diff options
| -rw-r--r-- | .gitattributes | 4 | ||||
| -rw-r--r-- | LICENSE.txt | 11 | ||||
| -rw-r--r-- | README.md | 2 | ||||
| -rw-r--r-- | old/50128-8.txt | 6137 | ||||
| -rw-r--r-- | old/50128-8.zip | bin | 144718 -> 0 bytes | |||
| -rw-r--r-- | old/50128-h.zip | bin | 183232 -> 0 bytes | |||
| -rw-r--r-- | old/50128-h/50128-h.htm | 8302 | ||||
| -rw-r--r-- | old/50128-h/images/cover.jpg | bin | 35952 -> 0 bytes |
8 files changed, 17 insertions, 14439 deletions
diff --git a/.gitattributes b/.gitattributes new file mode 100644 index 0000000..d7b82bc --- /dev/null +++ b/.gitattributes @@ -0,0 +1,4 @@ +*.txt text eol=lf +*.htm text eol=lf +*.html text eol=lf +*.md text eol=lf diff --git a/LICENSE.txt b/LICENSE.txt new file mode 100644 index 0000000..6312041 --- /dev/null +++ b/LICENSE.txt @@ -0,0 +1,11 @@ +This eBook, including all associated images, markup, improvements, +metadata, and any other content or labor, has been confirmed to be +in the PUBLIC DOMAIN IN THE UNITED STATES. + +Procedures for determining public domain status are described in +the "Copyright How-To" at https://www.gutenberg.org. + +No investigation has been made concerning possible copyrights in +jurisdictions other than the United States. Anyone seeking to utilize +this eBook outside of the United States should confirm copyright +status under the laws that apply to them. diff --git a/README.md b/README.md new file mode 100644 index 0000000..8298d38 --- /dev/null +++ b/README.md @@ -0,0 +1,2 @@ +Project Gutenberg (https://www.gutenberg.org) public repository for +eBook #50128 (https://www.gutenberg.org/ebooks/50128) diff --git a/old/50128-8.txt b/old/50128-8.txt deleted file mode 100644 index 05f31b3..0000000 --- a/old/50128-8.txt +++ /dev/null @@ -1,6137 +0,0 @@ -Project Gutenberg's Die Schwägerinnen. Zweiter Theil., by Henriette Hanke - -This eBook is for the use of anyone anywhere in the United States and most -other parts of the world at no cost and with almost no restrictions -whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it under the terms of -the Project Gutenberg License included with this eBook or online at -www.gutenberg.org. If you are not located in the United States, you'll have -to check the laws of the country where you are located before using this ebook. - - - -Title: Die Schwägerinnen. Zweiter Theil. - -Author: Henriette Hanke - -Release Date: October 4, 2015 [EBook #50128] - -Language: German - -Character set encoding: ISO-8859-1 - -*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DIE SCHWÄGERINNEN. ZWEITER THEIL. *** - - - - -Produced by The Online Distributed Proofreading Team at -http://www.pgdp.net (This file was produced from images -generously made available by The Internet Archive) - - - - - - - -[ Symbole für Schriftarten: _gesperrt_ : =Antiqua= ] - - - - - Die Schwägerinnen. - - Roman - von - Henriette Hanke - geb. Arndt. - - Zweiter Theil. - - - Ist die Natur nicht mit dem Glück im Bunde, - Dann kommt sie übel fort, wie jede Saat, - Die man gesäet auf fremdem falschen Grunde. - - _Dante Alighieri._ - - - Hannover, 1836. - Im Verlage der Hahnschen Hofbuchhandlung. - - - - -Graf Frankenstern war der letzte Sprößling eines alten fränkischen -Geschlechts. Früh verwais't, seinem Stammhaus entfremdet, hatte er den -Besitz der deutschen Standesherrschaft Bonna und Bühle, einer Spaltung -der Familie und dem Unglück seines Oheims zu danken, der vier kräftige -Söhne in der Blüthe ihrer Jugend hinsterben sah, um dies reiche Majorat -einem kränklichen Neffen zu hinterlassen, der schon im Sarge gelegen. -Graf Frankenstern war von Kindheit an zu Starrkrampf geneigt, und in -solchem Zustande einmal für todt gehalten worden. Ein rettender Zufall -gab ihn dem Leben zurück; doch den tiefen Eindruck jener entsetzlichen -Gefahr nahm die Oberfläche der Welt nicht mehr hinweg. Dem edlen -Gesichte blieben leichenhafte Züge, ein Grauen vor Allem, was an das -Grab erinnert, wurzelte tief in der Natur dieses Erstandenen, und jene -bange einsame Ruhe, welche die Todten umschwebt, wich nie von seiner -blassen Stirne. -- - -Von seinem Oheim mit kalter Strenge behandelt, hatte Graf Frankenstern -schon zeitig das Weh empfunden, ein aufgedrungener Erbe zu seyn. Kein -inniges Band zärtlicher Achtung knüpfte ihn an seine Verwandten, Liebe -machte seine dankbare Pflicht nicht freiwillig: das Schloß zu Bonna war -eine Oede des Hasses für seinen künftigen Herrn. Als dieser nun auf -eine ferne Ritterschule kam, fühlte er sich zum erstenmale gesellig -glücklich, und in einem Zusammenhange, der sein Herz erweiterte. -Vorzugsweise schloß er sich an einen jungen Edelmann fremder -Abkunft, und vielleicht war es weniger manches Gleiche in den äußern -Verhältnissen der beiden Jünglinge, als ihre innerste Verschiedenheit, -was diese Freundschaft begründete. - -Sylvius de Romana war durch ein seltsames Geschick von den Küsten seiner -Heimath auf den Boden dieses Landes verschlagen worden. Seine Vorfahren -hatten großen Rang und Reichthum in Spanien behauptet, doch den -Umschwung ihres zeitlichen Glückes erfahren, und seitdem die schwebende -Fortuna auf andern Stellen der Erdkugel gesucht. Eine junge verwittwete -Dame jenes einst glänzenden Namens bewohnte im Gebiet von Valencia ein -verfallnes Landhaus am Meere. Sie hatte den Gemahl auf einer Seereise -verloren, und den letzten schmerzlichen Trost entbehrt, seinen Leichnam -gesehen zu haben. Sein Ebenbild, ein holder Knabe, war ihr einziges -Glück! -- Nach einer stürmischen Gewitternacht, in der ein Schiff -verunglückt war, fand Donna Romana einen Mann besinnungslos an einen -Balken geklammert, unter Trümmern am Strande. Sein Blut floß aus einer -Armwunde, die er im Kampf gegen den Untergang davon getragen haben -mogte, sacht in den glühenden Sand. Dieser traurige Anblick regte in der -Spanierinn Erinnerungen auf, die sie bestimmten, sich des Ohnmächtigen -anzunehmen. Sie glaubte noch schwache Spuren des Lebens in ihm zu -entdecken. Es war der Kaufmann, den jener Verlust betroffen; doch die -Dame dachte nur an ihren eigenen, indem sie ihm Hülfe leistete. Sie ließ -ihn in das Landhaus tragen und pflegte sein mit samaritischem Geist. Er -erkrankte schwer, das Fieber ward durch die schädlichen Einflüsse des -Climas und der Jahreszeit auflösend; doch er genas, und kaum war der -Sieg seiner rüstigen Natur entschieden, als die gute Dame ein Opfer -ihrer Menschenfreundlichkeit ward. Die Dame richtete die schwarzen -Augen, vor denen die Schatten des Todes schwebten, auf den -unglückseligen Gast, der händeringend an ihrem Lager stand -- dann -erlosch ihr Blick, dieser mütterliche Strahl, auf dem weinenden Gesicht -ihres Kindes. Der Kaufmann vergaß niemals diesen Blick. Das Lächeln, -womit die Mutter starb, als sie ihren Sohn in den Armen jenes Mannes -und sich verstanden sah, hatte ein Testament in sein redliches Herz -geschrieben, mit Zügen, die keine Zeit verwischte. Niemand that -Einspruch, als der Fremdling den kleinen Romana als sein Eigenthum -ansah, und sobald er dazu im Stande war, ihn fortführte von dieser -traurigen Küste. Der kleine Sylvius nahm nichts von dort mit sich -hinweg, als ein dämmerndes Gedenken an die Schönheit seines Vaterlandes, -eine Sprache, die in der Stimme seiner Mutter lebenslang wie -Frühlingslaut an seine Seele rührte -- und das Blut seiner Nation, das -stolz und heiß in seinen Adern floß. Im Hause des Kaufmanns kam dem -Knaben daher -- sprüchwörtlich gesagt -- Alles spanisch vor, und nichts -heimisch. Bis dahin hatte er im Garten des mütterlichen Landhauses -unter einer Dattelpalme, in deren Kern sich bekanntlich die -Seidenraupe einspinnt, den langen Tag der Kindheit verträumt, und, -ein Fischerliedchen summend, kleine Grotten von Muscheln gebaut. Jetzt -schirmte ihn zwar auch der Baum des Friedens und des Fleißes; aber der -Ernst eines geschäftsthätigen Lebens rief seine Kräfte zu nützlicher -Uebung auf. Das jüngste Töchterchen des Kaufmanns hatte sich mit Sylvius -in eine Art von Verständniß zu setzen gewußt, die andern Geschwister -nicht. Die kleine Blanka schien ihm ein Engel, und waltete schützend -um ihm wie ein solcher. Einst sagte sie bittend: »Vater! lasse doch den -kleinen Ritter --« der Kaufmann lächelte zu dieser anmuthigen Benennung, --- »nicht mehr in die Manufactur gehen; das Getöse der Webstühle macht -ihm Kopfschmerz.« Der Vater legte seine Hand auf die blonden Flechten -seines Kindes und sprach: »das Meer, daran die Wiege Deines kleinen -Freundes gestanden, toset viel stärker, Blanka!« - -Aber er sorgte dafür, daß Sylvius bald darauf in verhältnißmäßige -Aufsicht käme, und brachte ihn später in jenes adelige Institut, wo -er sich, wie wir bereits erwähnt, mit Graf Frankenstern freundlich -zusammenfand. Als die Zeit ihrer Trennung gekommen war, dachten sie -kaum, wann? und wo? ein günstiger Stern sie wieder vereinigen werde, und -eben so wenig daran, einen Briefwechsel zu verabreden. Das Band einer -jugendlichen Freundschaft hält sich so stark, daß es keiner Verknüpfung -dieser Art bedarf oder zu bedürfen glaubt. - -Graf Frankenstern kehrte nach Bonna zurück, und nahm die Stellung ein, -auf die er Ansprüche hatte. Die Welt zog ihn in ihre Kreise, ohne daß er -sich ihrem Interesse hätte anschließen können; immer war und blieb der -Hang zur Einsamkeit vorherrschend in ihm. - -Als er nach dem Tode seines Oheims die Güter antrat, meinte er, es -sey nun schicklich, daß er sich vermähle. Wenig zugänglich für -leidenschaftliche Gefühle der Liebe, richtete er mit ruhiger Ueberlegung -sein Augenmerk auf die Töchter edler Herkunft, und seine Wahl fiel auf -ein liebes, leutseliges Wesen, welches den Grafen durch eine Ahnung -von Stille für sich einnahm, die in diesem Gemüth wohne, und ihn ein -Uebereinstimmen ihrer Neigungen hoffen ließ. Ein so glänzendes Loos -wäre dem Fräulein nicht im Traume eingefallen. Dies liebenswerthe Kind, -elternlos und unbegütert, lebte in Mitten einer hochmüthigen Familie, -hart gedrückt, und war, ohne Aussicht auf eine andere Versorgung, -entschlossen gewesen, den Schleier zu nehmen, der damals noch manches -Mädchen durch freiwillige Entsagung vor dem Schmerz schützte, unbegehrt -von einem Manne zu bleiben. Der irdische Bräutigam kam bei dem Fräulein -dem himmlischen zuvor, und ein beinahe fürstlicher Brautschatz machte es -dem Gelübde der Armuth untreu. - -Aber es schien doch, als ob jene Idee Beruf und Element dieser -jungfräulichen Seele gewesen wäre. Ein klösterlicher Hauch -- wenn wir -so sagen dürften -- schwebte um die Gestalt der jungen Gräfinn, und -die Blume ihres Glückes hatte einen Athem von Resignation. Sie verehrte -ihren Gemahl gleich einem Schutzheiligen, hütete sich sorgsam, gegen -seine Eigenheiten zu verstoßen, deren der Graf wirklich viele hatte; -doch war es nur Achtung, nicht Liebe, was die Gräfinn so zart in ihren -Pflichten machte. In ihrem Herzen blieb eine Lücke, welche der ganze -Vollbesitz ihrer Lage nicht auszufüllen vermogte. Einen verborgenen -Kummer trug sie darüber. In ihrer linken Brust war eine kleine -Verhärtung entstanden, die Gräfinn wußte nicht wie? Sie hatte lange -keine Gelegenheit, einen Sachverständigen um Rath zu fragen, und dann -eine schmerzliche Schaam zu überwinden, als es später doch geschah. Der -Graf duldete keinen Wundarzt erster Classe im Bereich seiner Herrschaft, -und der Bader des Ortes mußte sich wie ein Geächteter seinem Blick -entziehen. Als die Gräfinn ihrem Gemahl sanfte Vorstellungen zu machen -pflegte, ward er heftig und sagte: »nein, nein! meine Liebste! solch ein -Messer in der Hand des Chirurgs, was er mit Gleichgültigkeit entblößt, -während das arme Opfer zitternd sitzt und nach dem furchtbaren Stahl -zitternd hinblinzelt -- ist mir nicht viel anders, als ob ich ein -Richtschwert schwingen sähe. --« Ein jäher Krampf flog über seine Züge, -die Gräfinn erbleichte -- und es war nie mehr die Rede davon. - -Nur zum Behuf des Gottesdienstes durften die Glocken in Bonna geläutet -werden; die Todten wurden ohne Sang und Klang bestattet. Der Graf -entschädigte die Geistlichkeit für den Verlust, den sie an diesen -stillen Begräbnissen erlitt, sehr freigebig. Doch, wie väterlich er -für seine Unterthanen sorgte, ihnen Krankenhäuser baute, nasse Augen -heimlich trocknete, und sich als den Schutzfreund ihrer Wittwen und -Waisen bewies, so verziehen sie es ihm doch nicht, daß er ihnen den -Genuß öffentlicher Trauer und Thränen raubte; das Gepränge mit ihren -Todten galt ihnen mehr, als die Zufriedenheit der Lebendigen. Daß ihr -gütiger Grundherr einen Grund zu diesem Verfahren haben müsse, dies -sahen sie nicht ein. Der Graf fühlte jedesmal eine Anwandlung seiner -Krankheit, so oft er einen Leichenzug erblickte. Endlich machte er -seinen Unterthanen den Vorschlag, ihre Gestorbenen zu verbrennen, -und diese classische Idee wurzelte in seiner nervösen Furcht vor der -Möglichkeit, lebendig begraben zu werden. Alle Spuren der Verwesung -wären dann vertilgt vom Boden seines Gebiets, und er war Willens, der -Erfüllung dieses Wunsches Denen, die sich ihm fügten, große Vortheile -einzuräumen. Der Aschenkrug, darin die Reste der guten Landleute von -Bonna gesammelt würden, sollte ein volles Maß von Wohlergehen über sie -ausgießen. -- Aber es gab einen Aufruhr -- und wenig fehlte, so hätten -sie das Schloß gestürmt und den Grafen gesteinigt. Nur die abgöttische -Hochachtung vor seiner Gemahlinn hielt das Volk von roher Unbill zurück. - -Von dieser Zeit an ward Graf Frankenstern mit Vorurtheil gehaßt. Dies -nährte seinen tiefsinnigen Stolz, und er verschloß sich in sich -selbst; nur das Gefühl, geliebt zu seyn, macht populair. Seine Güte -war Grundsatz, deshalb erschütterte ihn der Undank nicht; aber er stand -allein, und auf einer schroffen Spitze. - -»Das wollen wir erleben, _Der_ wird noch überschnappen --« sagte der -Bader, so oft er eine alte Gevatterinn zur Ader ließ, beflissen, den -Widerwillen des Grafen gegen seine Person auf eine Art zu erklären, die -nur Jenem schadete. So kam das Gerücht in Umlauf, es sey nicht richtig -mit ihm. Und da die Sage es ist, welche Verhältnisse schafft, so wie -nicht selten durch die Meinung Zustände entstehen: so schwebte auch -dieserhalb Graf Frankenstern in Gefahr, für wahnsinnig gehalten zu -werden. - -Mit jener tiefen Wehmuth, die nur die Reichen dieser Welt kennen, die da -wissen, wie nichtig eitler Besitz für das Bedürfniß des Glückes sey --- entäußerte sich die Gräfinn ihrer Vorzüge, und meinte das Beste -zu entbehren, da es nicht in ihrem Vermögen läge, ihren Gemahl zu -erheitern. Sie glaubte, seine finstere Seele werde sanften Eindrücken -sich öffnen, als sie sich Mutter fühlte, und ihr ganzes Herz hing -an diese Hoffnung. Die Gräfinn ward von einem Knaben entbunden, aber -schwer; es mußte ein Geburtshelfer geholt werden. Der Graf hielt sich -in seinen Zimmern, und kam nicht eher wieder zum Vorschein, bis man ihm -sagte, Alles wäre vorüber. - -Wie duldsam die Gräfinn nun auch war, eine kleine Empfindlichkeit, so -weit ihre Schwäche sie zuließ, konnte sie doch nicht bergen. Und als das -Kind nach kurzer Zeit an Krämpfen starb, brachte der Gedanke, mit welch -einsamen Schmerzen sie es geboren, und daß die Natur des Vaters es -ihr entrissen -- die Mutter aus dem Gleichgewicht sanftmüthiger -Gelassenheit, so daß sie schwankte, zwischen Groll und Gram. Der Graf -weigerte sich, den kleinen Leichnam zu sehen, und seine Gattinn fühlte -sich verlassen wie eine Wittwe, da sie ihn mit ihren mütterlichen -Thränen salbte. »Mein Kind, mein süßes, kleines Kind!« jammerte die -Gräfinn, »so mußtest Du mir hinsterben, bewußtlos wie eine Blume -einschläft, die in tödtendem Frost erschauert! -- Und kaum habe ich das -Blinken Deines Auges gesehen, keinen Blick des Verstandes. --« - -»Das Kind war weise --« sprach der Graf am Fenster eines Coridors, wo er -in der umgebenden Stille die Klage seiner Frau vernommen hatte. - -»_Weiß_? sagst Du?« fragte die Gräfinn, aufhorchend, welch ein Wort -der stumme, scheinbar kalte Vater fallen ließe, und schritt mit matten -Schritten näher, »nein, da irrst Du, mein Gemahl! es hatte von Geburt an -eine blaurothe Farbe.« - -»Es war _weise_, sagte ich,« betonte der Graf, »denn es sträubte sich -gegen das Licht dieser Welt, und hat sie bald wieder verlassen, weil -sich die Mühe des Lebens nicht verlohnt.« - -Diese Worte schnitten mit zwiefachem Weh in die Seele der Mutter, sie -erinnerten an Stunden der Angst, und zeigten, welch eine düstere Ansicht -ihr Gemahl von einem Daseyn hätte, das Schätze über seinem Haupte -gehäuft, ohne ihm eine Freude abzugewinnen. - -Die Gräfinn konnte sich nicht von dem Anblick ihres Kindes trennen, und -hätte es lieber wie ein Bild unter Glas und Rahmen gesetzt. Sie schützte -vor, es könne wohl gar in Starrsucht liegen; aber es lag im Arm des -Todes. - -Der Graf hatte die ganze Zeit unbeschreiblich gelitten, und sein -bleiches, verstörtes Gesicht forderte Schonung für seinen Zustand. -Da dieser Zustand nun das Geheimniß eines Leidens war, was innig -verflochten in das wundervolle Gewebe der Nerven, nicht minder eine -Krankheit der Seele wie des Körpers genannt werden können, und die -Menschen in der Regel nur ein mitleidiges Auge für sichtbare Uebel -haben: so schonte selbst die Gräfinn bei aller natürlichen Zartheit der -Empfindung, ihren Gemahl nicht immer genug. Wir wollen bedenken, daß -der Gräfinn jenes Gefühl für ihn abging, welches allein den Geist zu -durchdringen vermag: die _Liebe_ -- das tiefste Verständniß! -- - -Ob wir auch Tugenden an dieser liebenswürdigen Frau rühmen müssen, -die kein Gemeingut ihres Geschlechts sind, und nur das Eigenthum der -edelsten weiblichen Seelen, so war sie doch als Evas Tochter von einer -kleinen Schwäche nicht frei. Der Reiz des Versagten wirkte auf -ihren bescheidenen Sinn. In absonderlicher Hinneigung zu Aerzten und -Wundärzten, nahm sie den geringsten Anlaß wahr, ihre Kunst anzusprechen, -selbst den Bader von Bonna grüßte sie freundlich und bedeutsam -- was -freilich zur Ehre eines vergütenden Willens erklärt werden könnte. Für -die Utensilien des Todes hatte die Gräfinn ein bemerkendes Interesse; -und so wie Jemand das, was eine Gestalt in ihm gewonnen, in jedem -Gegenstande erblickt: so prägte sich ihr Alles zu Bildern der -Sterblichkeit aus. - -Im Verschluß ihres Gemahls befand sie eine Chatoulle, worin die Juwelen -der Familie aufgehoben lagen. Dies Kästchen, von einer Form, wie man -auch jetzt noch, nur im kleinsten Verhältniß, ein kompendiöses Nähzeug -für Damen kennt, war von dunklem Saffian; um die schmal abwärts laufende -Höhe zog sich eine feine stählerne Gallerie, Schloß und Handhaben waren -massiv und von Silber. Die Gräfinn, gleichgültig gegen Schmuck und Putz, -so daß sie als Braut jedes schimmernde Geschenk verschmäht hatte, -liebte von allem Geschmeide nur Perlen. Eines Tages erwähnte sie -gesprächsweise, daß die Perlen im Halsband von ihrer seligen Mutter, -worin sie sich trauen lassen, nun auch abgestorben wären. Sie sagte -dies mit so bekümmerter Miene, als wäre ein Leben von größerem Werth ihr -erblichen. »O! da sey ruhig, mein Schatz!« antwortete der Graf eilig, -weil jener bildliche Ausdruck ihn schon leise ängstete, »Perlen kannst -Du sehr schön haben, wirklich köstlich; ächte! orientalische! --« Und -mit freundlicher Gefälligkeit für den Geschmack der Gattinn, ließ er das -Kästchen aus dem Behältniß eines Schrankes heben, und reichte ihr -den Schlüssel. Die Gräfinn war doch eine Frau. Mit leuchtenden Augen -betrachtete sie das nette Köfferchen und sprach: »ist dies doch ein -förmlich kleiner Sarg! das niedlichste Modell zu einem solchen. Oben -fehlt nur noch das Crucifix, so ist er fertig.« Das Schloß, leise -erklingend, that sich auf; dieser Ton, jene Worte, berührten in dem -Grafen eine überspannte Saite -- und schaudernd wendete er sich ab. - -»Und innen auch --« fuhr die Gräfinn unvorsichtig fort, »dieses duftende -Kissen von weißem Atlaß, mit kleinen Franzen besetzt, was darauf ruht, -ist doch ein wenig mehr als Staub. --« Sie nahm ein Stück nach dem -andern heraus, und der Schimmer der Edelsteine spiegelte sich in ihrem -lächelnden Blicke. - -Der Graf bat seine Frau mit dumpfer Stimme, das Kästchen von nun an in -Gewahrsam zu behalten. - -Eine abermalige Niederkunft der Gräfinn war nicht glücklicher als die -erste. Das Kind starb an Krämpfen. Sie fing an zu zweifeln, daß ihr -Mutterfreuden beschieden seyn würden, nur halb getröstet von dem -Gedanken, es geschehe ihr zum Wohl: denn kränklichen Geschöpfen das -Leben gegeben zu haben für langes Leiden, sey viel schmerzlicher, als -ihren frühen Tod zu beweinen. - -Graf Frankenstern nahm diesen Verlust mit gewohnter düstrer Fassung hin, -und diese melancholische Unempfindlichkeit vereinsamte seine Gattinn in -ihrem Schmerz. Mit der bedenklichen Stelle in ihrer linken Brust war -es während jener Zustände schlimmer geworden, und ein erfahrener Arzt -äußerte, wenn die Gräfinn nur nicht wieder guter Hoffnung würde, so -dürfe sie schon ohne Furcht seyn. -- - -Eine Reihe von Jahren war hingegangen, ohne daß irgend ein Ereigniß -bedeutender Art die tiefe, eintönige Ruhe im Schloß zu Bonna -unterbrochen hätte. Es war der Gräfinn zuweilen, als hätte sie seit -ihrer Verheirathung ein Weltalter durchlebt. -- Sie brachte jeden -Sommer eine Zeitlang in Bühle zu und besuchte dann freundschaftlich die -Cisterzienserinnen von Sanct Capella. Mit einem schmerzlichen Lächeln -blickte sie in das heitere, vollblühende Gesicht mancher geistlichen -Schwester, deren Geburtstag nicht weit von dem ihrigen aus einander lag. -Sie sah an dem jungen Zuwachs der Töchter auf den Gütern ihres Gemahls, -daß sie alt würde, und nahm in trübem Verzichten auf die Freuden des -Lebens das Gefühl einer Matrone voraus. Die schweigsame Haltung -des Grafen, die goldne Wucht des Reichthums und der Druck der -Gleichmäßigkeit, beugte ihre liebliche Gestalt vor der Zeit. - -Jetzt aber wurde die Gräfinn, deren zarte Gesundheit selten gestört -gewesen, sehr kränklich und verfiel sichtbar. Ein Arzt, dem die Gräfinn -ihr Zutrauen schenkte, meinte, als er ihre Klage vernahm, sie fühle sich -beengt und einen Andrang nach dem Herzen -- traurige Gedanken schwebten -ihr beständig vor, und sie sey nicht mehr im Stande, die Stimmung ihres -Gemahls auszuhalten --: es läge ihr ein wenig im Gemüth, und Zerstreuung -würde hier das Beste thun. Die Gräfinn schüttelte leise den Kopf, wobei -ein paar Thränen von ihren Wimpern tropften. Sie sprach: »habe ich jene -Schwermuth, unter der eine Frau unsäglich leidet, doch so lange mit -Freudigkeit getragen, warum sinkt mir denn jetzt der Muth?« - -»Weil jede Last mit jedem Tage schwerer und zuletzt unerträglich -wird --« erwiederte ihr hierauf der Doctor. Er gab sein Gutachten dahin -ab, daß, wenn der Graf sich entschließen könnte, die Bäder von S... zu -gebrauchen, so wäre hoffentlich auch seiner Gemahlinn geholfen. -- Es -kostete einen schweren Entschluß, daß dieser Rath befolgt würde. Der -Graf war beinahe menschenscheu, die Gräfinn, durch langes Entwöhnen von -geselligem Umgang nonnenhaft blöde geworden; es grauete Beiden vor dem -Geräusch der Welt. Der Graf machte die schöne Reise wie ein Automat. Er -sprach nur, was er mußte. -- Die Gräfinn saß stumm an seiner Seite, -und ihr Blick streifte düster über die wallenden Getraidefelder hin, an -denen noch die letzte Blüthe hing -- oder tauchte unter in ein Meer von -Sorgen. Sie ließ halten, so oft ein Fußgänger, mühselig und beladen, ein -Armer am Wege mit neidendem Staunen zu der prächtigen Equipage aufsah, -und reichte ein Geldstück heraus, das ihm fröhlich weiter half. So -sammelte die gute Gräfinn tausend Segenswünsche ein, und der große -Rentirer an der Hauptcasse des Himmels zahlte richtig an Ort und Stelle -die Zinsen des Wohlthuns. - -In dem pallastähnlichen Hause, worin Graf Frankenstern mit seiner -Gemahlinn Wohnung fand, hatte die nächst daran stoßenden Zimmer ein -alter freundlicher Mann, mit einer jungen blassen Frau inne. - -Ein Zufall brachte die Gräfinn schon am ersten Morgen in nähernde -Beziehung zu dem alten Nachbar. Es war ein berühmter Accoucheur, der -seiner Schwiegertochter zu Liebe hierher gekommen war. Er erzählte, -die junge Frau hätte fünf todte Kinder geboren, »und _fünftausend -lebendige_,« setzte er mit summarischem Accent und einer Mischung von -Stolz und Schmerz hinzu: »habe ich mit dieser meiner Hand eingetragen, -und komme mir deshalb wie ein kleiner Herrgott vor, der seine Kinder -=nolens volens= an das Licht bringt.« - -Bei diesen Worten hob er die Hand empor, die obgleich klein und hager -doch so gewaltig war; der Gräfinn Auge haftete auf einem Siegelringe -am Finger des Priesters der Lucina. Sie erröthete gleich dem schönen -Carniol, und faßte ein Herz zu diesem Manne. -- - -»Mein bleiches Töchterchen,« fuhr er fort, »thut mir leid; das gute Weib -grämt sich und weint oftmals im Stillen, eine Leichenmutter zu seyn. -Und ich, der Geburtshelfer! kann ihr nicht helfen, und muß meinen Ruf -verlieren am eigenen Blut. So kannte ich einen Mann, der die halbe -verkrüppelte Welt gerade gemacht hatte, und sein einziger Sohn war -ein Aesop. Dies ist ein herber Spott für die Kunst, und ein mächtiger -Schlagbaum gegen den Egoismus; aber gewiß eine weise Einrichtung von -Gott. Die Kräfte des Einzelnen gehören der Menschheit und nicht seinem -Glück.« - -Die Gräfinn hörte ihm mit ersichtlicher Theilnahme zu. Sie kam sich, -im Vergleich zu jener beklagenswerthen Frau, minder unglücklich vor. So -erwähnte sie ihrer eigenen Leiden, und fragte ihn um seine Meinung, über -den Gebrauch der Bäder dieses Ortes für sie selbst. Der Alte that ein -paar Querfragen, dann mit einem practischen Lächeln den Ausspruch: die -Gräfinn würde noch vor Ablauf des Jahres einer kleinen Wanne bedürfen. --- Sie sah ihn an mit einem Blick -- einem Blick! -- wenn, nach einem -platonischen Ausdruck, Verwunderung die Mutter des Schönen und Guten -sey: so dürfen wir, in kühner Anwendung desselben, die Gräfinn als eine -Gesegnete ihres Geschlechts betrachten. - -In dieser Stunde ging der Graf einsam ins Freie; er überließ sich seinen -Gedanken, und gerieth auf einen jener geheimnißvollen Spaziergänge, -die dadurch an ihrem Reiz verlieren, daß die Menge sie weder kennt noch -sucht. Unter dem Niederhang einer Birke saß ein Mann, der einen Knaben -zwischen seinen Knieen hielt, dem er aus einem Buche etwas zu erklären -schien. Der Graf grüßte stumm und ging vorüber. »Gieb Acht, Sylvius!« -sagte der Fremde, als der Knabe zerstreut Jenem mit seinen Blicken -folgte. - -»Sylvius!« wiederholte der Graf leise, und blieb stehen, um einem -Echo der Erinnerung zu lauschen. Als er aber jenen Mann mit einer -fremdartigen Aussprache weiter reden hörte, rief er, daß Berg und Thal -davon wiederhallte: »Sylvius!« Vater und Sohn dieses Namens sprangen -erschrocken auf, und Romana lag in den Armen seines Freundes. - -Der Knabe stand ausgeschlossen, ja scheinbar vergessen, und schaute -mit großen Augen unter einem strohernen Hütchen hervor, dem eine kleine -rothe Feder ein phantastisches Ansehn gab; der Unbekannte hatte sich mit -all' der hinreißenden Gewalt der Freundschaft seines Vaters bemächtigt. - -»Sieh hier meinen Sohn!« sagte der ältere Sylvius, und streckte seine -Hand nach dem jüngeren aus: »mein einzig Gut -- Du bist wohl reicher, -Frankenstern?« - -»Ich habe gar keine Kinder --« antwortete der Graf schmerzlich. - -»Aber verheirathet bist Du doch?« fragte der Freund, und es gereute ihn, -voreilig gewesen zu seyn. Der Graf nickte bloß. Wie wenig diese Antwort -auch besagte: Romana würde, sie geben zu können, sich für einen Crösus -an Glückseligkeit gehalten haben. - -Seine geliebte Frau war gestorben: die kleine blonde Blanka, die groß -und schön, und sein größtes Glück geworden war. Er hatte mit ihr in -Virginien gelebt. Diese Versorgung seines jüngsten und besten Kindes -war ein Opfer gewesen, welches der edelmüthige Kaufmann seinen -Familien-Verhältnissen gebracht. Seine älteren Töchter haßten den -Sylvius, und liebten ihren Vater nicht, und lohnten ihm schlecht. Er -hatte sich aus dem Vortheil gegeben: das giebt nie ein gutes Ende -- es -wäre denn ein leichtes Sterben darunter gemeint. - -»Mein Vater sehnt sich nach mir --« sagte Blanka mit thränenden Augen -zu ihrem Gemahl: »ich höre mich zuweilen ganz deutlich von ihm rufen. -Jüngst träumte mir, sein Reichthum wäre zu Wasser geworden, wir -schifften still darauf hin -- und hatten uns verirrt: denn es war das -_todte Meer_.« - -Als Sylvius nun sah, daß seine Frau gemüthskrank vor Heimweh werden -könnte, machte er die Rückreise möglich. Die Fahrt war aber nicht -glücklich, und ihr Ziel traurig. Der Kaufmann lag im Grabe und konnte -nicht mehr klagen, was ihn hinein gedrückt; aber man hörte es doch, und -auch wes Geistes Kind seine Töchter wären. -- Die Folgen der Seereise, -erschütternde Gefühle wirkten schädlich auf Blankas zarte Gesundheit, -und nicht lange, so bettete man sie an ihres Vaters Seite. - -Romana nahm sein Kind, nahm den Rest seiner Habe, und verließ dies -Haus für immer. Er wollte eine Anstellung suchen, wie er sie bei seiner -vielseitigen Ausbildung in diesem oder jenem Fache finden konnte, als er -den Jugendfreund wiederfand. Er erkannte den Grafen Frankenstern nur -an der alten Liebe noch: seine Gestalt war ihm unkenntlich geworden. In -tiefen Höhlen, von finstern Braunen überbuscht, lagen seine Augen, sein -Blick war verstört, und verrieth eine zerrüttete Seele. Und jenes ihm -eigenthümliche Lächeln um den geklemmten Mund, war nicht mehr -todtenhaft friedlich wie sonst, sondern krampfhaft: so daß auch dieser -weltversöhnte Zug, nur wie ein Nervenspiel innerster Angst erschien. - -Auch Sylvius de Romana hatte sich sehr verändert. Er war sehr braun -geworden, sonst würde er sehr bleich gewesen seyn, wie dies in den -Schattirungen seiner Gesichtsfarbe zu bemerken. Sein stolzer Wuchs hatte -etwas Gebeugtes angenommen, tiefe Erfahrungen ruhten in seinen Zügen --- aber sie _ruhten_. Der Klang seiner Stimme, sonst voll und laut, -der Ausdruck einer heftigen Seele, war geistig besänftiget, und etwas -langsam und leise. -- - -Doch, empfände wohl der Mensch eine äußere Veränderung, ob er sie auch -sähe, in einem Augenblicke unsterblicher Freude? -- Der Begriff der -Zeit verschwindet, wo wir fühlen, daß die Freundschaft _ewig_ ist. -- -Virginien, das Andenken an Blanka, ihres Vaters Grab, jeder in Thränen -und Tagen verflossene Schmerz: Alles sank in der Unendlichkeit unter, -was, wie ein Weltmeer, in Sylvius Herzen aufwallte, da es an dem des -Freundes schlug, und seine Augen wurden feucht. Und im Anblick der -kleinen Narbe an Romanas Stirn, die Graf Frankenstern ihm einst in der -Fechtschule mit dem Rappier geschlagen, schloß sich für Diesen jede -Wunde des Schicksals, und seine kranke Seele blutete nicht mehr. -Entzückt führte er den Freund und dessen Sohn mit sich fort in seine -Wohnung, sein Glück mit seiner Frau zu theilen. - -Die Gräfinn brannte unterdessen vor Begierde, die große Nachricht, die -sie wußte, ihrem Gemahl mitzutheilen. Er ließ lange auf sich warten, -endlich kam er, doch nicht allein. Die Fremden, die er mitbrachte, waren -als eine Störung von ihr angesehen, und leider! ist der erste Eindruck -beinahe immer entscheidend. So ist es nicht genug, daß Jemand ein Recht -zu kommen hat: er muß auch zur _rechten_ Zeit kommen, und kein Mensch -- -nur ein Gott kann diese wissen. - -Hier, im Beiseyn seiner Frau, schüttete der Graf das verschlossene Herz -aus, dessen eiserne Bänder die Freude sprengte. »Du bleibst nun bei mir, -Romana! denke nicht daran, mich zu verlassen --« sagte er gebietend, -und in den Ausdruck, wie sehr, wie innerlichst er dieser Nähe bedürfe, -mischte sich etwas von dem Bewußtseyn, wie viel er äußerlich zu gewähren -vermöge. »Dein Sohn --« so fuhr der Graf fort, »soll wie der meine -gehalten seyn, um so mehr, da wir keine Kinder haben.« Die Gräfinn -hustete leise, und wurde blaß vor Schrecken. Sie wäre keine Frau -gewesen, wenn diese Aeußerung ihres Gemahls gegen einen ihr fremden -Freund, sie nicht beleidiget hätte; dazu diese gesprächige Wärme, als ob -Geist des Lebens über ihn gekommen. Nie hatte sie, auch zur Brautzeit, -eine ähnliche Macht auf ihn geübt, und ganz nach Art weiblicher -Eifersucht, nahm sie dies Dem übel, der diese erheiternde Wirkung -hervorbrachte, ohne sich selbst heiter zu zeigen -- was immer -anspruchslos erscheint. Der unschuldige Knabe kränkte in der Aeußerung -des Grafen ihr neugebornes Kind -- und ein leiser Widerwille gegen diese -Fremden schlich wie eine Schlange über ihr Herz. -- - -Als die Gräfinn Gelegenheit hatte, ihren Gemahl mit der neuen Hoffnung -bekannt zu machen, fand sie ihn zwar erfreut; aber -- nicht im richtigen -Verhältniß zu ihrer mütterlichen Erwartung. Vielleicht fürchtete -der Graf, das Kind werde wieder sterben -- oder er schlug als ein -seelenkranker und niedergeschlagener Mann, den Werth eines Leibeserben -überhaupt nicht hoch an: genug, seine Freude war mäßig. - -Die Gräfinn trug ihr Glück wie eine Buße, mit schwerem, verschwiegenem -Herzen; mancher Stich ging jetzt durch ihre leidende Brust, die sich -täglich mehr verhärtete. - -Romana und sein Sohn begleiteten das Ehepaar von Frankenstern nach -Bonna. Ersterer sollte Forstmeister werden -- hatte der Graf flüchtig -hingeworfen. Den ersten Abend ihrer Ankunft daselbst, sagte die Gräfinn: -»ein Einziges bitte ich von Dir, mein lieber Mann! bleibt Romana hier: -so sey es doch nicht in unserm Hause; ich habe dazu meine guten Gründe.« - -Der Graf sah seine Frau bestürzt an, nie hatte sie durch Laune oder -Eigensinn seine Handlungsweise bedingt -- er schwieg, aber er wagte -nicht, diesen befremdenden Wunsch zu verneinen. - -Romana stellte die Bedingungen, unter denen er in Bonna bleiben wolle, -mit edler Selbständigkeit fest. Er sagte: »gieb mir ein Plätzchen, -Frankenstern, nach meinem Sinn, darauf ich mir ein Haus baue, und -Material dazu; dann Gelegenheit, Deinen Gütern wie Dir selbst zu nützen: -so hast Du mich.« - -Sie gingen aus, einen Platz zu suchen, und der Graf dachte seufzend, -wie viel Raum in dem weiten Schlosse, und daß keine Frau, auch die beste -nicht! durchaus verträglich wäre. - -Ganz in der Nähe von Bonna, kaum ein paar hundert Schritte davon -entfernt, lag ein kleines Vorwerk, Heiland genannt. Vermuthlich hatte -es diesen ehrwürdigen Namen von einem Christuskreuze erhalten, das in -ungewöhnlicher Höhe zwischen dem herrschaftlichen Hof und diesem Höfchen -stand. Ein klares Brünnlein rieselte darunter hin, und eine eingerostete -Gitterthüre schien diesen lautern Quell zu verschließen. Es waren Spuren -da, die es wahrscheinlich machten, daß der Bezirk dieser Stelle -einst Mauern getragen habe, und bewohnt gewesen sey; die Aussicht war -himmlisch. »Laß mich hier zu Jesu Füßen wohnen!« sagte Romana, indem er -mit glänzenden Augen an dem Crucifix hinauf blickte, »doch Dir zuvor -und gewiß am rechten Ort -- ein Bekenntniß ablegen, nach welchem es -sich fragt, ob ich nicht den Staub von den meinigen schütteln und weiter -ziehen muß.« - -Graf Frankenstern glaubte seinen Ohren nicht zu trauen, als er vernahm, -daß Romana, dieser catholische Edelmann, unter dessen Vorfahren -vielleicht Ritter vom goldenen Vließ gewesen, seinem Glauben entsagt -habe, und der eifrige Anhänger einer frommen Gemeinde geworden sey, -die das Lamm verehrt, was der Welt Sünde trägt. So wie Menschen von -schwärmerischer Anlage der äußersten und entgegengesetzten Richtungen -ihres Wesens fähig sind: so hatte Romana in Verbindungen, darin er mit -Blanka in Virginien gelebt, diesen Umschwung seiner religiösen Ideenwelt -erfahren. Eine große Gefahr, aus der er auf beinahe übernatürliche Weise -gerettet worden, entschied, und seine angestammte Wundergläubigkeit -wechselte nur ihre Form in seinem Gemüthe. Das Gefühl seiner Abkunft -und Armuth ward christlicher Stolz: den Armen war ja vorzugsweise das -Evangelium gepredigt. -- - -Nachdem der Graf dies vernommen, stand er eine lange, sinnende Weile. -Der Boden dieser catholischen Gegend schien empfänglich, um die neue -Lehre darauf zu verpflanzen, und neben Klöstern, päbstlichen Kirchen und -Heiligenbildern, lebte friedsam und einmüthig ein Häufchen der Stillen -im Lande. Selbst unter den Beamten der Ortschaft waren einige derselben, -deren gewissenhafte Redlichkeit Graf Frankenstern schätzte. Und so sagte -er: »was ich höre, Romana, setzt mich in Erstaunen, wie Du siehst; aber -es ändert nichts zwischen uns. Unsere Freundschaft ist mir eine Art -Religion -- und so glaube ich an Dich, wenn ich auch nicht begreife, -wie es möglich war, daß Du -- ein Abtrünniger werden konntest. Ich halte -Dich für einen ehrenwerthen Mann, und mich an diese Ueberzeugung. -- -So eben dachte ich, wie seltsam es sey, daß der Wind des Schicksals -Menschen eines Sinnes von allen Enden der Welt hierher zusammen weht.« - -Von der festen Zuversicht des Freundes gerührt, antwortete Romana: -»_weht_! ja, das ist das rechte Wort. Der Herr sammelt, was verstreut -gewesen. Sein Athem ist es, das Wehen seines Geistes, was den -Blüthenstaub im Frühling, auch über Mauern, zu der verwandten Blume -trägt.« - -Die Grundmauern zu dem neuen Hause wurden nun gelegt und hundert -arbeitsame Hände förderten den Bau. Es fand sich, daß ein gewölbter, -völlig gut erhaltener Gang von hier aus nach dem Schlosse führe, wovon -die eiserne Gitterthüre am Brunnen der Ausgang wäre. Dieser Fund war -für den Grafen die Entdeckung einer Goldmine. Er dachte bekümmert, seine -Frau wüßte bereits, was er ihr verhehlen mögen, und am liebsten für -immer, denn er kannte ihren Abscheu gegen Apostaten. »Sieh!« sagte er -sehr glücklich, und sich ins Geheim bewußt, sein Umgang mit dem Freunde -stände unter unsichtbarem Schutze, »so können wir ungehindert und selbst -zur Nachtzeit zu einander kommen. --« Aber der Saamen des Geheimnisses -trägt selten Früchte für das Licht. - -Endlich stand das Haus fertig, mit plattem Dach, worauf Romana einen -kleinen Garten anzulegen gesonnen war. Der Herr Christus prangte als -Schutzwache davor, und leise rieselte das Wässerchen unter der marmornen -Schwelle. Hinein zog Romana mit seinem Sohn, und lebte nicht allein -in strenger Absonderung, sondern einsiedlerisch verschlossen. Wenn die -Förster und Holzschläger, die den Forstmeister zu sprechen kamen, -Einlaß suchten, so zitterte der Schall der hellen Hausglocke durch den -mäuschenstillen Flur, und selbst Verstockte meinten, der Himmel werde -ihnen einmal eher aufgethan werden. - -Wie selig Graf Frankenstern sich die Nähe seines Freundes geträumt: so -empfand er doch die Beruhigung nicht davon, welche er gehofft hatte. -Er sah ein, daß die Gefühle der Jugend eine bedeutende Zuthat zu jener -innigen und beglückenden Freundschaft gewesen wären. Wirklich hatte -Romana sich sehr geändert, und war ein wenig kopfhängerisch geworden; -der Graf war ein geisteskranker Mann, der ganz eigen behandelt -seyn wollte, und eines aufrichtenden Umgangs bedurft hätte. Romanas -Uebertritt hatte eine Kluft zwischen ihnen gerissen, die der Graf in der -Fülle seines Herzens anfänglich nur für eine Linie hielt --; aber es war -ein tiefer, dunkler Spalt, der ihr innigstes allseitiges Vertrauen nicht -zuließ. Sie vermieden sorgsam jedes Gespräch, das nur von fern diesen -Punkt berührte, und wehe der Freundschaft, die, wenn auch nur _eine_ -Stelle weiß, welche geschont werden muß! -- - -Der Hochmuth des Grafen war durch seine Verhältnisse, durch das Gefühl, -verkannt zu seyn, durch die Natur seiner Krankheit genährt worden. Auch -der Unglückseligste hat noch _einen_ Freund: den Tod! Graf -Frankenstern aber sah in diesem das Gespenst seines Lebens, und die öde -Unsterblichkeit, die er sich in der Angst seiner Seele wünschte, stellte -ihn allein unter den Menschen. Romanas ritterlicher Sinn war Stolz der -christlichen Demuth geworden. Ein leiser Hang zum Abenteuerlichen, -der ihm verblieben, ein inneres Absondern von Andern, ließ ihn von der -breiten Straße abbeugen, auf der gewöhnliche Menschen das Glück suchen. -Der Geist seiner Secte setzt etwas darin, vertraut mit dem Tode seyn -und seine düstern Farben und Symbole in den Bedarf des häuslichen Lebens -aufzunehmen; Romana schlief unter einer Decke schwarz und weiß, zu -seinen Häupten lief lautlos oder stand eine Sanduhr, weil sein Schlaf -so leise war, daß auch der sanfteste Seiger ihn verscheuchte. Er würde -lächelnd seinen Morgentrunk aus einem Schädel genommen haben, er sprach -freudig von seiner Auflösung, und diese Kraft stellte ihn hoch über -seinen Freund. - -Graf Frankenstern arbeitete nichts; nur seine Phantasie war unablässig -beschäftiget. Das Bewußtseyn, durch seine eigensten Kräfte zu nützen, -hatte ihn nie gehoben. Die Leichtigkeit, womit er wohlthun konnte, -täuschte ihn über die Unterlassungs-Sünde, die Mittel dazu aus sich -selbst zu schöpfen. - -Romana besaß schöne Kenntnisse, und übte sie mit Fleiß. Er war thätig -von früh bis spät, und der Kernspruch seines großen Landsmanns, daß -Arbeit des Blutes Balsam sey -- bewährte sich an ihm: er war sehr -gesund. Er trieb viel Mathematik, und flößte seinem Sohne Lust und -Eifer für diese Wissenschaft ein; indem er ihn gewöhnte, seinen Verstand -anzustrengen, unterdrückte er das frühzeitige Aufstreben von Gefühlen, -denen die Einsamkeit Nahrung giebt. - -Die Gräfinn war im Spätherbst jenes Jahres, welches ihren Gemahl seinen -Freund wiederfinden ließ, schnell und sonder Gefährlichkeit von einer -Tochter entbunden worden. Ein niedliches Mädchen machte ihr das Leben -leicht. Dennoch schien die Mutter tödtlich erschöpft. - -»Das Kind ist im Zeichen des Krebses geboren --« sagte die Wärterinn -nach einem Blick in den Calender, »Gott verhüte, daß ihm nicht Alles -rückgängig werde!« Die Gräfinn erschauerte bei diesen Worten in einer -andern Furcht. - -Die Kleine ward Albane getauft, und gedieh wunderschön an der Brust -einer derben Amme. Keine Spur von Krämpfen zog das Herz der Mutter in -der Befürchtung zusammen, dies Engelskind werde ja doch nur wieder ein -geliehenes Gut seyn, wie die kleinen Brüder -- was sie nach kurzer Zeit -mit tausend Thränen zurück zahlen müssen. Langsam hatte sich die Gräfinn -erholt, und war auch bei wiedererlangten Kräften, und ihres Anlasses zur -Freude ungeachtet, in sich gekehrt und traurig geblieben. - -Zwei Jahre waren seitdem verstrichen, als eines Tages Romana sich bei -seinem Freunde im Schloß befand. Sie unterredeten sich über die Zukunft -seines Sohnes. »Sylvius bekommt einmal Deine Stelle --« sagte Graf -Frankenstern gleichsam zusichernd. Er sprach damit die Gewißheit an, den -Vater des künftigen Forstmeisters zu überleben. - -»Meinem Wunsche nach,« antwortete Jener, »geht er in die weite Welt.« - -»Dein einziger Sohn?« erwiederte der Graf mit Vorwurf, »Du willst doch -nicht, daß er ein Glücksritter werde?« - -»Warum nicht? bin ich doch auch Einer --« sagte Romana, und lächelte wie -ein Eremit. »Sieh lieber Frankenstern,« fuhr er fort, »die Seinen -für sich behalten und in den Kreis der angestammten Verhältnisse -einschließen wollen, wäre engherzig gedacht. Nur in der Welt wird der -Mann ein Mensch und lernt brüderlich denken. In diesem Aussenden liegt -mir etwas Göttliches --« - -»Wir aber sind Menschen, Romana,« unterbrach ihn der Graf, »und es liegt -in der Natur, daß man sein Kind so nahe und so lange als möglich um sich -habe; es ohne Noth dem Zufall zu opfern, kommt mir wie Vermessenheit -vor.« - -»Aber gehorsam dem Willen des Herrn? oder einer heiligen Idee?« wendete -Romana mit erhöheter Stimme ein, »ich fühle, das würde ich können. -Wäre es dem Sylvius bestimmt, in einem rechtlichen Kriege zu fallen: -so preise ich ihn selig. Zöge er übers Meer, um die Heiden dem Erlöser -zuzuführen und versänke: ich würde deshalb nicht zu Boden sinken. Im -Aufgeben, Freund, liegt das wahre _Haben_, und das Geheimniß ewigen -Gewinns. Wie ärmlich ist das Leben, wenn es keinen andern Werth hat, als -daß man athme!« der Graf seufzte schwer, und Romana verließ ihn. - -Noch wirkte dieses Gespräch nach, als die Gräfinn in das Zimmer ihres -Gemahls trat. Die kleine Albane hing schlafend auf ihrem Arme, und das -volle Händchen des Kindes, wie aus rosigem Wachs mit reizenden Grübchen -geformt, lag schützend auf der linken Brust der Mutter. - -Den Grafen rührte dieser Anblick. Er küßte väterlich sacht diese kleine -Hand, und das Mutterherz darunter schlug stärker. Vielleicht ward in -diesem Augenblicke der Gedanke an das, was Romana gesagt, zu einer -stillen Freude, daß dies sein einziges Kind eine _Tochter_ sey. Zum -erstenmale äußerte er, wie glücklich ihn der Besitz des Kindes mache, -und daß es so gesund sey, und die Mutter dazu, um die er vordem doch -sehr besorgt gewesen. - -Die Gräfinn entfärbte sich. Mit bewegter Stimme sagte sie: »es könnte -seyn, daß ich mein Leben um einen Preis gerettet hätte, der Dir -mißfällt.« - -Dem Grafen fiel diese Aeußerung auf. Er sah seine Frau forschend -an, welche ihm nunmehr gestand, wie sie seit ihrer Verheirathung ein -schadhaftes Fleckchen in der Brust verspürt, was ihr dann und -wann Schmerzen, immer aber Kummer verursacht habe. In jedesmaliger -Schwangerschaft sey es schlimmer damit geworden, bis endlich bei der -Geburt der kleinen Albane der leidende Theil sich zu Stein verhärtet und -dergestalt sich entzündet habe, daß sie (die Gräfinn) fürchten müssen, -den Krebs zu bekommen, wenn sie nicht Muth zu einem gewagten Schritt -fassen könnte. -- - -Der Graf legte beide Hände vor das Gesicht, schon bedeckt von der Blässe -des Grauens. Er sagte: »gut, daß ich es nicht wußte; der bloße Gedanke -macht mich schaudern. Eine Operation solcher Art brächte mich von -Sinnen. Du glaubst nicht,« setzte er mit scheuem Vertrauen hinzu, »wie -tausend Dinge, stumpf für den Verstand Anderer, in mein Gehirn bohren! -diese Vorstellung zum Beispiel -- durchdringt mich entsetzlich.« Seine -Lippen zuckten, als wühle ein Messer in seiner Seele. - -Die Gräfinn hätte beinahe ihr Geständniß bereut -- gewiß hätte sie es -sollen. Sie sprach: »in dieser Noth that ich das Gelübde, hülfe mir der -Himmel und würde ich geheilt: so solle die Brust meines Kindes sich nie -für eitle Wünsche heben -- nur dem Heil der Seele. Und es dauerte nicht -lange, so genaß ich an einem simpeln Umschlage.« - -»Verstehe ich Dich recht?« fragte der Graf schwach, »Albane -- eine -Klosterfrau?« Die Mutter nickte ängstlich. - -»Das ist hart!« murrte der Graf, und seine Frau hatte jene Gefahr -nicht härter empfunden, als diese drei Worte. So sprach die Gräfinn -weichmüthig: »Du mein Gemahl machst Dir ja selbst nichts aus der -Welt, und ihren trüglichen Freuden. Die Güter kommen an fremde Hand -- -Anverwandte haben wir nicht, Albane stünde allein. So ist sie unter den -vornehmsten Schutz gestellt, und die Kirche, eine segensreiche Mutter, -giebt ihr Schwestern.« - -Der Graf lächelte kalt, und murmelte etwas von Stiefgeschwisterschaft. - -»Nein,« fuhr die Gräfinn, ihren Gemahl mißverstehend, fort, »dort würde -mir Albane nicht aufgehoben gewesen seyn. -- Sage, was fehlt einer Braut -Christi?« - -»Dieses Glück!« antwortete Graf Frankenstern und deutete auf -seine Kleine, »eine Brust, daran solch ein Kind erblüht, kann viel -verschmerzen. Ihr seyd zu Müttern geboren. Und -- daß ich es nur frei -gestehe -- ich mag die Klöster nicht leiden, und es wird einmal aller -Tage Abend mit ihnen werden. Warum aber soll meine Tochter darin -untergehen?« - -»O mein Gott!« jammerte die Gräfinn, und hob ihre Augen thränenschwer -zur Höhe, »warum bin ich nicht gestorben?« Ihr Herz schlug so mächtig, -daß des Kindes Händchen auf dem Busen seiner Mutter erbebte. Sie selbst -wankte. - -Der Graf war erschüttert; nach einer Pause sagte er: »Du wirst glauben, -daß mir Dein Leben über Alles theuer ist! nur _den_ Beweis fordere -nicht, daß ich gleichgültig dazu wäre, wenn unser einziges Kind geopfert -wird, in welchem ich Dich ja auch liebe. Uebrigens warst Du damals in -einem Zustande, der keiner Zurechnung fähig ist. -- Nöthigenfalls würde -Dispens vom Pabst zu erlangen seyn. Ich zweifle jedoch, ob das Recht, -über das Schicksal eines Menschen also zu verfügen, auch einer Mutter -zusteht, und meine, von der Sünde, es gethan zu haben, könne Jeder sich -selbst entbinden.« - -»Dies sind Romanas Grundsätze,« stöhnte die Gräfinn, »es ist _sein_ -Geist, der aus Dir redet, mein Gemahl. Irret Euch nicht, Gott läßt sich -nicht spotten; ich will Wort halten, wenigstens.« - -Sie entfernte sich hierauf, heftig alterirt. Die Gräfinn fühlte einen -tiefen körperlichen Schmerz in ihrem Herzen, und sich wie im Innersten -zerrissen. Von Frost geschüttelt mußte sie sich alsbald zu Bett legen. -O! daß die Arme gesprochen und mit dem Laut der Rede den stillen Wächter -ihres Geheimnisses verscheucht hatte! ihre Ruhe war dahin. Seltsam -genug warf sich ein schnell entwickelter Krankheitsstoff auf ihre zuvor -genesene Brust. Es half nichts, daß die Gräfinn ihr erneuetes Unglück -siebenfach verhüllte; jede Hoffnung schien verloren, und das Leben war -ihr nichts mehr werth. - -Wenn die geneigten Leser der Meinung wären, Güte und Liebe in dem -Charakter der Gräfinn Frankenstern würde nicht zugelassen haben, daß sie -in grausamer Selbstsucht das Glück ihres einzigen Kindes zum Preis ihrer -Rettung gemacht hätte, so glauben wir diesem Vorwurf zu begegnen, wenn -wir bemerken, wie grade die zärtlichsten, die weichsten Mütter es -sind, und die Natur mag diesen Widerspruch lösen -- welche oftmals das -Schwerste über ihre Kinder verhängen. Hier war es ein Schleier, und -den zu tragen hielt die Gräfinn für leicht. Sie hielt ferner, im -Gefühl _ihrer_ Ehe, _keine_ für ganz glücklich, und verwechselte -ihr unbefriedigtes Herz mit dem Sehnen nach einer Bestimmung, die -vollendender wäre. Und wie es im menschlichen Wunsche liegt, daß -Diejenigen, welche unser Daseyn fortsetzen, Alles weiter bringen, jeden -Keim unsers innersten Lebens entwickeln, und ein höheres Glück erreichen -sollen: so war der Gräfinn der Gedanke lieb geworden, ihre Tochter würde -werden, was zu seyn ihr nicht bestimmt gewesen. Von einer gewissen Stufe -der Erfahrung scheint jeder Schritt, den wir unsern Nachkommen zumuthen, -ob er auch die liebsten Freuden hinter sich lasse -- _klein_, -im Vergleich zu dem, was er anstrebt. Vielleicht war es auch die -mütterliche Ahnung, welche die Gräfinn fürchten ließ, ihre Tochter in -den Armen eines Mannes nicht sicher genug zu wissen. -- - -Nach einiger Zeit ward Romana heimlicher Weise zur Gräfinn -berufen. Diese einfache Bitte machte den Forstmeister stutzen, und -Schwierigkeiten, daß er sie erfülle: denn der Graf mußte umgangen -werden. -- Zur bestimmten Stunde fand sich Romana ein. Die Gräfinn war -in ihrem Schlafzimmer. Jener erschrak vor ihrem Anblick. Sie war -total entstellt, ihr Gesicht aschfarb, ihr Auge erloschen, und nur ein -schwachglimmender Lebensfunken noch darin. So krank hatte er sie nicht -geglaubt, obgleich er von ihrem Uebelbefinden wußte. - -»Verzeihen Sie, Romana, daß ich Sie bemühte!« redete sie ihn mit jenem -rührenden Wohllaut der Stimme an, der je leiser, um desto stärker -ans Herz dringt, »ich habe etwas Wichtiges mit Ihnen zu sprechen. Sie -könnten mir einen großen Gefallen erzeigen.« - -»Herr mein Gott!« antwortete der Forstmeister, und das Mitleid mäßigte -diesen Ausruf bis zur zartesten Versicherung, »gebieten Sie doch über -mich!« - -»Es wäre mir viel daran gelegen,« sprach hierauf die Gräfinn, »wenn -Sie morgen -- oder übermorgen,« der kranke Blick ihres matten Auges -verdunkelte sich wie die Nacht dazwischen, und ein voller Seufzer füllte -den Moment, »meinen Mann auf einen halben Tag -- besser wäre freilich -ein ganzer -- zu entfernen wüßten.« - -»Das wird schwer halten,« erwog Romana, »hält doch Frankenstern kaum -mehr eine halbe Stunde bei mir aus. Verlassen Sie Sich indeß darauf, es -geschieht! ich sinne nur nach, wie ich es anzustellen habe, ihn zu einer -kleinen Reise zu bereden.« - -»Dann fiele mir ein Stein vom Herzen,« erwiederte die Gräfinn, indem ein -paar Thränen über ihre abgehärmten Wangen rollten. »Wissen Sie denn, -ich werde operirt -- das heißt, ich lasse mir die Brust ablösen. So -begreifen Sie auch, daß dies meinem Manne verschwiegen bleiben muß.« - -Diese Worte, mit Ruhe und Resignation gesprochen, sträubten dem -Forstmeister das Haar. »Die Brust -- ablösen?« fragte er, und sein -männliches Gesicht erröthete in Angst; die Gräfinn erbarmte ihn -unaussprechlich. »Und bleibt kein anderes Mittel?« - -Ein sanftes Kopfschütteln, und: »nur dieses letzte --« war die sehr -leise Antwort. - -»Sie werden eines Beistandes bedürfen, arme Gräfinn!« sagte Romana -dringend, und irrte mit seinen Gedanken hin und her, wie er zugleich den -Grafen abwehren, und hier eine Stütze in der Gefahr seyn könnte. - -Die Gräfinn lächelte; es war, als hätte die Sense des Todes dies Lächeln -in ihre tiefen Züge eingeschnitten -- und dem Forstmeister blutete das -Herz. Sie sprach: »ich wäre doch allein, im Grausen Dessen, was mir -bevorsteht; allein muß Jeder seinen Weg gehen. Aber, wenn ich am Ziele -bin, verlassen Sie meinen Mann nicht! er wird den Freund dann nöthig -haben. -- Und nun das Wichtigste. Wir sind zwar nicht mehr Eines -Glaubens, Sie -- doch lassen wir das. Ich halte Sie für einen redlichen -Mann, Romana.« Nie hatte der Forstmeister ein ehrenwertheres Zeugniß -empfangen, als dies. Er würdigte es, und die Gräfinn fuhr mit bewegter -Stimme und widerstrebenden Lippen fort: »an ihre männliche und -christliche Ehre nun wende ich mich, wenn ich hoffe, daß Sie, unserer -abweichenden Meinungen ungeachtet, das Wort, was eine bedrängte Mutter -dem Himmel als Pfand eingesetzt, nicht verfallen lassen werden, gleich -einer Schuld. Versprächen Sie, Ihren Einfluß auf meinen Mann für diesen -Zweck zu benutzen: dies würde mich sterbend noch erquicken.« - -Darauf erzählte die Gräfinn dem Forstmeister, was unsere Leser schon -wissen. Wie lange und wie still sie den Kummer in ihrer Brust getragen, -was die Aerzte gesagt, und so weiter. Und als sie ihr letztes Kind -geboren, habe sie es mit tiefem Erbarmen angesehen, wie vielen Schmerzen -eine Mutter unterworfen sey und was ein Weib schweigend erdulden müsse. -So sey ihr denn ein Leben in Gott als das höchste Glück erschienen, dem -sie das Neugeborene gelobt, wenn er das ihrige fristen wolle, weniger, -um sich selbst zu retten, als ihr Kind. -- Die Gräfinn eröffnete nun -dem Freunde ihres Gemahls mit reuiger Wehmuth, daß sie sich von einem -ungewöhnlichen Anfluge ehelicher und väterlicher Zärtlichkeit des Grafen -hinreißen lassen, ihm dies zu gestehen, worauf er ihr bittern Vorwurf -gemacht, und das Ansinnen, jenes Gelöbniß zu brechen. »Ich muß nun,« -setzte sie trostlos hinzu, »den Frevel dieses Gedankens mit dem Tode -büßen: denn der Himmel läßt nicht mit sich spaßen. Ich bekam sofort -Frost, die alten Schmerzen -- es ward schlimmer mit mir, wie je zuvor. -So will ich, obwohl selbst ein Opfer, doch, daß meine Tochter durch -Gehorsam sühne, was ihr Vater zu sagen sich vermaß. Werden Sie es nicht -hindern, Romana? daß Albane --« weicher läßt sich nicht bitten, als es -in diesen Worten geschah; die Stimme der Gräfinn zerschmolz in Thränen. - -Der Forstmeister legte stumm seine Rechte in ihre kleine, weiße, feuchte -Hand. In seinen Augen, denen Kreuz und Leiden in aller ihrer Heiligkeit -vorschwebten, brannte ein Schwur. Sie glaubte ihm, ohne daß er eine -zusichernde Sylbe gesagt hätte. - -Wie überzeugend ist das Vertrauen! Romana, seinem gewandelten Sinne -nach, ein Feind der Klöster, hätte die kleine Albane lieber heute schon -einsperren mögen. Er war der geistliche Anwalt des Wunsches ihrer Mutter -geworden, daß dies liebe Kind, einst absagend weltlichen Schimmer, der -Edelstein eines Ordens würde. Vielleicht wäre die Gräfinn dennoch zu -retten gewesen; aber das Fatum, dem selbst die Parzen dienen, hatte -ihrem Leibarzt den Lebensfaden, und somit die Gelegenheit abgeschnitten, -ihren frommen festen Glauben an göttliche Hülfe und an die seinige noch -einmal zu bewähren. Der junge Aesculap, der das Zutrauen der Gräfinn von -ihm ererbt, war ein hitziger Anatomiker, der seinen besten Freund -eben so gern secirt, als ganz glücklich gesehen haben würde -- und Wir -wissen, daß die Leidenschaft ihren Gegenstand nicht immer zeitgemäß -behandle. -- Als nun der gefürchtete Morgen kam, und mit ihm der Doctor, -begleitet von einem Wundarzt, fand er Alles bereit, sogar die Seele der -Gräfinn zum Sterben. Graf Frankenstern war durch einen Anlaß, den -die Klugheit des Forstmeisters ersonnen, geschickt entfernt worden. -Todtenstille herrschte im Schlosse. Die weiblich-vornehme Fassung der -Gräfinn entmannte den Operateur. Verstörten Auges blickte er nach der -Uhr, und seine Hand zitterte mit dem Secundenzeiger um die Wette. Nach -dem ersten Schnitte entfiel ihm das Messer, und es sank mit solcher -Schärfe in die Diele ein, daß ein kleiner blutbefleckter Spahn daneben -aufgaffte. -- Die Gräfinn verlangte mit erlöschender Stimme: man -solle das Messer nur liegen lassen. Aber dieser Zufall war von übler -Vorbedeutung: die Gräfinn verschied am dritten Tage. -- - -Wir wagen nicht, den Zustand ihres Gemahls beschreiben zu wollen. Er -klagte sich als den Mörder dieser unvergleichlichen Gattinn an, obgleich -er die eigentlichen Umstände ihres Todes nicht kannte, und nur wußte, -daß sie von jenem Wortwechsel an gekränkelt hatte; die Wahrheit würde -zu stark für ihn gewesen seyn. Liebe und Schauder bekämpften ihn mit -gleichen Waffen. Romanas Freundschaft stand ihm kräftig bei; aber -- -wie sind jene finstern Mächte zu bezwingen, die den Menschen sich selbst -entfremden? -- Vergebens mahnte der Forstmeister ihn an die Pflicht, -sich zu zerstreuen. Er konnte ihm nicht einmal den Abgrund zeigen, der -unter dieser tiefsinnigen Langeweile gähnte, aus Furcht, der Graf könne -dann früher noch in das Elend völliger Geistesverwirrung stürzen. -- -Romana bot ferner Alles auf, jedoch umsonst, ihn zu bewegen, daß er die -kleine Albane unter andere Aufsicht gäbe, als die ihrer Amme. Mit jener -Hartnäckigkeit, womit schon der Eigensinn wie viel mehr der Wahnsinn, -ob er auch unterdrückt wäre, an seinem Willen festhält, behauptete der -Graf, er könne nirgend ausdauern unter Menschen, und eben so wenig ein -weiblich Wesen in bessern Kleidern um sich sehen, als Die trüge, welche -seine Albane genährt. - -»Und wozu auch?« fragte er mit düsterm Stolz, »meine Tochter kommt -einmal ins Kloster, und also nie in den Fall, der Welt und dessen, was -sie fordert, zu bedürfen. Gott hat sie wohl gebildet -- es ist nichts zu -tadeln an meinem Kind.« Dagegen ließ sich nun freilich nichts sagen, und -Romana schwieg. - -Wenn man annehmen darf: daß die Freundschaft durch ein verjährtes -Zusammenleben tausendmal eher aufgehoben als befestiget wird -- so wie -durch lange Trennung verinniget -- so spricht die Erfahrung dafür -und den Beweis an: Verstand, Einsicht, Wissenschaft, Dankbarkeit, -Lebenssinn, Erinnerung -- könnten zwar als eine feste Grundlage -freundschaftlicher Verhältnisse angesehen werden, doch nicht -unerschütterlich gegen die Gewalt der Zeit und Umstände. Die einzige -Basis des Bestands ist ein tiefes Gemüth voll göttlicher Kraft der -Liebe! - -Allmälig hatte Romana sich seinem unglücklichen Freunde entfremdet, -und es war so unmerklich geschehen, daß ihre Seelen sich wie aus weiter -Ferne kaum mehr verstanden, als ihr äußerer Verkehr, besonders von -Seiten des Forstmeisters -- noch ganz derselbe schien. In dem Grade, als -der Graf sich in sich selbst zurückgezogen, war ihm auch das Nächste, -sein Kind ausgenommen -- gleichgültig geworden. Er vermißte Romana -nicht, er suchte ihn nie auf. Tagelang saß er allein, und flüsterte -so anhaltend, daß die Bedienten oft lange warten mußten, ehe sie -ihn unterbrechen durften. Des Abends klagte er sich matt, von der -fortwährenden Unterhaltung. Da sahen seine Leute sich an und es -grauete ihnen: denn Niemand war bei ihm gewesen, als sein Dämon. Daß -er gestörten Geistes sey, war, wenn auch ein bewahrtes Geheimniß der -Achtung, doch Jedem klar. - -Einst, an einem milden Herbsttage fand ihn Romana im Garten, seltsam -beschäftiget. Er band die Blätter einer Espe mit grüner Seide an die -Zweige fest, der Knäuel, dessen Faden eine rothe Wunde in seine Finger -eingeschnitten, lag im falben Grase und glänzte in der Sonne. - -»Gott grüße Dich, lieber Frankenstern!« sagte Jener, »was machst Du denn -da?« - -Der Graf lächelte und sprach: »ei! ich binde mir die Blätter ein wenig -fest, dies Zittern ängstet mich, so oft ich es sehe. Ich weiß, wie -Einem zu Muthe ist, der vor jedem Lüftchen bebt: die Furcht ist das -entsetzlichste Gefühl.« Und indem er emsig in seinem unheimlichen -Treiben fortfuhr, setzte er hinzu: »dann -- Dir will ich es wohl sagen, -Romana, wenn der Wind nun rauher weht, und die Blätter fallen, und -liegen fahl und still an der kalten Erde, wie aufgehäufte Leichen -- -manche haben ordentlich Physiognomie --« Der Forstmeister sah voll -Mitleid in die seines Freundes. »Den Schmerz der Natur,« sagte er mit -dem tiefsten, »wollen wir ihrem Schöpfer überlassen. Dieser Faden, Du -Armer, schneidet mir in die Seele. Hast Du nie den Frühling gesehen, -das Bild der Auferstehung? Wer bindet denn da die Kränze von Laub und -Blumen, welche Himmel und Erde umschlingen? --« Er umschlang den Freund, -und weinte vor großer Rührung. - -So wurde es immer finsterer um den Grafen, nur in dem hellen Blick -seines Töchterchens ging ihm zuweilen ein Strahl von Freude, das Licht -des Lebens auf. Er hing mit unendlicher Liebe an dem Kinde, und diese -zärtliche Empfindung wurde nur durch das Andenken an die verstorbene -Frau getheilt. -- Die kleine Albane, obwohl ohne alle Erziehung, -entwickelte sich zart und schön. Die Natur war ihre Gouvernante, und -welche Bonne bildet so gut als sie? -- Ihre Sprache hatte den reinen -Klang des Gefühls, ihr Gang war ein leichtes Schweben über gemeinen -Boden, und jenen angeborenen Adel der Sitten hätte weder die -Stiftshofmeisterinn eines Fräuleins-Instituts heben, noch die gutmüthige -Plumpheit der Amme unterdrücken können. -- - -Die Amme, welche mit roher Treue um ihren Pflegling sorgte und waltete, -sprach oft von seiner künftigen Bestimmung: dem Kloster; aber die -Farben, womit sie die Zukunft mahlte, waren eine Reibung für das junge -Herz, und es mischte sich in ihnen religiöse Ehrfurcht, mit dem Schein -von Hoffnung, Albane werde hinsichtlich ihres wahren Glückes zu täuschen -seyn. Sie staffirte die Zelle mit Gold aus, und bekleidete die -kleine Gräfinn mit den Würden einer Aebtissinn. Aber es giebt nur ein -Bedürfniß, ein Talent, welches die Einsamkeit vorzugsweise weckt: das -Verlangen und die Fähigkeit _zu lieben_. Während die Amme wähnte, sie -baue möglicher Abneigung vor, ward Albanen der Gedanke an das -Kloster verhaßt, und der Instinkt ihres Geschlechts stellte eine -Widersetzlichkeit dagegen auf. Dem Grafen war es zwar unumstößlich -gewiß, daß seine Tochter Profeß thun müsse --; doch den Zeitpunkt dazu -glaubte er hinaus schieben zu dürfen, wie weit? dies wußte er selbst -nicht, und es dämmerte ihm vor den Augen. - -»Wie könnte ich Dich nur verlassen, mein Vater?« fragte Albane ihn in -bangen Stunden der Anfechtung, und ihr Vater fühlte dann selbst die -Unmöglichkeit, seinen einzigen Trost in ihr entbehren zu können. Mehr -als diese Frage erlaubte sich jedoch die junge Gräfinn nicht, um an -ihrem Ziel zu rücken: denn als sie einst den Versuch gewagt, ihrem Vater -recht kindlich zu sagen, daß sie doch lieber den Brautkranz wie den -Schleier trüge, wenn sich nämlich ein Mann für sie fände, der sie -nicht von ihm und ihrer Pflicht trennte -- war der Graf in einen -fürchterlichen Zustand gerathen. »Soll ich auch des Todes sterben, wie -Deine Mutter?« hatte er ihr rollenden Auges entgegnet. »Es war mein -Wunsch wie der Deine, armes Wesen, Du mögtest glücklich werden; aber -ich bin nur elend deshalb geworden. Mögte wohl ein Vater sein Kind zu -lebenslänglicher Gefangenschaft verurtheilen, wenn es nicht die Rettung -des Lebens gälte? -- Aber es giebt einen Schlüssel zur Freiheit -- --« - -Geistig Gestörte sind wie Inspirirte zu betrachten. »Der Schlüssel zum -höheren Leben ist die Liebe!« und Albane trug ihn in stiller Brust. -- - -Wie durch ein stillschweigend Uebereinkommen der Grundsätze beider Väter -waren ihre Kinder fast gar nicht zusammen gekommen. Auch war Sylvius -ziemlich voraus; doch die Natur hob durch ihre höchste Kraft diesen -Unterschied auf, und lernte die beiden jungen Leute, wie fremd und -fern von einander gehalten, sich innigst finden. -- Jener Arzt, der -die Gräfinn operirt hatte, war dem herrschaftlichen Hause von Bonna -verpflichtet geblieben, und weil er sich vorwurfsvoll beimaß, durch -Uebereilung an dem Tode einer der trefflichsten Frauen, die er je -gekannt, Schuld zu seyn, nahm er die Gesundheit ihrer Tochter mit -vergütender Sorgfalt und um so gewissenhafter in Acht. -- Und wie das, -was wir bewahren, wäre es auch fremdes Eigenthum, allmählig eigenen -Werth für uns gewinnt, so war das Glück nicht minder als das Leben der -Comteß ihm theuer geworden. Er bedauerte, daß ein so schönes Kind dem -Kloster bestimmt seyn solle. Mit leiser Geschäftigkeit tastete er -an diesem Entschluß herum. Albane hüthete sich indeß wohl, ihm -ihr jungfräuliches Herz zu öffnen -- und der Graf zeigte bei dem -behutsamsten Versuch, ob er hierin wankend zu machen wäre, sich so -erschüttert, daß der Arzt, gegen dessen persönliches Annähern er eine -innerste ahnungsvolle Abneigung zu empfinden schien -- es nicht wagen -durfte, stärker in ihn zu dringen. So begnügte er sich, dem armen -Opfer noch einigen Genuß des Daseyns zu wünschen, ehe es seine düstere -Bestimmung erreiche. Er konnte nicht begreifen, wie die junge Gräfinn -es so ganz ohne allen Umgang aushalten könne, und erwähnte zugleich, wie -dies bei dem Sohne des Forstmeisters, einem vielversprechenden Jüngling -der nämliche Fall sey; so daß Albane ein sinnverwandtes Wesen in Sylvius -ahnete. Im Hause Romanas hingegen sprach der Arzt mit Begeisterung von -der Tochter des Grafen, bejammerte ihr Loos jetzt und künftig -- rührte -und regte ein Herz für die himmlische Schönheit, für das schuldlose -Unglück dieses Mädchens an -- ein Herz, dessen heiße Sehnsucht ein -langes stilles Glühen für ein verhangenes Bild gewesen war, das sein -Idol nun gefunden zu haben glaubte, und heftig aufflammte. -- So war -der Arzt, indem er hastig hin und her fuhr, wie der Wind, hier ein Wort -verstreuete, dort eines, gleich dem Träger des Saamens, aus dem die -Blume der Liebe erwuchs. Und wie in der Welt jedes Verhältniß, auch -das tiefste, sich verflacht, so wird in der Einsamkeit auch das -oberflächlichste bedeutend. -- Nicht leicht wird ein Mädchen dieses -Ranges einsamer erwachsen, als Albane. Ach! sie war wohl schlimmer -daran, als eine Waise. Die Mutter lag in tiefer Ruhe, und das Geheimniß -manch schwerer Sorge war mit ihr versenkt; der Vater, Herr eines beinahe -fürstlichen Besitzthums, war ein armer verstörter Mann, mit dem der -geplagteste seiner Unterthanen nicht tauschen mögen. -- Seine Tochter -hing mit kindlicher Seele an ihm, und hielt so nur allein seine -zerrissenen Gedanken in einem gewissen Zusammenhange. Sie fand sich mit -jener Sicherheit, die ein Gott uns lehrt, in seinem zerrütteten Geiste -zurecht, wie dunkel die Spur auch gewesen wäre. Wenn Albane ihren Vater -ansah, so oft er wirre Worte redete und die Begriffe durcheinander -warf, so drang mit diesem Blick ein mildes Licht in sein Inneres, und -er erkannte sich selbst wieder und sein Kind. Ihre liebe, sanfte -Stimme, vom innigsten Bezug, war wie der Laut eines Glöckleins, was den -Verirrten auf den rechten Weg ruft. Wenn der Graf seine Beamten vor sich -ließ, und Geschäfte von Wichtigkeit zu besprechen waren, so stand die -Comteß daneben, und hielt wie mit einem leisen Faden die Gedanken im -Zuge; verwickelte er sich auch einmal in einen Widerspruch, so wußte -Albane ihn leicht zu lösen. Die Bewunderung, mit der jene Männer zu ihr -aufschauten, erlaubte ihnen nicht, einen Blick des Mitleids zu wechseln. -O heilige Liebe! Du bist jener wunderbare Hauch der Allmacht, der den -Funken des Geistes nicht verglühen läßt in todter wüster Asche. Darum -ist es unser laienhaftes Urtheil, daß Kranke dieser Art unter der -verschwiegenen, liebevollen Pflege der Ihrigen am besten aufgehoben -sind. Verstand und Kunst stützen zwar die Pfeiler, auf denen das -Gleichgewicht der Seele ruht, können aber gänzlicher Zerstörung nicht -immer vorbeugen. Die Liebe in ihrem umfassendsten Sinne ersteigt nicht -allein Mauern, sie wirft auch welche auf, gegen solchen Verfall. - -Doch nichtsdestoweniger war dem armen Kinde das Herz unsäglich schwer. -Albane hatte keinen Trost als sich selbst, und daß sie sich nicht selbst -genüge, ward ihr klar in Thränen, die sie heiß und heimlich weinte. -- -Wenn der Graf schlief, und er schlummerte oftmals des Tages über ein, -weil er sich des Nachts gegen die Wohlthat der Ruhe sträubte, aus -Furcht, in Bewußtlosigkeit zu versinken -- so lauschte Albane, wie tief -und stöhnend er athme. Ihr Blick hing bewölkt an seinem grauenden Haar, -an der gealterten zusammengesunkenen Gestalt -- und ihr Gefühl hatte -keine Stütze. Albane durfte nur an seiner Seite sitzen, und den weichen -Wedel von Pfauenfedern schwingen, daß die summende Fliege ihren Vater -nicht belästige, so sanken vor den Augen des Argus die seinen zu, -und einschläfernde Regenbogenkreise zogen seine wache Seele in ein -träumendes Vergessen. -- - -Niemals kamen Gäste in das Schloß zu Bonna, niemals! Auf der breiten -steinernen Brücke, die zu seinen Thoren führte, wuchs Gras, als hätte -ein altgläubiger Fluch es hervorgerufen. Die Zimmer waren pomphaft, doch -leer und öde, nur die Zeit wohnte darin, und nützte den Glanz der Möbeln -nicht mehr ab, wie eine ruhige alte Frau von leisem Schritt und Wesen. -Losgesprochen von jeder andern Aufgabe als der: zu leiden, fand die -junge Gräfinn nie und nirgend etwas zu thun. -- Der Tag zu Bonna und -seine Glocke war ein Tonstück von ganzen Noten und großen Pausen. Tanz -und Musik, die kirchliche ausgenommen -- waren Freuden, welche Albane -nur dem Namen nach kannte, und manchmal wünschte sie wohl, die Horen -mögten ihr die Pforten des Himmels öffnen, daß Alles zu Ende wäre. Sie -thaten es, doch auf andere Weise, zu dem Anfange eines neuen Lebens. -- -Die Weidenflöte, das Geläut der Heerden, der klingende Tropfenfall des -Springbrunnens, das Schwirren der Heimchen im abgesichelten Felde, -dies Alles regte eine sehnsüchtige Wehmuth in ihr an, einen wollüstigen -Schmerz, gemischt aus Grauen und Entzücken. Einst fand der Graf seine -Tochter, wie sie das bethränte Gesicht an den Blättern einer dunkeln -Laube trocknete. Erschrocken fragte er: »Du hast geweint? Was fehlt Dir, -mein liebes Kind?« Albane antwortete überrascht, »die Freiheit, -mein Vater! ich fühle mich so beengt.« -- Es war einer der lichten -Augenblicke des Grafen, worin ihm diese Klage seiner Tochter -einleuchtete. Er erlaubte ihr nun spazieren zu gehen, wann, und wie -weit sie nur irgend wolle. Von dieser Zeit an ging eine Veränderung mit -Albanen vor. Als ob tausend Seelen in ihr erwacht wären, belebte und -erhöhte sich ihr ganzes Wesen. In dem großen, kalten Schlosse war es wie -Frühling geworden. Die zarte Wange der jungen Gräfinn, sonst nur schwach -gefärbt, war eine glühende Rose, ihre sanften Augen leuchteten wie in -einem seligen Fieber, und die grauen Riesen am Steinthor schienen im -Abglanz ihres Blickes zu lächeln. Anstatt leise aufzutreten, schwebte -sie nur, kein Unfall berührte sie mehr, alle Gesichter erheiterten -sich bei ihrem Anblick, und selbst auf der finstern Stirn ihres Vaters -blühete eine kleine kümmerliche Freude an der reizenden Zufriedenheit -seines himmlischen Kindes auf. - -Es ist bereits früher erwähnt worden, daß mehrere Anwohner dieser -catholischen Herrschaft zu den Stillen im Lande gerechnet wurden; dies -nicht allein, auch die ersten von den Offizianten des Grafen gehörten -jener religiösen Innung an. Darunter war der Oberverwalter, ein -schätzbarer Oekonom. Der Geschäftskreis, den er mit der besonnensten -Umsicht versah, war groß, der seines Familienlebens hingegen klein. -Er hatte seine einzige Tochter Fabia dem Cassirer des Majoratsherrn -verlobt, und konnte sicher darauf rechnen, seine Tochter werde an der -Seite dieses redlichen Mannes, den sie mit ruhiger Neigung gewählt, -eben so sicher zufriedne Tage zählen, als dieser, von dem kein Error -zu besorgen war, die ihm anvertrauten Summen. -- Die junge Gräfinn, -obgleich weder von Fabia angezogen, noch festgehalten, hatte durch -die Leitung des Zufalls, oder, um uns angemessener auszudrücken: einer -höheren Hand -- die fromme Braut kennen gelernt, und konnte ihr ein -Gefühl der Achtung nicht versagen. Fabia hatte einige Jahre früher -eine herzlichgeliebte Freundinn verloren -- unsere Leser kennen die -Geschichte jener Todten und ihrer Freundschaft -- und vielleicht war es -ein sanfter Nachhall jenes erschütternden Ereignisses, vielleicht ein -noch _innigerer_ Ton, was Anklang fand in Albanens Seele. Die stille -Weise, in der Fabia viel leistete, ihr gesetztes Betragen, der Tact der -Ruhe und Rechtmäßigkeit -- wenn wir so sagen dürfen -- womit sie sich -bewegte, und das Ruder des Hausstands lenkte, bildete eine Art -von Gegensatz zu dem leidenschaftlichen Zustande Jener, und wirkte -beschwichtigend auf sie ein. Albane empfand, daß Verlaß auf Fabia zu -setzen, und konnte sich des stillen Zugeständnisses nicht erwehren, daß, -in solch sichere Hand sein Schicksal zu legen, keinem Manne zu verargen -sey. Ein _festes_ weibliches Herz, dachte die junge Gräfinn, wäre -vielleicht ein größeres Glück als Eigenthum, wie als Geschenk -- und -dachte doch mit Schauder, mit dem Schauder der Vernichtung, sie könne -einst dieses Stillstands, dieses Gleichmuths theilhaftig werden. -- -Fabia sprach gelassen von der nächsten Zukunft, in der ihre Heirath -vollzogen werden sollte; der Schritt von ihrer heimathlichen Schwelle -geschah mit so leisem Bedacht, mit so viel Rücksicht auf das Größte wie -auf das Kleinste, was dem Vater zu Gute kommen könnte, da sein Kind -ihn verlassen müsse, um dem Manne zu folgen -- daß Albane auch dies -vergleichungsweise bemerkte und fühlte. Sie galt für eine Braut der -Kirche; aber Frieden und Freudigkeit war nicht in ihr. Die Gegenwart -erfüllte ihr Herz -- eine ungeheure Kluft trennte sie von ihrer Pflicht, -und an das Künftige vermogte sie nicht zu denken. Der neue Ehestand hob -jenen Umgang auf, wenn die weite Beziehung, worin die Tochter des Grafen -zu der des Oberverwalters gestanden, nämlich so zu nennen -- man sagte -die Comteß kränklich, der Arzt kam oft nach Bonna, und Albane war -beinahe von Niemand mehr gesehen. - -Inzwischen waren ein paar Jahre vergangen. Man hatte wenig oder nichts -von dem jungen Ehepaare gehört, ein Beweis, daß es glücklich lebte. Da -ward die Gattinn des Cassirers eines Tages der Gräfinn Albane gemeldet, -und alsbald stand jene bekannte Gestalt vor ihr. -- Ein wenig fraulich -hatte Fabia sich doch verändert. Sie war hagerer als sonst -- die -frischen Wangenrosen waren verweht und etwas eingefallen, und um den -Mund hatte sich ein matronenhafter Zug von kleinen Falten gebildet, -der um so schärfer hervortrat, als sie sich zu lächeln bemühte. -- Doch -ungleich deutlicher noch machte Fabia ihrerseits die Bemerkung, daß -Albane kaum mehr zu kennen wäre. -- Sie saß an dem einzigen Fenster -eines Gemachs, das wie eine Laube gemalt, und deshalb düster war. -Seltsam stachen die unbeweglichen Schatten der Malerei gegen das -lebendige Farbenspiel der Tuberosen und grünen duftenden Stauden ab, die -in einem kleinen reizenden Gartenflor an dieser sonnigen Stelle blühten. -Der Wind strich leise durch die Zweige, und ihre Umrisse spielten warm -auf dem Gesicht der Gräfinn, die, verbleicht, krankhaft zu frösteln -schien, denn sie trug in dieser Jahreszeit -- es war im August -- einen -weiten Mantel von Seide. -- Dieser Anblick brachte Fabien um die -ihr eigenthümliche Gegenwart des Geistes. Ihre Seele forschte in dem -bestürzten Blicke nach der Ursache dieser Veränderung. Wie war diese -unvergleichliche Schönheit zerstört! welches verwahrlosende Geschick -hatte das Feuer dieser herrlichen Augen ausgelöscht? -- Zwar hatte -man lange schon von einer bedeutenden Unpäßlichkeit der jungen Gräfinn -gesprochen, und wie diese selbst für die Diener des Hauses unsichtbar -würde -- die Amme war sichtlich geängstet, doch schweigsam wie das Grab, -das sie für ihren Liebling fürchtete --: aber diese matte Blässe, diese -kranke Stimme, aus Seufzern zusammengehaucht, deutete eben so sehr auf -ein beladenes Gemüth, als auf unterdrückte Kraft des Körpers hin. - -Mit Fabien stand der Gräfinn die Vergangenheit vor Augen. Das klare -Ansehen der jungen Frau und ihrer reinen Verhältnisse bewegte das Herz -im Busen der unglücklichen Albane. Ein tiefer Seufzer schwebte auf ihren -Lippen, da sie nach dem Anlaß dieses lieben Zuspruchs fragte. -- Darauf -trug Frau Fabia bescheidentlich die Bitte vor, ihr gütigst eine blaue -Camelia abzulassen, womit sie ihrem Manne, der ein großer Blumenfreund -sey, eine Freude zu seinem Geburtstage zu machen wünsche. Die Gräfinn -gewährte dies und mehr, jede schöne seltne Pflanze, die sich innerhalb -der Glashäuser, oder im Bereich des Gartens überhaupt befinde, solle -zu ihrer Auswahl stehn. Fabia bezeigte ein lebhaftes Vergnügen. Albane -erkundigte sich nun nach dem Ergehen der jungen Frau, und kam der -zögernden Antwort zuvor, indem sie schmerzlich lächelnd sagte: »doch -diese Frage ist wohl vom Ueberfluß. Sie haben aus Neigung geheirathet. -Sie sind die Gattin Dessen, den Sie lieben, vor der Welt die Seine, und -begünstiget durch ein Stillleben, was ich mir über alle Maaßen traut und -glücklich denke. Sie dürfen ihren Ehemann mit jeder Blume beschenken, -mit _jeder_ -- selbst wenn sie unter Ihrem Herzen blüht --« hier -stockte die Gräfinn. Fabia senkte tief das Auge, und es bedeckte eine -aufquellende Thräne. Diese Seligsprechung einer Vermählten im Munde der -gräflichen Jungfrau, die eine geistliche zu werden bestimmt war, mußte -die Frau des Cassirers befremden, und jene höchste Blüthe der Liebe, -worin Albane das, was sie dachte, verblümte, auf der schaamhaften Lippe -eines Mädchens die züchtige Fabia allerdings Wunder nehmen. Sie sprach -erröthend: »ich darf mein Loos nicht beklagen; doch auch die günstigste -Lage läßt wohl etwas zu wünschen übrig. Mein Mann ist brav, und hat -mich noch mit keiner Miene beleidiget; aber er ist peinlichen -Gemüths, besonders was seine Geschäfte betrifft. Freilich ist sein Amt -verantwortlich, da der gnädige Herr Graf --« Albane nickte, und Fabia -fuhr fort: »dann mag die Erziehung meines guten Mannes hier und da -verfehlt gewesen seyn -- damit hat eine Frau auch zu kämpfen. Er -verbittert sich manchen Lebensgenuß, mein Vater spricht, es komme von -einer krankhaften Galle her. Schreckt er doch selbst mich nicht selten -mit einer gewissen mißtrauischen Kälte ab -- und der Himmel ist mein -Zeuge! daß ich ihm gern die Sonne zuneigen mögte. Endlich wünscht er -sich so sehnlich ein Kind -- und es wäre hart für mich, wenn dieser -Segen uns versagt bleiben sollte.« - -Nichts lockt so sicher Aeußerungen des Vertrauens auch aus der -verschlossensten Brust, als wenn der Schatz, den sie besitzt, -überschätzt wird. In diesem Falle dürfte sich selbst der vorsichtigste -Geizhals in einer ohngefähren Angabe seines Vermögens errathen. - -Die weiße Albane ward wie mit Rosenblut begossen. Sie brach eine Knospe -ab und zerpflückte sie in ihrem Schooße. Das Gespräch ward noch eine -Weile mit Wärme fortgesetzt -- dann ging Fabia. Später hörte man von ihr -und ihrem Manne, sie hätten ein Pflegekind angenommen. - -Wieder eine geraume Zeit war seitdem verflossen. Da ging Albane an -einem milden Sommerabend spazieren, und wie gewöhnlich allein. Sie war -kürzlich abermals sehr krank gewesen, und als sie zum Vorschein kam, sah -man wohl, wie viel sie gelitten. Man beklagte die arme junge Gräfinn, -die schwerlich zu völliger Gesundheit und Kräften kommen könne, in ihrer -herzpressenden Lage, und der, allem Vermuthen nach -- sich die Thüren -der Gruft eher öffnen würden, als die Pforten des Klosters. -- - -Ein Hirtenknabe durchkreuzte ihren Weg, der weinte. Die Gräfinn fragte -nach der Ursache dieser Betrübniß: ein junges Lamm war ihm von der -Heerde abhanden gekommen. Albane bot ihm Geld, der kleine traurige -Schäfer aber in Angst und Eile des Suchens schlug es aus und sprach: -»wenn ich das Verlorene nur wieder hätte! das wäre mir lieber als -Alles.« Dieser kleine Vorfall rührte wunderbar an Albanens Gemüth. Dort -flog er hin, der kindliche Hirt! Albane sah ihn hinter dem blühenden -Klee verschwinden; am Hügel tauchte er wieder auf, und hielt das -gefundene Lämmlein mit beiden Armen umschlungen, und fest an seine Brust -gedrückt. Er winkte aus der Ferne der Dame zu, daß es nun da sey, seine -Miene lachte entzückt und der schlichte blonde Scheitel des Knaben -glänzte im Schein der sinkenden Sonne. - -Die Gräfinn sah thränenden Blickes und versenkt in tiefe Gedanken -nach ihm hin; tiefer noch war die Quelle, die in ihren schönen Augen -überfloß. -- Sie setzte sich auf einen Feldstein, neigte das Haupt und -starrte zu Boden. Da stand der alte Romana vor ihr, der unbemerkt heran -gekommen war. Er hatte die Tochter seines Freundes lange nicht gesehen, -und konnte seine Betroffenheit über ihren Anblick an dieser einsamen -Stelle nicht bergen. Albane fühlte ihre Wange erkalten, und stammelte, -daß sie von einer jähen Schwäche angewandelt worden sey, die ihr von -der letzten Krankheit anhänge. Der Forstmeister betrachtete dies holde, -tödtlich erblaßte Gesicht wie mit väterlichem Mitleid. Er bat, die -Gräfinn wolle ihm erlauben, sie in seine Wohnung zu führen, die in der -Nähe sey, auf daß sie sich daselbst erholen und eine kleine Stärkung -zu sich nehmen könne. Er bat so herzlich, daß Albane seine Güte nicht -ablehnen konnte. Während des Gehens unterstützte er die zarte Gestalt, -deren biegsamer Wuchs wie bewegt von einem innern Sturme an seinem Arme -schwankte. Er machte ihr sanfte Vorwürfe, sich als eine kaum Genesene, -unbegleitet solch einer Anwandlung ausgesetzt zu haben. »Ihr Vater, -liebe Comteß,« redete er treumüthig weiter, »dem die nächste Sorge für -die theure Gesundheit seines Kindes zustünde, ist leider! dieser Obhut -nicht fähig; vergeben Sie es mir daher, wenn ich Sie aufmerksam mache, -auf die Pflicht sich zu schonen. Lassen Sie mich in dieser Mahnung -Vaterstelle an Ihnen vertreten! -- Was sollte aus meinem armen Freunde -werden, wenn seine einzige Stütze vor ihm sänke in das Grab? -- Und wenn -das so fortgeht -- --« Sie standen an dem Hause, Albane drückte die -Hand des liebreichen Mannes, als wolle sie damit ein stummes Versprechen -leisten. Sie sah empor; ihr Blick hing an dem südlichen Dach, das -getragen von der heitersten Wohnung, einem der hängenden Gärten der -Semiramis zu gleichen schien. - -Der Forstmeister fragte: ob die Gräfinn sich wohl zu erschöpft fühle, um -diese mäßige Höhe zu ersteigen? und als sie es als Wunsch äußerte, ließ -er Brod und Wein hinauf bringen, den werthen Gast zu erquicken. - -Es war ein himmlisches Plätzchen, und Albane genoß zum erstenmale den -Reiz dieser Aussicht weitschauenden Blickes. »Wie schön ist es hier! -eine wahre Augenweide!« sagte sie tiefathmend, und ihr Gedanke streifte -in diesem Ausdruck noch leise an der Heerde hin, welche die wallenden -Wolkenschäfchen ätherisch versinnlichten. - -»Ja,« antwortete Romana innigst begnügt, »ich danke dieser Anlage manche -Stunde, die ich mit einem goldnen Platz nicht tauschen mögte. Und an -Gold mangelt es hier auch nicht.« Die Sonne goß eben ihren letzten Glanz -blendend aus, der Himmel flammte und das Blut der Traube perlte im Glase -wie ein flüssiger Rubin. »Wie Viele mögten in erträumter Größe mich -beklagen,« setzte er mit heiterm Lächeln hinzu, »während ich mein Glück -hoch genug zum Preise des Herrn anschlage. Wer die Einsamkeit liebt und -mit sich selbst umzugehen weiß, entbehrt nie eines tröstenden Freundes. -Wäre mein Sohn fortzubringen von hier, oder anders -- er ist so wenig -froh -- so würde ich von keinem Kummer wissen, als an den ich mich -aus vergangener Zeit erinnere. Im Revier des Waldes bin ich in meinem -Element, und kenne jeden Baum. Wenn der frische Morgenhauch die grüne -Haide durchschauert, dann athme ich wie ein Jüngling; und wenn ich des -Abends hier sitze: welcher Odem des ewigen Lebens weht mich von _diesem_ -Holze da an?« Er deutete auf das Kreuz. - -»Gräfinn!« fuhr Romana begeistert fort, und vergaß zu Wem er rede, »wie -mag es doch Menschen geben, die ihr Heil in andern Dingen suchen, als -bei dem Einen: dem Heiland? -- Wie still ist die Seele, die Ihn liebt! -Sie geht geführt von seiner Hand auf den Wogen des Lebens, wo -Andere untersinken. Einst war es nicht so mit mir. Ich war ein -leidenschaftlicher Mensch, ungestüm in meinen Wünschen, meinem Begehren; -ich fürchtete das Geliebte zu verlieren, obgleich ich es noch hatte, -ohne daß ich es eigentlich besaß. Die Leidenschaft betäubt, sie ist der -Sturm in unsrer Brust, der unsre beste Habe verschlingt, der unser -Glück zertrümmert, nur beschwichtiget von Dem, welchem Wind und Willen -gehorchen.« - -Diese Worte schlugen an Albanens Herz. Sie wagte jedoch hierauf zu -entgegnen: diese Ruhe des Gemüths, diese Stille der Seele mögte wohl -eine Frucht gereifter Jahre seyn. - -Der Forstmeister schüttelte sein ehrwürdiges Haupt und sprach: »das wäre -traurig, liebe Comteß. Dann wäre die Jugend ein ausgeschlossenes Kind, -und das Alter ruhete der Liebe im Schooße. Nein! wir sind nur blind, -bis wir sehend werden. Wer sich auch in der Verblendung gefällt: er wird -früh oder spät merken, welcher Sinn ihm abgeht. Wage Jemand, ein Glück -behaupten zu wollen, was Gott nicht billigt! ja, der Mensch ist so -wundersam beschaffen, daß, wo Niemand ihm streitig macht, was er -besitzt, er, _er selbst_ es ins tiefste Meer würfe, zur Sühne für den -Himmel! Schon die Gesetze der Welt müssen das Juwel unserer Freuden -fassen, sollen wir es tragen können.« - -Mit diesen Worten hatte der ehrenwerthe Mann das Innerste Albanens -ausgesprochen. Sie schwieg, tief erschüttert, und als er ihr das Brod -und den Wein wohlmeinend aufdrang, war ihr nicht viel anders, als -genösse sie das heilige Abendmahl. - -Die Unterredung nahm nun die Wendung auf Sylvius. Sein Vater klagte, und -ahnete nicht, daß er die Seele der Gräfinn zerriß -- wie vielen Kummer -ihm dieser so treffliche Sohn verursache, durch stillen Trübsinn, durch -sein eigensinniges Beharren, nicht weichen zu wollen von der heimischen -Scholle, da ihm doch die weite Erde offen stände. »Es ist,« fuhr der -Alte mit sorgenschwerer Stimme fort, »als ob ein Bann ihn hier gefangen -hielte, den der Herr lösen wolle! -- Was ihn hält und härmt: ich weiß -es nicht, denn er hat kein Vertrauen zu mir, seinem einzigen und besten -Freunde! --« Ein gekränkter Seufzer stieg aus dieser väterlichen Brust --- Albane stand auf. »Aber was ist Ihnen, liebe Gräfinn?« fragte Romana -bestürzt, »Sie weinen? Sie zittern?« Albane konnte den hervorbrechenden -Thränen nicht wehren; das Herz wollte ihr zerspringen, und sie -machte eine Bewegung, als wolle sie dem Forstmeister zu Füßen sinken. -»Entlassen Sie mich --,« bat Albane sehr leise, »ich fühle mich krank.« -Sogleich wollte Romana einen Wagen kommen lassen; die Gräfinn lehnte -dies ab, und sich auf seinen Arm. Er führte sie sacht und sanft nach dem -Schlosse, unwissend, daß er seine Schwiegertochter leite. - -Ach! die arme Gräfinn war seit mehreren Jahren Sylvius heimlich -angetraute Gattinn, und binnen dieser Zeit zweimal Mutter geworden. -- -Sie hatte den heißen Bitten des Geliebten nicht widerstehen können, -sich mit ihm zu verbinden, und ihrer Bestimmung also zu entziehen. -Nimmermehr, das wußte Albane, würde ihr Vater seine Einwilligung dazu -gegeben haben, und auch der junge Romana hatte Ursache zu glauben, der -seinige werde nicht minder entschieden dagegen seyn, wenn gleich der -Grund diesseitiger Abneigung ihm verborgen war. Der Arzt und die Amme -waren im Geheimniß dieser Ehe, und ihrer vereinten List gelang es, unter -dem Schutz der Umstände eine Täuschung der Art zu ermöglichen, und bis -dahin dauernd zu erhalten. - -Tief in der weiblichen Natur begründet, liegt etwas Widerstrebendes, ein -geheimnißvoller Wille, nicht zu wollen, was ein höheres Gesetz als sein -Geschlecht von ihm fordert, während der Mann, wo er im Kampf begriffen -scheint, mit der Welt und dem, was sie ihm weigert, nur seiner innersten -Ueberzeugung gehorcht. - -Der Gedanke an das Kloster war der Gräfinn stets furchtbar gewesen, -und das Gefühl ihres Menschenrechts hatte sich gegen diese Bestimmung -gesträubt. -- Jetzt galt es, aus freier Wahl diese Nothwendigkeit -aufzuheben. Der Vater wurde nicht davon berührt -- er wußte nichts. -Und wie mag ein weiblich Ohr, erfüllt von den Stimmen der Liebe, und in -nervöser Scheu vor jenem Glöcklein der Kirche, das über der absterbenden -Novize geläutet wird -- auf das Flüstern religiösen Zartgefühls hören? --- Dieser verschwiegene Bund, sein verstohlnes Verhältniß, ja selbst -der Reiz einer gewissen Gefahr erhöhete die heimlichen Entzückungen -desselben, da des Vaters Ruhe, wo nicht sein Leben daran hing, daß es -unentdeckt bliebe, seine Tochter wäre vermählt. Diese Gattinn, das freie -Eigenthum der Liebe, würde dem Sylvius der öffentlichen Stimme nach, -nur ein kirchenräuberischer Besitz gewesen seyn; aber er trank von ihren -Lippen Weihe und Wonne. -- Als hätte eine schützende Gottheit einen -Schleier über diese Ehe geworfen, so blieb sie jedem Auge verhüllt. -Albane galt für eine Himmelsbraut, kein schnöder Verdacht schlich ihren -Schritten nach; ihr kindlicher Ruf war über jeden Argwohn erhaben; -wie hätte man denken können, sie wolle sich einer heiligen Pflicht des -Glaubens entziehen, für den ihre Mutter gestorben? -- Das Bedauern -für die junge Gräfinn war so allgemein und innig, daß man ihr jede -Seltsamkeit nachgesehen haben würde -- und nachsah. Die Natur gab diesem -Bündniß Unauflöslichkeit, und jetzt fühlte Albane zum erstenmale, daß -das Einsseyn zweier Herzen, ob auch vereiniget durch Priesters Hand, -unter den Schutz der Oeffentlichkeit gehört; denn schon die Gestalt -einer werdenden Mutter heischt eine rechtliche Meinung, und macht -es unmöglich, ohne Sünde oder Sorge den höchsten Segen des Weibes zu -verheimlichen. Nur die Lage der Gräfinn, so gänzlich abgesondert von der -Welt, und in diesem Vorzug -- dieser Begriff gelte für jene Umstände -- -fast einzig und allein in ihrer Art, der blöde Geist ihres Vaters, das -blinde Vertrauen dessen sie genoß, das vorsichtige Verfahren des Arztes -und die erfinderische Klugheit der Amme halfen über jenen schwierigen -Zeitpunct wiederholentlich hinweg. -- So waren Jahre verflossen. Das -Band dieser ehelichen Liebe schien an Stützen gebunden, die tiefer -begründet waren, als für ein sterbliches Auge einzusehen möglich, es -war so innig mit beruhigendem Schweigen verwebt, daß die furchtsame -Besorgniß Albanens, es könne zur Kenntniß ihres Vaters kommen, allmählig -nachließ. Sie ward endlich sicher. - -Aber _die_ Stimme in der menschlichen Brust, ein schwacher Vorklang -jener, die einst schlafende Welten wecken wird, welche in den leisesten -Bebungen des sittlichen Sinnes an ein betäubtes Herz dringt -- -ward laut. Die Gräfinn war längst nicht mehr glücklich, wenn sie es -eigentlich jemals gewesen. Ihr Glück däuchte ihr nur ein entzückender -Traum, unhaltbar zerronnen, aus dem sie schwerblütig erwacht wäre. Ihr -ganzes Wesen, vom Sitz des Herzens aus, durchdrang ein traurig Sehnen, -was sich selbst in Sylvius Armen nicht stillte; das Bewußtseyn ihrer, -seiner Liebe genügte ihr nicht mehr. -- Ein kränklicher Gram zehrte an -ihrer Gestalt, und ein Gefühl unsäglicher Wehmuth, von trübem Grund der -Seele, bedrängte ihren Busen. Sah sie ein junges Ehepaar neben einander -sitzen oder gehen: so dachte sie mit einem alten Liede: »manches Herz -geht _ganz alleine_ seinem stillen Kummer nach --« Albane verkannte, daß -der Liebe Geist, der treueste von allen Freunden, ihr zur Seite wäre. -- -Geschah es, daß sie Fabien von oder zu ihrem Mann reden hörte: so fühlte -sie sich schmerzlich fremd, wie eine Taubstumme, Angesichts Solcher, -denen das Vorrecht und die geistige Beziehung der Sprache gegeben ist. -Ein weinendes Kind, geschmiegt an den Hals seiner Mutter, lockte bittre -Tropfen in ihr Auge, und die arme Gräfinn hätte all ihr Blut verströmen -mögen, wenn sie eine Thräne ihres Kindes, _eine_ nur -- tröstend hätte -wegküssen dürfen. -- - -In dieser Stimmung dachte Albane oft an ihre Mutter, auf die sie sich -wenig zu besinnen wußte. Zwar bebte ihr Gedanke vor diesem beleidigten -Bilde zurück; aber es zog allmählig immer trauter und versöhnender -ihr Denken und Sinnen an sich. Einst führte das Bedürfniß innerster -Ansprache sie an die Familiengruft, deren Thür sie sich öffnen ließ. -Auch den Deckel des Sarges ihrer Mutter ließ sie abheben, und diesem -Willen der jungen Gebieterinn ward, wenn auch widerstrebend, doch Folge -geleistet. Der Leichnam lag unversehrt, nur das weiße Kleid war in -der linken Brustgegend hochroth gefärbt, als hätte der Todten das Herz -geblutet; das rechte Auge war nicht ganz geschlossen: wie drang dieser -erstorbene Blick in die Seele ihrer Tochter! -- Um den eingefallenen -Mund schwebte noch der Schatten eines Lächelns, womit die edle Frau die -Welt gesegnet hatte. Albane stand in heiliger Rührung an dieser Stätte -der Ruhe. Ein ganzes Leben voll Vorwürfe hätte nicht so dringend an -ihr Herz reden können, als dieser stille Anblick, der den Frieden der -Gottseligkeit schweigend offenbarte. Und hier war es, wo Albane den -Schmerz der Leidenschaft als sündlich empfand. -- Fuhr die Gräfinn des -Sonntags nach der Kirche, so trat sie mit einem Schauer der Buße in -die vergitterte Loge. Das Erbrausen der Orgel schwellte ihre Brust, ihr -Gefühl war ein frommes Heimweh. Sie wünschte sterben zu können an diesen -Tönen des Himmels. Und wenn die Sonne zu den hohen Fenstern herein -schien, und in der Stola des Priesters flimmerte: dann leuchtete dieser -Strahl auch in ihr Innerstes, und um den dunkeln Altar des Gemüths ward -es helle. -- Doch ein Blick der Liebe ihres Vaters, der kleinste Beweis -seiner Zuversicht zu ihr, die sein Ein und Alles war, spaltete Albanen -das Herz. -- Wenn schon eine zarte Scheu sich in Acht nimmt, einem -Blinden auf irgend eine Weise Anstoß zu geben: so wird ein zarterer Sinn -Anstand nehmen, den geistig Blöden zu hintergehen. So war Albane sich -nach und nach einer Schuld gegen ihren Vater bewußt worden, die sie in -heißer Reue mit keinem Opfer der Liebe, auch dem größten nicht, sühnen -zu können glaubte. -- Die Unterredung mit dem Forstmeister, welche das -Herz der Gräfinn erschütterte, fand daher den Tag der Reife, und lösete -die Frucht der Selbsterkenntniß ab, in einem Gedanken, den sie lange -getragen. - -Auch Sylvius war unbefriediget, und konnte es nicht immer verhehlen. Er -vergaß in der Heftigkeit seiner strebsamen Wünsche, daß Albane, indem -sie ihnen nachgegeben, ihm das Ziel derselben als ein unabänderliches -gezeigt. Das süße Geheimniß, der unsichtbare Trauring, war ihm eine -Fessel, die er in männlichem Trotz abstreifen mögen -- er fühlte -sich beschränkt, und die Geliebte war es, die ihn hinderte, seine -jugendlichen Kräfte an den Schranken der Welt zu versuchen. - -»Ich las heute,« sagte die Gräfinn in der Späte jenes Abends, an dem sie -seinen Vater gesprochen, zu ihrem Gemahl, »die entstehende Liebe ist in -einem Nichts reich, die wachsende ist in den Wünschen bescheiden, nur -die glückliche Liebe hat nie genug -- da dachte ich an Dich.