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-Project Gutenberg's Die Schwägerinnen. Erster Theil., by Henriette Hanke
-
-This eBook is for the use of anyone anywhere in the United States and most
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-
-Title: Die Schwägerinnen. Erster Theil.
-
-Author: Henriette Hanke
-
-Release Date: October 4, 2015 [EBook #50127]
-
-Language: German
-
-Character set encoding: ISO-8859-1
-
-*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DIE SCHWÄGERINNEN. ERSTER THEIL. ***
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-
-Produced by The Online Distributed Proofreading Team at
-http://www.pgdp.net (This file was produced from images
-generously made available by The Internet Archive)
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-[ Symbole für Schriftarten: _gesperrt_ : =Antiqua= ]
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- Die Schwägerinnen.
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- Roman
- von
- Henriette Hanke
- geborne Arndt.
-
- Erster Theil.
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- Ein hohes Wort! wenn uns die Schickung werth
- hält, nicht für uns, für Andere zu seyn.
- ... Es wendet sich der Zeiten Blatt. Laßt uns
- fröhlich sä'n, im Nebel auch: die Ernte kommt gewiß.
-
- _Herder._
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- Hannover, 1835.
- Im Verlage der Hahn'schen Hofbuchhandlung.
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-Wir versetzen unsere Leser bei dem Anbeginn dieser Geschichte in ein
-weites Gemach des aufgehobenen Stiftes der Cisterzienserinnen zu Sanct
-Capella, nahe dem Städtchen Leidthal. Dieses Zimmer, viel zu colossal
-in seinen Verhältnissen um wohnlich zu seyn, bietet eine himmlische
-Aussicht dar, und zeigt noch die Spuren klösterlicher Pracht. Seltsam
-vereint werden hier die religiösen Begriffe aller Zeiten anschaulich;
-doch mit gemischtem Gefühl siehet man: die Gegenwart herrscht vor.
-An dem Plafond rollet der feurige Wagen des Elias. Wie zu vielen
-tausendmalen mogten seit dieser Himmelfahrt die Sonnenrosse ihren Lauf
-vollendet haben! aber jene Flammen sind erloschen, und der Prophet
-erscheint nur noch als ein grauer Schattenriß seiner Zeit. Scenen des
-römischen Cultus geben den leeren Wänden ein sinnvolles Interesse, und
-über erblaßten Martern der eifrigsten Bekenner ihres Glaubens hängt
-Doctor Martin Luthers Bildniß gloriös in einem Rahmen von echter Bronze.
-Die erhabene Arbeit über dem Kamin von schwarzem Marmor versinnlicht ein
-Autodafé, und die darunter lodernde Glut, welche die Jahreszeit und der
-Raum des Zimmers erfordert, dient dazu, dies Relief zu beleuchten, mit
-einem Schauer für die Phantasie, der fast die Wohlthat der empfundenen
-Wärme vernichtet. Die Möbeln sind theils veraltet und doch pomphaft,
-theils von neuer Brauchbarkeit und Simplicität. Das hochlehnige Canapee,
-welches gradauf strebend und in der Mitte altarförmig zugespitzt, sich
-gegen die Wellenlinien einer modernen Bergère etwa verhält, wie die
-feierliche Anständigkeit der Etiquette zu der nachlässigen Ruhe
-der Schönheit -- nimmt sich in dem überladenen Zierrath geflügelter
-Kinderköpfe sogar kirchlich aus. Ueber den Häuptern der Cherubim prangt
-der Erzengel Michael in goldnen Waffen, und der gerissene Sammet auf
-dem Sitze dieser kleinen Engelsburg erinnert mit leiser Beziehung in der
-Farbe verblühter Violen an den Purpur der Eminenz. -- Der venetianische
-Spiegel erreicht seine ungemeine Breite und Höhe durch eine Einfassung
-von Tritonen und Delphinen, welche in kunstreichen Verschlingungen
-um die glänzende Fläche spielen, worin mancher geistliche Vollmond
-aufgegangen war. -- Oben thronen die Meergötter ersten Ranges, und im
-Frontispice -- so zu sagen -- steigt Anadyomene aus der klaren Masse
-an den silbernen Bord. Das Auge des Reformators grade auf diesen Punkt
-gerichtet, scheint finster an dem heidnischen Unwesen zu haften, indeß
-ein kaum merklicher Zug frommer Ironie den Ernst des Mundes mildert, der
-wohl stärkere Pfeiler erschütterte als den, der die reizende Gestalt
-der Liebe in den Mauern der Entsagung trägt. Die Morgensonne des eilften
-Novembers ging eben auf, und bestrahlte mit blendendem Licht die Abtei,
-welche ihren majestätischen Schatten über die öden Felder ausbreitete.
-Der Reif der kalten Nacht schimmerte wie Candis an den falben Resten der
-Weide, und die herbe Miene des heiligen Bernhard von Clairvaux, dessen
-Statue am Rande einer dunkeln Cisterne stand und tiefsinnig hinab
-schauete, war wie mit Zucker bestreut. -- An einem Fenster des
-beschriebenen Zimmers saß eine Frau, von der wir sagen müssen, daß sie
-über die Jugend hinaus und weit entfernt von jener gefälligen Anmuth
-sey, die unter keinem Gesetz der Zeit steht, ohne sie deshalb dem
-achtsamen Interesse unserer Leser entrücken zu wollen. Der häusliche
-Anzug, beinahe matronenhaft bescheiden, paßte den Formen einer Figur
-nett an, die in ihrer Haltung Charakter verrieth. Das Häubchen, ohne die
-mindeste Genialität dieses Putzartikels, der einen guten weiblichen Kopf
-seltner beschattet, als in das vortheilhafteste Licht setzt, und sich
-oft in dem kleinsten Kniff sichtbar macht -- schloß sich dicht an ein
-Oval von regelmäßigem Schnitt. Die Beschäftigung dieser Frau schien mit
-der bewußten Strenge, welche sich in ihrem Aeußern offenbarte, in keiner
-Verbindung zu stehen. Sie wand eine Guirlande von Immortellen,
-die aufgehäuft in einem flachen Körbchen, in bunter Menge und
-Mannigfaltigkeit zur Auswahl vor ihr lagen. Sie schien so ganz in sich
-und in diese feiernde Früharbeit versenkt zu seyn, daß selbst der Sinn
-des Gehörs ihre Seele nicht auf das lenkte, was ein junges Mädchen an
-ihrer Seite aus der Bibel vorlas. »_Wirst Du dafür die Schmerzen eines
-Betrübten haben_ --«: diese verkündenden Worte des Jesaia sprach die
-klare süße Stimme mit einem schüchternen Beben der Ahnung, und hielt
-inne. Die Sonne blitzte herein und warf lange herbstliche Strahlen durch
-die Scheiben. Der blonde Scheitel des Mädchens erglänzte, die metallne
-Brüstung am Fenster funkelte wie gediegenes Gold, und die trocknen
-Blümchen der Dauer badeten sich in diesem ewigen Glanze.
-
-Das Mädchen erhob das Auge blau und tief wie der Himmel, um einen Blick
-in die Perspective zu richten, welche in der schönsten Morgenbeleuchtung
-im melancholischen Reiz der sterbenden Natur sich in das Unabsehliche
-verlor; und der Mund, auf dem noch die traurige Voraussagung des
-israelitischen Sehers schwebte, lächelte so entzückt, als sähe dieser
-Blick in eine verklärte Welt.
-
-Da öffnete sich die Thüre, und ein feines jugendliches Gesicht, dem ein
-schlanker Körper folgte, schauete mit hellen braunen Augen herein. Ein
-leichtes Abschrecken bei dem Hinblick auf die schweigsame Gruppe am
-Fenster, und die spöttische Unlust, an dieser stillen Betrachtung und
-an dem Winden todter Kränze Theil zu nehmen, sprach sich in diesen
-beweglichen Zügen aus.
-
-Wie leise dies Geräusch nun auch gewesen war: die ältere Frau hatte
-es dennoch vernommen. Sie wendete das Auge, und ein flüchtiges Roth
-überlief ihre Wange; zweifelhaft, ob als Wiederschein der Lohe des
-Kamins, oder durch die Erscheinung in der Thüre erregt. Diese huschte
-mit zarten Füßen über das Getäfel der Diele, blinzelte hinter dem Rücken
-des Mädchens in das heilige Buch und sprach zwischen Schalkheit und
-Pathos: »hebet Eure Häupter auf -- thut Euer böses Wesen von Euch --
-o! ich weiß auch, was hierin steht.« Dabei legte sie eine seidenweiche
-Hand, der man keine Distellese im Garten der Ehe ansah, obwohl ein
-Trauring an ihrem Goldfinger blinkte -- unter das gesenkte Kinn der
-Aelteren und sprach: »bist Du mir noch böse, Fabia? Sey gut! ich kann
-Dich nicht schmollend wissen, und so lasse ich meine Idee fallen.«
-Bei diesen nähernden Worten beugte die hübsche junge Frau sich
-mit versöhnender Anmuth herab, so daß ihr warmer Athem wie ein
-schmeichelndes Lüftchen Diejenige anwehete, welche sie frostig aufnahm.
-
-Fabia hob den Kopf ein wenig und erwiederte: »ich dachte es wohl, daß Du
-zur Vernunft kommen würdest --« und indem ihr Auge die weiblich-optische
-Kunst übte, die da scheel sieht, ohne einen offnen Blick zu gönnen --
-setzte sie hinzu: »daß Du Dich nicht erkältest, Therese! Du gehest so
-bloß. --« Sie reichte ihr eine Nadel, zugleich stach der Blick, doch
-nicht in das kleine Schalytuch, welches den wunderschönen Hals und Busen
-lose umflatterte, sondern in diese Blöße selbst. --
-
-Therese steckte die Nadel verloren ein, aber nicht diese Antwort, welche
-sie sichtlich zu verdrießen schien, und nun auch die Stimmung ihrer
-gutmüthigen Abbitte um einen tiefen Grad fallen machte. Erglühend sprach
-sie: »es ist schon geschehen. Du irrest, Fabia, Du irrest, sage ich
-Dir, wenn Du Deine hartnäckige Weigerung, in einen harmlosen Scherz
-einzugehen, für vernünftig hältst. Und wenn ich es zu vergessen suche,
-daß Du mir und dem Bruder eine Freude verdirbst: so geschiehet es nur,
-weil ich Dich dieses abtödtenden Eigensinnes wegen am meisten bedauere.«
-Fabia erröthete sehr. Sie lös'te schnell ein kleines Schlüsselbund
-von ihrem Gürtel, und gab dem Mädchen einen entfernenden Auftrag. Dann
-sprach sie, und ein krampfhaftes Zucken unterdrückten Zornes flog um
-ihre Lippen: »diese Aeußerung ist ganz in Deinem Geiste. Spare Dein
-Mitleid für Dich selbst, Therese, Du wirst es einst brauchen. Herr der
-Güte! muß ich mich so behandeln lassen in Gegenwart des Kindes? hast
-Du keine Achtung für mich und meine Sinnesart, so solltest Du doch
-Josephinens Jugend schonen. Willst Du das Mädchen auch verderben?«
-
-Theresens Stirn flammte. In größter Aufregung entgegnete sie:
-»verderben? _auch?_ Wer ist verdorben? ich muß bitten, daß Du Dich in
-Deinen Ausdrücken mäßigest. Ein verderbtes Herz trachtet nach Schaden,
-ist feindselig und mißgünstig; ich aber gönne der ganzen Welt ihr
-Vergnügen, wenn sie mir nur das meine läßt.«
-
-Fabia stand auf. Mit einem gewissen Hervortreten ihrer Meinung, doch das
-innerste Gefühl noch immer bezwingend, sagte sie: »ich hasse nun einmal
-jede Falschheit, und halte Verstellung, von welcher Art sie auch sey,
-für Sünde. Und Comödie spielen ist eine solche.«
-
-»O! die schlimmste ist es nicht --« entgegnete Therese: »es ist nur
-eine kleine ergötzliche Lust.« Und indem dieser verwehrte Genuß in allem
-Schimmer der Einbildungskraft vor ihrer Seele stand, so daß es ihr vor
-den Augen flimmerte, in welche Thränen des Verdrusses drangen, rief sie
-verblendet von Schmerz und dem Reiz jener zerrinnenden Illusion aus:
-»der arme Cölestin! es würde ihm ein köstlicher Spaß gewesen seyn! Du
-aber wirst ihm mit tiefsinnigem Ernste einen Kuchen backen, und ein
-Capitel aus der Bibel lesen.«
-
-Fabia erbleichte. Sie sagte schneidend: »dies dürfte ihm heilsam seyn,
-wie Dir. So höre nun dies: Die Du in Wollust lebest und so sicher
-sitzest, und sprichst in Deinem Herzen: ich bin's, und Keine mehr. Ich
-werde keine Wittwe werden --« die Hand, welche Fabia auf diese Stelle
-legte, zitterte stark, und ihre Stimme wankte, als sie das Wort:
-»_Wittwe_« aussprach, als läge in diesem Verhältniß jene erschütternde
-Beseitigung, die dem Unglimpf freies Spiel erlaubt.
-
-Aber mit einem Lächeln unsterblichen Leichtsinns wies Therese den
-Vorwurf der biblischen Prophezeihung von sich ab. Sie kannte die
-Selbständigkeit der frommen Fabia und ließ sich nicht irren. Statt des
-unnützen Gezänks um eine bereits aufgegebene Sache, warf sie die Last
-dieser Scene über die Seite, und sprach: »genug des Aergers. Nochmals,
-ich verzeihe Dir, was Du auch gegen mich denken mögest. Du thust mir
-leid: denn Du kannst nicht anders.«
-
-Dieser Ton der Ueberlegenheit eines Gemüths, welches die schroffe Fabia
-so tief unter sich glaubte, steigerte ihre Erbitterung aufs Aeußerste.
-Sie wollte sprechen -- aber Therese wendete den Fuß, und prallte
-an einen jungen Mann, der unbemerkt von den streitenden Parteien
-eingetreten war, und nun als Schiedsrichter vor ihnen stand. -- Es war
-Herr Prälat, der Administrator des Stiftes, dessen Schwägerinnen wir
-in den beiden Damen vorläufig kennen gelernt haben. Der Zufall hatte
-es seltsam gefügt, daß ein Mann, der so hieß, Vorsteher dieses weiland
-geistlichen Hauses würde; allein ein Blick auf seine Persönlichkeit
-reichte hin, ihn selbst von dem Begriff seines Namens zu unterscheiden.
-Diese Gestalt, der eines Großwürdenträgers der Kirche durchaus nicht
-ähnlich, ragte über das gewöhnliche Maß hinaus, und schien von innerer
-Thätigkeit zu sehr angeregt, um völlig zu seyn; das schmale etwas
-blasse Gesicht hatte mehr den Anschein einer kränklichen und deshalb
-enthaltsamen Constitution, als den eines klosterherrlichen Lebens in
-=bona pace=, und dieses gebietende Auge, obgleich getrübt -- war voll
-Feuergeist einer andern Tiefe, als des kühlen dunkeln Lagers, wo die
-Sonnenkräfte alter Jahre verschlossen glühen.
-
-Er schlang seinen Arm mit brüderlicher Traulichkeit um Theresens
-schlanken Leib, sie aufzuhalten, und sprach: »wohin so eilig? Was ist's?
-Du schweigst, Fabia? und Dein Auge verbirgt Thränen? ich will nicht
-fürchten, daß ein Zwist -- stehe Du mir doch Rede, Therese!« Mit diesen
-dringenden Fragen flog der betroffene Blick des Administrators von einer
-Schwägerinn zur andern.
-
-Therese aber strebte fort. Als wünschte sie der weitern Verantwortung
-nun los und ledig zu seyn, entwand sie sich ihm und sprach flüchtig: »es
-war so wichtig nicht -- lasse es Dir nur von Fabia erzählen.« Vielleicht
-war es eine kleine Rache, daß Therese im sichern Gefühl, für Wessen
-Sache der Schwager sich entscheiden würde, den Vortheil des Vortrags
-Jener überließ.
-
-»Nein, bleib!« forderte der Administrator: »so sprich doch, Fabia! ich
-will es wissen! werde ich es nicht erfahren?«
-
-Mit niedergeschlagenen Augen und gekränkter Stimme sprach Frau Fabia:
-»ich muß Dich ersuchen, mein Bruder, daß Du mich in Zukunft vor
-Beleidigungen schützest, die ich länger weder ertragen kann noch
-darf. Meine stille Weise will ich immerhin verspotten lassen; aber das
-Heiligste soll man mir nicht antasten. Das greift mich an die Seele.«
-Sie brach in heißes Weinen aus, und Fabia weinte selten oder nie. Des
-Schwagers Auge traf Theresen. Diese aber hielt den zürnenden Blitz aus,
-der nicht zündete, zuckte vornehm mit den runden Achseln als beklage sie
-die Erbärmlichkeit der Anklage, hob den Blick zu den Wolken der Decke
-und sprach: »welch ein Aufheben um Nichts! ich will es Dir in Kürze
-sagen. Wir waren am Sonntag Abend bei Gottschalks drüben fröhlich,
-führten Sprichwörter, Charaden auf --« »Erlaube!« fiel hier Fabia
-ein, mit einem Tone, der nicht im Klange einer abhängigen Bitte an die
-Wortführerinn erging, »das ganze Gebiet üblicher Gemeinplätze reichte
-nicht aus für dieses muthwillige Treiben -- denn Narrenspiel will Raum
-haben -- man suchte ihn auf kirchlichem Boden. Die reiche Sprache mußte,
-schnöde genug, eine Benennung hergeben, um die geistig Armen lächerlich
-zu machen. Sie spielten: Wiedertäufer, und das heilige Sacrament ward an
-dem Töchterchen der Gerichtshalterinn verhöhnt.«
-
-»Ich sehe nichts Uebles dabei,« sagte der Administrator begütigend nach
-einer kleinen Pause, »jene rasende Rotte hat die Taufe auf eine frevle
-Art gemißbraucht.«
-
-»Ach!« sagte Therese lachend, »von irgend einem Frevel konnte ja
-überhaupt die Rede gar nicht seyn. Wir waren nur lustig, ich versichere
-Dich, lieber Cölestin, und der alte Halderich brachte jenes Wort in
-Vorschlag. Bei den Sylben: Täufer, sah Gottschalk als Vierfürst so
-fürchterlich possirlich aus, daß wir Alle vor Lachen sterben zu müssen
-glaubten. Ich, die Tochter der Herodias, tanzte kosackisch vor ihm
--- der starke Punsch war mir ein wenig in den Kopf gestiegen. Dann
-costümirten wir uns schweizerisch, die Gerichtshalterinn brachte eine
-zinnerne Barbierflasche, ein Urerbstück -- zur Taufkruke herbei, und an
-Helene trieb ihr Vater den Teufel der Widerspenstigkeit und des Muckerns
-aus, der die Kleine bisweilen plagen soll. -- Wem, ich frage Dich,
-geschah nun hierbei ein Leides?«
-
-»Fabia!« sprach ihr Schwager sanften, tiefen Tones; er hätte die höchste
-Vernunft, den Gott des Friedens selbst mit keiner andern Stimme anrufen
-können. Doch Fabia antwortete mit erzwungener Ruhe: »höre nur weiter! es
-kommt noch besser.«
-
-»Ja,« rief Therese leidenschaftlich, »höre nur weiter! es kommt noch
-_schlimmer_. Es ward immer hübscher, bei Gottschalks nämlich. Wir kamen
-mehr und mehr in den Zug, und endlich auf den Einfall, Dir zu Deinem
-Geburtstage künftigen Monat, ein kleines Schauspiel zu veranstalten.
-Dieser Plan, einstimmig aufgenommen, machte uns unsägliches Vergnügen in
-der Idee. Doch Fabia, als Schlüsseldame des Hauses, verweigerte uns
-zur Ausführung das Local und ihre Theilnahme. Wir wünschten das grüne
-Bogenzimmer für diesen Zweck, und baten, daß sie eine kleine alte
-anspruchslose Rolle übernähme.«
-
-Ein Schatten jugendlicher Prätension veränderte hier die Züge der
-ernsten Fabia, welche kalt und schweigend wie eine Büste zuvor gewesen.
-Sie warf einen Blick unaussprechlicher Verachtung auf ihre Schwägerinn
-und sprach: »freilich, mit einer Inamorata warst Du so gütig, mich zu
-verschonen -- die spielst Du selbst.«
-
-Therese hielt es vermuthlich nicht für nöthig, darauf zu antworten. Sie
-wendete sich zu dem Schwager, und sagte wie zum Schluß: »Du weißt nun,
-worüber wir in Streit geriethen -- _mir_ war er abgemacht.«
-
-»Und warum warst Du dagegen?« fragte der Administrator beklommen die
-Unversöhnte, und abermals nach einer kleinen peinlichen Pause.
-
-»Es läuft wider meine Grundsätze,« erwiederte Fabia finster, und
-trocknete die Thränen, welche in einzelnen Tropfen, wie nachfallend
-einem schweren Wetter, über ihr Gesicht flossen.
-
-»O, gute Fabia! Deine Grundsätze sind sehr streng!« sagte Herr Prälat
-mit bitterm Lächeln, »wenn wir solch einen Maßstab an die kleinen
-Freuden des Lebens legen wollen, so wird der arme Mensch zu kurz
-kommen. Ich sehe nichts Verwerfliches in der ganzen Sache, wohl aber
-ein gestörtes Vergnügen, für dessen Absicht ich dankbar seyn muß. Der
-Geschmack am Schauspiel ist ziemlich so alt wie die Welt, und der Trieb,
-sich anders zu zeigen, wie er ist, dem Menschen angeboren.«
-
-»Leider!« sprach Fabia, »deshalb ist es nothwendig, daß man ihn
-bekämpfe. Wir sollen wahrhaft seyn in Wort und That.«
-
-»Dies dürfte doch tiefer gemeint seyn, liebe Schwägerinn --« versetzte
-der Administrator etwas leise, wie wenn er die Wirkung dieses
-Widerspruchs mildern wolle, »als was man unter der Mummerei einer
-kleinen Posse, ja selbst unter dem Versuch begreift, die Geheimnisse
-der Schmerzen, die Blöße der Leidenschaften und der Wunden, die das
-Schicksal schlägt, in dem Gewande dramatischer Poesie darzustellen. Der
-wahre Gott hüllt sich in die Natur, und wir erkennen ihn im Innersten
-unseres Gemüths.«
-
-»Ja,« fügte Therese mit einem leichten Uebermuthe hinzu, der wie
-Champagnerkork auf dem Oberwasser schwamm, welches sie durch den
-Beistand ihres Schwagers gewonnen, »Jesus Christus selbst, ich wette!
-würde nichts Arges an unserm Scherz gefunden haben; die Scheinheiligkeit
-nur war ihm verhaßt.« »Und ich erkenne nun,« sagte Fabia, während sie
-mit bebenden Fingern eine Immortelle zerpflückte, »daß es an der Zeit
-für mich sey, ein Haus zu verlassen, dessen Freuden ich verkürzte, und
-dem ich nur in seinen Vergnügungen störend bin. Ich tauge zu weiter
-nichts, als einen einfältigen Kuchen mit Bedacht zu backen, wie Therese
-mir vorwarf, und ein Capitel aus der Bibel zu lesen, deren Sinn ich
-nicht einmal verstehe, wie mir so eben bewiesen worden. Ein armseliges
-Talent, das meine, gegen die Vorzüge Anderer! -- So will ich denn gehen.
-Es wird doch irgendwo ein stilles Plätzchen für mich geben, wo man mit
-Arbeit und Gebet Ruhe finden kann für seine Seele.«
-
-»Gott des Lebens!« rief der Administrator außer Fassung, »muß es dahin
-kommen? Wer ist's, der unter diesem Zwiespalt leidet, als ich? Fabia!
-hättest Du Dich jemals über mich beklagen können? -- ich achte jede
-Individualität, und ehre die Deinige nach Verdienst. Therese! biete
-die Hand zuerst, Dir kommt es zu, Du bist die Jüngere.« »Ich habe es
-gethan,« sagte Therese etwas eingeschüchtert von diesem Ausgange, »ich
-kam mit gutem Herzen hierher; der Himmel und Josephine ist mein Zeuge!«
-
-Der Administrator schien dieser identischen Berufung Glauben zu
-schenken. Er sprach: »Du hast Fabia gewiß nicht kränken wollen. Auf die
-Comödie verzichte ich gern; aber liebe Schwestern, laßt das Band
-der Eintracht mein Angebinde seyn, so werde ich mich heute schon wie
-neugeboren fühlen.« »Es würde doch nur ein kleines Schauspiel werden,«
-antwortete Fabia mit entschlossnem Lächeln, »und Du weißt, mein Bruder,
-ich bin ungefügig dazu.«
-
-»Gehe, Therese!« sagte Herr Prälat, und es schien, als ob nur größere
-Zutraulichkeit zu dieser Schwägerinn sie verweise, »lasse mich mit Fabia
-allein.« Therese ging. Alsbald faßte der junge Mann die runden Arme
-Fabiens so fest, daß sie an diesem Drucke die innere Bewegung empfand,
-in der er sprach. »Fabia! das konntest Du mir thun? muß ich Dich an
-Deine zärtliche Sorge für mich erinnern?-- Sieh! wolltest Du mich
-verlassen, ich könnte Dich nicht halten; genug, daß ich mich an das
-Bewußtseyn hielte, ich hätte es nicht um Dich verdient.« Fabia war
-ergriffen, dennoch sagte sie: »Du behältst ja Theresen --«
-
-»Ja,« antwortete ihr Schwager, »und ich werde, was auch geschehe, mein
-Wort nicht brechen, welches ich dem Bruder gegeben.«
-
-Die Entschiedenheit eines Mannes verfehlt nie ihrer Wirkung auf die
-Frau, selbst wenn sie verschroben, oder in minderem Grade weiblich wäre.
-Die Erklärung des Schwagers hatte das Eis von Fabiens starrem Sinne
-gebrochen. Sie zerschmolz in Thränen, und sprach: »muß es mich nicht
-schmerzen, daß Du ihr alles gut heißest, selbst das, was mich empört?
-vergeht wohl ein Tag, ohne daß ich über sie seufzen müßte? kommt je ein
-gottesfürchtiger Gedanke in ihre Seele? kannst Du mir den geringsten
-reellen Nutzen nennen, den ihr Daseyn hier hat?«
-
-»Sie giebt Dir Gelegenheit,« antwortete Herr Prälat wie mit düsterm
-Spotte auf die vorwurfsvollen Fragen seiner Schwägerinn, »Dich in einer
-der schönsten christlichen Tugenden zu üben: der Duldung. Gönne ihr die
-Luft dieses abgeschiedenen Aufenthaltes; betrachte sie wie eine Blume,
-die für kurze Zeit zwischen diese Mauern verpflanzt ist, und von der man
-nichts verlangt, als daß sie ihre Stelle einnimmt.«
-
-»Man wird keine Trauben lesen von den Dornen --« entgegnete Fabia
-tiefathmend. »O! diese Blume ist giftig --«
-
-»Nein, gute Fabia! höchstens nur ein wenig betäubend --« sprach der
-Administrator und lächelte zerstreut. »Sey doch nur billig!« fuhr er
-in ernsterem Tone fort, »und überlege, wie verschieden von Dir, Therese
-ihrem Naturell, ihrer früheren Lebensweise nach, denken muß, und
-ungerecht wäre es von Dir, wenn Du deshalb mit ihr rechten wolltest.
-Im Geräusch der Welt erzogen, entbehrt sie hier alle Freuden, an welche
-ihre Jugend gewöhnt war. Sie ist nicht geeignet, sich an irgend eine
-Pflicht zu binden, und unter so precairen Umständen erst gar nicht.
-Dies hat der Himmel wohl gewußt, und so ist ihre Ehe seltsam genug ohne
-Zusammenhang dieses Verhältnisses. -- Ihren kleinen Speculationen stehet
-landwirthschaftliche Industrie entgegen; vor den Maschinen, die den
-öden Raum von Sanct Capella füllen, kommen die Neigungen einer jungen
-lebendigen Frau nicht an das Brett -- und wollte Therese auf Eroberungen
-ausgehen: so sähe sie sich von einem invaliden Kreise umschlossen, der
-in der schläfrigen Ruhe des Klosters von seinen Siegen träumt.«
-
-Fabia antwortete: »o! Therese besiegt auch wachsame Leute -- und übt
-ihre coquetten Künste vor sehenden Augen.«
-
-Ein wundes Lächeln zuckte über das Angesicht Dessen, welcher der
-Gegenstand jener feindseligen Bemerkung war. Er seufzte, legte wie
-unbewußt die Hand auf seine linke Seite, als fühle er dort Schmerz, und
-sprach: »Fabia! laß uns dies Gespräch enden; doch vernimm zuvor meine
-Bitte: mache Theresen Deine Frömmigkeit liebenswürdig! versuche es
-einmal mit freundlicher Güte. Ist nicht Friede mit sich und Andern die
-weiche Blüthe der Religiosität? -- Denkst Du nicht, daß es mich betrübe,
-wenn Jemand gezwungen wäre, Deinen Werth zu verkennen und Deinen Glauben
-dazu, dessen Früchte für ihn zeugen sollen? flöße Theresen, diesem Kinde
-an Vernunft -- sanftmüthigen Geistes, die Milch einer besseren Liebe
-ein, als welche vielleicht die Nahrung ihrer eitlen Wünsche gewesen,
-und stärke sie für das Leben der Seele. Dann stärkst Du auch mich -- und
-wahrlich, Fabia! ich bedarf es. Als ich krank war -- diese Zeit, deren
-ich mich nicht gern erinnern mag, weil mich mein Befinden noch täglich
-daran mahnt -- hat mich Dir auf ewig verpflichtet. Du lauschtest, mir
-alles an den Augen abzusehen, was mich laben könnte -- willst Du, da ich
-kaum -- kaum genesen bin, härter gegen mich seyn? erquicke mich durch
-Eure Verträglichkeit! ich wollte sonst, ich läge im Grabe.«
-
-Diese Worte, in überwallendem Unmuth gesprochen, waren von zureichendem
-Einfluß. Fabia reichte dem brüderlichen Schutzherrn die Hand, und sah
-ihn mit bangen Mienen an. Sie sagte besänftiget: »mißkenne auch Du mich
-nicht, mein lieber Bruder. Es ist wohl schwer, in nächster Gemeinschaft
-auszukommen mit Dem, der das grade Gegentheil von uns ist, wie Therese
-von mir. Was hilft ihr sogenanntes gutes Herz? es ist nur Temperament.
-Sie denkt an nichts Ernstes und Edles; ihre Zeit, dies Capital, was uns
-der Herr der Ewigkeit geliehen, wird in Tand verschwendet. Sie wuchert
-nur mit ihren Reizen. Am häuslichen Heerde brennen ihr die Sohlen. Sie
-fängt -- was ich nun vor den Tod nicht leiden kann -- hundert Arbeiten
-an, ohne eine zu vollenden. Der Fleiß erscheint ihr wie eine Frohne,
-gegen die sie einen Freibrief zu haben meint. Alle Ordnung ist ihr
-lächerliche Pedanterie -- jüngst hat in einer kostbaren Wollestickerei,
-die sie in den Winkel geworfen, die Katze Junge gehabt.« Den
-Administrator wandelte das Lachen an, aber sein Blick grollte in
-Wehmuth, die den Komus dieser Anschuldigung entkräftete. Er hatte,
-während ihm Fabia Theresens Fehler aufzählte, ein paarmal schwer
-geseufzt, über die Unart der Frauen, nachdem ein vernünftiger Mann sie
-überzeugt zu haben glaubt, ihre Beschwerde immer wieder zu erneuen.
-Diese Verdammniß manch häuslicher Hölle ist gleich der Strafe des
-Sisyphus. --
-
-»Und was mir am meisten Kummer verursacht,« fuhr Fabia fort: »ist, daß
-ihr Beispiel endlich dem Kinde, der Josephine, nachtheilig werde, um so
-mehr, da es ihr nicht an verführerischen Gaben fehlt. Josephine spricht
-ihr, wie wenig sie redet, beständig das Wort; das ist schon ein übles
-Zeichen.«
-
-»O Fabia!« sagte ihr Schwager mit innigem Tone: »es ist das Zeichen
-eines heiligen Gemüths, in dessen Reinheit alle Flecken des Nächsten
-verschwinden, einer himmlischen Demuth, die nur an die eigene Fehle
-denkt. Die Unschuld beschützt sich selbst. Und sollte ja durch den nahen
-Umgang Theresens eine schädliche Einwirkung auf Josephine zu befürchten
-seyn: so wird Deine _Strenge_« -- Herr Prälat betonte, was er sagte, und
-es lag ein leiser Vorwurf in seiner Accentuation --: »dieser möglichen
-Gefahr schon zu begegnen wissen.«
-
-Fabia erwiederte hierauf: »man kann nicht strenge genug seyn in Sachen
-des Gewissens, und das Bewahren dieses Mädchens ist eine Gewissenssache
-für mich.«
-
-Der Administrator wollte sprechen, da kam ein Bote, der ihn abrief. Er
-zögerte zu gehen. Noch einmal faßte er ihre Hand, sah ihr freundlich ins
-Gesicht und sprach: »Du bist also wieder gut? wir scheiden als Freunde,
-oder vielmehr wir scheiden nun nicht? Und Therese?«
-
-Fabia lächelte. »Ich werde sie versöhnen --« sagte sie versichernd. Da
-zog er ihre Hand an seine Brust, drückte mit heißen Lippen einen Kuß
-darauf, und enteilte auf den Ruf seiner Pflicht.
-
-»Wie stark sein Herz klopfte!« sagte Fabia leise und ängstlich zu sich
-selbst, und diese Besorgniß galt mehr der fieberhaften Wallung des
-erhitzten Blutes, als der nervösen Störung, welche diesen Umlauf
-beschleunigte. Fabia hatte den zartesten Sinn für den krankhaften
-Zustand ihres Schwagers, und zugleich eine stumpfe Härte in Betreff
-alles dessen, was seiner Seele wohl thun könnte. Das kleinste
-körperliche Uebel regte ihre wohlwollenden Kräfte ihm abzuhelfen auf,
-während sie in kalter Gleichgültigkeit verharrte, wo sein Inneres litt,
-wenn es auch in ihrer Macht gestanden hätte, dieses tiefere Weh zu
-lindern. Sie erschöpfte sich in dienstlicher Beflissenheit, indeß es
-ihr ein Leichtes gewesen wäre, die bittere Quelle zu verstopfen. -- In
-diesem Widerspruch lag all der Egoismus, durch welchen Frauen solcher
-Art die Wirkung einer pietistischen Moral verkümmern, wogegen die Liebe
-in ihren Fehlern sogar -- heilbringend wird.
-
-Es klopfte sacht an die Thüre, und als Frau Fabia: »herein!« gesagt,
-erschien eine ehrwürdige Gestalt, die einzige noch übrig gebliebene
-Nonne von der Gesammtschaft des aufgelös'ten Ordens, welche die
-Vergünstigung nachgesucht und empfangen hatte, in Sanct Capella den Rest
-ihrer Tage beschließen zu dürfen. Das fromme Stillleben der Nonne hatte
-sich wenig geändert, seit jener Catastrophe, welches die Verfassung des
-reich fundirten Klosters stürzte, und in dem Muth, womit sie als eine
-einsame Ruine unter den geweihten Trümmern ihrer Welt begraben zu werden
-wünschte, bewährte sich eine wahrhaft hohe Seele. Schwester Veronica
-verzehrte hier ihre Pension, in wunderlicher Zusammenstellung mit einer
-Anzahl Offiziere, die eben so die Mittel zu ihrer Subsistenz in einem
-Gnadengehalt aus der Staatscasse erhielten. Der Administrator, ein
-guter Cameralist, hatte die glückliche Idee gehabt, einen Theil dieser
-Zuflüsse in die Einkünfte des Stiftes zu leiten, worin die kleineren
-Wohnzimmer und größeren Säle des weitläuftigen Gebäudes für solch
-einen Zweck zu benutzen wären, und seit Herr Prälat mit Genehmigung
-der Behörde dies in öffentlichen Vorschlag gebracht, hatten sich zwölf
-ausgediente Krieger gefunden, welche alle unter einander bekannt, dies
-Anerbieten mit Freuden ergriffen, und den politischen Streit weltlicher
-Interessen gegen die friedliche Geselligkeit eines Invalidenhauses
-aufgaben, das ihnen kaum reizender gelegen seyn konnte. So mischte sich
-denn das Geräusch manch welken Lorbeers mit den stillen Schatten der
-klösterlichen Palme von Sanct Capella. -- Dieser militairische Club
-bestand nun neben dem Familienleben des Administrators, neben der
-Clausur der geistlichen Jungfrau, ohne daß diese verschiedenartigen
-Verhältnisse durchaus umgänglich geworden wären. Zwar hatte der junge
-Prälat unter den alten Offizieren Einige, die seine Achtung von den
-Uebrigen sonderte, auch einen Freund --; aber diese Auszeichnung that
-weder dem guten Vernehmen mit Allen, noch der Zurückhaltung Eintrag,
-die er im Ganzen beobachtete. Auch war sein Wirkungskreis sehr groß und
-forderte all seine Zeit, und für die wenigen Stunden der Muße, welche
-ihm vergönnt waren, sprach das Bedürfniß mächtig in ihm an, sich
-wissenschaftlich zu beschäftigen. Und mitten unter diesem invaliden
-Ruhestande, der doch zuweilen, alter Gewohnheit nach, ein lärmender
-Aufstand wurde, wenn auch der renommirende Säbel in friedsamer
-Scheide stack -- mitten unter der rastlosen Geschäftslosigkeit des
-Administrators und seiner Leute -- war die Wohnung der Schwester
-Veronica, gleich einer Einsiedelei zu betrachten, worin sie, wie die
-Schutzheilige des Hauses, Segen durch ihre fromme, lautlose Gegenwart
-verbreitete. Sie hatte sich den Schwägerinnen des Herrn Prälaten
-herzlich befreundet, wie dem Stiftsverweser selbst, Josephine war ihr
-Liebling -- dennoch geschah es nur selten, daß ihr Besuch in dem Flügel
-gesehen wurde, den der Administrator mit den Seinen bewohnte. Doch so
-oft Jemand in dieser Familie krank war, ob am Leibe, oder an der Seele
--- und es war, als ob die Nonne es durch Inspiration erführe, wo ihr
-Rath, ihr Trost nöthig sey -- kam sie ungerufen, und man war daran
-gewöhnt, das milde Gefühl der Theilnahme an ihr Erscheinen zu knüpfen.
-Dazu trug selbst ihr _Aeußeres_ bei. Schwester Veronica hatte mit
-Ergebung die ihr liebgewordene Tracht der Ordensregel aufgegeben; aber
-ihr einfacher Anzug näherte sich derselben so sehr als möglich. Ein
-Schleier der Weltentsagung wallte unsichtbar nieder an dieser Gestalt,
-welche, trotz der Bürde von siebenzig Jahren und mancher beugenden
-Erfahrung, sich vollkommen aufrecht erhalten hatte. Ihre Stimme tönte
-rein und sanft, wie in leisen Nachklängen der Hora -- und in dem
-Tiefblick ihrer Augen glomm noch ein schwacher schwärmerischer
-Funken jener ewigen Lampe, womit sie einst in nächtlicher Stunde dem
-himmlischen Bräutigam entgegen gegangen war. Lichtvolle Klarheit war
-über die Züge der Nonne ausgegossen, wie wenn blasser Mondschein
-einen stillen Abend erhellt. Und wie die Zeit dieses langen Lebens in
-gleichförmiger Ruhe vergangen war: so hatte sie auch nur unmerkliche
-Spuren nachgelassen. Zwei Reihen wohlerhaltener Zähne stützten wie
-eine elfenbeinerne Doppelmauer den Mund, dem nie ein liebloses Wort
-entschlüpfte, und der noch eines heitern Lächelns fähig war, gegen den
-Einfall des Alters. Wenn Schwester Veronica mit sachtgewöhntem Fuß durch
-die wüsten Gänge schlich, und ein bestiefelter Schritt ihr dröhnend
-begegnete: dann salutirte der Offizier in kirchlicher Ehrerbietung, und
-wechselte gewiß ein paar Worte, welche die Nonne immer freundselig, ja
-oftmals scherzend erwiederte.
-
-Wir wenden uns nun wieder zu dem Eintritt der Nonne. »Guten Morgen, Frau
-Fabia!« sagte die Conventualinn, und es bleibt zu errathen, ob sie die
-trauliche Benennung des Vornamens in klösterlicher Sitte beibehalten,
-oder als Vorrecht der Freundschaft für die beiden jüngeren Frauen
-angenommen hatte. -- Ueber Fabiens verdüsterte Züge flog ein
-bewillkommendes Lächeln. Sie nahm den guten Geist mit Freuden auf;
-nur der Blick, der noch naß glänzte, ward dem Gruße vorenthalten, daß
-Schwester Veronica die thränengeschwollenen Augen nicht sähe.
-
-»Ein goldener Tag!« sagte die Nonne, und ihre feine Wange brannte wie
-glimmende Kohlen, »die Sonne scheint so schön und blaß wie eine Braut.
-Man fühlt sein Herz ordentlich erwärmt. Doch -- sehe ich recht?
-warum denn so betrübt, Frau Fabia? ich will nicht fürchten, daß ein
-Unglück -- --.«
-
-Bei diesen antheilvollen Worten schüttelte Fabia leise mit dem Kopfe.
-Sie antwortete mit wehmuthzitternden Lippen: »es giebt zuweilen etwas;
-kein Himmel ist so hell, daß er nicht einmal weinte -- und den Himmel
-auf Erden -- glauben Sie es mir, Schwester Veronica! den habe ich grade
-nicht.«
-
-»Wer hätte den!« erwiederte die Nonne mit aufwärts gehobenem Blicke,
-der in die Tiefe menschlicher Erfahrungen schauen ließ. »Wir können nur
-darnach ringen. Und diese Kraft kommt auch von Gott. Thränen fallen wie
-Thau in der Nacht: sie erfrischen. Der Kummer, auch der längste, gehet
-endlich vorüber -- Ich kenne nur ein Elend, welches bis in Ewigkeit
-dauert, und das ist der Unfriede.«
-
-Fabia nickte; erschauernd wie im Frösteln eines verweinten Gefühls und
-dieser Vorstellung sprach sie: »warum sollte ich es Ihnen nicht sagen?
-ich hatte mich mit Theresen verzürnt, der Bruder ward in den Streit
-gezogen, er war wie gewöhnlich auf ihrer Seite. Das kränkte mich. Wer
-ist's, der für ihn sorgt? ihn pflegt und sein Bestes wahrnimmt? --
-Therese nimmt keine Notiz von diesen Pflichten einer rechtschaffenen
-Schwägerinn und ihn nur durch flatterhaften Leichtsinn für sich ein. Ich
-wollte fort -- man säet ja doch nur auf den Wind.«
-
-»Der Dank, Frau Fabia,« entgegnete die Nonne, »ist eine Ernte, die
-man unbewußt ausstreut, ein Lohn, auf den man nie rechnen darf, eine
-überraschende Freude, wie eine Blume auf dem Felsen: denn sie wurzelt
-nur in starken Herzen. Der wackere Administrator scheint mir jedoch sehr
-wohl zu erkennen, was er an Ihnen hat, wenn er sich auch der jungen
-Frau seines Bruders gleichfalls zuneigt. Bin ich doch selbst der lieben
-Therese herzlich gut. Ach! ich betrachte sie nie ohne Mitleid.«
-
-»_Mitleid?_« fragte Frau Fabia mehr mit einem Anfluge von Kälte, als der
-Verwunderung: »und worin wäre Therese zu bedauern?«
-
-»Solch glücklichem Leichtsinn,« versetzte die Nonne mit weicher Stimme,
-»ist häufig ein schweres Schicksal zu tragen beschieden. Sie thut mir
-leid, die holde, hübsche Frau! es ist keine böse Ader in ihr, wenn auch
-die Pulse hüpfen.«
-
-Fabia schwieg, und Schwester Veronica, als ob sie mit sich selbst
-redete, fuhr fort: »es ist seltsam, Jeder wünscht sich etwas Anderes,
-als was er besitzt, tadelt nebenher fremde Eigenthümlichkeit: und wir
-Alle haben, was wir brauchen. Ausgerüstet für unsere Bestimmung, treten
-wir in den Kampf der Welt, und an dem Keime unserer Neigungen und wie
-sich diese entwickeln: daran wäre die Frucht unseres Lebens, ach, die
-bittere oft! zu erkennen, wenn wir fleißiger nach Innen blickten. Die
-beschauliche Stille des Klosters führt auf solche Betrachtungen.«
-
-»Der Klosterzwang hatte auch sein Gutes,« sagte Fabia mit einem Seufzer
-über die Willkür, unter der sie zu leiden wähnte, »und was man immer
-davon sagen mag, bis auf einen gewissen Punkt hält er doch zusammen. Wo
-aber die Meinungen so durchaus verschieden sind in Sachen der Seele und
-Seligkeit, auf der Höhe der wahre Gott angebetet wird, unten aber dem
-Baal geopfert --« Fabia stockte und sprach nicht vollends aus.
-
-_Wie_ lächelte die Nonne bei dieser Rede! Sie antwortete mit verhaltenem
-Tone: »unser Kloster ist nicht mehr -- sein Altar steht nur noch in
-meinem Herzen; dennoch Frau Fabia, wenn ich der Wahrheit die Ehre geben
-will: so muß ich bekennen, der Friede ward hier nicht gefunden, sondern
-nur gesucht, und höchstens _gelernt_. Wir Alle müssen Geduld mit
-einander haben. Und wie von den tausendmal tausend Ehen, die auf Erden
-geschlossen werden, jedes Mägdlein sich den Verlobten aus eigener Liebe
-oder besondern Gründen nimmt: so ist auch der Herr jedweder Seele, die
-sich ihm weihet, ein Anderer. Der Schleier hüllt nicht immer das Heil
-derselben ein -- viel öfterer ein Herz voll Wunden -- und die einsame
-Zelle verbirgt zuweilen einen Stachel, der sich selbst zu Tode trifft.
-Wenn die Menschen große Prüfungen herbei ziehen wollen: so dürfen sie
-nur Zank und Zwistigkeit über ein Geringes erheben. Manchmal dachte ich:
-es muß ein Unglück kommen, und es kam. Da fühlten wir das Band unserer
-Verbindung, und der Riß ging durch das Leben.«
-
-Während Schwester Veronica also sprach, hatte Frau Fabia sich mit der
-nun fertigen Guirlande, die sie wie ein Feston schwebend trug, dem Bilde
-Martin Luthers genähert, um diesen Schmuck daran zu befestigen. Das
-Blumengewinde, von seiner eigenen Wucht niedergezogen, glitt abwärts,
-ehe Fabia es dem Rahmen anpassen konnte, und die Nonne daneben leistete
-ihr mit freundlicher Toleranz Beistand, den Mönch von Wittenberg
-zu bekränzen. Diese Huldigung ward von Seiten Fabiens emsig, doch
-schweigend dargebracht. Auch Schwester Veronica verstummte, und richtete
-den Blick starr auf das Portrait, welches einer andern Erinnerung
-aufhalf, als der, die sie großmüthig zu vergessen schien.
-
-»Warum ich eigentlich gekommen bin --« sagte sie mit einem gastlichen
-Geheimniß in der Miene: »man geräth ins Plaudern und ein altes
-Gedächtniß wird schwach. Sie haben mir versprochen, mich zu besuchen,
-Frau Fabia, mit Josephine -- und Theresen! So lade ich Sie hiermit ein,
-auf eine Schale Thee, um fünf Uhr, wenn Sie so gütig seyn wollen. Ich
-bin am Feuer gewesen, Sie sehen es mir noch an. Meine lieben Gäste,
-auf die ich hoffe, zu bewirthen, habe ich Olyppen gerollt und mürbe
-Schneetörtchen ausgesetzt, mit Kirschmuß gefüllt, weil ich weiß, Sie
-mögen dies Gebäck gern.«
-
-»Kirschmuß?« fragte Fabia zerstreut doch dankbar, und der schwarze Groll
-in ihrem Herzen war unterdessen in Süßigkeit zergangen. Der Gedanke
-rührte sie, die Nonne wolle ihr, ob auch verschwiegenermaßen, doch nach
-echtcatholischer Weise, den Namenstag des Reformators feiern -- eine
-Selbstverleugnung, der die lutherische Fabia schwerlich fähig gewesen
-wäre. Sie antwortete demnach: »Ihre Güte beschämt mich, Schwester
-Veronica; ich nehme, was mich betrifft, die Einladung mit Vergnügen an,
-doch würde ich auch zu jeder andern Zeit -- -- --.«
-
-»Nein,« erwiederte die Nonne sanft beharrend: »warum also nicht heute?
