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If you are not located in the United States, you'll have -to check the laws of the country where you are located before using this ebook. - - - -Title: Die Schwägerinnen. Erster Theil. - -Author: Henriette Hanke - -Release Date: October 4, 2015 [EBook #50127] - -Language: German - -Character set encoding: ISO-8859-1 - -*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DIE SCHWÄGERINNEN. ERSTER THEIL. *** - - - - -Produced by The Online Distributed Proofreading Team at -http://www.pgdp.net (This file was produced from images -generously made available by The Internet Archive) - - - - - - - -[ Symbole für Schriftarten: _gesperrt_ : =Antiqua= ] - - - - - Die Schwägerinnen. - - Roman - von - Henriette Hanke - geborne Arndt. - - Erster Theil. - - - Ein hohes Wort! wenn uns die Schickung werth - hält, nicht für uns, für Andere zu seyn. - ... Es wendet sich der Zeiten Blatt. Laßt uns - fröhlich sä'n, im Nebel auch: die Ernte kommt gewiß. - - _Herder._ - - - Hannover, 1835. - Im Verlage der Hahn'schen Hofbuchhandlung. - - - - -Wir versetzen unsere Leser bei dem Anbeginn dieser Geschichte in ein -weites Gemach des aufgehobenen Stiftes der Cisterzienserinnen zu Sanct -Capella, nahe dem Städtchen Leidthal. Dieses Zimmer, viel zu colossal -in seinen Verhältnissen um wohnlich zu seyn, bietet eine himmlische -Aussicht dar, und zeigt noch die Spuren klösterlicher Pracht. Seltsam -vereint werden hier die religiösen Begriffe aller Zeiten anschaulich; -doch mit gemischtem Gefühl siehet man: die Gegenwart herrscht vor. -An dem Plafond rollet der feurige Wagen des Elias. Wie zu vielen -tausendmalen mogten seit dieser Himmelfahrt die Sonnenrosse ihren Lauf -vollendet haben! aber jene Flammen sind erloschen, und der Prophet -erscheint nur noch als ein grauer Schattenriß seiner Zeit. Scenen des -römischen Cultus geben den leeren Wänden ein sinnvolles Interesse, und -über erblaßten Martern der eifrigsten Bekenner ihres Glaubens hängt -Doctor Martin Luthers Bildniß gloriös in einem Rahmen von echter Bronze. -Die erhabene Arbeit über dem Kamin von schwarzem Marmor versinnlicht ein -Autodafé, und die darunter lodernde Glut, welche die Jahreszeit und der -Raum des Zimmers erfordert, dient dazu, dies Relief zu beleuchten, mit -einem Schauer für die Phantasie, der fast die Wohlthat der empfundenen -Wärme vernichtet. Die Möbeln sind theils veraltet und doch pomphaft, -theils von neuer Brauchbarkeit und Simplicität. Das hochlehnige Canapee, -welches gradauf strebend und in der Mitte altarförmig zugespitzt, sich -gegen die Wellenlinien einer modernen Bergère etwa verhält, wie die -feierliche Anständigkeit der Etiquette zu der nachlässigen Ruhe -der Schönheit -- nimmt sich in dem überladenen Zierrath geflügelter -Kinderköpfe sogar kirchlich aus. Ueber den Häuptern der Cherubim prangt -der Erzengel Michael in goldnen Waffen, und der gerissene Sammet auf -dem Sitze dieser kleinen Engelsburg erinnert mit leiser Beziehung in der -Farbe verblühter Violen an den Purpur der Eminenz. -- Der venetianische -Spiegel erreicht seine ungemeine Breite und Höhe durch eine Einfassung -von Tritonen und Delphinen, welche in kunstreichen Verschlingungen -um die glänzende Fläche spielen, worin mancher geistliche Vollmond -aufgegangen war. -- Oben thronen die Meergötter ersten Ranges, und im -Frontispice -- so zu sagen -- steigt Anadyomene aus der klaren Masse -an den silbernen Bord. Das Auge des Reformators grade auf diesen Punkt -gerichtet, scheint finster an dem heidnischen Unwesen zu haften, indeß -ein kaum merklicher Zug frommer Ironie den Ernst des Mundes mildert, der -wohl stärkere Pfeiler erschütterte als den, der die reizende Gestalt -der Liebe in den Mauern der Entsagung trägt. Die Morgensonne des eilften -Novembers ging eben auf, und bestrahlte mit blendendem Licht die Abtei, -welche ihren majestätischen Schatten über die öden Felder ausbreitete. -Der Reif der kalten Nacht schimmerte wie Candis an den falben Resten der -Weide, und die herbe Miene des heiligen Bernhard von Clairvaux, dessen -Statue am Rande einer dunkeln Cisterne stand und tiefsinnig hinab -schauete, war wie mit Zucker bestreut. -- An einem Fenster des -beschriebenen Zimmers saß eine Frau, von der wir sagen müssen, daß sie -über die Jugend hinaus und weit entfernt von jener gefälligen Anmuth -sey, die unter keinem Gesetz der Zeit steht, ohne sie deshalb dem -achtsamen Interesse unserer Leser entrücken zu wollen. Der häusliche -Anzug, beinahe matronenhaft bescheiden, paßte den Formen einer Figur -nett an, die in ihrer Haltung Charakter verrieth. Das Häubchen, ohne die -mindeste Genialität dieses Putzartikels, der einen guten weiblichen Kopf -seltner beschattet, als in das vortheilhafteste Licht setzt, und sich -oft in dem kleinsten Kniff sichtbar macht -- schloß sich dicht an ein -Oval von regelmäßigem Schnitt. Die Beschäftigung dieser Frau schien mit -der bewußten Strenge, welche sich in ihrem Aeußern offenbarte, in keiner -Verbindung zu stehen. Sie wand eine Guirlande von Immortellen, -die aufgehäuft in einem flachen Körbchen, in bunter Menge und -Mannigfaltigkeit zur Auswahl vor ihr lagen. Sie schien so ganz in sich -und in diese feiernde Früharbeit versenkt zu seyn, daß selbst der Sinn -des Gehörs ihre Seele nicht auf das lenkte, was ein junges Mädchen an -ihrer Seite aus der Bibel vorlas. »_Wirst Du dafür die Schmerzen eines -Betrübten haben_ --«: diese verkündenden Worte des Jesaia sprach die -klare süße Stimme mit einem schüchternen Beben der Ahnung, und hielt -inne. Die Sonne blitzte herein und warf lange herbstliche Strahlen durch -die Scheiben. Der blonde Scheitel des Mädchens erglänzte, die metallne -Brüstung am Fenster funkelte wie gediegenes Gold, und die trocknen -Blümchen der Dauer badeten sich in diesem ewigen Glanze. - -Das Mädchen erhob das Auge blau und tief wie der Himmel, um einen Blick -in die Perspective zu richten, welche in der schönsten Morgenbeleuchtung -im melancholischen Reiz der sterbenden Natur sich in das Unabsehliche -verlor; und der Mund, auf dem noch die traurige Voraussagung des -israelitischen Sehers schwebte, lächelte so entzückt, als sähe dieser -Blick in eine verklärte Welt. - -Da öffnete sich die Thüre, und ein feines jugendliches Gesicht, dem ein -schlanker Körper folgte, schauete mit hellen braunen Augen herein. Ein -leichtes Abschrecken bei dem Hinblick auf die schweigsame Gruppe am -Fenster, und die spöttische Unlust, an dieser stillen Betrachtung und -an dem Winden todter Kränze Theil zu nehmen, sprach sich in diesen -beweglichen Zügen aus. - -Wie leise dies Geräusch nun auch gewesen war: die ältere Frau hatte -es dennoch vernommen. Sie wendete das Auge, und ein flüchtiges Roth -überlief ihre Wange; zweifelhaft, ob als Wiederschein der Lohe des -Kamins, oder durch die Erscheinung in der Thüre erregt. Diese huschte -mit zarten Füßen über das Getäfel der Diele, blinzelte hinter dem Rücken -des Mädchens in das heilige Buch und sprach zwischen Schalkheit und -Pathos: »hebet Eure Häupter auf -- thut Euer böses Wesen von Euch -- -o! ich weiß auch, was hierin steht.« Dabei legte sie eine seidenweiche -Hand, der man keine Distellese im Garten der Ehe ansah, obwohl ein -Trauring an ihrem Goldfinger blinkte -- unter das gesenkte Kinn der -Aelteren und sprach: »bist Du mir noch böse, Fabia? Sey gut! ich kann -Dich nicht schmollend wissen, und so lasse ich meine Idee fallen.« -Bei diesen nähernden Worten beugte die hübsche junge Frau sich -mit versöhnender Anmuth herab, so daß ihr warmer Athem wie ein -schmeichelndes Lüftchen Diejenige anwehete, welche sie frostig aufnahm. - -Fabia hob den Kopf ein wenig und erwiederte: »ich dachte es wohl, daß Du -zur Vernunft kommen würdest --« und indem ihr Auge die weiblich-optische -Kunst übte, die da scheel sieht, ohne einen offnen Blick zu gönnen -- -setzte sie hinzu: »daß Du Dich nicht erkältest, Therese! Du gehest so -bloß. --« Sie reichte ihr eine Nadel, zugleich stach der Blick, doch -nicht in das kleine Schalytuch, welches den wunderschönen Hals und Busen -lose umflatterte, sondern in diese Blöße selbst. -- - -Therese steckte die Nadel verloren ein, aber nicht diese Antwort, welche -sie sichtlich zu verdrießen schien, und nun auch die Stimmung ihrer -gutmüthigen Abbitte um einen tiefen Grad fallen machte. Erglühend sprach -sie: »es ist schon geschehen. Du irrest, Fabia, Du irrest, sage ich -Dir, wenn Du Deine hartnäckige Weigerung, in einen harmlosen Scherz -einzugehen, für vernünftig hältst. Und wenn ich es zu vergessen suche, -daß Du mir und dem Bruder eine Freude verdirbst: so geschiehet es nur, -weil ich Dich dieses abtödtenden Eigensinnes wegen am meisten bedauere.« -Fabia erröthete sehr. Sie lös'te schnell ein kleines Schlüsselbund -von ihrem Gürtel, und gab dem Mädchen einen entfernenden Auftrag. Dann -sprach sie, und ein krampfhaftes Zucken unterdrückten Zornes flog um -ihre Lippen: »diese Aeußerung ist ganz in Deinem Geiste. Spare Dein -Mitleid für Dich selbst, Therese, Du wirst es einst brauchen. Herr der -Güte! muß ich mich so behandeln lassen in Gegenwart des Kindes? hast -Du keine Achtung für mich und meine Sinnesart, so solltest Du doch -Josephinens Jugend schonen. Willst Du das Mädchen auch verderben?« - -Theresens Stirn flammte. In größter Aufregung entgegnete sie: -»verderben? _auch?_ Wer ist verdorben? ich muß bitten, daß Du Dich in -Deinen Ausdrücken mäßigest. Ein verderbtes Herz trachtet nach Schaden, -ist feindselig und mißgünstig; ich aber gönne der ganzen Welt ihr -Vergnügen, wenn sie mir nur das meine läßt.« - -Fabia stand auf. Mit einem gewissen Hervortreten ihrer Meinung, doch das -innerste Gefühl noch immer bezwingend, sagte sie: »ich hasse nun einmal -jede Falschheit, und halte Verstellung, von welcher Art sie auch sey, -für Sünde. Und Comödie spielen ist eine solche.« - -»O! die schlimmste ist es nicht --« entgegnete Therese: »es ist nur -eine kleine ergötzliche Lust.« Und indem dieser verwehrte Genuß in allem -Schimmer der Einbildungskraft vor ihrer Seele stand, so daß es ihr vor -den Augen flimmerte, in welche Thränen des Verdrusses drangen, rief sie -verblendet von Schmerz und dem Reiz jener zerrinnenden Illusion aus: -»der arme Cölestin! es würde ihm ein köstlicher Spaß gewesen seyn! Du -aber wirst ihm mit tiefsinnigem Ernste einen Kuchen backen, und ein -Capitel aus der Bibel lesen.« - -Fabia erbleichte. Sie sagte schneidend: »dies dürfte ihm heilsam seyn, -wie Dir. So höre nun dies: Die Du in Wollust lebest und so sicher -sitzest, und sprichst in Deinem Herzen: ich bin's, und Keine mehr. Ich -werde keine Wittwe werden --« die Hand, welche Fabia auf diese Stelle -legte, zitterte stark, und ihre Stimme wankte, als sie das Wort: -»_Wittwe_« aussprach, als läge in diesem Verhältniß jene erschütternde -Beseitigung, die dem Unglimpf freies Spiel erlaubt. - -Aber mit einem Lächeln unsterblichen Leichtsinns wies Therese den -Vorwurf der biblischen Prophezeihung von sich ab. Sie kannte die -Selbständigkeit der frommen Fabia und ließ sich nicht irren. Statt des -unnützen Gezänks um eine bereits aufgegebene Sache, warf sie die Last -dieser Scene über die Seite, und sprach: »genug des Aergers. Nochmals, -ich verzeihe Dir, was Du auch gegen mich denken mögest. Du thust mir -leid: denn Du kannst nicht anders.« - -Dieser Ton der Ueberlegenheit eines Gemüths, welches die schroffe Fabia -so tief unter sich glaubte, steigerte ihre Erbitterung aufs Aeußerste. -Sie wollte sprechen -- aber Therese wendete den Fuß, und prallte -an einen jungen Mann, der unbemerkt von den streitenden Parteien -eingetreten war, und nun als Schiedsrichter vor ihnen stand. -- Es war -Herr Prälat, der Administrator des Stiftes, dessen Schwägerinnen wir -in den beiden Damen vorläufig kennen gelernt haben. Der Zufall hatte -es seltsam gefügt, daß ein Mann, der so hieß, Vorsteher dieses weiland -geistlichen Hauses würde; allein ein Blick auf seine Persönlichkeit -reichte hin, ihn selbst von dem Begriff seines Namens zu unterscheiden. -Diese Gestalt, der eines Großwürdenträgers der Kirche durchaus nicht -ähnlich, ragte über das gewöhnliche Maß hinaus, und schien von innerer -Thätigkeit zu sehr angeregt, um völlig zu seyn; das schmale etwas -blasse Gesicht hatte mehr den Anschein einer kränklichen und deshalb -enthaltsamen Constitution, als den eines klosterherrlichen Lebens in -=bona pace=, und dieses gebietende Auge, obgleich getrübt -- war voll -Feuergeist einer andern Tiefe, als des kühlen dunkeln Lagers, wo die -Sonnenkräfte alter Jahre verschlossen glühen. - -Er schlang seinen Arm mit brüderlicher Traulichkeit um Theresens -schlanken Leib, sie aufzuhalten, und sprach: »wohin so eilig? Was ist's? -Du schweigst, Fabia? und Dein Auge verbirgt Thränen? ich will nicht -fürchten, daß ein Zwist -- stehe Du mir doch Rede, Therese!« Mit diesen -dringenden Fragen flog der betroffene Blick des Administrators von einer -Schwägerinn zur andern. - -Therese aber strebte fort. Als wünschte sie der weitern Verantwortung -nun los und ledig zu seyn, entwand sie sich ihm und sprach flüchtig: »es -war so wichtig nicht -- lasse es Dir nur von Fabia erzählen.« Vielleicht -war es eine kleine Rache, daß Therese im sichern Gefühl, für Wessen -Sache der Schwager sich entscheiden würde, den Vortheil des Vortrags -Jener überließ. - -»Nein, bleib!« forderte der Administrator: »so sprich doch, Fabia! ich -will es wissen! werde ich es nicht erfahren?« - -Mit niedergeschlagenen Augen und gekränkter Stimme sprach Frau Fabia: -»ich muß Dich ersuchen, mein Bruder, daß Du mich in Zukunft vor -Beleidigungen schützest, die ich länger weder ertragen kann noch -darf. Meine stille Weise will ich immerhin verspotten lassen; aber das -Heiligste soll man mir nicht antasten. Das greift mich an die Seele.« -Sie brach in heißes Weinen aus, und Fabia weinte selten oder nie. Des -Schwagers Auge traf Theresen. Diese aber hielt den zürnenden Blitz aus, -der nicht zündete, zuckte vornehm mit den runden Achseln als beklage sie -die Erbärmlichkeit der Anklage, hob den Blick zu den Wolken der Decke -und sprach: »welch ein Aufheben um Nichts! ich will es Dir in Kürze -sagen. Wir waren am Sonntag Abend bei Gottschalks drüben fröhlich, -führten Sprichwörter, Charaden auf --« »Erlaube!« fiel hier Fabia -ein, mit einem Tone, der nicht im Klange einer abhängigen Bitte an die -Wortführerinn erging, »das ganze Gebiet üblicher Gemeinplätze reichte -nicht aus für dieses muthwillige Treiben -- denn Narrenspiel will Raum -haben -- man suchte ihn auf kirchlichem Boden. Die reiche Sprache mußte, -schnöde genug, eine Benennung hergeben, um die geistig Armen lächerlich -zu machen. Sie spielten: Wiedertäufer, und das heilige Sacrament ward an -dem Töchterchen der Gerichtshalterinn verhöhnt.« - -»Ich sehe nichts Uebles dabei,« sagte der Administrator begütigend nach -einer kleinen Pause, »jene rasende Rotte hat die Taufe auf eine frevle -Art gemißbraucht.« - -»Ach!« sagte Therese lachend, »von irgend einem Frevel konnte ja -überhaupt die Rede gar nicht seyn. Wir waren nur lustig, ich versichere -Dich, lieber Cölestin, und der alte Halderich brachte jenes Wort in -Vorschlag. Bei den Sylben: Täufer, sah Gottschalk als Vierfürst so -fürchterlich possirlich aus, daß wir Alle vor Lachen sterben zu müssen -glaubten. Ich, die Tochter der Herodias, tanzte kosackisch vor ihm --- der starke Punsch war mir ein wenig in den Kopf gestiegen. Dann -costümirten wir uns schweizerisch, die Gerichtshalterinn brachte eine -zinnerne Barbierflasche, ein Urerbstück -- zur Taufkruke herbei, und an -Helene trieb ihr Vater den Teufel der Widerspenstigkeit und des Muckerns -aus, der die Kleine bisweilen plagen soll. -- Wem, ich frage Dich, -geschah nun hierbei ein Leides?« - -»Fabia!« sprach ihr Schwager sanften, tiefen Tones; er hätte die höchste -Vernunft, den Gott des Friedens selbst mit keiner andern Stimme anrufen -können. Doch Fabia antwortete mit erzwungener Ruhe: »höre nur weiter! es -kommt noch besser.« - -»Ja,« rief Therese leidenschaftlich, »höre nur weiter! es kommt noch -_schlimmer_. Es ward immer hübscher, bei Gottschalks nämlich. Wir kamen -mehr und mehr in den Zug, und endlich auf den Einfall, Dir zu Deinem -Geburtstage künftigen Monat, ein kleines Schauspiel zu veranstalten. -Dieser Plan, einstimmig aufgenommen, machte uns unsägliches Vergnügen in -der Idee. Doch Fabia, als Schlüsseldame des Hauses, verweigerte uns -zur Ausführung das Local und ihre Theilnahme. Wir wünschten das grüne -Bogenzimmer für diesen Zweck, und baten, daß sie eine kleine alte -anspruchslose Rolle übernähme.« - -Ein Schatten jugendlicher Prätension veränderte hier die Züge der -ernsten Fabia, welche kalt und schweigend wie eine Büste zuvor gewesen. -Sie warf einen Blick unaussprechlicher Verachtung auf ihre Schwägerinn -und sprach: »freilich, mit einer Inamorata warst Du so gütig, mich zu -verschonen -- die spielst Du selbst.« - -Therese hielt es vermuthlich nicht für nöthig, darauf zu antworten. Sie -wendete sich zu dem Schwager, und sagte wie zum Schluß: »Du weißt nun, -worüber wir in Streit geriethen -- _mir_ war er abgemacht.« - -»Und warum warst Du dagegen?« fragte der Administrator beklommen die -Unversöhnte, und abermals nach einer kleinen peinlichen Pause. - -»Es läuft wider meine Grundsätze,« erwiederte Fabia finster, und -trocknete die Thränen, welche in einzelnen Tropfen, wie nachfallend -einem schweren Wetter, über ihr Gesicht flossen. - -»O, gute Fabia! Deine Grundsätze sind sehr streng!« sagte Herr Prälat -mit bitterm Lächeln, »wenn wir solch einen Maßstab an die kleinen -Freuden des Lebens legen wollen, so wird der arme Mensch zu kurz -kommen. Ich sehe nichts Verwerfliches in der ganzen Sache, wohl aber -ein gestörtes Vergnügen, für dessen Absicht ich dankbar seyn muß. Der -Geschmack am Schauspiel ist ziemlich so alt wie die Welt, und der Trieb, -sich anders zu zeigen, wie er ist, dem Menschen angeboren.« - -»Leider!« sprach Fabia, »deshalb ist es nothwendig, daß man ihn -bekämpfe. Wir sollen wahrhaft seyn in Wort und That.« - -»Dies dürfte doch tiefer gemeint seyn, liebe Schwägerinn --« versetzte -der Administrator etwas leise, wie wenn er die Wirkung dieses -Widerspruchs mildern wolle, »als was man unter der Mummerei einer -kleinen Posse, ja selbst unter dem Versuch begreift, die Geheimnisse -der Schmerzen, die Blöße der Leidenschaften und der Wunden, die das -Schicksal schlägt, in dem Gewande dramatischer Poesie darzustellen. Der -wahre Gott hüllt sich in die Natur, und wir erkennen ihn im Innersten -unseres Gemüths.« - -»Ja,« fügte Therese mit einem leichten Uebermuthe hinzu, der wie -Champagnerkork auf dem Oberwasser schwamm, welches sie durch den -Beistand ihres Schwagers gewonnen, »Jesus Christus selbst, ich wette! -würde nichts Arges an unserm Scherz gefunden haben; die Scheinheiligkeit -nur war ihm verhaßt.« »Und ich erkenne nun,« sagte Fabia, während sie -mit bebenden Fingern eine Immortelle zerpflückte, »daß es an der Zeit -für mich sey, ein Haus zu verlassen, dessen Freuden ich verkürzte, und -dem ich nur in seinen Vergnügungen störend bin. Ich tauge zu weiter -nichts, als einen einfältigen Kuchen mit Bedacht zu backen, wie Therese -mir vorwarf, und ein Capitel aus der Bibel zu lesen, deren Sinn ich -nicht einmal verstehe, wie mir so eben bewiesen worden. Ein armseliges -Talent, das meine, gegen die Vorzüge Anderer! -- So will ich denn gehen. -Es wird doch irgendwo ein stilles Plätzchen für mich geben, wo man mit -Arbeit und Gebet Ruhe finden kann für seine Seele.« - -»Gott des Lebens!« rief der Administrator außer Fassung, »muß es dahin -kommen? Wer ist's, der unter diesem Zwiespalt leidet, als ich? Fabia! -hättest Du Dich jemals über mich beklagen können? -- ich achte jede -Individualität, und ehre die Deinige nach Verdienst. Therese! biete -die Hand zuerst, Dir kommt es zu, Du bist die Jüngere.« »Ich habe es -gethan,« sagte Therese etwas eingeschüchtert von diesem Ausgange, »ich -kam mit gutem Herzen hierher; der Himmel und Josephine ist mein Zeuge!« - -Der Administrator schien dieser identischen Berufung Glauben zu -schenken. Er sprach: »Du hast Fabia gewiß nicht kränken wollen. Auf die -Comödie verzichte ich gern; aber liebe Schwestern, laßt das Band -der Eintracht mein Angebinde seyn, so werde ich mich heute schon wie -neugeboren fühlen.« »Es würde doch nur ein kleines Schauspiel werden,« -antwortete Fabia mit entschlossnem Lächeln, »und Du weißt, mein Bruder, -ich bin ungefügig dazu.« - -»Gehe, Therese!« sagte Herr Prälat, und es schien, als ob nur größere -Zutraulichkeit zu dieser Schwägerinn sie verweise, »lasse mich mit Fabia -allein.« Therese ging. Alsbald faßte der junge Mann die runden Arme -Fabiens so fest, daß sie an diesem Drucke die innere Bewegung empfand, -in der er sprach. »Fabia! das konntest Du mir thun? muß ich Dich an -Deine zärtliche Sorge für mich erinnern?-- Sieh! wolltest Du mich -verlassen, ich könnte Dich nicht halten; genug, daß ich mich an das -Bewußtseyn hielte, ich hätte es nicht um Dich verdient.« Fabia war -ergriffen, dennoch sagte sie: »Du behältst ja Theresen --« - -»Ja,« antwortete ihr Schwager, »und ich werde, was auch geschehe, mein -Wort nicht brechen, welches ich dem Bruder gegeben.« - -Die Entschiedenheit eines Mannes verfehlt nie ihrer Wirkung auf die -Frau, selbst wenn sie verschroben, oder in minderem Grade weiblich wäre. -Die Erklärung des Schwagers hatte das Eis von Fabiens starrem Sinne -gebrochen. Sie zerschmolz in Thränen, und sprach: »muß es mich nicht -schmerzen, daß Du ihr alles gut heißest, selbst das, was mich empört? -vergeht wohl ein Tag, ohne daß ich über sie seufzen müßte? kommt je ein -gottesfürchtiger Gedanke in ihre Seele? kannst Du mir den geringsten -reellen Nutzen nennen, den ihr Daseyn hier hat?« - -»Sie giebt Dir Gelegenheit,« antwortete Herr Prälat wie mit düsterm -Spotte auf die vorwurfsvollen Fragen seiner Schwägerinn, »Dich in einer -der schönsten christlichen Tugenden zu üben: der Duldung. Gönne ihr die -Luft dieses abgeschiedenen Aufenthaltes; betrachte sie wie eine Blume, -die für kurze Zeit zwischen diese Mauern verpflanzt ist, und von der man -nichts verlangt, als daß sie ihre Stelle einnimmt.« - -»Man wird keine Trauben lesen von den Dornen --« entgegnete Fabia -tiefathmend. »O! diese Blume ist giftig --« - -»Nein, gute Fabia! höchstens nur ein wenig betäubend --« sprach der -Administrator und lächelte zerstreut. »Sey doch nur billig!« fuhr er -in ernsterem Tone fort, »und überlege, wie verschieden von Dir, Therese -ihrem Naturell, ihrer früheren Lebensweise nach, denken muß, und -ungerecht wäre es von Dir, wenn Du deshalb mit ihr rechten wolltest. -Im Geräusch der Welt erzogen, entbehrt sie hier alle Freuden, an welche -ihre Jugend gewöhnt war. Sie ist nicht geeignet, sich an irgend eine -Pflicht zu binden, und unter so precairen Umständen erst gar nicht. -Dies hat der Himmel wohl gewußt, und so ist ihre Ehe seltsam genug ohne -Zusammenhang dieses Verhältnisses. -- Ihren kleinen Speculationen stehet -landwirthschaftliche Industrie entgegen; vor den Maschinen, die den -öden Raum von Sanct Capella füllen, kommen die Neigungen einer jungen -lebendigen Frau nicht an das Brett -- und wollte Therese auf Eroberungen -ausgehen: so sähe sie sich von einem invaliden Kreise umschlossen, der -in der schläfrigen Ruhe des Klosters von seinen Siegen träumt.« - -Fabia antwortete: »o! Therese besiegt auch wachsame Leute -- und übt -ihre coquetten Künste vor sehenden Augen.« - -Ein wundes Lächeln zuckte über das Angesicht Dessen, welcher der -Gegenstand jener feindseligen Bemerkung war. Er seufzte, legte wie -unbewußt die Hand auf seine linke Seite, als fühle er dort Schmerz, und -sprach: »Fabia! laß uns dies Gespräch enden; doch vernimm zuvor meine -Bitte: mache Theresen Deine Frömmigkeit liebenswürdig! versuche es -einmal mit freundlicher Güte. Ist nicht Friede mit sich und Andern die -weiche Blüthe der Religiosität? -- Denkst Du nicht, daß es mich betrübe, -wenn Jemand gezwungen wäre, Deinen Werth zu verkennen und Deinen Glauben -dazu, dessen Früchte für ihn zeugen sollen? flöße Theresen, diesem Kinde -an Vernunft -- sanftmüthigen Geistes, die Milch einer besseren Liebe -ein, als welche vielleicht die Nahrung ihrer eitlen Wünsche gewesen, -und stärke sie für das Leben der Seele. Dann stärkst Du auch mich -- und -wahrlich, Fabia! ich bedarf es. Als ich krank war -- diese Zeit, deren -ich mich nicht gern erinnern mag, weil mich mein Befinden noch täglich -daran mahnt -- hat mich Dir auf ewig verpflichtet. Du lauschtest, mir -alles an den Augen abzusehen, was mich laben könnte -- willst Du, da ich -kaum -- kaum genesen bin, härter gegen mich seyn? erquicke mich durch -Eure Verträglichkeit! ich wollte sonst, ich läge im Grabe.« - -Diese Worte, in überwallendem Unmuth gesprochen, waren von zureichendem -Einfluß. Fabia reichte dem brüderlichen Schutzherrn die Hand, und sah -ihn mit bangen Mienen an. Sie sagte besänftiget: »mißkenne auch Du mich -nicht, mein lieber Bruder. Es ist wohl schwer, in nächster Gemeinschaft -auszukommen mit Dem, der das grade Gegentheil von uns ist, wie Therese -von mir. Was hilft ihr sogenanntes gutes Herz? es ist nur Temperament. -Sie denkt an nichts Ernstes und Edles; ihre Zeit, dies Capital, was uns -der Herr der Ewigkeit geliehen, wird in Tand verschwendet. Sie wuchert -nur mit ihren Reizen. Am häuslichen Heerde brennen ihr die Sohlen. Sie -fängt -- was ich nun vor den Tod nicht leiden kann -- hundert Arbeiten -an, ohne eine zu vollenden. Der Fleiß erscheint ihr wie eine Frohne, -gegen die sie einen Freibrief zu haben meint. Alle Ordnung ist ihr -lächerliche Pedanterie -- jüngst hat in einer kostbaren Wollestickerei, -die sie in den Winkel geworfen, die Katze Junge gehabt.« Den -Administrator wandelte das Lachen an, aber sein Blick grollte in -Wehmuth, die den Komus dieser Anschuldigung entkräftete. Er hatte, -während ihm Fabia Theresens Fehler aufzählte, ein paarmal schwer -geseufzt, über die Unart der Frauen, nachdem ein vernünftiger Mann sie -überzeugt zu haben glaubt, ihre Beschwerde immer wieder zu erneuen. -Diese Verdammniß manch häuslicher Hölle ist gleich der Strafe des -Sisyphus. -- - -»Und was mir am meisten Kummer verursacht,« fuhr Fabia fort: »ist, daß -ihr Beispiel endlich dem Kinde, der Josephine, nachtheilig werde, um so -mehr, da es ihr nicht an verführerischen Gaben fehlt. Josephine spricht -ihr, wie wenig sie redet, beständig das Wort; das ist schon ein übles -Zeichen.« - -»O Fabia!« sagte ihr Schwager mit innigem Tone: »es ist das Zeichen -eines heiligen Gemüths, in dessen Reinheit alle Flecken des Nächsten -verschwinden, einer himmlischen Demuth, die nur an die eigene Fehle -denkt. Die Unschuld beschützt sich selbst. Und sollte ja durch den nahen -Umgang Theresens eine schädliche Einwirkung auf Josephine zu befürchten -seyn: so wird Deine _Strenge_« -- Herr Prälat betonte, was er sagte, und -es lag ein leiser Vorwurf in seiner Accentuation --: »dieser möglichen -Gefahr schon zu begegnen wissen.« - -Fabia erwiederte hierauf: »man kann nicht strenge genug seyn in Sachen -des Gewissens, und das Bewahren dieses Mädchens ist eine Gewissenssache -für mich.« - -Der Administrator wollte sprechen, da kam ein Bote, der ihn abrief. Er -zögerte zu gehen. Noch einmal faßte er ihre Hand, sah ihr freundlich ins -Gesicht und sprach: »Du bist also wieder gut? wir scheiden als Freunde, -oder vielmehr wir scheiden nun nicht? Und Therese?« - -Fabia lächelte. »Ich werde sie versöhnen --« sagte sie versichernd. Da -zog er ihre Hand an seine Brust, drückte mit heißen Lippen einen Kuß -darauf, und enteilte auf den Ruf seiner Pflicht. - -»Wie stark sein Herz klopfte!« sagte Fabia leise und ängstlich zu sich -selbst, und diese Besorgniß galt mehr der fieberhaften Wallung des -erhitzten Blutes, als der nervösen Störung, welche diesen Umlauf -beschleunigte. Fabia hatte den zartesten Sinn für den krankhaften -Zustand ihres Schwagers, und zugleich eine stumpfe Härte in Betreff -alles dessen, was seiner Seele wohl thun könnte. Das kleinste -körperliche Uebel regte ihre wohlwollenden Kräfte ihm abzuhelfen auf, -während sie in kalter Gleichgültigkeit verharrte, wo sein Inneres litt, -wenn es auch in ihrer Macht gestanden hätte, dieses tiefere Weh zu -lindern. Sie erschöpfte sich in dienstlicher Beflissenheit, indeß es -ihr ein Leichtes gewesen wäre, die bittere Quelle zu verstopfen. -- In -diesem Widerspruch lag all der Egoismus, durch welchen Frauen solcher -Art die Wirkung einer pietistischen Moral verkümmern, wogegen die Liebe -in ihren Fehlern sogar -- heilbringend wird. - -Es klopfte sacht an die Thüre, und als Frau Fabia: »herein!« gesagt, -erschien eine ehrwürdige Gestalt, die einzige noch übrig gebliebene -Nonne von der Gesammtschaft des aufgelös'ten Ordens, welche die -Vergünstigung nachgesucht und empfangen hatte, in Sanct Capella den Rest -ihrer Tage beschließen zu dürfen. Das fromme Stillleben der Nonne hatte -sich wenig geändert, seit jener Catastrophe, welches die Verfassung des -reich fundirten Klosters stürzte, und in dem Muth, womit sie als eine -einsame Ruine unter den geweihten Trümmern ihrer Welt begraben zu werden -wünschte, bewährte sich eine wahrhaft hohe Seele. Schwester Veronica -verzehrte hier ihre Pension, in wunderlicher Zusammenstellung mit einer -Anzahl Offiziere, die eben so die Mittel zu ihrer Subsistenz in einem -Gnadengehalt aus der Staatscasse erhielten. Der Administrator, ein -guter Cameralist, hatte die glückliche Idee gehabt, einen Theil dieser -Zuflüsse in die Einkünfte des Stiftes zu leiten, worin die kleineren -Wohnzimmer und größeren Säle des weitläuftigen Gebäudes für solch -einen Zweck zu benutzen wären, und seit Herr Prälat mit Genehmigung -der Behörde dies in öffentlichen Vorschlag gebracht, hatten sich zwölf -ausgediente Krieger gefunden, welche alle unter einander bekannt, dies -Anerbieten mit Freuden ergriffen, und den politischen Streit weltlicher -Interessen gegen die friedliche Geselligkeit eines Invalidenhauses -aufgaben, das ihnen kaum reizender gelegen seyn konnte. So mischte sich -denn das Geräusch manch welken Lorbeers mit den stillen Schatten der -klösterlichen Palme von Sanct Capella. -- Dieser militairische Club -bestand nun neben dem Familienleben des Administrators, neben der -Clausur der geistlichen Jungfrau, ohne daß diese verschiedenartigen -Verhältnisse durchaus umgänglich geworden wären. Zwar hatte der junge -Prälat unter den alten Offizieren Einige, die seine Achtung von den -Uebrigen sonderte, auch einen Freund --; aber diese Auszeichnung that -weder dem guten Vernehmen mit Allen, noch der Zurückhaltung Eintrag, -die er im Ganzen beobachtete. Auch war sein Wirkungskreis sehr groß und -forderte all seine Zeit, und für die wenigen Stunden der Muße, welche -ihm vergönnt waren, sprach das Bedürfniß mächtig in ihm an, sich -wissenschaftlich zu beschäftigen. Und mitten unter diesem invaliden -Ruhestande, der doch zuweilen, alter Gewohnheit nach, ein lärmender -Aufstand wurde, wenn auch der renommirende Säbel in friedsamer -Scheide stack -- mitten unter der rastlosen Geschäftslosigkeit des -Administrators und seiner Leute -- war die Wohnung der Schwester -Veronica, gleich einer Einsiedelei zu betrachten, worin sie, wie die -Schutzheilige des Hauses, Segen durch ihre fromme, lautlose Gegenwart -verbreitete. Sie hatte sich den Schwägerinnen des Herrn Prälaten -herzlich befreundet, wie dem Stiftsverweser selbst, Josephine war ihr -Liebling -- dennoch geschah es nur selten, daß ihr Besuch in dem Flügel -gesehen wurde, den der Administrator mit den Seinen bewohnte. Doch so -oft Jemand in dieser Familie krank war, ob am Leibe, oder an der Seele --- und es war, als ob die Nonne es durch Inspiration erführe, wo ihr -Rath, ihr Trost nöthig sey -- kam sie ungerufen, und man war daran -gewöhnt, das milde Gefühl der Theilnahme an ihr Erscheinen zu knüpfen. -Dazu trug selbst ihr _Aeußeres_ bei. Schwester Veronica hatte mit -Ergebung die ihr liebgewordene Tracht der Ordensregel aufgegeben; aber -ihr einfacher Anzug näherte sich derselben so sehr als möglich. Ein -Schleier der Weltentsagung wallte unsichtbar nieder an dieser Gestalt, -welche, trotz der Bürde von siebenzig Jahren und mancher beugenden -Erfahrung, sich vollkommen aufrecht erhalten hatte. Ihre Stimme tönte -rein und sanft, wie in leisen Nachklängen der Hora -- und in dem -Tiefblick ihrer Augen glomm noch ein schwacher schwärmerischer -Funken jener ewigen Lampe, womit sie einst in nächtlicher Stunde dem -himmlischen Bräutigam entgegen gegangen war. Lichtvolle Klarheit war -über die Züge der Nonne ausgegossen, wie wenn blasser Mondschein -einen stillen Abend erhellt. Und wie die Zeit dieses langen Lebens in -gleichförmiger Ruhe vergangen war: so hatte sie auch nur unmerkliche -Spuren nachgelassen. Zwei Reihen wohlerhaltener Zähne stützten wie -eine elfenbeinerne Doppelmauer den Mund, dem nie ein liebloses Wort -entschlüpfte, und der noch eines heitern Lächelns fähig war, gegen den -Einfall des Alters. Wenn Schwester Veronica mit sachtgewöhntem Fuß durch -die wüsten Gänge schlich, und ein bestiefelter Schritt ihr dröhnend -begegnete: dann salutirte der Offizier in kirchlicher Ehrerbietung, und -wechselte gewiß ein paar Worte, welche die Nonne immer freundselig, ja -oftmals scherzend erwiederte. - -Wir wenden uns nun wieder zu dem Eintritt der Nonne. »Guten Morgen, Frau -Fabia!« sagte die Conventualinn, und es bleibt zu errathen, ob sie die -trauliche Benennung des Vornamens in klösterlicher Sitte beibehalten, -oder als Vorrecht der Freundschaft für die beiden jüngeren Frauen -angenommen hatte. -- Ueber Fabiens verdüsterte Züge flog ein -bewillkommendes Lächeln. Sie nahm den guten Geist mit Freuden auf; -nur der Blick, der noch naß glänzte, ward dem Gruße vorenthalten, daß -Schwester Veronica die thränengeschwollenen Augen nicht sähe. - -»Ein goldener Tag!« sagte die Nonne, und ihre feine Wange brannte wie -glimmende Kohlen, »die Sonne scheint so schön und blaß wie eine Braut. -Man fühlt sein Herz ordentlich erwärmt. Doch -- sehe ich recht? -warum denn so betrübt, Frau Fabia? ich will nicht fürchten, daß ein -Unglück -- --.« - -Bei diesen antheilvollen Worten schüttelte Fabia leise mit dem Kopfe. -Sie antwortete mit wehmuthzitternden Lippen: »es giebt zuweilen etwas; -kein Himmel ist so hell, daß er nicht einmal weinte -- und den Himmel -auf Erden -- glauben Sie es mir, Schwester Veronica! den habe ich grade -nicht.« - -»Wer hätte den!« erwiederte die Nonne mit aufwärts gehobenem Blicke, -der in die Tiefe menschlicher Erfahrungen schauen ließ. »Wir können nur -darnach ringen. Und diese Kraft kommt auch von Gott. Thränen fallen wie -Thau in der Nacht: sie erfrischen. Der Kummer, auch der längste, gehet -endlich vorüber -- Ich kenne nur ein Elend, welches bis in Ewigkeit -dauert, und das ist der Unfriede.« - -Fabia nickte; erschauernd wie im Frösteln eines verweinten Gefühls und -dieser Vorstellung sprach sie: »warum sollte ich es Ihnen nicht sagen? -ich hatte mich mit Theresen verzürnt, der Bruder ward in den Streit -gezogen, er war wie gewöhnlich auf ihrer Seite. Das kränkte mich. Wer -ist's, der für ihn sorgt? ihn pflegt und sein Bestes wahrnimmt? -- -Therese nimmt keine Notiz von diesen Pflichten einer rechtschaffenen -Schwägerinn und ihn nur durch flatterhaften Leichtsinn für sich ein. Ich -wollte fort -- man säet ja doch nur auf den Wind.« - -»Der Dank, Frau Fabia,« entgegnete die Nonne, »ist eine Ernte, die -man unbewußt ausstreut, ein Lohn, auf den man nie rechnen darf, eine -überraschende Freude, wie eine Blume auf dem Felsen: denn sie wurzelt -nur in starken Herzen. Der wackere Administrator scheint mir jedoch sehr -wohl zu erkennen, was er an Ihnen hat, wenn er sich auch der jungen -Frau seines Bruders gleichfalls zuneigt. Bin ich doch selbst der lieben -Therese herzlich gut. Ach! ich betrachte sie nie ohne Mitleid.« - -»_Mitleid?_« fragte Frau Fabia mehr mit einem Anfluge von Kälte, als der -Verwunderung: »und worin wäre Therese zu bedauern?« - -»Solch glücklichem Leichtsinn,« versetzte die Nonne mit weicher Stimme, -»ist häufig ein schweres Schicksal zu tragen beschieden. Sie thut mir -leid, die holde, hübsche Frau! es ist keine böse Ader in ihr, wenn auch -die Pulse hüpfen.« - -Fabia schwieg, und Schwester Veronica, als ob sie mit sich selbst -redete, fuhr fort: »es ist seltsam, Jeder wünscht sich etwas Anderes, -als was er besitzt, tadelt nebenher fremde Eigenthümlichkeit: und wir -Alle haben, was wir brauchen. Ausgerüstet für unsere Bestimmung, treten -wir in den Kampf der Welt, und an dem Keime unserer Neigungen und wie -sich diese entwickeln: daran wäre die Frucht unseres Lebens, ach, die -bittere oft! zu erkennen, wenn wir fleißiger nach Innen blickten. Die -beschauliche Stille des Klosters führt auf solche Betrachtungen.« - -»Der Klosterzwang hatte auch sein Gutes,« sagte Fabia mit einem Seufzer -über die Willkür, unter der sie zu leiden wähnte, »und was man immer -davon sagen mag, bis auf einen gewissen Punkt hält er doch zusammen. Wo -aber die Meinungen so durchaus verschieden sind in Sachen der Seele und -Seligkeit, auf der Höhe der wahre Gott angebetet wird, unten aber dem -Baal geopfert --« Fabia stockte und sprach nicht vollends aus. - -_Wie_ lächelte die Nonne bei dieser Rede! Sie antwortete mit verhaltenem -Tone: »unser Kloster ist nicht mehr -- sein Altar steht nur noch in -meinem Herzen; dennoch Frau Fabia, wenn ich der Wahrheit die Ehre geben -will: so muß ich bekennen, der Friede ward hier nicht gefunden, sondern -nur gesucht, und höchstens _gelernt_. Wir Alle müssen Geduld mit -einander haben. Und wie von den tausendmal tausend Ehen, die auf Erden -geschlossen werden, jedes Mägdlein sich den Verlobten aus eigener Liebe -oder besondern Gründen nimmt: so ist auch der Herr jedweder Seele, die -sich ihm weihet, ein Anderer. Der Schleier hüllt nicht immer das Heil -derselben ein -- viel öfterer ein Herz voll Wunden -- und die einsame -Zelle verbirgt zuweilen einen Stachel, der sich selbst zu Tode trifft. -Wenn die Menschen große Prüfungen herbei ziehen wollen: so dürfen sie -nur Zank und Zwistigkeit über ein Geringes erheben. Manchmal dachte ich: -es muß ein Unglück kommen, und es kam. Da fühlten wir das Band unserer -Verbindung, und der Riß ging durch das Leben.« - -Während Schwester Veronica also sprach, hatte Frau Fabia sich mit der -nun fertigen Guirlande, die sie wie ein Feston schwebend trug, dem Bilde -Martin Luthers genähert, um diesen Schmuck daran zu befestigen. Das -Blumengewinde, von seiner eigenen Wucht niedergezogen, glitt abwärts, -ehe Fabia es dem Rahmen anpassen konnte, und die Nonne daneben leistete -ihr mit freundlicher Toleranz Beistand, den Mönch von Wittenberg -zu bekränzen. Diese Huldigung ward von Seiten Fabiens emsig, doch -schweigend dargebracht. Auch Schwester Veronica verstummte, und richtete -den Blick starr auf das Portrait, welches einer andern Erinnerung -aufhalf, als der, die sie großmüthig zu vergessen schien. - -»Warum ich eigentlich gekommen bin --« sagte sie mit einem gastlichen -Geheimniß in der Miene: »man geräth ins Plaudern und ein altes -Gedächtniß wird schwach. Sie haben mir versprochen, mich zu besuchen, -Frau Fabia, mit Josephine -- und Theresen! So lade ich Sie hiermit ein, -auf eine Schale Thee, um fünf Uhr, wenn Sie so gütig seyn wollen. Ich -bin am Feuer gewesen, Sie sehen es mir noch an. Meine lieben Gäste, -auf die ich hoffe, zu bewirthen, habe ich Olyppen gerollt und mürbe -Schneetörtchen ausgesetzt, mit Kirschmuß gefüllt, weil ich weiß, Sie -mögen dies Gebäck gern.« - -»Kirschmuß?« fragte Fabia zerstreut doch dankbar, und der schwarze Groll -in ihrem Herzen war unterdessen in Süßigkeit zergangen. Der Gedanke -rührte sie, die Nonne wolle ihr, ob auch verschwiegenermaßen, doch nach -echtcatholischer Weise, den Namenstag des Reformators feiern -- eine -Selbstverleugnung, der die lutherische Fabia schwerlich fähig gewesen -wäre. Sie antwortete demnach: »Ihre Güte beschämt mich, Schwester -Veronica; ich nehme, was mich betrifft, die Einladung mit Vergnügen an, -doch würde ich auch zu jeder andern Zeit -- -- --.« - -»Nein,« erwiederte die Nonne sanft beharrend: »warum also nicht heute? -Sanct Martin will auch sein Recht haben. Es hat große Männer dieses -Namens gegeben. Papst Martin der Fünfte ritt ein weißes Roß -- daher -vielleicht das volksthümliche Sprüchwort: Sanct Martin kommt auf dem -Schimmel; was so viel sagen will, als: daß oftmals zu Martin der erste -Schnee fällt. Von meiner Kindheit her war dieser Tag mir immer eine -kleine winterliche Vorfeier des heiligen Abends; ich jauchzte, wenn die -ersten Flocken die stille Luft einschleierten; dann ward es mir so traut -und heimlich düster im Zimmer, ich schmiegte mich in meinen Winkel, -spielte Kloster und betete das Christkind an, vor dem ein Paar kleine -Lichter brannten. Die Mutter schenkte mir deshalb stets den angemalten -Wachsstock voraus.« - -Bei dieser Rückerinnerung lächelte die alte Nonne fast kindlich. Sie -glich in diesem Augenblicke einem Wachsbilde. - -Frau Fabia aber fragte nachdenklich: »war jener Papst, dessen sie -erwähnen, mit dem heiligen Martin, den Ihre Kirche verehrt, Eine -Person?« - -Schwester Veronica verneinte es und sprach: »der sogenannte heilige -Martin war ein Muster aller Tugend, ob zwar ein geborner Heide. Er -schenkte einst einem Armen, der ihm in erbarmungswürdiger Blöße unter -den Thoren von Amiens begegnete, die Hälfte seines eigenen dürftigen -Kleides. In der folgenden Nacht erschien ihm der Heiland, und der -göttliche Leib war bedeckt mit diesem halben Gewande. Doch dieses dünne -düstere Grau hing in den schönsten Farben zusammen geflossen über der -Schulter des Gekreuzigten, wie ein Regenbogen am Himmel; Glanz erfüllte -das Gemach --« die Augen der Nonne schimmerten. - -»Der mildthätige Mann,« entgegnete Frau Fabia, »wird an die Worte der -Verheißung gedacht haben: was dem Geringsten meiner Brüder geschieht, -soll mir gethan seyn.« - -»Noch war er nicht getauft; aber es geschah alsbald,« antwortete die -Conventualinn, welche ihren frommen Wunderglauben durch diese biblische -Erklärung angegriffen sah. Der Gedanke an den Unterschied ihrer -religiösen Meinungen drängte sich in die Lücke des Gesprächs, dann fügte -Schwester Veronica hinzu: »auch Martin von Amboise war ein berühmter -Mann --.« - -Frau Fabia erstaunte nicht wenig, diesen Namen, der in den tiefsten -Saiten ihres Herzens Anklang fand, aus diesem Munde zu hören. - -Die Nonne war im Begriff zu gehen, vielleicht fürchtete sie auch nur -abzuhalten. Personen, welche die meiste Zeit haben, machen in der Regel -die kürzesten Besuche und sind überall eilfertig. »Um fünf Uhr, Frau -Fabia, ich bitte!« sagte sie, bereits an der Schwelle, »und Therese?« - -Mit dieser Frage schien sich heute jede Unterredung für Fabia zu -schließen. Sie sprach: »ich werde ihr die Einladung mittheilen und -meinen Wunsch, daß wir als gute Freunde zu Ihnen kommen.« - -Schwester Veronica lächelte friedselig zu diesem Versprechen. Sie nickte -noch einmal und verschwand. - -Während dieser Unterhaltung war der Administrator, sobald das Geschäft -welches seine Gegenwart erfordert fordert hatte, beseitiget worden, mit -starken Schritten allein in seinem Zimmer auf und nieder gegangen. Da -trat Major Feldmeister bei ihm ein, Einer der pensionirten Offiziere, -ein Hausgenosse des Stiftsverwesers, und diesem der liebste. Nicht der -Krieg hatte den wackern Ingenieur zum Invaliden gemacht, oder die höhern -Jahre, in denen er stand; er war bei einer Uebung der Artillerie gelähmt -worden. - -»=Bon jour=, Freundchen! störe ich?« rief der alte Feldmeister, indem -er sich langsam durch die Thür schob; dicht neben ihm drängte sich sein -großer Pudel von infernalischer Schwärze, heran: gleichsam der Dritte in -diesem Bunde. - -Der Administrator begrüßte den Besuch wie einen gern gesehenen, -und streichelte den Faust, so hieß der Hund -- der Täufling eines -Kraftgenies, das weder an Göthe noch Klingemann, oder irgend einer -Klinge Anstand genommen hätte, den Schwarzkünstler in seiner Art, also -zu benennen. »Schön, aber verteufelt kalt heute!« bemerkte der Major, -und glitt ein wenig wankend und mit einem Zuge von Schmerz um den -eingekniffenen Mund in einen nahen Sessel. - -»Ich wollte nur --« sagte er tiefathmend, »ich hatte mit Ihnen zu -sprechen, ehe ich am Ende sitzen bleibe im Winterquartier: denn seit -gestern, wo ich, wie Sie wissen, noch in Leidthal war, verspüre -ich Gichter im Knöchel.« Der Pudel entzog sich der Liebkosung des -Administrators, und lagerte sich zu den Füßen seines Herrn, den zottigen -Umhang des Ohres an die kranke Stelle geschmiegt, als wolle er das -leiseste Necken heraus hören, und mit einem drohenden Blicke höllischer -Melancholie in den röthlichumzogenen Augen knurrte er vor sich hin, als -wolle er dem Weh, welches der Major männlich verbiß, rathen, nicht -allzu nahe zu kommen: denn ein Funken himmlischer Treue belebte diese -hündische Seele. - -»Es wird hoffentlich nur ein wenig Rheuma seyn,« erwiederte der -Administrator tröstend auf jene Klage, »ein gelinder Schweiß hilft es -heben,« dabei trocknete er sich die Stirne, und verbarg eine verstörte -Miene in dem feinen Tuche. - -»Wie es scheint, Freundchen,« sagte der Major und lächelte: »sind Sie -selbst in Transpiration -- oder in Angst? das verhüte Gott!« - -»Die Weiber haben mir den Kopf warm gemacht« -- sprach Jener heftig: »es -kostet Kampf, mit ihnen fertig zu werden.« Bei diesen Worten rückte er -ein Kästchen mit Cigarren dem Gast zur Hand, und drehete den Hahn an der -Maschine von Wasserstoffgas wie mit zürnender Vollkraft, daß der Strahl -erschrocken heraus sprang. Es geschah dies mit unbewußtem Nachdruck -des Gedankens, er sehe sich genöthiget, ihnen den Daumen aufs Auge zu -drücken. - -»Glaub's gern,« antwortete der Major gleichmüthig, und schickte sich -ohne Umstände zum Rauchen an. »Man hat mit Einer zu thun. Sie stecken -mir da wahrhaftig in jedem Sinne ein Licht auf. Oft schon habe ich -gedacht, wie Sie nur Friede erhalten mögen unter den Frauen? Feuer und -Wasser sind nicht so verschieden wie diese Beiden, und Josephine« -- -der Blick des Majors streifte den gläsernen Globen -- »ist ein Kind des -Lichts, eine Tochter der Lust, so zu sagen: denn man weiß nicht, woher? -von wannen? genug, die Kleine ist Gott Vaters Ebenbild -- und die Frau -Schwägerinn eine wackere Stiefmutter.« - -Herr Prälat schien das Letztgesagte nicht vernommen zu haben. Er starrte -vor sich hin, als dächte er diesem zweideutigen Lobe nach. Der Major -fuhr fort: »wenn es denn irrdischen Eigenschaften nachgeht: so muß -Frau Fabia einst Schaffnerinn im Himmel werden. Sie ist eine treffliche -Wirthinn, das muß wahr seyn. Und diese Ordnung, diese Stille -- -aber Freundchen, der Mensch lebt nicht von Brod allein. Wenn Sie nun -heirathen? wird eine Frau sich dies Regime gefallen lassen? und eine so -hübsche Mitregentinn wie Therese dazu? schwerlich. Sie dächte wohl, -Jene führte den Scepter im _Hause_, Diese trüge die Reichs-Insignien -im _Herzen_ des Mannes, und so wäre sie nur gleichsam eine -Schattenköniginn.« - -»Es wird nicht geschehen,« versetzte der Administrator halblaut, -ohne sich deutlicher zu erklären, ob er das Heirathen, oder diese -Vertragsamkeit meine. - -»Es taugt nicht,« fuhr, nun im Zuge, der alte Feldmeister fort: »sich -vor der Zeit mit Familien-Verhältnissen zu befassen. Frei muß der Mann -seyn, ehe er freit! eine ganze Sippschaft Vettern und Basen rückt -ihm mit dem Hochzeittage auf den Hals. Meine selige Frau hatte keine -Geschwister, und kaum war ich ein Jahr mit ihr verheirathet: so däuchte -es mir, ich hätte das leibliche Kind der Mutter Eva zum Weibe genommen: -denn das Menschengeschlecht kam, und wollte mit mir verwandt seyn.« - -»Mein Schicksal ist ein Schlangenknoten, schon um meine Wiege -geschürzt,« entgegnete der Administrator düster: »und wenn ich den Lauf -meines Lebens überdenke: so scheint es mir, ich sey bestimmt, unter -falschen Maximen zu leiden. Urtheilen Sie selbst!« - -Herr Prälat war in einer jener Stimmungen, welche dem nächsten Zufall -den Schlüssel giebt, auch ein verschlossenes Herz zu öffnen. Zumal war -dies Herz gepresst wie noch nie; er kannte den Major als einen wackern -Mann, und so genügte er dem Bedürfniß des Vertrauens. Indem er eine -Tabackpfeife ergriff und lächelnd den Kopf des Mustapha, genannt der -Fahnenträger, betrachtete, sagte er: »kein Unterschied des Glaubens, -kein religiöses Vorurtheil, und was aus dieser oder jener Gattung für -das Leben hervorgeht, ist mir fremd geblieben, den Islam ausgenommen --« -hier knurrte Faust, und schnappte wie nach dem Schall dieses Wortes. - -Der Administrator setzte sich dicht an die Seite des Majors und sprach: -»Mein Vater soll ein Freigeist gewesen seyn -- ich will es nicht -bezweifeln: denn der Gott in meiner Brust war kein kindliches Erbe, -sondern der Segen der Natur. Ziemlich jung noch hatte er eine Wittwe -geheirathet, die bedeutend älter war.« - -»Taugt nicht, Freundchen,« schaltete der Major ein, und Jener fuhr fort: -»diesmal taugte es wirklich nicht, obwohl ich sonst schon gesehen habe, -daß dessenungeachtet das Glück einer Verbindung bestehen kann. Ein -wesentliches Mißverhältniß entgegengesetzter Art machte diese Ehe -unglücklich. Die Frau war coquett und lebenslustig für ihre Jahre, -mein Vater weltsatt und ungesellig für die seinigen. So gab es -keinen Einklang zwischen ihren Meinungen, und endlich nur den -einer Scheidestunde. Sie trennten ein Band gesetzlich, was bereits -unauflöslich war: denn meines Vaters Frau sollte nach längerer Zeit -ihrer Verheirathung jetzt Mutter werden. Der Verdacht der Untreue, der -meinen Vater bestimmte, sich unter diesen Umständen von seiner Gattinn -loszusagen, muß durch dringende Beweismittel unterstützt worden seyn: -denn er ward von Seiten der Behörden nicht verpflichtet, sich ihrer -weiter anzunehmen, oder für das Kind zu sorgen. In öder Vereinzelung -ging ihm nun ein langer Zeitraum hin. Er war ein ältlicher Mann -geworden, da kam ihm der Gedanke, sich wieder zu verehlichen, und er -wählte ein blutjunges Mädchen, meine liebe Mutter.« - -Der Administrator hielt inne und seufzte tief. - -»Taugt wieder nichts,« brummte der Major sich in den Bart: »hätte ihn -nicht nehmen sollen, die arme Kleine.« - -»Mein Vater war wohlhabend -- und meine Mutter eine abhängige Waise,« -versetzte ihr Sohn mit gebundenem Athem: »Gott trat in's Mittel -- meine -Geburt gab ihr den Tod.« - -»Armer Freund!« sagte der Major weich: »so haben Sie das Treueste auf -Erden nicht gekannt.« - -Der Administrator schwieg einen langen Moment und fuhr dann fort: »mit -einer wahren Todesverachtung wiederholter Trennungen heirathete mein -Vater alsbald zum drittenmal. Ich war als ein schwächliches Kind, was -mühsam behandelt werden mußte, zu der Schwester meines Vaters gekommen, -der Frau eines Predigers auf dem Lande. Einst ward ich aus einem -harmlosen Spiel empor gerissen, es hieß: der alte Schreiber meines -Vaters wäre da, mich zu holen; mein Vater läge im Sterben, und wolle -mich noch _einmal_ sehen. Lieber Gott! er hatte mich noch _niemals_ -gesehen, seit ich denken konnte. Man kleidete mich an, ein ärmlicher -Flechtenwagen hielt vor der Pfarre; ich ward hinein geworfen. Die -verschrumpfte Gestalt des Schreibers saß neben mir, oder lag vielmehr -wie eine faule Birne auf dem Stroh. Er schlief den ganzen Weg, ich -wachte mit regen Sinnen, Bäume und Berge flogen an mir vorüber -- die -Reise war mir wie ein wüster Traum. -- Die Scene meines Empfangs schwebt -auf jede Weise dunkel vor meinem Gedächtniß. Das Krankenzimmer öffnete -sich mir. Eine spanische Wand verbarg das Bett, worin der Vater lag, und -dem Sterbenden einen bittern Anblick. Eine hochbusige Frau probirte eine -schwarze Florhaube vor dem Spiegel, der dieses eitle Bild der Trauer -verdoppelte. Ein schöner etwa dreijähriger Knabe saß auf dem Boden und -stieß, als ich eintrat, in eine kleine Trompete von Blech, als wolle -er der Herold meiner Ankunft werden, und als fände nicht die geringste -Berücksichtigung Statt, welche die Achtung der Stille erheischte. Welche -Macht über die Erinnerung üben Kleinigkeiten aus! glauben Sie es wohl, -Major? vor jenem gellenden, schrillenden Hall sinken, wie einst zu -Jericho -- noch heut die Mauern meiner Seele ein, und ein Gedanke dieses -Augenblicks voll Grauen, voll Schmerz, durchdringt mich.« - -Der Major nickte zweimal, als kenne er das und Aehnliches. - -»Ich trat verdutzt« erzählte Herr Prälat weiter: »an das Lager meines -Vaters, mit einer dumpfen Empfindung von Mitleid, Angst und Ehrfurcht, -nicht unähnlich der, womit man sich zum erstenmal dem sogenannten -heiligen Grabe nähert. Er lag wie ein =Ecce homo= darin. Seine Augen -waren umflort, und ruhten schon in der tiefen Höhle des Todes, seine -Glieder ohne Leben wie von bleichem Holz. Er reichte mir mit letzter -Anstrengung die feuchte schwere Hand. Am andern Morgen sagte man, mein -Vater wäre gestorben. Es war ein großes Begräbniß, ich ging unbetrübt -hinter seinem Sarge, kindlich stolz, das erstemal öffentlich -aufzuziehen. Meine Verwandten waren auch gekommen; des andern Tages war -ein großer Zank; ich erinnre mich, daß meine Tante ein niederschlagendes -Pulver nahm. Sie war eine robuste Frau und stets gesund, nie kam -ein Arzt über die Schwelle des Pfarrhauses: so gab dies unschuldige -Präservativ mir den Begriff einer ungeheuern Alteration. Mein Oheim -besaß mit seiner Pfarrstelle eine Widmut, auf der ich mir die ersten -Kenntnisse der Oekonomie spielend erworben habe. Meine Tante war mit -Leib und Seele Landwirthinn; das liebe Vieh gehörte gleichsam zu unserer -Familie. Sie hatte ein eigenes Idiom, sich jedem Geschlecht ihrer -Hofhaltung verständlich zu machen. Es heißt gewiß ihrer Sorgfalt für -mich den größten Ruhm beilegen, wenn ich sage: sie habe mich mit diesen -Pfleglingen in eine Cathegorie gestellt. Das ist deine Amme gewesen, -Cölestin! sagte sie und deutete auf eine schwarz und weiß gefleckte Kuh, -die vergessend ihrer Segnung, an mir vorüber schwenkte. Ein ägyptischer -Schauer rieselte dann durch meine junge Seele; die Tante, obgleich sie -eine wackere Christinn war, hätte es, glaube ich, gutgeheißen, wenn man -den Sultan Wampum der Heerde auf Knieen verehrt hätte. Standen wir an -lauen Sommerabenden am Wasser, und eine Henne lief mit dem Glucken der -Angst vor Gefahr am Ufer hin und her, weil die zarten Entlein, die sie -ausgebrütet, ihre ersten Schwimmversuche machten -- so sagte die Tante: -das ist eine bessere Stiefmutter als Deine, armer Junge! -- Dann ward -mir so sonderbar weh zu Muthe, und ich wünschte mich hinab in den -dunkeln Teich, wo er am tiefsten ist. Mit welcher Empfindung belauschte -ich, ein Knabe noch! die geheimnißvolle Zärtlichkeit in einem -Schwalbenneste! das Zwitschern des mütterlichen Vogels war mir wie der -magische Laut einer Welt, aus der ich verstoßen wäre; das geringste -Geschöpf schien mir neidenswerth, welches mir Kunde geben könnte von -jener Heimath, nach der ich mich sehnte, ohne sie zu kennen. Das Gefühl -_schützender Liebe, wie die Natur sie lehrt_, wurde zu einer Grundidee -in mir, zu einem Princip, welches später meine Handlungen leitete.« - -»Armer Freund!« sagte der Major abermals mit Blicken voll rauhen -Mitleids, und ein leiser Ingrimm zuckte in seinen Mundwinkeln, als er -eine neue Cigarre abknirschte, »so hatte die Tante kein Herz für Sie?« - -»Ein Herz wohl,« antwortete Jener, »aber nur für meinen Leib, nicht für -meine Seele. Der äußere Bedarf galt ihr alles, wie das häufig bei Frauen -dieser Art der Fall ist. Sie hatte eigene Kinder gehabt; vielleicht war -die Stelle dieses Verlustes zu lange schon vernarbt -- und Narben werden -Härten.« - -»Nun, und der Oheim?« fragte der Major theilnehmend weiter. - -»Mein Oheim,« erwiederte der Administrator mit sinnendem Auge, »war ein -liebenswürdiger Greis von einer wahrhaft patriarchalischen Einfalt der -Sitten. Seltsam! wie ein so schlichter charakterfester Mann sich in die -künstlichen Folgerungen eines Systems verwickeln können, so daß er mit -sich selbst im Kampfe lag. Er war ein geheimer Anhänger Mesmers, und -ging im Forschen der wunderreichen Kräfte, welche dieser Producent -zum Wohl der Menschheit darthat, weit genug, um bis an die Quellen der -christlichen Offenbarung zu dringen. So hielt er den Messias für einen -außerordentlichen Magnetiseur, den Tod am Kreuze für Somnambulismus, die -Jünger für Hülfsärzte pro Secundo -- und jede That des Heils für eine -Wirkung dieser mysteriösen Kraft. -- Wohin verirrt sich oftmals ein -reger, nicht genugsam beschäftigter Geist! Das Consistorium mogte -schwerlich eine Ahnung davon haben: denn mein Oheim galt für ein Muster -lutherischer Seelsorge und des unverfälschten Glaubens. Doch um die -Göttlichkeit seiner Lehre war es gethan. Der Schmerz des Wissens, der -Durst nach Wahrheit gab seinen Vorträgen eine Inbrunst, die sich -seinen Zuhörern mittheilte. Das Zutrauen, dessen er genoß, grenzte an -Wundergläubigkeit und erstreckte sich weit über die Feldmarken seiner -Diöcese hinaus. Er ward verfolgt vom Neide seiner Amtsbrüder. Nach -seinem Tode fanden wir ganze Bündel Schmähschriften der benachbarten -Geistlichen an ihn, die er mit ordnender Ruhe unter Rubriken der -Gehässigkeit gebracht hatte. Ein kleiner Auftritt ist mir eingedenk -geblieben. Eines Sonntags nach dem Gottesdienst kam eine Fischersfrau, -die zwei Meilen von unserm Dorfe am Ufer des Flusses wohnte, weinend zu -meiner Tante. Der Mann wartete draußen. Diese Leute scheueten den langen -Weg nicht, um eine Predigt in der hiesigen Kirche zu hören, wo sie -ermüdet oftmals nur mit knapper Noth ein Plätzchen zum Sitzen fanden. -So wären sie auch, erzählte die Frau, seit geraumer Zeit hierher zur -Communion gegangen, und mein Oheim hätte die fremden Gäste am Tische -des Herrn geduldet. Nun aber habe der Pastor des Ortes, wohin das Ufer -eingepfarrt sey, sie kommen lassen, mit Vorwürfen empfangen, und hart -bedroht, daß sie ihm den Beichtgroschen entzögen. Er wolle eine grobe -Epistel an meinen Oheim schreiben und sich dies in Zukunft verbitten. -Was sagen Sie zu diesem Hirtenbriefe? jener Geistliche war ein communer -Neidhammel. Die Fischerinn schluchzte und sagte: nun habe der Herr -Pastor, (mein Oheim nämlich) sie heute freundlich ermahnt, ihm fürder -keinen Verdruß zu machen; dann setzte sie entschlossen hinzu: ehe ich -aber das heilige Abendmahl wo anders halte, so lasse ich es ganz und -gar, es muß ja nicht seyn.« - -»Blitz! da schlage doch das Wetter drein!« rief der Major mit -Indignation: »über die Pfaffen! die lutherischen auch -- es ist all -Eins. Einer armen Seele den Trost Gottes vorzuenthalten, weil sie ihn, -wie billig, nicht aus einer schnöden habsüchtigen Hand empfangen will! --- Da wird ja der protestantische Altar zu einer Tetzelsbude, einer -Kleinkrämerei von Nichtswürdigkeiten. Unter uns gesagt, Freundchen! -ich kann die Schwarzröcke nicht leiden. Der Teufel hole den geistlichen -Hochmuth!« - -Der Administrator lächelte still. Er sah ein stummes Weilchen mit -seitwärts gesenktem Kopfe auf den Turban des Muselmannes nieder, der -umwunden von dem Dampfe seiner Pfeife nur bläulich schillerte, wie eine -gestorbene Perle. Dann fuhr er in seiner Erzählung fort: »solchergestalt -ward mir die Theologie verleidet, die ich nach dem Wunsche meiner -Verwandten studiren sollte. Es mischte sich mir ein fixer Gedanke von -Haß, Hader und ekler Widersacherei in diesen Stand des Friedens. Die -Widmut theilte anderer Seits mein Interesse für den geistlichen Beruf, -und schadete demselben in gleichem Grade, worin sie nützte. Wo blühet -auf solchem Mistbeet die Lilie des ungefärbten Glaubens? die Rose zu -Saron stehet nur im tiefen Thale des Gemüths, einsam und heilig. -Den Haushalter über die Geheimnisse Gottes dachte sich meine -scheue Hochachtung abgesondert in Gedankenstille von der gemeinen -Menschenclasse und ihrem niedrigen Bedarf. -- Meine Meinung entschied -sich für den Landbau. Die Gleichnisse und Parabeln der Schrift, in deren -Worten ich von frühester Kindheit an geathmet, waren wie ein Element -religiöser Poesie für jene natürliche Beschäftigung geworden. Die Bilder -vom Sämann, vom Waizenkorn, das in die Erde gelegt wird -- von der -Ernte, den Garben und Schnittern, vom guten Hirten, der das verlorene -Schäflein unablässig sucht: faßte ich im Geiste der Natur. Diese fromme -Weihe, wenn ich so sagen dürfte -- mein christliches Gedächtniß bewahrte -mich vor jener Rohheit, die man oft bei dem Betrieb der Oekonomie -findet, und welche ein wilder Sproß unveredelter Kraft ist. -- Ein -blöder Schüler der Welt, kannte ich nichts Süßeres, als frei wie der -Vogel in blauer Luft nach meiner Weise zu leben. -- Mein Oheim starb -- -und mit diesen zwei Augen schloß sich der erste Act meiner Jugend.« - -»Es ist mir lieb, daß sich das Blatt nun wenden wird, wie?« sagte der -Major mit voraussetzender Frage und rauchte stärker: »die Erziehung in -den Pfarrhäusern taugt nichts.« - -Der Administrator hatte keinen Widerspruch für das Sprüchwort seines -alten Freundes; vielleicht gab er ihm schweigend die Ehre der richtigen -Anwendung. Nach einer kleinen Erholungspause fuhr er fort: »ich kam -nun zu einem Verwandten mütterlicher Seite, der mein Vormund war: dem -Stiftscanzler von Sanct Capella, der als practicirender Jurist in M--. -wohnte. Im Actenstaube grau geworden, war jeder Lebenstrieb in ihm -vertrocknet -- er war ein Hagestolz. Die Gesetze standen leserlich auf -dem brüchigen Pergament seiner Stirne geschrieben, der Blick seines -kleinen Auges, dessen Pupille wie in einem galligten Gelbei ruhete, -hatte eine Profundität, die ihm oftmals den Vortrag seiner Clienten -ersparte -- seine Miene drückte stets auch in ihren wohlwollendsten -Modificationen eine Sentenz zu gemäßigtem Zuchthaus aus, und auf den -geklemmten Lippen wechselte das Urtheil zu Einbuße oder Leibesstrafe; -sie öffneten sich fast nie ohne einen Verlust anzukünden, selbst der -Glückwunsch zu einem gewonnenen Prozesse ward durch den Grimm seines -juridischen Dämons zu einer Drohung. Und dennoch war dieser wunderliche -Mann nicht böse. Er hatte einen ausgebreiteten Ruf, seine Rechtlichkeit -war gefürchtet. Die Beamten auf den Klostergütern zitterten vor ihm, -die guten Nonnen liebten ihn mit Furcht und schmiegten sich in -seinen weltlichen Arm -- er war der Donnergott der Abtei. -- Ein -Geschwisterkind von meinem Vormund und somit auch mir verwandt -- führte -ihm daheim die Wirthschaft; ein liebes altes blasses Mädchen, an das -ich nur mit dankbarer Rührung denken kann. Die gute Beatrix hatte eine -kleine heimliche Hauscanzlei, wo stille Gesetze ausgeschrieben wurden, -und mein Vormund stand unter diesem Kammergericht, ohne daß er ein -stummes Wörtchen davon wußte. -- Beatrix, trotz ihrer subalternen -Anspruchslosigkeit, war die Justitia des Canzlers. Sie that so simpel, -daß man ihr die Gerechtigkeitspflege eines so rabiaten Juristen -nimmermehr zugetraut hätte. Sie konnte nicht anders mit Federn umgehen, -als daß sie beständig welche rupfte oder schließ -- als gälte es das -ewige Brautbett des alten Junggesellen. -- - -Mein Vormund empfing mich mit logischer Kürze, und wies, weil er eben -dringend beschäftiget war, mich an die Muhme. Sey mir nicht bange, -lieber Cölestin! sagte Beatrix so lind und leidsam, daß ich die künftige -Angst wie im Voraus vergütet fühlte: wenn es Dir auch Anfangs nicht bei -uns gefällt. Der Herr Vetter ist nicht gar so schlimm. Man muß ihn nur -kennen. Einiges will ich Dir aber doch zur Warnung sagen: widersprich -ihm nicht! Du kannst Dir ja Einwand und Rechtsmittel vorbehalten. -Ich mußte lächeln, so jung ich war, über diese Brocken von der -Brodwissenschaft des Vetters, welche die haushälterische Muhme -gesammelt. Dann, sprach sie weiter: hüte Dich, mit dem Stuhle zu -wackeln, wenn Du bei ihm sitzest! ein Erdbeben würde wohl weniger -beachtet, als dies. Endlich lasse nie die Putzscheere unvorsichtig vom -Leuchter gleiten. Ich sage Dir: der liebe Gott läßt eher die Sonne aus -seiner allmächtigen Hand fallen, und schaut großmüthig drein, ehe der -Herr Vetter diesen Fehler vergiebt. -- Ich bebte; welch ein Wütherich -mußte mein Vormund seyn! -- Wir aßen ein kleines vortreffliches -Abendbrod zu Dreien, der Canzler schenkte mir liberal Wein ein, um -mir Muth einzuflößen. Ich saß unbeweglich auf meinem Stuhle und sah -ängstlich hin, so oft Beatrix das Licht putzte. Sie that es jedoch mit -fester Hand und winkte mir zuweilen mit den Augen, wenn ich ein Wort -sagte, was ihr unpassend schien. Nun, Du willst ein Bauer werden, wie -ich höre? fragte der Herr Vetter zwischen dem Essen, und die Frage klang -wie Spott. Beatrix zwinkerte schon wieder verneinend. Du hast dreschen -sehen, da ist Dir die Lust dazu angekommen, mein Junge. Diese Analogie -mit dem Flegel versetzte meiner ökonomischen Liebhaberei einen tüchtigen -Schlag. Studiere nur fleißig! sprach er dictatorisch: es wird sich -alsdann schon finden, was aus Dir werden soll. Nur kein Jurist! dagegen -protestire ich. Bei der Rechtspflege bliebe auch ein Eisenfresser nicht -gesund. Man ärgert sich tagtäglich und lebenslang =ex officio=. Ich warf -einen mitleidigen Blick auf die hagere gekrümmte Gestalt des Vetters, -und glaubte ihm. -- Zu meinem Erstaunen sah ich, daß dieser unwirsche -Mann auch jovial seyn konnte, und dies besonders im Umgange mit seinen -Collegen. Es fand das beste Vernehmen zwischen ihnen Statt, und nie ward -ihm eine Streitsache zu persönlichem Groll. Ich konnte nicht umhin, dies -sehr achtungswerth zu finden und dabei an die unaufhörlichen Zänkereien -der theologischen Herrn Brüder zu denken.« - -»Ja, die Juristen sind cordial!« fiel der Major ein, »aber die beste -Cammeradschaft bestehet doch unter dem Militair. Da, wo der Tod -Hauptmann ist, schließen sich die Glieder eng zusammen -- und Gewalt -geht vor Recht.« - -»Ich fragte mein Mühmchen einst,« setzte Herr Prälat fort, »warum der -Vetter denn nicht geheirathet hätte? -- Das sey Gott zu danken -- meinte -Beatrix und lächelte mit Gleichmuth. Sie ertrug schon ein halbes Säculum -seine hypochondrischen Launen. Er habe so viele Ehescheidungen amtlich -behandeln müssen, daß ihm ein Abschmack -- _Abscheu_ wollte sie -vermuthlich sagen -- vor dem Ehestand angekommen sey.« - -»Taugt nichts,« unterbrach hier der Major seinen Freund, »mit einer -Sache zu genau bekannt seyn, die Illusion fordert. Köche haben in -der Regel den wenigsten Appetit. Jeder prüfe sein Selbstwerk! -- die -Unerfahrenheit ist auch manchmal gut.« - -Ohne sich durch diese eingestreueten Bemerkungen aufhalten zu lassen, -fuhr der Erzähler fort: »wirklich überzeugte ich mich, welche üble -Meinung der Canzler von dem weiblichen Geschlecht hätte. Er nahm mich -zuweilen mit nach Sanct Capella -- die Aebtissinn vergünstigte es. -Als wir einst ein wenig illuminirt das Kloster verließen, der ganze -versammelte Convent Kopf an Kopf gedrängt uns nachsah, mein Vetter noch -einmal zurück grüßte, wendete er sich von dieser Verbeugung zu mir, und -sprach listig: gut für manchen wackern Mann, daß Ihr hier aufgehoben -seyd im christlichen Harem, Ihr verschleierten Engel! das Stift, glaube -es mir, Cölestin! ist eine wahre Büchse der Pandora. Sollten sich diese -goldnen Thüren einmal öffnen: Hu! welch ein Heer von Plagen würde da in -die weite Welt herausstürzen! -- Ich habe dieser Worte später -gedacht. Es war ein Seherblick gewesen, den der Canzler damals auf die -verschlossenen Pforten warf. Auch war jene kleine frivole Tücke gegen -die gutherzigen Cisterzienserinn nicht etwa der Ausdruck eines Spötters -in Glaubenssachen. Die Religiosität meines Vetters -- er war Catholik -- -war der geheimnißvolle Respect vor einer himmlischen Gerichtsbarkeit, an -die er in terriblen Augenblicken appellirte und: _gerechter_ Gott! sein -höchster Ausruf. - -Ich lebte eine Reihe Jahre in der That glücklich im Hause meines -Vormunds, und danke ihm viel. Dieser strenge Geschäftsmann gab mir -privatim ein Beispiel der Toleranz, was mir damals eben nöthig war. Er -haßte alles Absprechen nicht nur an Andern, er vermied es auch an sich -selbst. Ich äußerte ihm einmal ehrerbietiges Bewundern und ein Wörtchen -mit Bezug auf meine früheren Erfahrungen entschlüpfte mir. Er lächelte -und sprach: Du mußt wissen, mein Söhnchen, daß diese Eigenschaft einen -wesentlichen Unterschied zwischen den Facultäten bemerklich macht, und -unsern Beruf gewissermaßen austauscht. Die Theologen sind in der -Regel Richter, was sie nicht sollten; -- _wir_ dagegen vertreten nach -Christenpflicht und von Amtswegen die Fehler und Fährlichkeiten des -Nächsten. _Sie_ lassen ihr Licht leuchten vor den Leuten -- _wir_ -gebrauchen es nur, um auch dem finstersten Falle eine Seite der -Entschuldigung abzusehen.« - -»Wahrhaftig in Gott! da hat er Recht!« rief der Major aus überzeugtem -Drang des Herzens. - -Der Administrator schwieg, als wäre diese Mittheilung nun abgebrochen, -und sah lange weitschauenden Blickes vor sich hin. Dann hob er mit -verändertem Tone an: »ich studirte Cameralia -- ging auf Reisen -- welch -eine Welt liegt zwischen diesen schmalen Grenzen auf der Charte meines -Lebens! -- Ich hatte einen Freund -- --« ein tiefer, schwerer Odemzug, -wie wenn dies Wort sich nur mit Ketten aus dem Born der Seele wände. - -Der Major besaß bei einer rauhen Außenseite den zartesten Sinn der -Freundschaft. Er sagte: »falscher Conjunctiv, Freundchen! Sie _haben_ -einen, der nicht alles zu wissen braucht. Lassen Sie ruhen, was sich -nur mit Seufzern heben läßt. Taugt nichts, erschöpftes Vertrauen. Ich -wünsche nur noch zu erfahren, wie Sie eigentlich zu der weiblichen -Drei-Uneinigkeit gekommen sind? Josephine, das friedsame Täubchen! ist -nicht in diesem Zwiespalt begriffen. Sie ist auch hier als der heilige -Geist die schwächste Person dieser Trinität und eine wahre Vergebung der -Sünden. Wie?« fuhr der Major abstrahirend fort: »ists nicht so? werden -nicht dem heiligen Geist selbst im Glauben nur flüchtige Honneurs -gemacht?« - -Der Administrator lächelte wie ein Leidtragender, dem ein zerstreuender -Tröster von den Verhältnissen des Himmelreichs vorspricht. Er -antwortete: »ich habe meine Geschichte so weit angelegt, daß ich -schwerlich damit an das Ziel gelange. -- Meine hiesige Umstellung -knüpfte sich an Fäden, welche noch mit der vormaligen Einwirkung meines -Vetters, des Exkanzlers, zusammenhingen. Er starb bald darauf. Die gute -Beatrix war längst todt. Man fand sie eines Morgens entseelt, mit dem -Angesicht in eine Wolke von Flaum gesunken. An den starren Wimpern -hingen die zarten Federn; aber sie bewegten sich nicht mehr vor dem -verschlossenen Munde: es schien, als ob sie ohne einen Hauch der -Todesangst verschieden sey. Dieses sanfte plötzliche Sterben in weicher -Pflicht, wie wenn der Schlaf einen Müden überrascht, war die schönste -Gabe ihres armen harten Lebens. So oft mein Vetter mir das erzählte, und -des Anblicks jener befiederten gestorbenen Augen gedachte, die so treu -auf seinen Vortheil gesehen, gingen ihm die seinigen über. -- Meine Lage -als Administrator gefiel mir wohl; sie war gewissermaßen das Resultat -der Ergebnisse meiner früheren Jugend. Hier konnte ich ein Landwirth -seyn im weiten Felde der Industrie, nicht beschränkt auf die Hufe eines -engen Besitzthums, und zugleich ein Diener des Staats, dem ich mit all -meinen Kräften zu nützen wünschte. Meine Vorliebe für diesen Ort war -sich gleich geblieben. Wie oft hatte der catholische Gesang von Sanct -Capella, die heilige Nonnenstille, der Weiheduft andächtiger Mysterien, -den lutherischen Jüngling in mittelalterliche Träume gewiegt! ich war -nun erwacht, und Alles war anders und wirklich. Doch noch jetzt schlägt -die große Glocke mit jenem romantischen Klange tiefe Saiten in mir an, -und wenn Fabia mit dem großen Schlüsselbunde durch den Kreuzgang geht, -muß ich der Pförtnerinn gedenken und jenes kleinen klingelnden Geläuts -in ihrer Hand, welches, meinem Gefühl nach, den Chor seliger Geister -in einem Himmel öffnete, den die Welt fälschlich für ein Grab der -Lebendigen hielte. -- Wie öde reformirt war nun das schöne Stift, wie -profan geworden! -- ich schützte mit Pietät, was noch aus dem Umsturz -jener Verhältnisse zu erhalten war. Die Hand, welche leise und achtsam -an das heilige, das genommene Recht rührte, war desto eifriger, wo es -den Ertrag der Grundstücke galt. Man sprach davon: es sey im Werke, -das pompöse Gebäude zu einer Strafanstalt, einem Spinnhause, -herabzuwürdigen; diese Möglichkeit empörte mich. Dann sollte es zu -einer Seidenfabrik benutzt werden, endlich wolle man, hieß es, eine -chirurgische Pepiniére daraus machen. Ich kam den Behörden mit einer -Proposition von meiner eigenen Idee zuvor. Solle es denn nun einmal hier -gesponnen oder geschnitten seyn: wohl! so gebe man den Parzen Wohnung, -und lasse verdiente Offiziere hier leben und sterben. Dann zieht die -Ehre ein und nicht die Schmach, und statt Mühe, Plage und Schmerz webt -in diesen Mauern das Seidenleben der Ruhe. -- Es wurde provisorisch -zugestanden.« - -Major Feldmeister reichte dem Administrator mit einem gerührten Blicke -die Hand und sagte kein Wort. Er dampfte nur einen unendlichen Qualm -aus, als wollte er sagen: »bis an meinen letzten Athem werde ich Dir -dies danken.« - -Und der bürgerliche Prälat der einst gefürsteten Abtei sprach: »ich -orientirte mich nunmehr. Das Drängen der ersten Einrichtung ließ mich -wenig zu mir selbst kommen. Es waren Rückstände zu bearbeiten, mein -Vorgänger hatte lange darnieder gelegen -- auf den versäumten Gütern lag -mehr als ein Feld der Nutzung brach. An geselliges Bekanntwerden in der -Nachbarschaft zu denken, hatte mir noch keine Zeit geübrigt. Es war -in einer Geldangelegenheit von Belang, wo ich gesprächsweise den -Oberförster zu Rathe zog. Das wird Ihnen ihr Vetter, der Rentmeister -in Bühle, am besten sagen können -- meinte er. Mein Vetter? fragte ich -befremdet; ich wußte von keinem. Nun ich dachte nur, antwortete Jener, -weil er eben so heißt, Sie wären mit einander verwandt. -- Dies gab mir -ein Interesse mehr, dieser Weisung zu folgen, und den Mann meines Namens -kennen zu lernen. Ich ritt desselben Tages noch hinüber. Es war im Mai. -Ein Gewitter schauerte über die quellenden Saaten; doch sah ich wohl, es -würde vor der Nacht nicht kommen. Ein eigenes Gefühl von Schwermuth oder -Ahnung preßte mir die Brust, als laste ein nie getragenes Gewicht mir -auf der Seele. So kam ich an den englischen Garten von Bühle. Die Sonne -schoß eben einen goldrothen Pfeil auf das steinerne Windspiel, welches -am untern Ende des Parks auf einem Postamente ruht. Es blickte mit -todten Augen in den flammenden Köcher -- ich weilte einen Moment an -dieser Stelle und dachte: da liegt der Hund begraben! Gott weiß, durch -welche Association der Ideen mich der Gedanke geisterhaft ergriff: -es läge unter den dunkeln Schatten dieses Ortes irgend ein Geheimniß -verborgen, was meiner Theilnahme angehöre! -- Das große gothische -Schloß, die Colonnade vor den Wohnungen der Beamten, schien mir schön -aber düster, und ich gab dies Clair-obscure meiner innersten Auffassung -der frühlingstrüben Atmosphäre Schuld. Innerhalb der Gehöfte war es auf -die bängste Weise still, nur der Brunnen machte ein kühles Geräusch -und die Wasserkufe schäumte über. Ich sah Niemand, den ich nach dem -Rentmeister fragen konnte. Da öffnet sich leise eine Thüre hinter der -Colonnade, ein Mädchen, kaum jungfräulich erwachsen, tritt hervor, ein -feines Glas in der zarten weißen Hand, und wirft einen schüchternen -Blick auf mich, den Mann zu Pferde. Es liegt etwas Poetisches, Major, -in dem Anblick eines schönen Kindes am Brunnen; der Durst des Herzens, -worin er auch bestehe, wird dadurch gelöscht. -- Ich fragte höflich, -ob ich den Rentmeister zu Hause anträfe? die Kleine nickte -- es war -Josephine.« Jetzt nickte auch der Major. - -»Ich band mein Pferd an eine Säule und folgte ihr. Sie bat, daß ich -einen Augenblick verziehen mögte, denn der Vater wäre krank, und sie -müsse es ihm erst sagen, daß ihn Jemand zu sprechen wünsche. Ich wartete -vor der Thüre zu ebener Erde; drinnen entstand ein ungastfreundliches -Gemurmel, dazwischen hörte ich Josephinens Stimme wie vorbittend. -Endlich winkte sie mir. Ich trat in ein tristes Zimmer. Grüne wollene -Vorhänge verdunkelten es, und warfen noch bleichere Schatten auf einen -kranken Mann, der bei diesen schwülen Wärmegraden in Betten eingehüllt -auf dem Sopha saß. Eine Frau rückte ihm die Kissen zurecht, und schien, -mit Sorgfalt um ihn beschäftigt, sich nicht um den Eintritt eines -Fremden zu kümmern. Der Anblick dieses Kranken erschütterte mich. -Ich stellte mich ihm vor, und fragte beklommen: ob unser Gleichname -vielleicht Grund in einer entfernten Verwandschaft hätte! -- Der -Rentmeister lächelte -- o! furchtbar lächelte er. Seine Antwort lautete: -verwandt? nein, Herr Administrator, wir sind nur _Brüder_. -- Mein Blick -sah ihn mit -- Entsetzen, mögte ich es nennen, auf die Wahrheit dieser -Aussage an; dunkel hatte es mir vorgeschwebt, dieser Mann könnte -der Sohn meines Vaters seyn. Er war gegen mich ein Greis, eine ganze -Lebenslänge schien sich zwischen uns hinzuziehen; doch der verknüpfende -Faden blieb und zerriß in jener Minute mein Herz. Jetzt wußte ich, warum -mir so ahnungsvoll zu Muthe gewesen, was dieser Weg mir aufgebürdet -hatte. Meines Vaters Freiheit hemmte mich wie eine Kette, deren -tausendstes Glied noch getragen werden muß. Mein Bruder! und mir so -todesfremd! -- Getrennte Ehen sind es, welche eine Weltverbrüderung -unmöglich machen, und das Band der Menschheit auflösen. Mit diesem -stillen Bekenntniß legte ich mir selbst das Gelübde ab: scheiden lasse -ich mich nimmer! -- Ich wagte ein brüderliches Wort an den Rentmeister. -Er nahm es nicht auf, und nannte mich _Sie_. Ihr Vater, Herr Prälat, -sagte er, als ginge ihn dieser Name gar nichts an, verstieß mich im -Mutterleibe, und wer einmal unter der Bank geboren ist, kommt nie auf. --- Diese Worte deuteten mir langes Unglück an und einen zerbrochenen -Geist. Eine Thräne schlich über die Wange seiner Gattin, welche sie -verstohlen abwischte; Josephine schlich leise hinaus. Ich hatte nicht -den Muth, nach seinen früheren Verhältnissen zu fragen. Spät ritt ich -nach Hause. Der Donner rollte krachend, die Wolken waren Feuerschlünde, -es regnete wie mit Giesbächen. Ich empfand wenig von der empörten Natur. -Meine Seele bebte noch unter stärkeren Schlägen, und die einzige Thräne -meiner Schwägerinn hatte mich mehr erweicht, als dieses Sturzbad. Sie -werden leicht denken, daß ich nicht säumte wieder nach Bühle zu kommen; -doch nur langsam gelang es mir, mich meinem Bruder zu nähern und Eingang -in sein Vertrauen zu finden. Seine Frau, ob zwar auch zurückhaltend, war -dennoch freundlicher mit mir. Ich merkte bald, daß sie zu den Stillen -im Lande gehöre, und eben so, wie oft der Unmuth ihres Mannes über eine -Frömmigkeit laut werde, die ihm doch in der Geduld, womit sie seine -Leiden ertrug, zum Seegen gereichte. Aber mein Bruder war menschlichen -Ansehens nach ein Mann des Todes, und sein Gemüth schien mir noch -kränker. Wie viel die Frau für seine Pflege that: eine größere -Kraftanstrengung entwickelte sie, seine Seele zu retten. Sie ließ seinen -Eigensinn und die Natur gewähren, wenn er den Arzt nicht wollte; aber -sie quälte ihn partout mit dem lieben Heiland.« - -Der Major schüttelte den Kopf und sprach: »taugt nichts, daß solch -heilige Liebschaft aufdringlich werde; der Mann muß dem besten Freunde -die Thür des Hauses und Herzens selbst aufmachen.« - -»Einst kam ich dazu,« fuhr der Administrator fort, »als Beide in -streitendem Gespräch über die verstörende Ursache seiner jetzigen -Leiden waren. Mein Bruder schwieg sogleich; aber Fabia, gestützt auf die -Autorität ihrer Gottseligkeit, konnte nicht abbrechen, ohne weiblich das -letzte Wort zu behaupten. Sie sprach: Sey nur getrost! es wird uns -im Himmel wohl belohnet werden, so man uns um Gerechtigkeit willen -verfolgen sollte. Da fuhr mein Bruder heftig auf. Um _Gerechtigkeit_ -willen? Frau, Du faselst! eine Schändlichkeit ist es, die ich werde -verantworten müssen; ich sage Dir: es ist kein größerer Betrug erfunden -worden. Der _Glaube_ an eines Menschen Wort ist mein Unglück gewesen und -mein Elend geworden -- ich will Gott nun nicht mehr versuchen. Es lag -eine Resignation darin, die mich mit kalter Hand durchgriff. Fabia -entfernte sich; ihr Mann fiel erschöpft in einen fieberhaften Schlummer, -ich ging seiner Frau nach. Sie stand im Gärtchen, begoß ein Blumenbeet -mit ihren Thränen und rang in christlicher Verzweiflung die Hände über -den weißen Lilien. Ich redete ihr zu. Fabia verklagte den unbeugsamen -Sinn ihres Mannes, der jedem Gnadenmittel widerstände und nicht arbeiten -möge an seinem Heil. Ein Luftzug führte die leise ängstliche Frage von -ihren Lippen: _ob er nur selig werden wird_? Die Lilien nickten. Ich -sagte, was ich dachte: daß diese Kinder ihres Schöpfers auch nicht -arbeiteten im reinen Glanz ihrer Heiligkeit, und dennoch erständen zur -Frühlingsfreude der verjüngten Erde. -- - -Fabia schien nicht einzugehen in diesen natürlichen Trost. Sie sagte: -seine Mutter ist lediglich Schuld daran. Diese war ungewiß über den -Vater -- _seinen_ Vater -- darum zweifelt nun der Sohn an Gott! -- So -schob meine Schwägerinn ihren Scrupel, ob ihr Mann das ewige Leben haben -werde, Denen zur Last, die ihm das irdische gegeben. Bald darauf ward es -schlechter mit dem Bruder. Kurz vor seinem Tode übergab er mir die -Sorge für seine Witwe, für sein Pflegekind, legte den Schlüssel zu einem -wichtigen Geheimniß in meine Hände -- dann drückte ich ihm die Augen zu. -Das Recht eines Gestorbenen zu vertreten, darf ich keinen eigenmächtigen -Schritt thun noch gestatten, eine schwere Verpflichtung hält mich -an Fabia fest. Sie sehen also, wie viel mir daran gelegen seyn muß, -Einigkeit unter den beiden Frauen zu erhalten: denn auch Therese -- --« -hier summte die elfte Stunde vom Klosterthurme. Der Major fuhr -elektrisch zusammen, wie von diesem Schlage gerührt. »Elf! ich muß nun -fort, und es wird mir den ganzen Tag seyn, als stäcke ich mit _einem_ -Arme nur im Aermel des Rockes. Ich habe dem Hauptmann Moorhausen eine -Parthie Piquet vor dem Essen versprochen, und halte Wort, wenn auch ihm -kein wahres Wort aus dem Munde geht. Das Genie dieser Art muß in den -Endsylben dieses Namens wohnen: Moorhausen! Münchhausen! -- Wie hat er -uns vorgestern wieder belogen! er sprach von seinem Gute in P. -- Wir -lachten unvernünftig. Er nahm es nicht übel -- das war honett. Aber -- -Ihre Geschichte, Freundchen ist mir in Wahrheit interessant; der Schutz, -den Sie der Frau Fabia angedeihen lassen, hat seinen gediegenen -Grund, ich bin nur curios, welcher Wind Ihnen die flatterhafte Therese -zugewehet haben mag? -- allzugroßmüthig seyn, taugt nichts.