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| author | Roger Frank <rfrank@pglaf.org> | 2025-10-15 05:23:35 -0700 |
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You may copy it, give it away or +re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included +with this eBook or online at www.gutenberg.org + + +Title: Aus der Chronika eines fahrenden Schülers (Zweite Fassung) + +Author: Clemens Brentano + +Posting Date: May 20, 2013 [EBook #4504] +Release Date: October, 2003 +First Posted: January 26, 2002 + +Language: German + +Character set encoding: ISO-8859-1 + +*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK AUS DER CHRONIKA EINES *** + + + + +Produced by Michael Pullen. HTML version by Al Haines. + + + + + +</pre> + + +<h1> +<br /><br /> +Aus der Chronika eines fahrenden Schülers <br /> +(Zweite Fassung) +</h1> + +<p class="t2"> +Clemens Brentano +</p> + +<p><br /><br /></p> + +<h3> +Vorwort +</h3> + +<p> +Vor funfzehn Jahren machte es mir Freude, die folgende einfache +Geschichte niederzuschreiben. Sie sollte nur die Einfassung mehrerer +schöner altdeutschen Erzählungen sein, die sie mit mancherlei +Ereignissen aus dem Zusammenleben des alten Ritters Veltlin von +Türlingen und seiner drei Töchter unterbricht, mit deren Versorgung +und der Abreise des Erzählers sie schließt. So lieb ich das Gedicht +hatte, blieb es doch unterbrochen; der Sinn der Leser schien dazu zu +fehlen. Jetzt, da diese Erzählung mehr, ja selbst die altdeutschen +Röcke vor sich hat, fiel sie mir wieder in die Hände, und ich +versuche es, sie den Lesern vorzulegen mit der Erinnerung, daß sie zu +pädagogischen Zwecken entworfen worden, als ich von der sogenannten +Romantik noch wenig wußte, und daß sie daher neben den allerneuesten +Ritterromandichtern in ihrer redseligen Einfalt um Schonung bittet. +Sollte dem Leser, durch Eisenfresserei und Isländisches Moos verwöhnt, +diese Geschichte wie unsre deutsche Kamillen--und Hollunderblüte +nicht behagen, so bringe er sie einem kranken Freunde oder Mägdelein, +denen sie Gott gesegnen möge! +</p> + +<p><br /><br /></p> + +<p> +Im Jahr, da man zählte nach Christi, unsers lieben Herrn, Geburt 1358, +am zwanzigsten Tage des Maimonats, hörte ich, Johannes, der +Schreiber, die Schwalbe in der Frühe an meinem Kammerfenster singen +und ward innigst von dem Morgenlied des frommen Vögeleins erbauet, +bedachte auch auf meinem Bettlein, wie die Schwalbe in daurender +Freude lebet, gegen den Winter in ferne wärmere Länder ziehet und, +der Heimat getreu, gegen den Frühling wiederkehrt; also nicht der +Mensch, der arme fahrende Schüler, der wohl viel gegen Sturm und +Wetter ziehen muß, ja der oft kein Feuer findet, die erstarrten Hände +zu erwärmen, daß er sie falte zum Gebet; aber so er es ernstlich +meinet, haucht er hinein. +</p> + +<p> +Da ich in solchen Betrachtungen versunken war und das Schwälblein +auch auf seine Weise fortphantasierte, wäre ich schier wieder +eingeschlummert, aber der Wächter auf dem Münster blies: "In süßen +Freuden geht die Zeit", welches ich hier noch nie gehöret; denn ich +war zum ersten Male in Straßburg erwacht. +</p> + +<p> +Nun richtete ich mich in meinem Bettlein auf, und schaute in meinem +Gemache umher; das hatte aber Fenster rings herum und war in einem +Sommerhäuslein des Gartens. Links stand der Mond noch blaß am Himmel, +und rechts war der Himmel wie das lauterste Gold. Da fand ich mich +zwischen Nacht und Tag und faltete die Hände, und es fiel mir freudig +aufs Herz, daß heute mein zwanzigster Geburtstag sei, und wie mir es +viel besser geworden als in dem letzten Jahre, da ich meinen lieben +Geburtstag auf freiem Felde in einem zerrissenen Mäntelein empfangen +und mit einem Bissen Almosenbrot bewirten mußte. O Freude und Ehre! +dachte ich bei mir selbst und schaute zum Morgenlichte hin und sprach: +"Du bist mein Licht, du wirst mein Tag!", glaubte auch schier in +meiner Einfalt, der Himmel sei golden um meines Besten willen, die +Schwalbe habe nur gesungen, mir Glück zu wünschen, und der Türmer +habe allein so lieblich geblasen mir zur Feier; da der Himmel sich +doch nur gerötet vor der Sonne, die der Herr gerufen, da die Schwalbe +doch nur gesungen in Gottes Frühlingslust, und der Wächter nur +geblasen zu Gottes Ehren, ja wohl gern noch ein Stündlein geschlafen +hätte, so es ihm von den Münsterherren verstattet wäre. Also wird +der Mensch leicht übermütig in der Freude, und glaubet, er sei recht +der Mittelpunkt aller Dinge, und sei er mit allem gemeint. Da ließ +ich die Augen fröhlich in der Kammer umherschweifen, und sah auf dem +Schemel ein neues Gewand liegen, das mir mein gütiger Herr und Ritter +Veltlin von Türlingen am Abend im Dunkeln hatte herauftragen lassen, +und konnte ich meine Begierde nun nicht länger zurückhalten, sprang +auf von meinem Lager, und legte diese Kleider nicht ohne Tränen des +Dankes an. Es war dies aber ein feines blaues Wams, um die Lenden +gefaltet und gestutzet, und rot und weißes Beinkleid von ländschem +Tuch, auch stumpfe Schuh und eine schwarze Kogel mit einer blauen +Feder, nicht zu vergessen ein Hemmet von weißem Hauslinnen, am Halse +bunt genäht und gekrauset, dergleichen ich vorher nie getragen. Da +ward es mir fast leicht und fröhlich zumute, und hätte ich wohl mögen +einen Sprung tun, als hätte ich einen neuen Menschen angezogen mit +dem neuen Kleide. +</p> + +<p> +Aber meine Hoffart währte nicht lange; denn mein zerrissenes +Mäntelein, welches ich als einen Vorhang vor das Fenster gehängt +hatte, erleuchtete sich durch die aufgehende Sonne, und alle seine +Löcher waren so viele Mäuler und alle seine Fetzen so viele Zungen, +die mich meiner törichten Hoffart zeihten. Es war, als sage das +Mäntelein zu mir: "O Johannes, bist du ein so eitler Kaufherr, daß du, +angelanget in den Hafen, des zerrissenen Segels vergißt, das dich in +denselben geführet? Johannes, bist du ein so stolzer Schiffbrüchiger, +daß du das Brett, welches dich mit Gottes Hülfe an ein grünes Eiland +getragen, mit dem Fuße undankbar in die Wellen zurückstößest? O +Johannes, du undankbarer Freund, willst du, gerettet, mich nicht auf +deinen Schultern in ein Gotteshaus tragen und aufstellen als ein +Gedächtnis, daß sich Gott deiner erbarmet?" +</p> + +<p> +Ach, das waren wohl harte und wahre Worte meines Mänteleins, und ich +nahm es mit Schämen von dem Fenster, und legte es um über meinen +neuen Staat, und faßte es fest mit den Händen um die Brust, als +wollte ich es um Verzeihung bitten, und ging mit dem Gedanken die +Treppe hinab in den Garten: Wenn ich ein armer fahrender Schüler +gewesen bin, so werde ich immer ein armer fahrender Schüler bleiben; +denn auf Erden sind wir alle arm und müssen mannigfach mit unserm +Leben herumwandeln, und lernen, und bleiben doch arme Schüler, bis +der Herr sich unser erbarmet, und uns einführet durch seinen bittern +Tod in das ewige Leben. +</p> + +<p> +Da ich nun in den Garten gekommen war, den ich vorher auch noch nicht +gesehen--denn mein gnädiger Herr und Ritter war den Abend spät mit +mir angekommen und ich im Finstern in mein Stüblein gebracht worden--, +konnte ich vor Staunen und Betrachten der neuen Dinge um mich her +auch nicht zum Gebete kommen. Ich fand mich von den schönen +Laubgängen, Zierfeldern und Pflanzen und den blühenden Bäumen schier +ebenso sehr überraschet als von meinem neuen Gewande. Ich fand mich +gleich einem neugebornen Kinde, welches mit allem spielet, und noch +nicht beten kann, und erst nach einiger Erfahrung in der Süßigkeit +des Lebens seine Hände zum Danke falten lernet. Der blühende Mal, +das lustige Singen der Vögel, die vielen jungen Kräuter und Blümlein, +die mit Taublicken vor der Sonne erwachten, der kühle Wasserstrahl, +welcher in einem mit bunten Kieseln und Muscheln ausgelegten Brunnen +tanzte, schienen mir alle so neu und wunderbar, als hätte ich +dergleichen niemals gesehen, und wußte ich auch nicht, was aus allem +diesem werden sollte. +</p> + +<p> +So wie die lieben Kinder durch die Blumen gehen und sie brechen, und +Kränze winden und sich bei den Händen fassen und mit den Kränzen im +Kreise tanzen, gleichsam selbst ein lebendiger Blumenkranz; wie sie +aber nicht gedenken der Frucht im treibenden Sommer, und der Ernte im +reichen Herbst, und des Todes in dem trüben, tiefsinnigen Winter: +also wandelte auch ich armer Schelm wie ein einfältiges Kind ohne +Witz durch den Garten und konnte vor großer Bewegung über mein neues +Glück, das mir gestern früh noch nicht geträumt hatte, nicht zum +Gebete gelangen. +</p> + +<p> +Mein freudiges Erstaunen wollte aber nicht lange dauern; denn als ich +meine Augen ersättiget hatte, ward es mir als einem Hungrigen, der +sich ohne Gebet zu einer reichlichen Mahlzeit gesetzet hat, welche +ihm Gott darum nicht gesegnet. Alle das häusliche, wohlgepflegte +Behagen des schönen Ziergartens erfüllte mich mit traurigen Gedanken, +und die Armut, die Einsamkeit meines eigenen Lebens trat mir in +dieser reichen Umgebung zum erstenmal recht lebendig vor die Seele. +Was mag trauriger sein als das Bild eines Bettlers, auf goldnem +Grunde gemalet? +</p> + +<p> +"O meine Mutter", sagte ich mir, "wer war sanfter und schöner, und +feiner und edler als du, wer war würdiger, zwischen Blumen zu wandeln, +als du, die wohl ihre Schwester und Gespielin sein konnte? Standen +die Tränlein nicht auf den Wangen wie die Tautröpflein auf diesen +Rosen, gingst du nicht durch den Wald wie ein Lüftlein durch die +Blüten, und waren deine Augen nicht getreu und süß schauend wie die +blauen Veilchen, deine Lippen nicht wie die rosinfarbenen Nelken, und +flog dein gelbes Haar nicht wie der Sonnenschein? Aber du mußtest +gehen wie Hagar mit deinem Ismael durch die Dornen in der Wüste. Ach, +warum ward nicht dir so ein Garten und so ein Haus, und warum +wohnest du zwischen fünf Brettern und zwei Brettlein und bist deines +Lebens nicht froh geworden noch deines Todes? Sie haben dir keinen +Kranz geflochten. Mir aber ist nichts geblieben als deine Zucht, und +ich kann dein nicht gedenken in Freuden, denn mir gehöret nichts als +die Armut, und ich habe keinen Säckel, aus dem ich dir das schönste +Grab könnte erbauen lassen von Marmelstein und Gold." +</p> + +<p> +Wie traurig ward ich da und wendete meine Augen von allem, was ihnen +wohlgefiel, und wollte nichts anschauen, weil sie es nicht mit mir +sehen konnte, weil sie ihre Augen nie mit so erlaubter Lust erquicken +konnte. Auch fiel es mir bittrer noch auf die Seele, daß ich eines +Ritters Sohn sei, ohne Wappen und ohne Waffen. Tränen füllten mir +die Augen, und Unwill erfüllte meinen ganzen Leib, der in dem neuen +geschenkten Gewand zu brennen schien, und ich spannte mein enges, +durchlöchertes Mäntelein so um mich, daß es noch mehr zerrissen. +</p> + +<p> +So schritt ich, als suche ich die Wildnis, nach einem einsamem +ungepflegten Teile des Gartens, und kaum stand ich im hohen Gras +unter hohen Linden, so