -- Sie blickt in
-den Boden seines Hutes, den sie auf ihrem Schooße hält, weil Constanz,
-um besser zu ruhen, sich mit unbedecktem Haupte in die Ecke des Wagens
-geschmiegt hat; doch eigentlich blickt sie in die Tiefe ihres Herzens,
-das auch ohne _Hut_ und deshalb übel gefahren ist -- und ein fremder
-Meister hat dort auch seine dunkle Vignette angeheftet. -- Die Fahrt
-geht rasch; aber Therese kann sich von dem Gedanken an das Stift
-nicht losreißen, und doch, so wie der unermeßliche Himmel sich vor ihr
-ausspannt, spannt ein geheimnißvoller Aether die Flügel ihrer Sehnsucht
-nach der Ferne. --
-
-»Erzähle mir etwas Du Liebste! von Deinen Freunden --« sagte Constanz zu
-seiner schweigsamen Gefährtinn, »und vergönne, daß ich Dir still zuhöre.
-Es ist, als ob mir jedes Wort einen schmerzenden Reiz in der Luftröhre
-verursachte. Wie es scheint, hast Du sehr glücklich in Sanct Capella
-gelebt.«
-
-»O sehr glücklich!« antwortete Therese mit einem Seufzer der Wehmuth;
-und der Accent dieser Versicherung hätte ihren Mann beleidigen müssen,
-wenn er innigere Ansprüche an seine Frau gemacht.
-
-»Der Ort ist doch wirklich zauberisch schön gelegen,« fuhr Therese fort,
-»und läßt nichts vermissen. Wir bildeten eine kleine Gesellschaft unter
-uns, das ist denn ein ganz anderes Verhältniß, als die Verbindungen in
-Mitten der Welt. Wir waren Hausgenossen -- Eine Familie gleichsam --
-und mit wahrer Lust im Bann des Klosters. Die Verschiedenheit der
-Charaktere, welche dazu gehört, um innig im Umgange zu seyn, gab unserm
-einfachen Zusammenleben vielseitiges Interesse. -- Welch ein köstlicher
-Mensch ist der Bruder! nur gesunder möchte ich ihn wünschen, obgleich
-er sich in der letzteren Zeit erholt zu haben schien. Dann Fabia -- wie
-eine Mutter war sie für mein Bestes bedacht. Man muß sie nur kennen.
-Wer sie aber kennt, schätzt sie gewiß. Sie gleicht einem süßen Kern in
-spröder Schale. Und etwas Lieberes, als die alte Nonne, die Du gesehen
-hast, kannst Du Dir gar nicht denken, Constanz. Das ist wahrlich eine
-heilige Jungfrau, die besser als der Papst die Sünde den Menschen
-verzeihen könnte! -- Da ist nichts von der finstern Verdammniß zu
-spüren, die Niemand selig werden lässet, der die Welt ein wenig lieb
-hat. Schwester Veronica ist sanftmüthigen Geistes, mild gegen Jedermann
--- kein feindlicher Gedanke, kein gehässiges Gefühl fände Raum in ihrer
-friedenvollen Seele. Auch hat sie selbst geliebt, und ihr Herz dieser
-Liebe geopfert. Man kann diese kleine Geschichte nicht ohne die größte
-Rührung hören. -- Dafür scheint ihr denn auch ewige Jugend geworden zu
-seyn, und ich habe zuweilen schon gedacht, die gute Nonne stirbt wohl
-gar nicht, und wird in ihrem Erdenleibe, worin sie himmlisch lebt,
-einmal von Engeln emporgetragen.«
-
-»Deine Schilderung ist begeistert, meine Therese --« fiel hier Constanz
-seiner Gattinn in die Rede, »und ich hätte Dir so viel Sinn für
-_klösterliche_ Vorzüge kaum zugetraut.«
-
-Therese empfand die leise Ironie in den Worten ihres Mannes nicht. Sie
-sprach: »von der Clausur merkte man nicht das Geringste an ihr. Veronica
-konnte sehr heiter seyn, und sogar anmuthig scherzen. Wie oft hat
-sie über die tollen Lügen Moorhausens herzlich gelacht! wo selbst der
-Schwager ergrimmte, sagte sie nur: es ist ihm zur andern Natur geworden,
-ich denke mir, er genießt das Vergnügen eines Fabeldichters, der aus dem
-Stegreif erzählt, und gönne es ihm.«
-
-»Und der Major?« mit diesen drei Frageworten störte hier abermals
-Constanz die Charakteristik, womit seine Frau ihn unterhielt, »dem
-scheinst Du ganz besonders wohl zu wollen.«
-
-Therese erröthete; ein Widerschein von Purpur, von zarterem Anflug und
-höherer Farbe als das Futter ihres Hutes, hauchte ihre Wange an, und sie
-schlug die braunen Augen tief nieder. Sie sprach: »o! das ist auch ein
-excellenter Mann! Den solltest Du kennen. Er war mir väterlich gut, und
-ich hätte ihm zuweilen die Hand küssen mögen.«
-
-Hier zog Constanz die seinige aus Theresens Hand, und schlang einen
-Knoten in das bastseidne Schnupftuch, als wolle er sich etwas in das
-Gedächtniß knüpfen. Eine Pause trat ein, dann sagte er: »dieser Major
-Feldmesser --«
-
-»_Feldmeister_,« berichtigte Therese, und ihr Mann redete weiter, »hat
-mir auch sehr gefallen.« Seine Frau warf auf diesen Ausspruch ihm
-einen schönen Blick zu, und erwiederte: »er ist der beste Freund Deines
-Bruders, und diesen Rang wird ihm schwerlich jener Sylvius streitig
-machen, der mir immer unheimlich vorgekommen ist.«
-
-»Nun der Schatten darf Deinem Gemälde auch nicht fehlen --« versetzte
-Constanz, »doch das Schönste, den Lichtpunkt, hast Du Dir bis zuletzt
-aufgehoben: Josephine. Dieses liebenswürdige Geschöpf, erquicklich in
-seinem Anblick und bescheiden, ist ein wahres Blümchen Augentrost.«
-
-Es ist ein schlimmes Zeichen, wenn eine Frau, auch die beste -- das Lob
-einer Andern ihres Geschlechts, ohne Eifersucht, aus dem Munde ihres
-Gemahls hört. Ohne Extase entgegnete hierauf Therese: »es ist ein
-seelengutes Mädchen, und gar nicht so simpel, wie man glauben könnte. --
-Sie wird strenge gehalten, die arme Josephine! und ihren zarten Kräften
-wird viel aufgebürdet, was nur durch diese stille Duldung zu ertragen
-möglich ist.«
-
-»Das süße Lamm!« sprach Constanz mit regem Bedauern, »doch nach dem
-Sprüchwort und der Erfahrung: regieren gestrenge Herren nicht lange.«
-Ein diplomatisches Lächeln spielte um seinen Mund. Und weil dieses Bild
-von raschem Umschwung ihn in den Kreislauf seiner Vergangenheit zurück
-versetzte, so kam er durch eine sehr natürliche Association der Ideen
-auf die Frage: »wie brachtet Ihr denn sammt und sonders Eure Tage zu?«
-
-»Du meinst, wir hätten Langeweile gehabt? nicht einen Augenblick, sage
-ich Dir!« versicherte Therese mit leuchtenden Augen. Und das Quecksilber
-ihres Temperaments machte ihre Seele zu einem Spiegel, der die kleinen
-Freuden des Stiftes glänzend verdoppelte; ihre Rückblicke zeigten Alles
-in erhöheter und reinster Potenz. »Des Abends waren wir zusammen, und
-spielten Whist oder Schach --« setzte sie mit fallender Stimme hinzu,
-und der Tagesbericht der muntern Kostgängerinn von Sanct Capella endete
-in einem leisen, ernsten Seufzer.
-
-»Und da schlugst Du selbst den tapfern Feldmeister aus dem Felde --
-nicht wahr?« fragte Constanz, ihrer Fertigkeit sich entsinnend, und
-zupfte seine Frau an einem Löckchen hinterm Ohr. Aber es war Theresen,
-als ob sie am Gewissen gezupft würde.
-
-»Nicht immer --,« antwortete sie halblaut, »ich war auch bisweilen im
-Verlust.« -- War es der versteckte Sinn dieser Worte, oder der Geist der
-Liebe, der in der Erinnerung an das Schachspiel ahnungsvoll sein Herz
-bewegte? -- Genug, die Wage seines unpäßlichen Gleichmuths schwankte,
-und der Ton war von Gewicht, als ob ein Vorwurf ihn herabzöge, womit
-er sagte: »da Deine Zeit so mit Vergnügen besetzt war, wie ich zu dem
-meinigen höre, -- so fandest Du wohl wenig Muße, meiner zu gedenken?--«
-
-So hätte Constanz jedoch nicht fragen sollen! Therese ward sich bewußt,
-daß ihr Gemahl beinahe drei Jahre abwesend gewesen. Sie antwortete
-tiefsinnig lächelnd: »es braucht viel Zeit, bis eine Welt untergeht.« --
-
-»Wo hast Du die Phrase her, Therese?« fragte Constanz, erstaunt über das
-Wissen seiner Frau, und über die Anwendung, welche sie von jenen Worten
-machte.
-
-»Ich schlug sie jüngst in einem Buche auf, worin der Bruder las --«
-sagte die schöne Frau, welcher der Verfall des ganzen römischen Reichs
-übrigens sehr gleichgültig war.
-
-»So bin ich noch Deine Welt?« fragte er seltsam heftig, und neigte sich
-zu ihr, und Theresens Blick, ein Abglanz jener Sonne, die ihn einst
-erwärmt, fiel wie ein Mondstrahl, kühl und geheimnißvoll, in das Düster
-seiner Vorstellungen.
-
-Während der längeren Dauer dieser Reise suchte Therese durch
-freundliches Geschwätz ihren Mann zu erheitern, der sich leidend dabei
-verhielt. Wenn sie beflissen schien, von Diesem und Jenem zu sprechen,
-so war's vielleicht, daß er ihre Absicht merkte, was ihn verstimmte. --
-Das Bedürfniß der Unterhaltung ist ein schlimmes Merkmal für die Liebe.
-Wo ein Liebender die Langeweile des Andern empfindet, da ist dieser
-Andere schon verkürzt. Ein Herz, ganz von seinem Gegenstande ausgefüllt,
-bedarf nichts als des Glückes, bei ihm zu seyn. Liebende sind -- ist ihr
-Verhältniß in der Ordnung -- Sich die Einzigen, die da leben: denn
-jede junge Ehe wiederholt die Schöpfung, und der Athem Gottes hat
-millionenmal das Paradies geschaffen, seit das erste verloren ging.
-Wenn daher Menschen, beseelt von diesem ewigen Hauch, etwas außer
-sich merken, und mit jenem Bewußtseyn, was der Liebe heiliges Glück
-vernichtet, ihr Gefühl verhüllen, o! dann blitzt der feurigste Gedanke,
-oder auch ein Witzfunken, nur von dem flammenden Schwerte des Engels,
-der an der Gartenpforte ihres Edens steht. Sie wandeln fortan zwischen
-Dornen und Disteln der Erbsünde, und das Kind der harten Erde wird mit
-Schmerzen geboren, wissend, daß es sterben muß! --
-
-Nach mehreren Tagen, in denen der neue Legationsrath sich und seiner
-Gattinn nur wenige Stunden der Ruhe gegönnt, sahen sie die schöne
-Stadt nun vor sich, welche der Ort seiner Bestimmung war. In äußerster
-Erschöpfung freute sich Therese, endlich am Ziel zu seyn. Ihr Blut war
-durch das anhaltend rasche Fahren in Wallung, das feine Geäder am Halse
-hüpfte, in jeder Fingerspitze hämmerte ein Puls. Sie war zu müde, um
-sich ängsten zu können, da Constanz sich unwohl klagte. »Dein Husten
-pfeift ordentlich und hat einen schneidenden Ton,« sagte sie unter einem
-nervenfröstelnden Rückenschauer zu ihrem Manne. »Ich denke, wenn Du
-wirst ausgeschlafen haben, dann giebt es sich.«
-
-»Ja, ich denke einen langen Schlaf zu thun --« antwortete Constanz mit
-mattem Lächeln, und schloß die entzündeten Augen vor dem Häusermeer, was
-der letzte Abendschein vergoldete.
-
-»Das wolle der Himmel geben!« erwiederte Therese unschuldig auf jene
-berühmten Worte.
-
-Indessen dämmerte es tief, ehe sie die Stadt erreichten. Es war zur
-Meßzeit, und trotz der abendlichen Späte ein wogendes Gewimmel in den
-Straßen. Der Reisewagen, dem der blasende Postillon Respect verschaffte,
-rückte jedoch nur langsam vorwärts, und hielt am Engel, einem Hotel, das
-hinsichtlich seiner Vorzüglichkeit so hoch über die Adler und Sterne
-der besten Gasthöfe ragte, wie der Geist seines Sinnbilds über die
-menschliche Unvollkommenheit.
-
-Therese erschrak, als die großen Laternen zu beiden Seiten des
-ätherblauen Schildes, worauf der weiße Engel, mit einer Palme in den
-Händen, schwebte, ihren Schein auf das Gesicht ihres Mannes fallen
-ließen; es war todtenblaß, Constanz war kaum noch im Stande, die bequeme
-Stiege hinanzusteigen. Im Zimmer angelangt, sank er beinahe ohnmächtig
-in einen Stuhl. -- Hier, von einem erstickenden Husten, wobei ihm jede
-Muskel schwoll, convulsivisch erregt, konnte er lange nicht zu Worte
-kommen; doch als er eines Sylbenlautes mächtig war, forderte er einen
-Arzt, weil der Schmerz im Halse von Minute zu Minute furchtbarer wurde.
-Es ward bestellt. Alsbald rauschte unter den Händen eines flinken
-Dienstmädchens das Bett, wonach Constanz stöhnend verlangte; der Tisch
-war gedeckt, die kräftige Suppe dampfte -- aber der Kranke schüttelte
-sich gegen den Genuß, und der armen Therese war aller Appetit vergangen.
-
-Eine tödtlich lange Stunde war vorüber, und der Doctor noch immer
-nicht da. Das Kommen an der Hausthüre, das unaufhörliche Gehen auf
-dem Vorsaal, der Laut jeder männlichen Stimme im Flur, täuschte die
-peinliche Erwartung der harrenden Frau. Constanz lag ganz still, er
-seufzte nur. --
-
-Unglücklicherweise hatte man für das Erkranken eines Herrn, der mit vier
-Pferden Extrapost angekommen, nur den vornehmsten Arzt passend gefunden.
-Leider aber war dieser der bequemste von Allen, der lieber seinen Leib
-pflegte, als den Derer, die sich seiner Kunst anvertrauten. In solchen
-Aerzten hat das Gefühl ihrer eigenen Unsterblichkeit die achtsame Sorge
-für das Leben Anderer verschlungen. Sie fußen fest auf der begrabenen
-Welt, die einen düstern Lorbeer für sie trägt. --
-
-Jener Primus der Mediciner dieser Stadt saß bei einem Abendschmause,
-kaum frugaler als der in Voßens Idyllen, und gehabte sich gleich seinem
-Collegen aus Hamburg, den der Pächter redend darin einführt -- als der
-Ruf aus dem Engel an ihn erging. Er that jedoch seiner Menschlichkeit
-zuvor volle Genüge und gütlich, ehe er ihm Folge leistete.
-
-Endlich rollte sein Wagen vor. »Der Regierungsrath kommt --« rief der
-Kellner in das stille Zimmer, und ein stattlicher Mann keuchte die
-Treppe herauf. Therese war eines deutlichen Berichts fast unfähig, der
-Doctor verpustete inzwischen. Dann schritt er gravitätisch dem Bette zu,
-nahm Platz, seine Taschenuhr in die Hand und faßte den Puls des Kranken.
-Die ruhige Flamme der Kerzen zitterte im Zifferblatt, und warf einen
-prunkenden Schein auf den Orden an der Brust des Arztes. Theresens Herz
-schlug flüchtig; doch ihr Athem stockte. --
-
-»Eine schlimme Halsentzündung ist im Anzuge --« war der Ausspruch, wobei
-Therese ihren schönen, freien Hals wie zugeschnürt fühlte. »Ein Wundarzt
-muß schleunigst herbeigerufen werden --« setzte der Doctor dictatorisch
-hinzu, und betrachtete einige Momente die Gesichtszüge des Kranken, der
-taub und glühend, wie in den Schmerz von Flammen eingehüllt, da lag, und
-kein Zeichen der Theilnahme an seinem eignen Wohl und Weh -- von sich
-gab. Man brachte das verlangte Schreibzeug, der Doctor schrieb nach
-kurzem Besinnen einige Abreviaturen mit blasser Dinte, und schlang
-seinen Namenszug in eine großartige Hieroglyphe. Dann schnitt er -- mit
-der Scheere der Parze -- den Streifen Papier ab, und reichte ihn einem
-Aufwärter, der schon darauf wartete, das Recept in die Apotheke zu
-tragen.
-
-Unterdessen kam der Wundarzt und empfing seine Instruction. Dann
-entfernte sich der Regierungsrath, um an die Tafel des Wohllebens zurück
-zu kehren; unbekümmert darum, ob auch wissend -- daß ein bedeutenderer
-Mann hier stürbe.
-
-»Verlassen _Sie_ mich nur nicht!« flehte Therese den Wundarzt an, der,
-ein guter Mensch und viel sanfter als sein Beruf -- ihr versprach, die
-Nacht über da zu bleiben. »Auch wird es nöthig sein --« sagte er, um
-diese Maßregel durch mehr als sein Mitleid, durch Erkenntniß der Gefahr
-zu rechtfertigen, »der Herr Gemahl haben die Bräune.«
-
-Therese starrte den Chirurg mit ihren braunen Augen an, die auch wohl
-gefährlich werden konnten, und fragte furchtsam: »die Bräune? an der
-sterben doch wohl nur Kinder? --«
-
-Der Wundarzt schwieg; ein Lächeln trüber Erfahrung, ein leises
-Achselzucken nur, war seine Antwort.
-
-Mit einem kindischen Grauen sah Therese ihn die zappelnden Blutegel
-auspacken, die sich ihr wie kleine dunkle Schlangen an das Herz legten.
-
-Welch eine Nacht! -- doch auch die Schatten der bängsten zerfließen.
-
-Als der goldne Morgen heraufstieg, zerfloß Therese in tausend Thränen:
-Constanz war gegen die dritte Stunde gestorben. Mit allen Schauern der
-Natur hatte seine Frau zum erstenmale den Tod gesehn, und in den Zügen
-Dessen, den sie einst geliebt. Dort lag er nun, ein starrer Leichnam!
-die bleierne Stille seines Anblicks wirkte zermalmend auf Theresens
-Leichtsinn -- es waren die schwersten Stunden, die sie gelebt; denn an
-dem Todtenbette ihrer Mutter hatte die Liebe ihr zur Seite gestanden.
-
-»Eine Stunde früher --« hatte der Wundarzt unbedachtsam geäussert, und
-der Kranke wäre zu retten gewesen; jene Stunde der Säumniß, am Tische
-des reichen Mannes, die dem armen Constanz himmlisches Manna zu kosten
-gab.
-
-Das Geräusch des Tages erwachte, der Markt füllte sich mit Menschen, die
-Kaufleute legten heute bunte Waaren aus. Eine fremde, gleichgültige
-Welt bewegte sich unter Theresens verweintem Blick. Die Sonne schien
-frühlingsheiter -- sah denn das Auge Gottes diesen Jammer nicht? -- die
-furchtbare Eile dieses Vorfalls machte den Eindruck davon auf das Gemüth
-der beklagenswerthen Frau noch gewaltsamer, so daß sie zu erliegen
-glaubte. Sie fühlte sich fürchterlich allein. Sie dachte an die Bewohner
-des Stiftes, die ruhig träumen würden, es gehe ihr nach Wunsch. Endlich
-sank sie in eine fühllose Mattigkeit.
-
-Wie ungemein dies traurige Ereigniß nun auch war, so konnte der Wirth
-zum Engel, bei dem Gedränge seines Hauses, sich nur auf flüchtige
-Beweise seiner Theilnahme einlassen. Er übernahm die Meldung bei den
-Behörden, die Besorgnisse der Bestattung, und hatte nun für weiteren
-Beistand keine Zeit; doch destomehr, seine Gäste mit jenem interessanten
-Vorfall zu unterhalten. Zum Tröster war der practische Mann ohnehin
-nicht geschaffen. Man denke Theresen! sie, die, selbst für den
-freudigsten Zweck, keines geschäftsmäßigen Bestellens jemals fähig
-gewesen, sollte eine Auskunft geben, wie sie wünsche, daß ihr Gemahl
-begraben werde, mit dem Tischler reden, der, das Maaß zum Sarge zu
-nehmen, kam, und dem Schlosser Gehör geben, für den der Wirth bat, daß
-er die Arbeit bekäme. -- »Ich beschwöre Dich, Füßli« --, sagte sie
-mit gerungenen Händen zu dem Bedienten ihres Mannes, einer treuen,
-leidtragenden Seele, »überhebe mich dieser Menschen, die härter sind als
-ihr Holz und Eisen, was sie handhaben! ich halte es länger nicht aus,
-ihnen Rede zu stehen.«
-
-In einem kraftlosen Zustande lag sie auf dem Sopha; unter ihren Fenstern
-summte das Gewühl. Sie glaubte, die Bewegung des Fahrens noch zu
-empfinden, zuweilen schrak sie auf, im Gefühl von einem tiefen Fall. Wie
-im Traume traten die Bilder vergangener Stunden zu ihr hin. Es war ihr,
-als ob Fabia spräche: »Du bist nun auch eine Wittwe, wie ich!« _Eine
-Wittwe!_ diesem bangen einsamen Begriff widerstrebte ihre frische
-Jugend, und der harmlose Sinn, welcher sie bisher beglückt hatte. Die
-Glocken hallten mit tiefen Tönen dies Wort -- die Stille flüsterte es
-nach, und die Reiseuhr, die noch regelmäßig ging, da die Zeit ihres
-Besitzers abgelaufen war, pickte mit sachter silberner Ruhe, daß es
-wirklich wahr sey. -- Auf einmal fragte sie scheu und leise: »hörtest Du
-nichts, Füßli?« »Nein,« antwortete der Bediente, »ich glaubte, gnädige
-Frau wären eingeschlafen, und dankte meinem Gott dafür. Ach!« fuhr er
-sein betrübtes Herz erleichternd fort, »zur Messe ankommen und sterben,
-und in einem Gasthofe seyn: das ist Alles, was ein Mensch ausstehen
-kann. Das Leichenbrett sogar steht auf der Rechnung.«
-
-»Ach laß es stehen! Sey nur still, um Gotteswillen -- wenn Du nicht
-willst, daß ich selbst den Tod davon habe --« sagte Therese abwehrend,
-»es war mir, als hörte ich Jemand sprechen, dessen Stimme mir bekannt
-ist.« Sie lauschte nach der Wandseite.
-
-»Eine Herrschaft vom Lande, eine alte Baroninn, war eben angekommen, und
-logirt daneben --« antwortete Füßli, und seine Dame nahm doch Anstand,
-ihm einen Auftrag der Neugier zu geben.
-
-»Mein Kopf ist wüst --« sagte Therese, »und in diesem Gewirre der Angst
-werden Einem selbst die stillsten Gedanken laut.« Doch wie von jener
-Täuschung besänftiget, schlief sie nun wirklich ein.
-
-Als Therese am nächsten Morgen zu einer dumpfen Besonnenheit erwachte,
-sagte sie: »mit Schrecken sehe ich, daß ich noch wie ein Regenbogen
-gekleidet bin -- ich muß doch wohl ein wenig trauern? Mir ist ganz
-schwarz vor den Augen, wenn ich nur daran denke. Gehe Füßli, und kaufe
-mir einen Streifen Flor zur Binde -- eine finstre Haube könnte ich nicht
-tragen, ich stürbe -- Dann hole mir ein Paar Schuhe von Serge; nimm
-einen von diesen mit, sie passen mir am besten.« Sie schleuderte den
-Probeschuh -- eine seidne Aurora -- von dem zierlichen Fuß, und setzte
-mit einem herben Lächeln hinzu: »Wer mich so sähe, müßte glauben, ich
-wandelte auf Rosen. -- Das Kleid will mir die Wirthstochter besorgen.«
-
-Der Befehligte ging und kam lange nicht wieder. Endlich trat er ein mit
-einer gewissen Hast, der Athem schien ihm entgangen, und die Zornader
-stark angelaufen.
-
-»Du warst lange, Füßli --« empfing ihn seine Dame im Klageton eines
-gütigen Vorwurfs, »wohl eine Stunde, und Du glaubst nicht, wie bange mir
-der Augenblick vergeht, den ich ganz allein zubringe.«
-
-»Kann nichts dafür, gnädigste Frau,« entschuldigte sich jener, »es ist
-überall ein Gedränge, man kann nirgends zu. Aus einem Viertel machen
-sich die Kaufleute nichts -- es wird Alles im Ganzen abgesetzt; da
-ließen sie mich stehen. Dann müssen kleine Füße bei großen Damen hier
-rar seyn. Des Suchens war kein Ende, und an Kinderschuhen von diesem
-Maaße kein Vorrath. Zuletzt hatte ich noch einen Auftritt auf offner
-Straße. Es ist hier eine verflixte Polizei.«
-
-»Wie so?« fragte Therese, und schickte sich an, den Einkauf zu
-versuchen.
-
-»Nun,« antwortete der Bediente mit entrüstetem Tone: »wie ich so im
-besten Gehen bin, kommt Einer von der Polizei daher -- ich meine, das
-müsse er gewesen seyn -- stiert auf meine Hand und ruft: Freund! wo hast
-Du den Schuh her? -- Es fiel mich an. Mein Herr Offizier, gab ich ihm
-zur Antwort, gestohlen habe ich den Schuh nicht, und um das Weitere
-braucht sich Niemand zu kümmern. Nun legte er sich aufs Bitten, besah
-sich den Schuh von allen Seiten, so daß ich daran denken mußte, was
-mir, da ich noch ein kleiner Knabe war, meine Mutter seliger von einem
-bezauberten Prinzen erzählte, der -- --«
-
-»Ich weiß, ich weiß --« unterbrach ihn Therese mit einiger Heftigkeit.
--- Füßli starrte seine Dame an. Sie war wie mit Blut begossen -- er
-meinte, es käme vom Bücken; nur über seinen Horizont ging es gänzlich,
-daß sie wissen wolle, was er aus dem tiefsten Winkel der Beilade seiner
-Mutter Goldamme hervorzusuchen im Begriff gewesen. »Wie sah denn der
-Herr aus?« fragte sie.
-
-»Es war der hübscheste Polizei-Lieutenant, den ich noch gesehen habe --«
-antwortete Füßli, »lang und wohl gewachsen; aber seine Keckheit hatte
-mich verdrossen, deshalb gab ich ihm nur kurzen Bescheid.« Therese ließ
-sich die Uniform beschreiben. Sie hörte still zu, dann sagte sie mit
-rügender Stimme: »Du hättest ihm doch höflicher Auskunft geben sollen.«
-
-Füßli, stumm gekränkt, schüttelte leise den Kopf. Er meinte in seinem
-subalternen Verstande, daß selbst die betrübteste Frau sich von der
-Aufmerksamkeit eines Mannes geschmeichelt fühle, die dem kleinsten
-ihrer persönlichen Reize zu Theil würde: er wußte nicht, wie viel feiner
-Therese combinirte, da sie ihrem Diener den Mangel eines verbindlicheren
-Benehmens vorhielt. --
-
-Jetzt ward es laut auf dem Vorsaal. Therese öffnete die Thür, und
-trat hinaus. Die Dame vom Lande, ihre Wandnachbarinn, stand im Begriff
-abzureisen, von ihren Leuten und den dienstbaren Geistern des Hotels
-umgeben, welche mit Schachteln, Paqueten, Flaschen, und hundert
-unnennbaren Kleinigkeiten des Bedarfs zu einem behaglichen Leben,
-belastet waren. Sie selbst glich einem wandelnden Pavillon, blieb
-aber stehen, als die ätherische Gestalt Theresens, nur etwa wie ein
-Trauermantel mit leichtem Schwarz besäumt, aus der düstern Stille ihres
-Zimmers aufflatterte, und redete sie an. »Ach meine Liebe,« sagte sie
-mit einer Fülle von Gutherzigkeit in dem wohlgenährten Gesicht, »Sie
-sind gewiß die junge Dame, welche hier zu einer so traurigen Erfahrung
-gekommen ist? -- Wie mich das gedauert hat! so jung Wittwe werden,
-das ist in Wahrheit betrübt. Wie gern hätte ich Ihnen meine Theilnahme
-bezeugt! aber man hat den Kopf so voll von Einkäufen, -- sieh Dörtchen!
-o verzeihen Sie -- den polnischen Gries, den haben wir ja nun doch
-vergessen!« Therese bedeckte mit der weißen Hand die Augen, vor all'
-diesem häuslichen Wust. Sie hätte keiner Erinnerung bedurft, an den
-unwirthbaren Boden ihrer Heimath. Mit leisem, verachtenden Stolz, wie
-er dem Schmerz und der Liebe gegen solche Geringfügigkeiten eigen ist,
-verbeugte sie sich, aber doch mit der Grazie des Kummers.
-
-»Könnte ich Ihnen irgend womit dienen?« fragte die Baroninn im Tone
-erhöheter Achtung, da sie kein Sterbenswörtchen, kaum einen Seufzer,
-aus diesem schönen Munde vernommen, der ein so heiliges Recht zur Klage
-hatte, deren Zurückhaltung stets am stärksten an das Herz des Mitleids
-dringt. Therese dankte gerührt. Sie konnte den Wunsch, ein aufrichtiges
-Mitgefühl zu äußern, nicht verkennen.
-
-»Die Zeit --« setzte die Baroninn, wie wenig sie deren auch zu haben
-schien, in der Weise einer erfahrnen Trösterinn hinzu: »die Zeit,
-glauben Sie das mir, meine Beste! lindert auch den größten Schmerz. Da
-mein guter Mann starb -- er ist nun schon seit zwanzig Jahren todt -- da
-meinte ich auch nicht, noch einen frohen Tag zu erleben. Es giebt sich
-jedoch Alles, auch das, was uns beugt. -- Werden Sie, wenn man fragen
-darf -- Sich lange hier aufhalten?«
-
-»Ich fürchte nicht, daß ich das müßte,« antwortete Therese mit einem
-Blick voll Schauer: »der Boden dieses Hauses brennt unter meinen Füßen.«
-
-Die Dame nickte, gleich einer unförmlichen Pagode auf diesem großartigen
-Kamin, worin ein frisches Leben zu Asche geworden war, und sprach:
-»sonst hätte ich Sie gebeten, zu mir zu kommen, auf mein Gut. Ich bin
-die Baroninn Lenau.«
-
-Dieser Name schlug mit einem bekannten Klange nicht an Theresens
-Ohr, nein! an ihr Herz. Therese wußte von jenem Nicolaus, der ihn mit
-dichterischen Ehren führt, und würdigte ihn wohl höher als den Kaiser,
-den sie als einen Feind ihres zerstückten Vaterlandes betrachtete. Eine
-poetische Verwandtschaft so wenig wie eine andere, zwischen diesem Lenau
-und der Baroninn, ließ sich gleichwohl schwerlich voraussetzen, und doch
--- trotz der Prosa dieser Erscheinung, und wie versunken in sich selbst
-Therese auch war, so flüsterte, da sie ihn nennen hörte, ein zartes ob
-auch melancholisches Gefühl, wie das Schönste seiner Schilflieder es
-erregt, in ihrem Busen auf. --
-
-Das Wohlwollen verbindet schnell. Mit einem Zuge von Wehmuth ließ
-Therese die Baroninn aus den Augen. Sie trat ans Fenster, und sah die
-bepackte Landkutsche, von ihrer aristokratischen Bestimmung zu einer
-anspruchslosen Victualienfuhre benützt -- langsam und schwerfällig
-abfahren. Therese dachte dieser flüchtigen Begegnung nach, welche
-sie doch ein wenig zerstreut hatte. Sie besaß überhaupt eine gewisse
-Vorliebe für ältere Personen ihres Geschlechts, und die Gabe ihnen zu
-gefallen; hingegen Frauen von mittleren Jahren konnte sie nicht leiden,
-ohne sich eines Grundes dafür bewußt zu seyn. Diese Eigenheit, denen,
-die mit ihr lebten, so bekannt, daß, als Therese einst ein rüstiges
-Weib, welches ihr Erdbeeren feil bot, gegen ihre Gewohnheit ziemlich
-unfreundlich abwies, ihr Schwager lächelnd sagte: »die Arme hat
-wahrscheinlich nicht das rechte Alter, um Dir sammt ihren schönen
-Früchten anzustehen? --« hielt sie vielleicht theilweise von Fabia
-entfernt, während ein Verhältniß ungeheuchelter Zuneigung zwischen der
-alten Nonne und der jüngsten Schwägerinn des Administrators bestand.
-
-»Es giebt sich Alles,« hatte die Baroninn gesagt, »auch das, was uns
-beugt.«
-
-Was ist wohl starrer als der Tod? Und doch schmiegt der Gedanke an die
-Verstorbenen sich allmählig unsern Vorstellungen an, hausbequem wie ein
-Kleid, in dessen weiten Falten ein wenig Staub ruht, ohne daß auch das
-reinste Herz davon beunruhigt würde.
-
-Therese blickte tiefsinnig in das Gewühl, welches geräuschvoll wie ein
-Strom, doch eben so unverständlich sich unter ihr bewegte. Stunde an
-Stunde verrann -- gegen den Abend sollte Constanz still, doch feierlich
-beerdiget werden, und seine Frau begehrte, während dieses Acts allein zu
-bleiben. Füßli wagte bescheidenen Widerspruch; das Gefühl der Einsamkeit
-und eines gemeinsamen Verlustes hatte dem treuen Diener Freundesrecht
-dazu gegeben.
-
-»Es ist so schön, gnädigste Frau,« sagte er beklommen, »wenn ein
-Ehegatte den letzten Gang mit dem Andern nicht scheut, sey er immerhin
-der schwerste. Ich mögte sagen, es sähe den Frauen so ähnlich. Die
-Mutter blickt zehnmal in die Wiege, ob ihr Kindlein gut schläft, eine
-Pflegerinn achtet darauf, ob die Kissen des Kranken recht liegen, und
-eine Wittwe sollte das Auge abwenden und nicht sehen wollen, wie man
-ihren Todten gebettet hat? -- Was mich betrifft, so würde ich meinen
-Herrn begleiten, und wenn ich auf den Knieen seinem Sarge nachrutschen
-müßte.«
-
-Therese erröthete beschämt, und ein Anflug von Zorn über den Vorwurf,
-der in diesen treuen Worten für sie lag, schürte die Flamme ihres
-Angesichts. Sie sagte mit Selbstvertheidigung: »daß ich mein blutend
-Weh vor den Augen fremder Menschen entschleiern, und der Neugier ein
-Schauspiel geben sollte: dies kann ich nicht. Es wäre eine Form, die
-meinem Wesen widerstünde; meinem Constanz hilft es nicht mehr, und Wem
-schadet es, wenn ich lasse, was zu thun er selbst unräthlich finden
-würde? -- Jeder hat seine eigene Schicklichkeit, guter Füßli.« Und dabei
-lächelte sie todesängstlich, wie im Besserwissen einer höheren Stimmung.
-
-Jener schüttelte den Kopf, und seine Miene würde ein Kundiger dieser
-Sprache der Seele in die Antwort übertragen haben: »aber die Liebe ist
-doch nur Eine!«
-
-»Wäre nur der Schwager hier,« jammerte Therese, und brach in Thränen
-aus, deren Thau sie dem Gras des fremden Kirchhofs vorenthielt --, »oder
-ein anderer Freund, der sich meiner annähme!« Füßli schwieg gekränkt.
-Seine weinende Dame sprach: »verlassener als ich, ist wohl auf Gottes
-Erde Niemand -- und war ich es eigentlich nicht immer? --« In dieser
-Frage, womit Therese sich gleichsam frei sprach von den zarten Pflichten
-einer Verbundenen, geschah dem Anspruch des Gemahls Eintrag, den der Tod
-von jedem irdischen Bande gelös't; aber die Stunde des Begräbnisses gab
-ihm sein volles Recht wieder. Erschütternd in Schluchzen, aufgelös't
-in Leid, saß Therese im einsamen Sopha, während Der, dem sie kraft des
-ehelichen Gehorsams hierher gefolgt war, zu seiner letzten Ruhestätte
-schwankte, und sie an fremder Stelle allein ließ. Jeder Glockenhall
-bewegte ihre Seele in einer Schwingung stürmischen Schmerzes;
-überwältigt von unbekannten aber furchtbaren Gefühlen, war sie keines
-klaren Gedankens fähig. Endlich lagerte sich eine dumpfe Stille um ihren
-müden Geist. Sie lehnte den Kopf hinten über, schloß die Augen, und ließ
-unbewußt einzelne Tropfen unter den Wimpern hervorrinnen. -- Im Hause,
-was den todten Gast entlassen, herrschte eine ungewöhnliche und bange
-Stille; selten schwebte der Engel mit der Palme in solcher Ruhe.
-
-Da eilte ein starker doch gedämpfter Schritt die Treppe herauf an
-die Thür von Theresens Zimmer; es klopfte, und ohne das Wörtchen der
-Erlaubniß abzuwarten, trat ein Offizier ein. Rudolph Feldmeister lag zu
-Theresens Füßen, und hauchte athemlos einen ehrerbietigen Kuß auf die
-schwarze Serge ihres Schuhes.
-
-Wie von einem elektrischen Schlage geweckt schaute sie auf. Schweigend
-sah sie ihn an, nur der nasse Blick, die zitternde Hand redete in einem
-leisen Druck, der dennoch die gepreßte Empfindung verständlich machte,
-worin sie athmete. Therese glaubte, der Himmel habe sich geöffnet, ihr
-seinen sichtbaren Schutz zuzusenden. Nach einer unaussprechlichen Minute
-sagte sie mit wankender Stimme: »so eben begräbt man meinen Mann -- und
-ich weiß nicht, ob es sich ziemt, daß Ihr Hierseyn, lieber Freund, seine
-Wittwe tröste? --«
-
-»O Therese!« rief der Lieutnant leidenschaftlich versichernd, »wie hat
-dieser Todesfall mich ergriffen, ohne daß ich wußte, Wen er träfe! und
-nun sollte ein erbärmlicher Anstand mich fern halten, wohin mein Herz
-mich drängt, selbst wenn es anders schlüge, als für den einzigen Wunsch
-dieser geliebten Nähe?«
-
-Therese weinte heftig, der Lieutnant stand langsam auf, und sah finster
-in den Fall ihrer Thränen. »Fürchten Sie nicht, Therese,« sagte er mit
-jener edelsinnigen Achtung, die einem höheren Gemüth der Anblick des
-Leidens einflößt, wenn gleich sich in seinen Ton ein wenig verbitternde
-Kälte der Eifersucht mischte, »daß ich die Heiligkeit dieser Stunde und
-ihrer Gefühle nicht genug ehren mögte, um von dem meinigen zu schweigen.
--- Aber -- die Vorsehung scheint mich zu Ihrem Schutz berufen zu
-haben, den Sie in so seltsam unglücklicher Lage in dieser fremden Stadt
-bedürfen könnten. Mit unsäglicher Mühe und Eile bin ich einer zarten
-Spur von Ihnen nachgegangen, hoffend, daß ich Sie fände -- -- Therese!
-mein Wiedersehen so unvermuthet, freut Sie nicht?«
-
-Therese erhob das quellende Auge zu ihm; ein warmer Strom floß in sein
-Herz, und machte es schwellen. Sie schüttelte den schönen Kopf, und
-diese verneinende Geberde sprach jene zuversichtliche Erwartung nicht
-ab. »_Unvermuthet?_« sagte sie mit dem leisen Accent magnetischer
-Ahnung, »nein mein Freund! ich wußte, Sie wären mir nahe. Wo ich
-bedrängt bin, da erscheinen _Sie_! -- Habe ich doch schon ihre Stimme
-vernommen. Unmöglich scheint mir nichts, nachdem, was ich erfahren.
-Ach!« und bei diesem seufzenden Ausruf rang sie die zarten Hände in
-ihrem Schooße, »_was_ habe ich gelitten seit unserer Trennung! ich werde
-es nie -- _nie!_ vergessen.«
-
-Diese Versicherung spaltete sich in dem Gefühl des Empfängers. Der
-angegebene Zeitpunct schmeichelte, ob auch unbestimmt, seinem fordernden
-Herzen; doch das Unmaß von Weh, wovon der leichte Sinn dieses harmlosen
-Wesens betroffen worden, deutete wahrscheinlich nur auf einen Schlag des
-Schicksals hin, der zur Zeit seine eigenen Empfindungen unterdrückte.
-Seine Zunge war für einen Moment gelähmt, dann sagte er: »ich glaubte
-nicht, daß der Verlust eines Mannes, den Sie eigentlich nur dem Namen
-nach besaßen, Sie bis zu diesem Grade außer Fassung bringen könnte,
-da es nur auf Ihre Neigung ankommen würde, jenen hohlen Besitz zu
-behalten.«
-
-Therese seufzte aus voller Brust und dachte: »am Ende nimmt er es wohl
-übel, daß ich traurig bin? -- O über die Männer! ihre Eigensucht findet
-sich sogar durch die Aufregung beleidigt, welche Derjenige verursacht,
-der allen irrdischen Wallungen ein Ziel setzt! --« Sie antwortete:
-»als Constanz zurückkehrte -- o Gott! wann kam er denn? da hätte ich
-im Voraus wissen können, was mir begegnen würde. Mir war so kalt und
-schauerlich zu Muthe, als ob der Tod mich in seine Arme schlösse. Nun
-ging es holter, polter fort. Unerbittlich für den Wunsch der Seinen,
-gönnte er mir kaum Zeit, mich zu fassen, da das Scheiden vom Stift
-mir sehr schwer fiel. Dort ist mir wohl gewesen, sehr wohl! kleine
-Uebelstände etwa abgerechnet, die gegen so vieles Gute nicht in Betracht
-zu ziehen sind. Mit freundlicher Vernunft ließ der Schwager mich
-gewähren, und mir kein Härchen krümmen. Er war mir ein Bruder,
-wahrhaftig ein Bruder! und Ihren Oheim, ja den Major, habe ich wie einen
-Vater geliebt!«
-
-Sein Neffe lächelte kühl, wie mit der Indolenz eines dankbaren Vetters,
-denn die Wärme, womit Therese des Administrators erwähnte, that der
-Wirkung jenes kindlichen Gedankens Eintrag.
-
-»Der Morgen, wo wir von Sanct Capella abreiseten,« fuhr sie fort, »war
-mir schrecklich. Die ganze Welt kam mir verändert vor, so auch mein
-Mann. Ich war wirklich ein wenig einsiedlerisch geworden -- und
-der Gedanke, mich wieder in seine umherfahrende Weise einzurichten,
-widerstrebte mir. Unbeschreiblich abgemüdet, mehr am Geist als am
-Körper, langte ich hier an. Erlassen Sie es mir, daß ich Ihnen von der
-kurzen Krankheit erzähle, die den armen Constanz binnen wenig Stunden
-hinabwürgte; ich bin es nicht im Stande. Und wäre er mein Feind gewesen,
-und nicht mein Mann, ich hätte gern, als es ihm an Luft gebrach, den
-Athem meiner Brust ihm einhauchen mögen.« Ein langer zitternder Seufzer,
-aushaltend in sprachlosem Schmerz, schloß diese Rede.
-
-»Ich glaube Ihnen --,« sagte Rudolph bewältigt. Doch von seinem
-Standpunkt aus, und nach der Behauptung jenes Kenners der menschlichen
-Seele, dessen genialem Blick diese dunkle Substanz durchsichtig war, so
-daß er ihre tiefsten Geheimnisse an das Licht brachte, wie zum Beispiel
-eine beschattete Stelle der Theilnahme, die da lautet: _denn nichts
-scheint Denen trübe, die gewinnen_ --, setzte er hinzu: »jenes Bild
-des Grauens wird sich mildern, theure Therese. Wie sollte, wenn die
-Vorstellung des Todes haften bliebe, der Soldat bestehen, der ihn mit
-all seinen Schrecken ertragen, und in furchtbarer Masse sehen muß, ohne
-daß er bei diesem Anblick zagen dürfte? Ein stärkeres Gefühl bezwingt
-ihn. Mein süßes Leben! beruhige Dich! jetzt bin _ich_ da.«
-
-Ein Blick innigster Schutzversicherung ward zwischen ihnen gewechselt.
-Und mit dem schüchternen Aufschluchzen überwundner Aengste sagte
-Therese: »ich bin kein Held, lieber Freund! und mich in einer so ganz
-einzigen Lage zu benehmen, fehlt es mir an Umsicht, wie an Erfahrung.
-Mich mit dem Nachlaß des Verstorbenen zu befassen, ist mir rein
-unmöglich. Ich glaube, ich könnte die größte Erbschaft wegschenken, um
-nur nicht davon reden zu hören.«
-
-Der Lieutnant lächelte wundersam in sich hinein. Und Therese sprach
-weiter: »ein feiner Mann vom Corps Diplomatique war bei mir, dem ich das
-Portefeuille meines Mannes aushändigen mußte. Ich wußte nicht, ob ich
-recht daran gethan, und ob nicht noch andere als staatsgeheime Papiere
-darin gewesen? -- Wäre nur der Schwager hier? ich habe einen Brief an
-ihn angefangen -- dort liegt er noch. Als ich mich dazu sammeln wollte,
-kam ein Sammelbruder, wie denn überhaupt Störungen begehrlicher Art hier
-unvermeidlich sind. -- Die Gedanken versagten mir, kein Wort wollte aus
-der Feder fließen; aber Thränen sind genug auf das Papier geflossen.«
-
-»Ich schreibe an den Major --« sagte der Lieutnant mit nachholender
-Hast, »heute noch! sogleich. Wir senden eine Estafette. Der
-Administrator muß her. Doch dürfte es bei der großen Entfernung eine
-ziemliche Weile dauern. O Therese, Muth gefaßt, holde Freundinn! es
-werden bessere Tage kommen; dann sind diese ein beklemmender Traum
-gewesen. Mir war, als hätte ich auch geträumt -- aber feenhaft, und
-meine Zukunft wäre verwandelt. Ich wüßte Ihnen Gutes zu erzählen; allein
-es deucht mir unzart, daß ich in diesen Augenblicken von mir spräche,
-und von irgend einem andern Glück als dem, zu Ihrer Beruhigung beitragen
-zu können.«
-
-Therese athmete erleichtert auf, reichte ihm herzlich die Hand und
-sprach: »so wäre mir denn geholfen; zweifeln Sie nicht, daß Ihre
-Gegenwart die größte Wohlthat für mich ist. Aber noch ist mein ganzes
-Wesen so von Furcht und Beben eingenommen, daß ich die Hoffnung nicht
-zu fassen vermag, ich würde mich wieder einmal freuen können. -- Es ist
-mir, als begäbe sich der Trost, daß ich Sie sähe, nur im Fieber. Ihr
-Bild wankt vor meinen Augen, eine so jähe, so erschütternde Veränderung
-läßt uns fühlen, daß nichts Bestand hat. Und die Angst zuckt schreckend
-durch meine Glieder, ich könnte erwachen, und Sie wären verschwunden.«
-
-»Nein ich bleibe!« rief der junge Mann mit fester Innigkeit, und der Ton
-entschiedenen Selbstvertrauens steigerte sich zur Leidenschaft, da er
-hinzusetzte: »ich bleibe ewig Ihr treuester Freund! und eher mögte
-ich mich wohl selbst verlassen, als von dem Platze weichen, auf den
-himmlische Gunst mich gestellt hat. -- Ist es ein Zufall, daß wir uns
-in Polen, im Stifte, und nun hier, in öder Weite, abgerissen von allen
-vorigen Beziehungen, gefunden haben? Eine unsichtbare Hand hat uns
-verknüpft, Therese! ich halte meinen Schwur, und der Himmel selbst
-scheint es zu wollen.«
-
-»Constanz --« flüsterte Therese, »wird mir auch sein Schatten zürnen?«
-
-»Er war eine vermittelnde Macht zwischen uns --« entgegnete Rudolph,
-»sein Daseyn, nun nicht mehr begrenzt, erweitert sich für unendliche
-Wünsche. Ein Geist ist nicht engherzig mehr, daß er dem Liebsten, was
-die Erde für ihn hatte, einen Strahl von Seligkeit, die Liebe! mißgönnen
-sollte. Aber Therese -- Sie sind krank, und ein Wunder ist es nicht.
-Wenn ich Sie nur besser aufgehoben wüßte, in weiblich schicklicher
-Pflege. Der Gasthof ist kein Asyl für eine Leidtragende. Nun, morgen
-wird es anders seyn. Ich schreibe die Nacht hindurch, und mit Anbruch
-des Tages lasse ich meinen Boten fliegen.«
-
-Jetzt trat Füßli ein. Die Schwermuth der Dienstpflicht, von der er
-zurückkehrte, beugte ihn sichtbar, ein Grabeswehen düsterte um die
-beflorte Gestalt, und die Citrone in seiner Hand, deren Poren im
-Ausdruck starken Schmerzes lind geworden waren, hauchte einen leisen,
-bangen Geruch aus.
-
-Eine wunde Röthe floß mit der Blässe Theresens zusammen, als sie den
-Diener ansichtig ward, an den sie während dieser Scene mit keiner Sylbe
-gedacht hatte. Und auch das erdfahle Gesicht des ehrlichen Schweizers
-überzog sich mit der Farbe der Empfindlichkeit, da er den fremden
-Offizier erkannte. »Füßli!« sagte Therese mit weichem Tone, »dieser
-Herr, ein naher Verwandter des Major von Feldmeister im Stift, wird so
-gütig seyn, in meinem Namen nach Sanct Capella zu schreiben, und Dir das
-Nöthige hierüber ertheilen.«
-
-Der Diener verbeugte sich stumm, und indem seine Dame sich gleichsam zu
-einer Entschuldigung herabließ, über dies Zusammentreffen, wie über
-die Vollmacht, welche der Lieutnant von ihr empfangen, zwang eine zarte
-Stimme ihres Busens sie, sich solchergestalt gegen ihn zu erklären.
--- Wenn es eine Pflicht zu trauern giebt, so ist stumme Treue der
-beredteste Vorwurf. Wer sich schweigend härmt, versenkt in tiefen Gram,
-erhebt sich in jeder Sphäre über Den, der Ohr und Lippe dem Troste
-öffnet.
-
-Rudolph ging bald darauf. Er beeilte sich, die Briefe zu schreiben, die
-keinen längeren Verzug gestatteten. Den folgenden Nachmittag wollte er
-wieder kommen, weil der Dienst ihn am Morgen nicht entließ.
-
-Therese empfand sein Fortgehen selbst für die Frist einer kurzen
-Frühlingsnacht, und bei der Gewißheit seiner Wiederkehr, doch
-beängstend.
-
-Füßli blieb stöckisch, und wartete mit finsterer Unterwürfigkeit seines
-Dienstes. O! warum kann keiner sehnenden Seele Erquickung zu Theil
-werden, ohne daß die Mißgunst irgend einen erbitternden Tropfen dazu
-mischte? -- Vor Allem stehet der Genuß auch der schuldlosesten Liebe
-unter diesem weltlichen Fluch. Sie ist das himmlische Feuer, dessen
-Raub mit jener Strafe gebüßt wird, die sich täglich erneut. -- Der
-Freundschaft -- und ist diese weniger ätherischen Ursprungs? -- wird
-ihre schmelzende Kraft eher verziehen. Sie -- »die Freundschaft hat
-Stufen, die am Throne Gottes durch alle Geister hinaufsteigen, bis zum
-Unendlichen!« So hoch kann der gewöhnliche Begriff sich nicht erheben.
-Aber Liebe, hienieden gefühlt, erscheint den Menschen oftmals niedrig.
--- Und nicht immer sind die Beweggründe Derer rein, die im unberufenen
-Zweifel, ob ein Verhältniß lauter sey, ein Herz in Flammen läutern.
--- Hätte der Major anstatt seines Neffen sich zum Beistand Theresens
-gefunden, der Diener ihres verstorbenen Gemahls würde ihn gesegnet
-haben; der junge hübsche Offizier, der ihren Schuh sogar erkannt -- war
-ihm ein Dorn im Auge.
-
-Schon hatte Therese am folgenden Tage ihres Freundes geharrt, und die
-Minuten, welche er zögerte, berechnet, als Rudolph kam, und wie es
-schien im Drange einer willkommnen Nachricht.
-
-»Ich habe über Sie verfügt --« sagte er mit einem offnen Blicke, und
-hörbar knitterte seine Hand ein Blatt Papier in der Tasche, was er aber
-stecken ließ, als bedürfe es zwischen ihnen des Beweises nicht, »werden
-Sie mir das Zutrauen verleiden, daß ich es durfte?«
-
-Therese bat ihn, mit einer Miene der Vorausbilligung, niemals ungewiß
-darüber und jetzt deutlicher zu seyn.
-
-»Hier können Sie nicht bleiben, mein süßes Kind!« sprach der Lieutnant,
-und dieser zärtliche Zusatz sänftigte den taktischen Ton, der die
-Vermuthung anschlug, dieser Feldmeister von Theresens Gegenwart werde
-sich, als ehelicher Feldherr ihrer Zukunft, gar wohl zu benehmen wissen.
--- »Selbst meine Besuche,« fuhr er fort, »würden einem ärgerlichen
-Aufsehen nicht entgehen, und ich -- ich leugne es nicht -- bin
-empfindlich gegen die öffentliche Meinung. Lieber aber mögte ich einen
-Flecken an meiner Ehre dulden, oder in der Pupille meines Auges, als daß
-Ihr Ruf, theure Therese! durch mich, und wäre es um den leisesten Hauch
-eines Wortes -- verdunkelt würde. Da ist mir denn guter Rath nicht über
-Nacht, nein! gestern Abend schon gekommen. Eine Anverwandte von mir,
-die Besitzerinn eines hübschen Landgutes in hiesiger Gegend, und eine
-so wackere Frau, daß ich wohl manche weibliche Tugend neben der
-harmlosesten Gutherzigkeit an ihr verehre, ist freundlich bereit, Sie
-bei sich aufzunehmen. Meine Tante ist in jedem Sinne wie von Milch
-genährt, und der Aufenthalt bei ihr ganz geeignet, den Affect der
-Betrübniß herabzustimmen. Sie werden --,« dies setzte der Lieutnant mit
-einem gutmüthigen Lächeln hinzu, »Gelegenheit finden, sich zu beruhigen;
-ein Athem von pflegmatischer Behaglichkeit ist die Lebensluft dieses
-Hauses, und ich werde Fug und Recht haben, oft genug darin einzukehren.«
-
-Es hätte dieses letzteren Antriebes kaum bedurft, um Theresen dem
-Vorschlag ihres Freundes geneigt zu machen. Das wilde Täubchen war
-völlig zahm geworden.
-
-Füßli -- so wurde beschlossen -- sollte im Gasthof bei den Sachen
-bleiben, bis der Administrator in Person, oder doch Nachricht von ihm
-käme. Auch konnte von Seiten der Behörden noch irgend eine Forderung
-ergehen, zu deren Aufnahme Jemand an Ort und Stelle seyn müßte. Schon
-in einer Stunde -- mit solch militairischer Kürze war dieser Aufbruch
-bestimmt worden -- sollte die Equipage da seyn, worin Therese nach jenem
-Landgute abgeholt werden würde. Rudolph wollte sie zu Pferde begleiten.
-In fliegender Eil wurden nun die Anstalten zur Abreise getroffen.
-Therese säumte keinesweges, den Engel dieses Hauses zu verlassen, um
-dem zu folgen, den sie mit besserem Recht für den ihrigen, und für
-einen Boten des Himmels hielt. Sie zog den schwarzen Schleier über ihr
-Gesicht, und sich in den Hintergrund des Wagens zurück, so lange er
-durch das lärmende Getöse der Stadt rollte. Doch als auch das Geräusch
-der Vorstadt immer ländlicher wurde, bis endlich am letzten Häuschen die
-sausenden Räder an dem schwirrenden Rade eines Seilers vorüberflogen,
-der sein hartes Gespinnst durch die weichen Frühlingslüfte milderte, da
-bewegte diese Schnur Theresens Herz, und es schlug in der grünen Stille
-einsam wie eine Bilderuhr. -- Wie sanft wallten die Saaten! wie weit
-vergoldete die Sonne den Gesichtskreis! in welcher erhabenen Ruhe
-mischte das Blaßblau eines fernen Amphitheaters von Bergen sich mit dem
-Horizont! -- Die Natur senkte ihren malerischen Vorhang über Theresens
-Einbildungskraft, und den Tumult jener wüsten Scenen, denen sie
-entronnen war. Kein neugierig kalter Blick traf sie mehr, und hier
-und da fiel der ihrige auf ein unschuldiges Blumenauge, in der zarten
-Frische erster Färbung, und es schien mit Wärme zu sagen, daß es den
-Thau gar wohl kenne, der zu nächtlicher Zeit sinkt. --
-
-Rudolph ritt nebenher, und zum erstenmale ein neues schönes Pferd,
-womit er ritterlich bei dem Geleit seiner trauernden Dame paradirte, und
-dessen charakteristische Uebermüthigkeiten sein Aufmerken erforderten.
-Therese saß allein in tiefen Gedanken. Wie wenig glich ihre dermalige
-Stimmung jener, in welcher sie einst nach dem Scheiden von ihrem Gemahl,
-in Begleitung seines Bruders, dem gastfreundlichen Kloster zuflüchtete.
--- Gänzlich unbekannt war ihr der Ort und die Person, denen sie nun
-eine schützende Aufnahme verdanken würde; aber sie überließ sich mit
-unbedingtem Vertrauen ihrem Führer. Die Gleichgültigkeit des Kummers und
-erschöpfter Kräfte, nahm dieser Hingebung auch das leiseste Bedenken.
-Das Fahren erinnerte sie an die jüngste Vergangenheit. Constanz lag nun
-still für immer. Welch ein kleiner bescheidener Raum genügte ihm zur
-langen Rast! sein ruheloses Leben voll glänzender Entwürfe war nun aus,
-wie ein fliegender Stern in Dunkelheit erlischt. Sie versetzte sich in
-die Empfindungen, welche sie bei seiner Ankunft und während der Reise
-gehabt hatte, und gestand sich, daß es Vorgefühle gebe. War die
-tiefe sehnende Ruhe, in welcher alle Aengste, alle Wünsche schwiegen,
-vielleicht Gewähr dafür, daß Furcht und Hoffnung nun erfüllt seyen? --
-Nie hatte Therese mit zarteren Regungen der Reue an Constanz gedacht,
-nie sein Verhängniß in so innigem Bezug auf ihr Gemüth empfunden; obzwar
-jeder Faden von Eintrag in dem Gewebe ihres gegenseitigen Lebens nun
-abgerissen war. Auch das Glück wird mit Buße getragen, nicht allein das
-Gefühl der Schuld und der Besitz, sogar der zu hoffende, giebt uns
-nicht selten erst eine vorwurfsvolle Schätzung dessen, was wir verloren
-haben. --
-
-Der Abend begann, sich auf die Landschaft zu senken. Noch schwebte der
-feurige Sonnenball, jedes Lüftchen riß eine flammende Rose aus dem Kranz
-von Purpurgewölk, der Himmel glich einem Garten voll brennender Liebe.
--- Das Geläut der ziehenden Heerden vom frischen Anger scholl fernher,
-wie wandelnde Abendglöckchen, da der Tag sich neigte, und dieser
-friedsame begnügte Ton weckte ein traumhaftes Sehnen, dem Heimweh
-verwandt, in Theresens Seele. Wo war ihre Heimath auf Erden? Nirgend! --
-Als nun die Sonne hinunter war, die geschäftigen Schatten einschliefen,
-und ein dämmernder Duft sich über Feld und Wiese verbreitete, da
-erschien ihre selige Mutter vor Theresens träumenden Augen, und ihr
-überirrdisches Lächeln sagte: »mir ist recht wohl! laß mich schlafen,
-Kind!« Auch Constanz richtete sich auf, und seine gestorbene Gestalt
-blühete wie unter einem Veilchenschimmer, der vom violetten Schein der
-Höhen mit dem röthlichen Hauch noch nicht aufgebrochner Laubknospen
-zusammenfloß. Und der Abendwind flüsterte mit _seiner_ Stimme: »ich habe
-nun Ruhe gefunden -- was betrübst Du Dich?« Eine namenlose Wehmuth ließ
-Theresen wünschen, sie könnte auch sterben. -- »Sterben? jetzt, wo ihrer
-treulosen Neigung nichts mehr im Wege steht?« frägst Du vielleicht meine
-Leserinn, und Deine Hand hebt den Stein des Anstoßes. Aber lasse mich
-den Zweifel Deiner Frage heben. Wisse! der Schmerz um Die, welche nicht
-mehr athmen, und das Entzücken des Lebens, die Liebe! mischen ihre
-tiefsten Einflüsse zu einem Quell, der verlangend strebt, sich in das
-Meer der Ewigkeit zu ergießen. In Beiden fühlen wir uns unendlich. So
-stirbt die Jugend leicht unter dem vollen Blüthenhang ihrer Hoffnungen;
-nur das Alter klammert sich fest an den entblätterten Stamm des Daseyns,
-hätte es auch nur bittere Früchte getragen. --
-
-Bei einem Bug der Straße öffnete sich die Aussicht in ein reiches
-Dorf, von Obstgärten umgeben. Das Schloß, kein Rittersitz von
-architektonischem Prunk, nur ein stattlicheres Wohnhaus -- lag kaum
-abgesondert und sehr freundlich.
-
-Der Lieutenant rief in den Wagen: »Wir sind an Ort und Stelle, --«
-und bei dem ersten Hinblick auf die Fenster, welche ein Abglanz der
-Abendröthe in saffranfarbenem Mattgold erhellte, spürte Therese jenes
-Bangen, welches uns Frauen mehr oder minder vor dem Eingehen in ein
-neues Verhältniß ergreift, oder, was oft gleichbedeutend ist -- wenn wir
-uns dem Ziele einer Reise nähern.
-
-Der Spiegel eines schöngeformten Teiches dicht vor dem Schlosse, am
-vorderen Rande von einer Brustwehr eingefaßt, und zu beiden Seiten mit
-weißen Gartenbänken versehen, strahlte das schwache Geflimmer einzelner
-Sterne zurück, und daneben den leuchtenden Vollmond des runden, rothen
-Gesichts einer Dame, die über das Geländer gelehnt, Karpfen fütterte.
-Die auftauchenden Fische zogen dunkle Kreise über die glatte
-Wasserfläche, worin das Schloß winkte und wankte; die Dame aber wich
-nicht von ihrem Platze, und war so vertieft in ihre speisende Lust, daß
-sie den Wagen nicht kommen gehört hatte. Schweigend hob der Lieutnant
-Theresen heraus, und sie gingen dem Teiche zu. Die Dame wendete sich um
--- erleichterten Herzens erkannte Therese die Baroninn Lenau in ihr. Und
-jetzt wußte sie auch auf einmal, daß Rudolph schon im Stift ihr diese
-Verwandte genannt, und von ihr erzählt hatte.
-
-Die Baroninn schien mit dem Begriff der Nahrung völlig identisch
-zu seyn. Ihre Gestalt war wie die Fülle von Gottes Segen, ein
-angeschnittnes Brod lag in ihrem derben Arm, und das Messer blickte nur
-wie zum Spott der ihr eigenthümlichen Milde, womit sie nie eine andere
-Schärfe handhabte. -- »Sieh da!« sagte die Baroninn sichtlich erfreut,
-»mein einladender Wunsch kam von Herzen, und ist deßhalb zu Herzen
-gegangen -- wenn gleich auf einem kleinen Umwege --« setzte sie mit
-einem Lächeln vergnügter Schlauheit hinzu.
-
-Diese einfachen Worte, und eine begrüßende Umarmung ließen Theresen
-fühlen, wie herzlich es mit dieser Aufnahme gemeint sey.
-
-Rudolph hatte nicht nöthig, das Kleinod seiner Sorge der gütigen Tante
-werth und wichtig zu machen, welche liebreich es in Gold fassen mögen.
-
-Die Baroninn hielt in einer einfachen neidlosen Denkweise die Schönheit
-für einen Empfehlungsbrief ihres Schöpfers, und das Unglück für ein
-heiliges Recht. Sie benahm sich, diesem Glauben zufolge, so, daß Therese
-sich wie im Himmel fühlte. Selbst ihr Aufenthalt im Stift, wie geneigt
-wir auch sind, das Vergangene zu überschätzen -- war von mancher Seite
-für sie und für manche kleine Blöße schonungsloser gewesen, als der
-gastfreie Schirm dieses Hauses. Die Baroninn war nicht minder ein Muster
-der Wirthlichkeit, als Du, häusliche Fabia! aber dies hausmütterliche
-Walten war ihr ein rühriges Vergnügen, ein vorbereitender Genuß, kein
-werkthätiges Verdienst, was sich geltend machte. Sie war auch fromm;
-doch ohne selbstgefällige Strenge. Ihr Christenmuth war kein abtödtender
-und absondernder Stolz, sondern guter Muth, und deshalb ein tägliches
-Wohlleben, wie die Schrift sagt. Die fröhliche Zutraulichkeit zu
-Gott, womit sie sich des Besten von ihm versah, belohnte sich durch
-Zufriedenheit mit allen Menschen. Sie ließ die ganze Welt gewähren --
-und Wer jemals unter intoleranten Bekehrungs-Versuchen gelitten, weiß
-diese köstliche Eigenschaft zu würdigen. Allein auch Therese hatte sich
-geändert, nicht nur, daß ihre Umgebung eine andere war. Wir dürfen es
-zudem rühmlich voraussetzen, daß Frau Fabia sich der _verwittweten_
-Schwägerinn gewissenhaft angenommen haben würde. Theilnahme an
-_widrigen_ Erfahrungen ward nimmer bei ihr vergebens gesucht; nur der
-_Mitfreude_ war dies verschlossene Gemüth nicht fähig. Ihre Tugenden
-schmeckten alle, -- wenn dieser Ausdruck nicht profan wäre -- ein wenig
-nach dem Essig vom Kreuz. So versüßte sie Niemandem das Leben, und
-selbst das Gute, was sie erwies, blieb nicht ohne eine säuernde
-Mischung. -- Die Baroninn dagegen war ein christlich-weiblicher Epikur;
-ihre Glückseligkeitslehre lief auf unschädlichen Genuß hinaus, den keine
-Verbitterung trübte. Sie schlürfte Geist des Lebens mit jedem Athemzuge,
-und wandelte das reine Element in stärkenden Wein. -- Einer Therese
-mußte dieses System freilich besser zusagen. Jener anmuthige Leichtsinn
-zwar, der zu so vielen Mißhelligkeiten zwischen den Schwägerinnen Anlaß
-gegeben, trug nunmehr einen Flor von Melancholie, der ihn niederhielt;
-doch wäre ihr bewegliches Naturell auch nicht durch diesen zarten
-Ueberhang von Trauer gehalten worden, das Geheimniß jener wunderbaren
-Gegenwirkung Anderer auf uns, würde hier, wo im Umgange einer
-frohsinnigen Matrone nichts von der jungen Frau gefordert ward, als daß
-sie sich erheitern möge, Theresen zu einem soliden Ernst für Pflicht
-und Nachdenken gestimmt haben. Und endlich die Hauptsache! welch eine
-scharfe Ehrenwächterinn war ihr Fabia gegen den Blick eines Mannes
-gewesen! wie kränkend hatte jenes wachsame Auge auf jeden Schatten
-gedeutet, wenn der wohlwollende Schwager die Schwächen von Constanz
-reizender Gattin in allzugünstigem Lichte zu betrachten schien! Und
-welcher stummen aber richterlichen Rüge war die bemerkte Leidenschaft
-Rudolphs verfallen! und wie streng war das Urtheil, was über den
-aufmunternden Gegenstand seiner strafbaren Flammen erging! -- Die
-Baroninn gönnte das menschliche Glück, zu gefallen, von ganzem guten
-Herzen so gern, ohne deßhalb eine liebenswürdige Frau für einen
-gefallnen Engel zu halten. Jeder Vorzug, den Therese besaß oder empfing,
-schien ihr natürlich. Sie fand die öfteren Besuche des Lieutnants, die
-Begeisterung für sein Schutzamt, ganz in der Ordnung und rechtmäßig. Sie
-schalt, wenn er eine Stunde länger ausblieb, als zu erwarten gewesen,
-und Therese vertheidigte lächelnd den Freund, der sich zu ihr bekennen,
-und die Wirksamkeit ihrer anziehenden Kräfte beweisen durfte.
-
-Der junge Mann war seiner Tante sehr ehrenwerth und ein Schooßkind des
-Geschicks; -- den Neigungen der Günstlinge aber wird geschmeichelt, und
-vielleicht war die Baroninn es sich kaum bewußt, daß sie die Güte
-der Gottheit verehrte, indem ihre eigene ein Verhältniß heiligte, was
-außerdem dem Bannstrahl der Welt schwerlich entgehen können.
-
-Und da wir Theresen einstweilen so wohl aufgehoben wissen, wenden wir
-uns nach Sanct Capella zurück.
-
- * * * * *
-
-An einem milden Abend jener Zeit, in welcher wir die abwesende Therese
-begleitet haben, befand Schwester Veronica sich mit Josephinen in
-demselben großen Zimmer, worin unsere Erzählung anhebt. Sie saßen
-feiernd am offnen Fenster einander gegenüber. Tiefe, ernste Dämmerung
-herrschte in dem bewohnten Raum, in schattigen Umrissen zeigten sich
-alle Gegenstände; die Miene des Reformators war nicht mehr kenntlich,
-und nur der Rahmen seines Bildes warf einen zweifelhaften Strahl in das
-uranfängliche Düster.
-
-Fabia, welche die sogenannte Dunkelstunde nicht liebte, wie man dies --
-beiläufig gesagt -- meistens bei Personen von vorwaltendem Verstande und
-äußerer Thätigkeit findet -- war in die Familie eines der Unterbeamten
-des Stiftes berufen worden, wo eben ein Lebensfunke erlöschen wollte.
-Ein liebholdes Kind, das einzige der Eltern, lag im Sterben. Man hatte
-die Schwägerinn des Administrators, deren Umsicht und christliche
-Gemüthsfassung geachtet war, zum Trost der Mutter herbei geholt, und
-noch sollte sie aus der Wohnung des Jammers wiederkehren. Von diesem
-Fenster aus war jene Wohnung in einem der klösterlichen Seitengebäude
-zu übersehen, und von dem wankenden Lichte da unten schwebte der stille
-Schatten des Todes herauf um die beiden Gestalten. Draußen aber pulsirte
-das warme Leben der Natur, und das Firmament flimmerte frühlingskräftig.
-Prachtvoller hatte die Nacht ihren Bogen nie gewölbt; die grüne Erde,
-gestickt mit Thauperlen und einer Milchstraße von Blüthen, schien
-dunkelblau, und nur ein tieferer Himmel.
-
-Veronica hing mit verklärten Zügen an der überirrdischen Welt, die --
-nach einem poetischen Gleichniß -- wie eine heilige Nonne verschleiert
-aus dem Sprachgitter der Sterne blickte; Josephine hing das Köpfchen auf
-den Busen. Beide hatten bisher geschwiegen. Jetzt sagte die Erstere,
-wie in sich selbst zurücksinkend: »ich will doch warten, bis Frau Fabia
-kommt, obgleich ich kaum zweifle, welche Kunde sie uns bringen wird.
--- Die arme Mutter! noch schwach und angegriffen von einer schweren
-Krankheit, wäre es viel, wenn sie es ertrüge, daß ihre süße Blume
-gebrochen da liegt!«
-
-Josephine lächelte sanft und sprach: »ich, liebe Veronica, kann das
-Sterben nicht so sehr bedauern. Es hebt uns leise empor über _alles_
-Schwere, und stillt unsre Sehnsucht. Muß uns Jemand sterben, müssen wir
-erst traurig werden, um diese Sehnsucht zu empfinden? _mir_ erregt sie
-der auflebende Frühling, die Freude sogar. Ihnen, liebe Veronica, darf
-ich es gestehen: es gehet mir wohl, worüber hätte ich mich zu beklagen?
-und doch ist mir zuweilen so weh zu Muthe, daß ich es nicht zu
-beschreiben wüßte. Aber um alles Glück der Welt mögte ich dieses
-wehmüthige Gefühl nicht tauschen.«
-
-»Mein Kind,« antwortete die Nonne, und die geistliche Jungfrau nahm
-in ihrer Seelenreine keinen Anstand, ein mütterliches Bild für ihre
-Erklärung anzuwenden, »das sind die jugendlichen Wehen des Herzens, aus
-denen der _Mensch_ in zartester Bildung hervorgeht, und die Liebe, ein
-Kind ihres Schöpfers, wird zum Licht geboren.«
-
-Hier rauschte der Wind, wie jener Geist, von dem man nicht weiß, von
-wannen er kommt -- und ein zartes Erröthen Josephinens barg sich unter
-dem dunkeln Flügel der Luft. Mit einem linden langen Odemzuge sprach
-das Mädchen: »ach, und der Frühling! das lichte Weiß seines ersten
-Blümchens, sein Blüthenschnee, das rinnende Gewässer, kommt mir wie
-der reine Glanz eines Engels vor, der am Grabe der Natur: Auferstehen!
-singt, und die Erde gleichsam heiligt. Ein seliger Schmerz durchdringt
-meine Seele, ich liebe Alles, was mir angehört, inniger aber
-sehnsüchtig. Das Künftige zieht mich zu sich heran, und von dem
-Gegenwärtigen kann ich nicht lassen.«
-
-»Und wenn nun,« fuhr Schwester Veronica fort, »die Farben aufglühen,
-und wie Töne zusammenklingen, so daß Eine Stimme der Unsterblichkeit uns
-vernehmlich wird, wenn alles Leben sich erneut und verjüngt, dann feiern
-wir das Gedächtniß der Todten, und die Sonne bescheint den Tag aller
-Seelen, der in den Frühling gehört und nicht in den Herbst, zur trüben
-Zeit, wo die letzten Blätter fallen. Nie habe ich für meine Verstorbene
-inbrünstiger gebetet, und ihre versunkenen Denkmale wieder aufgerichtet
-in meinem Gemüth, als wenn ich zum erstenmale den frischen Sproß des
-Grases aus ihrer Asche grünen und blühen sah. -- Ich verstehe wohl Dein
-Gefühl, aber das meinige kannst Du noch nicht fassen. Die Jugend reißt
-der warme Strom des Lebens mit sich fort; doch das Alter steht am Ufer
-der Zeit, worin so mancher Wunsch einwinterte und erstarrte. Jenseits
-strecken die Vorangegangenen ihre Arme nach uns aus, und der Blick ihrer
-Nähe zieht uns zu ihnen hinüber.«
-
-»Nein, nein!« rief Josephine lebhaft und ängstlich, und faßte das Gewand
-der Nonne wie ein Kind, was die davoneilende Mutter an diesem schwachen
-Stoff zu halten meint, »es ist, als ob dieser Gedanke schon Sie mir
-entzöge. Auch reißt mich nichts hinweg -- diese Möglichkeit könnte ich
-nur fürchten, doch mich ihr willig hingeben? nie! o _nie_! -- Als ich
-Sie am Sonntage auf ihrer Violine phantasiren hörte -- ich saß auf der
-Bank im Klostergarten -- war es mir, als ob ein Himmel unaussprechlicher
-Empfindung auf mich niederschwebte. Ich mußte weinen, und wußte doch
-nicht warum? Ich dachte, wie so mancher dieser entzückenden Klänge in
-den Mauern Ihrer Zelle schliefe, und daß, wenn einst ein Herz voll Liebe
-darin klopft, es diese Capelle aufwecken würde, um ihrer Heiligkeit und
-Ruhe theilhaft zu werden. Wer wird einst dieses Weihestübchen bewohnen?
--- O laß mich ruhn an dieser lieben Stelle -- bat ich den lieben Gott.
-Wenn ich aber dennoch scheiden müßte --« ihre Stimme versagte für einen
-Moment --, »so werde ich jene Töne, die mich über das Irrdische hinaus
-trugen, lebenslang mit dem Athem meines Herzens tragen, und in diesem
-Herzen Alles, was ich hier geliebt, und für wenig Anderes wird Raum
-darin seyn.«
-
-»Mein trautes Kind!« rief Veronica in einem Ausbruch der Rührung und
-Güte, »Du sollst meine Zelle erben, ich verspreche es Dir. Und meine
-Bücher, meine Blumen -- die Violine, den Ring --: Alles, was ich habe.
-Es ist mein liebster Wunsch, daß _Du_ mir die Augen zudrückest. Dann
-werde ich --« setzte sie leise hinzu, »wie eine Nonne sterben, von der
-man sagt, daß der Engel jungfräulicher Frömmigkeit sichtbar wird, wenn
-sie verscheidet -- und wie eine Mutter zugleich. Du weinst, Josephine?
-es fiel ein Tropfen, und Deine Wange ist feucht. Beruhige Dich,
-Herzenskind! nimm Deine Guitarre, und singe mir ein kleines Lied, es ist
-lange nicht geschehen. Du fühlst sehr wahr: die Musik ist ein religiöses
-Geheimniß, und nicht auf Erden geboren. Die Töne, welche aus der
-innersten Fülle der Seele quellen, sind himmlische Eingebungen und
-die Sprache der Geister. So soll das ganz einzige Spiel des großen
-Violinisten -- ich hätte ihn hören mögen -- etwas Dämonisches gehabt
-haben, und alle Schönheit seines Vortrages würde mir höchstens nur
-gewesen seyn, als ob ich empfände, wie die Kunst verzweifelt. Nein!
-selbst Paganini hätte meine cremoneser Geige nicht erben dürfen; sie
-ist nur Dein Vermächtniß -- keines Andern. Und wenn ein Zufall den
-Bogen zerbräche, und nur ein Seufzer Deines reinen Odems jemals über den
-stummen Steg hinstreicht: so ist ewige Harmonie darin, und das Werkzeug
-meiner innigsten Freuden kann schweigen und zerfallen, wie ich, oder wie
-Das, was lieblich an mir ist.«
-
-Die Violine war -- wie wir bemerken -- eine schwache Saite dieser
-trefflichen Choristinn; eine Saite, welche leicht in nachtönende
-Schwingung gerieth. Sie wollte nächstdem das geschmeichelte Gefühl
-ihrer Virtuosität mit dem unerkünstelten Beifall vergelten, den sie den
-einfachen Melodieen ihres Lieblings zollte.
-
-Josephine, gehorsam dem Wunsch der Nonne, lös'te das Instrument, ein
-Geschenk des Administrators, von der Wand, und griff einige Accorde.
-Dann setzte sie sich nieder, hob das schöne Auge aufwärts und sang mit
-jenem melancholischen Wohllaut der die tiefste Glückseligkeit anspricht:
-
- »Kaum hat mit frischem Thau die Nacht
- Des Himmels dunkle Au begossen,
- So seh ich tausend Lilien sprossen,
- Verklärt von wundersamer Pracht.
- Sie öffnen ihre Kelche weit
- Und lassen ihre Strahlen regnen,
- Die schlummermüde Welt zu segnen
- Durch einen Traum von Herrlichkeit!
-
- Ihr Lilien der heil'gen Nacht!
- Wie sehn ich mich nach Eurem Garten,
- Wo Engel liebend Eurer warten,
- Ein treuer Gärtner Euch bewacht:
- Gebt ihr so fern mit mildem Schein
- Schon süßen Trost der Brust hienieden,
- Wie süß, wie süß wird einst der Frieden
- Im Schatten Eurer Blüthen seyn!«
-
-»Welch ein köstliches Lied, mein süßes Mädchen!« sagte die Nonne mit
-schimmernden Augen, »es spricht für eine tiefe und heilige Empfindung.
-Kennst Du den Dichter?«
-
-Josephine nannte ihn --*) und sprach: »es ist auch mein liebstes. Seit
-ich es habe, singe ich es fast nur allein, doch nicht oft, weil es
-weder gestört noch täglich werden darf, und eine Stimmung und Stille
-erheischt, die -- wie jetzt --«
-
- *): Heinrich Wenzel.
-
-»Ein Schlummerlied im höheren Chor --« unterbrach Schwester Veronica die
-Rede des Mädchens. »Wenn das Kind etwa schon gestorben wäre: so könntest
-Du den Schrei des Schmerzes aus der Brust der Eltern damit eingesungen
-haben.«
-
-Die Thür ging auf, und Fabiens dunkle Gestalt trat gespenstisch mit
-müden Schritten ein. Sie hielt einen Brief uneröffnet, verhängnißvoll in
-ihrer weißen Hand.
-
-»Nun, Frau Fabia,« sagte die Nonne und erhob sich von ihrem Sessel, »was
-werden wir nun erfahren?«
-
-»Die Kleine ist dem Herrn entschlafen --« antwortete Fabia mit jener
-dumpfen Ruhe christlicher Ergebung, die jedoch wachsam für ihren
-Ausdruck ist. »Noch ist die Mutter betäubt, der Vater hingegen scheint
-gelassen; nur fürchte ich, daß es nicht vorhalten werde. -- Noch kein
-Licht, Josephine? wie kann man so gern im Finstern seyn! -- besorge
-es geschwind, daß ich diesen Brief lesen kann. Ein Bote von Bühle ist
-angekommen, und die einfältigen Leute schickten ihn mir nach. Es war,
-als ob der Tod hörbar anklopfte, und Furcht und Schrecken kam uns Alle
-an, die wir still um das kleine Sterbebett standen und beteten.«
-
-Josephine eilte, die Lampe anzuzünden, und indem der kaum entglommene
-Schein derselben auf Fabiens Gesicht fiel und ihr Auge von einer Zeile
-zur andern glitt, sah Veronica, daß ihre Züge sich veränderten. »Eine
-Neuigkeit, Schwester Veronica,« wendete die Pflegemutter Josephinens
-im Drange der Mittheilung sich an die Nonne, »Graf Frankenstern ist mit
-seiner Tochter endlich angekommen.«
-
-»Graf Frankenstern!« rief Jene mit antheilvollem Interesse, und der Ton,
-den die Glocke dieser Nachricht anschlug, war ein Klang aus der guten
-alten Zeit des Klosters. »Der hochbejahrte Herr lebt also noch! und
-Comteß Albane kann auch nicht mehr jung seyn -- wenn ich mir die Gräfinn
-Mutter bedenke -- diese leutselige Dame war mir ein höheres Wesen und
-wie so ganz war sie für Sanct Capella eingenommen! -- In Bühle, sagten
-Sie, hält die Herrschaft sich auf?«
-
-»Ja --« antwortete Fabia schwach, und eine große Erschütterung dieser
-starkmüthigen Frau ward laut in der kleinen Sylbe, »reiche mir einen
-Stuhl, Josephine --« sagte sie sehr sacht, während das sichtliche
-Schwanken ihres Körpers verrieth, daß Fabia mit dem Gefühl der Ohnmacht
-kämpfe. --
-
-Diese Botschaft wirkte nach, und ihr schlagender Eindruck hielt an. Die
-kleinen klaren Schriftzüge, von einer Hand kommend, welche, wie Fabia
-jetzt deutlich empfand -- Gram und Herzeleid über ihr unbeflecktes Leben
-gebracht, verwirrten ihre Seele. Das Dunkel einer finstern That stieg
-vor ihr auf, daneben der Schatten ihres Mannes, kummerkrank und dräuend,
-daß seine Frau nicht vergessen möge, welch eine Last ihn ins Grab
-gedrückt, und Fabia glaubte mit ihm zu versinken.
-
-»Jesus Maria!« rief die Nonne, als sie die Todesblässe auf dem Angesicht
-ihrer Freundinn sah, »was widerfährt Ihnen denn? Ein paar Tropfen
-Lebensgeist -- wenn ich sie nur bei der Hand hätte -- ein Trunk frischen
-Wassers --« das zitternde Mädchen flog hinab, ihn zu holen. Inzwischen
-hatte Frau Fabia sich schon erholt. Sie wehrte sich mit selbständiger
-Kraft gegen die Schwäche, von der sie einen Augenblick bewältigt worden
-war, wie gegen die mitleidige Angst, welche über sie verfügen wollte,
-und sprach, obgleich mit bebenden Lippen: »es ist schon vorüber. Seyn
-Sie außer Sorgen meinetwegen, Schwester Veronica. Und Josephine --
-Du siehst, mein Kind, es ist mir wieder besser. Aber trinken will ich
-doch. --« Sie stärkte sich durch einen erfrischenden Zug.
-
-»Ja, ja!« sagte die Nonne, und ihre Rede nahm wider Wissen und Willen
-die Methode einer gelinden Strafpredigt an, »ein _geistlich_ Amt, das
-der Tröstung und des Beistands in der letzten Noth, erfordert starken
-Odem, und Wer sich stark fühlt, ist es deshalb nicht zu allen Zeiten,
-und übernimmt sich wohl einmal. Sterben aber ist kein Kinderspiel, und
-man sieht nicht zu, daß man sich daran ergötze.« So ist aber --
-der geneigte Leser erlaube uns diese Episode -- auch eine edle und
-geläuterte Seele nicht sicher, daß kleinliche und niedere Stoffe, welche
-die Scheidekunst eines gereinigten Charakters für immer aussondern
-müßte, sich in das Ergebniß ihrer Urtheile mischen. Wir sind uns selbst
-nicht klar. In der freundschaftlichen Aeußerung der Schwester Veronica,
-die wir vor Vielen ihres Gleichen heilig und selig preisen, dürfte ein
-kleiner Nonnendünkel kaum zu verkennen seyn, und der Glaube, daß, um in
-Todesängsten beizustehen, menschliche Theilnahme hiezu nicht genüge, und
-die Kraft zu solchem Beistand nur von einem Geiste ausfließen könne, der
-durch _priesterliche_ Weihen dazu befähigt worden sey.
-
-»Denn der Bote --« so fahren wir mit den Worten der Nonne fort, »ein
-Bote hat mir all mein Lebtag Schrecken eingejagt, und es war mir immer,
-als ob ich das Schicksal in Person kommen sähe, was mir ein neues
-Päckchen zu tragen brächte. Wer weiß auch, was der Brief enthält! -- So
-viel ich mich erinnere, waren Sie in früheren Jahren in Verbindung mit
-Gräfinn Albane? --«
-
-Fabia nickte schwer und schwieg. »Wenn nur der Schwager da wäre!« sagte
-sie, und ihr Auge starrte sinnend vor sich hin, »erst morgen Abend kehrt
-er zurück, dann ist es zu spät.«
-
-»Wozu?« fragte die Nonne mit einem leichten Anfluge jener Neugier ihres
-Alters und Standes. Und mit aufrichtiger Liebedienstlichkeit setzte sie
-hinzu: »wenn Sie in Etwas bedrängt wären, Frau Fabia, worin ich Ihnen
-mit Rath und That nützlich werden könnte --«
-
-»Das wird sich später finden --« antwortete Fabia mit einem bedeutenden
-Blicke nach Josephinen hin, und drückte dankbar die zellenzarte Hand der
-Nonne, wie aus Wachs gewebt, »für jetzt bedarf ich nichts als Ruhe.«
-
-»Wie kalt Sie noch sind!« sagte Schwester Veronica besorglich, »ich
-dächte, ein Krampfpulver wäre nicht übel für die Nacht; es beruhiget die
-Nerven.«
-
-Fabia lächelte seltsam bitter, als bedürfe ihre innere Aufregung ein
-anderes Opium. Sie verneinte den Gebrauch des Mittels, und begab sich in
-ihr Schlafgemach. Den folgenden Morgen war große Wäsche im Stift; eine
-der Haupt-Stadien dieser geregelten Oekonomie. An solchen Tagen ging
-Frau Fabia sonst gleich der Sommersonne früh auf, um sich mit wahrer
-Hoheit im Meere dieser Waschfluth zu bespiegeln. Ja, wir dürfen kühn
-behaupten, daß die Göttinn, an der wir Selbstgefälligkeit so natürlich
-finden, sich vielleicht in einem minderen Grade derselben aus dem Schaum
-der Wellen erhoben habe, als womit die Juno dieser häuslichen Sphäre
-sich von ihrem brausenden Element benetzen ließ. -- Daß diese Wolke ihm
-vorübergehe, hatte der Administrator stets und so auch jetzt eine kleine
-Reise unternommen, und Therese ihm einst muthwillig gedroht, er werde
-einmal aus dem Regen in die Traufe kommen. In diesem Punkte war aber
-Therese gleich den Männern, und wendete am liebsten jener häuslichen
-Nothwendigkeit den Rücken. Sie badete wohl eher die Füßchen im Thau, als
-daß sie einen ihrer rosigen Finger zu Gunsten einer wirthschaftlichen
-Bemühung naß gemacht hätte. -- Wir zweifeln daher, daß Therese selbst
-der Waschfrau Chamissos die poetische Seite abgewinnen mögen, wogegen
-sie gewiß den trockensten Gegenstand des versandeten Schlaraffenlandes
-geeigneter gehalten haben würde, besungen zu werden. --
-
-Heute aber schwebte kein ordnender und waltender Geist über diesen
-Wässern. Fabia schien in tiefem Schlaf versunken zu seyn. Josephine
-klopfte leise an die Thür der Pflegemutter, und Fabia that auf. --
-Ihr Aussehen trug die Spuren einer schlummerlosen Nacht, ungewöhnlich
-achtlos war ihr Anzug; doch selbst in seiner Nachlässigkeit noch keusch
-und sauber. Ihr Auge, von Schatten vertieft, die sich darunter gelagert,
-glühte fieberhaft, und Miene wie Gebehrde war von jener Ermattung -- der
-Feindinn jeder Thätigkeit -- beschlichen, welche uns anhängt, sobald wir
-herzenskränklich sind.