« - -»Ach, Albane!« lautete seine Antwort, »wie könnte meine Liebe glücklich -seyn, da Du es nicht bist? Umsonst verbirgst Du mir einen Kummer, als -dessen Ursache ich mich ansehen muß -- ich bin nicht im Stande, Dein -Herz ganz auszufüllen. Lebten wir nicht in dieser unseligen lichtscheuen -Vereinzelung: kein finstrer Gedanke würde Raum finden zwischen Dir und -mir.« - -»Wie Du mich quälst, Romana!« seufzte seine Frau, »gönne mir den Trost, -das Leben meines Vaters zu schonen; an diesem schwachen Faden laß mich -vorsichtig halten, das Gewebe der Verhängnisse ist zart. -- Und damit -Du das Wenige schätzen lernst, was Du an mir besitzest: so dürfte es gut -seyn, wenn Du mich eine Zeitlang ganz entbehrtest. Der Arzt dringt in -mich, den Vater zu einer Reise von längerer Dauer zu bereden, und auch -Dir, mein Sylvius, dürfte eine weite Ausflucht eben einmal nöthig seyn.« - -Albane stellte nun dem Gemahl diese Reise aus den verschiedensten -Gesichtspunkten als eine allseitige Nothwendigkeit dar. Der jüngere -Romana glaubte jedoch nicht, daß es dazu kommen würde; aber der Graf -zeigte sich viel leichter entschlossen, als zu erwarten gewesen, ja, -es war, als ob dieser Entschluß seine Kräfte aus ihrem lethargischen -Zustande aufgerufen hätte. Er war zum Staunen der Seinen der -besonnensten Maßregeln fähig, und Albane, welche diesen Lichtblick -benützten zu müssen glaubte, förderte die Anstalten in drängender Eile. - -Es gab mehr Leute, welche diesen günstigen Zeitpunkt zur Erreichung -ihrer Zwecke absahen. Der Oberverwalter, Fabiens Vater, war vor Jahr -und Tagen gestorben, und ein Mann an seine Stelle gekommen, der obgleich -tüchtig für sein Fach, doch nicht als vertragsam gerühmt werden -konnte, am wenigsten von dem Schwiegersohn seines Vorgängers. -Dieser, ärgerlicher Art, that nur seine Pflicht, doch nichts, um ein -freundlicheres Verhältniß einzuleiten; bei solcher Unfügsamkeit in nahem -Verkehr waren Reibungen unvermeidlich, und es kam so weit, daß Fabia -einsah, ihrem Manne würde nicht nur sein Amt, sondern das Leben -verleidet. So redete sie ihm zu, den Grafen um Versetzung anzugehen. -- -Aber dieser Gutsherr war so wenig zugänglich, wie ein Fels im Meer, und -einmal abgeschlagen, konnte jener Wunsch nicht wiederholt werden. -Als nun Graf Frankenstern den Cassirer rufen ließ, und ihn dieser -gesammelten Geistes und überaus gütig fand, erschrak er fast vor Freude, -daß der Blüthenmoment für seine Angelegenheit so plötzlich gekommen -wäre. Er trug seine Bitte vor, zugleich mit der Beschwerde über den -Oberverwalter, und der Graf verfügte ohne Weiteres, daß der Antagonist -desselben als Rentmeister nach Bühle versetzt würde. -- Er hob -bedeutende Summen aus, und fand das Rechnungswesen in musterhafter -Ordnung; es ergab ein Facit gegenseitiger Zufriedenheit. Frau Fabia -hatte, als ihr Mann vom Schlosse nach Hause kam, eine langentbehrte -heitre Stunde; aber diese war auch für längere Zeit die letzte. Nachdem -die Spannung nachgelassen, worin er sich zeither befunden, fühlte er -sich krank, in Folge verhaltnen Aergers. Als der Graf nun Tages vor -seiner Abreise den Rentmeister noch einmal zu sich rufen ließ, ihm -Papiere von Wichtigkeit zu übergeben, raffte Dieser sich mühsam auf, die -Befehle des Gutsherrn zu empfangen, und besorgt sah seine Frau ihm nach. - -Graf Frankenstern war heute nicht völlig so klar, als er ihn das -letztemal gesehen; er konnte sich auf Einiges durchaus nicht besinnen, -und schritt nach dem Flügel, den seine Tochter bewohnte, Aufschluß von -ihr zu fordern. - -Die Gräfinn war nicht da -- und als ihr Vater unverrichteter Sache in -seine Zimmer zurückkehrte, sah er auf dem Gange ein Gewölbe offen, -worin Silberzeug und kostbare Vorräthe verwahrt wurden. »Welche -Unvorsichtigkeit!« murmelte der Graf; Niemand war zu sehen. Er bewegte -die eiserne Thür nach Außen und trat hinein; sein Begleiter blieb auf -der Schwelle. Eine Truhe war geöffnet, woraus Pelzwerk, wahrscheinlich -zum Bedarf der Reise, genommen worden, denn ein feines Marderfutter -hing über dem Deckel, Büschel getrockneten Lavendels lagen verstreut -am Boden, und ein starker Geruch erfüllte den kühlen Raum. In -einer schmalen Vertiefung der Mauer stand, etwas erhöht, jenes -Schmuckkästchen, das unsre Leser kennen. Eine schöne, doch schadhafte -Statue von Alabaster, das Haupt sinnig gebeugt, den Finger auf dem Mund --- schien als Wache neben dies Depot gestellt; in der zerbrochenen Brust -steckte eine kleine verwelkte Rose. -- - -Der Graf warf einen Blick in jenen Winkel und schauderte. »Freund!« -sagte er hinter sich gewandt, »Sie könnten mir einen Gefallen thun -- -und Sie werden es!« setzte er mit unabweislichem Tone hinzu, »in jener -Chatoulle dort ist der Familienschmuck -- nehmen Sie ihn zu sich. Meine -Tochter hat den Platz für die Kleinodien des Hauses --« hier lächelte -der Graf düster --, »seltsam gewählt; ich muß diesen Fehler verbessern. -Mitnehmen kann ich das Kästchen nicht, und muß es daher während unserer -Abwesenheit gut aufgehoben wissen. Sie sind ein zuverlässiger Mann, ich -weiß Niemand, zu dessen Redlichkeit ich größeres Vertrauen hätte.« - -Der Rentmeister verbeugte sich. Er hatte den Grafen erbleichen gesehen, -und gab dies dem Odem des Kampfers Schuld, der hier wehete, und den -die kranken Nerven desselben nicht vertrügen. Auf einen Wink hob er das -Köfferchen hinweg, und bat um den Schlüssel. »Albane wird ihn haben --« -versetzte der Graf in Scheu und Hast, »verlassen Sie Sich jedoch darauf, -ich sende ihn heut Abend noch; das Verzeichniß des Inhalts kann ich -Ihnen sogleich suchen.« Auf seinem Zimmer suchte Graf Frankenstern nach -dieser Liste, und es währte lange, ehe er sie fand. - -Mittlerweilen hatte der Rentmeister sich gesetzt und hielt das Kästchen -auf seinem Schooße; die Kniee zitterten ihm unter der kostbaren -Last, denn die Stunde des schleichenden Fiebers, an dem er litt, war -herangekommen. Endlich reichte der Graf ihm das Papier und sprach, als -Jener es mit bebender Hand empfing: »das ist ein schlimmer Frost, und -Sie sind so leicht gekleidet! -- Wahrlich! ich hätte ihnen unter diesen -Umständen den Ueberrock nicht übel genommen; vielmehr verbinden Sie mich -durch Bedacht auf Ihre Gesundheit. Nehmen Sie einen Mantel von mir an! -die Abendluft könnte Ihnen schädlich werden.« - -Unter dieser gnädigen Fürsorge, obgleich sie gewiß redlich gemeint war, -verbarg der Graf mit der eigenthümlichen Schlauheit Derer, die in der -Regel geistesabwesend sind, den vorsichtigen Wunsch, der Rentmeister -mögte die Chatoulle unbemerkt in seine Wohnung tragen. - -Frau Fabia erschrak nicht wenig, als sie ihren Mann nun langsam -kommen sah. Er war leichenblaß, unter einem dunkeln Mantel, der in der -Dämmerung wie schwarz ließ, trug er einen zierlichen Kindersarg, -und seine Schritte schwankten wie die des Trägers einer Bahre. -- -Erschrocken eilte seine Frau ihm an die klingelnde Hausthüre entgegen; -aber schweigend trat er ein, stumm ging er in die Mitte des Zimmers, -setzte das Kästchen auf den Tisch und sprach mit erschöpfter Stimme: -»ich bin krank, Fabia, recht sehr krank. Der Weg vom Schlosse bis -hierher -- nun der Himmel weiß es -- wie sauer er mir geworden! ich ging -gleich dem heiligen Christopherus wie im Wasser, und als trüge ich eine -Weltlast, die immer schwerer würde. -- Ist denn das Kästchen wirklich so -schwer? die Juwelen der gräflich Frankensternschen Familie liegen darin, -und ich wünschte wohl, ich wäre der Ehre, sie zu bewahren, überhoben -gewesen. Das Fieber scheint heftig im Anzuge -- ich kam mir wie ein -Todtengräber vor; nur die Citrone fehlte noch in meiner Hand.« - -Fabia warf einen bekümmerten Blick auf ihren Mann, dann auf die -Chatoulle, welche durch ihre Form diese wüste Idee erregt haben mogte, -und um seinen Sinn auf Realien zu lenken, sagte sie: »das Kästchen -hebt sich leicht; mir deucht, Edelsteine müßten schwerer in das Gewicht -fallen.« - -Nun drang Fabia darauf, daß der Kranke sich sogleich zur Ruhe begäbe; -und kaum war dies geschehen: so fing er an zu phantasiren. Er klagte, -der Oberverwalter hätte ihm die Demanten aus Christi Krone verfälscht, -sprach vom Gott des Schweigens, der ihm den Finger auf den Mund gelegt -habe -- pflückte Lavendel von der Decke, und schalt auf seine Frau, daß -sie ihm den Pelz auszuklopfen vergessen. Er sähe eine Unzahl Motten um -das Licht flirren. -- - -Fabia, dies Muster häuslicher Ordnung, konnte die Vorwürfe des -Fieberträumenden ungekränkt anhören. Sie lächelte beklommen, und starrte -verstört in die ruhige Nachtleuchte, in deren mattem Schimmer die -Beschläge der Chatoulle unheimlich blinkten. -- Gegen den anbrechenden -Tag hörte Fabia die herrschaftliche Reisekutsche über die Schloßbrücke -dröhnen. Sie hatte die ganze Nacht am Bette ihres Mannes verwacht, und -kein Auge geschlossen. Jetzt stand sie auf und trat ans Fenster. Da -rollte der Wagen vorüber und verschwand in der grauenden Frühe, und -Fabia sah zum Himmel auf und sprach mit der Inbrunst eines geängsteten -Herzens: »Sey mir gnädig, Gott, sey mir gnädig; denn auf Dich trauet -meine Seele! -- wende Dich zu mir, denn ich bin einsam und elend, und -Deine Güte ist tröstlich. Du meines Lebens Licht! Betet an den Herrn -im heiligen Schmuck --« Der Osten bekleidete sich mit Purpur, und der -Morgenstern ging unter in schwachem Geflimmer. - -Dem Krankenbette, dieser dunkeln Stelle -- wendete Fabia die volle -Lichtseite ihres Charakters zu, und es wäre heilsam für trübe -Erfahrungen, wenn diese Eigenschaft an mancher Frau zu rühmen, die -unsern Lesern oder den Augen der Welt vielleicht besser gefällt, als -diese werkthätige Fromme. Nicht umsonst hatte die Vorsehung sie daher -als Gattinn einem Hypochondristen zugetheilt, der auch in gesunden Tagen -krank genug und voll wunderlicher Gramhaftigkeit war, um die Kraft -der Geduld seiner Frau in beständiger Uebung zu erhalten. Kein Phantom -seiner Einbildung schreckte ihren ruhigen Sinn. Ihr gelassener Muth -siegte über jede Unbill verdrüßlicher Launen ihres Mannes, ihre klare -verständige Handlungsweise lag offen da vor seinem mißtrauischem Blick; -stets achtsam auf ihre Pflicht versäumte Fabia nie, was ihr zu thun oder -zu lassen oblag, und der Glaube an die rechtliche Strenge, womit -seine Gattinn alles Mögliche von sich forderte, und nicht viel -weniger leistete, zwang ihrem Manne eine, wenn auch _widerwillige_ -- -Zufriedenheit mit seinem häuslichen Glück ab. - -Diesmal machte ein bösartig galligtes Fieber den Rentmeister für längere -Zeit unfähig, sein Amt zu verwalten. Auch hierin trat seine Frau helfend -ein. Fabia schrieb eine schöne, feste Hand; accurat bis ins Kleinliche, -war sie unfehlbar in jeder Art der Buchführung, und deshalb wohl -geeignet, einen Secretair ihres Mannes zu vertreten. Sie unterzog sich -auch diesem Geschäft mit willigem Eifer, und theilte ihre Zeit zwischen -seiner Pflege und seinem Beruf. Wir können uns nicht enthalten, hier zu -sagen, wie wichtig es sey, daß eine Frau den Beruf des Mannes ehre. -Wo dies geschieht, da ist in der Achtung dafür auch ein Gesetz der -Unterordnung gegeben, nach welchem weibliches Wirken und Wollen bestimmt -werden muß. -- Auch von dieser Seite hätte ihr bitterster Feind unsrer -Fabia nichts zur Last legen können. Dies, wie überhaupt den reellen -Werth seiner Frau, wußte der Rentmeister auch zu schätzen, und -vielleicht war es mehr ein Bedürfniß seiner Krankheit als seines -Herzens, daß er die Freude an einem Kinde, ihrer ermangelnd -- so gar -tief empfand. Das liebenswürdige Pflegekind füllte diese Lücke nicht -aus, die eine Wunde in Fabiens Herzen blieb; denn tief im Innersten -verletzt, kämpfte sie oft mit Thränen, wenn ihr Mann mißmüthig gegen die -Vorsicht grollte, und sich in Worten Luft machte, die eben so gut eine -Anklage für sie selbst enthalten konnten. - -»Wie aus einem Stein entsprungen,« sagte er dann wohl, »wie von der -Sonne ausgebrütet, bin ich bestimmt, ohne Vater, ohne Kind zu leben -und zu sterben. Der natürlichste Trost für eine verwaisete Jugend, der -Trost, sein Daseyn fortzupflanzen, ist mir versagt. Wenn einst Deine -Thräne, gute Fabia, versiegt ist, dann gedenkt man mein nicht mehr, und -keine Blume sprießt aus der trocknen Erde meines Grabes.« - -Da weinte Fabia schon jetzt. »Du schneidest mir mein Herz entzwei --« -sprach sie mit unterdrückter Stimme. »Wir wollen uns nicht versündigen, -Lieber! wenn uns nun ein Kind zu Theil geworden wäre, etwa behaftet mit -einem Fehl, oder erbärmlicher Art, dessen klägliches Geschrei Tag und -Nacht nicht zu stillen? Wie? oder wenn aber ein gesundes, das uns zu -größerem Jammer bald wieder entrissen würde?--« Auch ein stummes, auch -ein todtes Kind wäre ihm lieber als keines -- gab der Rentmeister in -eigenwilligem Trotze der besänftigenden Vorstellung seiner Frau zur -Antwort. Fabia flehete hierauf ihren Mann an, sich solcher Reden zu -enthalten, und warnte ihn mit christlichem Sinn, aber im Geiste jener -heidnischen Worte: »ihnen zur Strafe erhören die Götter der Sterblichen -Wünsche! --« - -Dies war in den ersten Jahren der Verheirathung des Rentmeisters -gewesen. Später hatten sich diese Eheleute der Hoffnung begeben, daß -dies ersehnte Glück ihnen noch werden könne, und sich mit ganzer Liebe --- so weit Fabiens Gemüth derselben fähig war, und der kränkliche -Zustand ihres Mannes sie zuließ -- der Erziehung der kleinen Josephine -gewidmet. Sobald der Rentmeister sich von jener Niederlage erholt hatte, -ging er mit den Seinen von Bonna ab. Fabien fiel das Scheiden von der -Heimath doch schwerer, als sie gedacht. Der neue Wohnort war auch schön; -aber so recht wohl wollte es ihr in Bühle nicht werden. Dazu kam, daß -ihr Mann, obgleich von amtlichen Unannehmlichkeiten frei, doch sein -verdrüßlich Wesen beibehielt, jeden erheiternden Umgang mied und -verscheuchte, und endlich durch eine gewaltsame Entdeckung für immer -verstört wurde. Jene Chatoulle deren unsre Leser gedenken -- war -unter dem Drangsal des hitzigen Fiebers, was sich unmittelbar an -ihre Uebergabe schloß, abseits gekommen. Nach dieser Zeit fand -der Rentmeister so viel Geschäfte, deren Abschluß ihm bei seiner -Ortsveränderung dringend anlag, daß es ihm genügte, dies anvertraute Gut -wohlverschlossen zu wissen. -- Einst aber sprang ihm das Kästchen -ins Auge, und er verlangte den Schlüssel dazu von seiner Frau. »Den -Schlüssel?« fragte Fabia befremdet, »ich habe keinen je gesehen. Du -brachtest das Kästchen ja selbst, wie es hier ist. O, ich weiß mich -jenes schrecklichen Abends noch ganz genau zu entsinnen.« - -Der Rentmeister besann sich jetzt, daß der Graf den Schlüssel hatte -schicken wollen, und er muthmaßte, daß es in der Verwirrung der Abreise -vergessen worden wäre. Einen Schlosser kommen zu lassen, daß dieser den -innenliegenden Reichthum sähe, dazu war der Rentmeister zu furchtsam. -Ein krankhaftes Mißtrauen verursachte ihm und Andern gar manche unnütze -Qual -- und so beredete Fabia ihn, das Geschmeide und dessen Richtigkeit -einstweilen auf sich beruhen zu lassen. - -Nach längerem Verlauf seitdem starb eine alte Jungfer in Bühle, die -daselbst gelebt; die Tochter des Fiscal. Dem Rentmeister, als einem -Bekannten der Wohlseligen, fiel ein kleines Legat mit dem Auftrag zu, -ihren Nachlaß zu reguliren, und somit eine Menge Schlüssel in die Hände, -darunter mehrere kleine waren. An einem Tage, wo Fabia auf die Bleiche -gegangen war und Josephine mit sich genommen hatte, ihr Mann sich -ungewohnter Weise ganz allein befand, beschlich ihn der Geist des -Unglücks in dem Gedanken, einen jener Schlüssel an dem Kästchen zu -versuchen, ob es sich öffnen ließe. Das künstliche Schloß widerstand -dieser Probe, doch erhitzt vom bösen Feind, der nicht selten in Gestalt -der Neugier den Menschen berückt, that er ihm Gewalt an. Die feine -Stahlfeder sprang entzwei, der Deckel auf -- und der Rentmeister -blieb mit entsetztem Blick starr vor dem Inhalte stehen. Statt des -verzeichneten Schmuckes funkelte ein Messer, daran Blut eingerostet -war -- und auf dem atlaßnen Kissen, wo sonst blitzende Rosetten und -Brustschleifen geruht, lag, in weißem Battist gewickelt, der Leichnam -eines Kindes, so mumienartig zusammengetrocknet, daß er kaum zu erkennen -war. Nur wie ein brauner Gedanke, so unkörperlich, so gewesen -- sah das -winzige Gesicht unter einem tiefen Häubchen hervor, dessen Form für ein -Mädchen zeugte. -- Ein schwach gewürzhafter Geruch war die erstickte -Luft dieses kleinen Grabmals. - -Als Fabia mit heißen Wangen von der Bleiche heimkehrte, fand sie ihren -Mann selbst erbleicht. »Sieh hin!« sagte er mit bläulichen Lippen, »der -Hehler einer schauderhaften Mordthat bin ich gewesen, und nicht allein -um die Ruhe meiner Seele, sondern auch um all mein Gut, wenn ich den -Majoratsschmuck ersetzen muß. Wer wird mir denn glauben, daß ich dem -Worte eines Wahnsinnigen trauete? -- Darum fand sich der Schlüssel -nicht, und ich -- ich leichtgläubiger Thor! ladete mir ein fremdes -Verbrechen auf. Wie oft hast Du meine argwöhnische Vorsichtigkeit -getadelt? Du siehst nun, _wie_ vorsichtig ich war! --« - -Zum erstenmale verließ Fabien ihre Fassung. Sie stieß einen leisen -Schrei aus, und stand entfärbt, Grausen im Blick, wie unbeweglich. -»Mein Herr und Heiland!« stammelte sie, »das ist ganz erschrecklich! der -Verstand steht mir still.« - -»Der meinige ist hier zu Ende --« fuhr der Rentmeister fort, »Was soll -ich nun anfangen! Anzeige davon machen? stillschweigen? daß ein Zufall -diese Beweise einer Unthat bei mir entdecke, und mich zum Mörder -stemple? -- Ich habe nicht Lust, zum Lohne für Treu und Glauben auf dem -Schaffot zu beschließen.« - -Fabia kannte ihres Mannes Weise, sich selbst in furchtbaren -Möglichkeiten zu überbieten. Sie sprach aus geängsteter Seele: »ach! -warum bin ich heute nicht zu Hause geblieben! Wer hieß Dich dies -Behältniß öffnen? -- Das Kind läge fein stille vor wie nach, und wir -wüßten von nichts. Das arme Würmchen! --« Und mit gewundenen Händen -niederblickend darauf, dachte sie an den Wurm im Gewissen, der die -unglückliche Albane wohl genagt haben mogte. -- - -»Was redest Du doch, Frau?« rief der Rentmeister erzürnt, »es hätte -längst geschehen sollen, sage ich Dir. Unverzeihlich ist meine -Saumseligkeit! ich bin wie mit Blindheit geschlagen gewesen. Deshalb -wurden die Anstalten zu jener fluchwürdigen Reise so schleunigst -getroffen, als wie auf der Flucht -- der Sohn des Forstmeisters ist -auch fort in die weite Welt; die Früchte ihres Leibes fallen Anderen zur -Last, und von ihnen heißt es: Die sind besorgt und aufgehoben, der Graf -wird seine Diener loben.« - -»Du vergissest, lieber Mann,« fiel Fabia betäubt ihm in die Rede, »daß -man die Gräfinn todt sagt. Ach! ihr wäre wohl, wenn solch ein Weh auf -ihrem Leben gelastet hätte. -- Graf Frankenstern aber und der junge -Romana müssen doch einmal wieder kommen. --« - -»Die werden sich hüten --« entgegnete Fabiens Gemahl. »Der Alte -- ich -meine den Grafen -- hat um dies gräuliche Geheimniß gewußt: nichts ist -gewisser. Die Hast, womit er mich nöthigte, das Kästchen anzunehmen, ist -mir deutlich im Gedächtniß. Sieh, Fabia! ich habe eine Ahnung gehabt; -denn es wollte mich erdrücken, als ich es mir nach Hause trug.« - -Fabia sah diese verschwiegene Erfahrung als ein göttliches Strafgericht -an. Wie oft hatte ihr Mann gegen den Himmel gemurrt! jetzt war ihm zu -Theil geworden, was er für besser hielt, als das weise Versagen seines -Wunsches: ein todtes, ein stummes Kind! -- Sie selbst verstummte vor -dieser Betrachtung und war sehr gebeugt. - -Die unglückliche Fabia! dieser heimliche Gedanke schlug Wurzel in der -Seele ihres Mannes, und wurde zum Polyp, der mit tausend Fasern seine -Lebenskräfte umklammerte. Der Rentmeister ward nicht mehr gesund. -Wir wissen, wie er nach kränklichen Jahren kurz vor seinem Ende die -Beruhigung genoß, in dem Bruder, der sich zu ihm finden mußte, den -Seinen eine Stütze hinterlassen zu können. Sterbend legte er in die -Brust des wackern Administrators das Geheimniß nieder, was ihn zu Tode -gedrückt, und die Pflicht, den ihm gespielten Betrug zu seiner Zeit -offenkundig zu machen. - -Nachdem sein Bruder bestattet worden, ließ Herr Prälat bei nächtlicher -Weile den kleinen Schmucksarg unter den Altar der Capelle versenken, von -der das Stift den Namen führt. Die Maurer mogten wähnen, sie vergrüben -einen Schatz -- aber diese Stelle stand unter heiligem Schutz. -Schweigend verrichteten sie ihre Arbeit, und die dumpfen Schläge hallten -schaurig von den stillen Wänden wieder. - -Die Wittwe, gesenkten Hauptes, sah ihnen zu. »Was blickst Du so düster, -Fabia?« flüsterte ihr Schwager, »verlasse Dich darauf, ich bin zwar -nicht so bibelfest wie Du, weiß aber doch, daß, wenn ein finstres Werk -zu Tage kommen soll, oder die Unschuld gerechtfertiget, die Steine reden -müssen. Darin lasse Alles sich fügen, wie es des Himmels Wille ist! --« - -Als die Gräfinn, der heimischen Gegend entrückt, fremde Luft sog, -athmete sie doch etwas leichter auf, und es war, als ob hinter ihr die -leidige Welt versänke. Zwar war nicht fester Boden unter ihren Füßen, -und die Zukunft ihr nichts weniger als klar; aber der trübe Strom, worin -Albane dem Versinken nahe gewesen, rann doch abwärts, so wie die Räder -des Reisewagens entrollten. Nach einer folgerichtigen Nothwendigkeit -müssen leidenschaftliche Gemüther zuletzt vor ihrem eigenen Glücke -fliehen, und nur Ruhe suchen. Ruhe, der Friede stiller Seelen, dieser -tiefe geistige Genuß, ist ihnen das einzige Bedürfniß. Weinend wenden -sie das Auge von jenem süßen Taumel, jener Freudetrunkenheit, die nicht -dauern kann, und streben nach Selbstbewußtseyn. Sie wissen, wie bald das -schwache Herz erliegt, wie nöthig ihm eine Stütze sey. Das Glück aber -fordert Kraft zur Ausdauer -- des Himmels Seligkeit, unser höchstes -Streben, währt ewig. Die überspannte Saite springt jedoch mit einem -Wehlaut. -- Vielleicht hatte eine gewisse Uebersättigung von Geheimniß -das Verlangen in der Gräfinn erzeugt, öde zu bleiben, ohne irgend eine -andere Beziehung als auf ihren Vater; ja, sie hatte in den verflossenen -Jahren, trotz der befriedigten Leidenschaft und dem Gelingen ihrer -kühnsten Plane -- so viel gelitten und nur Gott bewußt --: daß ein -völliges Nichtseyn ihr dagegen wünschenswerth erschien. Daß sie spurlos -verschwände, sich und Andern, das hätte Albane wohl gewünscht. So war -diese Reise vorläufig als eine Gestorbenheit zu betrachten, die von -mancher Seite erlösend für sie wäre. -- Auch waren Gründe dazu vorhanden -gewesen, abgesehen von denen, die das Innnerste der Seele so zart -verhüllen, daß nur der Finger Gottes sie aufzudecken vermag. Der Arzt, -der Gräfinn vertrautester Freund, hatte ihr eröffnet, wie er von hoher -Behörde aufgefordert worden sey, über den Gesundheitszustand ihres -Vaters und sein geistiges Vermögen Zeugniß einzusenden. Der Staat trage -billiges Verlangen, unter der Befugniß, für eine bedeutende Seelenzahl -zu sorgen, deren Aufsicht unmöglich einem Geisteskranken anvertraut -bleiben könne, das schöne Majorat bei Leibesleben seines derzeitigen -Grundherrn zu ererben, und den Grafen Frankenstern anständig zu -pensioniren. Zudem wisse er von guter Hand, daß der Bischof, in Kenntniß -von dem Gelübde der Mutter Albanens, sich höchlich wundere, wie und -warum dem Himmel eine Seele und der Kirche ein Brautschatz so lange -vorenthalten werde? -- Auch von dieser Seite drohe den Verhältnissen -der Gräfinn ein Angriff. -- Sonach sey es an der Zeit, sich diesen -Anmaßungen zu entziehen. - -Wie durch Inspiration jener Frage an das Gewissen seines -Leibarztes kundig, beantwortete der Graf sie selbst. Nie war er -gesammelter gewesen, als zu dieser Zeit, wo die Zerstreuung der -Reise-Angelegenheiten seine verworrenen Gedanken auf gewisse Weise -entschuldigt haben würde. Da war kein träges Säumen mehr. Gleich einem -schlafenden Funken, den ein Hauch plötzlich weckt, leuchtete er auf, -und entbrannte auch wohl im Zorn über so manchen Mißbrauch, der sich -eingeschlichen. Die Beamten erstaunten, denen er sich edelstolz als Herr -zeigte, als der gütige Schützer seiner Unterthanen gegen die Strenge der -Verwaltung. Alles trat in ein anderes Licht -- und erröthend vor Freude, -schrieb der Arzt sein Attestat an die Regierung. - -Doch nur für diesen Zweck schien der Graf durch die freundliche -Ohrenbläserei desselben zu thätiger Umsicht entflammt worden zu seyn. -Er sank alsbald wieder in seine gewöhnliche Apathie zurück, und fuhr mit -geschlossenen Augen und Sinnen durch die Natur, ohne daß ihre schönsten -Wunder vermogt hätten, nur mit einem Strahl göttlicher Offenbarung an -seinen finstern Geist zu dringen. - -Albane webte um ihn wie ein Schatten, und verließ ihn nie; die Pflicht -der Sorge für ihren Vater erfüllte jeden ihrer Augenblicke. Auch -bedurfte der Graf dieser Treue. Die Furcht vor dem Tode quälte ihn -abwesend minder, und war zu der fixen Idee geworden, dieser Feind seiner -Lebensruhe könne ihn nicht ereilen, so lange er von Ort zu Ort zöge, wie -man nur in der Heimath schlafen zu können meint. Ein beständiges Fliehen -trieb ihn rastlos umher, und die Geißel der Menschheit vereinigte sich -mit diesem unstäten Drange, ihm keine bleibende Stätte zu gönnen. - -Der Ausbruch des Krieges hatte das Land überschwemmt -- die Güter des -Grafen waren stark mitgenommen. Albane erkannte es als eine nicht genug -zu preisende Wohlthat, dieser Usurpation entronnen zu seyn. Sie lebte in -verborgner Stille mit ihrem Vater, bald hier, bald da. Ein, dem Grafen -vormals befreundeter reicher Edelmann, der sein einsames Alter in der -Hauptstadt gesellig erheiterte, hatte Albane und ihren Vater unterweges -getroffen, und ihnen seine unbewohnten Schlösser in Auswahl zum -Aufenthalt angeboten, welche sie zu Zeiten benützten. Der Oberverwalter -sendete die verlangten Summen durch die dritte, vierte Hand gegen die -Unterschrift des Grafen, an ein Handlungshaus, und mußte in Allem für -sich selbst stehen. -- - -Ein Irrthum hatte die Nachricht, Albane sey todt, in Bonna verbreitet, -leicht für wahr angenommen, da ja die Gräfinn immer kränklich gewesen. -Eine authentische Bestätigung war unter jenen wüsten Umständen nicht -einzuziehen. Niemand zweifelte, auch Sylvius nicht. Wir wissen, welche -Folge dies hatte. Zweifel wäre hier Glauben gewesen -- Glaube der -Liebe! -- - -Als die Gräfinn daher ihren Gemahl in Tonys Arm erblickt, als sie die -Geschichte der gestorbenen Frau aus seinem Munde vernommen: da war ihr -Zustand der jener abgeschiedenen Gattinn vergleichbar, welche, wie eine -sinnige Sage uns erzählt -- nachdem sie ihren Gatten, den zu trösten sie -aus der Unterwelt herauf gestiegen, an der Seite seiner Braut gesehen, -ob auch nur einen Augenblick lang -- willig in die Hölle zurückgekehrt -sey, auf ewig. -- Albane floh vor diesem Anblick, diesen Worten, -unauslöschliche Flammen im Busen. Wie eine Verfolgte warf sie sich an -den Hals ihres Vaters, und das ungestüm klopfende Herz begehrte Zuflucht -bei ihm. Sie vergaß, daß der Graf ihr Geheimniß nicht kenne. Sie wußte -nicht, daß Sylvius sie für todt hielt. Die Gräfinn dachte endlich nicht -daran, daß sie selbst sich zuerst von ihrem Gemahl losgerissen hatte. -Aber nichts destoweniger fühlte sie unter heißen Schmerzen, wie sehr sie -ihn geliebt, und daß er sie nicht vergessen dürfen noch sollen. Jener -Moment, der sie davon überzeugte, hatte eigentlich und weit anders als -ihre Trennung, ein inniges Band zerrissen, und das Herz blutete nach. - -»Dies also war die Liebe --« sagte Albane mit dem wunden Lächeln einer -frischen Kränkung, »der ich mein Seelenheil geopfert!? -- O Gott! so -lieben Menschen, -- _Männer_! O meine Mutter!« - -Ihr grauete nun vor nichts mehr auf Erden, es wäre denn die Rückkehr -nach Bonna gewesen. -- Nach und nach spannten ihre Gefühle sich ab, und -eine tonlose Stille, die keinen Anklang mehr von sich giebt, schwebte um -das zertrümmerte Saitenspiel ihrer Empfindung. Wenn alle Schmerzen der -Seele sich durch Mittheilung lindern: die Leiden gekränkter Liebe nicht. -Diese tragen sich nur allein. Wo Menschen um eine verlorene, verrathene -Liebe wissen, da wird ihr Verlust doppelt gefühlt, da ist der Schmerz -jenes Wissens größer, als der ihrer Erfahrung. Wer getröstet seyn will, -darf nur die Theilnahme der Engel ansprechen, und wirklich war ein Engel -Albanens einziger Trost: ihre kindliche Pflicht. - -Graf Frankenstern war allgemach ein Greis geworden. Sein Körper schien -gesund, doch sein Geist bei zunehmenden Jahren die zerstörende -Kraft verloren zu haben, und in einen gewissen Zustand der Kindheit -zurückgegangen zu seyn. Seine Imagination war ein Spiel -- aber mit -ernsten Gegenständen. Er interessirte sich für Politik -- allein nur -in Gemäßheit seiner verworrenen Begriffe. Aus Mangel entsprechender -Mittheilung berief er oft die Monarchen und ihre Feldherrn zu sich, und -legte ihnen seine Ansichten und Plane vor. »Ach!« sagte er dann, und -deutete traurig auf die hohen Stühle, »Sie schweigen, meine Tochter! ich -hoffe wenig.« Albane schwieg auch. Sie hoffte gar nichts mehr. -- - -Die Gräfinn pflegte ihres Vaters treu und sanft wie eine Mutter. -Sie schmückte sich geduldig, wenn er es für solch eine Zusammenkunft -wünschte, sorgte für eine vornehme Bewirthung, die unberührt blieb, weil -nur Geister zu Gast waren -- und machte ihm allen Willen, wie man einem -kranken Kinde thut. Mit träumerischem Lächeln starrte sie in die wüste -Leere des Zimmers -- nur der Spiegel zeigte ihr ein bleiches Bild. Aber -jener Friede, welcher höher ist als alle Vernunft, fing an, bei ihr -einzukehren. - -Vorzugsweise beschäftigte den Grafen _eine_ welthistorische Person: der -beseitigte Schutzgeist Napoleons, die Exkaiserinn von Frankreich. Sie -war die liebste Puppe seiner Gedanken, ihr Schicksal trug er im Herzen --- und hätte lieber gesehen, daß Jedermann diese Erste Frau auf Händen -trüge. - -»Heut kommt Josephine -- sie hat es mir geschrieben,« sagte der Graf und -blickte in einen kleinen Zettel der vor ihm lag, »binde Dir ein besseres -Halsband um, meine Tochter.« - -Albane erblaßte. Dieser theure Name regte die tiefste Sehnsucht ihres -Busens auf. »Wenn das wäre,« antwortete sie mit wankender Stimme, -»dann hätte ich nur _einen_ Schmuck --: zahllose Perlen! Perlen aus dem -tiefsten Meer!« Und über ihre Wangen rollten Thränen, in denen ein Glanz -von Freude schimmerte. - -Die große Tragödie des Krieges war aus, die Völker steckten das Schwerdt -in die Scheide, die Fürsten zogen ruhmgekrönt nach Haus. Gras wuchs über -den Schmerz der Welt, und wo am meisten Blut geflossen, da blühte die -segensreiche Aehre am schönsten. -- Jetzt war dem Grafen zu Muthe, als -wäre ein langer Kampf in ihm zu Ende, und er dürfe nun auch heimziehen. -Er sehnte sich nach Ruhe -- nach einer neuen oder vielmehr alten -Ordnung der Dinge. »Albane,« sagte er, »ich habe es nun satt, dies -Nomaden-Leben. Wir wollen fort, nach Bühle --« ein leiser letzter -Schauer vor Bonna rieselte über seine Nerven -- »hörst Du? meine -Tochter?« Dann setzte er hinzu: »Sanct Capella ist nicht weit von dort.« - -»Die Klöster sind aufgehoben --« antwortete die Gräfinn, indem sich bei -dem Worte ihres Vaters der Schleier hob, worein sie, völlig entsagend, -alle Wünsche, ihr irdisch Leid, vor der ganzen Welt verhüllt hatte. - -»Nun, das Stift steht ja noch --« versetzte Jener, als wolle er sich -nicht merken lassen, daß er daran nicht gedacht. »Nonne kannst Du nicht -werden --« fuhr der Graf wie befreit fort, »nicht Seine päbstliche -Heiligkeit, nein! der himmlische Vater selbst hat Dir Dispens davon -gegeben, und Du bist mehr als eine barmherzige Schwester, Du bist eine -wohlthätige Tochter geworden, für mich alten schwachen Mann!« - -Da weinte Albane laut. Sie fühlte sich entsündigt, und daß die Liebe des -Gesetzes Erfüllung sey. - -Die Zurüstungen zur Reise wurden nun getroffen. »Wie werde ich Alles -finden?« fragte die Gräfinn sich tausendmal. Das Thor der Möglichkeiten -that sich weit vor ihr auf -- doch der künftige Tag ist den Sterblichen -verschlossen. - - * * * * * - -Wir finden Theresen auf der Reise nach ihrem künftigen Wohnorte wieder. -Sie sitzt an der Seite des Gemahls, berührt von seinem Mantel; ihre Hand -liegt in der seinigen --; aber die Jahre ihrer Entfernung, die Länder, -welche Constanz durchreist, liegen fühlbarer noch für seine Gattinn, -zwischen ihnen. Sogar seine Stimme klingt ihr fremd -- wie von einem -dunkeln Jenseits herüber. Jener rührende Zauber, womit die geliebteste -Stimme an die Seele dringt: er war vernichtet durch eine Gegenkraft -- -und Therese hörte nur, daß ihr Mann etwas heiser sey. -- Sie blickt in -den Boden seines Hutes, den sie auf ihrem Schooße hält, weil Constanz, -um besser zu ruhen, sich mit unbedecktem Haupte in die Ecke des Wagens -geschmiegt hat; doch eigentlich blickt sie in die Tiefe ihres Herzens, -das auch ohne _Hut_ und deshalb übel gefahren ist -- und ein fremder -Meister hat dort auch seine dunkle Vignette angeheftet. -- Die Fahrt -geht rasch; aber Therese kann sich von dem Gedanken an das Stift -nicht losreißen, und doch, so wie der unermeßliche Himmel sich vor ihr -ausspannt, spannt ein geheimnißvoller Aether die Flügel ihrer Sehnsucht -nach der Ferne. -- - -»Erzähle mir etwas Du Liebste! von Deinen Freunden --« sagte Constanz zu -seiner schweigsamen Gefährtinn, »und vergönne, daß ich Dir still zuhöre. -Es ist, als ob mir jedes Wort einen schmerzenden Reiz in der Luftröhre -verursachte. Wie es scheint, hast Du sehr glücklich in Sanct Capella -gelebt.« - -»O sehr glücklich!« antwortete Therese mit einem Seufzer der Wehmuth; -und der Accent dieser Versicherung hätte ihren Mann beleidigen müssen, -wenn er innigere Ansprüche an seine Frau gemacht. - -»Der Ort ist doch wirklich zauberisch schön gelegen,« fuhr Therese fort, -»und läßt nichts vermissen. Wir bildeten eine kleine Gesellschaft unter -uns, das ist denn ein ganz anderes Verhältniß, als die Verbindungen in -Mitten der Welt. Wir waren Hausgenossen -- Eine Familie gleichsam -- -und mit wahrer Lust im Bann des Klosters. Die Verschiedenheit der -Charaktere, welche dazu gehört, um innig im Umgange zu seyn, gab unserm -einfachen Zusammenleben vielseitiges Interesse. -- Welch ein köstlicher -Mensch ist der Bruder! nur gesunder möchte ich ihn wünschen, obgleich -er sich in der letzteren Zeit erholt zu haben schien. Dann Fabia -- wie -eine Mutter war sie für mein Bestes bedacht. Man muß sie nur kennen. -Wer sie aber kennt, schätzt sie gewiß. Sie gleicht einem süßen Kern in -spröder Schale. Und etwas Lieberes, als die alte Nonne, die Du gesehen -hast, kannst Du Dir gar nicht denken, Constanz. Das ist wahrlich eine -heilige Jungfrau, die besser als der Papst die Sünde den Menschen -verzeihen könnte! -- Da ist nichts von der finstern Verdammniß zu -spüren, die Niemand selig werden lässet, der die Welt ein wenig lieb -hat. Schwester Veronica ist sanftmüthigen Geistes, mild gegen Jedermann --- kein feindlicher Gedanke, kein gehässiges Gefühl fände Raum in ihrer -friedenvollen Seele. Auch hat sie selbst geliebt, und ihr Herz dieser -Liebe geopfert. Man kann diese kleine Geschichte nicht ohne die größte -Rührung hören. -- Dafür scheint ihr denn auch ewige Jugend geworden zu -seyn, und ich habe zuweilen schon gedacht, die gute Nonne stirbt wohl -gar nicht, und wird in ihrem Erdenleibe, worin sie himmlisch lebt, -einmal von Engeln emporgetragen.« - -»Deine Schilderung ist begeistert, meine Therese --« fiel hier Constanz -seiner Gattinn in die Rede, »und ich hätte Dir so viel Sinn für -_klösterliche_ Vorzüge kaum zugetraut.« - -Therese empfand die leise Ironie in den Worten ihres Mannes nicht. Sie -sprach: »von der Clausur merkte man nicht das Geringste an ihr. Veronica -konnte sehr heiter seyn, und sogar anmuthig scherzen. Wie oft hat -sie über die tollen Lügen Moorhausens herzlich gelacht! wo selbst der -Schwager ergrimmte, sagte sie nur: es ist ihm zur andern Natur geworden, -ich denke mir, er genießt das Vergnügen eines Fabeldichters, der aus dem -Stegreif erzählt, und gönne es ihm.« - -»Und der Major?« mit diesen drei Frageworten störte hier abermals -Constanz die Charakteristik, womit seine Frau ihn unterhielt, »dem -scheinst Du ganz besonders wohl zu wollen.« - -Therese erröthete; ein Widerschein von Purpur, von zarterem Anflug und -höherer Farbe als das Futter ihres Hutes, hauchte ihre Wange an, und sie -schlug die braunen Augen tief nieder. Sie sprach: »o! das ist auch ein -excellenter Mann! Den solltest Du kennen. Er war mir väterlich gut, und -ich hätte ihm zuweilen die Hand küssen mögen.« - -Hier zog Constanz die seinige aus Theresens Hand, und schlang einen -Knoten in das bastseidne Schnupftuch, als wolle er sich etwas in das -Gedächtniß knüpfen. Eine Pause trat ein, dann sagte er: »dieser Major -Feldmesser --« - -»_Feldmeister_,« berichtigte Therese, und ihr Mann redete weiter, »hat -mir auch sehr gefallen.« Seine Frau warf auf diesen Ausspruch ihm -einen schönen Blick zu, und erwiederte: »er ist der beste Freund Deines -Bruders, und diesen Rang wird ihm schwerlich jener Sylvius streitig -machen, der mir immer unheimlich vorgekommen ist.« - -»Nun der Schatten darf Deinem Gemälde auch nicht fehlen --« versetzte -Constanz, »doch das Schönste, den Lichtpunkt, hast Du Dir bis zuletzt -aufgehoben: Josephine. Dieses liebenswürdige Geschöpf, erquicklich in -seinem Anblick und bescheiden, ist ein wahres Blümchen Augentrost.« - -Es ist ein schlimmes Zeichen, wenn eine Frau, auch die beste -- das Lob -einer Andern ihres Geschlechts, ohne Eifersucht, aus dem Munde ihres -Gemahls hört. Ohne Extase entgegnete hierauf Therese: »es ist ein -seelengutes Mädchen, und gar nicht so simpel, wie man glauben könnte. -- -Sie wird strenge gehalten, die arme Josephine! und ihren zarten Kräften -wird viel aufgebürdet, was nur durch diese stille Duldung zu ertragen -möglich ist.« - -»Das süße Lamm!« sprach Constanz mit regem Bedauern, »doch nach dem -Sprüchwort und der Erfahrung: regieren gestrenge Herren nicht lange.« -Ein diplomatisches Lächeln spielte um seinen Mund. Und weil dieses Bild -von raschem Umschwung ihn in den Kreislauf seiner Vergangenheit zurück -versetzte, so kam er durch eine sehr natürliche Association der Ideen -auf die Frage: »wie brachtet Ihr denn sammt und sonders Eure Tage zu?« - -»Du meinst, wir hätten Langeweile gehabt? nicht einen Augenblick, sage -ich Dir!« versicherte Therese mit leuchtenden Augen. Und das Quecksilber -ihres Temperaments machte ihre Seele zu einem Spiegel, der die kleinen -Freuden des Stiftes glänzend verdoppelte; ihre Rückblicke zeigten Alles -in erhöheter und reinster Potenz. »Des Abends waren wir zusammen, und -spielten Whist oder Schach --« setzte sie mit fallender Stimme hinzu, -und der Tagesbericht der muntern Kostgängerinn von Sanct Capella endete -in einem leisen, ernsten Seufzer. - -»Und da schlugst Du selbst den tapfern Feldmeister aus dem Felde -- -nicht wahr?« fragte Constanz, ihrer Fertigkeit sich entsinnend, und -zupfte seine Frau an einem Löckchen hinterm Ohr. Aber es war Theresen, -als ob sie am Gewissen gezupft würde. - -»Nicht immer --,« antwortete sie halblaut, »ich war auch bisweilen im -Verlust.« -- War es der versteckte Sinn dieser Worte, oder der Geist der -Liebe, der in der Erinnerung an das Schachspiel ahnungsvoll sein Herz -bewegte? -- Genug, die Wage seines unpäßlichen Gleichmuths schwankte, -und der Ton war von Gewicht, als ob ein Vorwurf ihn herabzöge, womit -er sagte: »da Deine Zeit so mit Vergnügen besetzt war, wie ich zu dem -meinigen höre, -- so fandest Du wohl wenig Muße, meiner zu gedenken?--« - -So hätte Constanz jedoch nicht fragen sollen! Therese ward sich bewußt, -daß ihr Gemahl beinahe drei Jahre abwesend gewesen. Sie antwortete -tiefsinnig lächelnd: »es braucht viel Zeit, bis eine Welt untergeht.« -- - -»Wo hast Du die Phrase her, Therese?« fragte Constanz, erstaunt über das -Wissen seiner Frau, und über die Anwendung, welche sie von jenen Worten -machte. - -»Ich schlug sie jüngst in einem Buche auf, worin der Bruder las --« -sagte die schöne Frau, welcher der Verfall des ganzen römischen Reichs -übrigens sehr gleichgültig war. - -»So bin ich noch Deine Welt?« fragte er seltsam heftig, und neigte sich -zu ihr, und Theresens Blick, ein Abglanz jener Sonne, die ihn einst -erwärmt, fiel wie ein Mondstrahl, kühl und geheimnißvoll, in das Düster -seiner Vorstellungen. - -Während der längeren Dauer dieser Reise suchte Therese durch -freundliches Geschwätz ihren Mann zu erheitern, der sich leidend dabei -verhielt. Wenn sie beflissen schien, von Diesem und Jenem zu sprechen, -so war's vielleicht, daß er ihre Absicht merkte, was ihn verstimmte. -- -Das Bedürfniß der Unterhaltung ist ein schlimmes Merkmal für die Liebe. -Wo ein Liebender die Langeweile des Andern empfindet, da ist dieser -Andere schon verkürzt. Ein Herz, ganz von seinem Gegenstande ausgefüllt, -bedarf nichts als des Glückes, bei ihm zu seyn. Liebende sind -- ist ihr -Verhältniß in der Ordnung -- Sich die Einzigen, die da leben: denn -jede junge Ehe wiederholt die Schöpfung, und der Athem Gottes hat -millionenmal das Paradies geschaffen, seit das erste verloren ging. -Wenn daher Menschen, beseelt von diesem ewigen Hauch, etwas außer -sich merken, und mit jenem Bewußtseyn, was der Liebe heiliges Glück -vernichtet, ihr Gefühl verhüllen, o! dann blitzt der feurigste Gedanke, -oder auch ein Witzfunken, nur von dem flammenden Schwerte des Engels, -der an der Gartenpforte ihres Edens steht. Sie wandeln fortan zwischen -Dornen und Disteln der Erbsünde, und das Kind der harten Erde wird mit -Schmerzen geboren, wissend, daß es sterben muß! -- - -Nach mehreren Tagen, in denen der neue Legationsrath sich und seiner -Gattinn nur wenige Stunden der Ruhe gegönnt, sahen sie die schöne -Stadt nun vor sich, welche der Ort seiner Bestimmung war. In äußerster -Erschöpfung freute sich Therese, endlich am Ziel zu seyn. Ihr Blut war -durch das anhaltend rasche Fahren in Wallung, das feine Geäder am Halse -hüpfte, in jeder Fingerspitze hämmerte ein Puls. Sie war zu müde, um -sich ängsten zu können, da Constanz sich unwohl klagte. »Dein Husten -pfeift ordentlich und hat einen schneidenden Ton,« sagte sie unter einem -nervenfröstelnden Rückenschauer zu ihrem Manne. »Ich denke, wenn Du -wirst ausgeschlafen haben, dann giebt es sich.« - -»Ja, ich denke einen langen Schlaf zu thun --« antwortete Constanz mit -mattem Lächeln, und schloß die entzündeten Augen vor dem Häusermeer, was -der letzte Abendschein vergoldete. - -»Das wolle der Himmel geben!« erwiederte Therese unschuldig auf jene -berühmten Worte. - -Indessen dämmerte es tief, ehe sie die Stadt erreichten. Es war zur -Meßzeit, und trotz der abendlichen Späte ein wogendes Gewimmel in den -Straßen. Der Reisewagen, dem der blasende Postillon Respect verschaffte, -rückte jedoch nur langsam vorwärts, und hielt am Engel, einem Hotel, das -hinsichtlich seiner Vorzüglichkeit so hoch über die Adler und Sterne -der besten Gasthöfe ragte, wie der Geist seines Sinnbilds über die -menschliche Unvollkommenheit. - -Therese erschrak, als die großen Laternen zu beiden Seiten des -ätherblauen Schildes, worauf der weiße Engel, mit einer Palme in den -Händen, schwebte, ihren Schein auf das Gesicht ihres Mannes fallen -ließen; es war todtenblaß, Constanz war kaum noch im Stande, die bequeme -Stiege hinanzusteigen. Im Zimmer angelangt, sank er beinahe ohnmächtig -in einen Stuhl. -- Hier, von einem erstickenden Husten, wobei ihm jede -Muskel schwoll, convulsivisch erregt, konnte er lange nicht zu Worte -kommen; doch als er eines Sylbenlautes mächtig war, forderte er einen -Arzt, weil der Schmerz im Halse von Minute zu Minute furchtbarer wurde. -Es ward bestellt. Alsbald rauschte unter den Händen eines flinken -Dienstmädchens das Bett, wonach Constanz stöhnend verlangte; der Tisch -war gedeckt, die kräftige Suppe dampfte -- aber der Kranke schüttelte -sich gegen den Genuß, und der armen Therese war aller Appetit vergangen. - -Eine tödtlich lange Stunde war vorüber, und der Doctor noch immer -nicht da. Das Kommen an der Hausthüre, das unaufhörliche Gehen auf -dem Vorsaal, der Laut jeder männlichen Stimme im Flur, täuschte die -peinliche Erwartung der harrenden Frau. Constanz lag ganz still, er -seufzte nur. -- - -Unglücklicherweise hatte man für das Erkranken eines Herrn, der mit vier -Pferden Extrapost angekommen, nur den vornehmsten Arzt passend gefunden. -Leider aber war dieser der bequemste von Allen, der lieber seinen Leib -pflegte, als den Derer, die sich seiner Kunst anvertrauten. In solchen -Aerzten hat das Gefühl ihrer eigenen Unsterblichkeit die achtsame Sorge -für das Leben Anderer verschlungen. Sie fußen fest auf der begrabenen -Welt, die einen düstern Lorbeer für sie trägt. -- - -Jener Primus der Mediciner dieser Stadt saß bei einem Abendschmause, -kaum frugaler als der in Voßens Idyllen, und gehabte sich gleich seinem -Collegen aus Hamburg, den der Pächter redend darin einführt -- als der -Ruf aus dem Engel an ihn erging. Er that jedoch seiner Menschlichkeit -zuvor volle Genüge und gütlich, ehe er ihm Folge leistete. - -Endlich rollte sein Wagen vor. »Der Regierungsrath kommt --« rief der -Kellner in das stille Zimmer, und ein stattlicher Mann keuchte die -Treppe herauf. Therese war eines deutlichen Berichts fast unfähig, der -Doctor verpustete inzwischen. Dann schritt er gravitätisch dem Bette zu, -nahm Platz, seine Taschenuhr in die Hand und faßte den Puls des Kranken. -Die ruhige Flamme der Kerzen zitterte im Zifferblatt, und warf einen -prunkenden Schein auf den Orden an der Brust des Arztes. Theresens Herz -schlug flüchtig; doch ihr Athem stockte. -- - -»Eine schlimme Halsentzündung ist im Anzuge --« war der Ausspruch, wobei -Therese ihren schönen, freien Hals wie zugeschnürt fühlte. »Ein Wundarzt -muß schleunigst herbeigerufen werden --« setzte der Doctor dictatorisch -hinzu, und betrachtete einige Momente die Gesichtszüge des Kranken, der -taub und glühend, wie in den Schmerz von Flammen eingehüllt, da lag, und -kein Zeichen der Theilnahme an seinem eignen Wohl und Weh -- von sich -gab. Man brachte das verlangte Schreibzeug, der Doctor schrieb nach -kurzem Besinnen einige Abreviaturen mit blasser Dinte, und schlang -seinen Namenszug in eine großartige Hieroglyphe. Dann schnitt er -- mit -der Scheere der Parze -- den Streifen Papier ab, und reichte ihn einem -Aufwärter, der schon darauf wartete, das Recept in die Apotheke zu -tragen. - -Unterdessen kam der Wundarzt und empfing seine Instruction. Dann -entfernte sich der Regierungsrath, um an die Tafel des Wohllebens zurück -zu kehren; unbekümmert darum, ob auch wissend -- daß ein bedeutenderer -Mann hier stürbe. - -»Verlassen _Sie_ mich nur nicht!« flehte Therese den Wundarzt an, der, -ein guter Mensch und viel sanfter als sein Beruf -- ihr versprach, die -Nacht über da zu bleiben. »Auch wird es nöthig sein --« sagte er, um -diese Maßregel durch mehr als sein Mitleid, durch Erkenntniß der Gefahr -zu rechtfertigen, »der Herr Gemahl haben die Bräune.« - -Therese starrte den Chirurg mit ihren braunen Augen an, die auch wohl -gefährlich werden konnten, und fragte furchtsam: »die Bräune? an der -sterben doch wohl nur Kinder? --« - -Der Wundarzt schwieg; ein Lächeln trüber Erfahrung, ein leises -Achselzucken nur, war seine Antwort. - -Mit einem kindischen Grauen sah Therese ihn die zappelnden Blutegel -auspacken, die sich ihr wie kleine dunkle Schlangen an das Herz legten. - -Welch eine Nacht! -- doch auch die Schatten der bängsten zerfließen. - -Als der goldne Morgen heraufstieg, zerfloß Therese in tausend Thränen: -Constanz war gegen die dritte Stunde gestorben. Mit allen Schauern der -Natur hatte seine Frau zum erstenmale den Tod gesehn, und in den Zügen -Dessen, den sie einst geliebt. Dort lag er nun, ein starrer Leichnam! -die bleierne Stille seines Anblicks wirkte zermalmend auf Theresens -Leichtsinn -- es waren die schwersten Stunden, die sie gelebt; denn an -dem Todtenbette ihrer Mutter hatte die Liebe ihr zur Seite gestanden. - -»Eine Stunde früher --« hatte der Wundarzt unbedachtsam geäussert, und -der Kranke wäre zu retten gewesen; jene Stunde der Säumniß, am Tische -des reichen Mannes, die dem armen Constanz himmlisches Manna zu kosten -gab. - -Das Geräusch des Tages erwachte, der Markt füllte sich mit Menschen, die -Kaufleute legten heute bunte Waaren aus. Eine fremde, gleichgültige -Welt bewegte sich unter Theresens verweintem Blick. Die Sonne schien -frühlingsheiter -- sah denn das Auge Gottes diesen Jammer nicht? -- die -furchtbare Eile dieses Vorfalls machte den Eindruck davon auf das Gemüth -der beklagenswerthen Frau noch gewaltsamer, so daß sie zu erliegen -glaubte. Sie fühlte sich fürchterlich allein. Sie dachte an die Bewohner -des Stiftes, die ruhig träumen würden, es gehe ihr nach Wunsch. Endlich -sank sie in eine fühllose Mattigkeit. - -Wie ungemein dies traurige Ereigniß nun auch war, so konnte der Wirth -zum Engel, bei dem Gedränge seines Hauses, sich nur auf flüchtige -Beweise seiner Theilnahme einlassen. Er übernahm die Meldung bei den -Behörden, die Besorgnisse der Bestattung, und hatte nun für weiteren -Beistand keine Zeit; doch destomehr, seine Gäste mit jenem interessanten -Vorfall zu unterhalten. Zum Tröster war der practische Mann ohnehin -nicht geschaffen. Man denke Theresen! sie, die, selbst für den -freudigsten Zweck, keines geschäftsmäßigen Bestellens jemals fähig -gewesen, sollte eine Auskunft geben, wie sie wünsche, daß ihr Gemahl -begraben werde, mit dem Tischler reden, der, das Maaß zum Sarge zu -nehmen, kam, und dem Schlosser Gehör geben, für den der Wirth bat, daß -er die Arbeit bekäme. -- »Ich beschwöre Dich, Füßli« --, sagte sie -mit gerungenen Händen zu dem Bedienten ihres Mannes, einer treuen, -leidtragenden Seele, »überhebe mich dieser Menschen, die härter sind als -ihr Holz und Eisen, was sie handhaben! ich halte es länger nicht aus, -ihnen Rede zu stehen.« - -In einem kraftlosen Zustande lag sie auf dem Sopha; unter ihren Fenstern -summte das Gewühl. Sie glaubte, die Bewegung des Fahrens noch zu -empfinden, zuweilen schrak sie auf, im Gefühl von einem tiefen Fall. Wie -im Traume traten die Bilder vergangener Stunden zu ihr hin. Es war ihr, -als ob Fabia spräche: »Du bist nun auch eine Wittwe, wie ich!« _Eine -Wittwe!_ diesem bangen einsamen Begriff widerstrebte ihre frische -Jugend, und der harmlose Sinn, welcher sie bisher beglückt hatte. Die -Glocken hallten mit tiefen Tönen dies Wort -- die Stille flüsterte es -nach, und die Reiseuhr, die noch regelmäßig ging, da die Zeit ihres -Besitzers abgelaufen war, pickte mit sachter silberner Ruhe, daß es -wirklich wahr sey. -- Auf einmal fragte sie scheu und leise: »hörtest Du -nichts, Füßli?« »Nein,« antwortete der Bediente, »ich glaubte, gnädige -Frau wären eingeschlafen, und dankte meinem Gott dafür. Ach!« fuhr er -sein betrübtes Herz erleichternd fort, »zur Messe ankommen und sterben, -und in einem Gasthofe seyn: das ist Alles, was ein Mensch ausstehen -kann. Das Leichenbrett sogar steht auf der Rechnung.« - -»Ach laß es stehen! Sey nur still, um Gotteswillen -- wenn Du nicht -willst, daß ich selbst den Tod davon habe --« sagte Therese abwehrend, -»es war mir, als hörte ich Jemand sprechen, dessen Stimme mir bekannt -ist.« Sie lauschte nach der Wandseite. - -»Eine Herrschaft vom Lande, eine alte Baroninn, war eben angekommen, und -logirt daneben --« antwortete Füßli, und seine Dame nahm doch Anstand, -ihm einen Auftrag der Neugier zu geben. - -»Mein Kopf ist wüst --« sagte Therese, »und in diesem Gewirre der Angst -werden Einem selbst die stillsten Gedanken laut.« Doch wie von jener -Täuschung besänftiget, schlief sie nun wirklich ein. - -Als Therese am nächsten Morgen zu einer dumpfen Besonnenheit erwachte, -sagte sie: »mit Schrecken sehe ich, daß ich noch wie ein Regenbogen -gekleidet bin -- ich muß doch wohl ein wenig trauern? Mir ist ganz -schwarz vor den Augen, wenn ich nur daran denke. Gehe Füßli, und kaufe -mir einen Streifen Flor zur Binde -- eine finstre Haube könnte ich nicht -tragen, ich stürbe -- Dann hole mir ein Paar Schuhe von Serge; nimm -einen von diesen mit, sie passen mir am besten.« Sie schleuderte den -Probeschuh -- eine seidne Aurora -- von dem zierlichen Fuß, und setzte -mit einem herben Lächeln hinzu: »Wer mich so sähe, müßte glauben, ich -wandelte auf Rosen. -- Das Kleid will mir die Wirthstochter besorgen.« - -Der Befehligte ging und kam lange nicht wieder. Endlich trat er ein mit -einer gewissen Hast, der Athem schien ihm entgangen, und die Zornader -stark angelaufen. - -»Du warst lange, Füßli --« empfing ihn seine Dame im Klageton eines -gütigen Vorwurfs, »wohl eine Stunde, und Du glaubst nicht, wie bange mir -der Augenblick vergeht, den ich ganz allein zubringe.« - -»Kann nichts dafür, gnädigste Frau,« entschuldigte sich jener, »es ist -überall ein Gedränge, man kann nirgends zu. Aus einem Viertel machen -sich die Kaufleute nichts -- es wird Alles im Ganzen abgesetzt; da -ließen sie mich stehen. Dann müssen kleine Füße bei großen Damen hier -rar seyn. Des Suchens war kein Ende, und an Kinderschuhen von diesem -Maaße kein Vorrath. Zuletzt hatte ich noch einen Auftritt auf offner -Straße. Es ist hier eine verflixte Polizei.« - -»Wie so?« fragte Therese, und schickte sich an, den Einkauf zu -versuchen. - -»Nun,« antwortete der Bediente mit entrüstetem Tone: »wie ich so im -besten Gehen bin, kommt Einer von der Polizei daher -- ich meine, das -müsse er gewesen seyn -- stiert auf meine Hand und ruft: Freund! wo hast -Du den Schuh her? -- Es fiel mich an. Mein Herr Offizier, gab ich ihm -zur Antwort, gestohlen habe ich den Schuh nicht, und um das Weitere -braucht sich Niemand zu kümmern. Nun legte er sich aufs Bitten, besah -sich den Schuh von allen Seiten, so daß ich daran denken mußte, was -mir, da ich noch ein kleiner Knabe war, meine Mutter seliger von einem -bezauberten Prinzen erzählte, der -- --« - -»Ich weiß, ich weiß --« unterbrach ihn Therese mit einiger Heftigkeit. --- Füßli starrte seine Dame an. Sie war wie mit Blut begossen -- er -meinte, es käme vom Bücken; nur über seinen Horizont ging es gänzlich, -daß sie wissen wolle, was er aus dem tiefsten Winkel der Beilade seiner -Mutter Goldamme hervorzusuchen im Begriff gewesen. »Wie sah denn der -Herr aus?« fragte sie. - -»Es war der hübscheste Polizei-Lieutenant, den ich noch gesehen habe --« -antwortete Füßli, »lang und wohl gewachsen; aber seine Keckheit hatte -mich verdrossen, deshalb gab ich ihm nur kurzen Bescheid.« Therese ließ -sich die Uniform beschreiben. Sie hörte still zu, dann sagte sie mit -rügender Stimme: »Du hättest ihm doch höflicher Auskunft geben sollen.« - -Füßli, stumm gekränkt, schüttelte leise den Kopf. Er meinte in seinem -subalternen Verstande, daß selbst die betrübteste Frau sich von der -Aufmerksamkeit eines Mannes geschmeichelt fühle, die dem kleinsten -ihrer persönlichen Reize zu Theil würde: er wußte nicht, wie viel feiner -Therese combinirte, da sie ihrem Diener den Mangel eines verbindlicheren -Benehmens vorhielt. -- - -Jetzt ward es laut auf dem Vorsaal. Therese öffnete die Thür, und -trat hinaus. Die Dame vom Lande, ihre Wandnachbarinn, stand im Begriff -abzureisen, von ihren Leuten und den dienstbaren Geistern des Hotels -umgeben, welche mit Schachteln, Paqueten, Flaschen, und hundert -unnennbaren Kleinigkeiten des Bedarfs zu einem behaglichen Leben, -belastet waren. Sie selbst glich einem wandelnden Pavillon, blieb -aber stehen, als die ätherische Gestalt Theresens, nur etwa wie ein -Trauermantel mit leichtem Schwarz besäumt, aus der düstern Stille ihres -Zimmers aufflatterte, und redete sie an. »Ach meine Liebe,« sagte sie -mit einer Fülle von Gutherzigkeit in dem wohlgenährten Gesicht, »Sie -sind gewiß die junge Dame, welche hier zu einer so traurigen Erfahrung -gekommen ist? -- Wie mich das gedauert hat! so jung Wittwe werden, -das ist in Wahrheit betrübt. Wie gern hätte ich Ihnen meine Theilnahme -bezeugt! aber man hat den Kopf so voll von Einkäufen, -- sieh Dörtchen! -o verzeihen Sie -- den polnischen Gries, den haben wir ja nun doch -vergessen!« Therese bedeckte mit der weißen Hand die Augen, vor all' -diesem häuslichen Wust. Sie hätte keiner Erinnerung bedurft, an den -unwirthbaren Boden ihrer Heimath. Mit leisem, verachtenden Stolz, wie -er dem Schmerz und der Liebe gegen solche Geringfügigkeiten eigen ist, -verbeugte sie sich, aber doch mit der Grazie des Kummers. - -»Könnte ich Ihnen irgend womit dienen?« fragte die Baroninn im Tone -erhöheter Achtung, da sie kein Sterbenswörtchen, kaum einen Seufzer, -aus diesem schönen Munde vernommen, der ein so heiliges Recht zur Klage -hatte, deren Zurückhaltung stets am stärksten an das Herz des Mitleids -dringt. Therese dankte gerührt. Sie konnte den Wunsch, ein aufrichtiges -Mitgefühl zu äußern, nicht verkennen. - -»Die Zeit --« setzte die Baroninn, wie wenig sie deren auch zu haben -schien, in der Weise einer erfahrnen Trösterinn hinzu: »die Zeit, -glauben Sie das mir, meine Beste! lindert auch den größten Schmerz. Da -mein guter Mann starb -- er ist nun schon seit zwanzig Jahren todt -- da -meinte ich auch nicht, noch einen frohen Tag zu erleben. Es giebt sich -jedoch Alles, auch das, was uns beugt. -- Werden Sie, wenn man fragen -darf -- Sich lange hier aufhalten?« - -»Ich fürchte nicht, daß ich das müßte,« antwortete Therese mit einem -Blick voll Schauer: »der Boden dieses Hauses brennt unter meinen Füßen.« - -Die Dame nickte, gleich einer unförmlichen Pagode auf diesem großartigen -Kamin, worin ein frisches Leben zu Asche geworden war, und sprach: -»sonst hätte ich Sie gebeten, zu mir zu kommen, auf mein Gut. Ich bin -die Baroninn Lenau.« - -Dieser Name schlug mit einem bekannten Klange nicht an Theresens -Ohr, nein! an ihr Herz. Therese wußte von jenem Nicolaus, der ihn mit -dichterischen Ehren führt, und würdigte ihn wohl höher als den Kaiser, -den sie als einen Feind ihres zerstückten Vaterlandes betrachtete. Eine -poetische Verwandtschaft so wenig wie eine andere, zwischen diesem Lenau -und der Baroninn, ließ sich gleichwohl schwerlich voraussetzen, und doch --- trotz der Prosa dieser Erscheinung, und wie versunken in sich selbst -Therese auch war, so flüsterte, da sie ihn nennen hörte, ein zartes ob -auch melancholisches Gefühl, wie das Schönste seiner Schilflieder es -erregt, in ihrem Busen auf. -- - -Das Wohlwollen verbindet schnell. Mit einem Zuge von Wehmuth ließ -Therese die Baroninn aus den Augen. Sie trat ans Fenster, und sah die -bepackte Landkutsche, von ihrer aristokratischen Bestimmung zu einer -anspruchslosen Victualienfuhre benützt -- langsam und schwerfällig -abfahren. Therese dachte dieser flüchtigen Begegnung nach, welche -sie doch ein wenig zerstreut hatte. Sie besaß überhaupt eine gewisse -Vorliebe für ältere Personen ihres Geschlechts, und die Gabe ihnen zu -gefallen; hingegen Frauen von mittleren Jahren konnte sie nicht leiden, -ohne sich eines Grundes dafür bewußt zu seyn. Diese Eigenheit, denen, -die mit ihr lebten, so bekannt, daß, als Therese einst ein rüstiges -Weib, welches ihr Erdbeeren feil bot, gegen ihre Gewohnheit ziemlich -unfreundlich abwies, ihr Schwager lächelnd sagte: »die Arme hat -wahrscheinlich nicht das rechte Alter, um Dir sammt ihren schönen -Früchten anzustehen? --« hielt sie vielleicht theilweise von Fabia -entfernt, während ein Verhältniß ungeheuchelter Zuneigung zwischen der -alten Nonne und der jüngsten Schwägerinn des Administrators bestand. - -»Es giebt sich Alles,« hatte die Baroninn gesagt, »auch das, was uns -beugt.« - -Was ist wohl starrer als der Tod? Und doch schmiegt der Gedanke an die -Verstorbenen sich allmählig unsern Vorstellungen an, hausbequem wie ein -Kleid, in dessen weiten Falten ein wenig Staub ruht, ohne daß auch das -reinste Herz davon beunruhigt würde. - -Therese blickte tiefsinnig in das Gewühl, welches geräuschvoll wie ein -Strom, doch eben so unverständlich sich unter ihr bewegte. Stunde an -Stunde verrann -- gegen den Abend sollte Constanz still, doch feierlich -beerdiget werden, und seine Frau begehrte, während dieses Acts allein zu -bleiben. Füßli wagte bescheidenen Widerspruch; das Gefühl der Einsamkeit -und eines gemeinsamen Verlustes hatte dem treuen Diener Freundesrecht -dazu gegeben. - -»Es ist so schön, gnädigste Frau,« sagte er beklommen, »wenn ein -Ehegatte den letzten Gang mit dem Andern nicht scheut, sey er immerhin -der schwerste. Ich mögte sagen, es sähe den Frauen so ähnlich. Die -Mutter blickt zehnmal in die Wiege, ob ihr Kindlein gut schläft, eine -Pflegerinn achtet darauf, ob die Kissen des Kranken recht liegen, und -eine Wittwe sollte das Auge abwenden und nicht sehen wollen, wie man -ihren Todten gebettet hat? -- Was mich betrifft, so würde ich meinen -Herrn begleiten, und wenn ich auf den Knieen seinem Sarge nachrutschen -müßte.« - -Therese erröthete beschämt, und ein Anflug von Zorn über den Vorwurf, -der in diesen treuen Worten für sie lag, schürte die Flamme ihres -Angesichts. Sie sagte mit Selbstvertheidigung: »daß ich mein blutend -Weh vor den Augen fremder Menschen entschleiern, und der Neugier ein -Schauspiel geben sollte: dies kann ich nicht. Es wäre eine Form, die -meinem Wesen widerstünde; meinem Constanz hilft es nicht mehr, und Wem -schadet es, wenn ich lasse, was zu thun er selbst unräthlich finden -würde? -- Jeder hat seine eigene Schicklichkeit, guter Füßli.« Und dabei -lächelte sie todesängstlich, wie im Besserwissen einer höheren Stimmung. - -Jener schüttelte den Kopf, und seine Miene würde ein Kundiger dieser -Sprache der Seele in die Antwort übertragen haben: »aber die Liebe ist -doch nur Eine!« - -»Wäre nur der Schwager hier,« jammerte Therese, und brach in Thränen -aus, deren Thau sie dem Gras des fremden Kirchhofs vorenthielt --, »oder -ein anderer Freund, der sich meiner annähme!« Füßli schwieg gekränkt. -Seine weinende Dame sprach: »verlassener als ich, ist wohl auf Gottes -Erde Niemand -- und war ich es eigentlich nicht immer? --« In dieser -Frage, womit Therese sich gleichsam frei sprach von den zarten Pflichten -einer Verbundenen, geschah dem Anspruch des Gemahls Eintrag, den der Tod -von jedem irdischen Bande gelös't; aber die Stunde des Begräbnisses gab -ihm sein volles Recht wieder. Erschütternd in Schluchzen, aufgelös't -in Leid, saß Therese im einsamen Sopha, während Der, dem sie kraft des -ehelichen Gehorsams hierher gefolgt war, zu seiner letzten Ruhestätte -schwankte, und sie an fremder Stelle allein ließ. Jeder Glockenhall -bewegte ihre Seele in einer Schwingung stürmischen Schmerzes; -überwältigt von unbekannten aber furchtbaren Gefühlen, war sie keines -klaren Gedankens fähig. Endlich lagerte sich eine dumpfe Stille um ihren -müden Geist. Sie lehnte den Kopf hinten über, schloß die Augen, und ließ -unbewußt einzelne Tropfen unter den Wimpern hervorrinnen. -- Im Hause, -was den todten Gast entlassen, herrschte eine ungewöhnliche und bange -Stille; selten schwebte der Engel mit der Palme in solcher Ruhe. - -Da eilte ein starker doch gedämpfter Schritt die Treppe herauf an -die Thür von Theresens Zimmer; es klopfte, und ohne das Wörtchen der -Erlaubniß abzuwarten, trat ein Offizier ein. Rudolph Feldmeister lag zu -Theresens Füßen, und hauchte athemlos einen ehrerbietigen Kuß auf die -schwarze Serge ihres Schuhes. - -Wie von einem elektrischen Schlage geweckt schaute sie auf. Schweigend -sah sie ihn an, nur der nasse Blick, die zitternde Hand redete in einem -leisen Druck, der dennoch die gepreßte Empfindung verständlich machte, -worin sie athmete. Therese glaubte, der Himmel habe sich geöffnet, ihr -seinen sichtbaren Schutz zuzusenden. Nach einer unaussprechlichen Minute -sagte sie mit wankender Stimme: »so eben begräbt man meinen Mann -- und -ich weiß nicht, ob es sich ziemt, daß Ihr Hierseyn, lieber Freund, seine -Wittwe tröste? --« - -»O Therese!« rief der Lieutnant leidenschaftlich versichernd, »wie hat -dieser Todesfall mich ergriffen, ohne daß ich wußte, Wen er träfe! und -nun sollte ein erbärmlicher Anstand mich fern halten, wohin mein Herz -mich drängt, selbst wenn es anders schlüge, als für den einzigen Wunsch -dieser geliebten Nähe?« - -Therese weinte heftig, der Lieutnant stand langsam auf, und sah finster -in den Fall ihrer Thränen. »Fürchten Sie nicht, Therese,« sagte er mit -jener edelsinnigen Achtung, die einem höheren Gemüth der Anblick des -Leidens einflößt, wenn gleich sich in seinen Ton ein wenig verbitternde -Kälte der Eifersucht mischte, »daß ich die Heiligkeit dieser Stunde und -ihrer Gefühle nicht genug ehren mögte, um von dem meinigen zu schweigen. --- Aber -- die Vorsehung scheint mich zu Ihrem Schutz berufen zu -haben, den Sie in so seltsam unglücklicher Lage in dieser fremden Stadt -bedürfen könnten. Mit unsäglicher Mühe und Eile bin ich einer zarten -Spur von Ihnen nachgegangen, hoffend, daß ich Sie fände -- -- Therese! -mein Wiedersehen so unvermuthet, freut Sie nicht?« - -Therese erhob das quellende Auge zu ihm; ein warmer Strom floß in sein -Herz, und machte es schwellen. Sie schüttelte den schönen Kopf, und -diese verneinende Geberde sprach jene zuversichtliche Erwartung nicht -ab. »_Unvermuthet?_« sagte sie mit dem leisen Accent magnetischer -Ahnung, »nein mein Freund! ich wußte, Sie wären mir nahe. Wo ich -bedrängt bin, da erscheinen _Sie_! -- Habe ich doch schon ihre Stimme -vernommen. Unmöglich scheint mir nichts, nachdem, was ich erfahren. -Ach!« und bei diesem seufzenden Ausruf rang sie die zarten Hände in -ihrem Schooße, »_was_ habe ich gelitten seit unserer Trennung! ich werde -es nie -- _nie!_ vergessen.« - -Diese Versicherung spaltete sich in dem Gefühl des Empfängers. Der -angegebene Zeitpunct schmeichelte, ob auch unbestimmt, seinem fordernden -Herzen; doch das Unmaß von Weh, wovon der leichte Sinn dieses harmlosen -Wesens betroffen worden, deutete wahrscheinlich nur auf einen Schlag des -Schicksals hin, der zur Zeit seine eigenen Empfindungen unterdrückte. -Seine Zunge war für einen Moment gelähmt, dann sagte er: »ich glaubte -nicht, daß der Verlust eines Mannes, den Sie eigentlich nur dem Namen -nach besaßen, Sie bis zu diesem Grade außer Fassung bringen könnte, -da es nur auf Ihre Neigung ankommen würde, jenen hohlen Besitz zu -behalten.« - -Therese seufzte aus voller Brust und dachte: »am Ende nimmt er es wohl -übel, daß ich traurig bin? -- O über die Männer! ihre Eigensucht findet -sich sogar durch die Aufregung beleidigt, welche Derjenige verursacht, -der allen irrdischen Wallungen ein Ziel setzt! --« Sie antwortete: -»als Constanz zurückkehrte -- o Gott! wann kam er denn? da hätte ich -im Voraus wissen können, was mir begegnen würde. Mir war so kalt und -schauerlich zu Muthe, als ob der Tod mich in seine Arme schlösse. Nun -ging es holter, polter fort. Unerbittlich für den Wunsch der Seinen, -gönnte er mir kaum Zeit, mich zu fassen, da das Scheiden vom Stift -mir sehr schwer fiel. Dort ist mir wohl gewesen, sehr wohl! kleine -Uebelstände etwa abgerechnet, die gegen so vieles Gute nicht in Betracht -zu ziehen sind. Mit freundlicher Vernunft ließ der Schwager mich -gewähren, und mir kein Härchen krümmen. Er war mir ein Bruder, -wahrhaftig ein Bruder! und Ihren Oheim, ja den Major, habe ich wie einen -Vater geliebt!« - -Sein Neffe lächelte kühl, wie mit der Indolenz eines dankbaren Vetters, -denn die Wärme, womit Therese des Administrators erwähnte, that der -Wirkung jenes kindlichen Gedankens Eintrag. - -»Der Morgen, wo wir von Sanct Capella abreiseten,« fuhr sie fort, »war -mir schrecklich. Die ganze Welt kam mir verändert vor, so auch mein -Mann. Ich war wirklich ein wenig einsiedlerisch geworden -- und -der Gedanke, mich wieder in seine umherfahrende Weise einzurichten, -widerstrebte mir. Unbeschreiblich abgemüdet, mehr am Geist als am -Körper, langte ich hier an. Erlassen Sie es mir, daß ich Ihnen von der -kurzen Krankheit erzähle, die den armen Constanz binnen wenig Stunden -hinabwürgte; ich bin es nicht im Stande. Und wäre er mein Feind gewesen, -und nicht mein Mann, ich hätte gern, als es ihm an Luft gebrach, den -Athem meiner Brust ihm einhauchen mögen.« Ein langer zitternder Seufzer, -aushaltend in sprachlosem Schmerz, schloß diese Rede. - -»Ich glaube Ihnen --,« sagte Rudolph bewältigt. Doch von seinem -Standpunkt aus, und nach der Behauptung jenes Kenners der menschlichen -Seele, dessen genialem Blick diese dunkle Substanz durchsichtig war, so -daß er ihre tiefsten Geheimnisse an das Licht brachte, wie zum Beispiel -eine beschattete Stelle der Theilnahme, die da lautet: _denn nichts -scheint Denen trübe, die gewinnen_ --, setzte er hinzu: »jenes Bild -des Grauens wird sich mildern, theure Therese. Wie sollte, wenn die -Vorstellung des Todes haften bliebe, der Soldat bestehen, der ihn mit -all seinen Schrecken ertragen, und in furchtbarer Masse sehen muß, ohne -daß er bei diesem Anblick zagen dürfte? Ein stärkeres Gefühl bezwingt -ihn. Mein süßes Leben! beruhige Dich! jetzt bin _ich_ da.« - -Ein Blick innigster Schutzversicherung ward zwischen ihnen gewechselt. -Und mit dem schüchternen Aufschluchzen überwundner Aengste sagte -Therese: »ich bin kein Held, lieber Freund! und mich in einer so ganz -einzigen Lage zu benehmen, fehlt es mir an Umsicht, wie an Erfahrung. -Mich mit dem Nachlaß des Verstorbenen zu befassen, ist mir rein -unmöglich. Ich glaube, ich könnte die größte Erbschaft wegschenken, um -nur nicht davon reden zu hören.« - -Der Lieutnant lächelte wundersam in sich hinein. Und Therese sprach -weiter: »ein feiner Mann vom Corps Diplomatique war bei mir, dem ich das -Portefeuille meines Mannes aushändigen mußte. Ich wußte nicht, ob ich -recht daran gethan, und ob nicht noch andere als staatsgeheime Papiere -darin gewesen? -- Wäre nur der Schwager hier? ich habe einen Brief an -ihn angefangen -- dort liegt er noch. Als ich mich dazu sammeln wollte, -kam ein Sammelbruder, wie denn überhaupt Störungen begehrlicher Art hier -unvermeidlich sind. -- Die Gedanken versagten mir, kein Wort wollte aus -der Feder fließen; aber Thränen sind genug auf das Papier geflossen.« - -»Ich schreibe an den Major --« sagte der Lieutnant mit nachholender -Hast, »heute noch! sogleich. Wir senden eine Estafette. Der -Administrator muß her. Doch dürfte es bei der großen Entfernung eine -ziemliche Weile dauern. O Therese, Muth gefaßt, holde Freundinn! es -werden bessere Tage kommen; dann sind diese ein beklemmender Traum -gewesen. Mir war, als hätte ich auch geträumt -- aber feenhaft, und -meine Zukunft wäre verwandelt. Ich wüßte Ihnen Gutes zu erzählen; allein -es deucht mir unzart, daß ich in diesen Augenblicken von mir spräche, -und von irgend einem andern Glück als dem, zu Ihrer Beruhigung beitragen -zu können.« - -Therese athmete erleichtert auf, reichte ihm herzlich die Hand und -sprach: »so wäre mir denn geholfen; zweifeln Sie nicht, daß Ihre -Gegenwart die größte Wohlthat für mich ist. Aber noch ist mein ganzes -Wesen so von Furcht und Beben eingenommen, daß ich die Hoffnung nicht -zu fassen vermag, ich würde mich wieder einmal freuen können. -- Es ist -mir, als begäbe sich der Trost, daß ich Sie sähe, nur im Fieber. Ihr -Bild wankt vor meinen Augen, eine so jähe, so erschütternde Veränderung -läßt uns fühlen, daß nichts Bestand hat. Und die Angst zuckt schreckend -durch meine Glieder, ich könnte erwachen, und Sie wären verschwunden.« - -»Nein ich bleibe!« rief der junge Mann mit fester Innigkeit, und der Ton -entschiedenen Selbstvertrauens steigerte sich zur Leidenschaft, da er -hinzusetzte: »ich bleibe ewig Ihr treuester Freund! und eher mögte -ich mich wohl selbst verlassen, als von dem Platze weichen, auf den -himmlische Gunst mich gestellt hat. -- Ist es ein Zufall, daß wir uns -in Polen, im Stifte, und nun hier, in öder Weite, abgerissen von allen -vorigen Beziehungen, gefunden haben? Eine unsichtbare Hand hat uns -verknüpft, Therese! ich halte meinen Schwur, und der Himmel selbst -scheint es zu wollen.« - -»Constanz --« flüsterte Therese, »wird mir auch sein Schatten zürnen?« - -»Er war eine vermittelnde Macht zwischen uns --« entgegnete Rudolph, -»sein Daseyn, nun nicht mehr begrenzt, erweitert sich für unendliche -Wünsche. Ein Geist ist nicht engherzig mehr, daß er dem Liebsten, was -die Erde für ihn hatte, einen Strahl von Seligkeit, die Liebe! mißgönnen -sollte. Aber Therese -- Sie sind krank, und ein Wunder ist es nicht. -Wenn ich Sie nur besser aufgehoben wüßte, in weiblich schicklicher -Pflege. Der Gasthof ist kein Asyl für eine Leidtragende. Nun, morgen -wird es anders seyn. Ich schreibe die Nacht hindurch, und mit Anbruch -des Tages lasse ich meinen Boten fliegen.« - -Jetzt trat Füßli ein. Die Schwermuth der Dienstpflicht, von der er -zurückkehrte, beugte ihn sichtbar, ein Grabeswehen düsterte um die -beflorte Gestalt, und die Citrone in seiner Hand, deren Poren im -Ausdruck starken Schmerzes lind geworden waren, hauchte einen leisen, -bangen Geruch aus. - -Eine wunde Röthe floß mit der Blässe Theresens zusammen, als sie den -Diener ansichtig ward, an den sie während dieser Scene mit keiner Sylbe -gedacht hatte. Und auch das erdfahle Gesicht des ehrlichen Schweizers -überzog sich mit der Farbe der Empfindlichkeit, da er den fremden -Offizier erkannte. »Füßli!« sagte Therese mit weichem Tone, »dieser -Herr, ein naher Verwandter des Major von Feldmeister im Stift, wird so -gütig seyn, in meinem Namen nach Sanct Capella zu schreiben, und Dir das -Nöthige hierüber ertheilen.« - -Der Diener verbeugte sich stumm, und indem seine Dame sich gleichsam zu -einer Entschuldigung herabließ, über dies Zusammentreffen, wie über -die Vollmacht, welche der Lieutnant von ihr empfangen, zwang eine zarte -Stimme ihres Busens sie, sich solchergestalt gegen ihn zu erklären. --- Wenn es eine Pflicht zu trauern giebt, so ist stumme Treue der -beredteste Vorwurf. Wer sich schweigend härmt, versenkt in tiefen Gram, -erhebt sich in jeder Sphäre über Den, der Ohr und Lippe dem Troste -öffnet. - -Rudolph ging bald darauf. Er beeilte sich, die Briefe zu schreiben, die -keinen längeren Verzug gestatteten. Den folgenden Nachmittag wollte er -wieder kommen, weil der Dienst ihn am Morgen nicht entließ. - -Therese empfand sein Fortgehen selbst für die Frist einer kurzen -Frühlingsnacht, und bei der Gewißheit seiner Wiederkehr, doch -beängstend. - -Füßli blieb stöckisch, und wartete mit finsterer Unterwürfigkeit seines -Dienstes. O! warum kann keiner sehnenden Seele Erquickung zu Theil -werden, ohne daß die Mißgunst irgend einen erbitternden Tropfen dazu -mischte? -- Vor Allem stehet der Genuß auch der schuldlosesten Liebe -unter diesem weltlichen Fluch. Sie ist das himmlische Feuer, dessen -Raub mit jener Strafe gebüßt wird, die sich täglich erneut. -- Der -Freundschaft -- und ist diese weniger ätherischen Ursprungs? -- wird -ihre schmelzende Kraft eher verziehen. Sie -- »die Freundschaft hat -Stufen, die am Throne Gottes durch alle Geister hinaufsteigen, bis zum -Unendlichen!« So hoch kann der gewöhnliche Begriff sich nicht erheben. -Aber Liebe, hienieden gefühlt, erscheint den Menschen oftmals niedrig. --- Und nicht immer sind die Beweggründe Derer rein, die im unberufenen -Zweifel, ob ein Verhältniß lauter sey, ein Herz in Flammen läutern. --- Hätte der Major anstatt seines Neffen sich zum Beistand Theresens -gefunden, der Diener ihres verstorbenen Gemahls würde ihn gesegnet -haben; der junge hübsche Offizier, der ihren Schuh sogar erkannt -- war -ihm ein Dorn im Auge. - -Schon hatte Therese am folgenden Tage ihres Freundes geharrt, und die -Minuten, welche er zögerte, berechnet, als Rudolph kam, und wie es -schien im Drange einer willkommnen Nachricht. - -»Ich habe über Sie verfügt --« sagte er mit einem offnen Blicke, und -hörbar knitterte seine Hand ein Blatt Papier in der Tasche, was er aber -stecken ließ, als bedürfe es zwischen ihnen des Beweises nicht, »werden -Sie mir das Zutrauen verleiden, daß ich es durfte?« - -Therese bat ihn, mit einer Miene der Vorausbilligung, niemals ungewiß -darüber und jetzt deutlicher zu seyn. - -»Hier können Sie nicht bleiben, mein süßes Kind!« sprach der Lieutnant, -und dieser zärtliche Zusatz sänftigte den taktischen Ton, der die -Vermuthung anschlug, dieser Feldmeister von Theresens Gegenwart werde -sich, als ehelicher Feldherr ihrer Zukunft, gar wohl zu benehmen wissen. --- »Selbst meine Besuche,« fuhr er fort, »würden einem ärgerlichen -Aufsehen nicht entgehen, und ich -- ich leugne es nicht -- bin -empfindlich gegen die öffentliche Meinung. Lieber aber mögte ich einen -Flecken an meiner Ehre dulden, oder in der Pupille meines Auges, als daß -Ihr Ruf, theure Therese! durch mich, und wäre es um den leisesten Hauch -eines Wortes -- verdunkelt würde. Da ist mir denn guter Rath nicht über -Nacht, nein! gestern Abend schon gekommen. Eine Anverwandte von mir, -die Besitzerinn eines hübschen Landgutes in hiesiger Gegend, und eine -so wackere Frau, daß ich wohl manche weibliche Tugend neben der -harmlosesten Gutherzigkeit an ihr verehre, ist freundlich bereit, Sie -bei sich aufzunehmen. Meine Tante ist in jedem Sinne wie von Milch -genährt, und der Aufenthalt bei ihr ganz geeignet, den Affect der -Betrübniß herabzustimmen. Sie werden --,« dies setzte der Lieutnant mit -einem gutmüthigen Lächeln hinzu, »Gelegenheit finden, sich zu beruhigen; -ein Athem von pflegmatischer Behaglichkeit ist die Lebensluft dieses -Hauses, und ich werde Fug und Recht haben, oft genug darin einzukehren.« - -Es hätte dieses letzteren Antriebes kaum bedurft, um Theresen dem -Vorschlag ihres Freundes geneigt zu machen. Das wilde Täubchen war -völlig zahm geworden. - -Füßli -- so wurde beschlossen -- sollte im Gasthof bei den Sachen -bleiben, bis der Administrator in Person, oder doch Nachricht von ihm -käme. Auch konnte von Seiten der Behörden noch irgend eine Forderung -ergehen, zu deren Aufnahme Jemand an Ort und Stelle seyn müßte. Schon -in einer Stunde -- mit solch militairischer Kürze war dieser Aufbruch -bestimmt worden -- sollte die Equipage da seyn, worin Therese nach jenem -Landgute abgeholt werden würde. Rudolph wollte sie zu Pferde begleiten. -In fliegender Eil wurden nun die Anstalten zur Abreise getroffen. -Therese säumte keinesweges, den Engel dieses Hauses zu verlassen, um -dem zu folgen, den sie mit besserem Recht für den ihrigen, und für -einen Boten des Himmels hielt. Sie zog den schwarzen Schleier über ihr -Gesicht, und sich in den Hintergrund des Wagens zurück, so lange er -durch das lärmende Getöse der Stadt rollte. Doch als auch das Geräusch -der Vorstadt immer ländlicher wurde, bis endlich am letzten Häuschen die -sausenden Räder an dem schwirrenden Rade eines Seilers vorüberflogen, -der sein hartes Gespinnst durch die weichen Frühlingslüfte milderte, da -bewegte diese Schnur Theresens Herz, und es schlug in der grünen Stille -einsam wie eine Bilderuhr. -- Wie sanft wallten die Saaten! wie weit -vergoldete die Sonne den Gesichtskreis! in welcher erhabenen Ruhe -mischte das Blaßblau eines fernen Amphitheaters von Bergen sich mit dem -Horizont! -- Die Natur senkte ihren malerischen Vorhang über Theresens -Einbildungskraft, und den Tumult jener wüsten Scenen, denen sie -entronnen war. Kein neugierig kalter Blick traf sie mehr, und hier -und da fiel der ihrige auf ein unschuldiges Blumenauge, in der zarten -Frische erster Färbung, und es schien mit Wärme zu sagen, daß es den -Thau gar wohl kenne, der zu nächtlicher Zeit sinkt. -- - -Rudolph ritt nebenher, und zum erstenmale ein neues schönes Pferd, -womit er ritterlich bei dem Geleit seiner trauernden Dame paradirte, und -dessen charakteristische Uebermüthigkeiten sein Aufmerken erforderten. -Therese saß allein in tiefen Gedanken. Wie wenig glich ihre dermalige -Stimmung jener, in welcher sie einst nach dem Scheiden von ihrem Gemahl, -in Begleitung seines Bruders, dem gastfreundlichen Kloster zuflüchtete. --- Gänzlich unbekannt war ihr der Ort und die Person, denen sie nun -eine schützende Aufnahme verdanken würde; aber sie überließ sich mit -unbedingtem Vertrauen ihrem Führer. Die Gleichgültigkeit des Kummers und -erschöpfter Kräfte, nahm dieser Hingebung auch das leiseste Bedenken. -Das Fahren erinnerte sie an die jüngste Vergangenheit. Constanz lag nun -still für immer. Welch ein kleiner bescheidener Raum genügte ihm zur -langen Rast! sein ruheloses Leben voll glänzender Entwürfe war nun aus, -wie ein fliegender Stern in Dunkelheit erlischt. Sie versetzte sich in -die Empfindungen, welche sie bei seiner Ankunft und während der Reise -gehabt hatte, und gestand sich, daß es Vorgefühle gebe. War die -tiefe sehnende Ruhe, in welcher alle Aengste, alle Wünsche schwiegen, -vielleicht Gewähr dafür, daß Furcht und Hoffnung nun erfüllt seyen? -- -Nie hatte Therese mit zarteren Regungen der Reue an Constanz gedacht, -nie sein Verhängniß in so innigem Bezug auf ihr Gemüth empfunden; obzwar -jeder Faden von Eintrag in dem Gewebe ihres gegenseitigen Lebens nun -abgerissen war. Auch das Glück wird mit Buße getragen, nicht allein das -Gefühl der Schuld und der Besitz, sogar der zu hoffende, giebt uns -nicht selten erst eine vorwurfsvolle Schätzung dessen, was wir verloren -haben. -- - -Der Abend begann, sich auf die Landschaft zu senken. Noch schwebte der -feurige Sonnenball, jedes Lüftchen riß eine flammende Rose aus dem Kranz -von Purpurgewölk, der Himmel glich einem Garten voll brennender Liebe. --- Das Geläut der ziehenden Heerden vom frischen Anger scholl fernher, -wie wandelnde Abendglöckchen, da der Tag sich neigte, und dieser -friedsame begnügte Ton weckte ein traumhaftes Sehnen, dem Heimweh -verwandt, in Theresens Seele. Wo war ihre Heimath auf Erden? Nirgend! -- -Als nun die Sonne hinunter war, die geschäftigen Schatten einschliefen, -und ein dämmernder Duft sich über Feld und Wiese verbreitete, da -erschien ihre selige Mutter vor Theresens träumenden Augen, und ihr -überirrdisches Lächeln sagte: »mir ist recht wohl! laß mich schlafen, -Kind!« Auch Constanz richtete sich auf, und seine gestorbene Gestalt -blühete wie unter einem Veilchenschimmer, der vom violetten Schein der -Höhen mit dem röthlichen Hauch noch nicht aufgebrochner Laubknospen -zusammenfloß. Und der Abendwind flüsterte mit _seiner_ Stimme: »ich habe -nun Ruhe gefunden -- was betrübst Du Dich?« Eine namenlose Wehmuth ließ -Theresen wünschen, sie könnte auch sterben. -- »Sterben? jetzt, wo ihrer -treulosen Neigung nichts mehr im Wege steht?« frägst Du vielleicht meine -Leserinn, und Deine Hand hebt den Stein des Anstoßes. Aber lasse mich -den Zweifel Deiner Frage heben. Wisse! der Schmerz um Die, welche nicht -mehr athmen, und das Entzücken des Lebens, die Liebe! mischen ihre -tiefsten Einflüsse zu einem Quell, der verlangend strebt, sich in das -Meer der Ewigkeit zu ergießen. In Beiden fühlen wir uns unendlich. So -stirbt die Jugend leicht unter dem vollen Blüthenhang ihrer Hoffnungen; -nur das Alter klammert sich fest an den entblätterten Stamm des Daseyns, -hätte es auch nur bittere Früchte getragen. -- - -Bei einem Bug der Straße öffnete sich die Aussicht in ein reiches -Dorf, von Obstgärten umgeben. Das Schloß, kein Rittersitz von -architektonischem Prunk, nur ein stattlicheres Wohnhaus -- lag kaum -abgesondert und sehr freundlich. - -Der Lieutenant rief in den Wagen: »Wir sind an Ort und Stelle, --« -und bei dem ersten Hinblick auf die Fenster, welche ein Abglanz der -Abendröthe in saffranfarbenem Mattgold erhellte, spürte Therese jenes -Bangen, welches uns Frauen mehr oder minder vor dem Eingehen in ein -neues Verhältniß ergreift, oder, was oft gleichbedeutend ist -- wenn wir -uns dem Ziele einer Reise nähern. - -Der Spiegel eines schöngeformten Teiches dicht vor dem Schlosse, am -vorderen Rande von einer Brustwehr eingefaßt, und zu beiden Seiten mit -weißen Gartenbänken versehen, strahlte das schwache Geflimmer einzelner -Sterne zurück, und daneben den leuchtenden Vollmond des runden, rothen -Gesichts einer Dame, die über das Geländer gelehnt, Karpfen fütterte. -Die auftauchenden Fische zogen dunkle Kreise über die glatte -Wasserfläche, worin das Schloß winkte und wankte; die Dame aber wich -nicht von ihrem Platze, und war so vertieft in ihre speisende Lust, daß -sie den Wagen nicht kommen gehört hatte. Schweigend hob der Lieutnant -Theresen heraus, und sie gingen dem Teiche zu. Die Dame wendete sich um --- erleichterten Herzens erkannte Therese die Baroninn Lenau in ihr. Und -jetzt wußte sie auch auf einmal, daß Rudolph schon im Stift ihr diese -Verwandte genannt, und von ihr erzählt hatte. - -Die Baroninn schien mit dem Begriff der Nahrung völlig identisch -zu seyn. Ihre Gestalt war wie die Fülle von Gottes Segen, ein -angeschnittnes Brod lag in ihrem derben Arm, und das Messer blickte nur -wie zum Spott der ihr eigenthümlichen Milde, womit sie nie eine andere -Schärfe handhabte. -- »Sieh da!« sagte die Baroninn sichtlich erfreut, -»mein einladender Wunsch kam von Herzen, und ist deßhalb zu Herzen -gegangen -- wenn gleich auf einem kleinen Umwege --« setzte sie mit -einem Lächeln vergnügter Schlauheit hinzu. - -Diese einfachen Worte, und eine begrüßende Umarmung ließen Theresen -fühlen, wie herzlich es mit dieser Aufnahme gemeint sey. - -Rudolph hatte nicht nöthig, das Kleinod seiner Sorge der gütigen Tante -werth und wichtig zu machen, welche liebreich es in Gold fassen mögen. - -Die Baroninn hielt in einer einfachen neidlosen Denkweise die Schönheit -für einen Empfehlungsbrief ihres Schöpfers, und das Unglück für ein -heiliges Recht. Sie benahm sich, diesem Glauben zufolge, so, daß Therese -sich wie im Himmel fühlte. Selbst ihr Aufenthalt im Stift, wie geneigt -wir auch sind, das Vergangene zu überschätzen -- war von mancher Seite -für sie und für manche kleine Blöße schonungsloser gewesen, als der -gastfreie Schirm dieses Hauses. Die Baroninn war nicht minder ein Muster -der Wirthlichkeit, als Du, häusliche Fabia! aber dies hausmütterliche -Walten war ihr ein rühriges Vergnügen, ein vorbereitender Genuß, kein -werkthätiges Verdienst, was sich geltend machte. Sie war auch fromm; -doch ohne selbstgefällige Strenge. Ihr Christenmuth war kein abtödtender -und absondernder Stolz, sondern guter Muth, und deshalb ein tägliches -Wohlleben, wie die Schrift sagt. Die fröhliche Zutraulichkeit zu -Gott, womit sie sich des Besten von ihm versah, belohnte sich durch -Zufriedenheit mit allen Menschen. Sie ließ die ganze Welt gewähren -- -und Wer jemals unter intoleranten Bekehrungs-Versuchen gelitten, weiß -diese köstliche Eigenschaft zu würdigen. Allein auch Therese hatte sich -geändert, nicht nur, daß ihre Umgebung eine andere war. Wir dürfen es -zudem rühmlich voraussetzen, daß Frau Fabia sich der _verwittweten_ -Schwägerinn gewissenhaft angenommen haben würde. Theilnahme an -_widrigen_ Erfahrungen ward nimmer bei ihr vergebens gesucht; nur der -_Mitfreude_ war dies verschlossene Gemüth nicht fähig. Ihre Tugenden -schmeckten alle, -- wenn dieser Ausdruck nicht profan wäre -- ein wenig -nach dem Essig vom Kreuz. So versüßte sie Niemandem das Leben, und -selbst das Gute, was sie erwies, blieb nicht ohne eine säuernde -Mischung. -- Die Baroninn dagegen war ein christlich-weiblicher Epikur; -ihre Glückseligkeitslehre lief auf unschädlichen Genuß hinaus, den keine -Verbitterung trübte. Sie schlürfte Geist des Lebens mit jedem Athemzuge, -und wandelte das reine Element in stärkenden Wein. -- Einer Therese -mußte dieses System freilich besser zusagen. Jener anmuthige Leichtsinn -zwar, der zu so vielen Mißhelligkeiten zwischen den Schwägerinnen Anlaß -gegeben, trug nunmehr einen Flor von Melancholie, der ihn niederhielt; -doch wäre ihr bewegliches Naturell auch nicht durch diesen zarten -Ueberhang von Trauer gehalten worden, das Geheimniß jener wunderbaren -Gegenwirkung Anderer auf uns, würde hier, wo im Umgange einer -frohsinnigen Matrone nichts von der jungen Frau gefordert ward, als daß -sie sich erheitern möge, Theresen zu einem soliden Ernst für Pflicht -und Nachdenken gestimmt haben. Und endlich die Hauptsache! welch eine -scharfe Ehrenwächterinn war ihr Fabia gegen den Blick eines Mannes -gewesen! wie kränkend hatte jenes wachsame Auge auf jeden Schatten -gedeutet, wenn der wohlwollende Schwager die Schwächen von Constanz -reizender Gattin in allzugünstigem Lichte zu betrachten schien! Und -welcher stummen aber richterlichen Rüge war die bemerkte Leidenschaft -Rudolphs verfallen! und wie streng war das Urtheil, was über den -aufmunternden Gegenstand seiner strafbaren Flammen erging! -- Die -Baroninn gönnte das menschliche Glück, zu gefallen, von ganzem guten -Herzen so gern, ohne deßhalb eine liebenswürdige Frau für einen -gefallnen Engel zu halten. Jeder Vorzug, den Therese besaß oder empfing, -schien ihr natürlich. Sie fand die öfteren Besuche des Lieutnants, die -Begeisterung für sein Schutzamt, ganz in der Ordnung und rechtmäßig. Sie -schalt, wenn er eine Stunde länger ausblieb, als zu erwarten gewesen, -und Therese vertheidigte lächelnd den Freund, der sich zu ihr bekennen, -und die Wirksamkeit ihrer anziehenden Kräfte beweisen durfte. - -Der junge Mann war seiner Tante sehr ehrenwerth und ein Schooßkind des -Geschicks; -- den Neigungen der Günstlinge aber wird geschmeichelt, und -vielleicht war die Baroninn es sich kaum bewußt, daß sie die Güte -der Gottheit verehrte, indem ihre eigene ein Verhältniß heiligte, was -außerdem dem Bannstrahl der Welt schwerlich entgehen können. - -Und da wir Theresen einstweilen so wohl aufgehoben wissen, wenden wir -uns nach Sanct Capella zurück. - - * * * * * - -An einem milden Abend jener Zeit, in welcher wir die abwesende Therese -begleitet haben, befand Schwester Veronica sich mit Josephinen in -demselben großen Zimmer, worin unsere Erzählung anhebt. Sie saßen -feiernd am offnen Fenster einander gegenüber. Tiefe, ernste Dämmerung -herrschte in dem bewohnten Raum, in schattigen Umrissen zeigten sich -alle Gegenstände; die Miene des Reformators war nicht mehr kenntlich, -und nur der Rahmen seines Bildes warf einen zweifelhaften Strahl in das -uranfängliche Düster. - -Fabia, welche die sogenannte Dunkelstunde nicht liebte, wie man dies -- -beiläufig gesagt -- meistens bei Personen von vorwaltendem Verstande und -äußerer Thätigkeit findet -- war in die Familie eines der Unterbeamten -des Stiftes berufen worden, wo eben ein Lebensfunke erlöschen wollte. -Ein liebholdes Kind, das einzige der Eltern, lag im Sterben. Man hatte -die Schwägerinn des Administrators, deren Umsicht und christliche -Gemüthsfassung geachtet war, zum Trost der Mutter herbei geholt, und -noch sollte sie aus der Wohnung des Jammers wiederkehren. Von diesem -Fenster aus war jene Wohnung in einem der klösterlichen Seitengebäude -zu übersehen, und von dem wankenden Lichte da unten schwebte der stille -Schatten des Todes herauf um die beiden Gestalten. Draußen aber pulsirte -das warme Leben der Natur, und das Firmament flimmerte frühlingskräftig. -Prachtvoller hatte die Nacht ihren Bogen nie gewölbt; die grüne Erde, -gestickt mit Thauperlen und einer Milchstraße von Blüthen, schien -dunkelblau, und nur ein tieferer Himmel. - -Veronica hing mit verklärten Zügen an der überirrdischen Welt, die -- -nach einem poetischen Gleichniß -- wie eine heilige Nonne verschleiert -aus dem Sprachgitter der Sterne blickte; Josephine hing das Köpfchen auf -den Busen. Beide hatten bisher geschwiegen. Jetzt sagte die Erstere, -wie in sich selbst zurücksinkend: »ich will doch warten, bis Frau Fabia -kommt, obgleich ich kaum zweifle, welche Kunde sie uns bringen wird. --- Die arme Mutter! noch schwach und angegriffen von einer schweren -Krankheit, wäre es viel, wenn sie es ertrüge, daß ihre süße Blume -gebrochen da liegt!