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-Project Gutenberg's Die Schwägerinnen. Erster Theil., by Henriette Hanke
-
-This eBook is for the use of anyone anywhere in the United States and most
-other parts of the world at no cost and with almost no restrictions
-whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it under the terms of
-the Project Gutenberg License included with this eBook or online at
-www.gutenberg.org. If you are not located in the United States, you'll have
-to check the laws of the country where you are located before using this ebook.
-
-
-
-Title: Die Schwägerinnen. Erster Theil.
-
-Author: Henriette Hanke
-
-Release Date: October 4, 2015 [EBook #50127]
-
-Language: German
-
-Character set encoding: ISO-8859-1
-
-*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DIE SCHWÄGERINNEN. ERSTER THEIL. ***
-
-
-
-
-Produced by The Online Distributed Proofreading Team at
-http://www.pgdp.net (This file was produced from images
-generously made available by The Internet Archive)
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-[ Symbole für Schriftarten: _gesperrt_ : =Antiqua= ]
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- Die Schwägerinnen.
-
- Roman
- von
- Henriette Hanke
- geborne Arndt.
-
- Erster Theil.
-
-
- Ein hohes Wort! wenn uns die Schickung werth
- hält, nicht für uns, für Andere zu seyn.
- ... Es wendet sich der Zeiten Blatt. Laßt uns
- fröhlich sä'n, im Nebel auch: die Ernte kommt gewiß.
-
- _Herder._
-
-
- Hannover, 1835.
- Im Verlage der Hahn'schen Hofbuchhandlung.
-
-
-
-
-Wir versetzen unsere Leser bei dem Anbeginn dieser Geschichte in ein
-weites Gemach des aufgehobenen Stiftes der Cisterzienserinnen zu Sanct
-Capella, nahe dem Städtchen Leidthal. Dieses Zimmer, viel zu colossal
-in seinen Verhältnissen um wohnlich zu seyn, bietet eine himmlische
-Aussicht dar, und zeigt noch die Spuren klösterlicher Pracht. Seltsam
-vereint werden hier die religiösen Begriffe aller Zeiten anschaulich;
-doch mit gemischtem Gefühl siehet man: die Gegenwart herrscht vor.
-An dem Plafond rollet der feurige Wagen des Elias. Wie zu vielen
-tausendmalen mogten seit dieser Himmelfahrt die Sonnenrosse ihren Lauf
-vollendet haben! aber jene Flammen sind erloschen, und der Prophet
-erscheint nur noch als ein grauer Schattenriß seiner Zeit. Scenen des
-römischen Cultus geben den leeren Wänden ein sinnvolles Interesse, und
-über erblaßten Martern der eifrigsten Bekenner ihres Glaubens hängt
-Doctor Martin Luthers Bildniß gloriös in einem Rahmen von echter Bronze.
-Die erhabene Arbeit über dem Kamin von schwarzem Marmor versinnlicht ein
-Autodafé, und die darunter lodernde Glut, welche die Jahreszeit und der
-Raum des Zimmers erfordert, dient dazu, dies Relief zu beleuchten, mit
-einem Schauer für die Phantasie, der fast die Wohlthat der empfundenen
-Wärme vernichtet. Die Möbeln sind theils veraltet und doch pomphaft,
-theils von neuer Brauchbarkeit und Simplicität. Das hochlehnige Canapee,
-welches gradauf strebend und in der Mitte altarförmig zugespitzt, sich
-gegen die Wellenlinien einer modernen Bergère etwa verhält, wie die
-feierliche Anständigkeit der Etiquette zu der nachlässigen Ruhe
-der Schönheit -- nimmt sich in dem überladenen Zierrath geflügelter
-Kinderköpfe sogar kirchlich aus. Ueber den Häuptern der Cherubim prangt
-der Erzengel Michael in goldnen Waffen, und der gerissene Sammet auf
-dem Sitze dieser kleinen Engelsburg erinnert mit leiser Beziehung in der
-Farbe verblühter Violen an den Purpur der Eminenz. -- Der venetianische
-Spiegel erreicht seine ungemeine Breite und Höhe durch eine Einfassung
-von Tritonen und Delphinen, welche in kunstreichen Verschlingungen
-um die glänzende Fläche spielen, worin mancher geistliche Vollmond
-aufgegangen war. -- Oben thronen die Meergötter ersten Ranges, und im
-Frontispice -- so zu sagen -- steigt Anadyomene aus der klaren Masse
-an den silbernen Bord. Das Auge des Reformators grade auf diesen Punkt
-gerichtet, scheint finster an dem heidnischen Unwesen zu haften, indeß
-ein kaum merklicher Zug frommer Ironie den Ernst des Mundes mildert, der
-wohl stärkere Pfeiler erschütterte als den, der die reizende Gestalt
-der Liebe in den Mauern der Entsagung trägt. Die Morgensonne des eilften
-Novembers ging eben auf, und bestrahlte mit blendendem Licht die Abtei,
-welche ihren majestätischen Schatten über die öden Felder ausbreitete.
-Der Reif der kalten Nacht schimmerte wie Candis an den falben Resten der
-Weide, und die herbe Miene des heiligen Bernhard von Clairvaux, dessen
-Statue am Rande einer dunkeln Cisterne stand und tiefsinnig hinab
-schauete, war wie mit Zucker bestreut. -- An einem Fenster des
-beschriebenen Zimmers saß eine Frau, von der wir sagen müssen, daß sie
-über die Jugend hinaus und weit entfernt von jener gefälligen Anmuth
-sey, die unter keinem Gesetz der Zeit steht, ohne sie deshalb dem
-achtsamen Interesse unserer Leser entrücken zu wollen. Der häusliche
-Anzug, beinahe matronenhaft bescheiden, paßte den Formen einer Figur
-nett an, die in ihrer Haltung Charakter verrieth. Das Häubchen, ohne die
-mindeste Genialität dieses Putzartikels, der einen guten weiblichen Kopf
-seltner beschattet, als in das vortheilhafteste Licht setzt, und sich
-oft in dem kleinsten Kniff sichtbar macht -- schloß sich dicht an ein
-Oval von regelmäßigem Schnitt. Die Beschäftigung dieser Frau schien mit
-der bewußten Strenge, welche sich in ihrem Aeußern offenbarte, in keiner
-Verbindung zu stehen. Sie wand eine Guirlande von Immortellen,
-die aufgehäuft in einem flachen Körbchen, in bunter Menge und
-Mannigfaltigkeit zur Auswahl vor ihr lagen. Sie schien so ganz in sich
-und in diese feiernde Früharbeit versenkt zu seyn, daß selbst der Sinn
-des Gehörs ihre Seele nicht auf das lenkte, was ein junges Mädchen an
-ihrer Seite aus der Bibel vorlas. »_Wirst Du dafür die Schmerzen eines
-Betrübten haben_ --«: diese verkündenden Worte des Jesaia sprach die
-klare süße Stimme mit einem schüchternen Beben der Ahnung, und hielt
-inne. Die Sonne blitzte herein und warf lange herbstliche Strahlen durch
-die Scheiben. Der blonde Scheitel des Mädchens erglänzte, die metallne
-Brüstung am Fenster funkelte wie gediegenes Gold, und die trocknen
-Blümchen der Dauer badeten sich in diesem ewigen Glanze.
-
-Das Mädchen erhob das Auge blau und tief wie der Himmel, um einen Blick
-in die Perspective zu richten, welche in der schönsten Morgenbeleuchtung
-im melancholischen Reiz der sterbenden Natur sich in das Unabsehliche
-verlor; und der Mund, auf dem noch die traurige Voraussagung des
-israelitischen Sehers schwebte, lächelte so entzückt, als sähe dieser
-Blick in eine verklärte Welt.
-
-Da öffnete sich die Thüre, und ein feines jugendliches Gesicht, dem ein
-schlanker Körper folgte, schauete mit hellen braunen Augen herein. Ein
-leichtes Abschrecken bei dem Hinblick auf die schweigsame Gruppe am
-Fenster, und die spöttische Unlust, an dieser stillen Betrachtung und
-an dem Winden todter Kränze Theil zu nehmen, sprach sich in diesen
-beweglichen Zügen aus.
-
-Wie leise dies Geräusch nun auch gewesen war: die ältere Frau hatte
-es dennoch vernommen. Sie wendete das Auge, und ein flüchtiges Roth
-überlief ihre Wange; zweifelhaft, ob als Wiederschein der Lohe des
-Kamins, oder durch die Erscheinung in der Thüre erregt. Diese huschte
-mit zarten Füßen über das Getäfel der Diele, blinzelte hinter dem Rücken
-des Mädchens in das heilige Buch und sprach zwischen Schalkheit und
-Pathos: »hebet Eure Häupter auf -- thut Euer böses Wesen von Euch --
-o! ich weiß auch, was hierin steht.« Dabei legte sie eine seidenweiche
-Hand, der man keine Distellese im Garten der Ehe ansah, obwohl ein
-Trauring an ihrem Goldfinger blinkte -- unter das gesenkte Kinn der
-Aelteren und sprach: »bist Du mir noch böse, Fabia? Sey gut! ich kann
-Dich nicht schmollend wissen, und so lasse ich meine Idee fallen.«
-Bei diesen nähernden Worten beugte die hübsche junge Frau sich
-mit versöhnender Anmuth herab, so daß ihr warmer Athem wie ein
-schmeichelndes Lüftchen Diejenige anwehete, welche sie frostig aufnahm.
-
-Fabia hob den Kopf ein wenig und erwiederte: »ich dachte es wohl, daß Du
-zur Vernunft kommen würdest --« und indem ihr Auge die weiblich-optische
-Kunst übte, die da scheel sieht, ohne einen offnen Blick zu gönnen --
-setzte sie hinzu: »daß Du Dich nicht erkältest, Therese! Du gehest so
-bloß. --« Sie reichte ihr eine Nadel, zugleich stach der Blick, doch
-nicht in das kleine Schalytuch, welches den wunderschönen Hals und Busen
-lose umflatterte, sondern in diese Blöße selbst. --
-
-Therese steckte die Nadel verloren ein, aber nicht diese Antwort, welche
-sie sichtlich zu verdrießen schien, und nun auch die Stimmung ihrer
-gutmüthigen Abbitte um einen tiefen Grad fallen machte. Erglühend sprach
-sie: »es ist schon geschehen. Du irrest, Fabia, Du irrest, sage ich
-Dir, wenn Du Deine hartnäckige Weigerung, in einen harmlosen Scherz
-einzugehen, für vernünftig hältst. Und wenn ich es zu vergessen suche,
-daß Du mir und dem Bruder eine Freude verdirbst: so geschiehet es nur,
-weil ich Dich dieses abtödtenden Eigensinnes wegen am meisten bedauere.«
-Fabia erröthete sehr. Sie lös'te schnell ein kleines Schlüsselbund
-von ihrem Gürtel, und gab dem Mädchen einen entfernenden Auftrag. Dann
-sprach sie, und ein krampfhaftes Zucken unterdrückten Zornes flog um
-ihre Lippen: »diese Aeußerung ist ganz in Deinem Geiste. Spare Dein
-Mitleid für Dich selbst, Therese, Du wirst es einst brauchen. Herr der
-Güte! muß ich mich so behandeln lassen in Gegenwart des Kindes? hast
-Du keine Achtung für mich und meine Sinnesart, so solltest Du doch
-Josephinens Jugend schonen. Willst Du das Mädchen auch verderben?«
-
-Theresens Stirn flammte. In größter Aufregung entgegnete sie:
-»verderben? _auch?_ Wer ist verdorben? ich muß bitten, daß Du Dich in
-Deinen Ausdrücken mäßigest. Ein verderbtes Herz trachtet nach Schaden,
-ist feindselig und mißgünstig; ich aber gönne der ganzen Welt ihr
-Vergnügen, wenn sie mir nur das meine läßt.«
-
-Fabia stand auf. Mit einem gewissen Hervortreten ihrer Meinung, doch das
-innerste Gefühl noch immer bezwingend, sagte sie: »ich hasse nun einmal
-jede Falschheit, und halte Verstellung, von welcher Art sie auch sey,
-für Sünde. Und Comödie spielen ist eine solche.«
-
-»O! die schlimmste ist es nicht --« entgegnete Therese: »es ist nur
-eine kleine ergötzliche Lust.« Und indem dieser verwehrte Genuß in allem
-Schimmer der Einbildungskraft vor ihrer Seele stand, so daß es ihr vor
-den Augen flimmerte, in welche Thränen des Verdrusses drangen, rief sie
-verblendet von Schmerz und dem Reiz jener zerrinnenden Illusion aus:
-»der arme Cölestin! es würde ihm ein köstlicher Spaß gewesen seyn! Du
-aber wirst ihm mit tiefsinnigem Ernste einen Kuchen backen, und ein
-Capitel aus der Bibel lesen.«
-
-Fabia erbleichte. Sie sagte schneidend: »dies dürfte ihm heilsam seyn,
-wie Dir. So höre nun dies: Die Du in Wollust lebest und so sicher
-sitzest, und sprichst in Deinem Herzen: ich bin's, und Keine mehr. Ich
-werde keine Wittwe werden --« die Hand, welche Fabia auf diese Stelle
-legte, zitterte stark, und ihre Stimme wankte, als sie das Wort:
-»_Wittwe_« aussprach, als läge in diesem Verhältniß jene erschütternde
-Beseitigung, die dem Unglimpf freies Spiel erlaubt.
-
-Aber mit einem Lächeln unsterblichen Leichtsinns wies Therese den
-Vorwurf der biblischen Prophezeihung von sich ab. Sie kannte die
-Selbständigkeit der frommen Fabia und ließ sich nicht irren. Statt des
-unnützen Gezänks um eine bereits aufgegebene Sache, warf sie die Last
-dieser Scene über die Seite, und sprach: »genug des Aergers. Nochmals,
-ich verzeihe Dir, was Du auch gegen mich denken mögest. Du thust mir
-leid: denn Du kannst nicht anders.«
-
-Dieser Ton der Ueberlegenheit eines Gemüths, welches die schroffe Fabia
-so tief unter sich glaubte, steigerte ihre Erbitterung aufs Aeußerste.
-Sie wollte sprechen -- aber Therese wendete den Fuß, und prallte
-an einen jungen Mann, der unbemerkt von den streitenden Parteien
-eingetreten war, und nun als Schiedsrichter vor ihnen stand. -- Es war
-Herr Prälat, der Administrator des Stiftes, dessen Schwägerinnen wir
-in den beiden Damen vorläufig kennen gelernt haben. Der Zufall hatte
-es seltsam gefügt, daß ein Mann, der so hieß, Vorsteher dieses weiland
-geistlichen Hauses würde; allein ein Blick auf seine Persönlichkeit
-reichte hin, ihn selbst von dem Begriff seines Namens zu unterscheiden.
-Diese Gestalt, der eines Großwürdenträgers der Kirche durchaus nicht
-ähnlich, ragte über das gewöhnliche Maß hinaus, und schien von innerer
-Thätigkeit zu sehr angeregt, um völlig zu seyn; das schmale etwas
-blasse Gesicht hatte mehr den Anschein einer kränklichen und deshalb
-enthaltsamen Constitution, als den eines klosterherrlichen Lebens in
-=bona pace=, und dieses gebietende Auge, obgleich getrübt -- war voll
-Feuergeist einer andern Tiefe, als des kühlen dunkeln Lagers, wo die
-Sonnenkräfte alter Jahre verschlossen glühen.
-
-Er schlang seinen Arm mit brüderlicher Traulichkeit um Theresens
-schlanken Leib, sie aufzuhalten, und sprach: »wohin so eilig? Was ist's?
-Du schweigst, Fabia? und Dein Auge verbirgt Thränen? ich will nicht
-fürchten, daß ein Zwist -- stehe Du mir doch Rede, Therese!« Mit diesen
-dringenden Fragen flog der betroffene Blick des Administrators von einer
-Schwägerinn zur andern.
-
-Therese aber strebte fort. Als wünschte sie der weitern Verantwortung
-nun los und ledig zu seyn, entwand sie sich ihm und sprach flüchtig: »es
-war so wichtig nicht -- lasse es Dir nur von Fabia erzählen.« Vielleicht
-war es eine kleine Rache, daß Therese im sichern Gefühl, für Wessen
-Sache der Schwager sich entscheiden würde, den Vortheil des Vortrags
-Jener überließ.
-
-»Nein, bleib!« forderte der Administrator: »so sprich doch, Fabia! ich
-will es wissen! werde ich es nicht erfahren?«
-
-Mit niedergeschlagenen Augen und gekränkter Stimme sprach Frau Fabia:
-»ich muß Dich ersuchen, mein Bruder, daß Du mich in Zukunft vor
-Beleidigungen schützest, die ich länger weder ertragen kann noch
-darf. Meine stille Weise will ich immerhin verspotten lassen; aber das
-Heiligste soll man mir nicht antasten. Das greift mich an die Seele.«
-Sie brach in heißes Weinen aus, und Fabia weinte selten oder nie. Des
-Schwagers Auge traf Theresen. Diese aber hielt den zürnenden Blitz aus,
-der nicht zündete, zuckte vornehm mit den runden Achseln als beklage sie
-die Erbärmlichkeit der Anklage, hob den Blick zu den Wolken der Decke
-und sprach: »welch ein Aufheben um Nichts! ich will es Dir in Kürze
-sagen. Wir waren am Sonntag Abend bei Gottschalks drüben fröhlich,
-führten Sprichwörter, Charaden auf --« »Erlaube!« fiel hier Fabia
-ein, mit einem Tone, der nicht im Klange einer abhängigen Bitte an die
-Wortführerinn erging, »das ganze Gebiet üblicher Gemeinplätze reichte
-nicht aus für dieses muthwillige Treiben -- denn Narrenspiel will Raum
-haben -- man suchte ihn auf kirchlichem Boden. Die reiche Sprache mußte,
-schnöde genug, eine Benennung hergeben, um die geistig Armen lächerlich
-zu machen. Sie spielten: Wiedertäufer, und das heilige Sacrament ward an
-dem Töchterchen der Gerichtshalterinn verhöhnt.«
-
-»Ich sehe nichts Uebles dabei,« sagte der Administrator begütigend nach
-einer kleinen Pause, »jene rasende Rotte hat die Taufe auf eine frevle
-Art gemißbraucht.«
-
-»Ach!« sagte Therese lachend, »von irgend einem Frevel konnte ja
-überhaupt die Rede gar nicht seyn. Wir waren nur lustig, ich versichere
-Dich, lieber Cölestin, und der alte Halderich brachte jenes Wort in
-Vorschlag. Bei den Sylben: Täufer, sah Gottschalk als Vierfürst so
-fürchterlich possirlich aus, daß wir Alle vor Lachen sterben zu müssen
-glaubten. Ich, die Tochter der Herodias, tanzte kosackisch vor ihm
--- der starke Punsch war mir ein wenig in den Kopf gestiegen. Dann
-costümirten wir uns schweizerisch, die Gerichtshalterinn brachte eine
-zinnerne Barbierflasche, ein Urerbstück -- zur Taufkruke herbei, und an
-Helene trieb ihr Vater den Teufel der Widerspenstigkeit und des Muckerns
-aus, der die Kleine bisweilen plagen soll. -- Wem, ich frage Dich,
-geschah nun hierbei ein Leides?«
-
-»Fabia!« sprach ihr Schwager sanften, tiefen Tones; er hätte die höchste
-Vernunft, den Gott des Friedens selbst mit keiner andern Stimme anrufen
-können. Doch Fabia antwortete mit erzwungener Ruhe: »höre nur weiter! es
-kommt noch besser.«
-
-»Ja,« rief Therese leidenschaftlich, »höre nur weiter! es kommt noch
-_schlimmer_. Es ward immer hübscher, bei Gottschalks nämlich. Wir kamen
-mehr und mehr in den Zug, und endlich auf den Einfall, Dir zu Deinem
-Geburtstage künftigen Monat, ein kleines Schauspiel zu veranstalten.
-Dieser Plan, einstimmig aufgenommen, machte uns unsägliches Vergnügen in
-der Idee. Doch Fabia, als Schlüsseldame des Hauses, verweigerte uns
-zur Ausführung das Local und ihre Theilnahme. Wir wünschten das grüne
-Bogenzimmer für diesen Zweck, und baten, daß sie eine kleine alte
-anspruchslose Rolle übernähme.«
-
-Ein Schatten jugendlicher Prätension veränderte hier die Züge der
-ernsten Fabia, welche kalt und schweigend wie eine Büste zuvor gewesen.
-Sie warf einen Blick unaussprechlicher Verachtung auf ihre Schwägerinn
-und sprach: »freilich, mit einer Inamorata warst Du so gütig, mich zu
-verschonen -- die spielst Du selbst.«
-
-Therese hielt es vermuthlich nicht für nöthig, darauf zu antworten. Sie
-wendete sich zu dem Schwager, und sagte wie zum Schluß: »Du weißt nun,
-worüber wir in Streit geriethen -- _mir_ war er abgemacht.«
-
-»Und warum warst Du dagegen?« fragte der Administrator beklommen die
-Unversöhnte, und abermals nach einer kleinen peinlichen Pause.
-
-»Es läuft wider meine Grundsätze,« erwiederte Fabia finster, und
-trocknete die Thränen, welche in einzelnen Tropfen, wie nachfallend
-einem schweren Wetter, über ihr Gesicht flossen.
-
-»O, gute Fabia! Deine Grundsätze sind sehr streng!« sagte Herr Prälat
-mit bitterm Lächeln, »wenn wir solch einen Maßstab an die kleinen
-Freuden des Lebens legen wollen, so wird der arme Mensch zu kurz
-kommen. Ich sehe nichts Verwerfliches in der ganzen Sache, wohl aber
-ein gestörtes Vergnügen, für dessen Absicht ich dankbar seyn muß. Der
-Geschmack am Schauspiel ist ziemlich so alt wie die Welt, und der Trieb,
-sich anders zu zeigen, wie er ist, dem Menschen angeboren.«
-
-»Leider!« sprach Fabia, »deshalb ist es nothwendig, daß man ihn
-bekämpfe. Wir sollen wahrhaft seyn in Wort und That.«
-
-»Dies dürfte doch tiefer gemeint seyn, liebe Schwägerinn --« versetzte
-der Administrator etwas leise, wie wenn er die Wirkung dieses
-Widerspruchs mildern wolle, »als was man unter der Mummerei einer
-kleinen Posse, ja selbst unter dem Versuch begreift, die Geheimnisse
-der Schmerzen, die Blöße der Leidenschaften und der Wunden, die das
-Schicksal schlägt, in dem Gewande dramatischer Poesie darzustellen. Der
-wahre Gott hüllt sich in die Natur, und wir erkennen ihn im Innersten
-unseres Gemüths.«
-
-»Ja,« fügte Therese mit einem leichten Uebermuthe hinzu, der wie
-Champagnerkork auf dem Oberwasser schwamm, welches sie durch den
-Beistand ihres Schwagers gewonnen, »Jesus Christus selbst, ich wette!
-würde nichts Arges an unserm Scherz gefunden haben; die Scheinheiligkeit
-nur war ihm verhaßt.« »Und ich erkenne nun,« sagte Fabia, während sie
-mit bebenden Fingern eine Immortelle zerpflückte, »daß es an der Zeit
-für mich sey, ein Haus zu verlassen, dessen Freuden ich verkürzte, und
-dem ich nur in seinen Vergnügungen störend bin. Ich tauge zu weiter
-nichts, als einen einfältigen Kuchen mit Bedacht zu backen, wie Therese
-mir vorwarf, und ein Capitel aus der Bibel zu lesen, deren Sinn ich
-nicht einmal verstehe, wie mir so eben bewiesen worden. Ein armseliges
-Talent, das meine, gegen die Vorzüge Anderer! -- So will ich denn gehen.
-Es wird doch irgendwo ein stilles Plätzchen für mich geben, wo man mit
-Arbeit und Gebet Ruhe finden kann für seine Seele.«
-
-»Gott des Lebens!« rief der Administrator außer Fassung, »muß es dahin
-kommen? Wer ist's, der unter diesem Zwiespalt leidet, als ich? Fabia!
-hättest Du Dich jemals über mich beklagen können? -- ich achte jede
-Individualität, und ehre die Deinige nach Verdienst. Therese! biete
-die Hand zuerst, Dir kommt es zu, Du bist die Jüngere.« »Ich habe es
-gethan,« sagte Therese etwas eingeschüchtert von diesem Ausgange, »ich
-kam mit gutem Herzen hierher; der Himmel und Josephine ist mein Zeuge!«
-
-Der Administrator schien dieser identischen Berufung Glauben zu
-schenken. Er sprach: »Du hast Fabia gewiß nicht kränken wollen. Auf die
-Comödie verzichte ich gern; aber liebe Schwestern, laßt das Band
-der Eintracht mein Angebinde seyn, so werde ich mich heute schon wie
-neugeboren fühlen.« »Es würde doch nur ein kleines Schauspiel werden,«
-antwortete Fabia mit entschlossnem Lächeln, »und Du weißt, mein Bruder,
-ich bin ungefügig dazu.«
-
-»Gehe, Therese!« sagte Herr Prälat, und es schien, als ob nur größere
-Zutraulichkeit zu dieser Schwägerinn sie verweise, »lasse mich mit Fabia
-allein.« Therese ging. Alsbald faßte der junge Mann die runden Arme
-Fabiens so fest, daß sie an diesem Drucke die innere Bewegung empfand,
-in der er sprach. »Fabia! das konntest Du mir thun? muß ich Dich an
-Deine zärtliche Sorge für mich erinnern?-- Sieh! wolltest Du mich
-verlassen, ich könnte Dich nicht halten; genug, daß ich mich an das
-Bewußtseyn hielte, ich hätte es nicht um Dich verdient.« Fabia war
-ergriffen, dennoch sagte sie: »Du behältst ja Theresen --«
-
-»Ja,« antwortete ihr Schwager, »und ich werde, was auch geschehe, mein
-Wort nicht brechen, welches ich dem Bruder gegeben.«
-
-Die Entschiedenheit eines Mannes verfehlt nie ihrer Wirkung auf die
-Frau, selbst wenn sie verschroben, oder in minderem Grade weiblich wäre.
-Die Erklärung des Schwagers hatte das Eis von Fabiens starrem Sinne
-gebrochen. Sie zerschmolz in Thränen, und sprach: »muß es mich nicht
-schmerzen, daß Du ihr alles gut heißest, selbst das, was mich empört?
-vergeht wohl ein Tag, ohne daß ich über sie seufzen müßte? kommt je ein
-gottesfürchtiger Gedanke in ihre Seele? kannst Du mir den geringsten
-reellen Nutzen nennen, den ihr Daseyn hier hat?«
-
-»Sie giebt Dir Gelegenheit,« antwortete Herr Prälat wie mit düsterm
-Spotte auf die vorwurfsvollen Fragen seiner Schwägerinn, »Dich in einer
-der schönsten christlichen Tugenden zu üben: der Duldung. Gönne ihr die
-Luft dieses abgeschiedenen Aufenthaltes; betrachte sie wie eine Blume,
-die für kurze Zeit zwischen diese Mauern verpflanzt ist, und von der man
-nichts verlangt, als daß sie ihre Stelle einnimmt.«
-
-»Man wird keine Trauben lesen von den Dornen --« entgegnete Fabia
-tiefathmend. »O! diese Blume ist giftig --«
-
-»Nein, gute Fabia! höchstens nur ein wenig betäubend --« sprach der
-Administrator und lächelte zerstreut. »Sey doch nur billig!« fuhr er
-in ernsterem Tone fort, »und überlege, wie verschieden von Dir, Therese
-ihrem Naturell, ihrer früheren Lebensweise nach, denken muß, und
-ungerecht wäre es von Dir, wenn Du deshalb mit ihr rechten wolltest.
-Im Geräusch der Welt erzogen, entbehrt sie hier alle Freuden, an welche
-ihre Jugend gewöhnt war. Sie ist nicht geeignet, sich an irgend eine
-Pflicht zu binden, und unter so precairen Umständen erst gar nicht.
-Dies hat der Himmel wohl gewußt, und so ist ihre Ehe seltsam genug ohne
-Zusammenhang dieses Verhältnisses. -- Ihren kleinen Speculationen stehet
-landwirthschaftliche Industrie entgegen; vor den Maschinen, die den
-öden Raum von Sanct Capella füllen, kommen die Neigungen einer jungen
-lebendigen Frau nicht an das Brett -- und wollte Therese auf Eroberungen
-ausgehen: so sähe sie sich von einem invaliden Kreise umschlossen, der
-in der schläfrigen Ruhe des Klosters von seinen Siegen träumt.«
-
-Fabia antwortete: »o! Therese besiegt auch wachsame Leute -- und übt
-ihre coquetten Künste vor sehenden Augen.«
-
-Ein wundes Lächeln zuckte über das Angesicht Dessen, welcher der
-Gegenstand jener feindseligen Bemerkung war. Er seufzte, legte wie
-unbewußt die Hand auf seine linke Seite, als fühle er dort Schmerz, und
-sprach: »Fabia! laß uns dies Gespräch enden; doch vernimm zuvor meine
-Bitte: mache Theresen Deine Frömmigkeit liebenswürdig! versuche es
-einmal mit freundlicher Güte. Ist nicht Friede mit sich und Andern die
-weiche Blüthe der Religiosität? -- Denkst Du nicht, daß es mich betrübe,
-wenn Jemand gezwungen wäre, Deinen Werth zu verkennen und Deinen Glauben
-dazu, dessen Früchte für ihn zeugen sollen? flöße Theresen, diesem Kinde
-an Vernunft -- sanftmüthigen Geistes, die Milch einer besseren Liebe
-ein, als welche vielleicht die Nahrung ihrer eitlen Wünsche gewesen,
-und stärke sie für das Leben der Seele. Dann stärkst Du auch mich -- und
-wahrlich, Fabia! ich bedarf es. Als ich krank war -- diese Zeit, deren
-ich mich nicht gern erinnern mag, weil mich mein Befinden noch täglich
-daran mahnt -- hat mich Dir auf ewig verpflichtet. Du lauschtest, mir
-alles an den Augen abzusehen, was mich laben könnte -- willst Du, da ich
-kaum -- kaum genesen bin, härter gegen mich seyn? erquicke mich durch
-Eure Verträglichkeit! ich wollte sonst, ich läge im Grabe.«
-
-Diese Worte, in überwallendem Unmuth gesprochen, waren von zureichendem
-Einfluß. Fabia reichte dem brüderlichen Schutzherrn die Hand, und sah
-ihn mit bangen Mienen an. Sie sagte besänftiget: »mißkenne auch Du mich
-nicht, mein lieber Bruder. Es ist wohl schwer, in nächster Gemeinschaft
-auszukommen mit Dem, der das grade Gegentheil von uns ist, wie Therese
-von mir. Was hilft ihr sogenanntes gutes Herz? es ist nur Temperament.
-Sie denkt an nichts Ernstes und Edles; ihre Zeit, dies Capital, was uns
-der Herr der Ewigkeit geliehen, wird in Tand verschwendet. Sie wuchert
-nur mit ihren Reizen. Am häuslichen Heerde brennen ihr die Sohlen. Sie
-fängt -- was ich nun vor den Tod nicht leiden kann -- hundert Arbeiten
-an, ohne eine zu vollenden. Der Fleiß erscheint ihr wie eine Frohne,
-gegen die sie einen Freibrief zu haben meint. Alle Ordnung ist ihr
-lächerliche Pedanterie -- jüngst hat in einer kostbaren Wollestickerei,
-die sie in den Winkel geworfen, die Katze Junge gehabt.« Den
-Administrator wandelte das Lachen an, aber sein Blick grollte in
-Wehmuth, die den Komus dieser Anschuldigung entkräftete. Er hatte,
-während ihm Fabia Theresens Fehler aufzählte, ein paarmal schwer
-geseufzt, über die Unart der Frauen, nachdem ein vernünftiger Mann sie
-überzeugt zu haben glaubt, ihre Beschwerde immer wieder zu erneuen.
-Diese Verdammniß manch häuslicher Hölle ist gleich der Strafe des
-Sisyphus. --
-
-»Und was mir am meisten Kummer verursacht,« fuhr Fabia fort: »ist, daß
-ihr Beispiel endlich dem Kinde, der Josephine, nachtheilig werde, um so
-mehr, da es ihr nicht an verführerischen Gaben fehlt. Josephine spricht
-ihr, wie wenig sie redet, beständig das Wort; das ist schon ein übles
-Zeichen.«
-
-»O Fabia!« sagte ihr Schwager mit innigem Tone: »es ist das Zeichen
-eines heiligen Gemüths, in dessen Reinheit alle Flecken des Nächsten
-verschwinden, einer himmlischen Demuth, die nur an die eigene Fehle
-denkt. Die Unschuld beschützt sich selbst. Und sollte ja durch den nahen
-Umgang Theresens eine schädliche Einwirkung auf Josephine zu befürchten
-seyn: so wird Deine _Strenge_« -- Herr Prälat betonte, was er sagte, und
-es lag ein leiser Vorwurf in seiner Accentuation --: »dieser möglichen
-Gefahr schon zu begegnen wissen.«
-
-Fabia erwiederte hierauf: »man kann nicht strenge genug seyn in Sachen
-des Gewissens, und das Bewahren dieses Mädchens ist eine Gewissenssache
-für mich.«
-
-Der Administrator wollte sprechen, da kam ein Bote, der ihn abrief. Er
-zögerte zu gehen. Noch einmal faßte er ihre Hand, sah ihr freundlich ins
-Gesicht und sprach: »Du bist also wieder gut? wir scheiden als Freunde,
-oder vielmehr wir scheiden nun nicht? Und Therese?«
-
-Fabia lächelte. »Ich werde sie versöhnen --« sagte sie versichernd. Da
-zog er ihre Hand an seine Brust, drückte mit heißen Lippen einen Kuß
-darauf, und enteilte auf den Ruf seiner Pflicht.
-
-»Wie stark sein Herz klopfte!« sagte Fabia leise und ängstlich zu sich
-selbst, und diese Besorgniß galt mehr der fieberhaften Wallung des
-erhitzten Blutes, als der nervösen Störung, welche diesen Umlauf
-beschleunigte. Fabia hatte den zartesten Sinn für den krankhaften
-Zustand ihres Schwagers, und zugleich eine stumpfe Härte in Betreff
-alles dessen, was seiner Seele wohl thun könnte. Das kleinste
-körperliche Uebel regte ihre wohlwollenden Kräfte ihm abzuhelfen auf,
-während sie in kalter Gleichgültigkeit verharrte, wo sein Inneres litt,
-wenn es auch in ihrer Macht gestanden hätte, dieses tiefere Weh zu
-lindern. Sie erschöpfte sich in dienstlicher Beflissenheit, indeß es
-ihr ein Leichtes gewesen wäre, die bittere Quelle zu verstopfen. -- In
-diesem Widerspruch lag all der Egoismus, durch welchen Frauen solcher
-Art die Wirkung einer pietistischen Moral verkümmern, wogegen die Liebe
-in ihren Fehlern sogar -- heilbringend wird.
-
-Es klopfte sacht an die Thüre, und als Frau Fabia: »herein!« gesagt,
-erschien eine ehrwürdige Gestalt, die einzige noch übrig gebliebene
-Nonne von der Gesammtschaft des aufgelös'ten Ordens, welche die
-Vergünstigung nachgesucht und empfangen hatte, in Sanct Capella den Rest
-ihrer Tage beschließen zu dürfen. Das fromme Stillleben der Nonne hatte
-sich wenig geändert, seit jener Catastrophe, welches die Verfassung des
-reich fundirten Klosters stürzte, und in dem Muth, womit sie als eine
-einsame Ruine unter den geweihten Trümmern ihrer Welt begraben zu werden
-wünschte, bewährte sich eine wahrhaft hohe Seele. Schwester Veronica
-verzehrte hier ihre Pension, in wunderlicher Zusammenstellung mit einer
-Anzahl Offiziere, die eben so die Mittel zu ihrer Subsistenz in einem
-Gnadengehalt aus der Staatscasse erhielten. Der Administrator, ein
-guter Cameralist, hatte die glückliche Idee gehabt, einen Theil dieser
-Zuflüsse in die Einkünfte des Stiftes zu leiten, worin die kleineren
-Wohnzimmer und größeren Säle des weitläuftigen Gebäudes für solch
-einen Zweck zu benutzen wären, und seit Herr Prälat mit Genehmigung
-der Behörde dies in öffentlichen Vorschlag gebracht, hatten sich zwölf
-ausgediente Krieger gefunden, welche alle unter einander bekannt, dies
-Anerbieten mit Freuden ergriffen, und den politischen Streit weltlicher
-Interessen gegen die friedliche Geselligkeit eines Invalidenhauses
-aufgaben, das ihnen kaum reizender gelegen seyn konnte. So mischte sich
-denn das Geräusch manch welken Lorbeers mit den stillen Schatten der
-klösterlichen Palme von Sanct Capella. -- Dieser militairische Club
-bestand nun neben dem Familienleben des Administrators, neben der
-Clausur der geistlichen Jungfrau, ohne daß diese verschiedenartigen
-Verhältnisse durchaus umgänglich geworden wären. Zwar hatte der junge
-Prälat unter den alten Offizieren Einige, die seine Achtung von den
-Uebrigen sonderte, auch einen Freund --; aber diese Auszeichnung that
-weder dem guten Vernehmen mit Allen, noch der Zurückhaltung Eintrag,
-die er im Ganzen beobachtete. Auch war sein Wirkungskreis sehr groß und
-forderte all seine Zeit, und für die wenigen Stunden der Muße, welche
-ihm vergönnt waren, sprach das Bedürfniß mächtig in ihm an, sich
-wissenschaftlich zu beschäftigen. Und mitten unter diesem invaliden
-Ruhestande, der doch zuweilen, alter Gewohnheit nach, ein lärmender
-Aufstand wurde, wenn auch der renommirende Säbel in friedsamer
-Scheide stack -- mitten unter der rastlosen Geschäftslosigkeit des
-Administrators und seiner Leute -- war die Wohnung der Schwester
-Veronica, gleich einer Einsiedelei zu betrachten, worin sie, wie die
-Schutzheilige des Hauses, Segen durch ihre fromme, lautlose Gegenwart
-verbreitete. Sie hatte sich den Schwägerinnen des Herrn Prälaten
-herzlich befreundet, wie dem Stiftsverweser selbst, Josephine war ihr
-Liebling -- dennoch geschah es nur selten, daß ihr Besuch in dem Flügel
-gesehen wurde, den der Administrator mit den Seinen bewohnte. Doch so
-oft Jemand in dieser Familie krank war, ob am Leibe, oder an der Seele
--- und es war, als ob die Nonne es durch Inspiration erführe, wo ihr
-Rath, ihr Trost nöthig sey -- kam sie ungerufen, und man war daran
-gewöhnt, das milde Gefühl der Theilnahme an ihr Erscheinen zu knüpfen.
-Dazu trug selbst ihr _Aeußeres_ bei. Schwester Veronica hatte mit
-Ergebung die ihr liebgewordene Tracht der Ordensregel aufgegeben; aber
-ihr einfacher Anzug näherte sich derselben so sehr als möglich. Ein
-Schleier der Weltentsagung wallte unsichtbar nieder an dieser Gestalt,
-welche, trotz der Bürde von siebenzig Jahren und mancher beugenden
-Erfahrung, sich vollkommen aufrecht erhalten hatte. Ihre Stimme tönte
-rein und sanft, wie in leisen Nachklängen der Hora -- und in dem
-Tiefblick ihrer Augen glomm noch ein schwacher schwärmerischer
-Funken jener ewigen Lampe, womit sie einst in nächtlicher Stunde dem
-himmlischen Bräutigam entgegen gegangen war. Lichtvolle Klarheit war
-über die Züge der Nonne ausgegossen, wie wenn blasser Mondschein
-einen stillen Abend erhellt. Und wie die Zeit dieses langen Lebens in
-gleichförmiger Ruhe vergangen war: so hatte sie auch nur unmerkliche
-Spuren nachgelassen. Zwei Reihen wohlerhaltener Zähne stützten wie
-eine elfenbeinerne Doppelmauer den Mund, dem nie ein liebloses Wort
-entschlüpfte, und der noch eines heitern Lächelns fähig war, gegen den
-Einfall des Alters. Wenn Schwester Veronica mit sachtgewöhntem Fuß durch
-die wüsten Gänge schlich, und ein bestiefelter Schritt ihr dröhnend
-begegnete: dann salutirte der Offizier in kirchlicher Ehrerbietung, und
-wechselte gewiß ein paar Worte, welche die Nonne immer freundselig, ja
-oftmals scherzend erwiederte.
-
-Wir wenden uns nun wieder zu dem Eintritt der Nonne. »Guten Morgen, Frau
-Fabia!« sagte die Conventualinn, und es bleibt zu errathen, ob sie die
-trauliche Benennung des Vornamens in klösterlicher Sitte beibehalten,
-oder als Vorrecht der Freundschaft für die beiden jüngeren Frauen
-angenommen hatte. -- Ueber Fabiens verdüsterte Züge flog ein
-bewillkommendes Lächeln. Sie nahm den guten Geist mit Freuden auf;
-nur der Blick, der noch naß glänzte, ward dem Gruße vorenthalten, daß
-Schwester Veronica die thränengeschwollenen Augen nicht sähe.
-
-»Ein goldener Tag!« sagte die Nonne, und ihre feine Wange brannte wie
-glimmende Kohlen, »die Sonne scheint so schön und blaß wie eine Braut.
-Man fühlt sein Herz ordentlich erwärmt. Doch -- sehe ich recht?
-warum denn so betrübt, Frau Fabia? ich will nicht fürchten, daß ein
-Unglück -- --.«
-
-Bei diesen antheilvollen Worten schüttelte Fabia leise mit dem Kopfe.
-Sie antwortete mit wehmuthzitternden Lippen: »es giebt zuweilen etwas;
-kein Himmel ist so hell, daß er nicht einmal weinte -- und den Himmel
-auf Erden -- glauben Sie es mir, Schwester Veronica! den habe ich grade
-nicht.«
-
-»Wer hätte den!« erwiederte die Nonne mit aufwärts gehobenem Blicke,
-der in die Tiefe menschlicher Erfahrungen schauen ließ. »Wir können nur
-darnach ringen. Und diese Kraft kommt auch von Gott. Thränen fallen wie
-Thau in der Nacht: sie erfrischen. Der Kummer, auch der längste, gehet
-endlich vorüber -- Ich kenne nur ein Elend, welches bis in Ewigkeit
-dauert, und das ist der Unfriede.«
-
-Fabia nickte; erschauernd wie im Frösteln eines verweinten Gefühls und
-dieser Vorstellung sprach sie: »warum sollte ich es Ihnen nicht sagen?
-ich hatte mich mit Theresen verzürnt, der Bruder ward in den Streit
-gezogen, er war wie gewöhnlich auf ihrer Seite. Das kränkte mich. Wer
-ist's, der für ihn sorgt? ihn pflegt und sein Bestes wahrnimmt? --
-Therese nimmt keine Notiz von diesen Pflichten einer rechtschaffenen
-Schwägerinn und ihn nur durch flatterhaften Leichtsinn für sich ein. Ich
-wollte fort -- man säet ja doch nur auf den Wind.«
-
-»Der Dank, Frau Fabia,« entgegnete die Nonne, »ist eine Ernte, die
-man unbewußt ausstreut, ein Lohn, auf den man nie rechnen darf, eine
-überraschende Freude, wie eine Blume auf dem Felsen: denn sie wurzelt
-nur in starken Herzen. Der wackere Administrator scheint mir jedoch sehr
-wohl zu erkennen, was er an Ihnen hat, wenn er sich auch der jungen
-Frau seines Bruders gleichfalls zuneigt. Bin ich doch selbst der lieben
-Therese herzlich gut. Ach! ich betrachte sie nie ohne Mitleid.«
-
-»_Mitleid?_« fragte Frau Fabia mehr mit einem Anfluge von Kälte, als der
-Verwunderung: »und worin wäre Therese zu bedauern?«
-
-»Solch glücklichem Leichtsinn,« versetzte die Nonne mit weicher Stimme,
-»ist häufig ein schweres Schicksal zu tragen beschieden. Sie thut mir
-leid, die holde, hübsche Frau! es ist keine böse Ader in ihr, wenn auch
-die Pulse hüpfen.«
-
-Fabia schwieg, und Schwester Veronica, als ob sie mit sich selbst
-redete, fuhr fort: »es ist seltsam, Jeder wünscht sich etwas Anderes,
-als was er besitzt, tadelt nebenher fremde Eigenthümlichkeit: und wir
-Alle haben, was wir brauchen. Ausgerüstet für unsere Bestimmung, treten
-wir in den Kampf der Welt, und an dem Keime unserer Neigungen und wie
-sich diese entwickeln: daran wäre die Frucht unseres Lebens, ach, die
-bittere oft! zu erkennen, wenn wir fleißiger nach Innen blickten. Die
-beschauliche Stille des Klosters führt auf solche Betrachtungen.«
-
-»Der Klosterzwang hatte auch sein Gutes,« sagte Fabia mit einem Seufzer
-über die Willkür, unter der sie zu leiden wähnte, »und was man immer
-davon sagen mag, bis auf einen gewissen Punkt hält er doch zusammen. Wo
-aber die Meinungen so durchaus verschieden sind in Sachen der Seele und
-Seligkeit, auf der Höhe der wahre Gott angebetet wird, unten aber dem
-Baal geopfert --« Fabia stockte und sprach nicht vollends aus.
-
-_Wie_ lächelte die Nonne bei dieser Rede! Sie antwortete mit verhaltenem
-Tone: »unser Kloster ist nicht mehr -- sein Altar steht nur noch in
-meinem Herzen; dennoch Frau Fabia, wenn ich der Wahrheit die Ehre geben
-will: so muß ich bekennen, der Friede ward hier nicht gefunden, sondern
-nur gesucht, und höchstens _gelernt_. Wir Alle müssen Geduld mit
-einander haben. Und wie von den tausendmal tausend Ehen, die auf Erden
-geschlossen werden, jedes Mägdlein sich den Verlobten aus eigener Liebe
-oder besondern Gründen nimmt: so ist auch der Herr jedweder Seele, die
-sich ihm weihet, ein Anderer. Der Schleier hüllt nicht immer das Heil
-derselben ein -- viel öfterer ein Herz voll Wunden -- und die einsame
-Zelle verbirgt zuweilen einen Stachel, der sich selbst zu Tode trifft.
-Wenn die Menschen große Prüfungen herbei ziehen wollen: so dürfen sie
-nur Zank und Zwistigkeit über ein Geringes erheben. Manchmal dachte ich:
-es muß ein Unglück kommen, und es kam. Da fühlten wir das Band unserer
-Verbindung, und der Riß ging durch das Leben.«
-
-Während Schwester Veronica also sprach, hatte Frau Fabia sich mit der
-nun fertigen Guirlande, die sie wie ein Feston schwebend trug, dem Bilde
-Martin Luthers genähert, um diesen Schmuck daran zu befestigen. Das
-Blumengewinde, von seiner eigenen Wucht niedergezogen, glitt abwärts,
-ehe Fabia es dem Rahmen anpassen konnte, und die Nonne daneben leistete
-ihr mit freundlicher Toleranz Beistand, den Mönch von Wittenberg
-zu bekränzen. Diese Huldigung ward von Seiten Fabiens emsig, doch
-schweigend dargebracht. Auch Schwester Veronica verstummte, und richtete
-den Blick starr auf das Portrait, welches einer andern Erinnerung
-aufhalf, als der, die sie großmüthig zu vergessen schien.
-
-»Warum ich eigentlich gekommen bin --« sagte sie mit einem gastlichen
-Geheimniß in der Miene: »man geräth ins Plaudern und ein altes
-Gedächtniß wird schwach. Sie haben mir versprochen, mich zu besuchen,
-Frau Fabia, mit Josephine -- und Theresen! So lade ich Sie hiermit ein,
-auf eine Schale Thee, um fünf Uhr, wenn Sie so gütig seyn wollen. Ich
-bin am Feuer gewesen, Sie sehen es mir noch an. Meine lieben Gäste,
-auf die ich hoffe, zu bewirthen, habe ich Olyppen gerollt und mürbe
-Schneetörtchen ausgesetzt, mit Kirschmuß gefüllt, weil ich weiß, Sie
-mögen dies Gebäck gern.«
-
-»Kirschmuß?« fragte Fabia zerstreut doch dankbar, und der schwarze Groll
-in ihrem Herzen war unterdessen in Süßigkeit zergangen. Der Gedanke
-rührte sie, die Nonne wolle ihr, ob auch verschwiegenermaßen, doch nach
-echtcatholischer Weise, den Namenstag des Reformators feiern -- eine
-Selbstverleugnung, der die lutherische Fabia schwerlich fähig gewesen
-wäre. Sie antwortete demnach: »Ihre Güte beschämt mich, Schwester
-Veronica; ich nehme, was mich betrifft, die Einladung mit Vergnügen an,
-doch würde ich auch zu jeder andern Zeit -- -- --.«
-
-»Nein,« erwiederte die Nonne sanft beharrend: »warum also nicht heute?
-Sanct Martin will auch sein Recht haben. Es hat große Männer dieses
-Namens gegeben. Papst Martin der Fünfte ritt ein weißes Roß -- daher
-vielleicht das volksthümliche Sprüchwort: Sanct Martin kommt auf dem
-Schimmel; was so viel sagen will, als: daß oftmals zu Martin der erste
-Schnee fällt. Von meiner Kindheit her war dieser Tag mir immer eine
-kleine winterliche Vorfeier des heiligen Abends; ich jauchzte, wenn die
-ersten Flocken die stille Luft einschleierten; dann ward es mir so traut
-und heimlich düster im Zimmer, ich schmiegte mich in meinen Winkel,
-spielte Kloster und betete das Christkind an, vor dem ein Paar kleine
-Lichter brannten. Die Mutter schenkte mir deshalb stets den angemalten
-Wachsstock voraus.«
-
-Bei dieser Rückerinnerung lächelte die alte Nonne fast kindlich. Sie
-glich in diesem Augenblicke einem Wachsbilde.
-
-Frau Fabia aber fragte nachdenklich: »war jener Papst, dessen sie
-erwähnen, mit dem heiligen Martin, den Ihre Kirche verehrt, Eine
-Person?«
-
-Schwester Veronica verneinte es und sprach: »der sogenannte heilige
-Martin war ein Muster aller Tugend, ob zwar ein geborner Heide. Er
-schenkte einst einem Armen, der ihm in erbarmungswürdiger Blöße unter
-den Thoren von Amiens begegnete, die Hälfte seines eigenen dürftigen
-Kleides. In der folgenden Nacht erschien ihm der Heiland, und der
-göttliche Leib war bedeckt mit diesem halben Gewande. Doch dieses dünne
-düstere Grau hing in den schönsten Farben zusammen geflossen über der
-Schulter des Gekreuzigten, wie ein Regenbogen am Himmel; Glanz erfüllte
-das Gemach --« die Augen der Nonne schimmerten.
-
-»Der mildthätige Mann,« entgegnete Frau Fabia, »wird an die Worte der
-Verheißung gedacht haben: was dem Geringsten meiner Brüder geschieht,
-soll mir gethan seyn.«
-
-»Noch war er nicht getauft; aber es geschah alsbald,« antwortete die
-Conventualinn, welche ihren frommen Wunderglauben durch diese biblische
-Erklärung angegriffen sah. Der Gedanke an den Unterschied ihrer
-religiösen Meinungen drängte sich in die Lücke des Gesprächs, dann fügte
-Schwester Veronica hinzu: »auch Martin von Amboise war ein berühmter
-Mann --.«
-
-Frau Fabia erstaunte nicht wenig, diesen Namen, der in den tiefsten
-Saiten ihres Herzens Anklang fand, aus diesem Munde zu hören.
-
-Die Nonne war im Begriff zu gehen, vielleicht fürchtete sie auch nur
-abzuhalten. Personen, welche die meiste Zeit haben, machen in der Regel
-die kürzesten Besuche und sind überall eilfertig. »Um fünf Uhr, Frau
-Fabia, ich bitte!« sagte sie, bereits an der Schwelle, »und Therese?«
-
-Mit dieser Frage schien sich heute jede Unterredung für Fabia zu
-schließen. Sie sprach: »ich werde ihr die Einladung mittheilen und
-meinen Wunsch, daß wir als gute Freunde zu Ihnen kommen.«
-
-Schwester Veronica lächelte friedselig zu diesem Versprechen. Sie nickte
-noch einmal und verschwand.
-
-Während dieser Unterhaltung war der Administrator, sobald das Geschäft
-welches seine Gegenwart erfordert fordert hatte, beseitiget worden, mit
-starken Schritten allein in seinem Zimmer auf und nieder gegangen. Da
-trat Major Feldmeister bei ihm ein, Einer der pensionirten Offiziere,
-ein Hausgenosse des Stiftsverwesers, und diesem der liebste. Nicht der
-Krieg hatte den wackern Ingenieur zum Invaliden gemacht, oder die höhern
-Jahre, in denen er stand; er war bei einer Uebung der Artillerie gelähmt
-worden.
-
-»=Bon jour=, Freundchen! störe ich?« rief der alte Feldmeister, indem
-er sich langsam durch die Thür schob; dicht neben ihm drängte sich sein
-großer Pudel von infernalischer Schwärze, heran: gleichsam der Dritte in
-diesem Bunde.
-
-Der Administrator begrüßte den Besuch wie einen gern gesehenen,
-und streichelte den Faust, so hieß der Hund -- der Täufling eines
-Kraftgenies, das weder an Göthe noch Klingemann, oder irgend einer
-Klinge Anstand genommen hätte, den Schwarzkünstler in seiner Art, also
-zu benennen. »Schön, aber verteufelt kalt heute!« bemerkte der Major,
-und glitt ein wenig wankend und mit einem Zuge von Schmerz um den
-eingekniffenen Mund in einen nahen Sessel.
-
-»Ich wollte nur --« sagte er tiefathmend, »ich hatte mit Ihnen zu
-sprechen, ehe ich am Ende sitzen bleibe im Winterquartier: denn seit
-gestern, wo ich, wie Sie wissen, noch in Leidthal war, verspüre
-ich Gichter im Knöchel.« Der Pudel entzog sich der Liebkosung des
-Administrators, und lagerte sich zu den Füßen seines Herrn, den zottigen
-Umhang des Ohres an die kranke Stelle geschmiegt, als wolle er das
-leiseste Necken heraus hören, und mit einem drohenden Blicke höllischer
-Melancholie in den röthlichumzogenen Augen knurrte er vor sich hin, als
-wolle er dem Weh, welches der Major männlich verbiß, rathen, nicht
-allzu nahe zu kommen: denn ein Funken himmlischer Treue belebte diese
-hündische Seele.
-
-»Es wird hoffentlich nur ein wenig Rheuma seyn,« erwiederte der
-Administrator tröstend auf jene Klage, »ein gelinder Schweiß hilft es
-heben,« dabei trocknete er sich die Stirne, und verbarg eine verstörte
-Miene in dem feinen Tuche.
-
-»Wie es scheint, Freundchen,« sagte der Major und lächelte: »sind Sie
-selbst in Transpiration -- oder in Angst? das verhüte Gott!«
-
-»Die Weiber haben mir den Kopf warm gemacht« -- sprach Jener heftig: »es
-kostet Kampf, mit ihnen fertig zu werden.« Bei diesen Worten rückte er
-ein Kästchen mit Cigarren dem Gast zur Hand, und drehete den Hahn an der
-Maschine von Wasserstoffgas wie mit zürnender Vollkraft, daß der Strahl
-erschrocken heraus sprang. Es geschah dies mit unbewußtem Nachdruck
-des Gedankens, er sehe sich genöthiget, ihnen den Daumen aufs Auge zu
-drücken.
-
-»Glaub's gern,« antwortete der Major gleichmüthig, und schickte sich
-ohne Umstände zum Rauchen an. »Man hat mit Einer zu thun. Sie stecken
-mir da wahrhaftig in jedem Sinne ein Licht auf. Oft schon habe ich
-gedacht, wie Sie nur Friede erhalten mögen unter den Frauen? Feuer und
-Wasser sind nicht so verschieden wie diese Beiden, und Josephine« --
-der Blick des Majors streifte den gläsernen Globen -- »ist ein Kind des
-Lichts, eine Tochter der Lust, so zu sagen: denn man weiß nicht, woher?
-von wannen? genug, die Kleine ist Gott Vaters Ebenbild -- und die Frau
-Schwägerinn eine wackere Stiefmutter.«
-
-Herr Prälat schien das Letztgesagte nicht vernommen zu haben. Er starrte
-vor sich hin, als dächte er diesem zweideutigen Lobe nach. Der Major
-fuhr fort: »wenn es denn irrdischen Eigenschaften nachgeht: so muß
-Frau Fabia einst Schaffnerinn im Himmel werden. Sie ist eine treffliche
-Wirthinn, das muß wahr seyn. Und diese Ordnung, diese Stille --
-aber Freundchen, der Mensch lebt nicht von Brod allein. Wenn Sie nun
-heirathen? wird eine Frau sich dies Regime gefallen lassen? und eine so
-hübsche Mitregentinn wie Therese dazu? schwerlich. Sie dächte wohl,
-Jene führte den Scepter im _Hause_, Diese trüge die Reichs-Insignien
-im _Herzen_ des Mannes, und so wäre sie nur gleichsam eine
-Schattenköniginn.«
-
-»Es wird nicht geschehen,« versetzte der Administrator halblaut,
-ohne sich deutlicher zu erklären, ob er das Heirathen, oder diese
-Vertragsamkeit meine.
-
-»Es taugt nicht,« fuhr, nun im Zuge, der alte Feldmeister fort: »sich
-vor der Zeit mit Familien-Verhältnissen zu befassen. Frei muß der Mann
-seyn, ehe er freit! eine ganze Sippschaft Vettern und Basen rückt
-ihm mit dem Hochzeittage auf den Hals. Meine selige Frau hatte keine
-Geschwister, und kaum war ich ein Jahr mit ihr verheirathet: so däuchte
-es mir, ich hätte das leibliche Kind der Mutter Eva zum Weibe genommen:
-denn das Menschengeschlecht kam, und wollte mit mir verwandt seyn.«
-
-»Mein Schicksal ist ein Schlangenknoten, schon um meine Wiege
-geschürzt,« entgegnete der Administrator düster: »und wenn ich den Lauf
-meines Lebens überdenke: so scheint es mir, ich sey bestimmt, unter
-falschen Maximen zu leiden. Urtheilen Sie selbst!«
-
-Herr Prälat war in einer jener Stimmungen, welche dem nächsten Zufall
-den Schlüssel giebt, auch ein verschlossenes Herz zu öffnen. Zumal war
-dies Herz gepresst wie noch nie; er kannte den Major als einen wackern
-Mann, und so genügte er dem Bedürfniß des Vertrauens. Indem er eine
-Tabackpfeife ergriff und lächelnd den Kopf des Mustapha, genannt der
-Fahnenträger, betrachtete, sagte er: »kein Unterschied des Glaubens,
-kein religiöses Vorurtheil, und was aus dieser oder jener Gattung für
-das Leben hervorgeht, ist mir fremd geblieben, den Islam ausgenommen --«
-hier knurrte Faust, und schnappte wie nach dem Schall dieses Wortes.
-
-Der Administrator setzte sich dicht an die Seite des Majors und sprach:
-»Mein Vater soll ein Freigeist gewesen seyn -- ich will es nicht
-bezweifeln: denn der Gott in meiner Brust war kein kindliches Erbe,
-sondern der Segen der Natur. Ziemlich jung noch hatte er eine Wittwe
-geheirathet, die bedeutend älter war.«
-
-»Taugt nicht, Freundchen,« schaltete der Major ein, und Jener fuhr fort:
-»diesmal taugte es wirklich nicht, obwohl ich sonst schon gesehen habe,
-daß dessenungeachtet das Glück einer Verbindung bestehen kann. Ein
-wesentliches Mißverhältniß entgegengesetzter Art machte diese Ehe
-unglücklich. Die Frau war coquett und lebenslustig für ihre Jahre,
-mein Vater weltsatt und ungesellig für die seinigen. So gab es
-keinen Einklang zwischen ihren Meinungen, und endlich nur den
-einer Scheidestunde. Sie trennten ein Band gesetzlich, was bereits
-unauflöslich war: denn meines Vaters Frau sollte nach längerer Zeit
-ihrer Verheirathung jetzt Mutter werden. Der Verdacht der Untreue, der
-meinen Vater bestimmte, sich unter diesen Umständen von seiner Gattinn
-loszusagen, muß durch dringende Beweismittel unterstützt worden seyn:
-denn er ward von Seiten der Behörden nicht verpflichtet, sich ihrer
-weiter anzunehmen, oder für das Kind zu sorgen. In öder Vereinzelung
-ging ihm nun ein langer Zeitraum hin. Er war ein ältlicher Mann
-geworden, da kam ihm der Gedanke, sich wieder zu verehlichen, und er
-wählte ein blutjunges Mädchen, meine liebe Mutter.«
-
-Der Administrator hielt inne und seufzte tief.
-
-»Taugt wieder nichts,« brummte der Major sich in den Bart: »hätte ihn
-nicht nehmen sollen, die arme Kleine.«
-
-»Mein Vater war wohlhabend -- und meine Mutter eine abhängige Waise,«
-versetzte ihr Sohn mit gebundenem Athem: »Gott trat in's Mittel -- meine
-Geburt gab ihr den Tod.«
-
-»Armer Freund!« sagte der Major weich: »so haben Sie das Treueste auf
-Erden nicht gekannt.«
-
-Der Administrator schwieg einen langen Moment und fuhr dann fort: »mit
-einer wahren Todesverachtung wiederholter Trennungen heirathete mein
-Vater alsbald zum drittenmal. Ich war als ein schwächliches Kind, was
-mühsam behandelt werden mußte, zu der Schwester meines Vaters gekommen,
-der Frau eines Predigers auf dem Lande. Einst ward ich aus einem
-harmlosen Spiel empor gerissen, es hieß: der alte Schreiber meines
-Vaters wäre da, mich zu holen; mein Vater läge im Sterben, und wolle
-mich noch _einmal_ sehen. Lieber Gott! er hatte mich noch _niemals_
-gesehen, seit ich denken konnte. Man kleidete mich an, ein ärmlicher
-Flechtenwagen hielt vor der Pfarre; ich ward hinein geworfen. Die
-verschrumpfte Gestalt des Schreibers saß neben mir, oder lag vielmehr
-wie eine faule Birne auf dem Stroh. Er schlief den ganzen Weg, ich
-wachte mit regen Sinnen, Bäume und Berge flogen an mir vorüber -- die
-Reise war mir wie ein wüster Traum. -- Die Scene meines Empfangs schwebt
-auf jede Weise dunkel vor meinem Gedächtniß. Das Krankenzimmer öffnete
-sich mir. Eine spanische Wand verbarg das Bett, worin der Vater lag, und
-dem Sterbenden einen bittern Anblick. Eine hochbusige Frau probirte eine
-schwarze Florhaube vor dem Spiegel, der dieses eitle Bild der Trauer
-verdoppelte. Ein schöner etwa dreijähriger Knabe saß auf dem Boden und
-stieß, als ich eintrat, in eine kleine Trompete von Blech, als wolle
-er der Herold meiner Ankunft werden, und als fände nicht die geringste
-Berücksichtigung Statt, welche die Achtung der Stille erheischte. Welche
-Macht über die Erinnerung üben Kleinigkeiten aus! glauben Sie es wohl,
-Major? vor jenem gellenden, schrillenden Hall sinken, wie einst zu
-Jericho -- noch heut die Mauern meiner Seele ein, und ein Gedanke dieses
-Augenblicks voll Grauen, voll Schmerz, durchdringt mich.«
-
-Der Major nickte zweimal, als kenne er das und Aehnliches.
-
-»Ich trat verdutzt« erzählte Herr Prälat weiter: »an das Lager meines
-Vaters, mit einer dumpfen Empfindung von Mitleid, Angst und Ehrfurcht,
-nicht unähnlich der, womit man sich zum erstenmal dem sogenannten
-heiligen Grabe nähert. Er lag wie ein =Ecce homo= darin. Seine Augen
-waren umflort, und ruhten schon in der tiefen Höhle des Todes, seine
-Glieder ohne Leben wie von bleichem Holz. Er reichte mir mit letzter
-Anstrengung die feuchte schwere Hand. Am andern Morgen sagte man, mein
-Vater wäre gestorben. Es war ein großes Begräbniß, ich ging unbetrübt
-hinter seinem Sarge, kindlich stolz, das erstemal öffentlich
-aufzuziehen. Meine Verwandten waren auch gekommen; des andern Tages war
-ein großer Zank; ich erinnre mich, daß meine Tante ein niederschlagendes
-Pulver nahm. Sie war eine robuste Frau und stets gesund, nie kam
-ein Arzt über die Schwelle des Pfarrhauses: so gab dies unschuldige
-Präservativ mir den Begriff einer ungeheuern Alteration. Mein Oheim
-besaß mit seiner Pfarrstelle eine Widmut, auf der ich mir die ersten
-Kenntnisse der Oekonomie spielend erworben habe. Meine Tante war mit
-Leib und Seele Landwirthinn; das liebe Vieh gehörte gleichsam zu unserer
-Familie. Sie hatte ein eigenes Idiom, sich jedem Geschlecht ihrer
-Hofhaltung verständlich zu machen. Es heißt gewiß ihrer Sorgfalt für
-mich den größten Ruhm beilegen, wenn ich sage: sie habe mich mit diesen
-Pfleglingen in eine Cathegorie gestellt. Das ist deine Amme gewesen,
-Cölestin! sagte sie und deutete auf eine schwarz und weiß gefleckte Kuh,
-die vergessend ihrer Segnung, an mir vorüber schwenkte. Ein ägyptischer
-Schauer rieselte dann durch meine junge Seele; die Tante, obgleich sie
-eine wackere Christinn war, hätte es, glaube ich, gutgeheißen, wenn man
-den Sultan Wampum der Heerde auf Knieen verehrt hätte. Standen wir an
-lauen Sommerabenden am Wasser, und eine Henne lief mit dem Glucken der
-Angst vor Gefahr am Ufer hin und her, weil die zarten Entlein, die sie
-ausgebrütet, ihre ersten Schwimmversuche machten -- so sagte die Tante:
-das ist eine bessere Stiefmutter als Deine, armer Junge! -- Dann ward
-mir so sonderbar weh zu Muthe, und ich wünschte mich hinab in den
-dunkeln Teich, wo er am tiefsten ist. Mit welcher Empfindung belauschte
-ich, ein Knabe noch! die geheimnißvolle Zärtlichkeit in einem
-Schwalbenneste! das Zwitschern des mütterlichen Vogels war mir wie der
-magische Laut einer Welt, aus der ich verstoßen wäre; das geringste
-Geschöpf schien mir neidenswerth, welches mir Kunde geben könnte von
-jener Heimath, nach der ich mich sehnte, ohne sie zu kennen. Das Gefühl
-_schützender Liebe, wie die Natur sie lehrt_, wurde zu einer Grundidee
-in mir, zu einem Princip, welches später meine Handlungen leitete.«
-
-»Armer Freund!« sagte der Major abermals mit Blicken voll rauhen
-Mitleids, und ein leiser Ingrimm zuckte in seinen Mundwinkeln, als er
-eine neue Cigarre abknirschte, »so hatte die Tante kein Herz für Sie?«
-
-»Ein Herz wohl,« antwortete Jener, »aber nur für meinen Leib, nicht für
-meine Seele. Der äußere Bedarf galt ihr alles, wie das häufig bei Frauen
-dieser Art der Fall ist. Sie hatte eigene Kinder gehabt; vielleicht war
-die Stelle dieses Verlustes zu lange schon vernarbt -- und Narben werden
-Härten.«
-
-»Nun, und der Oheim?« fragte der Major theilnehmend weiter.
-
-»Mein Oheim,« erwiederte der Administrator mit sinnendem Auge, »war ein
-liebenswürdiger Greis von einer wahrhaft patriarchalischen Einfalt der
-Sitten. Seltsam! wie ein so schlichter charakterfester Mann sich in die
-künstlichen Folgerungen eines Systems verwickeln können, so daß er mit
-sich selbst im Kampfe lag. Er war ein geheimer Anhänger Mesmers, und
-ging im Forschen der wunderreichen Kräfte, welche dieser Producent
-zum Wohl der Menschheit darthat, weit genug, um bis an die Quellen der
-christlichen Offenbarung zu dringen. So hielt er den Messias für einen
-außerordentlichen Magnetiseur, den Tod am Kreuze für Somnambulismus, die
-Jünger für Hülfsärzte pro Secundo -- und jede That des Heils für eine
-Wirkung dieser mysteriösen Kraft. -- Wohin verirrt sich oftmals ein
-reger, nicht genugsam beschäftigter Geist! Das Consistorium mogte
-schwerlich eine Ahnung davon haben: denn mein Oheim galt für ein Muster
-lutherischer Seelsorge und des unverfälschten Glaubens. Doch um die
-Göttlichkeit seiner Lehre war es gethan. Der Schmerz des Wissens, der
-Durst nach Wahrheit gab seinen Vorträgen eine Inbrunst, die sich
-seinen Zuhörern mittheilte. Das Zutrauen, dessen er genoß, grenzte an
-Wundergläubigkeit und erstreckte sich weit über die Feldmarken seiner
-Diöcese hinaus. Er ward verfolgt vom Neide seiner Amtsbrüder. Nach
-seinem Tode fanden wir ganze Bündel Schmähschriften der benachbarten
-Geistlichen an ihn, die er mit ordnender Ruhe unter Rubriken der
-Gehässigkeit gebracht hatte. Ein kleiner Auftritt ist mir eingedenk
-geblieben. Eines Sonntags nach dem Gottesdienst kam eine Fischersfrau,
-die zwei Meilen von unserm Dorfe am Ufer des Flusses wohnte, weinend zu
-meiner Tante. Der Mann wartete draußen. Diese Leute scheueten den langen
-Weg nicht, um eine Predigt in der hiesigen Kirche zu hören, wo sie
-ermüdet oftmals nur mit knapper Noth ein Plätzchen zum Sitzen fanden.
-So wären sie auch, erzählte die Frau, seit geraumer Zeit hierher zur
-Communion gegangen, und mein Oheim hätte die fremden Gäste am Tische
-des Herrn geduldet. Nun aber habe der Pastor des Ortes, wohin das Ufer
-eingepfarrt sey, sie kommen lassen, mit Vorwürfen empfangen, und hart
-bedroht, daß sie ihm den Beichtgroschen entzögen. Er wolle eine grobe
-Epistel an meinen Oheim schreiben und sich dies in Zukunft verbitten.
-Was sagen Sie zu diesem Hirtenbriefe? jener Geistliche war ein communer
-Neidhammel. Die Fischerinn schluchzte und sagte: nun habe der Herr
-Pastor, (mein Oheim nämlich) sie heute freundlich ermahnt, ihm fürder
-keinen Verdruß zu machen; dann setzte sie entschlossen hinzu: ehe ich
-aber das heilige Abendmahl wo anders halte, so lasse ich es ganz und
-gar, es muß ja nicht seyn.«
-
-»Blitz! da schlage doch das Wetter drein!« rief der Major mit
-Indignation: ȟber die Pfaffen! die lutherischen auch -- es ist all
-Eins. Einer armen Seele den Trost Gottes vorzuenthalten, weil sie ihn,
-wie billig, nicht aus einer schnöden habsüchtigen Hand empfangen will!
--- Da wird ja der protestantische Altar zu einer Tetzelsbude, einer
-Kleinkrämerei von Nichtswürdigkeiten. Unter uns gesagt, Freundchen!
-ich kann die Schwarzröcke nicht leiden. Der Teufel hole den geistlichen
-Hochmuth!«
-
-Der Administrator lächelte still. Er sah ein stummes Weilchen mit
-seitwärts gesenktem Kopfe auf den Turban des Muselmannes nieder, der
-umwunden von dem Dampfe seiner Pfeife nur bläulich schillerte, wie eine
-gestorbene Perle. Dann fuhr er in seiner Erzählung fort: »solchergestalt
-ward mir die Theologie verleidet, die ich nach dem Wunsche meiner
-Verwandten studiren sollte. Es mischte sich mir ein fixer Gedanke von
-Haß, Hader und ekler Widersacherei in diesen Stand des Friedens. Die
-Widmut theilte anderer Seits mein Interesse für den geistlichen Beruf,
-und schadete demselben in gleichem Grade, worin sie nützte. Wo blühet
-auf solchem Mistbeet die Lilie des ungefärbten Glaubens? die Rose zu
-Saron stehet nur im tiefen Thale des Gemüths, einsam und heilig.
-Den Haushalter über die Geheimnisse Gottes dachte sich meine
-scheue Hochachtung abgesondert in Gedankenstille von der gemeinen
-Menschenclasse und ihrem niedrigen Bedarf. -- Meine Meinung entschied
-sich für den Landbau. Die Gleichnisse und Parabeln der Schrift, in deren
-Worten ich von frühester Kindheit an geathmet, waren wie ein Element
-religiöser Poesie für jene natürliche Beschäftigung geworden. Die Bilder
-vom Sämann, vom Waizenkorn, das in die Erde gelegt wird -- von der
-Ernte, den Garben und Schnittern, vom guten Hirten, der das verlorene
-Schäflein unablässig sucht: faßte ich im Geiste der Natur. Diese fromme
-Weihe, wenn ich so sagen dürfte -- mein christliches Gedächtniß bewahrte
-mich vor jener Rohheit, die man oft bei dem Betrieb der Oekonomie
-findet, und welche ein wilder Sproß unveredelter Kraft ist. -- Ein
-blöder Schüler der Welt, kannte ich nichts Süßeres, als frei wie der
-Vogel in blauer Luft nach meiner Weise zu leben. -- Mein Oheim starb --
-und mit diesen zwei Augen schloß sich der erste Act meiner Jugend.«
-
-»Es ist mir lieb, daß sich das Blatt nun wenden wird, wie?« sagte der
-Major mit voraussetzender Frage und rauchte stärker: »die Erziehung in
-den Pfarrhäusern taugt nichts.«
-
-Der Administrator hatte keinen Widerspruch für das Sprüchwort seines
-alten Freundes; vielleicht gab er ihm schweigend die Ehre der richtigen
-Anwendung. Nach einer kleinen Erholungspause fuhr er fort: »ich kam
-nun zu einem Verwandten mütterlicher Seite, der mein Vormund war: dem
-Stiftscanzler von Sanct Capella, der als practicirender Jurist in M--.
-wohnte. Im Actenstaube grau geworden, war jeder Lebenstrieb in ihm
-vertrocknet -- er war ein Hagestolz. Die Gesetze standen leserlich auf
-dem brüchigen Pergament seiner Stirne geschrieben, der Blick seines
-kleinen Auges, dessen Pupille wie in einem galligten Gelbei ruhete,
-hatte eine Profundität, die ihm oftmals den Vortrag seiner Clienten
-ersparte -- seine Miene drückte stets auch in ihren wohlwollendsten
-Modificationen eine Sentenz zu gemäßigtem Zuchthaus aus, und auf den
-geklemmten Lippen wechselte das Urtheil zu Einbuße oder Leibesstrafe;
-sie öffneten sich fast nie ohne einen Verlust anzukünden, selbst der
-Glückwunsch zu einem gewonnenen Prozesse ward durch den Grimm seines
-juridischen Dämons zu einer Drohung. Und dennoch war dieser wunderliche
-Mann nicht böse. Er hatte einen ausgebreiteten Ruf, seine Rechtlichkeit
-war gefürchtet. Die Beamten auf den Klostergütern zitterten vor ihm,
-die guten Nonnen liebten ihn mit Furcht und schmiegten sich in
-seinen weltlichen Arm -- er war der Donnergott der Abtei. -- Ein
-Geschwisterkind von meinem Vormund und somit auch mir verwandt -- führte
-ihm daheim die Wirthschaft; ein liebes altes blasses Mädchen, an das
-ich nur mit dankbarer Rührung denken kann. Die gute Beatrix hatte eine
-kleine heimliche Hauscanzlei, wo stille Gesetze ausgeschrieben wurden,
-und mein Vormund stand unter diesem Kammergericht, ohne daß er ein
-stummes Wörtchen davon wußte. -- Beatrix, trotz ihrer subalternen
-Anspruchslosigkeit, war die Justitia des Canzlers. Sie that so simpel,
-daß man ihr die Gerechtigkeitspflege eines so rabiaten Juristen
-nimmermehr zugetraut hätte. Sie konnte nicht anders mit Federn umgehen,
-als daß sie beständig welche rupfte oder schließ -- als gälte es das
-ewige Brautbett des alten Junggesellen. --
-
-Mein Vormund empfing mich mit logischer Kürze, und wies, weil er eben
-dringend beschäftiget war, mich an die Muhme. Sey mir nicht bange,
-lieber Cölestin! sagte Beatrix so lind und leidsam, daß ich die künftige
-Angst wie im Voraus vergütet fühlte: wenn es Dir auch Anfangs nicht bei
-uns gefällt. Der Herr Vetter ist nicht gar so schlimm. Man muß ihn nur
-kennen. Einiges will ich Dir aber doch zur Warnung sagen: widersprich
-ihm nicht! Du kannst Dir ja Einwand und Rechtsmittel vorbehalten.
-Ich mußte lächeln, so jung ich war, über diese Brocken von der
-Brodwissenschaft des Vetters, welche die haushälterische Muhme
-gesammelt. Dann, sprach sie weiter: hüte Dich, mit dem Stuhle zu
-wackeln, wenn Du bei ihm sitzest! ein Erdbeben würde wohl weniger
-beachtet, als dies. Endlich lasse nie die Putzscheere unvorsichtig vom
-Leuchter gleiten. Ich sage Dir: der liebe Gott läßt eher die Sonne aus
-seiner allmächtigen Hand fallen, und schaut großmüthig drein, ehe der
-Herr Vetter diesen Fehler vergiebt. -- Ich bebte; welch ein Wütherich
-mußte mein Vormund seyn! -- Wir aßen ein kleines vortreffliches
-Abendbrod zu Dreien, der Canzler schenkte mir liberal Wein ein, um
-mir Muth einzuflößen. Ich saß unbeweglich auf meinem Stuhle und sah
-ängstlich hin, so oft Beatrix das Licht putzte. Sie that es jedoch mit
-fester Hand und winkte mir zuweilen mit den Augen, wenn ich ein Wort
-sagte, was ihr unpassend schien. Nun, Du willst ein Bauer werden, wie
-ich höre? fragte der Herr Vetter zwischen dem Essen, und die Frage klang
-wie Spott. Beatrix zwinkerte schon wieder verneinend. Du hast dreschen
-sehen, da ist Dir die Lust dazu angekommen, mein Junge. Diese Analogie
-mit dem Flegel versetzte meiner ökonomischen Liebhaberei einen tüchtigen
-Schlag. Studiere nur fleißig! sprach er dictatorisch: es wird sich
-alsdann schon finden, was aus Dir werden soll. Nur kein Jurist! dagegen
-protestire ich. Bei der Rechtspflege bliebe auch ein Eisenfresser nicht
-gesund. Man ärgert sich tagtäglich und lebenslang =ex officio=. Ich warf
-einen mitleidigen Blick auf die hagere gekrümmte Gestalt des Vetters,
-und glaubte ihm. -- Zu meinem Erstaunen sah ich, daß dieser unwirsche
-Mann auch jovial seyn konnte, und dies besonders im Umgange mit seinen
-Collegen. Es fand das beste Vernehmen zwischen ihnen Statt, und nie ward
-ihm eine Streitsache zu persönlichem Groll. Ich konnte nicht umhin, dies
-sehr achtungswerth zu finden und dabei an die unaufhörlichen Zänkereien
-der theologischen Herrn Brüder zu denken.«
-
-»Ja, die Juristen sind cordial!« fiel der Major ein, »aber die beste
-Cammeradschaft bestehet doch unter dem Militair. Da, wo der Tod
-Hauptmann ist, schließen sich die Glieder eng zusammen -- und Gewalt
-geht vor Recht.«
-
-»Ich fragte mein Mühmchen einst,« setzte Herr Prälat fort, »warum der
-Vetter denn nicht geheirathet hätte? -- Das sey Gott zu danken -- meinte
-Beatrix und lächelte mit Gleichmuth. Sie ertrug schon ein halbes Säculum
-seine hypochondrischen Launen. Er habe so viele Ehescheidungen amtlich
-behandeln müssen, daß ihm ein Abschmack -- _Abscheu_ wollte sie
-vermuthlich sagen -- vor dem Ehestand angekommen sey.«
-
-»Taugt nichts,« unterbrach hier der Major seinen Freund, »mit einer
-Sache zu genau bekannt seyn, die Illusion fordert. Köche haben in
-der Regel den wenigsten Appetit. Jeder prüfe sein Selbstwerk! -- die
-Unerfahrenheit ist auch manchmal gut.«
-
-Ohne sich durch diese eingestreueten Bemerkungen aufhalten zu lassen,
-fuhr der Erzähler fort: »wirklich überzeugte ich mich, welche üble
-Meinung der Canzler von dem weiblichen Geschlecht hätte. Er nahm mich
-zuweilen mit nach Sanct Capella -- die Aebtissinn vergünstigte es.
-Als wir einst ein wenig illuminirt das Kloster verließen, der ganze
-versammelte Convent Kopf an Kopf gedrängt uns nachsah, mein Vetter noch
-einmal zurück grüßte, wendete er sich von dieser Verbeugung zu mir, und
-sprach listig: gut für manchen wackern Mann, daß Ihr hier aufgehoben
-seyd im christlichen Harem, Ihr verschleierten Engel! das Stift, glaube
-es mir, Cölestin! ist eine wahre Büchse der Pandora. Sollten sich diese
-goldnen Thüren einmal öffnen: Hu! welch ein Heer von Plagen würde da in
-die weite Welt herausstürzen! -- Ich habe dieser Worte später
-gedacht. Es war ein Seherblick gewesen, den der Canzler damals auf die
-verschlossenen Pforten warf. Auch war jene kleine frivole Tücke gegen
-die gutherzigen Cisterzienserinn nicht etwa der Ausdruck eines Spötters
-in Glaubenssachen. Die Religiosität meines Vetters -- er war Catholik --
-war der geheimnißvolle Respect vor einer himmlischen Gerichtsbarkeit, an
-die er in terriblen Augenblicken appellirte und: _gerechter_ Gott! sein
-höchster Ausruf.
-
-Ich lebte eine Reihe Jahre in der That glücklich im Hause meines
-Vormunds, und danke ihm viel. Dieser strenge Geschäftsmann gab mir
-privatim ein Beispiel der Toleranz, was mir damals eben nöthig war. Er
-haßte alles Absprechen nicht nur an Andern, er vermied es auch an sich
-selbst. Ich äußerte ihm einmal ehrerbietiges Bewundern und ein Wörtchen
-mit Bezug auf meine früheren Erfahrungen entschlüpfte mir. Er lächelte
-und sprach: Du mußt wissen, mein Söhnchen, daß diese Eigenschaft einen
-wesentlichen Unterschied zwischen den Facultäten bemerklich macht, und
-unsern Beruf gewissermaßen austauscht. Die Theologen sind in der
-Regel Richter, was sie nicht sollten; -- _wir_ dagegen vertreten nach
-Christenpflicht und von Amtswegen die Fehler und Fährlichkeiten des
-Nächsten. _Sie_ lassen ihr Licht leuchten vor den Leuten -- _wir_
-gebrauchen es nur, um auch dem finstersten Falle eine Seite der
-Entschuldigung abzusehen.«
-
-»Wahrhaftig in Gott! da hat er Recht!« rief der Major aus überzeugtem
-Drang des Herzens.
-
-Der Administrator schwieg, als wäre diese Mittheilung nun abgebrochen,
-und sah lange weitschauenden Blickes vor sich hin. Dann hob er mit
-verändertem Tone an: »ich studirte Cameralia -- ging auf Reisen -- welch
-eine Welt liegt zwischen diesen schmalen Grenzen auf der Charte meines
-Lebens! -- Ich hatte einen Freund -- --« ein tiefer, schwerer Odemzug,
-wie wenn dies Wort sich nur mit Ketten aus dem Born der Seele wände.
-
-Der Major besaß bei einer rauhen Außenseite den zartesten Sinn der
-Freundschaft. Er sagte: »falscher Conjunctiv, Freundchen! Sie _haben_
-einen, der nicht alles zu wissen braucht. Lassen Sie ruhen, was sich
-nur mit Seufzern heben läßt. Taugt nichts, erschöpftes Vertrauen. Ich
-wünsche nur noch zu erfahren, wie Sie eigentlich zu der weiblichen
-Drei-Uneinigkeit gekommen sind? Josephine, das friedsame Täubchen! ist
-nicht in diesem Zwiespalt begriffen. Sie ist auch hier als der heilige
-Geist die schwächste Person dieser Trinität und eine wahre Vergebung der
-Sünden. Wie?« fuhr der Major abstrahirend fort: »ists nicht so? werden
-nicht dem heiligen Geist selbst im Glauben nur flüchtige Honneurs
-gemacht?«
-
-Der Administrator lächelte wie ein Leidtragender, dem ein zerstreuender
-Tröster von den Verhältnissen des Himmelreichs vorspricht. Er
-antwortete: »ich habe meine Geschichte so weit angelegt, daß ich
-schwerlich damit an das Ziel gelange. -- Meine hiesige Umstellung
-knüpfte sich an Fäden, welche noch mit der vormaligen Einwirkung meines
-Vetters, des Exkanzlers, zusammenhingen. Er starb bald darauf. Die gute
-Beatrix war längst todt. Man fand sie eines Morgens entseelt, mit dem
-Angesicht in eine Wolke von Flaum gesunken. An den starren Wimpern
-hingen die zarten Federn; aber sie bewegten sich nicht mehr vor dem
-verschlossenen Munde: es schien, als ob sie ohne einen Hauch der
-Todesangst verschieden sey. Dieses sanfte plötzliche Sterben in weicher
-Pflicht, wie wenn der Schlaf einen Müden überrascht, war die schönste
-Gabe ihres armen harten Lebens. So oft mein Vetter mir das erzählte, und
-des Anblicks jener befiederten gestorbenen Augen gedachte, die so treu
-auf seinen Vortheil gesehen, gingen ihm die seinigen über. -- Meine Lage
-als Administrator gefiel mir wohl; sie war gewissermaßen das Resultat
-der Ergebnisse meiner früheren Jugend. Hier konnte ich ein Landwirth
-seyn im weiten Felde der Industrie, nicht beschränkt auf die Hufe eines
-engen Besitzthums, und zugleich ein Diener des Staats, dem ich mit all
-meinen Kräften zu nützen wünschte. Meine Vorliebe für diesen Ort war
-sich gleich geblieben. Wie oft hatte der catholische Gesang von Sanct
-Capella, die heilige Nonnenstille, der Weiheduft andächtiger Mysterien,
-den lutherischen Jüngling in mittelalterliche Träume gewiegt! ich war
-nun erwacht, und Alles war anders und wirklich. Doch noch jetzt schlägt
-die große Glocke mit jenem romantischen Klange tiefe Saiten in mir an,
-und wenn Fabia mit dem großen Schlüsselbunde durch den Kreuzgang geht,
-muß ich der Pförtnerinn gedenken und jenes kleinen klingelnden Geläuts
-in ihrer Hand, welches, meinem Gefühl nach, den Chor seliger Geister
-in einem Himmel öffnete, den die Welt fälschlich für ein Grab der
-Lebendigen hielte. -- Wie öde reformirt war nun das schöne Stift, wie
-profan geworden! -- ich schützte mit Pietät, was noch aus dem Umsturz
-jener Verhältnisse zu erhalten war. Die Hand, welche leise und achtsam
-an das heilige, das genommene Recht rührte, war desto eifriger, wo es
-den Ertrag der Grundstücke galt. Man sprach davon: es sey im Werke,
-das pompöse Gebäude zu einer Strafanstalt, einem Spinnhause,
-herabzuwürdigen; diese Möglichkeit empörte mich. Dann sollte es zu
-einer Seidenfabrik benutzt werden, endlich wolle man, hieß es, eine
-chirurgische Pepiniére daraus machen. Ich kam den Behörden mit einer
-Proposition von meiner eigenen Idee zuvor. Solle es denn nun einmal hier
-gesponnen oder geschnitten seyn: wohl! so gebe man den Parzen Wohnung,
-und lasse verdiente Offiziere hier leben und sterben. Dann zieht die
-Ehre ein und nicht die Schmach, und statt Mühe, Plage und Schmerz webt
-in diesen Mauern das Seidenleben der Ruhe. -- Es wurde provisorisch
-zugestanden.«
-
-Major Feldmeister reichte dem Administrator mit einem gerührten Blicke
-die Hand und sagte kein Wort. Er dampfte nur einen unendlichen Qualm
-aus, als wollte er sagen: »bis an meinen letzten Athem werde ich Dir
-dies danken.«
-
-Und der bürgerliche Prälat der einst gefürsteten Abtei sprach: »ich
-orientirte mich nunmehr. Das Drängen der ersten Einrichtung ließ mich
-wenig zu mir selbst kommen. Es waren Rückstände zu bearbeiten, mein
-Vorgänger hatte lange darnieder gelegen -- auf den versäumten Gütern lag
-mehr als ein Feld der Nutzung brach. An geselliges Bekanntwerden in der
-Nachbarschaft zu denken, hatte mir noch keine Zeit geübrigt. Es war
-in einer Geldangelegenheit von Belang, wo ich gesprächsweise den
-Oberförster zu Rathe zog. Das wird Ihnen ihr Vetter, der Rentmeister
-in Bühle, am besten sagen können -- meinte er. Mein Vetter? fragte ich
-befremdet; ich wußte von keinem. Nun ich dachte nur, antwortete Jener,
-weil er eben so heißt, Sie wären mit einander verwandt. -- Dies gab mir
-ein Interesse mehr, dieser Weisung zu folgen, und den Mann meines Namens
-kennen zu lernen. Ich ritt desselben Tages noch hinüber. Es war im Mai.
-Ein Gewitter schauerte über die quellenden Saaten; doch sah ich wohl, es
-würde vor der Nacht nicht kommen. Ein eigenes Gefühl von Schwermuth oder
-Ahnung preßte mir die Brust, als laste ein nie getragenes Gewicht mir
-auf der Seele. So kam ich an den englischen Garten von Bühle. Die Sonne
-schoß eben einen goldrothen Pfeil auf das steinerne Windspiel, welches
-am untern Ende des Parks auf einem Postamente ruht. Es blickte mit
-todten Augen in den flammenden Köcher -- ich weilte einen Moment an
-dieser Stelle und dachte: da liegt der Hund begraben! Gott weiß, durch
-welche Association der Ideen mich der Gedanke geisterhaft ergriff:
-es läge unter den dunkeln Schatten dieses Ortes irgend ein Geheimniß
-verborgen, was meiner Theilnahme angehöre! -- Das große gothische
-Schloß, die Colonnade vor den Wohnungen der Beamten, schien mir schön
-aber düster, und ich gab dies Clair-obscure meiner innersten Auffassung
-der frühlingstrüben Atmosphäre Schuld. Innerhalb der Gehöfte war es auf
-die bängste Weise still, nur der Brunnen machte ein kühles Geräusch
-und die Wasserkufe schäumte über. Ich sah Niemand, den ich nach dem
-Rentmeister fragen konnte. Da öffnet sich leise eine Thüre hinter der
-Colonnade, ein Mädchen, kaum jungfräulich erwachsen, tritt hervor, ein
-feines Glas in der zarten weißen Hand, und wirft einen schüchternen
-Blick auf mich, den Mann zu Pferde. Es liegt etwas Poetisches, Major,
-in dem Anblick eines schönen Kindes am Brunnen; der Durst des Herzens,
-worin er auch bestehe, wird dadurch gelöscht. -- Ich fragte höflich,
-ob ich den Rentmeister zu Hause anträfe? die Kleine nickte -- es war
-Josephine.« Jetzt nickte auch der Major.
-
-»Ich band mein Pferd an eine Säule und folgte ihr. Sie bat, daß ich
-einen Augenblick verziehen mögte, denn der Vater wäre krank, und sie
-müsse es ihm erst sagen, daß ihn Jemand zu sprechen wünsche. Ich wartete
-vor der Thüre zu ebener Erde; drinnen entstand ein ungastfreundliches
-Gemurmel, dazwischen hörte ich Josephinens Stimme wie vorbittend.
-Endlich winkte sie mir. Ich trat in ein tristes Zimmer. Grüne wollene
-Vorhänge verdunkelten es, und warfen noch bleichere Schatten auf einen
-kranken Mann, der bei diesen schwülen Wärmegraden in Betten eingehüllt
-auf dem Sopha saß. Eine Frau rückte ihm die Kissen zurecht, und schien,
-mit Sorgfalt um ihn beschäftigt, sich nicht um den Eintritt eines
-Fremden zu kümmern. Der Anblick dieses Kranken erschütterte mich.
-Ich stellte mich ihm vor, und fragte beklommen: ob unser Gleichname
-vielleicht Grund in einer entfernten Verwandschaft hätte! -- Der
-Rentmeister lächelte -- o! furchtbar lächelte er. Seine Antwort lautete:
-verwandt? nein, Herr Administrator, wir sind nur _Brüder_. -- Mein Blick
-sah ihn mit -- Entsetzen, mögte ich es nennen, auf die Wahrheit dieser
-Aussage an; dunkel hatte es mir vorgeschwebt, dieser Mann könnte
-der Sohn meines Vaters seyn. Er war gegen mich ein Greis, eine ganze
-Lebenslänge schien sich zwischen uns hinzuziehen; doch der verknüpfende
-Faden blieb und zerriß in jener Minute mein Herz. Jetzt wußte ich, warum
-mir so ahnungsvoll zu Muthe gewesen, was dieser Weg mir aufgebürdet
-hatte. Meines Vaters Freiheit hemmte mich wie eine Kette, deren
-tausendstes Glied noch getragen werden muß. Mein Bruder! und mir so
-todesfremd! -- Getrennte Ehen sind es, welche eine Weltverbrüderung
-unmöglich machen, und das Band der Menschheit auflösen. Mit diesem
-stillen Bekenntniß legte ich mir selbst das Gelübde ab: scheiden lasse
-ich mich nimmer! -- Ich wagte ein brüderliches Wort an den Rentmeister.
-Er nahm es nicht auf, und nannte mich _Sie_. Ihr Vater, Herr Prälat,
-sagte er, als ginge ihn dieser Name gar nichts an, verstieß mich im
-Mutterleibe, und wer einmal unter der Bank geboren ist, kommt nie auf.
--- Diese Worte deuteten mir langes Unglück an und einen zerbrochenen
-Geist. Eine Thräne schlich über die Wange seiner Gattin, welche sie
-verstohlen abwischte; Josephine schlich leise hinaus. Ich hatte nicht
-den Muth, nach seinen früheren Verhältnissen zu fragen. Spät ritt ich
-nach Hause. Der Donner rollte krachend, die Wolken waren Feuerschlünde,
-es regnete wie mit Giesbächen. Ich empfand wenig von der empörten Natur.
-Meine Seele bebte noch unter stärkeren Schlägen, und die einzige Thräne
-meiner Schwägerinn hatte mich mehr erweicht, als dieses Sturzbad. Sie
-werden leicht denken, daß ich nicht säumte wieder nach Bühle zu kommen;
-doch nur langsam gelang es mir, mich meinem Bruder zu nähern und Eingang
-in sein Vertrauen zu finden. Seine Frau, ob zwar auch zurückhaltend, war
-dennoch freundlicher mit mir. Ich merkte bald, daß sie zu den Stillen
-im Lande gehöre, und eben so, wie oft der Unmuth ihres Mannes über eine
-Frömmigkeit laut werde, die ihm doch in der Geduld, womit sie seine
-Leiden ertrug, zum Seegen gereichte. Aber mein Bruder war menschlichen
-Ansehens nach ein Mann des Todes, und sein Gemüth schien mir noch
-kränker. Wie viel die Frau für seine Pflege that: eine größere
-Kraftanstrengung entwickelte sie, seine Seele zu retten. Sie ließ seinen
-Eigensinn und die Natur gewähren, wenn er den Arzt nicht wollte; aber
-sie quälte ihn partout mit dem lieben Heiland.«
-
-Der Major schüttelte den Kopf und sprach: »taugt nichts, daß solch
-heilige Liebschaft aufdringlich werde; der Mann muß dem besten Freunde
-die Thür des Hauses und Herzens selbst aufmachen.«
-
-»Einst kam ich dazu,« fuhr der Administrator fort, »als Beide in
-streitendem Gespräch über die verstörende Ursache seiner jetzigen
-Leiden waren. Mein Bruder schwieg sogleich; aber Fabia, gestützt auf die
-Autorität ihrer Gottseligkeit, konnte nicht abbrechen, ohne weiblich das
-letzte Wort zu behaupten. Sie sprach: Sey nur getrost! es wird uns
-im Himmel wohl belohnet werden, so man uns um Gerechtigkeit willen
-verfolgen sollte. Da fuhr mein Bruder heftig auf. Um _Gerechtigkeit_
-willen? Frau, Du faselst! eine Schändlichkeit ist es, die ich werde
-verantworten müssen; ich sage Dir: es ist kein größerer Betrug erfunden
-worden. Der _Glaube_ an eines Menschen Wort ist mein Unglück gewesen und
-mein Elend geworden -- ich will Gott nun nicht mehr versuchen. Es lag
-eine Resignation darin, die mich mit kalter Hand durchgriff. Fabia
-entfernte sich; ihr Mann fiel erschöpft in einen fieberhaften Schlummer,
-ich ging seiner Frau nach. Sie stand im Gärtchen, begoß ein Blumenbeet
-mit ihren Thränen und rang in christlicher Verzweiflung die Hände über
-den weißen Lilien. Ich redete ihr zu. Fabia verklagte den unbeugsamen
-Sinn ihres Mannes, der jedem Gnadenmittel widerstände und nicht arbeiten
-möge an seinem Heil. Ein Luftzug führte die leise ängstliche Frage von
-ihren Lippen: _ob er nur selig werden wird_? Die Lilien nickten. Ich
-sagte, was ich dachte: daß diese Kinder ihres Schöpfers auch nicht
-arbeiteten im reinen Glanz ihrer Heiligkeit, und dennoch erständen zur
-Frühlingsfreude der verjüngten Erde. --
-
-Fabia schien nicht einzugehen in diesen natürlichen Trost. Sie sagte:
-seine Mutter ist lediglich Schuld daran. Diese war ungewiß über den
-Vater -- _seinen_ Vater -- darum zweifelt nun der Sohn an Gott! -- So
-schob meine Schwägerinn ihren Scrupel, ob ihr Mann das ewige Leben haben
-werde, Denen zur Last, die ihm das irdische gegeben. Bald darauf ward es
-schlechter mit dem Bruder. Kurz vor seinem Tode übergab er mir die
-Sorge für seine Witwe, für sein Pflegekind, legte den Schlüssel zu einem
-wichtigen Geheimniß in meine Hände -- dann drückte ich ihm die Augen zu.
-Das Recht eines Gestorbenen zu vertreten, darf ich keinen eigenmächtigen
-Schritt thun noch gestatten, eine schwere Verpflichtung hält mich
-an Fabia fest. Sie sehen also, wie viel mir daran gelegen seyn muß,
-Einigkeit unter den beiden Frauen zu erhalten: denn auch Therese -- --«
-hier summte die elfte Stunde vom Klosterthurme. Der Major fuhr
-elektrisch zusammen, wie von diesem Schlage gerührt. »Elf! ich muß nun
-fort, und es wird mir den ganzen Tag seyn, als stäcke ich mit _einem_
-Arme nur im Aermel des Rockes. Ich habe dem Hauptmann Moorhausen eine
-Parthie Piquet vor dem Essen versprochen, und halte Wort, wenn auch ihm
-kein wahres Wort aus dem Munde geht. Das Genie dieser Art muß in den
-Endsylben dieses Namens wohnen: Moorhausen! Münchhausen! -- Wie hat er
-uns vorgestern wieder belogen! er sprach von seinem Gute in P. -- Wir
-lachten unvernünftig. Er nahm es nicht übel -- das war honett. Aber --
-Ihre Geschichte, Freundchen ist mir in Wahrheit interessant; der Schutz,
-den Sie der Frau Fabia angedeihen lassen, hat seinen gediegenen
-Grund, ich bin nur curios, welcher Wind Ihnen die flatterhafte Therese
-zugewehet haben mag? -- allzugroßmüthig seyn, taugt nichts.«
-
-Das Reitpferd, worauf der Administrator täglich um diese Zeit die Ronde
-zu machen pflegte, ward vorgeführt. Der Major erhob sich mit steifem
-Gelenk, Faust schüttelte den schwarzen Mantel. Im Begriff zu gehen,
-sagte der Major: »da fällt mir ein, ich habe ganz vergessen, weshalb
-ich eigentlich gekommen bin. Ich wollte ihnen auch ein Geschichtchen
-erzählen, was fabelhaft klingt: das Mährchen vom gläsernen Pantoffel.