-
-»Vergieb, liebe Mutter, daß ich es wagte, Dich zu stören --« sagte
-Josephine, indem sie ihren betroffenen Blick in einen bittenden zu
-mildern suchte. »Es befremdete uns, daß Du noch nicht aufgestanden
-warst, weil es gegen Deine Weise ist.«
-
-»Ich habe nicht viel geschlafen --« antwortete Fabia gemäßigt wie immer,
-»und mich auf Wichtiges vorzubereiten. Wir müssen heute nach Bühle auf
-das Schloß -- mein Kind; doch fahren wir erst nach Tische. Ziehe Dir das
-neue luftblaue Kleid an, und ordne Dein Haar sorgfältig, ich will Dir
-gern behülflich dabei seyn. Das goldne Kreuzchen binde um den Hals, und
-wirf den gestickten Schleier über, er läßt Dir äußerst günstig.«
-
-»_Heute?_« fragte Josephine bestürzt, und dachte, der Herold des
-jüngsten Tages habe die Stimme ihrer Pflegemutter geliehen. Nie war
-Frau Fabia an Tagen häuslicher Geschäftigkeit nur einen Schritt von der
-Schwelle dieses Hauses und von ihrer Pflicht gewichen; nie hatte das
-Mädchen ein eitles Wort aus Fabiens Munde gehört. Das Ende aller Dinge
-schien gekommen, oder doch nahe zu seyn. Scheu und bekümmert setzte
-daher Josephine jener einsylbigen Frage hinzu, deren Accent all ihre
-Verwunderung ausdrückte: »Du scheinst sehr unwohl, meine Mutter.«
-
-»Und wenn auch!« antwortete Diese, indem ein herbes Lächeln der
-Gleichgültigkeit gegen alles Bisherige auf ihre Lippen stieg, »der Herr
-mein Gott wird mich stärken.« Sie heftete dabei einen durchdringenden
-Blick auf das Crucifix von Gußeisen, welches auf ihrem Nachttische
-stand. Dieser Blick enthielt ein angsthaftes Gebet, und besagte,
-soviel wir von dem flehenden Geflüster am Altar des innern Heiligthums
-verstehen: »_Du!_ der Du uns rein gewaschen hast von unsern Sünden
-mit Deinem theuren Blut, gieb, daß Albane --« hier drang ein
-unaussprechlicher Seufzer durch das kalte Metall an das Herz des
-höchsten Erbarmers. Und von einem Gefühl ermuthiget, was sich erhob,
-sagte sie: »es muß Alles gehen. Wie wird es seyn, wenn ich nicht mehr da
-bin?«
-
-»O sprich mir davon nicht!« bat Josephine, und küßte Fabiens mütterliche
-Hand.
-
-»Eben jetzt muß ich recht sehr mit Dir davon sprechen,« erwiederte
-Fabia, selbst in dieser erweichenden Minute dem Grundsatz treu, dem
-Eigenwillen eines Kindes niemals nachzugeben. »Wir haben viel mit
-einander zu reden. -- Doch siehe! daß Du die Thür zuvor verschließest.
-So! nun schiebe den Riegel vor.«
-
-Von dieser Vorsicht geängstet, war Josephine voll Furcht und Warten
-der Dinge, die da kommen würden. Frau Fabia schien einer vorbereitenden
-Pause zu bedürfen, in der sie sich fasse, dann sprach sie mit einem Ton
-würdevoller Abbitte: »wenn ich Dich zuweilen hart angelassen, und Dir
-zeither strenger war, als daß ich Deinen unschuldigen Neigungen und
-Wünschen jemals geschmeichelt hätte -- so geschah es --« ihre Stimme
-wankte.
-
-»O geliebte Mutter!« rief Josephine, welche diese demüthige Sprache der
-tugendstolzen Pflegemutter nicht aushalten konnte, »es ist nur zu meinem
-Besten geschehen. Womit habe ich Dich beleidiget, daß Du Dich so fremd
-gegen mich ausweisest? bin ich nicht Dein Kind? -- Ich will sie ablegen,
-diese Fehler, denen mein guter Wille noch manchmal unterliegt; habe nur
-ein wenig Geduld mit mir. Und wenn ich mich heute in Bühle etwa linkisch
-benehmen sollte --«
-
-Ein Lächeln, worin mehr Rechtfertigung lag, als in jedem moralischen
-Beweise, flog Fabiens Miene an. Sie antwortete: »das fürchte nicht. Du
-hast ein _Recht_, dort zu seyn: die Gräfinn Frankenstern, der ich Dich
-zuführe, ist Deine Mutter.«
-
-Josephine stieß einen leisen Schrei aus, als hätte ihr dies Wort einen
-Dolch in die Brust gestoßen. Der Name Derer, die ihr das Leben gegeben,
-schien diese Himmelsgabe zurück zu nehmen, und das liebliche Bild des
-Mädchens versteinte zu weißem Marmor.
-
-»So ist's, mein Kind!« setzte Fabia mütterlicher als je hinzu, »die
-Stunde, darin das Band sich lös't, was uns so lange verknüpfte, reißt
-nicht allein an meinem Herzen -- ich muß mich ernstlich zusammennehmen.«
-
-»Mutter!« sagte Josephine furchtsam und leidenschaftlich, »ich hoffe zu
-Gott, Du willst mich nicht verstoßen.«
-
-»Du brichst mir das Herz entzwei, Mädchen!« entgegnete Fabia
-schmerzlich. »Darf ich Dich denn jenen Ansprüchen vorenthalten? Es wird
-Alles darauf ankommen, wie wir die Gräfinn finden. Du bist die Tochter
-einer heimlichen Ehe, und dein Vater -- der Onkel wird Dir sagen --«
-
-»Der Onkel -- ist mein Vater?« fragte Josephine mit schwacher Stimme.
-
-»Der Onkel -- komme doch zu Dir, Kind! ist auch Dein Onkel nicht, und es
-nur dem Namen nach gewesen. Dem Blute nach, gehst Du uns gar nichts an.«
-
-Bei dieser Erklärung, welche Fabia nicht aus lossagender Kälte, sondern
-der vollständigen Erklärung wegen gab, sah Josephine aus, als wären ihr
-alle Adern geöffnet. Ihre Seele strömte in Liebe für die Menschen, mit
-denen sie gelebt, für den Ort, der ihr die trauteste Heimath geworden
-war. Sie empfand den Einfluß einer innigen Gewohnheit. Sie empfand
-ihn mit schwellendem Herzen, da sie den Abschied so nahe wußte. Die
-gräfliche Mutter stand wie eine verhüllte Gottheit von ferne, und scheue
-Ehrfurcht, ein fremdartiges Grauen war Alles, was Josephine für ihre
-Näherung hatte. Und der Administrator war nicht einmal da! es däuchte
-Josephinen, als ob sie diesem gütigen Freunde hinterrücks entführt
-würde. Ein Gefühl, zarter noch als Dankbarkeit, forderte in ihr, daß
-sie ihm diesen schnellen und gewaltsamen Abruf selbst sagen und klagen
-könnte, daß er Augenzeuge wäre der sträubenden Wehmuth, womit sie von
-hinnen schied. --
-
-Als der Nachmittag nun kam, erschien Josephine in vorschriftlichem
-Anzuge. Sie war bei dem Werk der Toilette ihrer wenig bewußt gewesen, um
-so eifriger hatten ihr die Grazien gedient, welche zurückweichen, wo die
-Eitelkeit handreicht. Auch Fabia war ausnahmsweise festlich angethan.
-Sie trug ein dunkles Kleid von tannengrüner Seide; doch indem die
-verwittwete Frau bei dieser seltnen Gelegenheit ihr Licht leuchten
-ließ, trug doch der Christbaum ihres Gewandes kein einziges Flämmchen
-Flitterstaat zur Schau, sondern nur die Frucht bescheidener Einfalt, an
-der man erkannte, weß Geistes Kind sie wäre.
-
-Der Himmel hatte sich mit Gewölk umzogen. Frau Fabia, im Begriff, sich
-in den Wagen zu setzen, schaute auf und sprach: »den guten Regenschirm
-wollen wir noch mitnehmen, zur Fürsorge. Wir könnten ihn brauchen, beim
-Aussteigen. Er steht, wenn ich nicht irre, in des Schwagers Zimmer, im
-Winkel wo die Pfeifen lehnen --« Und hurtiger flattert der Vogel
-nicht vom Zweig, als Josephine dahin flog, ehe es möglich war, ihr
-zuvorzukommen. Sie drängte die Seele des Abschieds, als den Inbegriff
-schmerzlicher Empfindung, in den heißen Blick, womit sie die stummen
-kalten Wände grüßte, und Wer weiß, ob nicht zum letztenmal! -- Dort
-stand der braune Schirm, und neben dem Saum seines geschlossenen
-Zeltes, blickte der Kopf des Mustapha zu ihr hinauf, die in dem
-wehenden Schleier, eher der schönsten Blume des Harems, als, des goldnen
-Kreuzchens ungeachtet -- einer jungen Braut der Kirche glich. Hier stand
-das Schreibpult des Administrators, und ein kleines weißes Blättchen lag
-lockend auf der grünen Fläche. Josephine warf einen Blick darauf -- ein
-Sonnenstrahl fiel gleichzeitig in die Werkstatt ihrer Gedanken. Eine
-Feder war auf jenem Streifen Papier probirt: »Josephine,« stand in
-kalligraphischer Schönheit am Rande des Blättchens, und das Urbild
-dieses wohllautenden Namens stand mit schöneren Zügen davor. Sie ergriff
-die Feder, und schrieb mit fliegenden Fingern:
-
- »Ich muß fort -- verzeihe, daß ich mit Ich anfange; aber Stolz
- ist nicht in mir, nur eine sehr traurige Liebe, daß ich von Sanct
- Capella scheiden muß. Kannst Du etwas beitragen -- --
-
- Deine --«
-
-Josephine vernahm, daß ein Eilbote ihr nachgeschickt würde. Sie mußte
-sich losreißen. Ein Fädchen aus dem Blondengewirk ihres Schleiers blieb
-an dem Gefieder der Schreibfeder hangen, und ein kleiner Dintenfleck an
-ihrem Finger.
-
-Josephine wie ihre Pflegemutter sprachen wenig auf dem Wege nach Bühle.
-Fabia saß still in sich gekehrt, trübsinnig starrte Jene in die Ferne.
-Als aber jetzt der englische Garten sichtbar ward, und hinter dem
-Immergrün seiner Gehölze, vermischt mit der zarten Frische lebendiger
-Knospen, das graue, todte Schloß, eine verstorbene Einöde von Stein --
-als sie jetzt bei dem Postamente vorüber fuhren, worunter der todte Hund
-begraben liegt: da erblickte Josephine den stummen Wächter mit keinem
-minderen Schauer als eine abgeschiedene Seele der Vorwelt den Cerberus,
-und als sey dies festgehaltene flüchtige Bild nur allein ein Symbol
-ewiger Ruhe, und dies der Eingang in das stille Reich der Schatten.
-
-Das eintönige Geräusch des Brunnens, auch nicht um den leisesten Tonfall
-eines Tropfens anders als sonst, weckte in Fabien bittere Gefühle
-der Vergangenheit. Dort war die Wohnung, in der ihr Mann gelitten und
-aufgehört zu leben -- es däuchte seiner Wittwe, als ob das Lüftchen,
-welches die spielenden Wellen der Wasserkufe kräuselte, ihr seine
-letzten Seufzer zuwehete. Blüthenbäume streuten ihren Schmuck vor die
-Schwelle, über die Kummer und Gram mit ihm eingezogen waren, um nur den
-Todten zu entlassen --; und diese Gleichgültigkeit der Natur, welcher
-der Mensch unwillkürlich Theilnahme abverlangt, diese Wiederkehr ihrer
-unschuldigen Freuden, an dieselbe Stätte, wo die Schuld, eigene
-oder fremde, unsre besten hinweggenommen für immer -- schärfte die
-Empfindung, womit Fabia sich jener Zeit bewußt ward, und des wichtigen
-Moments, der ihr jetzt bevorstand.
-
-Um das Schloßgebäude schwebte die Stille der Einsamkeit und der
-Ehrfurcht vor dem Range, wie vor dem kranken Geiste seiner dermaligen
-Bewohner. Der Zustand des Grafen war bekannt, und seine Tochter galt
-kaum weniger leidend an Gemüth.
-
-Das Unglück, wie mächtig es auch sey, hat stets eine kleine Hofhaltung.
-Nur ein einziger Bedienter stand, nicht unähnlich einer Statue seines
-Standes, an einer Säule des Flurs, harrend, wie es schien. Die Zeit
-hatte angemessen der altväterlichen Livree seinen Scheitel mit Puder
-bestreut, und mehr noch als diese greise Mode, gab ihm eine Miene
-unbewußter Geringschätzung gegen diese Etiquette adeliger Größe, und
-ein Zug von Schweigen in seinem erfahrungsvollen Gesicht ein ehrwürdiges
-Ansehen. Auf ihre Frage erhielt Fabia zur Antwort von ihm, daß sie
-erwartet würde -- und Josephinens Blick hing dabei so ängstlich an den
-goldbesponnenen Knöpfen seines Rockes, als ob sie eine nahe wichtige
-Entscheidung davon abzählen wolle. Noch fragte Fabia, die niemals sicher
-genug gehen konnte: die Herrschaft sey doch -- allein? -- Der
-Bediente, ein alter Bekannter von ihr, lächelte nur; die Tochter des
-Oberverwalters von Bonna mußte fremd geworden seyn, dem Andenken der
-Lebensweise des Majoratsherrn. Er sagte mit schwermüthigem Scherz: »es
-ist zwar heute großer Galatag; aber diese hohen Gäste lassen Raum und
-Ruhe, und die Frau Rentmeisterinn dürfen sich ganz und gar nicht irren
-lassen.«
-
-Indem Fabia die breite Treppe, mit Decken belegt, unter starkem
-Herzklopfen hinan stieg, erhob sie sich zu dem Gefühl, daß _sie_ es
-nicht sey, welche die nächste Minute zu scheuen brauche. Doch wie
-kommt es, daß die Last auf dem Gewissen eines Andern den Athem des
-Rechtschaffenen hemmt? und warum wirft ein fremdes Erröthen, noch ehe
-es vor unserm Auge aufgeht, den Schein der Schuldverkündigung auf unser
-eigenes Gesicht? --
-
-Sie standen auf dem öden Vorsaal. Eine Uhr, in langem weißen Gehäuse,
-nahm sich an dem dunklen Pfeiler, daran sie befestiget war, todtenhaft
-aus, und das Gleichmaaß des Perpendikels bewegte sich im Einklang mit
-dem Gesetz der Zeit und ihrer Schwere. Der Stundengott hatte hier
-keine Flügel. -- In den Nischen der Wand entlang, erblickte man zwar
-beschwingte Gestalten; doch schienen auch diese seit manchem Jahr
-unregsam ihren Standpunkt einzunehmen, und nur in so fern, wenn _Ruhe_
-der Begriff des Himmels ist -- dem Olymp anzugehören.
-
-Der Bediente zog die Thür sacht auf, ein Strom von Licht und Luft aus
-dem ihr gegenüber geöffneten Fenster quoll durch die Spalte. Die Meldung
-geschah lautlos, und alsbald traten auf einen Wink des Alten die beiden
-Damen ein.
-
-Frau Fabia, und hinter ihr das schüchterne Mädchen, sah sich in einem
-Zimmer, das füglich den Sälen des Schlosses beigezählt werden
-können. Zwei Reihen Ahnenbilder in Oel gemalt und tief nachgedunkelt,
-beschatteten die Seitenwände, und gaben der schweigsamen Leere dieses
-Prunkgemachs eine geisterartige Geselligkeit. An dem obern Ende des
-länglichen Zimmers stand ein antikes Canapee, breitgestreift, mit weiß
-und seladongrünem Atlas überzogen; davor ein Tisch, köstlich besetzt.
-Ein damastnes Tafeltuch, wie vom Webstuhl der kunstreichen Athene, hing
-in schimmernder Weiße bis auf das bunte Gewirk des Teppichs nieder,
-und um den Tisch herum standen mehrere Lehnsessel, deren jeder ein
-Großvater, bequem und doch galant, wie am Tage der goldnen Hochzeit. In
-einen Winkel geschmiegt saß der Graf, und dem Canapee gegenüber seine
-Tochter.
-
-Bei dem ersten Blicke auf jenen unglücklichen Mann, auf den Schnee
-seines Hauptes, auf den Staatsrock, der so weit, so spottend weit
-entfernt zu passen, um die abgezehrten Glieder hing, zerschmolz aller
-Groll in Fabiens Herzen. Der Putz der Alten wie der Blinden hat etwas
-eigenthümlich Rührendes. Jener: weil ihr hinfälliger Anblick das
-Nichtige der Eitelkeit predigt; dieser: daß ihnen selbst unsichtbar,
-eine Huldigung der Welt beigegeben ward, die nur am Schein hängt. Und
-sind Blödsinnige nicht Blinde in geistigem Sinn? -- Zwar könnte Graf
-Frankenstern für einen Seher gegolten haben, denn eben jetzt leuchtete
-sein Gesicht im Abglanz einer Vision; aber es war nur ein Blendwerk, nur
-das Irrlicht einer gespenstischen Imagination, daneben die Nacht seines
-innern Lebens nur um so finsterer erschien.
-
-Auch Gräfinn Albane war älter geworden, als zufolge einer Berechnung von
-Jahren; doch war der Eindruck dieser ersichtlichen Veränderung durchaus
-ein anderer. Man könnte von ihr sagen, ihre Schönheit sey verwelkt, um
-verklärt zu werden. Ein weißes Kleid von wolkigem Mousselin
-umhüllte ihre zarte Gestalt, doch, im schärfsten Contrast zu dieser
-anspruchslosen Wahl, blinkte jener Schmuck, so schwer vermißt! so
-grausig ersetzt! auf dem feinen Halse und der Brust der Gräfinn, und
-hielt ihren schlanken Leib, ihre Arme umschlossen -- wie wenn Kinder in
-eitlem Spiel sich mit dem Geschmeide ihrer Mutter zieren -- und
-stach, bewaffnet mit allen Blitzen der Frühlingssonne und einer jähen
-Reflexion, Fabien ins Auge und durch das Auge in das tiefste Herz. --
-Ein kleines blankes Schlüsselbund an ihrer linken Seite stellte die
-Gräfinn als Wirthinn des Hauses und jener unsichtbaren Gäste dar, denen
-zu Ehren sie so geschmückt, und gleichsam nur dadurch verkörpert sich
-zeigte. Doch der schmale zackige Reif einer goldnen Krone auf ihrem
-reichen Haar, ließ phantastisch und in Zweifel, welch eine Fürstinn in
-der wüsten Ideenwelt ihres Vaters, sie, fremd sich selbst, vorstelle?
--- Und über dies häusliche Theater goß die wasserziehende Sonne einen
-trüben Glanz der Illusion aus. Die Blumen in dem damastnen Gedeck traten
-labyrinthisch und winterweiß hervor, wie durch einen Hauch von Frost
-entstanden -- und der feurige Wein auf dem Tische glühte nur zum Schein.
-Das rothe Blut der Traube schwellt nur die Adern der Lebendigen; doch
-diese begeisternde Kraft leiht nimmer Denen eine Seele, welche keine
-Existenz haben. Der Graf fand nur Genuß in Gedanken, und schwelgte heute
-mehr als je in seinem Wahn; und Albane saß da so geisterhaft gesättigt
-und traumtrunken, mit einem herben verzichtenden Lächeln auf den
-bleichen Lippen, als hätten diese nie die Süßigkeit des Lebens gekostet,
-und jener edlen Gabe, die des Menschen Herz erfreut und stärkt! --
-
-Als die reelle Fabia dieses Schauspiels ansichtig ward, rieselte ein
-eisiger Schauer an ihrem Rücken hinab, und ihr nähernder Gang erstarrte.
-
-Die Gräfinn zeigte bei dem Eintritte derselben einen heftigen Ruck, so,
-als wenn eine Unbeweglichkeit mechanisch aufgehoben wird. Und indem sie
-dabei das Gleichgewicht verlor, fiel das Diadem, nur lose aufgelegt, von
-ihrem Haupte, und rollte zu Boden. Josephine bückte sich darnach. Doch
-achtlos dieses ominösen Vorfalls schritt die Gräfinn den Kommenden
-entgegen, und begrüßte sie mit sanfter, sehr bewegter Stimme. »Das ist
-Josephine?« fragte sie; aber das Epitheton für den Laut dieser Frage
-fehlt unserer Sprache und jeder. -- Darauf berührte ihr Mund die Stirn
-des Mädchens, und dieser heilige Kuß, den das verleugnete, namenlose
-Kind als Sacrament empfand, firmelte es.
-
-»Josephine!« rief der Graf mit dem herzschneidenden Tone der
-Ueberspannung, taumelte von seinem Sitz, und schwankte gegen die Gruppe,
-um in eine Kniebeugung zu sinken; aber Josephine kam ihm zuvor. Sie
-umschlang den Greis mit weichen Armen, und weinte über ihn. Gräfinn
-Albane überließ ihren Vater dem Entzücken, sein kaiserliches Idol, oder
-die Psyche desselben, in lieblicher Verjüngung vor sich zu sehen,
-und das Mädchen dem guten Geiste der Demuth und der Wahrheit der ihm
-einwohnte. Im Drange, ihr Herz zu öffnen, legte sie die zitternde Hand
-an den blanken Drücker einer Tapetenthür, und zog Fabien mit sich in
-ein anstoßendes Cabinet. »Wie viel Dank bin ich Ihnen schuldig, liebe
-Fabia!« sagte sie hastig und herzlich, »Josephine scheint ein Engel.
-Dieser Blick einer himmlischen Unschuld kann nicht lügen.«
-
-Die fromme Fabia antwortete: »Gottlob! nicht umsonst war mein Gebet bei
-des Mädchens Erziehung: hilf, Herr! hilf! laß wohl gelingen! Josephine
-ist ohne Trug und Arglist; lauter und rein von Gemüth und Sinn, wie ein
-Wassertropfen aus dem Weihebrunnen der göttlichen Gnade.«
-
-Wir lassen es dahin gestellt seyn, ob dieses Bild vom Tropfen, in
-welchem sich Frau Fabia zum Lobe der Tochter ergoß, ganz unvermischt
-und klar von einem Vorwurf ihrer Abstammung gewesen, der die erquickende
-Wirkung desselben trübte. --
-
-Albane senkte die benetzten Wimpern, wie beschämt von der Verschuldung,
-die sie gegen Fabia wissend war, und mit einem erkenntlichen Seufzer
-glitt ihr Blick, zufällig vielleicht -- auf einen Ring von großem Werth
-an ihrem Finger. Fabia fing diesen Blick im Brennpunkt ihrer Seele auf.
--- Sie sprach, und jede Fiber zitterte an ihrem Körper: »ich will nicht
-fürchten, Gräfinn, daß Sie mir ein Geschenk zudenken! -- Die Sucht zu
-glänzen war nie mein Fehler, nie die zufriedene Eitelkeit sogar, daß
-mein Thun Werth vor Gott hätte. Einer Wittwe ziemt es vollends nicht, zu
-brilliren, und die da einsam ist, sorge nur, daß sie dem Herrn gefalle.
-Der Frau, welcher die Brust des Mannes fehlt, zu ihrem Schilde vor den
-Pfeilen der Welt, steht nichts besser an, als ein Flor der Trauer und
-Zurückgezogenheit, der sie gleichsam unsichtbar mache unter Denen, die
-nach dem Schein urtheilen, und spitzfindig einen Stein des Anstoßes
-sehen, wo nichts zu sehen ist. -- Darum will ich ihn nicht tragen,
-und wenn er alle Schätze der Erde aufwöge! ist mir das Herz doch schon
-beschwert genug. O Gräfinn! diese Edelsteine hier haben meinen guten
-Mann in das Grab gedrückt und mir viel tausend, tausend Thränen
-gekostet!«
-
-Der Gräfinn Gesicht erbleichte zu Schnee, eine ängstliche Verwirrung
-sprach aus ihrer Miene. Sie richtete das Auge, voll eines sanften
-Lichtes, forschend auf Fabien, als wolle sie ihre dunkle Rede
-beleuchten. Ein krampfhaft leises Zucken regte sich nur auf
-ihren Lippen, als ob ihr die Kraft gebräche zu einer Frage, deren
-anschuldigende Beantwortung ihr das Herz brechen müßte.
-
-Es lag etwas Versöhnendes in diesem stummen Hinnehmen. Gemildert sprach
-Fabia: »Sie wissen wahrscheinlich, daß ihr Herr Vater meinem seligen
-Manne den Tag vor ihrer Abreise von Bonna, eine Chatoulle in Verwahrung
-gegeben, darin dieser Familienschmuck befindlich seyn sollte. Den
-Schlüssel dazu hatten wir nicht bekommen. Mein guter Mann ward gleich
-darauf so krank, daß ich fürchtete, das Grab werde sich ihm zunächst
-öffnen. Doch er genas. Nach Jahren, in denen er sich, peinlich wie
-dieser Redliche nun war, mit Zweifeln getragen, die ich jetzt für eine
-Ahnung halten mögte, gab uns der Zufall den Aufschluß in die Hände. Wir
-fanden in dem Kästchen nichts von Schmuck, nur eine todte Perle --: den
-Leichnam eines Kindes, und ein blutbeflecktes Messer.« Hier hielt Frau
-Fabia mit einem durchbohrenden Blicke bedeutsam inne.
-
-Aber nicht die Farbe der Blutschuld zeigte sich auf den Wangen der
-Gräfinn, nur jener zarte unschuldige Anflug, den ein schneidender
-Wind etwa in dem Kelch der weißen Rose entblößt. Sie lächelte kalt und
-sprach: »so hielten Sie vermuthlich davor, daß ein Zusammenhang zwischen
-beiden Dingen statt fände, der -- mich schaudert, es auszudenken. Wohl
-war jenes Kindlein das meine, ein zu früh Gebornes. Ich versündigte mich
-durch den Wunsch, es der Erde vorenthalten zu können -- o! wie bestraft
-sich doch jeder Gedanke räuberisch gegen die Natur! -- Der Arzt,
-vielleicht weniger aus Mitleid mit meinem mütterlichen Schmerz, als
-aus Leidenschaft für jedes Präparat, schlug mir vor, den Körper
-meines Kindes zu balsamiren, so könnte ich ihn in einem kühlen Gewölbe
-aufbewahren. Es geschah -- ich legte das kleine Vergißmeinnicht, was der
-Tod mir vom Herzen gepflückt, in jenes sargähnliche Kästchen; darin ist
-es vertrocknet. Mit jenem Messer aber hat der Arzt, der nämliche, meiner
-theuren Mutter die kranke Brust abgelöst.«
-
-Frau Fabia fühlte bei diesen erklärenden Worten einen Schnitt durch ihr
-tiefstes Innere. Nach einer verstummenden Pause sagte sie: »doch werden
-Sie zugeben, daß jenes Depot geeignet war, einen Geschäftsmann stutzig
-zu machen; zumal wenn er wie mein Seliger, von einem unseligen Mißtrauen
-heimgesucht, jeder Sache die schlimmste Seite absah.«
-
-Die Gräfinn sah still vor sich nieder, und antwortete eine lange Weile
-nicht. Dann sprach sie: »ach ich verzeihe Ihnen -- Wen man schwach
-gesehn, hält man gar bald eines Verbrechens fähig.«
-
-»Gräfinn --« stammelte die Wittwe, »ich habe viel gelitten, dieser
-Geschichte wegen.«
-
-»So wäre ich denn noch auf andere Art als ich meinte, in unabtragbarer
-Schuld gegen Sie!« erwiederte die Gräfinn mit dem herben Lächeln der
-Kränkung. Fabien stiegen Thränen in die Augen. Das Taschentuch entfiel
-ihr -- die Gräfinn beugte sich es aufzuheben, und die Schlüssel an ihrem
-Gürtel erklirrten silberhell und leise. Und wie geringfügig diese
-kleine Dienstleistung auch war, so verlieh ihr doch die augenblickliche
-Stellung gegen die Beleidigerinn etwas Hohes.
-
-Wie von diesem erklingelnden Laut erinnert, sonderte Albane nicht ohne
-Schwierigkeit einen kleinen Schlüssel von der Mehrzahl Derer, die der
-Ringhaken an ihrem Gürtel umfaßt hielt, bis es ihr gelang, ihn davon
-los zu machen; und sprach: »hätte ich diesen Schlüssel wohl so nahe
-an meinem Herzen tragen können, wenn dieses Herz noch ein strafbareres
-Geheimniß umschlösse, als dessen Mitwisserinn Sie sind? und wenn ich
-gewußt, welchen Kummer Sie deshalb trügen? -- Nehmen Sie ihn denn hin
-mit der Versicherung, daß ich unschuldig an Ihrem Gram, und Ihnen ewig,
-ewig! dankbar bin! -- Nein, gute Fabia! fürchten Sie keinen andern Lohn
-als dieses Wort, was bethätigen zu können, meine beste Hoffnung wäre.
-Ein Edelstein, und wäre es auch der erste Solitair der Welt -- bezahlt
-weder Liebe noch Leiden. -- Mit diesem Schmucke belade ich mich nur, um
-meinem Vater eine Freude zu machen. Wehe mir! o es ist schrecklich, wenn
-der Vater zum Kinde wird, und die Tochter zur Mutter! --«
-
-»Wissen Sie schon,« sagte Fabia, durch eine sehr natürliche Association
-der Ideen zu dieser Mittheilung gelenkt, indem sie ihre Thränen
-trocknete, »daß Herr de Romana, Sylvius bei uns genannt -- sich in Sanct
-Capella aufhält? Er ist der intimste Freund meines Schwagers.«
-
-Bei dieser Nachricht ging eine Wandlung in den Zügen der Gräfinn vor.
-
-»Um Gotteswillen!« sprach sie mit aller Dringlichkeit befürchtender
-Angst, »verhindern Sie, daß er hierher kommt! ich weiß nicht, ob ich es
-aushielte. Das geringe Maß meiner noch übrigen Kräfte reicht kaum zur
-Erfüllung der traurigen Pflicht, die ich meinem Vater schulde. Jenes
-Band ist gelöst. Wozu sollte er mich auch beunruhigen wollen? Für ihn
-bin ich todt. -- Ich, _ich_ selbst habe es gehört, wie er, ein jüngeres
-schönes Weib umfangend, davon sprach, daß eine gestorbene Liebe in
-ihrem Grabe bleiben müsse. -- So sey es denn! und nimmer will ich ihn
-wiedersehen.«
-
-Und indem die Gräfinn so sprach, schwand ein Schatten jener Scene, deren
-flüchtige Zeuginn sie gewesen, über ihr Gesicht. -- Eine Eifersucht
-höherer Art offenbart sich nur im Verschwinden der verdunkelten
-Erscheinung.
-
-»Wenn ich nur kann, liebe Gräfinn!« antwortete Fabia in Bezug auf das
-von ihr erflehte Verhindern, »wenn ich nur kann! -- Aber wird Sylvius --
-oder Romana -- nicht nach Josephinen fragen? und ist das Recht dazu ihm
-irgend verweigerlich?«
-
-»Josephine bleibt einstweilen hier,« entschied die Gräfinn, ohne sich
-auf eine nähere Bestimmung über diesen Punkt einzulassen, »auf Sie aber,
-liebe Fabia, verlasse ich mich, daß Sie den Vater derselben mir entfernt
-halten.«
-
-Frau Fabia versprach dies mit größerer Willfährigkeit als sie vielleicht
-früher gezeigt haben würde, eine Zusammenkunft der Liebenden zu
-ermitteln. Sie hielt den Schlüssel zur Chatoulle fest empor und sprach:
-»könnte ich nun -- nicht den kleinen Sarg, der ist auch versenkt --
-nein! den großen Sarg meines Mannes damit öffnen und ihm sagen, wie
-so ruhig er hätte seyn können bei Lebzeiten, und daß er sich und mich
-unnütz abgequält. Ach! er würde so wenig auf mich hören als sonst.«
-
-»Ja, die Todten schlafen tief --« sagte Albane mit verstörtem Lächeln.
-Das Bedürfniß dieser unaufregbaren Ruhe sprach eben jetzt lauter als
-jemals in ihr an.
-
-Als die Frauen ihre geheime Unterredung hiermit beendigten, und
-wieder in das Zimmer traten, fanden sie den Grafen auf dem Canapee an
-Josephinens Seite, und in emsigem Gespräch mit ihr, welches anziehend
-seyn mußte, denn die Augen des alten Herrn hingen innig an dem lieben
-Kinde, und jener crasse Ausdruck geistiger Verworrenheit, welche seine
-schlaffen Gesichtszüge charakterisirte, und unter jedem Härchen des
-greisen Bartes hervorstach -- war dem klaren Durchblick des Gefühls
-gewichen, womit die anmuthige Nähe eines Wesens auf ihn wirkte, was ihn
-so nahe anging.
-
-Wir überlassen diese kleine Gesellschaft des Weiteren sich selbst, und
-eilen der späten Rückkehr Fabiens nach dem Stifte zuvor.
-
-Zeitiger als er vermuthet worden, und ziemlich mißvergnügt, kam der
-Administrator mit seinem Freunde nach Sanct Capella zurück. Der Zweck
-dieser kleinen Reise war unerreicht geblieben, auf der ihnen einige
-Fatalitäten zugestoßen, und dies war es wohl nicht allein, was ihn
-verstimmte. Jenes geheimnißvolle Unbehagen, welches die Seele wie den
-Körper Dessen durchschleicht, Dem ein Uebel bevorsteht, der schwüle
-Schauer, der die Blitze ankündigt, die unser Herz treffen sollen, die
-ganze Atmosphäre trüber Ahnung beklemmte ihn heimlich, und verdunkelte
-seinem Blicke die Lieblichkeit der Natur. In solcher Stimmung gelingt
-uns fast nichts. Unsere Plane vereiteln, die sicherste Berechnung
-trügt -- wir finden Hindernisse bei Allem. Und von der Zukunft leise
-beängstigt, wird es uns nicht deutlich, warum die gegenwärtige Minute
-den gewohnten Gang unserer Weise, unserer Wünsche, also erschwere? So
-wie im Gegensatz die Hoffnung ohne eine andere Gewähr als sich
-selbst, zu jedem Glück verhilft, und oft unsere kühnsten Erwartungen
-überflügelt.
-
-Sylvius, der sich unpäßlich fühlte, begab sich sogleich in sein Zimmer,
-um noch einen Brief von dringendem Bezug auf das mißlungene Geschäft
-dieser Reise zu schreiben, und der weltliche Prälat von Sanct Capella
-schritt mit bewölkter Stirn dem seinen zu. Niemand hatte ihn willkommen
-geheißen -- das kam ihm seltsam vor. Etwas finster von dieser
-scheinbaren Vernachlässigung fragte er eine dienende Person, die ihm
-begegnete, nach Fabien, und erhielt zur Antwort, daß sie verreist wäre.
-
-»Verreist? meine Schwägerinn?« fragte der Administrator, und hätte
-nicht ungläubiger hohnlächeln können, wenn man ihm gesagt: das Stift,
-in höchsteigener steinerner Figur, sey bei dem schönen Abend ein wenig
-spatzieren gegangen.
-
-Man erwarte die Frau mit jedem Augenblick zurück, setzte die
-Berichterstatterin hinzu; worauf Jener flüchtig vermuthete, nur ein
-wirthschaftlicher Grund von großer Erheblichkeit müsse eine so stete
-Haushälterin von Ort und Stelle gerückt haben. Doch um nichts heiterer
-durch diese Folgerung, trat er in die heimische Wohnung, entledigte sich
-des Reisebedarfs und alsbald ward sein umherschweifender Blick von jenem
-Blättchen auf seinem Schreibpult magnetisch angezogen. Er las diese
-wenigen Zeilen unzähligemale, ehe er den Sinn derselben zu fassen
-vermogte.
-
-»Allmächtiger Gott!« rief er zu sich selbst, »das arme Mädchen in meiner
-Abwesenheit fortzuschaffen -- gleichsam wegzustehlen! --« Ein Getümmel
-aufrührischer Gedanken bestürmte ihn, und Frau Fabia, welche sich im
-Laufe des verflossenen Nachmittags richterlich benommen, ahnete wohl
-schwerlich, daß ihr Andenken ob jener eigenmächtigen Gewaltthat, um
-wenig später vor Gericht gezogen -- wo nicht zermalmt würde. -- Aber
-der kindliche Ton des kleinen Brief-Fragments entwaffnete ihn, und keine
-Reihe thatsächlicher Beweise hätte ihn so vollständig überzeugen können,
-wie die schulmäßige Entschuldigung der ersten Zeile: daß es nimmer ein
-Wesen gegeben, so fremd jeden Egoismus, so ganz aus Liebe und Hingebung
-gebildet, wie Josephine. Beitragen sollte er? Wozu? -- Er sammelte seine
-ganze Kraft für diese abgebrochene Bitte. Dabei nahm er das Fädchen an
-der Feder hangend wahr. Zarter sind die Fäden nicht, in denen der Sommer
-in die Lüfte flattert -- doch nichts wirkt so ausnehmend fein wie
-die Zuneigung zu einem persönlichen Gegenstand: und so war denn jene
-Seidenfaser ein starkes Bindemittel seiner Ideen, ein Segeltau, was sein
-Herz schwellen machte. »Schwester Veronica wird es wissen --« dachte der
-Administrator, und eilte ohne Verzug aus dem Zimmer. Leidenschaftliche
-Hast, dieses räthselhafte Dunkel aufgehellt zu sehen, trieb ihn die
-öden Säle entlang, bis zur Thür der entlegenen Zelle, an welche die
-Abendsonne Verklärung mahlte, so daß dieser Eingang wirklich einer
-Himmelspforte glich. Hier stand er still, und Stille waltete ringsum.
-Ein Gefühl, der Andacht verwandt, ließ ihn zögernd dies Altarblatt
-betrachten, dahinter ein Geist wohnte, der mit dem Göttlichen vertrauten
-Umgang pflog. Sein Herz, heftig klopfend vom hurtigen Gehen, vom Drange
-der Erwartung, ward in dieser sanften Nähe wunderbar besänftigt. Er
-richtete sich hochathmend auf, während er den gekrümmten Finger leise
-und langsam an die Thür legte. Sie that sich auf. Der hereindringende
-Strahl vergoldete diese anspruchlosen Wände, und warf einen Schimmer
-von Glanz und Heiligkeit auf die Gestalt der Nonne, welche in frommer
-Einfalt mit einem Liebeswerk beschäftiget war. Ein Myrthenbaum von
-üppiger Schönheit, davon die Nonne mit wähliger Vorsicht eine Menge
-Zweige abschnitt, stand vor ihr auf einem Tische und daneben lag ein
-kleiner Namenszug aus altdeutschen Lettern in Perlen gereiht. Und wie
-die klösterliche Jungfrau den alten schönen Kopf, um den ein Nimbus der
-Gottseligkeit schwebte, an den Baum der Liebe schmiegte, der ihr nie
-geblüht, der ihr nur die bittere Frucht der Entsagung bereitet: gewährte
-ihr Anblick ein fast überirdisches Bild.
-
-Wie selten hatte ein Mann diese einsame Schwelle beschritten! -- Der
-aufgeregte Blick des Administrators schien den ewigen Bestand der Dinge
-umher aufheben zu wollen. Kein Stäubchen dieser reinlichen Clause ruhete
-noch so tief und lange, es tief empor bei seinem Eintritt, um gesellig
-in der plötzlichen Erleuchtung zu schweben, und eine größere als diese
-lautlose Unruhe störte nie die stete Geborgenheit dieser Wohnung, deren
-Luft nur ein Odemzug des Friedens war.
-
-»Verzeihen Sie doch ja gütigst meiner Zudringlichkeit,« sagte der
-Besuchende nach ehrerbietigem Gruß, »Ihnen zu dieser Zeit vielleicht
-beschwerlich zu werden.« Man findet, in abgesondertem Verhältnisse
-werden die Menschen leicht eben so weitläuftig als förmlich gegen
-einander, wogegen die Welt der Umgangsweise eine drängende Kürze
-anschleift. Schwester Veronica ließ das Messerchen, womit sie Myrthen
-schnitt, ihrer Hand entgleiten, und bezeigte eine verwunderungsvolle
-Freude, den Vorstand des Hauses bei sich zu sehen, der ihr nach
-herzlicher Versicherung zu jeder Zeit willkommen wäre. Zugleich bemerkte
-sie still für sich, daß sein stattliches Aeußere etwas verstört sey
--- und die Stimmung der guten Nonne, seit einigen Tagen von stärkeren
-Eindrücken bewegt, spannte sich für den beziehungsvollen Ton, womit er
-anhob: »ich war verreist mit meinem Freunde und finde jetzt bei unserer
-Rückkehr die Schwägerinn nicht daheim. Das befremdet mich. Sie hat
-auch Josephine mitgenommen -- --« Der Administrator stockte. »Eine
-hypochondrische Aengstlichkeit wandelte mich an -- wenn nur kein
-unangenehmer Vorfall -- ich meinte nun, Sie, werthe Schwester Veronica,
-würden mir des Näheren Auskunft geben können.«
-
-»Was ich weiß, will ich ihnen sagen --« sprach die Nonne, und das
-tiefsinnige Lächeln in ihren Zügen drückte eben sowohl ihre bekümmerte
-Unwissenheit in dieser Sache, als eine Zuflucht der Gemüthsruhe aus, die
-sie dem Frager gäbe. »Frau Fabia ist nach Bühle gefahren, mit dem
-lieben Kinde. Dort ist die Gräfinn Frankenstern mit ihrem Herrn Vater
-angekommen -- und trägt Verlangen, ihre gute Freundin hiesigen Orts
-baldigst zu sprechen. Ein expresser Bote --«
-
-Das Gesicht des Administrators hatte sich während dieser Nachricht
-verändert. »Das ist ein großes Ereigniß!« unterbrach er die Nonne mit
-gesenkter Stimme; doch nur mechanisch schien er die Sylbenlaute dieses
-Wortes auszusprechen, das Muskelspiel seines Mundes schob krampfhaft der
-getroffenen Wahl des Ausdrucks einen andern unter, und sagte: »das ist
-ein großes Unglück!« Der Nonne ging die Ahnung auf, sie hätte ihm etwas
-höchst Wichtiges mitgetheilt.
-
-Da jedoch Niemand, am wenigsten aber ein ältliches Frauenzimmer, dem
-Reiz des Bewußtseyns zu widerstehen vermag, das, was man sagen könne,
-habe Werth für den, der es höre: so konnte auch Schwester Veronica nicht
-umhin, den Schatz ihrer Neuigkeit in kleiner Münze auszuzählen.
-Vorerst aber mußte sich der Administrator auf ihr inständiges Nöthigen
-niederlassen. Er berührte kaum die Kante eines Stuhls, und saß dennoch
-wie auf Nadeln. -- Schwester Veronica begann nun: »gestern Abend, da es
-dämmerte -- das Schummerstündchen bringe ich gern drüben zu -- ging ich
-hinüber zu den lieben Ihrigen. Es war uns Allen traurig zu Sinne: denn
-Gregors kleine Julie lag im Sterben -- ich bin, wie Sie sehen daran, für
-ein Todtenkränzchen zu sorgen -- die Mutter, hieß es, wäre außer sich,
-und man hatte geschickt, Frau Fabia mögte kommen, und in dieser Angst
-den armen Leutchen mit Rath und Zuspruch ein wenig beistehen. Sie ist,
-das muß man an ihr rühmen -- von christlicher Geduld und gelassenem
-Wesen --« diese Tugenden seiner Schwägerinn hätte jetzt schwerlich ein
-Freund der Wahrheit dem Administrator nachsagen mögen. Er sah die Nonne
-mit einem weitschauenden Blicke beschleunigender Aufmerksamkeit an, und
-es däuchte ihm, seiner theilnehmenden Nächstenliebe ungeachtet, als ob
-sie von einem Falle spräche, der die ersten Eltern nach Erschaffung der
-Welt betroffen hätte.
-
-»So blieb ich denn,« fuhr die geistliche Jungfrau fort, »mit Josephine
-allein. Das gute Kind war aber betrübt und äußerte sonderbare Gedanken,
-die ich jedoch für weiter nichts hielt, als jenen wehmüthigen Ernst, der
-ein jugendlich Gemüth ergreift, wenn es den Tod in der Nähe weiß, und
-gute Menschen in Schmerz und Leid um ein Liebstes und Einziges. Dann
-wird der Gedanke an jede mögliche Trennung, die uns selbst bevorstehen
-könnte, so natürlich. Wenn uns ein Verlust bewegt, dann scheint Alles
-um uns her zu wanken, und wir umfassen, was uns vorzugsweise am Herzen
-liegt, nur um so inniger. -- Also wieder auf Josephine zu kommen, so
-sagte sie: wie weh es ihr thun würde, Sanct Capella zu verlassen, wo
-ihr nur allein wohl wäre. Wie gern sie hier sterben mögte oder wohnen
-in dieser Zelle, es ging mir nahe. Ich erwiederte ihr, daß an solch ein
-Scheiden vor der Hand doch nicht zu denken sey, daß sie mein Stübchen
-erben solle, mit Allem, wie es steht und liegt.«
-
-Das Auge des Zuhörers schien dies Testament im Innersten seiner Seele
-aufzunehmen. Sein Blick spähte umher, als schätzte er die lieben
-Heiligen allzumal -- und der geringste Gegenstand war durch den Gebrauch
-ein kleiner Heiliger geworden -- nach ihrem Nennwerthe ab, und trüge
-die stummen Effecten in die Register seines Geistes ein. Dann ruhte
-sein Auge auf einem umgeschlagenen Notenblatte aus, als notire er dies
-Adagio, zähle die Pausen, und vergleiche den letzten hinsterbenden Ton
-mit der Rede der Erblasserinn, welche mit heiterem todesvertrauten
-Sinn an ihre Auflösung denken konnte. -- Ein anderer Kranz von diesem
-Myrthenbaume, ein anderer Name in den Anfangsbuchstaben dieser Perlen
-schwebte ihm in einer gewissen Ideenverwirrung vor. Die Wünsche des
-jungen Mädchens, welche beide auf bittere Resignation deuteten, griffen
-schmerzlich an sein Gefühl, und er schwieg mit einem tiefen Seufzer.
-»Wie wir noch so über mein Vermächtniß sprachen,« fuhr die Nonne fort:
-»kam Frau Fabia zurück. Sie trug einen Brief in ihrer Hand und begehrte
-Licht, um ihn zu lesen. Und da sie ihn las -- sehen Sie um Gotteswillen!
-wird uns die Frau schier ohnmächtig. Ich kann nicht leugnen, daß mir
-alle Glieder zitterten. Die Frau Schwägerinn ist nicht nervenschwach,
-nein! eine starkmüthige Person, häuslich erkräftiget, gesund an Leib und
-Seele: so mußte ihr der Brief hart angekommen seyn. Auch jagt der Sturm
-das Laub der Espe nicht geschwinder, als das Blatt in ihrer Hand flog.
-Sie ging alsbald zu Bette, und ich hatte ihretwegen eine unruhige Nacht.
-Am Morgen in aller Frühe wollte ich mich erkundigen, wie sie
-geschlafen: das Zimmer war noch zu. Ich kam wieder und fand es
-abermals verschlossen; doch vernahm ich drinnen ein leises Gespräch und
-unterschied Josephinens schluchzende Stimme. Nun halte ich Einbruch kaum
-so schlimm, als Eindrängen in das Geheimniß eines Andern, und habe
-mich mein Lebtag davor gescheut. Das Vertrauen muß ein Geschenk der
-Freundschaft seyn, nicht aber eine milde Gabe, die der Ungestüm davon
-trägt, wenn er die Gutherzigkeit überrascht. -- Ich dachte, es wird wohl
-an mich kommen. Auch kam Frau Fabia, um mir zu sagen: daß sie für diesen
-Nachmittag nach Bühle fahren würde. Josephine stand stumm und blaß
-wie ein Marienbild daneben, und sah mich nur mit einem barmherzigen
-Gesichtchen an. Und da die Mutter meinte: sie denke nicht allzuspät
-wieder da zu seyn, konnte sie sich nicht enthalten zu weinen, als
-sollten wir uns niemals wiedersehen. Ich sprach ihr Muth ein und sagte:
-nun, wir scheiden ja nicht für ewig, mein Herzenskind! was wärs denn
-auch, wenn Du ein paar Tage drüben bleiben müßtest? bin ich doch in
-meiner Jugend, und noch dazu als Braut, auch bei der hochseligen Gräfinn
-Frankenstern gewesen, und würde heut noch Bescheid im Schlosse wissen,
-und Dir das kleine Gemach zeigen können, worin ich geschlafen. -- Das
-schien dem lieben Mädchen denn traut und tröstlich zu seyn, und ein
-Mehreres, werther Herr Administrator, wüßte ich Ihnen nicht zu sagen.«
-
-Es genügte jedoch. Der Administrator dankte zerstreut, wechselte in
-gebundener Rede -- im Sinne der Zurückhaltung -- einige Worte; denn
-es machte ihn beklommen, daß er gegen die herzliche Nonne nicht ganz
-aufrichtig seyn dürfte. So war es ihm nicht unlieb, daß der Zufall ihm
-über einen Moment hinweghalf, der sein Zartgefühl, das der Freundschaft
-wie der Verschwiegenheit, in die Probe nahm. -- Er ward abgerufen,
-weil Jemand ihn zu sprechen begehre. Doch als der Administrator in sein
-Zimmer kam, fand er zu seinem Befremden keinen fremden Zuspruch, sondern
-seinen Freund, den Major Feldmeister, der im Gleichmaß starker Schritte
-auf und nieder ging. Es verändert seltsam unsere Stimmung, ob wir Besuch
-in unserm Eigenthum empfangen, oder von Andern darin empfangen werden.
-Demnach ließ eine gewisse erschrockene Verwunderung, gemischt mit einem
-dumpfen Gefühl getäuschten Erwartens, den Administrator an der Schwelle
-seines Zimmers zurücktreten, als er die Einquartierung desselben inne
-ward. --
-
-»Bitte nicht übel zu nehmen, Freundchen, daß ich so sans façon Eingang
-gesucht --« sagte der Major, die Miene des Unmuths an Jenem bemerkend,
-und ein fremdartiges Lächeln lief hurtig wie Geflügel über die Furchen
-seines Angesichts, was in diesem Augenblicke einem Winterfelde glich,
-matt von der Sonne beschienen.
-
-»Den rechten Eingang finden --« fuhr er fort, »ist schwer, und mancher
-folgerichtige, bei dem wahrhaftigen Gott! taugt dennoch nichts.«
-
-Herr Prälat kannte seinen Freund und dessen Redeweise zu genau, um noch
-eines einleitenden Wortes zu bedürfen. Eine böse Ahnung kroch an sein
-Herz; aber er nahm sich zusammen, und sagte mit stoischer Stimme: »Sie
-haben mir etwas Schlimmes anzukündigen, Major! fassen Sie Sich in der
-Kürze, ich bitte! _ich_ bin gefaßt. --«
-
-Diese Voraussetzung brachte den Major aus dem Zusammenhang. In
-merklicher Verwirrung antwortete er: »Schlimmes? nun ja, aber vermengt
-mit Gutem, wie uns die bittersten Erfahrungen gereicht werden. Das
-Schicksal ist ein Mischling, Glücklich retournirt, Freundchen? waren Sie
-schon da, wie die Estafette kam? -- Sehen Sie, da habe ich mir all
-mein Lebtag eingebildet, ein blasender Postillon müsse ein Glück
-verlautbaren: etwa des große Loos -- die Ankunft des Königs -- oder
-einen Ehrenaufzug und dergleichen. Daß eine Hiobspost mit solch
-fröhlichem Gebläse kommen könne, das hätte ich nimmer gedacht. So
-erinnere ich mich, daß, als ich, ein junger Offizier damals, in B--
-stand, hatten wir eine Schlittenfahrt =en Masque= mit solchem Vorklang.
-Der Zug war originell genug, und wir fuhren, so zu sagen, mit Furcht und
-Schrecken. Der Führer der ersten Dame, ein allerliebstes Mädchen, schön
-wie das Leben, war der Tod! --«
-
-»Major!« sagte der Administrator in sichtlicher Pein, »nochmals bitte
-ich Sie, sagen Sie mir ohne Bild, ohne Masque, Wessen Tod ich erfahren
-soll? -- Mein Bruder --«
-
-Es wäre nicht genau zu bestimmen, ob der alte Feldmeister hierbei
-nickte, oder nur das Haupt senkte, da er alle Allegorien fallen
-ließ, und einfach sagte: »ja, wozu die vorbereitende Folter und ihren
-ausdehnenden Grad? Sie sind ein Mann. Ihr Bruder -- ist nicht mehr, und
-nur an den Ort seiner Bestimmung gelangt, um auf das Schleunigste zu
-sterben. --«
-
-Alles Blut wich aus den Wangen des Administrators. »Großer Gott! mein
-guter Constanz!« rief er mit blassen Lippen, und fühlte in diesem
-herzandringenden Moment, daß Eines Vaters Blut in ihren Adern flösse.
-»Nicht möglich! und an Sie, Major, ist die Nachricht gekommen?« Es war,
-als ob ein leiser Zweifel in dieser Frage läge.
-
-»An mich!« antwortete der ehrliche Alte mit dem Vollbewußtseyn eines
-wahrhaften Freundes, »mein Neffe hat es mir geschrieben, da die arme
-Therese sich außer Stande dazu gefühlt, und Füßli nicht Zeit gehabt hat.
-_Füßli!_ der Leichtfuß vergißt zu bemerken, Wer Füßli sey, als ob mir
-wie dem Allwissenden aller Menschen Namen in mein Buch geschrieben
-wären.«
-
-Der Major berührte hierauf in Kürze, wie? und wann? der Gemahl Theresens
-gestorben sey.
-
-»Ich träume wohl?« fragte sein Bruder und legte die Hand an die Stirne,
-auf der noch bleiches Entsetzen schwebte, »wie aber kam der
-Lieutnant Feldmeister in jene ferne Gegend, und zu einer so herben
-Dienstleistung?« Es war, als ob er diese sonderbare Fügung im Namen des
-Verstorbenen übel nähme.
-
-»Sehen Sie,« erwiederte der Major, »das ist eine merkwürdige Geschichte,
-und ich gäbe meine Lieblingsschmarre darum, wenn ich in meiner
-Jugend Logik studirt hätte. Da könnte ich Ihnen Alles fein ordentlich
-entwickeln, statt daß ich hinten anfange, vorn ein Fädchen abreiße, --
-und so weiter. Der Rudolph hat ein enormes Glück gehabt, was mir bei
-dieser traurigen Gelegenheit kund geworden, und mein Glaube an die Fama
-der Estafette gewissermaßen doch Recht. Die Fee Fanferlüsche -- Sie
-wissen schon -- hat das Zeitliche gesegnet, und ihn zum Universalerben
-eingesetzt. Das hätte der Junge wohl nicht gedacht, daß, als er die alte
-Dame Wischiwaschi aus einer lächerlichen Verlegenheit empor riß, und
-sie vor aller Welt Augen in den Ballstuhl setzte, sie ihn dafür für
-zeitlebens jeder ernsthaften Verlegenheit überheben, und so weich
-setzen würde? -- Man schätzt ihren Nachlaß auf hunderttausend Thaler.
-Gleichzeitig mit diesem Vermächtniß erfährt er, versetzt zu seyn, worauf
-er, wie Sie Sich vielleicht erinnern, angetragen, um nicht für einen
-Erbschleicher zu gelten. So spielt der Zufall. Daß der Rudolph grade an
-den Ort kommen mußte, wohin Ihr Bruder, begleitet von der lieben Frau,
-seiner gesandschaftlichen Ordre folgte, scheint mir jedoch nicht von
-Ohngefähr. Taugt nichts! rief ich unwillkürlich aus, wie ich das las.
-
-Nun verursacht großes Glück auch im besten Falle eine kleine Narrheit.
-Und wie der Ritter Don Quixote ein Barbierbecken für Mambrins Helm
-hielt, so sieht nun Rudolph einen Damenschuh in Allem, was ihm begegnet.
-Ich glaube, würde die Armee auf Kriegsfuß gesetzt, er sähe sie auf
-Pantoffeln von Silbermoor marschiren. Der Pantoffelheld! Der! --«
-
-Der Administrator empfand schmerzlich, daß des alten Freundes
-theilnehmendes Interesse an den gemeinsamen wichtigen Mittheilungen
-diesmal zu _silbern_ sey, um mit dem seinigen in Einklang zu stehen. In
-diesen Augenblicken schien ihm kein todtes Metall beglückend. Er hatte
-nur Gefühl für den Verlust eines so kräftigen jungen Lebens, welches der
-Welt und ihren Freuden so im Umsehen entrissen worden war.
-
-»Ich kann es noch nicht fassen --« schob der Administrator in die Pause
-jenes Ausrufs ein, und sein Ton ließ errathen, daß er von der Rede des
-Freundes wenig oder nichts gehört, und während ihrer Dauer nur an den
-Verstorbenen gedacht hätte. Er sah jetzt auf, in seinem erloschenen
-Blicke entglomm ein Funke -- und so fragte er: »Sie meinen also, Major,
-daß Ihr Neffe in Verabredung mit Theresen dort eingetroffen wäre? --«
-Der Schatten, der in diesem Gedanken auf die Abwesende fiel,
-verfinsterte sein Gesicht tief. Aber mit dem Eifer der Selbstentrüstung
-trat der Major vor ihn hin, und sprach: »da sey Gott für! daß ich so
-etwas nur gedacht, geschweige denn geäußert hätte. Oder es müßte
-eine Verabredung der höheren Mächte darunter verstanden seyn, die
-vorausgesehen, daß Ihr Bruder sterben, und Therese fremd und verlassen
-allda, einen Freund brauchen würde, der wie mein braver Artillerist für
-sie durchs Feuer liefe. -- Besinnt Euch Freundchen! es wäre ja nicht
-einmal möglich gewesen; denn mein Neffe ward früher versetzt, als der
-Legationsrath seine Frau von hier abholte. -- Hätten Sie Acht gegeben,
-was ich gesagt: so würden Sie jetzt hören, wo ich hinaus gewollt -- mein
-Schwadroniren hat mich jedoch zu weit abwärts geführt. -- Da geht der
-Rudolph eines Tages über den Markt, und stößt auf einen Menschen, der
-einen Schuh trägt. Jener erkennt ihn -- den Schuh nämlich -- an der
-Farbe, an dem kleinen polnischen Maße; er kennt die Dame, der er gehört.
-Nun läuft gleichsam dieser niedliche Wegweiser vor ihm her, und führt
-ihn vor die rechte Schmiede. So ists, Freundchen. Und daß mein Neffe
-nun der armen Therese beisteht, so viel er kann, ist nicht mehr als
-billig. --«
-
-Dies Letztere sagte der Major in dem Tone löblichen Gutachtens, und
-mit persönlichem Accent -- als ob der Lieutnant nur bewogen von
-der Rücksicht, in welchem Verhältniß sein Oheim zu der Familie des
-Hingeschiedenen stände -- sich der jungen Frau angenommen. Dennoch
-konnte der Administrator ein Lächeln, so bitter als traurig, nicht
-unterdrücken, als er sagte: »es wäre dessenungeachtet sehr möglich, daß
-mein seliger Bruder so wie die Welt, welche er verlassen, etwas gegen
-diesen Curator einzuwenden hätte. --«
-
-Der Major zog die Braunen zusammen, und klemmte die Unterlippe ein. Er
-fühlte wohl, daß sein Freund recht hatte; wie hätte er aber das kleine
-Unrecht, was in dieser Erwiederung gegen ihn selbst lag, nicht lieber
-männlich verbeißen als rügen, und mit der Gereiztheit eines Betrübten
-Geduld haben mögen? Er antwortete demnach langmüthig: »das hat der
-Rudolph auch bedacht, und deshalb dafür gesorgt, daß Therese den Gasthof
-verließe. Sie hält sich jetzt höchst wahrscheinlich auf dem Gute
-der Baroninn Lenau, einer Schwester seiner Mutter auf. Dies war die
-Intention meines Neffen, als er den Brief an mich geschrieben. Doch
-die Hauptsache darin hätte ich beinahe vergessen. Therese läßt Sie
-flehentlichst bitten, wenn es irgend möglich wäre, hinzukommen. Sie
-wüßte sich nicht Rath und es gäbe Manches zu ordnen, was nur den
-nächsten Verwandten zustände. --«
-
-Herr Prälat sah schweigend vor sich hin. Die Forderung dieser weiten
-Reise von solch traurigem Anlaß, geschah zu einer Zeit, die dem
-Entschlusse günstig war. Sein Herz war erschüttert, und nicht von der
-Seite allein, wo der plötzliche Schlag der eben vernommenen Nachricht
-es bestürzte. Die Zukunft schwebte im Ungewissen -- und es war, als wäre
-der Bestand aller bisherigen Verhältnisse aufgelöst. Dann konnte Sylvius
-ihn jetzt vertreten. Wer wüßte, ob er jemals eine so lange Abwesenheit
-ohne Zeitverlust für sein Amt ermöglichen könnte? -- Und wie er auf
-der Wage der Gedanken alles Schwierige der fraglichen Reise erwog, und
-dachte, ob er sich auch stark genug dazu fände, die kalten Geschäfte
-des Verstorbenen zu besorgen, und ein warmes Bad hysterischer Thränen
-hinzunehmen, die Therese etwa vergießen mögte, -- fühlte er mit einem
-nervösen Schauer, daß ein Leben von so verhängnißvollem Gewicht, und
-in ewiger Pendel-Schwingung wie das seines Bruders, den Todten so früh
-hinab ziehen müssen. In Folge dieser Betrachtungen sagte er: »seine
-Rastlosigkeit -- glauben Sie es! hat den armen Constanz aufgerieben.«
-
-»Das sag' ich auch!« sprach der Major, »man bekam Schwindel, vom Hören
-bloß. Er flog ja, wie auf Fausts Mantel --« der Hund knurrte -- »still
-da! Dich meine ich nicht, mein Alterchen -- von einem Ende der Welt zum
-andern. Wären wir vom Schöpfer dazu geschaffen: dann hätte er uns Flügel
-gegeben wie der Schwalbe, oder uns luftig gemacht wie den Wind. So
-aber sind wir Wesen mit Fleisch und Bein, und ein standhafter Prinz ist
-Derjenige, der in der Tragödie dieses Erdenlebens am würdigsten aushält.
--- Wir schreiten bedächtig einher, oder fahren gemächlich mit Vieren. --
-In der Schrift steht, der Herr habe nicht Gefallen an Jemandes Beinen,
-noch an der Stärke des Rosses. -- Oft habe ich über diese Stelle
-nachgedacht. Wenn ich die Gicht in meinem Bein spürte, da empfand ich,
-daß der gütige Gott und Heiland kein Wohlgefallen daran haben könnte.«
-
-»Und jetzt,« sprach der Administrator, der nur wie im Dunkeln der
-Gedankenreihe seines alten Freundes gefolgt war, »wo er endlich festen
-Fuß gefaßt haben würde, mußte mein guter Bruder sterben!«
-
-»Ebendeswegen!« erwiederte der Major mit verstärkter Stimme,
-»ebendeswegen starb er. Gebt Euch zufrieden, Freundchen! -- Mit aller
-Hochachtung gegen den Legationsrath gesprochen; aber ein Mann der Ruhe
-war er nicht, und so machte er sich mit der Schnellpost des Todes davon.
-Vielleicht war dies der klügste Streich des Diplomaten, und jedenfalls
-besser als ein späterer Rückzug aus dem neuen Hausstaate. Er mogte
-die alte Urkunde der Liebe hervorgesucht und manchen Buchstaben darin
-verlöscht gefunden haben. Zum Ehestande dieser seßhaften Charge paßte er
-nur so wie der Vogel, der sich im Fluge vermählt, sein Weibchen dann in
-irgend einem Neste sitzen läßt, wo dann der Teufel nicht selten ein Ei
-in die Wirthschaft legt.« --
-
-Hier trat Frau Fabia ein, und bei dem Anblick der frommen Domina des
-weltlichen Klosterhauses erstarb das böse Princip dem alten Feldmeister
-auf der soldatischen Zunge. Er grüßte, schlüpfte zur Thür hinaus, durch
-ein unverständliches Murmeln andeutend, er wolle den bewußten Brief
-holen -- und Herr Prälat sah sich mit seiner Schwägerin allein. Er hatte
-den Wagen nicht kommen gehört, ihre Ankunft schien ihm ersehnt, obzwar
-sie allein kam. Auch entsprach Fabiens Gesicht der Empfindung, welche
-sie aufnahm. Der strenge Charakter desselben war einem Ausdruck von
-Schwermuth und Erleichterung gewichen, der sich wechselseitig aufhob,
-und ein sanftes Ineinanderfließen von Klarheit und Trübsinn über ihre
-Züge verbreitete, was Zutrauen einflößte, sie werde eine schmerzliche
-Erfahrung eben so wohl zu theilen fähig seyn, als zu beurtheilen wissen.
-
-»Es ist mir lieb, Fabia, daß Du nun da bist!« sagte der Administrator
-ihr entgegen tretend; aber sein Gruß klang traurig. »Denke nur, mein
-guter Bruder ist todt! und Therese ist nun eine Wittwe, wie Du!«
-
-Frau Fabia erschrak. Alles, was dieser Nachmittag für sie enthalten,
-trat vor der Bedeutendheit dieser Worte in den Schatten; aber ein leises
-Streiflicht zuckte auf ihren Lippen -- der Geist der Wahrsagung erschien
-darin, und ein Gedankenblitz des Vergleichs: Therese werde nimmer seyn
-wie sie.
-
-»Um Gott! was Du sagst, mein Bruder!« antwortete Fabia, »und wäre diese
-Nachricht mehr als ein Gerücht?«
-
-»Diese Nachricht,« erwiederte Jener mit abgeschlossener Gewißheit in
-Blick und Ton, »ist diesen Abend durch eine Estafette an den Major
-gekommen. Constanz ist in der Nacht seiner Ankunft in -- an der Bräune
-gestorben, und -- also erstickt!« Dies Letztere setzte der Administrator
-mit erstickter Stimme hinzu. Das Wasser schoß ihm in die Augen, und
-vor Fabiens Theilnahme, welche sich _mütterlich_ zu äußern pflegte,
-das heißt: ob auch zartsinnig, doch überlegen -- schämte er sich der
-brüderlichen Thräne nicht.
-
-»Denke Dir das nicht gar so schwarz --« sagte Fabia leidsam, und
-bemühte sich, obgleich unverhehlt der eigenen Rührung, ihren Schwager
-zu trösten. Sie machte dabei zu Gunsten einer dunklen Stunde eine Kraft
-geltend, welche gewiß zu den schätzbarsten dieser oft verkannten Frau
-gehörte. Fabia besaß die Gabe eines wunderbar wirkenden Zuspruchs.
-Vermöge solcher Erfahrungen, die, indem sie das Leben trüben, den
-Blick des Geistes schärfen, war ihr eine tiefere Einsicht in die Herzen
-vergönnt, als diese sonst selten gefunden werden dürfte, wo es an
-Weltkenntniß fehlt, die Fabia nicht erwerben können. -- Zuweilen sogar
-sprach etwas Sibyllinisches aus ihr. Um ihrer Zuverlässigkeit willen
-glaubte man an sie. Und da Fabia es für eine Pflichterfüllung ihrer
-Religion hielt, sich der Betrübten anzunehmen: so versäumte sie
-keine Gelegenheit es zu thun; in ihrem Benehmen lag alsdann eine
-schmerzvergütende Innigkeit, deren sie gänzlich ermangelte, wo es darauf
-ankam, sich mit den Fröhlichen zu freuen. Gegen den Gottesdienst der
-Freude war Fabia stumpf. Und da sie im Geiste der Zerknirschung
-den Spruch vor Augen hatte: »ein zerschlagenes Herz wird Gott nicht
-verachten« --: so war ihr nichts von größerem Werth, sich linden und
-lieblichen Wesens daran zu beweisen, als -- eine Wunde. So ging ihr des
-Schwagers Leid sehr nahe, und zwar um so näher, als sie bedachte, er
-traure jetzt in gleichem Grade wie um ihren Mann. Und obgleich der
-verstorbene Bruder desselben ihr ein Fremder gewesen: so empfand doch
-auch sie seinen Tod in einem Nachgefühl ihrer eigenen Verwittwung.
-
-»Mein Herr und Heiland! was ist doch das Leben!« sagte nun Fabia
-beschaulicher Weise, als der Affect des Schmerzes besprochen schien,
-»hier stand er noch vor wenig Wochen -- ich sehe ihn leiblich vor mir
-stehen. Ich habe es Dir nicht sagen mögen und Keinem; aber der Bruder
-kam mir übel vor. Es giebt einen gewissen Verfall des Aussehens, der
-doch selten trügt; indeß wähnte ich, er wäre nur angegriffen von den
-Strapatzen seiner Reisen, auch habe ich ihn früher nicht gekannt. Glaube
-nur, Bester! das Zusammenleben mit Therese hätte nicht mehr gut gethan.
-Sie waren einander entwöhnt, wo nicht gar fremd geworden. Und was ist
-denn die Ehe, wenn sie Jahre zuläßt, in denen man vergnügt ohne einander
-seyn kann, und nach dem Lebewohl vom Munde des Gatten nun wirklich
-wohllebt? der Ehe Bund ist so enge, daß er alles Fremdartige
-ausschließt, und wo Mann und Weib einander _viel_ zu erzählen haben: da
-fühlt gewiß Eins für's Andre _wenig_.«
-
-»Du gehst zu weit, Fabia --« entgegnete der Administrator, »Tausende von
-Ehegatten werden durch Pflicht und Verhältniß getrennt, und lieben sich
-dennoch.«
-
-Darauf sprach Frau Fabia: »es mag eine Liebe geben, die in der Trennung
-sogar besser besteht; aber es ist nicht die, welche ich meine. -- Was
-nun Theresen anbetrifft: so dürfte ihr ehelich Gefühl schwerlich unter
-den ersteren Fall zu rechnen seyn. Wer weiß, wie sehr wir Ursach hätten,
-für diese Auflösung den Herrn zu preisen! -- Du weißt ja selbst, wie
-verbitternd Scheidungen anderer Art --« der Faden ihrer Rede riß bei
-dieser geschwisterlichen Beziehung ab, und der Administrator schaute
-düster wie in eine Ferne, der Zukunft oder der Vergangenheit.
-
-»Was soll nun aus Theresen werden?« fragte Fabia, und wendete die
-Richtung ihrer Gedanken, »ohne Vermögen, ohne einen Halt, der Lust am
-Fleiß, wie jeder Geschicklichkeit ermangelnd, die da Nutzen schafft --«
-
-Der Administrator lächelte dieser unnützen Sorge. »Ich glaube, gute
-Fabia,« sagte er mit jener Ironie der Duldsamkeit, die nur ganz schwach
-eine Schwäche andeutet, »_wir_ dürfen deßhalb unbekümmert seyn. Das
-Glück selbst scheint sich ihrer angenommen zu haben, und Wen dies sich
-zu eigen macht, der braucht nichts als ein paar Flügel des Leichtsinns,
-und diese hat Therese schon.« Und nun erzählte er seiner Schwägerinn
-halblaut, was er vom Major erfahren. Er schloß mit den Worten: »so läßt
-sich nun absehen, wie Alles kommen werde. Wenn es nun ein schöner
-Zug von Dir ist, liebe Fabia, daß Du das Unglück achtest, und Dem
-vorzugsweise freundlich bist, Den -- um in Deiner Sprache zu reden --
-_der Herr_ _heim sucht_: so laß uns Theresen mindestens nicht zürnen,
-daß sie verdienstlos eine Begünstigte scheint; daß noch vor dem Verlust
-der Ersatz schon Wurzel gefaßt, wie ein neuer Kinderzahn schon glänzend
-dasteht, ehe der erste fast schmerzlos gebrochen. -- Auch das Glück
-kommt von Gott, und wir schmähen den Geber, wenn wir vom Glücklichen
-nicht glimpflich denken.«
-
-Mit einem bekränkten Lächeln antwortete Fabia: »o! ich will ihr alles
-Gute gönnen und wünschen. Der Allwissende sieht ins Innerste, und weiß
-allein, ob wir treu erfunden werden oder nicht. Daß ich mich fortan auch
-der leisesten Verurtheilung enthalte: das ist gelobt. Ach mein Bruder!
-welch ein erfahrungsreicher Tag der heutige! seit gestern Abend ist mein
-Herz nicht aus der Presse gekommen. Ich war in Bühle -- Du weißt es.
-Frankensterns sind da, und die Gräfinn hatte mir geschrieben. Sie ist
-unschuldig -- und sehr unglücklich. Eine Centnerlast ist von meiner
-Seele gewälzt; aber ich könnte doch nicht sagen, daß mir leicht zu Muthe
-wäre; denn der Vorwurf, wie Unrecht ihr geschehen, wenn auch in Gedanken
-nur, drückt mich nieder.« Und nun erzählte auch Fabia ihrem Schwager,
-wie sie die Gräfinn und ihren Vater angetroffen, und wie Albane sich
-erklärt, hinsichtlich jenes empörenden Verdachts. Sie endete ihren
-Bericht mit den Worten: »und so hat denn mein Mann um ein Nichtiges sein
-Leben verkürzt, und das meine mir verkümmert!«
-
-»Sieh, Fabia!« sagte der Administrator nach einer ernsten Pause, »hätten
-wir _die göttliche Kraft, einem Menschen zu vertrauen_: dann wäre
-uns das nagende Gefühl bitterer und fruchtloser Reue erspart, und wir
-hielten uns an etwas Besseres, als an Beweise. Unsere Sinne sind falsche
-Zeugen -- nur das Herz spricht wahr, in dem Glauben an das ewig Gute.«
-
-Ein Gedenken an Sylvius, an das, was in seinen eigensten Angelegenheiten
-ihm einst das Licht dieser Ueberzeugung verdunkelt -- schwebte
-schattenähnlich vor ihm auf. »Und Josephine?« fragte er mit verhaltener
-Stimme.
-
-»Sie grüßt Dich -- grüßt Dich tausendmal!« antwortete Fabia. »Sie wird
-für einige Zeit in Bühle bleiben?« fragte der Administrator abermals,
-und ein Gefühl, gemischt aus Wunsch und Zweifel, ließ ihn seiner
-Schwägerinn diese Antwort in den Mund legen. Aber Fabia sagte nicht ja,
-nicht nein. Sie legte die Hand an die Stirne, und sprach: »was wird nun
-Romana dazu sagen? Seine Frau ist ihm so nahe -- und er hat es keinen
-Gewinn; die Tochter ist ihm entrückt, und er muß es geschehen lassen.
-Und wenn Albane Josephine nicht mehr von sich ließe: wer könnte es
-hindern? es ist einmal Ihr Kind!«
-
-»Wer es hindern könnte?« entgegnete Herr Prälat lebhaft und mit Wärme:
-»_Du_, Fabia! unbeschadet des mütterlichen Vorrechts ist Josephine auch
-Dein, durch die treue Mühe der Erziehung. Du hättest, dünkt mich, auch
-ein Wort dagegen zu sagen, daß das arme Mädchen in jener unheimlichen
-Umgebung verkommen sollte. Josephine ist an uns gewöhnt -- es wäre auch
-hart für den armen Sylvius, wenn er ihre Nähe -- dies einzige Glück, was
-er ohne Vorwurf genießt -- einbüßen sollte.«
-
-»Wirst Du mit ihm sprechen?« fragte Fabia mit kranker, krampfhafter
-Stimme, »mein Kopf glüht und hämmert; ich werde nun gehen, und mir einen
-Umschlag von Kräuteressig geben lassen.«
-
-Noch eine kleine Weile hielt ihr Schwager sie zurück und berieth, auf
-welche gleichlautende Weise diese unverweigerliche Mittheilung an den
-Freund beschränkt werden könnte und müßte. Dann eröffnete er ihr
-den Entschluß zur Reise, was der nöthigen Gestalten wegen auch nicht
-geeignet war, Fabiens tobenden Kopfschmerz zu beschwichtigen. Es giebt
-jedoch einen Zustand des Leibes und der Seele, der die Welt in Trümmer
-brechen sieht, ohne etwas mehr als aus Schwäche zu wanken. Mit diesem
-wankenden Schritte entfernte sich Fabia, und Herr Prälat mogte seinem
-Freunde die Ruhe der kommenden Nacht nicht stören. Ihm selbst kam und
-verging sie schlaflos. Als aber der Morgen frühlingshell und heilig
-erwachte, da ging aus dem Chaos seiner Gedanken ein neues Licht hervor,
-und der Gott in seinem Busen ordnete die finstern Kräfte. --
-
-Nachdem der Administrator nun den Brief an den Major gelesen, und sich
-gleichsam mit eigenen Augen von dem Geschehenen überzeugt hatte, sah er
-die darin enthaltenen Umstände wie mit andern an. Gesammelten Geistes
-hatte er eine lange Unterredung mit Sylvius, und betrieb dann seine
-Abreise, die in der Frühe des nächsten Tages statt haben sollte.
-
-Die Offiziere in Corpore kamen, um dem Administrator ihr Beileid bei dem
-Hintritt seines Bruders zu bezeugen; auch die Nonne, die Repräsentantinn
-der schlafen gegangenen Geistlichkeit des Stiftes, fehlte nicht,
-seinem Verweser ein Wort des Antheils und der Herzlichkeit über den
-Entschlafenen zu sagen. Sie äußerte sich dabei in der ihr eigenthümlich
-milden Gelassenheit, die auf der Höhe des Alters und eines erhobenen
-Charakters mit Ruhe dem Wechsel des Lebens zusieht. -- Veronica sprach:
-»besinnen Sie Sich einmal, Frau Fabia! sagte ich es nicht immer, daß die
-arme Therese noch nicht überhin wäre? solch glücklicher Leichtsinn ist
-oftmals zu großer Beschwerde bestimmt, und wer immer lustig und lässig
-seyn will, muß sich endlich durcharbeiten. Das Leben fordert Ernst, und
-selbst das Glück ist gewichtig und trägt sich schwer, wie vielmehr das
-Unglück! -- Jener berühmte Maler aus Modena, derselbe, der die heilige
-Nacht gemalt hat, o wunderschöne! trug sich an einem Geldsack todt.
-Wollte man Therese anspannen, fleißig zu seyn, so käme es mir vor,
-als sähe ich einen Schmetterling an einer dräthernen Kette sein
-Futternäpfchen ziehen, wie man Vögel abzurichten pflegt. Ich gönnte es
-ihr, daß sie sich von Blumen nährte.«
-
-Ein wenig Wermuth bitterte auf Fabiens Lippen, da sie antwortete:
-»wenn ich die Schwägerinn so eitlem Treiben hingegeben sah, so gänzlich
-unbekümmert um das Eine, was Noth ist, dann dachte ich wohl an jene
-Stelle in den Psalmen, die da heißt: es wird ein grausamer Engel über
-Dich kommen --«
-
-»Das ist denn der Gasthof zum Engel für die Aermste gewesen --«
-entgegnete die Nonne mit einem stillen Seufzer. Die beiden Prophetinnen
-theilten sich flüsternd mit, was sie von der Zukunft der jungen Wittwe
-dächten. Veronicas Schauen war ein gläubiges im Geist der Liebe, die
-allen Menschen Gutes wünscht, und das Beste gönnt. Und weil das Versagte
-uns das Höchste scheint, und die Reinheit des Ideals uns für den
-Nichtbesitz entschädigt: so that sich der Himmel vor ihr auf, der Himmel
-auf Erden, als wofür sie eine Ehe hielt, aus gegenseitiger Neigung
-geschlossen.
-
-Der Fernblick der Frau Fabia hatte die Erfahrung für sich. Indem sie
-wußte, daß eine Frau auch Tugend und Treue bedürfe, um ihren Mann auf
-die Dauer zu fesseln, setzte sie das Glück in den Selbstgenuß eines
-reinen Bewußtseyns, und Theresen deshalb in den Fall mancher trüben
-Stunde, die sich von vergangenen Tagen herleite.
-
-Frau Fabia mag auf ihre Weise Recht haben. Aber eben so gewiß ist es,
-daß jenes schöpferische Genie des Glückes, daraus die Poesie des Lebens,
-ja, das Leben selbst hervorgeht -- in etwas Unbewußtem besteht, und daß
-die Erfüllung unserer Pflichten nicht hinreicht, uns selig zu machen,
-hier und dort. --
-
-Unter den Pensionairen des Klosterhauses von Sanct Capella hatte
-nur Einer keine Notiz von dem traurigen Ereigniß genommen: Hauptmann
-Moorhausen, und der Administrator, trotz seiner Zerstreuung, ihn doch
-vermißt, da der gutmüthige Fabulist einer wahrhaften Theilnahme an
-Allem, was diese Familie betraf, sonst nie zu ermangeln pflegte.
-
-Gegen den Abend -- Sylvius de Romana war von einem einsamen Spaziergange
-in die Wildniß des Waldes noch nicht zurück -- Frau Fabia für ihren
-Schwager mit Einpacken beschäftiget, und Herr Prälat allein in seinem
-Zimmer, um einiges Nöthige für seine Abwesenheit zu besorgen; da trat
-der Hauptmann bei ihm ein.
-
-Obgleich Jener verdüsterten Blickes von seinem Schreibpult aufsah, als
-ob der Flor um seinem Arm ihm vor den Augen läge, so bemerkte er doch,
-er sähe den Hauptmann in der Staatsuniform. Die weißen Glaçee-Handschuh,
-blendend neu, doch mit einem gelblichen Schein vom langen Liegen --
-glänzten leichenförmlich mit gekreuzten Fingern auf dem Invalidenstocke,
-und deuteten trauerfeierlich auf den Tact der Condolenz, da von
-festlicher Eleganz anderer Art hier nicht die Rede seyn konnte. Seine
-Miene drückte den Anstand des Bedauerns, und einen Hinterhalt von
-Selbstgefälligkeit und Absicht aus. Er versicherte seine Theilnahme,
-und gemahnte in dem allegorischen Schwunge, den er dabei nahm, an die
-Sprache eines altmodischen Neujahrswunsches, der unter seiner Vignette,
-gepreßt mit den Insignien der Zeitlichkeit, einen Amor mit flammendem
-Herzen verbirgt, das im Verhältniß seiner Größe zu dem kleinen Gott
-jenes zwanzigpfündige anschaulich machte, wovon er einst erzählt.
-
-Der Administrator dankte in Kürze und lächelnd. Er erkundigte sich nach
-des Hauptmanns Befinden und sagte, daß, da er ihn diesen Morgen unter
-den andern Offizieren nicht bei sich gesehen, er beinahe gefürchtet,
-Jener, welcher bisweilen an krampfhaften Zufällen litt, hätte sein
-Zittern wieder bekommen.
-
-Der Veteran erröthete, faßte unter die straffe Halsbinde, räusperte sich
-und sprach: »=au contraire=, Werthester! ich war nie gesünder, und fühle
-mich wie verjüngt. Meine Natur --« »ist vortrefflich; ich weiß es --«
-unterbrach ihn der Administrator, der sich heute nicht stark genug
-fühlte, den Kampf mit dem Riesen dieser Imagination zu bestehen.
-
-»Von Zittern keine Spur --« setzte der Hauptmann die Ruhmrede seiner
-Gesundheit fort, »und nur aus einem festen Grundsatze kam ich nicht
-früher. Mir widersteht die übliche, oder vielmehr _üble_ Sitte, daß
-man mit seiner Theilnahme zudringlich werde, und =en Masse= über Einen
-herfalle, dem ein Trauerfall begegnet ist. Leidtragende mögten auf diese
-Weise unterliegen -- und Delicatesse in der Freundschaft geht mir über
-Alles.«
-
-»Sie ist die Grazie des Gefühls --« entgegnete der Administrator wie mit
-trübem Spott; doch konnte er nicht umhin, in dem, was Moorhausen gesagt,
-zum erstenmale etwas Wahres zu finden.
-
-»Grazie! ja, auf Ehre!« antwortete jener, »das ist das rechte Wort.«
-Und das fletschende Lächeln, womit er es aussprach, gab den
-Inbegriff weiblicher Anmuth in die widrige Gewalt eines Fauns. »Diese
-Eigenschaft,« setzte er mit Grimasse hinzu, »ist jedoch nicht Jedermanns
-Sache, und ich glaube, ihr verdanke ich es allein, daß mir alle Leute
-gut sind. Ich muß etwas Anziehendes an mir haben -- wo aber steckt es?
-dachte ich oft. Mir selbst unerklärbar. Als ich ein Knabe war, schenkte
-mir eine alte Pathe einen Magnet, in Gestalt einer Seejungfer -- wir
-können nicht ableugnen, in manchem Sinnbild wirkt Magie. Mein Glück bei
-dem schönen Geschlecht war enorm -- ich könnte Ihnen zum Erstaunen davon
-erzählen.«
-
-Herr Prälat entsetzte sich vor dieser Möglichkeit und sprach hastig
-in jener flüchtigen Tonweise, die nicht zweifeln läßt, man wünsche
-verschont zu bleiben: »zu besserer Zeit, Capitain! ein andermal wird mir
-das viel Vergnügen gewähren.«
-
-Doch nichtsdestoweniger verfolgte dieser Unabweisliche den Lauf der Rede
-wie folgt: »die Weiber -- ich sage Ihnen --«
-
-»liefen davon?« fiel der Administrator mit verzweifelndem Humor ein.
-Der Hauptmann stutzte betroffen, und jener setzte vergütend hinzu, »ich
-meine, aus Furcht vor dem Sieger.«
-
-»Ah so!« antwortete der Cäsar des Invalidencorps, zufriedengestellt,
-»diese kleinen Feinde wissen sich in ihren Waffen zu behaupten. Doch
-Wer sich stark fühlt, der hüte sich nur vor einer Delila, die ihn an die
-Philister verräth. Auch dem niedlichsten Satan hätte ich mich nicht bei
-einem Haare fassen lassen. -- So oft ich sogar auf eine Dame im Spiel
-pointirte, Tausend gegen Eins: ich gewann. Aber ein Mann von Ehre
-benimmt sich auch discret, wo er gewiß ist, sein Fortüne nicht zu
-verfehlen.«
-
-Der Administrator warf einen vielsagenden Blick auf den kahlen Scheitel
-dieses Simsons, und rief mit einem stillen Seufzer das Glück an, statt
-seiner ein Thor der Erlösung zu erschüttern, daß er frei würde. Es
-verließ sofort seinen Prahler, der den Stuhl heran schob, als wolle er
-dem Zwecke seines Besuchs näher kommen -- und entrückte ihm das Ziel.
-
-»Jetzt freilich,« sprach der Hauptmann, »habe ich manchen bedenklichen
-Augenblick, daß ich die Gunst der Gelegenheit mir entfliehen ließ. --
-Was nützt mir all' mein aufgespartes Vermögen? mein schönes Geldchen,
-und mein Gut? ich genieße es allein. Das macht grämlich vor der Zeit.
-Ich bedürfte Jemandes, der mich erheiterte.«
-
-Der Administrator lächelte ein wenig skoptisch, indem er erwiederte:
-»Wer so Viel in sich trägt, wie Sie, dächte ich, kann kaum in den Fall
-kommen, durch Gesellschaft zu gewinnen.«
-
-»Den Teufel auch, mein Freund!« antwortete der martialische Moorhausen,
-durch den leisen Stich, der ihm schmeichelnd versetzt worden,
-empfindlich gereizt. »Ein Mann von so ungeheuern Erfahrungen wie
-ich, ist nur um so mehr einsam, und bedarf seines Gegensatzes, eines
-kindlichen Wesens, dem er imponirt, das er glücklich macht, und welches
-ihn ergötzt -- und so habe ich denn längst reiflich überlegt und erwogen
--- Hm! Hm! es wäre das Zuträglichste für mich, ich heirathete. Nur
-schwankte das Schiff meiner Gedanken, nach allen Richtungen der
-Windrose; ich wußte nicht recht, wohin mich wenden? bis ich denn endlich
-wie durch einen plötzlichen Ruck fest in meiner Wahl geworden bin.«
-
-Der Administrator starrte den Hauptmann an. Er dachte an eine
-Windsbraut, und wie das Schifflein, dem darnach gelüstete, vermuthlich
-auf eine Sandbank gerathen wäre. So sprach er nicht ohne einen Blick
-mitleidigen Ernstes auf den kühnen Segler: »Heirathen? Sie scherzen,
-Capitain.«
-
-»Nicht daß ich wüßte --« antwortete Dieser, und zog die Stirn kraus.
-»Mir ist wahrhaftig in Gott! nicht spaßerlich zu Muthe. Auch wäre das
-zur Unzeit, Freund! weil aber die rechte Zeit treffen, ein Punkt ist,
-den ich stets im Auge gehabt -- weshalb man mich auch beim Regiment _den
-glücklichen Zieler_ zu nennen pflegte: so zog ich mich diesen Morgen
-in mein Zimmer zurück, und wartete bis jetzt. Ist das Gemüth einmal
-afficirt: so wird auch der beste Mensch leicht in Harnisch gebracht
-gegen eines Andern Anliegen. Man sagt: Weilen bringt Gefahr; aber die
-Eile thut es nicht minder. So erinnere ich mich, daß als meine Mutter im
-Sterben lag -- es dauerte lange, und es ist schrecklich, daß auch Leute
-von Rang so ringen müssen -- kamen Schlösser, Schreiner, und so weiter
--- um die Arbeit für die Leiche, die es noch nicht war, zu erbitten.