« - -Josephine lächelte sanft und sprach: »ich, liebe Veronica, kann das -Sterben nicht so sehr bedauern. Es hebt uns leise empor über _alles_ -Schwere, und stillt unsre Sehnsucht. Muß uns Jemand sterben, müssen wir -erst traurig werden, um diese Sehnsucht zu empfinden? _mir_ erregt sie -der auflebende Frühling, die Freude sogar. Ihnen, liebe Veronica, darf -ich es gestehen: es gehet mir wohl, worüber hätte ich mich zu beklagen? -und doch ist mir zuweilen so weh zu Muthe, daß ich es nicht zu -beschreiben wüßte. Aber um alles Glück der Welt mögte ich dieses -wehmüthige Gefühl nicht tauschen.« - -»Mein Kind,« antwortete die Nonne, und die geistliche Jungfrau nahm -in ihrer Seelenreine keinen Anstand, ein mütterliches Bild für ihre -Erklärung anzuwenden, »das sind die jugendlichen Wehen des Herzens, aus -denen der _Mensch_ in zartester Bildung hervorgeht, und die Liebe, ein -Kind ihres Schöpfers, wird zum Licht geboren.« - -Hier rauschte der Wind, wie jener Geist, von dem man nicht weiß, von -wannen er kommt -- und ein zartes Erröthen Josephinens barg sich unter -dem dunkeln Flügel der Luft. Mit einem linden langen Odemzuge sprach -das Mädchen: »ach, und der Frühling! das lichte Weiß seines ersten -Blümchens, sein Blüthenschnee, das rinnende Gewässer, kommt mir wie -der reine Glanz eines Engels vor, der am Grabe der Natur: Auferstehen! -singt, und die Erde gleichsam heiligt. Ein seliger Schmerz durchdringt -meine Seele, ich liebe Alles, was mir angehört, inniger aber -sehnsüchtig. Das Künftige zieht mich zu sich heran, und von dem -Gegenwärtigen kann ich nicht lassen.« - -»Und wenn nun,« fuhr Schwester Veronica fort, »die Farben aufglühen, -und wie Töne zusammenklingen, so daß Eine Stimme der Unsterblichkeit uns -vernehmlich wird, wenn alles Leben sich erneut und verjüngt, dann feiern -wir das Gedächtniß der Todten, und die Sonne bescheint den Tag aller -Seelen, der in den Frühling gehört und nicht in den Herbst, zur trüben -Zeit, wo die letzten Blätter fallen. Nie habe ich für meine Verstorbene -inbrünstiger gebetet, und ihre versunkenen Denkmale wieder aufgerichtet -in meinem Gemüth, als wenn ich zum erstenmale den frischen Sproß des -Grases aus ihrer Asche grünen und blühen sah. -- Ich verstehe wohl Dein -Gefühl, aber das meinige kannst Du noch nicht fassen. Die Jugend reißt -der warme Strom des Lebens mit sich fort; doch das Alter steht am Ufer -der Zeit, worin so mancher Wunsch einwinterte und erstarrte. Jenseits -strecken die Vorangegangenen ihre Arme nach uns aus, und der Blick ihrer -Nähe zieht uns zu ihnen hinüber.« - -»Nein, nein!« rief Josephine lebhaft und ängstlich, und faßte das Gewand -der Nonne wie ein Kind, was die davoneilende Mutter an diesem schwachen -Stoff zu halten meint, »es ist, als ob dieser Gedanke schon Sie mir -entzöge. Auch reißt mich nichts hinweg -- diese Möglichkeit könnte ich -nur fürchten, doch mich ihr willig hingeben? nie! o _nie_! -- Als ich -Sie am Sonntage auf ihrer Violine phantasiren hörte -- ich saß auf der -Bank im Klostergarten -- war es mir, als ob ein Himmel unaussprechlicher -Empfindung auf mich niederschwebte. Ich mußte weinen, und wußte doch -nicht warum? Ich dachte, wie so mancher dieser entzückenden Klänge in -den Mauern Ihrer Zelle schliefe, und daß, wenn einst ein Herz voll Liebe -darin klopft, es diese Capelle aufwecken würde, um ihrer Heiligkeit und -Ruhe theilhaft zu werden. Wer wird einst dieses Weihestübchen bewohnen? --- O laß mich ruhn an dieser lieben Stelle -- bat ich den lieben Gott. -Wenn ich aber dennoch scheiden müßte --« ihre Stimme versagte für einen -Moment --, »so werde ich jene Töne, die mich über das Irrdische hinaus -trugen, lebenslang mit dem Athem meines Herzens tragen, und in diesem -Herzen Alles, was ich hier geliebt, und für wenig Anderes wird Raum -darin seyn.« - -»Mein trautes Kind!« rief Veronica in einem Ausbruch der Rührung und -Güte, »Du sollst meine Zelle erben, ich verspreche es Dir. Und meine -Bücher, meine Blumen -- die Violine, den Ring --: Alles, was ich habe. -Es ist mein liebster Wunsch, daß _Du_ mir die Augen zudrückest. Dann -werde ich --« setzte sie leise hinzu, »wie eine Nonne sterben, von der -man sagt, daß der Engel jungfräulicher Frömmigkeit sichtbar wird, wenn -sie verscheidet -- und wie eine Mutter zugleich. Du weinst, Josephine? -es fiel ein Tropfen, und Deine Wange ist feucht. Beruhige Dich, -Herzenskind! nimm Deine Guitarre, und singe mir ein kleines Lied, es ist -lange nicht geschehen. Du fühlst sehr wahr: die Musik ist ein religiöses -Geheimniß, und nicht auf Erden geboren. Die Töne, welche aus der -innersten Fülle der Seele quellen, sind himmlische Eingebungen und -die Sprache der Geister. So soll das ganz einzige Spiel des großen -Violinisten -- ich hätte ihn hören mögen -- etwas Dämonisches gehabt -haben, und alle Schönheit seines Vortrages würde mir höchstens nur -gewesen seyn, als ob ich empfände, wie die Kunst verzweifelt. Nein! -selbst Paganini hätte meine cremoneser Geige nicht erben dürfen; sie -ist nur Dein Vermächtniß -- keines Andern. Und wenn ein Zufall den -Bogen zerbräche, und nur ein Seufzer Deines reinen Odems jemals über den -stummen Steg hinstreicht: so ist ewige Harmonie darin, und das Werkzeug -meiner innigsten Freuden kann schweigen und zerfallen, wie ich, oder wie -Das, was lieblich an mir ist.« - -Die Violine war -- wie wir bemerken -- eine schwache Saite dieser -trefflichen Choristinn; eine Saite, welche leicht in nachtönende -Schwingung gerieth. Sie wollte nächstdem das geschmeichelte Gefühl -ihrer Virtuosität mit dem unerkünstelten Beifall vergelten, den sie den -einfachen Melodieen ihres Lieblings zollte. - -Josephine, gehorsam dem Wunsch der Nonne, lös'te das Instrument, ein -Geschenk des Administrators, von der Wand, und griff einige Accorde. -Dann setzte sie sich nieder, hob das schöne Auge aufwärts und sang mit -jenem melancholischen Wohllaut der die tiefste Glückseligkeit anspricht: - - »Kaum hat mit frischem Thau die Nacht - Des Himmels dunkle Au begossen, - So seh ich tausend Lilien sprossen, - Verklärt von wundersamer Pracht. - Sie öffnen ihre Kelche weit - Und lassen ihre Strahlen regnen, - Die schlummermüde Welt zu segnen - Durch einen Traum von Herrlichkeit! - - Ihr Lilien der heil'gen Nacht! - Wie sehn ich mich nach Eurem Garten, - Wo Engel liebend Eurer warten, - Ein treuer Gärtner Euch bewacht: - Gebt ihr so fern mit mildem Schein - Schon süßen Trost der Brust hienieden, - Wie süß, wie süß wird einst der Frieden - Im Schatten Eurer Blüthen seyn!« - -»Welch ein köstliches Lied, mein süßes Mädchen!« sagte die Nonne mit -schimmernden Augen, »es spricht für eine tiefe und heilige Empfindung. -Kennst Du den Dichter?« - -Josephine nannte ihn --*) und sprach: »es ist auch mein liebstes. Seit -ich es habe, singe ich es fast nur allein, doch nicht oft, weil es -weder gestört noch täglich werden darf, und eine Stimmung und Stille -erheischt, die -- wie jetzt --« - - *): Heinrich Wenzel. - -»Ein Schlummerlied im höheren Chor --« unterbrach Schwester Veronica die -Rede des Mädchens. »Wenn das Kind etwa schon gestorben wäre: so könntest -Du den Schrei des Schmerzes aus der Brust der Eltern damit eingesungen -haben.« - -Die Thür ging auf, und Fabiens dunkle Gestalt trat gespenstisch mit -müden Schritten ein. Sie hielt einen Brief uneröffnet, verhängnißvoll in -ihrer weißen Hand. - -»Nun, Frau Fabia,« sagte die Nonne und erhob sich von ihrem Sessel, »was -werden wir nun erfahren?« - -»Die Kleine ist dem Herrn entschlafen --« antwortete Fabia mit jener -dumpfen Ruhe christlicher Ergebung, die jedoch wachsam für ihren -Ausdruck ist. »Noch ist die Mutter betäubt, der Vater hingegen scheint -gelassen; nur fürchte ich, daß es nicht vorhalten werde. -- Noch kein -Licht, Josephine? wie kann man so gern im Finstern seyn! -- besorge -es geschwind, daß ich diesen Brief lesen kann. Ein Bote von Bühle ist -angekommen, und die einfältigen Leute schickten ihn mir nach. Es war, -als ob der Tod hörbar anklopfte, und Furcht und Schrecken kam uns Alle -an, die wir still um das kleine Sterbebett standen und beteten.« - -Josephine eilte, die Lampe anzuzünden, und indem der kaum entglommene -Schein derselben auf Fabiens Gesicht fiel und ihr Auge von einer Zeile -zur andern glitt, sah Veronica, daß ihre Züge sich veränderten. »Eine -Neuigkeit, Schwester Veronica,« wendete die Pflegemutter Josephinens -im Drange der Mittheilung sich an die Nonne, »Graf Frankenstern ist mit -seiner Tochter endlich angekommen.« - -»Graf Frankenstern!« rief Jene mit antheilvollem Interesse, und der Ton, -den die Glocke dieser Nachricht anschlug, war ein Klang aus der guten -alten Zeit des Klosters. »Der hochbejahrte Herr lebt also noch! und -Comteß Albane kann auch nicht mehr jung seyn -- wenn ich mir die Gräfinn -Mutter bedenke -- diese leutselige Dame war mir ein höheres Wesen und -wie so ganz war sie für Sanct Capella eingenommen! -- In Bühle, sagten -Sie, hält die Herrschaft sich auf?« - -»Ja --« antwortete Fabia schwach, und eine große Erschütterung dieser -starkmüthigen Frau ward laut in der kleinen Sylbe, »reiche mir einen -Stuhl, Josephine --« sagte sie sehr sacht, während das sichtliche -Schwanken ihres Körpers verrieth, daß Fabia mit dem Gefühl der Ohnmacht -kämpfe. -- - -Diese Botschaft wirkte nach, und ihr schlagender Eindruck hielt an. Die -kleinen klaren Schriftzüge, von einer Hand kommend, welche, wie Fabia -jetzt deutlich empfand -- Gram und Herzeleid über ihr unbeflecktes Leben -gebracht, verwirrten ihre Seele. Das Dunkel einer finstern That stieg -vor ihr auf, daneben der Schatten ihres Mannes, kummerkrank und dräuend, -daß seine Frau nicht vergessen möge, welch eine Last ihn ins Grab -gedrückt, und Fabia glaubte mit ihm zu versinken. - -»Jesus Maria!« rief die Nonne, als sie die Todesblässe auf dem Angesicht -ihrer Freundinn sah, »was widerfährt Ihnen denn? Ein paar Tropfen -Lebensgeist -- wenn ich sie nur bei der Hand hätte -- ein Trunk frischen -Wassers --« das zitternde Mädchen flog hinab, ihn zu holen. Inzwischen -hatte Frau Fabia sich schon erholt. Sie wehrte sich mit selbständiger -Kraft gegen die Schwäche, von der sie einen Augenblick bewältigt worden -war, wie gegen die mitleidige Angst, welche über sie verfügen wollte, -und sprach, obgleich mit bebenden Lippen: »es ist schon vorüber. Seyn -Sie außer Sorgen meinetwegen, Schwester Veronica. Und Josephine -- -Du siehst, mein Kind, es ist mir wieder besser. Aber trinken will ich -doch. --« Sie stärkte sich durch einen erfrischenden Zug. - -»Ja, ja!« sagte die Nonne, und ihre Rede nahm wider Wissen und Willen -die Methode einer gelinden Strafpredigt an, »ein _geistlich_ Amt, das -der Tröstung und des Beistands in der letzten Noth, erfordert starken -Odem, und Wer sich stark fühlt, ist es deshalb nicht zu allen Zeiten, -und übernimmt sich wohl einmal. Sterben aber ist kein Kinderspiel, und -man sieht nicht zu, daß man sich daran ergötze.« So ist aber -- -der geneigte Leser erlaube uns diese Episode -- auch eine edle und -geläuterte Seele nicht sicher, daß kleinliche und niedere Stoffe, welche -die Scheidekunst eines gereinigten Charakters für immer aussondern -müßte, sich in das Ergebniß ihrer Urtheile mischen. Wir sind uns selbst -nicht klar. In der freundschaftlichen Aeußerung der Schwester Veronica, -die wir vor Vielen ihres Gleichen heilig und selig preisen, dürfte ein -kleiner Nonnendünkel kaum zu verkennen seyn, und der Glaube, daß, um in -Todesängsten beizustehen, menschliche Theilnahme hiezu nicht genüge, und -die Kraft zu solchem Beistand nur von einem Geiste ausfließen könne, der -durch _priesterliche_ Weihen dazu befähigt worden sey. - -»Denn der Bote --« so fahren wir mit den Worten der Nonne fort, »ein -Bote hat mir all mein Lebtag Schrecken eingejagt, und es war mir immer, -als ob ich das Schicksal in Person kommen sähe, was mir ein neues -Päckchen zu tragen brächte. Wer weiß auch, was der Brief enthält! -- So -viel ich mich erinnere, waren Sie in früheren Jahren in Verbindung mit -Gräfinn Albane? --« - -Fabia nickte schwer und schwieg. »Wenn nur der Schwager da wäre!« sagte -sie, und ihr Auge starrte sinnend vor sich hin, »erst morgen Abend kehrt -er zurück, dann ist es zu spät.« - -»Wozu?« fragte die Nonne mit einem leichten Anfluge jener Neugier ihres -Alters und Standes. Und mit aufrichtiger Liebedienstlichkeit setzte sie -hinzu: »wenn Sie in Etwas bedrängt wären, Frau Fabia, worin ich Ihnen -mit Rath und That nützlich werden könnte --« - -»Das wird sich später finden --« antwortete Fabia mit einem bedeutenden -Blicke nach Josephinen hin, und drückte dankbar die zellenzarte Hand der -Nonne, wie aus Wachs gewebt, »für jetzt bedarf ich nichts als Ruhe.« - -»Wie kalt Sie noch sind!« sagte Schwester Veronica besorglich, »ich -dächte, ein Krampfpulver wäre nicht übel für die Nacht; es beruhiget die -Nerven.« - -Fabia lächelte seltsam bitter, als bedürfe ihre innere Aufregung ein -anderes Opium. Sie verneinte den Gebrauch des Mittels, und begab sich in -ihr Schlafgemach. Den folgenden Morgen war große Wäsche im Stift; eine -der Haupt-Stadien dieser geregelten Oekonomie. An solchen Tagen ging -Frau Fabia sonst gleich der Sommersonne früh auf, um sich mit wahrer -Hoheit im Meere dieser Waschfluth zu bespiegeln. Ja, wir dürfen kühn -behaupten, daß die Göttinn, an der wir Selbstgefälligkeit so natürlich -finden, sich vielleicht in einem minderen Grade derselben aus dem Schaum -der Wellen erhoben habe, als womit die Juno dieser häuslichen Sphäre -sich von ihrem brausenden Element benetzen ließ. -- Daß diese Wolke ihm -vorübergehe, hatte der Administrator stets und so auch jetzt eine kleine -Reise unternommen, und Therese ihm einst muthwillig gedroht, er werde -einmal aus dem Regen in die Traufe kommen. In diesem Punkte war aber -Therese gleich den Männern, und wendete am liebsten jener häuslichen -Nothwendigkeit den Rücken. Sie badete wohl eher die Füßchen im Thau, als -daß sie einen ihrer rosigen Finger zu Gunsten einer wirthschaftlichen -Bemühung naß gemacht hätte. -- Wir zweifeln daher, daß Therese selbst -der Waschfrau Chamissos die poetische Seite abgewinnen mögen, wogegen -sie gewiß den trockensten Gegenstand des versandeten Schlaraffenlandes -geeigneter gehalten haben würde, besungen zu werden. -- - -Heute aber schwebte kein ordnender und waltender Geist über diesen -Wässern. Fabia schien in tiefem Schlaf versunken zu seyn. Josephine -klopfte leise an die Thür der Pflegemutter, und Fabia that auf. -- -Ihr Aussehen trug die Spuren einer schlummerlosen Nacht, ungewöhnlich -achtlos war ihr Anzug; doch selbst in seiner Nachlässigkeit noch keusch -und sauber. Ihr Auge, von Schatten vertieft, die sich darunter gelagert, -glühte fieberhaft, und Miene wie Gebehrde war von jener Ermattung -- der -Feindinn jeder Thätigkeit -- beschlichen, welche uns anhängt, sobald wir -herzenskränklich sind. - -»Vergieb, liebe Mutter, daß ich es wagte, Dich zu stören --« sagte -Josephine, indem sie ihren betroffenen Blick in einen bittenden zu -mildern suchte. »Es befremdete uns, daß Du noch nicht aufgestanden -warst, weil es gegen Deine Weise ist.« - -»Ich habe nicht viel geschlafen --« antwortete Fabia gemäßigt wie immer, -»und mich auf Wichtiges vorzubereiten. Wir müssen heute nach Bühle auf -das Schloß -- mein Kind; doch fahren wir erst nach Tische. Ziehe Dir das -neue luftblaue Kleid an, und ordne Dein Haar sorgfältig, ich will Dir -gern behülflich dabei seyn. Das goldne Kreuzchen binde um den Hals, und -wirf den gestickten Schleier über, er läßt Dir äußerst günstig.« - -»_Heute?_« fragte Josephine bestürzt, und dachte, der Herold des -jüngsten Tages habe die Stimme ihrer Pflegemutter geliehen. Nie war -Frau Fabia an Tagen häuslicher Geschäftigkeit nur einen Schritt von der -Schwelle dieses Hauses und von ihrer Pflicht gewichen; nie hatte das -Mädchen ein eitles Wort aus Fabiens Munde gehört. Das Ende aller Dinge -schien gekommen, oder doch nahe zu seyn. Scheu und bekümmert setzte -daher Josephine jener einsylbigen Frage hinzu, deren Accent all ihre -Verwunderung ausdrückte: »Du scheinst sehr unwohl, meine Mutter.« - -»Und wenn auch!« antwortete Diese, indem ein herbes Lächeln der -Gleichgültigkeit gegen alles Bisherige auf ihre Lippen stieg, »der Herr -mein Gott wird mich stärken.« Sie heftete dabei einen durchdringenden -Blick auf das Crucifix von Gußeisen, welches auf ihrem Nachttische -stand. Dieser Blick enthielt ein angsthaftes Gebet, und besagte, -soviel wir von dem flehenden Geflüster am Altar des innern Heiligthums -verstehen: »_Du!_ der Du uns rein gewaschen hast von unsern Sünden -mit Deinem theuren Blut, gieb, daß Albane --« hier drang ein -unaussprechlicher Seufzer durch das kalte Metall an das Herz des -höchsten Erbarmers. Und von einem Gefühl ermuthiget, was sich erhob, -sagte sie: »es muß Alles gehen. Wie wird es seyn, wenn ich nicht mehr da -bin?« - -»O sprich mir davon nicht!« bat Josephine, und küßte Fabiens mütterliche -Hand. - -»Eben jetzt muß ich recht sehr mit Dir davon sprechen,« erwiederte -Fabia, selbst in dieser erweichenden Minute dem Grundsatz treu, dem -Eigenwillen eines Kindes niemals nachzugeben. »Wir haben viel mit -einander zu reden. -- Doch siehe! daß Du die Thür zuvor verschließest. -So! nun schiebe den Riegel vor.« - -Von dieser Vorsicht geängstet, war Josephine voll Furcht und Warten -der Dinge, die da kommen würden. Frau Fabia schien einer vorbereitenden -Pause zu bedürfen, in der sie sich fasse, dann sprach sie mit einem Ton -würdevoller Abbitte: »wenn ich Dich zuweilen hart angelassen, und Dir -zeither strenger war, als daß ich Deinen unschuldigen Neigungen und -Wünschen jemals geschmeichelt hätte -- so geschah es --« ihre Stimme -wankte. - -»O geliebte Mutter!« rief Josephine, welche diese demüthige Sprache der -tugendstolzen Pflegemutter nicht aushalten konnte, »es ist nur zu meinem -Besten geschehen. Womit habe ich Dich beleidiget, daß Du Dich so fremd -gegen mich ausweisest? bin ich nicht Dein Kind? -- Ich will sie ablegen, -diese Fehler, denen mein guter Wille noch manchmal unterliegt; habe nur -ein wenig Geduld mit mir. Und wenn ich mich heute in Bühle etwa linkisch -benehmen sollte --« - -Ein Lächeln, worin mehr Rechtfertigung lag, als in jedem moralischen -Beweise, flog Fabiens Miene an. Sie antwortete: »das fürchte nicht. Du -hast ein _Recht_, dort zu seyn: die Gräfinn Frankenstern, der ich Dich -zuführe, ist Deine Mutter.« - -Josephine stieß einen leisen Schrei aus, als hätte ihr dies Wort einen -Dolch in die Brust gestoßen. Der Name Derer, die ihr das Leben gegeben, -schien diese Himmelsgabe zurück zu nehmen, und das liebliche Bild des -Mädchens versteinte zu weißem Marmor. - -»So ist's, mein Kind!« setzte Fabia mütterlicher als je hinzu, »die -Stunde, darin das Band sich lös't, was uns so lange verknüpfte, reißt -nicht allein an meinem Herzen -- ich muß mich ernstlich zusammennehmen.« - -»Mutter!« sagte Josephine furchtsam und leidenschaftlich, »ich hoffe zu -Gott, Du willst mich nicht verstoßen.« - -»Du brichst mir das Herz entzwei, Mädchen!« entgegnete Fabia -schmerzlich. »Darf ich Dich denn jenen Ansprüchen vorenthalten? Es wird -Alles darauf ankommen, wie wir die Gräfinn finden. Du bist die Tochter -einer heimlichen Ehe, und dein Vater -- der Onkel wird Dir sagen --« - -»Der Onkel -- ist mein Vater?« fragte Josephine mit schwacher Stimme. - -»Der Onkel -- komme doch zu Dir, Kind! ist auch Dein Onkel nicht, und es -nur dem Namen nach gewesen. Dem Blute nach, gehst Du uns gar nichts an.« - -Bei dieser Erklärung, welche Fabia nicht aus lossagender Kälte, sondern -der vollständigen Erklärung wegen gab, sah Josephine aus, als wären ihr -alle Adern geöffnet. Ihre Seele strömte in Liebe für die Menschen, mit -denen sie gelebt, für den Ort, der ihr die trauteste Heimath geworden -war. Sie empfand den Einfluß einer innigen Gewohnheit. Sie empfand -ihn mit schwellendem Herzen, da sie den Abschied so nahe wußte. Die -gräfliche Mutter stand wie eine verhüllte Gottheit von ferne, und scheue -Ehrfurcht, ein fremdartiges Grauen war Alles, was Josephine für ihre -Näherung hatte. Und der Administrator war nicht einmal da! es däuchte -Josephinen, als ob sie diesem gütigen Freunde hinterrücks entführt -würde. Ein Gefühl, zarter noch als Dankbarkeit, forderte in ihr, daß -sie ihm diesen schnellen und gewaltsamen Abruf selbst sagen und klagen -könnte, daß er Augenzeuge wäre der sträubenden Wehmuth, womit sie von -hinnen schied. -- - -Als der Nachmittag nun kam, erschien Josephine in vorschriftlichem -Anzuge. Sie war bei dem Werk der Toilette ihrer wenig bewußt gewesen, um -so eifriger hatten ihr die Grazien gedient, welche zurückweichen, wo die -Eitelkeit handreicht. Auch Fabia war ausnahmsweise festlich angethan. -Sie trug ein dunkles Kleid von tannengrüner Seide; doch indem die -verwittwete Frau bei dieser seltnen Gelegenheit ihr Licht leuchten -ließ, trug doch der Christbaum ihres Gewandes kein einziges Flämmchen -Flitterstaat zur Schau, sondern nur die Frucht bescheidener Einfalt, an -der man erkannte, weß Geistes Kind sie wäre. - -Der Himmel hatte sich mit Gewölk umzogen. Frau Fabia, im Begriff, sich -in den Wagen zu setzen, schaute auf und sprach: »den guten Regenschirm -wollen wir noch mitnehmen, zur Fürsorge. Wir könnten ihn brauchen, beim -Aussteigen. Er steht, wenn ich nicht irre, in des Schwagers Zimmer, im -Winkel wo die Pfeifen lehnen --« Und hurtiger flattert der Vogel -nicht vom Zweig, als Josephine dahin flog, ehe es möglich war, ihr -zuvorzukommen. Sie drängte die Seele des Abschieds, als den Inbegriff -schmerzlicher Empfindung, in den heißen Blick, womit sie die stummen -kalten Wände grüßte, und Wer weiß, ob nicht zum letztenmal! -- Dort -stand der braune Schirm, und neben dem Saum seines geschlossenen -Zeltes, blickte der Kopf des Mustapha zu ihr hinauf, die in dem -wehenden Schleier, eher der schönsten Blume des Harems, als, des goldnen -Kreuzchens ungeachtet -- einer jungen Braut der Kirche glich. Hier stand -das Schreibpult des Administrators, und ein kleines weißes Blättchen lag -lockend auf der grünen Fläche. Josephine warf einen Blick darauf -- ein -Sonnenstrahl fiel gleichzeitig in die Werkstatt ihrer Gedanken. Eine -Feder war auf jenem Streifen Papier probirt: »Josephine,« stand in -kalligraphischer Schönheit am Rande des Blättchens, und das Urbild -dieses wohllautenden Namens stand mit schöneren Zügen davor. Sie ergriff -die Feder, und schrieb mit fliegenden Fingern: - - »Ich muß fort -- verzeihe, daß ich mit Ich anfange; aber Stolz - ist nicht in mir, nur eine sehr traurige Liebe, daß ich von Sanct - Capella scheiden muß. Kannst Du etwas beitragen -- -- - - Deine --« - -Josephine vernahm, daß ein Eilbote ihr nachgeschickt würde. Sie mußte -sich losreißen. Ein Fädchen aus dem Blondengewirk ihres Schleiers blieb -an dem Gefieder der Schreibfeder hangen, und ein kleiner Dintenfleck an -ihrem Finger. - -Josephine wie ihre Pflegemutter sprachen wenig auf dem Wege nach Bühle. -Fabia saß still in sich gekehrt, trübsinnig starrte Jene in die Ferne. -Als aber jetzt der englische Garten sichtbar ward, und hinter dem -Immergrün seiner Gehölze, vermischt mit der zarten Frische lebendiger -Knospen, das graue, todte Schloß, eine verstorbene Einöde von Stein -- -als sie jetzt bei dem Postamente vorüber fuhren, worunter der todte Hund -begraben liegt: da erblickte Josephine den stummen Wächter mit keinem -minderen Schauer als eine abgeschiedene Seele der Vorwelt den Cerberus, -und als sey dies festgehaltene flüchtige Bild nur allein ein Symbol -ewiger Ruhe, und dies der Eingang in das stille Reich der Schatten. - -Das eintönige Geräusch des Brunnens, auch nicht um den leisesten Tonfall -eines Tropfens anders als sonst, weckte in Fabien bittere Gefühle -der Vergangenheit. Dort war die Wohnung, in der ihr Mann gelitten und -aufgehört zu leben -- es däuchte seiner Wittwe, als ob das Lüftchen, -welches die spielenden Wellen der Wasserkufe kräuselte, ihr seine -letzten Seufzer zuwehete. Blüthenbäume streuten ihren Schmuck vor die -Schwelle, über die Kummer und Gram mit ihm eingezogen waren, um nur den -Todten zu entlassen --; und diese Gleichgültigkeit der Natur, welcher -der Mensch unwillkürlich Theilnahme abverlangt, diese Wiederkehr ihrer -unschuldigen Freuden, an dieselbe Stätte, wo die Schuld, eigene -oder fremde, unsre besten hinweggenommen für immer -- schärfte die -Empfindung, womit Fabia sich jener Zeit bewußt ward, und des wichtigen -Moments, der ihr jetzt bevorstand. - -Um das Schloßgebäude schwebte die Stille der Einsamkeit und der -Ehrfurcht vor dem Range, wie vor dem kranken Geiste seiner dermaligen -Bewohner. Der Zustand des Grafen war bekannt, und seine Tochter galt -kaum weniger leidend an Gemüth. - -Das Unglück, wie mächtig es auch sey, hat stets eine kleine Hofhaltung. -Nur ein einziger Bedienter stand, nicht unähnlich einer Statue seines -Standes, an einer Säule des Flurs, harrend, wie es schien. Die Zeit -hatte angemessen der altväterlichen Livree seinen Scheitel mit Puder -bestreut, und mehr noch als diese greise Mode, gab ihm eine Miene -unbewußter Geringschätzung gegen diese Etiquette adeliger Größe, und -ein Zug von Schweigen in seinem erfahrungsvollen Gesicht ein ehrwürdiges -Ansehen. Auf ihre Frage erhielt Fabia zur Antwort von ihm, daß sie -erwartet würde -- und Josephinens Blick hing dabei so ängstlich an den -goldbesponnenen Knöpfen seines Rockes, als ob sie eine nahe wichtige -Entscheidung davon abzählen wolle. Noch fragte Fabia, die niemals sicher -genug gehen konnte: die Herrschaft sey doch -- allein? -- Der -Bediente, ein alter Bekannter von ihr, lächelte nur; die Tochter des -Oberverwalters von Bonna mußte fremd geworden seyn, dem Andenken der -Lebensweise des Majoratsherrn. Er sagte mit schwermüthigem Scherz: »es -ist zwar heute großer Galatag; aber diese hohen Gäste lassen Raum und -Ruhe, und die Frau Rentmeisterinn dürfen sich ganz und gar nicht irren -lassen.« - -Indem Fabia die breite Treppe, mit Decken belegt, unter starkem -Herzklopfen hinan stieg, erhob sie sich zu dem Gefühl, daß _sie_ es -nicht sey, welche die nächste Minute zu scheuen brauche. Doch wie -kommt es, daß die Last auf dem Gewissen eines Andern den Athem des -Rechtschaffenen hemmt? und warum wirft ein fremdes Erröthen, noch ehe -es vor unserm Auge aufgeht, den Schein der Schuldverkündigung auf unser -eigenes Gesicht? -- - -Sie standen auf dem öden Vorsaal. Eine Uhr, in langem weißen Gehäuse, -nahm sich an dem dunklen Pfeiler, daran sie befestiget war, todtenhaft -aus, und das Gleichmaaß des Perpendikels bewegte sich im Einklang mit -dem Gesetz der Zeit und ihrer Schwere. Der Stundengott hatte hier -keine Flügel. -- In den Nischen der Wand entlang, erblickte man zwar -beschwingte Gestalten; doch schienen auch diese seit manchem Jahr -unregsam ihren Standpunkt einzunehmen, und nur in so fern, wenn _Ruhe_ -der Begriff des Himmels ist -- dem Olymp anzugehören. - -Der Bediente zog die Thür sacht auf, ein Strom von Licht und Luft aus -dem ihr gegenüber geöffneten Fenster quoll durch die Spalte. Die Meldung -geschah lautlos, und alsbald traten auf einen Wink des Alten die beiden -Damen ein. - -Frau Fabia, und hinter ihr das schüchterne Mädchen, sah sich in einem -Zimmer, das füglich den Sälen des Schlosses beigezählt werden -können. Zwei Reihen Ahnenbilder in Oel gemalt und tief nachgedunkelt, -beschatteten die Seitenwände, und gaben der schweigsamen Leere dieses -Prunkgemachs eine geisterartige Geselligkeit. An dem obern Ende des -länglichen Zimmers stand ein antikes Canapee, breitgestreift, mit weiß -und seladongrünem Atlas überzogen; davor ein Tisch, köstlich besetzt. -Ein damastnes Tafeltuch, wie vom Webstuhl der kunstreichen Athene, hing -in schimmernder Weiße bis auf das bunte Gewirk des Teppichs nieder, -und um den Tisch herum standen mehrere Lehnsessel, deren jeder ein -Großvater, bequem und doch galant, wie am Tage der goldnen Hochzeit. In -einen Winkel geschmiegt saß der Graf, und dem Canapee gegenüber seine -Tochter. - -Bei dem ersten Blicke auf jenen unglücklichen Mann, auf den Schnee -seines Hauptes, auf den Staatsrock, der so weit, so spottend weit -entfernt zu passen, um die abgezehrten Glieder hing, zerschmolz aller -Groll in Fabiens Herzen. Der Putz der Alten wie der Blinden hat etwas -eigenthümlich Rührendes. Jener: weil ihr hinfälliger Anblick das -Nichtige der Eitelkeit predigt; dieser: daß ihnen selbst unsichtbar, -eine Huldigung der Welt beigegeben ward, die nur am Schein hängt. Und -sind Blödsinnige nicht Blinde in geistigem Sinn? -- Zwar könnte Graf -Frankenstern für einen Seher gegolten haben, denn eben jetzt leuchtete -sein Gesicht im Abglanz einer Vision; aber es war nur ein Blendwerk, nur -das Irrlicht einer gespenstischen Imagination, daneben die Nacht seines -innern Lebens nur um so finsterer erschien. - -Auch Gräfinn Albane war älter geworden, als zufolge einer Berechnung von -Jahren; doch war der Eindruck dieser ersichtlichen Veränderung durchaus -ein anderer. Man könnte von ihr sagen, ihre Schönheit sey verwelkt, um -verklärt zu werden. Ein weißes Kleid von wolkigem Mousselin -umhüllte ihre zarte Gestalt, doch, im schärfsten Contrast zu dieser -anspruchslosen Wahl, blinkte jener Schmuck, so schwer vermißt! so -grausig ersetzt! auf dem feinen Halse und der Brust der Gräfinn, und -hielt ihren schlanken Leib, ihre Arme umschlossen -- wie wenn Kinder in -eitlem Spiel sich mit dem Geschmeide ihrer Mutter zieren -- und -stach, bewaffnet mit allen Blitzen der Frühlingssonne und einer jähen -Reflexion, Fabien ins Auge und durch das Auge in das tiefste Herz. -- -Ein kleines blankes Schlüsselbund an ihrer linken Seite stellte die -Gräfinn als Wirthinn des Hauses und jener unsichtbaren Gäste dar, denen -zu Ehren sie so geschmückt, und gleichsam nur dadurch verkörpert sich -zeigte. Doch der schmale zackige Reif einer goldnen Krone auf ihrem -reichen Haar, ließ phantastisch und in Zweifel, welch eine Fürstinn in -der wüsten Ideenwelt ihres Vaters, sie, fremd sich selbst, vorstelle? --- Und über dies häusliche Theater goß die wasserziehende Sonne einen -trüben Glanz der Illusion aus. Die Blumen in dem damastnen Gedeck traten -labyrinthisch und winterweiß hervor, wie durch einen Hauch von Frost -entstanden -- und der feurige Wein auf dem Tische glühte nur zum Schein. -Das rothe Blut der Traube schwellt nur die Adern der Lebendigen; doch -diese begeisternde Kraft leiht nimmer Denen eine Seele, welche keine -Existenz haben. Der Graf fand nur Genuß in Gedanken, und schwelgte heute -mehr als je in seinem Wahn; und Albane saß da so geisterhaft gesättigt -und traumtrunken, mit einem herben verzichtenden Lächeln auf den -bleichen Lippen, als hätten diese nie die Süßigkeit des Lebens gekostet, -und jener edlen Gabe, die des Menschen Herz erfreut und stärkt! -- - -Als die reelle Fabia dieses Schauspiels ansichtig ward, rieselte ein -eisiger Schauer an ihrem Rücken hinab, und ihr nähernder Gang erstarrte. - -Die Gräfinn zeigte bei dem Eintritte derselben einen heftigen Ruck, so, -als wenn eine Unbeweglichkeit mechanisch aufgehoben wird. Und indem sie -dabei das Gleichgewicht verlor, fiel das Diadem, nur lose aufgelegt, von -ihrem Haupte, und rollte zu Boden. Josephine bückte sich darnach. Doch -achtlos dieses ominösen Vorfalls schritt die Gräfinn den Kommenden -entgegen, und begrüßte sie mit sanfter, sehr bewegter Stimme. »Das ist -Josephine?« fragte sie; aber das Epitheton für den Laut dieser Frage -fehlt unserer Sprache und jeder. -- Darauf berührte ihr Mund die Stirn -des Mädchens, und dieser heilige Kuß, den das verleugnete, namenlose -Kind als Sacrament empfand, firmelte es. - -»Josephine!« rief der Graf mit dem herzschneidenden Tone der -Ueberspannung, taumelte von seinem Sitz, und schwankte gegen die Gruppe, -um in eine Kniebeugung zu sinken; aber Josephine kam ihm zuvor. Sie -umschlang den Greis mit weichen Armen, und weinte über ihn. Gräfinn -Albane überließ ihren Vater dem Entzücken, sein kaiserliches Idol, oder -die Psyche desselben, in lieblicher Verjüngung vor sich zu sehen, -und das Mädchen dem guten Geiste der Demuth und der Wahrheit der ihm -einwohnte. Im Drange, ihr Herz zu öffnen, legte sie die zitternde Hand -an den blanken Drücker einer Tapetenthür, und zog Fabien mit sich in -ein anstoßendes Cabinet. »Wie viel Dank bin ich Ihnen schuldig, liebe -Fabia!« sagte sie hastig und herzlich, »Josephine scheint ein Engel. -Dieser Blick einer himmlischen Unschuld kann nicht lügen.« - -Die fromme Fabia antwortete: »Gottlob! nicht umsonst war mein Gebet bei -des Mädchens Erziehung: hilf, Herr! hilf! laß wohl gelingen! Josephine -ist ohne Trug und Arglist; lauter und rein von Gemüth und Sinn, wie ein -Wassertropfen aus dem Weihebrunnen der göttlichen Gnade.« - -Wir lassen es dahin gestellt seyn, ob dieses Bild vom Tropfen, in -welchem sich Frau Fabia zum Lobe der Tochter ergoß, ganz unvermischt -und klar von einem Vorwurf ihrer Abstammung gewesen, der die erquickende -Wirkung desselben trübte. -- - -Albane senkte die benetzten Wimpern, wie beschämt von der Verschuldung, -die sie gegen Fabia wissend war, und mit einem erkenntlichen Seufzer -glitt ihr Blick, zufällig vielleicht -- auf einen Ring von großem Werth -an ihrem Finger. Fabia fing diesen Blick im Brennpunkt ihrer Seele auf. --- Sie sprach, und jede Fiber zitterte an ihrem Körper: »ich will nicht -fürchten, Gräfinn, daß Sie mir ein Geschenk zudenken! -- Die Sucht zu -glänzen war nie mein Fehler, nie die zufriedene Eitelkeit sogar, daß -mein Thun Werth vor Gott hätte. Einer Wittwe ziemt es vollends nicht, zu -brilliren, und die da einsam ist, sorge nur, daß sie dem Herrn gefalle. -Der Frau, welcher die Brust des Mannes fehlt, zu ihrem Schilde vor den -Pfeilen der Welt, steht nichts besser an, als ein Flor der Trauer und -Zurückgezogenheit, der sie gleichsam unsichtbar mache unter Denen, die -nach dem Schein urtheilen, und spitzfindig einen Stein des Anstoßes -sehen, wo nichts zu sehen ist. -- Darum will ich ihn nicht tragen, -und wenn er alle Schätze der Erde aufwöge! ist mir das Herz doch schon -beschwert genug. O Gräfinn! diese Edelsteine hier haben meinen guten -Mann in das Grab gedrückt und mir viel tausend, tausend Thränen -gekostet!« - -Der Gräfinn Gesicht erbleichte zu Schnee, eine ängstliche Verwirrung -sprach aus ihrer Miene. Sie richtete das Auge, voll eines sanften -Lichtes, forschend auf Fabien, als wolle sie ihre dunkle Rede -beleuchten. Ein krampfhaft leises Zucken regte sich nur auf -ihren Lippen, als ob ihr die Kraft gebräche zu einer Frage, deren -anschuldigende Beantwortung ihr das Herz brechen müßte. - -Es lag etwas Versöhnendes in diesem stummen Hinnehmen. Gemildert sprach -Fabia: »Sie wissen wahrscheinlich, daß ihr Herr Vater meinem seligen -Manne den Tag vor ihrer Abreise von Bonna, eine Chatoulle in Verwahrung -gegeben, darin dieser Familienschmuck befindlich seyn sollte. Den -Schlüssel dazu hatten wir nicht bekommen. Mein guter Mann ward gleich -darauf so krank, daß ich fürchtete, das Grab werde sich ihm zunächst -öffnen. Doch er genas. Nach Jahren, in denen er sich, peinlich wie -dieser Redliche nun war, mit Zweifeln getragen, die ich jetzt für eine -Ahnung halten mögte, gab uns der Zufall den Aufschluß in die Hände. Wir -fanden in dem Kästchen nichts von Schmuck, nur eine todte Perle --: den -Leichnam eines Kindes, und ein blutbeflecktes Messer.« Hier hielt Frau -Fabia mit einem durchbohrenden Blicke bedeutsam inne. - -Aber nicht die Farbe der Blutschuld zeigte sich auf den Wangen der -Gräfinn, nur jener zarte unschuldige Anflug, den ein schneidender -Wind etwa in dem Kelch der weißen Rose entblößt. Sie lächelte kalt und -sprach: »so hielten Sie vermuthlich davor, daß ein Zusammenhang zwischen -beiden Dingen statt fände, der -- mich schaudert, es auszudenken. Wohl -war jenes Kindlein das meine, ein zu früh Gebornes. Ich versündigte mich -durch den Wunsch, es der Erde vorenthalten zu können -- o! wie bestraft -sich doch jeder Gedanke räuberisch gegen die Natur! -- Der Arzt, -vielleicht weniger aus Mitleid mit meinem mütterlichen Schmerz, als -aus Leidenschaft für jedes Präparat, schlug mir vor, den Körper -meines Kindes zu balsamiren, so könnte ich ihn in einem kühlen Gewölbe -aufbewahren. Es geschah -- ich legte das kleine Vergißmeinnicht, was der -Tod mir vom Herzen gepflückt, in jenes sargähnliche Kästchen; darin ist -es vertrocknet. Mit jenem Messer aber hat der Arzt, der nämliche, meiner -theuren Mutter die kranke Brust abgelöst.« - -Frau Fabia fühlte bei diesen erklärenden Worten einen Schnitt durch ihr -tiefstes Innere. Nach einer verstummenden Pause sagte sie: »doch werden -Sie zugeben, daß jenes Depot geeignet war, einen Geschäftsmann stutzig -zu machen; zumal wenn er wie mein Seliger, von einem unseligen Mißtrauen -heimgesucht, jeder Sache die schlimmste Seite absah.« - -Die Gräfinn sah still vor sich nieder, und antwortete eine lange Weile -nicht. Dann sprach sie: »ach ich verzeihe Ihnen -- Wen man schwach -gesehn, hält man gar bald eines Verbrechens fähig.« - -»Gräfinn --« stammelte die Wittwe, »ich habe viel gelitten, dieser -Geschichte wegen.« - -»So wäre ich denn noch auf andere Art als ich meinte, in unabtragbarer -Schuld gegen Sie!« erwiederte die Gräfinn mit dem herben Lächeln der -Kränkung. Fabien stiegen Thränen in die Augen. Das Taschentuch entfiel -ihr -- die Gräfinn beugte sich es aufzuheben, und die Schlüssel an ihrem -Gürtel erklirrten silberhell und leise. Und wie geringfügig diese -kleine Dienstleistung auch war, so verlieh ihr doch die augenblickliche -Stellung gegen die Beleidigerinn etwas Hohes. - -Wie von diesem erklingelnden Laut erinnert, sonderte Albane nicht ohne -Schwierigkeit einen kleinen Schlüssel von der Mehrzahl Derer, die der -Ringhaken an ihrem Gürtel umfaßt hielt, bis es ihr gelang, ihn davon -los zu machen; und sprach: »hätte ich diesen Schlüssel wohl so nahe -an meinem Herzen tragen können, wenn dieses Herz noch ein strafbareres -Geheimniß umschlösse, als dessen Mitwisserinn Sie sind? und wenn ich -gewußt, welchen Kummer Sie deshalb trügen? -- Nehmen Sie ihn denn hin -mit der Versicherung, daß ich unschuldig an Ihrem Gram, und Ihnen ewig, -ewig! dankbar bin! -- Nein, gute Fabia! fürchten Sie keinen andern Lohn -als dieses Wort, was bethätigen zu können, meine beste Hoffnung wäre. -Ein Edelstein, und wäre es auch der erste Solitair der Welt -- bezahlt -weder Liebe noch Leiden. -- Mit diesem Schmucke belade ich mich nur, um -meinem Vater eine Freude zu machen. Wehe mir! o es ist schrecklich, wenn -der Vater zum Kinde wird, und die Tochter zur Mutter! --« - -»Wissen Sie schon,« sagte Fabia, durch eine sehr natürliche Association -der Ideen zu dieser Mittheilung gelenkt, indem sie ihre Thränen -trocknete, »daß Herr de Romana, Sylvius bei uns genannt -- sich in Sanct -Capella aufhält? Er ist der intimste Freund meines Schwagers.« - -Bei dieser Nachricht ging eine Wandlung in den Zügen der Gräfinn vor. - -»Um Gotteswillen!« sprach sie mit aller Dringlichkeit befürchtender -Angst, »verhindern Sie, daß er hierher kommt! ich weiß nicht, ob ich es -aushielte. Das geringe Maß meiner noch übrigen Kräfte reicht kaum zur -Erfüllung der traurigen Pflicht, die ich meinem Vater schulde. Jenes -Band ist gelöst. Wozu sollte er mich auch beunruhigen wollen? Für ihn -bin ich todt. -- Ich, _ich_ selbst habe es gehört, wie er, ein jüngeres -schönes Weib umfangend, davon sprach, daß eine gestorbene Liebe in -ihrem Grabe bleiben müsse. -- So sey es denn! und nimmer will ich ihn -wiedersehen.« - -Und indem die Gräfinn so sprach, schwand ein Schatten jener Scene, deren -flüchtige Zeuginn sie gewesen, über ihr Gesicht. -- Eine Eifersucht -höherer Art offenbart sich nur im Verschwinden der verdunkelten -Erscheinung. - -»Wenn ich nur kann, liebe Gräfinn!« antwortete Fabia in Bezug auf das -von ihr erflehte Verhindern, »wenn ich nur kann! -- Aber wird Sylvius -- -oder Romana -- nicht nach Josephinen fragen? und ist das Recht dazu ihm -irgend verweigerlich?« - -»Josephine bleibt einstweilen hier,« entschied die Gräfinn, ohne sich -auf eine nähere Bestimmung über diesen Punkt einzulassen, »auf Sie aber, -liebe Fabia, verlasse ich mich, daß Sie den Vater derselben mir entfernt -halten.« - -Frau Fabia versprach dies mit größerer Willfährigkeit als sie vielleicht -früher gezeigt haben würde, eine Zusammenkunft der Liebenden zu -ermitteln. Sie hielt den Schlüssel zur Chatoulle fest empor und sprach: -»könnte ich nun -- nicht den kleinen Sarg, der ist auch versenkt -- -nein! den großen Sarg meines Mannes damit öffnen und ihm sagen, wie -so ruhig er hätte seyn können bei Lebzeiten, und daß er sich und mich -unnütz abgequält. Ach! er würde so wenig auf mich hören als sonst.« - -»Ja, die Todten schlafen tief --« sagte Albane mit verstörtem Lächeln. -Das Bedürfniß dieser unaufregbaren Ruhe sprach eben jetzt lauter als -jemals in ihr an. - -Als die Frauen ihre geheime Unterredung hiermit beendigten, und -wieder in das Zimmer traten, fanden sie den Grafen auf dem Canapee an -Josephinens Seite, und in emsigem Gespräch mit ihr, welches anziehend -seyn mußte, denn die Augen des alten Herrn hingen innig an dem lieben -Kinde, und jener crasse Ausdruck geistiger Verworrenheit, welche seine -schlaffen Gesichtszüge charakterisirte, und unter jedem Härchen des -greisen Bartes hervorstach -- war dem klaren Durchblick des Gefühls -gewichen, womit die anmuthige Nähe eines Wesens auf ihn wirkte, was ihn -so nahe anging. - -Wir überlassen diese kleine Gesellschaft des Weiteren sich selbst, und -eilen der späten Rückkehr Fabiens nach dem Stifte zuvor. - -Zeitiger als er vermuthet worden, und ziemlich mißvergnügt, kam der -Administrator mit seinem Freunde nach Sanct Capella zurück. Der Zweck -dieser kleinen Reise war unerreicht geblieben, auf der ihnen einige -Fatalitäten zugestoßen, und dies war es wohl nicht allein, was ihn -verstimmte. Jenes geheimnißvolle Unbehagen, welches die Seele wie den -Körper Dessen durchschleicht, Dem ein Uebel bevorsteht, der schwüle -Schauer, der die Blitze ankündigt, die unser Herz treffen sollen, die -ganze Atmosphäre trüber Ahnung beklemmte ihn heimlich, und verdunkelte -seinem Blicke die Lieblichkeit der Natur. In solcher Stimmung gelingt -uns fast nichts. Unsere Plane vereiteln, die sicherste Berechnung -trügt -- wir finden Hindernisse bei Allem. Und von der Zukunft leise -beängstigt, wird es uns nicht deutlich, warum die gegenwärtige Minute -den gewohnten Gang unserer Weise, unserer Wünsche, also erschwere? So -wie im Gegensatz die Hoffnung ohne eine andere Gewähr als sich -selbst, zu jedem Glück verhilft, und oft unsere kühnsten Erwartungen -überflügelt. - -Sylvius, der sich unpäßlich fühlte, begab sich sogleich in sein Zimmer, -um noch einen Brief von dringendem Bezug auf das mißlungene Geschäft -dieser Reise zu schreiben, und der weltliche Prälat von Sanct Capella -schritt mit bewölkter Stirn dem seinen zu. Niemand hatte ihn willkommen -geheißen -- das kam ihm seltsam vor. Etwas finster von dieser -scheinbaren Vernachlässigung fragte er eine dienende Person, die ihm -begegnete, nach Fabien, und erhielt zur Antwort, daß sie verreist wäre. - -»Verreist? meine Schwägerinn?« fragte der Administrator, und hätte -nicht ungläubiger hohnlächeln können, wenn man ihm gesagt: das Stift, -in höchsteigener steinerner Figur, sey bei dem schönen Abend ein wenig -spatzieren gegangen. - -Man erwarte die Frau mit jedem Augenblick zurück, setzte die -Berichterstatterin hinzu; worauf Jener flüchtig vermuthete, nur ein -wirthschaftlicher Grund von großer Erheblichkeit müsse eine so stete -Haushälterin von Ort und Stelle gerückt haben. Doch um nichts heiterer -durch diese Folgerung, trat er in die heimische Wohnung, entledigte sich -des Reisebedarfs und alsbald ward sein umherschweifender Blick von jenem -Blättchen auf seinem Schreibpult magnetisch angezogen. Er las diese -wenigen Zeilen unzähligemale, ehe er den Sinn derselben zu fassen -vermogte. - -»Allmächtiger Gott!« rief er zu sich selbst, »das arme Mädchen in meiner -Abwesenheit fortzuschaffen -- gleichsam wegzustehlen! --« Ein Getümmel -aufrührischer Gedanken bestürmte ihn, und Frau Fabia, welche sich im -Laufe des verflossenen Nachmittags richterlich benommen, ahnete wohl -schwerlich, daß ihr Andenken ob jener eigenmächtigen Gewaltthat, um -wenig später vor Gericht gezogen -- wo nicht zermalmt würde. -- Aber -der kindliche Ton des kleinen Brief-Fragments entwaffnete ihn, und keine -Reihe thatsächlicher Beweise hätte ihn so vollständig überzeugen können, -wie die schulmäßige Entschuldigung der ersten Zeile: daß es nimmer ein -Wesen gegeben, so fremd jeden Egoismus, so ganz aus Liebe und Hingebung -gebildet, wie Josephine. Beitragen sollte er? Wozu? -- Er sammelte seine -ganze Kraft für diese abgebrochene Bitte. Dabei nahm er das Fädchen an -der Feder hangend wahr. Zarter sind die Fäden nicht, in denen der Sommer -in die Lüfte flattert -- doch nichts wirkt so ausnehmend fein wie -die Zuneigung zu einem persönlichen Gegenstand: und so war denn jene -Seidenfaser ein starkes Bindemittel seiner Ideen, ein Segeltau, was sein -Herz schwellen machte. »Schwester Veronica wird es wissen --« dachte der -Administrator, und eilte ohne Verzug aus dem Zimmer. Leidenschaftliche -Hast, dieses räthselhafte Dunkel aufgehellt zu sehen, trieb ihn die -öden Säle entlang, bis zur Thür der entlegenen Zelle, an welche die -Abendsonne Verklärung mahlte, so daß dieser Eingang wirklich einer -Himmelspforte glich. Hier stand er still, und Stille waltete ringsum. -Ein Gefühl, der Andacht verwandt, ließ ihn zögernd dies Altarblatt -betrachten, dahinter ein Geist wohnte, der mit dem Göttlichen vertrauten -Umgang pflog. Sein Herz, heftig klopfend vom hurtigen Gehen, vom Drange -der Erwartung, ward in dieser sanften Nähe wunderbar besänftigt. Er -richtete sich hochathmend auf, während er den gekrümmten Finger leise -und langsam an die Thür legte. Sie that sich auf. Der hereindringende -Strahl vergoldete diese anspruchlosen Wände, und warf einen Schimmer -von Glanz und Heiligkeit auf die Gestalt der Nonne, welche in frommer -Einfalt mit einem Liebeswerk beschäftiget war. Ein Myrthenbaum von -üppiger Schönheit, davon die Nonne mit wähliger Vorsicht eine Menge -Zweige abschnitt, stand vor ihr auf einem Tische und daneben lag ein -kleiner Namenszug aus altdeutschen Lettern in Perlen gereiht. Und wie -die klösterliche Jungfrau den alten schönen Kopf, um den ein Nimbus der -Gottseligkeit schwebte, an den Baum der Liebe schmiegte, der ihr nie -geblüht, der ihr nur die bittere Frucht der Entsagung bereitet: gewährte -ihr Anblick ein fast überirdisches Bild. - -Wie selten hatte ein Mann diese einsame Schwelle beschritten! -- Der -aufgeregte Blick des Administrators schien den ewigen Bestand der Dinge -umher aufheben zu wollen. Kein Stäubchen dieser reinlichen Clause ruhete -noch so tief und lange, es tief empor bei seinem Eintritt, um gesellig -in der plötzlichen Erleuchtung zu schweben, und eine größere als diese -lautlose Unruhe störte nie die stete Geborgenheit dieser Wohnung, deren -Luft nur ein Odemzug des Friedens war. - -»Verzeihen Sie doch ja gütigst meiner Zudringlichkeit,« sagte der -Besuchende nach ehrerbietigem Gruß, »Ihnen zu dieser Zeit vielleicht -beschwerlich zu werden.« Man findet, in abgesondertem Verhältnisse -werden die Menschen leicht eben so weitläuftig als förmlich gegen -einander, wogegen die Welt der Umgangsweise eine drängende Kürze -anschleift. Schwester Veronica ließ das Messerchen, womit sie Myrthen -schnitt, ihrer Hand entgleiten, und bezeigte eine verwunderungsvolle -Freude, den Vorstand des Hauses bei sich zu sehen, der ihr nach -herzlicher Versicherung zu jeder Zeit willkommen wäre. Zugleich bemerkte -sie still für sich, daß sein stattliches Aeußere etwas verstört sey --- und die Stimmung der guten Nonne, seit einigen Tagen von stärkeren -Eindrücken bewegt, spannte sich für den beziehungsvollen Ton, womit er -anhob: »ich war verreist mit meinem Freunde und finde jetzt bei unserer -Rückkehr die Schwägerinn nicht daheim. Das befremdet mich. Sie hat -auch Josephine mitgenommen -- --« Der Administrator stockte. »Eine -hypochondrische Aengstlichkeit wandelte mich an -- wenn nur kein -unangenehmer Vorfall -- ich meinte nun, Sie, werthe Schwester Veronica, -würden mir des Näheren Auskunft geben können.« - -»Was ich weiß, will ich ihnen sagen --« sprach die Nonne, und das -tiefsinnige Lächeln in ihren Zügen drückte eben sowohl ihre bekümmerte -Unwissenheit in dieser Sache, als eine Zuflucht der Gemüthsruhe aus, die -sie dem Frager gäbe. »Frau Fabia ist nach Bühle gefahren, mit dem -lieben Kinde. Dort ist die Gräfinn Frankenstern mit ihrem Herrn Vater -angekommen -- und trägt Verlangen, ihre gute Freundin hiesigen Orts -baldigst zu sprechen. Ein expresser Bote --« - -Das Gesicht des Administrators hatte sich während dieser Nachricht -verändert. »Das ist ein großes Ereigniß!« unterbrach er die Nonne mit -gesenkter Stimme; doch nur mechanisch schien er die Sylbenlaute dieses -Wortes auszusprechen, das Muskelspiel seines Mundes schob krampfhaft der -getroffenen Wahl des Ausdrucks einen andern unter, und sagte: »das ist -ein großes Unglück!« Der Nonne ging die Ahnung auf, sie hätte ihm etwas -höchst Wichtiges mitgetheilt. - -Da jedoch Niemand, am wenigsten aber ein ältliches Frauenzimmer, dem -Reiz des Bewußtseyns zu widerstehen vermag, das, was man sagen könne, -habe Werth für den, der es höre: so konnte auch Schwester Veronica nicht -umhin, den Schatz ihrer Neuigkeit in kleiner Münze auszuzählen. -Vorerst aber mußte sich der Administrator auf ihr inständiges Nöthigen -niederlassen. Er berührte kaum die Kante eines Stuhls, und saß dennoch -wie auf Nadeln. -- Schwester Veronica begann nun: »gestern Abend, da es -dämmerte -- das Schummerstündchen bringe ich gern drüben zu -- ging ich -hinüber zu den lieben Ihrigen. Es war uns Allen traurig zu Sinne: denn -Gregors kleine Julie lag im Sterben -- ich bin, wie Sie sehen daran, für -ein Todtenkränzchen zu sorgen -- die Mutter, hieß es, wäre außer sich, -und man hatte geschickt, Frau Fabia mögte kommen, und in dieser Angst -den armen Leutchen mit Rath und Zuspruch ein wenig beistehen. Sie ist, -das muß man an ihr rühmen -- von christlicher Geduld und gelassenem -Wesen --« diese Tugenden seiner Schwägerinn hätte jetzt schwerlich ein -Freund der Wahrheit dem Administrator nachsagen mögen. Er sah die Nonne -mit einem weitschauenden Blicke beschleunigender Aufmerksamkeit an, und -es däuchte ihm, seiner theilnehmenden Nächstenliebe ungeachtet, als ob -sie von einem Falle spräche, der die ersten Eltern nach Erschaffung der -Welt betroffen hätte. - -»So blieb ich denn,« fuhr die geistliche Jungfrau fort, »mit Josephine -allein. Das gute Kind war aber betrübt und äußerte sonderbare Gedanken, -die ich jedoch für weiter nichts hielt, als jenen wehmüthigen Ernst, der -ein jugendlich Gemüth ergreift, wenn es den Tod in der Nähe weiß, und -gute Menschen in Schmerz und Leid um ein Liebstes und Einziges. Dann -wird der Gedanke an jede mögliche Trennung, die uns selbst bevorstehen -könnte, so natürlich. Wenn uns ein Verlust bewegt, dann scheint Alles -um uns her zu wanken, und wir umfassen, was uns vorzugsweise am Herzen -liegt, nur um so inniger. -- Also wieder auf Josephine zu kommen, so -sagte sie: wie weh es ihr thun würde, Sanct Capella zu verlassen, wo -ihr nur allein wohl wäre. Wie gern sie hier sterben mögte oder wohnen -in dieser Zelle, es ging mir nahe. Ich erwiederte ihr, daß an solch ein -Scheiden vor der Hand doch nicht zu denken sey, daß sie mein Stübchen -erben solle, mit Allem, wie es steht und liegt.« - -Das Auge des Zuhörers schien dies Testament im Innersten seiner Seele -aufzunehmen. Sein Blick spähte umher, als schätzte er die lieben -Heiligen allzumal -- und der geringste Gegenstand war durch den Gebrauch -ein kleiner Heiliger geworden -- nach ihrem Nennwerthe ab, und trüge -die stummen Effecten in die Register seines Geistes ein. Dann ruhte -sein Auge auf einem umgeschlagenen Notenblatte aus, als notire er dies -Adagio, zähle die Pausen, und vergleiche den letzten hinsterbenden Ton -mit der Rede der Erblasserinn, welche mit heiterem todesvertrauten -Sinn an ihre Auflösung denken konnte. -- Ein anderer Kranz von diesem -Myrthenbaume, ein anderer Name in den Anfangsbuchstaben dieser Perlen -schwebte ihm in einer gewissen Ideenverwirrung vor. Die Wünsche des -jungen Mädchens, welche beide auf bittere Resignation deuteten, griffen -schmerzlich an sein Gefühl, und er schwieg mit einem tiefen Seufzer. -»Wie wir noch so über mein Vermächtniß sprachen,« fuhr die Nonne fort: -»kam Frau Fabia zurück. Sie trug einen Brief in ihrer Hand und begehrte -Licht, um ihn zu lesen. Und da sie ihn las -- sehen Sie um Gotteswillen! -wird uns die Frau schier ohnmächtig. Ich kann nicht leugnen, daß mir -alle Glieder zitterten. Die Frau Schwägerinn ist nicht nervenschwach, -nein! eine starkmüthige Person, häuslich erkräftiget, gesund an Leib und -Seele: so mußte ihr der Brief hart angekommen seyn. Auch jagt der Sturm -das Laub der Espe nicht geschwinder, als das Blatt in ihrer Hand flog. -Sie ging alsbald zu Bette, und ich hatte ihretwegen eine unruhige Nacht. -Am Morgen in aller Frühe wollte ich mich erkundigen, wie sie -geschlafen: das Zimmer war noch zu. Ich kam wieder und fand es -abermals verschlossen; doch vernahm ich drinnen ein leises Gespräch und -unterschied Josephinens schluchzende Stimme. Nun halte ich Einbruch kaum -so schlimm, als Eindrängen in das Geheimniß eines Andern, und habe -mich mein Lebtag davor gescheut. Das Vertrauen muß ein Geschenk der -Freundschaft seyn, nicht aber eine milde Gabe, die der Ungestüm davon -trägt, wenn er die Gutherzigkeit überrascht. -- Ich dachte, es wird wohl -an mich kommen. Auch kam Frau Fabia, um mir zu sagen: daß sie für diesen -Nachmittag nach Bühle fahren würde. Josephine stand stumm und blaß -wie ein Marienbild daneben, und sah mich nur mit einem barmherzigen -Gesichtchen an. Und da die Mutter meinte: sie denke nicht allzuspät -wieder da zu seyn, konnte sie sich nicht enthalten zu weinen, als -sollten wir uns niemals wiedersehen. Ich sprach ihr Muth ein und sagte: -nun, wir scheiden ja nicht für ewig, mein Herzenskind! was wärs denn -auch, wenn Du ein paar Tage drüben bleiben müßtest? bin ich doch in -meiner Jugend, und noch dazu als Braut, auch bei der hochseligen Gräfinn -Frankenstern gewesen, und würde heut noch Bescheid im Schlosse wissen, -und Dir das kleine Gemach zeigen können, worin ich geschlafen. -- Das -schien dem lieben Mädchen denn traut und tröstlich zu seyn, und ein -Mehreres, werther Herr Administrator, wüßte ich Ihnen nicht zu sagen.« - -Es genügte jedoch. Der Administrator dankte zerstreut, wechselte in -gebundener Rede -- im Sinne der Zurückhaltung -- einige Worte; denn -es machte ihn beklommen, daß er gegen die herzliche Nonne nicht ganz -aufrichtig seyn dürfte. So war es ihm nicht unlieb, daß der Zufall ihm -über einen Moment hinweghalf, der sein Zartgefühl, das der Freundschaft -wie der Verschwiegenheit, in die Probe nahm. -- Er ward abgerufen, -weil Jemand ihn zu sprechen begehre. Doch als der Administrator in sein -Zimmer kam, fand er zu seinem Befremden keinen fremden Zuspruch, sondern -seinen Freund, den Major Feldmeister, der im Gleichmaß starker Schritte -auf und nieder ging. Es verändert seltsam unsere Stimmung, ob wir Besuch -in unserm Eigenthum empfangen, oder von Andern darin empfangen werden. -Demnach ließ eine gewisse erschrockene Verwunderung, gemischt mit einem -dumpfen Gefühl getäuschten Erwartens, den Administrator an der Schwelle -seines Zimmers zurücktreten, als er die Einquartierung desselben inne -ward. -- - -»Bitte nicht übel zu nehmen, Freundchen, daß ich so sans façon Eingang -gesucht --« sagte der Major, die Miene des Unmuths an Jenem bemerkend, -und ein fremdartiges Lächeln lief hurtig wie Geflügel über die Furchen -seines Angesichts, was in diesem Augenblicke einem Winterfelde glich, -matt von der Sonne beschienen. - -»Den rechten Eingang finden --« fuhr er fort, »ist schwer, und mancher -folgerichtige, bei dem wahrhaftigen Gott! taugt dennoch nichts.« - -Herr Prälat kannte seinen Freund und dessen Redeweise zu genau, um noch -eines einleitenden Wortes zu bedürfen. Eine böse Ahnung kroch an sein -Herz; aber er nahm sich zusammen, und sagte mit stoischer Stimme: »Sie -haben mir etwas Schlimmes anzukündigen, Major! fassen Sie Sich in der -Kürze, ich bitte! _ich_ bin gefaßt. --« - -Diese Voraussetzung brachte den Major aus dem Zusammenhang. In -merklicher Verwirrung antwortete er: »Schlimmes? nun ja, aber vermengt -mit Gutem, wie uns die bittersten Erfahrungen gereicht werden. Das -Schicksal ist ein Mischling, Glücklich retournirt, Freundchen? waren Sie -schon da, wie die Estafette kam? -- Sehen Sie, da habe ich mir all -mein Lebtag eingebildet, ein blasender Postillon müsse ein Glück -verlautbaren: etwa des große Loos -- die Ankunft des Königs -- oder -einen Ehrenaufzug und dergleichen. Daß eine Hiobspost mit solch -fröhlichem Gebläse kommen könne, das hätte ich nimmer gedacht. So -erinnere ich mich, daß, als ich, ein junger Offizier damals, in B-- -stand, hatten wir eine Schlittenfahrt =en Masque= mit solchem Vorklang. -Der Zug war originell genug, und wir fuhren, so zu sagen, mit Furcht und -Schrecken. Der Führer der ersten Dame, ein allerliebstes Mädchen, schön -wie das Leben, war der Tod! --« - -»Major!« sagte der Administrator in sichtlicher Pein, »nochmals bitte -ich Sie, sagen Sie mir ohne Bild, ohne Masque, Wessen Tod ich erfahren -soll? -- Mein Bruder --« - -Es wäre nicht genau zu bestimmen, ob der alte Feldmeister hierbei -nickte, oder nur das Haupt senkte, da er alle Allegorien fallen -ließ, und einfach sagte: »ja, wozu die vorbereitende Folter und ihren -ausdehnenden Grad? Sie sind ein Mann. Ihr Bruder -- ist nicht mehr, und -nur an den Ort seiner Bestimmung gelangt, um auf das Schleunigste zu -sterben. --« - -Alles Blut wich aus den Wangen des Administrators. »Großer Gott! mein -guter Constanz!« rief er mit blassen Lippen, und fühlte in diesem -herzandringenden Moment, daß Eines Vaters Blut in ihren Adern flösse. -»Nicht möglich! und an Sie, Major, ist die Nachricht gekommen?« Es war, -als ob ein leiser Zweifel in dieser Frage läge. - -»An mich!« antwortete der ehrliche Alte mit dem Vollbewußtseyn eines -wahrhaften Freundes, »mein Neffe hat es mir geschrieben, da die arme -Therese sich außer Stande dazu gefühlt, und Füßli nicht Zeit gehabt hat. -_Füßli!_ der Leichtfuß vergißt zu bemerken, Wer Füßli sey, als ob mir -wie dem Allwissenden aller Menschen Namen in mein Buch geschrieben -wären.« - -Der Major berührte hierauf in Kürze, wie? und wann? der Gemahl Theresens -gestorben sey. - -»Ich träume wohl?« fragte sein Bruder und legte die Hand an die Stirne, -auf der noch bleiches Entsetzen schwebte, »wie aber kam der -Lieutnant Feldmeister in jene ferne Gegend, und zu einer so herben -Dienstleistung?« Es war, als ob er diese sonderbare Fügung im Namen des -Verstorbenen übel nähme. - -»Sehen Sie,« erwiederte der Major, »das ist eine merkwürdige Geschichte, -und ich gäbe meine Lieblingsschmarre darum, wenn ich in meiner -Jugend Logik studirt hätte. Da könnte ich Ihnen Alles fein ordentlich -entwickeln, statt daß ich hinten anfange, vorn ein Fädchen abreiße, -- -und so weiter. Der Rudolph hat ein enormes Glück gehabt, was mir bei -dieser traurigen Gelegenheit kund geworden, und mein Glaube an die Fama -der Estafette gewissermaßen doch Recht. Die Fee Fanferlüsche -- Sie -wissen schon -- hat das Zeitliche gesegnet, und ihn zum Universalerben -eingesetzt. Das hätte der Junge wohl nicht gedacht, daß, als er die alte -Dame Wischiwaschi aus einer lächerlichen Verlegenheit empor riß, und -sie vor aller Welt Augen in den Ballstuhl setzte, sie ihn dafür für -zeitlebens jeder ernsthaften Verlegenheit überheben, und so weich -setzen würde? -- Man schätzt ihren Nachlaß auf hunderttausend Thaler. -Gleichzeitig mit diesem Vermächtniß erfährt er, versetzt zu seyn, worauf -er, wie Sie Sich vielleicht erinnern, angetragen, um nicht für einen -Erbschleicher zu gelten. So spielt der Zufall. Daß der Rudolph grade an -den Ort kommen mußte, wohin Ihr Bruder, begleitet von der lieben Frau, -seiner gesandschaftlichen Ordre folgte, scheint mir jedoch nicht von -Ohngefähr. Taugt nichts! rief ich unwillkürlich aus, wie ich das las. - -Nun verursacht großes Glück auch im besten Falle eine kleine Narrheit. -Und wie der Ritter Don Quixote ein Barbierbecken für Mambrins Helm -hielt, so sieht nun Rudolph einen Damenschuh in Allem, was ihm begegnet. -Ich glaube, würde die Armee auf Kriegsfuß gesetzt, er sähe sie auf -Pantoffeln von Silbermoor marschiren. Der Pantoffelheld! Der! --« - -Der Administrator empfand schmerzlich, daß des alten Freundes -theilnehmendes Interesse an den gemeinsamen wichtigen Mittheilungen -diesmal zu _silbern_ sey, um mit dem seinigen in Einklang zu stehen. In -diesen Augenblicken schien ihm kein todtes Metall beglückend. Er hatte -nur Gefühl für den Verlust eines so kräftigen jungen Lebens, welches der -Welt und ihren Freuden so im Umsehen entrissen worden war. - -»Ich kann es noch nicht fassen --« schob der Administrator in die Pause -jenes Ausrufs ein, und sein Ton ließ errathen, daß er von der Rede des -Freundes wenig oder nichts gehört, und während ihrer Dauer nur an den -Verstorbenen gedacht hätte. Er sah jetzt auf, in seinem erloschenen -Blicke entglomm ein Funke -- und so fragte er: »Sie meinen also, Major, -daß Ihr Neffe in Verabredung mit Theresen dort eingetroffen wäre? --« -Der Schatten, der in diesem Gedanken auf die Abwesende fiel, -verfinsterte sein Gesicht tief. Aber mit dem Eifer der Selbstentrüstung -trat der Major vor ihn hin, und sprach: »da sey Gott für! daß ich so -etwas nur gedacht, geschweige denn geäußert hätte. Oder es müßte -eine Verabredung der höheren Mächte darunter verstanden seyn, die -vorausgesehen, daß Ihr Bruder sterben, und Therese fremd und verlassen -allda, einen Freund brauchen würde, der wie mein braver Artillerist für -sie durchs Feuer liefe. -- Besinnt Euch Freundchen! es wäre ja nicht -einmal möglich gewesen; denn mein Neffe ward früher versetzt, als der -Legationsrath seine Frau von hier abholte. -- Hätten Sie Acht gegeben, -was ich gesagt: so würden Sie jetzt hören, wo ich hinaus gewollt -- mein -Schwadroniren hat mich jedoch zu weit abwärts geführt. -- Da geht der -Rudolph eines Tages über den Markt, und stößt auf einen Menschen, der -einen Schuh trägt. Jener erkennt ihn -- den Schuh nämlich -- an der -Farbe, an dem kleinen polnischen Maße; er kennt die Dame, der er gehört. -Nun läuft gleichsam dieser niedliche Wegweiser vor ihm her, und führt -ihn vor die rechte Schmiede. So ists, Freundchen. Und daß mein Neffe -nun der armen Therese beisteht, so viel er kann, ist nicht mehr als -billig. --« - -Dies Letztere sagte der Major in dem Tone löblichen Gutachtens, und -mit persönlichem Accent -- als ob der Lieutnant nur bewogen von -der Rücksicht, in welchem Verhältniß sein Oheim zu der Familie des -Hingeschiedenen stände -- sich der jungen Frau angenommen. Dennoch -konnte der Administrator ein Lächeln, so bitter als traurig, nicht -unterdrücken, als er sagte: »es wäre dessenungeachtet sehr möglich, daß -mein seliger Bruder so wie die Welt, welche er verlassen, etwas gegen -diesen Curator einzuwenden hätte. --« - -Der Major zog die Braunen zusammen, und klemmte die Unterlippe ein. Er -fühlte wohl, daß sein Freund recht hatte; wie hätte er aber das kleine -Unrecht, was in dieser Erwiederung gegen ihn selbst lag, nicht lieber -männlich verbeißen als rügen, und mit der Gereiztheit eines Betrübten -Geduld haben mögen? Er antwortete demnach langmüthig: »das hat der -Rudolph auch bedacht, und deshalb dafür gesorgt, daß Therese den Gasthof -verließe. Sie hält sich jetzt höchst wahrscheinlich auf dem Gute -der Baroninn Lenau, einer Schwester seiner Mutter auf. Dies war die -Intention meines Neffen, als er den Brief an mich geschrieben. Doch -die Hauptsache darin hätte ich beinahe vergessen. Therese läßt Sie -flehentlichst bitten, wenn es irgend möglich wäre, hinzukommen. Sie -wüßte sich nicht Rath und es gäbe Manches zu ordnen, was nur den -nächsten Verwandten zustände. --« - -Herr Prälat sah schweigend vor sich hin. Die Forderung dieser weiten -Reise von solch traurigem Anlaß, geschah zu einer Zeit, die dem -Entschlusse günstig war. Sein Herz war erschüttert, und nicht von der -Seite allein, wo der plötzliche Schlag der eben vernommenen Nachricht -es bestürzte. Die Zukunft schwebte im Ungewissen -- und es war, als wäre -der Bestand aller bisherigen Verhältnisse aufgelöst. Dann konnte Sylvius -ihn jetzt vertreten. Wer wüßte, ob er jemals eine so lange Abwesenheit -ohne Zeitverlust für sein Amt ermöglichen könnte? -- Und wie er auf -der Wage der Gedanken alles Schwierige der fraglichen Reise erwog, und -dachte, ob er sich auch stark genug dazu fände, die kalten Geschäfte -des Verstorbenen zu besorgen, und ein warmes Bad hysterischer Thränen -hinzunehmen, die Therese etwa vergießen mögte, -- fühlte er mit einem -nervösen Schauer, daß ein Leben von so verhängnißvollem Gewicht, und -in ewiger Pendel-Schwingung wie das seines Bruders, den Todten so früh -hinab ziehen müssen. In Folge dieser Betrachtungen sagte er: »seine -Rastlosigkeit -- glauben Sie es! hat den armen Constanz aufgerieben.« - -»Das sag' ich auch!« sprach der Major, »man bekam Schwindel, vom Hören -bloß. Er flog ja, wie auf Fausts Mantel --« der Hund knurrte -- »still -da! Dich meine ich nicht, mein Alterchen -- von einem Ende der Welt zum -andern. Wären wir vom Schöpfer dazu geschaffen: dann hätte er uns Flügel -gegeben wie der Schwalbe, oder uns luftig gemacht wie den Wind. So -aber sind wir Wesen mit Fleisch und Bein, und ein standhafter Prinz ist -Derjenige, der in der Tragödie dieses Erdenlebens am würdigsten aushält. --- Wir schreiten bedächtig einher, oder fahren gemächlich mit Vieren. -- -In der Schrift steht, der Herr habe nicht Gefallen an Jemandes Beinen, -noch an der Stärke des Rosses. -- Oft habe ich über diese Stelle -nachgedacht. Wenn ich die Gicht in meinem Bein spürte, da empfand ich, -daß der gütige Gott und Heiland kein Wohlgefallen daran haben könnte.« - -»Und jetzt,« sprach der Administrator, der nur wie im Dunkeln der -Gedankenreihe seines alten Freundes gefolgt war, »wo er endlich festen -Fuß gefaßt haben würde, mußte mein guter Bruder sterben!« - -»Ebendeswegen!« erwiederte der Major mit verstärkter Stimme, -»ebendeswegen starb er. Gebt Euch zufrieden, Freundchen! -- Mit aller -Hochachtung gegen den Legationsrath gesprochen; aber ein Mann der Ruhe -war er nicht, und so machte er sich mit der Schnellpost des Todes davon. -Vielleicht war dies der klügste Streich des Diplomaten, und jedenfalls -besser als ein späterer Rückzug aus dem neuen Hausstaate. Er mogte -die alte Urkunde der Liebe hervorgesucht und manchen Buchstaben darin -verlöscht gefunden haben. Zum Ehestande dieser seßhaften Charge paßte er -nur so wie der Vogel, der sich im Fluge vermählt, sein Weibchen dann in -irgend einem Neste sitzen läßt, wo dann der Teufel nicht selten ein Ei -in die Wirthschaft legt.« -- - -Hier trat Frau Fabia ein, und bei dem Anblick der frommen Domina des -weltlichen Klosterhauses erstarb das böse Princip dem alten Feldmeister -auf der soldatischen Zunge. Er grüßte, schlüpfte zur Thür hinaus, durch -ein unverständliches Murmeln andeutend, er wolle den bewußten Brief -holen -- und Herr Prälat sah sich mit seiner Schwägerin allein. Er hatte -den Wagen nicht kommen gehört, ihre Ankunft schien ihm ersehnt, obzwar -sie allein kam. Auch entsprach Fabiens Gesicht der Empfindung, welche -sie aufnahm. Der strenge Charakter desselben war einem Ausdruck von -Schwermuth und Erleichterung gewichen, der sich wechselseitig aufhob, -und ein sanftes Ineinanderfließen von Klarheit und Trübsinn über ihre -Züge verbreitete, was Zutrauen einflößte, sie werde eine schmerzliche -Erfahrung eben so wohl zu theilen fähig seyn, als zu beurtheilen wissen. - -»Es ist mir lieb, Fabia, daß Du nun da bist!« sagte der Administrator -ihr entgegen tretend; aber sein Gruß klang traurig. »Denke nur, mein -guter Bruder ist todt! und Therese ist nun eine Wittwe, wie Du!« - -Frau Fabia erschrak. Alles, was dieser Nachmittag für sie enthalten, -trat vor der Bedeutendheit dieser Worte in den Schatten; aber ein leises -Streiflicht zuckte auf ihren Lippen -- der Geist der Wahrsagung erschien -darin, und ein Gedankenblitz des Vergleichs: Therese werde nimmer seyn -wie sie. - -»Um Gott! was Du sagst, mein Bruder!« antwortete Fabia, »und wäre diese -Nachricht mehr als ein Gerücht?« - -»Diese Nachricht,« erwiederte Jener mit abgeschlossener Gewißheit in -Blick und Ton, »ist diesen Abend durch eine Estafette an den Major -gekommen. Constanz ist in der Nacht seiner Ankunft in -- an der Bräune -gestorben, und -- also erstickt!« Dies Letztere setzte der Administrator -mit erstickter Stimme hinzu. Das Wasser schoß ihm in die Augen, und -vor Fabiens Theilnahme, welche sich _mütterlich_ zu äußern pflegte, -das heißt: ob auch zartsinnig, doch überlegen -- schämte er sich der -brüderlichen Thräne nicht. - -»Denke Dir das nicht gar so schwarz --« sagte Fabia leidsam, und -bemühte sich, obgleich unverhehlt der eigenen Rührung, ihren Schwager -zu trösten. Sie machte dabei zu Gunsten einer dunklen Stunde eine Kraft -geltend, welche gewiß zu den schätzbarsten dieser oft verkannten Frau -gehörte. Fabia besaß die Gabe eines wunderbar wirkenden Zuspruchs. -Vermöge solcher Erfahrungen, die, indem sie das Leben trüben, den -Blick des Geistes schärfen, war ihr eine tiefere Einsicht in die Herzen -vergönnt, als diese sonst selten gefunden werden dürfte, wo es an -Weltkenntniß fehlt, die Fabia nicht erwerben können. -- Zuweilen sogar -sprach etwas Sibyllinisches aus ihr. Um ihrer Zuverlässigkeit willen -glaubte man an sie. Und da Fabia es für eine Pflichterfüllung ihrer -Religion hielt, sich der Betrübten anzunehmen: so versäumte sie -keine Gelegenheit es zu thun; in ihrem Benehmen lag alsdann eine -schmerzvergütende Innigkeit, deren sie gänzlich ermangelte, wo es darauf -ankam, sich mit den Fröhlichen zu freuen. Gegen den Gottesdienst der -Freude war Fabia stumpf. Und da sie im Geiste der Zerknirschung -den Spruch vor Augen hatte: »ein zerschlagenes Herz wird Gott nicht -verachten« --: so war ihr nichts von größerem Werth, sich linden und -lieblichen Wesens daran zu beweisen, als -- eine Wunde. So ging ihr des -Schwagers Leid sehr nahe, und zwar um so näher, als sie bedachte, er -traure jetzt in gleichem Grade wie um ihren Mann. Und obgleich der -verstorbene Bruder desselben ihr ein Fremder gewesen: so empfand doch -auch sie seinen Tod in einem Nachgefühl ihrer eigenen Verwittwung. - -»Mein Herr und Heiland! was ist doch das Leben!« sagte nun Fabia -beschaulicher Weise, als der Affect des Schmerzes besprochen schien, -»hier stand er noch vor wenig Wochen -- ich sehe ihn leiblich vor mir -stehen. Ich habe es Dir nicht sagen mögen und Keinem; aber der Bruder -kam mir übel vor. Es giebt einen gewissen Verfall des Aussehens, der -doch selten trügt; indeß wähnte ich, er wäre nur angegriffen von den -Strapatzen seiner Reisen, auch habe ich ihn früher nicht gekannt. Glaube -nur, Bester! das Zusammenleben mit Therese hätte nicht mehr gut gethan. -Sie waren einander entwöhnt, wo nicht gar fremd geworden. Und was ist -denn die Ehe, wenn sie Jahre zuläßt, in denen man vergnügt ohne einander -seyn kann, und nach dem Lebewohl vom Munde des Gatten nun wirklich -wohllebt? der Ehe Bund ist so enge, daß er alles Fremdartige -ausschließt, und wo Mann und Weib einander _viel_ zu erzählen haben: da -fühlt gewiß Eins für's Andre _wenig_.« - -»Du gehst zu weit, Fabia --« entgegnete der Administrator, »Tausende von -Ehegatten werden durch Pflicht und Verhältniß getrennt, und lieben sich -dennoch.« - -Darauf sprach Frau Fabia: »es mag eine Liebe geben, die in der Trennung -sogar besser besteht; aber es ist nicht die, welche ich meine. -- Was -nun Theresen anbetrifft: so dürfte ihr ehelich Gefühl schwerlich unter -den ersteren Fall zu rechnen seyn. Wer weiß, wie sehr wir Ursach hätten, -für diese Auflösung den Herrn zu preisen! -- Du weißt ja selbst, wie -verbitternd Scheidungen anderer Art --« der Faden ihrer Rede riß bei -dieser geschwisterlichen Beziehung ab, und der Administrator schaute -düster wie in eine Ferne, der Zukunft oder der Vergangenheit. - -»Was soll nun aus Theresen werden?« fragte Fabia, und wendete die -Richtung ihrer Gedanken, »ohne Vermögen, ohne einen Halt, der Lust am -Fleiß, wie jeder Geschicklichkeit ermangelnd, die da Nutzen schafft --« - -Der Administrator lächelte dieser unnützen Sorge. »Ich glaube, gute -Fabia,« sagte er mit jener Ironie der Duldsamkeit, die nur ganz schwach -eine Schwäche andeutet, »_wir_ dürfen deßhalb unbekümmert seyn. Das -Glück selbst scheint sich ihrer angenommen zu haben, und Wen dies sich -zu eigen macht, der braucht nichts als ein paar Flügel des Leichtsinns, -und diese hat Therese schon.« Und nun erzählte er seiner Schwägerinn -halblaut, was er vom Major erfahren. Er schloß mit den Worten: »so läßt -sich nun absehen, wie Alles kommen werde. Wenn es nun ein schöner -Zug von Dir ist, liebe Fabia, daß Du das Unglück achtest, und Dem -vorzugsweise freundlich bist, Den -- um in Deiner Sprache zu reden -- -_der Herr_ _heim sucht_: so laß uns Theresen mindestens nicht zürnen, -daß sie verdienstlos eine Begünstigte scheint; daß noch vor dem Verlust -der Ersatz schon Wurzel gefaßt, wie ein neuer Kinderzahn schon glänzend -dasteht, ehe der erste fast schmerzlos gebrochen. -- Auch das Glück -kommt von Gott, und wir schmähen den Geber, wenn wir vom Glücklichen -nicht glimpflich denken.« - -Mit einem bekränkten Lächeln antwortete Fabia: »o! ich will ihr alles -Gute gönnen und wünschen. Der Allwissende sieht ins Innerste, und weiß -allein, ob wir treu erfunden werden oder nicht. Daß ich mich fortan auch -der leisesten Verurtheilung enthalte: das ist gelobt. Ach mein Bruder! -welch ein erfahrungsreicher Tag der heutige! seit gestern Abend ist mein -Herz nicht aus der Presse gekommen. Ich war in Bühle -- Du weißt es. -Frankensterns sind da, und die Gräfinn hatte mir geschrieben. Sie ist -unschuldig -- und sehr unglücklich. Eine Centnerlast ist von meiner -Seele gewälzt; aber ich könnte doch nicht sagen, daß mir leicht zu Muthe -wäre; denn der Vorwurf, wie Unrecht ihr geschehen, wenn auch in Gedanken -nur, drückt mich nieder.« Und nun erzählte auch Fabia ihrem Schwager, -wie sie die Gräfinn und ihren Vater angetroffen, und wie Albane sich -erklärt, hinsichtlich jenes empörenden Verdachts. Sie endete ihren -Bericht mit den Worten: »und so hat denn mein Mann um ein Nichtiges sein -Leben verkürzt, und das meine mir verkümmert!« - -»Sieh, Fabia!« sagte der Administrator nach einer ernsten Pause, »hätten -wir _die göttliche Kraft, einem Menschen zu vertrauen_: dann wäre -uns das nagende Gefühl bitterer und fruchtloser Reue erspart, und wir -hielten uns an etwas Besseres, als an Beweise. Unsere Sinne sind falsche -Zeugen -- nur das Herz spricht wahr, in dem Glauben an das ewig Gute.« - -Ein Gedenken an Sylvius, an das, was in seinen eigensten Angelegenheiten -ihm einst das Licht dieser Ueberzeugung verdunkelt -- schwebte -schattenähnlich vor ihm auf. »Und Josephine?« fragte er mit verhaltener -Stimme. - -»Sie grüßt Dich -- grüßt Dich tausendmal!« antwortete Fabia. »Sie wird -für einige Zeit in Bühle bleiben?« fragte der Administrator abermals, -und ein Gefühl, gemischt aus Wunsch und Zweifel, ließ ihn seiner -Schwägerinn diese Antwort in den Mund legen. Aber Fabia sagte nicht ja, -nicht nein. Sie legte die Hand an die Stirne, und sprach: »was wird nun -Romana dazu sagen? Seine Frau ist ihm so nahe -- und er hat es keinen -Gewinn; die Tochter ist ihm entrückt, und er muß es geschehen lassen. -Und wenn Albane Josephine nicht mehr von sich ließe: wer könnte es -hindern? es ist einmal Ihr Kind!« - -»Wer es hindern könnte?« entgegnete Herr Prälat lebhaft und mit Wärme: -»_Du_, Fabia! unbeschadet des mütterlichen Vorrechts ist Josephine auch -Dein, durch die treue Mühe der Erziehung. Du hättest, dünkt mich, auch -ein Wort dagegen zu sagen, daß das arme Mädchen in jener unheimlichen -Umgebung verkommen sollte. Josephine ist an uns gewöhnt -- es wäre auch -hart für den armen Sylvius, wenn er ihre Nähe -- dies einzige Glück, was -er ohne Vorwurf genießt -- einbüßen sollte.« - -»Wirst Du mit ihm sprechen?« fragte Fabia mit kranker, krampfhafter -Stimme, »mein Kopf glüht und hämmert; ich werde nun gehen, und mir einen -Umschlag von Kräuteressig geben lassen.« - -Noch eine kleine Weile hielt ihr Schwager sie zurück und berieth, auf -welche gleichlautende Weise diese unverweigerliche Mittheilung an den -Freund beschränkt werden könnte und müßte. Dann eröffnete er ihr -den Entschluß zur Reise, was der nöthigen Gestalten wegen auch nicht -geeignet war, Fabiens tobenden Kopfschmerz zu beschwichtigen. Es giebt -jedoch einen Zustand des Leibes und der Seele, der die Welt in Trümmer -brechen sieht, ohne etwas mehr als aus Schwäche zu wanken. Mit diesem -wankenden Schritte entfernte sich Fabia, und Herr Prälat mogte seinem -Freunde die Ruhe der kommenden Nacht nicht stören. Ihm selbst kam und -verging sie schlaflos. Als aber der Morgen frühlingshell und heilig -erwachte, da ging aus dem Chaos seiner Gedanken ein neues Licht hervor, -und der Gott in seinem Busen ordnete die finstern Kräfte. -- - -Nachdem der Administrator nun den Brief an den Major gelesen, und sich -gleichsam mit eigenen Augen von dem Geschehenen überzeugt hatte, sah er -die darin enthaltenen Umstände wie mit andern an. Gesammelten Geistes -hatte er eine lange Unterredung mit Sylvius, und betrieb dann seine -Abreise, die in der Frühe des nächsten Tages statt haben sollte. - -Die Offiziere in Corpore kamen, um dem Administrator ihr Beileid bei dem -Hintritt seines Bruders zu bezeugen; auch die Nonne, die Repräsentantinn -der schlafen gegangenen Geistlichkeit des Stiftes, fehlte nicht, -seinem Verweser ein Wort des Antheils und der Herzlichkeit über den -Entschlafenen zu sagen. Sie äußerte sich dabei in der ihr eigenthümlich -milden Gelassenheit, die auf der Höhe des Alters und eines erhobenen -Charakters mit Ruhe dem Wechsel des Lebens zusieht. -- Veronica sprach: -»besinnen Sie Sich einmal, Frau Fabia! sagte ich es nicht immer, daß die -arme Therese noch nicht überhin wäre? solch glücklicher Leichtsinn ist -oftmals zu großer Beschwerde bestimmt, und wer immer lustig und lässig -seyn will, muß sich endlich durcharbeiten. Das Leben fordert Ernst, und -selbst das Glück ist gewichtig und trägt sich schwer, wie vielmehr das -Unglück! -- Jener berühmte Maler aus Modena, derselbe, der die heilige -Nacht gemalt hat, o wunderschöne! trug sich an einem Geldsack todt. -Wollte man Therese anspannen, fleißig zu seyn, so käme es mir vor, -als sähe ich einen Schmetterling an einer dräthernen Kette sein -Futternäpfchen ziehen, wie man Vögel abzurichten pflegt. Ich gönnte es -ihr, daß sie sich von Blumen nährte.« - -Ein wenig Wermuth bitterte auf Fabiens Lippen, da sie antwortete: -»wenn ich die Schwägerinn so eitlem Treiben hingegeben sah, so gänzlich -unbekümmert um das Eine, was Noth ist, dann dachte ich wohl an jene -Stelle in den Psalmen, die da heißt: es wird ein grausamer Engel über -Dich kommen --« - -»Das ist denn der Gasthof zum Engel für die Aermste gewesen --« -entgegnete die Nonne mit einem stillen Seufzer. Die beiden Prophetinnen -theilten sich flüsternd mit, was sie von der Zukunft der jungen Wittwe -dächten. Veronicas Schauen war ein gläubiges im Geist der Liebe, die -allen Menschen Gutes wünscht, und das Beste gönnt. Und weil das Versagte -uns das Höchste scheint, und die Reinheit des Ideals uns für den -Nichtbesitz entschädigt: so that sich der Himmel vor ihr auf, der Himmel -auf Erden, als wofür sie eine Ehe hielt, aus gegenseitiger Neigung -geschlossen. - -Der Fernblick der Frau Fabia hatte die Erfahrung für sich. Indem sie -wußte, daß eine Frau auch Tugend und Treue bedürfe, um ihren Mann auf -die Dauer zu fesseln, setzte sie das Glück in den Selbstgenuß eines -reinen Bewußtseyns, und Theresen deshalb in den Fall mancher trüben -Stunde, die sich von vergangenen Tagen herleite. - -Frau Fabia mag auf ihre Weise Recht haben. Aber eben so gewiß ist es, -daß jenes schöpferische Genie des Glückes, daraus die Poesie des Lebens, -ja, das Leben selbst hervorgeht -- in etwas Unbewußtem besteht, und daß -die Erfüllung unserer Pflichten nicht hinreicht, uns selig zu machen, -hier und dort. -- - -Unter den Pensionairen des Klosterhauses von Sanct Capella hatte -nur Einer keine Notiz von dem traurigen Ereigniß genommen: Hauptmann -Moorhausen, und der Administrator, trotz seiner Zerstreuung, ihn doch -vermißt, da der gutmüthige Fabulist einer wahrhaften Theilnahme an -Allem, was diese Familie betraf, sonst nie zu ermangeln pflegte. - -Gegen den Abend -- Sylvius de Romana war von einem einsamen Spaziergange -in die Wildniß des Waldes noch nicht zurück -- Frau Fabia für ihren -Schwager mit Einpacken beschäftiget, und Herr Prälat allein in seinem -Zimmer, um einiges Nöthige für seine Abwesenheit zu besorgen; da trat -der Hauptmann bei ihm ein. - -Obgleich Jener verdüsterten Blickes von seinem Schreibpult aufsah, als -ob der Flor um seinem Arm ihm vor den Augen läge, so bemerkte er doch, -er sähe den Hauptmann in der Staatsuniform. Die weißen Glaçee-Handschuh, -blendend neu, doch mit einem gelblichen Schein vom langen Liegen -- -glänzten leichenförmlich mit gekreuzten Fingern auf dem Invalidenstocke, -und deuteten trauerfeierlich auf den Tact der Condolenz, da von -festlicher Eleganz anderer Art hier nicht die Rede seyn konnte. Seine -Miene drückte den Anstand des Bedauerns, und einen Hinterhalt von -Selbstgefälligkeit und Absicht aus. Er versicherte seine Theilnahme, -und gemahnte in dem allegorischen Schwunge, den er dabei nahm, an die -Sprache eines altmodischen Neujahrswunsches, der unter seiner Vignette, -gepreßt mit den Insignien der Zeitlichkeit, einen Amor mit flammendem -Herzen verbirgt, das im Verhältniß seiner Größe zu dem kleinen Gott -jenes zwanzigpfündige anschaulich machte, wovon er einst erzählt. - -Der Administrator dankte in Kürze und lächelnd. Er erkundigte sich nach -des Hauptmanns Befinden und sagte, daß, da er ihn diesen Morgen unter -den andern Offizieren nicht bei sich gesehen, er beinahe gefürchtet, -Jener, welcher bisweilen an krampfhaften Zufällen litt, hätte sein -Zittern wieder bekommen. - -Der Veteran erröthete, faßte unter die straffe Halsbinde, räusperte sich -und sprach: »=au contraire=, Werthester! ich war nie gesünder, und fühle -mich wie verjüngt. Meine Natur --« »ist vortrefflich; ich weiß es --« -unterbrach ihn der Administrator, der sich heute nicht stark genug -fühlte, den Kampf mit dem Riesen dieser Imagination zu bestehen. - -»Von Zittern keine Spur --« setzte der Hauptmann die Ruhmrede seiner -Gesundheit fort, »und nur aus einem festen Grundsatze kam ich nicht -früher. Mir widersteht die übliche, oder vielmehr _üble_ Sitte, daß -man mit seiner Theilnahme zudringlich werde, und =en Masse= über Einen -herfalle, dem ein Trauerfall begegnet ist. Leidtragende mögten auf diese -Weise unterliegen -- und Delicatesse in der Freundschaft geht mir über -Alles.« - -»Sie ist die Grazie des Gefühls --« entgegnete der Administrator wie mit -trübem Spott; doch konnte er nicht umhin, in dem, was Moorhausen gesagt, -zum erstenmale etwas Wahres zu finden. - -»Grazie! ja, auf Ehre!« antwortete jener, »das ist das rechte Wort.« -Und das fletschende Lächeln, womit er es aussprach, gab den -Inbegriff weiblicher Anmuth in die widrige Gewalt eines Fauns. »Diese -Eigenschaft,« setzte er mit Grimasse hinzu, »ist jedoch nicht Jedermanns -Sache, und ich glaube, ihr verdanke ich es allein, daß mir alle Leute -gut sind. Ich muß etwas Anziehendes an mir haben -- wo aber steckt es? -dachte ich oft. Mir selbst unerklärbar. Als ich ein Knabe war, schenkte -mir eine alte Pathe einen Magnet, in Gestalt einer Seejungfer -- wir -können nicht ableugnen, in manchem Sinnbild wirkt Magie. Mein Glück bei -dem schönen Geschlecht war enorm -- ich könnte Ihnen zum Erstaunen davon -erzählen.« - -Herr Prälat entsetzte sich vor dieser Möglichkeit und sprach hastig -in jener flüchtigen Tonweise, die nicht zweifeln läßt, man wünsche -verschont zu bleiben: »zu besserer Zeit, Capitain! ein andermal wird mir -das viel Vergnügen gewähren.« - -Doch nichtsdestoweniger verfolgte dieser Unabweisliche den Lauf der Rede -wie folgt: »die Weiber -- ich sage Ihnen --« - -»liefen davon?« fiel der Administrator mit verzweifelndem Humor ein. -Der Hauptmann stutzte betroffen, und jener setzte vergütend hinzu, »ich -meine, aus Furcht vor dem Sieger.« - -»Ah so!« antwortete der Cäsar des Invalidencorps, zufriedengestellt, -»diese kleinen Feinde wissen sich in ihren Waffen zu behaupten. Doch -Wer sich stark fühlt, der hüte sich nur vor einer Delila, die ihn an die -Philister verräth. Auch dem niedlichsten Satan hätte ich mich nicht bei -einem Haare fassen lassen. -- So oft ich sogar auf eine Dame im Spiel -pointirte, Tausend gegen Eins: ich gewann. Aber ein Mann von Ehre -benimmt sich auch discret, wo er gewiß ist, sein Fortüne nicht zu -verfehlen.« - -Der Administrator warf einen vielsagenden Blick auf den kahlen Scheitel -dieses Simsons, und rief mit einem stillen Seufzer das Glück an, statt -seiner ein Thor der Erlösung zu erschüttern, daß er frei würde. Es -verließ sofort seinen Prahler, der den Stuhl heran schob, als wolle er -dem Zwecke seines Besuchs näher kommen -- und entrückte ihm das Ziel. - -»Jetzt freilich,« sprach der Hauptmann, »habe ich manchen bedenklichen -Augenblick, daß ich die Gunst der Gelegenheit mir entfliehen ließ. -- -Was nützt mir all' mein aufgespartes Vermögen? mein schönes Geldchen, -und mein Gut? ich genieße es allein. Das macht grämlich vor der Zeit. -Ich bedürfte Jemandes, der mich erheiterte.« - -Der Administrator lächelte ein wenig skoptisch, indem er erwiederte: -»Wer so Viel in sich trägt, wie Sie, dächte ich, kann kaum in den Fall -kommen, durch Gesellschaft zu gewinnen.« - -»Den Teufel auch, mein Freund!« antwortete der martialische Moorhausen, -durch den leisen Stich, der ihm schmeichelnd versetzt worden, -empfindlich gereizt. »Ein Mann von so ungeheuern Erfahrungen wie -ich, ist nur um so mehr einsam, und bedarf seines Gegensatzes, eines -kindlichen Wesens, dem er imponirt, das er glücklich macht, und welches -ihn ergötzt -- und so habe ich denn längst reiflich überlegt und erwogen --- Hm! Hm! es wäre das Zuträglichste für mich, ich heirathete. Nur -schwankte das Schiff meiner Gedanken, nach allen Richtungen der -Windrose; ich wußte nicht recht, wohin mich wenden? bis ich denn endlich -wie durch einen plötzlichen Ruck fest in meiner Wahl geworden bin.« - -Der Administrator starrte den Hauptmann an. Er dachte an eine -Windsbraut, und wie das Schifflein, dem darnach gelüstete, vermuthlich -auf eine Sandbank gerathen wäre. So sprach er nicht ohne einen Blick -mitleidigen Ernstes auf den kühnen Segler: »Heirathen? Sie scherzen, -Capitain.« - -»Nicht daß ich wüßte --« antwortete Dieser, und zog die Stirn kraus. -»Mir ist wahrhaftig in Gott! nicht spaßerlich zu Muthe. Auch wäre das -zur Unzeit, Freund! weil aber die rechte Zeit treffen, ein Punkt ist, -den ich stets im Auge gehabt -- weshalb man mich auch beim Regiment _den -glücklichen Zieler_ zu nennen pflegte: so zog ich mich diesen Morgen -in mein Zimmer zurück, und wartete bis jetzt. Ist das Gemüth einmal -afficirt: so wird auch der beste Mensch leicht in Harnisch gebracht -gegen eines Andern Anliegen. Man sagt: Weilen bringt Gefahr; aber die -Eile thut es nicht minder. So erinnere ich mich, daß als meine Mutter im -Sterben lag -- es dauerte lange, und es ist schrecklich, daß auch Leute -von Rang so ringen müssen -- kamen Schlösser, Schreiner, und so weiter --- um die Arbeit für die Leiche, die es noch nicht war, zu erbitten. -Darob ergrimmte mein Vater dergestalt, daß er einen jener armen -Handwerker, die um das liebe Leben zu fristen, dem Tode vorausgeeilt -waren, beinahe gemißhandelt hätte. -- An diese Scene mußte ich -unwillkürlich denken, da ich Anstand nahm, früher als in diesem -Augenblick mich Ihrer gütigen Fürsprache bei der Wittwe Ihres Herrn -Bruders zu versichern. Uf! nun war's heraus. --« - -Der Administrator zweifelte jetzt nicht mehr, daß Moorhausen den -Verstand verloren hätte. Er meisterte daher sein sprachloses Staunen, -und indem er in diese fixe Idee einzugehen schien, sagte er so -vernünftig als möglich: »in der That, Sie fühlen fein; es wäre wirklich -ein Stückchen Arbeit, was Sie in Theresens Hand ansprächen. --« - -Ein Lächeln der Selbstzuversicht verklärte den alten -Ehestandscandidaten. »Sie meinen,« sprach er, »die schöne Frau würde mir -den Kopf warm machen? thut nichts. Die kleine Hexe hat mir's angethan -- -werde schon mit ihr fertig werden. Eine Gardinenpredigt hält Die nicht, -dafür stehe ich Ihnen. Und diese fatale Theologie macht nur verstockte -Sünder und Langeweile. Wir liefern kleine Gefechte, allerliebste -Scharmützel. Sie giebt mir Eins drauf -- ich aber liebe das.« »Capitain -Moorhausen,« versetzte Herr Prälat, dessen Stimmung nicht darnach war, -diesen Unsinn länger auszuhalten, »Sie sind ein eben so einsichtsvoller -als expediter Mann. Wie zeitig Sie auch in dieser Angelegenheit kommen, -ich habe dennoch Grund zu glauben, es geschähe in jedem Sinne _zu spät_. -Sollte meine Schwägerinn sich wieder verehelichen: so steht ihr der -Mann, den sie wählt, zweifelsohne schon zur Seite. --« - -Dem Hauptmann entfiel der Stock, sein Gesicht verlängerte sich -zusehends. Der Administrator bückte sich nach dem Bambus, und legte -ihn in die Hände, an denen jenes erwähnte Zittern sichtlich zu werden -anfing. Und mit unverkennbarer Redlichkeit redete er sofort: »sehen Sie -diese zutrauliche Erklärung meiner Seits nicht für einen Korb an; -auch reiche ich Ihnen hiermit nicht den Stab zum Weitergehen in dieser -Absicht. Nein! nur einen Stützpunkt auf dem einsamen Gange, der unter -manchen Umständen, und in gewissen Jahren auch sein Gutes hat. Zuweilen -borgt der Geist der Lüge die göttliche Stimme, welche einst sprach: es -ist nicht gut, daß der Mensch allein sey.