« - -Das Reitpferd, worauf der Administrator täglich um diese Zeit die Ronde -zu machen pflegte, ward vorgeführt. Der Major erhob sich mit steifem -Gelenk, Faust schüttelte den schwarzen Mantel. Im Begriff zu gehen, -sagte der Major: »da fällt mir ein, ich habe ganz vergessen, weshalb -ich eigentlich gekommen bin. Ich wollte ihnen auch ein Geschichtchen -erzählen, was fabelhaft klingt: das Mährchen vom gläsernen Pantoffel. -Mein Neffe -- doch jetzt ist's zu spät; wo werden wir nur all' die Zeit -zu den vielen Reden hernehmen?« - -»Wir sprechen uns bald wieder --« vertröstete Herr Prälat, und griff -nach seinem Hute. Er hatte sich die Brust doch etwas freier gesprochen. -Es ist gut, wenn sich die Menschen zuweilen des Warums ihrer Bürden -bewußt werden; die Nothwendigkeit, sie zu ertragen, wird ihnen alsdann -klar und leichter. - -Sanct Martin war und blieb gegen seine Gewohnheit hell und schön. Sonst -hat an diesem Tage der Himmel Baumwolle feil, und die Luftgeister sind -geschäftig, der Natur eine weiße warme Schlafmütze daraus zu weben. Doch -heute schritt der Herbstheilige, der sonst winterrüstig erscheint, in -heiterer Luftigkeit einher, und grüßte mit dem gelben Sommerhute so -herablassend freundlich, daß die schläfrige Welt munter aufwachte und -träumerisch hoffte, der Sommer wolle noch einmal wieder kommen. Hier und -da zwitscherte ein schlaftrunkener Vogel, robuste Bäuerinnen verbauten -die kleinen Fenster mit Moos, um im Grünen zu arbeiten -- der -klösterliche Invalidenstamm rückte lustig ins Feld. - -Schwerlich dürfte der glänzendste =Thé dansant= im schönsten Salon der -Residenz eine wichtigere, wenn auch andere, Beklommenheit der Erwartung -erregen, als bei den Damen des Stiftes der simple Nonnenthee in -Veronicas kleiner Zelle, wohin sie geladen waren. So sind die -Vergnügungen der Geselligkeit, wie verschieden auch gestaltet und -bedingt, sich doch in ihrer Wirkung überall gleich. Zudem machte der -seltene Schritt aus dem engen Kreise heiliger Regel diese Einladung -zu etwas Außerordentlichem, und die stille Geschäftigkeit der -priesterlichen Jungfrau, der Opferrauch ihrer Küche oder _Küchel_, -wie Veronica sie nannte -- legten einen unbewußten und geheimnißvollen -Altarwerth auf den kleinen Theetisch der Nonne. - -Als es nun in den gewölbten Räumen des Klosterhauses zu düstern begann, -die Schatten des Abends längs den kalten Wänden hinschlichen, flimmerte -es schon lichterhell in Veronicas Stübchen. Mit dem Glockenschlage Fünf -standen die Schwägerinnen und Josephine an dieser geweihten Thür, hier -wußte man nichts davon, oder wollte nichts davon wissen -- daß ein -verspätetes Erscheinen für bedeutend gelte. Schwester Veronica empfing -ihren Besuch erhitzten Angesichts und mit einer gewissen gastlichen -Feierlichkeit. Die Zelle, noch immer ein geistliches Betstübchen, -hatte nur einen Anstrich von Häuslichkeit bekommen, die jedoch in ihrer -einfachen Beschränkung dem religiösen Charakter der Einrichtung nicht zu -nahe trat. In einer Nische sah seit manchem Jahr die Mutter Gottes mit -dem Kinde auf das jungfräuliche Bett herab; das Waschbecken und die -Wasserflasche von englischem Zinn blinkten in Formen wie Geräthe der -Sacristei, in die blendende Serviette über dem aufgeklappten Tisch war -das Lämmlein mit der Kreuzesfahne gewebt, die Lichter von gelblichem -Wachs warfen kirchlichen Schein, und bei jeder der drei Tassen lag ein -kleiner Blumenstrauß, bei Josephinens aber der schönste. -- - -Therese, durch den gehabten Zwist und die spät erfolgte Versöhnung -empfänglich gestimmt für den Eindruck solch einer Umgebung, sagte: »wie -heimlich ists hier! wie hübsch! ich könnte gern hier wohnen, einzig -und allein.« Josephine wußte hier Bescheid. Wie mit dem Vorrecht eines -Kindes zog sie die grünen Bettvorhänge auseinander, schmiegte die warme -Mädchenwange an die gesteppte Decke, schlug das blaue Auge gegen die -dunkle Madonna auf -- in diesem Wechselblicke lag eine Welt der -Ahnung -- und flüsterte: »wie traut! wie lieb! ich mögte ewig hier -schlafen! --« - -Frau Fabia sagte nichts der Art. Sie bewunderte das Compendiöse dieses -Locals, lobte die Nützlichkeit des kleinen Sparofens, und sah dieser -frommen Clause die häusliche Seite ab. Die Bouquets gaben dieser -Winterstunde einen schwachen Hauch von Sommerduft, und die Damen freuten -sich daran. Man wunderte sich, wie Veronica diese Blümchen so spät noch -erhalten könne. - -»Ich war von Kindheit an eine glückliche Gärtnerinn,« erwiederte die -Nonne hierauf, »und schleppte mich mit Pflanzen hin und her, woraus mein -Vater die Folgerung zog, ich würde eine treufleißige Mutter werden, die -da Segen mit der Erziehung ihrer Kinder hätte.« Sie lächelte wundersam, -wie über einen zerronnenen Traum. - -»Schade!« sagte Fabia leise. Veronica hatte dies Wörtchen nicht gehört. -Sie machte mit sichtlich gutem Willen, wenn auch nicht mit der Uebung -einer Weltdame, die Wirthinn, schenkte Thee ein, warf Zucker in die -Tassen, und besann sich alsbald, daß sich das nicht schicke, und das Maß -der Süßigkeit dem Geschmack eines Jeden selbst überlassen bleiben müsse. --- Dann präsentirte sie das lockende Backwerk, von den Schwägerinnen -als trefflich gerühmt. Man bat um die Recepte, inzwischen las Josephine -schon Eines. Sie hatte dies Papier an dem für sie bestimmten Platze -unter dem Sträuschen liegend gefunden; es lautete: »nimm fünf Loth -_Ernst_, zehn Loth _Geduld_, zwanzig Loth _Sanftmuth_, und hundert fünf -Loth _Demuth_, dieses alles stoße wohl unter einander im Mörser -des _Glaubens_, mit dem Stempel der Stärke, rühre ein Viertelpfund -_Hoffnung_ dazu, schütte es in die Pfanne der _Gerechtigkeit_, und lasse -es bei dem Feuer der _christlichen Liebe_ gar kochen. Alsdann bewahre es -wohl, damit der Schimmel der _Eitelkeit_ nicht ansetze. Mit dieser Salbe -streiche Dich des Morgens und des Abends: es ist ein Mittel gegen die -Hölle.« - -Therese seufzte, als wäre der Athem ihres Busens mit all diesen -Gewichten beladen. Die Nonne aber sprach: »ein Arcanum, der künftigen -Hausfrau zu Nutz und Frommen! meine Mutter hielt es für probat.« - -»Sagen Sie, Schwester Veronica,« fiel hier Therese ein: »sind Sie -wirklich aus wahrem Klosterberuf Cisterzienserinn geworden? ich wüßte -kaum, wie ich mir dies als möglich denken sollte.« Ihre Miene zweifelte. -Die Nonne sah die lebenslustige junge Frau mit einem Blicke an, worin -sich die schweigende Entgegnung aussprach: »Christum lieb haben, ist -besser, denn alles Wissen --« und nach einem kleinen Besinnen antwortete -sie: »die innersten Triebfedern kennt nur Gott allein, und das Herz -mag sich zu tausendmalen eine sich der Welt entschwingende Seele bewegt -haben; doch -- wenn ich einen Rückblick auf mein langes Leben werfe, und -auf den Gang meines Schicksals, der sich in diesen stillen Mauern endet, -so mögte ich doch glauben, es sey des Himmels Wille gewesen, daß ich -mich ihm weihe, und die frühesten Eindrücke des Gemüths, alle Umstände -meiner Jugendzeit hätten dazu dienen müssen, daß meine Bestimmung -erfüllt werde. -- Im Keim der Zukunft ist die verhängnißvolle Blume -eingeschlossen, und der Mensch entwickelt sich mit ihr. Unserer heiligen -Märtyrer Einige, die in den Flammen gestorben, fingen damit an, den -Finger in das brennende Licht zu halten, um zu versuchen, wie lange -sie Feuerschmerz aushalten könnten. -- Warum sollte ich es ihnen nicht -erzählen? ist doch nun Alles überwunden.« Die beiden Frauen bezeigten -ein neugieriges Interesse an dem, was ihnen Schwester Veronica -mitzutheilen hätte, und setzten sich zum Hören zurecht; nur über -Josephinens Gesicht glitt ein Schatten zarter Furchtsamkeit, als scheue -sie es, daß ihre ehrwürdige Freundinn zur bloßen Unterhaltung Narben -enthülle, die einst vielleicht schmerzlich geblutet hätten. Sie zog die -schneebleiche Hand, welche keinem Mann angehört, sacht und seitwärts an -ihre Lippen und küßte sie mit Ehrfurcht. - -»Mein Vater,« begann die Nonne, »war ein gelehrter Mediziner und Arzt -am Jesuiter-Collegio in B--. Sein einnehmendes Betragen, äußerst -verbindliche Manieren, so weit ich mich deren erinnern kann -- seine -stattliche Gestalt und großen Kenntnisse, gewannen ihm aller Menschen -Gunst und Zutrauen, weshalb er denn eine verbreitete Praxis besaß. So -dächte man nun, meine Mutter müßte eine glückliche Frau gewesen seyn. -Doch nicht also. Sie weinte oft still und bitterlich. Ich schmiegte mich -dann als ein kleines Kind in die nassen Falten ihres Kleides, ohne zu -verstehen, was sie so betrübe -- späterhin ist mir die Quelle ihrer -Thränen wohl klar geworden. Manche Zähre aus dem Auge der Gattin, was -nicht blind war für die Abwege des Mannes, ist damals auf mein Haupt -gefallen --: _dies war die erste Salbung zur Klosterfrau_. -- Meine -Mutter,« fuhr Schwester Veronica fort, »soll in ihrer Blüthe ausnehmend -hübsch gewesen seyn.« - -Die drei Zuhörerinnen sahen die Nonne auf den kindlichen Ruhm jener -Schönheit an, die längst schon Staub war, im Einverständniß der Meinung, -daß dies glaubhaft sey, und noch aus den dunkeln Umrissen des Alters -ihrer Tochter erhelle. - -»Mein Vater,« so war der weitere Verlauf der Erzählung, »hatte sie aus -heftiger Zuneigung geheirathet, er scherzte zuweilen im Beiseyn der -Freunde meiner Eltern oder Fremder über seine Bräutigams-Thorheiten -- -wie er sie nannte -- die Mutter aber ging nie in diesen Ton ein. Sie -blickte ernst und bekümmert dazu. Ich entsinne mich genau, daß dies eine -Empfindung in meine Seele legte, _als wäre die Liebe eines Mannes kein -Glück, mindestens kein dauerndes Glück_. Das Einkommen meines Vaters -setzte sein Haus in Wohlstand. Wir sahen oft Gäste bei uns. Die -elterliche Güte für mich, das einzige Kind, überschüttete mich mit -kleinen Schätzen, ein unerfüllter Wunsch fand nicht Raum unter den -angehäuften Spielsachen; dankbare Kunden meines Vaters beschenkten -mich kostbar, _und dieser Ueberfluß machte mich gleichgültig gegen -den Besitz_. -- Meine Mutter hatte einen ältern Bruder, der war ihr -Beichtvater und Erzpriester an der Stadtkirche. Niemand sah ich so gern -kommen, als ihn, den freundseligen lieben Mann, dem der Trost unsichtbar -zur Seite ging. Stets brachte er mir Etwas mit, woran ich besondern -Gefallen fand, und immer war die Mutter ruhiger, wenn er einmal da -gewesen. Diese Freude, dieser Frieden mischte sich in meine dämmernden -Begriffe vom geistlichen Stande. Der Vater mogte ihn nicht leiden, und -dies kränkte meine Mutter sehr. Einst zog mein Ohm, nachdem er mich -lange hatte rathen lassen, was er in der weiten Tasche seines Rockes -trüge, eine Puppe hervor, eine allerliebste Nonne von unserm Orden, und -mein Entzücken darüber war unbeschreiblich. Ich küßte die Farben von dem -kleinen Gesicht, daß es todtenweiß ward, und drückte die wächserne -Brust mit solcher Innbrunst an die meine, daß sie zerspringen mußte. -Am liebsten spielte ich Kloster, sang tiefe Weisen wie Choräle, was der -Vater manchmal mit einem Fluche untersagte, indem er glaubte, ich spiele -Begraben. -- Er war, beiläufig gesagt, nicht von allem Aberglauben frei, -hinsichtlich auf seinen Beruf.« - -Therese unterbrach die Geschichte der Nonne mit den Worten: »man sagt, -es soll von wesentlichem Einflusse auf das Geschick der Kinder seyn, -an welchen Gegenständen sich ihr Liebessinn übe. Sie selbst, Schwester -Veronica, liefern einen Belag zu dieser Erfahrung. Hätte ich einst ein -Püppchen, ich ließe es nur mit Engeln spielen.« - -Frau Fabia konnte nicht umhin zu erwiedern: »dann würde es nicht lernen, -_Menschen_ zu ertragen.« - -Wir lassen es, der Wahrheit dieser Bemerkung unbeschadet, dahin -gestellt, ob weiblicher Neid gegen das ihr versagte Mutterglück, oder -verletzte Verehrung für die höhern Kinder Gottes, sie in Anregung -gebracht habe. - -»Die gute Mutter,« nahm die Erzählerinn den abgerissenen Faden wieder -auf, »ließ mir ein kleines Sprachgitter machen, und lehrte mich in -ahnungsloser Zärtlichkeit, wie ich mich dabei benehmen sollte. Gewiß ist -es, daß diese kindische Spielerei mein Sinnen und Trachten richtete. -- -Doch hören Sie nur weiter. Zuvor aber noch eine Tasse Thee, ich bitte! -er ist nicht stark.« Zeitweiliges Nöthigen. Das Geklirr der Tassen, der -leise Guß des goldgelben Wassers, das Geprassel der mürben Brezeln und -Mandelplätzchen, ein dankendes oder ablehnendes Wort, füllte die Pause -der Geschichte, bis Veronica sie fortsetzte. »Das Haus meiner Eltern, -worin meine Mutter geboren wurde, stand am Marktplatze, dicht neben dem -sogenannten Rathskeller, den die Gebrüder Posca, ein paar Italiener, -in Pacht hatten. Dort fanden sich die Patrizier der Stadt ein, und mein -Vater ging jeden Abend -- kaum machte der _heilige_ Abend eine Ausnahme -von dieser leidenschaftlichen Gewohnheit -- in diese Tabagie, ein -Gläschen Montefiascone zu trinken. Nur Geschäfte hielten ihn ab, doch -nie Liebe für die Seinigen. Meine Mutter saß wie eine verwittwete früh -und spät mit mir allein; es war dann so traurig und waisenhaft still um -uns her, und die Uhr schlug manchmal schauerlich die zwölfte Stunde, ehe -der Vater heimkehrte. -- - -Die Mutter ertrug zwar duldsam, was sie nicht ändern konnte, ich habe -nie gehört, daß sie dem Vater deshalb Vorwürfe machte; dagegen nährte -sie einen seltsamen Groll gegen die Menschen, die ihrer Meinung -nach daran Schuld wären, daß sie so hintangesetzt würde, und ihr Haß -erstreckte sich über ganz Welschland. Von einem italienischen Salat -hätte sie nimmer einen Bissen angerührt; ich würde nur Gift und Galle -essen -- sagte sie einmal zu mir, als ich sie in Gesellschaft bat, von -solch einer Schüssel ein wenig zu nehmen. -- Mir war diese Nachbarschaft -unbeschreiblich anziehend. So oft ich mit meiner Mutter im Dunkeln -von einem Gange nach Hause kam, bat ich sie, vor den geöffneten Thüren -dieser Unterwelt einen Augenblick stehen zu bleiben. Die Lampe, welche -die feuchten Stufen erleuchtete, hatte einen zauberischen Schein, es -zog mein Herz hinab -- ich wußte nicht, wie? das fremdartige Rufen der -dienstbaren Geister, die Glocke, welche geläutet wurde, wenn Einer der -Weingäste etwas begehrte, brachte meine junge Seele in eine ganz eigene -Schwingung. Die Mutter mußte mich mit Gewalt fortziehen, und ich erinnre -mich, daß sie einst seufzend sagte: der Rathskeller hat Dir's angethan, -wie Deinem Vater. -- Einer der Brüder Posca hatte seine Familie noch in -Verona, und nie ist dies sonderbare Verhältniß mir deutlich geworden. So -war ich herangewachsen. Einst kam mein Vater in nächtlicher Zeit etwas -benebelt heim -- dies war sonst sein Fehler nicht. Ich lag zwischen -Schlafen und Wachen mit dem Kopfe auf meiner Mutter Schoße und hörte das -Gespräch der Eltern. Mein Vater erzählte, wie er diesen Abend dem -Peter Posca die Hand darauf gegeben habe, daß, wenn sein Sohn, der das -Geschäft fortführen sollte, nun käme, was zu erwarten, und hätte seinen -Beifall: so solle er auch die einzige Tochter haben und sein Eidam -werden. -- Ich fühlte, wie meine Mutter erschrak, und elektrisch zuckte -der Schlag dieser Worte durch meine Glieder. Du wirst doch unsere Clara --- so hieß ich in der Welt -- nicht einem Weinwirth geben? fragte sie -mit bebender Stimme; solch ein Italiener, wenn er noch nicht gebleicht -ist und kaum ein Wort Deutsch versteht, kommt mir vor wie ein Bandit. --- Es gab eine feine Linie für meinen Vater, wo seine angetrunkene gute -Laune in Jähzorn überging; auf dieser Linie schwankte sein Ton, womit er -erwiederte: verlaß Dich darauf, mein Schatz! Clara wird den jungen Posca -heirathen, und weder an seinem Kauderwelsch, noch an der schwarzbraunen -Farbe seines Angesichts sterben. Wir haben mancher Flasche den Hals -gebrochen, um dies Verlöbniß zu besiegeln. -- Meiner armen Mutter mogte -wohl das Herz dabei brechen. Es war mir, als hätte ich dies zu hören nur -geträumt. Als ein Mägdlein von funfzehn Jahren, wußte ich mich die Braut -eines Unbekannten, und dachte ich an die Vorstellung meiner Mutter, so -durchbohrte ein ahnungsvoller Schmerz mir die Brust. Ich verlautete aber -in jungfräulicher Schüchternheit nie eine Sylbe, daß ich davon Wissen -hätte. Das Geheimniß, welches ich bewahrte, war jedoch nicht darnach, -meine Aufmerksamkeit für die Nachbarschaft zu schwächen. Ein Geräusch -am Rathskeller bewegte mich wie das Blatt der Espe, jede brünette -Mannsperson brachte mich in Schrecken. Doch ging eine Zeit still hin. -Ich hatte es von jeher geliebt, wenn die Frachtwagen mit den welschen -Waaren kamen, dem Auspacken der Früchte und Delikatessen zuzusehen. -Es geschah dies gewöhnlich in einem Hofraume, den das Fenster einer -Hinterstube unsers Hauses bestrich. Die Atmosphäre vom Dunst feuriger -Weine, die sich hier niemals verzog, betäubte mich angenehm, während sie -meiner Mutter Kopfweh verursachte. Wenn ich die Citronen, sinesischen -Aepfel, Datteln und Limonien aus Blätterschichten hervor nehmen sah und -der südliche Duft herüber wehete: so war mir so sehnsüchtig zu Muthe, -als wären diese Früchte vom Baum des Paradieses gepflückt; aber immer -stand etwas Trauriges wie eine dunkle Gestalt mir vor der Seele. Beinahe -war meiner Mutter so wie mir eine vergessene Sache, was ihr der Vater -gesagt, als er eines Tages in das Zimmer trat, einen jungen Mann an -seiner Hand, den er uns als den Sohn des Herrn Peter Posca vorstellte. -Meine Mutter ward bleich wie der Tod, ich aber erröthete, daß mir die -Stirn flammte. Der sah nicht aus, als könnte er Menschen berauben oder -ermorden! ein wenig bräunlich nur war seine Gesichtsfarbe, wie ein -schönes Oelgemälde, dem man es bewundernd verzeiht, daß der Künstler -sich in etwas starken Schatten gefiel. Seine glänzend schwarzen Augen -ruhten wie der höchste Gewinn eines Würfels auf mir -- und der Wurf -meines Schicksals schien mir ein erstaunenswerthes Glück.« - -Bei dieser begeisterten Schilderung einer männlichen Persönlichkeit, -im Munde einer alten Nonne, hustete die kühle Fabia, und sah bedenklich -nach Josephinen hin, die gesenkten Blickes an ihrem Strickzeug eine -Masche aufhob, welche ihr tief entfallen war. Therese aber rief erregt: -»o das ist prächtig! der Gedanke des Vaters war so übel nicht. Mir -däucht, die Frau eines Mannes, der offne Tafel hält, ohne daß sie sich -mit Kochen und Backen plagen darf, und ein Lager für Gäste: müßte es -gut mit haben und eine immer fröhliche Ehewirthinn seyn. Ich brenne vor -Begierde zu erfahren, ob Sie den hübschen Jüngling noch genommen haben.« - -Der schwache Schein einer längst gedämpften Flamme, wie wenn Asche -ausglimmt, röthete Veronicas Wangen, als sie sprach: »was Sie äußern, -schmeichelt dem Interesse meiner einfachen Erzählung. Sie vergessen -jedoch, Frau Therese, daß ich eine Braut Christi geworden bin. -- -Ueberdies theilte meine Mutter Ihre Meinung nicht. Als der Besuch fort -war und ich schweigend blieb, redete sie mich mit händeringender Geberde -an: so ist es doch wahr! ich dachte schon, jener mir verhaßte Gedanke -wäre mit deines Vaters Rausch verflogen, und hütete mich wohl, ihn daran -zu erinnern. Mein armes Kind! jammerte sie, eine Kellerspinne sollst du -werden, die hurtig hin und her läuft und darauf lauert, eine lose Fliege -in das Netz zu bringen. Maria und Joseph! soll ich meine Tochter in den -Keller betten? -- Obgleich das mütterliche Herzeleid mich rührte und -jenes Bild mir widrig war: so mußte ich doch lächeln, wie meine Mutter -ein Sprüchwort anwendete, worin ihre tiefste Abneigung sich ausdrückte. --- Von dieser Zeit an, besuchte uns der junge Nachbar zuweilen. Nie -blieb er einen Tag länger aus, oder verweilte eine Minute über die -gewöhnliche Frist. Diese Regelmäßigkeit ängstete mich heimlich; ich -wußte selbst nicht warum? überhaupt war etwas in diesem Verhältniß, was -mich wie ein leiser Zwang drückte. Von einer Heirath zwischen uns -war die Rede nicht, und daß wir Brautleute wären, hätte uns Niemand -angesehen. Ich leugne nicht, daß ich meinem Zukünftigen sehr gut war, -und mir mit Vergnügen bewußt, wie ich zu ihm stände, wenn ich auch das -Vorurtheil meiner Mutter schonte. Ludovico sollte sich erst in seine -Lage eingewöhnen -- hatte sein Vater gesagt. So saßen wir einander blöde -gegenüber; ich fühlte ein ängstliches Bedürfniß, ihn zu unterhalten, als -ob ich _seine_ Langeweile empfände. Hatte ich auf sein Kommen gehofft: -so sah ich nicht minder gern dem Augenblick entgegen, wo er aufbrechen -würde -- wußte ich ihn doch voraus. Manchmal preßte mir der Druck einer -innerlichen Beklommenheit Thränen aus, die dann flossen, wenn er fort -war. Dabei tröstete ich mich, daß er nicht recht fort könnte mit der -Sprache -- ich hoffte ohne Hoffnung --« die Nonne lächelte trübe: »die -Liebe hilft auch einem Stummen aus.« - -Eine Solche ward jetzt redend. »Aber liebe Veronica,« sprach Josephine, -die ihren Mund noch nicht aufgethan, »was man am tiefsten fühlt, läßt -sich oft am wenigsten sagen -- der junge Herr kann auch aus Liebe -geschwiegen haben.« - -»Schweige Du, voreiliges Kind!« herrschte Fabia mit leiser Strenge ihrer -Pflegetochter zu: »Du kannst hierüber noch gar nicht urtheilen.« - -»Ich dächte doch!« meinte Therese, und ihr Lächeln nahm Partei für -diese. - -Veronica blickte das verschüchterte Mädchen zärtlich dankbar an. Sie -wußte wohl, welchen Glauben Josephinens Worte ansprächen. - -»Oft ist es so, mein bestes Kind,« sagte die Nonne zu dem Liebling -ihres Herzens: »allein hier war es nicht der Fall. So oft Ludovico kam, -beschenkte er mich mit einer artigen Kleinigkeit. Ich durfte nur etwas -lobend erwähnen, so dauerte es nicht lange, es war mein Eigenthum. -Dieser aufmerksame Sinn, mir eine Freude zu machen, täuschte mich in -dem Gedanken, er wolle mein Glück. Ludovico trug einen Ring an seinem -Finger, der mir in die Augen stach; er war vom feinsten Golde, mit dem -Bildniß einer =Mater dolorosa= in Mosaik ungemein künstlich gearbeitet. -Dieser Ring war das Einzige, was er meinem sichtlichen Wunsche -vorenthielt, und zufällig sagte er einst, daß es ein Andenken von seiner -verstorbenen Mutter wäre. -- So war länger als ein Jahr vergangen, und -jetzt äußerte mein Vater, daß unsere Verlobung in einiger Zeit vollzogen -werden würde. Doch ehe ich mich meinem Ziel nähere, muß ich zuvor noch -etlicher bedeutsamen Umstände erwähnen. Vielleicht war es in Folge der -Unruhe meines Gemüths, daß ich mich damals etwas kränklich befand. Mein -Vater glaubte nicht recht daran, wie denn Aerzte in der Regel Uebel, -woran die Ihrigen leiden, für unerheblich halten. Die hochselige Gräfinn -Frankenstern beehrte meinen Vater mit ihrem Zutrauen. Wenn sie mit ihrem -Gemahl auf den hiesigen Gütern war, bediente sie sich seines Rathes, -eines Schadens wegen, der, wie mein Vater meinte, leicht in ein -Krebsgeschwür hätte ausarten können. Auch in jenem Herbste kam sie nach -B--. Sie fand mein Aussehen verändert, und erkenntlich für geleistete -Hülfe, forderte sie meinen Vater auf, mich ihr auf ein paar Wochen mit -nach Bühle zu geben, zur Zerstreuung, wie die Gräfinn sagte. Mein Vater -war zu höflich, um der vornehmen Dame diese gnädige Bitte abzuschlagen, -meiner Mutter flehender Widerstand, mein eigenes Wollen oder Weigern kam -dabei nicht in Betracht. Indessen gefiel es mir doch ganz wohl in Bühle. -Die Gräfinn war die Leutseligkeit und Liebe selbst, eine wahre Seele von -einer Frau! -- Morgen, mein Clärchen, sagte sie am zweiten Abend, wird -eine Novize in Sanct Capella eingekleidet; hast Du das schon gesehen? -Wir werden hinüber fahren. Ich verneinte; es war mir unbeschreiblich -lieb, daß es sich so träfe, und ich konnte den folgenden Tag kaum -erwarten. Die geistliche Hochzeit wurde mit größter Pracht vollzogen. -Die Nonne, welche Profeß that, war eine reiche Erbinn von Hardt. Die -Sage ging, sie hätte sich die Untreue eines Geliebten zu Gemüth gezogen. -Das wunderschöne Frauenbild von edlem Wuchs, im vollen Brautschmuck, -flimmernd von Geschmeide, darin die Kerzen der Altäre widerstrahlten, -die Gestalt des hochwürdigen Bischofs --: alles, was ich sah und hörte, -machte einen mächtigen Eindruck auf mich. Wie nun die Orgel erbraus'te -und bebte, lös'te sich mein Wesen in erschütternden Gefühlen auf. Ich -wurde hingerissen von dem heiligen Strom. Alles Irdische versank, ich -sah in den offnen Himmel der Kirche und in meiner Brust rief es: =De -profundis!=« - -»Schwester Veronica,« sagte Fabia, indem sie die Hand der Nonne faßte, -als wolle sie ihr mit dieser Bewegung Einhalt thun, »werden diese -Erinnerungen Sie auch nicht allzusehr angreifen? ich dächte --« sie -redete nicht aus. Vielleicht war dem Protestantismus Fabiens jene -Schilderung noch ungleich aufregender, als dem stillbegeisterten Gemüth -der klösterlichen Jungfrau. Diese schüttelte den Kopf und sprach: »nein, -nein! lassen Sie mich nur ruhig auserzählen. Ich sah das Kleid von -Goldbrocat fallen wie eine verachtete Zier -- die blonden Haare -- der -Bischof schnitt mir in das Herz -- und das Fräulein aller Eitelkeit -baar, der Welt absterben. -- Während dieser ergreifenden Ceremonie wurde -eine Glocke geläutet. Mir summte es schwer vor den Ohren, ich war einige -Secunden ohnmächtig. Wenn ich an den Blick dachte, den die junge Nonne, -ehe sie, von dem Convent in die Mitte genommen, auf das gefüllte Schiff -der Kirche warf, und dann durch die Thüre verschwand, welche nach dem -Innern des Klosters führt; so schwamm ihr Bild vor meinen Augen. Als ich -am Abend jenes denkwürdigen Tages mich allein befand, und meine Haare -auflösete, bemerkte ich, daß sie genau von derselben Farbe wären, wie -die des Fräuleins von Hardt, welches knieend vor dem Bischof das stolze -Haupt in seinen Schoß beugte, daß es seines Schmuckes beraubt würde. -Während sich diese Scene meinem Gedächtniß wiederholte, entflocht ich -die langen Zöpfe, und ließ sie wellenartig durch meine Finger gleiten. -Da fällt etwas mit leisem Geklingel zu meinen Füßen -- es war eine -silberne Scheere, die ich unversehends vom Tisch gestreift hatte. Eine -innere Stimme raunte mir zu, daß dieser kleine Zufall vorbedeutend wäre, -und unter einem Nervenfrösteln legte ich mich zur Ruhe. -- Bei dieser -Gelegenheit kann ich nicht umhin einzuschalten, wie es mir vorkommt, als -ob in jedem öffentlichen Opfer eine geheimnißvoll anziehende Kraft zur -Nachahmung läge, welche verschwistert ist mit dem Reiz der Traurigkeit -und der Gefahr. Und wie verschieden es auch sey -- mein Heiland bewahre -mich vor dem Vergleich! ein reines Herz am Hochaltar den Lockungen der -Welt zu entziehen -- oder ein verbrecherisches Leben auf dem Hochgericht -in die Hände seines Schöpfers zurückzugeben: eine ähnliche Tiefe der -menschlichen Seele ist es gleichwohl, darin es liegt, daß Todesstrafen -weniger abschrecken als sie sollten. -- Bei meiner Nachhausekunft fand -meine Mutter, daß eine Veränderung mit mir vorgegangen wäre. Sie suchte -mich durch allerhand erheiternde Mittel zu zerstreuen. Am Andreas-Abend -gossen wir üblicher Weise geschmolzenes Blei. Der Geist Gottes, den wir -solchergestalt versuchten -- schwebte über dieser kleinen Wasserfläche. -Ich zeigte der Mutter die Form, welche sich meinem Guß gebildet hatte. -Nun das ist ja ganz natürlich wie eine Abtei mit Thürmen und Kreuzen -- -sagte sie: Du wirst uns doch nicht ins Kloster gehen wollen, Kind? und -da die gute Mutter hinsichtlich meiner Zukunft keines Scherzes fähig -war, der nicht ein wenig bitteres Salz gehabt hätte, so setzte sie -lächelnd hinzu: viel eher hätte ich gedacht, Du würdest kleine Tönnchen, -worin man Sardellen und Kapern voraussetzte, oder ein kugelrundes -Weinfaß fischen. -- Ich betrachtete schweigend mein bleiernes Schicksal. -Doch genug hiervon; meine Erzählung mögte sonst ihre Geduld ermüden. -Das Jesuiter-Collegium besaß ein uraltes Gebäude vor dem Thore, welches, -seiner schönen Lage wegen, theilweise in wohnlichen Stand gesetzt worden -war. Der schöne Garten daran, mit tropischen Gewächsen bepflanzt, war zu -einem wissenschaftlichen Zweck eingerichtet worden, und mein Vater, der -die Botanik leidenschaftlich liebte, durfte ihn gewissermaßen als den -seinigen betrachten. Hier verlebten einige Familien der Professoren die -wärmere Jahreszeit, zumeist solche, die ein kränkliches Mitglied hatten. -Auch uns waren des Anrechts wegen, welches sich mein Vater an dem Garten -erworben, ein Paar der besten Zimmer eingeräumt, und ich freuete mich -stets auf den Tag, wo wir unser Sommerlogis beziehen würden. Unter dem -Dache dieses Hauses wohnte ein Sprachmeister, Namens Tamdio, hoch genug, -daß die hectische Brust des ungesunden Mannes, hier Luft des Himmels -trinken konnte. Mein Vater hatte dem armen Tamdio dies bescheidene -Plätzchen ausgewirkt, wo er gleichsam einen Thurmwart vorstellte, der, -ob auch mit kurzem Athem, gegen Jedermann das Lob seines Arztes und -Wohlthäters ausposaunte. Dieser hatte ihm den Unterricht verbieten -müssen, weil das viele Sprechen seine kranke Brust angriff; nur einige -wenige Stunden setzte seine Tochter fort, die allgemein für ein wackeres -Mädchen, und für eine nette Stickerinn galt. Er hätte sonst ohne diese -Sprachfertigkeit seiner Tochter und den Fleiß ihrer kunstreichen Nadel, -verhungern müssen. -- Wie groß nun auch der Abscheu meiner Mutter -gegen meine heranrückende Verbindung war: so vergaß sie doch -nichtsdestoweniger alle die kleinen und größeren Besorgungen, welche ein -Brautstand =in optima forma= erheischt. Zwar hatte Ludovico bis jetzt -noch kein Wörtchen gegen mich fallen lassen; aber eine Heirath war -damals nicht das Recht gegenseitiger Zuneigung, sondern lediglich die -Angelegenheit elterlicher Autorität und eine Pflicht des kindlichen -Gehorsams. Sie lachen, Frau Therese? ja, und doch gab es zu jener Zeit -weniger unglückliche Ehen als jetzt. Eines Tages sprach meine Mutter mit -mir über die Geschenke, welche dem künftigen Bräutigam zu machen wären, -und führte unter ihnen auch eine Verlobungsweste auf. Ich dächte, wir -nehmen paille Atlaß, sagte sie, und ließen die Klappen und Taschen mit -einer Borde sticken, und zerstreute Blümchen in die Mitte. Was meinst -Du? -- Wir wollen des Sprachmeisters Tochter herunter bitten lassen. -- -Die junge Tamdio kam. Ihr Aeußeres war mir sonst nie aufgefallen; da sie -nun jetzt vor uns stand, erschien sie mir sehr _interressant_ -- wie man -heut zu Tage zu sagen pflegt. Man hätte sie nicht schön nennen können, -vielleicht kaum hübsch; aber es lag ein Ausdruck in ihrem Gesichte, der -unbeschreiblich rührte. Was sie sprach, klang wie traurige Musik, und -wendete mir das Herz im Busen. Meine Mutter redete im Tone ruhigen -Bestellens über diese Arbeit, welche sie der äußersten Mühsamkeit der -Stickerinn dringend empfahl, weil es ein Brautgeschenk werden solle. Bei -diesen Worten ward das Mädchen todtenblaß, und ihr Auge erlosch, wie ein -Licht ausgeht. Sie sind wohl unpaß, armes Kind, vielleicht vom vielen -Sitzen? fragte meine Mutter, unbekümmert, daß sie diese Anstrengungen -vermehre. Wie geht es denn mit ihrem Vater? Er hustet stark, antwortete -das Mädchen mit schwankender Stimme, und meine Hoffnung wird täglich -schwächer. Diese Nacht hat er wieder ein wenig Blut ausgeworfen -- meine -Mutter versprach, den Vater hinauf zu schicken, sobald er käme. Sie -verlangte nun, ich solle die Blumen und das Dessein bestimmen. Mir -that das Mädchen sehr leid, und so äußerte ich: wir könnten es ja noch -lassen. Nein, sagte meine Mutter, es stehet geschrieben: was du thun -willst, das thue bald. Ich wählte also ein Muster von Vergißmeinnicht. -In dem niedergeschlagenen Blicke des Mädchens ging ein Schein von -Beifall auf, die Mutter aber tadelte mich und sprach: Vergißmeinnicht! -das hätte wohl keine Art, und sähe aus wie ein Andenken. Du vergissest -jedoch, daß Dich der Bewußte so gut wie in der Tasche hat -- womit sie -darauf anspielte, daß ich mich nach dem Willen des Vaters heimlich für -ihn malen ließe, und mein Bild ihm in die Westentasche gesteckt werden -sollte. Das Mädchen griff rasch in die ihrige, und zog ein Tüchelchen -hervor, mit welchem sie sich die Stirn trocknete. Ich achtete dessen -nicht, es war sehr warm an jenem Tage. Eine Woche mogte seitdem -vergangen seyn,« fuhr Schwester Veronica tiefathmend fort, »als eines -Abends ein schweres Wetter aufzog. Auch der Odem meiner Seele war -schwül; Ludovico war mir seit einiger Zeit sehr trübe vorgekommen. Ich -legte mich ans Fenster, um in den Kampf der Wolken zu schauen; meiner -Mutter schwache Augen vertrugen den Blitz nicht. Sie setzte sich in ihr -Schlafgemach hinter verschlossene Läden und betete. Grade unter meinem -Fenster war eine Mauerblende mit einem eisernen Gitter und steinernen -Sitzen nach Außen. Ein breiter Ahorn wölbte sich schirmend um diesen -kühlen Versteck. Ich starrte in die Finsterniß hinaus, mit Gedanken an -meine Zukunft, die nicht viel heller waren. Da war es mir, als sähe ich -bei dem schwachen Leuchten der Blitze den Schatten eines Mannes um die -Blende wanken, und alsbald vernehme ich ein klagendes Geflüster, wie von -Innen. Es dauerte nicht lange, daß ich in der antwortenden Stimme die -meines mir zugedachten Bräutigams erkannte. Er nannte Diejenige, mit der -er zu dieser unheimlichen Stunde Zwiesprach hielt, _seine_ Clara, und an -dem Tone, womit er diesen meinen Namen aussprach, der zu jener Zeit so -allgemein war, daß ihn die meisten Töchter unserer Stadt führten, an -diesem Tone hörte ich, daß ich seine Clara nie gewesen, noch werden -würde. Schrecken und Eifersucht bewaffneten mein Gehör, so daß mir keine -Sylbe entging, obgleich jede mein Herz durchdrang. Ludovicos Gegenstand -mogte ihn bitten, sich bei dem näher kommenden Sturm nicht zu verweilen, -denn er sagte, die Gewitterwache stände am Thor, und dieses bliebe -offen, bis sie abziehen könnte. Dann schien er sich gegen zärtliche -Vorwürfe zu vertheidigen. Er nannte mich ein liebes gutes Mädchen, -welches er aber nicht lieben könne, weil es ihm aufgedrungen werde, -und nur nehmen müsse, gezwungen durch den Willen seines Vaters, der den -meinigen für einen Crösus halte. Er sprach sein Sträuben gegen diese -Heirath aus, und wie er den Tag der Verlobung so lange als möglich zu -hintertreiben suchen werde. Er betheuerte: die Mutter Gottes solle ihn -in Angst und Noth verlassen, so er jemals Der vergäße, die einzig und -allein seine Liebe besitze. Ich bin unglücklich, so lange ich lebe, -sagte er, doch ewig werde ich Dein gedenken. -- Reiche mir Deine Hand -aus dem Gitter, bat Ludovico, daß ich Dir diesen Ring an den Finger -stecke, das Liebste, was ich habe. So sind wir verlobt für den Himmel, -jenes Gelöbniß hat nur irdische Dauer. -- Ach! der Mensch sollte nie -weder so bestimmt, noch so vermessen reden! Gott ists allein, der -da bindet und lös't. Ein fürchterlicher Donnerschlag schlug ein, ich -wünschte, dieser Blitz mögte mich zum Tode getroffen haben. Meine Seele -war zermalmt, und betäubt taumelte ich hinweg. Diese Nacht war die -schrecklichste meines Lebens. Ich rang zu Gott, daß er mich stärken möge -zu einem Entschluß; denn Ludovicos Frau konnte ich nun nicht werden.« - -»Arme Veronica!« rief Therese mitleidig, »es ist entsetzlich, aus einer -hoffnungsvollen Täuschung so zu erwachen! --« - -»Und doch war es gut, daß es nicht später geschah,« sprach Frau Fabia -mit prädominirender Vernunft und Erfahrung. Nur Josephine wagte leise -zu sagen: »ach! und auch der Ludovico dauert mich. Er ist doch wohl am -unglücklichsten daran.« - -»Das dachte ich auch!« äußerte die Nonne, und fuhr mit bewegter Stimme -fort: »wie nun der Morgen tagte, der schönste Frühlingsmorgen! da -fühlte ich, daß meine Blüthen gefallen wären, für immer. Die Natur war -erfrischt, die Vögel sangen lustig in den Zweigen -- wie _mir_ zu Muthe -gewesen, ich mögte es nicht schildern können. Es war sehr zeitig, die -Eltern schliefen noch -- da ging ich nach der Stadt auf den Pfarrhof, -um mit meinem Ohm zu sprechen. Die wenigen Leute, welche mir begegneten, -strichen gespensterisch an mir vorüber, meine Schritte wankten, wie über -einem Abgrunde; ich hatte kaum Kraft die Klingel zu ziehen, die in der -nüchternen Stille so nächtlich laut hallte, daß mir ein Grauen ankam. -Mein Fuß zögerte, über die Schwelle zu schreiten, als gäbe es kein -Entrinnen mehr für mich. Der gute Erzpriester war schon auf und im -Garten beschäftiget, Ranken und Reben anzubinden, die der Sturm der -verwichenen Nacht wild auseinander gerissen hatte. Sein Gesicht war voll -Sonnenglanz. -- Dieser traute Anblick überwältigte mich -- ich sank an -seine Brust, und weinte laut. Er hielt mich bestürzt in seinen Armen; -kein Unglück war so groß, daß er es nicht in meiner Verstörung, in -der schmerzbewegten Fluth von Thränen gesucht hätte, die an den Blumen -seines Schlafrocks niederfloß. -- Ich sagte ihm nun, wie, nachdem ich -lange mit mir gekämpft, ich nun gewiß wäre, daß ich den jungen Posca -nicht heirathen könnte, indem ich eine unbezwingliche Neigung in mir -fühlte, den Schleier zu nehmen, und nur fürchtete, die Eltern würden -mir ihre Einwilligung versagen. So bäte ich ihn denn inständigst, meines -Wunsches Wort bei der Mutter zu führen. Was den Vater anbeträfe, so -wollte ich erst Vertrauen und Muth fassen, da ich von seiner Seite auf -starken Widerstand gefaßt seyn müßte; weshalb ich denn auch so zaghaft -wäre.« -- - -Mein Ohm schüttelte den Kopf und sprach: »wäre mir dies doch nicht im -Traume eingefallen! ist es auch nicht etwa nur eine flüchtige Einbildung -von Dir? besinne Dich, liebe Clara! Nonne werden, und allen Freuden des -Lebens absterben, ist kein Kinderspiel, und ich mache mir einen Vorwurf -daraus, daß ich Dir vielleicht mit jener Puppe die erste Idee dazu an -die Hand gegeben habe. Ist es mir doch nie so vorgekommen, als ob Du -Deinem Liebsten abgeneigt wärest! ich fürchte, Du verschweigst das -Wichtigste hierbei! -- Doch um keinen Preis hätte ich meinem Ohm die -Wahrheit entdecken können. -- Wenn Gottes Absichten vollführt werden -sollen: so muß es sich wunderlich schicken. Wer meinen Vater gekannt -hätte, seinen Haß, o, daß ich es sagen muß! gegen die Geistlichkeit -im Allgemeinen und gegen die klösterliche insbesondere -- seine -Ueberschätzung alles Eitlen, sein Trotz, wie er den Glücklichen dieser -Welt eigen ist, womit er einen einmal gefaßten Vorsatz fest hielt: Der -würde es für ein Unmögliches gehalten haben, daß er meinem Wunsch sich -nicht nur füge, sondern ein williges und willkommenes Sühnopfer für sich -selbst darin sähe. Und dennoch mußte ein gewaltsamer Umstand mir dazu -behülflich seyn.« Hier hielt Schwester Veronica lange inne, und ein -tiefer Seufzer ihrer Brust säuselte durch die hochgespannte Stille. Dann -fuhr sie mit unterdrückter Stimme fort: »die Heiligen segnen die Seele -meines Vaters! ich weiß nicht, ob es mir als Tochter wie als Nonne -ziemt, daß ich einer Geschichte erwähne, die einen Schatten auf sein -Grab wirft, obgleich die Zeit von funfzig Jahren Gras darüber wachsen -lassen! Wenn ich es thue, so geschieht es in dem Vertrauen, daß die -Ruhe seiner Asche nicht dadurch gestört werde. Sie mögen sich selbst -überzeugen, wie es möglich war, daß ein Mann von so sanguinischen -Meinungen, wie mein Vater, plötzlich so erschüttert werden können, daß -sein ganzes Wesen eine totale Umwandlung erlitt. -- Mein Vater hatte -sich der Wittwe eines Chirurgen thätig angenommen. Die Frau stand nicht -im besten Rufe und mogte auch leichtsinnig genug seyn; ihr seliger -Mann, dessen Geschäft sie fortsetzte, in seinen niedrigsten Functionen -wenigstens -- hatte sie barbieren gelehrt, auch über den Löffel -- zur -Ungebühr, wie mir däucht; denn sie verstand es sehr von selbst, den -Männern um den Bart zu gehen. Die arge Welt legte der Betriebsamkeit -meines Vaters für das Beste dieser Frau, der Pünctlichkeit, womit er -sie besuchte, und dem weichen Polster ihres Wittwenstuhls, eben keine -bewegende Feder unter, die von gediegenem Golde gewesen wäre. -- Dies -Verhältniß war der stille Schmerz meiner guten Mutter. Als mein -Vater eines Abends wie gewöhnlich zu dieser Wittwe geht und in die -unverschlossene Stube tritt, ist es dunkel darin, nur der Mond scheint -auf die Gestalt der Frau, welche schweigend mit verhülltem Kopf hinter -der Thüre lehnt. Mein Vater, der da glaubt, sie habe Versteckens mit ihm -spielen wollen, eilt scherzend auf sie zu -- doch welcher furchtbarer -Ernst schreckt ihn zurück! seine Freundinn hängt an ihrem Schürzenbande, -und mein Vater -- _er selbst_! muß sie mit einem Rasirmesser -losschneiden.« - -Die Zuhörerinnen schauderten -- Josephine legte beide Hände vor ihr -unschuldiges Gesicht. Und Schwester Veronica sprach! »ja, mein Kind, wir -müssen wohl den Blick schonend bedecken, der auf solch einen tiefen Fall -trifft! nie ist der Grund aufgefunden worden, warum die Frau sich ein -Leides gethan. Mein Vater mußte, da der Kreisphisikus erkrankt war, der -gesetzlichen Section ihres Leichnams beiwohnen, und diese Amtspflicht, -der er sich nicht entziehen wollen, um sich vor den Augen der Menschen -keine Blöße zu geben, hatte seine innersten Lebenskräfte angegriffen. -Dieses unglückselige Ereigniß hatte sich an jenem Abend begeben, wo -ich auf andere Weise Todesweh empfand. -- Auch mir war es aus reinerer -Schaam Bedürfniß, mich in der Achtung des Einen herzustellen, der mich -höchstens bemitleiden können. Die Geschichte machte ein ärgerliches -Aufsehen, es war, als ob der böse Würgengel vor meinem Vater herginge, -und, um sein Unglück zu vollenden, starben ihm damals mehrere seiner -bedeutendsten Patienten. Meine Mutter hatte in eben der Stunde, wo ich -vom Pfarrhof zurückkam, die erste Kunde von dem Geschehenen erhalten. -Sie würde es daher kaum gemerkt haben, wenn ich als eine Gestorbene aus -dem Grabe wiedergekehrt wäre, und so bleich ausgesehen hätte, wie ich -nun wirklich vor ihr stand. Wir finden es daher gewiß ihrer Stimmung -angemessen, und auch folgerichtig, wenn wir ihr eingewurzeltes -Vorurtheil gegen die Heirath mit dem Italiener bedenken, daß sie, als -ich nach einigen Tagen ihr im Beiseyn des Erzpriesters meinen Wunsch -eröffnete, mir zur Antwort gab: ich segne Deinen Entschluß, meine -Tochter. Viel lieber will ich Dich im Schoß der Kirche, oder auch in -den Mauern der Gruft aufgehoben wissen, als in den Armen eines Mannes. -Willig reiße ich die Blume meiner Freuden aus dem mütterlichen Herzen, -wenn ich weiß, daß Dir die Dornen der Ehe erspart bleiben. -- In dieser -Aufregung meiner Eltern unterdrückte ich möglichst den Tumult meiner -eigenen Gefühle, nur das Verlangen sprach laut in mir an, zu wissen: Wer -das Mädchen sey, dem Ludovico seine Liebe geschenkt, ich meinte ruhiger -zu seyn, wenn ich es wüßte. Wie aber sollte ich es erfahren?« - -»Ja,« rief Therese, und rückte unruhig auf ihrem Stuhle hin und her, -»diese Neugier hätte mich auch gemartert, und ich würde jedem Mädchen im -Hause auf die Finger gesehen haben.« - -»Das that ich auch,« erwiederte die Nonne lächelnd, »aber leider -fand ich wenig Gelegenheit dazu. Zu jener Zeit herrschte auch unter -Hausgenossen eine gewisse Zurückhaltung des Umgangs; die Töchter der -Professoren hielten zusammen und mich für stolz, womit so oft der Sinn -für Einsamkeit verwechselt wird, und die Fähigkeit, sein eigener Freund -zu seyn. Indem ich nun Tag und Nacht darüber nachsann, Wen ich mir -zum Fürsprecher bei meinem Vater erwählen könnte, und -- da die Zeit -drängte, ich mit unschlüssiger Angst bald an die Gräfinn Frankenstern -dachte, bald in Ueberlegung nahm, ob ich mich an den alten Posca selbst -wenden sollte, der als ein bigotter Mann Scheu getragen haben würde, die -Rechte seines Sohnes gegen den Herrn Jesum Christum geltend zu machen, -war mir der Ring, und wer ihn trüge, wirklich ein wenig ins Vergessen -gekommen. Den Ludovico hatte ich seitdem nicht wieder gesehen. Nach -einigen Tagen kommt des Sprachmeisters Tochter und bringt die fertige -Weste. Das Muster blühete nur so, und war mit dem reizendsten Gusto -ausgeführt. Meine Mutter breitete den Atlas vor mir aus, und als ich die -Vergißmeinnicht sah, die ich ahnungsvoll gewählt: da schwellten meine -Augen und ein großer Tropfen fiel auf die abgezeichnete Tasche, die mein -Bildniß hatte bergen sollen. O weh! sagte meine Mutter betroffen, was -hast Du da gemacht? -- O das schadet nicht, versicherte das Mädchen, -_die_ Farbe ist ächt, Sie werden es sehen. Darauf nahm die junge -Stickerinn den äußersten Zipfel des Seidenzeugs, und rieb damit -fadengleich die feuchte Stelle. Auf dem reibenden Finger aber -- -erblickte ich Ludovicos =Mater dolorosa=, und fühlte ihre sieben kleinen -Schwerter in _meiner Brust_. -- Ich besann mich, daß Ludovico bei dem -Sprachmeister Unterricht genommen, ich wußte auch, daß seine Clara -italienisch spräche. Dies arme, geringgeachtete Mädchen mit der -kummervollen Leidensmiene stand vor mir, so glückbegünstiget, als ob -ein Königreich an ihrem Finger funkelte. -- Ich weiß nicht, in welche -Verbindung ich es setzen soll, daß mir bei dem Lichte, was mir nunmehr -über den ganzen Zusammenhang der Dinge aufging, jeder Schatten von -Furcht vor meinem Vater verschwand. Noch an demselben Tage redete ich -mit ihm. Ich unterstützte die getroste Bitte durch Alles, was meiner -Meinung nach wirksam auf ihn seyn könnte, als zum Beispiel: daß ich aus -guten Gründen glauben müsse, Herr Peter Posca halte ihn für unermeßlich -reich, und solch ein Rechnungsfehler bei einem Kaufmann, ergäbe kein -verläßliches Facit. Dann würde er wohl als Arzt bemerkt haben, wie -dessen Sohn zum Heimweh hinneige, und wenn der Alte einmal das Zeitliche -gesegnet, könnte es kommen, daß ich mit Ludovico über Berg und Thal -in ein fremdes Land werde ziehen müssen. -- Daß mein Vater mit den -Italienern seit einiger Zeit nicht mehr auf dem alten Fuße stand, daß -ihm die Idee unserer Verbindung selbst leid geworden, davon wußte ich -nichts, als ich mit dringender Beredsamkeit an dem verknüpften Bande -lockerte, als ob ich es Wunder! wie unauflöslich hielte. Sieh da! der -Faden war schon gelös't. -- Mein Vater ließ mich ausreden, tödtlich -stumm. Dann sagte er: thue, was Du nicht lassen kannst! ich will Dich -weder hindern noch zwingen. Dieser leichte Sieg war über mein Erwarten. -Ich schlang meine Arme um seinen Hals und rief: lieber Herr Vater! ist -dies auch wahrhaftig wahr? -- So will ich Gott mein Herz weihen, daß -er Ihnen seinen Segen dafür gebe, lebenslang für Sie beten, und als Ihr -treues Kind ersterben. -- Diese Freude schien ihn zu erschüttern; thue -es -- sagte er mit erstickter Stimme; und zum erstenmale sah ich seine -Augen benetzt. Mir aber hatte sich eine Compresse vom Herzen gelös't, -und es blutete aus tiefen Wunden. Ich bat meinen Vater, daß er mir noch -eine Bitte gewähre. Wenn der alte Tamdio ausgelitten haben würde, was -nicht mehr lange dauern könne, dann mögte er die Clara an Kindesstatt -aufnehmen, daß dies verlassene Mädchen elterlichen Schutz, und meine -Mutter eine Tochter hätte, die ihres Alters Trost und Pflege würde. --- Er versprach es mir. Nun übrigte mir noch das Schwerste. Kaum eine -Stunde nachher kam mein zukünftiger oder gewesener Bräutigam, und warb -in einer entschlossenen Rede um meine Hand. Ich bebte an allen Gliedern, -da ich sprach: Herr Ludovico! ein langer Irrthum hat zwischen uns -gewaltet: ich bin Willens, des Himmels Braut zu werden und keines -Mannes. Hätte ich Einen gewählt, Sie würden es gewesen seyn, denn ich -schätze Sie sehr hoch! -- Hier ergriff er meine Hand -- ich fühlte einen -heftigen Druck, und mit gepreßtem Athem fuhr ich fort: ich habe meinen -Eltern eine Nachfolgerinn gegeben, die an meine Stelle träte, Clara -Tamdio -- ein braves Mädchen, welches das beste Glück verdient. Wenn Sie -künftig das freundschaftliche Verhältniß zu unserm Hause fortsetzen: so -gedenken Sie auch meiner. -- Ich wagte es, in sein Angesicht zu schauen; -es sah aus wie von Marmor, sein Blick war gebrochen -- und _Freude_ war -es nicht, was seine Züge versteinte. _Clara_, rief er, ist dies möglich? -mein Name in seinem Munde, hatte bei dieser Frage einen andern Klang als -sonst -- dieser Augenblick war mein glücklichster.« - -Die Nonne verstummte in bewegter Erinnerung. Alle schwiegen. Nach einer -Pause fuhr Schwester Veronica fort: »an dem Tage, wo ich mein Noviziat -antrat, begrub man den Sprachmeister. Seine Tochter zog in meiner Eltern -Haus und in mein Zimmer. Sie trug meine Kleider mit Liebe, und die -Schwächen meiner Mutter mit kindlicher Geduld. Die paille Atlaßweste mit -Vergißmeinnicht aber hat der Ludovico an seinem Hochzeittage getragen. --- Im Begriff, eine geistliche Jungfrau zu werden, war es mir -gelungen, meine Eltern gleichsam noch einmal zu trauen. Ich genoß -die unaussprechliche Beruhigung, daß sie die letzten Jahre ihrer Ehe -einmüthig lebten. Mir aber war wohl -- das mögen Sie mir aufrichtig -glauben. Ich erkannte meine Bestimmung, und daß die Welt meiner Wünsche -Ziel nicht gewesen wäre; in ihr würde meine Liebe mir verloren gegangen -seyn, die ich mir nun wie ein werthes Kleinod gerettet hatte. Wenn ich -den Ludovico heirathen müssen -- und dem würde ich nicht haben entgehen -können -- ach! und eine _ungeliebte_ Frau ist die unglücklichste von -allen -- dann würde ich in seinem Besitz zu beklagen gewesen seyn, und -außer Stande, meine Pflichten mit Vertrauen zu erfüllen, nachdem ich -wußte, Wem sein Herz gehöre, und daß ein armes verwaisetes Mädchen durch -mein Glück leide. So dachte er gewiß mit Wohlwollen an die Clausur, -welche ich gewählt, auf daß er frei wäre in seiner Wahl. Die -_Nothwendigkeit_ meiner Entschließung leuchtete mir also ein, wenn es -doch dann und wann einen Augenblick für mich gab, wo ich meinte, es -hätte vielleicht ein anderer Ausweg für mich ermöglicht werden können. -Allmählig schloß ich die Augen meiner Seele für solche Rückblicke. Mir -war wie Einem, Den mitten am hellen lichten Tage eine Sehnsucht nach -Ruhe ergreift, der er nicht zu widerstehen vermag; der Sonnenschein da -draußen blendet ihn nicht, und das Getümmel der Welt regt ihn nicht auf -an der stillen Stelle, wo er Frieden träumt. -- Gebet und Arbeit füllten -meine Zeit, ich zog viel Blumen, welcher Neigung ich durch mein ganzes -Leben treu geblieben bin. Mehrere botanische Werke aus der Bibliothek -meines Vaters, waren mein fortgesetztes Studium. Auch lernte ich den -Generalbaß und Latein -- was -- wie ein classischer Schriftsteller sagt: -ein gutes Mittel gegen die Wollust seyn soll --« ein klares Lächeln, -worin die Reinheit einer gottgeheiligten Seele schimmerte, ergoß sich -über Veronicas Züge, da sie erläuternd hinzusetzte: »als worunter -jener Autor vielleicht die Lust zum Wohlleben und schlaffe Unthätigkeit -verstanden wissen will. Auch muß ich ihm gewissermaßen Recht geben, -und es ist wirklich wahr, daß jene anstrengende Schule ein empfindsames -Frauenzimmer sehr erkräftiget, und keinem weichlichen Versinken in sich -selbst Raum giebt. Beide Kenntnisse, nachdem ich sie mit unsäglicher -Mühe erworben, waren mir über die Maßen lieb. Ich konnte die Väter -unserer römischen Kirche lesen, die heiligen Legenden -- und der -Generalbaß -- der ist der Schlüssel zu aller Harmonie, und gleichsam das -Thor zu der Welt der Töne. Man geht erst ein in das Geheimniß der Musik, -wenn man ihn kennt. -- So waren mir fünf Jahre still verrauscht. Als -ich einst nach der Vesper vom Chore kam, die Violine im Arm, die ich zu -einer Uebung mit auf meine Zelle nehmen wollte -- ward mir gesagt, ein -fremder Herr, der einen Auftrag an mich hätte, wünsche mich zu sprechen. -Ein _Herr_! ein _Fremder_! dies sind Worte, welche ein Frauenkloster in -Aufruhr bringen. Der ganze Convent sah mich mit Neid und Neugier an, und -die Aebtissin bewilligte es, daß ich das verlangte Gehör gäbe. Es war -im Herbst, zur Zeit des Zwielichts; der Mond schien schon blaß durch -die hohen Fenster, die Reben daran wankten in der Abendluft, so daß sich -Licht und Schatten zitternd in dem düstern Sprachzimmer mengten. Mein -Blick fiel auf die Gestalt eines Mannes, der am Pfeiler lehnte, und -dessen bleiches, verhärmtes Gesicht ich nicht sogleich erkannte. -Um Gott! Ludovico! rief ich so erfreut als bestürzt, da ich ihn -tieftrauernd sah; ich _fühlte_ die Scheidewand zwischen uns -- den Bogen -ließ ich tönend auf die Saiten fallen und konnte mich des Instruments -nicht geschwind genug entledigen. Sein Auge strich an meinem -Ordensgewand und dann an der Violine herab, da er sprach: liebe -_Clara_ -- nie werde ich Sie bei einem andern Namen nennen -- und ich -mißverstand ihn wohl, denn ich dachte, um seiner Gattinn willen -- also -setzte er hinzu: ich mußte Sie doch einmal wieder sehen. -- Ich drückte -ihm meine Freude darüber aus, und durfte ihm nun die Fülle der Liebe -zeigen, die keinen Abbruch gelitten, als ich mir mit dem Grundstein -seines Glückes eine Stufe in den Himmel bauete, denn er war ja einer -Andern, und ich war Gottes. Das Herz war mir so voll -- ich wußte nicht, -wonach ich zuerst fragen sollte. Was mußte ich vernehmen! -- Seine Frau -war todt, in einem schweren Kindbett gestorben, und Ludovico Willens, -mit seinen Kindern nach Italien zu gehen. So wollte ich denn -Abschied nehmen, auch komme ich nicht mit leerer Hand -- sagte er mit -zermalmender Wehmuth, und bat, daß ich ihm die meinige reichen mögte. -- -Und durch das Gitter, wie es damals geschah -- steckte er mir _den_ -Ring an meinen Finger, den er der Geliebten gegeben, den seine Ehefrau -getragen, den Ring der Schmerzensmutter! -- Empfangen Sie dies zum -Andenken von mir und ihr! sagte er, dieses gottselige Bild darf eine -Braut des Himmels tragen, ohne ihrem Gelübde treulos zu seyn. Und -erinnern Sie Sich in frommer Fürbitte Eines, der mit einem Herzen, -darin der Harm wühlt, und ein Wurm, der nicht stirbt, vergangener Tage -gedenkt. -- Ich weiß nicht, ob das meinige mehr leidvoll als entzückt -war; ich hatte ein Gefühl von Verlöbniß, und doch nicht von irrdischer -Art. Wir trennten uns auf immer -- und doch nicht für ewig. Ich besaß -ein Pfand, was den armen Leidenden an mich bände, und der Freund meiner -Seele, mein Herr und Heiland! hatte nichts dagegen. Auch die Aebtissinn -erlaubte, daß ich den Ring trüge. -- Nach Jahresfrist erhielt ich -eine Cremoneser Geige wohl verpackt, von Ludovico zugeschickt, die -mir unbeschreibliches Vergnügen machte. Es war, als ob seine frühere -Gewohnheit, mich zu beschenken, seit dem Tode der Frau wieder ihren -alten Platz eingenommen hätte. Vor einigen Jahren,« so endigte Schwester -Veronica ihre Geschichte, »zerbrach mir der Ring -- ich konnte mich -jedoch nicht entschließen, ihn einem Goldschmied zu geben. Wie bald -- -dachte ich, bricht nicht auch der Tod das Auge, das zu viel tausendmalen -darauf geruhet! so möge er denn ruhen. Hier liegt er nun.« Bei diesen -Worten zog die Nonne ein kleines Schubfach auf, nahm ein Döschen von -Perlenmutter, in Form einer Muschel heraus, öffnete es, und drinnen -schlief das Bild der allerseligsten Jungfrau auf ein wenig Watte. Die -blanke Glätte des Goldes, und ein kleiner Bug am Ringe, zeigten, wie -lange er getragen worden sey. Die Damen betrachteten ihn mit einem, -obgleich verschiedenartigen, doch gemeinschaftlichem Interesse. - -Frau Fabia hielt ihn lange vor ihr ernstes Auge, und seine Farben -spielten unter mystischen Gedankenblitzen. Sie dachte an die -geheimnißvolle Verkettung der menschlichen Schicksale, wovon dieser Ring -als ein Glied anzusehen wäre -- und daß selbst so winzige Steine reden -müßten, als die, welche den kleinen Altar reinster Mütterlichkeit -zusammenbauten, wenn es darauf ankäme, daß der Unerforschliche seinen -Willen offenbare. Theresens Blick spiegelte sich leuchtend im hellen -Golde dieser Fassung -- unter Regungen des Flattersinns wie des -Vergnügens, dachte sie: wie solch eine traurige Treue wohl möglich wäre? -und nur ein leiser catholischer Schauer versenkte ihr Anschauen etwas -tiefer in die durchbohrte Brust der kleinen Madonna. Josephine, als die -jüngste, bekam den Ring zuletzt, und durfte ihn am längsten behalten; -ihr war er eine Reliquie. Der todte Schmerz darin -- das Leben und -Leiden der Nonne -- bewegte ihre junge Seele. Die Mutter Gottes, fest -gefügt, schwankte, und ihr starrer Jammer lösete sich in der Thräne auf, -die dem frömmsten Kinde der Christenheit in den klaren Augen funkelte. -Josephine empfand, daß solch ein Ring den Schmuck der ganzen Erde -aufwöge. Sie fühlte die Heiligkeit der Liebe, und den unvergänglichen -Werth eines Herzens, das sich zu opfern vermag, auf daß die Welt selig -würde, die es umfaßt. - -Während dieser Theestunden war der Administrator bei dem Major -Feldmeister gewesen, der ihm sagen lassen, es ginge schlimmer mit dem -Bein, und er mögte ihm doch ein wenig Gesellschaft leisten auf seinem -Zimmer. - -Jener, der in der Abwesenheit der Frauen eine schwache Anwandlung von -dem Unbehagen eines Ehemanns spürte, welcher den Zusammenkünften der -Damen und ihrer gesetzgebenden Tyrannei nachstehen muß -- hatte der -Einladung augenblicklich Folge geleistet. Das Gespräch vom Morgen ward -fortgesetzt, und der Major brachte die Frage wiederum in Anregung, wie -der Erstere zu seiner zweiten Schwägerinn gekommen sey. Da es sich nun -der Allgegenwärtige allein vorbehalten hat, aller Orten zugleich zu -seyn, und, wie Einer sagt, der nach dem ersten Erschaffenen heißt: Adam -im Dorfbarbier --, ein einzelner Mensch nicht an Alles denken kann, so -müssen wir uns das Vergnügen versagen, unsere Leser als Zeugen dieser -Unterhaltung einzuführen, _weil_ und _so lange_ wir in Veronicas Zelle -verweilen. Indem wir nun den Inhalt derselben nachträglich mittheilen, -ist uns der Vortheil gegönnt, auch das, was dem Erzähler selbst -verschlossen geblieben, kraft des magischen Schlüssels, den wir -dazu besitzen, unsern Lesern zu eröffnen. -- Die Stiefmutter des -Administrators hatte sich nach seines Vaters Tode mit ihrem Söhnlein -in die Hauptstadt des Landes begeben, welches der Schauplatz dieser -einfachen Geschichte ist. Die Dame mogte ihre guten Ursachen haben, so -fern als möglich von ihrem ehemaligen Wohnorte zu leben, um persönlichen -Vorwürfen zu entgehen, und die Früchte eines erlisteten Testaments unter -dem Schutze der Unbemerktheit genießen zu können. Und wie es denn nun -häufig geschieht, daß ein ungemeines Glück auf den Schmutz ungerechten -Besitzes, und in befleckte Hände fällt, so waren ihrem Kinde seltene -Gaben geworden. Der kleine Constanz war ein Ausbund in jedem Sinne, und -unter keine Regel zu bringen. Er wuchs in genialer Wildheit auf, -und seiner Mutter, wie Jedem, der an ihm erzog, über den Kopf. Seine -Fähigkeiten überflügelten frühzeitig die Erwartungen der Lehrer, -die nicht wußten, in welche Classe sie ihn setzen sollten. Seinen -Mitschülern war er ein Abstractum -- und mit einer wohlwollenden Seele -sah Constanz sich nirgend verstanden, denn es fehlte selbst der Mutter -an dem Maßstab der Liebe, den Geist ihres Kindes zu messen. Die Mutter -befand sich nicht wohl, und zog, eine Frühlingscur zu gebrauchen, vor -das Thor. Dicht neben dem Hause, darin sie wohnte, war das Hotel des -***schen Gesandten, mit einem prächtigen Garten. Der Knabe blickte -zuweilen sehnsüchtig aus dem engen grünen Bezirk, den seine Eigenthümer -ein Gärtchen nannten, und dessen Beete in seine strebsamen Wünsche -hemmend einschnitten, in die freien Räume hinüber, wo die Söhne des -Gesandten, etwas älter als er, unter hohen Schatten sich nach Willkür -belustigten, und unter dem gesenkten Auge des Hofmeisters, der nicht -weit davon in einem Buche las und mit vornehmer Ruhe seine Eleven -gewähren ließ -- ein wenig turnten. Es prickelte den Constanz oft in -allen Gliedern, das Glück dieser Ungebundenheit zu theilen, denn die -Mutter schrie schon ängstlich auf, wenn er einen Purzelbaum schoß, oder, -die langsame Treppe zu umgehen, sich über das Geländer hinaufschwang. -Jede solche Kraftübung ihres Söhnleins setzte ihren schwachen Kräften -zu. Das Verlangen nach diesem Spielraum ward ihm denn nun auch erfüllt. -Die Lebendigkeit des Kindes, was sich den stolzen Söhnen des Gesandten -auf ihren Wunsch und Wink zugesellt, etwas Hinreißendes in seinem Wesen, -die Art und Weise, wie der freundliche Knabe seinen Willen stets gegen -den hochmüthigen Trotz der Andern durchsetzte, schienen dem Hofmeister -bemerkenswerth. Er sagte dem Gesandten davon, und als dieser einst -Gelegenheit hatte, den kleinen Constanz selbst zu beobachten, fand sein -feiner diplomatischer Blick ein Talent an dem Knaben aus, was wohl der -Mühe verlohnte, für _seine_ Zwecke entwickelt zu werden. Der Gesandte -ließ sofort die Wittwe artig ersuchen, ihren Sohn, der ihm lieb geworden -sey, an dem Unterricht seiner Kinder Theil nehmen zu lassen. Es geschah, -und mehr noch. Als der Sommer zu Ende ging, war auch die Mutter des -kleinen Constanz an ihrem Ziele -- und der Gesandte nahm den verwaiseten -Knaben nun ganz zu sich. Die Söhne folgten ihrer Bestimmung, Constanz -blieb das Kind des Hauses. Er ward Privat-Secretair des Gesandten. Diese -Stellung machte ihn mit den geheimsten Staatsverhältnissen vertraut, -er arrondirte die Rechte der Familie gegen einander, und ihr Oberhaupt -setzte ein ungemessenes Vertrauen in die Klugheit seines Günstlings. -Nur dessen Geschlechtsname war ihm zuwider, aus einem angestammten -Vorurtheil gegen klösterliche Machthaber, und da nun Constanz von früher -Kindheit an _so_ und nicht anders genannt worden war, behielt er diese -Benennung später und für immer bei, so daß man kaum mehr wußte, wie er -eigentlich heiße. So ward es dem Constanz nicht schwer, die Prälation -seines Namens gegen jenen aufzugeben, der im Hause mit französischem -Accent ausgesprochen ward. Seine Persönlichkeit ging in der Bedeutung -des Gönners unter, dem er Kopf und Feder lieh. Es war bekannt, daß der -Secretair die rechte Hand des Gesandten wäre; doch die Frau desselben -tadelte diesen Vorzug, wenn auch nicht laut. Sie liebte den Jüngling -nicht gleicherweise, theils aus ein wenig Mutterneid, theils aus einem -dunkeln Gefühl von Eifersucht auf die Gunst ihres Gemahls, endlich, -weil er sehr verschwiegen war. Diese erforderliche Eigenschaft stand im -Conflict zu einem Fehler der Dame: dem Mißtrauen. Sie argwöhnete, das -Cabinet, dessen Geheimnissen der Secretair verpflichtet wäre, enthielte -auch solche, welche nicht in anderer Herren Länder, sondern über -die Grenzen des ehelichen Bereichs, in das Gebiet _fremder Frauen_, -verhandelt würden. Und in wie weit dieser Verdacht begründet gewesen, -wird die Folge lehren. So war das Verhältniß des begünstigten Constanz -gegen die Dame des Hauses etwa das eines natürlichen Sohnes. - -Wenn der Gesandte, was er oft zu thun pflegte -- rühmte, wie expedit -Constanz sey, wie er darin das Unmögliche leiste, dann bestrafte seine -Gemahlinn ihn für den Aerger dieses Lobes, indem sie weniger mit einer -Miene des Tadels, als übler Weissagung, entgegnete: »ich fürchte sehr, -Constanz übertreibt Alles, und Sich zumeist. Solche Leute leben nicht -lange. --« Dies Prognosticon, mit pflegmatischer Ruhe gesprochen, jagte -den Gesandten in Furcht. Einst hörte er seine Frau zu dem Secretair -sagen: »wenn Sie nur nicht immer so =en carrière= wären, Constanz! ich -mag es nicht gern, wenn der Mensch weder Rast noch Ruhe hat. Denken Sie -an mich, Sie werden einmal wie ein Wirbelwind heirathen, der den Leuten -Staub in die Augen streut -- und mit Extrapost gen Himmel fahren. --« -Der Jüngling lächelte der Drohung, die ihn zügeln sollte, und sprach: -nichts könnte ihm lieber seyn, denn alles Langsame wäre sein Tod. -- - -Der Gesandte dachte darauf, wie er den Constanz, ohne ihn zu verlieren, -entfernen könnte, und alsbald traf dieser Wunsch mit den Interessen -seiner Charge, wie mit denen seiner eigenen Angelegenheiten auf das -Genaueste zusammen. - -Es war um die Zeit der Aufstände in Polen, wo er den Secretair mit einem -Auftrage von größter Wichtigkeit an einen entlegenen Hof sendete. Es -war eine Courierreise. Doch zu Einem Auffenthalt erhielt der junge Mann -geheime Instruction, und Constanz muthmaßte schlau, diese mache nicht -den unbeträchtlichsten Theil seiner Sendung aus. An der polnischen -Grenze lebte eine Freundinn des Gesandten, um die er in Sorgen war. -Constanz sollte sich von der Lage dieser Dame und ihrer Tochter in -Kenntniß setzen, und wie es Beiden in den kriegerischen Unruhen ergangen -sey; dann ihnen Depeschen überreichen, welche der Gesandte ihm, unter -dem Siegel der tiefsten Verschwiegenheit, übergab. Er versprach dagegen, -wenn die Ausführung jenes Geschäfts -- vielleicht meinte er auch -_dieses_ -- den Beauftragten bewähre, so solle Constanz einer seinem -Verdienst entsprechenden Versorgung im diplomatischen Corps gewiß seyn. --- Es war, als ob der Landsturm jener Revolution eine alte Erinnerung in -dem Herzen des Gesandten aufgestört, und seinen gleichmüthigen Bestand -aufgelöset hätte. Dieser Protector, getäuscht von der innern Bewegung, -wähnte, seinen äußern Zustand verändern zu müssen, und indem er die -Anstrengung im Auge hatte, sich auf den Gipfelpunct seiner Wünsche zu -schwingen, ging er von der Idee aus, den Protegé für diese Absicht zu -nützen, bevor er ihn poussire. - -Freudig, wie ein Vogel den goldenen Käfig hinter sich läßt, darin er -eingeengt gewesen, flog Constanz durch die blauen Lüfte. Er war ganz in -seinem Elemente; eine weite Aussicht that sich vor seinen Blicken auf. -Er schwelgte gleichsam im Genuß einer pflichtmäßigen Eile. -- Doch -indem er der Ferne zustrebte, war er unversehends an die Marken seines -Schicksals gekommen; und hier war es, wo der Horizont seiner Hoffnung -Erde und Himmel für ihn abgrenzte. - -Als Constanz sich den Wäldern Polens näherte, drängte sich ein -düsterer Ernst ihm auf. Ueberall traf er auf Spuren wilden Kampfes und -verzweiflungsvoller Schritte. Die Zerrissenheit dieses Volkes dauerte -ihn, er sah betrübt zu Boden, den so viel edles Blut besprengt, und -jeder Ton dieser sarmatischen Mundart schlug dumpf und traurig eine -tiefe Saite seines Herzens an. - -Constanz sprach sehr geläufig polnisch, was ihn jenen heimathlosen -Flüchtlingen naturalisirte, in deren rauhen Mienen ein Strahl -vaterländischen Sonnenscheins bei seiner Anrede aufging. Man wies ihn -überall freundlich zurecht; doch nicht in einen erfreulichen Port. Der -kleine Edelsitz, auf dem die Freundinn des Gesandten residiren sollte, -war eine wüste Brandstätte, ein trauriges Bild gänzlicher Verödung. Es -war um die Mittagsstunde, als Constanz auf dem weichen Estrich dieser -polnischen Wirthschaft anhielt. Diese verkohlten Gebälke schienen -noch zu dampfen; doch kein Rauch stieg aus der Esse des Gemäuers, des -einzigen auf dem Höfchen, was den Anstrich hatte, bewohnt zu seyn. Ein -alternder Mann, in der Livree der Armuth, welche ein lustiges Bunt -giebt und freie Schnitte -- doch besseren Ansehens als Die, welche sie -gewöhnlich tragen -- stand in der niedern Thür, und sah tiefsinnig auf -das leere Häuschen einer Hundehütte nieder, deren Kette gelös't daneben -lag, und den Wächter frei gegeben hatte. Der Mann schrak zusammen, als -das leichte Fuhrwerk schnell wie ein Pfeil von der Senne, durch den -offnen Thorweg prallte, und gleichsam sein Herz zu treffen schien. Der -junge Reisende trat wohlwollend auf ihn zu, und fragte nach der Herrin -des Ortes. »Meine Dame schläft --« sagte der vermuthliche Diener, -indem ein Seufzer seiner Rede voranging, welcher sie der Theilnahme des -Zuspruchs anempfahl, »und ungern mögte ich sie wecken. Auch würde es« --- meinte der Getreue, »wenig nützen. Seit den erschrecklichen Vorfällen -allhier,« fuhr der Alte fort, »hat meine Dame das Gedächtniß verlohren, -und kann sich auf nichts mehr besinnen.« - -»Nun, vielleicht doch! wir wollen sehen --« erwiederte Constanz lächelnd -auf diesen Bescheid, der beinahe abweisend lautete. - -»Sogleich!« sprach der Alte in der reizbaren Empfindlichkeit seiner -Nation und eigenen Unglücks, von diesem Lächeln, diesem Zweifel -beleidigt, und stieß leise ein zersprungenes Fenster nach Innen zu auf, -was nur angelehnt war. Der junge Fremde sollte Einsicht in die Wahrheit -seiner Aussage bekommen. Constanz trat vor die Oeffnung, und als -Schatten vor die Sonne, welche wie zum Spott Verhältnisse beleuchtete, -deren Glücksstern untergegangen war. Welch ein Anblick! das nackte -Sparrwerk der Wände war mit Teppichen behangen, die augenscheinlich -einer besseren Bestimmung angehörten. Auf einem verstümmelten -Pfeilertisch von Marmor stand eine massive Eßschale, trübe verblindet, -darin ein Rest ärmlicher Speise war. Tausend Kleinigkeiten, darunter die -meisten vom Ueberfluß, lagen -- ein Quodlibet -- wirr durcheinander, und -eine Anzahl kleiner abgetragener Schuhe, wie vertretne Kinderschuhe -- -nahm den Fußboden ein. Alles schien nur für den Nothbehelf zu seyn. In -einem Großstuhle, der schräg gegen das Fenster gerückt, voraussetzen -ließ, er stände nur derweilen da -- lag eine ältliche Frau mit -geschlossenen Augen. Ein echter Schawl, an den der matte Kopf sich -schmiegte, hing nachlässig über die Lehne geschlagen, und der Chinese -des Gewirks, hielt seinen Schirm über diese eingesunkene Wange. -Vielleicht war dieser phantastische Schutz der einzige, dessen die -schlummernde Dame genoß. -- Um ihren feinen Mund schwebte ein Lächeln --- das Todeslächeln unbewußter Beruhigung; ihre rechte Hand lag auf dem -Arme des Sessels. Eine zartere Hand, gewebt aus der feinsten Seide -des Müßiggangs, hatte Constanz nie gesehen; aber er gewahrte jenes -Nervenhüpfen daran, welches auf krampfhafte Zustände, und nicht selten -auf eine nahe Auflösung schließen läßt. Im lebendigsten Contrast dieses -abgespannten und verblichnen Bildes, saß ein junges schlafendes Mädchen -zu den Füßen der Dame. Diese Sieste war eine andere; dieser volle -Athemzug war ein trunkenes träumerisches Schöpfen aus der Ruhe süßestem -Quell. Constanz ward berauscht vom Zusehen. Für einen jungen Mann giebt -es keine größere Gefahr, als die Schönheit, wenn sie schläft, und die -gesenkten Waffen blinkender Augen. -- Doch nach einigen Secunden, die -sein Leben wendeten -- es giebt Momente, welche alle Verhältnisse der -Zeit aufheben -- trat Constanz zurück, denn der Anzug des Mädchens -däuchte ihm nicht für die Nähe eines Mannes berechnet. Er wollte warten; -doch jetzt regte sich die Dame, und der alte Diener führte ihn an die -Thüre. Constanz mußte sich bücken, und sein Herz beugte sich, als die -Dame ihre Augen aufschlug, und erschrocken fragte: ob wieder Feinde da -wären? -- Constanz versicherte ehrerbietig: er käme als ein Bote der -Freundschaft. Die Dame legte die schneeweiße Hand an ihre Stirne, wie -Jemand, der sich besinnt, und sprach: »Freundschaft -- --?« Es war, als -wäre der Begriff dieses vielsagenden Wortes ihr tief entfallen. - -Während dessen war das Mädchen auch erwacht. Angesichts des jungen -Fremden trat es vor den alten Mann, und ließ sich ungenirt das Kleid -von ihm zuhäkeln. Diese polnische Unschuld verwirrte den entzückten -Constanz, dem der kleinste Dienst weiblicher Toilette bisher wie das -Werk geheimnißvoller Verwandlungen gewesen -- so daß er mit Mühe nur -seinen Auftrag auszurichten vermogte. - -Es war eine helle Stunde für die Mutter, in der sie die Depeschen des -Gesandten las. Und während sie wie aus den Wolken fiel -- sehr dunkle -hatten den Lebenstag dieser unglücklichen Frau verfinstert -- daß -jener Freund sich ihrer _jetzt_, und auf diese Weise erinnere, fiel das -Rosenlicht einer schöneren Vergangenheit auf jede Zeile. -- - -Das Lesen geschah indeß so langsam, daß Constanz unterdessen völlig Muße -hatte, sich der Tochter zu befreunden. Er bat um die Vergünstigung, bis -zum andern Morgen hier verweilen zu dürfen. Die Mutter war über jede -Verlegenheit ihrer Lage hinaus -- das Fräulein bewies sich nur in so -fern gastfreundlich, indem es bei der Sorge für die Bewirthung dieses -angenehmen Botschafters doch nicht das Vergnügen über seine längere -Anwesenheit verleugnete. - -»Bonaventura --« so hieß der alte Kämmerer -- »wird schon Rath -schaffen,« sagte Therese -- unsere Leser wissen ihren Namen doch. »Wir -wollen die Mutter nur ganz außer Acht lassen --« flüsterte Therese ihm -traulich zu. »Sie lies't zwei Stunden an dem Briefe -- ich kenne das. -Wäre es Ihnen vielleicht gefällig, eine Parthie Schach mit mir zu -spielen? Sie mögen Rußland seyn -- ich bin Polen.« - -Constanz erstaunte über die Vortheile, welche Therese sieggewiß -ihm vorausgab; doch nicht minder, daß er fände, wie dieser harmlose -Leichtsinn vermengt wäre, mit patriotischer Tücke. -- Nach wenigen Zügen -war seine Niederlage entschieden, und nebenbei verlor er sein Herz. - -Nachdem Theresens Mutter gelesen, versank sie in eine Apathie, welche -ihre Gegenwart den ganzen Abend hindurch unwirksam machte. Und dieser -Abend, er reichte hin, die flatterhafte Neigung der beiden jungen -Leute unauflöslich zu knüpfen. Auf Constanz Seite stand unsichtbar sein -treibender Genius, der ihn immer und überall drängte. »Spute Dich!« -raunte dieser beflügelte Geist ihm zu, »wir haben Eile, und die Zeit -entflieht.« Wie verwirrend die zarten Seile nun auch waren, die sich -leise um dieses flüchtige Naturell legten, wie verworren das Verhängniß -dieses Hauses vielleicht: Constanz blieb zum Aufmerken frei, wie zu -einer und der andern Frage, die ihm sein Gönner an das Herz gelegt, -bevor er die an das Fräulein richtete, welche ihn selbst betraf. Es -geschah dies gesprächsweise. Therese stand auf, rüttelte sacht an der -schwachen Mutter, und weckte ihre schlafende Seele mit den Worten: »sage -einmal, habe ich Verwandte?« - -»So viel ich weiß: nicht;« antwortete die Dame mit Resignation, und -bat, daß ihre Tochter sie in dieser traumhaften Stille lassen mögte. Ein -kühner Wurf des Gesprächs brachte es auf Religion, und Constanz begehrte -zu wissen: zu welcher das Fräulein sich bekenne? »Eigentlich zu keiner,« -antwortete Therese mit liebenswürdiger Freigeisterei, »ich habe meinen -Glauben gern für mich, und meine Liebe auch. Doch bin ich mit Salz -getauft --« Constanz lächelte gelinde. - -Therese, die es zweifelnd ansah, stand abermals auf, ging zu dem -Großstuhl, neigte sich über die blasse Gestalt, und sprach: »Mütterchen, -bin ich catholisch?« - -»Etwas --« antwortete die Dame kaum hörbar, »Du frägst mich viel. --« -Therese stand beschämt. »Die Mutter hat eigentlich Recht --« sagte sie -und nickte dazu. »Fasttage halte ich gar nicht, und auf die Beichte -nicht viel; sie müßte denn freiwillig seyn, wie zum Beispiel jetzt. Wenn -ich es Ihnen ehrlich gestehen soll --« fuhr Therese fort: »die Religion -ist mir ein bischen zuwider. Erstens: des vielen Krieges und Streites -wegen, den sie verursacht hat, und ich liebe es sehr, daß man sich -freundlich begegne; dann habe ich einige Fromme kennen gelernt, die mir -außerordentlich gehässig waren. -- So kann ich auch nicht anders, als -mir unsern Herrgott unter dem Bilde eines wohlwollenden alten Mannes -denken, der eine großmächtige Schlafmütze trägt -- als Symbol der -ewigen Ruhe. Und in dem Himmel stelle ich mir eine ehrsame, aber höchst -langweilige Gesellschaft vor.« - -Für Constanz waren diese Aeußerungen, um der Anmuth und anspruchslosen -Offenheit ihres Vortrags willen, Bekenntnisse einer schönen Seele. Ein -aufrichtiges Herz schätzte er über Alles, und er wünschte, sich dieses -arglose zuzueignen. - -Was Therese dem Gast im Laufe des Abends erzählte, dürfte ohngefähr -folgendes Ergebniß seyn. Therese war, seit ihrer frühesten Kindheit von -ihrer Mutter getrennt, in einem großen Hause erzogen worden, ziemlich -sich selbst und ihrer natürlichen Gutartigkeit überlassen. Jene Familie -aber lebte, verwandtschaftlicher Verhältnisse wegen, wenig daheim, und -so konnte sich auch kein weibliches Gefühl der Stille und Stetigkeit -in Therese entwickeln. Dieser auswärtige Aufenthalt entfremdete sie der -Mutter wie der Muttersprache, und eine fanatisch protestantische Bonne -vermischte den catholischen Geist des Fräuleins so lange mit dem Wasser -der reinen Lehre, bis Theresen das religiöse Element der Seele vom -Ueberfluß schien. -- Als die Gährungen in Polen ausbrachen, lös'te jene -Familie sich theilweise auf; eine heimathliche Sehnsucht erwachte zum -erstenmale in Theresen. Sie verlangte nach ihrer Mutter, und man hielt -das Mädchen in der waldigen Steppe des mütterlichen Witthums besser -aufgehoben, als im Mittelpunct einer wildbewegten Stadt. -- - -»Aber es war nur um so schlimmer --« sagte der alte Bonaventura, als -er am Abend spät Constanz in dem dürftigen Verschlage bediente, wo sein -Nachtlager bereitet war, und auf die warmen Erkundigungen des Gastes mit -traurigem Bericht Theresens Aussage vervollständigte: »die Ankunft -des Fräuleins war entsetzlich. Die Mutter sah ihr schönes Kind bei dem -Feuerscheine seiner Habe wieder, und die Kraft meiner Dame ward davon -verzehrt, wie unser weniges Heu von der Flamme. Nur der Entschlossenheit -eines jungen feindlichen Offiziers verdanken wir persönliche -Berücksichtigung und das, was wir aus diesem Wirrsal retten konnten. Ein -lieber Mensch! die Andern waren nur wie reißende Wölfe gegen ihn; aber -Gott haucht Milde ein, da, wo sie Noth thut, und mäßiget den Wind für -das Lamm einer geschorenen Heerde.« - -Constanz hatte jenes Offiziers auch von Theresen erwähnen gehört, -und mit einem so bedeutsamen Interesse, daß dieser Antheil eine -eifersüchtige Regung in ihm erweckte. -- - -»Seit jenem Tage nun,« fuhr Bonaventura fort, »vergißt meine Dame Alles! -wohl ihr! das Gedächtniß verlieren ist für den kein Unglück, der nichts -als Kummer zu vergessen hat. Jeder Augenblick, wo sie nun schläft, -erquickt mein eigenes Herz, was ihr die Ruhe gönnt, und mit Freude werde -ich ihr die Augen zudrücken, welche nicht viel gute Tage gesehen haben.« -Die des alten Mannes standen voller Thränen, als er dies sagte. Diese -treuherzige Gesinnung rührte Constanz und flößte ihm Achtung für den -Diener wie für die Herrin ein. Er fragte, er wollte vornehmlich wissen, -warum Therese ihrer Mutter entrissen worden sey? -- - -Bonaventura zuckte die Achseln. Er erzählte eine Geschichte jugendlicher -Verirrungen, welche seine arme Herrschaft unter die Despotie ehelicher -Tyrannei gebracht hätten. Dabei gerieth er in ein Labyrinth der -Darstellung, verlor den leitenden Faden -- und wußte am Ende nicht, -wo aus noch wo ein? da es ihm zur Unzeit einfiel, ob es nicht -verrätherische Geschwätzigkeit sey, die zarten Leiden seiner Dame einem -fremden Ohr Preis zu geben? -- Jene Geschichte gehört nicht in unsern -Plan. Wir lassen ihren Stoff daher unter der großen Masse menschlicher -Schwachheit und menschlichen Unglücks auf sich beruhen. -- - -Constanz wußte die gewissenhafte Aengstlichkeit des redlichen Mannes zum -Schweigen zu bringen. Er entdeckte sich ihm ganz, und Bonaventura nannte -ihn einen Gesendeten Gottes, und nicht des Gesandten. - -Am Morgen mußte Constanz fort. Die Werbung um die Braut war bald -geschehen und mit Erfolg: die Mutter befand sich fähig, ihn anzuhören. -Constanz legte ihr einfach seine Verhältnisse wie seine Wünsche dar. -Er wollte Theresen bei seiner Retour mit sich nehmen, unterdessen den -Consenz des väterlichen Gönners dazu nachsuchen, und daß dieser seine -Anstellung beschleunige. Doch war er eines weigernden Grundes der Dame -von Seiten ihrer Kränklichkeit gewärtig. Aber nichtsdestoweniger war die -Mutter bereit, sich ihrer kindlichen Stütze zu begeben. Sie sagte mit -einem gewissen Heroismus, der für eine rettende Idee froh, wenn auch -einsam, sterben lehrt: »grüßen Sie den Gesandten tausendmal von mir --- wenn Sie ihm Theresen bringen, wird Ihr Glück ihm bestens empfohlen -seyn. -- Ich verlasse das Leben gern, da ich meine Tochter unter dem -Schutze ihres natürlichsten Freundes weiß. Der da --« (sie wies auf -Bonaventura) »begräbt mich schon.« Therese weinte wohl, allein nicht -allzusehr. »Dann bleibt Dir Alles, guter Bonaventura!« sagte sie, reich -in Hoffnung. - -»_Alles!_« wiederholte Bonaventura, und lächelte traurigbitter wie der -Verlust zu der Erbschaft: dieses Alles war so viel als Nichts. -- Der -gute Alte wußte nicht, daß die Liebe jeden Strohhalm zu den Mitteln -des Glückes zählt, wenn auch nur als Medium die bunten Seifenblasen der -Täuschung in die leere Luft zu hauchen. -- - -Als Constanz, der Verlobte Theresens, nun mit aufgeregten Gefühlen den -öden Ort verließ, wo unter Schutt und Trümmern seines Lebens schönste -Blume blühete: da dachte er an die verheißenden Worte der Gesandtinn, er -würde einmal im Fluge die Braut heimführen. -- - -Im höchsten Schwunge seiner geistigen Kräfte legte Constanz die weite -Reise zurück, und erreichte mit dem Ziel auch die Absicht. Er erstaunte -selbst, wie leicht ihm alle Schwierigkeiten zu beheben gewesen; ein -Gott hatte ihm Flügel geliehen, und den Schlangenstab der Klugheit. Er -glaubte die Zufriedenheit des Gesandten bestens verdient zu haben, und -in diesem kühnen Vertrauen fügte er daher seiner Meldung dessen, was -er ausgerichtet, die Bitte bei, daß der Gesandte seine Verbindung mit -Theresen genehmigen und die schriftliche Zusicherung ihm ohne -Säumen entgegen senden möge. In der gewissen Voraussetzung, daß dies -unverweigerlich geschehen werde, kam Constanz nach Polen zurück. Er -fand eine so leidenschaftliche Aufnahme bei seiner Braut, als wäre seine -Wiederkehr ihr dennoch zweifelhaft gewesen. Mit Thränen sagte sie ihm, -er komme zur rechten Zeit, denn seit dem vorigen Tage lag die Mutter im -Sterben und konnte nicht enden. - -Bonaventura hatte indessen mit treuer Umsichtigkeit alles vorbereitet. -Ein Weltgeistlicher in der Nähe war durch seine einfache Ueberredung -gewonnen, die jungen Leute zu copuliren. Er war eben anwesend, und -vertrat die Stelle eines Arztes für Leib und Seele zugleich. »Mein -werther Herr,« sagte der Priester höflich zu Constanz, »ich verstoße -gegen ein Staatsgesetz, wenn ich Sie ohne vorhergegangene Proclamation -traue; aber -- =inter arma silent leges= -- sagen wir Lateiner, und ich -verhoffe, Sie werden mich in so fern gegen alle Verantwortung sichern, -daß Sie mir einen Schein ausstellen, worin Sie Sich verpflichten, jeden -Einwand vertreten zu wollen, welcher möglicher Weise dieser Heirath mit -Fug und Recht gemacht werden könnte. -- Unter dieser Bedingung will ich -mein heiliges Amt zu Gunsten Ihres Wunsches üben.