-Darob ergrimmte mein Vater dergestalt, daß er einen jener armen
-Handwerker, die um das liebe Leben zu fristen, dem Tode vorausgeeilt
-waren, beinahe gemißhandelt hätte. -- An diese Scene mußte ich
-unwillkürlich denken, da ich Anstand nahm, früher als in diesem
-Augenblick mich Ihrer gütigen Fürsprache bei der Wittwe Ihres Herrn
-Bruders zu versichern. Uf! nun war's heraus. --«
-
-Der Administrator zweifelte jetzt nicht mehr, daß Moorhausen den
-Verstand verloren hätte. Er meisterte daher sein sprachloses Staunen,
-und indem er in diese fixe Idee einzugehen schien, sagte er so
-vernünftig als möglich: »in der That, Sie fühlen fein; es wäre wirklich
-ein Stückchen Arbeit, was Sie in Theresens Hand ansprächen. --«
-
-Ein Lächeln der Selbstzuversicht verklärte den alten
-Ehestandscandidaten. »Sie meinen,« sprach er, »die schöne Frau würde mir
-den Kopf warm machen? thut nichts. Die kleine Hexe hat mir's angethan --
-werde schon mit ihr fertig werden. Eine Gardinenpredigt hält Die nicht,
-dafür stehe ich Ihnen. Und diese fatale Theologie macht nur verstockte
-Sünder und Langeweile. Wir liefern kleine Gefechte, allerliebste
-Scharmützel. Sie giebt mir Eins drauf -- ich aber liebe das.« »Capitain
-Moorhausen,« versetzte Herr Prälat, dessen Stimmung nicht darnach war,
-diesen Unsinn länger auszuhalten, »Sie sind ein eben so einsichtsvoller
-als expediter Mann. Wie zeitig Sie auch in dieser Angelegenheit kommen,
-ich habe dennoch Grund zu glauben, es geschähe in jedem Sinne _zu spät_.
-Sollte meine Schwägerinn sich wieder verehelichen: so steht ihr der
-Mann, den sie wählt, zweifelsohne schon zur Seite. --«
-
-Dem Hauptmann entfiel der Stock, sein Gesicht verlängerte sich
-zusehends. Der Administrator bückte sich nach dem Bambus, und legte
-ihn in die Hände, an denen jenes erwähnte Zittern sichtlich zu werden
-anfing. Und mit unverkennbarer Redlichkeit redete er sofort: »sehen Sie
-diese zutrauliche Erklärung meiner Seits nicht für einen Korb an;
-auch reiche ich Ihnen hiermit nicht den Stab zum Weitergehen in dieser
-Absicht. Nein! nur einen Stützpunkt auf dem einsamen Gange, der unter
-manchen Umständen, und in gewissen Jahren auch sein Gutes hat. Zuweilen
-borgt der Geist der Lüge die göttliche Stimme, welche einst sprach: es
-ist nicht gut, daß der Mensch allein sey.«
-
-Der Hauptmann verstummte. Er bat nur noch, daß sein Vertrauter auch
-schweigen möge. Die Glaçeehandschuh platzten bei dem Händedrucke
-des Abschieds, den er bald darauf nahm. Der Krampf zog ihm die Brust
-zusammen, das Herz schlug Chamade. Er ließ die Flügel tief hängen --
-und selbst der kleinste Querpfeifer bei seinem ehemaligen Regiment würde
-diesen Preiswürdigen jetzt nicht »den glücklichen Zieler« genannt haben.
-
-Josephine war nur ein paar Wochen in Bühle. Obgleich -- nach der
-Zeitrechnung des Geistes -- fast kein Augenblick verging, in welchem
-ihre Gedanken nicht hinüber schwebten nach St. Capella und weiter
-noch, da sie ihren Schutzfreund auf Reisen wußte --: so machte doch ihr
-jetziger Aufenthalt sein Recht auf dies empfängliche Gemüth geltend.
-Die traumhafte Stille des Schlosses, der melancholische Reiz seiner
-Umgebungen, die einsiedlerische Schwermuth der Gräfinn, die selbst
-der Umgang ihres liebenswürdigen Kindes nicht zerstreuen konnte -- die
-unheimliche Welt ihres Vaters, welche schweigsam die magischen Kreise
-zog, wirkte, vereint mit der Stimme der Natur, auf das junge Mädchen,
-dessen Herz jedem tiefen Eindruck offen war. Der Frühling hatte sich
-indeß entfaltet, und prangte in völlig aufgeschlossener Schönheit. Auch
-in die dumpfen Zimmer und Säle des herrschaftlichen Hauses von
-Bühle drang sein milder Hauch, und die warmen Sonnenschatten von den
-aufknospenden Blättern der Linde spielten an den kalten Wänden, und
-mischten ihren lebendigen Schein mit dem todten Ernst der Ahnenbilder.
-Der Brunnenstrahl blitzte vielfarbig, wie ein Ueberfluß von Diamanten,
-und sein eintöniges Rauschen weckte eine Quelle der Ahnung in dem Herzen
-seiner düstern Anwohner, und floß mit dem Strom von Lust, Leid und Leben
-zusammen, der die verjüngte Schöpfung schwellte. An einem der schönsten
-Abende hob Graf Frankenstern den Blick vom Boden auf, über den die Sonne
-lange goldene Brücken schlug, so daß die Möglichkeit ihm einleuchtete,
-sie zu passiren. -- Er hatte den lieben langen Tag mit so tief gesenktem
-Auge vor sich hin gesehen, als wolle er das Räthsel des Daseyns
-ergründen; doch als jetzt das himmlische Licht über diesen Abgrund
-schien, verlangte er, Josephine solle ihn in den Garten führen. Dies war
-unerhört. Seit Jahren hatte der Graf keinen Spaziergang gemacht, und
-nur den Sitz im Sessel mit dem Polster der Kutsche vertauscht. Freudig
-gehorchte das Mädchen, und reichte schnell, ehe der Vorsatz ihn gereue,
-Hut und Stock dar, und schlang ein kleines Tuch von Persischer Seide zur
-Fürsorge um seinen Hals. Die Gräfinn wollte nachkommen.
-
-Vorsichtig leitete Josephine den schwachen Greis die Treppe hinab, und
-unterstützte ihn zart, doch jugendkräftig. Seine gleitenden Schritte,
-das fühlbare Wanken des verfallnen Körpers bewegten ihr das Herz im
-Busen, und ihr elastischer Fuß ging so langsam als möglich. Der
-Bediente öffnete das eiserne Gitterthor und geleitete seinen Herrn mit
-theilnehmenden Blicken von ferne. Sie traten in den grünen Bezirk. Alles
-stand hier noch unverändert; nur die jungen Bäume waren groß und stark
-geworden, seit der Graf sie zum letzten Male gesehen, einige hingen voll
-Blüthen, und schimmerten mit weißröthlichen Büscheln lieblich zwischen
-dem finstern Gehölz.
-
-Josephine athmete tief -- und ein leiser Seufzer, ein Odem von langem
-Weh, schwebte auf den stummen Lippen des Grafen, und vermischte sich mit
-der Wonne der süßen, ambrosischen Luft. Beinahe taumelnd vor Schwäche,
-strebte der Graf doch weiter und weiter, obgleich Josephine ihn
-bescheiden aufmerksam machte, es mögte ihm für's Erste wohl zu viel
-werden. So waren sie an einen Platz gekommen, der eine schöne Aussicht
-bot. -- Unter einer breitästigen Esche winkte ein weißer Gartenstuhl, so
-hart und kunstlos, als hätte ihn ein Eremit geflochten -- zur Ruhe. Der
-Graf ließ sich mit Hülfe seiner Führerinn darin nieder, und Josephine
-setzte sich schmeichelnd zu seinen Füßen. Es war eine kleine Anhöhe. Der
-Wind kräuselte sanft das grüne Meer der Saat, ein lindes Säuseln,
-wie von Geisterflügeln, regte sich in den Wipfeln des Baumes. Eine
-ahnungsvolle Stille rings umher! -- Der Graf senkte das Gesicht, um sein
-Auge an dem frischen Anblick zu stärken. Er sah die Ernte im Geist
--- und die dünnen Halme seines Haupthaars weheten silberweiß auf und
-nieder, als wäre das Feld nun reif und der Schnitter in der Nähe.
-
-»Die Welt ist doch schön!« sagte er nach einer beschaulichen Pause,
-»wenn das Leben so hervorgeht, und Alles wach wird: _wach_!« Und mit
-fallender Stimme setzte er scheu und furchtsam hinzu: »gehst Du gern
-schlafen, mein Kind?« --
-
-Josephine fuhr aus träumerischem Sinnen empor. Sie antwortete: »ich?
-wenn ich müde bin, sehr gern. Der Schlaf, die Ruhe der Wesen, ist etwas
-recht Holdes. In sanfter Betäubung stärkt sein Labsal. Wer mögte ihn
-nicht lieben, diesen Wohlthäter? -- Auch beunruhigt mich nie ein böser
-Traum -- höchstens träume ich seltsam. In der verwichenen Nacht wärmte
-ich einen Schneekönig an meiner Brust -- der war erstarrt; plötzlich
-flatterte er auf, und verschwand in den Wolken -- und traurig sah ich
-ihm nach.«
-
-»Schneekönig?« erwiederte der Graf, »das ist ein kleiner Vogel, nicht
-wahr?« Und wie aus einem Geklüft seines Gedächtnisses tönte ein
-Echo jener Stelle: »der Mensch wird geboren zu leiden, wie die Vögel
-schweben, emporzufliegen.« -- In vergleichendem Sinne sagte er: »die
-Vögel des Waldes sind glücklicher daran als wir; sie steigen aufwärts
-mit fröhlichem Gesange -- die Tiefe nur ist still und schrecklich. Wer
-aber schläft, ist allein, ist in Gefahr, und schließt sich sein Auge,
-dann --« Josephine sah mit offenem blauen Auge zu dem Greise auf, der
-unter einem Schauer verstummte, ehe er noch ausgeredet hatte. Sie sprach
-mit leidsamem Widerspruch: »das will mir nicht so vorkommen, lieber Herr
-Graf. Die Menschen sind einsam, und daß sie es _wissen_, ist ihr größter
-Schmerz. Wer aber schläft -- und wäre es auch im Grabe -- genießt
-unbewußt Frieden, und Gott schützt den Schlummer des Gerechten! --«
-
-Graf Frankenstern schien sichtlich erschüttert durch diese Rede des
-Mädchens. Mit zitternder Lippe wagte er etwas auszusprechen, was ein
-halbes Säculum nicht laut in ihm geworden war: das Bannwort seines
-Dämons. Er sah Josephine dunkeln Blickes an, und sagte: »so fürchtest Du
-Dich nicht vor dem -- Tode -- mein Kind?«
-
-Ein unsterbliches Lächeln verklärte mit der Abendsonne zugleich
-Josephinens reine Züge. »Nein! gewiß nicht!« versicherte sie mit
-Innigkeit. »Ich halte dafür, der Tod sey ein verkannter Engel; kein Bote
-der Schrecken. Er kommt ja auch nur auf Gottes Geheiß: wie sollte er
-einer kindlichen Seele nicht willkommen seyn -- früh oder spät! -- Das
-kleinste Blümchen zerstiebt, und wenn seine Zeit da ist, erblühet es
-auf's neue; die Sonne geht unter und schöner wieder auf, und das
-Herz, welches selbst im Traume den kleinen Schneekönig erwärmt, sollte
-erstarren -- und nicht für den Himmel schlagen? -- Könnte ich glücklich
-machen, Alle, die ich liebe, ich gäbe gern die kleine Blume meines
-Lebens hin.« Ein paar Thränen rollten, als Josephine dies sprach, von
-ihren Wangen, und der Thau auf einer jungen Rose glänzt nicht schöner.
-
-Dies war der wunderbare Moment, der eine gequälte Seele erlösete. Der
-Graf athmete auf mit leisem Stöhnen, wie Einer der erwacht, und sprach:
-»ich sehe ein, daß Du recht hast, mein Kind, und wie bleiern meine Augen
-geschlossen gewesen. Mir ist, als ob ein Gespenst verschwände -- als ob
-es Morgen würde. Mir ist recht klar. Nun will ich erst noch einmal zu
-leben anfangen. Sieh! was dort so golden funkelt, ist das nicht Sanct
-Capella? vorhin erkannte ich es deutlich. Wir wollen nun nächstens
-einmal hinüber fahren.« Josephine lächelte wehmüthig, und das Herz war
-ihr unsäglich schwer. »Und glaubst Du wohl,« fragte der Greis abermals
-nach einer stillen Weile, »daß ich die Abendglocke höre?« Dem Mädchen
-kam ein Grauen an: es war fast unmöglich in dieser Entfernung. »Ich bin
-doch müde von dem kurzen Gange,« sagte er mit matter Stimme, »laß mich
-ein wenig an Dich lehnen -- oder ist Deine Brust auch krank? --«
-
-Josephine umschlang mit weichem Arm seine Schulter, und drückte das
-sinkende Haupt sanft an sich. Sie schwieg bange, und schaute geängstet
-aus, wo die Gräfinn nur bleiben möge? Da kam Albane. Das leichte
-Rauschen ihrer Schritte, den Gang, der ihm so treu durch die Wüste des
-Daseyns gefolgt, vernahm ihr Vater noch einmal. »Mir däucht, ich sähe
-meine Frau --« stammelte er kaum verständlich, »warum sprichst Du
-so leise? -- --« Und jetzt sprach der Graf nicht mehr, und athmete
-schwächer und schwächer. Die Gräfinn knieete in's Gras und faltete die
-Hände; ihr Gebet war ein unaussprechlicher Seufzer. Josephine glühte
-wie eine Fackel. Angst und Abendschein gaben ihr die flammendes Gestalt
-eines Cherubs. Sie glich dem Genius des Todes, wenn er sich des müden
-Menschen erbarmt: dem Sinnbild ihrer eigenen Vorstellung. Mit bebender
-Hand streichelte sie den kühlen Scheitel, den der Gedanke verließ, und
-dessen Sinne schon geschlossen waren. Sie legte den Finger prüfend an
-den Puls der Schläfe, und fand ihn stockend -- nun stand er stille.
-
-»Er ist gestorben --« sagte Josephine mit der allerleisesten Stimme, als
-könnte ein Laut ihn wecken.
-
-Albane schwieg noch immer und weinte nur heftig. So blieb die Gruppe
-lange in heiligem Verstummen.
-
-Jetzt schlief Josephinen der Arm ein; denn der Todte ward starr und
-schwer. Sie lehnte ihn zurück in den Sessel, und die Seinen schauten nun
-in sein erblaßtes Angesicht.
-
-»O mein Vater!« sagte die Gräfinn mit heißen Thränen, »kann man leichter
-und schöner sterben, als Du? Dein ganzes Leben war nur eine Flucht vor
-Dir selbst, eine Furcht vor dem Tode, und freundlich erschien er Dir,
-und ereilte Dich zu lieblicher Stunde.« In zerrinnenden Bildern sah
-Albane sein hartes Geschick und was sie mit ihm ertragen. Und so ergoß
-ihr gepreßtes Herz sich in den bekannten Strophen: »schlummre wohl
-indeß, du träge Bürde seines Erdengangs! ihren Mantel deckt auf Dich die
-Nacht, und ihre Lampen brennen über Dir im heil'gen Zelte. -- «
-
-Es schien der Gräfinn bedeutsam, daß ihr Vater unter einer Esche
-verschieden wäre, welchem Holze dieses Baumes man eine wundstillende und
-schmerzheilende Kraft zuschreibt. --
-
-Die Sterne brannten schon am Himmel, und ihr feierliches Licht fand jene
-Gruppe noch unverändert. Jetzt fing die Abendluft an kühl zu werden; die
-Gräfinn erschauerte in jenem Frösteln, welches man nur in der Nähe des
-Todes empfindet, und auch Josephinens blühende Wange war sehr blaß.
--- Auf einen Wink der Ersteren ward der weiße Gartensessel mit seinem
-stillen Inhaber sacht und sanft aufgehoben, und nach dem Schlosse
-getragen. Hier ließ man die Vorhänge tief herab, und die entseelte Hülle
-auf ein Lager nieder. Viele Kerzen wurden angezündet, auf daß es hell
-würde um den allerdunkelsten Schlaf. Albane und ihre Tochter setzten
-sich zu beiden Seiten des Verstorbenen, und blieben die Nacht hindurch
-bei ihm, weil sie fürchteten, er könne im Starrkrampf liegen. Hätte der
-Graf dies vorausgesehen: der traute Anblick dieser ersten Nachtwache
-würde ihn sein Lebelang beruhiget haben. An der Kerze, welche ihren
-geheimnißvollen Schein auf seine schweigsamen Züge warf, blühete ein
-glimmender Brief -- dies Auge aber war geschlossen, und las keinen
-mehr. Es hatte sich für jenen Freibrief geöffnet, der nicht mit Dinte
-geschrieben ist, oder Funken, oder in den rinnenden Sand der Zeit,
-sondern mit dem Geiste des lebendigen Gottes.
-
-Draußen erwachte der Gesang der Lerche, und vor der goldnen Leuchte des
-Tages erbleichte das nächtliche Licht. Ein purpurner Schimmer breitete
-sich mählig über den Leichnam aus -- da verließ ihn die Gräfinn unter
-den Flügeln der Morgenröthe, und begab sich zur Ruhe, deren ihre
-erschöpften Kräfte bedurften. Auch Josephine wankte von hinnen, zu
-versuchen, ob sie ein wenig schlummern könne? doch ihre Pulse klopften
-wie im Fieber, und das Herz schlug hoch und ängstlich unter dem weichen
-Sterbepfühl ihres Großvaters.
-
-Wie Albane es sich im Stillen gelobt: so geschah es. Die Section des
-Grafen ward, nachdem der Arzt die Auflösung desselben dargethan, ohne
-Geräusch vollbracht, und dann -- da kein eigentliches Familienbegräbniß
-in Bühle vorhanden war, sein sterblich Theil in Sanct Capella
-beigesetzt. Das Herz ihres Vaters aber blieb, in einer Urne verwahrt,
-ihr Eigenthum. -- Um jedes Aufsehen zu vermeiden, ging die Bestattung
-zu später Zeit vor sich, und nur das Heer der Sterne gab dem düstern
-Leichenzuge Glanz und Geleit. Still, wie der Thau der Nächte sinkt,
-fielen Albanens Thränen, und Josephine dachte mit Wehmuth daran, wie
-der Graf wenige Augenblicke vor seinem Abscheiden von der Fahrt nach dem
-Stifte gesprochen. --
-
- * * * * *
-
-Nachdem der Administrator seiner brüderlichen Pflicht vollkommen und
-nach bester Einsicht genügt, kehrte er, zufrieden mit dem Abschluß
-dessen, was ihn hierher gefordert, nach seiner Heimath zurück. Auf
-der langen Reise hatte er Muße, über dies Fragment seines Lebens
-nachzudenken, und auch die tiefsinnige Neigung dazu. Seine Brüder
-waren nun beide todt. Die Beschäftigung mit den Papieren des
-Jüngstverstorbenen hatte ihn dem Constanz inniger verschwistert, als
-das Vermächtniß der mütterlichen Natur ihn jemals fühlen lassen, daß sie
-ihnen Einen Vater gegeben. Er nahm ein besonderes Gefühl von Einsamkeit
-mit hinweg -- er stand nun allein. Wunderbar genug war Therese, welche
-länger als zwei Jahre in häuslicher Verbindung mit ihm gelebt, ihm fast
-entfremdet worden, im Gegensatz zu der Erfahrung, nach welcher eine
-Auflösung durch den Tod Familienbande selten erschlafft, sondern sie
-vielmehr enger zieht. Auch hätte die Weite den Verknüpfungspunkten ihrer
-gegenseitigen Anhänglichkeit wohl am wenigsten geschadet. Ein anderer
-Schutzfreund nahm sich ihrer innigst an, und solch ein Edelstein
-für weibliche Fassung ist immer ein Solitair. Diese Regel ist ohne
-Plural. --
-
-Es lag nicht in Theresens Wesen, Schmerz zu heucheln, mit Thränen Prunk
-zu treiben, oder sich in der Rolle einer Artemisia zu gefallen. Mit
-bewundernswürdiger Gewandtheit veränderte sie den Faltenwurf des
-Trauerflors, und verhüllte nur ganz leicht die Brust, voll von dem
-Wunsche, das Leben möglichst zu genießen, und kaum die Blöße der
-flatterhaften Schultern, welche keinen Kummer tragen könnten. So hatte
-die schöne leichtsinnige Frau es ihrem Schwager keinen Hehl, daß sie,
-sobald der Anstand es nur irgend erlaube, den Lieutenant Feldmeister
-heirathen werde, und sich von diesem Bündniß des Glückes Fülle
-verspreche. Mit jenem entziffernden Instinkt der Schlauheit, welche
-unser Geschlecht in den geheimsten Zügen eines Männerherzens lesen läßt,
-verschwieg sie ihm die Leidenschaft, welche diese Bürgschaft leistete,
-und sprach nur von den soliden Eigenschaften des künftigen Gatten, von
-seinem Erbvermögen, was sie über jeden Mangel hinwegsetze und sicher
-stelle; als ob sie darin die Gewähr fände, welche zunächst auf dem Grade
-ihrer eigenen Zuverlässigkeit beruhete.
-
-»So dürfen wir auch hoffen,« setzte Therese wie zum Facit der
-aufgezählten Summe ihrer Hoffnungen hinzu, »daß die gute Baronin uns ihr
-schönes Gut vermache. Sie hat schon ein Wörtchen davon gemunkelt. Dann
-lebe ich den Sommer über hier, glückselig wie eine kleine Fee in
-meinem Blumenreiche. Den Winter aber bringe ich in der Stadt zu. Eine
-Offiziersfrau steht immer ein wenig auf freierem Fuß, auf halbem Sold
-ihres Standes gleichsam, und ist von den Philistern entlassen. -- Sieh!
-so geht bei uns das Sprüchwort in Erfüllung, wo Tauben sind, fliegen
-Tauben zu.«
-
-Der Administrator hing schweigend an diesem geschwätzigen Munde, dem
-er so oft ein willigeres Ohr geliehen -- und sprach jetzt wie von einem
-plötzlichen Ingrimm überrascht: »nun so spanne Deine Tauben vor den
-Wagen der Liebe, und sorge, daß ihrer keine der Geier hole.«
-
-Therese sah ihren Schwager betroffen an. »Bist Du mir böse, Cölestin?«
-fragte sie, scheu geworden, »und dem Rudolph bist Du wohl auch nicht
-gut?«
-
-Herr Prälat verneinte mit Hitze jede Animosität gegen den Nachfolger
-seines Bruders, und sagte dann: »wie sollte ich Dir zürnen, Therese? Du
-bist ein Weib! --« Er lächelte bitter. Es lag viel herbe Wirklichkeit in
-diesem Lächeln, der Zauber jener kleinen einschmeichelnden Gaukeleien,
-die das Urtheil eines Mannes so leicht verblenden, war verschwunden. --
-Er nahm einen kühlen Abschied von der künftigen Frau von Feldmeister;
-Theresen aber schossen ein paar warme Thränen in die Augen.
-
-Die Baroninn Lenau empfand, vermöge der Sympathie ihres Geschlechts, den
-Kaltsinn, der ihre Schutzbefohlne betrübte, und sagte, als diese weinte:
-»das ist nun nicht anders, meine Goldtochter! wenn das Kind todt ist,
-hat die Gevatterschaft ein Ende.« Theresen aber fiel der Taufstein auf
-das Herz. --
-
-Der Administrator hing, wie wir bereits erwähnt, seinen stillen
-Betrachtungen nach. Wie anders erschien ihm Therese als sonst! Nicht
-der Bruder ihres Mannes war in ihm gekränkt, sondern der Mann im
-Allgemeinen. Er bedauerte es nun nicht mehr, daß ein mitleidiger Tod den
-armen Constanz einer schlimmeren Verkältung entrissen. Er dachte an
-die Worte des Majors. Dabei konnte er nicht umhin, mit inniger Achtung
-Fabiens zu gedenken. Er gestand sich, daß der pflichtgetreue Sinn einer
-Frau wohl die Gabe aufwöge, den Augen eines Mannes zu gefallen, und
-Theresens Liebreiz sank gegen den charakteristischen Gehalt ihrer
-Schwägerinn tief in der Wagschale. -- Doch man vergesse nicht, daß
-Therese _abwesend_ war. --
-
-Wenn nun Fabiens Gatte die Augen auf immer vor einem Phantom
-geschlossen, und Theresens Gemahl einem Schatten nachgejagt, der ihn vor
-der Zeit ins Grab stürzte: so mußte die philosophische Selbstfrage
-in dem letzten der drei Brüder entstehen: von welchem Geist und Wesen
-_sein_ Streben sey? Er stieg bis in die Gründe seines Herzens hinab, und
-was er da gefunden, wollen wir einstweilen auf sich beruhen lassen. --
-Dort lag seine Jugendliebe unter tiefem Schutt in sich selbst zerfallen;
-aber der Glaube an diese göttliche Kraft stand noch fest, und die
-Freundschaft unterstützte ihn, wenn gleich als Kummersäule. Die
-Nachricht von der Ankunft der Gräfinn hatte seinen Freund Sylvius außer
-sich gesetzt, und der Administrator ihn in dieser äußersten Aufregung
-verlassen müssen. Jetzt dachte er bekümmert darüber nach, was aus
-diesem ganz einzigen Verhältniß nun werden solle? -- In den zartesten
-Beziehungen hing ein Theil seines eigenen Glückes davon ab -- und nicht
-der kleinste.
-
-Mit aufgehobenem Gleichgewicht seiner Empfindungen kam er in Sanct
-Capella an, und das Erste was er vernahm, war: daß Graf Frankenstern
-unterdessen ein stiller Bewohner des Stifts geworden sey. Der Verweser
-desselben erschrak über diesen Verwesenden; denn daß Gräfinn Albane nun
-wegziehen und ihre Tochter mit sich nehmen würde, war die natürlichste
-Ideenfolge; aber sie führte ihn traurig ein. Er trat in das Kloster wie
-in eine Einöde. Seine Wohnung däuchte ihm unsäglich weit, und so war
-es ihm im Stillen lieb, daß er am Abend seiner Heimkehr mit Fabia nicht
-ganz allein wäre. Der Major und Schwester Veronica kamen, den Wirth
-des Hauses willkommen zu heißen. Der Administrator stattete Bericht ab,
-jedoch in Kürze, und hier und da sogar abgerissen. Fragen der Frauen,
-querfeldeingeschoben, konnten den Zusammenhang nicht durchaus ergänzen,
-wie sehr es auch der apostolischen Fabia zuwider war, daß ihr Wissen,
-wie das unser Aller, nur Stückwerk seyn solle, und wie auch Veronica,
-die fromme Tochter der Kirche, ihre Abstammung nicht verleugnete, und
-sich diesmal als Evens Tochter bewies. Wir sprechen die gute Nonne
-selig, aber von der Erbsünde einer kleinen Neugier gar nicht frei. --
-
-Herr Prälat lief flüchtig über die Vorgänge der Krankheit und über den
-Hügel hin, darunter sein Bruder schlief, und hielt sich nur etwas länger
-bei dem Glück des jungen Feldmeisters und dem Gute der Baroninn auf, was
-auch zu diesem gehörte. Von Theresen sprach er vermeidlicher Weise
-so wenig als möglich. Man nahm das Geschick dieser Beiden als ein
-entschieden gepaartes an, und stellte unter mancherlei Bemerkungen
-dieser Ehe das Prognosticon.
-
-Der Major hob an: »der Rudolph hat Glück, und ich gönne es ihm von
-Herzen, denn er verdient es auch. Er ist ein tüchtiger Mensch, ein
-ehrenwerther Soldat -- doch mag er sich in Acht nehmen, daß er nicht
-zu einem verrufenen Regiment komme. Der Pantoffel ist sein
-Schicksalszeichen -- und die verfängliche Devise nicht immer von
-Kraftmehl. Die Schleifen auf dem Schuh seiner alten Fee waren, wie mir
-die Obristinn erzählte, von gesponnenem Glase. Eine gefährliche Masse,
-das! man macht auch kleine Sprühteufelchen davon. Und dabei fällt mir
-eine merkwürdige Geschichte ein. Als ich ein Knabe war, ließ ich einst
-zur Fastnacht einen Reserve-Pfannkuchen in die Tasche schlüpfen, worin
-solch ein gehörntes Ding stack. Alsbald fuhr der Grünliche durch die
-geschmorte Rinde in die schwarze Hölle der gegossenen Pflaumen hinein,
-und that wie zu Hause. Ich aber aß den leidigen Satanas wie zur
-gesegneten Mahlzeit, und würde es bis jetzt noch nicht wissen, wenn
-mir nicht ein Splitter von diesem heillosen Füllsel die Zunge geritzt
-hätte.«
-
-»Gott behüte und bewahre!« rief die Nonne mit frommen Schaudern vor
-solch leiblicher und geistlicher Gefahr, und die Geberde des Entsetzens
-wurde in der Mechanik ihrer Finger zu einem Kreuz, »wie war es möglich,
-daß Sie ohne Schaden davon kamen?« Der Major lachte und sprach: »Was
-verdaut man nicht Alles, wenn man jung und gesund ist! -- Mein Vater
-tobte, daß ich den Teufel im Leibe hätte; und die Mama kochte ohne
-Unterlaß Milchbrei, den sie mit mütterlichen Thränen salzte. -- Aber
-um wieder auf das Vorige zu kommen: so will ich von Grund der Seele
-wünschen, daß die beiden Leutchen sich vertragen, und einander das Leben
-nicht versalzen mögen.«
-
-Fabia lächelte ganz leise. Sie sprach: »Therese lässet ihre Lindigkeit
-kund werden Jedermann -- und das Küchenwesen war nie ihre Sache.« Der
-Administrator bemerkte still, wie seine schriftkundige Schwägerinn
-sich glimpflich auszudrücken wüßte, indem sie doch verständlich genug
-andeutete, daß Coquetterie und Mangel an Häuslichkeit, diese
-Fehler, welche sie so oft zum Aerger gereizt hatten, der ehelichen
-Glückseligkeit, von der die Rede war, schädlich werden könnten. Und wie
-in unbewußter Gewohnheit, sich Theresens anzunehmen, nahm er das Wort
-und sprach: »der Geist einer guten Ehe kann dessenungeachtet bestehen.
-Wie manche treffliche Speisemeisterinn kocht Gift, vergällt ihrem Manne
-jede Freude, und brät ihn am langsamen Feuer! --« »Ach!« entgegnete
-Veronica, schauernd bei dieser Vorstellung, mit einem kühlenden Seufzer,
-»Das kann ich mir schrecklich denken. Zwar in der Welt, sagt man -- soll
-es da oder dort so seyn. Die Frauen, hörte ich, trachten nach eitlen
-Dingen, sind fremd daheim und wissen nicht Bescheid, weder im eigenen
-Hause noch in der Herzenskammer des Mannes. Sogar die Kindlein -- wenn
-es nicht etwa böser Leumund redet -- sind ihren Müttern häufig eine
-Nebensache, und öfterer lästig als lieb.-- Ich bin nur eine Jungfrau --
-aber daß mein Geschlecht dahin entartet wäre, scheint mir kaum möglich.
-So darf man sich jedoch nicht wundern, wenn heut zu Tage so viele Männer
-die schönste Gelegenheit links liegen lassen, das göttliche Gestift des
-Ehestands aufheben und leider Gottes! ledig bleiben. Wenn unsere
-Frauen fleißiger den Himmel bauten: so würde sich seltner ein Stein des
-Anstoßes für das Heirathen finden.«
-
-Der Major ergriff die heilige Hand der Nonne, und drückte sie etwas
-derb, wenn auch mit Verehrung, indem er sprach: »Hoch hinaus wollen sie
-wohl; aber es wird ein Thurm zu Babel daraus, eine Sprachverwirrung
-ohne Gleichen. Wo eine Frau den Mann verstände: da wäre die Loosung: Ein
-Gott! Ein Herz! Eine Seele! Ein Glück und Ein Grab! -- Dem Himmel sey's
-geklagt! es lautet anders -- und tiefer besehen, denken sie nur an die
-Grube. -- _Sie_, Schwester Veronica, wollte ich heute noch ehelichen.
-Sie würden jeden Mann nicht allein glücklich gemacht haben, sondern auch
-_gut_.«
-
-Bei dieser Erklärung in Kürze erröthete Veronica durch die blasse Tünche
-des Alters so jungfräulich schön, als hätte dies rauhe Betasten ihrer
-zartesten Gefühle auf der feinen Zeichnung des Gesichts eine Spätrose
-abgerieben. Herr Prälat kam ihrer bescheidenen Antwort zuvor und sprach:
-»an den Motiven zur Ehe mag es zumeist liegen, daß so wenige Segen
-tragen. Auf welches Fundament werden sie gegründet? -- Ich erinnere
-mich, daß meine Tante vermittelst einer Karte, der einzigen
-französischen Leichtfertigkeit, die das plattdeutsche Pfarrhaus
-aufzuweisen hatte, die innersten Herzensgedanken jedes Bräutigams in
-der Gemeine heraus brachte, indem sie dabei ein Sprüchelchen im Munde
-führte, wovon ich nur den Anfang noch weiß: der Eine thuts um der
-Ducaten, der Andre um ein schön Gesicht -- wobei der Onkel, wenn er
-guter Laune war, die Reihenfolge unterbrach, und mit poetischer Freiheit
-darauf reimte: _gerathen_ -- _nicht!_ -- Zwölf Aussprüche enthielt dies
-psychologische Orakel. _Zwölf?_ lieber Gott! das sind falsche Apostel.
-Legion heißt ihre Zahl, und dann wäre der Einzige noch nicht darunter,
-auf den sich bauen läßt: _wahre Liebe_!«
-
-»Wahre Liebe!« wiederholte der alte Feldmeister, und es war, als ob das
-leise Spottlächeln, welches ihm auf der bärtigen Lippe schwebte, jenes
-Wort mit der Andacht des Gefühls ausgesprochen -- hohnneckte. »Es ist
-damit,« fuhr er fort, »wie mit dem alleinseligmachenden Glauben: wie
-Viele bekennen sich bloß äußerlich dazu, ohne diese göttliche Mutter des
-Heils im Geist und in der Wahrheit zu verehren. Die Mehrzahl der Männer
-besteht aus heimlichen Mohamedanern -- getaufte Weiber in Massen sind
-dem heidnischen Götzendienste zugethan; in der Ehe aber herrscht das
-Judenthum vor, und der Erlöser wird da tagtäglich gekreuziget, so daß
-ihm die Lust zur Auferstehung wohl vergehen mögte.«
-
-»Wer Sie so hörte, Herr Major,« entgegnete hierauf die Nonne, welcher es
-leise beängstigte, so oft ein religiöses Bild, behuf der Rede gebraucht
-ward, »der sollte glauben, Sie sprächen aus Erfahrung. Und doch weiß ich
-von guter Hand, welch ein friedliches Stillleben Sie mit Ihrer lieben
-seligen Frau geführt haben, wie man diese allgemein als eine
-ganz vortreffliche Dame gerühmt -- der Meriten ihres Ehemannes zu
-geschweigen.«
-
-Dieser verbindliche Ausfall auf den seinigen, womit Veronica weiblichen
-Sinnes sich erwiedernd zeigte, schien von niederschlagender Wirkung auf
-den Major zu seyn. Die Menschen an ihre Verdienste wie an ihre Verluste
-zu erinnern, erreicht fast immer den Zweck, sie aus den Vortheil des
-Angriffs in jene leidsame Stellung zu versetzen, die der Geschmeichelte
-wie der Gerührte unwillkürlich annimmt. -- Die buschigen Braunen des
-Majors zogen sich zusammen, und seine Augen wurden feucht; das sanfte
-Bild seliger Tage schwamm in seinem Blick. Mit schwankender Stimme
-antwortete er: »meinen Sie, Schwester Veronica, daß, wenn jene Erfahrung
-meine eigene wäre, ich sie ausgesprochen haben würde? -- Meine Frau war
-gut und brav, und als sie todt war, da merkte ich erst, wie sehr sie es
-gewesen. -- Doch deßhalb widerrufe ich kein Jota von dem Obigen. Gott
-besser's! es ist an der Zeit.«
-
-Es war auch an der Zeit, dies Gespräch zu enden. Fabia, verstimmt durch
-die Vertheidigung des Schwagers, die er der abwesenden Therese nicht
-minder als der gegenwärtigen angedeihen ließ, hatte kein Wort mehr
-gesagt. Ihr däuchte, sie hätte die Kosten dazu getragen. Sein Urtheil
-schien ihr eine Geringschätzung derjenigen Verdienstlichkeiten zu
-enthalten, in denen sie sich auszeichnete. Sie wünschte, er mögte einmal
-zu der Einsicht gelangen, wie hoch eine gute Wirthinn zu halten sey.
-Sollte dies jedoch geschehen: so mußte er die treue Fabia vermissen.
-Und indem der Major davon sprach, daß er die abgeschiedene Gattinn erst
-vollkommen gewürdiget, regte dies den Gedanken in ihr an, zu scheiden.
-Sie legte in gekränktem Geiste das Amt der Schlüssel nieder, und ahnete
-nicht, daß diese Handlung in der Idee der Wirklichkeit nur um einen
-leisen Schritt vorauseilte.
-
- * * * * *
-
-Noch immer hatte Gräfinn Albane sich entschieden geweigert, ihren Gemahl
-zu sprechen, weil sie sich die Kraft dazu nicht zutraute. Sylvius, der
-das Heil seiner Beruhigung daran zu knüpfen schien, daß seine Frau ihm
-angehöre, ließ nicht ab mit Dringen, und setzte alle Hülfsmittel in
-Bewegung. Fabiens Zureden schürte den Funken, der in der Asche glomm,
-worin Albane büßte -- und Josephinens rührende Fürsprache gewann endlich
-ihrem Vater die heißersehnte Gunst. Der Tod des Vaters hatte seine
-Tochter dergestalt erschüttert, daß sie glauben mogte, die heftige
-Bewegung, in welche die Zusammenkunft mit ihrem Gemahl sie versetzen
-mußte, werde drein gehen. Und so war der Entschluß dazu gleichsam ein
-Abschluß aller bisherigen Verhältnisse, und sogar erforderlich, um
-Josephinens willen.
-
-In der Stunde, worin die Gräfinn ihren Gemahl in Bühle erwartete, saß
-sie am offnen Fenster und allein, von jener säuselnden und summenden
-Frühlingsstille träumerisch umwebt, welche aus dem Schlaf des Herzens,
-aus seinem innersten Düster herauf, Gefühle der Vergangenheit beschwört.
-Als sie den Hufschlag seines Pferdes vernahm, stand der Schlag in ihrem
-Busen stille, und nicht dies Herz selbst, nur ein Seufzer flog ihm
-entgegen. Jetzt hörte sie seinen Schritt auf der Treppe -- sein
-Näherkommen -- Zeit und Erfahrung hatten mächtige Fortschritte gemacht,
-seit sie den Besuch ihres Gemahls zum letztenmale in Bonna empfangen:
-dennoch drang dieser vertraute Hall wie einst an ihre Seele, und keine
-Empfindung, über welche er sonst Macht geübt, konnte ihm entweichen. Er
-trat langsam ein, Albane zitterte heftig, unvermögend sich aufrecht zu
-erhalten. Sylvius blieb wie gefesselt und gebannt an der Thüre stehen,
-und warf einen unaussprechlichen Blick nach der geliebten Gestalt,
-welche sein gewesen war -- und eine weite wüste Welt lag zwischen ihnen.
-»Albane!« sagte er leise, und ein paar große Thränen rollten über seine
-Wangen, »bin ich Dir gar nichts mehr? --« O! welch ein Zauber liegt in
-der Stimme eines Menschen, der uns theuer ist oder war! -- Solch eine
-Stimme enthält den Schlüssel zu jedem Geheimniß der Harmonie, und kann,
-ob sie durch tausend Mißverhältnisse hindurch klänge, nie zu einem
-Mißlaut für die Seele werden, darin einmal ihr Echo wohnte. Sylvius
-hatte seinen Jahren voraus gealtert, und Der, den die Morgenröthe
-der Jugend einst zu den Göttern erhoben, zeigte sich gebeugt von
-menschlicher Schwachheit; aber die Stimme war ihm geblieben, mit der
-er die Geliebte einst bewegt, daß ihr unsterblicher Antheil der seine
-würde. --
-
-Die Gräfinn wendete sich nach ihm um, mit einem Lächeln der Verzeihung,
-der Abgeschiedenheit -- wenn wir so sagen dürfen; es war das
-geistigselige Lächeln eines Schattens, was auf ihren Lippen schwebte,
-die so wenig eines Lautes mächtig schienen, wie ein körperloses Wesen
-der Rede fähig seyn mag. Endlich entrang sie ihnen die Kraft dazu, und
-sprach mit bebendem Munde: »vielleicht, Sylvius, wäre es besser gewesen,
-wir hätten die _begrabene Liebe_ früherer Jahre ruhen lassen --; aber,
-da es einmal Dein Wunsch war, da Du meinst, es werde zu Deinem Frieden
-gereichen, daß Du mich sähest, so komm doch näher und laß uns freundlich
-zusammen sprechen!«
-
-Diese Antwort zerriß Romanas männliche Seele. Was ist das _Zürnen_ der
-Liebe gegen die stille Freundlichkeit der erkalteten! -- Wir bemerken
-dabei, wie es Albanen selbst in dieser Minute nicht möglich war, ihr
-Geschlecht zu verleugnen, und in den ersten Worten, die sie zu ihrem
-Manne sprach, seit sie ihn in den Armen einer Andern gesehen, etwas
-Anderes zu fassen, als jene Erinnerung.
-
-Sylvius verstand seine beleidigte Gattinn augenblicklich. Daß Albane
-jedoch ihrer Weiblichkeit ein Genüge leistete, ermannte ihn. Gefaßt
-entgegnete er nun: »ja, theure Albane! es ist die Bedingniß meines
-Fortlebens, und der Ruhe, welcher ich noch irgend theilhaft werden kann,
-daß ich Dir sage, auf welche Weise Du Zeuginn jener unseligen Scene
-geworden bist, in der Du mich betroffen. Du wirst mich dann vielleicht
-weniger schuldig finden, als Du wähntest, und mindestens -- wie Dein
-Gefühl auch entscheide -- mich bedauern müssen. Höre mich gutwillig an!«
-Hierauf erzählte Sylvius de Romana seine Geschichte mit Tony von Schütz,
-einfach und wahr. Er verschmähete, nach edelsinniger Art, Alles und
-Jedes, was jenem Verhältniß zur Beschönigung dienen können. -- Diese
-Mittheilung hatte nicht den Stoff, aber seine Kraft, ihn zu bewältigen,
-erschöpft; und so eilte er zum Schluß und sprach: »Du weißt nun Alles --
-und doch auch _Nichts_: denn ich kann Dir nur die _äußern_ Beziehungen
-nachweisen, die mich in jenes Netz verlockten. Gott aber, der es einst
-auflösen wird vor Deinem Blick, sieht ins Innerste, und weiß, daß ich
-Dich, das Weib meines Herzens! nur allein geliebt, und ewig lieben
-werde. Wäre es Dir nicht möglich, einen flüchtigen Augenblick zu
-vergessen, in welchem Du an mir zweifeltest? -- Dein Vater ist nun todt.
-Was hindert Dich noch, für den Rest unseres Daseyns mein zu seyn, zu der
-öffentlichen Rechtfertigung unseres geheimen Bündnisses, und -- lass'
-mich es hinzufügen: zu dem Glück unseres Kindes? --«
-
-Die Gräfinn athmete tief. Sie schüttelte leise den Kopf, lächelte
-weinend und verneinend und sprach: »der Himmel sey mein Zeuge! ich
-zürne Dir nicht. Auch müßte ich mich zuvor selbst anklagen, denn mein
-Wegbleiben gab Dich ja frei. Doch jedes Zurückgehen ist unmöglich,
-des griechischen Sängers Gattinn verschwand vor einem Rückblicke. Ein
-erstorbenes Gefühl läßt sich nicht wecken -- und jenes, mit welchem ich
-mich die Deinige wußte -- ist todt. Aber Deine Freundinn bin ich noch
--- Deine beste Freundinn! ja, Sylvius, die will ich immer bleiben.
-Mache kein so unglückliches Gesicht, Lieber! frage Dich selbst, ob
-wir verdient haben, mit einander glücklich zu seyn? -- Die Ehe ist ein
-Verhältniß der Heiligkeit, nicht aber der Heimlichkeit, und Gott
-ist gerecht. Nach seinem unerforschlichen Gesetz und Willen müssen
-Diejenigen ein Glück verschmähen, welche es sich anzueignen wagten, ohne
-höhere Befugniß, als die der Leidenschaft. -- Wir versöhnen den Himmel
-durch ein freiwilliges Opfer. So werden unsere Väter uns von dorther
-segnen; hier glaubten wir dieser Weihung entbehren zu können, als das
-Band der Stola uns zusammenfügte. Ich werde nach Bonna ziehen, Sylvius!
-in jenes Haus, worin Du gelebt hast, und mich geliebt -- mich allein.
-Still, mein Freund! ich glaube Dir. -- Der Majoratserbe überläßt mir das
-kleine Witthum, und diese Angelegenheit ist längst berichtiget. Gönne
-es mir auch, in Frieden einsam zu seyn, und die stille Freude _meiner_
-Liebe. -- Ich werde in Deinem Cabinet schlafen, an derselben Stelle, wo
-Dein Bett gestanden, und die alte Einrichtung wie zu den Zeiten Deines
-Vaters herzustellen suchen. So werde ich Deine Hausfrau seyn, ohne
-Gemahl -- wie ich Deine Gattinn war, ohne Dein Haus zu kennen. Ein Theil
-jener früheren süßen Täuschungen wird mir wiederkehren, der Traum
-Deiner Nähe wird mich begleiten und beglücken, und so werden meine Tage
-gleichmäßig hinrinnen, wie das Bächlein unter dem Kreuze, welches dort
-die Wache hält.«
-
-»Albane!« rief Sylvius mit heftigem, mit heißem Schmerz, »Du reißest mir
-mein Herz entzwei, und ich weiß nicht, ob gütiger als grausam? Vermag
-nichts, Dich zu bewegen, daß Du anderes Sinnes würdest?«
-
-»Du solltest dies nicht einmal wünschen, viel weniger fragen --«
-antwortete die Gräfinn bedeutsam. »Sieh es doch ein, mein Sylvius,
-es geschieht zu Deinem Besten, daß ich mich Deinem Wunsche weigere.
-Willigte ich in Dein Begehr, es thäte nimmer gut. Nur auf _jene_ Weise
-können wir vereint seyn -- sonst nicht. Sänke ich in Deinen Arm: ein
-Gespenst, Dir innig angeschmiegt, scheuchte mich zurück, und so oft ich
-die Ebereschen Früchte tragen sehe, würde mein Herz bluten.« -- Und Wer
-mögte sie zählen, die Tropfen Herzblut, welche bei dieser Erinnerung der
-tiefen Wunde entträufelten, die Albane geschlossen wähnte? -- Doch nur
-ihre abgehärmte Wange war geröthet, und hellblinkende Tropfen standen in
-ihren Augen. Sylvius empfand, obwohl durch die Verhärtung des
-Vorwurfs, etwas vom Zartgefühl dieses Wehes, und wie jene Stunde nimmer
-ausgelöscht werden könne. -- Und während eine unsichtbare Feder in der
-Canzlei seiner Gedanken diesen Ausspruch unterzeichnete, strebte er
-mit überredenden Worten noch dagegen an. Er erinnerte seine Frau an
-Josephine, und wie das Verhältniß des Mädchens sich bei dem Zwiespalt
-der Eltern nun gestalten solle? --
-
-»Sieh!« antwortete die Gräfinn mit nachsinnender Miene, »auch die Mutter
-muß büßen, was sie gegen ihre Pflicht als Tochter gefehlt. Es ist als
-ob das liebe Kind mir nicht angehörte. Nur was man selbst gebildet hat,
-daran glaubt man ein Recht zu haben. -- Josephine scheint sich im Stift
-sehr glücklich zu fühlen, so könnte sie zunächst unter Deiner Aufsicht
-dort bleiben. Noch bin ich durch die verhängnißvolle letztere Zeit zu
-befangen, als daß ich sogleich das Beste ausfinden könnte; aber Gott
-wird Alles zum Guten leiten! --«
-
-»Wenn Du auf diese Weise am Ende bist --« entgegnete Sylvius, »so dürfte
-meines Bleibens in Sanct Capella nicht mehr lange seyn, und ich
-ziehe noch einmal von hinnen. Ruhe zu erwerben, hoffe ich nicht; aber
-vielleicht eine Ruhestätte. Du erwartest vom Zufall, er solle sich
-Josephinens annehmen, da Du selbst das natürlichste Glück abweisest?« --
-Die Gräfinn schwieg, und antwortete nur mit einem schmerzlichen Lächeln.
-Dann sagte sie: »ich liebe Josephinens Glück mehr als das meine --
-_darin_ fühle ich mich wenigstens als Mutter.«
-
-Ohne daß Beide es merkten, verlängerte sich dies Gespräch bis in den
-dämmernden Abend hinein. Jetzt stand Sylvius auf. Es war Albanen,
-als sollte sie ihn halten, so hatten sich während ihres trauten
-Zusammenseyns abgerissene Fäden aus dem Gewebe ehemaliger Beziehungen
-leise wieder angeknüpft: denn der Geist der Liebe -- auch einer
-abgeschiedenen -- webt geschäftig.
-
-»Es wird mir nicht leicht, zu scheiden --« sagte Romana mit einem Ton,
-der diese Versicherung beglaubigte, »meine Füße sind wie Blei, und
-versagen mir ihren Dienst -- und das Herz ist mir noch schwerer. Darf
-ich Dich wiedersehen, Albane?« Er sah sie dunklen Blickes an.
-
-Das Auge der Gräfinn glänzte, ein Sonnenschein verschwundener Tage war
-darin; ein Strahl von Freude drang tief in Sylvius Herz. Sie antwortete:
-»wenn es Dich trösten mag --: so sollst Du mir willkommen seyn.« Darauf
-faßte er ihre zarte Hand, woran kein Trauring blinkte -- er ergriff sein
-einstmaliges Eigenthum so furchtsam, wenn auch innig, wie man die letzte
-Hoffnung zu fassen wagt, und fühlte einen leisen Druck der seinigen.
-Dieser elastische Druck hob mit überirdischer Federkraft den Stein von
-seinem Herzen, von der Thür der begrabenen Liebe -- und ein Engel des
-Trostes, mit Flügeln, sich zum Himmel seiner Heimath aufzuschwingen,
-ging daraus hervor.
-
- * * * * *
-
-Der Administrator stand in vollem Anzuge vor dem Spiegel. Er wollte nach
-Bühle hinüber fahren, und der Gräfinn seine Aufwartung machen, deren
-Schicksal mit dem der Seinen in wundersamer Verbindung zu stehen schien.
-Vielleicht hätte das Interesse für diese Bekanntschaft ihm dennoch Zeit
-gegönnt; aber das Verlangen drängte ihn, Josephine wieder zu sehen. Das
-Zimmer war voll Sonnenglanz -- Herr Prälat aber blickte auf keine Weise
-verblendet, die schöne männliche Gestalt musternd an, welche auch ein
-mäßiger Grad von Selbstgefälligkeit tadellos gefunden haben würde.
-Er schaute vielmehr über aller Welt Eitelkeit hinaus, sich selbst so
-forschend ins Auge, als sollte ihm in diesem Spiegel der Seele die
-Wahrheit eine Gestalt gewinnen -- und seine Finger knitterten noch an
-den Fältchen der feinen Halsbinde, während er gleichgültig dazu aussah,
-und gleichsam unbewußt der verbessernden Mühe, die er sich gab, nur an
-die Falten seines Herzens dachte. Er stand so ernst dabei wie auf dem
-Katheder. -- Doch plötzlich schien unser Professor der Psychologie sein
-Studium zu wechseln, daran zu erkennen, daß er die Farbe wechselte, und
-daß ein so entzücktes Lächeln in seinem Gesicht aufging, als ob er einen
-Stern aufgehen sähe. Und wirklich war dem so. Die Thüre ging auf, und im
-Hintergrunde des Spiegels -- als hätte, Der hinein sah, eben eine Frage
-an den Himmel gerichtet -- erschien ein zauberhaftes Bild. Vor diesem
-Glanz jugendlicher Schönheit, erhöht durch einen Schimmer überirdischer
-Freude, den die Trauer nur wie ein Wölkchen umdüsterte -- verschwand
-Alles.
-
-»Josephine! mein einzig Mädchen!« rief der Administrator mit dem hellen
-Laut wonniger Ueberraschung, »wo kommst Du her? eben wollte ich nach
-Bühle.«
-
-Sie lag in seinen umschlingenden Armen, ihr Herz schlug an dem seinen
--- und onkelhaft dreist küßte er die süßen Lippen. -- Dieser Kuß -- die
-glückselige Innigkeit dieses Moments, beraubte das Mädchen der Sprache.
-»Ach! könnte ich Dir doch nur meine Freude aussagen, daß ich wieder hier
-bin!« sagte sie mit einer Stimme, die diesem Wunsche entsprach, »Seit
-ich wußte, daß Du da bist, Onkelchen, hatte ich keine Ruhe mehr. Ich
-quälte die Mutter -- sie sagte, es schicke sich nicht. Dies Wort wollte
-mir nicht zu Sinne. Ich bin ja das Kind des Hauses -- sagte ich -- da
-mußte sie endlich meinen Bitten nachgeben.«
-
-Herr Prälat lächelte begeistert. »Du Herzenskind!« sagte er gerührt.
-»Also hält die Gräfinn doch so viel auf Anstand?« Man glaube nicht, daß
-in dieser Frage der mindeste Vorwurf für die arme Albane lag. Nein! nur
-eine leise Verwunderung, daß bei dem einsamsten Unglück noch dieser Sinn
-für das Schickliche gefunden würde.
-
-»Nun, so ist es mir lieb,« setzte er schnell hinzu, »daß ich nicht
-zögern wollen, mich ihr vorzustellen. Du siehst, ich bin darnach
-angethan -- nur mit der Halsbinde konnte ich wie gewöhnlich nicht
-zurecht kommen.«
-
-»Das sehe ich!« sagte Josephine lachend, und schickte sich an,
-nachzuhelfen. »Es ist nicht allzuschön gerathen. Dieser Zipfel hier,
-nimm es mir nicht übel! sieht so pedantisch aus, wie die Schlafmütze des
-ehrwürdigen Ludimagister in Leidthal. -- Ist es denn so schwer, solch
-ein Knötchen zu knüpfen?«
-
-Aurorens Rosenfinger verbreiteten keine lieblichere Helle, als das
-Licht, welches dem Administrator während dieser verfänglichen Minute
-aufging. Sie standen wie ein trautes Ehepaar. Er hatte seine Hände an
-Josephinens schlanken Leib gelegt, die schwarzen Bänder ihres Hutes
-bewegten sich unter _seinen_ tiefen Odemzügen -- _ihr_ Athem spielte
-fühlbar wie ein laues Lüftchen, und immer wärmer wurde ihm ums Herz. Er
-ließ sie zierlich gewähren, und verhielt sich schweigsam und lauschend.
-
-Die magische Schleife war nun geschürzt -- legen die Grazien jemals eine
-Cravatten-Fabrik an: so wird man das Modell dazu finden. --
-
-»Auf _bindende_ Künste --« äußerte Herr Prälat etwas gepreßt, »versteht
-Dein Geschlecht sich schon am Besten. Josephine!« er hob das Mädchen zu
-sich empor, »überhebe mich künftig dieser Mühe -- heirathe mich, liebe,
-theure Seele! --«
-
-»Onkel!« rief Josephine, und machte sich von ihm los. Ihre jungfräuliche
-Wange glühte zwischen Schaam und Zürnen. Sie hielt diese Sprache für
-einen Scherz.
-
-»Ich bin Dein Onkel nicht!« entgegnete Jener heftig, »diesen
-Titular-Verwandten hat Dir Fabia aufgedrungen, um den Unterschied
-unserer Jahre durch gehörigen Respekt hervorzuheben. Aber Dein Mann kann
-ich werden, wenn ich Dir anstehe, Du mein Liebstes! -- Ich dachte immer,
-Du wärst mir gut -- so könnten wir zusammen bleiben, lebenslang -- und
-Alles bliebe beim Alten.«
-
-Da lag das Mädchen an seiner Brust und stammelte: »wenn es wahr wäre --
-o Gott im Himmel!«
-
-»Es ist wahr!« wiederholte der Administrator im gefühltesten Entzücken
-dieser Versicherung, und drückte das holde hingebende Wesen innigst an
-sich, »ich liebe Dich redlich, Josephine! und will Dein bester Freund
-auf Erden seyn. Doch frage Dein Herz! ich möchte es nicht räuberisch an
-mich reißen, aus freier Wahl sollst Du es mir schenken -- oder versagen.
-Wer weiß, ob ich Dir nicht zu ernst bin, zu kränklich -- oder was Du
-sonst an mir etwa auszusetzen hättest. Mir hast Du nur Einen Fehler,
-meine süße Kleine! -- Du bist noch sehr jung -- aber ich finde Dich
-gewachsen. --« Er lächelte wie ein Liebender, indem er den schlanken
-Wuchs des Mädchens mit einem langen Blicke maß -- »nicht nur wirklich
-ein Stückchen, seit ich Dich nicht gesehen, sondern überhaupt allen
-Forderungen und Wünschen an meine künftige Frau völlig gewachsen.«
-
-In reizender Verwirrung antwortete Josephine: »es mag vielleicht
-geziemend seyn, daß ein Mädchen an sich hält: ich gebe Dir mein Ja
-ohne Weiteres. Wen könnte ich lieber haben? -- Alle meine Wünsche sind
-erfüllt. In diesem Augenblicke weiß ich es erst ganz, wie unglücklich
-ich geworden wäre, wenn ich Dich und dieses geliebte Haus auf immer
-verlassen müssen! Jetzt bin ich Dein! --« Sie warf sich mit dem Ausdruck
-der liebevollsten Hingebung in seine Arme. -- Er umpfing sie jauchzend,
-und der Spiegel verdoppelte ein Bündniß, magisch geschlungen, in dem
-einfachen Glück der Herzenseinigung, dem einzigen, was es auf Erden wie
-im Himmel giebt. --
-
-Beide hatten in diesen seligen Minuten weder an die Gräfinn, noch an
-Fabia, oder Sylvius gedacht, die doch auch ein Wörtchen dazu sagen
-könnten. Es giebt einen Instinkt der Ahnung für unser Geschlecht,
-welcher uns einem unwillkommnen Vertrauen entrinnen läßt, wenn es unser
-Herz etwa wie ein Pfeil treffen könnte. -- Auch Frau Fabia entrann auf
-leiser aber sicherer Spur Dem, was ihr Schwager ihr zu sagen hatte.
-Josephine flüchtete mit ihrem Glück in das Betstübchen der Nonne, und
-legte das Bekenntniß desselben auf diesem jungfräulichen Hausaltare
-nieder. -- Sylvius war nicht daheim. Zeitiger, als es nöthig gewesen,
-brach Josephine auf, und der Administrator begleitete sie. »Hätte ich
-doch nicht geglaubt,« sagte das Mädchen mit jener Traulichkeit, in
-welcher auch die schüchternste Verlobte sich dem ausschließendsten
-Vertrauen annähert, woran der Geliebte ein Recht hat, »daß ich einmal
-Gott danken würde, von Sanct Capella weg zu kommen, und heute ist mir
-so. Ich konnte kein Auge aufschlagen -- Fabia hat mir die heimliche
-Braut ansehen müssen. Lieber! versäume doch ja nicht, sobald als möglich
-mit ihr zu sprechen. Ich thue es bei der Mutter, und davor bangt mir
-weniger.«
-
-»Meinst Du,« fragte Herr Prälat, »der bürgerliche Eidam werde der
-Gräfinn genehm seyn? -- wenn diese Hoffnung nur nicht allzukindlich ist,
-Josephine! --«
-
-Das Mädchen kopfschüttelte zu diesem Zweifel und sprach: »Du kennst
-die Mutter nicht, mein Freund! -- Sie ist so gänzlich ohne Anspruch und
-Eigensucht -- Fabia hingegen --« Josephine flüsterte diese Worte, »neigt
-ein wenig zur _Eifersucht_, und es ist eine ganz andere Zuversicht, die
-ich zu Jener habe als zu dieser. Ewig werde ich Fabien dankbar seyn:
-denn sie hat mich treu erzogen, und ohne sie wäre ich nimmer nach Sanct
-Capella gekommen; aber das Blut aus meinen Adern wollte ich verströmen,
-daß ich die theure Albane nur einmal lächeln sähe.«
-
-Der Administrator entdeckte noch an demselben Abend auf einem einsamen
-Spaziergange dem Freunde sein Herz. Sylvius nannte sich seinen größten
-Schuldner, und gab ihm damit das gelegene Wort zur Hand.
-
-»Wir könnten sehr bald mehr als quitt werden --« gab ihm jener zur
-Antwort, »Du nahmst mir einmal die Braut -- gieb mir Deine Tochter
-zur Frau: so bin ich nicht mehr Dein Gläubiger, sondern schulde Dir
-zwiefach.«
-
-»Wenn dies Dein Ernst ist --« entgegnete Herr de Romana, »so nimmst Du
-einen Kummer von meinem Herzen, und Niemand kann bei diesem Interesse
-des Deinigen froher betheiliget seyn, als ich. Es ist mir eine Sorge
-gewesen, das Mädchen werde die Jugend hinkümmern, bei der traurigen
-Mutter, und mit all seiner Liebenswürdigkeit der Bestimmung des
-Geschlechts verloren gehen. Was wird aber Albane dazu sagen? und bist Du
-Josephinens Neigung auch gewiß?«
-
-»Ich denke doch!« antwortete der Bräutigam lächelnd, »so gewiß man
-irgend einer weiblichen Neigung seyn kann. --« Ein leiser Seufzer
-verwebte sich dieser bedingten Voraussetzung.
-
-»Auch hoffe ich,« setzte er hinzu, »das Kloster werde mich schützen, das
-Invalidencorps -- und endlich die fromme Veronica. Wisse! ein Engel der
-Treue wohnt in der Nonne, und wird, wenn diese seine kleine Herberge
-einst zusammenbricht, den Ort nicht verlassen, den er so lange heimlich
-gesegnet. -- Sieh, Freund! ich habe Zeit gehabt, reiflich darüber
-nachzudenken, welche Eigenschaften der Frau einen Mann vor allen
-glücklich machen können, und da ist denn bei meinem Denken und Sinnen
-nur jener Satz heraus gekommen, den ich mir gemerkt: daß sich auf der
-Erde in jedem Beisammenleben der Kopf erschöpft, Witz und Phantasie und
-Verstand, nur aber nie ein gutes Herz, das eine ewige Quelle ist.«
-
-Romana schwieg, und sein Freund fuhr nach einer Weile fort: »aus welchen
-wunderbaren Stoffen besteht eine einzige Mischung, die wir Liebe
-nennen! glaubst Du wohl, Sylvius, daß jene sympathetische Regungen
-der Freundschaft für Dich, nur zarter -- mich zuerst an das Mädchen
-knüpften? die magnetische Kette der Gefühle, wie weit auch angelegt,
-läßt uns empfinden, wo unser Herz stark berührt war. Was mich ferner
-mit zärtlicher Innigkeit für das Mädchen erfüllt, ist nicht die holde
-Bildung allein, sondern auch der Einfluß ihrer Bildnerinnen. Darunter
-dürfte Fabiens der bedeutendste gewesen seyn, und Fabia ist mir doch
-sehr achtungswerth.«
-
-»Und das mit Recht --« erwiederte Sylvius. »Sie gehört meines Erachtens
-zu den unerkannten Größen. Ihr Charakter, nur etwas zu schroff für eine
-Frau, ist ein Fels für das Vertrauen. Ich schätze Fabia sehr hoch.«
-
-Der folgende Morgen war schon weit vorgerückt, ohne daß Herr Prälat
-einen Augenblick finden können, in welchem seine Schwägerinn zu sprechen
-wäre. Frau Fabia schien von kleinen geschäftigen Sorgen umringt, so daß
-sein Vertrauen nicht Raum gewann; eine finstere Zerstreuung in ihrer
-Miene ließ ihn den heitern Muth nicht sammeln, mit ihr über eine Sache
-zu reden, die ihm mehr am Herzen lag, als was zu Nutz und Frommen seiner
-Häuslichkeit geschehen mögte. Ihr Blick sogar war vermeidend -- und wich
-ihm aus. Endlich haschte er den günstigen Moment und sprach: »gönne mir
-ein paar Minuten, Fabia! ich habe Dir etwas Dringendes zu sagen.«
-
-Fabia machte ihre Hand, welche er sanft gefaßt hatte, leise los, setzte
-sich nieder, jedoch mit jener Art, die es deutlich macht, daß man sich
-nur auf flüchtiges Verweilen einlassen könne und wolle, und sagte: »nun,
-so lasse doch hören, wie _dringend_ das sey, was ich vernehmen soll.«
-
-Der Administrator war um seine Fassung zu dem Vortrage, er wußte nicht
-wie? -- Er antwortete mit merklicher Verlegenheit: »Deine Stimmung
-Fabia, ist meinem Wunsch nicht freundlich, und wirkt auf mich zurück.
-Ich wollte Dir eben eröffnen, daß ich -- daß Josephine --« Fabia
-lächelte, ihre Gesichtsfarbe war blässer als gewöhnlich. Sie sprach:
-»das käme zu spät, Freund -- die Gräfinn hat mir diesen Morgen
-geschrieben, daß Du ihrer Tochter den Antrag zur Heirath gemacht. Sie
-giebt Dir ihre Einwilligung; ich aber habe nichts zu geben, als den
-Wunsch, daß der Herr Alles wohl gelingen lasse!« Und während Fabia
-diese Worte sagte, zerrann ihre Stimme und das Lächeln ihres Mundes in
-Wehmuth, in _Wermuth_ -- und ihr Schwager, erstaunt über die Taubenpost
-der weiblichen Mittheilung, fühlte ein heißes bitteres Aufwallen in
-seinem Herzen, über das er nicht ganz klar werden konnte. Er nahm
-noch einmal ihre Hand in die seinige und sagte mit ergreifenderem
-Ton: »Fabia, es scheint, Du zürnest mir. Glaube nicht, daß ich Dir
-zurückhaltend eine Absicht verschwiegen -- ich bin mir keiner bewußt
-gewesen. Der Gedanke war nur ein Blitz, in welchem mir einleuchtete,
-Josephine werde als mein Weib mich glücklich machen. Und wenn diese
-Hoffnung wirklich wird, Wem werde ich es verdanken als Dir? Du hast das
-Mädchen erzogen. Dein frommer, fester Geist wird fortwirken zu meinem
-Glück. Ich denke, wir wollen freundlich zusammen leben -- nicht? --«
-
-Fabia sah ihn verdunkelten Auges an. »Nein, Bruder!« antwortete sie mit
-jener Besänftigung und Ruhe, die nur der Selbstgewißheit angehört: »das
-würde nimmer gut thun. Das taugt nichts -- würde der Major sagen --«
-Fabia lächelte bei diesen Worten noch einmal, und zwar sehr schmerzlich.
-»Darum entlasse mich, Lieber! ich lasse Dir dafür meinen besten Segen.
--- Jenes Geheimniß, was mich unter Deinen Schutz stellte, ist gelös't --
-Was sollte Dich hinfort noch an mich binden? -- Dein Herz hat an Einer
-Pflicht genug, und diese umfaßt der Trauring. Ich werde mit der Gräfinn
-ziehen. Die arme Albane wäre ja sonst ganz verlassen, und es ist billig,
-daß ein treues Gemüth ihr vergelte, was sie an dem Vater gethan. Der
-Herr hat den Willen dazu mir in den Sinn gegeben.«
-
-Der Administrator stand stumm und sah zu Boden.
-
-Fabia fuhr nach einer kleinen Pause mit steigender Bewegung fort: »wir
-wollen nach Bonna. Dort hat die Gräfinn einen Wittwensitz, den sie
-schwerlich tauschen mögte um einen Thron, das Vaterhaus ihres Gemahls,
-Heiland genannt. Dort ist mein Platz. _Hier_ würde ich überflüssig seyn,
-das macht alt vor der Zeit. Die Heimath aber giebt auch in späten Tagen
-einen Theil der Jugend zurück. Ich werde die Wohnung meiner guten Eltern
-wiedersehen, und jener harmlosen Zeit gedenken, wo ich darin glücklich
-war. Ich werde in der Nähe ihrer Gräber leben -- und den Garten des
-südlichen Daches pflegen, den der selige Oberförster Romana angelegt
--- die Sonne mag jetzt wohl eine Wüste darauf bescheinen. -- Ich bin
-alsdann -- Du weißt es -- an geeigneter Stelle, und gleichsam wie auf
-meines Zions Zinnen.«
-
-»Fabia!« antwortete ihr Schwager von einer seltsamen Rührung bewältiget,
-»besinne Dich anders -- bleibe bei mir! es wird sich für die Gräfinn ein
-Ausweg treffen lassen. Du bist mir nothwendig geworden, Du gehörst zu
-meinem Glück. Auch ist Josephine noch so jung und unerfahren, als daß
-sie Deines Rathes nicht wohl entbehren könnte.«
-
-»Sie hat _Dich_!« entgegnete Fabia mit einem Nachdruck, der alles
-Weitere behob, »und also den Rath und den Helfer dazu. Und was
-wirthschaftliche Leistungen anbelangt, darauf legst Du ja so wenig.«
-
-Auch Fabia, meine Leserinnen, war eine _Frau_, und nur ein weiblicher
-Engel würde es verschmäht haben, ein verkanntes Verdienst geltend zu
-machen. Es ist eine göttliche Sphäre, allwo der Ruhm verschwindet, den
-wir vor den Menschen haben und vor uns selbst. Wir aber leben auf
-der mängelvollen Erde, niedergehalten von dem Bedürfniß menschlicher
-Schwachheit. Das alte Lied des Lebens singt uns in _getragenen_ Tönen
-ein. Es war nur ein Aufschwung unterdrückten Gefühls, in welchem Fabia
-sich im Geist ihrer Sinnesweise zu erheben glaubte.
-
-Der Administrator dachte beklommen dem Entschluß seiner Schwägerinn
-nach, denn es fiel ihm in Wahrheit schwer, sie künftig zu vermissen.
-Seine brüderliche Freundschaft für die getreue Fabia ließ ihn nicht
-ergründen, aus welchen Ursachen sie so fest auf dem Abschied beharre.
-
-Es giebt nur Einen Dietrich, dem kein Aufschluß widersteht, der sich
-ohne Schwierigkeit in den Besitz der geheimsten Gedanken setzt. -- Die
-Geheimnisse der Seele liegen unter magischem Schutz, und nur durch ihn
-selbst können sie beschworen werden. --
-
-Freilich sah Herr Prälat ein, daß Fabia, im Ganzen genommen, Recht
-hätte, daß ihre häusliche Unfehlbarkeit, Josephinens schüchternen
-Versuchen, als Hausfrau für sich allein zu stehen, hinderlich seyn
-würde; daß die Gräfinn Jemandes bedürfe, der mit zarter achtsamer Sorge
-um sie sey -- und wie es in der religiösen Bußfertigkeit von Fabiens
-Character liege, sich selbst zur Sühne zu geben, für das Unrecht, was
-Dieser geschehen; -- aber dennoch gestaltete sich dies Verhältniß nicht
-nach seinem Wunsch, und es war ein Zwiespalt in seinem Herzen, als ob
-eine Flamme sich trenne. --
-
-Frau Fabia nahm sich zusammen, auf daß sie ein achtungsvolles Gedenken
-mit hinweg nähme. Sie ordnete alles mit Umsicht, und stimmte nicht
-dafür, daß die Hochzeit weithin aufgeschoben würde. -- Aus der Ferne
-kamen Briefe, welche den Zeitpunkt von Theresens zweiter Verbindung um
-nicht viel später anberaumten. Dann wollten die Neuvermählten im Herbst
-zum Besuch nach Sanct Capella kommen. Major Feldmeister verjüngte sich
-vor Vergnügen. Er hätte sich beinahe von seinem Sprichwort entwöhnt,
-denn er fand gut, wie das Schicksal seiner Freunde sich gewendet hatte,
-und -- Alles taugte ihm. --
-
-Hauptmann Moorhausen sprach von einem Urlaub über Winter. Vielleicht
-wollte er im gigantischen Eise seines Gutes die Schaamröthe abkühlen,
-womit er der Ehewerbung gedachte, und in diesem zersprungenen
-Weltspiegel nur ein Bild schauen, wie der Krystallpallast seines
-Wunsches, aus dem Frost des Alters erbaut, zu Wasser geworden wäre. --
-
-Den Tag vor der Hochzeit brachte Fabia ihr Haushaltungsbuch ihrem
-Schwager, ihm Rechnung abzulegen; zu gleicher Zeit entledigte sie sich
-des Amtes der Schlüssel. Die Redlichkeit, womit sie beides geführt, gab
-diesem kleinen Act etwas Feierliches.
-
-»Fabia!« sagte der Administrator gerührt, »wollte Gott! mein Facit wäre
-einst dem Deinen gleich, und wir Alle könnten in der Rechnung bestehen,
-wie Du! -- Wie treu hat Deine liebe Hand auf meinem Nutzen gesehen!
-der Himmel möge Dich dafür belohnen!« Er küßte die nützliche Rechte mit
-einer größeren Wärme als der Dankbarkeit -- und diese zuverlässige Hand
-zitterte ein wenig. --
-
-Am Morgen der Trauung -- Josephine war nur wenige Tage vorher von
-Bühle nach dem Stift zurückgekehrt -- brachte Schwester Veronica ihrem
-Liebling den Brautkranz. Sie waren allein. Mit zitternder Stimme sagte
-sie: »Josephine! mein theures Kind! hier bringe ich Dir den Kranz, von
-_meinen_ Händen sollst Du ihn empfangen.« Das zarteste jungfräuliche
-Bewußtseyn lag in diesen Worten. »Und indem ich Dir ihn aufsetze --«
-die Nonne that es mit leisem Beben, »ist es mir, als würde mein liebes
-Kloster mir wieder eingesetzt. Liebe und Treue sind doch Altäre, die
-der Himmel aufrecht hält! -- Als ich im Frühling die Zweiglein von der
-Myrthe schnitt, zu dem Todtenkränzchen für die kleine Julie, und Perlen
-dazu fädelte: wenn mir das der Baum damals gesagt hätte! -- Auch in
-diesen habe ich Perlen geflochten, Freudenperlen! Segensthränen! trage
-ihn zu lebenslänglichem Glück! die Krone der Unschuld, die Dir Dein
-Engel reicht, _die_ trägst Du ewig! -- Heute fühle ich wieder wie groß
-Gott ist! wie gut! -- Ich bin Jungfrau, und Dein bräutlicher Anblick
-läßt mich das Entzücken einer Mutter empfinden. Ich werde nun nicht
-einsam sterben; Du, geliebtes Kind, wirst mir meine Augen schließen --
-und dann den Ring erben.«
-
-Josephine umschlang die Nonne, und drückte schon jetzt, sanft küssend,
-die weinenden zu, das heilige Vermächtniß zu besiegeln. Sie war eine
-Erbinn dieses Herzens und seines Friedens.
-
-
-
-
-[ Hinweise zur Transkription
-
-
-Das Originalbuch ist in Frakturschrift gedruckt. In dieser
-Transkription werden _gesperrt_ gesetzte Schrift sowie Textanteile in
-=Antiqua-Schrift= hervorgehoben.
-
-Der Text des Originalbuches wurde grundsätzlich beibehalten,
-einschließlich uneinheitlicher Schreibweisen wie beispielsweise
-"irdisch" -- "irrdisch", "ist's" -- "ists", "Lieutenant" -- "Lieutnant",
-"Obristin" -- "Obristinn",
-
-mit folgenden Ausnahmen,
-
- Seite 6:
- "Aufsicht" geändert in "Aussicht"
- (ohne Aussicht auf eine andere Versorgung)
-
- Seite 18:
- "nnd" geändert in "und"
- (und fragte ihn um seine Meinung)
-
- Seite 19:
- "«" hinter "Freundes." entfernt
- (und Romana lag in den Armen seines Freundes.)
-
- Seite 26:
- "Gemeine" geändert in "Gemeinde"
- (Anhänger einer frommen Gemeinde geworden sey)
-
- Seite 26:
- "geretttet" geändert in "gerettet"
- (auf beinahe übernatürliche Weise gerettet worden)
-
- Seite 59:
- "»" eingefügt
- (»doch diese Frage ist wohl vom Ueberfluß)
-
- Seite 64:
- "erinnnere" geändert in "erinnere"
- (an den ich mich aus vergangener Zeit erinnere)
-
- Seite 66:
- "«," geändert in ",«"
- (»Entlassen Sie mich --,« bat Albane)
-
- Seite 79:
- "Famile" geändert in "Familie"
- (Juwelen der gräflich Frankensternschen Familie liegen darin)
-
- Seite 84:
- "entsinnnen" geändert in "entsinnen"
- (jenes schrecklichen Abends noch ganz genau zu entsinnen)
-
- Seite 86:
- "«" eingefügt
- (Mein Herr und Heiland!«)
-
- Seite 90:
- "Übersättigung" geändert in "Uebersättigung"
- (Vielleicht hatte eine gewisse Uebersättigung)
-
- Seite 103:
- "»" vor "regieren" entfernt
- (regieren gestrenge Herren nicht lange)
-
- Seite 103:
- "»" eingefügt
- (»Des Abends waren wir zusammen)
-
- Seite 104:
- "«," geändert in ",«"
- (»Nicht immer --,« antwortete sie halblaut)
-
- Seite 112:
- "»" eingefügt
- (»Du bist nun auch eine Wittwe)
-
- Seite 126:
- "«," geändert in ",«"
- (»Ich glaube Ihnen --,« sagte Rudolph bewältigt)
-
- Seite 128:
- "»" eingefügt
- (»heute noch! sogleich)
-
- Seite 133:
- "«," geändert in ",«"
- (Sie werden --,« dies setzte der Lieutnant)
-
- Seite 134:
- "." eingefügt
- (dem Vorschlag ihres Freundes geneigt zu machen.)
-
- Seite 135:
- "Blaßbau" geändert in "Blaßblau"
- (mischte das Blaßblau eines fernen Amphitheaters von Bergen)
-
- Seite 138:
- "Vei" geändert in "Bei"
- (Bei einem Bug der Straße öffnete sich die Aussicht)
-
- Seite 142:
- "gefordet" geändert in "gefordert"
- (nichts von der jungen Frau gefordert ward)
-
- Seite 151:
- "»" eingefügt
- (»Noch ist die Mutter betäubt)
-
- Seite 163:
- "«" eingefügt
- (Deine --«)
-
- Seite 170:
- "," geändert in "."
- (Josephine scheint ein Engel.)
-
- Seite 171:
- "anwortete" geändert in "antwortete"
- (Die fromme Fabia antwortete)
-
- Seite 172:
- "Borna" geändert in "Bonna"
- (den Tag vor ihrer Abreise von Bonna)
-
- Seite 174:
- "sie" geändert in "Sie"
- (doch werden Sie zugeben, daß jenes Depot geeignet war)
-
- Seite 175:
- "»" eingefügt
- (»hätte ich diesen Schlüssel wohl so nahe)
-
- Seite 196:
- "Batrachtungen" geändert in "Betrachtungen"
- (In Folge dieser Betrachtungen sagte er)
-
- Seite 202:
- "geschwisterliche" geändert in "geschwisterlichen"
- (riß bei dieser geschwisterlichen Beziehung ab)
-
- Seite 202:
- "Thereseu" geändert in "Theresen"
- (Was soll nun aus Theresen werden?)
-
- Seite 202:
- "«" eingefügt
- (Ich glaube, gute Fabia,«)
-
- Seite 202:
- "dem" geändert in "den"
- (Er schloß mit den Worten)
-
- Seite 205:
- "des" eingefügt
- (giebt jedoch einen Zustand des Leibes und der Seele)
-
- Seite 206:
- "Offfziere" geändert in "Offiziere"
- (Die Offiziere in Corpore kamen, um dem Administrator)
-
- Seite 208:
- "das" geändert in "daß"
- (Aber eben so gewiß ist es, daß jenes schöpferische Genie)
-
- Seite 213:
- "»" eingefügt
- (»Mir ist wahrhaftig in Gott)
-
- Seite 242:
- "öffentlilichen" geändert in "öffentlichen"
- (zu der öffentlichen Rechtfertigung unseres geheimen Bündnisses)]
-
-
-
-
-
-
-
-End of the Project Gutenberg EBook of Die Schwägerinnen. Zweiter Theil., by
-Henriette Hanke
-
-*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DIE SCHWÄGERINNEN. ZWEITER THEIL. ***
-
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-</style>
-</head>
-
-<body>
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-
-<pre>
-
-Project Gutenberg's Die Schwägerinnen. Zweiter Theil., by Henriette Hanke
-
-This eBook is for the use of anyone anywhere in the United States and most
-other parts of the world at no cost and with almost no restrictions
-whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it under the terms of
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-
-
-
-Title: Die Schwägerinnen. Zweiter Theil.
-
-Author: Henriette Hanke
-
-Release Date: October 4, 2015 [EBook #50128]
-
-Language: German
-
-Character set encoding: ISO-8859-1
-
-*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DIE SCHWÄGERINNEN. ZWEITER THEIL. ***
-
-
-
-
-Produced by The Online Distributed Proofreading Team at
-http://www.pgdp.net (This file was produced from images
-generously made available by The Internet Archive)
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-</pre>
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-
-<h1>Die Schwägerinnen.</h1>
-
-<p class="ce mt2 lh2">Roman<br />
-von<br />
-<span class="fsxl">Henriette Hanke</span><br />
-geb. Arndt.</p>
-
-<p class="ce mt2 mb2 fsl">Zweiter Theil.</p>
-
-<div class="mw24">
-<div class="poetry-container">
- <div class="poetry">
- <div class="stanza">
- <div class="verse">&emsp;Ist die Natur nicht mit dem Glück im Bunde,</div>
- <div class="verse">Dann kommt sie übel fort, wie jede Saat,</div>
- <div class="verse">Die man gesäet auf fremdem falschen Grunde.</div>
- <div class="verse-right"><em class="ge">Dante Alighieri.</em></div>
- </div>
- </div>
-</div>
-</div>
-
-<p class="ce mt2"><span class="fsl">Hannover, 1836.</span><br />
-Im Verlage der Hahnschen Hofbuchhandlung.</p>
-
-
-
-
-<h2>&nbsp;</h2>
-
-
-<p class="mt2 in0"><a class="pagenum" id="page_001" title="1"> </a>
-<span class="fsxl">G</span>raf Frankenstern war der letzte Sprößling eines
-alten fränkischen Geschlechts. Früh verwais't, seinem
-Stammhaus entfremdet, hatte er den Besitz der deutschen
-Standesherrschaft Bonna und Bühle, einer
-Spaltung der Familie und dem Unglück seines Oheims
-zu danken, der vier kräftige Söhne in der Blüthe ihrer
-Jugend hinsterben sah, um dies reiche Majorat
-einem kränklichen Neffen zu hinterlassen, der schon im
-Sarge gelegen. Graf Frankenstern war von Kindheit
-an zu Starrkrampf geneigt, und in solchem Zustande
-einmal für todt gehalten worden. Ein rettender Zufall
-gab ihn dem Leben zurück; doch den tiefen Eindruck
-jener entsetzlichen Gefahr nahm die Oberfläche
-der Welt nicht mehr hinweg. Dem edlen Gesichte
-blieben leichenhafte Züge, ein Grauen vor Allem, was
-an das Grab erinnert, wurzelte tief in der Natur dieses
-Erstandenen, und jene bange einsame Ruhe, welche
-die Todten umschwebt, wich nie von seiner blassen
-Stirne.&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_002" title="2"> </a>
-Von seinem Oheim mit kalter Strenge behandelt,
-hatte Graf Frankenstern schon zeitig das Weh empfunden,
-ein aufgedrungener Erbe zu seyn. Kein inniges
-Band zärtlicher Achtung knüpfte ihn an seine
-Verwandten, Liebe machte seine dankbare Pflicht nicht
-freiwillig: das Schloß zu Bonna war eine Oede des
-Hasses für seinen künftigen Herrn. Als dieser nun
-auf eine ferne Ritterschule kam, fühlte er sich zum
-erstenmale gesellig glücklich, und in einem Zusammenhange,
-der sein Herz erweiterte. Vorzugsweise schloß
-er sich an einen jungen Edelmann fremder Abkunft,
-und vielleicht war es weniger manches Gleiche in den
-äußern Verhältnissen der beiden Jünglinge, als ihre
-innerste Verschiedenheit, was diese Freundschaft begründete.</p>
-
-<p>Sylvius de Romana war durch ein seltsames Geschick
-von den Küsten seiner Heimath auf den Boden
-dieses Landes verschlagen worden. Seine Vorfahren
-hatten großen Rang und Reichthum in Spanien behauptet,
-doch den Umschwung ihres zeitlichen Glückes
-erfahren, und seitdem die schwebende Fortuna auf andern
-Stellen der Erdkugel gesucht. Eine junge verwittwete
-Dame jenes einst glänzenden Namens bewohnte
-im Gebiet von Valencia ein verfallnes Landhaus
-am Meere. Sie hatte den Gemahl auf einer
-Seereise verloren, und den letzten schmerzlichen Trost
-<a class="pagenum" id="page_003" title="3"> </a>
-entbehrt, seinen Leichnam gesehen zu haben. Sein
-Ebenbild, ein holder Knabe, war ihr einziges Glück! &ndash;
-Nach einer stürmischen Gewitternacht, in der ein Schiff
-verunglückt war, fand Donna Romana einen Mann
-besinnungslos an einen Balken geklammert, unter
-Trümmern am Strande. Sein Blut floß aus einer
-Armwunde, die er im Kampf gegen den Untergang
-davon getragen haben mogte, sacht in den glühenden
-Sand. Dieser traurige Anblick regte in der Spanierinn
-Erinnerungen auf, die sie bestimmten, sich des
-Ohnmächtigen anzunehmen. Sie glaubte noch schwache
-Spuren des Lebens in ihm zu entdecken. Es war
-der Kaufmann, den jener Verlust betroffen; doch die
-Dame dachte nur an ihren eigenen, indem sie ihm
-Hülfe leistete. Sie ließ ihn in das Landhaus tragen
-und pflegte sein mit samaritischem Geist. Er erkrankte
-schwer, das Fieber ward durch die schädlichen Einflüsse
-des Climas und der Jahreszeit auflösend; doch er genas,
-und kaum war der Sieg seiner rüstigen Natur
-entschieden, als die gute Dame ein Opfer ihrer Menschenfreundlichkeit
-ward. Die Dame richtete die schwarzen
-Augen, vor denen die Schatten des Todes schwebten,
-auf den unglückseligen Gast, der händeringend an
-ihrem Lager stand &ndash; dann erlosch ihr Blick, dieser
-mütterliche Strahl, auf dem weinenden Gesicht ihres
-Kindes. Der Kaufmann vergaß niemals diesen Blick.
-<a class="pagenum" id="page_004" title="4"> </a>
-Das Lächeln, womit die Mutter starb, als sie ihren
-Sohn in den Armen jenes Mannes und sich verstanden
-sah, hatte ein Testament in sein redliches Herz
-geschrieben, mit Zügen, die keine Zeit verwischte. Niemand
-that Einspruch, als der Fremdling den kleinen
-Romana als sein Eigenthum ansah, und sobald er
-dazu im Stande war, ihn fortführte von dieser traurigen
-Küste. Der kleine Sylvius nahm nichts von
-dort mit sich hinweg, als ein dämmerndes Gedenken
-an die Schönheit seines Vaterlandes, eine Sprache,
-die in der Stimme seiner Mutter lebenslang wie
-Frühlingslaut an seine Seele rührte &ndash; und das Blut
-seiner Nation, das stolz und heiß in seinen Adern
-floß. Im Hause des Kaufmanns kam dem Knaben
-daher &ndash; sprüchwörtlich gesagt &ndash; Alles spanisch vor,
-und nichts heimisch. Bis dahin hatte er im Garten
-des mütterlichen Landhauses unter einer Dattelpalme,
-in deren Kern sich bekanntlich die Seidenraupe einspinnt,
-den langen Tag der Kindheit verträumt, und,
-ein Fischerliedchen summend, kleine Grotten von Muscheln
-gebaut. Jetzt schirmte ihn zwar auch der Baum
-des Friedens und des Fleißes; aber der Ernst eines
-geschäftsthätigen Lebens rief seine Kräfte zu nützlicher
-Uebung auf. Das jüngste Töchterchen des Kaufmanns
-hatte sich mit Sylvius in eine Art von Verständniß
-zu setzen gewußt, die andern Geschwister nicht. Die
-<a class="pagenum" id="page_005" title="5"> </a>
-kleine Blanka schien ihm ein Engel, und waltete schützend
-um ihm wie ein solcher. Einst sagte sie bittend:
-»Vater! lasse doch den kleinen Ritter&nbsp;&ndash;« der Kaufmann
-lächelte zu dieser anmuthigen Benennung, &ndash;
-»nicht mehr in die Manufactur gehen; das Getöse
-der Webstühle macht ihm Kopfschmerz.« Der Vater
-legte seine Hand auf die blonden Flechten seines Kindes
-und sprach: »das Meer, daran die Wiege Deines
-kleinen Freundes gestanden, toset viel stärker, Blanka!«</p>
-
-<p>Aber er sorgte dafür, daß Sylvius bald darauf in
-verhältnißmäßige Aufsicht käme, und brachte ihn später
-in jenes adelige Institut, wo er sich, wie wir bereits
-erwähnt, mit Graf Frankenstern freundlich zusammenfand.