konnte ich schon nicht mehr begreifen, wie +dieser innre Schmerz und Zorn in mich zum ersten Male in meinem Leben +gekommen sei, und gegen die Mauer des Gartens schreitend, sah ich an +derselben in einem tiefen Bogenraum ein Heiligenhäuslein angebracht, +darinnen war wohlvergittert ein buntgemaltes Schnitzwerk, die +Anbetung der heiligen drei Könige im Stall zu Bethlehem, aufgestellt. +Davor kniete ich nieder ins Gras und betete von ganzem Herzen. Da +zerrann bald all mein Leid und meine Hoffart vor dem Sohne Gottes, +der nackt und arm in einer Krippe vor mir lag, und dem doch die +Könige dienten. Wie fühlte ich mich in meiner Ungebärdigkeit +beschämt! Und da ich mich mit Tränen angeklagt hatte, dankte ich von +ganzem Herzen dem Herrn, daß er mich armen fahrenden Schüler nicht +vergessen, und mich durch seine Barmherzigkeit zu meinem gnädigen +Herrn und Ritter gebracht, gelobte auch, ferner mich aller Hoffart zu +enthalten und die Künste, welche ich durch seinen Beistand mit +schwachen Sinnen erlernet, zur Mehrung seines Reiches auf Erden treu +anzuwenden. +</p> + +<p> +Da ich nun nach solchem Gebete einen merklichen Trost in meinem +Herzen spürte, nahm ich ein gülden gewirktes Band, worauf das Ave +Maria stand, aus meinem Gebetbüchlein, und hängte es, durch das +Gitter langend, dem Bilde der Jungfrau Maria über den Arm, als das +Opfer eines törichten Menschen, der vor ihrem Sohne betend Trost +gefunden hatte. Dieses Band aber war mir das Liebste, was ich hatte. +Eine fromme Klosterfrau, meiner selgen Mutter Befreundte, hatte es +mir einst für ein Lied, das ich ihr gedichtet und gesungen, +geschenket, und war es zu Marburg an St. Elisabethen Grab angerühret +worden; ich aber hatte es bisher als einen Blattzeiger in meinem +Gebetbüchlein geführet. Dann nahm ich auch mein Mäntelein ab, und +rollte es zusammen in einen langen Wulst und flocht es durch die +obern Stäbe des Gitters vor dem Bilde, als einen aufgerollten Vorhang, +zum Gedenken meiner zeitlichen Armut, welche durch Gott sich in +Freud und Fülle gewandelt hatte. Nun wendete ich mich nach dem +Garten zurück, der mir ganz anders erschien als vorher. +</p> + +<p> +So mag nichts vor dem Gemüte des Menschen bestehen, welches alles +nach sich umgestaltet. Jetzt, da ich gebetet hatte, erschienen mir +alle die roten, leibfarben und weißen Blümlein des Gartens jene +Blumen, durch die der König Ahasverus in seinem Schloßgarten zu Süsan +gewandelt, seines Zornes zu vergessen. Ja, es war mir, als sei der +liebe Gott durch diese Blumen gegangen und habe seinen gerechten Zorn +über meine Ungebärde hier an der Lieblichkeit seiner Werke +gesänftiget; denn hier an diesem ersten Morgen meines zwanzigsten +Jahres ist mir vieles Licht in der Seele aufgegangen, und ist mir der +Frühling ein weiser Lehrer geworden. +</p> + +<p> +Besonders aber hat mich der hohe Münsterturm erschüttert, als ich aus +einem schattichten Baumgang hervortrat und ihn über die Dächer der +Nachbarhäuser auf mich niederschauen sah. War mir es doch im Anfang +so bange vor ihm, wie es einer Grasmücke sein muß, wenn ein Riese den +Busch über ihrem Neste öffnet und auf sie niederblickt. Alles +Menschenwerk, so es die gewöhnlichen Grenzen an Größe oder Vollendung +überschreitet, hat etwas Erschreckendes an sich, und man muß lange +dabei verweilen, ehe man es mit Ruhe und Trost genießen kann. +</p> + +<p> +Ich habe dieses aber nicht allein bei dem Anblick dieses +schwindelhohen Turmes empfunden, sondern auch bei gar lieblichen und +feinen Werken, von welchen ich nur nennen will die überaus feinen und +natürlichen Gemälde des Malers Wilhelm in Köln, der von den Meistern +als der beste Meister in allen deutschen Landen geachtet wird, denn +er malet einen jeglichen Menschen von aller Gestalt, als lebe er. +Die Werke dieses Wilhelms aber, die ich zu Köln gesehen, sind +dermaßen zart, fein, scharf und lebendig, daß man schier glauben +sollte, sie seien von Händen der Engel gemacht, und erbebet man bei +ihrem Anblick, weil sie zu leben scheinen und doch nicht leben. Man +fühlet da wohl, daß der Mensch etwas sein und schaffen kann, was viel +herrlicher ist als sein gewöhnliches Sein und Schaffen, und man +erschrickt darüber, daß diese Herrlichkeit so fremd und selten ist; +daher wohl eine Menge Sprossen auf der Leiter zu dieser +Vollkommenheit wo nicht fehlen, doch unsichtbar sein müssen und wir +alle wohl tief herunter geworfen sind. +</p> + +<p> +Die gewaltige Künstlichkeit des wunderwürdigen Münsterturms hätte +mich beinahe wieder niedergeschlagen; denn ich bedachte mit +Verwunderung, wie ich doch unter den hohen Eichen, in finstern +Wäldern, auf hohen Bergen, an steilen Abgründen und bei stürzenden +Wasserfällen in einsamen Tälern recht in Einöde, ja ganz verlassen, +auch wohl gar hungrig gesessen und mich doch nicht so bewegt gefühlt +als bei dem Anblick dieses Turmes. Wenn ich die Blätter und Zweige +der Bäume betrachte, so frage ich nicht, wie sie da hinauf gekommen, +und erschrecke nicht, wenn sie sich hin und her bewegen mit Rauschen; +aber wenn ich diesen wunderbaren Turm anschaue mit seinen vielen +Türmlein, Säulen und Schnörkeln, die immer auseinander heraustreiben +und durchsichtig sind wie das Gerippe eines Blattes, dann scheint er +mir der Traum eines tiefsinnigen Werkmeisters, vor dem er wohl selbst +erschrecken würde, wenn er erwachte und ihn so fertig vor sich in den +Himmel ragen sähe; es sei denn, daß er auf sein Antlitz niederfiele +und ausriefe: "Herr, dies Werk ist nicht von mir in seiner +Vollkommenheit, du hast dich nur meiner Hände bedienet, mein ist +nichts daran als die Mängel, diese aber decke zu mit dem Mantel +deiner Liebe, und lasse sie verschwinden im Geheimnis deiner Maße." +Keiner aber hat dieses wohl erlebet, keiner hat einem solchen Werke +seiner Erfindung die Krone aufgesetzet, ganze Geschlechter sind von +den Baugerüsten herabgestiegen und haben sich zu Ruhe in die Gräber +zu den Füßen des Turmes gelegt, der nichts davon weiß, und dasteht +ernst und steinern, der kein Herz und keinen Verstand hat, ja +eigentlich ein recht unvernünftiger Turm ist, und doch dasteht, als +wäre er aus sich selbst hervorgewachsen und brauche es keinem +Menschen zu danken. Dieser gewaltige Ausdruck der Erhabenheit aber +in einem solchen Werke, an welchem die Weisheit und Mühe und Andacht +von Jahrhunderten an unendlichen Linien des Gesetzes, des +Verhältnisses, der Not und der Zier mit halsbrechender Kühnheit +hinangeklommen, um auf dem Gipfel dem Herrn zu lobsingen, verbunden +mit seinem eigentlichen inneren Tode, so daß er, der alles durch sein +Dasein im tiefsten Herzen rühret, doch gar nichts davon mitempfindet, +das ist es, was seinem Anblick und der Erscheinung aller gewaltigen +Menschenwerke einen Schrecken beimischet. Es ist, als frage er: Was +bin ich, und warum bin ich, und was ist es, das dich also rühret in +mir? Was können wir ihm aber anderes antworten als: Die Werke des +Herrn sind unbegreiflich, er treibt uns, zu bauen und schaffen über +das Leben hinaus, denn wir waren unsterblich und vollkommen, und wir +sind gefallen in den Tod durch die Sünde; du Turm aber stehe, als ein +Zeuge, daß wir dunkel fühlen, was wir waren vor dieser Zeit, und daß +wir noch ringen nach unendlichem Ziel; so stehe du dann als ein +Träger unsrer Mühe und unsrer Buße zu Ehren unsres Heilands und +Seligmachers Jesu Christi, der uns erlöset hat durch sein bittres +Leiden und Sterben. Amen. +</p> + +<p> +Also gedachte ich in mir, und wenngleich umgeben von lebenden Bäumen +und Blumen, in welchen, wie selbst in den harten Felsen, eine Seele +zu wohnen scheint, welche mit dem Menschen atmet und fühlet, im +Frühling sich mit ihm freuet, und im Winter mit ihm trauert, konnte +ich doch meine Augen nicht von dem Turme wenden. Der Sinn des +Menschen strebet immer nach dem Unbegreiflichen, als sei dort das +Ziel der Laufbahn und der Schlüssel des Himmels; denn bewundern kann +der Mensch allein, und alles Bewunderung Erregende ist ein Bote +Gottes, der uns mahnet an das Licht, das wir verloren, und das uns +wieder verheißen ist durch das Blut Christi, so wir uns dessen +teilhaftig machen. Also ist mir auch immer alle meine Drangsal +erschienen als eine Sehnsucht nach einem bessern Leben, und alle +meine bittern Stunden waren nur die kalten, stürmenden Tage des +Winters, denen der liebliche Frühling, angekleidet mit Blumen und +Gesang, folget, so ich säe guten Samen und fülle meine Seele mit dem +Lobe Gottes. +</p> + +<p> +In solchen Betrachtungen wollte ich wieder nach dem Sommerhäuslein +gehn, sah aber meinen gnädigen Herrn und Ritter gar tiefsinnig mit +gefalteten Händen unter einem Baume im Sonnenschein sitzen, und +traute nicht, ihm vorüberzugehen, damit ich ihn nicht störe. Ich +stellte mich darum in seiner Nähe bescheidentlich an die Laubwand, +und nahm mein Barett in die Hände, erwartend, ob er seine Augen +vielleicht nach mir wenden möge. +</p> + +<p> +Der Anblick meines Herrn erweckte eine große Ehrfurcht in mir. Ich +hatte ihn gestern nicht recht gesehen, denn es dunkelte schon, da er +mich am Wege barmherzig zu sich nahm. Er hatte ein schneeweißes Haar +am Haupt und Bart, und mochten wohl viele Sorgen über ihn hingeflogen +sein. Ich erinnerte mich, nie einen so frommen alten Ritter gesehen +zu haben, der mit seinem ernsten und milden Antlitz ein solches +Vertrauen in mein Herz senkte. Gott gebe, daß ich also in Ehren grau +werden möge! dachte ich bei mir und fühlte mich mit ganzer Seele zu +dem lieben Herrn hingezogen. Er aber schien sehr betrübt zu sein, +seufzte auch oft und tief, und die kleinen Vöglein, die über ihm in +dem Baume so lustig sangen, konnten ihn nicht trösten. +</p> + +<p> +Da ich so eine Weile nach ihm hingesehen hatte, wendete er die Augen +zufällig zu dem Orte, an dem ich stand, und redete mich freundlich an +mit den Worten: "Wie ist dir, Johannes, daß du so stille dastehest?" +Worauf ich ihm entgegnete: "Ich wollte Eure Ruhe nicht stören, Herr; +Ihr scheinet mir in schweren Gedanken." +</p> + +<p> +Der Ritter aber sprach hierauf: "Johannes, wie gefällt dir deine neue +Heimat; bist du zufrieden bei mir?" +</p> + +<p> +Da sagte ich: "Herr, sollte ich nicht froh sein? Da ich nun weiß, wo +schlafen und wo Brot finden und wem dienen um des Herren willen, da +weiß ich nun auch, wen lieben, wem danken außer Gott, und für wen +beten außer für mich. Herr, meine neue Heimat gefällt mir wohl; Gott +gebe, daß ich auch ihr wohlgefalle, und ihrer würdig werde." Da +lächelte der Ritter und sprach: "Johannes, wenn dir deine Worte ernst +sind, so werden wir gute Gesellen sein, denn deine Rede gefällt mir +wohl. Aber was willst du tun, mir wohlzugefallen; was willst du mir +geben, da du nichts hast?" +</p> + +<p> +Hierauf erwiderte ich: "Herr, ich bleibe Euer Schuldner vor der Welt, +denn ich kann Euch kein Wams geben für das Wams, das ich durch Eure +Gnade trage; aber vor Gott gebe ich Euch einen guten