« - -Der Hauptmann verstummte. Er bat nur noch, daß sein Vertrauter auch -schweigen möge. Die Glaçeehandschuh platzten bei dem Händedrucke -des Abschieds, den er bald darauf nahm. Der Krampf zog ihm die Brust -zusammen, das Herz schlug Chamade. Er ließ die Flügel tief hängen -- -und selbst der kleinste Querpfeifer bei seinem ehemaligen Regiment würde -diesen Preiswürdigen jetzt nicht »den glücklichen Zieler« genannt haben. - -Josephine war nur ein paar Wochen in Bühle. Obgleich -- nach der -Zeitrechnung des Geistes -- fast kein Augenblick verging, in welchem -ihre Gedanken nicht hinüber schwebten nach St. Capella und weiter -noch, da sie ihren Schutzfreund auf Reisen wußte --: so machte doch ihr -jetziger Aufenthalt sein Recht auf dies empfängliche Gemüth geltend. -Die traumhafte Stille des Schlosses, der melancholische Reiz seiner -Umgebungen, die einsiedlerische Schwermuth der Gräfinn, die selbst -der Umgang ihres liebenswürdigen Kindes nicht zerstreuen konnte -- die -unheimliche Welt ihres Vaters, welche schweigsam die magischen Kreise -zog, wirkte, vereint mit der Stimme der Natur, auf das junge Mädchen, -dessen Herz jedem tiefen Eindruck offen war. Der Frühling hatte sich -indeß entfaltet, und prangte in völlig aufgeschlossener Schönheit. Auch -in die dumpfen Zimmer und Säle des herrschaftlichen Hauses von -Bühle drang sein milder Hauch, und die warmen Sonnenschatten von den -aufknospenden Blättern der Linde spielten an den kalten Wänden, und -mischten ihren lebendigen Schein mit dem todten Ernst der Ahnenbilder. -Der Brunnenstrahl blitzte vielfarbig, wie ein Ueberfluß von Diamanten, -und sein eintöniges Rauschen weckte eine Quelle der Ahnung in dem Herzen -seiner düstern Anwohner, und floß mit dem Strom von Lust, Leid und Leben -zusammen, der die verjüngte Schöpfung schwellte. An einem der schönsten -Abende hob Graf Frankenstern den Blick vom Boden auf, über den die Sonne -lange goldene Brücken schlug, so daß die Möglichkeit ihm einleuchtete, -sie zu passiren. -- Er hatte den lieben langen Tag mit so tief gesenktem -Auge vor sich hin gesehen, als wolle er das Räthsel des Daseyns -ergründen; doch als jetzt das himmlische Licht über diesen Abgrund -schien, verlangte er, Josephine solle ihn in den Garten führen. Dies war -unerhört. Seit Jahren hatte der Graf keinen Spaziergang gemacht, und -nur den Sitz im Sessel mit dem Polster der Kutsche vertauscht. Freudig -gehorchte das Mädchen, und reichte schnell, ehe der Vorsatz ihn gereue, -Hut und Stock dar, und schlang ein kleines Tuch von Persischer Seide zur -Fürsorge um seinen Hals. Die Gräfinn wollte nachkommen. - -Vorsichtig leitete Josephine den schwachen Greis die Treppe hinab, und -unterstützte ihn zart, doch jugendkräftig. Seine gleitenden Schritte, -das fühlbare Wanken des verfallnen Körpers bewegten ihr das Herz im -Busen, und ihr elastischer Fuß ging so langsam als möglich. Der -Bediente öffnete das eiserne Gitterthor und geleitete seinen Herrn mit -theilnehmenden Blicken von ferne. Sie traten in den grünen Bezirk. Alles -stand hier noch unverändert; nur die jungen Bäume waren groß und stark -geworden, seit der Graf sie zum letzten Male gesehen, einige hingen voll -Blüthen, und schimmerten mit weißröthlichen Büscheln lieblich zwischen -dem finstern Gehölz. - -Josephine athmete tief -- und ein leiser Seufzer, ein Odem von langem -Weh, schwebte auf den stummen Lippen des Grafen, und vermischte sich mit -der Wonne der süßen, ambrosischen Luft. Beinahe taumelnd vor Schwäche, -strebte der Graf doch weiter und weiter, obgleich Josephine ihn -bescheiden aufmerksam machte, es mögte ihm für's Erste wohl zu viel -werden. So waren sie an einen Platz gekommen, der eine schöne Aussicht -bot. -- Unter einer breitästigen Esche winkte ein weißer Gartenstuhl, so -hart und kunstlos, als hätte ihn ein Eremit geflochten -- zur Ruhe. Der -Graf ließ sich mit Hülfe seiner Führerinn darin nieder, und Josephine -setzte sich schmeichelnd zu seinen Füßen. Es war eine kleine Anhöhe. Der -Wind kräuselte sanft das grüne Meer der Saat, ein lindes Säuseln, -wie von Geisterflügeln, regte sich in den Wipfeln des Baumes. Eine -ahnungsvolle Stille rings umher! -- Der Graf senkte das Gesicht, um sein -Auge an dem frischen Anblick zu stärken. Er sah die Ernte im Geist --- und die dünnen Halme seines Haupthaars weheten silberweiß auf und -nieder, als wäre das Feld nun reif und der Schnitter in der Nähe. - -»Die Welt ist doch schön!« sagte er nach einer beschaulichen Pause, -»wenn das Leben so hervorgeht, und Alles wach wird: _wach_!« Und mit -fallender Stimme setzte er scheu und furchtsam hinzu: »gehst Du gern -schlafen, mein Kind?« -- - -Josephine fuhr aus träumerischem Sinnen empor. Sie antwortete: »ich? -wenn ich müde bin, sehr gern. Der Schlaf, die Ruhe der Wesen, ist etwas -recht Holdes. In sanfter Betäubung stärkt sein Labsal. Wer mögte ihn -nicht lieben, diesen Wohlthäter? -- Auch beunruhigt mich nie ein böser -Traum -- höchstens träume ich seltsam. In der verwichenen Nacht wärmte -ich einen Schneekönig an meiner Brust -- der war erstarrt; plötzlich -flatterte er auf, und verschwand in den Wolken -- und traurig sah ich -ihm nach.« - -»Schneekönig?« erwiederte der Graf, »das ist ein kleiner Vogel, nicht -wahr?« Und wie aus einem Geklüft seines Gedächtnisses tönte ein -Echo jener Stelle: »der Mensch wird geboren zu leiden, wie die Vögel -schweben, emporzufliegen.« -- In vergleichendem Sinne sagte er: »die -Vögel des Waldes sind glücklicher daran als wir; sie steigen aufwärts -mit fröhlichem Gesange -- die Tiefe nur ist still und schrecklich. Wer -aber schläft, ist allein, ist in Gefahr, und schließt sich sein Auge, -dann --« Josephine sah mit offenem blauen Auge zu dem Greise auf, der -unter einem Schauer verstummte, ehe er noch ausgeredet hatte. Sie sprach -mit leidsamem Widerspruch: »das will mir nicht so vorkommen, lieber Herr -Graf. Die Menschen sind einsam, und daß sie es _wissen_, ist ihr größter -Schmerz. Wer aber schläft -- und wäre es auch im Grabe -- genießt -unbewußt Frieden, und Gott schützt den Schlummer des Gerechten! --« - -Graf Frankenstern schien sichtlich erschüttert durch diese Rede des -Mädchens. Mit zitternder Lippe wagte er etwas auszusprechen, was ein -halbes Säculum nicht laut in ihm geworden war: das Bannwort seines -Dämons. Er sah Josephine dunkeln Blickes an, und sagte: »so fürchtest Du -Dich nicht vor dem -- Tode -- mein Kind?« - -Ein unsterbliches Lächeln verklärte mit der Abendsonne zugleich -Josephinens reine Züge. »Nein! gewiß nicht!« versicherte sie mit -Innigkeit. »Ich halte dafür, der Tod sey ein verkannter Engel; kein Bote -der Schrecken. Er kommt ja auch nur auf Gottes Geheiß: wie sollte er -einer kindlichen Seele nicht willkommen seyn -- früh oder spät! -- Das -kleinste Blümchen zerstiebt, und wenn seine Zeit da ist, erblühet es -auf's neue; die Sonne geht unter und schöner wieder auf, und das -Herz, welches selbst im Traume den kleinen Schneekönig erwärmt, sollte -erstarren -- und nicht für den Himmel schlagen? -- Könnte ich glücklich -machen, Alle, die ich liebe, ich gäbe gern die kleine Blume meines -Lebens hin.« Ein paar Thränen rollten, als Josephine dies sprach, von -ihren Wangen, und der Thau auf einer jungen Rose glänzt nicht schöner. - -Dies war der wunderbare Moment, der eine gequälte Seele erlösete. Der -Graf athmete auf mit leisem Stöhnen, wie Einer der erwacht, und sprach: -»ich sehe ein, daß Du recht hast, mein Kind, und wie bleiern meine Augen -geschlossen gewesen. Mir ist, als ob ein Gespenst verschwände -- als ob -es Morgen würde. Mir ist recht klar. Nun will ich erst noch einmal zu -leben anfangen. Sieh! was dort so golden funkelt, ist das nicht Sanct -Capella? vorhin erkannte ich es deutlich. Wir wollen nun nächstens -einmal hinüber fahren.« Josephine lächelte wehmüthig, und das Herz war -ihr unsäglich schwer. »Und glaubst Du wohl,« fragte der Greis abermals -nach einer stillen Weile, »daß ich die Abendglocke höre?« Dem Mädchen -kam ein Grauen an: es war fast unmöglich in dieser Entfernung. »Ich bin -doch müde von dem kurzen Gange,« sagte er mit matter Stimme, »laß mich -ein wenig an Dich lehnen -- oder ist Deine Brust auch krank? --« - -Josephine umschlang mit weichem Arm seine Schulter, und drückte das -sinkende Haupt sanft an sich. Sie schwieg bange, und schaute geängstet -aus, wo die Gräfinn nur bleiben möge? Da kam Albane. Das leichte -Rauschen ihrer Schritte, den Gang, der ihm so treu durch die Wüste des -Daseyns gefolgt, vernahm ihr Vater noch einmal. »Mir däucht, ich sähe -meine Frau --« stammelte er kaum verständlich, »warum sprichst Du -so leise? -- --« Und jetzt sprach der Graf nicht mehr, und athmete -schwächer und schwächer. Die Gräfinn knieete in's Gras und faltete die -Hände; ihr Gebet war ein unaussprechlicher Seufzer. Josephine glühte -wie eine Fackel. Angst und Abendschein gaben ihr die flammendes Gestalt -eines Cherubs. Sie glich dem Genius des Todes, wenn er sich des müden -Menschen erbarmt: dem Sinnbild ihrer eigenen Vorstellung. Mit bebender -Hand streichelte sie den kühlen Scheitel, den der Gedanke verließ, und -dessen Sinne schon geschlossen waren. Sie legte den Finger prüfend an -den Puls der Schläfe, und fand ihn stockend -- nun stand er stille. - -»Er ist gestorben --« sagte Josephine mit der allerleisesten Stimme, als -könnte ein Laut ihn wecken. - -Albane schwieg noch immer und weinte nur heftig. So blieb die Gruppe -lange in heiligem Verstummen. - -Jetzt schlief Josephinen der Arm ein; denn der Todte ward starr und -schwer. Sie lehnte ihn zurück in den Sessel, und die Seinen schauten nun -in sein erblaßtes Angesicht. - -»O mein Vater!« sagte die Gräfinn mit heißen Thränen, »kann man leichter -und schöner sterben, als Du? Dein ganzes Leben war nur eine Flucht vor -Dir selbst, eine Furcht vor dem Tode, und freundlich erschien er Dir, -und ereilte Dich zu lieblicher Stunde.« In zerrinnenden Bildern sah -Albane sein hartes Geschick und was sie mit ihm ertragen. Und so ergoß -ihr gepreßtes Herz sich in den bekannten Strophen: »schlummre wohl -indeß, du träge Bürde seines Erdengangs! ihren Mantel deckt auf Dich die -Nacht, und ihre Lampen brennen über Dir im heil'gen Zelte. -- « - -Es schien der Gräfinn bedeutsam, daß ihr Vater unter einer Esche -verschieden wäre, welchem Holze dieses Baumes man eine wundstillende und -schmerzheilende Kraft zuschreibt. -- - -Die Sterne brannten schon am Himmel, und ihr feierliches Licht fand jene -Gruppe noch unverändert. Jetzt fing die Abendluft an kühl zu werden; die -Gräfinn erschauerte in jenem Frösteln, welches man nur in der Nähe des -Todes empfindet, und auch Josephinens blühende Wange war sehr blaß. --- Auf einen Wink der Ersteren ward der weiße Gartensessel mit seinem -stillen Inhaber sacht und sanft aufgehoben, und nach dem Schlosse -getragen. Hier ließ man die Vorhänge tief herab, und die entseelte Hülle -auf ein Lager nieder. Viele Kerzen wurden angezündet, auf daß es hell -würde um den allerdunkelsten Schlaf. Albane und ihre Tochter setzten -sich zu beiden Seiten des Verstorbenen, und blieben die Nacht hindurch -bei ihm, weil sie fürchteten, er könne im Starrkrampf liegen. Hätte der -Graf dies vorausgesehen: der traute Anblick dieser ersten Nachtwache -würde ihn sein Lebelang beruhiget haben. An der Kerze, welche ihren -geheimnißvollen Schein auf seine schweigsamen Züge warf, blühete ein -glimmender Brief -- dies Auge aber war geschlossen, und las keinen -mehr. Es hatte sich für jenen Freibrief geöffnet, der nicht mit Dinte -geschrieben ist, oder Funken, oder in den rinnenden Sand der Zeit, -sondern mit dem Geiste des lebendigen Gottes. - -Draußen erwachte der Gesang der Lerche, und vor der goldnen Leuchte des -Tages erbleichte das nächtliche Licht. Ein purpurner Schimmer breitete -sich mählig über den Leichnam aus -- da verließ ihn die Gräfinn unter -den Flügeln der Morgenröthe, und begab sich zur Ruhe, deren ihre -erschöpften Kräfte bedurften. Auch Josephine wankte von hinnen, zu -versuchen, ob sie ein wenig schlummern könne? doch ihre Pulse klopften -wie im Fieber, und das Herz schlug hoch und ängstlich unter dem weichen -Sterbepfühl ihres Großvaters. - -Wie Albane es sich im Stillen gelobt: so geschah es. Die Section des -Grafen ward, nachdem der Arzt die Auflösung desselben dargethan, ohne -Geräusch vollbracht, und dann -- da kein eigentliches Familienbegräbniß -in Bühle vorhanden war, sein sterblich Theil in Sanct Capella -beigesetzt. Das Herz ihres Vaters aber blieb, in einer Urne verwahrt, -ihr Eigenthum. -- Um jedes Aufsehen zu vermeiden, ging die Bestattung -zu später Zeit vor sich, und nur das Heer der Sterne gab dem düstern -Leichenzuge Glanz und Geleit. Still, wie der Thau der Nächte sinkt, -fielen Albanens Thränen, und Josephine dachte mit Wehmuth daran, wie -der Graf wenige Augenblicke vor seinem Abscheiden von der Fahrt nach dem -Stifte gesprochen. -- - - * * * * * - -Nachdem der Administrator seiner brüderlichen Pflicht vollkommen und -nach bester Einsicht genügt, kehrte er, zufrieden mit dem Abschluß -dessen, was ihn hierher gefordert, nach seiner Heimath zurück. Auf -der langen Reise hatte er Muße, über dies Fragment seines Lebens -nachzudenken, und auch die tiefsinnige Neigung dazu. Seine Brüder -waren nun beide todt. Die Beschäftigung mit den Papieren des -Jüngstverstorbenen hatte ihn dem Constanz inniger verschwistert, als -das Vermächtniß der mütterlichen Natur ihn jemals fühlen lassen, daß sie -ihnen Einen Vater gegeben. Er nahm ein besonderes Gefühl von Einsamkeit -mit hinweg -- er stand nun allein. Wunderbar genug war Therese, welche -länger als zwei Jahre in häuslicher Verbindung mit ihm gelebt, ihm fast -entfremdet worden, im Gegensatz zu der Erfahrung, nach welcher eine -Auflösung durch den Tod Familienbande selten erschlafft, sondern sie -vielmehr enger zieht. Auch hätte die Weite den Verknüpfungspunkten ihrer -gegenseitigen Anhänglichkeit wohl am wenigsten geschadet. Ein anderer -Schutzfreund nahm sich ihrer innigst an, und solch ein Edelstein -für weibliche Fassung ist immer ein Solitair. Diese Regel ist ohne -Plural. -- - -Es lag nicht in Theresens Wesen, Schmerz zu heucheln, mit Thränen Prunk -zu treiben, oder sich in der Rolle einer Artemisia zu gefallen. Mit -bewundernswürdiger Gewandtheit veränderte sie den Faltenwurf des -Trauerflors, und verhüllte nur ganz leicht die Brust, voll von dem -Wunsche, das Leben möglichst zu genießen, und kaum die Blöße der -flatterhaften Schultern, welche keinen Kummer tragen könnten. So hatte -die schöne leichtsinnige Frau es ihrem Schwager keinen Hehl, daß sie, -sobald der Anstand es nur irgend erlaube, den Lieutenant Feldmeister -heirathen werde, und sich von diesem Bündniß des Glückes Fülle -verspreche. Mit jenem entziffernden Instinkt der Schlauheit, welche -unser Geschlecht in den geheimsten Zügen eines Männerherzens lesen läßt, -verschwieg sie ihm die Leidenschaft, welche diese Bürgschaft leistete, -und sprach nur von den soliden Eigenschaften des künftigen Gatten, von -seinem Erbvermögen, was sie über jeden Mangel hinwegsetze und sicher -stelle; als ob sie darin die Gewähr fände, welche zunächst auf dem Grade -ihrer eigenen Zuverlässigkeit beruhete. - -»So dürfen wir auch hoffen,« setzte Therese wie zum Facit der -aufgezählten Summe ihrer Hoffnungen hinzu, »daß die gute Baronin uns ihr -schönes Gut vermache. Sie hat schon ein Wörtchen davon gemunkelt. Dann -lebe ich den Sommer über hier, glückselig wie eine kleine Fee in -meinem Blumenreiche. Den Winter aber bringe ich in der Stadt zu. Eine -Offiziersfrau steht immer ein wenig auf freierem Fuß, auf halbem Sold -ihres Standes gleichsam, und ist von den Philistern entlassen. -- Sieh! -so geht bei uns das Sprüchwort in Erfüllung, wo Tauben sind, fliegen -Tauben zu.« - -Der Administrator hing schweigend an diesem geschwätzigen Munde, dem -er so oft ein willigeres Ohr geliehen -- und sprach jetzt wie von einem -plötzlichen Ingrimm überrascht: »nun so spanne Deine Tauben vor den -Wagen der Liebe, und sorge, daß ihrer keine der Geier hole.« - -Therese sah ihren Schwager betroffen an. »Bist Du mir böse, Cölestin?« -fragte sie, scheu geworden, »und dem Rudolph bist Du wohl auch nicht -gut?« - -Herr Prälat verneinte mit Hitze jede Animosität gegen den Nachfolger -seines Bruders, und sagte dann: »wie sollte ich Dir zürnen, Therese? Du -bist ein Weib! --« Er lächelte bitter. Es lag viel herbe Wirklichkeit in -diesem Lächeln, der Zauber jener kleinen einschmeichelnden Gaukeleien, -die das Urtheil eines Mannes so leicht verblenden, war verschwunden. -- -Er nahm einen kühlen Abschied von der künftigen Frau von Feldmeister; -Theresen aber schossen ein paar warme Thränen in die Augen. - -Die Baroninn Lenau empfand, vermöge der Sympathie ihres Geschlechts, den -Kaltsinn, der ihre Schutzbefohlne betrübte, und sagte, als diese weinte: -»das ist nun nicht anders, meine Goldtochter! wenn das Kind todt ist, -hat die Gevatterschaft ein Ende.« Theresen aber fiel der Taufstein auf -das Herz. -- - -Der Administrator hing, wie wir bereits erwähnt, seinen stillen -Betrachtungen nach. Wie anders erschien ihm Therese als sonst! Nicht -der Bruder ihres Mannes war in ihm gekränkt, sondern der Mann im -Allgemeinen. Er bedauerte es nun nicht mehr, daß ein mitleidiger Tod den -armen Constanz einer schlimmeren Verkältung entrissen. Er dachte an -die Worte des Majors. Dabei konnte er nicht umhin, mit inniger Achtung -Fabiens zu gedenken. Er gestand sich, daß der pflichtgetreue Sinn einer -Frau wohl die Gabe aufwöge, den Augen eines Mannes zu gefallen, und -Theresens Liebreiz sank gegen den charakteristischen Gehalt ihrer -Schwägerinn tief in der Wagschale. -- Doch man vergesse nicht, daß -Therese _abwesend_ war. -- - -Wenn nun Fabiens Gatte die Augen auf immer vor einem Phantom -geschlossen, und Theresens Gemahl einem Schatten nachgejagt, der ihn vor -der Zeit ins Grab stürzte: so mußte die philosophische Selbstfrage -in dem letzten der drei Brüder entstehen: von welchem Geist und Wesen -_sein_ Streben sey? Er stieg bis in die Gründe seines Herzens hinab, und -was er da gefunden, wollen wir einstweilen auf sich beruhen lassen. -- -Dort lag seine Jugendliebe unter tiefem Schutt in sich selbst zerfallen; -aber der Glaube an diese göttliche Kraft stand noch fest, und die -Freundschaft unterstützte ihn, wenn gleich als Kummersäule. Die -Nachricht von der Ankunft der Gräfinn hatte seinen Freund Sylvius außer -sich gesetzt, und der Administrator ihn in dieser äußersten Aufregung -verlassen müssen. Jetzt dachte er bekümmert darüber nach, was aus -diesem ganz einzigen Verhältniß nun werden solle? -- In den zartesten -Beziehungen hing ein Theil seines eigenen Glückes davon ab -- und nicht -der kleinste. - -Mit aufgehobenem Gleichgewicht seiner Empfindungen kam er in Sanct -Capella an, und das Erste was er vernahm, war: daß Graf Frankenstern -unterdessen ein stiller Bewohner des Stifts geworden sey. Der Verweser -desselben erschrak über diesen Verwesenden; denn daß Gräfinn Albane nun -wegziehen und ihre Tochter mit sich nehmen würde, war die natürlichste -Ideenfolge; aber sie führte ihn traurig ein. Er trat in das Kloster wie -in eine Einöde. Seine Wohnung däuchte ihm unsäglich weit, und so war -es ihm im Stillen lieb, daß er am Abend seiner Heimkehr mit Fabia nicht -ganz allein wäre. Der Major und Schwester Veronica kamen, den Wirth -des Hauses willkommen zu heißen. Der Administrator stattete Bericht ab, -jedoch in Kürze, und hier und da sogar abgerissen. Fragen der Frauen, -querfeldeingeschoben, konnten den Zusammenhang nicht durchaus ergänzen, -wie sehr es auch der apostolischen Fabia zuwider war, daß ihr Wissen, -wie das unser Aller, nur Stückwerk seyn solle, und wie auch Veronica, -die fromme Tochter der Kirche, ihre Abstammung nicht verleugnete, und -sich diesmal als Evens Tochter bewies. Wir sprechen die gute Nonne -selig, aber von der Erbsünde einer kleinen Neugier gar nicht frei. -- - -Herr Prälat lief flüchtig über die Vorgänge der Krankheit und über den -Hügel hin, darunter sein Bruder schlief, und hielt sich nur etwas länger -bei dem Glück des jungen Feldmeisters und dem Gute der Baroninn auf, was -auch zu diesem gehörte. Von Theresen sprach er vermeidlicher Weise -so wenig als möglich. Man nahm das Geschick dieser Beiden als ein -entschieden gepaartes an, und stellte unter mancherlei Bemerkungen -dieser Ehe das Prognosticon. - -Der Major hob an: »der Rudolph hat Glück, und ich gönne es ihm von -Herzen, denn er verdient es auch. Er ist ein tüchtiger Mensch, ein -ehrenwerther Soldat -- doch mag er sich in Acht nehmen, daß er nicht -zu einem verrufenen Regiment komme. Der Pantoffel ist sein -Schicksalszeichen -- und die verfängliche Devise nicht immer von -Kraftmehl. Die Schleifen auf dem Schuh seiner alten Fee waren, wie mir -die Obristinn erzählte, von gesponnenem Glase. Eine gefährliche Masse, -das! man macht auch kleine Sprühteufelchen davon. Und dabei fällt mir -eine merkwürdige Geschichte ein. Als ich ein Knabe war, ließ ich einst -zur Fastnacht einen Reserve-Pfannkuchen in die Tasche schlüpfen, worin -solch ein gehörntes Ding stack. Alsbald fuhr der Grünliche durch die -geschmorte Rinde in die schwarze Hölle der gegossenen Pflaumen hinein, -und that wie zu Hause. Ich aber aß den leidigen Satanas wie zur -gesegneten Mahlzeit, und würde es bis jetzt noch nicht wissen, wenn -mir nicht ein Splitter von diesem heillosen Füllsel die Zunge geritzt -hätte.« - -»Gott behüte und bewahre!« rief die Nonne mit frommen Schaudern vor -solch leiblicher und geistlicher Gefahr, und die Geberde des Entsetzens -wurde in der Mechanik ihrer Finger zu einem Kreuz, »wie war es möglich, -daß Sie ohne Schaden davon kamen?« Der Major lachte und sprach: »Was -verdaut man nicht Alles, wenn man jung und gesund ist! -- Mein Vater -tobte, daß ich den Teufel im Leibe hätte; und die Mama kochte ohne -Unterlaß Milchbrei, den sie mit mütterlichen Thränen salzte. -- Aber -um wieder auf das Vorige zu kommen: so will ich von Grund der Seele -wünschen, daß die beiden Leutchen sich vertragen, und einander das Leben -nicht versalzen mögen.« - -Fabia lächelte ganz leise. Sie sprach: »Therese lässet ihre Lindigkeit -kund werden Jedermann -- und das Küchenwesen war nie ihre Sache.« Der -Administrator bemerkte still, wie seine schriftkundige Schwägerinn -sich glimpflich auszudrücken wüßte, indem sie doch verständlich genug -andeutete, daß Coquetterie und Mangel an Häuslichkeit, diese -Fehler, welche sie so oft zum Aerger gereizt hatten, der ehelichen -Glückseligkeit, von der die Rede war, schädlich werden könnten. Und wie -in unbewußter Gewohnheit, sich Theresens anzunehmen, nahm er das Wort -und sprach: »der Geist einer guten Ehe kann dessenungeachtet bestehen. -Wie manche treffliche Speisemeisterinn kocht Gift, vergällt ihrem Manne -jede Freude, und brät ihn am langsamen Feuer! --« »Ach!« entgegnete -Veronica, schauernd bei dieser Vorstellung, mit einem kühlenden Seufzer, -»Das kann ich mir schrecklich denken. Zwar in der Welt, sagt man -- soll -es da oder dort so seyn. Die Frauen, hörte ich, trachten nach eitlen -Dingen, sind fremd daheim und wissen nicht Bescheid, weder im eigenen -Hause noch in der Herzenskammer des Mannes. Sogar die Kindlein -- wenn -es nicht etwa böser Leumund redet -- sind ihren Müttern häufig eine -Nebensache, und öfterer lästig als lieb.-- Ich bin nur eine Jungfrau -- -aber daß mein Geschlecht dahin entartet wäre, scheint mir kaum möglich. -So darf man sich jedoch nicht wundern, wenn heut zu Tage so viele Männer -die schönste Gelegenheit links liegen lassen, das göttliche Gestift des -Ehestands aufheben und leider Gottes! ledig bleiben. Wenn unsere -Frauen fleißiger den Himmel bauten: so würde sich seltner ein Stein des -Anstoßes für das Heirathen finden.« - -Der Major ergriff die heilige Hand der Nonne, und drückte sie etwas -derb, wenn auch mit Verehrung, indem er sprach: »Hoch hinaus wollen sie -wohl; aber es wird ein Thurm zu Babel daraus, eine Sprachverwirrung -ohne Gleichen. Wo eine Frau den Mann verstände: da wäre die Loosung: Ein -Gott! Ein Herz! Eine Seele! Ein Glück und Ein Grab! -- Dem Himmel sey's -geklagt! es lautet anders -- und tiefer besehen, denken sie nur an die -Grube. -- _Sie_, Schwester Veronica, wollte ich heute noch ehelichen. -Sie würden jeden Mann nicht allein glücklich gemacht haben, sondern auch -_gut_.« - -Bei dieser Erklärung in Kürze erröthete Veronica durch die blasse Tünche -des Alters so jungfräulich schön, als hätte dies rauhe Betasten ihrer -zartesten Gefühle auf der feinen Zeichnung des Gesichts eine Spätrose -abgerieben. Herr Prälat kam ihrer bescheidenen Antwort zuvor und sprach: -»an den Motiven zur Ehe mag es zumeist liegen, daß so wenige Segen -tragen. Auf welches Fundament werden sie gegründet? -- Ich erinnere -mich, daß meine Tante vermittelst einer Karte, der einzigen -französischen Leichtfertigkeit, die das plattdeutsche Pfarrhaus -aufzuweisen hatte, die innersten Herzensgedanken jedes Bräutigams in -der Gemeine heraus brachte, indem sie dabei ein Sprüchelchen im Munde -führte, wovon ich nur den Anfang noch weiß: der Eine thuts um der -Ducaten, der Andre um ein schön Gesicht -- wobei der Onkel, wenn er -guter Laune war, die Reihenfolge unterbrach, und mit poetischer Freiheit -darauf reimte: _gerathen_ -- _nicht!_ -- Zwölf Aussprüche enthielt dies -psychologische Orakel. _Zwölf?_ lieber Gott! das sind falsche Apostel. -Legion heißt ihre Zahl, und dann wäre der Einzige noch nicht darunter, -auf den sich bauen läßt: _wahre Liebe_!« - -»Wahre Liebe!« wiederholte der alte Feldmeister, und es war, als ob das -leise Spottlächeln, welches ihm auf der bärtigen Lippe schwebte, jenes -Wort mit der Andacht des Gefühls ausgesprochen -- hohnneckte. »Es ist -damit,« fuhr er fort, »wie mit dem alleinseligmachenden Glauben: wie -Viele bekennen sich bloß äußerlich dazu, ohne diese göttliche Mutter des -Heils im Geist und in der Wahrheit zu verehren. Die Mehrzahl der Männer -besteht aus heimlichen Mohamedanern -- getaufte Weiber in Massen sind -dem heidnischen Götzendienste zugethan; in der Ehe aber herrscht das -Judenthum vor, und der Erlöser wird da tagtäglich gekreuziget, so daß -ihm die Lust zur Auferstehung wohl vergehen mögte.« - -»Wer Sie so hörte, Herr Major,« entgegnete hierauf die Nonne, welcher es -leise beängstigte, so oft ein religiöses Bild, behuf der Rede gebraucht -ward, »der sollte glauben, Sie sprächen aus Erfahrung. Und doch weiß ich -von guter Hand, welch ein friedliches Stillleben Sie mit Ihrer lieben -seligen Frau geführt haben, wie man diese allgemein als eine -ganz vortreffliche Dame gerühmt -- der Meriten ihres Ehemannes zu -geschweigen.« - -Dieser verbindliche Ausfall auf den seinigen, womit Veronica weiblichen -Sinnes sich erwiedernd zeigte, schien von niederschlagender Wirkung auf -den Major zu seyn. Die Menschen an ihre Verdienste wie an ihre Verluste -zu erinnern, erreicht fast immer den Zweck, sie aus den Vortheil des -Angriffs in jene leidsame Stellung zu versetzen, die der Geschmeichelte -wie der Gerührte unwillkürlich annimmt. -- Die buschigen Braunen des -Majors zogen sich zusammen, und seine Augen wurden feucht; das sanfte -Bild seliger Tage schwamm in seinem Blick. Mit schwankender Stimme -antwortete er: »meinen Sie, Schwester Veronica, daß, wenn jene Erfahrung -meine eigene wäre, ich sie ausgesprochen haben würde? -- Meine Frau war -gut und brav, und als sie todt war, da merkte ich erst, wie sehr sie es -gewesen. -- Doch deßhalb widerrufe ich kein Jota von dem Obigen. Gott -besser's! es ist an der Zeit.« - -Es war auch an der Zeit, dies Gespräch zu enden. Fabia, verstimmt durch -die Vertheidigung des Schwagers, die er der abwesenden Therese nicht -minder als der gegenwärtigen angedeihen ließ, hatte kein Wort mehr -gesagt. Ihr däuchte, sie hätte die Kosten dazu getragen. Sein Urtheil -schien ihr eine Geringschätzung derjenigen Verdienstlichkeiten zu -enthalten, in denen sie sich auszeichnete. Sie wünschte, er mögte einmal -zu der Einsicht gelangen, wie hoch eine gute Wirthinn zu halten sey. -Sollte dies jedoch geschehen: so mußte er die treue Fabia vermissen. -Und indem der Major davon sprach, daß er die abgeschiedene Gattinn erst -vollkommen gewürdiget, regte dies den Gedanken in ihr an, zu scheiden. -Sie legte in gekränktem Geiste das Amt der Schlüssel nieder, und ahnete -nicht, daß diese Handlung in der Idee der Wirklichkeit nur um einen -leisen Schritt vorauseilte. - - * * * * * - -Noch immer hatte Gräfinn Albane sich entschieden geweigert, ihren Gemahl -zu sprechen, weil sie sich die Kraft dazu nicht zutraute. Sylvius, der -das Heil seiner Beruhigung daran zu knüpfen schien, daß seine Frau ihm -angehöre, ließ nicht ab mit Dringen, und setzte alle Hülfsmittel in -Bewegung. Fabiens Zureden schürte den Funken, der in der Asche glomm, -worin Albane büßte -- und Josephinens rührende Fürsprache gewann endlich -ihrem Vater die heißersehnte Gunst. Der Tod des Vaters hatte seine -Tochter dergestalt erschüttert, daß sie glauben mogte, die heftige -Bewegung, in welche die Zusammenkunft mit ihrem Gemahl sie versetzen -mußte, werde drein gehen. Und so war der Entschluß dazu gleichsam ein -Abschluß aller bisherigen Verhältnisse, und sogar erforderlich, um -Josephinens willen. - -In der Stunde, worin die Gräfinn ihren Gemahl in Bühle erwartete, saß -sie am offnen Fenster und allein, von jener säuselnden und summenden -Frühlingsstille träumerisch umwebt, welche aus dem Schlaf des Herzens, -aus seinem innersten Düster herauf, Gefühle der Vergangenheit beschwört. -Als sie den Hufschlag seines Pferdes vernahm, stand der Schlag in ihrem -Busen stille, und nicht dies Herz selbst, nur ein Seufzer flog ihm -entgegen. Jetzt hörte sie seinen Schritt auf der Treppe -- sein -Näherkommen -- Zeit und Erfahrung hatten mächtige Fortschritte gemacht, -seit sie den Besuch ihres Gemahls zum letztenmale in Bonna empfangen: -dennoch drang dieser vertraute Hall wie einst an ihre Seele, und keine -Empfindung, über welche er sonst Macht geübt, konnte ihm entweichen. Er -trat langsam ein, Albane zitterte heftig, unvermögend sich aufrecht zu -erhalten. Sylvius blieb wie gefesselt und gebannt an der Thüre stehen, -und warf einen unaussprechlichen Blick nach der geliebten Gestalt, -welche sein gewesen war -- und eine weite wüste Welt lag zwischen ihnen. -»Albane!« sagte er leise, und ein paar große Thränen rollten über seine -Wangen, »bin ich Dir gar nichts mehr? --« O! welch ein Zauber liegt in -der Stimme eines Menschen, der uns theuer ist oder war! -- Solch eine -Stimme enthält den Schlüssel zu jedem Geheimniß der Harmonie, und kann, -ob sie durch tausend Mißverhältnisse hindurch klänge, nie zu einem -Mißlaut für die Seele werden, darin einmal ihr Echo wohnte. Sylvius -hatte seinen Jahren voraus gealtert, und Der, den die Morgenröthe -der Jugend einst zu den Göttern erhoben, zeigte sich gebeugt von -menschlicher Schwachheit; aber die Stimme war ihm geblieben, mit der -er die Geliebte einst bewegt, daß ihr unsterblicher Antheil der seine -würde. -- - -Die Gräfinn wendete sich nach ihm um, mit einem Lächeln der Verzeihung, -der Abgeschiedenheit -- wenn wir so sagen dürfen; es war das -geistigselige Lächeln eines Schattens, was auf ihren Lippen schwebte, -die so wenig eines Lautes mächtig schienen, wie ein körperloses Wesen -der Rede fähig seyn mag. Endlich entrang sie ihnen die Kraft dazu, und -sprach mit bebendem Munde: »vielleicht, Sylvius, wäre es besser gewesen, -wir hätten die _begrabene Liebe_ früherer Jahre ruhen lassen --; aber, -da es einmal Dein Wunsch war, da Du meinst, es werde zu Deinem Frieden -gereichen, daß Du mich sähest, so komm doch näher und laß uns freundlich -zusammen sprechen!« - -Diese Antwort zerriß Romanas männliche Seele. Was ist das _Zürnen_ der -Liebe gegen die stille Freundlichkeit der erkalteten! -- Wir bemerken -dabei, wie es Albanen selbst in dieser Minute nicht möglich war, ihr -Geschlecht zu verleugnen, und in den ersten Worten, die sie zu ihrem -Manne sprach, seit sie ihn in den Armen einer Andern gesehen, etwas -Anderes zu fassen, als jene Erinnerung. - -Sylvius verstand seine beleidigte Gattinn augenblicklich. Daß Albane -jedoch ihrer Weiblichkeit ein Genüge leistete, ermannte ihn. Gefaßt -entgegnete er nun: »ja, theure Albane! es ist die Bedingniß meines -Fortlebens, und der Ruhe, welcher ich noch irgend theilhaft werden kann, -daß ich Dir sage, auf welche Weise Du Zeuginn jener unseligen Scene -geworden bist, in der Du mich betroffen. Du wirst mich dann vielleicht -weniger schuldig finden, als Du wähntest, und mindestens -- wie Dein -Gefühl auch entscheide -- mich bedauern müssen. Höre mich gutwillig an!« -Hierauf erzählte Sylvius de Romana seine Geschichte mit Tony von Schütz, -einfach und wahr. Er verschmähete, nach edelsinniger Art, Alles und -Jedes, was jenem Verhältniß zur Beschönigung dienen können. -- Diese -Mittheilung hatte nicht den Stoff, aber seine Kraft, ihn zu bewältigen, -erschöpft; und so eilte er zum Schluß und sprach: »Du weißt nun Alles -- -und doch auch _Nichts_: denn ich kann Dir nur die _äußern_ Beziehungen -nachweisen, die mich in jenes Netz verlockten. Gott aber, der es einst -auflösen wird vor Deinem Blick, sieht ins Innerste, und weiß, daß ich -Dich, das Weib meines Herzens! nur allein geliebt, und ewig lieben -werde. Wäre es Dir nicht möglich, einen flüchtigen Augenblick zu -vergessen, in welchem Du an mir zweifeltest? -- Dein Vater ist nun todt. -Was hindert Dich noch, für den Rest unseres Daseyns mein zu seyn, zu der -öffentlichen Rechtfertigung unseres geheimen Bündnisses, und -- lass' -mich es hinzufügen: zu dem Glück unseres Kindes? --« - -Die Gräfinn athmete tief. Sie schüttelte leise den Kopf, lächelte -weinend und verneinend und sprach: »der Himmel sey mein Zeuge! ich -zürne Dir nicht. Auch müßte ich mich zuvor selbst anklagen, denn mein -Wegbleiben gab Dich ja frei. Doch jedes Zurückgehen ist unmöglich, -des griechischen Sängers Gattinn verschwand vor einem Rückblicke. Ein -erstorbenes Gefühl läßt sich nicht wecken -- und jenes, mit welchem ich -mich die Deinige wußte -- ist todt. Aber Deine Freundinn bin ich noch --- Deine beste Freundinn! ja, Sylvius, die will ich immer bleiben. -Mache kein so unglückliches Gesicht, Lieber! frage Dich selbst, ob -wir verdient haben, mit einander glücklich zu seyn? -- Die Ehe ist ein -Verhältniß der Heiligkeit, nicht aber der Heimlichkeit, und Gott -ist gerecht. Nach seinem unerforschlichen Gesetz und Willen müssen -Diejenigen ein Glück verschmähen, welche es sich anzueignen wagten, ohne -höhere Befugniß, als die der Leidenschaft. -- Wir versöhnen den Himmel -durch ein freiwilliges Opfer. So werden unsere Väter uns von dorther -segnen; hier glaubten wir dieser Weihung entbehren zu können, als das -Band der Stola uns zusammenfügte. Ich werde nach Bonna ziehen, Sylvius! -in jenes Haus, worin Du gelebt hast, und mich geliebt -- mich allein. -Still, mein Freund! ich glaube Dir. -- Der Majoratserbe überläßt mir das -kleine Witthum, und diese Angelegenheit ist längst berichtiget. Gönne -es mir auch, in Frieden einsam zu seyn, und die stille Freude _meiner_ -Liebe. -- Ich werde in Deinem Cabinet schlafen, an derselben Stelle, wo -Dein Bett gestanden, und die alte Einrichtung wie zu den Zeiten Deines -Vaters herzustellen suchen. So werde ich Deine Hausfrau seyn, ohne -Gemahl -- wie ich Deine Gattinn war, ohne Dein Haus zu kennen. Ein Theil -jener früheren süßen Täuschungen wird mir wiederkehren, der Traum -Deiner Nähe wird mich begleiten und beglücken, und so werden meine Tage -gleichmäßig hinrinnen, wie das Bächlein unter dem Kreuze, welches dort -die Wache hält.« - -»Albane!« rief Sylvius mit heftigem, mit heißem Schmerz, »Du reißest mir -mein Herz entzwei, und ich weiß nicht, ob gütiger als grausam? Vermag -nichts, Dich zu bewegen, daß Du anderes Sinnes würdest?« - -»Du solltest dies nicht einmal wünschen, viel weniger fragen --« -antwortete die Gräfinn bedeutsam. »Sieh es doch ein, mein Sylvius, -es geschieht zu Deinem Besten, daß ich mich Deinem Wunsche weigere. -Willigte ich in Dein Begehr, es thäte nimmer gut. Nur auf _jene_ Weise -können wir vereint seyn -- sonst nicht. Sänke ich in Deinen Arm: ein -Gespenst, Dir innig angeschmiegt, scheuchte mich zurück, und so oft ich -die Ebereschen Früchte tragen sehe, würde mein Herz bluten.« -- Und Wer -mögte sie zählen, die Tropfen Herzblut, welche bei dieser Erinnerung der -tiefen Wunde entträufelten, die Albane geschlossen wähnte? -- Doch nur -ihre abgehärmte Wange war geröthet, und hellblinkende Tropfen standen in -ihren Augen. Sylvius empfand, obwohl durch die Verhärtung des -Vorwurfs, etwas vom Zartgefühl dieses Wehes, und wie jene Stunde nimmer -ausgelöscht werden könne. -- Und während eine unsichtbare Feder in der -Canzlei seiner Gedanken diesen Ausspruch unterzeichnete, strebte er -mit überredenden Worten noch dagegen an. Er erinnerte seine Frau an -Josephine, und wie das Verhältniß des Mädchens sich bei dem Zwiespalt -der Eltern nun gestalten solle? -- - -»Sieh!« antwortete die Gräfinn mit nachsinnender Miene, »auch die Mutter -muß büßen, was sie gegen ihre Pflicht als Tochter gefehlt. Es ist als -ob das liebe Kind mir nicht angehörte. Nur was man selbst gebildet hat, -daran glaubt man ein Recht zu haben. -- Josephine scheint sich im Stift -sehr glücklich zu fühlen, so könnte sie zunächst unter Deiner Aufsicht -dort bleiben. Noch bin ich durch die verhängnißvolle letztere Zeit zu -befangen, als daß ich sogleich das Beste ausfinden könnte; aber Gott -wird Alles zum Guten leiten! --« - -»Wenn Du auf diese Weise am Ende bist --« entgegnete Sylvius, »so dürfte -meines Bleibens in Sanct Capella nicht mehr lange seyn, und ich -ziehe noch einmal von hinnen. Ruhe zu erwerben, hoffe ich nicht; aber -vielleicht eine Ruhestätte. Du erwartest vom Zufall, er solle sich -Josephinens annehmen, da Du selbst das natürlichste Glück abweisest?« -- -Die Gräfinn schwieg, und antwortete nur mit einem schmerzlichen Lächeln. -Dann sagte sie: »ich liebe Josephinens Glück mehr als das meine -- -_darin_ fühle ich mich wenigstens als Mutter.« - -Ohne daß Beide es merkten, verlängerte sich dies Gespräch bis in den -dämmernden Abend hinein. Jetzt stand Sylvius auf. Es war Albanen, -als sollte sie ihn halten, so hatten sich während ihres trauten -Zusammenseyns abgerissene Fäden aus dem Gewebe ehemaliger Beziehungen -leise wieder angeknüpft: denn der Geist der Liebe -- auch einer -abgeschiedenen -- webt geschäftig. - -»Es wird mir nicht leicht, zu scheiden --« sagte Romana mit einem Ton, -der diese Versicherung beglaubigte, »meine Füße sind wie Blei, und -versagen mir ihren Dienst -- und das Herz ist mir noch schwerer. Darf -ich Dich wiedersehen, Albane?« Er sah sie dunklen Blickes an. - -Das Auge der Gräfinn glänzte, ein Sonnenschein verschwundener Tage war -darin; ein Strahl von Freude drang tief in Sylvius Herz. Sie antwortete: -»wenn es Dich trösten mag --: so sollst Du mir willkommen seyn.« Darauf -faßte er ihre zarte Hand, woran kein Trauring blinkte -- er ergriff sein -einstmaliges Eigenthum so furchtsam, wenn auch innig, wie man die letzte -Hoffnung zu fassen wagt, und fühlte einen leisen Druck der seinigen. -Dieser elastische Druck hob mit überirdischer Federkraft den Stein von -seinem Herzen, von der Thür der begrabenen Liebe -- und ein Engel des -Trostes, mit Flügeln, sich zum Himmel seiner Heimath aufzuschwingen, -ging daraus hervor. - - * * * * * - -Der Administrator stand in vollem Anzuge vor dem Spiegel. Er wollte nach -Bühle hinüber fahren, und der Gräfinn seine Aufwartung machen, deren -Schicksal mit dem der Seinen in wundersamer Verbindung zu stehen schien. -Vielleicht hätte das Interesse für diese Bekanntschaft ihm dennoch Zeit -gegönnt; aber das Verlangen drängte ihn, Josephine wieder zu sehen. Das -Zimmer war voll Sonnenglanz -- Herr Prälat aber blickte auf keine Weise -verblendet, die schöne männliche Gestalt musternd an, welche auch ein -mäßiger Grad von Selbstgefälligkeit tadellos gefunden haben würde. -Er schaute vielmehr über aller Welt Eitelkeit hinaus, sich selbst so -forschend ins Auge, als sollte ihm in diesem Spiegel der Seele die -Wahrheit eine Gestalt gewinnen -- und seine Finger knitterten noch an -den Fältchen der feinen Halsbinde, während er gleichgültig dazu aussah, -und gleichsam unbewußt der verbessernden Mühe, die er sich gab, nur an -die Falten seines Herzens dachte. Er stand so ernst dabei wie auf dem -Katheder. -- Doch plötzlich schien unser Professor der Psychologie sein -Studium zu wechseln, daran zu erkennen, daß er die Farbe wechselte, und -daß ein so entzücktes Lächeln in seinem Gesicht aufging, als ob er einen -Stern aufgehen sähe. Und wirklich war dem so. Die Thüre ging auf, und im -Hintergrunde des Spiegels -- als hätte, Der hinein sah, eben eine Frage -an den Himmel gerichtet -- erschien ein zauberhaftes Bild. Vor diesem -Glanz jugendlicher Schönheit, erhöht durch einen Schimmer überirdischer -Freude, den die Trauer nur wie ein Wölkchen umdüsterte -- verschwand -Alles. - -»Josephine! mein einzig Mädchen!« rief der Administrator mit dem hellen -Laut wonniger Ueberraschung, »wo kommst Du her? eben wollte ich nach -Bühle.« - -Sie lag in seinen umschlingenden Armen, ihr Herz schlug an dem seinen --- und onkelhaft dreist küßte er die süßen Lippen. -- Dieser Kuß -- die -glückselige Innigkeit dieses Moments, beraubte das Mädchen der Sprache. -»Ach! könnte ich Dir doch nur meine Freude aussagen, daß ich wieder hier -bin!« sagte sie mit einer Stimme, die diesem Wunsche entsprach, »Seit -ich wußte, daß Du da bist, Onkelchen, hatte ich keine Ruhe mehr. Ich -quälte die Mutter -- sie sagte, es schicke sich nicht. Dies Wort wollte -mir nicht zu Sinne. Ich bin ja das Kind des Hauses -- sagte ich -- da -mußte sie endlich meinen Bitten nachgeben.« - -Herr Prälat lächelte begeistert. »Du Herzenskind!« sagte er gerührt. -»Also hält die Gräfinn doch so viel auf Anstand?« Man glaube nicht, daß -in dieser Frage der mindeste Vorwurf für die arme Albane lag. Nein! nur -eine leise Verwunderung, daß bei dem einsamsten Unglück noch dieser Sinn -für das Schickliche gefunden würde. - -»Nun, so ist es mir lieb,« setzte er schnell hinzu, »daß ich nicht -zögern wollen, mich ihr vorzustellen. Du siehst, ich bin darnach -angethan -- nur mit der Halsbinde konnte ich wie gewöhnlich nicht -zurecht kommen.« - -»Das sehe ich!« sagte Josephine lachend, und schickte sich an, -nachzuhelfen. »Es ist nicht allzuschön gerathen. Dieser Zipfel hier, -nimm es mir nicht übel! sieht so pedantisch aus, wie die Schlafmütze des -ehrwürdigen Ludimagister in Leidthal. -- Ist es denn so schwer, solch -ein Knötchen zu knüpfen?« - -Aurorens Rosenfinger verbreiteten keine lieblichere Helle, als das -Licht, welches dem Administrator während dieser verfänglichen Minute -aufging. Sie standen wie ein trautes Ehepaar. Er hatte seine Hände an -Josephinens schlanken Leib gelegt, die schwarzen Bänder ihres Hutes -bewegten sich unter _seinen_ tiefen Odemzügen -- _ihr_ Athem spielte -fühlbar wie ein laues Lüftchen, und immer wärmer wurde ihm ums Herz. Er -ließ sie zierlich gewähren, und verhielt sich schweigsam und lauschend. - -Die magische Schleife war nun geschürzt -- legen die Grazien jemals eine -Cravatten-Fabrik an: so wird man das Modell dazu finden. -- - -»Auf _bindende_ Künste --« äußerte Herr Prälat etwas gepreßt, »versteht -Dein Geschlecht sich schon am Besten. Josephine!« er hob das Mädchen zu -sich empor, »überhebe mich künftig dieser Mühe -- heirathe mich, liebe, -theure Seele! --« - -»Onkel!« rief Josephine, und machte sich von ihm los. Ihre jungfräuliche -Wange glühte zwischen Schaam und Zürnen. Sie hielt diese Sprache für -einen Scherz. - -»Ich bin Dein Onkel nicht!« entgegnete Jener heftig, »diesen -Titular-Verwandten hat Dir Fabia aufgedrungen, um den Unterschied -unserer Jahre durch gehörigen Respekt hervorzuheben. Aber Dein Mann kann -ich werden, wenn ich Dir anstehe, Du mein Liebstes! -- Ich dachte immer, -Du wärst mir gut -- so könnten wir zusammen bleiben, lebenslang -- und -Alles bliebe beim Alten.« - -Da lag das Mädchen an seiner Brust und stammelte: »wenn es wahr wäre -- -o Gott im Himmel!« - -»Es ist wahr!« wiederholte der Administrator im gefühltesten Entzücken -dieser Versicherung, und drückte das holde hingebende Wesen innigst an -sich, »ich liebe Dich redlich, Josephine! und will Dein bester Freund -auf Erden seyn. Doch frage Dein Herz! ich möchte es nicht räuberisch an -mich reißen, aus freier Wahl sollst Du es mir schenken -- oder versagen. -Wer weiß, ob ich Dir nicht zu ernst bin, zu kränklich -- oder was Du -sonst an mir etwa auszusetzen hättest. Mir hast Du nur Einen Fehler, -meine süße Kleine! -- Du bist noch sehr jung -- aber ich finde Dich -gewachsen. --« Er lächelte wie ein Liebender, indem er den schlanken -Wuchs des Mädchens mit einem langen Blicke maß -- »nicht nur wirklich -ein Stückchen, seit ich Dich nicht gesehen, sondern überhaupt allen -Forderungen und Wünschen an meine künftige Frau völlig gewachsen.« - -In reizender Verwirrung antwortete Josephine: »es mag vielleicht -geziemend seyn, daß ein Mädchen an sich hält: ich gebe Dir mein Ja -ohne Weiteres. Wen könnte ich lieber haben? -- Alle meine Wünsche sind -erfüllt. In diesem Augenblicke weiß ich es erst ganz, wie unglücklich -ich geworden wäre, wenn ich Dich und dieses geliebte Haus auf immer -verlassen müssen! Jetzt bin ich Dein! --« Sie warf sich mit dem Ausdruck -der liebevollsten Hingebung in seine Arme. -- Er umpfing sie jauchzend, -und der Spiegel verdoppelte ein Bündniß, magisch geschlungen, in dem -einfachen Glück der Herzenseinigung, dem einzigen, was es auf Erden wie -im Himmel giebt. -- - -Beide hatten in diesen seligen Minuten weder an die Gräfinn, noch an -Fabia, oder Sylvius gedacht, die doch auch ein Wörtchen dazu sagen -könnten. Es giebt einen Instinkt der Ahnung für unser Geschlecht, -welcher uns einem unwillkommnen Vertrauen entrinnen läßt, wenn es unser -Herz etwa wie ein Pfeil treffen könnte. -- Auch Frau Fabia entrann auf -leiser aber sicherer Spur Dem, was ihr Schwager ihr zu sagen hatte. -Josephine flüchtete mit ihrem Glück in das Betstübchen der Nonne, und -legte das Bekenntniß desselben auf diesem jungfräulichen Hausaltare -nieder. -- Sylvius war nicht daheim. Zeitiger, als es nöthig gewesen, -brach Josephine auf, und der Administrator begleitete sie. »Hätte ich -doch nicht geglaubt,« sagte das Mädchen mit jener Traulichkeit, in -welcher auch die schüchternste Verlobte sich dem ausschließendsten -Vertrauen annähert, woran der Geliebte ein Recht hat, »daß ich einmal -Gott danken würde, von Sanct Capella weg zu kommen, und heute ist mir -so. Ich konnte kein Auge aufschlagen -- Fabia hat mir die heimliche -Braut ansehen müssen. Lieber! versäume doch ja nicht, sobald als möglich -mit ihr zu sprechen. Ich thue es bei der Mutter, und davor bangt mir -weniger.« - -»Meinst Du,« fragte Herr Prälat, »der bürgerliche Eidam werde der -Gräfinn genehm seyn? -- wenn diese Hoffnung nur nicht allzukindlich ist, -Josephine! --« - -Das Mädchen kopfschüttelte zu diesem Zweifel und sprach: »Du kennst -die Mutter nicht, mein Freund! -- Sie ist so gänzlich ohne Anspruch und -Eigensucht -- Fabia hingegen --« Josephine flüsterte diese Worte, »neigt -ein wenig zur _Eifersucht_, und es ist eine ganz andere Zuversicht, die -ich zu Jener habe als zu dieser. Ewig werde ich Fabien dankbar seyn: -denn sie hat mich treu erzogen, und ohne sie wäre ich nimmer nach Sanct -Capella gekommen; aber das Blut aus meinen Adern wollte ich verströmen, -daß ich die theure Albane nur einmal lächeln sähe.« - -Der Administrator entdeckte noch an demselben Abend auf einem einsamen -Spaziergange dem Freunde sein Herz. Sylvius nannte sich seinen größten -Schuldner, und gab ihm damit das gelegene Wort zur Hand. - -»Wir könnten sehr bald mehr als quitt werden --« gab ihm jener zur -Antwort, »Du nahmst mir einmal die Braut -- gieb mir Deine Tochter -zur Frau: so bin ich nicht mehr Dein Gläubiger, sondern schulde Dir -zwiefach.« - -»Wenn dies Dein Ernst ist --« entgegnete Herr de Romana, »so nimmst Du -einen Kummer von meinem Herzen, und Niemand kann bei diesem Interesse -des Deinigen froher betheiliget seyn, als ich. Es ist mir eine Sorge -gewesen, das Mädchen werde die Jugend hinkümmern, bei der traurigen -Mutter, und mit all seiner Liebenswürdigkeit der Bestimmung des -Geschlechts verloren gehen. Was wird aber Albane dazu sagen? und bist Du -Josephinens Neigung auch gewiß?« - -»Ich denke doch!« antwortete der Bräutigam lächelnd, »so gewiß man -irgend einer weiblichen Neigung seyn kann. --« Ein leiser Seufzer -verwebte sich dieser bedingten Voraussetzung. - -»Auch hoffe ich,« setzte er hinzu, »das Kloster werde mich schützen, das -Invalidencorps -- und endlich die fromme Veronica. Wisse! ein Engel der -Treue wohnt in der Nonne, und wird, wenn diese seine kleine Herberge -einst zusammenbricht, den Ort nicht verlassen, den er so lange heimlich -gesegnet. -- Sieh, Freund! ich habe Zeit gehabt, reiflich darüber -nachzudenken, welche Eigenschaften der Frau einen Mann vor allen -glücklich machen können, und da ist denn bei meinem Denken und Sinnen -nur jener Satz heraus gekommen, den ich mir gemerkt: daß sich auf der -Erde in jedem Beisammenleben der Kopf erschöpft, Witz und Phantasie und -Verstand, nur aber nie ein gutes Herz, das eine ewige Quelle ist.« - -Romana schwieg, und sein Freund fuhr nach einer Weile fort: »aus welchen -wunderbaren Stoffen besteht eine einzige Mischung, die wir Liebe -nennen! glaubst Du wohl, Sylvius, daß jene sympathetische Regungen -der Freundschaft für Dich, nur zarter -- mich zuerst an das Mädchen -knüpften? die magnetische Kette der Gefühle, wie weit auch angelegt, -läßt uns empfinden, wo unser Herz stark berührt war. Was mich ferner -mit zärtlicher Innigkeit für das Mädchen erfüllt, ist nicht die holde -Bildung allein, sondern auch der Einfluß ihrer Bildnerinnen. Darunter -dürfte Fabiens der bedeutendste gewesen seyn, und Fabia ist mir doch -sehr achtungswerth.« - -»Und das mit Recht --« erwiederte Sylvius. »Sie gehört meines Erachtens -zu den unerkannten Größen. Ihr Charakter, nur etwas zu schroff für eine -Frau, ist ein Fels für das Vertrauen. Ich schätze Fabia sehr hoch.« - -Der folgende Morgen war schon weit vorgerückt, ohne daß Herr Prälat -einen Augenblick finden können, in welchem seine Schwägerinn zu sprechen -wäre. Frau Fabia schien von kleinen geschäftigen Sorgen umringt, so daß -sein Vertrauen nicht Raum gewann; eine finstere Zerstreuung in ihrer -Miene ließ ihn den heitern Muth nicht sammeln, mit ihr über eine Sache -zu reden, die ihm mehr am Herzen lag, als was zu Nutz und Frommen seiner -Häuslichkeit geschehen mögte. Ihr Blick sogar war vermeidend -- und wich -ihm aus. Endlich haschte er den günstigen Moment und sprach: »gönne mir -ein paar Minuten, Fabia! ich habe Dir etwas Dringendes zu sagen.« - -Fabia machte ihre Hand, welche er sanft gefaßt hatte, leise los, setzte -sich nieder, jedoch mit jener Art, die es deutlich macht, daß man sich -nur auf flüchtiges Verweilen einlassen könne und wolle, und sagte: »nun, -so lasse doch hören, wie _dringend_ das sey, was ich vernehmen soll.« - -Der Administrator war um seine Fassung zu dem Vortrage, er wußte nicht -wie? -- Er antwortete mit merklicher Verlegenheit: »Deine Stimmung -Fabia, ist meinem Wunsch nicht freundlich, und wirkt auf mich zurück. -Ich wollte Dir eben eröffnen, daß ich -- daß Josephine --« Fabia -lächelte, ihre Gesichtsfarbe war blässer als gewöhnlich. Sie sprach: -»das käme zu spät, Freund -- die Gräfinn hat mir diesen Morgen -geschrieben, daß Du ihrer Tochter den Antrag zur Heirath gemacht. Sie -giebt Dir ihre Einwilligung; ich aber habe nichts zu geben, als den -Wunsch, daß der Herr Alles wohl gelingen lasse!« Und während Fabia -diese Worte sagte, zerrann ihre Stimme und das Lächeln ihres Mundes in -Wehmuth, in _Wermuth_ -- und ihr Schwager, erstaunt über die Taubenpost -der weiblichen Mittheilung, fühlte ein heißes bitteres Aufwallen in -seinem Herzen, über das er nicht ganz klar werden konnte. Er nahm -noch einmal ihre Hand in die seinige und sagte mit ergreifenderem -Ton: »Fabia, es scheint, Du zürnest mir. Glaube nicht, daß ich Dir -zurückhaltend eine Absicht verschwiegen -- ich bin mir keiner bewußt -gewesen. Der Gedanke war nur ein Blitz, in welchem mir einleuchtete, -Josephine werde als mein Weib mich glücklich machen. Und wenn diese -Hoffnung wirklich wird, Wem werde ich es verdanken als Dir? Du hast das -Mädchen erzogen. Dein frommer, fester Geist wird fortwirken zu meinem -Glück. Ich denke, wir wollen freundlich zusammen leben -- nicht? --« - -Fabia sah ihn verdunkelten Auges an. »Nein, Bruder!« antwortete sie mit -jener Besänftigung und Ruhe, die nur der Selbstgewißheit angehört: »das -würde nimmer gut thun. Das taugt nichts -- würde der Major sagen --« -Fabia lächelte bei diesen Worten noch einmal, und zwar sehr schmerzlich. -»Darum entlasse mich, Lieber! ich lasse Dir dafür meinen besten Segen. --- Jenes Geheimniß, was mich unter Deinen Schutz stellte, ist gelös't -- -Was sollte Dich hinfort noch an mich binden? -- Dein Herz hat an Einer -Pflicht genug, und diese umfaßt der Trauring. Ich werde mit der Gräfinn -ziehen. Die arme Albane wäre ja sonst ganz verlassen, und es ist billig, -daß ein treues Gemüth ihr vergelte, was sie an dem Vater gethan. Der -Herr hat den Willen dazu mir in den Sinn gegeben.« - -Der Administrator stand stumm und sah zu Boden. - -Fabia fuhr nach einer kleinen Pause mit steigender Bewegung fort: »wir -wollen nach Bonna. Dort hat die Gräfinn einen Wittwensitz, den sie -schwerlich tauschen mögte um einen Thron, das Vaterhaus ihres Gemahls, -Heiland genannt. Dort ist mein Platz. _Hier_ würde ich überflüssig seyn, -das macht alt vor der Zeit. Die Heimath aber giebt auch in späten Tagen -einen Theil der Jugend zurück. Ich werde die Wohnung meiner guten Eltern -wiedersehen, und jener harmlosen Zeit gedenken, wo ich darin glücklich -war. Ich werde in der Nähe ihrer Gräber leben -- und den Garten des -südlichen Daches pflegen, den der selige Oberförster Romana angelegt --- die Sonne mag jetzt wohl eine Wüste darauf bescheinen. -- Ich bin -alsdann -- Du weißt es -- an geeigneter Stelle, und gleichsam wie auf -meines Zions Zinnen.« - -»Fabia!« antwortete ihr Schwager von einer seltsamen Rührung bewältiget, -»besinne Dich anders -- bleibe bei mir! es wird sich für die Gräfinn ein -Ausweg treffen lassen. Du bist mir nothwendig geworden, Du gehörst zu -meinem Glück. Auch ist Josephine noch so jung und unerfahren, als daß -sie Deines Rathes nicht wohl entbehren könnte.« - -»Sie hat _Dich_!« entgegnete Fabia mit einem Nachdruck, der alles -Weitere behob, »und also den Rath und den Helfer dazu. Und was -wirthschaftliche Leistungen anbelangt, darauf legst Du ja so wenig.« - -Auch Fabia, meine Leserinnen, war eine _Frau_, und nur ein weiblicher -Engel würde es verschmäht haben, ein verkanntes Verdienst geltend zu -machen. Es ist eine göttliche Sphäre, allwo der Ruhm verschwindet, den -wir vor den Menschen haben und vor uns selbst. Wir aber leben auf -der mängelvollen Erde, niedergehalten von dem Bedürfniß menschlicher -Schwachheit. Das alte Lied des Lebens singt uns in _getragenen_ Tönen -ein. Es war nur ein Aufschwung unterdrückten Gefühls, in welchem Fabia -sich im Geist ihrer Sinnesweise zu erheben glaubte. - -Der Administrator dachte beklommen dem Entschluß seiner Schwägerinn -nach, denn es fiel ihm in Wahrheit schwer, sie künftig zu vermissen. -Seine brüderliche Freundschaft für die getreue Fabia ließ ihn nicht -ergründen, aus welchen Ursachen sie so fest auf dem Abschied beharre. - -Es giebt nur Einen Dietrich, dem kein Aufschluß widersteht, der sich -ohne Schwierigkeit in den Besitz der geheimsten Gedanken setzt. -- Die -Geheimnisse der Seele liegen unter magischem Schutz, und nur durch ihn -selbst können sie beschworen werden. -- - -Freilich sah Herr Prälat ein, daß Fabia, im Ganzen genommen, Recht -hätte, daß ihre häusliche Unfehlbarkeit, Josephinens schüchternen -Versuchen, als Hausfrau für sich allein zu stehen, hinderlich seyn -würde; daß die Gräfinn Jemandes bedürfe, der mit zarter achtsamer Sorge -um sie sey -- und wie es in der religiösen Bußfertigkeit von Fabiens -Character liege, sich selbst zur Sühne zu geben, für das Unrecht, was -Dieser geschehen; -- aber dennoch gestaltete sich dies Verhältniß nicht -nach seinem Wunsch, und es war ein Zwiespalt in seinem Herzen, als ob -eine Flamme sich trenne. -- - -Frau Fabia nahm sich zusammen, auf daß sie ein achtungsvolles Gedenken -mit hinweg nähme. Sie ordnete alles mit Umsicht, und stimmte nicht -dafür, daß die Hochzeit weithin aufgeschoben würde. -- Aus der Ferne -kamen Briefe, welche den Zeitpunkt von Theresens zweiter Verbindung um -nicht viel später anberaumten. Dann wollten die Neuvermählten im Herbst -zum Besuch nach Sanct Capella kommen. Major Feldmeister verjüngte sich -vor Vergnügen. Er hätte sich beinahe von seinem Sprichwort entwöhnt, -denn er fand gut, wie das Schicksal seiner Freunde sich gewendet hatte, -und -- Alles taugte ihm. -- - -Hauptmann Moorhausen sprach von einem Urlaub über Winter. Vielleicht -wollte er im gigantischen Eise seines Gutes die Schaamröthe abkühlen, -womit er der Ehewerbung gedachte, und in diesem zersprungenen -Weltspiegel nur ein Bild schauen, wie der Krystallpallast seines -Wunsches, aus dem Frost des Alters erbaut, zu Wasser geworden wäre. -- - -Den Tag vor der Hochzeit brachte Fabia ihr Haushaltungsbuch ihrem -Schwager, ihm Rechnung abzulegen; zu gleicher Zeit entledigte sie sich -des Amtes der Schlüssel. Die Redlichkeit, womit sie beides geführt, gab -diesem kleinen Act etwas Feierliches. - -»Fabia!« sagte der Administrator gerührt, »wollte Gott! mein Facit wäre -einst dem Deinen gleich, und wir Alle könnten in der Rechnung bestehen, -wie Du! -- Wie treu hat Deine liebe Hand auf meinem Nutzen gesehen! -der Himmel möge Dich dafür belohnen!« Er küßte die nützliche Rechte mit -einer größeren Wärme als der Dankbarkeit -- und diese zuverlässige Hand -zitterte ein wenig. -- - -Am Morgen der Trauung -- Josephine war nur wenige Tage vorher von -Bühle nach dem Stift zurückgekehrt -- brachte Schwester Veronica ihrem -Liebling den Brautkranz. Sie waren allein. Mit zitternder Stimme sagte -sie: »Josephine! mein theures Kind! hier bringe ich Dir den Kranz, von -_meinen_ Händen sollst Du ihn empfangen.« Das zarteste jungfräuliche -Bewußtseyn lag in diesen Worten. »Und indem ich Dir ihn aufsetze --« -die Nonne that es mit leisem Beben, »ist es mir, als würde mein liebes -Kloster mir wieder eingesetzt. Liebe und Treue sind doch Altäre, die -der Himmel aufrecht hält! -- Als ich im Frühling die Zweiglein von der -Myrthe schnitt, zu dem Todtenkränzchen für die kleine Julie, und Perlen -dazu fädelte: wenn mir das der Baum damals gesagt hätte! -- Auch in -diesen habe ich Perlen geflochten, Freudenperlen! Segensthränen! trage -ihn zu lebenslänglichem Glück! die Krone der Unschuld, die Dir Dein -Engel reicht, _die_ trägst Du ewig! -- Heute fühle ich wieder wie groß -Gott ist! wie gut! -- Ich bin Jungfrau, und Dein bräutlicher Anblick -läßt mich das Entzücken einer Mutter empfinden. Ich werde nun nicht -einsam sterben; Du, geliebtes Kind, wirst mir meine Augen schließen -- -und dann den Ring erben.« - -Josephine umschlang die Nonne, und drückte schon jetzt, sanft küssend, -die weinenden zu, das heilige Vermächtniß zu besiegeln. Sie war eine -Erbinn dieses Herzens und seines Friedens. - - - - -[ Hinweise zur Transkription - - -Das Originalbuch ist in Frakturschrift gedruckt. In dieser -Transkription werden _gesperrt_ gesetzte Schrift sowie Textanteile in -=Antiqua-Schrift= hervorgehoben. - -Der Text des Originalbuches wurde grundsätzlich beibehalten, -einschließlich uneinheitlicher Schreibweisen wie beispielsweise -"irdisch" -- "irrdisch", "ist's" -- "ists", "Lieutenant" -- "Lieutnant", -"Obristin" -- "Obristinn", - -mit folgenden Ausnahmen, - - Seite 6: - "Aufsicht" geändert in "Aussicht" - (ohne Aussicht auf eine andere Versorgung) - - Seite 18: - "nnd" geändert in "und" - (und fragte ihn um seine Meinung) - - Seite 19: - "«" hinter "Freundes." entfernt - (und Romana lag in den Armen seines Freundes.) - - Seite 26: - "Gemeine" geändert in "Gemeinde" - (Anhänger einer frommen Gemeinde geworden sey) - - Seite 26: - "geretttet" geändert in "gerettet" - (auf beinahe übernatürliche Weise gerettet worden) - - Seite 59: - "»" eingefügt - (»doch diese Frage ist wohl vom Ueberfluß) - - Seite 64: - "erinnnere" geändert in "erinnere" - (an den ich mich aus vergangener Zeit erinnere) - - Seite 66: - "«," geändert in ",«" - (»Entlassen Sie mich --,« bat Albane) - - Seite 79: - "Famile" geändert in "Familie" - (Juwelen der gräflich Frankensternschen Familie liegen darin) - - Seite 84: - "entsinnnen" geändert in "entsinnen" - (jenes schrecklichen Abends noch ganz genau zu entsinnen) - - Seite 86: - "«" eingefügt - (Mein Herr und Heiland!«) - - Seite 90: - "Übersättigung" geändert in "Uebersättigung" - (Vielleicht hatte eine gewisse Uebersättigung) - - Seite 103: - "»" vor "regieren" entfernt - (regieren gestrenge Herren nicht lange) - - Seite 103: - "»" eingefügt - (»Des Abends waren wir zusammen) - - Seite 104: - "«," geändert in ",«" - (»Nicht immer --,« antwortete sie halblaut) - - Seite 112: - "»" eingefügt - (»Du bist nun auch eine Wittwe) - - Seite 126: - "«," geändert in ",«" - (»Ich glaube Ihnen --,« sagte Rudolph bewältigt) - - Seite 128: - "»" eingefügt - (»heute noch! sogleich) - - Seite 133: - "«," geändert in ",«" - (Sie werden --,« dies setzte der Lieutnant) - - Seite 134: - "." eingefügt - (dem Vorschlag ihres Freundes geneigt zu machen.) - - Seite 135: - "Blaßbau" geändert in "Blaßblau" - (mischte das Blaßblau eines fernen Amphitheaters von Bergen) - - Seite 138: - "Vei" geändert in "Bei" - (Bei einem Bug der Straße öffnete sich die Aussicht) - - Seite 142: - "gefordet" geändert in "gefordert" - (nichts von der jungen Frau gefordert ward) - - Seite 151: - "»" eingefügt - (»Noch ist die Mutter betäubt) - - Seite 163: - "«" eingefügt - (Deine --«) - - Seite 170: - "," geändert in "." - (Josephine scheint ein Engel.) - - Seite 171: - "anwortete" geändert in "antwortete" - (Die fromme Fabia antwortete) - - Seite 172: - "Borna" geändert in "Bonna" - (den Tag vor ihrer Abreise von Bonna) - - Seite 174: - "sie" geändert in "Sie" - (doch werden Sie zugeben, daß jenes Depot geeignet war) - - Seite 175: - "»" eingefügt - (»hätte ich diesen Schlüssel wohl so nahe) - - Seite 196: - "Batrachtungen" geändert in "Betrachtungen" - (In Folge dieser Betrachtungen sagte er) - - Seite 202: - "geschwisterliche" geändert in "geschwisterlichen" - (riß bei dieser geschwisterlichen Beziehung ab) - - Seite 202: - "Thereseu" geändert in "Theresen" - (Was soll nun aus Theresen werden?) - - Seite 202: - "«" eingefügt - (Ich glaube, gute Fabia,«) - - Seite 202: - "dem" geändert in "den" - (Er schloß mit den Worten) - - Seite 205: - "des" eingefügt - (giebt jedoch einen Zustand des Leibes und der Seele) - - Seite 206: - "Offfziere" geändert in "Offiziere" - (Die Offiziere in Corpore kamen, um dem Administrator) - - Seite 208: - "das" geändert in "daß" - (Aber eben so gewiß ist es, daß jenes schöpferische Genie) - - Seite 213: - "»" eingefügt - (»Mir ist wahrhaftig in Gott) - - Seite 242: - "öffentlilichen" geändert in "öffentlichen" - (zu der öffentlichen Rechtfertigung unseres geheimen Bündnisses)] - - - - - - - -End of the Project Gutenberg EBook of Die Schwägerinnen. Zweiter Theil., by -Henriette Hanke - -*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DIE SCHWÄGERINNEN. ZWEITER THEIL. *** - -***** This file should be named 50128-8.txt or 50128-8.zip ***** -This and all associated files of various formats will be found in: - http://www.gutenberg.org/5/0/1/2/50128/ - -Produced by The Online Distributed Proofreading Team at -http://www.pgdp.net (This file was produced from images -generously made available by The Internet Archive) - - -Updated editions will replace the previous one--the old editions will -be renamed. - -Creating the works from print editions not protected by U.S. copyright -law means that no one owns a United States copyright in these works, -so the Foundation (and you!) can copy and distribute it in the United -States without permission and without paying copyright -royalties. Special rules, set forth in the General Terms of Use part -of this license, apply to copying and distributing Project -Gutenberg-tm electronic works to protect the PROJECT GUTENBERG-tm -concept and trademark. Project Gutenberg is a registered trademark, -and may not be used if you charge for the eBooks, unless you receive -specific permission. If you do not charge anything for copies of this -eBook, complying with the rules is very easy. You may use this eBook -for nearly any purpose such as creation of derivative works, reports, -performances and research. They may be modified and printed and given -away--you may do practically ANYTHING in the United States with eBooks -not protected by U.S. copyright law. Redistribution is subject to the -trademark license, especially commercial redistribution. - -START: FULL LICENSE - -THE FULL PROJECT GUTENBERG LICENSE -PLEASE READ THIS BEFORE YOU DISTRIBUTE OR USE THIS WORK - -To protect the Project Gutenberg-tm mission of promoting the free -distribution of electronic works, by using or distributing this work -(or any other work associated in any way with the phrase "Project -Gutenberg"), you agree to comply with all the terms of the Full -Project Gutenberg-tm License available with this file or online at -www.gutenberg.org/license. - -Section 1. General Terms of Use and Redistributing Project -Gutenberg-tm electronic works - -1.A. By reading or using any part of this Project Gutenberg-tm -electronic work, you indicate that you have read, understand, agree to -and accept all the terms of this license and intellectual property -(trademark/copyright) agreement. If you do not agree to abide by all -the terms of this agreement, you must cease using and return or -destroy all copies of Project Gutenberg-tm electronic works in your -possession. If you paid a fee for obtaining a copy of or access to a -Project Gutenberg-tm electronic work and you do not agree to be bound -by the terms of this agreement, you may obtain a refund from the -person or entity to whom you paid the fee as set forth in paragraph -1.E.8. - -1.B. "Project Gutenberg" is a registered trademark. It may only be -used on or associated in any way with an electronic work by people who -agree to be bound by the terms of this agreement. There are a few -things that you can do with most Project Gutenberg-tm electronic works -even without complying with the full terms of this agreement. See -paragraph 1.C below. There are a lot of things you can do with Project -Gutenberg-tm electronic works if you follow the terms of this -agreement and help preserve free future access to Project Gutenberg-tm -electronic works. See paragraph 1.E below. - -1.C. The Project Gutenberg Literary Archive Foundation ("the -Foundation" or PGLAF), owns a compilation copyright in the collection -of Project Gutenberg-tm electronic works. Nearly all the individual -works in the collection are in the public domain in the United -States. If an individual work is unprotected by copyright law in the -United States and you are located in the United States, we do not -claim a right to prevent you from copying, distributing, performing, -displaying or creating derivative works based on the work as long as -all references to Project Gutenberg are removed. Of course, we hope -that you will support the Project Gutenberg-tm mission of promoting -free access to electronic works by freely sharing Project Gutenberg-tm -works in compliance with the terms of this agreement for keeping the -Project Gutenberg-tm name associated with the work. You can easily -comply with the terms of this agreement by keeping this work in the -same format with its attached full Project Gutenberg-tm License when -you share it without charge with others. - -1.D. The copyright laws of the place where you are located also govern -what you can do with this work. Copyright laws in most countries are -in a constant state of change. If you are outside the United States, -check the laws of your country in addition to the terms of this -agreement before downloading, copying, displaying, performing, -distributing or creating derivative works based on this work or any -other Project Gutenberg-tm work. The Foundation makes no -representations concerning the copyright status of any work in any -country outside the United States. - -1.E. Unless you have removed all references to Project Gutenberg: - -1.E.1. The following sentence, with active links to, or other -immediate access to, the full Project Gutenberg-tm License must appear -prominently whenever any copy of a Project Gutenberg-tm work (any work -on which the phrase "Project Gutenberg" appears, or with which the -phrase "Project Gutenberg" is associated) is accessed, displayed, -performed, viewed, copied or distributed: - - This eBook is for the use of anyone anywhere in the United States and - most other parts of the world at no cost and with almost no - restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it - under the terms of the Project Gutenberg License included with this - eBook or online at www.gutenberg.org. If you are not located in the - United States, you'll have to check the laws of the country where you - are located before using this ebook. - -1.E.2. If an individual Project Gutenberg-tm electronic work is -derived from texts not protected by U.S. copyright law (does not -contain a notice indicating that it is posted with permission of the -copyright holder), the work can be copied and distributed to anyone in -the United States without paying any fees or charges. If you are -redistributing or providing access to a work with the phrase "Project -Gutenberg" associated with or appearing on the work, you must comply -either with the requirements of paragraphs 1.E.1 through 1.E.7 or -obtain permission for the use of the work and the Project Gutenberg-tm -trademark as set forth in paragraphs 1.E.8 or 1.E.9. - -1.E.3. If an individual Project Gutenberg-tm electronic work is posted -with the permission of the copyright holder, your use and distribution -must comply with both paragraphs 1.E.1 through 1.E.7 and any -additional terms imposed by the copyright holder. Additional terms -will be linked to the Project Gutenberg-tm License for all works -posted with the permission of the copyright holder found at the -beginning of this work. - -1.E.4. Do not unlink or detach or remove the full Project Gutenberg-tm -License terms from this work, or any files containing a part of this -work or any other work associated with Project Gutenberg-tm. - -1.E.5. Do not copy, display, perform, distribute or redistribute this -electronic work, or any part of this electronic work, without -prominently displaying the sentence set forth in paragraph 1.E.1 with -active links or immediate access to the full terms of the Project -Gutenberg-tm License. - -1.E.6. You may convert to and distribute this work in any binary, -compressed, marked up, nonproprietary or proprietary form, including -any word processing or hypertext form. However, if you provide access -to or distribute copies of a Project Gutenberg-tm work in a format -other than "Plain Vanilla ASCII" or other format used in the official -version posted on the official Project Gutenberg-tm web site -(www.gutenberg.org), you must, at no additional cost, fee or expense -to the user, provide a copy, a means of exporting a copy, or a means -of obtaining a copy upon request, of the work in its original "Plain -Vanilla ASCII" or other form. Any alternate format must include the -full Project Gutenberg-tm License as specified in paragraph 1.E.1. - -1.E.7. Do not charge a fee for access to, viewing, displaying, -performing, copying or distributing any Project Gutenberg-tm works -unless you comply with paragraph 1.E.8 or 1.E.9. - -1.E.8. You may charge a reasonable fee for copies of or providing -access to or distributing Project Gutenberg-tm electronic works -provided that - -* You pay a royalty fee of 20% of the gross profits you derive from - the use of Project Gutenberg-tm works calculated using the method - you already use to calculate your applicable taxes. The fee is owed - to the owner of the Project Gutenberg-tm trademark, but he has - agreed to donate royalties under this paragraph to the Project - Gutenberg Literary Archive Foundation. Royalty payments must be paid - within 60 days following each date on which you prepare (or are - legally required to prepare) your periodic tax returns. Royalty - payments should be clearly marked as such and sent to the Project - Gutenberg Literary Archive Foundation at the address specified in - Section 4, "Information about donations to the Project Gutenberg - Literary Archive Foundation." - -* You provide a full refund of any money paid by a user who notifies - you in writing (or by e-mail) within 30 days of receipt that s/he - does not agree to the terms of the full Project Gutenberg-tm - License. You must require such a user to return or destroy all - copies of the works possessed in a physical medium and discontinue - all use of and all access to other copies of Project Gutenberg-tm - works. - -* You provide, in accordance with paragraph 1.F.3, a full refund of - any money paid for a work or a replacement copy, if a defect in the - electronic work is discovered and reported to you within 90 days of - receipt of the work. - -* You comply with all other terms of this agreement for free - distribution of Project Gutenberg-tm works. - -1.E.9. If you wish to charge a fee or distribute a Project -Gutenberg-tm electronic work or group of works on different terms than -are set forth in this agreement, you must obtain permission in writing -from both the Project Gutenberg Literary Archive Foundation and The -Project Gutenberg Trademark LLC, the owner of the Project Gutenberg-tm -trademark. Contact the Foundation as set forth in Section 3 below. - -1.F. - -1.F.1. Project Gutenberg volunteers and employees expend considerable -effort to identify, do copyright research on, transcribe and proofread -works not protected by U.S. copyright law in creating the Project -Gutenberg-tm collection. Despite these efforts, Project Gutenberg-tm -electronic works, and the medium on which they may be stored, may -contain "Defects," such as, but not limited to, incomplete, inaccurate -or corrupt data, transcription errors, a copyright or other -intellectual property infringement, a defective or damaged disk or -other medium, a computer virus, or computer codes that damage or -cannot be read by your equipment. - -1.F.2. LIMITED WARRANTY, DISCLAIMER OF DAMAGES - Except for the "Right -of Replacement or Refund" described in paragraph 1.F.3, the Project -Gutenberg Literary Archive Foundation, the owner of the Project -Gutenberg-tm trademark, and any other party distributing a Project -Gutenberg-tm electronic work under this agreement, disclaim all -liability to you for damages, costs and expenses, including legal -fees. YOU AGREE THAT YOU HAVE NO REMEDIES FOR NEGLIGENCE, STRICT -LIABILITY, BREACH OF WARRANTY OR BREACH OF CONTRACT EXCEPT THOSE -PROVIDED IN PARAGRAPH 1.F.3. YOU AGREE THAT THE FOUNDATION, THE -TRADEMARK OWNER, AND ANY DISTRIBUTOR UNDER THIS AGREEMENT WILL NOT BE -LIABLE TO YOU FOR ACTUAL, DIRECT, INDIRECT, CONSEQUENTIAL, PUNITIVE OR -INCIDENTAL DAMAGES EVEN IF YOU GIVE NOTICE OF THE POSSIBILITY OF SUCH -DAMAGE. - -1.F.3. LIMITED RIGHT OF REPLACEMENT OR REFUND - If you discover a -defect in this electronic work within 90 days of receiving it, you can -receive a refund of the money (if any) you paid for it by sending a -written explanation to the person you received the work from. If you -received the work on a physical medium, you must return the medium -with your written explanation. The person or entity that provided you -with the defective work may elect to provide a replacement copy in -lieu of a refund. If you received the work electronically, the person -or entity providing it to you may choose to give you a second -opportunity to receive the work electronically in lieu of a refund. If -the second copy is also defective, you may demand a refund in writing -without further opportunities to fix the problem. - -1.F.4. Except for the limited right of replacement or refund set forth -in paragraph 1.F.3, this work is provided to you 'AS-IS', WITH NO -OTHER WARRANTIES OF ANY KIND, EXPRESS OR IMPLIED, INCLUDING BUT NOT -LIMITED TO WARRANTIES OF MERCHANTABILITY OR FITNESS FOR ANY PURPOSE. - -1.F.5. Some states do not allow disclaimers of certain implied -warranties or the exclusion or limitation of certain types of -damages. If any disclaimer or limitation set forth in this agreement -violates the law of the state applicable to this agreement, the -agreement shall be interpreted to make the maximum disclaimer or -limitation permitted by the applicable state law. The invalidity or -unenforceability of any provision of this agreement shall not void the -remaining provisions. - -1.F.6. INDEMNITY - You agree to indemnify and hold the Foundation, the -trademark owner, any agent or employee of the Foundation, anyone -providing copies of Project Gutenberg-tm electronic works in -accordance with this agreement, and any volunteers associated with the -production, promotion and distribution of Project Gutenberg-tm -electronic works, harmless from all liability, costs and expenses, -including legal fees, that arise directly or indirectly from any of -the following which you do or cause to occur: (a) distribution of this -or any Project Gutenberg-tm work, (b) alteration, modification, or -additions or deletions to any Project Gutenberg-tm work, and (c) any -Defect you cause. - -Section 2. Information about the Mission of Project Gutenberg-tm - -Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of -electronic works in formats readable by the widest variety of -computers including obsolete, old, middle-aged and new computers. It -exists because of the efforts of hundreds of volunteers and donations -from people in all walks of life. - -Volunteers and financial support to provide volunteers with the -assistance they need are critical to reaching Project Gutenberg-tm's -goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will -remain freely available for generations to come. In 2001, the Project -Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure -and permanent future for Project Gutenberg-tm and future -generations. To learn more about the Project Gutenberg Literary -Archive Foundation and how your efforts and donations can help, see -Sections 3 and 4 and the Foundation information page at -www.gutenberg.org Section 3. Information about the Project Gutenberg -Literary Archive Foundation - -The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit -501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the -state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal -Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification -number is 64-6221541. Contributions to the Project Gutenberg Literary -Archive Foundation are tax deductible to the full extent permitted by -U.S. federal laws and your state's laws. - -The Foundation's principal office is in Fairbanks, Alaska, with the -mailing address: PO Box 750175, Fairbanks, AK 99775, but its -volunteers and employees are scattered throughout numerous -locations. Its business office is located at 809 North 1500 West, Salt -Lake City, UT 84116, (801) 596-1887. Email contact links and up to -date contact information can be found at the Foundation's web site and -official page at www.gutenberg.org/contact - -For additional contact information: - - Dr. Gregory B. Newby - Chief Executive and Director - gbnewby@pglaf.org - -Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg -Literary Archive Foundation - -Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide -spread public support and donations to carry out its mission of -increasing the number of public domain and licensed works that can be -freely distributed in machine readable form accessible by the widest -array of equipment including outdated equipment. Many small donations -($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt -status with the IRS. - -The Foundation is committed to complying with the laws regulating -charities and charitable donations in all 50 states of the United -States. Compliance requirements are not uniform and it takes a -considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up -with these requirements. We do not solicit donations in locations -where we have not received written confirmation of compliance. To SEND -DONATIONS or determine the status of compliance for any particular -state visit www.gutenberg.org/donate - -While we cannot and do not solicit contributions from states where we -have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition -against accepting unsolicited donations from donors in such states who -approach us with offers to donate. - -International donations are gratefully accepted, but we cannot make -any statements concerning tax treatment of donations received from -outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff. - -Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation -methods and addresses. Donations are accepted in a number of other -ways including checks, online payments and credit card donations. To -donate, please visit: www.gutenberg.org/donate - -Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic works. - -Professor Michael S. Hart was the originator of the Project -Gutenberg-tm concept of a library of electronic works that could be -freely shared with anyone. For forty years, he produced and -distributed Project Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of -volunteer support. - -Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed -editions, all of which are confirmed as not protected by copyright in -the U.S. unless a copyright notice is included. Thus, we do not -necessarily keep eBooks in compliance with any particular paper -edition. - -Most people start at our Web site which has the main PG search -facility: www.gutenberg.org - -This Web site includes information about Project Gutenberg-tm, -including how to make donations to the Project Gutenberg Literary -Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to -subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks. - diff --git a/old/50128-8.zip b/old/50128-8.zip Binary files differdeleted file mode 100644 index 9879cdf..0000000 --- a/old/50128-8.zip +++ /dev/null diff --git a/old/50128-h.zip b/old/50128-h.zip Binary files differdeleted file mode 100644 index 315083d..0000000 --- a/old/50128-h.zip +++ /dev/null diff --git a/old/50128-h/50128-h.htm b/old/50128-h/50128-h.htm deleted file mode 100644 index 70b0397..0000000 --- a/old/50128-h/50128-h.htm +++ /dev/null @@ -1,8302 +0,0 @@ - - -<!DOCTYPE html PUBLIC "-//W3C//DTD XHTML 1.0 Strict//EN" - "http://www.w3.org/TR/xhtml1/DTD/xhtml1-strict.dtd"> - -<html xmlns="http://www.w3.org/1999/xhtml" xml:lang="de" lang="de"> - -<head> -<meta http-equiv="Content-Type" content="text/html; charset=iso-8859-1" /> -<meta http-equiv="Content-Style-Type" content="text/css" /> - -<title>The Project Gutenberg eBook of -Die Schwägerinnen, Zweiter Theil, -by Henriette Hanke</title> - -<link rel="coverpage" href="images/cover.jpg" /> -<style type="text/css"> - -body {margin-left: 10%; margin-right: 10%;} - -h1 {font-size: 200%; text-align: center; font-weight: normal; margin-top: 2em; line-height: 1.5;} -h2 {font-size: 110%; text-align: center; font-weight: bold; margin-top: 6em; line-height: 1.5;} - -p {text-indent: 1em; text-align: justify; margin-top: 0.75em; margin-bottom: 0.75em;} - -hr {width: 10%; margin-top: 1.5em; margin-bottom: 1.5em; page-break-before: avoid;} - -.ce {text-align: center; text-indent: 0;} -.ci {margin-left: 5%; margin-right: 5%; text-indent: 0;} -.ge {font-style: normal; letter-spacing: .12em; padding-left: .12em;} -.in0 {text-indent: 0;} -.nd {text-decoration: none;} -.lh2 {line-height: 1.5;} -.mw24 {max-width: 24em; margin-left: auto; margin-right: auto;} - -.fsxl {font-size: 140%;} -.fsl {font-size: 110%;} -.fss {font-size: 85%;} - -.mb2 {margin-bottom: 2em;} - -.mt2 {margin-top: 2em;} - -.poetry-container {text-align: center; margin-top: 1em;} -.poetry {display: inline-block; text-align: left;} -@media handheld {.poetry {display: block; margin-left: 2em; text-align: left;}} -.stanza {line-height: 1.3; font-size: 90%; margin-bottom: 0.7em; page-break-inside: avoid;} -.verse {text-align: left; text-indent: -2em; padding-left: 2em;} -.verse-right {text-align: right;} - -a[title].pagenum {position: absolute; right:3%;} - -a[title].pagenum:after { - content: attr(title); - border: 1px solid silver; - display: inline; - font-size: x-small; - text-align: right; - color: #808080; - background-color: inherit; - font-style: normal; - padding: 1px 4px 1px 4px; - font-variant: normal; - font-weight: normal; - text-decoration: none; - text-indent: 0; - letter-spacing: 0; -} - -</style> -</head> - -<body> - - -<pre> - -Project Gutenberg's Die Schwägerinnen. Zweiter Theil., by Henriette Hanke - -This eBook is for the use of anyone anywhere in the United States and most -other parts of the world at no cost and with almost no restrictions -whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it under the terms of -the Project Gutenberg License included with this eBook or online at -www.gutenberg.org. If you are not located in the United States, you'll have -to check the laws of the country where you are located before using this ebook. - - - -Title: Die Schwägerinnen. Zweiter Theil. - -Author: Henriette Hanke - -Release Date: October 4, 2015 [EBook #50128] - -Language: German - -Character set encoding: ISO-8859-1 - -*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DIE SCHWÄGERINNEN. ZWEITER THEIL. *** - - - - -Produced by The Online Distributed Proofreading Team at -http://www.pgdp.net (This file was produced from images -generously made available by The Internet Archive) - - - - - - -</pre> - - -<h1>Die Schwägerinnen.</h1> - -<p class="ce mt2 lh2">Roman<br /> -von<br /> -<span class="fsxl">Henriette Hanke</span><br /> -geb. Arndt.</p> - -<p class="ce mt2 mb2 fsl">Zweiter Theil.</p> - -<div class="mw24"> -<div class="poetry-container"> - <div class="poetry"> - <div class="stanza"> - <div class="verse"> Ist die Natur nicht mit dem Glück im Bunde,</div> - <div class="verse">Dann kommt sie übel fort, wie jede Saat,</div> - <div class="verse">Die man gesäet auf fremdem falschen Grunde.</div> - <div class="verse-right"><em class="ge">Dante Alighieri.</em></div> - </div> - </div> -</div> -</div> - -<p class="ce mt2"><span class="fsl">Hannover, 1836.</span><br /> -Im Verlage der Hahnschen Hofbuchhandlung.</p> - - - - -<h2> </h2> - - -<p class="mt2 in0"><a class="pagenum" id="page_001" title="1"> </a> -<span class="fsxl">G</span>raf Frankenstern war der letzte Sprößling eines -alten fränkischen Geschlechts. Früh verwais't, seinem -Stammhaus entfremdet, hatte er den Besitz der deutschen -Standesherrschaft Bonna und Bühle, einer -Spaltung der Familie und dem Unglück seines Oheims -zu danken, der vier kräftige Söhne in der Blüthe ihrer -Jugend hinsterben sah, um dies reiche Majorat -einem kränklichen Neffen zu hinterlassen, der schon im -Sarge gelegen. Graf Frankenstern war von Kindheit -an zu Starrkrampf geneigt, und in solchem Zustande -einmal für todt gehalten worden. Ein rettender Zufall -gab ihn dem Leben zurück; doch den tiefen Eindruck -jener entsetzlichen Gefahr nahm die Oberfläche -der Welt nicht mehr hinweg. Dem edlen Gesichte -blieben leichenhafte Züge, ein Grauen vor Allem, was -an das Grab erinnert, wurzelte tief in der Natur dieses -Erstandenen, und jene bange einsame Ruhe, welche -die Todten umschwebt, wich nie von seiner blassen -Stirne. –</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_002" title="2"> </a> -Von seinem Oheim mit kalter Strenge behandelt, -hatte Graf Frankenstern schon zeitig das Weh empfunden, -ein aufgedrungener Erbe zu seyn. Kein inniges -Band zärtlicher Achtung knüpfte ihn an seine -Verwandten, Liebe machte seine dankbare Pflicht nicht -freiwillig: das Schloß zu Bonna war eine Oede des -Hasses für seinen künftigen Herrn. Als dieser nun -auf eine ferne Ritterschule kam, fühlte er sich zum -erstenmale gesellig glücklich, und in einem Zusammenhange, -der sein Herz erweiterte. Vorzugsweise schloß -er sich an einen jungen Edelmann fremder Abkunft, -und vielleicht war es weniger manches Gleiche in den -äußern Verhältnissen der beiden Jünglinge, als ihre -innerste Verschiedenheit, was diese Freundschaft begründete.</p> - -<p>Sylvius de Romana war durch ein seltsames Geschick -von den Küsten seiner Heimath auf den Boden -dieses Landes verschlagen worden. Seine Vorfahren -hatten großen Rang und Reichthum in Spanien behauptet, -doch den Umschwung ihres zeitlichen Glückes -erfahren, und seitdem die schwebende Fortuna auf andern -Stellen der Erdkugel gesucht. Eine junge verwittwete -Dame jenes einst glänzenden Namens bewohnte -im Gebiet von Valencia ein verfallnes Landhaus -am Meere. Sie hatte den Gemahl auf einer -Seereise verloren, und den letzten schmerzlichen Trost -<a class="pagenum" id="page_003" title="3"> </a> -entbehrt, seinen Leichnam gesehen zu haben. Sein -Ebenbild, ein holder Knabe, war ihr einziges Glück! – -Nach einer stürmischen Gewitternacht, in der ein Schiff -verunglückt war, fand Donna Romana einen Mann -besinnungslos an einen Balken geklammert, unter -Trümmern am Strande. Sein Blut floß aus einer -Armwunde, die er im Kampf gegen den Untergang -davon getragen haben mogte, sacht in den glühenden -Sand. Dieser traurige Anblick regte in der Spanierinn -Erinnerungen auf, die sie bestimmten, sich des -Ohnmächtigen anzunehmen. Sie glaubte noch schwache -Spuren des Lebens in ihm zu entdecken. Es war -der Kaufmann, den jener Verlust betroffen; doch die -Dame dachte nur an ihren eigenen, indem sie ihm -Hülfe leistete. Sie ließ ihn in das Landhaus tragen -und pflegte sein mit samaritischem Geist. Er erkrankte -schwer, das Fieber ward durch die schädlichen Einflüsse -des Climas und der Jahreszeit auflösend; doch er genas, -und kaum war der Sieg seiner rüstigen Natur -entschieden, als die gute Dame ein Opfer ihrer Menschenfreundlichkeit -ward. Die Dame richtete die schwarzen -Augen, vor denen die Schatten des Todes schwebten, -auf den unglückseligen Gast, der händeringend an -ihrem Lager stand – dann erlosch ihr Blick, dieser -mütterliche Strahl, auf dem weinenden Gesicht ihres -Kindes. Der Kaufmann vergaß niemals diesen Blick. -<a class="pagenum" id="page_004" title="4"> </a> -Das Lächeln, womit die Mutter starb, als sie ihren -Sohn in den Armen jenes Mannes und sich verstanden -sah, hatte ein Testament in sein redliches Herz -geschrieben, mit Zügen, die keine Zeit verwischte. Niemand -that Einspruch, als der Fremdling den kleinen -Romana als sein Eigenthum ansah, und sobald er -dazu im Stande war, ihn fortführte von dieser traurigen -Küste. Der kleine Sylvius nahm nichts von -dort mit sich hinweg, als ein dämmerndes Gedenken -an die Schönheit seines Vaterlandes, eine Sprache, -die in der Stimme seiner Mutter lebenslang wie -Frühlingslaut an seine Seele rührte – und das Blut -seiner Nation, das stolz und heiß in seinen Adern -floß. Im Hause des Kaufmanns kam dem Knaben -daher – sprüchwörtlich gesagt – Alles spanisch vor, -und nichts heimisch. Bis dahin hatte er im Garten -des mütterlichen Landhauses unter einer Dattelpalme, -in deren Kern sich bekanntlich die Seidenraupe einspinnt, -den langen Tag der Kindheit verträumt, und, -ein Fischerliedchen summend, kleine Grotten von Muscheln -gebaut. Jetzt schirmte ihn zwar auch der Baum -des Friedens und des Fleißes; aber der Ernst eines -geschäftsthätigen Lebens rief seine Kräfte zu nützlicher -Uebung auf. Das jüngste Töchterchen des Kaufmanns -hatte sich mit Sylvius in eine Art von Verständniß -zu setzen gewußt, die andern Geschwister nicht. Die -<a class="pagenum" id="page_005" title="5"> </a> -kleine Blanka schien ihm ein Engel, und waltete schützend -um ihm wie ein solcher. Einst sagte sie bittend: -»Vater! lasse doch den kleinen Ritter –« der Kaufmann -lächelte zu dieser anmuthigen Benennung, – -»nicht mehr in die Manufactur gehen; das Getöse -der Webstühle macht ihm Kopfschmerz.« Der Vater -legte seine Hand auf die blonden Flechten seines Kindes -und sprach: »das Meer, daran die Wiege Deines -kleinen Freundes gestanden, toset viel stärker, Blanka!«</p> - -<p>Aber er sorgte dafür, daß Sylvius bald darauf in -verhältnißmäßige Aufsicht käme, und brachte ihn später -in jenes adelige Institut, wo er sich, wie wir bereits -erwähnt, mit Graf Frankenstern freundlich zusammenfand. -Als die Zeit ihrer Trennung gekommen -war, dachten sie kaum, wann? und wo? ein günstiger -Stern sie wieder vereinigen werde, und eben so -wenig daran, einen Briefwechsel zu verabreden. Das -Band einer jugendlichen Freundschaft hält sich so stark, -daß es keiner Verknüpfung dieser Art bedarf oder zu -bedürfen glaubt.</p> - -<p>Graf Frankenstern kehrte nach Bonna zurück, und -nahm die Stellung ein, auf die er Ansprüche hatte. -Die Welt zog ihn in ihre Kreise, ohne daß er sich -ihrem Interesse hätte anschließen können; immer war -und blieb der Hang zur Einsamkeit vorherrschend in -ihm.</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_006" title="6"> </a> -Als er nach dem Tode seines Oheims die Güter -antrat, meinte er, es sey nun schicklich, daß er sich -vermähle. Wenig zugänglich für leidenschaftliche Gefühle -der Liebe, richtete er mit ruhiger Ueberlegung -sein Augenmerk auf die Töchter edler Herkunft, und -seine Wahl fiel auf ein liebes, leutseliges Wesen, welches -den Grafen durch eine Ahnung von Stille für -sich einnahm, die in diesem Gemüth wohne, und ihn -ein Uebereinstimmen ihrer Neigungen hoffen ließ. Ein -so glänzendes Loos wäre dem Fräulein nicht im Traume -eingefallen. Dies liebenswerthe Kind, elternlos -und unbegütert, lebte in Mitten einer hochmüthigen -Familie, hart gedrückt, und war, ohne Aussicht auf -eine andere Versorgung, entschlossen gewesen, den -Schleier zu nehmen, der damals noch manches Mädchen -durch freiwillige Entsagung vor dem Schmerz -schützte, unbegehrt von einem Manne zu bleiben. Der -irdische Bräutigam kam bei dem Fräulein dem himmlischen -zuvor, und ein beinahe fürstlicher Brautschatz -machte es dem Gelübde der Armuth untreu.