-Mein Neffe -- doch jetzt ist's zu spät; wo werden wir nur all' die Zeit
-zu den vielen Reden hernehmen?«
-
-»Wir sprechen uns bald wieder --« vertröstete Herr Prälat, und griff
-nach seinem Hute. Er hatte sich die Brust doch etwas freier gesprochen.
-Es ist gut, wenn sich die Menschen zuweilen des Warums ihrer Bürden
-bewußt werden; die Nothwendigkeit, sie zu ertragen, wird ihnen alsdann
-klar und leichter.
-
-Sanct Martin war und blieb gegen seine Gewohnheit hell und schön. Sonst
-hat an diesem Tage der Himmel Baumwolle feil, und die Luftgeister sind
-geschäftig, der Natur eine weiße warme Schlafmütze daraus zu weben. Doch
-heute schritt der Herbstheilige, der sonst winterrüstig erscheint, in
-heiterer Luftigkeit einher, und grüßte mit dem gelben Sommerhute so
-herablassend freundlich, daß die schläfrige Welt munter aufwachte und
-träumerisch hoffte, der Sommer wolle noch einmal wieder kommen. Hier und
-da zwitscherte ein schlaftrunkener Vogel, robuste Bäuerinnen verbauten
-die kleinen Fenster mit Moos, um im Grünen zu arbeiten -- der
-klösterliche Invalidenstamm rückte lustig ins Feld.
-
-Schwerlich dürfte der glänzendste =Thé dansant= im schönsten Salon der
-Residenz eine wichtigere, wenn auch andere, Beklommenheit der Erwartung
-erregen, als bei den Damen des Stiftes der simple Nonnenthee in
-Veronicas kleiner Zelle, wohin sie geladen waren. So sind die
-Vergnügungen der Geselligkeit, wie verschieden auch gestaltet und
-bedingt, sich doch in ihrer Wirkung überall gleich. Zudem machte der
-seltene Schritt aus dem engen Kreise heiliger Regel diese Einladung
-zu etwas Außerordentlichem, und die stille Geschäftigkeit der
-priesterlichen Jungfrau, der Opferrauch ihrer Küche oder _Küchel_,
-wie Veronica sie nannte -- legten einen unbewußten und geheimnißvollen
-Altarwerth auf den kleinen Theetisch der Nonne.
-
-Als es nun in den gewölbten Räumen des Klosterhauses zu düstern begann,
-die Schatten des Abends längs den kalten Wänden hinschlichen, flimmerte
-es schon lichterhell in Veronicas Stübchen. Mit dem Glockenschlage Fünf
-standen die Schwägerinnen und Josephine an dieser geweihten Thür, hier
-wußte man nichts davon, oder wollte nichts davon wissen -- daß ein
-verspätetes Erscheinen für bedeutend gelte. Schwester Veronica empfing
-ihren Besuch erhitzten Angesichts und mit einer gewissen gastlichen
-Feierlichkeit. Die Zelle, noch immer ein geistliches Betstübchen,
-hatte nur einen Anstrich von Häuslichkeit bekommen, die jedoch in ihrer
-einfachen Beschränkung dem religiösen Charakter der Einrichtung nicht zu
-nahe trat. In einer Nische sah seit manchem Jahr die Mutter Gottes mit
-dem Kinde auf das jungfräuliche Bett herab; das Waschbecken und die
-Wasserflasche von englischem Zinn blinkten in Formen wie Geräthe der
-Sacristei, in die blendende Serviette über dem aufgeklappten Tisch war
-das Lämmlein mit der Kreuzesfahne gewebt, die Lichter von gelblichem
-Wachs warfen kirchlichen Schein, und bei jeder der drei Tassen lag ein
-kleiner Blumenstrauß, bei Josephinens aber der schönste. --
-
-Therese, durch den gehabten Zwist und die spät erfolgte Versöhnung
-empfänglich gestimmt für den Eindruck solch einer Umgebung, sagte: »wie
-heimlich ists hier! wie hübsch! ich könnte gern hier wohnen, einzig
-und allein.« Josephine wußte hier Bescheid. Wie mit dem Vorrecht eines
-Kindes zog sie die grünen Bettvorhänge auseinander, schmiegte die warme
-Mädchenwange an die gesteppte Decke, schlug das blaue Auge gegen die
-dunkle Madonna auf -- in diesem Wechselblicke lag eine Welt der
-Ahnung -- und flüsterte: »wie traut! wie lieb! ich mögte ewig hier
-schlafen! --«
-
-Frau Fabia sagte nichts der Art. Sie bewunderte das Compendiöse dieses
-Locals, lobte die Nützlichkeit des kleinen Sparofens, und sah dieser
-frommen Clause die häusliche Seite ab. Die Bouquets gaben dieser
-Winterstunde einen schwachen Hauch von Sommerduft, und die Damen freuten
-sich daran. Man wunderte sich, wie Veronica diese Blümchen so spät noch
-erhalten könne.
-
-»Ich war von Kindheit an eine glückliche Gärtnerinn,« erwiederte die
-Nonne hierauf, »und schleppte mich mit Pflanzen hin und her, woraus mein
-Vater die Folgerung zog, ich würde eine treufleißige Mutter werden, die
-da Segen mit der Erziehung ihrer Kinder hätte.« Sie lächelte wundersam,
-wie über einen zerronnenen Traum.
-
-»Schade!« sagte Fabia leise. Veronica hatte dies Wörtchen nicht gehört.
-Sie machte mit sichtlich gutem Willen, wenn auch nicht mit der Uebung
-einer Weltdame, die Wirthinn, schenkte Thee ein, warf Zucker in die
-Tassen, und besann sich alsbald, daß sich das nicht schicke, und das Maß
-der Süßigkeit dem Geschmack eines Jeden selbst überlassen bleiben müsse.
--- Dann präsentirte sie das lockende Backwerk, von den Schwägerinnen
-als trefflich gerühmt. Man bat um die Recepte, inzwischen las Josephine
-schon Eines. Sie hatte dies Papier an dem für sie bestimmten Platze
-unter dem Sträuschen liegend gefunden; es lautete: »nimm fünf Loth
-_Ernst_, zehn Loth _Geduld_, zwanzig Loth _Sanftmuth_, und hundert fünf
-Loth _Demuth_, dieses alles stoße wohl unter einander im Mörser
-des _Glaubens_, mit dem Stempel der Stärke, rühre ein Viertelpfund
-_Hoffnung_ dazu, schütte es in die Pfanne der _Gerechtigkeit_, und lasse
-es bei dem Feuer der _christlichen Liebe_ gar kochen. Alsdann bewahre es
-wohl, damit der Schimmel der _Eitelkeit_ nicht ansetze. Mit dieser Salbe
-streiche Dich des Morgens und des Abends: es ist ein Mittel gegen die
-Hölle.«
-
-Therese seufzte, als wäre der Athem ihres Busens mit all diesen
-Gewichten beladen. Die Nonne aber sprach: »ein Arcanum, der künftigen
-Hausfrau zu Nutz und Frommen! meine Mutter hielt es für probat.«
-
-»Sagen Sie, Schwester Veronica,« fiel hier Therese ein: »sind Sie
-wirklich aus wahrem Klosterberuf Cisterzienserinn geworden? ich wüßte
-kaum, wie ich mir dies als möglich denken sollte.« Ihre Miene zweifelte.
-Die Nonne sah die lebenslustige junge Frau mit einem Blicke an, worin
-sich die schweigende Entgegnung aussprach: »Christum lieb haben, ist
-besser, denn alles Wissen --« und nach einem kleinen Besinnen antwortete
-sie: »die innersten Triebfedern kennt nur Gott allein, und das Herz
-mag sich zu tausendmalen eine sich der Welt entschwingende Seele bewegt
-haben; doch -- wenn ich einen Rückblick auf mein langes Leben werfe, und
-auf den Gang meines Schicksals, der sich in diesen stillen Mauern endet,
-so mögte ich doch glauben, es sey des Himmels Wille gewesen, daß ich
-mich ihm weihe, und die frühesten Eindrücke des Gemüths, alle Umstände
-meiner Jugendzeit hätten dazu dienen müssen, daß meine Bestimmung
-erfüllt werde. -- Im Keim der Zukunft ist die verhängnißvolle Blume
-eingeschlossen, und der Mensch entwickelt sich mit ihr. Unserer heiligen
-Märtyrer Einige, die in den Flammen gestorben, fingen damit an, den
-Finger in das brennende Licht zu halten, um zu versuchen, wie lange
-sie Feuerschmerz aushalten könnten. -- Warum sollte ich es ihnen nicht
-erzählen? ist doch nun Alles überwunden.« Die beiden Frauen bezeigten
-ein neugieriges Interesse an dem, was ihnen Schwester Veronica
-mitzutheilen hätte, und setzten sich zum Hören zurecht; nur über
-Josephinens Gesicht glitt ein Schatten zarter Furchtsamkeit, als scheue
-sie es, daß ihre ehrwürdige Freundinn zur bloßen Unterhaltung Narben
-enthülle, die einst vielleicht schmerzlich geblutet hätten. Sie zog die
-schneebleiche Hand, welche keinem Mann angehört, sacht und seitwärts an
-ihre Lippen und küßte sie mit Ehrfurcht.
-
-»Mein Vater,« begann die Nonne, »war ein gelehrter Mediziner und Arzt
-am Jesuiter-Collegio in B--. Sein einnehmendes Betragen, äußerst
-verbindliche Manieren, so weit ich mich deren erinnern kann -- seine
-stattliche Gestalt und großen Kenntnisse, gewannen ihm aller Menschen
-Gunst und Zutrauen, weshalb er denn eine verbreitete Praxis besaß. So
-dächte man nun, meine Mutter müßte eine glückliche Frau gewesen seyn.
-Doch nicht also. Sie weinte oft still und bitterlich. Ich schmiegte mich
-dann als ein kleines Kind in die nassen Falten ihres Kleides, ohne zu
-verstehen, was sie so betrübe -- späterhin ist mir die Quelle ihrer
-Thränen wohl klar geworden. Manche Zähre aus dem Auge der Gattin, was
-nicht blind war für die Abwege des Mannes, ist damals auf mein Haupt
-gefallen --: _dies war die erste Salbung zur Klosterfrau_. -- Meine
-Mutter,« fuhr Schwester Veronica fort, »soll in ihrer Blüthe ausnehmend
-hübsch gewesen seyn.«
-
-Die drei Zuhörerinnen sahen die Nonne auf den kindlichen Ruhm jener
-Schönheit an, die längst schon Staub war, im Einverständniß der Meinung,
-daß dies glaubhaft sey, und noch aus den dunkeln Umrissen des Alters
-ihrer Tochter erhelle.
-
-»Mein Vater,« so war der weitere Verlauf der Erzählung, »hatte sie aus
-heftiger Zuneigung geheirathet, er scherzte zuweilen im Beiseyn der
-Freunde meiner Eltern oder Fremder über seine Bräutigams-Thorheiten --
-wie er sie nannte -- die Mutter aber ging nie in diesen Ton ein. Sie
-blickte ernst und bekümmert dazu. Ich entsinne mich genau, daß dies eine
-Empfindung in meine Seele legte, _als wäre die Liebe eines Mannes kein
-Glück, mindestens kein dauerndes Glück_. Das Einkommen meines Vaters
-setzte sein Haus in Wohlstand. Wir sahen oft Gäste bei uns. Die
-elterliche Güte für mich, das einzige Kind, überschüttete mich mit
-kleinen Schätzen, ein unerfüllter Wunsch fand nicht Raum unter den
-angehäuften Spielsachen; dankbare Kunden meines Vaters beschenkten
-mich kostbar, _und dieser Ueberfluß machte mich gleichgültig gegen
-den Besitz_. -- Meine Mutter hatte einen ältern Bruder, der war ihr
-Beichtvater und Erzpriester an der Stadtkirche. Niemand sah ich so gern
-kommen, als ihn, den freundseligen lieben Mann, dem der Trost unsichtbar
-zur Seite ging. Stets brachte er mir Etwas mit, woran ich besondern
-Gefallen fand, und immer war die Mutter ruhiger, wenn er einmal da
-gewesen. Diese Freude, dieser Frieden mischte sich in meine dämmernden
-Begriffe vom geistlichen Stande. Der Vater mogte ihn nicht leiden, und
-dies kränkte meine Mutter sehr. Einst zog mein Ohm, nachdem er mich
-lange hatte rathen lassen, was er in der weiten Tasche seines Rockes
-trüge, eine Puppe hervor, eine allerliebste Nonne von unserm Orden, und
-mein Entzücken darüber war unbeschreiblich. Ich küßte die Farben von dem
-kleinen Gesicht, daß es todtenweiß ward, und drückte die wächserne
-Brust mit solcher Innbrunst an die meine, daß sie zerspringen mußte.
-Am liebsten spielte ich Kloster, sang tiefe Weisen wie Choräle, was der
-Vater manchmal mit einem Fluche untersagte, indem er glaubte, ich spiele
-Begraben. -- Er war, beiläufig gesagt, nicht von allem Aberglauben frei,
-hinsichtlich auf seinen Beruf.«
-
-Therese unterbrach die Geschichte der Nonne mit den Worten: »man sagt,
-es soll von wesentlichem Einflusse auf das Geschick der Kinder seyn,
-an welchen Gegenständen sich ihr Liebessinn übe. Sie selbst, Schwester
-Veronica, liefern einen Belag zu dieser Erfahrung. Hätte ich einst ein
-Püppchen, ich ließe es nur mit Engeln spielen.«
-
-Frau Fabia konnte nicht umhin zu erwiedern: »dann würde es nicht lernen,
-_Menschen_ zu ertragen.«
-
-Wir lassen es, der Wahrheit dieser Bemerkung unbeschadet, dahin
-gestellt, ob weiblicher Neid gegen das ihr versagte Mutterglück, oder
-verletzte Verehrung für die höhern Kinder Gottes, sie in Anregung
-gebracht habe.
-
-»Die gute Mutter,« nahm die Erzählerinn den abgerissenen Faden wieder
-auf, »ließ mir ein kleines Sprachgitter machen, und lehrte mich in
-ahnungsloser Zärtlichkeit, wie ich mich dabei benehmen sollte. Gewiß ist
-es, daß diese kindische Spielerei mein Sinnen und Trachten richtete. --
-Doch hören Sie nur weiter. Zuvor aber noch eine Tasse Thee, ich bitte!
-er ist nicht stark.« Zeitweiliges Nöthigen. Das Geklirr der Tassen, der
-leise Guß des goldgelben Wassers, das Geprassel der mürben Brezeln und
-Mandelplätzchen, ein dankendes oder ablehnendes Wort, füllte die Pause
-der Geschichte, bis Veronica sie fortsetzte. »Das Haus meiner Eltern,
-worin meine Mutter geboren wurde, stand am Marktplatze, dicht neben dem
-sogenannten Rathskeller, den die Gebrüder Posca, ein paar Italiener,
-in Pacht hatten. Dort fanden sich die Patrizier der Stadt ein, und mein
-Vater ging jeden Abend -- kaum machte der _heilige_ Abend eine Ausnahme
-von dieser leidenschaftlichen Gewohnheit -- in diese Tabagie, ein
-Gläschen Montefiascone zu trinken. Nur Geschäfte hielten ihn ab, doch
-nie Liebe für die Seinigen. Meine Mutter saß wie eine verwittwete früh
-und spät mit mir allein; es war dann so traurig und waisenhaft still um
-uns her, und die Uhr schlug manchmal schauerlich die zwölfte Stunde, ehe
-der Vater heimkehrte. --
-
-Die Mutter ertrug zwar duldsam, was sie nicht ändern konnte, ich habe
-nie gehört, daß sie dem Vater deshalb Vorwürfe machte; dagegen nährte
-sie einen seltsamen Groll gegen die Menschen, die ihrer Meinung
-nach daran Schuld wären, daß sie so hintangesetzt würde, und ihr Haß
-erstreckte sich über ganz Welschland. Von einem italienischen Salat
-hätte sie nimmer einen Bissen angerührt; ich würde nur Gift und Galle
-essen -- sagte sie einmal zu mir, als ich sie in Gesellschaft bat, von
-solch einer Schüssel ein wenig zu nehmen. -- Mir war diese Nachbarschaft
-unbeschreiblich anziehend. So oft ich mit meiner Mutter im Dunkeln
-von einem Gange nach Hause kam, bat ich sie, vor den geöffneten Thüren
-dieser Unterwelt einen Augenblick stehen zu bleiben. Die Lampe, welche
-die feuchten Stufen erleuchtete, hatte einen zauberischen Schein, es
-zog mein Herz hinab -- ich wußte nicht, wie? das fremdartige Rufen der
-dienstbaren Geister, die Glocke, welche geläutet wurde, wenn Einer der
-Weingäste etwas begehrte, brachte meine junge Seele in eine ganz eigene
-Schwingung. Die Mutter mußte mich mit Gewalt fortziehen, und ich erinnre
-mich, daß sie einst seufzend sagte: der Rathskeller hat Dir's angethan,
-wie Deinem Vater. -- Einer der Brüder Posca hatte seine Familie noch in
-Verona, und nie ist dies sonderbare Verhältniß mir deutlich geworden. So
-war ich herangewachsen. Einst kam mein Vater in nächtlicher Zeit etwas
-benebelt heim -- dies war sonst sein Fehler nicht. Ich lag zwischen
-Schlafen und Wachen mit dem Kopfe auf meiner Mutter Schoße und hörte das
-Gespräch der Eltern. Mein Vater erzählte, wie er diesen Abend dem
-Peter Posca die Hand darauf gegeben habe, daß, wenn sein Sohn, der das
-Geschäft fortführen sollte, nun käme, was zu erwarten, und hätte seinen
-Beifall: so solle er auch die einzige Tochter haben und sein Eidam
-werden. -- Ich fühlte, wie meine Mutter erschrak, und elektrisch zuckte
-der Schlag dieser Worte durch meine Glieder. Du wirst doch unsere Clara
--- so hieß ich in der Welt -- nicht einem Weinwirth geben? fragte sie
-mit bebender Stimme; solch ein Italiener, wenn er noch nicht gebleicht
-ist und kaum ein Wort Deutsch versteht, kommt mir vor wie ein Bandit.
--- Es gab eine feine Linie für meinen Vater, wo seine angetrunkene gute
-Laune in Jähzorn überging; auf dieser Linie schwankte sein Ton, womit er
-erwiederte: verlaß Dich darauf, mein Schatz! Clara wird den jungen Posca
-heirathen, und weder an seinem Kauderwelsch, noch an der schwarzbraunen
-Farbe seines Angesichts sterben. Wir haben mancher Flasche den Hals
-gebrochen, um dies Verlöbniß zu besiegeln. -- Meiner armen Mutter mogte
-wohl das Herz dabei brechen. Es war mir, als hätte ich dies zu hören nur
-geträumt. Als ein Mägdlein von funfzehn Jahren, wußte ich mich die Braut
-eines Unbekannten, und dachte ich an die Vorstellung meiner Mutter, so
-durchbohrte ein ahnungsvoller Schmerz mir die Brust. Ich verlautete aber
-in jungfräulicher Schüchternheit nie eine Sylbe, daß ich davon Wissen
-hätte. Das Geheimniß, welches ich bewahrte, war jedoch nicht darnach,
-meine Aufmerksamkeit für die Nachbarschaft zu schwächen. Ein Geräusch
-am Rathskeller bewegte mich wie das Blatt der Espe, jede brünette
-Mannsperson brachte mich in Schrecken. Doch ging eine Zeit still hin.
-Ich hatte es von jeher geliebt, wenn die Frachtwagen mit den welschen
-Waaren kamen, dem Auspacken der Früchte und Delikatessen zuzusehen.
-Es geschah dies gewöhnlich in einem Hofraume, den das Fenster einer
-Hinterstube unsers Hauses bestrich. Die Atmosphäre vom Dunst feuriger
-Weine, die sich hier niemals verzog, betäubte mich angenehm, während sie
-meiner Mutter Kopfweh verursachte. Wenn ich die Citronen, sinesischen
-Aepfel, Datteln und Limonien aus Blätterschichten hervor nehmen sah und
-der südliche Duft herüber wehete: so war mir so sehnsüchtig zu Muthe,
-als wären diese Früchte vom Baum des Paradieses gepflückt; aber immer
-stand etwas Trauriges wie eine dunkle Gestalt mir vor der Seele. Beinahe
-war meiner Mutter so wie mir eine vergessene Sache, was ihr der Vater
-gesagt, als er eines Tages in das Zimmer trat, einen jungen Mann an
-seiner Hand, den er uns als den Sohn des Herrn Peter Posca vorstellte.
-Meine Mutter ward bleich wie der Tod, ich aber erröthete, daß mir die
-Stirn flammte. Der sah nicht aus, als könnte er Menschen berauben oder
-ermorden! ein wenig bräunlich nur war seine Gesichtsfarbe, wie ein
-schönes Oelgemälde, dem man es bewundernd verzeiht, daß der Künstler
-sich in etwas starken Schatten gefiel. Seine glänzend schwarzen Augen
-ruhten wie der höchste Gewinn eines Würfels auf mir -- und der Wurf
-meines Schicksals schien mir ein erstaunenswerthes Glück.«
-
-Bei dieser begeisterten Schilderung einer männlichen Persönlichkeit,
-im Munde einer alten Nonne, hustete die kühle Fabia, und sah bedenklich
-nach Josephinen hin, die gesenkten Blickes an ihrem Strickzeug eine
-Masche aufhob, welche ihr tief entfallen war. Therese aber rief erregt:
-»o das ist prächtig! der Gedanke des Vaters war so übel nicht. Mir
-däucht, die Frau eines Mannes, der offne Tafel hält, ohne daß sie sich
-mit Kochen und Backen plagen darf, und ein Lager für Gäste: müßte es
-gut mit haben und eine immer fröhliche Ehewirthinn seyn. Ich brenne vor
-Begierde zu erfahren, ob Sie den hübschen Jüngling noch genommen haben.«
-
-Der schwache Schein einer längst gedämpften Flamme, wie wenn Asche
-ausglimmt, röthete Veronicas Wangen, als sie sprach: »was Sie äußern,
-schmeichelt dem Interesse meiner einfachen Erzählung. Sie vergessen
-jedoch, Frau Therese, daß ich eine Braut Christi geworden bin. --
-Ueberdies theilte meine Mutter Ihre Meinung nicht. Als der Besuch fort
-war und ich schweigend blieb, redete sie mich mit händeringender Geberde
-an: so ist es doch wahr! ich dachte schon, jener mir verhaßte Gedanke
-wäre mit deines Vaters Rausch verflogen, und hütete mich wohl, ihn daran
-zu erinnern. Mein armes Kind! jammerte sie, eine Kellerspinne sollst du
-werden, die hurtig hin und her läuft und darauf lauert, eine lose Fliege
-in das Netz zu bringen. Maria und Joseph! soll ich meine Tochter in den
-Keller betten? -- Obgleich das mütterliche Herzeleid mich rührte und
-jenes Bild mir widrig war: so mußte ich doch lächeln, wie meine Mutter
-ein Sprüchwort anwendete, worin ihre tiefste Abneigung sich ausdrückte.
--- Von dieser Zeit an, besuchte uns der junge Nachbar zuweilen. Nie
-blieb er einen Tag länger aus, oder verweilte eine Minute über die
-gewöhnliche Frist. Diese Regelmäßigkeit ängstete mich heimlich; ich
-wußte selbst nicht warum? überhaupt war etwas in diesem Verhältniß, was
-mich wie ein leiser Zwang drückte. Von einer Heirath zwischen uns
-war die Rede nicht, und daß wir Brautleute wären, hätte uns Niemand
-angesehen. Ich leugne nicht, daß ich meinem Zukünftigen sehr gut war,
-und mir mit Vergnügen bewußt, wie ich zu ihm stände, wenn ich auch das
-Vorurtheil meiner Mutter schonte. Ludovico sollte sich erst in seine
-Lage eingewöhnen -- hatte sein Vater gesagt. So saßen wir einander blöde
-gegenüber; ich fühlte ein ängstliches Bedürfniß, ihn zu unterhalten, als
-ob ich _seine_ Langeweile empfände. Hatte ich auf sein Kommen gehofft:
-so sah ich nicht minder gern dem Augenblick entgegen, wo er aufbrechen
-würde -- wußte ich ihn doch voraus. Manchmal preßte mir der Druck einer
-innerlichen Beklommenheit Thränen aus, die dann flossen, wenn er fort
-war. Dabei tröstete ich mich, daß er nicht recht fort könnte mit der
-Sprache -- ich hoffte ohne Hoffnung --« die Nonne lächelte trübe: »die
-Liebe hilft auch einem Stummen aus.«
-
-Eine Solche ward jetzt redend. »Aber liebe Veronica,« sprach Josephine,
-die ihren Mund noch nicht aufgethan, »was man am tiefsten fühlt, läßt
-sich oft am wenigsten sagen -- der junge Herr kann auch aus Liebe
-geschwiegen haben.«
-
-»Schweige Du, voreiliges Kind!« herrschte Fabia mit leiser Strenge ihrer
-Pflegetochter zu: »Du kannst hierüber noch gar nicht urtheilen.«
-
-»Ich dächte doch!« meinte Therese, und ihr Lächeln nahm Partei für
-diese.
-
-Veronica blickte das verschüchterte Mädchen zärtlich dankbar an. Sie
-wußte wohl, welchen Glauben Josephinens Worte ansprächen.
-
-»Oft ist es so, mein bestes Kind,« sagte die Nonne zu dem Liebling
-ihres Herzens: »allein hier war es nicht der Fall. So oft Ludovico kam,
-beschenkte er mich mit einer artigen Kleinigkeit. Ich durfte nur etwas
-lobend erwähnen, so dauerte es nicht lange, es war mein Eigenthum.
-Dieser aufmerksame Sinn, mir eine Freude zu machen, täuschte mich in
-dem Gedanken, er wolle mein Glück. Ludovico trug einen Ring an seinem
-Finger, der mir in die Augen stach; er war vom feinsten Golde, mit dem
-Bildniß einer =Mater dolorosa= in Mosaik ungemein künstlich gearbeitet.
-Dieser Ring war das Einzige, was er meinem sichtlichen Wunsche
-vorenthielt, und zufällig sagte er einst, daß es ein Andenken von seiner
-verstorbenen Mutter wäre. -- So war länger als ein Jahr vergangen, und
-jetzt äußerte mein Vater, daß unsere Verlobung in einiger Zeit vollzogen
-werden würde. Doch ehe ich mich meinem Ziel nähere, muß ich zuvor noch
-etlicher bedeutsamen Umstände erwähnen. Vielleicht war es in Folge der
-Unruhe meines Gemüths, daß ich mich damals etwas kränklich befand. Mein
-Vater glaubte nicht recht daran, wie denn Aerzte in der Regel Uebel,
-woran die Ihrigen leiden, für unerheblich halten. Die hochselige Gräfinn
-Frankenstern beehrte meinen Vater mit ihrem Zutrauen. Wenn sie mit ihrem
-Gemahl auf den hiesigen Gütern war, bediente sie sich seines Rathes,
-eines Schadens wegen, der, wie mein Vater meinte, leicht in ein
-Krebsgeschwür hätte ausarten können. Auch in jenem Herbste kam sie nach
-B--. Sie fand mein Aussehen verändert, und erkenntlich für geleistete
-Hülfe, forderte sie meinen Vater auf, mich ihr auf ein paar Wochen mit
-nach Bühle zu geben, zur Zerstreuung, wie die Gräfinn sagte. Mein Vater
-war zu höflich, um der vornehmen Dame diese gnädige Bitte abzuschlagen,
-meiner Mutter flehender Widerstand, mein eigenes Wollen oder Weigern kam
-dabei nicht in Betracht. Indessen gefiel es mir doch ganz wohl in Bühle.
-Die Gräfinn war die Leutseligkeit und Liebe selbst, eine wahre Seele von
-einer Frau! -- Morgen, mein Clärchen, sagte sie am zweiten Abend, wird
-eine Novize in Sanct Capella eingekleidet; hast Du das schon gesehen?
-Wir werden hinüber fahren. Ich verneinte; es war mir unbeschreiblich
-lieb, daß es sich so träfe, und ich konnte den folgenden Tag kaum
-erwarten. Die geistliche Hochzeit wurde mit größter Pracht vollzogen.
-Die Nonne, welche Profeß that, war eine reiche Erbinn von Hardt. Die
-Sage ging, sie hätte sich die Untreue eines Geliebten zu Gemüth gezogen.
-Das wunderschöne Frauenbild von edlem Wuchs, im vollen Brautschmuck,
-flimmernd von Geschmeide, darin die Kerzen der Altäre widerstrahlten,
-die Gestalt des hochwürdigen Bischofs --: alles, was ich sah und hörte,
-machte einen mächtigen Eindruck auf mich. Wie nun die Orgel erbraus'te
-und bebte, lös'te sich mein Wesen in erschütternden Gefühlen auf. Ich
-wurde hingerissen von dem heiligen Strom. Alles Irdische versank, ich
-sah in den offnen Himmel der Kirche und in meiner Brust rief es: =De
-profundis!=«
-
-»Schwester Veronica,« sagte Fabia, indem sie die Hand der Nonne faßte,
-als wolle sie ihr mit dieser Bewegung Einhalt thun, »werden diese
-Erinnerungen Sie auch nicht allzusehr angreifen? ich dächte --« sie
-redete nicht aus. Vielleicht war dem Protestantismus Fabiens jene
-Schilderung noch ungleich aufregender, als dem stillbegeisterten Gemüth
-der klösterlichen Jungfrau. Diese schüttelte den Kopf und sprach: »nein,
-nein! lassen Sie mich nur ruhig auserzählen. Ich sah das Kleid von
-Goldbrocat fallen wie eine verachtete Zier -- die blonden Haare -- der
-Bischof schnitt mir in das Herz -- und das Fräulein aller Eitelkeit
-baar, der Welt absterben. -- Während dieser ergreifenden Ceremonie wurde
-eine Glocke geläutet. Mir summte es schwer vor den Ohren, ich war einige
-Secunden ohnmächtig. Wenn ich an den Blick dachte, den die junge Nonne,
-ehe sie, von dem Convent in die Mitte genommen, auf das gefüllte Schiff
-der Kirche warf, und dann durch die Thüre verschwand, welche nach dem
-Innern des Klosters führt; so schwamm ihr Bild vor meinen Augen. Als ich
-am Abend jenes denkwürdigen Tages mich allein befand, und meine Haare
-auflösete, bemerkte ich, daß sie genau von derselben Farbe wären, wie
-die des Fräuleins von Hardt, welches knieend vor dem Bischof das stolze
-Haupt in seinen Schoß beugte, daß es seines Schmuckes beraubt würde.
-Während sich diese Scene meinem Gedächtniß wiederholte, entflocht ich
-die langen Zöpfe, und ließ sie wellenartig durch meine Finger gleiten.
-Da fällt etwas mit leisem Geklingel zu meinen Füßen -- es war eine
-silberne Scheere, die ich unversehends vom Tisch gestreift hatte. Eine
-innere Stimme raunte mir zu, daß dieser kleine Zufall vorbedeutend wäre,
-und unter einem Nervenfrösteln legte ich mich zur Ruhe. -- Bei dieser
-Gelegenheit kann ich nicht umhin einzuschalten, wie es mir vorkommt, als
-ob in jedem öffentlichen Opfer eine geheimnißvoll anziehende Kraft zur
-Nachahmung läge, welche verschwistert ist mit dem Reiz der Traurigkeit
-und der Gefahr. Und wie verschieden es auch sey -- mein Heiland bewahre
-mich vor dem Vergleich! ein reines Herz am Hochaltar den Lockungen der
-Welt zu entziehen -- oder ein verbrecherisches Leben auf dem Hochgericht
-in die Hände seines Schöpfers zurückzugeben: eine ähnliche Tiefe der
-menschlichen Seele ist es gleichwohl, darin es liegt, daß Todesstrafen
-weniger abschrecken als sie sollten. -- Bei meiner Nachhausekunft fand
-meine Mutter, daß eine Veränderung mit mir vorgegangen wäre. Sie suchte
-mich durch allerhand erheiternde Mittel zu zerstreuen. Am Andreas-Abend
-gossen wir üblicher Weise geschmolzenes Blei. Der Geist Gottes, den wir
-solchergestalt versuchten -- schwebte über dieser kleinen Wasserfläche.
-Ich zeigte der Mutter die Form, welche sich meinem Guß gebildet hatte.
-Nun das ist ja ganz natürlich wie eine Abtei mit Thürmen und Kreuzen --
-sagte sie: Du wirst uns doch nicht ins Kloster gehen wollen, Kind? und
-da die gute Mutter hinsichtlich meiner Zukunft keines Scherzes fähig
-war, der nicht ein wenig bitteres Salz gehabt hätte, so setzte sie
-lächelnd hinzu: viel eher hätte ich gedacht, Du würdest kleine Tönnchen,
-worin man Sardellen und Kapern voraussetzte, oder ein kugelrundes
-Weinfaß fischen. -- Ich betrachtete schweigend mein bleiernes Schicksal.
-Doch genug hiervon; meine Erzählung mögte sonst ihre Geduld ermüden.
-Das Jesuiter-Collegium besaß ein uraltes Gebäude vor dem Thore, welches,
-seiner schönen Lage wegen, theilweise in wohnlichen Stand gesetzt worden
-war. Der schöne Garten daran, mit tropischen Gewächsen bepflanzt, war zu
-einem wissenschaftlichen Zweck eingerichtet worden, und mein Vater, der
-die Botanik leidenschaftlich liebte, durfte ihn gewissermaßen als den
-seinigen betrachten. Hier verlebten einige Familien der Professoren die
-wärmere Jahreszeit, zumeist solche, die ein kränkliches Mitglied hatten.
-Auch uns waren des Anrechts wegen, welches sich mein Vater an dem Garten
-erworben, ein Paar der besten Zimmer eingeräumt, und ich freuete mich
-stets auf den Tag, wo wir unser Sommerlogis beziehen würden. Unter dem
-Dache dieses Hauses wohnte ein Sprachmeister, Namens Tamdio, hoch genug,
-daß die hectische Brust des ungesunden Mannes, hier Luft des Himmels
-trinken konnte. Mein Vater hatte dem armen Tamdio dies bescheidene
-Plätzchen ausgewirkt, wo er gleichsam einen Thurmwart vorstellte, der,
-ob auch mit kurzem Athem, gegen Jedermann das Lob seines Arztes und
-Wohlthäters ausposaunte. Dieser hatte ihm den Unterricht verbieten
-müssen, weil das viele Sprechen seine kranke Brust angriff; nur einige
-wenige Stunden setzte seine Tochter fort, die allgemein für ein wackeres
-Mädchen, und für eine nette Stickerinn galt. Er hätte sonst ohne diese
-Sprachfertigkeit seiner Tochter und den Fleiß ihrer kunstreichen Nadel,
-verhungern müssen. -- Wie groß nun auch der Abscheu meiner Mutter
-gegen meine heranrückende Verbindung war: so vergaß sie doch
-nichtsdestoweniger alle die kleinen und größeren Besorgungen, welche ein
-Brautstand =in optima forma= erheischt. Zwar hatte Ludovico bis jetzt
-noch kein Wörtchen gegen mich fallen lassen; aber eine Heirath war
-damals nicht das Recht gegenseitiger Zuneigung, sondern lediglich die
-Angelegenheit elterlicher Autorität und eine Pflicht des kindlichen
-Gehorsams. Sie lachen, Frau Therese? ja, und doch gab es zu jener Zeit
-weniger unglückliche Ehen als jetzt. Eines Tages sprach meine Mutter mit
-mir über die Geschenke, welche dem künftigen Bräutigam zu machen wären,
-und führte unter ihnen auch eine Verlobungsweste auf. Ich dächte, wir
-nehmen paille Atlaß, sagte sie, und ließen die Klappen und Taschen mit
-einer Borde sticken, und zerstreute Blümchen in die Mitte. Was meinst
-Du? -- Wir wollen des Sprachmeisters Tochter herunter bitten lassen. --
-Die junge Tamdio kam. Ihr Aeußeres war mir sonst nie aufgefallen; da sie
-nun jetzt vor uns stand, erschien sie mir sehr _interressant_ -- wie man
-heut zu Tage zu sagen pflegt. Man hätte sie nicht schön nennen können,
-vielleicht kaum hübsch; aber es lag ein Ausdruck in ihrem Gesichte, der
-unbeschreiblich rührte. Was sie sprach, klang wie traurige Musik, und
-wendete mir das Herz im Busen. Meine Mutter redete im Tone ruhigen
-Bestellens über diese Arbeit, welche sie der äußersten Mühsamkeit der
-Stickerinn dringend empfahl, weil es ein Brautgeschenk werden solle. Bei
-diesen Worten ward das Mädchen todtenblaß, und ihr Auge erlosch, wie ein
-Licht ausgeht. Sie sind wohl unpaß, armes Kind, vielleicht vom vielen
-Sitzen? fragte meine Mutter, unbekümmert, daß sie diese Anstrengungen
-vermehre. Wie geht es denn mit ihrem Vater? Er hustet stark, antwortete
-das Mädchen mit schwankender Stimme, und meine Hoffnung wird täglich
-schwächer. Diese Nacht hat er wieder ein wenig Blut ausgeworfen -- meine
-Mutter versprach, den Vater hinauf zu schicken, sobald er käme. Sie
-verlangte nun, ich solle die Blumen und das Dessein bestimmen. Mir
-that das Mädchen sehr leid, und so äußerte ich: wir könnten es ja noch
-lassen. Nein, sagte meine Mutter, es stehet geschrieben: was du thun
-willst, das thue bald. Ich wählte also ein Muster von Vergißmeinnicht.
-In dem niedergeschlagenen Blicke des Mädchens ging ein Schein von
-Beifall auf, die Mutter aber tadelte mich und sprach: Vergißmeinnicht!
-das hätte wohl keine Art, und sähe aus wie ein Andenken. Du vergissest
-jedoch, daß Dich der Bewußte so gut wie in der Tasche hat -- womit sie
-darauf anspielte, daß ich mich nach dem Willen des Vaters heimlich für
-ihn malen ließe, und mein Bild ihm in die Westentasche gesteckt werden
-sollte. Das Mädchen griff rasch in die ihrige, und zog ein Tüchelchen
-hervor, mit welchem sie sich die Stirn trocknete. Ich achtete dessen
-nicht, es war sehr warm an jenem Tage. Eine Woche mogte seitdem
-vergangen seyn,« fuhr Schwester Veronica tiefathmend fort, »als eines
-Abends ein schweres Wetter aufzog. Auch der Odem meiner Seele war
-schwül; Ludovico war mir seit einiger Zeit sehr trübe vorgekommen. Ich
-legte mich ans Fenster, um in den Kampf der Wolken zu schauen; meiner
-Mutter schwache Augen vertrugen den Blitz nicht. Sie setzte sich in ihr
-Schlafgemach hinter verschlossene Läden und betete. Grade unter meinem
-Fenster war eine Mauerblende mit einem eisernen Gitter und steinernen
-Sitzen nach Außen. Ein breiter Ahorn wölbte sich schirmend um diesen
-kühlen Versteck. Ich starrte in die Finsterniß hinaus, mit Gedanken an
-meine Zukunft, die nicht viel heller waren. Da war es mir, als sähe ich
-bei dem schwachen Leuchten der Blitze den Schatten eines Mannes um die
-Blende wanken, und alsbald vernehme ich ein klagendes Geflüster, wie von
-Innen. Es dauerte nicht lange, daß ich in der antwortenden Stimme die
-meines mir zugedachten Bräutigams erkannte. Er nannte Diejenige, mit der
-er zu dieser unheimlichen Stunde Zwiesprach hielt, _seine_ Clara, und an
-dem Tone, womit er diesen meinen Namen aussprach, der zu jener Zeit so
-allgemein war, daß ihn die meisten Töchter unserer Stadt führten, an
-diesem Tone hörte ich, daß ich seine Clara nie gewesen, noch werden
-würde. Schrecken und Eifersucht bewaffneten mein Gehör, so daß mir keine
-Sylbe entging, obgleich jede mein Herz durchdrang. Ludovicos Gegenstand
-mogte ihn bitten, sich bei dem näher kommenden Sturm nicht zu verweilen,
-denn er sagte, die Gewitterwache stände am Thor, und dieses bliebe
-offen, bis sie abziehen könnte. Dann schien er sich gegen zärtliche
-Vorwürfe zu vertheidigen. Er nannte mich ein liebes gutes Mädchen,
-welches er aber nicht lieben könne, weil es ihm aufgedrungen werde,
-und nur nehmen müsse, gezwungen durch den Willen seines Vaters, der den
-meinigen für einen Crösus halte. Er sprach sein Sträuben gegen diese
-Heirath aus, und wie er den Tag der Verlobung so lange als möglich zu
-hintertreiben suchen werde. Er betheuerte: die Mutter Gottes solle ihn
-in Angst und Noth verlassen, so er jemals Der vergäße, die einzig und
-allein seine Liebe besitze. Ich bin unglücklich, so lange ich lebe,
-sagte er, doch ewig werde ich Dein gedenken. -- Reiche mir Deine Hand
-aus dem Gitter, bat Ludovico, daß ich Dir diesen Ring an den Finger
-stecke, das Liebste, was ich habe. So sind wir verlobt für den Himmel,
-jenes Gelöbniß hat nur irdische Dauer. -- Ach! der Mensch sollte nie
-weder so bestimmt, noch so vermessen reden! Gott ists allein, der
-da bindet und lös't. Ein fürchterlicher Donnerschlag schlug ein, ich
-wünschte, dieser Blitz mögte mich zum Tode getroffen haben. Meine Seele
-war zermalmt, und betäubt taumelte ich hinweg. Diese Nacht war die
-schrecklichste meines Lebens. Ich rang zu Gott, daß er mich stärken möge
-zu einem Entschluß; denn Ludovicos Frau konnte ich nun nicht werden.«
-
-»Arme Veronica!« rief Therese mitleidig, »es ist entsetzlich, aus einer
-hoffnungsvollen Täuschung so zu erwachen! --«
-
-»Und doch war es gut, daß es nicht später geschah,« sprach Frau Fabia
-mit prädominirender Vernunft und Erfahrung. Nur Josephine wagte leise
-zu sagen: »ach! und auch der Ludovico dauert mich. Er ist doch wohl am
-unglücklichsten daran.«
-
-»Das dachte ich auch!« äußerte die Nonne, und fuhr mit bewegter Stimme
-fort: »wie nun der Morgen tagte, der schönste Frühlingsmorgen! da
-fühlte ich, daß meine Blüthen gefallen wären, für immer. Die Natur war
-erfrischt, die Vögel sangen lustig in den Zweigen -- wie _mir_ zu Muthe
-gewesen, ich mögte es nicht schildern können. Es war sehr zeitig, die
-Eltern schliefen noch -- da ging ich nach der Stadt auf den Pfarrhof,
-um mit meinem Ohm zu sprechen. Die wenigen Leute, welche mir begegneten,
-strichen gespensterisch an mir vorüber, meine Schritte wankten, wie über
-einem Abgrunde; ich hatte kaum Kraft die Klingel zu ziehen, die in der
-nüchternen Stille so nächtlich laut hallte, daß mir ein Grauen ankam.
-Mein Fuß zögerte, über die Schwelle zu schreiten, als gäbe es kein
-Entrinnen mehr für mich. Der gute Erzpriester war schon auf und im
-Garten beschäftiget, Ranken und Reben anzubinden, die der Sturm der
-verwichenen Nacht wild auseinander gerissen hatte. Sein Gesicht war voll
-Sonnenglanz. -- Dieser traute Anblick überwältigte mich -- ich sank an
-seine Brust, und weinte laut. Er hielt mich bestürzt in seinen Armen;
-kein Unglück war so groß, daß er es nicht in meiner Verstörung, in
-der schmerzbewegten Fluth von Thränen gesucht hätte, die an den Blumen
-seines Schlafrocks niederfloß. -- Ich sagte ihm nun, wie, nachdem ich
-lange mit mir gekämpft, ich nun gewiß wäre, daß ich den jungen Posca
-nicht heirathen könnte, indem ich eine unbezwingliche Neigung in mir
-fühlte, den Schleier zu nehmen, und nur fürchtete, die Eltern würden
-mir ihre Einwilligung versagen. So bäte ich ihn denn inständigst, meines
-Wunsches Wort bei der Mutter zu führen. Was den Vater anbeträfe, so
-wollte ich erst Vertrauen und Muth fassen, da ich von seiner Seite auf
-starken Widerstand gefaßt seyn müßte; weshalb ich denn auch so zaghaft
-wäre.« --
-
-Mein Ohm schüttelte den Kopf und sprach: »wäre mir dies doch nicht im
-Traume eingefallen! ist es auch nicht etwa nur eine flüchtige Einbildung
-von Dir? besinne Dich, liebe Clara! Nonne werden, und allen Freuden des
-Lebens absterben, ist kein Kinderspiel, und ich mache mir einen Vorwurf
-daraus, daß ich Dir vielleicht mit jener Puppe die erste Idee dazu an
-die Hand gegeben habe. Ist es mir doch nie so vorgekommen, als ob Du
-Deinem Liebsten abgeneigt wärest! ich fürchte, Du verschweigst das
-Wichtigste hierbei! -- Doch um keinen Preis hätte ich meinem Ohm die
-Wahrheit entdecken können. -- Wenn Gottes Absichten vollführt werden
-sollen: so muß es sich wunderlich schicken. Wer meinen Vater gekannt
-hätte, seinen Haß, o, daß ich es sagen muß! gegen die Geistlichkeit
-im Allgemeinen und gegen die klösterliche insbesondere -- seine
-Ueberschätzung alles Eitlen, sein Trotz, wie er den Glücklichen dieser
-Welt eigen ist, womit er einen einmal gefaßten Vorsatz fest hielt: Der
-würde es für ein Unmögliches gehalten haben, daß er meinem Wunsch sich
-nicht nur füge, sondern ein williges und willkommenes Sühnopfer für sich
-selbst darin sähe. Und dennoch mußte ein gewaltsamer Umstand mir dazu
-behülflich seyn.« Hier hielt Schwester Veronica lange inne, und ein
-tiefer Seufzer ihrer Brust säuselte durch die hochgespannte Stille. Dann
-fuhr sie mit unterdrückter Stimme fort: »die Heiligen segnen die Seele
-meines Vaters! ich weiß nicht, ob es mir als Tochter wie als Nonne
-ziemt, daß ich einer Geschichte erwähne, die einen Schatten auf sein
-Grab wirft, obgleich die Zeit von funfzig Jahren Gras darüber wachsen
-lassen! Wenn ich es thue, so geschieht es in dem Vertrauen, daß die
-Ruhe seiner Asche nicht dadurch gestört werde. Sie mögen sich selbst
-überzeugen, wie es möglich war, daß ein Mann von so sanguinischen
-Meinungen, wie mein Vater, plötzlich so erschüttert werden können, daß
-sein ganzes Wesen eine totale Umwandlung erlitt. -- Mein Vater hatte
-sich der Wittwe eines Chirurgen thätig angenommen. Die Frau stand nicht
-im besten Rufe und mogte auch leichtsinnig genug seyn; ihr seliger
-Mann, dessen Geschäft sie fortsetzte, in seinen niedrigsten Functionen
-wenigstens -- hatte sie barbieren gelehrt, auch über den Löffel -- zur
-Ungebühr, wie mir däucht; denn sie verstand es sehr von selbst, den
-Männern um den Bart zu gehen. Die arge Welt legte der Betriebsamkeit
-meines Vaters für das Beste dieser Frau, der Pünctlichkeit, womit er
-sie besuchte, und dem weichen Polster ihres Wittwenstuhls, eben keine
-bewegende Feder unter, die von gediegenem Golde gewesen wäre. -- Dies
-Verhältniß war der stille Schmerz meiner guten Mutter. Als mein
-Vater eines Abends wie gewöhnlich zu dieser Wittwe geht und in die
-unverschlossene Stube tritt, ist es dunkel darin, nur der Mond scheint
-auf die Gestalt der Frau, welche schweigend mit verhülltem Kopf hinter
-der Thüre lehnt. Mein Vater, der da glaubt, sie habe Versteckens mit ihm
-spielen wollen, eilt scherzend auf sie zu -- doch welcher furchtbarer
-Ernst schreckt ihn zurück! seine Freundinn hängt an ihrem Schürzenbande,
-und mein Vater -- _er selbst_! muß sie mit einem Rasirmesser
-losschneiden.«
-
-Die Zuhörerinnen schauderten -- Josephine legte beide Hände vor ihr
-unschuldiges Gesicht. Und Schwester Veronica sprach! »ja, mein Kind, wir
-müssen wohl den Blick schonend bedecken, der auf solch einen tiefen Fall
-trifft! nie ist der Grund aufgefunden worden, warum die Frau sich ein
-Leides gethan. Mein Vater mußte, da der Kreisphisikus erkrankt war, der
-gesetzlichen Section ihres Leichnams beiwohnen, und diese Amtspflicht,
-der er sich nicht entziehen wollen, um sich vor den Augen der Menschen
-keine Blöße zu geben, hatte seine innersten Lebenskräfte angegriffen.
-Dieses unglückselige Ereigniß hatte sich an jenem Abend begeben, wo
-ich auf andere Weise Todesweh empfand. -- Auch mir war es aus reinerer
-Schaam Bedürfniß, mich in der Achtung des Einen herzustellen, der mich
-höchstens bemitleiden können. Die Geschichte machte ein ärgerliches
-Aufsehen, es war, als ob der böse Würgengel vor meinem Vater herginge,
-und, um sein Unglück zu vollenden, starben ihm damals mehrere seiner
-bedeutendsten Patienten. Meine Mutter hatte in eben der Stunde, wo ich
-vom Pfarrhof zurückkam, die erste Kunde von dem Geschehenen erhalten.
-Sie würde es daher kaum gemerkt haben, wenn ich als eine Gestorbene aus
-dem Grabe wiedergekehrt wäre, und so bleich ausgesehen hätte, wie ich
-nun wirklich vor ihr stand. Wir finden es daher gewiß ihrer Stimmung
-angemessen, und auch folgerichtig, wenn wir ihr eingewurzeltes
-Vorurtheil gegen die Heirath mit dem Italiener bedenken, daß sie, als
-ich nach einigen Tagen ihr im Beiseyn des Erzpriesters meinen Wunsch
-eröffnete, mir zur Antwort gab: ich segne Deinen Entschluß, meine
-Tochter. Viel lieber will ich Dich im Schoß der Kirche, oder auch in
-den Mauern der Gruft aufgehoben wissen, als in den Armen eines Mannes.
-Willig reiße ich die Blume meiner Freuden aus dem mütterlichen Herzen,
-wenn ich weiß, daß Dir die Dornen der Ehe erspart bleiben. -- In dieser
-Aufregung meiner Eltern unterdrückte ich möglichst den Tumult meiner
-eigenen Gefühle, nur das Verlangen sprach laut in mir an, zu wissen: Wer
-das Mädchen sey, dem Ludovico seine Liebe geschenkt, ich meinte ruhiger
-zu seyn, wenn ich es wüßte. Wie aber sollte ich es erfahren?«
-
-»Ja,« rief Therese, und rückte unruhig auf ihrem Stuhle hin und her,
-»diese Neugier hätte mich auch gemartert, und ich würde jedem Mädchen im
-Hause auf die Finger gesehen haben.«
-
-»Das that ich auch,« erwiederte die Nonne lächelnd, »aber leider
-fand ich wenig Gelegenheit dazu. Zu jener Zeit herrschte auch unter
-Hausgenossen eine gewisse Zurückhaltung des Umgangs; die Töchter der
-Professoren hielten zusammen und mich für stolz, womit so oft der Sinn
-für Einsamkeit verwechselt wird, und die Fähigkeit, sein eigener Freund
-zu seyn. Indem ich nun Tag und Nacht darüber nachsann, Wen ich mir
-zum Fürsprecher bei meinem Vater erwählen könnte, und -- da die Zeit
-drängte, ich mit unschlüssiger Angst bald an die Gräfinn Frankenstern
-dachte, bald in Ueberlegung nahm, ob ich mich an den alten Posca selbst
-wenden sollte, der als ein bigotter Mann Scheu getragen haben würde, die
-Rechte seines Sohnes gegen den Herrn Jesum Christum geltend zu machen,
-war mir der Ring, und wer ihn trüge, wirklich ein wenig ins Vergessen
-gekommen. Den Ludovico hatte ich seitdem nicht wieder gesehen. Nach
-einigen Tagen kommt des Sprachmeisters Tochter und bringt die fertige
-Weste. Das Muster blühete nur so, und war mit dem reizendsten Gusto
-ausgeführt. Meine Mutter breitete den Atlas vor mir aus, und als ich die
-Vergißmeinnicht sah, die ich ahnungsvoll gewählt: da schwellten meine
-Augen und ein großer Tropfen fiel auf die abgezeichnete Tasche, die mein
-Bildniß hatte bergen sollen. O weh! sagte meine Mutter betroffen, was
-hast Du da gemacht? -- O das schadet nicht, versicherte das Mädchen,
-_die_ Farbe ist ächt, Sie werden es sehen. Darauf nahm die junge
-Stickerinn den äußersten Zipfel des Seidenzeugs, und rieb damit
-fadengleich die feuchte Stelle. Auf dem reibenden Finger aber --
-erblickte ich Ludovicos =Mater dolorosa=, und fühlte ihre sieben kleinen
-Schwerter in _meiner Brust_. -- Ich besann mich, daß Ludovico bei dem
-Sprachmeister Unterricht genommen, ich wußte auch, daß seine Clara
-italienisch spräche. Dies arme, geringgeachtete Mädchen mit der
-kummervollen Leidensmiene stand vor mir, so glückbegünstiget, als ob
-ein Königreich an ihrem Finger funkelte. -- Ich weiß nicht, in welche
-Verbindung ich es setzen soll, daß mir bei dem Lichte, was mir nunmehr
-über den ganzen Zusammenhang der Dinge aufging, jeder Schatten von
-Furcht vor meinem Vater verschwand. Noch an demselben Tage redete ich
-mit ihm. Ich unterstützte die getroste Bitte durch Alles, was meiner
-Meinung nach wirksam auf ihn seyn könnte, als zum Beispiel: daß ich aus
-guten Gründen glauben müsse, Herr Peter Posca halte ihn für unermeßlich
-reich, und solch ein Rechnungsfehler bei einem Kaufmann, ergäbe kein
-verläßliches Facit. Dann würde er wohl als Arzt bemerkt haben, wie
-dessen Sohn zum Heimweh hinneige, und wenn der Alte einmal das Zeitliche
-gesegnet, könnte es kommen, daß ich mit Ludovico über Berg und Thal
-in ein fremdes Land werde ziehen müssen. -- Daß mein Vater mit den
-Italienern seit einiger Zeit nicht mehr auf dem alten Fuße stand, daß
-ihm die Idee unserer Verbindung selbst leid geworden, davon wußte ich
-nichts, als ich mit dringender Beredsamkeit an dem verknüpften Bande
-lockerte, als ob ich es Wunder! wie unauflöslich hielte. Sieh da! der
-Faden war schon gelös't. -- Mein Vater ließ mich ausreden, tödtlich
-stumm. Dann sagte er: thue, was Du nicht lassen kannst! ich will Dich
-weder hindern noch zwingen. Dieser leichte Sieg war über mein Erwarten.
-Ich schlang meine Arme um seinen Hals und rief: lieber Herr Vater! ist
-dies auch wahrhaftig wahr? -- So will ich Gott mein Herz weihen, daß
-er Ihnen seinen Segen dafür gebe, lebenslang für Sie beten, und als Ihr
-treues Kind ersterben. -- Diese Freude schien ihn zu erschüttern; thue
-es -- sagte er mit erstickter Stimme; und zum erstenmale sah ich seine
-Augen benetzt. Mir aber hatte sich eine Compresse vom Herzen gelös't,
-und es blutete aus tiefen Wunden. Ich bat meinen Vater, daß er mir noch
-eine Bitte gewähre. Wenn der alte Tamdio ausgelitten haben würde, was
-nicht mehr lange dauern könne, dann mögte er die Clara an Kindesstatt
-aufnehmen, daß dies verlassene Mädchen elterlichen Schutz, und meine
-Mutter eine Tochter hätte, die ihres Alters Trost und Pflege würde.
--- Er versprach es mir. Nun übrigte mir noch das Schwerste. Kaum eine
-Stunde nachher kam mein zukünftiger oder gewesener Bräutigam, und warb
-in einer entschlossenen Rede um meine Hand. Ich bebte an allen Gliedern,
-da ich sprach: Herr Ludovico! ein langer Irrthum hat zwischen uns
-gewaltet: ich bin Willens, des Himmels Braut zu werden und keines
-Mannes. Hätte ich Einen gewählt, Sie würden es gewesen seyn, denn ich
-schätze Sie sehr hoch! -- Hier ergriff er meine Hand -- ich fühlte einen
-heftigen Druck, und mit gepreßtem Athem fuhr ich fort: ich habe meinen
-Eltern eine Nachfolgerinn gegeben, die an meine Stelle träte, Clara
-Tamdio -- ein braves Mädchen, welches das beste Glück verdient. Wenn Sie
-künftig das freundschaftliche Verhältniß zu unserm Hause fortsetzen: so
-gedenken Sie auch meiner. -- Ich wagte es, in sein Angesicht zu schauen;
-es sah aus wie von Marmor, sein Blick war gebrochen -- und _Freude_ war
-es nicht, was seine Züge versteinte. _Clara_, rief er, ist dies möglich?
-mein Name in seinem Munde, hatte bei dieser Frage einen andern Klang als
-sonst -- dieser Augenblick war mein glücklichster.«
-
-Die Nonne verstummte in bewegter Erinnerung. Alle schwiegen. Nach einer
-Pause fuhr Schwester Veronica fort: »an dem Tage, wo ich mein Noviziat
-antrat, begrub man den Sprachmeister. Seine Tochter zog in meiner Eltern
-Haus und in mein Zimmer. Sie trug meine Kleider mit Liebe, und die
-Schwächen meiner Mutter mit kindlicher Geduld. Die paille Atlaßweste mit
-Vergißmeinnicht aber hat der Ludovico an seinem Hochzeittage getragen.
--- Im Begriff, eine geistliche Jungfrau zu werden, war es mir
-gelungen, meine Eltern gleichsam noch einmal zu trauen. Ich genoß
-die unaussprechliche Beruhigung, daß sie die letzten Jahre ihrer Ehe
-einmüthig lebten. Mir aber war wohl -- das mögen Sie mir aufrichtig
-glauben. Ich erkannte meine Bestimmung, und daß die Welt meiner Wünsche
-Ziel nicht gewesen wäre; in ihr würde meine Liebe mir verloren gegangen
-seyn, die ich mir nun wie ein werthes Kleinod gerettet hatte. Wenn ich
-den Ludovico heirathen müssen -- und dem würde ich nicht haben entgehen
-können -- ach! und eine _ungeliebte_ Frau ist die unglücklichste von
-allen -- dann würde ich in seinem Besitz zu beklagen gewesen seyn, und
-außer Stande, meine Pflichten mit Vertrauen zu erfüllen, nachdem ich
-wußte, Wem sein Herz gehöre, und daß ein armes verwaisetes Mädchen durch
-mein Glück leide. So dachte er gewiß mit Wohlwollen an die Clausur,
-welche ich gewählt, auf daß er frei wäre in seiner Wahl. Die
-_Nothwendigkeit_ meiner Entschließung leuchtete mir also ein, wenn es
-doch dann und wann einen Augenblick für mich gab, wo ich meinte, es
-hätte vielleicht ein anderer Ausweg für mich ermöglicht werden können.
-Allmählig schloß ich die Augen meiner Seele für solche Rückblicke. Mir
-war wie Einem, Den mitten am hellen lichten Tage eine Sehnsucht nach
-Ruhe ergreift, der er nicht zu widerstehen vermag; der Sonnenschein da
-draußen blendet ihn nicht, und das Getümmel der Welt regt ihn nicht auf
-an der stillen Stelle, wo er Frieden träumt. -- Gebet und Arbeit füllten
-meine Zeit, ich zog viel Blumen, welcher Neigung ich durch mein ganzes
-Leben treu geblieben bin. Mehrere botanische Werke aus der Bibliothek
-meines Vaters, waren mein fortgesetztes Studium. Auch lernte ich den
-Generalbaß und Latein -- was -- wie ein classischer Schriftsteller sagt:
-ein gutes Mittel gegen die Wollust seyn soll --« ein klares Lächeln,
-worin die Reinheit einer gottgeheiligten Seele schimmerte, ergoß sich
-über Veronicas Züge, da sie erläuternd hinzusetzte: »als worunter
-jener Autor vielleicht die Lust zum Wohlleben und schlaffe Unthätigkeit
-verstanden wissen will. Auch muß ich ihm gewissermaßen Recht geben,
-und es ist wirklich wahr, daß jene anstrengende Schule ein empfindsames
-Frauenzimmer sehr erkräftiget, und keinem weichlichen Versinken in sich
-selbst Raum giebt. Beide Kenntnisse, nachdem ich sie mit unsäglicher
-Mühe erworben, waren mir über die Maßen lieb. Ich konnte die Väter
-unserer römischen Kirche lesen, die heiligen Legenden -- und der
-Generalbaß -- der ist der Schlüssel zu aller Harmonie, und gleichsam das
-Thor zu der Welt der Töne. Man geht erst ein in das Geheimniß der Musik,
-wenn man ihn kennt. -- So waren mir fünf Jahre still verrauscht. Als
-ich einst nach der Vesper vom Chore kam, die Violine im Arm, die ich zu
-einer Uebung mit auf meine Zelle nehmen wollte -- ward mir gesagt, ein
-fremder Herr, der einen Auftrag an mich hätte, wünsche mich zu sprechen.
-Ein _Herr_! ein _Fremder_! dies sind Worte, welche ein Frauenkloster in
-Aufruhr bringen. Der ganze Convent sah mich mit Neid und Neugier an, und
-die Aebtissin bewilligte es, daß ich das verlangte Gehör gäbe. Es war
-im Herbst, zur Zeit des Zwielichts; der Mond schien schon blaß durch
-die hohen Fenster, die Reben daran wankten in der Abendluft, so daß sich
-Licht und Schatten zitternd in dem düstern Sprachzimmer mengten. Mein
-Blick fiel auf die Gestalt eines Mannes, der am Pfeiler lehnte, und
-dessen bleiches, verhärmtes Gesicht ich nicht sogleich erkannte.
-Um Gott! Ludovico! rief ich so erfreut als bestürzt, da ich ihn
-tieftrauernd sah; ich _fühlte_ die Scheidewand zwischen uns -- den Bogen
-ließ ich tönend auf die Saiten fallen und konnte mich des Instruments
-nicht geschwind genug entledigen. Sein Auge strich an meinem
-Ordensgewand und dann an der Violine herab, da er sprach: liebe
-_Clara_ -- nie werde ich Sie bei einem andern Namen nennen -- und ich
-mißverstand ihn wohl, denn ich dachte, um seiner Gattinn willen -- also
-setzte er hinzu: ich mußte Sie doch einmal wieder sehen. -- Ich drückte
-ihm meine Freude darüber aus, und durfte ihm nun die Fülle der Liebe
-zeigen, die keinen Abbruch gelitten, als ich mir mit dem Grundstein
-seines Glückes eine Stufe in den Himmel bauete, denn er war ja einer
-Andern, und ich war Gottes. Das Herz war mir so voll -- ich wußte nicht,
-wonach ich zuerst fragen sollte. Was mußte ich vernehmen! -- Seine Frau
-war todt, in einem schweren Kindbett gestorben, und Ludovico Willens,
-mit seinen Kindern nach Italien zu gehen. So wollte ich denn
-Abschied nehmen, auch komme ich nicht mit leerer Hand -- sagte er mit
-zermalmender Wehmuth, und bat, daß ich ihm die meinige reichen mögte. --
-Und durch das Gitter, wie es damals geschah -- steckte er mir _den_
-Ring an meinen Finger, den er der Geliebten gegeben, den seine Ehefrau
-getragen, den Ring der Schmerzensmutter! -- Empfangen Sie dies zum
-Andenken von mir und ihr! sagte er, dieses gottselige Bild darf eine
-Braut des Himmels tragen, ohne ihrem Gelübde treulos zu seyn. Und
-erinnern Sie Sich in frommer Fürbitte Eines, der mit einem Herzen,
-darin der Harm wühlt, und ein Wurm, der nicht stirbt, vergangener Tage
-gedenkt. -- Ich weiß nicht, ob das meinige mehr leidvoll als entzückt
-war; ich hatte ein Gefühl von Verlöbniß, und doch nicht von irrdischer
-Art. Wir trennten uns auf immer -- und doch nicht für ewig. Ich besaß
-ein Pfand, was den armen Leidenden an mich bände, und der Freund meiner
-Seele, mein Herr und Heiland! hatte nichts dagegen. Auch die Aebtissinn
-erlaubte, daß ich den Ring trüge. -- Nach Jahresfrist erhielt ich
-eine Cremoneser Geige wohl verpackt, von Ludovico zugeschickt, die
-mir unbeschreibliches Vergnügen machte. Es war, als ob seine frühere
-Gewohnheit, mich zu beschenken, seit dem Tode der Frau wieder ihren
-alten Platz eingenommen hätte. Vor einigen Jahren,« so endigte Schwester
-Veronica ihre Geschichte, »zerbrach mir der Ring -- ich konnte mich
-jedoch nicht entschließen, ihn einem Goldschmied zu geben. Wie bald --
-dachte ich, bricht nicht auch der Tod das Auge, das zu viel tausendmalen
-darauf geruhet! so möge er denn ruhen. Hier liegt er nun.« Bei diesen
-Worten zog die Nonne ein kleines Schubfach auf, nahm ein Döschen von
-Perlenmutter, in Form einer Muschel heraus, öffnete es, und drinnen
-schlief das Bild der allerseligsten Jungfrau auf ein wenig Watte. Die
-blanke Glätte des Goldes, und ein kleiner Bug am Ringe, zeigten, wie
-lange er getragen worden sey. Die Damen betrachteten ihn mit einem,
-obgleich verschiedenartigen, doch gemeinschaftlichem Interesse.
-
-Frau Fabia hielt ihn lange vor ihr ernstes Auge, und seine Farben
-spielten unter mystischen Gedankenblitzen. Sie dachte an die
-geheimnißvolle Verkettung der menschlichen Schicksale, wovon dieser Ring
-als ein Glied anzusehen wäre -- und daß selbst so winzige Steine reden
-müßten, als die, welche den kleinen Altar reinster Mütterlichkeit
-zusammenbauten, wenn es darauf ankäme, daß der Unerforschliche seinen
-Willen offenbare. Theresens Blick spiegelte sich leuchtend im hellen
-Golde dieser Fassung -- unter Regungen des Flattersinns wie des
-Vergnügens, dachte sie: wie solch eine traurige Treue wohl möglich wäre?
-und nur ein leiser catholischer Schauer versenkte ihr Anschauen etwas
-tiefer in die durchbohrte Brust der kleinen Madonna. Josephine, als die
-jüngste, bekam den Ring zuletzt, und durfte ihn am längsten behalten;
-ihr war er eine Reliquie. Der todte Schmerz darin -- das Leben und
-Leiden der Nonne -- bewegte ihre junge Seele. Die Mutter Gottes, fest
-gefügt, schwankte, und ihr starrer Jammer lösete sich in der Thräne auf,
-die dem frömmsten Kinde der Christenheit in den klaren Augen funkelte.
-Josephine empfand, daß solch ein Ring den Schmuck der ganzen Erde
-aufwöge. Sie fühlte die Heiligkeit der Liebe, und den unvergänglichen
-Werth eines Herzens, das sich zu opfern vermag, auf daß die Welt selig
-würde, die es umfaßt.
-
-Während dieser Theestunden war der Administrator bei dem Major
-Feldmeister gewesen, der ihm sagen lassen, es ginge schlimmer mit dem
-Bein, und er mögte ihm doch ein wenig Gesellschaft leisten auf seinem
-Zimmer.
-
-Jener, der in der Abwesenheit der Frauen eine schwache Anwandlung von
-dem Unbehagen eines Ehemanns spürte, welcher den Zusammenkünften der
-Damen und ihrer gesetzgebenden Tyrannei nachstehen muß -- hatte der
-Einladung augenblicklich Folge geleistet. Das Gespräch vom Morgen ward
-fortgesetzt, und der Major brachte die Frage wiederum in Anregung, wie
-der Erstere zu seiner zweiten Schwägerinn gekommen sey. Da es sich nun
-der Allgegenwärtige allein vorbehalten hat, aller Orten zugleich zu
-seyn, und, wie Einer sagt, der nach dem ersten Erschaffenen heißt: Adam
-im Dorfbarbier --, ein einzelner Mensch nicht an Alles denken kann, so
-müssen wir uns das Vergnügen versagen, unsere Leser als Zeugen dieser
-Unterhaltung einzuführen, _weil_ und _so lange_ wir in Veronicas Zelle
-verweilen. Indem wir nun den Inhalt derselben nachträglich mittheilen,
-ist uns der Vortheil gegönnt, auch das, was dem Erzähler selbst
-verschlossen geblieben, kraft des magischen Schlüssels, den wir
-dazu besitzen, unsern Lesern zu eröffnen. -- Die Stiefmutter des
-Administrators hatte sich nach seines Vaters Tode mit ihrem Söhnlein
-in die Hauptstadt des Landes begeben, welches der Schauplatz dieser
-einfachen Geschichte ist. Die Dame mogte ihre guten Ursachen haben, so
-fern als möglich von ihrem ehemaligen Wohnorte zu leben, um persönlichen
-Vorwürfen zu entgehen, und die Früchte eines erlisteten Testaments unter
-dem Schutze der Unbemerktheit genießen zu können. Und wie es denn nun
-häufig geschieht, daß ein ungemeines Glück auf den Schmutz ungerechten
-Besitzes, und in befleckte Hände fällt, so waren ihrem Kinde seltene
-Gaben geworden. Der kleine Constanz war ein Ausbund in jedem Sinne, und
-unter keine Regel zu bringen. Er wuchs in genialer Wildheit auf,
-und seiner Mutter, wie Jedem, der an ihm erzog, über den Kopf. Seine
-Fähigkeiten überflügelten frühzeitig die Erwartungen der Lehrer,
-die nicht wußten, in welche Classe sie ihn setzen sollten. Seinen
-Mitschülern war er ein Abstractum -- und mit einer wohlwollenden Seele
-sah Constanz sich nirgend verstanden, denn es fehlte selbst der Mutter
-an dem Maßstab der Liebe, den Geist ihres Kindes zu messen. Die Mutter
-befand sich nicht wohl, und zog, eine Frühlingscur zu gebrauchen, vor
-das Thor. Dicht neben dem Hause, darin sie wohnte, war das Hotel des
-***schen Gesandten, mit einem prächtigen Garten. Der Knabe blickte
-zuweilen sehnsüchtig aus dem engen grünen Bezirk, den seine Eigenthümer
-ein Gärtchen nannten, und dessen Beete in seine strebsamen Wünsche
-hemmend einschnitten, in die freien Räume hinüber, wo die Söhne des
-Gesandten, etwas älter als er, unter hohen Schatten sich nach Willkür
-belustigten, und unter dem gesenkten Auge des Hofmeisters, der nicht
-weit davon in einem Buche las und mit vornehmer Ruhe seine Eleven
-gewähren ließ -- ein wenig turnten. Es prickelte den Constanz oft in
-allen Gliedern, das Glück dieser Ungebundenheit zu theilen, denn die
-Mutter schrie schon ängstlich auf, wenn er einen Purzelbaum schoß, oder,
-die langsame Treppe zu umgehen, sich über das Geländer hinaufschwang.
-Jede solche Kraftübung ihres Söhnleins setzte ihren schwachen Kräften
-zu. Das Verlangen nach diesem Spielraum ward ihm denn nun auch erfüllt.
-Die Lebendigkeit des Kindes, was sich den stolzen Söhnen des Gesandten
-auf ihren Wunsch und Wink zugesellt, etwas Hinreißendes in seinem Wesen,
-die Art und Weise, wie der freundliche Knabe seinen Willen stets gegen
-den hochmüthigen Trotz der Andern durchsetzte, schienen dem Hofmeister
-bemerkenswerth. Er sagte dem Gesandten davon, und als dieser einst
-Gelegenheit hatte, den kleinen Constanz selbst zu beobachten, fand sein
-feiner diplomatischer Blick ein Talent an dem Knaben aus, was wohl der
-Mühe verlohnte, für _seine_ Zwecke entwickelt zu werden. Der Gesandte
-ließ sofort die Wittwe artig ersuchen, ihren Sohn, der ihm lieb geworden
-sey, an dem Unterricht seiner Kinder Theil nehmen zu lassen. Es geschah,
-und mehr noch. Als der Sommer zu Ende ging, war auch die Mutter des
-kleinen Constanz an ihrem Ziele -- und der Gesandte nahm den verwaiseten
-Knaben nun ganz zu sich. Die Söhne folgten ihrer Bestimmung, Constanz
-blieb das Kind des Hauses. Er ward Privat-Secretair des Gesandten. Diese
-Stellung machte ihn mit den geheimsten Staatsverhältnissen vertraut,
-er arrondirte die Rechte der Familie gegen einander, und ihr Oberhaupt
-setzte ein ungemessenes Vertrauen in die Klugheit seines Günstlings.
-Nur dessen Geschlechtsname war ihm zuwider, aus einem angestammten
-Vorurtheil gegen klösterliche Machthaber, und da nun Constanz von früher
-Kindheit an _so_ und nicht anders genannt worden war, behielt er diese
-Benennung später und für immer bei, so daß man kaum mehr wußte, wie er
-eigentlich heiße. So ward es dem Constanz nicht schwer, die Prälation
-seines Namens gegen jenen aufzugeben, der im Hause mit französischem
-Accent ausgesprochen ward. Seine Persönlichkeit ging in der Bedeutung
-des Gönners unter, dem er Kopf und Feder lieh. Es war bekannt, daß der
-Secretair die rechte Hand des Gesandten wäre; doch die Frau desselben
-tadelte diesen Vorzug, wenn auch nicht laut. Sie liebte den Jüngling
-nicht gleicherweise, theils aus ein wenig Mutterneid, theils aus einem
-dunkeln Gefühl von Eifersucht auf die Gunst ihres Gemahls, endlich,
-weil er sehr verschwiegen war. Diese erforderliche Eigenschaft stand im
-Conflict zu einem Fehler der Dame: dem Mißtrauen. Sie argwöhnete, das
-Cabinet, dessen Geheimnissen der Secretair verpflichtet wäre, enthielte
-auch solche, welche nicht in anderer Herren Länder, sondern über
-die Grenzen des ehelichen Bereichs, in das Gebiet _fremder Frauen_,
-verhandelt würden. Und in wie weit dieser Verdacht begründet gewesen,
-wird die Folge lehren. So war das Verhältniß des begünstigten Constanz
-gegen die Dame des Hauses etwa das eines natürlichen Sohnes.
-
-Wenn der Gesandte, was er oft zu thun pflegte -- rühmte, wie expedit
-Constanz sey, wie er darin das Unmögliche leiste, dann bestrafte seine
-Gemahlinn ihn für den Aerger dieses Lobes, indem sie weniger mit einer
-Miene des Tadels, als übler Weissagung, entgegnete: »ich fürchte sehr,
-Constanz übertreibt Alles, und Sich zumeist. Solche Leute leben nicht
-lange. --« Dies Prognosticon, mit pflegmatischer Ruhe gesprochen, jagte
-den Gesandten in Furcht. Einst hörte er seine Frau zu dem Secretair
-sagen: »wenn Sie nur nicht immer so =en carrière= wären, Constanz! ich
-mag es nicht gern, wenn der Mensch weder Rast noch Ruhe hat. Denken Sie
-an mich, Sie werden einmal wie ein Wirbelwind heirathen, der den Leuten
-Staub in die Augen streut -- und mit Extrapost gen Himmel fahren. --«
-Der Jüngling lächelte der Drohung, die ihn zügeln sollte, und sprach:
-nichts könnte ihm lieber seyn, denn alles Langsame wäre sein Tod. --
-
-Der Gesandte dachte darauf, wie er den Constanz, ohne ihn zu verlieren,
-entfernen könnte, und alsbald traf dieser Wunsch mit den Interessen
-seiner Charge, wie mit denen seiner eigenen Angelegenheiten auf das
-Genaueste zusammen.
-
-Es war um die Zeit der Aufstände in Polen, wo er den Secretair mit einem
-Auftrage von größter Wichtigkeit an einen entlegenen Hof sendete. Es
-war eine Courierreise. Doch zu Einem Auffenthalt erhielt der junge Mann
-geheime Instruction, und Constanz muthmaßte schlau, diese mache nicht
-den unbeträchtlichsten Theil seiner Sendung aus. An der polnischen
-Grenze lebte eine Freundinn des Gesandten, um die er in Sorgen war.
-Constanz sollte sich von der Lage dieser Dame und ihrer Tochter in
-Kenntniß setzen, und wie es Beiden in den kriegerischen Unruhen ergangen
-sey; dann ihnen Depeschen überreichen, welche der Gesandte ihm, unter
-dem Siegel der tiefsten Verschwiegenheit, übergab. Er versprach dagegen,
-wenn die Ausführung jenes Geschäfts -- vielleicht meinte er auch
-_dieses_ -- den Beauftragten bewähre, so solle Constanz einer seinem
-Verdienst entsprechenden Versorgung im diplomatischen Corps gewiß seyn.
--- Es war, als ob der Landsturm jener Revolution eine alte Erinnerung in
-dem Herzen des Gesandten aufgestört, und seinen gleichmüthigen Bestand
-aufgelöset hätte. Dieser Protector, getäuscht von der innern Bewegung,
-wähnte, seinen äußern Zustand verändern zu müssen, und indem er die
-Anstrengung im Auge hatte, sich auf den Gipfelpunct seiner Wünsche zu
-schwingen, ging er von der Idee aus, den Protegé für diese Absicht zu
-nützen, bevor er ihn poussire.
-
-Freudig, wie ein Vogel den goldenen Käfig hinter sich läßt, darin er
-eingeengt gewesen, flog Constanz durch die blauen Lüfte. Er war ganz in
-seinem Elemente; eine weite Aussicht that sich vor seinen Blicken auf.
-Er schwelgte gleichsam im Genuß einer pflichtmäßigen Eile. -- Doch
-indem er der Ferne zustrebte, war er unversehends an die Marken seines
-Schicksals gekommen; und hier war es, wo der Horizont seiner Hoffnung
-Erde und Himmel für ihn abgrenzte.
-
-Als Constanz sich den Wäldern Polens näherte, drängte sich ein
-düsterer Ernst ihm auf. Ueberall traf er auf Spuren wilden Kampfes und
-verzweiflungsvoller Schritte. Die Zerrissenheit dieses Volkes dauerte
-ihn, er sah betrübt zu Boden, den so viel edles Blut besprengt, und
-jeder Ton dieser sarmatischen Mundart schlug dumpf und traurig eine
-tiefe Saite seines Herzens an.
-
-Constanz sprach sehr geläufig polnisch, was ihn jenen heimathlosen
-Flüchtlingen naturalisirte, in deren rauhen Mienen ein Strahl
-vaterländischen Sonnenscheins bei seiner Anrede aufging. Man wies ihn
-überall freundlich zurecht; doch nicht in einen erfreulichen Port. Der
-kleine Edelsitz, auf dem die Freundinn des Gesandten residiren sollte,
-war eine wüste Brandstätte, ein trauriges Bild gänzlicher Verödung. Es
-war um die Mittagsstunde, als Constanz auf dem weichen Estrich dieser
-polnischen Wirthschaft anhielt. Diese verkohlten Gebälke schienen
-noch zu dampfen; doch kein Rauch stieg aus der Esse des Gemäuers, des
-einzigen auf dem Höfchen, was den Anstrich hatte, bewohnt zu seyn. Ein
-alternder Mann, in der Livree der Armuth, welche ein lustiges Bunt
-giebt und freie Schnitte -- doch besseren Ansehens als Die, welche sie
-gewöhnlich tragen -- stand in der niedern Thür, und sah tiefsinnig auf
-das leere Häuschen einer Hundehütte nieder, deren Kette gelös't daneben
-lag, und den Wächter frei gegeben hatte. Der Mann schrak zusammen, als
-das leichte Fuhrwerk schnell wie ein Pfeil von der Senne, durch den
-offnen Thorweg prallte, und gleichsam sein Herz zu treffen schien. Der
-junge Reisende trat wohlwollend auf ihn zu, und fragte nach der Herrin
-des Ortes. »Meine Dame schläft --« sagte der vermuthliche Diener,
-indem ein Seufzer seiner Rede voranging, welcher sie der Theilnahme des
-Zuspruchs anempfahl, »und ungern mögte ich sie wecken. Auch würde es«
--- meinte der Getreue, »wenig nützen. Seit den erschrecklichen Vorfällen
-allhier,« fuhr der Alte fort, »hat meine Dame das Gedächtniß verlohren,
-und kann sich auf nichts mehr besinnen.«
-
-»Nun, vielleicht doch! wir wollen sehen --« erwiederte Constanz lächelnd
-auf diesen Bescheid, der beinahe abweisend lautete.
-
-»Sogleich!« sprach der Alte in der reizbaren Empfindlichkeit seiner
-Nation und eigenen Unglücks, von diesem Lächeln, diesem Zweifel
-beleidigt, und stieß leise ein zersprungenes Fenster nach Innen zu auf,
-was nur angelehnt war. Der junge Fremde sollte Einsicht in die Wahrheit
-seiner Aussage bekommen. Constanz trat vor die Oeffnung, und als
-Schatten vor die Sonne, welche wie zum Spott Verhältnisse beleuchtete,
-deren Glücksstern untergegangen war. Welch ein Anblick! das nackte
-Sparrwerk der Wände war mit Teppichen behangen, die augenscheinlich
-einer besseren Bestimmung angehörten. Auf einem verstümmelten
-Pfeilertisch von Marmor stand eine massive Eßschale, trübe verblindet,
-darin ein Rest ärmlicher Speise war. Tausend Kleinigkeiten, darunter die
-meisten vom Ueberfluß, lagen -- ein Quodlibet -- wirr durcheinander, und
-eine Anzahl kleiner abgetragener Schuhe, wie vertretne Kinderschuhe --
-nahm den Fußboden ein. Alles schien nur für den Nothbehelf zu seyn. In
-einem Großstuhle, der schräg gegen das Fenster gerückt, voraussetzen
-ließ, er stände nur derweilen da -- lag eine ältliche Frau mit
-geschlossenen Augen. Ein echter Schawl, an den der matte Kopf sich
-schmiegte, hing nachlässig über die Lehne geschlagen, und der Chinese
-des Gewirks, hielt seinen Schirm über diese eingesunkene Wange.
-Vielleicht war dieser phantastische Schutz der einzige, dessen die
-schlummernde Dame genoß. -- Um ihren feinen Mund schwebte ein Lächeln
--- das Todeslächeln unbewußter Beruhigung; ihre rechte Hand lag auf dem
-Arme des Sessels. Eine zartere Hand, gewebt aus der feinsten Seide
-des Müßiggangs, hatte Constanz nie gesehen; aber er gewahrte jenes
-Nervenhüpfen daran, welches auf krampfhafte Zustände, und nicht selten
-auf eine nahe Auflösung schließen läßt. Im lebendigsten Contrast dieses
-abgespannten und verblichnen Bildes, saß ein junges schlafendes Mädchen
-zu den Füßen der Dame. Diese Sieste war eine andere; dieser volle
-Athemzug war ein trunkenes träumerisches Schöpfen aus der Ruhe süßestem
-Quell. Constanz ward berauscht vom Zusehen. Für einen jungen Mann giebt
-es keine größere Gefahr, als die Schönheit, wenn sie schläft, und die
-gesenkten Waffen blinkender Augen. -- Doch nach einigen Secunden, die
-sein Leben wendeten -- es giebt Momente, welche alle Verhältnisse der
-Zeit aufheben -- trat Constanz zurück, denn der Anzug des Mädchens
-däuchte ihm nicht für die Nähe eines Mannes berechnet. Er wollte warten;
-doch jetzt regte sich die Dame, und der alte Diener führte ihn an die
-Thüre. Constanz mußte sich bücken, und sein Herz beugte sich, als die
-Dame ihre Augen aufschlug, und erschrocken fragte: ob wieder Feinde da
-wären? -- Constanz versicherte ehrerbietig: er käme als ein Bote der
-Freundschaft. Die Dame legte die schneeweiße Hand an ihre Stirne, wie
-Jemand, der sich besinnt, und sprach: »Freundschaft -- --?« Es war, als
-wäre der Begriff dieses vielsagenden Wortes ihr tief entfallen.
-
-Während dessen war das Mädchen auch erwacht. Angesichts des jungen
-Fremden trat es vor den alten Mann, und ließ sich ungenirt das Kleid
-von ihm zuhäkeln. Diese polnische Unschuld verwirrte den entzückten
-Constanz, dem der kleinste Dienst weiblicher Toilette bisher wie das
-Werk geheimnißvoller Verwandlungen gewesen -- so daß er mit Mühe nur
-seinen Auftrag auszurichten vermogte.
-
-Es war eine helle Stunde für die Mutter, in der sie die Depeschen des
-Gesandten las. Und während sie wie aus den Wolken fiel -- sehr dunkle
-hatten den Lebenstag dieser unglücklichen Frau verfinstert -- daß
-jener Freund sich ihrer _jetzt_, und auf diese Weise erinnere, fiel das
-Rosenlicht einer schöneren Vergangenheit auf jede Zeile. --
-
-Das Lesen geschah indeß so langsam, daß Constanz unterdessen völlig Muße
-hatte, sich der Tochter zu befreunden. Er bat um die Vergünstigung, bis
-zum andern Morgen hier verweilen zu dürfen. Die Mutter war über jede
-Verlegenheit ihrer Lage hinaus -- das Fräulein bewies sich nur in so
-fern gastfreundlich, indem es bei der Sorge für die Bewirthung dieses
-angenehmen Botschafters doch nicht das Vergnügen über seine längere
-Anwesenheit verleugnete.
-
-»Bonaventura --« so hieß der alte Kämmerer -- »wird schon Rath
-schaffen,« sagte Therese -- unsere Leser wissen ihren Namen doch. »Wir
-wollen die Mutter nur ganz außer Acht lassen --« flüsterte Therese ihm
-traulich zu. »Sie lies't zwei Stunden an dem Briefe -- ich kenne das.
-Wäre es Ihnen vielleicht gefällig, eine Parthie Schach mit mir zu
-spielen? Sie mögen Rußland seyn -- ich bin Polen.«
-
-Constanz erstaunte über die Vortheile, welche Therese sieggewiß
-ihm vorausgab; doch nicht minder, daß er fände, wie dieser harmlose
-Leichtsinn vermengt wäre, mit patriotischer Tücke. -- Nach wenigen Zügen
-war seine Niederlage entschieden, und nebenbei verlor er sein Herz.
-
-Nachdem Theresens Mutter gelesen, versank sie in eine Apathie, welche
-ihre Gegenwart den ganzen Abend hindurch unwirksam machte. Und dieser
-Abend, er reichte hin, die flatterhafte Neigung der beiden jungen
-Leute unauflöslich zu knüpfen. Auf Constanz Seite stand unsichtbar sein
-treibender Genius, der ihn immer und überall drängte. »Spute Dich!«
-raunte dieser beflügelte Geist ihm zu, »wir haben Eile, und die Zeit
-entflieht.« Wie verwirrend die zarten Seile nun auch waren, die sich
-leise um dieses flüchtige Naturell legten, wie verworren das Verhängniß
-dieses Hauses vielleicht: Constanz blieb zum Aufmerken frei, wie zu
-einer und der andern Frage, die ihm sein Gönner an das Herz gelegt,
-bevor er die an das Fräulein richtete, welche ihn selbst betraf. Es
-geschah dies gesprächsweise. Therese stand auf, rüttelte sacht an der
-schwachen Mutter, und weckte ihre schlafende Seele mit den Worten: »sage
-einmal, habe ich Verwandte?«
-
-»So viel ich weiß: nicht;« antwortete die Dame mit Resignation, und
-bat, daß ihre Tochter sie in dieser traumhaften Stille lassen mögte. Ein
-kühner Wurf des Gesprächs brachte es auf Religion, und Constanz begehrte
-zu wissen: zu welcher das Fräulein sich bekenne? »Eigentlich zu keiner,«
-antwortete Therese mit liebenswürdiger Freigeisterei, »ich habe meinen
-Glauben gern für mich, und meine Liebe auch. Doch bin ich mit Salz
-getauft --« Constanz lächelte gelinde.
-
-Therese, die es zweifelnd ansah, stand abermals auf, ging zu dem
-Großstuhl, neigte sich über die blasse Gestalt, und sprach: »Mütterchen,
-bin ich catholisch?«
-
-»Etwas --« antwortete die Dame kaum hörbar, »Du frägst mich viel. --«
-Therese stand beschämt. »Die Mutter hat eigentlich Recht --« sagte sie
-und nickte dazu. »Fasttage halte ich gar nicht, und auf die Beichte
-nicht viel; sie müßte denn freiwillig seyn, wie zum Beispiel jetzt. Wenn
-ich es Ihnen ehrlich gestehen soll --« fuhr Therese fort: »die Religion
-ist mir ein bischen zuwider. Erstens: des vielen Krieges und Streites
-wegen, den sie verursacht hat, und ich liebe es sehr, daß man sich
-freundlich begegne; dann habe ich einige Fromme kennen gelernt, die mir
-außerordentlich gehässig waren. -- So kann ich auch nicht anders, als
-mir unsern Herrgott unter dem Bilde eines wohlwollenden alten Mannes
-denken, der eine großmächtige Schlafmütze trägt -- als Symbol der
-ewigen Ruhe. Und in dem Himmel stelle ich mir eine ehrsame, aber höchst
-langweilige Gesellschaft vor.«
-
-Für Constanz waren diese Aeußerungen, um der Anmuth und anspruchslosen
-Offenheit ihres Vortrags willen, Bekenntnisse einer schönen Seele. Ein
-aufrichtiges Herz schätzte er über Alles, und er wünschte, sich dieses
-arglose zuzueignen.
-
-Was Therese dem Gast im Laufe des Abends erzählte, dürfte ohngefähr
-folgendes Ergebniß seyn. Therese war, seit ihrer frühesten Kindheit von
-ihrer Mutter getrennt, in einem großen Hause erzogen worden, ziemlich
-sich selbst und ihrer natürlichen Gutartigkeit überlassen. Jene Familie
-aber lebte, verwandtschaftlicher Verhältnisse wegen, wenig daheim, und
-so konnte sich auch kein weibliches Gefühl der Stille und Stetigkeit
-in Therese entwickeln. Dieser auswärtige Aufenthalt entfremdete sie der
-Mutter wie der Muttersprache, und eine fanatisch protestantische Bonne
-vermischte den catholischen Geist des Fräuleins so lange mit dem Wasser
-der reinen Lehre, bis Theresen das religiöse Element der Seele vom
-Ueberfluß schien. -- Als die Gährungen in Polen ausbrachen, lös'te jene
-Familie sich theilweise auf; eine heimathliche Sehnsucht erwachte zum
-erstenmale in Theresen. Sie verlangte nach ihrer Mutter, und man hielt
-das Mädchen in der waldigen Steppe des mütterlichen Witthums besser
-aufgehoben, als im Mittelpunct einer wildbewegten Stadt. --
-
-»Aber es war nur um so schlimmer --« sagte der alte Bonaventura, als
-er am Abend spät Constanz in dem dürftigen Verschlage bediente, wo sein
-Nachtlager bereitet war, und auf die warmen Erkundigungen des Gastes mit
-traurigem Bericht Theresens Aussage vervollständigte: »die Ankunft
-des Fräuleins war entsetzlich. Die Mutter sah ihr schönes Kind bei dem
-Feuerscheine seiner Habe wieder, und die Kraft meiner Dame ward davon
-verzehrt, wie unser weniges Heu von der Flamme. Nur der Entschlossenheit
-eines jungen feindlichen Offiziers verdanken wir persönliche
-Berücksichtigung und das, was wir aus diesem Wirrsal retten konnten. Ein
-lieber Mensch! die Andern waren nur wie reißende Wölfe gegen ihn; aber
-Gott haucht Milde ein, da, wo sie Noth thut, und mäßiget den Wind für
-das Lamm einer geschorenen Heerde.«
-
-Constanz hatte jenes Offiziers auch von Theresen erwähnen gehört,
-und mit einem so bedeutsamen Interesse, daß dieser Antheil eine
-eifersüchtige Regung in ihm erweckte. --
-
-»Seit jenem Tage nun,« fuhr Bonaventura fort, »vergißt meine Dame Alles!
-wohl ihr! das Gedächtniß verlieren ist für den kein Unglück, der nichts
-als Kummer zu vergessen hat. Jeder Augenblick, wo sie nun schläft,
-erquickt mein eigenes Herz, was ihr die Ruhe gönnt, und mit Freude werde
-ich ihr die Augen zudrücken, welche nicht viel gute Tage gesehen haben.«
-Die des alten Mannes standen voller Thränen, als er dies sagte. Diese
-treuherzige Gesinnung rührte Constanz und flößte ihm Achtung für den
-Diener wie für die Herrin ein. Er fragte, er wollte vornehmlich wissen,
-warum Therese ihrer Mutter entrissen worden sey? --
-
-Bonaventura zuckte die Achseln. Er erzählte eine Geschichte jugendlicher
-Verirrungen, welche seine arme Herrschaft unter die Despotie ehelicher
-Tyrannei gebracht hätten. Dabei gerieth er in ein Labyrinth der
-Darstellung, verlor den leitenden Faden -- und wußte am Ende nicht,
-wo aus noch wo ein? da es ihm zur Unzeit einfiel, ob es nicht
-verrätherische Geschwätzigkeit sey, die zarten Leiden seiner Dame einem
-fremden Ohr Preis zu geben? -- Jene Geschichte gehört nicht in unsern
-Plan. Wir lassen ihren Stoff daher unter der großen Masse menschlicher
-Schwachheit und menschlichen Unglücks auf sich beruhen. --
-
-Constanz wußte die gewissenhafte Aengstlichkeit des redlichen Mannes zum
-Schweigen zu bringen. Er entdeckte sich ihm ganz, und Bonaventura nannte
-ihn einen Gesendeten Gottes, und nicht des Gesandten.
-
-Am Morgen mußte Constanz fort. Die Werbung um die Braut war bald
-geschehen und mit Erfolg: die Mutter befand sich fähig, ihn anzuhören.
-Constanz legte ihr einfach seine Verhältnisse wie seine Wünsche dar.
-Er wollte Theresen bei seiner Retour mit sich nehmen, unterdessen den
-Consenz des väterlichen Gönners dazu nachsuchen, und daß dieser seine
-Anstellung beschleunige. Doch war er eines weigernden Grundes der Dame
-von Seiten ihrer Kränklichkeit gewärtig. Aber nichtsdestoweniger war die
-Mutter bereit, sich ihrer kindlichen Stütze zu begeben. Sie sagte mit
-einem gewissen Heroismus, der für eine rettende Idee froh, wenn auch
-einsam, sterben lehrt: »grüßen Sie den Gesandten tausendmal von mir
--- wenn Sie ihm Theresen bringen, wird Ihr Glück ihm bestens empfohlen
-seyn. -- Ich verlasse das Leben gern, da ich meine Tochter unter dem
-Schutze ihres natürlichsten Freundes weiß. Der da --« (sie wies auf
-Bonaventura) »begräbt mich schon.« Therese weinte wohl, allein nicht
-allzusehr. »Dann bleibt Dir Alles, guter Bonaventura!« sagte sie, reich
-in Hoffnung.
-
-»_Alles!_« wiederholte Bonaventura, und lächelte traurigbitter wie der
-Verlust zu der Erbschaft: dieses Alles war so viel als Nichts. -- Der
-gute Alte wußte nicht, daß die Liebe jeden Strohhalm zu den Mitteln
-des Glückes zählt, wenn auch nur als Medium die bunten Seifenblasen der
-Täuschung in die leere Luft zu hauchen. --
-
-Als Constanz, der Verlobte Theresens, nun mit aufgeregten Gefühlen den
-öden Ort verließ, wo unter Schutt und Trümmern seines Lebens schönste
-Blume blühete: da dachte er an die verheißenden Worte der Gesandtinn, er
-würde einmal im Fluge die Braut heimführen. --
-
-Im höchsten Schwunge seiner geistigen Kräfte legte Constanz die weite
-Reise zurück, und erreichte mit dem Ziel auch die Absicht. Er erstaunte
-selbst, wie leicht ihm alle Schwierigkeiten zu beheben gewesen; ein
-Gott hatte ihm Flügel geliehen, und den Schlangenstab der Klugheit. Er
-glaubte die Zufriedenheit des Gesandten bestens verdient zu haben, und
-in diesem kühnen Vertrauen fügte er daher seiner Meldung dessen, was
-er ausgerichtet, die Bitte bei, daß der Gesandte seine Verbindung mit
-Theresen genehmigen und die schriftliche Zusicherung ihm ohne
-Säumen entgegen senden möge. In der gewissen Voraussetzung, daß dies
-unverweigerlich geschehen werde, kam Constanz nach Polen zurück. Er
-fand eine so leidenschaftliche Aufnahme bei seiner Braut, als wäre seine
-Wiederkehr ihr dennoch zweifelhaft gewesen. Mit Thränen sagte sie ihm,
-er komme zur rechten Zeit, denn seit dem vorigen Tage lag die Mutter im
-Sterben und konnte nicht enden.
-
-Bonaventura hatte indessen mit treuer Umsichtigkeit alles vorbereitet.
-Ein Weltgeistlicher in der Nähe war durch seine einfache Ueberredung
-gewonnen, die jungen Leute zu copuliren. Er war eben anwesend, und
-vertrat die Stelle eines Arztes für Leib und Seele zugleich. »Mein
-werther Herr,« sagte der Priester höflich zu Constanz, »ich verstoße
-gegen ein Staatsgesetz, wenn ich Sie ohne vorhergegangene Proclamation
-traue; aber -- =inter arma silent leges= -- sagen wir Lateiner, und ich
-verhoffe, Sie werden mich in so fern gegen alle Verantwortung sichern,
-daß Sie mir einen Schein ausstellen, worin Sie Sich verpflichten, jeden
-Einwand vertreten zu wollen, welcher möglicher Weise dieser Heirath mit
-Fug und Recht gemacht werden könnte. -- Unter dieser Bedingung will ich
-mein heiliges Amt zu Gunsten Ihres Wunsches üben.« --
-
-Constanz, im Gefühl, von Seiten des Gewissens völlig frei zu seyn zu
-diesem Schritt, verstand sich gern dazu, und der Geistliche beschied sie
-für den nächsten Morgen in eine kleine Capelle auf der Hälfte des
-Weges. Bis dahin, meinte der todeskundige Mann, -- würde die Mutter des
-Fräuleins ausgelitten haben.
-
-Aber als der Morgen erwachte, lag die Hochzeitmutter noch in Agonie.
-Es war eine schauerliche Stunde, die der Einsegnung. Der Sturm sausete
-unheimlich durch den Wald, das morsche Kirchlein wankte, die Lichter
-wollten verwehen, der Regen rauschte herab, die Braut schwamm in
-Thränen --, kein Zeuge war zugegen, als der Meßner und Gott! --
-
-Sie kamen nach Hause; kein fröhliches Mahl war ihnen bereitet. Constanz
-sah ängstlich nach der Uhr, deren Zeiger, gleichgültig gegen die bange
-und dringende Erwartung umher, unaufhaltsam weiter rückte, und fand, daß
-seine Zeit abgelaufen sey. Nur jene Körner wollten nicht ausrinnen.
-Da bat Bonaventura, daß man ihm eine Vorstellung erlauben möge. »Meine
-Dame,« sagte er, »kann nicht sterben, so lange Sie hier gleichsam auf
-dem Sprunge stehn. Ist es doch mit einer Frau in Kindesnöthen gerade so.
-Die kann auch nicht genesen, wenn darauf gewartet wird, und der Tod soll
-ja eine neue Geburt seyn. -- Ueberlassen Sie die Verscheidende mir; ich
-bleibe bei ihr, _ich!_ es ist mein letztes Geschäft auf Erden.« Der gute
-Alte legte das ganze Gewicht seiner treuen Gegenwart in einem zitternd
-aushaltenden Accent auf dieses Wörtchen.