« -- - -Constanz, im Gefühl, von Seiten des Gewissens völlig frei zu seyn zu -diesem Schritt, verstand sich gern dazu, und der Geistliche beschied sie -für den nächsten Morgen in eine kleine Capelle auf der Hälfte des -Weges. Bis dahin, meinte der todeskundige Mann, -- würde die Mutter des -Fräuleins ausgelitten haben. - -Aber als der Morgen erwachte, lag die Hochzeitmutter noch in Agonie. -Es war eine schauerliche Stunde, die der Einsegnung. Der Sturm sausete -unheimlich durch den Wald, das morsche Kirchlein wankte, die Lichter -wollten verwehen, der Regen rauschte herab, die Braut schwamm in -Thränen --, kein Zeuge war zugegen, als der Meßner und Gott! -- - -Sie kamen nach Hause; kein fröhliches Mahl war ihnen bereitet. Constanz -sah ängstlich nach der Uhr, deren Zeiger, gleichgültig gegen die bange -und dringende Erwartung umher, unaufhaltsam weiter rückte, und fand, daß -seine Zeit abgelaufen sey. Nur jene Körner wollten nicht ausrinnen. -Da bat Bonaventura, daß man ihm eine Vorstellung erlauben möge. »Meine -Dame,« sagte er, »kann nicht sterben, so lange Sie hier gleichsam auf -dem Sprunge stehn. Ist es doch mit einer Frau in Kindesnöthen gerade so. -Die kann auch nicht genesen, wenn darauf gewartet wird, und der Tod soll -ja eine neue Geburt seyn. -- Ueberlassen Sie die Verscheidende mir; ich -bleibe bei ihr, _ich!_ es ist mein letztes Geschäft auf Erden.« Der gute -Alte legte das ganze Gewicht seiner treuen Gegenwart in einem zitternd -aushaltenden Accent auf dieses Wörtchen. - -Constanz fand, daß er Recht hätte. Er gab ihm eine volle Börse und -unbedingte Vollmacht. Dann beugte er sich weich über das stille Lager -der Mutter, die langsam zwischen schweren Pausen athmete, und keinen -Blick des Segens für ihren Eidam hatte. Therese küßte schluchzend ihre -schlaffe Hand, fühlte aber auch nicht den leisesten Druck der Liebe mehr --- und nun rollte der Wagen vor und fort. Kaum waren sie an ein steinern -Kreuz gekommen, eine Viertelstunde von dem Oertchen und so gelegen, daß -es einen Rückblick darauf gewährte, so sahen sie ein weißes Tuch vom -Giebel wehen. Constanz bemerkte es zuerst. Er sagte ernst: »Bonaventura -giebt uns ein Zeichen, die Mutter wird verschieden seyn. -- Denke -nur, sie schläft etwas tiefer wie bisher, und hat alles Leid auf ewig -vergessen.« Und Therese dachte wirklich so. Die junge Frau nahm also -über die Grenze ihres zerrissenen Vaterlands, wenn auch grade kein -zerrissenes Herz -- dazu war der natürliche Verband mit ihrer -Mutter nicht innig genug gewesen -- doch ein völlig aufgelös'tes -Familien-Verhältniß, und keine andere Mitgift, als frühe Gewöhnungen, -wie sie den Damen dieser Abkunft eigen sind. Es war, als hätte ein -günstiges Geschick dies harmlose Wesen in die Arme der Liebe vor den -Schauern des Grabes und der Pflicht zu trauern, retten wollen. - -Seltsam genug bemächtigte sich des jungen Ehemanns jetzt, in der -gesicherten Erfüllung seiner leidenschaftlichen Wünsche, der Zweifel, -was der Gesandte zu dieser Heirath sagen werde? Vorher war Constanz der -Zustimmung, ja des Beifalls seines Gönners gewiß gewesen. So verändern -sich unsere Ansichten Anderer mit jedem unserer eigenen Schritte. Es -gereichte ihm wie zum Trost, daß die Macht der Umstände ihn zu -diesem, den er rasch gethan, gedrängt hätte. Er fühlte sich in einer -geheimnißvollen, aber um so bindenderen Verwandtschaft zu seinem -väterlichen Freunde, und bedurfte nur -- so däuchte es ihm -- das Siegel -der Bestätigung zu erblicken, um Theresen mit jedem Recht als Gattin an -seine Brust zu drücken. Doch kein Brief gab Antwort auf diese Frage, -und mit wachsender Unruhe eilte Constanz einer endlichen Entscheidung -entgegen. Eine leichte Unpäßlichkeit Theresens hielt die Reise um -ein paar Tage auf, und ihr Gemahl fühlte, daß eine Frau Rücksichten -erfordere, welche den Mann nicht fördern. - -So waren sie in das Städtchen Leidthal gekommen und hielten an der -kleinen Posthalterei daselbst. Constanz hatte auf dem letzten großen -Postamte abermals kein Schreiben angetroffen. Er war jetzt resignirt -- -es mußte etwas von besonderer Wichtigkeit vorgefallen seyn; nichts -war ihm dringender, als nur so bald als möglich an Ort und Stelle zu -gelangen. Therese theilte diese Ungeduld indeß nicht. Die reizende Lage -der kleinen Expedition, eine vollblühende Jelängerjelieber-Laube, welche -den ländlichen Vorplatz schmückte -- eine Pilgerruhe der Passagiere -- -entlockte ihr den Wunsch, hier einige Stunden ausruhen zu können, und -Constanz zeigte sich gefällig dafür. Er trat zu dem Postmeister, als -dieser im Begriff stand, das Felleisen auszupacken. Da sprang die -ersehnte Handschrift ihm in die Augen, ein Brief an ihn vom Gesandten. -Constanz beglaubigte sich, als den Empfänger. Er riß hastig in das -Papier -- aber der Inhalt zerriß das Blatt seiner Hoffnung noch -heftiger. Sein Gönner schrieb ihm: ein Ereigniß von größter Bedeutung -habe ihn genöthiget, seinen Standpunkt zu verlassen und nach dem Süden -zu gehen. Er werde die Tour über B. -- nehmen, woselbst er seinen -Secretair erwarte, der ihn auf dieser Reise begleiten müsse; die Dauer -dieser Reise wäre vorläufig nicht zu bestimmen, und hinge von Umständen -ab, welche schwebten. Constanz sollte daher sein Eintreffen dort, -so viel als möglich beschleunigen, der Gesandte harre sein. Was die -fragliche Parthie anbeträfe, so werde dieser Punct zu gelegener Zeit -zwischen ihnen zur Sprache kommen. -- - -Dieser Brief war in dem Tone jener Superiorität abgefaßt, die stets ein -Vorbehalt Derer bleibt, welche in ihrer Persönlichkeit die Freundschaft -mit der Protection für uns verbinden. Constanz war durch die frühesten -Eindrücke für diesen vornehmen Ausdruck empfänglich geworden. Er war -dem Gesandten in den zartesten Beziehungen verpflichtet: denen der -Dankbarkeit. Auch war gewissermaßen das Wohl des Staates diesem -Zusammenhange verknüpft, so konnte er sich seiner Pflicht nicht -entziehen. Theresen mitzunehmen, daran durfte ihr Gatte nicht denken, -denn so wie er den Gesandten kannte, war der Anhang, die Heirath -betreffend, als abweisend anzusehen. So mußte dieser erst durch die -Ueberredungsgabe seines Lieblings für Etwas gewonnen werden, was bereits -geschehen war. - -Constanz stand äußerst betroffen. Er theilte Theresen mit, was sie -so nahe anging, und erklärte ihr diesen Ruf des Schicksals als -unabweislich. »Nur diese Reise noch,« tröstete er die bestürzte Frau, -indem das Gefühl der Selbständigkeit in ihm ansprach, »dann trennt uns -nichts mehr, Du Liebste! -- Erfüllt der Gesandte sein Versprechen nicht, -mich zu versorgen, so reicht mein Vermögen hin, ihn entbehren zu können. -Doch jetzt darf ich ihn nicht im Stiche lassen; ich muß die Resultate -meiner Sendung in seine Hände niederlegen. Wer konnte dies voraussehen? -wüßte ich nur, wo ich Dich einstweilen aufhöbe!« Er starrte nachsinnend -in die blaue Weite, als wolle er einen Ausweg erspähen. Da trug ein -Hauch der Luft einen Glockenton von ferne über die Mittagsstille der -Felder; und dieser leise silberne Laut schlug an sein Gehör und klopfte -an sein Herz. -- Seine Augen folgten der Richtung dieses Schalles, -und sahen die Thürme von Sanct Capella im senkrechten Strahl der Sonne -verblendend blinken. Constanz fragte nach jenem Ort. Der Postmeister -nannte das Kloster, und erwähnte gesprächig der gegenwärtigen -Verhältnisse des Stiftes. Aber Der, zu dem er redete, hatte nichts -Weiteres davon vernommen, und war einer eigenen Gedankenreihe gefolgt. - -»Schade!« sagte Constanz, »daß die Klöster aufgehoben sind. Was man auch -dagegen sagen konnte, sie waren doch immer ein schicklicher Aufenthalt -für unbeschützte Frauen. Und Du bist ja ein _wenig_ catholisch.« Er -blickte seine Frau mit einem schmerzlichen Lächeln an, welches -sie ermuthigen sollte. Therese aber hatte jetzt keinen Sinn für -tragikomische Reminiscenzen, und keinen Glauben als den, daß sie sehr -unglücklich wäre. -- - -Wie aus einem Traume erwachend, und in großer Zerstreuung, fragte -Constanz den Postmeister, der sich abseits gewendet hatte: ob er -recht vernommen, daß der Prälat dieses Ordens noch dort wohne? Jener -berichtigte das Mißverständniß, und was er von dem Administrator zu -sagen wußte, ließ dem Secretair des Gesandten kaum einen Zweifel übrig, -daß er sich in der Nähe seines Bruders befinde. Von einem raschen -Entschluß durchblitzt, forderte er Feder und Dinte, und schrieb in Hast -ein französisches Billet an ihn, des Inhalts: ein Fremder wünsche den -Stiftsverweser von Sanct Capella so dringend als unverweilt im Posthause -zu Leidthal zu sprechen. Die Chiffre des Namens Constanz war so -charakteristisch verschlungen, daß sie schwerlich von Jemand, der sie -nicht kannte, zu enträthseln gewesen wäre. - -Nach anderthalb Stunden, in deren Verlaufe Constanz sein Weibchen zu -beruhigen gesucht hatte, kam ein stattlicher junger Mann neben dem -reitenden Boten daher gesprengt, und der Postmeister rief: »da ist er -schon, der Herr Prälat!« Constanz sah unter einem Freudenschauer auf, -und Therese zog sich in einer kindischen Furcht der Erwartung, in die -Laube zurück, und einen Behang von Blüthen über ihr reizendes Gesicht. - -Constanz gab sich seinem Bruder herzlich zu erkennen, und in dem -Anmuthen, Theresen so lange unter seinen Schutz zu nehmen, bis er sie -abholen würde, einen brüderlichen Beweis. Diese Minute drängte stark an -das Herz des Administrators. In dem Wesen seines jüngern Bruders lag bei -freundlicher Offenheit etwas ersichtlich Vornehmes, ein gewisser Succeß -des Zutrauens, was Jenem imponirte, der mitunter zurückhaltend, ja sogar -blöde war. Unwillkürlich stellte er die finstere verschlossene Strenge -des älteren Bruders daneben; er dachte leise an Fabia -- und mit dem -beengten Gefühl eines Ehemanns, der da Scheu trägt, die häusliche Kette -der Gewohnheit um ein Glied zu erweitern. Um seinen schweigenden Mund -spielte ein Lächeln gutmüthiger Ironie, daß er bestimmt seyn sollte, die -Frauen seiner Brüder zu beschützen. »Wenn es der jungen Dame nur bei uns -gefällt --« sagte der Administrator bedingungsweise, »es geht still zu, -im Stift. -- Die Wittwe unseres ältesten Bruders, die ich sammt -ihrer Pflegetochter bei mir habe -- ist -- unseres ältesten Bruders,« -unterbrach er sich selbst --: »Der, Du weißt ja --« aber Constanz sah -den Administrator an, als hätte dieser fremd und romantisch vom Bruder -Graurock gesprochen. - -»Ich weiß von nichts --« antwortete Constanz, entschlossen, sich mit -keinem weitläuftigen Verhältniß zu befassen, und seine cosmopolitische -Seele streifte das Band der Natur sogar im Begriffe ab: »als -- wir -Menschen sind hier alle Brüder --« ein rüstiges Mägdlein, das kleinste -Kind der Postmeisterinn an die Brust gedrückt, welche ein knappes -Mieder von Leinewand umschloß, strich bei diesen Worten hurtig an ihnen -vorüber, und eine schnelle Association der Ideen, in richtiger Folge -jener Strophe und dieses Blickes, ließ ihn an den Bruder mit dem -Ordensband denken, der er einst so dankbar als einflußreich diesem -schlichten Schutzfreund seyn werde, wenn die Zeit dazu gekommen. -»Sieh meine Frau nur selbst!« sagte Constanz, indem er auf die Laube -zuschritt. Er bog ihre Zweige auseinander, und die schönere Blüthe -von Theresens Angesicht lächelte durch das weiche Grün, und ihre Augen -funkelten in Thränen, wie die Sonne im Thau. -- Die Schönheit hat -das Eigenthümliche, daß sie jedem Manne Muth einflößt. Das Herz des -Administrators öffnete sich den gastfreundlichsten Gefühlen. Zudem -behandelte Constanz die Sache so ganz in seinem Geiste, das heißt, so -flüchtig, daß Herr Prälat glauben mußte, mit dem Asyl zu Sanct Capella -sey es nur durchaus precair gemeint, und auf ein längeres Bleiben nicht -abgesehen. So bewilligte er daher die Bitte seines Bruders, wenn auch -nur mit einer gewissen widerstandlosen Passivität. Er sah dies Ereigniß -für ein Fatum an, dem auf keine Weise zu entgehen gewesen wäre. Das -leichte Gepäck war bald getheilt, ein Postwagen, worin Therese nach dem -Kloster fahren sollte, geschirrt. Der biegsame Leib der schönen Gestalt, -schwankte von ihrem Manne umschlungen, im Sturm des Abschieds. Zwei -Ströme flossen von ihren Wangen -- zwei Wochen waren erst und wie -auf Rosen verflossen, seit Constanz der Ihrige war. -- Mit gemischten -Empfindungen ritt der Administrator neben der Chaise her, darin die noch -weinende junge Frau saß. Er warf zuweilen einen mitleidigen Blick auf -Theresen; die Jugend dieser Ehe rührte ihn, ihre gegenwärtige Trennung -und der Zukunft ungewisses Loos. Nebenbei gedachte er und eben nicht -leichten Herzens an die nächste Stunde -- und hätte gern ein wenig älter -seyn mögen. - -Frau Fabia hatte heute nicht den guten oder schönen Tag ihres -Geschlechts. Eine Nachtigall, welche sie sehr liebte, und die in einem -dunkeln Thurmhäuschen wohnte, das, nicht unähnlich einer kleinen -Kirche, an ihrem Fenster empor hing, war an diesem Morgen ihrer Haft -entschlüpft. Das arme kleine Nönnchen sang die Hora der Nacht und Natur -im vergitterten Chor ihres Kerkers so himmlisch klagend, als seufze der -Engel der Melodie aus dieser befiederten Brust. Josephine hörte es mit -süßem Erbarmen. Frau Fabia aber, die sich selbst zu den Gefangenen -Zion zählte, hatte nicht Lust, die klösterliche Philomele zu Gunsten -irrdischer Liebe in Freiheit zu setzen. Nun war sie entflohen, und auf -dem Mädchen ruhte ein scharfer Verdacht, daß es mit lindem Urtheil, wie -diesem kleinen Gottesgeschöpf himmelschreiendes Unrecht geschähe, seine -Erlöserinn geworden wäre. -- Es gab einen Lärmen der Entdeckung, und -Josephine, die sich nie gegen einen Vorwurf vertheidigte, schwieg auch -diesmal, und die Schuld blieb auf ihr haften, so wie auf Fabien der -Mißmuth über diesen Verlust, geschärft durch ein zweifelhaftes Gefühl -der Versündigung an dem lieben Kinde. Dieser Stimmung sich erinnernd, -hätte der Administrator gewünscht, seine Schwägerinn vorbereiten zu -können -- aber da stand Fabia ganz gegen ihre Gewohnheit schon an der -Thür, und ihr Gesicht -- eine totale Sonnenfinsterniß -- warf keinen -Schein festlicher Empfängniß nach dem anrollenden Wagen. Dem Reiter -ward es schwarz vor den Augen. Er sprang vom Pferde, der jungen Dame -beizustehen, welche den schönsten Fuß, der jemals über diese Erde -gegangen, hell und seiden beschuht, auf den schmutzigen Tritt der -Postchaise setzte. Theresen an seiner Hand, trat der Administrator vor -die Domina seiner Häuslichkeit und sprach: »liebe Fabia! ich bringe Dir -hier eine werthe Verwandte, die Frau meines Bruders Constanz, und also -Deine Schwägerinn, so wie Du mir. Lasse die gute Therese Dir herzlich -empfohlen seyn, da sie einige Zeit bei uns verweilen wird.« - -Frau Fabia brachte mühsam ein fremdes Lächeln der Bewillkommung auf; der -Administrator war desto freundlicher. Die eisige Kälte dieses Empfangs -versetzte ihn durch die natürlichste Gegenwirkung in einen Wärmegrad, -der unter allen Launen dieser christlichen Juno dem Quecksilber der -zweiten Schwägerinn Stand und Stange hielt. -- Am Abend spät versuchte -der Stiftsverweser jenes üblen Eindrucks Herr zu werden. Er sagte daher -in einem Tone, der scherzhaft seyn sollte, aber doch anzüglich war: »nun -Fabia! Du warst heute absonderlich schweigsam -- Du bist es noch. Ist es -Verdruß, daß Dir das Vögelchen entgangen? o gönne ihm die Freiheit, das -edelste Gut! oder zürnst Du, daß ich Dir ein anderes eingebracht? --« - -»Wenn Dich nur nicht selbst ein loser Vogel etwa angeführt hätte --« -antwortete Fabia mit furchtbarem Ernste, »woher weißt Du denn, daß jener -Constanz Dein Bruder war? und diese Therese wirklich seine Frau?« - -»Großer Gott!« rief ihr Schwager, »welch ein Gedanke! woher ich es weiß? -dieselbe Stimme hat es mir versichert, die mir sagte, daß Dein seliger -Mann mein Bruder sey, und mir Bürgschaft leistete für die Wahrheit -seiner Aussage. Es giebt eine innerste Gewähr dafür, Fabia!« - -»Nicht jeder Stimme muß man glauben --« erwiederte Fabia, indem sie sich -entfärbte, und unwissend, daß sie eine classische Stelle recitire, »der -Lügengeist kann alle nachahmen. -- Und wäre denn solch ein Betrug etwa -unerhört? könnte jener junge Mann nicht ein Abenteurer gewesen seyn, -der seine sogenannte Frau gern los seyn wollen? -- Wie manches Kind --« -Fabia stockte, immer mehr verblassend -- »wie manches Kind, wollte ich -sagen -- ist durch höllische Spiegelfechterei arglosen Menschen als eine -lebenslängliche Last aufgebürdet worden? Denke nur an mich! wir werden -die Dame sobald nicht wieder los werden, und jedes fremde Einschreiten -sollte wohl bedacht seyn. --« - -Herr Prälat sah seine Schwägerinn mit leiser Beängstigung an; es war, -als ob ein dunkler Schatten von Furcht an ihm vorüberschwände. »Fabia!« -entgegnete er um so heftiger, als er sich von ihrem Tone ergriffen -fühlte, »welch ein Geist des Mißtrauens und übler Weissagung ist heute -in Dich gefahren? Du wärest im Stande, mich zweifelhaft zu machen, Wer -ich selber sey. -- Dein Betragen war nicht schwesterlich, auch nicht -gegen _mich_. Du bewirthetest die arme Therese, an deren Stelle mir der -Appetit zu diesem Auffenthalt vergangen wäre, mit kurzen Redensarten, -einer sauersüßen Sauce, wie man sie zu einem Kalbskopf giebt, für den -Du mich hältst. -- Was meinst Du denn, das ich hätte thun sollen? dem -Bruder etwa meine Hand weigern, da er mir die seinige zum erstenmale -entgegen reichte? seine Bitte abweisen, oder warten, bis er mir den -Taufschein zeigen könne? -- Fabia! Fabia! Gastfreundschaft ist eine -Blume der Humanität, welche auch von Horden und Heiden gepflegt wird. -Jüngst las ich -- und es hat mich innigst gerührt -- in den ungeheuern -Flächen Nubiens sind kleine Zelte gesteckt, darunter die Einwohner des -nächsten Ortes ein Gefäß mit Wasser füllen, daß die Reisenden nicht -verschmachten dürfen im heißen Sande -- und dieser Gebrauch wird heilig -gehalten von jenen Negern. Sollte denn die goldne Kuppel des Klosters, -was man ein Gotteshaus nannte, einem matten Blick der das Nächste nicht -absieht, nur ein Blendwerk seyn, und weniger probehaltig, als das Dach -von geflochtenem Bast, womit der Wind der Wüste spielt? -- Du sprichst -den Ruhm einer guten Christinn an -- besinne Dich, wie oft die Apostel -die geheiligte Pflicht einer gastfreien Aufnahme den Bekennern ihrer -Lehre empfehlen. Herberget gerne! Seid gastfrei ohne Murren -- doch Du -kennst die Vorschriften der Bibel besser, als ich. So gleiche denn der -Wittwe von Sarepta, deren gesegneter Oelkrug nie erschöpft wird. Sey -gelinde, Fabia! doch gieße nicht Oel ins Feuer. Du schlägst mir die -Hoffnung nieder, daß Therese eine Schwester an Dir finden würde -- doch -schlägst Du mich damit nur zu ihrem Ritter, und zwingst mich, sie gegen -Dich zu vertheidigen.« - -Diese letzteren Worte ihres Schwagers wirkten am schlagendsten auf die -Zweiflerinn. Sie hoffte, der Bruder ihres Mannes, auf den Frau Fabia -ein mütterlich-eifersüchtiges Auge hatte, werde sich in der Anfechtung -behaupten -- und der Friede ward zwischen ihnen geschlossen.-- Dieser -erste Abend gab den Ton an, der sich während der Anwesenheit Theresens -im Stifte nie in Harmonie auflös'te. Unsere Leser finden ihn in der -Dissonanz, womit die Geschichte dieses Buches anhebt. Seltsam war es -jedoch, daß die Vorhersagung der Frau Fabia sich als richtig bewährte, -es ist traurig -- aber es _ist_ in Wahrheit, daß der Erfolg das -Mißtrauen öfterer rechtfertiget, als die Zuversicht. Constanz schrieb -nach langer Zeit -- es mußten Briefe verloren gegangen seyn -- aus -weiter Ferne. Er war dem Interesse des Gesandten verkettet, und konnte -die Fessel nicht sprengen; doch vertröstete er sich und sie wie ein -Liebender. So hatte zweimal schon die Laube der Posthalterei zu Leidthal -geblüht, und Therese, die sich behaglich in Sanct Capella eingerichtet -hatte, und deren Sinn in harmloser Lebensphilosophie der Gegenwart -angehörte, dachte je länger, je _leiser_ an jenen Tag des Abschieds. Nur -in bösen Stunden wünschte ein banges Gedenken ihres Mannes ihn zurück, -und ein Gefühl, daß sie hier nur gelitten sey, und deshalb leide -- kam -über sie. Therese hatte mehr ein Gemüth für die heitere Lust des Lebens, -die jeden Augenblick genießt, als für der Liebe tiefe Sehnsucht. Das -letztere Schreiben hatte eine nahe Rückkehr hoffen lassen, die nur -noch von einigen Ausgleichungen abhänge. Seitdem aber bestätigte kein -Weiteres diesen Abschluß und daß auf seine baldige Ankunft zu rechnen -wäre. Dies Alles hatte, in eine präcise Mittheilung gedrängt, der -Administrator, dem wir vielleicht die schweigende Kürze der Erzählung -ablernen mögten -- dem Major Feldmeister vertraut. Und dieser erwiederte -jetzt: »ich sehe wohl, Freund! Sie konnten füglich nicht anders -- Sie -können weder dafür, noch etwas ändern, obzwar, ich behaupte es redlich, -solch ein Zusammenleben _nichts taugt_. Verlangen soll es mich aber -doch, ob der Herr Bruder kommen wird? =ad vocem!= _kommen!_ es kommt -noch Jemand, Freundchen! mit Ihrer Genehmigung, versteht sich. Diesen -Morgen schon wollte ich es Ihnen sagen; aber die lieben Schwägerinnen -hatten mich in Mitleidenschaft ganz confus gemacht, und das Bein hier -hat mir das Gedächtniß abwärts gezogen.« -- - -Der Major fuhr mit der Hand sacht an dem gichtischem Knöchel nieder, -streichelte den Faust und hob an: »es giebt eine Sympathie der -Erfahrung. Gestern früh erhalte ich ein Billet vom Obrist Milch; ein -Name für ein Wochenkind, und nicht für einen Soldaten, nicht wahr? -dieser mein alter Freund sollte _Feuer_ heißen, denn er hat den Teufel -der Bravour im Leibe. Also: er thut mir schriftlich seinen Wunsch kund -und zu wissen, mich in der Posthalterei in Leidthal zu sprechen, da die -Zeit ihm nicht erlaube, den Umweg über Sanct Capella zu nehmen. Er -kam mit seiner Frau von D--. und hatte den Reitknecht von der letzten -Station aus zum Behuf der Eile voraus gesandt. Ich machte mich alsbald -auf. Die Obristinn saß, weil es draußen so hübsch und drinnen dunstig -heiß war, in derselben Laube, und, ich wollte wetten, nicht einen -Zollbreit weiter auf der Bank, als Therese. Ihr Gesicht war hochroth von -der Herbstluft, der Obrist aber fror ein wenig, und trank ein Glas Wein; -die offne Flasche stand auf dem Tische. Wir waren die Alten. Der Obrist -scherzte über die Glut seiner Frau, und sagte, sie hätte meinetwegen -wie auf Kohlen gesessen. Du könntest von uns sagen, setzte er hinzu, wir -sähen aus wie Milch und Blut -- das giebt ein zartes Bouquet, Du darfst -es nur binden. Und dabei umarmte er mich derb und herzlich. Er ist so -dick geworden, daß man ihn wie ein Faß binden mögte -- taugt nichts, -solche Corpulenz. Unterdessen verduftet dies Bouquet hier -- antwortete -ich, und steckte den Stöpsel in die Flasche. Du bist recht hübsch -geworden in der Carthause, spöttelte der Dicke, das wird deinem Neffen -drollig vorkommen. Er empfiehlt sich, und will Winterquartier bei Dir -machen. Ist der Junge toll? platzte ich heraus; doch es wird wohl -nur Dein Spaß seyn. Die Obristin lachte wie Dame Kobold. Nein, nein! -versicherte ihr Mann, es ist dem Lieutenant voller Ernst damit, und daß -Du es nur weißt, er will einer hoffnungslosen Leidenschaft entfliehen. -Der Obrist machte eine seriöse Miene. Ich gerieth in Harnisch und -sprach: das wäre mir gemüthlich, daß ich ihm Zuflucht gäbe vor einer -dummen Liebschaft, die nichts taugt. -- Er hat sich um einer Dame -willen geschossen -- entgegnete mir Jener kleinlaut: gönne ihm daher -die Hospitalität Deines Klosters, daß er in dieser Abgeschiedenheit -Ruhe habe, und an Seel und Leib genese. -- Mögte Einem nicht gleich der -Schlag vor Aerger rühren! rief ich entrüstet, und der Schrecken war -mir wirklich in alle Glieder geschlagen; ich hielt den Rudolph -für vernünftig. Erzürne mir den Major nicht -- sagte die Obristinn -begütigend, und erzählte mir nun eine närrische Historie, die den -Lieutnant forttreibt und Ursach seyn wird, daß er um Versetzung anhält. -In seiner Garnison lebt eine alte adelige Dame von wunderlicher Art. -Ihre Wohnung ist ein Antiquitäten-Cabinet, sie selbst geht schlumpig -einher, und stets wie ein Kinderspott der Redoute. Man hält sie für -reich, doch auch für geizig, denn außer der Fliege, der sie das Leben -schenkt, kann sich kein lebendes Wesen einer Gabe von ihr rühmen. Ihr -Anblick muß etwas Unheimliches haben. Wer sie sieht, weicht ihr -aus --, die Fee Fanferlüsche, diesen Namen führt sie. Und doch ist dies -verrufene Mütterchen ein alter Ueberall. Vor Kurzem ist zu Ehren einer -städtischen Feier großer Ball, und alle Honoratioren sind geladen. Alles -ist im höchsten Glanz, die Damen im allerschönsten Putz sitzen wie am -Faden gereiht. Da tritt jene Alte in den erleuchteten Saal, wie eine -gespenstische Mode des vorigen Jahrhunderts -- sagte die Obristin. -Es entsteht ein Aufsehen, die kleine Gnädige kommt ins Gedränge, wird -abseits geschoben und verliert einen Schuh. Doch was für einen? Frau -von Milch hatte die Güte mir das =corpus delicti= zu beschreiben. Ein -Pantöffelchen von geblümten Silbermoor, mit einer Schleife vorn von -gesponnenem Glase. Ist es nicht, sagen Sie Freund, als ob man in -der blauen Bibliothek aller Nationen läse?« Der Administrator nickte -lächelnd. »Ein allgemeines Gelächter!« fuhr Major Feldmeister fort, »die -Offiziere zerren den Schuh hin und her -- da schwankt die Alte, wird -bleich wie Asche, als würde sie auf der Stelle zusammensinken. Mein -Neffe -- ein braver Junge ist der Rudolph doch! stürzt wie ein Satan -herbei, spricht davon, wie wenig Ehre dabei sey, eine kindische Matrone -bloßzustellen -- reißt den Pantoffel von der Säbelspitze, womit ein -Jäger-Offizier ihn aufgespießt hat, hebt die Alte in einen Sessel, und -zieht ihr vor vielen hundert Augen ihren Schuh wieder an.« Der Major -athmete tief. - -»Dies ist ein hübscher Zug vom Lieutenant Feldmeister,« fiel hier -der Freund seines Oheims ein, »der mir sehr gefällt. Es gehört meines -Bedünkens ein größerer Muth dazu, diesen kleinen Pantoffel zu fangen, -als einen feindlichen General; und es mag dem braven Artilleristen -leichter geworden seyn, sich einer tüchtigen Salve auszusetzen, als dem -Arsenal des Spottes. Das Gefühl, was einen jungen Mann seines Gepräges -gegen die Schmach einer schutzlosen alten Frau bewehrt, ist wahrhaft -gloriös.« - -»Das meine ich auch --« sagte der Major, und seine Augen funkelten. -»Mein Neffe,« fuhr er fort, »war der Held des Abends, tanzte aber keinen -Schritt. Jener Offizier hatte sich für beleidigt gehalten, und den -Rudolph auf Pistolen gefordert. Er ward in die Achsel verwundet, aber -nicht schwer. Sein Gegner kam auch nicht ungehuscht davon. Man witzelte -leise: des Lieutnants Dame hätte einen Schuß, und er nun auch einen; -doch Niemand wagte mehr ein lautes Wort an ihn; denn wie verträglich der -Junge auch ist, er hätte sich mit dem ganzen Offiziercorps gerauft. Die -gnädige Alte rauft sich die eisgrauen Haare aus, als sie erfährt, der -junge Mann hätte ihretwegen mit blauen Bohnen gespielt. Die Geschichte -machte Furore. Wie nun der arme Rudolph des Abends allein liegt, meint -er, das Wundfieber stelle sich ein, und glaubt ein Phantom zu sehen. -Vor seinem Bette bewegt sich ein Quantli, die Kammerfrau der Dame -Fanferlüsche, klein und krüppelhaft wie ein verdorrter Zwergbaum. Sie -sagt: wie es der Gnädigen doch so jämmerlich leid thue, daß der Herr -Lieutnant sich Unannehmlichkeiten zugezogen hätten. Sie bitte ihn -durch den Mund ihrer Dienerinn, seines jungen Lebens zu schonen, -und beifolgende Kleinigkeiten zur Linderung seiner Schmerzen von ihr -anzunehmen. Dabei packt sie aus. Binden, fein wie Battist, Charpie, -Eingemachtes in Tassen, vom Superlativ einer Porzellain-Fabrik, wie sie -der Kaiser von China von seinem Ahnherrn geerbt haben mag, Tamarinden -zum Beispiel, deren eingesottner Zucker versteinert war, und die, wie -mir die Obristin sagte, eine wirksame Kraft haben sollen, das Fieber zu -vertreiben. Zugleich schickt sich die uralte Zofe an, meinen Neffen zu -pflegen und die Nacht über bei ihm zu bleiben, und thut wie zu Hause. -Darüber wird nun der Rudolph beinahe grob. Er sagt, sein Bursche -halte Wacht bei ihm und auf Ordnung: so bedürfe er Niemandes. -Nichtsdestoweniger bleibt die Servante freundlich und höflich, und -kommt von nun an alle Morgen, die Gott der Herr giebt, um sich nach -dem Befinden meines Neffen zu erkundigen, und immer bringt sie etwas -zugeschleppt, eine Nachtlampe sogar, einen kleinen Fußteppich vor das -Bett, damit er nicht hart auftrete, und hundert Kleinigkeiten, auf die -ein Garçon nichts giebt. Der Regiments-Chirurgus sieht es, lächelt und -schweigt -- und dieses Lächeln schneidet dem Patienten tiefer ein, als -sein wundärztliches Messer. Einmal nur sagt Jener: Sie scheinen die -Wunderlampe überkommen zu haben, die dem Aladin verloren ging -- nehmen -Sie nur Ihr Glück besser in Acht -- lieber Feldmeister. Aber dem Rudolph -ist der Gedanke unerträglich, daß auf der Kugel, auf die er sein -Leben gesetzt, solch eine gräuliche Fortuna stände. -- Und als nun die -Geschäftsträgerinn kommt, und ihm, Namens ihrer Dame, ein schönes Logis -im Hause derselben anbietet, auf daß die Gnädige ihm ihre Dankbarkeit -nahe und anders noch beweisen könne -- da schüttelt er sich, und -dies überhäufte Vergelten eines kleinen Dienstes, den er am liebsten -vergessen mögte, wird ihm über allen Ausdruck widrig. So trägt der arme -Junge, dem es in seinen Verhältnissen so wohl gefiel, darauf an, daß er -versetzt werde, und einstweilen will er hierher kommen. Was meinen Sie -nun dazu?« - -»Ich kann es dem Lieutnant Feldmeister nicht verdenken --« antwortete -der Administrator, »und würde in seinem Falle vielleicht eben so denken -und handeln. Diese Erfahrung liefert wieder einen Beweis, daß man Jemand -durch die stärkste Nothhülfe nicht halb so sehr verpflichtet, als wenn -man ihn einer kleinen Verlegenheit überhebt. Und dann auch, daß die -Ritterlichkeit im Benehmen eines Mannes das Geheimniß jedes Sieges über -eine Dame enthält, sie möge nun eine Methusala an Jahren, und so geizig -und hartnäckig seyn, wie sie nur wolle. Solcher Courtoisie widersteht -Keine. --« - -»Der Rudolph würde,« sprach der Major, »dem Verdacht der -Erbschleicherei, dem niedrigsten, der auf einem ehrenwerthen Menschen -haften kann -- auf keine Weise entgangen seyn. So ist es gut, daß er -Reißaus nimmt. Diese Retirade lasse ich mir gefallen. Sie haben als -Vorstand unseres Invaliden-Hauses also nichts dawider, daß der wackere -Junge für einige Monate meine Wohnung theile? --« - -»Es wird für ein apartes Zimmer gesorgt werden,« sagte Herr Prälat, »und -daß ihr Neffe sich hier so gemächlich als möglich fühle. Ist doch Raum -bei uns da -- wie im Himmel; und sollten wir alle Diejenigen aufnehmen, -welche ihrem Vortheile entfliehen, so würden wir noch Gelaß übrig -behalten.« - -Des Majors Gesicht verklärte sich. Er blickte in helle Abende und -sprach: »Wir spielen das l'Hombre alsdann mit dem Moor -- der Moorhausen -scheint mir in Eine Ihrer Schwägerinnen verliebt, denn er quält mich -beständig, ihm Entree bei den Damen zu verschaffen. Nun -- mit Dem hat -es keine Gefahr. Aber -- Hm! wird auch der Rudolph Unheil anrichten -im Stifte? Frau Therese ist ein entzündbarer Stoff, und die Kleine -wahrhaftig hübsch genug.« - -»_Die_ bewacht Fabia --« versetzte der Administrator mit trüber Ruhe. - -»Was das betrifft --« entgegnete der Major, »meine Frau sang ein altes -Lied, was ich immer gern hörte; es hatte einen Refrain: denn wenn ich -nicht selbst mein Herz bewache, o so hilft kein Argus und kein Drache. -Mit allem Estime gegen die Frau Schwägerinn gesprochen. Josephine ist -ein stilles Wässerchen --« - -»Und _tief_!« fiel Herr Prälat ein, »aber im reinsten und höchsten -Sinne. Sie gleicht einem jener lichtentfloßenen Ströme, die Swedenborg -entzückten Geistes fließen sah.« - -Der Major sah seinen Freund nachdenklich an und sprach: »auch wünsche -ich von Herzen, daß dies Bächlein in das Bette eines Flußgottes geleitet -werden möge, der es nie in Thränen fließen läßt, sie müßten denn vor -Freude geweint seyn. --« Jener schwieg. - -Einige Wochen waren seitdem den Bewohnern von Sanct Capella -gleichförmig vergangen. Jetzt war der Christmonat da, und mit ihm jene -winterheimliche Stille, selbst in der Natur, wie sie um das heilige -Dunkel dieser Zeit webt, die häuslichen Verbindungen enger schlingt, und -die kleinen Geheimnisse der Freude und Liebe an das große Geheimniß -der Weltbeseligung knüpft. Die Frauen beschäftigten sich einsam, -vergnügliche Ueberraschungen zu bereiten, sogar Schwester Veronica -fertigte einige klosterkünstliche Gaben in verschlossener Zelle an, zu -Weihnachtsgeschenken für ihre Freunde. Dessenungeachtet fehlte es an -geselligem Verkehr nicht, und mancher lichterfreundliche Abend ward -traulich plaudernd, hier oder da, hingebracht. Bei dem Gerichtshalter -Gottschalk -- einer liberalen Familie, welcher, wie unsere Leser sich -erinnern wollen, zu Anfange dieser Erzählung erwähnt wird -- und der -nicht im Kloster, sondern in einem dazu gehörigen Gebäude wohnte, waren -die Staabsoffiziere von Sanct Capella freundlich aufgenommen, und auch -Fremde öfters da zu finden. Therese gefiel sich sehr dort. Ihr Schwager -hingegen nahm selten Theil an diesen muntern Zusammenkünften, und Frau -Fabia gar nicht. Der Administrator hatte es aus Neigung wie mit Absicht -vermieden, um vornehmlich Fabiens strengen stillen Geist nicht zu -beleidigen, sein Wohnzimmer zu einer militairischen Ressource zu machen. -Major Feldmeister gehörte nicht in jene ausschließende Regel; doch -dachte er zart genug, um nur bescheidenen Gebrauch von einem Gunstrecht -zu machen, das ihm zu jeder Zeit und Stunde den Eintritt in den -weiblichen Hauskreis seines Freundes gestattete. So geschah es auch -nur ausnahmsweise, wenn Einer oder der Andere der Offiziere ihn dahin -begleitete. Das l'Hombre, wovon der Major redete, ward zumeist auf -seinem Zimmer gespielt, und Hauptmann Moorhausen, ein Mann von lebhafter -Phantasie und kühner Darstellungsgabe, war der Dritte von dieser -Parthie. Deshalb stand der Letztere zu dem Stiftsverweser in etwas -näherer Beziehung als die Uebrigen. Auch fühlte Herr Prälat, oft -abgespannt und ermüdet von Geschäften, es als eine gesunde Wohlthat, -daß sein Zwergfell erschüttert werde. Man hatte jeden Gedanken an -eine kleine gesellschaftliche Ueberraschung zu dem Geburtstage des -Administrators fallen lassen. Von jenem Streit an, der die Schwägerinnen -entzweite, schien die Stimmung der beiden Frauen ausgewechselt zu -seyn. Fabia gab sich alles Ernstes Mühe, Theresen den kleinen Vorfall -vergessen zu machen, und sich ihr freundlich zu erweisen; so wie -Therese ihrerseits sich hütete, Fabien zu nahe zu treten. Wenn nun jedes -Wohlwollen heiterer macht und auch liebenswürdiger, so gewann Frau Fabia -am meisten bei diesem Bestreben, auch in den Augen ihres Schwagers, da -hingegen Therese durch leisen Bedacht eines ihres natürlichsten Reizes -beraubt ward, jener Hingebung an die Freude, an das Vertrauen, daß alle -Menschen von ihrer guten Gesinnung überzeugt seyn müßten, weshalb -sie sich denn auch ganz unbefangen gehen ließ. Jetzt war sie in sich -gekehrt, eine sehnende Stille hatte dies regsame Wesen beschwichtiget. -Sie sprach davon, wie ihr eine innere Stimme sage: Constanz werde nun -nächstens kommen, und nur den Wunsch damit aus, daß es geschehe. So oft -ein Wagen vor das Kloster rollte, fuhr Therese mit der Hand nach dem -Herzen, weil es hochauf klopfte -- und dem Munde des Majors entfuhr -gleichzeitig ein gelinder Fluch, wo der Rudolph nur bleiben möge? denn -Zögern und Zaudern, meinte sein Oheim --, dies tauge nichts. -- - -Schwester Veronica beschenkte den Administrator zu seinem Wiegenfeste -mit einer Rose, die sie mit unsäglicher Sorgfalt für ihn gezogen hatte. -Als er sich in das Anschauen der Blume versenkte, wehete ihn ein Hauch -aller Frühlinge an, die er gelebt, ein Auferstehungs-Athem gestorbener -Freuden -- und er äußerte, wie es doch nur möglich gewesen, dem starren -Winter dies weiche zarte Leben zu entlocken? -- - -Schwester Veronica lächelte und sprach: »der Liebe und Freundschaft -ist alles möglich; und ein warmes Herz ist ein gutes Treibhaus für die -Blumen jeder Zeit. Diese Rose ist gekommen, wie ich es wünschte, auch -das Knöspchen daran war mir lieb. -- Heute, gerade _heute_, hatte sie -ihren Kelch erschlossen, es rührte mich, da ich es sah -- wie man die -Brust öffnet einem frohen Tage: trinken Sie den göttlichen Odem der -Freude daraus!« - -Der Administrator drückte gerührt die Hand der alten Nonne und dankte -ihr; ein stilles Bedauern ging durch seine Seele, daß diese treue Hand -nur _Rosenkränze von schwarzen Perlen_ umschlungen hätten. - -Schwester Veronica hatte auf dringendes Bitten versprechen müssen, -den Abend bei ihren Freunden zuzubringen. Auch Major Feldmeister und -Hauptmann Moorhausen waren eingeladen. Josephine deckte den großen -runden Tisch; der Wirth desselben brauete eine Bowle. Therese kleidete -sich an, die Männer zu berauschen, Fabia schaltete in der Küche. Er sah -das Mädchen geräuschlos hin und her weben; alle Bewegungen Josephinens -waren leise und harmonisch wie ihr Sprachton, so daß, als sie aus einem -Körbchen Gläser und Teller nahm, und achtsam niedersetzte, nur ein -sanftes Klingen, doch kein Klirren, das, was sie that, verrieth. Herr -Prälat verlangte die Citronenpresse, Josephine reichte sie ihm. Er -forderte darauf ein Messer, und nahm es aus ihrer Hand. Er sah mit -heißem Blick in die schönen Augen des lieben Kindes, der Gedanke an den -reinen Himmel, der darin schimmerte, war diesem Blicke nicht fern. Und -er sprach: »weißt Du wohl, was Abraham a Sancta Clara sagt? Ein Mädchen -soll seyn wie eine Citrone, und auch nicht wie eine Citrone, es soll -einen Stern im Herzen tragen, und doch Niemandem das Leben sauer machen. -Das thust Du nicht, mein süßes Kind! Du bist biegsam -- voll Kern -- ein -Zuckerrohr --« der Administrator warf im Verhältniß zu diesem Lobe -ein blitzendes Randstück feinster Raffinade in die starke Mischung. -Josephine lächelte, als hätte sie den Geist derselben oben weg geschöpft -getrunken. Sie antwortete: »ach Onkel! dieses Urtheil giebt nur die -Güte ab. Die Mutter klagt doch manchmal über mich! und tadelt mein -träumerisches Wesen; so sagt sie oft, ich ginge so zerstreut umher, als -wisse ich vom hellen Tage nichts, und könne nicht bis auf Drei zählen.« - -Herr Prälat hatte, während Josephine diese Worte sprach, einen Löffel -vom Eßtisch gelangt, ein schwarzes Pünktchen, was in der goldenen Fläche -schwamm, damit zu fischen. Sein Auge umzirkelte im Nu die gastliche -Tafelrunde, und er antwortete im Tone schmeichelhafter Mißbilligung: »da -thut sie Dir nicht Unrecht, meine Kleine. Du hast acht Couverts gelegt. -Wie viel sind Unserer? auf _Sieben_ wenigstens kannst Du nicht zählen. -Doch das ist auch eine böse Zahl, -- dieser Irrthum, diese Achte geht in -der Achtung Deiner lieben Seele für das Gute auf.« - -Josephine erröthete und nahm das Gedeck hinweg. Sie erwiederte: »es wird -ein Gast kommen, auf den wir nicht gerechnet haben. So oft ich einen -Stuhl zu viel setzte, geschah es.« - -»Nun, so möge es denn Constanz seyn --« sagte sein Bruder, »denn es will -mich bedünken, als sehne Therese sich nun fort.« - -Eben trat sie ein. Auch die Andern kamen. Man aß, trank, und war -vergnügt. Auf einmal stieß Therese einen hellen Schrei aus, und fuhr -mit der Hand nach dem Munde. Alle schrieen erschrocken auf, so daß auch -Faust mit Geheul empor sprang. Sie hatte sich an einem Rebhühnerbeinchen -die Spitze eines Seitenzahns ausgebissen, und zeigte mit weinender -Wehklage den kaum sichtbaren Makel und das abgesprengte Stückchen -Emaille. Man tröstete und spöttelte wirr durch einander; aber Therese -lamentirte dessenungeachtet, als wäre ihr eine unersetzliche Perle aus -der Krone des Lebens gebrochen. »Man bemerkt es gar nicht, ich schwöre -es Dir!« betheuerte ihr Schwager, als Therese gestand, ihr zitterten -alle Glieder. »Es ist ein hübsches Zähnchen und mehr nicht,« sagte der -Major, »lassen Sie es geknikst seyn. Wie wollten Sie thun, wenn Ihnen -das Herz bricht? -- Um das Bischen Glasur so zu verzweifeln! das -Zerbrechliche allzusehr lieben --, taugt nichts.« - -Und die Nonne versicherte in einer Theilnahme, welche allein in der -Stimme des Trostes sprach, Therese wäre ja noch schön genug. - -»Beruhigen Sie Sich, meine Gnädigste,« sagte Hauptmann Moorhausen, »ich -wünsche, ich könnte Ihnen Ersatz geben, auf Ehre! und mithin ein -wenig von meiner Constitution. Das Naturell meiner Landsleute ist so -vegetativ, daß es gar nichts Seltenes ist, wenn gesunde Personen drei -bis viermal Zähne bekommen. Wie Sie mich hier sehen, sind das meine -fünften.« - -Er fletschte das Gebiß, dies gab seiner Physiognomie einen so -affenartigen Ausdruck, daß die Damen anstatt zu bewundern, sich davor -entsetzten. Theresens Thränen standen still. Der Major rief: »Sechser, -Moorhausen, Sechser!« Der Hauptmann stutzte einen Augenblick, ließ sich -aber, einmal im Zuge, nicht stören und sprach: »ich bin überhaupt -mit einer gewissen Unzerstörbarkeit geboren. Als die Schlacht bei *** -vorüber war --« »nun sind wir geschlagen --« murmelte der Major seinem -Nachbar zu, »er rückt ins Feld --« »wir hatten den ganzen Tag hindurch -gemetzelt --« die Nonne faltete die frommen Hände, und über Josephinens -Gesicht lief ein banger Schatten, das gute Kind vergaß, daß jene -erschlagenen Feinde auch nur Schatten wären --, »fühlte ich mich der -Ruhe bedürftig. Man wird vom Todtmachen zuletzt mit todt;« redete der -Hauptmann weiter. »Ein Stündchen nur hätte ich schlafen mögen; ich -streckte mich auf einen ländlichen Kirchhof hin, und dachte, ich hätte -brav gethan, und könnte mir nunmehr auch eine Güte thun. Das Schießen -dauerte fort -- ich hörte es dumpf im Traume. Als ich am folgenden -Morgen erwachte, meinte ich, der jüngste Tag wäre gekommen. Zerstreute -Glieder lagen um mich her, hier war eine Granate zerplatzt, dorthin -eine Bombe geflogen: in meiner offnen Hand hatte sich eine kleine Kugel -gefangen, und nur einen rothen Fleck nachgelassen.« - -»Das war doch Münze, Alterchen?« rief der Major. - -»Wie meinst Du das, Herr Bruder?« fragte der Hauptmann verblüfft, -»glaubst Du vielleicht, ich flunkere? auf meine Ehre! die Kugel war noch -_lau_!« - -»Jeder Achill hat seine Ferse --« fiel hier der Administrator ein, dem -diese Versicherung zu warm war, und der da wußte, daß der Major auch -hitzig werden konnte, »der Ihrigen, Herr Hauptmann, verdanken wir das -Glück, Sie zu besitzen.« - -Der martialische Moorhausen, seiner unempfindlichen Natur getreu, -beachtete den empfangenen Stich nicht. Durch einen geschickten Wurf -schleuderte der Major den tapfern Hauptmann vom Champ de Bataille -auf den Boden seiner Heimath, dessen ungemeine Ergiebigkeit ein -Lieblingsthema seiner Rede war. Er sprach: »die Seeluft Eurer Provinz -stärkt die Natur dort so riesenhaft -- ist's nicht so, Moorhausen? was -Du mir davon erzählt, ist wirklich zum Erstaunen.« - -Der Hauptmann lächelte wie ein schaffender Gott. »Ueberall -hervorbringende und ergänzende Kraft --« sagte er, unendlich glücklich. -»Nach einem fruchtbaren Gewitterregen war in einer Nacht auf meinem Gute -das Getreide um ein und eine halbe Elle gewachsen -- auf Ehre!« - -»Das wissen sich die ältesten Leute keiner Zone zu erinnern --« sprach -der Administrator mit duldsamer Ironie, und der Major konnte sich nicht -enthalten, zu bemerken: »wenn das in der Progression so fortgegangen -wäre, so hätten die Engel im Himmel die Früchte Deines Feldes einsammeln -können, während die Bauern das Korn an der Wurzel schneiden dürfen.« -Alle lachten. - -Dieser beispiellos gesegnete Gutsherr fühlte, ungekränkt, auf welche -Weise er zu einem erheiternden Mittel für die Gesellschaft würde. -Angeregt durch ihren Beifall fuhr er fort: »ein andermal hätte der -Schaden eben so groß seyn können. Bei einem ungeheuern Sturme entstand -ein gläsernes Krachen in der Luft -- als wenn die Giganten Zank bekommen -hätten, und sich Gletscher an den Kopf würfen. Es hatte geschloßt -- -die Felder lagen voll Eisklumpen, wovon der kleinste im Unfang dieser -crystallnen Butterglocke war. Ich ließ das Eis auf Wagen an das Seeufer -schaffen. Alles, was Hände hatte, mußte dran; es war eine Lustparthie, -wie in den Gefilden von Nova-Zembla. Ein armer Mensch erfror sich die -rechte Hand dabei, sie mußte abgenommen werden, und er erhält noch jetzt -eine kleine Pension von mir. Und grade in diesem Jahre war es, wo mein -Weizen schöner blühete als je! -- Ich stand mit Resignation an -jener Eiswüste, und dachte es nicht. Die Sonne schien wie in einen -zersprungenen Weltspiegel, ich trug eine Augenentzündung davon.« - -Die Damen schlugen die Augen nieder, der Major blinzelte, als sähe er -selbst in Sonne und Eis -- es herrschte eine große Stille, als wäre -ein Engel durch das Zimmer geflogen, der Engel der Wahrheit aber war es -nicht. -- Hauptmann Moorhausen empfand dies Schweigen. Er wollte einen -mildernden Schatten auf jene glänzende Weizenbreite fallen lassen, und -sagte nach einer kleinen Pause: »es däuchte mir selbst ein Wunder. Von -Mißwachs wissen wir in meiner Provinz gar nichts; doch eben so unbekannt --- und das wird Ihnen nicht weniger unglaublich vorkommen -- ist dort -die Christfeier und das Osterfest. An eine Bescheerung denkt Niemand; -weder vom heiligen Abend, noch vom heiligen Grabe, nimmt eine Seele -Notiz. So erinnere ich mich, am Charfreitage auf einem brillanten Ball -en masque gewesen zu seyn.« - -»Heiliger Gott!« seufzte Fabia; ein mitleidiges Lächeln umspielte die -Lippen der Nonne. Sie hielt den Hauptmann für verrückt. - -Major Feldmeister hob seinen Blick an die Decke, und hielt sich die -Seite. Selbst Therese vergaß ihre Betrübniß und sprach: »da machten Sie -wohl den armen Schächer, Herr von Moorhausen? oder den Kriegsknecht -mit der Lanze etwa? der Major bekommt schon Seitenstechen von diesem -Gedanken -- oder den Pilatus mit einem Täfelchen auf der Brust, worauf -die Frage stand: _was ist Wahrheit_?« - -Der kühne Moorhausen war doch vor sich selbst erschrocken, und vor dem -Tone tiefster Indignation in Fabiens Ausruf. Dieser Seufzer zu Gott galt -nicht der Verleugnung Christi, sondern dem Glauben an den Frevel der -Lüge, den der Hauptmann ihnen zumuthete. Er fuhr auf, als empöre ihn der -Gedanke, etwas Unrichtiges gesagt zu haben, »nicht am Charfreitage -- -wie ist mir denn? ich bitte tausendmal um Verzeihung! nein -- da hatten -wir einen andern Spaß -- am Tage Charitas, den achten October, zum -Anbeginn der Wintervergnügungen, war jene glänzende Redoute.« - -Schwester Veronica athmete bei diesen Worten so erleichtert auf, als -hätte ihr Jemand das Kreuz des Herrn von Brust und Schulter genommen, -auf der sie es getragen -- und Jener fuhr fort: »doch um noch einmal auf -das Vorige zu kommen, Sie könnten leicht durch meine Schilderung einen -falschen Vorbegriff von den Bewohnern meiner Heimath fassen. Denken Sie -Sich nicht etwa ein Völkchen von barbarischen Sitten, Gott bewahre! es -sind so charmante, humane Leute, selbst unter der gemeinen Classe -- die -Oefen im Schlosse -- es fehlt an Töpfern in der Gegend, und an feinem -Thon -- hat mir ein _Freimaurer_ gesetzt.« - -Hier gab Herr Prälat, um Fabiens und der Nonne willen, dem Gespräch eine -Wendung. Man gerieth in das Gebiet der Geheimnisse, und kam auf Träume, -Ahnungen und dergleichen. Allen war dieser Stoff anziehend, Jedes gab -seinen Beitrag. - -»Es ist ein schöner Glaube,« sagte die Nonne, »daß es Geister giebt, die -auf eine gottmögliche Weise dem blöden Auge des Menschen sichtbar werden -können. Schutzengel giebt es gewiß; ich weiß ein Beispiel. Schwester -Hedwigis, eine geistliche Jungfrau unseres Stiftes -- sie ruhet längst --- besucht als ein lebenslustiges Fräulein eine verwandte Familie. Sie -liegt im ersten Schlafe, und fest, wie die Jugend schläft, nach einem -ermüdenden Tage. Da hört sie sich bei ihrem Namen rufen, ängstlich -und dringend. Sie wacht auf, und Niemand ist zu sehen. Kaum wieder -eingeschlummert, wird dieselbe Stimme laut, und flehentlicher als zuvor: -sie solle das Lager sogleich verlassen. Dem Fräulein kommt ein Grauen -an; es springt aus dem Bett, und sieht bei hellem Mondschein eine lichte -Gestalt die Urne des Ofens umklammern. Oft hat mir Hedwigis versichert, -und ihrem Munde entging gewiß kein unwahres Wort -- die Flügel dieser -Erscheinung hätten geschimmert. Das Haus erbebt in einem fürchterlichen -Getöse. Ein Theil der Decke, und der altfränkische Ofen war eingestürzt, -und Hedwigis wäre im Schlafe erschlagen worden, wenn jene Stimme ihres -Schutzgeistes sie nicht gerettet hätte. Man fand das Fräulein ohnmächtig -im Nachtgewande auf den Stufen; alle Bewohner verließen, erschüttert von -diesem Vorfall, das Haus, welches überhaupt schon baufällig gewesen -seyn mag. Durch Hedwigis Seele bebte diese Erinnerung fort und fort. Sie -dachte, daß der Himmel ihr Leben sichtbar beschützt hätte, und weihete -es ihm.« - -Josephinens Blick schimmerte auch, und hing noch an den Lippen der -Nonne, als diese sich schon wieder geschlossen hatten, um einem Andern -das Wort zu vergönnen. - -»Auch ich wüßte eine merkwürdige Vorbedeutung zu erzählen --« sagte Frau -Fabia mit tiefgesenkten Augen, denn sie schauten in die Geheimnisse der -Gräber --, »die mich überzeugt, daß wir mit seligen Geistern, mit den -Todten in naher Verbindung stehen. --« Aller Blicke richteten sich auf -Fabia, kein Athem ward laut, und diese horchende Stille schien um die -Mittheilung zu bitten. Sie begann leisen und langsamen Tones: »ich war -noch im Hause meines Vaters, der auch Beamter des Grafen Frankenstern -war, als der Justitiarius desselben starb. Er hinterließ schönes -Vermögen, und eine einzige Tochter, den Abgott der Mutter, die noch -lebte. Wir waren ein Herz und eine Seele, und wenn Minna einige Jahre -mehr als ich zählte, und mir an Geistesbildung wie an Talenten überlegen -war, so hatte ich häusliche Kenntnisse und den Starkmuth voraus, den -eine christliche Erziehung mir gegeben, und war sonach dem Leben, wie -es nun einmal ist, voll Angst und Mühe -- besser als meine Freundinn -gewachsen. Minna konnte sich nicht fassen, da ihr Vater der Welt Valet -gab. Sie bedeckte seinen Leichnam mit Küssen und Thränen, wie sehr wir -sie auch baten, ihm die Ruhe zu gönnen; denn es ist nicht gut, wenn man -über einen Todten weint. Er nimmt dann heißen Schmerz mit in die kühle -Erde -- und geht vom Himmel aus, ihn zu stillen. -- Meine Minna hatte -sich einige Zeit vorher einem jungen Edelmanne verlobt, zwar mit -Genehmigung der Eltern, aber der Vater sah diese Verbindung doch nicht -ganz gern. Nicht, daß er etwas Wesentliches gegen den künftigen -Eidam gehabt hätte, sondern, weil er aus mehr als _einem_ Grunde ein -Mißverhältniß darin fand. So war der Geliebte Minnas fast in gleichem -Alter mit ihr, und noch abhängig von seiner Mutter, die ein kleines -Rittergut besaß: dann konnte kaum ein Brautpaar, seinem Aeußern nach, -so ungleich wie dieses seyn. Er, ein baumlanger Mensch, eine wahre -Athleten-Gestalt; sie, ein zartes Heimchen, eine kleine Psyche, die -ihm kaum bis an die Rocktasche reichte. -- Ein Spötter sagte: Minnas -künftiger Gatte werde seine junge Frau, wenn sie einst guter Hoffnung -sey -- in einem Kästchen mit sich auf Reisen nehmen können -- wie -in einem hübschen Mährchen zu lesen. -- Wie nun das Testament des -Justitiars eröffnet wird, findet sich, daß er als unumstößliche -Bedingung der väterlichen Erbnahme den Punct gestellt hat, die Heirath -der Tochter solle erst nach dem Ablauf dreier voller Jahre -- er -bestimmt sogar den Tag, denn dieser Vater war ein sehr determinirter -Mann -- vollzogen werden. Hieran war nun kein Jota zu ändern, und Alles -wohl verclausulirt. Der Braut war dies Gebot ihres Vaters heilig; die -Wittwe aber, die es nicht erwarten konnte, ihre Tochter als gnädige Frau -zu sehen, war damit sehr unzufrieden. Sie hatte Respect vor ihrem Manne -bei seinen Lebzeiten gehabt; seinen letzten Willen scheute sie weniger. --- Eine Pietät, bei der dies in umgekehrtem Verhältniß Statt gefunden -hätte, legte dieser Frau zarte Pflichten auf. Sie dachte, wie sie den -Verstorbenen und selbst den Gehorsam seines Kindes überlisten könnte --- und zog die Mutter des Bräutigams in ihr Interesse, der damals -auf Reisen war. Was aber ein rechter Mann ist, meine Herren --« hier -lächelte die ernste Fabia, und das männliche Kleeblatt lächelte mit, -»der drückt auch mit der todten Hand einer widerspenstigen Frau -den Daumen auf's Auge, und der Wittwe des Rechtsgelehrten lief eine -schmerzliche Zähre heraus. -- Ein Jahr fehlte noch zum Ablauf der -festgesetzten Frist, da wollte nach einem schriftlichen Uebereinkommen -zwischen beiden Müttern die Edelfrau ihrem Sohne das Gut übergeben, die -Acte war schon fertig -- und den Bräutigam heimlich zurückrufen -- Minna -und ihre Mutter dahin einladen, und dort sollten die jungen Leute am -Geburtstage der Braut mit der Trauung überrascht, und gleichsam zu ihrem -Glücke gezwungen werden. Alles war dazu vorbereitet. Nun hören Sie, was -geschah! -- Der Justitiarius hatte ein eigenes Haus auf dem gräflichen -Gute, was seiner Frau als Wittthum verblieben war. Eines Tages besucht -mich Minna. Sie sah sehr blaß aus, und besorgt fragte ich um die -Ursache. Du wirst mich ein Kind schelten, sagte sie, aber ich kann einen -ergreifenden Traum nicht los werden. Ich brachte meinen Schreibtisch in -Ordnung, verschloß alle Schübe -- da trat mein Vater ein, mit raschem -Schritt, wie er kam, wenn er sich eine Minute für mich abmüßigte, ganz -in der Manier seiner lebendigen Eile. Ach Fabia! sagte sie, und Thränen -flossen über ihre Wangen, ich habe ihn leibhaftig gesehen; aber seine -Miene war bekümmert. Er sprach: daß er mich nun nächstens abholen werde. --- All' meine Sehnsucht nach ihm ist mit mir erwacht. -- Ich suchte es -dem lieben Wesen auszureden. Einige Wochen waren seitdem vergangen, das -Wetter fing an, frühlingsschön zu werden, und jener einladende Brief, -der die ahnungslose Braut an den Altar lockte, war gekommen. Da kam -Marie, und vertrauete mir, daß jener Traum sich seltsam wiederholt -hätte. Sein Auge zürnte, so erzählte sie von der Erscheinung ihres -Vaters, als er den Brief meiner Schwiegermutter liegen sah. Er -verlangte, daß ich ihm sogleich folgen sollte. Ich entschuldigte mich, -daß ich ja nicht angezogen wäre. Er erwiederte: frägt _darnach_ ein -Retter? und verschwand. Ich muß gestehen, daß mich diese Worte sehr -ängsten; es ist mir, als werde ich von irgend einem Unglück bedroht, und -als wolle mein treuer Vater mir von Jenseits herüber ein treuer Warner -seyn. Wüßte ich nur, was ich zu thun, oder zu lassen hätte! -- Mich -selbst bestürzte diese Aussage, wenn ich es auch verbarg, da Minna -ohnedies verstört war. Acht Tage waren wiederum verflossen, binnen deren -Verlauf wir uns wenig gesehen hatten -- da -- ich weiß es wohl noch wie -heute -- räumte ich meine Bodenkammer auf, und die Sonne ging unter, -als ich mit diesem ermüdenden Geschäfte im Reinen war. Ich komme eben -aufgeschürzt die Treppe herab, da steht Minna, weiß wie eine Taube, und -bittet mich mit kranker Stimme, ein wenig mit ihr spazieren zu gehen. -Gern, meine Minna, wollte ich das, gab ich ihr zur Antwort; aber Du -siehst selbst, wie eingestäubt ich bin. So muß ich zunächst an ein -Waschfest gehen, und dann mögte wohl die Feierstunde ausgeläutet -haben. Es dürfte auf lange das letztemal gewesen seyn -- sagte sie: den -Donnerstag geht es fort -- lieber Gott! auf das Gut, meinte sie. Ich -muß mich zerstreuen, Fabia, sagte Minna mit einem krampfhaften Lächeln; -denke nur, diese Nacht hat mich mein Vater wirklich abgeholt. Er trat -eilfertig, in einen Pelz gehüllt, in mein Stübchen, seine Taschenuhr in -der aufgehobenen Hand. Nun ist es Zeit -- sagte er, und hielt mir -die Uhr vor die erschrockenen Augen: sie stand stille. Ich eilte -im Schlafrock an seiner Seite von hinnen. Vor der Thüre stand ein -Schlitten, der Schnee lag wie ein Leichentuch -- als ich einsteigen -wollte, verlor ich einen schwarzen Schuh -- er sank tief ein. Den Führer -sah ich nicht; aber der Schlitten sausete auf den Kirchhof zu. -- Mich -überlief es kalt,« fuhr Fabia fort, und auch ihre Zuhörer schien ein -Frösteln zu durchrieseln. »Am folgenden Tage,« redete die Erzählerinn -seufzend weiter, »kehrten wir erst spät von einer kleinen Ausflucht -heim; ich schlief daher den nächsten Morgen etwas länger als gewöhnlich. -Der Vater stand vor meinem Bette, im blendenden Schein der Frühsonne, -und ich sah nicht bald, wie betrübt sein Auge war. Du hast sanft -geschlafen, Fabia! sagte er, das hat Dich denn für eine traurige -Nachricht gestärkt. -- Minna ist recht krank -- -- ich blickte in -sein Gesicht und rief: o Gott! sie ist schon todt! -- Er nickte -schmerzlich-still. -- Sie war in der verwichenen Nacht an einem -Scharlachfieber gestorben, was nicht zum Ausbruch kam, und unsere kleine -Promenade war ihr letzter Gang gewesen; denselben Abend noch hatte Minna -sich gelegt. -- Den Donnerstag, der zu ihrer Abreise bestimmt gewesen, -wurde meine Freundinn begraben. Als der Sarg, mit Kränzen behangen, die -jungfräuliche Ehrenkrone von silbernen Zitterblumen zu seinen Häupten, -aus dem Hause schwankt, kommt ein Reisewagen angefahren. Es war der -unglückliche junge Edelmann, der seine Braut abholen wollen auf das Gut -der Mutter. Er kam nur gerade zurecht, ihr das letzte Geleit zu geben. -Mit welchem herzzerreißenden Schmerze -- davon will ich schweigen. --« - -Hier schwieg Fabia, und eine lange Pause feierte diese Erzählung, welche -bei der einfachen Ruhe ihres Vortrags von um so größerer Wirkung gewesen -war. Man wußte, und mit Achtung wußte man es -- wie wahrhaft Frau Fabia -sey, und mit gewissenhaftem Stolze sogar den Schmuck der kleinsten -Zuthat verschmähe. Sie glaubte dessen nicht zu bedürfen, um das -Interesse Anderer für jene wehmüthige Erinnerung in Anspruch zu nehmen. - -Endlich unterbrach der Administrator die allgemeine Stille und sprach: -»ich würde den Versuch bedauern, solch eine Thatsache _natürlich_ -erklären zu wollen; hier tritt das geistige Element hervor, und wir -können nur verstummen. _Was_, in aller Welt, wäre denn nicht wunderbar, -oder ahnungsvoll? -- Nur unsere Sinne sind stumpf. Und ein Schutzfreund, -wie er dort ein gefährdetes Leben aus dem Schlafe weckt, hier Eines in -den längsten Schlaf lullt, wohnt gewiß in eines Jeden Brust, wenn dieser -Engel nur nicht so oft irdisch verbaut wäre. In einer für das Höhere -erweiterten Seele findet er gewiß Freiheit, zur rechten Zeit an das Herz -zu pochen.« - -Der Major, der vielleicht aus einem zu weichen Gefühl das Tragische -nicht liebte, und als ein tüchtiger Mann auf ebenem Boden eine Scheu vor -metaphysischen Dissertationen hatte, ging nicht auf die Aeußerung seines -Freundes ein, und dachte vielmehr bei Minnas verlornem Schuh an -den Pantoffel, der seinen Neffen aus dem Felde schlug. Er hatte die -Gewohnheit _laut_ zu denken, und so sagte er: »nun sollte eine Sandale -an die Reihe kommen.« - -»Meinst Du ein Fahrzeug, Herr Bruder?« fragte Hauptmann Moorhausen: -»wohl ist dieser Stoff ein unerschöpfliches Meer.« - -Und Josephine sagte: »die Sandalien der Jungfrau Maria in der Capelle -sind wunderprächtig mit Gold und Perlen gestickt.« Die Kleine stockte -beklommen; doch Frau Fabia gab heute Preßfreiheit für Lügen wie -gedruckt, wie für die Legende des Hauses, und so entblätterte sich die -Blume dieses Herzens, und Josephine sprach: »In dem blassen Mondschein, -den die kleine Lampe wirft, schimmern die Sandalien so traurig und doch -so heilig! daß man gläubig wird, dieser Fuß müsse den Thron des Himmels -besteigen. Oft schon habe ich ihn geküßt -- und dabei gedacht, wie -manches bekümmerte Angesicht mag seine Thränen darauf geweint haben! die -sind denn zu Perlen geworden. Sogar der Staub, der darauf ruht, hat mir -etwas Rührendes, denn er erinnert mich, wie dieser beständige Fuß seine -Stelle verlassen, und wandelbar geworden, das Liebste zu suchen.« - -»Recht, mein Kind,« erwiederte die Nonne erregt, »unsere Jungfrau von -der Capelle, von der das Kloster den Namen führt, gehört ganz eigentlich -hierher, und es ließe sich Manches von dieser Wunderthäterinn erzählen, -wenn auch keine Wallfahrt sie verehrt hat.« - -»Das kenne ich ja nicht --« sagte Herr Prälat, erstaunt, sein Schutzkind -so bewandert in der Geschichte der Patroninn dieses Hauses zu finden; -und der Major fragte: »was ist's mit der Jungfrau?« - -Die Nonne sprach: »nach den Urkunden des Stifts ist die kleine dunkle -Capelle dahinten seine erste Gründung gewesen. Man sieht es auch an der -Bauart, wie viel älter sie ist, als die des Klosters. Nun steht in der -Nische des Altars eine Mutter Gottes mit dem Kindlein an ihrer Brust. -- -Das Bild ist nur von Wachs und nicht sonderlich schön, es hat aber -einen zarten Ausdruck von Erbarmen in der Miene, daß man gleichsam Trost -fühlt, wenn man es anblickt. Die rechte Hand hält es bedeutsam in die -Höhe, mit aufgehobenem Zeigefinger, als ob warnend oder winkend. Die -Sage erzählt: eines Schäfers Wittwe, der man aus Mitleid die Hut der -Heerde gelassen, habe sich den Verlust ihres Mannes dermaßen zu Gemüth -gezogen, daß alle Kraft ihr entschwunden sey, zumal das arme junge Weib -einen Säugling stillen müssen, mit dem Grame ihrer Brust. -- Da man die -Schäferinn oftmals schlafend gefunden, am Berge unter einem Baum, so -ist sie vom Orte aus bedroht worden, ihr, wenn sie nicht achtsamer seyn -werde, den spärlichen Dienst zu entziehen. In dieser Bedrängniß hat die -betrübte Wittwe ihre Zuflucht in die Capelle genommen und voll Einfalt -und Inbrunst gefleht, die Heilige des Himmels mögte die ärmste Mutter -der Erde vertreten in ihrer großen Schwachheit. Und als dennoch täglich -um die Stunde der Vesper die stillende Mutter von einem Schlummer -bezwungen wird, dem sie nicht widerstehen kann, wollen glaubhafte Leute -jener Zeit die Jungfrau Maria gesehen haben, wie sie bleichen Angesichts -die Lämmer gehütet, auf daß die Schäferinn der Ruhe pflegen möge. -Sie ist erkannt worden an dem Kleide von perlfarbnem Moir, dessen -schillerndes Gewässer nun wie mürber Zunder ist -- an der aufgehobenen -Hand, womit sie die Heerde stumm gelenkt -- im andern Arme hat sie das -göttliche Kind getragen, wie Jene das dürftige Kleine. In der Nähe -des Baumes hat Maria ein leises Lied gesungen, ein Wiegenlied -- -so himmlisch! daß der Wind geschwiegen und die Vögel in den Zweigen -gelauscht. Auf dem Heimwege hat das Geläut der Heerde geklungen, wie die -Glöckchen beim Hochamt, und die Sandalien haben in der Abendsonne goldne -Strahlen verbreitet über den grünen Klee. -- Niemand wagte mehr, der -Wittwe ein Wort zu Leide zu sagen. Kein Lamm geht verloren -- aber eines -Tages das Kind vom Schoße der Mutter, als sie auch einmal schläft. Ein -Engel soll es ihr sacht und sanft entzogen haben, weil der Born der -Nahrung nun versiegt gewesen, und das Würmchen am Verschmachten. Die -Frau kommt wie von Sinnen. Sie rennt in der Irre umher, ihr Kind zu -suchen, was sich nirgends findet. Man entbindet sie ihrer Pflicht, und -fristet mit kärglichen Almosen ihr Leben, das der Jammer verzehrt. Sie -ringt die Hände wund und fleht: die heilige Jungfrau mögte sie ihr Kind -wiederfinden lassen, ohne das sie keines Bleibens habe auf der Welt. -Aber Maria bleibt unbeweglich, und blickt traurig nieder, daß Der, -welcher ihre himmlische Güte sich sichtbar angenommen -- der Glaube -fehlt. -- Da nun die unglückliche Mutter nicht Zeichen noch Wunder -sieht, wird sie eines Tages von verzweiflungsvollem Wahnsinn erfaßt. --- Sie sagt: Du magst wohl schwerlich wissen, wie einer Mutter zu Muthe -ist, die ihr Einziges eingebüßt; sonst würdest Du auf mein Herzeleid -merken und Dich meiner erbarmen. Wer nicht hören will, muß fühlen! --- Und damit hebt sie das Kind vom Arme der Madonna, und drückt es -mütterlich an ihren Busen, als ob das kalte Wachs an dieser heißen Angst -zerschmelzen müßte. Daheim legt sie es in eine kleine Lade, auf das -weiche Vließ von einem ungeborenen Lämmlein. Sie selbst liegt im Fieber. -Als nun der Morgen tagt, steht Maria vor dem Bette der Armen, rührt -sie an, und fordert ihr Kind zurück. Da sagt die Kranke, wo sie es -hingethan, und spricht: gieb mir nun auch das meine wieder und zeige -mir, wo ich es finde. Maria hebt den Zeigefinger gen Himmel -- -- darauf -ist die Mutter gestorben. -- Seitdem nun,« schloß Schwester Veronica -diese Tradition, »hat Mancher, der etwas vermißt -- ach mein Heiland Du! -Wessen Leben wäre ohne Verlust? Trost und Erstattung an dieser Stelle -gesucht und -- gefunden: denn die heilige Jungfrau giebt erhörend ein -Zeichen mit dem Finger, was noch nie trüglich gewesen.« - -»Es gehört ein starker Glaube dazu --« sagte Hauptmann Moorhausen, -er, der den stärksten in Anspruch nahm --, »und eine deutsame -Einbildungskraft, um die Weisung der Jungfrau Maria zu verstehen, denn -sie kann doch nur Rechts, Links!« (diese Worte wurden im exercirenden -Tone gesprochen) »nach Oben oder Unten zeigen, und das kommt mir -ohngefähr so vor, wie jene Adresse: an meinen lieben Sohn in der Armee.« - -»Dem Zweifler ist nichts beschieden --« antwortete Therese spottend, -»wenn Sie einmal das Gedächtniß verlieren, =mon Capitain=, wird Sanct -Maria es Ihnen nicht suchen helfen.« - -»O! mein Gedächtniß ist gut!« erwiederte der Hauptmann prahlerisch -sicher. »Das muß es auch --« versetzte die muthwillige Frau und -lächelte ihn an, so daß ihm die kleine Bosheit ihrer Replik nur wie ein -schalkhafter Liebesblick einleuchtete. - -»Es ist doch viel,« fiel hier der Administrator ein, »daß bei der -Aufhebung des Klosters die Capelle unangetastet geblieben.« - -»_Viel_?« fragte die Nonne und ihre Wange röthete sich bei dieser -aufregenden Erinnerung, »wenig war es, werthester Freund! sehr wenig. -Was ist denn Kostbares darin? Ein paar arme Bilder -- morsche Bänke -- -die Jungfrau selbst ist alles Schmuckes baar, die Fußbekleidung etwa -ausgenommen, und für diese habe ich Alles hingegeben, was ich an -Pretiosen noch besaß. Die goldne Taschenuhr meines Vaters -- ein -köstliches Werk! wog der Commissair in seiner Hand, die gerade -keine Wagschale der Gerechtigkeit war -- und dabei fiel der kleine -Uhrschlüssel klingend auf die marmorne Schwelle, wo wir standen, und mir -gleichsam auf das Herz, denn ich dachte, wie so tausendmal ich diesen -Schlüssel in der Hand meines Vaters gesehen! ich sah die Miene, womit -er ihn drehete -- -- ich mußte meine Augen abwenden. Da sagte der -Commissair: wir wollten einen christlichen Tausch abschließen. Er zog -den großen Schlüssel aus dem Schloß der Capelle, reichte mir ihn und -sprach: diese solle fortan als mein Heiligthum zu betrachten seyn. Die -Uhr mogte er dagegen als _sein_ Eigenthum ansehen. Er steckte sie sich -in die Tasche, nachdem er den kleinen Schlüssel fest gemacht. --« - -Der Major murmelte ein vernichtendes Wort, und schluckte den Aerger in -einer Neige Wein hinunter. Herr Prälat aber schlug in stillem Grimm das -umgekehrte Ende des silbernen Messers auf den Tisch, als hätte er den -Commissair damit auf die Finger schlagen mögen. -- Aber friedlich sprach -die Nonne: »dies Alles ist nun überwunden; ich wollte nur sagen: -ich hätte mir gewissermaßen ein Anrecht an die Capelle erworben. Die -schönsten Blumen fülle ich in die kleinen Krüge zu beiden Seiten des -Altars; dort duften sie Weihrauch. Und das ewige Licht nähre ich aus -meinen geringen Mitteln, und müßte der Winter meines Lebens finster für -mich seyn, wie eine lange Sterbestunde.« Der Blick der Nonne leuchtete -bei diesen Worten auf, wie ein Flämmchen vor dem Verlöschen. Alle waren -gerührt. - -»Und dieses liebe Geschäft,« sagte Josephine in holder Geschwätzigkeit, -wie von einem Lieblings-Gegenstand hingerissen, »gönnt mir die gute -Schwester Veronica bisweilen, wenn meine Zeit es erlaubt. Es ist für -mich ein kleiner Tempeldienst, den ich nie ohne ein andächtiges Gefühl -verrichte. Ich komme mir dann vor wie eine Vestalin, von denen Du -neulich erzähltest, Onkelchen. Es ist wirklich etwas Heiliges um das -Licht. Man denkt sich eines Sünders Seele dunkel. -- Ich fürchte mich -auch nicht ein Bischen allein, und sitze oft in der Dämmerung in dem -verwitterten Beichtstuhl. Da flüstert es neben mir, die feuchten Wände -wispern, ich höre den Holzwurm picken -- und denke, es sey Veronicas -Uhr, und _wo_ dies Herz der Capelle wohl schlüge? -- Und wenn ich -sinnend in die wehende Lampe blicke, ist mir Manches schon hell -geworden. Jüngst beschlich mich ein sehnsüchtiges Weh, ich mußte weinen -und trüber Zeit gedenken. Da fragte ich laut, und erschrak vor meiner -eigenen Stimme: wo ist -- wo ist mein lieber Vater, den ich verloren? --- -- Ein Seufzer --« der Athem in Josephinens Brust stockte vor dem -Blick, womit Frau Fabia sie ansah. Das Mädchen verstummte. Hauptmann -Moorhausen haschte alsbald den letzten Laut von diesen Lippen und sprach -cathegorisch: »Ahnungen giebts! ich selbst habe --« jetzt stieß der -Major einen tiefen Seufzer aus, der die Gedankenreihe seines Cameraden -auf einige Momente unterbrach. »Ja, das war ein Abenteuer,« setzte -er seine Rede fort und festen Fuß in weichenden Boden --, »was Muth -erforderte. Als wir im Jahr 18-- an der Grenze standen, ward ich mit -einem Commando nach dem Gebirge detachirt, wo eine aufrührerische Rotte -zu bändigen und nach Umständen zu bestrafen war. Die Unruhen waren bald -gehoben, die Empörer fest genommen, und wir beeilten uns, aus jenen -unwirthbaren Hürden zu kommen. Es war tief im Herbst, der Paß verschneit --- kein Wunder, daß wir uns verirrten. So gelangten wir bei Nacht und -Nebel an ein adeliges Schloß, das Gott weiß! wie weit abseits von unserm -Wege lag. Sie können wohl denken, meine Verehrtesten! daß wir als Gäste -zu so später Zeit nicht gerade die willkommensten waren; aber man muß -nur die Leute zu behandeln wissen. Nach einer Stunde saß ich mit dem -Förster, der in Abwesenheit der Herrschaft den Wirth vorstellte, ganz -cordial bei einer Flasche Wein. Ein Wort gab das andere, er erzählte von -den Verhältnissen der Familie, die fast nie hier wohne, ohngeachtet die -Gegend entzückend sey, und als ich nach der Ursache fragte, äußerte der -Förster: es wäre nicht geheuer im Schlosse. Ich lachte und glaubte, der -Schalk wolle mir das Nachtquartier verleiden -- da versicherte er mich -sehr ernsthaft, es wäre gar nicht zum Lachen. Der Erbe jenes Gutes, -ein junger Graf -- St -- der Name ist mir entfallen -- sey vor mehreren -Jahren gestorben, an einer Erweiterung des Herzens, was nach seinem Tode -ein Gewicht von zwanzig Pfund ergeben hat.« - -Vor dieser Möglichkeit sanken alle Begriffe, die Damen faßten -unwillkürlich an ihre linke Seite, und der Major sprach: »Potztausend! -über den Zwanzigpfünder! -- Dem ist das Herz schwer gewesen. --« - -»Auch im moralischen Sinne --« antwortete Hauptmann Moorhausen: »ein -Freund des Grafen, seine zweite Seele gleichsam -- hatte einen wichtigen -Auftrag, eine Geliebte betreffend, von ihm bekommen, und säumte zu -erscheinen, und das ganze Haus sah diesem Zuspruch sehnlichst entgegen. --- Der Kranke konnte nicht sterben und fristete sein Daseyn elendiglich. -So genoß er nur täglich einen kleinen Apfel, und auch dieser machte -ihm Wallungen. Er konnte kein geheiztes Zimmer vertragen, weshalb seine -Pfleger zur kalten Jahreszeit in dem rauhen Klima jener Gegend häufig -wechseln mußten. In der einen Nacht wacht der Jäger, der Graf liegt -stille, da öffnet sich die Thüre und ein junger blasser Offizier tritt -ohne Geräusch herein. Der Büchsenspanner erkennt den Freund des jungen -Herrn und verhält sich ruhig. Der Offizier beugt sich über das Bette, -flüstert tief in die Kissen hinein -- da wird dem Jäger unheimlich, -er ergreift die Kerze, wagt einige Schritte, obgleich sich sein Haar -sträubt, und wie er hinzu leuchtet, ist der Offizier verschwunden, und -der Graf verschieden. --« - -Ein Schauer der Furchtsamkeit, der hörbar die kleine Gesellschaft -durchfröstelte, befriedigte den Hauptmann. Dieser kühne Geisterseher -lächelte kaltblütig, und schickte sich zum Verfolg der Geistergeschichte -an. Herr Prälat aber war auffallend bleich, und Therese rückte sich -ihrem Schwager noch näher und umschloß seinen Arm mit ihren beiden -Händen. »Es taugt nichts,« sprach der Major, »daß wir uns jetzt zu -nächtlicher Stunde mit solchen Geschichten den Kopf erhitzen; ich -dächte, wir höben uns das Ergebniß für ein andermal auf.« - -»Nein,« sagte Therese, »es fürchtet sich hübsch unter Mehreren und ich -lasse es mir nicht nehmen, die Bravade des Hauptmanns zu bewundern; -fahren Sie fort!« - -Moorhausen gehorchte diesem Befehl und sprach: »den Freund des Grafen -hatte ein plötzlicher Tod abgehalten zu kommen, aber ein treuer Freund -hält sein Versprechen todt oder lebend, das ist Parthie egal. -- So oft -nun Jemand seit jener Zeit in dem Zimmer und Bette des seligen Grafen -schläft, erscheint er und bringt die verspätete Kunde; aber einer Frage -hielte dieser zuverlässige Schatten nicht Stich. -- Er soll mir Stand -halten auf meine Ehre! erwiederte ich dem Förster, und bat mir jenes -gespenstische Zimmer aus. Er wollte mir nicht willfahren, ich setzte es -aber durch. In besagtem Zimmer nun sah es ziemlich wüst und unheimlich -aus. Der Förster versah mich mit dem Nöthigen, legte mir, wie ich -gefordert, einen Hirschfänger, blank gezogen, und eine Pistole, scharf -geladen, zur Seite und wünschte mir, grauenhaft lächelnd, eine geruhsame -Nacht. Mit diesen Waffen und einer wahrhaft todesverachtenden Courage -forderte ich den Geist nun heraus. -- Als ich mich sterbensmüde in dem -Himmelsbette des seligen Grafen ausstreckte -- der Riese Goliath hätte -Platz darin gefunden -- dachte ich an das Riesenherz des armen Jünglings -und sah in den gedrechselten Kugeln des Gestells die kleinen Aepfel -seiner Mahlzeit. Mir war, als hätte ich die Weltkugel im Magen. Die -compacte Kost des Försters hatte mir Congestionen erregt. Endlich -überwältigte der Schlaf das empörte Blut -- da klopft es dreimal -deutlich -- --« - -Es klopfte jetzt wirklich an die Thüre des Klosters. Der Hauptmann -verblich zum steinernen Gast, die Frauen sprangen auf, der Major in -gleicher Hast, vielleicht glaubend, daß sein Neffe komme, wollte es -ihnen gleichthun, bekam aber den Krampf in den Fuß und Herr Prälat -leistete ihm Beistand. Man zog die Klingel, doch Niemand kam; und in -dieser Verwirrung hatte Josephine ein übriges Licht ergriffen -- den -Tisch erhellte eine schöne Lampe -- und war hinausgeeilt. Sie floh den -Gang entlang, ihr Schatten wehete an den düstern Wänden hin -- nun stand -sie an der Pforte pochenden Herzens, und draußen schlug eine unbekannte -Hand nahe ihrem Ohr den Klopfer noch einmal an, daß dieser Laut wie -ein unendlicher Hall durch die Stille der klösterlichen Nacht tönte. -- -»Gleich! gleich!« sagte Josephine beklommen, schob die schweren Riegel -zurück, und wich nun selbst einige Schritte, als ein Mann eintrat, -von hoher Gestalt, umflossen von einem weißen weiten Mantel, dem eine -schmale Reisetasche von rothem Saffian überhing, so daß sein Ansehen bei -mäßiger Zuthat der Imagination das eines Kreuzritters hatte. Josephine, -im flackernden Scheine die Kerze, die den lichten Umriß des Mädchens -aus der finstern Umgebung hervortreten ließ, fühlte ein Beben bei dem -Anblick dieser bedeutenden Erscheinung, und heftete einen furchtsamen -Blick auf die bleichen Züge des Fremden, der mit einem Ausdruck von -freudigem Staunen seine Pförtnerinn ins Auge faßte. »Wo ein Engel öffnet -um diese Stunde --« sagte er, »da darf man über die Aufnahme nicht -zweifelhaft seyn. -- Mein holdes Kind! treffe ich den Administrator -daheim? gleichviel, ob schlafend, ich muß ihn sprechen.« - -»Er ist noch wach,« antwortete Josephine, »zur Feier seines -Geburtstages, in Mitten seiner Freunde.« Und alsbald tadelte sich das -Mädchen, daß es den fremden Mann in ein Familienfest einführe. - -»_Seiner Freunde_ --« wiederholte der Unbekannte mit zitterndem Accent, -und ging raschen Schrittes voran. Herr Prälat kam ihnen schon entgegen, -hinter ihm Frau Fabia, zu wissen, was es gäbe? Ein sprachloser Moment -des Erkennens! dann rief Jener: »Sylvius!« wie ein Echo aus der -Ferne der Erinnerung rief Fabia einen andern Namen nach -- und nur -unarticulirte erschütternde Töne entrangen sich der Brust des Fremden. -Da breitete der Administrator die Arme so jählings aus, daß er -in Josephinens Leuchte griff, sie erlöschte -- und das Dunkel des -Kreuzgangs umfloß ein Wiedersehen. - - * * * * * - -Unsere Leser wollen sich erinnern, daß, als Herr Prälat dem Major -Feldmeister Einiges aus seinem Leben mitgetheilt, er eines Freundes -erwähnt, ohne den Faden jenes Verhältnisses auszuspinnen --; wir aber -knüpfen die neue Bekanntschaft, und was wir nachträglich davon zu sagen -haben, an jenes Fragment. - -Nachdem der Held unserer Erzählung seine cameralistischen Studien -beendiget hatte, arbeitete er eine Zeitlang unter seiner Behörde in H--. -Dann dachte Cölestin, wir wollen den Administrator der Kürze wegen -so nennen -- ehe er eine fixe Stellung annähme, eine große Reise -anzutreten, welche der Zielpunct seiner jugendlichen Sehnsucht gewesen -war. Es hatte Mühe gekostet, dem Vormund die Genehmigung dazu, wie die -benöthigte Summe, abzugewinnen; und als es ihm endlich gelungen und -alles festgesetzt war, fühlte er sich festgehalten durch die zartesten -Bande, und der Wunsch, die Welt zu sehen, war ihm gleichgültig geworden. - -Cölestin war in dem Falle, ein anderes Quartier zu bedürfen. Er fand -die Anzeige in einem öffentlichen Blatte, daß eine Wohnung für einen -_ältlichen_ Herrn frei stehe, die ein Hausmiether von seinem Locale -ablassen wolle. Er mußte des bedingenden Wortes lächeln, ließ sich aber -dadurch nicht abhalten, das Quartier in Augenschein zu nehmen, und es -war, wie er es suchte. Inhaber desselben waren ein Forstrath von Schütz, -der ehemals Jagdjunker gewesen in jenen Gegenden, wo diese Charge üblich -war, und gegenwärtig nur in seinen vier Pfählen herumförsterte, seine -Schwester, Frau von Schütz, die Wittwe eines Vetters, und ein Fräulein -von Schütz, ihre Nichte, die Waise des Bruders. Cölestin sagte: wenn sie -unter einem ältlichen Herrn einen _ruhigen_ verständen, so könnten sie -ihn getrost einnehmen, und die fehlenden Jahre übersehen. Er dürfe -von sich rühmen, ein stiller Miether zu seyn. So wurde der Contract -abgeschlossen. Bei näherer Bekanntschaft mit dieser Familie bemerkte -Cölestin, wie combinirt dies verwandtschaftliche Verhältniß sey, was ihm -so einfach geschienen. Der Forstrath war der dringende Liebhaber seiner -Nichte, die Tante dem Bruder wie seiner Neigung gram und der Jugend des -Mädchens abhold, die schöne Tony ein verfolgter Gegenstand der Liebe wie -des Hasses, und in meisterlicher Uebung beiden überlegen. Sie wollte die -Tante beerben, den Onkel zwar nicht heirathen, aber bei Gutem erhalten, -und einst goldne Früchte ernten, wenn dies lachende Auge doch zuweilen -weinen mußte. Aber diese trübe Aussaat war selten, denn die Vorsehung -hatte solch schweres Ertragen durch leichten Sinn aufgewogen. Cölestin -sah mit Erstaunen in diesem Hause ein stehendes Theater für kleine -Intriguen-Stücke, von schlauer Erfindung und wohlberechnetem Erfolg. -- -Es wollte ihm doch so vorkommen, als ob Tony der Leidenschaft des Onkels -schmeichle, wie den gehässigen Fehlern der Tante, und Beide anzuführen -wisse, wo es das Erreichen einer Absicht gelte. Dieser wahrhaften -Bemerkung ungeachtet, hatte sich das reizende Geschöpf seines Interesses -doch so sehr versichert, daß sie unwirksam auf seine beobachtende Ruhe -blieb. Er war nicht lange aus dem Spiel gelassen -- Tony theilte ihm die -Rolle ihres Vertrauten zu, und bald hätte er ihr das ganze Glück seines -Lebens anvertrauen mögen. Er hielt den Gebrauch listiger Waffen für -Nothwehr, die fügsame Klugheit, welche ein wenig nach der Schlange -schillerte, für Taubensinn, und den abgelegten Anzug der Tante, den -die reizende Tony sich gefallen ließ, wie das Verheimlichen prächtiger -Geschenke, die der Onkel ihr aufdrang, für gleich nachgebende -bescheidene Gefälligkeit der Nichte. -- Die _Liebe_ war es, meine Leser, -welche Engel schuf. Sie verschönt, vergiebt, vergöttlicht -- und öffnet -selbst den Geistern der Hölle ihren Himmel. -- Tony gab bei schicklichem -Anlaß dem Hausfreund zu verstehen, wie widrig der Onkel ihr sey, und -welcher fortwährenden Anstrengungen sie bedürfe, sich ihn als eine -Respectsperson drei Schritte entfernt zu halten. Sie führte ihm mit -lachendem Munde kleine Züge der Bosheit und des Geizes ihrer Tante -an, so daß Cölestin eben so viel Ekel als Mitleid empfand, und heftig -wünschte, das schöne heimlich geliebte Mädchen aus dieser Höhle des -Satans befreien zu können. Doch ein inneres Etwas, dem er keinen Namen -zu geben wußte, hielt ihn zurück, so oft ein erklärendes Wort auf seine -Lippe trat, und diese Gefahr trat ihm näher und näher. -- Als jenes -würdige Geschwisterpaar einmal in eine langweilige Gesellschaft geladen -war, und Tony unter irgend einem Vorwande davon zu Hause bleiben dürfen, -beschied sie den ihr begegnenden Cölestin rasch und flüsternd in den -Garten, wo er ihrer harren möge. Cölestin wußte nicht, was er von diesem -naiven Rendezvous denken solle -- aber er folgte dem süßen Befehl. -Sein Herz pochte, Tony blieb lange aus -- endlich kam sie, im neuesten -Geschmack und so reizend angezogen, daß er geblendet vor ihr stand. -»Gefalle ich Ihnen so?« fragte sie lächelnd, »ich putze mich manchmal -auf meine eigene Hand, um doch auch zu wissen, daß ich ein Mädchen -bin. Da komme ich mir denn wie eine verwünschte Prinzessinn, und mein -Schicksal mir wie ein Mährchen vor, darin sich ehestens mein alberner -Plagegeist in einen schmucken Freier verwandeln würde, mit dem ich -freudig zöge über Berg und Thal; die Linsen und Erbsen aber, die ich -zählen müssen, in blankes Gold. Denn --« setzte Tony in liebenswürdigem -Uebermuthe hinzu: »sollte ich die Tante nicht beerben, so wollte ich -lieber heute sterben. -- Sie hat mich eingesperrt und ihr Geld, und zu -ihrer Verdammniß wollen wir künftig rollen in die weite Welt.