-Sanct Martin will auch sein Recht haben. Es hat große Männer dieses
-Namens gegeben. Papst Martin der Fünfte ritt ein weißes Roß -- daher
-vielleicht das volksthümliche Sprüchwort: Sanct Martin kommt auf dem
-Schimmel; was so viel sagen will, als: daß oftmals zu Martin der erste
-Schnee fällt. Von meiner Kindheit her war dieser Tag mir immer eine
-kleine winterliche Vorfeier des heiligen Abends; ich jauchzte, wenn die
-ersten Flocken die stille Luft einschleierten; dann ward es mir so traut
-und heimlich düster im Zimmer, ich schmiegte mich in meinen Winkel,
-spielte Kloster und betete das Christkind an, vor dem ein Paar kleine
-Lichter brannten. Die Mutter schenkte mir deshalb stets den angemalten
-Wachsstock voraus.«
-
-Bei dieser Rückerinnerung lächelte die alte Nonne fast kindlich. Sie
-glich in diesem Augenblicke einem Wachsbilde.
-
-Frau Fabia aber fragte nachdenklich: »war jener Papst, dessen sie
-erwähnen, mit dem heiligen Martin, den Ihre Kirche verehrt, Eine
-Person?«
-
-Schwester Veronica verneinte es und sprach: »der sogenannte heilige
-Martin war ein Muster aller Tugend, ob zwar ein geborner Heide. Er
-schenkte einst einem Armen, der ihm in erbarmungswürdiger Blöße unter
-den Thoren von Amiens begegnete, die Hälfte seines eigenen dürftigen
-Kleides. In der folgenden Nacht erschien ihm der Heiland, und der
-göttliche Leib war bedeckt mit diesem halben Gewande. Doch dieses dünne
-düstere Grau hing in den schönsten Farben zusammen geflossen über der
-Schulter des Gekreuzigten, wie ein Regenbogen am Himmel; Glanz erfüllte
-das Gemach --« die Augen der Nonne schimmerten.
-
-»Der mildthätige Mann,« entgegnete Frau Fabia, »wird an die Worte der
-Verheißung gedacht haben: was dem Geringsten meiner Brüder geschieht,
-soll mir gethan seyn.«
-
-»Noch war er nicht getauft; aber es geschah alsbald,« antwortete die
-Conventualinn, welche ihren frommen Wunderglauben durch diese biblische
-Erklärung angegriffen sah. Der Gedanke an den Unterschied ihrer
-religiösen Meinungen drängte sich in die Lücke des Gesprächs, dann fügte
-Schwester Veronica hinzu: »auch Martin von Amboise war ein berühmter
-Mann --.«
-
-Frau Fabia erstaunte nicht wenig, diesen Namen, der in den tiefsten
-Saiten ihres Herzens Anklang fand, aus diesem Munde zu hören.
-
-Die Nonne war im Begriff zu gehen, vielleicht fürchtete sie auch nur
-abzuhalten. Personen, welche die meiste Zeit haben, machen in der Regel
-die kürzesten Besuche und sind überall eilfertig. »Um fünf Uhr, Frau
-Fabia, ich bitte!« sagte sie, bereits an der Schwelle, »und Therese?«
-
-Mit dieser Frage schien sich heute jede Unterredung für Fabia zu
-schließen. Sie sprach: »ich werde ihr die Einladung mittheilen und
-meinen Wunsch, daß wir als gute Freunde zu Ihnen kommen.«
-
-Schwester Veronica lächelte friedselig zu diesem Versprechen. Sie nickte
-noch einmal und verschwand.
-
-Während dieser Unterhaltung war der Administrator, sobald das Geschäft
-welches seine Gegenwart erfordert fordert hatte, beseitiget worden, mit
-starken Schritten allein in seinem Zimmer auf und nieder gegangen. Da
-trat Major Feldmeister bei ihm ein, Einer der pensionirten Offiziere,
-ein Hausgenosse des Stiftsverwesers, und diesem der liebste. Nicht der
-Krieg hatte den wackern Ingenieur zum Invaliden gemacht, oder die höhern
-Jahre, in denen er stand; er war bei einer Uebung der Artillerie gelähmt
-worden.
-
-»=Bon jour=, Freundchen! störe ich?« rief der alte Feldmeister, indem
-er sich langsam durch die Thür schob; dicht neben ihm drängte sich sein
-großer Pudel von infernalischer Schwärze, heran: gleichsam der Dritte in
-diesem Bunde.
-
-Der Administrator begrüßte den Besuch wie einen gern gesehenen,
-und streichelte den Faust, so hieß der Hund -- der Täufling eines
-Kraftgenies, das weder an Göthe noch Klingemann, oder irgend einer
-Klinge Anstand genommen hätte, den Schwarzkünstler in seiner Art, also
-zu benennen. »Schön, aber verteufelt kalt heute!« bemerkte der Major,
-und glitt ein wenig wankend und mit einem Zuge von Schmerz um den
-eingekniffenen Mund in einen nahen Sessel.
-
-»Ich wollte nur --« sagte er tiefathmend, »ich hatte mit Ihnen zu
-sprechen, ehe ich am Ende sitzen bleibe im Winterquartier: denn seit
-gestern, wo ich, wie Sie wissen, noch in Leidthal war, verspüre
-ich Gichter im Knöchel.« Der Pudel entzog sich der Liebkosung des
-Administrators, und lagerte sich zu den Füßen seines Herrn, den zottigen
-Umhang des Ohres an die kranke Stelle geschmiegt, als wolle er das
-leiseste Necken heraus hören, und mit einem drohenden Blicke höllischer
-Melancholie in den röthlichumzogenen Augen knurrte er vor sich hin, als
-wolle er dem Weh, welches der Major männlich verbiß, rathen, nicht
-allzu nahe zu kommen: denn ein Funken himmlischer Treue belebte diese
-hündische Seele.
-
-»Es wird hoffentlich nur ein wenig Rheuma seyn,« erwiederte der
-Administrator tröstend auf jene Klage, »ein gelinder Schweiß hilft es
-heben,« dabei trocknete er sich die Stirne, und verbarg eine verstörte
-Miene in dem feinen Tuche.
-
-»Wie es scheint, Freundchen,« sagte der Major und lächelte: »sind Sie
-selbst in Transpiration -- oder in Angst? das verhüte Gott!«
-
-»Die Weiber haben mir den Kopf warm gemacht« -- sprach Jener heftig: »es
-kostet Kampf, mit ihnen fertig zu werden.« Bei diesen Worten rückte er
-ein Kästchen mit Cigarren dem Gast zur Hand, und drehete den Hahn an der
-Maschine von Wasserstoffgas wie mit zürnender Vollkraft, daß der Strahl
-erschrocken heraus sprang. Es geschah dies mit unbewußtem Nachdruck
-des Gedankens, er sehe sich genöthiget, ihnen den Daumen aufs Auge zu
-drücken.
-
-»Glaub's gern,« antwortete der Major gleichmüthig, und schickte sich
-ohne Umstände zum Rauchen an. »Man hat mit Einer zu thun. Sie stecken
-mir da wahrhaftig in jedem Sinne ein Licht auf. Oft schon habe ich
-gedacht, wie Sie nur Friede erhalten mögen unter den Frauen? Feuer und
-Wasser sind nicht so verschieden wie diese Beiden, und Josephine« --
-der Blick des Majors streifte den gläsernen Globen -- »ist ein Kind des
-Lichts, eine Tochter der Lust, so zu sagen: denn man weiß nicht, woher?
-von wannen? genug, die Kleine ist Gott Vaters Ebenbild -- und die Frau
-Schwägerinn eine wackere Stiefmutter.«
-
-Herr Prälat schien das Letztgesagte nicht vernommen zu haben. Er starrte
-vor sich hin, als dächte er diesem zweideutigen Lobe nach. Der Major
-fuhr fort: »wenn es denn irrdischen Eigenschaften nachgeht: so muß
-Frau Fabia einst Schaffnerinn im Himmel werden. Sie ist eine treffliche
-Wirthinn, das muß wahr seyn. Und diese Ordnung, diese Stille --
-aber Freundchen, der Mensch lebt nicht von Brod allein. Wenn Sie nun
-heirathen? wird eine Frau sich dies Regime gefallen lassen? und eine so
-hübsche Mitregentinn wie Therese dazu? schwerlich. Sie dächte wohl,
-Jene führte den Scepter im _Hause_, Diese trüge die Reichs-Insignien
-im _Herzen_ des Mannes, und so wäre sie nur gleichsam eine
-Schattenköniginn.«
-
-»Es wird nicht geschehen,« versetzte der Administrator halblaut,
-ohne sich deutlicher zu erklären, ob er das Heirathen, oder diese
-Vertragsamkeit meine.
-
-»Es taugt nicht,« fuhr, nun im Zuge, der alte Feldmeister fort: »sich
-vor der Zeit mit Familien-Verhältnissen zu befassen. Frei muß der Mann
-seyn, ehe er freit! eine ganze Sippschaft Vettern und Basen rückt
-ihm mit dem Hochzeittage auf den Hals. Meine selige Frau hatte keine
-Geschwister, und kaum war ich ein Jahr mit ihr verheirathet: so däuchte
-es mir, ich hätte das leibliche Kind der Mutter Eva zum Weibe genommen:
-denn das Menschengeschlecht kam, und wollte mit mir verwandt seyn.«
-
-»Mein Schicksal ist ein Schlangenknoten, schon um meine Wiege
-geschürzt,« entgegnete der Administrator düster: »und wenn ich den Lauf
-meines Lebens überdenke: so scheint es mir, ich sey bestimmt, unter
-falschen Maximen zu leiden. Urtheilen Sie selbst!«
-
-Herr Prälat war in einer jener Stimmungen, welche dem nächsten Zufall
-den Schlüssel giebt, auch ein verschlossenes Herz zu öffnen. Zumal war
-dies Herz gepresst wie noch nie; er kannte den Major als einen wackern
-Mann, und so genügte er dem Bedürfniß des Vertrauens. Indem er eine
-Tabackpfeife ergriff und lächelnd den Kopf des Mustapha, genannt der
-Fahnenträger, betrachtete, sagte er: »kein Unterschied des Glaubens,
-kein religiöses Vorurtheil, und was aus dieser oder jener Gattung für
-das Leben hervorgeht, ist mir fremd geblieben, den Islam ausgenommen --«
-hier knurrte Faust, und schnappte wie nach dem Schall dieses Wortes.
-
-Der Administrator setzte sich dicht an die Seite des Majors und sprach:
-»Mein Vater soll ein Freigeist gewesen seyn -- ich will es nicht
-bezweifeln: denn der Gott in meiner Brust war kein kindliches Erbe,
-sondern der Segen der Natur. Ziemlich jung noch hatte er eine Wittwe
-geheirathet, die bedeutend älter war.«
-
-»Taugt nicht, Freundchen,« schaltete der Major ein, und Jener fuhr fort:
-»diesmal taugte es wirklich nicht, obwohl ich sonst schon gesehen habe,
-daß dessenungeachtet das Glück einer Verbindung bestehen kann. Ein
-wesentliches Mißverhältniß entgegengesetzter Art machte diese Ehe
-unglücklich. Die Frau war coquett und lebenslustig für ihre Jahre,
-mein Vater weltsatt und ungesellig für die seinigen. So gab es
-keinen Einklang zwischen ihren Meinungen, und endlich nur den
-einer Scheidestunde. Sie trennten ein Band gesetzlich, was bereits
-unauflöslich war: denn meines Vaters Frau sollte nach längerer Zeit
-ihrer Verheirathung jetzt Mutter werden. Der Verdacht der Untreue, der
-meinen Vater bestimmte, sich unter diesen Umständen von seiner Gattinn
-loszusagen, muß durch dringende Beweismittel unterstützt worden seyn:
-denn er ward von Seiten der Behörden nicht verpflichtet, sich ihrer
-weiter anzunehmen, oder für das Kind zu sorgen. In öder Vereinzelung
-ging ihm nun ein langer Zeitraum hin. Er war ein ältlicher Mann
-geworden, da kam ihm der Gedanke, sich wieder zu verehlichen, und er
-wählte ein blutjunges Mädchen, meine liebe Mutter.«
-
-Der Administrator hielt inne und seufzte tief.
-
-»Taugt wieder nichts,« brummte der Major sich in den Bart: »hätte ihn
-nicht nehmen sollen, die arme Kleine.«
-
-»Mein Vater war wohlhabend -- und meine Mutter eine abhängige Waise,«
-versetzte ihr Sohn mit gebundenem Athem: »Gott trat in's Mittel -- meine
-Geburt gab ihr den Tod.«
-
-»Armer Freund!« sagte der Major weich: »so haben Sie das Treueste auf
-Erden nicht gekannt.«
-
-Der Administrator schwieg einen langen Moment und fuhr dann fort: »mit
-einer wahren Todesverachtung wiederholter Trennungen heirathete mein
-Vater alsbald zum drittenmal. Ich war als ein schwächliches Kind, was
-mühsam behandelt werden mußte, zu der Schwester meines Vaters gekommen,
-der Frau eines Predigers auf dem Lande. Einst ward ich aus einem
-harmlosen Spiel empor gerissen, es hieß: der alte Schreiber meines
-Vaters wäre da, mich zu holen; mein Vater läge im Sterben, und wolle
-mich noch _einmal_ sehen. Lieber Gott! er hatte mich noch _niemals_
-gesehen, seit ich denken konnte. Man kleidete mich an, ein ärmlicher
-Flechtenwagen hielt vor der Pfarre; ich ward hinein geworfen. Die
-verschrumpfte Gestalt des Schreibers saß neben mir, oder lag vielmehr
-wie eine faule Birne auf dem Stroh. Er schlief den ganzen Weg, ich
-wachte mit regen Sinnen, Bäume und Berge flogen an mir vorüber -- die
-Reise war mir wie ein wüster Traum. -- Die Scene meines Empfangs schwebt
-auf jede Weise dunkel vor meinem Gedächtniß. Das Krankenzimmer öffnete
-sich mir. Eine spanische Wand verbarg das Bett, worin der Vater lag, und
-dem Sterbenden einen bittern Anblick. Eine hochbusige Frau probirte eine
-schwarze Florhaube vor dem Spiegel, der dieses eitle Bild der Trauer
-verdoppelte. Ein schöner etwa dreijähriger Knabe saß auf dem Boden und
-stieß, als ich eintrat, in eine kleine Trompete von Blech, als wolle
-er der Herold meiner Ankunft werden, und als fände nicht die geringste
-Berücksichtigung Statt, welche die Achtung der Stille erheischte. Welche
-Macht über die Erinnerung üben Kleinigkeiten aus! glauben Sie es wohl,
-Major? vor jenem gellenden, schrillenden Hall sinken, wie einst zu
-Jericho -- noch heut die Mauern meiner Seele ein, und ein Gedanke dieses
-Augenblicks voll Grauen, voll Schmerz, durchdringt mich.«
-
-Der Major nickte zweimal, als kenne er das und Aehnliches.
-
-»Ich trat verdutzt« erzählte Herr Prälat weiter: »an das Lager meines
-Vaters, mit einer dumpfen Empfindung von Mitleid, Angst und Ehrfurcht,
-nicht unähnlich der, womit man sich zum erstenmal dem sogenannten
-heiligen Grabe nähert. Er lag wie ein =Ecce homo= darin. Seine Augen
-waren umflort, und ruhten schon in der tiefen Höhle des Todes, seine
-Glieder ohne Leben wie von bleichem Holz. Er reichte mir mit letzter
-Anstrengung die feuchte schwere Hand. Am andern Morgen sagte man, mein
-Vater wäre gestorben. Es war ein großes Begräbniß, ich ging unbetrübt
-hinter seinem Sarge, kindlich stolz, das erstemal öffentlich
-aufzuziehen. Meine Verwandten waren auch gekommen; des andern Tages war
-ein großer Zank; ich erinnre mich, daß meine Tante ein niederschlagendes
-Pulver nahm. Sie war eine robuste Frau und stets gesund, nie kam
-ein Arzt über die Schwelle des Pfarrhauses: so gab dies unschuldige
-Präservativ mir den Begriff einer ungeheuern Alteration. Mein Oheim
-besaß mit seiner Pfarrstelle eine Widmut, auf der ich mir die ersten
-Kenntnisse der Oekonomie spielend erworben habe. Meine Tante war mit
-Leib und Seele Landwirthinn; das liebe Vieh gehörte gleichsam zu unserer
-Familie. Sie hatte ein eigenes Idiom, sich jedem Geschlecht ihrer
-Hofhaltung verständlich zu machen. Es heißt gewiß ihrer Sorgfalt für
-mich den größten Ruhm beilegen, wenn ich sage: sie habe mich mit diesen
-Pfleglingen in eine Cathegorie gestellt. Das ist deine Amme gewesen,
-Cölestin! sagte sie und deutete auf eine schwarz und weiß gefleckte Kuh,
-die vergessend ihrer Segnung, an mir vorüber schwenkte. Ein ägyptischer
-Schauer rieselte dann durch meine junge Seele; die Tante, obgleich sie
-eine wackere Christinn war, hätte es, glaube ich, gutgeheißen, wenn man
-den Sultan Wampum der Heerde auf Knieen verehrt hätte. Standen wir an
-lauen Sommerabenden am Wasser, und eine Henne lief mit dem Glucken der
-Angst vor Gefahr am Ufer hin und her, weil die zarten Entlein, die sie
-ausgebrütet, ihre ersten Schwimmversuche machten -- so sagte die Tante:
-das ist eine bessere Stiefmutter als Deine, armer Junge! -- Dann ward
-mir so sonderbar weh zu Muthe, und ich wünschte mich hinab in den
-dunkeln Teich, wo er am tiefsten ist. Mit welcher Empfindung belauschte
-ich, ein Knabe noch! die geheimnißvolle Zärtlichkeit in einem
-Schwalbenneste! das Zwitschern des mütterlichen Vogels war mir wie der
-magische Laut einer Welt, aus der ich verstoßen wäre; das geringste
-Geschöpf schien mir neidenswerth, welches mir Kunde geben könnte von
-jener Heimath, nach der ich mich sehnte, ohne sie zu kennen. Das Gefühl
-_schützender Liebe, wie die Natur sie lehrt_, wurde zu einer Grundidee
-in mir, zu einem Princip, welches später meine Handlungen leitete.«
-
-»Armer Freund!« sagte der Major abermals mit Blicken voll rauhen
-Mitleids, und ein leiser Ingrimm zuckte in seinen Mundwinkeln, als er
-eine neue Cigarre abknirschte, »so hatte die Tante kein Herz für Sie?«
-
-»Ein Herz wohl,« antwortete Jener, »aber nur für meinen Leib, nicht für
-meine Seele. Der äußere Bedarf galt ihr alles, wie das häufig bei Frauen
-dieser Art der Fall ist. Sie hatte eigene Kinder gehabt; vielleicht war
-die Stelle dieses Verlustes zu lange schon vernarbt -- und Narben werden
-Härten.«
-
-»Nun, und der Oheim?« fragte der Major theilnehmend weiter.
-
-»Mein Oheim,« erwiederte der Administrator mit sinnendem Auge, »war ein
-liebenswürdiger Greis von einer wahrhaft patriarchalischen Einfalt der
-Sitten. Seltsam! wie ein so schlichter charakterfester Mann sich in die
-künstlichen Folgerungen eines Systems verwickeln können, so daß er mit
-sich selbst im Kampfe lag. Er war ein geheimer Anhänger Mesmers, und
-ging im Forschen der wunderreichen Kräfte, welche dieser Producent
-zum Wohl der Menschheit darthat, weit genug, um bis an die Quellen der
-christlichen Offenbarung zu dringen. So hielt er den Messias für einen
-außerordentlichen Magnetiseur, den Tod am Kreuze für Somnambulismus, die
-Jünger für Hülfsärzte pro Secundo -- und jede That des Heils für eine
-Wirkung dieser mysteriösen Kraft. -- Wohin verirrt sich oftmals ein
-reger, nicht genugsam beschäftigter Geist! Das Consistorium mogte
-schwerlich eine Ahnung davon haben: denn mein Oheim galt für ein Muster
-lutherischer Seelsorge und des unverfälschten Glaubens. Doch um die
-Göttlichkeit seiner Lehre war es gethan. Der Schmerz des Wissens, der
-Durst nach Wahrheit gab seinen Vorträgen eine Inbrunst, die sich
-seinen Zuhörern mittheilte. Das Zutrauen, dessen er genoß, grenzte an
-Wundergläubigkeit und erstreckte sich weit über die Feldmarken seiner
-Diöcese hinaus. Er ward verfolgt vom Neide seiner Amtsbrüder. Nach
-seinem Tode fanden wir ganze Bündel Schmähschriften der benachbarten
-Geistlichen an ihn, die er mit ordnender Ruhe unter Rubriken der
-Gehässigkeit gebracht hatte. Ein kleiner Auftritt ist mir eingedenk
-geblieben. Eines Sonntags nach dem Gottesdienst kam eine Fischersfrau,
-die zwei Meilen von unserm Dorfe am Ufer des Flusses wohnte, weinend zu
-meiner Tante. Der Mann wartete draußen. Diese Leute scheueten den langen
-Weg nicht, um eine Predigt in der hiesigen Kirche zu hören, wo sie
-ermüdet oftmals nur mit knapper Noth ein Plätzchen zum Sitzen fanden.
-So wären sie auch, erzählte die Frau, seit geraumer Zeit hierher zur
-Communion gegangen, und mein Oheim hätte die fremden Gäste am Tische
-des Herrn geduldet. Nun aber habe der Pastor des Ortes, wohin das Ufer
-eingepfarrt sey, sie kommen lassen, mit Vorwürfen empfangen, und hart
-bedroht, daß sie ihm den Beichtgroschen entzögen. Er wolle eine grobe
-Epistel an meinen Oheim schreiben und sich dies in Zukunft verbitten.
-Was sagen Sie zu diesem Hirtenbriefe? jener Geistliche war ein communer
-Neidhammel. Die Fischerinn schluchzte und sagte: nun habe der Herr
-Pastor, (mein Oheim nämlich) sie heute freundlich ermahnt, ihm fürder
-keinen Verdruß zu machen; dann setzte sie entschlossen hinzu: ehe ich
-aber das heilige Abendmahl wo anders halte, so lasse ich es ganz und
-gar, es muß ja nicht seyn.«
-
-»Blitz! da schlage doch das Wetter drein!« rief der Major mit
-Indignation: ȟber die Pfaffen! die lutherischen auch -- es ist all
-Eins. Einer armen Seele den Trost Gottes vorzuenthalten, weil sie ihn,
-wie billig, nicht aus einer schnöden habsüchtigen Hand empfangen will!
--- Da wird ja der protestantische Altar zu einer Tetzelsbude, einer
-Kleinkrämerei von Nichtswürdigkeiten. Unter uns gesagt, Freundchen!
-ich kann die Schwarzröcke nicht leiden. Der Teufel hole den geistlichen
-Hochmuth!«
-
-Der Administrator lächelte still. Er sah ein stummes Weilchen mit
-seitwärts gesenktem Kopfe auf den Turban des Muselmannes nieder, der
-umwunden von dem Dampfe seiner Pfeife nur bläulich schillerte, wie eine
-gestorbene Perle. Dann fuhr er in seiner Erzählung fort: »solchergestalt
-ward mir die Theologie verleidet, die ich nach dem Wunsche meiner
-Verwandten studiren sollte. Es mischte sich mir ein fixer Gedanke von
-Haß, Hader und ekler Widersacherei in diesen Stand des Friedens. Die
-Widmut theilte anderer Seits mein Interesse für den geistlichen Beruf,
-und schadete demselben in gleichem Grade, worin sie nützte. Wo blühet
-auf solchem Mistbeet die Lilie des ungefärbten Glaubens? die Rose zu
-Saron stehet nur im tiefen Thale des Gemüths, einsam und heilig.
-Den Haushalter über die Geheimnisse Gottes dachte sich meine
-scheue Hochachtung abgesondert in Gedankenstille von der gemeinen
-Menschenclasse und ihrem niedrigen Bedarf. -- Meine Meinung entschied
-sich für den Landbau. Die Gleichnisse und Parabeln der Schrift, in deren
-Worten ich von frühester Kindheit an geathmet, waren wie ein Element
-religiöser Poesie für jene natürliche Beschäftigung geworden. Die Bilder
-vom Sämann, vom Waizenkorn, das in die Erde gelegt wird -- von der
-Ernte, den Garben und Schnittern, vom guten Hirten, der das verlorene
-Schäflein unablässig sucht: faßte ich im Geiste der Natur. Diese fromme
-Weihe, wenn ich so sagen dürfte -- mein christliches Gedächtniß bewahrte
-mich vor jener Rohheit, die man oft bei dem Betrieb der Oekonomie
-findet, und welche ein wilder Sproß unveredelter Kraft ist. -- Ein
-blöder Schüler der Welt, kannte ich nichts Süßeres, als frei wie der
-Vogel in blauer Luft nach meiner Weise zu leben. -- Mein Oheim starb --
-und mit diesen zwei Augen schloß sich der erste Act meiner Jugend.«
-
-»Es ist mir lieb, daß sich das Blatt nun wenden wird, wie?« sagte der
-Major mit voraussetzender Frage und rauchte stärker: »die Erziehung in
-den Pfarrhäusern taugt nichts.«
-
-Der Administrator hatte keinen Widerspruch für das Sprüchwort seines
-alten Freundes; vielleicht gab er ihm schweigend die Ehre der richtigen
-Anwendung. Nach einer kleinen Erholungspause fuhr er fort: »ich kam
-nun zu einem Verwandten mütterlicher Seite, der mein Vormund war: dem
-Stiftscanzler von Sanct Capella, der als practicirender Jurist in M--.
-wohnte. Im Actenstaube grau geworden, war jeder Lebenstrieb in ihm
-vertrocknet -- er war ein Hagestolz. Die Gesetze standen leserlich auf
-dem brüchigen Pergament seiner Stirne geschrieben, der Blick seines
-kleinen Auges, dessen Pupille wie in einem galligten Gelbei ruhete,
-hatte eine Profundität, die ihm oftmals den Vortrag seiner Clienten
-ersparte -- seine Miene drückte stets auch in ihren wohlwollendsten
-Modificationen eine Sentenz zu gemäßigtem Zuchthaus aus, und auf den
-geklemmten Lippen wechselte das Urtheil zu Einbuße oder Leibesstrafe;
-sie öffneten sich fast nie ohne einen Verlust anzukünden, selbst der
-Glückwunsch zu einem gewonnenen Prozesse ward durch den Grimm seines
-juridischen Dämons zu einer Drohung. Und dennoch war dieser wunderliche
-Mann nicht böse. Er hatte einen ausgebreiteten Ruf, seine Rechtlichkeit
-war gefürchtet. Die Beamten auf den Klostergütern zitterten vor ihm,
-die guten Nonnen liebten ihn mit Furcht und schmiegten sich in
-seinen weltlichen Arm -- er war der Donnergott der Abtei. -- Ein
-Geschwisterkind von meinem Vormund und somit auch mir verwandt -- führte
-ihm daheim die Wirthschaft; ein liebes altes blasses Mädchen, an das
-ich nur mit dankbarer Rührung denken kann. Die gute Beatrix hatte eine
-kleine heimliche Hauscanzlei, wo stille Gesetze ausgeschrieben wurden,
-und mein Vormund stand unter diesem Kammergericht, ohne daß er ein
-stummes Wörtchen davon wußte. -- Beatrix, trotz ihrer subalternen
-Anspruchslosigkeit, war die Justitia des Canzlers. Sie that so simpel,
-daß man ihr die Gerechtigkeitspflege eines so rabiaten Juristen
-nimmermehr zugetraut hätte. Sie konnte nicht anders mit Federn umgehen,
-als daß sie beständig welche rupfte oder schließ -- als gälte es das
-ewige Brautbett des alten Junggesellen. --
-
-Mein Vormund empfing mich mit logischer Kürze, und wies, weil er eben
-dringend beschäftiget war, mich an die Muhme. Sey mir nicht bange,
-lieber Cölestin! sagte Beatrix so lind und leidsam, daß ich die künftige
-Angst wie im Voraus vergütet fühlte: wenn es Dir auch Anfangs nicht bei
-uns gefällt. Der Herr Vetter ist nicht gar so schlimm. Man muß ihn nur
-kennen. Einiges will ich Dir aber doch zur Warnung sagen: widersprich
-ihm nicht! Du kannst Dir ja Einwand und Rechtsmittel vorbehalten.
-Ich mußte lächeln, so jung ich war, über diese Brocken von der
-Brodwissenschaft des Vetters, welche die haushälterische Muhme
-gesammelt. Dann, sprach sie weiter: hüte Dich, mit dem Stuhle zu
-wackeln, wenn Du bei ihm sitzest! ein Erdbeben würde wohl weniger
-beachtet, als dies. Endlich lasse nie die Putzscheere unvorsichtig vom
-Leuchter gleiten. Ich sage Dir: der liebe Gott läßt eher die Sonne aus
-seiner allmächtigen Hand fallen, und schaut großmüthig drein, ehe der
-Herr Vetter diesen Fehler vergiebt. -- Ich bebte; welch ein Wütherich
-mußte mein Vormund seyn! -- Wir aßen ein kleines vortreffliches
-Abendbrod zu Dreien, der Canzler schenkte mir liberal Wein ein, um
-mir Muth einzuflößen. Ich saß unbeweglich auf meinem Stuhle und sah
-ängstlich hin, so oft Beatrix das Licht putzte. Sie that es jedoch mit
-fester Hand und winkte mir zuweilen mit den Augen, wenn ich ein Wort
-sagte, was ihr unpassend schien. Nun, Du willst ein Bauer werden, wie
-ich höre? fragte der Herr Vetter zwischen dem Essen, und die Frage klang
-wie Spott. Beatrix zwinkerte schon wieder verneinend. Du hast dreschen
-sehen, da ist Dir die Lust dazu angekommen, mein Junge. Diese Analogie
-mit dem Flegel versetzte meiner ökonomischen Liebhaberei einen tüchtigen
-Schlag. Studiere nur fleißig! sprach er dictatorisch: es wird sich
-alsdann schon finden, was aus Dir werden soll. Nur kein Jurist! dagegen
-protestire ich. Bei der Rechtspflege bliebe auch ein Eisenfresser nicht
-gesund. Man ärgert sich tagtäglich und lebenslang =ex officio=. Ich warf
-einen mitleidigen Blick auf die hagere gekrümmte Gestalt des Vetters,
-und glaubte ihm. -- Zu meinem Erstaunen sah ich, daß dieser unwirsche
-Mann auch jovial seyn konnte, und dies besonders im Umgange mit seinen
-Collegen. Es fand das beste Vernehmen zwischen ihnen Statt, und nie ward
-ihm eine Streitsache zu persönlichem Groll. Ich konnte nicht umhin, dies
-sehr achtungswerth zu finden und dabei an die unaufhörlichen Zänkereien
-der theologischen Herrn Brüder zu denken.«
-
-»Ja, die Juristen sind cordial!« fiel der Major ein, »aber die beste
-Cammeradschaft bestehet doch unter dem Militair. Da, wo der Tod
-Hauptmann ist, schließen sich die Glieder eng zusammen -- und Gewalt
-geht vor Recht.«
-
-»Ich fragte mein Mühmchen einst,« setzte Herr Prälat fort, »warum der
-Vetter denn nicht geheirathet hätte? -- Das sey Gott zu danken -- meinte
-Beatrix und lächelte mit Gleichmuth. Sie ertrug schon ein halbes Säculum
-seine hypochondrischen Launen. Er habe so viele Ehescheidungen amtlich
-behandeln müssen, daß ihm ein Abschmack -- _Abscheu_ wollte sie
-vermuthlich sagen -- vor dem Ehestand angekommen sey.«
-
-»Taugt nichts,« unterbrach hier der Major seinen Freund, »mit einer
-Sache zu genau bekannt seyn, die Illusion fordert. Köche haben in
-der Regel den wenigsten Appetit. Jeder prüfe sein Selbstwerk! -- die
-Unerfahrenheit ist auch manchmal gut.«
-
-Ohne sich durch diese eingestreueten Bemerkungen aufhalten zu lassen,
-fuhr der Erzähler fort: »wirklich überzeugte ich mich, welche üble
-Meinung der Canzler von dem weiblichen Geschlecht hätte. Er nahm mich
-zuweilen mit nach Sanct Capella -- die Aebtissinn vergünstigte es.
-Als wir einst ein wenig illuminirt das Kloster verließen, der ganze
-versammelte Convent Kopf an Kopf gedrängt uns nachsah, mein Vetter noch
-einmal zurück grüßte, wendete er sich von dieser Verbeugung zu mir, und
-sprach listig: gut für manchen wackern Mann, daß Ihr hier aufgehoben
-seyd im christlichen Harem, Ihr verschleierten Engel! das Stift, glaube
-es mir, Cölestin! ist eine wahre Büchse der Pandora. Sollten sich diese
-goldnen Thüren einmal öffnen: Hu! welch ein Heer von Plagen würde da in
-die weite Welt herausstürzen! -- Ich habe dieser Worte später
-gedacht. Es war ein Seherblick gewesen, den der Canzler damals auf die
-verschlossenen Pforten warf. Auch war jene kleine frivole Tücke gegen
-die gutherzigen Cisterzienserinn nicht etwa der Ausdruck eines Spötters
-in Glaubenssachen. Die Religiosität meines Vetters -- er war Catholik --
-war der geheimnißvolle Respect vor einer himmlischen Gerichtsbarkeit, an
-die er in terriblen Augenblicken appellirte und: _gerechter_ Gott! sein
-höchster Ausruf.
-
-Ich lebte eine Reihe Jahre in der That glücklich im Hause meines
-Vormunds, und danke ihm viel. Dieser strenge Geschäftsmann gab mir
-privatim ein Beispiel der Toleranz, was mir damals eben nöthig war. Er
-haßte alles Absprechen nicht nur an Andern, er vermied es auch an sich
-selbst. Ich äußerte ihm einmal ehrerbietiges Bewundern und ein Wörtchen
-mit Bezug auf meine früheren Erfahrungen entschlüpfte mir. Er lächelte
-und sprach: Du mußt wissen, mein Söhnchen, daß diese Eigenschaft einen
-wesentlichen Unterschied zwischen den Facultäten bemerklich macht, und
-unsern Beruf gewissermaßen austauscht. Die Theologen sind in der
-Regel Richter, was sie nicht sollten; -- _wir_ dagegen vertreten nach
-Christenpflicht und von Amtswegen die Fehler und Fährlichkeiten des
-Nächsten. _Sie_ lassen ihr Licht leuchten vor den Leuten -- _wir_
-gebrauchen es nur, um auch dem finstersten Falle eine Seite der
-Entschuldigung abzusehen.«
-
-»Wahrhaftig in Gott! da hat er Recht!« rief der Major aus überzeugtem
-Drang des Herzens.
-
-Der Administrator schwieg, als wäre diese Mittheilung nun abgebrochen,
-und sah lange weitschauenden Blickes vor sich hin. Dann hob er mit
-verändertem Tone an: »ich studirte Cameralia -- ging auf Reisen -- welch
-eine Welt liegt zwischen diesen schmalen Grenzen auf der Charte meines
-Lebens! -- Ich hatte einen Freund -- --« ein tiefer, schwerer Odemzug,
-wie wenn dies Wort sich nur mit Ketten aus dem Born der Seele wände.
-
-Der Major besaß bei einer rauhen Außenseite den zartesten Sinn der
-Freundschaft. Er sagte: »falscher Conjunctiv, Freundchen! Sie _haben_
-einen, der nicht alles zu wissen braucht. Lassen Sie ruhen, was sich
-nur mit Seufzern heben läßt. Taugt nichts, erschöpftes Vertrauen. Ich
-wünsche nur noch zu erfahren, wie Sie eigentlich zu der weiblichen
-Drei-Uneinigkeit gekommen sind? Josephine, das friedsame Täubchen! ist
-nicht in diesem Zwiespalt begriffen. Sie ist auch hier als der heilige
-Geist die schwächste Person dieser Trinität und eine wahre Vergebung der
-Sünden. Wie?« fuhr der Major abstrahirend fort: »ists nicht so? werden
-nicht dem heiligen Geist selbst im Glauben nur flüchtige Honneurs
-gemacht?«
-
-Der Administrator lächelte wie ein Leidtragender, dem ein zerstreuender
-Tröster von den Verhältnissen des Himmelreichs vorspricht. Er
-antwortete: »ich habe meine Geschichte so weit angelegt, daß ich
-schwerlich damit an das Ziel gelange. -- Meine hiesige Umstellung
-knüpfte sich an Fäden, welche noch mit der vormaligen Einwirkung meines
-Vetters, des Exkanzlers, zusammenhingen. Er starb bald darauf. Die gute
-Beatrix war längst todt. Man fand sie eines Morgens entseelt, mit dem
-Angesicht in eine Wolke von Flaum gesunken. An den starren Wimpern
-hingen die zarten Federn; aber sie bewegten sich nicht mehr vor dem
-verschlossenen Munde: es schien, als ob sie ohne einen Hauch der
-Todesangst verschieden sey. Dieses sanfte plötzliche Sterben in weicher
-Pflicht, wie wenn der Schlaf einen Müden überrascht, war die schönste
-Gabe ihres armen harten Lebens. So oft mein Vetter mir das erzählte, und
-des Anblicks jener befiederten gestorbenen Augen gedachte, die so treu
-auf seinen Vortheil gesehen, gingen ihm die seinigen über. -- Meine Lage
-als Administrator gefiel mir wohl; sie war gewissermaßen das Resultat
-der Ergebnisse meiner früheren Jugend. Hier konnte ich ein Landwirth
-seyn im weiten Felde der Industrie, nicht beschränkt auf die Hufe eines
-engen Besitzthums, und zugleich ein Diener des Staats, dem ich mit all
-meinen Kräften zu nützen wünschte. Meine Vorliebe für diesen Ort war
-sich gleich geblieben. Wie oft hatte der catholische Gesang von Sanct
-Capella, die heilige Nonnenstille, der Weiheduft andächtiger Mysterien,
-den lutherischen Jüngling in mittelalterliche Träume gewiegt! ich war
-nun erwacht, und Alles war anders und wirklich. Doch noch jetzt schlägt
-die große Glocke mit jenem romantischen Klange tiefe Saiten in mir an,
-und wenn Fabia mit dem großen Schlüsselbunde durch den Kreuzgang geht,
-muß ich der Pförtnerinn gedenken und jenes kleinen klingelnden Geläuts
-in ihrer Hand, welches, meinem Gefühl nach, den Chor seliger Geister
-in einem Himmel öffnete, den die Welt fälschlich für ein Grab der
-Lebendigen hielte. -- Wie öde reformirt war nun das schöne Stift, wie
-profan geworden! -- ich schützte mit Pietät, was noch aus dem Umsturz
-jener Verhältnisse zu erhalten war. Die Hand, welche leise und achtsam
-an das heilige, das genommene Recht rührte, war desto eifriger, wo es
-den Ertrag der Grundstücke galt. Man sprach davon: es sey im Werke,
-das pompöse Gebäude zu einer Strafanstalt, einem Spinnhause,
-herabzuwürdigen; diese Möglichkeit empörte mich. Dann sollte es zu
-einer Seidenfabrik benutzt werden, endlich wolle man, hieß es, eine
-chirurgische Pepiniére daraus machen. Ich kam den Behörden mit einer
-Proposition von meiner eigenen Idee zuvor. Solle es denn nun einmal hier
-gesponnen oder geschnitten seyn: wohl! so gebe man den Parzen Wohnung,
-und lasse verdiente Offiziere hier leben und sterben. Dann zieht die
-Ehre ein und nicht die Schmach, und statt Mühe, Plage und Schmerz webt
-in diesen Mauern das Seidenleben der Ruhe. -- Es wurde provisorisch
-zugestanden.«
-
-Major Feldmeister reichte dem Administrator mit einem gerührten Blicke
-die Hand und sagte kein Wort. Er dampfte nur einen unendlichen Qualm
-aus, als wollte er sagen: »bis an meinen letzten Athem werde ich Dir
-dies danken.«
-
-Und der bürgerliche Prälat der einst gefürsteten Abtei sprach: »ich
-orientirte mich nunmehr. Das Drängen der ersten Einrichtung ließ mich
-wenig zu mir selbst kommen. Es waren Rückstände zu bearbeiten, mein
-Vorgänger hatte lange darnieder gelegen -- auf den versäumten Gütern lag
-mehr als ein Feld der Nutzung brach. An geselliges Bekanntwerden in der
-Nachbarschaft zu denken, hatte mir noch keine Zeit geübrigt. Es war
-in einer Geldangelegenheit von Belang, wo ich gesprächsweise den
-Oberförster zu Rathe zog. Das wird Ihnen ihr Vetter, der Rentmeister
-in Bühle, am besten sagen können -- meinte er. Mein Vetter? fragte ich
-befremdet; ich wußte von keinem. Nun ich dachte nur, antwortete Jener,
-weil er eben so heißt, Sie wären mit einander verwandt. -- Dies gab mir
-ein Interesse mehr, dieser Weisung zu folgen, und den Mann meines Namens
-kennen zu lernen. Ich ritt desselben Tages noch hinüber. Es war im Mai.
-Ein Gewitter schauerte über die quellenden Saaten; doch sah ich wohl, es
-würde vor der Nacht nicht kommen. Ein eigenes Gefühl von Schwermuth oder
-Ahnung preßte mir die Brust, als laste ein nie getragenes Gewicht mir
-auf der Seele. So kam ich an den englischen Garten von Bühle. Die Sonne
-schoß eben einen goldrothen Pfeil auf das steinerne Windspiel, welches
-am untern Ende des Parks auf einem Postamente ruht. Es blickte mit
-todten Augen in den flammenden Köcher -- ich weilte einen Moment an
-dieser Stelle und dachte: da liegt der Hund begraben! Gott weiß, durch
-welche Association der Ideen mich der Gedanke geisterhaft ergriff:
-es läge unter den dunkeln Schatten dieses Ortes irgend ein Geheimniß
-verborgen, was meiner Theilnahme angehöre! -- Das große gothische
-Schloß, die Colonnade vor den Wohnungen der Beamten, schien mir schön
-aber düster, und ich gab dies Clair-obscure meiner innersten Auffassung
-der frühlingstrüben Atmosphäre Schuld. Innerhalb der Gehöfte war es auf
-die bängste Weise still, nur der Brunnen machte ein kühles Geräusch
-und die Wasserkufe schäumte über. Ich sah Niemand, den ich nach dem
-Rentmeister fragen konnte. Da öffnet sich leise eine Thüre hinter der
-Colonnade, ein Mädchen, kaum jungfräulich erwachsen, tritt hervor, ein
-feines Glas in der zarten weißen Hand, und wirft einen schüchternen
-Blick auf mich, den Mann zu Pferde. Es liegt etwas Poetisches, Major,
-in dem Anblick eines schönen Kindes am Brunnen; der Durst des Herzens,
-worin er auch bestehe, wird dadurch gelöscht. -- Ich fragte höflich,
-ob ich den Rentmeister zu Hause anträfe? die Kleine nickte -- es war
-Josephine.« Jetzt nickte auch der Major.
-
-»Ich band mein Pferd an eine Säule und folgte ihr. Sie bat, daß ich
-einen Augenblick verziehen mögte, denn der Vater wäre krank, und sie
-müsse es ihm erst sagen, daß ihn Jemand zu sprechen wünsche. Ich wartete
-vor der Thüre zu ebener Erde; drinnen entstand ein ungastfreundliches
-Gemurmel, dazwischen hörte ich Josephinens Stimme wie vorbittend.
-Endlich winkte sie mir. Ich trat in ein tristes Zimmer. Grüne wollene
-Vorhänge verdunkelten es, und warfen noch bleichere Schatten auf einen
-kranken Mann, der bei diesen schwülen Wärmegraden in Betten eingehüllt
-auf dem Sopha saß. Eine Frau rückte ihm die Kissen zurecht, und schien,
-mit Sorgfalt um ihn beschäftigt, sich nicht um den Eintritt eines
-Fremden zu kümmern. Der Anblick dieses Kranken erschütterte mich.
-Ich stellte mich ihm vor, und fragte beklommen: ob unser Gleichname
-vielleicht Grund in einer entfernten Verwandschaft hätte! -- Der
-Rentmeister lächelte -- o! furchtbar lächelte er. Seine Antwort lautete:
-verwandt? nein, Herr Administrator, wir sind nur _Brüder_. -- Mein Blick
-sah ihn mit -- Entsetzen, mögte ich es nennen, auf die Wahrheit dieser
-Aussage an; dunkel hatte es mir vorgeschwebt, dieser Mann könnte
-der Sohn meines Vaters seyn. Er war gegen mich ein Greis, eine ganze
-Lebenslänge schien sich zwischen uns hinzuziehen; doch der verknüpfende
-Faden blieb und zerriß in jener Minute mein Herz. Jetzt wußte ich, warum
-mir so ahnungsvoll zu Muthe gewesen, was dieser Weg mir aufgebürdet
-hatte. Meines Vaters Freiheit hemmte mich wie eine Kette, deren
-tausendstes Glied noch getragen werden muß. Mein Bruder! und mir so
-todesfremd! -- Getrennte Ehen sind es, welche eine Weltverbrüderung
-unmöglich machen, und das Band der Menschheit auflösen. Mit diesem
-stillen Bekenntniß legte ich mir selbst das Gelübde ab: scheiden lasse
-ich mich nimmer! -- Ich wagte ein brüderliches Wort an den Rentmeister.
-Er nahm es nicht auf, und nannte mich _Sie_. Ihr Vater, Herr Prälat,
-sagte er, als ginge ihn dieser Name gar nichts an, verstieß mich im
-Mutterleibe, und wer einmal unter der Bank geboren ist, kommt nie auf.
--- Diese Worte deuteten mir langes Unglück an und einen zerbrochenen
-Geist. Eine Thräne schlich über die Wange seiner Gattin, welche sie
-verstohlen abwischte; Josephine schlich leise hinaus. Ich hatte nicht
-den Muth, nach seinen früheren Verhältnissen zu fragen. Spät ritt ich
-nach Hause. Der Donner rollte krachend, die Wolken waren Feuerschlünde,
-es regnete wie mit Giesbächen. Ich empfand wenig von der empörten Natur.