-
-Constanz fand, daß er Recht hätte. Er gab ihm eine volle Börse und
-unbedingte Vollmacht. Dann beugte er sich weich über das stille Lager
-der Mutter, die langsam zwischen schweren Pausen athmete, und keinen
-Blick des Segens für ihren Eidam hatte. Therese küßte schluchzend ihre
-schlaffe Hand, fühlte aber auch nicht den leisesten Druck der Liebe mehr
--- und nun rollte der Wagen vor und fort. Kaum waren sie an ein steinern
-Kreuz gekommen, eine Viertelstunde von dem Oertchen und so gelegen, daß
-es einen Rückblick darauf gewährte, so sahen sie ein weißes Tuch vom
-Giebel wehen. Constanz bemerkte es zuerst. Er sagte ernst: »Bonaventura
-giebt uns ein Zeichen, die Mutter wird verschieden seyn. -- Denke
-nur, sie schläft etwas tiefer wie bisher, und hat alles Leid auf ewig
-vergessen.« Und Therese dachte wirklich so. Die junge Frau nahm also
-über die Grenze ihres zerrissenen Vaterlands, wenn auch grade kein
-zerrissenes Herz -- dazu war der natürliche Verband mit ihrer
-Mutter nicht innig genug gewesen -- doch ein völlig aufgelös'tes
-Familien-Verhältniß, und keine andere Mitgift, als frühe Gewöhnungen,
-wie sie den Damen dieser Abkunft eigen sind. Es war, als hätte ein
-günstiges Geschick dies harmlose Wesen in die Arme der Liebe vor den
-Schauern des Grabes und der Pflicht zu trauern, retten wollen.
-
-Seltsam genug bemächtigte sich des jungen Ehemanns jetzt, in der
-gesicherten Erfüllung seiner leidenschaftlichen Wünsche, der Zweifel,
-was der Gesandte zu dieser Heirath sagen werde? Vorher war Constanz der
-Zustimmung, ja des Beifalls seines Gönners gewiß gewesen. So verändern
-sich unsere Ansichten Anderer mit jedem unserer eigenen Schritte. Es
-gereichte ihm wie zum Trost, daß die Macht der Umstände ihn zu
-diesem, den er rasch gethan, gedrängt hätte. Er fühlte sich in einer
-geheimnißvollen, aber um so bindenderen Verwandtschaft zu seinem
-väterlichen Freunde, und bedurfte nur -- so däuchte es ihm -- das Siegel
-der Bestätigung zu erblicken, um Theresen mit jedem Recht als Gattin an
-seine Brust zu drücken. Doch kein Brief gab Antwort auf diese Frage,
-und mit wachsender Unruhe eilte Constanz einer endlichen Entscheidung
-entgegen. Eine leichte Unpäßlichkeit Theresens hielt die Reise um
-ein paar Tage auf, und ihr Gemahl fühlte, daß eine Frau Rücksichten
-erfordere, welche den Mann nicht fördern.
-
-So waren sie in das Städtchen Leidthal gekommen und hielten an der
-kleinen Posthalterei daselbst. Constanz hatte auf dem letzten großen
-Postamte abermals kein Schreiben angetroffen. Er war jetzt resignirt --
-es mußte etwas von besonderer Wichtigkeit vorgefallen seyn; nichts
-war ihm dringender, als nur so bald als möglich an Ort und Stelle zu
-gelangen. Therese theilte diese Ungeduld indeß nicht. Die reizende Lage
-der kleinen Expedition, eine vollblühende Jelängerjelieber-Laube, welche
-den ländlichen Vorplatz schmückte -- eine Pilgerruhe der Passagiere --
-entlockte ihr den Wunsch, hier einige Stunden ausruhen zu können, und
-Constanz zeigte sich gefällig dafür. Er trat zu dem Postmeister, als
-dieser im Begriff stand, das Felleisen auszupacken. Da sprang die
-ersehnte Handschrift ihm in die Augen, ein Brief an ihn vom Gesandten.
-Constanz beglaubigte sich, als den Empfänger. Er riß hastig in das
-Papier -- aber der Inhalt zerriß das Blatt seiner Hoffnung noch
-heftiger. Sein Gönner schrieb ihm: ein Ereigniß von größter Bedeutung
-habe ihn genöthiget, seinen Standpunkt zu verlassen und nach dem Süden
-zu gehen. Er werde die Tour über B. -- nehmen, woselbst er seinen
-Secretair erwarte, der ihn auf dieser Reise begleiten müsse; die Dauer
-dieser Reise wäre vorläufig nicht zu bestimmen, und hinge von Umständen
-ab, welche schwebten. Constanz sollte daher sein Eintreffen dort,
-so viel als möglich beschleunigen, der Gesandte harre sein. Was die
-fragliche Parthie anbeträfe, so werde dieser Punct zu gelegener Zeit
-zwischen ihnen zur Sprache kommen. --
-
-Dieser Brief war in dem Tone jener Superiorität abgefaßt, die stets ein
-Vorbehalt Derer bleibt, welche in ihrer Persönlichkeit die Freundschaft
-mit der Protection für uns verbinden. Constanz war durch die frühesten
-Eindrücke für diesen vornehmen Ausdruck empfänglich geworden. Er war
-dem Gesandten in den zartesten Beziehungen verpflichtet: denen der
-Dankbarkeit. Auch war gewissermaßen das Wohl des Staates diesem
-Zusammenhange verknüpft, so konnte er sich seiner Pflicht nicht
-entziehen. Theresen mitzunehmen, daran durfte ihr Gatte nicht denken,
-denn so wie er den Gesandten kannte, war der Anhang, die Heirath
-betreffend, als abweisend anzusehen. So mußte dieser erst durch die
-Ueberredungsgabe seines Lieblings für Etwas gewonnen werden, was bereits
-geschehen war.
-
-Constanz stand äußerst betroffen. Er theilte Theresen mit, was sie
-so nahe anging, und erklärte ihr diesen Ruf des Schicksals als
-unabweislich. »Nur diese Reise noch,« tröstete er die bestürzte Frau,
-indem das Gefühl der Selbständigkeit in ihm ansprach, »dann trennt uns
-nichts mehr, Du Liebste! -- Erfüllt der Gesandte sein Versprechen nicht,
-mich zu versorgen, so reicht mein Vermögen hin, ihn entbehren zu können.
-Doch jetzt darf ich ihn nicht im Stiche lassen; ich muß die Resultate
-meiner Sendung in seine Hände niederlegen. Wer konnte dies voraussehen?
-wüßte ich nur, wo ich Dich einstweilen aufhöbe!« Er starrte nachsinnend
-in die blaue Weite, als wolle er einen Ausweg erspähen. Da trug ein
-Hauch der Luft einen Glockenton von ferne über die Mittagsstille der
-Felder; und dieser leise silberne Laut schlug an sein Gehör und klopfte
-an sein Herz. -- Seine Augen folgten der Richtung dieses Schalles,
-und sahen die Thürme von Sanct Capella im senkrechten Strahl der Sonne
-verblendend blinken. Constanz fragte nach jenem Ort. Der Postmeister
-nannte das Kloster, und erwähnte gesprächig der gegenwärtigen
-Verhältnisse des Stiftes. Aber Der, zu dem er redete, hatte nichts
-Weiteres davon vernommen, und war einer eigenen Gedankenreihe gefolgt.
-
-»Schade!« sagte Constanz, »daß die Klöster aufgehoben sind. Was man auch
-dagegen sagen konnte, sie waren doch immer ein schicklicher Aufenthalt
-für unbeschützte Frauen. Und Du bist ja ein _wenig_ catholisch.« Er
-blickte seine Frau mit einem schmerzlichen Lächeln an, welches
-sie ermuthigen sollte. Therese aber hatte jetzt keinen Sinn für
-tragikomische Reminiscenzen, und keinen Glauben als den, daß sie sehr
-unglücklich wäre. --
-
-Wie aus einem Traume erwachend, und in großer Zerstreuung, fragte
-Constanz den Postmeister, der sich abseits gewendet hatte: ob er
-recht vernommen, daß der Prälat dieses Ordens noch dort wohne? Jener
-berichtigte das Mißverständniß, und was er von dem Administrator zu
-sagen wußte, ließ dem Secretair des Gesandten kaum einen Zweifel übrig,
-daß er sich in der Nähe seines Bruders befinde. Von einem raschen
-Entschluß durchblitzt, forderte er Feder und Dinte, und schrieb in Hast
-ein französisches Billet an ihn, des Inhalts: ein Fremder wünsche den
-Stiftsverweser von Sanct Capella so dringend als unverweilt im Posthause
-zu Leidthal zu sprechen. Die Chiffre des Namens Constanz war so
-charakteristisch verschlungen, daß sie schwerlich von Jemand, der sie
-nicht kannte, zu enträthseln gewesen wäre.
-
-Nach anderthalb Stunden, in deren Verlaufe Constanz sein Weibchen zu
-beruhigen gesucht hatte, kam ein stattlicher junger Mann neben dem
-reitenden Boten daher gesprengt, und der Postmeister rief: »da ist er
-schon, der Herr Prälat!« Constanz sah unter einem Freudenschauer auf,
-und Therese zog sich in einer kindischen Furcht der Erwartung, in die
-Laube zurück, und einen Behang von Blüthen über ihr reizendes Gesicht.
-
-Constanz gab sich seinem Bruder herzlich zu erkennen, und in dem
-Anmuthen, Theresen so lange unter seinen Schutz zu nehmen, bis er sie
-abholen würde, einen brüderlichen Beweis. Diese Minute drängte stark an
-das Herz des Administrators. In dem Wesen seines jüngern Bruders lag bei
-freundlicher Offenheit etwas ersichtlich Vornehmes, ein gewisser Succeß
-des Zutrauens, was Jenem imponirte, der mitunter zurückhaltend, ja sogar
-blöde war. Unwillkürlich stellte er die finstere verschlossene Strenge
-des älteren Bruders daneben; er dachte leise an Fabia -- und mit dem
-beengten Gefühl eines Ehemanns, der da Scheu trägt, die häusliche Kette
-der Gewohnheit um ein Glied zu erweitern. Um seinen schweigenden Mund
-spielte ein Lächeln gutmüthiger Ironie, daß er bestimmt seyn sollte, die
-Frauen seiner Brüder zu beschützen. »Wenn es der jungen Dame nur bei uns
-gefällt --« sagte der Administrator bedingungsweise, »es geht still zu,
-im Stift. -- Die Wittwe unseres ältesten Bruders, die ich sammt
-ihrer Pflegetochter bei mir habe -- ist -- unseres ältesten Bruders,«
-unterbrach er sich selbst --: »Der, Du weißt ja --« aber Constanz sah
-den Administrator an, als hätte dieser fremd und romantisch vom Bruder
-Graurock gesprochen.
-
-»Ich weiß von nichts --« antwortete Constanz, entschlossen, sich mit
-keinem weitläuftigen Verhältniß zu befassen, und seine cosmopolitische
-Seele streifte das Band der Natur sogar im Begriffe ab: »als -- wir
-Menschen sind hier alle Brüder --« ein rüstiges Mägdlein, das kleinste
-Kind der Postmeisterinn an die Brust gedrückt, welche ein knappes
-Mieder von Leinewand umschloß, strich bei diesen Worten hurtig an ihnen
-vorüber, und eine schnelle Association der Ideen, in richtiger Folge
-jener Strophe und dieses Blickes, ließ ihn an den Bruder mit dem
-Ordensband denken, der er einst so dankbar als einflußreich diesem
-schlichten Schutzfreund seyn werde, wenn die Zeit dazu gekommen.
-»Sieh meine Frau nur selbst!« sagte Constanz, indem er auf die Laube
-zuschritt. Er bog ihre Zweige auseinander, und die schönere Blüthe
-von Theresens Angesicht lächelte durch das weiche Grün, und ihre Augen
-funkelten in Thränen, wie die Sonne im Thau. -- Die Schönheit hat
-das Eigenthümliche, daß sie jedem Manne Muth einflößt. Das Herz des
-Administrators öffnete sich den gastfreundlichsten Gefühlen. Zudem
-behandelte Constanz die Sache so ganz in seinem Geiste, das heißt, so
-flüchtig, daß Herr Prälat glauben mußte, mit dem Asyl zu Sanct Capella
-sey es nur durchaus precair gemeint, und auf ein längeres Bleiben nicht
-abgesehen. So bewilligte er daher die Bitte seines Bruders, wenn auch
-nur mit einer gewissen widerstandlosen Passivität. Er sah dies Ereigniß
-für ein Fatum an, dem auf keine Weise zu entgehen gewesen wäre. Das
-leichte Gepäck war bald getheilt, ein Postwagen, worin Therese nach dem
-Kloster fahren sollte, geschirrt. Der biegsame Leib der schönen Gestalt,
-schwankte von ihrem Manne umschlungen, im Sturm des Abschieds. Zwei
-Ströme flossen von ihren Wangen -- zwei Wochen waren erst und wie
-auf Rosen verflossen, seit Constanz der Ihrige war. -- Mit gemischten
-Empfindungen ritt der Administrator neben der Chaise her, darin die noch
-weinende junge Frau saß. Er warf zuweilen einen mitleidigen Blick auf
-Theresen; die Jugend dieser Ehe rührte ihn, ihre gegenwärtige Trennung
-und der Zukunft ungewisses Loos. Nebenbei gedachte er und eben nicht
-leichten Herzens an die nächste Stunde -- und hätte gern ein wenig älter
-seyn mögen.
-
-Frau Fabia hatte heute nicht den guten oder schönen Tag ihres
-Geschlechts. Eine Nachtigall, welche sie sehr liebte, und die in einem
-dunkeln Thurmhäuschen wohnte, das, nicht unähnlich einer kleinen
-Kirche, an ihrem Fenster empor hing, war an diesem Morgen ihrer Haft
-entschlüpft. Das arme kleine Nönnchen sang die Hora der Nacht und Natur
-im vergitterten Chor ihres Kerkers so himmlisch klagend, als seufze der
-Engel der Melodie aus dieser befiederten Brust. Josephine hörte es mit
-süßem Erbarmen. Frau Fabia aber, die sich selbst zu den Gefangenen
-Zion zählte, hatte nicht Lust, die klösterliche Philomele zu Gunsten
-irrdischer Liebe in Freiheit zu setzen. Nun war sie entflohen, und auf
-dem Mädchen ruhte ein scharfer Verdacht, daß es mit lindem Urtheil, wie
-diesem kleinen Gottesgeschöpf himmelschreiendes Unrecht geschähe, seine
-Erlöserinn geworden wäre. -- Es gab einen Lärmen der Entdeckung, und
-Josephine, die sich nie gegen einen Vorwurf vertheidigte, schwieg auch
-diesmal, und die Schuld blieb auf ihr haften, so wie auf Fabien der
-Mißmuth über diesen Verlust, geschärft durch ein zweifelhaftes Gefühl
-der Versündigung an dem lieben Kinde. Dieser Stimmung sich erinnernd,
-hätte der Administrator gewünscht, seine Schwägerinn vorbereiten zu
-können -- aber da stand Fabia ganz gegen ihre Gewohnheit schon an der
-Thür, und ihr Gesicht -- eine totale Sonnenfinsterniß -- warf keinen
-Schein festlicher Empfängniß nach dem anrollenden Wagen. Dem Reiter
-ward es schwarz vor den Augen. Er sprang vom Pferde, der jungen Dame
-beizustehen, welche den schönsten Fuß, der jemals über diese Erde
-gegangen, hell und seiden beschuht, auf den schmutzigen Tritt der
-Postchaise setzte. Theresen an seiner Hand, trat der Administrator vor
-die Domina seiner Häuslichkeit und sprach: »liebe Fabia! ich bringe Dir
-hier eine werthe Verwandte, die Frau meines Bruders Constanz, und also
-Deine Schwägerinn, so wie Du mir. Lasse die gute Therese Dir herzlich
-empfohlen seyn, da sie einige Zeit bei uns verweilen wird.«
-
-Frau Fabia brachte mühsam ein fremdes Lächeln der Bewillkommung auf; der
-Administrator war desto freundlicher. Die eisige Kälte dieses Empfangs
-versetzte ihn durch die natürlichste Gegenwirkung in einen Wärmegrad,
-der unter allen Launen dieser christlichen Juno dem Quecksilber der
-zweiten Schwägerinn Stand und Stange hielt. -- Am Abend spät versuchte
-der Stiftsverweser jenes üblen Eindrucks Herr zu werden. Er sagte daher
-in einem Tone, der scherzhaft seyn sollte, aber doch anzüglich war: »nun
-Fabia! Du warst heute absonderlich schweigsam -- Du bist es noch. Ist es
-Verdruß, daß Dir das Vögelchen entgangen? o gönne ihm die Freiheit, das
-edelste Gut! oder zürnst Du, daß ich Dir ein anderes eingebracht? --«
-
-»Wenn Dich nur nicht selbst ein loser Vogel etwa angeführt hätte --«
-antwortete Fabia mit furchtbarem Ernste, »woher weißt Du denn, daß jener
-Constanz Dein Bruder war? und diese Therese wirklich seine Frau?«
-
-»Großer Gott!« rief ihr Schwager, »welch ein Gedanke! woher ich es weiß?
-dieselbe Stimme hat es mir versichert, die mir sagte, daß Dein seliger
-Mann mein Bruder sey, und mir Bürgschaft leistete für die Wahrheit
-seiner Aussage. Es giebt eine innerste Gewähr dafür, Fabia!«
-
-»Nicht jeder Stimme muß man glauben --« erwiederte Fabia, indem sie sich
-entfärbte, und unwissend, daß sie eine classische Stelle recitire, »der
-Lügengeist kann alle nachahmen. -- Und wäre denn solch ein Betrug etwa
-unerhört? könnte jener junge Mann nicht ein Abenteurer gewesen seyn,
-der seine sogenannte Frau gern los seyn wollen? -- Wie manches Kind --«
-Fabia stockte, immer mehr verblassend -- »wie manches Kind, wollte ich
-sagen -- ist durch höllische Spiegelfechterei arglosen Menschen als eine
-lebenslängliche Last aufgebürdet worden? Denke nur an mich! wir werden
-die Dame sobald nicht wieder los werden, und jedes fremde Einschreiten
-sollte wohl bedacht seyn. --«
-
-Herr Prälat sah seine Schwägerinn mit leiser Beängstigung an; es war,
-als ob ein dunkler Schatten von Furcht an ihm vorüberschwände. »Fabia!«
-entgegnete er um so heftiger, als er sich von ihrem Tone ergriffen
-fühlte, »welch ein Geist des Mißtrauens und übler Weissagung ist heute
-in Dich gefahren? Du wärest im Stande, mich zweifelhaft zu machen, Wer
-ich selber sey. -- Dein Betragen war nicht schwesterlich, auch nicht
-gegen _mich_. Du bewirthetest die arme Therese, an deren Stelle mir der
-Appetit zu diesem Auffenthalt vergangen wäre, mit kurzen Redensarten,
-einer sauersüßen Sauce, wie man sie zu einem Kalbskopf giebt, für den
-Du mich hältst. -- Was meinst Du denn, das ich hätte thun sollen? dem
-Bruder etwa meine Hand weigern, da er mir die seinige zum erstenmale
-entgegen reichte? seine Bitte abweisen, oder warten, bis er mir den
-Taufschein zeigen könne? -- Fabia! Fabia! Gastfreundschaft ist eine
-Blume der Humanität, welche auch von Horden und Heiden gepflegt wird.
-Jüngst las ich -- und es hat mich innigst gerührt -- in den ungeheuern
-Flächen Nubiens sind kleine Zelte gesteckt, darunter die Einwohner des
-nächsten Ortes ein Gefäß mit Wasser füllen, daß die Reisenden nicht
-verschmachten dürfen im heißen Sande -- und dieser Gebrauch wird heilig
-gehalten von jenen Negern. Sollte denn die goldne Kuppel des Klosters,
-was man ein Gotteshaus nannte, einem matten Blick der das Nächste nicht
-absieht, nur ein Blendwerk seyn, und weniger probehaltig, als das Dach
-von geflochtenem Bast, womit der Wind der Wüste spielt? -- Du sprichst
-den Ruhm einer guten Christinn an -- besinne Dich, wie oft die Apostel
-die geheiligte Pflicht einer gastfreien Aufnahme den Bekennern ihrer
-Lehre empfehlen. Herberget gerne! Seid gastfrei ohne Murren -- doch Du
-kennst die Vorschriften der Bibel besser, als ich. So gleiche denn der
-Wittwe von Sarepta, deren gesegneter Oelkrug nie erschöpft wird. Sey
-gelinde, Fabia! doch gieße nicht Oel ins Feuer. Du schlägst mir die
-Hoffnung nieder, daß Therese eine Schwester an Dir finden würde -- doch
-schlägst Du mich damit nur zu ihrem Ritter, und zwingst mich, sie gegen
-Dich zu vertheidigen.«
-
-Diese letzteren Worte ihres Schwagers wirkten am schlagendsten auf die
-Zweiflerinn. Sie hoffte, der Bruder ihres Mannes, auf den Frau Fabia
-ein mütterlich-eifersüchtiges Auge hatte, werde sich in der Anfechtung
-behaupten -- und der Friede ward zwischen ihnen geschlossen.-- Dieser
-erste Abend gab den Ton an, der sich während der Anwesenheit Theresens
-im Stifte nie in Harmonie auflös'te. Unsere Leser finden ihn in der
-Dissonanz, womit die Geschichte dieses Buches anhebt. Seltsam war es
-jedoch, daß die Vorhersagung der Frau Fabia sich als richtig bewährte,
-es ist traurig -- aber es _ist_ in Wahrheit, daß der Erfolg das
-Mißtrauen öfterer rechtfertiget, als die Zuversicht. Constanz schrieb
-nach langer Zeit -- es mußten Briefe verloren gegangen seyn -- aus
-weiter Ferne. Er war dem Interesse des Gesandten verkettet, und konnte
-die Fessel nicht sprengen; doch vertröstete er sich und sie wie ein
-Liebender. So hatte zweimal schon die Laube der Posthalterei zu Leidthal
-geblüht, und Therese, die sich behaglich in Sanct Capella eingerichtet
-hatte, und deren Sinn in harmloser Lebensphilosophie der Gegenwart
-angehörte, dachte je länger, je _leiser_ an jenen Tag des Abschieds. Nur
-in bösen Stunden wünschte ein banges Gedenken ihres Mannes ihn zurück,
-und ein Gefühl, daß sie hier nur gelitten sey, und deshalb leide -- kam
-über sie. Therese hatte mehr ein Gemüth für die heitere Lust des Lebens,
-die jeden Augenblick genießt, als für der Liebe tiefe Sehnsucht. Das
-letztere Schreiben hatte eine nahe Rückkehr hoffen lassen, die nur
-noch von einigen Ausgleichungen abhänge. Seitdem aber bestätigte kein
-Weiteres diesen Abschluß und daß auf seine baldige Ankunft zu rechnen
-wäre. Dies Alles hatte, in eine präcise Mittheilung gedrängt, der
-Administrator, dem wir vielleicht die schweigende Kürze der Erzählung
-ablernen mögten -- dem Major Feldmeister vertraut. Und dieser erwiederte
-jetzt: »ich sehe wohl, Freund! Sie konnten füglich nicht anders -- Sie
-können weder dafür, noch etwas ändern, obzwar, ich behaupte es redlich,
-solch ein Zusammenleben _nichts taugt_. Verlangen soll es mich aber
-doch, ob der Herr Bruder kommen wird? =ad vocem!= _kommen!_ es kommt
-noch Jemand, Freundchen! mit Ihrer Genehmigung, versteht sich. Diesen
-Morgen schon wollte ich es Ihnen sagen; aber die lieben Schwägerinnen
-hatten mich in Mitleidenschaft ganz confus gemacht, und das Bein hier
-hat mir das Gedächtniß abwärts gezogen.« --
-
-Der Major fuhr mit der Hand sacht an dem gichtischem Knöchel nieder,
-streichelte den Faust und hob an: »es giebt eine Sympathie der
-Erfahrung. Gestern früh erhalte ich ein Billet vom Obrist Milch; ein
-Name für ein Wochenkind, und nicht für einen Soldaten, nicht wahr?
-dieser mein alter Freund sollte _Feuer_ heißen, denn er hat den Teufel
-der Bravour im Leibe. Also: er thut mir schriftlich seinen Wunsch kund
-und zu wissen, mich in der Posthalterei in Leidthal zu sprechen, da die
-Zeit ihm nicht erlaube, den Umweg über Sanct Capella zu nehmen. Er
-kam mit seiner Frau von D--. und hatte den Reitknecht von der letzten
-Station aus zum Behuf der Eile voraus gesandt. Ich machte mich alsbald
-auf. Die Obristinn saß, weil es draußen so hübsch und drinnen dunstig
-heiß war, in derselben Laube, und, ich wollte wetten, nicht einen
-Zollbreit weiter auf der Bank, als Therese. Ihr Gesicht war hochroth von
-der Herbstluft, der Obrist aber fror ein wenig, und trank ein Glas Wein;
-die offne Flasche stand auf dem Tische. Wir waren die Alten. Der Obrist
-scherzte über die Glut seiner Frau, und sagte, sie hätte meinetwegen
-wie auf Kohlen gesessen. Du könntest von uns sagen, setzte er hinzu, wir
-sähen aus wie Milch und Blut -- das giebt ein zartes Bouquet, Du darfst
-es nur binden. Und dabei umarmte er mich derb und herzlich. Er ist so
-dick geworden, daß man ihn wie ein Faß binden mögte -- taugt nichts,
-solche Corpulenz. Unterdessen verduftet dies Bouquet hier -- antwortete
-ich, und steckte den Stöpsel in die Flasche. Du bist recht hübsch
-geworden in der Carthause, spöttelte der Dicke, das wird deinem Neffen
-drollig vorkommen. Er empfiehlt sich, und will Winterquartier bei Dir
-machen. Ist der Junge toll? platzte ich heraus; doch es wird wohl
-nur Dein Spaß seyn. Die Obristin lachte wie Dame Kobold. Nein, nein!
-versicherte ihr Mann, es ist dem Lieutenant voller Ernst damit, und daß
-Du es nur weißt, er will einer hoffnungslosen Leidenschaft entfliehen.
-Der Obrist machte eine seriöse Miene. Ich gerieth in Harnisch und
-sprach: das wäre mir gemüthlich, daß ich ihm Zuflucht gäbe vor einer
-dummen Liebschaft, die nichts taugt. -- Er hat sich um einer Dame
-willen geschossen -- entgegnete mir Jener kleinlaut: gönne ihm daher
-die Hospitalität Deines Klosters, daß er in dieser Abgeschiedenheit
-Ruhe habe, und an Seel und Leib genese. -- Mögte Einem nicht gleich der
-Schlag vor Aerger rühren! rief ich entrüstet, und der Schrecken war
-mir wirklich in alle Glieder geschlagen; ich hielt den Rudolph
-für vernünftig. Erzürne mir den Major nicht -- sagte die Obristinn
-begütigend, und erzählte mir nun eine närrische Historie, die den
-Lieutnant forttreibt und Ursach seyn wird, daß er um Versetzung anhält.
-In seiner Garnison lebt eine alte adelige Dame von wunderlicher Art.
-Ihre Wohnung ist ein Antiquitäten-Cabinet, sie selbst geht schlumpig
-einher, und stets wie ein Kinderspott der Redoute. Man hält sie für
-reich, doch auch für geizig, denn außer der Fliege, der sie das Leben
-schenkt, kann sich kein lebendes Wesen einer Gabe von ihr rühmen. Ihr
-Anblick muß etwas Unheimliches haben. Wer sie sieht, weicht ihr
-aus --, die Fee Fanferlüsche, diesen Namen führt sie. Und doch ist dies
-verrufene Mütterchen ein alter Ueberall. Vor Kurzem ist zu Ehren einer
-städtischen Feier großer Ball, und alle Honoratioren sind geladen. Alles
-ist im höchsten Glanz, die Damen im allerschönsten Putz sitzen wie am
-Faden gereiht. Da tritt jene Alte in den erleuchteten Saal, wie eine
-gespenstische Mode des vorigen Jahrhunderts -- sagte die Obristin.
-Es entsteht ein Aufsehen, die kleine Gnädige kommt ins Gedränge, wird
-abseits geschoben und verliert einen Schuh. Doch was für einen? Frau
-von Milch hatte die Güte mir das =corpus delicti= zu beschreiben. Ein
-Pantöffelchen von geblümten Silbermoor, mit einer Schleife vorn von
-gesponnenem Glase. Ist es nicht, sagen Sie Freund, als ob man in
-der blauen Bibliothek aller Nationen läse?« Der Administrator nickte
-lächelnd. »Ein allgemeines Gelächter!« fuhr Major Feldmeister fort, »die
-Offiziere zerren den Schuh hin und her -- da schwankt die Alte, wird
-bleich wie Asche, als würde sie auf der Stelle zusammensinken. Mein
-Neffe -- ein braver Junge ist der Rudolph doch! stürzt wie ein Satan
-herbei, spricht davon, wie wenig Ehre dabei sey, eine kindische Matrone
-bloßzustellen -- reißt den Pantoffel von der Säbelspitze, womit ein
-Jäger-Offizier ihn aufgespießt hat, hebt die Alte in einen Sessel, und
-zieht ihr vor vielen hundert Augen ihren Schuh wieder an.« Der Major
-athmete tief.
-
-»Dies ist ein hübscher Zug vom Lieutenant Feldmeister,« fiel hier
-der Freund seines Oheims ein, »der mir sehr gefällt. Es gehört meines
-Bedünkens ein größerer Muth dazu, diesen kleinen Pantoffel zu fangen,
-als einen feindlichen General; und es mag dem braven Artilleristen
-leichter geworden seyn, sich einer tüchtigen Salve auszusetzen, als dem
-Arsenal des Spottes. Das Gefühl, was einen jungen Mann seines Gepräges
-gegen die Schmach einer schutzlosen alten Frau bewehrt, ist wahrhaft
-gloriös.«
-
-»Das meine ich auch --« sagte der Major, und seine Augen funkelten.
-»Mein Neffe,« fuhr er fort, »war der Held des Abends, tanzte aber keinen
-Schritt. Jener Offizier hatte sich für beleidigt gehalten, und den
-Rudolph auf Pistolen gefordert. Er ward in die Achsel verwundet, aber
-nicht schwer. Sein Gegner kam auch nicht ungehuscht davon. Man witzelte
-leise: des Lieutnants Dame hätte einen Schuß, und er nun auch einen;
-doch Niemand wagte mehr ein lautes Wort an ihn; denn wie verträglich der
-Junge auch ist, er hätte sich mit dem ganzen Offiziercorps gerauft. Die
-gnädige Alte rauft sich die eisgrauen Haare aus, als sie erfährt, der
-junge Mann hätte ihretwegen mit blauen Bohnen gespielt. Die Geschichte
-machte Furore. Wie nun der arme Rudolph des Abends allein liegt, meint
-er, das Wundfieber stelle sich ein, und glaubt ein Phantom zu sehen.
-Vor seinem Bette bewegt sich ein Quantli, die Kammerfrau der Dame
-Fanferlüsche, klein und krüppelhaft wie ein verdorrter Zwergbaum. Sie
-sagt: wie es der Gnädigen doch so jämmerlich leid thue, daß der Herr
-Lieutnant sich Unannehmlichkeiten zugezogen hätten. Sie bitte ihn
-durch den Mund ihrer Dienerinn, seines jungen Lebens zu schonen,
-und beifolgende Kleinigkeiten zur Linderung seiner Schmerzen von ihr
-anzunehmen. Dabei packt sie aus. Binden, fein wie Battist, Charpie,
-Eingemachtes in Tassen, vom Superlativ einer Porzellain-Fabrik, wie sie
-der Kaiser von China von seinem Ahnherrn geerbt haben mag, Tamarinden
-zum Beispiel, deren eingesottner Zucker versteinert war, und die, wie
-mir die Obristin sagte, eine wirksame Kraft haben sollen, das Fieber zu
-vertreiben. Zugleich schickt sich die uralte Zofe an, meinen Neffen zu
-pflegen und die Nacht über bei ihm zu bleiben, und thut wie zu Hause.
-Darüber wird nun der Rudolph beinahe grob. Er sagt, sein Bursche
-halte Wacht bei ihm und auf Ordnung: so bedürfe er Niemandes.
-Nichtsdestoweniger bleibt die Servante freundlich und höflich, und
-kommt von nun an alle Morgen, die Gott der Herr giebt, um sich nach
-dem Befinden meines Neffen zu erkundigen, und immer bringt sie etwas
-zugeschleppt, eine Nachtlampe sogar, einen kleinen Fußteppich vor das
-Bett, damit er nicht hart auftrete, und hundert Kleinigkeiten, auf die
-ein Garçon nichts giebt. Der Regiments-Chirurgus sieht es, lächelt und
-schweigt -- und dieses Lächeln schneidet dem Patienten tiefer ein, als
-sein wundärztliches Messer. Einmal nur sagt Jener: Sie scheinen die
-Wunderlampe überkommen zu haben, die dem Aladin verloren ging -- nehmen
-Sie nur Ihr Glück besser in Acht -- lieber Feldmeister. Aber dem Rudolph
-ist der Gedanke unerträglich, daß auf der Kugel, auf die er sein
-Leben gesetzt, solch eine gräuliche Fortuna stände. -- Und als nun die
-Geschäftsträgerinn kommt, und ihm, Namens ihrer Dame, ein schönes Logis
-im Hause derselben anbietet, auf daß die Gnädige ihm ihre Dankbarkeit
-nahe und anders noch beweisen könne -- da schüttelt er sich, und
-dies überhäufte Vergelten eines kleinen Dienstes, den er am liebsten
-vergessen mögte, wird ihm über allen Ausdruck widrig. So trägt der arme
-Junge, dem es in seinen Verhältnissen so wohl gefiel, darauf an, daß er
-versetzt werde, und einstweilen will er hierher kommen. Was meinen Sie
-nun dazu?«
-
-»Ich kann es dem Lieutnant Feldmeister nicht verdenken --« antwortete
-der Administrator, »und würde in seinem Falle vielleicht eben so denken
-und handeln. Diese Erfahrung liefert wieder einen Beweis, daß man Jemand
-durch die stärkste Nothhülfe nicht halb so sehr verpflichtet, als wenn
-man ihn einer kleinen Verlegenheit überhebt. Und dann auch, daß die
-Ritterlichkeit im Benehmen eines Mannes das Geheimniß jedes Sieges über
-eine Dame enthält, sie möge nun eine Methusala an Jahren, und so geizig
-und hartnäckig seyn, wie sie nur wolle. Solcher Courtoisie widersteht
-Keine. --«
-
-»Der Rudolph würde,« sprach der Major, »dem Verdacht der
-Erbschleicherei, dem niedrigsten, der auf einem ehrenwerthen Menschen
-haften kann -- auf keine Weise entgangen seyn. So ist es gut, daß er
-Reißaus nimmt. Diese Retirade lasse ich mir gefallen. Sie haben als
-Vorstand unseres Invaliden-Hauses also nichts dawider, daß der wackere
-Junge für einige Monate meine Wohnung theile? --«
-
-»Es wird für ein apartes Zimmer gesorgt werden,« sagte Herr Prälat, »und
-daß ihr Neffe sich hier so gemächlich als möglich fühle. Ist doch Raum
-bei uns da -- wie im Himmel; und sollten wir alle Diejenigen aufnehmen,
-welche ihrem Vortheile entfliehen, so würden wir noch Gelaß übrig
-behalten.«
-
-Des Majors Gesicht verklärte sich. Er blickte in helle Abende und
-sprach: »Wir spielen das l'Hombre alsdann mit dem Moor -- der Moorhausen
-scheint mir in Eine Ihrer Schwägerinnen verliebt, denn er quält mich
-beständig, ihm Entree bei den Damen zu verschaffen. Nun -- mit Dem hat
-es keine Gefahr. Aber -- Hm! wird auch der Rudolph Unheil anrichten
-im Stifte? Frau Therese ist ein entzündbarer Stoff, und die Kleine
-wahrhaftig hübsch genug.«
-
-»_Die_ bewacht Fabia --« versetzte der Administrator mit trüber Ruhe.
-
-»Was das betrifft --« entgegnete der Major, »meine Frau sang ein altes
-Lied, was ich immer gern hörte; es hatte einen Refrain: denn wenn ich
-nicht selbst mein Herz bewache, o so hilft kein Argus und kein Drache.
-Mit allem Estime gegen die Frau Schwägerinn gesprochen. Josephine ist
-ein stilles Wässerchen --«
-
-»Und _tief_!« fiel Herr Prälat ein, »aber im reinsten und höchsten
-Sinne. Sie gleicht einem jener lichtentfloßenen Ströme, die Swedenborg
-entzückten Geistes fließen sah.«
-
-Der Major sah seinen Freund nachdenklich an und sprach: »auch wünsche
-ich von Herzen, daß dies Bächlein in das Bette eines Flußgottes geleitet
-werden möge, der es nie in Thränen fließen läßt, sie müßten denn vor
-Freude geweint seyn. --« Jener schwieg.
-
-Einige Wochen waren seitdem den Bewohnern von Sanct Capella
-gleichförmig vergangen. Jetzt war der Christmonat da, und mit ihm jene
-winterheimliche Stille, selbst in der Natur, wie sie um das heilige
-Dunkel dieser Zeit webt, die häuslichen Verbindungen enger schlingt, und
-die kleinen Geheimnisse der Freude und Liebe an das große Geheimniß
-der Weltbeseligung knüpft. Die Frauen beschäftigten sich einsam,
-vergnügliche Ueberraschungen zu bereiten, sogar Schwester Veronica
-fertigte einige klosterkünstliche Gaben in verschlossener Zelle an, zu
-Weihnachtsgeschenken für ihre Freunde. Dessenungeachtet fehlte es an
-geselligem Verkehr nicht, und mancher lichterfreundliche Abend ward
-traulich plaudernd, hier oder da, hingebracht. Bei dem Gerichtshalter
-Gottschalk -- einer liberalen Familie, welcher, wie unsere Leser sich
-erinnern wollen, zu Anfange dieser Erzählung erwähnt wird -- und der
-nicht im Kloster, sondern in einem dazu gehörigen Gebäude wohnte, waren
-die Staabsoffiziere von Sanct Capella freundlich aufgenommen, und auch
-Fremde öfters da zu finden. Therese gefiel sich sehr dort. Ihr Schwager
-hingegen nahm selten Theil an diesen muntern Zusammenkünften, und Frau
-Fabia gar nicht. Der Administrator hatte es aus Neigung wie mit Absicht
-vermieden, um vornehmlich Fabiens strengen stillen Geist nicht zu
-beleidigen, sein Wohnzimmer zu einer militairischen Ressource zu machen.
-Major Feldmeister gehörte nicht in jene ausschließende Regel; doch
-dachte er zart genug, um nur bescheidenen Gebrauch von einem Gunstrecht
-zu machen, das ihm zu jeder Zeit und Stunde den Eintritt in den
-weiblichen Hauskreis seines Freundes gestattete. So geschah es auch
-nur ausnahmsweise, wenn Einer oder der Andere der Offiziere ihn dahin
-begleitete. Das l'Hombre, wovon der Major redete, ward zumeist auf
-seinem Zimmer gespielt, und Hauptmann Moorhausen, ein Mann von lebhafter
-Phantasie und kühner Darstellungsgabe, war der Dritte von dieser
-Parthie. Deshalb stand der Letztere zu dem Stiftsverweser in etwas
-näherer Beziehung als die Uebrigen. Auch fühlte Herr Prälat, oft
-abgespannt und ermüdet von Geschäften, es als eine gesunde Wohlthat,
-daß sein Zwergfell erschüttert werde. Man hatte jeden Gedanken an
-eine kleine gesellschaftliche Ueberraschung zu dem Geburtstage des
-Administrators fallen lassen. Von jenem Streit an, der die Schwägerinnen
-entzweite, schien die Stimmung der beiden Frauen ausgewechselt zu
-seyn. Fabia gab sich alles Ernstes Mühe, Theresen den kleinen Vorfall
-vergessen zu machen, und sich ihr freundlich zu erweisen; so wie
-Therese ihrerseits sich hütete, Fabien zu nahe zu treten. Wenn nun jedes
-Wohlwollen heiterer macht und auch liebenswürdiger, so gewann Frau Fabia
-am meisten bei diesem Bestreben, auch in den Augen ihres Schwagers, da
-hingegen Therese durch leisen Bedacht eines ihres natürlichsten Reizes
-beraubt ward, jener Hingebung an die Freude, an das Vertrauen, daß alle
-Menschen von ihrer guten Gesinnung überzeugt seyn müßten, weshalb
-sie sich denn auch ganz unbefangen gehen ließ. Jetzt war sie in sich
-gekehrt, eine sehnende Stille hatte dies regsame Wesen beschwichtiget.
-Sie sprach davon, wie ihr eine innere Stimme sage: Constanz werde nun
-nächstens kommen, und nur den Wunsch damit aus, daß es geschehe. So oft
-ein Wagen vor das Kloster rollte, fuhr Therese mit der Hand nach dem
-Herzen, weil es hochauf klopfte -- und dem Munde des Majors entfuhr
-gleichzeitig ein gelinder Fluch, wo der Rudolph nur bleiben möge? denn
-Zögern und Zaudern, meinte sein Oheim --, dies tauge nichts. --
-
-Schwester Veronica beschenkte den Administrator zu seinem Wiegenfeste
-mit einer Rose, die sie mit unsäglicher Sorgfalt für ihn gezogen hatte.
-Als er sich in das Anschauen der Blume versenkte, wehete ihn ein Hauch
-aller Frühlinge an, die er gelebt, ein Auferstehungs-Athem gestorbener
-Freuden -- und er äußerte, wie es doch nur möglich gewesen, dem starren
-Winter dies weiche zarte Leben zu entlocken? --
-
-Schwester Veronica lächelte und sprach: »der Liebe und Freundschaft
-ist alles möglich; und ein warmes Herz ist ein gutes Treibhaus für die
-Blumen jeder Zeit. Diese Rose ist gekommen, wie ich es wünschte, auch
-das Knöspchen daran war mir lieb. -- Heute, gerade _heute_, hatte sie
-ihren Kelch erschlossen, es rührte mich, da ich es sah -- wie man die
-Brust öffnet einem frohen Tage: trinken Sie den göttlichen Odem der
-Freude daraus!«
-
-Der Administrator drückte gerührt die Hand der alten Nonne und dankte
-ihr; ein stilles Bedauern ging durch seine Seele, daß diese treue Hand
-nur _Rosenkränze von schwarzen Perlen_ umschlungen hätten.
-
-Schwester Veronica hatte auf dringendes Bitten versprechen müssen,
-den Abend bei ihren Freunden zuzubringen. Auch Major Feldmeister und
-Hauptmann Moorhausen waren eingeladen. Josephine deckte den großen
-runden Tisch; der Wirth desselben brauete eine Bowle. Therese kleidete
-sich an, die Männer zu berauschen, Fabia schaltete in der Küche. Er sah
-das Mädchen geräuschlos hin und her weben; alle Bewegungen Josephinens
-waren leise und harmonisch wie ihr Sprachton, so daß, als sie aus einem
-Körbchen Gläser und Teller nahm, und achtsam niedersetzte, nur ein
-sanftes Klingen, doch kein Klirren, das, was sie that, verrieth. Herr
-Prälat verlangte die Citronenpresse, Josephine reichte sie ihm. Er
-forderte darauf ein Messer, und nahm es aus ihrer Hand. Er sah mit
-heißem Blick in die schönen Augen des lieben Kindes, der Gedanke an den
-reinen Himmel, der darin schimmerte, war diesem Blicke nicht fern. Und
-er sprach: »weißt Du wohl, was Abraham a Sancta Clara sagt? Ein Mädchen
-soll seyn wie eine Citrone, und auch nicht wie eine Citrone, es soll
-einen Stern im Herzen tragen, und doch Niemandem das Leben sauer machen.
-Das thust Du nicht, mein süßes Kind! Du bist biegsam -- voll Kern -- ein
-Zuckerrohr --« der Administrator warf im Verhältniß zu diesem Lobe
-ein blitzendes Randstück feinster Raffinade in die starke Mischung.
-Josephine lächelte, als hätte sie den Geist derselben oben weg geschöpft
-getrunken. Sie antwortete: »ach Onkel! dieses Urtheil giebt nur die
-Güte ab. Die Mutter klagt doch manchmal über mich! und tadelt mein
-träumerisches Wesen; so sagt sie oft, ich ginge so zerstreut umher, als
-wisse ich vom hellen Tage nichts, und könne nicht bis auf Drei zählen.«
-
-Herr Prälat hatte, während Josephine diese Worte sprach, einen Löffel
-vom Eßtisch gelangt, ein schwarzes Pünktchen, was in der goldenen Fläche
-schwamm, damit zu fischen. Sein Auge umzirkelte im Nu die gastliche
-Tafelrunde, und er antwortete im Tone schmeichelhafter Mißbilligung: »da
-thut sie Dir nicht Unrecht, meine Kleine. Du hast acht Couverts gelegt.
-Wie viel sind Unserer? auf _Sieben_ wenigstens kannst Du nicht zählen.
-Doch das ist auch eine böse Zahl, -- dieser Irrthum, diese Achte geht in
-der Achtung Deiner lieben Seele für das Gute auf.«
-
-Josephine erröthete und nahm das Gedeck hinweg. Sie erwiederte: »es wird
-ein Gast kommen, auf den wir nicht gerechnet haben. So oft ich einen
-Stuhl zu viel setzte, geschah es.«
-
-»Nun, so möge es denn Constanz seyn --« sagte sein Bruder, »denn es will
-mich bedünken, als sehne Therese sich nun fort.«
-
-Eben trat sie ein. Auch die Andern kamen. Man aß, trank, und war
-vergnügt. Auf einmal stieß Therese einen hellen Schrei aus, und fuhr
-mit der Hand nach dem Munde. Alle schrieen erschrocken auf, so daß auch
-Faust mit Geheul empor sprang. Sie hatte sich an einem Rebhühnerbeinchen
-die Spitze eines Seitenzahns ausgebissen, und zeigte mit weinender
-Wehklage den kaum sichtbaren Makel und das abgesprengte Stückchen
-Emaille. Man tröstete und spöttelte wirr durch einander; aber Therese
-lamentirte dessenungeachtet, als wäre ihr eine unersetzliche Perle aus
-der Krone des Lebens gebrochen. »Man bemerkt es gar nicht, ich schwöre
-es Dir!« betheuerte ihr Schwager, als Therese gestand, ihr zitterten
-alle Glieder. »Es ist ein hübsches Zähnchen und mehr nicht,« sagte der
-Major, »lassen Sie es geknikst seyn. Wie wollten Sie thun, wenn Ihnen
-das Herz bricht? -- Um das Bischen Glasur so zu verzweifeln! das
-Zerbrechliche allzusehr lieben --, taugt nichts.«
-
-Und die Nonne versicherte in einer Theilnahme, welche allein in der
-Stimme des Trostes sprach, Therese wäre ja noch schön genug.
-
-»Beruhigen Sie Sich, meine Gnädigste,« sagte Hauptmann Moorhausen, »ich
-wünsche, ich könnte Ihnen Ersatz geben, auf Ehre! und mithin ein
-wenig von meiner Constitution. Das Naturell meiner Landsleute ist so
-vegetativ, daß es gar nichts Seltenes ist, wenn gesunde Personen drei
-bis viermal Zähne bekommen. Wie Sie mich hier sehen, sind das meine
-fünften.«
-
-Er fletschte das Gebiß, dies gab seiner Physiognomie einen so
-affenartigen Ausdruck, daß die Damen anstatt zu bewundern, sich davor
-entsetzten. Theresens Thränen standen still. Der Major rief: »Sechser,
-Moorhausen, Sechser!« Der Hauptmann stutzte einen Augenblick, ließ sich
-aber, einmal im Zuge, nicht stören und sprach: »ich bin überhaupt
-mit einer gewissen Unzerstörbarkeit geboren. Als die Schlacht bei ***
-vorüber war --« »nun sind wir geschlagen --« murmelte der Major seinem
-Nachbar zu, »er rückt ins Feld --« »wir hatten den ganzen Tag hindurch
-gemetzelt --« die Nonne faltete die frommen Hände, und über Josephinens
-Gesicht lief ein banger Schatten, das gute Kind vergaß, daß jene
-erschlagenen Feinde auch nur Schatten wären --, »fühlte ich mich der
-Ruhe bedürftig. Man wird vom Todtmachen zuletzt mit todt;« redete der
-Hauptmann weiter. »Ein Stündchen nur hätte ich schlafen mögen; ich
-streckte mich auf einen ländlichen Kirchhof hin, und dachte, ich hätte
-brav gethan, und könnte mir nunmehr auch eine Güte thun. Das Schießen
-dauerte fort -- ich hörte es dumpf im Traume. Als ich am folgenden
-Morgen erwachte, meinte ich, der jüngste Tag wäre gekommen. Zerstreute
-Glieder lagen um mich her, hier war eine Granate zerplatzt, dorthin
-eine Bombe geflogen: in meiner offnen Hand hatte sich eine kleine Kugel
-gefangen, und nur einen rothen Fleck nachgelassen.«
-
-»Das war doch Münze, Alterchen?« rief der Major.
-
-»Wie meinst Du das, Herr Bruder?« fragte der Hauptmann verblüfft,
-»glaubst Du vielleicht, ich flunkere? auf meine Ehre! die Kugel war noch
-_lau_!«
-
-»Jeder Achill hat seine Ferse --« fiel hier der Administrator ein, dem
-diese Versicherung zu warm war, und der da wußte, daß der Major auch
-hitzig werden konnte, »der Ihrigen, Herr Hauptmann, verdanken wir das
-Glück, Sie zu besitzen.«
-
-Der martialische Moorhausen, seiner unempfindlichen Natur getreu,
-beachtete den empfangenen Stich nicht. Durch einen geschickten Wurf
-schleuderte der Major den tapfern Hauptmann vom Champ de Bataille
-auf den Boden seiner Heimath, dessen ungemeine Ergiebigkeit ein
-Lieblingsthema seiner Rede war. Er sprach: »die Seeluft Eurer Provinz
-stärkt die Natur dort so riesenhaft -- ist's nicht so, Moorhausen? was
-Du mir davon erzählt, ist wirklich zum Erstaunen.«
-
-Der Hauptmann lächelte wie ein schaffender Gott. »Ueberall
-hervorbringende und ergänzende Kraft --« sagte er, unendlich glücklich.
-»Nach einem fruchtbaren Gewitterregen war in einer Nacht auf meinem Gute
-das Getreide um ein und eine halbe Elle gewachsen -- auf Ehre!«
-
-»Das wissen sich die ältesten Leute keiner Zone zu erinnern --« sprach
-der Administrator mit duldsamer Ironie, und der Major konnte sich nicht
-enthalten, zu bemerken: »wenn das in der Progression so fortgegangen
-wäre, so hätten die Engel im Himmel die Früchte Deines Feldes einsammeln
-können, während die Bauern das Korn an der Wurzel schneiden dürfen.«
-Alle lachten.
-
-Dieser beispiellos gesegnete Gutsherr fühlte, ungekränkt, auf welche
-Weise er zu einem erheiternden Mittel für die Gesellschaft würde.
-Angeregt durch ihren Beifall fuhr er fort: »ein andermal hätte der
-Schaden eben so groß seyn können. Bei einem ungeheuern Sturme entstand
-ein gläsernes Krachen in der Luft -- als wenn die Giganten Zank bekommen
-hätten, und sich Gletscher an den Kopf würfen. Es hatte geschloßt --
-die Felder lagen voll Eisklumpen, wovon der kleinste im Unfang dieser
-crystallnen Butterglocke war. Ich ließ das Eis auf Wagen an das Seeufer
-schaffen. Alles, was Hände hatte, mußte dran; es war eine Lustparthie,
-wie in den Gefilden von Nova-Zembla. Ein armer Mensch erfror sich die
-rechte Hand dabei, sie mußte abgenommen werden, und er erhält noch jetzt
-eine kleine Pension von mir. Und grade in diesem Jahre war es, wo mein
-Weizen schöner blühete als je! -- Ich stand mit Resignation an
-jener Eiswüste, und dachte es nicht. Die Sonne schien wie in einen
-zersprungenen Weltspiegel, ich trug eine Augenentzündung davon.«
-
-Die Damen schlugen die Augen nieder, der Major blinzelte, als sähe er
-selbst in Sonne und Eis -- es herrschte eine große Stille, als wäre
-ein Engel durch das Zimmer geflogen, der Engel der Wahrheit aber war es
-nicht. -- Hauptmann Moorhausen empfand dies Schweigen. Er wollte einen
-mildernden Schatten auf jene glänzende Weizenbreite fallen lassen, und
-sagte nach einer kleinen Pause: »es däuchte mir selbst ein Wunder. Von
-Mißwachs wissen wir in meiner Provinz gar nichts; doch eben so unbekannt
--- und das wird Ihnen nicht weniger unglaublich vorkommen -- ist dort
-die Christfeier und das Osterfest. An eine Bescheerung denkt Niemand;
-weder vom heiligen Abend, noch vom heiligen Grabe, nimmt eine Seele
-Notiz. So erinnere ich mich, am Charfreitage auf einem brillanten Ball
-en masque gewesen zu seyn.«
-
-»Heiliger Gott!« seufzte Fabia; ein mitleidiges Lächeln umspielte die
-Lippen der Nonne. Sie hielt den Hauptmann für verrückt.
-
-Major Feldmeister hob seinen Blick an die Decke, und hielt sich die
-Seite. Selbst Therese vergaß ihre Betrübniß und sprach: »da machten Sie
-wohl den armen Schächer, Herr von Moorhausen? oder den Kriegsknecht
-mit der Lanze etwa? der Major bekommt schon Seitenstechen von diesem
-Gedanken -- oder den Pilatus mit einem Täfelchen auf der Brust, worauf
-die Frage stand: _was ist Wahrheit_?«
-
-Der kühne Moorhausen war doch vor sich selbst erschrocken, und vor dem
-Tone tiefster Indignation in Fabiens Ausruf. Dieser Seufzer zu Gott galt
-nicht der Verleugnung Christi, sondern dem Glauben an den Frevel der
-Lüge, den der Hauptmann ihnen zumuthete. Er fuhr auf, als empöre ihn der
-Gedanke, etwas Unrichtiges gesagt zu haben, »nicht am Charfreitage --
-wie ist mir denn? ich bitte tausendmal um Verzeihung! nein -- da hatten
-wir einen andern Spaß -- am Tage Charitas, den achten October, zum
-Anbeginn der Wintervergnügungen, war jene glänzende Redoute.«
-
-Schwester Veronica athmete bei diesen Worten so erleichtert auf, als
-hätte ihr Jemand das Kreuz des Herrn von Brust und Schulter genommen,
-auf der sie es getragen -- und Jener fuhr fort: »doch um noch einmal auf
-das Vorige zu kommen, Sie könnten leicht durch meine Schilderung einen
-falschen Vorbegriff von den Bewohnern meiner Heimath fassen. Denken Sie
-Sich nicht etwa ein Völkchen von barbarischen Sitten, Gott bewahre! es
-sind so charmante, humane Leute, selbst unter der gemeinen Classe -- die
-Oefen im Schlosse -- es fehlt an Töpfern in der Gegend, und an feinem
-Thon -- hat mir ein _Freimaurer_ gesetzt.«
-
-Hier gab Herr Prälat, um Fabiens und der Nonne willen, dem Gespräch eine
-Wendung. Man gerieth in das Gebiet der Geheimnisse, und kam auf Träume,
-Ahnungen und dergleichen. Allen war dieser Stoff anziehend, Jedes gab
-seinen Beitrag.
-
-»Es ist ein schöner Glaube,« sagte die Nonne, »daß es Geister giebt, die
-auf eine gottmögliche Weise dem blöden Auge des Menschen sichtbar werden
-können. Schutzengel giebt es gewiß; ich weiß ein Beispiel. Schwester
-Hedwigis, eine geistliche Jungfrau unseres Stiftes -- sie ruhet längst
--- besucht als ein lebenslustiges Fräulein eine verwandte Familie. Sie
-liegt im ersten Schlafe, und fest, wie die Jugend schläft, nach einem
-ermüdenden Tage. Da hört sie sich bei ihrem Namen rufen, ängstlich
-und dringend. Sie wacht auf, und Niemand ist zu sehen. Kaum wieder
-eingeschlummert, wird dieselbe Stimme laut, und flehentlicher als zuvor:
-sie solle das Lager sogleich verlassen. Dem Fräulein kommt ein Grauen
-an; es springt aus dem Bett, und sieht bei hellem Mondschein eine lichte
-Gestalt die Urne des Ofens umklammern. Oft hat mir Hedwigis versichert,
-und ihrem Munde entging gewiß kein unwahres Wort -- die Flügel dieser
-Erscheinung hätten geschimmert. Das Haus erbebt in einem fürchterlichen
-Getöse. Ein Theil der Decke, und der altfränkische Ofen war eingestürzt,
-und Hedwigis wäre im Schlafe erschlagen worden, wenn jene Stimme ihres
-Schutzgeistes sie nicht gerettet hätte. Man fand das Fräulein ohnmächtig
-im Nachtgewande auf den Stufen; alle Bewohner verließen, erschüttert von
-diesem Vorfall, das Haus, welches überhaupt schon baufällig gewesen
-seyn mag. Durch Hedwigis Seele bebte diese Erinnerung fort und fort. Sie
-dachte, daß der Himmel ihr Leben sichtbar beschützt hätte, und weihete
-es ihm.«
-
-Josephinens Blick schimmerte auch, und hing noch an den Lippen der
-Nonne, als diese sich schon wieder geschlossen hatten, um einem Andern
-das Wort zu vergönnen.
-
-»Auch ich wüßte eine merkwürdige Vorbedeutung zu erzählen --« sagte Frau
-Fabia mit tiefgesenkten Augen, denn sie schauten in die Geheimnisse der
-Gräber --, »die mich überzeugt, daß wir mit seligen Geistern, mit den
-Todten in naher Verbindung stehen. --« Aller Blicke richteten sich auf
-Fabia, kein Athem ward laut, und diese horchende Stille schien um die
-Mittheilung zu bitten. Sie begann leisen und langsamen Tones: »ich war
-noch im Hause meines Vaters, der auch Beamter des Grafen Frankenstern
-war, als der Justitiarius desselben starb. Er hinterließ schönes
-Vermögen, und eine einzige Tochter, den Abgott der Mutter, die noch
-lebte. Wir waren ein Herz und eine Seele, und wenn Minna einige Jahre
-mehr als ich zählte, und mir an Geistesbildung wie an Talenten überlegen
-war, so hatte ich häusliche Kenntnisse und den Starkmuth voraus, den
-eine christliche Erziehung mir gegeben, und war sonach dem Leben, wie
-es nun einmal ist, voll Angst und Mühe -- besser als meine Freundinn
-gewachsen. Minna konnte sich nicht fassen, da ihr Vater der Welt Valet
-gab. Sie bedeckte seinen Leichnam mit Küssen und Thränen, wie sehr wir
-sie auch baten, ihm die Ruhe zu gönnen; denn es ist nicht gut, wenn man
-über einen Todten weint. Er nimmt dann heißen Schmerz mit in die kühle
-Erde -- und geht vom Himmel aus, ihn zu stillen. -- Meine Minna hatte
-sich einige Zeit vorher einem jungen Edelmanne verlobt, zwar mit
-Genehmigung der Eltern, aber der Vater sah diese Verbindung doch nicht
-ganz gern. Nicht, daß er etwas Wesentliches gegen den künftigen
-Eidam gehabt hätte, sondern, weil er aus mehr als _einem_ Grunde ein
-Mißverhältniß darin fand. So war der Geliebte Minnas fast in gleichem
-Alter mit ihr, und noch abhängig von seiner Mutter, die ein kleines
-Rittergut besaß: dann konnte kaum ein Brautpaar, seinem Aeußern nach,
-so ungleich wie dieses seyn. Er, ein baumlanger Mensch, eine wahre
-Athleten-Gestalt; sie, ein zartes Heimchen, eine kleine Psyche, die
-ihm kaum bis an die Rocktasche reichte. -- Ein Spötter sagte: Minnas
-künftiger Gatte werde seine junge Frau, wenn sie einst guter Hoffnung
-sey -- in einem Kästchen mit sich auf Reisen nehmen können -- wie
-in einem hübschen Mährchen zu lesen. -- Wie nun das Testament des
-Justitiars eröffnet wird, findet sich, daß er als unumstößliche
-Bedingung der väterlichen Erbnahme den Punct gestellt hat, die Heirath
-der Tochter solle erst nach dem Ablauf dreier voller Jahre -- er
-bestimmt sogar den Tag, denn dieser Vater war ein sehr determinirter
-Mann -- vollzogen werden. Hieran war nun kein Jota zu ändern, und Alles
-wohl verclausulirt. Der Braut war dies Gebot ihres Vaters heilig; die
-Wittwe aber, die es nicht erwarten konnte, ihre Tochter als gnädige Frau
-zu sehen, war damit sehr unzufrieden. Sie hatte Respect vor ihrem Manne
-bei seinen Lebzeiten gehabt; seinen letzten Willen scheute sie weniger.
--- Eine Pietät, bei der dies in umgekehrtem Verhältniß Statt gefunden
-hätte, legte dieser Frau zarte Pflichten auf. Sie dachte, wie sie den
-Verstorbenen und selbst den Gehorsam seines Kindes überlisten könnte
--- und zog die Mutter des Bräutigams in ihr Interesse, der damals
-auf Reisen war. Was aber ein rechter Mann ist, meine Herren --« hier
-lächelte die ernste Fabia, und das männliche Kleeblatt lächelte mit,
-»der drückt auch mit der todten Hand einer widerspenstigen Frau
-den Daumen auf's Auge, und der Wittwe des Rechtsgelehrten lief eine
-schmerzliche Zähre heraus. -- Ein Jahr fehlte noch zum Ablauf der
-festgesetzten Frist, da wollte nach einem schriftlichen Uebereinkommen
-zwischen beiden Müttern die Edelfrau ihrem Sohne das Gut übergeben, die
-Acte war schon fertig -- und den Bräutigam heimlich zurückrufen -- Minna
-und ihre Mutter dahin einladen, und dort sollten die jungen Leute am
-Geburtstage der Braut mit der Trauung überrascht, und gleichsam zu ihrem
-Glücke gezwungen werden. Alles war dazu vorbereitet. Nun hören Sie, was
-geschah! -- Der Justitiarius hatte ein eigenes Haus auf dem gräflichen
-Gute, was seiner Frau als Wittthum verblieben war. Eines Tages besucht
-mich Minna. Sie sah sehr blaß aus, und besorgt fragte ich um die
-Ursache. Du wirst mich ein Kind schelten, sagte sie, aber ich kann einen
-ergreifenden Traum nicht los werden. Ich brachte meinen Schreibtisch in
-Ordnung, verschloß alle Schübe -- da trat mein Vater ein, mit raschem
-Schritt, wie er kam, wenn er sich eine Minute für mich abmüßigte, ganz
-in der Manier seiner lebendigen Eile. Ach Fabia! sagte sie, und Thränen
-flossen über ihre Wangen, ich habe ihn leibhaftig gesehen; aber seine
-Miene war bekümmert. Er sprach: daß er mich nun nächstens abholen werde.
--- All' meine Sehnsucht nach ihm ist mit mir erwacht. -- Ich suchte es
-dem lieben Wesen auszureden. Einige Wochen waren seitdem vergangen, das
-Wetter fing an, frühlingsschön zu werden, und jener einladende Brief,
-der die ahnungslose Braut an den Altar lockte, war gekommen. Da kam
-Marie, und vertrauete mir, daß jener Traum sich seltsam wiederholt
-hätte. Sein Auge zürnte, so erzählte sie von der Erscheinung ihres
-Vaters, als er den Brief meiner Schwiegermutter liegen sah. Er
-verlangte, daß ich ihm sogleich folgen sollte. Ich entschuldigte mich,
-daß ich ja nicht angezogen wäre. Er erwiederte: frägt _darnach_ ein
-Retter? und verschwand. Ich muß gestehen, daß mich diese Worte sehr
-ängsten; es ist mir, als werde ich von irgend einem Unglück bedroht, und
-als wolle mein treuer Vater mir von Jenseits herüber ein treuer Warner
-seyn. Wüßte ich nur, was ich zu thun, oder zu lassen hätte! -- Mich
-selbst bestürzte diese Aussage, wenn ich es auch verbarg, da Minna
-ohnedies verstört war. Acht Tage waren wiederum verflossen, binnen deren
-Verlauf wir uns wenig gesehen hatten -- da -- ich weiß es wohl noch wie
-heute -- räumte ich meine Bodenkammer auf, und die Sonne ging unter,
-als ich mit diesem ermüdenden Geschäfte im Reinen war. Ich komme eben
-aufgeschürzt die Treppe herab, da steht Minna, weiß wie eine Taube, und
-bittet mich mit kranker Stimme, ein wenig mit ihr spazieren zu gehen.
-Gern, meine Minna, wollte ich das, gab ich ihr zur Antwort; aber Du
-siehst selbst, wie eingestäubt ich bin. So muß ich zunächst an ein
-Waschfest gehen, und dann mögte wohl die Feierstunde ausgeläutet
-haben. Es dürfte auf lange das letztemal gewesen seyn -- sagte sie: den
-Donnerstag geht es fort -- lieber Gott! auf das Gut, meinte sie. Ich
-muß mich zerstreuen, Fabia, sagte Minna mit einem krampfhaften Lächeln;
-denke nur, diese Nacht hat mich mein Vater wirklich abgeholt. Er trat
-eilfertig, in einen Pelz gehüllt, in mein Stübchen, seine Taschenuhr in
-der aufgehobenen Hand. Nun ist es Zeit -- sagte er, und hielt mir
-die Uhr vor die erschrockenen Augen: sie stand stille. Ich eilte
-im Schlafrock an seiner Seite von hinnen. Vor der Thüre stand ein
-Schlitten, der Schnee lag wie ein Leichentuch -- als ich einsteigen
-wollte, verlor ich einen schwarzen Schuh -- er sank tief ein. Den Führer
-sah ich nicht; aber der Schlitten sausete auf den Kirchhof zu. -- Mich
-überlief es kalt,« fuhr Fabia fort, und auch ihre Zuhörer schien ein
-Frösteln zu durchrieseln. »Am folgenden Tage,« redete die Erzählerinn
-seufzend weiter, »kehrten wir erst spät von einer kleinen Ausflucht
-heim; ich schlief daher den nächsten Morgen etwas länger als gewöhnlich.
-Der Vater stand vor meinem Bette, im blendenden Schein der Frühsonne,
-und ich sah nicht bald, wie betrübt sein Auge war. Du hast sanft
-geschlafen, Fabia! sagte er, das hat Dich denn für eine traurige
-Nachricht gestärkt. -- Minna ist recht krank -- -- ich blickte in
-sein Gesicht und rief: o Gott! sie ist schon todt! -- Er nickte
-schmerzlich-still. -- Sie war in der verwichenen Nacht an einem
-Scharlachfieber gestorben, was nicht zum Ausbruch kam, und unsere kleine
-Promenade war ihr letzter Gang gewesen; denselben Abend noch hatte Minna
-sich gelegt. -- Den Donnerstag, der zu ihrer Abreise bestimmt gewesen,
-wurde meine Freundinn begraben. Als der Sarg, mit Kränzen behangen, die
-jungfräuliche Ehrenkrone von silbernen Zitterblumen zu seinen Häupten,
-aus dem Hause schwankt, kommt ein Reisewagen angefahren. Es war der
-unglückliche junge Edelmann, der seine Braut abholen wollen auf das Gut
-der Mutter. Er kam nur gerade zurecht, ihr das letzte Geleit zu geben.
-Mit welchem herzzerreißenden Schmerze -- davon will ich schweigen. --«
-
-Hier schwieg Fabia, und eine lange Pause feierte diese Erzählung, welche
-bei der einfachen Ruhe ihres Vortrags von um so größerer Wirkung gewesen
-war. Man wußte, und mit Achtung wußte man es -- wie wahrhaft Frau Fabia
-sey, und mit gewissenhaftem Stolze sogar den Schmuck der kleinsten
-Zuthat verschmähe. Sie glaubte dessen nicht zu bedürfen, um das
-Interesse Anderer für jene wehmüthige Erinnerung in Anspruch zu nehmen.
-
-Endlich unterbrach der Administrator die allgemeine Stille und sprach:
-»ich würde den Versuch bedauern, solch eine Thatsache _natürlich_
-erklären zu wollen; hier tritt das geistige Element hervor, und wir
-können nur verstummen. _Was_, in aller Welt, wäre denn nicht wunderbar,
-oder ahnungsvoll? -- Nur unsere Sinne sind stumpf. Und ein Schutzfreund,
-wie er dort ein gefährdetes Leben aus dem Schlafe weckt, hier Eines in
-den längsten Schlaf lullt, wohnt gewiß in eines Jeden Brust, wenn dieser
-Engel nur nicht so oft irdisch verbaut wäre. In einer für das Höhere
-erweiterten Seele findet er gewiß Freiheit, zur rechten Zeit an das Herz
-zu pochen.«
-
-Der Major, der vielleicht aus einem zu weichen Gefühl das Tragische
-nicht liebte, und als ein tüchtiger Mann auf ebenem Boden eine Scheu vor
-metaphysischen Dissertationen hatte, ging nicht auf die Aeußerung seines
-Freundes ein, und dachte vielmehr bei Minnas verlornem Schuh an
-den Pantoffel, der seinen Neffen aus dem Felde schlug. Er hatte die
-Gewohnheit _laut_ zu denken, und so sagte er: »nun sollte eine Sandale
-an die Reihe kommen.«
-
-»Meinst Du ein Fahrzeug, Herr Bruder?« fragte Hauptmann Moorhausen:
-»wohl ist dieser Stoff ein unerschöpfliches Meer.«
-
-Und Josephine sagte: »die Sandalien der Jungfrau Maria in der Capelle
-sind wunderprächtig mit Gold und Perlen gestickt.« Die Kleine stockte
-beklommen; doch Frau Fabia gab heute Preßfreiheit für Lügen wie
-gedruckt, wie für die Legende des Hauses, und so entblätterte sich die
-Blume dieses Herzens, und Josephine sprach: »In dem blassen Mondschein,
-den die kleine Lampe wirft, schimmern die Sandalien so traurig und doch
-so heilig! daß man gläubig wird, dieser Fuß müsse den Thron des Himmels
-besteigen. Oft schon habe ich ihn geküßt -- und dabei gedacht, wie
-manches bekümmerte Angesicht mag seine Thränen darauf geweint haben! die
-sind denn zu Perlen geworden. Sogar der Staub, der darauf ruht, hat mir
-etwas Rührendes, denn er erinnert mich, wie dieser beständige Fuß seine
-Stelle verlassen, und wandelbar geworden, das Liebste zu suchen.«
-
-»Recht, mein Kind,« erwiederte die Nonne erregt, »unsere Jungfrau von
-der Capelle, von der das Kloster den Namen führt, gehört ganz eigentlich
-hierher, und es ließe sich Manches von dieser Wunderthäterinn erzählen,
-wenn auch keine Wallfahrt sie verehrt hat.«
-
-»Das kenne ich ja nicht --« sagte Herr Prälat, erstaunt, sein Schutzkind
-so bewandert in der Geschichte der Patroninn dieses Hauses zu finden;
-und der Major fragte: »was ist's mit der Jungfrau?«
-
-Die Nonne sprach: »nach den Urkunden des Stifts ist die kleine dunkle
-Capelle dahinten seine erste Gründung gewesen. Man sieht es auch an der
-Bauart, wie viel älter sie ist, als die des Klosters. Nun steht in der
-Nische des Altars eine Mutter Gottes mit dem Kindlein an ihrer Brust. --
-Das Bild ist nur von Wachs und nicht sonderlich schön, es hat aber
-einen zarten Ausdruck von Erbarmen in der Miene, daß man gleichsam Trost
-fühlt, wenn man es anblickt. Die rechte Hand hält es bedeutsam in die
-Höhe, mit aufgehobenem Zeigefinger, als ob warnend oder winkend. Die
-Sage erzählt: eines Schäfers Wittwe, der man aus Mitleid die Hut der
-Heerde gelassen, habe sich den Verlust ihres Mannes dermaßen zu Gemüth
-gezogen, daß alle Kraft ihr entschwunden sey, zumal das arme junge Weib
-einen Säugling stillen müssen, mit dem Grame ihrer Brust. -- Da man die
-Schäferinn oftmals schlafend gefunden, am Berge unter einem Baum, so
-ist sie vom Orte aus bedroht worden, ihr, wenn sie nicht achtsamer seyn
-werde, den spärlichen Dienst zu entziehen. In dieser Bedrängniß hat die
-betrübte Wittwe ihre Zuflucht in die Capelle genommen und voll Einfalt
-und Inbrunst gefleht, die Heilige des Himmels mögte die ärmste Mutter
-der Erde vertreten in ihrer großen Schwachheit. Und als dennoch täglich
-um die Stunde der Vesper die stillende Mutter von einem Schlummer
-bezwungen wird, dem sie nicht widerstehen kann, wollen glaubhafte Leute
-jener Zeit die Jungfrau Maria gesehen haben, wie sie bleichen Angesichts
-die Lämmer gehütet, auf daß die Schäferinn der Ruhe pflegen möge.
-Sie ist erkannt worden an dem Kleide von perlfarbnem Moir, dessen
-schillerndes Gewässer nun wie mürber Zunder ist -- an der aufgehobenen
-Hand, womit sie die Heerde stumm gelenkt -- im andern Arme hat sie das
-göttliche Kind getragen, wie Jene das dürftige Kleine. In der Nähe
-des Baumes hat Maria ein leises Lied gesungen, ein Wiegenlied --
-so himmlisch! daß der Wind geschwiegen und die Vögel in den Zweigen
-gelauscht. Auf dem Heimwege hat das Geläut der Heerde geklungen, wie die
-Glöckchen beim Hochamt, und die Sandalien haben in der Abendsonne goldne
-Strahlen verbreitet über den grünen Klee. -- Niemand wagte mehr, der
-Wittwe ein Wort zu Leide zu sagen. Kein Lamm geht verloren -- aber eines
-Tages das Kind vom Schoße der Mutter, als sie auch einmal schläft. Ein
-Engel soll es ihr sacht und sanft entzogen haben, weil der Born der
-Nahrung nun versiegt gewesen, und das Würmchen am Verschmachten. Die
-Frau kommt wie von Sinnen. Sie rennt in der Irre umher, ihr Kind zu
-suchen, was sich nirgends findet. Man entbindet sie ihrer Pflicht, und
-fristet mit kärglichen Almosen ihr Leben, das der Jammer verzehrt. Sie
-ringt die Hände wund und fleht: die heilige Jungfrau mögte sie ihr Kind
-wiederfinden lassen, ohne das sie keines Bleibens habe auf der Welt.
-Aber Maria bleibt unbeweglich, und blickt traurig nieder, daß Der,
-welcher ihre himmlische Güte sich sichtbar angenommen -- der Glaube
-fehlt. -- Da nun die unglückliche Mutter nicht Zeichen noch Wunder
-sieht, wird sie eines Tages von verzweiflungsvollem Wahnsinn erfaßt.
--- Sie sagt: Du magst wohl schwerlich wissen, wie einer Mutter zu Muthe
-ist, die ihr Einziges eingebüßt; sonst würdest Du auf mein Herzeleid
-merken und Dich meiner erbarmen. Wer nicht hören will, muß fühlen!
--- Und damit hebt sie das Kind vom Arme der Madonna, und drückt es
-mütterlich an ihren Busen, als ob das kalte Wachs an dieser heißen Angst
-zerschmelzen müßte. Daheim legt sie es in eine kleine Lade, auf das
-weiche Vließ von einem ungeborenen Lämmlein. Sie selbst liegt im Fieber.
-Als nun der Morgen tagt, steht Maria vor dem Bette der Armen, rührt
-sie an, und fordert ihr Kind zurück. Da sagt die Kranke, wo sie es
-hingethan, und spricht: gieb mir nun auch das meine wieder und zeige
-mir, wo ich es finde. Maria hebt den Zeigefinger gen Himmel -- -- darauf
-ist die Mutter gestorben. -- Seitdem nun,« schloß Schwester Veronica
-diese Tradition, »hat Mancher, der etwas vermißt -- ach mein Heiland Du!
-Wessen Leben wäre ohne Verlust? Trost und Erstattung an dieser Stelle
-gesucht und -- gefunden: denn die heilige Jungfrau giebt erhörend ein
-Zeichen mit dem Finger, was noch nie trüglich gewesen.«
-
-»Es gehört ein starker Glaube dazu --« sagte Hauptmann Moorhausen,
-er, der den stärksten in Anspruch nahm --, »und eine deutsame
-Einbildungskraft, um die Weisung der Jungfrau Maria zu verstehen, denn
-sie kann doch nur Rechts, Links!« (diese Worte wurden im exercirenden
-Tone gesprochen) »nach Oben oder Unten zeigen, und das kommt mir
-ohngefähr so vor, wie jene Adresse: an meinen lieben Sohn in der Armee.«
-
-»Dem Zweifler ist nichts beschieden --« antwortete Therese spottend,
-»wenn Sie einmal das Gedächtniß verlieren, =mon Capitain=, wird Sanct
-Maria es Ihnen nicht suchen helfen.«
-
-»O! mein Gedächtniß ist gut!« erwiederte der Hauptmann prahlerisch
-sicher. »Das muß es auch --« versetzte die muthwillige Frau und
-lächelte ihn an, so daß ihm die kleine Bosheit ihrer Replik nur wie ein
-schalkhafter Liebesblick einleuchtete.
-
-»Es ist doch viel,« fiel hier der Administrator ein, »daß bei der
-Aufhebung des Klosters die Capelle unangetastet geblieben.«
-
-»_Viel_?« fragte die Nonne und ihre Wange röthete sich bei dieser
-aufregenden Erinnerung, »wenig war es, werthester Freund! sehr wenig.
-Was ist denn Kostbares darin? Ein paar arme Bilder -- morsche Bänke --
-die Jungfrau selbst ist alles Schmuckes baar, die Fußbekleidung etwa
-ausgenommen, und für diese habe ich Alles hingegeben, was ich an
-Pretiosen noch besaß. Die goldne Taschenuhr meines Vaters -- ein
-köstliches Werk! wog der Commissair in seiner Hand, die gerade
-keine Wagschale der Gerechtigkeit war -- und dabei fiel der kleine
-Uhrschlüssel klingend auf die marmorne Schwelle, wo wir standen, und mir
-gleichsam auf das Herz, denn ich dachte, wie so tausendmal ich diesen
-Schlüssel in der Hand meines Vaters gesehen! ich sah die Miene, womit
-er ihn drehete -- -- ich mußte meine Augen abwenden. Da sagte der
-Commissair: wir wollten einen christlichen Tausch abschließen. Er zog
-den großen Schlüssel aus dem Schloß der Capelle, reichte mir ihn und
-sprach: diese solle fortan als mein Heiligthum zu betrachten seyn. Die
-Uhr mogte er dagegen als _sein_ Eigenthum ansehen. Er steckte sie sich
-in die Tasche, nachdem er den kleinen Schlüssel fest gemacht. --«
-
-Der Major murmelte ein vernichtendes Wort, und schluckte den Aerger in
-einer Neige Wein hinunter. Herr Prälat aber schlug in stillem Grimm das
-umgekehrte Ende des silbernen Messers auf den Tisch, als hätte er den
-Commissair damit auf die Finger schlagen mögen. -- Aber friedlich sprach
-die Nonne: »dies Alles ist nun überwunden; ich wollte nur sagen:
-ich hätte mir gewissermaßen ein Anrecht an die Capelle erworben. Die
-schönsten Blumen fülle ich in die kleinen Krüge zu beiden Seiten des
-Altars; dort duften sie Weihrauch. Und das ewige Licht nähre ich aus
-meinen geringen Mitteln, und müßte der Winter meines Lebens finster für
-mich seyn, wie eine lange Sterbestunde.« Der Blick der Nonne leuchtete
-bei diesen Worten auf, wie ein Flämmchen vor dem Verlöschen. Alle waren
-gerührt.
-
-»Und dieses liebe Geschäft,« sagte Josephine in holder Geschwätzigkeit,
-wie von einem Lieblings-Gegenstand hingerissen, »gönnt mir die gute
-Schwester Veronica bisweilen, wenn meine Zeit es erlaubt. Es ist für
-mich ein kleiner Tempeldienst, den ich nie ohne ein andächtiges Gefühl
-verrichte. Ich komme mir dann vor wie eine Vestalin, von denen Du
-neulich erzähltest, Onkelchen. Es ist wirklich etwas Heiliges um das
-Licht. Man denkt sich eines Sünders Seele dunkel. -- Ich fürchte mich
-auch nicht ein Bischen allein, und sitze oft in der Dämmerung in dem
-verwitterten Beichtstuhl. Da flüstert es neben mir, die feuchten Wände
-wispern, ich höre den Holzwurm picken -- und denke, es sey Veronicas
-Uhr, und _wo_ dies Herz der Capelle wohl schlüge? -- Und wenn ich
-sinnend in die wehende Lampe blicke, ist mir Manches schon hell
-geworden. Jüngst beschlich mich ein sehnsüchtiges Weh, ich mußte weinen
-und trüber Zeit gedenken. Da fragte ich laut, und erschrak vor meiner
-eigenen Stimme: wo ist -- wo ist mein lieber Vater, den ich verloren?
--- -- Ein Seufzer --« der Athem in Josephinens Brust stockte vor dem
-Blick, womit Frau Fabia sie ansah. Das Mädchen verstummte. Hauptmann
-Moorhausen haschte alsbald den letzten Laut von diesen Lippen und sprach
-cathegorisch: »Ahnungen giebts! ich selbst habe --« jetzt stieß der
-Major einen tiefen Seufzer aus, der die Gedankenreihe seines Cameraden
-auf einige Momente unterbrach. »Ja, das war ein Abenteuer,« setzte
-er seine Rede fort und festen Fuß in weichenden Boden --, »was Muth
-erforderte. Als wir im Jahr 18-- an der Grenze standen, ward ich mit
-einem Commando nach dem Gebirge detachirt, wo eine aufrührerische Rotte
-zu bändigen und nach Umständen zu bestrafen war. Die Unruhen waren bald
-gehoben, die Empörer fest genommen, und wir beeilten uns, aus jenen
-unwirthbaren Hürden zu kommen. Es war tief im Herbst, der Paß verschneit
--- kein Wunder, daß wir uns verirrten. So gelangten wir bei Nacht und
-Nebel an ein adeliges Schloß, das Gott weiß! wie weit abseits von unserm
-Wege lag. Sie können wohl denken, meine Verehrtesten! daß wir als Gäste
-zu so später Zeit nicht gerade die willkommensten waren; aber man muß
-nur die Leute zu behandeln wissen. Nach einer Stunde saß ich mit dem
-Förster, der in Abwesenheit der Herrschaft den Wirth vorstellte, ganz
-cordial bei einer Flasche Wein. Ein Wort gab das andere, er erzählte von
-den Verhältnissen der Familie, die fast nie hier wohne, ohngeachtet die
-Gegend entzückend sey, und als ich nach der Ursache fragte, äußerte der
-Förster: es wäre nicht geheuer im Schlosse. Ich lachte und glaubte, der
-Schalk wolle mir das Nachtquartier verleiden -- da versicherte er mich
-sehr ernsthaft, es wäre gar nicht zum Lachen. Der Erbe jenes Gutes,
-ein junger Graf -- St -- der Name ist mir entfallen -- sey vor mehreren
-Jahren gestorben, an einer Erweiterung des Herzens, was nach seinem Tode
-ein Gewicht von zwanzig Pfund ergeben hat.«
-
-Vor dieser Möglichkeit sanken alle Begriffe, die Damen faßten
-unwillkürlich an ihre linke Seite, und der Major sprach: »Potztausend!
-über den Zwanzigpfünder! -- Dem ist das Herz schwer gewesen. --«
-
-»Auch im moralischen Sinne --« antwortete Hauptmann Moorhausen: »ein
-Freund des Grafen, seine zweite Seele gleichsam -- hatte einen wichtigen
-Auftrag, eine Geliebte betreffend, von ihm bekommen, und säumte zu
-erscheinen, und das ganze Haus sah diesem Zuspruch sehnlichst entgegen.
--- Der Kranke konnte nicht sterben und fristete sein Daseyn elendiglich.
-So genoß er nur täglich einen kleinen Apfel, und auch dieser machte
-ihm Wallungen. Er konnte kein geheiztes Zimmer vertragen, weshalb seine
-Pfleger zur kalten Jahreszeit in dem rauhen Klima jener Gegend häufig
-wechseln mußten. In der einen Nacht wacht der Jäger, der Graf liegt
-stille, da öffnet sich die Thüre und ein junger blasser Offizier tritt
-ohne Geräusch herein. Der Büchsenspanner erkennt den Freund des jungen
-Herrn und verhält sich ruhig. Der Offizier beugt sich über das Bette,
-flüstert tief in die Kissen hinein -- da wird dem Jäger unheimlich,
-er ergreift die Kerze, wagt einige Schritte, obgleich sich sein Haar
-sträubt, und wie er hinzu leuchtet, ist der Offizier verschwunden, und
-der Graf verschieden. --«
-
-Ein Schauer der Furchtsamkeit, der hörbar die kleine Gesellschaft
-durchfröstelte, befriedigte den Hauptmann. Dieser kühne Geisterseher
-lächelte kaltblütig, und schickte sich zum Verfolg der Geistergeschichte
-an. Herr Prälat aber war auffallend bleich, und Therese rückte sich
-ihrem Schwager noch näher und umschloß seinen Arm mit ihren beiden
-Händen. »Es taugt nichts,« sprach der Major, »daß wir uns jetzt zu
-nächtlicher Stunde mit solchen Geschichten den Kopf erhitzen; ich
-dächte, wir höben uns das Ergebniß für ein andermal auf.«
-
-»Nein,« sagte Therese, »es fürchtet sich hübsch unter Mehreren und ich
-lasse es mir nicht nehmen, die Bravade des Hauptmanns zu bewundern;
-fahren Sie fort!«
-
-Moorhausen gehorchte diesem Befehl und sprach: »den Freund des Grafen
-hatte ein plötzlicher Tod abgehalten zu kommen, aber ein treuer Freund
-hält sein Versprechen todt oder lebend, das ist Parthie egal. -- So oft
-nun Jemand seit jener Zeit in dem Zimmer und Bette des seligen Grafen
-schläft, erscheint er und bringt die verspätete Kunde; aber einer Frage
-hielte dieser zuverlässige Schatten nicht Stich. -- Er soll mir Stand
-halten auf meine Ehre! erwiederte ich dem Förster, und bat mir jenes
-gespenstische Zimmer aus. Er wollte mir nicht willfahren, ich setzte es
-aber durch. In besagtem Zimmer nun sah es ziemlich wüst und unheimlich
-aus. Der Förster versah mich mit dem Nöthigen, legte mir, wie ich
-gefordert, einen Hirschfänger, blank gezogen, und eine Pistole, scharf
-geladen, zur Seite und wünschte mir, grauenhaft lächelnd, eine geruhsame
-Nacht. Mit diesen Waffen und einer wahrhaft todesverachtenden Courage
-forderte ich den Geist nun heraus. -- Als ich mich sterbensmüde in dem
-Himmelsbette des seligen Grafen ausstreckte -- der Riese Goliath hätte
-Platz darin gefunden -- dachte ich an das Riesenherz des armen Jünglings
-und sah in den gedrechselten Kugeln des Gestells die kleinen Aepfel
-seiner Mahlzeit. Mir war, als hätte ich die Weltkugel im Magen. Die
-compacte Kost des Försters hatte mir Congestionen erregt. Endlich
-überwältigte der Schlaf das empörte Blut -- da klopft es dreimal
-deutlich -- --«
-
-Es klopfte jetzt wirklich an die Thüre des Klosters. Der Hauptmann
-verblich zum steinernen Gast, die Frauen sprangen auf, der Major in
-gleicher Hast, vielleicht glaubend, daß sein Neffe komme, wollte es
-ihnen gleichthun, bekam aber den Krampf in den Fuß und Herr Prälat
-leistete ihm Beistand. Man zog die Klingel, doch Niemand kam; und in
-dieser Verwirrung hatte Josephine ein übriges Licht ergriffen -- den
-Tisch erhellte eine schöne Lampe -- und war hinausgeeilt. Sie floh den
-Gang entlang, ihr Schatten wehete an den düstern Wänden hin -- nun stand
-sie an der Pforte pochenden Herzens, und draußen schlug eine unbekannte
-Hand nahe ihrem Ohr den Klopfer noch einmal an, daß dieser Laut wie
-ein unendlicher Hall durch die Stille der klösterlichen Nacht tönte. --
-»Gleich! gleich!« sagte Josephine beklommen, schob die schweren Riegel
-zurück, und wich nun selbst einige Schritte, als ein Mann eintrat,
-von hoher Gestalt, umflossen von einem weißen weiten Mantel, dem eine
-schmale Reisetasche von rothem Saffian überhing, so daß sein Ansehen bei
-mäßiger Zuthat der Imagination das eines Kreuzritters hatte. Josephine,
-im flackernden Scheine die Kerze, die den lichten Umriß des Mädchens
-aus der finstern Umgebung hervortreten ließ, fühlte ein Beben bei dem
-Anblick dieser bedeutenden Erscheinung, und heftete einen furchtsamen
-Blick auf die bleichen Züge des Fremden, der mit einem Ausdruck von
-freudigem Staunen seine Pförtnerinn ins Auge faßte. »Wo ein Engel öffnet
-um diese Stunde --« sagte er, »da darf man über die Aufnahme nicht
-zweifelhaft seyn. -- Mein holdes Kind! treffe ich den Administrator
-daheim? gleichviel, ob schlafend, ich muß ihn sprechen.«
-
-»Er ist noch wach,« antwortete Josephine, »zur Feier seines
-Geburtstages, in Mitten seiner Freunde.« Und alsbald tadelte sich das
-Mädchen, daß es den fremden Mann in ein Familienfest einführe.
-
-»_Seiner Freunde_ --« wiederholte der Unbekannte mit zitterndem Accent,
-und ging raschen Schrittes voran. Herr Prälat kam ihnen schon entgegen,
-hinter ihm Frau Fabia, zu wissen, was es gäbe? Ein sprachloser Moment
-des Erkennens! dann rief Jener: »Sylvius!« wie ein Echo aus der
-Ferne der Erinnerung rief Fabia einen andern Namen nach -- und nur
-unarticulirte erschütternde Töne entrangen sich der Brust des Fremden.
-Da breitete der Administrator die Arme so jählings aus, daß er
-in Josephinens Leuchte griff, sie erlöschte -- und das Dunkel des
-Kreuzgangs umfloß ein Wiedersehen.
-
- * * * * *
-
-Unsere Leser wollen sich erinnern, daß, als Herr Prälat dem Major
-Feldmeister Einiges aus seinem Leben mitgetheilt, er eines Freundes
-erwähnt, ohne den Faden jenes Verhältnisses auszuspinnen --; wir aber
-knüpfen die neue Bekanntschaft, und was wir nachträglich davon zu sagen
-haben, an jenes Fragment.
-
-Nachdem der Held unserer Erzählung seine cameralistischen Studien
-beendiget hatte, arbeitete er eine Zeitlang unter seiner Behörde in H--.
-Dann dachte Cölestin, wir wollen den Administrator der Kürze wegen
-so nennen -- ehe er eine fixe Stellung annähme, eine große Reise
-anzutreten, welche der Zielpunct seiner jugendlichen Sehnsucht gewesen
-war. Es hatte Mühe gekostet, dem Vormund die Genehmigung dazu, wie die
-benöthigte Summe, abzugewinnen; und als es ihm endlich gelungen und
-alles festgesetzt war, fühlte er sich festgehalten durch die zartesten
-Bande, und der Wunsch, die Welt zu sehen, war ihm gleichgültig geworden.
-
-Cölestin war in dem Falle, ein anderes Quartier zu bedürfen. Er fand
-die Anzeige in einem öffentlichen Blatte, daß eine Wohnung für einen
-_ältlichen_ Herrn frei stehe, die ein Hausmiether von seinem Locale
-ablassen wolle. Er mußte des bedingenden Wortes lächeln, ließ sich aber
-dadurch nicht abhalten, das Quartier in Augenschein zu nehmen, und es
-war, wie er es suchte. Inhaber desselben waren ein Forstrath von Schütz,
-der ehemals Jagdjunker gewesen in jenen Gegenden, wo diese Charge üblich
-war, und gegenwärtig nur in seinen vier Pfählen herumförsterte, seine
-Schwester, Frau von Schütz, die Wittwe eines Vetters, und ein Fräulein
-von Schütz, ihre Nichte, die Waise des Bruders. Cölestin sagte: wenn sie
-unter einem ältlichen Herrn einen _ruhigen_ verständen, so könnten sie
-ihn getrost einnehmen, und die fehlenden Jahre übersehen. Er dürfe
-von sich rühmen, ein stiller Miether zu seyn. So wurde der Contract
-abgeschlossen. Bei näherer Bekanntschaft mit dieser Familie bemerkte
-Cölestin, wie combinirt dies verwandtschaftliche Verhältniß sey, was ihm
-so einfach geschienen. Der Forstrath war der dringende Liebhaber seiner
-Nichte, die Tante dem Bruder wie seiner Neigung gram und der Jugend des
-Mädchens abhold, die schöne Tony ein verfolgter Gegenstand der Liebe wie
-des Hasses, und in meisterlicher Uebung beiden überlegen. Sie wollte die
-Tante beerben, den Onkel zwar nicht heirathen, aber bei Gutem erhalten,
-und einst goldne Früchte ernten, wenn dies lachende Auge doch zuweilen
-weinen mußte. Aber diese trübe Aussaat war selten, denn die Vorsehung
-hatte solch schweres Ertragen durch leichten Sinn aufgewogen. Cölestin
-sah mit Erstaunen in diesem Hause ein stehendes Theater für kleine
-Intriguen-Stücke, von schlauer Erfindung und wohlberechnetem Erfolg. --
-Es wollte ihm doch so vorkommen, als ob Tony der Leidenschaft des Onkels
-schmeichle, wie den gehässigen Fehlern der Tante, und Beide anzuführen
-wisse, wo es das Erreichen einer Absicht gelte. Dieser wahrhaften
-Bemerkung ungeachtet, hatte sich das reizende Geschöpf seines Interesses
-doch so sehr versichert, daß sie unwirksam auf seine beobachtende Ruhe
-blieb. Er war nicht lange aus dem Spiel gelassen -- Tony theilte ihm die
-Rolle ihres Vertrauten zu, und bald hätte er ihr das ganze Glück seines
-Lebens anvertrauen mögen. Er hielt den Gebrauch listiger Waffen für
-Nothwehr, die fügsame Klugheit, welche ein wenig nach der Schlange
-schillerte, für Taubensinn, und den abgelegten Anzug der Tante, den
-die reizende Tony sich gefallen ließ, wie das Verheimlichen prächtiger
-Geschenke, die der Onkel ihr aufdrang, für gleich nachgebende
-bescheidene Gefälligkeit der Nichte. -- Die _Liebe_ war es, meine Leser,
-welche Engel schuf. Sie verschönt, vergiebt, vergöttlicht -- und öffnet
-selbst den Geistern der Hölle ihren Himmel. -- Tony gab bei schicklichem
-Anlaß dem Hausfreund zu verstehen, wie widrig der Onkel ihr sey, und
-welcher fortwährenden Anstrengungen sie bedürfe, sich ihn als eine
-Respectsperson drei Schritte entfernt zu halten. Sie führte ihm mit
-lachendem Munde kleine Züge der Bosheit und des Geizes ihrer Tante
-an, so daß Cölestin eben so viel Ekel als Mitleid empfand, und heftig
-wünschte, das schöne heimlich geliebte Mädchen aus dieser Höhle des
-Satans befreien zu können. Doch ein inneres Etwas, dem er keinen Namen
-zu geben wußte, hielt ihn zurück, so oft ein erklärendes Wort auf seine
-Lippe trat, und diese Gefahr trat ihm näher und näher. -- Als jenes
-würdige Geschwisterpaar einmal in eine langweilige Gesellschaft geladen
-war, und Tony unter irgend einem Vorwande davon zu Hause bleiben dürfen,
-beschied sie den ihr begegnenden Cölestin rasch und flüsternd in den
-Garten, wo er ihrer harren möge. Cölestin wußte nicht, was er von diesem
-naiven Rendezvous denken solle -- aber er folgte dem süßen Befehl.
-Sein Herz pochte, Tony blieb lange aus -- endlich kam sie, im neuesten
-Geschmack und so reizend angezogen, daß er geblendet vor ihr stand.
-»Gefalle ich Ihnen so?« fragte sie lächelnd, »ich putze mich manchmal
-auf meine eigene Hand, um doch auch zu wissen, daß ich ein Mädchen
-bin. Da komme ich mir denn wie eine verwünschte Prinzessinn, und mein
-Schicksal mir wie ein Mährchen vor, darin sich ehestens mein alberner
-Plagegeist in einen schmucken Freier verwandeln würde, mit dem ich
-freudig zöge über Berg und Thal; die Linsen und Erbsen aber, die ich
-zählen müssen, in blankes Gold. Denn --« setzte Tony in liebenswürdigem
-Uebermuthe hinzu: »sollte ich die Tante nicht beerben, so wollte ich
-lieber heute sterben. -- Sie hat mich eingesperrt und ihr Geld, und zu
-ihrer Verdammniß wollen wir künftig rollen in die weite Welt.«
-
-Und trotz dieser leichtfertigen Sprache überredete Cölestin sich selbst,
-daß Tony, ihn als Gattinn zu beglücken, geeigneter als jede Andere sey.
-Kaum würde er einem übereilten Versprechen entgangen seyn, wenn nicht
-die Freundschaft seine Gefühle rettend getheilt hätte. --
-
-Jenes geheimnißvolle Gesetz, nach welchem die Sterne der Menschen ihre
-Laufbahn durchkreuzen, und Seelen sich begegnen, bestimmt auf einander
-zu wirken, ließ Cölestin einen Freund an jenem Sylvius finden, sein
-Geschlechtsname möge einer späteren Mittheilung vorbehalten bleiben
--- den wir nach einer Reihe von Jahren an der Pforte von Sanct
-Capella treffen. Dieser junge Mann lebte ohne allen Umgang, in stiller
-schwermüthiger Weise, vertieft in mathematische Arbeiten, doch scheinbar
-ohne Zweck, als Cölestin ihn kennen lernte. Er fühlte sich wunderbar von
-jener Natur angezogen, und jede Anziehungskraft ist, oder wird zuletzt
-gegenseitig. Sie wurden herzliche Freunde, nur mit dem Unterschiede, daß
-Cölestin ihm seine ganze Seele offen gab, während Jener dieses Vertrauen
-nur leidend erwiederte, und die zarteste Theilnahme für die Geheimnisse
-des Freundes an den Tag legte, ohne irgend einen Antheil für die
-seinigen in Anspruch zu nehmen. Es lag ein Zug von Stolz in seinem
-Character, der Stolz des Grams, und eines edlen gedrückten Herzens. Er
-trug die Abzeichen eines gewissen Ranges an sich, ohne ihn geltend zu
-machen. Sein Anzug war die feine Interims-Kleidung eines Forstmanns,
-auch sein Bedienter hatte das Ansehen eines Jägers. Diese Außenfarbe der
-Hoffnung ließ jedoch wie Spott der düstern Resignation, womit Sylvius
-achtlos auf das Treiben der Menschen und das Interesse der Welt, kein
-anderes Glück zu wünschen schien, als was die Ruhe des Einsamen gewährt.
-Ueber seine angestammten Verhältnisse verbreitete er sich nie; dagegen
-gab er freundlich Allem Raum und Gehör, was Cölestin ihm von sich selbst
-sagen mogte. Dieser fand einst ein Portrait auf dem Schreibtische des
-Freundes liegen. Er fragte, ob es eine Copie wäre -- und Sylvius sagte,
-indem ein flüchtiges Erröthen sein bleiches Gesicht überflog: es sey das
-Bild seiner Frau. »_Seine Frau?_« fragte Cölestin sich selbst, und hatte
-kaum Zeit, darüber zu staunen, oder die Schönheit der jungen Dame zu
-bewundern, so schnell verbarg Sylvius ihr Conterfei und sprach von etwas
-Anderm. Sylvius hatte oftmals das Töchterchen seines Wirthes bei sich
-und liebkosete ihm väterlichweich. Cölestin scherzte darüber. -- »Die
-Kleine ist meinem Kinde auffallend ähnlich und in demselben Alter,«
-sprach Sylvius mit ungewöhnlicher Rührung. »_Seinem Kinde?_« fragte
-Cölestin abermals in sich hinein; Sylvius mußte als ein Jüngling
-geheirathet haben. -- Aber wenn auch ein Ehemann und Vater, wie jung er
-immer sey, sein Urtheil über Angelegenheiten der Liebe von einem andern
-Standpuncte abzugeben pflegt, als Solche seines Alters und Geschlechts,
-die den Schritt zum Traualtare noch vor sich haben, so machte Cölestin
-seinen Freund doch nichtsdestoweniger mit der stillen Neigung vertraut,
-die er für Tony von Schütz gefaßt hatte, wie mit den quälenden Zweifeln
-über die eigentliche Gestalt dieses reizenden Chamäleons, und ob dieses
-Gemüth endlich Farbe halten werde? --
-
-Sylvius schüttelte zu dem Allen den Kopf und sagte unumwunden: »das
-Mädchen, Lieber, gefällt mir nicht; mein Geschmack ist zu einfach für
-den Reiz der Schlauheit.«
-
-Cölestin vertheidigte seine Liebe mit Hitze; aber er gab dabei in seiner
-eigentlichen innersten Meinung manche Blöße. Das üble Vorurtheil gegen
-Tony schmerzte ihn, da jedoch Sylvius vermöge seiner Zurückhaltung
-Superiorität über seinen Freund übte, so hatte dieser entschiedene
-Ausspruch doch trotz dem Drange seines Herzens -- ein vorsichtiges
-Verfahren Cölestins zur Folge. Er war nun mit dem Abschluß seiner
-Geschäfte fertig, und an den Termin der Reise gekommen. Da kam er zu
-Sylvius und sprach: »eine Bitte, Freund! die letzte. Es fällt mir schwer
-zu scheiden, und am liebsten mögte ich dies Post- und Reisespiel, was
-meine Phantasie mit Lust gemalt, nun es in meine Willkür gegeben ist,
-verschenken, wie ich eines von Pappe abseits gethan, was ich besaß, als
-ich ein Knabe war. Und doch ist es vielleicht gut, daß ich fort muß.