« - -Und trotz dieser leichtfertigen Sprache überredete Cölestin sich selbst, -daß Tony, ihn als Gattinn zu beglücken, geeigneter als jede Andere sey. -Kaum würde er einem übereilten Versprechen entgangen seyn, wenn nicht -die Freundschaft seine Gefühle rettend getheilt hätte. -- - -Jenes geheimnißvolle Gesetz, nach welchem die Sterne der Menschen ihre -Laufbahn durchkreuzen, und Seelen sich begegnen, bestimmt auf einander -zu wirken, ließ Cölestin einen Freund an jenem Sylvius finden, sein -Geschlechtsname möge einer späteren Mittheilung vorbehalten bleiben --- den wir nach einer Reihe von Jahren an der Pforte von Sanct -Capella treffen. Dieser junge Mann lebte ohne allen Umgang, in stiller -schwermüthiger Weise, vertieft in mathematische Arbeiten, doch scheinbar -ohne Zweck, als Cölestin ihn kennen lernte. Er fühlte sich wunderbar von -jener Natur angezogen, und jede Anziehungskraft ist, oder wird zuletzt -gegenseitig. Sie wurden herzliche Freunde, nur mit dem Unterschiede, daß -Cölestin ihm seine ganze Seele offen gab, während Jener dieses Vertrauen -nur leidend erwiederte, und die zarteste Theilnahme für die Geheimnisse -des Freundes an den Tag legte, ohne irgend einen Antheil für die -seinigen in Anspruch zu nehmen. Es lag ein Zug von Stolz in seinem -Character, der Stolz des Grams, und eines edlen gedrückten Herzens. Er -trug die Abzeichen eines gewissen Ranges an sich, ohne ihn geltend zu -machen. Sein Anzug war die feine Interims-Kleidung eines Forstmanns, -auch sein Bedienter hatte das Ansehen eines Jägers. Diese Außenfarbe der -Hoffnung ließ jedoch wie Spott der düstern Resignation, womit Sylvius -achtlos auf das Treiben der Menschen und das Interesse der Welt, kein -anderes Glück zu wünschen schien, als was die Ruhe des Einsamen gewährt. -Ueber seine angestammten Verhältnisse verbreitete er sich nie; dagegen -gab er freundlich Allem Raum und Gehör, was Cölestin ihm von sich selbst -sagen mogte. Dieser fand einst ein Portrait auf dem Schreibtische des -Freundes liegen. Er fragte, ob es eine Copie wäre -- und Sylvius sagte, -indem ein flüchtiges Erröthen sein bleiches Gesicht überflog: es sey das -Bild seiner Frau. »_Seine Frau?_« fragte Cölestin sich selbst, und hatte -kaum Zeit, darüber zu staunen, oder die Schönheit der jungen Dame zu -bewundern, so schnell verbarg Sylvius ihr Conterfei und sprach von etwas -Anderm. Sylvius hatte oftmals das Töchterchen seines Wirthes bei sich -und liebkosete ihm väterlichweich. Cölestin scherzte darüber. -- »Die -Kleine ist meinem Kinde auffallend ähnlich und in demselben Alter,« -sprach Sylvius mit ungewöhnlicher Rührung. »_Seinem Kinde?_« fragte -Cölestin abermals in sich hinein; Sylvius mußte als ein Jüngling -geheirathet haben. -- Aber wenn auch ein Ehemann und Vater, wie jung er -immer sey, sein Urtheil über Angelegenheiten der Liebe von einem andern -Standpuncte abzugeben pflegt, als Solche seines Alters und Geschlechts, -die den Schritt zum Traualtare noch vor sich haben, so machte Cölestin -seinen Freund doch nichtsdestoweniger mit der stillen Neigung vertraut, -die er für Tony von Schütz gefaßt hatte, wie mit den quälenden Zweifeln -über die eigentliche Gestalt dieses reizenden Chamäleons, und ob dieses -Gemüth endlich Farbe halten werde? -- - -Sylvius schüttelte zu dem Allen den Kopf und sagte unumwunden: »das -Mädchen, Lieber, gefällt mir nicht; mein Geschmack ist zu einfach für -den Reiz der Schlauheit.« - -Cölestin vertheidigte seine Liebe mit Hitze; aber er gab dabei in seiner -eigentlichen innersten Meinung manche Blöße. Das üble Vorurtheil gegen -Tony schmerzte ihn, da jedoch Sylvius vermöge seiner Zurückhaltung -Superiorität über seinen Freund übte, so hatte dieser entschiedene -Ausspruch doch trotz dem Drange seines Herzens -- ein vorsichtiges -Verfahren Cölestins zur Folge. Er war nun mit dem Abschluß seiner -Geschäfte fertig, und an den Termin der Reise gekommen. Da kam er zu -Sylvius und sprach: »eine Bitte, Freund! die letzte. Es fällt mir schwer -zu scheiden, und am liebsten mögte ich dies Post- und Reisespiel, was -meine Phantasie mit Lust gemalt, nun es in meine Willkür gegeben ist, -verschenken, wie ich eines von Pappe abseits gethan, was ich besaß, als -ich ein Knabe war. Und doch ist es vielleicht gut, daß ich fort muß. --- Ich würde ruhiger reisen, wenn ich mit mir selber im Klaren wäre. Du -Freund, Du allein könntest mir reinen Wein einschenken, und wäre es auch -ein herber Kelch, ich glaubte Dir dennoch. Thue mir den Gefallen, und -beziehe mein Quartier, da Du ohnehin wechseln willst; Du findest dann -Gelegenheit, Tony kennen zu lernen. Thue es aber ohne Arg! und fändest -Du ein wärmeres Herz als Du ihr zutraust, und ein Fünkchen Liebe für -mich darin glimmen: o! so fache es an mit dem Athem eines freundlichen -Mundes, wahre mir mein Glück, denn ich liebe das Mädchen sehr!« Cölestin -legte dieses Bekenntniß mit wankender Stimme ab, und fiel seinem Freunde -um den Hals. - -Von der Zuversicht erschüttert, womit er das Wohl und Weh seiner Zukunft -in diese Hand legte, versprach Sylvius, was Jener von ihm begehrte. Es -war ein schönes Gefühl der Freundschaft, was ihn in dem Wunsche bewegte, -er mögte Tony Unrecht gethan haben, und eine Stütze für die Ruhe, für -die Hoffnung seines Freundes werden. Er sprach die Worte: »das größte -Glück eines Mannes ist, seine Geliebte gut und würdig zu wissen.« Und -Cölestin antwortete ihm: »das größte Glück ist ein treuer Freund!« Sie -wollten einander nicht schreiben. Ein Jahr, meinte Cölestin, der mit dem -Auge der Liebe sein Ziel schon absah, laufe schnell um, und nur in dem -Falle, daß Sylvius seinen Aufenthalt verändern müsse, solle der Freund -Nachricht von ihm erhalten, oder doch bei seiner Rückkehr vorfinden. --- Da diese Nachricht durchweg ausgeblieben war, hoffte Cölestin um -so sicherer, seinen Freund noch in H--. anzutreffen. Mit drängenden -Empfindungen erreichte er die Stadt. Der Mond beschien den stillen -Markt, sein Herz schwoll, da er den Brunnen rauschen hörte, dessen -Wasser die Geliebte trank, und aus der tiefen Quelle, der die Gedanken -entsteigen, tauchte ihm die Erinnerung an die Bitte auf: daß Sylvius ihm -reinen Wein einschenken möge. Diese Stunde war nun gekommen. Er eilte -nach seiner Wohnung. Bei Forstraths war es ungewöhnlich erleuchtet, die -Fenster seines Zimmers standen offen, Blumen davor, und drinnen sang -eine angenehme, weibliche Stimme ein Webersches Liedchen zum Flügel. -Seine Pulse stockten -- dieser fremde fröhliche Ton, der Anschein des -Unbekannten ängstete ihn, er wendete sich seitwärts, wo auf einer -Bank ein Mädchen dicht an ihren Liebsten geschmiegt saß, und fragte -beklommen: ob der Forstrath Gäste bei sich habe? »Das kann wohl seyn --« -antwortete die Dirne und lachte frech. »Ich meine Gesellschaft --« -sprach Cölestin, von einer dunkeln Ahnung empört. - -»Nein,« entgegnete das Mädchen, »Der ist zur Ruhe.« - -»Zur Ruhe?« fragte Cölestin, »es ist kaum halb Neun.« - -»Der ist ganz und gar gestorben --« war die fast höhnische Antwort. - -»Und Frau von Schütz? --« »Die ist fortgezogen.« - -»Und das Fräulein? --« Cölestins Athem stand stille, so auch der Schlag -seines Herzens, nur die Uhr viertelte dazwischen, als das Mädchen -gleichgültig erwiederte: »Fräulein Tony? hat den Herrn geheirathet, der -hier wohnte. Er trug immer einen grünen Rock. --« - -Der Mond trat hinter eine Wolke, und nahm seinen Schein von einem -Gesichte, das bis zum Tode erblichen war. Cölestin stammelte mit leiser -Lippe: »das ist nicht wahr!« dann dankte er für gegebenen Bericht, und -seine Seele zerriß, da er die wüste Dirne hinter sich scherzen hörte. -Sylvius ehemaliger Wirth, den Cölestin in seiner Betäubung aufsuchte, -bestätigte, daß er die lautere Wahrheit vernommen. - -»Nun, so ist die Wahrheit selbst eine Lüge!« sagte Cölestin verstärkt: -»Er hatte ja eine Frau! --« Der Wirth lächelte. Sein Töchterchen sah mit -unschuldigen Augen zu ihm auf. Er dachte an das Kind des Freundes, und -die seinen füllten sich mit Thränen. Mit zerrüttetem Gemüth verließ er -den Ort, alle Nachforschungen blieben fruchtlos, und Sylvius und Tony -verschollen -- bis wir den Schall seiner Ankunft hören, und das, was er -zu seiner Vertheidigung zu sagen weiß. - -Die beiden Freunde fanden sich auf einem Zimmer allein zusammen; die -kleine Gesellschaft hatte sich bei der Dazwischenkunft des Fremden -sogleich aufgelös't, Mitternacht war bereits vorüber und also -der Geburtstag des Administrators, ein neues Leben schien für ihn -anzubrechen, aber noch lagen tiefe Schatten auf der Gestalt, deren -erster Anblick ihn überwältigt hatte. -- »Jetzt --« sagte Cölestin, und -sein Blick drang tief in die verfallnen Züge des Freundes ein, als -suche er die ehemalige Wohnung seiner Zuversicht, »jetzt, wo ich den -Ton Deiner Stimme höre, klingen Saiten in mir an, die lange unberührt -geblieben, und was ich auch inzwischen von Dir vernommen, es ist -mir, als wäre es eine Lüge gewesen. Du wirst mir die Wahrheit nicht -vorenthalten. Man sagte, Du hättest Tony geheirathet -- Tony von Schütz, -die ich liebte, die ich Dir anvertraute.« - -»Da hat man Dir ein Factum berichtet --« antwortete Jener, und lächelte -kalt. »Sylvius!« rief Cölestin mit lodernden Augen, eine Flamme der -Beleidigung schlug durch sein Herz. - -Und Sylvius sprach: »ich war prädestinirt, Dein Retter zu werden -- um -jeden Preis! ich warf mich auf, Dich zu schützen; Wer ist der Mensch, -der es wagen dürfte, sich der Täuschung für überlegen zu halten? so warf -dieser Hochmuth mich nieder. Wer fallen soll, wird zuvor stolz.« - -»Das Einzige bitte ich,« entgegnete der Administrator, »sage mir Alles -unumwunden; es ist mir, als könnte ich dennoch nicht an Dir zweifeln.« - -»Das darfst Du auch nicht,« erwiederte der Freund mit schmerzlicher -Stimme. »Verrath war meiner Seele fern. Niemand haßt Falschheit, das -Schnödeste was ich kenne -- aufrichtiger als ich, und doch mußte ich -diese Larve tragen. Eine eiserne Hand hat sie mir abgerissen; ich darf -nun frei um mich blicken, und sehe, daß ich allein der Getäuschte war --- daß ich _allein_ bin.« Cölestin reichte ihm schweigend die Hand. »Ich -will Dir meine ganze Seele enthüllen --« fuhr Sylvius fort, »wenn anders -ein Mensch im Stande ist, das Gewebe seines Innern in all den feinen -Fäden aufzufassen, aus denen sein Verhängniß besteht. -- Du weißt, daß -ich bald nach Deiner Abreise zu Forstraths zog, und mit ziemlich übler -Vormeinung gegen das Fräulein; ich nahm mir vor, diese Tony, der ich -Dich nicht gönnte, solle mich nicht bestechen noch verblenden, und wenn -jeder Blick ihres schönen Auges ein Sonnenpfeil wäre. Diese feurigen -Augen aber zogen Wasser -- ich dachte Deinetwegen, und dieser Gedanke -zog mich an, freundlicher als ich gewollt, hineinzublicken. Ich fand -das Mädchen so einfach betrübt, so schweigsam und unabsichtlich, daß -ich nicht begreifen konnte, wie Du Dich so gänzlich irren können. Das -Betragen des Fräuleins sagte meiner Stimmung zu; daß mich Tony wenig -oder gar nicht bemerkte, war mir lieb, der leiseste coquette Angriff -würde selbst das kühle Interesse des Beobachters mit einer Art von -Abscheu -- der Ausdruck ist hart, aber wahr! -- von sich abgewendet, und -mein Urtheil vollends verhärtet haben. Ich trug einen Talismann in und -auf meinem Herzen, gegen den Zauber der Schönheit, gegen buhlerische -Künste. Du hast das Bild gesehen, was auf meiner Brust schläft -- das -Original, der Inbegriff meines Lebens schlief in fremder Erde, und all -mein Glück war mit ihm eingesargt. Die früher empfangene Nachricht hatte -sich mir damals bestätiget, daß die Seele meiner Seele, das Weib meines -Herzens gestorben sey. Die Welt wußte nichts von diesem Verhältniß -und daher auch nichts von meinem Schmerz; was weiß die Welt von den -eigentlichen Beziehungen des Menschen? sie kennt nur den Schein der -Dinge. So hatte mich der Gram in einen Zwinger eingeschlossen, worin -ich unzugänglich für Alles war, nur nicht für das Unglück. Dich, Freund! -hätte ich vor dem längsten wahren mögen -- und Tony fand das kleine -Pförtchen, und schlüpfte durch Mitleid in mein Herz. -- Eines Morgens -lese ich Briefe, in Wehmuth aufgelös't, daß dieser himmlische Geist, -den ich im Ausdruck der Liebe in jeder Zeile finde, mir entrückt ist. -Da klopft es an meine Thüre, so schnell! so heftigleise! wie der Vogel, -gejagt vom Sturm, an ein Fenster pickt. Ich öffne, das Fräulein steht -draußen. Dieser unweibliche Schritt macht mich stutzen. Doch Tony ist -blaß, der scheue Blick niedergeschlagen -- ich darf vermuthen, daß sie -mir etwas Außerordentliches mitzutheilen hat. Ich leite sie herein, zum -Sopha. Sie verneint zu sitzen und sagt: sie könne sich auf keine Ruhe -einlassen, so lange sie in Furcht und Seelenängsten schwebe. Dies sagt -sie mit gebrochner Stimme und bricht in heißes Weinen dabei aus. Ich -bitte Tony, sich zu fassen, und fasse ihre Hand, indem ich mich zu Allem -erbiete, was zur Erleichterung ihrer Lage dienen könne. Sie sah mich -an mit thränendem Blick -- dieser Blick rührte mich unbeschreiblich. -Im Leiden ist Wahrheit -- dachte ich, und wie Tony wirklich sehr schön -wäre. Haben Sie doch Zutrauen zu mir, Fräulein! sagte ich, und meine -Worte mogten vielleicht einen Anklang jener Regung haben. Dies führt -mich zu Ihnen, antwortete Tony; drüben bin ich bewacht und darf mit -keiner menschlichen Seele reden. Ich halte Sie für einen Ehrenmann -- -war es doch grade, als wollte ich sagen: _Ehemann?_ -- wenn das nicht, -würde ich mich wohl über alle Sitte so weit hinwegsetzen, Sie in Ihrem -Zimmer aufzusuchen? -- Das Mädchen hielt mich also für verheirathet. -Ich konnte kaum weniger thun, als mir selbst geloben, daß die Wahl ihres -Schutzfreundes die arme Tony nicht gereuen solle. Sie entdeckte mir nun -ihre Bedrängniß. Der Onkel war in einem Anfalle von Eifersucht plötzlich -so dringend in seinem Werben geworden, daß die Nichte zagte, er mögte -ihr im Umsehen den Brautkranz mit tölpischer Hand auf die weichen -Locken stülpen. Dann hatte sich noch ein Freier gefunden, den die Tante -begünstigte, und das war noch schlimmer. Frau von Schütz hatte gedroht, -ihr Vermögen an Fremde zu vermachen, wenn Tony den Forstrath heirathe, -und dieser einen Eidschwur darauf gesetzt, daß er seine Hand von ihr -abziehen wolle, wenn sie die seinige nicht nähme, oder den ihm verhaßten -Rival vorzöge, und die Tante hatte öfters Schlaganfälle. -- So war Tony -in der Lage eines Gegenstandes, den Zwei zankend hin und her zerren, er -zerreißt. Abends vorher war eine Scene vorgefallen, der Forstrath hatte -sich krank geärgert, und lag zu Bett. Tony, zum Aeußersten gebracht, war -in einer schlaflosen Nacht zu dem Entschluß gekommen, zu entfliehen. Sie -kam, mich um eine Männerkleidung, wie um meinen Rath für mögliche Fälle -zu bitten. -- Du kannst denken, Freund! daß ich über diesen kühnen -Einfall erschrak, und ihn dem Mädchen auszureden suchte. Das schöne, -blühende Geschöpf, landflüchtig! ich schilderte die Gefahr dieses -Wagnisses so entsetzlich als möglich; doch Tony blieb hartnäckig dabei, -sie könne es länger bei ihren Verwandten nicht aushalten. All meine -Mittel sind erschöpft, sagte sie, auch bin ich wohl zu geängstet, zu -längerem Widerstande; ich bin nichts, als ein armes, zitterndes Opfer, -so oder so. Fräulein! sprach ich: Sie haben doch sonst die Fähigkeit -entwickelt, Ihren Drängern die Spitze zu bieten. -- Ach! versetzte Tony: -Sie kennen die Gewaltsamkeit nicht, womit man seit einiger Zeit auf -mich eindringt; hätte ich mich nur ein Jahr noch behaupten können -- -ich dachte, sie wolle damit sagen, dann würde ihr der Ersatz durch Dich -gekommen seyn. Nimm einen Dritten, hatte die Tante gesagt, so mag es -drum seyn und Keines von uns hat seinen Willen. Ach! seufzte Tony, ein -anderer Name wäre mir ein anderes Schicksal; der kleine Schütz meines -Wappens, der ohne Unterlaß auf mich anlegt, würde zum Schutz für mich, -könnte ich ihn tauschen. -- Selbst eine _Scheinheirath_ würde ich als -eine _wahre_ Erlösung betrachten können. Das Frauenhäubchen wäre mir -Fortunatus Wünschhütlein, und ich könnte mich versetzen, wohin ich -wollte. Ein Mädchen ist gebannt in seinen Kreis, und wenn ihn die Hölle -umschriebe. Freilich, auf jede Brücke mögte ich nicht treten. -- Ein -dunkler Gedanke schwebte mir vor, als Tony diese Worte sprach, es war -mein Dämon, der mir die verfängliche Antwort eingab: Fräulein! wenn sich -nun ein Mann fände, den Sie der Hoffnung würdigten, auf diese Weise Ihr -Retter zu werden, was dann? -- Dann, sagte Tony: verspräche ich, ihm das -Leben so sauer zu machen, daß er froh und gewiß seyn sollte, mich nach -sechs Wochen wieder los zu werden; wir würden uns einmüthig über die -Scheidung bereden. Ich aber wäre selbständig, und dürfte mir keine -Unbill mehr gefallen lassen. -- Diese Idee faßte mich; lasse Dich aber -den Teufel bei einem Haare fassen, und Du bist sein auf ewig! -- Wisse, -Freund! meine erste Heirath war eine heimliche, die Gattinn war nur vor -Gottes Augen mein. Hier kam es darauf an, der Gemahl einer Fremden zu -_scheinen_, und begierig haschte ich nach diesem waghaften Verhältniß, -wie nach dem Schatten von meinem verschwundenen Glück. -- Fräulein! -sagte ich, Sie sprachen vorhin: auf jede Brücke mögten Sie nicht treten? -die meinige ruht auf den festen Pfeilern der Ehre und der Freundschaft. -Wollen Sie Sich mir anvertrauen? ich entdeckte ihr nun Deine Liebe, -und wie Du an ihrem erwiedernden Gefühl gezweifelt, und weshalb Du -geschwiegen. Tony schwieg auch. Sie lächelte, reichte mir die Hand, und -sagte: ich überlasse mich Ihnen gänzlich. -- Ich wußte nicht, wie mir -geschehen, als ich, nachdem sie fort war, meine Briefe wieder aufnahm. -Welche Reihenfolge von Gedanken schloß sich dem Fragezeichen an, bei dem -ich aufgehört? O! warum beherzigte ich jenes warnende Zeichen nicht? --- Ich weiß nicht, ob Du je zu der Erfahrung gelangt bist, daß Niemand -größere Gewalt über uns übt, als Wer ein früheres Mißtrauen in uns -überwunden? -- Umsonst ward ich mir meines Verdachts gegen die listige -Tücke dieses Mädchens bewußt, vergebens schreckte mich eine ahnungsvolle -Scheu, ein unwürdiges Gaukelspiel zu treiben: hundert Sophismen -bekämpften mein sträubendes Gefühl. Wie viele erbärmliche Motive -schließen nicht täglich Ehen! dachte ich; mein rascher Entschluß -entspränge mindestens dem redlichen Willen, Freiheit und Liebe, diese -höchsten Güter Andern erwerben zu helfen. Ich wollte eine Sclavinn lösen -und sie heilig halten, die Braut meines Freundes. Was nun folgt, kann -ich nicht folgerichtig beschreiben. Es ist nur ein wüster Traum, den ich -mir nicht deutlich machen darf, wenn ich nicht von Sinnen kommen will, -daß ich es damals war. Ich warb um Tony; Frau von Schütz sagte mir ohne -Weiteres ihre Nichte zu, ich fand nicht einmal die leise Zurückhaltung -der Schicklichkeit. Man hielt mich für reich, um eine Bürgschaft für -meinen Character, für alles Wesentliche kümmerte sich die Tante nicht, -und mir blutete das Herz, daß die arme Tony so waisenhaft verlassen -wäre von mütterlicher Fürsorge. Von einem Mitbewerber war die Rede -auch nicht, es schien, als ob Frau von Schütz eine gegenseitige Neigung -zwischen uns voraussetze. Der Forstrath lag ernstlich krank. Wenn er -stürbe, Ihr Onkel, Fräulein, sagte ich, so wäre ein Grund gehoben -- -gereut es Sie schon? fragte mich Tony mit aufreizendem Spott, ich -sage Ihnen, es ist nichtsdestoweniger nothwendig, daß Sie Sich meiner -annehmen. Ich war bereits zu sehr von diesem in seiner Art einzigen -Verhältniß befangen, um es noch durchaus beherrschen zu können. Noch -benahm sich Tony mit jener Subtilität gegen mich, deren ich auch -bedurfte. Sie hielt mich an der feinsten Kette. Wenn andere Brautleute -von der Ewigkeit ihrer Liebe reden, so flüsterte Tony mir zu, in welcher -Kürze unsere Trennung zu beschleunigen wäre. -- Ich sollte sie unter dem -Vorgeben einer Reise nach meiner Heimath in die Sch--. bringen, wo eine -Gespielinn ihrer Kindheit glücklich verheirathet lebte; dort wären -wir weit genug, meinte sie -- um unser Scheiden in eine Nebelferne -einschleiern zu können. Dies war wohl recht gut; aber ich athmete -schwül, ich athmete Gift, der Keim einer Krankheit setzte in mir an. -Ein ängstliches Schwanken, ein Schwindel von Unsicherheit hatte mich -ergriffen, ein Zustand ängstlicher Betäubung ließ mich nicht mehr festen -Fuß fassen auf irgend einem vernünftigen Grunde. Doch lasse mich kurz -seyn -- Lieber! mein Schmerz ist dennoch lang.« - -»Ha! ich ahne --« sagte Cölestin, der bis dahin regungslos zugehört. -»Nein, es kommt über Erwarten --« fuhr Sylvius fort, »höre nur weiter! -Frau von Schütz machte mir die Proposition, mich je eher, je lieber -trauen zu lassen, weil man nicht wissen könne, welchen Ausgang die -Krankheit ihres Bruders nähme. Dann wolle sie, ginge er mit Tode ab, -unverweilt diesen Ort verlassen, und Gott danken, den Leichtfuß, die -Tony, wie schwer lasse ein Mädchen sich hüten -- unter der Obhut -eines Mannes zu wissen, eines Mannes, dem sie nun pöbelhaft die -unverschämtesten Schmeicheleien sagte. -- Tony hatte mir entdeckt, -daß sie sich durch die Freigebigkeit des Onkels ein hübsches Capital -gesammelt, wovon sie bequem ein paar Jährchen zu leben gedenke. Es -war etwas in dieser Vorsichtigkeit, was mir mißfiel; doch auch dies -Mißfallen an dem berechnenden Talent, einen verliebten Thoren zu -bevortheilen, mußte Zeit haben, um nachzuwirken. -- Auf Tonys Anstiften -gab die Tante die Ausstattung der Nichte in Geld, weil wir ja reisen -wollten, und zwar vom Hochzeittage aus; der Zustand des Forstraths, die -Schonung für seine Schwachheit, diente zum Behuf dieser Wegeile. -- -Wir wurden im Armenhause copulirt, ich, der Bräutigam, der Aermste von -Allen, die der Ceremonie zusahen. Ich leistete den falschen Schwur, -innen verneinend, wie die Juden -- ich gab Tony einen falschen Namen, -denn auch Du, Lieber, kanntest meinen wahren nicht. Die warme Mondnacht -wollten wir zum Fahren benutzen, und mit der Dämmerung abreisen. -- Ich -hatte mich schon seit einigen Tagen nicht ganz gut gefühlt; die Wiege -des Wagens schaukelte den tobenden Kopfschmerz nicht zur Ruhe, ich lag -zwischen Schlummer und Traum, und ein Cyclop arbeitete in meinem Gehirn. -Ein Hauch von Feuer ging aus von meiner Stirne, mein Athem dampfte -Gluth, zugleich schlich ein schauerndes Frösteln und Ziehen durch meine -Glieder, und die Füße zitterten mir auf der weichen Decke. In welche -phantastische Welt schien der schöne stille Mond! ich drückte die Augen -zu, weil jeder Blick mich schreckte und schmerzte; die Braut schlief -sanft an meiner Seite. -- Als ich erwachte, fand ich mich mit dumpfem -Bewußtseyn in fremden Umgebungen. Ich lag im Bett, unter dem Gebälke -eines ländlichen Stübchens; ein starker, betäubender Geruch von Moschus -wirkte auf mich ein. Tony saß auf einem roth und blaugemalten Schemel in -meiner Nähe, ein dicker Mann stand vor ihr, und großäugig schauete sie -zu ihm auf. Ich rief sie leise. Sie stieß einen Freudenschrei aus, -und stürzte in froher Hast zu mir hin. Der Dicke, es war der Arzt -- -wünschte mir mit fetter Stimme Glück: ich hatte dreizehn Tage in einem -Nervenfieber gelegen. -- Der kleinen Frau nur, sagte der Licentiat -bescheiden, als Tony sich auf einen Augenblick entfernte, verdanken -Sie nächst Gott Ihr Leben. Sie ist nicht aus den Kleidern und von Ihnen -weggekommen. Solch eine wackere Pflegerinn lobe ich mir. -- Tony, sprach -ich, als wir allein waren: der Arzt hat mir gesagt, wie viel Sie für -mich gethan, es ist nun der Güte genug. Denken Sie an Sich, an das -eigene Wohl -- ich bin Ihr ewiger Schuldner. Lachend antwortete Tony: -das wäre mir was! der Himmel selbst hat mich in mein Recht eingesetzt, -daraus ich mich nun nicht mehr verdrängen lasse. Und wenn Du mich -noch einmal _Sie_ nennst, so sage ich dem Doctor, daß Du noch immer -phantasirst, mich nicht erkennst für Deine Frau, und die Cur geht von -Neuem an. So sprach sie mit reizender Gutherzigkeit; ich fühlte mich -Tony nun wirklich _verbunden_. Lust des Lebens und der Liebe wallte -wieder auf in meiner Brust, meine Seele strömte gegen die ihre. Sie -setzte mich in tausend kleine Verlegenheiten vor dem Arzt, und zwang -mir die Rolle eines Ehegatten auf. Sie überwältigte mich durch trautes -zärtliches Zudringen an mein Herz, ich war ganz in ihren Fesseln.« -- -Der Administrator machte eine schmerzhafte Bewegung. Sylvius hielt einen -Moment inne, dann fuhr er mit steigendem Tone fort: »Freund! spricht -keine Entschuldigung für mich an? versetze Dich an meine Stelle. -Ich dachte an Dich mit einer Wehmuth, die mir Dein Andenken trübte. -Allmählig ging mir der Gedanke auf, daß eine geheime Leidenschaft meine -Handlungsweise geleitet hätte, der ich willenlos nachgegeben, wo ich nur -dem Drange der Umstände zu weichen glaubte. Jetzt mußte ich an meiner -Liebe halten, sollte ich nicht in die tiefste Schaam versinken. Ich war -mir selbst ein Räthsel geworden und wünschte aufrichtig, der Tod mögte -es lösen. -- Aber ich genas; nur ein krankes Gefühl innerster Schwäche -vermogte ich nicht zu überwinden. Wie Alpen lastete es auf meiner Seele, -Freiheit und Kraft lagen hinter mir -- und ich meinte dieser Schwermuth -zu erliegen. Ich dachte nunmehr ernstlich daran, wo meines Bleibens seyn -würde? _nirgend!_ sagte eine Stimme tief in der Brust. Mein Vater lebte -noch; ich war sein Assistent gewesen, seine Stelle war mir bestimmt. Ein -Sehnen wie Heimweh zog mich nach dem Orte, wo ich den väterlichen Greis -einsam wußte. Ich wollte ihm Tony als Tochter zuführen und den Heerd -meines Glückes häuslich bauen. Mein Arzt forderte, daß ich mich nicht -übereilen sollte, auch meine Kräfte forderten das. -- So verließen wir -das Dorf, wo ich an einen denkwürdigen Abschnitt meines Lebens gekommen -war, und zogen unsere Straße. Eines milden Abends im Frühherbst -gelangten wir in ein paradiesisches Thal; durch eine Gebirgsschlucht sah -man eine Stunde davon entfernt, einen berühmten Brunnenort liegen, und -ein bläulicher Duft, wie von den Stahlkräften der Quelle aufsteigend, -webte geheimnißvoll um die glänzenden Gebäude. Das nette neue -Wirthshaus, woran wir hielten, war im Widerspruch zu seiner Bestimmung, -in den Reiz der Ruhe eingehüllt. Eine junge Frau, blond wie ihr Flachs, -saß und spann, eine Reihe steinerner Brunnenkrüge, in denen die Sonne -funkelte, war aufgepflanzt. Gegenüber lag auf Felsen erhöht ein altes -Schloß von gothischem Bau. Das Wasser, was ich trank, war köstlich, ich -äußerte mich begeistert über diesen Aufenthalt, und Tony sprach: ei! -so lasse uns hier rasten, und trinke Dich satt! -- O! hätte ich Lethe -getrunken! -- -- -- Wir blieben da. Ich saß im Garten und starrte -hinüber nach dem Schloß. Der linke Flügel nur schien bewohnt; ein -Fenster stand offen, und der Wind blähte die weißen Gardienen. In diesem -Spiel der Luft wehete mich der Odem eines befreundeten Geistes an, ich -fühlte mich warm durchdrungen. Meine Gedanken schlüpften in die Falten -des kleinen Segels, und schifften über das liebe stille Meer der Ahnung. -Tony kam und sagte: ich säße gleich dem Ritter Toggenburg -- und sähe -so blaß aus wie eine Leiche. Sie war so zärtlich, wie noch nie. Ihr -Eingehen in meinen Wunsch, ihr Anschmiegen an meine Stimmung that -mir wohl. Die trauten Beziehungen eines innigen Zusammenlebens hatten -zwischen mir und meiner ersten Frau nicht Statt gefunden. Diese war mir -eine hohe Braut gewesen, zu der ich mich im Verhältniß der Leidenschaft -befand, gedemüthiget, mein Recht verleugnen zu müssen vor den Menschen; -in den Augenblicken, wo ich mein Eigenthum an mich riß, fühlte ich mich -einen Gott. Wie anders mit Tony! hier verhindert mich der wunde Stolz -des Gewissens, den Begriff der Ehe zu fassen; aber ich empfand mich -geliebt. -- Sie lehnte den Kopf an meine Schulter und flüsterte mir süße -Worte der Besorgniß zu. Ich scherzte, sie würde sich zu trösten wissen, -wenn ich auch stürbe. Ein weiblicher Character, wie der ihrige könne -der Stütze entbehren, und ich sey doch nur ein wankender Stab. -- Tony -schmollte. Glaube nur, Geliebte, sagte ich mit verstärkter Stimme, indem -ich sie an mich drückte: kein Mensch, wenn er hinweg ist, macht eine -Lücke, die nicht irgend womit ausgefüllt würde; kein Gestorbener, käme -er wieder, und wären tausend Thränen um ihn geflossen -- fände mehr -Raum in der Welt, die so drängend ist im Ersatz. Die Geschichte jener -lebendigbegrabenen Frau, die da heimkehrt zu nächtlicher Stunde und -vergebens an Haus und Herz der Ihrigen pocht, die sie nicht kennen -wollen und für eine blasse gespenstische Lüge halten, so daß sie wieder -zurück muß in die Wohnung der Todten, um dort Herberge zu suchen, ist -von ergreifender Wahrheit. Das Grab ist zuverlässig, und nur der Lebende -hat Recht. -- Als ich dies sagte, überrieselte mich das leise Geräusch -naher Schritte mit einem wundersamen Schauer. Eine weiße Gestalt geht, -nein, _schwebt_ hurtig an uns vorüber, so daß ihr langes Kleid die -Grasspitzen hörbar tüpft. Sie wendet das Gesicht vom grünen Schirm des -Hutes magisch entfärbt, nach unserer Gruppe -- ich hielt Tony umfaßt. O! -ich kannte dies bleiche, schöne, liebe Gesicht gar wohl. Mit einem Blick -im Fliehen ward mir mein Urtheil zugeworfen; nur einen Moment sah ich in -dies blaue Auge, in meinen verscherzten Himmel --: es war meine Frau.« - -»Allgerechter Gott!« rief der Administrator, als gäbe ihm die -Erscheinung einer Mitbetheiligten das Recht, laut zu werden, »und Du -irrtest Dich nicht?« - -Sylvius lächelte. Dies Lächeln, ein Schattenriß jener Vision, schnitt -seinem Freunde in die Seele. Er sprach: »ich sage Dir, bei dem -lebendigen Gott! Sie war es wirklich. Ein kleines blankes Schlüsselbund -an ihrem Gürtel klirrte, da sie in achtloser Eile über eine Baumwurzel -strauchelte. Sie trug einen Zweig Ebereschen in der weißen Hand, die -lagen verstreut auf dieser Stelle, da ich sie suchte, wie Blutstropfen, -die von meinem Herzen abgeträufelt wären. Frage nicht, wie mir gewesen; -ich weiß nichts von jener Zeit. Tony glaubte, daß ich mir einen -Paroxismus durch Erkältung zugezogen hätte. -- Wer war die Dame? wo ist -sie hin? fragte ich die Wirthinn, und meine Zähne schlugen an einander. -Ich erhielt keine andere Auskunft, als den Bescheid: es wohnten ein paar -Brunnengäste auf dem Schlosse, ein Herr und eine Dame, diese würde es -wohl gewesen seyn; stille, vornehme, absonderliche Leute, sagte die Frau -mit einem Fingerzeig gegen die Stirne, die das Geräusch nicht lieben, -und Niemand etwas zu Leide thun. Sie mogte meine Geberde für Furcht -halten. -- Die Nacht kühlte mich nicht; ich lag in Angst gebadet. Noch -war die Sonne nicht aus dem Morgenthor gegangen, da läutete ich schon -an dem des Schlosses. Ein schlaftrunkener Wächter that mir auf und -schnaubte Grimm; doch der wilde Mann auf dem Goldstücke, welches ich ihm -vorhielt, machte ihn zahm. Er habe strengen Befehl, Niemand einzulassen, -sagte er, seit gestern Abend. Auch sey die Gräfinn unpaß. Also _krank_! -dachte ich. Wer krank ist, lebt doch! ich aber war gekränkt bis zum -Tode. Und als die Thürflügel hinter mir zufielen, fühlte ich mich von -jeder Hoffnung auf ewig ausgeschlossen. Willenlos ließ ich nun Tony über -mich verfügen, die unsere Weiterreise beschleunigte. Sie weinte im Wagen --- ich sprach kein Wort, ein Laut von meinem Schmerz hätte mir die Brust -gesprengt. In der nächsten Stadt ging Tony aus und kam mit einem Doctor -wieder, den sie selbst geholt hatte. Es war ein ehrwürdiger Mann, der -mir Zutrauen einflößte. Er tadelte collegialischer Weise meinen vorigen -Arzt, der mich so früh in der Reconvalescenz nicht hätte reisen lassen -sollen, und meinte, nun müßte ich acht Tage Quarantaine halten: -ich bedürfe Ruhe. O Gott! -- Sein Auge schien mit Liebe auf Tony zu -verweilen, die, wie er und seine Frau gefunden, ihrer einzigen Tochter -sehr ähnlich sähe, welche ihnen vor zwei Jahren eine ansteckende -Krankheit entrissen, wozu der Vater selbst den tödtlichen Stoff -herzugetragen. Wie rührend schilderte der Mann mir diesen Schmerz! -- -Er bat mich, der armen Mutter den Trost dieses Anblicks zu gönnen, -und während unseres Aufenthalts freundlich zu ihnen zu kommen. Diese -herrlichen Menschen werde ich nicht vergessen. Mir kam der Gedanke, -Tony, die ich besser nicht aufgehoben wüßte, bei ihnen zu lassen, allein -in meine Heimath zu reisen, das Terrain zu recognosciren, und sie dann -abzuholen. Tony schien dieses Vorschlags froh, der Doctor und seine -Frau gingen mit Vergnügen darauf ein. Ich athmete freier und fühlte mich -erlös't, da ich im Wagen saß. Der Unglückliche, allein neben Andern, -findet Trost darin, einsam zu seyn, und der Gram ist ein unduldsamer -Gefährte. Mein alter Vater empfing mich mit großer Rührung. Er kannte -den Sohn kaum mehr, so hatte ich mich verändert. Ich wagte es, ihm mein -Unglück zu bekennen. Es floß eine große Kraft von ihm aus -- und sein -sanftes Wort fiel wie Thau in meine brennende Seele. Sylvius, sagte -er: Du hast ein gefährlich Spiel gespielt, und ich fürchte, Du hast -es verloren -- finde Dich nur darin; den Vater sollst Du stets in mir -finden. Ein Zurückgehen in seine alten Verhältnisse ist dem Menschen -immer unmöglich, jede Stunde reißt uns von der vorigen ab, und der -zerrissene Faden einer Fügung läßt sich nicht haltbar wieder anknüpfen. -Gott fügt zuletzt doch Alles wohl. Ermanne Dich, mein Sohn! der Muth -hilft Berge tragen, und der Glaube versetzt sie. -- Wie oft hatte ich -dieses frommen Glaubens heimlich gespottet! jetzt neidete ich meinem -Vater seine stille Gelassenheit. Er war es zufrieden, daß ich ihm Tony -brächte. Wir wollen sehen -- sagte er mit bekümmertem Blick. Ich will -Tony also holen. Auf der Straße jener Stadt begegnet mir mein alter -Doctor. Er erkennt mich bestürzt und ruft: nun, es ist doch kein Unglück -vorgefallen? ich frage: wie so? -- Tony war seit fünf Tagen fort, -vorgebend, Nachricht von mir erhalten zu haben, daß ich mein Versprechen -unmöglich erfüllen könne, und dringend nach ihr verlange. Die Frau des -Doctors zitterte an allen Gliedern, ich sah, man verschwieg mir etwas. -Auch liegt ein Brief an Sie da, sagte Jene, der den Tag nach der Abreise -Ihrer Frau Gemahlinn ankam, mit dem Vermerk, daß wir ihn aufbewahren -sollten, bis daß er abgeholt würde; dieser Umstand ist uns sehr -aufgefallen. -- Tony schrieb mir: von den letzteren Erfahrungen -überzeugt, mit welcher Aufopferung ich mich ihrer angenommen, wolle sie -mir nicht länger beschwerlich fallen, und ich dürfte sie um so ruhiger -ihrem Schicksal überlassen, als sich ein Begleiter für sie gefunden, der -die Pflicht, sie zu beschützen, für sein Glück halte, und mit Freuden -jede Verantwortlichkeit auf sich nehme. _Böslich_ habe sie mich nun -zwar nicht verlassen, was uns sogleich scheiden werde -- aber ich könne -immerhin darauf klagen, und auf was ich immer wolle. Sie ertheile mir -die unbedingteste Vollmacht für alle Fälle der Schuld, und wünsche mir, -wohl zu leben. -- Bei dem Tone leichtsinniger Indifferenz in diesem -Schreiben, war es mir, als ob ein Fenster zerspränge; freie Luft strömte -mich an, und ich sah Alles, _Alles_ ein!« - -»Sieh!« sagte Cölestin mit einem Klange der Rede, als hätte eine lange -Dissonanz sich gelös't, »so hat auch Dich diese falsche Tony nicht -geliebt. Sie ist eine Schauspielerinn, die heute im Fache der Intrigue -siegt, und morgen als gedrückte Unschuld rührt. Du warst nur das Vehikel -ihres Talents und ihrer Zwecke. Sie hat Dich zu der schwersten Rolle -gezwungen. Armer Freund! ich muß Dich beklagen und mich dazu, daß -ich Veranlassung dazu gegeben. Sprich mir nicht davon, daß sie Dich -gepflegt, Dir Güte und Liebe bewiesen: auch eine Actrize fühlt, und -vergießt natürliche Thränen; es liegt eine Fähigkeit in der Lüge, daß -sie sich selbst für wahr hält. -- Wer war denn aber das neue Opfer ihrer -aimablen Kunst?« - -»Ein junger Mediziner, ein Libertin, der Beschreibung nach,« antwortete -Sylvius »der, zur Zeit Secondairarzt des alten Doctors, Gelegenheit -gefunden, mit Tony schnell bekannt zu werden. Das Aehnliche findet sich -bald aus. Er hatte einen Ruf nach Liefland erhalten -- Tony war immer -progressiv. Sie ging mit ihm, und die treue Aufsicht jenes würdigen -Paares ward getäuscht.« - -»Und Du?« fragte der Administrator. »Und ich?« fragte Sylvius mitleidig -zurück und sprach: »es giebt Erfahrungen, welche durch ihre glühende -Beize die ganze Ichheit in ein fremdes Gefühl verschmelzen. Ich hätte -Gott danken mögen; aber ich konnte nur sein Wunder denken. Als jener -reine Geist erschien, verschwand der Trug des Blendwerks: denn die Liebe -ist Licht! ist Befreiung! -- Unsere Ehe war null und nichtig. Ich eilte -ohne Weilen zu meinem Vater, ihn der Sorge um mich zu entheben. Gern -hätte ich ihn unterstützt mit meiner besten Kraft, diese war mir hin. -Eine Zeitlang sah er meinen ohnmächtigen Versuchen zu, mich zurecht -zu finden, dann sagte er: so geht es nicht, mein Sohn! gehe nur in die -weite Welt, und wenn ich auch unterdessen in die _Enge_ geriethe. Der -gute Greis! ach! ich verstand ihn, obgleich ein väterliches Lächeln mich -über den düstern Sinn dieses Ausdrucks täuschen sollte. Unsere Familie -stammt ursprünglich aus Castilien. Dahin reise! sagte mein Vater, der es -wußte, daß, dies Land zu sehen, ein früher Wunsch meines Lebens gewesen -war. Die spanische Sprache, unser Muttertheil, hatte sich von Geschlecht -zu Geschlecht vererbt; wenn auch das Wenige, was ich überkommen, nur ein -Stammeln genannt werden konnte, deutlich machen, konnte ich mich doch. -O mein Freund! diese Reise war mir wie eine Wallfahrt, und mit büßender -Seele trat ich sie an; ich hoffte, mich müde zu träumen an der Wiege -meiner Väter. Etwas Schöneres als die Einsiedeleien dieses Landes giebt -es auf der ganzen Erde nicht. Wo die Natur eine stille Capelle gebaut, -da finden sich auch Spuren öder Hausaltäre, und ein Hauch südlicher Glut -webt unter diesen heiligen Schatten. Man sieht, der Mensch hat die Hand -nur leise heben dürfen, um das Höchste in Besitz zu nehmen. Die reizende -Ueppigkeit des Bodens ließ mein armes Herz freudeleer, der Glanz der -Städte schimmerte mir kein Glück vor, die Verwickelungen der Politik -zogen mich nicht an, nur die Poesie der Einsamkeit war es, was mich -rührte. Ich zog hin, ich zog her -- die Zeit zog auch vorüber; ich -forschte nach der Quelle meiner Abkunft -- der Ruhe Quell in meiner -Brust war mir verschüttet. So hatte ich kaum gemerkt, daß meine -Baarschaft zu Ende ging. Der Schmerz, welcher den Geist reift, ist in -Betreff auf zeitlichen Vortheil ein Mündel unseres Herrgotts. An den -Pyrenäen traf ich einen Deutschen. Ich fand Gelegenheit, ihm einen -wichtigen Dienst zu leisten, dann fand ich etwas Seltenes: einen -Dankbaren. Ich konnte seine großmüthige Erkenntlichkeit nicht ablehnen. -Wir blieben eine Weile zusammen. Er entließ mich nicht, ohne mir das -Versprechen abgedrungen zu haben, daß ich, wären meine Verhältnisse zu -lösen, mich seinem Schicksal, seinem Glück auf immer anschließen wolle. -Er war ein sehr bevorzugter Mann, unabhängig, und begünstiget zu der -Freude, seinen Freunden nützen zu können. Mein Vater war todt, seinen -Ehrenplatz nahm ein Anderer ein, Fremde schalteten und walteten an -heimischer Stelle, überall vermißte ich das Geliebte. -- Ich sehnte -mich, ach Cölestin! ich sehnte mich unaussprechlich zu Dir! -- Einmal -nur wollte ich Dich wiedersehen und Dir sagen, wie Alles gekommen. -Dann scheide ich für immer. Ich habe die Schuld bezahlt -- wirst Du sie -auslöschen in Deinem Herzen?« - -Der Administrator heftete einen langen, feuchten Blick auf seinen -Freund und sprach: »lasse es doch gut seyn. Dein Andenken war mir nie so -verwischt, daß ich Dich nicht wieder erkennen sollte. Gott tilgt Alles! -von den meisten Tugenden heißt es: sie werden einst nur _vergeben_. Du -bist mein Freund und bleibst bei _mir_.« - -Sie hielten sich schweigend umfaßt -- ihre Herzen schlugen hoch -aneinander, keine Liebe reicht an die verzeihende. - - * * * * * - -Am folgenden Morgen hatte Frau Fabia eine lange geheime Unterredung mit -dem Freunde ihres Schwagers. Sie schien einen alten Bekannten in -ihm wiedergefunden zu haben; ohne lebhaft laut über dies erneuerte -Verhältniß zu werden. Und daß auch hierin die beiden Schwägerinnen zu -gleichen Theilen gingen, geschah es, daß, ehe die Wintersonne desselben -Tages sich neigte, Therese bei der unvermutheten Ankunft des Lieutnant -Feldmeister in dem Neffen des Majors jenen Offizier erkannte, der mit -entschlossenem Muthe ihr mütterliches Gut vor gänzlicher Einäscherung -geschützt hatte. - -Auch Rudolph stand betroffen, da er die schöne junge Frau erblickte. -Eine Feuerröthe, der Widerschein jener Flammen, schlug in seinem -Gesichte aus, und eine Wunde, die er im polnischen Kriege davon -getragen, schmerzte ihn tiefer, als die erst geheilte. Er nannte die -Gattinn des Constanz: »mein gnädiges Fräulein!« Therese hatte -sich reizender noch entfaltet; ihre Augen leuchteten unstät und -frühlingskräftig wie Sterne am Firmament einer warmen Mainacht, der -Blick einer _Frau_ ist ein sanftes, bestimmtes Licht am häuslichen -Horizont. Sogar in dieser kalten Jahreszeit verschmähete Therese das -Häubchen, und trug das braune Haar üppig frei, als könne ihr Flattersinn -selbst einen Zwang von Flor und Band nicht dulden. Alle ihre Bewegungen -hatten den tanzenden Rhythmus der Freude; der Gang einer Gattinn -ist schwerfällige Prose und schreitet nur unter dem Klingklang eines -Schlüsselbundes einher. Kein Gewicht dieser Art beschwerte den Gürtel -dieser leichten schwebenden Gestalt. Zwar hing in ihrem rechten Ohr -ein winziger Schlüssel von Gold und Demant, und in dem linken das dazu -passende Schloß; doch ohne daß der erstere etwas Anderes eröffnet, als -den Geschmack im Putz -- das letztere ein volles Herz bewahrt hätte. -- - -Als Rudolph nun hörte, daß er eine Strohwittwe vor sich sähe, da meinte -er, seine Hoffnung, daß der Zufall ihn wohl nicht umsonst mit diesem -anziehenden Wesen zusammenführe, wäre auf eine taube Aehre gefallen. - -Auch Therese fühlte sich durch den Anblick des Lieutnants in die -Vergangenheit entrückt. Sie hörte im Geiste das Schießen der Feinde --- Thränen schossen in ihre Augen und schleierten das Bild der blassen -Mutter ein. - -Als der Major seinem Neffen die Verhältnisse des Hauses auseinander -setzte, konnte Rudolph vor Allem die seltsame Ehe Theresens nicht -fassen. Er schüttelte den Kopf und sprach: »Sie kann nur an den Mann -im Monde verheirathet seyn. Nur _diese_ Entfernung, und die Kälte des -Planets macht es denkbar, solch ein himmlisches Weib Jahrelang missen zu -können. Und welche Gleichgültigkeit liegt darin, eine Frau, wie diese, -dem Bruder zu überlassen, der doch ziemlich jung und ein sehr hübscher -Mann ist! -- Die vertraulichen Beziehungen ihres Zusammenlebens --« -»sind eine Höllenplage für ihn, der gern friedlich wäre,« unterbrach -der Major seinen Neffen, indem ein sarcastisches Lächeln des Oheims dem -Lieutnant zu denken gab. »Es ist sehr möglich,« fuhr Jener fort, »daß -dieser ärmste Prälat ein Cölibateur bleibt, wie seine geistlichen -Namensbrüder, bloß weil er das Glück genießt, der Schutzherr zweier -Frauen zu seyn. Wer mit der Schönsten familiair umzugehen ein Recht hat, -verliebt sich selten in sie. Du, mein Junge, sprichst wie der Blinde von -der Farbe.« - -Die Schwägerschaft nahm plötzlich wandelnd eine hellere in den Augen des -Neffen an. - -Das Leben der Hausgenossen im Stifte gestaltete sich nun um vieles -anders. Der Administrator war sichtlich erheitert, seit er den Freund -zur Seite hatte, und seine Gesundheit kräftigte sich zusehends. -Sie ritten täglich zusammen aus, Pläne zu Verbesserungen der Güter -beschäftigten sie daheim. Ein gemeinnütziger Ernst, der sich gegenseitig -mittheilte, ließ sie Bedacht auf Alles nehmen, was dem Wohl der äußern -Angelegenheiten förderlich werden könnte. Sie tauschten ihre Ansichten -aus -- und ein solcher Freund hatte dem Verweser nur gefehlt, daß er -seine Stellung sich mit Lust und Liebe aneigne. -- Der Oberförster war -ein bejahrter Mann; Cölestin dachte, seinem Freunde zu diesem Posten -helfen zu können, so würde die Zukunft sie nicht mehr trennen. Auch gab -es für einen so fähigen Kopf auf jeder Stelle Beschäftigung, und Sylvius -nützte den Renten des Klosters, während er der Gast des Hauses war und -blieb. Andererseits war dem Administrator nicht minder geholfen. -Er schloß sich lediglich an den Gefährten an, und vergaß über ihrem -männlichen Thun, was er längst lassen sollen, sich der Zufriedenheit -seiner Damen anzunehmen. Ob die Frauen sich vertrügen oder nicht, es -kümmerte ihn kaum noch, und Sylvius überzeugte ihn vollends, daß die -Weisheit und Gerechtigkeit in höchster Person weibliche Ansprüche nicht -auszugleichen vermöge. -- Seit die Schwägerinnen keinen Schiedsrichter -mehr hatten, brauchten sie auch keinen mehr. Frau Fabia war aus ihrem -frommen Hinbrüten aufgescheucht worden. Sie ging gesellig in manche -ihrem Wesen fremdartige Idee ein, und war nicht so finster als sonst. -Die tiefe Fuge ihrer Tonart hatte sich in Harmonie gelös't, und ein -besserer Einklang zwischen ihr und Theresen niemals Statt gefunden. -Fabiens Sorge um den Schwager wendete sich, da er gesund geworden war, -mehr seinem Freunde zu, der an einer unheilbaren Krankheit des Gemüths -zu leiden schien. Sie achtete selbst weniger auf Josephine. Diese -brachte jeden Augenblick, der zu erübrigen war, bei der Nonne hin, da -Schwester Veronica sich der fremden Männer wegen zurückgezogen hatte. - -Therese war liebenswürdiger als je. Sie machte tausend kleine -liebreizende Gefälligkeiten geltend, die ihr zu Gebot standen, und -selbst Fabia mußte sich gestehen, daß, wenn sie _wolle_, ihr nicht zu -widerstehen sey. Sie entschuldigte heimlich den Administrator, daß er -parteiisch gewesen. -- Und seltsam! gerade jetzt zeigte sich Cölestin -so kühl und selbständig, als hätte dieser Zauber seine Kraft an ihm -verloren. -- - -»Der alte Feldmeister ist aus dem Felde geschlagen --« sagte der -Major zu dem jungen, und leise sprach in seinem Tone eine krankhafte -Empfindlichkeit an. »Dieser Freund, dieser Fremde, der mir nicht -sonderlich behagt, füllt die Zeit und das Herz des Administrators aus. -Ein Glück, daß ich Dich hier habe, Rudolph.« Faust knurrte eifersüchtig, -als der Oheim bei diesen Worten dem Neffen die Hand reichte. - -In der That würde die Freundschaft des Majors kaum einem Gefühl der -Zurücksetzung entgangen seyn, wie wenig Cölestin sich auch derselben -bewußt gewesen, wären häufige Anfälle der Gicht, die den Ersteren an -sein Zimmer fesselten und die Anwesenheit des Lieutenants nicht zur -Entschuldigung für den Administrator geworden. So oft das Befinden -des Majors leidlich war, vereinigte sich die kleine Gesellschaft. Dann -spielte Rudolph mit Theresen Schach, und immer ward sie eine Siegerinn. -Es gelang ihm nie, den Ruhm seines Namens gegen ihre kleinen Finessen zu -behaupten. »_Einmal_ gewinne ich doch!« schwor er bei jeder Niederlage. -Therese lächelte nur. - -Wenn der Hauptmann erzählte, der ganz Europa durchreis't seyn wollte, -dann sah Rudolph zu Boden auf die Spitze von Theresens Fuß, und mit so -tiefsinnigem Blick, als gälte es, die Pointe seines Lebens ins Auge zu -fassen. Der Oheim drohete ihm einst mit dem Finger. »Du denkst gewiß an -die Geschichte vom Pantoffel --« sprach er neckend, »höre doch unserm -Moorhausen zu, der eine lebendige blaue Bibliothek aller Nationen ist.« -Er klopfte den Hauptmann auf die Uniform -- dieser, unwissend über jene -Sammlung Mährchen, machte eine geschmeichelte Miene. -- - -Frau Fabia sah es gern, daß Josephine so wenig Interesse an der Nähe des -jungen Offiziers nähme; für Sylvius hingegen äußerte das Mädchen -eine stille innige Theilnahme, welche ihre Pflegemutter vollkommen -zu billigen schien. Er ertheilte auf den Wunsch derselben Josephinen -wissenschaftlichen Unterricht, und ein zartes geistiges Band hielt den -Lehrer und die Schülerinn zusammen, oft lange über die gegebene Stunde, -und auch außer der Zeit, welche diesem Zwecke gewidmet war. Und Fabia -zürnte nie, wenn Josephine lernend oder liebend nach ihrer Weise einen -Auftrag versäumte. Genug, aller Kampf, sogar der Streit der Pflichten -schien zu Ende, seit das Opferfest zum Geburtstag des Administrators -unterbrochen worden war, und die Weihnachtsglocken hatten längst -ausgeklungen, als unsichtbare Engel noch immer über der Klosterflur -von Sanct Capella schwebten, welche sangen: »Friede auf Erden! und dem -Menschen ein Wohlgefallen.« - -Das neue Jahr war schon um einen guten Schritt vorgerückt, und der -Tag verlängerte sich merklich, da kam die Nachricht, daß der Lieutnant -Feldmeister versetzt sey in eine ferne Garnison, und schleunigst fort -müsse. Das Invalidencorps fühlte sich durch diese Ordre wie auf Feldetat -gesetzt, es gab Allarm, der junge Offizier war Allen lieb und werth -geworden. Auch der Familienkreis des Administrators empfand die Lücke, -die nun bald entstehen würde. Therese ging umher, als hätte sie ihr -ganzes Glück, ihr Glück auf immer verloren -- und der Major sagte zu -sich selbst: »Therese ist schachmatt -- es ist Zeit, daß das Spiel -aufhört.« - -Am Abend vor dem Tage, wo der Lieutnant Feldmeister das Stift verlassen -sollte, saß Schwester Veronica allein in ihrem Stübchen und blätterte -in dem Herbarium ihres Vaters. Tiefe Stille war um sie her, ein heiterer -Winterfriede durchathmete die Zelle. Des Lichtes Flamme brannte wie -gemalt, der warme Glanz des weißen Oefchens spiegelte sie in blendenden -Funken zurück, und das Knistern der innen glimmenden Kohlen störten -feuerheimlich diese lautlose Ruhe nicht. Das große Lebensbuch der -Pflanzen lag vor der Nonne aufgeschlagen; ihr Auge leuchtete in -sanftem Vergnügen. Sie suchte: _die Liebe im Nebel_ -- eine Gattung -der Passionsblume. Und wie sie Blatt um Blatt wendete, gingen alle -Frühlinge, die sie gelebt, an ihr vorüber, und der botanische Garten, -darin sie gewohnt, blühete mit den Freuden ihrer Jugend auf. Sie sah den -Vater heiß vor Lust, unter dem glühenden Strahl der Mittagssonne, weil -keine andere Zeit ihm blieb, betrachtend stehen, die Mutter, wie sie in -der Mondkühle einsam unter den Gängen des verlornen Paradieses auf und -nieder wandelte, mit traurigen Gedanken, die auf der verbotenen Frucht -verweilten, welche eine verführerische Schlange dem Gatten reichte. Sie -hörte den Baum rauschen, unter dem der geliebte Bräutigam einer Andern -Treue versprach, und mit dem Regen jener Stunde, dem so viele Thränen -nachgeflossen, rieselten leise Schauer der Erinnerung über das Herz der -guten Nonne. Da naheten eilende Schritte, die Thüre ging auf, ohne daß -Jemand angeklopft hätte, und Josephine trat herein, scheu und hastig. -Schwester Veronica hob den Blick auf, der ängstlich auf dem lieben Kinde -haftete, und sprach: »was ist Dir, Mädchen? Dein Gesicht brennt, Du -siehst aus, als hättest Du geweint, oder als würde es eben geschehen, -und der große Schlüssel zittert in Deiner Hand?« - -Josephine antwortete mit erstickter Stimme: »_mir_ hat Niemand etwas zu -Leide gethan, und doch fühle ich so. Ach liebe Veronica! ich habe etwas -Entsetzliches erfahren -- das lege ich nieder in Ihre tiefste Brust.« - -»Es bleibt darin begraben --« versicherte die Nonne feierlich leise und -mit der Kraft des Schweigens, »sprich ruhig, mein Kind.« - -Mit gebundenem Athem begann Josephine: »ich ging, wie Sie wissen, in die -Capelle, die Lampe mit Oel zu versehen. Immer freue ich mich auf dies -kleine Geschäft bei dem ich länger verweile, als nöthig wäre. Dort stört -mich nichts in meinen stillen Träumen. Das Herz ist mir jetzt zuweilen -so gedrückt, so enge -- als fände ich nirgend Raum für Wünsche, die ich -nicht zu nennen weiß, den ausgenommen, daß ich einst in dieser Capelle -ruhen mögte. So ist die Maria wie meine gute Freundinn, die es versteht, -was ich keinem klagen kann. Als der Docht der Lampe aufglomm, nachdem -ich sie getränkt, und dieser Schimmer an das Gewand schien, wie wenn der -Mond über dem Wasser schillert, da war es mir, als würde ihr todtes Auge -hell, und sie spräche: gieb Dich zufrieden! wir wollen sehen! --« - -»Die Liebe, meine gute Josephine,« schaltete Schwester Veronica ein, -»gewinnt Allem Leben ab, wie der Glaube eine Seele des Trostes. Das ist -der wahre lebendige Hauch aus Gott, und ein ewiges: es werde Licht! -- -Die Welt wandelt in Schatten des Todes und ihre Werke sind finster. Die -Heiligen sehen das Werk an und vergelten auch den kleinsten Dienst. -Es wird Dir gewiß wohl gehen auf Erden. Du wirst lange leben, und -so betrübt es mich, daß Du in so jungen schönen Jahren schon an Dein -Begräbniß denkst.« - -Josephine sah die Nonne mit bangem Lächeln an. »Und was geschah denn -nun, mein liebes Kind?« fragte diese, »fasse Dich, mir es sagen zu -können. Ich will Dich zu trösten suchen, mit Gottes Hülfe.« - -Das Mädchen schüttelte leise den Kopf und sprach: »als ich noch sinnend -stehe, vernehme ich ein schnelles Kommen und Flüstern. Nun ist es recht -besonders, Schwester Veronica, mit den Geistern halte ich Zwiesprach, -als wären sie meine Geschwister, und vor Menschen fürchte ich mich? --- Ich schlüpfte in den Beichtstuhl und duckte unter -- es war nur -ein Augenblick, ich wußte selbst nicht, was ich that. Da erkannte ich -Theresens Stimme im Gespräch mit einem Manne, und ich merkte sogleich, -daß es der Lieutnant Feldmeister wäre. Sie redeten höchst vertraut. Hier -sind wir allein -- sagte er, als sie in die Capelle traten, hier sucht -uns Niemand. Vergessen Sie nicht, antwortete ihm Therese, daß die -wächserne Mutter Gottes das Verlorene sucht, und verloren wäre ich, wenn -man uns hier zusammenfände. -- Sie machte ihm hierauf zärtliche Vorwürfe -über seine verfolgende Leidenschaft. Einige Minuten _müssen_ Sie mich -hören! betheuerte er, und -- o Veronica! was läßt sich in ein paar -Minuten sagen! ich meine, Therese hätte ihr Lebelang darüber zu denken. -Sie lieben sich -- sie lieben sich schon lange. Und Therese ist die Frau -eines andern Mannes! -- Wenn das der redliche Major wüßte! und -- und -- -der Unglückliche schwor, wenn er sie zum drittenmale finden sollte, -dann müsse sie sein werden, und wäre sie mit Ketten an dem Himmel -geschlossen. Ich habe nicht gedacht, daß ein Mensch so reden könnte -- -jedes Wort war ein Funken, der zündete.« - -Schwester Veronica sah mit bekümmertem Blick die brennenden Wangen des -Mädchens, und seufzte tief, daß diese fromme Unschuld Zeuginn solch -einer leidenschaftlichen Scene gewesen. »Den armen Constanz verurtheilte -er --« fuhr Josephine mit einer ihrem Wesen fremden, feindlichen Regung -fort: »und seine Gattin duldete es. Dem Onkel gönnte er das Glück ihrer -Nähe nicht, _ihm_, der die Frau seines Bruders in freundlichen Schutz -genommen, und gar manche Unbill wegen ihr ertragen hat! ich weiß das am -besten. Dann sank er ihr zu Füßen -- dann küßte er sie -- o Gott!« »Er -küßte sie!« wiederholte die Nonne leise, auf deren keuscher Lippe nie -der Kuß eines Mannes geblüht. »Du armes Kind! ja, das mag eine Angst -gewesen seyn. Angesichts der heiligen Jungfrau entblödeten sie -sich dieser Sünde nicht! -- Und der junge Mann scheint sonst ein -liebenswürdiger Mensch.« - -»Ach! ich bin dem Lieutnant böse --« sagte Josephine, »das ist nicht -edel von ihm gehandelt; ich denke, ein Mann muß seine Leidenschaft -bezwingen können. Es hatte mir so gut von ihm gefallen, wie er sich -jener alten Dame angenommen -- Sie kennen die Geschichte --! nun aber -verfällt er selbst in ärgeren Wahnsinn, verliert den Kopf, und Der sich -so tapfer schlug, daß die Schwäche des Alters in Ehren gehalten würde, -kann sich einen Gedanken nicht aus dem Sinne schlagen, der die Würde -einer jungen Frau beleidiget, die wohl noch schwächer ist. -- O! das ist -nicht löblich! das ist eine Verletzung des Gastrechts.« - -»Du hast ganz Recht, mein Töchterchen,« antwortete die Nonne, »und Gott -behüte mich, daß ich beschönigen wolle, was sich nicht billigen -läßt; nur meine ich, der junge Feldmeister sey bethört, sich selbst -entfremdet, und Therese mag ihm wohl reichlich Gelegenheit gegeben -haben. Diese scheint mir in sofern zu entschuldigen, daß sie gleichsam -nur ein kurzes Achtel verheirathet war, und eine lange Pause ist -für dies lebendige Allegro nicht. Wie endete sich denn nun diese -Zusammenkunft?« - -»Ich seufzte zu Gott,« sprach Josephine, »daß ich erlöset werden mögte, -und kaum war dieser flehende Gedanke aufgeflogen, da flatterte eine -Motte aus dem Busen der Maria, und schwirrte mit singendem Geräusch um -das Flämmchen. Dieser kleine Zufall scheuchte die Liebenden hinweg. Ich -zitterte an allen Gliedern und mußte mich erst erholen. Wer aber hatte -mir denn was gethan? Was geht es mich an, Wen Therese liebt? Und doch -war es mir, als hätte man ein tiefes Gefühl in mir verletzt.« - -»Wo die Tugend leidet,« versetzte Schwester Veronica, »da leidet eine -reine Seele mit, und der Schmerz dieser Erfahrung ist groß. O mein Kind! -Treue ist unser einzig Glück auf Erden! selbst den Nichtliebenden rührt -sie mit einem zärtlichdauernden Gefühl, was sich erwerben läßt. -- -Treue ringt den Himmel nieder in Deinen Besitz -- sie ist ein Strahl -der ewigen Liebe. Ein wankendes Herz findet nirgend Ruhe. Wir wollen -Theresen bedauern. Sie macht Keinen glücklich, und sich am wenigsten. -Wenn ihr Gemahl nun heute oder morgen kommt, mit welchem Blicke soll -seine Frau vor ihm stehen?« - -Josephine sah mit einem flammenden der Nonne in das Gesicht, und -diese mogte vielleicht an den Engel des Gerichts denken. Sanften, -entwaffnenden Tones setzte sie hinzu: »Gott senke Kraft in Deine junge -Seele, an der Liebe des Nächsten zu halten, denn nur, Wer beharret, -merke Dir es, mein Mädchen -- der wird selig! --« - -Josephine schmiegte sich an die Brust der Nonne und fühlte das treueste -Herz schlagen. Sie schämte sich, entrüstet gewesen zu seyn, vielleicht -zum erstenmale in ihrem Leben -- und aus der tiefsten Quelle des -weiblichen Gemüths drangen Thränen, herbe und doch hoffnungsvoll, in -ihre milden Augen. - - * * * * * - -Ein paar Monate waren seitdem vergangen. Sanct Capella, von der höher -steigenden Sonne bestrahlt, glänzte wie eine weiße Glockenblume mit -goldnem Kelche zwischen dem aufgrünenden Frühling. Im Stifte selbst sah -man den schönen Tagen, die nun kommen würden, mit drängender Erwartung -entgegen. Man nahm sie gleichsam voraus. Frau Fabia ordnete diesmal das -große jährliche Waschfest zeitiger als sonst an, und als der April -sein Wechselrecht geltend machte, und einen hurtigen Regen über das -sonniggetrocknete Linnen ausgoß, behielt ihr Gesicht seine Heiterkeit, -der beste Beweis von dem beständigen Wetter in der Laune der guten -Hausfrau. - -Schwester Veronica, bedrängt von jener heiligen und tiefen Wehmuth, -die sich ihrer sanften Schmerzen schämt, schlich jetzt manchmal im -Mondschein auf den Kirchhof des Klosters und mit schwellendem Herzen -die Mauer entlang, woran der Flieder knospete. Wenn sie in ihrem weißen -Gewande zwischen den Gräbern wandelte, im geistigen Verkehr mit den -Schatten der schlafenden Schwestern, glaubte man Libitina, die stille -Göttin der Todten zu sehen. - -Die Offiziere suchten mit frischangeregter Lebenslust das Freie. Major -Feldmeister warf den Pelzstiefel zusammt dem Podagra abseits, und rief: -»da liege, daß du berstest! ich habe es nun satt, und _will_ gesund -sein!« Er schritt herzhaft einher. Die großen Fenster waren geöffnet, -die Thüren standen weit offen, als solle der Winter ausziehen. Herr -Prälat, empfindlich gegen den Zug, ging als der Zeus des Hauses mit -einer Donnerstirn von einem Flügel zum andern, und blitzte hier und da -heftig zu. Ein thatenlustiger, rühriger Geist war in den Administrator -gefahren. Er sträubte sich beinahe ungebehrdig gegen die krankhafte -Ruhe, die seine Kräfte bisher unterdrückt hatte, gegen die Pflege der -Weiber. Fabia schalt ihn undankbar, wenn er eine Maßregel ihrer Vorsicht -für unnütz erklärte. Sie meinte nach Art einer erzürnten Prophetinn: -dieser Uebermuth werde ihm schlimm bekommen. Doch Josephine freuete sich -und sagte leise: »Er ist jetzt um Vieles besser.« - -Therese ließ ihren Schwager gewähren. Sie ging spazieren früh und spät -auf geheimnißvollen Wegen, und nicht selten brachte ein Führer die -Verirrte zurück. Frau Fabia sagte kein entscheidendes Wörtchen über -diesen entschiedenen Müssiggang. Sie wärmte geduldig das Essen, wenn -Therese die Stunde der Mahlzeit versäumte, doch keine begangenen Fehler -mehr auf. Fabia wußte vielleicht, daß Theresens Seele unter einer -größeren Last arbeitete, als früherhin ihr Leichtsinn und ihre -Lässigkeit Andern aufgelegt hatte. -- - -Als einstmals Therese von einem weiten einsamen Ausflug spät nach -Hause kam, die Hände voll selbstgepflückten Veilchen, sah sie einen -ausgespannten Reisewagen vor dem Stifte stehen, dessen helles Gelb wie -eine große Mondscheibe durch das Dämmern des Frühlingsabends leuchtete. -Sie stieß einen kurzen Schrei aus, und ihr war in diesem Augenblicke, -als stieße er ihr das Herz ab. Sie floh dem Kloster zu, und stürzte -außer Athem in das Wohnzimmer. Constanz war vor einer Stunde angekommen. -Seine Frau zu suchen, hatte man Boten nach allen Richtungen ausgesendet. -Sie rang die Hände um seinen Nacken; diese Gebehrde sah aus wie Liebe, -wie Jammer, und konnte beides seyn. Der Diplomat stand mit Veilchen -beschüttet und zitterte sichtbar. Therese verbarg ihr Gesicht, ohne -in das seine zu sehen, an der Brust ihres Mannes. Er hob es empor und -drückte heiße, langentbehrte Küsse auf ihren krampfhaft lächelnden Mund. -Die Familie war versammelt, auch -- der Zufall hatte es gefügt -- Major -Feldmeister und Schwester Veronica, als sollte Niemand fehlen, der -näheren Theil an diesem Ereigniß nähme. - -Constanz hatte sich nach dem stillen Bemerken seines Bruders -auffallend verändert. Die Sonne seiner Reisen hatte ihn gebräunt, -seine scharfausgeprägten Züge hatten den Schmelz der Jugend, und -den liebenswürdigen Ausdruck unbewußter Herzlichkeit verloren. -Staatsmännisches Interesse war dem Ernst der sinnenden Miene tief -eingedrückt, und über seine Stirne eilte ein Gewölk von Sorgen, wie -getrieben von einem innern Sturm. - -»Meine Therese! mein einziges Weib!« sagte Constanz mit einer Rührung, -die ihm schön stand: »Du bist bleich und ein wenig abgekommen -- Du hast -Dich wohl um mich geängstet? Du bist mir nicht böse? Du machst mir keine -Vorwürfe? diesen gütigen Empfang habe ich nicht verdient.« - -»Ich mache Dir keine Vorwürfe --« antwortete Therese mit gepreßter -Stimme, und lauter sagte ihr Gewissen, Wer von ihnen eigentlich _so_ -fragen müßte. Aber nun brach Therese in ein convulsivisches Weinen aus. -Constanz schien über diese äußerste Wirkung der Freude betroffen. Er -hielt seine Frau für krank. - -Josephine stand mit der Nonne an einem Fenster. Sie wendete sich ab, und -sprach leise zu Schwester Veronica: »wie ist dies möglich, so falsch zu -seyn gegen die redlichste Liebe? -- Wenn ich Theresen in den Armen -ihres Mannes sehe und daran denke, daß vor kurzer Zeit --« Josephine -schauderte in sich hinein. - -»Das mußt Du zu vergessen suchen --« flüsterte die Nonne, »mir kommt -diese wunderliche Freude wie Seelenangst vor. Ach! Therese könnte jetzt -getreu und getrost in das Auge blicken, was sie so entzückt betrachtet! -und sähe es tiefer auf den Grund ihrer Thränen, es würde sich wohl -lieber schließen für immer.« - -Constanz war nach seinem Wunsch versorgt; schon in der nächsten Frühe -ging er nach dem Orte seiner Bestimmung ab, und Therese mußte bereit -seyn, ihn zu begleiten. Sie erschrak doch über diese Kürze. Fabia erbot -sich dienstfertig, ihr das Einpacken zu besorgen. Sie solle sich um -nichts kümmern, und ihr Glück genießen. -- - -Der Administrator lächelte. Er wollte den Worten seiner Schwägerinn -eine leise Ironie abgemerkt haben. Aber Therese ließ sich zum erstenmale -nicht von der thätigen Fabia übertragen. Sie rüstete Alles selbst zur -Abreise. So verging dieser Abend drangselig. Man kam zu keinem ruhigen -Genuß des Beieinanderseyns. Constanz schien sehr ermüdet, und der ältere -Bruder machte ihm freundliche Vorwürfe, sich und den Seinen mindestens -nicht _einen_ Tag der Rast gegönnt zu haben. Und Jener sprach: »ich -bin an diese erschöpfende Eile gewöhnt, und daran, die Erfüllung meiner -Wünsche, und Alles, was ich liebe, nur im Fluge zu berühren.« Endlich -zog die Nacht mit einer kurzen beschwichtigenden Pause vorüber. Noch -blickte der Morgenstern am Himmel, da kamen die vier Pferde Extrapost -schon von Leidthal, welche dem Constanz bewilliget worden. Das ganze -Stift war in Allarm. Die alten Offiziere standen in Parade, der jungen -schönen Frau die Honneurs zum Abschied nicht zu versäumen. - -Therese schien verweint, ehe sie noch Jemand Lebewohl gesagt hatte. -Lange hing sie am Halse des Schwagers und konnte sich nicht losreißen. -Dann küßte Schwester Veronica ihr einen leisen Segenswunsch auf die -bethränten Lippen. Nun umarmten sich die Schwägerinnen und Therese -sprach: »denke meiner nicht in Groll -- ich habe Dich oft gekränkt, -Fabia!« die Stimme erstarb in Schluchzen. - -Und Fabia erwiederte: »still davon, Therese! auch ich habe gefehlt. Wir -scheiden in Frieden, und der Herr geleite Dich!« - -Nun kam die Reihe an Josephine, an Sylvius, an den alten Feldmeister und -die Uebrigen. Dem Major reichte Therese die Hand, und drückte die seine -inniglich und noch einmal, als wisse der Alte schon für Wen? -- Ihrem -Gemahl dauerte dies Valet zu lange. Er hatte das seine in summarischer -Kürze abgegeben, den Bruder ausgenommen. Seine Meinung war: man müsse -den Schmerz solcher Scenen verkürzen, ja vermeiden, wo möglich; aber die -Weiber ließen sich keine einzige Thräne unterschlagen, die sie mit Fug -und Recht vergießen durften. Sprach's, und schob seine Frau mit einem -schmerzverachtenden Lächeln in den Wagen. Noch einmal strahlte Theresens -Blick durch einen doppelten Schleier das ganze Commitat an; die -Offiziere verbeugten sich unwillkürlich dienstmäßig, die Nonne schrieb -ein Kreuz in die blaue Luft, Constanz winkte herzlich -- und der -Postillon stieß in das Horn, daß der schmetternde Hall von den Wölbungen -des Klosters wiedertönte. Dieser Ton fand ein geheimnißvolles Echo in -der tiefsten Seele des Administrators und ein Grauen strich über -seine Nerven. Es erschütterte ihn dieser Klang, wie jener, als er am -Sterbebette des Vaters den Bruder die kleine Trompete blasen hörte. -- -Und als der Wagen nun pfeilschnell entrollte, das gastfreundliche Stift -weit und weiter zurückwich, die Gehöfte von Sanct Capella verschwanden, -nun auch das letzte Häuschen vorbeigeflogen war, und jetzt der Horizont -über der erwachenden Landschaft sich so klar vor ihnen aufthat, da -gedachte Constanz an die Worte der Gesandtinn: er würde einst mit -Extrapost in den Himmel fahren. - - - Ende des ersten Theils. - - - - -[ Hinweise zur Transkription - - -Das Originalbuch ist in Frakturschrift gedruckt. In dieser -Transkription werden _gesperrt_ gesetzte Schrift sowie Textanteile in -=Antiqua-Schrift= hervorgehoben. - -Der Text des Originalbuches wurde grundsätzlich beibehalten, -einschließlich uneinheitlicher Schreibweisen wie beispielsweise -"irdisch" -- "irrdisch", "ist's" -- "ists", "Lieutenant" -- "Lieutnant", -"Obristin" -- "Obristinn", - -mit folgenden Ausnahmen, - - Seite 13: - "«" eingefügt - (sie eine kleine alte anspruchslose Rolle übernähme.«) - - Seite 14: - "ihrers" geändert in "ihres" - (welches sie durch den Beistand ihres Schwagers gewonnen) - - Seite 21: - "." eingefügt - (und enteilte auf den Ruf seiner Pflicht.) - - Seite 41: - "," eingefügt - (ein Gedanke dieses Augenblicks voll Grauen, voll Schmerz) - - Seite 45: - "Abendmal" geändert in "Abendmahl" - (ehe ich aber das heilige Abendmahl wo anders halte) - - Seite 51: - "«," geändert in ",«" - (»Taugt nichts,« unterbrach hier der Major) - - Seite 59: - "»" eingefügt - (»Ich band mein Pferd an eine Säule) - - Seite 59: - "Augenblck" geändert in "Augenblick" - (daß ich einen Augenblick verziehen mögte) - - Seite 68: - "»" eingefügt - (»nimm fünf Loth _Ernst_) - - Seite 83: - "«," geändert in ",«" - (»Schwester Veronica,« sagte Fabia) - - Seite 85: - "beflanzt" geändert in "bepflanzt" - (mit tropischen Gewächsen bepflanzt) - - Seite 92: - "«" eingefügt - (weshalb ich denn auch so zaghaft wäre.« --) - - Seite 95: - "»" eingefügt - (»ja, mein Kind, wir müssen wohl den Blick schonend bedecken) - - Seite 107: - "Gesellschafft" geändert in "Gesellschaft" - (ihm doch ein wenig Gesellschaft leisten) - - Seite 116: - "Schwal" geändert in "Schawl" - (Ein echter Schawl, an den der matte Kopf sich schmiegte) - - Seite 120: - "»" eingefügt - (»Fasttage halte ich gar nicht) - - Seite 127: - "«" eingefügt - (mein heiliges Amt zu Gunsten Ihres Wunsches üben.« --) - - Seite 128: - "«" hinter "--" entfernt - (der Tod soll ja eine neue Geburt seyn. --) - - Seite 137: - "eine" geändert in "einen" - (die sich nie gegen einen Vorwurf vertheidigte) - - Seite 143: - "«" eingefügt - (hat mir das Gedächtniß abwärts gezogen.« --) - - Seite 151: - "»" eingefügt - (»auch wünsche ich von Herzen) - - Seite 155: - "»" eingefügt - (»weißt Du wohl, was Abraham a Sancta) - - Seite 156: - "»" eingefügt - (»da thut sie Dir nicht Unrecht) - - Seite 156: - "." eingefügt - (Josephine erröthete und nahm das Gedeck hinweg.) - - Seite 157: - "»" eingefügt - (»denn es will mich bedünken) - - Seite 158: - "»" eingefügt - (»ich bin überhaupt mit einer gewissen) - - Seite 167: - "Interresse" geändert in "Interesse" - (zog die Mutter des Bräutigams in ihr Interesse) - - Seite 172: - "»" eingefügt - (»wohl ist dieser Stoff) - - Seite 179: - "»" eingefügt - (»Und dieses liebe Geschäft) - - Seite 182: - "haufig" geändert in "häufig" - (in dem rauhen Klima jener Gegend häufig wechseln mußten) - - Seite 190: - "«" eingefügt - (Denn --« setzte Tony in liebenswürdigem Uebermuthe hinzu) - - Seite 195: - "»" eingefügt - (»Das kann wohl seyn) - - Seite 215: - "Zürückgehen" geändert in "Zurückgehen" - (Ein Zurückgehen in seine alten Verhältnisse) - - Seite 217: - "«" eingefügt - (die treue Aufsicht jenes würdigen Paares ward getäuscht.«) - - Seite 229: - "ihre" geändert in "Ihre" - (das lege ich nieder in Ihre tiefste Brust)] - - - - - - - -End of the Project Gutenberg EBook of Die Schwägerinnen. Erster Theil., by -Henriette Hanke - -*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DIE SCHWÄGERINNEN. ERSTER THEIL. *** - -***** This file should be named 50127-8.txt or 50127-8.zip ***** -This and all associated files of various formats will be found in: - http://www.gutenberg.org/5/0/1/2/50127/ - -Produced by The Online Distributed Proofreading Team at -http://www.pgdp.net (This file was produced from images -generously made available by The Internet Archive) - - -Updated editions will replace the previous one--the old editions will -be renamed. - -Creating the works from print editions not protected by U.S. copyright -law means that no one owns a United States copyright in these works, -so the Foundation (and you!) can copy and distribute it in the United -States without permission and without paying copyright -royalties. 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Erster Theil., by Henriette Hanke - -This eBook is for the use of anyone anywhere in the United States and most -other parts of the world at no cost and with almost no restrictions -whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it under the terms of -the Project Gutenberg License included with this eBook or online at -www.gutenberg.org. If you are not located in the United States, you'll have -to check the laws of the country where you are located before using this ebook. - - - -Title: Die Schwägerinnen. Erster Theil. - -Author: Henriette Hanke - -Release Date: October 4, 2015 [EBook #50127] - -Language: German - -Character set encoding: ISO-8859-1 - -*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DIE SCHWÄGERINNEN. ERSTER THEIL. *** - - - - -Produced by The Online Distributed Proofreading Team at -http://www.pgdp.net (This file was produced from images -generously made available by The Internet Archive) - - - - - - -</pre> - - -<h1>Die Schwägerinnen.</h1> - -<p class="ce mt2 lh2">Roman<br /> -von<br /> -<span class="fsxl">Henriette Hanke</span><br /> -geborne Arndt.</p> - -<p class="ce mt2 mb2 fsl">Erster Theil.</p> - -<div class="mw24"> -<div class="poetry-container"> - <div class="poetry"> - <div class="stanza"> - <div class="verse">Ein hohes Wort! wenn uns die Schickung werth</div> - <div class="verse">hält, nicht für uns, für Andere zu seyn.</div> - <div class="verse">... Es wendet sich der Zeiten Blatt. Laßt uns</div> - <div class="verse">fröhlich sä'n, im Nebel auch: die Ernte kommt gewiß.</div> - <div class="verse-right"><em class="ge">Herder.</em></div> - </div> - </div> -</div> -</div> - -<p class="ce mt2"><span class="fsl">Hannover, 1835.</span><br /> -Im Verlage der Hahn'schen Hofbuchhandlung.</p> - - - - -<h2> </h2> - - -<p class="mt2 in0"><a class="pagenum" id="page_001" title="1"> </a> -<span class="fsxl">W</span>ir versetzen unsere Leser bei dem Anbeginn dieser -Geschichte in ein weites Gemach des aufgehobenen -Stiftes der Cisterzienserinnen zu Sanct Capella, nahe -dem Städtchen Leidthal. Dieses Zimmer, viel zu -colossal in seinen Verhältnissen um wohnlich zu seyn, -bietet eine himmlische Aussicht dar, und zeigt noch -die Spuren klösterlicher Pracht. Seltsam vereint werden -hier die religiösen Begriffe aller Zeiten anschaulich; -doch mit gemischtem Gefühl siehet man: die -Gegenwart herrscht vor. An dem Plafond rollet der -feurige Wagen des Elias. Wie zu vielen tausendmalen -mogten seit dieser Himmelfahrt die Sonnenrosse -ihren Lauf vollendet haben! aber jene Flammen -sind erloschen, und der Prophet erscheint nur noch als -ein grauer Schattenriß seiner Zeit. Scenen des römischen -Cultus geben den leeren Wänden ein sinnvolles -Interesse, und über erblaßten Martern der eifrigsten -Bekenner ihres Glaubens hängt Doctor Martin -Luthers Bildniß gloriös in einem Rahmen von -echter Bronze. Die erhabene Arbeit über dem Kamin -<a class="pagenum" id="page_002" title="2"> </a> -von schwarzem Marmor versinnlicht ein Autodafé, -und die darunter lodernde Glut, welche die -Jahreszeit und der Raum des Zimmers erfordert, -dient dazu, dies Relief zu beleuchten, mit einem -Schauer für die Phantasie, der fast die Wohlthat der -empfundenen Wärme vernichtet. Die Möbeln sind -theils veraltet und doch pomphaft, theils von neuer -Brauchbarkeit und Simplicität. Das hochlehnige Canapee, -welches gradauf strebend und in der Mitte -altarförmig zugespitzt, sich gegen die Wellenlinien einer -modernen Bergère etwa verhält, wie die feierliche -Anständigkeit der Etiquette zu der nachlässigen Ruhe -der Schönheit – nimmt sich in dem überladenen -Zierrath geflügelter Kinderköpfe sogar kirchlich aus. -Ueber den Häuptern der Cherubim prangt der Erzengel -Michael in goldnen Waffen, und der gerissene -Sammet auf dem Sitze dieser kleinen Engelsburg erinnert -mit leiser Beziehung in der Farbe verblühter -Violen an den Purpur der Eminenz. – Der venetianische -Spiegel erreicht seine ungemeine Breite und -Höhe durch eine Einfassung von Tritonen und Delphinen, -welche in kunstreichen Verschlingungen um -die glänzende Fläche spielen, worin mancher geistliche -Vollmond aufgegangen war. – Oben thronen die -Meergötter ersten Ranges, und im Frontispice – so -zu sagen – steigt Anadyomene aus der klaren Masse -<a class="pagenum" id="page_003" title="3"> </a> -an den silbernen Bord. Das Auge des Reformators -grade auf diesen Punkt gerichtet, scheint finster an -dem heidnischen Unwesen zu haften, indeß ein kaum -merklicher Zug frommer Ironie den Ernst des Mundes -mildert, der wohl stärkere Pfeiler erschütterte als -den, der die reizende Gestalt der Liebe in den Mauern -der Entsagung trägt. Die Morgensonne des eilften -Novembers ging eben auf, und bestrahlte mit blendendem -Licht die Abtei, welche ihren majestätischen -Schatten über die öden Felder ausbreitete. Der Reif -der kalten Nacht schimmerte wie Candis an den falben -Resten der Weide, und die herbe Miene des heiligen -Bernhard von Clairvaux, dessen Statue am -Rande einer dunkeln Cisterne stand und tiefsinnig -hinab schauete, war wie mit Zucker bestreut. – An -einem Fenster des beschriebenen Zimmers saß eine -Frau, von der wir sagen müssen, daß sie über die -Jugend hinaus und weit entfernt von jener gefälligen -Anmuth sey, die unter keinem Gesetz der Zeit steht, -ohne sie deshalb dem achtsamen Interesse unserer Leser -entrücken zu wollen. Der häusliche Anzug, beinahe -matronenhaft bescheiden, paßte den Formen einer -Figur nett an, die in ihrer Haltung Charakter verrieth. -Das Häubchen, ohne die mindeste Genialität -dieses Putzartikels, der einen guten weiblichen Kopf -seltner beschattet, als in das vortheilhafteste Licht setzt, -<a class="pagenum" id="page_004" title="4"> </a> -und sich oft in dem kleinsten Kniff sichtbar macht – -schloß sich dicht an ein Oval von regelmäßigem -Schnitt. Die Beschäftigung dieser Frau schien mit -der bewußten Strenge, welche sich in ihrem Aeußern -offenbarte, in keiner Verbindung zu stehen. Sie wand -eine Guirlande von Immortellen, die aufgehäuft in -einem flachen Körbchen, in bunter Menge und Mannigfaltigkeit -zur Auswahl vor ihr lagen. Sie schien -so ganz in sich und in diese feiernde Früharbeit versenkt -zu seyn, daß selbst der Sinn des Gehörs ihre -Seele nicht auf das lenkte, was ein junges Mädchen -an ihrer Seite aus der Bibel vorlas. »<em class="ge">Wirst Du -dafür die Schmerzen eines Betrübten haben</em> –«: -diese verkündenden Worte des Jesaia sprach -die klare süße Stimme mit einem schüchternen Beben -der Ahnung, und hielt inne. Die Sonne blitzte herein -und warf lange herbstliche Strahlen durch die -Scheiben. Der blonde Scheitel des Mädchens erglänzte, -die metallne Brüstung am Fenster funkelte -wie gediegenes Gold, und die trocknen Blümchen der -Dauer badeten sich in diesem ewigen Glanze.</p> - -<p>Das Mädchen erhob das Auge blau und tief wie -der Himmel, um einen Blick in die Perspective zu -richten, welche in der schönsten Morgenbeleuchtung im -melancholischen Reiz der sterbenden Natur sich in das -Unabsehliche verlor; und der Mund, auf dem noch -<a class="pagenum" id="page_005" title="5"> </a> -die traurige Voraussagung des israelitischen Sehers -schwebte, lächelte so entzückt, als sähe dieser Blick in -eine verklärte Welt.</p> - -<p>Da öffnete sich die Thüre, und ein feines jugendliches -Gesicht, dem ein schlanker Körper folgte, schauete -mit hellen braunen Augen herein. Ein leichtes Abschrecken -bei dem Hinblick auf die schweigsame Gruppe -am Fenster, und die spöttische Unlust, an dieser stillen -Betrachtung und an dem Winden todter Kränze Theil -zu nehmen, sprach sich in diesen beweglichen Zügen -aus.</p> - -<p>Wie leise dies Geräusch nun auch gewesen war: -die ältere Frau hatte es dennoch vernommen. Sie -wendete das Auge, und ein flüchtiges Roth überlief -ihre Wange; zweifelhaft, ob als Wiederschein der -Lohe des Kamins, oder durch die Erscheinung in der -Thüre erregt. Diese huschte mit zarten Füßen über -das Getäfel der Diele, blinzelte hinter dem Rücken -des Mädchens in das heilige Buch und sprach zwischen -Schalkheit und Pathos: »hebet Eure Häupter -auf – thut Euer böses Wesen von Euch – o! ich -weiß auch, was hierin steht.« Dabei legte sie eine -seidenweiche Hand, der man keine Distellese im Garten -der Ehe ansah, obwohl ein Trauring an ihrem -Goldfinger blinkte – unter das gesenkte Kinn der -Aelteren und sprach: »bist Du mir noch böse, Fabia? -<a class="pagenum" id="page_006" title="6"> </a> -Sey gut! ich kann Dich nicht schmollend wissen, und -so lasse ich meine Idee fallen.« Bei diesen nähernden -Worten beugte die hübsche junge Frau sich mit -versöhnender Anmuth herab, so daß ihr warmer Athem -wie ein schmeichelndes Lüftchen Diejenige anwehete, -welche sie frostig aufnahm.</p> - -<p>Fabia hob den Kopf ein wenig und erwiederte: -»ich dachte es wohl, daß Du zur Vernunft kommen -würdest –« und indem ihr Auge die weiblich-optische -Kunst übte, die da scheel sieht, ohne einen offnen -Blick zu gönnen – setzte sie hinzu: »daß Du Dich -nicht erkältest, Therese! Du gehest so bloß. –« Sie -reichte ihr eine Nadel, zugleich stach der Blick, doch -nicht in das kleine Schalytuch, welches den wunderschönen -Hals und Busen lose umflatterte, sondern in -diese Blöße selbst. –</p> - -<p>Therese steckte die Nadel verloren ein, aber nicht -diese Antwort, welche sie sichtlich zu verdrießen schien, -und nun auch die Stimmung ihrer gutmüthigen Abbitte -um einen tiefen Grad fallen machte. Erglühend -sprach sie: »es ist schon geschehen. Du irrest, Fabia, -Du irrest, sage ich Dir, wenn Du Deine hartnäckige -Weigerung, in einen harmlosen Scherz einzugehen, -für vernünftig hältst. Und wenn ich es zu vergessen -suche, daß Du mir und dem Bruder eine Freude -verdirbst: so geschiehet es nur, weil ich Dich dieses -<a class="pagenum" id="page_007" title="7"> </a> -abtödtenden Eigensinnes wegen am meisten bedauere.« -Fabia erröthete sehr. Sie lös'te schnell ein kleines -Schlüsselbund von ihrem Gürtel, und gab dem Mädchen -einen entfernenden Auftrag. Dann sprach sie, -und ein krampfhaftes Zucken unterdrückten Zornes -flog um ihre Lippen: »diese Aeußerung ist ganz in -Deinem Geiste. Spare Dein Mitleid für Dich selbst, -Therese, Du wirst es einst brauchen. Herr der Güte! -muß ich mich so behandeln lassen in Gegenwart des -Kindes? hast Du keine Achtung für mich und meine -Sinnesart, so solltest Du doch Josephinens Jugend -schonen. Willst Du das Mädchen auch verderben?«</p> - -<p>Theresens Stirn flammte. In größter Aufregung -entgegnete sie: »verderben? <em class="ge">auch?</em> Wer ist verdorben? -ich muß bitten, daß Du Dich in Deinen Ausdrücken -mäßigest. Ein verderbtes Herz trachtet nach -Schaden, ist feindselig und mißgünstig; ich aber -gönne der ganzen Welt ihr Vergnügen, wenn sie mir -nur das meine läßt.«</p> - -<p>Fabia stand auf. Mit einem gewissen Hervortreten -ihrer Meinung, doch das innerste Gefühl -noch immer bezwingend, sagte sie: »ich hasse nun -einmal jede Falschheit, und halte Verstellung, von -welcher Art sie auch sey, für Sünde. Und Comödie -spielen ist eine solche.«</p> - -<p>»O! die schlimmste ist es nicht –« entgegnete Therese: -<a class="pagenum" id="page_008" title="8"> </a> -»es ist nur eine kleine ergötzliche Lust.« Und -indem dieser verwehrte Genuß in allem Schimmer -der Einbildungskraft vor ihrer Seele stand, so daß es -ihr vor den Augen flimmerte, in welche Thränen des -Verdrusses drangen, rief sie verblendet von Schmerz -und dem Reiz jener zerrinnenden Illusion aus: »der -arme Cölestin! es würde ihm ein köstlicher Spaß gewesen -seyn! Du aber wirst ihm mit tiefsinnigem -Ernste einen Kuchen backen, und ein Capitel aus der -Bibel lesen.