-Meine Seele bebte noch unter stärkeren Schlägen, und die einzige Thräne
-meiner Schwägerinn hatte mich mehr erweicht, als dieses Sturzbad. Sie
-werden leicht denken, daß ich nicht säumte wieder nach Bühle zu kommen;
-doch nur langsam gelang es mir, mich meinem Bruder zu nähern und Eingang
-in sein Vertrauen zu finden. Seine Frau, ob zwar auch zurückhaltend, war
-dennoch freundlicher mit mir. Ich merkte bald, daß sie zu den Stillen
-im Lande gehöre, und eben so, wie oft der Unmuth ihres Mannes über eine
-Frömmigkeit laut werde, die ihm doch in der Geduld, womit sie seine
-Leiden ertrug, zum Seegen gereichte. Aber mein Bruder war menschlichen
-Ansehens nach ein Mann des Todes, und sein Gemüth schien mir noch
-kränker. Wie viel die Frau für seine Pflege that: eine größere
-Kraftanstrengung entwickelte sie, seine Seele zu retten. Sie ließ seinen
-Eigensinn und die Natur gewähren, wenn er den Arzt nicht wollte; aber
-sie quälte ihn partout mit dem lieben Heiland.«
-
-Der Major schüttelte den Kopf und sprach: »taugt nichts, daß solch
-heilige Liebschaft aufdringlich werde; der Mann muß dem besten Freunde
-die Thür des Hauses und Herzens selbst aufmachen.«
-
-»Einst kam ich dazu,« fuhr der Administrator fort, »als Beide in
-streitendem Gespräch über die verstörende Ursache seiner jetzigen
-Leiden waren. Mein Bruder schwieg sogleich; aber Fabia, gestützt auf die
-Autorität ihrer Gottseligkeit, konnte nicht abbrechen, ohne weiblich das
-letzte Wort zu behaupten. Sie sprach: Sey nur getrost! es wird uns
-im Himmel wohl belohnet werden, so man uns um Gerechtigkeit willen
-verfolgen sollte. Da fuhr mein Bruder heftig auf. Um _Gerechtigkeit_
-willen? Frau, Du faselst! eine Schändlichkeit ist es, die ich werde
-verantworten müssen; ich sage Dir: es ist kein größerer Betrug erfunden
-worden. Der _Glaube_ an eines Menschen Wort ist mein Unglück gewesen und
-mein Elend geworden -- ich will Gott nun nicht mehr versuchen. Es lag
-eine Resignation darin, die mich mit kalter Hand durchgriff. Fabia
-entfernte sich; ihr Mann fiel erschöpft in einen fieberhaften Schlummer,
-ich ging seiner Frau nach. Sie stand im Gärtchen, begoß ein Blumenbeet
-mit ihren Thränen und rang in christlicher Verzweiflung die Hände über
-den weißen Lilien. Ich redete ihr zu. Fabia verklagte den unbeugsamen
-Sinn ihres Mannes, der jedem Gnadenmittel widerstände und nicht arbeiten
-möge an seinem Heil. Ein Luftzug führte die leise ängstliche Frage von
-ihren Lippen: _ob er nur selig werden wird_? Die Lilien nickten. Ich
-sagte, was ich dachte: daß diese Kinder ihres Schöpfers auch nicht
-arbeiteten im reinen Glanz ihrer Heiligkeit, und dennoch erständen zur
-Frühlingsfreude der verjüngten Erde. --
-
-Fabia schien nicht einzugehen in diesen natürlichen Trost. Sie sagte:
-seine Mutter ist lediglich Schuld daran. Diese war ungewiß über den
-Vater -- _seinen_ Vater -- darum zweifelt nun der Sohn an Gott! -- So
-schob meine Schwägerinn ihren Scrupel, ob ihr Mann das ewige Leben haben
-werde, Denen zur Last, die ihm das irdische gegeben. Bald darauf ward es
-schlechter mit dem Bruder. Kurz vor seinem Tode übergab er mir die
-Sorge für seine Witwe, für sein Pflegekind, legte den Schlüssel zu einem
-wichtigen Geheimniß in meine Hände -- dann drückte ich ihm die Augen zu.
-Das Recht eines Gestorbenen zu vertreten, darf ich keinen eigenmächtigen
-Schritt thun noch gestatten, eine schwere Verpflichtung hält mich
-an Fabia fest. Sie sehen also, wie viel mir daran gelegen seyn muß,
-Einigkeit unter den beiden Frauen zu erhalten: denn auch Therese -- --«
-hier summte die elfte Stunde vom Klosterthurme. Der Major fuhr
-elektrisch zusammen, wie von diesem Schlage gerührt. »Elf! ich muß nun
-fort, und es wird mir den ganzen Tag seyn, als stäcke ich mit _einem_
-Arme nur im Aermel des Rockes. Ich habe dem Hauptmann Moorhausen eine
-Parthie Piquet vor dem Essen versprochen, und halte Wort, wenn auch ihm
-kein wahres Wort aus dem Munde geht. Das Genie dieser Art muß in den
-Endsylben dieses Namens wohnen: Moorhausen! Münchhausen! -- Wie hat er
-uns vorgestern wieder belogen! er sprach von seinem Gute in P. -- Wir
-lachten unvernünftig. Er nahm es nicht übel -- das war honett. Aber --
-Ihre Geschichte, Freundchen ist mir in Wahrheit interessant; der Schutz,
-den Sie der Frau Fabia angedeihen lassen, hat seinen gediegenen
-Grund, ich bin nur curios, welcher Wind Ihnen die flatterhafte Therese
-zugewehet haben mag? -- allzugroßmüthig seyn, taugt nichts.«
-
-Das Reitpferd, worauf der Administrator täglich um diese Zeit die Ronde
-zu machen pflegte, ward vorgeführt. Der Major erhob sich mit steifem
-Gelenk, Faust schüttelte den schwarzen Mantel. Im Begriff zu gehen,
-sagte der Major: »da fällt mir ein, ich habe ganz vergessen, weshalb
-ich eigentlich gekommen bin. Ich wollte ihnen auch ein Geschichtchen
-erzählen, was fabelhaft klingt: das Mährchen vom gläsernen Pantoffel.
-Mein Neffe -- doch jetzt ist's zu spät; wo werden wir nur all' die Zeit
-zu den vielen Reden hernehmen?«
-
-»Wir sprechen uns bald wieder --« vertröstete Herr Prälat, und griff
-nach seinem Hute. Er hatte sich die Brust doch etwas freier gesprochen.
-Es ist gut, wenn sich die Menschen zuweilen des Warums ihrer Bürden
-bewußt werden; die Nothwendigkeit, sie zu ertragen, wird ihnen alsdann
-klar und leichter.
-
-Sanct Martin war und blieb gegen seine Gewohnheit hell und schön. Sonst
-hat an diesem Tage der Himmel Baumwolle feil, und die Luftgeister sind
-geschäftig, der Natur eine weiße warme Schlafmütze daraus zu weben. Doch
-heute schritt der Herbstheilige, der sonst winterrüstig erscheint, in
-heiterer Luftigkeit einher, und grüßte mit dem gelben Sommerhute so
-herablassend freundlich, daß die schläfrige Welt munter aufwachte und
-träumerisch hoffte, der Sommer wolle noch einmal wieder kommen. Hier und
-da zwitscherte ein schlaftrunkener Vogel, robuste Bäuerinnen verbauten
-die kleinen Fenster mit Moos, um im Grünen zu arbeiten -- der
-klösterliche Invalidenstamm rückte lustig ins Feld.
-
-Schwerlich dürfte der glänzendste =Thé dansant= im schönsten Salon der
-Residenz eine wichtigere, wenn auch andere, Beklommenheit der Erwartung
-erregen, als bei den Damen des Stiftes der simple Nonnenthee in
-Veronicas kleiner Zelle, wohin sie geladen waren. So sind die
-Vergnügungen der Geselligkeit, wie verschieden auch gestaltet und
-bedingt, sich doch in ihrer Wirkung überall gleich. Zudem machte der
-seltene Schritt aus dem engen Kreise heiliger Regel diese Einladung
-zu etwas Außerordentlichem, und die stille Geschäftigkeit der
-priesterlichen Jungfrau, der Opferrauch ihrer Küche oder _Küchel_,
-wie Veronica sie nannte -- legten einen unbewußten und geheimnißvollen
-Altarwerth auf den kleinen Theetisch der Nonne.
-
-Als es nun in den gewölbten Räumen des Klosterhauses zu düstern begann,
-die Schatten des Abends längs den kalten Wänden hinschlichen, flimmerte
-es schon lichterhell in Veronicas Stübchen. Mit dem Glockenschlage Fünf
-standen die Schwägerinnen und Josephine an dieser geweihten Thür, hier
-wußte man nichts davon, oder wollte nichts davon wissen -- daß ein
-verspätetes Erscheinen für bedeutend gelte. Schwester Veronica empfing
-ihren Besuch erhitzten Angesichts und mit einer gewissen gastlichen
-Feierlichkeit. Die Zelle, noch immer ein geistliches Betstübchen,
-hatte nur einen Anstrich von Häuslichkeit bekommen, die jedoch in ihrer
-einfachen Beschränkung dem religiösen Charakter der Einrichtung nicht zu
-nahe trat. In einer Nische sah seit manchem Jahr die Mutter Gottes mit
-dem Kinde auf das jungfräuliche Bett herab; das Waschbecken und die
-Wasserflasche von englischem Zinn blinkten in Formen wie Geräthe der
-Sacristei, in die blendende Serviette über dem aufgeklappten Tisch war
-das Lämmlein mit der Kreuzesfahne gewebt, die Lichter von gelblichem
-Wachs warfen kirchlichen Schein, und bei jeder der drei Tassen lag ein
-kleiner Blumenstrauß, bei Josephinens aber der schönste. --
-
-Therese, durch den gehabten Zwist und die spät erfolgte Versöhnung
-empfänglich gestimmt für den Eindruck solch einer Umgebung, sagte: »wie
-heimlich ists hier! wie hübsch! ich könnte gern hier wohnen, einzig
-und allein.« Josephine wußte hier Bescheid. Wie mit dem Vorrecht eines
-Kindes zog sie die grünen Bettvorhänge auseinander, schmiegte die warme
-Mädchenwange an die gesteppte Decke, schlug das blaue Auge gegen die
-dunkle Madonna auf -- in diesem Wechselblicke lag eine Welt der
-Ahnung -- und flüsterte: »wie traut! wie lieb! ich mögte ewig hier
-schlafen! --«
-
-Frau Fabia sagte nichts der Art. Sie bewunderte das Compendiöse dieses
-Locals, lobte die Nützlichkeit des kleinen Sparofens, und sah dieser
-frommen Clause die häusliche Seite ab. Die Bouquets gaben dieser
-Winterstunde einen schwachen Hauch von Sommerduft, und die Damen freuten
-sich daran. Man wunderte sich, wie Veronica diese Blümchen so spät noch
-erhalten könne.
-
-»Ich war von Kindheit an eine glückliche Gärtnerinn,« erwiederte die
-Nonne hierauf, »und schleppte mich mit Pflanzen hin und her, woraus mein
-Vater die Folgerung zog, ich würde eine treufleißige Mutter werden, die
-da Segen mit der Erziehung ihrer Kinder hätte.« Sie lächelte wundersam,
-wie über einen zerronnenen Traum.
-
-»Schade!« sagte Fabia leise. Veronica hatte dies Wörtchen nicht gehört.
-Sie machte mit sichtlich gutem Willen, wenn auch nicht mit der Uebung
-einer Weltdame, die Wirthinn, schenkte Thee ein, warf Zucker in die
-Tassen, und besann sich alsbald, daß sich das nicht schicke, und das Maß
-der Süßigkeit dem Geschmack eines Jeden selbst überlassen bleiben müsse.
--- Dann präsentirte sie das lockende Backwerk, von den Schwägerinnen
-als trefflich gerühmt. Man bat um die Recepte, inzwischen las Josephine
-schon Eines. Sie hatte dies Papier an dem für sie bestimmten Platze
-unter dem Sträuschen liegend gefunden; es lautete: »nimm fünf Loth
-_Ernst_, zehn Loth _Geduld_, zwanzig Loth _Sanftmuth_, und hundert fünf
-Loth _Demuth_, dieses alles stoße wohl unter einander im Mörser
-des _Glaubens_, mit dem Stempel der Stärke, rühre ein Viertelpfund
-_Hoffnung_ dazu, schütte es in die Pfanne der _Gerechtigkeit_, und lasse
-es bei dem Feuer der _christlichen Liebe_ gar kochen. Alsdann bewahre es
-wohl, damit der Schimmel der _Eitelkeit_ nicht ansetze. Mit dieser Salbe
-streiche Dich des Morgens und des Abends: es ist ein Mittel gegen die
-Hölle.«
-
-Therese seufzte, als wäre der Athem ihres Busens mit all diesen
-Gewichten beladen. Die Nonne aber sprach: »ein Arcanum, der künftigen
-Hausfrau zu Nutz und Frommen! meine Mutter hielt es für probat.«
-
-»Sagen Sie, Schwester Veronica,« fiel hier Therese ein: »sind Sie
-wirklich aus wahrem Klosterberuf Cisterzienserinn geworden? ich wüßte
-kaum, wie ich mir dies als möglich denken sollte.« Ihre Miene zweifelte.
-Die Nonne sah die lebenslustige junge Frau mit einem Blicke an, worin
-sich die schweigende Entgegnung aussprach: »Christum lieb haben, ist
-besser, denn alles Wissen --« und nach einem kleinen Besinnen antwortete
-sie: »die innersten Triebfedern kennt nur Gott allein, und das Herz
-mag sich zu tausendmalen eine sich der Welt entschwingende Seele bewegt
-haben; doch -- wenn ich einen Rückblick auf mein langes Leben werfe, und
-auf den Gang meines Schicksals, der sich in diesen stillen Mauern endet,
-so mögte ich doch glauben, es sey des Himmels Wille gewesen, daß ich
-mich ihm weihe, und die frühesten Eindrücke des Gemüths, alle Umstände
-meiner Jugendzeit hätten dazu dienen müssen, daß meine Bestimmung
-erfüllt werde. -- Im Keim der Zukunft ist die verhängnißvolle Blume
-eingeschlossen, und der Mensch entwickelt sich mit ihr. Unserer heiligen
-Märtyrer Einige, die in den Flammen gestorben, fingen damit an, den
-Finger in das brennende Licht zu halten, um zu versuchen, wie lange
-sie Feuerschmerz aushalten könnten. -- Warum sollte ich es ihnen nicht
-erzählen? ist doch nun Alles überwunden.« Die beiden Frauen bezeigten
-ein neugieriges Interesse an dem, was ihnen Schwester Veronica
-mitzutheilen hätte, und setzten sich zum Hören zurecht; nur über
-Josephinens Gesicht glitt ein Schatten zarter Furchtsamkeit, als scheue
-sie es, daß ihre ehrwürdige Freundinn zur bloßen Unterhaltung Narben
-enthülle, die einst vielleicht schmerzlich geblutet hätten. Sie zog die
-schneebleiche Hand, welche keinem Mann angehört, sacht und seitwärts an
-ihre Lippen und küßte sie mit Ehrfurcht.
-
-»Mein Vater,« begann die Nonne, »war ein gelehrter Mediziner und Arzt
-am Jesuiter-Collegio in B--. Sein einnehmendes Betragen, äußerst
-verbindliche Manieren, so weit ich mich deren erinnern kann -- seine
-stattliche Gestalt und großen Kenntnisse, gewannen ihm aller Menschen
-Gunst und Zutrauen, weshalb er denn eine verbreitete Praxis besaß. So
-dächte man nun, meine Mutter müßte eine glückliche Frau gewesen seyn.
-Doch nicht also. Sie weinte oft still und bitterlich. Ich schmiegte mich
-dann als ein kleines Kind in die nassen Falten ihres Kleides, ohne zu
-verstehen, was sie so betrübe -- späterhin ist mir die Quelle ihrer
-Thränen wohl klar geworden. Manche Zähre aus dem Auge der Gattin, was
-nicht blind war für die Abwege des Mannes, ist damals auf mein Haupt
-gefallen --: _dies war die erste Salbung zur Klosterfrau_. -- Meine
-Mutter,« fuhr Schwester Veronica fort, »soll in ihrer Blüthe ausnehmend
-hübsch gewesen seyn.«
-
-Die drei Zuhörerinnen sahen die Nonne auf den kindlichen Ruhm jener
-Schönheit an, die längst schon Staub war, im Einverständniß der Meinung,
-daß dies glaubhaft sey, und noch aus den dunkeln Umrissen des Alters
-ihrer Tochter erhelle.
-
-»Mein Vater,« so war der weitere Verlauf der Erzählung, »hatte sie aus
-heftiger Zuneigung geheirathet, er scherzte zuweilen im Beiseyn der
-Freunde meiner Eltern oder Fremder über seine Bräutigams-Thorheiten --
-wie er sie nannte -- die Mutter aber ging nie in diesen Ton ein. Sie
-blickte ernst und bekümmert dazu. Ich entsinne mich genau, daß dies eine
-Empfindung in meine Seele legte, _als wäre die Liebe eines Mannes kein
-Glück, mindestens kein dauerndes Glück_. Das Einkommen meines Vaters
-setzte sein Haus in Wohlstand. Wir sahen oft Gäste bei uns. Die
-elterliche Güte für mich, das einzige Kind, überschüttete mich mit
-kleinen Schätzen, ein unerfüllter Wunsch fand nicht Raum unter den
-angehäuften Spielsachen; dankbare Kunden meines Vaters beschenkten
-mich kostbar, _und dieser Ueberfluß machte mich gleichgültig gegen
-den Besitz_. -- Meine Mutter hatte einen ältern Bruder, der war ihr
-Beichtvater und Erzpriester an der Stadtkirche. Niemand sah ich so gern
-kommen, als ihn, den freundseligen lieben Mann, dem der Trost unsichtbar
-zur Seite ging. Stets brachte er mir Etwas mit, woran ich besondern
-Gefallen fand, und immer war die Mutter ruhiger, wenn er einmal da
-gewesen. Diese Freude, dieser Frieden mischte sich in meine dämmernden
-Begriffe vom geistlichen Stande. Der Vater mogte ihn nicht leiden, und
-dies kränkte meine Mutter sehr. Einst zog mein Ohm, nachdem er mich
-lange hatte rathen lassen, was er in der weiten Tasche seines Rockes
-trüge, eine Puppe hervor, eine allerliebste Nonne von unserm Orden, und
-mein Entzücken darüber war unbeschreiblich. Ich küßte die Farben von dem
-kleinen Gesicht, daß es todtenweiß ward, und drückte die wächserne
-Brust mit solcher Innbrunst an die meine, daß sie zerspringen mußte.
-Am liebsten spielte ich Kloster, sang tiefe Weisen wie Choräle, was der
-Vater manchmal mit einem Fluche untersagte, indem er glaubte, ich spiele
-Begraben. -- Er war, beiläufig gesagt, nicht von allem Aberglauben frei,
-hinsichtlich auf seinen Beruf.«
-
-Therese unterbrach die Geschichte der Nonne mit den Worten: »man sagt,
-es soll von wesentlichem Einflusse auf das Geschick der Kinder seyn,
-an welchen Gegenständen sich ihr Liebessinn übe. Sie selbst, Schwester
-Veronica, liefern einen Belag zu dieser Erfahrung. Hätte ich einst ein
-Püppchen, ich ließe es nur mit Engeln spielen.«
-
-Frau Fabia konnte nicht umhin zu erwiedern: »dann würde es nicht lernen,
-_Menschen_ zu ertragen.«
-
-Wir lassen es, der Wahrheit dieser Bemerkung unbeschadet, dahin
-gestellt, ob weiblicher Neid gegen das ihr versagte Mutterglück, oder
-verletzte Verehrung für die höhern Kinder Gottes, sie in Anregung
-gebracht habe.
-
-»Die gute Mutter,« nahm die Erzählerinn den abgerissenen Faden wieder
-auf, »ließ mir ein kleines Sprachgitter machen, und lehrte mich in
-ahnungsloser Zärtlichkeit, wie ich mich dabei benehmen sollte. Gewiß ist
-es, daß diese kindische Spielerei mein Sinnen und Trachten richtete. --
-Doch hören Sie nur weiter. Zuvor aber noch eine Tasse Thee, ich bitte!
-er ist nicht stark.« Zeitweiliges Nöthigen. Das Geklirr der Tassen, der
-leise Guß des goldgelben Wassers, das Geprassel der mürben Brezeln und
-Mandelplätzchen, ein dankendes oder ablehnendes Wort, füllte die Pause
-der Geschichte, bis Veronica sie fortsetzte. »Das Haus meiner Eltern,
-worin meine Mutter geboren wurde, stand am Marktplatze, dicht neben dem
-sogenannten Rathskeller, den die Gebrüder Posca, ein paar Italiener,
-in Pacht hatten. Dort fanden sich die Patrizier der Stadt ein, und mein
-Vater ging jeden Abend -- kaum machte der _heilige_ Abend eine Ausnahme
-von dieser leidenschaftlichen Gewohnheit -- in diese Tabagie, ein
-Gläschen Montefiascone zu trinken. Nur Geschäfte hielten ihn ab, doch
-nie Liebe für die Seinigen. Meine Mutter saß wie eine verwittwete früh
-und spät mit mir allein; es war dann so traurig und waisenhaft still um
-uns her, und die Uhr schlug manchmal schauerlich die zwölfte Stunde, ehe
-der Vater heimkehrte. --
-
-Die Mutter ertrug zwar duldsam, was sie nicht ändern konnte, ich habe
-nie gehört, daß sie dem Vater deshalb Vorwürfe machte; dagegen nährte
-sie einen seltsamen Groll gegen die Menschen, die ihrer Meinung
-nach daran Schuld wären, daß sie so hintangesetzt würde, und ihr Haß
-erstreckte sich über ganz Welschland. Von einem italienischen Salat
-hätte sie nimmer einen Bissen angerührt; ich würde nur Gift und Galle
-essen -- sagte sie einmal zu mir, als ich sie in Gesellschaft bat, von
-solch einer Schüssel ein wenig zu nehmen. -- Mir war diese Nachbarschaft
-unbeschreiblich anziehend. So oft ich mit meiner Mutter im Dunkeln
-von einem Gange nach Hause kam, bat ich sie, vor den geöffneten Thüren
-dieser Unterwelt einen Augenblick stehen zu bleiben. Die Lampe, welche
-die feuchten Stufen erleuchtete, hatte einen zauberischen Schein, es
-zog mein Herz hinab -- ich wußte nicht, wie? das fremdartige Rufen der
-dienstbaren Geister, die Glocke, welche geläutet wurde, wenn Einer der
-Weingäste etwas begehrte, brachte meine junge Seele in eine ganz eigene
-Schwingung. Die Mutter mußte mich mit Gewalt fortziehen, und ich erinnre
-mich, daß sie einst seufzend sagte: der Rathskeller hat Dir's angethan,
-wie Deinem Vater. -- Einer der Brüder Posca hatte seine Familie noch in
-Verona, und nie ist dies sonderbare Verhältniß mir deutlich geworden. So
-war ich herangewachsen. Einst kam mein Vater in nächtlicher Zeit etwas
-benebelt heim -- dies war sonst sein Fehler nicht. Ich lag zwischen
-Schlafen und Wachen mit dem Kopfe auf meiner Mutter Schoße und hörte das
-Gespräch der Eltern. Mein Vater erzählte, wie er diesen Abend dem
-Peter Posca die Hand darauf gegeben habe, daß, wenn sein Sohn, der das
-Geschäft fortführen sollte, nun käme, was zu erwarten, und hätte seinen
-Beifall: so solle er auch die einzige Tochter haben und sein Eidam
-werden. -- Ich fühlte, wie meine Mutter erschrak, und elektrisch zuckte
-der Schlag dieser Worte durch meine Glieder. Du wirst doch unsere Clara
--- so hieß ich in der Welt -- nicht einem Weinwirth geben? fragte sie
-mit bebender Stimme; solch ein Italiener, wenn er noch nicht gebleicht
-ist und kaum ein Wort Deutsch versteht, kommt mir vor wie ein Bandit.
--- Es gab eine feine Linie für meinen Vater, wo seine angetrunkene gute
-Laune in Jähzorn überging; auf dieser Linie schwankte sein Ton, womit er
-erwiederte: verlaß Dich darauf, mein Schatz! Clara wird den jungen Posca
-heirathen, und weder an seinem Kauderwelsch, noch an der schwarzbraunen
-Farbe seines Angesichts sterben. Wir haben mancher Flasche den Hals
-gebrochen, um dies Verlöbniß zu besiegeln. -- Meiner armen Mutter mogte
-wohl das Herz dabei brechen. Es war mir, als hätte ich dies zu hören nur
-geträumt. Als ein Mägdlein von funfzehn Jahren, wußte ich mich die Braut
-eines Unbekannten, und dachte ich an die Vorstellung meiner Mutter, so
-durchbohrte ein ahnungsvoller Schmerz mir die Brust. Ich verlautete aber
-in jungfräulicher Schüchternheit nie eine Sylbe, daß ich davon Wissen
-hätte. Das Geheimniß, welches ich bewahrte, war jedoch nicht darnach,
-meine Aufmerksamkeit für die Nachbarschaft zu schwächen. Ein Geräusch
-am Rathskeller bewegte mich wie das Blatt der Espe, jede brünette
-Mannsperson brachte mich in Schrecken. Doch ging eine Zeit still hin.
-Ich hatte es von jeher geliebt, wenn die Frachtwagen mit den welschen
-Waaren kamen, dem Auspacken der Früchte und Delikatessen zuzusehen.
-Es geschah dies gewöhnlich in einem Hofraume, den das Fenster einer
-Hinterstube unsers Hauses bestrich. Die Atmosphäre vom Dunst feuriger
-Weine, die sich hier niemals verzog, betäubte mich angenehm, während sie
-meiner Mutter Kopfweh verursachte. Wenn ich die Citronen, sinesischen
-Aepfel, Datteln und Limonien aus Blätterschichten hervor nehmen sah und
-der südliche Duft herüber wehete: so war mir so sehnsüchtig zu Muthe,
-als wären diese Früchte vom Baum des Paradieses gepflückt; aber immer
-stand etwas Trauriges wie eine dunkle Gestalt mir vor der Seele. Beinahe
-war meiner Mutter so wie mir eine vergessene Sache, was ihr der Vater
-gesagt, als er eines Tages in das Zimmer trat, einen jungen Mann an
-seiner Hand, den er uns als den Sohn des Herrn Peter Posca vorstellte.
-Meine Mutter ward bleich wie der Tod, ich aber erröthete, daß mir die
-Stirn flammte. Der sah nicht aus, als könnte er Menschen berauben oder
-ermorden! ein wenig bräunlich nur war seine Gesichtsfarbe, wie ein
-schönes Oelgemälde, dem man es bewundernd verzeiht, daß der Künstler
-sich in etwas starken Schatten gefiel. Seine glänzend schwarzen Augen
-ruhten wie der höchste Gewinn eines Würfels auf mir -- und der Wurf
-meines Schicksals schien mir ein erstaunenswerthes Glück.«
-
-Bei dieser begeisterten Schilderung einer männlichen Persönlichkeit,
-im Munde einer alten Nonne, hustete die kühle Fabia, und sah bedenklich
-nach Josephinen hin, die gesenkten Blickes an ihrem Strickzeug eine
-Masche aufhob, welche ihr tief entfallen war. Therese aber rief erregt:
-»o das ist prächtig! der Gedanke des Vaters war so übel nicht. Mir
-däucht, die Frau eines Mannes, der offne Tafel hält, ohne daß sie sich
-mit Kochen und Backen plagen darf, und ein Lager für Gäste: müßte es
-gut mit haben und eine immer fröhliche Ehewirthinn seyn. Ich brenne vor
-Begierde zu erfahren, ob Sie den hübschen Jüngling noch genommen haben.«
-
-Der schwache Schein einer längst gedämpften Flamme, wie wenn Asche
-ausglimmt, röthete Veronicas Wangen, als sie sprach: »was Sie äußern,
-schmeichelt dem Interesse meiner einfachen Erzählung. Sie vergessen
-jedoch, Frau Therese, daß ich eine Braut Christi geworden bin. --
-Ueberdies theilte meine Mutter Ihre Meinung nicht. Als der Besuch fort
-war und ich schweigend blieb, redete sie mich mit händeringender Geberde
-an: so ist es doch wahr! ich dachte schon, jener mir verhaßte Gedanke
-wäre mit deines Vaters Rausch verflogen, und hütete mich wohl, ihn daran
-zu erinnern. Mein armes Kind! jammerte sie, eine Kellerspinne sollst du
-werden, die hurtig hin und her läuft und darauf lauert, eine lose Fliege
-in das Netz zu bringen. Maria und Joseph! soll ich meine Tochter in den
-Keller betten? -- Obgleich das mütterliche Herzeleid mich rührte und
-jenes Bild mir widrig war: so mußte ich doch lächeln, wie meine Mutter
-ein Sprüchwort anwendete, worin ihre tiefste Abneigung sich ausdrückte.
--- Von dieser Zeit an, besuchte uns der junge Nachbar zuweilen. Nie
-blieb er einen Tag länger aus, oder verweilte eine Minute über die
-gewöhnliche Frist. Diese Regelmäßigkeit ängstete mich heimlich; ich
-wußte selbst nicht warum? überhaupt war etwas in diesem Verhältniß, was
-mich wie ein leiser Zwang drückte. Von einer Heirath zwischen uns
-war die Rede nicht, und daß wir Brautleute wären, hätte uns Niemand
-angesehen. Ich leugne nicht, daß ich meinem Zukünftigen sehr gut war,
-und mir mit Vergnügen bewußt, wie ich zu ihm stände, wenn ich auch das
-Vorurtheil meiner Mutter schonte. Ludovico sollte sich erst in seine
-Lage eingewöhnen -- hatte sein Vater gesagt. So saßen wir einander blöde
-gegenüber; ich fühlte ein ängstliches Bedürfniß, ihn zu unterhalten, als
-ob ich _seine_ Langeweile empfände. Hatte ich auf sein Kommen gehofft:
-so sah ich nicht minder gern dem Augenblick entgegen, wo er aufbrechen
-würde -- wußte ich ihn doch voraus. Manchmal preßte mir der Druck einer
-innerlichen Beklommenheit Thränen aus, die dann flossen, wenn er fort
-war. Dabei tröstete ich mich, daß er nicht recht fort könnte mit der
-Sprache -- ich hoffte ohne Hoffnung --« die Nonne lächelte trübe: »die
-Liebe hilft auch einem Stummen aus.«
-
-Eine Solche ward jetzt redend. »Aber liebe Veronica,« sprach Josephine,
-die ihren Mund noch nicht aufgethan, »was man am tiefsten fühlt, läßt
-sich oft am wenigsten sagen -- der junge Herr kann auch aus Liebe
-geschwiegen haben.«
-
-»Schweige Du, voreiliges Kind!« herrschte Fabia mit leiser Strenge ihrer
-Pflegetochter zu: »Du kannst hierüber noch gar nicht urtheilen.«
-
-»Ich dächte doch!« meinte Therese, und ihr Lächeln nahm Partei für
-diese.
-
-Veronica blickte das verschüchterte Mädchen zärtlich dankbar an. Sie
-wußte wohl, welchen Glauben Josephinens Worte ansprächen.
-
-»Oft ist es so, mein bestes Kind,« sagte die Nonne zu dem Liebling
-ihres Herzens: »allein hier war es nicht der Fall. So oft Ludovico kam,
-beschenkte er mich mit einer artigen Kleinigkeit. Ich durfte nur etwas
-lobend erwähnen, so dauerte es nicht lange, es war mein Eigenthum.
-Dieser aufmerksame Sinn, mir eine Freude zu machen, täuschte mich in
-dem Gedanken, er wolle mein Glück. Ludovico trug einen Ring an seinem
-Finger, der mir in die Augen stach; er war vom feinsten Golde, mit dem
-Bildniß einer =Mater dolorosa= in Mosaik ungemein künstlich gearbeitet.
-Dieser Ring war das Einzige, was er meinem sichtlichen Wunsche
-vorenthielt, und zufällig sagte er einst, daß es ein Andenken von seiner
-verstorbenen Mutter wäre. -- So war länger als ein Jahr vergangen, und
-jetzt äußerte mein Vater, daß unsere Verlobung in einiger Zeit vollzogen
-werden würde. Doch ehe ich mich meinem Ziel nähere, muß ich zuvor noch
-etlicher bedeutsamen Umstände erwähnen. Vielleicht war es in Folge der
-Unruhe meines Gemüths, daß ich mich damals etwas kränklich befand. Mein
-Vater glaubte nicht recht daran, wie denn Aerzte in der Regel Uebel,
-woran die Ihrigen leiden, für unerheblich halten. Die hochselige Gräfinn
-Frankenstern beehrte meinen Vater mit ihrem Zutrauen. Wenn sie mit ihrem
-Gemahl auf den hiesigen Gütern war, bediente sie sich seines Rathes,
-eines Schadens wegen, der, wie mein Vater meinte, leicht in ein
-Krebsgeschwür hätte ausarten können. Auch in jenem Herbste kam sie nach
-B--. Sie fand mein Aussehen verändert, und erkenntlich für geleistete
-Hülfe, forderte sie meinen Vater auf, mich ihr auf ein paar Wochen mit
-nach Bühle zu geben, zur Zerstreuung, wie die Gräfinn sagte. Mein Vater
-war zu höflich, um der vornehmen Dame diese gnädige Bitte abzuschlagen,
-meiner Mutter flehender Widerstand, mein eigenes Wollen oder Weigern kam
-dabei nicht in Betracht. Indessen gefiel es mir doch ganz wohl in Bühle.
-Die Gräfinn war die Leutseligkeit und Liebe selbst, eine wahre Seele von
-einer Frau! -- Morgen, mein Clärchen, sagte sie am zweiten Abend, wird
-eine Novize in Sanct Capella eingekleidet; hast Du das schon gesehen?
-Wir werden hinüber fahren. Ich verneinte; es war mir unbeschreiblich
-lieb, daß es sich so träfe, und ich konnte den folgenden Tag kaum
-erwarten. Die geistliche Hochzeit wurde mit größter Pracht vollzogen.
-Die Nonne, welche Profeß that, war eine reiche Erbinn von Hardt. Die
-Sage ging, sie hätte sich die Untreue eines Geliebten zu Gemüth gezogen.
-Das wunderschöne Frauenbild von edlem Wuchs, im vollen Brautschmuck,
-flimmernd von Geschmeide, darin die Kerzen der Altäre widerstrahlten,
-die Gestalt des hochwürdigen Bischofs --: alles, was ich sah und hörte,
-machte einen mächtigen Eindruck auf mich. Wie nun die Orgel erbraus'te
-und bebte, lös'te sich mein Wesen in erschütternden Gefühlen auf. Ich
-wurde hingerissen von dem heiligen Strom. Alles Irdische versank, ich
-sah in den offnen Himmel der Kirche und in meiner Brust rief es: =De
-profundis!=«
-
-»Schwester Veronica,« sagte Fabia, indem sie die Hand der Nonne faßte,
-als wolle sie ihr mit dieser Bewegung Einhalt thun, »werden diese
-Erinnerungen Sie auch nicht allzusehr angreifen? ich dächte --« sie
-redete nicht aus. Vielleicht war dem Protestantismus Fabiens jene
-Schilderung noch ungleich aufregender, als dem stillbegeisterten Gemüth
-der klösterlichen Jungfrau. Diese schüttelte den Kopf und sprach: »nein,
-nein! lassen Sie mich nur ruhig auserzählen. Ich sah das Kleid von
-Goldbrocat fallen wie eine verachtete Zier -- die blonden Haare -- der
-Bischof schnitt mir in das Herz -- und das Fräulein aller Eitelkeit
-baar, der Welt absterben. -- Während dieser ergreifenden Ceremonie wurde
-eine Glocke geläutet. Mir summte es schwer vor den Ohren, ich war einige
-Secunden ohnmächtig. Wenn ich an den Blick dachte, den die junge Nonne,
-ehe sie, von dem Convent in die Mitte genommen, auf das gefüllte Schiff
-der Kirche warf, und dann durch die Thüre verschwand, welche nach dem
-Innern des Klosters führt; so schwamm ihr Bild vor meinen Augen. Als ich
-am Abend jenes denkwürdigen Tages mich allein befand, und meine Haare
-auflösete, bemerkte ich, daß sie genau von derselben Farbe wären, wie
-die des Fräuleins von Hardt, welches knieend vor dem Bischof das stolze
-Haupt in seinen Schoß beugte, daß es seines Schmuckes beraubt würde.
-Während sich diese Scene meinem Gedächtniß wiederholte, entflocht ich
-die langen Zöpfe, und ließ sie wellenartig durch meine Finger gleiten.
-Da fällt etwas mit leisem Geklingel zu meinen Füßen -- es war eine
-silberne Scheere, die ich unversehends vom Tisch gestreift hatte. Eine
-innere Stimme raunte mir zu, daß dieser kleine Zufall vorbedeutend wäre,
-und unter einem Nervenfrösteln legte ich mich zur Ruhe. -- Bei dieser
-Gelegenheit kann ich nicht umhin einzuschalten, wie es mir vorkommt, als
-ob in jedem öffentlichen Opfer eine geheimnißvoll anziehende Kraft zur
-Nachahmung läge, welche verschwistert ist mit dem Reiz der Traurigkeit
-und der Gefahr. Und wie verschieden es auch sey -- mein Heiland bewahre
-mich vor dem Vergleich! ein reines Herz am Hochaltar den Lockungen der
-Welt zu entziehen -- oder ein verbrecherisches Leben auf dem Hochgericht
-in die Hände seines Schöpfers zurückzugeben: eine ähnliche Tiefe der
-menschlichen Seele ist es gleichwohl, darin es liegt, daß Todesstrafen
-weniger abschrecken als sie sollten. -- Bei meiner Nachhausekunft fand
-meine Mutter, daß eine Veränderung mit mir vorgegangen wäre. Sie suchte
-mich durch allerhand erheiternde Mittel zu zerstreuen. Am Andreas-Abend
-gossen wir üblicher Weise geschmolzenes Blei. Der Geist Gottes, den wir
-solchergestalt versuchten -- schwebte über dieser kleinen Wasserfläche.
-Ich zeigte der Mutter die Form, welche sich meinem Guß gebildet hatte.
-Nun das ist ja ganz natürlich wie eine Abtei mit Thürmen und Kreuzen --
-sagte sie: Du wirst uns doch nicht ins Kloster gehen wollen, Kind? und
-da die gute Mutter hinsichtlich meiner Zukunft keines Scherzes fähig
-war, der nicht ein wenig bitteres Salz gehabt hätte, so setzte sie
-lächelnd hinzu: viel eher hätte ich gedacht, Du würdest kleine Tönnchen,
-worin man Sardellen und Kapern voraussetzte, oder ein kugelrundes
-Weinfaß fischen. -- Ich betrachtete schweigend mein bleiernes Schicksal.
-Doch genug hiervon; meine Erzählung mögte sonst ihre Geduld ermüden.
-Das Jesuiter-Collegium besaß ein uraltes Gebäude vor dem Thore, welches,
-seiner schönen Lage wegen, theilweise in wohnlichen Stand gesetzt worden
-war. Der schöne Garten daran, mit tropischen Gewächsen bepflanzt, war zu
-einem wissenschaftlichen Zweck eingerichtet worden, und mein Vater, der
-die Botanik leidenschaftlich liebte, durfte ihn gewissermaßen als den
-seinigen betrachten. Hier verlebten einige Familien der Professoren die
-wärmere Jahreszeit, zumeist solche, die ein kränkliches Mitglied hatten.
-Auch uns waren des Anrechts wegen, welches sich mein Vater an dem Garten
-erworben, ein Paar der besten Zimmer eingeräumt, und ich freuete mich
-stets auf den Tag, wo wir unser Sommerlogis beziehen würden. Unter dem
-Dache dieses Hauses wohnte ein Sprachmeister, Namens Tamdio, hoch genug,
-daß die hectische Brust des ungesunden Mannes, hier Luft des Himmels
-trinken konnte. Mein Vater hatte dem armen Tamdio dies bescheidene
-Plätzchen ausgewirkt, wo er gleichsam einen Thurmwart vorstellte, der,
-ob auch mit kurzem Athem, gegen Jedermann das Lob seines Arztes und
-Wohlthäters ausposaunte. Dieser hatte ihm den Unterricht verbieten
-müssen, weil das viele Sprechen seine kranke Brust angriff; nur einige
-wenige Stunden setzte seine Tochter fort, die allgemein für ein wackeres
-Mädchen, und für eine nette Stickerinn galt. Er hätte sonst ohne diese
-Sprachfertigkeit seiner Tochter und den Fleiß ihrer kunstreichen Nadel,
-verhungern müssen. -- Wie groß nun auch der Abscheu meiner Mutter
-gegen meine heranrückende Verbindung war: so vergaß sie doch
-nichtsdestoweniger alle die kleinen und größeren Besorgungen, welche ein
-Brautstand =in optima forma= erheischt. Zwar hatte Ludovico bis jetzt
-noch kein Wörtchen gegen mich fallen lassen; aber eine Heirath war
-damals nicht das Recht gegenseitiger Zuneigung, sondern lediglich die
-Angelegenheit elterlicher Autorität und eine Pflicht des kindlichen
-Gehorsams. Sie lachen, Frau Therese? ja, und doch gab es zu jener Zeit
-weniger unglückliche Ehen als jetzt. Eines Tages sprach meine Mutter mit
-mir über die Geschenke, welche dem künftigen Bräutigam zu machen wären,
-und führte unter ihnen auch eine Verlobungsweste auf. Ich dächte, wir
-nehmen paille Atlaß, sagte sie, und ließen die Klappen und Taschen mit
-einer Borde sticken, und zerstreute Blümchen in die Mitte. Was meinst
-Du? -- Wir wollen des Sprachmeisters Tochter herunter bitten lassen. --
-Die junge Tamdio kam. Ihr Aeußeres war mir sonst nie aufgefallen; da sie
-nun jetzt vor uns stand, erschien sie mir sehr _interressant_ -- wie man
-heut zu Tage zu sagen pflegt. Man hätte sie nicht schön nennen können,
-vielleicht kaum hübsch; aber es lag ein Ausdruck in ihrem Gesichte, der
-unbeschreiblich rührte. Was sie sprach, klang wie traurige Musik, und
-wendete mir das Herz im Busen. Meine Mutter redete im Tone ruhigen
-Bestellens über diese Arbeit, welche sie der äußersten Mühsamkeit der
-Stickerinn dringend empfahl, weil es ein Brautgeschenk werden solle. Bei
-diesen Worten ward das Mädchen todtenblaß, und ihr Auge erlosch, wie ein
-Licht ausgeht. Sie sind wohl unpaß, armes Kind, vielleicht vom vielen
-Sitzen? fragte meine Mutter, unbekümmert, daß sie diese Anstrengungen
-vermehre. Wie geht es denn mit ihrem Vater? Er hustet stark, antwortete
-das Mädchen mit schwankender Stimme, und meine Hoffnung wird täglich
-schwächer. Diese Nacht hat er wieder ein wenig Blut ausgeworfen -- meine
-Mutter versprach, den Vater hinauf zu schicken, sobald er käme. Sie
-verlangte nun, ich solle die Blumen und das Dessein bestimmen. Mir
-that das Mädchen sehr leid, und so äußerte ich: wir könnten es ja noch
-lassen. Nein, sagte meine Mutter, es stehet geschrieben: was du thun
-willst, das thue bald. Ich wählte also ein Muster von Vergißmeinnicht.
-In dem niedergeschlagenen Blicke des Mädchens ging ein Schein von
-Beifall auf, die Mutter aber tadelte mich und sprach: Vergißmeinnicht!
-das hätte wohl keine Art, und sähe aus wie ein Andenken. Du vergissest
-jedoch, daß Dich der Bewußte so gut wie in der Tasche hat -- womit sie
-darauf anspielte, daß ich mich nach dem Willen des Vaters heimlich für
-ihn malen ließe, und mein Bild ihm in die Westentasche gesteckt werden
-sollte. Das Mädchen griff rasch in die ihrige, und zog ein Tüchelchen
-hervor, mit welchem sie sich die Stirn trocknete. Ich achtete dessen
-nicht, es war sehr warm an jenem Tage. Eine Woche mogte seitdem
-vergangen seyn,« fuhr Schwester Veronica tiefathmend fort, »als eines
-Abends ein schweres Wetter aufzog. Auch der Odem meiner Seele war
-schwül; Ludovico war mir seit einiger Zeit sehr trübe vorgekommen. Ich
-legte mich ans Fenster, um in den Kampf der Wolken zu schauen; meiner
-Mutter schwache Augen vertrugen den Blitz nicht. Sie setzte sich in ihr
-Schlafgemach hinter verschlossene Läden und betete. Grade unter meinem
-Fenster war eine Mauerblende mit einem eisernen Gitter und steinernen
-Sitzen nach Außen. Ein breiter Ahorn wölbte sich schirmend um diesen
-kühlen Versteck. Ich starrte in die Finsterniß hinaus, mit Gedanken an
-meine Zukunft, die nicht viel heller waren. Da war es mir, als sähe ich
-bei dem schwachen Leuchten der Blitze den Schatten eines Mannes um die
-Blende wanken, und alsbald vernehme ich ein klagendes Geflüster, wie von
-Innen. Es dauerte nicht lange, daß ich in der antwortenden Stimme die
-meines mir zugedachten Bräutigams erkannte. Er nannte Diejenige, mit der
-er zu dieser unheimlichen Stunde Zwiesprach hielt, _seine_ Clara, und an
-dem Tone, womit er diesen meinen Namen aussprach, der zu jener Zeit so
-allgemein war, daß ihn die meisten Töchter unserer Stadt führten, an
-diesem Tone hörte ich, daß ich seine Clara nie gewesen, noch werden
-würde. Schrecken und Eifersucht bewaffneten mein Gehör, so daß mir keine
-Sylbe entging, obgleich jede mein Herz durchdrang. Ludovicos Gegenstand
-mogte ihn bitten, sich bei dem näher kommenden Sturm nicht zu verweilen,
-denn er sagte, die Gewitterwache stände am Thor, und dieses bliebe
-offen, bis sie abziehen könnte. Dann schien er sich gegen zärtliche
-Vorwürfe zu vertheidigen. Er nannte mich ein liebes gutes Mädchen,
-welches er aber nicht lieben könne, weil es ihm aufgedrungen werde,
-und nur nehmen müsse, gezwungen durch den Willen seines Vaters, der den
-meinigen für einen Crösus halte. Er sprach sein Sträuben gegen diese
-Heirath aus, und wie er den Tag der Verlobung so lange als möglich zu
-hintertreiben suchen werde. Er betheuerte: die Mutter Gottes solle ihn
-in Angst und Noth verlassen, so er jemals Der vergäße, die einzig und
-allein seine Liebe besitze. Ich bin unglücklich, so lange ich lebe,
-sagte er, doch ewig werde ich Dein gedenken. -- Reiche mir Deine Hand
-aus dem Gitter, bat Ludovico, daß ich Dir diesen Ring an den Finger
-stecke, das Liebste, was ich habe. So sind wir verlobt für den Himmel,
-jenes Gelöbniß hat nur irdische Dauer. -- Ach! der Mensch sollte nie
-weder so bestimmt, noch so vermessen reden! Gott ists allein, der
-da bindet und lös't. Ein fürchterlicher Donnerschlag schlug ein, ich
-wünschte, dieser Blitz mögte mich zum Tode getroffen haben. Meine Seele
-war zermalmt, und betäubt taumelte ich hinweg. Diese Nacht war die
-schrecklichste meines Lebens. Ich rang zu Gott, daß er mich stärken möge
-zu einem Entschluß; denn Ludovicos Frau konnte ich nun nicht werden.«
-
-»Arme Veronica!« rief Therese mitleidig, »es ist entsetzlich, aus einer
-hoffnungsvollen Täuschung so zu erwachen! --«
-
-»Und doch war es gut, daß es nicht später geschah,« sprach Frau Fabia
-mit prädominirender Vernunft und Erfahrung. Nur Josephine wagte leise
-zu sagen: »ach! und auch der Ludovico dauert mich. Er ist doch wohl am
-unglücklichsten daran.«
-
-»Das dachte ich auch!« äußerte die Nonne, und fuhr mit bewegter Stimme
-fort: »wie nun der Morgen tagte, der schönste Frühlingsmorgen! da
-fühlte ich, daß meine Blüthen gefallen wären, für immer. Die Natur war
-erfrischt, die Vögel sangen lustig in den Zweigen -- wie _mir_ zu Muthe
-gewesen, ich mögte es nicht schildern können. Es war sehr zeitig, die
-Eltern schliefen noch -- da ging ich nach der Stadt auf den Pfarrhof,
-um mit meinem Ohm zu sprechen. Die wenigen Leute, welche mir begegneten,
-strichen gespensterisch an mir vorüber, meine Schritte wankten, wie über
-einem Abgrunde; ich hatte kaum Kraft die Klingel zu ziehen, die in der
-nüchternen Stille so nächtlich laut hallte, daß mir ein Grauen ankam.