--- Ich würde ruhiger reisen, wenn ich mit mir selber im Klaren wäre. Du
-Freund, Du allein könntest mir reinen Wein einschenken, und wäre es auch
-ein herber Kelch, ich glaubte Dir dennoch. Thue mir den Gefallen, und
-beziehe mein Quartier, da Du ohnehin wechseln willst; Du findest dann
-Gelegenheit, Tony kennen zu lernen. Thue es aber ohne Arg! und fändest
-Du ein wärmeres Herz als Du ihr zutraust, und ein Fünkchen Liebe für
-mich darin glimmen: o! so fache es an mit dem Athem eines freundlichen
-Mundes, wahre mir mein Glück, denn ich liebe das Mädchen sehr!« Cölestin
-legte dieses Bekenntniß mit wankender Stimme ab, und fiel seinem Freunde
-um den Hals.
-
-Von der Zuversicht erschüttert, womit er das Wohl und Weh seiner Zukunft
-in diese Hand legte, versprach Sylvius, was Jener von ihm begehrte. Es
-war ein schönes Gefühl der Freundschaft, was ihn in dem Wunsche bewegte,
-er mögte Tony Unrecht gethan haben, und eine Stütze für die Ruhe, für
-die Hoffnung seines Freundes werden. Er sprach die Worte: »das größte
-Glück eines Mannes ist, seine Geliebte gut und würdig zu wissen.« Und
-Cölestin antwortete ihm: »das größte Glück ist ein treuer Freund!« Sie
-wollten einander nicht schreiben. Ein Jahr, meinte Cölestin, der mit dem
-Auge der Liebe sein Ziel schon absah, laufe schnell um, und nur in dem
-Falle, daß Sylvius seinen Aufenthalt verändern müsse, solle der Freund
-Nachricht von ihm erhalten, oder doch bei seiner Rückkehr vorfinden.
--- Da diese Nachricht durchweg ausgeblieben war, hoffte Cölestin um
-so sicherer, seinen Freund noch in H--. anzutreffen. Mit drängenden
-Empfindungen erreichte er die Stadt. Der Mond beschien den stillen
-Markt, sein Herz schwoll, da er den Brunnen rauschen hörte, dessen
-Wasser die Geliebte trank, und aus der tiefen Quelle, der die Gedanken
-entsteigen, tauchte ihm die Erinnerung an die Bitte auf: daß Sylvius ihm
-reinen Wein einschenken möge. Diese Stunde war nun gekommen. Er eilte
-nach seiner Wohnung. Bei Forstraths war es ungewöhnlich erleuchtet, die
-Fenster seines Zimmers standen offen, Blumen davor, und drinnen sang
-eine angenehme, weibliche Stimme ein Webersches Liedchen zum Flügel.
-Seine Pulse stockten -- dieser fremde fröhliche Ton, der Anschein des
-Unbekannten ängstete ihn, er wendete sich seitwärts, wo auf einer
-Bank ein Mädchen dicht an ihren Liebsten geschmiegt saß, und fragte
-beklommen: ob der Forstrath Gäste bei sich habe? »Das kann wohl seyn --«
-antwortete die Dirne und lachte frech. »Ich meine Gesellschaft --«
-sprach Cölestin, von einer dunkeln Ahnung empört.
-
-»Nein,« entgegnete das Mädchen, »Der ist zur Ruhe.«
-
-»Zur Ruhe?« fragte Cölestin, »es ist kaum halb Neun.«
-
-»Der ist ganz und gar gestorben --« war die fast höhnische Antwort.
-
-»Und Frau von Schütz? --« »Die ist fortgezogen.«
-
-»Und das Fräulein? --« Cölestins Athem stand stille, so auch der Schlag
-seines Herzens, nur die Uhr viertelte dazwischen, als das Mädchen
-gleichgültig erwiederte: »Fräulein Tony? hat den Herrn geheirathet, der
-hier wohnte. Er trug immer einen grünen Rock. --«
-
-Der Mond trat hinter eine Wolke, und nahm seinen Schein von einem
-Gesichte, das bis zum Tode erblichen war. Cölestin stammelte mit leiser
-Lippe: »das ist nicht wahr!« dann dankte er für gegebenen Bericht, und
-seine Seele zerriß, da er die wüste Dirne hinter sich scherzen hörte.
-Sylvius ehemaliger Wirth, den Cölestin in seiner Betäubung aufsuchte,
-bestätigte, daß er die lautere Wahrheit vernommen.
-
-»Nun, so ist die Wahrheit selbst eine Lüge!« sagte Cölestin verstärkt:
-»Er hatte ja eine Frau! --« Der Wirth lächelte. Sein Töchterchen sah mit
-unschuldigen Augen zu ihm auf. Er dachte an das Kind des Freundes, und
-die seinen füllten sich mit Thränen. Mit zerrüttetem Gemüth verließ er
-den Ort, alle Nachforschungen blieben fruchtlos, und Sylvius und Tony
-verschollen -- bis wir den Schall seiner Ankunft hören, und das, was er
-zu seiner Vertheidigung zu sagen weiß.
-
-Die beiden Freunde fanden sich auf einem Zimmer allein zusammen; die
-kleine Gesellschaft hatte sich bei der Dazwischenkunft des Fremden
-sogleich aufgelös't, Mitternacht war bereits vorüber und also
-der Geburtstag des Administrators, ein neues Leben schien für ihn
-anzubrechen, aber noch lagen tiefe Schatten auf der Gestalt, deren
-erster Anblick ihn überwältigt hatte. -- »Jetzt --« sagte Cölestin, und
-sein Blick drang tief in die verfallnen Züge des Freundes ein, als
-suche er die ehemalige Wohnung seiner Zuversicht, »jetzt, wo ich den
-Ton Deiner Stimme höre, klingen Saiten in mir an, die lange unberührt
-geblieben, und was ich auch inzwischen von Dir vernommen, es ist
-mir, als wäre es eine Lüge gewesen. Du wirst mir die Wahrheit nicht
-vorenthalten. Man sagte, Du hättest Tony geheirathet -- Tony von Schütz,
-die ich liebte, die ich Dir anvertraute.«
-
-»Da hat man Dir ein Factum berichtet --« antwortete Jener, und lächelte
-kalt. »Sylvius!« rief Cölestin mit lodernden Augen, eine Flamme der
-Beleidigung schlug durch sein Herz.
-
-Und Sylvius sprach: »ich war prädestinirt, Dein Retter zu werden -- um
-jeden Preis! ich warf mich auf, Dich zu schützen; Wer ist der Mensch,
-der es wagen dürfte, sich der Täuschung für überlegen zu halten? so warf
-dieser Hochmuth mich nieder. Wer fallen soll, wird zuvor stolz.«
-
-»Das Einzige bitte ich,« entgegnete der Administrator, »sage mir Alles
-unumwunden; es ist mir, als könnte ich dennoch nicht an Dir zweifeln.«
-
-»Das darfst Du auch nicht,« erwiederte der Freund mit schmerzlicher
-Stimme. »Verrath war meiner Seele fern. Niemand haßt Falschheit, das
-Schnödeste was ich kenne -- aufrichtiger als ich, und doch mußte ich
-diese Larve tragen. Eine eiserne Hand hat sie mir abgerissen; ich darf
-nun frei um mich blicken, und sehe, daß ich allein der Getäuschte war
--- daß ich _allein_ bin.« Cölestin reichte ihm schweigend die Hand. »Ich
-will Dir meine ganze Seele enthüllen --« fuhr Sylvius fort, »wenn anders
-ein Mensch im Stande ist, das Gewebe seines Innern in all den feinen
-Fäden aufzufassen, aus denen sein Verhängniß besteht. -- Du weißt, daß
-ich bald nach Deiner Abreise zu Forstraths zog, und mit ziemlich übler
-Vormeinung gegen das Fräulein; ich nahm mir vor, diese Tony, der ich
-Dich nicht gönnte, solle mich nicht bestechen noch verblenden, und wenn
-jeder Blick ihres schönen Auges ein Sonnenpfeil wäre. Diese feurigen
-Augen aber zogen Wasser -- ich dachte Deinetwegen, und dieser Gedanke
-zog mich an, freundlicher als ich gewollt, hineinzublicken. Ich fand
-das Mädchen so einfach betrübt, so schweigsam und unabsichtlich, daß
-ich nicht begreifen konnte, wie Du Dich so gänzlich irren können. Das
-Betragen des Fräuleins sagte meiner Stimmung zu; daß mich Tony wenig
-oder gar nicht bemerkte, war mir lieb, der leiseste coquette Angriff
-würde selbst das kühle Interesse des Beobachters mit einer Art von
-Abscheu -- der Ausdruck ist hart, aber wahr! -- von sich abgewendet, und
-mein Urtheil vollends verhärtet haben. Ich trug einen Talismann in und
-auf meinem Herzen, gegen den Zauber der Schönheit, gegen buhlerische
-Künste. Du hast das Bild gesehen, was auf meiner Brust schläft -- das
-Original, der Inbegriff meines Lebens schlief in fremder Erde, und all
-mein Glück war mit ihm eingesargt. Die früher empfangene Nachricht hatte
-sich mir damals bestätiget, daß die Seele meiner Seele, das Weib meines
-Herzens gestorben sey. Die Welt wußte nichts von diesem Verhältniß
-und daher auch nichts von meinem Schmerz; was weiß die Welt von den
-eigentlichen Beziehungen des Menschen? sie kennt nur den Schein der
-Dinge. So hatte mich der Gram in einen Zwinger eingeschlossen, worin
-ich unzugänglich für Alles war, nur nicht für das Unglück. Dich, Freund!
-hätte ich vor dem längsten wahren mögen -- und Tony fand das kleine
-Pförtchen, und schlüpfte durch Mitleid in mein Herz. -- Eines Morgens
-lese ich Briefe, in Wehmuth aufgelös't, daß dieser himmlische Geist,
-den ich im Ausdruck der Liebe in jeder Zeile finde, mir entrückt ist.
-Da klopft es an meine Thüre, so schnell! so heftigleise! wie der Vogel,
-gejagt vom Sturm, an ein Fenster pickt. Ich öffne, das Fräulein steht
-draußen. Dieser unweibliche Schritt macht mich stutzen. Doch Tony ist
-blaß, der scheue Blick niedergeschlagen -- ich darf vermuthen, daß sie
-mir etwas Außerordentliches mitzutheilen hat. Ich leite sie herein, zum
-Sopha. Sie verneint zu sitzen und sagt: sie könne sich auf keine Ruhe
-einlassen, so lange sie in Furcht und Seelenängsten schwebe. Dies sagt
-sie mit gebrochner Stimme und bricht in heißes Weinen dabei aus. Ich
-bitte Tony, sich zu fassen, und fasse ihre Hand, indem ich mich zu Allem
-erbiete, was zur Erleichterung ihrer Lage dienen könne. Sie sah mich
-an mit thränendem Blick -- dieser Blick rührte mich unbeschreiblich.
-Im Leiden ist Wahrheit -- dachte ich, und wie Tony wirklich sehr schön
-wäre. Haben Sie doch Zutrauen zu mir, Fräulein! sagte ich, und meine
-Worte mogten vielleicht einen Anklang jener Regung haben. Dies führt
-mich zu Ihnen, antwortete Tony; drüben bin ich bewacht und darf mit
-keiner menschlichen Seele reden. Ich halte Sie für einen Ehrenmann --
-war es doch grade, als wollte ich sagen: _Ehemann?_ -- wenn das nicht,
-würde ich mich wohl über alle Sitte so weit hinwegsetzen, Sie in Ihrem
-Zimmer aufzusuchen? -- Das Mädchen hielt mich also für verheirathet.
-Ich konnte kaum weniger thun, als mir selbst geloben, daß die Wahl ihres
-Schutzfreundes die arme Tony nicht gereuen solle. Sie entdeckte mir nun
-ihre Bedrängniß. Der Onkel war in einem Anfalle von Eifersucht plötzlich
-so dringend in seinem Werben geworden, daß die Nichte zagte, er mögte
-ihr im Umsehen den Brautkranz mit tölpischer Hand auf die weichen
-Locken stülpen. Dann hatte sich noch ein Freier gefunden, den die Tante
-begünstigte, und das war noch schlimmer. Frau von Schütz hatte gedroht,
-ihr Vermögen an Fremde zu vermachen, wenn Tony den Forstrath heirathe,
-und dieser einen Eidschwur darauf gesetzt, daß er seine Hand von ihr
-abziehen wolle, wenn sie die seinige nicht nähme, oder den ihm verhaßten
-Rival vorzöge, und die Tante hatte öfters Schlaganfälle. -- So war Tony
-in der Lage eines Gegenstandes, den Zwei zankend hin und her zerren, er
-zerreißt. Abends vorher war eine Scene vorgefallen, der Forstrath hatte
-sich krank geärgert, und lag zu Bett. Tony, zum Aeußersten gebracht, war
-in einer schlaflosen Nacht zu dem Entschluß gekommen, zu entfliehen. Sie
-kam, mich um eine Männerkleidung, wie um meinen Rath für mögliche Fälle
-zu bitten. -- Du kannst denken, Freund! daß ich über diesen kühnen
-Einfall erschrak, und ihn dem Mädchen auszureden suchte. Das schöne,
-blühende Geschöpf, landflüchtig! ich schilderte die Gefahr dieses
-Wagnisses so entsetzlich als möglich; doch Tony blieb hartnäckig dabei,
-sie könne es länger bei ihren Verwandten nicht aushalten. All meine
-Mittel sind erschöpft, sagte sie, auch bin ich wohl zu geängstet, zu
-längerem Widerstande; ich bin nichts, als ein armes, zitterndes Opfer,
-so oder so. Fräulein! sprach ich: Sie haben doch sonst die Fähigkeit
-entwickelt, Ihren Drängern die Spitze zu bieten. -- Ach! versetzte Tony:
-Sie kennen die Gewaltsamkeit nicht, womit man seit einiger Zeit auf
-mich eindringt; hätte ich mich nur ein Jahr noch behaupten können --
-ich dachte, sie wolle damit sagen, dann würde ihr der Ersatz durch Dich
-gekommen seyn. Nimm einen Dritten, hatte die Tante gesagt, so mag es
-drum seyn und Keines von uns hat seinen Willen. Ach! seufzte Tony, ein
-anderer Name wäre mir ein anderes Schicksal; der kleine Schütz meines
-Wappens, der ohne Unterlaß auf mich anlegt, würde zum Schutz für mich,
-könnte ich ihn tauschen. -- Selbst eine _Scheinheirath_ würde ich als
-eine _wahre_ Erlösung betrachten können. Das Frauenhäubchen wäre mir
-Fortunatus Wünschhütlein, und ich könnte mich versetzen, wohin ich
-wollte. Ein Mädchen ist gebannt in seinen Kreis, und wenn ihn die Hölle
-umschriebe. Freilich, auf jede Brücke mögte ich nicht treten. -- Ein
-dunkler Gedanke schwebte mir vor, als Tony diese Worte sprach, es war
-mein Dämon, der mir die verfängliche Antwort eingab: Fräulein! wenn sich
-nun ein Mann fände, den Sie der Hoffnung würdigten, auf diese Weise Ihr
-Retter zu werden, was dann? -- Dann, sagte Tony: verspräche ich, ihm das
-Leben so sauer zu machen, daß er froh und gewiß seyn sollte, mich nach
-sechs Wochen wieder los zu werden; wir würden uns einmüthig über die
-Scheidung bereden. Ich aber wäre selbständig, und dürfte mir keine
-Unbill mehr gefallen lassen. -- Diese Idee faßte mich; lasse Dich aber
-den Teufel bei einem Haare fassen, und Du bist sein auf ewig! -- Wisse,
-Freund! meine erste Heirath war eine heimliche, die Gattinn war nur vor
-Gottes Augen mein. Hier kam es darauf an, der Gemahl einer Fremden zu
-_scheinen_, und begierig haschte ich nach diesem waghaften Verhältniß,
-wie nach dem Schatten von meinem verschwundenen Glück. -- Fräulein!
-sagte ich, Sie sprachen vorhin: auf jede Brücke mögten Sie nicht treten?
-die meinige ruht auf den festen Pfeilern der Ehre und der Freundschaft.
-Wollen Sie Sich mir anvertrauen? ich entdeckte ihr nun Deine Liebe,
-und wie Du an ihrem erwiedernden Gefühl gezweifelt, und weshalb Du
-geschwiegen. Tony schwieg auch. Sie lächelte, reichte mir die Hand, und
-sagte: ich überlasse mich Ihnen gänzlich. -- Ich wußte nicht, wie mir
-geschehen, als ich, nachdem sie fort war, meine Briefe wieder aufnahm.
-Welche Reihenfolge von Gedanken schloß sich dem Fragezeichen an, bei dem
-ich aufgehört? O! warum beherzigte ich jenes warnende Zeichen nicht?
--- Ich weiß nicht, ob Du je zu der Erfahrung gelangt bist, daß Niemand
-größere Gewalt über uns übt, als Wer ein früheres Mißtrauen in uns
-überwunden? -- Umsonst ward ich mir meines Verdachts gegen die listige
-Tücke dieses Mädchens bewußt, vergebens schreckte mich eine ahnungsvolle
-Scheu, ein unwürdiges Gaukelspiel zu treiben: hundert Sophismen
-bekämpften mein sträubendes Gefühl. Wie viele erbärmliche Motive
-schließen nicht täglich Ehen! dachte ich; mein rascher Entschluß
-entspränge mindestens dem redlichen Willen, Freiheit und Liebe, diese
-höchsten Güter Andern erwerben zu helfen. Ich wollte eine Sclavinn lösen
-und sie heilig halten, die Braut meines Freundes. Was nun folgt, kann
-ich nicht folgerichtig beschreiben. Es ist nur ein wüster Traum, den ich
-mir nicht deutlich machen darf, wenn ich nicht von Sinnen kommen will,
-daß ich es damals war. Ich warb um Tony; Frau von Schütz sagte mir ohne
-Weiteres ihre Nichte zu, ich fand nicht einmal die leise Zurückhaltung
-der Schicklichkeit. Man hielt mich für reich, um eine Bürgschaft für
-meinen Character, für alles Wesentliche kümmerte sich die Tante nicht,
-und mir blutete das Herz, daß die arme Tony so waisenhaft verlassen
-wäre von mütterlicher Fürsorge. Von einem Mitbewerber war die Rede
-auch nicht, es schien, als ob Frau von Schütz eine gegenseitige Neigung
-zwischen uns voraussetze. Der Forstrath lag ernstlich krank. Wenn er
-stürbe, Ihr Onkel, Fräulein, sagte ich, so wäre ein Grund gehoben --
-gereut es Sie schon? fragte mich Tony mit aufreizendem Spott, ich
-sage Ihnen, es ist nichtsdestoweniger nothwendig, daß Sie Sich meiner
-annehmen. Ich war bereits zu sehr von diesem in seiner Art einzigen
-Verhältniß befangen, um es noch durchaus beherrschen zu können. Noch
-benahm sich Tony mit jener Subtilität gegen mich, deren ich auch
-bedurfte. Sie hielt mich an der feinsten Kette. Wenn andere Brautleute
-von der Ewigkeit ihrer Liebe reden, so flüsterte Tony mir zu, in welcher
-Kürze unsere Trennung zu beschleunigen wäre. -- Ich sollte sie unter dem
-Vorgeben einer Reise nach meiner Heimath in die Sch--. bringen, wo eine
-Gespielinn ihrer Kindheit glücklich verheirathet lebte; dort wären
-wir weit genug, meinte sie -- um unser Scheiden in eine Nebelferne
-einschleiern zu können. Dies war wohl recht gut; aber ich athmete
-schwül, ich athmete Gift, der Keim einer Krankheit setzte in mir an.
-Ein ängstliches Schwanken, ein Schwindel von Unsicherheit hatte mich
-ergriffen, ein Zustand ängstlicher Betäubung ließ mich nicht mehr festen
-Fuß fassen auf irgend einem vernünftigen Grunde. Doch lasse mich kurz
-seyn -- Lieber! mein Schmerz ist dennoch lang.«
-
-»Ha! ich ahne --« sagte Cölestin, der bis dahin regungslos zugehört.
-»Nein, es kommt über Erwarten --« fuhr Sylvius fort, »höre nur weiter!
-Frau von Schütz machte mir die Proposition, mich je eher, je lieber
-trauen zu lassen, weil man nicht wissen könne, welchen Ausgang die
-Krankheit ihres Bruders nähme. Dann wolle sie, ginge er mit Tode ab,
-unverweilt diesen Ort verlassen, und Gott danken, den Leichtfuß, die
-Tony, wie schwer lasse ein Mädchen sich hüten -- unter der Obhut
-eines Mannes zu wissen, eines Mannes, dem sie nun pöbelhaft die
-unverschämtesten Schmeicheleien sagte. -- Tony hatte mir entdeckt,
-daß sie sich durch die Freigebigkeit des Onkels ein hübsches Capital
-gesammelt, wovon sie bequem ein paar Jährchen zu leben gedenke. Es
-war etwas in dieser Vorsichtigkeit, was mir mißfiel; doch auch dies
-Mißfallen an dem berechnenden Talent, einen verliebten Thoren zu
-bevortheilen, mußte Zeit haben, um nachzuwirken. -- Auf Tonys Anstiften
-gab die Tante die Ausstattung der Nichte in Geld, weil wir ja reisen
-wollten, und zwar vom Hochzeittage aus; der Zustand des Forstraths, die
-Schonung für seine Schwachheit, diente zum Behuf dieser Wegeile. --
-Wir wurden im Armenhause copulirt, ich, der Bräutigam, der Aermste von
-Allen, die der Ceremonie zusahen. Ich leistete den falschen Schwur,
-innen verneinend, wie die Juden -- ich gab Tony einen falschen Namen,
-denn auch Du, Lieber, kanntest meinen wahren nicht. Die warme Mondnacht
-wollten wir zum Fahren benutzen, und mit der Dämmerung abreisen. -- Ich
-hatte mich schon seit einigen Tagen nicht ganz gut gefühlt; die Wiege
-des Wagens schaukelte den tobenden Kopfschmerz nicht zur Ruhe, ich lag
-zwischen Schlummer und Traum, und ein Cyclop arbeitete in meinem Gehirn.
-Ein Hauch von Feuer ging aus von meiner Stirne, mein Athem dampfte
-Gluth, zugleich schlich ein schauerndes Frösteln und Ziehen durch meine
-Glieder, und die Füße zitterten mir auf der weichen Decke. In welche
-phantastische Welt schien der schöne stille Mond! ich drückte die Augen
-zu, weil jeder Blick mich schreckte und schmerzte; die Braut schlief
-sanft an meiner Seite. -- Als ich erwachte, fand ich mich mit dumpfem
-Bewußtseyn in fremden Umgebungen. Ich lag im Bett, unter dem Gebälke
-eines ländlichen Stübchens; ein starker, betäubender Geruch von Moschus
-wirkte auf mich ein. Tony saß auf einem roth und blaugemalten Schemel in
-meiner Nähe, ein dicker Mann stand vor ihr, und großäugig schauete sie
-zu ihm auf. Ich rief sie leise. Sie stieß einen Freudenschrei aus,
-und stürzte in froher Hast zu mir hin. Der Dicke, es war der Arzt --
-wünschte mir mit fetter Stimme Glück: ich hatte dreizehn Tage in einem
-Nervenfieber gelegen. -- Der kleinen Frau nur, sagte der Licentiat
-bescheiden, als Tony sich auf einen Augenblick entfernte, verdanken
-Sie nächst Gott Ihr Leben. Sie ist nicht aus den Kleidern und von Ihnen
-weggekommen. Solch eine wackere Pflegerinn lobe ich mir. -- Tony, sprach
-ich, als wir allein waren: der Arzt hat mir gesagt, wie viel Sie für
-mich gethan, es ist nun der Güte genug. Denken Sie an Sich, an das
-eigene Wohl -- ich bin Ihr ewiger Schuldner. Lachend antwortete Tony:
-das wäre mir was! der Himmel selbst hat mich in mein Recht eingesetzt,
-daraus ich mich nun nicht mehr verdrängen lasse. Und wenn Du mich
-noch einmal _Sie_ nennst, so sage ich dem Doctor, daß Du noch immer
-phantasirst, mich nicht erkennst für Deine Frau, und die Cur geht von
-Neuem an. So sprach sie mit reizender Gutherzigkeit; ich fühlte mich
-Tony nun wirklich _verbunden_. Lust des Lebens und der Liebe wallte
-wieder auf in meiner Brust, meine Seele strömte gegen die ihre. Sie
-setzte mich in tausend kleine Verlegenheiten vor dem Arzt, und zwang
-mir die Rolle eines Ehegatten auf. Sie überwältigte mich durch trautes
-zärtliches Zudringen an mein Herz, ich war ganz in ihren Fesseln.« --
-Der Administrator machte eine schmerzhafte Bewegung. Sylvius hielt einen
-Moment inne, dann fuhr er mit steigendem Tone fort: »Freund! spricht
-keine Entschuldigung für mich an? versetze Dich an meine Stelle.
-Ich dachte an Dich mit einer Wehmuth, die mir Dein Andenken trübte.
-Allmählig ging mir der Gedanke auf, daß eine geheime Leidenschaft meine
-Handlungsweise geleitet hätte, der ich willenlos nachgegeben, wo ich nur
-dem Drange der Umstände zu weichen glaubte. Jetzt mußte ich an meiner
-Liebe halten, sollte ich nicht in die tiefste Schaam versinken. Ich war
-mir selbst ein Räthsel geworden und wünschte aufrichtig, der Tod mögte
-es lösen. -- Aber ich genas; nur ein krankes Gefühl innerster Schwäche
-vermogte ich nicht zu überwinden. Wie Alpen lastete es auf meiner Seele,
-Freiheit und Kraft lagen hinter mir -- und ich meinte dieser Schwermuth
-zu erliegen. Ich dachte nunmehr ernstlich daran, wo meines Bleibens seyn
-würde? _nirgend!_ sagte eine Stimme tief in der Brust. Mein Vater lebte
-noch; ich war sein Assistent gewesen, seine Stelle war mir bestimmt. Ein
-Sehnen wie Heimweh zog mich nach dem Orte, wo ich den väterlichen Greis
-einsam wußte. Ich wollte ihm Tony als Tochter zuführen und den Heerd
-meines Glückes häuslich bauen. Mein Arzt forderte, daß ich mich nicht
-übereilen sollte, auch meine Kräfte forderten das. -- So verließen wir
-das Dorf, wo ich an einen denkwürdigen Abschnitt meines Lebens gekommen
-war, und zogen unsere Straße. Eines milden Abends im Frühherbst
-gelangten wir in ein paradiesisches Thal; durch eine Gebirgsschlucht sah
-man eine Stunde davon entfernt, einen berühmten Brunnenort liegen, und
-ein bläulicher Duft, wie von den Stahlkräften der Quelle aufsteigend,
-webte geheimnißvoll um die glänzenden Gebäude. Das nette neue
-Wirthshaus, woran wir hielten, war im Widerspruch zu seiner Bestimmung,
-in den Reiz der Ruhe eingehüllt. Eine junge Frau, blond wie ihr Flachs,
-saß und spann, eine Reihe steinerner Brunnenkrüge, in denen die Sonne
-funkelte, war aufgepflanzt. Gegenüber lag auf Felsen erhöht ein altes
-Schloß von gothischem Bau. Das Wasser, was ich trank, war köstlich, ich
-äußerte mich begeistert über diesen Aufenthalt, und Tony sprach: ei!
-so lasse uns hier rasten, und trinke Dich satt! -- O! hätte ich Lethe
-getrunken! -- -- -- Wir blieben da. Ich saß im Garten und starrte
-hinüber nach dem Schloß. Der linke Flügel nur schien bewohnt; ein
-Fenster stand offen, und der Wind blähte die weißen Gardienen. In diesem
-Spiel der Luft wehete mich der Odem eines befreundeten Geistes an, ich
-fühlte mich warm durchdrungen. Meine Gedanken schlüpften in die Falten
-des kleinen Segels, und schifften über das liebe stille Meer der Ahnung.
-Tony kam und sagte: ich säße gleich dem Ritter Toggenburg -- und sähe
-so blaß aus wie eine Leiche. Sie war so zärtlich, wie noch nie. Ihr
-Eingehen in meinen Wunsch, ihr Anschmiegen an meine Stimmung that
-mir wohl. Die trauten Beziehungen eines innigen Zusammenlebens hatten
-zwischen mir und meiner ersten Frau nicht Statt gefunden. Diese war mir
-eine hohe Braut gewesen, zu der ich mich im Verhältniß der Leidenschaft
-befand, gedemüthiget, mein Recht verleugnen zu müssen vor den Menschen;
-in den Augenblicken, wo ich mein Eigenthum an mich riß, fühlte ich mich
-einen Gott. Wie anders mit Tony! hier verhindert mich der wunde Stolz
-des Gewissens, den Begriff der Ehe zu fassen; aber ich empfand mich
-geliebt. -- Sie lehnte den Kopf an meine Schulter und flüsterte mir süße
-Worte der Besorgniß zu. Ich scherzte, sie würde sich zu trösten wissen,
-wenn ich auch stürbe. Ein weiblicher Character, wie der ihrige könne
-der Stütze entbehren, und ich sey doch nur ein wankender Stab. -- Tony
-schmollte. Glaube nur, Geliebte, sagte ich mit verstärkter Stimme, indem
-ich sie an mich drückte: kein Mensch, wenn er hinweg ist, macht eine
-Lücke, die nicht irgend womit ausgefüllt würde; kein Gestorbener, käme
-er wieder, und wären tausend Thränen um ihn geflossen -- fände mehr
-Raum in der Welt, die so drängend ist im Ersatz. Die Geschichte jener
-lebendigbegrabenen Frau, die da heimkehrt zu nächtlicher Stunde und
-vergebens an Haus und Herz der Ihrigen pocht, die sie nicht kennen
-wollen und für eine blasse gespenstische Lüge halten, so daß sie wieder
-zurück muß in die Wohnung der Todten, um dort Herberge zu suchen, ist
-von ergreifender Wahrheit. Das Grab ist zuverlässig, und nur der Lebende
-hat Recht. -- Als ich dies sagte, überrieselte mich das leise Geräusch
-naher Schritte mit einem wundersamen Schauer. Eine weiße Gestalt geht,
-nein, _schwebt_ hurtig an uns vorüber, so daß ihr langes Kleid die
-Grasspitzen hörbar tüpft. Sie wendet das Gesicht vom grünen Schirm des
-Hutes magisch entfärbt, nach unserer Gruppe -- ich hielt Tony umfaßt. O!
-ich kannte dies bleiche, schöne, liebe Gesicht gar wohl. Mit einem Blick
-im Fliehen ward mir mein Urtheil zugeworfen; nur einen Moment sah ich in
-dies blaue Auge, in meinen verscherzten Himmel --: es war meine Frau.«
-
-»Allgerechter Gott!« rief der Administrator, als gäbe ihm die
-Erscheinung einer Mitbetheiligten das Recht, laut zu werden, »und Du
-irrtest Dich nicht?«
-
-Sylvius lächelte. Dies Lächeln, ein Schattenriß jener Vision, schnitt
-seinem Freunde in die Seele. Er sprach: »ich sage Dir, bei dem
-lebendigen Gott! Sie war es wirklich. Ein kleines blankes Schlüsselbund
-an ihrem Gürtel klirrte, da sie in achtloser Eile über eine Baumwurzel
-strauchelte. Sie trug einen Zweig Ebereschen in der weißen Hand, die
-lagen verstreut auf dieser Stelle, da ich sie suchte, wie Blutstropfen,
-die von meinem Herzen abgeträufelt wären. Frage nicht, wie mir gewesen;
-ich weiß nichts von jener Zeit. Tony glaubte, daß ich mir einen
-Paroxismus durch Erkältung zugezogen hätte. -- Wer war die Dame? wo ist
-sie hin? fragte ich die Wirthinn, und meine Zähne schlugen an einander.
-Ich erhielt keine andere Auskunft, als den Bescheid: es wohnten ein paar
-Brunnengäste auf dem Schlosse, ein Herr und eine Dame, diese würde es
-wohl gewesen seyn; stille, vornehme, absonderliche Leute, sagte die Frau
-mit einem Fingerzeig gegen die Stirne, die das Geräusch nicht lieben,
-und Niemand etwas zu Leide thun. Sie mogte meine Geberde für Furcht
-halten. -- Die Nacht kühlte mich nicht; ich lag in Angst gebadet. Noch
-war die Sonne nicht aus dem Morgenthor gegangen, da läutete ich schon
-an dem des Schlosses. Ein schlaftrunkener Wächter that mir auf und
-schnaubte Grimm; doch der wilde Mann auf dem Goldstücke, welches ich ihm
-vorhielt, machte ihn zahm. Er habe strengen Befehl, Niemand einzulassen,
-sagte er, seit gestern Abend. Auch sey die Gräfinn unpaß. Also _krank_!
-dachte ich. Wer krank ist, lebt doch! ich aber war gekränkt bis zum
-Tode. Und als die Thürflügel hinter mir zufielen, fühlte ich mich von
-jeder Hoffnung auf ewig ausgeschlossen. Willenlos ließ ich nun Tony über
-mich verfügen, die unsere Weiterreise beschleunigte. Sie weinte im Wagen
--- ich sprach kein Wort, ein Laut von meinem Schmerz hätte mir die Brust
-gesprengt. In der nächsten Stadt ging Tony aus und kam mit einem Doctor
-wieder, den sie selbst geholt hatte. Es war ein ehrwürdiger Mann, der
-mir Zutrauen einflößte. Er tadelte collegialischer Weise meinen vorigen
-Arzt, der mich so früh in der Reconvalescenz nicht hätte reisen lassen
-sollen, und meinte, nun müßte ich acht Tage Quarantaine halten:
-ich bedürfe Ruhe. O Gott! -- Sein Auge schien mit Liebe auf Tony zu
-verweilen, die, wie er und seine Frau gefunden, ihrer einzigen Tochter
-sehr ähnlich sähe, welche ihnen vor zwei Jahren eine ansteckende
-Krankheit entrissen, wozu der Vater selbst den tödtlichen Stoff
-herzugetragen. Wie rührend schilderte der Mann mir diesen Schmerz! --
-Er bat mich, der armen Mutter den Trost dieses Anblicks zu gönnen,
-und während unseres Aufenthalts freundlich zu ihnen zu kommen. Diese
-herrlichen Menschen werde ich nicht vergessen. Mir kam der Gedanke,
-Tony, die ich besser nicht aufgehoben wüßte, bei ihnen zu lassen, allein
-in meine Heimath zu reisen, das Terrain zu recognosciren, und sie dann
-abzuholen. Tony schien dieses Vorschlags froh, der Doctor und seine
-Frau gingen mit Vergnügen darauf ein. Ich athmete freier und fühlte mich
-erlös't, da ich im Wagen saß. Der Unglückliche, allein neben Andern,
-findet Trost darin, einsam zu seyn, und der Gram ist ein unduldsamer
-Gefährte. Mein alter Vater empfing mich mit großer Rührung. Er kannte
-den Sohn kaum mehr, so hatte ich mich verändert. Ich wagte es, ihm mein
-Unglück zu bekennen. Es floß eine große Kraft von ihm aus -- und sein
-sanftes Wort fiel wie Thau in meine brennende Seele. Sylvius, sagte
-er: Du hast ein gefährlich Spiel gespielt, und ich fürchte, Du hast
-es verloren -- finde Dich nur darin; den Vater sollst Du stets in mir
-finden. Ein Zurückgehen in seine alten Verhältnisse ist dem Menschen
-immer unmöglich, jede Stunde reißt uns von der vorigen ab, und der
-zerrissene Faden einer Fügung läßt sich nicht haltbar wieder anknüpfen.
-Gott fügt zuletzt doch Alles wohl. Ermanne Dich, mein Sohn! der Muth
-hilft Berge tragen, und der Glaube versetzt sie. -- Wie oft hatte ich
-dieses frommen Glaubens heimlich gespottet! jetzt neidete ich meinem
-Vater seine stille Gelassenheit. Er war es zufrieden, daß ich ihm Tony
-brächte. Wir wollen sehen -- sagte er mit bekümmertem Blick. Ich will
-Tony also holen. Auf der Straße jener Stadt begegnet mir mein alter
-Doctor. Er erkennt mich bestürzt und ruft: nun, es ist doch kein Unglück
-vorgefallen? ich frage: wie so? -- Tony war seit fünf Tagen fort,
-vorgebend, Nachricht von mir erhalten zu haben, daß ich mein Versprechen
-unmöglich erfüllen könne, und dringend nach ihr verlange. Die Frau des
-Doctors zitterte an allen Gliedern, ich sah, man verschwieg mir etwas.
-Auch liegt ein Brief an Sie da, sagte Jene, der den Tag nach der Abreise
-Ihrer Frau Gemahlinn ankam, mit dem Vermerk, daß wir ihn aufbewahren
-sollten, bis daß er abgeholt würde; dieser Umstand ist uns sehr
-aufgefallen. -- Tony schrieb mir: von den letzteren Erfahrungen
-überzeugt, mit welcher Aufopferung ich mich ihrer angenommen, wolle sie
-mir nicht länger beschwerlich fallen, und ich dürfte sie um so ruhiger
-ihrem Schicksal überlassen, als sich ein Begleiter für sie gefunden, der
-die Pflicht, sie zu beschützen, für sein Glück halte, und mit Freuden
-jede Verantwortlichkeit auf sich nehme. _Böslich_ habe sie mich nun
-zwar nicht verlassen, was uns sogleich scheiden werde -- aber ich könne
-immerhin darauf klagen, und auf was ich immer wolle. Sie ertheile mir
-die unbedingteste Vollmacht für alle Fälle der Schuld, und wünsche mir,
-wohl zu leben. -- Bei dem Tone leichtsinniger Indifferenz in diesem
-Schreiben, war es mir, als ob ein Fenster zerspränge; freie Luft strömte
-mich an, und ich sah Alles, _Alles_ ein!«
-
-»Sieh!« sagte Cölestin mit einem Klange der Rede, als hätte eine lange
-Dissonanz sich gelös't, »so hat auch Dich diese falsche Tony nicht
-geliebt. Sie ist eine Schauspielerinn, die heute im Fache der Intrigue
-siegt, und morgen als gedrückte Unschuld rührt. Du warst nur das Vehikel
-ihres Talents und ihrer Zwecke. Sie hat Dich zu der schwersten Rolle
-gezwungen. Armer Freund! ich muß Dich beklagen und mich dazu, daß
-ich Veranlassung dazu gegeben. Sprich mir nicht davon, daß sie Dich
-gepflegt, Dir Güte und Liebe bewiesen: auch eine Actrize fühlt, und
-vergießt natürliche Thränen; es liegt eine Fähigkeit in der Lüge, daß
-sie sich selbst für wahr hält. -- Wer war denn aber das neue Opfer ihrer
-aimablen Kunst?«
-
-»Ein junger Mediziner, ein Libertin, der Beschreibung nach,« antwortete
-Sylvius »der, zur Zeit Secondairarzt des alten Doctors, Gelegenheit
-gefunden, mit Tony schnell bekannt zu werden. Das Aehnliche findet sich
-bald aus. Er hatte einen Ruf nach Liefland erhalten -- Tony war immer
-progressiv. Sie ging mit ihm, und die treue Aufsicht jenes würdigen
-Paares ward getäuscht.«
-
-»Und Du?« fragte der Administrator. »Und ich?« fragte Sylvius mitleidig
-zurück und sprach: »es giebt Erfahrungen, welche durch ihre glühende
-Beize die ganze Ichheit in ein fremdes Gefühl verschmelzen. Ich hätte
-Gott danken mögen; aber ich konnte nur sein Wunder denken. Als jener
-reine Geist erschien, verschwand der Trug des Blendwerks: denn die Liebe
-ist Licht! ist Befreiung! -- Unsere Ehe war null und nichtig. Ich eilte
-ohne Weilen zu meinem Vater, ihn der Sorge um mich zu entheben. Gern
-hätte ich ihn unterstützt mit meiner besten Kraft, diese war mir hin.
-Eine Zeitlang sah er meinen ohnmächtigen Versuchen zu, mich zurecht
-zu finden, dann sagte er: so geht es nicht, mein Sohn! gehe nur in die
-weite Welt, und wenn ich auch unterdessen in die _Enge_ geriethe. Der
-gute Greis! ach! ich verstand ihn, obgleich ein väterliches Lächeln mich
-über den düstern Sinn dieses Ausdrucks täuschen sollte. Unsere Familie
-stammt ursprünglich aus Castilien. Dahin reise! sagte mein Vater, der es
-wußte, daß, dies Land zu sehen, ein früher Wunsch meines Lebens gewesen
-war. Die spanische Sprache, unser Muttertheil, hatte sich von Geschlecht
-zu Geschlecht vererbt; wenn auch das Wenige, was ich überkommen, nur ein
-Stammeln genannt werden konnte, deutlich machen, konnte ich mich doch.
-O mein Freund! diese Reise war mir wie eine Wallfahrt, und mit büßender
-Seele trat ich sie an; ich hoffte, mich müde zu träumen an der Wiege
-meiner Väter. Etwas Schöneres als die Einsiedeleien dieses Landes giebt
-es auf der ganzen Erde nicht. Wo die Natur eine stille Capelle gebaut,
-da finden sich auch Spuren öder Hausaltäre, und ein Hauch südlicher Glut
-webt unter diesen heiligen Schatten. Man sieht, der Mensch hat die Hand
-nur leise heben dürfen, um das Höchste in Besitz zu nehmen. Die reizende
-Ueppigkeit des Bodens ließ mein armes Herz freudeleer, der Glanz der
-Städte schimmerte mir kein Glück vor, die Verwickelungen der Politik
-zogen mich nicht an, nur die Poesie der Einsamkeit war es, was mich
-rührte. Ich zog hin, ich zog her -- die Zeit zog auch vorüber; ich
-forschte nach der Quelle meiner Abkunft -- der Ruhe Quell in meiner
-Brust war mir verschüttet. So hatte ich kaum gemerkt, daß meine
-Baarschaft zu Ende ging. Der Schmerz, welcher den Geist reift, ist in
-Betreff auf zeitlichen Vortheil ein Mündel unseres Herrgotts. An den
-Pyrenäen traf ich einen Deutschen. Ich fand Gelegenheit, ihm einen
-wichtigen Dienst zu leisten, dann fand ich etwas Seltenes: einen
-Dankbaren. Ich konnte seine großmüthige Erkenntlichkeit nicht ablehnen.
-Wir blieben eine Weile zusammen. Er entließ mich nicht, ohne mir das
-Versprechen abgedrungen zu haben, daß ich, wären meine Verhältnisse zu
-lösen, mich seinem Schicksal, seinem Glück auf immer anschließen wolle.
-Er war ein sehr bevorzugter Mann, unabhängig, und begünstiget zu der
-Freude, seinen Freunden nützen zu können. Mein Vater war todt, seinen
-Ehrenplatz nahm ein Anderer ein, Fremde schalteten und walteten an
-heimischer Stelle, überall vermißte ich das Geliebte. -- Ich sehnte
-mich, ach Cölestin! ich sehnte mich unaussprechlich zu Dir! -- Einmal
-nur wollte ich Dich wiedersehen und Dir sagen, wie Alles gekommen.
-Dann scheide ich für immer. Ich habe die Schuld bezahlt -- wirst Du sie
-auslöschen in Deinem Herzen?«
-
-Der Administrator heftete einen langen, feuchten Blick auf seinen
-Freund und sprach: »lasse es doch gut seyn. Dein Andenken war mir nie so
-verwischt, daß ich Dich nicht wieder erkennen sollte. Gott tilgt Alles!
-von den meisten Tugenden heißt es: sie werden einst nur _vergeben_. Du
-bist mein Freund und bleibst bei _mir_.«
-
-Sie hielten sich schweigend umfaßt -- ihre Herzen schlugen hoch
-aneinander, keine Liebe reicht an die verzeihende.
-
- * * * * *
-
-Am folgenden Morgen hatte Frau Fabia eine lange geheime Unterredung mit
-dem Freunde ihres Schwagers. Sie schien einen alten Bekannten in
-ihm wiedergefunden zu haben; ohne lebhaft laut über dies erneuerte
-Verhältniß zu werden. Und daß auch hierin die beiden Schwägerinnen zu
-gleichen Theilen gingen, geschah es, daß, ehe die Wintersonne desselben
-Tages sich neigte, Therese bei der unvermutheten Ankunft des Lieutnant
-Feldmeister in dem Neffen des Majors jenen Offizier erkannte, der mit
-entschlossenem Muthe ihr mütterliches Gut vor gänzlicher Einäscherung
-geschützt hatte.
-
-Auch Rudolph stand betroffen, da er die schöne junge Frau erblickte.
-Eine Feuerröthe, der Widerschein jener Flammen, schlug in seinem
-Gesichte aus, und eine Wunde, die er im polnischen Kriege davon
-getragen, schmerzte ihn tiefer, als die erst geheilte. Er nannte die
-Gattinn des Constanz: »mein gnädiges Fräulein!« Therese hatte
-sich reizender noch entfaltet; ihre Augen leuchteten unstät und
-frühlingskräftig wie Sterne am Firmament einer warmen Mainacht, der
-Blick einer _Frau_ ist ein sanftes, bestimmtes Licht am häuslichen
-Horizont. Sogar in dieser kalten Jahreszeit verschmähete Therese das
-Häubchen, und trug das braune Haar üppig frei, als könne ihr Flattersinn
-selbst einen Zwang von Flor und Band nicht dulden. Alle ihre Bewegungen
-hatten den tanzenden Rhythmus der Freude; der Gang einer Gattinn
-ist schwerfällige Prose und schreitet nur unter dem Klingklang eines
-Schlüsselbundes einher. Kein Gewicht dieser Art beschwerte den Gürtel
-dieser leichten schwebenden Gestalt. Zwar hing in ihrem rechten Ohr
-ein winziger Schlüssel von Gold und Demant, und in dem linken das dazu
-passende Schloß; doch ohne daß der erstere etwas Anderes eröffnet, als
-den Geschmack im Putz -- das letztere ein volles Herz bewahrt hätte. --
-
-Als Rudolph nun hörte, daß er eine Strohwittwe vor sich sähe, da meinte
-er, seine Hoffnung, daß der Zufall ihn wohl nicht umsonst mit diesem
-anziehenden Wesen zusammenführe, wäre auf eine taube Aehre gefallen.
-
-Auch Therese fühlte sich durch den Anblick des Lieutnants in die
-Vergangenheit entrückt. Sie hörte im Geiste das Schießen der Feinde
--- Thränen schossen in ihre Augen und schleierten das Bild der blassen
-Mutter ein.
-
-Als der Major seinem Neffen die Verhältnisse des Hauses auseinander
-setzte, konnte Rudolph vor Allem die seltsame Ehe Theresens nicht
-fassen. Er schüttelte den Kopf und sprach: »Sie kann nur an den Mann
-im Monde verheirathet seyn. Nur _diese_ Entfernung, und die Kälte des
-Planets macht es denkbar, solch ein himmlisches Weib Jahrelang missen zu
-können. Und welche Gleichgültigkeit liegt darin, eine Frau, wie diese,
-dem Bruder zu überlassen, der doch ziemlich jung und ein sehr hübscher
-Mann ist! -- Die vertraulichen Beziehungen ihres Zusammenlebens --«
-»sind eine Höllenplage für ihn, der gern friedlich wäre,« unterbrach
-der Major seinen Neffen, indem ein sarcastisches Lächeln des Oheims dem
-Lieutnant zu denken gab. »Es ist sehr möglich,« fuhr Jener fort, »daß
-dieser ärmste Prälat ein Cölibateur bleibt, wie seine geistlichen
-Namensbrüder, bloß weil er das Glück genießt, der Schutzherr zweier
-Frauen zu seyn. Wer mit der Schönsten familiair umzugehen ein Recht hat,
-verliebt sich selten in sie. Du, mein Junge, sprichst wie der Blinde von
-der Farbe.«
-
-Die Schwägerschaft nahm plötzlich wandelnd eine hellere in den Augen des
-Neffen an.
-
-Das Leben der Hausgenossen im Stifte gestaltete sich nun um vieles
-anders. Der Administrator war sichtlich erheitert, seit er den Freund
-zur Seite hatte, und seine Gesundheit kräftigte sich zusehends.
-Sie ritten täglich zusammen aus, Pläne zu Verbesserungen der Güter
-beschäftigten sie daheim. Ein gemeinnütziger Ernst, der sich gegenseitig
-mittheilte, ließ sie Bedacht auf Alles nehmen, was dem Wohl der äußern
-Angelegenheiten förderlich werden könnte. Sie tauschten ihre Ansichten
-aus -- und ein solcher Freund hatte dem Verweser nur gefehlt, daß er
-seine Stellung sich mit Lust und Liebe aneigne. -- Der Oberförster war
-ein bejahrter Mann; Cölestin dachte, seinem Freunde zu diesem Posten
-helfen zu können, so würde die Zukunft sie nicht mehr trennen. Auch gab
-es für einen so fähigen Kopf auf jeder Stelle Beschäftigung, und Sylvius
-nützte den Renten des Klosters, während er der Gast des Hauses war und
-blieb. Andererseits war dem Administrator nicht minder geholfen.
-Er schloß sich lediglich an den Gefährten an, und vergaß über ihrem
-männlichen Thun, was er längst lassen sollen, sich der Zufriedenheit
-seiner Damen anzunehmen. Ob die Frauen sich vertrügen oder nicht, es
-kümmerte ihn kaum noch, und Sylvius überzeugte ihn vollends, daß die
-Weisheit und Gerechtigkeit in höchster Person weibliche Ansprüche nicht
-auszugleichen vermöge. -- Seit die Schwägerinnen keinen Schiedsrichter
-mehr hatten, brauchten sie auch keinen mehr. Frau Fabia war aus ihrem
-frommen Hinbrüten aufgescheucht worden. Sie ging gesellig in manche
-ihrem Wesen fremdartige Idee ein, und war nicht so finster als sonst.
-Die tiefe Fuge ihrer Tonart hatte sich in Harmonie gelös't, und ein
-besserer Einklang zwischen ihr und Theresen niemals Statt gefunden.
-Fabiens Sorge um den Schwager wendete sich, da er gesund geworden war,
-mehr seinem Freunde zu, der an einer unheilbaren Krankheit des Gemüths
-zu leiden schien. Sie achtete selbst weniger auf Josephine. Diese
-brachte jeden Augenblick, der zu erübrigen war, bei der Nonne hin, da
-Schwester Veronica sich der fremden Männer wegen zurückgezogen hatte.
-
-Therese war liebenswürdiger als je. Sie machte tausend kleine
-liebreizende Gefälligkeiten geltend, die ihr zu Gebot standen, und
-selbst Fabia mußte sich gestehen, daß, wenn sie _wolle_, ihr nicht zu
-widerstehen sey. Sie entschuldigte heimlich den Administrator, daß er
-parteiisch gewesen. -- Und seltsam! gerade jetzt zeigte sich Cölestin
-so kühl und selbständig, als hätte dieser Zauber seine Kraft an ihm
-verloren. --
-
-»Der alte Feldmeister ist aus dem Felde geschlagen --« sagte der
-Major zu dem jungen, und leise sprach in seinem Tone eine krankhafte
-Empfindlichkeit an. »Dieser Freund, dieser Fremde, der mir nicht
-sonderlich behagt, füllt die Zeit und das Herz des Administrators aus.
-Ein Glück, daß ich Dich hier habe, Rudolph.« Faust knurrte eifersüchtig,
-als der Oheim bei diesen Worten dem Neffen die Hand reichte.
-
-In der That würde die Freundschaft des Majors kaum einem Gefühl der
-Zurücksetzung entgangen seyn, wie wenig Cölestin sich auch derselben
-bewußt gewesen, wären häufige Anfälle der Gicht, die den Ersteren an
-sein Zimmer fesselten und die Anwesenheit des Lieutenants nicht zur
-Entschuldigung für den Administrator geworden. So oft das Befinden
-des Majors leidlich war, vereinigte sich die kleine Gesellschaft. Dann
-spielte Rudolph mit Theresen Schach, und immer ward sie eine Siegerinn.
-Es gelang ihm nie, den Ruhm seines Namens gegen ihre kleinen Finessen zu
-behaupten. »_Einmal_ gewinne ich doch!« schwor er bei jeder Niederlage.
-Therese lächelte nur.
-
-Wenn der Hauptmann erzählte, der ganz Europa durchreis't seyn wollte,
-dann sah Rudolph zu Boden auf die Spitze von Theresens Fuß, und mit so
-tiefsinnigem Blick, als gälte es, die Pointe seines Lebens ins Auge zu
-fassen. Der Oheim drohete ihm einst mit dem Finger. »Du denkst gewiß an
-die Geschichte vom Pantoffel --« sprach er neckend, »höre doch unserm
-Moorhausen zu, der eine lebendige blaue Bibliothek aller Nationen ist.«
-Er klopfte den Hauptmann auf die Uniform -- dieser, unwissend über jene
-Sammlung Mährchen, machte eine geschmeichelte Miene. --
-
-Frau Fabia sah es gern, daß Josephine so wenig Interesse an der Nähe des
-jungen Offiziers nähme; für Sylvius hingegen äußerte das Mädchen
-eine stille innige Theilnahme, welche ihre Pflegemutter vollkommen
-zu billigen schien. Er ertheilte auf den Wunsch derselben Josephinen
-wissenschaftlichen Unterricht, und ein zartes geistiges Band hielt den
-Lehrer und die Schülerinn zusammen, oft lange über die gegebene Stunde,
-und auch außer der Zeit, welche diesem Zwecke gewidmet war. Und Fabia
-zürnte nie, wenn Josephine lernend oder liebend nach ihrer Weise einen
-Auftrag versäumte. Genug, aller Kampf, sogar der Streit der Pflichten
-schien zu Ende, seit das Opferfest zum Geburtstag des Administrators
-unterbrochen worden war, und die Weihnachtsglocken hatten längst
-ausgeklungen, als unsichtbare Engel noch immer über der Klosterflur
-von Sanct Capella schwebten, welche sangen: »Friede auf Erden! und dem
-Menschen ein Wohlgefallen.«
-
-Das neue Jahr war schon um einen guten Schritt vorgerückt, und der
-Tag verlängerte sich merklich, da kam die Nachricht, daß der Lieutnant
-Feldmeister versetzt sey in eine ferne Garnison, und schleunigst fort
-müsse. Das Invalidencorps fühlte sich durch diese Ordre wie auf Feldetat
-gesetzt, es gab Allarm, der junge Offizier war Allen lieb und werth
-geworden. Auch der Familienkreis des Administrators empfand die Lücke,
-die nun bald entstehen würde. Therese ging umher, als hätte sie ihr
-ganzes Glück, ihr Glück auf immer verloren -- und der Major sagte zu
-sich selbst: »Therese ist schachmatt -- es ist Zeit, daß das Spiel
-aufhört.«
-
-Am Abend vor dem Tage, wo der Lieutnant Feldmeister das Stift verlassen
-sollte, saß Schwester Veronica allein in ihrem Stübchen und blätterte
-in dem Herbarium ihres Vaters. Tiefe Stille war um sie her, ein heiterer
-Winterfriede durchathmete die Zelle. Des Lichtes Flamme brannte wie
-gemalt, der warme Glanz des weißen Oefchens spiegelte sie in blendenden
-Funken zurück, und das Knistern der innen glimmenden Kohlen störten
-feuerheimlich diese lautlose Ruhe nicht. Das große Lebensbuch der
-Pflanzen lag vor der Nonne aufgeschlagen; ihr Auge leuchtete in
-sanftem Vergnügen. Sie suchte: _die Liebe im Nebel_ -- eine Gattung
-der Passionsblume. Und wie sie Blatt um Blatt wendete, gingen alle
-Frühlinge, die sie gelebt, an ihr vorüber, und der botanische Garten,
-darin sie gewohnt, blühete mit den Freuden ihrer Jugend auf. Sie sah den
-Vater heiß vor Lust, unter dem glühenden Strahl der Mittagssonne, weil
-keine andere Zeit ihm blieb, betrachtend stehen, die Mutter, wie sie in
-der Mondkühle einsam unter den Gängen des verlornen Paradieses auf und
-nieder wandelte, mit traurigen Gedanken, die auf der verbotenen Frucht
-verweilten, welche eine verführerische Schlange dem Gatten reichte. Sie
-hörte den Baum rauschen, unter dem der geliebte Bräutigam einer Andern
-Treue versprach, und mit dem Regen jener Stunde, dem so viele Thränen
-nachgeflossen, rieselten leise Schauer der Erinnerung über das Herz der
-guten Nonne. Da naheten eilende Schritte, die Thüre ging auf, ohne daß
-Jemand angeklopft hätte, und Josephine trat herein, scheu und hastig.
-Schwester Veronica hob den Blick auf, der ängstlich auf dem lieben Kinde
-haftete, und sprach: »was ist Dir, Mädchen? Dein Gesicht brennt, Du
-siehst aus, als hättest Du geweint, oder als würde es eben geschehen,
-und der große Schlüssel zittert in Deiner Hand?«
-
-Josephine antwortete mit erstickter Stimme: »_mir_ hat Niemand etwas zu
-Leide gethan, und doch fühle ich so. Ach liebe Veronica! ich habe etwas
-Entsetzliches erfahren -- das lege ich nieder in Ihre tiefste Brust.«
-
-»Es bleibt darin begraben --« versicherte die Nonne feierlich leise und
-mit der Kraft des Schweigens, »sprich ruhig, mein Kind.«
-
-Mit gebundenem Athem begann Josephine: »ich ging, wie Sie wissen, in die
-Capelle, die Lampe mit Oel zu versehen. Immer freue ich mich auf dies
-kleine Geschäft bei dem ich länger verweile, als nöthig wäre. Dort stört
-mich nichts in meinen stillen Träumen. Das Herz ist mir jetzt zuweilen
-so gedrückt, so enge -- als fände ich nirgend Raum für Wünsche, die ich
-nicht zu nennen weiß, den ausgenommen, daß ich einst in dieser Capelle
-ruhen mögte. So ist die Maria wie meine gute Freundinn, die es versteht,
-was ich keinem klagen kann. Als der Docht der Lampe aufglomm, nachdem
-ich sie getränkt, und dieser Schimmer an das Gewand schien, wie wenn der
-Mond über dem Wasser schillert, da war es mir, als würde ihr todtes Auge
-hell, und sie spräche: gieb Dich zufrieden! wir wollen sehen! --«
-
-»Die Liebe, meine gute Josephine,« schaltete Schwester Veronica ein,
-»gewinnt Allem Leben ab, wie der Glaube eine Seele des Trostes. Das ist
-der wahre lebendige Hauch aus Gott, und ein ewiges: es werde Licht! --
-Die Welt wandelt in Schatten des Todes und ihre Werke sind finster. Die
-Heiligen sehen das Werk an und vergelten auch den kleinsten Dienst.
-Es wird Dir gewiß wohl gehen auf Erden. Du wirst lange leben, und
-so betrübt es mich, daß Du in so jungen schönen Jahren schon an Dein
-Begräbniß denkst.«
-
-Josephine sah die Nonne mit bangem Lächeln an. »Und was geschah denn
-nun, mein liebes Kind?« fragte diese, »fasse Dich, mir es sagen zu
-können. Ich will Dich zu trösten suchen, mit Gottes Hülfe.«
-
-Das Mädchen schüttelte leise den Kopf und sprach: »als ich noch sinnend
-stehe, vernehme ich ein schnelles Kommen und Flüstern. Nun ist es recht
-besonders, Schwester Veronica, mit den Geistern halte ich Zwiesprach,
-als wären sie meine Geschwister, und vor Menschen fürchte ich mich?
--- Ich schlüpfte in den Beichtstuhl und duckte unter -- es war nur
-ein Augenblick, ich wußte selbst nicht, was ich that. Da erkannte ich
-Theresens Stimme im Gespräch mit einem Manne, und ich merkte sogleich,
-daß es der Lieutnant Feldmeister wäre. Sie redeten höchst vertraut. Hier
-sind wir allein -- sagte er, als sie in die Capelle traten, hier sucht
-uns Niemand. Vergessen Sie nicht, antwortete ihm Therese, daß die
-wächserne Mutter Gottes das Verlorene sucht, und verloren wäre ich, wenn
-man uns hier zusammenfände. -- Sie machte ihm hierauf zärtliche Vorwürfe
-über seine verfolgende Leidenschaft. Einige Minuten _müssen_ Sie mich
-hören! betheuerte er, und -- o Veronica! was läßt sich in ein paar
-Minuten sagen! ich meine, Therese hätte ihr Lebelang darüber zu denken.
-Sie lieben sich -- sie lieben sich schon lange. Und Therese ist die Frau
-eines andern Mannes! -- Wenn das der redliche Major wüßte! und -- und --
-der Unglückliche schwor, wenn er sie zum drittenmale finden sollte,
-dann müsse sie sein werden, und wäre sie mit Ketten an dem Himmel
-geschlossen. Ich habe nicht gedacht, daß ein Mensch so reden könnte --
-jedes Wort war ein Funken, der zündete.«
-
-Schwester Veronica sah mit bekümmertem Blick die brennenden Wangen des
-Mädchens, und seufzte tief, daß diese fromme Unschuld Zeuginn solch
-einer leidenschaftlichen Scene gewesen. »Den armen Constanz verurtheilte
-er --« fuhr Josephine mit einer ihrem Wesen fremden, feindlichen Regung
-fort: »und seine Gattin duldete es. Dem Onkel gönnte er das Glück ihrer
-Nähe nicht, _ihm_, der die Frau seines Bruders in freundlichen Schutz
-genommen, und gar manche Unbill wegen ihr ertragen hat! ich weiß das am
-besten. Dann sank er ihr zu Füßen -- dann küßte er sie -- o Gott!« »Er
-küßte sie!« wiederholte die Nonne leise, auf deren keuscher Lippe nie
-der Kuß eines Mannes geblüht. »Du armes Kind! ja, das mag eine Angst
-gewesen seyn. Angesichts der heiligen Jungfrau entblödeten sie
-sich dieser Sünde nicht! -- Und der junge Mann scheint sonst ein
-liebenswürdiger Mensch.«
-
-»Ach! ich bin dem Lieutnant böse --« sagte Josephine, »das ist nicht
-edel von ihm gehandelt; ich denke, ein Mann muß seine Leidenschaft
-bezwingen können. Es hatte mir so gut von ihm gefallen, wie er sich
-jener alten Dame angenommen -- Sie kennen die Geschichte --! nun aber
-verfällt er selbst in ärgeren Wahnsinn, verliert den Kopf, und Der sich
-so tapfer schlug, daß die Schwäche des Alters in Ehren gehalten würde,
-kann sich einen Gedanken nicht aus dem Sinne schlagen, der die Würde
-einer jungen Frau beleidiget, die wohl noch schwächer ist. -- O! das ist
-nicht löblich! das ist eine Verletzung des Gastrechts.«
-
-»Du hast ganz Recht, mein Töchterchen,« antwortete die Nonne, »und Gott
-behüte mich, daß ich beschönigen wolle, was sich nicht billigen
-läßt; nur meine ich, der junge Feldmeister sey bethört, sich selbst
-entfremdet, und Therese mag ihm wohl reichlich Gelegenheit gegeben
-haben. Diese scheint mir in sofern zu entschuldigen, daß sie gleichsam
-nur ein kurzes Achtel verheirathet war, und eine lange Pause ist
-für dies lebendige Allegro nicht. Wie endete sich denn nun diese
-Zusammenkunft?«
-
-»Ich seufzte zu Gott,« sprach Josephine, »daß ich erlöset werden mögte,
-und kaum war dieser flehende Gedanke aufgeflogen, da flatterte eine
-Motte aus dem Busen der Maria, und schwirrte mit singendem Geräusch um
-das Flämmchen. Dieser kleine Zufall scheuchte die Liebenden hinweg. Ich
-zitterte an allen Gliedern und mußte mich erst erholen. Wer aber hatte
-mir denn was gethan? Was geht es mich an, Wen Therese liebt? Und doch
-war es mir, als hätte man ein tiefes Gefühl in mir verletzt.«
-
-»Wo die Tugend leidet,« versetzte Schwester Veronica, »da leidet eine
-reine Seele mit, und der Schmerz dieser Erfahrung ist groß. O mein Kind!
-Treue ist unser einzig Glück auf Erden! selbst den Nichtliebenden rührt
-sie mit einem zärtlichdauernden Gefühl, was sich erwerben läßt. --
-Treue ringt den Himmel nieder in Deinen Besitz -- sie ist ein Strahl
-der ewigen Liebe. Ein wankendes Herz findet nirgend Ruhe. Wir wollen
-Theresen bedauern. Sie macht Keinen glücklich, und sich am wenigsten.
-Wenn ihr Gemahl nun heute oder morgen kommt, mit welchem Blicke soll
-seine Frau vor ihm stehen?«
-
-Josephine sah mit einem flammenden der Nonne in das Gesicht, und
-diese mogte vielleicht an den Engel des Gerichts denken. Sanften,
-entwaffnenden Tones setzte sie hinzu: »Gott senke Kraft in Deine junge
-Seele, an der Liebe des Nächsten zu halten, denn nur, Wer beharret,
-merke Dir es, mein Mädchen -- der wird selig! --«
-
-Josephine schmiegte sich an die Brust der Nonne und fühlte das treueste
-Herz schlagen. Sie schämte sich, entrüstet gewesen zu seyn, vielleicht
-zum erstenmale in ihrem Leben -- und aus der tiefsten Quelle des
-weiblichen Gemüths drangen Thränen, herbe und doch hoffnungsvoll, in
-ihre milden Augen.
-
- * * * * *
-
-Ein paar Monate waren seitdem vergangen. Sanct Capella, von der höher
-steigenden Sonne bestrahlt, glänzte wie eine weiße Glockenblume mit
-goldnem Kelche zwischen dem aufgrünenden Frühling. Im Stifte selbst sah
-man den schönen Tagen, die nun kommen würden, mit drängender Erwartung
-entgegen. Man nahm sie gleichsam voraus. Frau Fabia ordnete diesmal das
-große jährliche Waschfest zeitiger als sonst an, und als der April
-sein Wechselrecht geltend machte, und einen hurtigen Regen über das
-sonniggetrocknete Linnen ausgoß, behielt ihr Gesicht seine Heiterkeit,
-der beste Beweis von dem beständigen Wetter in der Laune der guten
-Hausfrau.
-
-Schwester Veronica, bedrängt von jener heiligen und tiefen Wehmuth,
-die sich ihrer sanften Schmerzen schämt, schlich jetzt manchmal im
-Mondschein auf den Kirchhof des Klosters und mit schwellendem Herzen
-die Mauer entlang, woran der Flieder knospete. Wenn sie in ihrem weißen
-Gewande zwischen den Gräbern wandelte, im geistigen Verkehr mit den
-Schatten der schlafenden Schwestern, glaubte man Libitina, die stille
-Göttin der Todten zu sehen.
-
-Die Offiziere suchten mit frischangeregter Lebenslust das Freie. Major
-Feldmeister warf den Pelzstiefel zusammt dem Podagra abseits, und rief:
-»da liege, daß du berstest! ich habe es nun satt, und _will_ gesund
-sein!« Er schritt herzhaft einher. Die großen Fenster waren geöffnet,
-die Thüren standen weit offen, als solle der Winter ausziehen. Herr
-Prälat, empfindlich gegen den Zug, ging als der Zeus des Hauses mit
-einer Donnerstirn von einem Flügel zum andern, und blitzte hier und da
-heftig zu. Ein thatenlustiger, rühriger Geist war in den Administrator
-gefahren. Er sträubte sich beinahe ungebehrdig gegen die krankhafte
-Ruhe, die seine Kräfte bisher unterdrückt hatte, gegen die Pflege der
-Weiber. Fabia schalt ihn undankbar, wenn er eine Maßregel ihrer Vorsicht
-für unnütz erklärte. Sie meinte nach Art einer erzürnten Prophetinn:
-dieser Uebermuth werde ihm schlimm bekommen. Doch Josephine freuete sich
-und sagte leise: »Er ist jetzt um Vieles besser.«
-
-Therese ließ ihren Schwager gewähren. Sie ging spazieren früh und spät
-auf geheimnißvollen Wegen, und nicht selten brachte ein Führer die
-Verirrte zurück. Frau Fabia sagte kein entscheidendes Wörtchen über
-diesen entschiedenen Müssiggang. Sie wärmte geduldig das Essen, wenn
-Therese die Stunde der Mahlzeit versäumte, doch keine begangenen Fehler
-mehr auf. Fabia wußte vielleicht, daß Theresens Seele unter einer
-größeren Last arbeitete, als früherhin ihr Leichtsinn und ihre
-Lässigkeit Andern aufgelegt hatte. --
-
-Als einstmals Therese von einem weiten einsamen Ausflug spät nach
-Hause kam, die Hände voll selbstgepflückten Veilchen, sah sie einen
-ausgespannten Reisewagen vor dem Stifte stehen, dessen helles Gelb wie
-eine große Mondscheibe durch das Dämmern des Frühlingsabends leuchtete.
-Sie stieß einen kurzen Schrei aus, und ihr war in diesem Augenblicke,
-als stieße er ihr das Herz ab. Sie floh dem Kloster zu, und stürzte
-außer Athem in das Wohnzimmer. Constanz war vor einer Stunde angekommen.
-Seine Frau zu suchen, hatte man Boten nach allen Richtungen ausgesendet.
-Sie rang die Hände um seinen Nacken; diese Gebehrde sah aus wie Liebe,
-wie Jammer, und konnte beides seyn. Der Diplomat stand mit Veilchen
-beschüttet und zitterte sichtbar. Therese verbarg ihr Gesicht, ohne
-in das seine zu sehen, an der Brust ihres Mannes. Er hob es empor und
-drückte heiße, langentbehrte Küsse auf ihren krampfhaft lächelnden Mund.
-Die Familie war versammelt, auch -- der Zufall hatte es gefügt -- Major
-Feldmeister und Schwester Veronica, als sollte Niemand fehlen, der
-näheren Theil an diesem Ereigniß nähme.
-
-Constanz hatte sich nach dem stillen Bemerken seines Bruders
-auffallend verändert. Die Sonne seiner Reisen hatte ihn gebräunt,
-seine scharfausgeprägten Züge hatten den Schmelz der Jugend, und
-den liebenswürdigen Ausdruck unbewußter Herzlichkeit verloren.
-Staatsmännisches Interesse war dem Ernst der sinnenden Miene tief
-eingedrückt, und über seine Stirne eilte ein Gewölk von Sorgen, wie
-getrieben von einem innern Sturm.
-
-»Meine Therese! mein einziges Weib!« sagte Constanz mit einer Rührung,
-die ihm schön stand: »Du bist bleich und ein wenig abgekommen -- Du hast
-Dich wohl um mich geängstet? Du bist mir nicht böse? Du machst mir keine
-Vorwürfe? diesen gütigen Empfang habe ich nicht verdient.«
-
-»Ich mache Dir keine Vorwürfe --« antwortete Therese mit gepreßter
-Stimme, und lauter sagte ihr Gewissen, Wer von ihnen eigentlich _so_
-fragen müßte. Aber nun brach Therese in ein convulsivisches Weinen aus.
-Constanz schien über diese äußerste Wirkung der Freude betroffen. Er
-hielt seine Frau für krank.
-
-Josephine stand mit der Nonne an einem Fenster. Sie wendete sich ab, und
-sprach leise zu Schwester Veronica: »wie ist dies möglich, so falsch zu
-seyn gegen die redlichste Liebe? -- Wenn ich Theresen in den Armen
-ihres Mannes sehe und daran denke, daß vor kurzer Zeit --« Josephine
-schauderte in sich hinein.
-
-»Das mußt Du zu vergessen suchen --« flüsterte die Nonne, »mir kommt
-diese wunderliche Freude wie Seelenangst vor. Ach! Therese könnte jetzt
-getreu und getrost in das Auge blicken, was sie so entzückt betrachtet!
-und sähe es tiefer auf den Grund ihrer Thränen, es würde sich wohl
-lieber schließen für immer.«
-
-Constanz war nach seinem Wunsch versorgt; schon in der nächsten Frühe
-ging er nach dem Orte seiner Bestimmung ab, und Therese mußte bereit
-seyn, ihn zu begleiten. Sie erschrak doch über diese Kürze. Fabia erbot
-sich dienstfertig, ihr das Einpacken zu besorgen. Sie solle sich um
-nichts kümmern, und ihr Glück genießen. --
-
-Der Administrator lächelte. Er wollte den Worten seiner Schwägerinn
-eine leise Ironie abgemerkt haben. Aber Therese ließ sich zum erstenmale
-nicht von der thätigen Fabia übertragen. Sie rüstete Alles selbst zur
-Abreise. So verging dieser Abend drangselig. Man kam zu keinem ruhigen
-Genuß des Beieinanderseyns. Constanz schien sehr ermüdet, und der ältere
-Bruder machte ihm freundliche Vorwürfe, sich und den Seinen mindestens
-nicht _einen_ Tag der Rast gegönnt zu haben. Und Jener sprach: »ich
-bin an diese erschöpfende Eile gewöhnt, und daran, die Erfüllung meiner
-Wünsche, und Alles, was ich liebe, nur im Fluge zu berühren.« Endlich
-zog die Nacht mit einer kurzen beschwichtigenden Pause vorüber. Noch
-blickte der Morgenstern am Himmel, da kamen die vier Pferde Extrapost
-schon von Leidthal, welche dem Constanz bewilliget worden. Das ganze
-Stift war in Allarm. Die alten Offiziere standen in Parade, der jungen
-schönen Frau die Honneurs zum Abschied nicht zu versäumen.
-
-Therese schien verweint, ehe sie noch Jemand Lebewohl gesagt hatte.
-Lange hing sie am Halse des Schwagers und konnte sich nicht losreißen.
-Dann küßte Schwester Veronica ihr einen leisen Segenswunsch auf die
-bethränten Lippen. Nun umarmten sich die Schwägerinnen und Therese
-sprach: »denke meiner nicht in Groll -- ich habe Dich oft gekränkt,
-Fabia!« die Stimme erstarb in Schluchzen.
-
-Und Fabia erwiederte: »still davon, Therese! auch ich habe gefehlt. Wir
-scheiden in Frieden, und der Herr geleite Dich!«
-
-Nun kam die Reihe an Josephine, an Sylvius, an den alten Feldmeister und
-die Uebrigen. Dem Major reichte Therese die Hand, und drückte die seine
-inniglich und noch einmal, als wisse der Alte schon für Wen? -- Ihrem
-Gemahl dauerte dies Valet zu lange. Er hatte das seine in summarischer
-Kürze abgegeben, den Bruder ausgenommen. Seine Meinung war: man müsse
-den Schmerz solcher Scenen verkürzen, ja vermeiden, wo möglich; aber die
-Weiber ließen sich keine einzige Thräne unterschlagen, die sie mit Fug
-und Recht vergießen durften. Sprach's, und schob seine Frau mit einem
-schmerzverachtenden Lächeln in den Wagen. Noch einmal strahlte Theresens
-Blick durch einen doppelten Schleier das ganze Commitat an; die
-Offiziere verbeugten sich unwillkürlich dienstmäßig, die Nonne schrieb
-ein Kreuz in die blaue Luft, Constanz winkte herzlich -- und der
-Postillon stieß in das Horn, daß der schmetternde Hall von den Wölbungen
-des Klosters wiedertönte. Dieser Ton fand ein geheimnißvolles Echo in
-der tiefsten Seele des Administrators und ein Grauen strich über
-seine Nerven. Es erschütterte ihn dieser Klang, wie jener, als er am
-Sterbebette des Vaters den Bruder die kleine Trompete blasen hörte. --
-Und als der Wagen nun pfeilschnell entrollte, das gastfreundliche Stift
-weit und weiter zurückwich, die Gehöfte von Sanct Capella verschwanden,
-nun auch das letzte Häuschen vorbeigeflogen war, und jetzt der Horizont
-über der erwachenden Landschaft sich so klar vor ihnen aufthat, da
-gedachte Constanz an die Worte der Gesandtinn: er würde einst mit
-Extrapost in den Himmel fahren.
-
-
- Ende des ersten Theils.
-
-
-
-
-[ Hinweise zur Transkription
-
-
-Das Originalbuch ist in Frakturschrift gedruckt. In dieser
-Transkription werden _gesperrt_ gesetzte Schrift sowie Textanteile in
-=Antiqua-Schrift= hervorgehoben.
-
-Der Text des Originalbuches wurde grundsätzlich beibehalten,
-einschließlich uneinheitlicher Schreibweisen wie beispielsweise
-"irdisch" -- "irrdisch", "ist's" -- "ists", "Lieutenant" -- "Lieutnant",
-"Obristin" -- "Obristinn",
-
-mit folgenden Ausnahmen,
-
- Seite 13:
- "«" eingefügt
- (sie eine kleine alte anspruchslose Rolle übernähme.«)
-
- Seite 14:
- "ihrers" geändert in "ihres"
- (welches sie durch den Beistand ihres Schwagers gewonnen)
-
- Seite 21:
- "." eingefügt
- (und enteilte auf den Ruf seiner Pflicht.)
-
- Seite 41:
- "," eingefügt
- (ein Gedanke dieses Augenblicks voll Grauen, voll Schmerz)
-
- Seite 45:
- "Abendmal" geändert in "Abendmahl"
- (ehe ich aber das heilige Abendmahl wo anders halte)
-
- Seite 51:
- "«," geändert in ",«"
- (»Taugt nichts,« unterbrach hier der Major)
-
- Seite 59:
- "»" eingefügt
- (»Ich band mein Pferd an eine Säule)
-
- Seite 59:
- "Augenblck" geändert in "Augenblick"
- (daß ich einen Augenblick verziehen mögte)
-
- Seite 68:
- "»" eingefügt
- (»nimm fünf Loth _Ernst_)
-
- Seite 83:
- "«," geändert in ",«"
- (»Schwester Veronica,« sagte Fabia)
-
- Seite 85:
- "beflanzt" geändert in "bepflanzt"
- (mit tropischen Gewächsen bepflanzt)
-
- Seite 92:
- "«" eingefügt
- (weshalb ich denn auch so zaghaft wäre.« --)
-
- Seite 95:
- "»" eingefügt
- (»ja, mein Kind, wir müssen wohl den Blick schonend bedecken)
-
- Seite 107:
- "Gesellschafft" geändert in "Gesellschaft"
- (ihm doch ein wenig Gesellschaft leisten)
-
- Seite 116:
- "Schwal" geändert in "Schawl"
- (Ein echter Schawl, an den der matte Kopf sich schmiegte)
-
- Seite 120:
- "»" eingefügt
- (»Fasttage halte ich gar nicht)
-
- Seite 127:
- "«" eingefügt
- (mein heiliges Amt zu Gunsten Ihres Wunsches üben.« --)
-
- Seite 128:
- "«" hinter "--" entfernt
- (der Tod soll ja eine neue Geburt seyn. --)
-
- Seite 137:
- "eine" geändert in "einen"
- (die sich nie gegen einen Vorwurf vertheidigte)
-
- Seite 143:
- "«" eingefügt
- (hat mir das Gedächtniß abwärts gezogen.« --)
-
- Seite 151:
- "»" eingefügt
- (»auch wünsche ich von Herzen)
-
- Seite 155:
- "»" eingefügt
- (»weißt Du wohl, was Abraham a Sancta)
-
- Seite 156:
- "»" eingefügt
- (»da thut sie Dir nicht Unrecht)
-
- Seite 156:
- "." eingefügt
- (Josephine erröthete und nahm das Gedeck hinweg.)
-
- Seite 157:
- "»" eingefügt
- (»denn es will mich bedünken)
-
- Seite 158:
- "»" eingefügt
- (»ich bin überhaupt mit einer gewissen)
-
- Seite 167:
- "Interresse" geändert in "Interesse"
- (zog die Mutter des Bräutigams in ihr Interesse)
-
- Seite 172:
- "»" eingefügt
- (»wohl ist dieser Stoff)
-
- Seite 179:
- "»" eingefügt
- (»Und dieses liebe Geschäft)
-
- Seite 182:
- "haufig" geändert in "häufig"
- (in dem rauhen Klima jener Gegend häufig wechseln mußten)
-
- Seite 190:
- "«" eingefügt
- (Denn --« setzte Tony in liebenswürdigem Uebermuthe hinzu)
-
- Seite 195:
- "»" eingefügt
- (»Das kann wohl seyn)
-
- Seite 215:
- "Zürückgehen" geändert in "Zurückgehen"
- (Ein Zurückgehen in seine alten Verhältnisse)
-
- Seite 217:
- "«" eingefügt
- (die treue Aufsicht jenes würdigen Paares ward getäuscht.«)
-
- Seite 229:
- "ihre" geändert in "Ihre"
- (das lege ich nieder in Ihre tiefste Brust)]
-
-
-
-
-
-
-
-End of the Project Gutenberg EBook of Die Schwägerinnen. Erster Theil., by
-Henriette Hanke
-
-*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DIE SCHWÄGERINNEN. ERSTER THEIL. ***
-
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-<title>The Project Gutenberg eBook of
-Die Schwägerinnen, Erster Theil,
-by Henriette Hanke</title>
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-<pre>
-
-Project Gutenberg's Die Schwägerinnen. Erster Theil., by Henriette Hanke
-
-This eBook is for the use of anyone anywhere in the United States and most
-other parts of the world at no cost and with almost no restrictions
-whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it under the terms of
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-to check the laws of the country where you are located before using this ebook.
-
-
-
-Title: Die Schwägerinnen. Erster Theil.
-
-Author: Henriette Hanke
-
-Release Date: October 4, 2015 [EBook #50127]
-
-Language: German
-
-Character set encoding: ISO-8859-1
-
-*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DIE SCHWÄGERINNEN. ERSTER THEIL. ***
-
-
-
-
-Produced by The Online Distributed Proofreading Team at
-http://www.pgdp.net (This file was produced from images
-generously made available by The Internet Archive)
-
-
-
-
-
-
-</pre>
-
-
-<h1>Die Schwägerinnen.</h1>
-
-<p class="ce mt2 lh2">Roman<br />
-von<br />
-<span class="fsxl">Henriette Hanke</span><br />
-geborne Arndt.</p>
-
-<p class="ce mt2 mb2 fsl">Erster Theil.</p>
-
-<div class="mw24">
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- <div class="poetry">
- <div class="stanza">
- <div class="verse">Ein hohes Wort! wenn uns die Schickung werth</div>
- <div class="verse">hält, nicht für uns, für Andere zu seyn.</div>
- <div class="verse">...&nbsp;Es wendet sich der Zeiten Blatt. Laßt uns</div>
- <div class="verse">fröhlich sä'n, im Nebel auch: die Ernte kommt gewiß.</div>
- <div class="verse-right"><em class="ge">Herder.</em></div>
- </div>
- </div>
-</div>
-</div>
-
-<p class="ce mt2"><span class="fsl">Hannover, 1835.</span><br />
-Im Verlage der Hahn'schen Hofbuchhandlung.</p>
-
-
-
-
-<h2>&nbsp;</h2>
-
-
-<p class="mt2 in0"><a class="pagenum" id="page_001" title="1"> </a>
-<span class="fsxl">W</span>ir versetzen unsere Leser bei dem Anbeginn dieser
-Geschichte in ein weites Gemach des aufgehobenen
-Stiftes der Cisterzienserinnen zu Sanct Capella, nahe
-dem Städtchen Leidthal. Dieses Zimmer, viel zu
-colossal in seinen Verhältnissen um wohnlich zu seyn,
-bietet eine himmlische Aussicht dar, und zeigt noch
-die Spuren klösterlicher Pracht. Seltsam vereint werden
-hier die religiösen Begriffe aller Zeiten anschaulich;
-doch mit gemischtem Gefühl siehet man: die
-Gegenwart herrscht vor. An dem Plafond rollet der
-feurige Wagen des Elias. Wie zu vielen tausendmalen
-mogten seit dieser Himmelfahrt die Sonnenrosse
-ihren Lauf vollendet haben! aber jene Flammen
-sind erloschen, und der Prophet erscheint nur noch als
-ein grauer Schattenriß seiner Zeit. Scenen des römischen
-Cultus geben den leeren Wänden ein sinnvolles
-Interesse, und über erblaßten Martern der eifrigsten
-Bekenner ihres Glaubens hängt Doctor Martin
-Luthers Bildniß gloriös in einem Rahmen von
-echter Bronze. Die erhabene Arbeit über dem Kamin
-<a class="pagenum" id="page_002" title="2"> </a>
-von schwarzem Marmor versinnlicht ein Autodafé,
-und die darunter lodernde Glut, welche die
-Jahreszeit und der Raum des Zimmers erfordert,
-dient dazu, dies Relief zu beleuchten, mit einem
-Schauer für die Phantasie, der fast die Wohlthat der
-empfundenen Wärme vernichtet. Die Möbeln sind
-theils veraltet und doch pomphaft, theils von neuer
-Brauchbarkeit und Simplicität. Das hochlehnige Canapee,
-welches gradauf strebend und in der Mitte
-altarförmig zugespitzt, sich gegen die Wellenlinien einer
-modernen Bergère etwa verhält, wie die feierliche
-Anständigkeit der Etiquette zu der nachlässigen Ruhe
-der Schönheit &ndash; nimmt sich in dem überladenen
-Zierrath geflügelter Kinderköpfe sogar kirchlich aus.
-Ueber den Häuptern der Cherubim prangt der Erzengel
-Michael in goldnen Waffen, und der gerissene
-Sammet auf dem Sitze dieser kleinen Engelsburg erinnert
-mit leiser Beziehung in der Farbe verblühter
-Violen an den Purpur der Eminenz. &ndash; Der venetianische
-Spiegel erreicht seine ungemeine Breite und
-Höhe durch eine Einfassung von Tritonen und Delphinen,
-welche in kunstreichen Verschlingungen um
-die glänzende Fläche spielen, worin mancher geistliche
-Vollmond aufgegangen war. &ndash; Oben thronen die
-Meergötter ersten Ranges, und im Frontispice &ndash; so
-zu sagen &ndash; steigt Anadyomene aus der klaren Masse
-<a class="pagenum" id="page_003" title="3"> </a>
-an den silbernen Bord. Das Auge des Reformators
-grade auf diesen Punkt gerichtet, scheint finster an
-dem heidnischen Unwesen zu haften, indeß ein kaum
-merklicher Zug frommer Ironie den Ernst des Mundes
-mildert, der wohl stärkere Pfeiler erschütterte als
-den, der die reizende Gestalt der Liebe in den Mauern
-der Entsagung trägt. Die Morgensonne des eilften
-Novembers ging eben auf, und bestrahlte mit blendendem
-Licht die Abtei, welche ihren majestätischen
-Schatten über die öden Felder ausbreitete. Der Reif
-der kalten Nacht schimmerte wie Candis an den falben
-Resten der Weide, und die herbe Miene des heiligen
-Bernhard von Clairvaux, dessen Statue am
-Rande einer dunkeln Cisterne stand und tiefsinnig
-hinab schauete, war wie mit Zucker bestreut. &ndash; An
-einem Fenster des beschriebenen Zimmers saß eine
-Frau, von der wir sagen müssen, daß sie über die
-Jugend hinaus und weit entfernt von jener gefälligen
-Anmuth sey, die unter keinem Gesetz der Zeit steht,
-ohne sie deshalb dem achtsamen Interesse unserer Leser
-entrücken zu wollen. Der häusliche Anzug, beinahe
-matronenhaft bescheiden, paßte den Formen einer
-Figur nett an, die in ihrer Haltung Charakter verrieth.
-Das Häubchen, ohne die mindeste Genialität
-dieses Putzartikels, der einen guten weiblichen Kopf
-seltner beschattet, als in das vortheilhafteste Licht setzt,
-<a class="pagenum" id="page_004" title="4"> </a>
-und sich oft in dem kleinsten Kniff sichtbar macht &ndash;
-schloß sich dicht an ein Oval von regelmäßigem
-Schnitt. Die Beschäftigung dieser Frau schien mit
-der bewußten Strenge, welche sich in ihrem Aeußern
-offenbarte, in keiner Verbindung zu stehen. Sie wand
-eine Guirlande von Immortellen, die aufgehäuft in
-einem flachen Körbchen, in bunter Menge und Mannigfaltigkeit
-zur Auswahl vor ihr lagen. Sie schien
-so ganz in sich und in diese feiernde Früharbeit versenkt
-zu seyn, daß selbst der Sinn des Gehörs ihre
-Seele nicht auf das lenkte, was ein junges Mädchen
-an ihrer Seite aus der Bibel vorlas. »<em class="ge">Wirst Du
-dafür die Schmerzen eines Betrübten haben</em>&nbsp;&ndash;«:
-diese verkündenden Worte des Jesaia sprach
-die klare süße Stimme mit einem schüchternen Beben
-der Ahnung, und hielt inne. Die Sonne blitzte herein
-und warf lange herbstliche Strahlen durch die
-Scheiben. Der blonde Scheitel des Mädchens erglänzte,
-die metallne Brüstung am Fenster funkelte
-wie gediegenes Gold, und die trocknen Blümchen der
-Dauer badeten sich in diesem ewigen Glanze.</p>
-
-<p>Das Mädchen erhob das Auge blau und tief wie
-der Himmel, um einen Blick in die Perspective zu
-richten, welche in der schönsten Morgenbeleuchtung im
-melancholischen Reiz der sterbenden Natur sich in das
-Unabsehliche verlor; und der Mund, auf dem noch
-<a class="pagenum" id="page_005" title="5"> </a>
-die traurige Voraussagung des israelitischen Sehers
-schwebte, lächelte so entzückt, als sähe dieser Blick in
-eine verklärte Welt.</p>
-
-<p>Da öffnete sich die Thüre, und ein feines jugendliches
-Gesicht, dem ein schlanker Körper folgte, schauete
-mit hellen braunen Augen herein. Ein leichtes Abschrecken
-bei dem Hinblick auf die schweigsame Gruppe
-am Fenster, und die spöttische Unlust, an dieser stillen
-Betrachtung und an dem Winden todter Kränze Theil
-zu nehmen, sprach sich in diesen beweglichen Zügen
-aus.</p>
-
-<p>Wie leise dies Geräusch nun auch gewesen war:
-die ältere Frau hatte es dennoch vernommen. Sie
-wendete das Auge, und ein flüchtiges Roth überlief
-ihre Wange; zweifelhaft, ob als Wiederschein der
-Lohe des Kamins, oder durch die Erscheinung in der
-Thüre erregt. Diese huschte mit zarten Füßen über
-das Getäfel der Diele, blinzelte hinter dem Rücken
-des Mädchens in das heilige Buch und sprach zwischen
-Schalkheit und Pathos: »hebet Eure Häupter
-auf &ndash; thut Euer böses Wesen von Euch &ndash; o! ich
-weiß auch, was hierin steht.« Dabei legte sie eine
-seidenweiche Hand, der man keine Distellese im Garten
-der Ehe ansah, obwohl ein Trauring an ihrem
-Goldfinger blinkte &ndash; unter das gesenkte Kinn der
-Aelteren und sprach: »bist Du mir noch böse, Fabia?
-<a class="pagenum" id="page_006" title="6"> </a>
-Sey gut! ich kann Dich nicht schmollend wissen, und
-so lasse ich meine Idee fallen.« Bei diesen nähernden
-Worten beugte die hübsche junge Frau sich mit
-versöhnender Anmuth herab, so daß ihr warmer Athem
-wie ein schmeichelndes Lüftchen Diejenige anwehete,
-welche sie frostig aufnahm.</p>
-
-<p>Fabia hob den Kopf ein wenig und erwiederte:
-»ich dachte es wohl, daß Du zur Vernunft kommen
-würdest&nbsp;&ndash;« und indem ihr Auge die weiblich-optische
-Kunst übte, die da scheel sieht, ohne einen offnen
-Blick zu gönnen &ndash; setzte sie hinzu: »daß Du Dich
-nicht erkältest, Therese! Du gehest so bloß.&nbsp;&ndash;« Sie
-reichte ihr eine Nadel, zugleich stach der Blick, doch
-nicht in das kleine Schalytuch, welches den wunderschönen
-Hals und Busen lose umflatterte, sondern in
-diese Blöße selbst.&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>Therese steckte die Nadel verloren ein, aber nicht
-diese Antwort, welche sie sichtlich zu verdrießen schien,
-und nun auch die Stimmung ihrer gutmüthigen Abbitte
-um einen tiefen Grad fallen machte. Erglühend
-sprach sie: »es ist schon geschehen. Du irrest, Fabia,
-Du irrest, sage ich Dir, wenn Du Deine hartnäckige
-Weigerung, in einen harmlosen Scherz einzugehen,
-für vernünftig hältst. Und wenn ich es zu vergessen
-suche, daß Du mir und dem Bruder eine Freude
-verdirbst: so geschiehet es nur, weil ich Dich dieses
-<a class="pagenum" id="page_007" title="7"> </a>
-abtödtenden Eigensinnes wegen am meisten bedauere.«
-Fabia erröthete sehr. Sie lös'te schnell ein kleines
-Schlüsselbund von ihrem Gürtel, und gab dem Mädchen
-einen entfernenden Auftrag. Dann sprach sie,
-und ein krampfhaftes Zucken unterdrückten Zornes
-flog um ihre Lippen: »diese Aeußerung ist ganz in
-Deinem Geiste. Spare Dein Mitleid für Dich selbst,
-Therese, Du wirst es einst brauchen. Herr der Güte!
-muß ich mich so behandeln lassen in Gegenwart des
-Kindes? hast Du keine Achtung für mich und meine
-Sinnesart, so solltest Du doch Josephinens Jugend
-schonen. Willst Du das Mädchen auch verderben?«</p>
-
-<p>Theresens Stirn flammte. In größter Aufregung
-entgegnete sie: »verderben? <em class="ge">auch?</em> Wer ist verdorben?
-ich muß bitten, daß Du Dich in Deinen Ausdrücken
-mäßigest. Ein verderbtes Herz trachtet nach
-Schaden, ist feindselig und mißgünstig; ich aber
-gönne der ganzen Welt ihr Vergnügen, wenn sie mir
-nur das meine läßt.«</p>
-
-<p>Fabia stand auf. Mit einem gewissen Hervortreten
-ihrer Meinung, doch das innerste Gefühl
-noch immer bezwingend, sagte sie: »ich hasse nun
-einmal jede Falschheit, und halte Verstellung, von
-welcher Art sie auch sey, für Sünde. Und Comödie
-spielen ist eine solche.«</p>
-
-<p>»O! die schlimmste ist es nicht&nbsp;&ndash;« entgegnete Therese:
-<a class="pagenum" id="page_008" title="8"> </a>
-»es ist nur eine kleine ergötzliche Lust.« Und
-indem dieser verwehrte Genuß in allem Schimmer
-der Einbildungskraft vor ihrer Seele stand, so daß es
-ihr vor den Augen flimmerte, in welche Thränen des
-Verdrusses drangen, rief sie verblendet von Schmerz
-und dem Reiz jener zerrinnenden Illusion aus: »der
-arme Cölestin! es würde ihm ein köstlicher Spaß gewesen
-seyn! Du aber wirst ihm mit tiefsinnigem
-Ernste einen Kuchen backen, und ein Capitel aus der
-Bibel lesen.«</p>
-
-<p>Fabia erbleichte. Sie sagte schneidend: »dies dürfte
-ihm heilsam seyn, wie Dir. So höre nun dies: Die Du
-in Wollust lebest und so sicher sitzest, und sprichst in
-Deinem Herzen: ich bin's, und Keine mehr. Ich
-werde keine Wittwe werden&nbsp;&ndash;« die Hand, welche
-Fabia auf diese Stelle legte, zitterte stark, und ihre
-Stimme wankte, als sie das Wort: »<em class="ge">Wittwe</em>« aussprach,
-als läge in diesem Verhältniß jene erschütternde
-Beseitigung, die dem Unglimpf freies Spiel erlaubt.</p>
-
-<p>Aber mit einem Lächeln unsterblichen Leichtsinns
-wies Therese den Vorwurf der biblischen Prophezeihung
-von sich ab. Sie kannte die Selbständigkeit
-der frommen Fabia und ließ sich nicht irren. Statt
-des unnützen Gezänks um eine bereits aufgegebene
-Sache, warf sie die Last dieser Scene über die Seite,
-und sprach: »genug des Aergers. Nochmals, ich verzeihe
-<a class="pagenum" id="page_009" title="9"> </a>
-Dir, was Du auch gegen mich denken mögest.
-Du thust mir leid: denn Du kannst nicht anders.«</p>
-
-<p>Dieser Ton der Ueberlegenheit eines Gemüths,
-welches die schroffe Fabia so tief unter sich glaubte,
-steigerte ihre Erbitterung aufs Aeußerste. Sie wollte
-sprechen &ndash; aber Therese wendete den Fuß, und prallte
-an einen jungen Mann, der unbemerkt von den streitenden
-Parteien eingetreten war, und nun als Schiedsrichter
-vor ihnen stand. &ndash; Es war Herr Prälat, der
-Administrator des Stiftes, dessen Schwägerinnen wir
-in den beiden Damen vorläufig kennen gelernt haben.
-Der Zufall hatte es seltsam gefügt, daß ein Mann,
-der so hieß, Vorsteher dieses weiland geistlichen Hauses
-würde; allein ein Blick auf seine Persönlichkeit
-reichte hin, ihn selbst von dem Begriff seines Namens
-zu unterscheiden. Diese Gestalt, der eines Großwürdenträgers
-der Kirche durchaus nicht ähnlich, ragte
-über das gewöhnliche Maß hinaus, und schien von
-innerer Thätigkeit zu sehr angeregt, um völlig zu seyn;
-das schmale etwas blasse Gesicht hatte mehr den Anschein
-einer kränklichen und deshalb enthaltsamen Constitution,
-als den eines klosterherrlichen Lebens in <i>bona
-pace</i>, und dieses gebietende Auge, obgleich getrübt &ndash;
-war voll Feuergeist einer andern Tiefe, als des kühlen
-dunkeln Lagers, wo die Sonnenkräfte alter Jahre
-verschlossen glühen.</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_010" title="10"> </a>
-Er schlang seinen Arm mit brüderlicher Traulichkeit
-um Theresens schlanken Leib, sie aufzuhalten, und
-sprach: »wohin so eilig? Was ist's? Du schweigst,
-Fabia? und Dein Auge verbirgt Thränen? ich will
-nicht fürchten, daß ein Zwist &ndash; stehe Du mir doch
-Rede, Therese!« Mit diesen dringenden Fragen flog
-der betroffene Blick des Administrators von einer
-Schwägerinn zur andern.</p>
-
-<p>Therese aber strebte fort. Als wünschte sie der
-weitern Verantwortung nun los und ledig zu seyn,
-entwand sie sich ihm und sprach flüchtig: »es war so
-wichtig nicht &ndash; lasse es Dir nur von Fabia erzählen.«
-Vielleicht war es eine kleine Rache, daß Therese im
-sichern Gefühl, für Wessen Sache der Schwager sich
-entscheiden würde, den Vortheil des Vortrags Jener
-überließ.</p>
-
-<p>»Nein, bleib!« forderte der Administrator: »so
-sprich doch, Fabia! ich will es wissen! werde ich es
-nicht erfahren?«</p>
-
-<p>Mit niedergeschlagenen Augen und gekränkter
-Stimme sprach Frau Fabia: »ich muß Dich ersuchen,
-mein Bruder, daß Du mich in Zukunft vor Beleidigungen
-schützest, die ich länger weder ertragen kann
-noch darf. Meine stille Weise will ich immerhin verspotten
-lassen; aber das Heiligste soll man mir nicht
-antasten. Das greift mich an die Seele.« Sie brach
-<a class="pagenum" id="page_011" title="11"> </a>
-in heißes Weinen aus, und Fabia weinte selten oder
-nie. Des Schwagers Auge traf Theresen. Diese
-aber hielt den zürnenden Blitz aus, der nicht zündete,
-zuckte vornehm mit den runden Achseln als beklage
-sie die Erbärmlichkeit der Anklage, hob den Blick zu
-den Wolken der Decke und sprach: »welch ein Aufheben
-um Nichts! ich will es Dir in Kürze sagen.