</p> - -<p>Aber es schien doch, als ob jene Idee Beruf und -Element dieser jungfräulichen Seele gewesen wäre. -Ein klösterlicher Hauch – wenn wir so sagen dürften -– schwebte um die Gestalt der jungen Gräfinn, -und die Blume ihres Glückes hatte einen Athem von -Resignation. Sie verehrte ihren Gemahl gleich einem -<a class="pagenum" id="page_007" title="7"> </a> -Schutzheiligen, hütete sich sorgsam, gegen seine Eigenheiten -zu verstoßen, deren der Graf wirklich viele hatte; -doch war es nur Achtung, nicht Liebe, was die Gräfinn -so zart in ihren Pflichten machte. In ihrem -Herzen blieb eine Lücke, welche der ganze Vollbesitz -ihrer Lage nicht auszufüllen vermogte. Einen verborgenen -Kummer trug sie darüber. In ihrer linken -Brust war eine kleine Verhärtung entstanden, die -Gräfinn wußte nicht wie? Sie hatte lange keine Gelegenheit, -einen Sachverständigen um Rath zu fragen, -und dann eine schmerzliche Schaam zu überwinden, -als es später doch geschah. Der Graf duldete keinen -Wundarzt erster Classe im Bereich seiner Herrschaft, -und der Bader des Ortes mußte sich wie ein Geächteter -seinem Blick entziehen. Als die Gräfinn ihrem -Gemahl sanfte Vorstellungen zu machen pflegte, ward -er heftig und sagte: »nein, nein! meine Liebste! solch -ein Messer in der Hand des Chirurgs, was er mit -Gleichgültigkeit entblößt, während das arme Opfer -zitternd sitzt und nach dem furchtbaren Stahl zitternd -hinblinzelt – ist mir nicht viel anders, als ob ich ein -Richtschwert schwingen sähe. –« Ein jäher Krampf -flog über seine Züge, die Gräfinn erbleichte – und -es war nie mehr die Rede davon.</p> - -<p>Nur zum Behuf des Gottesdienstes durften die -Glocken in Bonna geläutet werden; die Todten wurden -<a class="pagenum" id="page_008" title="8"> </a> -ohne Sang und Klang bestattet. Der Graf entschädigte -die Geistlichkeit für den Verlust, den sie an -diesen stillen Begräbnissen erlitt, sehr freigebig. Doch, -wie väterlich er für seine Unterthanen sorgte, ihnen -Krankenhäuser baute, nasse Augen heimlich trocknete, -und sich als den Schutzfreund ihrer Wittwen und -Waisen bewies, so verziehen sie es ihm doch nicht, -daß er ihnen den Genuß öffentlicher Trauer und Thränen -raubte; das Gepränge mit ihren Todten galt ihnen -mehr, als die Zufriedenheit der Lebendigen. Daß -ihr gütiger Grundherr einen Grund zu diesem Verfahren -haben müsse, dies sahen sie nicht ein. Der -Graf fühlte jedesmal eine Anwandlung seiner Krankheit, -so oft er einen Leichenzug erblickte. Endlich -machte er seinen Unterthanen den Vorschlag, ihre Gestorbenen -zu verbrennen, und diese classische Idee wurzelte -in seiner nervösen Furcht vor der Möglichkeit, -lebendig begraben zu werden. Alle Spuren der Verwesung -wären dann vertilgt vom Boden seines Gebiets, -und er war Willens, der Erfüllung dieses Wunsches -Denen, die sich ihm fügten, große Vortheile einzuräumen. -Der Aschenkrug, darin die Reste der guten -Landleute von Bonna gesammelt würden, sollte -ein volles Maß von Wohlergehen über sie ausgießen. -– Aber es gab einen Aufruhr – und wenig -fehlte, so hätten sie das Schloß gestürmt und den -<a class="pagenum" id="page_009" title="9"> </a> -Grafen gesteinigt. Nur die abgöttische Hochachtung -vor seiner Gemahlinn hielt das Volk von roher Unbill -zurück.</p> - -<p>Von dieser Zeit an ward Graf Frankenstern mit -Vorurtheil gehaßt. Dies nährte seinen tiefsinnigen -Stolz, und er verschloß sich in sich selbst; nur das -Gefühl, geliebt zu seyn, macht populair. Seine Güte -war Grundsatz, deshalb erschütterte ihn der Undank -nicht; aber er stand allein, und auf einer schroffen -Spitze.</p> - -<p>»Das wollen wir erleben, <em class="ge">Der</em> wird noch überschnappen –« -sagte der Bader, so oft er eine alte -Gevatterinn zur Ader ließ, beflissen, den Widerwillen -des Grafen gegen seine Person auf eine Art zu erklären, -die nur Jenem schadete. So kam das Gerücht -in Umlauf, es sey nicht richtig mit ihm. Und da die -Sage es ist, welche Verhältnisse schafft, so wie nicht -selten durch die Meinung Zustände entstehen: so -schwebte auch dieserhalb Graf Frankenstern in Gefahr, -für wahnsinnig gehalten zu werden.</p> - -<p>Mit jener tiefen Wehmuth, die nur die Reichen -dieser Welt kennen, die da wissen, wie nichtig eitler -Besitz für das Bedürfniß des Glückes sey – entäußerte -sich die Gräfinn ihrer Vorzüge, und meinte das -Beste zu entbehren, da es nicht in ihrem Vermögen -läge, ihren Gemahl zu erheitern. Sie glaubte, seine -<a class="pagenum" id="page_010" title="10"> </a> -finstere Seele werde sanften Eindrücken sich öffnen, -als sie sich Mutter fühlte, und ihr ganzes Herz hing -an diese Hoffnung. Die Gräfinn ward von einem -Knaben entbunden, aber schwer; es mußte ein Geburtshelfer -geholt werden. Der Graf hielt sich in -seinen Zimmern, und kam nicht eher wieder zum Vorschein, -bis man ihm sagte, Alles wäre vorüber.</p> - -<p>Wie duldsam die Gräfinn nun auch war, eine -kleine Empfindlichkeit, so weit ihre Schwäche sie zuließ, -konnte sie doch nicht bergen. Und als das Kind -nach kurzer Zeit an Krämpfen starb, brachte der Gedanke, -mit welch einsamen Schmerzen sie es geboren, -und daß die Natur des Vaters es ihr entrissen – die -Mutter aus dem Gleichgewicht sanftmüthiger Gelassenheit, -so daß sie schwankte, zwischen Groll und -Gram. Der Graf weigerte sich, den kleinen Leichnam -zu sehen, und seine Gattinn fühlte sich verlassen wie -eine Wittwe, da sie ihn mit ihren mütterlichen Thränen -salbte. »Mein Kind, mein süßes, kleines Kind!« -jammerte die Gräfinn, »so mußtest Du mir hinsterben, -bewußtlos wie eine Blume einschläft, die in tödtendem -Frost erschauert! – Und kaum habe ich das -Blinken Deines Auges gesehen, keinen Blick des -Verstandes. –«</p> - -<p>»Das Kind war weise –« sprach der Graf am -<a class="pagenum" id="page_011" title="11"> </a> -Fenster eines Coridors, wo er in der umgebenden -Stille die Klage seiner Frau vernommen hatte.</p> - -<p>»<em class="ge">Weiß</em>? sagst Du?« fragte die Gräfinn, aufhorchend, -welch ein Wort der stumme, scheinbar kalte Vater -fallen ließe, und schritt mit matten Schritten näher, -»nein, da irrst Du, mein Gemahl! es hatte von -Geburt an eine blaurothe Farbe.«</p> - -<p>»Es war <em class="ge">weise</em>, sagte ich,« betonte der Graf, -»denn es sträubte sich gegen das Licht dieser Welt, -und hat sie bald wieder verlassen, weil sich die Mühe -des Lebens nicht verlohnt.«</p> - -<p>Diese Worte schnitten mit zwiefachem Weh in die -Seele der Mutter, sie erinnerten an Stunden der -Angst, und zeigten, welch eine düstere Ansicht ihr Gemahl -von einem Daseyn hätte, das Schätze über seinem -Haupte gehäuft, ohne ihm eine Freude abzugewinnen.</p> - -<p>Die Gräfinn konnte sich nicht von dem Anblick ihres -Kindes trennen, und hätte es lieber wie ein Bild unter -Glas und Rahmen gesetzt. Sie schützte vor, es -könne wohl gar in Starrsucht liegen; aber es lag im -Arm des Todes.</p> - -<p>Der Graf hatte die ganze Zeit unbeschreiblich gelitten, -und sein bleiches, verstörtes Gesicht forderte -Schonung für seinen Zustand. Da dieser Zustand -nun das Geheimniß eines Leidens war, was innig -<a class="pagenum" id="page_012" title="12"> </a> -verflochten in das wundervolle Gewebe der Nerven, -nicht minder eine Krankheit der Seele wie des Körpers -genannt werden können, und die Menschen in -der Regel nur ein mitleidiges Auge für sichtbare Uebel -haben: so schonte selbst die Gräfinn bei aller natürlichen -Zartheit der Empfindung, ihren Gemahl nicht -immer genug. Wir wollen bedenken, daß der Gräfinn -jenes Gefühl für ihn abging, welches allein den -Geist zu durchdringen vermag: die <em class="ge">Liebe</em> – das -tiefste Verständniß! –</p> - -<p>Ob wir auch Tugenden an dieser liebenswürdigen -Frau rühmen müssen, die kein Gemeingut ihres Geschlechts -sind, und nur das Eigenthum der edelsten -weiblichen Seelen, so war sie doch als Evas Tochter -von einer kleinen Schwäche nicht frei. Der Reiz des -Versagten wirkte auf ihren bescheidenen Sinn. In -absonderlicher Hinneigung zu Aerzten und Wundärzten, -nahm sie den geringsten Anlaß wahr, ihre Kunst -anzusprechen, selbst den Bader von Bonna grüßte sie -freundlich und bedeutsam – was freilich zur Ehre eines -vergütenden Willens erklärt werden könnte. Für -die Utensilien des Todes hatte die Gräfinn ein bemerkendes -Interesse; und so wie Jemand das, was eine -Gestalt in ihm gewonnen, in jedem Gegenstande erblickt: -so prägte sich ihr Alles zu Bildern der Sterblichkeit -aus.</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_013" title="13"> </a> -Im Verschluß ihres Gemahls befand sie eine Chatoulle, -worin die Juwelen der Familie aufgehoben -lagen. Dies Kästchen, von einer Form, wie man auch -jetzt noch, nur im kleinsten Verhältniß, ein kompendiöses -Nähzeug für Damen kennt, war von dunklem -Saffian; um die schmal abwärts laufende Höhe zog -sich eine feine stählerne Gallerie, Schloß und Handhaben -waren massiv und von Silber. Die Gräfinn, -gleichgültig gegen Schmuck und Putz, so daß sie als -Braut jedes schimmernde Geschenk verschmäht hatte, -liebte von allem Geschmeide nur Perlen. Eines Tages -erwähnte sie gesprächsweise, daß die Perlen im -Halsband von ihrer seligen Mutter, worin sie sich -trauen lassen, nun auch abgestorben wären. Sie sagte -dies mit so bekümmerter Miene, als wäre ein Leben -von größerem Werth ihr erblichen. »O! da sey ruhig, -mein Schatz!« antwortete der Graf eilig, weil -jener bildliche Ausdruck ihn schon leise ängstete, »Perlen -kannst Du sehr schön haben, wirklich köstlich; -ächte! orientalische! –« Und mit freundlicher Gefälligkeit -für den Geschmack der Gattinn, ließ er das -Kästchen aus dem Behältniß eines Schrankes heben, -und reichte ihr den Schlüssel. Die Gräfinn war doch -eine Frau. Mit leuchtenden Augen betrachtete sie das -nette Köfferchen und sprach: »ist dies doch ein förmlich -kleiner Sarg! das niedlichste Modell zu einem -<a class="pagenum" id="page_014" title="14"> </a> -solchen. Oben fehlt nur noch das Crucifix, so ist er -fertig.« Das Schloß, leise erklingend, that sich auf; -dieser Ton, jene Worte, berührten in dem Grafen eine -überspannte Saite – und schaudernd wendete er -sich ab.</p> - -<p>»Und innen auch –« fuhr die Gräfinn unvorsichtig -fort, »dieses duftende Kissen von weißem Atlaß, -mit kleinen Franzen besetzt, was darauf ruht, ist doch -ein wenig mehr als Staub. –« Sie nahm ein -Stück nach dem andern heraus, und der Schimmer -der Edelsteine spiegelte sich in ihrem lächelnden Blicke.</p> - -<p>Der Graf bat seine Frau mit dumpfer Stimme, -das Kästchen von nun an in Gewahrsam zu behalten.</p> - -<p>Eine abermalige Niederkunft der Gräfinn war -nicht glücklicher als die erste. Das Kind starb an -Krämpfen. Sie fing an zu zweifeln, daß ihr Mutterfreuden -beschieden seyn würden, nur halb getröstet -von dem Gedanken, es geschehe ihr zum Wohl: denn -kränklichen Geschöpfen das Leben gegeben zu haben -für langes Leiden, sey viel schmerzlicher, als ihren frühen -Tod zu beweinen.</p> - -<p>Graf Frankenstern nahm diesen Verlust mit gewohnter -düstrer Fassung hin, und diese melancholische -Unempfindlichkeit vereinsamte seine Gattinn in ihrem -Schmerz. Mit der bedenklichen Stelle in ihrer linken -Brust war es während jener Zustände schlimmer geworden, -<a class="pagenum" id="page_015" title="15"> </a> -und ein erfahrener Arzt äußerte, wenn die -Gräfinn nur nicht wieder guter Hoffnung würde, so -dürfe sie schon ohne Furcht seyn. –</p> - -<p>Eine Reihe von Jahren war hingegangen, ohne -daß irgend ein Ereigniß bedeutender Art die tiefe, -eintönige Ruhe im Schloß zu Bonna unterbrochen -hätte. Es war der Gräfinn zuweilen, als hätte sie -seit ihrer Verheirathung ein Weltalter durchlebt. – -Sie brachte jeden Sommer eine Zeitlang in Bühle -zu und besuchte dann freundschaftlich die Cisterzienserinnen -von Sanct Capella. Mit einem schmerzlichen -Lächeln blickte sie in das heitere, vollblühende Gesicht -mancher geistlichen Schwester, deren Geburtstag nicht -weit von dem ihrigen aus einander lag. Sie sah an -dem jungen Zuwachs der Töchter auf den Gütern ihres -Gemahls, daß sie alt würde, und nahm in trübem -Verzichten auf die Freuden des Lebens das Gefühl -einer Matrone voraus. Die schweigsame Haltung des -Grafen, die goldne Wucht des Reichthums und der -Druck der Gleichmäßigkeit, beugte ihre liebliche Gestalt -vor der Zeit.</p> - -<p>Jetzt aber wurde die Gräfinn, deren zarte Gesundheit -selten gestört gewesen, sehr kränklich und verfiel -sichtbar. Ein Arzt, dem die Gräfinn ihr Zutrauen -schenkte, meinte, als er ihre Klage vernahm, -sie fühle sich beengt und einen Andrang nach dem -<a class="pagenum" id="page_016" title="16"> </a> -Herzen – traurige Gedanken schwebten ihr beständig -vor, und sie sey nicht mehr im Stande, die Stimmung -ihres Gemahls auszuhalten –: es läge ihr ein -wenig im Gemüth, und Zerstreuung würde hier das -Beste thun. Die Gräfinn schüttelte leise den Kopf, -wobei ein paar Thränen von ihren Wimpern tropften. -Sie sprach: »habe ich jene Schwermuth, unter -der eine Frau unsäglich leidet, doch so lange mit Freudigkeit -getragen, warum sinkt mir denn jetzt der -Muth?«</p> - -<p>»Weil jede Last mit jedem Tage schwerer und zuletzt -unerträglich wird –« erwiederte ihr hierauf der -Doctor. Er gab sein Gutachten dahin ab, daß, wenn -der Graf sich entschließen könnte, die Bäder von S... -zu gebrauchen, so wäre hoffentlich auch seiner Gemahlinn -geholfen. – Es kostete einen schweren Entschluß, -daß dieser Rath befolgt würde. Der Graf war -beinahe menschenscheu, die Gräfinn, durch langes Entwöhnen -von geselligem Umgang nonnenhaft blöde geworden; -es grauete Beiden vor dem Geräusch der -Welt. Der Graf machte die schöne Reise wie ein -Automat. Er sprach nur, was er mußte. – Die -Gräfinn saß stumm an seiner Seite, und ihr Blick -streifte düster über die wallenden Getraidefelder hin, -an denen noch die letzte Blüthe hing – oder tauchte -unter in ein Meer von Sorgen. Sie ließ halten, so -<a class="pagenum" id="page_017" title="17"> </a> -oft ein Fußgänger, mühselig und beladen, ein Armer -am Wege mit neidendem Staunen zu der prächtigen -Equipage aufsah, und reichte ein Geldstück heraus, das -ihm fröhlich weiter half. So sammelte die gute Gräfinn -tausend Segenswünsche ein, und der große Rentirer -an der Hauptcasse des Himmels zahlte richtig an -Ort und Stelle die Zinsen des Wohlthuns.</p> - -<p>In dem pallastähnlichen Hause, worin Graf Frankenstern -mit seiner Gemahlinn Wohnung fand, hatte -die nächst daran stoßenden Zimmer ein alter freundlicher -Mann, mit einer jungen blassen Frau inne.</p> - -<p>Ein Zufall brachte die Gräfinn schon am ersten -Morgen in nähernde Beziehung zu dem alten Nachbar. -Es war ein berühmter Accoucheur, der seiner -Schwiegertochter zu Liebe hierher gekommen war. Er -erzählte, die junge Frau hätte fünf todte Kinder geboren, -»und <em class="ge">fünftausend lebendige</em>,« setzte er -mit summarischem Accent und einer Mischung von -Stolz und Schmerz hinzu: »habe ich mit dieser meiner -Hand eingetragen, und komme mir deshalb wie -ein kleiner Herrgott vor, der seine Kinder <i>nolens volens</i> -an das Licht bringt.«</p> - -<p>Bei diesen Worten hob er die Hand empor, die -obgleich klein und hager doch so gewaltig war; der -Gräfinn Auge haftete auf einem Siegelringe am Finger -des Priesters der Lucina. Sie erröthete gleich dem -<a class="pagenum" id="page_018" title="18"> </a> -schönen Carniol, und faßte ein Herz zu diesem -Manne. –</p> - -<p>»Mein bleiches Töchterchen,« fuhr er fort, »thut -mir leid; das gute Weib grämt sich und weint oftmals -im Stillen, eine Leichenmutter zu seyn. Und ich, -der Geburtshelfer! kann ihr nicht helfen, und muß -meinen Ruf verlieren am eigenen Blut. So kannte -ich einen Mann, der die halbe verkrüppelte Welt gerade -gemacht hatte, und sein einziger Sohn war ein -Aesop. Dies ist ein herber Spott für die Kunst, -und ein mächtiger Schlagbaum gegen den Egoismus; -aber gewiß eine weise Einrichtung von Gott. Die -Kräfte des Einzelnen gehören der Menschheit und -nicht seinem Glück.«</p> - -<p>Die Gräfinn hörte ihm mit ersichtlicher Theilnahme -zu. Sie kam sich, im Vergleich zu jener beklagenswerthen -Frau, minder unglücklich vor. So -erwähnte sie ihrer eigenen Leiden, und fragte ihn um -seine Meinung, über den Gebrauch der Bäder dieses -Ortes für sie selbst. Der Alte that ein paar Querfragen, -dann mit einem practischen Lächeln den Ausspruch: -die Gräfinn würde noch vor Ablauf des Jahres -einer kleinen Wanne bedürfen. – Sie sah ihn -an mit einem Blick – einem Blick! – wenn, nach -einem platonischen Ausdruck, Verwunderung die Mutter -des Schönen und Guten sey: so dürfen wir, in -<a class="pagenum" id="page_019" title="19"> </a> -kühner Anwendung desselben, die Gräfinn als eine -Gesegnete ihres Geschlechts betrachten.</p> - -<p>In dieser Stunde ging der Graf einsam ins Freie; -er überließ sich seinen Gedanken, und gerieth auf einen -jener geheimnißvollen Spaziergänge, die dadurch -an ihrem Reiz verlieren, daß die Menge sie weder -kennt noch sucht. Unter dem Niederhang einer Birke -saß ein Mann, der einen Knaben zwischen seinen -Knieen hielt, dem er aus einem Buche etwas zu erklären -schien. Der Graf grüßte stumm und ging vorüber. -»Gieb Acht, Sylvius!« sagte der Fremde, als -der Knabe zerstreut Jenem mit seinen Blicken folgte.</p> - -<p>»Sylvius!« wiederholte der Graf leise, und blieb -stehen, um einem Echo der Erinnerung zu lauschen. -Als er aber jenen Mann mit einer fremdartigen Aussprache -weiter reden hörte, rief er, daß Berg und Thal -davon wiederhallte: »Sylvius!« Vater und Sohn -dieses Namens sprangen erschrocken auf, und Romana -lag in den Armen seines Freundes.</p> - -<p>Der Knabe stand ausgeschlossen, ja scheinbar vergessen, -und schaute mit großen Augen unter einem -strohernen Hütchen hervor, dem eine kleine rothe Feder -ein phantastisches Ansehn gab; der Unbekannte -hatte sich mit all' der hinreißenden Gewalt der Freundschaft -seines Vaters bemächtigt.</p> - -<p>»Sieh hier meinen Sohn!« sagte der ältere Sylvius, -<a class="pagenum" id="page_020" title="20"> </a> -und streckte seine Hand nach dem jüngeren aus: -»mein einzig Gut – Du bist wohl reicher, Frankenstern?«</p> - -<p>»Ich habe gar keine Kinder –« antwortete der -Graf schmerzlich.</p> - -<p>»Aber verheirathet bist Du doch?« fragte der -Freund, und es gereute ihn, voreilig gewesen zu seyn. -Der Graf nickte bloß. Wie wenig diese Antwort auch -besagte: Romana würde, sie geben zu können, sich -für einen Crösus an Glückseligkeit gehalten haben.</p> - -<p>Seine geliebte Frau war gestorben: die kleine -blonde Blanka, die groß und schön, und sein größtes -Glück geworden war. Er hatte mit ihr in Virginien -gelebt. Diese Versorgung seines jüngsten und besten -Kindes war ein Opfer gewesen, welches der edelmüthige -Kaufmann seinen Familien-Verhältnissen gebracht. -Seine älteren Töchter haßten den Sylvius, -und liebten ihren Vater nicht, und lohnten ihm schlecht. -Er hatte sich aus dem Vortheil gegeben: das giebt -nie ein gutes Ende – es wäre denn ein leichtes -Sterben darunter gemeint.</p> - -<p>»Mein Vater sehnt sich nach mir –« sagte Blanka -mit thränenden Augen zu ihrem Gemahl: »ich höre -mich zuweilen ganz deutlich von ihm rufen. Jüngst -träumte mir, sein Reichthum wäre zu Wasser geworden, -<a class="pagenum" id="page_021" title="21"> </a> -wir schifften still darauf hin – und hatten uns -verirrt: denn es war das <em class="ge">todte Meer</em>.«</p> - -<p>Als Sylvius nun sah, daß seine Frau gemüthskrank -vor Heimweh werden könnte, machte er die -Rückreise möglich. Die Fahrt war aber nicht glücklich, -und ihr Ziel traurig. Der Kaufmann lag im -Grabe und konnte nicht mehr klagen, was ihn hinein -gedrückt; aber man hörte es doch, und auch wes Geistes -Kind seine Töchter wären. – Die Folgen der -Seereise, erschütternde Gefühle wirkten schädlich auf -Blankas zarte Gesundheit, und nicht lange, so bettete -man sie an ihres Vaters Seite.</p> - -<p>Romana nahm sein Kind, nahm den Rest seiner -Habe, und verließ dies Haus für immer. Er wollte -eine Anstellung suchen, wie er sie bei seiner vielseitigen -Ausbildung in diesem oder jenem Fache finden -konnte, als er den Jugendfreund wiederfand. Er erkannte -den Grafen Frankenstern nur an der alten -Liebe noch: seine Gestalt war ihm unkenntlich geworden. -In tiefen Höhlen, von finstern Braunen überbuscht, -lagen seine Augen, sein Blick war verstört, -und verrieth eine zerrüttete Seele. Und jenes ihm -eigenthümliche Lächeln um den geklemmten Mund, -war nicht mehr todtenhaft friedlich wie sonst, sondern -krampfhaft: so daß auch dieser weltversöhnte Zug, -nur wie ein Nervenspiel innerster Angst erschien.</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_022" title="22"> </a> -Auch Sylvius de Romana hatte sich sehr verändert. -Er war sehr braun geworden, sonst würde er -sehr bleich gewesen seyn, wie dies in den Schattirungen -seiner Gesichtsfarbe zu bemerken. Sein stolzer -Wuchs hatte etwas Gebeugtes angenommen, tiefe Erfahrungen -ruhten in seinen Zügen – aber sie <em class="ge">ruhten</em>. -Der Klang seiner Stimme, sonst voll und laut, -der Ausdruck einer heftigen Seele, war geistig besänftiget, -und etwas langsam und leise. –</p> - -<p>Doch, empfände wohl der Mensch eine äußere Veränderung, -ob er sie auch sähe, in einem Augenblicke -unsterblicher Freude? – Der Begriff der Zeit verschwindet, -wo wir fühlen, daß die Freundschaft <em class="ge">ewig</em> -ist. – Virginien, das Andenken an Blanka, ihres -Vaters Grab, jeder in Thränen und Tagen verflossene -Schmerz: Alles sank in der Unendlichkeit unter, was, -wie ein Weltmeer, in Sylvius Herzen aufwallte, da -es an dem des Freundes schlug, und seine Augen -wurden feucht. Und im Anblick der kleinen Narbe -an Romanas Stirn, die Graf Frankenstern ihm einst -in der Fechtschule mit dem Rappier geschlagen, schloß -sich für Diesen jede Wunde des Schicksals, und seine -kranke Seele blutete nicht mehr. Entzückt führte er -den Freund und dessen Sohn mit sich fort in seine -Wohnung, sein Glück mit seiner Frau zu theilen.</p> - -<p>Die Gräfinn brannte unterdessen vor Begierde, -<a class="pagenum" id="page_023" title="23"> </a> -die große Nachricht, die sie wußte, ihrem Gemahl mitzutheilen. -Er ließ lange auf sich warten, endlich kam -er, doch nicht allein. Die Fremden, die er mitbrachte, -waren als eine Störung von ihr angesehen, und leider! -ist der erste Eindruck beinahe immer entscheidend. -So ist es nicht genug, daß Jemand ein Recht zu -kommen hat: er muß auch zur <em class="ge">rechten</em> Zeit kommen, -und kein Mensch – nur ein Gott kann diese -wissen.</p> - -<p>Hier, im Beiseyn seiner Frau, schüttete der Graf -das verschlossene Herz aus, dessen eiserne Bänder die -Freude sprengte. »Du bleibst nun bei mir, Romana! -denke nicht daran, mich zu verlassen –« sagte er -gebietend, und in den Ausdruck, wie sehr, wie innerlichst -er dieser Nähe bedürfe, mischte sich etwas von -dem Bewußtseyn, wie viel er äußerlich zu gewähren -vermöge. »Dein Sohn –« so fuhr der Graf fort, -»soll wie der meine gehalten seyn, um so mehr, da -wir keine Kinder haben.« Die Gräfinn hustete leise, -und wurde blaß vor Schrecken. Sie wäre keine -Frau gewesen, wenn diese Aeußerung ihres Gemahls -gegen einen ihr fremden Freund, sie nicht beleidiget -hätte; dazu diese gesprächige Wärme, als ob Geist -des Lebens über ihn gekommen. Nie hatte sie, auch -zur Brautzeit, eine ähnliche Macht auf ihn geübt, -und ganz nach Art weiblicher Eifersucht, nahm sie -<a class="pagenum" id="page_024" title="24"> </a> -dies Dem übel, der diese erheiternde Wirkung hervorbrachte, -ohne sich selbst heiter zu zeigen – was immer -anspruchslos erscheint. Der unschuldige Knabe kränkte -in der Aeußerung des Grafen ihr neugebornes Kind – -und ein leiser Widerwille gegen diese Fremden schlich -wie eine Schlange über ihr Herz. –</p> - -<p>Als die Gräfinn Gelegenheit hatte, ihren Gemahl -mit der neuen Hoffnung bekannt zu machen, fand sie -ihn zwar erfreut; aber – nicht im richtigen Verhältniß -zu ihrer mütterlichen Erwartung. Vielleicht fürchtete -der Graf, das Kind werde wieder sterben – oder -er schlug als ein seelenkranker und niedergeschlagener -Mann, den Werth eines Leibeserben überhaupt nicht -hoch an: genug, seine Freude war mäßig.</p> - -<p>Die Gräfinn trug ihr Glück wie eine Buße, mit -schwerem, verschwiegenem Herzen; mancher Stich ging -jetzt durch ihre leidende Brust, die sich täglich mehr -verhärtete.</p> - -<p>Romana und sein Sohn begleiteten das Ehepaar -von Frankenstern nach Bonna. Ersterer sollte Forstmeister -werden – hatte der Graf flüchtig hingeworfen. -Den ersten Abend ihrer Ankunft daselbst, sagte -die Gräfinn: »ein Einziges bitte ich von Dir, mein -lieber Mann! bleibt Romana hier: so sey es doch -nicht in unserm Hause; ich habe dazu meine guten -Gründe.«</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_025" title="25"> </a> -Der Graf sah seine Frau bestürzt an, nie hatte -sie durch Laune oder Eigensinn seine Handlungsweise -bedingt – er schwieg, aber er wagte nicht, diesen befremdenden -Wunsch zu verneinen.</p> - -<p>Romana stellte die Bedingungen, unter denen er -in Bonna bleiben wolle, mit edler Selbständigkeit -fest. Er sagte: »gieb mir ein Plätzchen, Frankenstern, -nach meinem Sinn, darauf ich mir ein Haus baue, -und Material dazu; dann Gelegenheit, Deinen Gütern -wie Dir selbst zu nützen: so hast Du mich.«</p> - -<p>Sie gingen aus, einen Platz zu suchen, und der -Graf dachte seufzend, wie viel Raum in dem weiten -Schlosse, und daß keine Frau, auch die beste nicht! -durchaus verträglich wäre.</p> - -<p>Ganz in der Nähe von Bonna, kaum ein paar -hundert Schritte davon entfernt, lag ein kleines Vorwerk, -Heiland genannt. Vermuthlich hatte es diesen -ehrwürdigen Namen von einem Christuskreuze erhalten, -das in ungewöhnlicher Höhe zwischen dem herrschaftlichen -Hof und diesem Höfchen stand. Ein klares -Brünnlein rieselte darunter hin, und eine eingerostete -Gitterthüre schien diesen lautern Quell zu verschließen. -Es waren Spuren da, die es wahrscheinlich -machten, daß der Bezirk dieser Stelle einst Mauern -getragen habe, und bewohnt gewesen sey; die -Aussicht war himmlisch. »Laß mich hier zu Jesu -<a class="pagenum" id="page_026" title="26"> </a> -Füßen wohnen!« sagte Romana, indem er mit glänzenden -Augen an dem Crucifix hinauf blickte, »doch -Dir zuvor und gewiß am rechten Ort – ein Bekenntniß -ablegen, nach welchem es sich fragt, ob ich -nicht den Staub von den meinigen schütteln und weiter -ziehen muß.«</p> - -<p>Graf Frankenstern glaubte seinen Ohren nicht zu -trauen, als er vernahm, daß Romana, dieser catholische -Edelmann, unter dessen Vorfahren vielleicht Ritter -vom goldenen Vließ gewesen, seinem Glauben entsagt -habe, und der eifrige Anhänger einer frommen -Gemeinde geworden sey, die das Lamm verehrt, was -der Welt Sünde trägt. So wie Menschen von schwärmerischer -Anlage der äußersten und entgegengesetzten -Richtungen ihres Wesens fähig sind: so hatte Romana -in Verbindungen, darin er mit Blanka in Virginien -gelebt, diesen Umschwung seiner religiösen Ideenwelt -erfahren. Eine große Gefahr, aus der er auf beinahe -übernatürliche Weise gerettet worden, entschied, und -seine angestammte Wundergläubigkeit wechselte nur -ihre Form in seinem Gemüthe. Das Gefühl seiner -Abkunft und Armuth ward christlicher Stolz: den -Armen war ja vorzugsweise das Evangelium gepredigt. –</p> - -<p>Nachdem der Graf dies vernommen, stand er eine -lange, sinnende Weile. Der Boden dieser catholischen -<a class="pagenum" id="page_027" title="27"> </a> -Gegend schien empfänglich, um die neue Lehre darauf -zu verpflanzen, und neben Klöstern, päbstlichen Kirchen -und Heiligenbildern, lebte friedsam und einmüthig -ein Häufchen der Stillen im Lande. Selbst -unter den Beamten der Ortschaft waren einige derselben, -deren gewissenhafte Redlichkeit Graf Frankenstern -schätzte. Und so sagte er: »was ich höre, Romana, -setzt mich in Erstaunen, wie Du siehst; aber -es ändert nichts zwischen uns. Unsere Freundschaft -ist mir eine Art Religion – und so glaube ich an -Dich, wenn ich auch nicht begreife, wie es möglich -war, daß Du – ein Abtrünniger werden konntest. -Ich halte Dich für einen ehrenwerthen Mann, und -mich an diese Ueberzeugung. – So eben dachte ich, -wie seltsam es sey, daß der Wind des Schicksals -Menschen eines Sinnes von allen Enden der Welt -hierher zusammen weht.«</p> - -<p>Von der festen Zuversicht des Freundes gerührt, -antwortete Romana: »<em class="ge">weht</em>! ja, das ist das rechte -Wort. Der Herr sammelt, was verstreut gewesen. -Sein Athem ist es, das Wehen seines Geistes, was -den Blüthenstaub im Frühling, auch über Mauern, zu -der verwandten Blume trägt.«</p> - -<p>Die Grundmauern zu dem neuen Hause wurden -nun gelegt und hundert arbeitsame Hände förderten -den Bau. Es fand sich, daß ein gewölbter, völlig -<a class="pagenum" id="page_028" title="28"> </a> -gut erhaltener Gang von hier aus nach dem Schlosse -führe, wovon die eiserne Gitterthüre am Brunnen der -Ausgang wäre. Dieser Fund war für den Grafen -die Entdeckung einer Goldmine. Er dachte bekümmert, -seine Frau wüßte bereits, was er ihr verhehlen -mögen, und am liebsten für immer, denn er kannte -ihren Abscheu gegen Apostaten. »Sieh!« sagte er -sehr glücklich, und sich ins Geheim bewußt, sein Umgang -mit dem Freunde stände unter unsichtbarem -Schutze, »so können wir ungehindert und selbst zur -Nachtzeit zu einander kommen. –« Aber der Saamen -des Geheimnisses trägt selten Früchte für das -Licht.</p> - -<p>Endlich stand das Haus fertig, mit plattem Dach, -worauf Romana einen kleinen Garten anzulegen gesonnen -war. Der Herr Christus prangte als Schutzwache -davor, und leise rieselte das Wässerchen unter -der marmornen Schwelle. Hinein zog Romana mit -seinem Sohn, und lebte nicht allein in strenger Absonderung, -sondern einsiedlerisch verschlossen. Wenn -die Förster und Holzschläger, die den Forstmeister zu -sprechen kamen, Einlaß suchten, so zitterte der Schall -der hellen Hausglocke durch den mäuschenstillen Flur, -und selbst Verstockte meinten, der Himmel werde ihnen -einmal eher aufgethan werden.</p> - -<p>Wie selig Graf Frankenstern sich die Nähe seines -<a class="pagenum" id="page_029" title="29"> </a> -Freundes geträumt: so empfand er doch die Beruhigung -nicht davon, welche er gehofft hatte. Er sah -ein, daß die Gefühle der Jugend eine bedeutende Zuthat -zu jener innigen und beglückenden Freundschaft -gewesen wären. Wirklich hatte Romana sich sehr geändert, -und war ein wenig kopfhängerisch geworden; -der Graf war ein geisteskranker Mann, der ganz eigen -behandelt seyn wollte, und eines aufrichtenden -Umgangs bedurft hätte. Romanas Uebertritt hatte -eine Kluft zwischen ihnen gerissen, die der Graf in -der Fülle seines Herzens anfänglich nur für eine Linie -hielt –; aber es war ein tiefer, dunkler Spalt, -der ihr innigstes allseitiges Vertrauen nicht zuließ. -Sie vermieden sorgsam jedes Gespräch, das nur von -fern diesen Punkt berührte, und wehe der Freundschaft, -die, wenn auch nur <em class="ge">eine</em> Stelle weiß, welche -geschont werden muß! –</p> - -<p>Der Hochmuth des Grafen war durch seine Verhältnisse, -durch das Gefühl, verkannt zu seyn, durch -die Natur seiner Krankheit genährt worden. Auch -der Unglückseligste hat noch <em class="ge">einen</em> Freund: den Tod! -Graf Frankenstern aber sah in diesem das Gespenst -seines Lebens, und die öde Unsterblichkeit, die er sich -in der Angst seiner Seele wünschte, stellte ihn allein -unter den Menschen. Romanas ritterlicher Sinn war -Stolz der christlichen Demuth geworden. Ein leiser -<a class="pagenum" id="page_030" title="30"> </a> -Hang zum Abenteuerlichen, der ihm verblieben, ein -inneres Absondern von Andern, ließ ihn von der breiten -Straße abbeugen, auf der gewöhnliche Menschen -das Glück suchen. Der Geist seiner Secte setzt etwas -darin, vertraut mit dem Tode seyn und seine düstern -Farben und Symbole in den Bedarf des häuslichen -Lebens aufzunehmen; Romana schlief unter einer Decke -schwarz und weiß, zu seinen Häupten lief lautlos oder -stand eine Sanduhr, weil sein Schlaf so leise war, -daß auch der sanfteste Seiger ihn verscheuchte. Er -würde lächelnd seinen Morgentrunk aus einem Schädel -genommen haben, er sprach freudig von seiner -Auflösung, und diese Kraft stellte ihn hoch über seinen -Freund.</p> - -<p>Graf Frankenstern arbeitete nichts; nur seine Phantasie -war unablässig beschäftiget. Das Bewußtseyn, -durch seine eigensten Kräfte zu nützen, hatte ihn nie -gehoben. Die Leichtigkeit, womit er wohlthun konnte, -täuschte ihn über die Unterlassungs-Sünde, die Mittel -dazu aus sich selbst zu schöpfen.</p> - -<p>Romana besaß schöne Kenntnisse, und übte sie -mit Fleiß. Er war thätig von früh bis spät, und -der Kernspruch seines großen Landsmanns, daß Arbeit -des Blutes Balsam sey – bewährte sich an ihm: er -war sehr gesund. Er trieb viel Mathematik, und -flößte seinem Sohne Lust und Eifer für diese Wissenschaft -<a class="pagenum" id="page_031" title="31"> </a> -ein; indem er ihn gewöhnte, seinen Verstand -anzustrengen, unterdrückte er das frühzeitige Aufstreben -von Gefühlen, denen die Einsamkeit Nahrung -giebt.</p> - -<p>Die Gräfinn war im Spätherbst jenes Jahres, -welches ihren Gemahl seinen Freund wiederfinden ließ, -schnell und sonder Gefährlichkeit von einer Tochter -entbunden worden. Ein niedliches Mädchen machte -ihr das Leben leicht. Dennoch schien die Mutter tödtlich -erschöpft.</p> - -<p>»Das Kind ist im Zeichen des Krebses geboren –« -sagte die Wärterinn nach einem Blick in den -Calender, »Gott verhüte, daß ihm nicht Alles rückgängig -werde!« Die Gräfinn erschauerte bei diesen Worten -in einer andern Furcht.</p> - -<p>Die Kleine ward Albane getauft, und gedieh wunderschön -an der Brust einer derben Amme. Keine -Spur von Krämpfen zog das Herz der Mutter in der -Befürchtung zusammen, dies Engelskind werde ja doch -nur wieder ein geliehenes Gut seyn, wie die kleinen -Brüder – was sie nach kurzer Zeit mit tausend Thränen -zurück zahlen müssen. Langsam hatte sich die -Gräfinn erholt, und war auch bei wiedererlangten -Kräften, und ihres Anlasses zur Freude ungeachtet, in -sich gekehrt und traurig geblieben.</p> - -<p>Zwei Jahre waren seitdem verstrichen, als eines -<a class="pagenum" id="page_032" title="32"> </a> -Tages Romana sich bei seinem Freunde im Schloß -befand. Sie unterredeten sich über die Zukunft seines -Sohnes. »Sylvius bekommt einmal Deine Stelle –« -sagte Graf Frankenstern gleichsam zusichernd. Er sprach -damit die Gewißheit an, den Vater des künftigen -Forstmeisters zu überleben.</p> - -<p>»Meinem Wunsche nach,« antwortete Jener, »geht -er in die weite Welt.«</p> - -<p>»Dein einziger Sohn?« erwiederte der Graf mit -Vorwurf, »Du willst doch nicht, daß er ein Glücksritter -werde?«</p> - -<p>»Warum nicht? bin ich doch auch Einer –« sagte -Romana, und lächelte wie ein Eremit. »Sieh lieber -Frankenstern,« fuhr er fort, »die Seinen für sich behalten -und in den Kreis der angestammten Verhältnisse -einschließen wollen, wäre engherzig gedacht. Nur -in der Welt wird der Mann ein Mensch und lernt -brüderlich denken. In diesem Aussenden liegt mir etwas -Göttliches –«</p> - -<p>»Wir aber sind Menschen, Romana,« unterbrach -ihn der Graf, »und es liegt in der Natur, daß man -sein Kind so nahe und so lange als möglich um sich -habe; es ohne Noth dem Zufall zu opfern, kommt -mir wie Vermessenheit vor.«</p> - -<p>»Aber gehorsam dem Willen des Herrn? oder einer -heiligen Idee?« wendete Romana mit erhöheter -<a class="pagenum" id="page_033" title="33"> </a> -Stimme ein, »ich fühle, das würde ich können. Wäre -es dem Sylvius bestimmt, in einem rechtlichen Kriege -zu fallen: so preise ich ihn selig. Zöge er übers Meer, -um die Heiden dem Erlöser zuzuführen und versänke: -ich würde deshalb nicht zu Boden sinken. Im Aufgeben, -Freund, liegt das wahre <em class="ge">Haben</em>, und das -Geheimniß ewigen Gewinns. Wie ärmlich ist das -Leben, wenn es keinen andern Werth hat, als daß -man athme!« der Graf seufzte schwer, und Romana -verließ ihn.</p> - -<p>Noch wirkte dieses Gespräch nach, als die Gräfinn -in das Zimmer ihres Gemahls trat. Die kleine Albane -hing schlafend auf ihrem Arme, und das volle -Händchen des Kindes, wie aus rosigem Wachs mit -reizenden Grübchen geformt, lag schützend auf der linken -Brust der Mutter.</p> - -<p>Den Grafen rührte dieser Anblick. Er küßte väterlich -sacht diese kleine Hand, und das Mutterherz -darunter schlug stärker. Vielleicht ward in diesem -Augenblicke der Gedanke an das, was Romana gesagt, -zu einer stillen Freude, daß dies sein einziges Kind -eine <em class="ge">Tochter</em> sey. Zum erstenmale äußerte er, wie -glücklich ihn der Besitz des Kindes mache, und daß es -so gesund sey, und die Mutter dazu, um die er vordem -doch sehr besorgt gewesen.</p> - -<p>Die Gräfinn entfärbte sich. Mit bewegter Stimme -<a class="pagenum" id="page_034" title="34"> </a> -sagte sie: »es könnte seyn, daß ich mein Leben um -einen Preis gerettet hätte, der Dir mißfällt.«</p> - -<p>Dem Grafen fiel diese Aeußerung auf. Er sah -seine Frau forschend an, welche ihm nunmehr gestand, -wie sie seit ihrer Verheirathung ein schadhaftes Fleckchen -in der Brust verspürt, was ihr dann und wann -Schmerzen, immer aber Kummer verursacht habe. In -jedesmaliger Schwangerschaft sey es schlimmer damit -geworden, bis endlich bei der Geburt der kleinen Albane -der leidende Theil sich zu Stein verhärtet und -dergestalt sich entzündet habe, daß sie (die Gräfinn) -fürchten müssen, den Krebs zu bekommen, wenn sie -nicht Muth zu einem gewagten Schritt fassen könnte. –</p> - -<p>Der Graf legte beide Hände vor das Gesicht, schon -bedeckt von der Blässe des Grauens. Er sagte: »gut, -daß ich es nicht wußte; der bloße Gedanke macht mich -schaudern. Eine Operation solcher Art brächte mich -von Sinnen. Du glaubst nicht,« setzte er mit scheuem -Vertrauen hinzu, »wie tausend Dinge, stumpf für den -Verstand Anderer, in mein Gehirn bohren! diese Vorstellung -zum Beispiel – durchdringt mich entsetzlich.« -Seine Lippen zuckten, als wühle ein Messer in seiner -Seele.</p> - -<p>Die Gräfinn hätte beinahe ihr Geständniß bereut -– gewiß hätte sie es sollen. Sie sprach: »in -dieser Noth that ich das Gelübde, hülfe mir der Himmel -<a class="pagenum" id="page_035" title="35"> </a> -und würde ich geheilt: so solle die Brust meines -Kindes sich nie für eitle Wünsche heben – nur dem -Heil der Seele. Und es dauerte nicht lange, so genaß -ich an einem simpeln Umschlage.«</p> - -<p>»Verstehe ich Dich recht?« fragte der Graf schwach, -»Albane – eine Klosterfrau?« Die Mutter nickte -ängstlich.</p> - -<p>»Das ist hart!« murrte der Graf, und seine Frau -hatte jene Gefahr nicht härter empfunden, als diese -drei Worte. So sprach die Gräfinn weichmüthig: -»Du mein Gemahl machst Dir ja selbst nichts aus -der Welt, und ihren trüglichen Freuden. Die Güter -kommen an fremde Hand – Anverwandte haben wir -nicht, Albane stünde allein. So ist sie unter den vornehmsten -Schutz gestellt, und die Kirche, eine segensreiche -Mutter, giebt ihr Schwestern.«</p> - -<p>Der Graf lächelte kalt, und murmelte etwas von -Stiefgeschwisterschaft.</p> - -<p>»Nein,« fuhr die Gräfinn, ihren Gemahl mißverstehend, -fort, »dort würde mir Albane nicht aufgehoben -gewesen seyn. – Sage, was fehlt einer Braut -Christi?«</p> - -<p>»Dieses Glück!« antwortete Graf Frankenstern -und deutete auf seine Kleine, »eine Brust, daran solch -ein Kind erblüht, kann viel verschmerzen. Ihr seyd -zu Müttern geboren. Und – daß ich es nur frei -<a class="pagenum" id="page_036" title="36"> </a> -gestehe – ich mag die Klöster nicht leiden, und es -wird einmal aller Tage Abend mit ihnen werden. -Warum aber soll meine Tochter darin untergehen?«</p> - -<p>»O mein Gott!« jammerte die Gräfinn, und hob -ihre Augen thränenschwer zur Höhe, »warum bin ich -nicht gestorben?« Ihr Herz schlug so mächtig, daß -des Kindes Händchen auf dem Busen seiner Mutter -erbebte. Sie selbst wankte.</p> - -<p>Der Graf war erschüttert; nach einer Pause sagte -er: »Du wirst glauben, daß mir Dein Leben über -Alles theuer ist! nur <em class="ge">den</em> Beweis fordere nicht, daß -ich gleichgültig dazu wäre, wenn unser einziges Kind -geopfert wird, in welchem ich Dich ja auch liebe. -Uebrigens warst Du damals in einem Zustande, der -keiner Zurechnung fähig ist. – Nöthigenfalls würde -Dispens vom Pabst zu erlangen seyn. Ich zweifle -jedoch, ob das Recht, über das Schicksal eines Menschen -also zu verfügen, auch einer Mutter zusteht, und -meine, von der Sünde, es gethan zu haben, könne -Jeder sich selbst entbinden.«</p> - -<p>»Dies sind Romanas Grundsätze,« stöhnte die Gräfinn, -»es ist <em class="ge">sein</em> Geist, der aus Dir redet, mein -Gemahl. Irret Euch nicht, Gott läßt sich nicht spotten; -ich will Wort halten, wenigstens.«</p> - -<p>Sie entfernte sich hierauf, heftig alterirt. Die -Gräfinn fühlte einen tiefen körperlichen Schmerz in -<a class="pagenum" id="page_037" title="37"> </a> -ihrem Herzen, und sich wie im Innersten zerrissen. -Von Frost geschüttelt mußte sie sich alsbald zu Bett -legen. O! daß die Arme gesprochen und mit dem -Laut der Rede den stillen Wächter ihres Geheimnisses -verscheucht hatte! ihre Ruhe war dahin. Seltsam genug -warf sich ein schnell entwickelter Krankheitsstoff -auf ihre zuvor genesene Brust. Es half nichts, daß -die Gräfinn ihr erneuetes Unglück siebenfach verhüllte; -jede Hoffnung schien verloren, und das Leben war ihr -nichts mehr werth.</p> - -<p>Wenn die geneigten Leser der Meinung wären, -Güte und Liebe in dem Charakter der Gräfinn Frankenstern -würde nicht zugelassen haben, daß sie in -grausamer Selbstsucht das Glück ihres einzigen Kindes -zum Preis ihrer Rettung gemacht hätte, so glauben -wir diesem Vorwurf zu begegnen, wenn wir bemerken, -wie grade die zärtlichsten, die weichsten Mütter es -sind, und die Natur mag diesen Widerspruch lösen – -welche oftmals das Schwerste über ihre Kinder verhängen. -Hier war es ein Schleier, und den zu tragen -hielt die Gräfinn für leicht. Sie hielt ferner, im -Gefühl <em class="ge">ihrer</em> Ehe, <em class="ge">keine</em> für ganz glücklich, und verwechselte -ihr unbefriedigtes Herz mit dem Sehnen -nach einer Bestimmung, die vollendender wäre. Und -wie es im menschlichen Wunsche liegt, daß Diejenigen, -welche unser Daseyn fortsetzen, Alles weiter bringen, -<a class="pagenum" id="page_038" title="38"> </a> -jeden Keim unsers innersten Lebens entwickeln, -und ein höheres Glück erreichen sollen: so war der -Gräfinn der Gedanke lieb geworden, ihre Tochter -würde werden, was zu seyn ihr nicht bestimmt gewesen. -Von einer gewissen Stufe der Erfahrung scheint -jeder Schritt, den wir unsern Nachkommen zumuthen, -ob er auch die liebsten Freuden hinter sich lasse – -<em class="ge">klein</em>, im Vergleich zu dem, was er anstrebt. Vielleicht -war es auch die mütterliche Ahnung, welche die -Gräfinn fürchten ließ, ihre Tochter in den Armen eines -Mannes nicht sicher genug zu wissen. –</p> - -<p>Nach einiger Zeit ward Romana heimlicher Weise -zur Gräfinn berufen. Diese einfache Bitte machte den -Forstmeister stutzen, und Schwierigkeiten, daß er sie -erfülle: denn der Graf mußte umgangen werden. – -Zur bestimmten Stunde fand sich Romana ein. Die -Gräfinn war in ihrem Schlafzimmer. Jener erschrak -vor ihrem Anblick. Sie war total entstellt, ihr Gesicht -aschfarb, ihr Auge erloschen, und nur ein schwachglimmender -Lebensfunken noch darin. So krank hatte -er sie nicht geglaubt, obgleich er von ihrem Uebelbefinden -wußte.</p> - -<p>»Verzeihen Sie, Romana, daß ich Sie bemühte!« -redete sie ihn mit jenem rührenden Wohllaut der -Stimme an, der je leiser, um desto stärker ans Herz -dringt, »ich habe etwas Wichtiges mit Ihnen zu -<a class="pagenum" id="page_039" title="39"> </a> -sprechen. Sie könnten mir einen großen Gefallen -erzeigen.«</p> - -<p>»Herr mein Gott!« antwortete der Forstmeister, -und das Mitleid mäßigte diesen Ausruf bis zur zartesten -Versicherung, »gebieten Sie doch über mich!«</p> - -<p>»Es wäre mir viel daran gelegen,« sprach hierauf -die Gräfinn, »wenn Sie morgen – oder übermorgen,« -der kranke Blick ihres matten Auges verdunkelte sich -wie die Nacht dazwischen, und ein voller Seufzer -füllte den Moment, »meinen Mann auf einen halben -Tag – besser wäre freilich ein ganzer – zu entfernen -wüßten.«</p> - -<p>»Das wird schwer halten,« erwog Romana, »hält -doch Frankenstern kaum mehr eine halbe Stunde bei -mir aus. Verlassen Sie Sich indeß darauf, es geschieht! -ich sinne nur nach, wie ich es anzustellen habe, -ihn zu einer kleinen Reise zu bereden.«</p> - -<p>»Dann fiele mir ein Stein vom Herzen,« erwiederte -die Gräfinn, indem ein paar Thränen über ihre -abgehärmten Wangen rollten. »Wissen Sie denn, -ich werde operirt – das heißt, ich lasse mir die Brust -ablösen. So begreifen Sie auch, daß dies meinem -Manne verschwiegen bleiben muß.«</p> - -<p>Diese Worte, mit Ruhe und Resignation gesprochen, -sträubten dem Forstmeister das Haar. »Die Brust -– ablösen?« fragte er, und sein männliches Gesicht -<a class="pagenum" id="page_040" title="40"> </a> -erröthete in Angst; die Gräfinn erbarmte ihn unaussprechlich. -»Und bleibt kein anderes Mittel?«</p> - -<p>Ein sanftes Kopfschütteln, und: »nur dieses -letzte –« war die sehr leise Antwort.</p> - -<p>»Sie werden eines Beistandes bedürfen, arme -Gräfinn!« sagte Romana dringend, und irrte mit seinen -Gedanken hin und her, wie er zugleich den Grafen -abwehren, und hier eine Stütze in der Gefahr -seyn könnte.</p> - -<p>Die Gräfinn lächelte; es war, als hätte die Sense -des Todes dies Lächeln in ihre tiefen Züge eingeschnitten -– und dem Forstmeister blutete das Herz. Sie -sprach: »ich wäre doch allein, im Grausen Dessen, -was mir bevorsteht; allein muß Jeder seinen Weg gehen. -Aber, wenn ich am Ziele bin, verlassen Sie -meinen Mann nicht! er wird den Freund dann nöthig -haben. – Und nun das Wichtigste. Wir sind -zwar nicht mehr Eines Glaubens, Sie – doch lassen -wir das. Ich halte Sie für einen redlichen Mann, -Romana.« Nie hatte der Forstmeister ein ehrenwertheres -Zeugniß empfangen, als dies. Er würdigte -es, und die Gräfinn fuhr mit bewegter Stimme und -widerstrebenden Lippen fort: »an ihre männliche und -christliche Ehre nun wende ich mich, wenn ich hoffe, -daß Sie, unserer abweichenden Meinungen ungeachtet, -das Wort, was eine bedrängte Mutter dem Himmel -<a class="pagenum" id="page_041" title="41"> </a> -als Pfand eingesetzt, nicht verfallen lassen werden, -gleich einer Schuld. Versprächen Sie, Ihren Einfluß -auf meinen Mann für diesen Zweck zu benutzen: -dies würde mich sterbend noch erquicken.«</p> - -<p>Darauf erzählte die Gräfinn dem Forstmeister, -was unsere Leser schon wissen. Wie lange und wie -still sie den Kummer in ihrer Brust getragen, was -die Aerzte gesagt, und so weiter. Und als sie ihr -letztes Kind geboren, habe sie es mit tiefem Erbarmen -angesehen, wie vielen Schmerzen eine Mutter unterworfen -sey und was ein Weib schweigend erdulden -müsse. So sey ihr denn ein Leben in Gott als das -höchste Glück erschienen, dem sie das Neugeborene -gelobt, wenn er das ihrige fristen wolle, weniger, -um sich selbst zu retten, als ihr Kind. – Die Gräfinn -eröffnete nun dem Freunde ihres Gemahls mit -reuiger Wehmuth, daß sie sich von einem ungewöhnlichen -Anfluge ehelicher und väterlicher Zärtlichkeit -des Grafen hinreißen lassen, ihm dies zu gestehen, -worauf er ihr bittern Vorwurf gemacht, und das -Ansinnen, jenes Gelöbniß zu brechen. »Ich muß nun,« -setzte sie trostlos hinzu, »den Frevel dieses Gedankens -mit dem Tode büßen: denn der Himmel läßt nicht -mit sich spaßen. Ich bekam sofort Frost, die alten -Schmerzen – es ward schlimmer mit mir, wie je -zuvor. So will ich, obwohl selbst ein Opfer, doch, -<a class="pagenum" id="page_042" title="42"> </a> -daß meine Tochter durch Gehorsam sühne, was ihr -Vater zu sagen sich vermaß. Werden Sie es nicht -hindern, Romana? daß Albane –« weicher läßt sich -nicht bitten, als es in diesen Worten geschah; die -Stimme der Gräfinn zerschmolz in Thränen.</p> - -<p>Der Forstmeister legte stumm seine Rechte in ihre -kleine, weiße, feuchte Hand. In seinen Augen, denen -Kreuz und Leiden in aller ihrer Heiligkeit vorschwebten, -brannte ein Schwur. Sie glaubte ihm, ohne -daß er eine zusichernde Sylbe gesagt hätte.</p> - -<p>Wie überzeugend ist das Vertrauen! Romana, seinem -gewandelten Sinne nach, ein Feind der Klöster, -hätte die kleine Albane lieber heute schon einsperren -mögen. Er war der geistliche Anwalt des Wunsches -ihrer Mutter geworden, daß dies liebe Kind, einst absagend -weltlichen Schimmer, der Edelstein eines Ordens -würde. Vielleicht wäre die Gräfinn dennoch zu retten -gewesen; aber das Fatum, dem selbst die Parzen dienen, -hatte ihrem Leibarzt den Lebensfaden, und somit -die Gelegenheit abgeschnitten, ihren frommen festen -Glauben an göttliche Hülfe und an die seinige noch -einmal zu bewähren. Der junge Aesculap, der das -Zutrauen der Gräfinn von ihm ererbt, war ein hitziger -Anatomiker, der seinen besten Freund eben so -gern secirt, als ganz glücklich gesehen haben würde – -und Wir wissen, daß die Leidenschaft ihren Gegenstand -<a class="pagenum" id="page_043" title="43"> </a> -nicht immer zeitgemäß behandle. – Als nun -der gefürchtete Morgen kam, und mit ihm der Doctor, -begleitet von einem Wundarzt, fand er Alles -bereit, sogar die Seele der Gräfinn zum Sterben. -Graf Frankenstern war durch einen Anlaß, den die -Klugheit des Forstmeisters ersonnen, geschickt entfernt -worden. Todtenstille herrschte im Schlosse. Die -weiblich-vornehme Fassung der Gräfinn entmannte -den Operateur. Verstörten Auges blickte er nach der -Uhr, und seine Hand zitterte mit dem Secundenzeiger -um die Wette. Nach dem ersten Schnitte entfiel -ihm das Messer, und es sank mit solcher Schärfe in -die Diele ein, daß ein kleiner blutbefleckter Spahn -daneben aufgaffte. – Die Gräfinn verlangte mit -erlöschender Stimme: man solle das Messer nur liegen -lassen. Aber dieser Zufall war von übler Vorbedeutung: -die Gräfinn verschied am dritten Tage. –</p> - -<p>Wir wagen nicht, den Zustand ihres Gemahls -beschreiben zu wollen. Er klagte sich als den Mörder -dieser unvergleichlichen Gattinn an, obgleich er die eigentlichen -Umstände ihres Todes nicht kannte, und -nur wußte, daß sie von jenem Wortwechsel an gekränkelt -hatte; die Wahrheit würde zu stark für ihn gewesen -seyn. Liebe und Schauder bekämpften ihn -mit gleichen Waffen. Romanas Freundschaft stand -ihm kräftig bei; aber – wie sind jene finstern Mächte -<a class="pagenum" id="page_044" title="44"> </a> -zu bezwingen, die den Menschen sich selbst entfremden? -– Vergebens mahnte der Forstmeister ihn an die -Pflicht, sich zu zerstreuen. Er konnte ihm nicht einmal -den Abgrund zeigen, der unter dieser tiefsinnigen -Langeweile gähnte, aus Furcht, der Graf könne dann -früher noch in das Elend völliger Geistesverwirrung -stürzen. – Romana bot ferner Alles auf, jedoch -umsonst, ihn zu bewegen, daß er die kleine Albane -unter andere Aufsicht gäbe, als die ihrer Amme. -Mit jener Hartnäckigkeit, womit schon der Eigensinn -wie viel mehr der Wahnsinn, ob er auch unterdrückt -wäre, an seinem Willen festhält, behauptete der Graf, -er könne nirgend ausdauern unter Menschen, und eben -so wenig ein weiblich Wesen in bessern Kleidern um -sich sehen, als Die trüge, welche seine Albane genährt.</p> - -<p>»Und wozu auch?« fragte er mit düsterm Stolz, -»meine Tochter kommt einmal ins Kloster, und also -nie in den Fall, der Welt und dessen, was sie fordert, -zu bedürfen. Gott hat sie wohl gebildet – es ist -nichts zu tadeln an meinem Kind.« Dagegen ließ -sich nun freilich nichts sagen, und Romana schwieg.</p> - -<p>Wenn man annehmen darf: daß die Freundschaft -durch ein verjährtes Zusammenleben tausendmal eher -aufgehoben als befestiget wird – so wie durch lange -Trennung verinniget – so spricht die Erfahrung -<a class="pagenum" id="page_045" title="45"> </a> -dafür und den Beweis an: Verstand, Einsicht, Wissenschaft, -Dankbarkeit, Lebenssinn, Erinnerung – könnten -zwar als eine feste Grundlage freundschaftlicher -Verhältnisse angesehen werden, doch nicht unerschütterlich -gegen die Gewalt der Zeit und Umstände. Die -einzige Basis des Bestands ist ein tiefes Gemüth -voll göttlicher Kraft der Liebe!</p> - -<p>Allmälig hatte Romana sich seinem unglücklichen -Freunde entfremdet, und es war so unmerklich geschehen, -daß ihre Seelen sich wie aus weiter Ferne kaum -mehr verstanden, als ihr äußerer Verkehr, besonders -von Seiten des Forstmeisters – noch ganz derselbe -schien. In dem Grade, als der Graf sich in sich -selbst zurückgezogen, war ihm auch das Nächste, sein -Kind ausgenommen – gleichgültig geworden. Er -vermißte Romana nicht, er suchte ihn nie auf. Tagelang -saß er allein, und flüsterte so anhaltend, daß die -Bedienten oft lange warten mußten, ehe sie ihn unterbrechen -durften. Des Abends klagte er sich matt, -von der fortwährenden Unterhaltung. Da sahen seine -Leute sich an und es grauete ihnen: denn Niemand -war bei ihm gewesen, als sein Dämon. Daß er -gestörten Geistes sey, war, wenn auch ein bewahrtes -Geheimniß der Achtung, doch Jedem klar.</p> - -<p>Einst, an einem milden Herbsttage fand ihn Romana -im Garten, seltsam beschäftiget. Er band die -<a class="pagenum" id="page_046" title="46"> </a> -Blätter einer Espe mit grüner Seide an die Zweige -fest, der Knäuel, dessen Faden eine rothe Wunde in -seine Finger eingeschnitten, lag im falben Grase und -glänzte in der Sonne.</p> - -<p>»Gott grüße Dich, lieber Frankenstern!« sagte Jener, -»was machst Du denn da?«</p> - -<p>Der Graf lächelte und sprach: »ei! ich binde mir -die Blätter ein wenig fest, dies Zittern ängstet mich, -so oft ich es sehe. Ich weiß, wie Einem zu Muthe -ist, der vor jedem Lüftchen bebt: die Furcht ist das -entsetzlichste Gefühl.« Und indem er emsig in seinem -unheimlichen Treiben fortfuhr, setzte er hinzu: »dann -– Dir will ich es wohl sagen, Romana, wenn der -Wind nun rauher weht, und die Blätter fallen, und -liegen fahl und still an der kalten Erde, wie aufgehäufte -Leichen – manche haben ordentlich Physiognomie –« -Der Forstmeister sah voll Mitleid in die -seines Freundes. »Den Schmerz der Natur,« sagte er -mit dem tiefsten, »wollen wir ihrem Schöpfer überlassen. -Dieser Faden, Du Armer, schneidet mir in -die Seele. Hast Du nie den Frühling gesehen, das -Bild der Auferstehung? Wer bindet denn da die -Kränze von Laub und Blumen, welche Himmel und -Erde umschlingen? –« Er umschlang den Freund, -und weinte vor großer Rührung.</p> - -<p>So wurde es immer finsterer um den Grafen, nur -<a class="pagenum" id="page_047" title="47"> </a> -in dem hellen Blick seines Töchterchens ging ihm zuweilen -ein Strahl von Freude, das Licht des Lebens -auf. Er hing mit unendlicher Liebe an dem Kinde, -und diese zärtliche Empfindung wurde nur durch das -Andenken an die verstorbene Frau getheilt. – Die -kleine Albane, obwohl ohne alle Erziehung, entwickelte -sich zart und schön. Die Natur war ihre Gouvernante, -und welche Bonne bildet so gut als sie? – -Ihre Sprache hatte den reinen Klang des Gefühls, -ihr Gang war ein leichtes Schweben über gemeinen -Boden, und jenen angeborenen Adel der Sitten hätte -weder die Stiftshofmeisterinn eines Fräuleins-Instituts -heben, noch die gutmüthige Plumpheit der Amme -unterdrücken können. –</p> - -<p>Die Amme, welche mit roher Treue um ihren -Pflegling sorgte und waltete, sprach oft von seiner -künftigen Bestimmung: dem Kloster; aber die Farben, -womit sie die Zukunft mahlte, waren eine Reibung -für das junge Herz, und es mischte sich in ihnen -religiöse Ehrfurcht, mit dem Schein von Hoffnung, -Albane werde hinsichtlich ihres wahren Glückes -zu täuschen seyn. Sie staffirte die Zelle mit Gold -aus, und bekleidete die kleine Gräfinn mit den Würden -einer Aebtissinn. Aber es giebt nur ein Bedürfniß, -ein Talent, welches die Einsamkeit vorzugsweise -weckt: das Verlangen und die Fähigkeit <em class="ge">zu lieben</em>. -<a class="pagenum" id="page_048" title="48"> </a> -Während die Amme wähnte, sie baue möglicher Abneigung -vor, ward Albanen der Gedanke an das Kloster -verhaßt, und der Instinkt ihres Geschlechts stellte -eine Widersetzlichkeit dagegen auf. Dem Grafen war -es zwar unumstößlich gewiß, daß seine Tochter Profeß -thun müsse –; doch den Zeitpunkt dazu glaubte er -hinaus schieben zu dürfen, wie weit? dies wußte er -selbst nicht, und es dämmerte ihm vor den Augen.</p> - -<p>»Wie könnte ich Dich nur verlassen, mein Vater?« -fragte Albane ihn in bangen Stunden der Anfechtung, -und ihr Vater fühlte dann selbst die Unmöglichkeit, -seinen einzigen Trost in ihr entbehren zu -können. Mehr als diese Frage erlaubte sich jedoch die -junge Gräfinn nicht, um an ihrem Ziel zu rücken: -denn als sie einst den Versuch gewagt, ihrem Vater -recht kindlich zu sagen, daß sie doch lieber den Brautkranz -wie den Schleier trüge, wenn sich nämlich ein -Mann für sie fände, der sie nicht von ihm und ihrer -Pflicht trennte – war der Graf in einen fürchterlichen -Zustand gerathen. »Soll ich auch des Todes -sterben, wie Deine Mutter?« hatte er ihr rollenden -Auges entgegnet. »Es war mein Wunsch wie der -Deine, armes Wesen, Du mögtest glücklich werden; -aber ich bin nur elend deshalb geworden. Mögte -wohl ein Vater sein Kind zu lebenslänglicher Gefangenschaft -verurtheilen, wenn es nicht die Rettung des -<a class="pagenum" id="page_049" title="49"> </a> -Lebens gälte? – Aber es giebt einen Schlüssel zur -Freiheit – –«</p> - -<p>Geistig Gestörte sind wie Inspirirte zu betrachten. -»Der Schlüssel zum höheren Leben ist die Liebe!« -und Albane trug ihn in stiller Brust. –</p> - -<p>Wie durch ein stillschweigend Uebereinkommen der -Grundsätze beider Väter waren ihre Kinder fast gar -nicht zusammen gekommen. Auch war Sylvius ziemlich -voraus; doch die Natur hob durch ihre höchste -Kraft diesen Unterschied auf, und lernte die beiden -jungen Leute, wie fremd und fern von einander gehalten, -sich innigst finden. – Jener Arzt, der die -Gräfinn operirt hatte, war dem herrschaftlichen Hause -von Bonna verpflichtet geblieben, und weil er sich -vorwurfsvoll beimaß, durch Uebereilung an dem Tode -einer der trefflichsten Frauen, die er je gekannt, Schuld -zu seyn, nahm er die Gesundheit ihrer Tochter mit -vergütender Sorgfalt und um so gewissenhafter in -Acht. – Und wie das, was wir bewahren, wäre es -auch fremdes Eigenthum, allmählig eigenen Werth für -uns gewinnt, so war das Glück nicht minder als das -Leben der Comteß ihm theuer geworden. Er bedauerte, -daß ein so schönes Kind dem Kloster bestimmt -seyn solle. Mit leiser Geschäftigkeit tastete er an diesem -Entschluß herum. Albane hüthete sich indeß wohl, -ihm ihr jungfräuliches Herz zu öffnen – und der -<a class="pagenum" id="page_050" title="50"> </a> -Graf zeigte bei dem behutsamsten Versuch, ob er hierin -wankend zu machen wäre, sich so erschüttert, daß der -Arzt, gegen dessen persönliches Annähern er eine innerste -ahnungsvolle Abneigung zu empfinden schien – -es nicht wagen durfte, stärker in ihn zu dringen. So -begnügte er sich, dem armen Opfer noch einigen Genuß -des Daseyns zu wünschen, ehe es seine düstere -Bestimmung erreiche. Er konnte nicht begreifen, wie -die junge Gräfinn es so ganz ohne allen Umgang -aushalten könne, und erwähnte zugleich, wie dies bei -dem Sohne des Forstmeisters, einem vielversprechenden -Jüngling der nämliche Fall sey; so daß Albane ein -sinnverwandtes Wesen in Sylvius ahnete. Im Hause -Romanas hingegen sprach der Arzt mit Begeisterung -von der Tochter des Grafen, bejammerte ihr Loos jetzt -und künftig – rührte und regte ein Herz für die -himmlische Schönheit, für das schuldlose Unglück dieses -Mädchens an – ein Herz, dessen heiße Sehnsucht -ein langes stilles Glühen für ein verhangenes Bild -gewesen war, das sein Idol nun gefunden zu haben -glaubte, und heftig aufflammte. – So war der Arzt, -indem er hastig hin und her fuhr, wie der Wind, hier -ein Wort verstreuete, dort eines, gleich dem Träger -des Saamens, aus dem die Blume der Liebe erwuchs. -Und wie in der Welt jedes Verhältniß, auch das tiefste, -sich verflacht, so wird in der Einsamkeit auch das -<a class="pagenum" id="page_051" title="51"> </a> -oberflächlichste bedeutend. – Nicht leicht wird ein -Mädchen dieses Ranges einsamer erwachsen, als Albane. -Ach! sie war wohl schlimmer daran, als eine -Waise. Die Mutter lag in tiefer Ruhe, und das -Geheimniß manch schwerer Sorge war mit ihr versenkt; -der Vater, Herr eines beinahe fürstlichen Besitzthums, -war ein armer verstörter Mann, mit dem -der geplagteste seiner Unterthanen nicht tauschen mögen. -– Seine Tochter hing mit kindlicher Seele an -ihm, und hielt so nur allein seine zerrissenen Gedanken -in einem gewissen Zusammenhange. Sie fand -sich mit jener Sicherheit, die ein Gott uns lehrt, in -seinem zerrütteten Geiste zurecht, wie dunkel die Spur -auch gewesen wäre. Wenn Albane ihren Vater ansah, -so oft er wirre Worte redete und die Begriffe -durcheinander warf, so drang mit diesem Blick ein -mildes Licht in sein Inneres, und er erkannte sich -selbst wieder und sein Kind. Ihre liebe, sanfte -Stimme, vom innigsten Bezug, war wie der Laut eines -Glöckleins, was den Verirrten auf den rechten -Weg ruft. Wenn der Graf seine Beamten vor sich -ließ, und Geschäfte von Wichtigkeit zu besprechen waren, -so stand die Comteß daneben, und hielt wie mit -einem leisen Faden die Gedanken im Zuge; verwickelte -er sich auch einmal in einen Widerspruch, so -wußte Albane ihn leicht zu lösen. Die Bewunderung, -<a class="pagenum" id="page_052" title="52"> </a> -mit der jene Männer zu ihr aufschauten, erlaubte -ihnen nicht, einen Blick des Mitleids zu wechseln. -O heilige Liebe! Du bist jener wunderbare -Hauch der Allmacht, der den Funken des Geistes nicht -verglühen läßt in todter wüster Asche. Darum ist es -unser laienhaftes Urtheil, daß Kranke dieser Art unter -der verschwiegenen, liebevollen Pflege der Ihrigen am -besten aufgehoben sind. Verstand und Kunst stützen -zwar die Pfeiler, auf denen das Gleichgewicht der -Seele ruht, können aber gänzlicher Zerstörung nicht -immer vorbeugen. Die Liebe in ihrem umfassendsten -Sinne ersteigt nicht allein Mauern, sie wirft auch welche -auf, gegen solchen Verfall.</p> - -<p>Doch nichtsdestoweniger war dem armen Kinde -das Herz unsäglich schwer. Albane hatte keinen Trost -als sich selbst, und daß sie sich nicht selbst genüge, -ward ihr klar in Thränen, die sie heiß und heimlich -weinte. – Wenn der Graf schlief, und er schlummerte -oftmals des Tages über ein, weil er sich des -Nachts gegen die Wohlthat der Ruhe sträubte, aus -Furcht, in Bewußtlosigkeit zu versinken – so lauschte -Albane, wie tief und stöhnend er athme. Ihr Blick -hing bewölkt an seinem grauenden Haar, an der gealterten -zusammengesunkenen Gestalt – und ihr Gefühl -hatte keine Stütze. Albane durfte nur an seiner -Seite sitzen, und den weichen Wedel von Pfauenfedern -<a class="pagenum" id="page_053" title="53"> </a> -schwingen, daß die summende Fliege ihren Vater -nicht belästige, so sanken vor den Augen des Argus -die seinen zu, und einschläfernde Regenbogenkreise -zogen seine wache Seele in ein träumendes Vergessen. –</p> - -<p>Niemals kamen Gäste in das Schloß zu Bonna, -niemals! Auf der breiten steinernen Brücke, die zu -seinen Thoren führte, wuchs Gras, als hätte ein altgläubiger -Fluch es hervorgerufen. Die Zimmer waren -pomphaft, doch leer und öde, nur die Zeit wohnte -darin, und nützte den Glanz der Möbeln nicht mehr -ab, wie eine ruhige alte Frau von leisem Schritt und -Wesen. Losgesprochen von jeder andern Aufgabe als -der: zu leiden, fand die junge Gräfinn nie und nirgend -etwas zu thun. – Der Tag zu Bonna und -seine Glocke war ein Tonstück von ganzen Noten und -großen Pausen. Tanz und Musik, die kirchliche ausgenommen -– waren Freuden, welche Albane nur -dem Namen nach kannte, und manchmal wünschte sie -wohl, die Horen mögten ihr die Pforten des Himmels -öffnen, daß Alles zu Ende wäre. Sie thaten es, -doch auf andere Weise, zu dem Anfange eines neuen -Lebens. – Die Weidenflöte, das Geläut der Heerden, -der klingende Tropfenfall des Springbrunnens, das -Schwirren der Heimchen im abgesichelten Felde, dies -Alles regte eine sehnsüchtige Wehmuth in ihr an, einen -<a class="pagenum" id="page_054" title="54"> </a> -wollüstigen Schmerz, gemischt aus Grauen und -Entzücken. Einst fand der Graf seine Tochter, wie -sie das bethränte Gesicht an den Blättern einer dunkeln -Laube trocknete. Erschrocken fragte er: »Du hast -geweint? Was fehlt Dir, mein liebes Kind?« Albane -antwortete überrascht, »die Freiheit, mein Vater! -ich fühle mich so beengt.« – Es war einer der -lichten Augenblicke des Grafen, worin ihm diese Klage -seiner Tochter einleuchtete. Er erlaubte ihr nun spazieren -zu gehen, wann, und wie weit sie nur irgend -wolle. Von dieser Zeit an ging eine Veränderung -mit Albanen vor. Als ob tausend Seelen in ihr erwacht -wären, belebte und erhöhte sich ihr ganzes Wesen. -In dem großen, kalten Schlosse war es wie -Frühling geworden. Die zarte Wange der jungen -Gräfinn, sonst nur schwach gefärbt, war eine glühende -Rose, ihre sanften Augen leuchteten wie in einem seligen -Fieber, und die grauen Riesen am Steinthor -schienen im Abglanz ihres Blickes zu lächeln. Anstatt -leise aufzutreten, schwebte sie nur, kein Unfall berührte -sie mehr, alle Gesichter erheiterten sich bei ihrem Anblick, -und selbst auf der finstern Stirn ihres Vaters -blühete eine kleine kümmerliche Freude an der reizenden -Zufriedenheit seines himmlischen Kindes auf.</p> - -<p>Es ist bereits früher erwähnt worden, daß mehrere -Anwohner dieser catholischen Herrschaft zu den -<a class="pagenum" id="page_055" title="55"> </a> -Stillen im Lande gerechnet wurden; dies nicht allein, -auch die ersten von den Offizianten des Grafen gehörten -jener religiösen Innung an. Darunter war der -Oberverwalter, ein schätzbarer Oekonom. Der Geschäftskreis, -den er mit der besonnensten Umsicht versah, -war groß, der seines Familienlebens hingegen -klein. Er hatte seine einzige Tochter Fabia dem Cassirer -des Majoratsherrn verlobt, und konnte sicher -darauf rechnen, seine Tochter werde an der Seite dieses -redlichen Mannes, den sie mit ruhiger Neigung -gewählt, eben so sicher zufriedne Tage zählen, als dieser, -von dem kein Error zu besorgen war, die ihm -anvertrauten Summen. – Die junge Gräfinn, obgleich -weder von Fabia angezogen, noch festgehalten, -hatte durch die Leitung des Zufalls, oder, um uns -angemessener auszudrücken: einer höheren Hand – -die fromme Braut kennen gelernt, und konnte ihr ein -Gefühl der Achtung nicht versagen. Fabia hatte einige -Jahre früher eine herzlichgeliebte Freundinn verloren -– unsere Leser kennen die Geschichte jener Todten -und ihrer Freundschaft – und vielleicht war es -ein sanfter Nachhall jenes erschütternden Ereignisses, -vielleicht ein noch <em class="ge">innigerer</em> Ton, was Anklang -fand in Albanens Seele. Die stille Weise, in der -Fabia viel leistete, ihr gesetztes Betragen, der Tact -der Ruhe und Rechtmäßigkeit – wenn wir so sagen -<a class="pagenum" id="page_056" title="56"> </a> -dürfen – womit sie sich bewegte, und das Ruder des -Hausstands lenkte, bildete eine Art von Gegensatz zu -dem leidenschaftlichen Zustande Jener, und wirkte beschwichtigend -auf sie ein. Albane empfand, daß Verlaß -auf Fabia zu setzen, und konnte sich des stillen -Zugeständnisses nicht erwehren, daß, in solch sichere -Hand sein Schicksal zu legen, keinem Manne zu verargen -sey. Ein <em class="ge">festes</em> weibliches Herz, dachte die -junge Gräfinn, wäre vielleicht ein größeres Glück als -Eigenthum, wie als Geschenk – und dachte doch mit -Schauder, mit dem Schauder der Vernichtung, sie könne -einst dieses Stillstands, dieses Gleichmuths theilhaftig -werden. – Fabia sprach gelassen von der nächsten -Zukunft, in der ihre Heirath vollzogen werden sollte; -der Schritt von ihrer heimathlichen Schwelle geschah -mit so leisem Bedacht, mit so viel Rücksicht auf das -Größte wie auf das Kleinste, was dem Vater zu Gute -kommen könnte, da sein Kind ihn verlassen müsse, -um dem Manne zu folgen – daß Albane auch dies -vergleichungsweise bemerkte und fühlte. Sie galt -für eine Braut der Kirche; aber Frieden und Freudigkeit -war nicht in ihr. Die Gegenwart erfüllte ihr -Herz – eine ungeheure Kluft trennte sie von ihrer -Pflicht, und an das Künftige vermogte sie nicht zu -denken. Der neue Ehestand hob jenen Umgang auf, -wenn die weite Beziehung, worin die Tochter des -<a class="pagenum" id="page_057" title="57"> </a> -Grafen zu der des Oberverwalters gestanden, nämlich -so zu nennen – man sagte die Comteß kränklich, der -Arzt kam oft nach Bonna, und Albane war beinahe -von Niemand mehr gesehen.</p> - -<p>Inzwischen waren ein paar Jahre vergangen. Man -hatte wenig oder nichts von dem jungen Ehepaare gehört, -ein Beweis, daß es glücklich lebte. Da ward -die Gattinn des Cassirers eines Tages der Gräfinn -Albane gemeldet, und alsbald stand jene bekannte Gestalt -vor ihr. – Ein wenig fraulich hatte Fabia sich -doch verändert. Sie war hagerer als sonst – die frischen -Wangenrosen waren verweht und etwas eingefallen, -und um den Mund hatte sich ein matronenhafter -Zug von kleinen Falten gebildet, der um so schärfer -hervortrat, als sie sich zu lächeln bemühte. – -Doch ungleich deutlicher noch machte Fabia ihrerseits -die Bemerkung, daß Albane kaum mehr zu kennen -wäre. – Sie saß an dem einzigen Fenster eines Gemachs, -das wie eine Laube gemalt, und deshalb düster -war. Seltsam stachen die unbeweglichen Schatten -der Malerei gegen das lebendige Farbenspiel der -Tuberosen und grünen duftenden Stauden ab, die in -einem kleinen reizenden Gartenflor an dieser sonnigen -Stelle blühten. Der Wind strich leise durch die -Zweige, und ihre Umrisse spielten warm auf dem Gesicht -der Gräfinn, die, verbleicht, krankhaft zu frösteln -<a class="pagenum" id="page_058" title="58"> </a> -schien, denn sie trug in dieser Jahreszeit – es war -im August – einen weiten Mantel von Seide. – -Dieser Anblick brachte Fabien um die ihr eigenthümliche -Gegenwart des Geistes. Ihre Seele forschte in -dem bestürzten Blicke nach der Ursache dieser Veränderung. -Wie war diese unvergleichliche Schönheit zerstört! -welches verwahrlosende Geschick hatte das Feuer -dieser herrlichen Augen ausgelöscht? – Zwar hatte -man lange schon von einer bedeutenden Unpäßlichkeit -der jungen Gräfinn gesprochen, und wie diese selbst -für die Diener des Hauses unsichtbar würde – die -Amme war sichtlich geängstet, doch schweigsam wie das -Grab, das sie für ihren Liebling fürchtete –: aber -diese matte Blässe, diese kranke Stimme, aus Seufzern -zusammengehaucht, deutete eben so sehr auf ein -beladenes Gemüth, als auf unterdrückte Kraft des -Körpers hin.</p> - -<p>Mit Fabien stand der Gräfinn die Vergangenheit -vor Augen. Das klare Ansehen der jungen Frau und -ihrer reinen Verhältnisse bewegte das Herz im Busen -der unglücklichen Albane. Ein tiefer Seufzer -schwebte auf ihren Lippen, da sie nach dem Anlaß dieses -lieben Zuspruchs fragte. – Darauf trug Frau -Fabia bescheidentlich die Bitte vor, ihr gütigst eine -blaue Camelia abzulassen, womit sie ihrem Manne, -der ein großer Blumenfreund sey, eine Freude zu seinem -<a class="pagenum" id="page_059" title="59"> </a> -Geburtstage zu machen wünsche. Die Gräfinn -gewährte dies und mehr, jede schöne seltne Pflanze, -die sich innerhalb der Glashäuser, oder im Bereich -des Gartens überhaupt befinde, solle zu ihrer Auswahl -stehn. Fabia bezeigte ein lebhaftes Vergnügen. -Albane erkundigte sich nun nach dem Ergehen der -jungen Frau, und kam der zögernden Antwort zuvor, -indem sie schmerzlich lächelnd sagte: »doch diese Frage -ist wohl vom Ueberfluß. Sie haben aus Neigung -geheirathet. Sie sind die Gattin Dessen, den Sie -lieben, vor der Welt die Seine, und begünstiget durch -ein Stillleben, was ich mir über alle Maaßen traut -und glücklich denke. Sie dürfen ihren Ehemann mit -jeder Blume beschenken, mit <em class="ge">jeder</em> – selbst wenn -sie unter Ihrem Herzen blüht –« hier stockte die -Gräfinn. Fabia senkte tief das Auge, und es bedeckte -eine aufquellende Thräne. Diese Seligsprechung einer -Vermählten im Munde der gräflichen Jungfrau, die -eine geistliche zu werden bestimmt war, mußte die -Frau des Cassirers befremden, und jene höchste Blüthe -der Liebe, worin Albane das, was sie dachte, verblümte, -auf der schaamhaften Lippe eines Mädchens -die züchtige Fabia allerdings Wunder nehmen. Sie -sprach erröthend: »ich darf mein Loos nicht beklagen; -doch auch die günstigste Lage läßt wohl etwas zu wünschen -übrig. Mein Mann ist brav, und hat mich -<a class="pagenum" id="page_060" title="60"> </a> -noch mit keiner Miene beleidiget; aber er ist peinlichen -Gemüths, besonders was seine Geschäfte betrifft. -Freilich ist sein Amt verantwortlich, da der gnädige -Herr Graf –« Albane nickte, und Fabia fuhr fort: -»dann mag die Erziehung meines guten Mannes hier -und da verfehlt gewesen seyn – damit hat eine Frau -auch zu kämpfen. Er verbittert sich manchen Lebensgenuß, -mein Vater spricht, es komme von einer krankhaften -Galle her. Schreckt er doch selbst mich nicht -selten mit einer gewissen mißtrauischen Kälte ab – -und der Himmel ist mein Zeuge! daß ich ihm gern -die Sonne zuneigen mögte. Endlich wünscht er sich -so sehnlich ein Kind – und es wäre hart für mich, -wenn dieser Segen uns versagt bleiben sollte.«</p> - -<p>Nichts lockt so sicher Aeußerungen des Vertrauens -auch aus der verschlossensten Brust, als wenn der -Schatz, den sie besitzt, überschätzt wird. In diesem -Falle dürfte sich selbst der vorsichtigste Geizhals in einer -ohngefähren Angabe seines Vermögens errathen.</p> - -<p>Die weiße Albane ward wie mit Rosenblut begossen. -Sie brach eine Knospe ab und zerpflückte sie -in ihrem Schooße. Das Gespräch ward noch eine -Weile mit Wärme fortgesetzt – dann ging Fabia. -Später hörte man von ihr und ihrem Manne, sie -hätten ein Pflegekind angenommen.</p> - -<p>Wieder eine geraume Zeit war seitdem verflossen. -<a class="pagenum" id="page_061" title="61"> </a> -Da ging Albane an einem milden Sommerabend spazieren, -und wie gewöhnlich allein. Sie war kürzlich -abermals sehr krank gewesen, und als sie zum Vorschein -kam, sah man wohl, wie viel sie gelitten. Man -beklagte die arme junge Gräfinn, die schwerlich zu -völliger Gesundheit und Kräften kommen könne, in -ihrer herzpressenden Lage, und der, allem Vermuthen -nach – sich die Thüren der Gruft eher öffnen würden, -als die Pforten des Klosters. –</p> - -<p>Ein Hirtenknabe durchkreuzte ihren Weg, der -weinte. Die Gräfinn fragte nach der Ursache dieser -Betrübniß: ein junges Lamm war ihm von der -Heerde abhanden gekommen. Albane bot ihm Geld, -der kleine traurige Schäfer aber in Angst und Eile -des Suchens schlug es aus und sprach: »wenn ich -das Verlorene nur wieder hätte! das wäre mir lieber -als Alles.« Dieser kleine Vorfall rührte wunderbar -an Albanens Gemüth. Dort flog er hin, der kindliche -Hirt! Albane sah ihn hinter dem blühenden -Klee verschwinden; am Hügel tauchte er wieder auf, -und hielt das gefundene Lämmlein mit beiden Armen -umschlungen, und fest an seine Brust gedrückt. Er -winkte aus der Ferne der Dame zu, daß es nun da -sey, seine Miene lachte entzückt und der schlichte blonde -Scheitel des Knaben glänzte im Schein der sinkenden -Sonne.</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_062" title="62"> </a> -Die Gräfinn sah thränenden Blickes und versenkt -in tiefe Gedanken nach ihm hin; tiefer noch war die -Quelle, die in ihren schönen Augen überfloß. – Sie -setzte sich auf einen Feldstein, neigte das Haupt und -starrte zu Boden. Da stand der alte Romana vor -ihr, der unbemerkt heran gekommen war. Er hatte -die Tochter seines Freundes lange nicht gesehen, und -konnte seine Betroffenheit über ihren Anblick an dieser -einsamen Stelle nicht bergen. Albane fühlte ihre -Wange erkalten, und stammelte, daß sie von einer jähen -Schwäche angewandelt worden sey, die ihr von -der letzten Krankheit anhänge. Der Forstmeister betrachtete -dies holde, tödtlich erblaßte Gesicht wie mit -väterlichem Mitleid. Er bat, die Gräfinn wolle ihm -erlauben, sie in seine Wohnung zu führen, die in der -Nähe sey, auf daß sie sich daselbst erholen und eine -kleine Stärkung zu sich nehmen könne. Er bat so -herzlich, daß Albane seine Güte nicht ablehnen konnte. -Während des Gehens unterstützte er die zarte Gestalt, -deren biegsamer Wuchs wie bewegt von einem innern -Sturme an seinem Arme schwankte. Er machte ihr -sanfte Vorwürfe, sich als eine kaum Genesene, unbegleitet -solch einer Anwandlung ausgesetzt zu haben. -»Ihr Vater, liebe Comteß,« redete er treumüthig weiter, -»dem die nächste Sorge für die theure Gesundheit -seines Kindes zustünde, ist leider! dieser Obhut nicht -<a class="pagenum" id="page_063" title="63"> </a> -fähig; vergeben Sie es mir daher, wenn ich Sie aufmerksam -mache, auf die Pflicht sich zu schonen. Lassen -Sie mich in dieser Mahnung Vaterstelle an Ihnen -vertreten! – Was sollte aus meinem armen -Freunde werden, wenn seine einzige Stütze vor ihm -sänke in das Grab? – Und wenn das so fortgeht – –« -Sie standen an dem Hause, Albane -drückte die Hand des liebreichen Mannes, als wolle -sie damit ein stummes Versprechen leisten. Sie sah -empor; ihr Blick hing an dem südlichen Dach, das -getragen von der heitersten Wohnung, einem der hängenden -Gärten der Semiramis zu gleichen schien.</p> - -<p>Der Forstmeister fragte: ob die Gräfinn sich wohl -zu erschöpft fühle, um diese mäßige Höhe zu ersteigen? -und als sie es als Wunsch äußerte, ließ er Brod -und Wein hinauf bringen, den werthen Gast zu erquicken.</p> - -<p>Es war ein himmlisches Plätzchen, und Albane genoß -zum erstenmale den Reiz dieser Aussicht weitschauenden -Blickes. »Wie schön ist es hier! eine wahre -Augenweide!« sagte sie tiefathmend, und ihr Gedanke -streifte in diesem Ausdruck noch leise an der Heerde -hin, welche die wallenden Wolkenschäfchen ätherisch -versinnlichten.</p> - -<p>»Ja,« antwortete Romana innigst begnügt, »ich -danke dieser Anlage manche Stunde, die ich mit einem -<a class="pagenum" id="page_064" title="64"> </a> -goldnen Platz nicht tauschen mögte. Und an Gold -mangelt es hier auch nicht.« Die Sonne goß eben -ihren letzten Glanz blendend aus, der Himmel flammte -und das Blut der Traube perlte im Glase wie ein -flüssiger Rubin. »Wie Viele mögten in erträumter -Größe mich beklagen,« setzte er mit heiterm Lächeln -hinzu, »während ich mein Glück hoch genug zum Preise -des Herrn anschlage. Wer die Einsamkeit liebt und -mit sich selbst umzugehen weiß, entbehrt nie eines -tröstenden Freundes. Wäre mein Sohn fortzubringen -von hier, oder anders – er ist so wenig froh – so -würde ich von keinem Kummer wissen, als an den -ich mich aus vergangener Zeit erinnere. Im Revier -des Waldes bin ich in meinem Element, und kenne -jeden Baum. Wenn der frische Morgenhauch die grüne -Haide durchschauert, dann athme ich wie ein Jüngling; -und wenn ich des Abends hier sitze: welcher -Odem des ewigen Lebens weht mich von <em class="ge">diesem</em> -Holze da an?« Er deutete auf das Kreuz.</p> - -<p>»Gräfinn!« fuhr Romana begeistert fort, und vergaß -zu Wem er rede, »wie mag es doch Menschen -geben, die ihr Heil in andern Dingen suchen, als bei -dem Einen: dem Heiland? – Wie still ist die -Seele, die Ihn liebt! Sie geht geführt von seiner -Hand auf den Wogen des Lebens, wo Andere untersinken. -Einst war es nicht so mit mir. Ich war -<a class="pagenum" id="page_065" title="65"> </a> -ein leidenschaftlicher Mensch, ungestüm in meinen -Wünschen, meinem Begehren; ich fürchtete das Geliebte -zu verlieren, obgleich ich es noch hatte, ohne -daß ich es eigentlich besaß. Die Leidenschaft betäubt, -sie ist der Sturm in unsrer Brust, der unsre beste -Habe verschlingt, der unser Glück zertrümmert, nur -beschwichtiget von Dem, welchem Wind und Willen -gehorchen.«</p> - -<p>Diese Worte schlugen an Albanens Herz. Sie -wagte jedoch hierauf zu entgegnen: diese Ruhe des -Gemüths, diese Stille der Seele mögte wohl eine -Frucht gereifter Jahre seyn.</p> - -<p>Der Forstmeister schüttelte sein ehrwürdiges Haupt -und sprach: »das wäre traurig, liebe Comteß. Dann -wäre die Jugend ein ausgeschlossenes Kind, und das -Alter ruhete der Liebe im Schooße. Nein! wir sind -nur blind, bis wir sehend werden. Wer sich auch -in der Verblendung gefällt: er wird früh oder spät -merken, welcher Sinn ihm abgeht. Wage Jemand, -ein Glück behaupten zu wollen, was Gott nicht billigt! -ja, der Mensch ist so wundersam beschaffen, daß, -wo Niemand ihm streitig macht, was er besitzt, er, <em class="ge">er -selbst</em> es ins tiefste Meer würfe, zur Sühne für den -Himmel! Schon die Gesetze der Welt müssen das -Juwel unserer Freuden fassen, sollen wir es tragen -können.«</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_066" title="66"> </a> -Mit diesen Worten hatte der ehrenwerthe Mann -das Innerste Albanens ausgesprochen. Sie schwieg, -tief erschüttert, und als er ihr das Brod und den -Wein wohlmeinend aufdrang, war ihr nicht viel anders, -als genösse sie das heilige Abendmahl.</p> - -<p>Die Unterredung nahm nun die Wendung auf -Sylvius. Sein Vater klagte, und ahnete nicht, daß -er die Seele der Gräfinn zerriß – wie vielen Kummer -ihm dieser so treffliche Sohn verursache, durch -stillen Trübsinn, durch sein eigensinniges Beharren, -nicht weichen zu wollen von der heimischen Scholle, -da ihm doch die weite Erde offen stände. »Es ist,« -fuhr der Alte mit sorgenschwerer Stimme fort, »als -ob ein Bann ihn hier gefangen hielte, den der Herr -lösen wolle! – Was ihn hält und härmt: ich -weiß es nicht, denn er hat kein Vertrauen zu mir, -seinem einzigen und besten Freunde! –« Ein gekränkter -Seufzer stieg aus dieser väterlichen Brust – -Albane stand auf. »Aber was ist Ihnen, liebe Gräfinn?« -fragte Romana bestürzt, »Sie weinen? Sie -zittern?« Albane konnte den hervorbrechenden Thränen -nicht wehren; das Herz wollte ihr zerspringen, -und sie machte eine Bewegung, als wolle sie dem -Forstmeister zu Füßen sinken. »Entlassen Sie -mich –,« bat Albane sehr leise, »ich fühle mich krank.« -Sogleich wollte Romana einen Wagen kommen lassen; -<a class="pagenum" id="page_067" title="67"> </a> -die Gräfinn lehnte dies ab, und sich auf seinen Arm. -Er führte sie sacht und sanft nach dem Schlosse, unwissend, -daß er seine Schwiegertochter leite.</p> - -<p>Ach! die arme Gräfinn war seit mehreren Jahren -Sylvius heimlich angetraute Gattinn, und binnen -dieser Zeit zweimal Mutter geworden. – Sie hatte -den heißen Bitten des Geliebten nicht widerstehen -können, sich mit ihm zu verbinden, und ihrer Bestimmung -also zu entziehen. Nimmermehr, das wußte -Albane, würde ihr Vater seine Einwilligung dazu -gegeben haben, und auch der junge Romana hatte -Ursache zu glauben, der seinige werde nicht minder -entschieden dagegen seyn, wenn gleich der Grund diesseitiger -Abneigung ihm verborgen war. Der Arzt -und die Amme waren im Geheimniß dieser Ehe, und -ihrer vereinten List gelang es, unter dem Schutz der -Umstände eine Täuschung der Art zu ermöglichen, und -bis dahin dauernd zu erhalten.</p> - -<p>Tief in der weiblichen Natur begründet, liegt -etwas Widerstrebendes, ein geheimnißvoller Wille, -nicht zu wollen, was ein höheres Gesetz als sein Geschlecht -von ihm fordert, während der Mann, wo -er im Kampf begriffen scheint, mit der Welt und -dem, was sie ihm weigert, nur seiner innersten Ueberzeugung -gehorcht.</p> - -<p>Der Gedanke an das Kloster war der Gräfinn -<a class="pagenum" id="page_068" title="68"> </a> -stets furchtbar gewesen, und das Gefühl ihres Menschenrechts -hatte sich gegen diese Bestimmung gesträubt. -– Jetzt galt es, aus freier Wahl diese Nothwendigkeit -aufzuheben. Der Vater wurde nicht davon -berührt – er wußte nichts. Und wie mag ein weiblich -Ohr, erfüllt von den Stimmen der Liebe, und -in nervöser Scheu vor jenem Glöcklein der Kirche, das -über der absterbenden Novize geläutet wird – auf -das Flüstern religiösen Zartgefühls hören? – Dieser -verschwiegene Bund, sein verstohlnes Verhältniß, ja -selbst der Reiz einer gewissen Gefahr erhöhete die -heimlichen Entzückungen desselben, da des Vaters Ruhe, -wo nicht sein Leben daran hing, daß es unentdeckt -bliebe, seine Tochter wäre vermählt. Diese Gattinn, -das freie Eigenthum der Liebe, würde dem Sylvius -der öffentlichen Stimme nach, nur ein kirchenräuberischer -Besitz gewesen seyn; aber er trank von ihren -Lippen Weihe und Wonne. – Als hätte eine -schützende Gottheit einen Schleier über diese Ehe geworfen, -so blieb sie jedem Auge verhüllt. Albane galt -für eine Himmelsbraut, kein schnöder Verdacht schlich -ihren Schritten nach; ihr kindlicher Ruf war über -jeden Argwohn erhaben; wie hätte man denken können, -sie wolle sich einer heiligen Pflicht des Glaubens -entziehen, für den ihre Mutter gestorben? – Das -Bedauern für die junge Gräfinn war so allgemein -<a class="pagenum" id="page_069" title="69"> </a> -und innig, daß man ihr jede Seltsamkeit nachgesehen -haben würde – und nachsah. Die Natur gab diesem -Bündniß Unauflöslichkeit, und jetzt fühlte Albane zum -erstenmale, daß das Einsseyn zweier Herzen, ob auch -vereiniget durch Priesters Hand, unter den Schutz der -Oeffentlichkeit gehört; denn schon die Gestalt einer -werdenden Mutter heischt eine rechtliche Meinung, -und macht es unmöglich, ohne Sünde oder Sorge -den höchsten Segen des Weibes zu verheimlichen. -Nur die Lage der Gräfinn, so gänzlich abgesondert -von der Welt, und in diesem Vorzug – dieser Begriff -gelte für jene Umstände – fast einzig und allein in -ihrer Art, der blöde Geist ihres Vaters, das blinde -Vertrauen dessen sie genoß, das vorsichtige Verfahren -des Arztes und die erfinderische Klugheit der Amme halfen -über jenen schwierigen Zeitpunct wiederholentlich -hinweg. – So waren Jahre verflossen. Das Band -dieser ehelichen Liebe schien an Stützen gebunden, -die tiefer begründet waren, als für ein sterbliches -Auge einzusehen möglich, es war so innig mit beruhigendem -Schweigen verwebt, daß die furchtsame Besorgniß -Albanens, es könne zur Kenntniß ihres Vaters -kommen, allmählig nachließ. Sie ward endlich sicher.</p> - -<p>Aber <em class="ge">die</em> Stimme in der menschlichen Brust, ein -schwacher Vorklang jener, die einst schlafende Welten -wecken wird, welche in den leisesten Bebungen des -<a class="pagenum" id="page_070" title="70"> </a> -sittlichen Sinnes an ein betäubtes Herz dringt – -ward laut. Die Gräfinn war längst nicht mehr glücklich, -wenn sie es eigentlich jemals gewesen. Ihr Glück -däuchte ihr nur ein entzückender Traum, unhaltbar -zerronnen, aus dem sie schwerblütig erwacht wäre. -Ihr ganzes Wesen, vom Sitz des Herzens aus, durchdrang -ein traurig Sehnen, was sich selbst in Sylvius -Armen nicht stillte; das Bewußtseyn ihrer, seiner Liebe -genügte ihr nicht mehr. – Ein kränklicher Gram -zehrte an ihrer Gestalt, und ein Gefühl unsäglicher -Wehmuth, von trübem Grund der Seele, bedrängte -ihren Busen. Sah sie ein junges Ehepaar neben -einander sitzen oder gehen: so dachte sie mit einem -alten Liede: »manches Herz geht <em class="ge">ganz alleine</em> seinem -stillen Kummer nach –« Albane verkannte, daß -der Liebe Geist, der treueste von allen Freunden, ihr -zur Seite wäre. – Geschah es, daß sie Fabien von -oder zu ihrem Mann reden hörte: so fühlte sie sich -schmerzlich fremd, wie eine Taubstumme, Angesichts -Solcher, denen das Vorrecht und die geistige Beziehung -der Sprache gegeben ist. Ein weinendes Kind, -geschmiegt an den Hals seiner Mutter, lockte bittre -Tropfen in ihr Auge, und die arme Gräfinn hätte -all ihr Blut verströmen mögen, wenn sie eine Thräne -ihres Kindes, <em class="ge">eine</em> nur – tröstend hätte wegküssen -dürfen. –</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_071" title="71"> </a> -In dieser Stimmung dachte Albane oft an ihre -Mutter, auf die sie sich wenig zu besinnen wußte. -Zwar bebte ihr Gedanke vor diesem beleidigten Bilde -zurück; aber es zog allmählig immer trauter und versöhnender -ihr Denken und Sinnen an sich. Einst -führte das Bedürfniß innerster Ansprache sie an die -Familiengruft, deren Thür sie sich öffnen ließ. Auch -den Deckel des Sarges ihrer Mutter ließ sie abheben, -und diesem Willen der jungen Gebieterinn ward, wenn -auch widerstrebend, doch Folge geleistet. Der Leichnam -lag unversehrt, nur das weiße Kleid war in der linken -Brustgegend hochroth gefärbt, als hätte der Todten -das Herz geblutet; das rechte Auge war nicht ganz -geschlossen: wie drang dieser erstorbene Blick in die -Seele ihrer Tochter! – Um den eingefallenen Mund -schwebte noch der Schatten eines Lächelns, womit die -edle Frau die Welt gesegnet hatte. Albane stand in -heiliger Rührung an dieser Stätte der Ruhe. Ein -ganzes Leben voll Vorwürfe hätte nicht so dringend -an ihr Herz reden können, als dieser stille Anblick, -der den Frieden der Gottseligkeit schweigend offenbarte. -Und hier war es, wo Albane den Schmerz der Leidenschaft -als sündlich empfand. – Fuhr die Gräfinn -des Sonntags nach der Kirche, so trat sie mit einem -Schauer der Buße in die vergitterte Loge. Das Erbrausen -der Orgel schwellte ihre Brust, ihr Gefühl -<a class="pagenum" id="page_072" title="72"> </a> -war ein frommes Heimweh. Sie wünschte sterben -zu können an diesen Tönen des Himmels. Und wenn -die Sonne zu den hohen Fenstern herein schien, und -in der Stola des Priesters flimmerte: dann leuchtete -dieser Strahl auch in ihr Innerstes, und um den dunkeln -Altar des Gemüths ward es helle. – Doch ein -Blick der Liebe ihres Vaters, der kleinste Beweis seiner -Zuversicht zu ihr, die sein Ein und Alles war, -spaltete Albanen das Herz. – Wenn schon eine zarte -Scheu sich in Acht nimmt, einem Blinden auf irgend -eine Weise Anstoß zu geben: so wird ein zarterer -Sinn Anstand nehmen, den geistig Blöden zu hintergehen. -So war Albane sich nach und nach einer -Schuld gegen ihren Vater bewußt worden, die sie -in heißer Reue mit keinem Opfer der Liebe, auch dem -größten nicht, sühnen zu können glaubte. – Die -Unterredung mit dem Forstmeister, welche das Herz -der Gräfinn erschütterte, fand daher den Tag der Reife, -und lösete die Frucht der Selbsterkenntniß ab, in einem -Gedanken, den sie lange getragen.</p> - -<p>Auch Sylvius war unbefriediget, und konnte es -nicht immer verhehlen. Er vergaß in der Heftigkeit -seiner strebsamen Wünsche, daß Albane, indem sie ihnen -nachgegeben, ihm das Ziel derselben als ein unabänderliches -gezeigt. Das süße Geheimniß, der unsichtbare -Trauring, war ihm eine Fessel, die er in -<a class="pagenum" id="page_073" title="73"> </a> -männlichem Trotz abstreifen mögen – er fühlte sich -beschränkt, und die Geliebte war es, die ihn hinderte, -seine jugendlichen Kräfte an den Schranken der Welt -zu versuchen.</p> - -<p>»Ich las heute,« sagte die Gräfinn in der Späte -jenes Abends, an dem sie seinen Vater gesprochen, zu -ihrem Gemahl, »die entstehende Liebe ist in einem -Nichts reich, die wachsende ist in den Wünschen bescheiden, -nur die glückliche Liebe hat nie genug – -da dachte ich an Dich.«</p> - -<p>»Ach, Albane!« lautete seine Antwort, »wie könnte -meine Liebe glücklich seyn, da Du es nicht bist? Umsonst -verbirgst Du mir einen Kummer, als dessen Ursache -ich mich ansehen muß – ich bin nicht im Stande, -Dein Herz ganz auszufüllen. Lebten wir nicht in -dieser unseligen lichtscheuen Vereinzelung: kein finstrer -Gedanke würde Raum finden zwischen Dir -und mir.«</p> - -<p>»Wie Du mich quälst, Romana!« seufzte seine -Frau, »gönne mir den Trost, das Leben meines Vaters -zu schonen; an diesem schwachen Faden laß mich -vorsichtig halten, das Gewebe der Verhängnisse ist -zart. – Und damit Du das Wenige schätzen lernst, -was Du an mir besitzest: so dürfte es gut seyn, wenn -Du mich eine Zeitlang ganz entbehrtest. Der Arzt -dringt in mich, den Vater zu einer Reise von längerer -<a class="pagenum" id="page_074" title="74"> </a> -Dauer zu bereden, und auch Dir, mein Sylvius, -dürfte eine weite Ausflucht eben einmal nöthig seyn.«</p> - -<p>Albane stellte nun dem Gemahl diese Reise aus -den verschiedensten Gesichtspunkten als eine allseitige -Nothwendigkeit dar. Der jüngere Romana glaubte -jedoch nicht, daß es dazu kommen würde; aber der -Graf zeigte sich viel leichter entschlossen, als zu erwarten -gewesen, ja, es war, als ob dieser Entschluß seine -Kräfte aus ihrem lethargischen Zustande aufgerufen -hätte. Er war zum Staunen der Seinen der besonnensten -Maßregeln fähig, und Albane, welche diesen -Lichtblick benützten zu müssen glaubte, förderte die Anstalten -in drängender Eile.</p> - -<p>Es gab mehr Leute, welche diesen günstigen Zeitpunkt -zur Erreichung ihrer Zwecke absahen. Der -Oberverwalter, Fabiens Vater, war vor Jahr und -Tagen gestorben, und ein Mann an seine Stelle gekommen, -der obgleich tüchtig für sein Fach, doch nicht -als vertragsam gerühmt werden konnte, am wenigsten -von dem Schwiegersohn seines Vorgängers. Dieser, -ärgerlicher Art, that nur seine Pflicht, doch nichts, -um ein freundlicheres Verhältniß einzuleiten; bei solcher -Unfügsamkeit in nahem Verkehr waren Reibungen -unvermeidlich, und es kam so weit, daß Fabia -einsah, ihrem Manne würde nicht nur sein Amt, sondern -das Leben verleidet. So redete sie ihm zu, den -<a class="pagenum" id="page_075" title="75"> </a> -Grafen um Versetzung anzugehen. – Aber dieser -Gutsherr war so wenig zugänglich, wie ein Fels im -Meer, und einmal abgeschlagen, konnte jener Wunsch -nicht wiederholt werden. Als nun Graf Frankenstern -den Cassirer rufen ließ, und ihn dieser gesammelten -Geistes und überaus gütig fand, erschrak er fast vor -Freude, daß der Blüthenmoment für seine Angelegenheit -so plötzlich gekommen wäre. Er trug seine Bitte -vor, zugleich mit der Beschwerde über den Oberverwalter, -und der Graf verfügte ohne Weiteres, daß -der Antagonist desselben als Rentmeister nach Bühle -versetzt würde. – Er hob bedeutende Summen aus, -und fand das Rechnungswesen in musterhafter Ordnung; -es ergab ein Facit gegenseitiger Zufriedenheit. -Frau Fabia hatte, als ihr Mann vom Schlosse nach -Hause kam, eine langentbehrte heitre Stunde; aber -diese war auch für längere Zeit die letzte. Nachdem -die Spannung nachgelassen, worin er sich zeither befunden, -fühlte er sich krank, in Folge verhaltnen Aergers. -Als der Graf nun Tages vor seiner Abreise -den Rentmeister noch einmal zu sich rufen ließ, ihm -Papiere von Wichtigkeit zu übergeben, raffte Dieser -sich mühsam auf, die Befehle des Gutsherrn zu empfangen, -und besorgt sah seine Frau ihm nach.