-Mein Fuß zögerte, über die Schwelle zu schreiten, als gäbe es kein
-Entrinnen mehr für mich. Der gute Erzpriester war schon auf und im
-Garten beschäftiget, Ranken und Reben anzubinden, die der Sturm der
-verwichenen Nacht wild auseinander gerissen hatte. Sein Gesicht war voll
-Sonnenglanz. -- Dieser traute Anblick überwältigte mich -- ich sank an
-seine Brust, und weinte laut. Er hielt mich bestürzt in seinen Armen;
-kein Unglück war so groß, daß er es nicht in meiner Verstörung, in
-der schmerzbewegten Fluth von Thränen gesucht hätte, die an den Blumen
-seines Schlafrocks niederfloß. -- Ich sagte ihm nun, wie, nachdem ich
-lange mit mir gekämpft, ich nun gewiß wäre, daß ich den jungen Posca
-nicht heirathen könnte, indem ich eine unbezwingliche Neigung in mir
-fühlte, den Schleier zu nehmen, und nur fürchtete, die Eltern würden
-mir ihre Einwilligung versagen. So bäte ich ihn denn inständigst, meines
-Wunsches Wort bei der Mutter zu führen. Was den Vater anbeträfe, so
-wollte ich erst Vertrauen und Muth fassen, da ich von seiner Seite auf
-starken Widerstand gefaßt seyn müßte; weshalb ich denn auch so zaghaft
-wäre.« --
-
-Mein Ohm schüttelte den Kopf und sprach: »wäre mir dies doch nicht im
-Traume eingefallen! ist es auch nicht etwa nur eine flüchtige Einbildung
-von Dir? besinne Dich, liebe Clara! Nonne werden, und allen Freuden des
-Lebens absterben, ist kein Kinderspiel, und ich mache mir einen Vorwurf
-daraus, daß ich Dir vielleicht mit jener Puppe die erste Idee dazu an
-die Hand gegeben habe. Ist es mir doch nie so vorgekommen, als ob Du
-Deinem Liebsten abgeneigt wärest! ich fürchte, Du verschweigst das
-Wichtigste hierbei! -- Doch um keinen Preis hätte ich meinem Ohm die
-Wahrheit entdecken können. -- Wenn Gottes Absichten vollführt werden
-sollen: so muß es sich wunderlich schicken. Wer meinen Vater gekannt
-hätte, seinen Haß, o, daß ich es sagen muß! gegen die Geistlichkeit
-im Allgemeinen und gegen die klösterliche insbesondere -- seine
-Ueberschätzung alles Eitlen, sein Trotz, wie er den Glücklichen dieser
-Welt eigen ist, womit er einen einmal gefaßten Vorsatz fest hielt: Der
-würde es für ein Unmögliches gehalten haben, daß er meinem Wunsch sich
-nicht nur füge, sondern ein williges und willkommenes Sühnopfer für sich
-selbst darin sähe. Und dennoch mußte ein gewaltsamer Umstand mir dazu
-behülflich seyn.« Hier hielt Schwester Veronica lange inne, und ein
-tiefer Seufzer ihrer Brust säuselte durch die hochgespannte Stille. Dann
-fuhr sie mit unterdrückter Stimme fort: »die Heiligen segnen die Seele
-meines Vaters! ich weiß nicht, ob es mir als Tochter wie als Nonne
-ziemt, daß ich einer Geschichte erwähne, die einen Schatten auf sein
-Grab wirft, obgleich die Zeit von funfzig Jahren Gras darüber wachsen
-lassen! Wenn ich es thue, so geschieht es in dem Vertrauen, daß die
-Ruhe seiner Asche nicht dadurch gestört werde. Sie mögen sich selbst
-überzeugen, wie es möglich war, daß ein Mann von so sanguinischen
-Meinungen, wie mein Vater, plötzlich so erschüttert werden können, daß
-sein ganzes Wesen eine totale Umwandlung erlitt. -- Mein Vater hatte
-sich der Wittwe eines Chirurgen thätig angenommen. Die Frau stand nicht
-im besten Rufe und mogte auch leichtsinnig genug seyn; ihr seliger
-Mann, dessen Geschäft sie fortsetzte, in seinen niedrigsten Functionen
-wenigstens -- hatte sie barbieren gelehrt, auch über den Löffel -- zur
-Ungebühr, wie mir däucht; denn sie verstand es sehr von selbst, den
-Männern um den Bart zu gehen. Die arge Welt legte der Betriebsamkeit
-meines Vaters für das Beste dieser Frau, der Pünctlichkeit, womit er
-sie besuchte, und dem weichen Polster ihres Wittwenstuhls, eben keine
-bewegende Feder unter, die von gediegenem Golde gewesen wäre. -- Dies
-Verhältniß war der stille Schmerz meiner guten Mutter. Als mein
-Vater eines Abends wie gewöhnlich zu dieser Wittwe geht und in die
-unverschlossene Stube tritt, ist es dunkel darin, nur der Mond scheint
-auf die Gestalt der Frau, welche schweigend mit verhülltem Kopf hinter
-der Thüre lehnt. Mein Vater, der da glaubt, sie habe Versteckens mit ihm
-spielen wollen, eilt scherzend auf sie zu -- doch welcher furchtbarer
-Ernst schreckt ihn zurück! seine Freundinn hängt an ihrem Schürzenbande,
-und mein Vater -- _er selbst_! muß sie mit einem Rasirmesser
-losschneiden.«
-
-Die Zuhörerinnen schauderten -- Josephine legte beide Hände vor ihr
-unschuldiges Gesicht. Und Schwester Veronica sprach! »ja, mein Kind, wir
-müssen wohl den Blick schonend bedecken, der auf solch einen tiefen Fall
-trifft! nie ist der Grund aufgefunden worden, warum die Frau sich ein
-Leides gethan. Mein Vater mußte, da der Kreisphisikus erkrankt war, der
-gesetzlichen Section ihres Leichnams beiwohnen, und diese Amtspflicht,
-der er sich nicht entziehen wollen, um sich vor den Augen der Menschen
-keine Blöße zu geben, hatte seine innersten Lebenskräfte angegriffen.
-Dieses unglückselige Ereigniß hatte sich an jenem Abend begeben, wo
-ich auf andere Weise Todesweh empfand. -- Auch mir war es aus reinerer
-Schaam Bedürfniß, mich in der Achtung des Einen herzustellen, der mich
-höchstens bemitleiden können. Die Geschichte machte ein ärgerliches
-Aufsehen, es war, als ob der böse Würgengel vor meinem Vater herginge,
-und, um sein Unglück zu vollenden, starben ihm damals mehrere seiner
-bedeutendsten Patienten. Meine Mutter hatte in eben der Stunde, wo ich
-vom Pfarrhof zurückkam, die erste Kunde von dem Geschehenen erhalten.
-Sie würde es daher kaum gemerkt haben, wenn ich als eine Gestorbene aus
-dem Grabe wiedergekehrt wäre, und so bleich ausgesehen hätte, wie ich
-nun wirklich vor ihr stand. Wir finden es daher gewiß ihrer Stimmung
-angemessen, und auch folgerichtig, wenn wir ihr eingewurzeltes
-Vorurtheil gegen die Heirath mit dem Italiener bedenken, daß sie, als
-ich nach einigen Tagen ihr im Beiseyn des Erzpriesters meinen Wunsch
-eröffnete, mir zur Antwort gab: ich segne Deinen Entschluß, meine
-Tochter. Viel lieber will ich Dich im Schoß der Kirche, oder auch in
-den Mauern der Gruft aufgehoben wissen, als in den Armen eines Mannes.
-Willig reiße ich die Blume meiner Freuden aus dem mütterlichen Herzen,
-wenn ich weiß, daß Dir die Dornen der Ehe erspart bleiben. -- In dieser
-Aufregung meiner Eltern unterdrückte ich möglichst den Tumult meiner
-eigenen Gefühle, nur das Verlangen sprach laut in mir an, zu wissen: Wer
-das Mädchen sey, dem Ludovico seine Liebe geschenkt, ich meinte ruhiger
-zu seyn, wenn ich es wüßte. Wie aber sollte ich es erfahren?«
-
-»Ja,« rief Therese, und rückte unruhig auf ihrem Stuhle hin und her,
-»diese Neugier hätte mich auch gemartert, und ich würde jedem Mädchen im
-Hause auf die Finger gesehen haben.«
-
-»Das that ich auch,« erwiederte die Nonne lächelnd, »aber leider
-fand ich wenig Gelegenheit dazu. Zu jener Zeit herrschte auch unter
-Hausgenossen eine gewisse Zurückhaltung des Umgangs; die Töchter der
-Professoren hielten zusammen und mich für stolz, womit so oft der Sinn
-für Einsamkeit verwechselt wird, und die Fähigkeit, sein eigener Freund
-zu seyn. Indem ich nun Tag und Nacht darüber nachsann, Wen ich mir
-zum Fürsprecher bei meinem Vater erwählen könnte, und -- da die Zeit
-drängte, ich mit unschlüssiger Angst bald an die Gräfinn Frankenstern
-dachte, bald in Ueberlegung nahm, ob ich mich an den alten Posca selbst
-wenden sollte, der als ein bigotter Mann Scheu getragen haben würde, die
-Rechte seines Sohnes gegen den Herrn Jesum Christum geltend zu machen,
-war mir der Ring, und wer ihn trüge, wirklich ein wenig ins Vergessen
-gekommen. Den Ludovico hatte ich seitdem nicht wieder gesehen. Nach
-einigen Tagen kommt des Sprachmeisters Tochter und bringt die fertige
-Weste. Das Muster blühete nur so, und war mit dem reizendsten Gusto
-ausgeführt. Meine Mutter breitete den Atlas vor mir aus, und als ich die
-Vergißmeinnicht sah, die ich ahnungsvoll gewählt: da schwellten meine
-Augen und ein großer Tropfen fiel auf die abgezeichnete Tasche, die mein
-Bildniß hatte bergen sollen. O weh! sagte meine Mutter betroffen, was
-hast Du da gemacht? -- O das schadet nicht, versicherte das Mädchen,
-_die_ Farbe ist ächt, Sie werden es sehen. Darauf nahm die junge
-Stickerinn den äußersten Zipfel des Seidenzeugs, und rieb damit
-fadengleich die feuchte Stelle. Auf dem reibenden Finger aber --
-erblickte ich Ludovicos =Mater dolorosa=, und fühlte ihre sieben kleinen
-Schwerter in _meiner Brust_. -- Ich besann mich, daß Ludovico bei dem
-Sprachmeister Unterricht genommen, ich wußte auch, daß seine Clara
-italienisch spräche. Dies arme, geringgeachtete Mädchen mit der
-kummervollen Leidensmiene stand vor mir, so glückbegünstiget, als ob
-ein Königreich an ihrem Finger funkelte. -- Ich weiß nicht, in welche
-Verbindung ich es setzen soll, daß mir bei dem Lichte, was mir nunmehr
-über den ganzen Zusammenhang der Dinge aufging, jeder Schatten von
-Furcht vor meinem Vater verschwand. Noch an demselben Tage redete ich
-mit ihm. Ich unterstützte die getroste Bitte durch Alles, was meiner
-Meinung nach wirksam auf ihn seyn könnte, als zum Beispiel: daß ich aus
-guten Gründen glauben müsse, Herr Peter Posca halte ihn für unermeßlich
-reich, und solch ein Rechnungsfehler bei einem Kaufmann, ergäbe kein
-verläßliches Facit. Dann würde er wohl als Arzt bemerkt haben, wie
-dessen Sohn zum Heimweh hinneige, und wenn der Alte einmal das Zeitliche
-gesegnet, könnte es kommen, daß ich mit Ludovico über Berg und Thal
-in ein fremdes Land werde ziehen müssen. -- Daß mein Vater mit den
-Italienern seit einiger Zeit nicht mehr auf dem alten Fuße stand, daß
-ihm die Idee unserer Verbindung selbst leid geworden, davon wußte ich
-nichts, als ich mit dringender Beredsamkeit an dem verknüpften Bande
-lockerte, als ob ich es Wunder! wie unauflöslich hielte. Sieh da! der
-Faden war schon gelös't. -- Mein Vater ließ mich ausreden, tödtlich
-stumm. Dann sagte er: thue, was Du nicht lassen kannst! ich will Dich
-weder hindern noch zwingen. Dieser leichte Sieg war über mein Erwarten.
-Ich schlang meine Arme um seinen Hals und rief: lieber Herr Vater! ist
-dies auch wahrhaftig wahr? -- So will ich Gott mein Herz weihen, daß
-er Ihnen seinen Segen dafür gebe, lebenslang für Sie beten, und als Ihr
-treues Kind ersterben. -- Diese Freude schien ihn zu erschüttern; thue
-es -- sagte er mit erstickter Stimme; und zum erstenmale sah ich seine
-Augen benetzt. Mir aber hatte sich eine Compresse vom Herzen gelös't,
-und es blutete aus tiefen Wunden. Ich bat meinen Vater, daß er mir noch
-eine Bitte gewähre. Wenn der alte Tamdio ausgelitten haben würde, was
-nicht mehr lange dauern könne, dann mögte er die Clara an Kindesstatt
-aufnehmen, daß dies verlassene Mädchen elterlichen Schutz, und meine
-Mutter eine Tochter hätte, die ihres Alters Trost und Pflege würde.
--- Er versprach es mir. Nun übrigte mir noch das Schwerste. Kaum eine
-Stunde nachher kam mein zukünftiger oder gewesener Bräutigam, und warb
-in einer entschlossenen Rede um meine Hand. Ich bebte an allen Gliedern,
-da ich sprach: Herr Ludovico! ein langer Irrthum hat zwischen uns
-gewaltet: ich bin Willens, des Himmels Braut zu werden und keines
-Mannes. Hätte ich Einen gewählt, Sie würden es gewesen seyn, denn ich
-schätze Sie sehr hoch! -- Hier ergriff er meine Hand -- ich fühlte einen
-heftigen Druck, und mit gepreßtem Athem fuhr ich fort: ich habe meinen
-Eltern eine Nachfolgerinn gegeben, die an meine Stelle träte, Clara
-Tamdio -- ein braves Mädchen, welches das beste Glück verdient. Wenn Sie
-künftig das freundschaftliche Verhältniß zu unserm Hause fortsetzen: so
-gedenken Sie auch meiner. -- Ich wagte es, in sein Angesicht zu schauen;
-es sah aus wie von Marmor, sein Blick war gebrochen -- und _Freude_ war
-es nicht, was seine Züge versteinte. _Clara_, rief er, ist dies möglich?
-mein Name in seinem Munde, hatte bei dieser Frage einen andern Klang als
-sonst -- dieser Augenblick war mein glücklichster.«
-
-Die Nonne verstummte in bewegter Erinnerung. Alle schwiegen. Nach einer
-Pause fuhr Schwester Veronica fort: »an dem Tage, wo ich mein Noviziat
-antrat, begrub man den Sprachmeister. Seine Tochter zog in meiner Eltern
-Haus und in mein Zimmer. Sie trug meine Kleider mit Liebe, und die
-Schwächen meiner Mutter mit kindlicher Geduld. Die paille Atlaßweste mit
-Vergißmeinnicht aber hat der Ludovico an seinem Hochzeittage getragen.
--- Im Begriff, eine geistliche Jungfrau zu werden, war es mir
-gelungen, meine Eltern gleichsam noch einmal zu trauen. Ich genoß
-die unaussprechliche Beruhigung, daß sie die letzten Jahre ihrer Ehe
-einmüthig lebten. Mir aber war wohl -- das mögen Sie mir aufrichtig
-glauben. Ich erkannte meine Bestimmung, und daß die Welt meiner Wünsche
-Ziel nicht gewesen wäre; in ihr würde meine Liebe mir verloren gegangen
-seyn, die ich mir nun wie ein werthes Kleinod gerettet hatte. Wenn ich
-den Ludovico heirathen müssen -- und dem würde ich nicht haben entgehen
-können -- ach! und eine _ungeliebte_ Frau ist die unglücklichste von
-allen -- dann würde ich in seinem Besitz zu beklagen gewesen seyn, und
-außer Stande, meine Pflichten mit Vertrauen zu erfüllen, nachdem ich
-wußte, Wem sein Herz gehöre, und daß ein armes verwaisetes Mädchen durch
-mein Glück leide. So dachte er gewiß mit Wohlwollen an die Clausur,
-welche ich gewählt, auf daß er frei wäre in seiner Wahl. Die
-_Nothwendigkeit_ meiner Entschließung leuchtete mir also ein, wenn es
-doch dann und wann einen Augenblick für mich gab, wo ich meinte, es
-hätte vielleicht ein anderer Ausweg für mich ermöglicht werden können.
-Allmählig schloß ich die Augen meiner Seele für solche Rückblicke. Mir
-war wie Einem, Den mitten am hellen lichten Tage eine Sehnsucht nach
-Ruhe ergreift, der er nicht zu widerstehen vermag; der Sonnenschein da
-draußen blendet ihn nicht, und das Getümmel der Welt regt ihn nicht auf
-an der stillen Stelle, wo er Frieden träumt. -- Gebet und Arbeit füllten
-meine Zeit, ich zog viel Blumen, welcher Neigung ich durch mein ganzes
-Leben treu geblieben bin. Mehrere botanische Werke aus der Bibliothek
-meines Vaters, waren mein fortgesetztes Studium. Auch lernte ich den
-Generalbaß und Latein -- was -- wie ein classischer Schriftsteller sagt:
-ein gutes Mittel gegen die Wollust seyn soll --« ein klares Lächeln,
-worin die Reinheit einer gottgeheiligten Seele schimmerte, ergoß sich
-über Veronicas Züge, da sie erläuternd hinzusetzte: »als worunter
-jener Autor vielleicht die Lust zum Wohlleben und schlaffe Unthätigkeit
-verstanden wissen will. Auch muß ich ihm gewissermaßen Recht geben,
-und es ist wirklich wahr, daß jene anstrengende Schule ein empfindsames
-Frauenzimmer sehr erkräftiget, und keinem weichlichen Versinken in sich
-selbst Raum giebt. Beide Kenntnisse, nachdem ich sie mit unsäglicher
-Mühe erworben, waren mir über die Maßen lieb. Ich konnte die Väter
-unserer römischen Kirche lesen, die heiligen Legenden -- und der
-Generalbaß -- der ist der Schlüssel zu aller Harmonie, und gleichsam das
-Thor zu der Welt der Töne. Man geht erst ein in das Geheimniß der Musik,
-wenn man ihn kennt. -- So waren mir fünf Jahre still verrauscht. Als
-ich einst nach der Vesper vom Chore kam, die Violine im Arm, die ich zu
-einer Uebung mit auf meine Zelle nehmen wollte -- ward mir gesagt, ein
-fremder Herr, der einen Auftrag an mich hätte, wünsche mich zu sprechen.
-Ein _Herr_! ein _Fremder_! dies sind Worte, welche ein Frauenkloster in
-Aufruhr bringen. Der ganze Convent sah mich mit Neid und Neugier an, und
-die Aebtissin bewilligte es, daß ich das verlangte Gehör gäbe. Es war
-im Herbst, zur Zeit des Zwielichts; der Mond schien schon blaß durch
-die hohen Fenster, die Reben daran wankten in der Abendluft, so daß sich
-Licht und Schatten zitternd in dem düstern Sprachzimmer mengten. Mein
-Blick fiel auf die Gestalt eines Mannes, der am Pfeiler lehnte, und
-dessen bleiches, verhärmtes Gesicht ich nicht sogleich erkannte.
-Um Gott! Ludovico! rief ich so erfreut als bestürzt, da ich ihn
-tieftrauernd sah; ich _fühlte_ die Scheidewand zwischen uns -- den Bogen
-ließ ich tönend auf die Saiten fallen und konnte mich des Instruments
-nicht geschwind genug entledigen. Sein Auge strich an meinem
-Ordensgewand und dann an der Violine herab, da er sprach: liebe
-_Clara_ -- nie werde ich Sie bei einem andern Namen nennen -- und ich
-mißverstand ihn wohl, denn ich dachte, um seiner Gattinn willen -- also
-setzte er hinzu: ich mußte Sie doch einmal wieder sehen. -- Ich drückte
-ihm meine Freude darüber aus, und durfte ihm nun die Fülle der Liebe
-zeigen, die keinen Abbruch gelitten, als ich mir mit dem Grundstein
-seines Glückes eine Stufe in den Himmel bauete, denn er war ja einer
-Andern, und ich war Gottes. Das Herz war mir so voll -- ich wußte nicht,
-wonach ich zuerst fragen sollte. Was mußte ich vernehmen! -- Seine Frau
-war todt, in einem schweren Kindbett gestorben, und Ludovico Willens,
-mit seinen Kindern nach Italien zu gehen. So wollte ich denn
-Abschied nehmen, auch komme ich nicht mit leerer Hand -- sagte er mit
-zermalmender Wehmuth, und bat, daß ich ihm die meinige reichen mögte. --
-Und durch das Gitter, wie es damals geschah -- steckte er mir _den_
-Ring an meinen Finger, den er der Geliebten gegeben, den seine Ehefrau
-getragen, den Ring der Schmerzensmutter! -- Empfangen Sie dies zum
-Andenken von mir und ihr! sagte er, dieses gottselige Bild darf eine
-Braut des Himmels tragen, ohne ihrem Gelübde treulos zu seyn. Und
-erinnern Sie Sich in frommer Fürbitte Eines, der mit einem Herzen,
-darin der Harm wühlt, und ein Wurm, der nicht stirbt, vergangener Tage
-gedenkt. -- Ich weiß nicht, ob das meinige mehr leidvoll als entzückt
-war; ich hatte ein Gefühl von Verlöbniß, und doch nicht von irrdischer
-Art. Wir trennten uns auf immer -- und doch nicht für ewig. Ich besaß
-ein Pfand, was den armen Leidenden an mich bände, und der Freund meiner
-Seele, mein Herr und Heiland! hatte nichts dagegen. Auch die Aebtissinn
-erlaubte, daß ich den Ring trüge. -- Nach Jahresfrist erhielt ich
-eine Cremoneser Geige wohl verpackt, von Ludovico zugeschickt, die
-mir unbeschreibliches Vergnügen machte. Es war, als ob seine frühere
-Gewohnheit, mich zu beschenken, seit dem Tode der Frau wieder ihren
-alten Platz eingenommen hätte. Vor einigen Jahren,« so endigte Schwester
-Veronica ihre Geschichte, »zerbrach mir der Ring -- ich konnte mich
-jedoch nicht entschließen, ihn einem Goldschmied zu geben. Wie bald --
-dachte ich, bricht nicht auch der Tod das Auge, das zu viel tausendmalen
-darauf geruhet! so möge er denn ruhen. Hier liegt er nun.« Bei diesen
-Worten zog die Nonne ein kleines Schubfach auf, nahm ein Döschen von
-Perlenmutter, in Form einer Muschel heraus, öffnete es, und drinnen
-schlief das Bild der allerseligsten Jungfrau auf ein wenig Watte. Die
-blanke Glätte des Goldes, und ein kleiner Bug am Ringe, zeigten, wie
-lange er getragen worden sey. Die Damen betrachteten ihn mit einem,
-obgleich verschiedenartigen, doch gemeinschaftlichem Interesse.
-
-Frau Fabia hielt ihn lange vor ihr ernstes Auge, und seine Farben
-spielten unter mystischen Gedankenblitzen. Sie dachte an die
-geheimnißvolle Verkettung der menschlichen Schicksale, wovon dieser Ring
-als ein Glied anzusehen wäre -- und daß selbst so winzige Steine reden
-müßten, als die, welche den kleinen Altar reinster Mütterlichkeit
-zusammenbauten, wenn es darauf ankäme, daß der Unerforschliche seinen
-Willen offenbare. Theresens Blick spiegelte sich leuchtend im hellen
-Golde dieser Fassung -- unter Regungen des Flattersinns wie des
-Vergnügens, dachte sie: wie solch eine traurige Treue wohl möglich wäre?
-und nur ein leiser catholischer Schauer versenkte ihr Anschauen etwas
-tiefer in die durchbohrte Brust der kleinen Madonna. Josephine, als die
-jüngste, bekam den Ring zuletzt, und durfte ihn am längsten behalten;
-ihr war er eine Reliquie. Der todte Schmerz darin -- das Leben und
-Leiden der Nonne -- bewegte ihre junge Seele. Die Mutter Gottes, fest
-gefügt, schwankte, und ihr starrer Jammer lösete sich in der Thräne auf,
-die dem frömmsten Kinde der Christenheit in den klaren Augen funkelte.
-Josephine empfand, daß solch ein Ring den Schmuck der ganzen Erde
-aufwöge. Sie fühlte die Heiligkeit der Liebe, und den unvergänglichen
-Werth eines Herzens, das sich zu opfern vermag, auf daß die Welt selig
-würde, die es umfaßt.
-
-Während dieser Theestunden war der Administrator bei dem Major
-Feldmeister gewesen, der ihm sagen lassen, es ginge schlimmer mit dem
-Bein, und er mögte ihm doch ein wenig Gesellschaft leisten auf seinem
-Zimmer.
-
-Jener, der in der Abwesenheit der Frauen eine schwache Anwandlung von
-dem Unbehagen eines Ehemanns spürte, welcher den Zusammenkünften der
-Damen und ihrer gesetzgebenden Tyrannei nachstehen muß -- hatte der
-Einladung augenblicklich Folge geleistet. Das Gespräch vom Morgen ward
-fortgesetzt, und der Major brachte die Frage wiederum in Anregung, wie
-der Erstere zu seiner zweiten Schwägerinn gekommen sey. Da es sich nun
-der Allgegenwärtige allein vorbehalten hat, aller Orten zugleich zu
-seyn, und, wie Einer sagt, der nach dem ersten Erschaffenen heißt: Adam
-im Dorfbarbier --, ein einzelner Mensch nicht an Alles denken kann, so
-müssen wir uns das Vergnügen versagen, unsere Leser als Zeugen dieser
-Unterhaltung einzuführen, _weil_ und _so lange_ wir in Veronicas Zelle
-verweilen. Indem wir nun den Inhalt derselben nachträglich mittheilen,
-ist uns der Vortheil gegönnt, auch das, was dem Erzähler selbst
-verschlossen geblieben, kraft des magischen Schlüssels, den wir
-dazu besitzen, unsern Lesern zu eröffnen. -- Die Stiefmutter des
-Administrators hatte sich nach seines Vaters Tode mit ihrem Söhnlein
-in die Hauptstadt des Landes begeben, welches der Schauplatz dieser
-einfachen Geschichte ist. Die Dame mogte ihre guten Ursachen haben, so
-fern als möglich von ihrem ehemaligen Wohnorte zu leben, um persönlichen
-Vorwürfen zu entgehen, und die Früchte eines erlisteten Testaments unter
-dem Schutze der Unbemerktheit genießen zu können. Und wie es denn nun
-häufig geschieht, daß ein ungemeines Glück auf den Schmutz ungerechten
-Besitzes, und in befleckte Hände fällt, so waren ihrem Kinde seltene
-Gaben geworden. Der kleine Constanz war ein Ausbund in jedem Sinne, und
-unter keine Regel zu bringen. Er wuchs in genialer Wildheit auf,
-und seiner Mutter, wie Jedem, der an ihm erzog, über den Kopf. Seine
-Fähigkeiten überflügelten frühzeitig die Erwartungen der Lehrer,
-die nicht wußten, in welche Classe sie ihn setzen sollten. Seinen
-Mitschülern war er ein Abstractum -- und mit einer wohlwollenden Seele
-sah Constanz sich nirgend verstanden, denn es fehlte selbst der Mutter
-an dem Maßstab der Liebe, den Geist ihres Kindes zu messen. Die Mutter
-befand sich nicht wohl, und zog, eine Frühlingscur zu gebrauchen, vor
-das Thor. Dicht neben dem Hause, darin sie wohnte, war das Hotel des
-***schen Gesandten, mit einem prächtigen Garten. Der Knabe blickte
-zuweilen sehnsüchtig aus dem engen grünen Bezirk, den seine Eigenthümer
-ein Gärtchen nannten, und dessen Beete in seine strebsamen Wünsche
-hemmend einschnitten, in die freien Räume hinüber, wo die Söhne des
-Gesandten, etwas älter als er, unter hohen Schatten sich nach Willkür
-belustigten, und unter dem gesenkten Auge des Hofmeisters, der nicht
-weit davon in einem Buche las und mit vornehmer Ruhe seine Eleven
-gewähren ließ -- ein wenig turnten. Es prickelte den Constanz oft in
-allen Gliedern, das Glück dieser Ungebundenheit zu theilen, denn die
-Mutter schrie schon ängstlich auf, wenn er einen Purzelbaum schoß, oder,
-die langsame Treppe zu umgehen, sich über das Geländer hinaufschwang.
-Jede solche Kraftübung ihres Söhnleins setzte ihren schwachen Kräften
-zu. Das Verlangen nach diesem Spielraum ward ihm denn nun auch erfüllt.
-Die Lebendigkeit des Kindes, was sich den stolzen Söhnen des Gesandten
-auf ihren Wunsch und Wink zugesellt, etwas Hinreißendes in seinem Wesen,
-die Art und Weise, wie der freundliche Knabe seinen Willen stets gegen
-den hochmüthigen Trotz der Andern durchsetzte, schienen dem Hofmeister
-bemerkenswerth. Er sagte dem Gesandten davon, und als dieser einst
-Gelegenheit hatte, den kleinen Constanz selbst zu beobachten, fand sein
-feiner diplomatischer Blick ein Talent an dem Knaben aus, was wohl der
-Mühe verlohnte, für _seine_ Zwecke entwickelt zu werden. Der Gesandte
-ließ sofort die Wittwe artig ersuchen, ihren Sohn, der ihm lieb geworden
-sey, an dem Unterricht seiner Kinder Theil nehmen zu lassen. Es geschah,
-und mehr noch. Als der Sommer zu Ende ging, war auch die Mutter des
-kleinen Constanz an ihrem Ziele -- und der Gesandte nahm den verwaiseten
-Knaben nun ganz zu sich. Die Söhne folgten ihrer Bestimmung, Constanz
-blieb das Kind des Hauses. Er ward Privat-Secretair des Gesandten. Diese
-Stellung machte ihn mit den geheimsten Staatsverhältnissen vertraut,
-er arrondirte die Rechte der Familie gegen einander, und ihr Oberhaupt
-setzte ein ungemessenes Vertrauen in die Klugheit seines Günstlings.
-Nur dessen Geschlechtsname war ihm zuwider, aus einem angestammten
-Vorurtheil gegen klösterliche Machthaber, und da nun Constanz von früher
-Kindheit an _so_ und nicht anders genannt worden war, behielt er diese
-Benennung später und für immer bei, so daß man kaum mehr wußte, wie er
-eigentlich heiße. So ward es dem Constanz nicht schwer, die Prälation
-seines Namens gegen jenen aufzugeben, der im Hause mit französischem
-Accent ausgesprochen ward. Seine Persönlichkeit ging in der Bedeutung
-des Gönners unter, dem er Kopf und Feder lieh. Es war bekannt, daß der
-Secretair die rechte Hand des Gesandten wäre; doch die Frau desselben
-tadelte diesen Vorzug, wenn auch nicht laut. Sie liebte den Jüngling
-nicht gleicherweise, theils aus ein wenig Mutterneid, theils aus einem
-dunkeln Gefühl von Eifersucht auf die Gunst ihres Gemahls, endlich,
-weil er sehr verschwiegen war. Diese erforderliche Eigenschaft stand im
-Conflict zu einem Fehler der Dame: dem Mißtrauen. Sie argwöhnete, das
-Cabinet, dessen Geheimnissen der Secretair verpflichtet wäre, enthielte
-auch solche, welche nicht in anderer Herren Länder, sondern über
-die Grenzen des ehelichen Bereichs, in das Gebiet _fremder Frauen_,
-verhandelt würden. Und in wie weit dieser Verdacht begründet gewesen,
-wird die Folge lehren. So war das Verhältniß des begünstigten Constanz
-gegen die Dame des Hauses etwa das eines natürlichen Sohnes.
-
-Wenn der Gesandte, was er oft zu thun pflegte -- rühmte, wie expedit
-Constanz sey, wie er darin das Unmögliche leiste, dann bestrafte seine
-Gemahlinn ihn für den Aerger dieses Lobes, indem sie weniger mit einer
-Miene des Tadels, als übler Weissagung, entgegnete: »ich fürchte sehr,
-Constanz übertreibt Alles, und Sich zumeist. Solche Leute leben nicht
-lange. --« Dies Prognosticon, mit pflegmatischer Ruhe gesprochen, jagte
-den Gesandten in Furcht. Einst hörte er seine Frau zu dem Secretair
-sagen: »wenn Sie nur nicht immer so =en carrière= wären, Constanz! ich
-mag es nicht gern, wenn der Mensch weder Rast noch Ruhe hat. Denken Sie
-an mich, Sie werden einmal wie ein Wirbelwind heirathen, der den Leuten
-Staub in die Augen streut -- und mit Extrapost gen Himmel fahren. --«
-Der Jüngling lächelte der Drohung, die ihn zügeln sollte, und sprach:
-nichts könnte ihm lieber seyn, denn alles Langsame wäre sein Tod. --
-
-Der Gesandte dachte darauf, wie er den Constanz, ohne ihn zu verlieren,
-entfernen könnte, und alsbald traf dieser Wunsch mit den Interessen
-seiner Charge, wie mit denen seiner eigenen Angelegenheiten auf das
-Genaueste zusammen.
-
-Es war um die Zeit der Aufstände in Polen, wo er den Secretair mit einem
-Auftrage von größter Wichtigkeit an einen entlegenen Hof sendete. Es
-war eine Courierreise. Doch zu Einem Auffenthalt erhielt der junge Mann
-geheime Instruction, und Constanz muthmaßte schlau, diese mache nicht
-den unbeträchtlichsten Theil seiner Sendung aus. An der polnischen
-Grenze lebte eine Freundinn des Gesandten, um die er in Sorgen war.
-Constanz sollte sich von der Lage dieser Dame und ihrer Tochter in
-Kenntniß setzen, und wie es Beiden in den kriegerischen Unruhen ergangen
-sey; dann ihnen Depeschen überreichen, welche der Gesandte ihm, unter
-dem Siegel der tiefsten Verschwiegenheit, übergab. Er versprach dagegen,
-wenn die Ausführung jenes Geschäfts -- vielleicht meinte er auch
-_dieses_ -- den Beauftragten bewähre, so solle Constanz einer seinem
-Verdienst entsprechenden Versorgung im diplomatischen Corps gewiß seyn.
--- Es war, als ob der Landsturm jener Revolution eine alte Erinnerung in
-dem Herzen des Gesandten aufgestört, und seinen gleichmüthigen Bestand
-aufgelöset hätte. Dieser Protector, getäuscht von der innern Bewegung,
-wähnte, seinen äußern Zustand verändern zu müssen, und indem er die
-Anstrengung im Auge hatte, sich auf den Gipfelpunct seiner Wünsche zu
-schwingen, ging er von der Idee aus, den Protegé für diese Absicht zu
-nützen, bevor er ihn poussire.
-
-Freudig, wie ein Vogel den goldenen Käfig hinter sich läßt, darin er
-eingeengt gewesen, flog Constanz durch die blauen Lüfte. Er war ganz in
-seinem Elemente; eine weite Aussicht that sich vor seinen Blicken auf.
-Er schwelgte gleichsam im Genuß einer pflichtmäßigen Eile. -- Doch
-indem er der Ferne zustrebte, war er unversehends an die Marken seines
-Schicksals gekommen; und hier war es, wo der Horizont seiner Hoffnung
-Erde und Himmel für ihn abgrenzte.
-
-Als Constanz sich den Wäldern Polens näherte, drängte sich ein
-düsterer Ernst ihm auf. Ueberall traf er auf Spuren wilden Kampfes und
-verzweiflungsvoller Schritte. Die Zerrissenheit dieses Volkes dauerte
-ihn, er sah betrübt zu Boden, den so viel edles Blut besprengt, und
-jeder Ton dieser sarmatischen Mundart schlug dumpf und traurig eine
-tiefe Saite seines Herzens an.
-
-Constanz sprach sehr geläufig polnisch, was ihn jenen heimathlosen
-Flüchtlingen naturalisirte, in deren rauhen Mienen ein Strahl
-vaterländischen Sonnenscheins bei seiner Anrede aufging. Man wies ihn
-überall freundlich zurecht; doch nicht in einen erfreulichen Port. Der
-kleine Edelsitz, auf dem die Freundinn des Gesandten residiren sollte,
-war eine wüste Brandstätte, ein trauriges Bild gänzlicher Verödung. Es
-war um die Mittagsstunde, als Constanz auf dem weichen Estrich dieser
-polnischen Wirthschaft anhielt. Diese verkohlten Gebälke schienen
-noch zu dampfen; doch kein Rauch stieg aus der Esse des Gemäuers, des
-einzigen auf dem Höfchen, was den Anstrich hatte, bewohnt zu seyn. Ein
-alternder Mann, in der Livree der Armuth, welche ein lustiges Bunt
-giebt und freie Schnitte -- doch besseren Ansehens als Die, welche sie
-gewöhnlich tragen -- stand in der niedern Thür, und sah tiefsinnig auf
-das leere Häuschen einer Hundehütte nieder, deren Kette gelös't daneben
-lag, und den Wächter frei gegeben hatte. Der Mann schrak zusammen, als
-das leichte Fuhrwerk schnell wie ein Pfeil von der Senne, durch den
-offnen Thorweg prallte, und gleichsam sein Herz zu treffen schien. Der
-junge Reisende trat wohlwollend auf ihn zu, und fragte nach der Herrin
-des Ortes. »Meine Dame schläft --« sagte der vermuthliche Diener,
-indem ein Seufzer seiner Rede voranging, welcher sie der Theilnahme des
-Zuspruchs anempfahl, »und ungern mögte ich sie wecken. Auch würde es«
--- meinte der Getreue, »wenig nützen. Seit den erschrecklichen Vorfällen
-allhier,« fuhr der Alte fort, »hat meine Dame das Gedächtniß verlohren,
-und kann sich auf nichts mehr besinnen.«
-
-»Nun, vielleicht doch! wir wollen sehen --« erwiederte Constanz lächelnd
-auf diesen Bescheid, der beinahe abweisend lautete.
-
-»Sogleich!« sprach der Alte in der reizbaren Empfindlichkeit seiner
-Nation und eigenen Unglücks, von diesem Lächeln, diesem Zweifel
-beleidigt, und stieß leise ein zersprungenes Fenster nach Innen zu auf,
-was nur angelehnt war. Der junge Fremde sollte Einsicht in die Wahrheit
-seiner Aussage bekommen. Constanz trat vor die Oeffnung, und als
-Schatten vor die Sonne, welche wie zum Spott Verhältnisse beleuchtete,
-deren Glücksstern untergegangen war. Welch ein Anblick! das nackte
-Sparrwerk der Wände war mit Teppichen behangen, die augenscheinlich
-einer besseren Bestimmung angehörten. Auf einem verstümmelten
-Pfeilertisch von Marmor stand eine massive Eßschale, trübe verblindet,
-darin ein Rest ärmlicher Speise war. Tausend Kleinigkeiten, darunter die
-meisten vom Ueberfluß, lagen -- ein Quodlibet -- wirr durcheinander, und
-eine Anzahl kleiner abgetragener Schuhe, wie vertretne Kinderschuhe --
-nahm den Fußboden ein. Alles schien nur für den Nothbehelf zu seyn. In
-einem Großstuhle, der schräg gegen das Fenster gerückt, voraussetzen
-ließ, er stände nur derweilen da -- lag eine ältliche Frau mit
-geschlossenen Augen. Ein echter Schawl, an den der matte Kopf sich
-schmiegte, hing nachlässig über die Lehne geschlagen, und der Chinese
-des Gewirks, hielt seinen Schirm über diese eingesunkene Wange.
-Vielleicht war dieser phantastische Schutz der einzige, dessen die
-schlummernde Dame genoß. -- Um ihren feinen Mund schwebte ein Lächeln
--- das Todeslächeln unbewußter Beruhigung; ihre rechte Hand lag auf dem
-Arme des Sessels. Eine zartere Hand, gewebt aus der feinsten Seide
-des Müßiggangs, hatte Constanz nie gesehen; aber er gewahrte jenes
-Nervenhüpfen daran, welches auf krampfhafte Zustände, und nicht selten
-auf eine nahe Auflösung schließen läßt. Im lebendigsten Contrast dieses
-abgespannten und verblichnen Bildes, saß ein junges schlafendes Mädchen
-zu den Füßen der Dame. Diese Sieste war eine andere; dieser volle
-Athemzug war ein trunkenes träumerisches Schöpfen aus der Ruhe süßestem
-Quell. Constanz ward berauscht vom Zusehen. Für einen jungen Mann giebt
-es keine größere Gefahr, als die Schönheit, wenn sie schläft, und die
-gesenkten Waffen blinkender Augen. -- Doch nach einigen Secunden, die
-sein Leben wendeten -- es giebt Momente, welche alle Verhältnisse der
-Zeit aufheben -- trat Constanz zurück, denn der Anzug des Mädchens
-däuchte ihm nicht für die Nähe eines Mannes berechnet. Er wollte warten;
-doch jetzt regte sich die Dame, und der alte Diener führte ihn an die
-Thüre. Constanz mußte sich bücken, und sein Herz beugte sich, als die
-Dame ihre Augen aufschlug, und erschrocken fragte: ob wieder Feinde da
-wären? -- Constanz versicherte ehrerbietig: er käme als ein Bote der
-Freundschaft. Die Dame legte die schneeweiße Hand an ihre Stirne, wie
-Jemand, der sich besinnt, und sprach: »Freundschaft -- --?« Es war, als
-wäre der Begriff dieses vielsagenden Wortes ihr tief entfallen.
-
-Während dessen war das Mädchen auch erwacht. Angesichts des jungen
-Fremden trat es vor den alten Mann, und ließ sich ungenirt das Kleid
-von ihm zuhäkeln. Diese polnische Unschuld verwirrte den entzückten
-Constanz, dem der kleinste Dienst weiblicher Toilette bisher wie das
-Werk geheimnißvoller Verwandlungen gewesen -- so daß er mit Mühe nur
-seinen Auftrag auszurichten vermogte.
-
-Es war eine helle Stunde für die Mutter, in der sie die Depeschen des
-Gesandten las. Und während sie wie aus den Wolken fiel -- sehr dunkle
-hatten den Lebenstag dieser unglücklichen Frau verfinstert -- daß
-jener Freund sich ihrer _jetzt_, und auf diese Weise erinnere, fiel das
-Rosenlicht einer schöneren Vergangenheit auf jede Zeile. --
-
-Das Lesen geschah indeß so langsam, daß Constanz unterdessen völlig Muße
-hatte, sich der Tochter zu befreunden. Er bat um die Vergünstigung, bis
-zum andern Morgen hier verweilen zu dürfen. Die Mutter war über jede
-Verlegenheit ihrer Lage hinaus -- das Fräulein bewies sich nur in so
-fern gastfreundlich, indem es bei der Sorge für die Bewirthung dieses
-angenehmen Botschafters doch nicht das Vergnügen über seine längere
-Anwesenheit verleugnete.
-
-»Bonaventura --« so hieß der alte Kämmerer -- »wird schon Rath
-schaffen,« sagte Therese -- unsere Leser wissen ihren Namen doch. »Wir
-wollen die Mutter nur ganz außer Acht lassen --« flüsterte Therese ihm
-traulich zu. »Sie lies't zwei Stunden an dem Briefe -- ich kenne das.
-Wäre es Ihnen vielleicht gefällig, eine Parthie Schach mit mir zu
-spielen? Sie mögen Rußland seyn -- ich bin Polen.«
-
-Constanz erstaunte über die Vortheile, welche Therese sieggewiß
-ihm vorausgab; doch nicht minder, daß er fände, wie dieser harmlose
-Leichtsinn vermengt wäre, mit patriotischer Tücke. -- Nach wenigen Zügen
-war seine Niederlage entschieden, und nebenbei verlor er sein Herz.
-
-Nachdem Theresens Mutter gelesen, versank sie in eine Apathie, welche
-ihre Gegenwart den ganzen Abend hindurch unwirksam machte. Und dieser
-Abend, er reichte hin, die flatterhafte Neigung der beiden jungen
-Leute unauflöslich zu knüpfen. Auf Constanz Seite stand unsichtbar sein
-treibender Genius, der ihn immer und überall drängte. »Spute Dich!«
-raunte dieser beflügelte Geist ihm zu, »wir haben Eile, und die Zeit
-entflieht.« Wie verwirrend die zarten Seile nun auch waren, die sich
-leise um dieses flüchtige Naturell legten, wie verworren das Verhängniß
-dieses Hauses vielleicht: Constanz blieb zum Aufmerken frei, wie zu
-einer und der andern Frage, die ihm sein Gönner an das Herz gelegt,
-bevor er die an das Fräulein richtete, welche ihn selbst betraf. Es
-geschah dies gesprächsweise. Therese stand auf, rüttelte sacht an der
-schwachen Mutter, und weckte ihre schlafende Seele mit den Worten: »sage
-einmal, habe ich Verwandte?«
-
-»So viel ich weiß: nicht;« antwortete die Dame mit Resignation, und
-bat, daß ihre Tochter sie in dieser traumhaften Stille lassen mögte. Ein
-kühner Wurf des Gesprächs brachte es auf Religion, und Constanz begehrte
-zu wissen: zu welcher das Fräulein sich bekenne? »Eigentlich zu keiner,«
-antwortete Therese mit liebenswürdiger Freigeisterei, »ich habe meinen
-Glauben gern für mich, und meine Liebe auch. Doch bin ich mit Salz
-getauft --« Constanz lächelte gelinde.
-
-Therese, die es zweifelnd ansah, stand abermals auf, ging zu dem
-Großstuhl, neigte sich über die blasse Gestalt, und sprach: »Mütterchen,
-bin ich catholisch?«
-
-»Etwas --« antwortete die Dame kaum hörbar, »Du frägst mich viel. --«
-Therese stand beschämt. »Die Mutter hat eigentlich Recht --« sagte sie
-und nickte dazu. »Fasttage halte ich gar nicht, und auf die Beichte
-nicht viel; sie müßte denn freiwillig seyn, wie zum Beispiel jetzt. Wenn
-ich es Ihnen ehrlich gestehen soll --« fuhr Therese fort: »die Religion
-ist mir ein bischen zuwider. Erstens: des vielen Krieges und Streites
-wegen, den sie verursacht hat, und ich liebe es sehr, daß man sich
-freundlich begegne; dann habe ich einige Fromme kennen gelernt, die mir
-außerordentlich gehässig waren. -- So kann ich auch nicht anders, als
-mir unsern Herrgott unter dem Bilde eines wohlwollenden alten Mannes
-denken, der eine großmächtige Schlafmütze trägt -- als Symbol der
-ewigen Ruhe. Und in dem Himmel stelle ich mir eine ehrsame, aber höchst
-langweilige Gesellschaft vor.«
-
-Für Constanz waren diese Aeußerungen, um der Anmuth und anspruchslosen
-Offenheit ihres Vortrags willen, Bekenntnisse einer schönen Seele. Ein
-aufrichtiges Herz schätzte er über Alles, und er wünschte, sich dieses
-arglose zuzueignen.
-
-Was Therese dem Gast im Laufe des Abends erzählte, dürfte ohngefähr
-folgendes Ergebniß seyn. Therese war, seit ihrer frühesten Kindheit von
-ihrer Mutter getrennt, in einem großen Hause erzogen worden, ziemlich
-sich selbst und ihrer natürlichen Gutartigkeit überlassen. Jene Familie
-aber lebte, verwandtschaftlicher Verhältnisse wegen, wenig daheim, und
-so konnte sich auch kein weibliches Gefühl der Stille und Stetigkeit
-in Therese entwickeln. Dieser auswärtige Aufenthalt entfremdete sie der
-Mutter wie der Muttersprache, und eine fanatisch protestantische Bonne
-vermischte den catholischen Geist des Fräuleins so lange mit dem Wasser
-der reinen Lehre, bis Theresen das religiöse Element der Seele vom
-Ueberfluß schien. -- Als die Gährungen in Polen ausbrachen, lös'te jene
-Familie sich theilweise auf; eine heimathliche Sehnsucht erwachte zum
-erstenmale in Theresen. Sie verlangte nach ihrer Mutter, und man hielt
-das Mädchen in der waldigen Steppe des mütterlichen Witthums besser
-aufgehoben, als im Mittelpunct einer wildbewegten Stadt. --
-
-»Aber es war nur um so schlimmer --« sagte der alte Bonaventura, als
-er am Abend spät Constanz in dem dürftigen Verschlage bediente, wo sein
-Nachtlager bereitet war, und auf die warmen Erkundigungen des Gastes mit
-traurigem Bericht Theresens Aussage vervollständigte: »die Ankunft
-des Fräuleins war entsetzlich. Die Mutter sah ihr schönes Kind bei dem
-Feuerscheine seiner Habe wieder, und die Kraft meiner Dame ward davon
-verzehrt, wie unser weniges Heu von der Flamme. Nur der Entschlossenheit
-eines jungen feindlichen Offiziers verdanken wir persönliche
-Berücksichtigung und das, was wir aus diesem Wirrsal retten konnten. Ein
-lieber Mensch! die Andern waren nur wie reißende Wölfe gegen ihn; aber
-Gott haucht Milde ein, da, wo sie Noth thut, und mäßiget den Wind für
-das Lamm einer geschorenen Heerde.«
-
-Constanz hatte jenes Offiziers auch von Theresen erwähnen gehört,
-und mit einem so bedeutsamen Interesse, daß dieser Antheil eine
-eifersüchtige Regung in ihm erweckte. --
-
-»Seit jenem Tage nun,« fuhr Bonaventura fort, »vergißt meine Dame Alles!