-Wir waren am Sonntag Abend bei Gottschalks drüben
-fröhlich, führten Sprichwörter, Charaden auf&nbsp;&ndash;«
-»Erlaube!« fiel hier Fabia ein, mit einem Tone, der
-nicht im Klange einer abhängigen Bitte an die Wortführerinn
-erging, »das ganze Gebiet üblicher Gemeinplätze
-reichte nicht aus für dieses muthwillige Treiben
-&ndash; denn Narrenspiel will Raum haben &ndash; man
-suchte ihn auf kirchlichem Boden. Die reiche Sprache
-mußte, schnöde genug, eine Benennung hergeben, um
-die geistig Armen lächerlich zu machen. Sie spielten:
-Wiedertäufer, und das heilige Sacrament ward an
-dem Töchterchen der Gerichtshalterinn verhöhnt.«</p>
-
-<p>»Ich sehe nichts Uebles dabei,« sagte der Administrator
-begütigend nach einer kleinen Pause, »jene
-rasende Rotte hat die Taufe auf eine frevle Art gemißbraucht.«</p>
-
-<p>»Ach!« sagte Therese lachend, »von irgend einem
-Frevel konnte ja überhaupt die Rede gar nicht seyn.
-Wir waren nur lustig, ich versichere Dich, lieber Cölestin,
-<a class="pagenum" id="page_012" title="12"> </a>
-und der alte Halderich brachte jenes Wort in
-Vorschlag. Bei den Sylben: Täufer, sah Gottschalk
-als Vierfürst so fürchterlich possirlich aus, daß wir
-Alle vor Lachen sterben zu müssen glaubten. Ich,
-die Tochter der Herodias, tanzte kosackisch vor ihm &ndash;
-der starke Punsch war mir ein wenig in den Kopf
-gestiegen. Dann costümirten wir uns schweizerisch,
-die Gerichtshalterinn brachte eine zinnerne Barbierflasche,
-ein Urerbstück &ndash; zur Taufkruke herbei, und
-an Helene trieb ihr Vater den Teufel der Widerspenstigkeit
-und des Muckerns aus, der die Kleine bisweilen
-plagen soll. &ndash; Wem, ich frage Dich, geschah
-nun hierbei ein Leides?«</p>
-
-<p>»Fabia!« sprach ihr Schwager sanften, tiefen Tones;
-er hätte die höchste Vernunft, den Gott des
-Friedens selbst mit keiner andern Stimme anrufen
-können. Doch Fabia antwortete mit erzwungener
-Ruhe: »höre nur weiter! es kommt noch besser.«</p>
-
-<p>»Ja,« rief Therese leidenschaftlich, »höre nur weiter!
-es kommt noch <em class="ge">schlimmer</em>. Es ward immer
-hübscher, bei Gottschalks nämlich. Wir kamen mehr
-und mehr in den Zug, und endlich auf den Einfall, Dir
-zu Deinem Geburtstage künftigen Monat, ein kleines
-Schauspiel zu veranstalten. Dieser Plan, einstimmig
-aufgenommen, machte uns unsägliches Vergnügen in
-der Idee. Doch Fabia, als Schlüsseldame des Hauses,
-<a class="pagenum" id="page_013" title="13"> </a>
-verweigerte uns zur Ausführung das Local und
-ihre Theilnahme. Wir wünschten das grüne Bogenzimmer
-für diesen Zweck, und baten, daß sie eine
-kleine alte anspruchslose Rolle übernähme.«</p>
-
-<p>Ein Schatten jugendlicher Prätension veränderte
-hier die Züge der ernsten Fabia, welche kalt und
-schweigend wie eine Büste zuvor gewesen. Sie warf
-einen Blick unaussprechlicher Verachtung auf ihre
-Schwägerinn und sprach: »freilich, mit einer Inamorata
-warst Du so gütig, mich zu verschonen &ndash; die
-spielst Du selbst.«</p>
-
-<p>Therese hielt es vermuthlich nicht für nöthig, darauf
-zu antworten. Sie wendete sich zu dem Schwager,
-und sagte wie zum Schluß: »Du weißt nun,
-worüber wir in Streit geriethen &ndash; <em class="ge">mir</em> war er abgemacht.«</p>
-
-<p>»Und warum warst Du dagegen?« fragte der Administrator
-beklommen die Unversöhnte, und abermals
-nach einer kleinen peinlichen Pause.</p>
-
-<p>»Es läuft wider meine Grundsätze,« erwiederte
-Fabia finster, und trocknete die Thränen, welche in
-einzelnen Tropfen, wie nachfallend einem schweren
-Wetter, über ihr Gesicht flossen.</p>
-
-<p>»O, gute Fabia! Deine Grundsätze sind sehr streng!«
-sagte Herr Prälat mit bitterm Lächeln, »wenn wir
-solch einen Maßstab an die kleinen Freuden des Lebens
-<a class="pagenum" id="page_014" title="14"> </a>
-legen wollen, so wird der arme Mensch zu kurz
-kommen. Ich sehe nichts Verwerfliches in der ganzen
-Sache, wohl aber ein gestörtes Vergnügen, für
-dessen Absicht ich dankbar seyn muß. Der Geschmack
-am Schauspiel ist ziemlich so alt wie die Welt, und
-der Trieb, sich anders zu zeigen, wie er ist, dem Menschen
-angeboren.«</p>
-
-<p>»Leider!« sprach Fabia, »deshalb ist es nothwendig,
-daß man ihn bekämpfe. Wir sollen wahrhaft
-seyn in Wort und That.«</p>
-
-<p>»Dies dürfte doch tiefer gemeint seyn, liebe Schwägerinn&nbsp;&ndash;«
-versetzte der Administrator etwas leise, wie
-wenn er die Wirkung dieses Widerspruchs mildern
-wolle, »als was man unter der Mummerei einer kleinen
-Posse, ja selbst unter dem Versuch begreift, die
-Geheimnisse der Schmerzen, die Blöße der Leidenschaften
-und der Wunden, die das Schicksal schlägt,
-in dem Gewande dramatischer Poesie darzustellen. Der
-wahre Gott hüllt sich in die Natur, und wir erkennen
-ihn im Innersten unseres Gemüths.«</p>
-
-<p>»Ja,« fügte Therese mit einem leichten Uebermuthe
-hinzu, der wie Champagnerkork auf dem Oberwasser
-schwamm, welches sie durch den Beistand ihres Schwagers
-gewonnen, »Jesus Christus selbst, ich wette!
-würde nichts Arges an unserm Scherz gefunden haben;
-die Scheinheiligkeit nur war ihm verhaßt.«
-<a class="pagenum" id="page_015" title="15"> </a>
-»Und ich erkenne nun,« sagte Fabia, während sie mit
-bebenden Fingern eine Immortelle zerpflückte, »daß
-es an der Zeit für mich sey, ein Haus zu verlassen,
-dessen Freuden ich verkürzte, und dem ich nur in seinen
-Vergnügungen störend bin. Ich tauge zu weiter
-nichts, als einen einfältigen Kuchen mit Bedacht zu
-backen, wie Therese mir vorwarf, und ein Capitel
-aus der Bibel zu lesen, deren Sinn ich nicht einmal
-verstehe, wie mir so eben bewiesen worden. Ein armseliges
-Talent, das meine, gegen die Vorzüge Anderer!
-&ndash; So will ich denn gehen. Es wird doch irgendwo
-ein stilles Plätzchen für mich geben, wo man mit
-Arbeit und Gebet Ruhe finden kann für seine Seele.«</p>
-
-<p>»Gott des Lebens!« rief der Administrator außer
-Fassung, »muß es dahin kommen? Wer ist's, der unter
-diesem Zwiespalt leidet, als ich? Fabia! hättest Du
-Dich jemals über mich beklagen können? &ndash; ich achte
-jede Individualität, und ehre die Deinige nach Verdienst.
-Therese! biete die Hand zuerst, Dir kommt
-es zu, Du bist die Jüngere.« »Ich habe es gethan,«
-sagte Therese etwas eingeschüchtert von diesem Ausgange,
-»ich kam mit gutem Herzen hierher; der Himmel
-und Josephine ist mein Zeuge!«</p>
-
-<p>Der Administrator schien dieser identischen Berufung
-Glauben zu schenken. Er sprach: »Du hast
-Fabia gewiß nicht kränken wollen. Auf die Comödie
-<a class="pagenum" id="page_016" title="16"> </a>
-verzichte ich gern; aber liebe Schwestern, laßt das
-Band der Eintracht mein Angebinde seyn, so werde
-ich mich heute schon wie neugeboren fühlen.« »Es
-würde doch nur ein kleines Schauspiel werden,« antwortete
-Fabia mit entschlossnem Lächeln, »und Du
-weißt, mein Bruder, ich bin ungefügig dazu.«</p>
-
-<p>»Gehe, Therese!« sagte Herr Prälat, und es schien,
-als ob nur größere Zutraulichkeit zu dieser Schwägerinn
-sie verweise, »lasse mich mit Fabia allein.«
-Therese ging. Alsbald faßte der junge Mann die
-runden Arme Fabiens so fest, daß sie an diesem Drucke
-die innere Bewegung empfand, in der er sprach.
-»Fabia! das konntest Du mir thun? muß ich Dich
-an Deine zärtliche Sorge für mich erinnern?&ndash; Sieh!
-wolltest Du mich verlassen, ich könnte Dich nicht halten;
-genug, daß ich mich an das Bewußtseyn hielte,
-ich hätte es nicht um Dich verdient.« Fabia war ergriffen,
-dennoch sagte sie: »Du behältst ja Theresen&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<p>»Ja,« antwortete ihr Schwager, »und ich werde,
-was auch geschehe, mein Wort nicht brechen, welches
-ich dem Bruder gegeben.«</p>
-
-<p>Die Entschiedenheit eines Mannes verfehlt nie
-ihrer Wirkung auf die Frau, selbst wenn sie verschroben,
-oder in minderem Grade weiblich wäre. Die
-Erklärung des Schwagers hatte das Eis von Fabiens
-<a class="pagenum" id="page_017" title="17"> </a>
-starrem Sinne gebrochen. Sie zerschmolz in Thränen,
-und sprach: »muß es mich nicht schmerzen, daß
-Du ihr alles gut heißest, selbst das, was mich empört?
-vergeht wohl ein Tag, ohne daß ich über sie
-seufzen müßte? kommt je ein gottesfürchtiger Gedanke
-in ihre Seele? kannst Du mir den geringsten reellen
-Nutzen nennen, den ihr Daseyn hier hat?«</p>
-
-<p>»Sie giebt Dir Gelegenheit,« antwortete Herr
-Prälat wie mit düsterm Spotte auf die vorwurfsvollen
-Fragen seiner Schwägerinn, »Dich in einer der
-schönsten christlichen Tugenden zu üben: der Duldung.
-Gönne ihr die Luft dieses abgeschiedenen Aufenthaltes;
-betrachte sie wie eine Blume, die für kurze Zeit
-zwischen diese Mauern verpflanzt ist, und von der
-man nichts verlangt, als daß sie ihre Stelle einnimmt.«</p>
-
-<p>»Man wird keine Trauben lesen von den Dornen&nbsp;&ndash;«
-entgegnete Fabia tiefathmend. »O! diese
-Blume ist giftig&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<p>»Nein, gute Fabia! höchstens nur ein wenig betäubend&nbsp;&ndash;«
-sprach der Administrator und lächelte
-zerstreut. »Sey doch nur billig!« fuhr er in ernsterem
-Tone fort, »und überlege, wie verschieden von
-Dir, Therese ihrem Naturell, ihrer früheren Lebensweise
-nach, denken muß, und ungerecht wäre es von
-Dir, wenn Du deshalb mit ihr rechten wolltest. Im
-<a class="pagenum" id="page_018" title="18"> </a>
-Geräusch der Welt erzogen, entbehrt sie hier alle Freuden,
-an welche ihre Jugend gewöhnt war. Sie ist
-nicht geeignet, sich an irgend eine Pflicht zu binden,
-und unter so precairen Umständen erst gar nicht.
-Dies hat der Himmel wohl gewußt, und so ist ihre
-Ehe seltsam genug ohne Zusammenhang dieses Verhältnisses.
-&ndash; Ihren kleinen Speculationen stehet landwirthschaftliche
-Industrie entgegen; vor den Maschinen,
-die den öden Raum von Sanct Capella füllen,
-kommen die Neigungen einer jungen lebendigen Frau
-nicht an das Brett &ndash; und wollte Therese auf Eroberungen
-ausgehen: so sähe sie sich von einem invaliden
-Kreise umschlossen, der in der schläfrigen
-Ruhe des Klosters von seinen Siegen träumt.«</p>
-
-<p>Fabia antwortete: »o! Therese besiegt auch wachsame
-Leute &ndash; und übt ihre coquetten Künste vor
-sehenden Augen.«</p>
-
-<p>Ein wundes Lächeln zuckte über das Angesicht
-Dessen, welcher der Gegenstand jener feindseligen Bemerkung
-war. Er seufzte, legte wie unbewußt die
-Hand auf seine linke Seite, als fühle er dort Schmerz,
-und sprach: »Fabia! laß uns dies Gespräch enden;
-doch vernimm zuvor meine Bitte: mache Theresen
-Deine Frömmigkeit liebenswürdig! versuche es einmal
-mit freundlicher Güte. Ist nicht Friede mit sich und
-Andern die weiche Blüthe der Religiosität? &ndash; Denkst
-<a class="pagenum" id="page_019" title="19"> </a>
-Du nicht, daß es mich betrübe, wenn Jemand gezwungen
-wäre, Deinen Werth zu verkennen und Deinen
-Glauben dazu, dessen Früchte für ihn zeugen
-sollen? flöße Theresen, diesem Kinde an Vernunft &ndash;
-sanftmüthigen Geistes, die Milch einer besseren Liebe
-ein, als welche vielleicht die Nahrung ihrer eitlen
-Wünsche gewesen, und stärke sie für das Leben der
-Seele. Dann stärkst Du auch mich &ndash; und wahrlich,
-Fabia! ich bedarf es. Als ich krank war &ndash; diese
-Zeit, deren ich mich nicht gern erinnern mag, weil
-mich mein Befinden noch täglich daran mahnt &ndash;
-hat mich Dir auf ewig verpflichtet. Du lauschtest,
-mir alles an den Augen abzusehen, was mich laben
-könnte &ndash; willst Du, da ich kaum &ndash; kaum genesen
-bin, härter gegen mich seyn? erquicke mich durch
-Eure Verträglichkeit! ich wollte sonst, ich läge im
-Grabe.«</p>
-
-<p>Diese Worte, in überwallendem Unmuth gesprochen,
-waren von zureichendem Einfluß. Fabia reichte
-dem brüderlichen Schutzherrn die Hand, und sah ihn
-mit bangen Mienen an. Sie sagte besänftiget: »mißkenne
-auch Du mich nicht, mein lieber Bruder. Es
-ist wohl schwer, in nächster Gemeinschaft auszukommen
-mit Dem, der das grade Gegentheil von uns
-ist, wie Therese von mir. Was hilft ihr sogenanntes
-gutes Herz? es ist nur Temperament. Sie denkt an
-<a class="pagenum" id="page_020" title="20"> </a>
-nichts Ernstes und Edles; ihre Zeit, dies Capital,
-was uns der Herr der Ewigkeit geliehen, wird in
-Tand verschwendet. Sie wuchert nur mit ihren
-Reizen. Am häuslichen Heerde brennen ihr die Sohlen.
-Sie fängt &ndash; was ich nun vor den Tod nicht
-leiden kann &ndash; hundert Arbeiten an, ohne eine zu
-vollenden. Der Fleiß erscheint ihr wie eine Frohne,
-gegen die sie einen Freibrief zu haben meint. Alle
-Ordnung ist ihr lächerliche Pedanterie &ndash; jüngst hat
-in einer kostbaren Wollestickerei, die sie in den Winkel
-geworfen, die Katze Junge gehabt.« Den Administrator
-wandelte das Lachen an, aber sein Blick grollte
-in Wehmuth, die den Komus dieser Anschuldigung
-entkräftete. Er hatte, während ihm Fabia Theresens
-Fehler aufzählte, ein paarmal schwer geseufzt, über
-die Unart der Frauen, nachdem ein vernünftiger
-Mann sie überzeugt zu haben glaubt, ihre Beschwerde
-immer wieder zu erneuen. Diese Verdammniß manch
-häuslicher Hölle ist gleich der Strafe des Sisyphus.&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>»Und was mir am meisten Kummer verursacht,«
-fuhr Fabia fort: »ist, daß ihr Beispiel endlich dem
-Kinde, der Josephine, nachtheilig werde, um so mehr,
-da es ihr nicht an verführerischen Gaben fehlt. Josephine
-spricht ihr, wie wenig sie redet, beständig das
-Wort; das ist schon ein übles Zeichen.«</p>
-
-<p>»O Fabia!« sagte ihr Schwager mit innigem
-<a class="pagenum" id="page_021" title="21"> </a>
-Tone: »es ist das Zeichen eines heiligen Gemüths,
-in dessen Reinheit alle Flecken des Nächsten verschwinden,
-einer himmlischen Demuth, die nur an die eigene
-Fehle denkt. Die Unschuld beschützt sich selbst. Und
-sollte ja durch den nahen Umgang Theresens eine
-schädliche Einwirkung auf Josephine zu befürchten
-seyn: so wird Deine <em class="ge">Strenge</em>« &ndash; Herr Prälat betonte,
-was er sagte, und es lag ein leiser Vorwurf in
-seiner Accentuation&nbsp;&ndash;: »dieser möglichen Gefahr schon
-zu begegnen wissen.«</p>
-
-<p>Fabia erwiederte hierauf: »man kann nicht strenge
-genug seyn in Sachen des Gewissens, und das Bewahren
-dieses Mädchens ist eine Gewissenssache
-für mich.«</p>
-
-<p>Der Administrator wollte sprechen, da kam ein
-Bote, der ihn abrief. Er zögerte zu gehen. Noch
-einmal faßte er ihre Hand, sah ihr freundlich ins Gesicht
-und sprach: »Du bist also wieder gut? wir scheiden
-als Freunde, oder vielmehr wir scheiden nun
-nicht? Und Therese?«</p>
-
-<p>Fabia lächelte. »Ich werde sie versöhnen&nbsp;&ndash;«
-sagte sie versichernd. Da zog er ihre Hand an seine
-Brust, drückte mit heißen Lippen einen Kuß darauf,
-und enteilte auf den Ruf seiner Pflicht.</p>
-
-<p>»Wie stark sein Herz klopfte!« sagte Fabia leise
-und ängstlich zu sich selbst, und diese Besorgniß galt
-<a class="pagenum" id="page_022" title="22"> </a>
-mehr der fieberhaften Wallung des erhitzten Blutes,
-als der nervösen Störung, welche diesen Umlauf beschleunigte.
-Fabia hatte den zartesten Sinn für den
-krankhaften Zustand ihres Schwagers, und zugleich
-eine stumpfe Härte in Betreff alles dessen, was seiner
-Seele wohl thun könnte. Das kleinste körperliche
-Uebel regte ihre wohlwollenden Kräfte ihm abzuhelfen
-auf, während sie in kalter Gleichgültigkeit verharrte,
-wo sein Inneres litt, wenn es auch in ihrer Macht
-gestanden hätte, dieses tiefere Weh zu lindern. Sie
-erschöpfte sich in dienstlicher Beflissenheit, indeß es
-ihr ein Leichtes gewesen wäre, die bittere Quelle zu
-verstopfen. &ndash; In diesem Widerspruch lag all der
-Egoismus, durch welchen Frauen solcher Art die Wirkung
-einer pietistischen Moral verkümmern, wogegen
-die Liebe in ihren Fehlern sogar &ndash; heilbringend wird.</p>
-
-<p>Es klopfte sacht an die Thüre, und als Frau
-Fabia: »herein!« gesagt, erschien eine ehrwürdige Gestalt,
-die einzige noch übrig gebliebene Nonne von
-der Gesammtschaft des aufgelös'ten Ordens, welche die
-Vergünstigung nachgesucht und empfangen hatte, in
-Sanct Capella den Rest ihrer Tage beschließen zu
-dürfen. Das fromme Stillleben der Nonne hatte sich
-wenig geändert, seit jener Catastrophe, welches die
-Verfassung des reich fundirten Klosters stürzte, und
-in dem Muth, womit sie als eine einsame Ruine unter
-<a class="pagenum" id="page_023" title="23"> </a>
-den geweihten Trümmern ihrer Welt begraben zu
-werden wünschte, bewährte sich eine wahrhaft hohe
-Seele. Schwester Veronica verzehrte hier ihre Pension,
-in wunderlicher Zusammenstellung mit einer Anzahl
-Offiziere, die eben so die Mittel zu ihrer Subsistenz
-in einem Gnadengehalt aus der Staatscasse
-erhielten. Der Administrator, ein guter Cameralist,
-hatte die glückliche Idee gehabt, einen Theil dieser
-Zuflüsse in die Einkünfte des Stiftes zu leiten, worin
-die kleineren Wohnzimmer und größeren Säle des
-weitläuftigen Gebäudes für solch einen Zweck zu benutzen
-wären, und seit Herr Prälat mit Genehmigung
-der Behörde dies in öffentlichen Vorschlag gebracht,
-hatten sich zwölf ausgediente Krieger gefunden, welche
-alle unter einander bekannt, dies Anerbieten mit Freuden
-ergriffen, und den politischen Streit weltlicher
-Interessen gegen die friedliche Geselligkeit eines Invalidenhauses
-aufgaben, das ihnen kaum reizender
-gelegen seyn konnte. So mischte sich denn das Geräusch
-manch welken Lorbeers mit den stillen Schatten
-der klösterlichen Palme von Sanct Capella. &ndash;
-Dieser militairische Club bestand nun neben dem Familienleben
-des Administrators, neben der Clausur der
-geistlichen Jungfrau, ohne daß diese verschiedenartigen
-Verhältnisse durchaus umgänglich geworden wären.
-Zwar hatte der junge Prälat unter den alten Offizieren
-<a class="pagenum" id="page_024" title="24"> </a>
-Einige, die seine Achtung von den Uebrigen
-sonderte, auch einen Freund&nbsp;&ndash;; aber diese Auszeichnung
-that weder dem guten Vernehmen mit Allen,
-noch der Zurückhaltung Eintrag, die er im Ganzen
-beobachtete. Auch war sein Wirkungskreis sehr groß
-und forderte all seine Zeit, und für die wenigen Stunden
-der Muße, welche ihm vergönnt waren, sprach
-das Bedürfniß mächtig in ihm an, sich wissenschaftlich
-zu beschäftigen. Und mitten unter diesem invaliden
-Ruhestande, der doch zuweilen, alter Gewohnheit
-nach, ein lärmender Aufstand wurde, wenn auch der
-renommirende Säbel in friedsamer Scheide stack &ndash;
-mitten unter der rastlosen Geschäftslosigkeit des Administrators
-und seiner Leute &ndash; war die Wohnung
-der Schwester Veronica, gleich einer Einsiedelei zu
-betrachten, worin sie, wie die Schutzheilige des Hauses,
-Segen durch ihre fromme, lautlose Gegenwart verbreitete.
-Sie hatte sich den Schwägerinnen des Herrn
-Prälaten herzlich befreundet, wie dem Stiftsverweser
-selbst, Josephine war ihr Liebling &ndash; dennoch geschah
-es nur selten, daß ihr Besuch in dem Flügel gesehen
-wurde, den der Administrator mit den Seinen bewohnte.
-Doch so oft Jemand in dieser Familie krank
-war, ob am Leibe, oder an der Seele &ndash; und es war,
-als ob die Nonne es durch Inspiration erführe, wo
-ihr Rath, ihr Trost nöthig sey &ndash; kam sie ungerufen,
-<a class="pagenum" id="page_025" title="25"> </a>
-und man war daran gewöhnt, das milde Gefühl der
-Theilnahme an ihr Erscheinen zu knüpfen. Dazu trug
-selbst ihr <em class="ge">Aeußeres</em> bei. Schwester Veronica hatte
-mit Ergebung die ihr liebgewordene Tracht der Ordensregel
-aufgegeben; aber ihr einfacher Anzug näherte
-sich derselben so sehr als möglich. Ein Schleier der
-Weltentsagung wallte unsichtbar nieder an dieser Gestalt,
-welche, trotz der Bürde von siebenzig Jahren und
-mancher beugenden Erfahrung, sich vollkommen aufrecht
-erhalten hatte. Ihre Stimme tönte rein und
-sanft, wie in leisen Nachklängen der Hora &ndash; und in
-dem Tiefblick ihrer Augen glomm noch ein schwacher
-schwärmerischer Funken jener ewigen Lampe, womit sie
-einst in nächtlicher Stunde dem himmlischen Bräutigam
-entgegen gegangen war. Lichtvolle Klarheit war
-über die Züge der Nonne ausgegossen, wie wenn blasser
-Mondschein einen stillen Abend erhellt. Und wie die
-Zeit dieses langen Lebens in gleichförmiger Ruhe vergangen
-war: so hatte sie auch nur unmerkliche Spuren
-nachgelassen. Zwei Reihen wohlerhaltener Zähne
-stützten wie eine elfenbeinerne Doppelmauer den Mund,
-dem nie ein liebloses Wort entschlüpfte, und der noch
-eines heitern Lächelns fähig war, gegen den Einfall
-des Alters. Wenn Schwester Veronica mit sachtgewöhntem
-Fuß durch die wüsten Gänge schlich, und ein
-bestiefelter Schritt ihr dröhnend begegnete: dann salutirte
-<a class="pagenum" id="page_026" title="26"> </a>
-der Offizier in kirchlicher Ehrerbietung, und
-wechselte gewiß ein paar Worte, welche die Nonne
-immer freundselig, ja oftmals scherzend erwiederte.</p>
-
-<p>Wir wenden uns nun wieder zu dem Eintritt
-der Nonne. »Guten Morgen, Frau Fabia!« sagte die
-Conventualinn, und es bleibt zu errathen, ob sie die
-trauliche Benennung des Vornamens in klösterlicher
-Sitte beibehalten, oder als Vorrecht der Freundschaft
-für die beiden jüngeren Frauen angenommen hatte. &ndash;
-Ueber Fabiens verdüsterte Züge flog ein bewillkommendes
-Lächeln. Sie nahm den guten Geist mit Freuden
-auf; nur der Blick, der noch naß glänzte, ward dem
-Gruße vorenthalten, daß Schwester Veronica die thränengeschwollenen
-Augen nicht sähe.</p>
-
-<p>»Ein goldener Tag!« sagte die Nonne, und ihre
-feine Wange brannte wie glimmende Kohlen, »die
-Sonne scheint so schön und blaß wie eine Braut.
-Man fühlt sein Herz ordentlich erwärmt. Doch &ndash;
-sehe ich recht? warum denn so betrübt, Frau Fabia?
-ich will nicht fürchten, daß ein Unglück&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;.«</p>
-
-<p>Bei diesen antheilvollen Worten schüttelte Fabia
-leise mit dem Kopfe. Sie antwortete mit wehmuthzitternden
-Lippen: »es giebt zuweilen etwas; kein
-Himmel ist so hell, daß er nicht einmal weinte &ndash;
-und den Himmel auf Erden &ndash; glauben Sie es mir,
-Schwester Veronica! den habe ich grade nicht.«</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_027" title="27"> </a>
-»Wer hätte den!« erwiederte die Nonne mit aufwärts
-gehobenem Blicke, der in die Tiefe menschlicher
-Erfahrungen schauen ließ. »Wir können nur darnach
-ringen. Und diese Kraft kommt auch von Gott.
-Thränen fallen wie Thau in der Nacht: sie erfrischen.
-Der Kummer, auch der längste, gehet endlich vorüber &ndash;
-Ich kenne nur ein Elend, welches bis in Ewigkeit dauert,
-und das ist der Unfriede.«</p>
-
-<p>Fabia nickte; erschauernd wie im Frösteln eines verweinten
-Gefühls und dieser Vorstellung sprach sie:
-»warum sollte ich es Ihnen nicht sagen? ich hatte
-mich mit Theresen verzürnt, der Bruder ward in
-den Streit gezogen, er war wie gewöhnlich auf
-ihrer Seite. Das kränkte mich. Wer ist's, der für
-ihn sorgt? ihn pflegt und sein Bestes wahrnimmt? &ndash;
-Therese nimmt keine Notiz von diesen Pflichten einer
-rechtschaffenen Schwägerinn und ihn nur durch flatterhaften
-Leichtsinn für sich ein. Ich wollte fort &ndash;
-man säet ja doch nur auf den Wind.«</p>
-
-<p>»Der Dank, Frau Fabia,« entgegnete die Nonne,
-»ist eine Ernte, die man unbewußt ausstreut, ein
-Lohn, auf den man nie rechnen darf, eine überraschende
-Freude, wie eine Blume auf dem Felsen: denn sie
-wurzelt nur in starken Herzen. Der wackere Administrator
-scheint mir jedoch sehr wohl zu erkennen,
-was er an Ihnen hat, wenn er sich auch der jungen
-<a class="pagenum" id="page_028" title="28"> </a>
-Frau seines Bruders gleichfalls zuneigt. Bin ich doch
-selbst der lieben Therese herzlich gut. Ach! ich betrachte
-sie nie ohne Mitleid.«</p>
-
-<p>»<em class="ge">Mitleid?</em>« fragte Frau Fabia mehr mit einem
-Anfluge von Kälte, als der Verwunderung: »und worin
-wäre Therese zu bedauern?«</p>
-
-<p>»Solch glücklichem Leichtsinn,« versetzte die Nonne
-mit weicher Stimme, »ist häufig ein schweres Schicksal
-zu tragen beschieden. Sie thut mir leid, die
-holde, hübsche Frau! es ist keine böse Ader in ihr,
-wenn auch die Pulse hüpfen.«</p>
-
-<p>Fabia schwieg, und Schwester Veronica, als ob
-sie mit sich selbst redete, fuhr fort: »es ist seltsam,
-Jeder wünscht sich etwas Anderes, als was er besitzt,
-tadelt nebenher fremde Eigenthümlichkeit: und wir
-Alle haben, was wir brauchen. Ausgerüstet für unsere
-Bestimmung, treten wir in den Kampf der Welt, und
-an dem Keime unserer Neigungen und wie sich diese
-entwickeln: daran wäre die Frucht unseres Lebens, ach,
-die bittere oft! zu erkennen, wenn wir fleißiger nach
-Innen blickten. Die beschauliche Stille des Klosters
-führt auf solche Betrachtungen.«</p>
-
-<p>»Der Klosterzwang hatte auch sein Gutes,« sagte
-Fabia mit einem Seufzer über die Willkür, unter
-der sie zu leiden wähnte, »und was man immer davon
-sagen mag, bis auf einen gewissen Punkt hält er
-<a class="pagenum" id="page_029" title="29"> </a>
-doch zusammen. Wo aber die Meinungen so durchaus
-verschieden sind in Sachen der Seele und Seligkeit,
-auf der Höhe der wahre Gott angebetet wird,
-unten aber dem Baal geopfert&nbsp;&ndash;« Fabia stockte und
-sprach nicht vollends aus.</p>
-
-<p><em class="ge">Wie</em> lächelte die Nonne bei dieser Rede! Sie antwortete
-mit verhaltenem Tone: »unser Kloster ist nicht
-mehr &ndash; sein Altar steht nur noch in meinem Herzen;
-dennoch Frau Fabia, wenn ich der Wahrheit die Ehre
-geben will: so muß ich bekennen, der Friede ward
-hier nicht gefunden, sondern nur gesucht, und höchstens
-<em class="ge">gelernt</em>. Wir Alle müssen Geduld mit einander haben.
-Und wie von den tausendmal tausend Ehen, die
-auf Erden geschlossen werden, jedes Mägdlein sich den
-Verlobten aus eigener Liebe oder besondern Gründen
-nimmt: so ist auch der Herr jedweder Seele, die
-sich ihm weihet, ein Anderer. Der Schleier hüllt
-nicht immer das Heil derselben ein &ndash; viel öfterer ein
-Herz voll Wunden &ndash; und die einsame Zelle verbirgt
-zuweilen einen Stachel, der sich selbst zu Tode trifft.
-Wenn die Menschen große Prüfungen herbei ziehen
-wollen: so dürfen sie nur Zank und Zwistigkeit über
-ein Geringes erheben. Manchmal dachte ich: es muß
-ein Unglück kommen, und es kam. Da fühlten wir
-das Band unserer Verbindung, und der Riß ging
-durch das Leben.«</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_030" title="30"> </a>
-Während Schwester Veronica also sprach, hatte
-Frau Fabia sich mit der nun fertigen Guirlande, die
-sie wie ein Feston schwebend trug, dem Bilde Martin
-Luthers genähert, um diesen Schmuck daran zu befestigen.
-Das Blumengewinde, von seiner eigenen
-Wucht niedergezogen, glitt abwärts, ehe Fabia es dem
-Rahmen anpassen konnte, und die Nonne daneben
-leistete ihr mit freundlicher Toleranz Beistand, den
-Mönch von Wittenberg zu bekränzen. Diese Huldigung
-ward von Seiten Fabiens emsig, doch schweigend
-dargebracht. Auch Schwester Veronica verstummte,
-und richtete den Blick starr auf das Portrait, welches
-einer andern Erinnerung aufhalf, als der, die sie großmüthig
-zu vergessen schien.</p>
-
-<p>»Warum ich eigentlich gekommen bin&nbsp;&ndash;« sagte
-sie mit einem gastlichen Geheimniß in der Miene:
-»man geräth ins Plaudern und ein altes Gedächtniß
-wird schwach. Sie haben mir versprochen, mich zu
-besuchen, Frau Fabia, mit Josephine &ndash; und Theresen!
-So lade ich Sie hiermit ein, auf eine Schale
-Thee, um fünf Uhr, wenn Sie so gütig seyn wollen.
-Ich bin am Feuer gewesen, Sie sehen es mir noch an.
-Meine lieben Gäste, auf die ich hoffe, zu bewirthen,
-habe ich Olyppen gerollt und mürbe Schneetörtchen
-ausgesetzt, mit Kirschmuß gefüllt, weil ich weiß, Sie
-mögen dies Gebäck gern.«</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_031" title="31"> </a>
-»Kirschmuß?« fragte Fabia zerstreut doch dankbar,
-und der schwarze Groll in ihrem Herzen war unterdessen
-in Süßigkeit zergangen. Der Gedanke rührte
-sie, die Nonne wolle ihr, ob auch verschwiegenermaßen,
-doch nach echtcatholischer Weise, den Namenstag
-des Reformators feiern &ndash; eine Selbstverleugnung,
-der die lutherische Fabia schwerlich fähig gewesen
-wäre. Sie antwortete demnach: »Ihre Güte beschämt
-mich, Schwester Veronica; ich nehme, was
-mich betrifft, die Einladung mit Vergnügen an, doch
-würde ich auch zu jeder andern Zeit&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;.«</p>
-
-<p>»Nein,« erwiederte die Nonne sanft beharrend:
-»warum also nicht heute? Sanct Martin will auch
-sein Recht haben. Es hat große Männer dieses Namens
-gegeben. Papst Martin der Fünfte ritt ein
-weißes Roß &ndash; daher vielleicht das volksthümliche
-Sprüchwort: Sanct Martin kommt auf dem Schimmel;
-was so viel sagen will, als: daß oftmals zu
-Martin der erste Schnee fällt. Von meiner Kindheit
-her war dieser Tag mir immer eine kleine winterliche
-Vorfeier des heiligen Abends; ich jauchzte,
-wenn die ersten Flocken die stille Luft einschleierten;
-dann ward es mir so traut und heimlich düster im
-Zimmer, ich schmiegte mich in meinen Winkel, spielte
-Kloster und betete das Christkind an, vor dem
-ein Paar kleine Lichter brannten. Die Mutter
-<a class="pagenum" id="page_032" title="32"> </a>
-schenkte mir deshalb stets den angemalten Wachsstock
-voraus.«</p>
-
-<p>Bei dieser Rückerinnerung lächelte die alte Nonne
-fast kindlich. Sie glich in diesem Augenblicke einem
-Wachsbilde.</p>
-
-<p>Frau Fabia aber fragte nachdenklich: »war jener
-Papst, dessen sie erwähnen, mit dem heiligen Martin,
-den Ihre Kirche verehrt, Eine Person?«</p>
-
-<p>Schwester Veronica verneinte es und sprach: »der
-sogenannte heilige Martin war ein Muster aller Tugend,
-ob zwar ein geborner Heide. Er schenkte einst
-einem Armen, der ihm in erbarmungswürdiger Blöße
-unter den Thoren von Amiens begegnete, die Hälfte
-seines eigenen dürftigen Kleides. In der folgenden
-Nacht erschien ihm der Heiland, und der göttliche Leib
-war bedeckt mit diesem halben Gewande. Doch dieses
-dünne düstere Grau hing in den schönsten Farben zusammen
-geflossen über der Schulter des Gekreuzigten,
-wie ein Regenbogen am Himmel; Glanz erfüllte das
-Gemach&nbsp;&ndash;« die Augen der Nonne schimmerten.</p>
-
-<p>»Der mildthätige Mann,« entgegnete Frau Fabia,
-»wird an die Worte der Verheißung gedacht haben:
-was dem Geringsten meiner Brüder geschieht, soll
-mir gethan seyn.«</p>
-
-<p>»Noch war er nicht getauft; aber es geschah alsbald,«
-antwortete die Conventualinn, welche ihren
-<a class="pagenum" id="page_033" title="33"> </a>
-frommen Wunderglauben durch diese biblische Erklärung
-angegriffen sah. Der Gedanke an den Unterschied ihrer
-religiösen Meinungen drängte sich in die Lücke
-des Gesprächs, dann fügte Schwester Veronica hinzu:
-»auch Martin von Amboise war ein berühmter
-Mann&nbsp;&ndash;.«</p>
-
-<p>Frau Fabia erstaunte nicht wenig, diesen Namen, der
-in den tiefsten Saiten ihres Herzens Anklang fand,
-aus diesem Munde zu hören.</p>
-
-<p>Die Nonne war im Begriff zu gehen, vielleicht
-fürchtete sie auch nur abzuhalten. Personen, welche die
-meiste Zeit haben, machen in der Regel die kürzesten
-Besuche und sind überall eilfertig. »Um fünf Uhr,
-Frau Fabia, ich bitte!« sagte sie, bereits an der
-Schwelle, »und Therese?«</p>
-
-<p>Mit dieser Frage schien sich heute jede Unterredung
-für Fabia zu schließen. Sie sprach: »ich werde
-ihr die Einladung mittheilen und meinen Wunsch,
-daß wir als gute Freunde zu Ihnen kommen.«</p>
-
-<p>Schwester Veronica lächelte friedselig zu diesem Versprechen.
-Sie nickte noch einmal und verschwand.</p>
-
-<p>Während dieser Unterhaltung war der Administrator,
-sobald das Geschäft welches seine Gegenwart erfordert
-fordert hatte, beseitiget worden, mit starken Schritten
-allein in seinem Zimmer auf und nieder gegangen.
-Da trat Major Feldmeister bei ihm ein, Einer der
-<a class="pagenum" id="page_034" title="34"> </a>
-pensionirten Offiziere, ein Hausgenosse des Stiftsverwesers,
-und diesem der liebste. Nicht der Krieg hatte
-den wackern Ingenieur zum Invaliden gemacht, oder
-die höhern Jahre, in denen er stand; er war bei einer
-Uebung der Artillerie gelähmt worden.</p>
-
-<p>»<i>Bon jour</i>, Freundchen! störe ich?« rief der alte
-Feldmeister, indem er sich langsam durch die Thür
-schob; dicht neben ihm drängte sich sein großer Pudel
-von infernalischer Schwärze, heran: gleichsam der
-Dritte in diesem Bunde.</p>
-
-<p>Der Administrator begrüßte den Besuch wie einen
-gern gesehenen, und streichelte den Faust, so hieß der
-Hund &ndash; der Täufling eines Kraftgenies, das weder
-an Göthe noch Klingemann, oder irgend einer Klinge
-Anstand genommen hätte, den Schwarzkünstler in seiner
-Art, also zu benennen. »Schön, aber verteufelt
-kalt heute!« bemerkte der Major, und glitt ein wenig
-wankend und mit einem Zuge von Schmerz um den
-eingekniffenen Mund in einen nahen Sessel.</p>
-
-<p>»Ich wollte nur&nbsp;&ndash;« sagte er tiefathmend, »ich
-hatte mit Ihnen zu sprechen, ehe ich am Ende sitzen
-bleibe im Winterquartier: denn seit gestern, wo ich,
-wie Sie wissen, noch in Leidthal war, verspüre ich
-Gichter im Knöchel.« Der Pudel entzog sich der Liebkosung
-des Administrators, und lagerte sich zu den
-Füßen seines Herrn, den zottigen Umhang des Ohres
-<a class="pagenum" id="page_035" title="35"> </a>
-an die kranke Stelle geschmiegt, als wolle er das leiseste
-Necken heraus hören, und mit einem drohenden
-Blicke höllischer Melancholie in den röthlichumzogenen
-Augen knurrte er vor sich hin, als wolle er dem Weh,
-welches der Major männlich verbiß, rathen, nicht allzu
-nahe zu kommen: denn ein Funken himmlischer Treue
-belebte diese hündische Seele.</p>
-
-<p>»Es wird hoffentlich nur ein wenig Rheuma seyn,«
-erwiederte der Administrator tröstend auf jene Klage,
-»ein gelinder Schweiß hilft es heben,« dabei trocknete
-er sich die Stirne, und verbarg eine verstörte
-Miene in dem feinen Tuche.</p>
-
-<p>»Wie es scheint, Freundchen,« sagte der Major
-und lächelte: »sind Sie selbst in Transpiration &ndash;
-oder in Angst? das verhüte Gott!«</p>
-
-<p>»Die Weiber haben mir den Kopf warm gemacht«
-&ndash; sprach Jener heftig: »es kostet Kampf, mit
-ihnen fertig zu werden.« Bei diesen Worten rückte er
-ein Kästchen mit Cigarren dem Gast zur Hand, und
-drehete den Hahn an der Maschine von Wasserstoffgas
-wie mit zürnender Vollkraft, daß der Strahl erschrocken
-heraus sprang. Es geschah dies mit unbewußtem
-Nachdruck des Gedankens, er sehe sich genöthiget,
-ihnen den Daumen aufs Auge zu drücken.</p>
-
-<p>»Glaub's gern,« antwortete der Major gleichmüthig,
-und schickte sich ohne Umstände zum Rauchen
-<a class="pagenum" id="page_036" title="36"> </a>
-an. »Man hat mit Einer zu thun. Sie stecken mir
-da wahrhaftig in jedem Sinne ein Licht auf. Oft
-schon habe ich gedacht, wie Sie nur Friede erhalten
-mögen unter den Frauen? Feuer und Wasser sind
-nicht so verschieden wie diese Beiden, und Josephine«
-&ndash; der Blick des Majors streifte den gläsernen
-Globen &ndash; »ist ein Kind des Lichts, eine Tochter der
-Lust, so zu sagen: denn man weiß nicht, woher? von
-wannen? genug, die Kleine ist Gott Vaters Ebenbild
-&ndash; und die Frau Schwägerinn eine wackere Stiefmutter.«</p>
-
-<p>Herr Prälat schien das Letztgesagte nicht vernommen
-zu haben. Er starrte vor sich hin, als dächte er
-diesem zweideutigen Lobe nach. Der Major fuhr fort:
-»wenn es denn irrdischen Eigenschaften nachgeht: so
-muß Frau Fabia einst Schaffnerinn im Himmel werden.
-Sie ist eine treffliche Wirthinn, das muß wahr
-seyn. Und diese Ordnung, diese Stille &ndash; aber Freundchen,
-der Mensch lebt nicht von Brod allein. Wenn
-Sie nun heirathen? wird eine Frau sich dies Regime
-gefallen lassen? und eine so hübsche Mitregentinn wie
-Therese dazu? schwerlich. Sie dächte wohl, Jene führte
-den Scepter im <em class="ge">Hause</em>, Diese trüge die Reichs-Insignien
-im <em class="ge">Herzen</em> des Mannes, und so wäre sie
-nur gleichsam eine Schattenköniginn.«</p>
-
-<p>»Es wird nicht geschehen,« versetzte der Administrator
-<a class="pagenum" id="page_037" title="37"> </a>
-halblaut, ohne sich deutlicher zu erklären, ob
-er das Heirathen, oder diese Vertragsamkeit meine.</p>
-
-<p>»Es taugt nicht,« fuhr, nun im Zuge, der alte
-Feldmeister fort: »sich vor der Zeit mit Familien-Verhältnissen
-zu befassen. Frei muß der Mann seyn,
-ehe er freit! eine ganze Sippschaft Vettern und Basen
-rückt ihm mit dem Hochzeittage auf den Hals. Meine
-selige Frau hatte keine Geschwister, und kaum war ich
-ein Jahr mit ihr verheirathet: so däuchte es mir, ich
-hätte das leibliche Kind der Mutter Eva zum Weibe
-genommen: denn das Menschengeschlecht kam, und
-wollte mit mir verwandt seyn.«</p>
-
-<p>»Mein Schicksal ist ein Schlangenknoten, schon um
-meine Wiege geschürzt,« entgegnete der Administrator
-düster: »und wenn ich den Lauf meines Lebens überdenke:
-so scheint es mir, ich sey bestimmt, unter falschen
-Maximen zu leiden. Urtheilen Sie selbst!«</p>
-
-<p>Herr Prälat war in einer jener Stimmungen,
-welche dem nächsten Zufall den Schlüssel giebt, auch
-ein verschlossenes Herz zu öffnen. Zumal war dies
-Herz gepresst wie noch nie; er kannte den Major als
-einen wackern Mann, und so genügte er dem Bedürfniß
-des Vertrauens. Indem er eine Tabackpfeife
-ergriff und lächelnd den Kopf des Mustapha, genannt
-der Fahnenträger, betrachtete, sagte er: »kein Unterschied
-des Glaubens, kein religiöses Vorurtheil, und
-<a class="pagenum" id="page_038" title="38"> </a>
-was aus dieser oder jener Gattung für das Leben
-hervorgeht, ist mir fremd geblieben, den Islam
-ausgenommen&nbsp;&ndash;« hier knurrte Faust, und schnappte
-wie nach dem Schall dieses Wortes.</p>
-
-<p>Der Administrator setzte sich dicht an die Seite
-des Majors und sprach: »Mein Vater soll ein Freigeist
-gewesen seyn &ndash; ich will es nicht bezweifeln: denn der
-Gott in meiner Brust war kein kindliches Erbe, sondern
-der Segen der Natur. Ziemlich jung noch hatte
-er eine Wittwe geheirathet, die bedeutend älter war.«</p>
-
-<p>»Taugt nicht, Freundchen,« schaltete der Major
-ein, und Jener fuhr fort: »diesmal taugte es wirklich
-nicht, obwohl ich sonst schon gesehen habe, daß
-dessenungeachtet das Glück einer Verbindung bestehen
-kann. Ein wesentliches Mißverhältniß entgegengesetzter
-Art machte diese Ehe unglücklich. Die Frau war
-coquett und lebenslustig für ihre Jahre, mein Vater
-weltsatt und ungesellig für die seinigen. So gab es
-keinen Einklang zwischen ihren Meinungen, und endlich
-nur den einer Scheidestunde. Sie trennten ein
-Band gesetzlich, was bereits unauflöslich war: denn
-meines Vaters Frau sollte nach längerer Zeit ihrer
-Verheirathung jetzt Mutter werden. Der Verdacht der
-Untreue, der meinen Vater bestimmte, sich unter diesen
-Umständen von seiner Gattinn loszusagen, muß durch
-dringende Beweismittel unterstützt worden seyn: denn
-<a class="pagenum" id="page_039" title="39"> </a>
-er ward von Seiten der Behörden nicht verpflichtet,
-sich ihrer weiter anzunehmen, oder für das Kind zu
-sorgen. In öder Vereinzelung ging ihm nun ein langer
-Zeitraum hin. Er war ein ältlicher Mann geworden,
-da kam ihm der Gedanke, sich wieder zu verehlichen,
-und er wählte ein blutjunges Mädchen, meine
-liebe Mutter.«</p>
-
-<p>Der Administrator hielt inne und seufzte tief.</p>
-
-<p>»Taugt wieder nichts,« brummte der Major sich
-in den Bart: »hätte ihn nicht nehmen sollen, die arme
-Kleine.«</p>
-
-<p>»Mein Vater war wohlhabend &ndash; und meine Mutter
-eine abhängige Waise,« versetzte ihr Sohn mit gebundenem
-Athem: »Gott trat in's Mittel &ndash; meine
-Geburt gab ihr den Tod.«</p>
-
-<p>»Armer Freund!« sagte der Major weich: »so haben
-Sie das Treueste auf Erden nicht gekannt.«</p>
-
-<p>Der Administrator schwieg einen langen Moment
-und fuhr dann fort: »mit einer wahren Todesverachtung
-wiederholter Trennungen heirathete mein Vater
-alsbald zum drittenmal. Ich war als ein schwächliches
-Kind, was mühsam behandelt werden mußte,
-zu der Schwester meines Vaters gekommen, der Frau
-eines Predigers auf dem Lande. Einst ward ich aus
-einem harmlosen Spiel empor gerissen, es hieß: der
-<a class="pagenum" id="page_040" title="40"> </a>
-alte Schreiber meines Vaters wäre da, mich zu holen;
-mein Vater läge im Sterben, und wolle mich noch
-<em class="ge">einmal</em> sehen. Lieber Gott! er hatte mich noch <em class="ge">niemals</em>
-gesehen, seit ich denken konnte. Man kleidete
-mich an, ein ärmlicher Flechtenwagen hielt vor der
-Pfarre; ich ward hinein geworfen. Die verschrumpfte
-Gestalt des Schreibers saß neben mir, oder lag vielmehr
-wie eine faule Birne auf dem Stroh. Er schlief
-den ganzen Weg, ich wachte mit regen Sinnen, Bäume
-und Berge flogen an mir vorüber &ndash; die Reise war
-mir wie ein wüster Traum. &ndash; Die Scene meines
-Empfangs schwebt auf jede Weise dunkel vor meinem
-Gedächtniß. Das Krankenzimmer öffnete sich mir.
-Eine spanische Wand verbarg das Bett, worin der
-Vater lag, und dem Sterbenden einen bittern Anblick.
-Eine hochbusige Frau probirte eine schwarze
-Florhaube vor dem Spiegel, der dieses eitle Bild der
-Trauer verdoppelte. Ein schöner etwa dreijähriger
-Knabe saß auf dem Boden und stieß, als ich eintrat,
-in eine kleine Trompete von Blech, als wolle er der
-Herold meiner Ankunft werden, und als fände nicht die
-geringste Berücksichtigung Statt, welche die Achtung der
-Stille erheischte. Welche Macht über die Erinnerung
-üben Kleinigkeiten aus! glauben Sie es wohl, Major?
-vor jenem gellenden, schrillenden Hall sinken, wie
-einst zu Jericho &ndash; noch heut die Mauern meiner Seele
-<a class="pagenum" id="page_041" title="41"> </a>
-ein, und ein Gedanke dieses Augenblicks voll Grauen,
-voll Schmerz, durchdringt mich.«</p>
-
-<p>Der Major nickte zweimal, als kenne er das
-und Aehnliches.</p>
-
-<p>»Ich trat verdutzt« erzählte Herr Prälat weiter:
-»an das Lager meines Vaters, mit einer dumpfen
-Empfindung von Mitleid, Angst und Ehrfurcht, nicht
-unähnlich der, womit man sich zum erstenmal dem
-sogenannten heiligen Grabe nähert. Er lag wie ein
-<i>Ecce homo</i> darin. Seine Augen waren umflort, und
-ruhten schon in der tiefen Höhle des Todes, seine
-Glieder ohne Leben wie von bleichem Holz. Er reichte
-mir mit letzter Anstrengung die feuchte schwere
-Hand. Am andern Morgen sagte man, mein Vater
-wäre gestorben. Es war ein großes Begräbniß, ich
-ging unbetrübt hinter seinem Sarge, kindlich stolz,
-das erstemal öffentlich aufzuziehen. Meine Verwandten
-waren auch gekommen; des andern Tages war ein
-großer Zank; ich erinnre mich, daß meine Tante ein
-niederschlagendes Pulver nahm. Sie war eine robuste
-Frau und stets gesund, nie kam ein Arzt über die
-Schwelle des Pfarrhauses: so gab dies unschuldige
-Präservativ mir den Begriff einer ungeheuern Alteration.
-Mein Oheim besaß mit seiner Pfarrstelle eine
-Widmut, auf der ich mir die ersten Kenntnisse der
-Oekonomie spielend erworben habe. Meine Tante war
-<a class="pagenum" id="page_042" title="42"> </a>
-mit Leib und Seele Landwirthinn; das liebe Vieh gehörte
-gleichsam zu unserer Familie. Sie hatte ein eigenes
-Idiom, sich jedem Geschlecht ihrer Hofhaltung
-verständlich zu machen. Es heißt gewiß ihrer Sorgfalt
-für mich den größten Ruhm beilegen, wenn ich
-sage: sie habe mich mit diesen Pfleglingen in eine
-Cathegorie gestellt. Das ist deine Amme gewesen, Cölestin!
-sagte sie und deutete auf eine schwarz und weiß
-gefleckte Kuh, die vergessend ihrer Segnung, an mir
-vorüber schwenkte. Ein ägyptischer Schauer rieselte
-dann durch meine junge Seele; die Tante, obgleich sie
-eine wackere Christinn war, hätte es, glaube ich, gutgeheißen,
-wenn man den Sultan Wampum der Heerde
-auf Knieen verehrt hätte. Standen wir an lauen
-Sommerabenden am Wasser, und eine Henne lief mit
-dem Glucken der Angst vor Gefahr am Ufer hin und
-her, weil die zarten Entlein, die sie ausgebrütet,
-ihre ersten Schwimmversuche machten &ndash; so sagte die
-Tante: das ist eine bessere Stiefmutter als Deine,
-armer Junge! &ndash; Dann ward mir so sonderbar weh
-zu Muthe, und ich wünschte mich hinab in den dunkeln
-Teich, wo er am tiefsten ist. Mit welcher Empfindung
-belauschte ich, ein Knabe noch! die geheimnißvolle
-Zärtlichkeit in einem Schwalbenneste! das Zwitschern
-des mütterlichen Vogels war mir wie der magische
-Laut einer Welt, aus der ich verstoßen wäre;
-<a class="pagenum" id="page_043" title="43"> </a>
-das geringste Geschöpf schien mir neidenswerth, welches
-mir Kunde geben könnte von jener Heimath, nach
-der ich mich sehnte, ohne sie zu kennen. Das Gefühl
-<em class="ge">schützender Liebe, wie die Natur sie lehrt</em>,
-wurde zu einer Grundidee in mir, zu einem Princip,
-welches später meine Handlungen leitete.«</p>
-
-<p>»Armer Freund!« sagte der Major abermals mit
-Blicken voll rauhen Mitleids, und ein leiser Ingrimm
-zuckte in seinen Mundwinkeln, als er eine neue Cigarre
-abknirschte, »so hatte die Tante kein Herz für Sie?«</p>
-
-<p>»Ein Herz wohl,« antwortete Jener, »aber nur
-für meinen Leib, nicht für meine Seele. Der äußere
-Bedarf galt ihr alles, wie das häufig bei Frauen
-dieser Art der Fall ist. Sie hatte eigene Kinder gehabt;
-vielleicht war die Stelle dieses Verlustes zu
-lange schon vernarbt &ndash; und Narben werden Härten.«</p>
-
-<p>»Nun, und der Oheim?« fragte der Major theilnehmend
-weiter.</p>
-
-<p>»Mein Oheim,« erwiederte der Administrator mit sinnendem
-Auge, »war ein liebenswürdiger Greis von einer
-wahrhaft patriarchalischen Einfalt der Sitten. Seltsam!
-wie ein so schlichter charakterfester Mann sich in die
-künstlichen Folgerungen eines Systems verwickeln können,
-so daß er mit sich selbst im Kampfe lag. Er war
-ein geheimer Anhänger Mesmers, und ging im Forschen
-der wunderreichen Kräfte, welche dieser Producent
-<a class="pagenum" id="page_044" title="44"> </a>
-zum Wohl der Menschheit darthat, weit genug,
-um bis an die Quellen der christlichen Offenbarung
-zu dringen. So hielt er den Messias für einen außerordentlichen
-Magnetiseur, den Tod am Kreuze für
-Somnambulismus, die Jünger für Hülfsärzte pro Secundo
-&ndash; und jede That des Heils für eine Wirkung
-dieser mysteriösen Kraft. &ndash; Wohin verirrt sich oftmals
-ein reger, nicht genugsam beschäftigter Geist!
-Das Consistorium mogte schwerlich eine Ahnung davon
-haben: denn mein Oheim galt für ein Muster
-lutherischer Seelsorge und des unverfälschten Glaubens.
-Doch um die Göttlichkeit seiner Lehre war es gethan.
-Der Schmerz des Wissens, der Durst nach Wahrheit
-gab seinen Vorträgen eine Inbrunst, die sich seinen
-Zuhörern mittheilte. Das Zutrauen, dessen er genoß,
-grenzte an Wundergläubigkeit und erstreckte sich weit
-über die Feldmarken seiner Diöcese hinaus. Er ward
-verfolgt vom Neide seiner Amtsbrüder. Nach seinem
-Tode fanden wir ganze Bündel Schmähschriften der
-benachbarten Geistlichen an ihn, die er mit ordnender
-Ruhe unter Rubriken der Gehässigkeit gebracht hatte.
-Ein kleiner Auftritt ist mir eingedenk geblieben. Eines
-Sonntags nach dem Gottesdienst kam eine Fischersfrau,
-die zwei Meilen von unserm Dorfe am
-Ufer des Flusses wohnte, weinend zu meiner Tante.
-Der Mann wartete draußen. Diese Leute scheueten
-<a class="pagenum" id="page_045" title="45"> </a>
-den langen Weg nicht, um eine Predigt in der hiesigen
-Kirche zu hören, wo sie ermüdet oftmals nur mit
-knapper Noth ein Plätzchen zum Sitzen fanden. So
-wären sie auch, erzählte die Frau, seit geraumer Zeit
-hierher zur Communion gegangen, und mein Oheim
-hätte die fremden Gäste am Tische des Herrn geduldet.
-Nun aber habe der Pastor des Ortes, wohin das Ufer
-eingepfarrt sey, sie kommen lassen, mit Vorwürfen
-empfangen, und hart bedroht, daß sie ihm den Beichtgroschen
-entzögen. Er wolle eine grobe Epistel an
-meinen Oheim schreiben und sich dies in Zukunft verbitten.
-Was sagen Sie zu diesem Hirtenbriefe? jener
-Geistliche war ein communer Neidhammel. Die Fischerinn
-schluchzte und sagte: nun habe der Herr Pastor,
-(mein Oheim nämlich) sie heute freundlich ermahnt,
-ihm fürder keinen Verdruß zu machen; dann setzte sie
-entschlossen hinzu: ehe ich aber das heilige Abendmahl
-wo anders halte, so lasse ich es ganz und gar,
-es muß ja nicht seyn.«</p>
-
-<p>»Blitz! da schlage doch das Wetter drein!« rief der
-Major mit Indignation: ȟber die Pfaffen! die lutherischen
-auch &ndash; es ist all Eins. Einer armen Seele
-den Trost Gottes vorzuenthalten, weil sie ihn, wie
-billig, nicht aus einer schnöden habsüchtigen Hand
-empfangen will! &ndash; Da wird ja der protestantische
-Altar zu einer Tetzelsbude, einer Kleinkrämerei von
-<a class="pagenum" id="page_046" title="46"> </a>
-Nichtswürdigkeiten. Unter uns gesagt, Freundchen!
-ich kann die Schwarzröcke nicht leiden. Der Teufel
-hole den geistlichen Hochmuth!«</p>
-
-<p>Der Administrator lächelte still. Er sah ein stummes
-Weilchen mit seitwärts gesenktem Kopfe auf den
-Turban des Muselmannes nieder, der umwunden von
-dem Dampfe seiner Pfeife nur bläulich schillerte, wie
-eine gestorbene Perle. Dann fuhr er in seiner Erzählung
-fort: »solchergestalt ward mir die Theologie verleidet,
-die ich nach dem Wunsche meiner Verwandten
-studiren sollte. Es mischte sich mir ein fixer Gedanke
-von Haß, Hader und ekler Widersacherei in diesen
-Stand des Friedens. Die Widmut theilte anderer
-Seits mein Interesse für den geistlichen Beruf, und
-schadete demselben in gleichem Grade, worin sie nützte.
-Wo blühet auf solchem Mistbeet die Lilie des ungefärbten
-Glaubens? die Rose zu Saron stehet nur im
-tiefen Thale des Gemüths, einsam und heilig. Den
-Haushalter über die Geheimnisse Gottes dachte sich
-meine scheue Hochachtung abgesondert in Gedankenstille
-von der gemeinen Menschenclasse und ihrem niedrigen
-Bedarf. &ndash; Meine Meinung entschied sich für
-den Landbau. Die Gleichnisse und Parabeln der Schrift,
-in deren Worten ich von frühester Kindheit an geathmet,
-waren wie ein Element religiöser Poesie für jene
-natürliche Beschäftigung geworden. Die Bilder vom
-<a class="pagenum" id="page_047" title="47"> </a>
-Sämann, vom Waizenkorn, das in die Erde gelegt
-wird &ndash; von der Ernte, den Garben und Schnittern,
-vom guten Hirten, der das verlorene Schäflein
-unablässig sucht: faßte ich im Geiste der Natur. Diese
-fromme Weihe, wenn ich so sagen dürfte &ndash; mein
-christliches Gedächtniß bewahrte mich vor jener Rohheit,
-die man oft bei dem Betrieb der Oekonomie findet,
-und welche ein wilder Sproß unveredelter Kraft ist. &ndash;
-Ein blöder Schüler der Welt, kannte ich nichts Süßeres,
-als frei wie der Vogel in blauer Luft nach meiner
-Weise zu leben. &ndash; Mein Oheim starb &ndash; und
-mit diesen zwei Augen schloß sich der erste Act meiner
-Jugend.«</p>
-
-<p>»Es ist mir lieb, daß sich das Blatt nun wenden
-wird, wie?« sagte der Major mit voraussetzender Frage
-und rauchte stärker: »die Erziehung in den Pfarrhäusern
-taugt nichts.«</p>
-
-<p>Der Administrator hatte keinen Widerspruch für
-das Sprüchwort seines alten Freundes; vielleicht gab
-er ihm schweigend die Ehre der richtigen Anwendung.
-Nach einer kleinen Erholungspause fuhr er fort: »ich
-kam nun zu einem Verwandten mütterlicher Seite,
-der mein Vormund war: dem Stiftscanzler von Sanct
-Capella, der als practicirender Jurist in M&ndash;. wohnte.
-Im Actenstaube grau geworden, war jeder Lebenstrieb
-in ihm vertrocknet &ndash; er war ein Hagestolz. Die
-<a class="pagenum" id="page_048" title="48"> </a>
-Gesetze standen leserlich auf dem brüchigen Pergament
-seiner Stirne geschrieben, der Blick seines kleinen Auges,
-dessen Pupille wie in einem galligten Gelbei ruhete,
-hatte eine Profundität, die ihm oftmals den
-Vortrag seiner Clienten ersparte &ndash; seine Miene drückte
-stets auch in ihren wohlwollendsten Modificationen eine
-Sentenz zu gemäßigtem Zuchthaus aus, und auf den
-geklemmten Lippen wechselte das Urtheil zu Einbuße
-oder Leibesstrafe; sie öffneten sich fast nie ohne einen
-Verlust anzukünden, selbst der Glückwunsch zu einem
-gewonnenen Prozesse ward durch den Grimm seines
-juridischen Dämons zu einer Drohung. Und dennoch
-war dieser wunderliche Mann nicht böse. Er hatte
-einen ausgebreiteten Ruf, seine Rechtlichkeit war gefürchtet.
-Die Beamten auf den Klostergütern zitterten
-vor ihm, die guten Nonnen liebten ihn mit Furcht
-und schmiegten sich in seinen weltlichen Arm &ndash; er
-war der Donnergott der Abtei. &ndash; Ein Geschwisterkind
-von meinem Vormund und somit auch mir verwandt
-&ndash; führte ihm daheim die Wirthschaft; ein
-liebes altes blasses Mädchen, an das ich nur mit
-dankbarer Rührung denken kann. Die gute Beatrix
-hatte eine kleine heimliche Hauscanzlei, wo stille Gesetze
-ausgeschrieben wurden, und mein Vormund stand
-unter diesem Kammergericht, ohne daß er ein stummes
-Wörtchen davon wußte. &ndash; Beatrix, trotz ihrer
-<a class="pagenum" id="page_049" title="49"> </a>
-subalternen Anspruchslosigkeit, war die Justitia des
-Canzlers. Sie that so simpel, daß man ihr die Gerechtigkeitspflege
-eines so rabiaten Juristen nimmermehr
-zugetraut hätte. Sie konnte nicht anders mit
-Federn umgehen, als daß sie beständig welche rupfte
-oder schließ &ndash; als gälte es das ewige Brautbett des
-alten Junggesellen.&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>Mein Vormund empfing mich mit logischer Kürze,
-und wies, weil er eben dringend beschäftiget war,
-mich an die Muhme. Sey mir nicht bange, lieber
-Cölestin! sagte Beatrix so lind und leidsam, daß ich
-die künftige Angst wie im Voraus vergütet fühlte:
-wenn es Dir auch Anfangs nicht bei uns gefällt.
-Der Herr Vetter ist nicht gar so schlimm. Man muß
-ihn nur kennen. Einiges will ich Dir aber doch zur
-Warnung sagen: widersprich ihm nicht! Du kannst
-Dir ja Einwand und Rechtsmittel vorbehalten. Ich
-mußte lächeln, so jung ich war, über diese Brocken
-von der Brodwissenschaft des Vetters, welche die haushälterische
-Muhme gesammelt. Dann, sprach sie weiter:
-hüte Dich, mit dem Stuhle zu wackeln, wenn
-Du bei ihm sitzest! ein Erdbeben würde wohl weniger
-beachtet, als dies. Endlich lasse nie die Putzscheere
-unvorsichtig vom Leuchter gleiten. Ich sage
-Dir: der liebe Gott läßt eher die Sonne aus seiner
-allmächtigen Hand fallen, und schaut großmüthig
-<a class="pagenum" id="page_050" title="50"> </a>
-drein, ehe der Herr Vetter diesen Fehler vergiebt. &ndash;
-Ich bebte; welch ein Wütherich mußte mein Vormund
-seyn! &ndash; Wir aßen ein kleines vortreffliches
-Abendbrod zu Dreien, der Canzler schenkte mir liberal
-Wein ein, um mir Muth einzuflößen. Ich saß
-unbeweglich auf meinem Stuhle und sah ängstlich hin,
-so oft Beatrix das Licht putzte. Sie that es jedoch
-mit fester Hand und winkte mir zuweilen mit den
-Augen, wenn ich ein Wort sagte, was ihr unpassend
-schien. Nun, Du willst ein Bauer werden, wie ich
-höre? fragte der Herr Vetter zwischen dem Essen,
-und die Frage klang wie Spott. Beatrix zwinkerte
-schon wieder verneinend. Du hast dreschen sehen, da
-ist Dir die Lust dazu angekommen, mein Junge.
-Diese Analogie mit dem Flegel versetzte meiner ökonomischen
-Liebhaberei einen tüchtigen Schlag. Studiere
-nur fleißig! sprach er dictatorisch: es wird sich
-alsdann schon finden, was aus Dir werden soll. Nur
-kein Jurist! dagegen protestire ich. Bei der Rechtspflege
-bliebe auch ein Eisenfresser nicht gesund. Man
-ärgert sich tagtäglich und lebenslang <i>ex officio</i>. Ich
-warf einen mitleidigen Blick auf die hagere gekrümmte
-Gestalt des Vetters, und glaubte ihm. &ndash;
-Zu meinem Erstaunen sah ich, daß dieser unwirsche
-Mann auch jovial seyn konnte, und dies besonders im
-Umgange mit seinen Collegen. Es fand das beste
-<a class="pagenum" id="page_051" title="51"> </a>
-Vernehmen zwischen ihnen Statt, und nie ward ihm
-eine Streitsache zu persönlichem Groll. Ich konnte
-nicht umhin, dies sehr achtungswerth zu finden und
-dabei an die unaufhörlichen Zänkereien der theologischen
-Herrn Brüder zu denken.«</p>
-
-<p>»Ja, die Juristen sind cordial!« fiel der Major
-ein, »aber die beste Cammeradschaft bestehet doch unter
-dem Militair. Da, wo der Tod Hauptmann ist,
-schließen sich die Glieder eng zusammen &ndash; und Gewalt
-geht vor Recht.«</p>
-
-<p>»Ich fragte mein Mühmchen einst,« setzte Herr
-Prälat fort, »warum der Vetter denn nicht geheirathet
-hätte? &ndash; Das sey Gott zu danken &ndash; meinte
-Beatrix und lächelte mit Gleichmuth. Sie ertrug
-schon ein halbes Säculum seine hypochondrischen Launen.
-Er habe so viele Ehescheidungen amtlich behandeln
-müssen, daß ihm ein Abschmack &ndash; <em class="ge">Abscheu</em>
-wollte sie vermuthlich sagen &ndash; vor dem Ehestand
-angekommen sey.«</p>
-
-<p>»Taugt nichts,« unterbrach hier der Major seinen
-Freund, »mit einer Sache zu genau bekannt seyn, die
-Illusion fordert. Köche haben in der Regel den wenigsten
-Appetit. Jeder prüfe sein Selbstwerk! &ndash;
-die Unerfahrenheit ist auch manchmal gut.«</p>
-
-<p>Ohne sich durch diese eingestreueten Bemerkungen
-aufhalten zu lassen, fuhr der Erzähler fort: »wirklich
-<a class="pagenum" id="page_052" title="52"> </a>
-überzeugte ich mich, welche üble Meinung der Canzler
-von dem weiblichen Geschlecht hätte. Er nahm
-mich zuweilen mit nach Sanct Capella &ndash; die Aebtissinn
-vergünstigte es. Als wir einst ein wenig illuminirt
-das Kloster verließen, der ganze versammelte
-Convent Kopf an Kopf gedrängt uns nachsah, mein
-Vetter noch einmal zurück grüßte, wendete er sich von
-dieser Verbeugung zu mir, und sprach listig: gut für
-manchen wackern Mann, daß Ihr hier aufgehoben
-seyd im christlichen Harem, Ihr verschleierten Engel!
-das Stift, glaube es mir, Cölestin! ist eine wahre
-Büchse der Pandora. Sollten sich diese goldnen Thüren
-einmal öffnen: Hu! welch ein Heer von Plagen
-würde da in die weite Welt herausstürzen! &ndash; Ich
-habe dieser Worte später gedacht. Es war ein Seherblick
-gewesen, den der Canzler damals auf die verschlossenen
-Pforten warf. Auch war jene kleine frivole
-Tücke gegen die gutherzigen Cisterzienserinn nicht
-etwa der Ausdruck eines Spötters in Glaubenssachen.
-Die Religiosität meines Vetters &ndash; er war Catholik &ndash;
-war der geheimnißvolle Respect vor einer himmlischen
-Gerichtsbarkeit, an die er in terriblen Augenblicken
-appellirte und: <em class="ge">gerechter</em> Gott! sein höchster Ausruf.</p>
-
-<p>Ich lebte eine Reihe Jahre in der That glücklich
-im Hause meines Vormunds, und danke ihm viel.
-Dieser strenge Geschäftsmann gab mir privatim ein
-<a class="pagenum" id="page_053" title="53"> </a>
-Beispiel der Toleranz, was mir damals eben nöthig
-war. Er haßte alles Absprechen nicht nur an Andern,
-er vermied es auch an sich selbst. Ich äußerte
-ihm einmal ehrerbietiges Bewundern und ein Wörtchen
-mit Bezug auf meine früheren Erfahrungen entschlüpfte
-mir. Er lächelte und sprach: Du mußt
-wissen, mein Söhnchen, daß diese Eigenschaft einen
-wesentlichen Unterschied zwischen den Facultäten bemerklich
-macht, und unsern Beruf gewissermaßen austauscht.
-Die Theologen sind in der Regel Richter,
-was sie nicht sollten; &ndash; <em class="ge">wir</em> dagegen vertreten nach
-Christenpflicht und von Amtswegen die Fehler und
-Fährlichkeiten des Nächsten. <em class="ge">Sie</em> lassen ihr Licht leuchten
-vor den Leuten &ndash; <em class="ge">wir</em> gebrauchen es nur, um
-auch dem finstersten Falle eine Seite der Entschuldigung
-abzusehen.«</p>
-
-<p>»Wahrhaftig in Gott! da hat er Recht!« rief der
-Major aus überzeugtem Drang des Herzens.</p>
-
-<p>Der Administrator schwieg, als wäre diese Mittheilung
-nun abgebrochen, und sah lange weitschauenden
-Blickes vor sich hin. Dann hob er mit verändertem
-Tone an: »ich studirte Cameralia &ndash; ging
-auf Reisen &ndash; welch eine Welt liegt zwischen diesen
-schmalen Grenzen auf der Charte meines Lebens! &ndash;
-Ich hatte einen Freund&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;« ein tiefer, schwerer
-<a class="pagenum" id="page_054" title="54"> </a>
-Odemzug, wie wenn dies Wort sich nur mit Ketten
-aus dem Born der Seele wände.</p>
-
-<p>Der Major besaß bei einer rauhen Außenseite den
-zartesten Sinn der Freundschaft. Er sagte: »falscher
-Conjunctiv, Freundchen! Sie <em class="ge">haben</em> einen, der nicht
-alles zu wissen braucht. Lassen Sie ruhen, was sich
-nur mit Seufzern heben läßt. Taugt nichts, erschöpftes
-Vertrauen. Ich wünsche nur noch zu erfahren,
-wie Sie eigentlich zu der weiblichen Drei-Uneinigkeit
-gekommen sind? Josephine, das friedsame Täubchen!
-ist nicht in diesem Zwiespalt begriffen. Sie ist auch
-hier als der heilige Geist die schwächste Person dieser
-Trinität und eine wahre Vergebung der Sünden.
-Wie?« fuhr der Major abstrahirend fort: »ists nicht
-so? werden nicht dem heiligen Geist selbst im Glauben
-nur flüchtige Honneurs gemacht?«</p>
-
-<p>Der Administrator lächelte wie ein Leidtragender,
-dem ein zerstreuender Tröster von den Verhältnissen
-des Himmelreichs vorspricht. Er antwortete: »ich
-habe meine Geschichte so weit angelegt, daß ich schwerlich
-damit an das Ziel gelange. &ndash; Meine hiesige
-Umstellung knüpfte sich an Fäden, welche noch mit der
-vormaligen Einwirkung meines Vetters, des Exkanzlers,
-zusammenhingen. Er starb bald darauf. Die
-gute Beatrix war längst todt. Man fand sie eines
-Morgens entseelt, mit dem Angesicht in eine Wolke
-<a class="pagenum" id="page_055" title="55"> </a>
-von Flaum gesunken. An den starren Wimpern hingen
-die zarten Federn; aber sie bewegten sich nicht
-mehr vor dem verschlossenen Munde: es schien, als ob
-sie ohne einen Hauch der Todesangst verschieden sey.
-Dieses sanfte plötzliche Sterben in weicher Pflicht,
-wie wenn der Schlaf einen Müden überrascht, war
-die schönste Gabe ihres armen harten Lebens. So oft
-mein Vetter mir das erzählte, und des Anblicks jener
-befiederten gestorbenen Augen gedachte, die so treu auf
-seinen Vortheil gesehen, gingen ihm die seinigen
-über. &ndash; Meine Lage als Administrator gefiel mir
-wohl; sie war gewissermaßen das Resultat der Ergebnisse
-meiner früheren Jugend. Hier konnte ich ein
-Landwirth seyn im weiten Felde der Industrie, nicht
-beschränkt auf die Hufe eines engen Besitzthums, und
-zugleich ein Diener des Staats, dem ich mit all meinen
-Kräften zu nützen wünschte. Meine Vorliebe für
-diesen Ort war sich gleich geblieben. Wie oft hatte
-der catholische Gesang von Sanct Capella, die heilige
-Nonnenstille, der Weiheduft andächtiger Mysterien,
-den lutherischen Jüngling in mittelalterliche Träume
-gewiegt! ich war nun erwacht, und Alles war anders
-und wirklich. Doch noch jetzt schlägt die große
-Glocke mit jenem romantischen Klange tiefe Saiten
-in mir an, und wenn Fabia mit dem großen Schlüsselbunde
-durch den Kreuzgang geht, muß ich der Pförtnerinn
-<a class="pagenum" id="page_056" title="56"> </a>
-gedenken und jenes kleinen klingelnden Geläuts
-in ihrer Hand, welches, meinem Gefühl nach, den
-Chor seliger Geister in einem Himmel öffnete, den die
-Welt fälschlich für ein Grab der Lebendigen hielte. &ndash;
-Wie öde reformirt war nun das schöne Stift, wie
-profan geworden! &ndash; ich schützte mit Pietät, was noch
-aus dem Umsturz jener Verhältnisse zu erhalten war.
-Die Hand, welche leise und achtsam an das heilige,
-das genommene Recht rührte, war desto eifriger, wo
-es den Ertrag der Grundstücke galt. Man sprach davon:
-es sey im Werke, das pompöse Gebäude zu einer
-Strafanstalt, einem Spinnhause, herabzuwürdigen;
-diese Möglichkeit empörte mich. Dann sollte es
-zu einer Seidenfabrik benutzt werden, endlich wolle
-man, hieß es, eine chirurgische Pepiniére daraus machen.
-Ich kam den Behörden mit einer Proposition
-von meiner eigenen Idee zuvor. Solle es denn nun
-einmal hier gesponnen oder geschnitten seyn: wohl!
-so gebe man den Parzen Wohnung, und lasse verdiente
-Offiziere hier leben und sterben. Dann zieht
-die Ehre ein und nicht die Schmach, und statt Mühe,
-Plage und Schmerz webt in diesen Mauern das Seidenleben
-der Ruhe. &ndash; Es wurde provisorisch zugestanden.«</p>
-
-<p>Major Feldmeister reichte dem Administrator mit
-einem gerührten Blicke die Hand und sagte kein Wort.
-<a class="pagenum" id="page_057" title="57"> </a>
-Er dampfte nur einen unendlichen Qualm aus, als
-wollte er sagen: »bis an meinen letzten Athem werde
-ich Dir dies danken.«</p>
-
-<p>Und der bürgerliche Prälat der einst gefürsteten
-Abtei sprach: »ich orientirte mich nunmehr. Das
-Drängen der ersten Einrichtung ließ mich wenig zu
-mir selbst kommen. Es waren Rückstände zu bearbeiten,
-mein Vorgänger hatte lange darnieder gelegen
-&ndash; auf den versäumten Gütern lag mehr als ein
-Feld der Nutzung brach. An geselliges Bekanntwerden
-in der Nachbarschaft zu denken, hatte mir
-noch keine Zeit geübrigt. Es war in einer Geldangelegenheit
-von Belang, wo ich gesprächsweise den
-Oberförster zu Rathe zog. Das wird Ihnen ihr Vetter,
-der Rentmeister in Bühle, am besten sagen können
-&ndash; meinte er. Mein Vetter? fragte ich befremdet;
-ich wußte von keinem. Nun ich dachte nur, antwortete
-Jener, weil er eben so heißt, Sie wären mit
-einander verwandt. &ndash; Dies gab mir ein Interesse
-mehr, dieser Weisung zu folgen, und den Mann meines
-Namens kennen zu lernen. Ich ritt desselben
-Tages noch hinüber. Es war im Mai. Ein Gewitter
-schauerte über die quellenden Saaten; doch sah
-ich wohl, es würde vor der Nacht nicht kommen. Ein
-eigenes Gefühl von Schwermuth oder Ahnung preßte
-mir die Brust, als laste ein nie getragenes Gewicht
-<a class="pagenum" id="page_058" title="58"> </a>
-mir auf der Seele. So kam ich an den englischen
-Garten von Bühle. Die Sonne schoß eben einen
-goldrothen Pfeil auf das steinerne Windspiel, welches
-am untern Ende des Parks auf einem Postamente
-ruht. Es blickte mit todten Augen in den flammenden
-Köcher &ndash; ich weilte einen Moment an dieser
-Stelle und dachte: da liegt der Hund begraben! Gott
-weiß, durch welche Association der Ideen mich der
-Gedanke geisterhaft ergriff: es läge unter den dunkeln
-Schatten dieses Ortes irgend ein Geheimniß verborgen,
-was meiner Theilnahme angehöre! &ndash; Das große gothische
-Schloß, die Colonnade vor den Wohnungen
-der Beamten, schien mir schön aber düster, und ich
-gab dies Clair-obscure meiner innersten Auffassung
-der frühlingstrüben Atmosphäre Schuld. Innerhalb
-der Gehöfte war es auf die bängste Weise still, nur
-der Brunnen machte ein kühles Geräusch und die
-Wasserkufe schäumte über. Ich sah Niemand, den
-ich nach dem Rentmeister fragen konnte. Da öffnet
-sich leise eine Thüre hinter der Colonnade, ein Mädchen,
-kaum jungfräulich erwachsen, tritt hervor, ein
-feines Glas in der zarten weißen Hand, und wirft
-einen schüchternen Blick auf mich, den Mann zu
-Pferde. Es liegt etwas Poetisches, Major, in dem
-Anblick eines schönen Kindes am Brunnen; der
-Durst des Herzens, worin er auch bestehe, wird dadurch
-<a class="pagenum" id="page_059" title="59"> </a>
-gelöscht. &ndash; Ich fragte höflich, ob ich den
-Rentmeister zu Hause anträfe? die Kleine nickte &ndash;
-es war Josephine.« Jetzt nickte auch der Major.</p>
-
-<p>»Ich band mein Pferd an eine Säule und folgte
-ihr. Sie bat, daß ich einen Augenblick verziehen
-mögte, denn der Vater wäre krank, und sie müsse
-es ihm erst sagen, daß ihn Jemand zu sprechen wünsche.
-Ich wartete vor der Thüre zu ebener Erde;
-drinnen entstand ein ungastfreundliches Gemurmel, dazwischen
-hörte ich Josephinens Stimme wie vorbittend.
-Endlich winkte sie mir. Ich trat in ein tristes Zimmer.
-Grüne wollene Vorhänge verdunkelten es, und
-warfen noch bleichere Schatten auf einen kranken
-Mann, der bei diesen schwülen Wärmegraden in Betten
-eingehüllt auf dem Sopha saß. Eine Frau rückte
-ihm die Kissen zurecht, und schien, mit Sorgfalt um
-ihn beschäftigt, sich nicht um den Eintritt eines Fremden
-zu kümmern. Der Anblick dieses Kranken erschütterte
-mich. Ich stellte mich ihm vor, und fragte
-beklommen: ob unser Gleichname vielleicht Grund in
-einer entfernten Verwandschaft hätte! &ndash; Der Rentmeister
-lächelte &ndash; o! furchtbar lächelte er. Seine
-Antwort lautete: verwandt? nein, Herr Administrator,
-wir sind nur <em class="ge">Brüder</em>. &ndash; Mein Blick sah ihn mit
-&ndash; Entsetzen, mögte ich es nennen, auf die Wahrheit
-dieser Aussage an; dunkel hatte es mir vorgeschwebt,
-<a class="pagenum" id="page_060" title="60"> </a>
-dieser Mann könnte der Sohn meines Vaters seyn.
-Er war gegen mich ein Greis, eine ganze Lebenslänge
-schien sich zwischen uns hinzuziehen; doch der verknüpfende
-Faden blieb und zerriß in jener Minute mein
-Herz. Jetzt wußte ich, warum mir so ahnungsvoll
-zu Muthe gewesen, was dieser Weg mir aufgebürdet
-hatte. Meines Vaters Freiheit hemmte mich wie eine
-Kette, deren tausendstes Glied noch getragen werden
-muß. Mein Bruder! und mir so todesfremd! &ndash;
-Getrennte Ehen sind es, welche eine Weltverbrüderung
-unmöglich machen, und das Band der Menschheit auflösen.
-Mit diesem stillen Bekenntniß legte ich mir
-selbst das Gelübde ab: scheiden lasse ich mich nimmer!
-&ndash; Ich wagte ein brüderliches Wort an den
-Rentmeister. Er nahm es nicht auf, und nannte
-mich <em class="ge">Sie</em>. Ihr Vater, Herr Prälat, sagte er, als
-ginge ihn dieser Name gar nichts an, verstieß mich
-im Mutterleibe, und wer einmal unter der Bank geboren
-ist, kommt nie auf. &ndash; Diese Worte deuteten mir
-langes Unglück an und einen zerbrochenen Geist. Eine
-Thräne schlich über die Wange seiner Gattin, welche
-sie verstohlen abwischte; Josephine schlich leise hinaus.
-Ich hatte nicht den Muth, nach seinen früheren Verhältnissen
-zu fragen. Spät ritt ich nach Hause. Der
-Donner rollte krachend, die Wolken waren Feuerschlünde,
-es regnete wie mit Giesbächen. Ich empfand wenig
-<a class="pagenum" id="page_061" title="61"> </a>
-von der empörten Natur. Meine Seele bebte noch
-unter stärkeren Schlägen, und die einzige Thräne
-meiner Schwägerinn hatte mich mehr erweicht, als
-dieses Sturzbad. Sie werden leicht denken, daß ich
-nicht säumte wieder nach Bühle zu kommen; doch nur
-langsam gelang es mir, mich meinem Bruder zu nähern
-und Eingang in sein Vertrauen zu finden.
-Seine Frau, ob zwar auch zurückhaltend, war dennoch
-freundlicher mit mir. Ich merkte bald, daß sie zu den
-Stillen im Lande gehöre, und eben so, wie oft der
-Unmuth ihres Mannes über eine Frömmigkeit laut
-werde, die ihm doch in der Geduld, womit sie seine
-Leiden ertrug, zum Seegen gereichte. Aber mein
-Bruder war menschlichen Ansehens nach ein Mann
-des Todes, und sein Gemüth schien mir noch kränker.
-Wie viel die Frau für seine Pflege that: eine größere
-Kraftanstrengung entwickelte sie, seine Seele zu retten.
-Sie ließ seinen Eigensinn und die Natur gewähren,
-wenn er den Arzt nicht wollte; aber sie quälte ihn
-partout mit dem lieben Heiland.«</p>
-
-<p>Der Major schüttelte den Kopf und sprach: »taugt
-nichts, daß solch heilige Liebschaft aufdringlich werde;
-der Mann muß dem besten Freunde die Thür des Hauses
-und Herzens selbst aufmachen.«</p>
-
-<p>»Einst kam ich dazu,« fuhr der Administrator
-fort, »als Beide in streitendem Gespräch über die
-<a class="pagenum" id="page_062" title="62"> </a>
-verstörende Ursache seiner jetzigen Leiden waren. Mein
-Bruder schwieg sogleich; aber Fabia, gestützt auf die
-Autorität ihrer Gottseligkeit, konnte nicht abbrechen,
-ohne weiblich das letzte Wort zu behaupten. Sie
-sprach: Sey nur getrost! es wird uns im Himmel
-wohl belohnet werden, so man uns um Gerechtigkeit
-willen verfolgen sollte. Da fuhr mein Bruder heftig
-auf. Um <em class="ge">Gerechtigkeit</em> willen? Frau, Du faselst!
-eine Schändlichkeit ist es, die ich werde verantworten
-müssen; ich sage Dir: es ist kein größerer Betrug
-erfunden worden. Der <em class="ge">Glaube</em> an eines Menschen
-Wort ist mein Unglück gewesen und mein Elend geworden
-&ndash; ich will Gott nun nicht mehr versuchen.
-Es lag eine Resignation darin, die mich mit kalter
-Hand durchgriff. Fabia entfernte sich; ihr Mann fiel
-erschöpft in einen fieberhaften Schlummer, ich ging seiner
-Frau nach. Sie stand im Gärtchen, begoß ein
-Blumenbeet mit ihren Thränen und rang in christlicher
-Verzweiflung die Hände über den weißen Lilien. Ich
-redete ihr zu. Fabia verklagte den unbeugsamen Sinn
-ihres Mannes, der jedem Gnadenmittel widerstände
-und nicht arbeiten möge an seinem Heil. Ein Luftzug
-führte die leise ängstliche Frage von ihren Lippen:
-<em class="ge">ob er nur selig werden wird</em>? Die Lilien nickten.
-Ich sagte, was ich dachte: daß diese Kinder ihres
-Schöpfers auch nicht arbeiteten im reinen Glanz
-<a class="pagenum" id="page_063" title="63"> </a>
-ihrer Heiligkeit, und dennoch erständen zur Frühlingsfreude
-der verjüngten Erde.&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>Fabia schien nicht einzugehen in diesen natürlichen
-Trost. Sie sagte: seine Mutter ist lediglich Schuld
-daran. Diese war ungewiß über den Vater &ndash; <em class="ge">seinen</em>
-Vater &ndash; darum zweifelt nun der Sohn an
-Gott! &ndash; So schob meine Schwägerinn ihren Scrupel,
-ob ihr Mann das ewige Leben haben werde, Denen
-zur Last, die ihm das irdische gegeben. Bald
-darauf ward es schlechter mit dem Bruder. Kurz vor
-seinem Tode übergab er mir die Sorge für seine
-Witwe, für sein Pflegekind, legte den Schlüssel zu
-einem wichtigen Geheimniß in meine Hände &ndash; dann
-drückte ich ihm die Augen zu. Das Recht eines Gestorbenen
-zu vertreten, darf ich keinen eigenmächtigen
-Schritt thun noch gestatten, eine schwere Verpflichtung
-hält mich an Fabia fest. Sie sehen also, wie viel
-mir daran gelegen seyn muß, Einigkeit unter den beiden
-Frauen zu erhalten: denn auch Therese&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;«
-hier summte die elfte Stunde vom Klosterthurme.
-Der Major fuhr elektrisch zusammen, wie von diesem
-Schlage gerührt. »Elf! ich muß nun fort, und es
-wird mir den ganzen Tag seyn, als stäcke ich mit
-<em class="ge">einem</em> Arme nur im Aermel des Rockes. Ich habe
-dem Hauptmann Moorhausen eine Parthie Piquet
-vor dem Essen versprochen, und halte Wort, wenn
-<a class="pagenum" id="page_064" title="64"> </a>
-auch ihm kein wahres Wort aus dem Munde geht.
-Das Genie dieser Art muß in den Endsylben dieses
-Namens wohnen: Moorhausen! Münchhausen! &ndash;
-Wie hat er uns vorgestern wieder belogen! er sprach
-von seinem Gute in P. &ndash; Wir lachten unvernünftig.
-Er nahm es nicht übel &ndash; das war honett. Aber &ndash;
-Ihre Geschichte, Freundchen ist mir in Wahrheit interessant;
-der Schutz, den Sie der Frau Fabia angedeihen
-lassen, hat seinen gediegenen Grund, ich bin nur
-curios, welcher Wind Ihnen die flatterhafte Therese
-zugewehet haben mag? &ndash; allzugroßmüthig seyn, taugt
-nichts.«</p>
-
-<p>Das Reitpferd, worauf der Administrator täglich
-um diese Zeit die Ronde zu machen pflegte, ward
-vorgeführt. Der Major erhob sich mit steifem Gelenk,
-Faust schüttelte den schwarzen Mantel. Im Begriff
-zu gehen, sagte der Major: »da fällt mir ein, ich habe
-ganz vergessen, weshalb ich eigentlich gekommen bin.
-Ich wollte ihnen auch ein Geschichtchen erzählen, was
-fabelhaft klingt: das Mährchen vom gläsernen Pantoffel.
-Mein Neffe &ndash; doch jetzt ist's zu spät; wo
-werden wir nur all' die Zeit zu den vielen Reden hernehmen?«</p>
-
-<p>»Wir sprechen uns bald wieder&nbsp;&ndash;« vertröstete Herr
-Prälat, und griff nach seinem Hute. Er hatte sich
-die Brust doch etwas freier gesprochen. Es ist gut,
-<a class="pagenum" id="page_065" title="65"> </a>
-wenn sich die Menschen zuweilen des Warums ihrer
-Bürden bewußt werden; die Nothwendigkeit, sie zu
-ertragen, wird ihnen alsdann klar und leichter.</p>
-
-<p>Sanct Martin war und blieb gegen seine Gewohnheit
-hell und schön. Sonst hat an diesem Tage der
-Himmel Baumwolle feil, und die Luftgeister sind geschäftig,
-der Natur eine weiße warme Schlafmütze
-daraus zu weben. Doch heute schritt der Herbstheilige,
-der sonst winterrüstig erscheint, in heiterer Luftigkeit
-einher, und grüßte mit dem gelben Sommerhute
-so herablassend freundlich, daß die schläfrige Welt munter
-aufwachte und träumerisch hoffte, der Sommer
-wolle noch einmal wieder kommen. Hier und da zwitscherte
-ein schlaftrunkener Vogel, robuste Bäuerinnen
-verbauten die kleinen Fenster mit Moos, um im
-Grünen zu arbeiten &ndash; der klösterliche Invalidenstamm
-rückte lustig ins Feld.</p>
-
-<p>Schwerlich dürfte der glänzendste <i>Thé dansant</i>
-im schönsten Salon der Residenz eine wichtigere, wenn
-auch andere, Beklommenheit der Erwartung erregen,
-als bei den Damen des Stiftes der simple Nonnenthee
-in Veronicas kleiner Zelle, wohin sie geladen waren.
-So sind die Vergnügungen der Geselligkeit, wie
-verschieden auch gestaltet und bedingt, sich doch in ihrer
-Wirkung überall gleich. Zudem machte der seltene
-Schritt aus dem engen Kreise heiliger Regel
-<a class="pagenum" id="page_066" title="66"> </a>
-diese Einladung zu etwas Außerordentlichem, und die
-stille Geschäftigkeit der priesterlichen Jungfrau, der
-Opferrauch ihrer Küche oder <em class="ge">Küchel</em>, wie Veronica
-sie nannte &ndash; legten einen unbewußten und geheimnißvollen
-Altarwerth auf den kleinen Theetisch der
-Nonne.</p>
-
-<p>Als es nun in den gewölbten Räumen des Klosterhauses
-zu düstern begann, die Schatten des Abends
-längs den kalten Wänden hinschlichen, flimmerte es
-schon lichterhell in Veronicas Stübchen. Mit dem
-Glockenschlage Fünf standen die Schwägerinnen und
-Josephine an dieser geweihten Thür, hier wußte man
-nichts davon, oder wollte nichts davon wissen &ndash; daß
-ein verspätetes Erscheinen für bedeutend gelte. Schwester
-Veronica empfing ihren Besuch erhitzten Angesichts
-und mit einer gewissen gastlichen Feierlichkeit.
-Die Zelle, noch immer ein geistliches Betstübchen,
-hatte nur einen Anstrich von Häuslichkeit bekommen,
-die jedoch in ihrer einfachen Beschränkung dem religiösen
-Charakter der Einrichtung nicht zu nahe trat.
-In einer Nische sah seit manchem Jahr die Mutter
-Gottes mit dem Kinde auf das jungfräuliche Bett
-herab; das Waschbecken und die Wasserflasche von
-englischem Zinn blinkten in Formen wie Geräthe der
-Sacristei, in die blendende Serviette über dem aufgeklappten
-Tisch war das Lämmlein mit der Kreuzesfahne
-<a class="pagenum" id="page_067" title="67"> </a>
-gewebt, die Lichter von gelblichem Wachs warfen
-kirchlichen Schein, und bei jeder der drei Tassen
-lag ein kleiner Blumenstrauß, bei Josephinens aber
-der schönste.&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>Therese, durch den gehabten Zwist und die spät
-erfolgte Versöhnung empfänglich gestimmt für den
-Eindruck solch einer Umgebung, sagte: »wie heimlich ists
-hier! wie hübsch! ich könnte gern hier wohnen, einzig
-und allein.« Josephine wußte hier Bescheid. Wie
-mit dem Vorrecht eines Kindes zog sie die grünen
-Bettvorhänge auseinander, schmiegte die warme Mädchenwange
-an die gesteppte Decke, schlug das blaue
-Auge gegen die dunkle Madonna auf &ndash; in diesem
-Wechselblicke lag eine Welt der Ahnung &ndash; und flüsterte:
-»wie traut! wie lieb! ich mögte ewig hier
-schlafen!&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<p>Frau Fabia sagte nichts der Art. Sie bewunderte
-das Compendiöse dieses Locals, lobte die Nützlichkeit
-des kleinen Sparofens, und sah dieser frommen
-Clause die häusliche Seite ab. Die Bouquets
-gaben dieser Winterstunde einen schwachen Hauch von
-Sommerduft, und die Damen freuten sich daran.
-Man wunderte sich, wie Veronica diese Blümchen so
-spät noch erhalten könne.</p>
-
-<p>»Ich war von Kindheit an eine glückliche Gärtnerinn,«
-erwiederte die Nonne hierauf, »und schleppte
-<a class="pagenum" id="page_068" title="68"> </a>
-mich mit Pflanzen hin und her, woraus mein Vater
-die Folgerung zog, ich würde eine treufleißige Mutter
-werden, die da Segen mit der Erziehung ihrer Kinder
-hätte.« Sie lächelte wundersam, wie über einen
-zerronnenen Traum.</p>
-
-<p>»Schade!« sagte Fabia leise. Veronica hatte dies
-Wörtchen nicht gehört. Sie machte mit sichtlich gutem
-Willen, wenn auch nicht mit der Uebung einer
-Weltdame, die Wirthinn, schenkte Thee ein, warf
-Zucker in die Tassen, und besann sich alsbald, daß
-sich das nicht schicke, und das Maß der Süßigkeit
-dem Geschmack eines Jeden selbst überlassen bleiben
-müsse. &ndash; Dann präsentirte sie das lockende Backwerk,
-von den Schwägerinnen als trefflich gerühmt. Man
-bat um die Recepte, inzwischen las Josephine schon
-Eines. Sie hatte dies Papier an dem für sie bestimmten
-Platze unter dem Sträuschen liegend gefunden;
-es lautete: »nimm fünf Loth <em class="ge">Ernst</em>, zehn Loth
-<em class="ge">Geduld</em>, zwanzig Loth <em class="ge">Sanftmuth</em>, und hundert
-fünf Loth <em class="ge">Demuth</em>, dieses alles stoße wohl unter
-einander im Mörser des <em class="ge">Glaubens</em>, mit dem
-Stempel der Stärke, rühre ein Viertelpfund <em class="ge">Hoffnung</em>
-dazu, schütte es in die Pfanne der <em class="ge">Gerechtigkeit</em>,
-und lasse es bei dem Feuer der <em class="ge">christlichen
-Liebe</em> gar kochen. Alsdann bewahre es wohl,
-damit der Schimmel der <em class="ge">Eitelkeit</em> nicht ansetze.
-<a class="pagenum" id="page_069" title="69"> </a>
-Mit dieser Salbe streiche Dich des Morgens und des
-Abends: es ist ein Mittel gegen die Hölle.«</p>
-
-<p>Therese seufzte, als wäre der Athem ihres Busens
-mit all diesen Gewichten beladen. Die Nonne aber
-sprach: »ein Arcanum, der künftigen Hausfrau zu
-Nutz und Frommen! meine Mutter hielt es für probat.«</p>
-
-<p>»Sagen Sie, Schwester Veronica,« fiel hier Therese
-ein: »sind Sie wirklich aus wahrem Klosterberuf
-Cisterzienserinn geworden? ich wüßte kaum, wie ich
-mir dies als möglich denken sollte.« Ihre Miene zweifelte.
-Die Nonne sah die lebenslustige junge Frau
-mit einem Blicke an, worin sich die schweigende Entgegnung
-aussprach: »Christum lieb haben, ist besser,
-denn alles Wissen&nbsp;&ndash;« und nach einem kleinen Besinnen
-antwortete sie: »die innersten Triebfedern kennt
-nur Gott allein, und das Herz mag sich zu tausendmalen
-eine sich der Welt entschwingende Seele bewegt
-haben; doch &ndash; wenn ich einen Rückblick auf mein
-langes Leben werfe, und auf den Gang meines Schicksals,
-der sich in diesen stillen Mauern endet, so mögte
-ich doch glauben, es sey des Himmels Wille gewesen,
-daß ich mich ihm weihe, und die frühesten Eindrücke
-des Gemüths, alle Umstände meiner Jugendzeit hätten
-dazu dienen müssen, daß meine Bestimmung erfüllt
-werde. &ndash; Im Keim der Zukunft ist die verhängnißvolle
-Blume eingeschlossen, und der Mensch
-<a class="pagenum" id="page_070" title="70"> </a>
-entwickelt sich mit ihr. Unserer heiligen Märtyrer
-Einige, die in den Flammen gestorben, fingen damit
-an, den Finger in das brennende Licht zu halten, um
-zu versuchen, wie lange sie Feuerschmerz aushalten
-könnten. &ndash; Warum sollte ich es ihnen nicht erzählen?