Zahlmann, denn +vor ihm schenke ich Euch mein Herz." +</p> + +<p> +Da versetzte der Ritter scherzhaft: "Wenn ich dir nun auch mein Herz +geben wollte für das deinige, so behielt ich doch das Wams zugute; +wie dann, Johannes?" +</p> + +<p> +Worauf ich entgegnete: "Herr, Ihr rechnet so gestreng, als wolltet +Ihr mich versuchen in Gegenrechnung, und so muß ich dann schon sagen, +daß mein Herz gewiß nicht Wert hat gegen das Eure, welches geprüfet +ist durch lange Jahre, da das meinige arm ist und ohne Verdienst, ja +da ihm alles Gute, was es gewollt hat, nicht zugute kömmt, da es +keinen Wert hat, den es Euch mit sich geben kann, weil der Glaube an +die Barmherzigkeit des Heilands nicht mit dem Herzen geschenkt werden +kann und dieser Glaube allein doch ein Herz zu beseligen und selig zu +machen vermag. So nehmt es denn hin, wie es ist, und füget hinzu, +was man nicht mitgeben kann. Doch habe ich noch eine Gabe, deren ich +Euch genießen lassen will, und die Ihr mir nicht so leicht einholen +sollet; denn sie ist rasch und fliehet davon, auch werdet Ihr sie mit +allem Ernste nicht leicht verdrängen mögen; denn sie ist lieblich und +lustig anzuschauen, und könnte ich sie Euch wirklich zu eigen geben, +so würdet Ihr sie nicht gerne wieder lassen, eine also gute Gesellin +ist sie." +</p> + +<p> +Mein Herr, der sehr ernst geworden war, sagte hierauf, traurig vor +sich niederschauend: "Und was ist das vor ein Kleinod, Johannes, mit +dem du so prahlest?" +</p> + +<p> +Da erwiderte ich: "Herr, es ist meine Jugend; deren will ich Euch +genießen lassen, wie ich kann. Damit Ihr Euer Alter vergesset bei +mir, will ich Euch erfreuen mit mancherlei fröhlichen Reden und +Gedanken." +</p> + +<p> +Aber was ich da zuletzt gesprochen hatte, war wohl töricht und ein +schlechter Anfang meiner versprochenen erfreulichen Reden; denn mein +gnädiger Herr ward nun sehr stille und finster. Weil ich ihn an sein +Alter erinnert hatte, glaubte ich. Da redete ich ihn schüchtern an: +"Herr, ich habe Euch mit törichten Worten erzürnet." +</p> + +<p> +Er aber sprach: "Das hast du nicht getan, Johannes, du hast die +Wahrheit gesprochen, aber mir ist schwerer aufs Herz gefallen, was +mir lange schon darauf liegt, mein Unwert. Nun aber bedenke ich, ob +dein fröhlicher Mut mir wohl diese Last von der Brust nehmen wird; +aber das mag wohl nicht sein; hast du mich nicht gefunden hier im +Grünen, in einem lustigen Garten, von der lieben Sonne beschienen, +und angesungen von den unschuldigen Vögelein, nachdenklich und +betrübt? Wirst du können, was der Frühling nicht vermag? So du aber +Künste gelernt hast, die ich nicht besitze, so wirst du mein +Schuldner nicht bleiben, wenn ich gleich selbst ewig Gottes Schuldner +bleibe. Setze dich zu mir und sage mir treulich, wie du zur Armut +gekommen bist im Guten, und wie es sich mit dir begeben, bis ich dich +gestern an der Eiche gefunden habe im Blobsheimer Wald, und dann +sollst du ebenfalls von mir hören, warum ich betrübt bin." +</p> + +<p> +Da ich die große Freundlichkeit meines Herrn aus dieser Rede +vernommen hatte, faßte ich einen guten Mut, setzte mich zu ihm unter +den Baum, und sprach also: "Mein gnädiger Herr und Ritter, es gibt +keinen ehrlicheren Weg ins Leben als die Geburt, denn unser Heiland +ist ihn auch gewandelt, und so gibt es auch keinen ehrlicheren Weg +zur Armut, als in ihr geboren zu sein, denn auch unser Heiland ward +in ihr geboren, und so kam ich zur Armut, als ich zur Welt kam. Aber +ich bin doch nicht lang arm geblieben; denn ich fand eine +unaussprechlich liebe Mutter; die ließ mich an ihrem Herzen +schlummern, und sah auf mich nieder mit sorgenden Liebesblicken, und +weckte sie mich nicht mit ihren Tränlein, die auf mich niederfielen, +so weckte sie mich mit Küssen, und ließ mich ihr eignes Leben aus +ihren Brüsten trinken; o Herr, war ich nicht reich, wer ist reicher +als ein neugebornes Kindlein?--Ja, ich war so reich, daß ich meiner +lieben Mutter Freud und Leid verdoppeln konnte, was Ihr wohl aus +einem Liede vernehmen werdet, das meine Mutter oft sang, wenn sie +mich in frühster Jugend einschläferte, und habe ich es nach ihrem +Tode in ihrem Gebetbüchlein liegend gefunden; es ist aber gestellt, +bald als rede ein Kindlein zur Mutter, bald die Mutter zu ihm; nun +höret: +</p> + +<p><br /></p> + +<p class="poem"> + O Mutter, halte dein Kindlein warm,<br /> + Die Welt ist kalt und helle,<br /> + Und trag es fromm in deinem Arm<br /> + An deines Herzens Schwelle.<br /> +</p> + +<p class="poem"> + Leg still es, wo dein Busen bebt,<br /> + Und, leis herab gebücket,<br /> + Harr liebvoll, bis es die äuglein hebt,<br /> + Zum Himmel selig blicket.-Und weck ich dich mit Tränen nicht,<br /> + So weck ich dich mit Küssen;<br /> + Aus deinem Aug mein Tag anbricht,<br /> + Sonn, Mond dir weichen müssen,<br /> +</p> + +<p class="poem"> + O du unschuldger Himmel du!<br /> + Du lachst aus Kindesblicken,<br /> + O Engelsehen, o selge Ruh,<br /> + In dich mich zu entzücken!<br /> +</p> + +<p class="poem"> + Ich schau zu dir so Tag als Nacht,<br /> + Muß ewig zu dir schauen,<br /> + Und wenn mein Himmel träumend lacht,<br /> + Wächst Hoffnung und Vertrauen.<br /> +</p> + +<p class="poem"> + Komm her, komm her, trink meine Brust,<br /> + Leben von meinem Leben;<br /> + O, könnt ich alle fromme Lust<br /> + Aus meiner Brust dir geben!<br /> +</p> + +<p class="poem"> + Nur Lust, nur Lust, und gar kein Weh,<br /> + Ach, du trinkst auch die Schmerzen;<br /> + So stärke Gott in Himmelshöh<br /> + Dich Herz aus meinem Herzen!<br /> +</p> + +<p class="poem"> + Vater unser, der du im Himmel bist,<br /> + Unser täglich Brot gib uns heute,<br /> + Getreuer Gott, Herr Jesus Christ,<br /> + Tränk uns aus deiner Seite.-Du strahlender Augenhimmel du,<br /> + Du taust aus Mutteraugen,<br /> + Ach Herzenspochen, ach Lust, ach Ruh,<br /> + An deinen Brüsten saugen!<br /> +</p> + +<p class="poem"> + Ich schau zu dir so Tag als Nacht,<br /> + Muß ewig zu dir schauen;<br /> + Du mußt mir, die mich zur Welt gebracht,<br /> + Auch nun die Wiege bauen.<br /> +</p> + +<p class="poem"> + Um meine Wiege laß Seide nicht,<br /> + Laß deinen Arm sich schlingen,<br /> + Und nur deiner milden Augen Licht<br /> + Laß zu mir niederdringen.<br /> +</p> + +<p class="poem"> + Und in deines keuschen Schoßes Hut<br /> + Sollst du deine Kindlein schaukeln,<br /> + Daß deine Kinder, so lieb, so gut,<br /> + Wie Träume mich umgaukeln.<br /> +</p> + +<p class="poem"> + Da träumt mir, wie ich so ganz allein<br /> + Gewohnt dir unterm Herzen;<br /> + Da waren die Freuden, die Leiden dein<br /> + Mir Freuden auch und Schmerzen.<br /> +</p> + +<p class="poem"> + Und ward dir dein Herz ja allzu groß,<br /> + Und hattest nicht, wem klagen,<br /> + Und weintest du still in deinen Schoß,<br /> + Half ich dein Herz dir tragen.<br /> +</p> + +<p class="poem"> + Da rief ich: Komm, lieb Mutter, komm!<br /> + Kühl dich in Liebeswogen!<br /> + Da fühltest du dich so still, so fromm<br /> + In dich hinabgezogen.<br /> +</p> + +<p class="poem"> + So mutterselig ganz allein<br /> + In deiner Lust berauschet,<br /> + Hab ich die klare Seele dein,<br /> + Du reines Herz, belauschet.<br /> +</p> + +<p class="poem"> + Was heilig in dir zu aller Stund,<br /> + Das bin ich all gewesen;<br /> + Nun küß mich, süßer Mund, gesund,<br /> + Weil du an mir genesen.<br /> +</p> + +<p class="poem"> + O selig, selig ohne Schuld,<br /> + Wie konnt ich mit dir beten;<br /> + O wunderbare Ungeduld,<br /> + Ans scharfe Licht zu treten!<br /> +</p> + +<p class="poem"> + O Mutter, halte dein Kindlein warm,<br /> + Die Welt ist kalt und helle,<br /> + Und trag es fromm, bist du zu arm,<br /> + Hin an des Grabes Schwelle.<br /> +</p> + +<p class="poem"> + Leg es in Linnen, die du gewebt,<br /> + Zu Blumen, die du gepflücket,<br /> + Stirb mit, daß, wenn es die äuglein hebt,<br /> + Im Himmel es dich erblicket.<br /> +</p> + +<p class="poem"> + So lallt zu dir ein frommes Herz,<br /> + Und nimmer lernt es sprechen,<br /> + Blickt ewig zu dir, blickt himmelwärts<br /> + Und will in Freuden brechen.<br /> +</p> + +<p class="poem"> + Brichts nicht in Freud, brichts doch in Leid,<br /> + Bricht es uns allen beiden.<br /> + Ach, Wiedersehen geht fern und weit,<br /> + Und nahe geht das Scheiden!<br /> +</p> + +<p><br /></p> + +<p> +Als ich das Lied ganz hergesagt, waren ich und mein Herr Ritter ein +bißchen stille. Dann hob er an und sprach: "Du hast recht, lieber +Johannes, du warst recht reich, eine so liebe Mutter auf Erden zu +finden; das ist ein schönes Lied, aber es ist auch viel Trauer darin; +wer hat es denn also gesetzet, daß es am Ende so schmerzlich vom +Scheiden spricht?" +</p> + +<p> +Da sagte ich: "Mein Vater hat es gesetzt, als ich noch nicht geboren +war, da er von meiner Mutter scheiden mußte, und hat sie ihn nie +wiedergesehn, und kenne ich ihn auch nicht." Da brachen mir die +Tränen aus, aber mein gnädiger Herr fuhr mir freundlich mit der Hand +über das Haupt und sagte: "Sei wohlgemut! Ich will dein Vater sein, +das reicht auf Erden hin, Gott gebs!" Da küßt ich ihm die Hand und +fuhr fort: "Ach, Herr Ritter, solcher Reichtum an einer so lieben +Mutter war noch nicht genug; denn gute Leute nahmen mich auf ihre +Arme und trugen mich in die Kirche; da ward ich durch die heilige +Taufe aufgenommen unter die Kinder Gottes und ward gereinigt von +aller Sünde und ward teilhaftig der Versühnung unseres Herrn Jesu +Christi. Da ward ich erst reich über alle Maßen, da hatte ich das +ewige Leben und den Schlüssel des Himmels geschenket. Dann aber auch +ward mir gegeben viele irdische Herrlichkeit, und was zum Leben nötig +und lustig ist; denn ich ward gelehret, daß der Glanz der Sonne all +mein Gold sei, der Spiegel der Flüsse all mein Silber, die grünen +Wiesen mit ihren Blumen all meine Teppiche und Tapezereien, der +Himmel mit seinen blauen gestirnten Gewölben und der grüne hohe Wald +alle meine Gebäude und Hallen; ja endlich bin ich so reich geworden, +daß mir die ganze Welt offen stand, und alle guten Menschen meine +Diener warden, zu denen ich sprechen durfte: Gib mir dies, gib mir +jenes; und hatte ich auch keinen Herrn, als den Herrn aller Herren, +den lieben Gott, der mir das Leben zu einem Leben gegeben, und in +dessen Hände ich es, so der heilige Geist seine Gnade verleiht, und +mein Herr Jesus sich meiner erbarmt, ohne große Makel zurückzugeben +hoffe, und habe ich mir zum Spruche auf mein Schild erwählt--denn ich +bin eines Ritters Sohn--: +</p> + +<p><br /></p> + +<p class="poem"> + Der Himmel ist mein Hut,<br /> + Die Erde ist mein Schuh,<br /> + Das heilge Kreuz ist mein Schwert,<br /> + Wer mich sieht, hat mich lieb und wert."