-wohl ihr! das Gedächtniß verlieren ist für den kein Unglück, der nichts
-als Kummer zu vergessen hat. Jeder Augenblick, wo sie nun schläft,
-erquickt mein eigenes Herz, was ihr die Ruhe gönnt, und mit Freude werde
-ich ihr die Augen zudrücken, welche nicht viel gute Tage gesehen haben.«
-Die des alten Mannes standen voller Thränen, als er dies sagte. Diese
-treuherzige Gesinnung rührte Constanz und flößte ihm Achtung für den
-Diener wie für die Herrin ein. Er fragte, er wollte vornehmlich wissen,
-warum Therese ihrer Mutter entrissen worden sey? --
-
-Bonaventura zuckte die Achseln. Er erzählte eine Geschichte jugendlicher
-Verirrungen, welche seine arme Herrschaft unter die Despotie ehelicher
-Tyrannei gebracht hätten. Dabei gerieth er in ein Labyrinth der
-Darstellung, verlor den leitenden Faden -- und wußte am Ende nicht,
-wo aus noch wo ein? da es ihm zur Unzeit einfiel, ob es nicht
-verrätherische Geschwätzigkeit sey, die zarten Leiden seiner Dame einem
-fremden Ohr Preis zu geben? -- Jene Geschichte gehört nicht in unsern
-Plan. Wir lassen ihren Stoff daher unter der großen Masse menschlicher
-Schwachheit und menschlichen Unglücks auf sich beruhen. --
-
-Constanz wußte die gewissenhafte Aengstlichkeit des redlichen Mannes zum
-Schweigen zu bringen. Er entdeckte sich ihm ganz, und Bonaventura nannte
-ihn einen Gesendeten Gottes, und nicht des Gesandten.
-
-Am Morgen mußte Constanz fort. Die Werbung um die Braut war bald
-geschehen und mit Erfolg: die Mutter befand sich fähig, ihn anzuhören.
-Constanz legte ihr einfach seine Verhältnisse wie seine Wünsche dar.
-Er wollte Theresen bei seiner Retour mit sich nehmen, unterdessen den
-Consenz des väterlichen Gönners dazu nachsuchen, und daß dieser seine
-Anstellung beschleunige. Doch war er eines weigernden Grundes der Dame
-von Seiten ihrer Kränklichkeit gewärtig. Aber nichtsdestoweniger war die
-Mutter bereit, sich ihrer kindlichen Stütze zu begeben. Sie sagte mit
-einem gewissen Heroismus, der für eine rettende Idee froh, wenn auch
-einsam, sterben lehrt: »grüßen Sie den Gesandten tausendmal von mir
--- wenn Sie ihm Theresen bringen, wird Ihr Glück ihm bestens empfohlen
-seyn. -- Ich verlasse das Leben gern, da ich meine Tochter unter dem
-Schutze ihres natürlichsten Freundes weiß. Der da --« (sie wies auf
-Bonaventura) »begräbt mich schon.« Therese weinte wohl, allein nicht
-allzusehr. »Dann bleibt Dir Alles, guter Bonaventura!« sagte sie, reich
-in Hoffnung.
-
-»_Alles!_« wiederholte Bonaventura, und lächelte traurigbitter wie der
-Verlust zu der Erbschaft: dieses Alles war so viel als Nichts. -- Der
-gute Alte wußte nicht, daß die Liebe jeden Strohhalm zu den Mitteln
-des Glückes zählt, wenn auch nur als Medium die bunten Seifenblasen der
-Täuschung in die leere Luft zu hauchen. --
-
-Als Constanz, der Verlobte Theresens, nun mit aufgeregten Gefühlen den
-öden Ort verließ, wo unter Schutt und Trümmern seines Lebens schönste
-Blume blühete: da dachte er an die verheißenden Worte der Gesandtinn, er
-würde einmal im Fluge die Braut heimführen. --
-
-Im höchsten Schwunge seiner geistigen Kräfte legte Constanz die weite
-Reise zurück, und erreichte mit dem Ziel auch die Absicht. Er erstaunte
-selbst, wie leicht ihm alle Schwierigkeiten zu beheben gewesen; ein
-Gott hatte ihm Flügel geliehen, und den Schlangenstab der Klugheit. Er
-glaubte die Zufriedenheit des Gesandten bestens verdient zu haben, und
-in diesem kühnen Vertrauen fügte er daher seiner Meldung dessen, was
-er ausgerichtet, die Bitte bei, daß der Gesandte seine Verbindung mit
-Theresen genehmigen und die schriftliche Zusicherung ihm ohne
-Säumen entgegen senden möge. In der gewissen Voraussetzung, daß dies
-unverweigerlich geschehen werde, kam Constanz nach Polen zurück. Er
-fand eine so leidenschaftliche Aufnahme bei seiner Braut, als wäre seine
-Wiederkehr ihr dennoch zweifelhaft gewesen. Mit Thränen sagte sie ihm,
-er komme zur rechten Zeit, denn seit dem vorigen Tage lag die Mutter im
-Sterben und konnte nicht enden.
-
-Bonaventura hatte indessen mit treuer Umsichtigkeit alles vorbereitet.
-Ein Weltgeistlicher in der Nähe war durch seine einfache Ueberredung
-gewonnen, die jungen Leute zu copuliren. Er war eben anwesend, und
-vertrat die Stelle eines Arztes für Leib und Seele zugleich. »Mein
-werther Herr,« sagte der Priester höflich zu Constanz, »ich verstoße
-gegen ein Staatsgesetz, wenn ich Sie ohne vorhergegangene Proclamation
-traue; aber -- =inter arma silent leges= -- sagen wir Lateiner, und ich
-verhoffe, Sie werden mich in so fern gegen alle Verantwortung sichern,
-daß Sie mir einen Schein ausstellen, worin Sie Sich verpflichten, jeden
-Einwand vertreten zu wollen, welcher möglicher Weise dieser Heirath mit
-Fug und Recht gemacht werden könnte. -- Unter dieser Bedingung will ich
-mein heiliges Amt zu Gunsten Ihres Wunsches üben.« --
-
-Constanz, im Gefühl, von Seiten des Gewissens völlig frei zu seyn zu
-diesem Schritt, verstand sich gern dazu, und der Geistliche beschied sie
-für den nächsten Morgen in eine kleine Capelle auf der Hälfte des
-Weges. Bis dahin, meinte der todeskundige Mann, -- würde die Mutter des
-Fräuleins ausgelitten haben.
-
-Aber als der Morgen erwachte, lag die Hochzeitmutter noch in Agonie.
-Es war eine schauerliche Stunde, die der Einsegnung. Der Sturm sausete
-unheimlich durch den Wald, das morsche Kirchlein wankte, die Lichter
-wollten verwehen, der Regen rauschte herab, die Braut schwamm in
-Thränen --, kein Zeuge war zugegen, als der Meßner und Gott! --
-
-Sie kamen nach Hause; kein fröhliches Mahl war ihnen bereitet. Constanz
-sah ängstlich nach der Uhr, deren Zeiger, gleichgültig gegen die bange
-und dringende Erwartung umher, unaufhaltsam weiter rückte, und fand, daß
-seine Zeit abgelaufen sey. Nur jene Körner wollten nicht ausrinnen.
-Da bat Bonaventura, daß man ihm eine Vorstellung erlauben möge. »Meine
-Dame,« sagte er, »kann nicht sterben, so lange Sie hier gleichsam auf
-dem Sprunge stehn. Ist es doch mit einer Frau in Kindesnöthen gerade so.
-Die kann auch nicht genesen, wenn darauf gewartet wird, und der Tod soll
-ja eine neue Geburt seyn. -- Ueberlassen Sie die Verscheidende mir; ich
-bleibe bei ihr, _ich!_ es ist mein letztes Geschäft auf Erden.« Der gute
-Alte legte das ganze Gewicht seiner treuen Gegenwart in einem zitternd
-aushaltenden Accent auf dieses Wörtchen.
-
-Constanz fand, daß er Recht hätte. Er gab ihm eine volle Börse und
-unbedingte Vollmacht. Dann beugte er sich weich über das stille Lager
-der Mutter, die langsam zwischen schweren Pausen athmete, und keinen
-Blick des Segens für ihren Eidam hatte. Therese küßte schluchzend ihre
-schlaffe Hand, fühlte aber auch nicht den leisesten Druck der Liebe mehr
--- und nun rollte der Wagen vor und fort. Kaum waren sie an ein steinern
-Kreuz gekommen, eine Viertelstunde von dem Oertchen und so gelegen, daß
-es einen Rückblick darauf gewährte, so sahen sie ein weißes Tuch vom
-Giebel wehen. Constanz bemerkte es zuerst. Er sagte ernst: »Bonaventura
-giebt uns ein Zeichen, die Mutter wird verschieden seyn. -- Denke
-nur, sie schläft etwas tiefer wie bisher, und hat alles Leid auf ewig
-vergessen.« Und Therese dachte wirklich so. Die junge Frau nahm also
-über die Grenze ihres zerrissenen Vaterlands, wenn auch grade kein
-zerrissenes Herz -- dazu war der natürliche Verband mit ihrer
-Mutter nicht innig genug gewesen -- doch ein völlig aufgelös'tes
-Familien-Verhältniß, und keine andere Mitgift, als frühe Gewöhnungen,
-wie sie den Damen dieser Abkunft eigen sind. Es war, als hätte ein
-günstiges Geschick dies harmlose Wesen in die Arme der Liebe vor den
-Schauern des Grabes und der Pflicht zu trauern, retten wollen.
-
-Seltsam genug bemächtigte sich des jungen Ehemanns jetzt, in der
-gesicherten Erfüllung seiner leidenschaftlichen Wünsche, der Zweifel,
-was der Gesandte zu dieser Heirath sagen werde? Vorher war Constanz der
-Zustimmung, ja des Beifalls seines Gönners gewiß gewesen. So verändern
-sich unsere Ansichten Anderer mit jedem unserer eigenen Schritte. Es
-gereichte ihm wie zum Trost, daß die Macht der Umstände ihn zu
-diesem, den er rasch gethan, gedrängt hätte. Er fühlte sich in einer
-geheimnißvollen, aber um so bindenderen Verwandtschaft zu seinem
-väterlichen Freunde, und bedurfte nur -- so däuchte es ihm -- das Siegel
-der Bestätigung zu erblicken, um Theresen mit jedem Recht als Gattin an
-seine Brust zu drücken. Doch kein Brief gab Antwort auf diese Frage,
-und mit wachsender Unruhe eilte Constanz einer endlichen Entscheidung
-entgegen. Eine leichte Unpäßlichkeit Theresens hielt die Reise um
-ein paar Tage auf, und ihr Gemahl fühlte, daß eine Frau Rücksichten
-erfordere, welche den Mann nicht fördern.
-
-So waren sie in das Städtchen Leidthal gekommen und hielten an der
-kleinen Posthalterei daselbst. Constanz hatte auf dem letzten großen
-Postamte abermals kein Schreiben angetroffen. Er war jetzt resignirt --
-es mußte etwas von besonderer Wichtigkeit vorgefallen seyn; nichts
-war ihm dringender, als nur so bald als möglich an Ort und Stelle zu
-gelangen. Therese theilte diese Ungeduld indeß nicht. Die reizende Lage
-der kleinen Expedition, eine vollblühende Jelängerjelieber-Laube, welche
-den ländlichen Vorplatz schmückte -- eine Pilgerruhe der Passagiere --
-entlockte ihr den Wunsch, hier einige Stunden ausruhen zu können, und
-Constanz zeigte sich gefällig dafür. Er trat zu dem Postmeister, als
-dieser im Begriff stand, das Felleisen auszupacken. Da sprang die
-ersehnte Handschrift ihm in die Augen, ein Brief an ihn vom Gesandten.
-Constanz beglaubigte sich, als den Empfänger. Er riß hastig in das
-Papier -- aber der Inhalt zerriß das Blatt seiner Hoffnung noch
-heftiger. Sein Gönner schrieb ihm: ein Ereigniß von größter Bedeutung
-habe ihn genöthiget, seinen Standpunkt zu verlassen und nach dem Süden
-zu gehen. Er werde die Tour über B. -- nehmen, woselbst er seinen
-Secretair erwarte, der ihn auf dieser Reise begleiten müsse; die Dauer
-dieser Reise wäre vorläufig nicht zu bestimmen, und hinge von Umständen
-ab, welche schwebten. Constanz sollte daher sein Eintreffen dort,
-so viel als möglich beschleunigen, der Gesandte harre sein. Was die
-fragliche Parthie anbeträfe, so werde dieser Punct zu gelegener Zeit
-zwischen ihnen zur Sprache kommen. --
-
-Dieser Brief war in dem Tone jener Superiorität abgefaßt, die stets ein
-Vorbehalt Derer bleibt, welche in ihrer Persönlichkeit die Freundschaft
-mit der Protection für uns verbinden. Constanz war durch die frühesten
-Eindrücke für diesen vornehmen Ausdruck empfänglich geworden. Er war
-dem Gesandten in den zartesten Beziehungen verpflichtet: denen der
-Dankbarkeit. Auch war gewissermaßen das Wohl des Staates diesem
-Zusammenhange verknüpft, so konnte er sich seiner Pflicht nicht
-entziehen. Theresen mitzunehmen, daran durfte ihr Gatte nicht denken,
-denn so wie er den Gesandten kannte, war der Anhang, die Heirath
-betreffend, als abweisend anzusehen. So mußte dieser erst durch die
-Ueberredungsgabe seines Lieblings für Etwas gewonnen werden, was bereits
-geschehen war.
-
-Constanz stand äußerst betroffen. Er theilte Theresen mit, was sie
-so nahe anging, und erklärte ihr diesen Ruf des Schicksals als
-unabweislich. »Nur diese Reise noch,« tröstete er die bestürzte Frau,
-indem das Gefühl der Selbständigkeit in ihm ansprach, »dann trennt uns
-nichts mehr, Du Liebste! -- Erfüllt der Gesandte sein Versprechen nicht,
-mich zu versorgen, so reicht mein Vermögen hin, ihn entbehren zu können.
-Doch jetzt darf ich ihn nicht im Stiche lassen; ich muß die Resultate
-meiner Sendung in seine Hände niederlegen. Wer konnte dies voraussehen?
-wüßte ich nur, wo ich Dich einstweilen aufhöbe!« Er starrte nachsinnend
-in die blaue Weite, als wolle er einen Ausweg erspähen. Da trug ein
-Hauch der Luft einen Glockenton von ferne über die Mittagsstille der
-Felder; und dieser leise silberne Laut schlug an sein Gehör und klopfte
-an sein Herz. -- Seine Augen folgten der Richtung dieses Schalles,
-und sahen die Thürme von Sanct Capella im senkrechten Strahl der Sonne
-verblendend blinken. Constanz fragte nach jenem Ort. Der Postmeister
-nannte das Kloster, und erwähnte gesprächig der gegenwärtigen
-Verhältnisse des Stiftes. Aber Der, zu dem er redete, hatte nichts
-Weiteres davon vernommen, und war einer eigenen Gedankenreihe gefolgt.
-
-»Schade!« sagte Constanz, »daß die Klöster aufgehoben sind. Was man auch
-dagegen sagen konnte, sie waren doch immer ein schicklicher Aufenthalt
-für unbeschützte Frauen. Und Du bist ja ein _wenig_ catholisch.« Er
-blickte seine Frau mit einem schmerzlichen Lächeln an, welches
-sie ermuthigen sollte. Therese aber hatte jetzt keinen Sinn für
-tragikomische Reminiscenzen, und keinen Glauben als den, daß sie sehr
-unglücklich wäre. --
-
-Wie aus einem Traume erwachend, und in großer Zerstreuung, fragte
-Constanz den Postmeister, der sich abseits gewendet hatte: ob er
-recht vernommen, daß der Prälat dieses Ordens noch dort wohne? Jener
-berichtigte das Mißverständniß, und was er von dem Administrator zu
-sagen wußte, ließ dem Secretair des Gesandten kaum einen Zweifel übrig,
-daß er sich in der Nähe seines Bruders befinde. Von einem raschen
-Entschluß durchblitzt, forderte er Feder und Dinte, und schrieb in Hast
-ein französisches Billet an ihn, des Inhalts: ein Fremder wünsche den
-Stiftsverweser von Sanct Capella so dringend als unverweilt im Posthause
-zu Leidthal zu sprechen. Die Chiffre des Namens Constanz war so
-charakteristisch verschlungen, daß sie schwerlich von Jemand, der sie
-nicht kannte, zu enträthseln gewesen wäre.
-
-Nach anderthalb Stunden, in deren Verlaufe Constanz sein Weibchen zu
-beruhigen gesucht hatte, kam ein stattlicher junger Mann neben dem
-reitenden Boten daher gesprengt, und der Postmeister rief: »da ist er
-schon, der Herr Prälat!« Constanz sah unter einem Freudenschauer auf,
-und Therese zog sich in einer kindischen Furcht der Erwartung, in die
-Laube zurück, und einen Behang von Blüthen über ihr reizendes Gesicht.
-
-Constanz gab sich seinem Bruder herzlich zu erkennen, und in dem
-Anmuthen, Theresen so lange unter seinen Schutz zu nehmen, bis er sie
-abholen würde, einen brüderlichen Beweis. Diese Minute drängte stark an
-das Herz des Administrators. In dem Wesen seines jüngern Bruders lag bei
-freundlicher Offenheit etwas ersichtlich Vornehmes, ein gewisser Succeß
-des Zutrauens, was Jenem imponirte, der mitunter zurückhaltend, ja sogar
-blöde war. Unwillkürlich stellte er die finstere verschlossene Strenge
-des älteren Bruders daneben; er dachte leise an Fabia -- und mit dem
-beengten Gefühl eines Ehemanns, der da Scheu trägt, die häusliche Kette
-der Gewohnheit um ein Glied zu erweitern. Um seinen schweigenden Mund
-spielte ein Lächeln gutmüthiger Ironie, daß er bestimmt seyn sollte, die
-Frauen seiner Brüder zu beschützen. »Wenn es der jungen Dame nur bei uns
-gefällt --« sagte der Administrator bedingungsweise, »es geht still zu,
-im Stift. -- Die Wittwe unseres ältesten Bruders, die ich sammt
-ihrer Pflegetochter bei mir habe -- ist -- unseres ältesten Bruders,«
-unterbrach er sich selbst --: »Der, Du weißt ja --« aber Constanz sah
-den Administrator an, als hätte dieser fremd und romantisch vom Bruder
-Graurock gesprochen.
-
-»Ich weiß von nichts --« antwortete Constanz, entschlossen, sich mit
-keinem weitläuftigen Verhältniß zu befassen, und seine cosmopolitische
-Seele streifte das Band der Natur sogar im Begriffe ab: »als -- wir
-Menschen sind hier alle Brüder --« ein rüstiges Mägdlein, das kleinste
-Kind der Postmeisterinn an die Brust gedrückt, welche ein knappes
-Mieder von Leinewand umschloß, strich bei diesen Worten hurtig an ihnen
-vorüber, und eine schnelle Association der Ideen, in richtiger Folge
-jener Strophe und dieses Blickes, ließ ihn an den Bruder mit dem
-Ordensband denken, der er einst so dankbar als einflußreich diesem
-schlichten Schutzfreund seyn werde, wenn die Zeit dazu gekommen.
-»Sieh meine Frau nur selbst!« sagte Constanz, indem er auf die Laube
-zuschritt. Er bog ihre Zweige auseinander, und die schönere Blüthe
-von Theresens Angesicht lächelte durch das weiche Grün, und ihre Augen
-funkelten in Thränen, wie die Sonne im Thau. -- Die Schönheit hat
-das Eigenthümliche, daß sie jedem Manne Muth einflößt. Das Herz des
-Administrators öffnete sich den gastfreundlichsten Gefühlen. Zudem
-behandelte Constanz die Sache so ganz in seinem Geiste, das heißt, so
-flüchtig, daß Herr Prälat glauben mußte, mit dem Asyl zu Sanct Capella
-sey es nur durchaus precair gemeint, und auf ein längeres Bleiben nicht
-abgesehen. So bewilligte er daher die Bitte seines Bruders, wenn auch
-nur mit einer gewissen widerstandlosen Passivität. Er sah dies Ereigniß
-für ein Fatum an, dem auf keine Weise zu entgehen gewesen wäre. Das
-leichte Gepäck war bald getheilt, ein Postwagen, worin Therese nach dem
-Kloster fahren sollte, geschirrt. Der biegsame Leib der schönen Gestalt,
-schwankte von ihrem Manne umschlungen, im Sturm des Abschieds. Zwei
-Ströme flossen von ihren Wangen -- zwei Wochen waren erst und wie
-auf Rosen verflossen, seit Constanz der Ihrige war. -- Mit gemischten
-Empfindungen ritt der Administrator neben der Chaise her, darin die noch
-weinende junge Frau saß. Er warf zuweilen einen mitleidigen Blick auf
-Theresen; die Jugend dieser Ehe rührte ihn, ihre gegenwärtige Trennung
-und der Zukunft ungewisses Loos. Nebenbei gedachte er und eben nicht
-leichten Herzens an die nächste Stunde -- und hätte gern ein wenig älter
-seyn mögen.
-
-Frau Fabia hatte heute nicht den guten oder schönen Tag ihres
-Geschlechts. Eine Nachtigall, welche sie sehr liebte, und die in einem
-dunkeln Thurmhäuschen wohnte, das, nicht unähnlich einer kleinen
-Kirche, an ihrem Fenster empor hing, war an diesem Morgen ihrer Haft
-entschlüpft. Das arme kleine Nönnchen sang die Hora der Nacht und Natur
-im vergitterten Chor ihres Kerkers so himmlisch klagend, als seufze der
-Engel der Melodie aus dieser befiederten Brust. Josephine hörte es mit
-süßem Erbarmen. Frau Fabia aber, die sich selbst zu den Gefangenen
-Zion zählte, hatte nicht Lust, die klösterliche Philomele zu Gunsten
-irrdischer Liebe in Freiheit zu setzen. Nun war sie entflohen, und auf
-dem Mädchen ruhte ein scharfer Verdacht, daß es mit lindem Urtheil, wie
-diesem kleinen Gottesgeschöpf himmelschreiendes Unrecht geschähe, seine
-Erlöserinn geworden wäre. -- Es gab einen Lärmen der Entdeckung, und
-Josephine, die sich nie gegen einen Vorwurf vertheidigte, schwieg auch
-diesmal, und die Schuld blieb auf ihr haften, so wie auf Fabien der
-Mißmuth über diesen Verlust, geschärft durch ein zweifelhaftes Gefühl
-der Versündigung an dem lieben Kinde. Dieser Stimmung sich erinnernd,
-hätte der Administrator gewünscht, seine Schwägerinn vorbereiten zu
-können -- aber da stand Fabia ganz gegen ihre Gewohnheit schon an der
-Thür, und ihr Gesicht -- eine totale Sonnenfinsterniß -- warf keinen
-Schein festlicher Empfängniß nach dem anrollenden Wagen. Dem Reiter
-ward es schwarz vor den Augen. Er sprang vom Pferde, der jungen Dame
-beizustehen, welche den schönsten Fuß, der jemals über diese Erde
-gegangen, hell und seiden beschuht, auf den schmutzigen Tritt der
-Postchaise setzte. Theresen an seiner Hand, trat der Administrator vor
-die Domina seiner Häuslichkeit und sprach: »liebe Fabia! ich bringe Dir
-hier eine werthe Verwandte, die Frau meines Bruders Constanz, und also
-Deine Schwägerinn, so wie Du mir. Lasse die gute Therese Dir herzlich
-empfohlen seyn, da sie einige Zeit bei uns verweilen wird.«
-
-Frau Fabia brachte mühsam ein fremdes Lächeln der Bewillkommung auf; der
-Administrator war desto freundlicher. Die eisige Kälte dieses Empfangs
-versetzte ihn durch die natürlichste Gegenwirkung in einen Wärmegrad,
-der unter allen Launen dieser christlichen Juno dem Quecksilber der
-zweiten Schwägerinn Stand und Stange hielt. -- Am Abend spät versuchte
-der Stiftsverweser jenes üblen Eindrucks Herr zu werden. Er sagte daher
-in einem Tone, der scherzhaft seyn sollte, aber doch anzüglich war: »nun
-Fabia! Du warst heute absonderlich schweigsam -- Du bist es noch. Ist es
-Verdruß, daß Dir das Vögelchen entgangen? o gönne ihm die Freiheit, das
-edelste Gut! oder zürnst Du, daß ich Dir ein anderes eingebracht? --«
-
-»Wenn Dich nur nicht selbst ein loser Vogel etwa angeführt hätte --«
-antwortete Fabia mit furchtbarem Ernste, »woher weißt Du denn, daß jener
-Constanz Dein Bruder war? und diese Therese wirklich seine Frau?«
-
-»Großer Gott!« rief ihr Schwager, »welch ein Gedanke! woher ich es weiß?
-dieselbe Stimme hat es mir versichert, die mir sagte, daß Dein seliger
-Mann mein Bruder sey, und mir Bürgschaft leistete für die Wahrheit
-seiner Aussage. Es giebt eine innerste Gewähr dafür, Fabia!«
-
-»Nicht jeder Stimme muß man glauben --« erwiederte Fabia, indem sie sich
-entfärbte, und unwissend, daß sie eine classische Stelle recitire, »der
-Lügengeist kann alle nachahmen. -- Und wäre denn solch ein Betrug etwa
-unerhört? könnte jener junge Mann nicht ein Abenteurer gewesen seyn,
-der seine sogenannte Frau gern los seyn wollen? -- Wie manches Kind --«
-Fabia stockte, immer mehr verblassend -- »wie manches Kind, wollte ich
-sagen -- ist durch höllische Spiegelfechterei arglosen Menschen als eine
-lebenslängliche Last aufgebürdet worden? Denke nur an mich! wir werden
-die Dame sobald nicht wieder los werden, und jedes fremde Einschreiten
-sollte wohl bedacht seyn. --«
-
-Herr Prälat sah seine Schwägerinn mit leiser Beängstigung an; es war,
-als ob ein dunkler Schatten von Furcht an ihm vorüberschwände. »Fabia!«
-entgegnete er um so heftiger, als er sich von ihrem Tone ergriffen
-fühlte, »welch ein Geist des Mißtrauens und übler Weissagung ist heute
-in Dich gefahren? Du wärest im Stande, mich zweifelhaft zu machen, Wer
-ich selber sey. -- Dein Betragen war nicht schwesterlich, auch nicht
-gegen _mich_. Du bewirthetest die arme Therese, an deren Stelle mir der
-Appetit zu diesem Auffenthalt vergangen wäre, mit kurzen Redensarten,
-einer sauersüßen Sauce, wie man sie zu einem Kalbskopf giebt, für den
-Du mich hältst. -- Was meinst Du denn, das ich hätte thun sollen? dem
-Bruder etwa meine Hand weigern, da er mir die seinige zum erstenmale
-entgegen reichte? seine Bitte abweisen, oder warten, bis er mir den
-Taufschein zeigen könne? -- Fabia! Fabia! Gastfreundschaft ist eine
-Blume der Humanität, welche auch von Horden und Heiden gepflegt wird.
-Jüngst las ich -- und es hat mich innigst gerührt -- in den ungeheuern
-Flächen Nubiens sind kleine Zelte gesteckt, darunter die Einwohner des
-nächsten Ortes ein Gefäß mit Wasser füllen, daß die Reisenden nicht
-verschmachten dürfen im heißen Sande -- und dieser Gebrauch wird heilig
-gehalten von jenen Negern. Sollte denn die goldne Kuppel des Klosters,
-was man ein Gotteshaus nannte, einem matten Blick der das Nächste nicht
-absieht, nur ein Blendwerk seyn, und weniger probehaltig, als das Dach
-von geflochtenem Bast, womit der Wind der Wüste spielt? -- Du sprichst
-den Ruhm einer guten Christinn an -- besinne Dich, wie oft die Apostel
-die geheiligte Pflicht einer gastfreien Aufnahme den Bekennern ihrer
-Lehre empfehlen. Herberget gerne! Seid gastfrei ohne Murren -- doch Du
-kennst die Vorschriften der Bibel besser, als ich. So gleiche denn der
-Wittwe von Sarepta, deren gesegneter Oelkrug nie erschöpft wird. Sey
-gelinde, Fabia! doch gieße nicht Oel ins Feuer. Du schlägst mir die
-Hoffnung nieder, daß Therese eine Schwester an Dir finden würde -- doch
-schlägst Du mich damit nur zu ihrem Ritter, und zwingst mich, sie gegen
-Dich zu vertheidigen.«
-
-Diese letzteren Worte ihres Schwagers wirkten am schlagendsten auf die
-Zweiflerinn. Sie hoffte, der Bruder ihres Mannes, auf den Frau Fabia
-ein mütterlich-eifersüchtiges Auge hatte, werde sich in der Anfechtung
-behaupten -- und der Friede ward zwischen ihnen geschlossen.-- Dieser
-erste Abend gab den Ton an, der sich während der Anwesenheit Theresens
-im Stifte nie in Harmonie auflös'te. Unsere Leser finden ihn in der
-Dissonanz, womit die Geschichte dieses Buches anhebt. Seltsam war es
-jedoch, daß die Vorhersagung der Frau Fabia sich als richtig bewährte,
-es ist traurig -- aber es _ist_ in Wahrheit, daß der Erfolg das
-Mißtrauen öfterer rechtfertiget, als die Zuversicht. Constanz schrieb
-nach langer Zeit -- es mußten Briefe verloren gegangen seyn -- aus
-weiter Ferne. Er war dem Interesse des Gesandten verkettet, und konnte
-die Fessel nicht sprengen; doch vertröstete er sich und sie wie ein
-Liebender. So hatte zweimal schon die Laube der Posthalterei zu Leidthal
-geblüht, und Therese, die sich behaglich in Sanct Capella eingerichtet
-hatte, und deren Sinn in harmloser Lebensphilosophie der Gegenwart
-angehörte, dachte je länger, je _leiser_ an jenen Tag des Abschieds. Nur
-in bösen Stunden wünschte ein banges Gedenken ihres Mannes ihn zurück,
-und ein Gefühl, daß sie hier nur gelitten sey, und deshalb leide -- kam
-über sie. Therese hatte mehr ein Gemüth für die heitere Lust des Lebens,
-die jeden Augenblick genießt, als für der Liebe tiefe Sehnsucht. Das
-letztere Schreiben hatte eine nahe Rückkehr hoffen lassen, die nur
-noch von einigen Ausgleichungen abhänge. Seitdem aber bestätigte kein
-Weiteres diesen Abschluß und daß auf seine baldige Ankunft zu rechnen
-wäre. Dies Alles hatte, in eine präcise Mittheilung gedrängt, der
-Administrator, dem wir vielleicht die schweigende Kürze der Erzählung
-ablernen mögten -- dem Major Feldmeister vertraut. Und dieser erwiederte
-jetzt: »ich sehe wohl, Freund! Sie konnten füglich nicht anders -- Sie
-können weder dafür, noch etwas ändern, obzwar, ich behaupte es redlich,
-solch ein Zusammenleben _nichts taugt_. Verlangen soll es mich aber
-doch, ob der Herr Bruder kommen wird? =ad vocem!= _kommen!_ es kommt
-noch Jemand, Freundchen! mit Ihrer Genehmigung, versteht sich. Diesen
-Morgen schon wollte ich es Ihnen sagen; aber die lieben Schwägerinnen
-hatten mich in Mitleidenschaft ganz confus gemacht, und das Bein hier
-hat mir das Gedächtniß abwärts gezogen.« --
-
-Der Major fuhr mit der Hand sacht an dem gichtischem Knöchel nieder,
-streichelte den Faust und hob an: »es giebt eine Sympathie der
-Erfahrung. Gestern früh erhalte ich ein Billet vom Obrist Milch; ein
-Name für ein Wochenkind, und nicht für einen Soldaten, nicht wahr?
-dieser mein alter Freund sollte _Feuer_ heißen, denn er hat den Teufel
-der Bravour im Leibe. Also: er thut mir schriftlich seinen Wunsch kund
-und zu wissen, mich in der Posthalterei in Leidthal zu sprechen, da die
-Zeit ihm nicht erlaube, den Umweg über Sanct Capella zu nehmen. Er
-kam mit seiner Frau von D--. und hatte den Reitknecht von der letzten
-Station aus zum Behuf der Eile voraus gesandt. Ich machte mich alsbald
-auf. Die Obristinn saß, weil es draußen so hübsch und drinnen dunstig
-heiß war, in derselben Laube, und, ich wollte wetten, nicht einen
-Zollbreit weiter auf der Bank, als Therese. Ihr Gesicht war hochroth von
-der Herbstluft, der Obrist aber fror ein wenig, und trank ein Glas Wein;
-die offne Flasche stand auf dem Tische. Wir waren die Alten. Der Obrist
-scherzte über die Glut seiner Frau, und sagte, sie hätte meinetwegen
-wie auf Kohlen gesessen. Du könntest von uns sagen, setzte er hinzu, wir
-sähen aus wie Milch und Blut -- das giebt ein zartes Bouquet, Du darfst
-es nur binden. Und dabei umarmte er mich derb und herzlich. Er ist so
-dick geworden, daß man ihn wie ein Faß binden mögte -- taugt nichts,
-solche Corpulenz. Unterdessen verduftet dies Bouquet hier -- antwortete
-ich, und steckte den Stöpsel in die Flasche. Du bist recht hübsch
-geworden in der Carthause, spöttelte der Dicke, das wird deinem Neffen
-drollig vorkommen. Er empfiehlt sich, und will Winterquartier bei Dir
-machen. Ist der Junge toll? platzte ich heraus; doch es wird wohl
-nur Dein Spaß seyn. Die Obristin lachte wie Dame Kobold. Nein, nein!
-versicherte ihr Mann, es ist dem Lieutenant voller Ernst damit, und daß
-Du es nur weißt, er will einer hoffnungslosen Leidenschaft entfliehen.
-Der Obrist machte eine seriöse Miene. Ich gerieth in Harnisch und
-sprach: das wäre mir gemüthlich, daß ich ihm Zuflucht gäbe vor einer
-dummen Liebschaft, die nichts taugt. -- Er hat sich um einer Dame
-willen geschossen -- entgegnete mir Jener kleinlaut: gönne ihm daher
-die Hospitalität Deines Klosters, daß er in dieser Abgeschiedenheit
-Ruhe habe, und an Seel und Leib genese. -- Mögte Einem nicht gleich der
-Schlag vor Aerger rühren! rief ich entrüstet, und der Schrecken war
-mir wirklich in alle Glieder geschlagen; ich hielt den Rudolph
-für vernünftig. Erzürne mir den Major nicht -- sagte die Obristinn
-begütigend, und erzählte mir nun eine närrische Historie, die den
-Lieutnant forttreibt und Ursach seyn wird, daß er um Versetzung anhält.
-In seiner Garnison lebt eine alte adelige Dame von wunderlicher Art.
-Ihre Wohnung ist ein Antiquitäten-Cabinet, sie selbst geht schlumpig
-einher, und stets wie ein Kinderspott der Redoute. Man hält sie für
-reich, doch auch für geizig, denn außer der Fliege, der sie das Leben
-schenkt, kann sich kein lebendes Wesen einer Gabe von ihr rühmen. Ihr
-Anblick muß etwas Unheimliches haben. Wer sie sieht, weicht ihr
-aus --, die Fee Fanferlüsche, diesen Namen führt sie. Und doch ist dies
-verrufene Mütterchen ein alter Ueberall. Vor Kurzem ist zu Ehren einer
-städtischen Feier großer Ball, und alle Honoratioren sind geladen. Alles
-ist im höchsten Glanz, die Damen im allerschönsten Putz sitzen wie am
-Faden gereiht. Da tritt jene Alte in den erleuchteten Saal, wie eine
-gespenstische Mode des vorigen Jahrhunderts -- sagte die Obristin.
-Es entsteht ein Aufsehen, die kleine Gnädige kommt ins Gedränge, wird
-abseits geschoben und verliert einen Schuh. Doch was für einen? Frau
-von Milch hatte die Güte mir das =corpus delicti= zu beschreiben. Ein
-Pantöffelchen von geblümten Silbermoor, mit einer Schleife vorn von
-gesponnenem Glase. Ist es nicht, sagen Sie Freund, als ob man in
-der blauen Bibliothek aller Nationen läse?« Der Administrator nickte
-lächelnd. »Ein allgemeines Gelächter!« fuhr Major Feldmeister fort, »die
-Offiziere zerren den Schuh hin und her -- da schwankt die Alte, wird
-bleich wie Asche, als würde sie auf der Stelle zusammensinken. Mein
-Neffe -- ein braver Junge ist der Rudolph doch! stürzt wie ein Satan
-herbei, spricht davon, wie wenig Ehre dabei sey, eine kindische Matrone
-bloßzustellen -- reißt den Pantoffel von der Säbelspitze, womit ein
-Jäger-Offizier ihn aufgespießt hat, hebt die Alte in einen Sessel, und
-zieht ihr vor vielen hundert Augen ihren Schuh wieder an.« Der Major
-athmete tief.
-
-»Dies ist ein hübscher Zug vom Lieutenant Feldmeister,« fiel hier
-der Freund seines Oheims ein, »der mir sehr gefällt. Es gehört meines
-Bedünkens ein größerer Muth dazu, diesen kleinen Pantoffel zu fangen,
-als einen feindlichen General; und es mag dem braven Artilleristen
-leichter geworden seyn, sich einer tüchtigen Salve auszusetzen, als dem
-Arsenal des Spottes. Das Gefühl, was einen jungen Mann seines Gepräges
-gegen die Schmach einer schutzlosen alten Frau bewehrt, ist wahrhaft
-gloriös.«
-
-»Das meine ich auch --« sagte der Major, und seine Augen funkelten.
-»Mein Neffe,« fuhr er fort, »war der Held des Abends, tanzte aber keinen
-Schritt. Jener Offizier hatte sich für beleidigt gehalten, und den
-Rudolph auf Pistolen gefordert. Er ward in die Achsel verwundet, aber
-nicht schwer. Sein Gegner kam auch nicht ungehuscht davon. Man witzelte
-leise: des Lieutnants Dame hätte einen Schuß, und er nun auch einen;
-doch Niemand wagte mehr ein lautes Wort an ihn; denn wie verträglich der
-Junge auch ist, er hätte sich mit dem ganzen Offiziercorps gerauft. Die
-gnädige Alte rauft sich die eisgrauen Haare aus, als sie erfährt, der
-junge Mann hätte ihretwegen mit blauen Bohnen gespielt. Die Geschichte
-machte Furore. Wie nun der arme Rudolph des Abends allein liegt, meint
-er, das Wundfieber stelle sich ein, und glaubt ein Phantom zu sehen.
-Vor seinem Bette bewegt sich ein Quantli, die Kammerfrau der Dame
-Fanferlüsche, klein und krüppelhaft wie ein verdorrter Zwergbaum. Sie
-sagt: wie es der Gnädigen doch so jämmerlich leid thue, daß der Herr
-Lieutnant sich Unannehmlichkeiten zugezogen hätten. Sie bitte ihn
-durch den Mund ihrer Dienerinn, seines jungen Lebens zu schonen,
-und beifolgende Kleinigkeiten zur Linderung seiner Schmerzen von ihr
-anzunehmen. Dabei packt sie aus. Binden, fein wie Battist, Charpie,
-Eingemachtes in Tassen, vom Superlativ einer Porzellain-Fabrik, wie sie
-der Kaiser von China von seinem Ahnherrn geerbt haben mag, Tamarinden
-zum Beispiel, deren eingesottner Zucker versteinert war, und die, wie
-mir die Obristin sagte, eine wirksame Kraft haben sollen, das Fieber zu
-vertreiben. Zugleich schickt sich die uralte Zofe an, meinen Neffen zu
-pflegen und die Nacht über bei ihm zu bleiben, und thut wie zu Hause.
-Darüber wird nun der Rudolph beinahe grob. Er sagt, sein Bursche
-halte Wacht bei ihm und auf Ordnung: so bedürfe er Niemandes.
-Nichtsdestoweniger bleibt die Servante freundlich und höflich, und
-kommt von nun an alle Morgen, die Gott der Herr giebt, um sich nach
-dem Befinden meines Neffen zu erkundigen, und immer bringt sie etwas
-zugeschleppt, eine Nachtlampe sogar, einen kleinen Fußteppich vor das
-Bett, damit er nicht hart auftrete, und hundert Kleinigkeiten, auf die
-ein Garçon nichts giebt. Der Regiments-Chirurgus sieht es, lächelt und
-schweigt -- und dieses Lächeln schneidet dem Patienten tiefer ein, als
-sein wundärztliches Messer. Einmal nur sagt Jener: Sie scheinen die
-Wunderlampe überkommen zu haben, die dem Aladin verloren ging -- nehmen
-Sie nur Ihr Glück besser in Acht -- lieber Feldmeister. Aber dem Rudolph
-ist der Gedanke unerträglich, daß auf der Kugel, auf die er sein
-Leben gesetzt, solch eine gräuliche Fortuna stände. -- Und als nun die
-Geschäftsträgerinn kommt, und ihm, Namens ihrer Dame, ein schönes Logis
-im Hause derselben anbietet, auf daß die Gnädige ihm ihre Dankbarkeit
-nahe und anders noch beweisen könne -- da schüttelt er sich, und
-dies überhäufte Vergelten eines kleinen Dienstes, den er am liebsten
-vergessen mögte, wird ihm über allen Ausdruck widrig. So trägt der arme
-Junge, dem es in seinen Verhältnissen so wohl gefiel, darauf an, daß er
-versetzt werde, und einstweilen will er hierher kommen. Was meinen Sie
-nun dazu?«
-
-»Ich kann es dem Lieutnant Feldmeister nicht verdenken --« antwortete
-der Administrator, »und würde in seinem Falle vielleicht eben so denken
-und handeln. Diese Erfahrung liefert wieder einen Beweis, daß man Jemand
-durch die stärkste Nothhülfe nicht halb so sehr verpflichtet, als wenn
-man ihn einer kleinen Verlegenheit überhebt. Und dann auch, daß die
-Ritterlichkeit im Benehmen eines Mannes das Geheimniß jedes Sieges über
-eine Dame enthält, sie möge nun eine Methusala an Jahren, und so geizig
-und hartnäckig seyn, wie sie nur wolle. Solcher Courtoisie widersteht
-Keine. --«
-
-»Der Rudolph würde,« sprach der Major, »dem Verdacht der
-Erbschleicherei, dem niedrigsten, der auf einem ehrenwerthen Menschen
-haften kann -- auf keine Weise entgangen seyn. So ist es gut, daß er
-Reißaus nimmt. Diese Retirade lasse ich mir gefallen. Sie haben als
-Vorstand unseres Invaliden-Hauses also nichts dawider, daß der wackere
-Junge für einige Monate meine Wohnung theile? --«
-
-»Es wird für ein apartes Zimmer gesorgt werden,« sagte Herr Prälat, »und
-daß ihr Neffe sich hier so gemächlich als möglich fühle. Ist doch Raum
-bei uns da -- wie im Himmel; und sollten wir alle Diejenigen aufnehmen,
-welche ihrem Vortheile entfliehen, so würden wir noch Gelaß übrig
-behalten.«
-
-Des Majors Gesicht verklärte sich. Er blickte in helle Abende und
-sprach: »Wir spielen das l'Hombre alsdann mit dem Moor -- der Moorhausen
-scheint mir in Eine Ihrer Schwägerinnen verliebt, denn er quält mich
-beständig, ihm Entree bei den Damen zu verschaffen. Nun -- mit Dem hat
-es keine Gefahr. Aber -- Hm! wird auch der Rudolph Unheil anrichten
-im Stifte? Frau Therese ist ein entzündbarer Stoff, und die Kleine
-wahrhaftig hübsch genug.«
-
-»_Die_ bewacht Fabia --« versetzte der Administrator mit trüber Ruhe.
-
-»Was das betrifft --« entgegnete der Major, »meine Frau sang ein altes
-Lied, was ich immer gern hörte; es hatte einen Refrain: denn wenn ich
-nicht selbst mein Herz bewache, o so hilft kein Argus und kein Drache.
-Mit allem Estime gegen die Frau Schwägerinn gesprochen. Josephine ist
-ein stilles Wässerchen --«
-
-»Und _tief_!« fiel Herr Prälat ein, »aber im reinsten und höchsten
-Sinne. Sie gleicht einem jener lichtentfloßenen Ströme, die Swedenborg
-entzückten Geistes fließen sah.«
-
-Der Major sah seinen Freund nachdenklich an und sprach: »auch wünsche
-ich von Herzen, daß dies Bächlein in das Bette eines Flußgottes geleitet
-werden möge, der es nie in Thränen fließen läßt, sie müßten denn vor
-Freude geweint seyn. --« Jener schwieg.
-
-Einige Wochen waren seitdem den Bewohnern von Sanct Capella
-gleichförmig vergangen. Jetzt war der Christmonat da, und mit ihm jene
-winterheimliche Stille, selbst in der Natur, wie sie um das heilige
-Dunkel dieser Zeit webt, die häuslichen Verbindungen enger schlingt, und
-die kleinen Geheimnisse der Freude und Liebe an das große Geheimniß
-der Weltbeseligung knüpft. Die Frauen beschäftigten sich einsam,
-vergnügliche Ueberraschungen zu bereiten, sogar Schwester Veronica
-fertigte einige klosterkünstliche Gaben in verschlossener Zelle an, zu
-Weihnachtsgeschenken für ihre Freunde. Dessenungeachtet fehlte es an
-geselligem Verkehr nicht, und mancher lichterfreundliche Abend ward
-traulich plaudernd, hier oder da, hingebracht. Bei dem Gerichtshalter
-Gottschalk -- einer liberalen Familie, welcher, wie unsere Leser sich
-erinnern wollen, zu Anfange dieser Erzählung erwähnt wird -- und der
-nicht im Kloster, sondern in einem dazu gehörigen Gebäude wohnte, waren
-die Staabsoffiziere von Sanct Capella freundlich aufgenommen, und auch
-Fremde öfters da zu finden. Therese gefiel sich sehr dort. Ihr Schwager
-hingegen nahm selten Theil an diesen muntern Zusammenkünften, und Frau
-Fabia gar nicht. Der Administrator hatte es aus Neigung wie mit Absicht
-vermieden, um vornehmlich Fabiens strengen stillen Geist nicht zu
-beleidigen, sein Wohnzimmer zu einer militairischen Ressource zu machen.