-Als die Zeit ihrer Trennung gekommen
-war, dachten sie kaum, wann? und wo? ein günstiger
-Stern sie wieder vereinigen werde, und eben so
-wenig daran, einen Briefwechsel zu verabreden. Das
-Band einer jugendlichen Freundschaft hält sich so stark,
-daß es keiner Verknüpfung dieser Art bedarf oder zu
-bedürfen glaubt.</p>
-
-<p>Graf Frankenstern kehrte nach Bonna zurück, und
-nahm die Stellung ein, auf die er Ansprüche hatte.
-Die Welt zog ihn in ihre Kreise, ohne daß er sich
-ihrem Interesse hätte anschließen können; immer war
-und blieb der Hang zur Einsamkeit vorherrschend in
-ihm.</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_006" title="6"> </a>
-Als er nach dem Tode seines Oheims die Güter
-antrat, meinte er, es sey nun schicklich, daß er sich
-vermähle. Wenig zugänglich für leidenschaftliche Gefühle
-der Liebe, richtete er mit ruhiger Ueberlegung
-sein Augenmerk auf die Töchter edler Herkunft, und
-seine Wahl fiel auf ein liebes, leutseliges Wesen, welches
-den Grafen durch eine Ahnung von Stille für
-sich einnahm, die in diesem Gemüth wohne, und ihn
-ein Uebereinstimmen ihrer Neigungen hoffen ließ. Ein
-so glänzendes Loos wäre dem Fräulein nicht im Traume
-eingefallen. Dies liebenswerthe Kind, elternlos
-und unbegütert, lebte in Mitten einer hochmüthigen
-Familie, hart gedrückt, und war, ohne Aussicht auf
-eine andere Versorgung, entschlossen gewesen, den
-Schleier zu nehmen, der damals noch manches Mädchen
-durch freiwillige Entsagung vor dem Schmerz
-schützte, unbegehrt von einem Manne zu bleiben. Der
-irdische Bräutigam kam bei dem Fräulein dem himmlischen
-zuvor, und ein beinahe fürstlicher Brautschatz
-machte es dem Gelübde der Armuth untreu.</p>
-
-<p>Aber es schien doch, als ob jene Idee Beruf und
-Element dieser jungfräulichen Seele gewesen wäre.
-Ein klösterlicher Hauch &ndash; wenn wir so sagen dürften
-&ndash; schwebte um die Gestalt der jungen Gräfinn,
-und die Blume ihres Glückes hatte einen Athem von
-Resignation. Sie verehrte ihren Gemahl gleich einem
-<a class="pagenum" id="page_007" title="7"> </a>
-Schutzheiligen, hütete sich sorgsam, gegen seine Eigenheiten
-zu verstoßen, deren der Graf wirklich viele hatte;
-doch war es nur Achtung, nicht Liebe, was die Gräfinn
-so zart in ihren Pflichten machte. In ihrem
-Herzen blieb eine Lücke, welche der ganze Vollbesitz
-ihrer Lage nicht auszufüllen vermogte. Einen verborgenen
-Kummer trug sie darüber. In ihrer linken
-Brust war eine kleine Verhärtung entstanden, die
-Gräfinn wußte nicht wie? Sie hatte lange keine Gelegenheit,
-einen Sachverständigen um Rath zu fragen,
-und dann eine schmerzliche Schaam zu überwinden,
-als es später doch geschah. Der Graf duldete keinen
-Wundarzt erster Classe im Bereich seiner Herrschaft,
-und der Bader des Ortes mußte sich wie ein Geächteter
-seinem Blick entziehen. Als die Gräfinn ihrem
-Gemahl sanfte Vorstellungen zu machen pflegte, ward
-er heftig und sagte: »nein, nein! meine Liebste! solch
-ein Messer in der Hand des Chirurgs, was er mit
-Gleichgültigkeit entblößt, während das arme Opfer
-zitternd sitzt und nach dem furchtbaren Stahl zitternd
-hinblinzelt &ndash; ist mir nicht viel anders, als ob ich ein
-Richtschwert schwingen sähe.&nbsp;&ndash;« Ein jäher Krampf
-flog über seine Züge, die Gräfinn erbleichte &ndash; und
-es war nie mehr die Rede davon.</p>
-
-<p>Nur zum Behuf des Gottesdienstes durften die
-Glocken in Bonna geläutet werden; die Todten wurden
-<a class="pagenum" id="page_008" title="8"> </a>
-ohne Sang und Klang bestattet. Der Graf entschädigte
-die Geistlichkeit für den Verlust, den sie an
-diesen stillen Begräbnissen erlitt, sehr freigebig. Doch,
-wie väterlich er für seine Unterthanen sorgte, ihnen
-Krankenhäuser baute, nasse Augen heimlich trocknete,
-und sich als den Schutzfreund ihrer Wittwen und
-Waisen bewies, so verziehen sie es ihm doch nicht,
-daß er ihnen den Genuß öffentlicher Trauer und Thränen
-raubte; das Gepränge mit ihren Todten galt ihnen
-mehr, als die Zufriedenheit der Lebendigen. Daß
-ihr gütiger Grundherr einen Grund zu diesem Verfahren
-haben müsse, dies sahen sie nicht ein. Der
-Graf fühlte jedesmal eine Anwandlung seiner Krankheit,
-so oft er einen Leichenzug erblickte. Endlich
-machte er seinen Unterthanen den Vorschlag, ihre Gestorbenen
-zu verbrennen, und diese classische Idee wurzelte
-in seiner nervösen Furcht vor der Möglichkeit,
-lebendig begraben zu werden. Alle Spuren der Verwesung
-wären dann vertilgt vom Boden seines Gebiets,
-und er war Willens, der Erfüllung dieses Wunsches
-Denen, die sich ihm fügten, große Vortheile einzuräumen.
-Der Aschenkrug, darin die Reste der guten
-Landleute von Bonna gesammelt würden, sollte
-ein volles Maß von Wohlergehen über sie ausgießen.
-&ndash; Aber es gab einen Aufruhr &ndash; und wenig
-fehlte, so hätten sie das Schloß gestürmt und den
-<a class="pagenum" id="page_009" title="9"> </a>
-Grafen gesteinigt. Nur die abgöttische Hochachtung
-vor seiner Gemahlinn hielt das Volk von roher Unbill
-zurück.</p>
-
-<p>Von dieser Zeit an ward Graf Frankenstern mit
-Vorurtheil gehaßt. Dies nährte seinen tiefsinnigen
-Stolz, und er verschloß sich in sich selbst; nur das
-Gefühl, geliebt zu seyn, macht populair. Seine Güte
-war Grundsatz, deshalb erschütterte ihn der Undank
-nicht; aber er stand allein, und auf einer schroffen
-Spitze.</p>
-
-<p>»Das wollen wir erleben, <em class="ge">Der</em> wird noch überschnappen&nbsp;&ndash;«
-sagte der Bader, so oft er eine alte
-Gevatterinn zur Ader ließ, beflissen, den Widerwillen
-des Grafen gegen seine Person auf eine Art zu erklären,
-die nur Jenem schadete. So kam das Gerücht
-in Umlauf, es sey nicht richtig mit ihm. Und da die
-Sage es ist, welche Verhältnisse schafft, so wie nicht
-selten durch die Meinung Zustände entstehen: so
-schwebte auch dieserhalb Graf Frankenstern in Gefahr,
-für wahnsinnig gehalten zu werden.</p>
-
-<p>Mit jener tiefen Wehmuth, die nur die Reichen
-dieser Welt kennen, die da wissen, wie nichtig eitler
-Besitz für das Bedürfniß des Glückes sey &ndash; entäußerte
-sich die Gräfinn ihrer Vorzüge, und meinte das
-Beste zu entbehren, da es nicht in ihrem Vermögen
-läge, ihren Gemahl zu erheitern. Sie glaubte, seine
-<a class="pagenum" id="page_010" title="10"> </a>
-finstere Seele werde sanften Eindrücken sich öffnen,
-als sie sich Mutter fühlte, und ihr ganzes Herz hing
-an diese Hoffnung. Die Gräfinn ward von einem
-Knaben entbunden, aber schwer; es mußte ein Geburtshelfer
-geholt werden. Der Graf hielt sich in
-seinen Zimmern, und kam nicht eher wieder zum Vorschein,
-bis man ihm sagte, Alles wäre vorüber.</p>
-
-<p>Wie duldsam die Gräfinn nun auch war, eine
-kleine Empfindlichkeit, so weit ihre Schwäche sie zuließ,
-konnte sie doch nicht bergen. Und als das Kind
-nach kurzer Zeit an Krämpfen starb, brachte der Gedanke,
-mit welch einsamen Schmerzen sie es geboren,
-und daß die Natur des Vaters es ihr entrissen &ndash; die
-Mutter aus dem Gleichgewicht sanftmüthiger Gelassenheit,
-so daß sie schwankte, zwischen Groll und
-Gram. Der Graf weigerte sich, den kleinen Leichnam
-zu sehen, und seine Gattinn fühlte sich verlassen wie
-eine Wittwe, da sie ihn mit ihren mütterlichen Thränen
-salbte. »Mein Kind, mein süßes, kleines Kind!«
-jammerte die Gräfinn, »so mußtest Du mir hinsterben,
-bewußtlos wie eine Blume einschläft, die in tödtendem
-Frost erschauert! &ndash; Und kaum habe ich das
-Blinken Deines Auges gesehen, keinen Blick des
-Verstandes.&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<p>»Das Kind war weise&nbsp;&ndash;« sprach der Graf am
-<a class="pagenum" id="page_011" title="11"> </a>
-Fenster eines Coridors, wo er in der umgebenden
-Stille die Klage seiner Frau vernommen hatte.</p>
-
-<p>»<em class="ge">Weiß</em>? sagst Du?« fragte die Gräfinn, aufhorchend,
-welch ein Wort der stumme, scheinbar kalte Vater
-fallen ließe, und schritt mit matten Schritten näher,
-»nein, da irrst Du, mein Gemahl! es hatte von
-Geburt an eine blaurothe Farbe.«</p>
-
-<p>»Es war <em class="ge">weise</em>, sagte ich,« betonte der Graf,
-»denn es sträubte sich gegen das Licht dieser Welt,
-und hat sie bald wieder verlassen, weil sich die Mühe
-des Lebens nicht verlohnt.«</p>
-
-<p>Diese Worte schnitten mit zwiefachem Weh in die
-Seele der Mutter, sie erinnerten an Stunden der
-Angst, und zeigten, welch eine düstere Ansicht ihr Gemahl
-von einem Daseyn hätte, das Schätze über seinem
-Haupte gehäuft, ohne ihm eine Freude abzugewinnen.</p>
-
-<p>Die Gräfinn konnte sich nicht von dem Anblick ihres
-Kindes trennen, und hätte es lieber wie ein Bild unter
-Glas und Rahmen gesetzt. Sie schützte vor, es
-könne wohl gar in Starrsucht liegen; aber es lag im
-Arm des Todes.</p>
-
-<p>Der Graf hatte die ganze Zeit unbeschreiblich gelitten,
-und sein bleiches, verstörtes Gesicht forderte
-Schonung für seinen Zustand. Da dieser Zustand
-nun das Geheimniß eines Leidens war, was innig
-<a class="pagenum" id="page_012" title="12"> </a>
-verflochten in das wundervolle Gewebe der Nerven,
-nicht minder eine Krankheit der Seele wie des Körpers
-genannt werden können, und die Menschen in
-der Regel nur ein mitleidiges Auge für sichtbare Uebel
-haben: so schonte selbst die Gräfinn bei aller natürlichen
-Zartheit der Empfindung, ihren Gemahl nicht
-immer genug. Wir wollen bedenken, daß der Gräfinn
-jenes Gefühl für ihn abging, welches allein den
-Geist zu durchdringen vermag: die <em class="ge">Liebe</em> &ndash; das
-tiefste Verständniß!&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>Ob wir auch Tugenden an dieser liebenswürdigen
-Frau rühmen müssen, die kein Gemeingut ihres Geschlechts
-sind, und nur das Eigenthum der edelsten
-weiblichen Seelen, so war sie doch als Evas Tochter
-von einer kleinen Schwäche nicht frei. Der Reiz des
-Versagten wirkte auf ihren bescheidenen Sinn. In
-absonderlicher Hinneigung zu Aerzten und Wundärzten,
-nahm sie den geringsten Anlaß wahr, ihre Kunst
-anzusprechen, selbst den Bader von Bonna grüßte sie
-freundlich und bedeutsam &ndash; was freilich zur Ehre eines
-vergütenden Willens erklärt werden könnte. Für
-die Utensilien des Todes hatte die Gräfinn ein bemerkendes
-Interesse; und so wie Jemand das, was eine
-Gestalt in ihm gewonnen, in jedem Gegenstande erblickt:
-so prägte sich ihr Alles zu Bildern der Sterblichkeit
-aus.</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_013" title="13"> </a>
-Im Verschluß ihres Gemahls befand sie eine Chatoulle,
-worin die Juwelen der Familie aufgehoben
-lagen. Dies Kästchen, von einer Form, wie man auch
-jetzt noch, nur im kleinsten Verhältniß, ein kompendiöses
-Nähzeug für Damen kennt, war von dunklem
-Saffian; um die schmal abwärts laufende Höhe zog
-sich eine feine stählerne Gallerie, Schloß und Handhaben
-waren massiv und von Silber. Die Gräfinn,
-gleichgültig gegen Schmuck und Putz, so daß sie als
-Braut jedes schimmernde Geschenk verschmäht hatte,
-liebte von allem Geschmeide nur Perlen. Eines Tages
-erwähnte sie gesprächsweise, daß die Perlen im
-Halsband von ihrer seligen Mutter, worin sie sich
-trauen lassen, nun auch abgestorben wären. Sie sagte
-dies mit so bekümmerter Miene, als wäre ein Leben
-von größerem Werth ihr erblichen. »O! da sey ruhig,
-mein Schatz!« antwortete der Graf eilig, weil
-jener bildliche Ausdruck ihn schon leise ängstete, »Perlen
-kannst Du sehr schön haben, wirklich köstlich;
-ächte! orientalische!&nbsp;&ndash;« Und mit freundlicher Gefälligkeit
-für den Geschmack der Gattinn, ließ er das
-Kästchen aus dem Behältniß eines Schrankes heben,
-und reichte ihr den Schlüssel. Die Gräfinn war doch
-eine Frau. Mit leuchtenden Augen betrachtete sie das
-nette Köfferchen und sprach: »ist dies doch ein förmlich
-kleiner Sarg! das niedlichste Modell zu einem
-<a class="pagenum" id="page_014" title="14"> </a>
-solchen. Oben fehlt nur noch das Crucifix, so ist er
-fertig.« Das Schloß, leise erklingend, that sich auf;
-dieser Ton, jene Worte, berührten in dem Grafen eine
-überspannte Saite &ndash; und schaudernd wendete er
-sich ab.</p>
-
-<p>»Und innen auch&nbsp;&ndash;« fuhr die Gräfinn unvorsichtig
-fort, »dieses duftende Kissen von weißem Atlaß,
-mit kleinen Franzen besetzt, was darauf ruht, ist doch
-ein wenig mehr als Staub.&nbsp;&ndash;« Sie nahm ein
-Stück nach dem andern heraus, und der Schimmer
-der Edelsteine spiegelte sich in ihrem lächelnden Blicke.</p>
-
-<p>Der Graf bat seine Frau mit dumpfer Stimme,
-das Kästchen von nun an in Gewahrsam zu behalten.</p>
-
-<p>Eine abermalige Niederkunft der Gräfinn war
-nicht glücklicher als die erste. Das Kind starb an
-Krämpfen. Sie fing an zu zweifeln, daß ihr Mutterfreuden
-beschieden seyn würden, nur halb getröstet
-von dem Gedanken, es geschehe ihr zum Wohl: denn
-kränklichen Geschöpfen das Leben gegeben zu haben
-für langes Leiden, sey viel schmerzlicher, als ihren frühen
-Tod zu beweinen.</p>
-
-<p>Graf Frankenstern nahm diesen Verlust mit gewohnter
-düstrer Fassung hin, und diese melancholische
-Unempfindlichkeit vereinsamte seine Gattinn in ihrem
-Schmerz. Mit der bedenklichen Stelle in ihrer linken
-Brust war es während jener Zustände schlimmer geworden,
-<a class="pagenum" id="page_015" title="15"> </a>
-und ein erfahrener Arzt äußerte, wenn die
-Gräfinn nur nicht wieder guter Hoffnung würde, so
-dürfe sie schon ohne Furcht seyn.&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>Eine Reihe von Jahren war hingegangen, ohne
-daß irgend ein Ereigniß bedeutender Art die tiefe,
-eintönige Ruhe im Schloß zu Bonna unterbrochen
-hätte. Es war der Gräfinn zuweilen, als hätte sie
-seit ihrer Verheirathung ein Weltalter durchlebt. &ndash;
-Sie brachte jeden Sommer eine Zeitlang in Bühle
-zu und besuchte dann freundschaftlich die Cisterzienserinnen
-von Sanct Capella. Mit einem schmerzlichen
-Lächeln blickte sie in das heitere, vollblühende Gesicht
-mancher geistlichen Schwester, deren Geburtstag nicht
-weit von dem ihrigen aus einander lag. Sie sah an
-dem jungen Zuwachs der Töchter auf den Gütern ihres
-Gemahls, daß sie alt würde, und nahm in trübem
-Verzichten auf die Freuden des Lebens das Gefühl
-einer Matrone voraus. Die schweigsame Haltung des
-Grafen, die goldne Wucht des Reichthums und der
-Druck der Gleichmäßigkeit, beugte ihre liebliche Gestalt
-vor der Zeit.</p>
-
-<p>Jetzt aber wurde die Gräfinn, deren zarte Gesundheit
-selten gestört gewesen, sehr kränklich und verfiel
-sichtbar. Ein Arzt, dem die Gräfinn ihr Zutrauen
-schenkte, meinte, als er ihre Klage vernahm,
-sie fühle sich beengt und einen Andrang nach dem
-<a class="pagenum" id="page_016" title="16"> </a>
-Herzen &ndash; traurige Gedanken schwebten ihr beständig
-vor, und sie sey nicht mehr im Stande, die Stimmung
-ihres Gemahls auszuhalten&nbsp;&ndash;: es läge ihr ein
-wenig im Gemüth, und Zerstreuung würde hier das
-Beste thun. Die Gräfinn schüttelte leise den Kopf,
-wobei ein paar Thränen von ihren Wimpern tropften.
-Sie sprach: »habe ich jene Schwermuth, unter
-der eine Frau unsäglich leidet, doch so lange mit Freudigkeit
-getragen, warum sinkt mir denn jetzt der
-Muth?«</p>
-
-<p>»Weil jede Last mit jedem Tage schwerer und zuletzt
-unerträglich wird&nbsp;&ndash;« erwiederte ihr hierauf der
-Doctor. Er gab sein Gutachten dahin ab, daß, wenn
-der Graf sich entschließen könnte, die Bäder von S...
-zu gebrauchen, so wäre hoffentlich auch seiner Gemahlinn
-geholfen. &ndash; Es kostete einen schweren Entschluß,
-daß dieser Rath befolgt würde. Der Graf war
-beinahe menschenscheu, die Gräfinn, durch langes Entwöhnen
-von geselligem Umgang nonnenhaft blöde geworden;
-es grauete Beiden vor dem Geräusch der
-Welt. Der Graf machte die schöne Reise wie ein
-Automat. Er sprach nur, was er mußte. &ndash; Die
-Gräfinn saß stumm an seiner Seite, und ihr Blick
-streifte düster über die wallenden Getraidefelder hin,
-an denen noch die letzte Blüthe hing &ndash; oder tauchte
-unter in ein Meer von Sorgen. Sie ließ halten, so
-<a class="pagenum" id="page_017" title="17"> </a>
-oft ein Fußgänger, mühselig und beladen, ein Armer
-am Wege mit neidendem Staunen zu der prächtigen
-Equipage aufsah, und reichte ein Geldstück heraus, das
-ihm fröhlich weiter half. So sammelte die gute Gräfinn
-tausend Segenswünsche ein, und der große Rentirer
-an der Hauptcasse des Himmels zahlte richtig an
-Ort und Stelle die Zinsen des Wohlthuns.</p>
-
-<p>In dem pallastähnlichen Hause, worin Graf Frankenstern
-mit seiner Gemahlinn Wohnung fand, hatte
-die nächst daran stoßenden Zimmer ein alter freundlicher
-Mann, mit einer jungen blassen Frau inne.</p>
-
-<p>Ein Zufall brachte die Gräfinn schon am ersten
-Morgen in nähernde Beziehung zu dem alten Nachbar.
-Es war ein berühmter Accoucheur, der seiner
-Schwiegertochter zu Liebe hierher gekommen war. Er
-erzählte, die junge Frau hätte fünf todte Kinder geboren,
-»und <em class="ge">fünftausend lebendige</em>,« setzte er
-mit summarischem Accent und einer Mischung von
-Stolz und Schmerz hinzu: »habe ich mit dieser meiner
-Hand eingetragen, und komme mir deshalb wie
-ein kleiner Herrgott vor, der seine Kinder <i>nolens volens</i>
-an das Licht bringt.«</p>
-
-<p>Bei diesen Worten hob er die Hand empor, die
-obgleich klein und hager doch so gewaltig war; der
-Gräfinn Auge haftete auf einem Siegelringe am Finger
-des Priesters der Lucina. Sie erröthete gleich dem
-<a class="pagenum" id="page_018" title="18"> </a>
-schönen Carniol, und faßte ein Herz zu diesem
-Manne.&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>»Mein bleiches Töchterchen,« fuhr er fort, »thut
-mir leid; das gute Weib grämt sich und weint oftmals
-im Stillen, eine Leichenmutter zu seyn. Und ich,
-der Geburtshelfer! kann ihr nicht helfen, und muß
-meinen Ruf verlieren am eigenen Blut. So kannte
-ich einen Mann, der die halbe verkrüppelte Welt gerade
-gemacht hatte, und sein einziger Sohn war ein
-Aesop. Dies ist ein herber Spott für die Kunst,
-und ein mächtiger Schlagbaum gegen den Egoismus;
-aber gewiß eine weise Einrichtung von Gott. Die
-Kräfte des Einzelnen gehören der Menschheit und
-nicht seinem Glück.«</p>
-
-<p>Die Gräfinn hörte ihm mit ersichtlicher Theilnahme
-zu. Sie kam sich, im Vergleich zu jener beklagenswerthen
-Frau, minder unglücklich vor. So
-erwähnte sie ihrer eigenen Leiden, und fragte ihn um
-seine Meinung, über den Gebrauch der Bäder dieses
-Ortes für sie selbst. Der Alte that ein paar Querfragen,
-dann mit einem practischen Lächeln den Ausspruch:
-die Gräfinn würde noch vor Ablauf des Jahres
-einer kleinen Wanne bedürfen. &ndash; Sie sah ihn
-an mit einem Blick &ndash; einem Blick! &ndash; wenn, nach
-einem platonischen Ausdruck, Verwunderung die Mutter
-des Schönen und Guten sey: so dürfen wir, in
-<a class="pagenum" id="page_019" title="19"> </a>
-kühner Anwendung desselben, die Gräfinn als eine
-Gesegnete ihres Geschlechts betrachten.</p>
-
-<p>In dieser Stunde ging der Graf einsam ins Freie;
-er überließ sich seinen Gedanken, und gerieth auf einen
-jener geheimnißvollen Spaziergänge, die dadurch
-an ihrem Reiz verlieren, daß die Menge sie weder
-kennt noch sucht. Unter dem Niederhang einer Birke
-saß ein Mann, der einen Knaben zwischen seinen
-Knieen hielt, dem er aus einem Buche etwas zu erklären
-schien. Der Graf grüßte stumm und ging vorüber.
-»Gieb Acht, Sylvius!« sagte der Fremde, als
-der Knabe zerstreut Jenem mit seinen Blicken folgte.</p>
-
-<p>»Sylvius!« wiederholte der Graf leise, und blieb
-stehen, um einem Echo der Erinnerung zu lauschen.
-Als er aber jenen Mann mit einer fremdartigen Aussprache
-weiter reden hörte, rief er, daß Berg und Thal
-davon wiederhallte: »Sylvius!« Vater und Sohn
-dieses Namens sprangen erschrocken auf, und Romana
-lag in den Armen seines Freundes.</p>
-
-<p>Der Knabe stand ausgeschlossen, ja scheinbar vergessen,
-und schaute mit großen Augen unter einem
-strohernen Hütchen hervor, dem eine kleine rothe Feder
-ein phantastisches Ansehn gab; der Unbekannte
-hatte sich mit all' der hinreißenden Gewalt der Freundschaft
-seines Vaters bemächtigt.</p>
-
-<p>»Sieh hier meinen Sohn!« sagte der ältere Sylvius,
-<a class="pagenum" id="page_020" title="20"> </a>
-und streckte seine Hand nach dem jüngeren aus:
-»mein einzig Gut &ndash; Du bist wohl reicher, Frankenstern?«</p>
-
-<p>»Ich habe gar keine Kinder&nbsp;&ndash;« antwortete der
-Graf schmerzlich.</p>
-
-<p>»Aber verheirathet bist Du doch?« fragte der
-Freund, und es gereute ihn, voreilig gewesen zu seyn.
-Der Graf nickte bloß. Wie wenig diese Antwort auch
-besagte: Romana würde, sie geben zu können, sich
-für einen Crösus an Glückseligkeit gehalten haben.</p>
-
-<p>Seine geliebte Frau war gestorben: die kleine
-blonde Blanka, die groß und schön, und sein größtes
-Glück geworden war. Er hatte mit ihr in Virginien
-gelebt. Diese Versorgung seines jüngsten und besten
-Kindes war ein Opfer gewesen, welches der edelmüthige
-Kaufmann seinen Familien-Verhältnissen gebracht.
-Seine älteren Töchter haßten den Sylvius,
-und liebten ihren Vater nicht, und lohnten ihm schlecht.
-Er hatte sich aus dem Vortheil gegeben: das giebt
-nie ein gutes Ende &ndash; es wäre denn ein leichtes
-Sterben darunter gemeint.</p>
-
-<p>»Mein Vater sehnt sich nach mir&nbsp;&ndash;« sagte Blanka
-mit thränenden Augen zu ihrem Gemahl: »ich höre
-mich zuweilen ganz deutlich von ihm rufen. Jüngst
-träumte mir, sein Reichthum wäre zu Wasser geworden,
-<a class="pagenum" id="page_021" title="21"> </a>
-wir schifften still darauf hin &ndash; und hatten uns
-verirrt: denn es war das <em class="ge">todte Meer</em>.«</p>
-
-<p>Als Sylvius nun sah, daß seine Frau gemüthskrank
-vor Heimweh werden könnte, machte er die
-Rückreise möglich. Die Fahrt war aber nicht glücklich,
-und ihr Ziel traurig. Der Kaufmann lag im
-Grabe und konnte nicht mehr klagen, was ihn hinein
-gedrückt; aber man hörte es doch, und auch wes Geistes
-Kind seine Töchter wären. &ndash; Die Folgen der
-Seereise, erschütternde Gefühle wirkten schädlich auf
-Blankas zarte Gesundheit, und nicht lange, so bettete
-man sie an ihres Vaters Seite.</p>
-
-<p>Romana nahm sein Kind, nahm den Rest seiner
-Habe, und verließ dies Haus für immer. Er wollte
-eine Anstellung suchen, wie er sie bei seiner vielseitigen
-Ausbildung in diesem oder jenem Fache finden
-konnte, als er den Jugendfreund wiederfand. Er erkannte
-den Grafen Frankenstern nur an der alten
-Liebe noch: seine Gestalt war ihm unkenntlich geworden.
-In tiefen Höhlen, von finstern Braunen überbuscht,
-lagen seine Augen, sein Blick war verstört,
-und verrieth eine zerrüttete Seele. Und jenes ihm
-eigenthümliche Lächeln um den geklemmten Mund,
-war nicht mehr todtenhaft friedlich wie sonst, sondern
-krampfhaft: so daß auch dieser weltversöhnte Zug,
-nur wie ein Nervenspiel innerster Angst erschien.</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_022" title="22"> </a>
-Auch Sylvius de Romana hatte sich sehr verändert.
-Er war sehr braun geworden, sonst würde er
-sehr bleich gewesen seyn, wie dies in den Schattirungen
-seiner Gesichtsfarbe zu bemerken. Sein stolzer
-Wuchs hatte etwas Gebeugtes angenommen, tiefe Erfahrungen
-ruhten in seinen Zügen &ndash; aber sie <em class="ge">ruhten</em>.
-Der Klang seiner Stimme, sonst voll und laut,
-der Ausdruck einer heftigen Seele, war geistig besänftiget,
-und etwas langsam und leise.&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>Doch, empfände wohl der Mensch eine äußere Veränderung,
-ob er sie auch sähe, in einem Augenblicke
-unsterblicher Freude? &ndash; Der Begriff der Zeit verschwindet,
-wo wir fühlen, daß die Freundschaft <em class="ge">ewig</em>
-ist. &ndash; Virginien, das Andenken an Blanka, ihres
-Vaters Grab, jeder in Thränen und Tagen verflossene
-Schmerz: Alles sank in der Unendlichkeit unter, was,
-wie ein Weltmeer, in Sylvius Herzen aufwallte, da
-es an dem des Freundes schlug, und seine Augen
-wurden feucht. Und im Anblick der kleinen Narbe
-an Romanas Stirn, die Graf Frankenstern ihm einst
-in der Fechtschule mit dem Rappier geschlagen, schloß
-sich für Diesen jede Wunde des Schicksals, und seine
-kranke Seele blutete nicht mehr. Entzückt führte er
-den Freund und dessen Sohn mit sich fort in seine
-Wohnung, sein Glück mit seiner Frau zu theilen.</p>
-
-<p>Die Gräfinn brannte unterdessen vor Begierde,
-<a class="pagenum" id="page_023" title="23"> </a>
-die große Nachricht, die sie wußte, ihrem Gemahl mitzutheilen.
-Er ließ lange auf sich warten, endlich kam
-er, doch nicht allein. Die Fremden, die er mitbrachte,
-waren als eine Störung von ihr angesehen, und leider!
-ist der erste Eindruck beinahe immer entscheidend.
-So ist es nicht genug, daß Jemand ein Recht zu
-kommen hat: er muß auch zur <em class="ge">rechten</em> Zeit kommen,
-und kein Mensch &ndash; nur ein Gott kann diese
-wissen.</p>
-
-<p>Hier, im Beiseyn seiner Frau, schüttete der Graf
-das verschlossene Herz aus, dessen eiserne Bänder die
-Freude sprengte. »Du bleibst nun bei mir, Romana!
-denke nicht daran, mich zu verlassen&nbsp;&ndash;« sagte er
-gebietend, und in den Ausdruck, wie sehr, wie innerlichst
-er dieser Nähe bedürfe, mischte sich etwas von
-dem Bewußtseyn, wie viel er äußerlich zu gewähren
-vermöge. »Dein Sohn&nbsp;&ndash;« so fuhr der Graf fort,
-»soll wie der meine gehalten seyn, um so mehr, da
-wir keine Kinder haben.« Die Gräfinn hustete leise,
-und wurde blaß vor Schrecken. Sie wäre keine
-Frau gewesen, wenn diese Aeußerung ihres Gemahls
-gegen einen ihr fremden Freund, sie nicht beleidiget
-hätte; dazu diese gesprächige Wärme, als ob Geist
-des Lebens über ihn gekommen. Nie hatte sie, auch
-zur Brautzeit, eine ähnliche Macht auf ihn geübt,
-und ganz nach Art weiblicher Eifersucht, nahm sie
-<a class="pagenum" id="page_024" title="24"> </a>
-dies Dem übel, der diese erheiternde Wirkung hervorbrachte,
-ohne sich selbst heiter zu zeigen &ndash; was immer
-anspruchslos erscheint. Der unschuldige Knabe kränkte
-in der Aeußerung des Grafen ihr neugebornes Kind &ndash;
-und ein leiser Widerwille gegen diese Fremden schlich
-wie eine Schlange über ihr Herz.&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>Als die Gräfinn Gelegenheit hatte, ihren Gemahl
-mit der neuen Hoffnung bekannt zu machen, fand sie
-ihn zwar erfreut; aber &ndash; nicht im richtigen Verhältniß
-zu ihrer mütterlichen Erwartung. Vielleicht fürchtete
-der Graf, das Kind werde wieder sterben &ndash; oder
-er schlug als ein seelenkranker und niedergeschlagener
-Mann, den Werth eines Leibeserben überhaupt nicht
-hoch an: genug, seine Freude war mäßig.</p>
-
-<p>Die Gräfinn trug ihr Glück wie eine Buße, mit
-schwerem, verschwiegenem Herzen; mancher Stich ging
-jetzt durch ihre leidende Brust, die sich täglich mehr
-verhärtete.</p>
-
-<p>Romana und sein Sohn begleiteten das Ehepaar
-von Frankenstern nach Bonna. Ersterer sollte Forstmeister
-werden &ndash; hatte der Graf flüchtig hingeworfen.
-Den ersten Abend ihrer Ankunft daselbst, sagte
-die Gräfinn: »ein Einziges bitte ich von Dir, mein
-lieber Mann! bleibt Romana hier: so sey es doch
-nicht in unserm Hause; ich habe dazu meine guten
-Gründe.«</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_025" title="25"> </a>
-Der Graf sah seine Frau bestürzt an, nie hatte
-sie durch Laune oder Eigensinn seine Handlungsweise
-bedingt &ndash; er schwieg, aber er wagte nicht, diesen befremdenden
-Wunsch zu verneinen.</p>
-
-<p>Romana stellte die Bedingungen, unter denen er
-in Bonna bleiben wolle, mit edler Selbständigkeit
-fest. Er sagte: »gieb mir ein Plätzchen, Frankenstern,
-nach meinem Sinn, darauf ich mir ein Haus baue,
-und Material dazu; dann Gelegenheit, Deinen Gütern
-wie Dir selbst zu nützen: so hast Du mich.«</p>
-
-<p>Sie gingen aus, einen Platz zu suchen, und der
-Graf dachte seufzend, wie viel Raum in dem weiten
-Schlosse, und daß keine Frau, auch die beste nicht!
-durchaus verträglich wäre.</p>
-
-<p>Ganz in der Nähe von Bonna, kaum ein paar
-hundert Schritte davon entfernt, lag ein kleines Vorwerk,
-Heiland genannt. Vermuthlich hatte es diesen
-ehrwürdigen Namen von einem Christuskreuze erhalten,
-das in ungewöhnlicher Höhe zwischen dem herrschaftlichen
-Hof und diesem Höfchen stand. Ein klares
-Brünnlein rieselte darunter hin, und eine eingerostete
-Gitterthüre schien diesen lautern Quell zu verschließen.
-Es waren Spuren da, die es wahrscheinlich
-machten, daß der Bezirk dieser Stelle einst Mauern
-getragen habe, und bewohnt gewesen sey; die
-Aussicht war himmlisch. »Laß mich hier zu Jesu
-<a class="pagenum" id="page_026" title="26"> </a>
-Füßen wohnen!« sagte Romana, indem er mit glänzenden
-Augen an dem Crucifix hinauf blickte, »doch
-Dir zuvor und gewiß am rechten Ort &ndash; ein Bekenntniß
-ablegen, nach welchem es sich fragt, ob ich
-nicht den Staub von den meinigen schütteln und weiter
-ziehen muß.«</p>
-
-<p>Graf Frankenstern glaubte seinen Ohren nicht zu
-trauen, als er vernahm, daß Romana, dieser catholische
-Edelmann, unter dessen Vorfahren vielleicht Ritter
-vom goldenen Vließ gewesen, seinem Glauben entsagt
-habe, und der eifrige Anhänger einer frommen
-Gemeinde geworden sey, die das Lamm verehrt, was
-der Welt Sünde trägt. So wie Menschen von schwärmerischer
-Anlage der äußersten und entgegengesetzten
-Richtungen ihres Wesens fähig sind: so hatte Romana
-in Verbindungen, darin er mit Blanka in Virginien
-gelebt, diesen Umschwung seiner religiösen Ideenwelt
-erfahren. Eine große Gefahr, aus der er auf beinahe
-übernatürliche Weise gerettet worden, entschied, und
-seine angestammte Wundergläubigkeit wechselte nur
-ihre Form in seinem Gemüthe. Das Gefühl seiner
-Abkunft und Armuth ward christlicher Stolz: den
-Armen war ja vorzugsweise das Evangelium gepredigt.&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>Nachdem der Graf dies vernommen, stand er eine
-lange, sinnende Weile. Der Boden dieser catholischen
-<a class="pagenum" id="page_027" title="27"> </a>
-Gegend schien empfänglich, um die neue Lehre darauf
-zu verpflanzen, und neben Klöstern, päbstlichen Kirchen
-und Heiligenbildern, lebte friedsam und einmüthig
-ein Häufchen der Stillen im Lande. Selbst
-unter den Beamten der Ortschaft waren einige derselben,
-deren gewissenhafte Redlichkeit Graf Frankenstern
-schätzte. Und so sagte er: »was ich höre, Romana,
-setzt mich in Erstaunen, wie Du siehst; aber
-es ändert nichts zwischen uns. Unsere Freundschaft
-ist mir eine Art Religion &ndash; und so glaube ich an
-Dich, wenn ich auch nicht begreife, wie es möglich
-war, daß Du &ndash; ein Abtrünniger werden konntest.
-Ich halte Dich für einen ehrenwerthen Mann, und
-mich an diese Ueberzeugung. &ndash; So eben dachte ich,
-wie seltsam es sey, daß der Wind des Schicksals
-Menschen eines Sinnes von allen Enden der Welt
-hierher zusammen weht.«</p>
-
-<p>Von der festen Zuversicht des Freundes gerührt,
-antwortete Romana: »<em class="ge">weht</em>! ja, das ist das rechte
-Wort. Der Herr sammelt, was verstreut gewesen.
-Sein Athem ist es, das Wehen seines Geistes, was
-den Blüthenstaub im Frühling, auch über Mauern, zu
-der verwandten Blume trägt.«</p>
-
-<p>Die Grundmauern zu dem neuen Hause wurden
-nun gelegt und hundert arbeitsame Hände förderten
-den Bau. Es fand sich, daß ein gewölbter, völlig
-<a class="pagenum" id="page_028" title="28"> </a>
-gut erhaltener Gang von hier aus nach dem Schlosse
-führe, wovon die eiserne Gitterthüre am Brunnen der
-Ausgang wäre. Dieser Fund war für den Grafen
-die Entdeckung einer Goldmine. Er dachte bekümmert,
-seine Frau wüßte bereits, was er ihr verhehlen
-mögen, und am liebsten für immer, denn er kannte
-ihren Abscheu gegen Apostaten. »Sieh!« sagte er
-sehr glücklich, und sich ins Geheim bewußt, sein Umgang
-mit dem Freunde stände unter unsichtbarem
-Schutze, »so können wir ungehindert und selbst zur
-Nachtzeit zu einander kommen.&nbsp;&ndash;« Aber der Saamen
-des Geheimnisses trägt selten Früchte für das
-Licht.</p>
-
-<p>Endlich stand das Haus fertig, mit plattem Dach,
-worauf Romana einen kleinen Garten anzulegen gesonnen
-war. Der Herr Christus prangte als Schutzwache
-davor, und leise rieselte das Wässerchen unter
-der marmornen Schwelle. Hinein zog Romana mit
-seinem Sohn, und lebte nicht allein in strenger Absonderung,
-sondern einsiedlerisch verschlossen. Wenn
-die Förster und Holzschläger, die den Forstmeister zu
-sprechen kamen, Einlaß suchten, so zitterte der Schall
-der hellen Hausglocke durch den mäuschenstillen Flur,
-und selbst Verstockte meinten, der Himmel werde ihnen
-einmal eher aufgethan werden.</p>
-
-<p>Wie selig Graf Frankenstern sich die Nähe seines
-<a class="pagenum" id="page_029" title="29"> </a>
-Freundes geträumt: so empfand er doch die Beruhigung
-nicht davon, welche er gehofft hatte. Er sah
-ein, daß die Gefühle der Jugend eine bedeutende Zuthat
-zu jener innigen und beglückenden Freundschaft
-gewesen wären. Wirklich hatte Romana sich sehr geändert,
-und war ein wenig kopfhängerisch geworden;
-der Graf war ein geisteskranker Mann, der ganz eigen
-behandelt seyn wollte, und eines aufrichtenden
-Umgangs bedurft hätte. Romanas Uebertritt hatte
-eine Kluft zwischen ihnen gerissen, die der Graf in
-der Fülle seines Herzens anfänglich nur für eine Linie
-hielt&nbsp;&ndash;; aber es war ein tiefer, dunkler Spalt,
-der ihr innigstes allseitiges Vertrauen nicht zuließ.
-Sie vermieden sorgsam jedes Gespräch, das nur von
-fern diesen Punkt berührte, und wehe der Freundschaft,
-die, wenn auch nur <em class="ge">eine</em> Stelle weiß, welche
-geschont werden muß!&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>Der Hochmuth des Grafen war durch seine Verhältnisse,
-durch das Gefühl, verkannt zu seyn, durch
-die Natur seiner Krankheit genährt worden. Auch
-der Unglückseligste hat noch <em class="ge">einen</em> Freund: den Tod!
-Graf Frankenstern aber sah in diesem das Gespenst
-seines Lebens, und die öde Unsterblichkeit, die er sich
-in der Angst seiner Seele wünschte, stellte ihn allein
-unter den Menschen. Romanas ritterlicher Sinn war
-Stolz der christlichen Demuth geworden. Ein leiser
-<a class="pagenum" id="page_030" title="30"> </a>
-Hang zum Abenteuerlichen, der ihm verblieben, ein
-inneres Absondern von Andern, ließ ihn von der breiten
-Straße abbeugen, auf der gewöhnliche Menschen
-das Glück suchen. Der Geist seiner Secte setzt etwas
-darin, vertraut mit dem Tode seyn und seine düstern
-Farben und Symbole in den Bedarf des häuslichen
-Lebens aufzunehmen; Romana schlief unter einer Decke
-schwarz und weiß, zu seinen Häupten lief lautlos oder
-stand eine Sanduhr, weil sein Schlaf so leise war,
-daß auch der sanfteste Seiger ihn verscheuchte. Er
-würde lächelnd seinen Morgentrunk aus einem Schädel
-genommen haben, er sprach freudig von seiner
-Auflösung, und diese Kraft stellte ihn hoch über seinen
-Freund.</p>
-
-<p>Graf Frankenstern arbeitete nichts; nur seine Phantasie
-war unablässig beschäftiget. Das Bewußtseyn,
-durch seine eigensten Kräfte zu nützen, hatte ihn nie
-gehoben. Die Leichtigkeit, womit er wohlthun konnte,
-täuschte ihn über die Unterlassungs-Sünde, die Mittel
-dazu aus sich selbst zu schöpfen.</p>
-
-<p>Romana besaß schöne Kenntnisse, und übte sie
-mit Fleiß. Er war thätig von früh bis spät, und
-der Kernspruch seines großen Landsmanns, daß Arbeit
-des Blutes Balsam sey &ndash; bewährte sich an ihm: er
-war sehr gesund. Er trieb viel Mathematik, und
-flößte seinem Sohne Lust und Eifer für diese Wissenschaft
-<a class="pagenum" id="page_031" title="31"> </a>
-ein; indem er ihn gewöhnte, seinen Verstand
-anzustrengen, unterdrückte er das frühzeitige Aufstreben
-von Gefühlen, denen die Einsamkeit Nahrung
-giebt.</p>
-
-<p>Die Gräfinn war im Spätherbst jenes Jahres,
-welches ihren Gemahl seinen Freund wiederfinden ließ,
-schnell und sonder Gefährlichkeit von einer Tochter
-entbunden worden. Ein niedliches Mädchen machte
-ihr das Leben leicht. Dennoch schien die Mutter tödtlich
-erschöpft.</p>
-
-<p>»Das Kind ist im Zeichen des Krebses geboren&nbsp;&ndash;«
-sagte die Wärterinn nach einem Blick in den
-Calender, »Gott verhüte, daß ihm nicht Alles rückgängig
-werde!« Die Gräfinn erschauerte bei diesen Worten
-in einer andern Furcht.</p>
-
-<p>Die Kleine ward Albane getauft, und gedieh wunderschön
-an der Brust einer derben Amme. Keine
-Spur von Krämpfen zog das Herz der Mutter in der
-Befürchtung zusammen, dies Engelskind werde ja doch
-nur wieder ein geliehenes Gut seyn, wie die kleinen
-Brüder &ndash; was sie nach kurzer Zeit mit tausend Thränen
-zurück zahlen müssen. Langsam hatte sich die
-Gräfinn erholt, und war auch bei wiedererlangten
-Kräften, und ihres Anlasses zur Freude ungeachtet, in
-sich gekehrt und traurig geblieben.</p>
-
-<p>Zwei Jahre waren seitdem verstrichen, als eines
-<a class="pagenum" id="page_032" title="32"> </a>
-Tages Romana sich bei seinem Freunde im Schloß
-befand. Sie unterredeten sich über die Zukunft seines
-Sohnes. »Sylvius bekommt einmal Deine Stelle&nbsp;&ndash;«
-sagte Graf Frankenstern gleichsam zusichernd. Er sprach
-damit die Gewißheit an, den Vater des künftigen
-Forstmeisters zu überleben.</p>
-
-<p>»Meinem Wunsche nach,« antwortete Jener, »geht
-er in die weite Welt.«</p>
-
-<p>»Dein einziger Sohn?« erwiederte der Graf mit
-Vorwurf, »Du willst doch nicht, daß er ein Glücksritter
-werde?«</p>
-
-<p>»Warum nicht? bin ich doch auch Einer&nbsp;&ndash;« sagte
-Romana, und lächelte wie ein Eremit. »Sieh lieber
-Frankenstern,« fuhr er fort, »die Seinen für sich behalten
-und in den Kreis der angestammten Verhältnisse
-einschließen wollen, wäre engherzig gedacht. Nur
-in der Welt wird der Mann ein Mensch und lernt
-brüderlich denken. In diesem Aussenden liegt mir etwas
-Göttliches&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<p>»Wir aber sind Menschen, Romana,« unterbrach
-ihn der Graf, »und es liegt in der Natur, daß man
-sein Kind so nahe und so lange als möglich um sich
-habe; es ohne Noth dem Zufall zu opfern, kommt
-mir wie Vermessenheit vor.«</p>
-
-<p>»Aber gehorsam dem Willen des Herrn? oder einer
-heiligen Idee?« wendete Romana mit erhöheter
-<a class="pagenum" id="page_033" title="33"> </a>
-Stimme ein, »ich fühle, das würde ich können. Wäre
-es dem Sylvius bestimmt, in einem rechtlichen Kriege
-zu fallen: so preise ich ihn selig. Zöge er übers Meer,
-um die Heiden dem Erlöser zuzuführen und versänke:
-ich würde deshalb nicht zu Boden sinken. Im Aufgeben,
-Freund, liegt das wahre <em class="ge">Haben</em>, und das
-Geheimniß ewigen Gewinns. Wie ärmlich ist das
-Leben, wenn es keinen andern Werth hat, als daß
-man athme!« der Graf seufzte schwer, und Romana
-verließ ihn.</p>
-
-<p>Noch wirkte dieses Gespräch nach, als die Gräfinn
-in das Zimmer ihres Gemahls trat. Die kleine Albane
-hing schlafend auf ihrem Arme, und das volle
-Händchen des Kindes, wie aus rosigem Wachs mit
-reizenden Grübchen geformt, lag schützend auf der linken
-Brust der Mutter.</p>
-
-<p>Den Grafen rührte dieser Anblick. Er küßte väterlich
-sacht diese kleine Hand, und das Mutterherz
-darunter schlug stärker. Vielleicht ward in diesem
-Augenblicke der Gedanke an das, was Romana gesagt,
-zu einer stillen Freude, daß dies sein einziges Kind
-eine <em class="ge">Tochter</em> sey. Zum erstenmale äußerte er, wie
-glücklich ihn der Besitz des Kindes mache, und daß es
-so gesund sey, und die Mutter dazu, um die er vordem
-doch sehr besorgt gewesen.</p>
-
-<p>Die Gräfinn entfärbte sich. Mit bewegter Stimme
-<a class="pagenum" id="page_034" title="34"> </a>
-sagte sie: »es könnte seyn, daß ich mein Leben um
-einen Preis gerettet hätte, der Dir mißfällt.«</p>
-
-<p>Dem Grafen fiel diese Aeußerung auf. Er sah
-seine Frau forschend an, welche ihm nunmehr gestand,
-wie sie seit ihrer Verheirathung ein schadhaftes Fleckchen
-in der Brust verspürt, was ihr dann und wann
-Schmerzen, immer aber Kummer verursacht habe. In
-jedesmaliger Schwangerschaft sey es schlimmer damit
-geworden, bis endlich bei der Geburt der kleinen Albane
-der leidende Theil sich zu Stein verhärtet und
-dergestalt sich entzündet habe, daß sie (die Gräfinn)
-fürchten müssen, den Krebs zu bekommen, wenn sie
-nicht Muth zu einem gewagten Schritt fassen könnte.&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>Der Graf legte beide Hände vor das Gesicht, schon
-bedeckt von der Blässe des Grauens. Er sagte: »gut,
-daß ich es nicht wußte; der bloße Gedanke macht mich
-schaudern. Eine Operation solcher Art brächte mich
-von Sinnen. Du glaubst nicht,« setzte er mit scheuem
-Vertrauen hinzu, »wie tausend Dinge, stumpf für den
-Verstand Anderer, in mein Gehirn bohren! diese Vorstellung
-zum Beispiel &ndash; durchdringt mich entsetzlich.«
-Seine Lippen zuckten, als wühle ein Messer in seiner
-Seele.</p>
-
-<p>Die Gräfinn hätte beinahe ihr Geständniß bereut
-&ndash; gewiß hätte sie es sollen. Sie sprach: »in
-dieser Noth that ich das Gelübde, hülfe mir der Himmel
-<a class="pagenum" id="page_035" title="35"> </a>
-und würde ich geheilt: so solle die Brust meines
-Kindes sich nie für eitle Wünsche heben &ndash; nur dem
-Heil der Seele. Und es dauerte nicht lange, so genaß
-ich an einem simpeln Umschlage.«</p>
-
-<p>»Verstehe ich Dich recht?« fragte der Graf schwach,
-»Albane &ndash; eine Klosterfrau?« Die Mutter nickte
-ängstlich.</p>
-
-<p>»Das ist hart!« murrte der Graf, und seine Frau
-hatte jene Gefahr nicht härter empfunden, als diese
-drei Worte. So sprach die Gräfinn weichmüthig:
-»Du mein Gemahl machst Dir ja selbst nichts aus
-der Welt, und ihren trüglichen Freuden. Die Güter
-kommen an fremde Hand &ndash; Anverwandte haben wir
-nicht, Albane stünde allein. So ist sie unter den vornehmsten
-Schutz gestellt, und die Kirche, eine segensreiche
-Mutter, giebt ihr Schwestern.«</p>
-
-<p>Der Graf lächelte kalt, und murmelte etwas von
-Stiefgeschwisterschaft.</p>
-
-<p>»Nein,« fuhr die Gräfinn, ihren Gemahl mißverstehend,
-fort, »dort würde mir Albane nicht aufgehoben
-gewesen seyn. &ndash; Sage, was fehlt einer Braut
-Christi?«</p>
-
-<p>»Dieses Glück!« antwortete Graf Frankenstern
-und deutete auf seine Kleine, »eine Brust, daran solch
-ein Kind erblüht, kann viel verschmerzen. Ihr seyd
-zu Müttern geboren. Und &ndash; daß ich es nur frei
-<a class="pagenum" id="page_036" title="36"> </a>
-gestehe &ndash; ich mag die Klöster nicht leiden, und es
-wird einmal aller Tage Abend mit ihnen werden.
-Warum aber soll meine Tochter darin untergehen?«</p>
-
-<p>»O mein Gott!« jammerte die Gräfinn, und hob
-ihre Augen thränenschwer zur Höhe, »warum bin ich
-nicht gestorben?« Ihr Herz schlug so mächtig, daß
-des Kindes Händchen auf dem Busen seiner Mutter
-erbebte. Sie selbst wankte.</p>
-
-<p>Der Graf war erschüttert; nach einer Pause sagte
-er: »Du wirst glauben, daß mir Dein Leben über
-Alles theuer ist! nur <em class="ge">den</em> Beweis fordere nicht, daß
-ich gleichgültig dazu wäre, wenn unser einziges Kind
-geopfert wird, in welchem ich Dich ja auch liebe.
-Uebrigens warst Du damals in einem Zustande, der
-keiner Zurechnung fähig ist. &ndash; Nöthigenfalls würde
-Dispens vom Pabst zu erlangen seyn. Ich zweifle
-jedoch, ob das Recht, über das Schicksal eines Menschen
-also zu verfügen, auch einer Mutter zusteht, und
-meine, von der Sünde, es gethan zu haben, könne
-Jeder sich selbst entbinden.«</p>
-
-<p>»Dies sind Romanas Grundsätze,« stöhnte die Gräfinn,
-»es ist <em class="ge">sein</em> Geist, der aus Dir redet, mein
-Gemahl. Irret Euch nicht, Gott läßt sich nicht spotten;
-ich will Wort halten, wenigstens.«</p>
-
-<p>Sie entfernte sich hierauf, heftig alterirt. Die
-Gräfinn fühlte einen tiefen körperlichen Schmerz in
-<a class="pagenum" id="page_037" title="37"> </a>
-ihrem Herzen, und sich wie im Innersten zerrissen.
-Von Frost geschüttelt mußte sie sich alsbald zu Bett
-legen. O! daß die Arme gesprochen und mit dem
-Laut der Rede den stillen Wächter ihres Geheimnisses
-verscheucht hatte! ihre Ruhe war dahin. Seltsam genug
-warf sich ein schnell entwickelter Krankheitsstoff
-auf ihre zuvor genesene Brust. Es half nichts, daß
-die Gräfinn ihr erneuetes Unglück siebenfach verhüllte;
-jede Hoffnung schien verloren, und das Leben war ihr
-nichts mehr werth.</p>
-
-<p>Wenn die geneigten Leser der Meinung wären,
-Güte und Liebe in dem Charakter der Gräfinn Frankenstern
-würde nicht zugelassen haben, daß sie in
-grausamer Selbstsucht das Glück ihres einzigen Kindes
-zum Preis ihrer Rettung gemacht hätte, so glauben
-wir diesem Vorwurf zu begegnen, wenn wir bemerken,
-wie grade die zärtlichsten, die weichsten Mütter es
-sind, und die Natur mag diesen Widerspruch lösen &ndash;
-welche oftmals das Schwerste über ihre Kinder verhängen.
-Hier war es ein Schleier, und den zu tragen
-hielt die Gräfinn für leicht. Sie hielt ferner, im
-Gefühl <em class="ge">ihrer</em> Ehe, <em class="ge">keine</em> für ganz glücklich, und verwechselte
-ihr unbefriedigtes Herz mit dem Sehnen
-nach einer Bestimmung, die vollendender wäre. Und
-wie es im menschlichen Wunsche liegt, daß Diejenigen,
-welche unser Daseyn fortsetzen, Alles weiter bringen,
-<a class="pagenum" id="page_038" title="38"> </a>
-jeden Keim unsers innersten Lebens entwickeln,
-und ein höheres Glück erreichen sollen: so war der
-Gräfinn der Gedanke lieb geworden, ihre Tochter
-würde werden, was zu seyn ihr nicht bestimmt gewesen.
-Von einer gewissen Stufe der Erfahrung scheint
-jeder Schritt, den wir unsern Nachkommen zumuthen,
-ob er auch die liebsten Freuden hinter sich lasse &ndash;
-<em class="ge">klein</em>, im Vergleich zu dem, was er anstrebt. Vielleicht
-war es auch die mütterliche Ahnung, welche die
-Gräfinn fürchten ließ, ihre Tochter in den Armen eines
-Mannes nicht sicher genug zu wissen.&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>Nach einiger Zeit ward Romana heimlicher Weise
-zur Gräfinn berufen. Diese einfache Bitte machte den
-Forstmeister stutzen, und Schwierigkeiten, daß er sie
-erfülle: denn der Graf mußte umgangen werden. &ndash;
-Zur bestimmten Stunde fand sich Romana ein. Die
-Gräfinn war in ihrem Schlafzimmer. Jener erschrak
-vor ihrem Anblick. Sie war total entstellt, ihr Gesicht
-aschfarb, ihr Auge erloschen, und nur ein schwachglimmender
-Lebensfunken noch darin. So krank hatte
-er sie nicht geglaubt, obgleich er von ihrem Uebelbefinden
-wußte.</p>
-
-<p>»Verzeihen Sie, Romana, daß ich Sie bemühte!«
-redete sie ihn mit jenem rührenden Wohllaut der
-Stimme an, der je leiser, um desto stärker ans Herz
-dringt, »ich habe etwas Wichtiges mit Ihnen zu
-<a class="pagenum" id="page_039" title="39"> </a>
-sprechen. Sie könnten mir einen großen Gefallen
-erzeigen.«</p>
-
-<p>»Herr mein Gott!« antwortete der Forstmeister,
-und das Mitleid mäßigte diesen Ausruf bis zur zartesten
-Versicherung, »gebieten Sie doch über mich!«</p>
-
-<p>»Es wäre mir viel daran gelegen,« sprach hierauf
-die Gräfinn, »wenn Sie morgen &ndash; oder übermorgen,«
-der kranke Blick ihres matten Auges verdunkelte sich
-wie die Nacht dazwischen, und ein voller Seufzer
-füllte den Moment, »meinen Mann auf einen halben
-Tag &ndash; besser wäre freilich ein ganzer &ndash; zu entfernen
-wüßten.«</p>
-
-<p>»Das wird schwer halten,« erwog Romana, »hält
-doch Frankenstern kaum mehr eine halbe Stunde bei
-mir aus. Verlassen Sie Sich indeß darauf, es geschieht!
-ich sinne nur nach, wie ich es anzustellen habe,
-ihn zu einer kleinen Reise zu bereden.«</p>
-
-<p>»Dann fiele mir ein Stein vom Herzen,« erwiederte
-die Gräfinn, indem ein paar Thränen über ihre
-abgehärmten Wangen rollten. »Wissen Sie denn,
-ich werde operirt &ndash; das heißt, ich lasse mir die Brust
-ablösen. So begreifen Sie auch, daß dies meinem
-Manne verschwiegen bleiben muß.«</p>
-
-<p>Diese Worte, mit Ruhe und Resignation gesprochen,
-sträubten dem Forstmeister das Haar. »Die Brust
-&ndash; ablösen?« fragte er, und sein männliches Gesicht
-<a class="pagenum" id="page_040" title="40"> </a>
-erröthete in Angst; die Gräfinn erbarmte ihn unaussprechlich.
-»Und bleibt kein anderes Mittel?«</p>
-
-<p>Ein sanftes Kopfschütteln, und: »nur dieses
-letzte&nbsp;&ndash;« war die sehr leise Antwort.</p>
-
-<p>»Sie werden eines Beistandes bedürfen, arme
-Gräfinn!« sagte Romana dringend, und irrte mit seinen
-Gedanken hin und her, wie er zugleich den Grafen
-abwehren, und hier eine Stütze in der Gefahr
-seyn könnte.</p>
-
-<p>Die Gräfinn lächelte; es war, als hätte die Sense
-des Todes dies Lächeln in ihre tiefen Züge eingeschnitten
-&ndash; und dem Forstmeister blutete das Herz. Sie
-sprach: »ich wäre doch allein, im Grausen Dessen,
-was mir bevorsteht; allein muß Jeder seinen Weg gehen.
-Aber, wenn ich am Ziele bin, verlassen Sie
-meinen Mann nicht! er wird den Freund dann nöthig
-haben. &ndash; Und nun das Wichtigste. Wir sind
-zwar nicht mehr Eines Glaubens, Sie &ndash; doch lassen
-wir das. Ich halte Sie für einen redlichen Mann,
-Romana.« Nie hatte der Forstmeister ein ehrenwertheres
-Zeugniß empfangen, als dies. Er würdigte
-es, und die Gräfinn fuhr mit bewegter Stimme und
-widerstrebenden Lippen fort: »an ihre männliche und
-christliche Ehre nun wende ich mich, wenn ich hoffe,
-daß Sie, unserer abweichenden Meinungen ungeachtet,
-das Wort, was eine bedrängte Mutter dem Himmel
-<a class="pagenum" id="page_041" title="41"> </a>
-als Pfand eingesetzt, nicht verfallen lassen werden,
-gleich einer Schuld. Versprächen Sie, Ihren Einfluß
-auf meinen Mann für diesen Zweck zu benutzen:
-dies würde mich sterbend noch erquicken.«</p>
-
-<p>Darauf erzählte die Gräfinn dem Forstmeister,
-was unsere Leser schon wissen. Wie lange und wie
-still sie den Kummer in ihrer Brust getragen, was
-die Aerzte gesagt, und so weiter. Und als sie ihr
-letztes Kind geboren, habe sie es mit tiefem Erbarmen
-angesehen, wie vielen Schmerzen eine Mutter unterworfen
-sey und was ein Weib schweigend erdulden
-müsse. So sey ihr denn ein Leben in Gott als das
-höchste Glück erschienen, dem sie das Neugeborene
-gelobt, wenn er das ihrige fristen wolle, weniger,
-um sich selbst zu retten, als ihr Kind. &ndash; Die Gräfinn
-eröffnete nun dem Freunde ihres Gemahls mit
-reuiger Wehmuth, daß sie sich von einem ungewöhnlichen
-Anfluge ehelicher und väterlicher Zärtlichkeit
-des Grafen hinreißen lassen, ihm dies zu gestehen,
-worauf er ihr bittern Vorwurf gemacht, und das
-Ansinnen, jenes Gelöbniß zu brechen. »Ich muß nun,«
-setzte sie trostlos hinzu, »den Frevel dieses Gedankens
-mit dem Tode büßen: denn der Himmel läßt nicht
-mit sich spaßen. Ich bekam sofort Frost, die alten
-Schmerzen &ndash; es ward schlimmer mit mir, wie je
-zuvor. So will ich, obwohl selbst ein Opfer, doch,
-<a class="pagenum" id="page_042" title="42"> </a>
-daß meine Tochter durch Gehorsam sühne, was ihr
-Vater zu sagen sich vermaß. Werden Sie es nicht
-hindern, Romana? daß Albane&nbsp;&ndash;« weicher läßt sich
-nicht bitten, als es in diesen Worten geschah; die
-Stimme der Gräfinn zerschmolz in Thränen.</p>
-
-<p>Der Forstmeister legte stumm seine Rechte in ihre
-kleine, weiße, feuchte Hand. In seinen Augen, denen
-Kreuz und Leiden in aller ihrer Heiligkeit vorschwebten,
-brannte ein Schwur. Sie glaubte ihm, ohne
-daß er eine zusichernde Sylbe gesagt hätte.</p>
-
-<p>Wie überzeugend ist das Vertrauen! Romana, seinem
-gewandelten Sinne nach, ein Feind der Klöster,
-hätte die kleine Albane lieber heute schon einsperren
-mögen. Er war der geistliche Anwalt des Wunsches
-ihrer Mutter geworden, daß dies liebe Kind, einst absagend
-weltlichen Schimmer, der Edelstein eines Ordens
-würde. Vielleicht wäre die Gräfinn dennoch zu retten
-gewesen; aber das Fatum, dem selbst die Parzen dienen,
-hatte ihrem Leibarzt den Lebensfaden, und somit
-die Gelegenheit abgeschnitten, ihren frommen festen
-Glauben an göttliche Hülfe und an die seinige noch
-einmal zu bewähren. Der junge Aesculap, der das
-Zutrauen der Gräfinn von ihm ererbt, war ein hitziger
-Anatomiker, der seinen besten Freund eben so
-gern secirt, als ganz glücklich gesehen haben würde &ndash;
-und Wir wissen, daß die Leidenschaft ihren Gegenstand
-<a class="pagenum" id="page_043" title="43"> </a>
-nicht immer zeitgemäß behandle. &ndash; Als nun
-der gefürchtete Morgen kam, und mit ihm der Doctor,
-begleitet von einem Wundarzt, fand er Alles
-bereit, sogar die Seele der Gräfinn zum Sterben.
-Graf Frankenstern war durch einen Anlaß, den die
-Klugheit des Forstmeisters ersonnen, geschickt entfernt
-worden. Todtenstille herrschte im Schlosse. Die
-weiblich-vornehme Fassung der Gräfinn entmannte
-den Operateur. Verstörten Auges blickte er nach der
-Uhr, und seine Hand zitterte mit dem Secundenzeiger
-um die Wette. Nach dem ersten Schnitte entfiel
-ihm das Messer, und es sank mit solcher Schärfe in
-die Diele ein, daß ein kleiner blutbefleckter Spahn
-daneben aufgaffte. &ndash; Die Gräfinn verlangte mit
-erlöschender Stimme: man solle das Messer nur liegen
-lassen. Aber dieser Zufall war von übler Vorbedeutung:
-die Gräfinn verschied am dritten Tage.&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>Wir wagen nicht, den Zustand ihres Gemahls
-beschreiben zu wollen. Er klagte sich als den Mörder
-dieser unvergleichlichen Gattinn an, obgleich er die eigentlichen
-Umstände ihres Todes nicht kannte, und
-nur wußte, daß sie von jenem Wortwechsel an gekränkelt
-hatte; die Wahrheit würde zu stark für ihn gewesen
-seyn. Liebe und Schauder bekämpften ihn
-mit gleichen Waffen. Romanas Freundschaft stand
-ihm kräftig bei; aber &ndash; wie sind jene finstern Mächte
-<a class="pagenum" id="page_044" title="44"> </a>
-zu bezwingen, die den Menschen sich selbst entfremden?
-&ndash; Vergebens mahnte der Forstmeister ihn an die
-Pflicht, sich zu zerstreuen. Er konnte ihm nicht einmal
-den Abgrund zeigen, der unter dieser tiefsinnigen
-Langeweile gähnte, aus Furcht, der Graf könne dann
-früher noch in das Elend völliger Geistesverwirrung
-stürzen. &ndash; Romana bot ferner Alles auf, jedoch
-umsonst, ihn zu bewegen, daß er die kleine Albane
-unter andere Aufsicht gäbe, als die ihrer Amme.
-Mit jener Hartnäckigkeit, womit schon der Eigensinn
-wie viel mehr der Wahnsinn, ob er auch unterdrückt
-wäre, an seinem Willen festhält, behauptete der Graf,
-er könne nirgend ausdauern unter Menschen, und eben
-so wenig ein weiblich Wesen in bessern Kleidern um
-sich sehen, als Die trüge, welche seine Albane genährt.</p>
-
-<p>»Und wozu auch?« fragte er mit düsterm Stolz,
-»meine Tochter kommt einmal ins Kloster, und also
-nie in den Fall, der Welt und dessen, was sie fordert,
-zu bedürfen. Gott hat sie wohl gebildet &ndash; es ist
-nichts zu tadeln an meinem Kind.« Dagegen ließ
-sich nun freilich nichts sagen, und Romana schwieg.</p>
-
-<p>Wenn man annehmen darf: daß die Freundschaft
-durch ein verjährtes Zusammenleben tausendmal eher
-aufgehoben als befestiget wird &ndash; so wie durch lange
-Trennung verinniget &ndash; so spricht die Erfahrung
-<a class="pagenum" id="page_045" title="45"> </a>
-dafür und den Beweis an: Verstand, Einsicht, Wissenschaft,
-Dankbarkeit, Lebenssinn, Erinnerung &ndash; könnten
-zwar als eine feste Grundlage freundschaftlicher
-Verhältnisse angesehen werden, doch nicht unerschütterlich
-gegen die Gewalt der Zeit und Umstände. Die
-einzige Basis des Bestands ist ein tiefes Gemüth
-voll göttlicher Kraft der Liebe!</p>
-
-<p>Allmälig hatte Romana sich seinem unglücklichen
-Freunde entfremdet, und es war so unmerklich geschehen,
-daß ihre Seelen sich wie aus weiter Ferne kaum
-mehr verstanden, als ihr äußerer Verkehr, besonders
-von Seiten des Forstmeisters &ndash; noch ganz derselbe
-schien. In dem Grade, als der Graf sich in sich
-selbst zurückgezogen, war ihm auch das Nächste, sein
-Kind ausgenommen &ndash; gleichgültig geworden. Er
-vermißte Romana nicht, er suchte ihn nie auf. Tagelang
-saß er allein, und flüsterte so anhaltend, daß die
-Bedienten oft lange warten mußten, ehe sie ihn unterbrechen
-durften. Des Abends klagte er sich matt,
-von der fortwährenden Unterhaltung. Da sahen seine
-Leute sich an und es grauete ihnen: denn Niemand
-war bei ihm gewesen, als sein Dämon. Daß er
-gestörten Geistes sey, war, wenn auch ein bewahrtes
-Geheimniß der Achtung, doch Jedem klar.</p>
-
-<p>Einst, an einem milden Herbsttage fand ihn Romana
-im Garten, seltsam beschäftiget. Er band die
-<a class="pagenum" id="page_046" title="46"> </a>
-Blätter einer Espe mit grüner Seide an die Zweige
-fest, der Knäuel, dessen Faden eine rothe Wunde in
-seine Finger eingeschnitten, lag im falben Grase und
-glänzte in der Sonne.</p>
-
-<p>»Gott grüße Dich, lieber Frankenstern!« sagte Jener,
-»was machst Du denn da?«</p>
-
-<p>Der Graf lächelte und sprach: »ei! ich binde mir
-die Blätter ein wenig fest, dies Zittern ängstet mich,
-so oft ich es sehe. Ich weiß, wie Einem zu Muthe
-ist, der vor jedem Lüftchen bebt: die Furcht ist das
-entsetzlichste Gefühl.« Und indem er emsig in seinem
-unheimlichen Treiben fortfuhr, setzte er hinzu: »dann
-&ndash; Dir will ich es wohl sagen, Romana, wenn der
-Wind nun rauher weht, und die Blätter fallen, und
-liegen fahl und still an der kalten Erde, wie aufgehäufte
-Leichen &ndash; manche haben ordentlich Physiognomie&nbsp;&ndash;«
-Der Forstmeister sah voll Mitleid in die
-seines Freundes. »Den Schmerz der Natur,« sagte er
-mit dem tiefsten, »wollen wir ihrem Schöpfer überlassen.
-Dieser Faden, Du Armer, schneidet mir in
-die Seele. Hast Du nie den Frühling gesehen, das
-Bild der Auferstehung? Wer bindet denn da die
-Kränze von Laub und Blumen, welche Himmel und
-Erde umschlingen?&nbsp;&ndash;« Er umschlang den Freund,
-und weinte vor großer Rührung.</p>
-
-<p>So wurde es immer finsterer um den Grafen, nur
-<a class="pagenum" id="page_047" title="47"> </a>
-in dem hellen Blick seines Töchterchens ging ihm zuweilen
-ein Strahl von Freude, das Licht des Lebens
-auf. Er hing mit unendlicher Liebe an dem Kinde,
-und diese zärtliche Empfindung wurde nur durch das
-Andenken an die verstorbene Frau getheilt. &ndash; Die
-kleine Albane, obwohl ohne alle Erziehung, entwickelte
-sich zart und schön. Die Natur war ihre Gouvernante,
-und welche Bonne bildet so gut als sie? &ndash;
-Ihre Sprache hatte den reinen Klang des Gefühls,
-ihr Gang war ein leichtes Schweben über gemeinen
-Boden, und jenen angeborenen Adel der Sitten hätte
-weder die Stiftshofmeisterinn eines Fräuleins-Instituts
-heben, noch die gutmüthige Plumpheit der Amme
-unterdrücken können.&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>Die Amme, welche mit roher Treue um ihren
-Pflegling sorgte und waltete, sprach oft von seiner
-künftigen Bestimmung: dem Kloster; aber die Farben,
-womit sie die Zukunft mahlte, waren eine Reibung
-für das junge Herz, und es mischte sich in ihnen
-religiöse Ehrfurcht, mit dem Schein von Hoffnung,
-Albane werde hinsichtlich ihres wahren Glückes
-zu täuschen seyn. Sie staffirte die Zelle mit Gold
-aus, und bekleidete die kleine Gräfinn mit den Würden
-einer Aebtissinn. Aber es giebt nur ein Bedürfniß,
-ein Talent, welches die Einsamkeit vorzugsweise
-weckt: das Verlangen und die Fähigkeit <em class="ge">zu lieben</em>.
-<a class="pagenum" id="page_048" title="48"> </a>
-Während die Amme wähnte, sie baue möglicher Abneigung
-vor, ward Albanen der Gedanke an das Kloster
-verhaßt, und der Instinkt ihres Geschlechts stellte
-eine Widersetzlichkeit dagegen auf. Dem Grafen war
-es zwar unumstößlich gewiß, daß seine Tochter Profeß
-thun müsse&nbsp;&ndash;; doch den Zeitpunkt dazu glaubte er
-hinaus schieben zu dürfen, wie weit? dies wußte er
-selbst nicht, und es dämmerte ihm vor den Augen.</p>
-
-<p>»Wie könnte ich Dich nur verlassen, mein Vater?«
-fragte Albane ihn in bangen Stunden der Anfechtung,
-und ihr Vater fühlte dann selbst die Unmöglichkeit,
-seinen einzigen Trost in ihr entbehren zu
-können. Mehr als diese Frage erlaubte sich jedoch die
-junge Gräfinn nicht, um an ihrem Ziel zu rücken:
-denn als sie einst den Versuch gewagt, ihrem Vater
-recht kindlich zu sagen, daß sie doch lieber den Brautkranz
-wie den Schleier trüge, wenn sich nämlich ein
-Mann für sie fände, der sie nicht von ihm und ihrer
-Pflicht trennte &ndash; war der Graf in einen fürchterlichen
-Zustand gerathen. »Soll ich auch des Todes
-sterben, wie Deine Mutter?« hatte er ihr rollenden
-Auges entgegnet. »Es war mein Wunsch wie der
-Deine, armes Wesen, Du mögtest glücklich werden;
-aber ich bin nur elend deshalb geworden. Mögte
-wohl ein Vater sein Kind zu lebenslänglicher Gefangenschaft
-verurtheilen, wenn es nicht die Rettung des
-<a class="pagenum" id="page_049" title="49"> </a>
-Lebens gälte? &ndash; Aber es giebt einen Schlüssel zur
-Freiheit&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<p>Geistig Gestörte sind wie Inspirirte zu betrachten.
-»Der Schlüssel zum höheren Leben ist die Liebe!«
-und Albane trug ihn in stiller Brust.&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>Wie durch ein stillschweigend Uebereinkommen der
-Grundsätze beider Väter waren ihre Kinder fast gar
-nicht zusammen gekommen. Auch war Sylvius ziemlich
-voraus; doch die Natur hob durch ihre höchste
-Kraft diesen Unterschied auf, und lernte die beiden
-jungen Leute, wie fremd und fern von einander gehalten,
-sich innigst finden. &ndash; Jener Arzt, der die
-Gräfinn operirt hatte, war dem herrschaftlichen Hause
-von Bonna verpflichtet geblieben, und weil er sich
-vorwurfsvoll beimaß, durch Uebereilung an dem Tode
-einer der trefflichsten Frauen, die er je gekannt, Schuld
-zu seyn, nahm er die Gesundheit ihrer Tochter mit
-vergütender Sorgfalt und um so gewissenhafter in
-Acht. &ndash; Und wie das, was wir bewahren, wäre es
-auch fremdes Eigenthum, allmählig eigenen Werth für
-uns gewinnt, so war das Glück nicht minder als das
-Leben der Comteß ihm theuer geworden. Er bedauerte,
-daß ein so schönes Kind dem Kloster bestimmt
-seyn solle. Mit leiser Geschäftigkeit tastete er an diesem
-Entschluß herum. Albane hüthete sich indeß wohl,
-ihm ihr jungfräuliches Herz zu öffnen &ndash; und der
-<a class="pagenum" id="page_050" title="50"> </a>
-Graf zeigte bei dem behutsamsten Versuch, ob er hierin
-wankend zu machen wäre, sich so erschüttert, daß der
-Arzt, gegen dessen persönliches Annähern er eine innerste
-ahnungsvolle Abneigung zu empfinden schien &ndash;
-es nicht wagen durfte, stärker in ihn zu dringen. So
-begnügte er sich, dem armen Opfer noch einigen Genuß
-des Daseyns zu wünschen, ehe es seine düstere
-Bestimmung erreiche. Er konnte nicht begreifen, wie
-die junge Gräfinn es so ganz ohne allen Umgang
-aushalten könne, und erwähnte zugleich, wie dies bei
-dem Sohne des Forstmeisters, einem vielversprechenden
-Jüngling der nämliche Fall sey; so daß Albane ein
-sinnverwandtes Wesen in Sylvius ahnete. Im Hause
-Romanas hingegen sprach der Arzt mit Begeisterung
-von der Tochter des Grafen, bejammerte ihr Loos jetzt
-und künftig &ndash; rührte und regte ein Herz für die
-himmlische Schönheit, für das schuldlose Unglück dieses
-Mädchens an &ndash; ein Herz, dessen heiße Sehnsucht
-ein langes stilles Glühen für ein verhangenes Bild
-gewesen war, das sein Idol nun gefunden zu haben
-glaubte, und heftig aufflammte. &ndash; So war der Arzt,
-indem er hastig hin und her fuhr, wie der Wind, hier
-ein Wort verstreuete, dort eines, gleich dem Träger
-des Saamens, aus dem die Blume der Liebe erwuchs.
-Und wie in der Welt jedes Verhältniß, auch das tiefste,
-sich verflacht, so wird in der Einsamkeit auch das
-<a class="pagenum" id="page_051" title="51"> </a>
-oberflächlichste bedeutend. &ndash; Nicht leicht wird ein
-Mädchen dieses Ranges einsamer erwachsen, als Albane.
-Ach! sie war wohl schlimmer daran, als eine
-Waise. Die Mutter lag in tiefer Ruhe, und das
-Geheimniß manch schwerer Sorge war mit ihr versenkt;
-der Vater, Herr eines beinahe fürstlichen Besitzthums,
-war ein armer verstörter Mann, mit dem
-der geplagteste seiner Unterthanen nicht tauschen mögen.
-&ndash; Seine Tochter hing mit kindlicher Seele an
-ihm, und hielt so nur allein seine zerrissenen Gedanken
-in einem gewissen Zusammenhange. Sie fand
-sich mit jener Sicherheit, die ein Gott uns lehrt, in
-seinem zerrütteten Geiste zurecht, wie dunkel die Spur
-auch gewesen wäre. Wenn Albane ihren Vater ansah,
-so oft er wirre Worte redete und die Begriffe
-durcheinander warf, so drang mit diesem Blick ein
-mildes Licht in sein Inneres, und er erkannte sich
-selbst wieder und sein Kind. Ihre liebe, sanfte
-Stimme, vom innigsten Bezug, war wie der Laut eines
-Glöckleins, was den Verirrten auf den rechten
-Weg ruft. Wenn der Graf seine Beamten vor sich
-ließ, und Geschäfte von Wichtigkeit zu besprechen waren,
-so stand die Comteß daneben, und hielt wie mit
-einem leisen Faden die Gedanken im Zuge; verwickelte
-er sich auch einmal in einen Widerspruch, so
-wußte Albane ihn leicht zu lösen. Die Bewunderung,
-<a class="pagenum" id="page_052" title="52"> </a>
-mit der jene Männer zu ihr aufschauten, erlaubte
-ihnen nicht, einen Blick des Mitleids zu wechseln.
-O heilige Liebe! Du bist jener wunderbare
-Hauch der Allmacht, der den Funken des Geistes nicht
-verglühen läßt in todter wüster Asche. Darum ist es
-unser laienhaftes Urtheil, daß Kranke dieser Art unter
-der verschwiegenen, liebevollen Pflege der Ihrigen am
-besten aufgehoben sind. Verstand und Kunst stützen
-zwar die Pfeiler, auf denen das Gleichgewicht der
-Seele ruht, können aber gänzlicher Zerstörung nicht
-immer vorbeugen. Die Liebe in ihrem umfassendsten
-Sinne ersteigt nicht allein Mauern, sie wirft auch welche
-auf, gegen solchen Verfall.</p>
-
-<p>Doch nichtsdestoweniger war dem armen Kinde
-das Herz unsäglich schwer. Albane hatte keinen Trost
-als sich selbst, und daß sie sich nicht selbst genüge,
-ward ihr klar in Thränen, die sie heiß und heimlich
-weinte. &ndash; Wenn der Graf schlief, und er schlummerte
-oftmals des Tages über ein, weil er sich des
-Nachts gegen die Wohlthat der Ruhe sträubte, aus
-Furcht, in Bewußtlosigkeit zu versinken &ndash; so lauschte
-Albane, wie tief und stöhnend er athme. Ihr Blick
-hing bewölkt an seinem grauenden Haar, an der gealterten
-zusammengesunkenen Gestalt &ndash; und ihr Gefühl
-hatte keine Stütze. Albane durfte nur an seiner
-Seite sitzen, und den weichen Wedel von Pfauenfedern
-<a class="pagenum" id="page_053" title="53"> </a>
-schwingen, daß die summende Fliege ihren Vater
-nicht belästige, so sanken vor den Augen des Argus
-die seinen zu, und einschläfernde Regenbogenkreise
-zogen seine wache Seele in ein träumendes Vergessen.&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>Niemals kamen Gäste in das Schloß zu Bonna,
-niemals! Auf der breiten steinernen Brücke, die zu
-seinen Thoren führte, wuchs Gras, als hätte ein altgläubiger
-Fluch es hervorgerufen. Die Zimmer waren
-pomphaft, doch leer und öde, nur die Zeit wohnte
-darin, und nützte den Glanz der Möbeln nicht mehr
-ab, wie eine ruhige alte Frau von leisem Schritt und
-Wesen. Losgesprochen von jeder andern Aufgabe als
-der: zu leiden, fand die junge Gräfinn nie und nirgend
-etwas zu thun. &ndash; Der Tag zu Bonna und
-seine Glocke war ein Tonstück von ganzen Noten und
-großen Pausen. Tanz und Musik, die kirchliche ausgenommen
-&ndash; waren Freuden, welche Albane nur
-dem Namen nach kannte, und manchmal wünschte sie
-wohl, die Horen mögten ihr die Pforten des Himmels
-öffnen, daß Alles zu Ende wäre. Sie thaten es,
-doch auf andere Weise, zu dem Anfange eines neuen
-Lebens. &ndash; Die Weidenflöte, das Geläut der Heerden,
-der klingende Tropfenfall des Springbrunnens, das
-Schwirren der Heimchen im abgesichelten Felde, dies
-Alles regte eine sehnsüchtige Wehmuth in ihr an, einen
-<a class="pagenum" id="page_054" title="54"> </a>
-wollüstigen Schmerz, gemischt aus Grauen und
-Entzücken. Einst fand der Graf seine Tochter, wie
-sie das bethränte Gesicht an den Blättern einer dunkeln
-Laube trocknete. Erschrocken fragte er: »Du hast
-geweint? Was fehlt Dir, mein liebes Kind?« Albane
-antwortete überrascht, »die Freiheit, mein Vater!
-ich fühle mich so beengt.« &ndash; Es war einer der
-lichten Augenblicke des Grafen, worin ihm diese Klage
-seiner Tochter einleuchtete. Er erlaubte ihr nun spazieren
-zu gehen, wann, und wie weit sie nur irgend
-wolle. Von dieser Zeit an ging eine Veränderung
-mit Albanen vor. Als ob tausend Seelen in ihr erwacht
-wären, belebte und erhöhte sich ihr ganzes Wesen.
-In dem großen, kalten Schlosse war es wie
-Frühling geworden. Die zarte Wange der jungen
-Gräfinn, sonst nur schwach gefärbt, war eine glühende
-Rose, ihre sanften Augen leuchteten wie in einem seligen
-Fieber, und die grauen Riesen am Steinthor
-schienen im Abglanz ihres Blickes zu lächeln. Anstatt
-leise aufzutreten, schwebte sie nur, kein Unfall berührte
-sie mehr, alle Gesichter erheiterten sich bei ihrem Anblick,
-und selbst auf der finstern Stirn ihres Vaters
-blühete eine kleine kümmerliche Freude an der reizenden
-Zufriedenheit seines himmlischen Kindes auf.</p>
-
-<p>Es ist bereits früher erwähnt worden, daß mehrere
-Anwohner dieser catholischen Herrschaft zu den
-<a class="pagenum" id="page_055" title="55"> </a>
-Stillen im Lande gerechnet wurden; dies nicht allein,
-auch die ersten von den Offizianten des Grafen gehörten
-jener religiösen Innung an. Darunter war der
-Oberverwalter, ein schätzbarer Oekonom. Der Geschäftskreis,
-den er mit der besonnensten Umsicht versah,
-war groß, der seines Familienlebens hingegen
-klein. Er hatte seine einzige Tochter Fabia dem Cassirer
-des Majoratsherrn verlobt, und konnte sicher
-darauf rechnen, seine Tochter werde an der Seite dieses
-redlichen Mannes, den sie mit ruhiger Neigung
-gewählt, eben so sicher zufriedne Tage zählen, als dieser,
-von dem kein Error zu besorgen war, die ihm
-anvertrauten Summen. &ndash; Die junge Gräfinn, obgleich
-weder von Fabia angezogen, noch festgehalten,
-hatte durch die Leitung des Zufalls, oder, um uns
-angemessener auszudrücken: einer höheren Hand &ndash;
-die fromme Braut kennen gelernt, und konnte ihr ein
-Gefühl der Achtung nicht versagen. Fabia hatte einige
-Jahre früher eine herzlichgeliebte Freundinn verloren
-&ndash; unsere Leser kennen die Geschichte jener Todten
-und ihrer Freundschaft &ndash; und vielleicht war es
-ein sanfter Nachhall jenes erschütternden Ereignisses,
-vielleicht ein noch <em class="ge">innigerer</em> Ton, was Anklang
-fand in Albanens Seele. Die stille Weise, in der
-Fabia viel leistete, ihr gesetztes Betragen, der Tact
-der Ruhe und Rechtmäßigkeit &ndash; wenn wir so sagen
-<a class="pagenum" id="page_056" title="56"> </a>
-dürfen &ndash; womit sie sich bewegte, und das Ruder des
-Hausstands lenkte, bildete eine Art von Gegensatz zu
-dem leidenschaftlichen Zustande Jener, und wirkte beschwichtigend
-auf sie ein. Albane empfand, daß Verlaß
-auf Fabia zu setzen, und konnte sich des stillen
-Zugeständnisses nicht erwehren, daß, in solch sichere
-Hand sein Schicksal zu legen, keinem Manne zu verargen
-sey. Ein <em class="ge">festes</em> weibliches Herz, dachte die
-junge Gräfinn, wäre vielleicht ein größeres Glück als
-Eigenthum, wie als Geschenk &ndash; und dachte doch mit
-Schauder, mit dem Schauder der Vernichtung, sie könne
-einst dieses Stillstands, dieses Gleichmuths theilhaftig
-werden. &ndash; Fabia sprach gelassen von der nächsten
-Zukunft, in der ihre Heirath vollzogen werden sollte;
-der Schritt von ihrer heimathlichen Schwelle geschah
-mit so leisem Bedacht, mit so viel Rücksicht auf das
-Größte wie auf das Kleinste, was dem Vater zu Gute
-kommen könnte, da sein Kind ihn verlassen müsse,
-um dem Manne zu folgen &ndash; daß Albane auch dies
-vergleichungsweise bemerkte und fühlte. Sie galt
-für eine Braut der Kirche; aber Frieden und Freudigkeit
-war nicht in ihr. Die Gegenwart erfüllte ihr
-Herz &ndash; eine ungeheure Kluft trennte sie von ihrer
-Pflicht, und an das Künftige vermogte sie nicht zu
-denken. Der neue Ehestand hob jenen Umgang auf,
-wenn die weite Beziehung, worin die Tochter des
-<a class="pagenum" id="page_057" title="57"> </a>
-Grafen zu der des Oberverwalters gestanden, nämlich
-so zu nennen &ndash; man sagte die Comteß kränklich, der
-Arzt kam oft nach Bonna, und Albane war beinahe
-von Niemand mehr gesehen.</p>
-
-<p>Inzwischen waren ein paar Jahre vergangen. Man
-hatte wenig oder nichts von dem jungen Ehepaare gehört,
-ein Beweis, daß es glücklich lebte. Da ward
-die Gattinn des Cassirers eines Tages der Gräfinn
-Albane gemeldet, und alsbald stand jene bekannte Gestalt
-vor ihr. &ndash; Ein wenig fraulich hatte Fabia sich
-doch verändert. Sie war hagerer als sonst &ndash; die frischen
-Wangenrosen waren verweht und etwas eingefallen,
-und um den Mund hatte sich ein matronenhafter
-Zug von kleinen Falten gebildet, der um so schärfer
-hervortrat, als sie sich zu lächeln bemühte. &ndash;
-Doch ungleich deutlicher noch machte Fabia ihrerseits
-die Bemerkung, daß Albane kaum mehr zu kennen
-wäre. &ndash; Sie saß an dem einzigen Fenster eines Gemachs,
-das wie eine Laube gemalt, und deshalb düster
-war. Seltsam stachen die unbeweglichen Schatten
-der Malerei gegen das lebendige Farbenspiel der
-Tuberosen und grünen duftenden Stauden ab, die in
-einem kleinen reizenden Gartenflor an dieser sonnigen
-Stelle blühten. Der Wind strich leise durch die
-Zweige, und ihre Umrisse spielten warm auf dem Gesicht
-der Gräfinn, die, verbleicht, krankhaft zu frösteln
-<a class="pagenum" id="page_058" title="58"> </a>
-schien, denn sie trug in dieser Jahreszeit &ndash; es war
-im August &ndash; einen weiten Mantel von Seide. &ndash;
-Dieser Anblick brachte Fabien um die ihr eigenthümliche
-Gegenwart des Geistes. Ihre Seele forschte in
-dem bestürzten Blicke nach der Ursache dieser Veränderung.