-ist doch nun Alles überwunden.« Die beiden
-Frauen bezeigten ein neugieriges Interesse an dem,
-was ihnen Schwester Veronica mitzutheilen hätte,
-und setzten sich zum Hören zurecht; nur über Josephinens
-Gesicht glitt ein Schatten zarter Furchtsamkeit,
-als scheue sie es, daß ihre ehrwürdige Freundinn zur
-bloßen Unterhaltung Narben enthülle, die einst vielleicht
-schmerzlich geblutet hätten. Sie zog die schneebleiche
-Hand, welche keinem Mann angehört, sacht
-und seitwärts an ihre Lippen und küßte sie mit
-Ehrfurcht.</p>
-
-<p>»Mein Vater,« begann die Nonne, »war ein gelehrter
-Mediziner und Arzt am Jesuiter-Collegio in
-B&ndash;. Sein einnehmendes Betragen, äußerst verbindliche
-Manieren, so weit ich mich deren erinnern
-kann &ndash; seine stattliche Gestalt und großen Kenntnisse,
-gewannen ihm aller Menschen Gunst und Zutrauen,
-weshalb er denn eine verbreitete Praxis besaß.
-So dächte man nun, meine Mutter müßte eine glückliche
-Frau gewesen seyn. Doch nicht also. Sie
-weinte oft still und bitterlich. Ich schmiegte mich dann
-<a class="pagenum" id="page_071" title="71"> </a>
-als ein kleines Kind in die nassen Falten ihres Kleides,
-ohne zu verstehen, was sie so betrübe &ndash; späterhin
-ist mir die Quelle ihrer Thränen wohl klar geworden.
-Manche Zähre aus dem Auge der Gattin,
-was nicht blind war für die Abwege des Mannes,
-ist damals auf mein Haupt gefallen&nbsp;&ndash;: <em class="ge">dies war
-die erste Salbung zur Klosterfrau</em>. &ndash; Meine
-Mutter,« fuhr Schwester Veronica fort, »soll in ihrer
-Blüthe ausnehmend hübsch gewesen seyn.«</p>
-
-<p>Die drei Zuhörerinnen sahen die Nonne auf den
-kindlichen Ruhm jener Schönheit an, die längst schon
-Staub war, im Einverständniß der Meinung, daß
-dies glaubhaft sey, und noch aus den dunkeln Umrissen
-des Alters ihrer Tochter erhelle.</p>
-
-<p>»Mein Vater,« so war der weitere Verlauf der
-Erzählung, »hatte sie aus heftiger Zuneigung geheirathet,
-er scherzte zuweilen im Beiseyn der Freunde meiner
-Eltern oder Fremder über seine Bräutigams-Thorheiten
-&ndash; wie er sie nannte &ndash; die Mutter aber ging
-nie in diesen Ton ein. Sie blickte ernst und bekümmert
-dazu. Ich entsinne mich genau, daß dies eine
-Empfindung in meine Seele legte, <em class="ge">als wäre die
-Liebe eines Mannes kein Glück, mindestens
-kein dauerndes Glück</em>. Das Einkommen meines
-Vaters setzte sein Haus in Wohlstand. Wir sahen
-oft Gäste bei uns. Die elterliche Güte für mich,
-<a class="pagenum" id="page_072" title="72"> </a>
-das einzige Kind, überschüttete mich mit kleinen
-Schätzen, ein unerfüllter Wunsch fand nicht Raum
-unter den angehäuften Spielsachen; dankbare Kunden
-meines Vaters beschenkten mich kostbar, <em class="ge">und dieser
-Ueberfluß machte mich gleichgültig gegen
-den Besitz</em>. &ndash; Meine Mutter hatte einen ältern
-Bruder, der war ihr Beichtvater und Erzpriester an
-der Stadtkirche. Niemand sah ich so gern kommen,
-als ihn, den freundseligen lieben Mann, dem der
-Trost unsichtbar zur Seite ging. Stets brachte er
-mir Etwas mit, woran ich besondern Gefallen fand,
-und immer war die Mutter ruhiger, wenn er einmal
-da gewesen. Diese Freude, dieser Frieden mischte sich
-in meine dämmernden Begriffe vom geistlichen Stande.
-Der Vater mogte ihn nicht leiden, und dies kränkte
-meine Mutter sehr. Einst zog mein Ohm, nachdem
-er mich lange hatte rathen lassen, was er in der weiten
-Tasche seines Rockes trüge, eine Puppe hervor,
-eine allerliebste Nonne von unserm Orden, und mein
-Entzücken darüber war unbeschreiblich. Ich küßte die
-Farben von dem kleinen Gesicht, daß es todtenweiß
-ward, und drückte die wächserne Brust mit solcher
-Innbrunst an die meine, daß sie zerspringen mußte.
-Am liebsten spielte ich Kloster, sang tiefe Weisen wie
-Choräle, was der Vater manchmal mit einem Fluche
-untersagte, indem er glaubte, ich spiele Begraben. &ndash;
-<a class="pagenum" id="page_073" title="73"> </a>
-Er war, beiläufig gesagt, nicht von allem Aberglauben
-frei, hinsichtlich auf seinen Beruf.«</p>
-
-<p>Therese unterbrach die Geschichte der Nonne mit
-den Worten: »man sagt, es soll von wesentlichem Einflusse
-auf das Geschick der Kinder seyn, an welchen
-Gegenständen sich ihr Liebessinn übe. Sie selbst,
-Schwester Veronica, liefern einen Belag zu dieser
-Erfahrung. Hätte ich einst ein Püppchen, ich ließe
-es nur mit Engeln spielen.«</p>
-
-<p>Frau Fabia konnte nicht umhin zu erwiedern:
-»dann würde es nicht lernen, <em class="ge">Menschen</em> zu ertragen.«</p>
-
-<p>Wir lassen es, der Wahrheit dieser Bemerkung unbeschadet,
-dahin gestellt, ob weiblicher Neid gegen das
-ihr versagte Mutterglück, oder verletzte Verehrung für
-die höhern Kinder Gottes, sie in Anregung gebracht habe.</p>
-
-<p>»Die gute Mutter,« nahm die Erzählerinn den
-abgerissenen Faden wieder auf, »ließ mir ein kleines
-Sprachgitter machen, und lehrte mich in ahnungsloser
-Zärtlichkeit, wie ich mich dabei benehmen sollte. Gewiß
-ist es, daß diese kindische Spielerei mein Sinnen und
-Trachten richtete. &ndash; Doch hören Sie nur weiter.
-Zuvor aber noch eine Tasse Thee, ich bitte! er ist
-nicht stark.« Zeitweiliges Nöthigen. Das Geklirr
-der Tassen, der leise Guß des goldgelben Wassers,
-das Geprassel der mürben Brezeln und Mandelplätzchen,
-ein dankendes oder ablehnendes Wort, füllte die
-<a class="pagenum" id="page_074" title="74"> </a>
-Pause der Geschichte, bis Veronica sie fortsetzte. »Das
-Haus meiner Eltern, worin meine Mutter geboren
-wurde, stand am Marktplatze, dicht neben dem sogenannten
-Rathskeller, den die Gebrüder Posca, ein
-paar Italiener, in Pacht hatten. Dort fanden sich
-die Patrizier der Stadt ein, und mein Vater ging
-jeden Abend &ndash; kaum machte der <em class="ge">heilige</em> Abend eine
-Ausnahme von dieser leidenschaftlichen Gewohnheit &ndash;
-in diese Tabagie, ein Gläschen Montefiascone zu trinken.
-Nur Geschäfte hielten ihn ab, doch nie Liebe
-für die Seinigen. Meine Mutter saß wie eine verwittwete
-früh und spät mit mir allein; es war dann
-so traurig und waisenhaft still um uns her, und die
-Uhr schlug manchmal schauerlich die zwölfte Stunde,
-ehe der Vater heimkehrte.&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>Die Mutter ertrug zwar duldsam, was sie nicht
-ändern konnte, ich habe nie gehört, daß sie dem Vater
-deshalb Vorwürfe machte; dagegen nährte sie einen
-seltsamen Groll gegen die Menschen, die ihrer
-Meinung nach daran Schuld wären, daß sie so hintangesetzt
-würde, und ihr Haß erstreckte sich über ganz
-Welschland. Von einem italienischen Salat hätte sie
-nimmer einen Bissen angerührt; ich würde nur Gift
-und Galle essen &ndash; sagte sie einmal zu mir, als ich
-sie in Gesellschaft bat, von solch einer Schüssel ein wenig
-zu nehmen. &ndash; Mir war diese Nachbarschaft unbeschreiblich
-<a class="pagenum" id="page_075" title="75"> </a>
-anziehend. So oft ich mit meiner Mutter
-im Dunkeln von einem Gange nach Hause kam,
-bat ich sie, vor den geöffneten Thüren dieser Unterwelt
-einen Augenblick stehen zu bleiben. Die Lampe,
-welche die feuchten Stufen erleuchtete, hatte einen
-zauberischen Schein, es zog mein Herz hinab &ndash; ich
-wußte nicht, wie? das fremdartige Rufen der dienstbaren
-Geister, die Glocke, welche geläutet wurde, wenn
-Einer der Weingäste etwas begehrte, brachte meine
-junge Seele in eine ganz eigene Schwingung. Die Mutter
-mußte mich mit Gewalt fortziehen, und ich erinnre
-mich, daß sie einst seufzend sagte: der Rathskeller hat
-Dir's angethan, wie Deinem Vater. &ndash; Einer der Brüder
-Posca hatte seine Familie noch in Verona, und nie ist
-dies sonderbare Verhältniß mir deutlich geworden. So
-war ich herangewachsen. Einst kam mein Vater in
-nächtlicher Zeit etwas benebelt heim &ndash; dies war sonst sein
-Fehler nicht. Ich lag zwischen Schlafen und Wachen
-mit dem Kopfe auf meiner Mutter Schoße und hörte
-das Gespräch der Eltern. Mein Vater erzählte, wie
-er diesen Abend dem Peter Posca die Hand darauf
-gegeben habe, daß, wenn sein Sohn, der das Geschäft
-fortführen sollte, nun käme, was zu erwarten, und
-hätte seinen Beifall: so solle er auch die einzige Tochter
-haben und sein Eidam werden. &ndash; Ich fühlte,
-wie meine Mutter erschrak, und elektrisch zuckte der
-<a class="pagenum" id="page_076" title="76"> </a>
-Schlag dieser Worte durch meine Glieder. Du wirst
-doch unsere Clara &ndash; so hieß ich in der Welt &ndash; nicht
-einem Weinwirth geben? fragte sie mit bebender
-Stimme; solch ein Italiener, wenn er noch nicht gebleicht
-ist und kaum ein Wort Deutsch versteht, kommt
-mir vor wie ein Bandit. &ndash; Es gab eine feine Linie
-für meinen Vater, wo seine angetrunkene gute
-Laune in Jähzorn überging; auf dieser Linie schwankte
-sein Ton, womit er erwiederte: verlaß Dich darauf,
-mein Schatz! Clara wird den jungen Posca heirathen,
-und weder an seinem Kauderwelsch, noch an der
-schwarzbraunen Farbe seines Angesichts sterben. Wir
-haben mancher Flasche den Hals gebrochen, um dies
-Verlöbniß zu besiegeln. &ndash; Meiner armen Mutter
-mogte wohl das Herz dabei brechen. Es war mir,
-als hätte ich dies zu hören nur geträumt. Als ein
-Mägdlein von funfzehn Jahren, wußte ich mich die
-Braut eines Unbekannten, und dachte ich an die Vorstellung
-meiner Mutter, so durchbohrte ein ahnungsvoller
-Schmerz mir die Brust. Ich verlautete aber
-in jungfräulicher Schüchternheit nie eine Sylbe, daß ich
-davon Wissen hätte. Das Geheimniß, welches ich bewahrte,
-war jedoch nicht darnach, meine Aufmerksamkeit
-für die Nachbarschaft zu schwächen. Ein Geräusch
-am Rathskeller bewegte mich wie das Blatt
-der Espe, jede brünette Mannsperson brachte mich in
-<a class="pagenum" id="page_077" title="77"> </a>
-Schrecken. Doch ging eine Zeit still hin. Ich hatte
-es von jeher geliebt, wenn die Frachtwagen mit den
-welschen Waaren kamen, dem Auspacken der Früchte
-und Delikatessen zuzusehen. Es geschah dies gewöhnlich
-in einem Hofraume, den das Fenster einer Hinterstube
-unsers Hauses bestrich. Die Atmosphäre vom Dunst
-feuriger Weine, die sich hier niemals verzog, betäubte
-mich angenehm, während sie meiner Mutter Kopfweh
-verursachte. Wenn ich die Citronen, sinesischen Aepfel,
-Datteln und Limonien aus Blätterschichten hervor
-nehmen sah und der südliche Duft herüber wehete:
-so war mir so sehnsüchtig zu Muthe, als wären diese
-Früchte vom Baum des Paradieses gepflückt; aber immer
-stand etwas Trauriges wie eine dunkle Gestalt
-mir vor der Seele. Beinahe war meiner Mutter so
-wie mir eine vergessene Sache, was ihr der Vater gesagt,
-als er eines Tages in das Zimmer trat, einen
-jungen Mann an seiner Hand, den er uns als den
-Sohn des Herrn Peter Posca vorstellte. Meine Mutter
-ward bleich wie der Tod, ich aber erröthete, daß
-mir die Stirn flammte. Der sah nicht aus, als könnte
-er Menschen berauben oder ermorden! ein wenig bräunlich
-nur war seine Gesichtsfarbe, wie ein schönes Oelgemälde,
-dem man es bewundernd verzeiht, daß der
-Künstler sich in etwas starken Schatten gefiel. Seine
-glänzend schwarzen Augen ruhten wie der höchste Gewinn
-<a class="pagenum" id="page_078" title="78"> </a>
-eines Würfels auf mir &ndash; und der Wurf meines
-Schicksals schien mir ein erstaunenswerthes Glück.«</p>
-
-<p>Bei dieser begeisterten Schilderung einer männlichen
-Persönlichkeit, im Munde einer alten Nonne,
-hustete die kühle Fabia, und sah bedenklich nach Josephinen
-hin, die gesenkten Blickes an ihrem Strickzeug
-eine Masche aufhob, welche ihr tief entfallen war.
-Therese aber rief erregt: »o das ist prächtig! der Gedanke
-des Vaters war so übel nicht. Mir däucht, die
-Frau eines Mannes, der offne Tafel hält, ohne daß
-sie sich mit Kochen und Backen plagen darf, und ein
-Lager für Gäste: müßte es gut mit haben und eine
-immer fröhliche Ehewirthinn seyn. Ich brenne vor
-Begierde zu erfahren, ob Sie den hübschen Jüngling
-noch genommen haben.«</p>
-
-<p>Der schwache Schein einer längst gedämpften Flamme,
-wie wenn Asche ausglimmt, röthete Veronicas Wangen,
-als sie sprach: »was Sie äußern, schmeichelt dem
-Interesse meiner einfachen Erzählung. Sie vergessen
-jedoch, Frau Therese, daß ich eine Braut Christi geworden
-bin. &ndash; Ueberdies theilte meine Mutter Ihre
-Meinung nicht. Als der Besuch fort war und ich
-schweigend blieb, redete sie mich mit händeringender
-Geberde an: so ist es doch wahr! ich dachte schon, jener
-mir verhaßte Gedanke wäre mit deines Vaters
-Rausch verflogen, und hütete mich wohl, ihn daran
-<a class="pagenum" id="page_079" title="79"> </a>
-zu erinnern. Mein armes Kind! jammerte sie, eine
-Kellerspinne sollst du werden, die hurtig hin und her
-läuft und darauf lauert, eine lose Fliege in das Netz
-zu bringen. Maria und Joseph! soll ich meine Tochter
-in den Keller betten? &ndash; Obgleich das mütterliche
-Herzeleid mich rührte und jenes Bild mir widrig
-war: so mußte ich doch lächeln, wie meine Mutter
-ein Sprüchwort anwendete, worin ihre tiefste Abneigung
-sich ausdrückte. &ndash; Von dieser Zeit an, besuchte
-uns der junge Nachbar zuweilen. Nie blieb er einen
-Tag länger aus, oder verweilte eine Minute über
-die gewöhnliche Frist. Diese Regelmäßigkeit ängstete
-mich heimlich; ich wußte selbst nicht warum? überhaupt
-war etwas in diesem Verhältniß, was mich wie
-ein leiser Zwang drückte. Von einer Heirath zwischen
-uns war die Rede nicht, und daß wir Brautleute
-wären, hätte uns Niemand angesehen. Ich leugne
-nicht, daß ich meinem Zukünftigen sehr gut war, und
-mir mit Vergnügen bewußt, wie ich zu ihm stände,
-wenn ich auch das Vorurtheil meiner Mutter schonte.
-Ludovico sollte sich erst in seine Lage eingewöhnen &ndash;
-hatte sein Vater gesagt. So saßen wir einander blöde
-gegenüber; ich fühlte ein ängstliches Bedürfniß, ihn
-zu unterhalten, als ob ich <em class="ge">seine</em> Langeweile empfände.
-Hatte ich auf sein Kommen gehofft: so sah ich nicht
-minder gern dem Augenblick entgegen, wo er aufbrechen
-<a class="pagenum" id="page_080" title="80"> </a>
-würde &ndash; wußte ich ihn doch voraus. Manchmal
-preßte mir der Druck einer innerlichen Beklommenheit
-Thränen aus, die dann flossen, wenn er fort
-war. Dabei tröstete ich mich, daß er nicht recht fort
-könnte mit der Sprache &ndash; ich hoffte ohne Hoffnung&nbsp;&ndash;«
-die Nonne lächelte trübe: »die Liebe hilft
-auch einem Stummen aus.«</p>
-
-<p>Eine Solche ward jetzt redend. »Aber liebe Veronica,«
-sprach Josephine, die ihren Mund noch nicht
-aufgethan, »was man am tiefsten fühlt, läßt sich oft
-am wenigsten sagen &ndash; der junge Herr kann auch
-aus Liebe geschwiegen haben.«</p>
-
-<p>»Schweige Du, voreiliges Kind!« herrschte Fabia
-mit leiser Strenge ihrer Pflegetochter zu: »Du
-kannst hierüber noch gar nicht urtheilen.«</p>
-
-<p>»Ich dächte doch!« meinte Therese, und ihr Lächeln
-nahm Partei für diese.</p>
-
-<p>Veronica blickte das verschüchterte Mädchen zärtlich
-dankbar an. Sie wußte wohl, welchen Glauben
-Josephinens Worte ansprächen.</p>
-
-<p>»Oft ist es so, mein bestes Kind,« sagte die Nonne
-zu dem Liebling ihres Herzens: »allein hier war es
-nicht der Fall. So oft Ludovico kam, beschenkte er
-mich mit einer artigen Kleinigkeit. Ich durfte nur
-etwas lobend erwähnen, so dauerte es nicht lange, es
-<a class="pagenum" id="page_081" title="81"> </a>
-war mein Eigenthum. Dieser aufmerksame Sinn,
-mir eine Freude zu machen, täuschte mich in dem Gedanken,
-er wolle mein Glück. Ludovico trug einen
-Ring an seinem Finger, der mir in die Augen stach;
-er war vom feinsten Golde, mit dem Bildniß einer
-<i>Mater dolorosa</i> in Mosaik ungemein künstlich gearbeitet.
-Dieser Ring war das Einzige, was er meinem
-sichtlichen Wunsche vorenthielt, und zufällig sagte
-er einst, daß es ein Andenken von seiner verstorbenen
-Mutter wäre. &ndash; So war länger als ein Jahr vergangen,
-und jetzt äußerte mein Vater, daß unsere Verlobung
-in einiger Zeit vollzogen werden würde. Doch
-ehe ich mich meinem Ziel nähere, muß ich zuvor noch
-etlicher bedeutsamen Umstände erwähnen. Vielleicht
-war es in Folge der Unruhe meines Gemüths, daß
-ich mich damals etwas kränklich befand. Mein Vater
-glaubte nicht recht daran, wie denn Aerzte in
-der Regel Uebel, woran die Ihrigen leiden, für unerheblich
-halten. Die hochselige Gräfinn Frankenstern
-beehrte meinen Vater mit ihrem Zutrauen. Wenn
-sie mit ihrem Gemahl auf den hiesigen Gütern war,
-bediente sie sich seines Rathes, eines Schadens wegen,
-der, wie mein Vater meinte, leicht in ein Krebsgeschwür
-hätte ausarten können. Auch in jenem Herbste
-kam sie nach B&ndash;. Sie fand mein Aussehen verändert,
-und erkenntlich für geleistete Hülfe, forderte sie
-<a class="pagenum" id="page_082" title="82"> </a>
-meinen Vater auf, mich ihr auf ein paar Wochen mit
-nach Bühle zu geben, zur Zerstreuung, wie die Gräfinn
-sagte. Mein Vater war zu höflich, um der vornehmen
-Dame diese gnädige Bitte abzuschlagen, meiner
-Mutter flehender Widerstand, mein eigenes Wollen
-oder Weigern kam dabei nicht in Betracht. Indessen
-gefiel es mir doch ganz wohl in Bühle. Die
-Gräfinn war die Leutseligkeit und Liebe selbst, eine
-wahre Seele von einer Frau! &ndash; Morgen, mein
-Clärchen, sagte sie am zweiten Abend, wird eine Novize
-in Sanct Capella eingekleidet; hast Du das schon
-gesehen? Wir werden hinüber fahren. Ich verneinte;
-es war mir unbeschreiblich lieb, daß es sich so träfe,
-und ich konnte den folgenden Tag kaum erwarten.
-Die geistliche Hochzeit wurde mit größter Pracht vollzogen.
-Die Nonne, welche Profeß that, war eine reiche
-Erbinn von Hardt. Die Sage ging, sie hätte sich
-die Untreue eines Geliebten zu Gemüth gezogen. Das
-wunderschöne Frauenbild von edlem Wuchs, im vollen
-Brautschmuck, flimmernd von Geschmeide, darin die
-Kerzen der Altäre widerstrahlten, die Gestalt des hochwürdigen
-Bischofs&nbsp;&ndash;: alles, was ich sah und hörte,
-machte einen mächtigen Eindruck auf mich. Wie nun
-die Orgel erbraus'te und bebte, lös'te sich mein Wesen
-in erschütternden Gefühlen auf. Ich wurde hingerissen
-von dem heiligen Strom. Alles Irdische versank,
-<a class="pagenum" id="page_083" title="83"> </a>
-ich sah in den offnen Himmel der Kirche und in meiner
-Brust rief es: <i>De profundis!</i>«</p>
-
-<p>»Schwester Veronica,« sagte Fabia, indem sie die
-Hand der Nonne faßte, als wolle sie ihr mit dieser
-Bewegung Einhalt thun, »werden diese Erinnerungen
-Sie auch nicht allzusehr angreifen? ich dächte&nbsp;&ndash;« sie
-redete nicht aus. Vielleicht war dem Protestantismus
-Fabiens jene Schilderung noch ungleich aufregender,
-als dem stillbegeisterten Gemüth der klösterlichen Jungfrau.
-Diese schüttelte den Kopf und sprach: »nein,
-nein! lassen Sie mich nur ruhig auserzählen. Ich
-sah das Kleid von Goldbrocat fallen wie eine verachtete
-Zier &ndash; die blonden Haare &ndash; der Bischof schnitt
-mir in das Herz &ndash; und das Fräulein aller Eitelkeit
-baar, der Welt absterben. &ndash; Während dieser ergreifenden
-Ceremonie wurde eine Glocke geläutet. Mir
-summte es schwer vor den Ohren, ich war einige Secunden
-ohnmächtig. Wenn ich an den Blick dachte,
-den die junge Nonne, ehe sie, von dem Convent in
-die Mitte genommen, auf das gefüllte Schiff der Kirche
-warf, und dann durch die Thüre verschwand, welche
-nach dem Innern des Klosters führt; so schwamm ihr
-Bild vor meinen Augen. Als ich am Abend jenes
-denkwürdigen Tages mich allein befand, und meine
-Haare auflösete, bemerkte ich, daß sie genau von derselben
-Farbe wären, wie die des Fräuleins von Hardt,
-<a class="pagenum" id="page_084" title="84"> </a>
-welches knieend vor dem Bischof das stolze Haupt in
-seinen Schoß beugte, daß es seines Schmuckes beraubt
-würde. Während sich diese Scene meinem Gedächtniß
-wiederholte, entflocht ich die langen Zöpfe,
-und ließ sie wellenartig durch meine Finger gleiten.
-Da fällt etwas mit leisem Geklingel zu meinen Füßen
-&ndash; es war eine silberne Scheere, die ich unversehends
-vom Tisch gestreift hatte. Eine innere Stimme
-raunte mir zu, daß dieser kleine Zufall vorbedeutend
-wäre, und unter einem Nervenfrösteln legte ich mich
-zur Ruhe. &ndash; Bei dieser Gelegenheit kann ich nicht
-umhin einzuschalten, wie es mir vorkommt, als ob
-in jedem öffentlichen Opfer eine geheimnißvoll anziehende
-Kraft zur Nachahmung läge, welche verschwistert
-ist mit dem Reiz der Traurigkeit und der Gefahr.
-Und wie verschieden es auch sey &ndash; mein Heiland
-bewahre mich vor dem Vergleich! ein reines
-Herz am Hochaltar den Lockungen der Welt zu entziehen
-&ndash; oder ein verbrecherisches Leben auf dem Hochgericht
-in die Hände seines Schöpfers zurückzugeben:
-eine ähnliche Tiefe der menschlichen Seele ist es gleichwohl,
-darin es liegt, daß Todesstrafen weniger abschrecken
-als sie sollten. &ndash; Bei meiner Nachhausekunft
-fand meine Mutter, daß eine Veränderung mit
-mir vorgegangen wäre. Sie suchte mich durch allerhand
-erheiternde Mittel zu zerstreuen. Am Andreas-Abend
-<a class="pagenum" id="page_085" title="85"> </a>
-gossen wir üblicher Weise geschmolzenes Blei.
-Der Geist Gottes, den wir solchergestalt versuchten &ndash;
-schwebte über dieser kleinen Wasserfläche. Ich zeigte
-der Mutter die Form, welche sich meinem Guß gebildet
-hatte. Nun das ist ja ganz natürlich wie eine
-Abtei mit Thürmen und Kreuzen &ndash; sagte sie: Du
-wirst uns doch nicht ins Kloster gehen wollen, Kind?
-und da die gute Mutter hinsichtlich meiner Zukunft
-keines Scherzes fähig war, der nicht ein wenig bitteres
-Salz gehabt hätte, so setzte sie lächelnd hinzu:
-viel eher hätte ich gedacht, Du würdest kleine Tönnchen,
-worin man Sardellen und Kapern voraussetzte,
-oder ein kugelrundes Weinfaß fischen. &ndash; Ich betrachtete
-schweigend mein bleiernes Schicksal. Doch genug
-hiervon; meine Erzählung mögte sonst ihre Geduld
-ermüden. Das Jesuiter-Collegium besaß ein uraltes
-Gebäude vor dem Thore, welches, seiner schönen Lage
-wegen, theilweise in wohnlichen Stand gesetzt worden
-war. Der schöne Garten daran, mit tropischen Gewächsen
-bepflanzt, war zu einem wissenschaftlichen Zweck
-eingerichtet worden, und mein Vater, der die Botanik
-leidenschaftlich liebte, durfte ihn gewissermaßen als den
-seinigen betrachten. Hier verlebten einige Familien
-der Professoren die wärmere Jahreszeit, zumeist solche,
-die ein kränkliches Mitglied hatten. Auch uns waren
-des Anrechts wegen, welches sich mein Vater an
-<a class="pagenum" id="page_086" title="86"> </a>
-dem Garten erworben, ein Paar der besten Zimmer
-eingeräumt, und ich freuete mich stets auf den Tag,
-wo wir unser Sommerlogis beziehen würden. Unter
-dem Dache dieses Hauses wohnte ein Sprachmeister,
-Namens Tamdio, hoch genug, daß die hectische Brust
-des ungesunden Mannes, hier Luft des Himmels trinken
-konnte. Mein Vater hatte dem armen Tamdio
-dies bescheidene Plätzchen ausgewirkt, wo er gleichsam
-einen Thurmwart vorstellte, der, ob auch mit kurzem
-Athem, gegen Jedermann das Lob seines Arztes und
-Wohlthäters ausposaunte. Dieser hatte ihm den Unterricht
-verbieten müssen, weil das viele Sprechen seine
-kranke Brust angriff; nur einige wenige Stunden
-setzte seine Tochter fort, die allgemein für ein wackeres
-Mädchen, und für eine nette Stickerinn galt.
-Er hätte sonst ohne diese Sprachfertigkeit seiner Tochter
-und den Fleiß ihrer kunstreichen Nadel, verhungern
-müssen. &ndash; Wie groß nun auch der Abscheu
-meiner Mutter gegen meine heranrückende Verbindung
-war: so vergaß sie doch nichtsdestoweniger alle die
-kleinen und größeren Besorgungen, welche ein Brautstand
-<i>in optima forma</i> erheischt. Zwar hatte Ludovico
-bis jetzt noch kein Wörtchen gegen mich fallen
-lassen; aber eine Heirath war damals nicht das Recht
-gegenseitiger Zuneigung, sondern lediglich die Angelegenheit
-elterlicher Autorität und eine Pflicht des kindlichen
-<a class="pagenum" id="page_087" title="87"> </a>
-Gehorsams. Sie lachen, Frau Therese? ja, und
-doch gab es zu jener Zeit weniger unglückliche Ehen
-als jetzt. Eines Tages sprach meine Mutter mit mir
-über die Geschenke, welche dem künftigen Bräutigam
-zu machen wären, und führte unter ihnen auch eine
-Verlobungsweste auf. Ich dächte, wir nehmen paille
-Atlaß, sagte sie, und ließen die Klappen und Taschen
-mit einer Borde sticken, und zerstreute Blümchen in
-die Mitte. Was meinst Du? &ndash; Wir wollen des
-Sprachmeisters Tochter herunter bitten lassen. &ndash; Die
-junge Tamdio kam. Ihr Aeußeres war mir sonst
-nie aufgefallen; da sie nun jetzt vor uns stand, erschien
-sie mir sehr <em class="ge">interressant</em> &ndash; wie man heut
-zu Tage zu sagen pflegt. Man hätte sie nicht schön
-nennen können, vielleicht kaum hübsch; aber es lag
-ein Ausdruck in ihrem Gesichte, der unbeschreiblich
-rührte. Was sie sprach, klang wie traurige Musik,
-und wendete mir das Herz im Busen. Meine Mutter
-redete im Tone ruhigen Bestellens über diese Arbeit,
-welche sie der äußersten Mühsamkeit der Stickerinn
-dringend empfahl, weil es ein Brautgeschenk
-werden solle. Bei diesen Worten ward das Mädchen
-todtenblaß, und ihr Auge erlosch, wie ein Licht ausgeht.
-Sie sind wohl unpaß, armes Kind, vielleicht
-vom vielen Sitzen? fragte meine Mutter, unbekümmert,
-daß sie diese Anstrengungen vermehre. Wie
-<a class="pagenum" id="page_088" title="88"> </a>
-geht es denn mit ihrem Vater? Er hustet stark, antwortete
-das Mädchen mit schwankender Stimme, und
-meine Hoffnung wird täglich schwächer. Diese Nacht
-hat er wieder ein wenig Blut ausgeworfen &ndash; meine
-Mutter versprach, den Vater hinauf zu schicken, sobald
-er käme. Sie verlangte nun, ich solle die Blumen
-und das Dessein bestimmen. Mir that das Mädchen
-sehr leid, und so äußerte ich: wir könnten es ja
-noch lassen. Nein, sagte meine Mutter, es stehet geschrieben:
-was du thun willst, das thue bald. Ich
-wählte also ein Muster von Vergißmeinnicht. In
-dem niedergeschlagenen Blicke des Mädchens ging ein
-Schein von Beifall auf, die Mutter aber tadelte mich
-und sprach: Vergißmeinnicht! das hätte wohl keine
-Art, und sähe aus wie ein Andenken. Du vergissest
-jedoch, daß Dich der Bewußte so gut wie in der
-Tasche hat &ndash; womit sie darauf anspielte, daß ich
-mich nach dem Willen des Vaters heimlich für ihn
-malen ließe, und mein Bild ihm in die Westentasche
-gesteckt werden sollte. Das Mädchen griff rasch in
-die ihrige, und zog ein Tüchelchen hervor, mit welchem
-sie sich die Stirn trocknete. Ich achtete dessen
-nicht, es war sehr warm an jenem Tage. Eine
-Woche mogte seitdem vergangen seyn,« fuhr Schwester
-Veronica tiefathmend fort, »als eines Abends ein
-schweres Wetter aufzog. Auch der Odem meiner
-<a class="pagenum" id="page_089" title="89"> </a>
-Seele war schwül; Ludovico war mir seit einiger Zeit
-sehr trübe vorgekommen. Ich legte mich ans Fenster,
-um in den Kampf der Wolken zu schauen; meiner
-Mutter schwache Augen vertrugen den Blitz nicht.
-Sie setzte sich in ihr Schlafgemach hinter verschlossene
-Läden und betete. Grade unter meinem Fenster war
-eine Mauerblende mit einem eisernen Gitter und steinernen
-Sitzen nach Außen. Ein breiter Ahorn wölbte
-sich schirmend um diesen kühlen Versteck. Ich starrte
-in die Finsterniß hinaus, mit Gedanken an meine Zukunft,
-die nicht viel heller waren. Da war es mir,
-als sähe ich bei dem schwachen Leuchten der Blitze
-den Schatten eines Mannes um die Blende wanken,
-und alsbald vernehme ich ein klagendes Geflüster, wie
-von Innen. Es dauerte nicht lange, daß ich in der
-antwortenden Stimme die meines mir zugedachten
-Bräutigams erkannte. Er nannte Diejenige, mit der
-er zu dieser unheimlichen Stunde Zwiesprach hielt,
-<em class="ge">seine</em> Clara, und an dem Tone, womit er diesen meinen
-Namen aussprach, der zu jener Zeit so allgemein
-war, daß ihn die meisten Töchter unserer Stadt führten,
-an diesem Tone hörte ich, daß ich seine Clara nie
-gewesen, noch werden würde. Schrecken und Eifersucht
-bewaffneten mein Gehör, so daß mir keine Sylbe
-entging, obgleich jede mein Herz durchdrang. Ludovicos
-Gegenstand mogte ihn bitten, sich bei dem näher
-<a class="pagenum" id="page_090" title="90"> </a>
-kommenden Sturm nicht zu verweilen, denn er
-sagte, die Gewitterwache stände am Thor, und dieses
-bliebe offen, bis sie abziehen könnte. Dann schien er
-sich gegen zärtliche Vorwürfe zu vertheidigen. Er
-nannte mich ein liebes gutes Mädchen, welches er aber
-nicht lieben könne, weil es ihm aufgedrungen werde,
-und nur nehmen müsse, gezwungen durch den Willen
-seines Vaters, der den meinigen für einen Crösus
-halte. Er sprach sein Sträuben gegen diese Heirath
-aus, und wie er den Tag der Verlobung so lange
-als möglich zu hintertreiben suchen werde. Er betheuerte:
-die Mutter Gottes solle ihn in Angst und
-Noth verlassen, so er jemals Der vergäße, die einzig
-und allein seine Liebe besitze. Ich bin unglücklich, so
-lange ich lebe, sagte er, doch ewig werde ich Dein gedenken.
-&ndash; Reiche mir Deine Hand aus dem Gitter,
-bat Ludovico, daß ich Dir diesen Ring an den Finger
-stecke, das Liebste, was ich habe. So sind wir verlobt
-für den Himmel, jenes Gelöbniß hat nur irdische
-Dauer. &ndash; Ach! der Mensch sollte nie weder so bestimmt,
-noch so vermessen reden! Gott ists allein, der
-da bindet und lös't. Ein fürchterlicher Donnerschlag
-schlug ein, ich wünschte, dieser Blitz mögte mich zum
-Tode getroffen haben. Meine Seele war zermalmt,
-und betäubt taumelte ich hinweg. Diese Nacht war
-die schrecklichste meines Lebens. Ich rang zu Gott,
-<a class="pagenum" id="page_091" title="91"> </a>
-daß er mich stärken möge zu einem Entschluß; denn
-Ludovicos Frau konnte ich nun nicht werden.«</p>
-
-<p>»Arme Veronica!« rief Therese mitleidig, »es ist
-entsetzlich, aus einer hoffnungsvollen Täuschung so zu
-erwachen!&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<p>»Und doch war es gut, daß es nicht später geschah,«
-sprach Frau Fabia mit prädominirender Vernunft und
-Erfahrung. Nur Josephine wagte leise zu sagen:
-»ach! und auch der Ludovico dauert mich. Er ist doch
-wohl am unglücklichsten daran.«</p>
-
-<p>»Das dachte ich auch!« äußerte die Nonne, und
-fuhr mit bewegter Stimme fort: »wie nun der Morgen
-tagte, der schönste Frühlingsmorgen! da fühlte
-ich, daß meine Blüthen gefallen wären, für immer.
-Die Natur war erfrischt, die Vögel sangen lustig in
-den Zweigen &ndash; wie <em class="ge">mir</em> zu Muthe gewesen, ich
-mögte es nicht schildern können. Es war sehr zeitig,
-die Eltern schliefen noch &ndash; da ging ich nach der
-Stadt auf den Pfarrhof, um mit meinem Ohm zu
-sprechen. Die wenigen Leute, welche mir begegneten,
-strichen gespensterisch an mir vorüber, meine Schritte
-wankten, wie über einem Abgrunde; ich hatte kaum
-Kraft die Klingel zu ziehen, die in der nüchternen
-Stille so nächtlich laut hallte, daß mir ein Grauen
-ankam. Mein Fuß zögerte, über die Schwelle zu
-schreiten, als gäbe es kein Entrinnen mehr für mich.
-<a class="pagenum" id="page_092" title="92"> </a>
-Der gute Erzpriester war schon auf und im Garten
-beschäftiget, Ranken und Reben anzubinden, die der
-Sturm der verwichenen Nacht wild auseinander gerissen
-hatte. Sein Gesicht war voll Sonnenglanz. &ndash;
-Dieser traute Anblick überwältigte mich &ndash; ich sank
-an seine Brust, und weinte laut. Er hielt mich bestürzt
-in seinen Armen; kein Unglück war so groß,
-daß er es nicht in meiner Verstörung, in der schmerzbewegten
-Fluth von Thränen gesucht hätte, die an
-den Blumen seines Schlafrocks niederfloß. &ndash; Ich
-sagte ihm nun, wie, nachdem ich lange mit mir gekämpft,
-ich nun gewiß wäre, daß ich den jungen
-Posca nicht heirathen könnte, indem ich eine unbezwingliche
-Neigung in mir fühlte, den Schleier zu
-nehmen, und nur fürchtete, die Eltern würden mir
-ihre Einwilligung versagen. So bäte ich ihn denn
-inständigst, meines Wunsches Wort bei der Mutter
-zu führen. Was den Vater anbeträfe, so wollte ich
-erst Vertrauen und Muth fassen, da ich von seiner
-Seite auf starken Widerstand gefaßt seyn müßte;
-weshalb ich denn auch so zaghaft wäre.«&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>Mein Ohm schüttelte den Kopf und sprach: »wäre
-mir dies doch nicht im Traume eingefallen! ist es auch
-nicht etwa nur eine flüchtige Einbildung von Dir?
-besinne Dich, liebe Clara! Nonne werden, und allen
-Freuden des Lebens absterben, ist kein Kinderspiel,
-<a class="pagenum" id="page_093" title="93"> </a>
-und ich mache mir einen Vorwurf daraus, daß ich
-Dir vielleicht mit jener Puppe die erste Idee dazu
-an die Hand gegeben habe. Ist es mir doch nie so
-vorgekommen, als ob Du Deinem Liebsten abgeneigt
-wärest! ich fürchte, Du verschweigst das Wichtigste
-hierbei! &ndash; Doch um keinen Preis hätte ich meinem
-Ohm die Wahrheit entdecken können. &ndash; Wenn Gottes
-Absichten vollführt werden sollen: so muß es sich
-wunderlich schicken. Wer meinen Vater gekannt hätte,
-seinen Haß, o, daß ich es sagen muß! gegen die Geistlichkeit
-im Allgemeinen und gegen die klösterliche insbesondere
-&ndash; seine Ueberschätzung alles Eitlen, sein
-Trotz, wie er den Glücklichen dieser Welt eigen ist,
-womit er einen einmal gefaßten Vorsatz fest hielt:
-Der würde es für ein Unmögliches gehalten haben,
-daß er meinem Wunsch sich nicht nur füge, sondern
-ein williges und willkommenes Sühnopfer für sich
-selbst darin sähe. Und dennoch mußte ein gewaltsamer
-Umstand mir dazu behülflich seyn.« Hier hielt
-Schwester Veronica lange inne, und ein tiefer Seufzer
-ihrer Brust säuselte durch die hochgespannte Stille.
-Dann fuhr sie mit unterdrückter Stimme fort: »die
-Heiligen segnen die Seele meines Vaters! ich weiß
-nicht, ob es mir als Tochter wie als Nonne ziemt,
-daß ich einer Geschichte erwähne, die einen Schatten
-auf sein Grab wirft, obgleich die Zeit von funfzig
-<a class="pagenum" id="page_094" title="94"> </a>
-Jahren Gras darüber wachsen lassen! Wenn ich es
-thue, so geschieht es in dem Vertrauen, daß die Ruhe
-seiner Asche nicht dadurch gestört werde. Sie mögen
-sich selbst überzeugen, wie es möglich war, daß ein
-Mann von so sanguinischen Meinungen, wie mein Vater,
-plötzlich so erschüttert werden können, daß sein
-ganzes Wesen eine totale Umwandlung erlitt. &ndash;
-Mein Vater hatte sich der Wittwe eines Chirurgen
-thätig angenommen. Die Frau stand nicht im besten
-Rufe und mogte auch leichtsinnig genug seyn; ihr seliger
-Mann, dessen Geschäft sie fortsetzte, in seinen
-niedrigsten Functionen wenigstens &ndash; hatte sie barbieren
-gelehrt, auch über den Löffel &ndash; zur Ungebühr,
-wie mir däucht; denn sie verstand es sehr von selbst,
-den Männern um den Bart zu gehen. Die arge
-Welt legte der Betriebsamkeit meines Vaters für das
-Beste dieser Frau, der Pünctlichkeit, womit er sie besuchte,
-und dem weichen Polster ihres Wittwenstuhls,
-eben keine bewegende Feder unter, die von gediegenem
-Golde gewesen wäre. &ndash; Dies Verhältniß war der
-stille Schmerz meiner guten Mutter. Als mein Vater
-eines Abends wie gewöhnlich zu dieser Wittwe
-geht und in die unverschlossene Stube tritt, ist
-es dunkel darin, nur der Mond scheint auf die
-Gestalt der Frau, welche schweigend mit verhülltem
-Kopf hinter der Thüre lehnt. Mein Vater, der da
-<a class="pagenum" id="page_095" title="95"> </a>
-glaubt, sie habe Versteckens mit ihm spielen wollen,
-eilt scherzend auf sie zu &ndash; doch welcher furchtbarer
-Ernst schreckt ihn zurück! seine Freundinn hängt an
-ihrem Schürzenbande, und mein Vater &ndash; <em class="ge">er selbst</em>!
-muß sie mit einem Rasirmesser losschneiden.«</p>
-
-<p>Die Zuhörerinnen schauderten &ndash; Josephine legte
-beide Hände vor ihr unschuldiges Gesicht. Und
-Schwester Veronica sprach! »ja, mein Kind, wir müssen
-wohl den Blick schonend bedecken, der auf solch
-einen tiefen Fall trifft! nie ist der Grund aufgefunden
-worden, warum die Frau sich ein Leides gethan.
-Mein Vater mußte, da der Kreisphisikus erkrankt
-war, der gesetzlichen Section ihres Leichnams beiwohnen,
-und diese Amtspflicht, der er sich nicht entziehen
-wollen, um sich vor den Augen der Menschen keine
-Blöße zu geben, hatte seine innersten Lebenskräfte
-angegriffen. Dieses unglückselige Ereigniß hatte sich
-an jenem Abend begeben, wo ich auf andere Weise
-Todesweh empfand. &ndash; Auch mir war es aus reinerer
-Schaam Bedürfniß, mich in der Achtung des Einen
-herzustellen, der mich höchstens bemitleiden können.
-Die Geschichte machte ein ärgerliches Aufsehen, es
-war, als ob der böse Würgengel vor meinem Vater
-herginge, und, um sein Unglück zu vollenden, starben ihm
-damals mehrere seiner bedeutendsten Patienten. Meine
-Mutter hatte in eben der Stunde, wo ich vom Pfarrhof
-<a class="pagenum" id="page_096" title="96"> </a>
-zurückkam, die erste Kunde von dem Geschehenen
-erhalten. Sie würde es daher kaum gemerkt haben,
-wenn ich als eine Gestorbene aus dem Grabe wiedergekehrt
-wäre, und so bleich ausgesehen hätte, wie ich
-nun wirklich vor ihr stand. Wir finden es daher gewiß
-ihrer Stimmung angemessen, und auch folgerichtig,
-wenn wir ihr eingewurzeltes Vorurtheil gegen
-die Heirath mit dem Italiener bedenken, daß sie, als
-ich nach einigen Tagen ihr im Beiseyn des Erzpriesters
-meinen Wunsch eröffnete, mir zur Antwort gab: ich
-segne Deinen Entschluß, meine Tochter. Viel lieber
-will ich Dich im Schoß der Kirche, oder auch in den
-Mauern der Gruft aufgehoben wissen, als in den Armen
-eines Mannes. Willig reiße ich die Blume meiner
-Freuden aus dem mütterlichen Herzen, wenn ich
-weiß, daß Dir die Dornen der Ehe erspart bleiben. &ndash;
-In dieser Aufregung meiner Eltern unterdrückte ich
-möglichst den Tumult meiner eigenen Gefühle, nur
-das Verlangen sprach laut in mir an, zu wissen: Wer
-das Mädchen sey, dem Ludovico seine Liebe geschenkt,
-ich meinte ruhiger zu seyn, wenn ich es wüßte. Wie
-aber sollte ich es erfahren?«</p>
-
-<p>»Ja,« rief Therese, und rückte unruhig auf ihrem
-Stuhle hin und her, »diese Neugier hätte mich auch
-gemartert, und ich würde jedem Mädchen im Hause
-auf die Finger gesehen haben.«</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_097" title="97"> </a>
-»Das that ich auch,« erwiederte die Nonne lächelnd,
-»aber leider fand ich wenig Gelegenheit dazu. Zu
-jener Zeit herrschte auch unter Hausgenossen eine gewisse
-Zurückhaltung des Umgangs; die Töchter der
-Professoren hielten zusammen und mich für stolz, womit
-so oft der Sinn für Einsamkeit verwechselt wird,
-und die Fähigkeit, sein eigener Freund zu seyn. Indem
-ich nun Tag und Nacht darüber nachsann, Wen
-ich mir zum Fürsprecher bei meinem Vater erwählen
-könnte, und &ndash; da die Zeit drängte, ich mit unschlüssiger
-Angst bald an die Gräfinn Frankenstern dachte, bald in
-Ueberlegung nahm, ob ich mich an den alten Posca selbst
-wenden sollte, der als ein bigotter Mann Scheu getragen
-haben würde, die Rechte seines Sohnes gegen den Herrn
-Jesum Christum geltend zu machen, war mir der
-Ring, und wer ihn trüge, wirklich ein wenig ins Vergessen
-gekommen. Den Ludovico hatte ich seitdem
-nicht wieder gesehen. Nach einigen Tagen kommt des
-Sprachmeisters Tochter und bringt die fertige Weste.
-Das Muster blühete nur so, und war mit dem reizendsten
-Gusto ausgeführt. Meine Mutter breitete
-den Atlas vor mir aus, und als ich die Vergißmeinnicht
-sah, die ich ahnungsvoll gewählt: da schwellten
-meine Augen und ein großer Tropfen fiel auf die abgezeichnete
-Tasche, die mein Bildniß hatte bergen sollen.
-O weh! sagte meine Mutter betroffen, was hast
-<a class="pagenum" id="page_098" title="98"> </a>
-Du da gemacht? &ndash; O das schadet nicht, versicherte
-das Mädchen, <em class="ge">die</em> Farbe ist ächt, Sie werden es sehen.
-Darauf nahm die junge Stickerinn den äußersten
-Zipfel des Seidenzeugs, und rieb damit fadengleich
-die feuchte Stelle. Auf dem reibenden Finger
-aber &ndash; erblickte ich Ludovicos <i>Mater dolorosa</i>, und
-fühlte ihre sieben kleinen Schwerter in <em class="ge">meiner
-Brust</em>. &ndash; Ich besann mich, daß Ludovico bei dem
-Sprachmeister Unterricht genommen, ich wußte auch,
-daß seine Clara italienisch spräche. Dies arme, geringgeachtete
-Mädchen mit der kummervollen Leidensmiene
-stand vor mir, so glückbegünstiget, als ob ein Königreich
-an ihrem Finger funkelte. &ndash; Ich weiß nicht,
-in welche Verbindung ich es setzen soll, daß mir bei
-dem Lichte, was mir nunmehr über den ganzen Zusammenhang
-der Dinge aufging, jeder Schatten von
-Furcht vor meinem Vater verschwand. Noch an demselben
-Tage redete ich mit ihm. Ich unterstützte die
-getroste Bitte durch Alles, was meiner Meinung nach
-wirksam auf ihn seyn könnte, als zum Beispiel: daß
-ich aus guten Gründen glauben müsse, Herr Peter
-Posca halte ihn für unermeßlich reich, und solch ein
-Rechnungsfehler bei einem Kaufmann, ergäbe kein
-verläßliches Facit. Dann würde er wohl als Arzt
-bemerkt haben, wie dessen Sohn zum Heimweh hinneige,
-und wenn der Alte einmal das Zeitliche gesegnet,
-<a class="pagenum" id="page_099" title="99"> </a>
-könnte es kommen, daß ich mit Ludovico über
-Berg und Thal in ein fremdes Land werde ziehen
-müssen. &ndash; Daß mein Vater mit den Italienern
-seit einiger Zeit nicht mehr auf dem alten Fuße stand,
-daß ihm die Idee unserer Verbindung selbst leid geworden,
-davon wußte ich nichts, als ich mit dringender
-Beredsamkeit an dem verknüpften Bande lockerte,
-als ob ich es Wunder! wie unauflöslich hielte. Sieh
-da! der Faden war schon gelös't. &ndash; Mein Vater
-ließ mich ausreden, tödtlich stumm. Dann sagte er:
-thue, was Du nicht lassen kannst! ich will Dich weder
-hindern noch zwingen. Dieser leichte Sieg war
-über mein Erwarten. Ich schlang meine Arme um
-seinen Hals und rief: lieber Herr Vater! ist dies
-auch wahrhaftig wahr? &ndash; So will ich Gott mein
-Herz weihen, daß er Ihnen seinen Segen dafür gebe,
-lebenslang für Sie beten, und als Ihr treues Kind
-ersterben. &ndash; Diese Freude schien ihn zu erschüttern;
-thue es &ndash; sagte er mit erstickter Stimme; und zum
-erstenmale sah ich seine Augen benetzt. Mir aber
-hatte sich eine Compresse vom Herzen gelös't, und es
-blutete aus tiefen Wunden. Ich bat meinen Vater,
-daß er mir noch eine Bitte gewähre. Wenn der alte
-Tamdio ausgelitten haben würde, was nicht mehr
-lange dauern könne, dann mögte er die Clara an
-Kindesstatt aufnehmen, daß dies verlassene Mädchen
-<a class="pagenum" id="page_100" title="100"> </a>
-elterlichen Schutz, und meine Mutter eine Tochter
-hätte, die ihres Alters Trost und Pflege würde. &ndash;
-Er versprach es mir. Nun übrigte mir noch das
-Schwerste. Kaum eine Stunde nachher kam mein
-zukünftiger oder gewesener Bräutigam, und warb in
-einer entschlossenen Rede um meine Hand. Ich bebte
-an allen Gliedern, da ich sprach: Herr Ludovico! ein
-langer Irrthum hat zwischen uns gewaltet: ich bin
-Willens, des Himmels Braut zu werden und keines
-Mannes. Hätte ich Einen gewählt, Sie würden es
-gewesen seyn, denn ich schätze Sie sehr hoch! &ndash; Hier
-ergriff er meine Hand &ndash; ich fühlte einen heftigen
-Druck, und mit gepreßtem Athem fuhr ich fort: ich
-habe meinen Eltern eine Nachfolgerinn gegeben, die
-an meine Stelle träte, Clara Tamdio &ndash; ein braves
-Mädchen, welches das beste Glück verdient. Wenn
-Sie künftig das freundschaftliche Verhältniß zu unserm
-Hause fortsetzen: so gedenken Sie auch meiner. &ndash;
-Ich wagte es, in sein Angesicht zu schauen; es sah
-aus wie von Marmor, sein Blick war gebrochen &ndash;
-und <em class="ge">Freude</em> war es nicht, was seine Züge versteinte.
-<em class="ge">Clara</em>, rief er, ist dies möglich? mein Name in seinem
-Munde, hatte bei dieser Frage einen andern Klang
-als sonst &ndash; dieser Augenblick war mein glücklichster.«</p>
-
-<p>Die Nonne verstummte in bewegter Erinnerung.
-Alle schwiegen. Nach einer Pause fuhr Schwester
-<a class="pagenum" id="page_101" title="101"> </a>
-Veronica fort: »an dem Tage, wo ich mein Noviziat
-antrat, begrub man den Sprachmeister. Seine Tochter
-zog in meiner Eltern Haus und in mein Zimmer.
-Sie trug meine Kleider mit Liebe, und die Schwächen
-meiner Mutter mit kindlicher Geduld. Die paille
-Atlaßweste mit Vergißmeinnicht aber hat der Ludovico
-an seinem Hochzeittage getragen. &ndash; Im Begriff,
-eine geistliche Jungfrau zu werden, war es mir
-gelungen, meine Eltern gleichsam noch einmal zu
-trauen. Ich genoß die unaussprechliche Beruhigung,
-daß sie die letzten Jahre ihrer Ehe einmüthig lebten.
-Mir aber war wohl &ndash; das mögen Sie mir aufrichtig
-glauben. Ich erkannte meine Bestimmung, und
-daß die Welt meiner Wünsche Ziel nicht gewesen wäre;
-in ihr würde meine Liebe mir verloren gegangen
-seyn, die ich mir nun wie ein werthes Kleinod gerettet
-hatte. Wenn ich den Ludovico heirathen müssen &ndash;
-und dem würde ich nicht haben entgehen können &ndash;
-ach! und eine <em class="ge">ungeliebte</em> Frau ist die unglücklichste
-von allen &ndash; dann würde ich in seinem Besitz zu beklagen
-gewesen seyn, und außer Stande, meine Pflichten
-mit Vertrauen zu erfüllen, nachdem ich wußte,
-Wem sein Herz gehöre, und daß ein armes verwaisetes
-Mädchen durch mein Glück leide. So dachte er
-gewiß mit Wohlwollen an die Clausur, welche ich gewählt,
-auf daß er frei wäre in seiner Wahl. Die
-<a class="pagenum" id="page_102" title="102"> </a>
-<em class="ge">Nothwendigkeit</em> meiner Entschließung leuchtete mir
-also ein, wenn es doch dann und wann einen Augenblick
-für mich gab, wo ich meinte, es hätte vielleicht
-ein anderer Ausweg für mich ermöglicht werden können.
-Allmählig schloß ich die Augen meiner Seele
-für solche Rückblicke. Mir war wie Einem, Den mitten
-am hellen lichten Tage eine Sehnsucht nach Ruhe
-ergreift, der er nicht zu widerstehen vermag; der Sonnenschein
-da draußen blendet ihn nicht, und das Getümmel
-der Welt regt ihn nicht auf an der stillen
-Stelle, wo er Frieden träumt. &ndash; Gebet und Arbeit
-füllten meine Zeit, ich zog viel Blumen, welcher Neigung
-ich durch mein ganzes Leben treu geblieben bin.
-Mehrere botanische Werke aus der Bibliothek meines
-Vaters, waren mein fortgesetztes Studium. Auch
-lernte ich den Generalbaß und Latein &ndash; was &ndash; wie
-ein classischer Schriftsteller sagt: ein gutes Mittel gegen
-die Wollust seyn soll&nbsp;&ndash;« ein klares Lächeln, worin
-die Reinheit einer gottgeheiligten Seele schimmerte,
-ergoß sich über Veronicas Züge, da sie erläuternd hinzusetzte:
-»als worunter jener Autor vielleicht die Lust
-zum Wohlleben und schlaffe Unthätigkeit verstanden
-wissen will. Auch muß ich ihm gewissermaßen Recht
-geben, und es ist wirklich wahr, daß jene anstrengende
-Schule ein empfindsames Frauenzimmer sehr erkräftiget,
-und keinem weichlichen Versinken in sich selbst
-<a class="pagenum" id="page_103" title="103"> </a>
-Raum giebt. Beide Kenntnisse, nachdem ich sie mit
-unsäglicher Mühe erworben, waren mir über die Maßen
-lieb. Ich konnte die Väter unserer römischen
-Kirche lesen, die heiligen Legenden &ndash; und der Generalbaß
-&ndash; der ist der Schlüssel zu aller Harmonie,
-und gleichsam das Thor zu der Welt der Töne.
-Man geht erst ein in das Geheimniß der Musik, wenn
-man ihn kennt. &ndash; So waren mir fünf Jahre still
-verrauscht. Als ich einst nach der Vesper vom Chore
-kam, die Violine im Arm, die ich zu einer Uebung
-mit auf meine Zelle nehmen wollte &ndash; ward mir gesagt,
-ein fremder Herr, der einen Auftrag an mich
-hätte, wünsche mich zu sprechen. Ein <em class="ge">Herr</em>! ein
-<em class="ge">Fremder</em>! dies sind Worte, welche ein Frauenkloster
-in Aufruhr bringen. Der ganze Convent sah mich
-mit Neid und Neugier an, und die Aebtissin bewilligte
-es, daß ich das verlangte Gehör gäbe. Es war
-im Herbst, zur Zeit des Zwielichts; der Mond schien
-schon blaß durch die hohen Fenster, die Reben daran
-wankten in der Abendluft, so daß sich Licht und
-Schatten zitternd in dem düstern Sprachzimmer mengten.
-Mein Blick fiel auf die Gestalt eines Mannes,
-der am Pfeiler lehnte, und dessen bleiches, verhärmtes
-Gesicht ich nicht sogleich erkannte. Um Gott! Ludovico!
-rief ich so erfreut als bestürzt, da ich ihn tieftrauernd
-sah; ich <em class="ge">fühlte</em> die Scheidewand zwischen
-<a class="pagenum" id="page_104" title="104"> </a>
-uns &ndash; den Bogen ließ ich tönend auf die Saiten
-fallen und konnte mich des Instruments nicht geschwind
-genug entledigen. Sein Auge strich an meinem
-Ordensgewand und dann an der Violine herab,
-da er sprach: liebe <em class="ge">Clara</em> &ndash; nie werde ich Sie bei
-einem andern Namen nennen &ndash; und ich mißverstand
-ihn wohl, denn ich dachte, um seiner Gattinn willen &ndash;
-also setzte er hinzu: ich mußte Sie doch einmal wieder
-sehen. &ndash; Ich drückte ihm meine Freude darüber
-aus, und durfte ihm nun die Fülle der Liebe zeigen,
-die keinen Abbruch gelitten, als ich mir mit dem
-Grundstein seines Glückes eine Stufe in den Himmel
-bauete, denn er war ja einer Andern, und ich war
-Gottes. Das Herz war mir so voll &ndash; ich wußte
-nicht, wonach ich zuerst fragen sollte. Was mußte ich
-vernehmen! &ndash; Seine Frau war todt, in einem schweren
-Kindbett gestorben, und Ludovico Willens, mit
-seinen Kindern nach Italien zu gehen. So wollte
-ich denn Abschied nehmen, auch komme ich nicht mit
-leerer Hand &ndash; sagte er mit zermalmender Wehmuth,
-und bat, daß ich ihm die meinige reichen mögte. &ndash;
-Und durch das Gitter, wie es damals geschah &ndash; steckte
-er mir <em class="ge">den</em> Ring an meinen Finger, den er der Geliebten
-gegeben, den seine Ehefrau getragen, den Ring
-der Schmerzensmutter! &ndash; Empfangen Sie dies zum
-Andenken von mir und ihr! sagte er, dieses gottselige
-<a class="pagenum" id="page_105" title="105"> </a>
-Bild darf eine Braut des Himmels tragen, ohne ihrem
-Gelübde treulos zu seyn. Und erinnern Sie Sich
-in frommer Fürbitte Eines, der mit einem Herzen,
-darin der Harm wühlt, und ein Wurm, der nicht stirbt,
-vergangener Tage gedenkt. &ndash; Ich weiß nicht, ob
-das meinige mehr leidvoll als entzückt war; ich hatte
-ein Gefühl von Verlöbniß, und doch nicht von irrdischer
-Art. Wir trennten uns auf immer &ndash; und doch
-nicht für ewig. Ich besaß ein Pfand, was den armen
-Leidenden an mich bände, und der Freund meiner
-Seele, mein Herr und Heiland! hatte nichts dagegen.
-Auch die Aebtissinn erlaubte, daß ich den
-Ring trüge. &ndash; Nach Jahresfrist erhielt ich eine Cremoneser
-Geige wohl verpackt, von Ludovico zugeschickt,
-die mir unbeschreibliches Vergnügen machte. Es war,
-als ob seine frühere Gewohnheit, mich zu beschenken,
-seit dem Tode der Frau wieder ihren alten Platz eingenommen
-hätte. Vor einigen Jahren,« so endigte
-Schwester Veronica ihre Geschichte, »zerbrach mir der
-Ring &ndash; ich konnte mich jedoch nicht entschließen, ihn
-einem Goldschmied zu geben. Wie bald &ndash; dachte ich,
-bricht nicht auch der Tod das Auge, das zu viel tausendmalen
-darauf geruhet! so möge er denn ruhen.
-Hier liegt er nun.« Bei diesen Worten zog die Nonne
-ein kleines Schubfach auf, nahm ein Döschen von
-Perlenmutter, in Form einer Muschel heraus, öffnete
-<a class="pagenum" id="page_106" title="106"> </a>
-es, und drinnen schlief das Bild der allerseligsten
-Jungfrau auf ein wenig Watte. Die blanke Glätte
-des Goldes, und ein kleiner Bug am Ringe, zeigten,
-wie lange er getragen worden sey. Die Damen betrachteten
-ihn mit einem, obgleich verschiedenartigen,
-doch gemeinschaftlichem Interesse.</p>
-
-<p>Frau Fabia hielt ihn lange vor ihr ernstes Auge,
-und seine Farben spielten unter mystischen Gedankenblitzen.
-Sie dachte an die geheimnißvolle Verkettung
-der menschlichen Schicksale, wovon dieser Ring als ein
-Glied anzusehen wäre &ndash; und daß selbst so winzige
-Steine reden müßten, als die, welche den kleinen Altar
-reinster Mütterlichkeit zusammenbauten, wenn es
-darauf ankäme, daß der Unerforschliche seinen Willen
-offenbare. Theresens Blick spiegelte sich leuchtend im
-hellen Golde dieser Fassung &ndash; unter Regungen des
-Flattersinns wie des Vergnügens, dachte sie: wie solch
-eine traurige Treue wohl möglich wäre? und nur ein
-leiser catholischer Schauer versenkte ihr Anschauen etwas
-tiefer in die durchbohrte Brust der kleinen Madonna.
-Josephine, als die jüngste, bekam den Ring
-zuletzt, und durfte ihn am längsten behalten; ihr war
-er eine Reliquie. Der todte Schmerz darin &ndash; das
-Leben und Leiden der Nonne &ndash; bewegte ihre junge
-Seele. Die Mutter Gottes, fest gefügt, schwankte,
-und ihr starrer Jammer lösete sich in der Thräne auf,
-<a class="pagenum" id="page_107" title="107"> </a>
-die dem frömmsten Kinde der Christenheit in den klaren
-Augen funkelte. Josephine empfand, daß solch
-ein Ring den Schmuck der ganzen Erde aufwöge.
-Sie fühlte die Heiligkeit der Liebe, und den unvergänglichen
-Werth eines Herzens, das sich zu opfern
-vermag, auf daß die Welt selig würde, die es umfaßt.</p>
-
-<p>Während dieser Theestunden war der Administrator
-bei dem Major Feldmeister gewesen, der ihm sagen
-lassen, es ginge schlimmer mit dem Bein, und er
-mögte ihm doch ein wenig Gesellschaft leisten auf seinem
-Zimmer.</p>
-
-<p>Jener, der in der Abwesenheit der Frauen eine
-schwache Anwandlung von dem Unbehagen eines Ehemanns
-spürte, welcher den Zusammenkünften der Damen
-und ihrer gesetzgebenden Tyrannei nachstehen
-muß &ndash; hatte der Einladung augenblicklich Folge geleistet.
-Das Gespräch vom Morgen ward fortgesetzt,
-und der Major brachte die Frage wiederum in Anregung,
-wie der Erstere zu seiner zweiten Schwägerinn
-gekommen sey. Da es sich nun der Allgegenwärtige
-allein vorbehalten hat, aller Orten zugleich zu seyn,
-und, wie Einer sagt, der nach dem ersten Erschaffenen
-heißt: Adam im Dorfbarbier&nbsp;&ndash;, ein einzelner
-Mensch nicht an Alles denken kann, so müssen wir
-uns das Vergnügen versagen, unsere Leser als Zeugen
-dieser Unterhaltung einzuführen, <em class="ge">weil</em> und <em class="ge">so lange</em>
-<a class="pagenum" id="page_108" title="108"> </a>
-wir in Veronicas Zelle verweilen. Indem wir nun
-den Inhalt derselben nachträglich mittheilen, ist uns
-der Vortheil gegönnt, auch das, was dem Erzähler
-selbst verschlossen geblieben, kraft des magischen Schlüssels,
-den wir dazu besitzen, unsern Lesern zu eröffnen.
-&ndash; Die Stiefmutter des Administrators hatte
-sich nach seines Vaters Tode mit ihrem Söhnlein in
-die Hauptstadt des Landes begeben, welches der Schauplatz
-dieser einfachen Geschichte ist. Die Dame mogte
-ihre guten Ursachen haben, so fern als möglich von
-ihrem ehemaligen Wohnorte zu leben, um persönlichen
-Vorwürfen zu entgehen, und die Früchte eines erlisteten
-Testaments unter dem Schutze der Unbemerktheit
-genießen zu können. Und wie es denn nun häufig
-geschieht, daß ein ungemeines Glück auf den Schmutz
-ungerechten Besitzes, und in befleckte Hände fällt, so
-waren ihrem Kinde seltene Gaben geworden. Der
-kleine Constanz war ein Ausbund in jedem Sinne,
-und unter keine Regel zu bringen. Er wuchs in genialer
-Wildheit auf, und seiner Mutter, wie Jedem,
-der an ihm erzog, über den Kopf. Seine Fähigkeiten
-überflügelten frühzeitig die Erwartungen der Lehrer,
-die nicht wußten, in welche Classe sie ihn setzen
-sollten. Seinen Mitschülern war er ein Abstractum &ndash;
-und mit einer wohlwollenden Seele sah Constanz sich
-nirgend verstanden, denn es fehlte selbst der Mutter
-<a class="pagenum" id="page_109" title="109"> </a>
-an dem Maßstab der Liebe, den Geist ihres Kindes
-zu messen. Die Mutter befand sich nicht wohl, und
-zog, eine Frühlingscur zu gebrauchen, vor das Thor.
-Dicht neben dem Hause, darin sie wohnte, war das
-Hotel des ***schen Gesandten, mit einem prächtigen
-Garten. Der Knabe blickte zuweilen sehnsüchtig aus
-dem engen grünen Bezirk, den seine Eigenthümer ein
-Gärtchen nannten, und dessen Beete in seine strebsamen
-Wünsche hemmend einschnitten, in die freien
-Räume hinüber, wo die Söhne des Gesandten, etwas
-älter als er, unter hohen Schatten sich nach Willkür
-belustigten, und unter dem gesenkten Auge des Hofmeisters,
-der nicht weit davon in einem Buche las
-und mit vornehmer Ruhe seine Eleven gewähren
-ließ &ndash; ein wenig turnten. Es prickelte den Constanz
-oft in allen Gliedern, das Glück dieser Ungebundenheit
-zu theilen, denn die Mutter schrie schon ängstlich
-auf, wenn er einen Purzelbaum schoß, oder, die
-langsame Treppe zu umgehen, sich über das Geländer
-hinaufschwang. Jede solche Kraftübung ihres Söhnleins
-setzte ihren schwachen Kräften zu. Das Verlangen
-nach diesem Spielraum ward ihm denn nun auch
-erfüllt. Die Lebendigkeit des Kindes, was sich den
-stolzen Söhnen des Gesandten auf ihren Wunsch und
-Wink zugesellt, etwas Hinreißendes in seinem Wesen,
-die Art und Weise, wie der freundliche Knabe seinen
-<a class="pagenum" id="page_110" title="110"> </a>
-Willen stets gegen den hochmüthigen Trotz der Andern
-durchsetzte, schienen dem Hofmeister bemerkenswerth.
-Er sagte dem Gesandten davon, und als dieser einst
-Gelegenheit hatte, den kleinen Constanz selbst zu beobachten,
-fand sein feiner diplomatischer Blick ein
-Talent an dem Knaben aus, was wohl der Mühe
-verlohnte, für <em class="ge">seine</em> Zwecke entwickelt zu werden.
-Der Gesandte ließ sofort die Wittwe artig ersuchen,
-ihren Sohn, der ihm lieb geworden sey, an dem Unterricht
-seiner Kinder Theil nehmen zu lassen. Es
-geschah, und mehr noch. Als der Sommer zu Ende
-ging, war auch die Mutter des kleinen Constanz an
-ihrem Ziele &ndash; und der Gesandte nahm den verwaiseten
-Knaben nun ganz zu sich. Die Söhne folgten
-ihrer Bestimmung, Constanz blieb das Kind des Hauses.
-Er ward Privat-Secretair des Gesandten. Diese
-Stellung machte ihn mit den geheimsten Staatsverhältnissen
-vertraut, er arrondirte die Rechte der Familie
-gegen einander, und ihr Oberhaupt setzte ein
-ungemessenes Vertrauen in die Klugheit seines Günstlings.
-Nur dessen Geschlechtsname war ihm zuwider,
-aus einem angestammten Vorurtheil gegen klösterliche
-Machthaber, und da nun Constanz von früher Kindheit
-an <em class="ge">so</em> und nicht anders genannt worden war,
-behielt er diese Benennung später und für immer bei,
-so daß man kaum mehr wußte, wie er eigentlich heiße.
-<a class="pagenum" id="page_111" title="111"> </a>
-So ward es dem Constanz nicht schwer, die Prälation
-seines Namens gegen jenen aufzugeben, der im Hause
-mit französischem Accent ausgesprochen ward. Seine
-Persönlichkeit ging in der Bedeutung des Gönners
-unter, dem er Kopf und Feder lieh. Es war bekannt,
-daß der Secretair die rechte Hand des Gesandten
-wäre; doch die Frau desselben tadelte diesen Vorzug,
-wenn auch nicht laut. Sie liebte den Jüngling nicht
-gleicherweise, theils aus ein wenig Mutterneid, theils
-aus einem dunkeln Gefühl von Eifersucht auf die
-Gunst ihres Gemahls, endlich, weil er sehr verschwiegen
-war. Diese erforderliche Eigenschaft stand im
-Conflict zu einem Fehler der Dame: dem Mißtrauen.
-Sie argwöhnete, das Cabinet, dessen Geheimnissen
-der Secretair verpflichtet wäre, enthielte auch solche,
-welche nicht in anderer Herren Länder, sondern über
-die Grenzen des ehelichen Bereichs, in das Gebiet
-<em class="ge">fremder Frauen</em>, verhandelt würden. Und in wie
-weit dieser Verdacht begründet gewesen, wird die
-Folge lehren. So war das Verhältniß des begünstigten
-Constanz gegen die Dame des Hauses etwa das
-eines natürlichen Sohnes.</p>
-
-<p>Wenn der Gesandte, was er oft zu thun pflegte &ndash;
-rühmte, wie expedit Constanz sey, wie er darin das
-Unmögliche leiste, dann bestrafte seine Gemahlinn ihn
-für den Aerger dieses Lobes, indem sie weniger mit
-<a class="pagenum" id="page_112" title="112"> </a>
-einer Miene des Tadels, als übler Weissagung, entgegnete:
-»ich fürchte sehr, Constanz übertreibt Alles,
-und Sich zumeist. Solche Leute leben nicht lange.&nbsp;&ndash;«
-Dies Prognosticon, mit pflegmatischer Ruhe gesprochen,
-jagte den Gesandten in Furcht. Einst hörte er
-seine Frau zu dem Secretair sagen: »wenn Sie nur
-nicht immer so <i>en carrière</i> wären, Constanz! ich mag
-es nicht gern, wenn der Mensch weder Rast noch
-Ruhe hat. Denken Sie an mich, Sie werden einmal
-wie ein Wirbelwind heirathen, der den Leuten
-Staub in die Augen streut &ndash; und mit Extrapost gen
-Himmel fahren.&nbsp;&ndash;« Der Jüngling lächelte der Drohung,
-die ihn zügeln sollte, und sprach: nichts könnte
-ihm lieber seyn, denn alles Langsame wäre sein Tod.&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>Der Gesandte dachte darauf, wie er den Constanz,
-ohne ihn zu verlieren, entfernen könnte, und alsbald
-traf dieser Wunsch mit den Interessen seiner Charge,
-wie mit denen seiner eigenen Angelegenheiten auf
-das Genaueste zusammen.</p>
-
-<p>Es war um die Zeit der Aufstände in Polen, wo
-er den Secretair mit einem Auftrage von größter
-Wichtigkeit an einen entlegenen Hof sendete. Es war
-eine Courierreise. Doch zu Einem Auffenthalt erhielt
-der junge Mann geheime Instruction, und Constanz
-muthmaßte schlau, diese mache nicht den unbeträchtlichsten
-Theil seiner Sendung aus. An der polnischen
-<a class="pagenum" id="page_113" title="113"> </a>
-Grenze lebte eine Freundinn des Gesandten,
-um die er in Sorgen war. Constanz sollte sich von
-der Lage dieser Dame und ihrer Tochter in Kenntniß
-setzen, und wie es Beiden in den kriegerischen
-Unruhen ergangen sey; dann ihnen Depeschen überreichen,
-welche der Gesandte ihm, unter dem Siegel
-der tiefsten Verschwiegenheit, übergab. Er versprach
-dagegen, wenn die Ausführung jenes Geschäfts &ndash;
-vielleicht meinte er auch <em class="ge">dieses</em> &ndash; den Beauftragten
-bewähre, so solle Constanz einer seinem Verdienst
-entsprechenden Versorgung im diplomatischen Corps
-gewiß seyn. &ndash; Es war, als ob der Landsturm jener
-Revolution eine alte Erinnerung in dem Herzen des
-Gesandten aufgestört, und seinen gleichmüthigen Bestand
-aufgelöset hätte. Dieser Protector, getäuscht von
-der innern Bewegung, wähnte, seinen äußern Zustand
-verändern zu müssen, und indem er die Anstrengung
-im Auge hatte, sich auf den Gipfelpunct seiner Wünsche
-zu schwingen, ging er von der Idee aus, den
-Protegé für diese Absicht zu nützen, bevor er ihn
-poussire.</p>
-
-<p>Freudig, wie ein Vogel den goldenen Käfig hinter
-sich läßt, darin er eingeengt gewesen, flog Constanz
-durch die blauen Lüfte. Er war ganz in seinem Elemente;
-eine weite Aussicht that sich vor seinen Blicken
-auf. Er schwelgte gleichsam im Genuß einer pflichtmäßigen
-<a class="pagenum" id="page_114" title="114"> </a>
-Eile. &ndash; Doch indem er der Ferne zustrebte,
-war er unversehends an die Marken seines Schicksals
-gekommen; und hier war es, wo der Horizont seiner
-Hoffnung Erde und Himmel für ihn abgrenzte.</p>
-
-<p>Als Constanz sich den Wäldern Polens näherte,
-drängte sich ein düsterer Ernst ihm auf. Ueberall traf
-er auf Spuren wilden Kampfes und verzweiflungsvoller
-Schritte. Die Zerrissenheit dieses Volkes dauerte
-ihn, er sah betrübt zu Boden, den so viel edles
-Blut besprengt, und jeder Ton dieser sarmatischen
-Mundart schlug dumpf und traurig eine tiefe Saite
-seines Herzens an.</p>
-
-<p>Constanz sprach sehr geläufig polnisch, was ihn jenen
-heimathlosen Flüchtlingen naturalisirte, in deren
-rauhen Mienen ein Strahl vaterländischen Sonnenscheins
-bei seiner Anrede aufging. Man wies ihn
-überall freundlich zurecht; doch nicht in einen erfreulichen
-Port. Der kleine Edelsitz, auf dem die Freundinn
-des Gesandten residiren sollte, war eine wüste
-Brandstätte, ein trauriges Bild gänzlicher Verödung.
-Es war um die Mittagsstunde, als Constanz auf dem
-weichen Estrich dieser polnischen Wirthschaft anhielt.
-Diese verkohlten Gebälke schienen noch zu dampfen;
-doch kein Rauch stieg aus der Esse des Gemäuers, des
-einzigen auf dem Höfchen, was den Anstrich hatte,
-bewohnt zu seyn. Ein alternder Mann, in der Livree
-<a class="pagenum" id="page_115" title="115"> </a>
-der Armuth, welche ein lustiges Bunt giebt und
-freie Schnitte &ndash; doch besseren Ansehens als Die,
-welche sie gewöhnlich tragen &ndash; stand in der niedern
-Thür, und sah tiefsinnig auf das leere Häuschen
-einer Hundehütte nieder, deren Kette gelös't daneben
-lag, und den Wächter frei gegeben hatte. Der Mann
-schrak zusammen, als das leichte Fuhrwerk schnell
-wie ein Pfeil von der Senne, durch den offnen Thorweg
-prallte, und gleichsam sein Herz zu treffen schien.
-Der junge Reisende trat wohlwollend auf ihn zu, und
-fragte nach der Herrin des Ortes. »Meine Dame
-schläft&nbsp;&ndash;« sagte der vermuthliche Diener, indem ein
-Seufzer seiner Rede voranging, welcher sie der Theilnahme
-des Zuspruchs anempfahl, »und ungern mögte
-ich sie wecken. Auch würde es« &ndash; meinte der Getreue,
-»wenig nützen. Seit den erschrecklichen Vorfällen
-allhier,« fuhr der Alte fort, »hat meine Dame
-das Gedächtniß verlohren, und kann sich auf nichts
-mehr besinnen.«</p>
-
-<p>»Nun, vielleicht doch! wir wollen sehen&nbsp;&ndash;« erwiederte
-Constanz lächelnd auf diesen Bescheid, der
-beinahe abweisend lautete.</p>
-
-<p>»Sogleich!« sprach der Alte in der reizbaren Empfindlichkeit
-seiner Nation und eigenen Unglücks, von
-diesem Lächeln, diesem Zweifel beleidigt, und stieß
-leise ein zersprungenes Fenster nach Innen zu auf,
-<a class="pagenum" id="page_116" title="116"> </a>
-was nur angelehnt war. Der junge Fremde sollte
-Einsicht in die Wahrheit seiner Aussage bekommen.
-Constanz trat vor die Oeffnung, und als Schatten vor
-die Sonne, welche wie zum Spott Verhältnisse beleuchtete,
-deren Glücksstern untergegangen war.
-Welch ein Anblick! das nackte Sparrwerk der Wände
-war mit Teppichen behangen, die augenscheinlich einer
-besseren Bestimmung angehörten. Auf einem verstümmelten
-Pfeilertisch von Marmor stand eine massive
-Eßschale, trübe verblindet, darin ein Rest ärmlicher
-Speise war. Tausend Kleinigkeiten, darunter die
-meisten vom Ueberfluß, lagen &ndash; ein Quodlibet &ndash;
-wirr durcheinander, und eine Anzahl kleiner abgetragener
-Schuhe, wie vertretne Kinderschuhe &ndash; nahm
-den Fußboden ein. Alles schien nur für den Nothbehelf
-zu seyn. In einem Großstuhle, der schräg gegen
-das Fenster gerückt, voraussetzen ließ, er stände
-nur derweilen da &ndash; lag eine ältliche Frau mit geschlossenen
-Augen. Ein echter Schawl, an den der
-matte Kopf sich schmiegte, hing nachlässig über die
-Lehne geschlagen, und der Chinese des Gewirks, hielt
-seinen Schirm über diese eingesunkene Wange. Vielleicht
-war dieser phantastische Schutz der einzige, dessen
-die schlummernde Dame genoß. &ndash; Um ihren feinen
-Mund schwebte ein Lächeln &ndash; das Todeslächeln
-unbewußter Beruhigung; ihre rechte Hand lag auf
-<a class="pagenum" id="page_117" title="117"> </a>
-dem Arme des Sessels. Eine zartere Hand, gewebt
-aus der feinsten Seide des Müßiggangs, hatte Constanz
-nie gesehen; aber er gewahrte jenes Nervenhüpfen
-daran, welches auf krampfhafte Zustände, und
-nicht selten auf eine nahe Auflösung schließen läßt.
-Im lebendigsten Contrast dieses abgespannten und
-verblichnen Bildes, saß ein junges schlafendes Mädchen
-zu den Füßen der Dame. Diese Sieste war
-eine andere; dieser volle Athemzug war ein trunkenes
-träumerisches Schöpfen aus der Ruhe süßestem Quell.
-Constanz ward berauscht vom Zusehen. Für einen
-jungen Mann giebt es keine größere Gefahr, als die
-Schönheit, wenn sie schläft, und die gesenkten Waffen
-blinkender Augen. &ndash; Doch nach einigen Secunden,
-die sein Leben wendeten &ndash; es giebt Momente, welche
-alle Verhältnisse der Zeit aufheben &ndash; trat Constanz
-zurück, denn der Anzug des Mädchens däuchte ihm
-nicht für die Nähe eines Mannes berechnet. Er
-wollte warten; doch jetzt regte sich die Dame, und
-der alte Diener führte ihn an die Thüre. Constanz
-mußte sich bücken, und sein Herz beugte sich, als die
-Dame ihre Augen aufschlug, und erschrocken fragte:
-ob wieder Feinde da wären? &ndash; Constanz versicherte
-ehrerbietig: er käme als ein Bote der Freundschaft.
-Die Dame legte die schneeweiße Hand an ihre Stirne,
-wie Jemand, der sich besinnt, und sprach: »Freundschaft&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;?«
-<a class="pagenum" id="page_118" title="118"> </a>
-Es war, als wäre der Begriff dieses
-vielsagenden Wortes ihr tief entfallen.</p>
-
-<p>Während dessen war das Mädchen auch erwacht.
-Angesichts des jungen Fremden trat es vor den alten
-Mann, und ließ sich ungenirt das Kleid von ihm zuhäkeln.
-Diese polnische Unschuld verwirrte den entzückten
-Constanz, dem der kleinste Dienst weiblicher
-Toilette bisher wie das Werk geheimnißvoller Verwandlungen
-gewesen &ndash; so daß er mit Mühe nur seinen
-Auftrag auszurichten vermogte.</p>
-
-<p>Es war eine helle Stunde für die Mutter, in der
-sie die Depeschen des Gesandten las. Und während
-sie wie aus den Wolken fiel &ndash; sehr dunkle hatten
-den Lebenstag dieser unglücklichen Frau verfinstert &ndash;
-daß jener Freund sich ihrer <em class="ge">jetzt</em>, und auf diese Weise
-erinnere, fiel das Rosenlicht einer schöneren Vergangenheit
-auf jede Zeile.&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>Das Lesen geschah indeß so langsam, daß Constanz
-unterdessen völlig Muße hatte, sich der Tochter
-zu befreunden. Er bat um die Vergünstigung, bis
-zum andern Morgen hier verweilen zu dürfen. Die
-Mutter war über jede Verlegenheit ihrer Lage hinaus &ndash;
-das Fräulein bewies sich nur in so fern gastfreundlich,
-indem es bei der Sorge für die Bewirthung dieses
-angenehmen Botschafters doch nicht das Vergnügen
-über seine längere Anwesenheit verleugnete.</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_119" title="119"> </a>
-»Bonaventura&nbsp;&ndash;« so hieß der alte Kämmerer &ndash;
-»wird schon Rath schaffen,« sagte Therese &ndash; unsere
-Leser wissen ihren Namen doch. »Wir wollen die Mutter
-nur ganz außer Acht lassen&nbsp;&ndash;« flüsterte Therese
-ihm traulich zu. »Sie lies't zwei Stunden an dem
-Briefe &ndash; ich kenne das. Wäre es Ihnen vielleicht
-gefällig, eine Parthie Schach mit mir zu spielen? Sie
-mögen Rußland seyn &ndash; ich bin Polen.«</p>
-
-<p>Constanz erstaunte über die Vortheile, welche Therese
-sieggewiß ihm vorausgab; doch nicht minder, daß
-er fände, wie dieser harmlose Leichtsinn vermengt wäre,
-mit patriotischer Tücke. &ndash; Nach wenigen Zügen war
-seine Niederlage entschieden, und nebenbei verlor er
-sein Herz.</p>
-
-<p>Nachdem Theresens Mutter gelesen, versank sie
-in eine Apathie, welche ihre Gegenwart den ganzen
-Abend hindurch unwirksam machte. Und dieser Abend,
-er reichte hin, die flatterhafte Neigung der beiden jungen
-Leute unauflöslich zu knüpfen. Auf Constanz
-Seite stand unsichtbar sein treibender Genius, der ihn
-immer und überall drängte. »Spute Dich!« raunte
-dieser beflügelte Geist ihm zu, »wir haben Eile, und
-die Zeit entflieht.« Wie verwirrend die zarten Seile
-nun auch waren, die sich leise um dieses flüchtige Naturell
-legten, wie verworren das Verhängniß dieses
-Hauses vielleicht: Constanz blieb zum Aufmerken frei,
-<a class="pagenum" id="page_120" title="120"> </a>
-wie zu einer und der andern Frage, die ihm sein
-Gönner an das Herz gelegt, bevor er die an das
-Fräulein richtete, welche ihn selbst betraf. Es geschah
-dies gesprächsweise. Therese stand auf, rüttelte sacht
-an der schwachen Mutter, und weckte ihre schlafende
-Seele mit den Worten: »sage einmal, habe ich Verwandte?«</p>
-
-<p>»So viel ich weiß: nicht;« antwortete die Dame
-mit Resignation, und bat, daß ihre Tochter sie in dieser
-traumhaften Stille lassen mögte. Ein kühner
-Wurf des Gesprächs brachte es auf Religion, und
-Constanz begehrte zu wissen: zu welcher das Fräulein
-sich bekenne? »Eigentlich zu keiner,« antwortete Therese
-mit liebenswürdiger Freigeisterei, »ich habe meinen
-Glauben gern für mich, und meine Liebe auch.
-Doch bin ich mit Salz getauft&nbsp;&ndash;« Constanz lächelte
-gelinde.</p>
-
-<p>Therese, die es zweifelnd ansah, stand abermals
-auf, ging zu dem Großstuhl, neigte sich über die blasse
-Gestalt, und sprach: »Mütterchen, bin ich catholisch?«</p>
-
-<p>»Etwas&nbsp;&ndash;« antwortete die Dame kaum hörbar,
-»Du frägst mich viel.&nbsp;&ndash;« Therese stand beschämt.
-»Die Mutter hat eigentlich Recht&nbsp;&ndash;« sagte sie und
-nickte dazu. »Fasttage halte ich gar nicht, und auf
-die Beichte nicht viel; sie müßte denn freiwillig seyn,
-wie zum Beispiel jetzt. Wenn ich es Ihnen ehrlich
-<a class="pagenum" id="page_121" title="121"> </a>
-gestehen soll&nbsp;&ndash;« fuhr Therese fort: »die Religion ist
-mir ein bischen zuwider. Erstens: des vielen Krieges
-und Streites wegen, den sie verursacht hat, und ich
-liebe es sehr, daß man sich freundlich begegne; dann
-habe ich einige Fromme kennen gelernt, die mir außerordentlich
-gehässig waren. &ndash; So kann ich auch nicht
-anders, als mir unsern Herrgott unter dem Bilde eines
-wohlwollenden alten Mannes denken, der eine großmächtige
-Schlafmütze trägt &ndash; als Symbol der ewigen
-Ruhe. Und in dem Himmel stelle ich mir eine
-ehrsame, aber höchst langweilige Gesellschaft vor.«</p>
-
-<p>Für Constanz waren diese Aeußerungen, um der
-Anmuth und anspruchslosen Offenheit ihres Vortrags
-willen, Bekenntnisse einer schönen Seele. Ein aufrichtiges
-Herz schätzte er über Alles, und er wünschte,
-sich dieses arglose zuzueignen.</p>
-
-<p>Was Therese dem Gast im Laufe des Abends erzählte,
-dürfte ohngefähr folgendes Ergebniß seyn.
-Therese war, seit ihrer frühesten Kindheit von ihrer
-Mutter getrennt, in einem großen Hause erzogen worden,
-ziemlich sich selbst und ihrer natürlichen Gutartigkeit
-überlassen. Jene Familie aber lebte, verwandtschaftlicher
-Verhältnisse wegen, wenig daheim, und so
-konnte sich auch kein weibliches Gefühl der Stille
-und Stetigkeit in Therese entwickeln. Dieser auswärtige
-Aufenthalt entfremdete sie der Mutter wie der
-<a class="pagenum" id="page_122" title="122"> </a>
-Muttersprache, und eine fanatisch protestantische Bonne
-vermischte den catholischen Geist des Fräuleins so lange
-mit dem Wasser der reinen Lehre, bis Theresen das religiöse
-Element der Seele vom Ueberfluß schien. &ndash; Als
-die Gährungen in Polen ausbrachen, lös'te jene Familie
-sich theilweise auf; eine heimathliche Sehnsucht erwachte
-zum erstenmale in Theresen. Sie verlangte
-nach ihrer Mutter, und man hielt das Mädchen in
-der waldigen Steppe des mütterlichen Witthums besser
-aufgehoben, als im Mittelpunct einer wildbewegten
-Stadt.&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>»Aber es war nur um so schlimmer&nbsp;&ndash;« sagte der
-alte Bonaventura, als er am Abend spät Constanz
-in dem dürftigen Verschlage bediente, wo sein Nachtlager
-bereitet war, und auf die warmen Erkundigungen
-des Gastes mit traurigem Bericht Theresens Aussage
-vervollständigte: »die Ankunft des Fräuleins war entsetzlich.
-Die Mutter sah ihr schönes Kind bei dem
-Feuerscheine seiner Habe wieder, und die Kraft meiner
-Dame ward davon verzehrt, wie unser weniges
-Heu von der Flamme. Nur der Entschlossenheit eines
-jungen feindlichen Offiziers verdanken wir persönliche
-Berücksichtigung und das, was wir aus diesem
-Wirrsal retten konnten. Ein lieber Mensch! die Andern
-waren nur wie reißende Wölfe gegen ihn; aber
-Gott haucht Milde ein, da, wo sie Noth thut, und
-<a class="pagenum" id="page_123" title="123"> </a>
-mäßiget den Wind für das Lamm einer geschorenen
-Heerde.«</p>
-
-<p>Constanz hatte jenes Offiziers auch von Theresen
-erwähnen gehört, und mit einem so bedeutsamen Interesse,
-daß dieser Antheil eine eifersüchtige Regung in
-ihm erweckte.&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>»Seit jenem Tage nun,« fuhr Bonaventura fort,
-»vergißt meine Dame Alles! wohl ihr! das Gedächtniß
-verlieren ist für den kein Unglück, der nichts als
-Kummer zu vergessen hat. Jeder Augenblick, wo sie
-nun schläft, erquickt mein eigenes Herz, was ihr die
-Ruhe gönnt, und mit Freude werde ich ihr die Augen
-zudrücken, welche nicht viel gute Tage gesehen haben.«
-Die des alten Mannes standen voller Thränen, als er
-dies sagte. Diese treuherzige Gesinnung rührte Constanz
-und flößte ihm Achtung für den Diener wie für
-die Herrin ein. Er fragte, er wollte vornehmlich
-wissen, warum Therese ihrer Mutter entrissen worden
-sey?&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>Bonaventura zuckte die Achseln. Er erzählte eine
-Geschichte jugendlicher Verirrungen, welche seine arme
-Herrschaft unter die Despotie ehelicher Tyrannei gebracht
-hätten. Dabei gerieth er in ein Labyrinth der
-Darstellung, verlor den leitenden Faden &ndash; und wußte
-am Ende nicht, wo aus noch wo ein? da es ihm
-zur Unzeit einfiel, ob es nicht verrätherische Geschwätzigkeit
-<a class="pagenum" id="page_124" title="124"> </a>
-sey, die zarten Leiden seiner Dame einem fremden
-Ohr Preis zu geben? &ndash; Jene Geschichte gehört
-nicht in unsern Plan. Wir lassen ihren Stoff daher
-unter der großen Masse menschlicher Schwachheit und
-menschlichen Unglücks auf sich beruhen.&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>Constanz wußte die gewissenhafte Aengstlichkeit des
-redlichen Mannes zum Schweigen zu bringen. Er
-entdeckte sich ihm ganz, und Bonaventura nannte ihn
-einen Gesendeten Gottes, und nicht des Gesandten.</p>
-
-<p>Am Morgen mußte Constanz fort. Die Werbung
-um die Braut war bald geschehen und mit Erfolg:
-die Mutter befand sich fähig, ihn anzuhören. Constanz
-legte ihr einfach seine Verhältnisse wie seine
-Wünsche dar. Er wollte Theresen bei seiner Retour
-mit sich nehmen, unterdessen den Consenz des väterlichen
-Gönners dazu nachsuchen, und daß dieser seine
-Anstellung beschleunige. Doch war er eines weigernden
-Grundes der Dame von Seiten ihrer Kränklichkeit gewärtig.
-Aber nichtsdestoweniger war die Mutter bereit,
-sich ihrer kindlichen Stütze zu begeben. Sie sagte
-mit einem gewissen Heroismus, der für eine rettende
-Idee froh, wenn auch einsam, sterben lehrt: »grüßen
-Sie den Gesandten tausendmal von mir &ndash; wenn Sie
-ihm Theresen bringen, wird Ihr Glück ihm bestens
-empfohlen seyn. &ndash; Ich verlasse das Leben gern, da
-ich meine Tochter unter dem Schutze ihres natürlichsten
-<a class="pagenum" id="page_125" title="125"> </a>
-Freundes weiß. Der da&nbsp;&ndash;« (sie wies auf Bonaventura)
-»begräbt mich schon.« Therese weinte
-wohl, allein nicht allzusehr. »Dann bleibt Dir Alles,
-guter Bonaventura!« sagte sie, reich in Hoffnung.</p>
-
-<p>»<em class="ge">Alles!</em>« wiederholte Bonaventura, und lächelte
-traurigbitter wie der Verlust zu der Erbschaft: dieses
-Alles war so viel als Nichts. &ndash; Der gute Alte wußte
-nicht, daß die Liebe jeden Strohhalm zu den Mitteln
-des Glückes zählt, wenn auch nur als Medium die
-bunten Seifenblasen der Täuschung in die leere Luft
-zu hauchen.&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>Als Constanz, der Verlobte Theresens, nun mit
-aufgeregten Gefühlen den öden Ort verließ, wo unter
-Schutt und Trümmern seines Lebens schönste Blume
-blühete: da dachte er an die verheißenden Worte der
-Gesandtinn, er würde einmal im Fluge die Braut
-heimführen.&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>Im höchsten Schwunge seiner geistigen Kräfte legte
-Constanz die weite Reise zurück, und erreichte mit dem
-Ziel auch die Absicht. Er erstaunte selbst, wie leicht
-ihm alle Schwierigkeiten zu beheben gewesen; ein
-Gott hatte ihm Flügel geliehen, und den Schlangenstab
-der Klugheit. Er glaubte die Zufriedenheit des
-Gesandten bestens verdient zu haben, und in diesem
-kühnen Vertrauen fügte er daher seiner Meldung dessen,
-was er ausgerichtet, die Bitte bei, daß der Gesandte
-<a class="pagenum" id="page_126" title="126"> </a>
-seine Verbindung mit Theresen genehmigen
-und die schriftliche Zusicherung ihm ohne Säumen
-entgegen senden möge. In der gewissen Voraussetzung,
-daß dies unverweigerlich geschehen werde, kam Constanz
-nach Polen zurück. Er fand eine so leidenschaftliche
-Aufnahme bei seiner Braut, als wäre seine
-Wiederkehr ihr dennoch zweifelhaft gewesen. Mit
-Thränen sagte sie ihm, er komme zur rechten Zeit,
-denn seit dem vorigen Tage lag die Mutter im Sterben
-und konnte nicht enden.</p>
-
-<p>Bonaventura hatte indessen mit treuer Umsichtigkeit
-alles vorbereitet. Ein Weltgeistlicher in der Nähe
-war durch seine einfache Ueberredung gewonnen, die
-jungen Leute zu copuliren. Er war eben anwesend,
-und vertrat die Stelle eines Arztes für Leib und
-Seele zugleich. »Mein werther Herr,« sagte der Priester
-höflich zu Constanz, »ich verstoße gegen ein Staatsgesetz,
-wenn ich Sie ohne vorhergegangene Proclamation
-traue; aber &ndash; <i>inter arma silent leges</i> &ndash; sagen
-wir Lateiner, und ich verhoffe, Sie werden mich
-in so fern gegen alle Verantwortung sichern, daß Sie
-mir einen Schein ausstellen, worin Sie Sich verpflichten,
-jeden Einwand vertreten zu wollen, welcher möglicher
-Weise dieser Heirath mit Fug und Recht gemacht
-werden könnte. &ndash; Unter dieser Bedingung
-<a class="pagenum" id="page_127" title="127"> </a>
-will ich mein heiliges Amt zu Gunsten Ihres Wunsches
-üben.«&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>Constanz, im Gefühl, von Seiten des Gewissens
-völlig frei zu seyn zu diesem Schritt, verstand sich
-gern dazu, und der Geistliche beschied sie für den nächsten
-Morgen in eine kleine Capelle auf der Hälfte
-des Weges. Bis dahin, meinte der todeskundige
-Mann, &ndash; würde die Mutter des Fräuleins ausgelitten
-haben.</p>
-
-<p>Aber als der Morgen erwachte, lag die Hochzeitmutter
-noch in Agonie. Es war eine schauerliche
-Stunde, die der Einsegnung. Der Sturm sausete
-unheimlich durch den Wald, das morsche Kirchlein
-wankte, die Lichter wollten verwehen, der Regen rauschte
-herab, die Braut schwamm in Thränen&nbsp;&ndash;, kein Zeuge
-war zugegen, als der Meßner und Gott!&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>Sie kamen nach Hause; kein fröhliches Mahl war
-ihnen bereitet. Constanz sah ängstlich nach der Uhr,
-deren Zeiger, gleichgültig gegen die bange und dringende
-Erwartung umher, unaufhaltsam weiter rückte,
-und fand, daß seine Zeit abgelaufen sey. Nur jene
-Körner wollten nicht ausrinnen. Da bat Bonaventura,
-daß man ihm eine Vorstellung erlauben möge.
-»Meine Dame,« sagte er, »kann nicht sterben, so lange
-Sie hier gleichsam auf dem Sprunge stehn. Ist es
-doch mit einer Frau in Kindesnöthen gerade so. Die
-<a class="pagenum" id="page_128" title="128"> </a>
-kann auch nicht genesen, wenn darauf gewartet wird,
-und der Tod soll ja eine neue Geburt seyn. &ndash;
-Ueberlassen Sie die Verscheidende mir; ich bleibe bei ihr,
-<em class="ge">ich!</em> es ist mein letztes Geschäft auf Erden.« Der
-gute Alte legte das ganze Gewicht seiner treuen Gegenwart
-in einem zitternd aushaltenden Accent auf
-dieses Wörtchen.</p>
-
-<p>Constanz fand, daß er Recht hätte. Er gab ihm
-eine volle Börse und unbedingte Vollmacht. Dann
-beugte er sich weich über das stille Lager der Mutter,
-die langsam zwischen schweren Pausen athmete, und
-keinen Blick des Segens für ihren Eidam hatte.