-Major Feldmeister gehörte nicht in jene ausschließende Regel; doch
-dachte er zart genug, um nur bescheidenen Gebrauch von einem Gunstrecht
-zu machen, das ihm zu jeder Zeit und Stunde den Eintritt in den
-weiblichen Hauskreis seines Freundes gestattete. So geschah es auch
-nur ausnahmsweise, wenn Einer oder der Andere der Offiziere ihn dahin
-begleitete. Das l'Hombre, wovon der Major redete, ward zumeist auf
-seinem Zimmer gespielt, und Hauptmann Moorhausen, ein Mann von lebhafter
-Phantasie und kühner Darstellungsgabe, war der Dritte von dieser
-Parthie. Deshalb stand der Letztere zu dem Stiftsverweser in etwas
-näherer Beziehung als die Uebrigen. Auch fühlte Herr Prälat, oft
-abgespannt und ermüdet von Geschäften, es als eine gesunde Wohlthat,
-daß sein Zwergfell erschüttert werde. Man hatte jeden Gedanken an
-eine kleine gesellschaftliche Ueberraschung zu dem Geburtstage des
-Administrators fallen lassen. Von jenem Streit an, der die Schwägerinnen
-entzweite, schien die Stimmung der beiden Frauen ausgewechselt zu
-seyn. Fabia gab sich alles Ernstes Mühe, Theresen den kleinen Vorfall
-vergessen zu machen, und sich ihr freundlich zu erweisen; so wie
-Therese ihrerseits sich hütete, Fabien zu nahe zu treten. Wenn nun jedes
-Wohlwollen heiterer macht und auch liebenswürdiger, so gewann Frau Fabia
-am meisten bei diesem Bestreben, auch in den Augen ihres Schwagers, da
-hingegen Therese durch leisen Bedacht eines ihres natürlichsten Reizes
-beraubt ward, jener Hingebung an die Freude, an das Vertrauen, daß alle
-Menschen von ihrer guten Gesinnung überzeugt seyn müßten, weshalb
-sie sich denn auch ganz unbefangen gehen ließ. Jetzt war sie in sich
-gekehrt, eine sehnende Stille hatte dies regsame Wesen beschwichtiget.
-Sie sprach davon, wie ihr eine innere Stimme sage: Constanz werde nun
-nächstens kommen, und nur den Wunsch damit aus, daß es geschehe. So oft
-ein Wagen vor das Kloster rollte, fuhr Therese mit der Hand nach dem
-Herzen, weil es hochauf klopfte -- und dem Munde des Majors entfuhr
-gleichzeitig ein gelinder Fluch, wo der Rudolph nur bleiben möge? denn
-Zögern und Zaudern, meinte sein Oheim --, dies tauge nichts. --
-
-Schwester Veronica beschenkte den Administrator zu seinem Wiegenfeste
-mit einer Rose, die sie mit unsäglicher Sorgfalt für ihn gezogen hatte.
-Als er sich in das Anschauen der Blume versenkte, wehete ihn ein Hauch
-aller Frühlinge an, die er gelebt, ein Auferstehungs-Athem gestorbener
-Freuden -- und er äußerte, wie es doch nur möglich gewesen, dem starren
-Winter dies weiche zarte Leben zu entlocken? --
-
-Schwester Veronica lächelte und sprach: »der Liebe und Freundschaft
-ist alles möglich; und ein warmes Herz ist ein gutes Treibhaus für die
-Blumen jeder Zeit. Diese Rose ist gekommen, wie ich es wünschte, auch
-das Knöspchen daran war mir lieb. -- Heute, gerade _heute_, hatte sie
-ihren Kelch erschlossen, es rührte mich, da ich es sah -- wie man die
-Brust öffnet einem frohen Tage: trinken Sie den göttlichen Odem der
-Freude daraus!«
-
-Der Administrator drückte gerührt die Hand der alten Nonne und dankte
-ihr; ein stilles Bedauern ging durch seine Seele, daß diese treue Hand
-nur _Rosenkränze von schwarzen Perlen_ umschlungen hätten.
-
-Schwester Veronica hatte auf dringendes Bitten versprechen müssen,
-den Abend bei ihren Freunden zuzubringen. Auch Major Feldmeister und
-Hauptmann Moorhausen waren eingeladen. Josephine deckte den großen
-runden Tisch; der Wirth desselben brauete eine Bowle. Therese kleidete
-sich an, die Männer zu berauschen, Fabia schaltete in der Küche. Er sah
-das Mädchen geräuschlos hin und her weben; alle Bewegungen Josephinens
-waren leise und harmonisch wie ihr Sprachton, so daß, als sie aus einem
-Körbchen Gläser und Teller nahm, und achtsam niedersetzte, nur ein
-sanftes Klingen, doch kein Klirren, das, was sie that, verrieth. Herr
-Prälat verlangte die Citronenpresse, Josephine reichte sie ihm. Er
-forderte darauf ein Messer, und nahm es aus ihrer Hand. Er sah mit
-heißem Blick in die schönen Augen des lieben Kindes, der Gedanke an den
-reinen Himmel, der darin schimmerte, war diesem Blicke nicht fern. Und
-er sprach: »weißt Du wohl, was Abraham a Sancta Clara sagt? Ein Mädchen
-soll seyn wie eine Citrone, und auch nicht wie eine Citrone, es soll
-einen Stern im Herzen tragen, und doch Niemandem das Leben sauer machen.
-Das thust Du nicht, mein süßes Kind! Du bist biegsam -- voll Kern -- ein
-Zuckerrohr --« der Administrator warf im Verhältniß zu diesem Lobe
-ein blitzendes Randstück feinster Raffinade in die starke Mischung.
-Josephine lächelte, als hätte sie den Geist derselben oben weg geschöpft
-getrunken. Sie antwortete: »ach Onkel! dieses Urtheil giebt nur die
-Güte ab. Die Mutter klagt doch manchmal über mich! und tadelt mein
-träumerisches Wesen; so sagt sie oft, ich ginge so zerstreut umher, als
-wisse ich vom hellen Tage nichts, und könne nicht bis auf Drei zählen.«
-
-Herr Prälat hatte, während Josephine diese Worte sprach, einen Löffel
-vom Eßtisch gelangt, ein schwarzes Pünktchen, was in der goldenen Fläche
-schwamm, damit zu fischen. Sein Auge umzirkelte im Nu die gastliche
-Tafelrunde, und er antwortete im Tone schmeichelhafter Mißbilligung: »da
-thut sie Dir nicht Unrecht, meine Kleine. Du hast acht Couverts gelegt.
-Wie viel sind Unserer? auf _Sieben_ wenigstens kannst Du nicht zählen.
-Doch das ist auch eine böse Zahl, -- dieser Irrthum, diese Achte geht in
-der Achtung Deiner lieben Seele für das Gute auf.«
-
-Josephine erröthete und nahm das Gedeck hinweg. Sie erwiederte: »es wird
-ein Gast kommen, auf den wir nicht gerechnet haben. So oft ich einen
-Stuhl zu viel setzte, geschah es.«
-
-»Nun, so möge es denn Constanz seyn --« sagte sein Bruder, »denn es will
-mich bedünken, als sehne Therese sich nun fort.«
-
-Eben trat sie ein. Auch die Andern kamen. Man aß, trank, und war
-vergnügt. Auf einmal stieß Therese einen hellen Schrei aus, und fuhr
-mit der Hand nach dem Munde. Alle schrieen erschrocken auf, so daß auch
-Faust mit Geheul empor sprang. Sie hatte sich an einem Rebhühnerbeinchen
-die Spitze eines Seitenzahns ausgebissen, und zeigte mit weinender
-Wehklage den kaum sichtbaren Makel und das abgesprengte Stückchen
-Emaille. Man tröstete und spöttelte wirr durch einander; aber Therese
-lamentirte dessenungeachtet, als wäre ihr eine unersetzliche Perle aus
-der Krone des Lebens gebrochen. »Man bemerkt es gar nicht, ich schwöre
-es Dir!« betheuerte ihr Schwager, als Therese gestand, ihr zitterten
-alle Glieder. »Es ist ein hübsches Zähnchen und mehr nicht,« sagte der
-Major, »lassen Sie es geknikst seyn. Wie wollten Sie thun, wenn Ihnen
-das Herz bricht? -- Um das Bischen Glasur so zu verzweifeln! das
-Zerbrechliche allzusehr lieben --, taugt nichts.«
-
-Und die Nonne versicherte in einer Theilnahme, welche allein in der
-Stimme des Trostes sprach, Therese wäre ja noch schön genug.
-
-»Beruhigen Sie Sich, meine Gnädigste,« sagte Hauptmann Moorhausen, »ich
-wünsche, ich könnte Ihnen Ersatz geben, auf Ehre! und mithin ein
-wenig von meiner Constitution. Das Naturell meiner Landsleute ist so
-vegetativ, daß es gar nichts Seltenes ist, wenn gesunde Personen drei
-bis viermal Zähne bekommen. Wie Sie mich hier sehen, sind das meine
-fünften.«
-
-Er fletschte das Gebiß, dies gab seiner Physiognomie einen so
-affenartigen Ausdruck, daß die Damen anstatt zu bewundern, sich davor
-entsetzten. Theresens Thränen standen still. Der Major rief: »Sechser,
-Moorhausen, Sechser!« Der Hauptmann stutzte einen Augenblick, ließ sich
-aber, einmal im Zuge, nicht stören und sprach: »ich bin überhaupt
-mit einer gewissen Unzerstörbarkeit geboren. Als die Schlacht bei ***
-vorüber war --« »nun sind wir geschlagen --« murmelte der Major seinem
-Nachbar zu, »er rückt ins Feld --« »wir hatten den ganzen Tag hindurch
-gemetzelt --« die Nonne faltete die frommen Hände, und über Josephinens
-Gesicht lief ein banger Schatten, das gute Kind vergaß, daß jene
-erschlagenen Feinde auch nur Schatten wären --, »fühlte ich mich der
-Ruhe bedürftig. Man wird vom Todtmachen zuletzt mit todt;« redete der
-Hauptmann weiter. »Ein Stündchen nur hätte ich schlafen mögen; ich
-streckte mich auf einen ländlichen Kirchhof hin, und dachte, ich hätte
-brav gethan, und könnte mir nunmehr auch eine Güte thun. Das Schießen
-dauerte fort -- ich hörte es dumpf im Traume. Als ich am folgenden
-Morgen erwachte, meinte ich, der jüngste Tag wäre gekommen. Zerstreute
-Glieder lagen um mich her, hier war eine Granate zerplatzt, dorthin
-eine Bombe geflogen: in meiner offnen Hand hatte sich eine kleine Kugel
-gefangen, und nur einen rothen Fleck nachgelassen.«
-
-»Das war doch Münze, Alterchen?« rief der Major.
-
-»Wie meinst Du das, Herr Bruder?« fragte der Hauptmann verblüfft,
-»glaubst Du vielleicht, ich flunkere? auf meine Ehre! die Kugel war noch
-_lau_!«
-
-»Jeder Achill hat seine Ferse --« fiel hier der Administrator ein, dem
-diese Versicherung zu warm war, und der da wußte, daß der Major auch
-hitzig werden konnte, »der Ihrigen, Herr Hauptmann, verdanken wir das
-Glück, Sie zu besitzen.«
-
-Der martialische Moorhausen, seiner unempfindlichen Natur getreu,
-beachtete den empfangenen Stich nicht. Durch einen geschickten Wurf
-schleuderte der Major den tapfern Hauptmann vom Champ de Bataille
-auf den Boden seiner Heimath, dessen ungemeine Ergiebigkeit ein
-Lieblingsthema seiner Rede war. Er sprach: »die Seeluft Eurer Provinz
-stärkt die Natur dort so riesenhaft -- ist's nicht so, Moorhausen? was
-Du mir davon erzählt, ist wirklich zum Erstaunen.«
-
-Der Hauptmann lächelte wie ein schaffender Gott. »Ueberall
-hervorbringende und ergänzende Kraft --« sagte er, unendlich glücklich.
-»Nach einem fruchtbaren Gewitterregen war in einer Nacht auf meinem Gute
-das Getreide um ein und eine halbe Elle gewachsen -- auf Ehre!«
-
-»Das wissen sich die ältesten Leute keiner Zone zu erinnern --« sprach
-der Administrator mit duldsamer Ironie, und der Major konnte sich nicht
-enthalten, zu bemerken: »wenn das in der Progression so fortgegangen
-wäre, so hätten die Engel im Himmel die Früchte Deines Feldes einsammeln
-können, während die Bauern das Korn an der Wurzel schneiden dürfen.«
-Alle lachten.
-
-Dieser beispiellos gesegnete Gutsherr fühlte, ungekränkt, auf welche
-Weise er zu einem erheiternden Mittel für die Gesellschaft würde.
-Angeregt durch ihren Beifall fuhr er fort: »ein andermal hätte der
-Schaden eben so groß seyn können. Bei einem ungeheuern Sturme entstand
-ein gläsernes Krachen in der Luft -- als wenn die Giganten Zank bekommen
-hätten, und sich Gletscher an den Kopf würfen. Es hatte geschloßt --
-die Felder lagen voll Eisklumpen, wovon der kleinste im Unfang dieser
-crystallnen Butterglocke war. Ich ließ das Eis auf Wagen an das Seeufer
-schaffen. Alles, was Hände hatte, mußte dran; es war eine Lustparthie,
-wie in den Gefilden von Nova-Zembla. Ein armer Mensch erfror sich die
-rechte Hand dabei, sie mußte abgenommen werden, und er erhält noch jetzt
-eine kleine Pension von mir. Und grade in diesem Jahre war es, wo mein
-Weizen schöner blühete als je! -- Ich stand mit Resignation an
-jener Eiswüste, und dachte es nicht. Die Sonne schien wie in einen
-zersprungenen Weltspiegel, ich trug eine Augenentzündung davon.«
-
-Die Damen schlugen die Augen nieder, der Major blinzelte, als sähe er
-selbst in Sonne und Eis -- es herrschte eine große Stille, als wäre
-ein Engel durch das Zimmer geflogen, der Engel der Wahrheit aber war es
-nicht. -- Hauptmann Moorhausen empfand dies Schweigen. Er wollte einen
-mildernden Schatten auf jene glänzende Weizenbreite fallen lassen, und
-sagte nach einer kleinen Pause: »es däuchte mir selbst ein Wunder. Von
-Mißwachs wissen wir in meiner Provinz gar nichts; doch eben so unbekannt
--- und das wird Ihnen nicht weniger unglaublich vorkommen -- ist dort
-die Christfeier und das Osterfest. An eine Bescheerung denkt Niemand;
-weder vom heiligen Abend, noch vom heiligen Grabe, nimmt eine Seele
-Notiz. So erinnere ich mich, am Charfreitage auf einem brillanten Ball
-en masque gewesen zu seyn.«
-
-»Heiliger Gott!« seufzte Fabia; ein mitleidiges Lächeln umspielte die
-Lippen der Nonne. Sie hielt den Hauptmann für verrückt.
-
-Major Feldmeister hob seinen Blick an die Decke, und hielt sich die
-Seite. Selbst Therese vergaß ihre Betrübniß und sprach: »da machten Sie
-wohl den armen Schächer, Herr von Moorhausen? oder den Kriegsknecht
-mit der Lanze etwa? der Major bekommt schon Seitenstechen von diesem
-Gedanken -- oder den Pilatus mit einem Täfelchen auf der Brust, worauf
-die Frage stand: _was ist Wahrheit_?«
-
-Der kühne Moorhausen war doch vor sich selbst erschrocken, und vor dem
-Tone tiefster Indignation in Fabiens Ausruf. Dieser Seufzer zu Gott galt
-nicht der Verleugnung Christi, sondern dem Glauben an den Frevel der
-Lüge, den der Hauptmann ihnen zumuthete. Er fuhr auf, als empöre ihn der
-Gedanke, etwas Unrichtiges gesagt zu haben, »nicht am Charfreitage --
-wie ist mir denn? ich bitte tausendmal um Verzeihung! nein -- da hatten
-wir einen andern Spaß -- am Tage Charitas, den achten October, zum
-Anbeginn der Wintervergnügungen, war jene glänzende Redoute.«
-
-Schwester Veronica athmete bei diesen Worten so erleichtert auf, als
-hätte ihr Jemand das Kreuz des Herrn von Brust und Schulter genommen,
-auf der sie es getragen -- und Jener fuhr fort: »doch um noch einmal auf
-das Vorige zu kommen, Sie könnten leicht durch meine Schilderung einen
-falschen Vorbegriff von den Bewohnern meiner Heimath fassen. Denken Sie
-Sich nicht etwa ein Völkchen von barbarischen Sitten, Gott bewahre! es
-sind so charmante, humane Leute, selbst unter der gemeinen Classe -- die
-Oefen im Schlosse -- es fehlt an Töpfern in der Gegend, und an feinem
-Thon -- hat mir ein _Freimaurer_ gesetzt.«
-
-Hier gab Herr Prälat, um Fabiens und der Nonne willen, dem Gespräch eine
-Wendung. Man gerieth in das Gebiet der Geheimnisse, und kam auf Träume,
-Ahnungen und dergleichen. Allen war dieser Stoff anziehend, Jedes gab
-seinen Beitrag.
-
-»Es ist ein schöner Glaube,« sagte die Nonne, »daß es Geister giebt, die
-auf eine gottmögliche Weise dem blöden Auge des Menschen sichtbar werden
-können. Schutzengel giebt es gewiß; ich weiß ein Beispiel. Schwester
-Hedwigis, eine geistliche Jungfrau unseres Stiftes -- sie ruhet längst
--- besucht als ein lebenslustiges Fräulein eine verwandte Familie. Sie
-liegt im ersten Schlafe, und fest, wie die Jugend schläft, nach einem
-ermüdenden Tage. Da hört sie sich bei ihrem Namen rufen, ängstlich
-und dringend. Sie wacht auf, und Niemand ist zu sehen. Kaum wieder
-eingeschlummert, wird dieselbe Stimme laut, und flehentlicher als zuvor:
-sie solle das Lager sogleich verlassen. Dem Fräulein kommt ein Grauen
-an; es springt aus dem Bett, und sieht bei hellem Mondschein eine lichte
-Gestalt die Urne des Ofens umklammern. Oft hat mir Hedwigis versichert,
-und ihrem Munde entging gewiß kein unwahres Wort -- die Flügel dieser
-Erscheinung hätten geschimmert. Das Haus erbebt in einem fürchterlichen
-Getöse. Ein Theil der Decke, und der altfränkische Ofen war eingestürzt,
-und Hedwigis wäre im Schlafe erschlagen worden, wenn jene Stimme ihres
-Schutzgeistes sie nicht gerettet hätte. Man fand das Fräulein ohnmächtig
-im Nachtgewande auf den Stufen; alle Bewohner verließen, erschüttert von
-diesem Vorfall, das Haus, welches überhaupt schon baufällig gewesen
-seyn mag. Durch Hedwigis Seele bebte diese Erinnerung fort und fort. Sie
-dachte, daß der Himmel ihr Leben sichtbar beschützt hätte, und weihete
-es ihm.«
-
-Josephinens Blick schimmerte auch, und hing noch an den Lippen der
-Nonne, als diese sich schon wieder geschlossen hatten, um einem Andern
-das Wort zu vergönnen.
-
-»Auch ich wüßte eine merkwürdige Vorbedeutung zu erzählen --« sagte Frau
-Fabia mit tiefgesenkten Augen, denn sie schauten in die Geheimnisse der
-Gräber --, »die mich überzeugt, daß wir mit seligen Geistern, mit den
-Todten in naher Verbindung stehen. --« Aller Blicke richteten sich auf
-Fabia, kein Athem ward laut, und diese horchende Stille schien um die
-Mittheilung zu bitten. Sie begann leisen und langsamen Tones: »ich war
-noch im Hause meines Vaters, der auch Beamter des Grafen Frankenstern
-war, als der Justitiarius desselben starb. Er hinterließ schönes
-Vermögen, und eine einzige Tochter, den Abgott der Mutter, die noch
-lebte. Wir waren ein Herz und eine Seele, und wenn Minna einige Jahre
-mehr als ich zählte, und mir an Geistesbildung wie an Talenten überlegen
-war, so hatte ich häusliche Kenntnisse und den Starkmuth voraus, den
-eine christliche Erziehung mir gegeben, und war sonach dem Leben, wie
-es nun einmal ist, voll Angst und Mühe -- besser als meine Freundinn
-gewachsen. Minna konnte sich nicht fassen, da ihr Vater der Welt Valet
-gab. Sie bedeckte seinen Leichnam mit Küssen und Thränen, wie sehr wir
-sie auch baten, ihm die Ruhe zu gönnen; denn es ist nicht gut, wenn man
-über einen Todten weint. Er nimmt dann heißen Schmerz mit in die kühle
-Erde -- und geht vom Himmel aus, ihn zu stillen. -- Meine Minna hatte
-sich einige Zeit vorher einem jungen Edelmanne verlobt, zwar mit
-Genehmigung der Eltern, aber der Vater sah diese Verbindung doch nicht
-ganz gern. Nicht, daß er etwas Wesentliches gegen den künftigen
-Eidam gehabt hätte, sondern, weil er aus mehr als _einem_ Grunde ein
-Mißverhältniß darin fand. So war der Geliebte Minnas fast in gleichem
-Alter mit ihr, und noch abhängig von seiner Mutter, die ein kleines
-Rittergut besaß: dann konnte kaum ein Brautpaar, seinem Aeußern nach,
-so ungleich wie dieses seyn. Er, ein baumlanger Mensch, eine wahre
-Athleten-Gestalt; sie, ein zartes Heimchen, eine kleine Psyche, die
-ihm kaum bis an die Rocktasche reichte. -- Ein Spötter sagte: Minnas
-künftiger Gatte werde seine junge Frau, wenn sie einst guter Hoffnung
-sey -- in einem Kästchen mit sich auf Reisen nehmen können -- wie
-in einem hübschen Mährchen zu lesen. -- Wie nun das Testament des
-Justitiars eröffnet wird, findet sich, daß er als unumstößliche
-Bedingung der väterlichen Erbnahme den Punct gestellt hat, die Heirath
-der Tochter solle erst nach dem Ablauf dreier voller Jahre -- er
-bestimmt sogar den Tag, denn dieser Vater war ein sehr determinirter
-Mann -- vollzogen werden. Hieran war nun kein Jota zu ändern, und Alles
-wohl verclausulirt. Der Braut war dies Gebot ihres Vaters heilig; die
-Wittwe aber, die es nicht erwarten konnte, ihre Tochter als gnädige Frau
-zu sehen, war damit sehr unzufrieden. Sie hatte Respect vor ihrem Manne
-bei seinen Lebzeiten gehabt; seinen letzten Willen scheute sie weniger.
--- Eine Pietät, bei der dies in umgekehrtem Verhältniß Statt gefunden
-hätte, legte dieser Frau zarte Pflichten auf. Sie dachte, wie sie den
-Verstorbenen und selbst den Gehorsam seines Kindes überlisten könnte
--- und zog die Mutter des Bräutigams in ihr Interesse, der damals
-auf Reisen war. Was aber ein rechter Mann ist, meine Herren --« hier
-lächelte die ernste Fabia, und das männliche Kleeblatt lächelte mit,
-»der drückt auch mit der todten Hand einer widerspenstigen Frau
-den Daumen auf's Auge, und der Wittwe des Rechtsgelehrten lief eine
-schmerzliche Zähre heraus. -- Ein Jahr fehlte noch zum Ablauf der
-festgesetzten Frist, da wollte nach einem schriftlichen Uebereinkommen
-zwischen beiden Müttern die Edelfrau ihrem Sohne das Gut übergeben, die
-Acte war schon fertig -- und den Bräutigam heimlich zurückrufen -- Minna
-und ihre Mutter dahin einladen, und dort sollten die jungen Leute am
-Geburtstage der Braut mit der Trauung überrascht, und gleichsam zu ihrem
-Glücke gezwungen werden. Alles war dazu vorbereitet. Nun hören Sie, was
-geschah! -- Der Justitiarius hatte ein eigenes Haus auf dem gräflichen
-Gute, was seiner Frau als Wittthum verblieben war. Eines Tages besucht
-mich Minna. Sie sah sehr blaß aus, und besorgt fragte ich um die
-Ursache. Du wirst mich ein Kind schelten, sagte sie, aber ich kann einen
-ergreifenden Traum nicht los werden. Ich brachte meinen Schreibtisch in
-Ordnung, verschloß alle Schübe -- da trat mein Vater ein, mit raschem
-Schritt, wie er kam, wenn er sich eine Minute für mich abmüßigte, ganz
-in der Manier seiner lebendigen Eile. Ach Fabia! sagte sie, und Thränen
-flossen über ihre Wangen, ich habe ihn leibhaftig gesehen; aber seine
-Miene war bekümmert. Er sprach: daß er mich nun nächstens abholen werde.
--- All' meine Sehnsucht nach ihm ist mit mir erwacht. -- Ich suchte es
-dem lieben Wesen auszureden. Einige Wochen waren seitdem vergangen, das
-Wetter fing an, frühlingsschön zu werden, und jener einladende Brief,
-der die ahnungslose Braut an den Altar lockte, war gekommen. Da kam
-Marie, und vertrauete mir, daß jener Traum sich seltsam wiederholt
-hätte. Sein Auge zürnte, so erzählte sie von der Erscheinung ihres
-Vaters, als er den Brief meiner Schwiegermutter liegen sah. Er
-verlangte, daß ich ihm sogleich folgen sollte. Ich entschuldigte mich,
-daß ich ja nicht angezogen wäre. Er erwiederte: frägt _darnach_ ein
-Retter? und verschwand. Ich muß gestehen, daß mich diese Worte sehr
-ängsten; es ist mir, als werde ich von irgend einem Unglück bedroht, und
-als wolle mein treuer Vater mir von Jenseits herüber ein treuer Warner
-seyn. Wüßte ich nur, was ich zu thun, oder zu lassen hätte! -- Mich
-selbst bestürzte diese Aussage, wenn ich es auch verbarg, da Minna
-ohnedies verstört war. Acht Tage waren wiederum verflossen, binnen deren
-Verlauf wir uns wenig gesehen hatten -- da -- ich weiß es wohl noch wie
-heute -- räumte ich meine Bodenkammer auf, und die Sonne ging unter,
-als ich mit diesem ermüdenden Geschäfte im Reinen war. Ich komme eben
-aufgeschürzt die Treppe herab, da steht Minna, weiß wie eine Taube, und
-bittet mich mit kranker Stimme, ein wenig mit ihr spazieren zu gehen.
-Gern, meine Minna, wollte ich das, gab ich ihr zur Antwort; aber Du
-siehst selbst, wie eingestäubt ich bin. So muß ich zunächst an ein
-Waschfest gehen, und dann mögte wohl die Feierstunde ausgeläutet
-haben. Es dürfte auf lange das letztemal gewesen seyn -- sagte sie: den
-Donnerstag geht es fort -- lieber Gott! auf das Gut, meinte sie. Ich
-muß mich zerstreuen, Fabia, sagte Minna mit einem krampfhaften Lächeln;
-denke nur, diese Nacht hat mich mein Vater wirklich abgeholt. Er trat
-eilfertig, in einen Pelz gehüllt, in mein Stübchen, seine Taschenuhr in
-der aufgehobenen Hand. Nun ist es Zeit -- sagte er, und hielt mir
-die Uhr vor die erschrockenen Augen: sie stand stille. Ich eilte
-im Schlafrock an seiner Seite von hinnen. Vor der Thüre stand ein
-Schlitten, der Schnee lag wie ein Leichentuch -- als ich einsteigen
-wollte, verlor ich einen schwarzen Schuh -- er sank tief ein. Den Führer
-sah ich nicht; aber der Schlitten sausete auf den Kirchhof zu. -- Mich
-überlief es kalt,« fuhr Fabia fort, und auch ihre Zuhörer schien ein
-Frösteln zu durchrieseln. »Am folgenden Tage,« redete die Erzählerinn
-seufzend weiter, »kehrten wir erst spät von einer kleinen Ausflucht
-heim; ich schlief daher den nächsten Morgen etwas länger als gewöhnlich.
-Der Vater stand vor meinem Bette, im blendenden Schein der Frühsonne,
-und ich sah nicht bald, wie betrübt sein Auge war. Du hast sanft
-geschlafen, Fabia! sagte er, das hat Dich denn für eine traurige
-Nachricht gestärkt. -- Minna ist recht krank -- -- ich blickte in
-sein Gesicht und rief: o Gott! sie ist schon todt! -- Er nickte
-schmerzlich-still. -- Sie war in der verwichenen Nacht an einem
-Scharlachfieber gestorben, was nicht zum Ausbruch kam, und unsere kleine
-Promenade war ihr letzter Gang gewesen; denselben Abend noch hatte Minna
-sich gelegt. -- Den Donnerstag, der zu ihrer Abreise bestimmt gewesen,
-wurde meine Freundinn begraben. Als der Sarg, mit Kränzen behangen, die
-jungfräuliche Ehrenkrone von silbernen Zitterblumen zu seinen Häupten,
-aus dem Hause schwankt, kommt ein Reisewagen angefahren. Es war der
-unglückliche junge Edelmann, der seine Braut abholen wollen auf das Gut
-der Mutter. Er kam nur gerade zurecht, ihr das letzte Geleit zu geben.
-Mit welchem herzzerreißenden Schmerze -- davon will ich schweigen. --«
-
-Hier schwieg Fabia, und eine lange Pause feierte diese Erzählung, welche
-bei der einfachen Ruhe ihres Vortrags von um so größerer Wirkung gewesen
-war. Man wußte, und mit Achtung wußte man es -- wie wahrhaft Frau Fabia
-sey, und mit gewissenhaftem Stolze sogar den Schmuck der kleinsten
-Zuthat verschmähe. Sie glaubte dessen nicht zu bedürfen, um das
-Interesse Anderer für jene wehmüthige Erinnerung in Anspruch zu nehmen.
-
-Endlich unterbrach der Administrator die allgemeine Stille und sprach:
-»ich würde den Versuch bedauern, solch eine Thatsache _natürlich_
-erklären zu wollen; hier tritt das geistige Element hervor, und wir
-können nur verstummen. _Was_, in aller Welt, wäre denn nicht wunderbar,
-oder ahnungsvoll? -- Nur unsere Sinne sind stumpf. Und ein Schutzfreund,
-wie er dort ein gefährdetes Leben aus dem Schlafe weckt, hier Eines in
-den längsten Schlaf lullt, wohnt gewiß in eines Jeden Brust, wenn dieser
-Engel nur nicht so oft irdisch verbaut wäre. In einer für das Höhere
-erweiterten Seele findet er gewiß Freiheit, zur rechten Zeit an das Herz
-zu pochen.«
-
-Der Major, der vielleicht aus einem zu weichen Gefühl das Tragische
-nicht liebte, und als ein tüchtiger Mann auf ebenem Boden eine Scheu vor
-metaphysischen Dissertationen hatte, ging nicht auf die Aeußerung seines
-Freundes ein, und dachte vielmehr bei Minnas verlornem Schuh an
-den Pantoffel, der seinen Neffen aus dem Felde schlug. Er hatte die
-Gewohnheit _laut_ zu denken, und so sagte er: »nun sollte eine Sandale
-an die Reihe kommen.«
-
-»Meinst Du ein Fahrzeug, Herr Bruder?« fragte Hauptmann Moorhausen:
-»wohl ist dieser Stoff ein unerschöpfliches Meer.«
-
-Und Josephine sagte: »die Sandalien der Jungfrau Maria in der Capelle
-sind wunderprächtig mit Gold und Perlen gestickt.« Die Kleine stockte
-beklommen; doch Frau Fabia gab heute Preßfreiheit für Lügen wie
-gedruckt, wie für die Legende des Hauses, und so entblätterte sich die
-Blume dieses Herzens, und Josephine sprach: »In dem blassen Mondschein,
-den die kleine Lampe wirft, schimmern die Sandalien so traurig und doch
-so heilig! daß man gläubig wird, dieser Fuß müsse den Thron des Himmels
-besteigen. Oft schon habe ich ihn geküßt -- und dabei gedacht, wie
-manches bekümmerte Angesicht mag seine Thränen darauf geweint haben! die
-sind denn zu Perlen geworden. Sogar der Staub, der darauf ruht, hat mir
-etwas Rührendes, denn er erinnert mich, wie dieser beständige Fuß seine
-Stelle verlassen, und wandelbar geworden, das Liebste zu suchen.«
-
-»Recht, mein Kind,« erwiederte die Nonne erregt, »unsere Jungfrau von
-der Capelle, von der das Kloster den Namen führt, gehört ganz eigentlich
-hierher, und es ließe sich Manches von dieser Wunderthäterinn erzählen,
-wenn auch keine Wallfahrt sie verehrt hat.«
-
-»Das kenne ich ja nicht --« sagte Herr Prälat, erstaunt, sein Schutzkind
-so bewandert in der Geschichte der Patroninn dieses Hauses zu finden;
-und der Major fragte: »was ist's mit der Jungfrau?«
-
-Die Nonne sprach: »nach den Urkunden des Stifts ist die kleine dunkle
-Capelle dahinten seine erste Gründung gewesen. Man sieht es auch an der
-Bauart, wie viel älter sie ist, als die des Klosters. Nun steht in der
-Nische des Altars eine Mutter Gottes mit dem Kindlein an ihrer Brust. --
-Das Bild ist nur von Wachs und nicht sonderlich schön, es hat aber
-einen zarten Ausdruck von Erbarmen in der Miene, daß man gleichsam Trost
-fühlt, wenn man es anblickt. Die rechte Hand hält es bedeutsam in die
-Höhe, mit aufgehobenem Zeigefinger, als ob warnend oder winkend. Die
-Sage erzählt: eines Schäfers Wittwe, der man aus Mitleid die Hut der
-Heerde gelassen, habe sich den Verlust ihres Mannes dermaßen zu Gemüth
-gezogen, daß alle Kraft ihr entschwunden sey, zumal das arme junge Weib
-einen Säugling stillen müssen, mit dem Grame ihrer Brust. -- Da man die
-Schäferinn oftmals schlafend gefunden, am Berge unter einem Baum, so
-ist sie vom Orte aus bedroht worden, ihr, wenn sie nicht achtsamer seyn
-werde, den spärlichen Dienst zu entziehen. In dieser Bedrängniß hat die
-betrübte Wittwe ihre Zuflucht in die Capelle genommen und voll Einfalt
-und Inbrunst gefleht, die Heilige des Himmels mögte die ärmste Mutter
-der Erde vertreten in ihrer großen Schwachheit. Und als dennoch täglich
-um die Stunde der Vesper die stillende Mutter von einem Schlummer
-bezwungen wird, dem sie nicht widerstehen kann, wollen glaubhafte Leute
-jener Zeit die Jungfrau Maria gesehen haben, wie sie bleichen Angesichts
-die Lämmer gehütet, auf daß die Schäferinn der Ruhe pflegen möge.
-Sie ist erkannt worden an dem Kleide von perlfarbnem Moir, dessen
-schillerndes Gewässer nun wie mürber Zunder ist -- an der aufgehobenen
-Hand, womit sie die Heerde stumm gelenkt -- im andern Arme hat sie das
-göttliche Kind getragen, wie Jene das dürftige Kleine. In der Nähe
-des Baumes hat Maria ein leises Lied gesungen, ein Wiegenlied --
-so himmlisch! daß der Wind geschwiegen und die Vögel in den Zweigen
-gelauscht. Auf dem Heimwege hat das Geläut der Heerde geklungen, wie die
-Glöckchen beim Hochamt, und die Sandalien haben in der Abendsonne goldne
-Strahlen verbreitet über den grünen Klee. -- Niemand wagte mehr, der
-Wittwe ein Wort zu Leide zu sagen. Kein Lamm geht verloren -- aber eines
-Tages das Kind vom Schoße der Mutter, als sie auch einmal schläft. Ein
-Engel soll es ihr sacht und sanft entzogen haben, weil der Born der
-Nahrung nun versiegt gewesen, und das Würmchen am Verschmachten. Die
-Frau kommt wie von Sinnen. Sie rennt in der Irre umher, ihr Kind zu
-suchen, was sich nirgends findet. Man entbindet sie ihrer Pflicht, und
-fristet mit kärglichen Almosen ihr Leben, das der Jammer verzehrt. Sie
-ringt die Hände wund und fleht: die heilige Jungfrau mögte sie ihr Kind
-wiederfinden lassen, ohne das sie keines Bleibens habe auf der Welt.
-Aber Maria bleibt unbeweglich, und blickt traurig nieder, daß Der,
-welcher ihre himmlische Güte sich sichtbar angenommen -- der Glaube
-fehlt. -- Da nun die unglückliche Mutter nicht Zeichen noch Wunder
-sieht, wird sie eines Tages von verzweiflungsvollem Wahnsinn erfaßt.
--- Sie sagt: Du magst wohl schwerlich wissen, wie einer Mutter zu Muthe
-ist, die ihr Einziges eingebüßt; sonst würdest Du auf mein Herzeleid
-merken und Dich meiner erbarmen. Wer nicht hören will, muß fühlen!
--- Und damit hebt sie das Kind vom Arme der Madonna, und drückt es
-mütterlich an ihren Busen, als ob das kalte Wachs an dieser heißen Angst
-zerschmelzen müßte. Daheim legt sie es in eine kleine Lade, auf das
-weiche Vließ von einem ungeborenen Lämmlein. Sie selbst liegt im Fieber.
-Als nun der Morgen tagt, steht Maria vor dem Bette der Armen, rührt
-sie an, und fordert ihr Kind zurück. Da sagt die Kranke, wo sie es
-hingethan, und spricht: gieb mir nun auch das meine wieder und zeige
-mir, wo ich es finde. Maria hebt den Zeigefinger gen Himmel -- -- darauf
-ist die Mutter gestorben. -- Seitdem nun,« schloß Schwester Veronica
-diese Tradition, »hat Mancher, der etwas vermißt -- ach mein Heiland Du!
-Wessen Leben wäre ohne Verlust? Trost und Erstattung an dieser Stelle
-gesucht und -- gefunden: denn die heilige Jungfrau giebt erhörend ein
-Zeichen mit dem Finger, was noch nie trüglich gewesen.«
-
-»Es gehört ein starker Glaube dazu --« sagte Hauptmann Moorhausen,
-er, der den stärksten in Anspruch nahm --, »und eine deutsame
-Einbildungskraft, um die Weisung der Jungfrau Maria zu verstehen, denn
-sie kann doch nur Rechts, Links!« (diese Worte wurden im exercirenden
-Tone gesprochen) »nach Oben oder Unten zeigen, und das kommt mir
-ohngefähr so vor, wie jene Adresse: an meinen lieben Sohn in der Armee.«
-
-»Dem Zweifler ist nichts beschieden --« antwortete Therese spottend,
-»wenn Sie einmal das Gedächtniß verlieren, =mon Capitain=, wird Sanct
-Maria es Ihnen nicht suchen helfen.«
-
-»O! mein Gedächtniß ist gut!« erwiederte der Hauptmann prahlerisch
-sicher. »Das muß es auch --« versetzte die muthwillige Frau und
-lächelte ihn an, so daß ihm die kleine Bosheit ihrer Replik nur wie ein
-schalkhafter Liebesblick einleuchtete.
-
-»Es ist doch viel,« fiel hier der Administrator ein, »daß bei der
-Aufhebung des Klosters die Capelle unangetastet geblieben.«
-
-»_Viel_?« fragte die Nonne und ihre Wange röthete sich bei dieser
-aufregenden Erinnerung, »wenig war es, werthester Freund! sehr wenig.
-Was ist denn Kostbares darin? Ein paar arme Bilder -- morsche Bänke --
-die Jungfrau selbst ist alles Schmuckes baar, die Fußbekleidung etwa
-ausgenommen, und für diese habe ich Alles hingegeben, was ich an
-Pretiosen noch besaß. Die goldne Taschenuhr meines Vaters -- ein
-köstliches Werk! wog der Commissair in seiner Hand, die gerade
-keine Wagschale der Gerechtigkeit war -- und dabei fiel der kleine
-Uhrschlüssel klingend auf die marmorne Schwelle, wo wir standen, und mir
-gleichsam auf das Herz, denn ich dachte, wie so tausendmal ich diesen
-Schlüssel in der Hand meines Vaters gesehen! ich sah die Miene, womit
-er ihn drehete -- -- ich mußte meine Augen abwenden. Da sagte der
-Commissair: wir wollten einen christlichen Tausch abschließen. Er zog
-den großen Schlüssel aus dem Schloß der Capelle, reichte mir ihn und
-sprach: diese solle fortan als mein Heiligthum zu betrachten seyn. Die
-Uhr mogte er dagegen als _sein_ Eigenthum ansehen. Er steckte sie sich
-in die Tasche, nachdem er den kleinen Schlüssel fest gemacht. --«
-
-Der Major murmelte ein vernichtendes Wort, und schluckte den Aerger in
-einer Neige Wein hinunter. Herr Prälat aber schlug in stillem Grimm das
-umgekehrte Ende des silbernen Messers auf den Tisch, als hätte er den
-Commissair damit auf die Finger schlagen mögen. -- Aber friedlich sprach
-die Nonne: »dies Alles ist nun überwunden; ich wollte nur sagen:
-ich hätte mir gewissermaßen ein Anrecht an die Capelle erworben. Die
-schönsten Blumen fülle ich in die kleinen Krüge zu beiden Seiten des
-Altars; dort duften sie Weihrauch. Und das ewige Licht nähre ich aus
-meinen geringen Mitteln, und müßte der Winter meines Lebens finster für
-mich seyn, wie eine lange Sterbestunde.« Der Blick der Nonne leuchtete
-bei diesen Worten auf, wie ein Flämmchen vor dem Verlöschen. Alle waren
-gerührt.
-
-»Und dieses liebe Geschäft,« sagte Josephine in holder Geschwätzigkeit,
-wie von einem Lieblings-Gegenstand hingerissen, »gönnt mir die gute
-Schwester Veronica bisweilen, wenn meine Zeit es erlaubt. Es ist für
-mich ein kleiner Tempeldienst, den ich nie ohne ein andächtiges Gefühl
-verrichte. Ich komme mir dann vor wie eine Vestalin, von denen Du
-neulich erzähltest, Onkelchen. Es ist wirklich etwas Heiliges um das
-Licht. Man denkt sich eines Sünders Seele dunkel. -- Ich fürchte mich
-auch nicht ein Bischen allein, und sitze oft in der Dämmerung in dem
-verwitterten Beichtstuhl. Da flüstert es neben mir, die feuchten Wände
-wispern, ich höre den Holzwurm picken -- und denke, es sey Veronicas
-Uhr, und _wo_ dies Herz der Capelle wohl schlüge? -- Und wenn ich
-sinnend in die wehende Lampe blicke, ist mir Manches schon hell
-geworden. Jüngst beschlich mich ein sehnsüchtiges Weh, ich mußte weinen
-und trüber Zeit gedenken. Da fragte ich laut, und erschrak vor meiner
-eigenen Stimme: wo ist -- wo ist mein lieber Vater, den ich verloren?
--- -- Ein Seufzer --« der Athem in Josephinens Brust stockte vor dem
-Blick, womit Frau Fabia sie ansah. Das Mädchen verstummte. Hauptmann
-Moorhausen haschte alsbald den letzten Laut von diesen Lippen und sprach
-cathegorisch: »Ahnungen giebts! ich selbst habe --« jetzt stieß der
-Major einen tiefen Seufzer aus, der die Gedankenreihe seines Cameraden
-auf einige Momente unterbrach. »Ja, das war ein Abenteuer,« setzte
-er seine Rede fort und festen Fuß in weichenden Boden --, »was Muth
-erforderte. Als wir im Jahr 18-- an der Grenze standen, ward ich mit
-einem Commando nach dem Gebirge detachirt, wo eine aufrührerische Rotte
-zu bändigen und nach Umständen zu bestrafen war. Die Unruhen waren bald
-gehoben, die Empörer fest genommen, und wir beeilten uns, aus jenen
-unwirthbaren Hürden zu kommen. Es war tief im Herbst, der Paß verschneit
--- kein Wunder, daß wir uns verirrten. So gelangten wir bei Nacht und
-Nebel an ein adeliges Schloß, das Gott weiß! wie weit abseits von unserm
-Wege lag. Sie können wohl denken, meine Verehrtesten! daß wir als Gäste
-zu so später Zeit nicht gerade die willkommensten waren; aber man muß
-nur die Leute zu behandeln wissen. Nach einer Stunde saß ich mit dem
-Förster, der in Abwesenheit der Herrschaft den Wirth vorstellte, ganz
-cordial bei einer Flasche Wein. Ein Wort gab das andere, er erzählte von
-den Verhältnissen der Familie, die fast nie hier wohne, ohngeachtet die
-Gegend entzückend sey, und als ich nach der Ursache fragte, äußerte der
-Förster: es wäre nicht geheuer im Schlosse. Ich lachte und glaubte, der
-Schalk wolle mir das Nachtquartier verleiden -- da versicherte er mich
-sehr ernsthaft, es wäre gar nicht zum Lachen. Der Erbe jenes Gutes,
-ein junger Graf -- St -- der Name ist mir entfallen -- sey vor mehreren
-Jahren gestorben, an einer Erweiterung des Herzens, was nach seinem Tode
-ein Gewicht von zwanzig Pfund ergeben hat.«
-
-Vor dieser Möglichkeit sanken alle Begriffe, die Damen faßten
-unwillkürlich an ihre linke Seite, und der Major sprach: »Potztausend!
-über den Zwanzigpfünder! -- Dem ist das Herz schwer gewesen. --«
-
-»Auch im moralischen Sinne --« antwortete Hauptmann Moorhausen: »ein
-Freund des Grafen, seine zweite Seele gleichsam -- hatte einen wichtigen
-Auftrag, eine Geliebte betreffend, von ihm bekommen, und säumte zu
-erscheinen, und das ganze Haus sah diesem Zuspruch sehnlichst entgegen.
--- Der Kranke konnte nicht sterben und fristete sein Daseyn elendiglich.
-So genoß er nur täglich einen kleinen Apfel, und auch dieser machte
-ihm Wallungen. Er konnte kein geheiztes Zimmer vertragen, weshalb seine
-Pfleger zur kalten Jahreszeit in dem rauhen Klima jener Gegend häufig
-wechseln mußten. In der einen Nacht wacht der Jäger, der Graf liegt
-stille, da öffnet sich die Thüre und ein junger blasser Offizier tritt
-ohne Geräusch herein. Der Büchsenspanner erkennt den Freund des jungen
-Herrn und verhält sich ruhig. Der Offizier beugt sich über das Bette,
-flüstert tief in die Kissen hinein -- da wird dem Jäger unheimlich,
-er ergreift die Kerze, wagt einige Schritte, obgleich sich sein Haar
-sträubt, und wie er hinzu leuchtet, ist der Offizier verschwunden, und
-der Graf verschieden. --«
-
-Ein Schauer der Furchtsamkeit, der hörbar die kleine Gesellschaft
-durchfröstelte, befriedigte den Hauptmann. Dieser kühne Geisterseher
-lächelte kaltblütig, und schickte sich zum Verfolg der Geistergeschichte
-an. Herr Prälat aber war auffallend bleich, und Therese rückte sich
-ihrem Schwager noch näher und umschloß seinen Arm mit ihren beiden
-Händen. »Es taugt nichts,« sprach der Major, »daß wir uns jetzt zu
-nächtlicher Stunde mit solchen Geschichten den Kopf erhitzen; ich
-dächte, wir höben uns das Ergebniß für ein andermal auf.«
-
-»Nein,« sagte Therese, »es fürchtet sich hübsch unter Mehreren und ich
-lasse es mir nicht nehmen, die Bravade des Hauptmanns zu bewundern;
-fahren Sie fort!«
-
-Moorhausen gehorchte diesem Befehl und sprach: »den Freund des Grafen
-hatte ein plötzlicher Tod abgehalten zu kommen, aber ein treuer Freund
-hält sein Versprechen todt oder lebend, das ist Parthie egal. -- So oft
-nun Jemand seit jener Zeit in dem Zimmer und Bette des seligen Grafen
-schläft, erscheint er und bringt die verspätete Kunde; aber einer Frage
-hielte dieser zuverlässige Schatten nicht Stich. -- Er soll mir Stand
-halten auf meine Ehre! erwiederte ich dem Förster, und bat mir jenes
-gespenstische Zimmer aus. Er wollte mir nicht willfahren, ich setzte es
-aber durch. In besagtem Zimmer nun sah es ziemlich wüst und unheimlich
-aus. Der Förster versah mich mit dem Nöthigen, legte mir, wie ich
-gefordert, einen Hirschfänger, blank gezogen, und eine Pistole, scharf
-geladen, zur Seite und wünschte mir, grauenhaft lächelnd, eine geruhsame
-Nacht. Mit diesen Waffen und einer wahrhaft todesverachtenden Courage
-forderte ich den Geist nun heraus. -- Als ich mich sterbensmüde in dem
-Himmelsbette des seligen Grafen ausstreckte -- der Riese Goliath hätte
-Platz darin gefunden -- dachte ich an das Riesenherz des armen Jünglings
-und sah in den gedrechselten Kugeln des Gestells die kleinen Aepfel
-seiner Mahlzeit. Mir war, als hätte ich die Weltkugel im Magen. Die
-compacte Kost des Försters hatte mir Congestionen erregt. Endlich
-überwältigte der Schlaf das empörte Blut -- da klopft es dreimal
-deutlich -- --«
-
-Es klopfte jetzt wirklich an die Thüre des Klosters. Der Hauptmann
-verblich zum steinernen Gast, die Frauen sprangen auf, der Major in
-gleicher Hast, vielleicht glaubend, daß sein Neffe komme, wollte es
-ihnen gleichthun, bekam aber den Krampf in den Fuß und Herr Prälat
-leistete ihm Beistand. Man zog die Klingel, doch Niemand kam; und in
-dieser Verwirrung hatte Josephine ein übriges Licht ergriffen -- den
-Tisch erhellte eine schöne Lampe -- und war hinausgeeilt. Sie floh den
-Gang entlang, ihr Schatten wehete an den düstern Wänden hin -- nun stand
-sie an der Pforte pochenden Herzens, und draußen schlug eine unbekannte
-Hand nahe ihrem Ohr den Klopfer noch einmal an, daß dieser Laut wie
-ein unendlicher Hall durch die Stille der klösterlichen Nacht tönte. --
-»Gleich! gleich!« sagte Josephine beklommen, schob die schweren Riegel
-zurück, und wich nun selbst einige Schritte, als ein Mann eintrat,
-von hoher Gestalt, umflossen von einem weißen weiten Mantel, dem eine
-schmale Reisetasche von rothem Saffian überhing, so daß sein Ansehen bei
-mäßiger Zuthat der Imagination das eines Kreuzritters hatte. Josephine,
-im flackernden Scheine die Kerze, die den lichten Umriß des Mädchens
-aus der finstern Umgebung hervortreten ließ, fühlte ein Beben bei dem
-Anblick dieser bedeutenden Erscheinung, und heftete einen furchtsamen
-Blick auf die bleichen Züge des Fremden, der mit einem Ausdruck von
-freudigem Staunen seine Pförtnerinn ins Auge faßte. »Wo ein Engel öffnet
-um diese Stunde --« sagte er, »da darf man über die Aufnahme nicht
-zweifelhaft seyn. -- Mein holdes Kind! treffe ich den Administrator
-daheim? gleichviel, ob schlafend, ich muß ihn sprechen.«
-
-»Er ist noch wach,« antwortete Josephine, »zur Feier seines
-Geburtstages, in Mitten seiner Freunde.« Und alsbald tadelte sich das
-Mädchen, daß es den fremden Mann in ein Familienfest einführe.