-Wie war diese unvergleichliche Schönheit zerstört!
-welches verwahrlosende Geschick hatte das Feuer
-dieser herrlichen Augen ausgelöscht? &ndash; Zwar hatte
-man lange schon von einer bedeutenden Unpäßlichkeit
-der jungen Gräfinn gesprochen, und wie diese selbst
-für die Diener des Hauses unsichtbar würde &ndash; die
-Amme war sichtlich geängstet, doch schweigsam wie das
-Grab, das sie für ihren Liebling fürchtete&nbsp;&ndash;: aber
-diese matte Blässe, diese kranke Stimme, aus Seufzern
-zusammengehaucht, deutete eben so sehr auf ein
-beladenes Gemüth, als auf unterdrückte Kraft des
-Körpers hin.</p>
-
-<p>Mit Fabien stand der Gräfinn die Vergangenheit
-vor Augen. Das klare Ansehen der jungen Frau und
-ihrer reinen Verhältnisse bewegte das Herz im Busen
-der unglücklichen Albane. Ein tiefer Seufzer
-schwebte auf ihren Lippen, da sie nach dem Anlaß dieses
-lieben Zuspruchs fragte. &ndash; Darauf trug Frau
-Fabia bescheidentlich die Bitte vor, ihr gütigst eine
-blaue Camelia abzulassen, womit sie ihrem Manne,
-der ein großer Blumenfreund sey, eine Freude zu seinem
-<a class="pagenum" id="page_059" title="59"> </a>
-Geburtstage zu machen wünsche. Die Gräfinn
-gewährte dies und mehr, jede schöne seltne Pflanze,
-die sich innerhalb der Glashäuser, oder im Bereich
-des Gartens überhaupt befinde, solle zu ihrer Auswahl
-stehn. Fabia bezeigte ein lebhaftes Vergnügen.
-Albane erkundigte sich nun nach dem Ergehen der
-jungen Frau, und kam der zögernden Antwort zuvor,
-indem sie schmerzlich lächelnd sagte: »doch diese Frage
-ist wohl vom Ueberfluß. Sie haben aus Neigung
-geheirathet. Sie sind die Gattin Dessen, den Sie
-lieben, vor der Welt die Seine, und begünstiget durch
-ein Stillleben, was ich mir über alle Maaßen traut
-und glücklich denke. Sie dürfen ihren Ehemann mit
-jeder Blume beschenken, mit <em class="ge">jeder</em> &ndash; selbst wenn
-sie unter Ihrem Herzen blüht&nbsp;&ndash;« hier stockte die
-Gräfinn. Fabia senkte tief das Auge, und es bedeckte
-eine aufquellende Thräne. Diese Seligsprechung einer
-Vermählten im Munde der gräflichen Jungfrau, die
-eine geistliche zu werden bestimmt war, mußte die
-Frau des Cassirers befremden, und jene höchste Blüthe
-der Liebe, worin Albane das, was sie dachte, verblümte,
-auf der schaamhaften Lippe eines Mädchens
-die züchtige Fabia allerdings Wunder nehmen. Sie
-sprach erröthend: »ich darf mein Loos nicht beklagen;
-doch auch die günstigste Lage läßt wohl etwas zu wünschen
-übrig. Mein Mann ist brav, und hat mich
-<a class="pagenum" id="page_060" title="60"> </a>
-noch mit keiner Miene beleidiget; aber er ist peinlichen
-Gemüths, besonders was seine Geschäfte betrifft.
-Freilich ist sein Amt verantwortlich, da der gnädige
-Herr Graf&nbsp;&ndash;« Albane nickte, und Fabia fuhr fort:
-»dann mag die Erziehung meines guten Mannes hier
-und da verfehlt gewesen seyn &ndash; damit hat eine Frau
-auch zu kämpfen. Er verbittert sich manchen Lebensgenuß,
-mein Vater spricht, es komme von einer krankhaften
-Galle her. Schreckt er doch selbst mich nicht
-selten mit einer gewissen mißtrauischen Kälte ab &ndash;
-und der Himmel ist mein Zeuge! daß ich ihm gern
-die Sonne zuneigen mögte. Endlich wünscht er sich
-so sehnlich ein Kind &ndash; und es wäre hart für mich,
-wenn dieser Segen uns versagt bleiben sollte.«</p>
-
-<p>Nichts lockt so sicher Aeußerungen des Vertrauens
-auch aus der verschlossensten Brust, als wenn der
-Schatz, den sie besitzt, überschätzt wird. In diesem
-Falle dürfte sich selbst der vorsichtigste Geizhals in einer
-ohngefähren Angabe seines Vermögens errathen.</p>
-
-<p>Die weiße Albane ward wie mit Rosenblut begossen.
-Sie brach eine Knospe ab und zerpflückte sie
-in ihrem Schooße. Das Gespräch ward noch eine
-Weile mit Wärme fortgesetzt &ndash; dann ging Fabia.
-Später hörte man von ihr und ihrem Manne, sie
-hätten ein Pflegekind angenommen.</p>
-
-<p>Wieder eine geraume Zeit war seitdem verflossen.
-<a class="pagenum" id="page_061" title="61"> </a>
-Da ging Albane an einem milden Sommerabend spazieren,
-und wie gewöhnlich allein. Sie war kürzlich
-abermals sehr krank gewesen, und als sie zum Vorschein
-kam, sah man wohl, wie viel sie gelitten. Man
-beklagte die arme junge Gräfinn, die schwerlich zu
-völliger Gesundheit und Kräften kommen könne, in
-ihrer herzpressenden Lage, und der, allem Vermuthen
-nach &ndash; sich die Thüren der Gruft eher öffnen würden,
-als die Pforten des Klosters.&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>Ein Hirtenknabe durchkreuzte ihren Weg, der
-weinte. Die Gräfinn fragte nach der Ursache dieser
-Betrübniß: ein junges Lamm war ihm von der
-Heerde abhanden gekommen. Albane bot ihm Geld,
-der kleine traurige Schäfer aber in Angst und Eile
-des Suchens schlug es aus und sprach: »wenn ich
-das Verlorene nur wieder hätte! das wäre mir lieber
-als Alles.« Dieser kleine Vorfall rührte wunderbar
-an Albanens Gemüth. Dort flog er hin, der kindliche
-Hirt! Albane sah ihn hinter dem blühenden
-Klee verschwinden; am Hügel tauchte er wieder auf,
-und hielt das gefundene Lämmlein mit beiden Armen
-umschlungen, und fest an seine Brust gedrückt. Er
-winkte aus der Ferne der Dame zu, daß es nun da
-sey, seine Miene lachte entzückt und der schlichte blonde
-Scheitel des Knaben glänzte im Schein der sinkenden
-Sonne.</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_062" title="62"> </a>
-Die Gräfinn sah thränenden Blickes und versenkt
-in tiefe Gedanken nach ihm hin; tiefer noch war die
-Quelle, die in ihren schönen Augen überfloß. &ndash; Sie
-setzte sich auf einen Feldstein, neigte das Haupt und
-starrte zu Boden. Da stand der alte Romana vor
-ihr, der unbemerkt heran gekommen war. Er hatte
-die Tochter seines Freundes lange nicht gesehen, und
-konnte seine Betroffenheit über ihren Anblick an dieser
-einsamen Stelle nicht bergen. Albane fühlte ihre
-Wange erkalten, und stammelte, daß sie von einer jähen
-Schwäche angewandelt worden sey, die ihr von
-der letzten Krankheit anhänge. Der Forstmeister betrachtete
-dies holde, tödtlich erblaßte Gesicht wie mit
-väterlichem Mitleid. Er bat, die Gräfinn wolle ihm
-erlauben, sie in seine Wohnung zu führen, die in der
-Nähe sey, auf daß sie sich daselbst erholen und eine
-kleine Stärkung zu sich nehmen könne. Er bat so
-herzlich, daß Albane seine Güte nicht ablehnen konnte.
-Während des Gehens unterstützte er die zarte Gestalt,
-deren biegsamer Wuchs wie bewegt von einem innern
-Sturme an seinem Arme schwankte. Er machte ihr
-sanfte Vorwürfe, sich als eine kaum Genesene, unbegleitet
-solch einer Anwandlung ausgesetzt zu haben.
-»Ihr Vater, liebe Comteß,« redete er treumüthig weiter,
-»dem die nächste Sorge für die theure Gesundheit
-seines Kindes zustünde, ist leider! dieser Obhut nicht
-<a class="pagenum" id="page_063" title="63"> </a>
-fähig; vergeben Sie es mir daher, wenn ich Sie aufmerksam
-mache, auf die Pflicht sich zu schonen. Lassen
-Sie mich in dieser Mahnung Vaterstelle an Ihnen
-vertreten! &ndash; Was sollte aus meinem armen
-Freunde werden, wenn seine einzige Stütze vor ihm
-sänke in das Grab? &ndash; Und wenn das so fortgeht&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;«
-Sie standen an dem Hause, Albane
-drückte die Hand des liebreichen Mannes, als wolle
-sie damit ein stummes Versprechen leisten. Sie sah
-empor; ihr Blick hing an dem südlichen Dach, das
-getragen von der heitersten Wohnung, einem der hängenden
-Gärten der Semiramis zu gleichen schien.</p>
-
-<p>Der Forstmeister fragte: ob die Gräfinn sich wohl
-zu erschöpft fühle, um diese mäßige Höhe zu ersteigen?
-und als sie es als Wunsch äußerte, ließ er Brod
-und Wein hinauf bringen, den werthen Gast zu erquicken.</p>
-
-<p>Es war ein himmlisches Plätzchen, und Albane genoß
-zum erstenmale den Reiz dieser Aussicht weitschauenden
-Blickes. »Wie schön ist es hier! eine wahre
-Augenweide!« sagte sie tiefathmend, und ihr Gedanke
-streifte in diesem Ausdruck noch leise an der Heerde
-hin, welche die wallenden Wolkenschäfchen ätherisch
-versinnlichten.</p>
-
-<p>»Ja,« antwortete Romana innigst begnügt, »ich
-danke dieser Anlage manche Stunde, die ich mit einem
-<a class="pagenum" id="page_064" title="64"> </a>
-goldnen Platz nicht tauschen mögte. Und an Gold
-mangelt es hier auch nicht.« Die Sonne goß eben
-ihren letzten Glanz blendend aus, der Himmel flammte
-und das Blut der Traube perlte im Glase wie ein
-flüssiger Rubin. »Wie Viele mögten in erträumter
-Größe mich beklagen,« setzte er mit heiterm Lächeln
-hinzu, »während ich mein Glück hoch genug zum Preise
-des Herrn anschlage. Wer die Einsamkeit liebt und
-mit sich selbst umzugehen weiß, entbehrt nie eines
-tröstenden Freundes. Wäre mein Sohn fortzubringen
-von hier, oder anders &ndash; er ist so wenig froh &ndash; so
-würde ich von keinem Kummer wissen, als an den
-ich mich aus vergangener Zeit erinnere. Im Revier
-des Waldes bin ich in meinem Element, und kenne
-jeden Baum. Wenn der frische Morgenhauch die grüne
-Haide durchschauert, dann athme ich wie ein Jüngling;
-und wenn ich des Abends hier sitze: welcher
-Odem des ewigen Lebens weht mich von <em class="ge">diesem</em>
-Holze da an?« Er deutete auf das Kreuz.</p>
-
-<p>»Gräfinn!« fuhr Romana begeistert fort, und vergaß
-zu Wem er rede, »wie mag es doch Menschen
-geben, die ihr Heil in andern Dingen suchen, als bei
-dem Einen: dem Heiland? &ndash; Wie still ist die
-Seele, die Ihn liebt! Sie geht geführt von seiner
-Hand auf den Wogen des Lebens, wo Andere untersinken.
-Einst war es nicht so mit mir. Ich war
-<a class="pagenum" id="page_065" title="65"> </a>
-ein leidenschaftlicher Mensch, ungestüm in meinen
-Wünschen, meinem Begehren; ich fürchtete das Geliebte
-zu verlieren, obgleich ich es noch hatte, ohne
-daß ich es eigentlich besaß. Die Leidenschaft betäubt,
-sie ist der Sturm in unsrer Brust, der unsre beste
-Habe verschlingt, der unser Glück zertrümmert, nur
-beschwichtiget von Dem, welchem Wind und Willen
-gehorchen.«</p>
-
-<p>Diese Worte schlugen an Albanens Herz. Sie
-wagte jedoch hierauf zu entgegnen: diese Ruhe des
-Gemüths, diese Stille der Seele mögte wohl eine
-Frucht gereifter Jahre seyn.</p>
-
-<p>Der Forstmeister schüttelte sein ehrwürdiges Haupt
-und sprach: »das wäre traurig, liebe Comteß. Dann
-wäre die Jugend ein ausgeschlossenes Kind, und das
-Alter ruhete der Liebe im Schooße. Nein! wir sind
-nur blind, bis wir sehend werden. Wer sich auch
-in der Verblendung gefällt: er wird früh oder spät
-merken, welcher Sinn ihm abgeht. Wage Jemand,
-ein Glück behaupten zu wollen, was Gott nicht billigt!
-ja, der Mensch ist so wundersam beschaffen, daß,
-wo Niemand ihm streitig macht, was er besitzt, er, <em class="ge">er
-selbst</em> es ins tiefste Meer würfe, zur Sühne für den
-Himmel! Schon die Gesetze der Welt müssen das
-Juwel unserer Freuden fassen, sollen wir es tragen
-können.«</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_066" title="66"> </a>
-Mit diesen Worten hatte der ehrenwerthe Mann
-das Innerste Albanens ausgesprochen. Sie schwieg,
-tief erschüttert, und als er ihr das Brod und den
-Wein wohlmeinend aufdrang, war ihr nicht viel anders,
-als genösse sie das heilige Abendmahl.</p>
-
-<p>Die Unterredung nahm nun die Wendung auf
-Sylvius. Sein Vater klagte, und ahnete nicht, daß
-er die Seele der Gräfinn zerriß &ndash; wie vielen Kummer
-ihm dieser so treffliche Sohn verursache, durch
-stillen Trübsinn, durch sein eigensinniges Beharren,
-nicht weichen zu wollen von der heimischen Scholle,
-da ihm doch die weite Erde offen stände. »Es ist,«
-fuhr der Alte mit sorgenschwerer Stimme fort, »als
-ob ein Bann ihn hier gefangen hielte, den der Herr
-lösen wolle! &ndash; Was ihn hält und härmt: ich
-weiß es nicht, denn er hat kein Vertrauen zu mir,
-seinem einzigen und besten Freunde!&nbsp;&ndash;« Ein gekränkter
-Seufzer stieg aus dieser väterlichen Brust &ndash;
-Albane stand auf. »Aber was ist Ihnen, liebe Gräfinn?«
-fragte Romana bestürzt, »Sie weinen? Sie
-zittern?« Albane konnte den hervorbrechenden Thränen
-nicht wehren; das Herz wollte ihr zerspringen,
-und sie machte eine Bewegung, als wolle sie dem
-Forstmeister zu Füßen sinken. »Entlassen Sie
-mich&nbsp;&ndash;,« bat Albane sehr leise, »ich fühle mich krank.«
-Sogleich wollte Romana einen Wagen kommen lassen;
-<a class="pagenum" id="page_067" title="67"> </a>
-die Gräfinn lehnte dies ab, und sich auf seinen Arm.
-Er führte sie sacht und sanft nach dem Schlosse, unwissend,
-daß er seine Schwiegertochter leite.</p>
-
-<p>Ach! die arme Gräfinn war seit mehreren Jahren
-Sylvius heimlich angetraute Gattinn, und binnen
-dieser Zeit zweimal Mutter geworden. &ndash; Sie hatte
-den heißen Bitten des Geliebten nicht widerstehen
-können, sich mit ihm zu verbinden, und ihrer Bestimmung
-also zu entziehen. Nimmermehr, das wußte
-Albane, würde ihr Vater seine Einwilligung dazu
-gegeben haben, und auch der junge Romana hatte
-Ursache zu glauben, der seinige werde nicht minder
-entschieden dagegen seyn, wenn gleich der Grund diesseitiger
-Abneigung ihm verborgen war. Der Arzt
-und die Amme waren im Geheimniß dieser Ehe, und
-ihrer vereinten List gelang es, unter dem Schutz der
-Umstände eine Täuschung der Art zu ermöglichen, und
-bis dahin dauernd zu erhalten.</p>
-
-<p>Tief in der weiblichen Natur begründet, liegt
-etwas Widerstrebendes, ein geheimnißvoller Wille,
-nicht zu wollen, was ein höheres Gesetz als sein Geschlecht
-von ihm fordert, während der Mann, wo
-er im Kampf begriffen scheint, mit der Welt und
-dem, was sie ihm weigert, nur seiner innersten Ueberzeugung
-gehorcht.</p>
-
-<p>Der Gedanke an das Kloster war der Gräfinn
-<a class="pagenum" id="page_068" title="68"> </a>
-stets furchtbar gewesen, und das Gefühl ihres Menschenrechts
-hatte sich gegen diese Bestimmung gesträubt.
-&ndash; Jetzt galt es, aus freier Wahl diese Nothwendigkeit
-aufzuheben. Der Vater wurde nicht davon
-berührt &ndash; er wußte nichts. Und wie mag ein weiblich
-Ohr, erfüllt von den Stimmen der Liebe, und
-in nervöser Scheu vor jenem Glöcklein der Kirche, das
-über der absterbenden Novize geläutet wird &ndash; auf
-das Flüstern religiösen Zartgefühls hören? &ndash; Dieser
-verschwiegene Bund, sein verstohlnes Verhältniß, ja
-selbst der Reiz einer gewissen Gefahr erhöhete die
-heimlichen Entzückungen desselben, da des Vaters Ruhe,
-wo nicht sein Leben daran hing, daß es unentdeckt
-bliebe, seine Tochter wäre vermählt. Diese Gattinn,
-das freie Eigenthum der Liebe, würde dem Sylvius
-der öffentlichen Stimme nach, nur ein kirchenräuberischer
-Besitz gewesen seyn; aber er trank von ihren
-Lippen Weihe und Wonne. &ndash; Als hätte eine
-schützende Gottheit einen Schleier über diese Ehe geworfen,
-so blieb sie jedem Auge verhüllt. Albane galt
-für eine Himmelsbraut, kein schnöder Verdacht schlich
-ihren Schritten nach; ihr kindlicher Ruf war über
-jeden Argwohn erhaben; wie hätte man denken können,
-sie wolle sich einer heiligen Pflicht des Glaubens
-entziehen, für den ihre Mutter gestorben? &ndash; Das
-Bedauern für die junge Gräfinn war so allgemein
-<a class="pagenum" id="page_069" title="69"> </a>
-und innig, daß man ihr jede Seltsamkeit nachgesehen
-haben würde &ndash; und nachsah. Die Natur gab diesem
-Bündniß Unauflöslichkeit, und jetzt fühlte Albane zum
-erstenmale, daß das Einsseyn zweier Herzen, ob auch
-vereiniget durch Priesters Hand, unter den Schutz der
-Oeffentlichkeit gehört; denn schon die Gestalt einer
-werdenden Mutter heischt eine rechtliche Meinung,
-und macht es unmöglich, ohne Sünde oder Sorge
-den höchsten Segen des Weibes zu verheimlichen.
-Nur die Lage der Gräfinn, so gänzlich abgesondert
-von der Welt, und in diesem Vorzug &ndash; dieser Begriff
-gelte für jene Umstände &ndash; fast einzig und allein in
-ihrer Art, der blöde Geist ihres Vaters, das blinde
-Vertrauen dessen sie genoß, das vorsichtige Verfahren
-des Arztes und die erfinderische Klugheit der Amme halfen
-über jenen schwierigen Zeitpunct wiederholentlich
-hinweg. &ndash; So waren Jahre verflossen. Das Band
-dieser ehelichen Liebe schien an Stützen gebunden,
-die tiefer begründet waren, als für ein sterbliches
-Auge einzusehen möglich, es war so innig mit beruhigendem
-Schweigen verwebt, daß die furchtsame Besorgniß
-Albanens, es könne zur Kenntniß ihres Vaters
-kommen, allmählig nachließ. Sie ward endlich sicher.</p>
-
-<p>Aber <em class="ge">die</em> Stimme in der menschlichen Brust, ein
-schwacher Vorklang jener, die einst schlafende Welten
-wecken wird, welche in den leisesten Bebungen des
-<a class="pagenum" id="page_070" title="70"> </a>
-sittlichen Sinnes an ein betäubtes Herz dringt &ndash;
-ward laut. Die Gräfinn war längst nicht mehr glücklich,
-wenn sie es eigentlich jemals gewesen. Ihr Glück
-däuchte ihr nur ein entzückender Traum, unhaltbar
-zerronnen, aus dem sie schwerblütig erwacht wäre.
-Ihr ganzes Wesen, vom Sitz des Herzens aus, durchdrang
-ein traurig Sehnen, was sich selbst in Sylvius
-Armen nicht stillte; das Bewußtseyn ihrer, seiner Liebe
-genügte ihr nicht mehr. &ndash; Ein kränklicher Gram
-zehrte an ihrer Gestalt, und ein Gefühl unsäglicher
-Wehmuth, von trübem Grund der Seele, bedrängte
-ihren Busen. Sah sie ein junges Ehepaar neben
-einander sitzen oder gehen: so dachte sie mit einem
-alten Liede: »manches Herz geht <em class="ge">ganz alleine</em> seinem
-stillen Kummer nach&nbsp;&ndash;« Albane verkannte, daß
-der Liebe Geist, der treueste von allen Freunden, ihr
-zur Seite wäre. &ndash; Geschah es, daß sie Fabien von
-oder zu ihrem Mann reden hörte: so fühlte sie sich
-schmerzlich fremd, wie eine Taubstumme, Angesichts
-Solcher, denen das Vorrecht und die geistige Beziehung
-der Sprache gegeben ist. Ein weinendes Kind,
-geschmiegt an den Hals seiner Mutter, lockte bittre
-Tropfen in ihr Auge, und die arme Gräfinn hätte
-all ihr Blut verströmen mögen, wenn sie eine Thräne
-ihres Kindes, <em class="ge">eine</em> nur &ndash; tröstend hätte wegküssen
-dürfen.&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_071" title="71"> </a>
-In dieser Stimmung dachte Albane oft an ihre
-Mutter, auf die sie sich wenig zu besinnen wußte.
-Zwar bebte ihr Gedanke vor diesem beleidigten Bilde
-zurück; aber es zog allmählig immer trauter und versöhnender
-ihr Denken und Sinnen an sich. Einst
-führte das Bedürfniß innerster Ansprache sie an die
-Familiengruft, deren Thür sie sich öffnen ließ. Auch
-den Deckel des Sarges ihrer Mutter ließ sie abheben,
-und diesem Willen der jungen Gebieterinn ward, wenn
-auch widerstrebend, doch Folge geleistet. Der Leichnam
-lag unversehrt, nur das weiße Kleid war in der linken
-Brustgegend hochroth gefärbt, als hätte der Todten
-das Herz geblutet; das rechte Auge war nicht ganz
-geschlossen: wie drang dieser erstorbene Blick in die
-Seele ihrer Tochter! &ndash; Um den eingefallenen Mund
-schwebte noch der Schatten eines Lächelns, womit die
-edle Frau die Welt gesegnet hatte. Albane stand in
-heiliger Rührung an dieser Stätte der Ruhe. Ein
-ganzes Leben voll Vorwürfe hätte nicht so dringend
-an ihr Herz reden können, als dieser stille Anblick,
-der den Frieden der Gottseligkeit schweigend offenbarte.
-Und hier war es, wo Albane den Schmerz der Leidenschaft
-als sündlich empfand. &ndash; Fuhr die Gräfinn
-des Sonntags nach der Kirche, so trat sie mit einem
-Schauer der Buße in die vergitterte Loge. Das Erbrausen
-der Orgel schwellte ihre Brust, ihr Gefühl
-<a class="pagenum" id="page_072" title="72"> </a>
-war ein frommes Heimweh. Sie wünschte sterben
-zu können an diesen Tönen des Himmels. Und wenn
-die Sonne zu den hohen Fenstern herein schien, und
-in der Stola des Priesters flimmerte: dann leuchtete
-dieser Strahl auch in ihr Innerstes, und um den dunkeln
-Altar des Gemüths ward es helle. &ndash; Doch ein
-Blick der Liebe ihres Vaters, der kleinste Beweis seiner
-Zuversicht zu ihr, die sein Ein und Alles war,
-spaltete Albanen das Herz. &ndash; Wenn schon eine zarte
-Scheu sich in Acht nimmt, einem Blinden auf irgend
-eine Weise Anstoß zu geben: so wird ein zarterer
-Sinn Anstand nehmen, den geistig Blöden zu hintergehen.
-So war Albane sich nach und nach einer
-Schuld gegen ihren Vater bewußt worden, die sie
-in heißer Reue mit keinem Opfer der Liebe, auch dem
-größten nicht, sühnen zu können glaubte. &ndash; Die
-Unterredung mit dem Forstmeister, welche das Herz
-der Gräfinn erschütterte, fand daher den Tag der Reife,
-und lösete die Frucht der Selbsterkenntniß ab, in einem
-Gedanken, den sie lange getragen.</p>
-
-<p>Auch Sylvius war unbefriediget, und konnte es
-nicht immer verhehlen. Er vergaß in der Heftigkeit
-seiner strebsamen Wünsche, daß Albane, indem sie ihnen
-nachgegeben, ihm das Ziel derselben als ein unabänderliches
-gezeigt. Das süße Geheimniß, der unsichtbare
-Trauring, war ihm eine Fessel, die er in
-<a class="pagenum" id="page_073" title="73"> </a>
-männlichem Trotz abstreifen mögen &ndash; er fühlte sich
-beschränkt, und die Geliebte war es, die ihn hinderte,
-seine jugendlichen Kräfte an den Schranken der Welt
-zu versuchen.</p>
-
-<p>»Ich las heute,« sagte die Gräfinn in der Späte
-jenes Abends, an dem sie seinen Vater gesprochen, zu
-ihrem Gemahl, »die entstehende Liebe ist in einem
-Nichts reich, die wachsende ist in den Wünschen bescheiden,
-nur die glückliche Liebe hat nie genug &ndash;
-da dachte ich an Dich.«</p>
-
-<p>»Ach, Albane!« lautete seine Antwort, »wie könnte
-meine Liebe glücklich seyn, da Du es nicht bist? Umsonst
-verbirgst Du mir einen Kummer, als dessen Ursache
-ich mich ansehen muß &ndash; ich bin nicht im Stande,
-Dein Herz ganz auszufüllen. Lebten wir nicht in
-dieser unseligen lichtscheuen Vereinzelung: kein finstrer
-Gedanke würde Raum finden zwischen Dir
-und mir.«</p>
-
-<p>»Wie Du mich quälst, Romana!« seufzte seine
-Frau, »gönne mir den Trost, das Leben meines Vaters
-zu schonen; an diesem schwachen Faden laß mich
-vorsichtig halten, das Gewebe der Verhängnisse ist
-zart. &ndash; Und damit Du das Wenige schätzen lernst,
-was Du an mir besitzest: so dürfte es gut seyn, wenn
-Du mich eine Zeitlang ganz entbehrtest. Der Arzt
-dringt in mich, den Vater zu einer Reise von längerer
-<a class="pagenum" id="page_074" title="74"> </a>
-Dauer zu bereden, und auch Dir, mein Sylvius,
-dürfte eine weite Ausflucht eben einmal nöthig seyn.«</p>
-
-<p>Albane stellte nun dem Gemahl diese Reise aus
-den verschiedensten Gesichtspunkten als eine allseitige
-Nothwendigkeit dar. Der jüngere Romana glaubte
-jedoch nicht, daß es dazu kommen würde; aber der
-Graf zeigte sich viel leichter entschlossen, als zu erwarten
-gewesen, ja, es war, als ob dieser Entschluß seine
-Kräfte aus ihrem lethargischen Zustande aufgerufen
-hätte. Er war zum Staunen der Seinen der besonnensten
-Maßregeln fähig, und Albane, welche diesen
-Lichtblick benützten zu müssen glaubte, förderte die Anstalten
-in drängender Eile.</p>
-
-<p>Es gab mehr Leute, welche diesen günstigen Zeitpunkt
-zur Erreichung ihrer Zwecke absahen. Der
-Oberverwalter, Fabiens Vater, war vor Jahr und
-Tagen gestorben, und ein Mann an seine Stelle gekommen,
-der obgleich tüchtig für sein Fach, doch nicht
-als vertragsam gerühmt werden konnte, am wenigsten
-von dem Schwiegersohn seines Vorgängers. Dieser,
-ärgerlicher Art, that nur seine Pflicht, doch nichts,
-um ein freundlicheres Verhältniß einzuleiten; bei solcher
-Unfügsamkeit in nahem Verkehr waren Reibungen
-unvermeidlich, und es kam so weit, daß Fabia
-einsah, ihrem Manne würde nicht nur sein Amt, sondern
-das Leben verleidet. So redete sie ihm zu, den
-<a class="pagenum" id="page_075" title="75"> </a>
-Grafen um Versetzung anzugehen. &ndash; Aber dieser
-Gutsherr war so wenig zugänglich, wie ein Fels im
-Meer, und einmal abgeschlagen, konnte jener Wunsch
-nicht wiederholt werden. Als nun Graf Frankenstern
-den Cassirer rufen ließ, und ihn dieser gesammelten
-Geistes und überaus gütig fand, erschrak er fast vor
-Freude, daß der Blüthenmoment für seine Angelegenheit
-so plötzlich gekommen wäre. Er trug seine Bitte
-vor, zugleich mit der Beschwerde über den Oberverwalter,
-und der Graf verfügte ohne Weiteres, daß
-der Antagonist desselben als Rentmeister nach Bühle
-versetzt würde. &ndash; Er hob bedeutende Summen aus,
-und fand das Rechnungswesen in musterhafter Ordnung;
-es ergab ein Facit gegenseitiger Zufriedenheit.
-Frau Fabia hatte, als ihr Mann vom Schlosse nach
-Hause kam, eine langentbehrte heitre Stunde; aber
-diese war auch für längere Zeit die letzte. Nachdem
-die Spannung nachgelassen, worin er sich zeither befunden,
-fühlte er sich krank, in Folge verhaltnen Aergers.
-Als der Graf nun Tages vor seiner Abreise
-den Rentmeister noch einmal zu sich rufen ließ, ihm
-Papiere von Wichtigkeit zu übergeben, raffte Dieser
-sich mühsam auf, die Befehle des Gutsherrn zu empfangen,
-und besorgt sah seine Frau ihm nach.</p>
-
-<p>Graf Frankenstern war heute nicht völlig so klar,
-als er ihn das letztemal gesehen; er konnte sich
-<a class="pagenum" id="page_076" title="76"> </a>
-auf Einiges durchaus nicht besinnen, und schritt nach
-dem Flügel, den seine Tochter bewohnte, Aufschluß von
-ihr zu fordern.</p>
-
-<p>Die Gräfinn war nicht da &ndash; und als ihr Vater
-unverrichteter Sache in seine Zimmer zurückkehrte, sah
-er auf dem Gange ein Gewölbe offen, worin Silberzeug
-und kostbare Vorräthe verwahrt wurden. »Welche
-Unvorsichtigkeit!« murmelte der Graf; Niemand war
-zu sehen. Er bewegte die eiserne Thür nach Außen
-und trat hinein; sein Begleiter blieb auf der Schwelle.
-Eine Truhe war geöffnet, woraus Pelzwerk, wahrscheinlich
-zum Bedarf der Reise, genommen worden,
-denn ein feines Marderfutter hing über dem Deckel,
-Büschel getrockneten Lavendels lagen verstreut am
-Boden, und ein starker Geruch erfüllte den kühlen
-Raum. In einer schmalen Vertiefung der Mauer
-stand, etwas erhöht, jenes Schmuckkästchen, das unsre
-Leser kennen. Eine schöne, doch schadhafte Statue
-von Alabaster, das Haupt sinnig gebeugt, den Finger
-auf dem Mund &ndash; schien als Wache neben dies Depot
-gestellt; in der zerbrochenen Brust steckte eine
-kleine verwelkte Rose.&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>Der Graf warf einen Blick in jenen Winkel und
-schauderte. »Freund!« sagte er hinter sich gewandt,
-»Sie könnten mir einen Gefallen thun &ndash; und Sie
-werden es!« setzte er mit unabweislichem Tone hinzu,
-<a class="pagenum" id="page_077" title="77"> </a>
-»in jener Chatoulle dort ist der Familienschmuck &ndash;
-nehmen Sie ihn zu sich. Meine Tochter hat den
-Platz für die Kleinodien des Hauses&nbsp;&ndash;« hier lächelte
-der Graf düster&nbsp;&ndash;, »seltsam gewählt; ich muß diesen
-Fehler verbessern. Mitnehmen kann ich das Kästchen
-nicht, und muß es daher während unserer Abwesenheit
-gut aufgehoben wissen. Sie sind ein zuverlässiger
-Mann, ich weiß Niemand, zu dessen Redlichkeit
-ich größeres Vertrauen hätte.«</p>
-
-<p>Der Rentmeister verbeugte sich. Er hatte den
-Grafen erbleichen gesehen, und gab dies dem Odem
-des Kampfers Schuld, der hier wehete, und den die
-kranken Nerven desselben nicht vertrügen. Auf einen
-Wink hob er das Köfferchen hinweg, und bat um den
-Schlüssel. »Albane wird ihn haben&nbsp;&ndash;« versetzte
-der Graf in Scheu und Hast, »verlassen Sie Sich
-jedoch darauf, ich sende ihn heut Abend noch; das
-Verzeichniß des Inhalts kann ich Ihnen sogleich suchen.«
-Auf seinem Zimmer suchte Graf Frankenstern
-nach dieser Liste, und es währte lange, ehe er sie
-fand.</p>
-
-<p>Mittlerweilen hatte der Rentmeister sich gesetzt
-und hielt das Kästchen auf seinem Schooße; die Kniee
-zitterten ihm unter der kostbaren Last, denn die Stunde
-des schleichenden Fiebers, an dem er litt, war herangekommen.
-Endlich reichte der Graf ihm das Papier
-<a class="pagenum" id="page_078" title="78"> </a>
-und sprach, als Jener es mit bebender Hand empfing:
-»das ist ein schlimmer Frost, und Sie sind so leicht
-gekleidet! &ndash; Wahrlich! ich hätte ihnen unter diesen
-Umständen den Ueberrock nicht übel genommen; vielmehr
-verbinden Sie mich durch Bedacht auf Ihre Gesundheit.
-Nehmen Sie einen Mantel von mir an! die
-Abendluft könnte Ihnen schädlich werden.«</p>
-
-<p>Unter dieser gnädigen Fürsorge, obgleich sie gewiß
-redlich gemeint war, verbarg der Graf mit der eigenthümlichen
-Schlauheit Derer, die in der Regel geistesabwesend
-sind, den vorsichtigen Wunsch, der Rentmeister
-mögte die Chatoulle unbemerkt in seine Wohnung
-tragen.</p>
-
-<p>Frau Fabia erschrak nicht wenig, als sie ihren
-Mann nun langsam kommen sah. Er war leichenblaß,
-unter einem dunkeln Mantel, der in der Dämmerung
-wie schwarz ließ, trug er einen zierlichen
-Kindersarg, und seine Schritte schwankten wie die des
-Trägers einer Bahre. &ndash; Erschrocken eilte seine Frau
-ihm an die klingelnde Hausthüre entgegen; aber
-schweigend trat er ein, stumm ging er in die Mitte
-des Zimmers, setzte das Kästchen auf den Tisch und
-sprach mit erschöpfter Stimme: »ich bin krank, Fabia,
-recht sehr krank. Der Weg vom Schlosse bis hierher
-&ndash; nun der Himmel weiß es &ndash; wie sauer er
-mir geworden! ich ging gleich dem heiligen Christopherus
-<a class="pagenum" id="page_079" title="79"> </a>
-wie im Wasser, und als trüge ich eine Weltlast,
-die immer schwerer würde. &ndash; Ist denn das
-Kästchen wirklich so schwer? die Juwelen der gräflich
-Frankensternschen Familie liegen darin, und ich wünschte
-wohl, ich wäre der Ehre, sie zu bewahren, überhoben
-gewesen. Das Fieber scheint heftig im Anzuge &ndash;
-ich kam mir wie ein Todtengräber vor; nur die
-Citrone fehlte noch in meiner Hand.«</p>
-
-<p>Fabia warf einen bekümmerten Blick auf ihren
-Mann, dann auf die Chatoulle, welche durch ihre Form
-diese wüste Idee erregt haben mogte, und um seinen
-Sinn auf Realien zu lenken, sagte sie: »das Kästchen
-hebt sich leicht; mir deucht, Edelsteine müßten schwerer
-in das Gewicht fallen.«</p>
-
-<p>Nun drang Fabia darauf, daß der Kranke sich
-sogleich zur Ruhe begäbe; und kaum war dies geschehen:
-so fing er an zu phantasiren. Er klagte, der
-Oberverwalter hätte ihm die Demanten aus Christi
-Krone verfälscht, sprach vom Gott des Schweigens,
-der ihm den Finger auf den Mund gelegt habe &ndash;
-pflückte Lavendel von der Decke, und schalt auf seine
-Frau, daß sie ihm den Pelz auszuklopfen vergessen.
-Er sähe eine Unzahl Motten um das Licht flirren.&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>Fabia, dies Muster häuslicher Ordnung, konnte
-die Vorwürfe des Fieberträumenden ungekränkt anhören.
-Sie lächelte beklommen, und starrte verstört in
-<a class="pagenum" id="page_080" title="80"> </a>
-die ruhige Nachtleuchte, in deren mattem Schimmer
-die Beschläge der Chatoulle unheimlich blinkten. &ndash;
-Gegen den anbrechenden Tag hörte Fabia die herrschaftliche
-Reisekutsche über die Schloßbrücke dröhnen.
-Sie hatte die ganze Nacht am Bette ihres Mannes
-verwacht, und kein Auge geschlossen. Jetzt stand sie
-auf und trat ans Fenster. Da rollte der Wagen vorüber
-und verschwand in der grauenden Frühe, und
-Fabia sah zum Himmel auf und sprach mit der Inbrunst
-eines geängsteten Herzens: »Sey mir gnädig,
-Gott, sey mir gnädig; denn auf Dich trauet meine
-Seele! &ndash; wende Dich zu mir, denn ich bin einsam
-und elend, und Deine Güte ist tröstlich. Du meines
-Lebens Licht! Betet an den Herrn im heiligen
-Schmuck&nbsp;&ndash;« Der Osten bekleidete sich mit Purpur,
-und der Morgenstern ging unter in schwachem Geflimmer.</p>
-
-<p>Dem Krankenbette, dieser dunkeln Stelle &ndash; wendete
-Fabia die volle Lichtseite ihres Charakters zu,
-und es wäre heilsam für trübe Erfahrungen, wenn
-diese Eigenschaft an mancher Frau zu rühmen, die unsern
-Lesern oder den Augen der Welt vielleicht besser
-gefällt, als diese werkthätige Fromme. Nicht umsonst
-hatte die Vorsehung sie daher als Gattinn einem
-Hypochondristen zugetheilt, der auch in gesunden Tagen
-krank genug und voll wunderlicher Gramhaftigkeit
-<a class="pagenum" id="page_081" title="81"> </a>
-war, um die Kraft der Geduld seiner Frau in beständiger
-Uebung zu erhalten. Kein Phantom seiner Einbildung
-schreckte ihren ruhigen Sinn. Ihr gelassener
-Muth siegte über jede Unbill verdrüßlicher Launen ihres
-Mannes, ihre klare verständige Handlungsweise lag offen
-da vor seinem mißtrauischem Blick; stets achtsam auf ihre
-Pflicht versäumte Fabia nie, was ihr zu thun oder
-zu lassen oblag, und der Glaube an die rechtliche
-Strenge, womit seine Gattinn alles Mögliche von sich
-forderte, und nicht viel weniger leistete, zwang ihrem
-Manne eine, wenn auch <em class="ge">widerwillige</em> &ndash; Zufriedenheit
-mit seinem häuslichen Glück ab.</p>
-
-<p>Diesmal machte ein bösartig galligtes Fieber den
-Rentmeister für längere Zeit unfähig, sein Amt zu
-verwalten. Auch hierin trat seine Frau helfend ein.
-Fabia schrieb eine schöne, feste Hand; accurat bis ins
-Kleinliche, war sie unfehlbar in jeder Art der Buchführung,
-und deshalb wohl geeignet, einen Secretair
-ihres Mannes zu vertreten. Sie unterzog sich auch
-diesem Geschäft mit willigem Eifer, und theilte ihre
-Zeit zwischen seiner Pflege und seinem Beruf. Wir
-können uns nicht enthalten, hier zu sagen, wie wichtig
-es sey, daß eine Frau den Beruf des Mannes ehre.
-Wo dies geschieht, da ist in der Achtung dafür auch
-ein Gesetz der Unterordnung gegeben, nach welchem
-weibliches Wirken und Wollen bestimmt werden
-<a class="pagenum" id="page_082" title="82"> </a>
-muß. &ndash; Auch von dieser Seite hätte ihr bitterster
-Feind unsrer Fabia nichts zur Last legen können.
-Dies, wie überhaupt den reellen Werth seiner Frau,
-wußte der Rentmeister auch zu schätzen, und vielleicht
-war es mehr ein Bedürfniß seiner Krankheit als seines
-Herzens, daß er die Freude an einem Kinde, ihrer
-ermangelnd &ndash; so gar tief empfand. Das liebenswürdige
-Pflegekind füllte diese Lücke nicht aus, die eine
-Wunde in Fabiens Herzen blieb; denn tief im Innersten
-verletzt, kämpfte sie oft mit Thränen, wenn
-ihr Mann mißmüthig gegen die Vorsicht grollte, und
-sich in Worten Luft machte, die eben so gut eine
-Anklage für sie selbst enthalten konnten.</p>
-
-<p>»Wie aus einem Stein entsprungen,« sagte er
-dann wohl, »wie von der Sonne ausgebrütet, bin ich
-bestimmt, ohne Vater, ohne Kind zu leben und zu
-sterben. Der natürlichste Trost für eine verwaisete Jugend,
-der Trost, sein Daseyn fortzupflanzen, ist mir
-versagt. Wenn einst Deine Thräne, gute Fabia, versiegt
-ist, dann gedenkt man mein nicht mehr, und
-keine Blume sprießt aus der trocknen Erde meines
-Grabes.«</p>
-
-<p>Da weinte Fabia schon jetzt. »Du schneidest mir
-mein Herz entzwei&nbsp;&ndash;« sprach sie mit unterdrückter
-Stimme. »Wir wollen uns nicht versündigen, Lieber!
-wenn uns nun ein Kind zu Theil geworden wäre,
-<a class="pagenum" id="page_083" title="83"> </a>
-etwa behaftet mit einem Fehl, oder erbärmlicher Art,
-dessen klägliches Geschrei Tag und Nacht nicht zu
-stillen? Wie? oder wenn aber ein gesundes, das uns
-zu größerem Jammer bald wieder entrissen würde?&ndash;«
-Auch ein stummes, auch ein todtes Kind wäre ihm
-lieber als keines &ndash; gab der Rentmeister in eigenwilligem
-Trotze der besänftigenden Vorstellung seiner
-Frau zur Antwort. Fabia flehete hierauf ihren Mann
-an, sich solcher Reden zu enthalten, und warnte ihn
-mit christlichem Sinn, aber im Geiste jener heidnischen
-Worte: »ihnen zur Strafe erhören die Götter
-der Sterblichen Wünsche!&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<p>Dies war in den ersten Jahren der Verheirathung
-des Rentmeisters gewesen. Später hatten sich diese
-Eheleute der Hoffnung begeben, daß dies ersehnte
-Glück ihnen noch werden könne, und sich mit ganzer
-Liebe &ndash; so weit Fabiens Gemüth derselben fähig
-war, und der kränkliche Zustand ihres Mannes sie
-zuließ &ndash; der Erziehung der kleinen Josephine gewidmet.
-Sobald der Rentmeister sich von jener Niederlage
-erholt hatte, ging er mit den Seinen von Bonna
-ab. Fabien fiel das Scheiden von der Heimath doch
-schwerer, als sie gedacht. Der neue Wohnort war auch
-schön; aber so recht wohl wollte es ihr in Bühle nicht
-werden. Dazu kam, daß ihr Mann, obgleich von amtlichen
-Unannehmlichkeiten frei, doch sein verdrüßlich
-<a class="pagenum" id="page_084" title="84"> </a>
-Wesen beibehielt, jeden erheiternden Umgang mied
-und verscheuchte, und endlich durch eine gewaltsame
-Entdeckung für immer verstört wurde. Jene Chatoulle
-deren unsre Leser gedenken &ndash; war unter dem Drangsal
-des hitzigen Fiebers, was sich unmittelbar an ihre
-Uebergabe schloß, abseits gekommen. Nach dieser Zeit
-fand der Rentmeister so viel Geschäfte, deren Abschluß
-ihm bei seiner Ortsveränderung dringend anlag, daß
-es ihm genügte, dies anvertraute Gut wohlverschlossen
-zu wissen. &ndash; Einst aber sprang ihm das Kästchen
-ins Auge, und er verlangte den Schlüssel dazu von
-seiner Frau. »Den Schlüssel?« fragte Fabia befremdet,
-»ich habe keinen je gesehen. Du brachtest das
-Kästchen ja selbst, wie es hier ist. O, ich weiß mich
-jenes schrecklichen Abends noch ganz genau zu entsinnen.«</p>
-
-<p>Der Rentmeister besann sich jetzt, daß der Graf
-den Schlüssel hatte schicken wollen, und er muthmaßte,
-daß es in der Verwirrung der Abreise vergessen worden
-wäre. Einen Schlosser kommen zu lassen, daß
-dieser den innenliegenden Reichthum sähe, dazu war
-der Rentmeister zu furchtsam. Ein krankhaftes Mißtrauen
-verursachte ihm und Andern gar manche unnütze
-Qual &ndash; und so beredete Fabia ihn, das Geschmeide
-und dessen Richtigkeit einstweilen auf sich
-beruhen zu lassen.</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_085" title="85"> </a>
-Nach längerem Verlauf seitdem starb eine alte
-Jungfer in Bühle, die daselbst gelebt; die Tochter des
-Fiscal. Dem Rentmeister, als einem Bekannten der
-Wohlseligen, fiel ein kleines Legat mit dem Auftrag
-zu, ihren Nachlaß zu reguliren, und somit eine Menge
-Schlüssel in die Hände, darunter mehrere kleine waren.
-An einem Tage, wo Fabia auf die Bleiche gegangen
-war und Josephine mit sich genommen hatte,
-ihr Mann sich ungewohnter Weise ganz allein befand,
-beschlich ihn der Geist des Unglücks in dem Gedanken,
-einen jener Schlüssel an dem Kästchen zu versuchen,
-ob es sich öffnen ließe. Das künstliche Schloß
-widerstand dieser Probe, doch erhitzt vom bösen Feind,
-der nicht selten in Gestalt der Neugier den Menschen
-berückt, that er ihm Gewalt an. Die feine Stahlfeder
-sprang entzwei, der Deckel auf &ndash; und der
-Rentmeister blieb mit entsetztem Blick starr vor dem
-Inhalte stehen. Statt des verzeichneten Schmuckes
-funkelte ein Messer, daran Blut eingerostet war &ndash;
-und auf dem atlaßnen Kissen, wo sonst blitzende Rosetten
-und Brustschleifen geruht, lag, in weißem Battist
-gewickelt, der Leichnam eines Kindes, so mumienartig
-zusammengetrocknet, daß er kaum zu erkennen
-war. Nur wie ein brauner Gedanke, so unkörperlich,
-so gewesen &ndash; sah das winzige Gesicht unter einem
-tiefen Häubchen hervor, dessen Form für ein Mädchen
-<a class="pagenum" id="page_086" title="86"> </a>
-zeugte. &ndash; Ein schwach gewürzhafter Geruch war
-die erstickte Luft dieses kleinen Grabmals.</p>
-
-<p>Als Fabia mit heißen Wangen von der Bleiche
-heimkehrte, fand sie ihren Mann selbst erbleicht.
-»Sieh hin!« sagte er mit bläulichen Lippen, »der
-Hehler einer schauderhaften Mordthat bin ich gewesen,
-und nicht allein um die Ruhe meiner Seele, sondern
-auch um all mein Gut, wenn ich den Majoratsschmuck
-ersetzen muß. Wer wird mir denn glauben,
-daß ich dem Worte eines Wahnsinnigen trauete? &ndash;
-Darum fand sich der Schlüssel nicht, und ich &ndash; ich
-leichtgläubiger Thor! ladete mir ein fremdes Verbrechen
-auf. Wie oft hast Du meine argwöhnische Vorsichtigkeit
-getadelt? Du siehst nun, <em class="ge">wie</em> vorsichtig ich
-war!&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<p>Zum erstenmale verließ Fabien ihre Fassung. Sie
-stieß einen leisen Schrei aus, und stand entfärbt,
-Grausen im Blick, wie unbeweglich. »Mein Herr und
-Heiland!« stammelte sie, »das ist ganz erschrecklich! der
-Verstand steht mir still.«</p>
-
-<p>»Der meinige ist hier zu Ende&nbsp;&ndash;« fuhr der
-Rentmeister fort, »Was soll ich nun anfangen! Anzeige
-davon machen? stillschweigen? daß ein Zufall
-diese Beweise einer Unthat bei mir entdecke, und mich
-zum Mörder stemple? &ndash; Ich habe nicht Lust, zum
-<a class="pagenum" id="page_087" title="87"> </a>
-Lohne für Treu und Glauben auf dem Schaffot zu
-beschließen.«</p>
-
-<p>Fabia kannte ihres Mannes Weise, sich selbst in
-furchtbaren Möglichkeiten zu überbieten. Sie sprach
-aus geängsteter Seele: »ach! warum bin ich heute
-nicht zu Hause geblieben! Wer hieß Dich dies Behältniß
-öffnen? &ndash; Das Kind läge fein stille vor
-wie nach, und wir wüßten von nichts. Das arme
-Würmchen!&nbsp;&ndash;« Und mit gewundenen Händen niederblickend
-darauf, dachte sie an den Wurm im Gewissen,
-der die unglückliche Albane wohl genagt haben
-mogte.&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>»Was redest Du doch, Frau?« rief der Rentmeister
-erzürnt, »es hätte längst geschehen sollen, sage
-ich Dir. Unverzeihlich ist meine Saumseligkeit! ich
-bin wie mit Blindheit geschlagen gewesen. Deshalb
-wurden die Anstalten zu jener fluchwürdigen Reise so
-schleunigst getroffen, als wie auf der Flucht &ndash; der
-Sohn des Forstmeisters ist auch fort in die weite
-Welt; die Früchte ihres Leibes fallen Anderen zur
-Last, und von ihnen heißt es: Die sind besorgt und
-aufgehoben, der Graf wird seine Diener loben.«</p>
-
-<p>»Du vergissest, lieber Mann,« fiel Fabia betäubt
-ihm in die Rede, »daß man die Gräfinn todt sagt.
-Ach! ihr wäre wohl, wenn solch ein Weh auf ihrem
-Leben gelastet hätte. &ndash; Graf Frankenstern aber und
-<a class="pagenum" id="page_088" title="88"> </a>
-der junge Romana müssen doch einmal wieder kommen.&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<p>»Die werden sich hüten&nbsp;&ndash;« entgegnete Fabiens
-Gemahl. »Der Alte &ndash; ich meine den Grafen &ndash;
-hat um dies gräuliche Geheimniß gewußt: nichts ist
-gewisser. Die Hast, womit er mich nöthigte, das
-Kästchen anzunehmen, ist mir deutlich im Gedächtniß.
-Sieh, Fabia! ich habe eine Ahnung gehabt; denn es
-wollte mich erdrücken, als ich es mir nach Hause
-trug.«</p>
-
-<p>Fabia sah diese verschwiegene Erfahrung als ein
-göttliches Strafgericht an. Wie oft hatte ihr Mann
-gegen den Himmel gemurrt! jetzt war ihm zu Theil
-geworden, was er für besser hielt, als das weise Versagen
-seines Wunsches: ein todtes, ein stummes
-Kind! &ndash; Sie selbst verstummte vor dieser Betrachtung
-und war sehr gebeugt.</p>
-
-<p>Die unglückliche Fabia! dieser heimliche Gedanke
-schlug Wurzel in der Seele ihres Mannes, und wurde
-zum Polyp, der mit tausend Fasern seine Lebenskräfte
-umklammerte. Der Rentmeister ward nicht mehr gesund.
-Wir wissen, wie er nach kränklichen Jahren
-kurz vor seinem Ende die Beruhigung genoß, in dem
-Bruder, der sich zu ihm finden mußte, den Seinen
-eine Stütze hinterlassen zu können. Sterbend legte
-er in die Brust des wackern Administrators das Geheimniß
-<a class="pagenum" id="page_089" title="89"> </a>
-nieder, was ihn zu Tode gedrückt, und die
-Pflicht, den ihm gespielten Betrug zu seiner Zeit offenkundig
-zu machen.</p>
-
-<p>Nachdem sein Bruder bestattet worden, ließ Herr
-Prälat bei nächtlicher Weile den kleinen Schmucksarg
-unter den Altar der Capelle versenken, von der das
-Stift den Namen führt. Die Maurer mogten wähnen,
-sie vergrüben einen Schatz &ndash; aber diese Stelle
-stand unter heiligem Schutz. Schweigend verrichteten
-sie ihre Arbeit, und die dumpfen Schläge hallten
-schaurig von den stillen Wänden wieder.</p>
-
-<p>Die Wittwe, gesenkten Hauptes, sah ihnen zu.
-»Was blickst Du so düster, Fabia?« flüsterte ihr
-Schwager, »verlasse Dich darauf, ich bin zwar nicht
-so bibelfest wie Du, weiß aber doch, daß, wenn ein
-finstres Werk zu Tage kommen soll, oder die Unschuld
-gerechtfertiget, die Steine reden müssen. Darin lasse
-Alles sich fügen, wie es des Himmels Wille ist!&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<p>Als die Gräfinn, der heimischen Gegend entrückt,
-fremde Luft sog, athmete sie doch etwas leichter auf,
-und es war, als ob hinter ihr die leidige Welt versänke.
-Zwar war nicht fester Boden unter ihren
-Füßen, und die Zukunft ihr nichts weniger als klar;
-aber der trübe Strom, worin Albane dem Versinken
-nahe gewesen, rann doch abwärts, so wie die Räder
-des Reisewagens entrollten. Nach einer folgerichtigen
-<a class="pagenum" id="page_090" title="90"> </a>
-Nothwendigkeit müssen leidenschaftliche Gemüther zuletzt
-vor ihrem eigenen Glücke fliehen, und nur Ruhe
-suchen. Ruhe, der Friede stiller Seelen, dieser tiefe
-geistige Genuß, ist ihnen das einzige Bedürfniß. Weinend
-wenden sie das Auge von jenem süßen Taumel,
-jener Freudetrunkenheit, die nicht dauern kann, und
-streben nach Selbstbewußtseyn. Sie wissen, wie bald
-das schwache Herz erliegt, wie nöthig ihm eine Stütze
-sey. Das Glück aber fordert Kraft zur Ausdauer &ndash;
-des Himmels Seligkeit, unser höchstes Streben, währt
-ewig. Die überspannte Saite springt jedoch mit einem
-Wehlaut. &ndash; Vielleicht hatte eine gewisse Uebersättigung
-von Geheimniß das Verlangen in der Gräfinn
-erzeugt, öde zu bleiben, ohne irgend eine andere
-Beziehung als auf ihren Vater; ja, sie hatte in den
-verflossenen Jahren, trotz der befriedigten Leidenschaft
-und dem Gelingen ihrer kühnsten Plane &ndash; so viel
-gelitten und nur Gott bewußt&nbsp;&ndash;: daß ein völliges
-Nichtseyn ihr dagegen wünschenswerth erschien. Daß
-sie spurlos verschwände, sich und Andern, das hätte
-Albane wohl gewünscht. So war diese Reise vorläufig
-als eine Gestorbenheit zu betrachten, die von mancher
-Seite erlösend für sie wäre. &ndash; Auch waren
-Gründe dazu vorhanden gewesen, abgesehen von denen,
-die das Innnerste der Seele so zart verhüllen, daß
-nur der Finger Gottes sie aufzudecken vermag. Der
-<a class="pagenum" id="page_091" title="91"> </a>
-Arzt, der Gräfinn vertrautester Freund, hatte ihr
-eröffnet, wie er von hoher Behörde aufgefordert worden
-sey, über den Gesundheitszustand ihres Vaters
-und sein geistiges Vermögen Zeugniß einzusenden.
-Der Staat trage billiges Verlangen, unter der Befugniß,
-für eine bedeutende Seelenzahl zu sorgen, deren
-Aufsicht unmöglich einem Geisteskranken anvertraut
-bleiben könne, das schöne Majorat bei Leibesleben
-seines derzeitigen Grundherrn zu ererben, und
-den Grafen Frankenstern anständig zu pensioniren.
-Zudem wisse er von guter Hand, daß der Bischof, in
-Kenntniß von dem Gelübde der Mutter Albanens,
-sich höchlich wundere, wie und warum dem Himmel
-eine Seele und der Kirche ein Brautschatz so lange
-vorenthalten werde? &ndash; Auch von dieser Seite drohe
-den Verhältnissen der Gräfinn ein Angriff. &ndash; Sonach
-sey es an der Zeit, sich diesen Anmaßungen zu
-entziehen.</p>
-
-<p>Wie durch Inspiration jener Frage an das Gewissen
-seines Leibarztes kundig, beantwortete der Graf
-sie selbst. Nie war er gesammelter gewesen, als zu
-dieser Zeit, wo die Zerstreuung der Reise-Angelegenheiten
-seine verworrenen Gedanken auf gewisse Weise
-entschuldigt haben würde. Da war kein träges Säumen
-mehr. Gleich einem schlafenden Funken, den ein
-Hauch plötzlich weckt, leuchtete er auf, und entbrannte
-<a class="pagenum" id="page_092" title="92"> </a>
-auch wohl im Zorn über so manchen Mißbrauch, der
-sich eingeschlichen. Die Beamten erstaunten, denen
-er sich edelstolz als Herr zeigte, als der gütige Schützer
-seiner Unterthanen gegen die Strenge der Verwaltung.
-Alles trat in ein anderes Licht &ndash; und erröthend vor
-Freude, schrieb der Arzt sein Attestat an die Regierung.</p>
-
-<p>Doch nur für diesen Zweck schien der Graf durch
-die freundliche Ohrenbläserei desselben zu thätiger Umsicht
-entflammt worden zu seyn. Er sank alsbald
-wieder in seine gewöhnliche Apathie zurück, und fuhr
-mit geschlossenen Augen und Sinnen durch die Natur,
-ohne daß ihre schönsten Wunder vermogt hätten, nur
-mit einem Strahl göttlicher Offenbarung an seinen
-finstern Geist zu dringen.</p>
-
-<p>Albane webte um ihn wie ein Schatten, und verließ
-ihn nie; die Pflicht der Sorge für ihren Vater
-erfüllte jeden ihrer Augenblicke. Auch bedurfte der
-Graf dieser Treue. Die Furcht vor dem Tode quälte
-ihn abwesend minder, und war zu der fixen Idee geworden,
-dieser Feind seiner Lebensruhe könne ihn nicht
-ereilen, so lange er von Ort zu Ort zöge, wie man
-nur in der Heimath schlafen zu können meint. Ein
-beständiges Fliehen trieb ihn rastlos umher, und die
-Geißel der Menschheit vereinigte sich mit diesem unstäten
-Drange, ihm keine bleibende Stätte zu gönnen.</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_093" title="93"> </a>
-Der Ausbruch des Krieges hatte das Land überschwemmt
-&ndash; die Güter des Grafen waren stark mitgenommen.
-Albane erkannte es als eine nicht genug
-zu preisende Wohlthat, dieser Usurpation entronnen
-zu seyn. Sie lebte in verborgner Stille mit ihrem
-Vater, bald hier, bald da. Ein, dem Grafen vormals
-befreundeter reicher Edelmann, der sein einsames Alter
-in der Hauptstadt gesellig erheiterte, hatte Albane
-und ihren Vater unterweges getroffen, und ihnen seine
-unbewohnten Schlösser in Auswahl zum Aufenthalt
-angeboten, welche sie zu Zeiten benützten. Der Oberverwalter
-sendete die verlangten Summen durch die
-dritte, vierte Hand gegen die Unterschrift des Grafen,
-an ein Handlungshaus, und mußte in Allem für sich
-selbst stehen.&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>Ein Irrthum hatte die Nachricht, Albane sey todt,
-in Bonna verbreitet, leicht für wahr angenommen,
-da ja die Gräfinn immer kränklich gewesen. Eine
-authentische Bestätigung war unter jenen wüsten
-Umständen nicht einzuziehen. Niemand zweifelte, auch
-Sylvius nicht. Wir wissen, welche Folge dies hatte.
-Zweifel wäre hier Glauben gewesen &ndash; Glaube der
-Liebe!&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>Als die Gräfinn daher ihren Gemahl in Tonys
-Arm erblickt, als sie die Geschichte der gestorbenen
-Frau aus seinem Munde vernommen: da war ihr
-<a class="pagenum" id="page_094" title="94"> </a>
-Zustand der jener abgeschiedenen Gattinn vergleichbar,
-welche, wie eine sinnige Sage uns erzählt &ndash; nachdem
-sie ihren Gatten, den zu trösten sie aus der Unterwelt
-herauf gestiegen, an der Seite seiner Braut gesehen,
-ob auch nur einen Augenblick lang &ndash; willig in die
-Hölle zurückgekehrt sey, auf ewig. &ndash; Albane floh vor
-diesem Anblick, diesen Worten, unauslöschliche Flammen
-im Busen. Wie eine Verfolgte warf sie sich
-an den Hals ihres Vaters, und das ungestüm
-klopfende Herz begehrte Zuflucht bei ihm. Sie vergaß,
-daß der Graf ihr Geheimniß nicht kenne. Sie
-wußte nicht, daß Sylvius sie für todt hielt. Die
-Gräfinn dachte endlich nicht daran, daß sie selbst sich
-zuerst von ihrem Gemahl losgerissen hatte. Aber
-nichts destoweniger fühlte sie unter heißen Schmerzen,
-wie sehr sie ihn geliebt, und daß er sie nicht vergessen
-dürfen noch sollen. Jener Moment, der sie davon
-überzeugte, hatte eigentlich und weit anders als ihre
-Trennung, ein inniges Band zerrissen, und das Herz
-blutete nach.</p>
-
-<p>»Dies also war die Liebe&nbsp;&ndash;« sagte Albane mit
-dem wunden Lächeln einer frischen Kränkung, »der
-ich mein Seelenheil geopfert!? &ndash; O Gott! so
-lieben Menschen, &ndash; <em class="ge">Männer</em>! O meine Mutter!«</p>
-
-<p>Ihr grauete nun vor nichts mehr auf Erden, es
-wäre denn die Rückkehr nach Bonna gewesen. &ndash;
-<a class="pagenum" id="page_095" title="95"> </a>
-Nach und nach spannten ihre Gefühle sich ab, und
-eine tonlose Stille, die keinen Anklang mehr von sich
-giebt, schwebte um das zertrümmerte Saitenspiel ihrer
-Empfindung. Wenn alle Schmerzen der Seele sich
-durch Mittheilung lindern: die Leiden gekränkter Liebe
-nicht. Diese tragen sich nur allein. Wo Menschen
-um eine verlorene, verrathene Liebe wissen, da wird
-ihr Verlust doppelt gefühlt, da ist der Schmerz
-jenes Wissens größer, als der ihrer Erfahrung.
-Wer getröstet seyn will, darf nur die Theilnahme
-der Engel ansprechen, und wirklich war ein Engel
-Albanens einziger Trost: ihre kindliche Pflicht.</p>
-
-<p>Graf Frankenstern war allgemach ein Greis geworden.
-Sein Körper schien gesund, doch sein Geist
-bei zunehmenden Jahren die zerstörende Kraft verloren
-zu haben, und in einen gewissen Zustand der Kindheit
-zurückgegangen zu seyn. Seine Imagination
-war ein Spiel &ndash; aber mit ernsten Gegenständen.
-Er interessirte sich für Politik &ndash; allein nur in Gemäßheit
-seiner verworrenen Begriffe. Aus Mangel
-entsprechender Mittheilung berief er oft die Monarchen
-und ihre Feldherrn zu sich, und legte ihnen seine
-Ansichten und Plane vor. »Ach!« sagte er dann,
-und deutete traurig auf die hohen Stühle, »Sie
-schweigen, meine Tochter! ich hoffe wenig.« Albane
-schwieg auch. Sie hoffte gar nichts mehr.&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_096" title="96"> </a>
-Die Gräfinn pflegte ihres Vaters treu und sanft wie
-eine Mutter. Sie schmückte sich geduldig, wenn er
-es für solch eine Zusammenkunft wünschte, sorgte für
-eine vornehme Bewirthung, die unberührt blieb, weil
-nur Geister zu Gast waren &ndash; und machte ihm allen
-Willen, wie man einem kranken Kinde thut. Mit
-träumerischem Lächeln starrte sie in die wüste Leere
-des Zimmers &ndash; nur der Spiegel zeigte ihr ein bleiches
-Bild. Aber jener Friede, welcher höher ist als
-alle Vernunft, fing an, bei ihr einzukehren.</p>
-
-<p>Vorzugsweise beschäftigte den Grafen <em class="ge">eine</em> welthistorische
-Person: der beseitigte Schutzgeist Napoleons,
-die Exkaiserinn von Frankreich. Sie war die liebste
-Puppe seiner Gedanken, ihr Schicksal trug er im
-Herzen &ndash; und hätte lieber gesehen, daß Jedermann
-diese Erste Frau auf Händen trüge.</p>
-
-<p>»Heut kommt Josephine &ndash; sie hat es mir geschrieben,«
-sagte der Graf und blickte in einen kleinen Zettel
-der vor ihm lag, »binde Dir ein besseres Halsband
-um, meine Tochter.«</p>
-
-<p>Albane erblaßte. Dieser theure Name regte die
-tiefste Sehnsucht ihres Busens auf. »Wenn das
-wäre,« antwortete sie mit wankender Stimme, »dann
-hätte ich nur <em class="ge">einen</em> Schmuck&nbsp;&ndash;: zahllose Perlen!
-Perlen aus dem tiefsten Meer!« Und über ihre Wangen
-<a class="pagenum" id="page_097" title="97"> </a>
-rollten Thränen, in denen ein Glanz von Freude
-schimmerte.</p>
-
-<p>Die große Tragödie des Krieges war aus, die
-Völker steckten das Schwerdt in die Scheide, die
-Fürsten zogen ruhmgekrönt nach Haus. Gras wuchs
-über den Schmerz der Welt, und wo am meisten
-Blut geflossen, da blühte die segensreiche Aehre am
-schönsten. &ndash; Jetzt war dem Grafen zu Muthe, als
-wäre ein langer Kampf in ihm zu Ende, und er
-dürfe nun auch heimziehen. Er sehnte sich nach
-Ruhe &ndash; nach einer neuen oder vielmehr alten Ordnung
-der Dinge. »Albane,« sagte er, »ich habe es
-nun satt, dies Nomaden-Leben. Wir wollen fort,
-nach Bühle&nbsp;&ndash;« ein leiser letzter Schauer vor Bonna
-rieselte über seine Nerven &ndash; »hörst Du? meine
-Tochter?« Dann setzte er hinzu: »Sanct Capella ist
-nicht weit von dort.«</p>
-
-<p>»Die Klöster sind aufgehoben&nbsp;&ndash;« antwortete die
-Gräfinn, indem sich bei dem Worte ihres Vaters der
-Schleier hob, worein sie, völlig entsagend, alle Wünsche,
-ihr irdisch Leid, vor der ganzen Welt verhüllt
-hatte.</p>
-
-<p>»Nun, das Stift steht ja noch&nbsp;&ndash;« versetzte Jener,
-als wolle er sich nicht merken lassen, daß er daran
-nicht gedacht. »Nonne kannst Du nicht werden&nbsp;&ndash;«
-fuhr der Graf wie befreit fort, »nicht Seine päbstliche
-<a class="pagenum" id="page_098" title="98"> </a>
-Heiligkeit, nein! der himmlische Vater selbst hat Dir
-Dispens davon gegeben, und Du bist mehr als eine
-barmherzige Schwester, Du bist eine wohlthätige Tochter
-geworden, für mich alten schwachen Mann!«</p>
-
-<p>Da weinte Albane laut. Sie fühlte sich entsündigt,
-und daß die Liebe des Gesetzes Erfüllung sey.</p>
-
-<p>Die Zurüstungen zur Reise wurden nun getroffen.
-»Wie werde ich Alles finden?« fragte die Gräfinn sich
-tausendmal. Das Thor der Möglichkeiten that sich
-weit vor ihr auf &ndash; doch der künftige Tag ist den
-Sterblichen verschlossen.</p>
-
-<hr />
-
-<p>Wir finden Theresen auf der Reise nach ihrem
-künftigen Wohnorte wieder. Sie sitzt an der Seite
-des Gemahls, berührt von seinem Mantel; ihre Hand
-liegt in der seinigen&nbsp;&ndash;; aber die Jahre ihrer Entfernung,
-die Länder, welche Constanz durchreist, liegen
-fühlbarer noch für seine Gattinn, zwischen ihnen.
-Sogar seine Stimme klingt ihr fremd &ndash; wie von
-einem dunkeln Jenseits herüber. Jener rührende
-Zauber, womit die geliebteste Stimme an die Seele
-dringt: er war vernichtet durch eine Gegenkraft &ndash;
-und Therese hörte nur, daß ihr Mann etwas heiser
-sey. &ndash; Sie blickt in den Boden seines Hutes, den
-sie auf ihrem Schooße hält, weil Constanz, um besser
-<a class="pagenum" id="page_099" title="99"> </a>
-zu ruhen, sich mit unbedecktem Haupte in die Ecke
-des Wagens geschmiegt hat; doch eigentlich blickt sie
-in die Tiefe ihres Herzens, das auch ohne <em class="ge">Hut</em> und
-deshalb übel gefahren ist &ndash; und ein fremder Meister
-hat dort auch seine dunkle Vignette angeheftet. &ndash;
-Die Fahrt geht rasch; aber Therese kann sich von
-dem Gedanken an das Stift nicht losreißen, und doch,
-so wie der unermeßliche Himmel sich vor ihr ausspannt,
-spannt ein geheimnißvoller Aether die Flügel
-ihrer Sehnsucht nach der Ferne.&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>»Erzähle mir etwas Du Liebste! von Deinen
-Freunden&nbsp;&ndash;« sagte Constanz zu seiner schweigsamen
-Gefährtinn, »und vergönne, daß ich Dir still zuhöre.
-Es ist, als ob mir jedes Wort einen schmerzenden Reiz
-in der Luftröhre verursachte. Wie es scheint, hast
-Du sehr glücklich in Sanct Capella gelebt.«</p>
-
-<p>»O sehr glücklich!« antwortete Therese mit einem
-Seufzer der Wehmuth; und der Accent dieser Versicherung
-hätte ihren Mann beleidigen müssen, wenn
-er innigere Ansprüche an seine Frau gemacht.</p>
-
-<p>»Der Ort ist doch wirklich zauberisch schön gelegen,«
-fuhr Therese fort, »und läßt nichts vermissen.
-Wir bildeten eine kleine Gesellschaft unter uns, das
-ist denn ein ganz anderes Verhältniß, als die Verbindungen
-in Mitten der Welt. Wir waren Hausgenossen
-<a class="pagenum" id="page_100" title="100"> </a>
-&ndash; Eine Familie gleichsam &ndash; und mit wahrer
-Lust im Bann des Klosters. Die Verschiedenheit
-der Charaktere, welche dazu gehört, um innig im Umgange
-zu seyn, gab unserm einfachen Zusammenleben
-vielseitiges Interesse. &ndash; Welch ein köstlicher Mensch
-ist der Bruder! nur gesunder möchte ich ihn wünschen,
-obgleich er sich in der letzteren Zeit erholt zu
-haben schien. Dann Fabia &ndash; wie eine Mutter war
-sie für mein Bestes bedacht. Man muß sie nur kennen.
-Wer sie aber kennt, schätzt sie gewiß. Sie
-gleicht einem süßen Kern in spröder Schale. Und etwas
-Lieberes, als die alte Nonne, die Du gesehen hast,
-kannst Du Dir gar nicht denken, Constanz. Das ist
-wahrlich eine heilige Jungfrau, die besser als der
-Papst die Sünde den Menschen verzeihen könnte! &ndash;
-Da ist nichts von der finstern Verdammniß zu spüren,
-die Niemand selig werden lässet, der die Welt
-ein wenig lieb hat. Schwester Veronica ist sanftmüthigen
-Geistes, mild gegen Jedermann &ndash; kein feindlicher
-Gedanke, kein gehässiges Gefühl fände Raum
-in ihrer friedenvollen Seele. Auch hat sie selbst geliebt,
-und ihr Herz dieser Liebe geopfert. Man kann
-diese kleine Geschichte nicht ohne die größte Rührung
-hören. &ndash; Dafür scheint ihr denn auch ewige Jugend
-geworden zu seyn, und ich habe zuweilen schon gedacht,
-die gute Nonne stirbt wohl gar nicht, und
-<a class="pagenum" id="page_101" title="101"> </a>
-wird in ihrem Erdenleibe, worin sie himmlisch lebt,
-einmal von Engeln emporgetragen.«</p>
-
-<p>»Deine Schilderung ist begeistert, meine Therese&nbsp;&ndash;«
-fiel hier Constanz seiner Gattinn in die
-Rede, »und ich hätte Dir so viel Sinn für <em class="ge">klösterliche</em>
-Vorzüge kaum zugetraut.«</p>
-
-<p>Therese empfand die leise Ironie in den Worten
-ihres Mannes nicht. Sie sprach: »von der Clausur
-merkte man nicht das Geringste an ihr. Veronica
-konnte sehr heiter seyn, und sogar anmuthig scherzen.
-Wie oft hat sie über die tollen Lügen Moorhausens
-herzlich gelacht! wo selbst der Schwager ergrimmte,
-sagte sie nur: es ist ihm zur andern Natur geworden,
-ich denke mir, er genießt das Vergnügen eines
-Fabeldichters, der aus dem Stegreif erzählt, und
-gönne es ihm.«</p>
-
-<p>»Und der Major?« mit diesen drei Frageworten
-störte hier abermals Constanz die Charakteristik, womit
-seine Frau ihn unterhielt, »dem scheinst Du ganz
-besonders wohl zu wollen.«</p>
-
-<p>Therese erröthete; ein Widerschein von Purpur,
-von zarterem Anflug und höherer Farbe als das Futter
-ihres Hutes, hauchte ihre Wange an, und sie schlug
-die braunen Augen tief nieder. Sie sprach: »o! das
-ist auch ein excellenter Mann! Den solltest Du kennen.
-<a class="pagenum" id="page_102" title="102"> </a>
-Er war mir väterlich gut, und ich hätte ihm
-zuweilen die Hand küssen mögen.«</p>
-
-<p>Hier zog Constanz die seinige aus Theresens Hand,
-und schlang einen Knoten in das bastseidne Schnupftuch,
-als wolle er sich etwas in das Gedächtniß knüpfen.
-Eine Pause trat ein, dann sagte er: »dieser
-Major Feldmesser&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<p>»<em class="ge">Feldmeister</em>,« berichtigte Therese, und ihr
-Mann redete weiter, »hat mir auch sehr gefallen.«
-Seine Frau warf auf diesen Ausspruch ihm einen
-schönen Blick zu, und erwiederte: »er ist der beste
-Freund Deines Bruders, und diesen Rang wird ihm
-schwerlich jener Sylvius streitig machen, der mir immer
-unheimlich vorgekommen ist.«</p>
-
-<p>»Nun der Schatten darf Deinem Gemälde auch
-nicht fehlen&nbsp;&ndash;« versetzte Constanz, »doch das Schönste,
-den Lichtpunkt, hast Du Dir bis zuletzt aufgehoben:
-Josephine. Dieses liebenswürdige Geschöpf, erquicklich
-in seinem Anblick und bescheiden, ist ein wahres
-Blümchen Augentrost.«</p>
-
-<p>Es ist ein schlimmes Zeichen, wenn eine Frau,
-auch die beste &ndash; das Lob einer Andern ihres Geschlechts,
-ohne Eifersucht, aus dem Munde ihres Gemahls
-hört. Ohne Extase entgegnete hierauf Therese:
-»es ist ein seelengutes Mädchen, und gar nicht so
-simpel, wie man glauben könnte. &ndash; Sie wird strenge
-<a class="pagenum" id="page_103" title="103"> </a>
-gehalten, die arme Josephine! und ihren zarten Kräften
-wird viel aufgebürdet, was nur durch diese stille
-Duldung zu ertragen möglich ist.«</p>
-
-<p>»Das süße Lamm!« sprach Constanz mit regem
-Bedauern, »doch nach dem Sprüchwort und der Erfahrung:
-regieren gestrenge Herren nicht lange.« Ein
-diplomatisches Lächeln spielte um seinen Mund. Und
-weil dieses Bild von raschem Umschwung ihn in den
-Kreislauf seiner Vergangenheit zurück versetzte, so kam
-er durch eine sehr natürliche Association der Ideen
-auf die Frage: »wie brachtet Ihr denn sammt und
-sonders Eure Tage zu?«</p>
-
-<p>»Du meinst, wir hätten Langeweile gehabt? nicht
-einen Augenblick, sage ich Dir!« versicherte Therese
-mit leuchtenden Augen. Und das Quecksilber ihres
-Temperaments machte ihre Seele zu einem Spiegel,
-der die kleinen Freuden des Stiftes glänzend verdoppelte;
-ihre Rückblicke zeigten Alles in erhöheter und
-reinster Potenz. »Des Abends waren wir zusammen,
-und spielten Whist oder Schach&nbsp;&ndash;« setzte sie mit fallender
-Stimme hinzu, und der Tagesbericht der muntern
-Kostgängerinn von Sanct Capella endete in einem
-leisen, ernsten Seufzer.</p>
-
-<p>»Und da schlugst Du selbst den tapfern Feldmeister
-aus dem Felde &ndash; nicht wahr?« fragte Constanz, ihrer
-Fertigkeit sich entsinnend, und zupfte seine Frau an
-<a class="pagenum" id="page_104" title="104"> </a>
-einem Löckchen hinterm Ohr. Aber es war Theresen,
-als ob sie am Gewissen gezupft würde.</p>
-
-<p>»Nicht immer&nbsp;&ndash;,« antwortete sie halblaut, »ich
-war auch bisweilen im Verlust.« &ndash; War es der versteckte
-Sinn dieser Worte, oder der Geist der Liebe,
-der in der Erinnerung an das Schachspiel ahnungsvoll
-sein Herz bewegte? &ndash; Genug, die Wage seines
-unpäßlichen Gleichmuths schwankte, und der Ton war
-von Gewicht, als ob ein Vorwurf ihn herabzöge, womit
-er sagte: »da Deine Zeit so mit Vergnügen besetzt
-war, wie ich zu dem meinigen höre, &ndash; so fandest
-Du wohl wenig Muße, meiner zu gedenken?&ndash;«</p>
-
-<p>So hätte Constanz jedoch nicht fragen sollen!
-Therese ward sich bewußt, daß ihr Gemahl beinahe
-drei Jahre abwesend gewesen. Sie antwortete tiefsinnig
-lächelnd: »es braucht viel Zeit, bis eine Welt untergeht.«&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>»Wo hast Du die Phrase her, Therese?« fragte
-Constanz, erstaunt über das Wissen seiner Frau, und
-über die Anwendung, welche sie von jenen Worten
-machte.</p>
-
-<p>»Ich schlug sie jüngst in einem Buche auf, worin
-der Bruder las&nbsp;&ndash;« sagte die schöne Frau, welcher
-der Verfall des ganzen römischen Reichs übrigens sehr
-gleichgültig war.</p>
-
-<p>»So bin ich noch Deine Welt?« fragte er seltsam
-<a class="pagenum" id="page_105" title="105"> </a>
-heftig, und neigte sich zu ihr, und Theresens Blick,
-ein Abglanz jener Sonne, die ihn einst erwärmt, fiel
-wie ein Mondstrahl, kühl und geheimnißvoll, in das
-Düster seiner Vorstellungen.</p>
-
-<p>Während der längeren Dauer dieser Reise suchte
-Therese durch freundliches Geschwätz ihren Mann zu
-erheitern, der sich leidend dabei verhielt. Wenn sie
-beflissen schien, von Diesem und Jenem zu sprechen, so
-war's vielleicht, daß er ihre Absicht merkte, was ihn
-verstimmte. &ndash; Das Bedürfniß der Unterhaltung ist
-ein schlimmes Merkmal für die Liebe. Wo ein Liebender
-die Langeweile des Andern empfindet, da ist
-dieser Andere schon verkürzt. Ein Herz, ganz von
-seinem Gegenstande ausgefüllt, bedarf nichts als des
-Glückes, bei ihm zu seyn. Liebende sind &ndash; ist ihr
-Verhältniß in der Ordnung &ndash; Sich die Einzigen,
-die da leben: denn jede junge Ehe wiederholt die
-Schöpfung, und der Athem Gottes hat millionenmal
-das Paradies geschaffen, seit das erste verloren ging.
-Wenn daher Menschen, beseelt von diesem ewigen
-Hauch, etwas außer sich merken, und mit jenem Bewußtseyn,
-was der Liebe heiliges Glück vernichtet, ihr
-Gefühl verhüllen, o! dann blitzt der feurigste Gedanke,
-oder auch ein Witzfunken, nur von dem flammenden
-Schwerte des Engels, der an der Gartenpforte
-ihres Edens steht. Sie wandeln fortan zwischen
-<a class="pagenum" id="page_106" title="106"> </a>
-Dornen und Disteln der Erbsünde, und das
-Kind der harten Erde wird mit Schmerzen geboren,
-wissend, daß es sterben muß!&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>Nach mehreren Tagen, in denen der neue Legationsrath
-sich und seiner Gattinn nur wenige Stunden
-der Ruhe gegönnt, sahen sie die schöne Stadt nun
-vor sich, welche der Ort seiner Bestimmung war. In
-äußerster Erschöpfung freute sich Therese, endlich am
-Ziel zu seyn. Ihr Blut war durch das anhaltend
-rasche Fahren in Wallung, das feine Geäder am Halse
-hüpfte, in jeder Fingerspitze hämmerte ein Puls. Sie
-war zu müde, um sich ängsten zu können, da Constanz
-sich unwohl klagte. »Dein Husten pfeift ordentlich
-und hat einen schneidenden Ton,« sagte sie unter
-einem nervenfröstelnden Rückenschauer zu ihrem Manne.
-»Ich denke, wenn Du wirst ausgeschlafen haben, dann
-giebt es sich.«</p>
-
-<p>»Ja, ich denke einen langen Schlaf zu thun&nbsp;&ndash;«
-antwortete Constanz mit mattem Lächeln, und schloß
-die entzündeten Augen vor dem Häusermeer, was der
-letzte Abendschein vergoldete.</p>
-
-<p>»Das wolle der Himmel geben!« erwiederte Therese
-unschuldig auf jene berühmten Worte.</p>
-
-<p>Indessen dämmerte es tief, ehe sie die Stadt erreichten.
-Es war zur Meßzeit, und trotz der abendlichen
-Späte ein wogendes Gewimmel in den Straßen.
-<a class="pagenum" id="page_107" title="107"> </a>
-Der Reisewagen, dem der blasende Postillon Respect
-verschaffte, rückte jedoch nur langsam vorwärts, und
-hielt am Engel, einem Hotel, das hinsichtlich seiner
-Vorzüglichkeit so hoch über die Adler und Sterne der
-besten Gasthöfe ragte, wie der Geist seines Sinnbilds
-über die menschliche Unvollkommenheit.</p>
-
-<p>Therese erschrak, als die großen Laternen zu beiden
-Seiten des ätherblauen Schildes, worauf der weiße
-Engel, mit einer Palme in den Händen, schwebte, ihren
-Schein auf das Gesicht ihres Mannes fallen ließen;
-es war todtenblaß, Constanz war kaum noch im
-Stande, die bequeme Stiege hinanzusteigen. Im
-Zimmer angelangt, sank er beinahe ohnmächtig in einen
-Stuhl. &ndash; Hier, von einem erstickenden Husten,
-wobei ihm jede Muskel schwoll, convulsivisch erregt,
-konnte er lange nicht zu Worte kommen; doch als er
-eines Sylbenlautes mächtig war, forderte er einen
-Arzt, weil der Schmerz im Halse von Minute zu
-Minute furchtbarer wurde. Es ward bestellt. Alsbald
-rauschte unter den Händen eines flinken Dienstmädchens
-das Bett, wonach Constanz stöhnend verlangte;
-der Tisch war gedeckt, die kräftige Suppe
-dampfte &ndash; aber der Kranke schüttelte sich gegen den
-Genuß, und der armen Therese war aller Appetit vergangen.</p>
-
-<p>Eine tödtlich lange Stunde war vorüber, und
-<a class="pagenum" id="page_108" title="108"> </a>
-der Doctor noch immer nicht da. Das Kommen an
-der Hausthüre, das unaufhörliche Gehen auf dem Vorsaal,
-der Laut jeder männlichen Stimme im Flur,
-täuschte die peinliche Erwartung der harrenden Frau.
-Constanz lag ganz still, er seufzte nur.&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>Unglücklicherweise hatte man für das Erkranken
-eines Herrn, der mit vier Pferden Extrapost angekommen,
-nur den vornehmsten Arzt passend gefunden.
-Leider aber war dieser der bequemste von Allen, der
-lieber seinen Leib pflegte, als den Derer, die sich seiner
-Kunst anvertrauten. In solchen Aerzten hat das
-Gefühl ihrer eigenen Unsterblichkeit die achtsame Sorge
-für das Leben Anderer verschlungen. Sie fußen fest
-auf der begrabenen Welt, die einen düstern Lorbeer
-für sie trägt.&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>Jener Primus der Mediciner dieser Stadt saß bei
-einem Abendschmause, kaum frugaler als der in Voßens
-Idyllen, und gehabte sich gleich seinem Collegen aus
-Hamburg, den der Pächter redend darin einführt &ndash;
-als der Ruf aus dem Engel an ihn erging. Er that
-jedoch seiner Menschlichkeit zuvor volle Genüge und
-gütlich, ehe er ihm Folge leistete.</p>
-
-<p>Endlich rollte sein Wagen vor. »Der Regierungsrath
-kommt&nbsp;&ndash;« rief der Kellner in das stille Zimmer,
-und ein stattlicher Mann keuchte die Treppe herauf.
-Therese war eines deutlichen Berichts fast unfähig,
-<a class="pagenum" id="page_109" title="109"> </a>
-der Doctor verpustete inzwischen. Dann schritt er
-gravitätisch dem Bette zu, nahm Platz, seine Taschenuhr
-in die Hand und faßte den Puls des Kranken.
-Die ruhige Flamme der Kerzen zitterte im Zifferblatt,
-und warf einen prunkenden Schein auf den Orden an
-der Brust des Arztes. Theresens Herz schlug flüchtig;
-doch ihr Athem stockte.&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>»Eine schlimme Halsentzündung ist im Anzuge&nbsp;&ndash;«
-war der Ausspruch, wobei Therese ihren
-schönen, freien Hals wie zugeschnürt fühlte. »Ein
-Wundarzt muß schleunigst herbeigerufen werden&nbsp;&ndash;«
-setzte der Doctor dictatorisch hinzu, und betrachtete
-einige Momente die Gesichtszüge des Kranken, der
-taub und glühend, wie in den Schmerz von Flammen
-eingehüllt, da lag, und kein Zeichen der Theilnahme
-an seinem eignen Wohl und Weh &ndash; von sich gab.