-Therese küßte schluchzend ihre schlaffe Hand, fühlte aber
-auch nicht den leisesten Druck der Liebe mehr &ndash; und
-nun rollte der Wagen vor und fort. Kaum waren
-sie an ein steinern Kreuz gekommen, eine Viertelstunde
-von dem Oertchen und so gelegen, daß es einen Rückblick
-darauf gewährte, so sahen sie ein weißes Tuch
-vom Giebel wehen. Constanz bemerkte es zuerst. Er
-sagte ernst: »Bonaventura giebt uns ein Zeichen, die
-Mutter wird verschieden seyn. &ndash; Denke nur, sie
-schläft etwas tiefer wie bisher, und hat alles Leid
-auf ewig vergessen.« Und Therese dachte wirklich so.
-Die junge Frau nahm also über die Grenze ihres
-zerrissenen Vaterlands, wenn auch grade kein zerrissenes
-Herz &ndash; dazu war der natürliche Verband mit
-<a class="pagenum" id="page_129" title="129"> </a>
-ihrer Mutter nicht innig genug gewesen &ndash; doch ein
-völlig aufgelös'tes Familien-Verhältniß, und keine andere
-Mitgift, als frühe Gewöhnungen, wie sie den
-Damen dieser Abkunft eigen sind. Es war, als hätte
-ein günstiges Geschick dies harmlose Wesen in die
-Arme der Liebe vor den Schauern des Grabes und
-der Pflicht zu trauern, retten wollen.</p>
-
-<p>Seltsam genug bemächtigte sich des jungen Ehemanns
-jetzt, in der gesicherten Erfüllung seiner leidenschaftlichen
-Wünsche, der Zweifel, was der Gesandte
-zu dieser Heirath sagen werde? Vorher war Constanz
-der Zustimmung, ja des Beifalls seines Gönners gewiß
-gewesen. So verändern sich unsere Ansichten
-Anderer mit jedem unserer eigenen Schritte. Es gereichte
-ihm wie zum Trost, daß die Macht der Umstände
-ihn zu diesem, den er rasch gethan, gedrängt
-hätte. Er fühlte sich in einer geheimnißvollen, aber
-um so bindenderen Verwandtschaft zu seinem väterlichen
-Freunde, und bedurfte nur &ndash; so däuchte es ihm &ndash;
-das Siegel der Bestätigung zu erblicken, um Theresen
-mit jedem Recht als Gattin an seine Brust zu
-drücken. Doch kein Brief gab Antwort auf diese
-Frage, und mit wachsender Unruhe eilte Constanz einer
-endlichen Entscheidung entgegen. Eine leichte Unpäßlichkeit
-Theresens hielt die Reise um ein paar
-Tage auf, und ihr Gemahl fühlte, daß eine Frau
-<a class="pagenum" id="page_130" title="130"> </a>
-Rücksichten erfordere, welche den Mann nicht fördern.</p>
-
-<p>So waren sie in das Städtchen Leidthal gekommen
-und hielten an der kleinen Posthalterei daselbst.
-Constanz hatte auf dem letzten großen Postamte abermals
-kein Schreiben angetroffen. Er war jetzt resignirt
-&ndash; es mußte etwas von besonderer Wichtigkeit
-vorgefallen seyn; nichts war ihm dringender, als nur
-so bald als möglich an Ort und Stelle zu gelangen.
-Therese theilte diese Ungeduld indeß nicht. Die reizende
-Lage der kleinen Expedition, eine vollblühende
-Jelängerjelieber-Laube, welche den ländlichen Vorplatz
-schmückte &ndash; eine Pilgerruhe der Passagiere &ndash; entlockte
-ihr den Wunsch, hier einige Stunden ausruhen
-zu können, und Constanz zeigte sich gefällig dafür.
-Er trat zu dem Postmeister, als dieser im Begriff
-stand, das Felleisen auszupacken. Da sprang die ersehnte
-Handschrift ihm in die Augen, ein Brief an
-ihn vom Gesandten. Constanz beglaubigte sich, als
-den Empfänger. Er riß hastig in das Papier &ndash;
-aber der Inhalt zerriß das Blatt seiner Hoffnung
-noch heftiger. Sein Gönner schrieb ihm: ein Ereigniß
-von größter Bedeutung habe ihn genöthiget, seinen
-Standpunkt zu verlassen und nach dem Süden
-zu gehen. Er werde die Tour über B. &ndash; nehmen,
-woselbst er seinen Secretair erwarte, der ihn auf dieser
-<a class="pagenum" id="page_131" title="131"> </a>
-Reise begleiten müsse; die Dauer dieser Reise
-wäre vorläufig nicht zu bestimmen, und hinge von
-Umständen ab, welche schwebten. Constanz sollte daher
-sein Eintreffen dort, so viel als möglich beschleunigen,
-der Gesandte harre sein. Was die fragliche
-Parthie anbeträfe, so werde dieser Punct zu gelegener
-Zeit zwischen ihnen zur Sprache kommen.&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>Dieser Brief war in dem Tone jener Superiorität
-abgefaßt, die stets ein Vorbehalt Derer bleibt,
-welche in ihrer Persönlichkeit die Freundschaft mit der
-Protection für uns verbinden. Constanz war durch
-die frühesten Eindrücke für diesen vornehmen Ausdruck
-empfänglich geworden. Er war dem Gesandten in
-den zartesten Beziehungen verpflichtet: denen der
-Dankbarkeit. Auch war gewissermaßen das Wohl des
-Staates diesem Zusammenhange verknüpft, so konnte
-er sich seiner Pflicht nicht entziehen. Theresen mitzunehmen,
-daran durfte ihr Gatte nicht denken, denn
-so wie er den Gesandten kannte, war der Anhang,
-die Heirath betreffend, als abweisend anzusehen. So
-mußte dieser erst durch die Ueberredungsgabe seines
-Lieblings für Etwas gewonnen werden, was bereits
-geschehen war.</p>
-
-<p>Constanz stand äußerst betroffen. Er theilte Theresen
-mit, was sie so nahe anging, und erklärte ihr
-diesen Ruf des Schicksals als unabweislich. »Nur
-<a class="pagenum" id="page_132" title="132"> </a>
-diese Reise noch,« tröstete er die bestürzte Frau, indem
-das Gefühl der Selbständigkeit in ihm ansprach,
-»dann trennt uns nichts mehr, Du Liebste! &ndash; Erfüllt
-der Gesandte sein Versprechen nicht, mich zu
-versorgen, so reicht mein Vermögen hin, ihn entbehren
-zu können. Doch jetzt darf ich ihn nicht im
-Stiche lassen; ich muß die Resultate meiner Sendung
-in seine Hände niederlegen. Wer konnte dies voraussehen?
-wüßte ich nur, wo ich Dich einstweilen aufhöbe!«
-Er starrte nachsinnend in die blaue Weite,
-als wolle er einen Ausweg erspähen. Da trug ein
-Hauch der Luft einen Glockenton von ferne über die
-Mittagsstille der Felder; und dieser leise silberne Laut
-schlug an sein Gehör und klopfte an sein Herz. &ndash;
-Seine Augen folgten der Richtung dieses Schalles,
-und sahen die Thürme von Sanct Capella im senkrechten
-Strahl der Sonne verblendend blinken. Constanz
-fragte nach jenem Ort. Der Postmeister nannte
-das Kloster, und erwähnte gesprächig der gegenwärtigen
-Verhältnisse des Stiftes. Aber Der, zu dem er
-redete, hatte nichts Weiteres davon vernommen, und
-war einer eigenen Gedankenreihe gefolgt.</p>
-
-<p>»Schade!« sagte Constanz, »daß die Klöster aufgehoben
-sind. Was man auch dagegen sagen konnte,
-sie waren doch immer ein schicklicher Aufenthalt für
-unbeschützte Frauen. Und Du bist ja ein <em class="ge">wenig</em> catholisch.«
-<a class="pagenum" id="page_133" title="133"> </a>
-Er blickte seine Frau mit einem schmerzlichen
-Lächeln an, welches sie ermuthigen sollte. Therese
-aber hatte jetzt keinen Sinn für tragikomische Reminiscenzen,
-und keinen Glauben als den, daß sie sehr
-unglücklich wäre.&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>Wie aus einem Traume erwachend, und in großer
-Zerstreuung, fragte Constanz den Postmeister, der
-sich abseits gewendet hatte: ob er recht vernommen,
-daß der Prälat dieses Ordens noch dort wohne? Jener
-berichtigte das Mißverständniß, und was er von
-dem Administrator zu sagen wußte, ließ dem Secretair
-des Gesandten kaum einen Zweifel übrig, daß er
-sich in der Nähe seines Bruders befinde. Von einem
-raschen Entschluß durchblitzt, forderte er Feder und
-Dinte, und schrieb in Hast ein französisches Billet an
-ihn, des Inhalts: ein Fremder wünsche den Stiftsverweser
-von Sanct Capella so dringend als unverweilt
-im Posthause zu Leidthal zu sprechen. Die
-Chiffre des Namens Constanz war so charakteristisch
-verschlungen, daß sie schwerlich von Jemand, der sie
-nicht kannte, zu enträthseln gewesen wäre.</p>
-
-<p>Nach anderthalb Stunden, in deren Verlaufe Constanz
-sein Weibchen zu beruhigen gesucht hatte, kam
-ein stattlicher junger Mann neben dem reitenden Boten
-daher gesprengt, und der Postmeister rief: »da ist
-er schon, der Herr Prälat!« Constanz sah unter einem
-<a class="pagenum" id="page_134" title="134"> </a>
-Freudenschauer auf, und Therese zog sich in einer
-kindischen Furcht der Erwartung, in die Laube
-zurück, und einen Behang von Blüthen über ihr reizendes
-Gesicht.</p>
-
-<p>Constanz gab sich seinem Bruder herzlich zu erkennen,
-und in dem Anmuthen, Theresen so lange unter
-seinen Schutz zu nehmen, bis er sie abholen würde,
-einen brüderlichen Beweis. Diese Minute drängte
-stark an das Herz des Administrators. In dem Wesen
-seines jüngern Bruders lag bei freundlicher Offenheit
-etwas ersichtlich Vornehmes, ein gewisser Succeß
-des Zutrauens, was Jenem imponirte, der mitunter
-zurückhaltend, ja sogar blöde war. Unwillkürlich
-stellte er die finstere verschlossene Strenge des älteren
-Bruders daneben; er dachte leise an Fabia &ndash;
-und mit dem beengten Gefühl eines Ehemanns, der
-da Scheu trägt, die häusliche Kette der Gewohnheit
-um ein Glied zu erweitern. Um seinen schweigenden
-Mund spielte ein Lächeln gutmüthiger Ironie, daß er
-bestimmt seyn sollte, die Frauen seiner Brüder zu
-beschützen. »Wenn es der jungen Dame nur bei uns
-gefällt&nbsp;&ndash;« sagte der Administrator bedingungsweise,
-»es geht still zu, im Stift. &ndash; Die Wittwe unseres
-ältesten Bruders, die ich sammt ihrer Pflegetochter
-bei mir habe &ndash; ist &ndash; unseres ältesten Bruders,« unterbrach
-er sich selbst&nbsp;&ndash;: »Der, Du weißt ja&nbsp;&ndash;«
-<a class="pagenum" id="page_135" title="135"> </a>
-aber Constanz sah den Administrator an, als hätte
-dieser fremd und romantisch vom Bruder Graurock
-gesprochen.</p>
-
-<p>»Ich weiß von nichts&nbsp;&ndash;« antwortete Constanz,
-entschlossen, sich mit keinem weitläuftigen Verhältniß
-zu befassen, und seine cosmopolitische Seele streifte
-das Band der Natur sogar im Begriffe ab: »als &ndash;
-wir Menschen sind hier alle Brüder&nbsp;&ndash;« ein rüstiges
-Mägdlein, das kleinste Kind der Postmeisterinn an
-die Brust gedrückt, welche ein knappes Mieder von
-Leinewand umschloß, strich bei diesen Worten hurtig
-an ihnen vorüber, und eine schnelle Association der
-Ideen, in richtiger Folge jener Strophe und dieses
-Blickes, ließ ihn an den Bruder mit dem Ordensband
-denken, der er einst so dankbar als einflußreich
-diesem schlichten Schutzfreund seyn werde, wenn die
-Zeit dazu gekommen. »Sieh meine Frau nur selbst!«
-sagte Constanz, indem er auf die Laube zuschritt. Er
-bog ihre Zweige auseinander, und die schönere Blüthe
-von Theresens Angesicht lächelte durch das weiche
-Grün, und ihre Augen funkelten in Thränen, wie die
-Sonne im Thau. &ndash; Die Schönheit hat das Eigenthümliche,
-daß sie jedem Manne Muth einflößt. Das
-Herz des Administrators öffnete sich den gastfreundlichsten
-Gefühlen. Zudem behandelte Constanz die
-Sache so ganz in seinem Geiste, das heißt, so flüchtig,
-<a class="pagenum" id="page_136" title="136"> </a>
-daß Herr Prälat glauben mußte, mit dem Asyl
-zu Sanct Capella sey es nur durchaus precair gemeint,
-und auf ein längeres Bleiben nicht abgesehen.
-So bewilligte er daher die Bitte seines Bruders,
-wenn auch nur mit einer gewissen widerstandlosen
-Passivität. Er sah dies Ereigniß für ein Fatum an,
-dem auf keine Weise zu entgehen gewesen wäre. Das
-leichte Gepäck war bald getheilt, ein Postwagen, worin
-Therese nach dem Kloster fahren sollte, geschirrt. Der
-biegsame Leib der schönen Gestalt, schwankte von ihrem
-Manne umschlungen, im Sturm des Abschieds.
-Zwei Ströme flossen von ihren Wangen &ndash; zwei
-Wochen waren erst und wie auf Rosen verflossen,
-seit Constanz der Ihrige war. &ndash; Mit gemischten Empfindungen
-ritt der Administrator neben der Chaise
-her, darin die noch weinende junge Frau saß. Er
-warf zuweilen einen mitleidigen Blick auf Theresen;
-die Jugend dieser Ehe rührte ihn, ihre gegenwärtige
-Trennung und der Zukunft ungewisses Loos. Nebenbei
-gedachte er und eben nicht leichten Herzens an
-die nächste Stunde &ndash; und hätte gern ein wenig älter
-seyn mögen.</p>
-
-<p>Frau Fabia hatte heute nicht den guten oder schönen
-Tag ihres Geschlechts. Eine Nachtigall, welche
-sie sehr liebte, und die in einem dunkeln Thurmhäuschen
-wohnte, das, nicht unähnlich einer kleinen Kirche,
-<a class="pagenum" id="page_137" title="137"> </a>
-an ihrem Fenster empor hing, war an diesem Morgen
-ihrer Haft entschlüpft. Das arme kleine Nönnchen
-sang die Hora der Nacht und Natur im vergitterten
-Chor ihres Kerkers so himmlisch klagend, als seufze
-der Engel der Melodie aus dieser befiederten Brust.
-Josephine hörte es mit süßem Erbarmen. Frau Fabia
-aber, die sich selbst zu den Gefangenen Zion
-zählte, hatte nicht Lust, die klösterliche Philomele zu
-Gunsten irrdischer Liebe in Freiheit zu setzen. Nun
-war sie entflohen, und auf dem Mädchen ruhte ein
-scharfer Verdacht, daß es mit lindem Urtheil, wie diesem
-kleinen Gottesgeschöpf himmelschreiendes Unrecht
-geschähe, seine Erlöserinn geworden wäre. &ndash; Es gab
-einen Lärmen der Entdeckung, und Josephine, die sich
-nie gegen einen Vorwurf vertheidigte, schwieg auch diesmal,
-und die Schuld blieb auf ihr haften, so wie
-auf Fabien der Mißmuth über diesen Verlust, geschärft
-durch ein zweifelhaftes Gefühl der Versündigung an
-dem lieben Kinde. Dieser Stimmung sich erinnernd,
-hätte der Administrator gewünscht, seine Schwägerinn
-vorbereiten zu können &ndash; aber da stand Fabia ganz
-gegen ihre Gewohnheit schon an der Thür, und ihr
-Gesicht &ndash; eine totale Sonnenfinsterniß &ndash; warf keinen
-Schein festlicher Empfängniß nach dem anrollenden
-Wagen. Dem Reiter ward es schwarz vor den
-Augen. Er sprang vom Pferde, der jungen Dame
-<a class="pagenum" id="page_138" title="138"> </a>
-beizustehen, welche den schönsten Fuß, der jemals über
-diese Erde gegangen, hell und seiden beschuht, auf
-den schmutzigen Tritt der Postchaise setzte. Theresen
-an seiner Hand, trat der Administrator vor die Domina
-seiner Häuslichkeit und sprach: »liebe Fabia!
-ich bringe Dir hier eine werthe Verwandte, die Frau
-meines Bruders Constanz, und also Deine Schwägerinn,
-so wie Du mir. Lasse die gute Therese Dir
-herzlich empfohlen seyn, da sie einige Zeit bei uns
-verweilen wird.«</p>
-
-<p>Frau Fabia brachte mühsam ein fremdes Lächeln
-der Bewillkommung auf; der Administrator war desto
-freundlicher. Die eisige Kälte dieses Empfangs versetzte
-ihn durch die natürlichste Gegenwirkung in einen
-Wärmegrad, der unter allen Launen dieser christlichen
-Juno dem Quecksilber der zweiten Schwägerinn
-Stand und Stange hielt. &ndash; Am Abend spät versuchte
-der Stiftsverweser jenes üblen Eindrucks Herr
-zu werden. Er sagte daher in einem Tone, der
-scherzhaft seyn sollte, aber doch anzüglich war: »nun
-Fabia! Du warst heute absonderlich schweigsam &ndash;
-Du bist es noch. Ist es Verdruß, daß Dir das Vögelchen
-entgangen? o gönne ihm die Freiheit, das
-edelste Gut! oder zürnst Du, daß ich Dir ein anderes
-eingebracht?&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<p>»Wenn Dich nur nicht selbst ein loser Vogel etwa
-<a class="pagenum" id="page_139" title="139"> </a>
-angeführt hätte&nbsp;&ndash;« antwortete Fabia mit furchtbarem
-Ernste, »woher weißt Du denn, daß jener Constanz
-Dein Bruder war? und diese Therese wirklich
-seine Frau?«</p>
-
-<p>»Großer Gott!« rief ihr Schwager, »welch ein
-Gedanke! woher ich es weiß? dieselbe Stimme hat
-es mir versichert, die mir sagte, daß Dein seliger
-Mann mein Bruder sey, und mir Bürgschaft leistete
-für die Wahrheit seiner Aussage. Es giebt eine innerste
-Gewähr dafür, Fabia!«</p>
-
-<p>»Nicht jeder Stimme muß man glauben&nbsp;&ndash;« erwiederte
-Fabia, indem sie sich entfärbte, und unwissend,
-daß sie eine classische Stelle recitire, »der Lügengeist
-kann alle nachahmen. &ndash; Und wäre denn
-solch ein Betrug etwa unerhört? könnte jener junge
-Mann nicht ein Abenteurer gewesen seyn, der seine
-sogenannte Frau gern los seyn wollen? &ndash; Wie manches
-Kind&nbsp;&ndash;« Fabia stockte, immer mehr verblassend
-&ndash; »wie manches Kind, wollte ich sagen &ndash; ist
-durch höllische Spiegelfechterei arglosen Menschen als
-eine lebenslängliche Last aufgebürdet worden? Denke
-nur an mich! wir werden die Dame sobald nicht wieder
-los werden, und jedes fremde Einschreiten sollte
-wohl bedacht seyn.&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<p>Herr Prälat sah seine Schwägerinn mit leiser Beängstigung
-an; es war, als ob ein dunkler Schatten
-<a class="pagenum" id="page_140" title="140"> </a>
-von Furcht an ihm vorüberschwände. »Fabia!« entgegnete
-er um so heftiger, als er sich von ihrem Tone
-ergriffen fühlte, »welch ein Geist des Mißtrauens und
-übler Weissagung ist heute in Dich gefahren? Du wärest
-im Stande, mich zweifelhaft zu machen, Wer ich
-selber sey. &ndash; Dein Betragen war nicht schwesterlich,
-auch nicht gegen <em class="ge">mich</em>. Du bewirthetest die arme
-Therese, an deren Stelle mir der Appetit zu diesem
-Auffenthalt vergangen wäre, mit kurzen Redensarten,
-einer sauersüßen Sauce, wie man sie zu einem Kalbskopf
-giebt, für den Du mich hältst. &ndash; Was meinst
-Du denn, das ich hätte thun sollen? dem Bruder
-etwa meine Hand weigern, da er mir die seinige zum
-erstenmale entgegen reichte? seine Bitte abweisen, oder
-warten, bis er mir den Taufschein zeigen könne? &ndash;
-Fabia! Fabia! Gastfreundschaft ist eine Blume der
-Humanität, welche auch von Horden und Heiden gepflegt
-wird. Jüngst las ich &ndash; und es hat mich innigst
-gerührt &ndash; in den ungeheuern Flächen Nubiens
-sind kleine Zelte gesteckt, darunter die Einwohner des
-nächsten Ortes ein Gefäß mit Wasser füllen, daß
-die Reisenden nicht verschmachten dürfen im heißen
-Sande &ndash; und dieser Gebrauch wird heilig gehalten
-von jenen Negern. Sollte denn die goldne Kuppel
-des Klosters, was man ein Gotteshaus nannte, einem
-matten Blick der das Nächste nicht absieht, nur ein
-<a class="pagenum" id="page_141" title="141"> </a>
-Blendwerk seyn, und weniger probehaltig, als das
-Dach von geflochtenem Bast, womit der Wind der
-Wüste spielt? &ndash; Du sprichst den Ruhm einer guten
-Christinn an &ndash; besinne Dich, wie oft die Apostel die
-geheiligte Pflicht einer gastfreien Aufnahme den Bekennern
-ihrer Lehre empfehlen. Herberget gerne! Seid
-gastfrei ohne Murren &ndash; doch Du kennst die Vorschriften
-der Bibel besser, als ich. So gleiche denn
-der Wittwe von Sarepta, deren gesegneter Oelkrug
-nie erschöpft wird. Sey gelinde, Fabia! doch
-gieße nicht Oel ins Feuer. Du schlägst mir die Hoffnung
-nieder, daß Therese eine Schwester an Dir finden
-würde &ndash; doch schlägst Du mich damit nur zu
-ihrem Ritter, und zwingst mich, sie gegen Dich zu
-vertheidigen.«</p>
-
-<p>Diese letzteren Worte ihres Schwagers wirkten
-am schlagendsten auf die Zweiflerinn. Sie hoffte, der
-Bruder ihres Mannes, auf den Frau Fabia ein mütterlich-eifersüchtiges
-Auge hatte, werde sich in der
-Anfechtung behaupten &ndash; und der Friede ward zwischen
-ihnen geschlossen.&ndash; Dieser erste Abend gab den
-Ton an, der sich während der Anwesenheit Theresens
-im Stifte nie in Harmonie auflös'te. Unsere Leser
-finden ihn in der Dissonanz, womit die Geschichte dieses
-Buches anhebt. Seltsam war es jedoch, daß die
-Vorhersagung der Frau Fabia sich als richtig bewährte,
-<a class="pagenum" id="page_142" title="142"> </a>
-es ist traurig &ndash; aber es <em class="ge">ist</em> in Wahrheit, daß der
-Erfolg das Mißtrauen öfterer rechtfertiget, als die Zuversicht.
-Constanz schrieb nach langer Zeit &ndash; es
-mußten Briefe verloren gegangen seyn &ndash; aus weiter
-Ferne. Er war dem Interesse des Gesandten verkettet,
-und konnte die Fessel nicht sprengen; doch vertröstete
-er sich und sie wie ein Liebender. So hatte
-zweimal schon die Laube der Posthalterei zu Leidthal
-geblüht, und Therese, die sich behaglich in Sanct Capella
-eingerichtet hatte, und deren Sinn in harmloser
-Lebensphilosophie der Gegenwart angehörte, dachte je
-länger, je <em class="ge">leiser</em> an jenen Tag des Abschieds. Nur
-in bösen Stunden wünschte ein banges Gedenken ihres
-Mannes ihn zurück, und ein Gefühl, daß sie hier
-nur gelitten sey, und deshalb leide &ndash; kam über sie.
-Therese hatte mehr ein Gemüth für die heitere Lust des
-Lebens, die jeden Augenblick genießt, als für der Liebe
-tiefe Sehnsucht. Das letztere Schreiben hatte eine nahe
-Rückkehr hoffen lassen, die nur noch von einigen Ausgleichungen
-abhänge. Seitdem aber bestätigte kein
-Weiteres diesen Abschluß und daß auf seine baldige
-Ankunft zu rechnen wäre. Dies Alles hatte, in eine
-präcise Mittheilung gedrängt, der Administrator, dem
-wir vielleicht die schweigende Kürze der Erzählung ablernen
-mögten &ndash; dem Major Feldmeister vertraut.
-Und dieser erwiederte jetzt: »ich sehe wohl, Freund!
-<a class="pagenum" id="page_143" title="143"> </a>
-Sie konnten füglich nicht anders &ndash; Sie können weder
-dafür, noch etwas ändern, obzwar, ich behaupte
-es redlich, solch ein Zusammenleben <em class="ge">nichts taugt</em>.
-Verlangen soll es mich aber doch, ob der Herr Bruder
-kommen wird? <i>ad vocem!</i> <em class="ge">kommen!</em> es kommt
-noch Jemand, Freundchen! mit Ihrer Genehmigung,
-versteht sich. Diesen Morgen schon wollte ich es Ihnen
-sagen; aber die lieben Schwägerinnen hatten
-mich in Mitleidenschaft ganz confus gemacht, und das
-Bein hier hat mir das Gedächtniß abwärts gezogen.«&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>Der Major fuhr mit der Hand sacht an dem gichtischem
-Knöchel nieder, streichelte den Faust und hob
-an: »es giebt eine Sympathie der Erfahrung. Gestern
-früh erhalte ich ein Billet vom Obrist Milch;
-ein Name für ein Wochenkind, und nicht für einen
-Soldaten, nicht wahr? dieser mein alter Freund sollte
-<em class="ge">Feuer</em> heißen, denn er hat den Teufel der Bravour
-im Leibe. Also: er thut mir schriftlich seinen Wunsch
-kund und zu wissen, mich in der Posthalterei in Leidthal
-zu sprechen, da die Zeit ihm nicht erlaube, den
-Umweg über Sanct Capella zu nehmen. Er kam
-mit seiner Frau von D&ndash;. und hatte den Reitknecht
-von der letzten Station aus zum Behuf der Eile voraus
-gesandt. Ich machte mich alsbald auf. Die
-Obristinn saß, weil es draußen so hübsch und drinnen
-dunstig heiß war, in derselben Laube, und, ich wollte
-<a class="pagenum" id="page_144" title="144"> </a>
-wetten, nicht einen Zollbreit weiter auf der Bank,
-als Therese. Ihr Gesicht war hochroth von der Herbstluft,
-der Obrist aber fror ein wenig, und trank ein
-Glas Wein; die offne Flasche stand auf dem Tische.
-Wir waren die Alten. Der Obrist scherzte über die
-Glut seiner Frau, und sagte, sie hätte meinetwegen
-wie auf Kohlen gesessen. Du könntest von uns sagen,
-setzte er hinzu, wir sähen aus wie Milch und
-Blut &ndash; das giebt ein zartes Bouquet, Du darfst es
-nur binden. Und dabei umarmte er mich derb und
-herzlich. Er ist so dick geworden, daß man ihn wie
-ein Faß binden mögte &ndash; taugt nichts, solche Corpulenz.
-Unterdessen verduftet dies Bouquet hier &ndash;
-antwortete ich, und steckte den Stöpsel in die Flasche.
-Du bist recht hübsch geworden in der Carthause, spöttelte
-der Dicke, das wird deinem Neffen drollig vorkommen.
-Er empfiehlt sich, und will Winterquartier
-bei Dir machen. Ist der Junge toll? platzte ich heraus;
-doch es wird wohl nur Dein Spaß seyn. Die Obristin
-lachte wie Dame Kobold. Nein, nein! versicherte ihr
-Mann, es ist dem Lieutenant voller Ernst damit, und
-daß Du es nur weißt, er will einer hoffnungslosen
-Leidenschaft entfliehen. Der Obrist machte eine seriöse
-Miene. Ich gerieth in Harnisch und sprach: das
-wäre mir gemüthlich, daß ich ihm Zuflucht gäbe vor
-einer dummen Liebschaft, die nichts taugt. &ndash; Er hat
-<a class="pagenum" id="page_145" title="145"> </a>
-sich um einer Dame willen geschossen &ndash; entgegnete
-mir Jener kleinlaut: gönne ihm daher die Hospitalität
-Deines Klosters, daß er in dieser Abgeschiedenheit
-Ruhe habe, und an Seel und Leib genese. &ndash; Mögte
-Einem nicht gleich der Schlag vor Aerger rühren! rief
-ich entrüstet, und der Schrecken war mir wirklich in
-alle Glieder geschlagen; ich hielt den Rudolph für vernünftig.
-Erzürne mir den Major nicht &ndash; sagte die
-Obristinn begütigend, und erzählte mir nun eine närrische
-Historie, die den Lieutnant forttreibt und Ursach
-seyn wird, daß er um Versetzung anhält. In
-seiner Garnison lebt eine alte adelige Dame von wunderlicher
-Art. Ihre Wohnung ist ein Antiquitäten-Cabinet,
-sie selbst geht schlumpig einher, und stets
-wie ein Kinderspott der Redoute. Man hält sie für
-reich, doch auch für geizig, denn außer der Fliege, der
-sie das Leben schenkt, kann sich kein lebendes Wesen
-einer Gabe von ihr rühmen. Ihr Anblick muß etwas
-Unheimliches haben. Wer sie sieht, weicht ihr aus&nbsp;&ndash;,
-die Fee Fanferlüsche, diesen Namen führt sie. Und
-doch ist dies verrufene Mütterchen ein alter Ueberall.
-Vor Kurzem ist zu Ehren einer städtischen Feier großer
-Ball, und alle Honoratioren sind geladen. Alles
-ist im höchsten Glanz, die Damen im allerschönsten
-Putz sitzen wie am Faden gereiht. Da tritt jene
-Alte in den erleuchteten Saal, wie eine gespenstische
-<a class="pagenum" id="page_146" title="146"> </a>
-Mode des vorigen Jahrhunderts &ndash; sagte die Obristin.
-Es entsteht ein Aufsehen, die kleine Gnädige
-kommt ins Gedränge, wird abseits geschoben und verliert
-einen Schuh. Doch was für einen? Frau von
-Milch hatte die Güte mir das <i>corpus delicti</i> zu beschreiben.
-Ein Pantöffelchen von geblümten Silbermoor,
-mit einer Schleife vorn von gesponnenem
-Glase. Ist es nicht, sagen Sie Freund, als ob man
-in der blauen Bibliothek aller Nationen läse?« Der
-Administrator nickte lächelnd. »Ein allgemeines Gelächter!«
-fuhr Major Feldmeister fort, »die Offiziere zerren
-den Schuh hin und her &ndash; da schwankt die Alte, wird
-bleich wie Asche, als würde sie auf der Stelle zusammensinken.
-Mein Neffe &ndash; ein braver Junge ist der
-Rudolph doch! stürzt wie ein Satan herbei, spricht
-davon, wie wenig Ehre dabei sey, eine kindische Matrone
-bloßzustellen &ndash; reißt den Pantoffel von der Säbelspitze,
-womit ein Jäger-Offizier ihn aufgespießt
-hat, hebt die Alte in einen Sessel, und zieht ihr vor
-vielen hundert Augen ihren Schuh wieder an.« Der
-Major athmete tief.</p>
-
-<p>»Dies ist ein hübscher Zug vom Lieutenant Feldmeister,«
-fiel hier der Freund seines Oheims ein, »der
-mir sehr gefällt. Es gehört meines Bedünkens ein
-größerer Muth dazu, diesen kleinen Pantoffel zu fangen,
-als einen feindlichen General; und es mag dem
-<a class="pagenum" id="page_147" title="147"> </a>
-braven Artilleristen leichter geworden seyn, sich einer
-tüchtigen Salve auszusetzen, als dem Arsenal des
-Spottes. Das Gefühl, was einen jungen Mann seines
-Gepräges gegen die Schmach einer schutzlosen alten
-Frau bewehrt, ist wahrhaft gloriös.«</p>
-
-<p>»Das meine ich auch&nbsp;&ndash;« sagte der Major, und
-seine Augen funkelten. »Mein Neffe,« fuhr er fort,
-»war der Held des Abends, tanzte aber keinen Schritt.
-Jener Offizier hatte sich für beleidigt gehalten, und
-den Rudolph auf Pistolen gefordert. Er ward in die
-Achsel verwundet, aber nicht schwer. Sein Gegner
-kam auch nicht ungehuscht davon. Man witzelte leise:
-des Lieutnants Dame hätte einen Schuß, und er nun
-auch einen; doch Niemand wagte mehr ein lautes
-Wort an ihn; denn wie verträglich der Junge auch
-ist, er hätte sich mit dem ganzen Offiziercorps gerauft.
-Die gnädige Alte rauft sich die eisgrauen Haare aus,
-als sie erfährt, der junge Mann hätte ihretwegen mit
-blauen Bohnen gespielt. Die Geschichte machte Furore.
-Wie nun der arme Rudolph des Abends allein
-liegt, meint er, das Wundfieber stelle sich ein, und
-glaubt ein Phantom zu sehen. Vor seinem Bette bewegt
-sich ein Quantli, die Kammerfrau der Dame Fanferlüsche,
-klein und krüppelhaft wie ein verdorrter
-Zwergbaum. Sie sagt: wie es der Gnädigen doch so
-jämmerlich leid thue, daß der Herr Lieutnant sich Unannehmlichkeiten
-<a class="pagenum" id="page_148" title="148"> </a>
-zugezogen hätten. Sie bitte ihn durch
-den Mund ihrer Dienerinn, seines jungen Lebens zu
-schonen, und beifolgende Kleinigkeiten zur Linderung
-seiner Schmerzen von ihr anzunehmen. Dabei packt
-sie aus. Binden, fein wie Battist, Charpie, Eingemachtes
-in Tassen, vom Superlativ einer Porzellain-Fabrik,
-wie sie der Kaiser von China von seinem Ahnherrn
-geerbt haben mag, Tamarinden zum Beispiel,
-deren eingesottner Zucker versteinert war, und die, wie
-mir die Obristin sagte, eine wirksame Kraft haben
-sollen, das Fieber zu vertreiben. Zugleich schickt sich
-die uralte Zofe an, meinen Neffen zu pflegen und die
-Nacht über bei ihm zu bleiben, und thut wie zu Hause.
-Darüber wird nun der Rudolph beinahe grob. Er
-sagt, sein Bursche halte Wacht bei ihm und auf Ordnung:
-so bedürfe er Niemandes. Nichtsdestoweniger
-bleibt die Servante freundlich und höflich, und
-kommt von nun an alle Morgen, die Gott der Herr
-giebt, um sich nach dem Befinden meines Neffen zu
-erkundigen, und immer bringt sie etwas zugeschleppt,
-eine Nachtlampe sogar, einen kleinen Fußteppich vor
-das Bett, damit er nicht hart auftrete, und hundert
-Kleinigkeiten, auf die ein Garçon nichts giebt. Der
-Regiments-Chirurgus sieht es, lächelt und schweigt &ndash;
-und dieses Lächeln schneidet dem Patienten tiefer ein,
-als sein wundärztliches Messer. Einmal nur sagt Jener:
-<a class="pagenum" id="page_149" title="149"> </a>
-Sie scheinen die Wunderlampe überkommen zu
-haben, die dem Aladin verloren ging &ndash; nehmen Sie
-nur Ihr Glück besser in Acht &ndash; lieber Feldmeister.
-Aber dem Rudolph ist der Gedanke unerträglich, daß
-auf der Kugel, auf die er sein Leben gesetzt, solch eine
-gräuliche Fortuna stände. &ndash; Und als nun die Geschäftsträgerinn
-kommt, und ihm, Namens ihrer Dame,
-ein schönes Logis im Hause derselben anbietet,
-auf daß die Gnädige ihm ihre Dankbarkeit nahe und
-anders noch beweisen könne &ndash; da schüttelt er sich, und
-dies überhäufte Vergelten eines kleinen Dienstes, den er
-am liebsten vergessen mögte, wird ihm über allen Ausdruck
-widrig. So trägt der arme Junge, dem es in
-seinen Verhältnissen so wohl gefiel, darauf an, daß er
-versetzt werde, und einstweilen will er hierher kommen.
-Was meinen Sie nun dazu?«</p>
-
-<p>»Ich kann es dem Lieutnant Feldmeister nicht verdenken&nbsp;&ndash;«
-antwortete der Administrator, »und würde
-in seinem Falle vielleicht eben so denken und handeln.
-Diese Erfahrung liefert wieder einen Beweis, daß man
-Jemand durch die stärkste Nothhülfe nicht halb so sehr
-verpflichtet, als wenn man ihn einer kleinen Verlegenheit
-überhebt. Und dann auch, daß die Ritterlichkeit
-im Benehmen eines Mannes das Geheimniß jedes
-Sieges über eine Dame enthält, sie möge nun
-eine Methusala an Jahren, und so geizig und hartnäckig
-<a class="pagenum" id="page_150" title="150"> </a>
-seyn, wie sie nur wolle. Solcher Courtoisie widersteht
-Keine.&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<p>»Der Rudolph würde,« sprach der Major, »dem
-Verdacht der Erbschleicherei, dem niedrigsten, der auf
-einem ehrenwerthen Menschen haften kann &ndash; auf
-keine Weise entgangen seyn. So ist es gut, daß er
-Reißaus nimmt. Diese Retirade lasse ich mir gefallen.
-Sie haben als Vorstand unseres Invaliden-Hauses
-also nichts dawider, daß der wackere Junge für
-einige Monate meine Wohnung theile?&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<p>»Es wird für ein apartes Zimmer gesorgt werden,«
-sagte Herr Prälat, »und daß ihr Neffe sich hier
-so gemächlich als möglich fühle. Ist doch Raum bei
-uns da &ndash; wie im Himmel; und sollten wir alle Diejenigen
-aufnehmen, welche ihrem Vortheile entfliehen,
-so würden wir noch Gelaß übrig behalten.«</p>
-
-<p>Des Majors Gesicht verklärte sich. Er blickte in
-helle Abende und sprach: »Wir spielen das l'Hombre
-alsdann mit dem Moor &ndash; der Moorhausen scheint
-mir in Eine Ihrer Schwägerinnen verliebt, denn er
-quält mich beständig, ihm Entree bei den Damen zu
-verschaffen. Nun &ndash; mit Dem hat es keine Gefahr.
-Aber &ndash; Hm! wird auch der Rudolph Unheil anrichten
-im Stifte? Frau Therese ist ein entzündbarer Stoff,
-und die Kleine wahrhaftig hübsch genug.«</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_151" title="151"> </a>
-»<em class="ge">Die</em> bewacht Fabia&nbsp;&ndash;« versetzte der Administrator
-mit trüber Ruhe.</p>
-
-<p>»Was das betrifft&nbsp;&ndash;« entgegnete der Major,
-»meine Frau sang ein altes Lied, was ich immer
-gern hörte; es hatte einen Refrain: denn wenn ich
-nicht selbst mein Herz bewache, o so hilft kein Argus
-und kein Drache. Mit allem Estime gegen die Frau
-Schwägerinn gesprochen. Josephine ist ein stilles
-Wässerchen&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<p>»Und <em class="ge">tief</em>!« fiel Herr Prälat ein, »aber im reinsten
-und höchsten Sinne. Sie gleicht einem jener lichtentfloßenen
-Ströme, die Swedenborg entzückten Geistes
-fließen sah.«</p>
-
-<p>Der Major sah seinen Freund nachdenklich an und
-sprach: »auch wünsche ich von Herzen, daß dies Bächlein
-in das Bette eines Flußgottes geleitet werden
-möge, der es nie in Thränen fließen läßt, sie müßten
-denn vor Freude geweint seyn.&nbsp;&ndash;« Jener
-schwieg.</p>
-
-<p>Einige Wochen waren seitdem den Bewohnern
-von Sanct Capella gleichförmig vergangen. Jetzt war
-der Christmonat da, und mit ihm jene winterheimliche
-Stille, selbst in der Natur, wie sie um das heilige
-Dunkel dieser Zeit webt, die häuslichen Verbindungen
-enger schlingt, und die kleinen Geheimnisse der
-Freude und Liebe an das große Geheimniß der Weltbeseligung
-<a class="pagenum" id="page_152" title="152"> </a>
-knüpft. Die Frauen beschäftigten sich einsam,
-vergnügliche Ueberraschungen zu bereiten, sogar
-Schwester Veronica fertigte einige klosterkünstliche Gaben
-in verschlossener Zelle an, zu Weihnachtsgeschenken
-für ihre Freunde. Dessenungeachtet fehlte es an
-geselligem Verkehr nicht, und mancher lichterfreundliche
-Abend ward traulich plaudernd, hier oder da, hingebracht.
-Bei dem Gerichtshalter Gottschalk &ndash; einer
-liberalen Familie, welcher, wie unsere Leser sich erinnern
-wollen, zu Anfange dieser Erzählung erwähnt
-wird &ndash; und der nicht im Kloster, sondern in einem
-dazu gehörigen Gebäude wohnte, waren die Staabsoffiziere
-von Sanct Capella freundlich aufgenommen,
-und auch Fremde öfters da zu finden. Therese gefiel
-sich sehr dort. Ihr Schwager hingegen nahm selten
-Theil an diesen muntern Zusammenkünften, und Frau
-Fabia gar nicht. Der Administrator hatte es aus
-Neigung wie mit Absicht vermieden, um vornehmlich
-Fabiens strengen stillen Geist nicht zu beleidigen, sein
-Wohnzimmer zu einer militairischen Ressource zu machen.
-Major Feldmeister gehörte nicht in jene ausschließende
-Regel; doch dachte er zart genug, um nur
-bescheidenen Gebrauch von einem Gunstrecht zu machen,
-das ihm zu jeder Zeit und Stunde den Eintritt in
-den weiblichen Hauskreis seines Freundes gestattete.
-So geschah es auch nur ausnahmsweise, wenn Einer
-<a class="pagenum" id="page_153" title="153"> </a>
-oder der Andere der Offiziere ihn dahin begleitete.
-Das l'Hombre, wovon der Major redete, ward zumeist
-auf seinem Zimmer gespielt, und Hauptmann Moorhausen,
-ein Mann von lebhafter Phantasie und kühner
-Darstellungsgabe, war der Dritte von dieser Parthie.
-Deshalb stand der Letztere zu dem Stiftsverweser
-in etwas näherer Beziehung als die Uebrigen.
-Auch fühlte Herr Prälat, oft abgespannt und ermüdet
-von Geschäften, es als eine gesunde Wohlthat, daß
-sein Zwergfell erschüttert werde. Man hatte jeden Gedanken
-an eine kleine gesellschaftliche Ueberraschung zu
-dem Geburtstage des Administrators fallen lassen.
-Von jenem Streit an, der die Schwägerinnen entzweite,
-schien die Stimmung der beiden Frauen ausgewechselt
-zu seyn. Fabia gab sich alles Ernstes Mühe,
-Theresen den kleinen Vorfall vergessen zu machen, und
-sich ihr freundlich zu erweisen; so wie Therese ihrerseits
-sich hütete, Fabien zu nahe zu treten. Wenn
-nun jedes Wohlwollen heiterer macht und auch liebenswürdiger,
-so gewann Frau Fabia am meisten bei diesem
-Bestreben, auch in den Augen ihres Schwagers,
-da hingegen Therese durch leisen Bedacht eines ihres
-natürlichsten Reizes beraubt ward, jener Hingebung an
-die Freude, an das Vertrauen, daß alle Menschen von
-ihrer guten Gesinnung überzeugt seyn müßten, weshalb
-sie sich denn auch ganz unbefangen gehen ließ. Jetzt
-<a class="pagenum" id="page_154" title="154"> </a>
-war sie in sich gekehrt, eine sehnende Stille hatte dies
-regsame Wesen beschwichtiget. Sie sprach davon, wie
-ihr eine innere Stimme sage: Constanz werde nun
-nächstens kommen, und nur den Wunsch damit aus,
-daß es geschehe. So oft ein Wagen vor das Kloster
-rollte, fuhr Therese mit der Hand nach dem Herzen,
-weil es hochauf klopfte &ndash; und dem Munde des Majors
-entfuhr gleichzeitig ein gelinder Fluch, wo der
-Rudolph nur bleiben möge? denn Zögern und Zaudern,
-meinte sein Oheim&nbsp;&ndash;, dies tauge nichts.&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>Schwester Veronica beschenkte den Administrator zu
-seinem Wiegenfeste mit einer Rose, die sie mit unsäglicher
-Sorgfalt für ihn gezogen hatte. Als er sich
-in das Anschauen der Blume versenkte, wehete ihn
-ein Hauch aller Frühlinge an, die er gelebt, ein Auferstehungs-Athem
-gestorbener Freuden &ndash; und er äußerte,
-wie es doch nur möglich gewesen, dem starren
-Winter dies weiche zarte Leben zu entlocken?&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>Schwester Veronica lächelte und sprach: »der Liebe
-und Freundschaft ist alles möglich; und ein warmes
-Herz ist ein gutes Treibhaus für die Blumen jeder
-Zeit. Diese Rose ist gekommen, wie ich es wünschte,
-auch das Knöspchen daran war mir lieb. &ndash; Heute,
-gerade <em class="ge">heute</em>, hatte sie ihren Kelch erschlossen, es
-rührte mich, da ich es sah &ndash; wie man die Brust öffnet
-<a class="pagenum" id="page_155" title="155"> </a>
-einem frohen Tage: trinken Sie den göttlichen
-Odem der Freude daraus!«</p>
-
-<p>Der Administrator drückte gerührt die Hand der
-alten Nonne und dankte ihr; ein stilles Bedauern
-ging durch seine Seele, daß diese treue Hand nur
-<em class="ge">Rosenkränze von schwarzen Perlen</em> umschlungen
-hätten.</p>
-
-<p>Schwester Veronica hatte auf dringendes Bitten
-versprechen müssen, den Abend bei ihren Freunden
-zuzubringen. Auch Major Feldmeister und Hauptmann
-Moorhausen waren eingeladen. Josephine deckte
-den großen runden Tisch; der Wirth desselben brauete
-eine Bowle. Therese kleidete sich an, die Männer zu
-berauschen, Fabia schaltete in der Küche. Er sah das
-Mädchen geräuschlos hin und her weben; alle Bewegungen
-Josephinens waren leise und harmonisch wie
-ihr Sprachton, so daß, als sie aus einem Körbchen
-Gläser und Teller nahm, und achtsam niedersetzte, nur
-ein sanftes Klingen, doch kein Klirren, das, was sie
-that, verrieth. Herr Prälat verlangte die Citronenpresse,
-Josephine reichte sie ihm. Er forderte darauf
-ein Messer, und nahm es aus ihrer Hand. Er sah
-mit heißem Blick in die schönen Augen des lieben
-Kindes, der Gedanke an den reinen Himmel, der darin
-schimmerte, war diesem Blicke nicht fern. Und er
-sprach: »weißt Du wohl, was Abraham a Sancta
-<a class="pagenum" id="page_156" title="156"> </a>
-Clara sagt? Ein Mädchen soll seyn wie eine Citrone,
-und auch nicht wie eine Citrone, es soll einen Stern
-im Herzen tragen, und doch Niemandem das Leben
-sauer machen. Das thust Du nicht, mein süßes Kind!
-Du bist biegsam &ndash; voll Kern &ndash; ein Zuckerrohr&nbsp;&ndash;«
-der Administrator warf im Verhältniß zu diesem Lobe
-ein blitzendes Randstück feinster Raffinade in die starke
-Mischung. Josephine lächelte, als hätte sie den Geist
-derselben oben weg geschöpft getrunken. Sie antwortete:
-»ach Onkel! dieses Urtheil giebt nur die Güte
-ab. Die Mutter klagt doch manchmal über mich! und
-tadelt mein träumerisches Wesen; so sagt sie oft, ich
-ginge so zerstreut umher, als wisse ich vom hellen
-Tage nichts, und könne nicht bis auf Drei zählen.«</p>
-
-<p>Herr Prälat hatte, während Josephine diese Worte
-sprach, einen Löffel vom Eßtisch gelangt, ein schwarzes
-Pünktchen, was in der goldenen Fläche schwamm,
-damit zu fischen. Sein Auge umzirkelte im Nu die
-gastliche Tafelrunde, und er antwortete im Tone schmeichelhafter
-Mißbilligung: »da thut sie Dir nicht Unrecht,
-meine Kleine. Du hast acht Couverts gelegt. Wie
-viel sind Unserer? auf <em class="ge">Sieben</em> wenigstens kannst Du
-nicht zählen. Doch das ist auch eine böse Zahl, &ndash;
-dieser Irrthum, diese Achte geht in der Achtung Deiner
-lieben Seele für das Gute auf.«</p>
-
-<p>Josephine erröthete und nahm das Gedeck hinweg.
-<a class="pagenum" id="page_157" title="157"> </a>
-Sie erwiederte: »es wird ein Gast kommen, auf den
-wir nicht gerechnet haben. So oft ich einen Stuhl
-zu viel setzte, geschah es.«</p>
-
-<p>»Nun, so möge es denn Constanz seyn&nbsp;&ndash;« sagte
-sein Bruder, »denn es will mich bedünken, als sehne
-Therese sich nun fort.«</p>
-
-<p>Eben trat sie ein. Auch die Andern kamen. Man
-aß, trank, und war vergnügt. Auf einmal stieß Therese
-einen hellen Schrei aus, und fuhr mit der Hand
-nach dem Munde. Alle schrieen erschrocken auf, so daß
-auch Faust mit Geheul empor sprang. Sie hatte sich
-an einem Rebhühnerbeinchen die Spitze eines Seitenzahns
-ausgebissen, und zeigte mit weinender Wehklage
-den kaum sichtbaren Makel und das abgesprengte
-Stückchen Emaille. Man tröstete und spöttelte wirr
-durch einander; aber Therese lamentirte dessenungeachtet,
-als wäre ihr eine unersetzliche Perle aus der Krone
-des Lebens gebrochen. »Man bemerkt es gar nicht,
-ich schwöre es Dir!« betheuerte ihr Schwager, als
-Therese gestand, ihr zitterten alle Glieder. »Es ist
-ein hübsches Zähnchen und mehr nicht,« sagte der
-Major, »lassen Sie es geknikst seyn. Wie wollten
-Sie thun, wenn Ihnen das Herz bricht? &ndash; Um das
-Bischen Glasur so zu verzweifeln! das Zerbrechliche
-allzusehr lieben&nbsp;&ndash;, taugt nichts.«</p>
-
-<p>Und die Nonne versicherte in einer Theilnahme,
-<a class="pagenum" id="page_158" title="158"> </a>
-welche allein in der Stimme des Trostes sprach, Therese
-wäre ja noch schön genug.</p>
-
-<p>»Beruhigen Sie Sich, meine Gnädigste,« sagte
-Hauptmann Moorhausen, »ich wünsche, ich könnte Ihnen
-Ersatz geben, auf Ehre! und mithin ein wenig
-von meiner Constitution. Das Naturell meiner Landsleute
-ist so vegetativ, daß es gar nichts Seltenes ist,
-wenn gesunde Personen drei bis viermal Zähne bekommen.
-Wie Sie mich hier sehen, sind das meine
-fünften.«</p>
-
-<p>Er fletschte das Gebiß, dies gab seiner Physiognomie
-einen so affenartigen Ausdruck, daß die Damen
-anstatt zu bewundern, sich davor entsetzten. Theresens
-Thränen standen still. Der Major rief: »Sechser,
-Moorhausen, Sechser!« Der Hauptmann stutzte einen
-Augenblick, ließ sich aber, einmal im Zuge, nicht stören
-und sprach: »ich bin überhaupt mit einer gewissen
-Unzerstörbarkeit geboren. Als die Schlacht bei ***
-vorüber war&nbsp;&ndash;« »nun sind wir geschlagen&nbsp;&ndash;« murmelte
-der Major seinem Nachbar zu, »er rückt ins
-Feld&nbsp;&ndash;« »wir hatten den ganzen Tag hindurch gemetzelt&nbsp;&ndash;«
-die Nonne faltete die frommen Hände,
-und über Josephinens Gesicht lief ein banger Schatten,
-das gute Kind vergaß, daß jene erschlagenen Feinde
-auch nur Schatten wären&nbsp;&ndash;, »fühlte ich mich der
-Ruhe bedürftig. Man wird vom Todtmachen zuletzt
-<a class="pagenum" id="page_159" title="159"> </a>
-mit todt;« redete der Hauptmann weiter. »Ein Stündchen
-nur hätte ich schlafen mögen; ich streckte mich
-auf einen ländlichen Kirchhof hin, und dachte, ich hätte
-brav gethan, und könnte mir nunmehr auch eine Güte
-thun. Das Schießen dauerte fort &ndash; ich hörte es
-dumpf im Traume. Als ich am folgenden Morgen
-erwachte, meinte ich, der jüngste Tag wäre gekommen.
-Zerstreute Glieder lagen um mich her, hier war eine
-Granate zerplatzt, dorthin eine Bombe geflogen: in
-meiner offnen Hand hatte sich eine kleine Kugel gefangen,
-und nur einen rothen Fleck nachgelassen.«</p>
-
-<p>»Das war doch Münze, Alterchen?« rief der
-Major.</p>
-
-<p>»Wie meinst Du das, Herr Bruder?« fragte der
-Hauptmann verblüfft, »glaubst Du vielleicht, ich flunkere?
-auf meine Ehre! die Kugel war noch <em class="ge">lau</em>!«</p>
-
-<p>»Jeder Achill hat seine Ferse&nbsp;&ndash;« fiel hier der
-Administrator ein, dem diese Versicherung zu warm
-war, und der da wußte, daß der Major auch hitzig
-werden konnte, »der Ihrigen, Herr Hauptmann, verdanken
-wir das Glück, Sie zu besitzen.«</p>
-
-<p>Der martialische Moorhausen, seiner unempfindlichen
-Natur getreu, beachtete den empfangenen Stich
-nicht. Durch einen geschickten Wurf schleuderte der
-Major den tapfern Hauptmann vom Champ de Bataille
-auf den Boden seiner Heimath, dessen ungemeine
-<a class="pagenum" id="page_160" title="160"> </a>
-Ergiebigkeit ein Lieblingsthema seiner Rede
-war. Er sprach: »die Seeluft Eurer Provinz stärkt
-die Natur dort so riesenhaft &ndash; ist's nicht so, Moorhausen?
-was Du mir davon erzählt, ist wirklich zum
-Erstaunen.«</p>
-
-<p>Der Hauptmann lächelte wie ein schaffender Gott.
-»Ueberall hervorbringende und ergänzende Kraft&nbsp;&ndash;«
-sagte er, unendlich glücklich. »Nach einem fruchtbaren
-Gewitterregen war in einer Nacht auf meinem Gute
-das Getreide um ein und eine halbe Elle gewachsen &ndash;
-auf Ehre!«</p>
-
-<p>»Das wissen sich die ältesten Leute keiner Zone zu
-erinnern&nbsp;&ndash;« sprach der Administrator mit duldsamer
-Ironie, und der Major konnte sich nicht enthalten, zu
-bemerken: »wenn das in der Progression so fortgegangen
-wäre, so hätten die Engel im Himmel die Früchte
-Deines Feldes einsammeln können, während die Bauern
-das Korn an der Wurzel schneiden dürfen.« Alle
-lachten.</p>
-
-<p>Dieser beispiellos gesegnete Gutsherr fühlte, ungekränkt,
-auf welche Weise er zu einem erheiternden
-Mittel für die Gesellschaft würde. Angeregt durch
-ihren Beifall fuhr er fort: »ein andermal hätte der
-Schaden eben so groß seyn können. Bei einem ungeheuern
-Sturme entstand ein gläsernes Krachen in
-der Luft &ndash; als wenn die Giganten Zank bekommen
-<a class="pagenum" id="page_161" title="161"> </a>
-hätten, und sich Gletscher an den Kopf würfen. Es
-hatte geschloßt &ndash; die Felder lagen voll Eisklumpen,
-wovon der kleinste im Unfang dieser crystallnen Butterglocke
-war. Ich ließ das Eis auf Wagen an das
-Seeufer schaffen. Alles, was Hände hatte, mußte dran;
-es war eine Lustparthie, wie in den Gefilden von Nova-Zembla.
-Ein armer Mensch erfror sich die rechte
-Hand dabei, sie mußte abgenommen werden, und er
-erhält noch jetzt eine kleine Pension von mir. Und
-grade in diesem Jahre war es, wo mein Weizen schöner
-blühete als je! &ndash; Ich stand mit Resignation an
-jener Eiswüste, und dachte es nicht. Die Sonne schien
-wie in einen zersprungenen Weltspiegel, ich trug eine
-Augenentzündung davon.«</p>
-
-<p>Die Damen schlugen die Augen nieder, der Major
-blinzelte, als sähe er selbst in Sonne und Eis &ndash; es
-herrschte eine große Stille, als wäre ein Engel durch
-das Zimmer geflogen, der Engel der Wahrheit aber
-war es nicht. &ndash; Hauptmann Moorhausen empfand
-dies Schweigen. Er wollte einen mildernden Schatten
-auf jene glänzende Weizenbreite fallen lassen, und
-sagte nach einer kleinen Pause: »es däuchte mir selbst
-ein Wunder. Von Mißwachs wissen wir in meiner
-Provinz gar nichts; doch eben so unbekannt &ndash; und
-das wird Ihnen nicht weniger unglaublich vorkommen
-&ndash; ist dort die Christfeier und das Osterfest. An
-<a class="pagenum" id="page_162" title="162"> </a>
-eine Bescheerung denkt Niemand; weder vom heiligen
-Abend, noch vom heiligen Grabe, nimmt eine Seele
-Notiz. So erinnere ich mich, am Charfreitage auf einem
-brillanten Ball en masque gewesen zu seyn.«</p>
-
-<p>»Heiliger Gott!« seufzte Fabia; ein mitleidiges
-Lächeln umspielte die Lippen der Nonne. Sie hielt
-den Hauptmann für verrückt.</p>
-
-<p>Major Feldmeister hob seinen Blick an die Decke,
-und hielt sich die Seite. Selbst Therese vergaß ihre
-Betrübniß und sprach: »da machten Sie wohl den armen
-Schächer, Herr von Moorhausen? oder den Kriegsknecht
-mit der Lanze etwa? der Major bekommt schon
-Seitenstechen von diesem Gedanken &ndash; oder den Pilatus
-mit einem Täfelchen auf der Brust, worauf die
-Frage stand: <em class="ge">was ist Wahrheit</em>?«</p>
-
-<p>Der kühne Moorhausen war doch vor sich selbst
-erschrocken, und vor dem Tone tiefster Indignation in
-Fabiens Ausruf. Dieser Seufzer zu Gott galt nicht
-der Verleugnung Christi, sondern dem Glauben an
-den Frevel der Lüge, den der Hauptmann ihnen zumuthete.
-Er fuhr auf, als empöre ihn der Gedanke,
-etwas Unrichtiges gesagt zu haben, »nicht am Charfreitage
-&ndash; wie ist mir denn? ich bitte tausendmal
-um Verzeihung! nein &ndash; da hatten wir einen andern
-Spaß &ndash; am Tage Charitas, den achten October, zum
-<a class="pagenum" id="page_163" title="163"> </a>
-Anbeginn der Wintervergnügungen, war jene glänzende
-Redoute.«</p>
-
-<p>Schwester Veronica athmete bei diesen Worten so
-erleichtert auf, als hätte ihr Jemand das Kreuz des
-Herrn von Brust und Schulter genommen, auf der
-sie es getragen &ndash; und Jener fuhr fort: »doch um
-noch einmal auf das Vorige zu kommen, Sie könnten
-leicht durch meine Schilderung einen falschen Vorbegriff
-von den Bewohnern meiner Heimath fassen.
-Denken Sie Sich nicht etwa ein Völkchen von barbarischen
-Sitten, Gott bewahre! es sind so charmante,
-humane Leute, selbst unter der gemeinen Classe &ndash;
-die Oefen im Schlosse &ndash; es fehlt an Töpfern in der
-Gegend, und an feinem Thon &ndash; hat mir ein <em class="ge">Freimaurer</em>
-gesetzt.«</p>
-
-<p>Hier gab Herr Prälat, um Fabiens und der Nonne
-willen, dem Gespräch eine Wendung. Man gerieth
-in das Gebiet der Geheimnisse, und kam auf Träume,
-Ahnungen und dergleichen. Allen war dieser Stoff
-anziehend, Jedes gab seinen Beitrag.</p>
-
-<p>»Es ist ein schöner Glaube,« sagte die Nonne,
-»daß es Geister giebt, die auf eine gottmögliche Weise
-dem blöden Auge des Menschen sichtbar werden können.
-Schutzengel giebt es gewiß; ich weiß ein Beispiel.
-Schwester Hedwigis, eine geistliche Jungfrau
-unseres Stiftes &ndash; sie ruhet längst &ndash; besucht als ein
-<a class="pagenum" id="page_164" title="164"> </a>
-lebenslustiges Fräulein eine verwandte Familie. Sie
-liegt im ersten Schlafe, und fest, wie die Jugend schläft,
-nach einem ermüdenden Tage. Da hört sie sich bei
-ihrem Namen rufen, ängstlich und dringend. Sie
-wacht auf, und Niemand ist zu sehen. Kaum wieder
-eingeschlummert, wird dieselbe Stimme laut, und
-flehentlicher als zuvor: sie solle das Lager sogleich verlassen.
-Dem Fräulein kommt ein Grauen an; es
-springt aus dem Bett, und sieht bei hellem Mondschein
-eine lichte Gestalt die Urne des Ofens umklammern.
-Oft hat mir Hedwigis versichert, und ihrem
-Munde entging gewiß kein unwahres Wort &ndash; die
-Flügel dieser Erscheinung hätten geschimmert. Das
-Haus erbebt in einem fürchterlichen Getöse. Ein Theil
-der Decke, und der altfränkische Ofen war eingestürzt,
-und Hedwigis wäre im Schlafe erschlagen worden,
-wenn jene Stimme ihres Schutzgeistes sie nicht gerettet
-hätte. Man fand das Fräulein ohnmächtig im
-Nachtgewande auf den Stufen; alle Bewohner verließen,
-erschüttert von diesem Vorfall, das Haus, welches
-überhaupt schon baufällig gewesen seyn mag. Durch
-Hedwigis Seele bebte diese Erinnerung fort und fort.
-Sie dachte, daß der Himmel ihr Leben sichtbar beschützt
-hätte, und weihete es ihm.«</p>
-
-<p>Josephinens Blick schimmerte auch, und hing noch
-an den Lippen der Nonne, als diese sich schon wieder
-<a class="pagenum" id="page_165" title="165"> </a>
-geschlossen hatten, um einem Andern das Wort zu
-vergönnen.</p>
-
-<p>»Auch ich wüßte eine merkwürdige Vorbedeutung
-zu erzählen&nbsp;&ndash;« sagte Frau Fabia mit tiefgesenkten
-Augen, denn sie schauten in die Geheimnisse der Gräber
-&ndash;, »die mich überzeugt, daß wir mit seligen
-Geistern, mit den Todten in naher Verbindung stehen.&nbsp;&ndash;«
-Aller Blicke richteten sich auf Fabia, kein
-Athem ward laut, und diese horchende Stille schien
-um die Mittheilung zu bitten. Sie begann leisen
-und langsamen Tones: »ich war noch im Hause meines
-Vaters, der auch Beamter des Grafen Frankenstern
-war, als der Justitiarius desselben starb. Er
-hinterließ schönes Vermögen, und eine einzige Tochter,
-den Abgott der Mutter, die noch lebte. Wir waren
-ein Herz und eine Seele, und wenn Minna einige
-Jahre mehr als ich zählte, und mir an Geistesbildung
-wie an Talenten überlegen war, so hatte ich häusliche
-Kenntnisse und den Starkmuth voraus, den eine
-christliche Erziehung mir gegeben, und war sonach dem
-Leben, wie es nun einmal ist, voll Angst und Mühe &ndash;
-besser als meine Freundinn gewachsen. Minna konnte
-sich nicht fassen, da ihr Vater der Welt Valet gab.
-Sie bedeckte seinen Leichnam mit Küssen und Thränen,
-wie sehr wir sie auch baten, ihm die Ruhe zu
-gönnen; denn es ist nicht gut, wenn man über einen
-<a class="pagenum" id="page_166" title="166"> </a>
-Todten weint. Er nimmt dann heißen Schmerz mit
-in die kühle Erde &ndash; und geht vom Himmel aus, ihn
-zu stillen. &ndash; Meine Minna hatte sich einige Zeit
-vorher einem jungen Edelmanne verlobt, zwar mit
-Genehmigung der Eltern, aber der Vater sah diese
-Verbindung doch nicht ganz gern. Nicht, daß er etwas
-Wesentliches gegen den künftigen Eidam gehabt
-hätte, sondern, weil er aus mehr als <em class="ge">einem</em> Grunde
-ein Mißverhältniß darin fand. So war der Geliebte
-Minnas fast in gleichem Alter mit ihr, und noch abhängig
-von seiner Mutter, die ein kleines Rittergut
-besaß: dann konnte kaum ein Brautpaar, seinem
-Aeußern nach, so ungleich wie dieses seyn. Er, ein
-baumlanger Mensch, eine wahre Athleten-Gestalt; sie,
-ein zartes Heimchen, eine kleine Psyche, die ihm kaum
-bis an die Rocktasche reichte. &ndash; Ein Spötter sagte:
-Minnas künftiger Gatte werde seine junge Frau,
-wenn sie einst guter Hoffnung sey &ndash; in einem Kästchen
-mit sich auf Reisen nehmen können &ndash; wie in
-einem hübschen Mährchen zu lesen. &ndash; Wie nun das
-Testament des Justitiars eröffnet wird, findet sich, daß
-er als unumstößliche Bedingung der väterlichen Erbnahme
-den Punct gestellt hat, die Heirath der Tochter
-solle erst nach dem Ablauf dreier voller Jahre &ndash;
-er bestimmt sogar den Tag, denn dieser Vater war
-ein sehr determinirter Mann &ndash; vollzogen werden.
-<a class="pagenum" id="page_167" title="167"> </a>
-Hieran war nun kein Jota zu ändern, und Alles wohl
-verclausulirt. Der Braut war dies Gebot ihres Vaters
-heilig; die Wittwe aber, die es nicht erwarten
-konnte, ihre Tochter als gnädige Frau zu sehen, war
-damit sehr unzufrieden. Sie hatte Respect vor ihrem
-Manne bei seinen Lebzeiten gehabt; seinen letzten Willen
-scheute sie weniger. &ndash; Eine Pietät, bei der dies
-in umgekehrtem Verhältniß Statt gefunden hätte, legte
-dieser Frau zarte Pflichten auf. Sie dachte, wie sie
-den Verstorbenen und selbst den Gehorsam seines Kindes
-überlisten könnte &ndash; und zog die Mutter des
-Bräutigams in ihr Interesse, der damals auf Reisen
-war. Was aber ein rechter Mann ist, meine Herren&nbsp;&ndash;«
-hier lächelte die ernste Fabia, und das männliche
-Kleeblatt lächelte mit, »der drückt auch mit der
-todten Hand einer widerspenstigen Frau den Daumen
-auf's Auge, und der Wittwe des Rechtsgelehrten lief
-eine schmerzliche Zähre heraus. &ndash; Ein Jahr fehlte
-noch zum Ablauf der festgesetzten Frist, da wollte nach
-einem schriftlichen Uebereinkommen zwischen beiden
-Müttern die Edelfrau ihrem Sohne das Gut übergeben,
-die Acte war schon fertig &ndash; und den Bräutigam
-heimlich zurückrufen &ndash; Minna und ihre Mutter
-dahin einladen, und dort sollten die jungen Leute
-am Geburtstage der Braut mit der Trauung überrascht,
-und gleichsam zu ihrem Glücke gezwungen werden.
-<a class="pagenum" id="page_168" title="168"> </a>
-Alles war dazu vorbereitet. Nun hören Sie,
-was geschah! &ndash; Der Justitiarius hatte ein eigenes
-Haus auf dem gräflichen Gute, was seiner Frau als
-Wittthum verblieben war. Eines Tages besucht mich
-Minna. Sie sah sehr blaß aus, und besorgt fragte
-ich um die Ursache. Du wirst mich ein Kind schelten,
-sagte sie, aber ich kann einen ergreifenden Traum
-nicht los werden. Ich brachte meinen Schreibtisch in
-Ordnung, verschloß alle Schübe &ndash; da trat mein Vater
-ein, mit raschem Schritt, wie er kam, wenn er
-sich eine Minute für mich abmüßigte, ganz in der
-Manier seiner lebendigen Eile. Ach Fabia! sagte sie,
-und Thränen flossen über ihre Wangen, ich habe ihn
-leibhaftig gesehen; aber seine Miene war bekümmert.
-Er sprach: daß er mich nun nächstens abholen werde. &ndash;
-All' meine Sehnsucht nach ihm ist mit mir erwacht. &ndash;
-Ich suchte es dem lieben Wesen auszureden. Einige
-Wochen waren seitdem vergangen, das Wetter fing an,
-frühlingsschön zu werden, und jener einladende Brief,
-der die ahnungslose Braut an den Altar lockte, war
-gekommen. Da kam Marie, und vertrauete mir, daß
-jener Traum sich seltsam wiederholt hätte. Sein Auge
-zürnte, so erzählte sie von der Erscheinung ihres Vaters,
-als er den Brief meiner Schwiegermutter liegen
-sah. Er verlangte, daß ich ihm sogleich folgen sollte.
-Ich entschuldigte mich, daß ich ja nicht angezogen
-<a class="pagenum" id="page_169" title="169"> </a>
-wäre. Er erwiederte: frägt <em class="ge">darnach</em> ein Retter?
-und verschwand. Ich muß gestehen, daß mich diese
-Worte sehr ängsten; es ist mir, als werde ich von irgend
-einem Unglück bedroht, und als wolle mein treuer
-Vater mir von Jenseits herüber ein treuer Warner
-seyn. Wüßte ich nur, was ich zu thun, oder zu lassen
-hätte! &ndash; Mich selbst bestürzte diese Aussage,
-wenn ich es auch verbarg, da Minna ohnedies verstört
-war. Acht Tage waren wiederum verflossen, binnen
-deren Verlauf wir uns wenig gesehen hatten &ndash;
-da &ndash; ich weiß es wohl noch wie heute &ndash; räumte
-ich meine Bodenkammer auf, und die Sonne ging
-unter, als ich mit diesem ermüdenden Geschäfte im
-Reinen war. Ich komme eben aufgeschürzt die Treppe
-herab, da steht Minna, weiß wie eine Taube, und
-bittet mich mit kranker Stimme, ein wenig mit ihr
-spazieren zu gehen. Gern, meine Minna, wollte ich
-das, gab ich ihr zur Antwort; aber Du siehst selbst,
-wie eingestäubt ich bin. So muß ich zunächst an ein
-Waschfest gehen, und dann mögte wohl die Feierstunde
-ausgeläutet haben. Es dürfte auf lange das letztemal
-gewesen seyn &ndash; sagte sie: den Donnerstag geht es
-fort &ndash; lieber Gott! auf das Gut, meinte sie. Ich
-muß mich zerstreuen, Fabia, sagte Minna mit einem
-krampfhaften Lächeln; denke nur, diese Nacht hat mich
-mein Vater wirklich abgeholt. Er trat eilfertig, in
-<a class="pagenum" id="page_170" title="170"> </a>
-einen Pelz gehüllt, in mein Stübchen, seine Taschenuhr
-in der aufgehobenen Hand. Nun ist es Zeit &ndash;
-sagte er, und hielt mir die Uhr vor die erschrockenen
-Augen: sie stand stille. Ich eilte im Schlafrock an
-seiner Seite von hinnen. Vor der Thüre stand ein
-Schlitten, der Schnee lag wie ein Leichentuch &ndash; als
-ich einsteigen wollte, verlor ich einen schwarzen Schuh
-&ndash; er sank tief ein. Den Führer sah ich nicht; aber
-der Schlitten sausete auf den Kirchhof zu. &ndash; Mich
-überlief es kalt,« fuhr Fabia fort, und auch ihre Zuhörer
-schien ein Frösteln zu durchrieseln. »Am folgenden
-Tage,« redete die Erzählerinn seufzend weiter,
-»kehrten wir erst spät von einer kleinen Ausflucht
-heim; ich schlief daher den nächsten Morgen etwas
-länger als gewöhnlich. Der Vater stand vor meinem
-Bette, im blendenden Schein der Frühsonne, und ich
-sah nicht bald, wie betrübt sein Auge war. Du hast
-sanft geschlafen, Fabia! sagte er, das hat Dich denn
-für eine traurige Nachricht gestärkt. &ndash; Minna ist
-recht krank &ndash;&nbsp;&ndash; ich blickte in sein Gesicht und rief:
-o Gott! sie ist schon todt! &ndash; Er nickte schmerzlich-still.
-&ndash; Sie war in der verwichenen Nacht an einem
-Scharlachfieber gestorben, was nicht zum Ausbruch
-kam, und unsere kleine Promenade war ihr letzter
-Gang gewesen; denselben Abend noch hatte Minna
-sich gelegt. &ndash; Den Donnerstag, der zu ihrer Abreise
-<a class="pagenum" id="page_171" title="171"> </a>
-bestimmt gewesen, wurde meine Freundinn begraben.
-Als der Sarg, mit Kränzen behangen, die jungfräuliche
-Ehrenkrone von silbernen Zitterblumen zu seinen
-Häupten, aus dem Hause schwankt, kommt ein Reisewagen
-angefahren. Es war der unglückliche junge
-Edelmann, der seine Braut abholen wollen auf das
-Gut der Mutter. Er kam nur gerade zurecht, ihr das
-letzte Geleit zu geben. Mit welchem herzzerreißenden
-Schmerze &ndash; davon will ich schweigen.&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<p>Hier schwieg Fabia, und eine lange Pause feierte
-diese Erzählung, welche bei der einfachen Ruhe ihres
-Vortrags von um so größerer Wirkung gewesen war.
-Man wußte, und mit Achtung wußte man es &ndash; wie
-wahrhaft Frau Fabia sey, und mit gewissenhaftem
-Stolze sogar den Schmuck der kleinsten Zuthat verschmähe.
-Sie glaubte dessen nicht zu bedürfen, um
-das Interesse Anderer für jene wehmüthige Erinnerung
-in Anspruch zu nehmen.</p>
-
-<p>Endlich unterbrach der Administrator die allgemeine
-Stille und sprach: »ich würde den Versuch bedauern,
-solch eine Thatsache <em class="ge">natürlich</em> erklären zu
-wollen; hier tritt das geistige Element hervor, und
-wir können nur verstummen. <em class="ge">Was</em>, in aller Welt,
-wäre denn nicht wunderbar, oder ahnungsvoll? &ndash;
-Nur unsere Sinne sind stumpf. Und ein Schutzfreund,
-wie er dort ein gefährdetes Leben aus dem Schlafe
-<a class="pagenum" id="page_172" title="172"> </a>
-weckt, hier Eines in den längsten Schlaf lullt, wohnt
-gewiß in eines Jeden Brust, wenn dieser Engel nur
-nicht so oft irdisch verbaut wäre. In einer für das
-Höhere erweiterten Seele findet er gewiß Freiheit, zur
-rechten Zeit an das Herz zu pochen.«</p>
-
-<p>Der Major, der vielleicht aus einem zu weichen
-Gefühl das Tragische nicht liebte, und als ein tüchtiger
-Mann auf ebenem Boden eine Scheu vor metaphysischen
-Dissertationen hatte, ging nicht auf die
-Aeußerung seines Freundes ein, und dachte vielmehr
-bei Minnas verlornem Schuh an den Pantoffel, der
-seinen Neffen aus dem Felde schlug. Er hatte die
-Gewohnheit <em class="ge">laut</em> zu denken, und so sagte er: »nun
-sollte eine Sandale an die Reihe kommen.«</p>
-
-<p>»Meinst Du ein Fahrzeug, Herr Bruder?« fragte
-Hauptmann Moorhausen: »wohl ist dieser Stoff ein
-unerschöpfliches Meer.«</p>
-
-<p>Und Josephine sagte: »die Sandalien der Jungfrau
-Maria in der Capelle sind wunderprächtig mit
-Gold und Perlen gestickt.« Die Kleine stockte beklommen;
-doch Frau Fabia gab heute Preßfreiheit für Lügen
-wie gedruckt, wie für die Legende des Hauses,
-und so entblätterte sich die Blume dieses Herzens,
-und Josephine sprach: »In dem blassen Mondschein,
-den die kleine Lampe wirft, schimmern die Sandalien
-so traurig und doch so heilig! daß man gläubig wird,
-<a class="pagenum" id="page_173" title="173"> </a>
-dieser Fuß müsse den Thron des Himmels besteigen.
-Oft schon habe ich ihn geküßt &ndash; und dabei gedacht,
-wie manches bekümmerte Angesicht mag seine Thränen
-darauf geweint haben! die sind denn zu Perlen geworden.
-Sogar der Staub, der darauf ruht, hat mir
-etwas Rührendes, denn er erinnert mich, wie dieser
-beständige Fuß seine Stelle verlassen, und wandelbar
-geworden, das Liebste zu suchen.«</p>
-
-<p>»Recht, mein Kind,« erwiederte die Nonne erregt,
-»unsere Jungfrau von der Capelle, von der das Kloster
-den Namen führt, gehört ganz eigentlich hierher,
-und es ließe sich Manches von dieser Wunderthäterinn
-erzählen, wenn auch keine Wallfahrt sie verehrt hat.«</p>
-
-<p>»Das kenne ich ja nicht&nbsp;&ndash;« sagte Herr Prälat,
-erstaunt, sein Schutzkind so bewandert in der Geschichte
-der Patroninn dieses Hauses zu finden; und der Major
-fragte: »was ist's mit der Jungfrau?«</p>
-
-<p>Die Nonne sprach: »nach den Urkunden des Stifts
-ist die kleine dunkle Capelle dahinten seine erste Gründung
-gewesen. Man sieht es auch an der Bauart,
-wie viel älter sie ist, als die des Klosters. Nun steht
-in der Nische des Altars eine Mutter Gottes mit dem
-Kindlein an ihrer Brust. &ndash; Das Bild ist nur von
-Wachs und nicht sonderlich schön, es hat aber einen
-zarten Ausdruck von Erbarmen in der Miene, daß
-man gleichsam Trost fühlt, wenn man es anblickt.
-<a class="pagenum" id="page_174" title="174"> </a>
-Die rechte Hand hält es bedeutsam in die Höhe, mit
-aufgehobenem Zeigefinger, als ob warnend oder winkend.
-Die Sage erzählt: eines Schäfers Wittwe, der
-man aus Mitleid die Hut der Heerde gelassen, habe
-sich den Verlust ihres Mannes dermaßen zu Gemüth
-gezogen, daß alle Kraft ihr entschwunden sey, zumal
-das arme junge Weib einen Säugling stillen müssen,
-mit dem Grame ihrer Brust. &ndash; Da man die Schäferinn
-oftmals schlafend gefunden, am Berge unter
-einem Baum, so ist sie vom Orte aus bedroht worden,
-ihr, wenn sie nicht achtsamer seyn werde, den spärlichen
-Dienst zu entziehen. In dieser Bedrängniß hat
-die betrübte Wittwe ihre Zuflucht in die Capelle genommen
-und voll Einfalt und Inbrunst gefleht, die
-Heilige des Himmels mögte die ärmste Mutter der
-Erde vertreten in ihrer großen Schwachheit. Und
-als dennoch täglich um die Stunde der Vesper die
-stillende Mutter von einem Schlummer bezwungen
-wird, dem sie nicht widerstehen kann, wollen glaubhafte
-Leute jener Zeit die Jungfrau Maria gesehen
-haben, wie sie bleichen Angesichts die Lämmer gehütet,
-auf daß die Schäferinn der Ruhe pflegen möge.
-Sie ist erkannt worden an dem Kleide von perlfarbnem
-Moir, dessen schillerndes Gewässer nun wie mürber
-Zunder ist &ndash; an der aufgehobenen Hand, womit
-sie die Heerde stumm gelenkt &ndash; im andern Arme hat
-<a class="pagenum" id="page_175" title="175"> </a>
-sie das göttliche Kind getragen, wie Jene das dürftige
-Kleine. In der Nähe des Baumes hat Maria
-ein leises Lied gesungen, ein Wiegenlied &ndash; so himmlisch!
-daß der Wind geschwiegen und die Vögel in
-den Zweigen gelauscht. Auf dem Heimwege hat das
-Geläut der Heerde geklungen, wie die Glöckchen beim
-Hochamt, und die Sandalien haben in der Abendsonne
-goldne Strahlen verbreitet über den grünen
-Klee. &ndash; Niemand wagte mehr, der Wittwe ein Wort
-zu Leide zu sagen. Kein Lamm geht verloren &ndash;
-aber eines Tages das Kind vom Schoße der Mutter,
-als sie auch einmal schläft. Ein Engel soll es
-ihr sacht und sanft entzogen haben, weil der Born
-der Nahrung nun versiegt gewesen, und das Würmchen
-am Verschmachten. Die Frau kommt wie von
-Sinnen. Sie rennt in der Irre umher, ihr Kind zu
-suchen, was sich nirgends findet. Man entbindet sie
-ihrer Pflicht, und fristet mit kärglichen Almosen ihr
-Leben, das der Jammer verzehrt. Sie ringt die Hände
-wund und fleht: die heilige Jungfrau mögte sie ihr
-Kind wiederfinden lassen, ohne das sie keines Bleibens
-habe auf der Welt. Aber Maria bleibt unbeweglich,
-und blickt traurig nieder, daß Der, welcher
-ihre himmlische Güte sich sichtbar angenommen &ndash;
-der Glaube fehlt. &ndash; Da nun die unglückliche Mutter
-nicht Zeichen noch Wunder sieht, wird sie eines Tages
-<a class="pagenum" id="page_176" title="176"> </a>
-von verzweiflungsvollem Wahnsinn erfaßt. &ndash; Sie
-sagt: Du magst wohl schwerlich wissen, wie einer
-Mutter zu Muthe ist, die ihr Einziges eingebüßt;
-sonst würdest Du auf mein Herzeleid merken und
-Dich meiner erbarmen. Wer nicht hören will, muß
-fühlen! &ndash; Und damit hebt sie das Kind vom Arme
-der Madonna, und drückt es mütterlich an ihren Busen,
-als ob das kalte Wachs an dieser heißen Angst
-zerschmelzen müßte. Daheim legt sie es in eine kleine
-Lade, auf das weiche Vließ von einem ungeborenen
-Lämmlein. Sie selbst liegt im Fieber. Als nun der
-Morgen tagt, steht Maria vor dem Bette der Armen,
-rührt sie an, und fordert ihr Kind zurück. Da sagt
-die Kranke, wo sie es hingethan, und spricht: gieb
-mir nun auch das meine wieder und zeige mir, wo
-ich es finde. Maria hebt den Zeigefinger gen Himmel
-&ndash;&nbsp;&ndash; darauf ist die Mutter gestorben. &ndash; Seitdem
-nun,« schloß Schwester Veronica diese Tradition,
-»hat Mancher, der etwas vermißt &ndash; ach mein Heiland
-Du! Wessen Leben wäre ohne Verlust? Trost
-und Erstattung an dieser Stelle gesucht und &ndash; gefunden:
-denn die heilige Jungfrau giebt erhörend ein
-Zeichen mit dem Finger, was noch nie trüglich gewesen.«</p>
-
-<p>»Es gehört ein starker Glaube dazu&nbsp;&ndash;« sagte
-Hauptmann Moorhausen, er, der den stärksten in Anspruch
-<a class="pagenum" id="page_177" title="177"> </a>
-nahm&nbsp;&ndash;, »und eine deutsame Einbildungskraft,
-um die Weisung der Jungfrau Maria zu verstehen,
-denn sie kann doch nur Rechts, Links!« (diese
-Worte wurden im exercirenden Tone gesprochen) »nach
-Oben oder Unten zeigen, und das kommt mir ohngefähr
-so vor, wie jene Adresse: an meinen lieben Sohn
-in der Armee.«</p>
-
-<p>»Dem Zweifler ist nichts beschieden&nbsp;&ndash;« antwortete
-Therese spottend, »wenn Sie einmal das Gedächtniß
-verlieren, <i>mon Capitain</i>, wird Sanct Maria es Ihnen
-nicht suchen helfen.«</p>
-
-<p>»O! mein Gedächtniß ist gut!« erwiederte der
-Hauptmann prahlerisch sicher. »Das muß es auch&nbsp;&ndash;«
-versetzte die muthwillige Frau und lächelte ihn an, so
-daß ihm die kleine Bosheit ihrer Replik nur wie ein
-schalkhafter Liebesblick einleuchtete.</p>
-
-<p>»Es ist doch viel,« fiel hier der Administrator ein,
-»daß bei der Aufhebung des Klosters die Capelle unangetastet
-geblieben.«</p>
-
-<p>»<em class="ge">Viel</em>?« fragte die Nonne und ihre Wange röthete
-sich bei dieser aufregenden Erinnerung, »wenig
-war es, werthester Freund! sehr wenig. Was ist denn
-Kostbares darin? Ein paar arme Bilder &ndash; morsche
-Bänke &ndash; die Jungfrau selbst ist alles Schmuckes
-baar, die Fußbekleidung etwa ausgenommen, und für
-diese habe ich Alles hingegeben, was ich an Pretiosen
-<a class="pagenum" id="page_178" title="178"> </a>
-noch besaß. Die goldne Taschenuhr meines Vaters &ndash;
-ein köstliches Werk! wog der Commissair in seiner
-Hand, die gerade keine Wagschale der Gerechtigkeit
-war &ndash; und dabei fiel der kleine Uhrschlüssel klingend
-auf die marmorne Schwelle, wo wir standen, und
-mir gleichsam auf das Herz, denn ich dachte, wie so
-tausendmal ich diesen Schlüssel in der Hand meines
-Vaters gesehen! ich sah die Miene, womit er ihn drehete
-&ndash;&nbsp;&ndash; ich mußte meine Augen abwenden. Da
-sagte der Commissair: wir wollten einen christlichen
-Tausch abschließen. Er zog den großen Schlüssel aus
-dem Schloß der Capelle, reichte mir ihn und sprach:
-diese solle fortan als mein Heiligthum zu betrachten
-seyn. Die Uhr mogte er dagegen als <em class="ge">sein</em> Eigenthum
-ansehen. Er steckte sie sich in die Tasche, nachdem
-er den kleinen Schlüssel fest gemacht.&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<p>Der Major murmelte ein vernichtendes Wort, und
-schluckte den Aerger in einer Neige Wein hinunter.
-Herr Prälat aber schlug in stillem Grimm das umgekehrte
-Ende des silbernen Messers auf den Tisch, als
-hätte er den Commissair damit auf die Finger schlagen
-mögen. &ndash; Aber friedlich sprach die Nonne: »dies
-Alles ist nun überwunden; ich wollte nur sagen: ich
-hätte mir gewissermaßen ein Anrecht an die Capelle
-erworben. Die schönsten Blumen fülle ich in die
-kleinen Krüge zu beiden Seiten des Altars; dort duften
-<a class="pagenum" id="page_179" title="179"> </a>
-sie Weihrauch. Und das ewige Licht nähre ich
-aus meinen geringen Mitteln, und müßte der Winter
-meines Lebens finster für mich seyn, wie eine lange
-Sterbestunde.« Der Blick der Nonne leuchtete bei
-diesen Worten auf, wie ein Flämmchen vor dem Verlöschen.
-Alle waren gerührt.</p>
-
-<p>»Und dieses liebe Geschäft,« sagte Josephine in holder
-Geschwätzigkeit, wie von einem Lieblings-Gegenstand
-hingerissen, »gönnt mir die gute Schwester
-Veronica bisweilen, wenn meine Zeit es erlaubt. Es
-ist für mich ein kleiner Tempeldienst, den ich nie ohne
-ein andächtiges Gefühl verrichte. Ich komme mir
-dann vor wie eine Vestalin, von denen Du neulich erzähltest,
-Onkelchen. Es ist wirklich etwas Heiliges
-um das Licht. Man denkt sich eines Sünders Seele
-dunkel. &ndash; Ich fürchte mich auch nicht ein Bischen allein,
-und sitze oft in der Dämmerung in dem verwitterten
-Beichtstuhl. Da flüstert es neben mir, die feuchten
-Wände wispern, ich höre den Holzwurm picken &ndash;
-und denke, es sey Veronicas Uhr, und <em class="ge">wo</em> dies Herz
-der Capelle wohl schlüge? &ndash; Und wenn ich sinnend
-in die wehende Lampe blicke, ist mir Manches schon
-hell geworden. Jüngst beschlich mich ein sehnsüchtiges
-Weh, ich mußte weinen und trüber Zeit gedenken.
-Da fragte ich laut, und erschrak vor meiner
-eigenen Stimme: wo ist &ndash; wo ist mein lieber Vater,
-<a class="pagenum" id="page_180" title="180"> </a>
-den ich verloren? &ndash;&nbsp;&ndash; Ein Seufzer&nbsp;&ndash;« der
-Athem in Josephinens Brust stockte vor dem Blick,
-womit Frau Fabia sie ansah. Das Mädchen verstummte.
-Hauptmann Moorhausen haschte alsbald
-den letzten Laut von diesen Lippen und sprach cathegorisch:
-»Ahnungen giebts! ich selbst habe&nbsp;&ndash;« jetzt
-stieß der Major einen tiefen Seufzer aus, der die Gedankenreihe
-seines Cameraden auf einige Momente
-unterbrach. »Ja, das war ein Abenteuer,« setzte er
-seine Rede fort und festen Fuß in weichenden Boden
-&ndash;, »was Muth erforderte. Als wir im Jahr
-18&ndash; an der Grenze standen, ward ich mit einem
-Commando nach dem Gebirge detachirt, wo eine aufrührerische
-Rotte zu bändigen und nach Umständen
-zu bestrafen war. Die Unruhen waren bald gehoben,
-die Empörer fest genommen, und wir beeilten uns,
-aus jenen unwirthbaren Hürden zu kommen. Es
-war tief im Herbst, der Paß verschneit &ndash; kein Wunder,
-daß wir uns verirrten. So gelangten wir bei
-Nacht und Nebel an ein adeliges Schloß, das Gott
-weiß! wie weit abseits von unserm Wege lag. Sie
-können wohl denken, meine Verehrtesten! daß wir
-als Gäste zu so später Zeit nicht gerade die willkommensten
-waren; aber man muß nur die Leute zu behandeln
-wissen. Nach einer Stunde saß ich mit dem
-Förster, der in Abwesenheit der Herrschaft den Wirth
-<a class="pagenum" id="page_181" title="181"> </a>
-vorstellte, ganz cordial bei einer Flasche Wein. Ein
-Wort gab das andere, er erzählte von den Verhältnissen
-der Familie, die fast nie hier wohne, ohngeachtet
-die Gegend entzückend sey, und als ich nach der
-Ursache fragte, äußerte der Förster: es wäre nicht geheuer
-im Schlosse. Ich lachte und glaubte, der Schalk
-wolle mir das Nachtquartier verleiden &ndash; da versicherte
-er mich sehr ernsthaft, es wäre gar nicht zum Lachen.
-Der Erbe jenes Gutes, ein junger Graf &ndash; St &ndash;
-der Name ist mir entfallen &ndash; sey vor mehreren Jahren
-gestorben, an einer Erweiterung des Herzens,
-was nach seinem Tode ein Gewicht von zwanzig
-Pfund ergeben hat.«</p>
-
-<p>Vor dieser Möglichkeit sanken alle Begriffe, die
-Damen faßten unwillkürlich an ihre linke Seite, und
-der Major sprach: »Potztausend! über den Zwanzigpfünder!
-&ndash; Dem ist das Herz schwer gewesen.&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<p>»Auch im moralischen Sinne&nbsp;&ndash;« antwortete Hauptmann
-Moorhausen: »ein Freund des Grafen, seine
-zweite Seele gleichsam &ndash; hatte einen wichtigen Auftrag,
-eine Geliebte betreffend, von ihm bekommen,
-und säumte zu erscheinen, und das ganze Haus sah
-diesem Zuspruch sehnlichst entgegen. &ndash; Der Kranke
-konnte nicht sterben und fristete sein Daseyn elendiglich.
-So genoß er nur täglich einen kleinen Apfel,
-und auch dieser machte ihm Wallungen. Er konnte
-<a class="pagenum" id="page_182" title="182"> </a>
-kein geheiztes Zimmer vertragen, weshalb seine Pfleger
-zur kalten Jahreszeit in dem rauhen Klima jener
-Gegend häufig wechseln mußten. In der einen Nacht
-wacht der Jäger, der Graf liegt stille, da öffnet sich
-die Thüre und ein junger blasser Offizier tritt ohne
-Geräusch herein. Der Büchsenspanner erkennt den
-Freund des jungen Herrn und verhält sich ruhig.
-Der Offizier beugt sich über das Bette, flüstert tief
-in die Kissen hinein &ndash; da wird dem Jäger unheimlich,
-er ergreift die Kerze, wagt einige Schritte, obgleich
-sich sein Haar sträubt, und wie er hinzu leuchtet,
-ist der Offizier verschwunden, und der Graf verschieden.&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<p>Ein Schauer der Furchtsamkeit, der hörbar die
-kleine Gesellschaft durchfröstelte, befriedigte den Hauptmann.
-Dieser kühne Geisterseher lächelte kaltblütig,
-und schickte sich zum Verfolg der Geistergeschichte an.
-Herr Prälat aber war auffallend bleich, und Therese
-rückte sich ihrem Schwager noch näher und umschloß
-seinen Arm mit ihren beiden Händen. »Es taugt
-nichts,« sprach der Major, »daß wir uns jetzt zu
-nächtlicher Stunde mit solchen Geschichten den Kopf
-erhitzen; ich dächte, wir höben uns das Ergebniß für
-ein andermal auf.«</p>
-
-<p>»Nein,« sagte Therese, »es fürchtet sich hübsch unter
-Mehreren und ich lasse es mir nicht nehmen, die
-<a class="pagenum" id="page_183" title="183"> </a>
-Bravade des Hauptmanns zu bewundern; fahren
-Sie fort!«</p>
-
-<p>Moorhausen gehorchte diesem Befehl und sprach:
-»den Freund des Grafen hatte ein plötzlicher Tod abgehalten
-zu kommen, aber ein treuer Freund hält sein
-Versprechen todt oder lebend, das ist Parthie egal. &ndash;
-So oft nun Jemand seit jener Zeit in dem Zimmer
-und Bette des seligen Grafen schläft, erscheint er und
-bringt die verspätete Kunde; aber einer Frage hielte
-dieser zuverlässige Schatten nicht Stich. &ndash; Er soll
-mir Stand halten auf meine Ehre! erwiederte ich dem
-Förster, und bat mir jenes gespenstische Zimmer aus.
-Er wollte mir nicht willfahren, ich setzte es aber durch.
-In besagtem Zimmer nun sah es ziemlich wüst und
-unheimlich aus. Der Förster versah mich mit dem
-Nöthigen, legte mir, wie ich gefordert, einen Hirschfänger,
-blank gezogen, und eine Pistole, scharf geladen,
-zur Seite und wünschte mir, grauenhaft lächelnd, eine
-geruhsame Nacht. Mit diesen Waffen und einer
-wahrhaft todesverachtenden Courage forderte ich den
-Geist nun heraus. &ndash; Als ich mich sterbensmüde in
-dem Himmelsbette des seligen Grafen ausstreckte &ndash;
-der Riese Goliath hätte Platz darin gefunden &ndash;
-dachte ich an das Riesenherz des armen Jünglings
-und sah in den gedrechselten Kugeln des Gestells die
-kleinen Aepfel seiner Mahlzeit. Mir war, als hätte
-<a class="pagenum" id="page_184" title="184"> </a>
-ich die Weltkugel im Magen. Die compacte Kost des
-Försters hatte mir Congestionen erregt. Endlich überwältigte
-der Schlaf das empörte Blut &ndash; da klopft
-es dreimal deutlich&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<p>Es klopfte jetzt wirklich an die Thüre des Klosters.
-Der Hauptmann verblich zum steinernen Gast, die
-Frauen sprangen auf, der Major in gleicher Hast,
-vielleicht glaubend, daß sein Neffe komme, wollte es
-ihnen gleichthun, bekam aber den Krampf in den Fuß
-und Herr Prälat leistete ihm Beistand. Man zog
-die Klingel, doch Niemand kam; und in dieser Verwirrung
-hatte Josephine ein übriges Licht ergriffen &ndash;
-den Tisch erhellte eine schöne Lampe &ndash; und war
-hinausgeeilt. Sie floh den Gang entlang, ihr Schatten
-wehete an den düstern Wänden hin &ndash; nun stand
-sie an der Pforte pochenden Herzens, und draußen
-schlug eine unbekannte Hand nahe ihrem Ohr den
-Klopfer noch einmal an, daß dieser Laut wie ein unendlicher
-Hall durch die Stille der klösterlichen Nacht
-tönte. &ndash; »Gleich! gleich!« sagte Josephine beklommen,
-schob die schweren Riegel zurück, und wich nun
-selbst einige Schritte, als ein Mann eintrat, von hoher
-Gestalt, umflossen von einem weißen weiten Mantel,
-dem eine schmale Reisetasche von rothem Saffian
-überhing, so daß sein Ansehen bei mäßiger Zuthat
-der Imagination das eines Kreuzritters hatte.
-<a class="pagenum" id="page_185" title="185"> </a>
-Josephine, im flackernden Scheine die Kerze, die den
-lichten Umriß des Mädchens aus der finstern Umgebung
-hervortreten ließ, fühlte ein Beben bei dem Anblick
-dieser bedeutenden Erscheinung, und heftete einen
-furchtsamen Blick auf die bleichen Züge des Fremden,
-der mit einem Ausdruck von freudigem Staunen seine
-Pförtnerinn ins Auge faßte. »Wo ein Engel öffnet
-um diese Stunde&nbsp;&ndash;« sagte er, »da darf man über
-die Aufnahme nicht zweifelhaft seyn. &ndash; Mein holdes
-Kind! treffe ich den Administrator daheim? gleichviel,
-ob schlafend, ich muß ihn sprechen.«</p>
-
-<p>»Er ist noch wach,« antwortete Josephine, »zur
-Feier seines Geburtstages, in Mitten seiner Freunde.«
-Und alsbald tadelte sich das Mädchen, daß es den
-fremden Mann in ein Familienfest einführe.</p>
-
-<p>»<em class="ge">Seiner Freunde</em>&nbsp;&ndash;« wiederholte der Unbekannte
-mit zitterndem Accent, und ging raschen Schrittes
-voran. Herr Prälat kam ihnen schon entgegen,
-hinter ihm Frau Fabia, zu wissen, was es gäbe? Ein
-sprachloser Moment des Erkennens! dann rief Jener:
-»Sylvius!« wie ein Echo aus der Ferne der Erinnerung
-rief Fabia einen andern Namen nach &ndash; und
-nur unarticulirte erschütternde Töne entrangen sich der
-Brust des Fremden. Da breitete der Administrator
-die Arme so jählings aus, daß er in Josephinens
-<a class="pagenum" id="page_186" title="186"> </a>
-Leuchte griff, sie erlöschte &ndash; und das Dunkel des
-Kreuzgangs umfloß ein Wiedersehen.</p>
-
-<hr />
-
-<p>Unsere Leser wollen sich erinnern, daß, als Herr
-Prälat dem Major Feldmeister Einiges aus seinem
-Leben mitgetheilt, er eines Freundes erwähnt, ohne
-den Faden jenes Verhältnisses auszuspinnen&nbsp;&ndash;; wir
-aber knüpfen die neue Bekanntschaft, und was wir
-nachträglich davon zu sagen haben, an jenes Fragment.</p>
-
-<p>Nachdem der Held unserer Erzählung seine cameralistischen
-Studien beendiget hatte, arbeitete er eine
-Zeitlang unter seiner Behörde in H&ndash;. Dann dachte
-Cölestin, wir wollen den Administrator der Kürze wegen
-so nennen &ndash; ehe er eine fixe Stellung annähme,
-eine große Reise anzutreten, welche der Zielpunct seiner
-jugendlichen Sehnsucht gewesen war. Es hatte
-Mühe gekostet, dem Vormund die Genehmigung dazu,
-wie die benöthigte Summe, abzugewinnen; und als
-es ihm endlich gelungen und alles festgesetzt war,
-fühlte er sich festgehalten durch die zartesten Bande,
-und der Wunsch, die Welt zu sehen, war ihm gleichgültig
-geworden.</p>
-
-<p>Cölestin war in dem Falle, ein anderes Quartier
-zu bedürfen. Er fand die Anzeige in einem öffentlichen
-Blatte, daß eine Wohnung für einen <em class="ge">ältlichen</em>
-<a class="pagenum" id="page_187" title="187"> </a>
-Herrn frei stehe, die ein Hausmiether von seinem
-Locale ablassen wolle. Er mußte des bedingenden
-Wortes lächeln, ließ sich aber dadurch nicht abhalten,
-das Quartier in Augenschein zu nehmen, und
-es war, wie er es suchte. Inhaber desselben waren
-ein Forstrath von Schütz, der ehemals Jagdjunker gewesen
-in jenen Gegenden, wo diese Charge üblich
-war, und gegenwärtig nur in seinen vier Pfählen
-herumförsterte, seine Schwester, Frau von Schütz, die
-Wittwe eines Vetters, und ein Fräulein von Schütz,
-ihre Nichte, die Waise des Bruders. Cölestin sagte:
-wenn sie unter einem ältlichen Herrn einen <em class="ge">ruhigen</em>
-verständen, so könnten sie ihn getrost einnehmen, und
-die fehlenden Jahre übersehen. Er dürfe von sich
-rühmen, ein stiller Miether zu seyn. So wurde der
-Contract abgeschlossen. Bei näherer Bekanntschaft mit
-dieser Familie bemerkte Cölestin, wie combinirt dies
-verwandtschaftliche Verhältniß sey, was ihm so einfach
-geschienen. Der Forstrath war der dringende Liebhaber
-seiner Nichte, die Tante dem Bruder wie seiner
-Neigung gram und der Jugend des Mädchens abhold,
-die schöne Tony ein verfolgter Gegenstand der Liebe
-wie des Hasses, und in meisterlicher Uebung beiden
-überlegen. Sie wollte die Tante beerben, den Onkel
-zwar nicht heirathen, aber bei Gutem erhalten, und
-einst goldne Früchte ernten, wenn dies lachende Auge
-<a class="pagenum" id="page_188" title="188"> </a>
-doch zuweilen weinen mußte. Aber diese trübe Aussaat
-war selten, denn die Vorsehung hatte solch schweres
-Ertragen durch leichten Sinn aufgewogen. Cölestin
-sah mit Erstaunen in diesem Hause ein stehendes
-Theater für kleine Intriguen-Stücke, von schlauer
-Erfindung und wohlberechnetem Erfolg. &ndash; Es wollte
-ihm doch so vorkommen, als ob Tony der Leidenschaft
-des Onkels schmeichle, wie den gehässigen Fehlern der
-Tante, und Beide anzuführen wisse, wo es das Erreichen
-einer Absicht gelte. Dieser wahrhaften Bemerkung
-ungeachtet, hatte sich das reizende Geschöpf seines
-Interesses doch so sehr versichert, daß sie unwirksam
-auf seine beobachtende Ruhe blieb. Er war nicht
-lange aus dem Spiel gelassen &ndash; Tony theilte ihm
-die Rolle ihres Vertrauten zu, und bald hätte er ihr
-das ganze Glück seines Lebens anvertrauen mögen.