</p> - -<p>Graf Frankenstern war heute nicht völlig so klar, -als er ihn das letztemal gesehen; er konnte sich -<a class="pagenum" id="page_076" title="76"> </a> -auf Einiges durchaus nicht besinnen, und schritt nach -dem Flügel, den seine Tochter bewohnte, Aufschluß von -ihr zu fordern.</p> - -<p>Die Gräfinn war nicht da – und als ihr Vater -unverrichteter Sache in seine Zimmer zurückkehrte, sah -er auf dem Gange ein Gewölbe offen, worin Silberzeug -und kostbare Vorräthe verwahrt wurden. »Welche -Unvorsichtigkeit!« murmelte der Graf; Niemand war -zu sehen. Er bewegte die eiserne Thür nach Außen -und trat hinein; sein Begleiter blieb auf der Schwelle. -Eine Truhe war geöffnet, woraus Pelzwerk, wahrscheinlich -zum Bedarf der Reise, genommen worden, -denn ein feines Marderfutter hing über dem Deckel, -Büschel getrockneten Lavendels lagen verstreut am -Boden, und ein starker Geruch erfüllte den kühlen -Raum. In einer schmalen Vertiefung der Mauer -stand, etwas erhöht, jenes Schmuckkästchen, das unsre -Leser kennen. Eine schöne, doch schadhafte Statue -von Alabaster, das Haupt sinnig gebeugt, den Finger -auf dem Mund – schien als Wache neben dies Depot -gestellt; in der zerbrochenen Brust steckte eine -kleine verwelkte Rose. –</p> - -<p>Der Graf warf einen Blick in jenen Winkel und -schauderte. »Freund!« sagte er hinter sich gewandt, -»Sie könnten mir einen Gefallen thun – und Sie -werden es!« setzte er mit unabweislichem Tone hinzu, -<a class="pagenum" id="page_077" title="77"> </a> -»in jener Chatoulle dort ist der Familienschmuck – -nehmen Sie ihn zu sich. Meine Tochter hat den -Platz für die Kleinodien des Hauses –« hier lächelte -der Graf düster –, »seltsam gewählt; ich muß diesen -Fehler verbessern. Mitnehmen kann ich das Kästchen -nicht, und muß es daher während unserer Abwesenheit -gut aufgehoben wissen. Sie sind ein zuverlässiger -Mann, ich weiß Niemand, zu dessen Redlichkeit -ich größeres Vertrauen hätte.«</p> - -<p>Der Rentmeister verbeugte sich. Er hatte den -Grafen erbleichen gesehen, und gab dies dem Odem -des Kampfers Schuld, der hier wehete, und den die -kranken Nerven desselben nicht vertrügen. Auf einen -Wink hob er das Köfferchen hinweg, und bat um den -Schlüssel. »Albane wird ihn haben –« versetzte -der Graf in Scheu und Hast, »verlassen Sie Sich -jedoch darauf, ich sende ihn heut Abend noch; das -Verzeichniß des Inhalts kann ich Ihnen sogleich suchen.« -Auf seinem Zimmer suchte Graf Frankenstern -nach dieser Liste, und es währte lange, ehe er sie -fand.</p> - -<p>Mittlerweilen hatte der Rentmeister sich gesetzt -und hielt das Kästchen auf seinem Schooße; die Kniee -zitterten ihm unter der kostbaren Last, denn die Stunde -des schleichenden Fiebers, an dem er litt, war herangekommen. -Endlich reichte der Graf ihm das Papier -<a class="pagenum" id="page_078" title="78"> </a> -und sprach, als Jener es mit bebender Hand empfing: -»das ist ein schlimmer Frost, und Sie sind so leicht -gekleidet! – Wahrlich! ich hätte ihnen unter diesen -Umständen den Ueberrock nicht übel genommen; vielmehr -verbinden Sie mich durch Bedacht auf Ihre Gesundheit. -Nehmen Sie einen Mantel von mir an! die -Abendluft könnte Ihnen schädlich werden.«</p> - -<p>Unter dieser gnädigen Fürsorge, obgleich sie gewiß -redlich gemeint war, verbarg der Graf mit der eigenthümlichen -Schlauheit Derer, die in der Regel geistesabwesend -sind, den vorsichtigen Wunsch, der Rentmeister -mögte die Chatoulle unbemerkt in seine Wohnung -tragen.</p> - -<p>Frau Fabia erschrak nicht wenig, als sie ihren -Mann nun langsam kommen sah. Er war leichenblaß, -unter einem dunkeln Mantel, der in der Dämmerung -wie schwarz ließ, trug er einen zierlichen -Kindersarg, und seine Schritte schwankten wie die des -Trägers einer Bahre. – Erschrocken eilte seine Frau -ihm an die klingelnde Hausthüre entgegen; aber -schweigend trat er ein, stumm ging er in die Mitte -des Zimmers, setzte das Kästchen auf den Tisch und -sprach mit erschöpfter Stimme: »ich bin krank, Fabia, -recht sehr krank. Der Weg vom Schlosse bis hierher -– nun der Himmel weiß es – wie sauer er -mir geworden! ich ging gleich dem heiligen Christopherus -<a class="pagenum" id="page_079" title="79"> </a> -wie im Wasser, und als trüge ich eine Weltlast, -die immer schwerer würde. – Ist denn das -Kästchen wirklich so schwer? die Juwelen der gräflich -Frankensternschen Familie liegen darin, und ich wünschte -wohl, ich wäre der Ehre, sie zu bewahren, überhoben -gewesen. Das Fieber scheint heftig im Anzuge – -ich kam mir wie ein Todtengräber vor; nur die -Citrone fehlte noch in meiner Hand.«</p> - -<p>Fabia warf einen bekümmerten Blick auf ihren -Mann, dann auf die Chatoulle, welche durch ihre Form -diese wüste Idee erregt haben mogte, und um seinen -Sinn auf Realien zu lenken, sagte sie: »das Kästchen -hebt sich leicht; mir deucht, Edelsteine müßten schwerer -in das Gewicht fallen.«</p> - -<p>Nun drang Fabia darauf, daß der Kranke sich -sogleich zur Ruhe begäbe; und kaum war dies geschehen: -so fing er an zu phantasiren. Er klagte, der -Oberverwalter hätte ihm die Demanten aus Christi -Krone verfälscht, sprach vom Gott des Schweigens, -der ihm den Finger auf den Mund gelegt habe – -pflückte Lavendel von der Decke, und schalt auf seine -Frau, daß sie ihm den Pelz auszuklopfen vergessen. -Er sähe eine Unzahl Motten um das Licht flirren. –</p> - -<p>Fabia, dies Muster häuslicher Ordnung, konnte -die Vorwürfe des Fieberträumenden ungekränkt anhören. -Sie lächelte beklommen, und starrte verstört in -<a class="pagenum" id="page_080" title="80"> </a> -die ruhige Nachtleuchte, in deren mattem Schimmer -die Beschläge der Chatoulle unheimlich blinkten. – -Gegen den anbrechenden Tag hörte Fabia die herrschaftliche -Reisekutsche über die Schloßbrücke dröhnen. -Sie hatte die ganze Nacht am Bette ihres Mannes -verwacht, und kein Auge geschlossen. Jetzt stand sie -auf und trat ans Fenster. Da rollte der Wagen vorüber -und verschwand in der grauenden Frühe, und -Fabia sah zum Himmel auf und sprach mit der Inbrunst -eines geängsteten Herzens: »Sey mir gnädig, -Gott, sey mir gnädig; denn auf Dich trauet meine -Seele! – wende Dich zu mir, denn ich bin einsam -und elend, und Deine Güte ist tröstlich. Du meines -Lebens Licht! Betet an den Herrn im heiligen -Schmuck –« Der Osten bekleidete sich mit Purpur, -und der Morgenstern ging unter in schwachem Geflimmer.</p> - -<p>Dem Krankenbette, dieser dunkeln Stelle – wendete -Fabia die volle Lichtseite ihres Charakters zu, -und es wäre heilsam für trübe Erfahrungen, wenn -diese Eigenschaft an mancher Frau zu rühmen, die unsern -Lesern oder den Augen der Welt vielleicht besser -gefällt, als diese werkthätige Fromme. Nicht umsonst -hatte die Vorsehung sie daher als Gattinn einem -Hypochondristen zugetheilt, der auch in gesunden Tagen -krank genug und voll wunderlicher Gramhaftigkeit -<a class="pagenum" id="page_081" title="81"> </a> -war, um die Kraft der Geduld seiner Frau in beständiger -Uebung zu erhalten. Kein Phantom seiner Einbildung -schreckte ihren ruhigen Sinn. Ihr gelassener -Muth siegte über jede Unbill verdrüßlicher Launen ihres -Mannes, ihre klare verständige Handlungsweise lag offen -da vor seinem mißtrauischem Blick; stets achtsam auf ihre -Pflicht versäumte Fabia nie, was ihr zu thun oder -zu lassen oblag, und der Glaube an die rechtliche -Strenge, womit seine Gattinn alles Mögliche von sich -forderte, und nicht viel weniger leistete, zwang ihrem -Manne eine, wenn auch <em class="ge">widerwillige</em> – Zufriedenheit -mit seinem häuslichen Glück ab.</p> - -<p>Diesmal machte ein bösartig galligtes Fieber den -Rentmeister für längere Zeit unfähig, sein Amt zu -verwalten. Auch hierin trat seine Frau helfend ein. -Fabia schrieb eine schöne, feste Hand; accurat bis ins -Kleinliche, war sie unfehlbar in jeder Art der Buchführung, -und deshalb wohl geeignet, einen Secretair -ihres Mannes zu vertreten. Sie unterzog sich auch -diesem Geschäft mit willigem Eifer, und theilte ihre -Zeit zwischen seiner Pflege und seinem Beruf. Wir -können uns nicht enthalten, hier zu sagen, wie wichtig -es sey, daß eine Frau den Beruf des Mannes ehre. -Wo dies geschieht, da ist in der Achtung dafür auch -ein Gesetz der Unterordnung gegeben, nach welchem -weibliches Wirken und Wollen bestimmt werden -<a class="pagenum" id="page_082" title="82"> </a> -muß. – Auch von dieser Seite hätte ihr bitterster -Feind unsrer Fabia nichts zur Last legen können. -Dies, wie überhaupt den reellen Werth seiner Frau, -wußte der Rentmeister auch zu schätzen, und vielleicht -war es mehr ein Bedürfniß seiner Krankheit als seines -Herzens, daß er die Freude an einem Kinde, ihrer -ermangelnd – so gar tief empfand. Das liebenswürdige -Pflegekind füllte diese Lücke nicht aus, die eine -Wunde in Fabiens Herzen blieb; denn tief im Innersten -verletzt, kämpfte sie oft mit Thränen, wenn -ihr Mann mißmüthig gegen die Vorsicht grollte, und -sich in Worten Luft machte, die eben so gut eine -Anklage für sie selbst enthalten konnten.</p> - -<p>»Wie aus einem Stein entsprungen,« sagte er -dann wohl, »wie von der Sonne ausgebrütet, bin ich -bestimmt, ohne Vater, ohne Kind zu leben und zu -sterben. Der natürlichste Trost für eine verwaisete Jugend, -der Trost, sein Daseyn fortzupflanzen, ist mir -versagt. Wenn einst Deine Thräne, gute Fabia, versiegt -ist, dann gedenkt man mein nicht mehr, und -keine Blume sprießt aus der trocknen Erde meines -Grabes.«</p> - -<p>Da weinte Fabia schon jetzt. »Du schneidest mir -mein Herz entzwei –« sprach sie mit unterdrückter -Stimme. »Wir wollen uns nicht versündigen, Lieber! -wenn uns nun ein Kind zu Theil geworden wäre, -<a class="pagenum" id="page_083" title="83"> </a> -etwa behaftet mit einem Fehl, oder erbärmlicher Art, -dessen klägliches Geschrei Tag und Nacht nicht zu -stillen? Wie? oder wenn aber ein gesundes, das uns -zu größerem Jammer bald wieder entrissen würde?–« -Auch ein stummes, auch ein todtes Kind wäre ihm -lieber als keines – gab der Rentmeister in eigenwilligem -Trotze der besänftigenden Vorstellung seiner -Frau zur Antwort. Fabia flehete hierauf ihren Mann -an, sich solcher Reden zu enthalten, und warnte ihn -mit christlichem Sinn, aber im Geiste jener heidnischen -Worte: »ihnen zur Strafe erhören die Götter -der Sterblichen Wünsche! –«</p> - -<p>Dies war in den ersten Jahren der Verheirathung -des Rentmeisters gewesen. Später hatten sich diese -Eheleute der Hoffnung begeben, daß dies ersehnte -Glück ihnen noch werden könne, und sich mit ganzer -Liebe – so weit Fabiens Gemüth derselben fähig -war, und der kränkliche Zustand ihres Mannes sie -zuließ – der Erziehung der kleinen Josephine gewidmet. -Sobald der Rentmeister sich von jener Niederlage -erholt hatte, ging er mit den Seinen von Bonna -ab. Fabien fiel das Scheiden von der Heimath doch -schwerer, als sie gedacht. Der neue Wohnort war auch -schön; aber so recht wohl wollte es ihr in Bühle nicht -werden. Dazu kam, daß ihr Mann, obgleich von amtlichen -Unannehmlichkeiten frei, doch sein verdrüßlich -<a class="pagenum" id="page_084" title="84"> </a> -Wesen beibehielt, jeden erheiternden Umgang mied -und verscheuchte, und endlich durch eine gewaltsame -Entdeckung für immer verstört wurde. Jene Chatoulle -deren unsre Leser gedenken – war unter dem Drangsal -des hitzigen Fiebers, was sich unmittelbar an ihre -Uebergabe schloß, abseits gekommen. Nach dieser Zeit -fand der Rentmeister so viel Geschäfte, deren Abschluß -ihm bei seiner Ortsveränderung dringend anlag, daß -es ihm genügte, dies anvertraute Gut wohlverschlossen -zu wissen. – Einst aber sprang ihm das Kästchen -ins Auge, und er verlangte den Schlüssel dazu von -seiner Frau. »Den Schlüssel?« fragte Fabia befremdet, -»ich habe keinen je gesehen. Du brachtest das -Kästchen ja selbst, wie es hier ist. O, ich weiß mich -jenes schrecklichen Abends noch ganz genau zu entsinnen.«</p> - -<p>Der Rentmeister besann sich jetzt, daß der Graf -den Schlüssel hatte schicken wollen, und er muthmaßte, -daß es in der Verwirrung der Abreise vergessen worden -wäre. Einen Schlosser kommen zu lassen, daß -dieser den innenliegenden Reichthum sähe, dazu war -der Rentmeister zu furchtsam. Ein krankhaftes Mißtrauen -verursachte ihm und Andern gar manche unnütze -Qual – und so beredete Fabia ihn, das Geschmeide -und dessen Richtigkeit einstweilen auf sich -beruhen zu lassen.</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_085" title="85"> </a> -Nach längerem Verlauf seitdem starb eine alte -Jungfer in Bühle, die daselbst gelebt; die Tochter des -Fiscal. Dem Rentmeister, als einem Bekannten der -Wohlseligen, fiel ein kleines Legat mit dem Auftrag -zu, ihren Nachlaß zu reguliren, und somit eine Menge -Schlüssel in die Hände, darunter mehrere kleine waren. -An einem Tage, wo Fabia auf die Bleiche gegangen -war und Josephine mit sich genommen hatte, -ihr Mann sich ungewohnter Weise ganz allein befand, -beschlich ihn der Geist des Unglücks in dem Gedanken, -einen jener Schlüssel an dem Kästchen zu versuchen, -ob es sich öffnen ließe. Das künstliche Schloß -widerstand dieser Probe, doch erhitzt vom bösen Feind, -der nicht selten in Gestalt der Neugier den Menschen -berückt, that er ihm Gewalt an. Die feine Stahlfeder -sprang entzwei, der Deckel auf – und der -Rentmeister blieb mit entsetztem Blick starr vor dem -Inhalte stehen. Statt des verzeichneten Schmuckes -funkelte ein Messer, daran Blut eingerostet war – -und auf dem atlaßnen Kissen, wo sonst blitzende Rosetten -und Brustschleifen geruht, lag, in weißem Battist -gewickelt, der Leichnam eines Kindes, so mumienartig -zusammengetrocknet, daß er kaum zu erkennen -war. Nur wie ein brauner Gedanke, so unkörperlich, -so gewesen – sah das winzige Gesicht unter einem -tiefen Häubchen hervor, dessen Form für ein Mädchen -<a class="pagenum" id="page_086" title="86"> </a> -zeugte. – Ein schwach gewürzhafter Geruch war -die erstickte Luft dieses kleinen Grabmals.</p> - -<p>Als Fabia mit heißen Wangen von der Bleiche -heimkehrte, fand sie ihren Mann selbst erbleicht. -»Sieh hin!« sagte er mit bläulichen Lippen, »der -Hehler einer schauderhaften Mordthat bin ich gewesen, -und nicht allein um die Ruhe meiner Seele, sondern -auch um all mein Gut, wenn ich den Majoratsschmuck -ersetzen muß. Wer wird mir denn glauben, -daß ich dem Worte eines Wahnsinnigen trauete? – -Darum fand sich der Schlüssel nicht, und ich – ich -leichtgläubiger Thor! ladete mir ein fremdes Verbrechen -auf. Wie oft hast Du meine argwöhnische Vorsichtigkeit -getadelt? Du siehst nun, <em class="ge">wie</em> vorsichtig ich -war! –«</p> - -<p>Zum erstenmale verließ Fabien ihre Fassung. Sie -stieß einen leisen Schrei aus, und stand entfärbt, -Grausen im Blick, wie unbeweglich. »Mein Herr und -Heiland!« stammelte sie, »das ist ganz erschrecklich! der -Verstand steht mir still.«</p> - -<p>»Der meinige ist hier zu Ende –« fuhr der -Rentmeister fort, »Was soll ich nun anfangen! Anzeige -davon machen? stillschweigen? daß ein Zufall -diese Beweise einer Unthat bei mir entdecke, und mich -zum Mörder stemple? – Ich habe nicht Lust, zum -<a class="pagenum" id="page_087" title="87"> </a> -Lohne für Treu und Glauben auf dem Schaffot zu -beschließen.«</p> - -<p>Fabia kannte ihres Mannes Weise, sich selbst in -furchtbaren Möglichkeiten zu überbieten. Sie sprach -aus geängsteter Seele: »ach! warum bin ich heute -nicht zu Hause geblieben! Wer hieß Dich dies Behältniß -öffnen? – Das Kind läge fein stille vor -wie nach, und wir wüßten von nichts. Das arme -Würmchen! –« Und mit gewundenen Händen niederblickend -darauf, dachte sie an den Wurm im Gewissen, -der die unglückliche Albane wohl genagt haben -mogte. –</p> - -<p>»Was redest Du doch, Frau?« rief der Rentmeister -erzürnt, »es hätte längst geschehen sollen, sage -ich Dir. Unverzeihlich ist meine Saumseligkeit! ich -bin wie mit Blindheit geschlagen gewesen. Deshalb -wurden die Anstalten zu jener fluchwürdigen Reise so -schleunigst getroffen, als wie auf der Flucht – der -Sohn des Forstmeisters ist auch fort in die weite -Welt; die Früchte ihres Leibes fallen Anderen zur -Last, und von ihnen heißt es: Die sind besorgt und -aufgehoben, der Graf wird seine Diener loben.«</p> - -<p>»Du vergissest, lieber Mann,« fiel Fabia betäubt -ihm in die Rede, »daß man die Gräfinn todt sagt. -Ach! ihr wäre wohl, wenn solch ein Weh auf ihrem -Leben gelastet hätte. – Graf Frankenstern aber und -<a class="pagenum" id="page_088" title="88"> </a> -der junge Romana müssen doch einmal wieder kommen. –«</p> - -<p>»Die werden sich hüten –« entgegnete Fabiens -Gemahl. »Der Alte – ich meine den Grafen – -hat um dies gräuliche Geheimniß gewußt: nichts ist -gewisser. Die Hast, womit er mich nöthigte, das -Kästchen anzunehmen, ist mir deutlich im Gedächtniß. -Sieh, Fabia! ich habe eine Ahnung gehabt; denn es -wollte mich erdrücken, als ich es mir nach Hause -trug.«</p> - -<p>Fabia sah diese verschwiegene Erfahrung als ein -göttliches Strafgericht an. Wie oft hatte ihr Mann -gegen den Himmel gemurrt! jetzt war ihm zu Theil -geworden, was er für besser hielt, als das weise Versagen -seines Wunsches: ein todtes, ein stummes -Kind! – Sie selbst verstummte vor dieser Betrachtung -und war sehr gebeugt.</p> - -<p>Die unglückliche Fabia! dieser heimliche Gedanke -schlug Wurzel in der Seele ihres Mannes, und wurde -zum Polyp, der mit tausend Fasern seine Lebenskräfte -umklammerte. Der Rentmeister ward nicht mehr gesund. -Wir wissen, wie er nach kränklichen Jahren -kurz vor seinem Ende die Beruhigung genoß, in dem -Bruder, der sich zu ihm finden mußte, den Seinen -eine Stütze hinterlassen zu können. Sterbend legte -er in die Brust des wackern Administrators das Geheimniß -<a class="pagenum" id="page_089" title="89"> </a> -nieder, was ihn zu Tode gedrückt, und die -Pflicht, den ihm gespielten Betrug zu seiner Zeit offenkundig -zu machen.</p> - -<p>Nachdem sein Bruder bestattet worden, ließ Herr -Prälat bei nächtlicher Weile den kleinen Schmucksarg -unter den Altar der Capelle versenken, von der das -Stift den Namen führt. Die Maurer mogten wähnen, -sie vergrüben einen Schatz – aber diese Stelle -stand unter heiligem Schutz. Schweigend verrichteten -sie ihre Arbeit, und die dumpfen Schläge hallten -schaurig von den stillen Wänden wieder.</p> - -<p>Die Wittwe, gesenkten Hauptes, sah ihnen zu. -»Was blickst Du so düster, Fabia?« flüsterte ihr -Schwager, »verlasse Dich darauf, ich bin zwar nicht -so bibelfest wie Du, weiß aber doch, daß, wenn ein -finstres Werk zu Tage kommen soll, oder die Unschuld -gerechtfertiget, die Steine reden müssen. Darin lasse -Alles sich fügen, wie es des Himmels Wille ist! –«</p> - -<p>Als die Gräfinn, der heimischen Gegend entrückt, -fremde Luft sog, athmete sie doch etwas leichter auf, -und es war, als ob hinter ihr die leidige Welt versänke. -Zwar war nicht fester Boden unter ihren -Füßen, und die Zukunft ihr nichts weniger als klar; -aber der trübe Strom, worin Albane dem Versinken -nahe gewesen, rann doch abwärts, so wie die Räder -des Reisewagens entrollten. Nach einer folgerichtigen -<a class="pagenum" id="page_090" title="90"> </a> -Nothwendigkeit müssen leidenschaftliche Gemüther zuletzt -vor ihrem eigenen Glücke fliehen, und nur Ruhe -suchen. Ruhe, der Friede stiller Seelen, dieser tiefe -geistige Genuß, ist ihnen das einzige Bedürfniß. Weinend -wenden sie das Auge von jenem süßen Taumel, -jener Freudetrunkenheit, die nicht dauern kann, und -streben nach Selbstbewußtseyn. Sie wissen, wie bald -das schwache Herz erliegt, wie nöthig ihm eine Stütze -sey. Das Glück aber fordert Kraft zur Ausdauer – -des Himmels Seligkeit, unser höchstes Streben, währt -ewig. Die überspannte Saite springt jedoch mit einem -Wehlaut. – Vielleicht hatte eine gewisse Uebersättigung -von Geheimniß das Verlangen in der Gräfinn -erzeugt, öde zu bleiben, ohne irgend eine andere -Beziehung als auf ihren Vater; ja, sie hatte in den -verflossenen Jahren, trotz der befriedigten Leidenschaft -und dem Gelingen ihrer kühnsten Plane – so viel -gelitten und nur Gott bewußt –: daß ein völliges -Nichtseyn ihr dagegen wünschenswerth erschien. Daß -sie spurlos verschwände, sich und Andern, das hätte -Albane wohl gewünscht. So war diese Reise vorläufig -als eine Gestorbenheit zu betrachten, die von mancher -Seite erlösend für sie wäre. – Auch waren -Gründe dazu vorhanden gewesen, abgesehen von denen, -die das Innnerste der Seele so zart verhüllen, daß -nur der Finger Gottes sie aufzudecken vermag. Der -<a class="pagenum" id="page_091" title="91"> </a> -Arzt, der Gräfinn vertrautester Freund, hatte ihr -eröffnet, wie er von hoher Behörde aufgefordert worden -sey, über den Gesundheitszustand ihres Vaters -und sein geistiges Vermögen Zeugniß einzusenden. -Der Staat trage billiges Verlangen, unter der Befugniß, -für eine bedeutende Seelenzahl zu sorgen, deren -Aufsicht unmöglich einem Geisteskranken anvertraut -bleiben könne, das schöne Majorat bei Leibesleben -seines derzeitigen Grundherrn zu ererben, und -den Grafen Frankenstern anständig zu pensioniren. -Zudem wisse er von guter Hand, daß der Bischof, in -Kenntniß von dem Gelübde der Mutter Albanens, -sich höchlich wundere, wie und warum dem Himmel -eine Seele und der Kirche ein Brautschatz so lange -vorenthalten werde? – Auch von dieser Seite drohe -den Verhältnissen der Gräfinn ein Angriff. – Sonach -sey es an der Zeit, sich diesen Anmaßungen zu -entziehen.</p> - -<p>Wie durch Inspiration jener Frage an das Gewissen -seines Leibarztes kundig, beantwortete der Graf -sie selbst. Nie war er gesammelter gewesen, als zu -dieser Zeit, wo die Zerstreuung der Reise-Angelegenheiten -seine verworrenen Gedanken auf gewisse Weise -entschuldigt haben würde. Da war kein träges Säumen -mehr. Gleich einem schlafenden Funken, den ein -Hauch plötzlich weckt, leuchtete er auf, und entbrannte -<a class="pagenum" id="page_092" title="92"> </a> -auch wohl im Zorn über so manchen Mißbrauch, der -sich eingeschlichen. Die Beamten erstaunten, denen -er sich edelstolz als Herr zeigte, als der gütige Schützer -seiner Unterthanen gegen die Strenge der Verwaltung. -Alles trat in ein anderes Licht – und erröthend vor -Freude, schrieb der Arzt sein Attestat an die Regierung.</p> - -<p>Doch nur für diesen Zweck schien der Graf durch -die freundliche Ohrenbläserei desselben zu thätiger Umsicht -entflammt worden zu seyn. Er sank alsbald -wieder in seine gewöhnliche Apathie zurück, und fuhr -mit geschlossenen Augen und Sinnen durch die Natur, -ohne daß ihre schönsten Wunder vermogt hätten, nur -mit einem Strahl göttlicher Offenbarung an seinen -finstern Geist zu dringen.</p> - -<p>Albane webte um ihn wie ein Schatten, und verließ -ihn nie; die Pflicht der Sorge für ihren Vater -erfüllte jeden ihrer Augenblicke. Auch bedurfte der -Graf dieser Treue. Die Furcht vor dem Tode quälte -ihn abwesend minder, und war zu der fixen Idee geworden, -dieser Feind seiner Lebensruhe könne ihn nicht -ereilen, so lange er von Ort zu Ort zöge, wie man -nur in der Heimath schlafen zu können meint. Ein -beständiges Fliehen trieb ihn rastlos umher, und die -Geißel der Menschheit vereinigte sich mit diesem unstäten -Drange, ihm keine bleibende Stätte zu gönnen.</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_093" title="93"> </a> -Der Ausbruch des Krieges hatte das Land überschwemmt -– die Güter des Grafen waren stark mitgenommen. -Albane erkannte es als eine nicht genug -zu preisende Wohlthat, dieser Usurpation entronnen -zu seyn. Sie lebte in verborgner Stille mit ihrem -Vater, bald hier, bald da. Ein, dem Grafen vormals -befreundeter reicher Edelmann, der sein einsames Alter -in der Hauptstadt gesellig erheiterte, hatte Albane -und ihren Vater unterweges getroffen, und ihnen seine -unbewohnten Schlösser in Auswahl zum Aufenthalt -angeboten, welche sie zu Zeiten benützten. Der Oberverwalter -sendete die verlangten Summen durch die -dritte, vierte Hand gegen die Unterschrift des Grafen, -an ein Handlungshaus, und mußte in Allem für sich -selbst stehen. –</p> - -<p>Ein Irrthum hatte die Nachricht, Albane sey todt, -in Bonna verbreitet, leicht für wahr angenommen, -da ja die Gräfinn immer kränklich gewesen. Eine -authentische Bestätigung war unter jenen wüsten -Umständen nicht einzuziehen. Niemand zweifelte, auch -Sylvius nicht. Wir wissen, welche Folge dies hatte. -Zweifel wäre hier Glauben gewesen – Glaube der -Liebe! –</p> - -<p>Als die Gräfinn daher ihren Gemahl in Tonys -Arm erblickt, als sie die Geschichte der gestorbenen -Frau aus seinem Munde vernommen: da war ihr -<a class="pagenum" id="page_094" title="94"> </a> -Zustand der jener abgeschiedenen Gattinn vergleichbar, -welche, wie eine sinnige Sage uns erzählt – nachdem -sie ihren Gatten, den zu trösten sie aus der Unterwelt -herauf gestiegen, an der Seite seiner Braut gesehen, -ob auch nur einen Augenblick lang – willig in die -Hölle zurückgekehrt sey, auf ewig. – Albane floh vor -diesem Anblick, diesen Worten, unauslöschliche Flammen -im Busen. Wie eine Verfolgte warf sie sich -an den Hals ihres Vaters, und das ungestüm -klopfende Herz begehrte Zuflucht bei ihm. Sie vergaß, -daß der Graf ihr Geheimniß nicht kenne. Sie -wußte nicht, daß Sylvius sie für todt hielt. Die -Gräfinn dachte endlich nicht daran, daß sie selbst sich -zuerst von ihrem Gemahl losgerissen hatte. Aber -nichts destoweniger fühlte sie unter heißen Schmerzen, -wie sehr sie ihn geliebt, und daß er sie nicht vergessen -dürfen noch sollen. Jener Moment, der sie davon -überzeugte, hatte eigentlich und weit anders als ihre -Trennung, ein inniges Band zerrissen, und das Herz -blutete nach.</p> - -<p>»Dies also war die Liebe –« sagte Albane mit -dem wunden Lächeln einer frischen Kränkung, »der -ich mein Seelenheil geopfert!? – O Gott! so -lieben Menschen, – <em class="ge">Männer</em>! O meine Mutter!«</p> - -<p>Ihr grauete nun vor nichts mehr auf Erden, es -wäre denn die Rückkehr nach Bonna gewesen. – -<a class="pagenum" id="page_095" title="95"> </a> -Nach und nach spannten ihre Gefühle sich ab, und -eine tonlose Stille, die keinen Anklang mehr von sich -giebt, schwebte um das zertrümmerte Saitenspiel ihrer -Empfindung. Wenn alle Schmerzen der Seele sich -durch Mittheilung lindern: die Leiden gekränkter Liebe -nicht. Diese tragen sich nur allein. Wo Menschen -um eine verlorene, verrathene Liebe wissen, da wird -ihr Verlust doppelt gefühlt, da ist der Schmerz -jenes Wissens größer, als der ihrer Erfahrung. -Wer getröstet seyn will, darf nur die Theilnahme -der Engel ansprechen, und wirklich war ein Engel -Albanens einziger Trost: ihre kindliche Pflicht.</p> - -<p>Graf Frankenstern war allgemach ein Greis geworden. -Sein Körper schien gesund, doch sein Geist -bei zunehmenden Jahren die zerstörende Kraft verloren -zu haben, und in einen gewissen Zustand der Kindheit -zurückgegangen zu seyn. Seine Imagination -war ein Spiel – aber mit ernsten Gegenständen. -Er interessirte sich für Politik – allein nur in Gemäßheit -seiner verworrenen Begriffe. Aus Mangel -entsprechender Mittheilung berief er oft die Monarchen -und ihre Feldherrn zu sich, und legte ihnen seine -Ansichten und Plane vor. »Ach!« sagte er dann, -und deutete traurig auf die hohen Stühle, »Sie -schweigen, meine Tochter! ich hoffe wenig.« Albane -schwieg auch. Sie hoffte gar nichts mehr. –</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_096" title="96"> </a> -Die Gräfinn pflegte ihres Vaters treu und sanft wie -eine Mutter. Sie schmückte sich geduldig, wenn er -es für solch eine Zusammenkunft wünschte, sorgte für -eine vornehme Bewirthung, die unberührt blieb, weil -nur Geister zu Gast waren – und machte ihm allen -Willen, wie man einem kranken Kinde thut. Mit -träumerischem Lächeln starrte sie in die wüste Leere -des Zimmers – nur der Spiegel zeigte ihr ein bleiches -Bild. Aber jener Friede, welcher höher ist als -alle Vernunft, fing an, bei ihr einzukehren.</p> - -<p>Vorzugsweise beschäftigte den Grafen <em class="ge">eine</em> welthistorische -Person: der beseitigte Schutzgeist Napoleons, -die Exkaiserinn von Frankreich. Sie war die liebste -Puppe seiner Gedanken, ihr Schicksal trug er im -Herzen – und hätte lieber gesehen, daß Jedermann -diese Erste Frau auf Händen trüge.</p> - -<p>»Heut kommt Josephine – sie hat es mir geschrieben,« -sagte der Graf und blickte in einen kleinen Zettel -der vor ihm lag, »binde Dir ein besseres Halsband -um, meine Tochter.«</p> - -<p>Albane erblaßte. Dieser theure Name regte die -tiefste Sehnsucht ihres Busens auf. »Wenn das -wäre,« antwortete sie mit wankender Stimme, »dann -hätte ich nur <em class="ge">einen</em> Schmuck –: zahllose Perlen! -Perlen aus dem tiefsten Meer!« Und über ihre Wangen -<a class="pagenum" id="page_097" title="97"> </a> -rollten Thränen, in denen ein Glanz von Freude -schimmerte.</p> - -<p>Die große Tragödie des Krieges war aus, die -Völker steckten das Schwerdt in die Scheide, die -Fürsten zogen ruhmgekrönt nach Haus. Gras wuchs -über den Schmerz der Welt, und wo am meisten -Blut geflossen, da blühte die segensreiche Aehre am -schönsten. – Jetzt war dem Grafen zu Muthe, als -wäre ein langer Kampf in ihm zu Ende, und er -dürfe nun auch heimziehen. Er sehnte sich nach -Ruhe – nach einer neuen oder vielmehr alten Ordnung -der Dinge. »Albane,« sagte er, »ich habe es -nun satt, dies Nomaden-Leben. Wir wollen fort, -nach Bühle –« ein leiser letzter Schauer vor Bonna -rieselte über seine Nerven – »hörst Du? meine -Tochter?« Dann setzte er hinzu: »Sanct Capella ist -nicht weit von dort.«</p> - -<p>»Die Klöster sind aufgehoben –« antwortete die -Gräfinn, indem sich bei dem Worte ihres Vaters der -Schleier hob, worein sie, völlig entsagend, alle Wünsche, -ihr irdisch Leid, vor der ganzen Welt verhüllt -hatte.</p> - -<p>»Nun, das Stift steht ja noch –« versetzte Jener, -als wolle er sich nicht merken lassen, daß er daran -nicht gedacht. »Nonne kannst Du nicht werden –« -fuhr der Graf wie befreit fort, »nicht Seine päbstliche -<a class="pagenum" id="page_098" title="98"> </a> -Heiligkeit, nein! der himmlische Vater selbst hat Dir -Dispens davon gegeben, und Du bist mehr als eine -barmherzige Schwester, Du bist eine wohlthätige Tochter -geworden, für mich alten schwachen Mann!«</p> - -<p>Da weinte Albane laut. Sie fühlte sich entsündigt, -und daß die Liebe des Gesetzes Erfüllung sey.</p> - -<p>Die Zurüstungen zur Reise wurden nun getroffen. -»Wie werde ich Alles finden?« fragte die Gräfinn sich -tausendmal. Das Thor der Möglichkeiten that sich -weit vor ihr auf – doch der künftige Tag ist den -Sterblichen verschlossen.</p> - -<hr /> - -<p>Wir finden Theresen auf der Reise nach ihrem -künftigen Wohnorte wieder. Sie sitzt an der Seite -des Gemahls, berührt von seinem Mantel; ihre Hand -liegt in der seinigen –; aber die Jahre ihrer Entfernung, -die Länder, welche Constanz durchreist, liegen -fühlbarer noch für seine Gattinn, zwischen ihnen. -Sogar seine Stimme klingt ihr fremd – wie von -einem dunkeln Jenseits herüber. Jener rührende -Zauber, womit die geliebteste Stimme an die Seele -dringt: er war vernichtet durch eine Gegenkraft – -und Therese hörte nur, daß ihr Mann etwas heiser -sey. – Sie blickt in den Boden seines Hutes, den -sie auf ihrem Schooße hält, weil Constanz, um besser -<a class="pagenum" id="page_099" title="99"> </a> -zu ruhen, sich mit unbedecktem Haupte in die Ecke -des Wagens geschmiegt hat; doch eigentlich blickt sie -in die Tiefe ihres Herzens, das auch ohne <em class="ge">Hut</em> und -deshalb übel gefahren ist – und ein fremder Meister -hat dort auch seine dunkle Vignette angeheftet. – -Die Fahrt geht rasch; aber Therese kann sich von -dem Gedanken an das Stift nicht losreißen, und doch, -so wie der unermeßliche Himmel sich vor ihr ausspannt, -spannt ein geheimnißvoller Aether die Flügel -ihrer Sehnsucht nach der Ferne. –</p> - -<p>»Erzähle mir etwas Du Liebste! von Deinen -Freunden –« sagte Constanz zu seiner schweigsamen -Gefährtinn, »und vergönne, daß ich Dir still zuhöre. -Es ist, als ob mir jedes Wort einen schmerzenden Reiz -in der Luftröhre verursachte. Wie es scheint, hast -Du sehr glücklich in Sanct Capella gelebt.«</p> - -<p>»O sehr glücklich!« antwortete Therese mit einem -Seufzer der Wehmuth; und der Accent dieser Versicherung -hätte ihren Mann beleidigen müssen, wenn -er innigere Ansprüche an seine Frau gemacht.</p> - -<p>»Der Ort ist doch wirklich zauberisch schön gelegen,« -fuhr Therese fort, »und läßt nichts vermissen. -Wir bildeten eine kleine Gesellschaft unter uns, das -ist denn ein ganz anderes Verhältniß, als die Verbindungen -in Mitten der Welt. Wir waren Hausgenossen -<a class="pagenum" id="page_100" title="100"> </a> -– Eine Familie gleichsam – und mit wahrer -Lust im Bann des Klosters. Die Verschiedenheit -der Charaktere, welche dazu gehört, um innig im Umgange -zu seyn, gab unserm einfachen Zusammenleben -vielseitiges Interesse. – Welch ein köstlicher Mensch -ist der Bruder! nur gesunder möchte ich ihn wünschen, -obgleich er sich in der letzteren Zeit erholt zu -haben schien. Dann Fabia – wie eine Mutter war -sie für mein Bestes bedacht. Man muß sie nur kennen. -Wer sie aber kennt, schätzt sie gewiß. Sie -gleicht einem süßen Kern in spröder Schale. Und etwas -Lieberes, als die alte Nonne, die Du gesehen hast, -kannst Du Dir gar nicht denken, Constanz. Das ist -wahrlich eine heilige Jungfrau, die besser als der -Papst die Sünde den Menschen verzeihen könnte! – -Da ist nichts von der finstern Verdammniß zu spüren, -die Niemand selig werden lässet, der die Welt -ein wenig lieb hat. Schwester Veronica ist sanftmüthigen -Geistes, mild gegen Jedermann – kein feindlicher -Gedanke, kein gehässiges Gefühl fände Raum -in ihrer friedenvollen Seele. Auch hat sie selbst geliebt, -und ihr Herz dieser Liebe geopfert. Man kann -diese kleine Geschichte nicht ohne die größte Rührung -hören. – Dafür scheint ihr denn auch ewige Jugend -geworden zu seyn, und ich habe zuweilen schon gedacht, -die gute Nonne stirbt wohl gar nicht, und -<a class="pagenum" id="page_101" title="101"> </a> -wird in ihrem Erdenleibe, worin sie himmlisch lebt, -einmal von Engeln emporgetragen.«</p> - -<p>»Deine Schilderung ist begeistert, meine Therese –« -fiel hier Constanz seiner Gattinn in die -Rede, »und ich hätte Dir so viel Sinn für <em class="ge">klösterliche</em> -Vorzüge kaum zugetraut.«</p> - -<p>Therese empfand die leise Ironie in den Worten -ihres Mannes nicht. Sie sprach: »von der Clausur -merkte man nicht das Geringste an ihr. Veronica -konnte sehr heiter seyn, und sogar anmuthig scherzen. -Wie oft hat sie über die tollen Lügen Moorhausens -herzlich gelacht! wo selbst der Schwager ergrimmte, -sagte sie nur: es ist ihm zur andern Natur geworden, -ich denke mir, er genießt das Vergnügen eines -Fabeldichters, der aus dem Stegreif erzählt, und -gönne es ihm.«</p> - -<p>»Und der Major?« mit diesen drei Frageworten -störte hier abermals Constanz die Charakteristik, womit -seine Frau ihn unterhielt, »dem scheinst Du ganz -besonders wohl zu wollen.«</p> - -<p>Therese erröthete; ein Widerschein von Purpur, -von zarterem Anflug und höherer Farbe als das Futter -ihres Hutes, hauchte ihre Wange an, und sie schlug -die braunen Augen tief nieder. Sie sprach: »o! das -ist auch ein excellenter Mann! Den solltest Du kennen. -<a class="pagenum" id="page_102" title="102"> </a> -Er war mir väterlich gut, und ich hätte ihm -zuweilen die Hand küssen mögen.«</p> - -<p>Hier zog Constanz die seinige aus Theresens Hand, -und schlang einen Knoten in das bastseidne Schnupftuch, -als wolle er sich etwas in das Gedächtniß knüpfen. -Eine Pause trat ein, dann sagte er: »dieser -Major Feldmesser –«</p> - -<p>»<em class="ge">Feldmeister</em>,« berichtigte Therese, und ihr -Mann redete weiter, »hat mir auch sehr gefallen.« -Seine Frau warf auf diesen Ausspruch ihm einen -schönen Blick zu, und erwiederte: »er ist der beste -Freund Deines Bruders, und diesen Rang wird ihm -schwerlich jener Sylvius streitig machen, der mir immer -unheimlich vorgekommen ist.«</p> - -<p>»Nun der Schatten darf Deinem Gemälde auch -nicht fehlen –« versetzte Constanz, »doch das Schönste, -den Lichtpunkt, hast Du Dir bis zuletzt aufgehoben: -Josephine. Dieses liebenswürdige Geschöpf, erquicklich -in seinem Anblick und bescheiden, ist ein wahres -Blümchen Augentrost.«</p> - -<p>Es ist ein schlimmes Zeichen, wenn eine Frau, -auch die beste – das Lob einer Andern ihres Geschlechts, -ohne Eifersucht, aus dem Munde ihres Gemahls -hört. Ohne Extase entgegnete hierauf Therese: -»es ist ein seelengutes Mädchen, und gar nicht so -simpel, wie man glauben könnte. – Sie wird strenge -<a class="pagenum" id="page_103" title="103"> </a> -gehalten, die arme Josephine! und ihren zarten Kräften -wird viel aufgebürdet, was nur durch diese stille -Duldung zu ertragen möglich ist.«</p> - -<p>»Das süße Lamm!« sprach Constanz mit regem -Bedauern, »doch nach dem Sprüchwort und der Erfahrung: -regieren gestrenge Herren nicht lange.« Ein -diplomatisches Lächeln spielte um seinen Mund. Und -weil dieses Bild von raschem Umschwung ihn in den -Kreislauf seiner Vergangenheit zurück versetzte, so kam -er durch eine sehr natürliche Association der Ideen -auf die Frage: »wie brachtet Ihr denn sammt und -sonders Eure Tage zu?«</p> - -<p>»Du meinst, wir hätten Langeweile gehabt? nicht -einen Augenblick, sage ich Dir!« versicherte Therese -mit leuchtenden Augen. Und das Quecksilber ihres -Temperaments machte ihre Seele zu einem Spiegel, -der die kleinen Freuden des Stiftes glänzend verdoppelte; -ihre Rückblicke zeigten Alles in erhöheter und -reinster Potenz. »Des Abends waren wir zusammen, -und spielten Whist oder Schach –« setzte sie mit fallender -Stimme hinzu, und der Tagesbericht der muntern -Kostgängerinn von Sanct Capella endete in einem -leisen, ernsten Seufzer.</p> - -<p>»Und da schlugst Du selbst den tapfern Feldmeister -aus dem Felde – nicht wahr?« fragte Constanz, ihrer -Fertigkeit sich entsinnend, und zupfte seine Frau an -<a class="pagenum" id="page_104" title="104"> </a> -einem Löckchen hinterm Ohr. Aber es war Theresen, -als ob sie am Gewissen gezupft würde.</p> - -<p>»Nicht immer –,« antwortete sie halblaut, »ich -war auch bisweilen im Verlust.« – War es der versteckte -Sinn dieser Worte, oder der Geist der Liebe, -der in der Erinnerung an das Schachspiel ahnungsvoll -sein Herz bewegte? – Genug, die Wage seines -unpäßlichen Gleichmuths schwankte, und der Ton war -von Gewicht, als ob ein Vorwurf ihn herabzöge, womit -er sagte: »da Deine Zeit so mit Vergnügen besetzt -war, wie ich zu dem meinigen höre, – so fandest -Du wohl wenig Muße, meiner zu gedenken?–«</p> - -<p>So hätte Constanz jedoch nicht fragen sollen! -Therese ward sich bewußt, daß ihr Gemahl beinahe -drei Jahre abwesend gewesen. Sie antwortete tiefsinnig -lächelnd: »es braucht viel Zeit, bis eine Welt untergeht.« –</p> - -<p>»Wo hast Du die Phrase her, Therese?« fragte -Constanz, erstaunt über das Wissen seiner Frau, und -über die Anwendung, welche sie von jenen Worten -machte.</p> - -<p>»Ich schlug sie jüngst in einem Buche auf, worin -der Bruder las –« sagte die schöne Frau, welcher -der Verfall des ganzen römischen Reichs übrigens sehr -gleichgültig war.</p> - -<p>»So bin ich noch Deine Welt?« fragte er seltsam -<a class="pagenum" id="page_105" title="105"> </a> -heftig, und neigte sich zu ihr, und Theresens Blick, -ein Abglanz jener Sonne, die ihn einst erwärmt, fiel -wie ein Mondstrahl, kühl und geheimnißvoll, in das -Düster seiner Vorstellungen.</p> - -<p>Während der längeren Dauer dieser Reise suchte -Therese durch freundliches Geschwätz ihren Mann zu -erheitern, der sich leidend dabei verhielt. Wenn sie -beflissen schien, von Diesem und Jenem zu sprechen, so -war's vielleicht, daß er ihre Absicht merkte, was ihn -verstimmte. – Das Bedürfniß der Unterhaltung ist -ein schlimmes Merkmal für die Liebe. Wo ein Liebender -die Langeweile des Andern empfindet, da ist -dieser Andere schon verkürzt. Ein Herz, ganz von -seinem Gegenstande ausgefüllt, bedarf nichts als des -Glückes, bei ihm zu seyn. Liebende sind – ist ihr -Verhältniß in der Ordnung – Sich die Einzigen, -die da leben: denn jede junge Ehe wiederholt die -Schöpfung, und der Athem Gottes hat millionenmal -das Paradies geschaffen, seit das erste verloren ging. -Wenn daher Menschen, beseelt von diesem ewigen -Hauch, etwas außer sich merken, und mit jenem Bewußtseyn, -was der Liebe heiliges Glück vernichtet, ihr -Gefühl verhüllen, o! dann blitzt der feurigste Gedanke, -oder auch ein Witzfunken, nur von dem flammenden -Schwerte des Engels, der an der Gartenpforte -ihres Edens steht. Sie wandeln fortan zwischen -<a class="pagenum" id="page_106" title="106"> </a> -Dornen und Disteln der Erbsünde, und das -Kind der harten Erde wird mit Schmerzen geboren, -wissend, daß es sterben muß! –</p> - -<p>Nach mehreren Tagen, in denen der neue Legationsrath -sich und seiner Gattinn nur wenige Stunden -der Ruhe gegönnt, sahen sie die schöne Stadt nun -vor sich, welche der Ort seiner Bestimmung war. In -äußerster Erschöpfung freute sich Therese, endlich am -Ziel zu seyn. Ihr Blut war durch das anhaltend -rasche Fahren in Wallung, das feine Geäder am Halse -hüpfte, in jeder Fingerspitze hämmerte ein Puls. Sie -war zu müde, um sich ängsten zu können, da Constanz -sich unwohl klagte. »Dein Husten pfeift ordentlich -und hat einen schneidenden Ton,« sagte sie unter -einem nervenfröstelnden Rückenschauer zu ihrem Manne. -»Ich denke, wenn Du wirst ausgeschlafen haben, dann -giebt es sich.«</p> - -<p>»Ja, ich denke einen langen Schlaf zu thun –« -antwortete Constanz mit mattem Lächeln, und schloß -die entzündeten Augen vor dem Häusermeer, was der -letzte Abendschein vergoldete.</p> - -<p>»Das wolle der Himmel geben!« erwiederte Therese -unschuldig auf jene berühmten Worte.</p> - -<p>Indessen dämmerte es tief, ehe sie die Stadt erreichten. -Es war zur Meßzeit, und trotz der abendlichen -Späte ein wogendes Gewimmel in den Straßen. -<a class="pagenum" id="page_107" title="107"> </a> -Der Reisewagen, dem der blasende Postillon Respect -verschaffte, rückte jedoch nur langsam vorwärts, und -hielt am Engel, einem Hotel, das hinsichtlich seiner -Vorzüglichkeit so hoch über die Adler und Sterne der -besten Gasthöfe ragte, wie der Geist seines Sinnbilds -über die menschliche Unvollkommenheit.</p> - -<p>Therese erschrak, als die großen Laternen zu beiden -Seiten des ätherblauen Schildes, worauf der weiße -Engel, mit einer Palme in den Händen, schwebte, ihren -Schein auf das Gesicht ihres Mannes fallen ließen; -es war todtenblaß, Constanz war kaum noch im -Stande, die bequeme Stiege hinanzusteigen. Im -Zimmer angelangt, sank er beinahe ohnmächtig in einen -Stuhl. – Hier, von einem erstickenden Husten, -wobei ihm jede Muskel schwoll, convulsivisch erregt, -konnte er lange nicht zu Worte kommen; doch als er -eines Sylbenlautes mächtig war, forderte er einen -Arzt, weil der Schmerz im Halse von Minute zu -Minute furchtbarer wurde. Es ward bestellt. Alsbald -rauschte unter den Händen eines flinken Dienstmädchens -das Bett, wonach Constanz stöhnend verlangte; -der Tisch war gedeckt, die kräftige Suppe -dampfte – aber der Kranke schüttelte sich gegen den -Genuß, und der armen Therese war aller Appetit vergangen.</p> - -<p>Eine tödtlich lange Stunde war vorüber, und -<a class="pagenum" id="page_108" title="108"> </a> -der Doctor noch immer nicht da. Das Kommen an -der Hausthüre, das unaufhörliche Gehen auf dem Vorsaal, -der Laut jeder männlichen Stimme im Flur, -täuschte die peinliche Erwartung der harrenden Frau. -Constanz lag ganz still, er seufzte nur. –</p> - -<p>Unglücklicherweise hatte man für das Erkranken -eines Herrn, der mit vier Pferden Extrapost angekommen, -nur den vornehmsten Arzt passend gefunden. -Leider aber war dieser der bequemste von Allen, der -lieber seinen Leib pflegte, als den Derer, die sich seiner -Kunst anvertrauten. In solchen Aerzten hat das -Gefühl ihrer eigenen Unsterblichkeit die achtsame Sorge -für das Leben Anderer verschlungen. Sie fußen fest -auf der begrabenen Welt, die einen düstern Lorbeer -für sie trägt. –</p> - -<p>Jener Primus der Mediciner dieser Stadt saß bei -einem Abendschmause, kaum frugaler als der in Voßens -Idyllen, und gehabte sich gleich seinem Collegen aus -Hamburg, den der Pächter redend darin einführt – -als der Ruf aus dem Engel an ihn erging. Er that -jedoch seiner Menschlichkeit zuvor volle Genüge und -gütlich, ehe er ihm Folge leistete.</p> - -<p>Endlich rollte sein Wagen vor. »Der Regierungsrath -kommt –« rief der Kellner in das stille Zimmer, -und ein stattlicher Mann keuchte die Treppe herauf. -Therese war eines deutlichen Berichts fast unfähig, -<a class="pagenum" id="page_109" title="109"> </a> -der Doctor verpustete inzwischen. Dann schritt er -gravitätisch dem Bette zu, nahm Platz, seine Taschenuhr -in die Hand und faßte den Puls des Kranken. -Die ruhige Flamme der Kerzen zitterte im Zifferblatt, -und warf einen prunkenden Schein auf den Orden an -der Brust des Arztes. Theresens Herz schlug flüchtig; -doch ihr Athem stockte. –</p> - -<p>»Eine schlimme Halsentzündung ist im Anzuge –« -war der Ausspruch, wobei Therese ihren -schönen, freien Hals wie zugeschnürt fühlte. »Ein -Wundarzt muß schleunigst herbeigerufen werden –« -setzte der Doctor dictatorisch hinzu, und betrachtete -einige Momente die Gesichtszüge des Kranken, der -taub und glühend, wie in den Schmerz von Flammen -eingehüllt, da lag, und kein Zeichen der Theilnahme -an seinem eignen Wohl und Weh – von sich gab. -Man brachte das verlangte Schreibzeug, der Doctor -schrieb nach kurzem Besinnen einige Abreviaturen mit -blasser Dinte, und schlang seinen Namenszug in eine -großartige Hieroglyphe. Dann schnitt er – mit der -Scheere der Parze – den Streifen Papier ab, und -reichte ihn einem Aufwärter, der schon darauf wartete, -das Recept in die Apotheke zu tragen.</p> - -<p>Unterdessen kam der Wundarzt und empfing seine -Instruction. Dann entfernte sich der Regierungsrath, -um an die Tafel des Wohllebens zurück zu kehren; -<a class="pagenum" id="page_110" title="110"> </a> -unbekümmert darum, ob auch wissend – daß ein bedeutenderer -Mann hier stürbe.</p> - -<p>»Verlassen <em class="ge">Sie</em> mich nur nicht!« flehte Therese -den Wundarzt an, der, ein guter Mensch und viel -sanfter als sein Beruf – ihr versprach, die Nacht -über da zu bleiben. »Auch wird es nöthig sein –« -sagte er, um diese Maßregel durch mehr als sein Mitleid, -durch Erkenntniß der Gefahr zu rechtfertigen, -»der Herr Gemahl haben die Bräune.«</p> - -<p>Therese starrte den Chirurg mit ihren braunen -Augen an, die auch wohl gefährlich werden konnten, -und fragte furchtsam: »die Bräune? an der sterben -doch wohl nur Kinder? –«</p> - -<p>Der Wundarzt schwieg; ein Lächeln trüber Erfahrung, -ein leises Achselzucken nur, war seine Antwort.</p> - -<p>Mit einem kindischen Grauen sah Therese ihn die -zappelnden Blutegel auspacken, die sich ihr wie kleine -dunkle Schlangen an das Herz legten.</p> - -<p>Welch eine Nacht! – doch auch die Schatten der -bängsten zerfließen.</p> - -<p>Als der goldne Morgen heraufstieg, zerfloß Therese -in tausend Thränen: Constanz war gegen die dritte -Stunde gestorben. Mit allen Schauern der Natur -hatte seine Frau zum erstenmale den Tod gesehn, und -in den Zügen Dessen, den sie einst geliebt. Dort -lag er nun, ein starrer Leichnam! die bleierne Stille -<a class="pagenum" id="page_111" title="111"> </a> -seines Anblicks wirkte zermalmend auf Theresens -Leichtsinn – es waren die schwersten Stunden, die sie -gelebt; denn an dem Todtenbette ihrer Mutter hatte -die Liebe ihr zur Seite gestanden.</p> - -<p>»Eine Stunde früher –« hatte der Wundarzt -unbedachtsam geäussert, und der Kranke wäre zu retten -gewesen; jene Stunde der Säumniß, am Tische -des reichen Mannes, die dem armen Constanz himmlisches -Manna zu kosten gab.</p> - -<p>Das Geräusch des Tages erwachte, der Markt -füllte sich mit Menschen, die Kaufleute legten heute -bunte Waaren aus. Eine fremde, gleichgültige Welt -bewegte sich unter Theresens verweintem Blick. Die -Sonne schien frühlingsheiter – sah denn das Auge -Gottes diesen Jammer nicht? – die furchtbare Eile -dieses Vorfalls machte den Eindruck davon auf das -Gemüth der beklagenswerthen Frau noch gewaltsamer, -so daß sie zu erliegen glaubte. Sie fühlte sich fürchterlich -allein. Sie dachte an die Bewohner des Stiftes, -die ruhig träumen würden, es gehe ihr nach -Wunsch. Endlich sank sie in eine fühllose Mattigkeit.</p> - -<p>Wie ungemein dies traurige Ereigniß nun auch -war, so konnte der Wirth zum Engel, bei dem Gedränge -seines Hauses, sich nur auf flüchtige Beweise -seiner Theilnahme einlassen. Er übernahm die Meldung -<a class="pagenum" id="page_112" title="112"> </a> -bei den Behörden, die Besorgnisse der Bestattung, -und hatte nun für weiteren Beistand keine Zeit; -doch destomehr, seine Gäste mit jenem interessanten -Vorfall zu unterhalten. Zum Tröster war der practische -Mann ohnehin nicht geschaffen. Man denke -Theresen! sie, die, selbst für den freudigsten Zweck, -keines geschäftsmäßigen Bestellens jemals fähig gewesen, -sollte eine Auskunft geben, wie sie wünsche, daß -ihr Gemahl begraben werde, mit dem Tischler reden, -der, das Maaß zum Sarge zu nehmen, kam, und dem -Schlosser Gehör geben, für den der Wirth bat, daß -er die Arbeit bekäme. – »Ich beschwöre Dich, -Füßli« –, sagte sie mit gerungenen Händen zu dem -Bedienten ihres Mannes, einer treuen, leidtragenden -Seele, »überhebe mich dieser Menschen, die härter -sind als ihr Holz und Eisen, was sie handhaben! ich -halte es länger nicht aus, ihnen Rede zu stehen.«</p> - -<p>In einem kraftlosen Zustande lag sie auf dem -Sopha; unter ihren Fenstern summte das Gewühl. -Sie glaubte, die Bewegung des Fahrens noch zu -empfinden, zuweilen schrak sie auf, im Gefühl von -einem tiefen Fall. Wie im Traume traten die Bilder -vergangener Stunden zu ihr hin. Es war ihr, -als ob Fabia spräche: »Du bist nun auch eine Wittwe, -wie ich!« <em class="ge">Eine Wittwe!</em> diesem bangen einsamen -Begriff widerstrebte ihre frische Jugend, und der -<a class="pagenum" id="page_113" title="113"> </a> -harmlose Sinn, welcher sie bisher beglückt hatte. Die -Glocken hallten mit tiefen Tönen dies Wort – die -Stille flüsterte es nach, und die Reiseuhr, die noch -regelmäßig ging, da die Zeit ihres Besitzers abgelaufen -war, pickte mit sachter silberner Ruhe, daß es wirklich -wahr sey. – Auf einmal fragte sie scheu und leise: -»hörtest Du nichts, Füßli?« »Nein,« antwortete der -Bediente, »ich glaubte, gnädige Frau wären eingeschlafen, -und dankte meinem Gott dafür. Ach!« -fuhr er sein betrübtes Herz erleichternd fort, »zur -Messe ankommen und sterben, und in einem Gasthofe -seyn: das ist Alles, was ein Mensch ausstehen kann. -Das Leichenbrett sogar steht auf der Rechnung.«</p> - -<p>»Ach laß es stehen! Sey nur still, um Gotteswillen -– wenn Du nicht willst, daß ich selbst den Tod -davon habe –« sagte Therese abwehrend, »es war -mir, als hörte ich Jemand sprechen, dessen Stimme -mir bekannt ist.« Sie lauschte nach der Wandseite.</p> - -<p>»Eine Herrschaft vom Lande, eine alte Baroninn, -war eben angekommen, und logirt daneben –« antwortete -Füßli, und seine Dame nahm doch Anstand, -ihm einen Auftrag der Neugier zu geben.</p> - -<p>»Mein Kopf ist wüst –« sagte Therese, »und in -diesem Gewirre der Angst werden Einem selbst die -stillsten Gedanken laut.« Doch wie von jener Täuschung -besänftiget, schlief sie nun wirklich ein.</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_114" title="114"> </a> -Als Therese am nächsten Morgen zu einer dumpfen -Besonnenheit erwachte, sagte sie: »mit Schrecken sehe -ich, daß ich noch wie ein Regenbogen gekleidet bin – -ich muß doch wohl ein wenig trauern? Mir ist ganz -schwarz vor den Augen, wenn ich nur daran denke. -Gehe Füßli, und kaufe mir einen Streifen Flor zur -Binde – eine finstre Haube könnte ich nicht tragen, -ich stürbe – Dann hole mir ein Paar Schuhe von -Serge; nimm einen von diesen mit, sie passen mir -am besten.« Sie schleuderte den Probeschuh – eine -seidne Aurora – von dem zierlichen Fuß, und setzte -mit einem herben Lächeln hinzu: »Wer mich so sähe, -müßte glauben, ich wandelte auf Rosen. – Das -Kleid will mir die Wirthstochter besorgen.«</p> - -<p>Der Befehligte ging und kam lange nicht wieder. -Endlich trat er ein mit einer gewissen Hast, der Athem -schien ihm entgangen, und die Zornader stark angelaufen.</p> - -<p>»Du warst lange, Füßli –« empfing ihn seine -Dame im Klageton eines gütigen Vorwurfs, »wohl -eine Stunde, und Du glaubst nicht, wie bange -mir der Augenblick vergeht, den ich ganz allein zubringe.«</p> - -<p>»Kann nichts dafür, gnädigste Frau,« entschuldigte -sich jener, »es ist überall ein Gedränge, man kann -nirgends zu. Aus einem Viertel machen sich die -<a class="pagenum" id="page_115" title="115"> </a> -Kaufleute nichts – es wird Alles im Ganzen abgesetzt; -da ließen sie mich stehen. Dann müssen kleine -Füße bei großen Damen hier rar seyn. Des Suchens -war kein Ende, und an Kinderschuhen von diesem -Maaße kein Vorrath. Zuletzt hatte ich noch einen -Auftritt auf offner Straße. Es ist hier eine verflixte -Polizei.«</p> - -<p>»Wie so?« fragte Therese, und schickte sich an, den -Einkauf zu versuchen.</p> - -<p>»Nun,« antwortete der Bediente mit entrüstetem -Tone: »wie ich so im besten Gehen bin, kommt Einer -von der Polizei daher – ich meine, das müsse -er gewesen seyn – stiert auf meine Hand und ruft: -Freund! wo hast Du den Schuh her? – Es fiel -mich an. Mein Herr Offizier, gab ich ihm zur Antwort, -gestohlen habe ich den Schuh nicht, und um -das Weitere braucht sich Niemand zu kümmern. Nun -legte er sich aufs Bitten, besah sich den Schuh von -allen Seiten, so daß ich daran denken mußte, was -mir, da ich noch ein kleiner Knabe war, meine Mutter -seliger von einem bezauberten Prinzen erzählte, -der – –«</p> - -<p>»Ich weiß, ich weiß –« unterbrach ihn Therese -mit einiger Heftigkeit. – Füßli starrte seine Dame -an. Sie war wie mit Blut begossen – er meinte, -es käme vom Bücken; nur über seinen Horizont ging -<a class="pagenum" id="page_116" title="116"> </a> -es gänzlich, daß sie wissen wolle, was er aus dem -tiefsten Winkel der Beilade seiner Mutter Goldamme -hervorzusuchen im Begriff gewesen. »Wie sah denn -der Herr aus?« fragte sie.</p> - -<p>»Es war der hübscheste Polizei-Lieutenant, den ich -noch gesehen habe –« antwortete Füßli, »lang und -wohl gewachsen; aber seine Keckheit hatte mich verdrossen, -deshalb gab ich ihm nur kurzen Bescheid.« -Therese ließ sich die Uniform beschreiben. Sie hörte -still zu, dann sagte sie mit rügender Stimme: »Du -hättest ihm doch höflicher Auskunft geben sollen.«</p> - -<p>Füßli, stumm gekränkt, schüttelte leise den Kopf. -Er meinte in seinem subalternen Verstande, daß selbst -die betrübteste Frau sich von der Aufmerksamkeit eines -Mannes geschmeichelt fühle, die dem kleinsten ihrer -persönlichen Reize zu Theil würde: er wußte nicht, -wie viel feiner Therese combinirte, da sie ihrem Diener -den Mangel eines verbindlicheren Benehmens -vorhielt. –</p> - -<p>Jetzt ward es laut auf dem Vorsaal. Therese -öffnete die Thür, und trat hinaus. Die Dame vom -Lande, ihre Wandnachbarinn, stand im Begriff abzureisen, -von ihren Leuten und den dienstbaren Geistern -des Hotels umgeben, welche mit Schachteln, Paqueten, -Flaschen, und hundert unnennbaren Kleinigkeiten -des Bedarfs zu einem behaglichen Leben, belastet -<a class="pagenum" id="page_117" title="117"> </a> -waren. Sie selbst glich einem wandelnden Pavillon, -blieb aber stehen, als die ätherische Gestalt -Theresens, nur etwa wie ein Trauermantel mit leichtem -Schwarz besäumt, aus der düstern Stille ihres -Zimmers aufflatterte, und redete sie an. »Ach meine -Liebe,« sagte sie mit einer Fülle von Gutherzigkeit in -dem wohlgenährten Gesicht, »Sie sind gewiß die junge -Dame, welche hier zu einer so traurigen Erfahrung -gekommen ist? – Wie mich das gedauert hat! so -jung Wittwe werden, das ist in Wahrheit betrübt. -Wie gern hätte ich Ihnen meine Theilnahme bezeugt! -aber man hat den Kopf so voll von Einkäufen, – -sieh Dörtchen! o verzeihen Sie – den polnischen -Gries, den haben wir ja nun doch vergessen!« Therese -bedeckte mit der weißen Hand die Augen, vor all' -diesem häuslichen Wust. Sie hätte keiner Erinnerung -bedurft, an den unwirthbaren Boden ihrer Heimath. -Mit leisem, verachtenden Stolz, wie er dem -Schmerz und der Liebe gegen solche Geringfügigkeiten -eigen ist, verbeugte sie sich, aber doch mit der Grazie -des Kummers.</p> - -<p>»Könnte ich Ihnen irgend womit dienen?« fragte -die Baroninn im Tone erhöheter Achtung, da sie kein -Sterbenswörtchen, kaum einen Seufzer, aus diesem -schönen Munde vernommen, der ein so heiliges Recht -zur Klage hatte, deren Zurückhaltung stets am stärksten -<a class="pagenum" id="page_118" title="118"> </a> -an das Herz des Mitleids dringt. Therese dankte -gerührt. Sie konnte den Wunsch, ein aufrichtiges -Mitgefühl zu äußern, nicht verkennen.</p> - -<p>»Die Zeit –« setzte die Baroninn, wie wenig sie -deren auch zu haben schien, in der Weise einer erfahrnen -Trösterinn hinzu: »die Zeit, glauben Sie das -mir, meine Beste! lindert auch den größten Schmerz. -Da mein guter Mann starb – er ist nun schon seit -zwanzig Jahren todt – da meinte ich auch nicht, -noch einen frohen Tag zu erleben. Es giebt sich jedoch -Alles, auch das, was uns beugt. – Werden -Sie, wenn man fragen darf – Sich lange hier aufhalten?«</p> - -<p>»Ich fürchte nicht, daß ich das müßte,« antwortete -Therese mit einem Blick voll Schauer: »der Boden -dieses Hauses brennt unter meinen Füßen.«</p> - -<p>Die Dame nickte, gleich einer unförmlichen Pagode -auf diesem großartigen Kamin, worin ein frisches -Leben zu Asche geworden war, und sprach: »sonst -hätte ich Sie gebeten, zu mir zu kommen, auf mein -Gut. Ich bin die Baroninn Lenau.«</p> - -<p>Dieser Name schlug mit einem bekannten Klange -nicht an Theresens Ohr, nein! an ihr Herz. Therese -wußte von jenem Nicolaus, der ihn mit dichterischen -Ehren führt, und würdigte ihn wohl höher als den -Kaiser, den sie als einen Feind ihres zerstückten Vaterlandes -<a class="pagenum" id="page_119" title="119"> </a> -betrachtete. Eine poetische Verwandtschaft -so wenig wie eine andere, zwischen diesem Lenau und -der Baroninn, ließ sich gleichwohl schwerlich voraussetzen, -und doch – trotz der Prosa dieser Erscheinung, -und wie versunken in sich selbst Therese auch war, so -flüsterte, da sie ihn nennen hörte, ein zartes ob auch -melancholisches Gefühl, wie das Schönste seiner Schilflieder -es erregt, in ihrem Busen auf. –</p> - -<p>Das Wohlwollen verbindet schnell. Mit einem -Zuge von Wehmuth ließ Therese die Baroninn aus -den Augen. Sie trat ans Fenster, und sah die bepackte -Landkutsche, von ihrer aristokratischen Bestimmung -zu einer anspruchslosen Victualienfuhre benützt -– langsam und schwerfällig abfahren. Therese -dachte dieser flüchtigen Begegnung nach, welche sie -doch ein wenig zerstreut hatte. Sie besaß überhaupt -eine gewisse Vorliebe für ältere Personen ihres Geschlechts, -und die Gabe ihnen zu gefallen; hingegen -Frauen von mittleren Jahren konnte sie nicht leiden, -ohne sich eines Grundes dafür bewußt zu seyn. Diese -Eigenheit, denen, die mit ihr lebten, so bekannt, daß, -als Therese einst ein rüstiges Weib, welches ihr Erdbeeren -feil bot, gegen ihre Gewohnheit ziemlich unfreundlich -abwies, ihr Schwager lächelnd sagte: »die -Arme hat wahrscheinlich nicht das rechte Alter, um -Dir sammt ihren schönen Früchten anzustehen? –« -<a class="pagenum" id="page_120" title="120"> </a> -hielt sie vielleicht theilweise von Fabia entfernt, während -ein Verhältniß ungeheuchelter Zuneigung zwischen der -alten Nonne und der jüngsten Schwägerinn des Administrators -bestand.</p> - -<p>»Es giebt sich Alles,« hatte die Baroninn gesagt, -»auch das, was uns beugt.«</p> - -<p>Was ist wohl starrer als der Tod? Und doch -schmiegt der Gedanke an die Verstorbenen sich allmählig -unsern Vorstellungen an, hausbequem wie ein -Kleid, in dessen weiten Falten ein wenig Staub -ruht, ohne daß auch das reinste Herz davon beunruhigt -würde.</p> - -<p>Therese blickte tiefsinnig in das Gewühl, welches -geräuschvoll wie ein Strom, doch eben so unverständlich -sich unter ihr bewegte. Stunde an Stunde verrann -– gegen den Abend sollte Constanz still, doch -feierlich beerdiget werden, und seine Frau begehrte, -während dieses Acts allein zu bleiben. Füßli wagte -bescheidenen Widerspruch; das Gefühl der Einsamkeit -und eines gemeinsamen Verlustes hatte dem treuen -Diener Freundesrecht dazu gegeben.</p> - -<p>»Es ist so schön, gnädigste Frau,« sagte er beklommen, -»wenn ein Ehegatte den letzten Gang mit -dem Andern nicht scheut, sey er immerhin der schwerste. -Ich mögte sagen, es sähe den Frauen so ähnlich. -Die Mutter blickt zehnmal in die Wiege, ob ihr Kindlein -<a class="pagenum" id="page_121" title="121"> </a> -gut schläft, eine Pflegerinn achtet darauf, ob die -Kissen des Kranken recht liegen, und eine Wittwe -sollte das Auge abwenden und nicht sehen wollen, -wie man ihren Todten gebettet hat? – Was mich -betrifft, so würde ich meinen Herrn begleiten, und -wenn ich auf den Knieen seinem Sarge nachrutschen -müßte.«</p> - -<p>Therese erröthete beschämt, und ein Anflug von -Zorn über den Vorwurf, der in diesen treuen Worten -für sie lag, schürte die Flamme ihres Angesichts. Sie -sagte mit Selbstvertheidigung: »daß ich mein blutend -Weh vor den Augen fremder Menschen entschleiern, -und der Neugier ein Schauspiel geben sollte: dies kann -ich nicht. Es wäre eine Form, die meinem Wesen -widerstünde; meinem Constanz hilft es nicht mehr, und -Wem schadet es, wenn ich lasse, was zu thun er selbst -unräthlich finden würde? – Jeder hat seine eigene -Schicklichkeit, guter Füßli.« Und dabei lächelte sie -todesängstlich, wie im Besserwissen einer höheren -Stimmung.</p> - -<p>Jener schüttelte den Kopf, und seine Miene würde -ein Kundiger dieser Sprache der Seele in die Antwort -übertragen haben: »aber die Liebe ist doch nur Eine!«</p> - -<p>»Wäre nur der Schwager hier,« jammerte Therese, -und brach in Thränen aus, deren Thau sie dem -Gras des fremden Kirchhofs vorenthielt –, »oder ein -<a class="pagenum" id="page_122" title="122"> </a> -anderer Freund, der sich meiner annähme!« Füßli -schwieg gekränkt. Seine weinende Dame sprach: »verlassener -als ich, ist wohl auf Gottes Erde Niemand – -und war ich es eigentlich nicht immer? –« In dieser -Frage, womit Therese sich gleichsam frei sprach -von den zarten Pflichten einer Verbundenen, geschah -dem Anspruch des Gemahls Eintrag, den der Tod -von jedem irdischen Bande gelös't; aber die Stunde -des Begräbnisses gab ihm sein volles Recht wieder. -Erschütternd in Schluchzen, aufgelös't in Leid, saß -Therese im einsamen Sopha, während Der, dem sie -kraft des ehelichen Gehorsams hierher gefolgt war, -zu seiner letzten Ruhestätte schwankte, und sie an fremder -Stelle allein ließ. Jeder Glockenhall bewegte ihre -Seele in einer Schwingung stürmischen Schmerzes; -überwältigt von unbekannten aber furchtbaren Gefühlen, -war sie keines klaren Gedankens fähig. Endlich -lagerte sich eine dumpfe Stille um ihren müden Geist. -Sie lehnte den Kopf hinten über, schloß die Augen, -und ließ unbewußt einzelne Tropfen unter den Wimpern -hervorrinnen. – Im Hause, was den todten -Gast entlassen, herrschte eine ungewöhnliche und bange -Stille; selten schwebte der Engel mit der Palme in -solcher Ruhe.</p> - -<p>Da eilte ein starker doch gedämpfter Schritt die -Treppe herauf an die Thür von Theresens Zimmer; -<a class="pagenum" id="page_123" title="123"> </a> -es klopfte, und ohne das Wörtchen der Erlaubniß -abzuwarten, trat ein Offizier ein. Rudolph Feldmeister -lag zu Theresens Füßen, und hauchte athemlos -einen ehrerbietigen Kuß auf die schwarze Serge ihres -Schuhes.</p> - -<p>Wie von einem elektrischen Schlage geweckt schaute -sie auf. Schweigend sah sie ihn an, nur der nasse -Blick, die zitternde Hand redete in einem leisen Druck, -der dennoch die gepreßte Empfindung verständlich -machte, worin sie athmete. Therese glaubte, der Himmel -habe sich geöffnet, ihr seinen sichtbaren Schutz zuzusenden. -Nach einer unaussprechlichen Minute sagte -sie mit wankender Stimme: »so eben begräbt man -meinen Mann – und ich weiß nicht, ob es sich ziemt, -daß Ihr Hierseyn, lieber Freund, seine Wittwe -tröste? –«</p> - -<p>»O Therese!« rief der Lieutnant leidenschaftlich -versichernd, »wie hat dieser Todesfall mich ergriffen, -ohne daß ich wußte, Wen er träfe! und nun sollte -ein erbärmlicher Anstand mich fern halten, wohin mein -Herz mich drängt, selbst wenn es anders schlüge, als -für den einzigen Wunsch dieser geliebten Nähe?«</p> - -<p>Therese weinte heftig, der Lieutnant stand langsam -auf, und sah finster in den Fall ihrer Thränen. -»Fürchten Sie nicht, Therese,« sagte er mit jener edelsinnigen -Achtung, die einem höheren Gemüth der Anblick -<a class="pagenum" id="page_124" title="124"> </a> -des Leidens einflößt, wenn gleich sich in seinen -Ton ein wenig verbitternde Kälte der Eifersucht mischte, -»daß ich die Heiligkeit dieser Stunde und ihrer Gefühle -nicht genug ehren mögte, um von dem meinigen -zu schweigen. – Aber – die Vorsehung scheint mich -zu Ihrem Schutz berufen zu haben, den Sie in so -seltsam unglücklicher Lage in dieser fremden Stadt -bedürfen könnten. Mit unsäglicher Mühe und Eile -bin ich einer zarten Spur von Ihnen nachgegangen, -hoffend, daß ich Sie fände – – Therese! mein Wiedersehen -so unvermuthet, freut Sie nicht?«</p> - -<p>Therese erhob das quellende Auge zu ihm; ein -warmer Strom floß in sein Herz, und machte es -schwellen. Sie schüttelte den schönen Kopf, und diese -verneinende Geberde sprach jene zuversichtliche Erwartung -nicht ab. »<em class="ge">Unvermuthet?</em>« sagte sie mit dem -leisen Accent magnetischer Ahnung, »nein mein Freund! -ich wußte, Sie wären mir nahe. Wo ich bedrängt -bin, da erscheinen <em class="ge">Sie</em>! – Habe ich doch schon ihre -Stimme vernommen. Unmöglich scheint mir nichts, -nachdem, was ich erfahren. Ach!« und bei diesem -seufzenden Ausruf rang sie die zarten Hände in ihrem -Schooße, »<em class="ge">was</em> habe ich gelitten seit unserer -Trennung! ich werde es nie – <em class="ge">nie!</em> vergessen.«</p> - -<p>Diese Versicherung spaltete sich in dem Gefühl -des Empfängers. Der angegebene Zeitpunct schmeichelte, -<a class="pagenum" id="page_125" title="125"> </a> -ob auch unbestimmt, seinem fordernden Herzen; -doch das Unmaß von Weh, wovon der leichte Sinn -dieses harmlosen Wesens betroffen worden, deutete -wahrscheinlich nur auf einen Schlag des Schicksals -hin, der zur Zeit seine eigenen Empfindungen unterdrückte. -Seine Zunge war für einen Moment gelähmt, -dann sagte er: »ich glaubte nicht, daß der -Verlust eines Mannes, den Sie eigentlich nur dem -Namen nach besaßen, Sie bis zu diesem Grade außer -Fassung bringen könnte, da es nur auf Ihre Neigung -ankommen würde, jenen hohlen Besitz zu behalten.«</p> - -<p>Therese seufzte aus voller Brust und dachte: »am -Ende nimmt er es wohl übel, daß ich traurig bin? – -O über die Männer! ihre Eigensucht findet sich sogar -durch die Aufregung beleidigt, welche Derjenige verursacht, -der allen irrdischen Wallungen ein Ziel setzt! –« -Sie antwortete: »als Constanz zurückkehrte – o Gott! -wann kam er denn? da hätte ich im Voraus wissen -können, was mir begegnen würde. Mir war so kalt -und schauerlich zu Muthe, als ob der Tod mich in -seine Arme schlösse. Nun ging es holter, polter fort. -Unerbittlich für den Wunsch der Seinen, gönnte er -mir kaum Zeit, mich zu fassen, da das Scheiden vom -Stift mir sehr schwer fiel. Dort ist mir wohl gewesen, -sehr wohl! kleine Uebelstände etwa abgerechnet, -die gegen so vieles Gute nicht in Betracht zu ziehen -<a class="pagenum" id="page_126" title="126"> </a> -sind. Mit freundlicher Vernunft ließ der Schwager -mich gewähren, und mir kein Härchen krümmen. Er -war mir ein Bruder, wahrhaftig ein Bruder! und -Ihren Oheim, ja den Major, habe ich wie einen Vater -geliebt!«</p> - -<p>Sein Neffe lächelte kühl, wie mit der Indolenz -eines dankbaren Vetters, denn die Wärme, womit -Therese des Administrators erwähnte, that der Wirkung -jenes kindlichen Gedankens Eintrag.</p> - -<p>»Der Morgen, wo wir von Sanct Capella abreiseten,« -fuhr sie fort, »war mir schrecklich. Die ganze -Welt kam mir verändert vor, so auch mein Mann. -Ich war wirklich ein wenig einsiedlerisch geworden – -und der Gedanke, mich wieder in seine umherfahrende -Weise einzurichten, widerstrebte mir. Unbeschreiblich -abgemüdet, mehr am Geist als am Körper, langte ich -hier an. Erlassen Sie es mir, daß ich Ihnen von -der kurzen Krankheit erzähle, die den armen Constanz -binnen wenig Stunden hinabwürgte; ich bin es nicht -im Stande. Und wäre er mein Feind gewesen, und -nicht mein Mann, ich hätte gern, als es ihm an Luft -gebrach, den Athem meiner Brust ihm einhauchen -mögen.« Ein langer zitternder Seufzer, aushaltend -in sprachlosem Schmerz, schloß diese Rede.</p> - -<p>»Ich glaube Ihnen –,« sagte Rudolph bewältigt. -Doch von seinem Standpunkt aus, und nach der Behauptung -<a class="pagenum" id="page_127" title="127"> </a> -jenes Kenners der menschlichen Seele, dessen -genialem Blick diese dunkle Substanz durchsichtig war, -so daß er ihre tiefsten Geheimnisse an das Licht brachte, -wie zum Beispiel eine beschattete Stelle der Theilnahme, -die da lautet: <em class="ge">denn nichts scheint Denen -trübe, die gewinnen</em> –, setzte er hinzu: »jenes -Bild des Grauens wird sich mildern, theure Therese. -Wie sollte, wenn die Vorstellung des Todes haften -bliebe, der Soldat bestehen, der ihn mit all seinen -Schrecken ertragen, und in furchtbarer Masse sehen -muß, ohne daß er bei diesem Anblick zagen dürfte? -Ein stärkeres Gefühl bezwingt ihn. Mein süßes Leben! -beruhige Dich! jetzt bin <em class="ge">ich</em> da.«</p> - -<p>Ein Blick innigster Schutzversicherung ward zwischen -ihnen gewechselt. Und mit dem schüchternen -Aufschluchzen überwundner Aengste sagte Therese: »ich -bin kein Held, lieber Freund! und mich in einer so -ganz einzigen Lage zu benehmen, fehlt es mir an -Umsicht, wie an Erfahrung. Mich mit dem Nachlaß -des Verstorbenen zu befassen, ist mir rein unmöglich. -Ich glaube, ich könnte die größte Erbschaft wegschenken, -um nur nicht davon reden zu hören.«</p> - -<p>Der Lieutnant lächelte wundersam in sich hinein. -Und Therese sprach weiter: »ein feiner Mann vom -Corps Diplomatique war bei mir, dem ich das Portefeuille -meines Mannes aushändigen mußte. Ich -<a class="pagenum" id="page_128" title="128"> </a> -wußte nicht, ob ich recht daran gethan, und ob nicht -noch andere als staatsgeheime Papiere darin gewesen? -– Wäre nur der Schwager hier? ich habe einen -Brief an ihn angefangen – dort liegt er noch. -Als ich mich dazu sammeln wollte, kam ein Sammelbruder, -wie denn überhaupt Störungen begehrlicher -Art hier unvermeidlich sind. – Die Gedanken versagten -mir, kein Wort wollte aus der Feder fließen; -aber Thränen sind genug auf das Papier geflossen.«</p> - -<p>»Ich schreibe an den Major –« sagte der Lieutnant -mit nachholender Hast, »heute noch! sogleich. -Wir senden eine Estafette. Der Administrator muß -her. Doch dürfte es bei der großen Entfernung -eine ziemliche Weile dauern. O Therese, Muth gefaßt, -holde Freundinn! es werden bessere Tage kommen; -dann sind diese ein beklemmender Traum gewesen. -Mir war, als hätte ich auch geträumt – aber -feenhaft, und meine Zukunft wäre verwandelt. Ich -wüßte Ihnen Gutes zu erzählen; allein es deucht mir -unzart, daß ich in diesen Augenblicken von mir spräche, -und von irgend einem andern Glück als dem, zu -Ihrer Beruhigung beitragen zu können.«</p> - -<p>Therese athmete erleichtert auf, reichte ihm herzlich -die Hand und sprach: »so wäre mir denn geholfen; -zweifeln Sie nicht, daß Ihre Gegenwart die größte -Wohlthat für mich ist. Aber noch ist mein ganzes -<a class="pagenum" id="page_129" title="129"> </a> -Wesen so von Furcht und Beben eingenommen, daß -ich die Hoffnung nicht zu fassen vermag, ich würde -mich wieder einmal freuen können. – Es ist mir, -als begäbe sich der Trost, daß ich Sie sähe, nur im -Fieber. Ihr Bild wankt vor meinen Augen, eine so -jähe, so erschütternde Veränderung läßt uns fühlen, -daß nichts Bestand hat. Und die Angst zuckt schreckend -durch meine Glieder, ich könnte erwachen, und -Sie wären verschwunden.«</p> - -<p>»Nein ich bleibe!« rief der junge Mann mit fester -Innigkeit, und der Ton entschiedenen Selbstvertrauens -steigerte sich zur Leidenschaft, da er hinzusetzte: -»ich bleibe ewig Ihr treuester Freund! und -eher mögte ich mich wohl selbst verlassen, als von dem -Platze weichen, auf den himmlische Gunst mich gestellt -hat. – Ist es ein Zufall, daß wir uns in Polen, -im Stifte, und nun hier, in öder Weite, abgerissen -von allen vorigen Beziehungen, gefunden haben? Eine -unsichtbare Hand hat uns verknüpft, Therese! ich halte -meinen Schwur, und der Himmel selbst scheint es zu -wollen.«</p> - -<p>»Constanz –« flüsterte Therese, »wird mir auch -sein Schatten zürnen?«</p> - -<p>»Er war eine vermittelnde Macht zwischen uns –« -entgegnete Rudolph, »sein Daseyn, nun nicht mehr -begrenzt, erweitert sich für unendliche Wünsche. Ein -<a class="pagenum" id="page_130" title="130"> </a> -Geist ist nicht engherzig mehr, daß er dem Liebsten, -was die Erde für ihn hatte, einen Strahl von Seligkeit, -die Liebe! mißgönnen sollte. Aber Therese – -Sie sind krank, und ein Wunder ist es nicht. Wenn -ich Sie nur besser aufgehoben wüßte, in weiblich schicklicher -Pflege. Der Gasthof ist kein Asyl für eine -Leidtragende. Nun, morgen wird es anders seyn. -Ich schreibe die Nacht hindurch, und mit Anbruch des -Tages lasse ich meinen Boten fliegen.«</p> - -<p>Jetzt trat Füßli ein. Die Schwermuth der Dienstpflicht, -von der er zurückkehrte, beugte ihn sichtbar, -ein Grabeswehen düsterte um die beflorte Gestalt, und -die Citrone in seiner Hand, deren Poren im Ausdruck -starken Schmerzes lind geworden waren, hauchte einen -leisen, bangen Geruch aus.</p> - -<p>Eine wunde Röthe floß mit der Blässe Theresens -zusammen, als sie den Diener ansichtig ward, an den -sie während dieser Scene mit keiner Sylbe gedacht -hatte. Und auch das erdfahle Gesicht des ehrlichen -Schweizers überzog sich mit der Farbe der Empfindlichkeit, -da er den fremden Offizier erkannte. »Füßli!« -sagte Therese mit weichem Tone, »dieser Herr, ein -naher Verwandter des Major von Feldmeister im -Stift, wird so gütig seyn, in meinem Namen nach -Sanct Capella zu schreiben, und Dir das Nöthige -hierüber ertheilen.«</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_131" title="131"> </a> -Der Diener verbeugte sich stumm, und indem seine -Dame sich gleichsam zu einer Entschuldigung herabließ, -über dies Zusammentreffen, wie über die Vollmacht, -welche der Lieutnant von ihr empfangen, zwang -eine zarte Stimme ihres Busens sie, sich solchergestalt -gegen ihn zu erklären. – Wenn es eine Pflicht zu -trauern giebt, so ist stumme Treue der beredteste Vorwurf. -Wer sich schweigend härmt, versenkt in tiefen -Gram, erhebt sich in jeder Sphäre über Den, der -Ohr und Lippe dem Troste öffnet.</p> - -<p>Rudolph ging bald darauf. Er beeilte sich, die -Briefe zu schreiben, die keinen längeren Verzug gestatteten. -Den folgenden Nachmittag wollte er wieder -kommen, weil der Dienst ihn am Morgen nicht -entließ.</p> - -<p>Therese empfand sein Fortgehen selbst für die Frist -einer kurzen Frühlingsnacht, und bei der Gewißheit -seiner Wiederkehr, doch beängstend.</p> - -<p>Füßli blieb stöckisch, und wartete mit finsterer Unterwürfigkeit -seines Dienstes. O! warum kann keiner -sehnenden Seele Erquickung zu Theil werden, ohne -daß die Mißgunst irgend einen erbitternden Tropfen -dazu mischte? – Vor Allem stehet der Genuß auch -der schuldlosesten Liebe unter diesem weltlichen Fluch. -Sie ist das himmlische Feuer, dessen Raub mit jener -Strafe gebüßt wird, die sich täglich erneut. – Der -<a class="pagenum" id="page_132" title="132"> </a> -Freundschaft – und ist diese weniger ätherischen Ursprungs? -– wird ihre schmelzende Kraft eher verziehen. -Sie – »die Freundschaft hat Stufen, die am -Throne Gottes durch alle Geister hinaufsteigen, bis -zum Unendlichen!« So hoch kann der gewöhnliche -Begriff sich nicht erheben. Aber Liebe, hienieden gefühlt, -erscheint den Menschen oftmals niedrig. – -Und nicht immer sind die Beweggründe Derer rein, -die im unberufenen Zweifel, ob ein Verhältniß lauter -sey, ein Herz in Flammen läutern. – Hätte der Major -anstatt seines Neffen sich zum Beistand Theresens -gefunden, der Diener ihres verstorbenen Gemahls würde -ihn gesegnet haben; der junge hübsche Offizier, der -ihren Schuh sogar erkannt – war ihm ein Dorn -im Auge.</p> - -<p>Schon hatte Therese am folgenden Tage ihres -Freundes geharrt, und die Minuten, welche er zögerte, -berechnet, als Rudolph kam, und wie es schien -im Drange einer willkommnen Nachricht.</p> - -<p>»Ich habe über Sie verfügt –« sagte er mit einem -offnen Blicke, und hörbar knitterte seine Hand -ein Blatt Papier in der Tasche, was er aber stecken -ließ, als bedürfe es zwischen ihnen des Beweises nicht, -»werden Sie mir das Zutrauen verleiden, daß ich es -durfte?«</p> - -<p>Therese bat ihn, mit einer Miene der Vorausbilligung, -<a class="pagenum" id="page_133" title="133"> </a> -niemals ungewiß darüber und jetzt deutlicher -zu seyn.</p> - -<p>»Hier können Sie nicht bleiben, mein süßes -Kind!« sprach der Lieutnant, und dieser zärtliche Zusatz -sänftigte den taktischen Ton, der die Vermuthung -anschlug, dieser Feldmeister von Theresens Gegenwart -werde sich, als ehelicher Feldherr ihrer Zukunft, gar -wohl zu benehmen wissen. – »Selbst meine Besuche,« -fuhr er fort, »würden einem ärgerlichen Aufsehen -nicht entgehen, und ich – ich leugne es nicht – -bin empfindlich gegen die öffentliche Meinung. Lieber -aber mögte ich einen Flecken an meiner Ehre dulden, -oder in der Pupille meines Auges, als daß Ihr Ruf, -theure Therese! durch mich, und wäre es um den leisesten -Hauch eines Wortes – verdunkelt würde. Da -ist mir denn guter Rath nicht über Nacht, nein! gestern -Abend schon gekommen. Eine Anverwandte von -mir, die Besitzerinn eines hübschen Landgutes in hiesiger -Gegend, und eine so wackere Frau, daß ich wohl -manche weibliche Tugend neben der harmlosesten Gutherzigkeit -an ihr verehre, ist freundlich bereit, Sie -bei sich aufzunehmen. Meine Tante ist in jedem -Sinne wie von Milch genährt, und der Aufenthalt -bei ihr ganz geeignet, den Affect der Betrübniß herabzustimmen. -Sie werden –,« dies setzte der Lieutnant -mit einem gutmüthigen Lächeln hinzu, »Gelegenheit -<a class="pagenum" id="page_134" title="134"> </a> -finden, sich zu beruhigen; ein Athem von pflegmatischer -Behaglichkeit ist die Lebensluft dieses Hauses, -und ich werde Fug und Recht haben, oft genug -darin einzukehren.«</p> - -<p>Es hätte dieses letzteren Antriebes kaum bedurft, -um Theresen dem Vorschlag ihres Freundes geneigt -zu machen. Das wilde Täubchen war völlig zahm -geworden.</p> - -<p>Füßli – so wurde beschlossen – sollte im Gasthof -bei den Sachen bleiben, bis der Administrator in -Person, oder doch Nachricht von ihm käme. Auch -konnte von Seiten der Behörden noch irgend eine -Forderung ergehen, zu deren Aufnahme Jemand an -Ort und Stelle seyn müßte. Schon in einer -Stunde – mit solch militairischer Kürze war dieser -Aufbruch bestimmt worden – sollte die Equipage da -seyn, worin Therese nach jenem Landgute abgeholt -werden würde. Rudolph wollte sie zu Pferde begleiten. -In fliegender Eil wurden nun die Anstalten zur Abreise -getroffen. Therese säumte keinesweges, den Engel -dieses Hauses zu verlassen, um dem zu folgen, -den sie mit besserem Recht für den ihrigen, und für -einen Boten des Himmels hielt. Sie zog den schwarzen -Schleier über ihr Gesicht, und sich in den Hintergrund -des Wagens zurück, so lange er durch das lärmende -Getöse der Stadt rollte. Doch als auch das -<a class="pagenum" id="page_135" title="135"> </a> -Geräusch der Vorstadt immer ländlicher wurde, bis -endlich am letzten Häuschen die sausenden Räder an -dem schwirrenden Rade eines Seilers vorüberflogen, -der sein hartes Gespinnst durch die weichen Frühlingslüfte -milderte, da bewegte diese Schnur Theresens Herz, -und es schlug in der grünen Stille einsam wie eine -Bilderuhr. – Wie sanft wallten die Saaten! wie -weit vergoldete die Sonne den Gesichtskreis! in welcher -erhabenen Ruhe mischte das Blaßblau eines fernen -Amphitheaters von Bergen sich mit dem Horizont! -– Die Natur senkte ihren malerischen Vorhang -über Theresens Einbildungskraft, und den Tumult -jener wüsten Scenen, denen sie entronnen war. -Kein neugierig kalter Blick traf sie mehr, und hier -und da fiel der ihrige auf ein unschuldiges Blumenauge, -in der zarten Frische erster Färbung, und es -schien mit Wärme zu sagen, daß es den Thau gar -wohl kenne, der zu nächtlicher Zeit sinkt. –</p> - -<p>Rudolph ritt nebenher, und zum erstenmale ein -neues schönes Pferd, womit er ritterlich bei dem Geleit -seiner trauernden Dame paradirte, und dessen charakteristische -Uebermüthigkeiten sein Aufmerken erforderten. -Therese saß allein in tiefen Gedanken. Wie -wenig glich ihre dermalige Stimmung jener, in welcher -sie einst nach dem Scheiden von ihrem Gemahl, -in Begleitung seines Bruders, dem gastfreundlichen -<a class="pagenum" id="page_136" title="136"> </a> -Kloster zuflüchtete. – Gänzlich unbekannt war ihr -der Ort und die Person, denen sie nun eine schützende -Aufnahme verdanken würde; aber sie überließ sich mit -unbedingtem Vertrauen ihrem Führer. Die Gleichgültigkeit -des Kummers und erschöpfter Kräfte, nahm -dieser Hingebung auch das leiseste Bedenken. Das -Fahren erinnerte sie an die jüngste Vergangenheit. -Constanz lag nun still für immer. Welch ein kleiner -bescheidener Raum genügte ihm zur langen Rast! sein -ruheloses Leben voll glänzender Entwürfe war nun -aus, wie ein fliegender Stern in Dunkelheit erlischt. -Sie versetzte sich in die Empfindungen, welche sie bei -seiner Ankunft und während der Reise gehabt hatte, -und gestand sich, daß es Vorgefühle gebe. War die -tiefe sehnende Ruhe, in welcher alle Aengste, alle -Wünsche schwiegen, vielleicht Gewähr dafür, daß -Furcht und Hoffnung nun erfüllt seyen? – Nie -hatte Therese mit zarteren Regungen der Reue an -Constanz gedacht, nie sein Verhängniß in so innigem -Bezug auf ihr Gemüth empfunden; obzwar jeder Faden -von Eintrag in dem Gewebe ihres gegenseitigen -Lebens nun abgerissen war. Auch das Glück wird -mit Buße getragen, nicht allein das Gefühl der Schuld -und der Besitz, sogar der zu hoffende, giebt uns nicht -selten erst eine vorwurfsvolle Schätzung dessen, was -wir verloren haben. –</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_137" title="137"> </a> -Der Abend begann, sich auf die Landschaft zu senken. -Noch schwebte der feurige Sonnenball, jedes -Lüftchen riß eine flammende Rose aus dem Kranz -von Purpurgewölk, der Himmel glich einem Garten -voll brennender Liebe. – Das Geläut der ziehenden -Heerden vom frischen Anger scholl fernher, wie wandelnde -Abendglöckchen, da der Tag sich neigte, und -dieser friedsame begnügte Ton weckte ein traumhaftes -Sehnen, dem Heimweh verwandt, in Theresens Seele. -Wo war ihre Heimath auf Erden? Nirgend! – -Als nun die Sonne hinunter war, die geschäftigen -Schatten einschliefen, und ein dämmernder Duft sich -über Feld und Wiese verbreitete, da erschien ihre selige -Mutter vor Theresens träumenden Augen, und -ihr überirrdisches Lächeln sagte: »mir ist recht wohl! -laß mich schlafen, Kind!« Auch Constanz richtete -sich auf, und seine gestorbene Gestalt blühete wie unter -einem Veilchenschimmer, der vom violetten Schein -der Höhen mit dem röthlichen Hauch noch nicht aufgebrochner -Laubknospen zusammenfloß. Und der -Abendwind flüsterte mit <em class="ge">seiner</em> Stimme: »ich habe -nun Ruhe gefunden – was betrübst Du Dich?« -Eine namenlose Wehmuth ließ Theresen wünschen, -sie könnte auch sterben. – »Sterben? jetzt, wo ihrer -treulosen Neigung nichts mehr im Wege steht?« -frägst Du vielleicht meine Leserinn, und Deine Hand -<a class="pagenum" id="page_138" title="138"> </a> -hebt den Stein des Anstoßes. Aber lasse mich den -Zweifel Deiner Frage heben. Wisse! der Schmerz -um Die, welche nicht mehr athmen, und das Entzücken -des Lebens, die Liebe! mischen ihre tiefsten -Einflüsse zu einem Quell, der verlangend strebt, sich -in das Meer der Ewigkeit zu ergießen. In Beiden -fühlen wir uns unendlich. So stirbt die Jugend -leicht unter dem vollen Blüthenhang ihrer Hoffnungen; -nur das Alter klammert sich fest an den entblätterten -Stamm des Daseyns, hätte es auch nur bittere Früchte -getragen. –</p> - -<p>Bei einem Bug der Straße öffnete sich die Aussicht -in ein reiches Dorf, von Obstgärten umgeben. -Das Schloß, kein Rittersitz von architektonischem -Prunk, nur ein stattlicheres Wohnhaus – lag kaum -abgesondert und sehr freundlich.</p> - -<p>Der Lieutenant rief in den Wagen: »Wir sind an -Ort und Stelle, –« und bei dem ersten Hinblick -auf die Fenster, welche ein Abglanz der Abendröthe -in saffranfarbenem Mattgold erhellte, spürte Therese -jenes Bangen, welches uns Frauen mehr oder minder -vor dem Eingehen in ein neues Verhältniß ergreift, -oder, was oft gleichbedeutend ist – wenn wir uns -dem Ziele einer Reise nähern.</p> - -<p>Der Spiegel eines schöngeformten Teiches dicht -vor dem Schlosse, am vorderen Rande von einer -<a class="pagenum" id="page_139" title="139"> </a> -Brustwehr eingefaßt, und zu beiden Seiten mit weißen -Gartenbänken versehen, strahlte das schwache Geflimmer -einzelner Sterne zurück, und daneben den -leuchtenden Vollmond des runden, rothen Gesichts einer -Dame, die über das Geländer gelehnt, Karpfen -fütterte. Die auftauchenden Fische zogen dunkle Kreise -über die glatte Wasserfläche, worin das Schloß winkte -und wankte; die Dame aber wich nicht von ihrem -Platze, und war so vertieft in ihre speisende Lust, -daß sie den Wagen nicht kommen gehört hatte. -Schweigend hob der Lieutnant Theresen heraus, und -sie gingen dem Teiche zu. Die Dame wendete sich -um – erleichterten Herzens erkannte Therese die Baroninn -Lenau in ihr. Und jetzt wußte sie auch auf -einmal, daß Rudolph schon im Stift ihr diese Verwandte -genannt, und von ihr erzählt hatte.</p> - -<p>Die Baroninn schien mit dem Begriff der Nahrung -völlig identisch zu seyn. Ihre Gestalt war wie -die Fülle von Gottes Segen, ein angeschnittnes Brod -lag in ihrem derben Arm, und das Messer blickte nur -wie zum Spott der ihr eigenthümlichen Milde, womit -sie nie eine andere Schärfe handhabte. – »Sieh -da!« sagte die Baroninn sichtlich erfreut, »mein einladender -Wunsch kam von Herzen, und ist deßhalb -zu Herzen gegangen – wenn gleich auf einem kleinen -<a class="pagenum" id="page_140" title="140"> </a> -Umwege –« setzte sie mit einem Lächeln vergnügter -Schlauheit hinzu.</p> - -<p>Diese einfachen Worte, und eine begrüßende Umarmung -ließen Theresen fühlen, wie herzlich es mit -dieser Aufnahme gemeint sey.</p> - -<p>Rudolph hatte nicht nöthig, das Kleinod seiner -Sorge der gütigen Tante werth und wichtig zu machen, -welche liebreich es in Gold fassen mögen.</p> - -<p>Die Baroninn hielt in einer einfachen neidlosen -Denkweise die Schönheit für einen Empfehlungsbrief -ihres Schöpfers, und das Unglück für ein heiliges -Recht. Sie benahm sich, diesem Glauben zufolge, so, -daß Therese sich wie im Himmel fühlte. Selbst ihr -Aufenthalt im Stift, wie geneigt wir auch sind, das -Vergangene zu überschätzen – war von mancher Seite -für sie und für manche kleine Blöße schonungsloser -gewesen, als der gastfreie Schirm dieses Hauses. -Die Baroninn war nicht minder ein Muster der -Wirthlichkeit, als Du, häusliche Fabia! aber dies -hausmütterliche Walten war ihr ein rühriges Vergnügen, -ein vorbereitender Genuß, kein werkthätiges -Verdienst, was sich geltend machte. Sie war auch -fromm; doch ohne selbstgefällige Strenge. Ihr Christenmuth -war kein abtödtender und absondernder -Stolz, sondern guter Muth, und deshalb ein tägliches -Wohlleben, wie die Schrift sagt. Die fröhliche Zutraulichkeit -<a class="pagenum" id="page_141" title="141"> </a> -zu Gott, womit sie sich des Besten von -ihm versah, belohnte sich durch Zufriedenheit mit -allen Menschen. Sie ließ die ganze Welt gewähren -– und Wer jemals unter intoleranten Bekehrungs-Versuchen -gelitten, weiß diese köstliche Eigenschaft -zu würdigen. Allein auch Therese hatte sich -geändert, nicht nur, daß ihre Umgebung eine andere -war. Wir dürfen es zudem rühmlich voraussetzen, -daß Frau Fabia sich der <em class="ge">verwittweten</em> Schwägerinn -gewissenhaft angenommen haben würde. Theilnahme -an <em class="ge">widrigen</em> Erfahrungen ward nimmer -bei ihr vergebens gesucht; nur der <em class="ge">Mitfreude</em> war -dies verschlossene Gemüth nicht fähig. Ihre Tugenden -schmeckten alle, – wenn dieser Ausdruck nicht profan -wäre – ein wenig nach dem Essig vom Kreuz. So -versüßte sie Niemandem das Leben, und selbst das -Gute, was sie erwies, blieb nicht ohne eine säuernde -Mischung. – Die Baroninn dagegen war ein christlich-weiblicher -Epikur; ihre Glückseligkeitslehre lief -auf unschädlichen Genuß hinaus, den keine Verbitterung -trübte. Sie schlürfte Geist des Lebens mit jedem -Athemzuge, und wandelte das reine Element in -stärkenden Wein. – Einer Therese mußte dieses -System freilich besser zusagen. Jener anmuthige -Leichtsinn zwar, der zu so vielen Mißhelligkeiten zwischen -den Schwägerinnen Anlaß gegeben, trug nunmehr -<a class="pagenum" id="page_142" title="142"> </a> -einen Flor von Melancholie, der ihn niederhielt; -doch wäre ihr bewegliches Naturell auch nicht durch -diesen zarten Ueberhang von Trauer gehalten worden, -das Geheimniß jener wunderbaren Gegenwirkung -Anderer auf uns, würde hier, wo im Umgange einer -frohsinnigen Matrone nichts von der jungen Frau gefordert -ward, als daß sie sich erheitern möge, Theresen -zu einem soliden Ernst für Pflicht und Nachdenken -gestimmt haben. Und endlich die Hauptsache! welch -eine scharfe Ehrenwächterinn war ihr Fabia gegen -den Blick eines Mannes gewesen! wie kränkend hatte -jenes wachsame Auge auf jeden Schatten gedeutet, -wenn der wohlwollende Schwager die Schwächen von -Constanz reizender Gattin in allzugünstigem Lichte zu -betrachten schien! Und welcher stummen aber richterlichen -Rüge war die bemerkte Leidenschaft Rudolphs -verfallen! und wie streng war das Urtheil, was über -den aufmunternden Gegenstand seiner strafbaren Flammen -erging! – Die Baroninn gönnte das menschliche -Glück, zu gefallen, von ganzem guten Herzen -so gern, ohne deßhalb eine liebenswürdige Frau für -einen gefallnen Engel zu halten. Jeder Vorzug, den -Therese besaß oder empfing, schien ihr natürlich. Sie -fand die öfteren Besuche des Lieutnants, die Begeisterung -für sein Schutzamt, ganz in der Ordnung -und rechtmäßig. Sie schalt, wenn er eine Stunde -<a class="pagenum" id="page_143" title="143"> </a> -länger ausblieb, als zu erwarten gewesen, und Therese -vertheidigte lächelnd den Freund, der sich zu ihr -bekennen, und die Wirksamkeit ihrer anziehenden Kräfte -beweisen durfte.</p> - -<p>Der junge Mann war seiner Tante sehr ehrenwerth -und ein Schooßkind des Geschicks; – den Neigungen -der Günstlinge aber wird geschmeichelt, und vielleicht -war die Baroninn es sich kaum bewußt, daß sie die -Güte der Gottheit verehrte, indem ihre eigene ein -Verhältniß heiligte, was außerdem dem Bannstrahl -der Welt schwerlich entgehen können.</p> - -<p>Und da wir Theresen einstweilen so wohl aufgehoben -wissen, wenden wir uns nach Sanct Capella -zurück.</p> - -<hr /> - -<p>An einem milden Abend jener Zeit, in welcher -wir die abwesende Therese begleitet haben, befand -Schwester Veronica sich mit Josephinen in demselben -großen Zimmer, worin unsere Erzählung anhebt. Sie -saßen feiernd am offnen Fenster einander gegenüber. -Tiefe, ernste Dämmerung herrschte in dem bewohnten -Raum, in schattigen Umrissen zeigten sich alle Gegenstände; -die Miene des Reformators war nicht mehr -kenntlich, und nur der Rahmen seines Bildes warf -einen zweifelhaften Strahl in das uranfängliche Düster.</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_144" title="144"> </a> -Fabia, welche die sogenannte Dunkelstunde nicht -liebte, wie man dies – beiläufig gesagt – meistens -bei Personen von vorwaltendem Verstande und äußerer -Thätigkeit findet – war in die Familie eines der -Unterbeamten des Stiftes berufen worden, wo eben -ein Lebensfunke erlöschen wollte. Ein liebholdes Kind, -das einzige der Eltern, lag im Sterben. Man hatte -die Schwägerinn des Administrators, deren Umsicht -und christliche Gemüthsfassung geachtet war, zum -Trost der Mutter herbei geholt, und noch sollte sie -aus der Wohnung des Jammers wiederkehren. Von -diesem Fenster aus war jene Wohnung in einem der -klösterlichen Seitengebäude zu übersehen, und von dem -wankenden Lichte da unten schwebte der stille Schatten -des Todes herauf um die beiden Gestalten. -Draußen aber pulsirte das warme Leben der Natur, -und das Firmament flimmerte frühlingskräftig. -Prachtvoller hatte die Nacht ihren Bogen nie gewölbt; -die grüne Erde, gestickt mit Thauperlen und einer -Milchstraße von Blüthen, schien dunkelblau, und nur -ein tieferer Himmel.