«</p> - -<p>Fabia erbleichte. Sie sagte schneidend: »dies dürfte -ihm heilsam seyn, wie Dir. So höre nun dies: Die Du -in Wollust lebest und so sicher sitzest, und sprichst in -Deinem Herzen: ich bin's, und Keine mehr. Ich -werde keine Wittwe werden –« die Hand, welche -Fabia auf diese Stelle legte, zitterte stark, und ihre -Stimme wankte, als sie das Wort: »<em class="ge">Wittwe</em>« aussprach, -als läge in diesem Verhältniß jene erschütternde -Beseitigung, die dem Unglimpf freies Spiel erlaubt.</p> - -<p>Aber mit einem Lächeln unsterblichen Leichtsinns -wies Therese den Vorwurf der biblischen Prophezeihung -von sich ab. Sie kannte die Selbständigkeit -der frommen Fabia und ließ sich nicht irren. Statt -des unnützen Gezänks um eine bereits aufgegebene -Sache, warf sie die Last dieser Scene über die Seite, -und sprach: »genug des Aergers. Nochmals, ich verzeihe -<a class="pagenum" id="page_009" title="9"> </a> -Dir, was Du auch gegen mich denken mögest. -Du thust mir leid: denn Du kannst nicht anders.«</p> - -<p>Dieser Ton der Ueberlegenheit eines Gemüths, -welches die schroffe Fabia so tief unter sich glaubte, -steigerte ihre Erbitterung aufs Aeußerste. Sie wollte -sprechen – aber Therese wendete den Fuß, und prallte -an einen jungen Mann, der unbemerkt von den streitenden -Parteien eingetreten war, und nun als Schiedsrichter -vor ihnen stand. – Es war Herr Prälat, der -Administrator des Stiftes, dessen Schwägerinnen wir -in den beiden Damen vorläufig kennen gelernt haben. -Der Zufall hatte es seltsam gefügt, daß ein Mann, -der so hieß, Vorsteher dieses weiland geistlichen Hauses -würde; allein ein Blick auf seine Persönlichkeit -reichte hin, ihn selbst von dem Begriff seines Namens -zu unterscheiden. Diese Gestalt, der eines Großwürdenträgers -der Kirche durchaus nicht ähnlich, ragte -über das gewöhnliche Maß hinaus, und schien von -innerer Thätigkeit zu sehr angeregt, um völlig zu seyn; -das schmale etwas blasse Gesicht hatte mehr den Anschein -einer kränklichen und deshalb enthaltsamen Constitution, -als den eines klosterherrlichen Lebens in <i>bona -pace</i>, und dieses gebietende Auge, obgleich getrübt – -war voll Feuergeist einer andern Tiefe, als des kühlen -dunkeln Lagers, wo die Sonnenkräfte alter Jahre -verschlossen glühen.</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_010" title="10"> </a> -Er schlang seinen Arm mit brüderlicher Traulichkeit -um Theresens schlanken Leib, sie aufzuhalten, und -sprach: »wohin so eilig? Was ist's? Du schweigst, -Fabia? und Dein Auge verbirgt Thränen? ich will -nicht fürchten, daß ein Zwist – stehe Du mir doch -Rede, Therese!« Mit diesen dringenden Fragen flog -der betroffene Blick des Administrators von einer -Schwägerinn zur andern.</p> - -<p>Therese aber strebte fort. Als wünschte sie der -weitern Verantwortung nun los und ledig zu seyn, -entwand sie sich ihm und sprach flüchtig: »es war so -wichtig nicht – lasse es Dir nur von Fabia erzählen.« -Vielleicht war es eine kleine Rache, daß Therese im -sichern Gefühl, für Wessen Sache der Schwager sich -entscheiden würde, den Vortheil des Vortrags Jener -überließ.</p> - -<p>»Nein, bleib!« forderte der Administrator: »so -sprich doch, Fabia! ich will es wissen! werde ich es -nicht erfahren?«</p> - -<p>Mit niedergeschlagenen Augen und gekränkter -Stimme sprach Frau Fabia: »ich muß Dich ersuchen, -mein Bruder, daß Du mich in Zukunft vor Beleidigungen -schützest, die ich länger weder ertragen kann -noch darf. Meine stille Weise will ich immerhin verspotten -lassen; aber das Heiligste soll man mir nicht -antasten. Das greift mich an die Seele.« Sie brach -<a class="pagenum" id="page_011" title="11"> </a> -in heißes Weinen aus, und Fabia weinte selten oder -nie. Des Schwagers Auge traf Theresen. Diese -aber hielt den zürnenden Blitz aus, der nicht zündete, -zuckte vornehm mit den runden Achseln als beklage -sie die Erbärmlichkeit der Anklage, hob den Blick zu -den Wolken der Decke und sprach: »welch ein Aufheben -um Nichts! ich will es Dir in Kürze sagen. -Wir waren am Sonntag Abend bei Gottschalks drüben -fröhlich, führten Sprichwörter, Charaden auf –« -»Erlaube!« fiel hier Fabia ein, mit einem Tone, der -nicht im Klange einer abhängigen Bitte an die Wortführerinn -erging, »das ganze Gebiet üblicher Gemeinplätze -reichte nicht aus für dieses muthwillige Treiben -– denn Narrenspiel will Raum haben – man -suchte ihn auf kirchlichem Boden. Die reiche Sprache -mußte, schnöde genug, eine Benennung hergeben, um -die geistig Armen lächerlich zu machen. Sie spielten: -Wiedertäufer, und das heilige Sacrament ward an -dem Töchterchen der Gerichtshalterinn verhöhnt.«</p> - -<p>»Ich sehe nichts Uebles dabei,« sagte der Administrator -begütigend nach einer kleinen Pause, »jene -rasende Rotte hat die Taufe auf eine frevle Art gemißbraucht.«</p> - -<p>»Ach!« sagte Therese lachend, »von irgend einem -Frevel konnte ja überhaupt die Rede gar nicht seyn. -Wir waren nur lustig, ich versichere Dich, lieber Cölestin, -<a class="pagenum" id="page_012" title="12"> </a> -und der alte Halderich brachte jenes Wort in -Vorschlag. Bei den Sylben: Täufer, sah Gottschalk -als Vierfürst so fürchterlich possirlich aus, daß wir -Alle vor Lachen sterben zu müssen glaubten. Ich, -die Tochter der Herodias, tanzte kosackisch vor ihm – -der starke Punsch war mir ein wenig in den Kopf -gestiegen. Dann costümirten wir uns schweizerisch, -die Gerichtshalterinn brachte eine zinnerne Barbierflasche, -ein Urerbstück – zur Taufkruke herbei, und -an Helene trieb ihr Vater den Teufel der Widerspenstigkeit -und des Muckerns aus, der die Kleine bisweilen -plagen soll. – Wem, ich frage Dich, geschah -nun hierbei ein Leides?«</p> - -<p>»Fabia!« sprach ihr Schwager sanften, tiefen Tones; -er hätte die höchste Vernunft, den Gott des -Friedens selbst mit keiner andern Stimme anrufen -können. Doch Fabia antwortete mit erzwungener -Ruhe: »höre nur weiter! es kommt noch besser.«</p> - -<p>»Ja,« rief Therese leidenschaftlich, »höre nur weiter! -es kommt noch <em class="ge">schlimmer</em>. Es ward immer -hübscher, bei Gottschalks nämlich. Wir kamen mehr -und mehr in den Zug, und endlich auf den Einfall, Dir -zu Deinem Geburtstage künftigen Monat, ein kleines -Schauspiel zu veranstalten. Dieser Plan, einstimmig -aufgenommen, machte uns unsägliches Vergnügen in -der Idee. Doch Fabia, als Schlüsseldame des Hauses, -<a class="pagenum" id="page_013" title="13"> </a> -verweigerte uns zur Ausführung das Local und -ihre Theilnahme. Wir wünschten das grüne Bogenzimmer -für diesen Zweck, und baten, daß sie eine -kleine alte anspruchslose Rolle übernähme.«</p> - -<p>Ein Schatten jugendlicher Prätension veränderte -hier die Züge der ernsten Fabia, welche kalt und -schweigend wie eine Büste zuvor gewesen. Sie warf -einen Blick unaussprechlicher Verachtung auf ihre -Schwägerinn und sprach: »freilich, mit einer Inamorata -warst Du so gütig, mich zu verschonen – die -spielst Du selbst.«</p> - -<p>Therese hielt es vermuthlich nicht für nöthig, darauf -zu antworten. Sie wendete sich zu dem Schwager, -und sagte wie zum Schluß: »Du weißt nun, -worüber wir in Streit geriethen – <em class="ge">mir</em> war er abgemacht.«</p> - -<p>»Und warum warst Du dagegen?« fragte der Administrator -beklommen die Unversöhnte, und abermals -nach einer kleinen peinlichen Pause.</p> - -<p>»Es läuft wider meine Grundsätze,« erwiederte -Fabia finster, und trocknete die Thränen, welche in -einzelnen Tropfen, wie nachfallend einem schweren -Wetter, über ihr Gesicht flossen.</p> - -<p>»O, gute Fabia! Deine Grundsätze sind sehr streng!« -sagte Herr Prälat mit bitterm Lächeln, »wenn wir -solch einen Maßstab an die kleinen Freuden des Lebens -<a class="pagenum" id="page_014" title="14"> </a> -legen wollen, so wird der arme Mensch zu kurz -kommen. Ich sehe nichts Verwerfliches in der ganzen -Sache, wohl aber ein gestörtes Vergnügen, für -dessen Absicht ich dankbar seyn muß. Der Geschmack -am Schauspiel ist ziemlich so alt wie die Welt, und -der Trieb, sich anders zu zeigen, wie er ist, dem Menschen -angeboren.«</p> - -<p>»Leider!« sprach Fabia, »deshalb ist es nothwendig, -daß man ihn bekämpfe. Wir sollen wahrhaft -seyn in Wort und That.«</p> - -<p>»Dies dürfte doch tiefer gemeint seyn, liebe Schwägerinn –« -versetzte der Administrator etwas leise, wie -wenn er die Wirkung dieses Widerspruchs mildern -wolle, »als was man unter der Mummerei einer kleinen -Posse, ja selbst unter dem Versuch begreift, die -Geheimnisse der Schmerzen, die Blöße der Leidenschaften -und der Wunden, die das Schicksal schlägt, -in dem Gewande dramatischer Poesie darzustellen. Der -wahre Gott hüllt sich in die Natur, und wir erkennen -ihn im Innersten unseres Gemüths.«</p> - -<p>»Ja,« fügte Therese mit einem leichten Uebermuthe -hinzu, der wie Champagnerkork auf dem Oberwasser -schwamm, welches sie durch den Beistand ihres Schwagers -gewonnen, »Jesus Christus selbst, ich wette! -würde nichts Arges an unserm Scherz gefunden haben; -die Scheinheiligkeit nur war ihm verhaßt.« -<a class="pagenum" id="page_015" title="15"> </a> -»Und ich erkenne nun,« sagte Fabia, während sie mit -bebenden Fingern eine Immortelle zerpflückte, »daß -es an der Zeit für mich sey, ein Haus zu verlassen, -dessen Freuden ich verkürzte, und dem ich nur in seinen -Vergnügungen störend bin. Ich tauge zu weiter -nichts, als einen einfältigen Kuchen mit Bedacht zu -backen, wie Therese mir vorwarf, und ein Capitel -aus der Bibel zu lesen, deren Sinn ich nicht einmal -verstehe, wie mir so eben bewiesen worden. Ein armseliges -Talent, das meine, gegen die Vorzüge Anderer! -– So will ich denn gehen. Es wird doch irgendwo -ein stilles Plätzchen für mich geben, wo man mit -Arbeit und Gebet Ruhe finden kann für seine Seele.«</p> - -<p>»Gott des Lebens!« rief der Administrator außer -Fassung, »muß es dahin kommen? Wer ist's, der unter -diesem Zwiespalt leidet, als ich? Fabia! hättest Du -Dich jemals über mich beklagen können? – ich achte -jede Individualität, und ehre die Deinige nach Verdienst. -Therese! biete die Hand zuerst, Dir kommt -es zu, Du bist die Jüngere.« »Ich habe es gethan,« -sagte Therese etwas eingeschüchtert von diesem Ausgange, -»ich kam mit gutem Herzen hierher; der Himmel -und Josephine ist mein Zeuge!«</p> - -<p>Der Administrator schien dieser identischen Berufung -Glauben zu schenken. Er sprach: »Du hast -Fabia gewiß nicht kränken wollen. Auf die Comödie -<a class="pagenum" id="page_016" title="16"> </a> -verzichte ich gern; aber liebe Schwestern, laßt das -Band der Eintracht mein Angebinde seyn, so werde -ich mich heute schon wie neugeboren fühlen.« »Es -würde doch nur ein kleines Schauspiel werden,« antwortete -Fabia mit entschlossnem Lächeln, »und Du -weißt, mein Bruder, ich bin ungefügig dazu.«</p> - -<p>»Gehe, Therese!« sagte Herr Prälat, und es schien, -als ob nur größere Zutraulichkeit zu dieser Schwägerinn -sie verweise, »lasse mich mit Fabia allein.« -Therese ging. Alsbald faßte der junge Mann die -runden Arme Fabiens so fest, daß sie an diesem Drucke -die innere Bewegung empfand, in der er sprach. -»Fabia! das konntest Du mir thun? muß ich Dich -an Deine zärtliche Sorge für mich erinnern?– Sieh! -wolltest Du mich verlassen, ich könnte Dich nicht halten; -genug, daß ich mich an das Bewußtseyn hielte, -ich hätte es nicht um Dich verdient.« Fabia war ergriffen, -dennoch sagte sie: »Du behältst ja Theresen –«</p> - -<p>»Ja,« antwortete ihr Schwager, »und ich werde, -was auch geschehe, mein Wort nicht brechen, welches -ich dem Bruder gegeben.«</p> - -<p>Die Entschiedenheit eines Mannes verfehlt nie -ihrer Wirkung auf die Frau, selbst wenn sie verschroben, -oder in minderem Grade weiblich wäre. Die -Erklärung des Schwagers hatte das Eis von Fabiens -<a class="pagenum" id="page_017" title="17"> </a> -starrem Sinne gebrochen. Sie zerschmolz in Thränen, -und sprach: »muß es mich nicht schmerzen, daß -Du ihr alles gut heißest, selbst das, was mich empört? -vergeht wohl ein Tag, ohne daß ich über sie -seufzen müßte? kommt je ein gottesfürchtiger Gedanke -in ihre Seele? kannst Du mir den geringsten reellen -Nutzen nennen, den ihr Daseyn hier hat?«</p> - -<p>»Sie giebt Dir Gelegenheit,« antwortete Herr -Prälat wie mit düsterm Spotte auf die vorwurfsvollen -Fragen seiner Schwägerinn, »Dich in einer der -schönsten christlichen Tugenden zu üben: der Duldung. -Gönne ihr die Luft dieses abgeschiedenen Aufenthaltes; -betrachte sie wie eine Blume, die für kurze Zeit -zwischen diese Mauern verpflanzt ist, und von der -man nichts verlangt, als daß sie ihre Stelle einnimmt.«</p> - -<p>»Man wird keine Trauben lesen von den Dornen –« -entgegnete Fabia tiefathmend. »O! diese -Blume ist giftig –«</p> - -<p>»Nein, gute Fabia! höchstens nur ein wenig betäubend –« -sprach der Administrator und lächelte -zerstreut. »Sey doch nur billig!« fuhr er in ernsterem -Tone fort, »und überlege, wie verschieden von -Dir, Therese ihrem Naturell, ihrer früheren Lebensweise -nach, denken muß, und ungerecht wäre es von -Dir, wenn Du deshalb mit ihr rechten wolltest. Im -<a class="pagenum" id="page_018" title="18"> </a> -Geräusch der Welt erzogen, entbehrt sie hier alle Freuden, -an welche ihre Jugend gewöhnt war. Sie ist -nicht geeignet, sich an irgend eine Pflicht zu binden, -und unter so precairen Umständen erst gar nicht. -Dies hat der Himmel wohl gewußt, und so ist ihre -Ehe seltsam genug ohne Zusammenhang dieses Verhältnisses. -– Ihren kleinen Speculationen stehet landwirthschaftliche -Industrie entgegen; vor den Maschinen, -die den öden Raum von Sanct Capella füllen, -kommen die Neigungen einer jungen lebendigen Frau -nicht an das Brett – und wollte Therese auf Eroberungen -ausgehen: so sähe sie sich von einem invaliden -Kreise umschlossen, der in der schläfrigen -Ruhe des Klosters von seinen Siegen träumt.«</p> - -<p>Fabia antwortete: »o! Therese besiegt auch wachsame -Leute – und übt ihre coquetten Künste vor -sehenden Augen.«</p> - -<p>Ein wundes Lächeln zuckte über das Angesicht -Dessen, welcher der Gegenstand jener feindseligen Bemerkung -war. Er seufzte, legte wie unbewußt die -Hand auf seine linke Seite, als fühle er dort Schmerz, -und sprach: »Fabia! laß uns dies Gespräch enden; -doch vernimm zuvor meine Bitte: mache Theresen -Deine Frömmigkeit liebenswürdig! versuche es einmal -mit freundlicher Güte. Ist nicht Friede mit sich und -Andern die weiche Blüthe der Religiosität? – Denkst -<a class="pagenum" id="page_019" title="19"> </a> -Du nicht, daß es mich betrübe, wenn Jemand gezwungen -wäre, Deinen Werth zu verkennen und Deinen -Glauben dazu, dessen Früchte für ihn zeugen -sollen? flöße Theresen, diesem Kinde an Vernunft – -sanftmüthigen Geistes, die Milch einer besseren Liebe -ein, als welche vielleicht die Nahrung ihrer eitlen -Wünsche gewesen, und stärke sie für das Leben der -Seele. Dann stärkst Du auch mich – und wahrlich, -Fabia! ich bedarf es. Als ich krank war – diese -Zeit, deren ich mich nicht gern erinnern mag, weil -mich mein Befinden noch täglich daran mahnt – -hat mich Dir auf ewig verpflichtet. Du lauschtest, -mir alles an den Augen abzusehen, was mich laben -könnte – willst Du, da ich kaum – kaum genesen -bin, härter gegen mich seyn? erquicke mich durch -Eure Verträglichkeit! ich wollte sonst, ich läge im -Grabe.«</p> - -<p>Diese Worte, in überwallendem Unmuth gesprochen, -waren von zureichendem Einfluß. Fabia reichte -dem brüderlichen Schutzherrn die Hand, und sah ihn -mit bangen Mienen an. Sie sagte besänftiget: »mißkenne -auch Du mich nicht, mein lieber Bruder. Es -ist wohl schwer, in nächster Gemeinschaft auszukommen -mit Dem, der das grade Gegentheil von uns -ist, wie Therese von mir. Was hilft ihr sogenanntes -gutes Herz? es ist nur Temperament. Sie denkt an -<a class="pagenum" id="page_020" title="20"> </a> -nichts Ernstes und Edles; ihre Zeit, dies Capital, -was uns der Herr der Ewigkeit geliehen, wird in -Tand verschwendet. Sie wuchert nur mit ihren -Reizen. Am häuslichen Heerde brennen ihr die Sohlen. -Sie fängt – was ich nun vor den Tod nicht -leiden kann – hundert Arbeiten an, ohne eine zu -vollenden. Der Fleiß erscheint ihr wie eine Frohne, -gegen die sie einen Freibrief zu haben meint. Alle -Ordnung ist ihr lächerliche Pedanterie – jüngst hat -in einer kostbaren Wollestickerei, die sie in den Winkel -geworfen, die Katze Junge gehabt.« Den Administrator -wandelte das Lachen an, aber sein Blick grollte -in Wehmuth, die den Komus dieser Anschuldigung -entkräftete. Er hatte, während ihm Fabia Theresens -Fehler aufzählte, ein paarmal schwer geseufzt, über -die Unart der Frauen, nachdem ein vernünftiger -Mann sie überzeugt zu haben glaubt, ihre Beschwerde -immer wieder zu erneuen. Diese Verdammniß manch -häuslicher Hölle ist gleich der Strafe des Sisyphus. –</p> - -<p>»Und was mir am meisten Kummer verursacht,« -fuhr Fabia fort: »ist, daß ihr Beispiel endlich dem -Kinde, der Josephine, nachtheilig werde, um so mehr, -da es ihr nicht an verführerischen Gaben fehlt. Josephine -spricht ihr, wie wenig sie redet, beständig das -Wort; das ist schon ein übles Zeichen.«</p> - -<p>»O Fabia!« sagte ihr Schwager mit innigem -<a class="pagenum" id="page_021" title="21"> </a> -Tone: »es ist das Zeichen eines heiligen Gemüths, -in dessen Reinheit alle Flecken des Nächsten verschwinden, -einer himmlischen Demuth, die nur an die eigene -Fehle denkt. Die Unschuld beschützt sich selbst. Und -sollte ja durch den nahen Umgang Theresens eine -schädliche Einwirkung auf Josephine zu befürchten -seyn: so wird Deine <em class="ge">Strenge</em>« – Herr Prälat betonte, -was er sagte, und es lag ein leiser Vorwurf in -seiner Accentuation –: »dieser möglichen Gefahr schon -zu begegnen wissen.«</p> - -<p>Fabia erwiederte hierauf: »man kann nicht strenge -genug seyn in Sachen des Gewissens, und das Bewahren -dieses Mädchens ist eine Gewissenssache -für mich.«</p> - -<p>Der Administrator wollte sprechen, da kam ein -Bote, der ihn abrief. Er zögerte zu gehen. Noch -einmal faßte er ihre Hand, sah ihr freundlich ins Gesicht -und sprach: »Du bist also wieder gut? wir scheiden -als Freunde, oder vielmehr wir scheiden nun -nicht? Und Therese?«</p> - -<p>Fabia lächelte. »Ich werde sie versöhnen –« -sagte sie versichernd. Da zog er ihre Hand an seine -Brust, drückte mit heißen Lippen einen Kuß darauf, -und enteilte auf den Ruf seiner Pflicht.</p> - -<p>»Wie stark sein Herz klopfte!« sagte Fabia leise -und ängstlich zu sich selbst, und diese Besorgniß galt -<a class="pagenum" id="page_022" title="22"> </a> -mehr der fieberhaften Wallung des erhitzten Blutes, -als der nervösen Störung, welche diesen Umlauf beschleunigte. -Fabia hatte den zartesten Sinn für den -krankhaften Zustand ihres Schwagers, und zugleich -eine stumpfe Härte in Betreff alles dessen, was seiner -Seele wohl thun könnte. Das kleinste körperliche -Uebel regte ihre wohlwollenden Kräfte ihm abzuhelfen -auf, während sie in kalter Gleichgültigkeit verharrte, -wo sein Inneres litt, wenn es auch in ihrer Macht -gestanden hätte, dieses tiefere Weh zu lindern. Sie -erschöpfte sich in dienstlicher Beflissenheit, indeß es -ihr ein Leichtes gewesen wäre, die bittere Quelle zu -verstopfen. – In diesem Widerspruch lag all der -Egoismus, durch welchen Frauen solcher Art die Wirkung -einer pietistischen Moral verkümmern, wogegen -die Liebe in ihren Fehlern sogar – heilbringend wird.</p> - -<p>Es klopfte sacht an die Thüre, und als Frau -Fabia: »herein!« gesagt, erschien eine ehrwürdige Gestalt, -die einzige noch übrig gebliebene Nonne von -der Gesammtschaft des aufgelös'ten Ordens, welche die -Vergünstigung nachgesucht und empfangen hatte, in -Sanct Capella den Rest ihrer Tage beschließen zu -dürfen. Das fromme Stillleben der Nonne hatte sich -wenig geändert, seit jener Catastrophe, welches die -Verfassung des reich fundirten Klosters stürzte, und -in dem Muth, womit sie als eine einsame Ruine unter -<a class="pagenum" id="page_023" title="23"> </a> -den geweihten Trümmern ihrer Welt begraben zu -werden wünschte, bewährte sich eine wahrhaft hohe -Seele. Schwester Veronica verzehrte hier ihre Pension, -in wunderlicher Zusammenstellung mit einer Anzahl -Offiziere, die eben so die Mittel zu ihrer Subsistenz -in einem Gnadengehalt aus der Staatscasse -erhielten. Der Administrator, ein guter Cameralist, -hatte die glückliche Idee gehabt, einen Theil dieser -Zuflüsse in die Einkünfte des Stiftes zu leiten, worin -die kleineren Wohnzimmer und größeren Säle des -weitläuftigen Gebäudes für solch einen Zweck zu benutzen -wären, und seit Herr Prälat mit Genehmigung -der Behörde dies in öffentlichen Vorschlag gebracht, -hatten sich zwölf ausgediente Krieger gefunden, welche -alle unter einander bekannt, dies Anerbieten mit Freuden -ergriffen, und den politischen Streit weltlicher -Interessen gegen die friedliche Geselligkeit eines Invalidenhauses -aufgaben, das ihnen kaum reizender -gelegen seyn konnte. So mischte sich denn das Geräusch -manch welken Lorbeers mit den stillen Schatten -der klösterlichen Palme von Sanct Capella. – -Dieser militairische Club bestand nun neben dem Familienleben -des Administrators, neben der Clausur der -geistlichen Jungfrau, ohne daß diese verschiedenartigen -Verhältnisse durchaus umgänglich geworden wären. -Zwar hatte der junge Prälat unter den alten Offizieren -<a class="pagenum" id="page_024" title="24"> </a> -Einige, die seine Achtung von den Uebrigen -sonderte, auch einen Freund –; aber diese Auszeichnung -that weder dem guten Vernehmen mit Allen, -noch der Zurückhaltung Eintrag, die er im Ganzen -beobachtete. Auch war sein Wirkungskreis sehr groß -und forderte all seine Zeit, und für die wenigen Stunden -der Muße, welche ihm vergönnt waren, sprach -das Bedürfniß mächtig in ihm an, sich wissenschaftlich -zu beschäftigen. Und mitten unter diesem invaliden -Ruhestande, der doch zuweilen, alter Gewohnheit -nach, ein lärmender Aufstand wurde, wenn auch der -renommirende Säbel in friedsamer Scheide stack – -mitten unter der rastlosen Geschäftslosigkeit des Administrators -und seiner Leute – war die Wohnung -der Schwester Veronica, gleich einer Einsiedelei zu -betrachten, worin sie, wie die Schutzheilige des Hauses, -Segen durch ihre fromme, lautlose Gegenwart verbreitete. -Sie hatte sich den Schwägerinnen des Herrn -Prälaten herzlich befreundet, wie dem Stiftsverweser -selbst, Josephine war ihr Liebling – dennoch geschah -es nur selten, daß ihr Besuch in dem Flügel gesehen -wurde, den der Administrator mit den Seinen bewohnte. -Doch so oft Jemand in dieser Familie krank -war, ob am Leibe, oder an der Seele – und es war, -als ob die Nonne es durch Inspiration erführe, wo -ihr Rath, ihr Trost nöthig sey – kam sie ungerufen, -<a class="pagenum" id="page_025" title="25"> </a> -und man war daran gewöhnt, das milde Gefühl der -Theilnahme an ihr Erscheinen zu knüpfen. Dazu trug -selbst ihr <em class="ge">Aeußeres</em> bei. Schwester Veronica hatte -mit Ergebung die ihr liebgewordene Tracht der Ordensregel -aufgegeben; aber ihr einfacher Anzug näherte -sich derselben so sehr als möglich. Ein Schleier der -Weltentsagung wallte unsichtbar nieder an dieser Gestalt, -welche, trotz der Bürde von siebenzig Jahren und -mancher beugenden Erfahrung, sich vollkommen aufrecht -erhalten hatte. Ihre Stimme tönte rein und -sanft, wie in leisen Nachklängen der Hora – und in -dem Tiefblick ihrer Augen glomm noch ein schwacher -schwärmerischer Funken jener ewigen Lampe, womit sie -einst in nächtlicher Stunde dem himmlischen Bräutigam -entgegen gegangen war. Lichtvolle Klarheit war -über die Züge der Nonne ausgegossen, wie wenn blasser -Mondschein einen stillen Abend erhellt. Und wie die -Zeit dieses langen Lebens in gleichförmiger Ruhe vergangen -war: so hatte sie auch nur unmerkliche Spuren -nachgelassen. Zwei Reihen wohlerhaltener Zähne -stützten wie eine elfenbeinerne Doppelmauer den Mund, -dem nie ein liebloses Wort entschlüpfte, und der noch -eines heitern Lächelns fähig war, gegen den Einfall -des Alters. Wenn Schwester Veronica mit sachtgewöhntem -Fuß durch die wüsten Gänge schlich, und ein -bestiefelter Schritt ihr dröhnend begegnete: dann salutirte -<a class="pagenum" id="page_026" title="26"> </a> -der Offizier in kirchlicher Ehrerbietung, und -wechselte gewiß ein paar Worte, welche die Nonne -immer freundselig, ja oftmals scherzend erwiederte.</p> - -<p>Wir wenden uns nun wieder zu dem Eintritt -der Nonne. »Guten Morgen, Frau Fabia!« sagte die -Conventualinn, und es bleibt zu errathen, ob sie die -trauliche Benennung des Vornamens in klösterlicher -Sitte beibehalten, oder als Vorrecht der Freundschaft -für die beiden jüngeren Frauen angenommen hatte. – -Ueber Fabiens verdüsterte Züge flog ein bewillkommendes -Lächeln. Sie nahm den guten Geist mit Freuden -auf; nur der Blick, der noch naß glänzte, ward dem -Gruße vorenthalten, daß Schwester Veronica die thränengeschwollenen -Augen nicht sähe.</p> - -<p>»Ein goldener Tag!« sagte die Nonne, und ihre -feine Wange brannte wie glimmende Kohlen, »die -Sonne scheint so schön und blaß wie eine Braut. -Man fühlt sein Herz ordentlich erwärmt. Doch – -sehe ich recht? warum denn so betrübt, Frau Fabia? -ich will nicht fürchten, daß ein Unglück – –.«</p> - -<p>Bei diesen antheilvollen Worten schüttelte Fabia -leise mit dem Kopfe. Sie antwortete mit wehmuthzitternden -Lippen: »es giebt zuweilen etwas; kein -Himmel ist so hell, daß er nicht einmal weinte – -und den Himmel auf Erden – glauben Sie es mir, -Schwester Veronica! den habe ich grade nicht.«</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_027" title="27"> </a> -»Wer hätte den!« erwiederte die Nonne mit aufwärts -gehobenem Blicke, der in die Tiefe menschlicher -Erfahrungen schauen ließ. »Wir können nur darnach -ringen. Und diese Kraft kommt auch von Gott. -Thränen fallen wie Thau in der Nacht: sie erfrischen. -Der Kummer, auch der längste, gehet endlich vorüber – -Ich kenne nur ein Elend, welches bis in Ewigkeit dauert, -und das ist der Unfriede.«</p> - -<p>Fabia nickte; erschauernd wie im Frösteln eines verweinten -Gefühls und dieser Vorstellung sprach sie: -»warum sollte ich es Ihnen nicht sagen? ich hatte -mich mit Theresen verzürnt, der Bruder ward in -den Streit gezogen, er war wie gewöhnlich auf -ihrer Seite. Das kränkte mich. Wer ist's, der für -ihn sorgt? ihn pflegt und sein Bestes wahrnimmt? – -Therese nimmt keine Notiz von diesen Pflichten einer -rechtschaffenen Schwägerinn und ihn nur durch flatterhaften -Leichtsinn für sich ein. Ich wollte fort – -man säet ja doch nur auf den Wind.«</p> - -<p>»Der Dank, Frau Fabia,« entgegnete die Nonne, -»ist eine Ernte, die man unbewußt ausstreut, ein -Lohn, auf den man nie rechnen darf, eine überraschende -Freude, wie eine Blume auf dem Felsen: denn sie -wurzelt nur in starken Herzen. Der wackere Administrator -scheint mir jedoch sehr wohl zu erkennen, -was er an Ihnen hat, wenn er sich auch der jungen -<a class="pagenum" id="page_028" title="28"> </a> -Frau seines Bruders gleichfalls zuneigt. Bin ich doch -selbst der lieben Therese herzlich gut. Ach! ich betrachte -sie nie ohne Mitleid.«</p> - -<p>»<em class="ge">Mitleid?</em>« fragte Frau Fabia mehr mit einem -Anfluge von Kälte, als der Verwunderung: »und worin -wäre Therese zu bedauern?«</p> - -<p>»Solch glücklichem Leichtsinn,« versetzte die Nonne -mit weicher Stimme, »ist häufig ein schweres Schicksal -zu tragen beschieden. Sie thut mir leid, die -holde, hübsche Frau! es ist keine böse Ader in ihr, -wenn auch die Pulse hüpfen.«</p> - -<p>Fabia schwieg, und Schwester Veronica, als ob -sie mit sich selbst redete, fuhr fort: »es ist seltsam, -Jeder wünscht sich etwas Anderes, als was er besitzt, -tadelt nebenher fremde Eigenthümlichkeit: und wir -Alle haben, was wir brauchen. Ausgerüstet für unsere -Bestimmung, treten wir in den Kampf der Welt, und -an dem Keime unserer Neigungen und wie sich diese -entwickeln: daran wäre die Frucht unseres Lebens, ach, -die bittere oft! zu erkennen, wenn wir fleißiger nach -Innen blickten. Die beschauliche Stille des Klosters -führt auf solche Betrachtungen.«</p> - -<p>»Der Klosterzwang hatte auch sein Gutes,« sagte -Fabia mit einem Seufzer über die Willkür, unter -der sie zu leiden wähnte, »und was man immer davon -sagen mag, bis auf einen gewissen Punkt hält er -<a class="pagenum" id="page_029" title="29"> </a> -doch zusammen. Wo aber die Meinungen so durchaus -verschieden sind in Sachen der Seele und Seligkeit, -auf der Höhe der wahre Gott angebetet wird, -unten aber dem Baal geopfert –« Fabia stockte und -sprach nicht vollends aus.</p> - -<p><em class="ge">Wie</em> lächelte die Nonne bei dieser Rede! Sie antwortete -mit verhaltenem Tone: »unser Kloster ist nicht -mehr – sein Altar steht nur noch in meinem Herzen; -dennoch Frau Fabia, wenn ich der Wahrheit die Ehre -geben will: so muß ich bekennen, der Friede ward -hier nicht gefunden, sondern nur gesucht, und höchstens -<em class="ge">gelernt</em>. Wir Alle müssen Geduld mit einander haben. -Und wie von den tausendmal tausend Ehen, die -auf Erden geschlossen werden, jedes Mägdlein sich den -Verlobten aus eigener Liebe oder besondern Gründen -nimmt: so ist auch der Herr jedweder Seele, die -sich ihm weihet, ein Anderer. Der Schleier hüllt -nicht immer das Heil derselben ein – viel öfterer ein -Herz voll Wunden – und die einsame Zelle verbirgt -zuweilen einen Stachel, der sich selbst zu Tode trifft. -Wenn die Menschen große Prüfungen herbei ziehen -wollen: so dürfen sie nur Zank und Zwistigkeit über -ein Geringes erheben. Manchmal dachte ich: es muß -ein Unglück kommen, und es kam. Da fühlten wir -das Band unserer Verbindung, und der Riß ging -durch das Leben.«</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_030" title="30"> </a> -Während Schwester Veronica also sprach, hatte -Frau Fabia sich mit der nun fertigen Guirlande, die -sie wie ein Feston schwebend trug, dem Bilde Martin -Luthers genähert, um diesen Schmuck daran zu befestigen. -Das Blumengewinde, von seiner eigenen -Wucht niedergezogen, glitt abwärts, ehe Fabia es dem -Rahmen anpassen konnte, und die Nonne daneben -leistete ihr mit freundlicher Toleranz Beistand, den -Mönch von Wittenberg zu bekränzen. Diese Huldigung -ward von Seiten Fabiens emsig, doch schweigend -dargebracht. Auch Schwester Veronica verstummte, -und richtete den Blick starr auf das Portrait, welches -einer andern Erinnerung aufhalf, als der, die sie großmüthig -zu vergessen schien.</p> - -<p>»Warum ich eigentlich gekommen bin –« sagte -sie mit einem gastlichen Geheimniß in der Miene: -»man geräth ins Plaudern und ein altes Gedächtniß -wird schwach. Sie haben mir versprochen, mich zu -besuchen, Frau Fabia, mit Josephine – und Theresen! -So lade ich Sie hiermit ein, auf eine Schale -Thee, um fünf Uhr, wenn Sie so gütig seyn wollen. -Ich bin am Feuer gewesen, Sie sehen es mir noch an. -Meine lieben Gäste, auf die ich hoffe, zu bewirthen, -habe ich Olyppen gerollt und mürbe Schneetörtchen -ausgesetzt, mit Kirschmuß gefüllt, weil ich weiß, Sie -mögen dies Gebäck gern.«</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_031" title="31"> </a> -»Kirschmuß?« fragte Fabia zerstreut doch dankbar, -und der schwarze Groll in ihrem Herzen war unterdessen -in Süßigkeit zergangen. Der Gedanke rührte -sie, die Nonne wolle ihr, ob auch verschwiegenermaßen, -doch nach echtcatholischer Weise, den Namenstag -des Reformators feiern – eine Selbstverleugnung, -der die lutherische Fabia schwerlich fähig gewesen -wäre. Sie antwortete demnach: »Ihre Güte beschämt -mich, Schwester Veronica; ich nehme, was -mich betrifft, die Einladung mit Vergnügen an, doch -würde ich auch zu jeder andern Zeit – – –.«</p> - -<p>»Nein,« erwiederte die Nonne sanft beharrend: -»warum also nicht heute? Sanct Martin will auch -sein Recht haben. Es hat große Männer dieses Namens -gegeben. Papst Martin der Fünfte ritt ein -weißes Roß – daher vielleicht das volksthümliche -Sprüchwort: Sanct Martin kommt auf dem Schimmel; -was so viel sagen will, als: daß oftmals zu -Martin der erste Schnee fällt. Von meiner Kindheit -her war dieser Tag mir immer eine kleine winterliche -Vorfeier des heiligen Abends; ich jauchzte, -wenn die ersten Flocken die stille Luft einschleierten; -dann ward es mir so traut und heimlich düster im -Zimmer, ich schmiegte mich in meinen Winkel, spielte -Kloster und betete das Christkind an, vor dem -ein Paar kleine Lichter brannten. Die Mutter -<a class="pagenum" id="page_032" title="32"> </a> -schenkte mir deshalb stets den angemalten Wachsstock -voraus.«</p> - -<p>Bei dieser Rückerinnerung lächelte die alte Nonne -fast kindlich. Sie glich in diesem Augenblicke einem -Wachsbilde.</p> - -<p>Frau Fabia aber fragte nachdenklich: »war jener -Papst, dessen sie erwähnen, mit dem heiligen Martin, -den Ihre Kirche verehrt, Eine Person?«</p> - -<p>Schwester Veronica verneinte es und sprach: »der -sogenannte heilige Martin war ein Muster aller Tugend, -ob zwar ein geborner Heide. Er schenkte einst -einem Armen, der ihm in erbarmungswürdiger Blöße -unter den Thoren von Amiens begegnete, die Hälfte -seines eigenen dürftigen Kleides. In der folgenden -Nacht erschien ihm der Heiland, und der göttliche Leib -war bedeckt mit diesem halben Gewande. Doch dieses -dünne düstere Grau hing in den schönsten Farben zusammen -geflossen über der Schulter des Gekreuzigten, -wie ein Regenbogen am Himmel; Glanz erfüllte das -Gemach –« die Augen der Nonne schimmerten.</p> - -<p>»Der mildthätige Mann,« entgegnete Frau Fabia, -»wird an die Worte der Verheißung gedacht haben: -was dem Geringsten meiner Brüder geschieht, soll -mir gethan seyn.«</p> - -<p>»Noch war er nicht getauft; aber es geschah alsbald,« -antwortete die Conventualinn, welche ihren -<a class="pagenum" id="page_033" title="33"> </a> -frommen Wunderglauben durch diese biblische Erklärung -angegriffen sah. Der Gedanke an den Unterschied ihrer -religiösen Meinungen drängte sich in die Lücke -des Gesprächs, dann fügte Schwester Veronica hinzu: -»auch Martin von Amboise war ein berühmter -Mann –.«</p> - -<p>Frau Fabia erstaunte nicht wenig, diesen Namen, der -in den tiefsten Saiten ihres Herzens Anklang fand, -aus diesem Munde zu hören.</p> - -<p>Die Nonne war im Begriff zu gehen, vielleicht -fürchtete sie auch nur abzuhalten. Personen, welche die -meiste Zeit haben, machen in der Regel die kürzesten -Besuche und sind überall eilfertig. »Um fünf Uhr, -Frau Fabia, ich bitte!« sagte sie, bereits an der -Schwelle, »und Therese?«</p> - -<p>Mit dieser Frage schien sich heute jede Unterredung -für Fabia zu schließen. Sie sprach: »ich werde -ihr die Einladung mittheilen und meinen Wunsch, -daß wir als gute Freunde zu Ihnen kommen.«</p> - -<p>Schwester Veronica lächelte friedselig zu diesem Versprechen. -Sie nickte noch einmal und verschwand.</p> - -<p>Während dieser Unterhaltung war der Administrator, -sobald das Geschäft welches seine Gegenwart erfordert -fordert hatte, beseitiget worden, mit starken Schritten -allein in seinem Zimmer auf und nieder gegangen. -Da trat Major Feldmeister bei ihm ein, Einer der -<a class="pagenum" id="page_034" title="34"> </a> -pensionirten Offiziere, ein Hausgenosse des Stiftsverwesers, -und diesem der liebste. Nicht der Krieg hatte -den wackern Ingenieur zum Invaliden gemacht, oder -die höhern Jahre, in denen er stand; er war bei einer -Uebung der Artillerie gelähmt worden.</p> - -<p>»<i>Bon jour</i>, Freundchen! störe ich?« rief der alte -Feldmeister, indem er sich langsam durch die Thür -schob; dicht neben ihm drängte sich sein großer Pudel -von infernalischer Schwärze, heran: gleichsam der -Dritte in diesem Bunde.</p> - -<p>Der Administrator begrüßte den Besuch wie einen -gern gesehenen, und streichelte den Faust, so hieß der -Hund – der Täufling eines Kraftgenies, das weder -an Göthe noch Klingemann, oder irgend einer Klinge -Anstand genommen hätte, den Schwarzkünstler in seiner -Art, also zu benennen. »Schön, aber verteufelt -kalt heute!« bemerkte der Major, und glitt ein wenig -wankend und mit einem Zuge von Schmerz um den -eingekniffenen Mund in einen nahen Sessel.</p> - -<p>»Ich wollte nur –« sagte er tiefathmend, »ich -hatte mit Ihnen zu sprechen, ehe ich am Ende sitzen -bleibe im Winterquartier: denn seit gestern, wo ich, -wie Sie wissen, noch in Leidthal war, verspüre ich -Gichter im Knöchel.« Der Pudel entzog sich der Liebkosung -des Administrators, und lagerte sich zu den -Füßen seines Herrn, den zottigen Umhang des Ohres -<a class="pagenum" id="page_035" title="35"> </a> -an die kranke Stelle geschmiegt, als wolle er das leiseste -Necken heraus hören, und mit einem drohenden -Blicke höllischer Melancholie in den röthlichumzogenen -Augen knurrte er vor sich hin, als wolle er dem Weh, -welches der Major männlich verbiß, rathen, nicht allzu -nahe zu kommen: denn ein Funken himmlischer Treue -belebte diese hündische Seele.</p> - -<p>»Es wird hoffentlich nur ein wenig Rheuma seyn,« -erwiederte der Administrator tröstend auf jene Klage, -»ein gelinder Schweiß hilft es heben,« dabei trocknete -er sich die Stirne, und verbarg eine verstörte -Miene in dem feinen Tuche.</p> - -<p>»Wie es scheint, Freundchen,« sagte der Major -und lächelte: »sind Sie selbst in Transpiration – -oder in Angst? das verhüte Gott!«</p> - -<p>»Die Weiber haben mir den Kopf warm gemacht« -– sprach Jener heftig: »es kostet Kampf, mit -ihnen fertig zu werden.« Bei diesen Worten rückte er -ein Kästchen mit Cigarren dem Gast zur Hand, und -drehete den Hahn an der Maschine von Wasserstoffgas -wie mit zürnender Vollkraft, daß der Strahl erschrocken -heraus sprang. Es geschah dies mit unbewußtem -Nachdruck des Gedankens, er sehe sich genöthiget, -ihnen den Daumen aufs Auge zu drücken.</p> - -<p>»Glaub's gern,« antwortete der Major gleichmüthig, -und schickte sich ohne Umstände zum Rauchen -<a class="pagenum" id="page_036" title="36"> </a> -an. »Man hat mit Einer zu thun. Sie stecken mir -da wahrhaftig in jedem Sinne ein Licht auf. Oft -schon habe ich gedacht, wie Sie nur Friede erhalten -mögen unter den Frauen? Feuer und Wasser sind -nicht so verschieden wie diese Beiden, und Josephine« -– der Blick des Majors streifte den gläsernen -Globen – »ist ein Kind des Lichts, eine Tochter der -Lust, so zu sagen: denn man weiß nicht, woher? von -wannen? genug, die Kleine ist Gott Vaters Ebenbild -– und die Frau Schwägerinn eine wackere Stiefmutter.«</p> - -<p>Herr Prälat schien das Letztgesagte nicht vernommen -zu haben. Er starrte vor sich hin, als dächte er -diesem zweideutigen Lobe nach. Der Major fuhr fort: -»wenn es denn irrdischen Eigenschaften nachgeht: so -muß Frau Fabia einst Schaffnerinn im Himmel werden. -Sie ist eine treffliche Wirthinn, das muß wahr -seyn. Und diese Ordnung, diese Stille – aber Freundchen, -der Mensch lebt nicht von Brod allein. Wenn -Sie nun heirathen? wird eine Frau sich dies Regime -gefallen lassen? und eine so hübsche Mitregentinn wie -Therese dazu? schwerlich. Sie dächte wohl, Jene führte -den Scepter im <em class="ge">Hause</em>, Diese trüge die Reichs-Insignien -im <em class="ge">Herzen</em> des Mannes, und so wäre sie -nur gleichsam eine Schattenköniginn.«</p> - -<p>»Es wird nicht geschehen,« versetzte der Administrator -<a class="pagenum" id="page_037" title="37"> </a> -halblaut, ohne sich deutlicher zu erklären, ob -er das Heirathen, oder diese Vertragsamkeit meine.</p> - -<p>»Es taugt nicht,« fuhr, nun im Zuge, der alte -Feldmeister fort: »sich vor der Zeit mit Familien-Verhältnissen -zu befassen. Frei muß der Mann seyn, -ehe er freit! eine ganze Sippschaft Vettern und Basen -rückt ihm mit dem Hochzeittage auf den Hals. Meine -selige Frau hatte keine Geschwister, und kaum war ich -ein Jahr mit ihr verheirathet: so däuchte es mir, ich -hätte das leibliche Kind der Mutter Eva zum Weibe -genommen: denn das Menschengeschlecht kam, und -wollte mit mir verwandt seyn.«</p> - -<p>»Mein Schicksal ist ein Schlangenknoten, schon um -meine Wiege geschürzt,« entgegnete der Administrator -düster: »und wenn ich den Lauf meines Lebens überdenke: -so scheint es mir, ich sey bestimmt, unter falschen -Maximen zu leiden. Urtheilen Sie selbst!«</p> - -<p>Herr Prälat war in einer jener Stimmungen, -welche dem nächsten Zufall den Schlüssel giebt, auch -ein verschlossenes Herz zu öffnen. Zumal war dies -Herz gepresst wie noch nie; er kannte den Major als -einen wackern Mann, und so genügte er dem Bedürfniß -des Vertrauens. Indem er eine Tabackpfeife -ergriff und lächelnd den Kopf des Mustapha, genannt -der Fahnenträger, betrachtete, sagte er: »kein Unterschied -des Glaubens, kein religiöses Vorurtheil, und -<a class="pagenum" id="page_038" title="38"> </a> -was aus dieser oder jener Gattung für das Leben -hervorgeht, ist mir fremd geblieben, den Islam -ausgenommen –« hier knurrte Faust, und schnappte -wie nach dem Schall dieses Wortes.</p> - -<p>Der Administrator setzte sich dicht an die Seite -des Majors und sprach: »Mein Vater soll ein Freigeist -gewesen seyn – ich will es nicht bezweifeln: denn der -Gott in meiner Brust war kein kindliches Erbe, sondern -der Segen der Natur. Ziemlich jung noch hatte -er eine Wittwe geheirathet, die bedeutend älter war.«</p> - -<p>»Taugt nicht, Freundchen,« schaltete der Major -ein, und Jener fuhr fort: »diesmal taugte es wirklich -nicht, obwohl ich sonst schon gesehen habe, daß -dessenungeachtet das Glück einer Verbindung bestehen -kann. Ein wesentliches Mißverhältniß entgegengesetzter -Art machte diese Ehe unglücklich. Die Frau war -coquett und lebenslustig für ihre Jahre, mein Vater -weltsatt und ungesellig für die seinigen. So gab es -keinen Einklang zwischen ihren Meinungen, und endlich -nur den einer Scheidestunde. Sie trennten ein -Band gesetzlich, was bereits unauflöslich war: denn -meines Vaters Frau sollte nach längerer Zeit ihrer -Verheirathung jetzt Mutter werden. Der Verdacht der -Untreue, der meinen Vater bestimmte, sich unter diesen -Umständen von seiner Gattinn loszusagen, muß durch -dringende Beweismittel unterstützt worden seyn: denn -<a class="pagenum" id="page_039" title="39"> </a> -er ward von Seiten der Behörden nicht verpflichtet, -sich ihrer weiter anzunehmen, oder für das Kind zu -sorgen. In öder Vereinzelung ging ihm nun ein langer -Zeitraum hin. Er war ein ältlicher Mann geworden, -da kam ihm der Gedanke, sich wieder zu verehlichen, -und er wählte ein blutjunges Mädchen, meine -liebe Mutter.«</p> - -<p>Der Administrator hielt inne und seufzte tief.</p> - -<p>»Taugt wieder nichts,« brummte der Major sich -in den Bart: »hätte ihn nicht nehmen sollen, die arme -Kleine.«</p> - -<p>»Mein Vater war wohlhabend – und meine Mutter -eine abhängige Waise,« versetzte ihr Sohn mit gebundenem -Athem: »Gott trat in's Mittel – meine -Geburt gab ihr den Tod.«</p> - -<p>»Armer Freund!« sagte der Major weich: »so haben -Sie das Treueste auf Erden nicht gekannt.«</p> - -<p>Der Administrator schwieg einen langen Moment -und fuhr dann fort: »mit einer wahren Todesverachtung -wiederholter Trennungen heirathete mein Vater -alsbald zum drittenmal. Ich war als ein schwächliches -Kind, was mühsam behandelt werden mußte, -zu der Schwester meines Vaters gekommen, der Frau -eines Predigers auf dem Lande. Einst ward ich aus -einem harmlosen Spiel empor gerissen, es hieß: der -<a class="pagenum" id="page_040" title="40"> </a> -alte Schreiber meines Vaters wäre da, mich zu holen; -mein Vater läge im Sterben, und wolle mich noch -<em class="ge">einmal</em> sehen. Lieber Gott! er hatte mich noch <em class="ge">niemals</em> -gesehen, seit ich denken konnte. Man kleidete -mich an, ein ärmlicher Flechtenwagen hielt vor der -Pfarre; ich ward hinein geworfen. Die verschrumpfte -Gestalt des Schreibers saß neben mir, oder lag vielmehr -wie eine faule Birne auf dem Stroh. Er schlief -den ganzen Weg, ich wachte mit regen Sinnen, Bäume -und Berge flogen an mir vorüber – die Reise war -mir wie ein wüster Traum. – Die Scene meines -Empfangs schwebt auf jede Weise dunkel vor meinem -Gedächtniß. Das Krankenzimmer öffnete sich mir. -Eine spanische Wand verbarg das Bett, worin der -Vater lag, und dem Sterbenden einen bittern Anblick. -Eine hochbusige Frau probirte eine schwarze -Florhaube vor dem Spiegel, der dieses eitle Bild der -Trauer verdoppelte. Ein schöner etwa dreijähriger -Knabe saß auf dem Boden und stieß, als ich eintrat, -in eine kleine Trompete von Blech, als wolle er der -Herold meiner Ankunft werden, und als fände nicht die -geringste Berücksichtigung Statt, welche die Achtung der -Stille erheischte. Welche Macht über die Erinnerung -üben Kleinigkeiten aus! glauben Sie es wohl, Major? -vor jenem gellenden, schrillenden Hall sinken, wie -einst zu Jericho – noch heut die Mauern meiner Seele -<a class="pagenum" id="page_041" title="41"> </a> -ein, und ein Gedanke dieses Augenblicks voll Grauen, -voll Schmerz, durchdringt mich.«</p> - -<p>Der Major nickte zweimal, als kenne er das -und Aehnliches.</p> - -<p>»Ich trat verdutzt« erzählte Herr Prälat weiter: -»an das Lager meines Vaters, mit einer dumpfen -Empfindung von Mitleid, Angst und Ehrfurcht, nicht -unähnlich der, womit man sich zum erstenmal dem -sogenannten heiligen Grabe nähert. Er lag wie ein -<i>Ecce homo</i> darin. Seine Augen waren umflort, und -ruhten schon in der tiefen Höhle des Todes, seine -Glieder ohne Leben wie von bleichem Holz. Er reichte -mir mit letzter Anstrengung die feuchte schwere -Hand. Am andern Morgen sagte man, mein Vater -wäre gestorben. Es war ein großes Begräbniß, ich -ging unbetrübt hinter seinem Sarge, kindlich stolz, -das erstemal öffentlich aufzuziehen. Meine Verwandten -waren auch gekommen; des andern Tages war ein -großer Zank; ich erinnre mich, daß meine Tante ein -niederschlagendes Pulver nahm. Sie war eine robuste -Frau und stets gesund, nie kam ein Arzt über die -Schwelle des Pfarrhauses: so gab dies unschuldige -Präservativ mir den Begriff einer ungeheuern Alteration. -Mein Oheim besaß mit seiner Pfarrstelle eine -Widmut, auf der ich mir die ersten Kenntnisse der -Oekonomie spielend erworben habe. Meine Tante war -<a class="pagenum" id="page_042" title="42"> </a> -mit Leib und Seele Landwirthinn; das liebe Vieh gehörte -gleichsam zu unserer Familie. Sie hatte ein eigenes -Idiom, sich jedem Geschlecht ihrer Hofhaltung -verständlich zu machen. Es heißt gewiß ihrer Sorgfalt -für mich den größten Ruhm beilegen, wenn ich -sage: sie habe mich mit diesen Pfleglingen in eine -Cathegorie gestellt. Das ist deine Amme gewesen, Cölestin! -sagte sie und deutete auf eine schwarz und weiß -gefleckte Kuh, die vergessend ihrer Segnung, an mir -vorüber schwenkte. Ein ägyptischer Schauer rieselte -dann durch meine junge Seele; die Tante, obgleich sie -eine wackere Christinn war, hätte es, glaube ich, gutgeheißen, -wenn man den Sultan Wampum der Heerde -auf Knieen verehrt hätte. Standen wir an lauen -Sommerabenden am Wasser, und eine Henne lief mit -dem Glucken der Angst vor Gefahr am Ufer hin und -her, weil die zarten Entlein, die sie ausgebrütet, -ihre ersten Schwimmversuche machten – so sagte die -Tante: das ist eine bessere Stiefmutter als Deine, -armer Junge! – Dann ward mir so sonderbar weh -zu Muthe, und ich wünschte mich hinab in den dunkeln -Teich, wo er am tiefsten ist. Mit welcher Empfindung -belauschte ich, ein Knabe noch! die geheimnißvolle -Zärtlichkeit in einem Schwalbenneste! das Zwitschern -des mütterlichen Vogels war mir wie der magische -Laut einer Welt, aus der ich verstoßen wäre; -<a class="pagenum" id="page_043" title="43"> </a> -das geringste Geschöpf schien mir neidenswerth, welches -mir Kunde geben könnte von jener Heimath, nach -der ich mich sehnte, ohne sie zu kennen. Das Gefühl -<em class="ge">schützender Liebe, wie die Natur sie lehrt</em>, -wurde zu einer Grundidee in mir, zu einem Princip, -welches später meine Handlungen leitete.«</p> - -<p>»Armer Freund!« sagte der Major abermals mit -Blicken voll rauhen Mitleids, und ein leiser Ingrimm -zuckte in seinen Mundwinkeln, als er eine neue Cigarre -abknirschte, »so hatte die Tante kein Herz für Sie?«</p> - -<p>»Ein Herz wohl,« antwortete Jener, »aber nur -für meinen Leib, nicht für meine Seele. Der äußere -Bedarf galt ihr alles, wie das häufig bei Frauen -dieser Art der Fall ist. Sie hatte eigene Kinder gehabt; -vielleicht war die Stelle dieses Verlustes zu -lange schon vernarbt – und Narben werden Härten.«</p> - -<p>»Nun, und der Oheim?« fragte der Major theilnehmend -weiter.</p> - -<p>»Mein Oheim,« erwiederte der Administrator mit sinnendem -Auge, »war ein liebenswürdiger Greis von einer -wahrhaft patriarchalischen Einfalt der Sitten. Seltsam! -wie ein so schlichter charakterfester Mann sich in die -künstlichen Folgerungen eines Systems verwickeln können, -so daß er mit sich selbst im Kampfe lag. Er war -ein geheimer Anhänger Mesmers, und ging im Forschen -der wunderreichen Kräfte, welche dieser Producent -<a class="pagenum" id="page_044" title="44"> </a> -zum Wohl der Menschheit darthat, weit genug, -um bis an die Quellen der christlichen Offenbarung -zu dringen. So hielt er den Messias für einen außerordentlichen -Magnetiseur, den Tod am Kreuze für -Somnambulismus, die Jünger für Hülfsärzte pro Secundo -– und jede That des Heils für eine Wirkung -dieser mysteriösen Kraft. – Wohin verirrt sich oftmals -ein reger, nicht genugsam beschäftigter Geist! -Das Consistorium mogte schwerlich eine Ahnung davon -haben: denn mein Oheim galt für ein Muster -lutherischer Seelsorge und des unverfälschten Glaubens. -Doch um die Göttlichkeit seiner Lehre war es gethan. -Der Schmerz des Wissens, der Durst nach Wahrheit -gab seinen Vorträgen eine Inbrunst, die sich seinen -Zuhörern mittheilte. Das Zutrauen, dessen er genoß, -grenzte an Wundergläubigkeit und erstreckte sich weit -über die Feldmarken seiner Diöcese hinaus. Er ward -verfolgt vom Neide seiner Amtsbrüder. Nach seinem -Tode fanden wir ganze Bündel Schmähschriften der -benachbarten Geistlichen an ihn, die er mit ordnender -Ruhe unter Rubriken der Gehässigkeit gebracht hatte. -Ein kleiner Auftritt ist mir eingedenk geblieben. Eines -Sonntags nach dem Gottesdienst kam eine Fischersfrau, -die zwei Meilen von unserm Dorfe am -Ufer des Flusses wohnte, weinend zu meiner Tante. -Der Mann wartete draußen. Diese Leute scheueten -<a class="pagenum" id="page_045" title="45"> </a> -den langen Weg nicht, um eine Predigt in der hiesigen -Kirche zu hören, wo sie ermüdet oftmals nur mit -knapper Noth ein Plätzchen zum Sitzen fanden. So -wären sie auch, erzählte die Frau, seit geraumer Zeit -hierher zur Communion gegangen, und mein Oheim -hätte die fremden Gäste am Tische des Herrn geduldet. -Nun aber habe der Pastor des Ortes, wohin das Ufer -eingepfarrt sey, sie kommen lassen, mit Vorwürfen -empfangen, und hart bedroht, daß sie ihm den Beichtgroschen -entzögen. Er wolle eine grobe Epistel an -meinen Oheim schreiben und sich dies in Zukunft verbitten. -Was sagen Sie zu diesem Hirtenbriefe? jener -Geistliche war ein communer Neidhammel. Die Fischerinn -schluchzte und sagte: nun habe der Herr Pastor, -(mein Oheim nämlich) sie heute freundlich ermahnt, -ihm fürder keinen Verdruß zu machen; dann setzte sie -entschlossen hinzu: ehe ich aber das heilige Abendmahl -wo anders halte, so lasse ich es ganz und gar, -es muß ja nicht seyn.«</p> - -<p>»Blitz! da schlage doch das Wetter drein!« rief der -Major mit Indignation: »über die Pfaffen! die lutherischen -auch – es ist all Eins. Einer armen Seele -den Trost Gottes vorzuenthalten, weil sie ihn, wie -billig, nicht aus einer schnöden habsüchtigen Hand -empfangen will! – Da wird ja der protestantische -Altar zu einer Tetzelsbude, einer Kleinkrämerei von -<a class="pagenum" id="page_046" title="46"> </a> -Nichtswürdigkeiten. Unter uns gesagt, Freundchen! -ich kann die Schwarzröcke nicht leiden. Der Teufel -hole den geistlichen Hochmuth!«</p> - -<p>Der Administrator lächelte still. Er sah ein stummes -Weilchen mit seitwärts gesenktem Kopfe auf den -Turban des Muselmannes nieder, der umwunden von -dem Dampfe seiner Pfeife nur bläulich schillerte, wie -eine gestorbene Perle. Dann fuhr er in seiner Erzählung -fort: »solchergestalt ward mir die Theologie verleidet, -die ich nach dem Wunsche meiner Verwandten -studiren sollte. Es mischte sich mir ein fixer Gedanke -von Haß, Hader und ekler Widersacherei in diesen -Stand des Friedens. Die Widmut theilte anderer -Seits mein Interesse für den geistlichen Beruf, und -schadete demselben in gleichem Grade, worin sie nützte. -Wo blühet auf solchem Mistbeet die Lilie des ungefärbten -Glaubens? die Rose zu Saron stehet nur im -tiefen Thale des Gemüths, einsam und heilig. Den -Haushalter über die Geheimnisse Gottes dachte sich -meine scheue Hochachtung abgesondert in Gedankenstille -von der gemeinen Menschenclasse und ihrem niedrigen -Bedarf. – Meine Meinung entschied sich für -den Landbau. Die Gleichnisse und Parabeln der Schrift, -in deren Worten ich von frühester Kindheit an geathmet, -waren wie ein Element religiöser Poesie für jene -natürliche Beschäftigung geworden. Die Bilder vom -<a class="pagenum" id="page_047" title="47"> </a> -Sämann, vom Waizenkorn, das in die Erde gelegt -wird – von der Ernte, den Garben und Schnittern, -vom guten Hirten, der das verlorene Schäflein -unablässig sucht: faßte ich im Geiste der Natur. Diese -fromme Weihe, wenn ich so sagen dürfte – mein -christliches Gedächtniß bewahrte mich vor jener Rohheit, -die man oft bei dem Betrieb der Oekonomie findet, -und welche ein wilder Sproß unveredelter Kraft ist. – -Ein blöder Schüler der Welt, kannte ich nichts Süßeres, -als frei wie der Vogel in blauer Luft nach meiner -Weise zu leben. – Mein Oheim starb – und -mit diesen zwei Augen schloß sich der erste Act meiner -Jugend.«</p> - -<p>»Es ist mir lieb, daß sich das Blatt nun wenden -wird, wie?« sagte der Major mit voraussetzender Frage -und rauchte stärker: »die Erziehung in den Pfarrhäusern -taugt nichts.«</p> - -<p>Der Administrator hatte keinen Widerspruch für -das Sprüchwort seines alten Freundes; vielleicht gab -er ihm schweigend die Ehre der richtigen Anwendung. -Nach einer kleinen Erholungspause fuhr er fort: »ich -kam nun zu einem Verwandten mütterlicher Seite, -der mein Vormund war: dem Stiftscanzler von Sanct -Capella, der als practicirender Jurist in M–. wohnte. -Im Actenstaube grau geworden, war jeder Lebenstrieb -in ihm vertrocknet – er war ein Hagestolz. Die -<a class="pagenum" id="page_048" title="48"> </a> -Gesetze standen leserlich auf dem brüchigen Pergament -seiner Stirne geschrieben, der Blick seines kleinen Auges, -dessen Pupille wie in einem galligten Gelbei ruhete, -hatte eine Profundität, die ihm oftmals den -Vortrag seiner Clienten ersparte – seine Miene drückte -stets auch in ihren wohlwollendsten Modificationen eine -Sentenz zu gemäßigtem Zuchthaus aus, und auf den -geklemmten Lippen wechselte das Urtheil zu Einbuße -oder Leibesstrafe; sie öffneten sich fast nie ohne einen -Verlust anzukünden, selbst der Glückwunsch zu einem -gewonnenen Prozesse ward durch den Grimm seines -juridischen Dämons zu einer Drohung. Und dennoch -war dieser wunderliche Mann nicht böse. Er hatte -einen ausgebreiteten Ruf, seine Rechtlichkeit war gefürchtet. -Die Beamten auf den Klostergütern zitterten -vor ihm, die guten Nonnen liebten ihn mit Furcht -und schmiegten sich in seinen weltlichen Arm – er -war der Donnergott der Abtei. – Ein Geschwisterkind -von meinem Vormund und somit auch mir verwandt -– führte ihm daheim die Wirthschaft; ein -liebes altes blasses Mädchen, an das ich nur mit -dankbarer Rührung denken kann. Die gute Beatrix -hatte eine kleine heimliche Hauscanzlei, wo stille Gesetze -ausgeschrieben wurden, und mein Vormund stand -unter diesem Kammergericht, ohne daß er ein stummes -Wörtchen davon wußte. – Beatrix, trotz ihrer -<a class="pagenum" id="page_049" title="49"> </a> -subalternen Anspruchslosigkeit, war die Justitia des -Canzlers. Sie that so simpel, daß man ihr die Gerechtigkeitspflege -eines so rabiaten Juristen nimmermehr -zugetraut hätte. Sie konnte nicht anders mit -Federn umgehen, als daß sie beständig welche rupfte -oder schließ – als gälte es das ewige Brautbett des -alten Junggesellen. –</p> - -<p>Mein Vormund empfing mich mit logischer Kürze, -und wies, weil er eben dringend beschäftiget war, -mich an die Muhme. Sey mir nicht bange, lieber -Cölestin! sagte Beatrix so lind und leidsam, daß ich -die künftige Angst wie im Voraus vergütet fühlte: -wenn es Dir auch Anfangs nicht bei uns gefällt. -Der Herr Vetter ist nicht gar so schlimm. Man muß -ihn nur kennen. Einiges will ich Dir aber doch zur -Warnung sagen: widersprich ihm nicht! Du kannst -Dir ja Einwand und Rechtsmittel vorbehalten. Ich -mußte lächeln, so jung ich war, über diese Brocken -von der Brodwissenschaft des Vetters, welche die haushälterische -Muhme gesammelt. Dann, sprach sie weiter: -hüte Dich, mit dem Stuhle zu wackeln, wenn -Du bei ihm sitzest! ein Erdbeben würde wohl weniger -beachtet, als dies. Endlich lasse nie die Putzscheere -unvorsichtig vom Leuchter gleiten. Ich sage -Dir: der liebe Gott läßt eher die Sonne aus seiner -allmächtigen Hand fallen, und schaut großmüthig -<a class="pagenum" id="page_050" title="50"> </a> -drein, ehe der Herr Vetter diesen Fehler vergiebt. – -Ich bebte; welch ein Wütherich mußte mein Vormund -seyn! – Wir aßen ein kleines vortreffliches -Abendbrod zu Dreien, der Canzler schenkte mir liberal -Wein ein, um mir Muth einzuflößen. Ich saß -unbeweglich auf meinem Stuhle und sah ängstlich hin, -so oft Beatrix das Licht putzte. Sie that es jedoch -mit fester Hand und winkte mir zuweilen mit den -Augen, wenn ich ein Wort sagte, was ihr unpassend -schien. Nun, Du willst ein Bauer werden, wie ich -höre? fragte der Herr Vetter zwischen dem Essen, -und die Frage klang wie Spott. Beatrix zwinkerte -schon wieder verneinend. Du hast dreschen sehen, da -ist Dir die Lust dazu angekommen, mein Junge. -Diese Analogie mit dem Flegel versetzte meiner ökonomischen -Liebhaberei einen tüchtigen Schlag. Studiere -nur fleißig! sprach er dictatorisch: es wird sich -alsdann schon finden, was aus Dir werden soll. Nur -kein Jurist! dagegen protestire ich. Bei der Rechtspflege -bliebe auch ein Eisenfresser nicht gesund. Man -ärgert sich tagtäglich und lebenslang <i>ex officio</i>. Ich -warf einen mitleidigen Blick auf die hagere gekrümmte -Gestalt des Vetters, und glaubte ihm. – -Zu meinem Erstaunen sah ich, daß dieser unwirsche -Mann auch jovial seyn konnte, und dies besonders im -Umgange mit seinen Collegen. Es fand das beste -<a class="pagenum" id="page_051" title="51"> </a> -Vernehmen zwischen ihnen Statt, und nie ward ihm -eine Streitsache zu persönlichem Groll. Ich konnte -nicht umhin, dies sehr achtungswerth zu finden und -dabei an die unaufhörlichen Zänkereien der theologischen -Herrn Brüder zu denken.«</p> - -<p>»Ja, die Juristen sind cordial!« fiel der Major -ein, »aber die beste Cammeradschaft bestehet doch unter -dem Militair. Da, wo der Tod Hauptmann ist, -schließen sich die Glieder eng zusammen – und Gewalt -geht vor Recht.«</p> - -<p>»Ich fragte mein Mühmchen einst,« setzte Herr -Prälat fort, »warum der Vetter denn nicht geheirathet -hätte? – Das sey Gott zu danken – meinte -Beatrix und lächelte mit Gleichmuth. Sie ertrug -schon ein halbes Säculum seine hypochondrischen Launen. -Er habe so viele Ehescheidungen amtlich behandeln -müssen, daß ihm ein Abschmack – <em class="ge">Abscheu</em> -wollte sie vermuthlich sagen – vor dem Ehestand -angekommen sey.«</p> - -<p>»Taugt nichts,« unterbrach hier der Major seinen -Freund, »mit einer Sache zu genau bekannt seyn, die -Illusion fordert. Köche haben in der Regel den wenigsten -Appetit. Jeder prüfe sein Selbstwerk! – -die Unerfahrenheit ist auch manchmal gut.«</p> - -<p>Ohne sich durch diese eingestreueten Bemerkungen -aufhalten zu lassen, fuhr der Erzähler fort: »wirklich -<a class="pagenum" id="page_052" title="52"> </a> -überzeugte ich mich, welche üble Meinung der Canzler -von dem weiblichen Geschlecht hätte. Er nahm -mich zuweilen mit nach Sanct Capella – die Aebtissinn -vergünstigte es. Als wir einst ein wenig illuminirt -das Kloster verließen, der ganze versammelte -Convent Kopf an Kopf gedrängt uns nachsah, mein -Vetter noch einmal zurück grüßte, wendete er sich von -dieser Verbeugung zu mir, und sprach listig: gut für -manchen wackern Mann, daß Ihr hier aufgehoben -seyd im christlichen Harem, Ihr verschleierten Engel! -das Stift, glaube es mir, Cölestin! ist eine wahre -Büchse der Pandora. Sollten sich diese goldnen Thüren -einmal öffnen: Hu! welch ein Heer von Plagen -würde da in die weite Welt herausstürzen! – Ich -habe dieser Worte später gedacht. Es war ein Seherblick -gewesen, den der Canzler damals auf die verschlossenen -Pforten warf. Auch war jene kleine frivole -Tücke gegen die gutherzigen Cisterzienserinn nicht -etwa der Ausdruck eines Spötters in Glaubenssachen. -Die Religiosität meines Vetters – er war Catholik – -war der geheimnißvolle Respect vor einer himmlischen -Gerichtsbarkeit, an die er in terriblen Augenblicken -appellirte und: <em class="ge">gerechter</em> Gott! sein höchster Ausruf.</p> - -<p>Ich lebte eine Reihe Jahre in der That glücklich -im Hause meines Vormunds, und danke ihm viel. -Dieser strenge Geschäftsmann gab mir privatim ein -<a class="pagenum" id="page_053" title="53"> </a> -Beispiel der Toleranz, was mir damals eben nöthig -war. Er haßte alles Absprechen nicht nur an Andern, -er vermied es auch an sich selbst. Ich äußerte -ihm einmal ehrerbietiges Bewundern und ein Wörtchen -mit Bezug auf meine früheren Erfahrungen entschlüpfte -mir. Er lächelte und sprach: Du mußt -wissen, mein Söhnchen, daß diese Eigenschaft einen -wesentlichen Unterschied zwischen den Facultäten bemerklich -macht, und unsern Beruf gewissermaßen austauscht. -Die Theologen sind in der Regel Richter, -was sie nicht sollten; – <em class="ge">wir</em> dagegen vertreten nach -Christenpflicht und von Amtswegen die Fehler und -Fährlichkeiten des Nächsten. <em class="ge">Sie</em> lassen ihr Licht leuchten -vor den Leuten – <em class="ge">wir</em> gebrauchen es nur, um -auch dem finstersten Falle eine Seite der Entschuldigung -abzusehen.«</p> - -<p>»Wahrhaftig in Gott! da hat er Recht!« rief der -Major aus überzeugtem Drang des Herzens.</p> - -<p>Der Administrator schwieg, als wäre diese Mittheilung -nun abgebrochen, und sah lange weitschauenden -Blickes vor sich hin. Dann hob er mit verändertem -Tone an: »ich studirte Cameralia – ging -auf Reisen – welch eine Welt liegt zwischen diesen -schmalen Grenzen auf der Charte meines Lebens! – -Ich hatte einen Freund – –« ein tiefer, schwerer -<a class="pagenum" id="page_054" title="54"> </a> -Odemzug, wie wenn dies Wort sich nur mit Ketten -aus dem Born der Seele wände.</p> - -<p>Der Major besaß bei einer rauhen Außenseite den -zartesten Sinn der Freundschaft. Er sagte: »falscher -Conjunctiv, Freundchen! Sie <em class="ge">haben</em> einen, der nicht -alles zu wissen braucht. Lassen Sie ruhen, was sich -nur mit Seufzern heben läßt. Taugt nichts, erschöpftes -Vertrauen. Ich wünsche nur noch zu erfahren, -wie Sie eigentlich zu der weiblichen Drei-Uneinigkeit -gekommen sind? Josephine, das friedsame Täubchen! -ist nicht in diesem Zwiespalt begriffen. Sie ist auch -hier als der heilige Geist die schwächste Person dieser -Trinität und eine wahre Vergebung der Sünden. -Wie?« fuhr der Major abstrahirend fort: »ists nicht -so? werden nicht dem heiligen Geist selbst im Glauben -nur flüchtige Honneurs gemacht?«</p> - -<p>Der Administrator lächelte wie ein Leidtragender, -dem ein zerstreuender Tröster von den Verhältnissen -des Himmelreichs vorspricht. Er antwortete: »ich -habe meine Geschichte so weit angelegt, daß ich schwerlich -damit an das Ziel gelange. – Meine hiesige -Umstellung knüpfte sich an Fäden, welche noch mit der -vormaligen Einwirkung meines Vetters, des Exkanzlers, -zusammenhingen. Er starb bald darauf. Die -gute Beatrix war längst todt. Man fand sie eines -Morgens entseelt, mit dem Angesicht in eine Wolke -<a class="pagenum" id="page_055" title="55"> </a> -von Flaum gesunken. An den starren Wimpern hingen -die zarten Federn; aber sie bewegten sich nicht -mehr vor dem verschlossenen Munde: es schien, als ob -sie ohne einen Hauch der Todesangst verschieden sey. -Dieses sanfte plötzliche Sterben in weicher Pflicht, -wie wenn der Schlaf einen Müden überrascht, war -die schönste Gabe ihres armen harten Lebens. So oft -mein Vetter mir das erzählte, und des Anblicks jener -befiederten gestorbenen Augen gedachte, die so treu auf -seinen Vortheil gesehen, gingen ihm die seinigen -über. – Meine Lage als Administrator gefiel mir -wohl; sie war gewissermaßen das Resultat der Ergebnisse -meiner früheren Jugend. Hier konnte ich ein -Landwirth seyn im weiten Felde der Industrie, nicht -beschränkt auf die Hufe eines engen Besitzthums, und -zugleich ein Diener des Staats, dem ich mit all meinen -Kräften zu nützen wünschte. Meine Vorliebe für -diesen Ort war sich gleich geblieben. Wie oft hatte -der catholische Gesang von Sanct Capella, die heilige -Nonnenstille, der Weiheduft andächtiger Mysterien, -den lutherischen Jüngling in mittelalterliche Träume -gewiegt! ich war nun erwacht, und Alles war anders -und wirklich. Doch noch jetzt schlägt die große -Glocke mit jenem romantischen Klange tiefe Saiten -in mir an, und wenn Fabia mit dem großen Schlüsselbunde -durch den Kreuzgang geht, muß ich der Pförtnerinn -<a class="pagenum" id="page_056" title="56"> </a> -gedenken und jenes kleinen klingelnden Geläuts -in ihrer Hand, welches, meinem Gefühl nach, den -Chor seliger Geister in einem Himmel öffnete, den die -Welt fälschlich für ein Grab der Lebendigen hielte. – -Wie öde reformirt war nun das schöne Stift, wie -profan geworden! – ich schützte mit Pietät, was noch -aus dem Umsturz jener Verhältnisse zu erhalten war. -Die Hand, welche leise und achtsam an das heilige, -das genommene Recht rührte, war desto eifriger, wo -es den Ertrag der Grundstücke galt. Man sprach davon: -es sey im Werke, das pompöse Gebäude zu einer -Strafanstalt, einem Spinnhause, herabzuwürdigen; -diese Möglichkeit empörte mich. Dann sollte es -zu einer Seidenfabrik benutzt werden, endlich wolle -man, hieß es, eine chirurgische Pepiniére daraus machen. -Ich kam den Behörden mit einer Proposition -von meiner eigenen Idee zuvor. Solle es denn nun -einmal hier gesponnen oder geschnitten seyn: wohl! -so gebe man den Parzen Wohnung, und lasse verdiente -Offiziere hier leben und sterben. Dann zieht -die Ehre ein und nicht die Schmach, und statt Mühe, -Plage und Schmerz webt in diesen Mauern das Seidenleben -der Ruhe. – Es wurde provisorisch zugestanden.«</p> - -<p>Major Feldmeister reichte dem Administrator mit -einem gerührten Blicke die Hand und sagte kein Wort. -<a class="pagenum" id="page_057" title="57"> </a> -Er dampfte nur einen unendlichen Qualm aus, als -wollte er sagen: »bis an meinen letzten Athem werde -ich Dir dies danken.«</p> - -<p>Und der bürgerliche Prälat der einst gefürsteten -Abtei sprach: »ich orientirte mich nunmehr. Das -Drängen der ersten Einrichtung ließ mich wenig zu -mir selbst kommen. Es waren Rückstände zu bearbeiten, -mein Vorgänger hatte lange darnieder gelegen -– auf den versäumten Gütern lag mehr als ein -Feld der Nutzung brach. An geselliges Bekanntwerden -in der Nachbarschaft zu denken, hatte mir -noch keine Zeit geübrigt. Es war in einer Geldangelegenheit -von Belang, wo ich gesprächsweise den -Oberförster zu Rathe zog. Das wird Ihnen ihr Vetter, -der Rentmeister in Bühle, am besten sagen können -– meinte er. Mein Vetter? fragte ich befremdet; -ich wußte von keinem. Nun ich dachte nur, antwortete -Jener, weil er eben so heißt, Sie wären mit -einander verwandt. – Dies gab mir ein Interesse -mehr, dieser Weisung zu folgen, und den Mann meines -Namens kennen zu lernen. Ich ritt desselben -Tages noch hinüber. Es war im Mai. Ein Gewitter -schauerte über die quellenden Saaten; doch sah -ich wohl, es würde vor der Nacht nicht kommen. Ein -eigenes Gefühl von Schwermuth oder Ahnung preßte -mir die Brust, als laste ein nie getragenes Gewicht -<a class="pagenum" id="page_058" title="58"> </a> -mir auf der Seele. So kam ich an den englischen -Garten von Bühle. Die Sonne schoß eben einen -goldrothen Pfeil auf das steinerne Windspiel, welches -am untern Ende des Parks auf einem Postamente -ruht. Es blickte mit todten Augen in den flammenden -Köcher – ich weilte einen Moment an dieser -Stelle und dachte: da liegt der Hund begraben! Gott -weiß, durch welche Association der Ideen mich der -Gedanke geisterhaft ergriff: es läge unter den dunkeln -Schatten dieses Ortes irgend ein Geheimniß verborgen, -was meiner Theilnahme angehöre! – Das große gothische -Schloß, die Colonnade vor den Wohnungen -der Beamten, schien mir schön aber düster, und ich -gab dies Clair-obscure meiner innersten Auffassung -der frühlingstrüben Atmosphäre Schuld. Innerhalb -der Gehöfte war es auf die bängste Weise still, nur -der Brunnen machte ein kühles Geräusch und die -Wasserkufe schäumte über. Ich sah Niemand, den -ich nach dem Rentmeister fragen konnte. Da öffnet -sich leise eine Thüre hinter der Colonnade, ein Mädchen, -kaum jungfräulich erwachsen, tritt hervor, ein -feines Glas in der zarten weißen Hand, und wirft -einen schüchternen Blick auf mich, den Mann zu -Pferde. Es liegt etwas Poetisches, Major, in dem -Anblick eines schönen Kindes am Brunnen; der -Durst des Herzens, worin er auch bestehe, wird dadurch -<a class="pagenum" id="page_059" title="59"> </a> -gelöscht. – Ich fragte höflich, ob ich den -Rentmeister zu Hause anträfe? die Kleine nickte – -es war Josephine.« Jetzt nickte auch der Major.</p> - -<p>»Ich band mein Pferd an eine Säule und folgte -ihr. Sie bat, daß ich einen Augenblick verziehen -mögte, denn der Vater wäre krank, und sie müsse -es ihm erst sagen, daß ihn Jemand zu sprechen wünsche. -Ich wartete vor der Thüre zu ebener Erde; -drinnen entstand ein ungastfreundliches Gemurmel, dazwischen -hörte ich Josephinens Stimme wie vorbittend. -Endlich winkte sie mir. Ich trat in ein tristes Zimmer. -Grüne wollene Vorhänge verdunkelten es, und -warfen noch bleichere Schatten auf einen kranken -Mann, der bei diesen schwülen Wärmegraden in Betten -eingehüllt auf dem Sopha saß. Eine Frau rückte -ihm die Kissen zurecht, und schien, mit Sorgfalt um -ihn beschäftigt, sich nicht um den Eintritt eines Fremden -zu kümmern. Der Anblick dieses Kranken erschütterte -mich. Ich stellte mich ihm vor, und fragte -beklommen: ob unser Gleichname vielleicht Grund in -einer entfernten Verwandschaft hätte! – Der Rentmeister -lächelte – o! furchtbar lächelte er. Seine -Antwort lautete: verwandt? nein, Herr Administrator, -wir sind nur <em class="ge">Brüder</em>. – Mein Blick sah ihn mit -– Entsetzen, mögte ich es nennen, auf die Wahrheit -dieser Aussage an; dunkel hatte es mir vorgeschwebt, -<a class="pagenum" id="page_060" title="60"> </a> -dieser Mann könnte der Sohn meines Vaters seyn. -Er war gegen mich ein Greis, eine ganze Lebenslänge -schien sich zwischen uns hinzuziehen; doch der verknüpfende -Faden blieb und zerriß in jener Minute mein -Herz. Jetzt wußte ich, warum mir so ahnungsvoll -zu Muthe gewesen, was dieser Weg mir aufgebürdet -hatte. Meines Vaters Freiheit hemmte mich wie eine -Kette, deren tausendstes Glied noch getragen werden -muß. Mein Bruder! und mir so todesfremd! – -Getrennte Ehen sind es, welche eine Weltverbrüderung -unmöglich machen, und das Band der Menschheit auflösen. -Mit diesem stillen Bekenntniß legte ich mir -selbst das Gelübde ab: scheiden lasse ich mich nimmer! -– Ich wagte ein brüderliches Wort an den -Rentmeister. Er nahm es nicht auf, und nannte -mich <em class="ge">Sie</em>. Ihr Vater, Herr Prälat, sagte er, als -ginge ihn dieser Name gar nichts an, verstieß mich -im Mutterleibe, und wer einmal unter der Bank geboren -ist, kommt nie auf. – Diese Worte deuteten mir -langes Unglück an und einen zerbrochenen Geist. Eine -Thräne schlich über die Wange seiner Gattin, welche -sie verstohlen abwischte; Josephine schlich leise hinaus. -Ich hatte nicht den Muth, nach seinen früheren Verhältnissen -zu fragen. Spät ritt ich nach Hause. Der -Donner rollte krachend, die Wolken waren Feuerschlünde, -es regnete wie mit Giesbächen. Ich empfand wenig -<a class="pagenum" id="page_061" title="61"> </a> -von der empörten Natur. Meine Seele bebte noch -unter stärkeren Schlägen, und die einzige Thräne -meiner Schwägerinn hatte mich mehr erweicht, als -dieses Sturzbad. Sie werden leicht denken, daß ich -nicht säumte wieder nach Bühle zu kommen; doch nur -langsam gelang es mir, mich meinem Bruder zu nähern -und Eingang in sein Vertrauen zu finden. -Seine Frau, ob zwar auch zurückhaltend, war dennoch -freundlicher mit mir. Ich merkte bald, daß sie zu den -Stillen im Lande gehöre, und eben so, wie oft der -Unmuth ihres Mannes über eine Frömmigkeit laut -werde, die ihm doch in der Geduld, womit sie seine -Leiden ertrug, zum Seegen gereichte. Aber mein -Bruder war menschlichen Ansehens nach ein Mann -des Todes, und sein Gemüth schien mir noch kränker. -Wie viel die Frau für seine Pflege that: eine größere -Kraftanstrengung entwickelte sie, seine Seele zu retten. -Sie ließ seinen Eigensinn und die Natur gewähren, -wenn er den Arzt nicht wollte; aber sie quälte ihn -partout mit dem lieben Heiland.«</p> - -<p>Der Major schüttelte den Kopf und sprach: »taugt -nichts, daß solch heilige Liebschaft aufdringlich werde; -der Mann muß dem besten Freunde die Thür des Hauses -und Herzens selbst aufmachen.«</p> - -<p>»Einst kam ich dazu,« fuhr der Administrator -fort, »als Beide in streitendem Gespräch über die -<a class="pagenum" id="page_062" title="62"> </a> -verstörende Ursache seiner jetzigen Leiden waren. Mein -Bruder schwieg sogleich; aber Fabia, gestützt auf die -Autorität ihrer Gottseligkeit, konnte nicht abbrechen, -ohne weiblich das letzte Wort zu behaupten. Sie -sprach: Sey nur getrost! es wird uns im Himmel -wohl belohnet werden, so man uns um Gerechtigkeit -willen verfolgen sollte. Da fuhr mein Bruder heftig -auf. Um <em class="ge">Gerechtigkeit</em> willen? Frau, Du faselst! -eine Schändlichkeit ist es, die ich werde verantworten -müssen; ich sage Dir: es ist kein größerer Betrug -erfunden worden. Der <em class="ge">Glaube</em> an eines Menschen -Wort ist mein Unglück gewesen und mein Elend geworden -– ich will Gott nun nicht mehr versuchen. -Es lag eine Resignation darin, die mich mit kalter -Hand durchgriff. Fabia entfernte sich; ihr Mann fiel -erschöpft in einen fieberhaften Schlummer, ich ging seiner -Frau nach. Sie stand im Gärtchen, begoß ein -Blumenbeet mit ihren Thränen und rang in christlicher -Verzweiflung die Hände über den weißen Lilien. Ich -redete ihr zu. Fabia verklagte den unbeugsamen Sinn -ihres Mannes, der jedem Gnadenmittel widerstände -und nicht arbeiten möge an seinem Heil. Ein Luftzug -führte die leise ängstliche Frage von ihren Lippen: -<em class="ge">ob er nur selig werden wird</em>? Die Lilien nickten. -Ich sagte, was ich dachte: daß diese Kinder ihres -Schöpfers auch nicht arbeiteten im reinen Glanz -<a class="pagenum" id="page_063" title="63"> </a> -ihrer Heiligkeit, und dennoch erständen zur Frühlingsfreude -der verjüngten Erde. –</p> - -<p>Fabia schien nicht einzugehen in diesen natürlichen -Trost. Sie sagte: seine Mutter ist lediglich Schuld -daran. Diese war ungewiß über den Vater – <em class="ge">seinen</em> -Vater – darum zweifelt nun der Sohn an -Gott! – So schob meine Schwägerinn ihren Scrupel, -ob ihr Mann das ewige Leben haben werde, Denen -zur Last, die ihm das irdische gegeben. Bald -darauf ward es schlechter mit dem Bruder. Kurz vor -seinem Tode übergab er mir die Sorge für seine -Witwe, für sein Pflegekind, legte den Schlüssel zu -einem wichtigen Geheimniß in meine Hände – dann -drückte ich ihm die Augen zu. Das Recht eines Gestorbenen -zu vertreten, darf ich keinen eigenmächtigen -Schritt thun noch gestatten, eine schwere Verpflichtung -hält mich an Fabia fest. Sie sehen also, wie viel -mir daran gelegen seyn muß, Einigkeit unter den beiden -Frauen zu erhalten: denn auch Therese – –« -hier summte die elfte Stunde vom Klosterthurme. -Der Major fuhr elektrisch zusammen, wie von diesem -Schlage gerührt. »Elf! ich muß nun fort, und es -wird mir den ganzen Tag seyn, als stäcke ich mit -<em class="ge">einem</em> Arme nur im Aermel des Rockes. Ich habe -dem Hauptmann Moorhausen eine Parthie Piquet -vor dem Essen versprochen, und halte Wort, wenn -<a class="pagenum" id="page_064" title="64"> </a> -auch ihm kein wahres Wort aus dem Munde geht. -Das Genie dieser Art muß in den Endsylben dieses -Namens wohnen: Moorhausen! Münchhausen! – -Wie hat er uns vorgestern wieder belogen! er sprach -von seinem Gute in P. – Wir lachten unvernünftig. -Er nahm es nicht übel – das war honett. Aber – -Ihre Geschichte, Freundchen ist mir in Wahrheit interessant; -der Schutz, den Sie der Frau Fabia angedeihen -lassen, hat seinen gediegenen Grund, ich bin nur -curios, welcher Wind Ihnen die flatterhafte Therese -zugewehet haben mag? – allzugroßmüthig seyn, taugt -nichts.«</p> - -<p>Das Reitpferd, worauf der Administrator täglich -um diese Zeit die Ronde zu machen pflegte, ward -vorgeführt. Der Major erhob sich mit steifem Gelenk, -Faust schüttelte den schwarzen Mantel. Im Begriff -zu gehen, sagte der Major: »da fällt mir ein, ich habe -ganz vergessen, weshalb ich eigentlich gekommen bin. -Ich wollte ihnen auch ein Geschichtchen erzählen, was -fabelhaft klingt: das Mährchen vom gläsernen Pantoffel. -Mein Neffe – doch jetzt ist's zu spät; wo -werden wir nur all' die Zeit zu den vielen Reden hernehmen?«</p> - -<p>»Wir sprechen uns bald wieder –« vertröstete Herr -Prälat, und griff nach seinem Hute. Er hatte sich -die Brust doch etwas freier gesprochen. Es ist gut, -<a class="pagenum" id="page_065" title="65"> </a> -wenn sich die Menschen zuweilen des Warums ihrer -Bürden bewußt werden; die Nothwendigkeit, sie zu -ertragen, wird ihnen alsdann klar und leichter.</p> - -<p>Sanct Martin war und blieb gegen seine Gewohnheit -hell und schön. Sonst hat an diesem Tage der -Himmel Baumwolle feil, und die Luftgeister sind geschäftig, -der Natur eine weiße warme Schlafmütze -daraus zu weben. Doch heute schritt der Herbstheilige, -der sonst winterrüstig erscheint, in heiterer Luftigkeit -einher, und grüßte mit dem gelben Sommerhute -so herablassend freundlich, daß die schläfrige Welt munter -aufwachte und träumerisch hoffte, der Sommer -wolle noch einmal wieder kommen. Hier und da zwitscherte -ein schlaftrunkener Vogel, robuste Bäuerinnen -verbauten die kleinen Fenster mit Moos, um im -Grünen zu arbeiten – der klösterliche Invalidenstamm -rückte lustig ins Feld.</p> - -<p>Schwerlich dürfte der glänzendste <i>Thé dansant</i> -im schönsten Salon der Residenz eine wichtigere, wenn -auch andere, Beklommenheit der Erwartung erregen, -als bei den Damen des Stiftes der simple Nonnenthee -in Veronicas kleiner Zelle, wohin sie geladen waren. -So sind die Vergnügungen der Geselligkeit, wie -verschieden auch gestaltet und bedingt, sich doch in ihrer -Wirkung überall gleich. Zudem machte der seltene -Schritt aus dem engen Kreise heiliger Regel -<a class="pagenum" id="page_066" title="66"> </a> -diese Einladung zu etwas Außerordentlichem, und die -stille Geschäftigkeit der priesterlichen Jungfrau, der -Opferrauch ihrer Küche oder <em class="ge">Küchel</em>, wie Veronica -sie nannte – legten einen unbewußten und geheimnißvollen -Altarwerth auf den kleinen Theetisch der -Nonne.</p> - -<p>Als es nun in den gewölbten Räumen des Klosterhauses -zu düstern begann, die Schatten des Abends -längs den kalten Wänden hinschlichen, flimmerte es -schon lichterhell in Veronicas Stübchen. Mit dem -Glockenschlage Fünf standen die Schwägerinnen und -Josephine an dieser geweihten Thür, hier wußte man -nichts davon, oder wollte nichts davon wissen – daß -ein verspätetes Erscheinen für bedeutend gelte. Schwester -Veronica empfing ihren Besuch erhitzten Angesichts -und mit einer gewissen gastlichen Feierlichkeit. -Die Zelle, noch immer ein geistliches Betstübchen, -hatte nur einen Anstrich von Häuslichkeit bekommen, -die jedoch in ihrer einfachen Beschränkung dem religiösen -Charakter der Einrichtung nicht zu nahe trat. -In einer Nische sah seit manchem Jahr die Mutter -Gottes mit dem Kinde auf das jungfräuliche Bett -herab; das Waschbecken und die Wasserflasche von -englischem Zinn blinkten in Formen wie Geräthe der -Sacristei, in die blendende Serviette über dem aufgeklappten -Tisch war das Lämmlein mit der Kreuzesfahne -<a class="pagenum" id="page_067" title="67"> </a> -gewebt, die Lichter von gelblichem Wachs warfen -kirchlichen Schein, und bei jeder der drei Tassen -lag ein kleiner Blumenstrauß, bei Josephinens aber -der schönste. –</p> - -<p>Therese, durch den gehabten Zwist und die spät -erfolgte Versöhnung empfänglich gestimmt für den -Eindruck solch einer Umgebung, sagte: »wie heimlich ists -hier! wie hübsch! ich könnte gern hier wohnen, einzig -und allein.« Josephine wußte hier Bescheid. Wie -mit dem Vorrecht eines Kindes zog sie die grünen -Bettvorhänge auseinander, schmiegte die warme Mädchenwange -an die gesteppte Decke, schlug das blaue -Auge gegen die dunkle Madonna auf – in diesem -Wechselblicke lag eine Welt der Ahnung – und flüsterte: -»wie traut! wie lieb! ich mögte ewig hier -schlafen! –«</p> - -<p>Frau Fabia sagte nichts der Art. Sie bewunderte -das Compendiöse dieses Locals, lobte die Nützlichkeit -des kleinen Sparofens, und sah dieser frommen -Clause die häusliche Seite ab. Die Bouquets -gaben dieser Winterstunde einen schwachen Hauch von -Sommerduft, und die Damen freuten sich daran. -Man wunderte sich, wie Veronica diese Blümchen so -spät noch erhalten könne.</p> - -<p>»Ich war von Kindheit an eine glückliche Gärtnerinn,« -erwiederte die Nonne hierauf, »und schleppte -<a class="pagenum" id="page_068" title="68"> </a> -mich mit Pflanzen hin und her, woraus mein Vater -die Folgerung zog, ich würde eine treufleißige Mutter -werden, die da Segen mit der Erziehung ihrer Kinder -hätte.« Sie lächelte wundersam, wie über einen -zerronnenen Traum.</p> - -<p>»Schade!