<br /> +</p> + +<p><br /></p> + +<p> +Da lächelte Herr Veltlin und sprach: "Dein Hut ist besser als deine +Schuh, die wirst du dir bald ablaufen, aber dein Schwert ist das +mächtigste auf Erden und hat einen guten Waffenschmied gehabt, du +bist ein guter Ritter, und deine Fahrt mag friedlich abgehen, denn +die dich sehen, haben dich lieb und wert. Aber erzähl mir nun dein +Herkommen!" +</p> + +<p> +Da zog ich ein Buch aus meinem Buchbeutel und sprach: "Ich will es +Euch lesen, denn ich habe angefangen, es mir aufzuschreiben, und zwar +so recht ausführlich, wie es mir eingefallen, mit allerlei Rede und +Betrachtung; wie mir bewußt ward, daß es gewesen ist und gewesen sein +kann." Da sprach Herr Veltlin: "Du kannst schreiben? Johannes, das +kann ich nicht, und bin ich begierig zu hören, ob du auch alles so +aufgeschrieben, daß ich es wohl genießen mag; denn da die Schrift als +etwas Künstlicheres und dem Menschen Merkwürdigeres gegeben wird als +gewöhnliche Rede, die schnell dahin fliegt, so soll sie auch des +Aufbehaltens würdiger dem Menschen dargereicht werden, und also +wohlgesetzt und deutlich sein. Lies nun!" Da hob ich an: Chronika +des fahrenden Schülers Johannes Laurenburger, von Polsnich an der Lahn +</p> + +<p><br /></p> + +<p class="poem"> + Dieses Buch ist mir wert und lieb;<br /> + Wer es mir stiehlt, der ist ein Dieb.<br /> +</p> + +<p><br /></p> + +<p> +Ich bin geboren am 20. Mai 1318 zu Polsnich an der Lahn; das ist ein +Hof, der gehört zum Kloster Arnstein, darin ich getauft wurde +Johannes. Meine Mutter selig wohnte in einem kleinen Häuslein vor +dem Hof, und nannte man sie die schöne Laurenburger Els; mein Vater +aber, den ich nie gesehen, war der Ritter von der Laurenburg, die dem +Kloster Arnstein gegenüber an der Lahn liegt. Was es aber für eine +Beschaffenheit mit ihm habe, will ich hier niederschreiben, so viel +ich erfahren, wenn ich zu der Zeit in meinem Leben gelange, da es mir +selbst bekannt worden. +</p> + +<p> +Das erste, dessen ich mich aus frühster Jugend von meiner Mutter +recht deutlich erinnre, ist, daß sie mich lehrte, mich mit dem +Zeichen des heiligen Kreuzes zu bezeichnen und die Hände zu falten +und das Vaterunser und den englischen Gruß zu beten. Sie sagte mir +die Gebete vor, ich schaute nach ihren Lippen und sprach ihr nach, +und ich erinnere mich noch recht sehr deutlich meiner großen Freude, +als ich zum ersten Male abends neben ihr an ihrem Betschemel kniete, +und diese heiligen Gebete mit ihr fertig und ohne Fehl sprach. Jetzt +noch, wenn ich bete, ist es mir oft, als schaute ich nach ihren +Lippen und spräche ihr nach. +</p> + +<p> +Sie war arm, fromm und arbeitsam, und wenn ich sie gleich später in +mancherlei Geschäft gesehen, schwebt mir ihr Bild doch meistens +betend, singend oder spinnend vor Augen. Wenn sie mich manchmal +abends schon im Bette entschlafen glaubte, wachte ich noch und +horchte auf das Schnurren ihrer Spindel und ihren rührenden Gesang; +denn sie saß spät auf, ihr Brot in Ehren zu verdienen. +</p> + +<p> +Der Anblick meiner holdseligen Mutter, wenn sie so bei Lampenschein +vor sich hinsang und spann, rührte mich oft bis zu Tränen; warum, das +weiß der liebe Gott gewiß, zu dem ich wohl zuhörend mit kindischem +Herzen für sie gebetet habe. +</p> + +<p> +Einmal weiß ich, daß ich gar sehr weinen mußte; als ich sie nachts +bei ihrem Rocken so vor sich hin singen hörte, da fing eine +Nachtigall vor unserm Fenster auch an zu singen; es war schon sehr +spät, und der volle Mond schien klar und hell. Meine Mutter aber +hörte nicht auf zu singen, und sang das Vögelein und sie zugleich. +Da habe ich zum erstenmal Traurigkeit empfunden und kindische Sorgen +um den Ernst des Lebens gehabt, die ich wohl noch fühle, aber nicht +auszusprechen vermag; da habe ich mich auch leise im Bette +aufgerichtet und meiner Mutter zugehört. Sie sang aber ein Lied, das +lautete also: +</p> + +<p><br /></p> + +<p class="poem"> + Es sang vor langen Jahren<br /> + Wohl auch die Nachtigall;<br /> + Das war wohl süßer Schall,<br /> + Da wir zusammen waren.<br /> +</p> + +<p class="poem"> + Ich sing und kann nicht weinen<br /> + Und spinne so allein<br /> + Den Faden klar und rein,<br /> + Solang der Mond wird scheinen.<br /> +</p> + +<p class="poem"> + Da wir zusammen waren,<br /> + Da sang die Nachtigall;<br /> + Nun mahnet mich ihr Schall,<br /> + Daß du von mir gefahren.<br /> +</p> + +<p class="poem"> + So oft der Mond mag scheinen,<br /> + Gedenk ich dein allein;<br /> + Mein Herz ist klar und rein,<br /> + Gott wolle uns vereinen!<br /> +</p> + +<p class="poem"> + Seit du von mir gefahren,<br /> + Singt stets die Nachtigall;<br /> + Ich denk bei ihrem Schall,<br /> + Wie wir zusammen waren.<br /> +</p> + +<p class="poem"> + Gott wolle uns vereinen,<br /> + Hier spinn ich so allein;<br /> + Der Mond scheint klar und rein,<br /> + Ich sing und möchte weinen!<br /> +</p> + +<p><br /></p> + +<p> +Besonders traurig aber kam es mir vor, daß der Vogel und meine Mutter +zugleich sangen und doch nicht recht miteinander, und hätte ich +damals wohl wissen mögen, ob der Vogel auch in seinem Gesange meiner +Mutter gedachte, und ob er auch lieber geweint als gesungen hätte. +Ich fragte darum meine Mutter mit den Worten: "Mutter, was singt denn +die Nachtigall dazu?" +</p> + +<p> +Da sagte sie: "Die Nachtigall sehnt sich und lobet Gott; also tue ich +auch. Aber, Johannes, warum wachst du? Schlafe, du mußt morgen früh +heraus und mit mir nach Kloster Arnstein gehn; wenn du nicht schläfst, +so nehme ich dich nicht mit." Da löschte sie die Lampe aus, und +trat vor mein Bettlein und machte mir das Zeichen des Kreuzes auf +Stirne, Mund und Herz und küßte mich, und da ich fühlte, daß sie +weinte, schlang ich meine Arme um ihren Hals und drückte ihr Antlitz +fest an das meinige, und da weinten wir beide. +</p> + +<p> +Ich fragte sie aber: "O liebe Herzmutter, was weinest du, und warum +machst du mir nochmals das Kreuz? Ich habe ja schon gebetet." +</p> + +<p> +"Lieber Johannes", sprach sie hierauf, "ich mache dir immer das Kreuz +und küsse dich, wenn ich schlafen gehe, daß dir Gottes und deiner +Mutter Segen in der Nacht zugute komme; aber du hast bisher immer +schon geschlafen, wenn ich es tat, und wußtest es darum nicht." Aber +warum sie weine, sagte sie mir damals nicht. Darauf entkleidete sie +sich und legte sich zu Bette, und betete laut, ich aber sprach ihr +nach: +</p> + +<p><br /></p> + +<p class="poem"> + Herr Jesus, ich will schlafen gehn,<br /> + Laß vierzehn Engel bei mir stehn,<br /> + Zwei zu meiner Rechten,<br /> + Zwei zu meiner Linken,<br /> + Zwei zu meinen Häupten,<br /> + Zwei zu meinen Füßen,<br /> + Zwei, die mich decken,<br /> + Zwei, die mich wecken,<br /> + Zwei, die mich weisen<br /> + Zum himmlischen Paradeise!<br /> +</p> + +<p class="poem"> + Worauf wir ruhig einschliefen.<br /> +</p> + +<p> +Am folgenden Morgen wachte ich früher auf als die Mutter. Die +Schwalbe begann zu singen. Ich kleidete mich leise an und trat an +das Bett meiner Mutter; die hatte die Hände ruhig gefaltet, und der +junge Tag schien auf ihr Angesicht. Ihr Anblick erfüllte mich mit +Liebe und Trauer, denn ich hatte Barbara, die Tochter des Hofmeiers, +neulich also mit gefaltenen Händen stille im Sarge liegen sehn, und +ergriff mich eine so tiefe Angst, daß ich meine Mutter mit ungestümen +Küssen erweckte. Sie erwachte in meinen Armen, und als ich ihr die +Ursache meiner Tränen sagte, nahm sie meine Hände von ihrem Hals und +faltete sie, und schloß sie in ihre lieben Hände, und so beteten wir +zusammen zu Gott, und dankten ihm, daß er uns diese Nacht erhalten +und uns verliehen habe, diesen Tag zu unserer Besserung anzutreten. +Am Schlusse des Gebetes sagte die Mutter: "Du hast gefürchtet, ich +sei tot, Johannes; sterben müssen wir alle, halte dich an unsern +Herrn Jesum und die himmlische Mutter Maria, die werden dir Vater und +Mutter sein, besser als dein irdischer Vater und ich, wenn auch ich +dich verlassen muß. Und wenn ich einst die Hände so schließe, um zu +beten, da ich zur ewigen Ruhe entschlafe, so schließe auch deine +Hände so in die meinigen und bete mit mir, auf daß uns der Heiland +zusammen in die ewige Herrlichkeit seines Angesichts schauen lasse. +"-Da wurd ich still und trat an das Fensterlein unsrer Kammer und sah +nach dem kommenden Tag. Als sich aber meine Mutter angekleidet hatte, +trat sie hinter mich, und hielt mir freundlich die Augen zu, mit den +Worten: "Warte ein wenig, liebes Kind, gleich wirst du etwas sehen, +das du nie gesehen." Während sie mir so die Augen zuhielt, fragte +ich sie: "Liebe Mutter, ist das Gebet dann kräftiger, und gefällt es +dem lieben Gott dann besser, wenn man die Hände so zusammen faltet, +wie du mit mir getan?"--"Gewiß", sagte die Mutter, "wenn die, so es +tun, sich so lieben wie wir, aber den lieben Gott doch noch viel mehr +als einander, und wenn in der Kirche alle Leute zusammen beten und +der Priester am Altare betet, da ist das Gebet des Priesters die Hand, +in die sie alle ihre Hände gefalten haben. Was habe ich dich von +der christlichen Liebe gelehrt?" Da sprach ich: "Du sollst Vater und +Mutter lieben, auf daß du lang lebest auf Erden; du sollst deinen +Nächsten lieben wie dich selbst und Gott über alles."--"Recht", sagte +die Mutter, "o wie selig wäre die Welt, wenn alle Menschen so +vereinet beteten, wie wir es heut tun konnten, und wie es eine fromme +Gemeinde in der Kirche tut." Da sagte ich kindisch: "Aber alle +Menschen können doch nicht ihre Hände zu zwei Händen zusammenlegen. +"--"O gewiß, das können sie", erwiderte die Mutter, "und das in +unsers lieben Erlösers Jesus Christi Hände, der überall und an allen +Orten ist, und seine heiligen Hände für uns am Kreuze ausgespannt hat, +uns zu erlösen von der Sünde. Denn er hat uns ja das Gebet gelehret, +und er ist die Hand, in welche wir unsre Hände legen müssen, so +unser Gebet zu Gott dringen soll; denn er selbst hat auf Erden gesagt: +"Alle Dinge sind mir übergeben von meinem Vater, und niemand +erkennet den Sohn, als nur der Vater, und niemand kennet den Vater, +als nur der Sohn, und wem es der Sohn will offenbaren. Kommet her zu +mir, alle, die ihr mühselig und beladen seid, ich will euch erquicken." +Und der heilige Johannes sagt: "Der Vater hat den Sohn lieb und +hat ihm alles in seine Hand gegeben. Wir haben einen Fürsprecher +beim Vater, Jesum Christum, den Gerechten; der ist die Versöhnung für +unsre Sünden, doch nicht allein für die unsrigen, sondern für die +Sünden der ganzen Welt. Es ist ein Gott und ein Mittler zwischen +Gott und den Menschen, der Mensch Jesus Christus, der sich selbst für +uns alle zur Erlösung hingegeben hat." Ach, möchten nur alle ihre +Hände in des Heilands Hand, in die Gott alles gegeben hat, glaubend, +hoffend und liebend legen; dann würden wir alle zusammen schauen in +das Angesicht Gottes." Nach diesen Worten tat die liebe Mutter ihre +Hände von meinen Augen und sprach: "Gelobet sei Jesus Christus!", und +ich erwiderte: "In Ewigkeit, Amen!" und sah mit großer Seligkeit in +den Glanz der Morgensonne, die über dem Lahntal hervorstieg. "Ach, +Mutter", rief ich aus, "ist dieses Gottes Angesicht?"