</p> - -<p>Veronica hing mit verklärten Zügen an der überirrdischen -Welt, die – nach einem poetischen Gleichniß -– wie eine heilige Nonne verschleiert aus dem -Sprachgitter der Sterne blickte; Josephine hing das -Köpfchen auf den Busen. Beide hatten bisher geschwiegen. -<a class="pagenum" id="page_145" title="145"> </a> -Jetzt sagte die Erstere, wie in sich selbst -zurücksinkend: »ich will doch warten, bis Frau Fabia -kommt, obgleich ich kaum zweifle, welche Kunde sie -uns bringen wird. – Die arme Mutter! noch -schwach und angegriffen von einer schweren Krankheit, -wäre es viel, wenn sie es ertrüge, daß ihre süße -Blume gebrochen da liegt!«</p> - -<p>Josephine lächelte sanft und sprach: »ich, liebe -Veronica, kann das Sterben nicht so sehr bedauern. -Es hebt uns leise empor über <em class="ge">alles</em> Schwere, und -stillt unsre Sehnsucht. Muß uns Jemand sterben, -müssen wir erst traurig werden, um diese Sehnsucht -zu empfinden? <em class="ge">mir</em> erregt sie der auflebende Frühling, -die Freude sogar. Ihnen, liebe Veronica, darf -ich es gestehen: es gehet mir wohl, worüber hätte ich -mich zu beklagen? und doch ist mir zuweilen so weh -zu Muthe, daß ich es nicht zu beschreiben wüßte. Aber -um alles Glück der Welt mögte ich dieses wehmüthige -Gefühl nicht tauschen.«</p> - -<p>»Mein Kind,« antwortete die Nonne, und die -geistliche Jungfrau nahm in ihrer Seelenreine keinen -Anstand, ein mütterliches Bild für ihre Erklärung -anzuwenden, »das sind die jugendlichen Wehen des -Herzens, aus denen der <em class="ge">Mensch</em> in zartester Bildung -hervorgeht, und die Liebe, ein Kind ihres Schöpfers, -wird zum Licht geboren.«</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_146" title="146"> </a> -Hier rauschte der Wind, wie jener Geist, von dem -man nicht weiß, von wannen er kommt – und ein -zartes Erröthen Josephinens barg sich unter dem -dunkeln Flügel der Luft. Mit einem linden langen -Odemzuge sprach das Mädchen: »ach, und der Frühling! -das lichte Weiß seines ersten Blümchens, sein -Blüthenschnee, das rinnende Gewässer, kommt mir -wie der reine Glanz eines Engels vor, der am Grabe -der Natur: Auferstehen! singt, und die Erde gleichsam -heiligt. Ein seliger Schmerz durchdringt meine -Seele, ich liebe Alles, was mir angehört, inniger aber -sehnsüchtig. Das Künftige zieht mich zu sich heran, -und von dem Gegenwärtigen kann ich nicht lassen.«</p> - -<p>»Und wenn nun,« fuhr Schwester Veronica fort, -»die Farben aufglühen, und wie Töne zusammenklingen, -so daß Eine Stimme der Unsterblichkeit uns vernehmlich -wird, wenn alles Leben sich erneut und verjüngt, -dann feiern wir das Gedächtniß der Todten, -und die Sonne bescheint den Tag aller Seelen, der -in den Frühling gehört und nicht in den Herbst, zur -trüben Zeit, wo die letzten Blätter fallen. Nie habe -ich für meine Verstorbene inbrünstiger gebetet, und -ihre versunkenen Denkmale wieder aufgerichtet in meinem -Gemüth, als wenn ich zum erstenmale den frischen -Sproß des Grases aus ihrer Asche grünen und -blühen sah. – Ich verstehe wohl Dein Gefühl, aber -<a class="pagenum" id="page_147" title="147"> </a> -das meinige kannst Du noch nicht fassen. Die Jugend -reißt der warme Strom des Lebens mit sich fort; -doch das Alter steht am Ufer der Zeit, worin so -mancher Wunsch einwinterte und erstarrte. Jenseits -strecken die Vorangegangenen ihre Arme nach uns -aus, und der Blick ihrer Nähe zieht uns zu ihnen -hinüber.«</p> - -<p>»Nein, nein!« rief Josephine lebhaft und ängstlich, -und faßte das Gewand der Nonne wie ein Kind, -was die davoneilende Mutter an diesem schwachen -Stoff zu halten meint, »es ist, als ob dieser Gedanke -schon Sie mir entzöge. Auch reißt mich nichts hinweg -– diese Möglichkeit könnte ich nur fürchten, -doch mich ihr willig hingeben? nie! o <em class="ge">nie</em>! – Als -ich Sie am Sonntage auf ihrer Violine phantasiren -hörte – ich saß auf der Bank im Klostergarten – -war es mir, als ob ein Himmel unaussprechlicher -Empfindung auf mich niederschwebte. Ich mußte -weinen, und wußte doch nicht warum? Ich dachte, -wie so mancher dieser entzückenden Klänge in den -Mauern Ihrer Zelle schliefe, und daß, wenn einst -ein Herz voll Liebe darin klopft, es diese Capelle -aufwecken würde, um ihrer Heiligkeit und Ruhe theilhaft -zu werden. Wer wird einst dieses Weihestübchen -bewohnen? – O laß mich ruhn an dieser lieben -Stelle – bat ich den lieben Gott. Wenn ich aber -<a class="pagenum" id="page_148" title="148"> </a> -dennoch scheiden müßte –« ihre Stimme versagte -für einen Moment –, »so werde ich jene Töne, die -mich über das Irrdische hinaus trugen, lebenslang -mit dem Athem meines Herzens tragen, und in diesem -Herzen Alles, was ich hier geliebt, und für wenig -Anderes wird Raum darin seyn.«</p> - -<p>»Mein trautes Kind!« rief Veronica in einem -Ausbruch der Rührung und Güte, »Du sollst meine -Zelle erben, ich verspreche es Dir. Und meine Bücher, -meine Blumen – die Violine, den Ring –: -Alles, was ich habe. Es ist mein liebster Wunsch, -daß <em class="ge">Du</em> mir die Augen zudrückest. Dann werde -ich –« setzte sie leise hinzu, »wie eine Nonne sterben, -von der man sagt, daß der Engel jungfräulicher -Frömmigkeit sichtbar wird, wenn sie verscheidet – -und wie eine Mutter zugleich. Du weinst, Josephine? -es fiel ein Tropfen, und Deine Wange ist feucht. -Beruhige Dich, Herzenskind! nimm Deine Guitarre, -und singe mir ein kleines Lied, es ist lange nicht geschehen. -Du fühlst sehr wahr: die Musik ist ein religiöses -Geheimniß, und nicht auf Erden geboren. -Die Töne, welche aus der innersten Fülle der Seele -quellen, sind himmlische Eingebungen und die Sprache -der Geister. So soll das ganz einzige Spiel des -großen Violinisten – ich hätte ihn hören mögen – -etwas Dämonisches gehabt haben, und alle Schönheit -<a class="pagenum" id="page_149" title="149"> </a> -seines Vortrages würde mir höchstens nur gewesen -seyn, als ob ich empfände, wie die Kunst verzweifelt. -Nein! selbst Paganini hätte meine cremoneser Geige -nicht erben dürfen; sie ist nur Dein Vermächtniß – -keines Andern. Und wenn ein Zufall den Bogen zerbräche, -und nur ein Seufzer Deines reinen Odems -jemals über den stummen Steg hinstreicht: so ist -ewige Harmonie darin, und das Werkzeug meiner -innigsten Freuden kann schweigen und zerfallen, wie -ich, oder wie Das, was lieblich an mir ist.«</p> - -<p>Die Violine war – wie wir bemerken – eine -schwache Saite dieser trefflichen Choristinn; eine Saite, -welche leicht in nachtönende Schwingung gerieth. Sie -wollte nächstdem das geschmeichelte Gefühl ihrer Virtuosität -mit dem unerkünstelten Beifall vergelten, den -sie den einfachen Melodieen ihres Lieblings zollte.</p> - -<p>Josephine, gehorsam dem Wunsch der Nonne, lös'te -das Instrument, ein Geschenk des Administrators, -von der Wand, und griff einige Accorde. Dann -setzte sie sich nieder, hob das schöne Auge aufwärts -und sang mit jenem melancholischen Wohllaut der die -tiefste Glückseligkeit anspricht:</p> - -<div class="poetry-container"> - <div class="poetry"> - <div class="stanza"> - <div class="verse">»Kaum hat mit frischem Thau die Nacht</div> - <div class="verse">Des Himmels dunkle Au begossen,</div> - <div class="verse">So seh ich tausend Lilien sprossen,</div> - <div class="verse">Verklärt von wundersamer Pracht.</div> - <div class="verse">Sie öffnen ihre Kelche weit - <a class="pagenum" id="page_150" title="150"> </a></div> - <div class="verse">Und lassen ihre Strahlen regnen,</div> - <div class="verse">Die schlummermüde Welt zu segnen</div> - <div class="verse">Durch einen Traum von Herrlichkeit!</div> - </div> - <div class="stanza"> - <div class="verse">Ihr Lilien der heil'gen Nacht!</div> - <div class="verse">Wie sehn ich mich nach Eurem Garten,</div> - <div class="verse">Wo Engel liebend Eurer warten,</div> - <div class="verse">Ein treuer Gärtner Euch bewacht:</div> - <div class="verse">Gebt ihr so fern mit mildem Schein</div> - <div class="verse">Schon süßen Trost der Brust hienieden,</div> - <div class="verse">Wie süß, wie süß wird einst der Frieden</div> - <div class="verse">Im Schatten Eurer Blüthen seyn!«</div> - </div> - </div> -</div> - -<p>»Welch ein köstliches Lied, mein süßes Mädchen!« -sagte die Nonne mit schimmernden Augen, »es spricht -für eine tiefe und heilige Empfindung. Kennst Du -den Dichter?«</p> - -<p>Josephine nannte ihn –*) und sprach: »es ist -auch mein liebstes. Seit ich es habe, singe ich es -fast nur allein, doch nicht oft, weil es weder gestört -noch täglich werden darf, und eine Stimmung und -Stille erheischt, die – wie jetzt –«</p> - -<p class="ci fss">*): Heinrich Wenzel.</p> - -<p>»Ein Schlummerlied im höheren Chor –« unterbrach -Schwester Veronica die Rede des Mädchens. -<a class="pagenum" id="page_151" title="151"> </a> -»Wenn das Kind etwa schon gestorben wäre: so könntest -Du den Schrei des Schmerzes aus der Brust -der Eltern damit eingesungen haben.«</p> - -<p>Die Thür ging auf, und Fabiens dunkle Gestalt -trat gespenstisch mit müden Schritten ein. Sie -hielt einen Brief uneröffnet, verhängnißvoll in ihrer -weißen Hand.</p> - -<p>»Nun, Frau Fabia,« sagte die Nonne und erhob -sich von ihrem Sessel, »was werden wir nun erfahren?«</p> - -<p>»Die Kleine ist dem Herrn entschlafen –« antwortete -Fabia mit jener dumpfen Ruhe christlicher -Ergebung, die jedoch wachsam für ihren Ausdruck ist. -»Noch ist die Mutter betäubt, der Vater hingegen -scheint gelassen; nur fürchte ich, daß es nicht vorhalten -werde. – Noch kein Licht, Josephine? wie kann -man so gern im Finstern seyn! – besorge es geschwind, -daß ich diesen Brief lesen kann. Ein Bote -von Bühle ist angekommen, und die einfältigen Leute -schickten ihn mir nach. Es war, als ob der Tod hörbar -anklopfte, und Furcht und Schrecken kam uns -Alle an, die wir still um das kleine Sterbebett standen -und beteten.«</p> - -<p>Josephine eilte, die Lampe anzuzünden, und indem -der kaum entglommene Schein derselben auf Fabiens -Gesicht fiel und ihr Auge von einer Zeile zur andern -<a class="pagenum" id="page_152" title="152"> </a> -glitt, sah Veronica, daß ihre Züge sich veränderten. -»Eine Neuigkeit, Schwester Veronica,« wendete die -Pflegemutter Josephinens im Drange der Mittheilung -sich an die Nonne, »Graf Frankenstern ist mit seiner -Tochter endlich angekommen.«</p> - -<p>»Graf Frankenstern!« rief Jene mit antheilvollem -Interesse, und der Ton, den die Glocke dieser Nachricht -anschlug, war ein Klang aus der guten alten -Zeit des Klosters. »Der hochbejahrte Herr lebt also -noch! und Comteß Albane kann auch nicht mehr jung -seyn – wenn ich mir die Gräfinn Mutter bedenke – -diese leutselige Dame war mir ein höheres Wesen und -wie so ganz war sie für Sanct Capella eingenommen! -– In Bühle, sagten Sie, hält die Herrschaft -sich auf?«</p> - -<p>»Ja –« antwortete Fabia schwach, und eine -große Erschütterung dieser starkmüthigen Frau ward -laut in der kleinen Sylbe, »reiche mir einen Stuhl, -Josephine –« sagte sie sehr sacht, während das -sichtliche Schwanken ihres Körpers verrieth, daß Fabia -mit dem Gefühl der Ohnmacht kämpfe. –</p> - -<p>Diese Botschaft wirkte nach, und ihr schlagender -Eindruck hielt an. Die kleinen klaren Schriftzüge, -von einer Hand kommend, welche, wie Fabia jetzt -deutlich empfand – Gram und Herzeleid über ihr -unbeflecktes Leben gebracht, verwirrten ihre Seele. -<a class="pagenum" id="page_153" title="153"> </a> -Das Dunkel einer finstern That stieg vor ihr auf, -daneben der Schatten ihres Mannes, kummerkrank -und dräuend, daß seine Frau nicht vergessen möge, -welch eine Last ihn ins Grab gedrückt, und Fabia -glaubte mit ihm zu versinken.</p> - -<p>»Jesus Maria!« rief die Nonne, als sie die Todesblässe -auf dem Angesicht ihrer Freundinn sah, »was -widerfährt Ihnen denn? Ein paar Tropfen Lebensgeist -– wenn ich sie nur bei der Hand hätte – ein Trunk frischen -Wassers –« das zitternde Mädchen flog hinab, -ihn zu holen. Inzwischen hatte Frau Fabia sich schon -erholt. Sie wehrte sich mit selbständiger Kraft gegen -die Schwäche, von der sie einen Augenblick bewältigt -worden war, wie gegen die mitleidige Angst, -welche über sie verfügen wollte, und sprach, obgleich -mit bebenden Lippen: »es ist schon vorüber. Seyn -Sie außer Sorgen meinetwegen, Schwester Veronica. -Und Josephine – Du siehst, mein Kind, es ist mir -wieder besser. Aber trinken will ich doch. –« Sie -stärkte sich durch einen erfrischenden Zug.</p> - -<p>»Ja, ja!« sagte die Nonne, und ihre Rede nahm -wider Wissen und Willen die Methode einer gelinden -Strafpredigt an, »ein <em class="ge">geistlich</em> Amt, das der Tröstung -und des Beistands in der letzten Noth, erfordert -starken Odem, und Wer sich stark fühlt, ist es deshalb -nicht zu allen Zeiten, und übernimmt sich wohl -<a class="pagenum" id="page_154" title="154"> </a> -einmal. Sterben aber ist kein Kinderspiel, und man -sieht nicht zu, daß man sich daran ergötze.« So ist -aber – der geneigte Leser erlaube uns diese Episode -– auch eine edle und geläuterte Seele nicht sicher, -daß kleinliche und niedere Stoffe, welche die -Scheidekunst eines gereinigten Charakters für immer -aussondern müßte, sich in das Ergebniß ihrer Urtheile -mischen. Wir sind uns selbst nicht klar. In der -freundschaftlichen Aeußerung der Schwester Veronica, -die wir vor Vielen ihres Gleichen heilig und selig -preisen, dürfte ein kleiner Nonnendünkel kaum zu -verkennen seyn, und der Glaube, daß, um in Todesängsten -beizustehen, menschliche Theilnahme hiezu nicht -genüge, und die Kraft zu solchem Beistand nur von -einem Geiste ausfließen könne, der durch <em class="ge">priesterliche</em> -Weihen dazu befähigt worden sey.</p> - -<p>»Denn der Bote –« so fahren wir mit den -Worten der Nonne fort, »ein Bote hat mir all mein -Lebtag Schrecken eingejagt, und es war mir immer, -als ob ich das Schicksal in Person kommen sähe, was -mir ein neues Päckchen zu tragen brächte. Wer -weiß auch, was der Brief enthält! – So viel ich -mich erinnere, waren Sie in früheren Jahren in Verbindung -mit Gräfinn Albane? –«</p> - -<p>Fabia nickte schwer und schwieg. »Wenn nur -der Schwager da wäre!« sagte sie, und ihr Auge -<a class="pagenum" id="page_155" title="155"> </a> -starrte sinnend vor sich hin, »erst morgen Abend kehrt -er zurück, dann ist es zu spät.«</p> - -<p>»Wozu?« fragte die Nonne mit einem leichten -Anfluge jener Neugier ihres Alters und Standes. Und -mit aufrichtiger Liebedienstlichkeit setzte sie hinzu: -»wenn Sie in Etwas bedrängt wären, Frau Fabia, -worin ich Ihnen mit Rath und That nützlich werden -könnte –«</p> - -<p>»Das wird sich später finden –« antwortete Fabia -mit einem bedeutenden Blicke nach Josephinen -hin, und drückte dankbar die zellenzarte Hand der -Nonne, wie aus Wachs gewebt, »für jetzt bedarf ich -nichts als Ruhe.«</p> - -<p>»Wie kalt Sie noch sind!« sagte Schwester Veronica -besorglich, »ich dächte, ein Krampfpulver wäre -nicht übel für die Nacht; es beruhiget die Nerven.«</p> - -<p>Fabia lächelte seltsam bitter, als bedürfe ihre innere -Aufregung ein anderes Opium. Sie verneinte -den Gebrauch des Mittels, und begab sich in ihr -Schlafgemach. Den folgenden Morgen war große -Wäsche im Stift; eine der Haupt-Stadien dieser geregelten -Oekonomie. An solchen Tagen ging Frau -Fabia sonst gleich der Sommersonne früh auf, um -sich mit wahrer Hoheit im Meere dieser Waschfluth -zu bespiegeln. Ja, wir dürfen kühn behaupten, daß -die Göttinn, an der wir Selbstgefälligkeit so natürlich -<a class="pagenum" id="page_156" title="156"> </a> -finden, sich vielleicht in einem minderen Grade derselben -aus dem Schaum der Wellen erhoben habe, als -womit die Juno dieser häuslichen Sphäre sich von -ihrem brausenden Element benetzen ließ. – Daß -diese Wolke ihm vorübergehe, hatte der Administrator -stets und so auch jetzt eine kleine Reise unternommen, -und Therese ihm einst muthwillig gedroht, -er werde einmal aus dem Regen in die Traufe kommen. -In diesem Punkte war aber Therese gleich den -Männern, und wendete am liebsten jener häuslichen -Nothwendigkeit den Rücken. Sie badete wohl eher -die Füßchen im Thau, als daß sie einen ihrer rosigen -Finger zu Gunsten einer wirthschaftlichen Bemühung -naß gemacht hätte. – Wir zweifeln daher, daß -Therese selbst der Waschfrau Chamissos die poetische -Seite abgewinnen mögen, wogegen sie gewiß den -trockensten Gegenstand des versandeten Schlaraffenlandes -geeigneter gehalten haben würde, besungen zu -werden. –</p> - -<p>Heute aber schwebte kein ordnender und waltender -Geist über diesen Wässern. Fabia schien in tiefem -Schlaf versunken zu seyn. Josephine klopfte leise an -die Thür der Pflegemutter, und Fabia that auf. – -Ihr Aussehen trug die Spuren einer schlummerlosen -Nacht, ungewöhnlich achtlos war ihr Anzug; doch -selbst in seiner Nachlässigkeit noch keusch und sauber. -<a class="pagenum" id="page_157" title="157"> </a> -Ihr Auge, von Schatten vertieft, die sich darunter -gelagert, glühte fieberhaft, und Miene wie Gebehrde -war von jener Ermattung – der Feindinn jeder -Thätigkeit – beschlichen, welche uns anhängt, sobald -wir herzenskränklich sind.</p> - -<p>»Vergieb, liebe Mutter, daß ich es wagte, Dich zu -stören –« sagte Josephine, indem sie ihren betroffenen -Blick in einen bittenden zu mildern suchte. »Es -befremdete uns, daß Du noch nicht aufgestanden warst, -weil es gegen Deine Weise ist.«</p> - -<p>»Ich habe nicht viel geschlafen –« antwortete -Fabia gemäßigt wie immer, »und mich auf Wichtiges -vorzubereiten. Wir müssen heute nach Bühle -auf das Schloß – mein Kind; doch fahren wir erst -nach Tische. Ziehe Dir das neue luftblaue Kleid an, -und ordne Dein Haar sorgfältig, ich will Dir gern -behülflich dabei seyn. Das goldne Kreuzchen binde -um den Hals, und wirf den gestickten Schleier über, -er läßt Dir äußerst günstig.«</p> - -<p>»<em class="ge">Heute?</em>« fragte Josephine bestürzt, und dachte, -der Herold des jüngsten Tages habe die Stimme ihrer -Pflegemutter geliehen. Nie war Frau Fabia an Tagen -häuslicher Geschäftigkeit nur einen Schritt von -der Schwelle dieses Hauses und von ihrer Pflicht gewichen; -nie hatte das Mädchen ein eitles Wort -aus Fabiens Munde gehört. Das Ende aller Dinge -<a class="pagenum" id="page_158" title="158"> </a> -schien gekommen, oder doch nahe zu seyn. Scheu und -bekümmert setzte daher Josephine jener einsylbigen -Frage hinzu, deren Accent all ihre Verwunderung -ausdrückte: »Du scheinst sehr unwohl, meine -Mutter.«</p> - -<p>»Und wenn auch!« antwortete Diese, indem ein -herbes Lächeln der Gleichgültigkeit gegen alles Bisherige -auf ihre Lippen stieg, »der Herr mein Gott -wird mich stärken.« Sie heftete dabei einen durchdringenden -Blick auf das Crucifix von Gußeisen, welches -auf ihrem Nachttische stand. Dieser Blick enthielt -ein angsthaftes Gebet, und besagte, soviel wir von -dem flehenden Geflüster am Altar des innern Heiligthums -verstehen: »<em class="ge">Du!</em> der Du uns rein gewaschen -hast von unsern Sünden mit Deinem theuren Blut, -gieb, daß Albane –« hier drang ein unaussprechlicher -Seufzer durch das kalte Metall an das Herz des -höchsten Erbarmers. Und von einem Gefühl ermuthiget, -was sich erhob, sagte sie: »es muß Alles gehen. -Wie wird es seyn, wenn ich nicht mehr da bin?«</p> - -<p>»O sprich mir davon nicht!« bat Josephine, und -küßte Fabiens mütterliche Hand.</p> - -<p>»Eben jetzt muß ich recht sehr mit Dir davon -sprechen,« erwiederte Fabia, selbst in dieser erweichenden -Minute dem Grundsatz treu, dem Eigenwillen -eines Kindes niemals nachzugeben. »Wir haben viel -<a class="pagenum" id="page_159" title="159"> </a> -mit einander zu reden. – Doch siehe! daß Du die -Thür zuvor verschließest. So! nun schiebe den Riegel -vor.«</p> - -<p>Von dieser Vorsicht geängstet, war Josephine voll -Furcht und Warten der Dinge, die da kommen würden. -Frau Fabia schien einer vorbereitenden Pause -zu bedürfen, in der sie sich fasse, dann sprach sie mit -einem Ton würdevoller Abbitte: »wenn ich Dich zuweilen -hart angelassen, und Dir zeither strenger war, -als daß ich Deinen unschuldigen Neigungen und Wünschen -jemals geschmeichelt hätte – so geschah es –« -ihre Stimme wankte.</p> - -<p>»O geliebte Mutter!« rief Josephine, welche diese -demüthige Sprache der tugendstolzen Pflegemutter -nicht aushalten konnte, »es ist nur zu meinem Besten -geschehen. Womit habe ich Dich beleidiget, daß Du -Dich so fremd gegen mich ausweisest? bin ich nicht -Dein Kind? – Ich will sie ablegen, diese Fehler, -denen mein guter Wille noch manchmal unterliegt; -habe nur ein wenig Geduld mit mir. Und wenn ich -mich heute in Bühle etwa linkisch benehmen sollte –«</p> - -<p>Ein Lächeln, worin mehr Rechtfertigung lag, als -in jedem moralischen Beweise, flog Fabiens Miene -an. Sie antwortete: »das fürchte nicht. Du hast -ein <em class="ge">Recht</em>, dort zu seyn: die Gräfinn Frankenstern, -der ich Dich zuführe, ist Deine Mutter.«</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_160" title="160"> </a> -Josephine stieß einen leisen Schrei aus, als hätte -ihr dies Wort einen Dolch in die Brust gestoßen. -Der Name Derer, die ihr das Leben gegeben, schien -diese Himmelsgabe zurück zu nehmen, und das liebliche -Bild des Mädchens versteinte zu weißem -Marmor.</p> - -<p>»So ist's, mein Kind!« setzte Fabia mütterlicher -als je hinzu, »die Stunde, darin das Band sich lös't, -was uns so lange verknüpfte, reißt nicht allein an -meinem Herzen – ich muß mich ernstlich zusammennehmen.«</p> - -<p>»Mutter!« sagte Josephine furchtsam und leidenschaftlich, -»ich hoffe zu Gott, Du willst mich nicht -verstoßen.«</p> - -<p>»Du brichst mir das Herz entzwei, Mädchen!« -entgegnete Fabia schmerzlich. »Darf ich Dich denn -jenen Ansprüchen vorenthalten? Es wird Alles darauf -ankommen, wie wir die Gräfinn finden. Du bist die -Tochter einer heimlichen Ehe, und dein Vater – der -Onkel wird Dir sagen –«</p> - -<p>»Der Onkel – ist mein Vater?« fragte Josephine -mit schwacher Stimme.</p> - -<p>»Der Onkel – komme doch zu Dir, Kind! ist -auch Dein Onkel nicht, und es nur dem Namen nach -gewesen. Dem Blute nach, gehst Du uns gar -nichts an.«</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_161" title="161"> </a> -Bei dieser Erklärung, welche Fabia nicht aus lossagender -Kälte, sondern der vollständigen Erklärung wegen -gab, sah Josephine aus, als wären ihr alle Adern -geöffnet. Ihre Seele strömte in Liebe für die Menschen, -mit denen sie gelebt, für den Ort, der ihr die trauteste -Heimath geworden war. Sie empfand den Einfluß -einer innigen Gewohnheit. Sie empfand ihn mit -schwellendem Herzen, da sie den Abschied so nahe wußte. -Die gräfliche Mutter stand wie eine verhüllte Gottheit -von ferne, und scheue Ehrfurcht, ein fremdartiges -Grauen war Alles, was Josephine für ihre Näherung -hatte. Und der Administrator war nicht einmal -da! es däuchte Josephinen, als ob sie diesem -gütigen Freunde hinterrücks entführt würde. Ein -Gefühl, zarter noch als Dankbarkeit, forderte in ihr, -daß sie ihm diesen schnellen und gewaltsamen Abruf -selbst sagen und klagen könnte, daß er Augenzeuge -wäre der sträubenden Wehmuth, womit sie von hinnen -schied. –</p> - -<p>Als der Nachmittag nun kam, erschien Josephine -in vorschriftlichem Anzuge. Sie war bei dem Werk -der Toilette ihrer wenig bewußt gewesen, um so eifriger -hatten ihr die Grazien gedient, welche zurückweichen, -wo die Eitelkeit handreicht. Auch Fabia war -ausnahmsweise festlich angethan. Sie trug ein dunkles -Kleid von tannengrüner Seide; doch indem die -<a class="pagenum" id="page_162" title="162"> </a> -verwittwete Frau bei dieser seltnen Gelegenheit ihr -Licht leuchten ließ, trug doch der Christbaum ihres -Gewandes kein einziges Flämmchen Flitterstaat zur -Schau, sondern nur die Frucht bescheidener Einfalt, -an der man erkannte, weß Geistes Kind sie wäre.</p> - -<p>Der Himmel hatte sich mit Gewölk umzogen. -Frau Fabia, im Begriff, sich in den Wagen zu setzen, -schaute auf und sprach: »den guten Regenschirm wollen -wir noch mitnehmen, zur Fürsorge. Wir könnten -ihn brauchen, beim Aussteigen. Er steht, wenn ich -nicht irre, in des Schwagers Zimmer, im Winkel -wo die Pfeifen lehnen –« Und hurtiger flattert der -Vogel nicht vom Zweig, als Josephine dahin flog, -ehe es möglich war, ihr zuvorzukommen. Sie drängte -die Seele des Abschieds, als den Inbegriff schmerzlicher -Empfindung, in den heißen Blick, womit sie die -stummen kalten Wände grüßte, und Wer weiß, ob -nicht zum letztenmal! – Dort stand der braune -Schirm, und neben dem Saum seines geschlossenen -Zeltes, blickte der Kopf des Mustapha zu ihr hinauf, -die in dem wehenden Schleier, eher der schönsten -Blume des Harems, als, des goldnen Kreuzchens ungeachtet -– einer jungen Braut der Kirche glich. Hier -stand das Schreibpult des Administrators, und ein -kleines weißes Blättchen lag lockend auf der grünen -Fläche. Josephine warf einen Blick darauf – ein -<a class="pagenum" id="page_163" title="163"> </a> -Sonnenstrahl fiel gleichzeitig in die Werkstatt ihrer -Gedanken. Eine Feder war auf jenem Streifen Papier -probirt: »Josephine,« stand in kalligraphischer -Schönheit am Rande des Blättchens, und das Urbild -dieses wohllautenden Namens stand mit schöneren Zügen -davor. Sie ergriff die Feder, und schrieb mit -fliegenden Fingern:</p> - -<p class="ci"> -»Ich muß fort – verzeihe, daß ich mit Ich anfange; -aber Stolz ist nicht in mir, nur eine sehr -traurige Liebe, daß ich von Sanct Capella scheiden -muß. Kannst Du etwas beitragen – –</p> - -<p class="si">Deine –«</p> - -<p>Josephine vernahm, daß ein Eilbote ihr nachgeschickt -würde. Sie mußte sich losreißen. Ein Fädchen -aus dem Blondengewirk ihres Schleiers blieb an dem -Gefieder der Schreibfeder hangen, und ein kleiner -Dintenfleck an ihrem Finger.</p> - -<p>Josephine wie ihre Pflegemutter sprachen wenig -auf dem Wege nach Bühle. Fabia saß still in sich -gekehrt, trübsinnig starrte Jene in die Ferne. Als -aber jetzt der englische Garten sichtbar ward, und hinter -dem Immergrün seiner Gehölze, vermischt mit der -zarten Frische lebendiger Knospen, das graue, todte -Schloß, eine verstorbene Einöde von Stein – als sie -jetzt bei dem Postamente vorüber fuhren, worunter der -todte Hund begraben liegt: da erblickte Josephine -<a class="pagenum" id="page_164" title="164"> </a> -den stummen Wächter mit keinem minderen Schauer -als eine abgeschiedene Seele der Vorwelt den Cerberus, -und als sey dies festgehaltene flüchtige Bild nur -allein ein Symbol ewiger Ruhe, und dies der Eingang -in das stille Reich der Schatten.</p> - -<p>Das eintönige Geräusch des Brunnens, auch -nicht um den leisesten Tonfall eines Tropfens anders -als sonst, weckte in Fabien bittere Gefühle der Vergangenheit. -Dort war die Wohnung, in der ihr -Mann gelitten und aufgehört zu leben – es däuchte -seiner Wittwe, als ob das Lüftchen, welches die spielenden -Wellen der Wasserkufe kräuselte, ihr seine letzten -Seufzer zuwehete. Blüthenbäume streuten ihren -Schmuck vor die Schwelle, über die Kummer und -Gram mit ihm eingezogen waren, um nur den Todten -zu entlassen –; und diese Gleichgültigkeit der Natur, -welcher der Mensch unwillkürlich Theilnahme abverlangt, -diese Wiederkehr ihrer unschuldigen Freuden, -an dieselbe Stätte, wo die Schuld, eigene oder fremde, -unsre besten hinweggenommen für immer – schärfte -die Empfindung, womit Fabia sich jener Zeit bewußt -ward, und des wichtigen Moments, der ihr jetzt bevorstand.</p> - -<p>Um das Schloßgebäude schwebte die Stille der -Einsamkeit und der Ehrfurcht vor dem Range, wie -vor dem kranken Geiste seiner dermaligen Bewohner. -<a class="pagenum" id="page_165" title="165"> </a> -Der Zustand des Grafen war bekannt, und seine -Tochter galt kaum weniger leidend an Gemüth.</p> - -<p>Das Unglück, wie mächtig es auch sey, hat stets -eine kleine Hofhaltung. Nur ein einziger Bedienter -stand, nicht unähnlich einer Statue seines Standes, -an einer Säule des Flurs, harrend, wie es schien. -Die Zeit hatte angemessen der altväterlichen Livree -seinen Scheitel mit Puder bestreut, und mehr noch -als diese greise Mode, gab ihm eine Miene unbewußter -Geringschätzung gegen diese Etiquette adeliger -Größe, und ein Zug von Schweigen in seinem erfahrungsvollen -Gesicht ein ehrwürdiges Ansehen. -Auf ihre Frage erhielt Fabia zur Antwort von ihm, -daß sie erwartet würde – und Josephinens Blick -hing dabei so ängstlich an den goldbesponnenen Knöpfen -seines Rockes, als ob sie eine nahe wichtige Entscheidung -davon abzählen wolle. Noch fragte Fabia, die -niemals sicher genug gehen konnte: die Herrschaft sey -doch – allein? – Der Bediente, ein alter Bekannter -von ihr, lächelte nur; die Tochter des Oberverwalters -von Bonna mußte fremd geworden seyn, dem -Andenken der Lebensweise des Majoratsherrn. Er -sagte mit schwermüthigem Scherz: »es ist zwar heute -großer Galatag; aber diese hohen Gäste lassen Raum -und Ruhe, und die Frau Rentmeisterinn dürfen sich -ganz und gar nicht irren lassen.«</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_166" title="166"> </a> -Indem Fabia die breite Treppe, mit Decken belegt, -unter starkem Herzklopfen hinan stieg, erhob sie sich -zu dem Gefühl, daß <em class="ge">sie</em> es nicht sey, welche die nächste -Minute zu scheuen brauche. Doch wie kommt es, -daß die Last auf dem Gewissen eines Andern den -Athem des Rechtschaffenen hemmt? und warum wirft -ein fremdes Erröthen, noch ehe es vor unserm Auge -aufgeht, den Schein der Schuldverkündigung auf unser -eigenes Gesicht? –</p> - -<p>Sie standen auf dem öden Vorsaal. Eine Uhr, -in langem weißen Gehäuse, nahm sich an dem dunklen -Pfeiler, daran sie befestiget war, todtenhaft aus, -und das Gleichmaaß des Perpendikels bewegte sich im -Einklang mit dem Gesetz der Zeit und ihrer Schwere. -Der Stundengott hatte hier keine Flügel. – In den -Nischen der Wand entlang, erblickte man zwar beschwingte -Gestalten; doch schienen auch diese seit manchem -Jahr unregsam ihren Standpunkt einzunehmen, -und nur in so fern, wenn <em class="ge">Ruhe</em> der Begriff des -Himmels ist – dem Olymp anzugehören.</p> - -<p>Der Bediente zog die Thür sacht auf, ein Strom -von Licht und Luft aus dem ihr gegenüber geöffneten -Fenster quoll durch die Spalte. Die Meldung geschah -lautlos, und alsbald traten auf einen Wink des -Alten die beiden Damen ein.</p> - -<p>Frau Fabia, und hinter ihr das schüchterne Mädchen, -<a class="pagenum" id="page_167" title="167"> </a> -sah sich in einem Zimmer, das füglich den Sälen -des Schlosses beigezählt werden können. Zwei -Reihen Ahnenbilder in Oel gemalt und tief nachgedunkelt, -beschatteten die Seitenwände, und gaben der -schweigsamen Leere dieses Prunkgemachs eine geisterartige -Geselligkeit. An dem obern Ende des länglichen -Zimmers stand ein antikes Canapee, breitgestreift, -mit weiß und seladongrünem Atlas überzogen; davor -ein Tisch, köstlich besetzt. Ein damastnes Tafeltuch, -wie vom Webstuhl der kunstreichen Athene, hing in -schimmernder Weiße bis auf das bunte Gewirk des -Teppichs nieder, und um den Tisch herum standen -mehrere Lehnsessel, deren jeder ein Großvater, bequem -und doch galant, wie am Tage der goldnen Hochzeit. -In einen Winkel geschmiegt saß der Graf, und dem -Canapee gegenüber seine Tochter.</p> - -<p>Bei dem ersten Blicke auf jenen unglücklichen -Mann, auf den Schnee seines Hauptes, auf den -Staatsrock, der so weit, so spottend weit entfernt zu -passen, um die abgezehrten Glieder hing, zerschmolz -aller Groll in Fabiens Herzen. Der Putz der Alten -wie der Blinden hat etwas eigenthümlich Rührendes. -Jener: weil ihr hinfälliger Anblick das Nichtige der -Eitelkeit predigt; dieser: daß ihnen selbst unsichtbar, -eine Huldigung der Welt beigegeben ward, die nur -am Schein hängt. Und sind Blödsinnige nicht Blinde -<a class="pagenum" id="page_168" title="168"> </a> -in geistigem Sinn? – Zwar könnte Graf Frankenstern -für einen Seher gegolten haben, denn eben jetzt -leuchtete sein Gesicht im Abglanz einer Vision; aber -es war nur ein Blendwerk, nur das Irrlicht einer -gespenstischen Imagination, daneben die Nacht seines -innern Lebens nur um so finsterer erschien.</p> - -<p>Auch Gräfinn Albane war älter geworden, als -zufolge einer Berechnung von Jahren; doch war der -Eindruck dieser ersichtlichen Veränderung durchaus ein -anderer. Man könnte von ihr sagen, ihre Schönheit -sey verwelkt, um verklärt zu werden. Ein weißes -Kleid von wolkigem Mousselin umhüllte ihre zarte -Gestalt, doch, im schärfsten Contrast zu dieser anspruchslosen -Wahl, blinkte jener Schmuck, so schwer vermißt! -so grausig ersetzt! auf dem feinen Halse und der Brust -der Gräfinn, und hielt ihren schlanken Leib, ihre Arme -umschlossen – wie wenn Kinder in eitlem Spiel sich -mit dem Geschmeide ihrer Mutter zieren – und stach, -bewaffnet mit allen Blitzen der Frühlingssonne und -einer jähen Reflexion, Fabien ins Auge und durch -das Auge in das tiefste Herz. – Ein kleines blankes -Schlüsselbund an ihrer linken Seite stellte die -Gräfinn als Wirthinn des Hauses und jener unsichtbaren -Gäste dar, denen zu Ehren sie so geschmückt, -und gleichsam nur dadurch verkörpert sich zeigte. Doch -<a class="pagenum" id="page_169" title="169"> </a> -der schmale zackige Reif einer goldnen Krone auf ihrem -reichen Haar, ließ phantastisch und in Zweifel, -welch eine Fürstinn in der wüsten Ideenwelt ihres -Vaters, sie, fremd sich selbst, vorstelle? – Und über -dies häusliche Theater goß die wasserziehende Sonne -einen trüben Glanz der Illusion aus. Die Blumen -in dem damastnen Gedeck traten labyrinthisch und -winterweiß hervor, wie durch einen Hauch von Frost -entstanden – und der feurige Wein auf dem Tische -glühte nur zum Schein. Das rothe Blut der Traube -schwellt nur die Adern der Lebendigen; doch diese begeisternde -Kraft leiht nimmer Denen eine Seele, -welche keine Existenz haben. Der Graf fand nur -Genuß in Gedanken, und schwelgte heute mehr als -je in seinem Wahn; und Albane saß da so geisterhaft -gesättigt und traumtrunken, mit einem herben verzichtenden -Lächeln auf den bleichen Lippen, als hätten -diese nie die Süßigkeit des Lebens gekostet, und jener -edlen Gabe, die des Menschen Herz erfreut und stärkt! –</p> - -<p>Als die reelle Fabia dieses Schauspiels ansichtig -ward, rieselte ein eisiger Schauer an ihrem Rücken -hinab, und ihr nähernder Gang erstarrte.</p> - -<p>Die Gräfinn zeigte bei dem Eintritte derselben -einen heftigen Ruck, so, als wenn eine Unbeweglichkeit -mechanisch aufgehoben wird. Und indem sie dabei -das Gleichgewicht verlor, fiel das Diadem, nur lose -<a class="pagenum" id="page_170" title="170"> </a> -aufgelegt, von ihrem Haupte, und rollte zu Boden. -Josephine bückte sich darnach. Doch achtlos dieses -ominösen Vorfalls schritt die Gräfinn den Kommenden -entgegen, und begrüßte sie mit sanfter, sehr bewegter -Stimme. »Das ist Josephine?« fragte sie; aber das -Epitheton für den Laut dieser Frage fehlt unserer -Sprache und jeder. – Darauf berührte ihr Mund -die Stirn des Mädchens, und dieser heilige Kuß, den -das verleugnete, namenlose Kind als Sacrament empfand, -firmelte es.</p> - -<p>»Josephine!« rief der Graf mit dem herzschneidenden -Tone der Ueberspannung, taumelte von seinem -Sitz, und schwankte gegen die Gruppe, um in eine -Kniebeugung zu sinken; aber Josephine kam ihm zuvor. -Sie umschlang den Greis mit weichen Armen, und -weinte über ihn. Gräfinn Albane überließ ihren Vater -dem Entzücken, sein kaiserliches Idol, oder die -Psyche desselben, in lieblicher Verjüngung vor sich zu -sehen, und das Mädchen dem guten Geiste der Demuth -und der Wahrheit der ihm einwohnte. Im -Drange, ihr Herz zu öffnen, legte sie die zitternde -Hand an den blanken Drücker einer Tapetenthür, und -zog Fabien mit sich in ein anstoßendes Cabinet. »Wie -viel Dank bin ich Ihnen schuldig, liebe Fabia!« sagte -sie hastig und herzlich, »Josephine scheint ein Engel. -<a class="pagenum" id="page_171" title="171"> </a> -Dieser Blick einer himmlischen Unschuld kann nicht -lügen.«</p> - -<p>Die fromme Fabia antwortete: »Gottlob! nicht -umsonst war mein Gebet bei des Mädchens Erziehung: -hilf, Herr! hilf! laß wohl gelingen! Josephine ist -ohne Trug und Arglist; lauter und rein von Gemüth -und Sinn, wie ein Wassertropfen aus dem Weihebrunnen -der göttlichen Gnade.«</p> - -<p>Wir lassen es dahin gestellt seyn, ob dieses Bild -vom Tropfen, in welchem sich Frau Fabia zum Lobe -der Tochter ergoß, ganz unvermischt und klar von einem -Vorwurf ihrer Abstammung gewesen, der die -erquickende Wirkung desselben trübte. –</p> - -<p>Albane senkte die benetzten Wimpern, wie beschämt -von der Verschuldung, die sie gegen Fabia wissend -war, und mit einem erkenntlichen Seufzer glitt ihr -Blick, zufällig vielleicht – auf einen Ring von großem -Werth an ihrem Finger. Fabia fing diesen -Blick im Brennpunkt ihrer Seele auf. – Sie -sprach, und jede Fiber zitterte an ihrem Körper: »ich -will nicht fürchten, Gräfinn, daß Sie mir ein Geschenk -zudenken! – Die Sucht zu glänzen war nie -mein Fehler, nie die zufriedene Eitelkeit sogar, daß -mein Thun Werth vor Gott hätte. Einer Wittwe -ziemt es vollends nicht, zu brilliren, und die da einsam -ist, sorge nur, daß sie dem Herrn gefalle. Der -<a class="pagenum" id="page_172" title="172"> </a> -Frau, welcher die Brust des Mannes fehlt, zu ihrem -Schilde vor den Pfeilen der Welt, steht nichts besser -an, als ein Flor der Trauer und Zurückgezogenheit, -der sie gleichsam unsichtbar mache unter Denen, die -nach dem Schein urtheilen, und spitzfindig einen Stein -des Anstoßes sehen, wo nichts zu sehen ist. – Darum -will ich ihn nicht tragen, und wenn er alle Schätze -der Erde aufwöge! ist mir das Herz doch schon beschwert -genug. O Gräfinn! diese Edelsteine hier haben -meinen guten Mann in das Grab gedrückt und -mir viel tausend, tausend Thränen gekostet!«</p> - -<p>Der Gräfinn Gesicht erbleichte zu Schnee, eine -ängstliche Verwirrung sprach aus ihrer Miene. Sie -richtete das Auge, voll eines sanften Lichtes, forschend -auf Fabien, als wolle sie ihre dunkle Rede beleuchten. -Ein krampfhaft leises Zucken regte sich nur auf ihren -Lippen, als ob ihr die Kraft gebräche zu einer Frage, -deren anschuldigende Beantwortung ihr das Herz brechen -müßte.</p> - -<p>Es lag etwas Versöhnendes in diesem stummen -Hinnehmen. Gemildert sprach Fabia: »Sie wissen -wahrscheinlich, daß ihr Herr Vater meinem seligen -Manne den Tag vor ihrer Abreise von Bonna, eine -Chatoulle in Verwahrung gegeben, darin dieser Familienschmuck -befindlich seyn sollte. Den Schlüssel -dazu hatten wir nicht bekommen. Mein guter -<a class="pagenum" id="page_173" title="173"> </a> -Mann ward gleich darauf so krank, daß ich fürchtete, -das Grab werde sich ihm zunächst öffnen. Doch er -genas. Nach Jahren, in denen er sich, peinlich wie -dieser Redliche nun war, mit Zweifeln getragen, die -ich jetzt für eine Ahnung halten mögte, gab uns der -Zufall den Aufschluß in die Hände. Wir fanden in -dem Kästchen nichts von Schmuck, nur eine todte -Perle –: den Leichnam eines Kindes, und ein blutbeflecktes -Messer.« Hier hielt Frau Fabia mit einem -durchbohrenden Blicke bedeutsam inne.</p> - -<p>Aber nicht die Farbe der Blutschuld zeigte sich -auf den Wangen der Gräfinn, nur jener zarte unschuldige -Anflug, den ein schneidender Wind etwa in -dem Kelch der weißen Rose entblößt. Sie lächelte -kalt und sprach: »so hielten Sie vermuthlich davor, -daß ein Zusammenhang zwischen beiden Dingen statt -fände, der – mich schaudert, es auszudenken. Wohl -war jenes Kindlein das meine, ein zu früh Gebornes. -Ich versündigte mich durch den Wunsch, es der Erde -vorenthalten zu können – o! wie bestraft sich doch -jeder Gedanke räuberisch gegen die Natur! – Der -Arzt, vielleicht weniger aus Mitleid mit meinem mütterlichen -Schmerz, als aus Leidenschaft für jedes Präparat, -schlug mir vor, den Körper meines Kindes zu -balsamiren, so könnte ich ihn in einem kühlen Gewölbe -aufbewahren. Es geschah – ich legte das -<a class="pagenum" id="page_174" title="174"> </a> -kleine Vergißmeinnicht, was der Tod mir vom Herzen -gepflückt, in jenes sargähnliche Kästchen; darin ist -es vertrocknet. Mit jenem Messer aber hat der Arzt, -der nämliche, meiner theuren Mutter die kranke Brust -abgelöst.«</p> - -<p>Frau Fabia fühlte bei diesen erklärenden Worten -einen Schnitt durch ihr tiefstes Innere. Nach einer -verstummenden Pause sagte sie: »doch werden Sie zugeben, -daß jenes Depot geeignet war, einen Geschäftsmann -stutzig zu machen; zumal wenn er wie mein -Seliger, von einem unseligen Mißtrauen heimgesucht, -jeder Sache die schlimmste Seite absah.«</p> - -<p>Die Gräfinn sah still vor sich nieder, und antwortete -eine lange Weile nicht. Dann sprach sie: »ach -ich verzeihe Ihnen – Wen man schwach gesehn, hält -man gar bald eines Verbrechens fähig.«</p> - -<p>»Gräfinn –« stammelte die Wittwe, »ich habe -viel gelitten, dieser Geschichte wegen.«</p> - -<p>»So wäre ich denn noch auf andere Art als ich -meinte, in unabtragbarer Schuld gegen Sie!« erwiederte -die Gräfinn mit dem herben Lächeln der -Kränkung. Fabien stiegen Thränen in die Augen. -Das Taschentuch entfiel ihr – die Gräfinn beugte -sich es aufzuheben, und die Schlüssel an ihrem Gürtel -erklirrten silberhell und leise. Und wie geringfügig -diese kleine Dienstleistung auch war, so verlieh ihr -<a class="pagenum" id="page_175" title="175"> </a> -doch die augenblickliche Stellung gegen die Beleidigerinn -etwas Hohes.</p> - -<p>Wie von diesem erklingelnden Laut erinnert, sonderte -Albane nicht ohne Schwierigkeit einen kleinen -Schlüssel von der Mehrzahl Derer, die der Ringhaken -an ihrem Gürtel umfaßt hielt, bis es ihr gelang, ihn -davon los zu machen; und sprach: »hätte ich diesen -Schlüssel wohl so nahe an meinem Herzen tragen -können, wenn dieses Herz noch ein strafbareres Geheimniß -umschlösse, als dessen Mitwisserinn Sie sind? -und wenn ich gewußt, welchen Kummer Sie deshalb -trügen? – Nehmen Sie ihn denn hin mit der -Versicherung, daß ich unschuldig an Ihrem Gram, -und Ihnen ewig, ewig! dankbar bin! – Nein, gute -Fabia! fürchten Sie keinen andern Lohn als dieses -Wort, was bethätigen zu können, meine beste Hoffnung -wäre. Ein Edelstein, und wäre es auch der -erste Solitair der Welt – bezahlt weder Liebe noch -Leiden. – Mit diesem Schmucke belade ich mich nur, -um meinem Vater eine Freude zu machen. Wehe -mir! o es ist schrecklich, wenn der Vater zum Kinde -wird, und die Tochter zur Mutter! –«</p> - -<p>»Wissen Sie schon,« sagte Fabia, durch eine sehr -natürliche Association der Ideen zu dieser Mittheilung -gelenkt, indem sie ihre Thränen trocknete, »daß -Herr de Romana, Sylvius bei uns genannt – sich -<a class="pagenum" id="page_176" title="176"> </a> -in Sanct Capella aufhält? Er ist der intimste Freund -meines Schwagers.«</p> - -<p>Bei dieser Nachricht ging eine Wandlung in den -Zügen der Gräfinn vor.</p> - -<p>»Um Gotteswillen!« sprach sie mit aller Dringlichkeit -befürchtender Angst, »verhindern Sie, daß er -hierher kommt! ich weiß nicht, ob ich es aushielte. -Das geringe Maß meiner noch übrigen Kräfte reicht -kaum zur Erfüllung der traurigen Pflicht, die ich meinem -Vater schulde. Jenes Band ist gelöst. Wozu -sollte er mich auch beunruhigen wollen? Für ihn bin -ich todt. – Ich, <em class="ge">ich</em> selbst habe es gehört, wie er, -ein jüngeres schönes Weib umfangend, davon sprach, -daß eine gestorbene Liebe in ihrem Grabe bleiben -müsse. – So sey es denn! und nimmer will ich ihn -wiedersehen.«</p> - -<p>Und indem die Gräfinn so sprach, schwand ein -Schatten jener Scene, deren flüchtige Zeuginn sie gewesen, -über ihr Gesicht. – Eine Eifersucht höherer -Art offenbart sich nur im Verschwinden der verdunkelten -Erscheinung.</p> - -<p>»Wenn ich nur kann, liebe Gräfinn!« antwortete -Fabia in Bezug auf das von ihr erflehte Verhindern, -»wenn ich nur kann! – Aber wird Sylvius – -oder Romana – nicht nach Josephinen fragen? und -ist das Recht dazu ihm irgend verweigerlich?«</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_177" title="177"> </a> -»Josephine bleibt einstweilen hier,« entschied die -Gräfinn, ohne sich auf eine nähere Bestimmung über -diesen Punkt einzulassen, »auf Sie aber, liebe Fabia, -verlasse ich mich, daß Sie den Vater derselben mir -entfernt halten.«</p> - -<p>Frau Fabia versprach dies mit größerer Willfährigkeit -als sie vielleicht früher gezeigt haben würde, -eine Zusammenkunft der Liebenden zu ermitteln. Sie -hielt den Schlüssel zur Chatoulle fest empor und sprach: -»könnte ich nun – nicht den kleinen Sarg, der ist -auch versenkt – nein! den großen Sarg meines Mannes -damit öffnen und ihm sagen, wie so ruhig -er hätte seyn können bei Lebzeiten, und daß er sich und -mich unnütz abgequält. Ach! er würde so wenig auf -mich hören als sonst.«</p> - -<p>»Ja, die Todten schlafen tief –« sagte Albane -mit verstörtem Lächeln. Das Bedürfniß dieser unaufregbaren -Ruhe sprach eben jetzt lauter als jemals in -ihr an.</p> - -<p>Als die Frauen ihre geheime Unterredung hiermit -beendigten, und wieder in das Zimmer traten, fanden -sie den Grafen auf dem Canapee an Josephinens Seite, -und in emsigem Gespräch mit ihr, welches anziehend -seyn mußte, denn die Augen des alten Herrn hingen -innig an dem lieben Kinde, und jener crasse Ausdruck -geistiger Verworrenheit, welche seine schlaffen Gesichtszüge -<a class="pagenum" id="page_178" title="178"> </a> -charakterisirte, und unter jedem Härchen des greisen -Bartes hervorstach – war dem klaren Durchblick -des Gefühls gewichen, womit die anmuthige Nähe eines -Wesens auf ihn wirkte, was ihn so nahe anging.</p> - -<p>Wir überlassen diese kleine Gesellschaft des Weiteren -sich selbst, und eilen der späten Rückkehr Fabiens -nach dem Stifte zuvor.</p> - -<p>Zeitiger als er vermuthet worden, und ziemlich -mißvergnügt, kam der Administrator mit seinem -Freunde nach Sanct Capella zurück. Der Zweck dieser -kleinen Reise war unerreicht geblieben, auf der -ihnen einige Fatalitäten zugestoßen, und dies war -es wohl nicht allein, was ihn verstimmte. Jenes geheimnißvolle -Unbehagen, welches die Seele wie den -Körper Dessen durchschleicht, Dem ein Uebel bevorsteht, -der schwüle Schauer, der die Blitze ankündigt, -die unser Herz treffen sollen, die ganze Atmosphäre -trüber Ahnung beklemmte ihn heimlich, und verdunkelte -seinem Blicke die Lieblichkeit der Natur. In -solcher Stimmung gelingt uns fast nichts. Unsere -Plane vereiteln, die sicherste Berechnung trügt – -wir finden Hindernisse bei Allem. Und von der Zukunft -leise beängstigt, wird es uns nicht deutlich, warum -die gegenwärtige Minute den gewohnten Gang -unserer Weise, unserer Wünsche, also erschwere? So -wie im Gegensatz die Hoffnung ohne eine andere -<a class="pagenum" id="page_179" title="179"> </a> -Gewähr als sich selbst, zu jedem Glück verhilft, und -oft unsere kühnsten Erwartungen überflügelt.</p> - -<p>Sylvius, der sich unpäßlich fühlte, begab sich sogleich -in sein Zimmer, um noch einen Brief von dringendem -Bezug auf das mißlungene Geschäft dieser -Reise zu schreiben, und der weltliche Prälat von -Sanct Capella schritt mit bewölkter Stirn dem seinen -zu. Niemand hatte ihn willkommen geheißen – das -kam ihm seltsam vor. Etwas finster von dieser scheinbaren -Vernachlässigung fragte er eine dienende Person, -die ihm begegnete, nach Fabien, und erhielt zur -Antwort, daß sie verreist wäre.</p> - -<p>»Verreist? meine Schwägerinn?« fragte der Administrator, -und hätte nicht ungläubiger hohnlächeln -können, wenn man ihm gesagt: das Stift, in höchsteigener -steinerner Figur, sey bei dem schönen Abend -ein wenig spatzieren gegangen.</p> - -<p>Man erwarte die Frau mit jedem Augenblick zurück, -setzte die Berichterstatterin hinzu; worauf Jener -flüchtig vermuthete, nur ein wirthschaftlicher Grund -von großer Erheblichkeit müsse eine so stete Haushälterin -von Ort und Stelle gerückt haben. Doch um -nichts heiterer durch diese Folgerung, trat er in die -heimische Wohnung, entledigte sich des Reisebedarfs -und alsbald ward sein umherschweifender Blick von -jenem Blättchen auf seinem Schreibpult magnetisch -<a class="pagenum" id="page_180" title="180"> </a> -angezogen. Er las diese wenigen Zeilen unzähligemale, -ehe er den Sinn derselben zu fassen vermogte.</p> - -<p>»Allmächtiger Gott!« rief er zu sich selbst, »das -arme Mädchen in meiner Abwesenheit fortzuschaffen -– gleichsam wegzustehlen! –« Ein Getümmel aufrührischer -Gedanken bestürmte ihn, und Frau Fabia, -welche sich im Laufe des verflossenen Nachmittags -richterlich benommen, ahnete wohl schwerlich, daß ihr -Andenken ob jener eigenmächtigen Gewaltthat, um -wenig später vor Gericht gezogen – wo nicht zermalmt -würde. – Aber der kindliche Ton des kleinen -Brief-Fragments entwaffnete ihn, und keine Reihe -thatsächlicher Beweise hätte ihn so vollständig überzeugen -können, wie die schulmäßige Entschuldigung -der ersten Zeile: daß es nimmer ein Wesen gegeben, -so fremd jeden Egoismus, so ganz aus Liebe und -Hingebung gebildet, wie Josephine. Beitragen sollte -er? Wozu? – Er sammelte seine ganze Kraft für -diese abgebrochene Bitte. Dabei nahm er das Fädchen -an der Feder hangend wahr. Zarter sind die -Fäden nicht, in denen der Sommer in die Lüfte -flattert – doch nichts wirkt so ausnehmend fein wie -die Zuneigung zu einem persönlichen Gegenstand: und -so war denn jene Seidenfaser ein starkes Bindemittel -seiner Ideen, ein Segeltau, was sein Herz schwellen -machte. »Schwester Veronica wird es wissen –« dachte -<a class="pagenum" id="page_181" title="181"> </a> -der Administrator, und eilte ohne Verzug aus dem -Zimmer. Leidenschaftliche Hast, dieses räthselhafte -Dunkel aufgehellt zu sehen, trieb ihn die öden Säle -entlang, bis zur Thür der entlegenen Zelle, an welche -die Abendsonne Verklärung mahlte, so daß dieser Eingang -wirklich einer Himmelspforte glich. Hier stand -er still, und Stille waltete ringsum. Ein Gefühl, -der Andacht verwandt, ließ ihn zögernd dies Altarblatt -betrachten, dahinter ein Geist wohnte, der mit -dem Göttlichen vertrauten Umgang pflog. Sein Herz, -heftig klopfend vom hurtigen Gehen, vom Drange -der Erwartung, ward in dieser sanften Nähe wunderbar -besänftigt. Er richtete sich hochathmend -auf, während er den gekrümmten Finger leise und -langsam an die Thür legte. Sie that sich auf. Der -hereindringende Strahl vergoldete diese anspruchlosen -Wände, und warf einen Schimmer von Glanz und -Heiligkeit auf die Gestalt der Nonne, welche in -frommer Einfalt mit einem Liebeswerk beschäftiget -war. Ein Myrthenbaum von üppiger Schönheit, davon -die Nonne mit wähliger Vorsicht eine Menge -Zweige abschnitt, stand vor ihr auf einem Tische und -daneben lag ein kleiner Namenszug aus altdeutschen -Lettern in Perlen gereiht. Und wie die klösterliche -Jungfrau den alten schönen Kopf, um den ein Nimbus -der Gottseligkeit schwebte, an den Baum der -<a class="pagenum" id="page_182" title="182"> </a> -Liebe schmiegte, der ihr nie geblüht, der ihr nur die -bittere Frucht der Entsagung bereitet: gewährte ihr -Anblick ein fast überirdisches Bild.</p> - -<p>Wie selten hatte ein Mann diese einsame Schwelle -beschritten! – Der aufgeregte Blick des Administrators -schien den ewigen Bestand der Dinge umher -aufheben zu wollen. Kein Stäubchen dieser reinlichen -Clause ruhete noch so tief und lange, es tief empor -bei seinem Eintritt, um gesellig in der plötzlichen -Erleuchtung zu schweben, und eine größere als diese -lautlose Unruhe störte nie die stete Geborgenheit dieser -Wohnung, deren Luft nur ein Odemzug des Friedens -war.</p> - -<p>»Verzeihen Sie doch ja gütigst meiner Zudringlichkeit,« -sagte der Besuchende nach ehrerbietigem Gruß, -»Ihnen zu dieser Zeit vielleicht beschwerlich zu werden.« -Man findet, in abgesondertem Verhältnisse -werden die Menschen leicht eben so weitläuftig als -förmlich gegen einander, wogegen die Welt der Umgangsweise -eine drängende Kürze anschleift. Schwester -Veronica ließ das Messerchen, womit sie Myrthen -schnitt, ihrer Hand entgleiten, und bezeigte eine verwunderungsvolle -Freude, den Vorstand des Hauses -bei sich zu sehen, der ihr nach herzlicher Versicherung -zu jeder Zeit willkommen wäre. Zugleich bemerkte -sie still für sich, daß sein stattliches Aeußere etwas -<a class="pagenum" id="page_183" title="183"> </a> -verstört sey – und die Stimmung der guten Nonne, -seit einigen Tagen von stärkeren Eindrücken bewegt, -spannte sich für den beziehungsvollen Ton, womit er -anhob: »ich war verreist mit meinem Freunde und -finde jetzt bei unserer Rückkehr die Schwägerinn nicht -daheim. Das befremdet mich. Sie hat auch Josephine -mitgenommen – –« Der Administrator stockte. -»Eine hypochondrische Aengstlichkeit wandelte mich an -– wenn nur kein unangenehmer Vorfall – ich -meinte nun, Sie, werthe Schwester Veronica, würden -mir des Näheren Auskunft geben können.«</p> - -<p>»Was ich weiß, will ich ihnen sagen –« sprach -die Nonne, und das tiefsinnige Lächeln in ihren Zügen -drückte eben sowohl ihre bekümmerte Unwissenheit -in dieser Sache, als eine Zuflucht der Gemüthsruhe -aus, die sie dem Frager gäbe. »Frau Fabia ist -nach Bühle gefahren, mit dem lieben Kinde. Dort -ist die Gräfinn Frankenstern mit ihrem Herrn Vater -angekommen – und trägt Verlangen, ihre gute Freundin -hiesigen Orts baldigst zu sprechen. Ein expresser -Bote –«</p> - -<p>Das Gesicht des Administrators hatte sich während -dieser Nachricht verändert. »Das ist ein großes Ereigniß!« -unterbrach er die Nonne mit gesenkter -Stimme; doch nur mechanisch schien er die Sylbenlaute -dieses Wortes auszusprechen, das Muskelspiel -<a class="pagenum" id="page_184" title="184"> </a> -seines Mundes schob krampfhaft der getroffenen -Wahl des Ausdrucks einen andern unter, und sagte: -»das ist ein großes Unglück!« Der Nonne ging die -Ahnung auf, sie hätte ihm etwas höchst Wichtiges -mitgetheilt.</p> - -<p>Da jedoch Niemand, am wenigsten aber ein ältliches -Frauenzimmer, dem Reiz des Bewußtseyns zu -widerstehen vermag, das, was man sagen könne, habe -Werth für den, der es höre: so konnte auch Schwester -Veronica nicht umhin, den Schatz ihrer Neuigkeit in -kleiner Münze auszuzählen. Vorerst aber mußte sich -der Administrator auf ihr inständiges Nöthigen niederlassen. -Er berührte kaum die Kante eines Stuhls, -und saß dennoch wie auf Nadeln. – Schwester Veronica -begann nun: »gestern Abend, da es dämmerte -– das Schummerstündchen bringe ich gern drüben -zu – ging ich hinüber zu den lieben Ihrigen. Es -war uns Allen traurig zu Sinne: denn Gregors kleine -Julie lag im Sterben – ich bin, wie Sie sehen daran, -für ein Todtenkränzchen zu sorgen – die Mutter, -hieß es, wäre außer sich, und man hatte geschickt, -Frau Fabia mögte kommen, und in dieser Angst den -armen Leutchen mit Rath und Zuspruch ein wenig -beistehen. Sie ist, das muß man an ihr rühmen – -von christlicher Geduld und gelassenem Wesen –« -diese Tugenden seiner Schwägerinn hätte jetzt schwerlich -<a class="pagenum" id="page_185" title="185"> </a> -ein Freund der Wahrheit dem Administrator nachsagen -mögen. Er sah die Nonne mit einem weitschauenden -Blicke beschleunigender Aufmerksamkeit an, -und es däuchte ihm, seiner theilnehmenden Nächstenliebe -ungeachtet, als ob sie von einem Falle spräche, -der die ersten Eltern nach Erschaffung der Welt betroffen -hätte.</p> - -<p>»So blieb ich denn,« fuhr die geistliche Jungfrau -fort, »mit Josephine allein. Das gute Kind war -aber betrübt und äußerte sonderbare Gedanken, die -ich jedoch für weiter nichts hielt, als jenen wehmüthigen -Ernst, der ein jugendlich Gemüth ergreift, wenn -es den Tod in der Nähe weiß, und gute Menschen -in Schmerz und Leid um ein Liebstes und Einziges. -Dann wird der Gedanke an jede mögliche Trennung, -die uns selbst bevorstehen könnte, so natürlich. Wenn -uns ein Verlust bewegt, dann scheint Alles um uns -her zu wanken, und wir umfassen, was uns vorzugsweise -am Herzen liegt, nur um so inniger. – Also -wieder auf Josephine zu kommen, so sagte sie: wie -weh es ihr thun würde, Sanct Capella zu verlassen, -wo ihr nur allein wohl wäre. Wie gern sie hier -sterben mögte oder wohnen in dieser Zelle, es ging -mir nahe. Ich erwiederte ihr, daß an solch ein -Scheiden vor der Hand doch nicht zu denken sey, daß -<a class="pagenum" id="page_186" title="186"> </a> -sie mein Stübchen erben solle, mit Allem, wie es steht -und liegt.«</p> - -<p>Das Auge des Zuhörers schien dies Testament im -Innersten seiner Seele aufzunehmen. Sein Blick -spähte umher, als schätzte er die lieben Heiligen allzumal -– und der geringste Gegenstand war durch -den Gebrauch ein kleiner Heiliger geworden – nach -ihrem Nennwerthe ab, und trüge die stummen Effecten -in die Register seines Geistes ein. Dann ruhte sein -Auge auf einem umgeschlagenen Notenblatte aus, als -notire er dies Adagio, zähle die Pausen, und vergleiche -den letzten hinsterbenden Ton mit der Rede der -Erblasserinn, welche mit heiterem todesvertrauten -Sinn an ihre Auflösung denken konnte. – Ein anderer -Kranz von diesem Myrthenbaume, ein anderer -Name in den Anfangsbuchstaben dieser Perlen schwebte -ihm in einer gewissen Ideenverwirrung vor. Die -Wünsche des jungen Mädchens, welche beide auf bittere -Resignation deuteten, griffen schmerzlich an sein -Gefühl, und er schwieg mit einem tiefen Seufzer. -»Wie wir noch so über mein Vermächtniß sprachen,« -fuhr die Nonne fort: »kam Frau Fabia zurück. Sie -trug einen Brief in ihrer Hand und begehrte Licht, -um ihn zu lesen. Und da sie ihn las – sehen Sie -um Gotteswillen! wird uns die Frau schier ohnmächtig. -Ich kann nicht leugnen, daß mir alle Glieder -<a class="pagenum" id="page_187" title="187"> </a> -zitterten. Die Frau Schwägerinn ist nicht nervenschwach, -nein! eine starkmüthige Person, häuslich erkräftiget, -gesund an Leib und Seele: so mußte ihr -der Brief hart angekommen seyn. Auch jagt der -Sturm das Laub der Espe nicht geschwinder, als das -Blatt in ihrer Hand flog. Sie ging alsbald zu -Bette, und ich hatte ihretwegen eine unruhige Nacht. -Am Morgen in aller Frühe wollte ich mich erkundigen, -wie sie geschlafen: das Zimmer war noch zu. Ich -kam wieder und fand es abermals verschlossen; doch -vernahm ich drinnen ein leises Gespräch und unterschied -Josephinens schluchzende Stimme. Nun halte -ich Einbruch kaum so schlimm, als Eindrängen in -das Geheimniß eines Andern, und habe mich mein -Lebtag davor gescheut. Das Vertrauen muß ein Geschenk -der Freundschaft seyn, nicht aber eine milde -Gabe, die der Ungestüm davon trägt, wenn er die -Gutherzigkeit überrascht. – Ich dachte, es wird wohl -an mich kommen. Auch kam Frau Fabia, um mir -zu sagen: daß sie für diesen Nachmittag nach Bühle -fahren würde. Josephine stand stumm und blaß wie -ein Marienbild daneben, und sah mich nur mit einem -barmherzigen Gesichtchen an. Und da die Mutter -meinte: sie denke nicht allzuspät wieder da zu seyn, -konnte sie sich nicht enthalten zu weinen, als sollten -wir uns niemals wiedersehen. Ich sprach ihr Muth -<a class="pagenum" id="page_188" title="188"> </a> -ein und sagte: nun, wir scheiden ja nicht für ewig, -mein Herzenskind! was wärs denn auch, wenn Du -ein paar Tage drüben bleiben müßtest? bin ich doch -in meiner Jugend, und noch dazu als Braut, auch -bei der hochseligen Gräfinn Frankenstern gewesen, und -würde heut noch Bescheid im Schlosse wissen, und -Dir das kleine Gemach zeigen können, worin ich geschlafen. -– Das schien dem lieben Mädchen denn -traut und tröstlich zu seyn, und ein Mehreres, werther -Herr Administrator, wüßte ich Ihnen nicht zu -sagen.«</p> - -<p>Es genügte jedoch. Der Administrator dankte -zerstreut, wechselte in gebundener Rede – im Sinne -der Zurückhaltung – einige Worte; denn es machte -ihn beklommen, daß er gegen die herzliche Nonne -nicht ganz aufrichtig seyn dürfte. So war es ihm -nicht unlieb, daß der Zufall ihm über einen Moment -hinweghalf, der sein Zartgefühl, das der Freundschaft -wie der Verschwiegenheit, in die Probe nahm. – Er -ward abgerufen, weil Jemand ihn zu sprechen begehre. -Doch als der Administrator in sein Zimmer -kam, fand er zu seinem Befremden keinen fremden -Zuspruch, sondern seinen Freund, den Major Feldmeister, -der im Gleichmaß starker Schritte auf -und nieder ging. Es verändert seltsam unsere Stimmung, -ob wir Besuch in unserm Eigenthum empfangen, -<a class="pagenum" id="page_189" title="189"> </a> -oder von Andern darin empfangen werden. Demnach -ließ eine gewisse erschrockene Verwunderung, gemischt -mit einem dumpfen Gefühl getäuschten Erwartens, -den Administrator an der Schwelle seines -Zimmers zurücktreten, als er die Einquartierung desselben -inne ward. –</p> - -<p>»Bitte nicht übel zu nehmen, Freundchen, daß -ich so sans façon Eingang gesucht –« sagte der Major, -die Miene des Unmuths an Jenem bemerkend, -und ein fremdartiges Lächeln lief hurtig wie Geflügel -über die Furchen seines Angesichts, was in diesem -Augenblicke einem Winterfelde glich, matt von -der Sonne beschienen.</p> - -<p>»Den rechten Eingang finden –« fuhr er fort, -»ist schwer, und mancher folgerichtige, bei dem wahrhaftigen -Gott! taugt dennoch nichts.«</p> - -<p>Herr Prälat kannte seinen Freund und dessen -Redeweise zu genau, um noch eines einleitenden Wortes -zu bedürfen. Eine böse Ahnung kroch an sein -Herz; aber er nahm sich zusammen, und sagte mit -stoischer Stimme: »Sie haben mir etwas Schlimmes -anzukündigen, Major! fassen Sie Sich in der Kürze, -ich bitte! <em class="ge">ich</em> bin gefaßt. –«</p> - -<p>Diese Voraussetzung brachte den Major aus dem -Zusammenhang. In merklicher Verwirrung antwortete -er: »Schlimmes? nun ja, aber vermengt mit -<a class="pagenum" id="page_190" title="190"> </a> -Gutem, wie uns die bittersten Erfahrungen gereicht -werden. Das Schicksal ist ein Mischling, Glücklich -retournirt, Freundchen? waren Sie schon da, wie die -Estafette kam? – Sehen Sie, da habe ich mir all -mein Lebtag eingebildet, ein blasender Postillon müsse -ein Glück verlautbaren: etwa des große Loos – die -Ankunft des Königs – oder einen Ehrenaufzug und -dergleichen. Daß eine Hiobspost mit solch fröhlichem -Gebläse kommen könne, das hätte ich nimmer gedacht. -So erinnere ich mich, daß, als ich, ein junger Offizier -damals, in B– stand, hatten wir eine Schlittenfahrt -<i>en Masque</i> mit solchem Vorklang. Der -Zug war originell genug, und wir fuhren, so zu sagen, -mit Furcht und Schrecken. Der Führer der ersten -Dame, ein allerliebstes Mädchen, schön wie das -Leben, war der Tod! –«</p> - -<p>»Major!« sagte der Administrator in sichtlicher -Pein, »nochmals bitte ich Sie, sagen Sie mir ohne -Bild, ohne Masque, Wessen Tod ich erfahren -soll? – Mein Bruder –«</p> - -<p>Es wäre nicht genau zu bestimmen, ob der alte -Feldmeister hierbei nickte, oder nur das Haupt senkte, -da er alle Allegorien fallen ließ, und einfach sagte: -»ja, wozu die vorbereitende Folter und ihren ausdehnenden -Grad? Sie sind ein Mann. Ihr Bruder -– ist nicht mehr, und nur an den Ort seiner -<a class="pagenum" id="page_191" title="191"> </a> -Bestimmung gelangt, um auf das Schleunigste zu -sterben. –«</p> - -<p>Alles Blut wich aus den Wangen des Administrators. -»Großer Gott! mein guter Constanz!« rief -er mit blassen Lippen, und fühlte in diesem herzandringenden -Moment, daß Eines Vaters Blut in ihren -Adern flösse. »Nicht möglich! und an Sie, Major, -ist die Nachricht gekommen?« Es war, als ob ein -leiser Zweifel in dieser Frage läge.</p> - -<p>»An mich!« antwortete der ehrliche Alte mit dem -Vollbewußtseyn eines wahrhaften Freundes, »mein -Neffe hat es mir geschrieben, da die arme Therese sich -außer Stande dazu gefühlt, und Füßli nicht Zeit gehabt -hat. <em class="ge">Füßli!</em> der Leichtfuß vergißt zu bemerken, -Wer Füßli sey, als ob mir wie dem Allwissenden -aller Menschen Namen in mein Buch geschrieben -wären.«</p> - -<p>Der Major berührte hierauf in Kürze, wie? und -wann? der Gemahl Theresens gestorben sey.</p> - -<p>»Ich träume wohl?« fragte sein Bruder und -legte die Hand an die Stirne, auf der noch bleiches -Entsetzen schwebte, »wie aber kam der Lieutnant -Feldmeister in jene ferne Gegend, und zu einer so -herben Dienstleistung?« Es war, als ob er diese -sonderbare Fügung im Namen des Verstorbenen übel -nähme.</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_192" title="192"> </a> -»Sehen Sie,« erwiederte der Major, »das ist eine -merkwürdige Geschichte, und ich gäbe meine Lieblingsschmarre -darum, wenn ich in meiner Jugend Logik -studirt hätte. Da könnte ich Ihnen Alles fein ordentlich -entwickeln, statt daß ich hinten anfange, vorn ein -Fädchen abreiße, – und so weiter. Der Rudolph -hat ein enormes Glück gehabt, was mir bei dieser -traurigen Gelegenheit kund geworden, und mein -Glaube an die Fama der Estafette gewissermaßen doch -Recht. Die Fee Fanferlüsche – Sie wissen schon – -hat das Zeitliche gesegnet, und ihn zum Universalerben -eingesetzt. Das hätte der Junge wohl nicht gedacht, -daß, als er die alte Dame Wischiwaschi aus einer lächerlichen -Verlegenheit empor riß, und sie vor aller -Welt Augen in den Ballstuhl setzte, sie ihn dafür für -zeitlebens jeder ernsthaften Verlegenheit überheben, -und so weich setzen würde? – Man schätzt ihren -Nachlaß auf hunderttausend Thaler. Gleichzeitig mit -diesem Vermächtniß erfährt er, versetzt zu seyn, worauf -er, wie Sie Sich vielleicht erinnern, angetragen, -um nicht für einen Erbschleicher zu gelten. So -spielt der Zufall. Daß der Rudolph grade an den -Ort kommen mußte, wohin Ihr Bruder, begleitet von -der lieben Frau, seiner gesandschaftlichen Ordre folgte, -scheint mir jedoch nicht von Ohngefähr. Taugt -nichts! rief ich unwillkürlich aus, wie ich das las.</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_193" title="193"> </a> -Nun verursacht großes Glück auch im besten -Falle eine kleine Narrheit. Und wie der Ritter Don -Quixote ein Barbierbecken für Mambrins Helm hielt, -so sieht nun Rudolph einen Damenschuh in Allem, -was ihm begegnet. Ich glaube, würde die Armee -auf Kriegsfuß gesetzt, er sähe sie auf Pantoffeln von -Silbermoor marschiren. Der Pantoffelheld! Der! –«</p> - -<p>Der Administrator empfand schmerzlich, daß des -alten Freundes theilnehmendes Interesse an den gemeinsamen -wichtigen Mittheilungen diesmal zu <em class="ge">silbern</em> -sey, um mit dem seinigen in Einklang zu stehen. -In diesen Augenblicken schien ihm kein todtes Metall -beglückend. Er hatte nur Gefühl für den Verlust eines -so kräftigen jungen Lebens, welches der Welt und -ihren Freuden so im Umsehen entrissen worden war.</p> - -<p>»Ich kann es noch nicht fassen –« schob der Administrator -in die Pause jenes Ausrufs ein, und sein -Ton ließ errathen, daß er von der Rede des Freundes -wenig oder nichts gehört, und während ihrer Dauer -nur an den Verstorbenen gedacht hätte. Er sah jetzt -auf, in seinem erloschenen Blicke entglomm ein -Funke – und so fragte er: »Sie meinen also, Major, -daß Ihr Neffe in Verabredung mit Theresen -dort eingetroffen wäre? –« Der Schatten, der in -diesem Gedanken auf die Abwesende fiel, verfinsterte -sein Gesicht tief. Aber mit dem Eifer der Selbstentrüstung -<a class="pagenum" id="page_194" title="194"> </a> -trat der Major vor ihn hin, und sprach: -»da sey Gott für! daß ich so etwas nur gedacht, geschweige -denn geäußert hätte. Oder es müßte eine -Verabredung der höheren Mächte darunter verstanden -seyn, die vorausgesehen, daß Ihr Bruder sterben, und -Therese fremd und verlassen allda, einen Freund brauchen -würde, der wie mein braver Artillerist für sie -durchs Feuer liefe. – Besinnt Euch Freundchen! es -wäre ja nicht einmal möglich gewesen; denn mein -Neffe ward früher versetzt, als der Legationsrath seine -Frau von hier abholte. – Hätten Sie Acht gegeben, -was ich gesagt: so würden Sie jetzt hören, wo -ich hinaus gewollt – mein Schwadroniren hat mich -jedoch zu weit abwärts geführt. – Da geht der -Rudolph eines Tages über den Markt, und stößt auf -einen Menschen, der einen Schuh trägt. Jener erkennt -ihn – den Schuh nämlich – an der Farbe, -an dem kleinen polnischen Maße; er kennt die Dame, -der er gehört. Nun läuft gleichsam dieser niedliche -Wegweiser vor ihm her, und führt ihn vor die rechte -Schmiede. So ists, Freundchen. Und daß mein -Neffe nun der armen Therese beisteht, so viel er kann, -ist nicht mehr als billig. –«</p> - -<p>Dies Letztere sagte der Major in dem Tone löblichen -Gutachtens, und mit persönlichem Accent – -als ob der Lieutnant nur bewogen von der Rücksicht, -<a class="pagenum" id="page_195" title="195"> </a> -in welchem Verhältniß sein Oheim zu der Familie -des Hingeschiedenen stände – sich der jungen Frau -angenommen. Dennoch konnte der Administrator ein -Lächeln, so bitter als traurig, nicht unterdrücken, als -er sagte: »es wäre dessenungeachtet sehr möglich, daß -mein seliger Bruder so wie die Welt, welche er verlassen, -etwas gegen diesen Curator einzuwenden -hätte. –«</p> - -<p>Der Major zog die Braunen zusammen, und -klemmte die Unterlippe ein. Er fühlte wohl, daß -sein Freund recht hatte; wie hätte er aber das kleine -Unrecht, was in dieser Erwiederung gegen ihn selbst -lag, nicht lieber männlich verbeißen als rügen, und -mit der Gereiztheit eines Betrübten Geduld haben -mögen? Er antwortete demnach langmüthig: »das -hat der Rudolph auch bedacht, und deshalb dafür gesorgt, -daß Therese den Gasthof verließe. Sie hält -sich jetzt höchst wahrscheinlich auf dem Gute der Baroninn -Lenau, einer Schwester seiner Mutter auf. -Dies war die Intention meines Neffen, als er den -Brief an mich geschrieben. Doch die Hauptsache darin -hätte ich beinahe vergessen. Therese läßt Sie flehentlichst -bitten, wenn es irgend möglich wäre, hinzukommen. -Sie wüßte sich nicht Rath und es gäbe Manches -zu ordnen, was nur den nächsten Verwandten -zustände. –«</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_196" title="196"> </a> -Herr Prälat sah schweigend vor sich hin. Die -Forderung dieser weiten Reise von solch traurigem -Anlaß, geschah zu einer Zeit, die dem Entschlusse -günstig war. Sein Herz war erschüttert, und nicht -von der Seite allein, wo der plötzliche Schlag der -eben vernommenen Nachricht es bestürzte. Die Zukunft -schwebte im Ungewissen – und es war, als -wäre der Bestand aller bisherigen Verhältnisse aufgelöst. -Dann konnte Sylvius ihn jetzt vertreten. -Wer wüßte, ob er jemals eine so lange Abwesenheit -ohne Zeitverlust für sein Amt ermöglichen könnte? – -Und wie er auf der Wage der Gedanken alles Schwierige -der fraglichen Reise erwog, und dachte, ob er -sich auch stark genug dazu fände, die kalten Geschäfte -des Verstorbenen zu besorgen, und ein warmes Bad -hysterischer Thränen hinzunehmen, die Therese etwa -vergießen mögte, – fühlte er mit einem nervösen -Schauer, daß ein Leben von so verhängnißvollem Gewicht, -und in ewiger Pendel-Schwingung wie das -seines Bruders, den Todten so früh hinab ziehen -müssen. In Folge dieser Betrachtungen sagte er: -»seine Rastlosigkeit – glauben Sie es! hat den armen -Constanz aufgerieben.«</p> - -<p>»Das sag' ich auch!« sprach der Major, »man -bekam Schwindel, vom Hören bloß. Er flog ja, -wie auf Fausts Mantel –« der Hund knurrte – -<a class="pagenum" id="page_197" title="197"> </a> -»still da! Dich meine ich nicht, mein Alterchen – -von einem Ende der Welt zum andern. Wären wir -vom Schöpfer dazu geschaffen: dann hätte er uns -Flügel gegeben wie der Schwalbe, oder uns luftig -gemacht wie den Wind. So aber sind wir Wesen -mit Fleisch und Bein, und ein standhafter Prinz ist -Derjenige, der in der Tragödie dieses Erdenlebens -am würdigsten aushält. – Wir schreiten bedächtig -einher, oder fahren gemächlich mit Vieren. – In -der Schrift steht, der Herr habe nicht Gefallen an -Jemandes Beinen, noch an der Stärke des Rosses. -– Oft habe ich über diese Stelle nachgedacht. Wenn -ich die Gicht in meinem Bein spürte, da empfand ich, -daß der gütige Gott und Heiland kein Wohlgefallen -daran haben könnte.«</p> - -<p>»Und jetzt,« sprach der Administrator, der nur -wie im Dunkeln der Gedankenreihe seines alten -Freundes gefolgt war, »wo er endlich festen Fuß gefaßt -haben würde, mußte mein guter Bruder sterben!«</p> - -<p>»Ebendeswegen!« erwiederte der Major mit verstärkter -Stimme, »ebendeswegen starb er. Gebt Euch -zufrieden, Freundchen! – Mit aller Hochachtung -gegen den Legationsrath gesprochen; aber ein Mann -der Ruhe war er nicht, und so machte er sich mit der -Schnellpost des Todes davon. Vielleicht war dies der -klügste Streich des Diplomaten, und jedenfalls besser -<a class="pagenum" id="page_198" title="198"> </a> -als ein späterer Rückzug aus dem neuen Hausstaate. Er -mogte die alte Urkunde der Liebe hervorgesucht und manchen -Buchstaben darin verlöscht gefunden haben. Zum -Ehestande dieser seßhaften Charge paßte er nur so wie -der Vogel, der sich im Fluge vermählt, sein Weibchen -dann in irgend einem Neste sitzen läßt, wo dann der -Teufel nicht selten ein Ei in die Wirthschaft legt.« –</p> - -<p>Hier trat Frau Fabia ein, und bei dem Anblick -der frommen Domina des weltlichen Klosterhauses -erstarb das böse Princip dem alten Feldmeister auf -der soldatischen Zunge. Er grüßte, schlüpfte zur -Thür hinaus, durch ein unverständliches Murmeln andeutend, -er wolle den bewußten Brief holen – und -Herr Prälat sah sich mit seiner Schwägerin allein. -Er hatte den Wagen nicht kommen gehört, ihre Ankunft -schien ihm ersehnt, obzwar sie allein kam. Auch -entsprach Fabiens Gesicht der Empfindung, welche sie -aufnahm. Der strenge Charakter desselben war einem -Ausdruck von Schwermuth und Erleichterung gewichen, -der sich wechselseitig aufhob, und ein sanftes -Ineinanderfließen von Klarheit und Trübsinn über -ihre Züge verbreitete, was Zutrauen einflößte, sie -werde eine schmerzliche Erfahrung eben so wohl zu -theilen fähig seyn, als zu beurtheilen wissen.</p> - -<p>»Es ist mir lieb, Fabia, daß Du nun da bist!« sagte -der Administrator ihr entgegen tretend; aber sein -<a class="pagenum" id="page_199" title="199"> </a> -Gruß klang traurig. »Denke nur, mein guter Bruder -ist todt! und Therese ist nun eine Wittwe, wie Du!«</p> - -<p>Frau Fabia erschrak. Alles, was dieser Nachmittag -für sie enthalten, trat vor der Bedeutendheit dieser -Worte in den Schatten; aber ein leises Streiflicht -zuckte auf ihren Lippen – der Geist der Wahrsagung -erschien darin, und ein Gedankenblitz des -Vergleichs: Therese werde nimmer seyn wie sie.</p> - -<p>»Um Gott! was Du sagst, mein Bruder!« antwortete -Fabia, »und wäre diese Nachricht mehr als ein Gerücht?«</p> - -<p>»Diese Nachricht,« erwiederte Jener mit abgeschlossener -Gewißheit in Blick und Ton, »ist diesen -Abend durch eine Estafette an den Major gekommen. -Constanz ist in der Nacht seiner Ankunft in – an -der Bräune gestorben, und – also erstickt!« Dies -Letztere setzte der Administrator mit erstickter Stimme -hinzu. Das Wasser schoß ihm in die Augen, und -vor Fabiens Theilnahme, welche sich <em class="ge">mütterlich</em> zu -äußern pflegte, das heißt: ob auch zartsinnig, doch überlegen -– schämte er sich der brüderlichen Thräne nicht.</p> - -<p>»Denke Dir das nicht gar so schwarz –« sagte -Fabia leidsam, und bemühte sich, obgleich unverhehlt -der eigenen Rührung, ihren Schwager zu trösten. -Sie machte dabei zu Gunsten einer dunklen Stunde -eine Kraft geltend, welche gewiß zu den schätzbarsten -dieser oft verkannten Frau gehörte. Fabia besaß die -<a class="pagenum" id="page_200" title="200"> </a> -Gabe eines wunderbar wirkenden Zuspruchs. Vermöge -solcher Erfahrungen, die, indem sie das Leben -trüben, den Blick des Geistes schärfen, war ihr eine -tiefere Einsicht in die Herzen vergönnt, als diese sonst -selten gefunden werden dürfte, wo es an Weltkenntniß -fehlt, die Fabia nicht erwerben können. – Zuweilen -sogar sprach etwas Sibyllinisches aus ihr. Um -ihrer Zuverlässigkeit willen glaubte man an sie. Und -da Fabia es für eine Pflichterfüllung ihrer Religion -hielt, sich der Betrübten anzunehmen: so versäumte -sie keine Gelegenheit es zu thun; in ihrem Benehmen -lag alsdann eine schmerzvergütende Innigkeit, -deren sie gänzlich ermangelte, wo es darauf ankam, -sich mit den Fröhlichen zu freuen. Gegen den Gottesdienst -der Freude war Fabia stumpf. Und da sie -im Geiste der Zerknirschung den Spruch vor Augen -hatte: »ein zerschlagenes Herz wird Gott nicht verachten« -–: so war ihr nichts von größerem Werth, -sich linden und lieblichen Wesens daran zu beweisen, -als – eine Wunde. So ging ihr des Schwagers -Leid sehr nahe, und zwar um so näher, als sie bedachte, -er traure jetzt in gleichem Grade wie um ihren -Mann. Und obgleich der verstorbene Bruder -desselben ihr ein Fremder gewesen: so empfand doch -auch sie seinen Tod in einem Nachgefühl ihrer eigenen -Verwittwung.</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_201" title="201"> </a> -»Mein Herr und Heiland! was ist doch das Leben!« -sagte nun Fabia beschaulicher Weise, als der -Affect des Schmerzes besprochen schien, »hier stand -er noch vor wenig Wochen – ich sehe ihn leiblich vor -mir stehen. Ich habe es Dir nicht sagen mögen und -Keinem; aber der Bruder kam mir übel vor. Es -giebt einen gewissen Verfall des Aussehens, der doch -selten trügt; indeß wähnte ich, er wäre nur angegriffen -von den Strapatzen seiner Reisen, auch habe ich -ihn früher nicht gekannt. Glaube nur, Bester! das -Zusammenleben mit Therese hätte nicht mehr gut gethan. -Sie waren einander entwöhnt, wo nicht gar -fremd geworden. Und was ist denn die Ehe, wenn -sie Jahre zuläßt, in denen man vergnügt ohne einander -seyn kann, und nach dem Lebewohl vom Munde -des Gatten nun wirklich wohllebt? der Ehe Bund ist so -enge, daß er alles Fremdartige ausschließt, und wo -Mann und Weib einander <em class="ge">viel</em> zu erzählen haben: -da fühlt gewiß Eins für's Andre <em class="ge">wenig</em>.«</p> - -<p>»Du gehst zu weit, Fabia –« entgegnete der Administrator, -»Tausende von Ehegatten werden durch -Pflicht und Verhältniß getrennt, und lieben sich dennoch.«</p> - -<p>Darauf sprach Frau Fabia: »es mag eine Liebe -geben, die in der Trennung sogar besser besteht; aber -es ist nicht die, welche ich meine. – Was nun Theresen -<a class="pagenum" id="page_202" title="202"> </a> -anbetrifft: so dürfte ihr ehelich Gefühl schwerlich -unter den ersteren Fall zu rechnen seyn. Wer -weiß, wie sehr wir Ursach hätten, für diese Auflösung -den Herrn zu preisen! – Du weißt ja selbst, wie -verbitternd Scheidungen anderer Art –« der Faden -ihrer Rede riß bei dieser geschwisterlichen Beziehung ab, -und der Administrator schaute düster wie in eine Ferne, -der Zukunft oder der Vergangenheit.</p> - -<p>»Was soll nun aus Theresen werden?« fragte Fabia, -und wendete die Richtung ihrer Gedanken, »ohne -Vermögen, ohne einen Halt, der Lust am Fleiß, wie -jeder Geschicklichkeit ermangelnd, die da Nutzen schafft –«</p> - -<p>Der Administrator lächelte dieser unnützen Sorge. -»Ich glaube, gute Fabia,« sagte er mit jener Ironie -der Duldsamkeit, die nur ganz schwach eine Schwäche -andeutet, »<em class="ge">wir</em> dürfen deßhalb unbekümmert seyn. -Das Glück selbst scheint sich ihrer angenommen zu -haben, und Wen dies sich zu eigen macht, der braucht -nichts als ein paar Flügel des Leichtsinns, und diese hat -Therese schon.« Und nun erzählte er seiner Schwägerinn -halblaut, was er vom Major erfahren. Er -schloß mit den Worten: »so läßt sich nun absehen, -wie Alles kommen werde. Wenn es nun ein schöner -Zug von Dir ist, liebe Fabia, daß Du das Unglück -achtest, und Dem vorzugsweise freundlich bist, Den – -um in Deiner Sprache zu reden – <em class="ge">der Herr</em> -<a class="pagenum" id="page_203" title="203"> </a> -<em class="ge">heim sucht</em>: so laß uns Theresen mindestens nicht -zürnen, daß sie verdienstlos eine Begünstigte scheint; -daß noch vor dem Verlust der Ersatz schon Wurzel -gefaßt, wie ein neuer Kinderzahn schon glänzend dasteht, -ehe der erste fast schmerzlos gebrochen. – Auch -das Glück kommt von Gott, und wir schmähen den -Geber, wenn wir vom Glücklichen nicht glimpflich -denken.«</p> - -<p>Mit einem bekränkten Lächeln antwortete Fabia: -»o! ich will ihr alles Gute gönnen und wünschen. -Der Allwissende sieht ins Innerste, und weiß allein, -ob wir treu erfunden werden oder nicht. Daß ich -mich fortan auch der leisesten Verurtheilung enthalte: -das ist gelobt. Ach mein Bruder! welch ein erfahrungsreicher -Tag der heutige! seit gestern Abend ist -mein Herz nicht aus der Presse gekommen. Ich war -in Bühle – Du weißt es. Frankensterns sind da, -und die Gräfinn hatte mir geschrieben. Sie ist unschuldig -– und sehr unglücklich. Eine Centnerlast -ist von meiner Seele gewälzt; aber ich könnte doch -nicht sagen, daß mir leicht zu Muthe wäre; denn der -Vorwurf, wie Unrecht ihr geschehen, wenn auch in -Gedanken nur, drückt mich nieder.« Und nun erzählte -auch Fabia ihrem Schwager, wie sie die Gräfinn -und ihren Vater angetroffen, und wie Albane -sich erklärt, hinsichtlich jenes empörenden Verdachts. -<a class="pagenum" id="page_204" title="204"> </a> -Sie endete ihren Bericht mit den Worten: »und so -hat denn mein Mann um ein Nichtiges sein Leben -verkürzt, und das meine mir verkümmert!«</p> - -<p>»Sieh, Fabia!« sagte der Administrator nach einer -ernsten Pause, »hätten wir <em class="ge">die göttliche Kraft, -einem Menschen zu vertrauen</em>: dann wäre -uns das nagende Gefühl bitterer und fruchtloser Reue -erspart, und wir hielten uns an etwas Besseres, als -an Beweise. Unsere Sinne sind falsche Zeugen – -nur das Herz spricht wahr, in dem Glauben an das -ewig Gute.«</p> - -<p>Ein Gedenken an Sylvius, an das, was in seinen -eigensten Angelegenheiten ihm einst das Licht dieser -Ueberzeugung verdunkelt – schwebte schattenähnlich -vor ihm auf. »Und Josephine?« fragte er mit -verhaltener Stimme.</p> - -<p>»Sie grüßt Dich – grüßt Dich tausendmal!« -antwortete Fabia. »Sie wird für einige Zeit in -Bühle bleiben?« fragte der Administrator abermals, -und ein Gefühl, gemischt aus Wunsch und Zweifel, -ließ ihn seiner Schwägerinn diese Antwort in den -Mund legen. Aber Fabia sagte nicht ja, nicht nein. -Sie legte die Hand an die Stirne, und sprach: »was -wird nun Romana dazu sagen? Seine Frau ist ihm -so nahe – und er hat es keinen Gewinn; die Tochter -ist ihm entrückt, und er muß es geschehen lassen. -<a class="pagenum" id="page_205" title="205"> </a> -Und wenn Albane Josephine nicht mehr von sich ließe: -wer könnte es hindern? es ist einmal Ihr Kind!«</p> - -<p>»Wer es hindern könnte?« entgegnete Herr Prälat -lebhaft und mit Wärme: »<em class="ge">Du</em>, Fabia! unbeschadet -des mütterlichen Vorrechts ist Josephine auch -Dein, durch die treue Mühe der Erziehung. Du hättest, -dünkt mich, auch ein Wort dagegen zu sagen, -daß das arme Mädchen in jener unheimlichen Umgebung -verkommen sollte. Josephine ist an uns gewöhnt -– es wäre auch hart für den armen Sylvius, -wenn er ihre Nähe – dies einzige Glück, was er -ohne Vorwurf genießt – einbüßen sollte.«</p> - -<p>»Wirst Du mit ihm sprechen?« fragte Fabia mit -kranker, krampfhafter Stimme, »mein Kopf glüht -und hämmert; ich werde nun gehen, und mir einen -Umschlag von Kräuteressig geben lassen.«</p> - -<p>Noch eine kleine Weile hielt ihr Schwager sie zurück -und berieth, auf welche gleichlautende Weise diese -unverweigerliche Mittheilung an den Freund beschränkt -werden könnte und müßte. Dann eröffnete er ihr -den Entschluß zur Reise, was der nöthigen Gestalten -wegen auch nicht geeignet war, Fabiens tobenden -Kopfschmerz zu beschwichtigen. Es giebt jedoch einen -Zustand des Leibes und der Seele, der die Welt in Trümmer -brechen sieht, ohne etwas mehr als aus Schwäche -zu wanken. Mit diesem wankenden Schritte entfernte -<a class="pagenum" id="page_206" title="206"> </a> -sich Fabia, und Herr Prälat mogte seinem -Freunde die Ruhe der kommenden Nacht nicht stören. -Ihm selbst kam und verging sie schlaflos. Als aber -der Morgen frühlingshell und heilig erwachte, da -ging aus dem Chaos seiner Gedanken ein neues Licht -hervor, und der Gott in seinem Busen ordnete die -finstern Kräfte. –</p> - -<p>Nachdem der Administrator nun den Brief an -den Major gelesen, und sich gleichsam mit eigenen -Augen von dem Geschehenen überzeugt hatte, sah er -die darin enthaltenen Umstände wie mit andern an. -Gesammelten Geistes hatte er eine lange Unterredung -mit Sylvius, und betrieb dann seine Abreise, die in -der Frühe des nächsten Tages statt haben sollte.</p> - -<p>Die Offiziere in Corpore kamen, um dem Administrator -ihr Beileid bei dem Hintritt seines Bruders -zu bezeugen; auch die Nonne, die Repräsentantinn -der schlafen gegangenen Geistlichkeit des Stiftes, -fehlte nicht, seinem Verweser ein Wort des Antheils -und der Herzlichkeit über den Entschlafenen zu sagen. -Sie äußerte sich dabei in der ihr eigenthümlich -milden Gelassenheit, die auf der Höhe des Alters -und eines erhobenen Charakters mit Ruhe dem Wechsel -des Lebens zusieht. – Veronica sprach: »besinnen -Sie Sich einmal, Frau Fabia! sagte ich es nicht immer, -daß die arme Therese noch nicht überhin wäre? -<a class="pagenum" id="page_207" title="207"> </a> -solch glücklicher Leichtsinn ist oftmals zu großer Beschwerde -bestimmt, und wer immer lustig und lässig -seyn will, muß sich endlich durcharbeiten. Das Leben -fordert Ernst, und selbst das Glück ist gewichtig und -trägt sich schwer, wie vielmehr das Unglück! – Jener -berühmte Maler aus Modena, derselbe, der die -heilige Nacht gemalt hat, o wunderschöne! trug sich -an einem Geldsack todt. Wollte man Therese anspannen, -fleißig zu seyn, so käme es mir vor, als -sähe ich einen Schmetterling an einer dräthernen -Kette sein Futternäpfchen ziehen, wie man Vögel abzurichten -pflegt. Ich gönnte es ihr, daß sie sich von -Blumen nährte.«</p> - -<p>Ein wenig Wermuth bitterte auf Fabiens Lippen, -da sie antwortete: »wenn ich die Schwägerinn -so eitlem Treiben hingegeben sah, so gänzlich unbekümmert -um das Eine, was Noth ist, dann dachte -ich wohl an jene Stelle in den Psalmen, die da -heißt: es wird ein grausamer Engel über Dich -kommen –«</p> - -<p>»Das ist denn der Gasthof zum Engel für die -Aermste gewesen –« entgegnete die Nonne mit einem -stillen Seufzer. Die beiden Prophetinnen theilten -sich flüsternd mit, was sie von der Zukunft der -jungen Wittwe dächten. Veronicas Schauen war -ein gläubiges im Geist der Liebe, die allen Menschen -<a class="pagenum" id="page_208" title="208"> </a> -Gutes wünscht, und das Beste gönnt. Und weil -das Versagte uns das Höchste scheint, und die Reinheit -des Ideals uns für den Nichtbesitz entschädigt: -so that sich der Himmel vor ihr auf, der Himmel -auf Erden, als wofür sie eine Ehe hielt, aus gegenseitiger -Neigung geschlossen.</p> - -<p>Der Fernblick der Frau Fabia hatte die Erfahrung -für sich. Indem sie wußte, daß eine Frau auch Tugend -und Treue bedürfe, um ihren Mann auf die -Dauer zu fesseln, setzte sie das Glück in den Selbstgenuß -eines reinen Bewußtseyns, und Theresen deshalb -in den Fall mancher trüben Stunde, die sich von -vergangenen Tagen herleite.</p> - -<p>Frau Fabia mag auf ihre Weise Recht haben. -Aber eben so gewiß ist es, daß jenes schöpferische -Genie des Glückes, daraus die Poesie des Lebens, ja, -das Leben selbst hervorgeht – in etwas Unbewußtem -besteht, und daß die Erfüllung unserer Pflichten nicht -hinreicht, uns selig zu machen, hier und dort. –</p> - -<p>Unter den Pensionairen des Klosterhauses von -Sanct Capella hatte nur Einer keine Notiz von dem -traurigen Ereigniß genommen: Hauptmann Moorhausen, -und der Administrator, trotz seiner Zerstreuung, -ihn doch vermißt, da der gutmüthige Fabulist einer -wahrhaften Theilnahme an Allem, was diese Familie -betraf, sonst nie zu ermangeln pflegte.</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_209" title="209"> </a> -Gegen den Abend – Sylvius de Romana war -von einem einsamen Spaziergange in die Wildniß -des Waldes noch nicht zurück – Frau Fabia für -ihren Schwager mit Einpacken beschäftiget, und Herr -Prälat allein in seinem Zimmer, um einiges Nöthige -für seine Abwesenheit zu besorgen; da trat der -Hauptmann bei ihm ein.</p> - -<p>Obgleich Jener verdüsterten Blickes von seinem -Schreibpult aufsah, als ob der Flor um seinem Arm -ihm vor den Augen läge, so bemerkte er doch, er -sähe den Hauptmann in der Staatsuniform. Die -weißen Glaçee-Handschuh, blendend neu, doch mit -einem gelblichen Schein vom langen Liegen – glänzten -leichenförmlich mit gekreuzten Fingern auf dem -Invalidenstocke, und deuteten trauerfeierlich auf den -Tact der Condolenz, da von festlicher Eleganz anderer -Art hier nicht die Rede seyn konnte. Seine Miene -drückte den Anstand des Bedauerns, und einen Hinterhalt -von Selbstgefälligkeit und Absicht aus. Er versicherte -seine Theilnahme, und gemahnte in dem allegorischen -Schwunge, den er dabei nahm, an die Sprache -eines altmodischen Neujahrswunsches, der unter seiner -Vignette, gepreßt mit den Insignien der Zeitlichkeit, -einen Amor mit flammendem Herzen verbirgt, das -im Verhältniß seiner Größe zu dem kleinen Gott -<a class="pagenum" id="page_210" title="210"> </a> -jenes zwanzigpfündige anschaulich machte, wovon er -einst erzählt.</p> - -<p>Der Administrator dankte in Kürze und lächelnd. -Er erkundigte sich nach des Hauptmanns Befinden -und sagte, daß, da er ihn diesen Morgen unter den -andern Offizieren nicht bei sich gesehen, er beinahe -gefürchtet, Jener, welcher bisweilen an krampfhaften -Zufällen litt, hätte sein Zittern wieder bekommen.</p> - -<p>Der Veteran erröthete, faßte unter die straffe -Halsbinde, räusperte sich und sprach: »<i>au contraire</i>, -Werthester! ich war nie gesünder, und fühle mich wie -verjüngt. Meine Natur –« »ist vortrefflich; ich -weiß es –« unterbrach ihn der Administrator, der -sich heute nicht stark genug fühlte, den Kampf mit -dem Riesen dieser Imagination zu bestehen.</p> - -<p>»Von Zittern keine Spur –« setzte der Hauptmann -die Ruhmrede seiner Gesundheit fort, »und nur -aus einem festen Grundsatze kam ich nicht früher. -Mir widersteht die übliche, oder vielmehr <em class="ge">üble</em> Sitte, -daß man mit seiner Theilnahme zudringlich werde, -und <i>en Masse</i> über Einen herfalle, dem ein Trauerfall -begegnet ist. Leidtragende mögten auf diese -Weise unterliegen – und Delicatesse in der Freundschaft -geht mir über Alles.«</p> - -<p>»Sie ist die Grazie des Gefühls –« entgegnete -der Administrator wie mit trübem Spott; doch konnte -<a class="pagenum" id="page_211" title="211"> </a> -er nicht umhin, in dem, was Moorhausen gesagt, -zum erstenmale etwas Wahres zu finden.</p> - -<p>»Grazie! ja, auf Ehre!« antwortete jener, »das -ist das rechte Wort.« Und das fletschende Lächeln, -womit er es aussprach, gab den Inbegriff weiblicher -Anmuth in die widrige Gewalt eines Fauns. »Diese -Eigenschaft,« setzte er mit Grimasse hinzu, »ist jedoch -nicht Jedermanns Sache, und ich glaube, ihr verdanke -ich es allein, daß mir alle Leute gut sind. Ich muß -etwas Anziehendes an mir haben – wo aber steckt -es? dachte ich oft. Mir selbst unerklärbar. Als ich -ein Knabe war, schenkte mir eine alte Pathe einen -Magnet, in Gestalt einer Seejungfer – wir können -nicht ableugnen, in manchem Sinnbild wirkt Magie. -Mein Glück bei dem schönen Geschlecht war enorm – -ich könnte Ihnen zum Erstaunen davon erzählen.«</p> - -<p>Herr Prälat entsetzte sich vor dieser Möglichkeit und -sprach hastig in jener flüchtigen Tonweise, die nicht -zweifeln läßt, man wünsche verschont zu bleiben: »zu -besserer Zeit, Capitain! ein andermal wird mir das -viel Vergnügen gewähren.«</p> - -<p>Doch nichtsdestoweniger verfolgte dieser Unabweisliche -den Lauf der Rede wie folgt: »die Weiber – -ich sage Ihnen –«</p> - -<p>»liefen davon?« fiel der Administrator mit verzweifelndem -Humor ein. Der Hauptmann stutzte betroffen, -<a class="pagenum" id="page_212" title="212"> </a> -und jener setzte vergütend hinzu, »ich meine, -aus Furcht vor dem Sieger.«</p> - -<p>»Ah so!« antwortete der Cäsar des Invalidencorps, -zufriedengestellt, »diese kleinen Feinde wissen -sich in ihren Waffen zu behaupten. Doch Wer sich -stark fühlt, der hüte sich nur vor einer Delila, die ihn -an die Philister verräth. Auch dem niedlichsten Satan -hätte ich mich nicht bei einem Haare fassen lassen. -– So oft ich sogar auf eine Dame im Spiel -pointirte, Tausend gegen Eins: ich gewann. Aber -ein Mann von Ehre benimmt sich auch discret, wo -er gewiß ist, sein Fortüne nicht zu verfehlen.«</p> - -<p>Der Administrator warf einen vielsagenden Blick -auf den kahlen Scheitel dieses Simsons, und rief mit -einem stillen Seufzer das Glück an, statt seiner ein -Thor der Erlösung zu erschüttern, daß er frei würde. -Es verließ sofort seinen Prahler, der den Stuhl heran -schob, als wolle er dem Zwecke seines Besuchs näher -kommen – und entrückte ihm das Ziel.</p> - -<p>»Jetzt freilich,« sprach der Hauptmann, »habe ich -manchen bedenklichen Augenblick, daß ich die Gunst -der Gelegenheit mir entfliehen ließ. – Was nützt -mir all' mein aufgespartes Vermögen? mein schönes -Geldchen, und mein Gut? ich genieße es allein. Das -macht grämlich vor der Zeit. Ich bedürfte Jemandes, -der mich erheiterte.«</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_213" title="213"> </a> -Der Administrator lächelte ein wenig skoptisch, indem -er erwiederte: »Wer so Viel in sich trägt, wie -Sie, dächte ich, kann kaum in den Fall kommen, -durch Gesellschaft zu gewinnen.«</p> - -<p>»Den Teufel auch, mein Freund!« antwortete der -martialische Moorhausen, durch den leisen Stich, der -ihm schmeichelnd versetzt worden, empfindlich gereizt. -»Ein Mann von so ungeheuern Erfahrungen wie ich, -ist nur um so mehr einsam, und bedarf seines Gegensatzes, -eines kindlichen Wesens, dem er imponirt, das -er glücklich macht, und welches ihn ergötzt – und so -habe ich denn längst reiflich überlegt und erwogen – -Hm! Hm! es wäre das Zuträglichste für mich, ich -heirathete. Nur schwankte das Schiff meiner Gedanken, -nach allen Richtungen der Windrose; ich wußte -nicht recht, wohin mich wenden? bis ich denn endlich -wie durch einen plötzlichen Ruck fest in meiner Wahl -geworden bin.