« sagte Fabia leise. Veronica hatte dies -Wörtchen nicht gehört. Sie machte mit sichtlich gutem -Willen, wenn auch nicht mit der Uebung einer -Weltdame, die Wirthinn, schenkte Thee ein, warf -Zucker in die Tassen, und besann sich alsbald, daß -sich das nicht schicke, und das Maß der Süßigkeit -dem Geschmack eines Jeden selbst überlassen bleiben -müsse. – Dann präsentirte sie das lockende Backwerk, -von den Schwägerinnen als trefflich gerühmt. Man -bat um die Recepte, inzwischen las Josephine schon -Eines. Sie hatte dies Papier an dem für sie bestimmten -Platze unter dem Sträuschen liegend gefunden; -es lautete: »nimm fünf Loth <em class="ge">Ernst</em>, zehn Loth -<em class="ge">Geduld</em>, zwanzig Loth <em class="ge">Sanftmuth</em>, und hundert -fünf Loth <em class="ge">Demuth</em>, dieses alles stoße wohl unter -einander im Mörser des <em class="ge">Glaubens</em>, mit dem -Stempel der Stärke, rühre ein Viertelpfund <em class="ge">Hoffnung</em> -dazu, schütte es in die Pfanne der <em class="ge">Gerechtigkeit</em>, -und lasse es bei dem Feuer der <em class="ge">christlichen -Liebe</em> gar kochen. Alsdann bewahre es wohl, -damit der Schimmel der <em class="ge">Eitelkeit</em> nicht ansetze. -<a class="pagenum" id="page_069" title="69"> </a> -Mit dieser Salbe streiche Dich des Morgens und des -Abends: es ist ein Mittel gegen die Hölle.«</p> - -<p>Therese seufzte, als wäre der Athem ihres Busens -mit all diesen Gewichten beladen. Die Nonne aber -sprach: »ein Arcanum, der künftigen Hausfrau zu -Nutz und Frommen! meine Mutter hielt es für probat.«</p> - -<p>»Sagen Sie, Schwester Veronica,« fiel hier Therese -ein: »sind Sie wirklich aus wahrem Klosterberuf -Cisterzienserinn geworden? ich wüßte kaum, wie ich -mir dies als möglich denken sollte.« Ihre Miene zweifelte. -Die Nonne sah die lebenslustige junge Frau -mit einem Blicke an, worin sich die schweigende Entgegnung -aussprach: »Christum lieb haben, ist besser, -denn alles Wissen –« und nach einem kleinen Besinnen -antwortete sie: »die innersten Triebfedern kennt -nur Gott allein, und das Herz mag sich zu tausendmalen -eine sich der Welt entschwingende Seele bewegt -haben; doch – wenn ich einen Rückblick auf mein -langes Leben werfe, und auf den Gang meines Schicksals, -der sich in diesen stillen Mauern endet, so mögte -ich doch glauben, es sey des Himmels Wille gewesen, -daß ich mich ihm weihe, und die frühesten Eindrücke -des Gemüths, alle Umstände meiner Jugendzeit hätten -dazu dienen müssen, daß meine Bestimmung erfüllt -werde. – Im Keim der Zukunft ist die verhängnißvolle -Blume eingeschlossen, und der Mensch -<a class="pagenum" id="page_070" title="70"> </a> -entwickelt sich mit ihr. Unserer heiligen Märtyrer -Einige, die in den Flammen gestorben, fingen damit -an, den Finger in das brennende Licht zu halten, um -zu versuchen, wie lange sie Feuerschmerz aushalten -könnten. – Warum sollte ich es ihnen nicht erzählen? -ist doch nun Alles überwunden.« Die beiden -Frauen bezeigten ein neugieriges Interesse an dem, -was ihnen Schwester Veronica mitzutheilen hätte, -und setzten sich zum Hören zurecht; nur über Josephinens -Gesicht glitt ein Schatten zarter Furchtsamkeit, -als scheue sie es, daß ihre ehrwürdige Freundinn zur -bloßen Unterhaltung Narben enthülle, die einst vielleicht -schmerzlich geblutet hätten. Sie zog die schneebleiche -Hand, welche keinem Mann angehört, sacht -und seitwärts an ihre Lippen und küßte sie mit -Ehrfurcht.</p> - -<p>»Mein Vater,« begann die Nonne, »war ein gelehrter -Mediziner und Arzt am Jesuiter-Collegio in -B–. Sein einnehmendes Betragen, äußerst verbindliche -Manieren, so weit ich mich deren erinnern -kann – seine stattliche Gestalt und großen Kenntnisse, -gewannen ihm aller Menschen Gunst und Zutrauen, -weshalb er denn eine verbreitete Praxis besaß. -So dächte man nun, meine Mutter müßte eine glückliche -Frau gewesen seyn. Doch nicht also. Sie -weinte oft still und bitterlich. Ich schmiegte mich dann -<a class="pagenum" id="page_071" title="71"> </a> -als ein kleines Kind in die nassen Falten ihres Kleides, -ohne zu verstehen, was sie so betrübe – späterhin -ist mir die Quelle ihrer Thränen wohl klar geworden. -Manche Zähre aus dem Auge der Gattin, -was nicht blind war für die Abwege des Mannes, -ist damals auf mein Haupt gefallen –: <em class="ge">dies war -die erste Salbung zur Klosterfrau</em>. – Meine -Mutter,« fuhr Schwester Veronica fort, »soll in ihrer -Blüthe ausnehmend hübsch gewesen seyn.«</p> - -<p>Die drei Zuhörerinnen sahen die Nonne auf den -kindlichen Ruhm jener Schönheit an, die längst schon -Staub war, im Einverständniß der Meinung, daß -dies glaubhaft sey, und noch aus den dunkeln Umrissen -des Alters ihrer Tochter erhelle.</p> - -<p>»Mein Vater,« so war der weitere Verlauf der -Erzählung, »hatte sie aus heftiger Zuneigung geheirathet, -er scherzte zuweilen im Beiseyn der Freunde meiner -Eltern oder Fremder über seine Bräutigams-Thorheiten -– wie er sie nannte – die Mutter aber ging -nie in diesen Ton ein. Sie blickte ernst und bekümmert -dazu. Ich entsinne mich genau, daß dies eine -Empfindung in meine Seele legte, <em class="ge">als wäre die -Liebe eines Mannes kein Glück, mindestens -kein dauerndes Glück</em>. Das Einkommen meines -Vaters setzte sein Haus in Wohlstand. Wir sahen -oft Gäste bei uns. Die elterliche Güte für mich, -<a class="pagenum" id="page_072" title="72"> </a> -das einzige Kind, überschüttete mich mit kleinen -Schätzen, ein unerfüllter Wunsch fand nicht Raum -unter den angehäuften Spielsachen; dankbare Kunden -meines Vaters beschenkten mich kostbar, <em class="ge">und dieser -Ueberfluß machte mich gleichgültig gegen -den Besitz</em>. – Meine Mutter hatte einen ältern -Bruder, der war ihr Beichtvater und Erzpriester an -der Stadtkirche. Niemand sah ich so gern kommen, -als ihn, den freundseligen lieben Mann, dem der -Trost unsichtbar zur Seite ging. Stets brachte er -mir Etwas mit, woran ich besondern Gefallen fand, -und immer war die Mutter ruhiger, wenn er einmal -da gewesen. Diese Freude, dieser Frieden mischte sich -in meine dämmernden Begriffe vom geistlichen Stande. -Der Vater mogte ihn nicht leiden, und dies kränkte -meine Mutter sehr. Einst zog mein Ohm, nachdem -er mich lange hatte rathen lassen, was er in der weiten -Tasche seines Rockes trüge, eine Puppe hervor, -eine allerliebste Nonne von unserm Orden, und mein -Entzücken darüber war unbeschreiblich. Ich küßte die -Farben von dem kleinen Gesicht, daß es todtenweiß -ward, und drückte die wächserne Brust mit solcher -Innbrunst an die meine, daß sie zerspringen mußte. -Am liebsten spielte ich Kloster, sang tiefe Weisen wie -Choräle, was der Vater manchmal mit einem Fluche -untersagte, indem er glaubte, ich spiele Begraben. – -<a class="pagenum" id="page_073" title="73"> </a> -Er war, beiläufig gesagt, nicht von allem Aberglauben -frei, hinsichtlich auf seinen Beruf.«</p> - -<p>Therese unterbrach die Geschichte der Nonne mit -den Worten: »man sagt, es soll von wesentlichem Einflusse -auf das Geschick der Kinder seyn, an welchen -Gegenständen sich ihr Liebessinn übe. Sie selbst, -Schwester Veronica, liefern einen Belag zu dieser -Erfahrung. Hätte ich einst ein Püppchen, ich ließe -es nur mit Engeln spielen.«</p> - -<p>Frau Fabia konnte nicht umhin zu erwiedern: -»dann würde es nicht lernen, <em class="ge">Menschen</em> zu ertragen.«</p> - -<p>Wir lassen es, der Wahrheit dieser Bemerkung unbeschadet, -dahin gestellt, ob weiblicher Neid gegen das -ihr versagte Mutterglück, oder verletzte Verehrung für -die höhern Kinder Gottes, sie in Anregung gebracht habe.</p> - -<p>»Die gute Mutter,« nahm die Erzählerinn den -abgerissenen Faden wieder auf, »ließ mir ein kleines -Sprachgitter machen, und lehrte mich in ahnungsloser -Zärtlichkeit, wie ich mich dabei benehmen sollte. Gewiß -ist es, daß diese kindische Spielerei mein Sinnen und -Trachten richtete. – Doch hören Sie nur weiter. -Zuvor aber noch eine Tasse Thee, ich bitte! er ist -nicht stark.« Zeitweiliges Nöthigen. Das Geklirr -der Tassen, der leise Guß des goldgelben Wassers, -das Geprassel der mürben Brezeln und Mandelplätzchen, -ein dankendes oder ablehnendes Wort, füllte die -<a class="pagenum" id="page_074" title="74"> </a> -Pause der Geschichte, bis Veronica sie fortsetzte. »Das -Haus meiner Eltern, worin meine Mutter geboren -wurde, stand am Marktplatze, dicht neben dem sogenannten -Rathskeller, den die Gebrüder Posca, ein -paar Italiener, in Pacht hatten. Dort fanden sich -die Patrizier der Stadt ein, und mein Vater ging -jeden Abend – kaum machte der <em class="ge">heilige</em> Abend eine -Ausnahme von dieser leidenschaftlichen Gewohnheit – -in diese Tabagie, ein Gläschen Montefiascone zu trinken. -Nur Geschäfte hielten ihn ab, doch nie Liebe -für die Seinigen. Meine Mutter saß wie eine verwittwete -früh und spät mit mir allein; es war dann -so traurig und waisenhaft still um uns her, und die -Uhr schlug manchmal schauerlich die zwölfte Stunde, -ehe der Vater heimkehrte. –</p> - -<p>Die Mutter ertrug zwar duldsam, was sie nicht -ändern konnte, ich habe nie gehört, daß sie dem Vater -deshalb Vorwürfe machte; dagegen nährte sie einen -seltsamen Groll gegen die Menschen, die ihrer -Meinung nach daran Schuld wären, daß sie so hintangesetzt -würde, und ihr Haß erstreckte sich über ganz -Welschland. Von einem italienischen Salat hätte sie -nimmer einen Bissen angerührt; ich würde nur Gift -und Galle essen – sagte sie einmal zu mir, als ich -sie in Gesellschaft bat, von solch einer Schüssel ein wenig -zu nehmen. – Mir war diese Nachbarschaft unbeschreiblich -<a class="pagenum" id="page_075" title="75"> </a> -anziehend. So oft ich mit meiner Mutter -im Dunkeln von einem Gange nach Hause kam, -bat ich sie, vor den geöffneten Thüren dieser Unterwelt -einen Augenblick stehen zu bleiben. Die Lampe, -welche die feuchten Stufen erleuchtete, hatte einen -zauberischen Schein, es zog mein Herz hinab – ich -wußte nicht, wie? das fremdartige Rufen der dienstbaren -Geister, die Glocke, welche geläutet wurde, wenn -Einer der Weingäste etwas begehrte, brachte meine -junge Seele in eine ganz eigene Schwingung. Die Mutter -mußte mich mit Gewalt fortziehen, und ich erinnre -mich, daß sie einst seufzend sagte: der Rathskeller hat -Dir's angethan, wie Deinem Vater. – Einer der Brüder -Posca hatte seine Familie noch in Verona, und nie ist -dies sonderbare Verhältniß mir deutlich geworden. So -war ich herangewachsen. Einst kam mein Vater in -nächtlicher Zeit etwas benebelt heim – dies war sonst sein -Fehler nicht. Ich lag zwischen Schlafen und Wachen -mit dem Kopfe auf meiner Mutter Schoße und hörte -das Gespräch der Eltern. Mein Vater erzählte, wie -er diesen Abend dem Peter Posca die Hand darauf -gegeben habe, daß, wenn sein Sohn, der das Geschäft -fortführen sollte, nun käme, was zu erwarten, und -hätte seinen Beifall: so solle er auch die einzige Tochter -haben und sein Eidam werden. – Ich fühlte, -wie meine Mutter erschrak, und elektrisch zuckte der -<a class="pagenum" id="page_076" title="76"> </a> -Schlag dieser Worte durch meine Glieder. Du wirst -doch unsere Clara – so hieß ich in der Welt – nicht -einem Weinwirth geben? fragte sie mit bebender -Stimme; solch ein Italiener, wenn er noch nicht gebleicht -ist und kaum ein Wort Deutsch versteht, kommt -mir vor wie ein Bandit. – Es gab eine feine Linie -für meinen Vater, wo seine angetrunkene gute -Laune in Jähzorn überging; auf dieser Linie schwankte -sein Ton, womit er erwiederte: verlaß Dich darauf, -mein Schatz! Clara wird den jungen Posca heirathen, -und weder an seinem Kauderwelsch, noch an der -schwarzbraunen Farbe seines Angesichts sterben. Wir -haben mancher Flasche den Hals gebrochen, um dies -Verlöbniß zu besiegeln. – Meiner armen Mutter -mogte wohl das Herz dabei brechen. Es war mir, -als hätte ich dies zu hören nur geträumt. Als ein -Mägdlein von funfzehn Jahren, wußte ich mich die -Braut eines Unbekannten, und dachte ich an die Vorstellung -meiner Mutter, so durchbohrte ein ahnungsvoller -Schmerz mir die Brust. Ich verlautete aber -in jungfräulicher Schüchternheit nie eine Sylbe, daß ich -davon Wissen hätte. Das Geheimniß, welches ich bewahrte, -war jedoch nicht darnach, meine Aufmerksamkeit -für die Nachbarschaft zu schwächen. Ein Geräusch -am Rathskeller bewegte mich wie das Blatt -der Espe, jede brünette Mannsperson brachte mich in -<a class="pagenum" id="page_077" title="77"> </a> -Schrecken. Doch ging eine Zeit still hin. Ich hatte -es von jeher geliebt, wenn die Frachtwagen mit den -welschen Waaren kamen, dem Auspacken der Früchte -und Delikatessen zuzusehen. Es geschah dies gewöhnlich -in einem Hofraume, den das Fenster einer Hinterstube -unsers Hauses bestrich. Die Atmosphäre vom Dunst -feuriger Weine, die sich hier niemals verzog, betäubte -mich angenehm, während sie meiner Mutter Kopfweh -verursachte. Wenn ich die Citronen, sinesischen Aepfel, -Datteln und Limonien aus Blätterschichten hervor -nehmen sah und der südliche Duft herüber wehete: -so war mir so sehnsüchtig zu Muthe, als wären diese -Früchte vom Baum des Paradieses gepflückt; aber immer -stand etwas Trauriges wie eine dunkle Gestalt -mir vor der Seele. Beinahe war meiner Mutter so -wie mir eine vergessene Sache, was ihr der Vater gesagt, -als er eines Tages in das Zimmer trat, einen -jungen Mann an seiner Hand, den er uns als den -Sohn des Herrn Peter Posca vorstellte. Meine Mutter -ward bleich wie der Tod, ich aber erröthete, daß -mir die Stirn flammte. Der sah nicht aus, als könnte -er Menschen berauben oder ermorden! ein wenig bräunlich -nur war seine Gesichtsfarbe, wie ein schönes Oelgemälde, -dem man es bewundernd verzeiht, daß der -Künstler sich in etwas starken Schatten gefiel. Seine -glänzend schwarzen Augen ruhten wie der höchste Gewinn -<a class="pagenum" id="page_078" title="78"> </a> -eines Würfels auf mir – und der Wurf meines -Schicksals schien mir ein erstaunenswerthes Glück.«</p> - -<p>Bei dieser begeisterten Schilderung einer männlichen -Persönlichkeit, im Munde einer alten Nonne, -hustete die kühle Fabia, und sah bedenklich nach Josephinen -hin, die gesenkten Blickes an ihrem Strickzeug -eine Masche aufhob, welche ihr tief entfallen war. -Therese aber rief erregt: »o das ist prächtig! der Gedanke -des Vaters war so übel nicht. Mir däucht, die -Frau eines Mannes, der offne Tafel hält, ohne daß -sie sich mit Kochen und Backen plagen darf, und ein -Lager für Gäste: müßte es gut mit haben und eine -immer fröhliche Ehewirthinn seyn. Ich brenne vor -Begierde zu erfahren, ob Sie den hübschen Jüngling -noch genommen haben.«</p> - -<p>Der schwache Schein einer längst gedämpften Flamme, -wie wenn Asche ausglimmt, röthete Veronicas Wangen, -als sie sprach: »was Sie äußern, schmeichelt dem -Interesse meiner einfachen Erzählung. Sie vergessen -jedoch, Frau Therese, daß ich eine Braut Christi geworden -bin. – Ueberdies theilte meine Mutter Ihre -Meinung nicht. Als der Besuch fort war und ich -schweigend blieb, redete sie mich mit händeringender -Geberde an: so ist es doch wahr! ich dachte schon, jener -mir verhaßte Gedanke wäre mit deines Vaters -Rausch verflogen, und hütete mich wohl, ihn daran -<a class="pagenum" id="page_079" title="79"> </a> -zu erinnern. Mein armes Kind! jammerte sie, eine -Kellerspinne sollst du werden, die hurtig hin und her -läuft und darauf lauert, eine lose Fliege in das Netz -zu bringen. Maria und Joseph! soll ich meine Tochter -in den Keller betten? – Obgleich das mütterliche -Herzeleid mich rührte und jenes Bild mir widrig -war: so mußte ich doch lächeln, wie meine Mutter -ein Sprüchwort anwendete, worin ihre tiefste Abneigung -sich ausdrückte. – Von dieser Zeit an, besuchte -uns der junge Nachbar zuweilen. Nie blieb er einen -Tag länger aus, oder verweilte eine Minute über -die gewöhnliche Frist. Diese Regelmäßigkeit ängstete -mich heimlich; ich wußte selbst nicht warum? überhaupt -war etwas in diesem Verhältniß, was mich wie -ein leiser Zwang drückte. Von einer Heirath zwischen -uns war die Rede nicht, und daß wir Brautleute -wären, hätte uns Niemand angesehen. Ich leugne -nicht, daß ich meinem Zukünftigen sehr gut war, und -mir mit Vergnügen bewußt, wie ich zu ihm stände, -wenn ich auch das Vorurtheil meiner Mutter schonte. -Ludovico sollte sich erst in seine Lage eingewöhnen – -hatte sein Vater gesagt. So saßen wir einander blöde -gegenüber; ich fühlte ein ängstliches Bedürfniß, ihn -zu unterhalten, als ob ich <em class="ge">seine</em> Langeweile empfände. -Hatte ich auf sein Kommen gehofft: so sah ich nicht -minder gern dem Augenblick entgegen, wo er aufbrechen -<a class="pagenum" id="page_080" title="80"> </a> -würde – wußte ich ihn doch voraus. Manchmal -preßte mir der Druck einer innerlichen Beklommenheit -Thränen aus, die dann flossen, wenn er fort -war. Dabei tröstete ich mich, daß er nicht recht fort -könnte mit der Sprache – ich hoffte ohne Hoffnung –« -die Nonne lächelte trübe: »die Liebe hilft -auch einem Stummen aus.«</p> - -<p>Eine Solche ward jetzt redend. »Aber liebe Veronica,« -sprach Josephine, die ihren Mund noch nicht -aufgethan, »was man am tiefsten fühlt, läßt sich oft -am wenigsten sagen – der junge Herr kann auch -aus Liebe geschwiegen haben.«</p> - -<p>»Schweige Du, voreiliges Kind!« herrschte Fabia -mit leiser Strenge ihrer Pflegetochter zu: »Du -kannst hierüber noch gar nicht urtheilen.«</p> - -<p>»Ich dächte doch!« meinte Therese, und ihr Lächeln -nahm Partei für diese.</p> - -<p>Veronica blickte das verschüchterte Mädchen zärtlich -dankbar an. Sie wußte wohl, welchen Glauben -Josephinens Worte ansprächen.</p> - -<p>»Oft ist es so, mein bestes Kind,« sagte die Nonne -zu dem Liebling ihres Herzens: »allein hier war es -nicht der Fall. So oft Ludovico kam, beschenkte er -mich mit einer artigen Kleinigkeit. Ich durfte nur -etwas lobend erwähnen, so dauerte es nicht lange, es -<a class="pagenum" id="page_081" title="81"> </a> -war mein Eigenthum. Dieser aufmerksame Sinn, -mir eine Freude zu machen, täuschte mich in dem Gedanken, -er wolle mein Glück. Ludovico trug einen -Ring an seinem Finger, der mir in die Augen stach; -er war vom feinsten Golde, mit dem Bildniß einer -<i>Mater dolorosa</i> in Mosaik ungemein künstlich gearbeitet. -Dieser Ring war das Einzige, was er meinem -sichtlichen Wunsche vorenthielt, und zufällig sagte -er einst, daß es ein Andenken von seiner verstorbenen -Mutter wäre. – So war länger als ein Jahr vergangen, -und jetzt äußerte mein Vater, daß unsere Verlobung -in einiger Zeit vollzogen werden würde. Doch -ehe ich mich meinem Ziel nähere, muß ich zuvor noch -etlicher bedeutsamen Umstände erwähnen. Vielleicht -war es in Folge der Unruhe meines Gemüths, daß -ich mich damals etwas kränklich befand. Mein Vater -glaubte nicht recht daran, wie denn Aerzte in -der Regel Uebel, woran die Ihrigen leiden, für unerheblich -halten. Die hochselige Gräfinn Frankenstern -beehrte meinen Vater mit ihrem Zutrauen. Wenn -sie mit ihrem Gemahl auf den hiesigen Gütern war, -bediente sie sich seines Rathes, eines Schadens wegen, -der, wie mein Vater meinte, leicht in ein Krebsgeschwür -hätte ausarten können. Auch in jenem Herbste -kam sie nach B–. Sie fand mein Aussehen verändert, -und erkenntlich für geleistete Hülfe, forderte sie -<a class="pagenum" id="page_082" title="82"> </a> -meinen Vater auf, mich ihr auf ein paar Wochen mit -nach Bühle zu geben, zur Zerstreuung, wie die Gräfinn -sagte. Mein Vater war zu höflich, um der vornehmen -Dame diese gnädige Bitte abzuschlagen, meiner -Mutter flehender Widerstand, mein eigenes Wollen -oder Weigern kam dabei nicht in Betracht. Indessen -gefiel es mir doch ganz wohl in Bühle. Die -Gräfinn war die Leutseligkeit und Liebe selbst, eine -wahre Seele von einer Frau! – Morgen, mein -Clärchen, sagte sie am zweiten Abend, wird eine Novize -in Sanct Capella eingekleidet; hast Du das schon -gesehen? Wir werden hinüber fahren. Ich verneinte; -es war mir unbeschreiblich lieb, daß es sich so träfe, -und ich konnte den folgenden Tag kaum erwarten. -Die geistliche Hochzeit wurde mit größter Pracht vollzogen. -Die Nonne, welche Profeß that, war eine reiche -Erbinn von Hardt. Die Sage ging, sie hätte sich -die Untreue eines Geliebten zu Gemüth gezogen. Das -wunderschöne Frauenbild von edlem Wuchs, im vollen -Brautschmuck, flimmernd von Geschmeide, darin die -Kerzen der Altäre widerstrahlten, die Gestalt des hochwürdigen -Bischofs –: alles, was ich sah und hörte, -machte einen mächtigen Eindruck auf mich. Wie nun -die Orgel erbraus'te und bebte, lös'te sich mein Wesen -in erschütternden Gefühlen auf. Ich wurde hingerissen -von dem heiligen Strom. Alles Irdische versank, -<a class="pagenum" id="page_083" title="83"> </a> -ich sah in den offnen Himmel der Kirche und in meiner -Brust rief es: <i>De profundis!</i>«</p> - -<p>»Schwester Veronica,« sagte Fabia, indem sie die -Hand der Nonne faßte, als wolle sie ihr mit dieser -Bewegung Einhalt thun, »werden diese Erinnerungen -Sie auch nicht allzusehr angreifen? ich dächte –« sie -redete nicht aus. Vielleicht war dem Protestantismus -Fabiens jene Schilderung noch ungleich aufregender, -als dem stillbegeisterten Gemüth der klösterlichen Jungfrau. -Diese schüttelte den Kopf und sprach: »nein, -nein! lassen Sie mich nur ruhig auserzählen. Ich -sah das Kleid von Goldbrocat fallen wie eine verachtete -Zier – die blonden Haare – der Bischof schnitt -mir in das Herz – und das Fräulein aller Eitelkeit -baar, der Welt absterben. – Während dieser ergreifenden -Ceremonie wurde eine Glocke geläutet. Mir -summte es schwer vor den Ohren, ich war einige Secunden -ohnmächtig. Wenn ich an den Blick dachte, -den die junge Nonne, ehe sie, von dem Convent in -die Mitte genommen, auf das gefüllte Schiff der Kirche -warf, und dann durch die Thüre verschwand, welche -nach dem Innern des Klosters führt; so schwamm ihr -Bild vor meinen Augen. Als ich am Abend jenes -denkwürdigen Tages mich allein befand, und meine -Haare auflösete, bemerkte ich, daß sie genau von derselben -Farbe wären, wie die des Fräuleins von Hardt, -<a class="pagenum" id="page_084" title="84"> </a> -welches knieend vor dem Bischof das stolze Haupt in -seinen Schoß beugte, daß es seines Schmuckes beraubt -würde. Während sich diese Scene meinem Gedächtniß -wiederholte, entflocht ich die langen Zöpfe, -und ließ sie wellenartig durch meine Finger gleiten. -Da fällt etwas mit leisem Geklingel zu meinen Füßen -– es war eine silberne Scheere, die ich unversehends -vom Tisch gestreift hatte. Eine innere Stimme -raunte mir zu, daß dieser kleine Zufall vorbedeutend -wäre, und unter einem Nervenfrösteln legte ich mich -zur Ruhe. – Bei dieser Gelegenheit kann ich nicht -umhin einzuschalten, wie es mir vorkommt, als ob -in jedem öffentlichen Opfer eine geheimnißvoll anziehende -Kraft zur Nachahmung läge, welche verschwistert -ist mit dem Reiz der Traurigkeit und der Gefahr. -Und wie verschieden es auch sey – mein Heiland -bewahre mich vor dem Vergleich! ein reines -Herz am Hochaltar den Lockungen der Welt zu entziehen -– oder ein verbrecherisches Leben auf dem Hochgericht -in die Hände seines Schöpfers zurückzugeben: -eine ähnliche Tiefe der menschlichen Seele ist es gleichwohl, -darin es liegt, daß Todesstrafen weniger abschrecken -als sie sollten. – Bei meiner Nachhausekunft -fand meine Mutter, daß eine Veränderung mit -mir vorgegangen wäre. Sie suchte mich durch allerhand -erheiternde Mittel zu zerstreuen. Am Andreas-Abend -<a class="pagenum" id="page_085" title="85"> </a> -gossen wir üblicher Weise geschmolzenes Blei. -Der Geist Gottes, den wir solchergestalt versuchten – -schwebte über dieser kleinen Wasserfläche. Ich zeigte -der Mutter die Form, welche sich meinem Guß gebildet -hatte. Nun das ist ja ganz natürlich wie eine -Abtei mit Thürmen und Kreuzen – sagte sie: Du -wirst uns doch nicht ins Kloster gehen wollen, Kind? -und da die gute Mutter hinsichtlich meiner Zukunft -keines Scherzes fähig war, der nicht ein wenig bitteres -Salz gehabt hätte, so setzte sie lächelnd hinzu: -viel eher hätte ich gedacht, Du würdest kleine Tönnchen, -worin man Sardellen und Kapern voraussetzte, -oder ein kugelrundes Weinfaß fischen. – Ich betrachtete -schweigend mein bleiernes Schicksal. Doch genug -hiervon; meine Erzählung mögte sonst ihre Geduld -ermüden. Das Jesuiter-Collegium besaß ein uraltes -Gebäude vor dem Thore, welches, seiner schönen Lage -wegen, theilweise in wohnlichen Stand gesetzt worden -war. Der schöne Garten daran, mit tropischen Gewächsen -bepflanzt, war zu einem wissenschaftlichen Zweck -eingerichtet worden, und mein Vater, der die Botanik -leidenschaftlich liebte, durfte ihn gewissermaßen als den -seinigen betrachten. Hier verlebten einige Familien -der Professoren die wärmere Jahreszeit, zumeist solche, -die ein kränkliches Mitglied hatten. Auch uns waren -des Anrechts wegen, welches sich mein Vater an -<a class="pagenum" id="page_086" title="86"> </a> -dem Garten erworben, ein Paar der besten Zimmer -eingeräumt, und ich freuete mich stets auf den Tag, -wo wir unser Sommerlogis beziehen würden. Unter -dem Dache dieses Hauses wohnte ein Sprachmeister, -Namens Tamdio, hoch genug, daß die hectische Brust -des ungesunden Mannes, hier Luft des Himmels trinken -konnte. Mein Vater hatte dem armen Tamdio -dies bescheidene Plätzchen ausgewirkt, wo er gleichsam -einen Thurmwart vorstellte, der, ob auch mit kurzem -Athem, gegen Jedermann das Lob seines Arztes und -Wohlthäters ausposaunte. Dieser hatte ihm den Unterricht -verbieten müssen, weil das viele Sprechen seine -kranke Brust angriff; nur einige wenige Stunden -setzte seine Tochter fort, die allgemein für ein wackeres -Mädchen, und für eine nette Stickerinn galt. -Er hätte sonst ohne diese Sprachfertigkeit seiner Tochter -und den Fleiß ihrer kunstreichen Nadel, verhungern -müssen. – Wie groß nun auch der Abscheu -meiner Mutter gegen meine heranrückende Verbindung -war: so vergaß sie doch nichtsdestoweniger alle die -kleinen und größeren Besorgungen, welche ein Brautstand -<i>in optima forma</i> erheischt. Zwar hatte Ludovico -bis jetzt noch kein Wörtchen gegen mich fallen -lassen; aber eine Heirath war damals nicht das Recht -gegenseitiger Zuneigung, sondern lediglich die Angelegenheit -elterlicher Autorität und eine Pflicht des kindlichen -<a class="pagenum" id="page_087" title="87"> </a> -Gehorsams. Sie lachen, Frau Therese? ja, und -doch gab es zu jener Zeit weniger unglückliche Ehen -als jetzt. Eines Tages sprach meine Mutter mit mir -über die Geschenke, welche dem künftigen Bräutigam -zu machen wären, und führte unter ihnen auch eine -Verlobungsweste auf. Ich dächte, wir nehmen paille -Atlaß, sagte sie, und ließen die Klappen und Taschen -mit einer Borde sticken, und zerstreute Blümchen in -die Mitte. Was meinst Du? – Wir wollen des -Sprachmeisters Tochter herunter bitten lassen. – Die -junge Tamdio kam. Ihr Aeußeres war mir sonst -nie aufgefallen; da sie nun jetzt vor uns stand, erschien -sie mir sehr <em class="ge">interressant</em> – wie man heut -zu Tage zu sagen pflegt. Man hätte sie nicht schön -nennen können, vielleicht kaum hübsch; aber es lag -ein Ausdruck in ihrem Gesichte, der unbeschreiblich -rührte. Was sie sprach, klang wie traurige Musik, -und wendete mir das Herz im Busen. Meine Mutter -redete im Tone ruhigen Bestellens über diese Arbeit, -welche sie der äußersten Mühsamkeit der Stickerinn -dringend empfahl, weil es ein Brautgeschenk -werden solle. Bei diesen Worten ward das Mädchen -todtenblaß, und ihr Auge erlosch, wie ein Licht ausgeht. -Sie sind wohl unpaß, armes Kind, vielleicht -vom vielen Sitzen? fragte meine Mutter, unbekümmert, -daß sie diese Anstrengungen vermehre. Wie -<a class="pagenum" id="page_088" title="88"> </a> -geht es denn mit ihrem Vater? Er hustet stark, antwortete -das Mädchen mit schwankender Stimme, und -meine Hoffnung wird täglich schwächer. Diese Nacht -hat er wieder ein wenig Blut ausgeworfen – meine -Mutter versprach, den Vater hinauf zu schicken, sobald -er käme. Sie verlangte nun, ich solle die Blumen -und das Dessein bestimmen. Mir that das Mädchen -sehr leid, und so äußerte ich: wir könnten es ja -noch lassen. Nein, sagte meine Mutter, es stehet geschrieben: -was du thun willst, das thue bald. Ich -wählte also ein Muster von Vergißmeinnicht. In -dem niedergeschlagenen Blicke des Mädchens ging ein -Schein von Beifall auf, die Mutter aber tadelte mich -und sprach: Vergißmeinnicht! das hätte wohl keine -Art, und sähe aus wie ein Andenken. Du vergissest -jedoch, daß Dich der Bewußte so gut wie in der -Tasche hat – womit sie darauf anspielte, daß ich -mich nach dem Willen des Vaters heimlich für ihn -malen ließe, und mein Bild ihm in die Westentasche -gesteckt werden sollte. Das Mädchen griff rasch in -die ihrige, und zog ein Tüchelchen hervor, mit welchem -sie sich die Stirn trocknete. Ich achtete dessen -nicht, es war sehr warm an jenem Tage. Eine -Woche mogte seitdem vergangen seyn,« fuhr Schwester -Veronica tiefathmend fort, »als eines Abends ein -schweres Wetter aufzog. Auch der Odem meiner -<a class="pagenum" id="page_089" title="89"> </a> -Seele war schwül; Ludovico war mir seit einiger Zeit -sehr trübe vorgekommen. Ich legte mich ans Fenster, -um in den Kampf der Wolken zu schauen; meiner -Mutter schwache Augen vertrugen den Blitz nicht. -Sie setzte sich in ihr Schlafgemach hinter verschlossene -Läden und betete. Grade unter meinem Fenster war -eine Mauerblende mit einem eisernen Gitter und steinernen -Sitzen nach Außen. Ein breiter Ahorn wölbte -sich schirmend um diesen kühlen Versteck. Ich starrte -in die Finsterniß hinaus, mit Gedanken an meine Zukunft, -die nicht viel heller waren. Da war es mir, -als sähe ich bei dem schwachen Leuchten der Blitze -den Schatten eines Mannes um die Blende wanken, -und alsbald vernehme ich ein klagendes Geflüster, wie -von Innen. Es dauerte nicht lange, daß ich in der -antwortenden Stimme die meines mir zugedachten -Bräutigams erkannte. Er nannte Diejenige, mit der -er zu dieser unheimlichen Stunde Zwiesprach hielt, -<em class="ge">seine</em> Clara, und an dem Tone, womit er diesen meinen -Namen aussprach, der zu jener Zeit so allgemein -war, daß ihn die meisten Töchter unserer Stadt führten, -an diesem Tone hörte ich, daß ich seine Clara nie -gewesen, noch werden würde. Schrecken und Eifersucht -bewaffneten mein Gehör, so daß mir keine Sylbe -entging, obgleich jede mein Herz durchdrang. Ludovicos -Gegenstand mogte ihn bitten, sich bei dem näher -<a class="pagenum" id="page_090" title="90"> </a> -kommenden Sturm nicht zu verweilen, denn er -sagte, die Gewitterwache stände am Thor, und dieses -bliebe offen, bis sie abziehen könnte. Dann schien er -sich gegen zärtliche Vorwürfe zu vertheidigen. Er -nannte mich ein liebes gutes Mädchen, welches er aber -nicht lieben könne, weil es ihm aufgedrungen werde, -und nur nehmen müsse, gezwungen durch den Willen -seines Vaters, der den meinigen für einen Crösus -halte. Er sprach sein Sträuben gegen diese Heirath -aus, und wie er den Tag der Verlobung so lange -als möglich zu hintertreiben suchen werde. Er betheuerte: -die Mutter Gottes solle ihn in Angst und -Noth verlassen, so er jemals Der vergäße, die einzig -und allein seine Liebe besitze. Ich bin unglücklich, so -lange ich lebe, sagte er, doch ewig werde ich Dein gedenken. -– Reiche mir Deine Hand aus dem Gitter, -bat Ludovico, daß ich Dir diesen Ring an den Finger -stecke, das Liebste, was ich habe. So sind wir verlobt -für den Himmel, jenes Gelöbniß hat nur irdische -Dauer. – Ach! der Mensch sollte nie weder so bestimmt, -noch so vermessen reden! Gott ists allein, der -da bindet und lös't. Ein fürchterlicher Donnerschlag -schlug ein, ich wünschte, dieser Blitz mögte mich zum -Tode getroffen haben. Meine Seele war zermalmt, -und betäubt taumelte ich hinweg. Diese Nacht war -die schrecklichste meines Lebens. Ich rang zu Gott, -<a class="pagenum" id="page_091" title="91"> </a> -daß er mich stärken möge zu einem Entschluß; denn -Ludovicos Frau konnte ich nun nicht werden.«</p> - -<p>»Arme Veronica!« rief Therese mitleidig, »es ist -entsetzlich, aus einer hoffnungsvollen Täuschung so zu -erwachen! –«</p> - -<p>»Und doch war es gut, daß es nicht später geschah,« -sprach Frau Fabia mit prädominirender Vernunft und -Erfahrung. Nur Josephine wagte leise zu sagen: -»ach! und auch der Ludovico dauert mich. Er ist doch -wohl am unglücklichsten daran.«</p> - -<p>»Das dachte ich auch!« äußerte die Nonne, und -fuhr mit bewegter Stimme fort: »wie nun der Morgen -tagte, der schönste Frühlingsmorgen! da fühlte -ich, daß meine Blüthen gefallen wären, für immer. -Die Natur war erfrischt, die Vögel sangen lustig in -den Zweigen – wie <em class="ge">mir</em> zu Muthe gewesen, ich -mögte es nicht schildern können. Es war sehr zeitig, -die Eltern schliefen noch – da ging ich nach der -Stadt auf den Pfarrhof, um mit meinem Ohm zu -sprechen. Die wenigen Leute, welche mir begegneten, -strichen gespensterisch an mir vorüber, meine Schritte -wankten, wie über einem Abgrunde; ich hatte kaum -Kraft die Klingel zu ziehen, die in der nüchternen -Stille so nächtlich laut hallte, daß mir ein Grauen -ankam. Mein Fuß zögerte, über die Schwelle zu -schreiten, als gäbe es kein Entrinnen mehr für mich. -<a class="pagenum" id="page_092" title="92"> </a> -Der gute Erzpriester war schon auf und im Garten -beschäftiget, Ranken und Reben anzubinden, die der -Sturm der verwichenen Nacht wild auseinander gerissen -hatte. Sein Gesicht war voll Sonnenglanz. – -Dieser traute Anblick überwältigte mich – ich sank -an seine Brust, und weinte laut. Er hielt mich bestürzt -in seinen Armen; kein Unglück war so groß, -daß er es nicht in meiner Verstörung, in der schmerzbewegten -Fluth von Thränen gesucht hätte, die an -den Blumen seines Schlafrocks niederfloß. – Ich -sagte ihm nun, wie, nachdem ich lange mit mir gekämpft, -ich nun gewiß wäre, daß ich den jungen -Posca nicht heirathen könnte, indem ich eine unbezwingliche -Neigung in mir fühlte, den Schleier zu -nehmen, und nur fürchtete, die Eltern würden mir -ihre Einwilligung versagen. So bäte ich ihn denn -inständigst, meines Wunsches Wort bei der Mutter -zu führen. Was den Vater anbeträfe, so wollte ich -erst Vertrauen und Muth fassen, da ich von seiner -Seite auf starken Widerstand gefaßt seyn müßte; -weshalb ich denn auch so zaghaft wäre.« –</p> - -<p>Mein Ohm schüttelte den Kopf und sprach: »wäre -mir dies doch nicht im Traume eingefallen! ist es auch -nicht etwa nur eine flüchtige Einbildung von Dir? -besinne Dich, liebe Clara! Nonne werden, und allen -Freuden des Lebens absterben, ist kein Kinderspiel, -<a class="pagenum" id="page_093" title="93"> </a> -und ich mache mir einen Vorwurf daraus, daß ich -Dir vielleicht mit jener Puppe die erste Idee dazu -an die Hand gegeben habe. Ist es mir doch nie so -vorgekommen, als ob Du Deinem Liebsten abgeneigt -wärest! ich fürchte, Du verschweigst das Wichtigste -hierbei! – Doch um keinen Preis hätte ich meinem -Ohm die Wahrheit entdecken können. – Wenn Gottes -Absichten vollführt werden sollen: so muß es sich -wunderlich schicken. Wer meinen Vater gekannt hätte, -seinen Haß, o, daß ich es sagen muß! gegen die Geistlichkeit -im Allgemeinen und gegen die klösterliche insbesondere -– seine Ueberschätzung alles Eitlen, sein -Trotz, wie er den Glücklichen dieser Welt eigen ist, -womit er einen einmal gefaßten Vorsatz fest hielt: -Der würde es für ein Unmögliches gehalten haben, -daß er meinem Wunsch sich nicht nur füge, sondern -ein williges und willkommenes Sühnopfer für sich -selbst darin sähe. Und dennoch mußte ein gewaltsamer -Umstand mir dazu behülflich seyn.« Hier hielt -Schwester Veronica lange inne, und ein tiefer Seufzer -ihrer Brust säuselte durch die hochgespannte Stille. -Dann fuhr sie mit unterdrückter Stimme fort: »die -Heiligen segnen die Seele meines Vaters! ich weiß -nicht, ob es mir als Tochter wie als Nonne ziemt, -daß ich einer Geschichte erwähne, die einen Schatten -auf sein Grab wirft, obgleich die Zeit von funfzig -<a class="pagenum" id="page_094" title="94"> </a> -Jahren Gras darüber wachsen lassen! Wenn ich es -thue, so geschieht es in dem Vertrauen, daß die Ruhe -seiner Asche nicht dadurch gestört werde. Sie mögen -sich selbst überzeugen, wie es möglich war, daß ein -Mann von so sanguinischen Meinungen, wie mein Vater, -plötzlich so erschüttert werden können, daß sein -ganzes Wesen eine totale Umwandlung erlitt. – -Mein Vater hatte sich der Wittwe eines Chirurgen -thätig angenommen. Die Frau stand nicht im besten -Rufe und mogte auch leichtsinnig genug seyn; ihr seliger -Mann, dessen Geschäft sie fortsetzte, in seinen -niedrigsten Functionen wenigstens – hatte sie barbieren -gelehrt, auch über den Löffel – zur Ungebühr, -wie mir däucht; denn sie verstand es sehr von selbst, -den Männern um den Bart zu gehen. Die arge -Welt legte der Betriebsamkeit meines Vaters für das -Beste dieser Frau, der Pünctlichkeit, womit er sie besuchte, -und dem weichen Polster ihres Wittwenstuhls, -eben keine bewegende Feder unter, die von gediegenem -Golde gewesen wäre. – Dies Verhältniß war der -stille Schmerz meiner guten Mutter. Als mein Vater -eines Abends wie gewöhnlich zu dieser Wittwe -geht und in die unverschlossene Stube tritt, ist -es dunkel darin, nur der Mond scheint auf die -Gestalt der Frau, welche schweigend mit verhülltem -Kopf hinter der Thüre lehnt. Mein Vater, der da -<a class="pagenum" id="page_095" title="95"> </a> -glaubt, sie habe Versteckens mit ihm spielen wollen, -eilt scherzend auf sie zu – doch welcher furchtbarer -Ernst schreckt ihn zurück! seine Freundinn hängt an -ihrem Schürzenbande, und mein Vater – <em class="ge">er selbst</em>! -muß sie mit einem Rasirmesser losschneiden.«</p> - -<p>Die Zuhörerinnen schauderten – Josephine legte -beide Hände vor ihr unschuldiges Gesicht. Und -Schwester Veronica sprach! »ja, mein Kind, wir müssen -wohl den Blick schonend bedecken, der auf solch -einen tiefen Fall trifft! nie ist der Grund aufgefunden -worden, warum die Frau sich ein Leides gethan. -Mein Vater mußte, da der Kreisphisikus erkrankt -war, der gesetzlichen Section ihres Leichnams beiwohnen, -und diese Amtspflicht, der er sich nicht entziehen -wollen, um sich vor den Augen der Menschen keine -Blöße zu geben, hatte seine innersten Lebenskräfte -angegriffen. Dieses unglückselige Ereigniß hatte sich -an jenem Abend begeben, wo ich auf andere Weise -Todesweh empfand. – Auch mir war es aus reinerer -Schaam Bedürfniß, mich in der Achtung des Einen -herzustellen, der mich höchstens bemitleiden können. -Die Geschichte machte ein ärgerliches Aufsehen, es -war, als ob der böse Würgengel vor meinem Vater -herginge, und, um sein Unglück zu vollenden, starben ihm -damals mehrere seiner bedeutendsten Patienten. Meine -Mutter hatte in eben der Stunde, wo ich vom Pfarrhof -<a class="pagenum" id="page_096" title="96"> </a> -zurückkam, die erste Kunde von dem Geschehenen -erhalten. Sie würde es daher kaum gemerkt haben, -wenn ich als eine Gestorbene aus dem Grabe wiedergekehrt -wäre, und so bleich ausgesehen hätte, wie ich -nun wirklich vor ihr stand. Wir finden es daher gewiß -ihrer Stimmung angemessen, und auch folgerichtig, -wenn wir ihr eingewurzeltes Vorurtheil gegen -die Heirath mit dem Italiener bedenken, daß sie, als -ich nach einigen Tagen ihr im Beiseyn des Erzpriesters -meinen Wunsch eröffnete, mir zur Antwort gab: ich -segne Deinen Entschluß, meine Tochter. Viel lieber -will ich Dich im Schoß der Kirche, oder auch in den -Mauern der Gruft aufgehoben wissen, als in den Armen -eines Mannes. Willig reiße ich die Blume meiner -Freuden aus dem mütterlichen Herzen, wenn ich -weiß, daß Dir die Dornen der Ehe erspart bleiben. – -In dieser Aufregung meiner Eltern unterdrückte ich -möglichst den Tumult meiner eigenen Gefühle, nur -das Verlangen sprach laut in mir an, zu wissen: Wer -das Mädchen sey, dem Ludovico seine Liebe geschenkt, -ich meinte ruhiger zu seyn, wenn ich es wüßte. Wie -aber sollte ich es erfahren?«</p> - -<p>»Ja,« rief Therese, und rückte unruhig auf ihrem -Stuhle hin und her, »diese Neugier hätte mich auch -gemartert, und ich würde jedem Mädchen im Hause -auf die Finger gesehen haben.«</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_097" title="97"> </a> -»Das that ich auch,« erwiederte die Nonne lächelnd, -»aber leider fand ich wenig Gelegenheit dazu. Zu -jener Zeit herrschte auch unter Hausgenossen eine gewisse -Zurückhaltung des Umgangs; die Töchter der -Professoren hielten zusammen und mich für stolz, womit -so oft der Sinn für Einsamkeit verwechselt wird, -und die Fähigkeit, sein eigener Freund zu seyn. Indem -ich nun Tag und Nacht darüber nachsann, Wen -ich mir zum Fürsprecher bei meinem Vater erwählen -könnte, und – da die Zeit drängte, ich mit unschlüssiger -Angst bald an die Gräfinn Frankenstern dachte, bald in -Ueberlegung nahm, ob ich mich an den alten Posca selbst -wenden sollte, der als ein bigotter Mann Scheu getragen -haben würde, die Rechte seines Sohnes gegen den Herrn -Jesum Christum geltend zu machen, war mir der -Ring, und wer ihn trüge, wirklich ein wenig ins Vergessen -gekommen. Den Ludovico hatte ich seitdem -nicht wieder gesehen. Nach einigen Tagen kommt des -Sprachmeisters Tochter und bringt die fertige Weste. -Das Muster blühete nur so, und war mit dem reizendsten -Gusto ausgeführt. Meine Mutter breitete -den Atlas vor mir aus, und als ich die Vergißmeinnicht -sah, die ich ahnungsvoll gewählt: da schwellten -meine Augen und ein großer Tropfen fiel auf die abgezeichnete -Tasche, die mein Bildniß hatte bergen sollen. -O weh! sagte meine Mutter betroffen, was hast -<a class="pagenum" id="page_098" title="98"> </a> -Du da gemacht? – O das schadet nicht, versicherte -das Mädchen, <em class="ge">die</em> Farbe ist ächt, Sie werden es sehen. -Darauf nahm die junge Stickerinn den äußersten -Zipfel des Seidenzeugs, und rieb damit fadengleich -die feuchte Stelle. Auf dem reibenden Finger -aber – erblickte ich Ludovicos <i>Mater dolorosa</i>, und -fühlte ihre sieben kleinen Schwerter in <em class="ge">meiner -Brust</em>. – Ich besann mich, daß Ludovico bei dem -Sprachmeister Unterricht genommen, ich wußte auch, -daß seine Clara italienisch spräche. Dies arme, geringgeachtete -Mädchen mit der kummervollen Leidensmiene -stand vor mir, so glückbegünstiget, als ob ein Königreich -an ihrem Finger funkelte. – Ich weiß nicht, -in welche Verbindung ich es setzen soll, daß mir bei -dem Lichte, was mir nunmehr über den ganzen Zusammenhang -der Dinge aufging, jeder Schatten von -Furcht vor meinem Vater verschwand. Noch an demselben -Tage redete ich mit ihm. Ich unterstützte die -getroste Bitte durch Alles, was meiner Meinung nach -wirksam auf ihn seyn könnte, als zum Beispiel: daß -ich aus guten Gründen glauben müsse, Herr Peter -Posca halte ihn für unermeßlich reich, und solch ein -Rechnungsfehler bei einem Kaufmann, ergäbe kein -verläßliches Facit. Dann würde er wohl als Arzt -bemerkt haben, wie dessen Sohn zum Heimweh hinneige, -und wenn der Alte einmal das Zeitliche gesegnet, -<a class="pagenum" id="page_099" title="99"> </a> -könnte es kommen, daß ich mit Ludovico über -Berg und Thal in ein fremdes Land werde ziehen -müssen. – Daß mein Vater mit den Italienern -seit einiger Zeit nicht mehr auf dem alten Fuße stand, -daß ihm die Idee unserer Verbindung selbst leid geworden, -davon wußte ich nichts, als ich mit dringender -Beredsamkeit an dem verknüpften Bande lockerte, -als ob ich es Wunder! wie unauflöslich hielte. Sieh -da! der Faden war schon gelös't. – Mein Vater -ließ mich ausreden, tödtlich stumm. Dann sagte er: -thue, was Du nicht lassen kannst! ich will Dich weder -hindern noch zwingen. Dieser leichte Sieg war -über mein Erwarten. Ich schlang meine Arme um -seinen Hals und rief: lieber Herr Vater! ist dies -auch wahrhaftig wahr? – So will ich Gott mein -Herz weihen, daß er Ihnen seinen Segen dafür gebe, -lebenslang für Sie beten, und als Ihr treues Kind -ersterben. – Diese Freude schien ihn zu erschüttern; -thue es – sagte er mit erstickter Stimme; und zum -erstenmale sah ich seine Augen benetzt. Mir aber -hatte sich eine Compresse vom Herzen gelös't, und es -blutete aus tiefen Wunden. Ich bat meinen Vater, -daß er mir noch eine Bitte gewähre. Wenn der alte -Tamdio ausgelitten haben würde, was nicht mehr -lange dauern könne, dann mögte er die Clara an -Kindesstatt aufnehmen, daß dies verlassene Mädchen -<a class="pagenum" id="page_100" title="100"> </a> -elterlichen Schutz, und meine Mutter eine Tochter -hätte, die ihres Alters Trost und Pflege würde. – -Er versprach es mir. Nun übrigte mir noch das -Schwerste. Kaum eine Stunde nachher kam mein -zukünftiger oder gewesener Bräutigam, und warb in -einer entschlossenen Rede um meine Hand. Ich bebte -an allen Gliedern, da ich sprach: Herr Ludovico! ein -langer Irrthum hat zwischen uns gewaltet: ich bin -Willens, des Himmels Braut zu werden und keines -Mannes. Hätte ich Einen gewählt, Sie würden es -gewesen seyn, denn ich schätze Sie sehr hoch! – Hier -ergriff er meine Hand – ich fühlte einen heftigen -Druck, und mit gepreßtem Athem fuhr ich fort: ich -habe meinen Eltern eine Nachfolgerinn gegeben, die -an meine Stelle träte, Clara Tamdio – ein braves -Mädchen, welches das beste Glück verdient. Wenn -Sie künftig das freundschaftliche Verhältniß zu unserm -Hause fortsetzen: so gedenken Sie auch meiner. – -Ich wagte es, in sein Angesicht zu schauen; es sah -aus wie von Marmor, sein Blick war gebrochen – -und <em class="ge">Freude</em> war es nicht, was seine Züge versteinte. -<em class="ge">Clara</em>, rief er, ist dies möglich? mein Name in seinem -Munde, hatte bei dieser Frage einen andern Klang -als sonst – dieser Augenblick war mein glücklichster.«</p> - -<p>Die Nonne verstummte in bewegter Erinnerung. -Alle schwiegen. Nach einer Pause fuhr Schwester -<a class="pagenum" id="page_101" title="101"> </a> -Veronica fort: »an dem Tage, wo ich mein Noviziat -antrat, begrub man den Sprachmeister. Seine Tochter -zog in meiner Eltern Haus und in mein Zimmer. -Sie trug meine Kleider mit Liebe, und die Schwächen -meiner Mutter mit kindlicher Geduld. Die paille -Atlaßweste mit Vergißmeinnicht aber hat der Ludovico -an seinem Hochzeittage getragen. – Im Begriff, -eine geistliche Jungfrau zu werden, war es mir -gelungen, meine Eltern gleichsam noch einmal zu -trauen. Ich genoß die unaussprechliche Beruhigung, -daß sie die letzten Jahre ihrer Ehe einmüthig lebten. -Mir aber war wohl – das mögen Sie mir aufrichtig -glauben. Ich erkannte meine Bestimmung, und -daß die Welt meiner Wünsche Ziel nicht gewesen wäre; -in ihr würde meine Liebe mir verloren gegangen -seyn, die ich mir nun wie ein werthes Kleinod gerettet -hatte. Wenn ich den Ludovico heirathen müssen – -und dem würde ich nicht haben entgehen können – -ach! und eine <em class="ge">ungeliebte</em> Frau ist die unglücklichste -von allen – dann würde ich in seinem Besitz zu beklagen -gewesen seyn, und außer Stande, meine Pflichten -mit Vertrauen zu erfüllen, nachdem ich wußte, -Wem sein Herz gehöre, und daß ein armes verwaisetes -Mädchen durch mein Glück leide. So dachte er -gewiß mit Wohlwollen an die Clausur, welche ich gewählt, -auf daß er frei wäre in seiner Wahl. Die -<a class="pagenum" id="page_102" title="102"> </a> -<em class="ge">Nothwendigkeit</em> meiner Entschließung leuchtete mir -also ein, wenn es doch dann und wann einen Augenblick -für mich gab, wo ich meinte, es hätte vielleicht -ein anderer Ausweg für mich ermöglicht werden können. -Allmählig schloß ich die Augen meiner Seele -für solche Rückblicke. Mir war wie Einem, Den mitten -am hellen lichten Tage eine Sehnsucht nach Ruhe -ergreift, der er nicht zu widerstehen vermag; der Sonnenschein -da draußen blendet ihn nicht, und das Getümmel -der Welt regt ihn nicht auf an der stillen -Stelle, wo er Frieden träumt. – Gebet und Arbeit -füllten meine Zeit, ich zog viel Blumen, welcher Neigung -ich durch mein ganzes Leben treu geblieben bin. -Mehrere botanische Werke aus der Bibliothek meines -Vaters, waren mein fortgesetztes Studium. Auch -lernte ich den Generalbaß und Latein – was – wie -ein classischer Schriftsteller sagt: ein gutes Mittel gegen -die Wollust seyn soll –« ein klares Lächeln, worin -die Reinheit einer gottgeheiligten Seele schimmerte, -ergoß sich über Veronicas Züge, da sie erläuternd hinzusetzte: -»als worunter jener Autor vielleicht die Lust -zum Wohlleben und schlaffe Unthätigkeit verstanden -wissen will. Auch muß ich ihm gewissermaßen Recht -geben, und es ist wirklich wahr, daß jene anstrengende -Schule ein empfindsames Frauenzimmer sehr erkräftiget, -und keinem weichlichen Versinken in sich selbst -<a class="pagenum" id="page_103" title="103"> </a> -Raum giebt. Beide Kenntnisse, nachdem ich sie mit -unsäglicher Mühe erworben, waren mir über die Maßen -lieb. Ich konnte die Väter unserer römischen -Kirche lesen, die heiligen Legenden – und der Generalbaß -– der ist der Schlüssel zu aller Harmonie, -und gleichsam das Thor zu der Welt der Töne. -Man geht erst ein in das Geheimniß der Musik, wenn -man ihn kennt. – So waren mir fünf Jahre still -verrauscht. Als ich einst nach der Vesper vom Chore -kam, die Violine im Arm, die ich zu einer Uebung -mit auf meine Zelle nehmen wollte – ward mir gesagt, -ein fremder Herr, der einen Auftrag an mich -hätte, wünsche mich zu sprechen. Ein <em class="ge">Herr</em>! ein -<em class="ge">Fremder</em>! dies sind Worte, welche ein Frauenkloster -in Aufruhr bringen. Der ganze Convent sah mich -mit Neid und Neugier an, und die Aebtissin bewilligte -es, daß ich das verlangte Gehör gäbe. Es war -im Herbst, zur Zeit des Zwielichts; der Mond schien -schon blaß durch die hohen Fenster, die Reben daran -wankten in der Abendluft, so daß sich Licht und -Schatten zitternd in dem düstern Sprachzimmer mengten. -Mein Blick fiel auf die Gestalt eines Mannes, -der am Pfeiler lehnte, und dessen bleiches, verhärmtes -Gesicht ich nicht sogleich erkannte. Um Gott! Ludovico! -rief ich so erfreut als bestürzt, da ich ihn tieftrauernd -sah; ich <em class="ge">fühlte</em> die Scheidewand zwischen -<a class="pagenum" id="page_104" title="104"> </a> -uns – den Bogen ließ ich tönend auf die Saiten -fallen und konnte mich des Instruments nicht geschwind -genug entledigen. Sein Auge strich an meinem -Ordensgewand und dann an der Violine herab, -da er sprach: liebe <em class="ge">Clara</em> – nie werde ich Sie bei -einem andern Namen nennen – und ich mißverstand -ihn wohl, denn ich dachte, um seiner Gattinn willen – -also setzte er hinzu: ich mußte Sie doch einmal wieder -sehen. – Ich drückte ihm meine Freude darüber -aus, und durfte ihm nun die Fülle der Liebe zeigen, -die keinen Abbruch gelitten, als ich mir mit dem -Grundstein seines Glückes eine Stufe in den Himmel -bauete, denn er war ja einer Andern, und ich war -Gottes. Das Herz war mir so voll – ich wußte -nicht, wonach ich zuerst fragen sollte. Was mußte ich -vernehmen! – Seine Frau war todt, in einem schweren -Kindbett gestorben, und Ludovico Willens, mit -seinen Kindern nach Italien zu gehen. So wollte -ich denn Abschied nehmen, auch komme ich nicht mit -leerer Hand – sagte er mit zermalmender Wehmuth, -und bat, daß ich ihm die meinige reichen mögte. – -Und durch das Gitter, wie es damals geschah – steckte -er mir <em class="ge">den</em> Ring an meinen Finger, den er der Geliebten -gegeben, den seine Ehefrau getragen, den Ring -der Schmerzensmutter! – Empfangen Sie dies zum -Andenken von mir und ihr! sagte er, dieses gottselige -<a class="pagenum" id="page_105" title="105"> </a> -Bild darf eine Braut des Himmels tragen, ohne ihrem -Gelübde treulos zu seyn. Und erinnern Sie Sich -in frommer Fürbitte Eines, der mit einem Herzen, -darin der Harm wühlt, und ein Wurm, der nicht stirbt, -vergangener Tage gedenkt. – Ich weiß nicht, ob -das meinige mehr leidvoll als entzückt war; ich hatte -ein Gefühl von Verlöbniß, und doch nicht von irrdischer -Art. Wir trennten uns auf immer – und doch -nicht für ewig. Ich besaß ein Pfand, was den armen -Leidenden an mich bände, und der Freund meiner -Seele, mein Herr und Heiland! hatte nichts dagegen. -Auch die Aebtissinn erlaubte, daß ich den -Ring trüge. – Nach Jahresfrist erhielt ich eine Cremoneser -Geige wohl verpackt, von Ludovico zugeschickt, -die mir unbeschreibliches Vergnügen machte. Es war, -als ob seine frühere Gewohnheit, mich zu beschenken, -seit dem Tode der Frau wieder ihren alten Platz eingenommen -hätte. Vor einigen Jahren,« so endigte -Schwester Veronica ihre Geschichte, »zerbrach mir der -Ring – ich konnte mich jedoch nicht entschließen, ihn -einem Goldschmied zu geben. Wie bald – dachte ich, -bricht nicht auch der Tod das Auge, das zu viel tausendmalen -darauf geruhet! so möge er denn ruhen. -Hier liegt er nun.« Bei diesen Worten zog die Nonne -ein kleines Schubfach auf, nahm ein Döschen von -Perlenmutter, in Form einer Muschel heraus, öffnete -<a class="pagenum" id="page_106" title="106"> </a> -es, und drinnen schlief das Bild der allerseligsten -Jungfrau auf ein wenig Watte. Die blanke Glätte -des Goldes, und ein kleiner Bug am Ringe, zeigten, -wie lange er getragen worden sey. Die Damen betrachteten -ihn mit einem, obgleich verschiedenartigen, -doch gemeinschaftlichem Interesse.</p> - -<p>Frau Fabia hielt ihn lange vor ihr ernstes Auge, -und seine Farben spielten unter mystischen Gedankenblitzen. -Sie dachte an die geheimnißvolle Verkettung -der menschlichen Schicksale, wovon dieser Ring als ein -Glied anzusehen wäre – und daß selbst so winzige -Steine reden müßten, als die, welche den kleinen Altar -reinster Mütterlichkeit zusammenbauten, wenn es -darauf ankäme, daß der Unerforschliche seinen Willen -offenbare. Theresens Blick spiegelte sich leuchtend im -hellen Golde dieser Fassung – unter Regungen des -Flattersinns wie des Vergnügens, dachte sie: wie solch -eine traurige Treue wohl möglich wäre? und nur ein -leiser catholischer Schauer versenkte ihr Anschauen etwas -tiefer in die durchbohrte Brust der kleinen Madonna. -Josephine, als die jüngste, bekam den Ring -zuletzt, und durfte ihn am längsten behalten; ihr war -er eine Reliquie. Der todte Schmerz darin – das -Leben und Leiden der Nonne – bewegte ihre junge -Seele. Die Mutter Gottes, fest gefügt, schwankte, -und ihr starrer Jammer lösete sich in der Thräne auf, -<a class="pagenum" id="page_107" title="107"> </a> -die dem frömmsten Kinde der Christenheit in den klaren -Augen funkelte. Josephine empfand, daß solch -ein Ring den Schmuck der ganzen Erde aufwöge. -Sie fühlte die Heiligkeit der Liebe, und den unvergänglichen -Werth eines Herzens, das sich zu opfern -vermag, auf daß die Welt selig würde, die es umfaßt.</p> - -<p>Während dieser Theestunden war der Administrator -bei dem Major Feldmeister gewesen, der ihm sagen -lassen, es ginge schlimmer mit dem Bein, und er -mögte ihm doch ein wenig Gesellschaft leisten auf seinem -Zimmer.</p> - -<p>Jener, der in der Abwesenheit der Frauen eine -schwache Anwandlung von dem Unbehagen eines Ehemanns -spürte, welcher den Zusammenkünften der Damen -und ihrer gesetzgebenden Tyrannei nachstehen -muß – hatte der Einladung augenblicklich Folge geleistet. -Das Gespräch vom Morgen ward fortgesetzt, -und der Major brachte die Frage wiederum in Anregung, -wie der Erstere zu seiner zweiten Schwägerinn -gekommen sey. Da es sich nun der Allgegenwärtige -allein vorbehalten hat, aller Orten zugleich zu seyn, -und, wie Einer sagt, der nach dem ersten Erschaffenen -heißt: Adam im Dorfbarbier –, ein einzelner -Mensch nicht an Alles denken kann, so müssen wir -uns das Vergnügen versagen, unsere Leser als Zeugen -dieser Unterhaltung einzuführen, <em class="ge">weil</em> und <em class="ge">so lange</em> -<a class="pagenum" id="page_108" title="108"> </a> -wir in Veronicas Zelle verweilen. Indem wir nun -den Inhalt derselben nachträglich mittheilen, ist uns -der Vortheil gegönnt, auch das, was dem Erzähler -selbst verschlossen geblieben, kraft des magischen Schlüssels, -den wir dazu besitzen, unsern Lesern zu eröffnen. -– Die Stiefmutter des Administrators hatte -sich nach seines Vaters Tode mit ihrem Söhnlein in -die Hauptstadt des Landes begeben, welches der Schauplatz -dieser einfachen Geschichte ist. Die Dame mogte -ihre guten Ursachen haben, so fern als möglich von -ihrem ehemaligen Wohnorte zu leben, um persönlichen -Vorwürfen zu entgehen, und die Früchte eines erlisteten -Testaments unter dem Schutze der Unbemerktheit -genießen zu können. Und wie es denn nun häufig -geschieht, daß ein ungemeines Glück auf den Schmutz -ungerechten Besitzes, und in befleckte Hände fällt, so -waren ihrem Kinde seltene Gaben geworden. Der -kleine Constanz war ein Ausbund in jedem Sinne, -und unter keine Regel zu bringen. Er wuchs in genialer -Wildheit auf, und seiner Mutter, wie Jedem, -der an ihm erzog, über den Kopf. Seine Fähigkeiten -überflügelten frühzeitig die Erwartungen der Lehrer, -die nicht wußten, in welche Classe sie ihn setzen -sollten. Seinen Mitschülern war er ein Abstractum – -und mit einer wohlwollenden Seele sah Constanz sich -nirgend verstanden, denn es fehlte selbst der Mutter -<a class="pagenum" id="page_109" title="109"> </a> -an dem Maßstab der Liebe, den Geist ihres Kindes -zu messen. Die Mutter befand sich nicht wohl, und -zog, eine Frühlingscur zu gebrauchen, vor das Thor. -Dicht neben dem Hause, darin sie wohnte, war das -Hotel des ***schen Gesandten, mit einem prächtigen -Garten. Der Knabe blickte zuweilen sehnsüchtig aus -dem engen grünen Bezirk, den seine Eigenthümer ein -Gärtchen nannten, und dessen Beete in seine strebsamen -Wünsche hemmend einschnitten, in die freien -Räume hinüber, wo die Söhne des Gesandten, etwas -älter als er, unter hohen Schatten sich nach Willkür -belustigten, und unter dem gesenkten Auge des Hofmeisters, -der nicht weit davon in einem Buche las -und mit vornehmer Ruhe seine Eleven gewähren -ließ – ein wenig turnten. Es prickelte den Constanz -oft in allen Gliedern, das Glück dieser Ungebundenheit -zu theilen, denn die Mutter schrie schon ängstlich -auf, wenn er einen Purzelbaum schoß, oder, die -langsame Treppe zu umgehen, sich über das Geländer -hinaufschwang. Jede solche Kraftübung ihres Söhnleins -setzte ihren schwachen Kräften zu. Das Verlangen -nach diesem Spielraum ward ihm denn nun auch -erfüllt. Die Lebendigkeit des Kindes, was sich den -stolzen Söhnen des Gesandten auf ihren Wunsch und -Wink zugesellt, etwas Hinreißendes in seinem Wesen, -die Art und Weise, wie der freundliche Knabe seinen -<a class="pagenum" id="page_110" title="110"> </a> -Willen stets gegen den hochmüthigen Trotz der Andern -durchsetzte, schienen dem Hofmeister bemerkenswerth. -Er sagte dem Gesandten davon, und als dieser einst -Gelegenheit hatte, den kleinen Constanz selbst zu beobachten, -fand sein feiner diplomatischer Blick ein -Talent an dem Knaben aus, was wohl der Mühe -verlohnte, für <em class="ge">seine</em> Zwecke entwickelt zu werden. -Der Gesandte ließ sofort die Wittwe artig ersuchen, -ihren Sohn, der ihm lieb geworden sey, an dem Unterricht -seiner Kinder Theil nehmen zu lassen. Es -geschah, und mehr noch. Als der Sommer zu Ende -ging, war auch die Mutter des kleinen Constanz an -ihrem Ziele – und der Gesandte nahm den verwaiseten -Knaben nun ganz zu sich. Die Söhne folgten -ihrer Bestimmung, Constanz blieb das Kind des Hauses. -Er ward Privat-Secretair des Gesandten. Diese -Stellung machte ihn mit den geheimsten Staatsverhältnissen -vertraut, er arrondirte die Rechte der Familie -gegen einander, und ihr Oberhaupt setzte ein -ungemessenes Vertrauen in die Klugheit seines Günstlings. -Nur dessen Geschlechtsname war ihm zuwider, -aus einem angestammten Vorurtheil gegen klösterliche -Machthaber, und da nun Constanz von früher Kindheit -an <em class="ge">so</em> und nicht anders genannt worden war, -behielt er diese Benennung später und für immer bei, -so daß man kaum mehr wußte, wie er eigentlich heiße. -<a class="pagenum" id="page_111" title="111"> </a> -So ward es dem Constanz nicht schwer, die Prälation -seines Namens gegen jenen aufzugeben, der im Hause -mit französischem Accent ausgesprochen ward. Seine -Persönlichkeit ging in der Bedeutung des Gönners -unter, dem er Kopf und Feder lieh. Es war bekannt, -daß der Secretair die rechte Hand des Gesandten -wäre; doch die Frau desselben tadelte diesen Vorzug, -wenn auch nicht laut. Sie liebte den Jüngling nicht -gleicherweise, theils aus ein wenig Mutterneid, theils -aus einem dunkeln Gefühl von Eifersucht auf die -Gunst ihres Gemahls, endlich, weil er sehr verschwiegen -war. Diese erforderliche Eigenschaft stand im -Conflict zu einem Fehler der Dame: dem Mißtrauen. -Sie argwöhnete, das Cabinet, dessen Geheimnissen -der Secretair verpflichtet wäre, enthielte auch solche, -welche nicht in anderer Herren Länder, sondern über -die Grenzen des ehelichen Bereichs, in das Gebiet -<em class="ge">fremder Frauen</em>, verhandelt würden. Und in wie -weit dieser Verdacht begründet gewesen, wird die -Folge lehren. So war das Verhältniß des begünstigten -Constanz gegen die Dame des Hauses etwa das -eines natürlichen Sohnes.</p> - -<p>Wenn der Gesandte, was er oft zu thun pflegte – -rühmte, wie expedit Constanz sey, wie er darin das -Unmögliche leiste, dann bestrafte seine Gemahlinn ihn -für den Aerger dieses Lobes, indem sie weniger mit -<a class="pagenum" id="page_112" title="112"> </a> -einer Miene des Tadels, als übler Weissagung, entgegnete: -»ich fürchte sehr, Constanz übertreibt Alles, -und Sich zumeist. Solche Leute leben nicht lange. –« -Dies Prognosticon, mit pflegmatischer Ruhe gesprochen, -jagte den Gesandten in Furcht. Einst hörte er -seine Frau zu dem Secretair sagen: »wenn Sie nur -nicht immer so <i>en carrière</i> wären, Constanz! ich mag -es nicht gern, wenn der Mensch weder Rast noch -Ruhe hat. Denken Sie an mich, Sie werden einmal -wie ein Wirbelwind heirathen, der den Leuten -Staub in die Augen streut – und mit Extrapost gen -Himmel fahren. –« Der Jüngling lächelte der Drohung, -die ihn zügeln sollte, und sprach: nichts könnte -ihm lieber seyn, denn alles Langsame wäre sein Tod. –</p> - -<p>Der Gesandte dachte darauf, wie er den Constanz, -ohne ihn zu verlieren, entfernen könnte, und alsbald -traf dieser Wunsch mit den Interessen seiner Charge, -wie mit denen seiner eigenen Angelegenheiten auf -das Genaueste zusammen.</p> - -<p>Es war um die Zeit der Aufstände in Polen, wo -er den Secretair mit einem Auftrage von größter -Wichtigkeit an einen entlegenen Hof sendete. Es war -eine Courierreise. Doch zu Einem Auffenthalt erhielt -der junge Mann geheime Instruction, und Constanz -muthmaßte schlau, diese mache nicht den unbeträchtlichsten -Theil seiner Sendung aus. An der polnischen -<a class="pagenum" id="page_113" title="113"> </a> -Grenze lebte eine Freundinn des Gesandten, -um die er in Sorgen war. Constanz sollte sich von -der Lage dieser Dame und ihrer Tochter in Kenntniß -setzen, und wie es Beiden in den kriegerischen -Unruhen ergangen sey; dann ihnen Depeschen überreichen, -welche der Gesandte ihm, unter dem Siegel -der tiefsten Verschwiegenheit, übergab. Er versprach -dagegen, wenn die Ausführung jenes Geschäfts – -vielleicht meinte er auch <em class="ge">dieses</em> – den Beauftragten -bewähre, so solle Constanz einer seinem Verdienst -entsprechenden Versorgung im diplomatischen Corps -gewiß seyn. – Es war, als ob der Landsturm jener -Revolution eine alte Erinnerung in dem Herzen des -Gesandten aufgestört, und seinen gleichmüthigen Bestand -aufgelöset hätte. Dieser Protector, getäuscht von -der innern Bewegung, wähnte, seinen äußern Zustand -verändern zu müssen, und indem er die Anstrengung -im Auge hatte, sich auf den Gipfelpunct seiner Wünsche -zu schwingen, ging er von der Idee aus, den -Protegé für diese Absicht zu nützen, bevor er ihn -poussire.</p> - -<p>Freudig, wie ein Vogel den goldenen Käfig hinter -sich läßt, darin er eingeengt gewesen, flog Constanz -durch die blauen Lüfte. Er war ganz in seinem Elemente; -eine weite Aussicht that sich vor seinen Blicken -auf. Er schwelgte gleichsam im Genuß einer pflichtmäßigen -<a class="pagenum" id="page_114" title="114"> </a> -Eile. – Doch indem er der Ferne zustrebte, -war er unversehends an die Marken seines Schicksals -gekommen; und hier war es, wo der Horizont seiner -Hoffnung Erde und Himmel für ihn abgrenzte.</p> - -<p>Als Constanz sich den Wäldern Polens näherte, -drängte sich ein düsterer Ernst ihm auf. Ueberall traf -er auf Spuren wilden Kampfes und verzweiflungsvoller -Schritte. Die Zerrissenheit dieses Volkes dauerte -ihn, er sah betrübt zu Boden, den so viel edles -Blut besprengt, und jeder Ton dieser sarmatischen -Mundart schlug dumpf und traurig eine tiefe Saite -seines Herzens an.</p> - -<p>Constanz sprach sehr geläufig polnisch, was ihn jenen -heimathlosen Flüchtlingen naturalisirte, in deren -rauhen Mienen ein Strahl vaterländischen Sonnenscheins -bei seiner Anrede aufging. Man wies ihn -überall freundlich zurecht; doch nicht in einen erfreulichen -Port. Der kleine Edelsitz, auf dem die Freundinn -des Gesandten residiren sollte, war eine wüste -Brandstätte, ein trauriges Bild gänzlicher Verödung. -Es war um die Mittagsstunde, als Constanz auf dem -weichen Estrich dieser polnischen Wirthschaft anhielt. -Diese verkohlten Gebälke schienen noch zu dampfen; -doch kein Rauch stieg aus der Esse des Gemäuers, des -einzigen auf dem Höfchen, was den Anstrich hatte, -bewohnt zu seyn. Ein alternder Mann, in der Livree -<a class="pagenum" id="page_115" title="115"> </a> -der Armuth, welche ein lustiges Bunt giebt und -freie Schnitte – doch besseren Ansehens als Die, -welche sie gewöhnlich tragen – stand in der niedern -Thür, und sah tiefsinnig auf das leere Häuschen -einer Hundehütte nieder, deren Kette gelös't daneben -lag, und den Wächter frei gegeben hatte. Der Mann -schrak zusammen, als das leichte Fuhrwerk schnell -wie ein Pfeil von der Senne, durch den offnen Thorweg -prallte, und gleichsam sein Herz zu treffen schien. -Der junge Reisende trat wohlwollend auf ihn zu, und -fragte nach der Herrin des Ortes. »Meine Dame -schläft –« sagte der vermuthliche Diener, indem ein -Seufzer seiner Rede voranging, welcher sie der Theilnahme -des Zuspruchs anempfahl, »und ungern mögte -ich sie wecken. Auch würde es« – meinte der Getreue, -»wenig nützen. Seit den erschrecklichen Vorfällen -allhier,« fuhr der Alte fort, »hat meine Dame -das Gedächtniß verlohren, und kann sich auf nichts -mehr besinnen.«</p> - -<p>»Nun, vielleicht doch! wir wollen sehen –« erwiederte -Constanz lächelnd auf diesen Bescheid, der -beinahe abweisend lautete.</p> - -<p>»Sogleich!« sprach der Alte in der reizbaren Empfindlichkeit -seiner Nation und eigenen Unglücks, von -diesem Lächeln, diesem Zweifel beleidigt, und stieß -leise ein zersprungenes Fenster nach Innen zu auf, -<a class="pagenum" id="page_116" title="116"> </a> -was nur angelehnt war. Der junge Fremde sollte -Einsicht in die Wahrheit seiner Aussage bekommen. -Constanz trat vor die Oeffnung, und als Schatten vor -die Sonne, welche wie zum Spott Verhältnisse beleuchtete, -deren Glücksstern untergegangen war. -Welch ein Anblick! das nackte Sparrwerk der Wände -war mit Teppichen behangen, die augenscheinlich einer -besseren Bestimmung angehörten. Auf einem verstümmelten -Pfeilertisch von Marmor stand eine massive -Eßschale, trübe verblindet, darin ein Rest ärmlicher -Speise war. Tausend Kleinigkeiten, darunter die -meisten vom Ueberfluß, lagen – ein Quodlibet – -wirr durcheinander, und eine Anzahl kleiner abgetragener -Schuhe, wie vertretne Kinderschuhe – nahm -den Fußboden ein. Alles schien nur für den Nothbehelf -zu seyn. In einem Großstuhle, der schräg gegen -das Fenster gerückt, voraussetzen ließ, er stände -nur derweilen da – lag eine ältliche Frau mit geschlossenen -Augen. Ein echter Schawl, an den der -matte Kopf sich schmiegte, hing nachlässig über die -Lehne geschlagen, und der Chinese des Gewirks, hielt -seinen Schirm über diese eingesunkene Wange. Vielleicht -war dieser phantastische Schutz der einzige, dessen -die schlummernde Dame genoß. – Um ihren feinen -Mund schwebte ein Lächeln – das Todeslächeln -unbewußter Beruhigung; ihre rechte Hand lag auf -<a class="pagenum" id="page_117" title="117"> </a> -dem Arme des Sessels. Eine zartere Hand, gewebt -aus der feinsten Seide des Müßiggangs, hatte Constanz -nie gesehen; aber er gewahrte jenes Nervenhüpfen -daran, welches auf krampfhafte Zustände, und -nicht selten auf eine nahe Auflösung schließen läßt. -Im lebendigsten Contrast dieses abgespannten und -verblichnen Bildes, saß ein junges schlafendes Mädchen -zu den Füßen der Dame. Diese Sieste war -eine andere; dieser volle Athemzug war ein trunkenes -träumerisches Schöpfen aus der Ruhe süßestem Quell. -Constanz ward berauscht vom Zusehen. Für einen -jungen Mann giebt es keine größere Gefahr, als die -Schönheit, wenn sie schläft, und die gesenkten Waffen -blinkender Augen. – Doch nach einigen Secunden, -die sein Leben wendeten – es giebt Momente, welche -alle Verhältnisse der Zeit aufheben – trat Constanz -zurück, denn der Anzug des Mädchens däuchte ihm -nicht für die Nähe eines Mannes berechnet. Er -wollte warten; doch jetzt regte sich die Dame, und -der alte Diener führte ihn an die Thüre. Constanz -mußte sich bücken, und sein Herz beugte sich, als die -Dame ihre Augen aufschlug, und erschrocken fragte: -ob wieder Feinde da wären? – Constanz versicherte -ehrerbietig: er käme als ein Bote der Freundschaft. -Die Dame legte die schneeweiße Hand an ihre Stirne, -wie Jemand, der sich besinnt, und sprach: »Freundschaft – –?« -<a class="pagenum" id="page_118" title="118"> </a> -Es war, als wäre der Begriff dieses -vielsagenden Wortes ihr tief entfallen.</p> - -<p>Während dessen war das Mädchen auch erwacht. -Angesichts des jungen Fremden trat es vor den alten -Mann, und ließ sich ungenirt das Kleid von ihm zuhäkeln. -Diese polnische Unschuld verwirrte den entzückten -Constanz, dem der kleinste Dienst weiblicher -Toilette bisher wie das Werk geheimnißvoller Verwandlungen -gewesen – so daß er mit Mühe nur seinen -Auftrag auszurichten vermogte.</p> - -<p>Es war eine helle Stunde für die Mutter, in der -sie die Depeschen des Gesandten las. Und während -sie wie aus den Wolken fiel – sehr dunkle hatten -den Lebenstag dieser unglücklichen Frau verfinstert – -daß jener Freund sich ihrer <em class="ge">jetzt</em>, und auf diese Weise -erinnere, fiel das Rosenlicht einer schöneren Vergangenheit -auf jede Zeile. –</p> - -<p>Das Lesen geschah indeß so langsam, daß Constanz -unterdessen völlig Muße hatte, sich der Tochter -zu befreunden. Er bat um die Vergünstigung, bis -zum andern Morgen hier verweilen zu dürfen. Die -Mutter war über jede Verlegenheit ihrer Lage hinaus – -das Fräulein bewies sich nur in so fern gastfreundlich, -indem es bei der Sorge für die Bewirthung dieses -angenehmen Botschafters doch nicht das Vergnügen -über seine längere Anwesenheit verleugnete.</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_119" title="119"> </a> -»Bonaventura –« so hieß der alte Kämmerer – -»wird schon Rath schaffen,« sagte Therese – unsere -Leser wissen ihren Namen doch. »Wir wollen die Mutter -nur ganz außer Acht lassen –« flüsterte Therese -ihm traulich zu. »Sie lies't zwei Stunden an dem -Briefe – ich kenne das. Wäre es Ihnen vielleicht -gefällig, eine Parthie Schach mit mir zu spielen? Sie -mögen Rußland seyn – ich bin Polen.«</p> - -<p>Constanz erstaunte über die Vortheile, welche Therese -sieggewiß ihm vorausgab; doch nicht minder, daß -er fände, wie dieser harmlose Leichtsinn vermengt wäre, -mit patriotischer Tücke. – Nach wenigen Zügen war -seine Niederlage entschieden, und nebenbei verlor er -sein Herz.</p> - -<p>Nachdem Theresens Mutter gelesen, versank sie -in eine Apathie, welche ihre Gegenwart den ganzen -Abend hindurch unwirksam machte. Und dieser Abend, -er reichte hin, die flatterhafte Neigung der beiden jungen -Leute unauflöslich zu knüpfen. Auf Constanz -Seite stand unsichtbar sein treibender Genius, der ihn -immer und überall drängte. »Spute Dich!« raunte -dieser beflügelte Geist ihm zu, »wir haben Eile, und -die Zeit entflieht.« Wie verwirrend die zarten Seile -nun auch waren, die sich leise um dieses flüchtige Naturell -legten, wie verworren das Verhängniß dieses -Hauses vielleicht: Constanz blieb zum Aufmerken frei, -<a class="pagenum" id="page_120" title="120"> </a> -wie zu einer und der andern Frage, die ihm sein -Gönner an das Herz gelegt, bevor er die an das -Fräulein richtete, welche ihn selbst betraf. Es geschah -dies gesprächsweise. Therese stand auf, rüttelte sacht -an der schwachen Mutter, und weckte ihre schlafende -Seele mit den Worten: »sage einmal, habe ich Verwandte?«</p> - -<p>»So viel ich weiß: nicht;« antwortete die Dame -mit Resignation, und bat, daß ihre Tochter sie in dieser -traumhaften Stille lassen mögte. Ein kühner -Wurf des Gesprächs brachte es auf Religion, und -Constanz begehrte zu wissen: zu welcher das Fräulein -sich bekenne? »Eigentlich zu keiner,« antwortete Therese -mit liebenswürdiger Freigeisterei, »ich habe meinen -Glauben gern für mich, und meine Liebe auch. -Doch bin ich mit Salz getauft –« Constanz lächelte -gelinde.</p> - -<p>Therese, die es zweifelnd ansah, stand abermals -auf, ging zu dem Großstuhl, neigte sich über die blasse -Gestalt, und sprach: »Mütterchen, bin ich catholisch?«</p> - -<p>»Etwas –« antwortete die Dame kaum hörbar, -»Du frägst mich viel. –« Therese stand beschämt. -»Die Mutter hat eigentlich Recht –« sagte sie und -nickte dazu. »Fasttage halte ich gar nicht, und auf -die Beichte nicht viel; sie müßte denn freiwillig seyn, -wie zum Beispiel jetzt. Wenn ich es Ihnen ehrlich -<a class="pagenum" id="page_121" title="121"> </a> -gestehen soll –« fuhr Therese fort: »die Religion ist -mir ein bischen zuwider. Erstens: des vielen Krieges -und Streites wegen, den sie verursacht hat, und ich -liebe es sehr, daß man sich freundlich begegne; dann -habe ich einige Fromme kennen gelernt, die mir außerordentlich -gehässig waren. – So kann ich auch nicht -anders, als mir unsern Herrgott unter dem Bilde eines -wohlwollenden alten Mannes denken, der eine großmächtige -Schlafmütze trägt – als Symbol der ewigen -Ruhe. Und in dem Himmel stelle ich mir eine -ehrsame, aber höchst langweilige Gesellschaft vor.«</p> - -<p>Für Constanz waren diese Aeußerungen, um der -Anmuth und anspruchslosen Offenheit ihres Vortrags -willen, Bekenntnisse einer schönen Seele. Ein aufrichtiges -Herz schätzte er über Alles, und er wünschte, -sich dieses arglose zuzueignen.</p> - -<p>Was Therese dem Gast im Laufe des Abends erzählte, -dürfte ohngefähr folgendes Ergebniß seyn. -Therese war, seit ihrer frühesten Kindheit von ihrer -Mutter getrennt, in einem großen Hause erzogen worden, -ziemlich sich selbst und ihrer natürlichen Gutartigkeit -überlassen. Jene Familie aber lebte, verwandtschaftlicher -Verhältnisse wegen, wenig daheim, und so -konnte sich auch kein weibliches Gefühl der Stille -und Stetigkeit in Therese entwickeln. Dieser auswärtige -Aufenthalt entfremdete sie der Mutter wie der -<a class="pagenum" id="page_122" title="122"> </a> -Muttersprache, und eine fanatisch protestantische Bonne -vermischte den catholischen Geist des Fräuleins so lange -mit dem Wasser der reinen Lehre, bis Theresen das religiöse -Element der Seele vom Ueberfluß schien. – Als -die Gährungen in Polen ausbrachen, lös'te jene Familie -sich theilweise auf; eine heimathliche Sehnsucht erwachte -zum erstenmale in Theresen. Sie verlangte -nach ihrer Mutter, und man hielt das Mädchen in -der waldigen Steppe des mütterlichen Witthums besser -aufgehoben, als im Mittelpunct einer wildbewegten -Stadt. –</p> - -<p>»Aber es war nur um so schlimmer –« sagte der -alte Bonaventura, als er am Abend spät Constanz -in dem dürftigen Verschlage bediente, wo sein Nachtlager -bereitet war, und auf die warmen Erkundigungen -des Gastes mit traurigem Bericht Theresens Aussage -vervollständigte: »die Ankunft des Fräuleins war entsetzlich. -Die Mutter sah ihr schönes Kind bei dem -Feuerscheine seiner Habe wieder, und die Kraft meiner -Dame ward davon verzehrt, wie unser weniges -Heu von der Flamme. Nur der Entschlossenheit eines -jungen feindlichen Offiziers verdanken wir persönliche -Berücksichtigung und das, was wir aus diesem -Wirrsal retten konnten. Ein lieber Mensch! die Andern -waren nur wie reißende Wölfe gegen ihn; aber -Gott haucht Milde ein, da, wo sie Noth thut, und -<a class="pagenum" id="page_123" title="123"> </a> -mäßiget den Wind für das Lamm einer geschorenen -Heerde.«</p> - -<p>Constanz hatte jenes Offiziers auch von Theresen -erwähnen gehört, und mit einem so bedeutsamen Interesse, -daß dieser Antheil eine eifersüchtige Regung in -ihm erweckte. –</p> - -<p>»Seit jenem Tage nun,« fuhr Bonaventura fort, -»vergißt meine Dame Alles! wohl ihr! das Gedächtniß -verlieren ist für den kein Unglück, der nichts als -Kummer zu vergessen hat. Jeder Augenblick, wo sie -nun schläft, erquickt mein eigenes Herz, was ihr die -Ruhe gönnt, und mit Freude werde ich ihr die Augen -zudrücken, welche nicht viel gute Tage gesehen haben.« -Die des alten Mannes standen voller Thränen, als er -dies sagte. Diese treuherzige Gesinnung rührte Constanz -und flößte ihm Achtung für den Diener wie für -die Herrin ein. Er fragte, er wollte vornehmlich -wissen, warum Therese ihrer Mutter entrissen worden -sey? –</p> - -<p>Bonaventura zuckte die Achseln. Er erzählte eine -Geschichte jugendlicher Verirrungen, welche seine arme -Herrschaft unter die Despotie ehelicher Tyrannei gebracht -hätten. Dabei gerieth er in ein Labyrinth der -Darstellung, verlor den leitenden Faden – und wußte -am Ende nicht, wo aus noch wo ein? da es ihm -zur Unzeit einfiel, ob es nicht verrätherische Geschwätzigkeit -<a class="pagenum" id="page_124" title="124"> </a> -sey, die zarten Leiden seiner Dame einem fremden -Ohr Preis zu geben? – Jene Geschichte gehört -nicht in unsern Plan. Wir lassen ihren Stoff daher -unter der großen Masse menschlicher Schwachheit und -menschlichen Unglücks auf sich beruhen. –</p> - -<p>Constanz wußte die gewissenhafte Aengstlichkeit des -redlichen Mannes zum Schweigen zu bringen. Er -entdeckte sich ihm ganz, und Bonaventura nannte ihn -einen Gesendeten Gottes, und nicht des Gesandten.</p> - -<p>Am Morgen mußte Constanz fort. Die Werbung -um die Braut war bald geschehen und mit Erfolg: -die Mutter befand sich fähig, ihn anzuhören. Constanz -legte ihr einfach seine Verhältnisse wie seine -Wünsche dar. Er wollte Theresen bei seiner Retour -mit sich nehmen, unterdessen den Consenz des väterlichen -Gönners dazu nachsuchen, und daß dieser seine -Anstellung beschleunige. Doch war er eines weigernden -Grundes der Dame von Seiten ihrer Kränklichkeit gewärtig. -Aber nichtsdestoweniger war die Mutter bereit, -sich ihrer kindlichen Stütze zu begeben. Sie sagte -mit einem gewissen Heroismus, der für eine rettende -Idee froh, wenn auch einsam, sterben lehrt: »grüßen -Sie den Gesandten tausendmal von mir – wenn Sie -ihm Theresen bringen, wird Ihr Glück ihm bestens -empfohlen seyn. – Ich verlasse das Leben gern, da -ich meine Tochter unter dem Schutze ihres natürlichsten -<a class="pagenum" id="page_125" title="125"> </a> -Freundes weiß. Der da –« (sie wies auf Bonaventura) -»begräbt mich schon.« Therese weinte -wohl, allein nicht allzusehr. »Dann bleibt Dir Alles, -guter Bonaventura!« sagte sie, reich in Hoffnung.</p> - -<p>»<em class="ge">Alles!</em>« wiederholte Bonaventura, und lächelte -traurigbitter wie der Verlust zu der Erbschaft: dieses -Alles war so viel als Nichts. – Der gute Alte wußte -nicht, daß die Liebe jeden Strohhalm zu den Mitteln -des Glückes zählt, wenn auch nur als Medium die -bunten Seifenblasen der Täuschung in die leere Luft -zu hauchen. –</p> - -<p>Als Constanz, der Verlobte Theresens, nun mit -aufgeregten Gefühlen den öden Ort verließ, wo unter -Schutt und Trümmern seines Lebens schönste Blume -blühete: da dachte er an die verheißenden Worte der -Gesandtinn, er würde einmal im Fluge die Braut -heimführen. –</p> - -<p>Im höchsten Schwunge seiner geistigen Kräfte legte -Constanz die weite Reise zurück, und erreichte mit dem -Ziel auch die Absicht. Er erstaunte selbst, wie leicht -ihm alle Schwierigkeiten zu beheben gewesen; ein -Gott hatte ihm Flügel geliehen, und den Schlangenstab -der Klugheit. Er glaubte die Zufriedenheit des -Gesandten bestens verdient zu haben, und in diesem -kühnen Vertrauen fügte er daher seiner Meldung dessen, -was er ausgerichtet, die Bitte bei, daß der Gesandte -<a class="pagenum" id="page_126" title="126"> </a> -seine Verbindung mit Theresen genehmigen -und die schriftliche Zusicherung ihm ohne Säumen -entgegen senden möge. In der gewissen Voraussetzung, -daß dies unverweigerlich geschehen werde, kam Constanz -nach Polen zurück. Er fand eine so leidenschaftliche -Aufnahme bei seiner Braut, als wäre seine -Wiederkehr ihr dennoch zweifelhaft gewesen. Mit -Thränen sagte sie ihm, er komme zur rechten Zeit, -denn seit dem vorigen Tage lag die Mutter im Sterben -und konnte nicht enden.</p> - -<p>Bonaventura hatte indessen mit treuer Umsichtigkeit -alles vorbereitet. Ein Weltgeistlicher in der Nähe -war durch seine einfache Ueberredung gewonnen, die -jungen Leute zu copuliren. Er war eben anwesend, -und vertrat die Stelle eines Arztes für Leib und -Seele zugleich. »Mein werther Herr,« sagte der Priester -höflich zu Constanz, »ich verstoße gegen ein Staatsgesetz, -wenn ich Sie ohne vorhergegangene Proclamation -traue; aber – <i>inter arma silent leges</i> – sagen -wir Lateiner, und ich verhoffe, Sie werden mich -in so fern gegen alle Verantwortung sichern, daß Sie -mir einen Schein ausstellen, worin Sie Sich verpflichten, -jeden Einwand vertreten zu wollen, welcher möglicher -Weise dieser Heirath mit Fug und Recht gemacht -werden könnte. – Unter dieser Bedingung -<a class="pagenum" id="page_127" title="127"> </a> -will ich mein heiliges Amt zu Gunsten Ihres Wunsches -üben.« –</p> - -<p>Constanz, im Gefühl, von Seiten des Gewissens -völlig frei zu seyn zu diesem Schritt, verstand sich -gern dazu, und der Geistliche beschied sie für den nächsten -Morgen in eine kleine Capelle auf der Hälfte -des Weges. Bis dahin, meinte der todeskundige -Mann, – würde die Mutter des Fräuleins ausgelitten -haben.</p> - -<p>Aber als der Morgen erwachte, lag die Hochzeitmutter -noch in Agonie. Es war eine schauerliche -Stunde, die der Einsegnung. Der Sturm sausete -unheimlich durch den Wald, das morsche Kirchlein -wankte, die Lichter wollten verwehen, der Regen rauschte -herab, die Braut schwamm in Thränen –, kein Zeuge -war zugegen, als der Meßner und Gott! –</p> - -<p>Sie kamen nach Hause; kein fröhliches Mahl war -ihnen bereitet. Constanz sah ängstlich nach der Uhr, -deren Zeiger, gleichgültig gegen die bange und dringende -Erwartung umher, unaufhaltsam weiter rückte, -und fand, daß seine Zeit abgelaufen sey. Nur jene -Körner wollten nicht ausrinnen. Da bat Bonaventura, -daß man ihm eine Vorstellung erlauben möge. -»Meine Dame,« sagte er, »kann nicht sterben, so lange -Sie hier gleichsam auf dem Sprunge stehn. Ist es -doch mit einer Frau in Kindesnöthen gerade so. Die -<a class="pagenum" id="page_128" title="128"> </a> -kann auch nicht genesen, wenn darauf gewartet wird, -und der Tod soll ja eine neue Geburt seyn. – -Ueberlassen Sie die Verscheidende mir; ich bleibe bei ihr, -<em class="ge">ich!