-Man brachte das verlangte Schreibzeug, der Doctor
-schrieb nach kurzem Besinnen einige Abreviaturen mit
-blasser Dinte, und schlang seinen Namenszug in eine
-großartige Hieroglyphe. Dann schnitt er &ndash; mit der
-Scheere der Parze &ndash; den Streifen Papier ab, und
-reichte ihn einem Aufwärter, der schon darauf wartete,
-das Recept in die Apotheke zu tragen.</p>
-
-<p>Unterdessen kam der Wundarzt und empfing seine
-Instruction. Dann entfernte sich der Regierungsrath,
-um an die Tafel des Wohllebens zurück zu kehren;
-<a class="pagenum" id="page_110" title="110"> </a>
-unbekümmert darum, ob auch wissend &ndash; daß ein bedeutenderer
-Mann hier stürbe.</p>
-
-<p>»Verlassen <em class="ge">Sie</em> mich nur nicht!« flehte Therese
-den Wundarzt an, der, ein guter Mensch und viel
-sanfter als sein Beruf &ndash; ihr versprach, die Nacht
-über da zu bleiben. »Auch wird es nöthig sein&nbsp;&ndash;«
-sagte er, um diese Maßregel durch mehr als sein Mitleid,
-durch Erkenntniß der Gefahr zu rechtfertigen,
-»der Herr Gemahl haben die Bräune.«</p>
-
-<p>Therese starrte den Chirurg mit ihren braunen
-Augen an, die auch wohl gefährlich werden konnten,
-und fragte furchtsam: »die Bräune? an der sterben
-doch wohl nur Kinder?&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<p>Der Wundarzt schwieg; ein Lächeln trüber Erfahrung,
-ein leises Achselzucken nur, war seine Antwort.</p>
-
-<p>Mit einem kindischen Grauen sah Therese ihn die
-zappelnden Blutegel auspacken, die sich ihr wie kleine
-dunkle Schlangen an das Herz legten.</p>
-
-<p>Welch eine Nacht! &ndash; doch auch die Schatten der
-bängsten zerfließen.</p>
-
-<p>Als der goldne Morgen heraufstieg, zerfloß Therese
-in tausend Thränen: Constanz war gegen die dritte
-Stunde gestorben. Mit allen Schauern der Natur
-hatte seine Frau zum erstenmale den Tod gesehn, und
-in den Zügen Dessen, den sie einst geliebt. Dort
-lag er nun, ein starrer Leichnam! die bleierne Stille
-<a class="pagenum" id="page_111" title="111"> </a>
-seines Anblicks wirkte zermalmend auf Theresens
-Leichtsinn &ndash; es waren die schwersten Stunden, die sie
-gelebt; denn an dem Todtenbette ihrer Mutter hatte
-die Liebe ihr zur Seite gestanden.</p>
-
-<p>»Eine Stunde früher&nbsp;&ndash;« hatte der Wundarzt
-unbedachtsam geäussert, und der Kranke wäre zu retten
-gewesen; jene Stunde der Säumniß, am Tische
-des reichen Mannes, die dem armen Constanz himmlisches
-Manna zu kosten gab.</p>
-
-<p>Das Geräusch des Tages erwachte, der Markt
-füllte sich mit Menschen, die Kaufleute legten heute
-bunte Waaren aus. Eine fremde, gleichgültige Welt
-bewegte sich unter Theresens verweintem Blick. Die
-Sonne schien frühlingsheiter &ndash; sah denn das Auge
-Gottes diesen Jammer nicht? &ndash; die furchtbare Eile
-dieses Vorfalls machte den Eindruck davon auf das
-Gemüth der beklagenswerthen Frau noch gewaltsamer,
-so daß sie zu erliegen glaubte. Sie fühlte sich fürchterlich
-allein. Sie dachte an die Bewohner des Stiftes,
-die ruhig träumen würden, es gehe ihr nach
-Wunsch. Endlich sank sie in eine fühllose Mattigkeit.</p>
-
-<p>Wie ungemein dies traurige Ereigniß nun auch
-war, so konnte der Wirth zum Engel, bei dem Gedränge
-seines Hauses, sich nur auf flüchtige Beweise
-seiner Theilnahme einlassen. Er übernahm die Meldung
-<a class="pagenum" id="page_112" title="112"> </a>
-bei den Behörden, die Besorgnisse der Bestattung,
-und hatte nun für weiteren Beistand keine Zeit;
-doch destomehr, seine Gäste mit jenem interessanten
-Vorfall zu unterhalten. Zum Tröster war der practische
-Mann ohnehin nicht geschaffen. Man denke
-Theresen! sie, die, selbst für den freudigsten Zweck,
-keines geschäftsmäßigen Bestellens jemals fähig gewesen,
-sollte eine Auskunft geben, wie sie wünsche, daß
-ihr Gemahl begraben werde, mit dem Tischler reden,
-der, das Maaß zum Sarge zu nehmen, kam, und dem
-Schlosser Gehör geben, für den der Wirth bat, daß
-er die Arbeit bekäme. &ndash; »Ich beschwöre Dich,
-Füßli«&nbsp;&ndash;, sagte sie mit gerungenen Händen zu dem
-Bedienten ihres Mannes, einer treuen, leidtragenden
-Seele, »überhebe mich dieser Menschen, die härter
-sind als ihr Holz und Eisen, was sie handhaben! ich
-halte es länger nicht aus, ihnen Rede zu stehen.«</p>
-
-<p>In einem kraftlosen Zustande lag sie auf dem
-Sopha; unter ihren Fenstern summte das Gewühl.
-Sie glaubte, die Bewegung des Fahrens noch zu
-empfinden, zuweilen schrak sie auf, im Gefühl von
-einem tiefen Fall. Wie im Traume traten die Bilder
-vergangener Stunden zu ihr hin. Es war ihr,
-als ob Fabia spräche: »Du bist nun auch eine Wittwe,
-wie ich!« <em class="ge">Eine Wittwe!</em> diesem bangen einsamen
-Begriff widerstrebte ihre frische Jugend, und der
-<a class="pagenum" id="page_113" title="113"> </a>
-harmlose Sinn, welcher sie bisher beglückt hatte. Die
-Glocken hallten mit tiefen Tönen dies Wort &ndash; die
-Stille flüsterte es nach, und die Reiseuhr, die noch
-regelmäßig ging, da die Zeit ihres Besitzers abgelaufen
-war, pickte mit sachter silberner Ruhe, daß es wirklich
-wahr sey. &ndash; Auf einmal fragte sie scheu und leise:
-»hörtest Du nichts, Füßli?« »Nein,« antwortete der
-Bediente, »ich glaubte, gnädige Frau wären eingeschlafen,
-und dankte meinem Gott dafür. Ach!«
-fuhr er sein betrübtes Herz erleichternd fort, »zur
-Messe ankommen und sterben, und in einem Gasthofe
-seyn: das ist Alles, was ein Mensch ausstehen kann.
-Das Leichenbrett sogar steht auf der Rechnung.«</p>
-
-<p>»Ach laß es stehen! Sey nur still, um Gotteswillen
-&ndash; wenn Du nicht willst, daß ich selbst den Tod
-davon habe&nbsp;&ndash;« sagte Therese abwehrend, »es war
-mir, als hörte ich Jemand sprechen, dessen Stimme
-mir bekannt ist.« Sie lauschte nach der Wandseite.</p>
-
-<p>»Eine Herrschaft vom Lande, eine alte Baroninn,
-war eben angekommen, und logirt daneben&nbsp;&ndash;« antwortete
-Füßli, und seine Dame nahm doch Anstand,
-ihm einen Auftrag der Neugier zu geben.</p>
-
-<p>»Mein Kopf ist wüst&nbsp;&ndash;« sagte Therese, »und in
-diesem Gewirre der Angst werden Einem selbst die
-stillsten Gedanken laut.« Doch wie von jener Täuschung
-besänftiget, schlief sie nun wirklich ein.</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_114" title="114"> </a>
-Als Therese am nächsten Morgen zu einer dumpfen
-Besonnenheit erwachte, sagte sie: »mit Schrecken sehe
-ich, daß ich noch wie ein Regenbogen gekleidet bin &ndash;
-ich muß doch wohl ein wenig trauern? Mir ist ganz
-schwarz vor den Augen, wenn ich nur daran denke.
-Gehe Füßli, und kaufe mir einen Streifen Flor zur
-Binde &ndash; eine finstre Haube könnte ich nicht tragen,
-ich stürbe &ndash; Dann hole mir ein Paar Schuhe von
-Serge; nimm einen von diesen mit, sie passen mir
-am besten.« Sie schleuderte den Probeschuh &ndash; eine
-seidne Aurora &ndash; von dem zierlichen Fuß, und setzte
-mit einem herben Lächeln hinzu: »Wer mich so sähe,
-müßte glauben, ich wandelte auf Rosen. &ndash; Das
-Kleid will mir die Wirthstochter besorgen.«</p>
-
-<p>Der Befehligte ging und kam lange nicht wieder.
-Endlich trat er ein mit einer gewissen Hast, der Athem
-schien ihm entgangen, und die Zornader stark angelaufen.</p>
-
-<p>»Du warst lange, Füßli&nbsp;&ndash;« empfing ihn seine
-Dame im Klageton eines gütigen Vorwurfs, »wohl
-eine Stunde, und Du glaubst nicht, wie bange
-mir der Augenblick vergeht, den ich ganz allein zubringe.«</p>
-
-<p>»Kann nichts dafür, gnädigste Frau,« entschuldigte
-sich jener, »es ist überall ein Gedränge, man kann
-nirgends zu. Aus einem Viertel machen sich die
-<a class="pagenum" id="page_115" title="115"> </a>
-Kaufleute nichts &ndash; es wird Alles im Ganzen abgesetzt;
-da ließen sie mich stehen. Dann müssen kleine
-Füße bei großen Damen hier rar seyn. Des Suchens
-war kein Ende, und an Kinderschuhen von diesem
-Maaße kein Vorrath. Zuletzt hatte ich noch einen
-Auftritt auf offner Straße. Es ist hier eine verflixte
-Polizei.«</p>
-
-<p>»Wie so?« fragte Therese, und schickte sich an, den
-Einkauf zu versuchen.</p>
-
-<p>»Nun,« antwortete der Bediente mit entrüstetem
-Tone: »wie ich so im besten Gehen bin, kommt Einer
-von der Polizei daher &ndash; ich meine, das müsse
-er gewesen seyn &ndash; stiert auf meine Hand und ruft:
-Freund! wo hast Du den Schuh her? &ndash; Es fiel
-mich an. Mein Herr Offizier, gab ich ihm zur Antwort,
-gestohlen habe ich den Schuh nicht, und um
-das Weitere braucht sich Niemand zu kümmern. Nun
-legte er sich aufs Bitten, besah sich den Schuh von
-allen Seiten, so daß ich daran denken mußte, was
-mir, da ich noch ein kleiner Knabe war, meine Mutter
-seliger von einem bezauberten Prinzen erzählte,
-der&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<p>»Ich weiß, ich weiß&nbsp;&ndash;« unterbrach ihn Therese
-mit einiger Heftigkeit. &ndash; Füßli starrte seine Dame
-an. Sie war wie mit Blut begossen &ndash; er meinte,
-es käme vom Bücken; nur über seinen Horizont ging
-<a class="pagenum" id="page_116" title="116"> </a>
-es gänzlich, daß sie wissen wolle, was er aus dem
-tiefsten Winkel der Beilade seiner Mutter Goldamme
-hervorzusuchen im Begriff gewesen. »Wie sah denn
-der Herr aus?« fragte sie.</p>
-
-<p>»Es war der hübscheste Polizei-Lieutenant, den ich
-noch gesehen habe&nbsp;&ndash;« antwortete Füßli, »lang und
-wohl gewachsen; aber seine Keckheit hatte mich verdrossen,
-deshalb gab ich ihm nur kurzen Bescheid.«
-Therese ließ sich die Uniform beschreiben. Sie hörte
-still zu, dann sagte sie mit rügender Stimme: »Du
-hättest ihm doch höflicher Auskunft geben sollen.«</p>
-
-<p>Füßli, stumm gekränkt, schüttelte leise den Kopf.
-Er meinte in seinem subalternen Verstande, daß selbst
-die betrübteste Frau sich von der Aufmerksamkeit eines
-Mannes geschmeichelt fühle, die dem kleinsten ihrer
-persönlichen Reize zu Theil würde: er wußte nicht,
-wie viel feiner Therese combinirte, da sie ihrem Diener
-den Mangel eines verbindlicheren Benehmens
-vorhielt.&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>Jetzt ward es laut auf dem Vorsaal. Therese
-öffnete die Thür, und trat hinaus. Die Dame vom
-Lande, ihre Wandnachbarinn, stand im Begriff abzureisen,
-von ihren Leuten und den dienstbaren Geistern
-des Hotels umgeben, welche mit Schachteln, Paqueten,
-Flaschen, und hundert unnennbaren Kleinigkeiten
-des Bedarfs zu einem behaglichen Leben, belastet
-<a class="pagenum" id="page_117" title="117"> </a>
-waren. Sie selbst glich einem wandelnden Pavillon,
-blieb aber stehen, als die ätherische Gestalt
-Theresens, nur etwa wie ein Trauermantel mit leichtem
-Schwarz besäumt, aus der düstern Stille ihres
-Zimmers aufflatterte, und redete sie an. »Ach meine
-Liebe,« sagte sie mit einer Fülle von Gutherzigkeit in
-dem wohlgenährten Gesicht, »Sie sind gewiß die junge
-Dame, welche hier zu einer so traurigen Erfahrung
-gekommen ist? &ndash; Wie mich das gedauert hat! so
-jung Wittwe werden, das ist in Wahrheit betrübt.
-Wie gern hätte ich Ihnen meine Theilnahme bezeugt!
-aber man hat den Kopf so voll von Einkäufen, &ndash;
-sieh Dörtchen! o verzeihen Sie &ndash; den polnischen
-Gries, den haben wir ja nun doch vergessen!« Therese
-bedeckte mit der weißen Hand die Augen, vor all'
-diesem häuslichen Wust. Sie hätte keiner Erinnerung
-bedurft, an den unwirthbaren Boden ihrer Heimath.
-Mit leisem, verachtenden Stolz, wie er dem
-Schmerz und der Liebe gegen solche Geringfügigkeiten
-eigen ist, verbeugte sie sich, aber doch mit der Grazie
-des Kummers.</p>
-
-<p>»Könnte ich Ihnen irgend womit dienen?« fragte
-die Baroninn im Tone erhöheter Achtung, da sie kein
-Sterbenswörtchen, kaum einen Seufzer, aus diesem
-schönen Munde vernommen, der ein so heiliges Recht
-zur Klage hatte, deren Zurückhaltung stets am stärksten
-<a class="pagenum" id="page_118" title="118"> </a>
-an das Herz des Mitleids dringt. Therese dankte
-gerührt. Sie konnte den Wunsch, ein aufrichtiges
-Mitgefühl zu äußern, nicht verkennen.</p>
-
-<p>»Die Zeit&nbsp;&ndash;« setzte die Baroninn, wie wenig sie
-deren auch zu haben schien, in der Weise einer erfahrnen
-Trösterinn hinzu: »die Zeit, glauben Sie das
-mir, meine Beste! lindert auch den größten Schmerz.
-Da mein guter Mann starb &ndash; er ist nun schon seit
-zwanzig Jahren todt &ndash; da meinte ich auch nicht,
-noch einen frohen Tag zu erleben. Es giebt sich jedoch
-Alles, auch das, was uns beugt. &ndash; Werden
-Sie, wenn man fragen darf &ndash; Sich lange hier aufhalten?«</p>
-
-<p>»Ich fürchte nicht, daß ich das müßte,« antwortete
-Therese mit einem Blick voll Schauer: »der Boden
-dieses Hauses brennt unter meinen Füßen.«</p>
-
-<p>Die Dame nickte, gleich einer unförmlichen Pagode
-auf diesem großartigen Kamin, worin ein frisches
-Leben zu Asche geworden war, und sprach: »sonst
-hätte ich Sie gebeten, zu mir zu kommen, auf mein
-Gut. Ich bin die Baroninn Lenau.«</p>
-
-<p>Dieser Name schlug mit einem bekannten Klange
-nicht an Theresens Ohr, nein! an ihr Herz. Therese
-wußte von jenem Nicolaus, der ihn mit dichterischen
-Ehren führt, und würdigte ihn wohl höher als den
-Kaiser, den sie als einen Feind ihres zerstückten Vaterlandes
-<a class="pagenum" id="page_119" title="119"> </a>
-betrachtete. Eine poetische Verwandtschaft
-so wenig wie eine andere, zwischen diesem Lenau und
-der Baroninn, ließ sich gleichwohl schwerlich voraussetzen,
-und doch &ndash; trotz der Prosa dieser Erscheinung,
-und wie versunken in sich selbst Therese auch war, so
-flüsterte, da sie ihn nennen hörte, ein zartes ob auch
-melancholisches Gefühl, wie das Schönste seiner Schilflieder
-es erregt, in ihrem Busen auf.&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>Das Wohlwollen verbindet schnell. Mit einem
-Zuge von Wehmuth ließ Therese die Baroninn aus
-den Augen. Sie trat ans Fenster, und sah die bepackte
-Landkutsche, von ihrer aristokratischen Bestimmung
-zu einer anspruchslosen Victualienfuhre benützt
-&ndash; langsam und schwerfällig abfahren. Therese
-dachte dieser flüchtigen Begegnung nach, welche sie
-doch ein wenig zerstreut hatte. Sie besaß überhaupt
-eine gewisse Vorliebe für ältere Personen ihres Geschlechts,
-und die Gabe ihnen zu gefallen; hingegen
-Frauen von mittleren Jahren konnte sie nicht leiden,
-ohne sich eines Grundes dafür bewußt zu seyn. Diese
-Eigenheit, denen, die mit ihr lebten, so bekannt, daß,
-als Therese einst ein rüstiges Weib, welches ihr Erdbeeren
-feil bot, gegen ihre Gewohnheit ziemlich unfreundlich
-abwies, ihr Schwager lächelnd sagte: »die
-Arme hat wahrscheinlich nicht das rechte Alter, um
-Dir sammt ihren schönen Früchten anzustehen?&nbsp;&ndash;«
-<a class="pagenum" id="page_120" title="120"> </a>
-hielt sie vielleicht theilweise von Fabia entfernt, während
-ein Verhältniß ungeheuchelter Zuneigung zwischen der
-alten Nonne und der jüngsten Schwägerinn des Administrators
-bestand.</p>
-
-<p>»Es giebt sich Alles,« hatte die Baroninn gesagt,
-»auch das, was uns beugt.«</p>
-
-<p>Was ist wohl starrer als der Tod? Und doch
-schmiegt der Gedanke an die Verstorbenen sich allmählig
-unsern Vorstellungen an, hausbequem wie ein
-Kleid, in dessen weiten Falten ein wenig Staub
-ruht, ohne daß auch das reinste Herz davon beunruhigt
-würde.</p>
-
-<p>Therese blickte tiefsinnig in das Gewühl, welches
-geräuschvoll wie ein Strom, doch eben so unverständlich
-sich unter ihr bewegte. Stunde an Stunde verrann
-&ndash; gegen den Abend sollte Constanz still, doch
-feierlich beerdiget werden, und seine Frau begehrte,
-während dieses Acts allein zu bleiben. Füßli wagte
-bescheidenen Widerspruch; das Gefühl der Einsamkeit
-und eines gemeinsamen Verlustes hatte dem treuen
-Diener Freundesrecht dazu gegeben.</p>
-
-<p>»Es ist so schön, gnädigste Frau,« sagte er beklommen,
-»wenn ein Ehegatte den letzten Gang mit
-dem Andern nicht scheut, sey er immerhin der schwerste.
-Ich mögte sagen, es sähe den Frauen so ähnlich.
-Die Mutter blickt zehnmal in die Wiege, ob ihr Kindlein
-<a class="pagenum" id="page_121" title="121"> </a>
-gut schläft, eine Pflegerinn achtet darauf, ob die
-Kissen des Kranken recht liegen, und eine Wittwe
-sollte das Auge abwenden und nicht sehen wollen,
-wie man ihren Todten gebettet hat? &ndash; Was mich
-betrifft, so würde ich meinen Herrn begleiten, und
-wenn ich auf den Knieen seinem Sarge nachrutschen
-müßte.«</p>
-
-<p>Therese erröthete beschämt, und ein Anflug von
-Zorn über den Vorwurf, der in diesen treuen Worten
-für sie lag, schürte die Flamme ihres Angesichts. Sie
-sagte mit Selbstvertheidigung: »daß ich mein blutend
-Weh vor den Augen fremder Menschen entschleiern,
-und der Neugier ein Schauspiel geben sollte: dies kann
-ich nicht. Es wäre eine Form, die meinem Wesen
-widerstünde; meinem Constanz hilft es nicht mehr, und
-Wem schadet es, wenn ich lasse, was zu thun er selbst
-unräthlich finden würde? &ndash; Jeder hat seine eigene
-Schicklichkeit, guter Füßli.« Und dabei lächelte sie
-todesängstlich, wie im Besserwissen einer höheren
-Stimmung.</p>
-
-<p>Jener schüttelte den Kopf, und seine Miene würde
-ein Kundiger dieser Sprache der Seele in die Antwort
-übertragen haben: »aber die Liebe ist doch nur Eine!«</p>
-
-<p>»Wäre nur der Schwager hier,« jammerte Therese,
-und brach in Thränen aus, deren Thau sie dem
-Gras des fremden Kirchhofs vorenthielt&nbsp;&ndash;, »oder ein
-<a class="pagenum" id="page_122" title="122"> </a>
-anderer Freund, der sich meiner annähme!« Füßli
-schwieg gekränkt. Seine weinende Dame sprach: »verlassener
-als ich, ist wohl auf Gottes Erde Niemand &ndash;
-und war ich es eigentlich nicht immer?&nbsp;&ndash;« In dieser
-Frage, womit Therese sich gleichsam frei sprach
-von den zarten Pflichten einer Verbundenen, geschah
-dem Anspruch des Gemahls Eintrag, den der Tod
-von jedem irdischen Bande gelös't; aber die Stunde
-des Begräbnisses gab ihm sein volles Recht wieder.
-Erschütternd in Schluchzen, aufgelös't in Leid, saß
-Therese im einsamen Sopha, während Der, dem sie
-kraft des ehelichen Gehorsams hierher gefolgt war,
-zu seiner letzten Ruhestätte schwankte, und sie an fremder
-Stelle allein ließ. Jeder Glockenhall bewegte ihre
-Seele in einer Schwingung stürmischen Schmerzes;
-überwältigt von unbekannten aber furchtbaren Gefühlen,
-war sie keines klaren Gedankens fähig. Endlich
-lagerte sich eine dumpfe Stille um ihren müden Geist.
-Sie lehnte den Kopf hinten über, schloß die Augen,
-und ließ unbewußt einzelne Tropfen unter den Wimpern
-hervorrinnen. &ndash; Im Hause, was den todten
-Gast entlassen, herrschte eine ungewöhnliche und bange
-Stille; selten schwebte der Engel mit der Palme in
-solcher Ruhe.</p>
-
-<p>Da eilte ein starker doch gedämpfter Schritt die
-Treppe herauf an die Thür von Theresens Zimmer;
-<a class="pagenum" id="page_123" title="123"> </a>
-es klopfte, und ohne das Wörtchen der Erlaubniß
-abzuwarten, trat ein Offizier ein. Rudolph Feldmeister
-lag zu Theresens Füßen, und hauchte athemlos
-einen ehrerbietigen Kuß auf die schwarze Serge ihres
-Schuhes.</p>
-
-<p>Wie von einem elektrischen Schlage geweckt schaute
-sie auf. Schweigend sah sie ihn an, nur der nasse
-Blick, die zitternde Hand redete in einem leisen Druck,
-der dennoch die gepreßte Empfindung verständlich
-machte, worin sie athmete. Therese glaubte, der Himmel
-habe sich geöffnet, ihr seinen sichtbaren Schutz zuzusenden.
-Nach einer unaussprechlichen Minute sagte
-sie mit wankender Stimme: »so eben begräbt man
-meinen Mann &ndash; und ich weiß nicht, ob es sich ziemt,
-daß Ihr Hierseyn, lieber Freund, seine Wittwe
-tröste?&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<p>»O Therese!« rief der Lieutnant leidenschaftlich
-versichernd, »wie hat dieser Todesfall mich ergriffen,
-ohne daß ich wußte, Wen er träfe! und nun sollte
-ein erbärmlicher Anstand mich fern halten, wohin mein
-Herz mich drängt, selbst wenn es anders schlüge, als
-für den einzigen Wunsch dieser geliebten Nähe?«</p>
-
-<p>Therese weinte heftig, der Lieutnant stand langsam
-auf, und sah finster in den Fall ihrer Thränen.
-»Fürchten Sie nicht, Therese,« sagte er mit jener edelsinnigen
-Achtung, die einem höheren Gemüth der Anblick
-<a class="pagenum" id="page_124" title="124"> </a>
-des Leidens einflößt, wenn gleich sich in seinen
-Ton ein wenig verbitternde Kälte der Eifersucht mischte,
-»daß ich die Heiligkeit dieser Stunde und ihrer Gefühle
-nicht genug ehren mögte, um von dem meinigen
-zu schweigen. &ndash; Aber &ndash; die Vorsehung scheint mich
-zu Ihrem Schutz berufen zu haben, den Sie in so
-seltsam unglücklicher Lage in dieser fremden Stadt
-bedürfen könnten. Mit unsäglicher Mühe und Eile
-bin ich einer zarten Spur von Ihnen nachgegangen,
-hoffend, daß ich Sie fände &ndash;&nbsp;&ndash; Therese! mein Wiedersehen
-so unvermuthet, freut Sie nicht?«</p>
-
-<p>Therese erhob das quellende Auge zu ihm; ein
-warmer Strom floß in sein Herz, und machte es
-schwellen. Sie schüttelte den schönen Kopf, und diese
-verneinende Geberde sprach jene zuversichtliche Erwartung
-nicht ab. »<em class="ge">Unvermuthet?</em>« sagte sie mit dem
-leisen Accent magnetischer Ahnung, »nein mein Freund!
-ich wußte, Sie wären mir nahe. Wo ich bedrängt
-bin, da erscheinen <em class="ge">Sie</em>! &ndash; Habe ich doch schon ihre
-Stimme vernommen. Unmöglich scheint mir nichts,
-nachdem, was ich erfahren. Ach!« und bei diesem
-seufzenden Ausruf rang sie die zarten Hände in ihrem
-Schooße, »<em class="ge">was</em> habe ich gelitten seit unserer
-Trennung! ich werde es nie &ndash; <em class="ge">nie!</em> vergessen.«</p>
-
-<p>Diese Versicherung spaltete sich in dem Gefühl
-des Empfängers. Der angegebene Zeitpunct schmeichelte,
-<a class="pagenum" id="page_125" title="125"> </a>
-ob auch unbestimmt, seinem fordernden Herzen;
-doch das Unmaß von Weh, wovon der leichte Sinn
-dieses harmlosen Wesens betroffen worden, deutete
-wahrscheinlich nur auf einen Schlag des Schicksals
-hin, der zur Zeit seine eigenen Empfindungen unterdrückte.
-Seine Zunge war für einen Moment gelähmt,
-dann sagte er: »ich glaubte nicht, daß der
-Verlust eines Mannes, den Sie eigentlich nur dem
-Namen nach besaßen, Sie bis zu diesem Grade außer
-Fassung bringen könnte, da es nur auf Ihre Neigung
-ankommen würde, jenen hohlen Besitz zu behalten.«</p>
-
-<p>Therese seufzte aus voller Brust und dachte: »am
-Ende nimmt er es wohl übel, daß ich traurig bin? &ndash;
-O über die Männer! ihre Eigensucht findet sich sogar
-durch die Aufregung beleidigt, welche Derjenige verursacht,
-der allen irrdischen Wallungen ein Ziel setzt!&nbsp;&ndash;«
-Sie antwortete: »als Constanz zurückkehrte &ndash; o Gott!
-wann kam er denn? da hätte ich im Voraus wissen
-können, was mir begegnen würde. Mir war so kalt
-und schauerlich zu Muthe, als ob der Tod mich in
-seine Arme schlösse. Nun ging es holter, polter fort.
-Unerbittlich für den Wunsch der Seinen, gönnte er
-mir kaum Zeit, mich zu fassen, da das Scheiden vom
-Stift mir sehr schwer fiel. Dort ist mir wohl gewesen,
-sehr wohl! kleine Uebelstände etwa abgerechnet,
-die gegen so vieles Gute nicht in Betracht zu ziehen
-<a class="pagenum" id="page_126" title="126"> </a>
-sind. Mit freundlicher Vernunft ließ der Schwager
-mich gewähren, und mir kein Härchen krümmen. Er
-war mir ein Bruder, wahrhaftig ein Bruder! und
-Ihren Oheim, ja den Major, habe ich wie einen Vater
-geliebt!«</p>
-
-<p>Sein Neffe lächelte kühl, wie mit der Indolenz
-eines dankbaren Vetters, denn die Wärme, womit
-Therese des Administrators erwähnte, that der Wirkung
-jenes kindlichen Gedankens Eintrag.</p>
-
-<p>»Der Morgen, wo wir von Sanct Capella abreiseten,«
-fuhr sie fort, »war mir schrecklich. Die ganze
-Welt kam mir verändert vor, so auch mein Mann.
-Ich war wirklich ein wenig einsiedlerisch geworden &ndash;
-und der Gedanke, mich wieder in seine umherfahrende
-Weise einzurichten, widerstrebte mir. Unbeschreiblich
-abgemüdet, mehr am Geist als am Körper, langte ich
-hier an. Erlassen Sie es mir, daß ich Ihnen von
-der kurzen Krankheit erzähle, die den armen Constanz
-binnen wenig Stunden hinabwürgte; ich bin es nicht
-im Stande. Und wäre er mein Feind gewesen, und
-nicht mein Mann, ich hätte gern, als es ihm an Luft
-gebrach, den Athem meiner Brust ihm einhauchen
-mögen.« Ein langer zitternder Seufzer, aushaltend
-in sprachlosem Schmerz, schloß diese Rede.</p>
-
-<p>»Ich glaube Ihnen&nbsp;&ndash;,« sagte Rudolph bewältigt.
-Doch von seinem Standpunkt aus, und nach der Behauptung
-<a class="pagenum" id="page_127" title="127"> </a>
-jenes Kenners der menschlichen Seele, dessen
-genialem Blick diese dunkle Substanz durchsichtig war,
-so daß er ihre tiefsten Geheimnisse an das Licht brachte,
-wie zum Beispiel eine beschattete Stelle der Theilnahme,
-die da lautet: <em class="ge">denn nichts scheint Denen
-trübe, die gewinnen</em>&nbsp;&ndash;, setzte er hinzu: »jenes
-Bild des Grauens wird sich mildern, theure Therese.
-Wie sollte, wenn die Vorstellung des Todes haften
-bliebe, der Soldat bestehen, der ihn mit all seinen
-Schrecken ertragen, und in furchtbarer Masse sehen
-muß, ohne daß er bei diesem Anblick zagen dürfte?
-Ein stärkeres Gefühl bezwingt ihn. Mein süßes Leben!
-beruhige Dich! jetzt bin <em class="ge">ich</em> da.«</p>
-
-<p>Ein Blick innigster Schutzversicherung ward zwischen
-ihnen gewechselt. Und mit dem schüchternen
-Aufschluchzen überwundner Aengste sagte Therese: »ich
-bin kein Held, lieber Freund! und mich in einer so
-ganz einzigen Lage zu benehmen, fehlt es mir an
-Umsicht, wie an Erfahrung. Mich mit dem Nachlaß
-des Verstorbenen zu befassen, ist mir rein unmöglich.
-Ich glaube, ich könnte die größte Erbschaft wegschenken,
-um nur nicht davon reden zu hören.«</p>
-
-<p>Der Lieutnant lächelte wundersam in sich hinein.
-Und Therese sprach weiter: »ein feiner Mann vom
-Corps Diplomatique war bei mir, dem ich das Portefeuille
-meines Mannes aushändigen mußte. Ich
-<a class="pagenum" id="page_128" title="128"> </a>
-wußte nicht, ob ich recht daran gethan, und ob nicht
-noch andere als staatsgeheime Papiere darin gewesen?
-&ndash; Wäre nur der Schwager hier? ich habe einen
-Brief an ihn angefangen &ndash; dort liegt er noch.
-Als ich mich dazu sammeln wollte, kam ein Sammelbruder,
-wie denn überhaupt Störungen begehrlicher
-Art hier unvermeidlich sind. &ndash; Die Gedanken versagten
-mir, kein Wort wollte aus der Feder fließen;
-aber Thränen sind genug auf das Papier geflossen.«</p>
-
-<p>»Ich schreibe an den Major&nbsp;&ndash;« sagte der Lieutnant
-mit nachholender Hast, »heute noch! sogleich.
-Wir senden eine Estafette. Der Administrator muß
-her. Doch dürfte es bei der großen Entfernung
-eine ziemliche Weile dauern. O Therese, Muth gefaßt,
-holde Freundinn! es werden bessere Tage kommen;
-dann sind diese ein beklemmender Traum gewesen.
-Mir war, als hätte ich auch geträumt &ndash; aber
-feenhaft, und meine Zukunft wäre verwandelt. Ich
-wüßte Ihnen Gutes zu erzählen; allein es deucht mir
-unzart, daß ich in diesen Augenblicken von mir spräche,
-und von irgend einem andern Glück als dem, zu
-Ihrer Beruhigung beitragen zu können.«</p>
-
-<p>Therese athmete erleichtert auf, reichte ihm herzlich
-die Hand und sprach: »so wäre mir denn geholfen;
-zweifeln Sie nicht, daß Ihre Gegenwart die größte
-Wohlthat für mich ist. Aber noch ist mein ganzes
-<a class="pagenum" id="page_129" title="129"> </a>
-Wesen so von Furcht und Beben eingenommen, daß
-ich die Hoffnung nicht zu fassen vermag, ich würde
-mich wieder einmal freuen können. &ndash; Es ist mir,
-als begäbe sich der Trost, daß ich Sie sähe, nur im
-Fieber. Ihr Bild wankt vor meinen Augen, eine so
-jähe, so erschütternde Veränderung läßt uns fühlen,
-daß nichts Bestand hat. Und die Angst zuckt schreckend
-durch meine Glieder, ich könnte erwachen, und
-Sie wären verschwunden.«</p>
-
-<p>»Nein ich bleibe!« rief der junge Mann mit fester
-Innigkeit, und der Ton entschiedenen Selbstvertrauens
-steigerte sich zur Leidenschaft, da er hinzusetzte:
-»ich bleibe ewig Ihr treuester Freund! und
-eher mögte ich mich wohl selbst verlassen, als von dem
-Platze weichen, auf den himmlische Gunst mich gestellt
-hat. &ndash; Ist es ein Zufall, daß wir uns in Polen,
-im Stifte, und nun hier, in öder Weite, abgerissen
-von allen vorigen Beziehungen, gefunden haben? Eine
-unsichtbare Hand hat uns verknüpft, Therese! ich halte
-meinen Schwur, und der Himmel selbst scheint es zu
-wollen.«</p>
-
-<p>»Constanz&nbsp;&ndash;« flüsterte Therese, »wird mir auch
-sein Schatten zürnen?«</p>
-
-<p>»Er war eine vermittelnde Macht zwischen uns&nbsp;&ndash;«
-entgegnete Rudolph, »sein Daseyn, nun nicht mehr
-begrenzt, erweitert sich für unendliche Wünsche. Ein
-<a class="pagenum" id="page_130" title="130"> </a>
-Geist ist nicht engherzig mehr, daß er dem Liebsten,
-was die Erde für ihn hatte, einen Strahl von Seligkeit,
-die Liebe! mißgönnen sollte. Aber Therese &ndash;
-Sie sind krank, und ein Wunder ist es nicht. Wenn
-ich Sie nur besser aufgehoben wüßte, in weiblich schicklicher
-Pflege. Der Gasthof ist kein Asyl für eine
-Leidtragende. Nun, morgen wird es anders seyn.
-Ich schreibe die Nacht hindurch, und mit Anbruch des
-Tages lasse ich meinen Boten fliegen.«</p>
-
-<p>Jetzt trat Füßli ein. Die Schwermuth der Dienstpflicht,
-von der er zurückkehrte, beugte ihn sichtbar,
-ein Grabeswehen düsterte um die beflorte Gestalt, und
-die Citrone in seiner Hand, deren Poren im Ausdruck
-starken Schmerzes lind geworden waren, hauchte einen
-leisen, bangen Geruch aus.</p>
-
-<p>Eine wunde Röthe floß mit der Blässe Theresens
-zusammen, als sie den Diener ansichtig ward, an den
-sie während dieser Scene mit keiner Sylbe gedacht
-hatte. Und auch das erdfahle Gesicht des ehrlichen
-Schweizers überzog sich mit der Farbe der Empfindlichkeit,
-da er den fremden Offizier erkannte. »Füßli!«
-sagte Therese mit weichem Tone, »dieser Herr, ein
-naher Verwandter des Major von Feldmeister im
-Stift, wird so gütig seyn, in meinem Namen nach
-Sanct Capella zu schreiben, und Dir das Nöthige
-hierüber ertheilen.«</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_131" title="131"> </a>
-Der Diener verbeugte sich stumm, und indem seine
-Dame sich gleichsam zu einer Entschuldigung herabließ,
-über dies Zusammentreffen, wie über die Vollmacht,
-welche der Lieutnant von ihr empfangen, zwang
-eine zarte Stimme ihres Busens sie, sich solchergestalt
-gegen ihn zu erklären. &ndash; Wenn es eine Pflicht zu
-trauern giebt, so ist stumme Treue der beredteste Vorwurf.
-Wer sich schweigend härmt, versenkt in tiefen
-Gram, erhebt sich in jeder Sphäre über Den, der
-Ohr und Lippe dem Troste öffnet.</p>
-
-<p>Rudolph ging bald darauf. Er beeilte sich, die
-Briefe zu schreiben, die keinen längeren Verzug gestatteten.
-Den folgenden Nachmittag wollte er wieder
-kommen, weil der Dienst ihn am Morgen nicht
-entließ.</p>
-
-<p>Therese empfand sein Fortgehen selbst für die Frist
-einer kurzen Frühlingsnacht, und bei der Gewißheit
-seiner Wiederkehr, doch beängstend.</p>
-
-<p>Füßli blieb stöckisch, und wartete mit finsterer Unterwürfigkeit
-seines Dienstes. O! warum kann keiner
-sehnenden Seele Erquickung zu Theil werden, ohne
-daß die Mißgunst irgend einen erbitternden Tropfen
-dazu mischte? &ndash; Vor Allem stehet der Genuß auch
-der schuldlosesten Liebe unter diesem weltlichen Fluch.
-Sie ist das himmlische Feuer, dessen Raub mit jener
-Strafe gebüßt wird, die sich täglich erneut. &ndash; Der
-<a class="pagenum" id="page_132" title="132"> </a>
-Freundschaft &ndash; und ist diese weniger ätherischen Ursprungs?
-&ndash; wird ihre schmelzende Kraft eher verziehen.
-Sie &ndash; »die Freundschaft hat Stufen, die am
-Throne Gottes durch alle Geister hinaufsteigen, bis
-zum Unendlichen!« So hoch kann der gewöhnliche
-Begriff sich nicht erheben. Aber Liebe, hienieden gefühlt,
-erscheint den Menschen oftmals niedrig. &ndash;
-Und nicht immer sind die Beweggründe Derer rein,
-die im unberufenen Zweifel, ob ein Verhältniß lauter
-sey, ein Herz in Flammen läutern. &ndash; Hätte der Major
-anstatt seines Neffen sich zum Beistand Theresens
-gefunden, der Diener ihres verstorbenen Gemahls würde
-ihn gesegnet haben; der junge hübsche Offizier, der
-ihren Schuh sogar erkannt &ndash; war ihm ein Dorn
-im Auge.</p>
-
-<p>Schon hatte Therese am folgenden Tage ihres
-Freundes geharrt, und die Minuten, welche er zögerte,
-berechnet, als Rudolph kam, und wie es schien
-im Drange einer willkommnen Nachricht.</p>
-
-<p>»Ich habe über Sie verfügt&nbsp;&ndash;« sagte er mit einem
-offnen Blicke, und hörbar knitterte seine Hand
-ein Blatt Papier in der Tasche, was er aber stecken
-ließ, als bedürfe es zwischen ihnen des Beweises nicht,
-»werden Sie mir das Zutrauen verleiden, daß ich es
-durfte?«</p>
-
-<p>Therese bat ihn, mit einer Miene der Vorausbilligung,
-<a class="pagenum" id="page_133" title="133"> </a>
-niemals ungewiß darüber und jetzt deutlicher
-zu seyn.</p>
-
-<p>»Hier können Sie nicht bleiben, mein süßes
-Kind!« sprach der Lieutnant, und dieser zärtliche Zusatz
-sänftigte den taktischen Ton, der die Vermuthung
-anschlug, dieser Feldmeister von Theresens Gegenwart
-werde sich, als ehelicher Feldherr ihrer Zukunft, gar
-wohl zu benehmen wissen. &ndash; »Selbst meine Besuche,«
-fuhr er fort, »würden einem ärgerlichen Aufsehen
-nicht entgehen, und ich &ndash; ich leugne es nicht &ndash;
-bin empfindlich gegen die öffentliche Meinung. Lieber
-aber mögte ich einen Flecken an meiner Ehre dulden,
-oder in der Pupille meines Auges, als daß Ihr Ruf,
-theure Therese! durch mich, und wäre es um den leisesten
-Hauch eines Wortes &ndash; verdunkelt würde. Da
-ist mir denn guter Rath nicht über Nacht, nein! gestern
-Abend schon gekommen. Eine Anverwandte von
-mir, die Besitzerinn eines hübschen Landgutes in hiesiger
-Gegend, und eine so wackere Frau, daß ich wohl
-manche weibliche Tugend neben der harmlosesten Gutherzigkeit
-an ihr verehre, ist freundlich bereit, Sie
-bei sich aufzunehmen. Meine Tante ist in jedem
-Sinne wie von Milch genährt, und der Aufenthalt
-bei ihr ganz geeignet, den Affect der Betrübniß herabzustimmen.
-Sie werden&nbsp;&ndash;,« dies setzte der Lieutnant
-mit einem gutmüthigen Lächeln hinzu, »Gelegenheit
-<a class="pagenum" id="page_134" title="134"> </a>
-finden, sich zu beruhigen; ein Athem von pflegmatischer
-Behaglichkeit ist die Lebensluft dieses Hauses,
-und ich werde Fug und Recht haben, oft genug
-darin einzukehren.«</p>
-
-<p>Es hätte dieses letzteren Antriebes kaum bedurft,
-um Theresen dem Vorschlag ihres Freundes geneigt
-zu machen. Das wilde Täubchen war völlig zahm
-geworden.</p>
-
-<p>Füßli &ndash; so wurde beschlossen &ndash; sollte im Gasthof
-bei den Sachen bleiben, bis der Administrator in
-Person, oder doch Nachricht von ihm käme. Auch
-konnte von Seiten der Behörden noch irgend eine
-Forderung ergehen, zu deren Aufnahme Jemand an
-Ort und Stelle seyn müßte. Schon in einer
-Stunde &ndash; mit solch militairischer Kürze war dieser
-Aufbruch bestimmt worden &ndash; sollte die Equipage da
-seyn, worin Therese nach jenem Landgute abgeholt
-werden würde. Rudolph wollte sie zu Pferde begleiten.
-In fliegender Eil wurden nun die Anstalten zur Abreise
-getroffen. Therese säumte keinesweges, den Engel
-dieses Hauses zu verlassen, um dem zu folgen,
-den sie mit besserem Recht für den ihrigen, und für
-einen Boten des Himmels hielt. Sie zog den schwarzen
-Schleier über ihr Gesicht, und sich in den Hintergrund
-des Wagens zurück, so lange er durch das lärmende
-Getöse der Stadt rollte. Doch als auch das
-<a class="pagenum" id="page_135" title="135"> </a>
-Geräusch der Vorstadt immer ländlicher wurde, bis
-endlich am letzten Häuschen die sausenden Räder an
-dem schwirrenden Rade eines Seilers vorüberflogen,
-der sein hartes Gespinnst durch die weichen Frühlingslüfte
-milderte, da bewegte diese Schnur Theresens Herz,
-und es schlug in der grünen Stille einsam wie eine
-Bilderuhr. &ndash; Wie sanft wallten die Saaten! wie
-weit vergoldete die Sonne den Gesichtskreis! in welcher
-erhabenen Ruhe mischte das Blaßblau eines fernen
-Amphitheaters von Bergen sich mit dem Horizont!
-&ndash; Die Natur senkte ihren malerischen Vorhang
-über Theresens Einbildungskraft, und den Tumult
-jener wüsten Scenen, denen sie entronnen war.
-Kein neugierig kalter Blick traf sie mehr, und hier
-und da fiel der ihrige auf ein unschuldiges Blumenauge,
-in der zarten Frische erster Färbung, und es
-schien mit Wärme zu sagen, daß es den Thau gar
-wohl kenne, der zu nächtlicher Zeit sinkt.&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>Rudolph ritt nebenher, und zum erstenmale ein
-neues schönes Pferd, womit er ritterlich bei dem Geleit
-seiner trauernden Dame paradirte, und dessen charakteristische
-Uebermüthigkeiten sein Aufmerken erforderten.
-Therese saß allein in tiefen Gedanken. Wie
-wenig glich ihre dermalige Stimmung jener, in welcher
-sie einst nach dem Scheiden von ihrem Gemahl,
-in Begleitung seines Bruders, dem gastfreundlichen
-<a class="pagenum" id="page_136" title="136"> </a>
-Kloster zuflüchtete. &ndash; Gänzlich unbekannt war ihr
-der Ort und die Person, denen sie nun eine schützende
-Aufnahme verdanken würde; aber sie überließ sich mit
-unbedingtem Vertrauen ihrem Führer. Die Gleichgültigkeit
-des Kummers und erschöpfter Kräfte, nahm
-dieser Hingebung auch das leiseste Bedenken. Das
-Fahren erinnerte sie an die jüngste Vergangenheit.
-Constanz lag nun still für immer. Welch ein kleiner
-bescheidener Raum genügte ihm zur langen Rast! sein
-ruheloses Leben voll glänzender Entwürfe war nun
-aus, wie ein fliegender Stern in Dunkelheit erlischt.
-Sie versetzte sich in die Empfindungen, welche sie bei
-seiner Ankunft und während der Reise gehabt hatte,
-und gestand sich, daß es Vorgefühle gebe. War die
-tiefe sehnende Ruhe, in welcher alle Aengste, alle
-Wünsche schwiegen, vielleicht Gewähr dafür, daß
-Furcht und Hoffnung nun erfüllt seyen? &ndash; Nie
-hatte Therese mit zarteren Regungen der Reue an
-Constanz gedacht, nie sein Verhängniß in so innigem
-Bezug auf ihr Gemüth empfunden; obzwar jeder Faden
-von Eintrag in dem Gewebe ihres gegenseitigen
-Lebens nun abgerissen war. Auch das Glück wird
-mit Buße getragen, nicht allein das Gefühl der Schuld
-und der Besitz, sogar der zu hoffende, giebt uns nicht
-selten erst eine vorwurfsvolle Schätzung dessen, was
-wir verloren haben.&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_137" title="137"> </a>
-Der Abend begann, sich auf die Landschaft zu senken.
-Noch schwebte der feurige Sonnenball, jedes
-Lüftchen riß eine flammende Rose aus dem Kranz
-von Purpurgewölk, der Himmel glich einem Garten
-voll brennender Liebe. &ndash; Das Geläut der ziehenden
-Heerden vom frischen Anger scholl fernher, wie wandelnde
-Abendglöckchen, da der Tag sich neigte, und
-dieser friedsame begnügte Ton weckte ein traumhaftes
-Sehnen, dem Heimweh verwandt, in Theresens Seele.
-Wo war ihre Heimath auf Erden? Nirgend! &ndash;
-Als nun die Sonne hinunter war, die geschäftigen
-Schatten einschliefen, und ein dämmernder Duft sich
-über Feld und Wiese verbreitete, da erschien ihre selige
-Mutter vor Theresens träumenden Augen, und
-ihr überirrdisches Lächeln sagte: »mir ist recht wohl!
-laß mich schlafen, Kind!« Auch Constanz richtete
-sich auf, und seine gestorbene Gestalt blühete wie unter
-einem Veilchenschimmer, der vom violetten Schein
-der Höhen mit dem röthlichen Hauch noch nicht aufgebrochner
-Laubknospen zusammenfloß. Und der
-Abendwind flüsterte mit <em class="ge">seiner</em> Stimme: »ich habe
-nun Ruhe gefunden &ndash; was betrübst Du Dich?«
-Eine namenlose Wehmuth ließ Theresen wünschen,
-sie könnte auch sterben. &ndash; »Sterben? jetzt, wo ihrer
-treulosen Neigung nichts mehr im Wege steht?«
-frägst Du vielleicht meine Leserinn, und Deine Hand
-<a class="pagenum" id="page_138" title="138"> </a>
-hebt den Stein des Anstoßes. Aber lasse mich den
-Zweifel Deiner Frage heben. Wisse! der Schmerz
-um Die, welche nicht mehr athmen, und das Entzücken
-des Lebens, die Liebe! mischen ihre tiefsten
-Einflüsse zu einem Quell, der verlangend strebt, sich
-in das Meer der Ewigkeit zu ergießen. In Beiden
-fühlen wir uns unendlich. So stirbt die Jugend
-leicht unter dem vollen Blüthenhang ihrer Hoffnungen;
-nur das Alter klammert sich fest an den entblätterten
-Stamm des Daseyns, hätte es auch nur bittere Früchte
-getragen.&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>Bei einem Bug der Straße öffnete sich die Aussicht
-in ein reiches Dorf, von Obstgärten umgeben.
-Das Schloß, kein Rittersitz von architektonischem
-Prunk, nur ein stattlicheres Wohnhaus &ndash; lag kaum
-abgesondert und sehr freundlich.</p>
-
-<p>Der Lieutenant rief in den Wagen: »Wir sind an
-Ort und Stelle,&nbsp;&ndash;« und bei dem ersten Hinblick
-auf die Fenster, welche ein Abglanz der Abendröthe
-in saffranfarbenem Mattgold erhellte, spürte Therese
-jenes Bangen, welches uns Frauen mehr oder minder
-vor dem Eingehen in ein neues Verhältniß ergreift,
-oder, was oft gleichbedeutend ist &ndash; wenn wir uns
-dem Ziele einer Reise nähern.</p>
-
-<p>Der Spiegel eines schöngeformten Teiches dicht
-vor dem Schlosse, am vorderen Rande von einer
-<a class="pagenum" id="page_139" title="139"> </a>
-Brustwehr eingefaßt, und zu beiden Seiten mit weißen
-Gartenbänken versehen, strahlte das schwache Geflimmer
-einzelner Sterne zurück, und daneben den
-leuchtenden Vollmond des runden, rothen Gesichts einer
-Dame, die über das Geländer gelehnt, Karpfen
-fütterte. Die auftauchenden Fische zogen dunkle Kreise
-über die glatte Wasserfläche, worin das Schloß winkte
-und wankte; die Dame aber wich nicht von ihrem
-Platze, und war so vertieft in ihre speisende Lust,
-daß sie den Wagen nicht kommen gehört hatte.
-Schweigend hob der Lieutnant Theresen heraus, und
-sie gingen dem Teiche zu. Die Dame wendete sich
-um &ndash; erleichterten Herzens erkannte Therese die Baroninn
-Lenau in ihr. Und jetzt wußte sie auch auf
-einmal, daß Rudolph schon im Stift ihr diese Verwandte
-genannt, und von ihr erzählt hatte.</p>
-
-<p>Die Baroninn schien mit dem Begriff der Nahrung
-völlig identisch zu seyn. Ihre Gestalt war wie
-die Fülle von Gottes Segen, ein angeschnittnes Brod
-lag in ihrem derben Arm, und das Messer blickte nur
-wie zum Spott der ihr eigenthümlichen Milde, womit
-sie nie eine andere Schärfe handhabte. &ndash; »Sieh
-da!« sagte die Baroninn sichtlich erfreut, »mein einladender
-Wunsch kam von Herzen, und ist deßhalb
-zu Herzen gegangen &ndash; wenn gleich auf einem kleinen
-<a class="pagenum" id="page_140" title="140"> </a>
-Umwege&nbsp;&ndash;« setzte sie mit einem Lächeln vergnügter
-Schlauheit hinzu.</p>
-
-<p>Diese einfachen Worte, und eine begrüßende Umarmung
-ließen Theresen fühlen, wie herzlich es mit
-dieser Aufnahme gemeint sey.</p>
-
-<p>Rudolph hatte nicht nöthig, das Kleinod seiner
-Sorge der gütigen Tante werth und wichtig zu machen,
-welche liebreich es in Gold fassen mögen.</p>
-
-<p>Die Baroninn hielt in einer einfachen neidlosen
-Denkweise die Schönheit für einen Empfehlungsbrief
-ihres Schöpfers, und das Unglück für ein heiliges
-Recht. Sie benahm sich, diesem Glauben zufolge, so,
-daß Therese sich wie im Himmel fühlte. Selbst ihr
-Aufenthalt im Stift, wie geneigt wir auch sind, das
-Vergangene zu überschätzen &ndash; war von mancher Seite
-für sie und für manche kleine Blöße schonungsloser
-gewesen, als der gastfreie Schirm dieses Hauses.
-Die Baroninn war nicht minder ein Muster der
-Wirthlichkeit, als Du, häusliche Fabia! aber dies
-hausmütterliche Walten war ihr ein rühriges Vergnügen,
-ein vorbereitender Genuß, kein werkthätiges
-Verdienst, was sich geltend machte. Sie war auch
-fromm; doch ohne selbstgefällige Strenge. Ihr Christenmuth
-war kein abtödtender und absondernder
-Stolz, sondern guter Muth, und deshalb ein tägliches
-Wohlleben, wie die Schrift sagt. Die fröhliche Zutraulichkeit
-<a class="pagenum" id="page_141" title="141"> </a>
-zu Gott, womit sie sich des Besten von
-ihm versah, belohnte sich durch Zufriedenheit mit
-allen Menschen. Sie ließ die ganze Welt gewähren
-&ndash; und Wer jemals unter intoleranten Bekehrungs-Versuchen
-gelitten, weiß diese köstliche Eigenschaft
-zu würdigen. Allein auch Therese hatte sich
-geändert, nicht nur, daß ihre Umgebung eine andere
-war. Wir dürfen es zudem rühmlich voraussetzen,
-daß Frau Fabia sich der <em class="ge">verwittweten</em> Schwägerinn
-gewissenhaft angenommen haben würde. Theilnahme
-an <em class="ge">widrigen</em> Erfahrungen ward nimmer
-bei ihr vergebens gesucht; nur der <em class="ge">Mitfreude</em> war
-dies verschlossene Gemüth nicht fähig. Ihre Tugenden
-schmeckten alle, &ndash; wenn dieser Ausdruck nicht profan
-wäre &ndash; ein wenig nach dem Essig vom Kreuz. So
-versüßte sie Niemandem das Leben, und selbst das
-Gute, was sie erwies, blieb nicht ohne eine säuernde
-Mischung. &ndash; Die Baroninn dagegen war ein christlich-weiblicher
-Epikur; ihre Glückseligkeitslehre lief
-auf unschädlichen Genuß hinaus, den keine Verbitterung
-trübte. Sie schlürfte Geist des Lebens mit jedem
-Athemzuge, und wandelte das reine Element in
-stärkenden Wein. &ndash; Einer Therese mußte dieses
-System freilich besser zusagen. Jener anmuthige
-Leichtsinn zwar, der zu so vielen Mißhelligkeiten zwischen
-den Schwägerinnen Anlaß gegeben, trug nunmehr
-<a class="pagenum" id="page_142" title="142"> </a>
-einen Flor von Melancholie, der ihn niederhielt;
-doch wäre ihr bewegliches Naturell auch nicht durch
-diesen zarten Ueberhang von Trauer gehalten worden,
-das Geheimniß jener wunderbaren Gegenwirkung
-Anderer auf uns, würde hier, wo im Umgange einer
-frohsinnigen Matrone nichts von der jungen Frau gefordert
-ward, als daß sie sich erheitern möge, Theresen
-zu einem soliden Ernst für Pflicht und Nachdenken
-gestimmt haben. Und endlich die Hauptsache! welch
-eine scharfe Ehrenwächterinn war ihr Fabia gegen
-den Blick eines Mannes gewesen! wie kränkend hatte
-jenes wachsame Auge auf jeden Schatten gedeutet,
-wenn der wohlwollende Schwager die Schwächen von
-Constanz reizender Gattin in allzugünstigem Lichte zu
-betrachten schien! Und welcher stummen aber richterlichen
-Rüge war die bemerkte Leidenschaft Rudolphs
-verfallen! und wie streng war das Urtheil, was über
-den aufmunternden Gegenstand seiner strafbaren Flammen
-erging! &ndash; Die Baroninn gönnte das menschliche
-Glück, zu gefallen, von ganzem guten Herzen
-so gern, ohne deßhalb eine liebenswürdige Frau für
-einen gefallnen Engel zu halten. Jeder Vorzug, den
-Therese besaß oder empfing, schien ihr natürlich. Sie
-fand die öfteren Besuche des Lieutnants, die Begeisterung
-für sein Schutzamt, ganz in der Ordnung
-und rechtmäßig. Sie schalt, wenn er eine Stunde
-<a class="pagenum" id="page_143" title="143"> </a>
-länger ausblieb, als zu erwarten gewesen, und Therese
-vertheidigte lächelnd den Freund, der sich zu ihr
-bekennen, und die Wirksamkeit ihrer anziehenden Kräfte
-beweisen durfte.</p>
-
-<p>Der junge Mann war seiner Tante sehr ehrenwerth
-und ein Schooßkind des Geschicks; &ndash; den Neigungen
-der Günstlinge aber wird geschmeichelt, und vielleicht
-war die Baroninn es sich kaum bewußt, daß sie die
-Güte der Gottheit verehrte, indem ihre eigene ein
-Verhältniß heiligte, was außerdem dem Bannstrahl
-der Welt schwerlich entgehen können.</p>
-
-<p>Und da wir Theresen einstweilen so wohl aufgehoben
-wissen, wenden wir uns nach Sanct Capella
-zurück.</p>
-
-<hr />
-
-<p>An einem milden Abend jener Zeit, in welcher
-wir die abwesende Therese begleitet haben, befand
-Schwester Veronica sich mit Josephinen in demselben
-großen Zimmer, worin unsere Erzählung anhebt. Sie
-saßen feiernd am offnen Fenster einander gegenüber.
-Tiefe, ernste Dämmerung herrschte in dem bewohnten
-Raum, in schattigen Umrissen zeigten sich alle Gegenstände;
-die Miene des Reformators war nicht mehr
-kenntlich, und nur der Rahmen seines Bildes warf
-einen zweifelhaften Strahl in das uranfängliche Düster.</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_144" title="144"> </a>
-Fabia, welche die sogenannte Dunkelstunde nicht
-liebte, wie man dies &ndash; beiläufig gesagt &ndash; meistens
-bei Personen von vorwaltendem Verstande und äußerer
-Thätigkeit findet &ndash; war in die Familie eines der
-Unterbeamten des Stiftes berufen worden, wo eben
-ein Lebensfunke erlöschen wollte. Ein liebholdes Kind,
-das einzige der Eltern, lag im Sterben. Man hatte
-die Schwägerinn des Administrators, deren Umsicht
-und christliche Gemüthsfassung geachtet war, zum
-Trost der Mutter herbei geholt, und noch sollte sie
-aus der Wohnung des Jammers wiederkehren. Von
-diesem Fenster aus war jene Wohnung in einem der
-klösterlichen Seitengebäude zu übersehen, und von dem
-wankenden Lichte da unten schwebte der stille Schatten
-des Todes herauf um die beiden Gestalten.
-Draußen aber pulsirte das warme Leben der Natur,
-und das Firmament flimmerte frühlingskräftig.
-Prachtvoller hatte die Nacht ihren Bogen nie gewölbt;
-die grüne Erde, gestickt mit Thauperlen und einer
-Milchstraße von Blüthen, schien dunkelblau, und nur
-ein tieferer Himmel.</p>
-
-<p>Veronica hing mit verklärten Zügen an der überirrdischen
-Welt, die &ndash; nach einem poetischen Gleichniß
-&ndash; wie eine heilige Nonne verschleiert aus dem
-Sprachgitter der Sterne blickte; Josephine hing das
-Köpfchen auf den Busen. Beide hatten bisher geschwiegen.
-<a class="pagenum" id="page_145" title="145"> </a>
-Jetzt sagte die Erstere, wie in sich selbst
-zurücksinkend: »ich will doch warten, bis Frau Fabia
-kommt, obgleich ich kaum zweifle, welche Kunde sie
-uns bringen wird. &ndash; Die arme Mutter! noch
-schwach und angegriffen von einer schweren Krankheit,
-wäre es viel, wenn sie es ertrüge, daß ihre süße
-Blume gebrochen da liegt!«</p>
-
-<p>Josephine lächelte sanft und sprach: »ich, liebe
-Veronica, kann das Sterben nicht so sehr bedauern.
-Es hebt uns leise empor über <em class="ge">alles</em> Schwere, und
-stillt unsre Sehnsucht. Muß uns Jemand sterben,
-müssen wir erst traurig werden, um diese Sehnsucht
-zu empfinden? <em class="ge">mir</em> erregt sie der auflebende Frühling,
-die Freude sogar. Ihnen, liebe Veronica, darf
-ich es gestehen: es gehet mir wohl, worüber hätte ich
-mich zu beklagen? und doch ist mir zuweilen so weh
-zu Muthe, daß ich es nicht zu beschreiben wüßte. Aber
-um alles Glück der Welt mögte ich dieses wehmüthige
-Gefühl nicht tauschen.«</p>
-
-<p>»Mein Kind,« antwortete die Nonne, und die
-geistliche Jungfrau nahm in ihrer Seelenreine keinen
-Anstand, ein mütterliches Bild für ihre Erklärung
-anzuwenden, »das sind die jugendlichen Wehen des
-Herzens, aus denen der <em class="ge">Mensch</em> in zartester Bildung
-hervorgeht, und die Liebe, ein Kind ihres Schöpfers,
-wird zum Licht geboren.«</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_146" title="146"> </a>
-Hier rauschte der Wind, wie jener Geist, von dem
-man nicht weiß, von wannen er kommt &ndash; und ein
-zartes Erröthen Josephinens barg sich unter dem
-dunkeln Flügel der Luft. Mit einem linden langen
-Odemzuge sprach das Mädchen: »ach, und der Frühling!
-das lichte Weiß seines ersten Blümchens, sein
-Blüthenschnee, das rinnende Gewässer, kommt mir
-wie der reine Glanz eines Engels vor, der am Grabe
-der Natur: Auferstehen! singt, und die Erde gleichsam
-heiligt. Ein seliger Schmerz durchdringt meine
-Seele, ich liebe Alles, was mir angehört, inniger aber
-sehnsüchtig. Das Künftige zieht mich zu sich heran,
-und von dem Gegenwärtigen kann ich nicht lassen.«</p>
-
-<p>»Und wenn nun,« fuhr Schwester Veronica fort,
-»die Farben aufglühen, und wie Töne zusammenklingen,
-so daß Eine Stimme der Unsterblichkeit uns vernehmlich
-wird, wenn alles Leben sich erneut und verjüngt,
-dann feiern wir das Gedächtniß der Todten,
-und die Sonne bescheint den Tag aller Seelen, der
-in den Frühling gehört und nicht in den Herbst, zur
-trüben Zeit, wo die letzten Blätter fallen. Nie habe
-ich für meine Verstorbene inbrünstiger gebetet, und
-ihre versunkenen Denkmale wieder aufgerichtet in meinem
-Gemüth, als wenn ich zum erstenmale den frischen
-Sproß des Grases aus ihrer Asche grünen und
-blühen sah. &ndash; Ich verstehe wohl Dein Gefühl, aber
-<a class="pagenum" id="page_147" title="147"> </a>
-das meinige kannst Du noch nicht fassen. Die Jugend
-reißt der warme Strom des Lebens mit sich fort;
-doch das Alter steht am Ufer der Zeit, worin so
-mancher Wunsch einwinterte und erstarrte. Jenseits
-strecken die Vorangegangenen ihre Arme nach uns
-aus, und der Blick ihrer Nähe zieht uns zu ihnen
-hinüber.«</p>
-
-<p>»Nein, nein!« rief Josephine lebhaft und ängstlich,
-und faßte das Gewand der Nonne wie ein Kind,
-was die davoneilende Mutter an diesem schwachen
-Stoff zu halten meint, »es ist, als ob dieser Gedanke
-schon Sie mir entzöge. Auch reißt mich nichts hinweg
-&ndash; diese Möglichkeit könnte ich nur fürchten,
-doch mich ihr willig hingeben? nie! o <em class="ge">nie</em>! &ndash; Als
-ich Sie am Sonntage auf ihrer Violine phantasiren
-hörte &ndash; ich saß auf der Bank im Klostergarten &ndash;
-war es mir, als ob ein Himmel unaussprechlicher
-Empfindung auf mich niederschwebte. Ich mußte
-weinen, und wußte doch nicht warum? Ich dachte,
-wie so mancher dieser entzückenden Klänge in den
-Mauern Ihrer Zelle schliefe, und daß, wenn einst
-ein Herz voll Liebe darin klopft, es diese Capelle
-aufwecken würde, um ihrer Heiligkeit und Ruhe theilhaft
-zu werden. Wer wird einst dieses Weihestübchen
-bewohnen? &ndash; O laß mich ruhn an dieser lieben
-Stelle &ndash; bat ich den lieben Gott. Wenn ich aber
-<a class="pagenum" id="page_148" title="148"> </a>
-dennoch scheiden müßte&nbsp;&ndash;« ihre Stimme versagte
-für einen Moment&nbsp;&ndash;, »so werde ich jene Töne, die
-mich über das Irrdische hinaus trugen, lebenslang
-mit dem Athem meines Herzens tragen, und in diesem
-Herzen Alles, was ich hier geliebt, und für wenig
-Anderes wird Raum darin seyn.«</p>
-
-<p>»Mein trautes Kind!« rief Veronica in einem
-Ausbruch der Rührung und Güte, »Du sollst meine
-Zelle erben, ich verspreche es Dir. Und meine Bücher,
-meine Blumen &ndash; die Violine, den Ring&nbsp;&ndash;:
-Alles, was ich habe. Es ist mein liebster Wunsch,
-daß <em class="ge">Du</em> mir die Augen zudrückest. Dann werde
-ich&nbsp;&ndash;« setzte sie leise hinzu, »wie eine Nonne sterben,
-von der man sagt, daß der Engel jungfräulicher
-Frömmigkeit sichtbar wird, wenn sie verscheidet &ndash;
-und wie eine Mutter zugleich. Du weinst, Josephine?
-es fiel ein Tropfen, und Deine Wange ist feucht.
-Beruhige Dich, Herzenskind! nimm Deine Guitarre,
-und singe mir ein kleines Lied, es ist lange nicht geschehen.
-Du fühlst sehr wahr: die Musik ist ein religiöses
-Geheimniß, und nicht auf Erden geboren.
-Die Töne, welche aus der innersten Fülle der Seele
-quellen, sind himmlische Eingebungen und die Sprache
-der Geister. So soll das ganz einzige Spiel des
-großen Violinisten &ndash; ich hätte ihn hören mögen &ndash;
-etwas Dämonisches gehabt haben, und alle Schönheit
-<a class="pagenum" id="page_149" title="149"> </a>
-seines Vortrages würde mir höchstens nur gewesen
-seyn, als ob ich empfände, wie die Kunst verzweifelt.
-Nein! selbst Paganini hätte meine cremoneser Geige
-nicht erben dürfen; sie ist nur Dein Vermächtniß &ndash;
-keines Andern. Und wenn ein Zufall den Bogen zerbräche,
-und nur ein Seufzer Deines reinen Odems
-jemals über den stummen Steg hinstreicht: so ist
-ewige Harmonie darin, und das Werkzeug meiner
-innigsten Freuden kann schweigen und zerfallen, wie
-ich, oder wie Das, was lieblich an mir ist.«</p>
-
-<p>Die Violine war &ndash; wie wir bemerken &ndash; eine
-schwache Saite dieser trefflichen Choristinn; eine Saite,
-welche leicht in nachtönende Schwingung gerieth. Sie
-wollte nächstdem das geschmeichelte Gefühl ihrer Virtuosität
-mit dem unerkünstelten Beifall vergelten, den
-sie den einfachen Melodieen ihres Lieblings zollte.</p>
-
-<p>Josephine, gehorsam dem Wunsch der Nonne, lös'te
-das Instrument, ein Geschenk des Administrators,
-von der Wand, und griff einige Accorde. Dann
-setzte sie sich nieder, hob das schöne Auge aufwärts
-und sang mit jenem melancholischen Wohllaut der die
-tiefste Glückseligkeit anspricht:</p>
-
-<div class="poetry-container">
- <div class="poetry">
- <div class="stanza">
- <div class="verse">»Kaum hat mit frischem Thau die Nacht</div>
- <div class="verse">Des Himmels dunkle Au begossen,</div>
- <div class="verse">So seh ich tausend Lilien sprossen,</div>
- <div class="verse">Verklärt von wundersamer Pracht.</div>
- <div class="verse">Sie öffnen ihre Kelche weit
- <a class="pagenum" id="page_150" title="150"> </a></div>
- <div class="verse">Und lassen ihre Strahlen regnen,</div>
- <div class="verse">Die schlummermüde Welt zu segnen</div>
- <div class="verse">Durch einen Traum von Herrlichkeit!</div>
- </div>
- <div class="stanza">
- <div class="verse">Ihr Lilien der heil'gen Nacht!</div>
- <div class="verse">Wie sehn ich mich nach Eurem Garten,</div>
- <div class="verse">Wo Engel liebend Eurer warten,</div>
- <div class="verse">Ein treuer Gärtner Euch bewacht:</div>
- <div class="verse">Gebt ihr so fern mit mildem Schein</div>
- <div class="verse">Schon süßen Trost der Brust hienieden,</div>
- <div class="verse">Wie süß, wie süß wird einst der Frieden</div>
- <div class="verse">Im Schatten Eurer Blüthen seyn!«</div>
- </div>
- </div>
-</div>
-
-<p>»Welch ein köstliches Lied, mein süßes Mädchen!«
-sagte die Nonne mit schimmernden Augen, »es spricht
-für eine tiefe und heilige Empfindung. Kennst Du
-den Dichter?«</p>
-
-<p>Josephine nannte ihn &ndash;*) und sprach: »es ist
-auch mein liebstes. Seit ich es habe, singe ich es
-fast nur allein, doch nicht oft, weil es weder gestört
-noch täglich werden darf, und eine Stimmung und
-Stille erheischt, die &ndash; wie jetzt&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<p class="ci fss">*): Heinrich Wenzel.</p>
-
-<p>»Ein Schlummerlied im höheren Chor&nbsp;&ndash;« unterbrach
-Schwester Veronica die Rede des Mädchens.
-<a class="pagenum" id="page_151" title="151"> </a>
-»Wenn das Kind etwa schon gestorben wäre: so könntest
-Du den Schrei des Schmerzes aus der Brust
-der Eltern damit eingesungen haben.«</p>
-
-<p>Die Thür ging auf, und Fabiens dunkle Gestalt
-trat gespenstisch mit müden Schritten ein. Sie
-hielt einen Brief uneröffnet, verhängnißvoll in ihrer
-weißen Hand.</p>
-
-<p>»Nun, Frau Fabia,« sagte die Nonne und erhob
-sich von ihrem Sessel, »was werden wir nun erfahren?«</p>
-
-<p>»Die Kleine ist dem Herrn entschlafen&nbsp;&ndash;« antwortete
-Fabia mit jener dumpfen Ruhe christlicher
-Ergebung, die jedoch wachsam für ihren Ausdruck ist.
-»Noch ist die Mutter betäubt, der Vater hingegen
-scheint gelassen; nur fürchte ich, daß es nicht vorhalten
-werde. &ndash; Noch kein Licht, Josephine? wie kann
-man so gern im Finstern seyn! &ndash; besorge es geschwind,
-daß ich diesen Brief lesen kann. Ein Bote
-von Bühle ist angekommen, und die einfältigen Leute
-schickten ihn mir nach. Es war, als ob der Tod hörbar
-anklopfte, und Furcht und Schrecken kam uns
-Alle an, die wir still um das kleine Sterbebett standen
-und beteten.«</p>
-
-<p>Josephine eilte, die Lampe anzuzünden, und indem
-der kaum entglommene Schein derselben auf Fabiens
-Gesicht fiel und ihr Auge von einer Zeile zur andern
-<a class="pagenum" id="page_152" title="152"> </a>
-glitt, sah Veronica, daß ihre Züge sich veränderten.
-»Eine Neuigkeit, Schwester Veronica,« wendete die
-Pflegemutter Josephinens im Drange der Mittheilung
-sich an die Nonne, »Graf Frankenstern ist mit seiner
-Tochter endlich angekommen.«</p>
-
-<p>»Graf Frankenstern!« rief Jene mit antheilvollem
-Interesse, und der Ton, den die Glocke dieser Nachricht
-anschlug, war ein Klang aus der guten alten
-Zeit des Klosters. »Der hochbejahrte Herr lebt also
-noch! und Comteß Albane kann auch nicht mehr jung
-seyn &ndash; wenn ich mir die Gräfinn Mutter bedenke &ndash;
-diese leutselige Dame war mir ein höheres Wesen und
-wie so ganz war sie für Sanct Capella eingenommen!
-&ndash; In Bühle, sagten Sie, hält die Herrschaft
-sich auf?«</p>
-
-<p>»Ja&nbsp;&ndash;« antwortete Fabia schwach, und eine
-große Erschütterung dieser starkmüthigen Frau ward
-laut in der kleinen Sylbe, »reiche mir einen Stuhl,
-Josephine&nbsp;&ndash;« sagte sie sehr sacht, während das
-sichtliche Schwanken ihres Körpers verrieth, daß Fabia
-mit dem Gefühl der Ohnmacht kämpfe.&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>Diese Botschaft wirkte nach, und ihr schlagender
-Eindruck hielt an. Die kleinen klaren Schriftzüge,
-von einer Hand kommend, welche, wie Fabia jetzt
-deutlich empfand &ndash; Gram und Herzeleid über ihr
-unbeflecktes Leben gebracht, verwirrten ihre Seele.
-<a class="pagenum" id="page_153" title="153"> </a>
-Das Dunkel einer finstern That stieg vor ihr auf,
-daneben der Schatten ihres Mannes, kummerkrank
-und dräuend, daß seine Frau nicht vergessen möge,
-welch eine Last ihn ins Grab gedrückt, und Fabia
-glaubte mit ihm zu versinken.</p>
-
-<p>»Jesus Maria!« rief die Nonne, als sie die Todesblässe
-auf dem Angesicht ihrer Freundinn sah, »was
-widerfährt Ihnen denn? Ein paar Tropfen Lebensgeist
-&ndash; wenn ich sie nur bei der Hand hätte &ndash; ein Trunk frischen
-Wassers&nbsp;&ndash;« das zitternde Mädchen flog hinab,
-ihn zu holen. Inzwischen hatte Frau Fabia sich schon
-erholt. Sie wehrte sich mit selbständiger Kraft gegen
-die Schwäche, von der sie einen Augenblick bewältigt
-worden war, wie gegen die mitleidige Angst,
-welche über sie verfügen wollte, und sprach, obgleich
-mit bebenden Lippen: »es ist schon vorüber. Seyn
-Sie außer Sorgen meinetwegen, Schwester Veronica.
-Und Josephine &ndash; Du siehst, mein Kind, es ist mir
-wieder besser. Aber trinken will ich doch.&nbsp;&ndash;« Sie
-stärkte sich durch einen erfrischenden Zug.</p>
-
-<p>»Ja, ja!« sagte die Nonne, und ihre Rede nahm
-wider Wissen und Willen die Methode einer gelinden
-Strafpredigt an, »ein <em class="ge">geistlich</em> Amt, das der Tröstung
-und des Beistands in der letzten Noth, erfordert
-starken Odem, und Wer sich stark fühlt, ist es deshalb
-nicht zu allen Zeiten, und übernimmt sich wohl
-<a class="pagenum" id="page_154" title="154"> </a>
-einmal. Sterben aber ist kein Kinderspiel, und man
-sieht nicht zu, daß man sich daran ergötze.« So ist
-aber &ndash; der geneigte Leser erlaube uns diese Episode
-&ndash; auch eine edle und geläuterte Seele nicht sicher,
-daß kleinliche und niedere Stoffe, welche die
-Scheidekunst eines gereinigten Charakters für immer
-aussondern müßte, sich in das Ergebniß ihrer Urtheile
-mischen. Wir sind uns selbst nicht klar. In der
-freundschaftlichen Aeußerung der Schwester Veronica,
-die wir vor Vielen ihres Gleichen heilig und selig
-preisen, dürfte ein kleiner Nonnendünkel kaum zu
-verkennen seyn, und der Glaube, daß, um in Todesängsten
-beizustehen, menschliche Theilnahme hiezu nicht
-genüge, und die Kraft zu solchem Beistand nur von
-einem Geiste ausfließen könne, der durch <em class="ge">priesterliche</em>
-Weihen dazu befähigt worden sey.</p>
-
-<p>»Denn der Bote&nbsp;&ndash;« so fahren wir mit den
-Worten der Nonne fort, »ein Bote hat mir all mein
-Lebtag Schrecken eingejagt, und es war mir immer,
-als ob ich das Schicksal in Person kommen sähe, was
-mir ein neues Päckchen zu tragen brächte. Wer
-weiß auch, was der Brief enthält! &ndash; So viel ich
-mich erinnere, waren Sie in früheren Jahren in Verbindung
-mit Gräfinn Albane?&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<p>Fabia nickte schwer und schwieg. »Wenn nur
-der Schwager da wäre!« sagte sie, und ihr Auge
-<a class="pagenum" id="page_155" title="155"> </a>
-starrte sinnend vor sich hin, »erst morgen Abend kehrt
-er zurück, dann ist es zu spät.«</p>
-
-<p>»Wozu?« fragte die Nonne mit einem leichten
-Anfluge jener Neugier ihres Alters und Standes. Und
-mit aufrichtiger Liebedienstlichkeit setzte sie hinzu:
-»wenn Sie in Etwas bedrängt wären, Frau Fabia,
-worin ich Ihnen mit Rath und That nützlich werden
-könnte&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<p>»Das wird sich später finden&nbsp;&ndash;« antwortete Fabia
-mit einem bedeutenden Blicke nach Josephinen
-hin, und drückte dankbar die zellenzarte Hand der
-Nonne, wie aus Wachs gewebt, »für jetzt bedarf ich
-nichts als Ruhe.«</p>
-
-<p>»Wie kalt Sie noch sind!« sagte Schwester Veronica
-besorglich, »ich dächte, ein Krampfpulver wäre
-nicht übel für die Nacht; es beruhiget die Nerven.«</p>
-
-<p>Fabia lächelte seltsam bitter, als bedürfe ihre innere
-Aufregung ein anderes Opium. Sie verneinte
-den Gebrauch des Mittels, und begab sich in ihr
-Schlafgemach. Den folgenden Morgen war große
-Wäsche im Stift; eine der Haupt-Stadien dieser geregelten
-Oekonomie. An solchen Tagen ging Frau
-Fabia sonst gleich der Sommersonne früh auf, um
-sich mit wahrer Hoheit im Meere dieser Waschfluth
-zu bespiegeln. Ja, wir dürfen kühn behaupten, daß
-die Göttinn, an der wir Selbstgefälligkeit so natürlich
-<a class="pagenum" id="page_156" title="156"> </a>
-finden, sich vielleicht in einem minderen Grade derselben
-aus dem Schaum der Wellen erhoben habe, als
-womit die Juno dieser häuslichen Sphäre sich von
-ihrem brausenden Element benetzen ließ. &ndash; Daß
-diese Wolke ihm vorübergehe, hatte der Administrator
-stets und so auch jetzt eine kleine Reise unternommen,
-und Therese ihm einst muthwillig gedroht,
-er werde einmal aus dem Regen in die Traufe kommen.
-In diesem Punkte war aber Therese gleich den
-Männern, und wendete am liebsten jener häuslichen
-Nothwendigkeit den Rücken. Sie badete wohl eher
-die Füßchen im Thau, als daß sie einen ihrer rosigen
-Finger zu Gunsten einer wirthschaftlichen Bemühung
-naß gemacht hätte. &ndash; Wir zweifeln daher, daß
-Therese selbst der Waschfrau Chamissos die poetische
-Seite abgewinnen mögen, wogegen sie gewiß den
-trockensten Gegenstand des versandeten Schlaraffenlandes
-geeigneter gehalten haben würde, besungen zu
-werden.&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>Heute aber schwebte kein ordnender und waltender
-Geist über diesen Wässern. Fabia schien in tiefem
-Schlaf versunken zu seyn. Josephine klopfte leise an
-die Thür der Pflegemutter, und Fabia that auf. &ndash;
-Ihr Aussehen trug die Spuren einer schlummerlosen
-Nacht, ungewöhnlich achtlos war ihr Anzug; doch
-selbst in seiner Nachlässigkeit noch keusch und sauber.
-<a class="pagenum" id="page_157" title="157"> </a>
-Ihr Auge, von Schatten vertieft, die sich darunter
-gelagert, glühte fieberhaft, und Miene wie Gebehrde
-war von jener Ermattung &ndash; der Feindinn jeder
-Thätigkeit &ndash; beschlichen, welche uns anhängt, sobald
-wir herzenskränklich sind.</p>
-
-<p>»Vergieb, liebe Mutter, daß ich es wagte, Dich zu
-stören&nbsp;&ndash;« sagte Josephine, indem sie ihren betroffenen
-Blick in einen bittenden zu mildern suchte. »Es
-befremdete uns, daß Du noch nicht aufgestanden warst,
-weil es gegen Deine Weise ist.«</p>
-
-<p>»Ich habe nicht viel geschlafen&nbsp;&ndash;« antwortete
-Fabia gemäßigt wie immer, »und mich auf Wichtiges
-vorzubereiten. Wir müssen heute nach Bühle
-auf das Schloß &ndash; mein Kind; doch fahren wir erst
-nach Tische. Ziehe Dir das neue luftblaue Kleid an,
-und ordne Dein Haar sorgfältig, ich will Dir gern
-behülflich dabei seyn. Das goldne Kreuzchen binde
-um den Hals, und wirf den gestickten Schleier über,
-er läßt Dir äußerst günstig.«</p>
-
-<p>»<em class="ge">Heute?</em>« fragte Josephine bestürzt, und dachte,
-der Herold des jüngsten Tages habe die Stimme ihrer
-Pflegemutter geliehen. Nie war Frau Fabia an Tagen
-häuslicher Geschäftigkeit nur einen Schritt von
-der Schwelle dieses Hauses und von ihrer Pflicht gewichen;
-nie hatte das Mädchen ein eitles Wort
-aus Fabiens Munde gehört. Das Ende aller Dinge
-<a class="pagenum" id="page_158" title="158"> </a>
-schien gekommen, oder doch nahe zu seyn. Scheu und
-bekümmert setzte daher Josephine jener einsylbigen
-Frage hinzu, deren Accent all ihre Verwunderung
-ausdrückte: »Du scheinst sehr unwohl, meine
-Mutter.«</p>
-
-<p>»Und wenn auch!« antwortete Diese, indem ein
-herbes Lächeln der Gleichgültigkeit gegen alles Bisherige
-auf ihre Lippen stieg, »der Herr mein Gott
-wird mich stärken.« Sie heftete dabei einen durchdringenden
-Blick auf das Crucifix von Gußeisen, welches
-auf ihrem Nachttische stand. Dieser Blick enthielt
-ein angsthaftes Gebet, und besagte, soviel wir von
-dem flehenden Geflüster am Altar des innern Heiligthums
-verstehen: »<em class="ge">Du!</em> der Du uns rein gewaschen
-hast von unsern Sünden mit Deinem theuren Blut,
-gieb, daß Albane&nbsp;&ndash;« hier drang ein unaussprechlicher
-Seufzer durch das kalte Metall an das Herz des
-höchsten Erbarmers. Und von einem Gefühl ermuthiget,
-was sich erhob, sagte sie: »es muß Alles gehen.
-Wie wird es seyn, wenn ich nicht mehr da bin?«</p>
-
-<p>»O sprich mir davon nicht!« bat Josephine, und
-küßte Fabiens mütterliche Hand.</p>
-
-<p>»Eben jetzt muß ich recht sehr mit Dir davon
-sprechen,« erwiederte Fabia, selbst in dieser erweichenden
-Minute dem Grundsatz treu, dem Eigenwillen
-eines Kindes niemals nachzugeben. »Wir haben viel
-<a class="pagenum" id="page_159" title="159"> </a>
-mit einander zu reden. &ndash; Doch siehe! daß Du die
-Thür zuvor verschließest. So! nun schiebe den Riegel
-vor.«</p>
-
-<p>Von dieser Vorsicht geängstet, war Josephine voll
-Furcht und Warten der Dinge, die da kommen würden.
-Frau Fabia schien einer vorbereitenden Pause
-zu bedürfen, in der sie sich fasse, dann sprach sie mit
-einem Ton würdevoller Abbitte: »wenn ich Dich zuweilen
-hart angelassen, und Dir zeither strenger war,
-als daß ich Deinen unschuldigen Neigungen und Wünschen
-jemals geschmeichelt hätte &ndash; so geschah es&nbsp;&ndash;«
-ihre Stimme wankte.</p>
-
-<p>»O geliebte Mutter!« rief Josephine, welche diese
-demüthige Sprache der tugendstolzen Pflegemutter
-nicht aushalten konnte, »es ist nur zu meinem Besten
-geschehen. Womit habe ich Dich beleidiget, daß Du
-Dich so fremd gegen mich ausweisest? bin ich nicht
-Dein Kind? &ndash; Ich will sie ablegen, diese Fehler,
-denen mein guter Wille noch manchmal unterliegt;
-habe nur ein wenig Geduld mit mir. Und wenn ich
-mich heute in Bühle etwa linkisch benehmen sollte&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<p>Ein Lächeln, worin mehr Rechtfertigung lag, als
-in jedem moralischen Beweise, flog Fabiens Miene
-an. Sie antwortete: »das fürchte nicht. Du hast
-ein <em class="ge">Recht</em>, dort zu seyn: die Gräfinn Frankenstern,
-der ich Dich zuführe, ist Deine Mutter.«</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_160" title="160"> </a>
-Josephine stieß einen leisen Schrei aus, als hätte
-ihr dies Wort einen Dolch in die Brust gestoßen.
-Der Name Derer, die ihr das Leben gegeben, schien
-diese Himmelsgabe zurück zu nehmen, und das liebliche
-Bild des Mädchens versteinte zu weißem
-Marmor.</p>
-
-<p>»So ist's, mein Kind!« setzte Fabia mütterlicher
-als je hinzu, »die Stunde, darin das Band sich lös't,
-was uns so lange verknüpfte, reißt nicht allein an
-meinem Herzen &ndash; ich muß mich ernstlich zusammennehmen.«</p>
-
-<p>»Mutter!« sagte Josephine furchtsam und leidenschaftlich,
-»ich hoffe zu Gott, Du willst mich nicht
-verstoßen.«</p>
-
-<p>»Du brichst mir das Herz entzwei, Mädchen!«
-entgegnete Fabia schmerzlich. »Darf ich Dich denn
-jenen Ansprüchen vorenthalten? Es wird Alles darauf
-ankommen, wie wir die Gräfinn finden. Du bist die
-Tochter einer heimlichen Ehe, und dein Vater &ndash; der
-Onkel wird Dir sagen&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<p>»Der Onkel &ndash; ist mein Vater?« fragte Josephine
-mit schwacher Stimme.</p>
-
-<p>»Der Onkel &ndash; komme doch zu Dir, Kind! ist
-auch Dein Onkel nicht, und es nur dem Namen nach
-gewesen. Dem Blute nach, gehst Du uns gar
-nichts an.«</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_161" title="161"> </a>
-Bei dieser Erklärung, welche Fabia nicht aus lossagender
-Kälte, sondern der vollständigen Erklärung wegen
-gab, sah Josephine aus, als wären ihr alle Adern
-geöffnet. Ihre Seele strömte in Liebe für die Menschen,
-mit denen sie gelebt, für den Ort, der ihr die trauteste
-Heimath geworden war. Sie empfand den Einfluß
-einer innigen Gewohnheit. Sie empfand ihn mit
-schwellendem Herzen, da sie den Abschied so nahe wußte.
-Die gräfliche Mutter stand wie eine verhüllte Gottheit
-von ferne, und scheue Ehrfurcht, ein fremdartiges
-Grauen war Alles, was Josephine für ihre Näherung
-hatte. Und der Administrator war nicht einmal
-da! es däuchte Josephinen, als ob sie diesem
-gütigen Freunde hinterrücks entführt würde. Ein
-Gefühl, zarter noch als Dankbarkeit, forderte in ihr,
-daß sie ihm diesen schnellen und gewaltsamen Abruf
-selbst sagen und klagen könnte, daß er Augenzeuge
-wäre der sträubenden Wehmuth, womit sie von hinnen
-schied.&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>Als der Nachmittag nun kam, erschien Josephine
-in vorschriftlichem Anzuge. Sie war bei dem Werk
-der Toilette ihrer wenig bewußt gewesen, um so eifriger
-hatten ihr die Grazien gedient, welche zurückweichen,
-wo die Eitelkeit handreicht. Auch Fabia war
-ausnahmsweise festlich angethan. Sie trug ein dunkles
-Kleid von tannengrüner Seide; doch indem die
-<a class="pagenum" id="page_162" title="162"> </a>
-verwittwete Frau bei dieser seltnen Gelegenheit ihr
-Licht leuchten ließ, trug doch der Christbaum ihres
-Gewandes kein einziges Flämmchen Flitterstaat zur
-Schau, sondern nur die Frucht bescheidener Einfalt,
-an der man erkannte, weß Geistes Kind sie wäre.</p>
-
-<p>Der Himmel hatte sich mit Gewölk umzogen.