-
-»_Seiner Freunde_ --« wiederholte der Unbekannte mit zitterndem Accent,
-und ging raschen Schrittes voran. Herr Prälat kam ihnen schon entgegen,
-hinter ihm Frau Fabia, zu wissen, was es gäbe? Ein sprachloser Moment
-des Erkennens! dann rief Jener: »Sylvius!« wie ein Echo aus der
-Ferne der Erinnerung rief Fabia einen andern Namen nach -- und nur
-unarticulirte erschütternde Töne entrangen sich der Brust des Fremden.
-Da breitete der Administrator die Arme so jählings aus, daß er
-in Josephinens Leuchte griff, sie erlöschte -- und das Dunkel des
-Kreuzgangs umfloß ein Wiedersehen.
-
- * * * * *
-
-Unsere Leser wollen sich erinnern, daß, als Herr Prälat dem Major
-Feldmeister Einiges aus seinem Leben mitgetheilt, er eines Freundes
-erwähnt, ohne den Faden jenes Verhältnisses auszuspinnen --; wir aber
-knüpfen die neue Bekanntschaft, und was wir nachträglich davon zu sagen
-haben, an jenes Fragment.
-
-Nachdem der Held unserer Erzählung seine cameralistischen Studien
-beendiget hatte, arbeitete er eine Zeitlang unter seiner Behörde in H--.
-Dann dachte Cölestin, wir wollen den Administrator der Kürze wegen
-so nennen -- ehe er eine fixe Stellung annähme, eine große Reise
-anzutreten, welche der Zielpunct seiner jugendlichen Sehnsucht gewesen
-war. Es hatte Mühe gekostet, dem Vormund die Genehmigung dazu, wie die
-benöthigte Summe, abzugewinnen; und als es ihm endlich gelungen und
-alles festgesetzt war, fühlte er sich festgehalten durch die zartesten
-Bande, und der Wunsch, die Welt zu sehen, war ihm gleichgültig geworden.
-
-Cölestin war in dem Falle, ein anderes Quartier zu bedürfen. Er fand
-die Anzeige in einem öffentlichen Blatte, daß eine Wohnung für einen
-_ältlichen_ Herrn frei stehe, die ein Hausmiether von seinem Locale
-ablassen wolle. Er mußte des bedingenden Wortes lächeln, ließ sich aber
-dadurch nicht abhalten, das Quartier in Augenschein zu nehmen, und es
-war, wie er es suchte. Inhaber desselben waren ein Forstrath von Schütz,
-der ehemals Jagdjunker gewesen in jenen Gegenden, wo diese Charge üblich
-war, und gegenwärtig nur in seinen vier Pfählen herumförsterte, seine
-Schwester, Frau von Schütz, die Wittwe eines Vetters, und ein Fräulein
-von Schütz, ihre Nichte, die Waise des Bruders. Cölestin sagte: wenn sie
-unter einem ältlichen Herrn einen _ruhigen_ verständen, so könnten sie
-ihn getrost einnehmen, und die fehlenden Jahre übersehen. Er dürfe
-von sich rühmen, ein stiller Miether zu seyn. So wurde der Contract
-abgeschlossen. Bei näherer Bekanntschaft mit dieser Familie bemerkte
-Cölestin, wie combinirt dies verwandtschaftliche Verhältniß sey, was ihm
-so einfach geschienen. Der Forstrath war der dringende Liebhaber seiner
-Nichte, die Tante dem Bruder wie seiner Neigung gram und der Jugend des
-Mädchens abhold, die schöne Tony ein verfolgter Gegenstand der Liebe wie
-des Hasses, und in meisterlicher Uebung beiden überlegen. Sie wollte die
-Tante beerben, den Onkel zwar nicht heirathen, aber bei Gutem erhalten,
-und einst goldne Früchte ernten, wenn dies lachende Auge doch zuweilen
-weinen mußte. Aber diese trübe Aussaat war selten, denn die Vorsehung
-hatte solch schweres Ertragen durch leichten Sinn aufgewogen. Cölestin
-sah mit Erstaunen in diesem Hause ein stehendes Theater für kleine
-Intriguen-Stücke, von schlauer Erfindung und wohlberechnetem Erfolg. --
-Es wollte ihm doch so vorkommen, als ob Tony der Leidenschaft des Onkels
-schmeichle, wie den gehässigen Fehlern der Tante, und Beide anzuführen
-wisse, wo es das Erreichen einer Absicht gelte. Dieser wahrhaften
-Bemerkung ungeachtet, hatte sich das reizende Geschöpf seines Interesses
-doch so sehr versichert, daß sie unwirksam auf seine beobachtende Ruhe
-blieb. Er war nicht lange aus dem Spiel gelassen -- Tony theilte ihm die
-Rolle ihres Vertrauten zu, und bald hätte er ihr das ganze Glück seines
-Lebens anvertrauen mögen. Er hielt den Gebrauch listiger Waffen für
-Nothwehr, die fügsame Klugheit, welche ein wenig nach der Schlange
-schillerte, für Taubensinn, und den abgelegten Anzug der Tante, den
-die reizende Tony sich gefallen ließ, wie das Verheimlichen prächtiger
-Geschenke, die der Onkel ihr aufdrang, für gleich nachgebende
-bescheidene Gefälligkeit der Nichte. -- Die _Liebe_ war es, meine Leser,
-welche Engel schuf. Sie verschönt, vergiebt, vergöttlicht -- und öffnet
-selbst den Geistern der Hölle ihren Himmel. -- Tony gab bei schicklichem
-Anlaß dem Hausfreund zu verstehen, wie widrig der Onkel ihr sey, und
-welcher fortwährenden Anstrengungen sie bedürfe, sich ihn als eine
-Respectsperson drei Schritte entfernt zu halten. Sie führte ihm mit
-lachendem Munde kleine Züge der Bosheit und des Geizes ihrer Tante
-an, so daß Cölestin eben so viel Ekel als Mitleid empfand, und heftig
-wünschte, das schöne heimlich geliebte Mädchen aus dieser Höhle des
-Satans befreien zu können. Doch ein inneres Etwas, dem er keinen Namen
-zu geben wußte, hielt ihn zurück, so oft ein erklärendes Wort auf seine
-Lippe trat, und diese Gefahr trat ihm näher und näher. -- Als jenes
-würdige Geschwisterpaar einmal in eine langweilige Gesellschaft geladen
-war, und Tony unter irgend einem Vorwande davon zu Hause bleiben dürfen,
-beschied sie den ihr begegnenden Cölestin rasch und flüsternd in den
-Garten, wo er ihrer harren möge. Cölestin wußte nicht, was er von diesem
-naiven Rendezvous denken solle -- aber er folgte dem süßen Befehl.
-Sein Herz pochte, Tony blieb lange aus -- endlich kam sie, im neuesten
-Geschmack und so reizend angezogen, daß er geblendet vor ihr stand.
-»Gefalle ich Ihnen so?« fragte sie lächelnd, »ich putze mich manchmal
-auf meine eigene Hand, um doch auch zu wissen, daß ich ein Mädchen
-bin. Da komme ich mir denn wie eine verwünschte Prinzessinn, und mein
-Schicksal mir wie ein Mährchen vor, darin sich ehestens mein alberner
-Plagegeist in einen schmucken Freier verwandeln würde, mit dem ich
-freudig zöge über Berg und Thal; die Linsen und Erbsen aber, die ich
-zählen müssen, in blankes Gold. Denn --« setzte Tony in liebenswürdigem
-Uebermuthe hinzu: »sollte ich die Tante nicht beerben, so wollte ich
-lieber heute sterben. -- Sie hat mich eingesperrt und ihr Geld, und zu
-ihrer Verdammniß wollen wir künftig rollen in die weite Welt.«
-
-Und trotz dieser leichtfertigen Sprache überredete Cölestin sich selbst,
-daß Tony, ihn als Gattinn zu beglücken, geeigneter als jede Andere sey.
-Kaum würde er einem übereilten Versprechen entgangen seyn, wenn nicht
-die Freundschaft seine Gefühle rettend getheilt hätte. --
-
-Jenes geheimnißvolle Gesetz, nach welchem die Sterne der Menschen ihre
-Laufbahn durchkreuzen, und Seelen sich begegnen, bestimmt auf einander
-zu wirken, ließ Cölestin einen Freund an jenem Sylvius finden, sein
-Geschlechtsname möge einer späteren Mittheilung vorbehalten bleiben
--- den wir nach einer Reihe von Jahren an der Pforte von Sanct
-Capella treffen. Dieser junge Mann lebte ohne allen Umgang, in stiller
-schwermüthiger Weise, vertieft in mathematische Arbeiten, doch scheinbar
-ohne Zweck, als Cölestin ihn kennen lernte. Er fühlte sich wunderbar von
-jener Natur angezogen, und jede Anziehungskraft ist, oder wird zuletzt
-gegenseitig. Sie wurden herzliche Freunde, nur mit dem Unterschiede, daß
-Cölestin ihm seine ganze Seele offen gab, während Jener dieses Vertrauen
-nur leidend erwiederte, und die zarteste Theilnahme für die Geheimnisse
-des Freundes an den Tag legte, ohne irgend einen Antheil für die
-seinigen in Anspruch zu nehmen. Es lag ein Zug von Stolz in seinem
-Character, der Stolz des Grams, und eines edlen gedrückten Herzens. Er
-trug die Abzeichen eines gewissen Ranges an sich, ohne ihn geltend zu
-machen. Sein Anzug war die feine Interims-Kleidung eines Forstmanns,
-auch sein Bedienter hatte das Ansehen eines Jägers. Diese Außenfarbe der
-Hoffnung ließ jedoch wie Spott der düstern Resignation, womit Sylvius
-achtlos auf das Treiben der Menschen und das Interesse der Welt, kein
-anderes Glück zu wünschen schien, als was die Ruhe des Einsamen gewährt.
-Ueber seine angestammten Verhältnisse verbreitete er sich nie; dagegen
-gab er freundlich Allem Raum und Gehör, was Cölestin ihm von sich selbst
-sagen mogte. Dieser fand einst ein Portrait auf dem Schreibtische des
-Freundes liegen. Er fragte, ob es eine Copie wäre -- und Sylvius sagte,
-indem ein flüchtiges Erröthen sein bleiches Gesicht überflog: es sey das
-Bild seiner Frau. »_Seine Frau?_« fragte Cölestin sich selbst, und hatte
-kaum Zeit, darüber zu staunen, oder die Schönheit der jungen Dame zu
-bewundern, so schnell verbarg Sylvius ihr Conterfei und sprach von etwas
-Anderm. Sylvius hatte oftmals das Töchterchen seines Wirthes bei sich
-und liebkosete ihm väterlichweich. Cölestin scherzte darüber. -- »Die
-Kleine ist meinem Kinde auffallend ähnlich und in demselben Alter,«
-sprach Sylvius mit ungewöhnlicher Rührung. »_Seinem Kinde?_« fragte
-Cölestin abermals in sich hinein; Sylvius mußte als ein Jüngling
-geheirathet haben. -- Aber wenn auch ein Ehemann und Vater, wie jung er
-immer sey, sein Urtheil über Angelegenheiten der Liebe von einem andern
-Standpuncte abzugeben pflegt, als Solche seines Alters und Geschlechts,
-die den Schritt zum Traualtare noch vor sich haben, so machte Cölestin
-seinen Freund doch nichtsdestoweniger mit der stillen Neigung vertraut,
-die er für Tony von Schütz gefaßt hatte, wie mit den quälenden Zweifeln
-über die eigentliche Gestalt dieses reizenden Chamäleons, und ob dieses
-Gemüth endlich Farbe halten werde? --
-
-Sylvius schüttelte zu dem Allen den Kopf und sagte unumwunden: »das
-Mädchen, Lieber, gefällt mir nicht; mein Geschmack ist zu einfach für
-den Reiz der Schlauheit.«
-
-Cölestin vertheidigte seine Liebe mit Hitze; aber er gab dabei in seiner
-eigentlichen innersten Meinung manche Blöße. Das üble Vorurtheil gegen
-Tony schmerzte ihn, da jedoch Sylvius vermöge seiner Zurückhaltung
-Superiorität über seinen Freund übte, so hatte dieser entschiedene
-Ausspruch doch trotz dem Drange seines Herzens -- ein vorsichtiges
-Verfahren Cölestins zur Folge. Er war nun mit dem Abschluß seiner
-Geschäfte fertig, und an den Termin der Reise gekommen. Da kam er zu
-Sylvius und sprach: »eine Bitte, Freund! die letzte. Es fällt mir schwer
-zu scheiden, und am liebsten mögte ich dies Post- und Reisespiel, was
-meine Phantasie mit Lust gemalt, nun es in meine Willkür gegeben ist,
-verschenken, wie ich eines von Pappe abseits gethan, was ich besaß, als
-ich ein Knabe war. Und doch ist es vielleicht gut, daß ich fort muß.
--- Ich würde ruhiger reisen, wenn ich mit mir selber im Klaren wäre. Du
-Freund, Du allein könntest mir reinen Wein einschenken, und wäre es auch
-ein herber Kelch, ich glaubte Dir dennoch. Thue mir den Gefallen, und
-beziehe mein Quartier, da Du ohnehin wechseln willst; Du findest dann
-Gelegenheit, Tony kennen zu lernen. Thue es aber ohne Arg! und fändest
-Du ein wärmeres Herz als Du ihr zutraust, und ein Fünkchen Liebe für
-mich darin glimmen: o! so fache es an mit dem Athem eines freundlichen
-Mundes, wahre mir mein Glück, denn ich liebe das Mädchen sehr!« Cölestin
-legte dieses Bekenntniß mit wankender Stimme ab, und fiel seinem Freunde
-um den Hals.
-
-Von der Zuversicht erschüttert, womit er das Wohl und Weh seiner Zukunft
-in diese Hand legte, versprach Sylvius, was Jener von ihm begehrte. Es
-war ein schönes Gefühl der Freundschaft, was ihn in dem Wunsche bewegte,
-er mögte Tony Unrecht gethan haben, und eine Stütze für die Ruhe, für
-die Hoffnung seines Freundes werden. Er sprach die Worte: »das größte
-Glück eines Mannes ist, seine Geliebte gut und würdig zu wissen.« Und
-Cölestin antwortete ihm: »das größte Glück ist ein treuer Freund!« Sie
-wollten einander nicht schreiben. Ein Jahr, meinte Cölestin, der mit dem
-Auge der Liebe sein Ziel schon absah, laufe schnell um, und nur in dem
-Falle, daß Sylvius seinen Aufenthalt verändern müsse, solle der Freund
-Nachricht von ihm erhalten, oder doch bei seiner Rückkehr vorfinden.
--- Da diese Nachricht durchweg ausgeblieben war, hoffte Cölestin um
-so sicherer, seinen Freund noch in H--. anzutreffen. Mit drängenden
-Empfindungen erreichte er die Stadt. Der Mond beschien den stillen
-Markt, sein Herz schwoll, da er den Brunnen rauschen hörte, dessen
-Wasser die Geliebte trank, und aus der tiefen Quelle, der die Gedanken
-entsteigen, tauchte ihm die Erinnerung an die Bitte auf: daß Sylvius ihm
-reinen Wein einschenken möge. Diese Stunde war nun gekommen. Er eilte
-nach seiner Wohnung. Bei Forstraths war es ungewöhnlich erleuchtet, die
-Fenster seines Zimmers standen offen, Blumen davor, und drinnen sang
-eine angenehme, weibliche Stimme ein Webersches Liedchen zum Flügel.
-Seine Pulse stockten -- dieser fremde fröhliche Ton, der Anschein des
-Unbekannten ängstete ihn, er wendete sich seitwärts, wo auf einer
-Bank ein Mädchen dicht an ihren Liebsten geschmiegt saß, und fragte
-beklommen: ob der Forstrath Gäste bei sich habe? »Das kann wohl seyn --«
-antwortete die Dirne und lachte frech. »Ich meine Gesellschaft --«
-sprach Cölestin, von einer dunkeln Ahnung empört.
-
-»Nein,« entgegnete das Mädchen, »Der ist zur Ruhe.«
-
-»Zur Ruhe?« fragte Cölestin, »es ist kaum halb Neun.«
-
-»Der ist ganz und gar gestorben --« war die fast höhnische Antwort.
-
-»Und Frau von Schütz? --« »Die ist fortgezogen.«
-
-»Und das Fräulein? --« Cölestins Athem stand stille, so auch der Schlag
-seines Herzens, nur die Uhr viertelte dazwischen, als das Mädchen
-gleichgültig erwiederte: »Fräulein Tony? hat den Herrn geheirathet, der
-hier wohnte. Er trug immer einen grünen Rock. --«
-
-Der Mond trat hinter eine Wolke, und nahm seinen Schein von einem
-Gesichte, das bis zum Tode erblichen war. Cölestin stammelte mit leiser
-Lippe: »das ist nicht wahr!« dann dankte er für gegebenen Bericht, und
-seine Seele zerriß, da er die wüste Dirne hinter sich scherzen hörte.
-Sylvius ehemaliger Wirth, den Cölestin in seiner Betäubung aufsuchte,
-bestätigte, daß er die lautere Wahrheit vernommen.
-
-»Nun, so ist die Wahrheit selbst eine Lüge!« sagte Cölestin verstärkt:
-»Er hatte ja eine Frau! --« Der Wirth lächelte. Sein Töchterchen sah mit
-unschuldigen Augen zu ihm auf. Er dachte an das Kind des Freundes, und
-die seinen füllten sich mit Thränen. Mit zerrüttetem Gemüth verließ er
-den Ort, alle Nachforschungen blieben fruchtlos, und Sylvius und Tony
-verschollen -- bis wir den Schall seiner Ankunft hören, und das, was er
-zu seiner Vertheidigung zu sagen weiß.
-
-Die beiden Freunde fanden sich auf einem Zimmer allein zusammen; die
-kleine Gesellschaft hatte sich bei der Dazwischenkunft des Fremden
-sogleich aufgelös't, Mitternacht war bereits vorüber und also
-der Geburtstag des Administrators, ein neues Leben schien für ihn
-anzubrechen, aber noch lagen tiefe Schatten auf der Gestalt, deren
-erster Anblick ihn überwältigt hatte. -- »Jetzt --« sagte Cölestin, und
-sein Blick drang tief in die verfallnen Züge des Freundes ein, als
-suche er die ehemalige Wohnung seiner Zuversicht, »jetzt, wo ich den
-Ton Deiner Stimme höre, klingen Saiten in mir an, die lange unberührt
-geblieben, und was ich auch inzwischen von Dir vernommen, es ist
-mir, als wäre es eine Lüge gewesen. Du wirst mir die Wahrheit nicht
-vorenthalten. Man sagte, Du hättest Tony geheirathet -- Tony von Schütz,
-die ich liebte, die ich Dir anvertraute.«
-
-»Da hat man Dir ein Factum berichtet --« antwortete Jener, und lächelte
-kalt. »Sylvius!« rief Cölestin mit lodernden Augen, eine Flamme der
-Beleidigung schlug durch sein Herz.
-
-Und Sylvius sprach: »ich war prädestinirt, Dein Retter zu werden -- um
-jeden Preis! ich warf mich auf, Dich zu schützen; Wer ist der Mensch,
-der es wagen dürfte, sich der Täuschung für überlegen zu halten? so warf
-dieser Hochmuth mich nieder. Wer fallen soll, wird zuvor stolz.«
-
-»Das Einzige bitte ich,« entgegnete der Administrator, »sage mir Alles
-unumwunden; es ist mir, als könnte ich dennoch nicht an Dir zweifeln.«
-
-»Das darfst Du auch nicht,« erwiederte der Freund mit schmerzlicher
-Stimme. »Verrath war meiner Seele fern. Niemand haßt Falschheit, das
-Schnödeste was ich kenne -- aufrichtiger als ich, und doch mußte ich
-diese Larve tragen. Eine eiserne Hand hat sie mir abgerissen; ich darf
-nun frei um mich blicken, und sehe, daß ich allein der Getäuschte war
--- daß ich _allein_ bin.« Cölestin reichte ihm schweigend die Hand. »Ich
-will Dir meine ganze Seele enthüllen --« fuhr Sylvius fort, »wenn anders
-ein Mensch im Stande ist, das Gewebe seines Innern in all den feinen
-Fäden aufzufassen, aus denen sein Verhängniß besteht. -- Du weißt, daß
-ich bald nach Deiner Abreise zu Forstraths zog, und mit ziemlich übler
-Vormeinung gegen das Fräulein; ich nahm mir vor, diese Tony, der ich
-Dich nicht gönnte, solle mich nicht bestechen noch verblenden, und wenn
-jeder Blick ihres schönen Auges ein Sonnenpfeil wäre. Diese feurigen
-Augen aber zogen Wasser -- ich dachte Deinetwegen, und dieser Gedanke
-zog mich an, freundlicher als ich gewollt, hineinzublicken. Ich fand
-das Mädchen so einfach betrübt, so schweigsam und unabsichtlich, daß
-ich nicht begreifen konnte, wie Du Dich so gänzlich irren können. Das
-Betragen des Fräuleins sagte meiner Stimmung zu; daß mich Tony wenig
-oder gar nicht bemerkte, war mir lieb, der leiseste coquette Angriff
-würde selbst das kühle Interesse des Beobachters mit einer Art von
-Abscheu -- der Ausdruck ist hart, aber wahr! -- von sich abgewendet, und
-mein Urtheil vollends verhärtet haben. Ich trug einen Talismann in und
-auf meinem Herzen, gegen den Zauber der Schönheit, gegen buhlerische
-Künste. Du hast das Bild gesehen, was auf meiner Brust schläft -- das
-Original, der Inbegriff meines Lebens schlief in fremder Erde, und all
-mein Glück war mit ihm eingesargt. Die früher empfangene Nachricht hatte
-sich mir damals bestätiget, daß die Seele meiner Seele, das Weib meines
-Herzens gestorben sey. Die Welt wußte nichts von diesem Verhältniß
-und daher auch nichts von meinem Schmerz; was weiß die Welt von den
-eigentlichen Beziehungen des Menschen? sie kennt nur den Schein der
-Dinge. So hatte mich der Gram in einen Zwinger eingeschlossen, worin
-ich unzugänglich für Alles war, nur nicht für das Unglück. Dich, Freund!
-hätte ich vor dem längsten wahren mögen -- und Tony fand das kleine
-Pförtchen, und schlüpfte durch Mitleid in mein Herz. -- Eines Morgens
-lese ich Briefe, in Wehmuth aufgelös't, daß dieser himmlische Geist,
-den ich im Ausdruck der Liebe in jeder Zeile finde, mir entrückt ist.
-Da klopft es an meine Thüre, so schnell! so heftigleise! wie der Vogel,
-gejagt vom Sturm, an ein Fenster pickt. Ich öffne, das Fräulein steht
-draußen. Dieser unweibliche Schritt macht mich stutzen. Doch Tony ist
-blaß, der scheue Blick niedergeschlagen -- ich darf vermuthen, daß sie
-mir etwas Außerordentliches mitzutheilen hat. Ich leite sie herein, zum
-Sopha. Sie verneint zu sitzen und sagt: sie könne sich auf keine Ruhe
-einlassen, so lange sie in Furcht und Seelenängsten schwebe. Dies sagt
-sie mit gebrochner Stimme und bricht in heißes Weinen dabei aus. Ich
-bitte Tony, sich zu fassen, und fasse ihre Hand, indem ich mich zu Allem
-erbiete, was zur Erleichterung ihrer Lage dienen könne. Sie sah mich
-an mit thränendem Blick -- dieser Blick rührte mich unbeschreiblich.
-Im Leiden ist Wahrheit -- dachte ich, und wie Tony wirklich sehr schön
-wäre. Haben Sie doch Zutrauen zu mir, Fräulein! sagte ich, und meine
-Worte mogten vielleicht einen Anklang jener Regung haben. Dies führt
-mich zu Ihnen, antwortete Tony; drüben bin ich bewacht und darf mit
-keiner menschlichen Seele reden. Ich halte Sie für einen Ehrenmann --
-war es doch grade, als wollte ich sagen: _Ehemann?_ -- wenn das nicht,
-würde ich mich wohl über alle Sitte so weit hinwegsetzen, Sie in Ihrem
-Zimmer aufzusuchen? -- Das Mädchen hielt mich also für verheirathet.
-Ich konnte kaum weniger thun, als mir selbst geloben, daß die Wahl ihres
-Schutzfreundes die arme Tony nicht gereuen solle. Sie entdeckte mir nun
-ihre Bedrängniß. Der Onkel war in einem Anfalle von Eifersucht plötzlich
-so dringend in seinem Werben geworden, daß die Nichte zagte, er mögte
-ihr im Umsehen den Brautkranz mit tölpischer Hand auf die weichen
-Locken stülpen. Dann hatte sich noch ein Freier gefunden, den die Tante
-begünstigte, und das war noch schlimmer. Frau von Schütz hatte gedroht,
-ihr Vermögen an Fremde zu vermachen, wenn Tony den Forstrath heirathe,
-und dieser einen Eidschwur darauf gesetzt, daß er seine Hand von ihr
-abziehen wolle, wenn sie die seinige nicht nähme, oder den ihm verhaßten
-Rival vorzöge, und die Tante hatte öfters Schlaganfälle. -- So war Tony
-in der Lage eines Gegenstandes, den Zwei zankend hin und her zerren, er
-zerreißt. Abends vorher war eine Scene vorgefallen, der Forstrath hatte
-sich krank geärgert, und lag zu Bett. Tony, zum Aeußersten gebracht, war
-in einer schlaflosen Nacht zu dem Entschluß gekommen, zu entfliehen. Sie
-kam, mich um eine Männerkleidung, wie um meinen Rath für mögliche Fälle
-zu bitten. -- Du kannst denken, Freund! daß ich über diesen kühnen
-Einfall erschrak, und ihn dem Mädchen auszureden suchte. Das schöne,
-blühende Geschöpf, landflüchtig! ich schilderte die Gefahr dieses
-Wagnisses so entsetzlich als möglich; doch Tony blieb hartnäckig dabei,
-sie könne es länger bei ihren Verwandten nicht aushalten. All meine
-Mittel sind erschöpft, sagte sie, auch bin ich wohl zu geängstet, zu
-längerem Widerstande; ich bin nichts, als ein armes, zitterndes Opfer,
-so oder so. Fräulein! sprach ich: Sie haben doch sonst die Fähigkeit
-entwickelt, Ihren Drängern die Spitze zu bieten. -- Ach! versetzte Tony:
-Sie kennen die Gewaltsamkeit nicht, womit man seit einiger Zeit auf
-mich eindringt; hätte ich mich nur ein Jahr noch behaupten können --
-ich dachte, sie wolle damit sagen, dann würde ihr der Ersatz durch Dich
-gekommen seyn. Nimm einen Dritten, hatte die Tante gesagt, so mag es
-drum seyn und Keines von uns hat seinen Willen. Ach! seufzte Tony, ein
-anderer Name wäre mir ein anderes Schicksal; der kleine Schütz meines
-Wappens, der ohne Unterlaß auf mich anlegt, würde zum Schutz für mich,
-könnte ich ihn tauschen. -- Selbst eine _Scheinheirath_ würde ich als
-eine _wahre_ Erlösung betrachten können. Das Frauenhäubchen wäre mir
-Fortunatus Wünschhütlein, und ich könnte mich versetzen, wohin ich
-wollte. Ein Mädchen ist gebannt in seinen Kreis, und wenn ihn die Hölle
-umschriebe. Freilich, auf jede Brücke mögte ich nicht treten. -- Ein
-dunkler Gedanke schwebte mir vor, als Tony diese Worte sprach, es war
-mein Dämon, der mir die verfängliche Antwort eingab: Fräulein! wenn sich
-nun ein Mann fände, den Sie der Hoffnung würdigten, auf diese Weise Ihr
-Retter zu werden, was dann? -- Dann, sagte Tony: verspräche ich, ihm das
-Leben so sauer zu machen, daß er froh und gewiß seyn sollte, mich nach
-sechs Wochen wieder los zu werden; wir würden uns einmüthig über die
-Scheidung bereden. Ich aber wäre selbständig, und dürfte mir keine
-Unbill mehr gefallen lassen. -- Diese Idee faßte mich; lasse Dich aber
-den Teufel bei einem Haare fassen, und Du bist sein auf ewig! -- Wisse,
-Freund! meine erste Heirath war eine heimliche, die Gattinn war nur vor
-Gottes Augen mein. Hier kam es darauf an, der Gemahl einer Fremden zu
-_scheinen_, und begierig haschte ich nach diesem waghaften Verhältniß,
-wie nach dem Schatten von meinem verschwundenen Glück. -- Fräulein!
-sagte ich, Sie sprachen vorhin: auf jede Brücke mögten Sie nicht treten?
-die meinige ruht auf den festen Pfeilern der Ehre und der Freundschaft.
-Wollen Sie Sich mir anvertrauen? ich entdeckte ihr nun Deine Liebe,
-und wie Du an ihrem erwiedernden Gefühl gezweifelt, und weshalb Du
-geschwiegen. Tony schwieg auch. Sie lächelte, reichte mir die Hand, und
-sagte: ich überlasse mich Ihnen gänzlich. -- Ich wußte nicht, wie mir
-geschehen, als ich, nachdem sie fort war, meine Briefe wieder aufnahm.
-Welche Reihenfolge von Gedanken schloß sich dem Fragezeichen an, bei dem
-ich aufgehört? O! warum beherzigte ich jenes warnende Zeichen nicht?
--- Ich weiß nicht, ob Du je zu der Erfahrung gelangt bist, daß Niemand
-größere Gewalt über uns übt, als Wer ein früheres Mißtrauen in uns
-überwunden? -- Umsonst ward ich mir meines Verdachts gegen die listige
-Tücke dieses Mädchens bewußt, vergebens schreckte mich eine ahnungsvolle
-Scheu, ein unwürdiges Gaukelspiel zu treiben: hundert Sophismen
-bekämpften mein sträubendes Gefühl. Wie viele erbärmliche Motive
-schließen nicht täglich Ehen! dachte ich; mein rascher Entschluß
-entspränge mindestens dem redlichen Willen, Freiheit und Liebe, diese
-höchsten Güter Andern erwerben zu helfen. Ich wollte eine Sclavinn lösen
-und sie heilig halten, die Braut meines Freundes. Was nun folgt, kann
-ich nicht folgerichtig beschreiben. Es ist nur ein wüster Traum, den ich
-mir nicht deutlich machen darf, wenn ich nicht von Sinnen kommen will,
-daß ich es damals war. Ich warb um Tony; Frau von Schütz sagte mir ohne
-Weiteres ihre Nichte zu, ich fand nicht einmal die leise Zurückhaltung
-der Schicklichkeit. Man hielt mich für reich, um eine Bürgschaft für
-meinen Character, für alles Wesentliche kümmerte sich die Tante nicht,
-und mir blutete das Herz, daß die arme Tony so waisenhaft verlassen
-wäre von mütterlicher Fürsorge. Von einem Mitbewerber war die Rede
-auch nicht, es schien, als ob Frau von Schütz eine gegenseitige Neigung
-zwischen uns voraussetze. Der Forstrath lag ernstlich krank. Wenn er
-stürbe, Ihr Onkel, Fräulein, sagte ich, so wäre ein Grund gehoben --
-gereut es Sie schon? fragte mich Tony mit aufreizendem Spott, ich
-sage Ihnen, es ist nichtsdestoweniger nothwendig, daß Sie Sich meiner
-annehmen. Ich war bereits zu sehr von diesem in seiner Art einzigen
-Verhältniß befangen, um es noch durchaus beherrschen zu können. Noch
-benahm sich Tony mit jener Subtilität gegen mich, deren ich auch
-bedurfte. Sie hielt mich an der feinsten Kette. Wenn andere Brautleute
-von der Ewigkeit ihrer Liebe reden, so flüsterte Tony mir zu, in welcher
-Kürze unsere Trennung zu beschleunigen wäre. -- Ich sollte sie unter dem
-Vorgeben einer Reise nach meiner Heimath in die Sch--. bringen, wo eine
-Gespielinn ihrer Kindheit glücklich verheirathet lebte; dort wären
-wir weit genug, meinte sie -- um unser Scheiden in eine Nebelferne
-einschleiern zu können. Dies war wohl recht gut; aber ich athmete
-schwül, ich athmete Gift, der Keim einer Krankheit setzte in mir an.
-Ein ängstliches Schwanken, ein Schwindel von Unsicherheit hatte mich
-ergriffen, ein Zustand ängstlicher Betäubung ließ mich nicht mehr festen
-Fuß fassen auf irgend einem vernünftigen Grunde. Doch lasse mich kurz
-seyn -- Lieber! mein Schmerz ist dennoch lang.«
-
-»Ha! ich ahne --« sagte Cölestin, der bis dahin regungslos zugehört.
-»Nein, es kommt über Erwarten --« fuhr Sylvius fort, »höre nur weiter!
-Frau von Schütz machte mir die Proposition, mich je eher, je lieber
-trauen zu lassen, weil man nicht wissen könne, welchen Ausgang die
-Krankheit ihres Bruders nähme. Dann wolle sie, ginge er mit Tode ab,
-unverweilt diesen Ort verlassen, und Gott danken, den Leichtfuß, die
-Tony, wie schwer lasse ein Mädchen sich hüten -- unter der Obhut
-eines Mannes zu wissen, eines Mannes, dem sie nun pöbelhaft die
-unverschämtesten Schmeicheleien sagte. -- Tony hatte mir entdeckt,
-daß sie sich durch die Freigebigkeit des Onkels ein hübsches Capital
-gesammelt, wovon sie bequem ein paar Jährchen zu leben gedenke. Es
-war etwas in dieser Vorsichtigkeit, was mir mißfiel; doch auch dies
-Mißfallen an dem berechnenden Talent, einen verliebten Thoren zu
-bevortheilen, mußte Zeit haben, um nachzuwirken. -- Auf Tonys Anstiften
-gab die Tante die Ausstattung der Nichte in Geld, weil wir ja reisen
-wollten, und zwar vom Hochzeittage aus; der Zustand des Forstraths, die
-Schonung für seine Schwachheit, diente zum Behuf dieser Wegeile. --
-Wir wurden im Armenhause copulirt, ich, der Bräutigam, der Aermste von
-Allen, die der Ceremonie zusahen. Ich leistete den falschen Schwur,
-innen verneinend, wie die Juden -- ich gab Tony einen falschen Namen,
-denn auch Du, Lieber, kanntest meinen wahren nicht. Die warme Mondnacht
-wollten wir zum Fahren benutzen, und mit der Dämmerung abreisen. -- Ich
-hatte mich schon seit einigen Tagen nicht ganz gut gefühlt; die Wiege
-des Wagens schaukelte den tobenden Kopfschmerz nicht zur Ruhe, ich lag
-zwischen Schlummer und Traum, und ein Cyclop arbeitete in meinem Gehirn.
-Ein Hauch von Feuer ging aus von meiner Stirne, mein Athem dampfte
-Gluth, zugleich schlich ein schauerndes Frösteln und Ziehen durch meine
-Glieder, und die Füße zitterten mir auf der weichen Decke. In welche
-phantastische Welt schien der schöne stille Mond! ich drückte die Augen
-zu, weil jeder Blick mich schreckte und schmerzte; die Braut schlief
-sanft an meiner Seite. -- Als ich erwachte, fand ich mich mit dumpfem
-Bewußtseyn in fremden Umgebungen. Ich lag im Bett, unter dem Gebälke
-eines ländlichen Stübchens; ein starker, betäubender Geruch von Moschus
-wirkte auf mich ein. Tony saß auf einem roth und blaugemalten Schemel in
-meiner Nähe, ein dicker Mann stand vor ihr, und großäugig schauete sie
-zu ihm auf. Ich rief sie leise. Sie stieß einen Freudenschrei aus,
-und stürzte in froher Hast zu mir hin. Der Dicke, es war der Arzt --
-wünschte mir mit fetter Stimme Glück: ich hatte dreizehn Tage in einem
-Nervenfieber gelegen. -- Der kleinen Frau nur, sagte der Licentiat
-bescheiden, als Tony sich auf einen Augenblick entfernte, verdanken
-Sie nächst Gott Ihr Leben. Sie ist nicht aus den Kleidern und von Ihnen
-weggekommen. Solch eine wackere Pflegerinn lobe ich mir. -- Tony, sprach
-ich, als wir allein waren: der Arzt hat mir gesagt, wie viel Sie für
-mich gethan, es ist nun der Güte genug. Denken Sie an Sich, an das
-eigene Wohl -- ich bin Ihr ewiger Schuldner. Lachend antwortete Tony:
-das wäre mir was! der Himmel selbst hat mich in mein Recht eingesetzt,
-daraus ich mich nun nicht mehr verdrängen lasse. Und wenn Du mich
-noch einmal _Sie_ nennst, so sage ich dem Doctor, daß Du noch immer
-phantasirst, mich nicht erkennst für Deine Frau, und die Cur geht von
-Neuem an. So sprach sie mit reizender Gutherzigkeit; ich fühlte mich
-Tony nun wirklich _verbunden_. Lust des Lebens und der Liebe wallte
-wieder auf in meiner Brust, meine Seele strömte gegen die ihre. Sie
-setzte mich in tausend kleine Verlegenheiten vor dem Arzt, und zwang
-mir die Rolle eines Ehegatten auf. Sie überwältigte mich durch trautes
-zärtliches Zudringen an mein Herz, ich war ganz in ihren Fesseln.« --
-Der Administrator machte eine schmerzhafte Bewegung. Sylvius hielt einen
-Moment inne, dann fuhr er mit steigendem Tone fort: »Freund! spricht
-keine Entschuldigung für mich an? versetze Dich an meine Stelle.
-Ich dachte an Dich mit einer Wehmuth, die mir Dein Andenken trübte.
-Allmählig ging mir der Gedanke auf, daß eine geheime Leidenschaft meine
-Handlungsweise geleitet hätte, der ich willenlos nachgegeben, wo ich nur
-dem Drange der Umstände zu weichen glaubte. Jetzt mußte ich an meiner
-Liebe halten, sollte ich nicht in die tiefste Schaam versinken. Ich war
-mir selbst ein Räthsel geworden und wünschte aufrichtig, der Tod mögte
-es lösen. -- Aber ich genas; nur ein krankes Gefühl innerster Schwäche
-vermogte ich nicht zu überwinden. Wie Alpen lastete es auf meiner Seele,
-Freiheit und Kraft lagen hinter mir -- und ich meinte dieser Schwermuth
-zu erliegen. Ich dachte nunmehr ernstlich daran, wo meines Bleibens seyn
-würde? _nirgend!_ sagte eine Stimme tief in der Brust. Mein Vater lebte
-noch; ich war sein Assistent gewesen, seine Stelle war mir bestimmt. Ein
-Sehnen wie Heimweh zog mich nach dem Orte, wo ich den väterlichen Greis
-einsam wußte. Ich wollte ihm Tony als Tochter zuführen und den Heerd
-meines Glückes häuslich bauen. Mein Arzt forderte, daß ich mich nicht
-übereilen sollte, auch meine Kräfte forderten das. -- So verließen wir
-das Dorf, wo ich an einen denkwürdigen Abschnitt meines Lebens gekommen
-war, und zogen unsere Straße. Eines milden Abends im Frühherbst
-gelangten wir in ein paradiesisches Thal; durch eine Gebirgsschlucht sah
-man eine Stunde davon entfernt, einen berühmten Brunnenort liegen, und
-ein bläulicher Duft, wie von den Stahlkräften der Quelle aufsteigend,
-webte geheimnißvoll um die glänzenden Gebäude. Das nette neue
-Wirthshaus, woran wir hielten, war im Widerspruch zu seiner Bestimmung,
-in den Reiz der Ruhe eingehüllt. Eine junge Frau, blond wie ihr Flachs,
-saß und spann, eine Reihe steinerner Brunnenkrüge, in denen die Sonne
-funkelte, war aufgepflanzt. Gegenüber lag auf Felsen erhöht ein altes
-Schloß von gothischem Bau. Das Wasser, was ich trank, war köstlich, ich
-äußerte mich begeistert über diesen Aufenthalt, und Tony sprach: ei!
-so lasse uns hier rasten, und trinke Dich satt! -- O! hätte ich Lethe
-getrunken! -- -- -- Wir blieben da. Ich saß im Garten und starrte
-hinüber nach dem Schloß. Der linke Flügel nur schien bewohnt; ein
-Fenster stand offen, und der Wind blähte die weißen Gardienen. In diesem
-Spiel der Luft wehete mich der Odem eines befreundeten Geistes an, ich
-fühlte mich warm durchdrungen. Meine Gedanken schlüpften in die Falten
-des kleinen Segels, und schifften über das liebe stille Meer der Ahnung.
-Tony kam und sagte: ich säße gleich dem Ritter Toggenburg -- und sähe
-so blaß aus wie eine Leiche. Sie war so zärtlich, wie noch nie. Ihr
-Eingehen in meinen Wunsch, ihr Anschmiegen an meine Stimmung that
-mir wohl. Die trauten Beziehungen eines innigen Zusammenlebens hatten
-zwischen mir und meiner ersten Frau nicht Statt gefunden. Diese war mir
-eine hohe Braut gewesen, zu der ich mich im Verhältniß der Leidenschaft
-befand, gedemüthiget, mein Recht verleugnen zu müssen vor den Menschen;
-in den Augenblicken, wo ich mein Eigenthum an mich riß, fühlte ich mich
-einen Gott. Wie anders mit Tony! hier verhindert mich der wunde Stolz
-des Gewissens, den Begriff der Ehe zu fassen; aber ich empfand mich
-geliebt. -- Sie lehnte den Kopf an meine Schulter und flüsterte mir süße
-Worte der Besorgniß zu. Ich scherzte, sie würde sich zu trösten wissen,
-wenn ich auch stürbe. Ein weiblicher Character, wie der ihrige könne
-der Stütze entbehren, und ich sey doch nur ein wankender Stab. -- Tony
-schmollte. Glaube nur, Geliebte, sagte ich mit verstärkter Stimme, indem
-ich sie an mich drückte: kein Mensch, wenn er hinweg ist, macht eine
-Lücke, die nicht irgend womit ausgefüllt würde; kein Gestorbener, käme
-er wieder, und wären tausend Thränen um ihn geflossen -- fände mehr
-Raum in der Welt, die so drängend ist im Ersatz. Die Geschichte jener
-lebendigbegrabenen Frau, die da heimkehrt zu nächtlicher Stunde und
-vergebens an Haus und Herz der Ihrigen pocht, die sie nicht kennen
-wollen und für eine blasse gespenstische Lüge halten, so daß sie wieder
-zurück muß in die Wohnung der Todten, um dort Herberge zu suchen, ist
-von ergreifender Wahrheit. Das Grab ist zuverlässig, und nur der Lebende
-hat Recht. -- Als ich dies sagte, überrieselte mich das leise Geräusch
-naher Schritte mit einem wundersamen Schauer. Eine weiße Gestalt geht,
-nein, _schwebt_ hurtig an uns vorüber, so daß ihr langes Kleid die
-Grasspitzen hörbar tüpft. Sie wendet das Gesicht vom grünen Schirm des
-Hutes magisch entfärbt, nach unserer Gruppe -- ich hielt Tony umfaßt. O!
-ich kannte dies bleiche, schöne, liebe Gesicht gar wohl. Mit einem Blick
-im Fliehen ward mir mein Urtheil zugeworfen; nur einen Moment sah ich in
-dies blaue Auge, in meinen verscherzten Himmel --: es war meine Frau.«
-
-»Allgerechter Gott!« rief der Administrator, als gäbe ihm die
-Erscheinung einer Mitbetheiligten das Recht, laut zu werden, »und Du
-irrtest Dich nicht?«
-
-Sylvius lächelte. Dies Lächeln, ein Schattenriß jener Vision, schnitt
-seinem Freunde in die Seele. Er sprach: »ich sage Dir, bei dem
-lebendigen Gott! Sie war es wirklich. Ein kleines blankes Schlüsselbund
-an ihrem Gürtel klirrte, da sie in achtloser Eile über eine Baumwurzel
-strauchelte. Sie trug einen Zweig Ebereschen in der weißen Hand, die
-lagen verstreut auf dieser Stelle, da ich sie suchte, wie Blutstropfen,
-die von meinem Herzen abgeträufelt wären. Frage nicht, wie mir gewesen;
-ich weiß nichts von jener Zeit. Tony glaubte, daß ich mir einen
-Paroxismus durch Erkältung zugezogen hätte. -- Wer war die Dame? wo ist
-sie hin? fragte ich die Wirthinn, und meine Zähne schlugen an einander.
-Ich erhielt keine andere Auskunft, als den Bescheid: es wohnten ein paar
-Brunnengäste auf dem Schlosse, ein Herr und eine Dame, diese würde es
-wohl gewesen seyn; stille, vornehme, absonderliche Leute, sagte die Frau
-mit einem Fingerzeig gegen die Stirne, die das Geräusch nicht lieben,
-und Niemand etwas zu Leide thun. Sie mogte meine Geberde für Furcht
-halten. -- Die Nacht kühlte mich nicht; ich lag in Angst gebadet. Noch
-war die Sonne nicht aus dem Morgenthor gegangen, da läutete ich schon
-an dem des Schlosses. Ein schlaftrunkener Wächter that mir auf und
-schnaubte Grimm; doch der wilde Mann auf dem Goldstücke, welches ich ihm
-vorhielt, machte ihn zahm. Er habe strengen Befehl, Niemand einzulassen,
-sagte er, seit gestern Abend. Auch sey die Gräfinn unpaß. Also _krank_!