</em> es ist mein letztes Geschäft auf Erden.« Der -gute Alte legte das ganze Gewicht seiner treuen Gegenwart -in einem zitternd aushaltenden Accent auf -dieses Wörtchen.</p> - -<p>Constanz fand, daß er Recht hätte. Er gab ihm -eine volle Börse und unbedingte Vollmacht. Dann -beugte er sich weich über das stille Lager der Mutter, -die langsam zwischen schweren Pausen athmete, und -keinen Blick des Segens für ihren Eidam hatte. -Therese küßte schluchzend ihre schlaffe Hand, fühlte aber -auch nicht den leisesten Druck der Liebe mehr – und -nun rollte der Wagen vor und fort. Kaum waren -sie an ein steinern Kreuz gekommen, eine Viertelstunde -von dem Oertchen und so gelegen, daß es einen Rückblick -darauf gewährte, so sahen sie ein weißes Tuch -vom Giebel wehen. Constanz bemerkte es zuerst. Er -sagte ernst: »Bonaventura giebt uns ein Zeichen, die -Mutter wird verschieden seyn. – Denke nur, sie -schläft etwas tiefer wie bisher, und hat alles Leid -auf ewig vergessen.« Und Therese dachte wirklich so. -Die junge Frau nahm also über die Grenze ihres -zerrissenen Vaterlands, wenn auch grade kein zerrissenes -Herz – dazu war der natürliche Verband mit -<a class="pagenum" id="page_129" title="129"> </a> -ihrer Mutter nicht innig genug gewesen – doch ein -völlig aufgelös'tes Familien-Verhältniß, und keine andere -Mitgift, als frühe Gewöhnungen, wie sie den -Damen dieser Abkunft eigen sind. Es war, als hätte -ein günstiges Geschick dies harmlose Wesen in die -Arme der Liebe vor den Schauern des Grabes und -der Pflicht zu trauern, retten wollen.</p> - -<p>Seltsam genug bemächtigte sich des jungen Ehemanns -jetzt, in der gesicherten Erfüllung seiner leidenschaftlichen -Wünsche, der Zweifel, was der Gesandte -zu dieser Heirath sagen werde? Vorher war Constanz -der Zustimmung, ja des Beifalls seines Gönners gewiß -gewesen. So verändern sich unsere Ansichten -Anderer mit jedem unserer eigenen Schritte. Es gereichte -ihm wie zum Trost, daß die Macht der Umstände -ihn zu diesem, den er rasch gethan, gedrängt -hätte. Er fühlte sich in einer geheimnißvollen, aber -um so bindenderen Verwandtschaft zu seinem väterlichen -Freunde, und bedurfte nur – so däuchte es ihm – -das Siegel der Bestätigung zu erblicken, um Theresen -mit jedem Recht als Gattin an seine Brust zu -drücken. Doch kein Brief gab Antwort auf diese -Frage, und mit wachsender Unruhe eilte Constanz einer -endlichen Entscheidung entgegen. Eine leichte Unpäßlichkeit -Theresens hielt die Reise um ein paar -Tage auf, und ihr Gemahl fühlte, daß eine Frau -<a class="pagenum" id="page_130" title="130"> </a> -Rücksichten erfordere, welche den Mann nicht fördern.</p> - -<p>So waren sie in das Städtchen Leidthal gekommen -und hielten an der kleinen Posthalterei daselbst. -Constanz hatte auf dem letzten großen Postamte abermals -kein Schreiben angetroffen. Er war jetzt resignirt -– es mußte etwas von besonderer Wichtigkeit -vorgefallen seyn; nichts war ihm dringender, als nur -so bald als möglich an Ort und Stelle zu gelangen. -Therese theilte diese Ungeduld indeß nicht. Die reizende -Lage der kleinen Expedition, eine vollblühende -Jelängerjelieber-Laube, welche den ländlichen Vorplatz -schmückte – eine Pilgerruhe der Passagiere – entlockte -ihr den Wunsch, hier einige Stunden ausruhen -zu können, und Constanz zeigte sich gefällig dafür. -Er trat zu dem Postmeister, als dieser im Begriff -stand, das Felleisen auszupacken. Da sprang die ersehnte -Handschrift ihm in die Augen, ein Brief an -ihn vom Gesandten. Constanz beglaubigte sich, als -den Empfänger. Er riß hastig in das Papier – -aber der Inhalt zerriß das Blatt seiner Hoffnung -noch heftiger. Sein Gönner schrieb ihm: ein Ereigniß -von größter Bedeutung habe ihn genöthiget, seinen -Standpunkt zu verlassen und nach dem Süden -zu gehen. Er werde die Tour über B. – nehmen, -woselbst er seinen Secretair erwarte, der ihn auf dieser -<a class="pagenum" id="page_131" title="131"> </a> -Reise begleiten müsse; die Dauer dieser Reise -wäre vorläufig nicht zu bestimmen, und hinge von -Umständen ab, welche schwebten. Constanz sollte daher -sein Eintreffen dort, so viel als möglich beschleunigen, -der Gesandte harre sein. Was die fragliche -Parthie anbeträfe, so werde dieser Punct zu gelegener -Zeit zwischen ihnen zur Sprache kommen. –</p> - -<p>Dieser Brief war in dem Tone jener Superiorität -abgefaßt, die stets ein Vorbehalt Derer bleibt, -welche in ihrer Persönlichkeit die Freundschaft mit der -Protection für uns verbinden. Constanz war durch -die frühesten Eindrücke für diesen vornehmen Ausdruck -empfänglich geworden. Er war dem Gesandten in -den zartesten Beziehungen verpflichtet: denen der -Dankbarkeit. Auch war gewissermaßen das Wohl des -Staates diesem Zusammenhange verknüpft, so konnte -er sich seiner Pflicht nicht entziehen. Theresen mitzunehmen, -daran durfte ihr Gatte nicht denken, denn -so wie er den Gesandten kannte, war der Anhang, -die Heirath betreffend, als abweisend anzusehen. So -mußte dieser erst durch die Ueberredungsgabe seines -Lieblings für Etwas gewonnen werden, was bereits -geschehen war.</p> - -<p>Constanz stand äußerst betroffen. Er theilte Theresen -mit, was sie so nahe anging, und erklärte ihr -diesen Ruf des Schicksals als unabweislich. »Nur -<a class="pagenum" id="page_132" title="132"> </a> -diese Reise noch,« tröstete er die bestürzte Frau, indem -das Gefühl der Selbständigkeit in ihm ansprach, -»dann trennt uns nichts mehr, Du Liebste! – Erfüllt -der Gesandte sein Versprechen nicht, mich zu -versorgen, so reicht mein Vermögen hin, ihn entbehren -zu können. Doch jetzt darf ich ihn nicht im -Stiche lassen; ich muß die Resultate meiner Sendung -in seine Hände niederlegen. Wer konnte dies voraussehen? -wüßte ich nur, wo ich Dich einstweilen aufhöbe!« -Er starrte nachsinnend in die blaue Weite, -als wolle er einen Ausweg erspähen. Da trug ein -Hauch der Luft einen Glockenton von ferne über die -Mittagsstille der Felder; und dieser leise silberne Laut -schlug an sein Gehör und klopfte an sein Herz. – -Seine Augen folgten der Richtung dieses Schalles, -und sahen die Thürme von Sanct Capella im senkrechten -Strahl der Sonne verblendend blinken. Constanz -fragte nach jenem Ort. Der Postmeister nannte -das Kloster, und erwähnte gesprächig der gegenwärtigen -Verhältnisse des Stiftes. Aber Der, zu dem er -redete, hatte nichts Weiteres davon vernommen, und -war einer eigenen Gedankenreihe gefolgt.</p> - -<p>»Schade!« sagte Constanz, »daß die Klöster aufgehoben -sind. Was man auch dagegen sagen konnte, -sie waren doch immer ein schicklicher Aufenthalt für -unbeschützte Frauen. Und Du bist ja ein <em class="ge">wenig</em> catholisch.« -<a class="pagenum" id="page_133" title="133"> </a> -Er blickte seine Frau mit einem schmerzlichen -Lächeln an, welches sie ermuthigen sollte. Therese -aber hatte jetzt keinen Sinn für tragikomische Reminiscenzen, -und keinen Glauben als den, daß sie sehr -unglücklich wäre. –</p> - -<p>Wie aus einem Traume erwachend, und in großer -Zerstreuung, fragte Constanz den Postmeister, der -sich abseits gewendet hatte: ob er recht vernommen, -daß der Prälat dieses Ordens noch dort wohne? Jener -berichtigte das Mißverständniß, und was er von -dem Administrator zu sagen wußte, ließ dem Secretair -des Gesandten kaum einen Zweifel übrig, daß er -sich in der Nähe seines Bruders befinde. Von einem -raschen Entschluß durchblitzt, forderte er Feder und -Dinte, und schrieb in Hast ein französisches Billet an -ihn, des Inhalts: ein Fremder wünsche den Stiftsverweser -von Sanct Capella so dringend als unverweilt -im Posthause zu Leidthal zu sprechen. Die -Chiffre des Namens Constanz war so charakteristisch -verschlungen, daß sie schwerlich von Jemand, der sie -nicht kannte, zu enträthseln gewesen wäre.</p> - -<p>Nach anderthalb Stunden, in deren Verlaufe Constanz -sein Weibchen zu beruhigen gesucht hatte, kam -ein stattlicher junger Mann neben dem reitenden Boten -daher gesprengt, und der Postmeister rief: »da ist -er schon, der Herr Prälat!« Constanz sah unter einem -<a class="pagenum" id="page_134" title="134"> </a> -Freudenschauer auf, und Therese zog sich in einer -kindischen Furcht der Erwartung, in die Laube -zurück, und einen Behang von Blüthen über ihr reizendes -Gesicht.</p> - -<p>Constanz gab sich seinem Bruder herzlich zu erkennen, -und in dem Anmuthen, Theresen so lange unter -seinen Schutz zu nehmen, bis er sie abholen würde, -einen brüderlichen Beweis. Diese Minute drängte -stark an das Herz des Administrators. In dem Wesen -seines jüngern Bruders lag bei freundlicher Offenheit -etwas ersichtlich Vornehmes, ein gewisser Succeß -des Zutrauens, was Jenem imponirte, der mitunter -zurückhaltend, ja sogar blöde war. Unwillkürlich -stellte er die finstere verschlossene Strenge des älteren -Bruders daneben; er dachte leise an Fabia – -und mit dem beengten Gefühl eines Ehemanns, der -da Scheu trägt, die häusliche Kette der Gewohnheit -um ein Glied zu erweitern. Um seinen schweigenden -Mund spielte ein Lächeln gutmüthiger Ironie, daß er -bestimmt seyn sollte, die Frauen seiner Brüder zu -beschützen. »Wenn es der jungen Dame nur bei uns -gefällt –« sagte der Administrator bedingungsweise, -»es geht still zu, im Stift. – Die Wittwe unseres -ältesten Bruders, die ich sammt ihrer Pflegetochter -bei mir habe – ist – unseres ältesten Bruders,« unterbrach -er sich selbst –: »Der, Du weißt ja –« -<a class="pagenum" id="page_135" title="135"> </a> -aber Constanz sah den Administrator an, als hätte -dieser fremd und romantisch vom Bruder Graurock -gesprochen.</p> - -<p>»Ich weiß von nichts –« antwortete Constanz, -entschlossen, sich mit keinem weitläuftigen Verhältniß -zu befassen, und seine cosmopolitische Seele streifte -das Band der Natur sogar im Begriffe ab: »als – -wir Menschen sind hier alle Brüder –« ein rüstiges -Mägdlein, das kleinste Kind der Postmeisterinn an -die Brust gedrückt, welche ein knappes Mieder von -Leinewand umschloß, strich bei diesen Worten hurtig -an ihnen vorüber, und eine schnelle Association der -Ideen, in richtiger Folge jener Strophe und dieses -Blickes, ließ ihn an den Bruder mit dem Ordensband -denken, der er einst so dankbar als einflußreich -diesem schlichten Schutzfreund seyn werde, wenn die -Zeit dazu gekommen. »Sieh meine Frau nur selbst!« -sagte Constanz, indem er auf die Laube zuschritt. Er -bog ihre Zweige auseinander, und die schönere Blüthe -von Theresens Angesicht lächelte durch das weiche -Grün, und ihre Augen funkelten in Thränen, wie die -Sonne im Thau. – Die Schönheit hat das Eigenthümliche, -daß sie jedem Manne Muth einflößt. Das -Herz des Administrators öffnete sich den gastfreundlichsten -Gefühlen. Zudem behandelte Constanz die -Sache so ganz in seinem Geiste, das heißt, so flüchtig, -<a class="pagenum" id="page_136" title="136"> </a> -daß Herr Prälat glauben mußte, mit dem Asyl -zu Sanct Capella sey es nur durchaus precair gemeint, -und auf ein längeres Bleiben nicht abgesehen. -So bewilligte er daher die Bitte seines Bruders, -wenn auch nur mit einer gewissen widerstandlosen -Passivität. Er sah dies Ereigniß für ein Fatum an, -dem auf keine Weise zu entgehen gewesen wäre. Das -leichte Gepäck war bald getheilt, ein Postwagen, worin -Therese nach dem Kloster fahren sollte, geschirrt. Der -biegsame Leib der schönen Gestalt, schwankte von ihrem -Manne umschlungen, im Sturm des Abschieds. -Zwei Ströme flossen von ihren Wangen – zwei -Wochen waren erst und wie auf Rosen verflossen, -seit Constanz der Ihrige war. – Mit gemischten Empfindungen -ritt der Administrator neben der Chaise -her, darin die noch weinende junge Frau saß. Er -warf zuweilen einen mitleidigen Blick auf Theresen; -die Jugend dieser Ehe rührte ihn, ihre gegenwärtige -Trennung und der Zukunft ungewisses Loos. Nebenbei -gedachte er und eben nicht leichten Herzens an -die nächste Stunde – und hätte gern ein wenig älter -seyn mögen.</p> - -<p>Frau Fabia hatte heute nicht den guten oder schönen -Tag ihres Geschlechts. Eine Nachtigall, welche -sie sehr liebte, und die in einem dunkeln Thurmhäuschen -wohnte, das, nicht unähnlich einer kleinen Kirche, -<a class="pagenum" id="page_137" title="137"> </a> -an ihrem Fenster empor hing, war an diesem Morgen -ihrer Haft entschlüpft. Das arme kleine Nönnchen -sang die Hora der Nacht und Natur im vergitterten -Chor ihres Kerkers so himmlisch klagend, als seufze -der Engel der Melodie aus dieser befiederten Brust. -Josephine hörte es mit süßem Erbarmen. Frau Fabia -aber, die sich selbst zu den Gefangenen Zion -zählte, hatte nicht Lust, die klösterliche Philomele zu -Gunsten irrdischer Liebe in Freiheit zu setzen. Nun -war sie entflohen, und auf dem Mädchen ruhte ein -scharfer Verdacht, daß es mit lindem Urtheil, wie diesem -kleinen Gottesgeschöpf himmelschreiendes Unrecht -geschähe, seine Erlöserinn geworden wäre. – Es gab -einen Lärmen der Entdeckung, und Josephine, die sich -nie gegen einen Vorwurf vertheidigte, schwieg auch diesmal, -und die Schuld blieb auf ihr haften, so wie -auf Fabien der Mißmuth über diesen Verlust, geschärft -durch ein zweifelhaftes Gefühl der Versündigung an -dem lieben Kinde. Dieser Stimmung sich erinnernd, -hätte der Administrator gewünscht, seine Schwägerinn -vorbereiten zu können – aber da stand Fabia ganz -gegen ihre Gewohnheit schon an der Thür, und ihr -Gesicht – eine totale Sonnenfinsterniß – warf keinen -Schein festlicher Empfängniß nach dem anrollenden -Wagen. Dem Reiter ward es schwarz vor den -Augen. Er sprang vom Pferde, der jungen Dame -<a class="pagenum" id="page_138" title="138"> </a> -beizustehen, welche den schönsten Fuß, der jemals über -diese Erde gegangen, hell und seiden beschuht, auf -den schmutzigen Tritt der Postchaise setzte. Theresen -an seiner Hand, trat der Administrator vor die Domina -seiner Häuslichkeit und sprach: »liebe Fabia! -ich bringe Dir hier eine werthe Verwandte, die Frau -meines Bruders Constanz, und also Deine Schwägerinn, -so wie Du mir. Lasse die gute Therese Dir -herzlich empfohlen seyn, da sie einige Zeit bei uns -verweilen wird.«</p> - -<p>Frau Fabia brachte mühsam ein fremdes Lächeln -der Bewillkommung auf; der Administrator war desto -freundlicher. Die eisige Kälte dieses Empfangs versetzte -ihn durch die natürlichste Gegenwirkung in einen -Wärmegrad, der unter allen Launen dieser christlichen -Juno dem Quecksilber der zweiten Schwägerinn -Stand und Stange hielt. – Am Abend spät versuchte -der Stiftsverweser jenes üblen Eindrucks Herr -zu werden. Er sagte daher in einem Tone, der -scherzhaft seyn sollte, aber doch anzüglich war: »nun -Fabia! Du warst heute absonderlich schweigsam – -Du bist es noch. Ist es Verdruß, daß Dir das Vögelchen -entgangen? o gönne ihm die Freiheit, das -edelste Gut! oder zürnst Du, daß ich Dir ein anderes -eingebracht? –«</p> - -<p>»Wenn Dich nur nicht selbst ein loser Vogel etwa -<a class="pagenum" id="page_139" title="139"> </a> -angeführt hätte –« antwortete Fabia mit furchtbarem -Ernste, »woher weißt Du denn, daß jener Constanz -Dein Bruder war? und diese Therese wirklich -seine Frau?«</p> - -<p>»Großer Gott!« rief ihr Schwager, »welch ein -Gedanke! woher ich es weiß? dieselbe Stimme hat -es mir versichert, die mir sagte, daß Dein seliger -Mann mein Bruder sey, und mir Bürgschaft leistete -für die Wahrheit seiner Aussage. Es giebt eine innerste -Gewähr dafür, Fabia!«</p> - -<p>»Nicht jeder Stimme muß man glauben –« erwiederte -Fabia, indem sie sich entfärbte, und unwissend, -daß sie eine classische Stelle recitire, »der Lügengeist -kann alle nachahmen. – Und wäre denn -solch ein Betrug etwa unerhört? könnte jener junge -Mann nicht ein Abenteurer gewesen seyn, der seine -sogenannte Frau gern los seyn wollen? – Wie manches -Kind –« Fabia stockte, immer mehr verblassend -– »wie manches Kind, wollte ich sagen – ist -durch höllische Spiegelfechterei arglosen Menschen als -eine lebenslängliche Last aufgebürdet worden? Denke -nur an mich! wir werden die Dame sobald nicht wieder -los werden, und jedes fremde Einschreiten sollte -wohl bedacht seyn. –«</p> - -<p>Herr Prälat sah seine Schwägerinn mit leiser Beängstigung -an; es war, als ob ein dunkler Schatten -<a class="pagenum" id="page_140" title="140"> </a> -von Furcht an ihm vorüberschwände. »Fabia!« entgegnete -er um so heftiger, als er sich von ihrem Tone -ergriffen fühlte, »welch ein Geist des Mißtrauens und -übler Weissagung ist heute in Dich gefahren? Du wärest -im Stande, mich zweifelhaft zu machen, Wer ich -selber sey. – Dein Betragen war nicht schwesterlich, -auch nicht gegen <em class="ge">mich</em>. Du bewirthetest die arme -Therese, an deren Stelle mir der Appetit zu diesem -Auffenthalt vergangen wäre, mit kurzen Redensarten, -einer sauersüßen Sauce, wie man sie zu einem Kalbskopf -giebt, für den Du mich hältst. – Was meinst -Du denn, das ich hätte thun sollen? dem Bruder -etwa meine Hand weigern, da er mir die seinige zum -erstenmale entgegen reichte? seine Bitte abweisen, oder -warten, bis er mir den Taufschein zeigen könne? – -Fabia! Fabia! Gastfreundschaft ist eine Blume der -Humanität, welche auch von Horden und Heiden gepflegt -wird. Jüngst las ich – und es hat mich innigst -gerührt – in den ungeheuern Flächen Nubiens -sind kleine Zelte gesteckt, darunter die Einwohner des -nächsten Ortes ein Gefäß mit Wasser füllen, daß -die Reisenden nicht verschmachten dürfen im heißen -Sande – und dieser Gebrauch wird heilig gehalten -von jenen Negern. Sollte denn die goldne Kuppel -des Klosters, was man ein Gotteshaus nannte, einem -matten Blick der das Nächste nicht absieht, nur ein -<a class="pagenum" id="page_141" title="141"> </a> -Blendwerk seyn, und weniger probehaltig, als das -Dach von geflochtenem Bast, womit der Wind der -Wüste spielt? – Du sprichst den Ruhm einer guten -Christinn an – besinne Dich, wie oft die Apostel die -geheiligte Pflicht einer gastfreien Aufnahme den Bekennern -ihrer Lehre empfehlen. Herberget gerne! Seid -gastfrei ohne Murren – doch Du kennst die Vorschriften -der Bibel besser, als ich. So gleiche denn -der Wittwe von Sarepta, deren gesegneter Oelkrug -nie erschöpft wird. Sey gelinde, Fabia! doch -gieße nicht Oel ins Feuer. Du schlägst mir die Hoffnung -nieder, daß Therese eine Schwester an Dir finden -würde – doch schlägst Du mich damit nur zu -ihrem Ritter, und zwingst mich, sie gegen Dich zu -vertheidigen.«</p> - -<p>Diese letzteren Worte ihres Schwagers wirkten -am schlagendsten auf die Zweiflerinn. Sie hoffte, der -Bruder ihres Mannes, auf den Frau Fabia ein mütterlich-eifersüchtiges -Auge hatte, werde sich in der -Anfechtung behaupten – und der Friede ward zwischen -ihnen geschlossen.– Dieser erste Abend gab den -Ton an, der sich während der Anwesenheit Theresens -im Stifte nie in Harmonie auflös'te. Unsere Leser -finden ihn in der Dissonanz, womit die Geschichte dieses -Buches anhebt. Seltsam war es jedoch, daß die -Vorhersagung der Frau Fabia sich als richtig bewährte, -<a class="pagenum" id="page_142" title="142"> </a> -es ist traurig – aber es <em class="ge">ist</em> in Wahrheit, daß der -Erfolg das Mißtrauen öfterer rechtfertiget, als die Zuversicht. -Constanz schrieb nach langer Zeit – es -mußten Briefe verloren gegangen seyn – aus weiter -Ferne. Er war dem Interesse des Gesandten verkettet, -und konnte die Fessel nicht sprengen; doch vertröstete -er sich und sie wie ein Liebender. So hatte -zweimal schon die Laube der Posthalterei zu Leidthal -geblüht, und Therese, die sich behaglich in Sanct Capella -eingerichtet hatte, und deren Sinn in harmloser -Lebensphilosophie der Gegenwart angehörte, dachte je -länger, je <em class="ge">leiser</em> an jenen Tag des Abschieds. Nur -in bösen Stunden wünschte ein banges Gedenken ihres -Mannes ihn zurück, und ein Gefühl, daß sie hier -nur gelitten sey, und deshalb leide – kam über sie. -Therese hatte mehr ein Gemüth für die heitere Lust des -Lebens, die jeden Augenblick genießt, als für der Liebe -tiefe Sehnsucht. Das letztere Schreiben hatte eine nahe -Rückkehr hoffen lassen, die nur noch von einigen Ausgleichungen -abhänge. Seitdem aber bestätigte kein -Weiteres diesen Abschluß und daß auf seine baldige -Ankunft zu rechnen wäre. Dies Alles hatte, in eine -präcise Mittheilung gedrängt, der Administrator, dem -wir vielleicht die schweigende Kürze der Erzählung ablernen -mögten – dem Major Feldmeister vertraut. -Und dieser erwiederte jetzt: »ich sehe wohl, Freund! -<a class="pagenum" id="page_143" title="143"> </a> -Sie konnten füglich nicht anders – Sie können weder -dafür, noch etwas ändern, obzwar, ich behaupte -es redlich, solch ein Zusammenleben <em class="ge">nichts taugt</em>. -Verlangen soll es mich aber doch, ob der Herr Bruder -kommen wird? <i>ad vocem!</i> <em class="ge">kommen!</em> es kommt -noch Jemand, Freundchen! mit Ihrer Genehmigung, -versteht sich. Diesen Morgen schon wollte ich es Ihnen -sagen; aber die lieben Schwägerinnen hatten -mich in Mitleidenschaft ganz confus gemacht, und das -Bein hier hat mir das Gedächtniß abwärts gezogen.« –</p> - -<p>Der Major fuhr mit der Hand sacht an dem gichtischem -Knöchel nieder, streichelte den Faust und hob -an: »es giebt eine Sympathie der Erfahrung. Gestern -früh erhalte ich ein Billet vom Obrist Milch; -ein Name für ein Wochenkind, und nicht für einen -Soldaten, nicht wahr? dieser mein alter Freund sollte -<em class="ge">Feuer</em> heißen, denn er hat den Teufel der Bravour -im Leibe. Also: er thut mir schriftlich seinen Wunsch -kund und zu wissen, mich in der Posthalterei in Leidthal -zu sprechen, da die Zeit ihm nicht erlaube, den -Umweg über Sanct Capella zu nehmen. Er kam -mit seiner Frau von D–. und hatte den Reitknecht -von der letzten Station aus zum Behuf der Eile voraus -gesandt. Ich machte mich alsbald auf. Die -Obristinn saß, weil es draußen so hübsch und drinnen -dunstig heiß war, in derselben Laube, und, ich wollte -<a class="pagenum" id="page_144" title="144"> </a> -wetten, nicht einen Zollbreit weiter auf der Bank, -als Therese. Ihr Gesicht war hochroth von der Herbstluft, -der Obrist aber fror ein wenig, und trank ein -Glas Wein; die offne Flasche stand auf dem Tische. -Wir waren die Alten. Der Obrist scherzte über die -Glut seiner Frau, und sagte, sie hätte meinetwegen -wie auf Kohlen gesessen. Du könntest von uns sagen, -setzte er hinzu, wir sähen aus wie Milch und -Blut – das giebt ein zartes Bouquet, Du darfst es -nur binden. Und dabei umarmte er mich derb und -herzlich. Er ist so dick geworden, daß man ihn wie -ein Faß binden mögte – taugt nichts, solche Corpulenz. -Unterdessen verduftet dies Bouquet hier – -antwortete ich, und steckte den Stöpsel in die Flasche. -Du bist recht hübsch geworden in der Carthause, spöttelte -der Dicke, das wird deinem Neffen drollig vorkommen. -Er empfiehlt sich, und will Winterquartier -bei Dir machen. Ist der Junge toll? platzte ich heraus; -doch es wird wohl nur Dein Spaß seyn. Die Obristin -lachte wie Dame Kobold. Nein, nein! versicherte ihr -Mann, es ist dem Lieutenant voller Ernst damit, und -daß Du es nur weißt, er will einer hoffnungslosen -Leidenschaft entfliehen. Der Obrist machte eine seriöse -Miene. Ich gerieth in Harnisch und sprach: das -wäre mir gemüthlich, daß ich ihm Zuflucht gäbe vor -einer dummen Liebschaft, die nichts taugt. – Er hat -<a class="pagenum" id="page_145" title="145"> </a> -sich um einer Dame willen geschossen – entgegnete -mir Jener kleinlaut: gönne ihm daher die Hospitalität -Deines Klosters, daß er in dieser Abgeschiedenheit -Ruhe habe, und an Seel und Leib genese. – Mögte -Einem nicht gleich der Schlag vor Aerger rühren! rief -ich entrüstet, und der Schrecken war mir wirklich in -alle Glieder geschlagen; ich hielt den Rudolph für vernünftig. -Erzürne mir den Major nicht – sagte die -Obristinn begütigend, und erzählte mir nun eine närrische -Historie, die den Lieutnant forttreibt und Ursach -seyn wird, daß er um Versetzung anhält. In -seiner Garnison lebt eine alte adelige Dame von wunderlicher -Art. Ihre Wohnung ist ein Antiquitäten-Cabinet, -sie selbst geht schlumpig einher, und stets -wie ein Kinderspott der Redoute. Man hält sie für -reich, doch auch für geizig, denn außer der Fliege, der -sie das Leben schenkt, kann sich kein lebendes Wesen -einer Gabe von ihr rühmen. Ihr Anblick muß etwas -Unheimliches haben. Wer sie sieht, weicht ihr aus –, -die Fee Fanferlüsche, diesen Namen führt sie. Und -doch ist dies verrufene Mütterchen ein alter Ueberall. -Vor Kurzem ist zu Ehren einer städtischen Feier großer -Ball, und alle Honoratioren sind geladen. Alles -ist im höchsten Glanz, die Damen im allerschönsten -Putz sitzen wie am Faden gereiht. Da tritt jene -Alte in den erleuchteten Saal, wie eine gespenstische -<a class="pagenum" id="page_146" title="146"> </a> -Mode des vorigen Jahrhunderts – sagte die Obristin. -Es entsteht ein Aufsehen, die kleine Gnädige -kommt ins Gedränge, wird abseits geschoben und verliert -einen Schuh. Doch was für einen? Frau von -Milch hatte die Güte mir das <i>corpus delicti</i> zu beschreiben. -Ein Pantöffelchen von geblümten Silbermoor, -mit einer Schleife vorn von gesponnenem -Glase. Ist es nicht, sagen Sie Freund, als ob man -in der blauen Bibliothek aller Nationen läse?« Der -Administrator nickte lächelnd. »Ein allgemeines Gelächter!« -fuhr Major Feldmeister fort, »die Offiziere zerren -den Schuh hin und her – da schwankt die Alte, wird -bleich wie Asche, als würde sie auf der Stelle zusammensinken. -Mein Neffe – ein braver Junge ist der -Rudolph doch! stürzt wie ein Satan herbei, spricht -davon, wie wenig Ehre dabei sey, eine kindische Matrone -bloßzustellen – reißt den Pantoffel von der Säbelspitze, -womit ein Jäger-Offizier ihn aufgespießt -hat, hebt die Alte in einen Sessel, und zieht ihr vor -vielen hundert Augen ihren Schuh wieder an.« Der -Major athmete tief.</p> - -<p>»Dies ist ein hübscher Zug vom Lieutenant Feldmeister,« -fiel hier der Freund seines Oheims ein, »der -mir sehr gefällt. Es gehört meines Bedünkens ein -größerer Muth dazu, diesen kleinen Pantoffel zu fangen, -als einen feindlichen General; und es mag dem -<a class="pagenum" id="page_147" title="147"> </a> -braven Artilleristen leichter geworden seyn, sich einer -tüchtigen Salve auszusetzen, als dem Arsenal des -Spottes. Das Gefühl, was einen jungen Mann seines -Gepräges gegen die Schmach einer schutzlosen alten -Frau bewehrt, ist wahrhaft gloriös.«</p> - -<p>»Das meine ich auch –« sagte der Major, und -seine Augen funkelten. »Mein Neffe,« fuhr er fort, -»war der Held des Abends, tanzte aber keinen Schritt. -Jener Offizier hatte sich für beleidigt gehalten, und -den Rudolph auf Pistolen gefordert. Er ward in die -Achsel verwundet, aber nicht schwer. Sein Gegner -kam auch nicht ungehuscht davon. Man witzelte leise: -des Lieutnants Dame hätte einen Schuß, und er nun -auch einen; doch Niemand wagte mehr ein lautes -Wort an ihn; denn wie verträglich der Junge auch -ist, er hätte sich mit dem ganzen Offiziercorps gerauft. -Die gnädige Alte rauft sich die eisgrauen Haare aus, -als sie erfährt, der junge Mann hätte ihretwegen mit -blauen Bohnen gespielt. Die Geschichte machte Furore. -Wie nun der arme Rudolph des Abends allein -liegt, meint er, das Wundfieber stelle sich ein, und -glaubt ein Phantom zu sehen. Vor seinem Bette bewegt -sich ein Quantli, die Kammerfrau der Dame Fanferlüsche, -klein und krüppelhaft wie ein verdorrter -Zwergbaum. Sie sagt: wie es der Gnädigen doch so -jämmerlich leid thue, daß der Herr Lieutnant sich Unannehmlichkeiten -<a class="pagenum" id="page_148" title="148"> </a> -zugezogen hätten. Sie bitte ihn durch -den Mund ihrer Dienerinn, seines jungen Lebens zu -schonen, und beifolgende Kleinigkeiten zur Linderung -seiner Schmerzen von ihr anzunehmen. Dabei packt -sie aus. Binden, fein wie Battist, Charpie, Eingemachtes -in Tassen, vom Superlativ einer Porzellain-Fabrik, -wie sie der Kaiser von China von seinem Ahnherrn -geerbt haben mag, Tamarinden zum Beispiel, -deren eingesottner Zucker versteinert war, und die, wie -mir die Obristin sagte, eine wirksame Kraft haben -sollen, das Fieber zu vertreiben. Zugleich schickt sich -die uralte Zofe an, meinen Neffen zu pflegen und die -Nacht über bei ihm zu bleiben, und thut wie zu Hause. -Darüber wird nun der Rudolph beinahe grob. Er -sagt, sein Bursche halte Wacht bei ihm und auf Ordnung: -so bedürfe er Niemandes. Nichtsdestoweniger -bleibt die Servante freundlich und höflich, und -kommt von nun an alle Morgen, die Gott der Herr -giebt, um sich nach dem Befinden meines Neffen zu -erkundigen, und immer bringt sie etwas zugeschleppt, -eine Nachtlampe sogar, einen kleinen Fußteppich vor -das Bett, damit er nicht hart auftrete, und hundert -Kleinigkeiten, auf die ein Garçon nichts giebt. Der -Regiments-Chirurgus sieht es, lächelt und schweigt – -und dieses Lächeln schneidet dem Patienten tiefer ein, -als sein wundärztliches Messer. Einmal nur sagt Jener: -<a class="pagenum" id="page_149" title="149"> </a> -Sie scheinen die Wunderlampe überkommen zu -haben, die dem Aladin verloren ging – nehmen Sie -nur Ihr Glück besser in Acht – lieber Feldmeister. -Aber dem Rudolph ist der Gedanke unerträglich, daß -auf der Kugel, auf die er sein Leben gesetzt, solch eine -gräuliche Fortuna stände. – Und als nun die Geschäftsträgerinn -kommt, und ihm, Namens ihrer Dame, -ein schönes Logis im Hause derselben anbietet, -auf daß die Gnädige ihm ihre Dankbarkeit nahe und -anders noch beweisen könne – da schüttelt er sich, und -dies überhäufte Vergelten eines kleinen Dienstes, den er -am liebsten vergessen mögte, wird ihm über allen Ausdruck -widrig. So trägt der arme Junge, dem es in -seinen Verhältnissen so wohl gefiel, darauf an, daß er -versetzt werde, und einstweilen will er hierher kommen. -Was meinen Sie nun dazu?«</p> - -<p>»Ich kann es dem Lieutnant Feldmeister nicht verdenken –« -antwortete der Administrator, »und würde -in seinem Falle vielleicht eben so denken und handeln. -Diese Erfahrung liefert wieder einen Beweis, daß man -Jemand durch die stärkste Nothhülfe nicht halb so sehr -verpflichtet, als wenn man ihn einer kleinen Verlegenheit -überhebt. Und dann auch, daß die Ritterlichkeit -im Benehmen eines Mannes das Geheimniß jedes -Sieges über eine Dame enthält, sie möge nun -eine Methusala an Jahren, und so geizig und hartnäckig -<a class="pagenum" id="page_150" title="150"> </a> -seyn, wie sie nur wolle. Solcher Courtoisie widersteht -Keine. –«</p> - -<p>»Der Rudolph würde,« sprach der Major, »dem -Verdacht der Erbschleicherei, dem niedrigsten, der auf -einem ehrenwerthen Menschen haften kann – auf -keine Weise entgangen seyn. So ist es gut, daß er -Reißaus nimmt. Diese Retirade lasse ich mir gefallen. -Sie haben als Vorstand unseres Invaliden-Hauses -also nichts dawider, daß der wackere Junge für -einige Monate meine Wohnung theile? –«</p> - -<p>»Es wird für ein apartes Zimmer gesorgt werden,« -sagte Herr Prälat, »und daß ihr Neffe sich hier -so gemächlich als möglich fühle. Ist doch Raum bei -uns da – wie im Himmel; und sollten wir alle Diejenigen -aufnehmen, welche ihrem Vortheile entfliehen, -so würden wir noch Gelaß übrig behalten.«</p> - -<p>Des Majors Gesicht verklärte sich. Er blickte in -helle Abende und sprach: »Wir spielen das l'Hombre -alsdann mit dem Moor – der Moorhausen scheint -mir in Eine Ihrer Schwägerinnen verliebt, denn er -quält mich beständig, ihm Entree bei den Damen zu -verschaffen. Nun – mit Dem hat es keine Gefahr. -Aber – Hm! wird auch der Rudolph Unheil anrichten -im Stifte? Frau Therese ist ein entzündbarer Stoff, -und die Kleine wahrhaftig hübsch genug.«</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_151" title="151"> </a> -»<em class="ge">Die</em> bewacht Fabia –« versetzte der Administrator -mit trüber Ruhe.</p> - -<p>»Was das betrifft –« entgegnete der Major, -»meine Frau sang ein altes Lied, was ich immer -gern hörte; es hatte einen Refrain: denn wenn ich -nicht selbst mein Herz bewache, o so hilft kein Argus -und kein Drache. Mit allem Estime gegen die Frau -Schwägerinn gesprochen. Josephine ist ein stilles -Wässerchen –«</p> - -<p>»Und <em class="ge">tief</em>!« fiel Herr Prälat ein, »aber im reinsten -und höchsten Sinne. Sie gleicht einem jener lichtentfloßenen -Ströme, die Swedenborg entzückten Geistes -fließen sah.«</p> - -<p>Der Major sah seinen Freund nachdenklich an und -sprach: »auch wünsche ich von Herzen, daß dies Bächlein -in das Bette eines Flußgottes geleitet werden -möge, der es nie in Thränen fließen läßt, sie müßten -denn vor Freude geweint seyn. –« Jener -schwieg.</p> - -<p>Einige Wochen waren seitdem den Bewohnern -von Sanct Capella gleichförmig vergangen. Jetzt war -der Christmonat da, und mit ihm jene winterheimliche -Stille, selbst in der Natur, wie sie um das heilige -Dunkel dieser Zeit webt, die häuslichen Verbindungen -enger schlingt, und die kleinen Geheimnisse der -Freude und Liebe an das große Geheimniß der Weltbeseligung -<a class="pagenum" id="page_152" title="152"> </a> -knüpft. Die Frauen beschäftigten sich einsam, -vergnügliche Ueberraschungen zu bereiten, sogar -Schwester Veronica fertigte einige klosterkünstliche Gaben -in verschlossener Zelle an, zu Weihnachtsgeschenken -für ihre Freunde. Dessenungeachtet fehlte es an -geselligem Verkehr nicht, und mancher lichterfreundliche -Abend ward traulich plaudernd, hier oder da, hingebracht. -Bei dem Gerichtshalter Gottschalk – einer -liberalen Familie, welcher, wie unsere Leser sich erinnern -wollen, zu Anfange dieser Erzählung erwähnt -wird – und der nicht im Kloster, sondern in einem -dazu gehörigen Gebäude wohnte, waren die Staabsoffiziere -von Sanct Capella freundlich aufgenommen, -und auch Fremde öfters da zu finden. Therese gefiel -sich sehr dort. Ihr Schwager hingegen nahm selten -Theil an diesen muntern Zusammenkünften, und Frau -Fabia gar nicht. Der Administrator hatte es aus -Neigung wie mit Absicht vermieden, um vornehmlich -Fabiens strengen stillen Geist nicht zu beleidigen, sein -Wohnzimmer zu einer militairischen Ressource zu machen. -Major Feldmeister gehörte nicht in jene ausschließende -Regel; doch dachte er zart genug, um nur -bescheidenen Gebrauch von einem Gunstrecht zu machen, -das ihm zu jeder Zeit und Stunde den Eintritt in -den weiblichen Hauskreis seines Freundes gestattete. -So geschah es auch nur ausnahmsweise, wenn Einer -<a class="pagenum" id="page_153" title="153"> </a> -oder der Andere der Offiziere ihn dahin begleitete. -Das l'Hombre, wovon der Major redete, ward zumeist -auf seinem Zimmer gespielt, und Hauptmann Moorhausen, -ein Mann von lebhafter Phantasie und kühner -Darstellungsgabe, war der Dritte von dieser Parthie. -Deshalb stand der Letztere zu dem Stiftsverweser -in etwas näherer Beziehung als die Uebrigen. -Auch fühlte Herr Prälat, oft abgespannt und ermüdet -von Geschäften, es als eine gesunde Wohlthat, daß -sein Zwergfell erschüttert werde. Man hatte jeden Gedanken -an eine kleine gesellschaftliche Ueberraschung zu -dem Geburtstage des Administrators fallen lassen. -Von jenem Streit an, der die Schwägerinnen entzweite, -schien die Stimmung der beiden Frauen ausgewechselt -zu seyn. Fabia gab sich alles Ernstes Mühe, -Theresen den kleinen Vorfall vergessen zu machen, und -sich ihr freundlich zu erweisen; so wie Therese ihrerseits -sich hütete, Fabien zu nahe zu treten. Wenn -nun jedes Wohlwollen heiterer macht und auch liebenswürdiger, -so gewann Frau Fabia am meisten bei diesem -Bestreben, auch in den Augen ihres Schwagers, -da hingegen Therese durch leisen Bedacht eines ihres -natürlichsten Reizes beraubt ward, jener Hingebung an -die Freude, an das Vertrauen, daß alle Menschen von -ihrer guten Gesinnung überzeugt seyn müßten, weshalb -sie sich denn auch ganz unbefangen gehen ließ. Jetzt -<a class="pagenum" id="page_154" title="154"> </a> -war sie in sich gekehrt, eine sehnende Stille hatte dies -regsame Wesen beschwichtiget. Sie sprach davon, wie -ihr eine innere Stimme sage: Constanz werde nun -nächstens kommen, und nur den Wunsch damit aus, -daß es geschehe. So oft ein Wagen vor das Kloster -rollte, fuhr Therese mit der Hand nach dem Herzen, -weil es hochauf klopfte – und dem Munde des Majors -entfuhr gleichzeitig ein gelinder Fluch, wo der -Rudolph nur bleiben möge? denn Zögern und Zaudern, -meinte sein Oheim –, dies tauge nichts. –</p> - -<p>Schwester Veronica beschenkte den Administrator zu -seinem Wiegenfeste mit einer Rose, die sie mit unsäglicher -Sorgfalt für ihn gezogen hatte. Als er sich -in das Anschauen der Blume versenkte, wehete ihn -ein Hauch aller Frühlinge an, die er gelebt, ein Auferstehungs-Athem -gestorbener Freuden – und er äußerte, -wie es doch nur möglich gewesen, dem starren -Winter dies weiche zarte Leben zu entlocken? –</p> - -<p>Schwester Veronica lächelte und sprach: »der Liebe -und Freundschaft ist alles möglich; und ein warmes -Herz ist ein gutes Treibhaus für die Blumen jeder -Zeit. Diese Rose ist gekommen, wie ich es wünschte, -auch das Knöspchen daran war mir lieb. – Heute, -gerade <em class="ge">heute</em>, hatte sie ihren Kelch erschlossen, es -rührte mich, da ich es sah – wie man die Brust öffnet -<a class="pagenum" id="page_155" title="155"> </a> -einem frohen Tage: trinken Sie den göttlichen -Odem der Freude daraus!«</p> - -<p>Der Administrator drückte gerührt die Hand der -alten Nonne und dankte ihr; ein stilles Bedauern -ging durch seine Seele, daß diese treue Hand nur -<em class="ge">Rosenkränze von schwarzen Perlen</em> umschlungen -hätten.</p> - -<p>Schwester Veronica hatte auf dringendes Bitten -versprechen müssen, den Abend bei ihren Freunden -zuzubringen. Auch Major Feldmeister und Hauptmann -Moorhausen waren eingeladen. Josephine deckte -den großen runden Tisch; der Wirth desselben brauete -eine Bowle. Therese kleidete sich an, die Männer zu -berauschen, Fabia schaltete in der Küche. Er sah das -Mädchen geräuschlos hin und her weben; alle Bewegungen -Josephinens waren leise und harmonisch wie -ihr Sprachton, so daß, als sie aus einem Körbchen -Gläser und Teller nahm, und achtsam niedersetzte, nur -ein sanftes Klingen, doch kein Klirren, das, was sie -that, verrieth. Herr Prälat verlangte die Citronenpresse, -Josephine reichte sie ihm. Er forderte darauf -ein Messer, und nahm es aus ihrer Hand. Er sah -mit heißem Blick in die schönen Augen des lieben -Kindes, der Gedanke an den reinen Himmel, der darin -schimmerte, war diesem Blicke nicht fern. Und er -sprach: »weißt Du wohl, was Abraham a Sancta -<a class="pagenum" id="page_156" title="156"> </a> -Clara sagt? Ein Mädchen soll seyn wie eine Citrone, -und auch nicht wie eine Citrone, es soll einen Stern -im Herzen tragen, und doch Niemandem das Leben -sauer machen. Das thust Du nicht, mein süßes Kind! -Du bist biegsam – voll Kern – ein Zuckerrohr –« -der Administrator warf im Verhältniß zu diesem Lobe -ein blitzendes Randstück feinster Raffinade in die starke -Mischung. Josephine lächelte, als hätte sie den Geist -derselben oben weg geschöpft getrunken. Sie antwortete: -»ach Onkel! dieses Urtheil giebt nur die Güte -ab. Die Mutter klagt doch manchmal über mich! und -tadelt mein träumerisches Wesen; so sagt sie oft, ich -ginge so zerstreut umher, als wisse ich vom hellen -Tage nichts, und könne nicht bis auf Drei zählen.«</p> - -<p>Herr Prälat hatte, während Josephine diese Worte -sprach, einen Löffel vom Eßtisch gelangt, ein schwarzes -Pünktchen, was in der goldenen Fläche schwamm, -damit zu fischen. Sein Auge umzirkelte im Nu die -gastliche Tafelrunde, und er antwortete im Tone schmeichelhafter -Mißbilligung: »da thut sie Dir nicht Unrecht, -meine Kleine. Du hast acht Couverts gelegt. Wie -viel sind Unserer? auf <em class="ge">Sieben</em> wenigstens kannst Du -nicht zählen. Doch das ist auch eine böse Zahl, – -dieser Irrthum, diese Achte geht in der Achtung Deiner -lieben Seele für das Gute auf.«</p> - -<p>Josephine erröthete und nahm das Gedeck hinweg. -<a class="pagenum" id="page_157" title="157"> </a> -Sie erwiederte: »es wird ein Gast kommen, auf den -wir nicht gerechnet haben. So oft ich einen Stuhl -zu viel setzte, geschah es.«</p> - -<p>»Nun, so möge es denn Constanz seyn –« sagte -sein Bruder, »denn es will mich bedünken, als sehne -Therese sich nun fort.«</p> - -<p>Eben trat sie ein. Auch die Andern kamen. Man -aß, trank, und war vergnügt. Auf einmal stieß Therese -einen hellen Schrei aus, und fuhr mit der Hand -nach dem Munde. Alle schrieen erschrocken auf, so daß -auch Faust mit Geheul empor sprang. Sie hatte sich -an einem Rebhühnerbeinchen die Spitze eines Seitenzahns -ausgebissen, und zeigte mit weinender Wehklage -den kaum sichtbaren Makel und das abgesprengte -Stückchen Emaille. Man tröstete und spöttelte wirr -durch einander; aber Therese lamentirte dessenungeachtet, -als wäre ihr eine unersetzliche Perle aus der Krone -des Lebens gebrochen. »Man bemerkt es gar nicht, -ich schwöre es Dir!« betheuerte ihr Schwager, als -Therese gestand, ihr zitterten alle Glieder. »Es ist -ein hübsches Zähnchen und mehr nicht,« sagte der -Major, »lassen Sie es geknikst seyn. Wie wollten -Sie thun, wenn Ihnen das Herz bricht? – Um das -Bischen Glasur so zu verzweifeln! das Zerbrechliche -allzusehr lieben –, taugt nichts.«</p> - -<p>Und die Nonne versicherte in einer Theilnahme, -<a class="pagenum" id="page_158" title="158"> </a> -welche allein in der Stimme des Trostes sprach, Therese -wäre ja noch schön genug.</p> - -<p>»Beruhigen Sie Sich, meine Gnädigste,« sagte -Hauptmann Moorhausen, »ich wünsche, ich könnte Ihnen -Ersatz geben, auf Ehre! und mithin ein wenig -von meiner Constitution. Das Naturell meiner Landsleute -ist so vegetativ, daß es gar nichts Seltenes ist, -wenn gesunde Personen drei bis viermal Zähne bekommen. -Wie Sie mich hier sehen, sind das meine -fünften.«</p> - -<p>Er fletschte das Gebiß, dies gab seiner Physiognomie -einen so affenartigen Ausdruck, daß die Damen -anstatt zu bewundern, sich davor entsetzten. Theresens -Thränen standen still. Der Major rief: »Sechser, -Moorhausen, Sechser!« Der Hauptmann stutzte einen -Augenblick, ließ sich aber, einmal im Zuge, nicht stören -und sprach: »ich bin überhaupt mit einer gewissen -Unzerstörbarkeit geboren. Als die Schlacht bei *** -vorüber war –« »nun sind wir geschlagen –« murmelte -der Major seinem Nachbar zu, »er rückt ins -Feld –« »wir hatten den ganzen Tag hindurch gemetzelt –« -die Nonne faltete die frommen Hände, -und über Josephinens Gesicht lief ein banger Schatten, -das gute Kind vergaß, daß jene erschlagenen Feinde -auch nur Schatten wären –, »fühlte ich mich der -Ruhe bedürftig. Man wird vom Todtmachen zuletzt -<a class="pagenum" id="page_159" title="159"> </a> -mit todt;« redete der Hauptmann weiter. »Ein Stündchen -nur hätte ich schlafen mögen; ich streckte mich -auf einen ländlichen Kirchhof hin, und dachte, ich hätte -brav gethan, und könnte mir nunmehr auch eine Güte -thun. Das Schießen dauerte fort – ich hörte es -dumpf im Traume. Als ich am folgenden Morgen -erwachte, meinte ich, der jüngste Tag wäre gekommen. -Zerstreute Glieder lagen um mich her, hier war eine -Granate zerplatzt, dorthin eine Bombe geflogen: in -meiner offnen Hand hatte sich eine kleine Kugel gefangen, -und nur einen rothen Fleck nachgelassen.«</p> - -<p>»Das war doch Münze, Alterchen?« rief der -Major.</p> - -<p>»Wie meinst Du das, Herr Bruder?« fragte der -Hauptmann verblüfft, »glaubst Du vielleicht, ich flunkere? -auf meine Ehre! die Kugel war noch <em class="ge">lau</em>!«</p> - -<p>»Jeder Achill hat seine Ferse –« fiel hier der -Administrator ein, dem diese Versicherung zu warm -war, und der da wußte, daß der Major auch hitzig -werden konnte, »der Ihrigen, Herr Hauptmann, verdanken -wir das Glück, Sie zu besitzen.«</p> - -<p>Der martialische Moorhausen, seiner unempfindlichen -Natur getreu, beachtete den empfangenen Stich -nicht. Durch einen geschickten Wurf schleuderte der -Major den tapfern Hauptmann vom Champ de Bataille -auf den Boden seiner Heimath, dessen ungemeine -<a class="pagenum" id="page_160" title="160"> </a> -Ergiebigkeit ein Lieblingsthema seiner Rede -war. Er sprach: »die Seeluft Eurer Provinz stärkt -die Natur dort so riesenhaft – ist's nicht so, Moorhausen? -was Du mir davon erzählt, ist wirklich zum -Erstaunen.«</p> - -<p>Der Hauptmann lächelte wie ein schaffender Gott. -»Ueberall hervorbringende und ergänzende Kraft –« -sagte er, unendlich glücklich. »Nach einem fruchtbaren -Gewitterregen war in einer Nacht auf meinem Gute -das Getreide um ein und eine halbe Elle gewachsen – -auf Ehre!«</p> - -<p>»Das wissen sich die ältesten Leute keiner Zone zu -erinnern –« sprach der Administrator mit duldsamer -Ironie, und der Major konnte sich nicht enthalten, zu -bemerken: »wenn das in der Progression so fortgegangen -wäre, so hätten die Engel im Himmel die Früchte -Deines Feldes einsammeln können, während die Bauern -das Korn an der Wurzel schneiden dürfen.« Alle -lachten.</p> - -<p>Dieser beispiellos gesegnete Gutsherr fühlte, ungekränkt, -auf welche Weise er zu einem erheiternden -Mittel für die Gesellschaft würde. Angeregt durch -ihren Beifall fuhr er fort: »ein andermal hätte der -Schaden eben so groß seyn können. Bei einem ungeheuern -Sturme entstand ein gläsernes Krachen in -der Luft – als wenn die Giganten Zank bekommen -<a class="pagenum" id="page_161" title="161"> </a> -hätten, und sich Gletscher an den Kopf würfen. Es -hatte geschloßt – die Felder lagen voll Eisklumpen, -wovon der kleinste im Unfang dieser crystallnen Butterglocke -war. Ich ließ das Eis auf Wagen an das -Seeufer schaffen. Alles, was Hände hatte, mußte dran; -es war eine Lustparthie, wie in den Gefilden von Nova-Zembla. -Ein armer Mensch erfror sich die rechte -Hand dabei, sie mußte abgenommen werden, und er -erhält noch jetzt eine kleine Pension von mir. Und -grade in diesem Jahre war es, wo mein Weizen schöner -blühete als je! – Ich stand mit Resignation an -jener Eiswüste, und dachte es nicht. Die Sonne schien -wie in einen zersprungenen Weltspiegel, ich trug eine -Augenentzündung davon.«</p> - -<p>Die Damen schlugen die Augen nieder, der Major -blinzelte, als sähe er selbst in Sonne und Eis – es -herrschte eine große Stille, als wäre ein Engel durch -das Zimmer geflogen, der Engel der Wahrheit aber -war es nicht. – Hauptmann Moorhausen empfand -dies Schweigen. Er wollte einen mildernden Schatten -auf jene glänzende Weizenbreite fallen lassen, und -sagte nach einer kleinen Pause: »es däuchte mir selbst -ein Wunder. Von Mißwachs wissen wir in meiner -Provinz gar nichts; doch eben so unbekannt – und -das wird Ihnen nicht weniger unglaublich vorkommen -– ist dort die Christfeier und das Osterfest. An -<a class="pagenum" id="page_162" title="162"> </a> -eine Bescheerung denkt Niemand; weder vom heiligen -Abend, noch vom heiligen Grabe, nimmt eine Seele -Notiz. So erinnere ich mich, am Charfreitage auf einem -brillanten Ball en masque gewesen zu seyn.«</p> - -<p>»Heiliger Gott!« seufzte Fabia; ein mitleidiges -Lächeln umspielte die Lippen der Nonne. Sie hielt -den Hauptmann für verrückt.</p> - -<p>Major Feldmeister hob seinen Blick an die Decke, -und hielt sich die Seite. Selbst Therese vergaß ihre -Betrübniß und sprach: »da machten Sie wohl den armen -Schächer, Herr von Moorhausen? oder den Kriegsknecht -mit der Lanze etwa? der Major bekommt schon -Seitenstechen von diesem Gedanken – oder den Pilatus -mit einem Täfelchen auf der Brust, worauf die -Frage stand: <em class="ge">was ist Wahrheit</em>?«</p> - -<p>Der kühne Moorhausen war doch vor sich selbst -erschrocken, und vor dem Tone tiefster Indignation in -Fabiens Ausruf. Dieser Seufzer zu Gott galt nicht -der Verleugnung Christi, sondern dem Glauben an -den Frevel der Lüge, den der Hauptmann ihnen zumuthete. -Er fuhr auf, als empöre ihn der Gedanke, -etwas Unrichtiges gesagt zu haben, »nicht am Charfreitage -– wie ist mir denn? ich bitte tausendmal -um Verzeihung! nein – da hatten wir einen andern -Spaß – am Tage Charitas, den achten October, zum -<a class="pagenum" id="page_163" title="163"> </a> -Anbeginn der Wintervergnügungen, war jene glänzende -Redoute.«</p> - -<p>Schwester Veronica athmete bei diesen Worten so -erleichtert auf, als hätte ihr Jemand das Kreuz des -Herrn von Brust und Schulter genommen, auf der -sie es getragen – und Jener fuhr fort: »doch um -noch einmal auf das Vorige zu kommen, Sie könnten -leicht durch meine Schilderung einen falschen Vorbegriff -von den Bewohnern meiner Heimath fassen. -Denken Sie Sich nicht etwa ein Völkchen von barbarischen -Sitten, Gott bewahre! es sind so charmante, -humane Leute, selbst unter der gemeinen Classe – -die Oefen im Schlosse – es fehlt an Töpfern in der -Gegend, und an feinem Thon – hat mir ein <em class="ge">Freimaurer</em> -gesetzt.«</p> - -<p>Hier gab Herr Prälat, um Fabiens und der Nonne -willen, dem Gespräch eine Wendung. Man gerieth -in das Gebiet der Geheimnisse, und kam auf Träume, -Ahnungen und dergleichen. Allen war dieser Stoff -anziehend, Jedes gab seinen Beitrag.</p> - -<p>»Es ist ein schöner Glaube,« sagte die Nonne, -»daß es Geister giebt, die auf eine gottmögliche Weise -dem blöden Auge des Menschen sichtbar werden können. -Schutzengel giebt es gewiß; ich weiß ein Beispiel. -Schwester Hedwigis, eine geistliche Jungfrau -unseres Stiftes – sie ruhet längst – besucht als ein -<a class="pagenum" id="page_164" title="164"> </a> -lebenslustiges Fräulein eine verwandte Familie. Sie -liegt im ersten Schlafe, und fest, wie die Jugend schläft, -nach einem ermüdenden Tage. Da hört sie sich bei -ihrem Namen rufen, ängstlich und dringend. Sie -wacht auf, und Niemand ist zu sehen. Kaum wieder -eingeschlummert, wird dieselbe Stimme laut, und -flehentlicher als zuvor: sie solle das Lager sogleich verlassen. -Dem Fräulein kommt ein Grauen an; es -springt aus dem Bett, und sieht bei hellem Mondschein -eine lichte Gestalt die Urne des Ofens umklammern. -Oft hat mir Hedwigis versichert, und ihrem -Munde entging gewiß kein unwahres Wort – die -Flügel dieser Erscheinung hätten geschimmert. Das -Haus erbebt in einem fürchterlichen Getöse. Ein Theil -der Decke, und der altfränkische Ofen war eingestürzt, -und Hedwigis wäre im Schlafe erschlagen worden, -wenn jene Stimme ihres Schutzgeistes sie nicht gerettet -hätte. Man fand das Fräulein ohnmächtig im -Nachtgewande auf den Stufen; alle Bewohner verließen, -erschüttert von diesem Vorfall, das Haus, welches -überhaupt schon baufällig gewesen seyn mag. Durch -Hedwigis Seele bebte diese Erinnerung fort und fort. -Sie dachte, daß der Himmel ihr Leben sichtbar beschützt -hätte, und weihete es ihm.«</p> - -<p>Josephinens Blick schimmerte auch, und hing noch -an den Lippen der Nonne, als diese sich schon wieder -<a class="pagenum" id="page_165" title="165"> </a> -geschlossen hatten, um einem Andern das Wort zu -vergönnen.</p> - -<p>»Auch ich wüßte eine merkwürdige Vorbedeutung -zu erzählen –« sagte Frau Fabia mit tiefgesenkten -Augen, denn sie schauten in die Geheimnisse der Gräber -–, »die mich überzeugt, daß wir mit seligen -Geistern, mit den Todten in naher Verbindung stehen. –« -Aller Blicke richteten sich auf Fabia, kein -Athem ward laut, und diese horchende Stille schien -um die Mittheilung zu bitten. Sie begann leisen -und langsamen Tones: »ich war noch im Hause meines -Vaters, der auch Beamter des Grafen Frankenstern -war, als der Justitiarius desselben starb. Er -hinterließ schönes Vermögen, und eine einzige Tochter, -den Abgott der Mutter, die noch lebte. Wir waren -ein Herz und eine Seele, und wenn Minna einige -Jahre mehr als ich zählte, und mir an Geistesbildung -wie an Talenten überlegen war, so hatte ich häusliche -Kenntnisse und den Starkmuth voraus, den eine -christliche Erziehung mir gegeben, und war sonach dem -Leben, wie es nun einmal ist, voll Angst und Mühe – -besser als meine Freundinn gewachsen. Minna konnte -sich nicht fassen, da ihr Vater der Welt Valet gab. -Sie bedeckte seinen Leichnam mit Küssen und Thränen, -wie sehr wir sie auch baten, ihm die Ruhe zu -gönnen; denn es ist nicht gut, wenn man über einen -<a class="pagenum" id="page_166" title="166"> </a> -Todten weint. Er nimmt dann heißen Schmerz mit -in die kühle Erde – und geht vom Himmel aus, ihn -zu stillen. – Meine Minna hatte sich einige Zeit -vorher einem jungen Edelmanne verlobt, zwar mit -Genehmigung der Eltern, aber der Vater sah diese -Verbindung doch nicht ganz gern. Nicht, daß er etwas -Wesentliches gegen den künftigen Eidam gehabt -hätte, sondern, weil er aus mehr als <em class="ge">einem</em> Grunde -ein Mißverhältniß darin fand. So war der Geliebte -Minnas fast in gleichem Alter mit ihr, und noch abhängig -von seiner Mutter, die ein kleines Rittergut -besaß: dann konnte kaum ein Brautpaar, seinem -Aeußern nach, so ungleich wie dieses seyn. Er, ein -baumlanger Mensch, eine wahre Athleten-Gestalt; sie, -ein zartes Heimchen, eine kleine Psyche, die ihm kaum -bis an die Rocktasche reichte. – Ein Spötter sagte: -Minnas künftiger Gatte werde seine junge Frau, -wenn sie einst guter Hoffnung sey – in einem Kästchen -mit sich auf Reisen nehmen können – wie in -einem hübschen Mährchen zu lesen. – Wie nun das -Testament des Justitiars eröffnet wird, findet sich, daß -er als unumstößliche Bedingung der väterlichen Erbnahme -den Punct gestellt hat, die Heirath der Tochter -solle erst nach dem Ablauf dreier voller Jahre – -er bestimmt sogar den Tag, denn dieser Vater war -ein sehr determinirter Mann – vollzogen werden. -<a class="pagenum" id="page_167" title="167"> </a> -Hieran war nun kein Jota zu ändern, und Alles wohl -verclausulirt. Der Braut war dies Gebot ihres Vaters -heilig; die Wittwe aber, die es nicht erwarten -konnte, ihre Tochter als gnädige Frau zu sehen, war -damit sehr unzufrieden. Sie hatte Respect vor ihrem -Manne bei seinen Lebzeiten gehabt; seinen letzten Willen -scheute sie weniger. – Eine Pietät, bei der dies -in umgekehrtem Verhältniß Statt gefunden hätte, legte -dieser Frau zarte Pflichten auf. Sie dachte, wie sie -den Verstorbenen und selbst den Gehorsam seines Kindes -überlisten könnte – und zog die Mutter des -Bräutigams in ihr Interesse, der damals auf Reisen -war. Was aber ein rechter Mann ist, meine Herren –« -hier lächelte die ernste Fabia, und das männliche -Kleeblatt lächelte mit, »der drückt auch mit der -todten Hand einer widerspenstigen Frau den Daumen -auf's Auge, und der Wittwe des Rechtsgelehrten lief -eine schmerzliche Zähre heraus. – Ein Jahr fehlte -noch zum Ablauf der festgesetzten Frist, da wollte nach -einem schriftlichen Uebereinkommen zwischen beiden -Müttern die Edelfrau ihrem Sohne das Gut übergeben, -die Acte war schon fertig – und den Bräutigam -heimlich zurückrufen – Minna und ihre Mutter -dahin einladen, und dort sollten die jungen Leute -am Geburtstage der Braut mit der Trauung überrascht, -und gleichsam zu ihrem Glücke gezwungen werden. -<a class="pagenum" id="page_168" title="168"> </a> -Alles war dazu vorbereitet. Nun hören Sie, -was geschah! – Der Justitiarius hatte ein eigenes -Haus auf dem gräflichen Gute, was seiner Frau als -Wittthum verblieben war. Eines Tages besucht mich -Minna. Sie sah sehr blaß aus, und besorgt fragte -ich um die Ursache. Du wirst mich ein Kind schelten, -sagte sie, aber ich kann einen ergreifenden Traum -nicht los werden. Ich brachte meinen Schreibtisch in -Ordnung, verschloß alle Schübe – da trat mein Vater -ein, mit raschem Schritt, wie er kam, wenn er -sich eine Minute für mich abmüßigte, ganz in der -Manier seiner lebendigen Eile. Ach Fabia! sagte sie, -und Thränen flossen über ihre Wangen, ich habe ihn -leibhaftig gesehen; aber seine Miene war bekümmert. -Er sprach: daß er mich nun nächstens abholen werde. – -All' meine Sehnsucht nach ihm ist mit mir erwacht. – -Ich suchte es dem lieben Wesen auszureden. Einige -Wochen waren seitdem vergangen, das Wetter fing an, -frühlingsschön zu werden, und jener einladende Brief, -der die ahnungslose Braut an den Altar lockte, war -gekommen. Da kam Marie, und vertrauete mir, daß -jener Traum sich seltsam wiederholt hätte. Sein Auge -zürnte, so erzählte sie von der Erscheinung ihres Vaters, -als er den Brief meiner Schwiegermutter liegen -sah. Er verlangte, daß ich ihm sogleich folgen sollte. -Ich entschuldigte mich, daß ich ja nicht angezogen -<a class="pagenum" id="page_169" title="169"> </a> -wäre. Er erwiederte: frägt <em class="ge">darnach</em> ein Retter? -und verschwand. Ich muß gestehen, daß mich diese -Worte sehr ängsten; es ist mir, als werde ich von irgend -einem Unglück bedroht, und als wolle mein treuer -Vater mir von Jenseits herüber ein treuer Warner -seyn. Wüßte ich nur, was ich zu thun, oder zu lassen -hätte! – Mich selbst bestürzte diese Aussage, -wenn ich es auch verbarg, da Minna ohnedies verstört -war. Acht Tage waren wiederum verflossen, binnen -deren Verlauf wir uns wenig gesehen hatten – -da – ich weiß es wohl noch wie heute – räumte -ich meine Bodenkammer auf, und die Sonne ging -unter, als ich mit diesem ermüdenden Geschäfte im -Reinen war. Ich komme eben aufgeschürzt die Treppe -herab, da steht Minna, weiß wie eine Taube, und -bittet mich mit kranker Stimme, ein wenig mit ihr -spazieren zu gehen. Gern, meine Minna, wollte ich -das, gab ich ihr zur Antwort; aber Du siehst selbst, -wie eingestäubt ich bin. So muß ich zunächst an ein -Waschfest gehen, und dann mögte wohl die Feierstunde -ausgeläutet haben. Es dürfte auf lange das letztemal -gewesen seyn – sagte sie: den Donnerstag geht es -fort – lieber Gott! auf das Gut, meinte sie. Ich -muß mich zerstreuen, Fabia, sagte Minna mit einem -krampfhaften Lächeln; denke nur, diese Nacht hat mich -mein Vater wirklich abgeholt. Er trat eilfertig, in -<a class="pagenum" id="page_170" title="170"> </a> -einen Pelz gehüllt, in mein Stübchen, seine Taschenuhr -in der aufgehobenen Hand. Nun ist es Zeit – -sagte er, und hielt mir die Uhr vor die erschrockenen -Augen: sie stand stille. Ich eilte im Schlafrock an -seiner Seite von hinnen. Vor der Thüre stand ein -Schlitten, der Schnee lag wie ein Leichentuch – als -ich einsteigen wollte, verlor ich einen schwarzen Schuh -– er sank tief ein. Den Führer sah ich nicht; aber -der Schlitten sausete auf den Kirchhof zu. – Mich -überlief es kalt,« fuhr Fabia fort, und auch ihre Zuhörer -schien ein Frösteln zu durchrieseln. »Am folgenden -Tage,« redete die Erzählerinn seufzend weiter, -»kehrten wir erst spät von einer kleinen Ausflucht -heim; ich schlief daher den nächsten Morgen etwas -länger als gewöhnlich. Der Vater stand vor meinem -Bette, im blendenden Schein der Frühsonne, und ich -sah nicht bald, wie betrübt sein Auge war. Du hast -sanft geschlafen, Fabia! sagte er, das hat Dich denn -für eine traurige Nachricht gestärkt. – Minna ist -recht krank – – ich blickte in sein Gesicht und rief: -o Gott! sie ist schon todt! – Er nickte schmerzlich-still. -– Sie war in der verwichenen Nacht an einem -Scharlachfieber gestorben, was nicht zum Ausbruch -kam, und unsere kleine Promenade war ihr letzter -Gang gewesen; denselben Abend noch hatte Minna -sich gelegt. – Den Donnerstag, der zu ihrer Abreise -<a class="pagenum" id="page_171" title="171"> </a> -bestimmt gewesen, wurde meine Freundinn begraben. -Als der Sarg, mit Kränzen behangen, die jungfräuliche -Ehrenkrone von silbernen Zitterblumen zu seinen -Häupten, aus dem Hause schwankt, kommt ein Reisewagen -angefahren. Es war der unglückliche junge -Edelmann, der seine Braut abholen wollen auf das -Gut der Mutter. Er kam nur gerade zurecht, ihr das -letzte Geleit zu geben. Mit welchem herzzerreißenden -Schmerze – davon will ich schweigen. –«</p> - -<p>Hier schwieg Fabia, und eine lange Pause feierte -diese Erzählung, welche bei der einfachen Ruhe ihres -Vortrags von um so größerer Wirkung gewesen war. -Man wußte, und mit Achtung wußte man es – wie -wahrhaft Frau Fabia sey, und mit gewissenhaftem -Stolze sogar den Schmuck der kleinsten Zuthat verschmähe. -Sie glaubte dessen nicht zu bedürfen, um -das Interesse Anderer für jene wehmüthige Erinnerung -in Anspruch zu nehmen.</p> - -<p>Endlich unterbrach der Administrator die allgemeine -Stille und sprach: »ich würde den Versuch bedauern, -solch eine Thatsache <em class="ge">natürlich</em> erklären zu -wollen; hier tritt das geistige Element hervor, und -wir können nur verstummen. <em class="ge">Was</em>, in aller Welt, -wäre denn nicht wunderbar, oder ahnungsvoll? – -Nur unsere Sinne sind stumpf. Und ein Schutzfreund, -wie er dort ein gefährdetes Leben aus dem Schlafe -<a class="pagenum" id="page_172" title="172"> </a> -weckt, hier Eines in den längsten Schlaf lullt, wohnt -gewiß in eines Jeden Brust, wenn dieser Engel nur -nicht so oft irdisch verbaut wäre. In einer für das -Höhere erweiterten Seele findet er gewiß Freiheit, zur -rechten Zeit an das Herz zu pochen.«</p> - -<p>Der Major, der vielleicht aus einem zu weichen -Gefühl das Tragische nicht liebte, und als ein tüchtiger -Mann auf ebenem Boden eine Scheu vor metaphysischen -Dissertationen hatte, ging nicht auf die -Aeußerung seines Freundes ein, und dachte vielmehr -bei Minnas verlornem Schuh an den Pantoffel, der -seinen Neffen aus dem Felde schlug. Er hatte die -Gewohnheit <em class="ge">laut</em> zu denken, und so sagte er: »nun -sollte eine Sandale an die Reihe kommen.«</p> - -<p>»Meinst Du ein Fahrzeug, Herr Bruder?« fragte -Hauptmann Moorhausen: »wohl ist dieser Stoff ein -unerschöpfliches Meer.«</p> - -<p>Und Josephine sagte: »die Sandalien der Jungfrau -Maria in der Capelle sind wunderprächtig mit -Gold und Perlen gestickt.« Die Kleine stockte beklommen; -doch Frau Fabia gab heute Preßfreiheit für Lügen -wie gedruckt, wie für die Legende des Hauses, -und so entblätterte sich die Blume dieses Herzens, -und Josephine sprach: »In dem blassen Mondschein, -den die kleine Lampe wirft, schimmern die Sandalien -so traurig und doch so heilig! daß man gläubig wird, -<a class="pagenum" id="page_173" title="173"> </a> -dieser Fuß müsse den Thron des Himmels besteigen. -Oft schon habe ich ihn geküßt – und dabei gedacht, -wie manches bekümmerte Angesicht mag seine Thränen -darauf geweint haben! die sind denn zu Perlen geworden. -Sogar der Staub, der darauf ruht, hat mir -etwas Rührendes, denn er erinnert mich, wie dieser -beständige Fuß seine Stelle verlassen, und wandelbar -geworden, das Liebste zu suchen.«</p> - -<p>»Recht, mein Kind,« erwiederte die Nonne erregt, -»unsere Jungfrau von der Capelle, von der das Kloster -den Namen führt, gehört ganz eigentlich hierher, -und es ließe sich Manches von dieser Wunderthäterinn -erzählen, wenn auch keine Wallfahrt sie verehrt hat.«</p> - -<p>»Das kenne ich ja nicht –« sagte Herr Prälat, -erstaunt, sein Schutzkind so bewandert in der Geschichte -der Patroninn dieses Hauses zu finden; und der Major -fragte: »was ist's mit der Jungfrau?«</p> - -<p>Die Nonne sprach: »nach den Urkunden des Stifts -ist die kleine dunkle Capelle dahinten seine erste Gründung -gewesen. Man sieht es auch an der Bauart, -wie viel älter sie ist, als die des Klosters. Nun steht -in der Nische des Altars eine Mutter Gottes mit dem -Kindlein an ihrer Brust. – Das Bild ist nur von -Wachs und nicht sonderlich schön, es hat aber einen -zarten Ausdruck von Erbarmen in der Miene, daß -man gleichsam Trost fühlt, wenn man es anblickt. -<a class="pagenum" id="page_174" title="174"> </a> -Die rechte Hand hält es bedeutsam in die Höhe, mit -aufgehobenem Zeigefinger, als ob warnend oder winkend. -Die Sage erzählt: eines Schäfers Wittwe, der -man aus Mitleid die Hut der Heerde gelassen, habe -sich den Verlust ihres Mannes dermaßen zu Gemüth -gezogen, daß alle Kraft ihr entschwunden sey, zumal -das arme junge Weib einen Säugling stillen müssen, -mit dem Grame ihrer Brust. – Da man die Schäferinn -oftmals schlafend gefunden, am Berge unter -einem Baum, so ist sie vom Orte aus bedroht worden, -ihr, wenn sie nicht achtsamer seyn werde, den spärlichen -Dienst zu entziehen. In dieser Bedrängniß hat -die betrübte Wittwe ihre Zuflucht in die Capelle genommen -und voll Einfalt und Inbrunst gefleht, die -Heilige des Himmels mögte die ärmste Mutter der -Erde vertreten in ihrer großen Schwachheit. Und -als dennoch täglich um die Stunde der Vesper die -stillende Mutter von einem Schlummer bezwungen -wird, dem sie nicht widerstehen kann, wollen glaubhafte -Leute jener Zeit die Jungfrau Maria gesehen -haben, wie sie bleichen Angesichts die Lämmer gehütet, -auf daß die Schäferinn der Ruhe pflegen möge. -Sie ist erkannt worden an dem Kleide von perlfarbnem -Moir, dessen schillerndes Gewässer nun wie mürber -Zunder ist – an der aufgehobenen Hand, womit -sie die Heerde stumm gelenkt – im andern Arme hat -<a class="pagenum" id="page_175" title="175"> </a> -sie das göttliche Kind getragen, wie Jene das dürftige -Kleine. In der Nähe des Baumes hat Maria -ein leises Lied gesungen, ein Wiegenlied – so himmlisch! -daß der Wind geschwiegen und die Vögel in -den Zweigen gelauscht. Auf dem Heimwege hat das -Geläut der Heerde geklungen, wie die Glöckchen beim -Hochamt, und die Sandalien haben in der Abendsonne -goldne Strahlen verbreitet über den grünen -Klee. – Niemand wagte mehr, der Wittwe ein Wort -zu Leide zu sagen. Kein Lamm geht verloren – -aber eines Tages das Kind vom Schoße der Mutter, -als sie auch einmal schläft. Ein Engel soll es -ihr sacht und sanft entzogen haben, weil der Born -der Nahrung nun versiegt gewesen, und das Würmchen -am Verschmachten. Die Frau kommt wie von -Sinnen. Sie rennt in der Irre umher, ihr Kind zu -suchen, was sich nirgends findet. Man entbindet sie -ihrer Pflicht, und fristet mit kärglichen Almosen ihr -Leben, das der Jammer verzehrt. Sie ringt die Hände -wund und fleht: die heilige Jungfrau mögte sie ihr -Kind wiederfinden lassen, ohne das sie keines Bleibens -habe auf der Welt. Aber Maria bleibt unbeweglich, -und blickt traurig nieder, daß Der, welcher -ihre himmlische Güte sich sichtbar angenommen – -der Glaube fehlt. – Da nun die unglückliche Mutter -nicht Zeichen noch Wunder sieht, wird sie eines Tages -<a class="pagenum" id="page_176" title="176"> </a> -von verzweiflungsvollem Wahnsinn erfaßt. – Sie -sagt: Du magst wohl schwerlich wissen, wie einer -Mutter zu Muthe ist, die ihr Einziges eingebüßt; -sonst würdest Du auf mein Herzeleid merken und -Dich meiner erbarmen. Wer nicht hören will, muß -fühlen! – Und damit hebt sie das Kind vom Arme -der Madonna, und drückt es mütterlich an ihren Busen, -als ob das kalte Wachs an dieser heißen Angst -zerschmelzen müßte. Daheim legt sie es in eine kleine -Lade, auf das weiche Vließ von einem ungeborenen -Lämmlein. Sie selbst liegt im Fieber. Als nun der -Morgen tagt, steht Maria vor dem Bette der Armen, -rührt sie an, und fordert ihr Kind zurück. Da sagt -die Kranke, wo sie es hingethan, und spricht: gieb -mir nun auch das meine wieder und zeige mir, wo -ich es finde. Maria hebt den Zeigefinger gen Himmel -– – darauf ist die Mutter gestorben. – Seitdem -nun,« schloß Schwester Veronica diese Tradition, -»hat Mancher, der etwas vermißt – ach mein Heiland -Du! Wessen Leben wäre ohne Verlust? Trost -und Erstattung an dieser Stelle gesucht und – gefunden: -denn die heilige Jungfrau giebt erhörend ein -Zeichen mit dem Finger, was noch nie trüglich gewesen.«</p> - -<p>»Es gehört ein starker Glaube dazu –« sagte -Hauptmann Moorhausen, er, der den stärksten in Anspruch -<a class="pagenum" id="page_177" title="177"> </a> -nahm –, »und eine deutsame Einbildungskraft, -um die Weisung der Jungfrau Maria zu verstehen, -denn sie kann doch nur Rechts, Links!« (diese -Worte wurden im exercirenden Tone gesprochen) »nach -Oben oder Unten zeigen, und das kommt mir ohngefähr -so vor, wie jene Adresse: an meinen lieben Sohn -in der Armee.«</p> - -<p>»Dem Zweifler ist nichts beschieden –« antwortete -Therese spottend, »wenn Sie einmal das Gedächtniß -verlieren, <i>mon Capitain</i>, wird Sanct Maria es Ihnen -nicht suchen helfen.«</p> - -<p>»O! mein Gedächtniß ist gut!« erwiederte der -Hauptmann prahlerisch sicher. »Das muß es auch –« -versetzte die muthwillige Frau und lächelte ihn an, so -daß ihm die kleine Bosheit ihrer Replik nur wie ein -schalkhafter Liebesblick einleuchtete.</p> - -<p>»Es ist doch viel,« fiel hier der Administrator ein, -»daß bei der Aufhebung des Klosters die Capelle unangetastet -geblieben.«</p> - -<p>»<em class="ge">Viel</em>?« fragte die Nonne und ihre Wange röthete -sich bei dieser aufregenden Erinnerung, »wenig -war es, werthester Freund! sehr wenig. Was ist denn -Kostbares darin? Ein paar arme Bilder – morsche -Bänke – die Jungfrau selbst ist alles Schmuckes -baar, die Fußbekleidung etwa ausgenommen, und für -diese habe ich Alles hingegeben, was ich an Pretiosen -<a class="pagenum" id="page_178" title="178"> </a> -noch besaß. Die goldne Taschenuhr meines Vaters – -ein köstliches Werk! wog der Commissair in seiner -Hand, die gerade keine Wagschale der Gerechtigkeit -war – und dabei fiel der kleine Uhrschlüssel klingend -auf die marmorne Schwelle, wo wir standen, und -mir gleichsam auf das Herz, denn ich dachte, wie so -tausendmal ich diesen Schlüssel in der Hand meines -Vaters gesehen! ich sah die Miene, womit er ihn drehete -– – ich mußte meine Augen abwenden. Da -sagte der Commissair: wir wollten einen christlichen -Tausch abschließen. Er zog den großen Schlüssel aus -dem Schloß der Capelle, reichte mir ihn und sprach: -diese solle fortan als mein Heiligthum zu betrachten -seyn. Die Uhr mogte er dagegen als <em class="ge">sein</em> Eigenthum -ansehen. Er steckte sie sich in die Tasche, nachdem -er den kleinen Schlüssel fest gemacht. –«</p> - -<p>Der Major murmelte ein vernichtendes Wort, und -schluckte den Aerger in einer Neige Wein hinunter. -Herr Prälat aber schlug in stillem Grimm das umgekehrte -Ende des silbernen Messers auf den Tisch, als -hätte er den Commissair damit auf die Finger schlagen -mögen. – Aber friedlich sprach die Nonne: »dies -Alles ist nun überwunden; ich wollte nur sagen: ich -hätte mir gewissermaßen ein Anrecht an die Capelle -erworben. Die schönsten Blumen fülle ich in die -kleinen Krüge zu beiden Seiten des Altars; dort duften -<a class="pagenum" id="page_179" title="179"> </a> -sie Weihrauch. Und das ewige Licht nähre ich -aus meinen geringen Mitteln, und müßte der Winter -meines Lebens finster für mich seyn, wie eine lange -Sterbestunde.« Der Blick der Nonne leuchtete bei -diesen Worten auf, wie ein Flämmchen vor dem Verlöschen. -Alle waren gerührt.</p> - -<p>»Und dieses liebe Geschäft,« sagte Josephine in holder -Geschwätzigkeit, wie von einem Lieblings-Gegenstand -hingerissen, »gönnt mir die gute Schwester -Veronica bisweilen, wenn meine Zeit es erlaubt. Es -ist für mich ein kleiner Tempeldienst, den ich nie ohne -ein andächtiges Gefühl verrichte. Ich komme mir -dann vor wie eine Vestalin, von denen Du neulich erzähltest, -Onkelchen. Es ist wirklich etwas Heiliges -um das Licht. Man denkt sich eines Sünders Seele -dunkel. – Ich fürchte mich auch nicht ein Bischen allein, -und sitze oft in der Dämmerung in dem verwitterten -Beichtstuhl. Da flüstert es neben mir, die feuchten -Wände wispern, ich höre den Holzwurm picken – -und denke, es sey Veronicas Uhr, und <em class="ge">wo</em> dies Herz -der Capelle wohl schlüge? – Und wenn ich sinnend -in die wehende Lampe blicke, ist mir Manches schon -hell geworden. Jüngst beschlich mich ein sehnsüchtiges -Weh, ich mußte weinen und trüber Zeit gedenken. -Da fragte ich laut, und erschrak vor meiner -eigenen Stimme: wo ist – wo ist mein lieber Vater, -<a class="pagenum" id="page_180" title="180"> </a> -den ich verloren? – – Ein Seufzer –« der -Athem in Josephinens Brust stockte vor dem Blick, -womit Frau Fabia sie ansah. Das Mädchen verstummte. -Hauptmann Moorhausen haschte alsbald -den letzten Laut von diesen Lippen und sprach cathegorisch: -»Ahnungen giebts! ich selbst habe –« jetzt -stieß der Major einen tiefen Seufzer aus, der die Gedankenreihe -seines Cameraden auf einige Momente -unterbrach. »Ja, das war ein Abenteuer,« setzte er -seine Rede fort und festen Fuß in weichenden Boden -–, »was Muth erforderte. Als wir im Jahr -18– an der Grenze standen, ward ich mit einem -Commando nach dem Gebirge detachirt, wo eine aufrührerische -Rotte zu bändigen und nach Umständen -zu bestrafen war. Die Unruhen waren bald gehoben, -die Empörer fest genommen, und wir beeilten uns, -aus jenen unwirthbaren Hürden zu kommen. Es -war tief im Herbst, der Paß verschneit – kein Wunder, -daß wir uns verirrten. So gelangten wir bei -Nacht und Nebel an ein adeliges Schloß, das Gott -weiß! wie weit abseits von unserm Wege lag. Sie -können wohl denken, meine Verehrtesten! daß wir -als Gäste zu so später Zeit nicht gerade die willkommensten -waren; aber man muß nur die Leute zu behandeln -wissen. Nach einer Stunde saß ich mit dem -Förster, der in Abwesenheit der Herrschaft den Wirth -<a class="pagenum" id="page_181" title="181"> </a> -vorstellte, ganz cordial bei einer Flasche Wein. Ein -Wort gab das andere, er erzählte von den Verhältnissen -der Familie, die fast nie hier wohne, ohngeachtet -die Gegend entzückend sey, und als ich nach der -Ursache fragte, äußerte der Förster: es wäre nicht geheuer -im Schlosse. Ich lachte und glaubte, der Schalk -wolle mir das Nachtquartier verleiden – da versicherte -er mich sehr ernsthaft, es wäre gar nicht zum Lachen. -Der Erbe jenes Gutes, ein junger Graf – St – -der Name ist mir entfallen – sey vor mehreren Jahren -gestorben, an einer Erweiterung des Herzens, -was nach seinem Tode ein Gewicht von zwanzig -Pfund ergeben hat.«</p> - -<p>Vor dieser Möglichkeit sanken alle Begriffe, die -Damen faßten unwillkürlich an ihre linke Seite, und -der Major sprach: »Potztausend! über den Zwanzigpfünder! -– Dem ist das Herz schwer gewesen. –«</p> - -<p>»Auch im moralischen Sinne –« antwortete Hauptmann -Moorhausen: »ein Freund des Grafen, seine -zweite Seele gleichsam – hatte einen wichtigen Auftrag, -eine Geliebte betreffend, von ihm bekommen, -und säumte zu erscheinen, und das ganze Haus sah -diesem Zuspruch sehnlichst entgegen. – Der Kranke -konnte nicht sterben und fristete sein Daseyn elendiglich. -So genoß er nur täglich einen kleinen Apfel, -und auch dieser machte ihm Wallungen. Er konnte -<a class="pagenum" id="page_182" title="182"> </a> -kein geheiztes Zimmer vertragen, weshalb seine Pfleger -zur kalten Jahreszeit in dem rauhen Klima jener -Gegend häufig wechseln mußten. In der einen Nacht -wacht der Jäger, der Graf liegt stille, da öffnet sich -die Thüre und ein junger blasser Offizier tritt ohne -Geräusch herein. Der Büchsenspanner erkennt den -Freund des jungen Herrn und verhält sich ruhig. -Der Offizier beugt sich über das Bette, flüstert tief -in die Kissen hinein – da wird dem Jäger unheimlich, -er ergreift die Kerze, wagt einige Schritte, obgleich -sich sein Haar sträubt, und wie er hinzu leuchtet, -ist der Offizier verschwunden, und der Graf verschieden. –«</p> - -<p>Ein Schauer der Furchtsamkeit, der hörbar die -kleine Gesellschaft durchfröstelte, befriedigte den Hauptmann. -Dieser kühne Geisterseher lächelte kaltblütig, -und schickte sich zum Verfolg der Geistergeschichte an. -Herr Prälat aber war auffallend bleich, und Therese -rückte sich ihrem Schwager noch näher und umschloß -seinen Arm mit ihren beiden Händen. »Es taugt -nichts,« sprach der Major, »daß wir uns jetzt zu -nächtlicher Stunde mit solchen Geschichten den Kopf -erhitzen; ich dächte, wir höben uns das Ergebniß für -ein andermal auf.«</p> - -<p>»Nein,« sagte Therese, »es fürchtet sich hübsch unter -Mehreren und ich lasse es mir nicht nehmen, die -<a class="pagenum" id="page_183" title="183"> </a> -Bravade des Hauptmanns zu bewundern; fahren -Sie fort!«</p> - -<p>Moorhausen gehorchte diesem Befehl und sprach: -»den Freund des Grafen hatte ein plötzlicher Tod abgehalten -zu kommen, aber ein treuer Freund hält sein -Versprechen todt oder lebend, das ist Parthie egal. – -So oft nun Jemand seit jener Zeit in dem Zimmer -und Bette des seligen Grafen schläft, erscheint er und -bringt die verspätete Kunde; aber einer Frage hielte -dieser zuverlässige Schatten nicht Stich. – Er soll -mir Stand halten auf meine Ehre! erwiederte ich dem -Förster, und bat mir jenes gespenstische Zimmer aus. -Er wollte mir nicht willfahren, ich setzte es aber durch. -In besagtem Zimmer nun sah es ziemlich wüst und -unheimlich aus. Der Förster versah mich mit dem -Nöthigen, legte mir, wie ich gefordert, einen Hirschfänger, -blank gezogen, und eine Pistole, scharf geladen, -zur Seite und wünschte mir, grauenhaft lächelnd, eine -geruhsame Nacht. Mit diesen Waffen und einer -wahrhaft todesverachtenden Courage forderte ich den -Geist nun heraus. – Als ich mich sterbensmüde in -dem Himmelsbette des seligen Grafen ausstreckte – -der Riese Goliath hätte Platz darin gefunden – -dachte ich an das Riesenherz des armen Jünglings -und sah in den gedrechselten Kugeln des Gestells die -kleinen Aepfel seiner Mahlzeit. Mir war, als hätte -<a class="pagenum" id="page_184" title="184"> </a> -ich die Weltkugel im Magen. Die compacte Kost des -Försters hatte mir Congestionen erregt. Endlich überwältigte -der Schlaf das empörte Blut – da klopft -es dreimal deutlich – –«</p> - -<p>Es klopfte jetzt wirklich an die Thüre des Klosters. -Der Hauptmann verblich zum steinernen Gast, die -Frauen sprangen auf, der Major in gleicher Hast, -vielleicht glaubend, daß sein Neffe komme, wollte es -ihnen gleichthun, bekam aber den Krampf in den Fuß -und Herr Prälat leistete ihm Beistand. Man zog -die Klingel, doch Niemand kam; und in dieser Verwirrung -hatte Josephine ein übriges Licht ergriffen – -den Tisch erhellte eine schöne Lampe – und war -hinausgeeilt. Sie floh den Gang entlang, ihr Schatten -wehete an den düstern Wänden hin – nun stand -sie an der Pforte pochenden Herzens, und draußen -schlug eine unbekannte Hand nahe ihrem Ohr den -Klopfer noch einmal an, daß dieser Laut wie ein unendlicher -Hall durch die Stille der klösterlichen Nacht -tönte. – »Gleich! gleich!« sagte Josephine beklommen, -schob die schweren Riegel zurück, und wich nun -selbst einige Schritte, als ein Mann eintrat, von hoher -Gestalt, umflossen von einem weißen weiten Mantel, -dem eine schmale Reisetasche von rothem Saffian -überhing, so daß sein Ansehen bei mäßiger Zuthat -der Imagination das eines Kreuzritters hatte. -<a class="pagenum" id="page_185" title="185"> </a> -Josephine, im flackernden Scheine die Kerze, die den -lichten Umriß des Mädchens aus der finstern Umgebung -hervortreten ließ, fühlte ein Beben bei dem Anblick -dieser bedeutenden Erscheinung, und heftete einen -furchtsamen Blick auf die bleichen Züge des Fremden, -der mit einem Ausdruck von freudigem Staunen seine -Pförtnerinn ins Auge faßte. »Wo ein Engel öffnet -um diese Stunde –« sagte er, »da darf man über -die Aufnahme nicht zweifelhaft seyn. – Mein holdes -Kind! treffe ich den Administrator daheim? gleichviel, -ob schlafend, ich muß ihn sprechen.«</p> - -<p>»Er ist noch wach,« antwortete Josephine, »zur -Feier seines Geburtstages, in Mitten seiner Freunde.« -Und alsbald tadelte sich das Mädchen, daß es den -fremden Mann in ein Familienfest einführe.</p> - -<p>»<em class="ge">Seiner Freunde</em> –« wiederholte der Unbekannte -mit zitterndem Accent, und ging raschen Schrittes -voran. Herr Prälat kam ihnen schon entgegen, -hinter ihm Frau Fabia, zu wissen, was es gäbe? Ein -sprachloser Moment des Erkennens! dann rief Jener: -»Sylvius!« wie ein Echo aus der Ferne der Erinnerung -rief Fabia einen andern Namen nach – und -nur unarticulirte erschütternde Töne entrangen sich der -Brust des Fremden. Da breitete der Administrator -die Arme so jählings aus, daß er in Josephinens -<a class="pagenum" id="page_186" title="186"> </a> -Leuchte griff, sie erlöschte – und das Dunkel des -Kreuzgangs umfloß ein Wiedersehen.</p> - -<hr /> - -<p>Unsere Leser wollen sich erinnern, daß, als Herr -Prälat dem Major Feldmeister Einiges aus seinem -Leben mitgetheilt, er eines Freundes erwähnt, ohne -den Faden jenes Verhältnisses auszuspinnen –; wir -aber knüpfen die neue Bekanntschaft, und was wir -nachträglich davon zu sagen haben, an jenes Fragment.</p> - -<p>Nachdem der Held unserer Erzählung seine cameralistischen -Studien beendiget hatte, arbeitete er eine -Zeitlang unter seiner Behörde in H–. Dann dachte -Cölestin, wir wollen den Administrator der Kürze wegen -so nennen – ehe er eine fixe Stellung annähme, -eine große Reise anzutreten, welche der Zielpunct seiner -jugendlichen Sehnsucht gewesen war. Es hatte -Mühe gekostet, dem Vormund die Genehmigung dazu, -wie die benöthigte Summe, abzugewinnen; und als -es ihm endlich gelungen und alles festgesetzt war, -fühlte er sich festgehalten durch die zartesten Bande, -und der Wunsch, die Welt zu sehen, war ihm gleichgültig -geworden.