«</p> - -<p>Der Administrator starrte den Hauptmann an. -Er dachte an eine Windsbraut, und wie das Schifflein, -dem darnach gelüstete, vermuthlich auf eine -Sandbank gerathen wäre. So sprach er nicht ohne -einen Blick mitleidigen Ernstes auf den kühnen Segler: -»Heirathen? Sie scherzen, Capitain.«</p> - -<p>»Nicht daß ich wüßte –« antwortete Dieser, und -zog die Stirn kraus. »Mir ist wahrhaftig in Gott! -<a class="pagenum" id="page_214" title="214"> </a> -nicht spaßerlich zu Muthe. Auch wäre das zur Unzeit, -Freund! weil aber die rechte Zeit treffen, ein -Punkt ist, den ich stets im Auge gehabt – weshalb -man mich auch beim Regiment <em class="ge">den glücklichen -Zieler</em> zu nennen pflegte: so zog ich mich diesen -Morgen in mein Zimmer zurück, und wartete bis jetzt. -Ist das Gemüth einmal afficirt: so wird auch der -beste Mensch leicht in Harnisch gebracht gegen eines -Andern Anliegen. Man sagt: Weilen bringt Gefahr; -aber die Eile thut es nicht minder. So erinnere ich -mich, daß als meine Mutter im Sterben lag – es -dauerte lange, und es ist schrecklich, daß auch Leute -von Rang so ringen müssen – kamen Schlösser, -Schreiner, und so weiter – um die Arbeit für die -Leiche, die es noch nicht war, zu erbitten. Darob ergrimmte -mein Vater dergestalt, daß er einen jener -armen Handwerker, die um das liebe Leben zu fristen, -dem Tode vorausgeeilt waren, beinahe gemißhandelt -hätte. – An diese Scene mußte ich unwillkürlich -denken, da ich Anstand nahm, früher als in diesem -Augenblick mich Ihrer gütigen Fürsprache bei der -Wittwe Ihres Herrn Bruders zu versichern. Uf! nun -war's heraus. –«</p> - -<p>Der Administrator zweifelte jetzt nicht mehr, daß -Moorhausen den Verstand verloren hätte. Er meisterte -daher sein sprachloses Staunen, und indem er in diese -<a class="pagenum" id="page_215" title="215"> </a> -fixe Idee einzugehen schien, sagte er so vernünftig als -möglich: »in der That, Sie fühlen fein; es wäre -wirklich ein Stückchen Arbeit, was Sie in Theresens -Hand ansprächen. –«</p> - -<p>Ein Lächeln der Selbstzuversicht verklärte den alten -Ehestandscandidaten. »Sie meinen,« sprach er, »die -schöne Frau würde mir den Kopf warm machen? thut -nichts. Die kleine Hexe hat mir's angethan – werde -schon mit ihr fertig werden. Eine Gardinenpredigt -hält Die nicht, dafür stehe ich Ihnen. Und diese fatale -Theologie macht nur verstockte Sünder und -Langeweile. Wir liefern kleine Gefechte, allerliebste -Scharmützel. Sie giebt mir Eins drauf – ich aber -liebe das.« »Capitain Moorhausen,« versetzte Herr -Prälat, dessen Stimmung nicht darnach war, diesen -Unsinn länger auszuhalten, »Sie sind ein eben so -einsichtsvoller als expediter Mann. Wie zeitig Sie -auch in dieser Angelegenheit kommen, ich habe dennoch -Grund zu glauben, es geschähe in jedem Sinne -<em class="ge">zu spät</em>. Sollte meine Schwägerinn sich wieder verehelichen: -so steht ihr der Mann, den sie wählt, zweifelsohne -schon zur Seite. –«</p> - -<p>Dem Hauptmann entfiel der Stock, sein Gesicht -verlängerte sich zusehends. Der Administrator bückte -sich nach dem Bambus, und legte ihn in die Hände, -an denen jenes erwähnte Zittern sichtlich zu werden -<a class="pagenum" id="page_216" title="216"> </a> -anfing. Und mit unverkennbarer Redlichkeit redete er -sofort: »sehen Sie diese zutrauliche Erklärung meiner -Seits nicht für einen Korb an; auch reiche ich Ihnen -hiermit nicht den Stab zum Weitergehen in dieser -Absicht. Nein! nur einen Stützpunkt auf dem einsamen -Gange, der unter manchen Umständen, und in -gewissen Jahren auch sein Gutes hat. Zuweilen borgt -der Geist der Lüge die göttliche Stimme, welche einst -sprach: es ist nicht gut, daß der Mensch allein sey.«</p> - -<p>Der Hauptmann verstummte. Er bat nur noch, -daß sein Vertrauter auch schweigen möge. Die Glaçeehandschuh -platzten bei dem Händedrucke des Abschieds, -den er bald darauf nahm. Der Krampf zog ihm die -Brust zusammen, das Herz schlug Chamade. Er ließ -die Flügel tief hängen – und selbst der kleinste -Querpfeifer bei seinem ehemaligen Regiment würde -diesen Preiswürdigen jetzt nicht »den glücklichen Zieler« -genannt haben.</p> - -<p>Josephine war nur ein paar Wochen in Bühle. -Obgleich – nach der Zeitrechnung des Geistes – fast -kein Augenblick verging, in welchem ihre Gedanken -nicht hinüber schwebten nach St. Capella und weiter -noch, da sie ihren Schutzfreund auf Reisen wußte –: -so machte doch ihr jetziger Aufenthalt sein Recht auf -dies empfängliche Gemüth geltend. Die traumhafte -Stille des Schlosses, der melancholische Reiz seiner -<a class="pagenum" id="page_217" title="217"> </a> -Umgebungen, die einsiedlerische Schwermuth der Gräfinn, -die selbst der Umgang ihres liebenswürdigen -Kindes nicht zerstreuen konnte – die unheimliche -Welt ihres Vaters, welche schweigsam die magischen -Kreise zog, wirkte, vereint mit der Stimme der Natur, -auf das junge Mädchen, dessen Herz jedem tiefen -Eindruck offen war. Der Frühling hatte sich indeß -entfaltet, und prangte in völlig aufgeschlossener Schönheit. -Auch in die dumpfen Zimmer und Säle des -herrschaftlichen Hauses von Bühle drang sein milder -Hauch, und die warmen Sonnenschatten von den aufknospenden -Blättern der Linde spielten an den kalten -Wänden, und mischten ihren lebendigen Schein -mit dem todten Ernst der Ahnenbilder. Der Brunnenstrahl -blitzte vielfarbig, wie ein Ueberfluß von Diamanten, -und sein eintöniges Rauschen weckte eine -Quelle der Ahnung in dem Herzen seiner düstern Anwohner, -und floß mit dem Strom von Lust, Leid -und Leben zusammen, der die verjüngte Schöpfung -schwellte. An einem der schönsten Abende hob Graf -Frankenstern den Blick vom Boden auf, über den die -Sonne lange goldene Brücken schlug, so daß die -Möglichkeit ihm einleuchtete, sie zu passiren. – Er -hatte den lieben langen Tag mit so tief gesenktem -Auge vor sich hin gesehen, als wolle er das Räthsel -des Daseyns ergründen; doch als jetzt das himmlische -<a class="pagenum" id="page_218" title="218"> </a> -Licht über diesen Abgrund schien, verlangte er, Josephine -solle ihn in den Garten führen. Dies war unerhört. -Seit Jahren hatte der Graf keinen Spaziergang -gemacht, und nur den Sitz im Sessel mit dem -Polster der Kutsche vertauscht. Freudig gehorchte das -Mädchen, und reichte schnell, ehe der Vorsatz ihn gereue, -Hut und Stock dar, und schlang ein kleines -Tuch von Persischer Seide zur Fürsorge um seinen -Hals. Die Gräfinn wollte nachkommen.</p> - -<p>Vorsichtig leitete Josephine den schwachen Greis die -Treppe hinab, und unterstützte ihn zart, doch jugendkräftig. -Seine gleitenden Schritte, das fühlbare Wanken -des verfallnen Körpers bewegten ihr das Herz -im Busen, und ihr elastischer Fuß ging so langsam -als möglich. Der Bediente öffnete das eiserne Gitterthor -und geleitete seinen Herrn mit theilnehmenden -Blicken von ferne. Sie traten in den grünen Bezirk. -Alles stand hier noch unverändert; nur die jungen -Bäume waren groß und stark geworden, seit der -Graf sie zum letzten Male gesehen, einige hingen voll -Blüthen, und schimmerten mit weißröthlichen Büscheln -lieblich zwischen dem finstern Gehölz.</p> - -<p>Josephine athmete tief – und ein leiser Seufzer, -ein Odem von langem Weh, schwebte auf den stummen -Lippen des Grafen, und vermischte sich mit der -Wonne der süßen, ambrosischen Luft. Beinahe taumelnd -<a class="pagenum" id="page_219" title="219"> </a> -vor Schwäche, strebte der Graf doch weiter und -weiter, obgleich Josephine ihn bescheiden aufmerksam -machte, es mögte ihm für's Erste wohl zu viel werden. -So waren sie an einen Platz gekommen, der -eine schöne Aussicht bot. – Unter einer breitästigen -Esche winkte ein weißer Gartenstuhl, so hart und -kunstlos, als hätte ihn ein Eremit geflochten – zur -Ruhe. Der Graf ließ sich mit Hülfe seiner Führerinn -darin nieder, und Josephine setzte sich schmeichelnd zu -seinen Füßen. Es war eine kleine Anhöhe. Der -Wind kräuselte sanft das grüne Meer der Saat, ein -lindes Säuseln, wie von Geisterflügeln, regte sich in -den Wipfeln des Baumes. Eine ahnungsvolle Stille -rings umher! – Der Graf senkte das Gesicht, um -sein Auge an dem frischen Anblick zu stärken. Er -sah die Ernte im Geist – und die dünnen Halme -seines Haupthaars weheten silberweiß auf und nieder, -als wäre das Feld nun reif und der Schnitter in -der Nähe.</p> - -<p>»Die Welt ist doch schön!« sagte er nach einer beschaulichen -Pause, »wenn das Leben so hervorgeht, -und Alles wach wird: <em class="ge">wach</em>!« Und mit fallender -Stimme setzte er scheu und furchtsam hinzu: »gehst -Du gern schlafen, mein Kind?« –</p> - -<p>Josephine fuhr aus träumerischem Sinnen empor. -Sie antwortete: »ich? wenn ich müde bin, sehr gern. -<a class="pagenum" id="page_220" title="220"> </a> -Der Schlaf, die Ruhe der Wesen, ist etwas recht -Holdes. In sanfter Betäubung stärkt sein Labsal. -Wer mögte ihn nicht lieben, diesen Wohlthäter? – -Auch beunruhigt mich nie ein böser Traum – höchstens -träume ich seltsam. In der verwichenen Nacht -wärmte ich einen Schneekönig an meiner Brust – -der war erstarrt; plötzlich flatterte er auf, und verschwand -in den Wolken – und traurig sah ich ihm nach.«</p> - -<p>»Schneekönig?« erwiederte der Graf, »das ist ein -kleiner Vogel, nicht wahr?« Und wie aus einem Geklüft -seines Gedächtnisses tönte ein Echo jener Stelle: -»der Mensch wird geboren zu leiden, wie die Vögel -schweben, emporzufliegen.« – In vergleichendem Sinne -sagte er: »die Vögel des Waldes sind glücklicher daran -als wir; sie steigen aufwärts mit fröhlichem Gesange -– die Tiefe nur ist still und schrecklich. Wer -aber schläft, ist allein, ist in Gefahr, und schließt sich -sein Auge, dann –« Josephine sah mit offenem -blauen Auge zu dem Greise auf, der unter einem -Schauer verstummte, ehe er noch ausgeredet hatte. -Sie sprach mit leidsamem Widerspruch: »das will mir -nicht so vorkommen, lieber Herr Graf. Die Menschen -sind einsam, und daß sie es <em class="ge">wissen</em>, ist ihr größter -Schmerz. Wer aber schläft – und wäre es auch im -Grabe – genießt unbewußt Frieden, und Gott schützt -den Schlummer des Gerechten! –«</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_221" title="221"> </a> -Graf Frankenstern schien sichtlich erschüttert durch -diese Rede des Mädchens. Mit zitternder Lippe wagte -er etwas auszusprechen, was ein halbes Säculum -nicht laut in ihm geworden war: das Bannwort seines -Dämons. Er sah Josephine dunkeln Blickes an, -und sagte: »so fürchtest Du Dich nicht vor dem – -Tode – mein Kind?«</p> - -<p>Ein unsterbliches Lächeln verklärte mit der Abendsonne -zugleich Josephinens reine Züge. »Nein! gewiß -nicht!« versicherte sie mit Innigkeit. »Ich halte dafür, -der Tod sey ein verkannter Engel; kein Bote der -Schrecken. Er kommt ja auch nur auf Gottes Geheiß: -wie sollte er einer kindlichen Seele nicht willkommen -seyn – früh oder spät! – Das kleinste -Blümchen zerstiebt, und wenn seine Zeit da ist, erblühet -es auf's neue; die Sonne geht unter und schöner -wieder auf, und das Herz, welches selbst im -Traume den kleinen Schneekönig erwärmt, sollte erstarren -– und nicht für den Himmel schlagen? – -Könnte ich glücklich machen, Alle, die ich liebe, ich -gäbe gern die kleine Blume meines Lebens hin.« Ein -paar Thränen rollten, als Josephine dies sprach, von -ihren Wangen, und der Thau auf einer jungen Rose -glänzt nicht schöner.</p> - -<p>Dies war der wunderbare Moment, der eine gequälte -Seele erlösete. Der Graf athmete auf mit -<a class="pagenum" id="page_222" title="222"> </a> -leisem Stöhnen, wie Einer der erwacht, und sprach: -»ich sehe ein, daß Du recht hast, mein Kind, und wie -bleiern meine Augen geschlossen gewesen. Mir ist, als -ob ein Gespenst verschwände – als ob es Morgen -würde. Mir ist recht klar. Nun will ich erst noch -einmal zu leben anfangen. Sieh! was dort so golden -funkelt, ist das nicht Sanct Capella? vorhin erkannte -ich es deutlich. Wir wollen nun nächstens -einmal hinüber fahren.« Josephine lächelte wehmüthig, -und das Herz war ihr unsäglich schwer. »Und glaubst -Du wohl,« fragte der Greis abermals nach einer -stillen Weile, »daß ich die Abendglocke höre?« Dem -Mädchen kam ein Grauen an: es war fast unmöglich -in dieser Entfernung. »Ich bin doch müde von dem -kurzen Gange,« sagte er mit matter Stimme, »laß -mich ein wenig an Dich lehnen – oder ist Deine -Brust auch krank? –«</p> - -<p>Josephine umschlang mit weichem Arm seine Schulter, -und drückte das sinkende Haupt sanft an sich. -Sie schwieg bange, und schaute geängstet aus, wo -die Gräfinn nur bleiben möge? Da kam Albane. -Das leichte Rauschen ihrer Schritte, den Gang, der -ihm so treu durch die Wüste des Daseyns gefolgt, -vernahm ihr Vater noch einmal. »Mir däucht, ich -sähe meine Frau –« stammelte er kaum verständlich, -»warum sprichst Du so leise? – –« Und jetzt sprach -<a class="pagenum" id="page_223" title="223"> </a> -der Graf nicht mehr, und athmete schwächer und -schwächer. Die Gräfinn knieete in's Gras und faltete -die Hände; ihr Gebet war ein unaussprechlicher -Seufzer. Josephine glühte wie eine Fackel. Angst -und Abendschein gaben ihr die flammendes Gestalt -eines Cherubs. Sie glich dem Genius des Todes, -wenn er sich des müden Menschen erbarmt: dem -Sinnbild ihrer eigenen Vorstellung. Mit bebender -Hand streichelte sie den kühlen Scheitel, den der Gedanke -verließ, und dessen Sinne schon geschlossen waren. -Sie legte den Finger prüfend an den Puls der -Schläfe, und fand ihn stockend – nun stand er stille.</p> - -<p>»Er ist gestorben –« sagte Josephine mit der allerleisesten -Stimme, als könnte ein Laut ihn wecken.</p> - -<p>Albane schwieg noch immer und weinte nur heftig. -So blieb die Gruppe lange in heiligem Verstummen.</p> - -<p>Jetzt schlief Josephinen der Arm ein; denn der -Todte ward starr und schwer. Sie lehnte ihn zurück -in den Sessel, und die Seinen schauten nun in sein -erblaßtes Angesicht.</p> - -<p>»O mein Vater!« sagte die Gräfinn mit heißen -Thränen, »kann man leichter und schöner sterben, als -Du? Dein ganzes Leben war nur eine Flucht vor -Dir selbst, eine Furcht vor dem Tode, und freundlich -erschien er Dir, und ereilte Dich zu lieblicher Stunde.« -In zerrinnenden Bildern sah Albane sein hartes Geschick -<a class="pagenum" id="page_224" title="224"> </a> -und was sie mit ihm ertragen. Und so ergoß -ihr gepreßtes Herz sich in den bekannten Strophen: -»schlummre wohl indeß, du träge Bürde seines Erdengangs! -ihren Mantel deckt auf Dich die Nacht, und -ihre Lampen brennen über Dir im heil'gen Zelte. – «</p> - -<p>Es schien der Gräfinn bedeutsam, daß ihr Vater -unter einer Esche verschieden wäre, welchem Holze -dieses Baumes man eine wundstillende und schmerzheilende -Kraft zuschreibt. –</p> - -<p>Die Sterne brannten schon am Himmel, und ihr -feierliches Licht fand jene Gruppe noch unverändert. -Jetzt fing die Abendluft an kühl zu werden; die Gräfinn -erschauerte in jenem Frösteln, welches man nur -in der Nähe des Todes empfindet, und auch Josephinens -blühende Wange war sehr blaß. – Auf einen -Wink der Ersteren ward der weiße Gartensessel mit -seinem stillen Inhaber sacht und sanft aufgehoben, -und nach dem Schlosse getragen. Hier ließ man die -Vorhänge tief herab, und die entseelte Hülle auf ein -Lager nieder. Viele Kerzen wurden angezündet, auf -daß es hell würde um den allerdunkelsten Schlaf. -Albane und ihre Tochter setzten sich zu beiden Seiten -des Verstorbenen, und blieben die Nacht hindurch bei -ihm, weil sie fürchteten, er könne im Starrkrampf -liegen. Hätte der Graf dies vorausgesehen: der traute -Anblick dieser ersten Nachtwache würde ihn sein Lebelang -<a class="pagenum" id="page_225" title="225"> </a> -beruhiget haben. An der Kerze, welche ihren -geheimnißvollen Schein auf seine schweigsamen Züge -warf, blühete ein glimmender Brief – dies Auge -aber war geschlossen, und las keinen mehr. Es hatte -sich für jenen Freibrief geöffnet, der nicht mit Dinte -geschrieben ist, oder Funken, oder in den rinnenden -Sand der Zeit, sondern mit dem Geiste des lebendigen -Gottes.</p> - -<p>Draußen erwachte der Gesang der Lerche, und vor -der goldnen Leuchte des Tages erbleichte das nächtliche -Licht. Ein purpurner Schimmer breitete sich -mählig über den Leichnam aus – da verließ ihn die -Gräfinn unter den Flügeln der Morgenröthe, und begab -sich zur Ruhe, deren ihre erschöpften Kräfte bedurften. -Auch Josephine wankte von hinnen, zu versuchen, -ob sie ein wenig schlummern könne? doch ihre -Pulse klopften wie im Fieber, und das Herz schlug -hoch und ängstlich unter dem weichen Sterbepfühl -ihres Großvaters.</p> - -<p>Wie Albane es sich im Stillen gelobt: so geschah -es. Die Section des Grafen ward, nachdem der -Arzt die Auflösung desselben dargethan, ohne Geräusch -vollbracht, und dann – da kein eigentliches Familienbegräbniß -in Bühle vorhanden war, sein sterblich -Theil in Sanct Capella beigesetzt. Das Herz ihres -Vaters aber blieb, in einer Urne verwahrt, ihr Eigenthum. -<a class="pagenum" id="page_226" title="226"> </a> -– Um jedes Aufsehen zu vermeiden, ging die -Bestattung zu später Zeit vor sich, und nur das Heer -der Sterne gab dem düstern Leichenzuge Glanz und -Geleit. Still, wie der Thau der Nächte sinkt, fielen -Albanens Thränen, und Josephine dachte mit Wehmuth -daran, wie der Graf wenige Augenblicke vor -seinem Abscheiden von der Fahrt nach dem Stifte gesprochen. –</p> - -<hr /> - -<p>Nachdem der Administrator seiner brüderlichen -Pflicht vollkommen und nach bester Einsicht genügt, -kehrte er, zufrieden mit dem Abschluß dessen, was ihn -hierher gefordert, nach seiner Heimath zurück. Auf -der langen Reise hatte er Muße, über dies Fragment -seines Lebens nachzudenken, und auch die tiefsinnige -Neigung dazu. Seine Brüder waren nun beide todt. -Die Beschäftigung mit den Papieren des Jüngstverstorbenen -hatte ihn dem Constanz inniger verschwistert, -als das Vermächtniß der mütterlichen Natur ihn -jemals fühlen lassen, daß sie ihnen Einen Vater gegeben. -Er nahm ein besonderes Gefühl von Einsamkeit -mit hinweg – er stand nun allein. Wunderbar -genug war Therese, welche länger als zwei Jahre in -häuslicher Verbindung mit ihm gelebt, ihm fast entfremdet -worden, im Gegensatz zu der Erfahrung, nach -<a class="pagenum" id="page_227" title="227"> </a> -welcher eine Auflösung durch den Tod Familienbande -selten erschlafft, sondern sie vielmehr enger zieht. Auch -hätte die Weite den Verknüpfungspunkten ihrer gegenseitigen -Anhänglichkeit wohl am wenigsten geschadet. -Ein anderer Schutzfreund nahm sich ihrer innigst an, -und solch ein Edelstein für weibliche Fassung ist immer -ein Solitair. Diese Regel ist ohne Plural. –</p> - -<p>Es lag nicht in Theresens Wesen, Schmerz zu -heucheln, mit Thränen Prunk zu treiben, oder sich in -der Rolle einer Artemisia zu gefallen. Mit bewundernswürdiger -Gewandtheit veränderte sie den Faltenwurf -des Trauerflors, und verhüllte nur ganz leicht -die Brust, voll von dem Wunsche, das Leben möglichst -zu genießen, und kaum die Blöße der flatterhaften -Schultern, welche keinen Kummer tragen könnten. -So hatte die schöne leichtsinnige Frau es ihrem -Schwager keinen Hehl, daß sie, sobald der Anstand -es nur irgend erlaube, den Lieutenant Feldmeister -heirathen werde, und sich von diesem Bündniß des -Glückes Fülle verspreche. Mit jenem entziffernden -Instinkt der Schlauheit, welche unser Geschlecht in -den geheimsten Zügen eines Männerherzens lesen läßt, -verschwieg sie ihm die Leidenschaft, welche diese Bürgschaft -leistete, und sprach nur von den soliden Eigenschaften -des künftigen Gatten, von seinem Erbvermögen, -was sie über jeden Mangel hinwegsetze und -<a class="pagenum" id="page_228" title="228"> </a> -sicher stelle; als ob sie darin die Gewähr fände, welche -zunächst auf dem Grade ihrer eigenen Zuverlässigkeit -beruhete.</p> - -<p>»So dürfen wir auch hoffen,« setzte Therese wie -zum Facit der aufgezählten Summe ihrer Hoffnungen -hinzu, »daß die gute Baronin uns ihr schönes Gut -vermache. Sie hat schon ein Wörtchen davon gemunkelt. -Dann lebe ich den Sommer über hier, glückselig -wie eine kleine Fee in meinem Blumenreiche. -Den Winter aber bringe ich in der Stadt zu. Eine -Offiziersfrau steht immer ein wenig auf freierem Fuß, -auf halbem Sold ihres Standes gleichsam, und ist -von den Philistern entlassen. – Sieh! so geht bei uns -das Sprüchwort in Erfüllung, wo Tauben sind, fliegen -Tauben zu.«</p> - -<p>Der Administrator hing schweigend an diesem geschwätzigen -Munde, dem er so oft ein willigeres Ohr -geliehen – und sprach jetzt wie von einem plötzlichen -Ingrimm überrascht: »nun so spanne Deine -Tauben vor den Wagen der Liebe, und sorge, daß -ihrer keine der Geier hole.«</p> - -<p>Therese sah ihren Schwager betroffen an. »Bist -Du mir böse, Cölestin?« fragte sie, scheu geworden, -»und dem Rudolph bist Du wohl auch nicht gut?«</p> - -<p>Herr Prälat verneinte mit Hitze jede Animosität -gegen den Nachfolger seines Bruders, und sagte dann: -<a class="pagenum" id="page_229" title="229"> </a> -»wie sollte ich Dir zürnen, Therese? Du bist ein -Weib! –« Er lächelte bitter. Es lag viel herbe -Wirklichkeit in diesem Lächeln, der Zauber jener kleinen -einschmeichelnden Gaukeleien, die das Urtheil eines -Mannes so leicht verblenden, war verschwunden. -– Er nahm einen kühlen Abschied von der künftigen -Frau von Feldmeister; Theresen aber schossen ein paar -warme Thränen in die Augen.</p> - -<p>Die Baroninn Lenau empfand, vermöge der Sympathie -ihres Geschlechts, den Kaltsinn, der ihre Schutzbefohlne -betrübte, und sagte, als diese weinte: »das -ist nun nicht anders, meine Goldtochter! wenn das -Kind todt ist, hat die Gevatterschaft ein Ende.« Theresen -aber fiel der Taufstein auf das Herz. –</p> - -<p>Der Administrator hing, wie wir bereits erwähnt, -seinen stillen Betrachtungen nach. Wie anders erschien -ihm Therese als sonst! Nicht der Bruder ihres -Mannes war in ihm gekränkt, sondern der Mann im -Allgemeinen. Er bedauerte es nun nicht mehr, daß -ein mitleidiger Tod den armen Constanz einer schlimmeren -Verkältung entrissen. Er dachte an die Worte -des Majors. Dabei konnte er nicht umhin, mit inniger -Achtung Fabiens zu gedenken. Er gestand sich, daß der -pflichtgetreue Sinn einer Frau wohl die Gabe aufwöge, -den Augen eines Mannes zu gefallen, und Theresens -Liebreiz sank gegen den charakteristischen Gehalt ihrer -<a class="pagenum" id="page_230" title="230"> </a> -Schwägerinn tief in der Wagschale. – Doch man -vergesse nicht, daß Therese <em class="ge">abwesend</em> war. –</p> - -<p>Wenn nun Fabiens Gatte die Augen auf immer -vor einem Phantom geschlossen, und Theresens Gemahl -einem Schatten nachgejagt, der ihn vor der Zeit -ins Grab stürzte: so mußte die philosophische Selbstfrage -in dem letzten der drei Brüder entstehen: von -welchem Geist und Wesen <em class="ge">sein</em> Streben sey? Er stieg -bis in die Gründe seines Herzens hinab, und was er -da gefunden, wollen wir einstweilen auf sich beruhen -lassen. – Dort lag seine Jugendliebe unter tiefem -Schutt in sich selbst zerfallen; aber der Glaube an -diese göttliche Kraft stand noch fest, und die Freundschaft -unterstützte ihn, wenn gleich als Kummersäule. -Die Nachricht von der Ankunft der Gräfinn hatte -seinen Freund Sylvius außer sich gesetzt, und der -Administrator ihn in dieser äußersten Aufregung verlassen -müssen. Jetzt dachte er bekümmert darüber -nach, was aus diesem ganz einzigen Verhältniß nun -werden solle? – In den zartesten Beziehungen hing -ein Theil seines eigenen Glückes davon ab – und -nicht der kleinste.</p> - -<p>Mit aufgehobenem Gleichgewicht seiner Empfindungen -kam er in Sanct Capella an, und das Erste -was er vernahm, war: daß Graf Frankenstern unterdessen -ein stiller Bewohner des Stifts geworden sey. -<a class="pagenum" id="page_231" title="231"> </a> -Der Verweser desselben erschrak über diesen Verwesenden; -denn daß Gräfinn Albane nun wegziehen -und ihre Tochter mit sich nehmen würde, war die -natürlichste Ideenfolge; aber sie führte ihn traurig -ein. Er trat in das Kloster wie in eine Einöde. -Seine Wohnung däuchte ihm unsäglich weit, und so -war es ihm im Stillen lieb, daß er am Abend seiner -Heimkehr mit Fabia nicht ganz allein wäre. Der -Major und Schwester Veronica kamen, den Wirth -des Hauses willkommen zu heißen. Der Administrator -stattete Bericht ab, jedoch in Kürze, und hier und -da sogar abgerissen. Fragen der Frauen, querfeldeingeschoben, -konnten den Zusammenhang nicht durchaus -ergänzen, wie sehr es auch der apostolischen Fabia -zuwider war, daß ihr Wissen, wie das unser Aller, -nur Stückwerk seyn solle, und wie auch Veronica, -die fromme Tochter der Kirche, ihre Abstammung -nicht verleugnete, und sich diesmal als Evens Tochter -bewies. Wir sprechen die gute Nonne selig, aber von -der Erbsünde einer kleinen Neugier gar nicht frei. –</p> - -<p>Herr Prälat lief flüchtig über die Vorgänge der -Krankheit und über den Hügel hin, darunter sein -Bruder schlief, und hielt sich nur etwas länger bei -dem Glück des jungen Feldmeisters und dem Gute der -Baroninn auf, was auch zu diesem gehörte. Von -Theresen sprach er vermeidlicher Weise so wenig als -<a class="pagenum" id="page_232" title="232"> </a> -möglich. Man nahm das Geschick dieser Beiden als -ein entschieden gepaartes an, und stellte unter mancherlei -Bemerkungen dieser Ehe das Prognosticon.</p> - -<p>Der Major hob an: »der Rudolph hat Glück, -und ich gönne es ihm von Herzen, denn er verdient -es auch. Er ist ein tüchtiger Mensch, ein ehrenwerther -Soldat – doch mag er sich in Acht nehmen, -daß er nicht zu einem verrufenen Regiment komme. -Der Pantoffel ist sein Schicksalszeichen – und die -verfängliche Devise nicht immer von Kraftmehl. Die -Schleifen auf dem Schuh seiner alten Fee waren, wie -mir die Obristinn erzählte, von gesponnenem Glase. -Eine gefährliche Masse, das! man macht auch kleine -Sprühteufelchen davon. Und dabei fällt mir eine -merkwürdige Geschichte ein. Als ich ein Knabe war, -ließ ich einst zur Fastnacht einen Reserve-Pfannkuchen -in die Tasche schlüpfen, worin solch ein gehörntes -Ding stack. Alsbald fuhr der Grünliche durch die geschmorte -Rinde in die schwarze Hölle der gegossenen -Pflaumen hinein, und that wie zu Hause. Ich aber -aß den leidigen Satanas wie zur gesegneten Mahlzeit, -und würde es bis jetzt noch nicht wissen, wenn -mir nicht ein Splitter von diesem heillosen Füllsel die -Zunge geritzt hätte.«</p> - -<p>»Gott behüte und bewahre!« rief die Nonne mit -frommen Schaudern vor solch leiblicher und geistlicher -<a class="pagenum" id="page_233" title="233"> </a> -Gefahr, und die Geberde des Entsetzens wurde in der -Mechanik ihrer Finger zu einem Kreuz, »wie war es -möglich, daß Sie ohne Schaden davon kamen?« Der -Major lachte und sprach: »Was verdaut man nicht -Alles, wenn man jung und gesund ist! – Mein Vater -tobte, daß ich den Teufel im Leibe hätte; und die -Mama kochte ohne Unterlaß Milchbrei, den sie mit -mütterlichen Thränen salzte. – Aber um wieder auf -das Vorige zu kommen: so will ich von Grund der -Seele wünschen, daß die beiden Leutchen sich vertragen, -und einander das Leben nicht versalzen mögen.«</p> - -<p>Fabia lächelte ganz leise. Sie sprach: »Therese -lässet ihre Lindigkeit kund werden Jedermann – und -das Küchenwesen war nie ihre Sache.« Der Administrator -bemerkte still, wie seine schriftkundige -Schwägerinn sich glimpflich auszudrücken wüßte, indem -sie doch verständlich genug andeutete, daß Coquetterie -und Mangel an Häuslichkeit, diese Fehler, -welche sie so oft zum Aerger gereizt hatten, der ehelichen -Glückseligkeit, von der die Rede war, schädlich -werden könnten. Und wie in unbewußter Gewohnheit, -sich Theresens anzunehmen, nahm er das Wort -und sprach: »der Geist einer guten Ehe kann dessenungeachtet -bestehen. Wie manche treffliche Speisemeisterinn -kocht Gift, vergällt ihrem Manne jede -Freude, und brät ihn am langsamen Feuer! –« -<a class="pagenum" id="page_234" title="234"> </a> -»Ach!« entgegnete Veronica, schauernd bei dieser Vorstellung, -mit einem kühlenden Seufzer, »Das kann -ich mir schrecklich denken. Zwar in der Welt, sagt -man – soll es da oder dort so seyn. Die Frauen, -hörte ich, trachten nach eitlen Dingen, sind fremd daheim -und wissen nicht Bescheid, weder im eigenen -Hause noch in der Herzenskammer des Mannes. Sogar -die Kindlein – wenn es nicht etwa böser Leumund -redet – sind ihren Müttern häufig eine Nebensache, -und öfterer lästig als lieb.– Ich bin nur eine -Jungfrau – aber daß mein Geschlecht dahin entartet -wäre, scheint mir kaum möglich. So darf man sich -jedoch nicht wundern, wenn heut zu Tage so viele -Männer die schönste Gelegenheit links liegen lassen, -das göttliche Gestift des Ehestands aufheben und leider -Gottes! ledig bleiben. Wenn unsere Frauen fleißiger -den Himmel bauten: so würde sich seltner ein -Stein des Anstoßes für das Heirathen finden.«</p> - -<p>Der Major ergriff die heilige Hand der Nonne, -und drückte sie etwas derb, wenn auch mit Verehrung, -indem er sprach: »Hoch hinaus wollen sie wohl; aber -es wird ein Thurm zu Babel daraus, eine Sprachverwirrung -ohne Gleichen. Wo eine Frau den Mann -verstände: da wäre die Loosung: Ein Gott! Ein -Herz! Eine Seele! Ein Glück und Ein Grab! – -Dem Himmel sey's geklagt! es lautet anders – und -<a class="pagenum" id="page_235" title="235"> </a> -tiefer besehen, denken sie nur an die Grube. – <em class="ge">Sie</em>, -Schwester Veronica, wollte ich heute noch ehelichen. -Sie würden jeden Mann nicht allein glücklich gemacht -haben, sondern auch <em class="ge">gut</em>.«</p> - -<p>Bei dieser Erklärung in Kürze erröthete Veronica -durch die blasse Tünche des Alters so jungfräulich -schön, als hätte dies rauhe Betasten ihrer zartesten -Gefühle auf der feinen Zeichnung des Gesichts -eine Spätrose abgerieben. Herr Prälat kam ihrer bescheidenen -Antwort zuvor und sprach: »an den Motiven -zur Ehe mag es zumeist liegen, daß so wenige -Segen tragen. Auf welches Fundament werden sie -gegründet? – Ich erinnere mich, daß meine Tante -vermittelst einer Karte, der einzigen französischen -Leichtfertigkeit, die das plattdeutsche Pfarrhaus aufzuweisen -hatte, die innersten Herzensgedanken jedes -Bräutigams in der Gemeine heraus brachte, indem -sie dabei ein Sprüchelchen im Munde führte, wovon -ich nur den Anfang noch weiß: der Eine thuts um -der Ducaten, der Andre um ein schön Gesicht – wobei -der Onkel, wenn er guter Laune war, die Reihenfolge -unterbrach, und mit poetischer Freiheit darauf -reimte: <em class="ge">gerathen</em> – <em class="ge">nicht!</em> – Zwölf Aussprüche enthielt -dies psychologische Orakel. <em class="ge">Zwölf?</em> lieber Gott! -das sind falsche Apostel. Legion heißt ihre Zahl, und -<a class="pagenum" id="page_236" title="236"> </a> -dann wäre der Einzige noch nicht darunter, auf den -sich bauen läßt: <em class="ge">wahre Liebe</em>!«</p> - -<p>»Wahre Liebe!« wiederholte der alte Feldmeister, -und es war, als ob das leise Spottlächeln, welches -ihm auf der bärtigen Lippe schwebte, jenes Wort mit -der Andacht des Gefühls ausgesprochen – hohnneckte. -»Es ist damit,« fuhr er fort, »wie mit dem alleinseligmachenden -Glauben: wie Viele bekennen sich -bloß äußerlich dazu, ohne diese göttliche Mutter des -Heils im Geist und in der Wahrheit zu verehren. -Die Mehrzahl der Männer besteht aus heimlichen -Mohamedanern – getaufte Weiber in Massen sind -dem heidnischen Götzendienste zugethan; in der Ehe -aber herrscht das Judenthum vor, und der Erlöser -wird da tagtäglich gekreuziget, so daß ihm die Lust -zur Auferstehung wohl vergehen mögte.«</p> - -<p>»Wer Sie so hörte, Herr Major,« entgegnete hierauf -die Nonne, welcher es leise beängstigte, so oft ein -religiöses Bild, behuf der Rede gebraucht ward, »der -sollte glauben, Sie sprächen aus Erfahrung. Und -doch weiß ich von guter Hand, welch ein friedliches -Stillleben Sie mit Ihrer lieben seligen Frau geführt -haben, wie man diese allgemein als eine ganz vortreffliche -Dame gerühmt – der Meriten ihres Ehemannes -zu geschweigen.«</p> - -<p>Dieser verbindliche Ausfall auf den seinigen, womit -<a class="pagenum" id="page_237" title="237"> </a> -Veronica weiblichen Sinnes sich erwiedernd zeigte, -schien von niederschlagender Wirkung auf den Major -zu seyn. Die Menschen an ihre Verdienste wie an -ihre Verluste zu erinnern, erreicht fast immer den -Zweck, sie aus den Vortheil des Angriffs in jene leidsame -Stellung zu versetzen, die der Geschmeichelte wie -der Gerührte unwillkürlich annimmt. – Die buschigen -Braunen des Majors zogen sich zusammen, und -seine Augen wurden feucht; das sanfte Bild seliger -Tage schwamm in seinem Blick. Mit schwankender -Stimme antwortete er: »meinen Sie, Schwester Veronica, -daß, wenn jene Erfahrung meine eigene wäre, -ich sie ausgesprochen haben würde? – Meine Frau -war gut und brav, und als sie todt war, da merkte -ich erst, wie sehr sie es gewesen. – Doch deßhalb -widerrufe ich kein Jota von dem Obigen. Gott besser's! -es ist an der Zeit.«</p> - -<p>Es war auch an der Zeit, dies Gespräch zu enden. -Fabia, verstimmt durch die Vertheidigung des Schwagers, -die er der abwesenden Therese nicht minder als -der gegenwärtigen angedeihen ließ, hatte kein Wort -mehr gesagt. Ihr däuchte, sie hätte die Kosten dazu -getragen. Sein Urtheil schien ihr eine Geringschätzung -derjenigen Verdienstlichkeiten zu enthalten, in denen -sie sich auszeichnete. Sie wünschte, er mögte einmal -zu der Einsicht gelangen, wie hoch eine gute Wirthinn -<a class="pagenum" id="page_238" title="238"> </a> -zu halten sey. Sollte dies jedoch geschehen: so mußte -er die treue Fabia vermissen. Und indem der Major -davon sprach, daß er die abgeschiedene Gattinn erst -vollkommen gewürdiget, regte dies den Gedanken in -ihr an, zu scheiden. Sie legte in gekränktem Geiste -das Amt der Schlüssel nieder, und ahnete nicht, daß -diese Handlung in der Idee der Wirklichkeit nur um -einen leisen Schritt vorauseilte.</p> - -<hr /> - -<p>Noch immer hatte Gräfinn Albane sich entschieden -geweigert, ihren Gemahl zu sprechen, weil sie sich die -Kraft dazu nicht zutraute. Sylvius, der das Heil -seiner Beruhigung daran zu knüpfen schien, daß seine -Frau ihm angehöre, ließ nicht ab mit Dringen, und -setzte alle Hülfsmittel in Bewegung. Fabiens Zureden -schürte den Funken, der in der Asche glomm, worin -Albane büßte – und Josephinens rührende Fürsprache -gewann endlich ihrem Vater die heißersehnte -Gunst. Der Tod des Vaters hatte seine Tochter dergestalt -erschüttert, daß sie glauben mogte, die heftige -Bewegung, in welche die Zusammenkunft mit ihrem -Gemahl sie versetzen mußte, werde drein gehen. Und -so war der Entschluß dazu gleichsam ein Abschluß aller -bisherigen Verhältnisse, und sogar erforderlich, um -Josephinens willen.</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_239" title="239"> </a> -In der Stunde, worin die Gräfinn ihren Gemahl -in Bühle erwartete, saß sie am offnen Fenster und -allein, von jener säuselnden und summenden Frühlingsstille -träumerisch umwebt, welche aus dem Schlaf -des Herzens, aus seinem innersten Düster herauf, Gefühle -der Vergangenheit beschwört. Als sie den Hufschlag -seines Pferdes vernahm, stand der Schlag in -ihrem Busen stille, und nicht dies Herz selbst, nur -ein Seufzer flog ihm entgegen. Jetzt hörte sie seinen -Schritt auf der Treppe – sein Näherkommen – -Zeit und Erfahrung hatten mächtige Fortschritte gemacht, -seit sie den Besuch ihres Gemahls zum letztenmale -in Bonna empfangen: dennoch drang dieser vertraute -Hall wie einst an ihre Seele, und keine Empfindung, -über welche er sonst Macht geübt, konnte -ihm entweichen. Er trat langsam ein, Albane zitterte -heftig, unvermögend sich aufrecht zu erhalten. Sylvius -blieb wie gefesselt und gebannt an der Thüre -stehen, und warf einen unaussprechlichen Blick nach -der geliebten Gestalt, welche sein gewesen war – -und eine weite wüste Welt lag zwischen ihnen. -»Albane!« sagte er leise, und ein paar große Thränen -rollten über seine Wangen, »bin ich Dir gar -nichts mehr? –« O! welch ein Zauber liegt in der -Stimme eines Menschen, der uns theuer ist oder -war! – Solch eine Stimme enthält den Schlüssel -<a class="pagenum" id="page_240" title="240"> </a> -zu jedem Geheimniß der Harmonie, und kann, ob sie -durch tausend Mißverhältnisse hindurch klänge, nie zu -einem Mißlaut für die Seele werden, darin einmal -ihr Echo wohnte. Sylvius hatte seinen Jahren voraus -gealtert, und Der, den die Morgenröthe der Jugend -einst zu den Göttern erhoben, zeigte sich gebeugt -von menschlicher Schwachheit; aber die Stimme war -ihm geblieben, mit der er die Geliebte einst bewegt, -daß ihr unsterblicher Antheil der seine würde. –</p> - -<p>Die Gräfinn wendete sich nach ihm um, mit einem -Lächeln der Verzeihung, der Abgeschiedenheit – -wenn wir so sagen dürfen; es war das geistigselige -Lächeln eines Schattens, was auf ihren Lippen -schwebte, die so wenig eines Lautes mächtig schienen, -wie ein körperloses Wesen der Rede fähig seyn mag. -Endlich entrang sie ihnen die Kraft dazu, und sprach -mit bebendem Munde: »vielleicht, Sylvius, wäre es -besser gewesen, wir hätten die <em class="ge">begrabene Liebe</em> -früherer Jahre ruhen lassen –; aber, da es einmal -Dein Wunsch war, da Du meinst, es werde zu Deinem -Frieden gereichen, daß Du mich sähest, so komm -doch näher und laß uns freundlich zusammen -sprechen!«</p> - -<p>Diese Antwort zerriß Romanas männliche Seele. -Was ist das <em class="ge">Zürnen</em> der Liebe gegen die stille -Freundlichkeit der erkalteten! – Wir bemerken dabei, -<a class="pagenum" id="page_241" title="241"> </a> -wie es Albanen selbst in dieser Minute nicht möglich -war, ihr Geschlecht zu verleugnen, und in den ersten -Worten, die sie zu ihrem Manne sprach, seit sie ihn -in den Armen einer Andern gesehen, etwas Anderes -zu fassen, als jene Erinnerung.</p> - -<p>Sylvius verstand seine beleidigte Gattinn augenblicklich. -Daß Albane jedoch ihrer Weiblichkeit ein -Genüge leistete, ermannte ihn. Gefaßt entgegnete er -nun: »ja, theure Albane! es ist die Bedingniß meines -Fortlebens, und der Ruhe, welcher ich noch irgend -theilhaft werden kann, daß ich Dir sage, auf -welche Weise Du Zeuginn jener unseligen Scene geworden -bist, in der Du mich betroffen. Du wirst -mich dann vielleicht weniger schuldig finden, als Du -wähntest, und mindestens – wie Dein Gefühl auch -entscheide – mich bedauern müssen. Höre mich gutwillig -an!« Hierauf erzählte Sylvius de Romana -seine Geschichte mit Tony von Schütz, einfach und -wahr. Er verschmähete, nach edelsinniger Art, Alles -und Jedes, was jenem Verhältniß zur Beschönigung -dienen können. – Diese Mittheilung hatte nicht den -Stoff, aber seine Kraft, ihn zu bewältigen, erschöpft; -und so eilte er zum Schluß und sprach: »Du weißt -nun Alles – und doch auch <em class="ge">Nichts</em>: denn ich kann -Dir nur die <em class="ge">äußern</em> Beziehungen nachweisen, die -mich in jenes Netz verlockten. Gott aber, der es einst -<a class="pagenum" id="page_242" title="242"> </a> -auflösen wird vor Deinem Blick, sieht ins Innerste, -und weiß, daß ich Dich, das Weib meines Herzens! -nur allein geliebt, und ewig lieben werde. Wäre es -Dir nicht möglich, einen flüchtigen Augenblick zu vergessen, -in welchem Du an mir zweifeltest? – Dein -Vater ist nun todt. Was hindert Dich noch, für den -Rest unseres Daseyns mein zu seyn, zu der öffentlichen -Rechtfertigung unseres geheimen Bündnisses, -und – lass' mich es hinzufügen: zu dem Glück unseres -Kindes? –«</p> - -<p>Die Gräfinn athmete tief. Sie schüttelte leise den -Kopf, lächelte weinend und verneinend und sprach: -»der Himmel sey mein Zeuge! ich zürne Dir nicht. -Auch müßte ich mich zuvor selbst anklagen, denn mein -Wegbleiben gab Dich ja frei. Doch jedes Zurückgehen -ist unmöglich, des griechischen Sängers Gattinn -verschwand vor einem Rückblicke. Ein erstorbenes Gefühl -läßt sich nicht wecken – und jenes, mit welchem -ich mich die Deinige wußte – ist todt. Aber Deine -Freundinn bin ich noch – Deine beste Freundinn! -ja, Sylvius, die will ich immer bleiben. Mache kein -so unglückliches Gesicht, Lieber! frage Dich selbst, ob -wir verdient haben, mit einander glücklich zu seyn? – -Die Ehe ist ein Verhältniß der Heiligkeit, nicht aber -der Heimlichkeit, und Gott ist gerecht. Nach seinem -unerforschlichen Gesetz und Willen müssen Diejenigen -<a class="pagenum" id="page_243" title="243"> </a> -ein Glück verschmähen, welche es sich anzueignen wagten, -ohne höhere Befugniß, als die der Leidenschaft. – -Wir versöhnen den Himmel durch ein freiwilliges -Opfer. So werden unsere Väter uns von dorther -segnen; hier glaubten wir dieser Weihung entbehren -zu können, als das Band der Stola uns zusammenfügte. -Ich werde nach Bonna ziehen, Sylvius! in -jenes Haus, worin Du gelebt hast, und mich geliebt -– mich allein. Still, mein Freund! ich glaube -Dir. – Der Majoratserbe überläßt mir das kleine -Witthum, und diese Angelegenheit ist längst berichtiget. -Gönne es mir auch, in Frieden einsam zu seyn, -und die stille Freude <em class="ge">meiner</em> Liebe. – Ich werde -in Deinem Cabinet schlafen, an derselben Stelle, wo -Dein Bett gestanden, und die alte Einrichtung wie -zu den Zeiten Deines Vaters herzustellen suchen. So -werde ich Deine Hausfrau seyn, ohne Gemahl – wie -ich Deine Gattinn war, ohne Dein Haus zu kennen. -Ein Theil jener früheren süßen Täuschungen wird -mir wiederkehren, der Traum Deiner Nähe wird mich -begleiten und beglücken, und so werden meine Tage -gleichmäßig hinrinnen, wie das Bächlein unter dem -Kreuze, welches dort die Wache hält.«</p> - -<p>»Albane!« rief Sylvius mit heftigem, mit heißem -Schmerz, »Du reißest mir mein Herz entzwei, und -ich weiß nicht, ob gütiger als grausam? Vermag -<a class="pagenum" id="page_244" title="244"> </a> -nichts, Dich zu bewegen, daß Du anderes Sinnes -würdest?«</p> - -<p>»Du solltest dies nicht einmal wünschen, viel weniger -fragen –« antwortete die Gräfinn bedeutsam. -»Sieh es doch ein, mein Sylvius, es geschieht zu Deinem -Besten, daß ich mich Deinem Wunsche weigere. -Willigte ich in Dein Begehr, es thäte nimmer gut. -Nur auf <em class="ge">jene</em> Weise können wir vereint seyn – -sonst nicht. Sänke ich in Deinen Arm: ein Gespenst, -Dir innig angeschmiegt, scheuchte mich zurück, und -so oft ich die Ebereschen Früchte tragen sehe, würde -mein Herz bluten.« – Und Wer mögte sie zählen, -die Tropfen Herzblut, welche bei dieser Erinnerung -der tiefen Wunde entträufelten, die Albane geschlossen -wähnte? – Doch nur ihre abgehärmte Wange war -geröthet, und hellblinkende Tropfen standen in ihren -Augen. Sylvius empfand, obwohl durch die Verhärtung -des Vorwurfs, etwas vom Zartgefühl dieses -Wehes, und wie jene Stunde nimmer ausgelöscht -werden könne. – Und während eine unsichtbare Feder -in der Canzlei seiner Gedanken diesen Ausspruch -unterzeichnete, strebte er mit überredenden Worten -noch dagegen an. Er erinnerte seine Frau an Josephine, -und wie das Verhältniß des Mädchens sich -bei dem Zwiespalt der Eltern nun gestalten solle? –</p> - -<p>»Sieh!« antwortete die Gräfinn mit nachsinnender -<a class="pagenum" id="page_245" title="245"> </a> -Miene, »auch die Mutter muß büßen, was sie gegen -ihre Pflicht als Tochter gefehlt. Es ist als ob das -liebe Kind mir nicht angehörte. Nur was man selbst -gebildet hat, daran glaubt man ein Recht zu haben. -– Josephine scheint sich im Stift sehr glücklich zu -fühlen, so könnte sie zunächst unter Deiner Aufsicht -dort bleiben. Noch bin ich durch die verhängnißvolle -letztere Zeit zu befangen, als daß ich sogleich das -Beste ausfinden könnte; aber Gott wird Alles zum -Guten leiten! –«</p> - -<p>»Wenn Du auf diese Weise am Ende bist –« -entgegnete Sylvius, »so dürfte meines Bleibens in -Sanct Capella nicht mehr lange seyn, und ich ziehe -noch einmal von hinnen. Ruhe zu erwerben, hoffe -ich nicht; aber vielleicht eine Ruhestätte. Du erwartest -vom Zufall, er solle sich Josephinens annehmen, -da Du selbst das natürlichste Glück abweisest?« – -Die Gräfinn schwieg, und antwortete nur mit einem -schmerzlichen Lächeln. Dann sagte sie: »ich liebe Josephinens -Glück mehr als das meine – <em class="ge">darin</em> fühle -ich mich wenigstens als Mutter.«</p> - -<p>Ohne daß Beide es merkten, verlängerte sich dies -Gespräch bis in den dämmernden Abend hinein. Jetzt -stand Sylvius auf. Es war Albanen, als sollte sie -ihn halten, so hatten sich während ihres trauten Zusammenseyns -abgerissene Fäden aus dem Gewebe ehemaliger -<a class="pagenum" id="page_246" title="246"> </a> -Beziehungen leise wieder angeknüpft: denn -der Geist der Liebe – auch einer abgeschiedenen – -webt geschäftig.</p> - -<p>»Es wird mir nicht leicht, zu scheiden –« sagte -Romana mit einem Ton, der diese Versicherung beglaubigte, -»meine Füße sind wie Blei, und versagen -mir ihren Dienst – und das Herz ist mir noch schwerer. -Darf ich Dich wiedersehen, Albane?« Er sah -sie dunklen Blickes an.</p> - -<p>Das Auge der Gräfinn glänzte, ein Sonnenschein -verschwundener Tage war darin; ein Strahl von -Freude drang tief in Sylvius Herz. Sie antwortete: -»wenn es Dich trösten mag –: so sollst Du mir -willkommen seyn.« Darauf faßte er ihre zarte Hand, -woran kein Trauring blinkte – er ergriff sein einstmaliges -Eigenthum so furchtsam, wenn auch innig, -wie man die letzte Hoffnung zu fassen wagt, und -fühlte einen leisen Druck der seinigen. Dieser elastische -Druck hob mit überirdischer Federkraft den Stein -von seinem Herzen, von der Thür der begrabenen -Liebe – und ein Engel des Trostes, mit Flügeln, -sich zum Himmel seiner Heimath aufzuschwingen, -ging daraus hervor.</p> - -<hr /> - -<p><a class="pagenum" id="page_247" title="247"> </a> -Der Administrator stand in vollem Anzuge vor -dem Spiegel. Er wollte nach Bühle hinüber fahren, -und der Gräfinn seine Aufwartung machen, deren -Schicksal mit dem der Seinen in wundersamer -Verbindung zu stehen schien. Vielleicht hätte das -Interesse für diese Bekanntschaft ihm dennoch Zeit -gegönnt; aber das Verlangen drängte ihn, Josephine -wieder zu sehen. Das Zimmer war voll Sonnenglanz -– Herr Prälat aber blickte auf keine Weise -verblendet, die schöne männliche Gestalt musternd an, -welche auch ein mäßiger Grad von Selbstgefälligkeit -tadellos gefunden haben würde. Er schaute vielmehr -über aller Welt Eitelkeit hinaus, sich selbst so forschend -ins Auge, als sollte ihm in diesem Spiegel -der Seele die Wahrheit eine Gestalt gewinnen – -und seine Finger knitterten noch an den Fältchen der -feinen Halsbinde, während er gleichgültig dazu aussah, -und gleichsam unbewußt der verbessernden Mühe, -die er sich gab, nur an die Falten seines Herzens -dachte. Er stand so ernst dabei wie auf dem Katheder. -– Doch plötzlich schien unser Professor der -Psychologie sein Studium zu wechseln, daran zu erkennen, -daß er die Farbe wechselte, und daß ein so -entzücktes Lächeln in seinem Gesicht aufging, als ob -er einen Stern aufgehen sähe. Und wirklich war -dem so. Die Thüre ging auf, und im Hintergrunde -<a class="pagenum" id="page_248" title="248"> </a> -des Spiegels – als hätte, Der hinein sah, eben eine -Frage an den Himmel gerichtet – erschien ein zauberhaftes -Bild. Vor diesem Glanz jugendlicher Schönheit, -erhöht durch einen Schimmer überirdischer Freude, -den die Trauer nur wie ein Wölkchen umdüsterte – -verschwand Alles.</p> - -<p>»Josephine! mein einzig Mädchen!« rief der Administrator -mit dem hellen Laut wonniger Ueberraschung, -»wo kommst Du her? eben wollte ich nach -Bühle.«</p> - -<p>Sie lag in seinen umschlingenden Armen, ihr -Herz schlug an dem seinen – und onkelhaft dreist -küßte er die süßen Lippen. – Dieser Kuß – die -glückselige Innigkeit dieses Moments, beraubte das -Mädchen der Sprache. »Ach! könnte ich Dir doch -nur meine Freude aussagen, daß ich wieder hier bin!« -sagte sie mit einer Stimme, die diesem Wunsche entsprach, -»Seit ich wußte, daß Du da bist, Onkelchen, -hatte ich keine Ruhe mehr. Ich quälte die Mutter -– sie sagte, es schicke sich nicht. Dies Wort -wollte mir nicht zu Sinne. Ich bin ja das Kind -des Hauses – sagte ich – da mußte sie endlich -meinen Bitten nachgeben.«</p> - -<p>Herr Prälat lächelte begeistert. »Du Herzenskind!« -sagte er gerührt. »Also hält die Gräfinn -doch so viel auf Anstand?« Man glaube nicht, daß -<a class="pagenum" id="page_249" title="249"> </a> -in dieser Frage der mindeste Vorwurf für die arme -Albane lag. Nein! nur eine leise Verwunderung, -daß bei dem einsamsten Unglück noch dieser Sinn -für das Schickliche gefunden würde.</p> - -<p>»Nun, so ist es mir lieb,« setzte er schnell hinzu, -»daß ich nicht zögern wollen, mich ihr vorzustellen. -Du siehst, ich bin darnach angethan – nur mit der -Halsbinde konnte ich wie gewöhnlich nicht zurecht -kommen.«</p> - -<p>»Das sehe ich!« sagte Josephine lachend, und -schickte sich an, nachzuhelfen. »Es ist nicht allzuschön -gerathen. Dieser Zipfel hier, nimm es mir -nicht übel! sieht so pedantisch aus, wie die Schlafmütze -des ehrwürdigen Ludimagister in Leidthal. – -Ist es denn so schwer, solch ein Knötchen zu knüpfen?«</p> - -<p>Aurorens Rosenfinger verbreiteten keine lieblichere -Helle, als das Licht, welches dem Administrator während -dieser verfänglichen Minute aufging. Sie standen -wie ein trautes Ehepaar. Er hatte seine Hände -an Josephinens schlanken Leib gelegt, die schwarzen -Bänder ihres Hutes bewegten sich unter <em class="ge">seinen</em> -tiefen Odemzügen – <em class="ge">ihr</em> Athem spielte fühlbar wie -ein laues Lüftchen, und immer wärmer wurde ihm -ums Herz. Er ließ sie zierlich gewähren, und verhielt -sich schweigsam und lauschend.</p> - -<p>Die magische Schleife war nun geschürzt – legen -<a class="pagenum" id="page_250" title="250"> </a> -die Grazien jemals eine Cravatten-Fabrik an: so -wird man das Modell dazu finden. –</p> - -<p>»Auf <em class="ge">bindende</em> Künste –« äußerte Herr Prälat -etwas gepreßt, »versteht Dein Geschlecht sich schon -am Besten. Josephine!« er hob das Mädchen zu -sich empor, »überhebe mich künftig dieser Mühe – -heirathe mich, liebe, theure Seele! –«</p> - -<p>»Onkel!« rief Josephine, und machte sich von ihm -los. Ihre jungfräuliche Wange glühte zwischen -Schaam und Zürnen. Sie hielt diese Sprache für -einen Scherz.</p> - -<p>»Ich bin Dein Onkel nicht!« entgegnete Jener -heftig, »diesen Titular-Verwandten hat Dir Fabia -aufgedrungen, um den Unterschied unserer Jahre durch -gehörigen Respekt hervorzuheben. Aber Dein Mann -kann ich werden, wenn ich Dir anstehe, Du mein -Liebstes! – Ich dachte immer, Du wärst mir -gut – so könnten wir zusammen bleiben, lebenslang -– und Alles bliebe beim Alten.«</p> - -<p>Da lag das Mädchen an seiner Brust und stammelte: -»wenn es wahr wäre – o Gott im Himmel!«</p> - -<p>»Es ist wahr!« wiederholte der Administrator im -gefühltesten Entzücken dieser Versicherung, und drückte -das holde hingebende Wesen innigst an sich, »ich liebe -Dich redlich, Josephine! und will Dein bester Freund -auf Erden seyn. Doch frage Dein Herz! ich möchte -<a class="pagenum" id="page_251" title="251"> </a> -es nicht räuberisch an mich reißen, aus freier Wahl -sollst Du es mir schenken – oder versagen. Wer -weiß, ob ich Dir nicht zu ernst bin, zu kränklich – -oder was Du sonst an mir etwa auszusetzen hättest. -Mir hast Du nur Einen Fehler, meine süße Kleine! – -Du bist noch sehr jung – aber ich finde Dich gewachsen. –« -Er lächelte wie ein Liebender, indem -er den schlanken Wuchs des Mädchens mit einem langen -Blicke maß – »nicht nur wirklich ein Stückchen, -seit ich Dich nicht gesehen, sondern überhaupt allen -Forderungen und Wünschen an meine künftige Frau -völlig gewachsen.«</p> - -<p>In reizender Verwirrung antwortete Josephine: -»es mag vielleicht geziemend seyn, daß ein Mädchen -an sich hält: ich gebe Dir mein Ja ohne Weiteres. -Wen könnte ich lieber haben? – Alle meine Wünsche -sind erfüllt. In diesem Augenblicke weiß ich es erst -ganz, wie unglücklich ich geworden wäre, wenn ich -Dich und dieses geliebte Haus auf immer verlassen -müssen! Jetzt bin ich Dein! –« Sie warf sich -mit dem Ausdruck der liebevollsten Hingebung in -seine Arme. – Er umpfing sie jauchzend, und der -Spiegel verdoppelte ein Bündniß, magisch geschlungen, -in dem einfachen Glück der Herzenseinigung, dem einzigen, -was es auf Erden wie im Himmel giebt. –</p> - -<p>Beide hatten in diesen seligen Minuten weder an -<a class="pagenum" id="page_252" title="252"> </a> -die Gräfinn, noch an Fabia, oder Sylvius gedacht, -die doch auch ein Wörtchen dazu sagen könnten. Es -giebt einen Instinkt der Ahnung für unser Geschlecht, -welcher uns einem unwillkommnen Vertrauen entrinnen -läßt, wenn es unser Herz etwa wie ein Pfeil -treffen könnte. – Auch Frau Fabia entrann auf -leiser aber sicherer Spur Dem, was ihr Schwager -ihr zu sagen hatte. Josephine flüchtete mit ihrem -Glück in das Betstübchen der Nonne, und legte das -Bekenntniß desselben auf diesem jungfräulichen Hausaltare -nieder. – Sylvius war nicht daheim. Zeitiger, -als es nöthig gewesen, brach Josephine auf, und -der Administrator begleitete sie. »Hätte ich doch -nicht geglaubt,« sagte das Mädchen mit jener Traulichkeit, -in welcher auch die schüchternste Verlobte sich -dem ausschließendsten Vertrauen annähert, woran der -Geliebte ein Recht hat, »daß ich einmal Gott danken -würde, von Sanct Capella weg zu kommen, und -heute ist mir so. Ich konnte kein Auge aufschlagen – -Fabia hat mir die heimliche Braut ansehen müssen. -Lieber! versäume doch ja nicht, sobald als möglich mit -ihr zu sprechen. Ich thue es bei der Mutter, und -davor bangt mir weniger.«</p> - -<p>»Meinst Du,« fragte Herr Prälat, »der bürgerliche -Eidam werde der Gräfinn genehm seyn? – wenn -diese Hoffnung nur nicht allzukindlich ist, Josephine! –«</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_253" title="253"> </a> -Das Mädchen kopfschüttelte zu diesem Zweifel und -sprach: »Du kennst die Mutter nicht, mein -Freund! – Sie ist so gänzlich ohne Anspruch und -Eigensucht – Fabia hingegen –« Josephine flüsterte -diese Worte, »neigt ein wenig zur <em class="ge">Eifersucht</em>, -und es ist eine ganz andere Zuversicht, die ich zu Jener -habe als zu dieser. Ewig werde ich Fabien dankbar -seyn: denn sie hat mich treu erzogen, und ohne -sie wäre ich nimmer nach Sanct Capella gekommen; -aber das Blut aus meinen Adern wollte ich verströmen, -daß ich die theure Albane nur einmal lächeln -sähe.«</p> - -<p>Der Administrator entdeckte noch an demselben -Abend auf einem einsamen Spaziergange dem Freunde -sein Herz. Sylvius nannte sich seinen größten Schuldner, -und gab ihm damit das gelegene Wort zur -Hand.</p> - -<p>»Wir könnten sehr bald mehr als quitt werden –« -gab ihm jener zur Antwort, »Du nahmst -mir einmal die Braut – gieb mir Deine Tochter -zur Frau: so bin ich nicht mehr Dein Gläubiger, -sondern schulde Dir zwiefach.«</p> - -<p>»Wenn dies Dein Ernst ist –« entgegnete -Herr de Romana, »so nimmst Du einen Kummer -von meinem Herzen, und Niemand kann bei diesem -Interesse des Deinigen froher betheiliget seyn, als ich. -<a class="pagenum" id="page_254" title="254"> </a> -Es ist mir eine Sorge gewesen, das Mädchen werde -die Jugend hinkümmern, bei der traurigen Mutter, -und mit all seiner Liebenswürdigkeit der Bestimmung -des Geschlechts verloren gehen. Was wird aber Albane -dazu sagen? und bist Du Josephinens Neigung -auch gewiß?«</p> - -<p>»Ich denke doch!« antwortete der Bräutigam lächelnd, -»so gewiß man irgend einer weiblichen Neigung -seyn kann. –« Ein leiser Seufzer verwebte -sich dieser bedingten Voraussetzung.</p> - -<p>»Auch hoffe ich,« setzte er hinzu, »das Kloster -werde mich schützen, das Invalidencorps – und endlich -die fromme Veronica. Wisse! ein Engel der -Treue wohnt in der Nonne, und wird, wenn diese -seine kleine Herberge einst zusammenbricht, den Ort -nicht verlassen, den er so lange heimlich gesegnet. – -Sieh, Freund! ich habe Zeit gehabt, reiflich darüber -nachzudenken, welche Eigenschaften der Frau einen -Mann vor allen glücklich machen können, und da ist -denn bei meinem Denken und Sinnen nur jener -Satz heraus gekommen, den ich mir gemerkt: daß sich -auf der Erde in jedem Beisammenleben der Kopf -erschöpft, Witz und Phantasie und Verstand, nur aber -nie ein gutes Herz, das eine ewige Quelle ist.«</p> - -<p>Romana schwieg, und sein Freund fuhr nach einer -<a class="pagenum" id="page_255" title="255"> </a> -Weile fort: »aus welchen wunderbaren Stoffen besteht -eine einzige Mischung, die wir Liebe nennen! -glaubst Du wohl, Sylvius, daß jene sympathetische -Regungen der Freundschaft für Dich, nur zarter – -mich zuerst an das Mädchen knüpften? die magnetische -Kette der Gefühle, wie weit auch angelegt, läßt -uns empfinden, wo unser Herz stark berührt war. -Was mich ferner mit zärtlicher Innigkeit für das -Mädchen erfüllt, ist nicht die holde Bildung allein, -sondern auch der Einfluß ihrer Bildnerinnen. Darunter -dürfte Fabiens der bedeutendste gewesen seyn, -und Fabia ist mir doch sehr achtungswerth.«</p> - -<p>»Und das mit Recht –« erwiederte Sylvius. -»Sie gehört meines Erachtens zu den unerkannten -Größen. Ihr Charakter, nur etwas zu schroff für -eine Frau, ist ein Fels für das Vertrauen. Ich -schätze Fabia sehr hoch.«</p> - -<p>Der folgende Morgen war schon weit vorgerückt, -ohne daß Herr Prälat einen Augenblick finden können, -in welchem seine Schwägerinn zu sprechen wäre. Frau -Fabia schien von kleinen geschäftigen Sorgen umringt, -so daß sein Vertrauen nicht Raum gewann; eine finstere -Zerstreuung in ihrer Miene ließ ihn den heitern -Muth nicht sammeln, mit ihr über eine Sache zu -reden, die ihm mehr am Herzen lag, als was zu -<a class="pagenum" id="page_256" title="256"> </a> -Nutz und Frommen seiner Häuslichkeit geschehen -mögte. Ihr Blick sogar war vermeidend – und wich -ihm aus. Endlich haschte er den günstigen Moment -und sprach: »gönne mir ein paar Minuten, Fabia! -ich habe Dir etwas Dringendes zu sagen.«</p> - -<p>Fabia machte ihre Hand, welche er sanft gefaßt -hatte, leise los, setzte sich nieder, jedoch mit jener -Art, die es deutlich macht, daß man sich nur auf -flüchtiges Verweilen einlassen könne und wolle, und -sagte: »nun, so lasse doch hören, wie <em class="ge">dringend</em> das -sey, was ich vernehmen soll.«</p> - -<p>Der Administrator war um seine Fassung zu dem -Vortrage, er wußte nicht wie? – Er antwortete mit -merklicher Verlegenheit: »Deine Stimmung Fabia, -ist meinem Wunsch nicht freundlich, und wirkt auf -mich zurück. Ich wollte Dir eben eröffnen, daß ich – -daß Josephine –« Fabia lächelte, ihre Gesichtsfarbe -war blässer als gewöhnlich. Sie sprach: »das käme -zu spät, Freund – die Gräfinn hat mir diesen Morgen -geschrieben, daß Du ihrer Tochter den Antrag -zur Heirath gemacht. Sie giebt Dir ihre Einwilligung; -ich aber habe nichts zu geben, als den Wunsch, -daß der Herr Alles wohl gelingen lasse!« Und während -Fabia diese Worte sagte, zerrann ihre Stimme -und das Lächeln ihres Mundes in Wehmuth, in -<em class="ge">Wermuth</em> – und ihr Schwager, erstaunt über die -<a class="pagenum" id="page_257" title="257"> </a> -Taubenpost der weiblichen Mittheilung, fühlte ein -heißes bitteres Aufwallen in seinem Herzen, über das -er nicht ganz klar werden konnte. Er nahm noch -einmal ihre Hand in die seinige und sagte mit ergreifenderem -Ton: »Fabia, es scheint, Du zürnest mir. -Glaube nicht, daß ich Dir zurückhaltend eine Absicht -verschwiegen – ich bin mir keiner bewußt gewesen. -Der Gedanke war nur ein Blitz, in welchem mir -einleuchtete, Josephine werde als mein Weib mich -glücklich machen. Und wenn diese Hoffnung wirklich -wird, Wem werde ich es verdanken als Dir? Du -hast das Mädchen erzogen. Dein frommer, fester -Geist wird fortwirken zu meinem Glück. Ich denke, -wir wollen freundlich zusammen leben – nicht? –«</p> - -<p>Fabia sah ihn verdunkelten Auges an. »Nein, -Bruder!« antwortete sie mit jener Besänftigung und -Ruhe, die nur der Selbstgewißheit angehört: »das -würde nimmer gut thun. Das taugt nichts – würde -der Major sagen –« Fabia lächelte bei diesen Worten -noch einmal, und zwar sehr schmerzlich. »Darum -entlasse mich, Lieber! ich lasse Dir dafür meinen besten -Segen. – Jenes Geheimniß, was mich unter -Deinen Schutz stellte, ist gelös't – Was sollte Dich -hinfort noch an mich binden? – Dein Herz hat an -Einer Pflicht genug, und diese umfaßt der Trauring. -Ich werde mit der Gräfinn ziehen. Die arme Albane -<a class="pagenum" id="page_258" title="258"> </a> -wäre ja sonst ganz verlassen, und es ist billig, daß -ein treues Gemüth ihr vergelte, was sie an dem Vater -gethan. Der Herr hat den Willen dazu mir in -den Sinn gegeben.«</p> - -<p>Der Administrator stand stumm und sah zu -Boden.</p> - -<p>Fabia fuhr nach einer kleinen Pause mit steigender -Bewegung fort: »wir wollen nach Bonna. Dort -hat die Gräfinn einen Wittwensitz, den sie schwerlich -tauschen mögte um einen Thron, das Vaterhaus ihres -Gemahls, Heiland genannt. Dort ist mein Platz. -<em class="ge">Hier</em> würde ich überflüssig seyn, das macht alt vor -der Zeit. Die Heimath aber giebt auch in späten -Tagen einen Theil der Jugend zurück. Ich werde -die Wohnung meiner guten Eltern wiedersehen, und -jener harmlosen Zeit gedenken, wo ich darin glücklich -war. Ich werde in der Nähe ihrer Gräber leben – -und den Garten des südlichen Daches pflegen, den -der selige Oberförster Romana angelegt – die Sonne -mag jetzt wohl eine Wüste darauf bescheinen. – Ich -bin alsdann – Du weißt es – an geeigneter Stelle, -und gleichsam wie auf meines Zions Zinnen.«</p> - -<p>»Fabia!« antwortete ihr Schwager von einer -seltsamen Rührung bewältiget, »besinne Dich anders -– bleibe bei mir! es wird sich für die Gräfinn ein -Ausweg treffen lassen. Du bist mir nothwendig geworden, -<a class="pagenum" id="page_259" title="259"> </a> -Du gehörst zu meinem Glück. Auch ist Josephine -noch so jung und unerfahren, als daß sie Deines -Rathes nicht wohl entbehren könnte.«</p> - -<p>»Sie hat <em class="ge">Dich</em>!« entgegnete Fabia mit einem -Nachdruck, der alles Weitere behob, »und also den -Rath und den Helfer dazu. Und was wirthschaftliche -Leistungen anbelangt, darauf legst Du ja so wenig.«</p> - -<p>Auch Fabia, meine Leserinnen, war eine <em class="ge">Frau</em>, -und nur ein weiblicher Engel würde es verschmäht -haben, ein verkanntes Verdienst geltend zu machen. -Es ist eine göttliche Sphäre, allwo der Ruhm verschwindet, -den wir vor den Menschen haben und vor -uns selbst. Wir aber leben auf der mängelvollen -Erde, niedergehalten von dem Bedürfniß menschlicher -Schwachheit. Das alte Lied des Lebens singt uns -in <em class="ge">getragenen</em> Tönen ein. Es war nur ein Aufschwung -unterdrückten Gefühls, in welchem Fabia sich -im Geist ihrer Sinnesweise zu erheben glaubte.</p> - -<p>Der Administrator dachte beklommen dem Entschluß -seiner Schwägerinn nach, denn es fiel ihm in -Wahrheit schwer, sie künftig zu vermissen. Seine -brüderliche Freundschaft für die getreue Fabia ließ -ihn nicht ergründen, aus welchen Ursachen sie so fest -auf dem Abschied beharre.</p> - -<p>Es giebt nur Einen Dietrich, dem kein Aufschluß -widersteht, der sich ohne Schwierigkeit in den Besitz -<a class="pagenum" id="page_260" title="260"> </a> -der geheimsten Gedanken setzt. – Die Geheimnisse -der Seele liegen unter magischem Schutz, und nur -durch ihn selbst können sie beschworen werden. –</p> - -<p>Freilich sah Herr Prälat ein, daß Fabia, im Ganzen -genommen, Recht hätte, daß ihre häusliche Unfehlbarkeit, -Josephinens schüchternen Versuchen, als -Hausfrau für sich allein zu stehen, hinderlich seyn -würde; daß die Gräfinn Jemandes bedürfe, der mit -zarter achtsamer Sorge um sie sey – und wie es in -der religiösen Bußfertigkeit von Fabiens Character -liege, sich selbst zur Sühne zu geben, für das Unrecht, -was Dieser geschehen; – aber dennoch gestaltete sich -dies Verhältniß nicht nach seinem Wunsch, und es -war ein Zwiespalt in seinem Herzen, als ob eine -Flamme sich trenne. –</p> - -<p>Frau Fabia nahm sich zusammen, auf daß sie ein -achtungsvolles Gedenken mit hinweg nähme. Sie -ordnete alles mit Umsicht, und stimmte nicht dafür, -daß die Hochzeit weithin aufgeschoben würde. – Aus -der Ferne kamen Briefe, welche den Zeitpunkt von -Theresens zweiter Verbindung um nicht viel später -anberaumten. Dann wollten die Neuvermählten im -Herbst zum Besuch nach Sanct Capella kommen. -Major Feldmeister verjüngte sich vor Vergnügen. Er -hätte sich beinahe von seinem Sprichwort entwöhnt, -<a class="pagenum" id="page_261" title="261"> </a> -denn er fand gut, wie das Schicksal seiner Freunde -sich gewendet hatte, und – Alles taugte ihm. –</p> - -<p>Hauptmann Moorhausen sprach von einem Urlaub -über Winter. Vielleicht wollte er im gigantischen -Eise seines Gutes die Schaamröthe abkühlen, womit -er der Ehewerbung gedachte, und in diesem zersprungenen -Weltspiegel nur ein Bild schauen, wie der Krystallpallast -seines Wunsches, aus dem Frost des Alters -erbaut, zu Wasser geworden wäre. –</p> - -<p>Den Tag vor der Hochzeit brachte Fabia ihr -Haushaltungsbuch ihrem Schwager, ihm Rechnung -abzulegen; zu gleicher Zeit entledigte sie sich des Amtes -der Schlüssel. Die Redlichkeit, womit sie beides -geführt, gab diesem kleinen Act etwas Feierliches.</p> - -<p>»Fabia!« sagte der Administrator gerührt, »wollte -Gott! mein Facit wäre einst dem Deinen gleich, -und wir Alle könnten in der Rechnung bestehen, wie -Du! – Wie treu hat Deine liebe Hand auf meinem -Nutzen gesehen! der Himmel möge Dich dafür belohnen!« -Er küßte die nützliche Rechte mit einer -größeren Wärme als der Dankbarkeit – und diese -zuverlässige Hand zitterte ein wenig. –</p> - -<p>Am Morgen der Trauung – Josephine war nur -wenige Tage vorher von Bühle nach dem Stift zurückgekehrt -– brachte Schwester Veronica ihrem Liebling -den Brautkranz. Sie waren allein. Mit zitternder -<a class="pagenum" id="page_262" title="262"> </a> -Stimme sagte sie: »Josephine! mein theures -Kind! hier bringe ich Dir den Kranz, von <em class="ge">meinen</em> -Händen sollst Du ihn empfangen.« Das zarteste -jungfräuliche Bewußtseyn lag in diesen Worten. »Und -indem ich Dir ihn aufsetze –« die Nonne that es -mit leisem Beben, »ist es mir, als würde mein liebes -Kloster mir wieder eingesetzt. Liebe und Treue -sind doch Altäre, die der Himmel aufrecht hält! – -Als ich im Frühling die Zweiglein von der Myrthe -schnitt, zu dem Todtenkränzchen für die kleine Julie, -und Perlen dazu fädelte: wenn mir das der Baum -damals gesagt hätte! – Auch in diesen habe ich Perlen -geflochten, Freudenperlen! Segensthränen! trage -ihn zu lebenslänglichem Glück! die Krone der Unschuld, -die Dir Dein Engel reicht, <em class="ge">die</em> trägst Du -ewig! – Heute fühle ich wieder wie groß Gott ist! -wie gut! – Ich bin Jungfrau, und Dein bräutlicher -Anblick läßt mich das Entzücken einer Mutter -empfinden. Ich werde nun nicht einsam sterben; Du, -geliebtes Kind, wirst mir meine Augen schließen – -und dann den Ring erben.«</p> - -<p>Josephine umschlang die Nonne, und drückte schon -jetzt, sanft küssend, die weinenden zu, das heilige Vermächtniß -zu besiegeln. Sie war eine Erbinn dieses -Herzens und seines Friedens.</p> - -<hr /> - - - - -<h2>Hinweise zur Transkription</h2> - - -<p class="in0">Das Originalbuch ist in Frakturschrift gedruckt. In dieser Transkription -werden <em class="ge">gesperrt</em> gesetzte Schrift sowie Textanteile in <i>Antiqua-Schrift</i> -hervorgehoben.</p> - -<p class="in0">Der Text des Originalbuches wurde grundsätzlich beibehalten, einschließlich -uneinheitlicher Schreibweisen wie beispielsweise -"irdisch" – "irrdisch", "ist's" – "ists", "Lieutenant" – "Lieutnant", "Obristin" – "Obristinn",</p> - -<p class="in0">mit folgenden Ausnahmen,</p> - -<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_006">6</a>:<br /> -"Aufsicht" geändert in "Aussicht"<br /> -(ohne Aussicht auf eine andere Versorgung)</p> - -<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_018">18</a>:<br /> -"nnd" geändert in "und"<br /> -(und fragte ihn um seine Meinung)</p> - -<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_019">19</a>:<br /> -"«" hinter "Freundes." entfernt<br /> -(und Romana lag in den Armen seines Freundes.)</p> - -<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_026">26</a>:<br /> -"Gemeine" geändert in "Gemeinde"<br /> -(Anhänger einer frommen Gemeinde geworden sey)</p> - -<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_026">26</a>:<br /> -"geretttet" geändert in "gerettet"<br /> -(auf beinahe übernatürliche Weise gerettet worden)</p> - -<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_059">59</a>:<br /> -"»" eingefügt<br /> -(»doch diese Frage ist wohl vom Ueberfluß)</p> - -<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_064">64</a>:<br /> -"erinnnere" geändert in "erinnere"<br /> -(an den ich mich aus vergangener Zeit erinnere)</p> - -<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_066">66</a>:<br /> -"«," geändert in ",«"<br /> -(»Entlassen Sie mich –,« bat Albane)</p> - -<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_079">79</a>:<br /> -"Famile" geändert in "Familie"<br /> -(Juwelen der gräflich Frankensternschen Familie liegen darin)</p> - -<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_084">84</a>:<br /> -"entsinnnen" geändert in "entsinnen"<br /> -(jenes schrecklichen Abends noch ganz genau zu entsinnen)</p> - -<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_086">86</a>:<br /> -"«" eingefügt<br /> -(Mein Herr und Heiland!«)</p> - -<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_090">90</a>:<br /> -"Übersättigung" geändert in "Uebersättigung"<br /> -(Vielleicht hatte eine gewisse Uebersättigung)</p> - -<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_103">103</a>:<br /> -"»" vor "regieren" entfernt<br /> -(regieren gestrenge Herren nicht lange)</p> - -<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_103">103</a>:<br /> -"»" eingefügt<br /> -(»Des Abends waren wir zusammen)</p> - -<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_104">104</a>:<br /> -"«," geändert in ",«"<br /> -(»Nicht immer –,« antwortete sie halblaut)</p> - -<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_112">112</a>:<br /> -"»" eingefügt<br /> -(»Du bist nun auch eine Wittwe)</p> - -<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_126">126</a>:<br /> -"«," geändert in ",«"<br /> -(»Ich glaube Ihnen –,« sagte Rudolph bewältigt)</p> - -<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_128">128</a>:<br /> -"»" eingefügt<br /> -(»heute noch! sogleich)</p> - -<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_133">133</a>:<br /> -"«," geändert in ",«"<br /> -(Sie werden –,« dies setzte der Lieutnant)</p> - -<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_134">134</a>:<br /> -"." eingefügt<br /> -(dem Vorschlag ihres Freundes geneigt zu machen.)</p> - -<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_135">135</a>:<br /> -"Blaßbau" geändert in "Blaßblau"<br /> -(mischte das Blaßblau eines fernen Amphitheaters von Bergen)</p> - -<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_138">138</a>:<br /> -"Vei" geändert in "Bei"<br /> -(Bei einem Bug der Straße öffnete sich die Aussicht)</p> - -<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_142">142</a>:<br /> -"gefordet" geändert in "gefordert"<br /> -(nichts von der jungen Frau gefordert ward)</p> - -<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_151">151</a>:<br /> -"»" eingefügt<br /> -(»Noch ist die Mutter betäubt)</p> - -<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_163">163</a>:<br /> -"«" eingefügt<br /> -(Deine –«)</p> - -<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_170">170</a>:<br /> -"," geändert in "."<br /> -(Josephine scheint ein Engel.)</p> - -<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_171">171</a>:<br /> -"anwortete" geändert in "antwortete"<br /> -(Die fromme Fabia antwortete)</p> - -<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_172">172</a>:<br /> -"Borna" geändert in "Bonna"<br /> -(den Tag vor ihrer Abreise von Bonna)</p> - -<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_174">174</a>:<br /> -"sie" geändert in "Sie"<br /> -(doch werden Sie zugeben, daß jenes Depot geeignet war)</p> - -<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_175">175</a>:<br /> -"»" eingefügt<br /> -(»hätte ich diesen Schlüssel wohl so nahe)</p> - -<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_196">196</a>:<br /> -"Batrachtungen" geändert in "Betrachtungen"<br /> -(In Folge dieser Betrachtungen sagte er)</p> - -<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_202">202</a>:<br /> -"geschwisterliche" geändert in "geschwisterlichen"<br /> -(riß bei dieser geschwisterlichen Beziehung ab)</p> - -<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_202">202</a>:<br /> -"Thereseu" geändert in "Theresen"<br /> -(Was soll nun aus Theresen werden?)</p> - -<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_202">202</a>:<br /> -"«" eingefügt<br /> -(Ich glaube, gute Fabia,«)</p> - -<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_202">202</a>:<br /> -"dem" geändert in "den"<br /> -(Er schloß mit den Worten)</p> - -<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_205">205</a>:<br /> -"des" eingefügt<br /> -(giebt jedoch einen Zustand des Leibes und der Seele)</p> - -<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_206">206</a>:<br /> -"Offfziere" geändert in "Offiziere"<br /> -(Die Offiziere in Corpore kamen, um dem Administrator)</p> - -<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_208">208</a>:<br /> -"das" geändert in "daß"<br /> -(Aber eben so gewiß ist es, daß jenes schöpferische Genie)</p> - -<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_213">213</a>:<br /> -"»" eingefügt<br /> -(»Mir ist wahrhaftig in Gott)</p> - -<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_242">242</a>:<br /> -"öffentlilichen" geändert in "öffentlichen"<br /> -(zu der öffentlichen Rechtfertigung unseres geheimen Bündnisses)</p> - - -<hr /> - - - - - - - - -<pre> - - - - - -End of the Project Gutenberg EBook of Die Schwägerinnen. Zweiter Theil., by -Henriette Hanke - -*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DIE SCHWÄGERINNEN. ZWEITER THEIL. *** - -***** This file should be named 50128-h.htm or 50128-h.zip ***** -This and all associated files of various formats will be found in: - http://www.gutenberg.org/5/0/1/2/50128/ - -Produced by The Online Distributed Proofreading Team at -http://www.pgdp.net (This file was produced from images -generously made available by The Internet Archive) - - -Updated editions will replace the previous one--the old editions will -be renamed. - -Creating the works from print editions not protected by U.S. copyright -law means that no one owns a United States copyright in these works, -so the Foundation (and you!) can copy and distribute it in the United -States without permission and without paying copyright -royalties. Special rules, set forth in the General Terms of Use part -of this license, apply to copying and distributing Project -Gutenberg-tm electronic works to protect the PROJECT GUTENBERG-tm -concept and trademark. Project Gutenberg is a registered trademark, -and may not be used if you charge for the eBooks, unless you receive -specific permission. If you do not charge anything for copies of this -eBook, complying with the rules is very easy. You may use this eBook -for nearly any purpose such as creation of derivative works, reports, -performances and research. They may be modified and printed and given -away--you may do practically ANYTHING in the United States with eBooks -not protected by U.S. copyright law. Redistribution is subject to the -trademark license, especially commercial redistribution. - -START: FULL LICENSE - -THE FULL PROJECT GUTENBERG LICENSE -PLEASE READ THIS BEFORE YOU DISTRIBUTE OR USE THIS WORK - -To protect the Project Gutenberg-tm mission of promoting the free -distribution of electronic works, by using or distributing this work -(or any other work associated in any way with the phrase "Project -Gutenberg"), you agree to comply with all the terms of the Full -Project Gutenberg-tm License available with this file or online at -www.gutenberg.org/license. - -Section 1. General Terms of Use and Redistributing Project -Gutenberg-tm electronic works - -1.A. By reading or using any part of this Project Gutenberg-tm -electronic work, you indicate that you have read, understand, agree to -and accept all the terms of this license and intellectual property -(trademark/copyright) agreement. If you do not agree to abide by all -the terms of this agreement, you must cease using and return or -destroy all copies of Project Gutenberg-tm electronic works in your -possession. If you paid a fee for obtaining a copy of or access to a -Project Gutenberg-tm electronic work and you do not agree to be bound -by the terms of this agreement, you may obtain a refund from the -person or entity to whom you paid the fee as set forth in paragraph -1.E.8. - -1.B. "Project Gutenberg" is a registered trademark. It may only be -used on or associated in any way with an electronic work by people who -agree to be bound by the terms of this agreement. There are a few -things that you can do with most Project Gutenberg-tm electronic works -even without complying with the full terms of this agreement. See -paragraph 1.C below. There are a lot of things you can do with Project -Gutenberg-tm electronic works if you follow the terms of this -agreement and help preserve free future access to Project Gutenberg-tm -electronic works. See paragraph 1.E below. - -1.C. The Project Gutenberg Literary Archive Foundation ("the -Foundation" or PGLAF), owns a compilation copyright in the collection -of Project Gutenberg-tm electronic works. Nearly all the individual -works in the collection are in the public domain in the United -States. If an individual work is unprotected by copyright law in the -United States and you are located in the United States, we do not -claim a right to prevent you from copying, distributing, performing, -displaying or creating derivative works based on the work as long as -all references to Project Gutenberg are removed. Of course, we hope -that you will support the Project Gutenberg-tm mission of promoting -free access to electronic works by freely sharing Project Gutenberg-tm -works in compliance with the terms of this agreement for keeping the -Project Gutenberg-tm name associated with the work. You can easily -comply with the terms of this agreement by keeping this work in the -same format with its attached full Project Gutenberg-tm License when -you share it without charge with others. - -1.D. The copyright laws of the place where you are located also govern -what you can do with this work. Copyright laws in most countries are -in a constant state of change. If you are outside the United States, -check the laws of your country in addition to the terms of this -agreement before downloading, copying, displaying, performing, -distributing or creating derivative works based on this work or any -other Project Gutenberg-tm work. The Foundation makes no -representations concerning the copyright status of any work in any -country outside the United States. - -1.E. Unless you have removed all references to Project Gutenberg: - -1.E.1. The following sentence, with active links to, or other -immediate access to, the full Project Gutenberg-tm License must appear -prominently whenever any copy of a Project Gutenberg-tm work (any work -on which the phrase "Project Gutenberg" appears, or with which the -phrase "Project Gutenberg" is associated) is accessed, displayed, -performed, viewed, copied or distributed: - - This eBook is for the use of anyone anywhere in the United States and - most other parts of the world at no cost and with almost no - restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it - under the terms of the Project Gutenberg License included with this - eBook or online at www.gutenberg.org. If you are not located in the - United States, you'll have to check the laws of the country where you - are located before using this ebook. - -1.E.2. If an individual Project Gutenberg-tm electronic work is -derived from texts not protected by U.S. copyright law (does not -contain a notice indicating that it is posted with permission of the -copyright holder), the work can be copied and distributed to anyone in -the United States without paying any fees or charges. If you are -redistributing or providing access to a work with the phrase "Project -Gutenberg" associated with or appearing on the work, you must comply -either with the requirements of paragraphs 1.E.1 through 1.E.7 or -obtain permission for the use of the work and the Project Gutenberg-tm -trademark as set forth in paragraphs 1.E.8 or 1.E.9. - -1.E.3. If an individual Project Gutenberg-tm electronic work is posted -with the permission of the copyright holder, your use and distribution -must comply with both paragraphs 1.E.1 through 1.E.7 and any -additional terms imposed by the copyright holder. Additional terms -will be linked to the Project Gutenberg-tm License for all works -posted with the permission of the copyright holder found at the -beginning of this work. - -1.E.4. Do not unlink or detach or remove the full Project Gutenberg-tm -License terms from this work, or any files containing a part of this -work or any other work associated with Project Gutenberg-tm. - -1.E.5. Do not copy, display, perform, distribute or redistribute this -electronic work, or any part of this electronic work, without -prominently displaying the sentence set forth in paragraph 1.E.1 with -active links or immediate access to the full terms of the Project -Gutenberg-tm License. - -1.E.6. You may convert to and distribute this work in any binary, -compressed, marked up, nonproprietary or proprietary form, including -any word processing or hypertext form. However, if you provide access -to or distribute copies of a Project Gutenberg-tm work in a format -other than "Plain Vanilla ASCII" or other format used in the official -version posted on the official Project Gutenberg-tm web site -(www.gutenberg.org), you must, at no additional cost, fee or expense -to the user, provide a copy, a means of exporting a copy, or a means -of obtaining a copy upon request, of the work in its original "Plain -Vanilla ASCII" or other form. Any alternate format must include the -full Project Gutenberg-tm License as specified in paragraph 1.E.1. - -1.E.7. Do not charge a fee for access to, viewing, displaying, -performing, copying or distributing any Project Gutenberg-tm works -unless you comply with paragraph 1.E.8 or 1.E.9. - -1.E.8. You may charge a reasonable fee for copies of or providing -access to or distributing Project Gutenberg-tm electronic works -provided that - -* You pay a royalty fee of 20% of the gross profits you derive from - the use of Project Gutenberg-tm works calculated using the method - you already use to calculate your applicable taxes. The fee is owed - to the owner of the Project Gutenberg-tm trademark, but he has - agreed to donate royalties under this paragraph to the Project - Gutenberg Literary Archive Foundation. Royalty payments must be paid - within 60 days following each date on which you prepare (or are - legally required to prepare) your periodic tax returns. Royalty - payments should be clearly marked as such and sent to the Project - Gutenberg Literary Archive Foundation at the address specified in - Section 4, "Information about donations to the Project Gutenberg - Literary Archive Foundation." - -* You provide a full refund of any money paid by a user who notifies - you in writing (or by e-mail) within 30 days of receipt that s/he - does not agree to the terms of the full Project Gutenberg-tm - License. You must require such a user to return or destroy all - copies of the works possessed in a physical medium and discontinue - all use of and all access to other copies of Project Gutenberg-tm - works. - -* You provide, in accordance with paragraph 1.F.3, a full refund of - any money paid for a work or a replacement copy, if a defect in the - electronic work is discovered and reported to you within 90 days of - receipt of the work. - -* You comply with all other terms of this agreement for free - distribution of Project Gutenberg-tm works. - -1.E.9. If you wish to charge a fee or distribute a Project -Gutenberg-tm electronic work or group of works on different terms than -are set forth in this agreement, you must obtain permission in writing -from both the Project Gutenberg Literary Archive Foundation and The -Project Gutenberg Trademark LLC, the owner of the Project Gutenberg-tm -trademark. Contact the Foundation as set forth in Section 3 below. - -1.F. - -1.F.1. Project Gutenberg volunteers and employees expend considerable -effort to identify, do copyright research on, transcribe and proofread -works not protected by U.S. copyright law in creating the Project -Gutenberg-tm collection. Despite these efforts, Project Gutenberg-tm -electronic works, and the medium on which they may be stored, may -contain "Defects," such as, but not limited to, incomplete, inaccurate -or corrupt data, transcription errors, a copyright or other -intellectual property infringement, a defective or damaged disk or -other medium, a computer virus, or computer codes that damage or -cannot be read by your equipment. - -1.F.2. LIMITED WARRANTY, DISCLAIMER OF DAMAGES - Except for the "Right -of Replacement or Refund" described in paragraph 1.F.3, the Project -Gutenberg Literary Archive Foundation, the owner of the Project -Gutenberg-tm trademark, and any other party distributing a Project -Gutenberg-tm electronic work under this agreement, disclaim all -liability to you for damages, costs and expenses, including legal -fees. YOU AGREE THAT YOU HAVE NO REMEDIES FOR NEGLIGENCE, STRICT -LIABILITY, BREACH OF WARRANTY OR BREACH OF CONTRACT EXCEPT THOSE -PROVIDED IN PARAGRAPH 1.F.3. YOU AGREE THAT THE FOUNDATION, THE -TRADEMARK OWNER, AND ANY DISTRIBUTOR UNDER THIS AGREEMENT WILL NOT BE -LIABLE TO YOU FOR ACTUAL, DIRECT, INDIRECT, CONSEQUENTIAL, PUNITIVE OR -INCIDENTAL DAMAGES EVEN IF YOU GIVE NOTICE OF THE POSSIBILITY OF SUCH -DAMAGE. - -1.F.3. LIMITED RIGHT OF REPLACEMENT OR REFUND - If you discover a -defect in this electronic work within 90 days of receiving it, you can -receive a refund of the money (if any) you paid for it by sending a -written explanation to the person you received the work from. If you -received the work on a physical medium, you must return the medium -with your written explanation. The person or entity that provided you -with the defective work may elect to provide a replacement copy in -lieu of a refund. If you received the work electronically, the person -or entity providing it to you may choose to give you a second -opportunity to receive the work electronically in lieu of a refund. If -the second copy is also defective, you may demand a refund in writing -without further opportunities to fix the problem. - -1.F.4. Except for the limited right of replacement or refund set forth -in paragraph 1.F.3, this work is provided to you 'AS-IS', WITH NO -OTHER WARRANTIES OF ANY KIND, EXPRESS OR IMPLIED, INCLUDING BUT NOT -LIMITED TO WARRANTIES OF MERCHANTABILITY OR FITNESS FOR ANY PURPOSE. - -1.F.5. Some states do not allow disclaimers of certain implied -warranties or the exclusion or limitation of certain types of -damages. If any disclaimer or limitation set forth in this agreement -violates the law of the state applicable to this agreement, the -agreement shall be interpreted to make the maximum disclaimer or -limitation permitted by the applicable state law. The invalidity or -unenforceability of any provision of this agreement shall not void the -remaining provisions. - -1.F.6. INDEMNITY - You agree to indemnify and hold the Foundation, the -trademark owner, any agent or employee of the Foundation, anyone -providing copies of Project Gutenberg-tm electronic works in -accordance with this agreement, and any volunteers associated with the -production, promotion and distribution of Project Gutenberg-tm -electronic works, harmless from all liability, costs and expenses, -including legal fees, that arise directly or indirectly from any of -the following which you do or cause to occur: (a) distribution of this -or any Project Gutenberg-tm work, (b) alteration, modification, or -additions or deletions to any Project Gutenberg-tm work, and (c) any -Defect you cause. - -Section 2. Information about the Mission of Project Gutenberg-tm - -Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of -electronic works in formats readable by the widest variety of -computers including obsolete, old, middle-aged and new computers. It -exists because of the efforts of hundreds of volunteers and donations -from people in all walks of life. - -Volunteers and financial support to provide volunteers with the -assistance they need are critical to reaching Project Gutenberg-tm's -goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will -remain freely available for generations to come. In 2001, the Project -Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure -and permanent future for Project Gutenberg-tm and future -generations. To learn more about the Project Gutenberg Literary -Archive Foundation and how your efforts and donations can help, see -Sections 3 and 4 and the Foundation information page at -www.gutenberg.org Section 3. Information about the Project Gutenberg -Literary Archive Foundation - -The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit -501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the -state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal -Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification -number is 64-6221541. Contributions to the Project Gutenberg Literary -Archive Foundation are tax deductible to the full extent permitted by -U.S. federal laws and your state's laws. - -The Foundation's principal office is in Fairbanks, Alaska, with the -mailing address: PO Box 750175, Fairbanks, AK 99775, but its -volunteers and employees are scattered throughout numerous -locations. Its business office is located at 809 North 1500 West, Salt -Lake City, UT 84116, (801) 596-1887. Email contact links and up to -date contact information can be found at the Foundation's web site and -official page at www.gutenberg.org/contact - -For additional contact information: - - Dr. Gregory B. Newby - Chief Executive and Director - gbnewby@pglaf.org - -Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg -Literary Archive Foundation - -Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide -spread public support and donations to carry out its mission of -increasing the number of public domain and licensed works that can be -freely distributed in machine readable form accessible by the widest -array of equipment including outdated equipment. Many small donations -($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt -status with the IRS. - -The Foundation is committed to complying with the laws regulating -charities and charitable donations in all 50 states of the United -States. Compliance requirements are not uniform and it takes a -considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up -with these requirements. We do not solicit donations in locations -where we have not received written confirmation of compliance. To SEND -DONATIONS or determine the status of compliance for any particular -state visit www.gutenberg.org/donate - -While we cannot and do not solicit contributions from states where we -have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition -against accepting unsolicited donations from donors in such states who -approach us with offers to donate. - -International donations are gratefully accepted, but we cannot make -any statements concerning tax treatment of donations received from -outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff. - -Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation -methods and addresses. Donations are accepted in a number of other -ways including checks, online payments and credit card donations. To -donate, please visit: www.gutenberg.org/donate - -Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic works. - -Professor Michael S. Hart was the originator of the Project -Gutenberg-tm concept of a library of electronic works that could be -freely shared with anyone. For forty years, he produced and -distributed Project Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of -volunteer support. - -Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed -editions, all of which are confirmed as not protected by copyright in -the U.S. unless a copyright notice is included. Thus, we do not -necessarily keep eBooks in compliance with any particular paper -edition. - -Most people start at our Web site which has the main PG search -facility: www.gutenberg.org - -This Web site includes information about Project Gutenberg-tm, -including how to make donations to the Project Gutenberg Literary -Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to -subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks. - - - -</pre> - -</body> -</html> - - diff --git a/old/50128-h/images/cover.jpg b/old/50128-h/images/cover.jpg Binary files differdeleted file mode 100644 index 12f0430..0000000 --- a/old/50128-h/images/cover.jpg +++ /dev/null |