-dachte ich. Wer krank ist, lebt doch! ich aber war gekränkt bis zum
-Tode. Und als die Thürflügel hinter mir zufielen, fühlte ich mich von
-jeder Hoffnung auf ewig ausgeschlossen. Willenlos ließ ich nun Tony über
-mich verfügen, die unsere Weiterreise beschleunigte. Sie weinte im Wagen
--- ich sprach kein Wort, ein Laut von meinem Schmerz hätte mir die Brust
-gesprengt. In der nächsten Stadt ging Tony aus und kam mit einem Doctor
-wieder, den sie selbst geholt hatte. Es war ein ehrwürdiger Mann, der
-mir Zutrauen einflößte. Er tadelte collegialischer Weise meinen vorigen
-Arzt, der mich so früh in der Reconvalescenz nicht hätte reisen lassen
-sollen, und meinte, nun müßte ich acht Tage Quarantaine halten:
-ich bedürfe Ruhe. O Gott! -- Sein Auge schien mit Liebe auf Tony zu
-verweilen, die, wie er und seine Frau gefunden, ihrer einzigen Tochter
-sehr ähnlich sähe, welche ihnen vor zwei Jahren eine ansteckende
-Krankheit entrissen, wozu der Vater selbst den tödtlichen Stoff
-herzugetragen. Wie rührend schilderte der Mann mir diesen Schmerz! --
-Er bat mich, der armen Mutter den Trost dieses Anblicks zu gönnen,
-und während unseres Aufenthalts freundlich zu ihnen zu kommen. Diese
-herrlichen Menschen werde ich nicht vergessen. Mir kam der Gedanke,
-Tony, die ich besser nicht aufgehoben wüßte, bei ihnen zu lassen, allein
-in meine Heimath zu reisen, das Terrain zu recognosciren, und sie dann
-abzuholen. Tony schien dieses Vorschlags froh, der Doctor und seine
-Frau gingen mit Vergnügen darauf ein. Ich athmete freier und fühlte mich
-erlös't, da ich im Wagen saß. Der Unglückliche, allein neben Andern,
-findet Trost darin, einsam zu seyn, und der Gram ist ein unduldsamer
-Gefährte. Mein alter Vater empfing mich mit großer Rührung. Er kannte
-den Sohn kaum mehr, so hatte ich mich verändert. Ich wagte es, ihm mein
-Unglück zu bekennen. Es floß eine große Kraft von ihm aus -- und sein
-sanftes Wort fiel wie Thau in meine brennende Seele. Sylvius, sagte
-er: Du hast ein gefährlich Spiel gespielt, und ich fürchte, Du hast
-es verloren -- finde Dich nur darin; den Vater sollst Du stets in mir
-finden. Ein Zurückgehen in seine alten Verhältnisse ist dem Menschen
-immer unmöglich, jede Stunde reißt uns von der vorigen ab, und der
-zerrissene Faden einer Fügung läßt sich nicht haltbar wieder anknüpfen.
-Gott fügt zuletzt doch Alles wohl. Ermanne Dich, mein Sohn! der Muth
-hilft Berge tragen, und der Glaube versetzt sie. -- Wie oft hatte ich
-dieses frommen Glaubens heimlich gespottet! jetzt neidete ich meinem
-Vater seine stille Gelassenheit. Er war es zufrieden, daß ich ihm Tony
-brächte. Wir wollen sehen -- sagte er mit bekümmertem Blick. Ich will
-Tony also holen. Auf der Straße jener Stadt begegnet mir mein alter
-Doctor. Er erkennt mich bestürzt und ruft: nun, es ist doch kein Unglück
-vorgefallen? ich frage: wie so? -- Tony war seit fünf Tagen fort,
-vorgebend, Nachricht von mir erhalten zu haben, daß ich mein Versprechen
-unmöglich erfüllen könne, und dringend nach ihr verlange. Die Frau des
-Doctors zitterte an allen Gliedern, ich sah, man verschwieg mir etwas.
-Auch liegt ein Brief an Sie da, sagte Jene, der den Tag nach der Abreise
-Ihrer Frau Gemahlinn ankam, mit dem Vermerk, daß wir ihn aufbewahren
-sollten, bis daß er abgeholt würde; dieser Umstand ist uns sehr
-aufgefallen. -- Tony schrieb mir: von den letzteren Erfahrungen
-überzeugt, mit welcher Aufopferung ich mich ihrer angenommen, wolle sie
-mir nicht länger beschwerlich fallen, und ich dürfte sie um so ruhiger
-ihrem Schicksal überlassen, als sich ein Begleiter für sie gefunden, der
-die Pflicht, sie zu beschützen, für sein Glück halte, und mit Freuden
-jede Verantwortlichkeit auf sich nehme. _Böslich_ habe sie mich nun
-zwar nicht verlassen, was uns sogleich scheiden werde -- aber ich könne
-immerhin darauf klagen, und auf was ich immer wolle. Sie ertheile mir
-die unbedingteste Vollmacht für alle Fälle der Schuld, und wünsche mir,
-wohl zu leben. -- Bei dem Tone leichtsinniger Indifferenz in diesem
-Schreiben, war es mir, als ob ein Fenster zerspränge; freie Luft strömte
-mich an, und ich sah Alles, _Alles_ ein!«
-
-»Sieh!« sagte Cölestin mit einem Klange der Rede, als hätte eine lange
-Dissonanz sich gelös't, »so hat auch Dich diese falsche Tony nicht
-geliebt. Sie ist eine Schauspielerinn, die heute im Fache der Intrigue
-siegt, und morgen als gedrückte Unschuld rührt. Du warst nur das Vehikel
-ihres Talents und ihrer Zwecke. Sie hat Dich zu der schwersten Rolle
-gezwungen. Armer Freund! ich muß Dich beklagen und mich dazu, daß
-ich Veranlassung dazu gegeben. Sprich mir nicht davon, daß sie Dich
-gepflegt, Dir Güte und Liebe bewiesen: auch eine Actrize fühlt, und
-vergießt natürliche Thränen; es liegt eine Fähigkeit in der Lüge, daß
-sie sich selbst für wahr hält. -- Wer war denn aber das neue Opfer ihrer
-aimablen Kunst?«
-
-»Ein junger Mediziner, ein Libertin, der Beschreibung nach,« antwortete
-Sylvius »der, zur Zeit Secondairarzt des alten Doctors, Gelegenheit
-gefunden, mit Tony schnell bekannt zu werden. Das Aehnliche findet sich
-bald aus. Er hatte einen Ruf nach Liefland erhalten -- Tony war immer
-progressiv. Sie ging mit ihm, und die treue Aufsicht jenes würdigen
-Paares ward getäuscht.«
-
-»Und Du?« fragte der Administrator. »Und ich?« fragte Sylvius mitleidig
-zurück und sprach: »es giebt Erfahrungen, welche durch ihre glühende
-Beize die ganze Ichheit in ein fremdes Gefühl verschmelzen. Ich hätte
-Gott danken mögen; aber ich konnte nur sein Wunder denken. Als jener
-reine Geist erschien, verschwand der Trug des Blendwerks: denn die Liebe
-ist Licht! ist Befreiung! -- Unsere Ehe war null und nichtig. Ich eilte
-ohne Weilen zu meinem Vater, ihn der Sorge um mich zu entheben. Gern
-hätte ich ihn unterstützt mit meiner besten Kraft, diese war mir hin.
-Eine Zeitlang sah er meinen ohnmächtigen Versuchen zu, mich zurecht
-zu finden, dann sagte er: so geht es nicht, mein Sohn! gehe nur in die
-weite Welt, und wenn ich auch unterdessen in die _Enge_ geriethe. Der
-gute Greis! ach! ich verstand ihn, obgleich ein väterliches Lächeln mich
-über den düstern Sinn dieses Ausdrucks täuschen sollte. Unsere Familie
-stammt ursprünglich aus Castilien. Dahin reise! sagte mein Vater, der es
-wußte, daß, dies Land zu sehen, ein früher Wunsch meines Lebens gewesen
-war. Die spanische Sprache, unser Muttertheil, hatte sich von Geschlecht
-zu Geschlecht vererbt; wenn auch das Wenige, was ich überkommen, nur ein
-Stammeln genannt werden konnte, deutlich machen, konnte ich mich doch.
-O mein Freund! diese Reise war mir wie eine Wallfahrt, und mit büßender
-Seele trat ich sie an; ich hoffte, mich müde zu träumen an der Wiege
-meiner Väter. Etwas Schöneres als die Einsiedeleien dieses Landes giebt
-es auf der ganzen Erde nicht. Wo die Natur eine stille Capelle gebaut,
-da finden sich auch Spuren öder Hausaltäre, und ein Hauch südlicher Glut
-webt unter diesen heiligen Schatten. Man sieht, der Mensch hat die Hand
-nur leise heben dürfen, um das Höchste in Besitz zu nehmen. Die reizende
-Ueppigkeit des Bodens ließ mein armes Herz freudeleer, der Glanz der
-Städte schimmerte mir kein Glück vor, die Verwickelungen der Politik
-zogen mich nicht an, nur die Poesie der Einsamkeit war es, was mich
-rührte. Ich zog hin, ich zog her -- die Zeit zog auch vorüber; ich
-forschte nach der Quelle meiner Abkunft -- der Ruhe Quell in meiner
-Brust war mir verschüttet. So hatte ich kaum gemerkt, daß meine
-Baarschaft zu Ende ging. Der Schmerz, welcher den Geist reift, ist in
-Betreff auf zeitlichen Vortheil ein Mündel unseres Herrgotts. An den
-Pyrenäen traf ich einen Deutschen. Ich fand Gelegenheit, ihm einen
-wichtigen Dienst zu leisten, dann fand ich etwas Seltenes: einen
-Dankbaren. Ich konnte seine großmüthige Erkenntlichkeit nicht ablehnen.
-Wir blieben eine Weile zusammen. Er entließ mich nicht, ohne mir das
-Versprechen abgedrungen zu haben, daß ich, wären meine Verhältnisse zu
-lösen, mich seinem Schicksal, seinem Glück auf immer anschließen wolle.
-Er war ein sehr bevorzugter Mann, unabhängig, und begünstiget zu der
-Freude, seinen Freunden nützen zu können. Mein Vater war todt, seinen
-Ehrenplatz nahm ein Anderer ein, Fremde schalteten und walteten an
-heimischer Stelle, überall vermißte ich das Geliebte. -- Ich sehnte
-mich, ach Cölestin! ich sehnte mich unaussprechlich zu Dir! -- Einmal
-nur wollte ich Dich wiedersehen und Dir sagen, wie Alles gekommen.
-Dann scheide ich für immer. Ich habe die Schuld bezahlt -- wirst Du sie
-auslöschen in Deinem Herzen?«
-
-Der Administrator heftete einen langen, feuchten Blick auf seinen
-Freund und sprach: »lasse es doch gut seyn. Dein Andenken war mir nie so
-verwischt, daß ich Dich nicht wieder erkennen sollte. Gott tilgt Alles!
-von den meisten Tugenden heißt es: sie werden einst nur _vergeben_. Du
-bist mein Freund und bleibst bei _mir_.«
-
-Sie hielten sich schweigend umfaßt -- ihre Herzen schlugen hoch
-aneinander, keine Liebe reicht an die verzeihende.
-
- * * * * *
-
-Am folgenden Morgen hatte Frau Fabia eine lange geheime Unterredung mit
-dem Freunde ihres Schwagers. Sie schien einen alten Bekannten in
-ihm wiedergefunden zu haben; ohne lebhaft laut über dies erneuerte
-Verhältniß zu werden. Und daß auch hierin die beiden Schwägerinnen zu
-gleichen Theilen gingen, geschah es, daß, ehe die Wintersonne desselben
-Tages sich neigte, Therese bei der unvermutheten Ankunft des Lieutnant
-Feldmeister in dem Neffen des Majors jenen Offizier erkannte, der mit
-entschlossenem Muthe ihr mütterliches Gut vor gänzlicher Einäscherung
-geschützt hatte.
-
-Auch Rudolph stand betroffen, da er die schöne junge Frau erblickte.
-Eine Feuerröthe, der Widerschein jener Flammen, schlug in seinem
-Gesichte aus, und eine Wunde, die er im polnischen Kriege davon
-getragen, schmerzte ihn tiefer, als die erst geheilte. Er nannte die
-Gattinn des Constanz: »mein gnädiges Fräulein!« Therese hatte
-sich reizender noch entfaltet; ihre Augen leuchteten unstät und
-frühlingskräftig wie Sterne am Firmament einer warmen Mainacht, der
-Blick einer _Frau_ ist ein sanftes, bestimmtes Licht am häuslichen
-Horizont. Sogar in dieser kalten Jahreszeit verschmähete Therese das
-Häubchen, und trug das braune Haar üppig frei, als könne ihr Flattersinn
-selbst einen Zwang von Flor und Band nicht dulden. Alle ihre Bewegungen
-hatten den tanzenden Rhythmus der Freude; der Gang einer Gattinn
-ist schwerfällige Prose und schreitet nur unter dem Klingklang eines
-Schlüsselbundes einher. Kein Gewicht dieser Art beschwerte den Gürtel
-dieser leichten schwebenden Gestalt. Zwar hing in ihrem rechten Ohr
-ein winziger Schlüssel von Gold und Demant, und in dem linken das dazu
-passende Schloß; doch ohne daß der erstere etwas Anderes eröffnet, als
-den Geschmack im Putz -- das letztere ein volles Herz bewahrt hätte. --
-
-Als Rudolph nun hörte, daß er eine Strohwittwe vor sich sähe, da meinte
-er, seine Hoffnung, daß der Zufall ihn wohl nicht umsonst mit diesem
-anziehenden Wesen zusammenführe, wäre auf eine taube Aehre gefallen.
-
-Auch Therese fühlte sich durch den Anblick des Lieutnants in die
-Vergangenheit entrückt. Sie hörte im Geiste das Schießen der Feinde
--- Thränen schossen in ihre Augen und schleierten das Bild der blassen
-Mutter ein.
-
-Als der Major seinem Neffen die Verhältnisse des Hauses auseinander
-setzte, konnte Rudolph vor Allem die seltsame Ehe Theresens nicht
-fassen. Er schüttelte den Kopf und sprach: »Sie kann nur an den Mann
-im Monde verheirathet seyn. Nur _diese_ Entfernung, und die Kälte des
-Planets macht es denkbar, solch ein himmlisches Weib Jahrelang missen zu
-können. Und welche Gleichgültigkeit liegt darin, eine Frau, wie diese,
-dem Bruder zu überlassen, der doch ziemlich jung und ein sehr hübscher
-Mann ist! -- Die vertraulichen Beziehungen ihres Zusammenlebens --«
-»sind eine Höllenplage für ihn, der gern friedlich wäre,« unterbrach
-der Major seinen Neffen, indem ein sarcastisches Lächeln des Oheims dem
-Lieutnant zu denken gab. »Es ist sehr möglich,« fuhr Jener fort, »daß
-dieser ärmste Prälat ein Cölibateur bleibt, wie seine geistlichen
-Namensbrüder, bloß weil er das Glück genießt, der Schutzherr zweier
-Frauen zu seyn. Wer mit der Schönsten familiair umzugehen ein Recht hat,
-verliebt sich selten in sie. Du, mein Junge, sprichst wie der Blinde von
-der Farbe.«
-
-Die Schwägerschaft nahm plötzlich wandelnd eine hellere in den Augen des
-Neffen an.
-
-Das Leben der Hausgenossen im Stifte gestaltete sich nun um vieles
-anders. Der Administrator war sichtlich erheitert, seit er den Freund
-zur Seite hatte, und seine Gesundheit kräftigte sich zusehends.
-Sie ritten täglich zusammen aus, Pläne zu Verbesserungen der Güter
-beschäftigten sie daheim. Ein gemeinnütziger Ernst, der sich gegenseitig
-mittheilte, ließ sie Bedacht auf Alles nehmen, was dem Wohl der äußern
-Angelegenheiten förderlich werden könnte. Sie tauschten ihre Ansichten
-aus -- und ein solcher Freund hatte dem Verweser nur gefehlt, daß er
-seine Stellung sich mit Lust und Liebe aneigne. -- Der Oberförster war
-ein bejahrter Mann; Cölestin dachte, seinem Freunde zu diesem Posten
-helfen zu können, so würde die Zukunft sie nicht mehr trennen. Auch gab
-es für einen so fähigen Kopf auf jeder Stelle Beschäftigung, und Sylvius
-nützte den Renten des Klosters, während er der Gast des Hauses war und
-blieb. Andererseits war dem Administrator nicht minder geholfen.
-Er schloß sich lediglich an den Gefährten an, und vergaß über ihrem
-männlichen Thun, was er längst lassen sollen, sich der Zufriedenheit
-seiner Damen anzunehmen. Ob die Frauen sich vertrügen oder nicht, es
-kümmerte ihn kaum noch, und Sylvius überzeugte ihn vollends, daß die
-Weisheit und Gerechtigkeit in höchster Person weibliche Ansprüche nicht
-auszugleichen vermöge. -- Seit die Schwägerinnen keinen Schiedsrichter
-mehr hatten, brauchten sie auch keinen mehr. Frau Fabia war aus ihrem
-frommen Hinbrüten aufgescheucht worden. Sie ging gesellig in manche
-ihrem Wesen fremdartige Idee ein, und war nicht so finster als sonst.
-Die tiefe Fuge ihrer Tonart hatte sich in Harmonie gelös't, und ein
-besserer Einklang zwischen ihr und Theresen niemals Statt gefunden.
-Fabiens Sorge um den Schwager wendete sich, da er gesund geworden war,
-mehr seinem Freunde zu, der an einer unheilbaren Krankheit des Gemüths
-zu leiden schien. Sie achtete selbst weniger auf Josephine. Diese
-brachte jeden Augenblick, der zu erübrigen war, bei der Nonne hin, da
-Schwester Veronica sich der fremden Männer wegen zurückgezogen hatte.
-
-Therese war liebenswürdiger als je. Sie machte tausend kleine
-liebreizende Gefälligkeiten geltend, die ihr zu Gebot standen, und
-selbst Fabia mußte sich gestehen, daß, wenn sie _wolle_, ihr nicht zu
-widerstehen sey. Sie entschuldigte heimlich den Administrator, daß er
-parteiisch gewesen. -- Und seltsam! gerade jetzt zeigte sich Cölestin
-so kühl und selbständig, als hätte dieser Zauber seine Kraft an ihm
-verloren. --
-
-»Der alte Feldmeister ist aus dem Felde geschlagen --« sagte der
-Major zu dem jungen, und leise sprach in seinem Tone eine krankhafte
-Empfindlichkeit an. »Dieser Freund, dieser Fremde, der mir nicht
-sonderlich behagt, füllt die Zeit und das Herz des Administrators aus.
-Ein Glück, daß ich Dich hier habe, Rudolph.« Faust knurrte eifersüchtig,
-als der Oheim bei diesen Worten dem Neffen die Hand reichte.
-
-In der That würde die Freundschaft des Majors kaum einem Gefühl der
-Zurücksetzung entgangen seyn, wie wenig Cölestin sich auch derselben
-bewußt gewesen, wären häufige Anfälle der Gicht, die den Ersteren an
-sein Zimmer fesselten und die Anwesenheit des Lieutenants nicht zur
-Entschuldigung für den Administrator geworden. So oft das Befinden
-des Majors leidlich war, vereinigte sich die kleine Gesellschaft. Dann
-spielte Rudolph mit Theresen Schach, und immer ward sie eine Siegerinn.
-Es gelang ihm nie, den Ruhm seines Namens gegen ihre kleinen Finessen zu
-behaupten. »_Einmal_ gewinne ich doch!« schwor er bei jeder Niederlage.
-Therese lächelte nur.
-
-Wenn der Hauptmann erzählte, der ganz Europa durchreis't seyn wollte,
-dann sah Rudolph zu Boden auf die Spitze von Theresens Fuß, und mit so
-tiefsinnigem Blick, als gälte es, die Pointe seines Lebens ins Auge zu
-fassen. Der Oheim drohete ihm einst mit dem Finger. »Du denkst gewiß an
-die Geschichte vom Pantoffel --« sprach er neckend, »höre doch unserm
-Moorhausen zu, der eine lebendige blaue Bibliothek aller Nationen ist.«
-Er klopfte den Hauptmann auf die Uniform -- dieser, unwissend über jene
-Sammlung Mährchen, machte eine geschmeichelte Miene. --
-
-Frau Fabia sah es gern, daß Josephine so wenig Interesse an der Nähe des
-jungen Offiziers nähme; für Sylvius hingegen äußerte das Mädchen
-eine stille innige Theilnahme, welche ihre Pflegemutter vollkommen
-zu billigen schien. Er ertheilte auf den Wunsch derselben Josephinen
-wissenschaftlichen Unterricht, und ein zartes geistiges Band hielt den
-Lehrer und die Schülerinn zusammen, oft lange über die gegebene Stunde,
-und auch außer der Zeit, welche diesem Zwecke gewidmet war. Und Fabia
-zürnte nie, wenn Josephine lernend oder liebend nach ihrer Weise einen
-Auftrag versäumte. Genug, aller Kampf, sogar der Streit der Pflichten
-schien zu Ende, seit das Opferfest zum Geburtstag des Administrators
-unterbrochen worden war, und die Weihnachtsglocken hatten längst
-ausgeklungen, als unsichtbare Engel noch immer über der Klosterflur
-von Sanct Capella schwebten, welche sangen: »Friede auf Erden! und dem
-Menschen ein Wohlgefallen.«
-
-Das neue Jahr war schon um einen guten Schritt vorgerückt, und der
-Tag verlängerte sich merklich, da kam die Nachricht, daß der Lieutnant
-Feldmeister versetzt sey in eine ferne Garnison, und schleunigst fort
-müsse. Das Invalidencorps fühlte sich durch diese Ordre wie auf Feldetat
-gesetzt, es gab Allarm, der junge Offizier war Allen lieb und werth
-geworden. Auch der Familienkreis des Administrators empfand die Lücke,
-die nun bald entstehen würde. Therese ging umher, als hätte sie ihr
-ganzes Glück, ihr Glück auf immer verloren -- und der Major sagte zu
-sich selbst: »Therese ist schachmatt -- es ist Zeit, daß das Spiel
-aufhört.«
-
-Am Abend vor dem Tage, wo der Lieutnant Feldmeister das Stift verlassen
-sollte, saß Schwester Veronica allein in ihrem Stübchen und blätterte
-in dem Herbarium ihres Vaters. Tiefe Stille war um sie her, ein heiterer
-Winterfriede durchathmete die Zelle. Des Lichtes Flamme brannte wie
-gemalt, der warme Glanz des weißen Oefchens spiegelte sie in blendenden
-Funken zurück, und das Knistern der innen glimmenden Kohlen störten
-feuerheimlich diese lautlose Ruhe nicht. Das große Lebensbuch der
-Pflanzen lag vor der Nonne aufgeschlagen; ihr Auge leuchtete in
-sanftem Vergnügen. Sie suchte: _die Liebe im Nebel_ -- eine Gattung
-der Passionsblume. Und wie sie Blatt um Blatt wendete, gingen alle
-Frühlinge, die sie gelebt, an ihr vorüber, und der botanische Garten,
-darin sie gewohnt, blühete mit den Freuden ihrer Jugend auf. Sie sah den
-Vater heiß vor Lust, unter dem glühenden Strahl der Mittagssonne, weil
-keine andere Zeit ihm blieb, betrachtend stehen, die Mutter, wie sie in
-der Mondkühle einsam unter den Gängen des verlornen Paradieses auf und
-nieder wandelte, mit traurigen Gedanken, die auf der verbotenen Frucht
-verweilten, welche eine verführerische Schlange dem Gatten reichte. Sie
-hörte den Baum rauschen, unter dem der geliebte Bräutigam einer Andern
-Treue versprach, und mit dem Regen jener Stunde, dem so viele Thränen
-nachgeflossen, rieselten leise Schauer der Erinnerung über das Herz der
-guten Nonne. Da naheten eilende Schritte, die Thüre ging auf, ohne daß
-Jemand angeklopft hätte, und Josephine trat herein, scheu und hastig.
-Schwester Veronica hob den Blick auf, der ängstlich auf dem lieben Kinde
-haftete, und sprach: »was ist Dir, Mädchen? Dein Gesicht brennt, Du
-siehst aus, als hättest Du geweint, oder als würde es eben geschehen,
-und der große Schlüssel zittert in Deiner Hand?«
-
-Josephine antwortete mit erstickter Stimme: »_mir_ hat Niemand etwas zu
-Leide gethan, und doch fühle ich so. Ach liebe Veronica! ich habe etwas
-Entsetzliches erfahren -- das lege ich nieder in Ihre tiefste Brust.«
-
-»Es bleibt darin begraben --« versicherte die Nonne feierlich leise und
-mit der Kraft des Schweigens, »sprich ruhig, mein Kind.«
-
-Mit gebundenem Athem begann Josephine: »ich ging, wie Sie wissen, in die
-Capelle, die Lampe mit Oel zu versehen. Immer freue ich mich auf dies
-kleine Geschäft bei dem ich länger verweile, als nöthig wäre. Dort stört
-mich nichts in meinen stillen Träumen. Das Herz ist mir jetzt zuweilen
-so gedrückt, so enge -- als fände ich nirgend Raum für Wünsche, die ich
-nicht zu nennen weiß, den ausgenommen, daß ich einst in dieser Capelle
-ruhen mögte. So ist die Maria wie meine gute Freundinn, die es versteht,
-was ich keinem klagen kann. Als der Docht der Lampe aufglomm, nachdem
-ich sie getränkt, und dieser Schimmer an das Gewand schien, wie wenn der
-Mond über dem Wasser schillert, da war es mir, als würde ihr todtes Auge
-hell, und sie spräche: gieb Dich zufrieden! wir wollen sehen! --«
-
-»Die Liebe, meine gute Josephine,« schaltete Schwester Veronica ein,
-»gewinnt Allem Leben ab, wie der Glaube eine Seele des Trostes. Das ist
-der wahre lebendige Hauch aus Gott, und ein ewiges: es werde Licht! --
-Die Welt wandelt in Schatten des Todes und ihre Werke sind finster. Die
-Heiligen sehen das Werk an und vergelten auch den kleinsten Dienst.
-Es wird Dir gewiß wohl gehen auf Erden. Du wirst lange leben, und
-so betrübt es mich, daß Du in so jungen schönen Jahren schon an Dein
-Begräbniß denkst.«
-
-Josephine sah die Nonne mit bangem Lächeln an. »Und was geschah denn
-nun, mein liebes Kind?« fragte diese, »fasse Dich, mir es sagen zu
-können. Ich will Dich zu trösten suchen, mit Gottes Hülfe.«
-
-Das Mädchen schüttelte leise den Kopf und sprach: »als ich noch sinnend
-stehe, vernehme ich ein schnelles Kommen und Flüstern. Nun ist es recht
-besonders, Schwester Veronica, mit den Geistern halte ich Zwiesprach,
-als wären sie meine Geschwister, und vor Menschen fürchte ich mich?
--- Ich schlüpfte in den Beichtstuhl und duckte unter -- es war nur
-ein Augenblick, ich wußte selbst nicht, was ich that. Da erkannte ich
-Theresens Stimme im Gespräch mit einem Manne, und ich merkte sogleich,
-daß es der Lieutnant Feldmeister wäre. Sie redeten höchst vertraut. Hier
-sind wir allein -- sagte er, als sie in die Capelle traten, hier sucht
-uns Niemand. Vergessen Sie nicht, antwortete ihm Therese, daß die
-wächserne Mutter Gottes das Verlorene sucht, und verloren wäre ich, wenn
-man uns hier zusammenfände. -- Sie machte ihm hierauf zärtliche Vorwürfe
-über seine verfolgende Leidenschaft. Einige Minuten _müssen_ Sie mich
-hören! betheuerte er, und -- o Veronica! was läßt sich in ein paar
-Minuten sagen! ich meine, Therese hätte ihr Lebelang darüber zu denken.
-Sie lieben sich -- sie lieben sich schon lange. Und Therese ist die Frau
-eines andern Mannes! -- Wenn das der redliche Major wüßte! und -- und --
-der Unglückliche schwor, wenn er sie zum drittenmale finden sollte,
-dann müsse sie sein werden, und wäre sie mit Ketten an dem Himmel
-geschlossen. Ich habe nicht gedacht, daß ein Mensch so reden könnte --
-jedes Wort war ein Funken, der zündete.«
-
-Schwester Veronica sah mit bekümmertem Blick die brennenden Wangen des
-Mädchens, und seufzte tief, daß diese fromme Unschuld Zeuginn solch
-einer leidenschaftlichen Scene gewesen. »Den armen Constanz verurtheilte
-er --« fuhr Josephine mit einer ihrem Wesen fremden, feindlichen Regung
-fort: »und seine Gattin duldete es. Dem Onkel gönnte er das Glück ihrer
-Nähe nicht, _ihm_, der die Frau seines Bruders in freundlichen Schutz
-genommen, und gar manche Unbill wegen ihr ertragen hat! ich weiß das am
-besten. Dann sank er ihr zu Füßen -- dann küßte er sie -- o Gott!« »Er
-küßte sie!« wiederholte die Nonne leise, auf deren keuscher Lippe nie
-der Kuß eines Mannes geblüht. »Du armes Kind! ja, das mag eine Angst
-gewesen seyn. Angesichts der heiligen Jungfrau entblödeten sie
-sich dieser Sünde nicht! -- Und der junge Mann scheint sonst ein
-liebenswürdiger Mensch.«
-
-»Ach! ich bin dem Lieutnant böse --« sagte Josephine, »das ist nicht
-edel von ihm gehandelt; ich denke, ein Mann muß seine Leidenschaft
-bezwingen können. Es hatte mir so gut von ihm gefallen, wie er sich
-jener alten Dame angenommen -- Sie kennen die Geschichte --! nun aber
-verfällt er selbst in ärgeren Wahnsinn, verliert den Kopf, und Der sich
-so tapfer schlug, daß die Schwäche des Alters in Ehren gehalten würde,
-kann sich einen Gedanken nicht aus dem Sinne schlagen, der die Würde
-einer jungen Frau beleidiget, die wohl noch schwächer ist. -- O! das ist
-nicht löblich! das ist eine Verletzung des Gastrechts.«
-
-»Du hast ganz Recht, mein Töchterchen,« antwortete die Nonne, »und Gott
-behüte mich, daß ich beschönigen wolle, was sich nicht billigen
-läßt; nur meine ich, der junge Feldmeister sey bethört, sich selbst
-entfremdet, und Therese mag ihm wohl reichlich Gelegenheit gegeben
-haben. Diese scheint mir in sofern zu entschuldigen, daß sie gleichsam
-nur ein kurzes Achtel verheirathet war, und eine lange Pause ist
-für dies lebendige Allegro nicht. Wie endete sich denn nun diese
-Zusammenkunft?«
-
-»Ich seufzte zu Gott,« sprach Josephine, »daß ich erlöset werden mögte,
-und kaum war dieser flehende Gedanke aufgeflogen, da flatterte eine
-Motte aus dem Busen der Maria, und schwirrte mit singendem Geräusch um
-das Flämmchen. Dieser kleine Zufall scheuchte die Liebenden hinweg. Ich
-zitterte an allen Gliedern und mußte mich erst erholen. Wer aber hatte
-mir denn was gethan? Was geht es mich an, Wen Therese liebt? Und doch
-war es mir, als hätte man ein tiefes Gefühl in mir verletzt.«
-
-»Wo die Tugend leidet,« versetzte Schwester Veronica, »da leidet eine
-reine Seele mit, und der Schmerz dieser Erfahrung ist groß. O mein Kind!
-Treue ist unser einzig Glück auf Erden! selbst den Nichtliebenden rührt
-sie mit einem zärtlichdauernden Gefühl, was sich erwerben läßt. --
-Treue ringt den Himmel nieder in Deinen Besitz -- sie ist ein Strahl
-der ewigen Liebe. Ein wankendes Herz findet nirgend Ruhe. Wir wollen
-Theresen bedauern. Sie macht Keinen glücklich, und sich am wenigsten.
-Wenn ihr Gemahl nun heute oder morgen kommt, mit welchem Blicke soll
-seine Frau vor ihm stehen?«
-
-Josephine sah mit einem flammenden der Nonne in das Gesicht, und
-diese mogte vielleicht an den Engel des Gerichts denken. Sanften,
-entwaffnenden Tones setzte sie hinzu: »Gott senke Kraft in Deine junge
-Seele, an der Liebe des Nächsten zu halten, denn nur, Wer beharret,
-merke Dir es, mein Mädchen -- der wird selig! --«
-
-Josephine schmiegte sich an die Brust der Nonne und fühlte das treueste
-Herz schlagen. Sie schämte sich, entrüstet gewesen zu seyn, vielleicht
-zum erstenmale in ihrem Leben -- und aus der tiefsten Quelle des
-weiblichen Gemüths drangen Thränen, herbe und doch hoffnungsvoll, in
-ihre milden Augen.
-
- * * * * *
-
-Ein paar Monate waren seitdem vergangen. Sanct Capella, von der höher
-steigenden Sonne bestrahlt, glänzte wie eine weiße Glockenblume mit
-goldnem Kelche zwischen dem aufgrünenden Frühling. Im Stifte selbst sah
-man den schönen Tagen, die nun kommen würden, mit drängender Erwartung
-entgegen. Man nahm sie gleichsam voraus. Frau Fabia ordnete diesmal das
-große jährliche Waschfest zeitiger als sonst an, und als der April
-sein Wechselrecht geltend machte, und einen hurtigen Regen über das
-sonniggetrocknete Linnen ausgoß, behielt ihr Gesicht seine Heiterkeit,
-der beste Beweis von dem beständigen Wetter in der Laune der guten
-Hausfrau.
-
-Schwester Veronica, bedrängt von jener heiligen und tiefen Wehmuth,
-die sich ihrer sanften Schmerzen schämt, schlich jetzt manchmal im
-Mondschein auf den Kirchhof des Klosters und mit schwellendem Herzen
-die Mauer entlang, woran der Flieder knospete. Wenn sie in ihrem weißen
-Gewande zwischen den Gräbern wandelte, im geistigen Verkehr mit den
-Schatten der schlafenden Schwestern, glaubte man Libitina, die stille
-Göttin der Todten zu sehen.
-
-Die Offiziere suchten mit frischangeregter Lebenslust das Freie. Major
-Feldmeister warf den Pelzstiefel zusammt dem Podagra abseits, und rief:
-»da liege, daß du berstest! ich habe es nun satt, und _will_ gesund
-sein!« Er schritt herzhaft einher. Die großen Fenster waren geöffnet,
-die Thüren standen weit offen, als solle der Winter ausziehen. Herr
-Prälat, empfindlich gegen den Zug, ging als der Zeus des Hauses mit
-einer Donnerstirn von einem Flügel zum andern, und blitzte hier und da
-heftig zu. Ein thatenlustiger, rühriger Geist war in den Administrator
-gefahren. Er sträubte sich beinahe ungebehrdig gegen die krankhafte
-Ruhe, die seine Kräfte bisher unterdrückt hatte, gegen die Pflege der
-Weiber. Fabia schalt ihn undankbar, wenn er eine Maßregel ihrer Vorsicht
-für unnütz erklärte. Sie meinte nach Art einer erzürnten Prophetinn:
-dieser Uebermuth werde ihm schlimm bekommen. Doch Josephine freuete sich
-und sagte leise: »Er ist jetzt um Vieles besser.«
-
-Therese ließ ihren Schwager gewähren. Sie ging spazieren früh und spät
-auf geheimnißvollen Wegen, und nicht selten brachte ein Führer die
-Verirrte zurück. Frau Fabia sagte kein entscheidendes Wörtchen über
-diesen entschiedenen Müssiggang. Sie wärmte geduldig das Essen, wenn
-Therese die Stunde der Mahlzeit versäumte, doch keine begangenen Fehler
-mehr auf. Fabia wußte vielleicht, daß Theresens Seele unter einer
-größeren Last arbeitete, als früherhin ihr Leichtsinn und ihre
-Lässigkeit Andern aufgelegt hatte. --
-
-Als einstmals Therese von einem weiten einsamen Ausflug spät nach
-Hause kam, die Hände voll selbstgepflückten Veilchen, sah sie einen
-ausgespannten Reisewagen vor dem Stifte stehen, dessen helles Gelb wie
-eine große Mondscheibe durch das Dämmern des Frühlingsabends leuchtete.
-Sie stieß einen kurzen Schrei aus, und ihr war in diesem Augenblicke,
-als stieße er ihr das Herz ab. Sie floh dem Kloster zu, und stürzte
-außer Athem in das Wohnzimmer. Constanz war vor einer Stunde angekommen.
-Seine Frau zu suchen, hatte man Boten nach allen Richtungen ausgesendet.
-Sie rang die Hände um seinen Nacken; diese Gebehrde sah aus wie Liebe,
-wie Jammer, und konnte beides seyn. Der Diplomat stand mit Veilchen
-beschüttet und zitterte sichtbar. Therese verbarg ihr Gesicht, ohne
-in das seine zu sehen, an der Brust ihres Mannes. Er hob es empor und
-drückte heiße, langentbehrte Küsse auf ihren krampfhaft lächelnden Mund.
-Die Familie war versammelt, auch -- der Zufall hatte es gefügt -- Major
-Feldmeister und Schwester Veronica, als sollte Niemand fehlen, der
-näheren Theil an diesem Ereigniß nähme.
-
-Constanz hatte sich nach dem stillen Bemerken seines Bruders
-auffallend verändert. Die Sonne seiner Reisen hatte ihn gebräunt,
-seine scharfausgeprägten Züge hatten den Schmelz der Jugend, und
-den liebenswürdigen Ausdruck unbewußter Herzlichkeit verloren.
-Staatsmännisches Interesse war dem Ernst der sinnenden Miene tief
-eingedrückt, und über seine Stirne eilte ein Gewölk von Sorgen, wie
-getrieben von einem innern Sturm.
-
-»Meine Therese! mein einziges Weib!« sagte Constanz mit einer Rührung,
-die ihm schön stand: »Du bist bleich und ein wenig abgekommen -- Du hast
-Dich wohl um mich geängstet? Du bist mir nicht böse? Du machst mir keine
-Vorwürfe? diesen gütigen Empfang habe ich nicht verdient.«
-
-»Ich mache Dir keine Vorwürfe --« antwortete Therese mit gepreßter
-Stimme, und lauter sagte ihr Gewissen, Wer von ihnen eigentlich _so_
-fragen müßte. Aber nun brach Therese in ein convulsivisches Weinen aus.
-Constanz schien über diese äußerste Wirkung der Freude betroffen. Er
-hielt seine Frau für krank.
-
-Josephine stand mit der Nonne an einem Fenster. Sie wendete sich ab, und
-sprach leise zu Schwester Veronica: »wie ist dies möglich, so falsch zu
-seyn gegen die redlichste Liebe? -- Wenn ich Theresen in den Armen
-ihres Mannes sehe und daran denke, daß vor kurzer Zeit --« Josephine
-schauderte in sich hinein.
-
-»Das mußt Du zu vergessen suchen --« flüsterte die Nonne, »mir kommt
-diese wunderliche Freude wie Seelenangst vor. Ach! Therese könnte jetzt
-getreu und getrost in das Auge blicken, was sie so entzückt betrachtet!
-und sähe es tiefer auf den Grund ihrer Thränen, es würde sich wohl
-lieber schließen für immer.«
-
-Constanz war nach seinem Wunsch versorgt; schon in der nächsten Frühe
-ging er nach dem Orte seiner Bestimmung ab, und Therese mußte bereit
-seyn, ihn zu begleiten. Sie erschrak doch über diese Kürze. Fabia erbot
-sich dienstfertig, ihr das Einpacken zu besorgen. Sie solle sich um
-nichts kümmern, und ihr Glück genießen. --
-
-Der Administrator lächelte. Er wollte den Worten seiner Schwägerinn
-eine leise Ironie abgemerkt haben. Aber Therese ließ sich zum erstenmale
-nicht von der thätigen Fabia übertragen. Sie rüstete Alles selbst zur
-Abreise. So verging dieser Abend drangselig. Man kam zu keinem ruhigen
-Genuß des Beieinanderseyns. Constanz schien sehr ermüdet, und der ältere
-Bruder machte ihm freundliche Vorwürfe, sich und den Seinen mindestens
-nicht _einen_ Tag der Rast gegönnt zu haben. Und Jener sprach: »ich
-bin an diese erschöpfende Eile gewöhnt, und daran, die Erfüllung meiner
-Wünsche, und Alles, was ich liebe, nur im Fluge zu berühren.« Endlich
-zog die Nacht mit einer kurzen beschwichtigenden Pause vorüber. Noch
-blickte der Morgenstern am Himmel, da kamen die vier Pferde Extrapost
-schon von Leidthal, welche dem Constanz bewilliget worden. Das ganze
-Stift war in Allarm. Die alten Offiziere standen in Parade, der jungen
-schönen Frau die Honneurs zum Abschied nicht zu versäumen.
-
-Therese schien verweint, ehe sie noch Jemand Lebewohl gesagt hatte.
-Lange hing sie am Halse des Schwagers und konnte sich nicht losreißen.
-Dann küßte Schwester Veronica ihr einen leisen Segenswunsch auf die
-bethränten Lippen. Nun umarmten sich die Schwägerinnen und Therese
-sprach: »denke meiner nicht in Groll -- ich habe Dich oft gekränkt,
-Fabia!« die Stimme erstarb in Schluchzen.
-
-Und Fabia erwiederte: »still davon, Therese! auch ich habe gefehlt. Wir
-scheiden in Frieden, und der Herr geleite Dich!«
-
-Nun kam die Reihe an Josephine, an Sylvius, an den alten Feldmeister und
-die Uebrigen. Dem Major reichte Therese die Hand, und drückte die seine
-inniglich und noch einmal, als wisse der Alte schon für Wen? -- Ihrem
-Gemahl dauerte dies Valet zu lange. Er hatte das seine in summarischer
-Kürze abgegeben, den Bruder ausgenommen. Seine Meinung war: man müsse
-den Schmerz solcher Scenen verkürzen, ja vermeiden, wo möglich; aber die
-Weiber ließen sich keine einzige Thräne unterschlagen, die sie mit Fug
-und Recht vergießen durften. Sprach's, und schob seine Frau mit einem
-schmerzverachtenden Lächeln in den Wagen. Noch einmal strahlte Theresens
-Blick durch einen doppelten Schleier das ganze Commitat an; die
-Offiziere verbeugten sich unwillkürlich dienstmäßig, die Nonne schrieb
-ein Kreuz in die blaue Luft, Constanz winkte herzlich -- und der
-Postillon stieß in das Horn, daß der schmetternde Hall von den Wölbungen
-des Klosters wiedertönte. Dieser Ton fand ein geheimnißvolles Echo in
-der tiefsten Seele des Administrators und ein Grauen strich über
-seine Nerven. Es erschütterte ihn dieser Klang, wie jener, als er am
-Sterbebette des Vaters den Bruder die kleine Trompete blasen hörte. --
-Und als der Wagen nun pfeilschnell entrollte, das gastfreundliche Stift
-weit und weiter zurückwich, die Gehöfte von Sanct Capella verschwanden,
-nun auch das letzte Häuschen vorbeigeflogen war, und jetzt der Horizont
-über der erwachenden Landschaft sich so klar vor ihnen aufthat, da
-gedachte Constanz an die Worte der Gesandtinn: er würde einst mit
-Extrapost in den Himmel fahren.
-
-
- Ende des ersten Theils.
-
-
-
-
-[ Hinweise zur Transkription
-
-
-Das Originalbuch ist in Frakturschrift gedruckt. In dieser
-Transkription werden _gesperrt_ gesetzte Schrift sowie Textanteile in
-=Antiqua-Schrift= hervorgehoben.
-
-Der Text des Originalbuches wurde grundsätzlich beibehalten,
-einschließlich uneinheitlicher Schreibweisen wie beispielsweise
-"irdisch" -- "irrdisch", "ist's" -- "ists", "Lieutenant" -- "Lieutnant",
-"Obristin" -- "Obristinn",
-
-mit folgenden Ausnahmen,
-
- Seite 13:
- "«" eingefügt
- (sie eine kleine alte anspruchslose Rolle übernähme.«)
-
- Seite 14:
- "ihrers" geändert in "ihres"
- (welches sie durch den Beistand ihres Schwagers gewonnen)
-
- Seite 21:
- "." eingefügt
- (und enteilte auf den Ruf seiner Pflicht.)
-
- Seite 41:
- "," eingefügt
- (ein Gedanke dieses Augenblicks voll Grauen, voll Schmerz)
-
- Seite 45:
- "Abendmal" geändert in "Abendmahl"
- (ehe ich aber das heilige Abendmahl wo anders halte)
-
- Seite 51:
- "«," geändert in ",«"
- (»Taugt nichts,« unterbrach hier der Major)
-
- Seite 59:
- "»" eingefügt
- (»Ich band mein Pferd an eine Säule)
-
- Seite 59:
- "Augenblck" geändert in "Augenblick"
- (daß ich einen Augenblick verziehen mögte)
-
- Seite 68:
- "»" eingefügt
- (»nimm fünf Loth _Ernst_)
-
- Seite 83:
- "«," geändert in ",«"
- (»Schwester Veronica,« sagte Fabia)
-
- Seite 85:
- "beflanzt" geändert in "bepflanzt"
- (mit tropischen Gewächsen bepflanzt)
-
- Seite 92:
- "«" eingefügt
- (weshalb ich denn auch so zaghaft wäre.« --)
-
- Seite 95:
- "»" eingefügt
- (»ja, mein Kind, wir müssen wohl den Blick schonend bedecken)
-
- Seite 107:
- "Gesellschafft" geändert in "Gesellschaft"
- (ihm doch ein wenig Gesellschaft leisten)
-
- Seite 116:
- "Schwal" geändert in "Schawl"
- (Ein echter Schawl, an den der matte Kopf sich schmiegte)
-
- Seite 120:
- "»" eingefügt
- (»Fasttage halte ich gar nicht)
-
- Seite 127:
- "«" eingefügt
- (mein heiliges Amt zu Gunsten Ihres Wunsches üben.« --)
-
- Seite 128:
- "«" hinter "--" entfernt
- (der Tod soll ja eine neue Geburt seyn. --)
-
- Seite 137:
- "eine" geändert in "einen"
- (die sich nie gegen einen Vorwurf vertheidigte)
-
- Seite 143:
- "«" eingefügt
- (hat mir das Gedächtniß abwärts gezogen.« --)
-
- Seite 151:
- "»" eingefügt
- (»auch wünsche ich von Herzen)
-
- Seite 155:
- "»" eingefügt
- (»weißt Du wohl, was Abraham a Sancta)
-
- Seite 156:
- "»" eingefügt
- (»da thut sie Dir nicht Unrecht)
-
- Seite 156:
- "." eingefügt
- (Josephine erröthete und nahm das Gedeck hinweg.)
-
- Seite 157:
- "»" eingefügt
- (»denn es will mich bedünken)
-
- Seite 158:
- "»" eingefügt
- (»ich bin überhaupt mit einer gewissen)
-
- Seite 167:
- "Interresse" geändert in "Interesse"
- (zog die Mutter des Bräutigams in ihr Interesse)
-
- Seite 172:
- "»" eingefügt
- (»wohl ist dieser Stoff)
-
- Seite 179:
- "»" eingefügt
- (»Und dieses liebe Geschäft)
-
- Seite 182:
- "haufig" geändert in "häufig"
- (in dem rauhen Klima jener Gegend häufig wechseln mußten)
-
- Seite 190:
- "«" eingefügt
- (Denn --« setzte Tony in liebenswürdigem Uebermuthe hinzu)
-
- Seite 195:
- "»" eingefügt
- (»Das kann wohl seyn)
-
- Seite 215:
- "Zürückgehen" geändert in "Zurückgehen"
- (Ein Zurückgehen in seine alten Verhältnisse)
-
- Seite 217:
- "«" eingefügt
- (die treue Aufsicht jenes würdigen Paares ward getäuscht.«)
-
- Seite 229:
- "ihre" geändert in "Ihre"
- (das lege ich nieder in Ihre tiefste Brust)]
-
-
-
-
-
-
-
-End of the Project Gutenberg EBook of Die Schwägerinnen. Erster Theil., by
-Henriette Hanke
-
-*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DIE SCHWÄGERINNEN. ERSTER THEIL. ***
-
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