</p> - -<p>Cölestin war in dem Falle, ein anderes Quartier -zu bedürfen. Er fand die Anzeige in einem öffentlichen -Blatte, daß eine Wohnung für einen <em class="ge">ältlichen</em> -<a class="pagenum" id="page_187" title="187"> </a> -Herrn frei stehe, die ein Hausmiether von seinem -Locale ablassen wolle. Er mußte des bedingenden -Wortes lächeln, ließ sich aber dadurch nicht abhalten, -das Quartier in Augenschein zu nehmen, und -es war, wie er es suchte. Inhaber desselben waren -ein Forstrath von Schütz, der ehemals Jagdjunker gewesen -in jenen Gegenden, wo diese Charge üblich -war, und gegenwärtig nur in seinen vier Pfählen -herumförsterte, seine Schwester, Frau von Schütz, die -Wittwe eines Vetters, und ein Fräulein von Schütz, -ihre Nichte, die Waise des Bruders. Cölestin sagte: -wenn sie unter einem ältlichen Herrn einen <em class="ge">ruhigen</em> -verständen, so könnten sie ihn getrost einnehmen, und -die fehlenden Jahre übersehen. Er dürfe von sich -rühmen, ein stiller Miether zu seyn. So wurde der -Contract abgeschlossen. Bei näherer Bekanntschaft mit -dieser Familie bemerkte Cölestin, wie combinirt dies -verwandtschaftliche Verhältniß sey, was ihm so einfach -geschienen. Der Forstrath war der dringende Liebhaber -seiner Nichte, die Tante dem Bruder wie seiner -Neigung gram und der Jugend des Mädchens abhold, -die schöne Tony ein verfolgter Gegenstand der Liebe -wie des Hasses, und in meisterlicher Uebung beiden -überlegen. Sie wollte die Tante beerben, den Onkel -zwar nicht heirathen, aber bei Gutem erhalten, und -einst goldne Früchte ernten, wenn dies lachende Auge -<a class="pagenum" id="page_188" title="188"> </a> -doch zuweilen weinen mußte. Aber diese trübe Aussaat -war selten, denn die Vorsehung hatte solch schweres -Ertragen durch leichten Sinn aufgewogen. Cölestin -sah mit Erstaunen in diesem Hause ein stehendes -Theater für kleine Intriguen-Stücke, von schlauer -Erfindung und wohlberechnetem Erfolg. – Es wollte -ihm doch so vorkommen, als ob Tony der Leidenschaft -des Onkels schmeichle, wie den gehässigen Fehlern der -Tante, und Beide anzuführen wisse, wo es das Erreichen -einer Absicht gelte. Dieser wahrhaften Bemerkung -ungeachtet, hatte sich das reizende Geschöpf seines -Interesses doch so sehr versichert, daß sie unwirksam -auf seine beobachtende Ruhe blieb. Er war nicht -lange aus dem Spiel gelassen – Tony theilte ihm -die Rolle ihres Vertrauten zu, und bald hätte er ihr -das ganze Glück seines Lebens anvertrauen mögen. -Er hielt den Gebrauch listiger Waffen für Nothwehr, -die fügsame Klugheit, welche ein wenig nach der -Schlange schillerte, für Taubensinn, und den abgelegten -Anzug der Tante, den die reizende Tony sich gefallen -ließ, wie das Verheimlichen prächtiger Geschenke, -die der Onkel ihr aufdrang, für gleich nachgebende -bescheidene Gefälligkeit der Nichte. – Die <em class="ge">Liebe</em> war -es, meine Leser, welche Engel schuf. Sie verschönt, -vergiebt, vergöttlicht – und öffnet selbst den Geistern -der Hölle ihren Himmel. – Tony gab bei schicklichem -<a class="pagenum" id="page_189" title="189"> </a> -Anlaß dem Hausfreund zu verstehen, wie widrig der -Onkel ihr sey, und welcher fortwährenden Anstrengungen -sie bedürfe, sich ihn als eine Respectsperson drei -Schritte entfernt zu halten. Sie führte ihm mit lachendem -Munde kleine Züge der Bosheit und des -Geizes ihrer Tante an, so daß Cölestin eben so viel -Ekel als Mitleid empfand, und heftig wünschte, das -schöne heimlich geliebte Mädchen aus dieser Höhle des -Satans befreien zu können. Doch ein inneres Etwas, -dem er keinen Namen zu geben wußte, hielt ihn zurück, -so oft ein erklärendes Wort auf seine Lippe trat, -und diese Gefahr trat ihm näher und näher. – Als -jenes würdige Geschwisterpaar einmal in eine langweilige -Gesellschaft geladen war, und Tony unter irgend -einem Vorwande davon zu Hause bleiben dürfen, -beschied sie den ihr begegnenden Cölestin rasch -und flüsternd in den Garten, wo er ihrer harren möge. -Cölestin wußte nicht, was er von diesem naiven Rendezvous -denken solle – aber er folgte dem süßen Befehl. -Sein Herz pochte, Tony blieb lange aus – -endlich kam sie, im neuesten Geschmack und so reizend -angezogen, daß er geblendet vor ihr stand. »Gefalle -ich Ihnen so?« fragte sie lächelnd, »ich putze mich -manchmal auf meine eigene Hand, um doch auch zu -wissen, daß ich ein Mädchen bin. Da komme ich -mir denn wie eine verwünschte Prinzessinn, und mein -<a class="pagenum" id="page_190" title="190"> </a> -Schicksal mir wie ein Mährchen vor, darin sich ehestens -mein alberner Plagegeist in einen schmucken -Freier verwandeln würde, mit dem ich freudig zöge -über Berg und Thal; die Linsen und Erbsen aber, -die ich zählen müssen, in blankes Gold. Denn –« -setzte Tony in liebenswürdigem Uebermuthe hinzu: -»sollte ich die Tante nicht beerben, so wollte ich lieber -heute sterben. – Sie hat mich eingesperrt und ihr -Geld, und zu ihrer Verdammniß wollen wir künftig -rollen in die weite Welt.«</p> - -<p>Und trotz dieser leichtfertigen Sprache überredete -Cölestin sich selbst, daß Tony, ihn als Gattinn zu beglücken, -geeigneter als jede Andere sey. Kaum würde -er einem übereilten Versprechen entgangen seyn, wenn -nicht die Freundschaft seine Gefühle rettend getheilt -hätte. –</p> - -<p>Jenes geheimnißvolle Gesetz, nach welchem die -Sterne der Menschen ihre Laufbahn durchkreuzen, und -Seelen sich begegnen, bestimmt auf einander zu wirken, -ließ Cölestin einen Freund an jenem Sylvius -finden, sein Geschlechtsname möge einer späteren Mittheilung -vorbehalten bleiben – den wir nach einer -Reihe von Jahren an der Pforte von Sanct Capella -treffen. Dieser junge Mann lebte ohne allen Umgang, -in stiller schwermüthiger Weise, vertieft in mathematische -Arbeiten, doch scheinbar ohne Zweck, als Cölestin -<a class="pagenum" id="page_191" title="191"> </a> -ihn kennen lernte. Er fühlte sich wunderbar von jener -Natur angezogen, und jede Anziehungskraft ist, -oder wird zuletzt gegenseitig. Sie wurden herzliche -Freunde, nur mit dem Unterschiede, daß Cölestin ihm -seine ganze Seele offen gab, während Jener dieses -Vertrauen nur leidend erwiederte, und die zarteste -Theilnahme für die Geheimnisse des Freundes an den -Tag legte, ohne irgend einen Antheil für die seinigen -in Anspruch zu nehmen. Es lag ein Zug von Stolz -in seinem Character, der Stolz des Grams, und eines -edlen gedrückten Herzens. Er trug die Abzeichen eines -gewissen Ranges an sich, ohne ihn geltend zu -machen. Sein Anzug war die feine Interims-Kleidung -eines Forstmanns, auch sein Bedienter hatte das Ansehen -eines Jägers. Diese Außenfarbe der Hoffnung -ließ jedoch wie Spott der düstern Resignation, womit -Sylvius achtlos auf das Treiben der Menschen und -das Interesse der Welt, kein anderes Glück zu wünschen -schien, als was die Ruhe des Einsamen gewährt. -Ueber seine angestammten Verhältnisse verbreitete er -sich nie; dagegen gab er freundlich Allem Raum und -Gehör, was Cölestin ihm von sich selbst sagen mogte. -Dieser fand einst ein Portrait auf dem Schreibtische -des Freundes liegen. Er fragte, ob es eine Copie -wäre – und Sylvius sagte, indem ein flüchtiges Erröthen -sein bleiches Gesicht überflog: es sey das Bild -<a class="pagenum" id="page_192" title="192"> </a> -seiner Frau. »<em class="ge">Seine Frau?</em>« fragte Cölestin sich -selbst, und hatte kaum Zeit, darüber zu staunen, oder -die Schönheit der jungen Dame zu bewundern, so -schnell verbarg Sylvius ihr Conterfei und sprach von -etwas Anderm. Sylvius hatte oftmals das Töchterchen -seines Wirthes bei sich und liebkosete ihm väterlichweich. -Cölestin scherzte darüber. – »Die Kleine -ist meinem Kinde auffallend ähnlich und in demselben -Alter,« sprach Sylvius mit ungewöhnlicher Rührung. -»<em class="ge">Seinem Kinde?</em>« fragte Cölestin abermals in sich -hinein; Sylvius mußte als ein Jüngling geheirathet -haben. – Aber wenn auch ein Ehemann und Vater, -wie jung er immer sey, sein Urtheil über Angelegenheiten -der Liebe von einem andern Standpuncte abzugeben -pflegt, als Solche seines Alters und Geschlechts, -die den Schritt zum Traualtare noch vor sich haben, -so machte Cölestin seinen Freund doch nichtsdestoweniger -mit der stillen Neigung vertraut, die er für Tony -von Schütz gefaßt hatte, wie mit den quälenden Zweifeln -über die eigentliche Gestalt dieses reizenden Chamäleons, -und ob dieses Gemüth endlich Farbe halten -werde? –</p> - -<p>Sylvius schüttelte zu dem Allen den Kopf und -sagte unumwunden: »das Mädchen, Lieber, gefällt mir -nicht; mein Geschmack ist zu einfach für den Reiz der -Schlauheit.«</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_193" title="193"> </a> -Cölestin vertheidigte seine Liebe mit Hitze; aber -er gab dabei in seiner eigentlichen innersten Meinung -manche Blöße. Das üble Vorurtheil gegen Tony -schmerzte ihn, da jedoch Sylvius vermöge seiner Zurückhaltung -Superiorität über seinen Freund übte, so -hatte dieser entschiedene Ausspruch doch trotz dem -Drange seines Herzens – ein vorsichtiges Verfahren -Cölestins zur Folge. Er war nun mit dem Abschluß -seiner Geschäfte fertig, und an den Termin der Reise -gekommen. Da kam er zu Sylvius und sprach: »eine -Bitte, Freund! die letzte. Es fällt mir schwer zu -scheiden, und am liebsten mögte ich dies Post- und -Reisespiel, was meine Phantasie mit Lust gemalt, -nun es in meine Willkür gegeben ist, verschenken, wie -ich eines von Pappe abseits gethan, was ich besaß, -als ich ein Knabe war. Und doch ist es vielleicht gut, -daß ich fort muß. – Ich würde ruhiger reisen, wenn -ich mit mir selber im Klaren wäre. Du Freund, -Du allein könntest mir reinen Wein einschenken, und -wäre es auch ein herber Kelch, ich glaubte Dir dennoch. -Thue mir den Gefallen, und beziehe mein -Quartier, da Du ohnehin wechseln willst; Du findest -dann Gelegenheit, Tony kennen zu lernen. Thue es -aber ohne Arg! und fändest Du ein wärmeres Herz -als Du ihr zutraust, und ein Fünkchen Liebe für mich -darin glimmen: o! so fache es an mit dem Athem eines -<a class="pagenum" id="page_194" title="194"> </a> -freundlichen Mundes, wahre mir mein Glück, -denn ich liebe das Mädchen sehr!« Cölestin legte dieses -Bekenntniß mit wankender Stimme ab, und fiel -seinem Freunde um den Hals.</p> - -<p>Von der Zuversicht erschüttert, womit er das Wohl -und Weh seiner Zukunft in diese Hand legte, versprach -Sylvius, was Jener von ihm begehrte. Es -war ein schönes Gefühl der Freundschaft, was ihn in -dem Wunsche bewegte, er mögte Tony Unrecht gethan -haben, und eine Stütze für die Ruhe, für die Hoffnung -seines Freundes werden. Er sprach die Worte: -»das größte Glück eines Mannes ist, seine Geliebte -gut und würdig zu wissen.« Und Cölestin antwortete -ihm: »das größte Glück ist ein treuer Freund!« Sie -wollten einander nicht schreiben. Ein Jahr, meinte -Cölestin, der mit dem Auge der Liebe sein Ziel schon -absah, laufe schnell um, und nur in dem Falle, daß -Sylvius seinen Aufenthalt verändern müsse, solle der -Freund Nachricht von ihm erhalten, oder doch bei seiner -Rückkehr vorfinden. – Da diese Nachricht durchweg -ausgeblieben war, hoffte Cölestin um so sicherer, -seinen Freund noch in H–. anzutreffen. Mit drängenden -Empfindungen erreichte er die Stadt. Der -Mond beschien den stillen Markt, sein Herz schwoll, -da er den Brunnen rauschen hörte, dessen Wasser die -Geliebte trank, und aus der tiefen Quelle, der die -<a class="pagenum" id="page_195" title="195"> </a> -Gedanken entsteigen, tauchte ihm die Erinnerung an -die Bitte auf: daß Sylvius ihm reinen Wein einschenken -möge. Diese Stunde war nun gekommen. -Er eilte nach seiner Wohnung. Bei Forstraths war -es ungewöhnlich erleuchtet, die Fenster seines Zimmers -standen offen, Blumen davor, und drinnen sang eine -angenehme, weibliche Stimme ein Webersches Liedchen -zum Flügel. Seine Pulse stockten – dieser fremde -fröhliche Ton, der Anschein des Unbekannten ängstete -ihn, er wendete sich seitwärts, wo auf einer Bank ein -Mädchen dicht an ihren Liebsten geschmiegt saß, und -fragte beklommen: ob der Forstrath Gäste bei sich -habe? »Das kann wohl seyn –« antwortete die Dirne -und lachte frech. »Ich meine Gesellschaft –« sprach -Cölestin, von einer dunkeln Ahnung empört.</p> - -<p>»Nein,« entgegnete das Mädchen, »Der ist zur -Ruhe.«</p> - -<p>»Zur Ruhe?« fragte Cölestin, »es ist kaum halb -Neun.«</p> - -<p>»Der ist ganz und gar gestorben –« war die fast -höhnische Antwort.</p> - -<p>»Und Frau von Schütz? –« »Die ist fortgezogen.«</p> - -<p>»Und das Fräulein? –« Cölestins Athem stand -stille, so auch der Schlag seines Herzens, nur die -Uhr viertelte dazwischen, als das Mädchen gleichgültig -<a class="pagenum" id="page_196" title="196"> </a> -erwiederte: »Fräulein Tony? hat den Herrn geheirathet, -der hier wohnte. Er trug immer einen grünen -Rock. –«</p> - -<p>Der Mond trat hinter eine Wolke, und nahm seinen -Schein von einem Gesichte, das bis zum Tode -erblichen war. Cölestin stammelte mit leiser Lippe: -»das ist nicht wahr!« dann dankte er für gegebenen Bericht, -und seine Seele zerriß, da er die wüste Dirne -hinter sich scherzen hörte. Sylvius ehemaliger Wirth, -den Cölestin in seiner Betäubung aufsuchte, bestätigte, -daß er die lautere Wahrheit vernommen.</p> - -<p>»Nun, so ist die Wahrheit selbst eine Lüge!« sagte -Cölestin verstärkt: »Er hatte ja eine Frau! –« Der -Wirth lächelte. Sein Töchterchen sah mit unschuldigen -Augen zu ihm auf. Er dachte an das Kind des -Freundes, und die seinen füllten sich mit Thränen. -Mit zerrüttetem Gemüth verließ er den Ort, alle -Nachforschungen blieben fruchtlos, und Sylvius und -Tony verschollen – bis wir den Schall seiner Ankunft -hören, und das, was er zu seiner Vertheidigung zu -sagen weiß.</p> - -<p>Die beiden Freunde fanden sich auf einem Zimmer -allein zusammen; die kleine Gesellschaft hatte sich bei -der Dazwischenkunft des Fremden sogleich aufgelös't, -Mitternacht war bereits vorüber und also der Geburtstag -des Administrators, ein neues Leben schien für -<a class="pagenum" id="page_197" title="197"> </a> -ihn anzubrechen, aber noch lagen tiefe Schatten auf -der Gestalt, deren erster Anblick ihn überwältigt hatte. – -»Jetzt –« sagte Cölestin, und sein Blick drang tief -in die verfallnen Züge des Freundes ein, als suche er -die ehemalige Wohnung seiner Zuversicht, »jetzt, wo -ich den Ton Deiner Stimme höre, klingen Saiten in -mir an, die lange unberührt geblieben, und was ich -auch inzwischen von Dir vernommen, es ist mir, als -wäre es eine Lüge gewesen. Du wirst mir die Wahrheit -nicht vorenthalten. Man sagte, Du hättest Tony -geheirathet – Tony von Schütz, die ich liebte, die ich -Dir anvertraute.«</p> - -<p>»Da hat man Dir ein Factum berichtet –« antwortete -Jener, und lächelte kalt. »Sylvius!« rief -Cölestin mit lodernden Augen, eine Flamme der Beleidigung -schlug durch sein Herz.</p> - -<p>Und Sylvius sprach: »ich war prädestinirt, Dein -Retter zu werden – um jeden Preis! ich warf mich -auf, Dich zu schützen; Wer ist der Mensch, der es -wagen dürfte, sich der Täuschung für überlegen zu -halten? so warf dieser Hochmuth mich nieder. Wer -fallen soll, wird zuvor stolz.«</p> - -<p>»Das Einzige bitte ich,« entgegnete der Administrator, -»sage mir Alles unumwunden; es ist mir, als -könnte ich dennoch nicht an Dir zweifeln.«</p> - -<p>»Das darfst Du auch nicht,« erwiederte der Freund -<a class="pagenum" id="page_198" title="198"> </a> -mit schmerzlicher Stimme. »Verrath war meiner Seele -fern. Niemand haßt Falschheit, das Schnödeste was -ich kenne – aufrichtiger als ich, und doch mußte ich -diese Larve tragen. Eine eiserne Hand hat sie mir -abgerissen; ich darf nun frei um mich blicken, und sehe, -daß ich allein der Getäuschte war – daß ich <em class="ge">allein</em> -bin.« Cölestin reichte ihm schweigend die Hand. »Ich -will Dir meine ganze Seele enthüllen –« fuhr Sylvius -fort, »wenn anders ein Mensch im Stande ist, -das Gewebe seines Innern in all den feinen Fäden -aufzufassen, aus denen sein Verhängniß besteht. – Du -weißt, daß ich bald nach Deiner Abreise zu Forstraths -zog, und mit ziemlich übler Vormeinung gegen das -Fräulein; ich nahm mir vor, diese Tony, der ich Dich -nicht gönnte, solle mich nicht bestechen noch verblenden, -und wenn jeder Blick ihres schönen Auges ein -Sonnenpfeil wäre. Diese feurigen Augen aber zogen -Wasser – ich dachte Deinetwegen, und dieser Gedanke -zog mich an, freundlicher als ich gewollt, hineinzublicken. -Ich fand das Mädchen so einfach betrübt, so -schweigsam und unabsichtlich, daß ich nicht begreifen -konnte, wie Du Dich so gänzlich irren können. Das -Betragen des Fräuleins sagte meiner Stimmung zu; -daß mich Tony wenig oder gar nicht bemerkte, war -mir lieb, der leiseste coquette Angriff würde selbst das -kühle Interesse des Beobachters mit einer Art von -<a class="pagenum" id="page_199" title="199"> </a> -Abscheu – der Ausdruck ist hart, aber wahr! – von sich -abgewendet, und mein Urtheil vollends verhärtet haben. -Ich trug einen Talismann in und auf meinem -Herzen, gegen den Zauber der Schönheit, gegen buhlerische -Künste. Du hast das Bild gesehen, was auf -meiner Brust schläft – das Original, der Inbegriff -meines Lebens schlief in fremder Erde, und all mein -Glück war mit ihm eingesargt. Die früher empfangene -Nachricht hatte sich mir damals bestätiget, daß -die Seele meiner Seele, das Weib meines Herzens -gestorben sey. Die Welt wußte nichts von diesem -Verhältniß und daher auch nichts von meinem Schmerz; -was weiß die Welt von den eigentlichen Beziehungen -des Menschen? sie kennt nur den Schein der Dinge. -So hatte mich der Gram in einen Zwinger eingeschlossen, -worin ich unzugänglich für Alles war, nur -nicht für das Unglück. Dich, Freund! hätte ich vor -dem längsten wahren mögen – und Tony fand das -kleine Pförtchen, und schlüpfte durch Mitleid in mein -Herz. – Eines Morgens lese ich Briefe, in Wehmuth -aufgelös't, daß dieser himmlische Geist, den ich -im Ausdruck der Liebe in jeder Zeile finde, mir entrückt -ist. Da klopft es an meine Thüre, so schnell! -so heftigleise! wie der Vogel, gejagt vom Sturm, an -ein Fenster pickt. Ich öffne, das Fräulein steht draußen. -Dieser unweibliche Schritt macht mich stutzen. -<a class="pagenum" id="page_200" title="200"> </a> -Doch Tony ist blaß, der scheue Blick niedergeschlagen -– ich darf vermuthen, daß sie mir etwas Außerordentliches -mitzutheilen hat. Ich leite sie herein, zum -Sopha. Sie verneint zu sitzen und sagt: sie könne -sich auf keine Ruhe einlassen, so lange sie in Furcht -und Seelenängsten schwebe. Dies sagt sie mit gebrochner -Stimme und bricht in heißes Weinen dabei -aus. Ich bitte Tony, sich zu fassen, und fasse ihre -Hand, indem ich mich zu Allem erbiete, was zur Erleichterung -ihrer Lage dienen könne. Sie sah mich -an mit thränendem Blick – dieser Blick rührte mich -unbeschreiblich. Im Leiden ist Wahrheit – dachte -ich, und wie Tony wirklich sehr schön wäre. Haben -Sie doch Zutrauen zu mir, Fräulein! sagte ich, und -meine Worte mogten vielleicht einen Anklang jener -Regung haben. Dies führt mich zu Ihnen, antwortete -Tony; drüben bin ich bewacht und darf mit keiner -menschlichen Seele reden. Ich halte Sie für einen -Ehrenmann – war es doch grade, als wollte ich -sagen: <em class="ge">Ehemann?</em> – wenn das nicht, würde ich mich -wohl über alle Sitte so weit hinwegsetzen, Sie in -Ihrem Zimmer aufzusuchen? – Das Mädchen hielt -mich also für verheirathet. Ich konnte kaum weniger -thun, als mir selbst geloben, daß die Wahl ihres Schutzfreundes -die arme Tony nicht gereuen solle. Sie entdeckte -mir nun ihre Bedrängniß. Der Onkel war in -<a class="pagenum" id="page_201" title="201"> </a> -einem Anfalle von Eifersucht plötzlich so dringend in -seinem Werben geworden, daß die Nichte zagte, er -mögte ihr im Umsehen den Brautkranz mit tölpischer -Hand auf die weichen Locken stülpen. Dann hatte -sich noch ein Freier gefunden, den die Tante begünstigte, -und das war noch schlimmer. Frau von Schütz -hatte gedroht, ihr Vermögen an Fremde zu vermachen, -wenn Tony den Forstrath heirathe, und dieser einen -Eidschwur darauf gesetzt, daß er seine Hand von ihr -abziehen wolle, wenn sie die seinige nicht nähme, oder -den ihm verhaßten Rival vorzöge, und die Tante hatte -öfters Schlaganfälle. – So war Tony in der Lage -eines Gegenstandes, den Zwei zankend hin und her -zerren, er zerreißt. Abends vorher war eine Scene -vorgefallen, der Forstrath hatte sich krank geärgert, -und lag zu Bett. Tony, zum Aeußersten gebracht, -war in einer schlaflosen Nacht zu dem Entschluß gekommen, -zu entfliehen. Sie kam, mich um eine Männerkleidung, -wie um meinen Rath für mögliche Fälle -zu bitten. – Du kannst denken, Freund! daß ich über -diesen kühnen Einfall erschrak, und ihn dem Mädchen -auszureden suchte. Das schöne, blühende Geschöpf, -landflüchtig! ich schilderte die Gefahr dieses Wagnisses -so entsetzlich als möglich; doch Tony blieb hartnäckig -dabei, sie könne es länger bei ihren Verwandten nicht -aushalten. All meine Mittel sind erschöpft, sagte sie, -<a class="pagenum" id="page_202" title="202"> </a> -auch bin ich wohl zu geängstet, zu längerem Widerstande; -ich bin nichts, als ein armes, zitterndes Opfer, -so oder so. Fräulein! sprach ich: Sie haben doch -sonst die Fähigkeit entwickelt, Ihren Drängern die -Spitze zu bieten. – Ach! versetzte Tony: Sie kennen -die Gewaltsamkeit nicht, womit man seit einiger Zeit -auf mich eindringt; hätte ich mich nur ein Jahr noch -behaupten können – ich dachte, sie wolle damit sagen, -dann würde ihr der Ersatz durch Dich gekommen seyn. -Nimm einen Dritten, hatte die Tante gesagt, so mag -es drum seyn und Keines von uns hat seinen Willen. -Ach! seufzte Tony, ein anderer Name wäre mir ein -anderes Schicksal; der kleine Schütz meines Wappens, -der ohne Unterlaß auf mich anlegt, würde zum Schutz -für mich, könnte ich ihn tauschen. – Selbst eine -<em class="ge">Scheinheirath</em> würde ich als eine <em class="ge">wahre</em> Erlösung -betrachten können. Das Frauenhäubchen wäre mir -Fortunatus Wünschhütlein, und ich könnte mich versetzen, -wohin ich wollte. Ein Mädchen ist gebannt in -seinen Kreis, und wenn ihn die Hölle umschriebe. -Freilich, auf jede Brücke mögte ich nicht treten. – -Ein dunkler Gedanke schwebte mir vor, als Tony diese -Worte sprach, es war mein Dämon, der mir die verfängliche -Antwort eingab: Fräulein! wenn sich nun -ein Mann fände, den Sie der Hoffnung würdigten, -auf diese Weise Ihr Retter zu werden, was dann? – -<a class="pagenum" id="page_203" title="203"> </a> -Dann, sagte Tony: verspräche ich, ihm das Leben so -sauer zu machen, daß er froh und gewiß seyn sollte, -mich nach sechs Wochen wieder los zu werden; wir -würden uns einmüthig über die Scheidung bereden. -Ich aber wäre selbständig, und dürfte mir keine Unbill -mehr gefallen lassen. – Diese Idee faßte mich; lasse -Dich aber den Teufel bei einem Haare fassen, und -Du bist sein auf ewig! – Wisse, Freund! meine -erste Heirath war eine heimliche, die Gattinn war nur -vor Gottes Augen mein. Hier kam es darauf an, -der Gemahl einer Fremden zu <em class="ge">scheinen</em>, und begierig -haschte ich nach diesem waghaften Verhältniß, -wie nach dem Schatten von meinem verschwundenen -Glück. – Fräulein! sagte ich, Sie sprachen vorhin: -auf jede Brücke mögten Sie nicht treten? die meinige -ruht auf den festen Pfeilern der Ehre und der Freundschaft. -Wollen Sie Sich mir anvertrauen? ich entdeckte -ihr nun Deine Liebe, und wie Du an ihrem -erwiedernden Gefühl gezweifelt, und weshalb Du geschwiegen. -Tony schwieg auch. Sie lächelte, reichte -mir die Hand, und sagte: ich überlasse mich Ihnen -gänzlich. – Ich wußte nicht, wie mir geschehen, als -ich, nachdem sie fort war, meine Briefe wieder aufnahm. -Welche Reihenfolge von Gedanken schloß sich -dem Fragezeichen an, bei dem ich aufgehört? O! warum -beherzigte ich jenes warnende Zeichen nicht? – -<a class="pagenum" id="page_204" title="204"> </a> -Ich weiß nicht, ob Du je zu der Erfahrung gelangt -bist, daß Niemand größere Gewalt über uns übt, als -Wer ein früheres Mißtrauen in uns überwunden? – -Umsonst ward ich mir meines Verdachts gegen die listige -Tücke dieses Mädchens bewußt, vergebens schreckte -mich eine ahnungsvolle Scheu, ein unwürdiges Gaukelspiel -zu treiben: hundert Sophismen bekämpften -mein sträubendes Gefühl. Wie viele erbärmliche Motive -schließen nicht täglich Ehen! dachte ich; mein -rascher Entschluß entspränge mindestens dem redlichen -Willen, Freiheit und Liebe, diese höchsten Güter Andern -erwerben zu helfen. Ich wollte eine Sclavinn -lösen und sie heilig halten, die Braut meines Freundes. -Was nun folgt, kann ich nicht folgerichtig beschreiben. -Es ist nur ein wüster Traum, den ich mir -nicht deutlich machen darf, wenn ich nicht von Sinnen -kommen will, daß ich es damals war. Ich warb um -Tony; Frau von Schütz sagte mir ohne Weiteres ihre -Nichte zu, ich fand nicht einmal die leise Zurückhaltung -der Schicklichkeit. Man hielt mich für reich, -um eine Bürgschaft für meinen Character, für alles -Wesentliche kümmerte sich die Tante nicht, und mir -blutete das Herz, daß die arme Tony so waisenhaft -verlassen wäre von mütterlicher Fürsorge. Von einem -Mitbewerber war die Rede auch nicht, es schien, als -ob Frau von Schütz eine gegenseitige Neigung zwischen -<a class="pagenum" id="page_205" title="205"> </a> -uns voraussetze. Der Forstrath lag ernstlich krank. -Wenn er stürbe, Ihr Onkel, Fräulein, sagte ich, so -wäre ein Grund gehoben – gereut es Sie schon? -fragte mich Tony mit aufreizendem Spott, ich sage -Ihnen, es ist nichtsdestoweniger nothwendig, daß Sie -Sich meiner annehmen. Ich war bereits zu sehr von -diesem in seiner Art einzigen Verhältniß befangen, um -es noch durchaus beherrschen zu können. Noch benahm -sich Tony mit jener Subtilität gegen mich, deren ich -auch bedurfte. Sie hielt mich an der feinsten Kette. -Wenn andere Brautleute von der Ewigkeit ihrer Liebe -reden, so flüsterte Tony mir zu, in welcher Kürze unsere -Trennung zu beschleunigen wäre. – Ich sollte -sie unter dem Vorgeben einer Reise nach meiner Heimath -in die Sch–. bringen, wo eine Gespielinn ihrer -Kindheit glücklich verheirathet lebte; dort wären -wir weit genug, meinte sie – um unser Scheiden in -eine Nebelferne einschleiern zu können. Dies war wohl -recht gut; aber ich athmete schwül, ich athmete Gift, -der Keim einer Krankheit setzte in mir an. Ein ängstliches -Schwanken, ein Schwindel von Unsicherheit hatte -mich ergriffen, ein Zustand ängstlicher Betäubung ließ -mich nicht mehr festen Fuß fassen auf irgend einem -vernünftigen Grunde. Doch lasse mich kurz seyn – -Lieber! mein Schmerz ist dennoch lang.«</p> - -<p>»Ha! ich ahne –« sagte Cölestin, der bis dahin -<a class="pagenum" id="page_206" title="206"> </a> -regungslos zugehört. »Nein, es kommt über Erwarten –« -fuhr Sylvius fort, »höre nur weiter! Frau -von Schütz machte mir die Proposition, mich je eher, -je lieber trauen zu lassen, weil man nicht wissen könne, -welchen Ausgang die Krankheit ihres Bruders nähme. -Dann wolle sie, ginge er mit Tode ab, unverweilt -diesen Ort verlassen, und Gott danken, den Leichtfuß, -die Tony, wie schwer lasse ein Mädchen sich hüten – -unter der Obhut eines Mannes zu wissen, eines Mannes, -dem sie nun pöbelhaft die unverschämtesten Schmeicheleien -sagte. – Tony hatte mir entdeckt, daß sie -sich durch die Freigebigkeit des Onkels ein hübsches -Capital gesammelt, wovon sie bequem ein paar Jährchen -zu leben gedenke. Es war etwas in dieser Vorsichtigkeit, -was mir mißfiel; doch auch dies Mißfallen -an dem berechnenden Talent, einen verliebten Thoren -zu bevortheilen, mußte Zeit haben, um nachzuwirken. – -Auf Tonys Anstiften gab die Tante die Ausstattung -der Nichte in Geld, weil wir ja reisen wollten, und -zwar vom Hochzeittage aus; der Zustand des Forstraths, -die Schonung für seine Schwachheit, diente zum -Behuf dieser Wegeile. – Wir wurden im Armenhause -copulirt, ich, der Bräutigam, der Aermste von Allen, -die der Ceremonie zusahen. Ich leistete den falschen -Schwur, innen verneinend, wie die Juden – ich gab -Tony einen falschen Namen, denn auch Du, Lieber, -<a class="pagenum" id="page_207" title="207"> </a> -kanntest meinen wahren nicht. Die warme Mondnacht -wollten wir zum Fahren benutzen, und mit der -Dämmerung abreisen. – Ich hatte mich schon seit einigen -Tagen nicht ganz gut gefühlt; die Wiege des -Wagens schaukelte den tobenden Kopfschmerz nicht zur -Ruhe, ich lag zwischen Schlummer und Traum, und -ein Cyclop arbeitete in meinem Gehirn. Ein Hauch -von Feuer ging aus von meiner Stirne, mein Athem -dampfte Gluth, zugleich schlich ein schauerndes Frösteln -und Ziehen durch meine Glieder, und die Füße -zitterten mir auf der weichen Decke. In welche phantastische -Welt schien der schöne stille Mond! ich drückte -die Augen zu, weil jeder Blick mich schreckte und -schmerzte; die Braut schlief sanft an meiner Seite. – -Als ich erwachte, fand ich mich mit dumpfem Bewußtseyn -in fremden Umgebungen. Ich lag im Bett, -unter dem Gebälke eines ländlichen Stübchens; ein -starker, betäubender Geruch von Moschus wirkte auf -mich ein. Tony saß auf einem roth und blaugemalten -Schemel in meiner Nähe, ein dicker Mann stand -vor ihr, und großäugig schauete sie zu ihm auf. Ich -rief sie leise. Sie stieß einen Freudenschrei aus, und -stürzte in froher Hast zu mir hin. Der Dicke, es war -der Arzt – wünschte mir mit fetter Stimme Glück: -ich hatte dreizehn Tage in einem Nervenfieber gelegen. -– Der kleinen Frau nur, sagte der Licentiat -<a class="pagenum" id="page_208" title="208"> </a> -bescheiden, als Tony sich auf einen Augenblick entfernte, -verdanken Sie nächst Gott Ihr Leben. Sie -ist nicht aus den Kleidern und von Ihnen weggekommen. -Solch eine wackere Pflegerinn lobe ich mir. – -Tony, sprach ich, als wir allein waren: der Arzt hat -mir gesagt, wie viel Sie für mich gethan, es ist nun -der Güte genug. Denken Sie an Sich, an das eigene -Wohl – ich bin Ihr ewiger Schuldner. Lachend -antwortete Tony: das wäre mir was! der Himmel -selbst hat mich in mein Recht eingesetzt, daraus ich -mich nun nicht mehr verdrängen lasse. Und wenn -Du mich noch einmal <em class="ge">Sie</em> nennst, so sage ich dem -Doctor, daß Du noch immer phantasirst, mich nicht -erkennst für Deine Frau, und die Cur geht von Neuem -an. So sprach sie mit reizender Gutherzigkeit; ich -fühlte mich Tony nun wirklich <em class="ge">verbunden</em>. Lust -des Lebens und der Liebe wallte wieder auf in meiner -Brust, meine Seele strömte gegen die ihre. Sie setzte -mich in tausend kleine Verlegenheiten vor dem Arzt, -und zwang mir die Rolle eines Ehegatten auf. Sie -überwältigte mich durch trautes zärtliches Zudringen -an mein Herz, ich war ganz in ihren Fesseln.« – -Der Administrator machte eine schmerzhafte Bewegung. -Sylvius hielt einen Moment inne, dann fuhr er mit -steigendem Tone fort: »Freund! spricht keine Entschuldigung -für mich an? versetze Dich an meine Stelle. -<a class="pagenum" id="page_209" title="209"> </a> -Ich dachte an Dich mit einer Wehmuth, die mir Dein -Andenken trübte. Allmählig ging mir der Gedanke -auf, daß eine geheime Leidenschaft meine Handlungsweise -geleitet hätte, der ich willenlos nachgegeben, wo -ich nur dem Drange der Umstände zu weichen glaubte. -Jetzt mußte ich an meiner Liebe halten, sollte ich nicht -in die tiefste Schaam versinken. Ich war mir selbst -ein Räthsel geworden und wünschte aufrichtig, der -Tod mögte es lösen. – Aber ich genas; nur ein -krankes Gefühl innerster Schwäche vermogte ich nicht -zu überwinden. Wie Alpen lastete es auf meiner -Seele, Freiheit und Kraft lagen hinter mir – und -ich meinte dieser Schwermuth zu erliegen. Ich dachte -nunmehr ernstlich daran, wo meines Bleibens seyn -würde? <em class="ge">nirgend!</em> sagte eine Stimme tief in der -Brust. Mein Vater lebte noch; ich war sein Assistent -gewesen, seine Stelle war mir bestimmt. Ein -Sehnen wie Heimweh zog mich nach dem Orte, wo -ich den väterlichen Greis einsam wußte. Ich wollte -ihm Tony als Tochter zuführen und den Heerd meines -Glückes häuslich bauen. Mein Arzt forderte, daß -ich mich nicht übereilen sollte, auch meine Kräfte forderten -das. – So verließen wir das Dorf, wo ich -an einen denkwürdigen Abschnitt meines Lebens gekommen -war, und zogen unsere Straße. Eines milden -Abends im Frühherbst gelangten wir in ein paradiesisches -<a class="pagenum" id="page_210" title="210"> </a> -Thal; durch eine Gebirgsschlucht sah man -eine Stunde davon entfernt, einen berühmten Brunnenort -liegen, und ein bläulicher Duft, wie von den -Stahlkräften der Quelle aufsteigend, webte geheimnißvoll -um die glänzenden Gebäude. Das nette neue -Wirthshaus, woran wir hielten, war im Widerspruch -zu seiner Bestimmung, in den Reiz der Ruhe eingehüllt. -Eine junge Frau, blond wie ihr Flachs, saß -und spann, eine Reihe steinerner Brunnenkrüge, in denen -die Sonne funkelte, war aufgepflanzt. Gegenüber -lag auf Felsen erhöht ein altes Schloß von gothischem -Bau. Das Wasser, was ich trank, war köstlich, -ich äußerte mich begeistert über diesen Aufenthalt, -und Tony sprach: ei! so lasse uns hier rasten, und -trinke Dich satt! – O! hätte ich Lethe getrunken! – – – -Wir blieben da. Ich saß im Garten und -starrte hinüber nach dem Schloß. Der linke Flügel -nur schien bewohnt; ein Fenster stand offen, und der -Wind blähte die weißen Gardienen. In diesem Spiel -der Luft wehete mich der Odem eines befreundeten -Geistes an, ich fühlte mich warm durchdrungen. Meine -Gedanken schlüpften in die Falten des kleinen Segels, -und schifften über das liebe stille Meer der Ahnung. -Tony kam und sagte: ich säße gleich dem Ritter Toggenburg -– und sähe so blaß aus wie eine Leiche. -Sie war so zärtlich, wie noch nie. Ihr Eingehen in -<a class="pagenum" id="page_211" title="211"> </a> -meinen Wunsch, ihr Anschmiegen an meine Stimmung -that mir wohl. Die trauten Beziehungen eines -innigen Zusammenlebens hatten zwischen mir und meiner -ersten Frau nicht Statt gefunden. Diese war -mir eine hohe Braut gewesen, zu der ich mich im -Verhältniß der Leidenschaft befand, gedemüthiget, mein -Recht verleugnen zu müssen vor den Menschen; in -den Augenblicken, wo ich mein Eigenthum an mich -riß, fühlte ich mich einen Gott. Wie anders mit -Tony! hier verhindert mich der wunde Stolz des Gewissens, -den Begriff der Ehe zu fassen; aber ich empfand -mich geliebt. – Sie lehnte den Kopf an meine -Schulter und flüsterte mir süße Worte der Besorgniß -zu. Ich scherzte, sie würde sich zu trösten wissen, wenn -ich auch stürbe. Ein weiblicher Character, wie der -ihrige könne der Stütze entbehren, und ich sey doch -nur ein wankender Stab. – Tony schmollte. Glaube -nur, Geliebte, sagte ich mit verstärkter Stimme, indem -ich sie an mich drückte: kein Mensch, wenn er -hinweg ist, macht eine Lücke, die nicht irgend womit -ausgefüllt würde; kein Gestorbener, käme er wieder, -und wären tausend Thränen um ihn geflossen – fände -mehr Raum in der Welt, die so drängend ist im Ersatz. -Die Geschichte jener lebendigbegrabenen Frau, -die da heimkehrt zu nächtlicher Stunde und vergebens -an Haus und Herz der Ihrigen pocht, die sie nicht -<a class="pagenum" id="page_212" title="212"> </a> -kennen wollen und für eine blasse gespenstische Lüge -halten, so daß sie wieder zurück muß in die Wohnung -der Todten, um dort Herberge zu suchen, ist von ergreifender -Wahrheit. Das Grab ist zuverlässig, und -nur der Lebende hat Recht. – Als ich dies sagte, -überrieselte mich das leise Geräusch naher Schritte -mit einem wundersamen Schauer. Eine weiße Gestalt -geht, nein, <em class="ge">schwebt</em> hurtig an uns vorüber, so daß -ihr langes Kleid die Grasspitzen hörbar tüpft. Sie -wendet das Gesicht vom grünen Schirm des Hutes -magisch entfärbt, nach unserer Gruppe – ich hielt -Tony umfaßt. O! ich kannte dies bleiche, schöne, liebe -Gesicht gar wohl. Mit einem Blick im Fliehen ward -mir mein Urtheil zugeworfen; nur einen Moment sah -ich in dies blaue Auge, in meinen verscherzten Himmel -–: es war meine Frau.«</p> - -<p>»Allgerechter Gott!« rief der Administrator, als -gäbe ihm die Erscheinung einer Mitbetheiligten das -Recht, laut zu werden, »und Du irrtest Dich nicht?«</p> - -<p>Sylvius lächelte. Dies Lächeln, ein Schattenriß -jener Vision, schnitt seinem Freunde in die Seele. Er -sprach: »ich sage Dir, bei dem lebendigen Gott! Sie -war es wirklich. Ein kleines blankes Schlüsselbund -an ihrem Gürtel klirrte, da sie in achtloser Eile über -eine Baumwurzel strauchelte. Sie trug einen Zweig -Ebereschen in der weißen Hand, die lagen verstreut -<a class="pagenum" id="page_213" title="213"> </a> -auf dieser Stelle, da ich sie suchte, wie Blutstropfen, -die von meinem Herzen abgeträufelt wären. Frage -nicht, wie mir gewesen; ich weiß nichts von jener -Zeit. Tony glaubte, daß ich mir einen Paroxismus -durch Erkältung zugezogen hätte. – Wer war die -Dame? wo ist sie hin? fragte ich die Wirthinn, und -meine Zähne schlugen an einander. Ich erhielt keine -andere Auskunft, als den Bescheid: es wohnten ein -paar Brunnengäste auf dem Schlosse, ein Herr und -eine Dame, diese würde es wohl gewesen seyn; stille, -vornehme, absonderliche Leute, sagte die Frau mit einem -Fingerzeig gegen die Stirne, die das Geräusch -nicht lieben, und Niemand etwas zu Leide thun. Sie -mogte meine Geberde für Furcht halten. – Die Nacht -kühlte mich nicht; ich lag in Angst gebadet. Noch -war die Sonne nicht aus dem Morgenthor gegangen, -da läutete ich schon an dem des Schlosses. Ein schlaftrunkener -Wächter that mir auf und schnaubte Grimm; -doch der wilde Mann auf dem Goldstücke, welches ich ihm -vorhielt, machte ihn zahm. Er habe strengen Befehl, -Niemand einzulassen, sagte er, seit gestern Abend. -Auch sey die Gräfinn unpaß. Also <em class="ge">krank</em>! dachte -ich. Wer krank ist, lebt doch! ich aber war gekränkt -bis zum Tode. Und als die Thürflügel hinter mir -zufielen, fühlte ich mich von jeder Hoffnung auf ewig -ausgeschlossen. Willenlos ließ ich nun Tony über mich -<a class="pagenum" id="page_214" title="214"> </a> -verfügen, die unsere Weiterreise beschleunigte. Sie -weinte im Wagen – ich sprach kein Wort, ein Laut -von meinem Schmerz hätte mir die Brust gesprengt. -In der nächsten Stadt ging Tony aus und kam mit -einem Doctor wieder, den sie selbst geholt hatte. Es -war ein ehrwürdiger Mann, der mir Zutrauen einflößte. -Er tadelte collegialischer Weise meinen vorigen -Arzt, der mich so früh in der Reconvalescenz nicht -hätte reisen lassen sollen, und meinte, nun müßte ich -acht Tage Quarantaine halten: ich bedürfe Ruhe. O -Gott! – Sein Auge schien mit Liebe auf Tony zu -verweilen, die, wie er und seine Frau gefunden, ihrer -einzigen Tochter sehr ähnlich sähe, welche ihnen vor -zwei Jahren eine ansteckende Krankheit entrissen, wozu -der Vater selbst den tödtlichen Stoff herzugetragen. -Wie rührend schilderte der Mann mir diesen Schmerz! – -Er bat mich, der armen Mutter den Trost dieses Anblicks -zu gönnen, und während unseres Aufenthalts -freundlich zu ihnen zu kommen. Diese herrlichen Menschen -werde ich nicht vergessen. Mir kam der Gedanke, -Tony, die ich besser nicht aufgehoben wüßte, -bei ihnen zu lassen, allein in meine Heimath zu reisen, -das Terrain zu recognosciren, und sie dann abzuholen. -Tony schien dieses Vorschlags froh, der Doctor -und seine Frau gingen mit Vergnügen darauf -ein. Ich athmete freier und fühlte mich erlös't, da -<a class="pagenum" id="page_215" title="215"> </a> -ich im Wagen saß. Der Unglückliche, allein neben -Andern, findet Trost darin, einsam zu seyn, und der -Gram ist ein unduldsamer Gefährte. Mein alter Vater -empfing mich mit großer Rührung. Er kannte -den Sohn kaum mehr, so hatte ich mich verändert. -Ich wagte es, ihm mein Unglück zu bekennen. Es -floß eine große Kraft von ihm aus – und sein sanftes -Wort fiel wie Thau in meine brennende Seele. -Sylvius, sagte er: Du hast ein gefährlich Spiel gespielt, -und ich fürchte, Du hast es verloren – finde -Dich nur darin; den Vater sollst Du stets in mir -finden. Ein Zurückgehen in seine alten Verhältnisse -ist dem Menschen immer unmöglich, jede Stunde reißt -uns von der vorigen ab, und der zerrissene Faden einer -Fügung läßt sich nicht haltbar wieder anknüpfen. -Gott fügt zuletzt doch Alles wohl. Ermanne Dich, -mein Sohn! der Muth hilft Berge tragen, und der -Glaube versetzt sie. – Wie oft hatte ich dieses frommen -Glaubens heimlich gespottet! jetzt neidete ich meinem -Vater seine stille Gelassenheit. Er war es zufrieden, -daß ich ihm Tony brächte. Wir wollen sehen -– sagte er mit bekümmertem Blick. Ich will -Tony also holen. Auf der Straße jener Stadt begegnet -mir mein alter Doctor. Er erkennt mich bestürzt -und ruft: nun, es ist doch kein Unglück vorgefallen? -ich frage: wie so? – Tony war seit fünf Tagen -<a class="pagenum" id="page_216" title="216"> </a> -fort, vorgebend, Nachricht von mir erhalten zu -haben, daß ich mein Versprechen unmöglich erfüllen -könne, und dringend nach ihr verlange. Die Frau -des Doctors zitterte an allen Gliedern, ich sah, man -verschwieg mir etwas. Auch liegt ein Brief an Sie -da, sagte Jene, der den Tag nach der Abreise Ihrer -Frau Gemahlinn ankam, mit dem Vermerk, daß wir -ihn aufbewahren sollten, bis daß er abgeholt würde; -dieser Umstand ist uns sehr aufgefallen. – Tony -schrieb mir: von den letzteren Erfahrungen überzeugt, -mit welcher Aufopferung ich mich ihrer angenommen, -wolle sie mir nicht länger beschwerlich fallen, und ich -dürfte sie um so ruhiger ihrem Schicksal überlassen, -als sich ein Begleiter für sie gefunden, der die Pflicht, -sie zu beschützen, für sein Glück halte, und mit Freuden -jede Verantwortlichkeit auf sich nehme. <em class="ge">Böslich</em> -habe sie mich nun zwar nicht verlassen, was uns sogleich -scheiden werde – aber ich könne immerhin darauf -klagen, und auf was ich immer wolle. Sie ertheile -mir die unbedingteste Vollmacht für alle Fälle -der Schuld, und wünsche mir, wohl zu leben. – Bei -dem Tone leichtsinniger Indifferenz in diesem Schreiben, -war es mir, als ob ein Fenster zerspränge; freie -Luft strömte mich an, und ich sah Alles, <em class="ge">Alles</em> ein!«</p> - -<p>»Sieh!« sagte Cölestin mit einem Klange der -Rede, als hätte eine lange Dissonanz sich gelös't, »so -<a class="pagenum" id="page_217" title="217"> </a> -hat auch Dich diese falsche Tony nicht geliebt. Sie -ist eine Schauspielerinn, die heute im Fache der Intrigue -siegt, und morgen als gedrückte Unschuld rührt. -Du warst nur das Vehikel ihres Talents und ihrer -Zwecke. Sie hat Dich zu der schwersten Rolle gezwungen. -Armer Freund! ich muß Dich beklagen -und mich dazu, daß ich Veranlassung dazu gegeben. -Sprich mir nicht davon, daß sie Dich gepflegt, Dir -Güte und Liebe bewiesen: auch eine Actrize fühlt, -und vergießt natürliche Thränen; es liegt eine Fähigkeit -in der Lüge, daß sie sich selbst für wahr hält. – -Wer war denn aber das neue Opfer ihrer aimablen -Kunst?«</p> - -<p>»Ein junger Mediziner, ein Libertin, der Beschreibung -nach,« antwortete Sylvius »der, zur Zeit Secondairarzt -des alten Doctors, Gelegenheit gefunden, mit -Tony schnell bekannt zu werden. Das Aehnliche findet -sich bald aus. Er hatte einen Ruf nach Liefland -erhalten – Tony war immer progressiv. Sie ging -mit ihm, und die treue Aufsicht jenes würdigen Paares -ward getäuscht.«</p> - -<p>»Und Du?« fragte der Administrator. »Und ich?« -fragte Sylvius mitleidig zurück und sprach: »es giebt -Erfahrungen, welche durch ihre glühende Beize die -ganze Ichheit in ein fremdes Gefühl verschmelzen. Ich -hätte Gott danken mögen; aber ich konnte nur sein -<a class="pagenum" id="page_218" title="218"> </a> -Wunder denken. Als jener reine Geist erschien, verschwand -der Trug des Blendwerks: denn die Liebe ist -Licht! ist Befreiung! – Unsere Ehe war null und -nichtig. Ich eilte ohne Weilen zu meinem Vater, ihn -der Sorge um mich zu entheben. Gern hätte ich ihn -unterstützt mit meiner besten Kraft, diese war mir hin. -Eine Zeitlang sah er meinen ohnmächtigen Versuchen -zu, mich zurecht zu finden, dann sagte er: so geht es -nicht, mein Sohn! gehe nur in die weite Welt, und -wenn ich auch unterdessen in die <em class="ge">Enge</em> geriethe. Der -gute Greis! ach! ich verstand ihn, obgleich ein väterliches -Lächeln mich über den düstern Sinn dieses Ausdrucks -täuschen sollte. Unsere Familie stammt ursprünglich -aus Castilien. Dahin reise! sagte mein Vater, -der es wußte, daß, dies Land zu sehen, ein früher -Wunsch meines Lebens gewesen war. Die spanische -Sprache, unser Muttertheil, hatte sich von Geschlecht -zu Geschlecht vererbt; wenn auch das Wenige, was -ich überkommen, nur ein Stammeln genannt werden -konnte, deutlich machen, konnte ich mich doch. O mein -Freund! diese Reise war mir wie eine Wallfahrt, und -mit büßender Seele trat ich sie an; ich hoffte, mich -müde zu träumen an der Wiege meiner Väter. Etwas -Schöneres als die Einsiedeleien dieses Landes giebt -es auf der ganzen Erde nicht. Wo die Natur eine -stille Capelle gebaut, da finden sich auch Spuren öder -<a class="pagenum" id="page_219" title="219"> </a> -Hausaltäre, und ein Hauch südlicher Glut webt unter -diesen heiligen Schatten. Man sieht, der Mensch hat -die Hand nur leise heben dürfen, um das Höchste -in Besitz zu nehmen. Die reizende Ueppigkeit des Bodens -ließ mein armes Herz freudeleer, der Glanz der -Städte schimmerte mir kein Glück vor, die Verwickelungen -der Politik zogen mich nicht an, nur die Poesie -der Einsamkeit war es, was mich rührte. Ich zog -hin, ich zog her – die Zeit zog auch vorüber; ich -forschte nach der Quelle meiner Abkunft – der Ruhe -Quell in meiner Brust war mir verschüttet. So hatte -ich kaum gemerkt, daß meine Baarschaft zu Ende -ging. Der Schmerz, welcher den Geist reift, ist in -Betreff auf zeitlichen Vortheil ein Mündel unseres -Herrgotts. An den Pyrenäen traf ich einen Deutschen. -Ich fand Gelegenheit, ihm einen wichtigen -Dienst zu leisten, dann fand ich etwas Seltenes: einen -Dankbaren. Ich konnte seine großmüthige Erkenntlichkeit -nicht ablehnen. Wir blieben eine Weile zusammen. -Er entließ mich nicht, ohne mir das Versprechen -abgedrungen zu haben, daß ich, wären meine -Verhältnisse zu lösen, mich seinem Schicksal, seinem -Glück auf immer anschließen wolle. Er war ein sehr -bevorzugter Mann, unabhängig, und begünstiget zu -der Freude, seinen Freunden nützen zu können. Mein -Vater war todt, seinen Ehrenplatz nahm ein Anderer -<a class="pagenum" id="page_220" title="220"> </a> -ein, Fremde schalteten und walteten an heimischer -Stelle, überall vermißte ich das Geliebte. – Ich sehnte -mich, ach Cölestin! ich sehnte mich unaussprechlich zu -Dir! – Einmal nur wollte ich Dich wiedersehen und -Dir sagen, wie Alles gekommen. Dann scheide ich -für immer. Ich habe die Schuld bezahlt – wirst Du -sie auslöschen in Deinem Herzen?«</p> - -<p>Der Administrator heftete einen langen, feuchten -Blick auf seinen Freund und sprach: »lasse es doch gut -seyn. Dein Andenken war mir nie so verwischt, daß ich -Dich nicht wieder erkennen sollte. Gott tilgt Alles! -von den meisten Tugenden heißt es: sie werden einst -nur <em class="ge">vergeben</em>. Du bist mein Freund und bleibst -bei <em class="ge">mir</em>.«</p> - -<p>Sie hielten sich schweigend umfaßt – ihre Herzen -schlugen hoch aneinander, keine Liebe reicht an -die verzeihende.</p> - -<hr /> - -<p>Am folgenden Morgen hatte Frau Fabia eine lange -geheime Unterredung mit dem Freunde ihres Schwagers. -Sie schien einen alten Bekannten in ihm wiedergefunden -zu haben; ohne lebhaft laut über dies erneuerte -Verhältniß zu werden. Und daß auch hierin -die beiden Schwägerinnen zu gleichen Theilen gingen, -geschah es, daß, ehe die Wintersonne desselben Tages -<a class="pagenum" id="page_221" title="221"> </a> -sich neigte, Therese bei der unvermutheten Ankunft -des Lieutnant Feldmeister in dem Neffen des Majors -jenen Offizier erkannte, der mit entschlossenem Muthe -ihr mütterliches Gut vor gänzlicher Einäscherung geschützt -hatte.</p> - -<p>Auch Rudolph stand betroffen, da er die schöne -junge Frau erblickte. Eine Feuerröthe, der Widerschein -jener Flammen, schlug in seinem Gesichte aus, -und eine Wunde, die er im polnischen Kriege davon -getragen, schmerzte ihn tiefer, als die erst geheilte. Er -nannte die Gattinn des Constanz: »mein gnädiges -Fräulein!« Therese hatte sich reizender noch entfaltet; -ihre Augen leuchteten unstät und frühlingskräftig wie -Sterne am Firmament einer warmen Mainacht, der -Blick einer <em class="ge">Frau</em> ist ein sanftes, bestimmtes Licht am -häuslichen Horizont. Sogar in dieser kalten Jahreszeit -verschmähete Therese das Häubchen, und trug das -braune Haar üppig frei, als könne ihr Flattersinn -selbst einen Zwang von Flor und Band nicht dulden. -Alle ihre Bewegungen hatten den tanzenden Rhythmus -der Freude; der Gang einer Gattinn ist schwerfällige -Prose und schreitet nur unter dem Klingklang -eines Schlüsselbundes einher. Kein Gewicht dieser -Art beschwerte den Gürtel dieser leichten schwebenden -Gestalt. Zwar hing in ihrem rechten Ohr ein winziger -Schlüssel von Gold und Demant, und in dem -<a class="pagenum" id="page_222" title="222"> </a> -linken das dazu passende Schloß; doch ohne daß der -erstere etwas Anderes eröffnet, als den Geschmack im -Putz – das letztere ein volles Herz bewahrt hätte. –</p> - -<p>Als Rudolph nun hörte, daß er eine Strohwittwe -vor sich sähe, da meinte er, seine Hoffnung, daß der -Zufall ihn wohl nicht umsonst mit diesem anziehenden -Wesen zusammenführe, wäre auf eine taube Aehre -gefallen.</p> - -<p>Auch Therese fühlte sich durch den Anblick des -Lieutnants in die Vergangenheit entrückt. Sie hörte -im Geiste das Schießen der Feinde – Thränen schossen -in ihre Augen und schleierten das Bild der blassen -Mutter ein.</p> - -<p>Als der Major seinem Neffen die Verhältnisse des -Hauses auseinander setzte, konnte Rudolph vor Allem -die seltsame Ehe Theresens nicht fassen. Er schüttelte -den Kopf und sprach: »Sie kann nur an den Mann -im Monde verheirathet seyn. Nur <em class="ge">diese</em> Entfernung, -und die Kälte des Planets macht es denkbar, solch -ein himmlisches Weib Jahrelang missen zu können. -Und welche Gleichgültigkeit liegt darin, eine Frau, wie -diese, dem Bruder zu überlassen, der doch ziemlich jung -und ein sehr hübscher Mann ist! – Die vertraulichen -Beziehungen ihres Zusammenlebens –« »sind -eine Höllenplage für ihn, der gern friedlich wäre,« unterbrach -der Major seinen Neffen, indem ein sarcastisches -<a class="pagenum" id="page_223" title="223"> </a> -Lächeln des Oheims dem Lieutnant zu denken -gab. »Es ist sehr möglich,« fuhr Jener fort, »daß -dieser ärmste Prälat ein Cölibateur bleibt, wie seine -geistlichen Namensbrüder, bloß weil er das Glück genießt, -der Schutzherr zweier Frauen zu seyn. Wer -mit der Schönsten familiair umzugehen ein Recht hat, -verliebt sich selten in sie. Du, mein Junge, sprichst -wie der Blinde von der Farbe.«</p> - -<p>Die Schwägerschaft nahm plötzlich wandelnd eine -hellere in den Augen des Neffen an.</p> - -<p>Das Leben der Hausgenossen im Stifte gestaltete -sich nun um vieles anders. Der Administrator war -sichtlich erheitert, seit er den Freund zur Seite hatte, -und seine Gesundheit kräftigte sich zusehends. Sie -ritten täglich zusammen aus, Pläne zu Verbesserungen -der Güter beschäftigten sie daheim. Ein gemeinnütziger -Ernst, der sich gegenseitig mittheilte, ließ sie Bedacht -auf Alles nehmen, was dem Wohl der äußern -Angelegenheiten förderlich werden könnte. Sie tauschten -ihre Ansichten aus – und ein solcher Freund hatte -dem Verweser nur gefehlt, daß er seine Stellung sich -mit Lust und Liebe aneigne. – Der Oberförster war -ein bejahrter Mann; Cölestin dachte, seinem Freunde zu -diesem Posten helfen zu können, so würde die Zukunft -sie nicht mehr trennen. Auch gab es für einen so fähigen -Kopf auf jeder Stelle Beschäftigung, und Sylvius -<a class="pagenum" id="page_224" title="224"> </a> -nützte den Renten des Klosters, während er der -Gast des Hauses war und blieb. Andererseits war -dem Administrator nicht minder geholfen. Er schloß -sich lediglich an den Gefährten an, und vergaß über -ihrem männlichen Thun, was er längst lassen sollen, -sich der Zufriedenheit seiner Damen anzunehmen. Ob -die Frauen sich vertrügen oder nicht, es kümmerte ihn -kaum noch, und Sylvius überzeugte ihn vollends, daß -die Weisheit und Gerechtigkeit in höchster Person -weibliche Ansprüche nicht auszugleichen vermöge. – -Seit die Schwägerinnen keinen Schiedsrichter mehr -hatten, brauchten sie auch keinen mehr. Frau Fabia -war aus ihrem frommen Hinbrüten aufgescheucht worden. -Sie ging gesellig in manche ihrem Wesen fremdartige -Idee ein, und war nicht so finster als sonst. -Die tiefe Fuge ihrer Tonart hatte sich in Harmonie -gelös't, und ein besserer Einklang zwischen ihr und -Theresen niemals Statt gefunden. Fabiens Sorge -um den Schwager wendete sich, da er gesund geworden -war, mehr seinem Freunde zu, der an einer unheilbaren -Krankheit des Gemüths zu leiden schien. -Sie achtete selbst weniger auf Josephine. Diese -brachte jeden Augenblick, der zu erübrigen war, bei -der Nonne hin, da Schwester Veronica sich der fremden -Männer wegen zurückgezogen hatte.</p> - -<p>Therese war liebenswürdiger als je. Sie machte -<a class="pagenum" id="page_225" title="225"> </a> -tausend kleine liebreizende Gefälligkeiten geltend, die -ihr zu Gebot standen, und selbst Fabia mußte sich -gestehen, daß, wenn sie <em class="ge">wolle</em>, ihr nicht zu widerstehen -sey. Sie entschuldigte heimlich den Administrator, -daß er parteiisch gewesen. – Und seltsam! gerade -jetzt zeigte sich Cölestin so kühl und selbständig, als -hätte dieser Zauber seine Kraft an ihm verloren. –</p> - -<p>»Der alte Feldmeister ist aus dem Felde geschlagen –« -sagte der Major zu dem jungen, und leise -sprach in seinem Tone eine krankhafte Empfindlichkeit -an. »Dieser Freund, dieser Fremde, der mir nicht -sonderlich behagt, füllt die Zeit und das Herz des -Administrators aus. Ein Glück, daß ich Dich hier -habe, Rudolph.« Faust knurrte eifersüchtig, als der -Oheim bei diesen Worten dem Neffen die Hand -reichte.</p> - -<p>In der That würde die Freundschaft des Majors -kaum einem Gefühl der Zurücksetzung entgangen seyn, -wie wenig Cölestin sich auch derselben bewußt gewesen, -wären häufige Anfälle der Gicht, die den Ersteren an -sein Zimmer fesselten und die Anwesenheit des Lieutenants -nicht zur Entschuldigung für den Administrator -geworden. So oft das Befinden des Majors leidlich -war, vereinigte sich die kleine Gesellschaft. Dann -spielte Rudolph mit Theresen Schach, und immer ward -sie eine Siegerinn. Es gelang ihm nie, den Ruhm -<a class="pagenum" id="page_226" title="226"> </a> -seines Namens gegen ihre kleinen Finessen zu behaupten. -»<em class="ge">Einmal</em> gewinne ich doch!« schwor er bei -jeder Niederlage. Therese lächelte nur.</p> - -<p>Wenn der Hauptmann erzählte, der ganz Europa -durchreis't seyn wollte, dann sah Rudolph zu Boden -auf die Spitze von Theresens Fuß, und mit so tiefsinnigem -Blick, als gälte es, die Pointe seines Lebens -ins Auge zu fassen. Der Oheim drohete ihm einst -mit dem Finger. »Du denkst gewiß an die Geschichte -vom Pantoffel –« sprach er neckend, »höre doch unserm -Moorhausen zu, der eine lebendige blaue Bibliothek -aller Nationen ist.« Er klopfte den Hauptmann -auf die Uniform – dieser, unwissend über jene Sammlung -Mährchen, machte eine geschmeichelte Miene. –</p> - -<p>Frau Fabia sah es gern, daß Josephine so wenig -Interesse an der Nähe des jungen Offiziers nähme; -für Sylvius hingegen äußerte das Mädchen eine stille -innige Theilnahme, welche ihre Pflegemutter vollkommen -zu billigen schien. Er ertheilte auf den Wunsch -derselben Josephinen wissenschaftlichen Unterricht, und -ein zartes geistiges Band hielt den Lehrer und die -Schülerinn zusammen, oft lange über die gegebene -Stunde, und auch außer der Zeit, welche diesem Zwecke -gewidmet war. Und Fabia zürnte nie, wenn Josephine -lernend oder liebend nach ihrer Weise einen -Auftrag versäumte. Genug, aller Kampf, sogar der -<a class="pagenum" id="page_227" title="227"> </a> -Streit der Pflichten schien zu Ende, seit das Opferfest -zum Geburtstag des Administrators unterbrochen worden -war, und die Weihnachtsglocken hatten längst -ausgeklungen, als unsichtbare Engel noch immer über -der Klosterflur von Sanct Capella schwebten, welche -sangen: »Friede auf Erden! und dem Menschen ein -Wohlgefallen.«</p> - -<p>Das neue Jahr war schon um einen guten Schritt -vorgerückt, und der Tag verlängerte sich merklich, da -kam die Nachricht, daß der Lieutnant Feldmeister versetzt -sey in eine ferne Garnison, und schleunigst fort -müsse. Das Invalidencorps fühlte sich durch diese -Ordre wie auf Feldetat gesetzt, es gab Allarm, der -junge Offizier war Allen lieb und werth geworden. -Auch der Familienkreis des Administrators empfand -die Lücke, die nun bald entstehen würde. Therese -ging umher, als hätte sie ihr ganzes Glück, ihr Glück -auf immer verloren – und der Major sagte zu sich -selbst: »Therese ist schachmatt – es ist Zeit, daß das -Spiel aufhört.«</p> - -<p>Am Abend vor dem Tage, wo der Lieutnant Feldmeister -das Stift verlassen sollte, saß Schwester Veronica -allein in ihrem Stübchen und blätterte in dem -Herbarium ihres Vaters. Tiefe Stille war um sie -her, ein heiterer Winterfriede durchathmete die Zelle. -Des Lichtes Flamme brannte wie gemalt, der warme -<a class="pagenum" id="page_228" title="228"> </a> -Glanz des weißen Oefchens spiegelte sie in blendenden -Funken zurück, und das Knistern der innen glimmenden -Kohlen störten feuerheimlich diese lautlose Ruhe -nicht. Das große Lebensbuch der Pflanzen lag vor -der Nonne aufgeschlagen; ihr Auge leuchtete in sanftem -Vergnügen. Sie suchte: <em class="ge">die Liebe im Nebel</em> -– eine Gattung der Passionsblume. Und wie sie -Blatt um Blatt wendete, gingen alle Frühlinge, die -sie gelebt, an ihr vorüber, und der botanische Garten, -darin sie gewohnt, blühete mit den Freuden ihrer Jugend -auf. Sie sah den Vater heiß vor Lust, unter -dem glühenden Strahl der Mittagssonne, weil keine -andere Zeit ihm blieb, betrachtend stehen, die Mutter, -wie sie in der Mondkühle einsam unter den Gängen -des verlornen Paradieses auf und nieder wandelte, mit -traurigen Gedanken, die auf der verbotenen Frucht -verweilten, welche eine verführerische Schlange dem -Gatten reichte. Sie hörte den Baum rauschen, unter -dem der geliebte Bräutigam einer Andern Treue versprach, -und mit dem Regen jener Stunde, dem so -viele Thränen nachgeflossen, rieselten leise Schauer der -Erinnerung über das Herz der guten Nonne. Da -naheten eilende Schritte, die Thüre ging auf, ohne daß -Jemand angeklopft hätte, und Josephine trat herein, -scheu und hastig. Schwester Veronica hob den Blick -auf, der ängstlich auf dem lieben Kinde haftete, und -<a class="pagenum" id="page_229" title="229"> </a> -sprach: »was ist Dir, Mädchen? Dein Gesicht brennt, -Du siehst aus, als hättest Du geweint, oder als würde -es eben geschehen, und der große Schlüssel zittert in -Deiner Hand?«</p> - -<p>Josephine antwortete mit erstickter Stimme: »<em class="ge">mir</em> -hat Niemand etwas zu Leide gethan, und doch fühle -ich so. Ach liebe Veronica! ich habe etwas Entsetzliches -erfahren – das lege ich nieder in Ihre tiefste -Brust.«</p> - -<p>»Es bleibt darin begraben –« versicherte die -Nonne feierlich leise und mit der Kraft des Schweigens, -»sprich ruhig, mein Kind.«</p> - -<p>Mit gebundenem Athem begann Josephine: »ich -ging, wie Sie wissen, in die Capelle, die Lampe mit -Oel zu versehen. Immer freue ich mich auf dies -kleine Geschäft bei dem ich länger verweile, als nöthig -wäre. Dort stört mich nichts in meinen stillen Träumen. -Das Herz ist mir jetzt zuweilen so gedrückt, -so enge – als fände ich nirgend Raum für Wünsche, -die ich nicht zu nennen weiß, den ausgenommen, daß -ich einst in dieser Capelle ruhen mögte. So ist die -Maria wie meine gute Freundinn, die es versteht, -was ich keinem klagen kann. Als der Docht -der Lampe aufglomm, nachdem ich sie getränkt, und -dieser Schimmer an das Gewand schien, wie wenn -der Mond über dem Wasser schillert, da war es mir, -<a class="pagenum" id="page_230" title="230"> </a> -als würde ihr todtes Auge hell, und sie spräche: gieb -Dich zufrieden! wir wollen sehen! –«</p> - -<p>»Die Liebe, meine gute Josephine,« schaltete Schwester -Veronica ein, »gewinnt Allem Leben ab, wie der -Glaube eine Seele des Trostes. Das ist der wahre -lebendige Hauch aus Gott, und ein ewiges: es werde -Licht! – Die Welt wandelt in Schatten des Todes -und ihre Werke sind finster. Die Heiligen sehen das -Werk an und vergelten auch den kleinsten Dienst. Es -wird Dir gewiß wohl gehen auf Erden. Du wirst lange -leben, und so betrübt es mich, daß Du in so jungen -schönen Jahren schon an Dein Begräbniß denkst.«</p> - -<p>Josephine sah die Nonne mit bangem Lächeln an. -»Und was geschah denn nun, mein liebes Kind?« -fragte diese, »fasse Dich, mir es sagen zu können. -Ich will Dich zu trösten suchen, mit Gottes Hülfe.«</p> - -<p>Das Mädchen schüttelte leise den Kopf und sprach: -»als ich noch sinnend stehe, vernehme ich ein schnelles -Kommen und Flüstern. Nun ist es recht besonders, -Schwester Veronica, mit den Geistern halte ich Zwiesprach, -als wären sie meine Geschwister, und vor Menschen -fürchte ich mich? – Ich schlüpfte in den Beichtstuhl -und duckte unter – es war nur ein Augenblick, -ich wußte selbst nicht, was ich that. Da erkannte ich -Theresens Stimme im Gespräch mit einem Manne, -und ich merkte sogleich, daß es der Lieutnant Feldmeister -<a class="pagenum" id="page_231" title="231"> </a> -wäre. Sie redeten höchst vertraut. Hier sind wir -allein – sagte er, als sie in die Capelle traten, hier -sucht uns Niemand. Vergessen Sie nicht, antwortete -ihm Therese, daß die wächserne Mutter Gottes das -Verlorene sucht, und verloren wäre ich, wenn man -uns hier zusammenfände. – Sie machte ihm hierauf -zärtliche Vorwürfe über seine verfolgende Leidenschaft. -Einige Minuten <em class="ge">müssen</em> Sie mich hören! betheuerte -er, und – o Veronica! was läßt sich in ein paar -Minuten sagen! ich meine, Therese hätte ihr Lebelang -darüber zu denken. Sie lieben sich – sie lieben sich -schon lange. Und Therese ist die Frau eines andern -Mannes! – Wenn das der redliche Major wüßte! -und – und – der Unglückliche schwor, wenn er sie -zum drittenmale finden sollte, dann müsse sie sein werden, -und wäre sie mit Ketten an dem Himmel geschlossen. -Ich habe nicht gedacht, daß ein Mensch so reden -könnte – jedes Wort war ein Funken, der zündete.«</p> - -<p>Schwester Veronica sah mit bekümmertem Blick -die brennenden Wangen des Mädchens, und seufzte -tief, daß diese fromme Unschuld Zeuginn solch einer -leidenschaftlichen Scene gewesen. »Den armen Constanz -verurtheilte er –« fuhr Josephine mit einer ihrem -Wesen fremden, feindlichen Regung fort: »und seine -Gattin duldete es. Dem Onkel gönnte er das Glück -ihrer Nähe nicht, <em class="ge">ihm</em>, der die Frau seines Bruders -<a class="pagenum" id="page_232" title="232"> </a> -in freundlichen Schutz genommen, und gar manche -Unbill wegen ihr ertragen hat! ich weiß das am besten. -Dann sank er ihr zu Füßen – dann küßte er sie – -o Gott!« »Er küßte sie!« wiederholte die Nonne leise, -auf deren keuscher Lippe nie der Kuß eines Mannes -geblüht. »Du armes Kind! ja, das mag eine Angst -gewesen seyn. Angesichts der heiligen Jungfrau entblödeten -sie sich dieser Sünde nicht! – Und der -junge Mann scheint sonst ein liebenswürdiger Mensch.«</p> - -<p>»Ach! ich bin dem Lieutnant böse –« sagte Josephine, -»das ist nicht edel von ihm gehandelt; ich denke, -ein Mann muß seine Leidenschaft bezwingen können. -Es hatte mir so gut von ihm gefallen, wie er sich -jener alten Dame angenommen – Sie kennen die -Geschichte –! nun aber verfällt er selbst in ärgeren -Wahnsinn, verliert den Kopf, und Der sich so tapfer -schlug, daß die Schwäche des Alters in Ehren gehalten -würde, kann sich einen Gedanken nicht aus dem -Sinne schlagen, der die Würde einer jungen Frau beleidiget, -die wohl noch schwächer ist. – O! das ist -nicht löblich! das ist eine Verletzung des Gastrechts.«</p> - -<p>»Du hast ganz Recht, mein Töchterchen,« antwortete -die Nonne, »und Gott behüte mich, daß ich beschönigen -wolle, was sich nicht billigen läßt; nur meine -ich, der junge Feldmeister sey bethört, sich selbst entfremdet, -und Therese mag ihm wohl reichlich Gelegenheit -<a class="pagenum" id="page_233" title="233"> </a> -gegeben haben. Diese scheint mir in sofern zu -entschuldigen, daß sie gleichsam nur ein kurzes Achtel -verheirathet war, und eine lange Pause ist für dies -lebendige Allegro nicht. Wie endete sich denn nun -diese Zusammenkunft?«</p> - -<p>»Ich seufzte zu Gott,« sprach Josephine, »daß ich -erlöset werden mögte, und kaum war dieser flehende -Gedanke aufgeflogen, da flatterte eine Motte aus dem -Busen der Maria, und schwirrte mit singendem Geräusch -um das Flämmchen. Dieser kleine Zufall -scheuchte die Liebenden hinweg. Ich zitterte an allen -Gliedern und mußte mich erst erholen. Wer aber -hatte mir denn was gethan? Was geht es mich an, -Wen Therese liebt? Und doch war es mir, als hätte -man ein tiefes Gefühl in mir verletzt.«</p> - -<p>»Wo die Tugend leidet,« versetzte Schwester Veronica, -»da leidet eine reine Seele mit, und der Schmerz -dieser Erfahrung ist groß. O mein Kind! Treue ist -unser einzig Glück auf Erden! selbst den Nichtliebenden -rührt sie mit einem zärtlichdauernden Gefühl, was -sich erwerben läßt. – Treue ringt den Himmel nieder -in Deinen Besitz – sie ist ein Strahl der ewigen -Liebe. Ein wankendes Herz findet nirgend Ruhe. -Wir wollen Theresen bedauern. Sie macht Keinen -glücklich, und sich am wenigsten. Wenn ihr Gemahl -<a class="pagenum" id="page_234" title="234"> </a> -nun heute oder morgen kommt, mit welchem Blicke -soll seine Frau vor ihm stehen?«</p> - -<p>Josephine sah mit einem flammenden der Nonne -in das Gesicht, und diese mogte vielleicht an den Engel -des Gerichts denken. Sanften, entwaffnenden Tones -setzte sie hinzu: »Gott senke Kraft in Deine junge -Seele, an der Liebe des Nächsten zu halten, denn nur, -Wer beharret, merke Dir es, mein Mädchen – der -wird selig! –«</p> - -<p>Josephine schmiegte sich an die Brust der Nonne -und fühlte das treueste Herz schlagen. Sie schämte -sich, entrüstet gewesen zu seyn, vielleicht zum erstenmale -in ihrem Leben – und aus der tiefsten Quelle -des weiblichen Gemüths drangen Thränen, herbe und -doch hoffnungsvoll, in ihre milden Augen.</p> - -<hr /> - -<p>Ein paar Monate waren seitdem vergangen. Sanct -Capella, von der höher steigenden Sonne bestrahlt, -glänzte wie eine weiße Glockenblume mit goldnem -Kelche zwischen dem aufgrünenden Frühling. Im -Stifte selbst sah man den schönen Tagen, die nun -kommen würden, mit drängender Erwartung entgegen. -Man nahm sie gleichsam voraus. Frau Fabia ordnete -diesmal das große jährliche Waschfest zeitiger als -sonst an, und als der April sein Wechselrecht geltend -<a class="pagenum" id="page_235" title="235"> </a> -machte, und einen hurtigen Regen über das sonniggetrocknete -Linnen ausgoß, behielt ihr Gesicht seine -Heiterkeit, der beste Beweis von dem beständigen Wetter -in der Laune der guten Hausfrau.</p> - -<p>Schwester Veronica, bedrängt von jener heiligen -und tiefen Wehmuth, die sich ihrer sanften Schmerzen -schämt, schlich jetzt manchmal im Mondschein auf den -Kirchhof des Klosters und mit schwellendem Herzen -die Mauer entlang, woran der Flieder knospete. Wenn -sie in ihrem weißen Gewande zwischen den Gräbern -wandelte, im geistigen Verkehr mit den Schatten der -schlafenden Schwestern, glaubte man Libitina, die stille -Göttin der Todten zu sehen.</p> - -<p>Die Offiziere suchten mit frischangeregter Lebenslust -das Freie. Major Feldmeister warf den Pelzstiefel -zusammt dem Podagra abseits, und rief: »da liege, -daß du berstest! ich habe es nun satt, und <em class="ge">will</em> gesund -sein!« Er schritt herzhaft einher. Die großen -Fenster waren geöffnet, die Thüren standen weit offen, -als solle der Winter ausziehen. Herr Prälat, empfindlich -gegen den Zug, ging als der Zeus des Hauses -mit einer Donnerstirn von einem Flügel zum andern, -und blitzte hier und da heftig zu. Ein thatenlustiger, -rühriger Geist war in den Administrator gefahren. -Er sträubte sich beinahe ungebehrdig gegen -die krankhafte Ruhe, die seine Kräfte bisher unterdrückt -<a class="pagenum" id="page_236" title="236"> </a> -hatte, gegen die Pflege der Weiber. Fabia schalt ihn -undankbar, wenn er eine Maßregel ihrer Vorsicht für -unnütz erklärte. Sie meinte nach Art einer erzürnten -Prophetinn: dieser Uebermuth werde ihm schlimm bekommen. -Doch Josephine freuete sich und sagte leise: -»Er ist jetzt um Vieles besser.«</p> - -<p>Therese ließ ihren Schwager gewähren. Sie ging -spazieren früh und spät auf geheimnißvollen Wegen, -und nicht selten brachte ein Führer die Verirrte zurück. -Frau Fabia sagte kein entscheidendes Wörtchen -über diesen entschiedenen Müssiggang. Sie wärmte -geduldig das Essen, wenn Therese die Stunde der -Mahlzeit versäumte, doch keine begangenen Fehler mehr -auf. Fabia wußte vielleicht, daß Theresens Seele unter -einer größeren Last arbeitete, als früherhin ihr -Leichtsinn und ihre Lässigkeit Andern aufgelegt hatte. –</p> - -<p>Als einstmals Therese von einem weiten einsamen -Ausflug spät nach Hause kam, die Hände voll selbstgepflückten -Veilchen, sah sie einen ausgespannten -Reisewagen vor dem Stifte stehen, dessen helles Gelb -wie eine große Mondscheibe durch das Dämmern des -Frühlingsabends leuchtete. Sie stieß einen kurzen -Schrei aus, und ihr war in diesem Augenblicke, als -stieße er ihr das Herz ab. Sie floh dem Kloster zu, -und stürzte außer Athem in das Wohnzimmer. Constanz -war vor einer Stunde angekommen. Seine Frau -<a class="pagenum" id="page_237" title="237"> </a> -zu suchen, hatte man Boten nach allen Richtungen ausgesendet. -Sie rang die Hände um seinen Nacken; -diese Gebehrde sah aus wie Liebe, wie Jammer, und -konnte beides seyn. Der Diplomat stand mit Veilchen -beschüttet und zitterte sichtbar. Therese verbarg ihr -Gesicht, ohne in das seine zu sehen, an der Brust -ihres Mannes. Er hob es empor und drückte heiße, -langentbehrte Küsse auf ihren krampfhaft lächelnden -Mund. Die Familie war versammelt, auch – der -Zufall hatte es gefügt – Major Feldmeister und -Schwester Veronica, als sollte Niemand fehlen, der -näheren Theil an diesem Ereigniß nähme.</p> - -<p>Constanz hatte sich nach dem stillen Bemerken seines -Bruders auffallend verändert. Die Sonne seiner -Reisen hatte ihn gebräunt, seine scharfausgeprägten -Züge hatten den Schmelz der Jugend, und den liebenswürdigen -Ausdruck unbewußter Herzlichkeit verloren. -Staatsmännisches Interesse war dem Ernst -der sinnenden Miene tief eingedrückt, und über seine -Stirne eilte ein Gewölk von Sorgen, wie getrieben -von einem innern Sturm.</p> - -<p>»Meine Therese! mein einziges Weib!« sagte Constanz -mit einer Rührung, die ihm schön stand: »Du -bist bleich und ein wenig abgekommen – Du hast -Dich wohl um mich geängstet? Du bist mir nicht -<a class="pagenum" id="page_238" title="238"> </a> -böse? Du machst mir keine Vorwürfe? diesen gütigen -Empfang habe ich nicht verdient.«</p> - -<p>»Ich mache Dir keine Vorwürfe –« antwortete -Therese mit gepreßter Stimme, und lauter sagte ihr -Gewissen, Wer von ihnen eigentlich <em class="ge">so</em> fragen müßte. -Aber nun brach Therese in ein convulsivisches Weinen -aus. Constanz schien über diese äußerste Wirkung -der Freude betroffen. Er hielt seine Frau für krank.</p> - -<p>Josephine stand mit der Nonne an einem Fenster. -Sie wendete sich ab, und sprach leise zu Schwester -Veronica: »wie ist dies möglich, so falsch zu seyn gegen -die redlichste Liebe? – Wenn ich Theresen in -den Armen ihres Mannes sehe und daran denke, daß -vor kurzer Zeit –« Josephine schauderte in sich hinein.</p> - -<p>»Das mußt Du zu vergessen suchen –« flüsterte -die Nonne, »mir kommt diese wunderliche Freude wie -Seelenangst vor. Ach! Therese könnte jetzt getreu -und getrost in das Auge blicken, was sie so entzückt -betrachtet! und sähe es tiefer auf den Grund ihrer -Thränen, es würde sich wohl lieber schließen für -immer.«</p> - -<p>Constanz war nach seinem Wunsch versorgt; schon -in der nächsten Frühe ging er nach dem Orte seiner -Bestimmung ab, und Therese mußte bereit seyn, ihn -zu begleiten. Sie erschrak doch über diese Kürze. -Fabia erbot sich dienstfertig, ihr das Einpacken zu besorgen. -<a class="pagenum" id="page_239" title="239"> </a> -Sie solle sich um nichts kümmern, und ihr -Glück genießen. –</p> - -<p>Der Administrator lächelte. Er wollte den Worten -seiner Schwägerinn eine leise Ironie abgemerkt -haben. Aber Therese ließ sich zum erstenmale nicht -von der thätigen Fabia übertragen. Sie rüstete Alles -selbst zur Abreise. So verging dieser Abend drangselig. -Man kam zu keinem ruhigen Genuß des Beieinanderseyns. -Constanz schien sehr ermüdet, und der -ältere Bruder machte ihm freundliche Vorwürfe, sich -und den Seinen mindestens nicht <em class="ge">einen</em> Tag der -Rast gegönnt zu haben. Und Jener sprach: »ich bin -an diese erschöpfende Eile gewöhnt, und daran, die -Erfüllung meiner Wünsche, und Alles, was ich liebe, -nur im Fluge zu berühren.« Endlich zog die Nacht -mit einer kurzen beschwichtigenden Pause vorüber. -Noch blickte der Morgenstern am Himmel, da kamen -die vier Pferde Extrapost schon von Leidthal, welche -dem Constanz bewilliget worden. Das ganze Stift -war in Allarm. Die alten Offiziere standen in Parade, -der jungen schönen Frau die Honneurs zum -Abschied nicht zu versäumen.</p> - -<p>Therese schien verweint, ehe sie noch Jemand Lebewohl -gesagt hatte. Lange hing sie am Halse des -Schwagers und konnte sich nicht losreißen. Dann -küßte Schwester Veronica ihr einen leisen Segenswunsch -<a class="pagenum" id="page_240" title="240"> </a> -auf die bethränten Lippen. Nun umarmten -sich die Schwägerinnen und Therese sprach: »denke -meiner nicht in Groll – ich habe Dich oft gekränkt, -Fabia!« die Stimme erstarb in Schluchzen.</p> - -<p>Und Fabia erwiederte: »still davon, Therese! auch -ich habe gefehlt. Wir scheiden in Frieden, und der -Herr geleite Dich!«</p> - -<p>Nun kam die Reihe an Josephine, an Sylvius, -an den alten Feldmeister und die Uebrigen. Dem -Major reichte Therese die Hand, und drückte die seine -inniglich und noch einmal, als wisse der Alte schon -für Wen? – Ihrem Gemahl dauerte dies Valet zu -lange. Er hatte das seine in summarischer Kürze -abgegeben, den Bruder ausgenommen. Seine Meinung -war: man müsse den Schmerz solcher Scenen -verkürzen, ja vermeiden, wo möglich; aber die Weiber -ließen sich keine einzige Thräne unterschlagen, die sie -mit Fug und Recht vergießen durften. Sprach's, und -schob seine Frau mit einem schmerzverachtenden Lächeln -in den Wagen. Noch einmal strahlte Theresens -Blick durch einen doppelten Schleier das ganze Commitat -an; die Offiziere verbeugten sich unwillkürlich -dienstmäßig, die Nonne schrieb ein Kreuz in die blaue -Luft, Constanz winkte herzlich – und der Postillon -stieß in das Horn, daß der schmetternde Hall von -den Wölbungen des Klosters wiedertönte. Dieser Ton -<a class="pagenum" id="page_241" title="241"> </a> -fand ein geheimnißvolles Echo in der tiefsten Seele -des Administrators und ein Grauen strich über seine -Nerven. Es erschütterte ihn dieser Klang, wie jener, -als er am Sterbebette des Vaters den Bruder die -kleine Trompete blasen hörte. – Und als der Wagen -nun pfeilschnell entrollte, das gastfreundliche Stift weit -und weiter zurückwich, die Gehöfte von Sanct Capella -verschwanden, nun auch das letzte Häuschen vorbeigeflogen -war, und jetzt der Horizont über der erwachenden -Landschaft sich so klar vor ihnen aufthat, da gedachte -Constanz an die Worte der Gesandtinn: er würde -einst mit Extrapost in den Himmel fahren.</p> - - -<p class="mt2 ce">Ende des ersten Theils.</p> - -<hr /> - - - - -<h2>Hinweise zur Transkription</h2> - - -<p class="in0">Das Originalbuch ist in Frakturschrift gedruckt. In dieser Transkription -werden <em class="ge">gesperrt</em> gesetzte Schrift sowie Textanteile in <i>Antiqua-Schrift</i> -hervorgehoben.</p> - -<p class="in0">Der Text des Originalbuches wurde grundsätzlich beibehalten, einschließlich -uneinheitlicher Schreibweisen wie beispielsweise -"irdisch" – "irrdisch", "ist's" – "ists", "Lieutenant" – "Lieutnant", "Obristin" – "Obristinn",</p> - -<p class="in0">mit folgenden Ausnahmen,</p> - -<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_013">13</a>:<br /> -"«" eingefügt<br /> -(sie eine kleine alte anspruchslose Rolle übernähme.«)</p> - -<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_014">14</a>:<br /> -"ihrers" geändert in "ihres"<br /> -(welches sie durch den Beistand ihres Schwagers gewonnen)</p> - -<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_021">21</a>:<br /> -"." eingefügt<br /> -(und enteilte auf den Ruf seiner Pflicht.)</p> - -<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_041">41</a>:<br /> -"," eingefügt<br /> -(ein Gedanke dieses Augenblicks voll Grauen, voll Schmerz)</p> - -<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_045">45</a>:<br /> -"Abendmal" geändert in "Abendmahl"<br /> -(ehe ich aber das heilige Abendmahl wo anders halte)</p> - -<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_051">51</a>:<br /> -"«," geändert in ",«"<br /> -(»Taugt nichts,« unterbrach hier der Major)</p> - -<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_059">59</a>:<br /> -"»" eingefügt<br /> -(»Ich band mein Pferd an eine Säule)</p> - -<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_059">59</a>:<br /> -"Augenblck" geändert in "Augenblick"<br /> -(daß ich einen Augenblick verziehen mögte)</p> - -<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_068">68</a>:<br /> -"»" eingefügt<br /> -(»nimm fünf Loth <em class="ge">Ernst</em>)</p> - -<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_083">83</a>:<br /> -"«," geändert in ",«"<br /> -(»Schwester Veronica,« sagte Fabia)</p> - -<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_085">85</a>:<br /> -"beflanzt" geändert in "bepflanzt"<br /> -(mit tropischen Gewächsen bepflanzt)</p> - -<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_092">92</a>:<br /> -"«" eingefügt<br /> -(weshalb ich denn auch so zaghaft wäre.« –)</p> - -<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_095">95</a>:<br /> -"»" eingefügt<br /> -(»ja, mein Kind, wir müssen wohl den Blick schonend bedecken)</p> - -<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_107">107</a>:<br /> -"Gesellschafft" geändert in "Gesellschaft"<br /> -(ihm doch ein wenig Gesellschaft leisten)</p> - -<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_116">116</a>:<br /> -"Schwal" geändert in "Schawl"<br /> -(Ein echter Schawl, an den der matte Kopf sich schmiegte)</p> - -<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_120">120</a>:<br /> -"»" eingefügt<br /> -(»Fasttage halte ich gar nicht)</p> - -<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_127">127</a>:<br /> -"«" eingefügt<br /> -(mein heiliges Amt zu Gunsten Ihres Wunsches üben.« –)</p> - -<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_128">128</a>:<br /> -"«" hinter "–" entfernt<br /> -(der Tod soll ja eine neue Geburt seyn. –)</p> - -<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_137">137</a>:<br /> -"eine" geändert in "einen"<br /> -(die sich nie gegen einen Vorwurf vertheidigte)</p> - -<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_143">143</a>:<br /> -"«" eingefügt<br /> -(hat mir das Gedächtniß abwärts gezogen.« –)</p> - -<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_151">151</a>:<br /> -"»" eingefügt<br /> -(»auch wünsche ich von Herzen)</p> - -<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_155">155</a>:<br /> -"»" eingefügt<br /> -(»weißt Du wohl, was Abraham a Sancta)</p> - -<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_156">156</a>:<br /> -"»" eingefügt<br /> -(»da thut sie Dir nicht Unrecht)</p> - -<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_156">156</a>:<br /> -"." eingefügt<br /> -(Josephine erröthete und nahm das Gedeck hinweg.)</p> - -<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_157">157</a>:<br /> -"»" eingefügt<br /> -(»denn es will mich bedünken)</p> - -<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_158">158</a>:<br /> -"»" eingefügt<br /> -(»ich bin überhaupt mit einer gewissen)</p> - -<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_167">167</a>:<br /> -"Interresse" geändert in "Interesse"<br /> -(zog die Mutter des Bräutigams in ihr Interesse)</p> - -<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_172">172</a>:<br /> -"»" eingefügt<br /> -(»wohl ist dieser Stoff)</p> - -<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_179">179</a>:<br /> -"»" eingefügt<br /> -(»Und dieses liebe Geschäft)</p> - -<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_182">182</a>:<br /> -"haufig" geändert in "häufig"<br /> -(in dem rauhen Klima jener Gegend häufig wechseln mußten)</p> - -<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_190">190</a>:<br /> -"«" eingefügt<br /> -(Denn –« setzte Tony in liebenswürdigem Uebermuthe hinzu)</p> - -<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_195">195</a>:<br /> -"»" eingefügt<br /> -(»Das kann wohl seyn)</p> - -<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_215">215</a>:<br /> -"Zürückgehen" geändert in "Zurückgehen"<br /> -(Ein Zurückgehen in seine alten Verhältnisse)</p> - -<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_217">217</a>:<br /> -"«" eingefügt<br /> -(die treue Aufsicht jenes würdigen Paares ward getäuscht.«)</p> - -<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_229">229</a>:<br /> -"ihre" geändert in "Ihre"<br /> -(das lege ich nieder in Ihre tiefste Brust)</p> - -<hr /> - - - - - - - - -<pre> - - - - - -End of the Project Gutenberg EBook of Die Schwägerinnen. Erster Theil., by -Henriette Hanke - -*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DIE SCHWÄGERINNEN. ERSTER THEIL. *** - -***** This file should be named 50127-h.htm or 50127-h.zip ***** -This and all associated files of various formats will be found in: - http://www.gutenberg.org/5/0/1/2/50127/ - -Produced by The Online Distributed Proofreading Team at -http://www.pgdp.net (This file was produced from images -generously made available by The Internet Archive) - - -Updated editions will replace the previous one--the old editions will -be renamed. - -Creating the works from print editions not protected by U.S. copyright -law means that no one owns a United States copyright in these works, -so the Foundation (and you!) can copy and distribute it in the United -States without permission and without paying copyright -royalties. 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Information about the Project Gutenberg -Literary Archive Foundation - -The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit -501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the -state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal -Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification -number is 64-6221541. Contributions to the Project Gutenberg Literary -Archive Foundation are tax deductible to the full extent permitted by -U.S. federal laws and your state's laws. - -The Foundation's principal office is in Fairbanks, Alaska, with the -mailing address: PO Box 750175, Fairbanks, AK 99775, but its -volunteers and employees are scattered throughout numerous -locations. Its business office is located at 809 North 1500 West, Salt -Lake City, UT 84116, (801) 596-1887. Email contact links and up to -date contact information can be found at the Foundation's web site and -official page at www.gutenberg.org/contact - -For additional contact information: - - Dr. Gregory B. Newby - Chief Executive and Director - gbnewby@pglaf.org - -Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg -Literary Archive Foundation - -Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide -spread public support and donations to carry out its mission of -increasing the number of public domain and licensed works that can be -freely distributed in machine readable form accessible by the widest -array of equipment including outdated equipment. Many small donations -($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt -status with the IRS. - -The Foundation is committed to complying with the laws regulating -charities and charitable donations in all 50 states of the United -States. 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