-Frau Fabia, im Begriff, sich in den Wagen zu setzen,
-schaute auf und sprach: »den guten Regenschirm wollen
-wir noch mitnehmen, zur Fürsorge. Wir könnten
-ihn brauchen, beim Aussteigen. Er steht, wenn ich
-nicht irre, in des Schwagers Zimmer, im Winkel
-wo die Pfeifen lehnen&nbsp;&ndash;« Und hurtiger flattert der
-Vogel nicht vom Zweig, als Josephine dahin flog,
-ehe es möglich war, ihr zuvorzukommen. Sie drängte
-die Seele des Abschieds, als den Inbegriff schmerzlicher
-Empfindung, in den heißen Blick, womit sie die
-stummen kalten Wände grüßte, und Wer weiß, ob
-nicht zum letztenmal! &ndash; Dort stand der braune
-Schirm, und neben dem Saum seines geschlossenen
-Zeltes, blickte der Kopf des Mustapha zu ihr hinauf,
-die in dem wehenden Schleier, eher der schönsten
-Blume des Harems, als, des goldnen Kreuzchens ungeachtet
-&ndash; einer jungen Braut der Kirche glich. Hier
-stand das Schreibpult des Administrators, und ein
-kleines weißes Blättchen lag lockend auf der grünen
-Fläche. Josephine warf einen Blick darauf &ndash; ein
-<a class="pagenum" id="page_163" title="163"> </a>
-Sonnenstrahl fiel gleichzeitig in die Werkstatt ihrer
-Gedanken. Eine Feder war auf jenem Streifen Papier
-probirt: »Josephine,« stand in kalligraphischer
-Schönheit am Rande des Blättchens, und das Urbild
-dieses wohllautenden Namens stand mit schöneren Zügen
-davor. Sie ergriff die Feder, und schrieb mit
-fliegenden Fingern:</p>
-
-<p class="ci">
-»Ich muß fort &ndash; verzeihe, daß ich mit Ich anfange;
-aber Stolz ist nicht in mir, nur eine sehr
-traurige Liebe, daß ich von Sanct Capella scheiden
-muß. Kannst Du etwas beitragen&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p class="si">Deine&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<p>Josephine vernahm, daß ein Eilbote ihr nachgeschickt
-würde. Sie mußte sich losreißen. Ein Fädchen
-aus dem Blondengewirk ihres Schleiers blieb an dem
-Gefieder der Schreibfeder hangen, und ein kleiner
-Dintenfleck an ihrem Finger.</p>
-
-<p>Josephine wie ihre Pflegemutter sprachen wenig
-auf dem Wege nach Bühle. Fabia saß still in sich
-gekehrt, trübsinnig starrte Jene in die Ferne. Als
-aber jetzt der englische Garten sichtbar ward, und hinter
-dem Immergrün seiner Gehölze, vermischt mit der
-zarten Frische lebendiger Knospen, das graue, todte
-Schloß, eine verstorbene Einöde von Stein &ndash; als sie
-jetzt bei dem Postamente vorüber fuhren, worunter der
-todte Hund begraben liegt: da erblickte Josephine
-<a class="pagenum" id="page_164" title="164"> </a>
-den stummen Wächter mit keinem minderen Schauer
-als eine abgeschiedene Seele der Vorwelt den Cerberus,
-und als sey dies festgehaltene flüchtige Bild nur
-allein ein Symbol ewiger Ruhe, und dies der Eingang
-in das stille Reich der Schatten.</p>
-
-<p>Das eintönige Geräusch des Brunnens, auch
-nicht um den leisesten Tonfall eines Tropfens anders
-als sonst, weckte in Fabien bittere Gefühle der Vergangenheit.
-Dort war die Wohnung, in der ihr
-Mann gelitten und aufgehört zu leben &ndash; es däuchte
-seiner Wittwe, als ob das Lüftchen, welches die spielenden
-Wellen der Wasserkufe kräuselte, ihr seine letzten
-Seufzer zuwehete. Blüthenbäume streuten ihren
-Schmuck vor die Schwelle, über die Kummer und
-Gram mit ihm eingezogen waren, um nur den Todten
-zu entlassen&nbsp;&ndash;; und diese Gleichgültigkeit der Natur,
-welcher der Mensch unwillkürlich Theilnahme abverlangt,
-diese Wiederkehr ihrer unschuldigen Freuden,
-an dieselbe Stätte, wo die Schuld, eigene oder fremde,
-unsre besten hinweggenommen für immer &ndash; schärfte
-die Empfindung, womit Fabia sich jener Zeit bewußt
-ward, und des wichtigen Moments, der ihr jetzt bevorstand.</p>
-
-<p>Um das Schloßgebäude schwebte die Stille der
-Einsamkeit und der Ehrfurcht vor dem Range, wie
-vor dem kranken Geiste seiner dermaligen Bewohner.
-<a class="pagenum" id="page_165" title="165"> </a>
-Der Zustand des Grafen war bekannt, und seine
-Tochter galt kaum weniger leidend an Gemüth.</p>
-
-<p>Das Unglück, wie mächtig es auch sey, hat stets
-eine kleine Hofhaltung. Nur ein einziger Bedienter
-stand, nicht unähnlich einer Statue seines Standes,
-an einer Säule des Flurs, harrend, wie es schien.
-Die Zeit hatte angemessen der altväterlichen Livree
-seinen Scheitel mit Puder bestreut, und mehr noch
-als diese greise Mode, gab ihm eine Miene unbewußter
-Geringschätzung gegen diese Etiquette adeliger
-Größe, und ein Zug von Schweigen in seinem erfahrungsvollen
-Gesicht ein ehrwürdiges Ansehen.
-Auf ihre Frage erhielt Fabia zur Antwort von ihm,
-daß sie erwartet würde &ndash; und Josephinens Blick
-hing dabei so ängstlich an den goldbesponnenen Knöpfen
-seines Rockes, als ob sie eine nahe wichtige Entscheidung
-davon abzählen wolle. Noch fragte Fabia, die
-niemals sicher genug gehen konnte: die Herrschaft sey
-doch &ndash; allein? &ndash; Der Bediente, ein alter Bekannter
-von ihr, lächelte nur; die Tochter des Oberverwalters
-von Bonna mußte fremd geworden seyn, dem
-Andenken der Lebensweise des Majoratsherrn. Er
-sagte mit schwermüthigem Scherz: »es ist zwar heute
-großer Galatag; aber diese hohen Gäste lassen Raum
-und Ruhe, und die Frau Rentmeisterinn dürfen sich
-ganz und gar nicht irren lassen.«</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_166" title="166"> </a>
-Indem Fabia die breite Treppe, mit Decken belegt,
-unter starkem Herzklopfen hinan stieg, erhob sie sich
-zu dem Gefühl, daß <em class="ge">sie</em> es nicht sey, welche die nächste
-Minute zu scheuen brauche. Doch wie kommt es,
-daß die Last auf dem Gewissen eines Andern den
-Athem des Rechtschaffenen hemmt? und warum wirft
-ein fremdes Erröthen, noch ehe es vor unserm Auge
-aufgeht, den Schein der Schuldverkündigung auf unser
-eigenes Gesicht?&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>Sie standen auf dem öden Vorsaal. Eine Uhr,
-in langem weißen Gehäuse, nahm sich an dem dunklen
-Pfeiler, daran sie befestiget war, todtenhaft aus,
-und das Gleichmaaß des Perpendikels bewegte sich im
-Einklang mit dem Gesetz der Zeit und ihrer Schwere.
-Der Stundengott hatte hier keine Flügel. &ndash; In den
-Nischen der Wand entlang, erblickte man zwar beschwingte
-Gestalten; doch schienen auch diese seit manchem
-Jahr unregsam ihren Standpunkt einzunehmen,
-und nur in so fern, wenn <em class="ge">Ruhe</em> der Begriff des
-Himmels ist &ndash; dem Olymp anzugehören.</p>
-
-<p>Der Bediente zog die Thür sacht auf, ein Strom
-von Licht und Luft aus dem ihr gegenüber geöffneten
-Fenster quoll durch die Spalte. Die Meldung geschah
-lautlos, und alsbald traten auf einen Wink des
-Alten die beiden Damen ein.</p>
-
-<p>Frau Fabia, und hinter ihr das schüchterne Mädchen,
-<a class="pagenum" id="page_167" title="167"> </a>
-sah sich in einem Zimmer, das füglich den Sälen
-des Schlosses beigezählt werden können. Zwei
-Reihen Ahnenbilder in Oel gemalt und tief nachgedunkelt,
-beschatteten die Seitenwände, und gaben der
-schweigsamen Leere dieses Prunkgemachs eine geisterartige
-Geselligkeit. An dem obern Ende des länglichen
-Zimmers stand ein antikes Canapee, breitgestreift,
-mit weiß und seladongrünem Atlas überzogen; davor
-ein Tisch, köstlich besetzt. Ein damastnes Tafeltuch,
-wie vom Webstuhl der kunstreichen Athene, hing in
-schimmernder Weiße bis auf das bunte Gewirk des
-Teppichs nieder, und um den Tisch herum standen
-mehrere Lehnsessel, deren jeder ein Großvater, bequem
-und doch galant, wie am Tage der goldnen Hochzeit.
-In einen Winkel geschmiegt saß der Graf, und dem
-Canapee gegenüber seine Tochter.</p>
-
-<p>Bei dem ersten Blicke auf jenen unglücklichen
-Mann, auf den Schnee seines Hauptes, auf den
-Staatsrock, der so weit, so spottend weit entfernt zu
-passen, um die abgezehrten Glieder hing, zerschmolz
-aller Groll in Fabiens Herzen. Der Putz der Alten
-wie der Blinden hat etwas eigenthümlich Rührendes.
-Jener: weil ihr hinfälliger Anblick das Nichtige der
-Eitelkeit predigt; dieser: daß ihnen selbst unsichtbar,
-eine Huldigung der Welt beigegeben ward, die nur
-am Schein hängt. Und sind Blödsinnige nicht Blinde
-<a class="pagenum" id="page_168" title="168"> </a>
-in geistigem Sinn? &ndash; Zwar könnte Graf Frankenstern
-für einen Seher gegolten haben, denn eben jetzt
-leuchtete sein Gesicht im Abglanz einer Vision; aber
-es war nur ein Blendwerk, nur das Irrlicht einer
-gespenstischen Imagination, daneben die Nacht seines
-innern Lebens nur um so finsterer erschien.</p>
-
-<p>Auch Gräfinn Albane war älter geworden, als
-zufolge einer Berechnung von Jahren; doch war der
-Eindruck dieser ersichtlichen Veränderung durchaus ein
-anderer. Man könnte von ihr sagen, ihre Schönheit
-sey verwelkt, um verklärt zu werden. Ein weißes
-Kleid von wolkigem Mousselin umhüllte ihre zarte
-Gestalt, doch, im schärfsten Contrast zu dieser anspruchslosen
-Wahl, blinkte jener Schmuck, so schwer vermißt!
-so grausig ersetzt! auf dem feinen Halse und der Brust
-der Gräfinn, und hielt ihren schlanken Leib, ihre Arme
-umschlossen &ndash; wie wenn Kinder in eitlem Spiel sich
-mit dem Geschmeide ihrer Mutter zieren &ndash; und stach,
-bewaffnet mit allen Blitzen der Frühlingssonne und
-einer jähen Reflexion, Fabien ins Auge und durch
-das Auge in das tiefste Herz. &ndash; Ein kleines blankes
-Schlüsselbund an ihrer linken Seite stellte die
-Gräfinn als Wirthinn des Hauses und jener unsichtbaren
-Gäste dar, denen zu Ehren sie so geschmückt,
-und gleichsam nur dadurch verkörpert sich zeigte. Doch
-<a class="pagenum" id="page_169" title="169"> </a>
-der schmale zackige Reif einer goldnen Krone auf ihrem
-reichen Haar, ließ phantastisch und in Zweifel,
-welch eine Fürstinn in der wüsten Ideenwelt ihres
-Vaters, sie, fremd sich selbst, vorstelle? &ndash; Und über
-dies häusliche Theater goß die wasserziehende Sonne
-einen trüben Glanz der Illusion aus. Die Blumen
-in dem damastnen Gedeck traten labyrinthisch und
-winterweiß hervor, wie durch einen Hauch von Frost
-entstanden &ndash; und der feurige Wein auf dem Tische
-glühte nur zum Schein. Das rothe Blut der Traube
-schwellt nur die Adern der Lebendigen; doch diese begeisternde
-Kraft leiht nimmer Denen eine Seele,
-welche keine Existenz haben. Der Graf fand nur
-Genuß in Gedanken, und schwelgte heute mehr als
-je in seinem Wahn; und Albane saß da so geisterhaft
-gesättigt und traumtrunken, mit einem herben verzichtenden
-Lächeln auf den bleichen Lippen, als hätten
-diese nie die Süßigkeit des Lebens gekostet, und jener
-edlen Gabe, die des Menschen Herz erfreut und stärkt!&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>Als die reelle Fabia dieses Schauspiels ansichtig
-ward, rieselte ein eisiger Schauer an ihrem Rücken
-hinab, und ihr nähernder Gang erstarrte.</p>
-
-<p>Die Gräfinn zeigte bei dem Eintritte derselben
-einen heftigen Ruck, so, als wenn eine Unbeweglichkeit
-mechanisch aufgehoben wird. Und indem sie dabei
-das Gleichgewicht verlor, fiel das Diadem, nur lose
-<a class="pagenum" id="page_170" title="170"> </a>
-aufgelegt, von ihrem Haupte, und rollte zu Boden.
-Josephine bückte sich darnach. Doch achtlos dieses
-ominösen Vorfalls schritt die Gräfinn den Kommenden
-entgegen, und begrüßte sie mit sanfter, sehr bewegter
-Stimme. »Das ist Josephine?« fragte sie; aber das
-Epitheton für den Laut dieser Frage fehlt unserer
-Sprache und jeder. &ndash; Darauf berührte ihr Mund
-die Stirn des Mädchens, und dieser heilige Kuß, den
-das verleugnete, namenlose Kind als Sacrament empfand,
-firmelte es.</p>
-
-<p>»Josephine!« rief der Graf mit dem herzschneidenden
-Tone der Ueberspannung, taumelte von seinem
-Sitz, und schwankte gegen die Gruppe, um in eine
-Kniebeugung zu sinken; aber Josephine kam ihm zuvor.
-Sie umschlang den Greis mit weichen Armen, und
-weinte über ihn. Gräfinn Albane überließ ihren Vater
-dem Entzücken, sein kaiserliches Idol, oder die
-Psyche desselben, in lieblicher Verjüngung vor sich zu
-sehen, und das Mädchen dem guten Geiste der Demuth
-und der Wahrheit der ihm einwohnte. Im
-Drange, ihr Herz zu öffnen, legte sie die zitternde
-Hand an den blanken Drücker einer Tapetenthür, und
-zog Fabien mit sich in ein anstoßendes Cabinet. »Wie
-viel Dank bin ich Ihnen schuldig, liebe Fabia!« sagte
-sie hastig und herzlich, »Josephine scheint ein Engel.
-<a class="pagenum" id="page_171" title="171"> </a>
-Dieser Blick einer himmlischen Unschuld kann nicht
-lügen.«</p>
-
-<p>Die fromme Fabia antwortete: »Gottlob! nicht
-umsonst war mein Gebet bei des Mädchens Erziehung:
-hilf, Herr! hilf! laß wohl gelingen! Josephine ist
-ohne Trug und Arglist; lauter und rein von Gemüth
-und Sinn, wie ein Wassertropfen aus dem Weihebrunnen
-der göttlichen Gnade.«</p>
-
-<p>Wir lassen es dahin gestellt seyn, ob dieses Bild
-vom Tropfen, in welchem sich Frau Fabia zum Lobe
-der Tochter ergoß, ganz unvermischt und klar von einem
-Vorwurf ihrer Abstammung gewesen, der die
-erquickende Wirkung desselben trübte.&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>Albane senkte die benetzten Wimpern, wie beschämt
-von der Verschuldung, die sie gegen Fabia wissend
-war, und mit einem erkenntlichen Seufzer glitt ihr
-Blick, zufällig vielleicht &ndash; auf einen Ring von großem
-Werth an ihrem Finger. Fabia fing diesen
-Blick im Brennpunkt ihrer Seele auf. &ndash; Sie
-sprach, und jede Fiber zitterte an ihrem Körper: »ich
-will nicht fürchten, Gräfinn, daß Sie mir ein Geschenk
-zudenken! &ndash; Die Sucht zu glänzen war nie
-mein Fehler, nie die zufriedene Eitelkeit sogar, daß
-mein Thun Werth vor Gott hätte. Einer Wittwe
-ziemt es vollends nicht, zu brilliren, und die da einsam
-ist, sorge nur, daß sie dem Herrn gefalle. Der
-<a class="pagenum" id="page_172" title="172"> </a>
-Frau, welcher die Brust des Mannes fehlt, zu ihrem
-Schilde vor den Pfeilen der Welt, steht nichts besser
-an, als ein Flor der Trauer und Zurückgezogenheit,
-der sie gleichsam unsichtbar mache unter Denen, die
-nach dem Schein urtheilen, und spitzfindig einen Stein
-des Anstoßes sehen, wo nichts zu sehen ist. &ndash; Darum
-will ich ihn nicht tragen, und wenn er alle Schätze
-der Erde aufwöge! ist mir das Herz doch schon beschwert
-genug. O Gräfinn! diese Edelsteine hier haben
-meinen guten Mann in das Grab gedrückt und
-mir viel tausend, tausend Thränen gekostet!«</p>
-
-<p>Der Gräfinn Gesicht erbleichte zu Schnee, eine
-ängstliche Verwirrung sprach aus ihrer Miene. Sie
-richtete das Auge, voll eines sanften Lichtes, forschend
-auf Fabien, als wolle sie ihre dunkle Rede beleuchten.
-Ein krampfhaft leises Zucken regte sich nur auf ihren
-Lippen, als ob ihr die Kraft gebräche zu einer Frage,
-deren anschuldigende Beantwortung ihr das Herz brechen
-müßte.</p>
-
-<p>Es lag etwas Versöhnendes in diesem stummen
-Hinnehmen. Gemildert sprach Fabia: »Sie wissen
-wahrscheinlich, daß ihr Herr Vater meinem seligen
-Manne den Tag vor ihrer Abreise von Bonna, eine
-Chatoulle in Verwahrung gegeben, darin dieser Familienschmuck
-befindlich seyn sollte. Den Schlüssel
-dazu hatten wir nicht bekommen. Mein guter
-<a class="pagenum" id="page_173" title="173"> </a>
-Mann ward gleich darauf so krank, daß ich fürchtete,
-das Grab werde sich ihm zunächst öffnen. Doch er
-genas. Nach Jahren, in denen er sich, peinlich wie
-dieser Redliche nun war, mit Zweifeln getragen, die
-ich jetzt für eine Ahnung halten mögte, gab uns der
-Zufall den Aufschluß in die Hände. Wir fanden in
-dem Kästchen nichts von Schmuck, nur eine todte
-Perle&nbsp;&ndash;: den Leichnam eines Kindes, und ein blutbeflecktes
-Messer.« Hier hielt Frau Fabia mit einem
-durchbohrenden Blicke bedeutsam inne.</p>
-
-<p>Aber nicht die Farbe der Blutschuld zeigte sich
-auf den Wangen der Gräfinn, nur jener zarte unschuldige
-Anflug, den ein schneidender Wind etwa in
-dem Kelch der weißen Rose entblößt. Sie lächelte
-kalt und sprach: »so hielten Sie vermuthlich davor,
-daß ein Zusammenhang zwischen beiden Dingen statt
-fände, der &ndash; mich schaudert, es auszudenken. Wohl
-war jenes Kindlein das meine, ein zu früh Gebornes.
-Ich versündigte mich durch den Wunsch, es der Erde
-vorenthalten zu können &ndash; o! wie bestraft sich doch
-jeder Gedanke räuberisch gegen die Natur! &ndash; Der
-Arzt, vielleicht weniger aus Mitleid mit meinem mütterlichen
-Schmerz, als aus Leidenschaft für jedes Präparat,
-schlug mir vor, den Körper meines Kindes zu
-balsamiren, so könnte ich ihn in einem kühlen Gewölbe
-aufbewahren. Es geschah &ndash; ich legte das
-<a class="pagenum" id="page_174" title="174"> </a>
-kleine Vergißmeinnicht, was der Tod mir vom Herzen
-gepflückt, in jenes sargähnliche Kästchen; darin ist
-es vertrocknet. Mit jenem Messer aber hat der Arzt,
-der nämliche, meiner theuren Mutter die kranke Brust
-abgelöst.«</p>
-
-<p>Frau Fabia fühlte bei diesen erklärenden Worten
-einen Schnitt durch ihr tiefstes Innere. Nach einer
-verstummenden Pause sagte sie: »doch werden Sie zugeben,
-daß jenes Depot geeignet war, einen Geschäftsmann
-stutzig zu machen; zumal wenn er wie mein
-Seliger, von einem unseligen Mißtrauen heimgesucht,
-jeder Sache die schlimmste Seite absah.«</p>
-
-<p>Die Gräfinn sah still vor sich nieder, und antwortete
-eine lange Weile nicht. Dann sprach sie: »ach
-ich verzeihe Ihnen &ndash; Wen man schwach gesehn, hält
-man gar bald eines Verbrechens fähig.«</p>
-
-<p>»Gräfinn&nbsp;&ndash;« stammelte die Wittwe, »ich habe
-viel gelitten, dieser Geschichte wegen.«</p>
-
-<p>»So wäre ich denn noch auf andere Art als ich
-meinte, in unabtragbarer Schuld gegen Sie!« erwiederte
-die Gräfinn mit dem herben Lächeln der
-Kränkung. Fabien stiegen Thränen in die Augen.
-Das Taschentuch entfiel ihr &ndash; die Gräfinn beugte
-sich es aufzuheben, und die Schlüssel an ihrem Gürtel
-erklirrten silberhell und leise. Und wie geringfügig
-diese kleine Dienstleistung auch war, so verlieh ihr
-<a class="pagenum" id="page_175" title="175"> </a>
-doch die augenblickliche Stellung gegen die Beleidigerinn
-etwas Hohes.</p>
-
-<p>Wie von diesem erklingelnden Laut erinnert, sonderte
-Albane nicht ohne Schwierigkeit einen kleinen
-Schlüssel von der Mehrzahl Derer, die der Ringhaken
-an ihrem Gürtel umfaßt hielt, bis es ihr gelang, ihn
-davon los zu machen; und sprach: »hätte ich diesen
-Schlüssel wohl so nahe an meinem Herzen tragen
-können, wenn dieses Herz noch ein strafbareres Geheimniß
-umschlösse, als dessen Mitwisserinn Sie sind?
-und wenn ich gewußt, welchen Kummer Sie deshalb
-trügen? &ndash; Nehmen Sie ihn denn hin mit der
-Versicherung, daß ich unschuldig an Ihrem Gram,
-und Ihnen ewig, ewig! dankbar bin! &ndash; Nein, gute
-Fabia! fürchten Sie keinen andern Lohn als dieses
-Wort, was bethätigen zu können, meine beste Hoffnung
-wäre. Ein Edelstein, und wäre es auch der
-erste Solitair der Welt &ndash; bezahlt weder Liebe noch
-Leiden. &ndash; Mit diesem Schmucke belade ich mich nur,
-um meinem Vater eine Freude zu machen. Wehe
-mir! o es ist schrecklich, wenn der Vater zum Kinde
-wird, und die Tochter zur Mutter!&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<p>»Wissen Sie schon,« sagte Fabia, durch eine sehr
-natürliche Association der Ideen zu dieser Mittheilung
-gelenkt, indem sie ihre Thränen trocknete, »daß
-Herr de Romana, Sylvius bei uns genannt &ndash; sich
-<a class="pagenum" id="page_176" title="176"> </a>
-in Sanct Capella aufhält? Er ist der intimste Freund
-meines Schwagers.«</p>
-
-<p>Bei dieser Nachricht ging eine Wandlung in den
-Zügen der Gräfinn vor.</p>
-
-<p>»Um Gotteswillen!« sprach sie mit aller Dringlichkeit
-befürchtender Angst, »verhindern Sie, daß er
-hierher kommt! ich weiß nicht, ob ich es aushielte.
-Das geringe Maß meiner noch übrigen Kräfte reicht
-kaum zur Erfüllung der traurigen Pflicht, die ich meinem
-Vater schulde. Jenes Band ist gelöst. Wozu
-sollte er mich auch beunruhigen wollen? Für ihn bin
-ich todt. &ndash; Ich, <em class="ge">ich</em> selbst habe es gehört, wie er,
-ein jüngeres schönes Weib umfangend, davon sprach,
-daß eine gestorbene Liebe in ihrem Grabe bleiben
-müsse. &ndash; So sey es denn! und nimmer will ich ihn
-wiedersehen.«</p>
-
-<p>Und indem die Gräfinn so sprach, schwand ein
-Schatten jener Scene, deren flüchtige Zeuginn sie gewesen,
-über ihr Gesicht. &ndash; Eine Eifersucht höherer
-Art offenbart sich nur im Verschwinden der verdunkelten
-Erscheinung.</p>
-
-<p>»Wenn ich nur kann, liebe Gräfinn!« antwortete
-Fabia in Bezug auf das von ihr erflehte Verhindern,
-»wenn ich nur kann! &ndash; Aber wird Sylvius &ndash;
-oder Romana &ndash; nicht nach Josephinen fragen? und
-ist das Recht dazu ihm irgend verweigerlich?«</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_177" title="177"> </a>
-»Josephine bleibt einstweilen hier,« entschied die
-Gräfinn, ohne sich auf eine nähere Bestimmung über
-diesen Punkt einzulassen, »auf Sie aber, liebe Fabia,
-verlasse ich mich, daß Sie den Vater derselben mir
-entfernt halten.«</p>
-
-<p>Frau Fabia versprach dies mit größerer Willfährigkeit
-als sie vielleicht früher gezeigt haben würde,
-eine Zusammenkunft der Liebenden zu ermitteln. Sie
-hielt den Schlüssel zur Chatoulle fest empor und sprach:
-»könnte ich nun &ndash; nicht den kleinen Sarg, der ist
-auch versenkt &ndash; nein! den großen Sarg meines Mannes
-damit öffnen und ihm sagen, wie so ruhig
-er hätte seyn können bei Lebzeiten, und daß er sich und
-mich unnütz abgequält. Ach! er würde so wenig auf
-mich hören als sonst.«</p>
-
-<p>»Ja, die Todten schlafen tief&nbsp;&ndash;« sagte Albane
-mit verstörtem Lächeln. Das Bedürfniß dieser unaufregbaren
-Ruhe sprach eben jetzt lauter als jemals in
-ihr an.</p>
-
-<p>Als die Frauen ihre geheime Unterredung hiermit
-beendigten, und wieder in das Zimmer traten, fanden
-sie den Grafen auf dem Canapee an Josephinens Seite,
-und in emsigem Gespräch mit ihr, welches anziehend
-seyn mußte, denn die Augen des alten Herrn hingen
-innig an dem lieben Kinde, und jener crasse Ausdruck
-geistiger Verworrenheit, welche seine schlaffen Gesichtszüge
-<a class="pagenum" id="page_178" title="178"> </a>
-charakterisirte, und unter jedem Härchen des greisen
-Bartes hervorstach &ndash; war dem klaren Durchblick
-des Gefühls gewichen, womit die anmuthige Nähe eines
-Wesens auf ihn wirkte, was ihn so nahe anging.</p>
-
-<p>Wir überlassen diese kleine Gesellschaft des Weiteren
-sich selbst, und eilen der späten Rückkehr Fabiens
-nach dem Stifte zuvor.</p>
-
-<p>Zeitiger als er vermuthet worden, und ziemlich
-mißvergnügt, kam der Administrator mit seinem
-Freunde nach Sanct Capella zurück. Der Zweck dieser
-kleinen Reise war unerreicht geblieben, auf der
-ihnen einige Fatalitäten zugestoßen, und dies war
-es wohl nicht allein, was ihn verstimmte. Jenes geheimnißvolle
-Unbehagen, welches die Seele wie den
-Körper Dessen durchschleicht, Dem ein Uebel bevorsteht,
-der schwüle Schauer, der die Blitze ankündigt,
-die unser Herz treffen sollen, die ganze Atmosphäre
-trüber Ahnung beklemmte ihn heimlich, und verdunkelte
-seinem Blicke die Lieblichkeit der Natur. In
-solcher Stimmung gelingt uns fast nichts. Unsere
-Plane vereiteln, die sicherste Berechnung trügt &ndash;
-wir finden Hindernisse bei Allem. Und von der Zukunft
-leise beängstigt, wird es uns nicht deutlich, warum
-die gegenwärtige Minute den gewohnten Gang
-unserer Weise, unserer Wünsche, also erschwere? So
-wie im Gegensatz die Hoffnung ohne eine andere
-<a class="pagenum" id="page_179" title="179"> </a>
-Gewähr als sich selbst, zu jedem Glück verhilft, und
-oft unsere kühnsten Erwartungen überflügelt.</p>
-
-<p>Sylvius, der sich unpäßlich fühlte, begab sich sogleich
-in sein Zimmer, um noch einen Brief von dringendem
-Bezug auf das mißlungene Geschäft dieser
-Reise zu schreiben, und der weltliche Prälat von
-Sanct Capella schritt mit bewölkter Stirn dem seinen
-zu. Niemand hatte ihn willkommen geheißen &ndash; das
-kam ihm seltsam vor. Etwas finster von dieser scheinbaren
-Vernachlässigung fragte er eine dienende Person,
-die ihm begegnete, nach Fabien, und erhielt zur
-Antwort, daß sie verreist wäre.</p>
-
-<p>»Verreist? meine Schwägerinn?« fragte der Administrator,
-und hätte nicht ungläubiger hohnlächeln
-können, wenn man ihm gesagt: das Stift, in höchsteigener
-steinerner Figur, sey bei dem schönen Abend
-ein wenig spatzieren gegangen.</p>
-
-<p>Man erwarte die Frau mit jedem Augenblick zurück,
-setzte die Berichterstatterin hinzu; worauf Jener
-flüchtig vermuthete, nur ein wirthschaftlicher Grund
-von großer Erheblichkeit müsse eine so stete Haushälterin
-von Ort und Stelle gerückt haben. Doch um
-nichts heiterer durch diese Folgerung, trat er in die
-heimische Wohnung, entledigte sich des Reisebedarfs
-und alsbald ward sein umherschweifender Blick von
-jenem Blättchen auf seinem Schreibpult magnetisch
-<a class="pagenum" id="page_180" title="180"> </a>
-angezogen. Er las diese wenigen Zeilen unzähligemale,
-ehe er den Sinn derselben zu fassen vermogte.</p>
-
-<p>»Allmächtiger Gott!« rief er zu sich selbst, »das
-arme Mädchen in meiner Abwesenheit fortzuschaffen
-&ndash; gleichsam wegzustehlen!&nbsp;&ndash;« Ein Getümmel aufrührischer
-Gedanken bestürmte ihn, und Frau Fabia,
-welche sich im Laufe des verflossenen Nachmittags
-richterlich benommen, ahnete wohl schwerlich, daß ihr
-Andenken ob jener eigenmächtigen Gewaltthat, um
-wenig später vor Gericht gezogen &ndash; wo nicht zermalmt
-würde. &ndash; Aber der kindliche Ton des kleinen
-Brief-Fragments entwaffnete ihn, und keine Reihe
-thatsächlicher Beweise hätte ihn so vollständig überzeugen
-können, wie die schulmäßige Entschuldigung
-der ersten Zeile: daß es nimmer ein Wesen gegeben,
-so fremd jeden Egoismus, so ganz aus Liebe und
-Hingebung gebildet, wie Josephine. Beitragen sollte
-er? Wozu? &ndash; Er sammelte seine ganze Kraft für
-diese abgebrochene Bitte. Dabei nahm er das Fädchen
-an der Feder hangend wahr. Zarter sind die
-Fäden nicht, in denen der Sommer in die Lüfte
-flattert &ndash; doch nichts wirkt so ausnehmend fein wie
-die Zuneigung zu einem persönlichen Gegenstand: und
-so war denn jene Seidenfaser ein starkes Bindemittel
-seiner Ideen, ein Segeltau, was sein Herz schwellen
-machte. »Schwester Veronica wird es wissen&nbsp;&ndash;« dachte
-<a class="pagenum" id="page_181" title="181"> </a>
-der Administrator, und eilte ohne Verzug aus dem
-Zimmer. Leidenschaftliche Hast, dieses räthselhafte
-Dunkel aufgehellt zu sehen, trieb ihn die öden Säle
-entlang, bis zur Thür der entlegenen Zelle, an welche
-die Abendsonne Verklärung mahlte, so daß dieser Eingang
-wirklich einer Himmelspforte glich. Hier stand
-er still, und Stille waltete ringsum. Ein Gefühl,
-der Andacht verwandt, ließ ihn zögernd dies Altarblatt
-betrachten, dahinter ein Geist wohnte, der mit
-dem Göttlichen vertrauten Umgang pflog. Sein Herz,
-heftig klopfend vom hurtigen Gehen, vom Drange
-der Erwartung, ward in dieser sanften Nähe wunderbar
-besänftigt. Er richtete sich hochathmend
-auf, während er den gekrümmten Finger leise und
-langsam an die Thür legte. Sie that sich auf. Der
-hereindringende Strahl vergoldete diese anspruchlosen
-Wände, und warf einen Schimmer von Glanz und
-Heiligkeit auf die Gestalt der Nonne, welche in
-frommer Einfalt mit einem Liebeswerk beschäftiget
-war. Ein Myrthenbaum von üppiger Schönheit, davon
-die Nonne mit wähliger Vorsicht eine Menge
-Zweige abschnitt, stand vor ihr auf einem Tische und
-daneben lag ein kleiner Namenszug aus altdeutschen
-Lettern in Perlen gereiht. Und wie die klösterliche
-Jungfrau den alten schönen Kopf, um den ein Nimbus
-der Gottseligkeit schwebte, an den Baum der
-<a class="pagenum" id="page_182" title="182"> </a>
-Liebe schmiegte, der ihr nie geblüht, der ihr nur die
-bittere Frucht der Entsagung bereitet: gewährte ihr
-Anblick ein fast überirdisches Bild.</p>
-
-<p>Wie selten hatte ein Mann diese einsame Schwelle
-beschritten! &ndash; Der aufgeregte Blick des Administrators
-schien den ewigen Bestand der Dinge umher
-aufheben zu wollen. Kein Stäubchen dieser reinlichen
-Clause ruhete noch so tief und lange, es tief empor
-bei seinem Eintritt, um gesellig in der plötzlichen
-Erleuchtung zu schweben, und eine größere als diese
-lautlose Unruhe störte nie die stete Geborgenheit dieser
-Wohnung, deren Luft nur ein Odemzug des Friedens
-war.</p>
-
-<p>»Verzeihen Sie doch ja gütigst meiner Zudringlichkeit,«
-sagte der Besuchende nach ehrerbietigem Gruß,
-»Ihnen zu dieser Zeit vielleicht beschwerlich zu werden.«
-Man findet, in abgesondertem Verhältnisse
-werden die Menschen leicht eben so weitläuftig als
-förmlich gegen einander, wogegen die Welt der Umgangsweise
-eine drängende Kürze anschleift. Schwester
-Veronica ließ das Messerchen, womit sie Myrthen
-schnitt, ihrer Hand entgleiten, und bezeigte eine verwunderungsvolle
-Freude, den Vorstand des Hauses
-bei sich zu sehen, der ihr nach herzlicher Versicherung
-zu jeder Zeit willkommen wäre. Zugleich bemerkte
-sie still für sich, daß sein stattliches Aeußere etwas
-<a class="pagenum" id="page_183" title="183"> </a>
-verstört sey &ndash; und die Stimmung der guten Nonne,
-seit einigen Tagen von stärkeren Eindrücken bewegt,
-spannte sich für den beziehungsvollen Ton, womit er
-anhob: »ich war verreist mit meinem Freunde und
-finde jetzt bei unserer Rückkehr die Schwägerinn nicht
-daheim. Das befremdet mich. Sie hat auch Josephine
-mitgenommen&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;« Der Administrator stockte.
-»Eine hypochondrische Aengstlichkeit wandelte mich an
-&ndash; wenn nur kein unangenehmer Vorfall &ndash; ich
-meinte nun, Sie, werthe Schwester Veronica, würden
-mir des Näheren Auskunft geben können.«</p>
-
-<p>»Was ich weiß, will ich ihnen sagen&nbsp;&ndash;« sprach
-die Nonne, und das tiefsinnige Lächeln in ihren Zügen
-drückte eben sowohl ihre bekümmerte Unwissenheit
-in dieser Sache, als eine Zuflucht der Gemüthsruhe
-aus, die sie dem Frager gäbe. »Frau Fabia ist
-nach Bühle gefahren, mit dem lieben Kinde. Dort
-ist die Gräfinn Frankenstern mit ihrem Herrn Vater
-angekommen &ndash; und trägt Verlangen, ihre gute Freundin
-hiesigen Orts baldigst zu sprechen. Ein expresser
-Bote&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<p>Das Gesicht des Administrators hatte sich während
-dieser Nachricht verändert. »Das ist ein großes Ereigniß!«
-unterbrach er die Nonne mit gesenkter
-Stimme; doch nur mechanisch schien er die Sylbenlaute
-dieses Wortes auszusprechen, das Muskelspiel
-<a class="pagenum" id="page_184" title="184"> </a>
-seines Mundes schob krampfhaft der getroffenen
-Wahl des Ausdrucks einen andern unter, und sagte:
-»das ist ein großes Unglück!« Der Nonne ging die
-Ahnung auf, sie hätte ihm etwas höchst Wichtiges
-mitgetheilt.</p>
-
-<p>Da jedoch Niemand, am wenigsten aber ein ältliches
-Frauenzimmer, dem Reiz des Bewußtseyns zu
-widerstehen vermag, das, was man sagen könne, habe
-Werth für den, der es höre: so konnte auch Schwester
-Veronica nicht umhin, den Schatz ihrer Neuigkeit in
-kleiner Münze auszuzählen. Vorerst aber mußte sich
-der Administrator auf ihr inständiges Nöthigen niederlassen.
-Er berührte kaum die Kante eines Stuhls,
-und saß dennoch wie auf Nadeln. &ndash; Schwester Veronica
-begann nun: »gestern Abend, da es dämmerte
-&ndash; das Schummerstündchen bringe ich gern drüben
-zu &ndash; ging ich hinüber zu den lieben Ihrigen. Es
-war uns Allen traurig zu Sinne: denn Gregors kleine
-Julie lag im Sterben &ndash; ich bin, wie Sie sehen daran,
-für ein Todtenkränzchen zu sorgen &ndash; die Mutter,
-hieß es, wäre außer sich, und man hatte geschickt,
-Frau Fabia mögte kommen, und in dieser Angst den
-armen Leutchen mit Rath und Zuspruch ein wenig
-beistehen. Sie ist, das muß man an ihr rühmen &ndash;
-von christlicher Geduld und gelassenem Wesen&nbsp;&ndash;«
-diese Tugenden seiner Schwägerinn hätte jetzt schwerlich
-<a class="pagenum" id="page_185" title="185"> </a>
-ein Freund der Wahrheit dem Administrator nachsagen
-mögen. Er sah die Nonne mit einem weitschauenden
-Blicke beschleunigender Aufmerksamkeit an,
-und es däuchte ihm, seiner theilnehmenden Nächstenliebe
-ungeachtet, als ob sie von einem Falle spräche,
-der die ersten Eltern nach Erschaffung der Welt betroffen
-hätte.</p>
-
-<p>»So blieb ich denn,« fuhr die geistliche Jungfrau
-fort, »mit Josephine allein. Das gute Kind war
-aber betrübt und äußerte sonderbare Gedanken, die
-ich jedoch für weiter nichts hielt, als jenen wehmüthigen
-Ernst, der ein jugendlich Gemüth ergreift, wenn
-es den Tod in der Nähe weiß, und gute Menschen
-in Schmerz und Leid um ein Liebstes und Einziges.
-Dann wird der Gedanke an jede mögliche Trennung,
-die uns selbst bevorstehen könnte, so natürlich. Wenn
-uns ein Verlust bewegt, dann scheint Alles um uns
-her zu wanken, und wir umfassen, was uns vorzugsweise
-am Herzen liegt, nur um so inniger. &ndash; Also
-wieder auf Josephine zu kommen, so sagte sie: wie
-weh es ihr thun würde, Sanct Capella zu verlassen,
-wo ihr nur allein wohl wäre. Wie gern sie hier
-sterben mögte oder wohnen in dieser Zelle, es ging
-mir nahe. Ich erwiederte ihr, daß an solch ein
-Scheiden vor der Hand doch nicht zu denken sey, daß
-<a class="pagenum" id="page_186" title="186"> </a>
-sie mein Stübchen erben solle, mit Allem, wie es steht
-und liegt.«</p>
-
-<p>Das Auge des Zuhörers schien dies Testament im
-Innersten seiner Seele aufzunehmen. Sein Blick
-spähte umher, als schätzte er die lieben Heiligen allzumal
-&ndash; und der geringste Gegenstand war durch
-den Gebrauch ein kleiner Heiliger geworden &ndash; nach
-ihrem Nennwerthe ab, und trüge die stummen Effecten
-in die Register seines Geistes ein. Dann ruhte sein
-Auge auf einem umgeschlagenen Notenblatte aus, als
-notire er dies Adagio, zähle die Pausen, und vergleiche
-den letzten hinsterbenden Ton mit der Rede der
-Erblasserinn, welche mit heiterem todesvertrauten
-Sinn an ihre Auflösung denken konnte. &ndash; Ein anderer
-Kranz von diesem Myrthenbaume, ein anderer
-Name in den Anfangsbuchstaben dieser Perlen schwebte
-ihm in einer gewissen Ideenverwirrung vor. Die
-Wünsche des jungen Mädchens, welche beide auf bittere
-Resignation deuteten, griffen schmerzlich an sein
-Gefühl, und er schwieg mit einem tiefen Seufzer.
-»Wie wir noch so über mein Vermächtniß sprachen,«
-fuhr die Nonne fort: »kam Frau Fabia zurück. Sie
-trug einen Brief in ihrer Hand und begehrte Licht,
-um ihn zu lesen. Und da sie ihn las &ndash; sehen Sie
-um Gotteswillen! wird uns die Frau schier ohnmächtig.
-Ich kann nicht leugnen, daß mir alle Glieder
-<a class="pagenum" id="page_187" title="187"> </a>
-zitterten. Die Frau Schwägerinn ist nicht nervenschwach,
-nein! eine starkmüthige Person, häuslich erkräftiget,
-gesund an Leib und Seele: so mußte ihr
-der Brief hart angekommen seyn. Auch jagt der
-Sturm das Laub der Espe nicht geschwinder, als das
-Blatt in ihrer Hand flog. Sie ging alsbald zu
-Bette, und ich hatte ihretwegen eine unruhige Nacht.
-Am Morgen in aller Frühe wollte ich mich erkundigen,
-wie sie geschlafen: das Zimmer war noch zu. Ich
-kam wieder und fand es abermals verschlossen; doch
-vernahm ich drinnen ein leises Gespräch und unterschied
-Josephinens schluchzende Stimme. Nun halte
-ich Einbruch kaum so schlimm, als Eindrängen in
-das Geheimniß eines Andern, und habe mich mein
-Lebtag davor gescheut. Das Vertrauen muß ein Geschenk
-der Freundschaft seyn, nicht aber eine milde
-Gabe, die der Ungestüm davon trägt, wenn er die
-Gutherzigkeit überrascht. &ndash; Ich dachte, es wird wohl
-an mich kommen. Auch kam Frau Fabia, um mir
-zu sagen: daß sie für diesen Nachmittag nach Bühle
-fahren würde. Josephine stand stumm und blaß wie
-ein Marienbild daneben, und sah mich nur mit einem
-barmherzigen Gesichtchen an. Und da die Mutter
-meinte: sie denke nicht allzuspät wieder da zu seyn,
-konnte sie sich nicht enthalten zu weinen, als sollten
-wir uns niemals wiedersehen. Ich sprach ihr Muth
-<a class="pagenum" id="page_188" title="188"> </a>
-ein und sagte: nun, wir scheiden ja nicht für ewig,
-mein Herzenskind! was wärs denn auch, wenn Du
-ein paar Tage drüben bleiben müßtest? bin ich doch
-in meiner Jugend, und noch dazu als Braut, auch
-bei der hochseligen Gräfinn Frankenstern gewesen, und
-würde heut noch Bescheid im Schlosse wissen, und
-Dir das kleine Gemach zeigen können, worin ich geschlafen.
-&ndash; Das schien dem lieben Mädchen denn
-traut und tröstlich zu seyn, und ein Mehreres, werther
-Herr Administrator, wüßte ich Ihnen nicht zu
-sagen.«</p>
-
-<p>Es genügte jedoch. Der Administrator dankte
-zerstreut, wechselte in gebundener Rede &ndash; im Sinne
-der Zurückhaltung &ndash; einige Worte; denn es machte
-ihn beklommen, daß er gegen die herzliche Nonne
-nicht ganz aufrichtig seyn dürfte. So war es ihm
-nicht unlieb, daß der Zufall ihm über einen Moment
-hinweghalf, der sein Zartgefühl, das der Freundschaft
-wie der Verschwiegenheit, in die Probe nahm. &ndash; Er
-ward abgerufen, weil Jemand ihn zu sprechen begehre.
-Doch als der Administrator in sein Zimmer
-kam, fand er zu seinem Befremden keinen fremden
-Zuspruch, sondern seinen Freund, den Major Feldmeister,
-der im Gleichmaß starker Schritte auf
-und nieder ging. Es verändert seltsam unsere Stimmung,
-ob wir Besuch in unserm Eigenthum empfangen,
-<a class="pagenum" id="page_189" title="189"> </a>
-oder von Andern darin empfangen werden. Demnach
-ließ eine gewisse erschrockene Verwunderung, gemischt
-mit einem dumpfen Gefühl getäuschten Erwartens,
-den Administrator an der Schwelle seines
-Zimmers zurücktreten, als er die Einquartierung desselben
-inne ward.&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>»Bitte nicht übel zu nehmen, Freundchen, daß
-ich so sans façon Eingang gesucht&nbsp;&ndash;« sagte der Major,
-die Miene des Unmuths an Jenem bemerkend,
-und ein fremdartiges Lächeln lief hurtig wie Geflügel
-über die Furchen seines Angesichts, was in diesem
-Augenblicke einem Winterfelde glich, matt von
-der Sonne beschienen.</p>
-
-<p>»Den rechten Eingang finden&nbsp;&ndash;« fuhr er fort,
-»ist schwer, und mancher folgerichtige, bei dem wahrhaftigen
-Gott! taugt dennoch nichts.«</p>
-
-<p>Herr Prälat kannte seinen Freund und dessen
-Redeweise zu genau, um noch eines einleitenden Wortes
-zu bedürfen. Eine böse Ahnung kroch an sein
-Herz; aber er nahm sich zusammen, und sagte mit
-stoischer Stimme: »Sie haben mir etwas Schlimmes
-anzukündigen, Major! fassen Sie Sich in der Kürze,
-ich bitte! <em class="ge">ich</em> bin gefaßt.&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<p>Diese Voraussetzung brachte den Major aus dem
-Zusammenhang. In merklicher Verwirrung antwortete
-er: »Schlimmes? nun ja, aber vermengt mit
-<a class="pagenum" id="page_190" title="190"> </a>
-Gutem, wie uns die bittersten Erfahrungen gereicht
-werden. Das Schicksal ist ein Mischling, Glücklich
-retournirt, Freundchen? waren Sie schon da, wie die
-Estafette kam? &ndash; Sehen Sie, da habe ich mir all
-mein Lebtag eingebildet, ein blasender Postillon müsse
-ein Glück verlautbaren: etwa des große Loos &ndash; die
-Ankunft des Königs &ndash; oder einen Ehrenaufzug und
-dergleichen. Daß eine Hiobspost mit solch fröhlichem
-Gebläse kommen könne, das hätte ich nimmer gedacht.
-So erinnere ich mich, daß, als ich, ein junger Offizier
-damals, in B&ndash; stand, hatten wir eine Schlittenfahrt
-<i>en Masque</i> mit solchem Vorklang. Der
-Zug war originell genug, und wir fuhren, so zu sagen,
-mit Furcht und Schrecken. Der Führer der ersten
-Dame, ein allerliebstes Mädchen, schön wie das
-Leben, war der Tod!&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<p>»Major!« sagte der Administrator in sichtlicher
-Pein, »nochmals bitte ich Sie, sagen Sie mir ohne
-Bild, ohne Masque, Wessen Tod ich erfahren
-soll? &ndash; Mein Bruder&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<p>Es wäre nicht genau zu bestimmen, ob der alte
-Feldmeister hierbei nickte, oder nur das Haupt senkte,
-da er alle Allegorien fallen ließ, und einfach sagte:
-»ja, wozu die vorbereitende Folter und ihren ausdehnenden
-Grad? Sie sind ein Mann. Ihr Bruder
-&ndash; ist nicht mehr, und nur an den Ort seiner
-<a class="pagenum" id="page_191" title="191"> </a>
-Bestimmung gelangt, um auf das Schleunigste zu
-sterben.&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<p>Alles Blut wich aus den Wangen des Administrators.
-»Großer Gott! mein guter Constanz!« rief
-er mit blassen Lippen, und fühlte in diesem herzandringenden
-Moment, daß Eines Vaters Blut in ihren
-Adern flösse. »Nicht möglich! und an Sie, Major,
-ist die Nachricht gekommen?« Es war, als ob ein
-leiser Zweifel in dieser Frage läge.</p>
-
-<p>»An mich!« antwortete der ehrliche Alte mit dem
-Vollbewußtseyn eines wahrhaften Freundes, »mein
-Neffe hat es mir geschrieben, da die arme Therese sich
-außer Stande dazu gefühlt, und Füßli nicht Zeit gehabt
-hat. <em class="ge">Füßli!</em> der Leichtfuß vergißt zu bemerken,
-Wer Füßli sey, als ob mir wie dem Allwissenden
-aller Menschen Namen in mein Buch geschrieben
-wären.«</p>
-
-<p>Der Major berührte hierauf in Kürze, wie? und
-wann? der Gemahl Theresens gestorben sey.</p>
-
-<p>»Ich träume wohl?« fragte sein Bruder und
-legte die Hand an die Stirne, auf der noch bleiches
-Entsetzen schwebte, »wie aber kam der Lieutnant
-Feldmeister in jene ferne Gegend, und zu einer so
-herben Dienstleistung?« Es war, als ob er diese
-sonderbare Fügung im Namen des Verstorbenen übel
-nähme.</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_192" title="192"> </a>
-»Sehen Sie,« erwiederte der Major, »das ist eine
-merkwürdige Geschichte, und ich gäbe meine Lieblingsschmarre
-darum, wenn ich in meiner Jugend Logik
-studirt hätte. Da könnte ich Ihnen Alles fein ordentlich
-entwickeln, statt daß ich hinten anfange, vorn ein
-Fädchen abreiße, &ndash; und so weiter. Der Rudolph
-hat ein enormes Glück gehabt, was mir bei dieser
-traurigen Gelegenheit kund geworden, und mein
-Glaube an die Fama der Estafette gewissermaßen doch
-Recht. Die Fee Fanferlüsche &ndash; Sie wissen schon &ndash;
-hat das Zeitliche gesegnet, und ihn zum Universalerben
-eingesetzt. Das hätte der Junge wohl nicht gedacht,
-daß, als er die alte Dame Wischiwaschi aus einer lächerlichen
-Verlegenheit empor riß, und sie vor aller
-Welt Augen in den Ballstuhl setzte, sie ihn dafür für
-zeitlebens jeder ernsthaften Verlegenheit überheben,
-und so weich setzen würde? &ndash; Man schätzt ihren
-Nachlaß auf hunderttausend Thaler. Gleichzeitig mit
-diesem Vermächtniß erfährt er, versetzt zu seyn, worauf
-er, wie Sie Sich vielleicht erinnern, angetragen,
-um nicht für einen Erbschleicher zu gelten. So
-spielt der Zufall. Daß der Rudolph grade an den
-Ort kommen mußte, wohin Ihr Bruder, begleitet von
-der lieben Frau, seiner gesandschaftlichen Ordre folgte,
-scheint mir jedoch nicht von Ohngefähr. Taugt
-nichts! rief ich unwillkürlich aus, wie ich das las.</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_193" title="193"> </a>
-Nun verursacht großes Glück auch im besten
-Falle eine kleine Narrheit. Und wie der Ritter Don
-Quixote ein Barbierbecken für Mambrins Helm hielt,
-so sieht nun Rudolph einen Damenschuh in Allem,
-was ihm begegnet. Ich glaube, würde die Armee
-auf Kriegsfuß gesetzt, er sähe sie auf Pantoffeln von
-Silbermoor marschiren. Der Pantoffelheld! Der!&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<p>Der Administrator empfand schmerzlich, daß des
-alten Freundes theilnehmendes Interesse an den gemeinsamen
-wichtigen Mittheilungen diesmal zu <em class="ge">silbern</em>
-sey, um mit dem seinigen in Einklang zu stehen.
-In diesen Augenblicken schien ihm kein todtes Metall
-beglückend. Er hatte nur Gefühl für den Verlust eines
-so kräftigen jungen Lebens, welches der Welt und
-ihren Freuden so im Umsehen entrissen worden war.</p>
-
-<p>»Ich kann es noch nicht fassen&nbsp;&ndash;« schob der Administrator
-in die Pause jenes Ausrufs ein, und sein
-Ton ließ errathen, daß er von der Rede des Freundes
-wenig oder nichts gehört, und während ihrer Dauer
-nur an den Verstorbenen gedacht hätte. Er sah jetzt
-auf, in seinem erloschenen Blicke entglomm ein
-Funke &ndash; und so fragte er: »Sie meinen also, Major,
-daß Ihr Neffe in Verabredung mit Theresen
-dort eingetroffen wäre?&nbsp;&ndash;« Der Schatten, der in
-diesem Gedanken auf die Abwesende fiel, verfinsterte
-sein Gesicht tief. Aber mit dem Eifer der Selbstentrüstung
-<a class="pagenum" id="page_194" title="194"> </a>
-trat der Major vor ihn hin, und sprach:
-»da sey Gott für! daß ich so etwas nur gedacht, geschweige
-denn geäußert hätte. Oder es müßte eine
-Verabredung der höheren Mächte darunter verstanden
-seyn, die vorausgesehen, daß Ihr Bruder sterben, und
-Therese fremd und verlassen allda, einen Freund brauchen
-würde, der wie mein braver Artillerist für sie
-durchs Feuer liefe. &ndash; Besinnt Euch Freundchen! es
-wäre ja nicht einmal möglich gewesen; denn mein
-Neffe ward früher versetzt, als der Legationsrath seine
-Frau von hier abholte. &ndash; Hätten Sie Acht gegeben,
-was ich gesagt: so würden Sie jetzt hören, wo
-ich hinaus gewollt &ndash; mein Schwadroniren hat mich
-jedoch zu weit abwärts geführt. &ndash; Da geht der
-Rudolph eines Tages über den Markt, und stößt auf
-einen Menschen, der einen Schuh trägt. Jener erkennt
-ihn &ndash; den Schuh nämlich &ndash; an der Farbe,
-an dem kleinen polnischen Maße; er kennt die Dame,
-der er gehört. Nun läuft gleichsam dieser niedliche
-Wegweiser vor ihm her, und führt ihn vor die rechte
-Schmiede. So ists, Freundchen. Und daß mein
-Neffe nun der armen Therese beisteht, so viel er kann,
-ist nicht mehr als billig.&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<p>Dies Letztere sagte der Major in dem Tone löblichen
-Gutachtens, und mit persönlichem Accent &ndash;
-als ob der Lieutnant nur bewogen von der Rücksicht,
-<a class="pagenum" id="page_195" title="195"> </a>
-in welchem Verhältniß sein Oheim zu der Familie
-des Hingeschiedenen stände &ndash; sich der jungen Frau
-angenommen. Dennoch konnte der Administrator ein
-Lächeln, so bitter als traurig, nicht unterdrücken, als
-er sagte: »es wäre dessenungeachtet sehr möglich, daß
-mein seliger Bruder so wie die Welt, welche er verlassen,
-etwas gegen diesen Curator einzuwenden
-hätte.&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<p>Der Major zog die Braunen zusammen, und
-klemmte die Unterlippe ein. Er fühlte wohl, daß
-sein Freund recht hatte; wie hätte er aber das kleine
-Unrecht, was in dieser Erwiederung gegen ihn selbst
-lag, nicht lieber männlich verbeißen als rügen, und
-mit der Gereiztheit eines Betrübten Geduld haben
-mögen? Er antwortete demnach langmüthig: »das
-hat der Rudolph auch bedacht, und deshalb dafür gesorgt,
-daß Therese den Gasthof verließe. Sie hält
-sich jetzt höchst wahrscheinlich auf dem Gute der Baroninn
-Lenau, einer Schwester seiner Mutter auf.
-Dies war die Intention meines Neffen, als er den
-Brief an mich geschrieben. Doch die Hauptsache darin
-hätte ich beinahe vergessen. Therese läßt Sie flehentlichst
-bitten, wenn es irgend möglich wäre, hinzukommen.
-Sie wüßte sich nicht Rath und es gäbe Manches
-zu ordnen, was nur den nächsten Verwandten
-zustände.&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_196" title="196"> </a>
-Herr Prälat sah schweigend vor sich hin. Die
-Forderung dieser weiten Reise von solch traurigem
-Anlaß, geschah zu einer Zeit, die dem Entschlusse
-günstig war. Sein Herz war erschüttert, und nicht
-von der Seite allein, wo der plötzliche Schlag der
-eben vernommenen Nachricht es bestürzte. Die Zukunft
-schwebte im Ungewissen &ndash; und es war, als
-wäre der Bestand aller bisherigen Verhältnisse aufgelöst.
-Dann konnte Sylvius ihn jetzt vertreten.
-Wer wüßte, ob er jemals eine so lange Abwesenheit
-ohne Zeitverlust für sein Amt ermöglichen könnte? &ndash;
-Und wie er auf der Wage der Gedanken alles Schwierige
-der fraglichen Reise erwog, und dachte, ob er
-sich auch stark genug dazu fände, die kalten Geschäfte
-des Verstorbenen zu besorgen, und ein warmes Bad
-hysterischer Thränen hinzunehmen, die Therese etwa
-vergießen mögte, &ndash; fühlte er mit einem nervösen
-Schauer, daß ein Leben von so verhängnißvollem Gewicht,
-und in ewiger Pendel-Schwingung wie das
-seines Bruders, den Todten so früh hinab ziehen
-müssen. In Folge dieser Betrachtungen sagte er:
-»seine Rastlosigkeit &ndash; glauben Sie es! hat den armen
-Constanz aufgerieben.«</p>
-
-<p>»Das sag' ich auch!« sprach der Major, »man
-bekam Schwindel, vom Hören bloß. Er flog ja,
-wie auf Fausts Mantel&nbsp;&ndash;« der Hund knurrte &ndash;
-<a class="pagenum" id="page_197" title="197"> </a>
-»still da! Dich meine ich nicht, mein Alterchen &ndash;
-von einem Ende der Welt zum andern. Wären wir
-vom Schöpfer dazu geschaffen: dann hätte er uns
-Flügel gegeben wie der Schwalbe, oder uns luftig
-gemacht wie den Wind. So aber sind wir Wesen
-mit Fleisch und Bein, und ein standhafter Prinz ist
-Derjenige, der in der Tragödie dieses Erdenlebens
-am würdigsten aushält. &ndash; Wir schreiten bedächtig
-einher, oder fahren gemächlich mit Vieren. &ndash; In
-der Schrift steht, der Herr habe nicht Gefallen an
-Jemandes Beinen, noch an der Stärke des Rosses.
-&ndash; Oft habe ich über diese Stelle nachgedacht. Wenn
-ich die Gicht in meinem Bein spürte, da empfand ich,
-daß der gütige Gott und Heiland kein Wohlgefallen
-daran haben könnte.«</p>
-
-<p>»Und jetzt,« sprach der Administrator, der nur
-wie im Dunkeln der Gedankenreihe seines alten
-Freundes gefolgt war, »wo er endlich festen Fuß gefaßt
-haben würde, mußte mein guter Bruder sterben!«</p>
-
-<p>»Ebendeswegen!« erwiederte der Major mit verstärkter
-Stimme, »ebendeswegen starb er. Gebt Euch
-zufrieden, Freundchen! &ndash; Mit aller Hochachtung
-gegen den Legationsrath gesprochen; aber ein Mann
-der Ruhe war er nicht, und so machte er sich mit der
-Schnellpost des Todes davon. Vielleicht war dies der
-klügste Streich des Diplomaten, und jedenfalls besser
-<a class="pagenum" id="page_198" title="198"> </a>
-als ein späterer Rückzug aus dem neuen Hausstaate. Er
-mogte die alte Urkunde der Liebe hervorgesucht und manchen
-Buchstaben darin verlöscht gefunden haben. Zum
-Ehestande dieser seßhaften Charge paßte er nur so wie
-der Vogel, der sich im Fluge vermählt, sein Weibchen
-dann in irgend einem Neste sitzen läßt, wo dann der
-Teufel nicht selten ein Ei in die Wirthschaft legt.«&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>Hier trat Frau Fabia ein, und bei dem Anblick
-der frommen Domina des weltlichen Klosterhauses
-erstarb das böse Princip dem alten Feldmeister auf
-der soldatischen Zunge. Er grüßte, schlüpfte zur
-Thür hinaus, durch ein unverständliches Murmeln andeutend,
-er wolle den bewußten Brief holen &ndash; und
-Herr Prälat sah sich mit seiner Schwägerin allein.
-Er hatte den Wagen nicht kommen gehört, ihre Ankunft
-schien ihm ersehnt, obzwar sie allein kam. Auch
-entsprach Fabiens Gesicht der Empfindung, welche sie
-aufnahm. Der strenge Charakter desselben war einem
-Ausdruck von Schwermuth und Erleichterung gewichen,
-der sich wechselseitig aufhob, und ein sanftes
-Ineinanderfließen von Klarheit und Trübsinn über
-ihre Züge verbreitete, was Zutrauen einflößte, sie
-werde eine schmerzliche Erfahrung eben so wohl zu
-theilen fähig seyn, als zu beurtheilen wissen.</p>
-
-<p>»Es ist mir lieb, Fabia, daß Du nun da bist!« sagte
-der Administrator ihr entgegen tretend; aber sein
-<a class="pagenum" id="page_199" title="199"> </a>
-Gruß klang traurig. »Denke nur, mein guter Bruder
-ist todt! und Therese ist nun eine Wittwe, wie Du!«</p>
-
-<p>Frau Fabia erschrak. Alles, was dieser Nachmittag
-für sie enthalten, trat vor der Bedeutendheit dieser
-Worte in den Schatten; aber ein leises Streiflicht
-zuckte auf ihren Lippen &ndash; der Geist der Wahrsagung
-erschien darin, und ein Gedankenblitz des
-Vergleichs: Therese werde nimmer seyn wie sie.</p>
-
-<p>»Um Gott! was Du sagst, mein Bruder!« antwortete
-Fabia, »und wäre diese Nachricht mehr als ein Gerücht?«</p>
-
-<p>»Diese Nachricht,« erwiederte Jener mit abgeschlossener
-Gewißheit in Blick und Ton, »ist diesen
-Abend durch eine Estafette an den Major gekommen.
-Constanz ist in der Nacht seiner Ankunft in &ndash; an
-der Bräune gestorben, und &ndash; also erstickt!« Dies
-Letztere setzte der Administrator mit erstickter Stimme
-hinzu. Das Wasser schoß ihm in die Augen, und
-vor Fabiens Theilnahme, welche sich <em class="ge">mütterlich</em> zu
-äußern pflegte, das heißt: ob auch zartsinnig, doch überlegen
-&ndash; schämte er sich der brüderlichen Thräne nicht.</p>
-
-<p>»Denke Dir das nicht gar so schwarz&nbsp;&ndash;« sagte
-Fabia leidsam, und bemühte sich, obgleich unverhehlt
-der eigenen Rührung, ihren Schwager zu trösten.
-Sie machte dabei zu Gunsten einer dunklen Stunde
-eine Kraft geltend, welche gewiß zu den schätzbarsten
-dieser oft verkannten Frau gehörte. Fabia besaß die
-<a class="pagenum" id="page_200" title="200"> </a>
-Gabe eines wunderbar wirkenden Zuspruchs. Vermöge
-solcher Erfahrungen, die, indem sie das Leben
-trüben, den Blick des Geistes schärfen, war ihr eine
-tiefere Einsicht in die Herzen vergönnt, als diese sonst
-selten gefunden werden dürfte, wo es an Weltkenntniß
-fehlt, die Fabia nicht erwerben können. &ndash; Zuweilen
-sogar sprach etwas Sibyllinisches aus ihr. Um
-ihrer Zuverlässigkeit willen glaubte man an sie. Und
-da Fabia es für eine Pflichterfüllung ihrer Religion
-hielt, sich der Betrübten anzunehmen: so versäumte
-sie keine Gelegenheit es zu thun; in ihrem Benehmen
-lag alsdann eine schmerzvergütende Innigkeit,
-deren sie gänzlich ermangelte, wo es darauf ankam,
-sich mit den Fröhlichen zu freuen. Gegen den Gottesdienst
-der Freude war Fabia stumpf. Und da sie
-im Geiste der Zerknirschung den Spruch vor Augen
-hatte: »ein zerschlagenes Herz wird Gott nicht verachten«
-&ndash;: so war ihr nichts von größerem Werth,
-sich linden und lieblichen Wesens daran zu beweisen,
-als &ndash; eine Wunde. So ging ihr des Schwagers
-Leid sehr nahe, und zwar um so näher, als sie bedachte,
-er traure jetzt in gleichem Grade wie um ihren
-Mann. Und obgleich der verstorbene Bruder
-desselben ihr ein Fremder gewesen: so empfand doch
-auch sie seinen Tod in einem Nachgefühl ihrer eigenen
-Verwittwung.</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_201" title="201"> </a>
-»Mein Herr und Heiland! was ist doch das Leben!«
-sagte nun Fabia beschaulicher Weise, als der
-Affect des Schmerzes besprochen schien, »hier stand
-er noch vor wenig Wochen &ndash; ich sehe ihn leiblich vor
-mir stehen. Ich habe es Dir nicht sagen mögen und
-Keinem; aber der Bruder kam mir übel vor. Es
-giebt einen gewissen Verfall des Aussehens, der doch
-selten trügt; indeß wähnte ich, er wäre nur angegriffen
-von den Strapatzen seiner Reisen, auch habe ich
-ihn früher nicht gekannt. Glaube nur, Bester! das
-Zusammenleben mit Therese hätte nicht mehr gut gethan.
-Sie waren einander entwöhnt, wo nicht gar
-fremd geworden. Und was ist denn die Ehe, wenn
-sie Jahre zuläßt, in denen man vergnügt ohne einander
-seyn kann, und nach dem Lebewohl vom Munde
-des Gatten nun wirklich wohllebt? der Ehe Bund ist so
-enge, daß er alles Fremdartige ausschließt, und wo
-Mann und Weib einander <em class="ge">viel</em> zu erzählen haben:
-da fühlt gewiß Eins für's Andre <em class="ge">wenig</em>.«</p>
-
-<p>»Du gehst zu weit, Fabia&nbsp;&ndash;« entgegnete der Administrator,
-»Tausende von Ehegatten werden durch
-Pflicht und Verhältniß getrennt, und lieben sich dennoch.«</p>
-
-<p>Darauf sprach Frau Fabia: »es mag eine Liebe
-geben, die in der Trennung sogar besser besteht; aber
-es ist nicht die, welche ich meine. &ndash; Was nun Theresen
-<a class="pagenum" id="page_202" title="202"> </a>
-anbetrifft: so dürfte ihr ehelich Gefühl schwerlich
-unter den ersteren Fall zu rechnen seyn. Wer
-weiß, wie sehr wir Ursach hätten, für diese Auflösung
-den Herrn zu preisen! &ndash; Du weißt ja selbst, wie
-verbitternd Scheidungen anderer Art&nbsp;&ndash;« der Faden
-ihrer Rede riß bei dieser geschwisterlichen Beziehung ab,
-und der Administrator schaute düster wie in eine Ferne,
-der Zukunft oder der Vergangenheit.</p>
-
-<p>»Was soll nun aus Theresen werden?« fragte Fabia,
-und wendete die Richtung ihrer Gedanken, »ohne
-Vermögen, ohne einen Halt, der Lust am Fleiß, wie
-jeder Geschicklichkeit ermangelnd, die da Nutzen schafft&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<p>Der Administrator lächelte dieser unnützen Sorge.
-»Ich glaube, gute Fabia,« sagte er mit jener Ironie
-der Duldsamkeit, die nur ganz schwach eine Schwäche
-andeutet, »<em class="ge">wir</em> dürfen deßhalb unbekümmert seyn.
-Das Glück selbst scheint sich ihrer angenommen zu
-haben, und Wen dies sich zu eigen macht, der braucht
-nichts als ein paar Flügel des Leichtsinns, und diese hat
-Therese schon.« Und nun erzählte er seiner Schwägerinn
-halblaut, was er vom Major erfahren. Er
-schloß mit den Worten: »so läßt sich nun absehen,
-wie Alles kommen werde. Wenn es nun ein schöner
-Zug von Dir ist, liebe Fabia, daß Du das Unglück
-achtest, und Dem vorzugsweise freundlich bist, Den &ndash;
-um in Deiner Sprache zu reden &ndash; <em class="ge">der Herr</em>
-<a class="pagenum" id="page_203" title="203"> </a>
-<em class="ge">heim sucht</em>: so laß uns Theresen mindestens nicht
-zürnen, daß sie verdienstlos eine Begünstigte scheint;
-daß noch vor dem Verlust der Ersatz schon Wurzel
-gefaßt, wie ein neuer Kinderzahn schon glänzend dasteht,
-ehe der erste fast schmerzlos gebrochen. &ndash; Auch
-das Glück kommt von Gott, und wir schmähen den
-Geber, wenn wir vom Glücklichen nicht glimpflich
-denken.«</p>
-
-<p>Mit einem bekränkten Lächeln antwortete Fabia:
-»o! ich will ihr alles Gute gönnen und wünschen.
-Der Allwissende sieht ins Innerste, und weiß allein,
-ob wir treu erfunden werden oder nicht. Daß ich
-mich fortan auch der leisesten Verurtheilung enthalte:
-das ist gelobt. Ach mein Bruder! welch ein erfahrungsreicher
-Tag der heutige! seit gestern Abend ist
-mein Herz nicht aus der Presse gekommen. Ich war
-in Bühle &ndash; Du weißt es. Frankensterns sind da,
-und die Gräfinn hatte mir geschrieben. Sie ist unschuldig
-&ndash; und sehr unglücklich. Eine Centnerlast
-ist von meiner Seele gewälzt; aber ich könnte doch
-nicht sagen, daß mir leicht zu Muthe wäre; denn der
-Vorwurf, wie Unrecht ihr geschehen, wenn auch in
-Gedanken nur, drückt mich nieder.« Und nun erzählte
-auch Fabia ihrem Schwager, wie sie die Gräfinn
-und ihren Vater angetroffen, und wie Albane
-sich erklärt, hinsichtlich jenes empörenden Verdachts.
-<a class="pagenum" id="page_204" title="204"> </a>
-Sie endete ihren Bericht mit den Worten: »und so
-hat denn mein Mann um ein Nichtiges sein Leben
-verkürzt, und das meine mir verkümmert!«</p>
-
-<p>»Sieh, Fabia!« sagte der Administrator nach einer
-ernsten Pause, »hätten wir <em class="ge">die göttliche Kraft,
-einem Menschen zu vertrauen</em>: dann wäre
-uns das nagende Gefühl bitterer und fruchtloser Reue
-erspart, und wir hielten uns an etwas Besseres, als
-an Beweise. Unsere Sinne sind falsche Zeugen &ndash;
-nur das Herz spricht wahr, in dem Glauben an das
-ewig Gute.«</p>
-
-<p>Ein Gedenken an Sylvius, an das, was in seinen
-eigensten Angelegenheiten ihm einst das Licht dieser
-Ueberzeugung verdunkelt &ndash; schwebte schattenähnlich
-vor ihm auf. »Und Josephine?« fragte er mit
-verhaltener Stimme.</p>
-
-<p>»Sie grüßt Dich &ndash; grüßt Dich tausendmal!«
-antwortete Fabia. »Sie wird für einige Zeit in
-Bühle bleiben?« fragte der Administrator abermals,
-und ein Gefühl, gemischt aus Wunsch und Zweifel,
-ließ ihn seiner Schwägerinn diese Antwort in den
-Mund legen. Aber Fabia sagte nicht ja, nicht nein.
-Sie legte die Hand an die Stirne, und sprach: »was
-wird nun Romana dazu sagen? Seine Frau ist ihm
-so nahe &ndash; und er hat es keinen Gewinn; die Tochter
-ist ihm entrückt, und er muß es geschehen lassen.
-<a class="pagenum" id="page_205" title="205"> </a>
-Und wenn Albane Josephine nicht mehr von sich ließe:
-wer könnte es hindern? es ist einmal Ihr Kind!«</p>
-
-<p>»Wer es hindern könnte?« entgegnete Herr Prälat
-lebhaft und mit Wärme: »<em class="ge">Du</em>, Fabia! unbeschadet
-des mütterlichen Vorrechts ist Josephine auch
-Dein, durch die treue Mühe der Erziehung. Du hättest,
-dünkt mich, auch ein Wort dagegen zu sagen,
-daß das arme Mädchen in jener unheimlichen Umgebung
-verkommen sollte. Josephine ist an uns gewöhnt
-&ndash; es wäre auch hart für den armen Sylvius,
-wenn er ihre Nähe &ndash; dies einzige Glück, was er
-ohne Vorwurf genießt &ndash; einbüßen sollte.«</p>
-
-<p>»Wirst Du mit ihm sprechen?« fragte Fabia mit
-kranker, krampfhafter Stimme, »mein Kopf glüht
-und hämmert; ich werde nun gehen, und mir einen
-Umschlag von Kräuteressig geben lassen.«</p>
-
-<p>Noch eine kleine Weile hielt ihr Schwager sie zurück
-und berieth, auf welche gleichlautende Weise diese
-unverweigerliche Mittheilung an den Freund beschränkt
-werden könnte und müßte. Dann eröffnete er ihr
-den Entschluß zur Reise, was der nöthigen Gestalten
-wegen auch nicht geeignet war, Fabiens tobenden
-Kopfschmerz zu beschwichtigen. Es giebt jedoch einen
-Zustand des Leibes und der Seele, der die Welt in Trümmer
-brechen sieht, ohne etwas mehr als aus Schwäche
-zu wanken. Mit diesem wankenden Schritte entfernte
-<a class="pagenum" id="page_206" title="206"> </a>
-sich Fabia, und Herr Prälat mogte seinem
-Freunde die Ruhe der kommenden Nacht nicht stören.
-Ihm selbst kam und verging sie schlaflos. Als aber
-der Morgen frühlingshell und heilig erwachte, da
-ging aus dem Chaos seiner Gedanken ein neues Licht
-hervor, und der Gott in seinem Busen ordnete die
-finstern Kräfte.&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>Nachdem der Administrator nun den Brief an
-den Major gelesen, und sich gleichsam mit eigenen
-Augen von dem Geschehenen überzeugt hatte, sah er
-die darin enthaltenen Umstände wie mit andern an.
-Gesammelten Geistes hatte er eine lange Unterredung
-mit Sylvius, und betrieb dann seine Abreise, die in
-der Frühe des nächsten Tages statt haben sollte.</p>
-
-<p>Die Offiziere in Corpore kamen, um dem Administrator
-ihr Beileid bei dem Hintritt seines Bruders
-zu bezeugen; auch die Nonne, die Repräsentantinn
-der schlafen gegangenen Geistlichkeit des Stiftes,
-fehlte nicht, seinem Verweser ein Wort des Antheils
-und der Herzlichkeit über den Entschlafenen zu sagen.
-Sie äußerte sich dabei in der ihr eigenthümlich
-milden Gelassenheit, die auf der Höhe des Alters
-und eines erhobenen Charakters mit Ruhe dem Wechsel
-des Lebens zusieht. &ndash; Veronica sprach: »besinnen
-Sie Sich einmal, Frau Fabia! sagte ich es nicht immer,
-daß die arme Therese noch nicht überhin wäre?
-<a class="pagenum" id="page_207" title="207"> </a>
-solch glücklicher Leichtsinn ist oftmals zu großer Beschwerde
-bestimmt, und wer immer lustig und lässig
-seyn will, muß sich endlich durcharbeiten. Das Leben
-fordert Ernst, und selbst das Glück ist gewichtig und
-trägt sich schwer, wie vielmehr das Unglück! &ndash; Jener
-berühmte Maler aus Modena, derselbe, der die
-heilige Nacht gemalt hat, o wunderschöne! trug sich
-an einem Geldsack todt. Wollte man Therese anspannen,
-fleißig zu seyn, so käme es mir vor, als
-sähe ich einen Schmetterling an einer dräthernen
-Kette sein Futternäpfchen ziehen, wie man Vögel abzurichten
-pflegt. Ich gönnte es ihr, daß sie sich von
-Blumen nährte.«</p>
-
-<p>Ein wenig Wermuth bitterte auf Fabiens Lippen,
-da sie antwortete: »wenn ich die Schwägerinn
-so eitlem Treiben hingegeben sah, so gänzlich unbekümmert
-um das Eine, was Noth ist, dann dachte
-ich wohl an jene Stelle in den Psalmen, die da
-heißt: es wird ein grausamer Engel über Dich
-kommen&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<p>»Das ist denn der Gasthof zum Engel für die
-Aermste gewesen&nbsp;&ndash;« entgegnete die Nonne mit einem
-stillen Seufzer. Die beiden Prophetinnen theilten
-sich flüsternd mit, was sie von der Zukunft der
-jungen Wittwe dächten. Veronicas Schauen war
-ein gläubiges im Geist der Liebe, die allen Menschen
-<a class="pagenum" id="page_208" title="208"> </a>
-Gutes wünscht, und das Beste gönnt. Und weil
-das Versagte uns das Höchste scheint, und die Reinheit
-des Ideals uns für den Nichtbesitz entschädigt:
-so that sich der Himmel vor ihr auf, der Himmel
-auf Erden, als wofür sie eine Ehe hielt, aus gegenseitiger
-Neigung geschlossen.</p>
-
-<p>Der Fernblick der Frau Fabia hatte die Erfahrung
-für sich. Indem sie wußte, daß eine Frau auch Tugend
-und Treue bedürfe, um ihren Mann auf die
-Dauer zu fesseln, setzte sie das Glück in den Selbstgenuß
-eines reinen Bewußtseyns, und Theresen deshalb
-in den Fall mancher trüben Stunde, die sich von
-vergangenen Tagen herleite.</p>
-
-<p>Frau Fabia mag auf ihre Weise Recht haben.
-Aber eben so gewiß ist es, daß jenes schöpferische
-Genie des Glückes, daraus die Poesie des Lebens, ja,
-das Leben selbst hervorgeht &ndash; in etwas Unbewußtem
-besteht, und daß die Erfüllung unserer Pflichten nicht
-hinreicht, uns selig zu machen, hier und dort.&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>Unter den Pensionairen des Klosterhauses von
-Sanct Capella hatte nur Einer keine Notiz von dem
-traurigen Ereigniß genommen: Hauptmann Moorhausen,
-und der Administrator, trotz seiner Zerstreuung,
-ihn doch vermißt, da der gutmüthige Fabulist einer
-wahrhaften Theilnahme an Allem, was diese Familie
-betraf, sonst nie zu ermangeln pflegte.</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_209" title="209"> </a>
-Gegen den Abend &ndash; Sylvius de Romana war
-von einem einsamen Spaziergange in die Wildniß
-des Waldes noch nicht zurück &ndash; Frau Fabia für
-ihren Schwager mit Einpacken beschäftiget, und Herr
-Prälat allein in seinem Zimmer, um einiges Nöthige
-für seine Abwesenheit zu besorgen; da trat der
-Hauptmann bei ihm ein.</p>
-
-<p>Obgleich Jener verdüsterten Blickes von seinem
-Schreibpult aufsah, als ob der Flor um seinem Arm
-ihm vor den Augen läge, so bemerkte er doch, er
-sähe den Hauptmann in der Staatsuniform. Die
-weißen Glaçee-Handschuh, blendend neu, doch mit
-einem gelblichen Schein vom langen Liegen &ndash; glänzten
-leichenförmlich mit gekreuzten Fingern auf dem
-Invalidenstocke, und deuteten trauerfeierlich auf den
-Tact der Condolenz, da von festlicher Eleganz anderer
-Art hier nicht die Rede seyn konnte. Seine Miene
-drückte den Anstand des Bedauerns, und einen Hinterhalt
-von Selbstgefälligkeit und Absicht aus. Er versicherte
-seine Theilnahme, und gemahnte in dem allegorischen
-Schwunge, den er dabei nahm, an die Sprache
-eines altmodischen Neujahrswunsches, der unter seiner
-Vignette, gepreßt mit den Insignien der Zeitlichkeit,
-einen Amor mit flammendem Herzen verbirgt, das
-im Verhältniß seiner Größe zu dem kleinen Gott
-<a class="pagenum" id="page_210" title="210"> </a>
-jenes zwanzigpfündige anschaulich machte, wovon er
-einst erzählt.</p>
-
-<p>Der Administrator dankte in Kürze und lächelnd.
-Er erkundigte sich nach des Hauptmanns Befinden
-und sagte, daß, da er ihn diesen Morgen unter den
-andern Offizieren nicht bei sich gesehen, er beinahe
-gefürchtet, Jener, welcher bisweilen an krampfhaften
-Zufällen litt, hätte sein Zittern wieder bekommen.</p>
-
-<p>Der Veteran erröthete, faßte unter die straffe
-Halsbinde, räusperte sich und sprach: »<i>au contraire</i>,
-Werthester! ich war nie gesünder, und fühle mich wie
-verjüngt. Meine Natur&nbsp;&ndash;« »ist vortrefflich; ich
-weiß es&nbsp;&ndash;« unterbrach ihn der Administrator, der
-sich heute nicht stark genug fühlte, den Kampf mit
-dem Riesen dieser Imagination zu bestehen.</p>
-
-<p>»Von Zittern keine Spur&nbsp;&ndash;« setzte der Hauptmann
-die Ruhmrede seiner Gesundheit fort, »und nur
-aus einem festen Grundsatze kam ich nicht früher.
-Mir widersteht die übliche, oder vielmehr <em class="ge">üble</em> Sitte,
-daß man mit seiner Theilnahme zudringlich werde,
-und <i>en Masse</i> über Einen herfalle, dem ein Trauerfall
-begegnet ist. Leidtragende mögten auf diese
-Weise unterliegen &ndash; und Delicatesse in der Freundschaft
-geht mir über Alles.«</p>
-
-<p>»Sie ist die Grazie des Gefühls&nbsp;&ndash;« entgegnete
-der Administrator wie mit trübem Spott; doch konnte
-<a class="pagenum" id="page_211" title="211"> </a>
-er nicht umhin, in dem, was Moorhausen gesagt,
-zum erstenmale etwas Wahres zu finden.</p>
-
-<p>»Grazie! ja, auf Ehre!« antwortete jener, »das
-ist das rechte Wort.« Und das fletschende Lächeln,
-womit er es aussprach, gab den Inbegriff weiblicher
-Anmuth in die widrige Gewalt eines Fauns. »Diese
-Eigenschaft,« setzte er mit Grimasse hinzu, »ist jedoch
-nicht Jedermanns Sache, und ich glaube, ihr verdanke
-ich es allein, daß mir alle Leute gut sind. Ich muß
-etwas Anziehendes an mir haben &ndash; wo aber steckt
-es? dachte ich oft. Mir selbst unerklärbar. Als ich
-ein Knabe war, schenkte mir eine alte Pathe einen
-Magnet, in Gestalt einer Seejungfer &ndash; wir können
-nicht ableugnen, in manchem Sinnbild wirkt Magie.
-Mein Glück bei dem schönen Geschlecht war enorm &ndash;
-ich könnte Ihnen zum Erstaunen davon erzählen.«</p>
-
-<p>Herr Prälat entsetzte sich vor dieser Möglichkeit und
-sprach hastig in jener flüchtigen Tonweise, die nicht
-zweifeln läßt, man wünsche verschont zu bleiben: »zu
-besserer Zeit, Capitain! ein andermal wird mir das
-viel Vergnügen gewähren.«</p>
-
-<p>Doch nichtsdestoweniger verfolgte dieser Unabweisliche
-den Lauf der Rede wie folgt: »die Weiber &ndash;
-ich sage Ihnen&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<p>»liefen davon?« fiel der Administrator mit verzweifelndem
-Humor ein. Der Hauptmann stutzte betroffen,
-<a class="pagenum" id="page_212" title="212"> </a>
-und jener setzte vergütend hinzu, »ich meine,
-aus Furcht vor dem Sieger.«</p>
-
-<p>»Ah so!« antwortete der Cäsar des Invalidencorps,
-zufriedengestellt, »diese kleinen Feinde wissen
-sich in ihren Waffen zu behaupten. Doch Wer sich
-stark fühlt, der hüte sich nur vor einer Delila, die ihn
-an die Philister verräth. Auch dem niedlichsten Satan
-hätte ich mich nicht bei einem Haare fassen lassen.
-&ndash; So oft ich sogar auf eine Dame im Spiel
-pointirte, Tausend gegen Eins: ich gewann. Aber
-ein Mann von Ehre benimmt sich auch discret, wo
-er gewiß ist, sein Fortüne nicht zu verfehlen.«</p>
-
-<p>Der Administrator warf einen vielsagenden Blick
-auf den kahlen Scheitel dieses Simsons, und rief mit
-einem stillen Seufzer das Glück an, statt seiner ein
-Thor der Erlösung zu erschüttern, daß er frei würde.
-Es verließ sofort seinen Prahler, der den Stuhl heran
-schob, als wolle er dem Zwecke seines Besuchs näher
-kommen &ndash; und entrückte ihm das Ziel.</p>
-
-<p>»Jetzt freilich,« sprach der Hauptmann, »habe ich
-manchen bedenklichen Augenblick, daß ich die Gunst
-der Gelegenheit mir entfliehen ließ. &ndash; Was nützt
-mir all' mein aufgespartes Vermögen? mein schönes
-Geldchen, und mein Gut? ich genieße es allein. Das
-macht grämlich vor der Zeit. Ich bedürfte Jemandes,
-der mich erheiterte.«</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_213" title="213"> </a>
-Der Administrator lächelte ein wenig skoptisch, indem
-er erwiederte: »Wer so Viel in sich trägt, wie
-Sie, dächte ich, kann kaum in den Fall kommen,
-durch Gesellschaft zu gewinnen.«</p>
-
-<p>»Den Teufel auch, mein Freund!« antwortete der
-martialische Moorhausen, durch den leisen Stich, der
-ihm schmeichelnd versetzt worden, empfindlich gereizt.
-»Ein Mann von so ungeheuern Erfahrungen wie ich,
-ist nur um so mehr einsam, und bedarf seines Gegensatzes,
-eines kindlichen Wesens, dem er imponirt, das
-er glücklich macht, und welches ihn ergötzt &ndash; und so
-habe ich denn längst reiflich überlegt und erwogen &ndash;
-Hm! Hm! es wäre das Zuträglichste für mich, ich
-heirathete. Nur schwankte das Schiff meiner Gedanken,
-nach allen Richtungen der Windrose; ich wußte
-nicht recht, wohin mich wenden? bis ich denn endlich
-wie durch einen plötzlichen Ruck fest in meiner Wahl
-geworden bin.«</p>
-
-<p>Der Administrator starrte den Hauptmann an.
-Er dachte an eine Windsbraut, und wie das Schifflein,
-dem darnach gelüstete, vermuthlich auf eine
-Sandbank gerathen wäre. So sprach er nicht ohne
-einen Blick mitleidigen Ernstes auf den kühnen Segler:
-»Heirathen? Sie scherzen, Capitain.«</p>
-
-<p>»Nicht daß ich wüßte&nbsp;&ndash;« antwortete Dieser, und
-zog die Stirn kraus. »Mir ist wahrhaftig in Gott!
-<a class="pagenum" id="page_214" title="214"> </a>
-nicht spaßerlich zu Muthe. Auch wäre das zur Unzeit,
-Freund! weil aber die rechte Zeit treffen, ein
-Punkt ist, den ich stets im Auge gehabt &ndash; weshalb
-man mich auch beim Regiment <em class="ge">den glücklichen
-Zieler</em> zu nennen pflegte: so zog ich mich diesen
-Morgen in mein Zimmer zurück, und wartete bis jetzt.