--"Nein, mein +Kind", erwiderte sie, "das ist nur seine erschaffene Sonne, die er +über uns arme sündige Menschen scheinen läßt; aber denen, die ihn +lieben, hat Gott bereitet, was kein Auge gesehn und kein Ohr gehört +hat, und was in keines Menschen Herz gekommen ist." +</p> + +<p> +Ich habe aber damals die Sonne zum ersten Male aufgehen sehen, weil +ich so früh vorher nie aufgestanden. Dieses Morgens und aller meiner +Mutter Rede und Tun an demselben habe ich bis jetzt gar oft mit +großem Nutzen gedacht. Nun aber nahm meine Mutter Linnen, das sie +gewebt, und Garn, das sie gesponnen und gezwirnet, um es in dem +Kloster zu verkaufen. Sie trug es in dem Korbe auf dem Kopfe, und da +ich sie darum gebeten, gab sie mir einige Stränge des Garns zu tragen, +welche ich mit einer großen Liebe zu meiner Mutter sehr sorgfältig +bis nach Arnstein getragen habe. Wir kamen daselbst in des Abtes +Stube, die war mit schönen Bildern ausgemalt; auch handelte der Abt +selbst um das Tuch mit der Mutter und war ein heiliger, aber sonst +gar freundlicher und lustiger Mann, fragte mich auch, da ich die +schönen Bilder an den Wänden so fleißig betrachtete: "Hans, dir +gefällt wohl meine Zelle; hast du auch Lust, ein geistlicher +Ordensherr zu werden? Wenn du fromm und fleißig bist, kannst du mit +der Zeit diese meine Bilder besitzen und Abt sein, wenn ich in dem +stillen Konvent unter der Kirche schlafe." +</p> + +<p> +Da erwiderte ich: "Ich hätte wohl Lust dazu, Abt in der schönen Zelle +zu sein, Hochwürdiger Herr, wenn meine liebe Mutter mit drinnen +wohnen wollte." Da lachte der Abt und sprach: "Lieber Hans, wenn die +schöne Laurenburger Els mit in den Zellen wohnen dürfte, möchte wohl +das kleine Klosterpförtlein zu enge werden, so viele sollten den +heiligen Orden suchen; aber das geht nicht, denn der Herr spricht, +wir sollen das Kreuz auf uns nehmen, alles verlassen und ihm +nachfolgen; und doch wohnet eine Mutter mit uns in unsern Zellen, die +ist noch viel lieblicher und milder als die deine." Da sah ich bald +den Abt, bald meine Mutter an und konnte seine Rede nicht recht +glauben, sagte auch zuletzt: "Ach, Hochwürdiger Herr, zeiget mir sie!" +Da lachte der Abt wieder und sprach: "Mein Hans, zeigen kann man +sie nicht, aber wir leben alle in ihrem Schoße, und auch du; es ist +die heilige Mutter, die Kirche, welche unser lieber Herr Jesus sich +zu einer Braut erkoren; aber das verstehest du noch nicht." Da sagte +ich: "Nein!", und er gab mir drei Bildlein aus seinem Gebetbuch, das +war St. Jörgen Bild, meines Vaters, Ritter Jörgen von der Laurenburg, +Patron, St. Elsbethen Bild, meiner Mutter Patronin, und St. Johannsen +mit dem gülden Mund Bild, mein Patron, worüber ich große Freude +empfand, und als ich ihm den ärmel küssen wollte, reichte er mir die +Hand und sprach: "Johannes, bitte Frau Else, deine Mutter, daß sie +dich bald herauf zur Schule tut, da sollst du zur Messe dienen lernen, +und für jede Messe einen halben Heller von mir erhalten." Da bat +die Mutter den Abt um seinen Segen, und knieten wir beide vor ihm, +und er legte seine Hände auf uns und betete. +</p> + +<p> +Meine Mutter ließ aber von dem Geld, das er ihr für die Linnen +gegeben, zurück, eine heilige Messe für ihr Anliegen in Sankt Jörgen +Kapelle zu lesen, und da der Abt fragte: "Laurenburgerin, was ist +Euer Anliegen?", traten meiner Mutter die Tränen in die Augen, und +sie sprach mit Schämen: "Das stell ich Gott anheim, Hochwürdiger Herr." +Der Abt erwiderte hierauf mit ernster und freundlicher Stimme: +"Laurenburgerin, nehmet Euer Geld zurück und wendet es Eurem Kinde zu; +ich weiß, Ihr lebet bedrängt, ich will das heilige Meßopfer selbsten +für Euch halten und von ganzem Herzen für Euch beten; aber ergebet +Euch auch in den Willen des Herrn, und hanget nicht weltlichem Kummer +allzu sehr nach." Meine Mutter aber wollte das Geld nicht wieder +nehmen und sprach: "Der Himmel segne Euch, Hochwürdiger Herr, für +Eure Milde, aber ich bedarf des Geldes nicht, welches ich zu heiligem +Opfer erarbeitet; tut des edlen Laurenburgers Weib den Schimpf nicht +an, als könne sie nicht ein kleines Opfer erarbeiten." Da sprach der +Abt: "So Ihr Euch das zu Herzen nehmet, will ich dafür ein Kerzlein +vor St. Jörgen Bild aufstecken lassen. Linnen und Garn gebet unten +im Kloster dem Bruder Sulpizius, daß er Chorhemden daraus mache; denn +Eure Linnen sind gar fein." Da nahm die Mutter die Linnen, und gaben +wir sie unten dem Bruder Schneider; der hielt aber der Mutter den +Korb zurück, bis wir aus der Kirche kamen. +</p> + +<p> +In der Kirche gingen wir zur Linken in eine Kapelle; da stand auf dem +Altar St. Jörgen Bild, wie er den Drachen durchbohret; den Altar +haben die Ritter von der Laurenburg gestiftet und viele Gaben zu dem +Kloster getan, haben auch ihr Begräbnis in dieser Kapelle, wie ich +nachmals erfahren. Zur Rechten des Altars kniete ich mit meiner +Mutter nieder, bei einem steinernen Bilde, das in die Wand gemauert +war. Dieses stellte aber einen alten Ritter vor, der hatte ein +langes geistliches Gewand an, und legte einem jungen Ritter, der vor +ihm kniete, die Hände auf das Haupt. Meine Mutter sah oft und mit +recht innerlicher Bewegung nach dem knienden Ritter. Ich betrachtete +ihn auch, und empfand eine große Freude an ihm, hätte ihm auch gern +etwas Liebes getan und setzte ihm drum einen grünen Kranz auf sein +steinern Haupt, den ich mir im Walde geflochten und noch spielend in +der Hand trug. Da meine Mutter dies sah, fuhr es wie ein Blitz durch +ihre Augen, und umarmte sie mich heftig in der Kirche, aber ihre +Wangen wurden schamrot und ihre Augen voll Tränen; da ließ sie mich +los und senkte das Haupt auf den Betstuhl. Ich empfand große +Bangigkeit um ihre rührende Gebärde. Da trat ein Ordensbruder aus +der Sakristei mit einer schönen bunten Wachskerze; die zündete er an +der ewigen Lampe an, nahte dann unserm Betstuhl und reichte sie +meiner Mutter und mir zu küssen, und als wir dies getan, steckte er +sie auf St. Jörgen Leuchter, der neben St. Jörgen Altar stand und +gestaltet war wie eine Lanze, die durch einen Lindwurm gestochen ist. +Das war die Opferkerze, die uns der Herr Abt versprochen. Nun klang +das Glöcklein, und der fromme liebreiche Herr trat mit dem +Ministranten zum Altar und las uns die heilige Messe selbst mit +großer Andacht. Da sagte mir meine Mutter ins Ohr: "Bete hübsch +fromm, Johannes, der stehende alte Ritter ist der alte Laurenburger, +dein Großvater, bete hübsch für ihn!" Nun hatte ich den Mut nicht +mehr, nach dem Bilde zu schauen, und ward mir mein Großvater von +damals an ein gar ernster und sorglicher Gedanke, aber ich habe zum +ersten Male gebetet mit einer recht innerlichen Herzensangst, wie +früher nie; warum ich aber so gebetet, kann ich mich nicht mehr +deutlich entsinnen. +</p> + +<p> +Da die Messe zu Ende war, fragte ich meine Mutter wieder nach dem +steinernen Bilde mit den Worten: "Mutter, was macht denn der alte +Laurenburger da?" Aber sie antwortete nicht, und sah mit nassen +Augen den knienden Ritter an, dem ich das Kränzlein aufgesetzet. Als +ich sie nochmals fragte, sagte sie: "Der alte Laurenburger tut, was +ich dir gestern abend tat, da ich dich im Bette mit dem heiligen +Kreuze bezeichnete." Da fragte ich sie weiter: "Will denn der alte +Laurenburger auch schlafen gehn?" Und sie sprach: "Ja, er will +schlafen gehn in die ewige Ruhe." Ich aber fragte weiter: "Will denn +der kniende Ritter auch schlafen gehn?" Da sprach sie: "Ach, Gott +gebe ihm ein seliges Erwachen, so er schon schläft!" und ward wieder +sehr traurig, und hob mich hinauf an dem Bilde, mit den Worten: +"Küsse den Knienden, habe ihn recht lieb, es ist dein guter Vater." +Da küßte ich ihn herzlich und setzte ihm das Kränzlein zurecht auf +seinem Haupt, wollte ihn auch nicht lassen. Meine Mutter aber +behielt mich auf dem Arme und trug mich aus der Kirche hinaus, und +hätte sie schier auch ihren Korb vergessen, der noch bei dem Bruder +Sulpizius stand. Der aber kam uns nachgelaufen und brachte den Korb; +da war ein schönes weißes Klosterbrot drinnen und ein Krüglein voll +Weins, das schenkte uns der Herr Abt. +</p> + +<p> +Sie dankte und ging ruhig mit mir links dem Walde zu, einen andern +Weg, als wir hergekommen waren. Sie hatte den Korb am rechten Arme +und trug mich auf dem linken; ich sagte ihr, daß ich nicht müde sei, +und es ihr sauer werde, sie solle mich gehen lassen. Aber sie wollte +mich nicht loslassen, und ich merkte in ihr eine geheime Lust, mich +zu tragen, und sie schloß mich manchmal fester mit dem Arme an ihre +Brust, so daß ich den Schlag ihres Herzens fühlte. Da ward ich mir +so recht lebendig ihrer Liebe bewußt, und genoß ihrer Güte mit +kindlicher Freude; denn sie pflegte mich sonst nicht zu tragen, weil +sie, wenn gleich groß und schlank, doch durch manche Sorge und +Nachtwache entkräftet war. Sie war zart und weiß mit langen blonden +Haaren, und wie goldne Strahlen waren die Wimpern über ihren reinen +blauen Augen, die mich noch immer mit Friede, Liebe und Warnung +anblicken. Ja, ihr liebes Angesicht war wie ein durchsichtiges +Fensterlein ihres Herzens, aus dem ihre Seele mit jeder innern +Bewegung errötend und erbleichend zum Himmel schaute. Ihr Mund aber +war ruhig und zart geschlossen, und erregte eine züchtige Ehrfurcht. +Ich sage dies hier; denn ich werde nimmermehr vergessen, mit welcher +Liebe ich damals ihr edles Angesicht betrachtete, und wie gut und +holdselig sie aussah, da sie mich so zärtlich durch die freie Luft +über die grüne Wiese hintrug, und meine Härlein und ihre langen +blonden Haare in dem Winde durcheinanderflogen, und die Lerche über +uns, gegen die Sonne schwebend, lobsang. Da war mir unendlich wohl, +und meine Sehnsucht, sie nicht zu ermüden, ward so inbrünstig, daß +ich glaubend fühlte, ich ermüde sie nicht, und, mit ihren Haaren +spielend, zu ihr sagte: "Liebe Mutter, bin ich nicht recht leicht? +Mir ist, als träume ich, ich flöge." Sie aber antwortete nicht, als +mit einem zärtlichen Druck ihres Arms, und ich begann ihr ihre Haare +in Zöpfe zu flechten, daß ihr der spielende Wind nicht beschwerlich +fallen möge, und sie ließ es mit freundlichem Hinneigen ihres Kopfes +gern geschehen. Da ich aber fertig war und sie mich durch den Wald +unter den Bäumen hintrug, brach ich einen grünen Eichenzweig ab, wand +ihn in einen Kranz, und setzte ihn ihr auf das Haupt mit den Worten: +"Liebe Mutter, nun bist du geschmückt wie der kniende Ritter in St. +Jörgen Kapelle, nun hast du auch ein Kränzlein auf, und wenn er uns +nun durch den Wald entgegengeschritten käme, würdet ihr euch beide +wohl sehr aneinander erfreuen über die schönen Kränze?" Meine Mutter +aber antwortete nicht und ging traurig fort, worüber ich auch betrübt +wurde. +</p> + +<p> +So zogen wir still und einsam wohl eine Stunde lang durch den dichten +Wald, als wären wir die einzigen Menschen auf der Welt, und hätten +nicht viel Freude. Nun ward es lichter in den Zweigen, und der Wald +endete sich gegen den Rand des Berges, der sich in das einsame +Lahntal senkte; hier küßte mich die Mutter und ließ mich an die Erde. +Wir standen aber auf einer grünen Waldwiese, die ein frischer Quell +erquickte, der mit Umwegen an dem mannigfaltig unterbrochenen Abhange +zu der Lahn hinabeilte. Wo wir standen, war die Gegend sanft und +mild, ein großer alter Birnbaum hing schwer voll gelber Birnen, und +um ihn her standen mehrere Vogelbeerbäume, die mit ihren +feuerfarbenen Früchten lustig gegen den dunkeln Wald abstachen; +außerdem begrenzten und durchschnitten den Platz mancherlei +Fruchtsträucher, Haselbüsche, Johannis--und Klosterbeersträucher, und +ich hatte die Fülle zu brechen und zu genießen. Gegen uns über +erschien die Gegend ernster. Das Lahntal schließt, von diesem Punkte +gesehen, den Spiegel des Flusses mit einer Krümme wie einen +tiefliegenden See ein, und die Berge lagen, mit dunklem Walde bedeckt, +streng und finster um diesen her, als hätten sie tiefsinnige +Gedanken über ein Leid, das hier geschehen. Die Mutter stand stille +und schaute ruhig in die Gegend hinein, ich hatte aber den Deckel des +Korbes genommen, ihn mit breiten Haselnußblättern bedeckt, und +sammelte mit ängstlichem Fleiße die schönsten Brombeeren und +Himbeeren, und was sonst an wohlschmeckenden Träublein zu reichlicher +Lese sich darbot. Zwischen der Arbeit schaute ich oft nach ihr, sah +auch mit Freude, wie der Anblick der Gegend ihr Antlitz zu erheitern +schien, und als ich meine Ernte ihr darbot, lächelte sie freundlich, +strich mir mit der Hand über die Stirne und sagte: "Schönen Dank, +Johannes, du bist ein gutes Kind." +</p> + +<p> +Dann führte sie mich rechts dem Dickicht zu, wo wir nach wenigen +Schritten vor einer kleinen verlassenen Hütte standen; der Efeu hatte +frei die Wände umrankt, und selbst die verschlossene Tür mit seinem +Gitter umzogen. Die Mutter hob mich an einem alten Wacholderbaum in +die Höhe, der neben der Türe stand, und ich mußte ihr aus einem Loche +in demselben einen Schlüssel holen, mit welchem sie die Türe +aufschloß, nachdem ich ihr geholfen hatte, die Efeuranken behutsam, +ohne sie zu zerreißen, von der Türe abzulösen. Nun gingen wir durch +eine kleine, gerätlose Küche in eine viereckte Stube. Ich trat mit +Scheu hinein; denn die wenigen Strahlen, welche durch die +verschlossenen Fensterladen fielen, zeigten mir allerlei große Vögel +an den Wänden in unbestimmtem Lichte. Meine Mutter aber stieß +sogleich einen Fensterladen auf, und da sah man nach der andern Seite +des Lahntals, wo das alte Laurenburger Schloß aus schwarzem Bergwald +hervorragte. An den Wänden der kleinen Stube sah ich auf +eingemauerten Hirschgeweihen vielerlei ausgestopfte Vögel befestigt, +und besonders eine Reihe alter Falken; außerdem lehnten und hingen +mancherlei Jagdgeräte, Armbrust, Speere, Netze u. dgl., in schöner +Ordnung um einen einfachen Betschemel, der vor dem holzgeschnitzten +heiligen Hubertusbilde stand. Da war St. Hubertus abgebildet, wie er +vor einem Hirsche kniet, der ihm mit einem Kreuze zwischen den +Geweihen auf der Jagd entgegengetreten, da ihm der Herr sein wildes +Herz gerührt. Ich betrachtete alle diese Dinge, die ich früher nie +gesehen, mit bangem Staunen, während meine Mutter, auf einem +hölzernen Stuhle sitzend, still dem Fenster hinaus nach der +Laurenburg sah. Alles, was mir seit dem letzten Abend begegnet war, +hatte die ruhige Folge der gewohnten Eindrücke in meiner Seele +unterbrochen, und wenn ich jetzt zurückgedenke, möchte ich meine +damalige Empfindung wohl dem Gefühl eines Rades vergleichen, wenn es +in der Mühle plötzlich lebendig werden und sehen könnte, wie es sich +selbst und alle die andern Räder sich mit ihm herumdrehen, ohne sich +doch gleich vorstellen zu können, was es selbst und die andern Räder +eigentlich sollen, und was überhaupt eine Mühle ist. Besonders aber +befremdete es mich, daß meine Mutter mit allem dem Geräte der Hütte +ganz vertraut war, und in der Hütte tat, als wäre sie immer darin +gewesen; darum fragte ich sie mit den Worten: "Liebe Mutter, bleiben +wir nun hier, ist dies auch unser Häuslein? Dann will ich uns einen +kleinen Garten bauen und ein Vogelsteller werden." Da entgegnete sie +freundlich: "Was willst du dann mit den Vöglein anfangen?", worauf +ich sagte: "Ich will sie das Vaterunser beten lehren." Da fragte sie: +"Weißt du denn, wo dein Vater ist?" Und ich antwortete: "Im Himmel." +Nun nahm sie mich zu sich, und ich mußte mich zu ihren Füßen +setzen, und da erzählte sie mir ohngefähr das, was ich hier weiter +niederschreibe. +</p> + +<p> +Wenn ich auch gleich jedes ihrer lieben Worte jetzt, da ich erwachsen +bin, nicht mehr so recht eigentlich wissen kann, dürfte es doch nicht +viel anders gelautet haben; denn ich habe mir alles scharf in das +Gedächtnis gefaßt, und es mir oft wieder von ihr erzählen lassen, so +daß wohl eher zu viel als zu wenig hier stehen mag. Sie sprach aber: +"Lieber Johannes, du hast mich seit gestern wohl trauriger als je +gesehen, denn ich dachte gestern, da die Arbeit vollendet war, schon +daran, wie ich heute alle die Wege gehen würde, die du mit mir +gegangen bist. Du hast mich auch gestern abend gefragt, warum ich +weine, da ich vor deinem Bettlein stand, aber ich habe dir keine +Antwort gegeben, sondern nur mit dir gebetet, damit wir ruhig +schlafen möchten. Jetzt aber will ich dir vieles erzählen; denn ich +glaube, es wird dir frommen, wenn du früh weißt, wie auf Erden viel +Traurigkeit ist, und im Himmel allein die Freude, die wir durch +unwandelbare Treue und Stärke in dem irdischen Leide allein verdienen +können. Du wirst dann deine Sinne immer mehr zu Gott wenden, und +dich führen lassen von seinen Engeln auf Erden, dem Glauben an Jesus, +der Hoffnung auf Jesus, und der Liebe zu Jesus, deren Gespielen sind +die Einfalt, die Demut, die Unschuld und die Wahrheit. Auch sollst +du nicht traurig sein um des Leides willen, das dich auf Erden +treffen wird, nein, nur um deine und aller Schuld, deren Strafe das +Leid ist. Auch sollst du nicht trauren um deinen Schmerz, sondern +allein um die Leiden deines Erlösers am Kreuze, an dem er gestorben +ist wie ein unschuldiges Lamm, das dahinnimmt die Schuld der Welt, +und zu dieser Versöhnung sollst du dich wenden, und fest an sie +glauben und auf sie hoffen, und dich rein erhalten von aller Sünde, +damit du deine Seele nicht wieder befleckest, die dein Jesus, dein +Erlöser, dein Heiland, dein Gott dir mit seinem heiligen Blute rein +gewaschen hat; dann wird dein Glaube, dein Vertrauen alles Leid +überwachsen, und du wirst dir ein freudiges Herz erkämpfen zu deinem +Gott, der dich erschaffen hat im Vater, erlöset im Sohn und +geheiliget im Heiligen Geist." +</p> + +<p> +Was mir meine selige Mutter, die schöne Laurenburger Els, in dem +Häuslein meines seligen Großvaters, des Voglers Kilian, auf der +Hirzentreu von sich und dem lieben Großvater erzählt hat +</p> + +<p> +Diese Berghöhe heißt die Hirzentreu, und dieses Häuslein, worin wir +sitzen, gehörte meinem lieben seligen Vater, dem Vogelsteller Kilian, +den man weit und breit nur den guten Kilian und den frommen +Falkenmeister nannte. Er ist zu Gott gegangen vor zehn Jahren, und +liegt begraben auf dem Kirchhofe zu Kloster Arnstein. Er ist geboren +zu Kitzing in Franken, und hat sich dies Häuslein hier selbst erbauet, +da er als ein Falkenier des Grafen von Nassau meine selige Mutter, +eines Jägers zurückgelassene Waise, zu seiner Hausfrau wählte, und +sich hier mit ihr niederließ. Es stehet auch draußen im Garten noch +der Baum, an welchem mein Vater meine Mutter zum ersten Male gesehen; +da rettete er ihr das Leben; denn als mein Vater einen Hirsch +verfolgte, fand das erzürnte Tier hier meine Mutter, welche als ein +armes Mägdlein Kräuter für die Klosterherren in Arnstein sammelte, +und faßte der Hirsch in seinem Grimm meine Mutter auf die Geweihe. +Mein Vater, der herzulaufend dieses sah, schoß einen Bolz von seiner +Armbrust nach dem Hirsch, und traf ihn nicht ohne Gefahr meiner +Mutter in das rechte Auge, und das verwundete Tier trat ihm, +geblendet, nun grade entgegen; da faßte mein Vater einen guten Mut, +und riß ihm die halbtote Jungfrau von dem Geweihe, legte sie unter +jenen Baum und erquickte sie an dem Bächlein, das hier entspringt. +Als sie sich wieder erholt hatte, sahen sie zu ihrer großen +Verwunderung, daß der Hirsch neben ihnen im Gebüsche stand, und mit +Schmerzen das Haupt bald hin und her schwenkte, bald traurig zur Erde +senkte. Da rührte das niederrinnende Blut meinen guten Vater, er +trat zu dem leidenden Tiere, zog ihm den Bolz aus dem Auge, und wusch +ihm die Wunde mit Wasser aus, welches alles der Hirsch ruhig +geschehen ließ. Als aber mein Vater die erschreckte Jungfrau nach +Kloster Arnstein begleitete, lief ihnen der Hirsch durch den ganzen +Wald nach, was sie beide sehr rührte und ihrem Gespräche eine größere +Vertraulichkeit gab. Vor Kloster Arnstein reichten sie sich die +Hände, und trennten sich mit der gegenseitigem Versicherung, +miteinander in christlicher Ehe zu leben. +</p> + +<p> +Nun machte sich mein Vater von seinen herrschaftlichen Diensten los, +baute mit Erlaubnis der Klosterherren diese Hütte, und führte meine +Mutter Agnes, als seine liebe Hausfrau, hinein. Der gute Hirsch war +durch die Hülfe, die ihm mein Vater geleistet, so mild und zahm +geworden, daß er ihm immer zur Seite war, wenn er hier an seiner +Hütte mit der Mutter baute. Mein Vater pflegte dabei immer des +Hirsches krankes Auge, welches bald ausheilte, aber blind wurde. +Hernach, als meine Eltern hier wohnten, hielt sich der Hirsch immer +freundlich zu ihnen, und ich weiß noch recht wohl, daß er, wenn wir +aßen, den Kopf hier zum Fenster hereinsteckte, und ich als ein Kind +ihm Brot gab. Einstens aber hörte mein Vater ihn in der Nacht heftig +schreien; da stand er mit der Mutter auf, und sie gingen hinaus, zu +sehen, was dem guten Tiere fehlte. Er war aber im Kampf mit andern +Hirschen, welche ihm seines blinden Auges wegen überlegen waren, so +heftig verwundet, daß er mit anbrechendem Tage zu den Füßen meiner +Eltern starb. Wir weinten um ihn, wie um einen treuen und dankbaren +Freund, und hat ihn mein Vater unter demselben Baume, wo er ihn +geschossen, begraben, sein Geweih aber in den Baum so befestigt, daß +es, zu ewigem Gedächtnis in denselben verwachsen, noch zu sehen ist, +und hat mein Vater diese Hütte wegen des treuen Hirschen Hirzentreu +genannt. +</p> + +<p> +Meine gute Mutter ist auch bald gestorben, und ich war noch ein so +kleines Mägdelein, daß ich nicht recht wußte, was Sterben ist. Ich +erinnre mich noch recht wohl, daß ich auf ihrem Bette saß, als sie +krank war, und ihr die Fliegen wehrte und ihr alle die kleinen Gebete +und Sprüche, die sie mich gelehrt, vorsagte, und meinem Vater zur +Hand ging, sie zu pflegen, soviel es ein