-Er hielt den Gebrauch listiger Waffen für Nothwehr,
-die fügsame Klugheit, welche ein wenig nach der
-Schlange schillerte, für Taubensinn, und den abgelegten
-Anzug der Tante, den die reizende Tony sich gefallen
-ließ, wie das Verheimlichen prächtiger Geschenke,
-die der Onkel ihr aufdrang, für gleich nachgebende
-bescheidene Gefälligkeit der Nichte. &ndash; Die <em class="ge">Liebe</em> war
-es, meine Leser, welche Engel schuf. Sie verschönt,
-vergiebt, vergöttlicht &ndash; und öffnet selbst den Geistern
-der Hölle ihren Himmel. &ndash; Tony gab bei schicklichem
-<a class="pagenum" id="page_189" title="189"> </a>
-Anlaß dem Hausfreund zu verstehen, wie widrig der
-Onkel ihr sey, und welcher fortwährenden Anstrengungen
-sie bedürfe, sich ihn als eine Respectsperson drei
-Schritte entfernt zu halten. Sie führte ihm mit lachendem
-Munde kleine Züge der Bosheit und des
-Geizes ihrer Tante an, so daß Cölestin eben so viel
-Ekel als Mitleid empfand, und heftig wünschte, das
-schöne heimlich geliebte Mädchen aus dieser Höhle des
-Satans befreien zu können. Doch ein inneres Etwas,
-dem er keinen Namen zu geben wußte, hielt ihn zurück,
-so oft ein erklärendes Wort auf seine Lippe trat,
-und diese Gefahr trat ihm näher und näher. &ndash; Als
-jenes würdige Geschwisterpaar einmal in eine langweilige
-Gesellschaft geladen war, und Tony unter irgend
-einem Vorwande davon zu Hause bleiben dürfen,
-beschied sie den ihr begegnenden Cölestin rasch
-und flüsternd in den Garten, wo er ihrer harren möge.
-Cölestin wußte nicht, was er von diesem naiven Rendezvous
-denken solle &ndash; aber er folgte dem süßen Befehl.
-Sein Herz pochte, Tony blieb lange aus &ndash;
-endlich kam sie, im neuesten Geschmack und so reizend
-angezogen, daß er geblendet vor ihr stand. »Gefalle
-ich Ihnen so?« fragte sie lächelnd, »ich putze mich
-manchmal auf meine eigene Hand, um doch auch zu
-wissen, daß ich ein Mädchen bin. Da komme ich
-mir denn wie eine verwünschte Prinzessinn, und mein
-<a class="pagenum" id="page_190" title="190"> </a>
-Schicksal mir wie ein Mährchen vor, darin sich ehestens
-mein alberner Plagegeist in einen schmucken
-Freier verwandeln würde, mit dem ich freudig zöge
-über Berg und Thal; die Linsen und Erbsen aber,
-die ich zählen müssen, in blankes Gold. Denn&nbsp;&ndash;«
-setzte Tony in liebenswürdigem Uebermuthe hinzu:
-»sollte ich die Tante nicht beerben, so wollte ich lieber
-heute sterben. &ndash; Sie hat mich eingesperrt und ihr
-Geld, und zu ihrer Verdammniß wollen wir künftig
-rollen in die weite Welt.«</p>
-
-<p>Und trotz dieser leichtfertigen Sprache überredete
-Cölestin sich selbst, daß Tony, ihn als Gattinn zu beglücken,
-geeigneter als jede Andere sey. Kaum würde
-er einem übereilten Versprechen entgangen seyn, wenn
-nicht die Freundschaft seine Gefühle rettend getheilt
-hätte.&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>Jenes geheimnißvolle Gesetz, nach welchem die
-Sterne der Menschen ihre Laufbahn durchkreuzen, und
-Seelen sich begegnen, bestimmt auf einander zu wirken,
-ließ Cölestin einen Freund an jenem Sylvius
-finden, sein Geschlechtsname möge einer späteren Mittheilung
-vorbehalten bleiben &ndash; den wir nach einer
-Reihe von Jahren an der Pforte von Sanct Capella
-treffen. Dieser junge Mann lebte ohne allen Umgang,
-in stiller schwermüthiger Weise, vertieft in mathematische
-Arbeiten, doch scheinbar ohne Zweck, als Cölestin
-<a class="pagenum" id="page_191" title="191"> </a>
-ihn kennen lernte. Er fühlte sich wunderbar von jener
-Natur angezogen, und jede Anziehungskraft ist,
-oder wird zuletzt gegenseitig. Sie wurden herzliche
-Freunde, nur mit dem Unterschiede, daß Cölestin ihm
-seine ganze Seele offen gab, während Jener dieses
-Vertrauen nur leidend erwiederte, und die zarteste
-Theilnahme für die Geheimnisse des Freundes an den
-Tag legte, ohne irgend einen Antheil für die seinigen
-in Anspruch zu nehmen. Es lag ein Zug von Stolz
-in seinem Character, der Stolz des Grams, und eines
-edlen gedrückten Herzens. Er trug die Abzeichen eines
-gewissen Ranges an sich, ohne ihn geltend zu
-machen. Sein Anzug war die feine Interims-Kleidung
-eines Forstmanns, auch sein Bedienter hatte das Ansehen
-eines Jägers. Diese Außenfarbe der Hoffnung
-ließ jedoch wie Spott der düstern Resignation, womit
-Sylvius achtlos auf das Treiben der Menschen und
-das Interesse der Welt, kein anderes Glück zu wünschen
-schien, als was die Ruhe des Einsamen gewährt.
-Ueber seine angestammten Verhältnisse verbreitete er
-sich nie; dagegen gab er freundlich Allem Raum und
-Gehör, was Cölestin ihm von sich selbst sagen mogte.
-Dieser fand einst ein Portrait auf dem Schreibtische
-des Freundes liegen. Er fragte, ob es eine Copie
-wäre &ndash; und Sylvius sagte, indem ein flüchtiges Erröthen
-sein bleiches Gesicht überflog: es sey das Bild
-<a class="pagenum" id="page_192" title="192"> </a>
-seiner Frau. »<em class="ge">Seine Frau?</em>« fragte Cölestin sich
-selbst, und hatte kaum Zeit, darüber zu staunen, oder
-die Schönheit der jungen Dame zu bewundern, so
-schnell verbarg Sylvius ihr Conterfei und sprach von
-etwas Anderm. Sylvius hatte oftmals das Töchterchen
-seines Wirthes bei sich und liebkosete ihm väterlichweich.
-Cölestin scherzte darüber. &ndash; »Die Kleine
-ist meinem Kinde auffallend ähnlich und in demselben
-Alter,« sprach Sylvius mit ungewöhnlicher Rührung.
-»<em class="ge">Seinem Kinde?</em>« fragte Cölestin abermals in sich
-hinein; Sylvius mußte als ein Jüngling geheirathet
-haben. &ndash; Aber wenn auch ein Ehemann und Vater,
-wie jung er immer sey, sein Urtheil über Angelegenheiten
-der Liebe von einem andern Standpuncte abzugeben
-pflegt, als Solche seines Alters und Geschlechts,
-die den Schritt zum Traualtare noch vor sich haben,
-so machte Cölestin seinen Freund doch nichtsdestoweniger
-mit der stillen Neigung vertraut, die er für Tony
-von Schütz gefaßt hatte, wie mit den quälenden Zweifeln
-über die eigentliche Gestalt dieses reizenden Chamäleons,
-und ob dieses Gemüth endlich Farbe halten
-werde?&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>Sylvius schüttelte zu dem Allen den Kopf und
-sagte unumwunden: »das Mädchen, Lieber, gefällt mir
-nicht; mein Geschmack ist zu einfach für den Reiz der
-Schlauheit.«</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_193" title="193"> </a>
-Cölestin vertheidigte seine Liebe mit Hitze; aber
-er gab dabei in seiner eigentlichen innersten Meinung
-manche Blöße. Das üble Vorurtheil gegen Tony
-schmerzte ihn, da jedoch Sylvius vermöge seiner Zurückhaltung
-Superiorität über seinen Freund übte, so
-hatte dieser entschiedene Ausspruch doch trotz dem
-Drange seines Herzens &ndash; ein vorsichtiges Verfahren
-Cölestins zur Folge. Er war nun mit dem Abschluß
-seiner Geschäfte fertig, und an den Termin der Reise
-gekommen. Da kam er zu Sylvius und sprach: »eine
-Bitte, Freund! die letzte. Es fällt mir schwer zu
-scheiden, und am liebsten mögte ich dies Post- und
-Reisespiel, was meine Phantasie mit Lust gemalt,
-nun es in meine Willkür gegeben ist, verschenken, wie
-ich eines von Pappe abseits gethan, was ich besaß,
-als ich ein Knabe war. Und doch ist es vielleicht gut,
-daß ich fort muß. &ndash; Ich würde ruhiger reisen, wenn
-ich mit mir selber im Klaren wäre. Du Freund,
-Du allein könntest mir reinen Wein einschenken, und
-wäre es auch ein herber Kelch, ich glaubte Dir dennoch.
-Thue mir den Gefallen, und beziehe mein
-Quartier, da Du ohnehin wechseln willst; Du findest
-dann Gelegenheit, Tony kennen zu lernen. Thue es
-aber ohne Arg! und fändest Du ein wärmeres Herz
-als Du ihr zutraust, und ein Fünkchen Liebe für mich
-darin glimmen: o! so fache es an mit dem Athem eines
-<a class="pagenum" id="page_194" title="194"> </a>
-freundlichen Mundes, wahre mir mein Glück,
-denn ich liebe das Mädchen sehr!« Cölestin legte dieses
-Bekenntniß mit wankender Stimme ab, und fiel
-seinem Freunde um den Hals.</p>
-
-<p>Von der Zuversicht erschüttert, womit er das Wohl
-und Weh seiner Zukunft in diese Hand legte, versprach
-Sylvius, was Jener von ihm begehrte. Es
-war ein schönes Gefühl der Freundschaft, was ihn in
-dem Wunsche bewegte, er mögte Tony Unrecht gethan
-haben, und eine Stütze für die Ruhe, für die Hoffnung
-seines Freundes werden. Er sprach die Worte:
-»das größte Glück eines Mannes ist, seine Geliebte
-gut und würdig zu wissen.« Und Cölestin antwortete
-ihm: »das größte Glück ist ein treuer Freund!« Sie
-wollten einander nicht schreiben. Ein Jahr, meinte
-Cölestin, der mit dem Auge der Liebe sein Ziel schon
-absah, laufe schnell um, und nur in dem Falle, daß
-Sylvius seinen Aufenthalt verändern müsse, solle der
-Freund Nachricht von ihm erhalten, oder doch bei seiner
-Rückkehr vorfinden. &ndash; Da diese Nachricht durchweg
-ausgeblieben war, hoffte Cölestin um so sicherer,
-seinen Freund noch in H&ndash;. anzutreffen. Mit drängenden
-Empfindungen erreichte er die Stadt. Der
-Mond beschien den stillen Markt, sein Herz schwoll,
-da er den Brunnen rauschen hörte, dessen Wasser die
-Geliebte trank, und aus der tiefen Quelle, der die
-<a class="pagenum" id="page_195" title="195"> </a>
-Gedanken entsteigen, tauchte ihm die Erinnerung an
-die Bitte auf: daß Sylvius ihm reinen Wein einschenken
-möge. Diese Stunde war nun gekommen.
-Er eilte nach seiner Wohnung. Bei Forstraths war
-es ungewöhnlich erleuchtet, die Fenster seines Zimmers
-standen offen, Blumen davor, und drinnen sang eine
-angenehme, weibliche Stimme ein Webersches Liedchen
-zum Flügel. Seine Pulse stockten &ndash; dieser fremde
-fröhliche Ton, der Anschein des Unbekannten ängstete
-ihn, er wendete sich seitwärts, wo auf einer Bank ein
-Mädchen dicht an ihren Liebsten geschmiegt saß, und
-fragte beklommen: ob der Forstrath Gäste bei sich
-habe? »Das kann wohl seyn&nbsp;&ndash;« antwortete die Dirne
-und lachte frech. »Ich meine Gesellschaft&nbsp;&ndash;« sprach
-Cölestin, von einer dunkeln Ahnung empört.</p>
-
-<p>»Nein,« entgegnete das Mädchen, »Der ist zur
-Ruhe.«</p>
-
-<p>»Zur Ruhe?« fragte Cölestin, »es ist kaum halb
-Neun.«</p>
-
-<p>»Der ist ganz und gar gestorben&nbsp;&ndash;« war die fast
-höhnische Antwort.</p>
-
-<p>»Und Frau von Schütz?&nbsp;&ndash;« »Die ist fortgezogen.«</p>
-
-<p>»Und das Fräulein?&nbsp;&ndash;« Cölestins Athem stand
-stille, so auch der Schlag seines Herzens, nur die
-Uhr viertelte dazwischen, als das Mädchen gleichgültig
-<a class="pagenum" id="page_196" title="196"> </a>
-erwiederte: »Fräulein Tony? hat den Herrn geheirathet,
-der hier wohnte. Er trug immer einen grünen
-Rock.&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<p>Der Mond trat hinter eine Wolke, und nahm seinen
-Schein von einem Gesichte, das bis zum Tode
-erblichen war. Cölestin stammelte mit leiser Lippe:
-»das ist nicht wahr!« dann dankte er für gegebenen Bericht,
-und seine Seele zerriß, da er die wüste Dirne
-hinter sich scherzen hörte. Sylvius ehemaliger Wirth,
-den Cölestin in seiner Betäubung aufsuchte, bestätigte,
-daß er die lautere Wahrheit vernommen.</p>
-
-<p>»Nun, so ist die Wahrheit selbst eine Lüge!« sagte
-Cölestin verstärkt: »Er hatte ja eine Frau!&nbsp;&ndash;« Der
-Wirth lächelte. Sein Töchterchen sah mit unschuldigen
-Augen zu ihm auf. Er dachte an das Kind des
-Freundes, und die seinen füllten sich mit Thränen.
-Mit zerrüttetem Gemüth verließ er den Ort, alle
-Nachforschungen blieben fruchtlos, und Sylvius und
-Tony verschollen &ndash; bis wir den Schall seiner Ankunft
-hören, und das, was er zu seiner Vertheidigung zu
-sagen weiß.</p>
-
-<p>Die beiden Freunde fanden sich auf einem Zimmer
-allein zusammen; die kleine Gesellschaft hatte sich bei
-der Dazwischenkunft des Fremden sogleich aufgelös't,
-Mitternacht war bereits vorüber und also der Geburtstag
-des Administrators, ein neues Leben schien für
-<a class="pagenum" id="page_197" title="197"> </a>
-ihn anzubrechen, aber noch lagen tiefe Schatten auf
-der Gestalt, deren erster Anblick ihn überwältigt hatte. &ndash;
-»Jetzt&nbsp;&ndash;« sagte Cölestin, und sein Blick drang tief
-in die verfallnen Züge des Freundes ein, als suche er
-die ehemalige Wohnung seiner Zuversicht, »jetzt, wo
-ich den Ton Deiner Stimme höre, klingen Saiten in
-mir an, die lange unberührt geblieben, und was ich
-auch inzwischen von Dir vernommen, es ist mir, als
-wäre es eine Lüge gewesen. Du wirst mir die Wahrheit
-nicht vorenthalten. Man sagte, Du hättest Tony
-geheirathet &ndash; Tony von Schütz, die ich liebte, die ich
-Dir anvertraute.«</p>
-
-<p>»Da hat man Dir ein Factum berichtet&nbsp;&ndash;« antwortete
-Jener, und lächelte kalt. »Sylvius!« rief
-Cölestin mit lodernden Augen, eine Flamme der Beleidigung
-schlug durch sein Herz.</p>
-
-<p>Und Sylvius sprach: »ich war prädestinirt, Dein
-Retter zu werden &ndash; um jeden Preis! ich warf mich
-auf, Dich zu schützen; Wer ist der Mensch, der es
-wagen dürfte, sich der Täuschung für überlegen zu
-halten? so warf dieser Hochmuth mich nieder. Wer
-fallen soll, wird zuvor stolz.«</p>
-
-<p>»Das Einzige bitte ich,« entgegnete der Administrator,
-»sage mir Alles unumwunden; es ist mir, als
-könnte ich dennoch nicht an Dir zweifeln.«</p>
-
-<p>»Das darfst Du auch nicht,« erwiederte der Freund
-<a class="pagenum" id="page_198" title="198"> </a>
-mit schmerzlicher Stimme. »Verrath war meiner Seele
-fern. Niemand haßt Falschheit, das Schnödeste was
-ich kenne &ndash; aufrichtiger als ich, und doch mußte ich
-diese Larve tragen. Eine eiserne Hand hat sie mir
-abgerissen; ich darf nun frei um mich blicken, und sehe,
-daß ich allein der Getäuschte war &ndash; daß ich <em class="ge">allein</em>
-bin.« Cölestin reichte ihm schweigend die Hand. »Ich
-will Dir meine ganze Seele enthüllen&nbsp;&ndash;« fuhr Sylvius
-fort, »wenn anders ein Mensch im Stande ist,
-das Gewebe seines Innern in all den feinen Fäden
-aufzufassen, aus denen sein Verhängniß besteht. &ndash; Du
-weißt, daß ich bald nach Deiner Abreise zu Forstraths
-zog, und mit ziemlich übler Vormeinung gegen das
-Fräulein; ich nahm mir vor, diese Tony, der ich Dich
-nicht gönnte, solle mich nicht bestechen noch verblenden,
-und wenn jeder Blick ihres schönen Auges ein
-Sonnenpfeil wäre. Diese feurigen Augen aber zogen
-Wasser &ndash; ich dachte Deinetwegen, und dieser Gedanke
-zog mich an, freundlicher als ich gewollt, hineinzublicken.
-Ich fand das Mädchen so einfach betrübt, so
-schweigsam und unabsichtlich, daß ich nicht begreifen
-konnte, wie Du Dich so gänzlich irren können. Das
-Betragen des Fräuleins sagte meiner Stimmung zu;
-daß mich Tony wenig oder gar nicht bemerkte, war
-mir lieb, der leiseste coquette Angriff würde selbst das
-kühle Interesse des Beobachters mit einer Art von
-<a class="pagenum" id="page_199" title="199"> </a>
-Abscheu &ndash; der Ausdruck ist hart, aber wahr! &ndash; von sich
-abgewendet, und mein Urtheil vollends verhärtet haben.
-Ich trug einen Talismann in und auf meinem
-Herzen, gegen den Zauber der Schönheit, gegen buhlerische
-Künste. Du hast das Bild gesehen, was auf
-meiner Brust schläft &ndash; das Original, der Inbegriff
-meines Lebens schlief in fremder Erde, und all mein
-Glück war mit ihm eingesargt. Die früher empfangene
-Nachricht hatte sich mir damals bestätiget, daß
-die Seele meiner Seele, das Weib meines Herzens
-gestorben sey. Die Welt wußte nichts von diesem
-Verhältniß und daher auch nichts von meinem Schmerz;
-was weiß die Welt von den eigentlichen Beziehungen
-des Menschen? sie kennt nur den Schein der Dinge.
-So hatte mich der Gram in einen Zwinger eingeschlossen,
-worin ich unzugänglich für Alles war, nur
-nicht für das Unglück. Dich, Freund! hätte ich vor
-dem längsten wahren mögen &ndash; und Tony fand das
-kleine Pförtchen, und schlüpfte durch Mitleid in mein
-Herz. &ndash; Eines Morgens lese ich Briefe, in Wehmuth
-aufgelös't, daß dieser himmlische Geist, den ich
-im Ausdruck der Liebe in jeder Zeile finde, mir entrückt
-ist. Da klopft es an meine Thüre, so schnell!
-so heftigleise! wie der Vogel, gejagt vom Sturm, an
-ein Fenster pickt. Ich öffne, das Fräulein steht draußen.
-Dieser unweibliche Schritt macht mich stutzen.
-<a class="pagenum" id="page_200" title="200"> </a>
-Doch Tony ist blaß, der scheue Blick niedergeschlagen
-&ndash; ich darf vermuthen, daß sie mir etwas Außerordentliches
-mitzutheilen hat. Ich leite sie herein, zum
-Sopha. Sie verneint zu sitzen und sagt: sie könne
-sich auf keine Ruhe einlassen, so lange sie in Furcht
-und Seelenängsten schwebe. Dies sagt sie mit gebrochner
-Stimme und bricht in heißes Weinen dabei
-aus. Ich bitte Tony, sich zu fassen, und fasse ihre
-Hand, indem ich mich zu Allem erbiete, was zur Erleichterung
-ihrer Lage dienen könne. Sie sah mich
-an mit thränendem Blick &ndash; dieser Blick rührte mich
-unbeschreiblich. Im Leiden ist Wahrheit &ndash; dachte
-ich, und wie Tony wirklich sehr schön wäre. Haben
-Sie doch Zutrauen zu mir, Fräulein! sagte ich, und
-meine Worte mogten vielleicht einen Anklang jener
-Regung haben. Dies führt mich zu Ihnen, antwortete
-Tony; drüben bin ich bewacht und darf mit keiner
-menschlichen Seele reden. Ich halte Sie für einen
-Ehrenmann &ndash; war es doch grade, als wollte ich
-sagen: <em class="ge">Ehemann?</em> &ndash; wenn das nicht, würde ich mich
-wohl über alle Sitte so weit hinwegsetzen, Sie in
-Ihrem Zimmer aufzusuchen? &ndash; Das Mädchen hielt
-mich also für verheirathet. Ich konnte kaum weniger
-thun, als mir selbst geloben, daß die Wahl ihres Schutzfreundes
-die arme Tony nicht gereuen solle. Sie entdeckte
-mir nun ihre Bedrängniß. Der Onkel war in
-<a class="pagenum" id="page_201" title="201"> </a>
-einem Anfalle von Eifersucht plötzlich so dringend in
-seinem Werben geworden, daß die Nichte zagte, er
-mögte ihr im Umsehen den Brautkranz mit tölpischer
-Hand auf die weichen Locken stülpen. Dann hatte
-sich noch ein Freier gefunden, den die Tante begünstigte,
-und das war noch schlimmer. Frau von Schütz
-hatte gedroht, ihr Vermögen an Fremde zu vermachen,
-wenn Tony den Forstrath heirathe, und dieser einen
-Eidschwur darauf gesetzt, daß er seine Hand von ihr
-abziehen wolle, wenn sie die seinige nicht nähme, oder
-den ihm verhaßten Rival vorzöge, und die Tante hatte
-öfters Schlaganfälle. &ndash; So war Tony in der Lage
-eines Gegenstandes, den Zwei zankend hin und her
-zerren, er zerreißt. Abends vorher war eine Scene
-vorgefallen, der Forstrath hatte sich krank geärgert,
-und lag zu Bett. Tony, zum Aeußersten gebracht,
-war in einer schlaflosen Nacht zu dem Entschluß gekommen,
-zu entfliehen. Sie kam, mich um eine Männerkleidung,
-wie um meinen Rath für mögliche Fälle
-zu bitten. &ndash; Du kannst denken, Freund! daß ich über
-diesen kühnen Einfall erschrak, und ihn dem Mädchen
-auszureden suchte. Das schöne, blühende Geschöpf,
-landflüchtig! ich schilderte die Gefahr dieses Wagnisses
-so entsetzlich als möglich; doch Tony blieb hartnäckig
-dabei, sie könne es länger bei ihren Verwandten nicht
-aushalten. All meine Mittel sind erschöpft, sagte sie,
-<a class="pagenum" id="page_202" title="202"> </a>
-auch bin ich wohl zu geängstet, zu längerem Widerstande;
-ich bin nichts, als ein armes, zitterndes Opfer,
-so oder so. Fräulein! sprach ich: Sie haben doch
-sonst die Fähigkeit entwickelt, Ihren Drängern die
-Spitze zu bieten. &ndash; Ach! versetzte Tony: Sie kennen
-die Gewaltsamkeit nicht, womit man seit einiger Zeit
-auf mich eindringt; hätte ich mich nur ein Jahr noch
-behaupten können &ndash; ich dachte, sie wolle damit sagen,
-dann würde ihr der Ersatz durch Dich gekommen seyn.
-Nimm einen Dritten, hatte die Tante gesagt, so mag
-es drum seyn und Keines von uns hat seinen Willen.
-Ach! seufzte Tony, ein anderer Name wäre mir ein
-anderes Schicksal; der kleine Schütz meines Wappens,
-der ohne Unterlaß auf mich anlegt, würde zum Schutz
-für mich, könnte ich ihn tauschen. &ndash; Selbst eine
-<em class="ge">Scheinheirath</em> würde ich als eine <em class="ge">wahre</em> Erlösung
-betrachten können. Das Frauenhäubchen wäre mir
-Fortunatus Wünschhütlein, und ich könnte mich versetzen,
-wohin ich wollte. Ein Mädchen ist gebannt in
-seinen Kreis, und wenn ihn die Hölle umschriebe.
-Freilich, auf jede Brücke mögte ich nicht treten. &ndash;
-Ein dunkler Gedanke schwebte mir vor, als Tony diese
-Worte sprach, es war mein Dämon, der mir die verfängliche
-Antwort eingab: Fräulein! wenn sich nun
-ein Mann fände, den Sie der Hoffnung würdigten,
-auf diese Weise Ihr Retter zu werden, was dann? &ndash;
-<a class="pagenum" id="page_203" title="203"> </a>
-Dann, sagte Tony: verspräche ich, ihm das Leben so
-sauer zu machen, daß er froh und gewiß seyn sollte,
-mich nach sechs Wochen wieder los zu werden; wir
-würden uns einmüthig über die Scheidung bereden.
-Ich aber wäre selbständig, und dürfte mir keine Unbill
-mehr gefallen lassen. &ndash; Diese Idee faßte mich; lasse
-Dich aber den Teufel bei einem Haare fassen, und
-Du bist sein auf ewig! &ndash; Wisse, Freund! meine
-erste Heirath war eine heimliche, die Gattinn war nur
-vor Gottes Augen mein. Hier kam es darauf an,
-der Gemahl einer Fremden zu <em class="ge">scheinen</em>, und begierig
-haschte ich nach diesem waghaften Verhältniß,
-wie nach dem Schatten von meinem verschwundenen
-Glück. &ndash; Fräulein! sagte ich, Sie sprachen vorhin:
-auf jede Brücke mögten Sie nicht treten? die meinige
-ruht auf den festen Pfeilern der Ehre und der Freundschaft.
-Wollen Sie Sich mir anvertrauen? ich entdeckte
-ihr nun Deine Liebe, und wie Du an ihrem
-erwiedernden Gefühl gezweifelt, und weshalb Du geschwiegen.
-Tony schwieg auch. Sie lächelte, reichte
-mir die Hand, und sagte: ich überlasse mich Ihnen
-gänzlich. &ndash; Ich wußte nicht, wie mir geschehen, als
-ich, nachdem sie fort war, meine Briefe wieder aufnahm.
-Welche Reihenfolge von Gedanken schloß sich
-dem Fragezeichen an, bei dem ich aufgehört? O! warum
-beherzigte ich jenes warnende Zeichen nicht? &ndash;
-<a class="pagenum" id="page_204" title="204"> </a>
-Ich weiß nicht, ob Du je zu der Erfahrung gelangt
-bist, daß Niemand größere Gewalt über uns übt, als
-Wer ein früheres Mißtrauen in uns überwunden? &ndash;
-Umsonst ward ich mir meines Verdachts gegen die listige
-Tücke dieses Mädchens bewußt, vergebens schreckte
-mich eine ahnungsvolle Scheu, ein unwürdiges Gaukelspiel
-zu treiben: hundert Sophismen bekämpften
-mein sträubendes Gefühl. Wie viele erbärmliche Motive
-schließen nicht täglich Ehen! dachte ich; mein
-rascher Entschluß entspränge mindestens dem redlichen
-Willen, Freiheit und Liebe, diese höchsten Güter Andern
-erwerben zu helfen. Ich wollte eine Sclavinn
-lösen und sie heilig halten, die Braut meines Freundes.
-Was nun folgt, kann ich nicht folgerichtig beschreiben.
-Es ist nur ein wüster Traum, den ich mir
-nicht deutlich machen darf, wenn ich nicht von Sinnen
-kommen will, daß ich es damals war. Ich warb um
-Tony; Frau von Schütz sagte mir ohne Weiteres ihre
-Nichte zu, ich fand nicht einmal die leise Zurückhaltung
-der Schicklichkeit. Man hielt mich für reich,
-um eine Bürgschaft für meinen Character, für alles
-Wesentliche kümmerte sich die Tante nicht, und mir
-blutete das Herz, daß die arme Tony so waisenhaft
-verlassen wäre von mütterlicher Fürsorge. Von einem
-Mitbewerber war die Rede auch nicht, es schien, als
-ob Frau von Schütz eine gegenseitige Neigung zwischen
-<a class="pagenum" id="page_205" title="205"> </a>
-uns voraussetze. Der Forstrath lag ernstlich krank.
-Wenn er stürbe, Ihr Onkel, Fräulein, sagte ich, so
-wäre ein Grund gehoben &ndash; gereut es Sie schon?
-fragte mich Tony mit aufreizendem Spott, ich sage
-Ihnen, es ist nichtsdestoweniger nothwendig, daß Sie
-Sich meiner annehmen. Ich war bereits zu sehr von
-diesem in seiner Art einzigen Verhältniß befangen, um
-es noch durchaus beherrschen zu können. Noch benahm
-sich Tony mit jener Subtilität gegen mich, deren ich
-auch bedurfte. Sie hielt mich an der feinsten Kette.
-Wenn andere Brautleute von der Ewigkeit ihrer Liebe
-reden, so flüsterte Tony mir zu, in welcher Kürze unsere
-Trennung zu beschleunigen wäre. &ndash; Ich sollte
-sie unter dem Vorgeben einer Reise nach meiner Heimath
-in die Sch&ndash;. bringen, wo eine Gespielinn ihrer
-Kindheit glücklich verheirathet lebte; dort wären
-wir weit genug, meinte sie &ndash; um unser Scheiden in
-eine Nebelferne einschleiern zu können. Dies war wohl
-recht gut; aber ich athmete schwül, ich athmete Gift,
-der Keim einer Krankheit setzte in mir an. Ein ängstliches
-Schwanken, ein Schwindel von Unsicherheit hatte
-mich ergriffen, ein Zustand ängstlicher Betäubung ließ
-mich nicht mehr festen Fuß fassen auf irgend einem
-vernünftigen Grunde. Doch lasse mich kurz seyn &ndash;
-Lieber! mein Schmerz ist dennoch lang.«</p>
-
-<p>»Ha! ich ahne&nbsp;&ndash;« sagte Cölestin, der bis dahin
-<a class="pagenum" id="page_206" title="206"> </a>
-regungslos zugehört. »Nein, es kommt über Erwarten&nbsp;&ndash;«
-fuhr Sylvius fort, »höre nur weiter! Frau
-von Schütz machte mir die Proposition, mich je eher,
-je lieber trauen zu lassen, weil man nicht wissen könne,
-welchen Ausgang die Krankheit ihres Bruders nähme.
-Dann wolle sie, ginge er mit Tode ab, unverweilt
-diesen Ort verlassen, und Gott danken, den Leichtfuß,
-die Tony, wie schwer lasse ein Mädchen sich hüten &ndash;
-unter der Obhut eines Mannes zu wissen, eines Mannes,
-dem sie nun pöbelhaft die unverschämtesten Schmeicheleien
-sagte. &ndash; Tony hatte mir entdeckt, daß sie
-sich durch die Freigebigkeit des Onkels ein hübsches
-Capital gesammelt, wovon sie bequem ein paar Jährchen
-zu leben gedenke. Es war etwas in dieser Vorsichtigkeit,
-was mir mißfiel; doch auch dies Mißfallen
-an dem berechnenden Talent, einen verliebten Thoren
-zu bevortheilen, mußte Zeit haben, um nachzuwirken. &ndash;
-Auf Tonys Anstiften gab die Tante die Ausstattung
-der Nichte in Geld, weil wir ja reisen wollten, und
-zwar vom Hochzeittage aus; der Zustand des Forstraths,
-die Schonung für seine Schwachheit, diente zum
-Behuf dieser Wegeile. &ndash; Wir wurden im Armenhause
-copulirt, ich, der Bräutigam, der Aermste von Allen,
-die der Ceremonie zusahen. Ich leistete den falschen
-Schwur, innen verneinend, wie die Juden &ndash; ich gab
-Tony einen falschen Namen, denn auch Du, Lieber,
-<a class="pagenum" id="page_207" title="207"> </a>
-kanntest meinen wahren nicht. Die warme Mondnacht
-wollten wir zum Fahren benutzen, und mit der
-Dämmerung abreisen. &ndash; Ich hatte mich schon seit einigen
-Tagen nicht ganz gut gefühlt; die Wiege des
-Wagens schaukelte den tobenden Kopfschmerz nicht zur
-Ruhe, ich lag zwischen Schlummer und Traum, und
-ein Cyclop arbeitete in meinem Gehirn. Ein Hauch
-von Feuer ging aus von meiner Stirne, mein Athem
-dampfte Gluth, zugleich schlich ein schauerndes Frösteln
-und Ziehen durch meine Glieder, und die Füße
-zitterten mir auf der weichen Decke. In welche phantastische
-Welt schien der schöne stille Mond! ich drückte
-die Augen zu, weil jeder Blick mich schreckte und
-schmerzte; die Braut schlief sanft an meiner Seite. &ndash;
-Als ich erwachte, fand ich mich mit dumpfem Bewußtseyn
-in fremden Umgebungen. Ich lag im Bett,
-unter dem Gebälke eines ländlichen Stübchens; ein
-starker, betäubender Geruch von Moschus wirkte auf
-mich ein. Tony saß auf einem roth und blaugemalten
-Schemel in meiner Nähe, ein dicker Mann stand
-vor ihr, und großäugig schauete sie zu ihm auf. Ich
-rief sie leise. Sie stieß einen Freudenschrei aus, und
-stürzte in froher Hast zu mir hin. Der Dicke, es war
-der Arzt &ndash; wünschte mir mit fetter Stimme Glück:
-ich hatte dreizehn Tage in einem Nervenfieber gelegen.
-&ndash; Der kleinen Frau nur, sagte der Licentiat
-<a class="pagenum" id="page_208" title="208"> </a>
-bescheiden, als Tony sich auf einen Augenblick entfernte,
-verdanken Sie nächst Gott Ihr Leben. Sie
-ist nicht aus den Kleidern und von Ihnen weggekommen.
-Solch eine wackere Pflegerinn lobe ich mir. &ndash;
-Tony, sprach ich, als wir allein waren: der Arzt hat
-mir gesagt, wie viel Sie für mich gethan, es ist nun
-der Güte genug. Denken Sie an Sich, an das eigene
-Wohl &ndash; ich bin Ihr ewiger Schuldner. Lachend
-antwortete Tony: das wäre mir was! der Himmel
-selbst hat mich in mein Recht eingesetzt, daraus ich
-mich nun nicht mehr verdrängen lasse. Und wenn
-Du mich noch einmal <em class="ge">Sie</em> nennst, so sage ich dem
-Doctor, daß Du noch immer phantasirst, mich nicht
-erkennst für Deine Frau, und die Cur geht von Neuem
-an. So sprach sie mit reizender Gutherzigkeit; ich
-fühlte mich Tony nun wirklich <em class="ge">verbunden</em>. Lust
-des Lebens und der Liebe wallte wieder auf in meiner
-Brust, meine Seele strömte gegen die ihre. Sie setzte
-mich in tausend kleine Verlegenheiten vor dem Arzt,
-und zwang mir die Rolle eines Ehegatten auf. Sie
-überwältigte mich durch trautes zärtliches Zudringen
-an mein Herz, ich war ganz in ihren Fesseln.« &ndash;
-Der Administrator machte eine schmerzhafte Bewegung.
-Sylvius hielt einen Moment inne, dann fuhr er mit
-steigendem Tone fort: »Freund! spricht keine Entschuldigung
-für mich an? versetze Dich an meine Stelle.
-<a class="pagenum" id="page_209" title="209"> </a>
-Ich dachte an Dich mit einer Wehmuth, die mir Dein
-Andenken trübte. Allmählig ging mir der Gedanke
-auf, daß eine geheime Leidenschaft meine Handlungsweise
-geleitet hätte, der ich willenlos nachgegeben, wo
-ich nur dem Drange der Umstände zu weichen glaubte.
-Jetzt mußte ich an meiner Liebe halten, sollte ich nicht
-in die tiefste Schaam versinken. Ich war mir selbst
-ein Räthsel geworden und wünschte aufrichtig, der
-Tod mögte es lösen. &ndash; Aber ich genas; nur ein
-krankes Gefühl innerster Schwäche vermogte ich nicht
-zu überwinden. Wie Alpen lastete es auf meiner
-Seele, Freiheit und Kraft lagen hinter mir &ndash; und
-ich meinte dieser Schwermuth zu erliegen. Ich dachte
-nunmehr ernstlich daran, wo meines Bleibens seyn
-würde? <em class="ge">nirgend!</em> sagte eine Stimme tief in der
-Brust. Mein Vater lebte noch; ich war sein Assistent
-gewesen, seine Stelle war mir bestimmt. Ein
-Sehnen wie Heimweh zog mich nach dem Orte, wo
-ich den väterlichen Greis einsam wußte. Ich wollte
-ihm Tony als Tochter zuführen und den Heerd meines
-Glückes häuslich bauen. Mein Arzt forderte, daß
-ich mich nicht übereilen sollte, auch meine Kräfte forderten
-das. &ndash; So verließen wir das Dorf, wo ich
-an einen denkwürdigen Abschnitt meines Lebens gekommen
-war, und zogen unsere Straße. Eines milden
-Abends im Frühherbst gelangten wir in ein paradiesisches
-<a class="pagenum" id="page_210" title="210"> </a>
-Thal; durch eine Gebirgsschlucht sah man
-eine Stunde davon entfernt, einen berühmten Brunnenort
-liegen, und ein bläulicher Duft, wie von den
-Stahlkräften der Quelle aufsteigend, webte geheimnißvoll
-um die glänzenden Gebäude. Das nette neue
-Wirthshaus, woran wir hielten, war im Widerspruch
-zu seiner Bestimmung, in den Reiz der Ruhe eingehüllt.
-Eine junge Frau, blond wie ihr Flachs, saß
-und spann, eine Reihe steinerner Brunnenkrüge, in denen
-die Sonne funkelte, war aufgepflanzt. Gegenüber
-lag auf Felsen erhöht ein altes Schloß von gothischem
-Bau. Das Wasser, was ich trank, war köstlich,
-ich äußerte mich begeistert über diesen Aufenthalt,
-und Tony sprach: ei! so lasse uns hier rasten, und
-trinke Dich satt! &ndash; O! hätte ich Lethe getrunken! &ndash;&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;
-Wir blieben da. Ich saß im Garten und
-starrte hinüber nach dem Schloß. Der linke Flügel
-nur schien bewohnt; ein Fenster stand offen, und der
-Wind blähte die weißen Gardienen. In diesem Spiel
-der Luft wehete mich der Odem eines befreundeten
-Geistes an, ich fühlte mich warm durchdrungen. Meine
-Gedanken schlüpften in die Falten des kleinen Segels,
-und schifften über das liebe stille Meer der Ahnung.
-Tony kam und sagte: ich säße gleich dem Ritter Toggenburg
-&ndash; und sähe so blaß aus wie eine Leiche.
-Sie war so zärtlich, wie noch nie. Ihr Eingehen in
-<a class="pagenum" id="page_211" title="211"> </a>
-meinen Wunsch, ihr Anschmiegen an meine Stimmung
-that mir wohl. Die trauten Beziehungen eines
-innigen Zusammenlebens hatten zwischen mir und meiner
-ersten Frau nicht Statt gefunden. Diese war
-mir eine hohe Braut gewesen, zu der ich mich im
-Verhältniß der Leidenschaft befand, gedemüthiget, mein
-Recht verleugnen zu müssen vor den Menschen; in
-den Augenblicken, wo ich mein Eigenthum an mich
-riß, fühlte ich mich einen Gott. Wie anders mit
-Tony! hier verhindert mich der wunde Stolz des Gewissens,
-den Begriff der Ehe zu fassen; aber ich empfand
-mich geliebt. &ndash; Sie lehnte den Kopf an meine
-Schulter und flüsterte mir süße Worte der Besorgniß
-zu. Ich scherzte, sie würde sich zu trösten wissen, wenn
-ich auch stürbe. Ein weiblicher Character, wie der
-ihrige könne der Stütze entbehren, und ich sey doch
-nur ein wankender Stab. &ndash; Tony schmollte. Glaube
-nur, Geliebte, sagte ich mit verstärkter Stimme, indem
-ich sie an mich drückte: kein Mensch, wenn er
-hinweg ist, macht eine Lücke, die nicht irgend womit
-ausgefüllt würde; kein Gestorbener, käme er wieder,
-und wären tausend Thränen um ihn geflossen &ndash; fände
-mehr Raum in der Welt, die so drängend ist im Ersatz.
-Die Geschichte jener lebendigbegrabenen Frau,
-die da heimkehrt zu nächtlicher Stunde und vergebens
-an Haus und Herz der Ihrigen pocht, die sie nicht
-<a class="pagenum" id="page_212" title="212"> </a>
-kennen wollen und für eine blasse gespenstische Lüge
-halten, so daß sie wieder zurück muß in die Wohnung
-der Todten, um dort Herberge zu suchen, ist von ergreifender
-Wahrheit. Das Grab ist zuverlässig, und
-nur der Lebende hat Recht. &ndash; Als ich dies sagte,
-überrieselte mich das leise Geräusch naher Schritte
-mit einem wundersamen Schauer. Eine weiße Gestalt
-geht, nein, <em class="ge">schwebt</em> hurtig an uns vorüber, so daß
-ihr langes Kleid die Grasspitzen hörbar tüpft. Sie
-wendet das Gesicht vom grünen Schirm des Hutes
-magisch entfärbt, nach unserer Gruppe &ndash; ich hielt
-Tony umfaßt. O! ich kannte dies bleiche, schöne, liebe
-Gesicht gar wohl. Mit einem Blick im Fliehen ward
-mir mein Urtheil zugeworfen; nur einen Moment sah
-ich in dies blaue Auge, in meinen verscherzten Himmel
-&ndash;: es war meine Frau.«</p>
-
-<p>»Allgerechter Gott!« rief der Administrator, als
-gäbe ihm die Erscheinung einer Mitbetheiligten das
-Recht, laut zu werden, »und Du irrtest Dich nicht?«</p>
-
-<p>Sylvius lächelte. Dies Lächeln, ein Schattenriß
-jener Vision, schnitt seinem Freunde in die Seele. Er
-sprach: »ich sage Dir, bei dem lebendigen Gott! Sie
-war es wirklich. Ein kleines blankes Schlüsselbund
-an ihrem Gürtel klirrte, da sie in achtloser Eile über
-eine Baumwurzel strauchelte. Sie trug einen Zweig
-Ebereschen in der weißen Hand, die lagen verstreut
-<a class="pagenum" id="page_213" title="213"> </a>
-auf dieser Stelle, da ich sie suchte, wie Blutstropfen,
-die von meinem Herzen abgeträufelt wären. Frage
-nicht, wie mir gewesen; ich weiß nichts von jener
-Zeit. Tony glaubte, daß ich mir einen Paroxismus
-durch Erkältung zugezogen hätte. &ndash; Wer war die
-Dame? wo ist sie hin? fragte ich die Wirthinn, und
-meine Zähne schlugen an einander. Ich erhielt keine
-andere Auskunft, als den Bescheid: es wohnten ein
-paar Brunnengäste auf dem Schlosse, ein Herr und
-eine Dame, diese würde es wohl gewesen seyn; stille,
-vornehme, absonderliche Leute, sagte die Frau mit einem
-Fingerzeig gegen die Stirne, die das Geräusch
-nicht lieben, und Niemand etwas zu Leide thun. Sie
-mogte meine Geberde für Furcht halten. &ndash; Die Nacht
-kühlte mich nicht; ich lag in Angst gebadet. Noch
-war die Sonne nicht aus dem Morgenthor gegangen,
-da läutete ich schon an dem des Schlosses. Ein schlaftrunkener
-Wächter that mir auf und schnaubte Grimm;
-doch der wilde Mann auf dem Goldstücke, welches ich ihm
-vorhielt, machte ihn zahm. Er habe strengen Befehl,
-Niemand einzulassen, sagte er, seit gestern Abend.
-Auch sey die Gräfinn unpaß. Also <em class="ge">krank</em>! dachte
-ich. Wer krank ist, lebt doch! ich aber war gekränkt
-bis zum Tode. Und als die Thürflügel hinter mir
-zufielen, fühlte ich mich von jeder Hoffnung auf ewig
-ausgeschlossen. Willenlos ließ ich nun Tony über mich
-<a class="pagenum" id="page_214" title="214"> </a>
-verfügen, die unsere Weiterreise beschleunigte. Sie
-weinte im Wagen &ndash; ich sprach kein Wort, ein Laut
-von meinem Schmerz hätte mir die Brust gesprengt.
-In der nächsten Stadt ging Tony aus und kam mit
-einem Doctor wieder, den sie selbst geholt hatte. Es
-war ein ehrwürdiger Mann, der mir Zutrauen einflößte.
-Er tadelte collegialischer Weise meinen vorigen
-Arzt, der mich so früh in der Reconvalescenz nicht
-hätte reisen lassen sollen, und meinte, nun müßte ich
-acht Tage Quarantaine halten: ich bedürfe Ruhe. O
-Gott! &ndash; Sein Auge schien mit Liebe auf Tony zu
-verweilen, die, wie er und seine Frau gefunden, ihrer
-einzigen Tochter sehr ähnlich sähe, welche ihnen vor
-zwei Jahren eine ansteckende Krankheit entrissen, wozu
-der Vater selbst den tödtlichen Stoff herzugetragen.
-Wie rührend schilderte der Mann mir diesen Schmerz! &ndash;
-Er bat mich, der armen Mutter den Trost dieses Anblicks
-zu gönnen, und während unseres Aufenthalts
-freundlich zu ihnen zu kommen. Diese herrlichen Menschen
-werde ich nicht vergessen. Mir kam der Gedanke,
-Tony, die ich besser nicht aufgehoben wüßte,
-bei ihnen zu lassen, allein in meine Heimath zu reisen,
-das Terrain zu recognosciren, und sie dann abzuholen.
-Tony schien dieses Vorschlags froh, der Doctor
-und seine Frau gingen mit Vergnügen darauf
-ein. Ich athmete freier und fühlte mich erlös't, da
-<a class="pagenum" id="page_215" title="215"> </a>
-ich im Wagen saß. Der Unglückliche, allein neben
-Andern, findet Trost darin, einsam zu seyn, und der
-Gram ist ein unduldsamer Gefährte. Mein alter Vater
-empfing mich mit großer Rührung. Er kannte
-den Sohn kaum mehr, so hatte ich mich verändert.
-Ich wagte es, ihm mein Unglück zu bekennen. Es
-floß eine große Kraft von ihm aus &ndash; und sein sanftes
-Wort fiel wie Thau in meine brennende Seele.
-Sylvius, sagte er: Du hast ein gefährlich Spiel gespielt,
-und ich fürchte, Du hast es verloren &ndash; finde
-Dich nur darin; den Vater sollst Du stets in mir
-finden. Ein Zurückgehen in seine alten Verhältnisse
-ist dem Menschen immer unmöglich, jede Stunde reißt
-uns von der vorigen ab, und der zerrissene Faden einer
-Fügung läßt sich nicht haltbar wieder anknüpfen.
-Gott fügt zuletzt doch Alles wohl. Ermanne Dich,
-mein Sohn! der Muth hilft Berge tragen, und der
-Glaube versetzt sie. &ndash; Wie oft hatte ich dieses frommen
-Glaubens heimlich gespottet! jetzt neidete ich meinem
-Vater seine stille Gelassenheit. Er war es zufrieden,
-daß ich ihm Tony brächte. Wir wollen sehen
-&ndash; sagte er mit bekümmertem Blick. Ich will
-Tony also holen. Auf der Straße jener Stadt begegnet
-mir mein alter Doctor. Er erkennt mich bestürzt
-und ruft: nun, es ist doch kein Unglück vorgefallen?
-ich frage: wie so? &ndash; Tony war seit fünf Tagen
-<a class="pagenum" id="page_216" title="216"> </a>
-fort, vorgebend, Nachricht von mir erhalten zu
-haben, daß ich mein Versprechen unmöglich erfüllen
-könne, und dringend nach ihr verlange. Die Frau
-des Doctors zitterte an allen Gliedern, ich sah, man
-verschwieg mir etwas. Auch liegt ein Brief an Sie
-da, sagte Jene, der den Tag nach der Abreise Ihrer
-Frau Gemahlinn ankam, mit dem Vermerk, daß wir
-ihn aufbewahren sollten, bis daß er abgeholt würde;
-dieser Umstand ist uns sehr aufgefallen. &ndash; Tony
-schrieb mir: von den letzteren Erfahrungen überzeugt,
-mit welcher Aufopferung ich mich ihrer angenommen,
-wolle sie mir nicht länger beschwerlich fallen, und ich
-dürfte sie um so ruhiger ihrem Schicksal überlassen,
-als sich ein Begleiter für sie gefunden, der die Pflicht,
-sie zu beschützen, für sein Glück halte, und mit Freuden
-jede Verantwortlichkeit auf sich nehme. <em class="ge">Böslich</em>
-habe sie mich nun zwar nicht verlassen, was uns sogleich
-scheiden werde &ndash; aber ich könne immerhin darauf
-klagen, und auf was ich immer wolle. Sie ertheile
-mir die unbedingteste Vollmacht für alle Fälle
-der Schuld, und wünsche mir, wohl zu leben. &ndash; Bei
-dem Tone leichtsinniger Indifferenz in diesem Schreiben,
-war es mir, als ob ein Fenster zerspränge; freie
-Luft strömte mich an, und ich sah Alles, <em class="ge">Alles</em> ein!«</p>
-
-<p>»Sieh!« sagte Cölestin mit einem Klange der
-Rede, als hätte eine lange Dissonanz sich gelös't, »so
-<a class="pagenum" id="page_217" title="217"> </a>
-hat auch Dich diese falsche Tony nicht geliebt. Sie
-ist eine Schauspielerinn, die heute im Fache der Intrigue
-siegt, und morgen als gedrückte Unschuld rührt.
-Du warst nur das Vehikel ihres Talents und ihrer
-Zwecke. Sie hat Dich zu der schwersten Rolle gezwungen.
-Armer Freund! ich muß Dich beklagen
-und mich dazu, daß ich Veranlassung dazu gegeben.
-Sprich mir nicht davon, daß sie Dich gepflegt, Dir
-Güte und Liebe bewiesen: auch eine Actrize fühlt,
-und vergießt natürliche Thränen; es liegt eine Fähigkeit
-in der Lüge, daß sie sich selbst für wahr hält. &ndash;
-Wer war denn aber das neue Opfer ihrer aimablen
-Kunst?«</p>
-
-<p>»Ein junger Mediziner, ein Libertin, der Beschreibung
-nach,« antwortete Sylvius »der, zur Zeit Secondairarzt
-des alten Doctors, Gelegenheit gefunden, mit
-Tony schnell bekannt zu werden. Das Aehnliche findet
-sich bald aus. Er hatte einen Ruf nach Liefland
-erhalten &ndash; Tony war immer progressiv. Sie ging
-mit ihm, und die treue Aufsicht jenes würdigen Paares
-ward getäuscht.«</p>
-
-<p>»Und Du?« fragte der Administrator. »Und ich?«
-fragte Sylvius mitleidig zurück und sprach: »es giebt
-Erfahrungen, welche durch ihre glühende Beize die
-ganze Ichheit in ein fremdes Gefühl verschmelzen. Ich
-hätte Gott danken mögen; aber ich konnte nur sein
-<a class="pagenum" id="page_218" title="218"> </a>
-Wunder denken. Als jener reine Geist erschien, verschwand
-der Trug des Blendwerks: denn die Liebe ist
-Licht! ist Befreiung! &ndash; Unsere Ehe war null und
-nichtig. Ich eilte ohne Weilen zu meinem Vater, ihn
-der Sorge um mich zu entheben. Gern hätte ich ihn
-unterstützt mit meiner besten Kraft, diese war mir hin.
-Eine Zeitlang sah er meinen ohnmächtigen Versuchen
-zu, mich zurecht zu finden, dann sagte er: so geht es
-nicht, mein Sohn! gehe nur in die weite Welt, und
-wenn ich auch unterdessen in die <em class="ge">Enge</em> geriethe. Der
-gute Greis! ach! ich verstand ihn, obgleich ein väterliches
-Lächeln mich über den düstern Sinn dieses Ausdrucks
-täuschen sollte. Unsere Familie stammt ursprünglich
-aus Castilien. Dahin reise! sagte mein Vater,
-der es wußte, daß, dies Land zu sehen, ein früher
-Wunsch meines Lebens gewesen war. Die spanische
-Sprache, unser Muttertheil, hatte sich von Geschlecht
-zu Geschlecht vererbt; wenn auch das Wenige, was
-ich überkommen, nur ein Stammeln genannt werden
-konnte, deutlich machen, konnte ich mich doch. O mein
-Freund! diese Reise war mir wie eine Wallfahrt, und
-mit büßender Seele trat ich sie an; ich hoffte, mich
-müde zu träumen an der Wiege meiner Väter. Etwas
-Schöneres als die Einsiedeleien dieses Landes giebt
-es auf der ganzen Erde nicht. Wo die Natur eine
-stille Capelle gebaut, da finden sich auch Spuren öder
-<a class="pagenum" id="page_219" title="219"> </a>
-Hausaltäre, und ein Hauch südlicher Glut webt unter
-diesen heiligen Schatten. Man sieht, der Mensch hat
-die Hand nur leise heben dürfen, um das Höchste
-in Besitz zu nehmen. Die reizende Ueppigkeit des Bodens
-ließ mein armes Herz freudeleer, der Glanz der
-Städte schimmerte mir kein Glück vor, die Verwickelungen
-der Politik zogen mich nicht an, nur die Poesie
-der Einsamkeit war es, was mich rührte. Ich zog
-hin, ich zog her &ndash; die Zeit zog auch vorüber; ich
-forschte nach der Quelle meiner Abkunft &ndash; der Ruhe
-Quell in meiner Brust war mir verschüttet. So hatte
-ich kaum gemerkt, daß meine Baarschaft zu Ende
-ging. Der Schmerz, welcher den Geist reift, ist in
-Betreff auf zeitlichen Vortheil ein Mündel unseres
-Herrgotts. An den Pyrenäen traf ich einen Deutschen.
-Ich fand Gelegenheit, ihm einen wichtigen
-Dienst zu leisten, dann fand ich etwas Seltenes: einen
-Dankbaren. Ich konnte seine großmüthige Erkenntlichkeit
-nicht ablehnen. Wir blieben eine Weile zusammen.
-Er entließ mich nicht, ohne mir das Versprechen
-abgedrungen zu haben, daß ich, wären meine
-Verhältnisse zu lösen, mich seinem Schicksal, seinem
-Glück auf immer anschließen wolle. Er war ein sehr
-bevorzugter Mann, unabhängig, und begünstiget zu
-der Freude, seinen Freunden nützen zu können. Mein
-Vater war todt, seinen Ehrenplatz nahm ein Anderer
-<a class="pagenum" id="page_220" title="220"> </a>
-ein, Fremde schalteten und walteten an heimischer
-Stelle, überall vermißte ich das Geliebte. &ndash; Ich sehnte
-mich, ach Cölestin! ich sehnte mich unaussprechlich zu
-Dir! &ndash; Einmal nur wollte ich Dich wiedersehen und
-Dir sagen, wie Alles gekommen. Dann scheide ich
-für immer. Ich habe die Schuld bezahlt &ndash; wirst Du
-sie auslöschen in Deinem Herzen?«</p>
-
-<p>Der Administrator heftete einen langen, feuchten
-Blick auf seinen Freund und sprach: »lasse es doch gut
-seyn. Dein Andenken war mir nie so verwischt, daß ich
-Dich nicht wieder erkennen sollte. Gott tilgt Alles!
-von den meisten Tugenden heißt es: sie werden einst
-nur <em class="ge">vergeben</em>. Du bist mein Freund und bleibst
-bei <em class="ge">mir</em>.«</p>
-
-<p>Sie hielten sich schweigend umfaßt &ndash; ihre Herzen
-schlugen hoch aneinander, keine Liebe reicht an
-die verzeihende.</p>
-
-<hr />
-
-<p>Am folgenden Morgen hatte Frau Fabia eine lange
-geheime Unterredung mit dem Freunde ihres Schwagers.
-Sie schien einen alten Bekannten in ihm wiedergefunden
-zu haben; ohne lebhaft laut über dies erneuerte
-Verhältniß zu werden. Und daß auch hierin
-die beiden Schwägerinnen zu gleichen Theilen gingen,
-geschah es, daß, ehe die Wintersonne desselben Tages
-<a class="pagenum" id="page_221" title="221"> </a>
-sich neigte, Therese bei der unvermutheten Ankunft
-des Lieutnant Feldmeister in dem Neffen des Majors
-jenen Offizier erkannte, der mit entschlossenem Muthe
-ihr mütterliches Gut vor gänzlicher Einäscherung geschützt
-hatte.</p>
-
-<p>Auch Rudolph stand betroffen, da er die schöne
-junge Frau erblickte. Eine Feuerröthe, der Widerschein
-jener Flammen, schlug in seinem Gesichte aus,
-und eine Wunde, die er im polnischen Kriege davon
-getragen, schmerzte ihn tiefer, als die erst geheilte. Er
-nannte die Gattinn des Constanz: »mein gnädiges
-Fräulein!« Therese hatte sich reizender noch entfaltet;
-ihre Augen leuchteten unstät und frühlingskräftig wie
-Sterne am Firmament einer warmen Mainacht, der
-Blick einer <em class="ge">Frau</em> ist ein sanftes, bestimmtes Licht am
-häuslichen Horizont. Sogar in dieser kalten Jahreszeit
-verschmähete Therese das Häubchen, und trug das
-braune Haar üppig frei, als könne ihr Flattersinn
-selbst einen Zwang von Flor und Band nicht dulden.
-Alle ihre Bewegungen hatten den tanzenden Rhythmus
-der Freude; der Gang einer Gattinn ist schwerfällige
-Prose und schreitet nur unter dem Klingklang
-eines Schlüsselbundes einher. Kein Gewicht dieser
-Art beschwerte den Gürtel dieser leichten schwebenden
-Gestalt. Zwar hing in ihrem rechten Ohr ein winziger
-Schlüssel von Gold und Demant, und in dem
-<a class="pagenum" id="page_222" title="222"> </a>
-linken das dazu passende Schloß; doch ohne daß der
-erstere etwas Anderes eröffnet, als den Geschmack im
-Putz &ndash; das letztere ein volles Herz bewahrt hätte.&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>Als Rudolph nun hörte, daß er eine Strohwittwe
-vor sich sähe, da meinte er, seine Hoffnung, daß der
-Zufall ihn wohl nicht umsonst mit diesem anziehenden
-Wesen zusammenführe, wäre auf eine taube Aehre
-gefallen.</p>
-
-<p>Auch Therese fühlte sich durch den Anblick des
-Lieutnants in die Vergangenheit entrückt. Sie hörte
-im Geiste das Schießen der Feinde &ndash; Thränen schossen
-in ihre Augen und schleierten das Bild der blassen
-Mutter ein.</p>
-
-<p>Als der Major seinem Neffen die Verhältnisse des
-Hauses auseinander setzte, konnte Rudolph vor Allem
-die seltsame Ehe Theresens nicht fassen. Er schüttelte
-den Kopf und sprach: »Sie kann nur an den Mann
-im Monde verheirathet seyn. Nur <em class="ge">diese</em> Entfernung,
-und die Kälte des Planets macht es denkbar, solch
-ein himmlisches Weib Jahrelang missen zu können.
-Und welche Gleichgültigkeit liegt darin, eine Frau, wie
-diese, dem Bruder zu überlassen, der doch ziemlich jung
-und ein sehr hübscher Mann ist! &ndash; Die vertraulichen
-Beziehungen ihres Zusammenlebens&nbsp;&ndash;« »sind
-eine Höllenplage für ihn, der gern friedlich wäre,« unterbrach
-der Major seinen Neffen, indem ein sarcastisches
-<a class="pagenum" id="page_223" title="223"> </a>
-Lächeln des Oheims dem Lieutnant zu denken
-gab. »Es ist sehr möglich,« fuhr Jener fort, »daß
-dieser ärmste Prälat ein Cölibateur bleibt, wie seine
-geistlichen Namensbrüder, bloß weil er das Glück genießt,
-der Schutzherr zweier Frauen zu seyn. Wer
-mit der Schönsten familiair umzugehen ein Recht hat,
-verliebt sich selten in sie. Du, mein Junge, sprichst
-wie der Blinde von der Farbe.«</p>
-
-<p>Die Schwägerschaft nahm plötzlich wandelnd eine
-hellere in den Augen des Neffen an.</p>
-
-<p>Das Leben der Hausgenossen im Stifte gestaltete
-sich nun um vieles anders. Der Administrator war
-sichtlich erheitert, seit er den Freund zur Seite hatte,
-und seine Gesundheit kräftigte sich zusehends. Sie
-ritten täglich zusammen aus, Pläne zu Verbesserungen
-der Güter beschäftigten sie daheim. Ein gemeinnütziger
-Ernst, der sich gegenseitig mittheilte, ließ sie Bedacht
-auf Alles nehmen, was dem Wohl der äußern
-Angelegenheiten förderlich werden könnte. Sie tauschten
-ihre Ansichten aus &ndash; und ein solcher Freund hatte
-dem Verweser nur gefehlt, daß er seine Stellung sich
-mit Lust und Liebe aneigne. &ndash; Der Oberförster war
-ein bejahrter Mann; Cölestin dachte, seinem Freunde zu
-diesem Posten helfen zu können, so würde die Zukunft
-sie nicht mehr trennen. Auch gab es für einen so fähigen
-Kopf auf jeder Stelle Beschäftigung, und Sylvius
-<a class="pagenum" id="page_224" title="224"> </a>
-nützte den Renten des Klosters, während er der
-Gast des Hauses war und blieb. Andererseits war
-dem Administrator nicht minder geholfen. Er schloß
-sich lediglich an den Gefährten an, und vergaß über
-ihrem männlichen Thun, was er längst lassen sollen,
-sich der Zufriedenheit seiner Damen anzunehmen. Ob
-die Frauen sich vertrügen oder nicht, es kümmerte ihn
-kaum noch, und Sylvius überzeugte ihn vollends, daß
-die Weisheit und Gerechtigkeit in höchster Person
-weibliche Ansprüche nicht auszugleichen vermöge. &ndash;
-Seit die Schwägerinnen keinen Schiedsrichter mehr
-hatten, brauchten sie auch keinen mehr. Frau Fabia
-war aus ihrem frommen Hinbrüten aufgescheucht worden.
-Sie ging gesellig in manche ihrem Wesen fremdartige
-Idee ein, und war nicht so finster als sonst.
-Die tiefe Fuge ihrer Tonart hatte sich in Harmonie
-gelös't, und ein besserer Einklang zwischen ihr und
-Theresen niemals Statt gefunden. Fabiens Sorge
-um den Schwager wendete sich, da er gesund geworden
-war, mehr seinem Freunde zu, der an einer unheilbaren
-Krankheit des Gemüths zu leiden schien.
-Sie achtete selbst weniger auf Josephine. Diese
-brachte jeden Augenblick, der zu erübrigen war, bei
-der Nonne hin, da Schwester Veronica sich der fremden
-Männer wegen zurückgezogen hatte.</p>
-
-<p>Therese war liebenswürdiger als je. Sie machte
-<a class="pagenum" id="page_225" title="225"> </a>
-tausend kleine liebreizende Gefälligkeiten geltend, die
-ihr zu Gebot standen, und selbst Fabia mußte sich
-gestehen, daß, wenn sie <em class="ge">wolle</em>, ihr nicht zu widerstehen
-sey. Sie entschuldigte heimlich den Administrator,
-daß er parteiisch gewesen. &ndash; Und seltsam! gerade
-jetzt zeigte sich Cölestin so kühl und selbständig, als
-hätte dieser Zauber seine Kraft an ihm verloren.&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>»Der alte Feldmeister ist aus dem Felde geschlagen&nbsp;&ndash;«
-sagte der Major zu dem jungen, und leise
-sprach in seinem Tone eine krankhafte Empfindlichkeit
-an. »Dieser Freund, dieser Fremde, der mir nicht
-sonderlich behagt, füllt die Zeit und das Herz des
-Administrators aus. Ein Glück, daß ich Dich hier
-habe, Rudolph.« Faust knurrte eifersüchtig, als der
-Oheim bei diesen Worten dem Neffen die Hand
-reichte.</p>
-
-<p>In der That würde die Freundschaft des Majors
-kaum einem Gefühl der Zurücksetzung entgangen seyn,
-wie wenig Cölestin sich auch derselben bewußt gewesen,
-wären häufige Anfälle der Gicht, die den Ersteren an
-sein Zimmer fesselten und die Anwesenheit des Lieutenants
-nicht zur Entschuldigung für den Administrator
-geworden. So oft das Befinden des Majors leidlich
-war, vereinigte sich die kleine Gesellschaft. Dann
-spielte Rudolph mit Theresen Schach, und immer ward
-sie eine Siegerinn. Es gelang ihm nie, den Ruhm
-<a class="pagenum" id="page_226" title="226"> </a>
-seines Namens gegen ihre kleinen Finessen zu behaupten.
-»<em class="ge">Einmal</em> gewinne ich doch!« schwor er bei
-jeder Niederlage. Therese lächelte nur.</p>
-
-<p>Wenn der Hauptmann erzählte, der ganz Europa
-durchreis't seyn wollte, dann sah Rudolph zu Boden
-auf die Spitze von Theresens Fuß, und mit so tiefsinnigem
-Blick, als gälte es, die Pointe seines Lebens
-ins Auge zu fassen. Der Oheim drohete ihm einst
-mit dem Finger. »Du denkst gewiß an die Geschichte
-vom Pantoffel&nbsp;&ndash;« sprach er neckend, »höre doch unserm
-Moorhausen zu, der eine lebendige blaue Bibliothek
-aller Nationen ist.« Er klopfte den Hauptmann
-auf die Uniform &ndash; dieser, unwissend über jene Sammlung
-Mährchen, machte eine geschmeichelte Miene.&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>Frau Fabia sah es gern, daß Josephine so wenig
-Interesse an der Nähe des jungen Offiziers nähme;
-für Sylvius hingegen äußerte das Mädchen eine stille
-innige Theilnahme, welche ihre Pflegemutter vollkommen
-zu billigen schien. Er ertheilte auf den Wunsch
-derselben Josephinen wissenschaftlichen Unterricht, und
-ein zartes geistiges Band hielt den Lehrer und die
-Schülerinn zusammen, oft lange über die gegebene
-Stunde, und auch außer der Zeit, welche diesem Zwecke
-gewidmet war. Und Fabia zürnte nie, wenn Josephine
-lernend oder liebend nach ihrer Weise einen
-Auftrag versäumte. Genug, aller Kampf, sogar der
-<a class="pagenum" id="page_227" title="227"> </a>
-Streit der Pflichten schien zu Ende, seit das Opferfest
-zum Geburtstag des Administrators unterbrochen worden
-war, und die Weihnachtsglocken hatten längst
-ausgeklungen, als unsichtbare Engel noch immer über
-der Klosterflur von Sanct Capella schwebten, welche
-sangen: »Friede auf Erden! und dem Menschen ein
-Wohlgefallen.«</p>
-
-<p>Das neue Jahr war schon um einen guten Schritt
-vorgerückt, und der Tag verlängerte sich merklich, da
-kam die Nachricht, daß der Lieutnant Feldmeister versetzt
-sey in eine ferne Garnison, und schleunigst fort
-müsse. Das Invalidencorps fühlte sich durch diese
-Ordre wie auf Feldetat gesetzt, es gab Allarm, der
-junge Offizier war Allen lieb und werth geworden.
-Auch der Familienkreis des Administrators empfand
-die Lücke, die nun bald entstehen würde. Therese
-ging umher, als hätte sie ihr ganzes Glück, ihr Glück
-auf immer verloren &ndash; und der Major sagte zu sich
-selbst: »Therese ist schachmatt &ndash; es ist Zeit, daß das
-Spiel aufhört.«</p>
-
-<p>Am Abend vor dem Tage, wo der Lieutnant Feldmeister
-das Stift verlassen sollte, saß Schwester Veronica
-allein in ihrem Stübchen und blätterte in dem
-Herbarium ihres Vaters. Tiefe Stille war um sie
-her, ein heiterer Winterfriede durchathmete die Zelle.
-Des Lichtes Flamme brannte wie gemalt, der warme
-<a class="pagenum" id="page_228" title="228"> </a>
-Glanz des weißen Oefchens spiegelte sie in blendenden
-Funken zurück, und das Knistern der innen glimmenden
-Kohlen störten feuerheimlich diese lautlose Ruhe
-nicht. Das große Lebensbuch der Pflanzen lag vor
-der Nonne aufgeschlagen; ihr Auge leuchtete in sanftem
-Vergnügen. Sie suchte: <em class="ge">die Liebe im Nebel</em>
-&ndash; eine Gattung der Passionsblume. Und wie sie
-Blatt um Blatt wendete, gingen alle Frühlinge, die
-sie gelebt, an ihr vorüber, und der botanische Garten,
-darin sie gewohnt, blühete mit den Freuden ihrer Jugend
-auf. Sie sah den Vater heiß vor Lust, unter
-dem glühenden Strahl der Mittagssonne, weil keine
-andere Zeit ihm blieb, betrachtend stehen, die Mutter,
-wie sie in der Mondkühle einsam unter den Gängen
-des verlornen Paradieses auf und nieder wandelte, mit
-traurigen Gedanken, die auf der verbotenen Frucht
-verweilten, welche eine verführerische Schlange dem
-Gatten reichte. Sie hörte den Baum rauschen, unter
-dem der geliebte Bräutigam einer Andern Treue versprach,
-und mit dem Regen jener Stunde, dem so
-viele Thränen nachgeflossen, rieselten leise Schauer der
-Erinnerung über das Herz der guten Nonne. Da
-naheten eilende Schritte, die Thüre ging auf, ohne daß
-Jemand angeklopft hätte, und Josephine trat herein,
-scheu und hastig. Schwester Veronica hob den Blick
-auf, der ängstlich auf dem lieben Kinde haftete, und
-<a class="pagenum" id="page_229" title="229"> </a>
-sprach: »was ist Dir, Mädchen? Dein Gesicht brennt,
-Du siehst aus, als hättest Du geweint, oder als würde
-es eben geschehen, und der große Schlüssel zittert in
-Deiner Hand?«</p>
-
-<p>Josephine antwortete mit erstickter Stimme: »<em class="ge">mir</em>
-hat Niemand etwas zu Leide gethan, und doch fühle
-ich so. Ach liebe Veronica! ich habe etwas Entsetzliches
-erfahren &ndash; das lege ich nieder in Ihre tiefste
-Brust.«</p>
-
-<p>»Es bleibt darin begraben&nbsp;&ndash;« versicherte die
-Nonne feierlich leise und mit der Kraft des Schweigens,
-»sprich ruhig, mein Kind.«</p>
-
-<p>Mit gebundenem Athem begann Josephine: »ich
-ging, wie Sie wissen, in die Capelle, die Lampe mit
-Oel zu versehen. Immer freue ich mich auf dies
-kleine Geschäft bei dem ich länger verweile, als nöthig
-wäre. Dort stört mich nichts in meinen stillen Träumen.
-Das Herz ist mir jetzt zuweilen so gedrückt,
-so enge &ndash; als fände ich nirgend Raum für Wünsche,
-die ich nicht zu nennen weiß, den ausgenommen, daß
-ich einst in dieser Capelle ruhen mögte. So ist die
-Maria wie meine gute Freundinn, die es versteht,
-was ich keinem klagen kann. Als der Docht
-der Lampe aufglomm, nachdem ich sie getränkt, und
-dieser Schimmer an das Gewand schien, wie wenn
-der Mond über dem Wasser schillert, da war es mir,
-<a class="pagenum" id="page_230" title="230"> </a>
-als würde ihr todtes Auge hell, und sie spräche: gieb
-Dich zufrieden! wir wollen sehen!&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<p>»Die Liebe, meine gute Josephine,« schaltete Schwester
-Veronica ein, »gewinnt Allem Leben ab, wie der
-Glaube eine Seele des Trostes. Das ist der wahre
-lebendige Hauch aus Gott, und ein ewiges: es werde
-Licht! &ndash; Die Welt wandelt in Schatten des Todes
-und ihre Werke sind finster. Die Heiligen sehen das
-Werk an und vergelten auch den kleinsten Dienst. Es
-wird Dir gewiß wohl gehen auf Erden. Du wirst lange
-leben, und so betrübt es mich, daß Du in so jungen
-schönen Jahren schon an Dein Begräbniß denkst.«</p>
-
-<p>Josephine sah die Nonne mit bangem Lächeln an.
-»Und was geschah denn nun, mein liebes Kind?«
-fragte diese, »fasse Dich, mir es sagen zu können.
-Ich will Dich zu trösten suchen, mit Gottes Hülfe.«</p>
-
-<p>Das Mädchen schüttelte leise den Kopf und sprach:
-»als ich noch sinnend stehe, vernehme ich ein schnelles
-Kommen und Flüstern. Nun ist es recht besonders,
-Schwester Veronica, mit den Geistern halte ich Zwiesprach,
-als wären sie meine Geschwister, und vor Menschen
-fürchte ich mich? &ndash; Ich schlüpfte in den Beichtstuhl
-und duckte unter &ndash; es war nur ein Augenblick,
-ich wußte selbst nicht, was ich that. Da erkannte ich
-Theresens Stimme im Gespräch mit einem Manne,
-und ich merkte sogleich, daß es der Lieutnant Feldmeister
-<a class="pagenum" id="page_231" title="231"> </a>
-wäre. Sie redeten höchst vertraut. Hier sind wir
-allein &ndash; sagte er, als sie in die Capelle traten, hier
-sucht uns Niemand. Vergessen Sie nicht, antwortete
-ihm Therese, daß die wächserne Mutter Gottes das
-Verlorene sucht, und verloren wäre ich, wenn man
-uns hier zusammenfände. &ndash; Sie machte ihm hierauf
-zärtliche Vorwürfe über seine verfolgende Leidenschaft.
-Einige Minuten <em class="ge">müssen</em> Sie mich hören! betheuerte
-er, und &ndash; o Veronica! was läßt sich in ein paar
-Minuten sagen! ich meine, Therese hätte ihr Lebelang
-darüber zu denken. Sie lieben sich &ndash; sie lieben sich
-schon lange. Und Therese ist die Frau eines andern
-Mannes! &ndash; Wenn das der redliche Major wüßte!
-und &ndash; und &ndash; der Unglückliche schwor, wenn er sie
-zum drittenmale finden sollte, dann müsse sie sein werden,
-und wäre sie mit Ketten an dem Himmel geschlossen.
-Ich habe nicht gedacht, daß ein Mensch so reden
-könnte &ndash; jedes Wort war ein Funken, der zündete.«</p>
-
-<p>Schwester Veronica sah mit bekümmertem Blick
-die brennenden Wangen des Mädchens, und seufzte
-tief, daß diese fromme Unschuld Zeuginn solch einer
-leidenschaftlichen Scene gewesen. »Den armen Constanz
-verurtheilte er&nbsp;&ndash;« fuhr Josephine mit einer ihrem
-Wesen fremden, feindlichen Regung fort: »und seine
-Gattin duldete es. Dem Onkel gönnte er das Glück
-ihrer Nähe nicht, <em class="ge">ihm</em>, der die Frau seines Bruders
-<a class="pagenum" id="page_232" title="232"> </a>
-in freundlichen Schutz genommen, und gar manche
-Unbill wegen ihr ertragen hat! ich weiß das am besten.
-Dann sank er ihr zu Füßen &ndash; dann küßte er sie &ndash;
-o Gott!« »Er küßte sie!« wiederholte die Nonne leise,
-auf deren keuscher Lippe nie der Kuß eines Mannes
-geblüht. »Du armes Kind! ja, das mag eine Angst
-gewesen seyn. Angesichts der heiligen Jungfrau entblödeten
-sie sich dieser Sünde nicht! &ndash; Und der
-junge Mann scheint sonst ein liebenswürdiger Mensch.«</p>
-
-<p>»Ach! ich bin dem Lieutnant böse&nbsp;&ndash;« sagte Josephine,
-»das ist nicht edel von ihm gehandelt; ich denke,
-ein Mann muß seine Leidenschaft bezwingen können.
-Es hatte mir so gut von ihm gefallen, wie er sich
-jener alten Dame angenommen &ndash; Sie kennen die
-Geschichte&nbsp;&ndash;! nun aber verfällt er selbst in ärgeren
-Wahnsinn, verliert den Kopf, und Der sich so tapfer
-schlug, daß die Schwäche des Alters in Ehren gehalten
-würde, kann sich einen Gedanken nicht aus dem
-Sinne schlagen, der die Würde einer jungen Frau beleidiget,
-die wohl noch schwächer ist. &ndash; O! das ist
-nicht löblich! das ist eine Verletzung des Gastrechts.«</p>
-
-<p>»Du hast ganz Recht, mein Töchterchen,« antwortete
-die Nonne, »und Gott behüte mich, daß ich beschönigen
-wolle, was sich nicht billigen läßt; nur meine
-ich, der junge Feldmeister sey bethört, sich selbst entfremdet,
-und Therese mag ihm wohl reichlich Gelegenheit
-<a class="pagenum" id="page_233" title="233"> </a>
-gegeben haben. Diese scheint mir in sofern zu
-entschuldigen, daß sie gleichsam nur ein kurzes Achtel
-verheirathet war, und eine lange Pause ist für dies
-lebendige Allegro nicht. Wie endete sich denn nun
-diese Zusammenkunft?«</p>
-
-<p>»Ich seufzte zu Gott,« sprach Josephine, »daß ich
-erlöset werden mögte, und kaum war dieser flehende
-Gedanke aufgeflogen, da flatterte eine Motte aus dem
-Busen der Maria, und schwirrte mit singendem Geräusch
-um das Flämmchen. Dieser kleine Zufall
-scheuchte die Liebenden hinweg. Ich zitterte an allen
-Gliedern und mußte mich erst erholen. Wer aber
-hatte mir denn was gethan? Was geht es mich an,
-Wen Therese liebt? Und doch war es mir, als hätte
-man ein tiefes Gefühl in mir verletzt.«</p>
-
-<p>»Wo die Tugend leidet,« versetzte Schwester Veronica,
-»da leidet eine reine Seele mit, und der Schmerz
-dieser Erfahrung ist groß. O mein Kind! Treue ist
-unser einzig Glück auf Erden! selbst den Nichtliebenden
-rührt sie mit einem zärtlichdauernden Gefühl, was
-sich erwerben läßt. &ndash; Treue ringt den Himmel nieder
-in Deinen Besitz &ndash; sie ist ein Strahl der ewigen
-Liebe. Ein wankendes Herz findet nirgend Ruhe.
-Wir wollen Theresen bedauern. Sie macht Keinen
-glücklich, und sich am wenigsten. Wenn ihr Gemahl
-<a class="pagenum" id="page_234" title="234"> </a>
-nun heute oder morgen kommt, mit welchem Blicke
-soll seine Frau vor ihm stehen?«</p>
-
-<p>Josephine sah mit einem flammenden der Nonne
-in das Gesicht, und diese mogte vielleicht an den Engel
-des Gerichts denken. Sanften, entwaffnenden Tones
-setzte sie hinzu: »Gott senke Kraft in Deine junge
-Seele, an der Liebe des Nächsten zu halten, denn nur,
-Wer beharret, merke Dir es, mein Mädchen &ndash; der
-wird selig!&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<p>Josephine schmiegte sich an die Brust der Nonne
-und fühlte das treueste Herz schlagen. Sie schämte
-sich, entrüstet gewesen zu seyn, vielleicht zum erstenmale
-in ihrem Leben &ndash; und aus der tiefsten Quelle
-des weiblichen Gemüths drangen Thränen, herbe und
-doch hoffnungsvoll, in ihre milden Augen.</p>
-
-<hr />
-
-<p>Ein paar Monate waren seitdem vergangen. Sanct
-Capella, von der höher steigenden Sonne bestrahlt,
-glänzte wie eine weiße Glockenblume mit goldnem
-Kelche zwischen dem aufgrünenden Frühling. Im
-Stifte selbst sah man den schönen Tagen, die nun
-kommen würden, mit drängender Erwartung entgegen.
-Man nahm sie gleichsam voraus. Frau Fabia ordnete
-diesmal das große jährliche Waschfest zeitiger als
-sonst an, und als der April sein Wechselrecht geltend
-<a class="pagenum" id="page_235" title="235"> </a>
-machte, und einen hurtigen Regen über das sonniggetrocknete
-Linnen ausgoß, behielt ihr Gesicht seine
-Heiterkeit, der beste Beweis von dem beständigen Wetter
-in der Laune der guten Hausfrau.</p>
-
-<p>Schwester Veronica, bedrängt von jener heiligen
-und tiefen Wehmuth, die sich ihrer sanften Schmerzen
-schämt, schlich jetzt manchmal im Mondschein auf den
-Kirchhof des Klosters und mit schwellendem Herzen
-die Mauer entlang, woran der Flieder knospete. Wenn
-sie in ihrem weißen Gewande zwischen den Gräbern
-wandelte, im geistigen Verkehr mit den Schatten der
-schlafenden Schwestern, glaubte man Libitina, die stille
-Göttin der Todten zu sehen.</p>
-
-<p>Die Offiziere suchten mit frischangeregter Lebenslust
-das Freie. Major Feldmeister warf den Pelzstiefel
-zusammt dem Podagra abseits, und rief: »da liege,
-daß du berstest! ich habe es nun satt, und <em class="ge">will</em> gesund
-sein!« Er schritt herzhaft einher. Die großen
-Fenster waren geöffnet, die Thüren standen weit offen,
-als solle der Winter ausziehen. Herr Prälat, empfindlich
-gegen den Zug, ging als der Zeus des Hauses
-mit einer Donnerstirn von einem Flügel zum andern,
-und blitzte hier und da heftig zu. Ein thatenlustiger,
-rühriger Geist war in den Administrator gefahren.
-Er sträubte sich beinahe ungebehrdig gegen
-die krankhafte Ruhe, die seine Kräfte bisher unterdrückt
-<a class="pagenum" id="page_236" title="236"> </a>
-hatte, gegen die Pflege der Weiber. Fabia schalt ihn
-undankbar, wenn er eine Maßregel ihrer Vorsicht für
-unnütz erklärte. Sie meinte nach Art einer erzürnten
-Prophetinn: dieser Uebermuth werde ihm schlimm bekommen.
-Doch Josephine freuete sich und sagte leise:
-»Er ist jetzt um Vieles besser.«</p>
-
-<p>Therese ließ ihren Schwager gewähren. Sie ging
-spazieren früh und spät auf geheimnißvollen Wegen,
-und nicht selten brachte ein Führer die Verirrte zurück.
-Frau Fabia sagte kein entscheidendes Wörtchen
-über diesen entschiedenen Müssiggang. Sie wärmte
-geduldig das Essen, wenn Therese die Stunde der
-Mahlzeit versäumte, doch keine begangenen Fehler mehr
-auf. Fabia wußte vielleicht, daß Theresens Seele unter
-einer größeren Last arbeitete, als früherhin ihr
-Leichtsinn und ihre Lässigkeit Andern aufgelegt hatte.&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>Als einstmals Therese von einem weiten einsamen
-Ausflug spät nach Hause kam, die Hände voll selbstgepflückten
-Veilchen, sah sie einen ausgespannten
-Reisewagen vor dem Stifte stehen, dessen helles Gelb
-wie eine große Mondscheibe durch das Dämmern des
-Frühlingsabends leuchtete. Sie stieß einen kurzen
-Schrei aus, und ihr war in diesem Augenblicke, als
-stieße er ihr das Herz ab. Sie floh dem Kloster zu,
-und stürzte außer Athem in das Wohnzimmer. Constanz
-war vor einer Stunde angekommen. Seine Frau
-<a class="pagenum" id="page_237" title="237"> </a>
-zu suchen, hatte man Boten nach allen Richtungen ausgesendet.
-Sie rang die Hände um seinen Nacken;
-diese Gebehrde sah aus wie Liebe, wie Jammer, und
-konnte beides seyn. Der Diplomat stand mit Veilchen
-beschüttet und zitterte sichtbar. Therese verbarg ihr
-Gesicht, ohne in das seine zu sehen, an der Brust
-ihres Mannes. Er hob es empor und drückte heiße,
-langentbehrte Küsse auf ihren krampfhaft lächelnden
-Mund. Die Familie war versammelt, auch &ndash; der
-Zufall hatte es gefügt &ndash; Major Feldmeister und
-Schwester Veronica, als sollte Niemand fehlen, der
-näheren Theil an diesem Ereigniß nähme.</p>
-
-<p>Constanz hatte sich nach dem stillen Bemerken seines
-Bruders auffallend verändert. Die Sonne seiner
-Reisen hatte ihn gebräunt, seine scharfausgeprägten
-Züge hatten den Schmelz der Jugend, und den liebenswürdigen
-Ausdruck unbewußter Herzlichkeit verloren.
-Staatsmännisches Interesse war dem Ernst
-der sinnenden Miene tief eingedrückt, und über seine
-Stirne eilte ein Gewölk von Sorgen, wie getrieben
-von einem innern Sturm.</p>
-
-<p>»Meine Therese! mein einziges Weib!« sagte Constanz
-mit einer Rührung, die ihm schön stand: »Du
-bist bleich und ein wenig abgekommen &ndash; Du hast
-Dich wohl um mich geängstet? Du bist mir nicht
-<a class="pagenum" id="page_238" title="238"> </a>
-böse? Du machst mir keine Vorwürfe? diesen gütigen
-Empfang habe ich nicht verdient.«</p>
-
-<p>»Ich mache Dir keine Vorwürfe&nbsp;&ndash;« antwortete
-Therese mit gepreßter Stimme, und lauter sagte ihr
-Gewissen, Wer von ihnen eigentlich <em class="ge">so</em> fragen müßte.
-Aber nun brach Therese in ein convulsivisches Weinen
-aus. Constanz schien über diese äußerste Wirkung
-der Freude betroffen. Er hielt seine Frau für krank.</p>
-
-<p>Josephine stand mit der Nonne an einem Fenster.
-Sie wendete sich ab, und sprach leise zu Schwester
-Veronica: »wie ist dies möglich, so falsch zu seyn gegen
-die redlichste Liebe? &ndash; Wenn ich Theresen in
-den Armen ihres Mannes sehe und daran denke, daß
-vor kurzer Zeit&nbsp;&ndash;« Josephine schauderte in sich hinein.</p>
-
-<p>»Das mußt Du zu vergessen suchen&nbsp;&ndash;« flüsterte
-die Nonne, »mir kommt diese wunderliche Freude wie
-Seelenangst vor. Ach! Therese könnte jetzt getreu
-und getrost in das Auge blicken, was sie so entzückt
-betrachtet! und sähe es tiefer auf den Grund ihrer
-Thränen, es würde sich wohl lieber schließen für
-immer.«</p>
-
-<p>Constanz war nach seinem Wunsch versorgt; schon
-in der nächsten Frühe ging er nach dem Orte seiner
-Bestimmung ab, und Therese mußte bereit seyn, ihn
-zu begleiten. Sie erschrak doch über diese Kürze.
-Fabia erbot sich dienstfertig, ihr das Einpacken zu besorgen.
-<a class="pagenum" id="page_239" title="239"> </a>
-Sie solle sich um nichts kümmern, und ihr
-Glück genießen.&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>Der Administrator lächelte. Er wollte den Worten
-seiner Schwägerinn eine leise Ironie abgemerkt
-haben. Aber Therese ließ sich zum erstenmale nicht
-von der thätigen Fabia übertragen. Sie rüstete Alles
-selbst zur Abreise. So verging dieser Abend drangselig.
-Man kam zu keinem ruhigen Genuß des Beieinanderseyns.
-Constanz schien sehr ermüdet, und der
-ältere Bruder machte ihm freundliche Vorwürfe, sich
-und den Seinen mindestens nicht <em class="ge">einen</em> Tag der
-Rast gegönnt zu haben. Und Jener sprach: »ich bin
-an diese erschöpfende Eile gewöhnt, und daran, die
-Erfüllung meiner Wünsche, und Alles, was ich liebe,
-nur im Fluge zu berühren.« Endlich zog die Nacht
-mit einer kurzen beschwichtigenden Pause vorüber.
-Noch blickte der Morgenstern am Himmel, da kamen
-die vier Pferde Extrapost schon von Leidthal, welche
-dem Constanz bewilliget worden. Das ganze Stift
-war in Allarm. Die alten Offiziere standen in Parade,
-der jungen schönen Frau die Honneurs zum
-Abschied nicht zu versäumen.</p>
-
-<p>Therese schien verweint, ehe sie noch Jemand Lebewohl
-gesagt hatte. Lange hing sie am Halse des
-Schwagers und konnte sich nicht losreißen. Dann
-küßte Schwester Veronica ihr einen leisen Segenswunsch
-<a class="pagenum" id="page_240" title="240"> </a>
-auf die bethränten Lippen. Nun umarmten
-sich die Schwägerinnen und Therese sprach: »denke
-meiner nicht in Groll &ndash; ich habe Dich oft gekränkt,
-Fabia!« die Stimme erstarb in Schluchzen.</p>
-
-<p>Und Fabia erwiederte: »still davon, Therese! auch
-ich habe gefehlt. Wir scheiden in Frieden, und der
-Herr geleite Dich!«</p>
-
-<p>Nun kam die Reihe an Josephine, an Sylvius,
-an den alten Feldmeister und die Uebrigen. Dem
-Major reichte Therese die Hand, und drückte die seine
-inniglich und noch einmal, als wisse der Alte schon
-für Wen? &ndash; Ihrem Gemahl dauerte dies Valet zu
-lange. Er hatte das seine in summarischer Kürze
-abgegeben, den Bruder ausgenommen. Seine Meinung
-war: man müsse den Schmerz solcher Scenen
-verkürzen, ja vermeiden, wo möglich; aber die Weiber
-ließen sich keine einzige Thräne unterschlagen, die sie
-mit Fug und Recht vergießen durften. Sprach's, und
-schob seine Frau mit einem schmerzverachtenden Lächeln
-in den Wagen. Noch einmal strahlte Theresens
-Blick durch einen doppelten Schleier das ganze Commitat
-an; die Offiziere verbeugten sich unwillkürlich
-dienstmäßig, die Nonne schrieb ein Kreuz in die blaue
-Luft, Constanz winkte herzlich &ndash; und der Postillon
-stieß in das Horn, daß der schmetternde Hall von
-den Wölbungen des Klosters wiedertönte. Dieser Ton
-<a class="pagenum" id="page_241" title="241"> </a>
-fand ein geheimnißvolles Echo in der tiefsten Seele
-des Administrators und ein Grauen strich über seine
-Nerven. Es erschütterte ihn dieser Klang, wie jener,
-als er am Sterbebette des Vaters den Bruder die
-kleine Trompete blasen hörte. &ndash; Und als der Wagen
-nun pfeilschnell entrollte, das gastfreundliche Stift weit
-und weiter zurückwich, die Gehöfte von Sanct Capella
-verschwanden, nun auch das letzte Häuschen vorbeigeflogen
-war, und jetzt der Horizont über der erwachenden
-Landschaft sich so klar vor ihnen aufthat, da gedachte
-Constanz an die Worte der Gesandtinn: er würde
-einst mit Extrapost in den Himmel fahren.</p>
-
-
-<p class="mt2 ce">Ende des ersten Theils.</p>
-
-<hr />
-
-
-
-
-<h2>Hinweise zur Transkription</h2>
-
-
-<p class="in0">Das Originalbuch ist in Frakturschrift gedruckt. In dieser Transkription
-werden <em class="ge">gesperrt</em> gesetzte Schrift sowie Textanteile in <i>Antiqua-Schrift</i>
-hervorgehoben.</p>
-
-<p class="in0">Der Text des Originalbuches wurde grundsätzlich beibehalten, einschließlich
-uneinheitlicher Schreibweisen wie beispielsweise
-"irdisch" &ndash; "irrdisch", "ist's" &ndash; "ists", "Lieutenant" &ndash; "Lieutnant", "Obristin" &ndash; "Obristinn",</p>
-
-<p class="in0">mit folgenden Ausnahmen,</p>
-
-<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_013">13</a>:<br />
-"«" eingefügt<br />
-(sie eine kleine alte anspruchslose Rolle übernähme.«)</p>
-
-<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_014">14</a>:<br />
-"ihrers" geändert in "ihres"<br />
-(welches sie durch den Beistand ihres Schwagers gewonnen)</p>
-
-<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_021">21</a>:<br />
-"." eingefügt<br />
-(und enteilte auf den Ruf seiner Pflicht.)</p>
-
-<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_041">41</a>:<br />
-"," eingefügt<br />
-(ein Gedanke dieses Augenblicks voll Grauen, voll Schmerz)</p>
-
-<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_045">45</a>:<br />
-"Abendmal" geändert in "Abendmahl"<br />
-(ehe ich aber das heilige Abendmahl wo anders halte)</p>
-
-<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_051">51</a>:<br />
-"«," geändert in ",«"<br />
-(»Taugt nichts,« unterbrach hier der Major)</p>
-
-<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_059">59</a>:<br />
-"»" eingefügt<br />
-(»Ich band mein Pferd an eine Säule)</p>
-
-<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_059">59</a>:<br />
-"Augenblck" geändert in "Augenblick"<br />
-(daß ich einen Augenblick verziehen mögte)</p>
-
-<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_068">68</a>:<br />
-"»" eingefügt<br />
-(»nimm fünf Loth <em class="ge">Ernst</em>)</p>
-
-<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_083">83</a>:<br />
-"«," geändert in ",«"<br />
-(»Schwester Veronica,« sagte Fabia)</p>
-
-<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_085">85</a>:<br />
-"beflanzt" geändert in "bepflanzt"<br />
-(mit tropischen Gewächsen bepflanzt)</p>
-
-<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_092">92</a>:<br />
-"«" eingefügt<br />
-(weshalb ich denn auch so zaghaft wäre.«&nbsp;&ndash;)</p>
-
-<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_095">95</a>:<br />
-"»" eingefügt<br />
-(»ja, mein Kind, wir müssen wohl den Blick schonend bedecken)</p>
-
-<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_107">107</a>:<br />
-"Gesellschafft" geändert in "Gesellschaft"<br />
-(ihm doch ein wenig Gesellschaft leisten)</p>
-
-<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_116">116</a>:<br />
-"Schwal" geändert in "Schawl"<br />
-(Ein echter Schawl, an den der matte Kopf sich schmiegte)</p>
-
-<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_120">120</a>:<br />
-"»" eingefügt<br />
-(»Fasttage halte ich gar nicht)</p>
-
-<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_127">127</a>:<br />
-"«" eingefügt<br />
-(mein heiliges Amt zu Gunsten Ihres Wunsches üben.«&nbsp;&ndash;)</p>
-
-<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_128">128</a>:<br />
-"«" hinter "&ndash;" entfernt<br />
-(der Tod soll ja eine neue Geburt seyn. &ndash;)</p>
-
-<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_137">137</a>:<br />
-"eine" geändert in "einen"<br />
-(die sich nie gegen einen Vorwurf vertheidigte)</p>
-
-<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_143">143</a>:<br />
-"«" eingefügt<br />
-(hat mir das Gedächtniß abwärts gezogen.«&nbsp;&ndash;)</p>
-
-<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_151">151</a>:<br />
-"»" eingefügt<br />
-(»auch wünsche ich von Herzen)</p>
-
-<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_155">155</a>:<br />
-"»" eingefügt<br />
-(»weißt Du wohl, was Abraham a Sancta)</p>
-
-<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_156">156</a>:<br />
-"»" eingefügt<br />
-(»da thut sie Dir nicht Unrecht)</p>
-
-<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_156">156</a>:<br />
-"." eingefügt<br />
-(Josephine erröthete und nahm das Gedeck hinweg.)</p>
-
-<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_157">157</a>:<br />
-"»" eingefügt<br />
-(»denn es will mich bedünken)</p>
-
-<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_158">158</a>:<br />
-"»" eingefügt<br />
-(»ich bin überhaupt mit einer gewissen)</p>
-
-<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_167">167</a>:<br />
-"Interresse" geändert in "Interesse"<br />
-(zog die Mutter des Bräutigams in ihr Interesse)</p>
-
-<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_172">172</a>:<br />
-"»" eingefügt<br />
-(»wohl ist dieser Stoff)</p>
-
-<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_179">179</a>:<br />
-"»" eingefügt<br />
-(»Und dieses liebe Geschäft)</p>
-
-<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_182">182</a>:<br />
-"haufig" geändert in "häufig"<br />
-(in dem rauhen Klima jener Gegend häufig wechseln mußten)</p>
-
-<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_190">190</a>:<br />
-"«" eingefügt<br />
-(Denn&nbsp;&ndash;« setzte Tony in liebenswürdigem Uebermuthe hinzu)</p>
-
-<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_195">195</a>:<br />
-"»" eingefügt<br />
-(»Das kann wohl seyn)</p>
-
-<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_215">215</a>:<br />
-"Zürückgehen" geändert in "Zurückgehen"<br />
-(Ein Zurückgehen in seine alten Verhältnisse)</p>
-
-<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_217">217</a>:<br />
-"«" eingefügt<br />
-(die treue Aufsicht jenes würdigen Paares ward getäuscht.«)</p>
-
-<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_229">229</a>:<br />
-"ihre" geändert in "Ihre"<br />
-(das lege ich nieder in Ihre tiefste Brust)</p>
-
-<hr />
-
-
-
-
-
-
-
-
-<pre>
-
-
-
-
-
-End of the Project Gutenberg EBook of Die Schwägerinnen. Erster Theil., by
-Henriette Hanke
-
-*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DIE SCHWÄGERINNEN. ERSTER THEIL. ***
-
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