-Ist das Gemüth einmal afficirt: so wird auch der
-beste Mensch leicht in Harnisch gebracht gegen eines
-Andern Anliegen. Man sagt: Weilen bringt Gefahr;
-aber die Eile thut es nicht minder. So erinnere ich
-mich, daß als meine Mutter im Sterben lag &ndash; es
-dauerte lange, und es ist schrecklich, daß auch Leute
-von Rang so ringen müssen &ndash; kamen Schlösser,
-Schreiner, und so weiter &ndash; um die Arbeit für die
-Leiche, die es noch nicht war, zu erbitten. Darob ergrimmte
-mein Vater dergestalt, daß er einen jener
-armen Handwerker, die um das liebe Leben zu fristen,
-dem Tode vorausgeeilt waren, beinahe gemißhandelt
-hätte. &ndash; An diese Scene mußte ich unwillkürlich
-denken, da ich Anstand nahm, früher als in diesem
-Augenblick mich Ihrer gütigen Fürsprache bei der
-Wittwe Ihres Herrn Bruders zu versichern. Uf! nun
-war's heraus.&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<p>Der Administrator zweifelte jetzt nicht mehr, daß
-Moorhausen den Verstand verloren hätte. Er meisterte
-daher sein sprachloses Staunen, und indem er in diese
-<a class="pagenum" id="page_215" title="215"> </a>
-fixe Idee einzugehen schien, sagte er so vernünftig als
-möglich: »in der That, Sie fühlen fein; es wäre
-wirklich ein Stückchen Arbeit, was Sie in Theresens
-Hand ansprächen.&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<p>Ein Lächeln der Selbstzuversicht verklärte den alten
-Ehestandscandidaten. »Sie meinen,« sprach er, »die
-schöne Frau würde mir den Kopf warm machen? thut
-nichts. Die kleine Hexe hat mir's angethan &ndash; werde
-schon mit ihr fertig werden. Eine Gardinenpredigt
-hält Die nicht, dafür stehe ich Ihnen. Und diese fatale
-Theologie macht nur verstockte Sünder und
-Langeweile. Wir liefern kleine Gefechte, allerliebste
-Scharmützel. Sie giebt mir Eins drauf &ndash; ich aber
-liebe das.« »Capitain Moorhausen,« versetzte Herr
-Prälat, dessen Stimmung nicht darnach war, diesen
-Unsinn länger auszuhalten, »Sie sind ein eben so
-einsichtsvoller als expediter Mann. Wie zeitig Sie
-auch in dieser Angelegenheit kommen, ich habe dennoch
-Grund zu glauben, es geschähe in jedem Sinne
-<em class="ge">zu spät</em>. Sollte meine Schwägerinn sich wieder verehelichen:
-so steht ihr der Mann, den sie wählt, zweifelsohne
-schon zur Seite.&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<p>Dem Hauptmann entfiel der Stock, sein Gesicht
-verlängerte sich zusehends. Der Administrator bückte
-sich nach dem Bambus, und legte ihn in die Hände,
-an denen jenes erwähnte Zittern sichtlich zu werden
-<a class="pagenum" id="page_216" title="216"> </a>
-anfing. Und mit unverkennbarer Redlichkeit redete er
-sofort: »sehen Sie diese zutrauliche Erklärung meiner
-Seits nicht für einen Korb an; auch reiche ich Ihnen
-hiermit nicht den Stab zum Weitergehen in dieser
-Absicht. Nein! nur einen Stützpunkt auf dem einsamen
-Gange, der unter manchen Umständen, und in
-gewissen Jahren auch sein Gutes hat. Zuweilen borgt
-der Geist der Lüge die göttliche Stimme, welche einst
-sprach: es ist nicht gut, daß der Mensch allein sey.«</p>
-
-<p>Der Hauptmann verstummte. Er bat nur noch,
-daß sein Vertrauter auch schweigen möge. Die Glaçeehandschuh
-platzten bei dem Händedrucke des Abschieds,
-den er bald darauf nahm. Der Krampf zog ihm die
-Brust zusammen, das Herz schlug Chamade. Er ließ
-die Flügel tief hängen &ndash; und selbst der kleinste
-Querpfeifer bei seinem ehemaligen Regiment würde
-diesen Preiswürdigen jetzt nicht »den glücklichen Zieler«
-genannt haben.</p>
-
-<p>Josephine war nur ein paar Wochen in Bühle.
-Obgleich &ndash; nach der Zeitrechnung des Geistes &ndash; fast
-kein Augenblick verging, in welchem ihre Gedanken
-nicht hinüber schwebten nach St. Capella und weiter
-noch, da sie ihren Schutzfreund auf Reisen wußte&nbsp;&ndash;:
-so machte doch ihr jetziger Aufenthalt sein Recht auf
-dies empfängliche Gemüth geltend. Die traumhafte
-Stille des Schlosses, der melancholische Reiz seiner
-<a class="pagenum" id="page_217" title="217"> </a>
-Umgebungen, die einsiedlerische Schwermuth der Gräfinn,
-die selbst der Umgang ihres liebenswürdigen
-Kindes nicht zerstreuen konnte &ndash; die unheimliche
-Welt ihres Vaters, welche schweigsam die magischen
-Kreise zog, wirkte, vereint mit der Stimme der Natur,
-auf das junge Mädchen, dessen Herz jedem tiefen
-Eindruck offen war. Der Frühling hatte sich indeß
-entfaltet, und prangte in völlig aufgeschlossener Schönheit.
-Auch in die dumpfen Zimmer und Säle des
-herrschaftlichen Hauses von Bühle drang sein milder
-Hauch, und die warmen Sonnenschatten von den aufknospenden
-Blättern der Linde spielten an den kalten
-Wänden, und mischten ihren lebendigen Schein
-mit dem todten Ernst der Ahnenbilder. Der Brunnenstrahl
-blitzte vielfarbig, wie ein Ueberfluß von Diamanten,
-und sein eintöniges Rauschen weckte eine
-Quelle der Ahnung in dem Herzen seiner düstern Anwohner,
-und floß mit dem Strom von Lust, Leid
-und Leben zusammen, der die verjüngte Schöpfung
-schwellte. An einem der schönsten Abende hob Graf
-Frankenstern den Blick vom Boden auf, über den die
-Sonne lange goldene Brücken schlug, so daß die
-Möglichkeit ihm einleuchtete, sie zu passiren. &ndash; Er
-hatte den lieben langen Tag mit so tief gesenktem
-Auge vor sich hin gesehen, als wolle er das Räthsel
-des Daseyns ergründen; doch als jetzt das himmlische
-<a class="pagenum" id="page_218" title="218"> </a>
-Licht über diesen Abgrund schien, verlangte er, Josephine
-solle ihn in den Garten führen. Dies war unerhört.
-Seit Jahren hatte der Graf keinen Spaziergang
-gemacht, und nur den Sitz im Sessel mit dem
-Polster der Kutsche vertauscht. Freudig gehorchte das
-Mädchen, und reichte schnell, ehe der Vorsatz ihn gereue,
-Hut und Stock dar, und schlang ein kleines
-Tuch von Persischer Seide zur Fürsorge um seinen
-Hals. Die Gräfinn wollte nachkommen.</p>
-
-<p>Vorsichtig leitete Josephine den schwachen Greis die
-Treppe hinab, und unterstützte ihn zart, doch jugendkräftig.
-Seine gleitenden Schritte, das fühlbare Wanken
-des verfallnen Körpers bewegten ihr das Herz
-im Busen, und ihr elastischer Fuß ging so langsam
-als möglich. Der Bediente öffnete das eiserne Gitterthor
-und geleitete seinen Herrn mit theilnehmenden
-Blicken von ferne. Sie traten in den grünen Bezirk.
-Alles stand hier noch unverändert; nur die jungen
-Bäume waren groß und stark geworden, seit der
-Graf sie zum letzten Male gesehen, einige hingen voll
-Blüthen, und schimmerten mit weißröthlichen Büscheln
-lieblich zwischen dem finstern Gehölz.</p>
-
-<p>Josephine athmete tief &ndash; und ein leiser Seufzer,
-ein Odem von langem Weh, schwebte auf den stummen
-Lippen des Grafen, und vermischte sich mit der
-Wonne der süßen, ambrosischen Luft. Beinahe taumelnd
-<a class="pagenum" id="page_219" title="219"> </a>
-vor Schwäche, strebte der Graf doch weiter und
-weiter, obgleich Josephine ihn bescheiden aufmerksam
-machte, es mögte ihm für's Erste wohl zu viel werden.
-So waren sie an einen Platz gekommen, der
-eine schöne Aussicht bot. &ndash; Unter einer breitästigen
-Esche winkte ein weißer Gartenstuhl, so hart und
-kunstlos, als hätte ihn ein Eremit geflochten &ndash; zur
-Ruhe. Der Graf ließ sich mit Hülfe seiner Führerinn
-darin nieder, und Josephine setzte sich schmeichelnd zu
-seinen Füßen. Es war eine kleine Anhöhe. Der
-Wind kräuselte sanft das grüne Meer der Saat, ein
-lindes Säuseln, wie von Geisterflügeln, regte sich in
-den Wipfeln des Baumes. Eine ahnungsvolle Stille
-rings umher! &ndash; Der Graf senkte das Gesicht, um
-sein Auge an dem frischen Anblick zu stärken. Er
-sah die Ernte im Geist &ndash; und die dünnen Halme
-seines Haupthaars weheten silberweiß auf und nieder,
-als wäre das Feld nun reif und der Schnitter in
-der Nähe.</p>
-
-<p>»Die Welt ist doch schön!« sagte er nach einer beschaulichen
-Pause, »wenn das Leben so hervorgeht,
-und Alles wach wird: <em class="ge">wach</em>!« Und mit fallender
-Stimme setzte er scheu und furchtsam hinzu: »gehst
-Du gern schlafen, mein Kind?«&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>Josephine fuhr aus träumerischem Sinnen empor.
-Sie antwortete: »ich? wenn ich müde bin, sehr gern.
-<a class="pagenum" id="page_220" title="220"> </a>
-Der Schlaf, die Ruhe der Wesen, ist etwas recht
-Holdes. In sanfter Betäubung stärkt sein Labsal.
-Wer mögte ihn nicht lieben, diesen Wohlthäter? &ndash;
-Auch beunruhigt mich nie ein böser Traum &ndash; höchstens
-träume ich seltsam. In der verwichenen Nacht
-wärmte ich einen Schneekönig an meiner Brust &ndash;
-der war erstarrt; plötzlich flatterte er auf, und verschwand
-in den Wolken &ndash; und traurig sah ich ihm nach.«</p>
-
-<p>»Schneekönig?« erwiederte der Graf, »das ist ein
-kleiner Vogel, nicht wahr?« Und wie aus einem Geklüft
-seines Gedächtnisses tönte ein Echo jener Stelle:
-»der Mensch wird geboren zu leiden, wie die Vögel
-schweben, emporzufliegen.« &ndash; In vergleichendem Sinne
-sagte er: »die Vögel des Waldes sind glücklicher daran
-als wir; sie steigen aufwärts mit fröhlichem Gesange
-&ndash; die Tiefe nur ist still und schrecklich. Wer
-aber schläft, ist allein, ist in Gefahr, und schließt sich
-sein Auge, dann&nbsp;&ndash;« Josephine sah mit offenem
-blauen Auge zu dem Greise auf, der unter einem
-Schauer verstummte, ehe er noch ausgeredet hatte.
-Sie sprach mit leidsamem Widerspruch: »das will mir
-nicht so vorkommen, lieber Herr Graf. Die Menschen
-sind einsam, und daß sie es <em class="ge">wissen</em>, ist ihr größter
-Schmerz. Wer aber schläft &ndash; und wäre es auch im
-Grabe &ndash; genießt unbewußt Frieden, und Gott schützt
-den Schlummer des Gerechten!&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_221" title="221"> </a>
-Graf Frankenstern schien sichtlich erschüttert durch
-diese Rede des Mädchens. Mit zitternder Lippe wagte
-er etwas auszusprechen, was ein halbes Säculum
-nicht laut in ihm geworden war: das Bannwort seines
-Dämons. Er sah Josephine dunkeln Blickes an,
-und sagte: »so fürchtest Du Dich nicht vor dem &ndash;
-Tode &ndash; mein Kind?«</p>
-
-<p>Ein unsterbliches Lächeln verklärte mit der Abendsonne
-zugleich Josephinens reine Züge. »Nein! gewiß
-nicht!« versicherte sie mit Innigkeit. »Ich halte dafür,
-der Tod sey ein verkannter Engel; kein Bote der
-Schrecken. Er kommt ja auch nur auf Gottes Geheiß:
-wie sollte er einer kindlichen Seele nicht willkommen
-seyn &ndash; früh oder spät! &ndash; Das kleinste
-Blümchen zerstiebt, und wenn seine Zeit da ist, erblühet
-es auf's neue; die Sonne geht unter und schöner
-wieder auf, und das Herz, welches selbst im
-Traume den kleinen Schneekönig erwärmt, sollte erstarren
-&ndash; und nicht für den Himmel schlagen? &ndash;
-Könnte ich glücklich machen, Alle, die ich liebe, ich
-gäbe gern die kleine Blume meines Lebens hin.« Ein
-paar Thränen rollten, als Josephine dies sprach, von
-ihren Wangen, und der Thau auf einer jungen Rose
-glänzt nicht schöner.</p>
-
-<p>Dies war der wunderbare Moment, der eine gequälte
-Seele erlösete. Der Graf athmete auf mit
-<a class="pagenum" id="page_222" title="222"> </a>
-leisem Stöhnen, wie Einer der erwacht, und sprach:
-»ich sehe ein, daß Du recht hast, mein Kind, und wie
-bleiern meine Augen geschlossen gewesen. Mir ist, als
-ob ein Gespenst verschwände &ndash; als ob es Morgen
-würde. Mir ist recht klar. Nun will ich erst noch
-einmal zu leben anfangen. Sieh! was dort so golden
-funkelt, ist das nicht Sanct Capella? vorhin erkannte
-ich es deutlich. Wir wollen nun nächstens
-einmal hinüber fahren.« Josephine lächelte wehmüthig,
-und das Herz war ihr unsäglich schwer. »Und glaubst
-Du wohl,« fragte der Greis abermals nach einer
-stillen Weile, »daß ich die Abendglocke höre?« Dem
-Mädchen kam ein Grauen an: es war fast unmöglich
-in dieser Entfernung. »Ich bin doch müde von dem
-kurzen Gange,« sagte er mit matter Stimme, »laß
-mich ein wenig an Dich lehnen &ndash; oder ist Deine
-Brust auch krank?&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<p>Josephine umschlang mit weichem Arm seine Schulter,
-und drückte das sinkende Haupt sanft an sich.
-Sie schwieg bange, und schaute geängstet aus, wo
-die Gräfinn nur bleiben möge? Da kam Albane.
-Das leichte Rauschen ihrer Schritte, den Gang, der
-ihm so treu durch die Wüste des Daseyns gefolgt,
-vernahm ihr Vater noch einmal. »Mir däucht, ich
-sähe meine Frau&nbsp;&ndash;« stammelte er kaum verständlich,
-»warum sprichst Du so leise?&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;« Und jetzt sprach
-<a class="pagenum" id="page_223" title="223"> </a>
-der Graf nicht mehr, und athmete schwächer und
-schwächer. Die Gräfinn knieete in's Gras und faltete
-die Hände; ihr Gebet war ein unaussprechlicher
-Seufzer. Josephine glühte wie eine Fackel. Angst
-und Abendschein gaben ihr die flammendes Gestalt
-eines Cherubs. Sie glich dem Genius des Todes,
-wenn er sich des müden Menschen erbarmt: dem
-Sinnbild ihrer eigenen Vorstellung. Mit bebender
-Hand streichelte sie den kühlen Scheitel, den der Gedanke
-verließ, und dessen Sinne schon geschlossen waren.
-Sie legte den Finger prüfend an den Puls der
-Schläfe, und fand ihn stockend &ndash; nun stand er stille.</p>
-
-<p>»Er ist gestorben&nbsp;&ndash;« sagte Josephine mit der allerleisesten
-Stimme, als könnte ein Laut ihn wecken.</p>
-
-<p>Albane schwieg noch immer und weinte nur heftig.
-So blieb die Gruppe lange in heiligem Verstummen.</p>
-
-<p>Jetzt schlief Josephinen der Arm ein; denn der
-Todte ward starr und schwer. Sie lehnte ihn zurück
-in den Sessel, und die Seinen schauten nun in sein
-erblaßtes Angesicht.</p>
-
-<p>»O mein Vater!« sagte die Gräfinn mit heißen
-Thränen, »kann man leichter und schöner sterben, als
-Du? Dein ganzes Leben war nur eine Flucht vor
-Dir selbst, eine Furcht vor dem Tode, und freundlich
-erschien er Dir, und ereilte Dich zu lieblicher Stunde.«
-In zerrinnenden Bildern sah Albane sein hartes Geschick
-<a class="pagenum" id="page_224" title="224"> </a>
-und was sie mit ihm ertragen. Und so ergoß
-ihr gepreßtes Herz sich in den bekannten Strophen:
-»schlummre wohl indeß, du träge Bürde seines Erdengangs!
-ihren Mantel deckt auf Dich die Nacht, und
-ihre Lampen brennen über Dir im heil'gen Zelte. &ndash; «</p>
-
-<p>Es schien der Gräfinn bedeutsam, daß ihr Vater
-unter einer Esche verschieden wäre, welchem Holze
-dieses Baumes man eine wundstillende und schmerzheilende
-Kraft zuschreibt.&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>Die Sterne brannten schon am Himmel, und ihr
-feierliches Licht fand jene Gruppe noch unverändert.
-Jetzt fing die Abendluft an kühl zu werden; die Gräfinn
-erschauerte in jenem Frösteln, welches man nur
-in der Nähe des Todes empfindet, und auch Josephinens
-blühende Wange war sehr blaß. &ndash; Auf einen
-Wink der Ersteren ward der weiße Gartensessel mit
-seinem stillen Inhaber sacht und sanft aufgehoben,
-und nach dem Schlosse getragen. Hier ließ man die
-Vorhänge tief herab, und die entseelte Hülle auf ein
-Lager nieder. Viele Kerzen wurden angezündet, auf
-daß es hell würde um den allerdunkelsten Schlaf.
-Albane und ihre Tochter setzten sich zu beiden Seiten
-des Verstorbenen, und blieben die Nacht hindurch bei
-ihm, weil sie fürchteten, er könne im Starrkrampf
-liegen. Hätte der Graf dies vorausgesehen: der traute
-Anblick dieser ersten Nachtwache würde ihn sein Lebelang
-<a class="pagenum" id="page_225" title="225"> </a>
-beruhiget haben. An der Kerze, welche ihren
-geheimnißvollen Schein auf seine schweigsamen Züge
-warf, blühete ein glimmender Brief &ndash; dies Auge
-aber war geschlossen, und las keinen mehr. Es hatte
-sich für jenen Freibrief geöffnet, der nicht mit Dinte
-geschrieben ist, oder Funken, oder in den rinnenden
-Sand der Zeit, sondern mit dem Geiste des lebendigen
-Gottes.</p>
-
-<p>Draußen erwachte der Gesang der Lerche, und vor
-der goldnen Leuchte des Tages erbleichte das nächtliche
-Licht. Ein purpurner Schimmer breitete sich
-mählig über den Leichnam aus &ndash; da verließ ihn die
-Gräfinn unter den Flügeln der Morgenröthe, und begab
-sich zur Ruhe, deren ihre erschöpften Kräfte bedurften.
-Auch Josephine wankte von hinnen, zu versuchen,
-ob sie ein wenig schlummern könne? doch ihre
-Pulse klopften wie im Fieber, und das Herz schlug
-hoch und ängstlich unter dem weichen Sterbepfühl
-ihres Großvaters.</p>
-
-<p>Wie Albane es sich im Stillen gelobt: so geschah
-es. Die Section des Grafen ward, nachdem der
-Arzt die Auflösung desselben dargethan, ohne Geräusch
-vollbracht, und dann &ndash; da kein eigentliches Familienbegräbniß
-in Bühle vorhanden war, sein sterblich
-Theil in Sanct Capella beigesetzt. Das Herz ihres
-Vaters aber blieb, in einer Urne verwahrt, ihr Eigenthum.
-<a class="pagenum" id="page_226" title="226"> </a>
-&ndash; Um jedes Aufsehen zu vermeiden, ging die
-Bestattung zu später Zeit vor sich, und nur das Heer
-der Sterne gab dem düstern Leichenzuge Glanz und
-Geleit. Still, wie der Thau der Nächte sinkt, fielen
-Albanens Thränen, und Josephine dachte mit Wehmuth
-daran, wie der Graf wenige Augenblicke vor
-seinem Abscheiden von der Fahrt nach dem Stifte gesprochen.&nbsp;&ndash;</p>
-
-<hr />
-
-<p>Nachdem der Administrator seiner brüderlichen
-Pflicht vollkommen und nach bester Einsicht genügt,
-kehrte er, zufrieden mit dem Abschluß dessen, was ihn
-hierher gefordert, nach seiner Heimath zurück. Auf
-der langen Reise hatte er Muße, über dies Fragment
-seines Lebens nachzudenken, und auch die tiefsinnige
-Neigung dazu. Seine Brüder waren nun beide todt.
-Die Beschäftigung mit den Papieren des Jüngstverstorbenen
-hatte ihn dem Constanz inniger verschwistert,
-als das Vermächtniß der mütterlichen Natur ihn
-jemals fühlen lassen, daß sie ihnen Einen Vater gegeben.
-Er nahm ein besonderes Gefühl von Einsamkeit
-mit hinweg &ndash; er stand nun allein. Wunderbar
-genug war Therese, welche länger als zwei Jahre in
-häuslicher Verbindung mit ihm gelebt, ihm fast entfremdet
-worden, im Gegensatz zu der Erfahrung, nach
-<a class="pagenum" id="page_227" title="227"> </a>
-welcher eine Auflösung durch den Tod Familienbande
-selten erschlafft, sondern sie vielmehr enger zieht. Auch
-hätte die Weite den Verknüpfungspunkten ihrer gegenseitigen
-Anhänglichkeit wohl am wenigsten geschadet.
-Ein anderer Schutzfreund nahm sich ihrer innigst an,
-und solch ein Edelstein für weibliche Fassung ist immer
-ein Solitair. Diese Regel ist ohne Plural.&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>Es lag nicht in Theresens Wesen, Schmerz zu
-heucheln, mit Thränen Prunk zu treiben, oder sich in
-der Rolle einer Artemisia zu gefallen. Mit bewundernswürdiger
-Gewandtheit veränderte sie den Faltenwurf
-des Trauerflors, und verhüllte nur ganz leicht
-die Brust, voll von dem Wunsche, das Leben möglichst
-zu genießen, und kaum die Blöße der flatterhaften
-Schultern, welche keinen Kummer tragen könnten.
-So hatte die schöne leichtsinnige Frau es ihrem
-Schwager keinen Hehl, daß sie, sobald der Anstand
-es nur irgend erlaube, den Lieutenant Feldmeister
-heirathen werde, und sich von diesem Bündniß des
-Glückes Fülle verspreche. Mit jenem entziffernden
-Instinkt der Schlauheit, welche unser Geschlecht in
-den geheimsten Zügen eines Männerherzens lesen läßt,
-verschwieg sie ihm die Leidenschaft, welche diese Bürgschaft
-leistete, und sprach nur von den soliden Eigenschaften
-des künftigen Gatten, von seinem Erbvermögen,
-was sie über jeden Mangel hinwegsetze und
-<a class="pagenum" id="page_228" title="228"> </a>
-sicher stelle; als ob sie darin die Gewähr fände, welche
-zunächst auf dem Grade ihrer eigenen Zuverlässigkeit
-beruhete.</p>
-
-<p>»So dürfen wir auch hoffen,« setzte Therese wie
-zum Facit der aufgezählten Summe ihrer Hoffnungen
-hinzu, »daß die gute Baronin uns ihr schönes Gut
-vermache. Sie hat schon ein Wörtchen davon gemunkelt.
-Dann lebe ich den Sommer über hier, glückselig
-wie eine kleine Fee in meinem Blumenreiche.
-Den Winter aber bringe ich in der Stadt zu. Eine
-Offiziersfrau steht immer ein wenig auf freierem Fuß,
-auf halbem Sold ihres Standes gleichsam, und ist
-von den Philistern entlassen. &ndash; Sieh! so geht bei uns
-das Sprüchwort in Erfüllung, wo Tauben sind, fliegen
-Tauben zu.«</p>
-
-<p>Der Administrator hing schweigend an diesem geschwätzigen
-Munde, dem er so oft ein willigeres Ohr
-geliehen &ndash; und sprach jetzt wie von einem plötzlichen
-Ingrimm überrascht: »nun so spanne Deine
-Tauben vor den Wagen der Liebe, und sorge, daß
-ihrer keine der Geier hole.«</p>
-
-<p>Therese sah ihren Schwager betroffen an. »Bist
-Du mir böse, Cölestin?« fragte sie, scheu geworden,
-»und dem Rudolph bist Du wohl auch nicht gut?«</p>
-
-<p>Herr Prälat verneinte mit Hitze jede Animosität
-gegen den Nachfolger seines Bruders, und sagte dann:
-<a class="pagenum" id="page_229" title="229"> </a>
-»wie sollte ich Dir zürnen, Therese? Du bist ein
-Weib!&nbsp;&ndash;« Er lächelte bitter. Es lag viel herbe
-Wirklichkeit in diesem Lächeln, der Zauber jener kleinen
-einschmeichelnden Gaukeleien, die das Urtheil eines
-Mannes so leicht verblenden, war verschwunden.
-&ndash; Er nahm einen kühlen Abschied von der künftigen
-Frau von Feldmeister; Theresen aber schossen ein paar
-warme Thränen in die Augen.</p>
-
-<p>Die Baroninn Lenau empfand, vermöge der Sympathie
-ihres Geschlechts, den Kaltsinn, der ihre Schutzbefohlne
-betrübte, und sagte, als diese weinte: »das
-ist nun nicht anders, meine Goldtochter! wenn das
-Kind todt ist, hat die Gevatterschaft ein Ende.« Theresen
-aber fiel der Taufstein auf das Herz.&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>Der Administrator hing, wie wir bereits erwähnt,
-seinen stillen Betrachtungen nach. Wie anders erschien
-ihm Therese als sonst! Nicht der Bruder ihres
-Mannes war in ihm gekränkt, sondern der Mann im
-Allgemeinen. Er bedauerte es nun nicht mehr, daß
-ein mitleidiger Tod den armen Constanz einer schlimmeren
-Verkältung entrissen. Er dachte an die Worte
-des Majors. Dabei konnte er nicht umhin, mit inniger
-Achtung Fabiens zu gedenken. Er gestand sich, daß der
-pflichtgetreue Sinn einer Frau wohl die Gabe aufwöge,
-den Augen eines Mannes zu gefallen, und Theresens
-Liebreiz sank gegen den charakteristischen Gehalt ihrer
-<a class="pagenum" id="page_230" title="230"> </a>
-Schwägerinn tief in der Wagschale. &ndash; Doch man
-vergesse nicht, daß Therese <em class="ge">abwesend</em> war.&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>Wenn nun Fabiens Gatte die Augen auf immer
-vor einem Phantom geschlossen, und Theresens Gemahl
-einem Schatten nachgejagt, der ihn vor der Zeit
-ins Grab stürzte: so mußte die philosophische Selbstfrage
-in dem letzten der drei Brüder entstehen: von
-welchem Geist und Wesen <em class="ge">sein</em> Streben sey? Er stieg
-bis in die Gründe seines Herzens hinab, und was er
-da gefunden, wollen wir einstweilen auf sich beruhen
-lassen. &ndash; Dort lag seine Jugendliebe unter tiefem
-Schutt in sich selbst zerfallen; aber der Glaube an
-diese göttliche Kraft stand noch fest, und die Freundschaft
-unterstützte ihn, wenn gleich als Kummersäule.
-Die Nachricht von der Ankunft der Gräfinn hatte
-seinen Freund Sylvius außer sich gesetzt, und der
-Administrator ihn in dieser äußersten Aufregung verlassen
-müssen. Jetzt dachte er bekümmert darüber
-nach, was aus diesem ganz einzigen Verhältniß nun
-werden solle? &ndash; In den zartesten Beziehungen hing
-ein Theil seines eigenen Glückes davon ab &ndash; und
-nicht der kleinste.</p>
-
-<p>Mit aufgehobenem Gleichgewicht seiner Empfindungen
-kam er in Sanct Capella an, und das Erste
-was er vernahm, war: daß Graf Frankenstern unterdessen
-ein stiller Bewohner des Stifts geworden sey.
-<a class="pagenum" id="page_231" title="231"> </a>
-Der Verweser desselben erschrak über diesen Verwesenden;
-denn daß Gräfinn Albane nun wegziehen
-und ihre Tochter mit sich nehmen würde, war die
-natürlichste Ideenfolge; aber sie führte ihn traurig
-ein. Er trat in das Kloster wie in eine Einöde.
-Seine Wohnung däuchte ihm unsäglich weit, und so
-war es ihm im Stillen lieb, daß er am Abend seiner
-Heimkehr mit Fabia nicht ganz allein wäre. Der
-Major und Schwester Veronica kamen, den Wirth
-des Hauses willkommen zu heißen. Der Administrator
-stattete Bericht ab, jedoch in Kürze, und hier und
-da sogar abgerissen. Fragen der Frauen, querfeldeingeschoben,
-konnten den Zusammenhang nicht durchaus
-ergänzen, wie sehr es auch der apostolischen Fabia
-zuwider war, daß ihr Wissen, wie das unser Aller,
-nur Stückwerk seyn solle, und wie auch Veronica,
-die fromme Tochter der Kirche, ihre Abstammung
-nicht verleugnete, und sich diesmal als Evens Tochter
-bewies. Wir sprechen die gute Nonne selig, aber von
-der Erbsünde einer kleinen Neugier gar nicht frei.&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>Herr Prälat lief flüchtig über die Vorgänge der
-Krankheit und über den Hügel hin, darunter sein
-Bruder schlief, und hielt sich nur etwas länger bei
-dem Glück des jungen Feldmeisters und dem Gute der
-Baroninn auf, was auch zu diesem gehörte. Von
-Theresen sprach er vermeidlicher Weise so wenig als
-<a class="pagenum" id="page_232" title="232"> </a>
-möglich. Man nahm das Geschick dieser Beiden als
-ein entschieden gepaartes an, und stellte unter mancherlei
-Bemerkungen dieser Ehe das Prognosticon.</p>
-
-<p>Der Major hob an: »der Rudolph hat Glück,
-und ich gönne es ihm von Herzen, denn er verdient
-es auch. Er ist ein tüchtiger Mensch, ein ehrenwerther
-Soldat &ndash; doch mag er sich in Acht nehmen,
-daß er nicht zu einem verrufenen Regiment komme.
-Der Pantoffel ist sein Schicksalszeichen &ndash; und die
-verfängliche Devise nicht immer von Kraftmehl. Die
-Schleifen auf dem Schuh seiner alten Fee waren, wie
-mir die Obristinn erzählte, von gesponnenem Glase.
-Eine gefährliche Masse, das! man macht auch kleine
-Sprühteufelchen davon. Und dabei fällt mir eine
-merkwürdige Geschichte ein. Als ich ein Knabe war,
-ließ ich einst zur Fastnacht einen Reserve-Pfannkuchen
-in die Tasche schlüpfen, worin solch ein gehörntes
-Ding stack. Alsbald fuhr der Grünliche durch die geschmorte
-Rinde in die schwarze Hölle der gegossenen
-Pflaumen hinein, und that wie zu Hause. Ich aber
-aß den leidigen Satanas wie zur gesegneten Mahlzeit,
-und würde es bis jetzt noch nicht wissen, wenn
-mir nicht ein Splitter von diesem heillosen Füllsel die
-Zunge geritzt hätte.«</p>
-
-<p>»Gott behüte und bewahre!« rief die Nonne mit
-frommen Schaudern vor solch leiblicher und geistlicher
-<a class="pagenum" id="page_233" title="233"> </a>
-Gefahr, und die Geberde des Entsetzens wurde in der
-Mechanik ihrer Finger zu einem Kreuz, »wie war es
-möglich, daß Sie ohne Schaden davon kamen?« Der
-Major lachte und sprach: »Was verdaut man nicht
-Alles, wenn man jung und gesund ist! &ndash; Mein Vater
-tobte, daß ich den Teufel im Leibe hätte; und die
-Mama kochte ohne Unterlaß Milchbrei, den sie mit
-mütterlichen Thränen salzte. &ndash; Aber um wieder auf
-das Vorige zu kommen: so will ich von Grund der
-Seele wünschen, daß die beiden Leutchen sich vertragen,
-und einander das Leben nicht versalzen mögen.«</p>
-
-<p>Fabia lächelte ganz leise. Sie sprach: »Therese
-lässet ihre Lindigkeit kund werden Jedermann &ndash; und
-das Küchenwesen war nie ihre Sache.« Der Administrator
-bemerkte still, wie seine schriftkundige
-Schwägerinn sich glimpflich auszudrücken wüßte, indem
-sie doch verständlich genug andeutete, daß Coquetterie
-und Mangel an Häuslichkeit, diese Fehler,
-welche sie so oft zum Aerger gereizt hatten, der ehelichen
-Glückseligkeit, von der die Rede war, schädlich
-werden könnten. Und wie in unbewußter Gewohnheit,
-sich Theresens anzunehmen, nahm er das Wort
-und sprach: »der Geist einer guten Ehe kann dessenungeachtet
-bestehen. Wie manche treffliche Speisemeisterinn
-kocht Gift, vergällt ihrem Manne jede
-Freude, und brät ihn am langsamen Feuer!&nbsp;&ndash;«
-<a class="pagenum" id="page_234" title="234"> </a>
-»Ach!« entgegnete Veronica, schauernd bei dieser Vorstellung,
-mit einem kühlenden Seufzer, »Das kann
-ich mir schrecklich denken. Zwar in der Welt, sagt
-man &ndash; soll es da oder dort so seyn. Die Frauen,
-hörte ich, trachten nach eitlen Dingen, sind fremd daheim
-und wissen nicht Bescheid, weder im eigenen
-Hause noch in der Herzenskammer des Mannes. Sogar
-die Kindlein &ndash; wenn es nicht etwa böser Leumund
-redet &ndash; sind ihren Müttern häufig eine Nebensache,
-und öfterer lästig als lieb.&ndash; Ich bin nur eine
-Jungfrau &ndash; aber daß mein Geschlecht dahin entartet
-wäre, scheint mir kaum möglich. So darf man sich
-jedoch nicht wundern, wenn heut zu Tage so viele
-Männer die schönste Gelegenheit links liegen lassen,
-das göttliche Gestift des Ehestands aufheben und leider
-Gottes! ledig bleiben. Wenn unsere Frauen fleißiger
-den Himmel bauten: so würde sich seltner ein
-Stein des Anstoßes für das Heirathen finden.«</p>
-
-<p>Der Major ergriff die heilige Hand der Nonne,
-und drückte sie etwas derb, wenn auch mit Verehrung,
-indem er sprach: »Hoch hinaus wollen sie wohl; aber
-es wird ein Thurm zu Babel daraus, eine Sprachverwirrung
-ohne Gleichen. Wo eine Frau den Mann
-verstände: da wäre die Loosung: Ein Gott! Ein
-Herz! Eine Seele! Ein Glück und Ein Grab! &ndash;
-Dem Himmel sey's geklagt! es lautet anders &ndash; und
-<a class="pagenum" id="page_235" title="235"> </a>
-tiefer besehen, denken sie nur an die Grube. &ndash; <em class="ge">Sie</em>,
-Schwester Veronica, wollte ich heute noch ehelichen.
-Sie würden jeden Mann nicht allein glücklich gemacht
-haben, sondern auch <em class="ge">gut</em>.«</p>
-
-<p>Bei dieser Erklärung in Kürze erröthete Veronica
-durch die blasse Tünche des Alters so jungfräulich
-schön, als hätte dies rauhe Betasten ihrer zartesten
-Gefühle auf der feinen Zeichnung des Gesichts
-eine Spätrose abgerieben. Herr Prälat kam ihrer bescheidenen
-Antwort zuvor und sprach: »an den Motiven
-zur Ehe mag es zumeist liegen, daß so wenige
-Segen tragen. Auf welches Fundament werden sie
-gegründet? &ndash; Ich erinnere mich, daß meine Tante
-vermittelst einer Karte, der einzigen französischen
-Leichtfertigkeit, die das plattdeutsche Pfarrhaus aufzuweisen
-hatte, die innersten Herzensgedanken jedes
-Bräutigams in der Gemeine heraus brachte, indem
-sie dabei ein Sprüchelchen im Munde führte, wovon
-ich nur den Anfang noch weiß: der Eine thuts um
-der Ducaten, der Andre um ein schön Gesicht &ndash; wobei
-der Onkel, wenn er guter Laune war, die Reihenfolge
-unterbrach, und mit poetischer Freiheit darauf
-reimte: <em class="ge">gerathen</em> &ndash; <em class="ge">nicht!</em> &ndash; Zwölf Aussprüche enthielt
-dies psychologische Orakel. <em class="ge">Zwölf?</em> lieber Gott!
-das sind falsche Apostel. Legion heißt ihre Zahl, und
-<a class="pagenum" id="page_236" title="236"> </a>
-dann wäre der Einzige noch nicht darunter, auf den
-sich bauen läßt: <em class="ge">wahre Liebe</em>!«</p>
-
-<p>»Wahre Liebe!« wiederholte der alte Feldmeister,
-und es war, als ob das leise Spottlächeln, welches
-ihm auf der bärtigen Lippe schwebte, jenes Wort mit
-der Andacht des Gefühls ausgesprochen &ndash; hohnneckte.
-»Es ist damit,« fuhr er fort, »wie mit dem alleinseligmachenden
-Glauben: wie Viele bekennen sich
-bloß äußerlich dazu, ohne diese göttliche Mutter des
-Heils im Geist und in der Wahrheit zu verehren.
-Die Mehrzahl der Männer besteht aus heimlichen
-Mohamedanern &ndash; getaufte Weiber in Massen sind
-dem heidnischen Götzendienste zugethan; in der Ehe
-aber herrscht das Judenthum vor, und der Erlöser
-wird da tagtäglich gekreuziget, so daß ihm die Lust
-zur Auferstehung wohl vergehen mögte.«</p>
-
-<p>»Wer Sie so hörte, Herr Major,« entgegnete hierauf
-die Nonne, welcher es leise beängstigte, so oft ein
-religiöses Bild, behuf der Rede gebraucht ward, »der
-sollte glauben, Sie sprächen aus Erfahrung. Und
-doch weiß ich von guter Hand, welch ein friedliches
-Stillleben Sie mit Ihrer lieben seligen Frau geführt
-haben, wie man diese allgemein als eine ganz vortreffliche
-Dame gerühmt &ndash; der Meriten ihres Ehemannes
-zu geschweigen.«</p>
-
-<p>Dieser verbindliche Ausfall auf den seinigen, womit
-<a class="pagenum" id="page_237" title="237"> </a>
-Veronica weiblichen Sinnes sich erwiedernd zeigte,
-schien von niederschlagender Wirkung auf den Major
-zu seyn. Die Menschen an ihre Verdienste wie an
-ihre Verluste zu erinnern, erreicht fast immer den
-Zweck, sie aus den Vortheil des Angriffs in jene leidsame
-Stellung zu versetzen, die der Geschmeichelte wie
-der Gerührte unwillkürlich annimmt. &ndash; Die buschigen
-Braunen des Majors zogen sich zusammen, und
-seine Augen wurden feucht; das sanfte Bild seliger
-Tage schwamm in seinem Blick. Mit schwankender
-Stimme antwortete er: »meinen Sie, Schwester Veronica,
-daß, wenn jene Erfahrung meine eigene wäre,
-ich sie ausgesprochen haben würde? &ndash; Meine Frau
-war gut und brav, und als sie todt war, da merkte
-ich erst, wie sehr sie es gewesen. &ndash; Doch deßhalb
-widerrufe ich kein Jota von dem Obigen. Gott besser's!
-es ist an der Zeit.«</p>
-
-<p>Es war auch an der Zeit, dies Gespräch zu enden.
-Fabia, verstimmt durch die Vertheidigung des Schwagers,
-die er der abwesenden Therese nicht minder als
-der gegenwärtigen angedeihen ließ, hatte kein Wort
-mehr gesagt. Ihr däuchte, sie hätte die Kosten dazu
-getragen. Sein Urtheil schien ihr eine Geringschätzung
-derjenigen Verdienstlichkeiten zu enthalten, in denen
-sie sich auszeichnete. Sie wünschte, er mögte einmal
-zu der Einsicht gelangen, wie hoch eine gute Wirthinn
-<a class="pagenum" id="page_238" title="238"> </a>
-zu halten sey. Sollte dies jedoch geschehen: so mußte
-er die treue Fabia vermissen. Und indem der Major
-davon sprach, daß er die abgeschiedene Gattinn erst
-vollkommen gewürdiget, regte dies den Gedanken in
-ihr an, zu scheiden. Sie legte in gekränktem Geiste
-das Amt der Schlüssel nieder, und ahnete nicht, daß
-diese Handlung in der Idee der Wirklichkeit nur um
-einen leisen Schritt vorauseilte.</p>
-
-<hr />
-
-<p>Noch immer hatte Gräfinn Albane sich entschieden
-geweigert, ihren Gemahl zu sprechen, weil sie sich die
-Kraft dazu nicht zutraute. Sylvius, der das Heil
-seiner Beruhigung daran zu knüpfen schien, daß seine
-Frau ihm angehöre, ließ nicht ab mit Dringen, und
-setzte alle Hülfsmittel in Bewegung. Fabiens Zureden
-schürte den Funken, der in der Asche glomm, worin
-Albane büßte &ndash; und Josephinens rührende Fürsprache
-gewann endlich ihrem Vater die heißersehnte
-Gunst. Der Tod des Vaters hatte seine Tochter dergestalt
-erschüttert, daß sie glauben mogte, die heftige
-Bewegung, in welche die Zusammenkunft mit ihrem
-Gemahl sie versetzen mußte, werde drein gehen. Und
-so war der Entschluß dazu gleichsam ein Abschluß aller
-bisherigen Verhältnisse, und sogar erforderlich, um
-Josephinens willen.</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_239" title="239"> </a>
-In der Stunde, worin die Gräfinn ihren Gemahl
-in Bühle erwartete, saß sie am offnen Fenster und
-allein, von jener säuselnden und summenden Frühlingsstille
-träumerisch umwebt, welche aus dem Schlaf
-des Herzens, aus seinem innersten Düster herauf, Gefühle
-der Vergangenheit beschwört. Als sie den Hufschlag
-seines Pferdes vernahm, stand der Schlag in
-ihrem Busen stille, und nicht dies Herz selbst, nur
-ein Seufzer flog ihm entgegen. Jetzt hörte sie seinen
-Schritt auf der Treppe &ndash; sein Näherkommen &ndash;
-Zeit und Erfahrung hatten mächtige Fortschritte gemacht,
-seit sie den Besuch ihres Gemahls zum letztenmale
-in Bonna empfangen: dennoch drang dieser vertraute
-Hall wie einst an ihre Seele, und keine Empfindung,
-über welche er sonst Macht geübt, konnte
-ihm entweichen. Er trat langsam ein, Albane zitterte
-heftig, unvermögend sich aufrecht zu erhalten. Sylvius
-blieb wie gefesselt und gebannt an der Thüre
-stehen, und warf einen unaussprechlichen Blick nach
-der geliebten Gestalt, welche sein gewesen war &ndash;
-und eine weite wüste Welt lag zwischen ihnen.
-»Albane!« sagte er leise, und ein paar große Thränen
-rollten über seine Wangen, »bin ich Dir gar
-nichts mehr?&nbsp;&ndash;« O! welch ein Zauber liegt in der
-Stimme eines Menschen, der uns theuer ist oder
-war! &ndash; Solch eine Stimme enthält den Schlüssel
-<a class="pagenum" id="page_240" title="240"> </a>
-zu jedem Geheimniß der Harmonie, und kann, ob sie
-durch tausend Mißverhältnisse hindurch klänge, nie zu
-einem Mißlaut für die Seele werden, darin einmal
-ihr Echo wohnte. Sylvius hatte seinen Jahren voraus
-gealtert, und Der, den die Morgenröthe der Jugend
-einst zu den Göttern erhoben, zeigte sich gebeugt
-von menschlicher Schwachheit; aber die Stimme war
-ihm geblieben, mit der er die Geliebte einst bewegt,
-daß ihr unsterblicher Antheil der seine würde.&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>Die Gräfinn wendete sich nach ihm um, mit einem
-Lächeln der Verzeihung, der Abgeschiedenheit &ndash;
-wenn wir so sagen dürfen; es war das geistigselige
-Lächeln eines Schattens, was auf ihren Lippen
-schwebte, die so wenig eines Lautes mächtig schienen,
-wie ein körperloses Wesen der Rede fähig seyn mag.
-Endlich entrang sie ihnen die Kraft dazu, und sprach
-mit bebendem Munde: »vielleicht, Sylvius, wäre es
-besser gewesen, wir hätten die <em class="ge">begrabene Liebe</em>
-früherer Jahre ruhen lassen&nbsp;&ndash;; aber, da es einmal
-Dein Wunsch war, da Du meinst, es werde zu Deinem
-Frieden gereichen, daß Du mich sähest, so komm
-doch näher und laß uns freundlich zusammen
-sprechen!«</p>
-
-<p>Diese Antwort zerriß Romanas männliche Seele.
-Was ist das <em class="ge">Zürnen</em> der Liebe gegen die stille
-Freundlichkeit der erkalteten! &ndash; Wir bemerken dabei,
-<a class="pagenum" id="page_241" title="241"> </a>
-wie es Albanen selbst in dieser Minute nicht möglich
-war, ihr Geschlecht zu verleugnen, und in den ersten
-Worten, die sie zu ihrem Manne sprach, seit sie ihn
-in den Armen einer Andern gesehen, etwas Anderes
-zu fassen, als jene Erinnerung.</p>
-
-<p>Sylvius verstand seine beleidigte Gattinn augenblicklich.
-Daß Albane jedoch ihrer Weiblichkeit ein
-Genüge leistete, ermannte ihn. Gefaßt entgegnete er
-nun: »ja, theure Albane! es ist die Bedingniß meines
-Fortlebens, und der Ruhe, welcher ich noch irgend
-theilhaft werden kann, daß ich Dir sage, auf
-welche Weise Du Zeuginn jener unseligen Scene geworden
-bist, in der Du mich betroffen. Du wirst
-mich dann vielleicht weniger schuldig finden, als Du
-wähntest, und mindestens &ndash; wie Dein Gefühl auch
-entscheide &ndash; mich bedauern müssen. Höre mich gutwillig
-an!« Hierauf erzählte Sylvius de Romana
-seine Geschichte mit Tony von Schütz, einfach und
-wahr. Er verschmähete, nach edelsinniger Art, Alles
-und Jedes, was jenem Verhältniß zur Beschönigung
-dienen können. &ndash; Diese Mittheilung hatte nicht den
-Stoff, aber seine Kraft, ihn zu bewältigen, erschöpft;
-und so eilte er zum Schluß und sprach: »Du weißt
-nun Alles &ndash; und doch auch <em class="ge">Nichts</em>: denn ich kann
-Dir nur die <em class="ge">äußern</em> Beziehungen nachweisen, die
-mich in jenes Netz verlockten. Gott aber, der es einst
-<a class="pagenum" id="page_242" title="242"> </a>
-auflösen wird vor Deinem Blick, sieht ins Innerste,
-und weiß, daß ich Dich, das Weib meines Herzens!
-nur allein geliebt, und ewig lieben werde. Wäre es
-Dir nicht möglich, einen flüchtigen Augenblick zu vergessen,
-in welchem Du an mir zweifeltest? &ndash; Dein
-Vater ist nun todt. Was hindert Dich noch, für den
-Rest unseres Daseyns mein zu seyn, zu der öffentlichen
-Rechtfertigung unseres geheimen Bündnisses,
-und &ndash; lass' mich es hinzufügen: zu dem Glück unseres
-Kindes?&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<p>Die Gräfinn athmete tief. Sie schüttelte leise den
-Kopf, lächelte weinend und verneinend und sprach:
-»der Himmel sey mein Zeuge! ich zürne Dir nicht.
-Auch müßte ich mich zuvor selbst anklagen, denn mein
-Wegbleiben gab Dich ja frei. Doch jedes Zurückgehen
-ist unmöglich, des griechischen Sängers Gattinn
-verschwand vor einem Rückblicke. Ein erstorbenes Gefühl
-läßt sich nicht wecken &ndash; und jenes, mit welchem
-ich mich die Deinige wußte &ndash; ist todt. Aber Deine
-Freundinn bin ich noch &ndash; Deine beste Freundinn!
-ja, Sylvius, die will ich immer bleiben. Mache kein
-so unglückliches Gesicht, Lieber! frage Dich selbst, ob
-wir verdient haben, mit einander glücklich zu seyn? &ndash;
-Die Ehe ist ein Verhältniß der Heiligkeit, nicht aber
-der Heimlichkeit, und Gott ist gerecht. Nach seinem
-unerforschlichen Gesetz und Willen müssen Diejenigen
-<a class="pagenum" id="page_243" title="243"> </a>
-ein Glück verschmähen, welche es sich anzueignen wagten,
-ohne höhere Befugniß, als die der Leidenschaft. &ndash;
-Wir versöhnen den Himmel durch ein freiwilliges
-Opfer. So werden unsere Väter uns von dorther
-segnen; hier glaubten wir dieser Weihung entbehren
-zu können, als das Band der Stola uns zusammenfügte.
-Ich werde nach Bonna ziehen, Sylvius! in
-jenes Haus, worin Du gelebt hast, und mich geliebt
-&ndash; mich allein. Still, mein Freund! ich glaube
-Dir. &ndash; Der Majoratserbe überläßt mir das kleine
-Witthum, und diese Angelegenheit ist längst berichtiget.
-Gönne es mir auch, in Frieden einsam zu seyn,
-und die stille Freude <em class="ge">meiner</em> Liebe. &ndash; Ich werde
-in Deinem Cabinet schlafen, an derselben Stelle, wo
-Dein Bett gestanden, und die alte Einrichtung wie
-zu den Zeiten Deines Vaters herzustellen suchen. So
-werde ich Deine Hausfrau seyn, ohne Gemahl &ndash; wie
-ich Deine Gattinn war, ohne Dein Haus zu kennen.
-Ein Theil jener früheren süßen Täuschungen wird
-mir wiederkehren, der Traum Deiner Nähe wird mich
-begleiten und beglücken, und so werden meine Tage
-gleichmäßig hinrinnen, wie das Bächlein unter dem
-Kreuze, welches dort die Wache hält.«</p>
-
-<p>»Albane!« rief Sylvius mit heftigem, mit heißem
-Schmerz, »Du reißest mir mein Herz entzwei, und
-ich weiß nicht, ob gütiger als grausam? Vermag
-<a class="pagenum" id="page_244" title="244"> </a>
-nichts, Dich zu bewegen, daß Du anderes Sinnes
-würdest?«</p>
-
-<p>»Du solltest dies nicht einmal wünschen, viel weniger
-fragen&nbsp;&ndash;« antwortete die Gräfinn bedeutsam.
-»Sieh es doch ein, mein Sylvius, es geschieht zu Deinem
-Besten, daß ich mich Deinem Wunsche weigere.
-Willigte ich in Dein Begehr, es thäte nimmer gut.
-Nur auf <em class="ge">jene</em> Weise können wir vereint seyn &ndash;
-sonst nicht. Sänke ich in Deinen Arm: ein Gespenst,
-Dir innig angeschmiegt, scheuchte mich zurück, und
-so oft ich die Ebereschen Früchte tragen sehe, würde
-mein Herz bluten.« &ndash; Und Wer mögte sie zählen,
-die Tropfen Herzblut, welche bei dieser Erinnerung
-der tiefen Wunde entträufelten, die Albane geschlossen
-wähnte? &ndash; Doch nur ihre abgehärmte Wange war
-geröthet, und hellblinkende Tropfen standen in ihren
-Augen. Sylvius empfand, obwohl durch die Verhärtung
-des Vorwurfs, etwas vom Zartgefühl dieses
-Wehes, und wie jene Stunde nimmer ausgelöscht
-werden könne. &ndash; Und während eine unsichtbare Feder
-in der Canzlei seiner Gedanken diesen Ausspruch
-unterzeichnete, strebte er mit überredenden Worten
-noch dagegen an. Er erinnerte seine Frau an Josephine,
-und wie das Verhältniß des Mädchens sich
-bei dem Zwiespalt der Eltern nun gestalten solle?&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>»Sieh!« antwortete die Gräfinn mit nachsinnender
-<a class="pagenum" id="page_245" title="245"> </a>
-Miene, »auch die Mutter muß büßen, was sie gegen
-ihre Pflicht als Tochter gefehlt. Es ist als ob das
-liebe Kind mir nicht angehörte. Nur was man selbst
-gebildet hat, daran glaubt man ein Recht zu haben.
-&ndash; Josephine scheint sich im Stift sehr glücklich zu
-fühlen, so könnte sie zunächst unter Deiner Aufsicht
-dort bleiben. Noch bin ich durch die verhängnißvolle
-letztere Zeit zu befangen, als daß ich sogleich das
-Beste ausfinden könnte; aber Gott wird Alles zum
-Guten leiten!&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<p>»Wenn Du auf diese Weise am Ende bist&nbsp;&ndash;«
-entgegnete Sylvius, »so dürfte meines Bleibens in
-Sanct Capella nicht mehr lange seyn, und ich ziehe
-noch einmal von hinnen. Ruhe zu erwerben, hoffe
-ich nicht; aber vielleicht eine Ruhestätte. Du erwartest
-vom Zufall, er solle sich Josephinens annehmen,
-da Du selbst das natürlichste Glück abweisest?« &ndash;
-Die Gräfinn schwieg, und antwortete nur mit einem
-schmerzlichen Lächeln. Dann sagte sie: »ich liebe Josephinens
-Glück mehr als das meine &ndash; <em class="ge">darin</em> fühle
-ich mich wenigstens als Mutter.«</p>
-
-<p>Ohne daß Beide es merkten, verlängerte sich dies
-Gespräch bis in den dämmernden Abend hinein. Jetzt
-stand Sylvius auf. Es war Albanen, als sollte sie
-ihn halten, so hatten sich während ihres trauten Zusammenseyns
-abgerissene Fäden aus dem Gewebe ehemaliger
-<a class="pagenum" id="page_246" title="246"> </a>
-Beziehungen leise wieder angeknüpft: denn
-der Geist der Liebe &ndash; auch einer abgeschiedenen &ndash;
-webt geschäftig.</p>
-
-<p>»Es wird mir nicht leicht, zu scheiden&nbsp;&ndash;« sagte
-Romana mit einem Ton, der diese Versicherung beglaubigte,
-»meine Füße sind wie Blei, und versagen
-mir ihren Dienst &ndash; und das Herz ist mir noch schwerer.
-Darf ich Dich wiedersehen, Albane?« Er sah
-sie dunklen Blickes an.</p>
-
-<p>Das Auge der Gräfinn glänzte, ein Sonnenschein
-verschwundener Tage war darin; ein Strahl von
-Freude drang tief in Sylvius Herz. Sie antwortete:
-»wenn es Dich trösten mag&nbsp;&ndash;: so sollst Du mir
-willkommen seyn.« Darauf faßte er ihre zarte Hand,
-woran kein Trauring blinkte &ndash; er ergriff sein einstmaliges
-Eigenthum so furchtsam, wenn auch innig,
-wie man die letzte Hoffnung zu fassen wagt, und
-fühlte einen leisen Druck der seinigen. Dieser elastische
-Druck hob mit überirdischer Federkraft den Stein
-von seinem Herzen, von der Thür der begrabenen
-Liebe &ndash; und ein Engel des Trostes, mit Flügeln,
-sich zum Himmel seiner Heimath aufzuschwingen,
-ging daraus hervor.</p>
-
-<hr />
-
-<p><a class="pagenum" id="page_247" title="247"> </a>
-Der Administrator stand in vollem Anzuge vor
-dem Spiegel. Er wollte nach Bühle hinüber fahren,
-und der Gräfinn seine Aufwartung machen, deren
-Schicksal mit dem der Seinen in wundersamer
-Verbindung zu stehen schien. Vielleicht hätte das
-Interesse für diese Bekanntschaft ihm dennoch Zeit
-gegönnt; aber das Verlangen drängte ihn, Josephine
-wieder zu sehen. Das Zimmer war voll Sonnenglanz
-&ndash; Herr Prälat aber blickte auf keine Weise
-verblendet, die schöne männliche Gestalt musternd an,
-welche auch ein mäßiger Grad von Selbstgefälligkeit
-tadellos gefunden haben würde. Er schaute vielmehr
-über aller Welt Eitelkeit hinaus, sich selbst so forschend
-ins Auge, als sollte ihm in diesem Spiegel
-der Seele die Wahrheit eine Gestalt gewinnen &ndash;
-und seine Finger knitterten noch an den Fältchen der
-feinen Halsbinde, während er gleichgültig dazu aussah,
-und gleichsam unbewußt der verbessernden Mühe,
-die er sich gab, nur an die Falten seines Herzens
-dachte. Er stand so ernst dabei wie auf dem Katheder.
-&ndash; Doch plötzlich schien unser Professor der
-Psychologie sein Studium zu wechseln, daran zu erkennen,
-daß er die Farbe wechselte, und daß ein so
-entzücktes Lächeln in seinem Gesicht aufging, als ob
-er einen Stern aufgehen sähe. Und wirklich war
-dem so. Die Thüre ging auf, und im Hintergrunde
-<a class="pagenum" id="page_248" title="248"> </a>
-des Spiegels &ndash; als hätte, Der hinein sah, eben eine
-Frage an den Himmel gerichtet &ndash; erschien ein zauberhaftes
-Bild. Vor diesem Glanz jugendlicher Schönheit,
-erhöht durch einen Schimmer überirdischer Freude,
-den die Trauer nur wie ein Wölkchen umdüsterte &ndash;
-verschwand Alles.</p>
-
-<p>»Josephine! mein einzig Mädchen!« rief der Administrator
-mit dem hellen Laut wonniger Ueberraschung,
-»wo kommst Du her? eben wollte ich nach
-Bühle.«</p>
-
-<p>Sie lag in seinen umschlingenden Armen, ihr
-Herz schlug an dem seinen &ndash; und onkelhaft dreist
-küßte er die süßen Lippen. &ndash; Dieser Kuß &ndash; die
-glückselige Innigkeit dieses Moments, beraubte das
-Mädchen der Sprache. »Ach! könnte ich Dir doch
-nur meine Freude aussagen, daß ich wieder hier bin!«
-sagte sie mit einer Stimme, die diesem Wunsche entsprach,
-»Seit ich wußte, daß Du da bist, Onkelchen,
-hatte ich keine Ruhe mehr. Ich quälte die Mutter
-&ndash; sie sagte, es schicke sich nicht. Dies Wort
-wollte mir nicht zu Sinne. Ich bin ja das Kind
-des Hauses &ndash; sagte ich &ndash; da mußte sie endlich
-meinen Bitten nachgeben.«</p>
-
-<p>Herr Prälat lächelte begeistert. »Du Herzenskind!«
-sagte er gerührt. »Also hält die Gräfinn
-doch so viel auf Anstand?« Man glaube nicht, daß
-<a class="pagenum" id="page_249" title="249"> </a>
-in dieser Frage der mindeste Vorwurf für die arme
-Albane lag. Nein! nur eine leise Verwunderung,
-daß bei dem einsamsten Unglück noch dieser Sinn
-für das Schickliche gefunden würde.</p>
-
-<p>»Nun, so ist es mir lieb,« setzte er schnell hinzu,
-»daß ich nicht zögern wollen, mich ihr vorzustellen.
-Du siehst, ich bin darnach angethan &ndash; nur mit der
-Halsbinde konnte ich wie gewöhnlich nicht zurecht
-kommen.«</p>
-
-<p>»Das sehe ich!« sagte Josephine lachend, und
-schickte sich an, nachzuhelfen. »Es ist nicht allzuschön
-gerathen. Dieser Zipfel hier, nimm es mir
-nicht übel! sieht so pedantisch aus, wie die Schlafmütze
-des ehrwürdigen Ludimagister in Leidthal. &ndash;
-Ist es denn so schwer, solch ein Knötchen zu knüpfen?«</p>
-
-<p>Aurorens Rosenfinger verbreiteten keine lieblichere
-Helle, als das Licht, welches dem Administrator während
-dieser verfänglichen Minute aufging. Sie standen
-wie ein trautes Ehepaar. Er hatte seine Hände
-an Josephinens schlanken Leib gelegt, die schwarzen
-Bänder ihres Hutes bewegten sich unter <em class="ge">seinen</em>
-tiefen Odemzügen &ndash; <em class="ge">ihr</em> Athem spielte fühlbar wie
-ein laues Lüftchen, und immer wärmer wurde ihm
-ums Herz. Er ließ sie zierlich gewähren, und verhielt
-sich schweigsam und lauschend.</p>
-
-<p>Die magische Schleife war nun geschürzt &ndash; legen
-<a class="pagenum" id="page_250" title="250"> </a>
-die Grazien jemals eine Cravatten-Fabrik an: so
-wird man das Modell dazu finden.&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>»Auf <em class="ge">bindende</em> Künste&nbsp;&ndash;« äußerte Herr Prälat
-etwas gepreßt, »versteht Dein Geschlecht sich schon
-am Besten. Josephine!« er hob das Mädchen zu
-sich empor, »überhebe mich künftig dieser Mühe &ndash;
-heirathe mich, liebe, theure Seele!&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<p>»Onkel!« rief Josephine, und machte sich von ihm
-los. Ihre jungfräuliche Wange glühte zwischen
-Schaam und Zürnen. Sie hielt diese Sprache für
-einen Scherz.</p>
-
-<p>»Ich bin Dein Onkel nicht!« entgegnete Jener
-heftig, »diesen Titular-Verwandten hat Dir Fabia
-aufgedrungen, um den Unterschied unserer Jahre durch
-gehörigen Respekt hervorzuheben. Aber Dein Mann
-kann ich werden, wenn ich Dir anstehe, Du mein
-Liebstes! &ndash; Ich dachte immer, Du wärst mir
-gut &ndash; so könnten wir zusammen bleiben, lebenslang
-&ndash; und Alles bliebe beim Alten.«</p>
-
-<p>Da lag das Mädchen an seiner Brust und stammelte:
-»wenn es wahr wäre &ndash; o Gott im Himmel!«</p>
-
-<p>»Es ist wahr!« wiederholte der Administrator im
-gefühltesten Entzücken dieser Versicherung, und drückte
-das holde hingebende Wesen innigst an sich, »ich liebe
-Dich redlich, Josephine! und will Dein bester Freund
-auf Erden seyn. Doch frage Dein Herz! ich möchte
-<a class="pagenum" id="page_251" title="251"> </a>
-es nicht räuberisch an mich reißen, aus freier Wahl
-sollst Du es mir schenken &ndash; oder versagen. Wer
-weiß, ob ich Dir nicht zu ernst bin, zu kränklich &ndash;
-oder was Du sonst an mir etwa auszusetzen hättest.
-Mir hast Du nur Einen Fehler, meine süße Kleine! &ndash;
-Du bist noch sehr jung &ndash; aber ich finde Dich gewachsen.&nbsp;&ndash;«
-Er lächelte wie ein Liebender, indem
-er den schlanken Wuchs des Mädchens mit einem langen
-Blicke maß &ndash; »nicht nur wirklich ein Stückchen,
-seit ich Dich nicht gesehen, sondern überhaupt allen
-Forderungen und Wünschen an meine künftige Frau
-völlig gewachsen.«</p>
-
-<p>In reizender Verwirrung antwortete Josephine:
-»es mag vielleicht geziemend seyn, daß ein Mädchen
-an sich hält: ich gebe Dir mein Ja ohne Weiteres.
-Wen könnte ich lieber haben? &ndash; Alle meine Wünsche
-sind erfüllt. In diesem Augenblicke weiß ich es erst
-ganz, wie unglücklich ich geworden wäre, wenn ich
-Dich und dieses geliebte Haus auf immer verlassen
-müssen! Jetzt bin ich Dein!&nbsp;&ndash;« Sie warf sich
-mit dem Ausdruck der liebevollsten Hingebung in
-seine Arme. &ndash; Er umpfing sie jauchzend, und der
-Spiegel verdoppelte ein Bündniß, magisch geschlungen,
-in dem einfachen Glück der Herzenseinigung, dem einzigen,
-was es auf Erden wie im Himmel giebt.&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>Beide hatten in diesen seligen Minuten weder an
-<a class="pagenum" id="page_252" title="252"> </a>
-die Gräfinn, noch an Fabia, oder Sylvius gedacht,
-die doch auch ein Wörtchen dazu sagen könnten. Es
-giebt einen Instinkt der Ahnung für unser Geschlecht,
-welcher uns einem unwillkommnen Vertrauen entrinnen
-läßt, wenn es unser Herz etwa wie ein Pfeil
-treffen könnte. &ndash; Auch Frau Fabia entrann auf
-leiser aber sicherer Spur Dem, was ihr Schwager
-ihr zu sagen hatte. Josephine flüchtete mit ihrem
-Glück in das Betstübchen der Nonne, und legte das
-Bekenntniß desselben auf diesem jungfräulichen Hausaltare
-nieder. &ndash; Sylvius war nicht daheim. Zeitiger,
-als es nöthig gewesen, brach Josephine auf, und
-der Administrator begleitete sie. »Hätte ich doch
-nicht geglaubt,« sagte das Mädchen mit jener Traulichkeit,
-in welcher auch die schüchternste Verlobte sich
-dem ausschließendsten Vertrauen annähert, woran der
-Geliebte ein Recht hat, »daß ich einmal Gott danken
-würde, von Sanct Capella weg zu kommen, und
-heute ist mir so. Ich konnte kein Auge aufschlagen &ndash;
-Fabia hat mir die heimliche Braut ansehen müssen.
-Lieber! versäume doch ja nicht, sobald als möglich mit
-ihr zu sprechen. Ich thue es bei der Mutter, und
-davor bangt mir weniger.«</p>
-
-<p>»Meinst Du,« fragte Herr Prälat, »der bürgerliche
-Eidam werde der Gräfinn genehm seyn? &ndash; wenn
-diese Hoffnung nur nicht allzukindlich ist, Josephine!&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_253" title="253"> </a>
-Das Mädchen kopfschüttelte zu diesem Zweifel und
-sprach: »Du kennst die Mutter nicht, mein
-Freund! &ndash; Sie ist so gänzlich ohne Anspruch und
-Eigensucht &ndash; Fabia hingegen&nbsp;&ndash;« Josephine flüsterte
-diese Worte, »neigt ein wenig zur <em class="ge">Eifersucht</em>,
-und es ist eine ganz andere Zuversicht, die ich zu Jener
-habe als zu dieser. Ewig werde ich Fabien dankbar
-seyn: denn sie hat mich treu erzogen, und ohne
-sie wäre ich nimmer nach Sanct Capella gekommen;
-aber das Blut aus meinen Adern wollte ich verströmen,
-daß ich die theure Albane nur einmal lächeln
-sähe.«</p>
-
-<p>Der Administrator entdeckte noch an demselben
-Abend auf einem einsamen Spaziergange dem Freunde
-sein Herz. Sylvius nannte sich seinen größten Schuldner,
-und gab ihm damit das gelegene Wort zur
-Hand.</p>
-
-<p>»Wir könnten sehr bald mehr als quitt werden&nbsp;&ndash;«
-gab ihm jener zur Antwort, »Du nahmst
-mir einmal die Braut &ndash; gieb mir Deine Tochter
-zur Frau: so bin ich nicht mehr Dein Gläubiger,
-sondern schulde Dir zwiefach.«</p>
-
-<p>»Wenn dies Dein Ernst ist&nbsp;&ndash;« entgegnete
-Herr de Romana, »so nimmst Du einen Kummer
-von meinem Herzen, und Niemand kann bei diesem
-Interesse des Deinigen froher betheiliget seyn, als ich.
-<a class="pagenum" id="page_254" title="254"> </a>
-Es ist mir eine Sorge gewesen, das Mädchen werde
-die Jugend hinkümmern, bei der traurigen Mutter,
-und mit all seiner Liebenswürdigkeit der Bestimmung
-des Geschlechts verloren gehen. Was wird aber Albane
-dazu sagen? und bist Du Josephinens Neigung
-auch gewiß?«</p>
-
-<p>»Ich denke doch!« antwortete der Bräutigam lächelnd,
-»so gewiß man irgend einer weiblichen Neigung
-seyn kann.&nbsp;&ndash;« Ein leiser Seufzer verwebte
-sich dieser bedingten Voraussetzung.</p>
-
-<p>»Auch hoffe ich,« setzte er hinzu, »das Kloster
-werde mich schützen, das Invalidencorps &ndash; und endlich
-die fromme Veronica. Wisse! ein Engel der
-Treue wohnt in der Nonne, und wird, wenn diese
-seine kleine Herberge einst zusammenbricht, den Ort
-nicht verlassen, den er so lange heimlich gesegnet. &ndash;
-Sieh, Freund! ich habe Zeit gehabt, reiflich darüber
-nachzudenken, welche Eigenschaften der Frau einen
-Mann vor allen glücklich machen können, und da ist
-denn bei meinem Denken und Sinnen nur jener
-Satz heraus gekommen, den ich mir gemerkt: daß sich
-auf der Erde in jedem Beisammenleben der Kopf
-erschöpft, Witz und Phantasie und Verstand, nur aber
-nie ein gutes Herz, das eine ewige Quelle ist.«</p>
-
-<p>Romana schwieg, und sein Freund fuhr nach einer
-<a class="pagenum" id="page_255" title="255"> </a>
-Weile fort: »aus welchen wunderbaren Stoffen besteht
-eine einzige Mischung, die wir Liebe nennen!
-glaubst Du wohl, Sylvius, daß jene sympathetische
-Regungen der Freundschaft für Dich, nur zarter &ndash;
-mich zuerst an das Mädchen knüpften? die magnetische
-Kette der Gefühle, wie weit auch angelegt, läßt
-uns empfinden, wo unser Herz stark berührt war.
-Was mich ferner mit zärtlicher Innigkeit für das
-Mädchen erfüllt, ist nicht die holde Bildung allein,
-sondern auch der Einfluß ihrer Bildnerinnen. Darunter
-dürfte Fabiens der bedeutendste gewesen seyn,
-und Fabia ist mir doch sehr achtungswerth.«</p>
-
-<p>»Und das mit Recht&nbsp;&ndash;« erwiederte Sylvius.
-»Sie gehört meines Erachtens zu den unerkannten
-Größen. Ihr Charakter, nur etwas zu schroff für
-eine Frau, ist ein Fels für das Vertrauen. Ich
-schätze Fabia sehr hoch.«</p>
-
-<p>Der folgende Morgen war schon weit vorgerückt,
-ohne daß Herr Prälat einen Augenblick finden können,
-in welchem seine Schwägerinn zu sprechen wäre. Frau
-Fabia schien von kleinen geschäftigen Sorgen umringt,
-so daß sein Vertrauen nicht Raum gewann; eine finstere
-Zerstreuung in ihrer Miene ließ ihn den heitern
-Muth nicht sammeln, mit ihr über eine Sache zu
-reden, die ihm mehr am Herzen lag, als was zu
-<a class="pagenum" id="page_256" title="256"> </a>
-Nutz und Frommen seiner Häuslichkeit geschehen
-mögte. Ihr Blick sogar war vermeidend &ndash; und wich
-ihm aus. Endlich haschte er den günstigen Moment
-und sprach: »gönne mir ein paar Minuten, Fabia!
-ich habe Dir etwas Dringendes zu sagen.«</p>
-
-<p>Fabia machte ihre Hand, welche er sanft gefaßt
-hatte, leise los, setzte sich nieder, jedoch mit jener
-Art, die es deutlich macht, daß man sich nur auf
-flüchtiges Verweilen einlassen könne und wolle, und
-sagte: »nun, so lasse doch hören, wie <em class="ge">dringend</em> das
-sey, was ich vernehmen soll.«</p>
-
-<p>Der Administrator war um seine Fassung zu dem
-Vortrage, er wußte nicht wie? &ndash; Er antwortete mit
-merklicher Verlegenheit: »Deine Stimmung Fabia,
-ist meinem Wunsch nicht freundlich, und wirkt auf
-mich zurück. Ich wollte Dir eben eröffnen, daß ich &ndash;
-daß Josephine&nbsp;&ndash;« Fabia lächelte, ihre Gesichtsfarbe
-war blässer als gewöhnlich. Sie sprach: »das käme
-zu spät, Freund &ndash; die Gräfinn hat mir diesen Morgen
-geschrieben, daß Du ihrer Tochter den Antrag
-zur Heirath gemacht. Sie giebt Dir ihre Einwilligung;
-ich aber habe nichts zu geben, als den Wunsch,
-daß der Herr Alles wohl gelingen lasse!« Und während
-Fabia diese Worte sagte, zerrann ihre Stimme
-und das Lächeln ihres Mundes in Wehmuth, in
-<em class="ge">Wermuth</em> &ndash; und ihr Schwager, erstaunt über die
-<a class="pagenum" id="page_257" title="257"> </a>
-Taubenpost der weiblichen Mittheilung, fühlte ein
-heißes bitteres Aufwallen in seinem Herzen, über das
-er nicht ganz klar werden konnte. Er nahm noch
-einmal ihre Hand in die seinige und sagte mit ergreifenderem
-Ton: »Fabia, es scheint, Du zürnest mir.
-Glaube nicht, daß ich Dir zurückhaltend eine Absicht
-verschwiegen &ndash; ich bin mir keiner bewußt gewesen.
-Der Gedanke war nur ein Blitz, in welchem mir
-einleuchtete, Josephine werde als mein Weib mich
-glücklich machen. Und wenn diese Hoffnung wirklich
-wird, Wem werde ich es verdanken als Dir? Du
-hast das Mädchen erzogen. Dein frommer, fester
-Geist wird fortwirken zu meinem Glück. Ich denke,
-wir wollen freundlich zusammen leben &ndash; nicht?&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<p>Fabia sah ihn verdunkelten Auges an. »Nein,
-Bruder!« antwortete sie mit jener Besänftigung und
-Ruhe, die nur der Selbstgewißheit angehört: »das
-würde nimmer gut thun. Das taugt nichts &ndash; würde
-der Major sagen&nbsp;&ndash;« Fabia lächelte bei diesen Worten
-noch einmal, und zwar sehr schmerzlich. »Darum
-entlasse mich, Lieber! ich lasse Dir dafür meinen besten
-Segen. &ndash; Jenes Geheimniß, was mich unter
-Deinen Schutz stellte, ist gelös't &ndash; Was sollte Dich
-hinfort noch an mich binden? &ndash; Dein Herz hat an
-Einer Pflicht genug, und diese umfaßt der Trauring.
-Ich werde mit der Gräfinn ziehen. Die arme Albane
-<a class="pagenum" id="page_258" title="258"> </a>
-wäre ja sonst ganz verlassen, und es ist billig, daß
-ein treues Gemüth ihr vergelte, was sie an dem Vater
-gethan. Der Herr hat den Willen dazu mir in
-den Sinn gegeben.«</p>
-
-<p>Der Administrator stand stumm und sah zu
-Boden.</p>
-
-<p>Fabia fuhr nach einer kleinen Pause mit steigender
-Bewegung fort: »wir wollen nach Bonna. Dort
-hat die Gräfinn einen Wittwensitz, den sie schwerlich
-tauschen mögte um einen Thron, das Vaterhaus ihres
-Gemahls, Heiland genannt. Dort ist mein Platz.
-<em class="ge">Hier</em> würde ich überflüssig seyn, das macht alt vor
-der Zeit. Die Heimath aber giebt auch in späten
-Tagen einen Theil der Jugend zurück. Ich werde
-die Wohnung meiner guten Eltern wiedersehen, und
-jener harmlosen Zeit gedenken, wo ich darin glücklich
-war. Ich werde in der Nähe ihrer Gräber leben &ndash;
-und den Garten des südlichen Daches pflegen, den
-der selige Oberförster Romana angelegt &ndash; die Sonne
-mag jetzt wohl eine Wüste darauf bescheinen. &ndash; Ich
-bin alsdann &ndash; Du weißt es &ndash; an geeigneter Stelle,
-und gleichsam wie auf meines Zions Zinnen.«</p>
-
-<p>»Fabia!« antwortete ihr Schwager von einer
-seltsamen Rührung bewältiget, »besinne Dich anders
-&ndash; bleibe bei mir! es wird sich für die Gräfinn ein
-Ausweg treffen lassen. Du bist mir nothwendig geworden,
-<a class="pagenum" id="page_259" title="259"> </a>
-Du gehörst zu meinem Glück. Auch ist Josephine
-noch so jung und unerfahren, als daß sie Deines
-Rathes nicht wohl entbehren könnte.«</p>
-
-<p>»Sie hat <em class="ge">Dich</em>!« entgegnete Fabia mit einem
-Nachdruck, der alles Weitere behob, »und also den
-Rath und den Helfer dazu. Und was wirthschaftliche
-Leistungen anbelangt, darauf legst Du ja so wenig.«</p>
-
-<p>Auch Fabia, meine Leserinnen, war eine <em class="ge">Frau</em>,
-und nur ein weiblicher Engel würde es verschmäht
-haben, ein verkanntes Verdienst geltend zu machen.
-Es ist eine göttliche Sphäre, allwo der Ruhm verschwindet,
-den wir vor den Menschen haben und vor
-uns selbst. Wir aber leben auf der mängelvollen
-Erde, niedergehalten von dem Bedürfniß menschlicher
-Schwachheit. Das alte Lied des Lebens singt uns
-in <em class="ge">getragenen</em> Tönen ein. Es war nur ein Aufschwung
-unterdrückten Gefühls, in welchem Fabia sich
-im Geist ihrer Sinnesweise zu erheben glaubte.</p>
-
-<p>Der Administrator dachte beklommen dem Entschluß
-seiner Schwägerinn nach, denn es fiel ihm in
-Wahrheit schwer, sie künftig zu vermissen. Seine
-brüderliche Freundschaft für die getreue Fabia ließ
-ihn nicht ergründen, aus welchen Ursachen sie so fest
-auf dem Abschied beharre.</p>
-
-<p>Es giebt nur Einen Dietrich, dem kein Aufschluß
-widersteht, der sich ohne Schwierigkeit in den Besitz
-<a class="pagenum" id="page_260" title="260"> </a>
-der geheimsten Gedanken setzt. &ndash; Die Geheimnisse
-der Seele liegen unter magischem Schutz, und nur
-durch ihn selbst können sie beschworen werden.&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>Freilich sah Herr Prälat ein, daß Fabia, im Ganzen
-genommen, Recht hätte, daß ihre häusliche Unfehlbarkeit,
-Josephinens schüchternen Versuchen, als
-Hausfrau für sich allein zu stehen, hinderlich seyn
-würde; daß die Gräfinn Jemandes bedürfe, der mit
-zarter achtsamer Sorge um sie sey &ndash; und wie es in
-der religiösen Bußfertigkeit von Fabiens Character
-liege, sich selbst zur Sühne zu geben, für das Unrecht,
-was Dieser geschehen; &ndash; aber dennoch gestaltete sich
-dies Verhältniß nicht nach seinem Wunsch, und es
-war ein Zwiespalt in seinem Herzen, als ob eine
-Flamme sich trenne.&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>Frau Fabia nahm sich zusammen, auf daß sie ein
-achtungsvolles Gedenken mit hinweg nähme. Sie
-ordnete alles mit Umsicht, und stimmte nicht dafür,
-daß die Hochzeit weithin aufgeschoben würde. &ndash; Aus
-der Ferne kamen Briefe, welche den Zeitpunkt von
-Theresens zweiter Verbindung um nicht viel später
-anberaumten. Dann wollten die Neuvermählten im
-Herbst zum Besuch nach Sanct Capella kommen.
-Major Feldmeister verjüngte sich vor Vergnügen. Er
-hätte sich beinahe von seinem Sprichwort entwöhnt,
-<a class="pagenum" id="page_261" title="261"> </a>
-denn er fand gut, wie das Schicksal seiner Freunde
-sich gewendet hatte, und &ndash; Alles taugte ihm.&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>Hauptmann Moorhausen sprach von einem Urlaub
-über Winter. Vielleicht wollte er im gigantischen
-Eise seines Gutes die Schaamröthe abkühlen, womit
-er der Ehewerbung gedachte, und in diesem zersprungenen
-Weltspiegel nur ein Bild schauen, wie der Krystallpallast
-seines Wunsches, aus dem Frost des Alters
-erbaut, zu Wasser geworden wäre.&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>Den Tag vor der Hochzeit brachte Fabia ihr
-Haushaltungsbuch ihrem Schwager, ihm Rechnung
-abzulegen; zu gleicher Zeit entledigte sie sich des Amtes
-der Schlüssel. Die Redlichkeit, womit sie beides
-geführt, gab diesem kleinen Act etwas Feierliches.</p>
-
-<p>»Fabia!« sagte der Administrator gerührt, »wollte
-Gott! mein Facit wäre einst dem Deinen gleich,
-und wir Alle könnten in der Rechnung bestehen, wie
-Du! &ndash; Wie treu hat Deine liebe Hand auf meinem
-Nutzen gesehen! der Himmel möge Dich dafür belohnen!«
-Er küßte die nützliche Rechte mit einer
-größeren Wärme als der Dankbarkeit &ndash; und diese
-zuverlässige Hand zitterte ein wenig.&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>Am Morgen der Trauung &ndash; Josephine war nur
-wenige Tage vorher von Bühle nach dem Stift zurückgekehrt
-&ndash; brachte Schwester Veronica ihrem Liebling
-den Brautkranz. Sie waren allein. Mit zitternder
-<a class="pagenum" id="page_262" title="262"> </a>
-Stimme sagte sie: »Josephine! mein theures
-Kind! hier bringe ich Dir den Kranz, von <em class="ge">meinen</em>
-Händen sollst Du ihn empfangen.« Das zarteste
-jungfräuliche Bewußtseyn lag in diesen Worten. »Und
-indem ich Dir ihn aufsetze&nbsp;&ndash;« die Nonne that es
-mit leisem Beben, »ist es mir, als würde mein liebes
-Kloster mir wieder eingesetzt. Liebe und Treue
-sind doch Altäre, die der Himmel aufrecht hält! &ndash;
-Als ich im Frühling die Zweiglein von der Myrthe
-schnitt, zu dem Todtenkränzchen für die kleine Julie,
-und Perlen dazu fädelte: wenn mir das der Baum
-damals gesagt hätte! &ndash; Auch in diesen habe ich Perlen
-geflochten, Freudenperlen! Segensthränen! trage
-ihn zu lebenslänglichem Glück! die Krone der Unschuld,
-die Dir Dein Engel reicht, <em class="ge">die</em> trägst Du
-ewig! &ndash; Heute fühle ich wieder wie groß Gott ist!
-wie gut! &ndash; Ich bin Jungfrau, und Dein bräutlicher
-Anblick läßt mich das Entzücken einer Mutter
-empfinden. Ich werde nun nicht einsam sterben; Du,
-geliebtes Kind, wirst mir meine Augen schließen &ndash;
-und dann den Ring erben.«</p>
-
-<p>Josephine umschlang die Nonne, und drückte schon
-jetzt, sanft küssend, die weinenden zu, das heilige Vermächtniß
-zu besiegeln. Sie war eine Erbinn dieses
-Herzens und seines Friedens.</p>
-
-<hr />
-
-
-
-
-<h2>Hinweise zur Transkription</h2>
-
-
-<p class="in0">Das Originalbuch ist in Frakturschrift gedruckt. In dieser Transkription
-werden <em class="ge">gesperrt</em> gesetzte Schrift sowie Textanteile in <i>Antiqua-Schrift</i>
-hervorgehoben.</p>
-
-<p class="in0">Der Text des Originalbuches wurde grundsätzlich beibehalten, einschließlich
-uneinheitlicher Schreibweisen wie beispielsweise
-"irdisch" &ndash; "irrdisch", "ist's" &ndash; "ists", "Lieutenant" &ndash; "Lieutnant", "Obristin" &ndash; "Obristinn",</p>
-
-<p class="in0">mit folgenden Ausnahmen,</p>
-
-<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_006">6</a>:<br />
-"Aufsicht" geändert in "Aussicht"<br />
-(ohne Aussicht auf eine andere Versorgung)</p>
-
-<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_018">18</a>:<br />
-"nnd" geändert in "und"<br />
-(und fragte ihn um seine Meinung)</p>
-
-<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_019">19</a>:<br />
-"«" hinter "Freundes." entfernt<br />
-(und Romana lag in den Armen seines Freundes.)</p>
-
-<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_026">26</a>:<br />
-"Gemeine" geändert in "Gemeinde"<br />
-(Anhänger einer frommen Gemeinde geworden sey)</p>
-
-<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_026">26</a>:<br />
-"geretttet" geändert in "gerettet"<br />
-(auf beinahe übernatürliche Weise gerettet worden)</p>
-
-<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_059">59</a>:<br />
-"»" eingefügt<br />
-(»doch diese Frage ist wohl vom Ueberfluß)</p>
-
-<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_064">64</a>:<br />
-"erinnnere" geändert in "erinnere"<br />
-(an den ich mich aus vergangener Zeit erinnere)</p>
-
-<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_066">66</a>:<br />
-"«," geändert in ",«"<br />
-(»Entlassen Sie mich&nbsp;&ndash;,« bat Albane)</p>
-
-<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_079">79</a>:<br />
-"Famile" geändert in "Familie"<br />
-(Juwelen der gräflich Frankensternschen Familie liegen darin)</p>
-
-<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_084">84</a>:<br />
-"entsinnnen" geändert in "entsinnen"<br />
-(jenes schrecklichen Abends noch ganz genau zu entsinnen)</p>
-
-<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_086">86</a>:<br />
-"«" eingefügt<br />
-(Mein Herr und Heiland!«)</p>
-
-<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_090">90</a>:<br />
-"Übersättigung" geändert in "Uebersättigung"<br />
-(Vielleicht hatte eine gewisse Uebersättigung)</p>
-
-<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_103">103</a>:<br />
-"»" vor "regieren" entfernt<br />
-(regieren gestrenge Herren nicht lange)</p>
-
-<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_103">103</a>:<br />
-"»" eingefügt<br />
-(»Des Abends waren wir zusammen)</p>
-
-<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_104">104</a>:<br />
-"«," geändert in ",«"<br />
-(»Nicht immer&nbsp;&ndash;,« antwortete sie halblaut)</p>
-
-<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_112">112</a>:<br />
-"»" eingefügt<br />
-(»Du bist nun auch eine Wittwe)</p>
-
-<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_126">126</a>:<br />
-"«," geändert in ",«"<br />
-(»Ich glaube Ihnen&nbsp;&ndash;,« sagte Rudolph bewältigt)</p>
-
-<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_128">128</a>:<br />
-"»" eingefügt<br />
-(»heute noch! sogleich)</p>
-
-<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_133">133</a>:<br />
-"«," geändert in ",«"<br />
-(Sie werden&nbsp;&ndash;,« dies setzte der Lieutnant)</p>
-
-<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_134">134</a>:<br />
-"." eingefügt<br />
-(dem Vorschlag ihres Freundes geneigt zu machen.)</p>
-
-<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_135">135</a>:<br />
-"Blaßbau" geändert in "Blaßblau"<br />
-(mischte das Blaßblau eines fernen Amphitheaters von Bergen)</p>
-
-<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_138">138</a>:<br />
-"Vei" geändert in "Bei"<br />
-(Bei einem Bug der Straße öffnete sich die Aussicht)</p>
-
-<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_142">142</a>:<br />
-"gefordet" geändert in "gefordert"<br />
-(nichts von der jungen Frau gefordert ward)</p>
-
-<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_151">151</a>:<br />
-"»" eingefügt<br />
-(»Noch ist die Mutter betäubt)</p>
-
-<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_163">163</a>:<br />
-"«" eingefügt<br />
-(Deine&nbsp;&ndash;«)</p>
-
-<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_170">170</a>:<br />
-"," geändert in "."<br />
-(Josephine scheint ein Engel.)</p>
-
-<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_171">171</a>:<br />
-"anwortete" geändert in "antwortete"<br />
-(Die fromme Fabia antwortete)</p>
-
-<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_172">172</a>:<br />
-"Borna" geändert in "Bonna"<br />
-(den Tag vor ihrer Abreise von Bonna)</p>
-
-<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_174">174</a>:<br />
-"sie" geändert in "Sie"<br />
-(doch werden Sie zugeben, daß jenes Depot geeignet war)</p>
-
-<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_175">175</a>:<br />
-"»" eingefügt<br />
-(»hätte ich diesen Schlüssel wohl so nahe)</p>
-
-<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_196">196</a>:<br />
-"Batrachtungen" geändert in "Betrachtungen"<br />
-(In Folge dieser Betrachtungen sagte er)</p>
-
-<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_202">202</a>:<br />
-"geschwisterliche" geändert in "geschwisterlichen"<br />
-(riß bei dieser geschwisterlichen Beziehung ab)</p>
-
-<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_202">202</a>:<br />
-"Thereseu" geändert in "Theresen"<br />
-(Was soll nun aus Theresen werden?)</p>
-
-<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_202">202</a>:<br />
-"«" eingefügt<br />
-(Ich glaube, gute Fabia,«)</p>
-
-<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_202">202</a>:<br />
-"dem" geändert in "den"<br />
-(Er schloß mit den Worten)</p>
-
-<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_205">205</a>:<br />
-"des" eingefügt<br />
-(giebt jedoch einen Zustand des Leibes und der Seele)</p>
-
-<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_206">206</a>:<br />
-"Offfziere" geändert in "Offiziere"<br />
-(Die Offiziere in Corpore kamen, um dem Administrator)</p>
-
-<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_208">208</a>:<br />
-"das" geändert in "daß"<br />
-(Aber eben so gewiß ist es, daß jenes schöpferische Genie)</p>
-
-<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_213">213</a>:<br />
-"»" eingefügt<br />
-(»Mir ist wahrhaftig in Gott)</p>
-
-<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_242">242</a>:<br />
-"öffentlilichen" geändert in "öffentlichen"<br />
-(zu der öffentlichen Rechtfertigung unseres geheimen Bündnisses)</p>
-
-
-<hr />
-
-
-
-
-
-
-
-
-<pre>
-
-
-
-
-
-End of the Project Gutenberg EBook of Die Schwägerinnen. Zweiter Theil., by
-Henriette Hanke
-
-*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DIE SCHWÄGERINNEN. ZWEITER THEIL. ***
-
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