Kind vermag. Da ich nun oft, +wenn meine Mutter Arzneikräuter suchte, mit ihr im Walde gewesen war, +und sie mir dabei allerlei Heilkräfte der Pflanzen mitgeteilt hatte, +so war meine Seele damals so erfüllt von der Begierde, ihr zu helfen, +daß ich einstens in der Nacht vor einbrechendem Tage in den Wald +hinauslief, um ihr einige Kräuter zu suchen, von welchen mir geträumt +hatte. Ich lief lange herum und suchte mit unbeschreiblicher Angst +die Kräuter, welche ich mich vorher gesehen zu haben nicht erinnerte. +Schon stand die Sonne hoch am Himmel, und ich war weit von unsrer +Hütte verirrt, aber ich vergaß, vor Begierde, das Arzneikraut zu +finden, meinen Hunger, und als ich endlich in großer Ermüdung +niederkniete und mit Tränen zu dem lieben Jesuskinde betete, es möge +mir doch das Kraut suchen helfen, ich wolle ihm auch mein Brot +schenken, bin ich darüber vor Müdigkeit entschlafen. Nach einigen +Stunden erwachte ich, und sah eine schöne edle Frau vor mir stehen; +ein Diener führte ihr Roß, auf welchem ihr Söhnlein saß, und war sie +abgestiegen, als sie mich so allein im wilden Walde liegen sah. Sie +fragte mich, wer ich sei, und da ich ihr gesagt, ich sei Voglers Els +von der Hirzentreu, und heute früh ausgegangen, ein Kräutlein für die +kranke Mutter zu suchen, küßte sie mich und sagte, daß sie mich +heimfahren wolle mit sich nach der Laurenburg, denn sie war die +Hausfrau des alten Laurenburgers, deine Großmutter; von da wolle sie +mich über die Lahn nach der Hirzentreu bringen lassen. Sie setzte +sich nun auf das Roß und nahm mich vor sich auf des Pferdes Hals; ihr +Söhnlein aber, Jörg, saß hinter ihr und hatte sie mit den Armen +umfaßt. +</p> + +<p> +So zogen wir ein Stück Wegs nach dem Lahntal hinab, und hatte ich +schier auch alles vergessen; denn das Reiten, die fremde Frau und ihr +Söhnlein, das mancherlei kleine Lieder mit ihr sang, beschäftigten +meine Seele. Aber der Hunger fing mich an zu drücken, und ich +bemerkte mit Weinen, daß ich mein Brot nicht mehr in meiner Tasche +fand. Da fragte mich die Edelfrau: "Els, was weinst du?" und ich +sagte ihr: "Ich hungre, denn ich habe dem Jesuskind mein Brot gegeben, +und das Kräutlein von ihm erhalten, aber nun habe ich das Kräutlein +verloren und hungre", und dabei verlangte ich heftig, sie möge mich +in den Wald zurücklassen, das Kräutlein zu suchen. Ich mußte der +Edelfrau das Kraut aber beschreiben, denn seinen Namen wußte ich +nicht. Da sagte sie auf einmal: "Mein liebes Kind, du hast wohl +geträumt, aber die Barmherzigkeit Gottes ist groß, denn sieh, mein +Diener trägt ein solches Kraut in einem feuchten Tuche eingeschlagen +in seinem Wadsack auf dem Rücken; dies Kraut aber wächst nicht hier +zu Lande, sondern habe ich es im Kloster Arnstein, wo ich zur Beichte +war, von dem Gärtner erhalten, der es von einem Priester aus fremden +Landen jenseits des Meeres hat." Da mußte der Knecht den Wadsack +öffnen, und siehe da, es war dasselbe Kraut darinnen, das ich im +Traume gesehen. Meine Freude war unaussprechlich, und die gute +Edelfrau befahl dem Knechte, sogleich das Kraut meinem Vater zu +bringen, und ihm zu erzählen, wie ich es gesucht, und wie mich die +Edelfrau mit nach der Laurenburg genommen. Der Diener kannte meinen +Vater gar wohl und lief mit Freuden die Waldstege nach unsrer Hütte +zu. Nun ritt die Edelfrau mit mir und ihrem Söhnlein allein vollends +zur Lahn hinab und an einer seichten Stelle hinüber nach der +Laurenburg, wohin der Diener bald auch kam und mich auf dem Kahne zu +meinen Eltern hieher zurückbrachte. Die gute Edelfrau hatte mir +viele Liebe erwiesen und gab mir noch ein Krüglein mit altem Wein, +und einige stärkende Gewürzküchlein für die kranke Mutter mit, und +versprach, sie selbst morgen zu besuchen. Ihr Söhnlein aber, das +nicht zugegen war, als ich aus der Laurenburg ging, kam mir bis zum +Wasser nachgelaufen und gab mir einen ganzen Rosmarienstock, den er +aus seinem Gärtlein ausgerissen, und sprach: "Du Kleine, das stell an +deiner Mutter Bett, das ist ein guter Ruch, wenn man siech ist. +Elslein, komm wieder!" Da gab er mir die Hand, und wir schieden. +</p> + +<p> +Als wir auf Hirzentreu ankamen, trug mich mein Vater an der Mutter +Bette; die umarmte mich und sagte: "Els, ich habe den ganzen Tag +nicht leben und nicht sterben gekonnt aus Sorge, daß du verloren +seist; Gott aber hat mich wunderbar getröstet durch das, was +geschehen, und hat mir dein Vater von dem Kraute einen Trank gekocht, +der hat mich wunderbar erquicket." Da gab ich dem Vater den +Rosmarienstock, der pflanzte ihn in einen schönen neuen Krug neben +der Mutter Lagerstätte, und nun nahm der Diener Abschied, nachdem er +den Wein und die Würzküchlein dem Vater gegeben. +</p> + +<p> +Es war darüber Abend geworden, mein Vater gab der Mutter noch von dem +Weine und der Würze, und sie fand sich so gestärkt, daß sie das +Abendlied mit dem Vater mit großer Andacht leise mitsang, worüber ich +zu ihren Füßen auf ihrem Lager entschlief. Gegen Morgen aber weckte +mich der Vater und sagte mir mit Weinen: "Wach auf, lieb Elslein, und +schau nach der Mutter, und gib ihr, was sie verlangt; sie ist gar +krank, und ich will nach Kloster Arnstein laufen um die letzte +heilige Wegzehrung für sie. Halte dich still, so sie schläft, und +bete still, und so sie es verlangt, reiche ihr zu trinken, auch +schaue nach dem brennenden Kienspan im Kamin, daß kein Unglück +entsteht." Dann trat er zur Mutter, trocknete ihr das Antlitz und +sprach: "Gott erhalte dich, liebe Agnes, zu christlichem Geleite, ich +geh nach Kloster Arnstein; O wie ist dir, liebe Agnes?" Da sagte die +Mutter: "Ich lege wie ein Kind mein krankes Haupt in den Schoß dessen, +der gesagt hat: "Ich will euch trösten, wie einen seine Mutter +tröstet", und ich habe das Vertrauen, er wird mich mit vollem Troste +von dir scheiden lassen; so gehe dann hin, und bringe mir den letzten +Trost!" Da küßte sie der Vater und ging fort. +</p> + +<p> +Ich aber redete leise zu Füßen des Bettes: "Mutter, darf ich zu dir +kommen?" Da sagte sie: "Ja, lieb Elslein, doch steh erst auf und +bringe mir das kleine Kreuz aus meiner Truhe; mich verlanget sehr +darnach." Geschwind eilte ich an die Truhe, doch der Deckel war so +schwer, daß ich ihn nicht erheben konnte; das klagte ich der Mutter, +die sagte: "Elslein, bete! Der dir das Kraut gebracht, das mich so +erquickte, wird dir auch helfen, die Truhe zu eröffnen, so du ihm +vertrauest." Da fiel ich vor der Truhe auf die Knie und betete, +Jesus möge mir die Truhe eröffnen, und Gott erbarmte sich meiner, ich +öffnete die Truhe mit kleiner Mühe und brachte der Mutter das kleine +Kreuz. Es ist dasselbe, welches noch in Polsnich an meinem Bette +hängt, und unsre Truhe zu Haus ist auch dieselbe Truhe. Die Mutter +nahm das Kreuz in ihre gefalteten Hände und küßte es, und drückte es +an ihr Herz, und ich legte mich zu ihr auf das Hauptkissen und +drückte meine Wange an die ihrige. Sie sprach nicht, sie flüsterte +betend, und so entschlief ich; bald aber weckten mich laute Worte von +ihr, und ich hörte sie sagen: "Hüter, ist die Nacht schier hin? Wer +da? Gut Freund! Sei getrost! Ich bins! Fürchte dich nicht! Herr, +bist du es, so heiße mich zu dir kommen auf dem Wasser!" und nach +diesen Worten bewegte sie sich mühsam im Traume. Ich verstand sie +nicht, und weckte sie mit Küssen: "Lieb Mutter, was verlangt dein +Herz?" Da schlug sie die Augen auf und sagte: "O mein Jesus, ich bin +noch nicht bei dir! Elslein, mein Kind, sage, hast du den lieben +Heiland gesehn, wo ist er hingegangen?" Ich verstand sie nicht, und +suchte ihr das Kreuzlein in dem Bette, das ihren Händen entfallen war, +und legte es ihr wieder in die Hände mit den Worten: "Herzmutter, da +ist der liebe Heiland." Da küßte sie das Kreuz wieder, und sagte +dann: "Elslein, ich war allein auf einem Kahn auf einem großen Wasser +eine lange, lange Nacht, kein Stern am Himmel, und sehnte mich nach +dem Tage; endlich sah ich ein Sternlein, das zog leise über das +Wasser, wie ein Wächter durch die Flur, und da rief ich mit aller +Macht: "Hüter, ist die Nacht schier hin?" und der Stern antwortete: +"Wenn der Morgen schon kömmt, so wird es doch Nacht sein; wenn du +schon fragest, so wirst du doch wieder kommen und wieder fragen." Da +kam es gegen mich über die Wogen geschritten, und ich sah, daß es +eine einsame Gestalt war. Da rief ich: "Wer da?" und es antwortete: +"Gut Freund!" Ach, da ward mein Herz so freudenvoll, und ich +gedachte: Sollte es wohl mein Jesus sein? Da sprach er: "Sei getrost, +ich bins, fürchte dich nicht", und ich sprach: "Herr, bist du es, so +heiße mich zu dir kommen auf dem Wasser." Da winkte er mir, und ich +trat aus dem Kahn auf das Wasser, konnte aber den Herrn nicht +erreichen, der vor mir herschwebte, wie eine Wolke oder ein Schatten, +und wenn ich so recht mutig und begierig auf ihn zuging, und recht +glaubte, daß er es gewiß sei, daß er sich meiner erbarmen werde und +einen Eliaswagen vom Himmel rufen, mich zu sich hineinsetzen und zu +dem himmlischen Paradiese fahren werde, ach, da war er mir so nah, so +nah, daß ich schon das Wehen der Seligkeit fühlte; dann kam aber +plötzlich eine Welle und erhob sich ein Wind, und ich verzagte und +glaubte zu versinken auf dem Wasser, und wie meine Sorge wuchs, +schwand das Bild des Herrn vor mir in die Ferne, ja, es ward wieder +zu dem einsamen Stern, den ich zuerst gesehen, und auch der +verschwand. Da war ich ganz allein auf dem Wasser, und der Kahn +trieb zu mir her, da sah ich dich drauf sitzen und nach mir weinen, +und ich wandelte mit Mühe zu dir hin, und saß bei dir im Kahn, und +herzte dich, und du entschliefst in meinem Arme. Ich aber wachte, +und die Nacht ward wieder so lang, so lang. Da hörte ich den +Flügelschlag einer Taube durch die Luft, und ich rief abermals mit +großer Sehnsucht: "Hüter, ist die Nacht schier hin?" Es flog aber +ein Täublein über meinem Haupt, das rief zu mir: "Lege Flügel der +Liebe an, und folge mir nach, deine Seele findet nicht, da sie ruhe +auf der Sündflut; sieh, der himmlische Noah strecket seine Hand aus +der gestirnten Arche, aus der du ausgeflogen, um dich wieder +hineinzunehmen; aber achte, daß dein Gefieder rein sei!" Da sah ich +den Himmel voll Sterne; aus dem blickten die Hände, die Füße und die +Seite des Herrn, und die heiligen fünf Wunden leuchteten wie Rubin +und bluteten hernieder, und die Taube flog ihnen zu; ich aber hatte +Flügel und breitete sie aus und wollte sie schwingen, aber sie waren +schwer und unrein; ich rief aber: "O Herr, nur einen Tropfen deines +Blutes auf meine Flügel, und sie werden gereinigt sein." Und es floß +nieder zu ihnen, da waren sie rein, und ich schwang sie freudig, aber +du lagst in meinem Schoß; da wollte ich dich küssen und Abschied +nehmen von dir, da schlangst du die Hände um mich und wolltest mich +nicht lassen, und deine Worte erweckten mich von dem seligen Traume." +</p> + +<p> +So erzählte mir die kranke Mutter, was ihr geträumt, und ich hörte +ihr mit noch größerer Aufmerksamkeit zu, als wenn sie mir sonst eine +Geschichte erzählte. Da sie geendet hatte, sagte ich zu ihr: "Mutter, +das war sehr schön, aber schlafe wieder ein, und wenn die Taube +wieder kömmt, so bitte sie, daß ich auch mit fliegen darf, ich will +auch recht beten; der mir das Kräutlein gegeben, und mir die Truhe +geöffnet, der wird mir auch gewiß Flügel geben, daß ich mit dir +fliegen kann."--"Das wird er gewiß, liebes Elslein, so es dir gut +ist", sagte die Mutter, "aber wenn ich wieder einschliefe, und das +Täublein käme wieder, und ich flöge mit ihm fort, so würdest du gewiß +gern zurückbleiben bei deinem Vater, daß er nicht allein sei, so ich +dich darum bitten würde." Da sagte ich zu ihr: "Ja, das will ich, so +du bald wiederkehrst, und mir etwas mitbringest." Sie aber +antwortete: "Ich werde nicht wiederkehren, doch werdet ihr mir +nachfolgen, und da wird alles voll Herrlichkeit sein; aber hörst du, +Elslein, du mußt mir den Abschied nicht schwer machen, und auch den +Vater trösten, wenn er weinen sollte, und ihm erzählen, wie ich dir +gesagt, daß ihr mir nachkommen werdet; denn das Täublein wird bald +kommen, mir ist, als höre ich schon seinen Flügelschlag." Da küßte +ich die Mutter und sagte: "Ich will tun, wie du willst, und will dein +gutes Elslein sein", und die Mutter küßte mich wieder mit den Worten: +"O du gutes, gutes Elslein!" Dann bat sie mich, ihr das Lied von der +Taube zu sagen, das sie mich gelehrt; da sprach ich: +</p> + +<p><br /></p> + +<p class="poem"> + Hör, liebe Seel! Wer rufet dir?<br /> + Dein Jesus aus der Höhe:<br /> + "Komm, meine Taube, komm zu mir!"<br /> + Den Ruf ich wohl verstehe.<br /> +</p> + +<p class="poem"> + Wenn ich soll deine Taube sein,<br /> + Mußt du mir Flügel geben;<br /> + Die wasch in deinem Blut ich rein,<br /> + Und werde glaubend schweben.<br /> +</p> + +<p class="poem"> + Du rufest mir! Wie arm ich bin,<br /> + Darf ich zu dir doch kommen;<br /> + Die Mängel hat dein treuer Sinn<br /> + Ja all von mir genommen.<br /> +</p> + +<p class="poem"> + Sag, Herr, wird auch ein Nestlein fein<br /> + Für mich bei dir gefunden?<br /> + "Ja, meine Taube, komm herein,<br /> + Wohn hier in meinen Wunden!"<br /> +</p> + +<p class="poem"> + Mein Jesu, ach, was willst du mir<br /> + In deinen Wunden geben?<br /> + "Durch meine Wunden, sag ich dir,<br /> + Fliegst sterbend du zum Leben."<br /> +</p> + +<p class="poem"> + Wohlan, es zielt des Todes Pfeil,<br /> + Er wird mich nicht verderben;<br /> + Zu deinen Wunden, Herr, ich eil,<br /> + Da werd ichs Leben erben.<br /> +</p> + +<p><br /></p> + +<p> +Da ich der Mutter das Lied hergesagt, war sie leise wieder +eingeschlummert. Der Tag brach an, und ich nahm ein Zweiglein von +dem Rosmarienstock, der bei ihrem Lager stand, und gab es ihr zu dem +Kreuze in ihre gefaltenen Hände. Da flog auch die Turteltaube, +welche bei unserm Haus nistete, an das Fenster und pickte daran und +rief: "Ruckuck." Sie tat es sonst alle Morgen, denn ich streute ihr +Futter dahin, aber heute hatte ich nicht den Mut, und gedachte: Ach, +da kömmt die Taube schon, welche die Mutter mitnehmen will, aber ich +soll ihr den Abschied nicht schwer machen. So stand ich leise, leise +von der Seite der Mutter auf, und ging hinaus und kniete an dem +Bächlein in das Gras und betete für sie. Da hörte ich ein Glöcklein +im Walde und sah bald meinen Vater kommen; der trug eine Leuchte, und +zwei Ordensherren gingen mit ihm, deren einer trug das Hochwürdige +Gut, und der andere das heilige öl, und ihnen folgten einige fromme +Männer und Frauen, die stille beteten. Da lief ich meinem Vater +entgegen und sprach: "Herzvater, die Himmelstaube ist schon da, +welche die Mutter abholen will; wir dürfen aber nicht gleich mit, ich +habe es ihr versprochen, bei dir zu bleiben und dich zu trösten, bis +wir nachkommen in die Herrlichkeit." Mein Vater verstand mich wohl +und trat mit dem Geistlichen in die Hütte, ich aber blieb draußen und +betete mit den Begleitern. Hernach kam die Edelfrau von der +Laurenburg mit ihrem Söhnlein, dem Junker Jörg, über die Lahn zur +Hirzentreu, wie sie den Abend vorher mir versprochen, und derselbe +alte Diener war wieder bei ihr. Die Edelfrau ging zu meiner Mutter +hinein, der Junker aber blieb bei mir, und wir spielten im Gras an +der Quelle; er fragte mich auch nach dem Rosmarin, den er mir gegeben +für meine Mutter; da erzählte ich ihm von der Taube und von allem. +Nach einiger Zeit aber trat die Edelfrau heraus und nahm mich mit in +die Hütte, da lag die Mutter ganz still, und der Vater kniete an +ihrem Bette und weinte; da ich zu ihm trat, hob er mich zur Mutter, +und sprach: "Agnes, segne das Elslein, ehe du scheidest", und er +legte der Mutter Hand auf mein Haupt. Die Mutter aber sagte: "Gott +segne dich, tröste den Vater, bis ihr nachkommet. Elslein, ich +fliege schon." Da sah sie mich mit unaussprechlicher Liebe an und +wendete dann den Blick zum Himmel. Ich sprach: "Geleit dich Gott, +lieb Mutter!" und weinte laut. Da trug mich die Edelfrau hinaus zu +ihrem Söhnlein, dem erzählte ich alles, und da ein paar Tauben +hinüber zur Laurenburg flogen, streckten wir beide kindisch die Hände +aus und riefen: "Da fliegen sie, da fliegen sie, geleit dich Gott, +liebe Herzmutter!" +</p> + +<p> +Hernach nahm mich die Edelfrau mit nach der Laurenburg, und ich blieb +bis zum andern Tag dort, da die Mutter schon im Kloster Arnstein +begraben war. Der alte Knecht aber war bei meinem Vater geblieben, +und war mein Vater einen ganzen Tag in Kloster Arnstein gewesen, des +Trostes der geistlichen Herren zu genießen. Die Edelfrau ist auch +mit zu Grabe gewesen, und da sie nach der Laurenburg kehrte, brachte +sie ihren Herrn, den Ritter von der Laurenburg, und den ältern Sohn, +Johann, mit welchem der alte Laurenburger bei dem Grafen zu Nassau +gewesen, der des Johann Taufpate war, und hatte die Laurenburgerin +ihnen auf der Heimkehr begegnet. Der Ritter war mir freundlich und +gab mir Wecken von des Grafen von Nassau Tisch, und da seine Hausfrau +ihm den frommen Tod meiner Mutter erzählet, war er sehr mitleidig mit +meinem Vater, und sprach: "Der Graf Johann hat noch heute zu Tisch +von dem frommen Falkenmeister gesprochen, und vor allen seinen +Dienern sein in Ehren gedacht, ich habe ihm auch versprechen müssen, +den Vogler von ihm zu grüßen, und will er ihm nächstens einen kranken +Falken schicken, daß er ihn pflege. Komm, Elslein", sagte der Ritter +dann zu mir, "ich will dich selbst zu deinem Vater bringen; es ist +noch hoch am Tage, und mag er wohl Trostes bedürfen." Da brachte +mich der Ritter wieder zur Hirzentreu, und ging Georg wieder mit. +Die Edelfrau aber blieb mit Johann zurück; der sollte ihr von dem +Wesen des Grafen von Nassau erzählen. Wir fanden aber meinen Vater +mit dem Laurenburger Knecht vor der Türe sitzen in stillem Gespräch, +und als dieser seinen Herrn herankommen sah, der mich auf dem Arm den +steilen Pfad herauf trug, stand er auf und trat beiseite; mein Vater +aber lief mir entgegen, nahm mich von des Ritters Armen und herzte +mich unter Tränen. Da sprach ihm der Laurenburger ehrlich zu und +getröstete ihn, so gut er es vermochte, setzte sich auch zu ihm auf +die Bank und erzählte ihm von des Nassauers Gunsten zu ihm, und +sprachen sie mancherlei, nicht als ein Ritter zu einem Knecht, +sondern als gute Nachbarn und Freunde, denn das Unglück machet +Gesellen. Es war aber dem Laurenburger auch seine erste Hausfrau +mitsamt dem Kindlein in dem Kindelbett gestorben; deren gedachte er +mit vieler Liebe. Unter solchem Gespräch stand ich zwischen meines +Vaters Knien, und Georg neben dem Laurenburger, und spiegelten uns in +dessen blankem Brustharnisch, und lachten, weil es, hohl geschliffen, +unsre Gesichter auf mancherlei Weise verstellte. Dann sagte mir der +Vater ins Ohr, ich möge den Wein und die Würze von der Mutter +Tischlein bringen; da ging ich zur Stube, aber die war ganz anders +geworden; wo das Bett gestanden, stand der Betschemel und das +Altärlein, und hing ein neu Muttergottesbild an der Wand, und an +demselben der Mutter und des Vaters Brautkränzlein, ihre Spindel aber +stand vor meinem Bänklein, und war alles gar verändert. Das hatte +meinem Vater der gute alte Laurenburger Knecht so geordnet, daß er +seines Leids desto eher vergessen und ein neues Leben anfangen möge. +</p> + +<p> +Nachdem ich mich genugsam über alles gewundert, nahm ich den Wein und +die Würze, was von dem Geschenk der Laurenburgerin noch übrig war, +und brachte es dem Vater hinaus; der reichte den Krug dem Ritter. Da +trank der Herr, und mußte ihm der Vater Bescheid tun. Auch sagte der +Ritter: "Das ist ein köstlicher Wein, den man wohl dem Kaiser bieten +dürfte; Ihr habt ihn wohl aus einem Klosterkeller? Einem Edelmann +wächst solcher Wein nicht um die Lanze, der schmeckt nach dem +Krummstab." Mein Vater lächelte und sagte: "Gnädiger Herr, Ihr habt +von dem Euren getrunken, aber er hat auf einem milden Fasse gelegen; +denn Eure liebe Frau Ida hat diesen Trunk meiner seligen Agnes zur +Labung gebracht, und wenn er Euch besser schmeckt als zu Haus, so +ists, weil Ihr Gottes Segen schmecket." Da trank der Laurenburger +nochmals, und sprach: "Wahrhaftig, in Gottes Segen soll man den Wein +legen, in Gottes Segen soll man des Weines pflegen, in Gottes Segen +gedeiht der Wein auf allen Wegen. Das Faß, aus dem Frau Ida diesen +Krug gefüllt, muß mir ebenso gut werden; Ihr müßt mir wohl erlauben, +daß ich es mit Euch hier oben austrinke, Kilian, da es mir so wohl +bei Euch geschmeckt." Da dankte mein Vater dem Ritter herzlich, und +sprach: "So Ihr einen armen Mann nicht verschmähet, will ich Euren +Zuspruch hoch in Ehren halten, aber Ihr müßt dann auch von meiner +Wasserquelle hier trinken, da fließt auch Gottes Segen drin." Nun +schied der Ritter freundlich von uns mit den Seinen, und ich ging mit +dem Vater in unser einsames Häuslein, worin die Mutter nicht mehr war. +</p> + +<p><br /><br /><br /><br /></p> + + + + + + + + +<pre> + + + + + +End of the Project Gutenberg EBook of Aus der Chronika eines fahrenden +Schülers (Zweite Fassung), by Clemens Brentano + +*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK AUS DER CHRONIKA EINES *** + +***** This file should be named 4504-h.htm or 4504-h.zip ***** +This and all associated files of various formats will be found in: + http://www.gutenberg.org/4/5/0/4504/ + +Produced by Michael Pullen. HTML version by Al Haines. + +Updated editions will replace the previous one--the old editions +will be renamed. + +Creating the works from public domain print editions means that no +one owns a United States copyright in these works, so the Foundation +(and you!) can copy and distribute it in the United States without +permission and without paying copyright royalties. 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