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+The Project Gutenberg EBook of Aus der Chronika eines fahrenden Schülers
+(Zweite Fassung), by Clemens Brentano
+
+This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with
+almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or
+re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included
+with this eBook or online at www.gutenberg.org
+
+
+Title: Aus der Chronika eines fahrenden Schülers (Zweite Fassung)
+
+Author: Clemens Brentano
+
+Posting Date: May 20, 2013 [EBook #4504]
+Release Date: October, 2003
+First Posted: January 26, 2002
+
+Language: German
+
+Character set encoding: ISO-8859-1
+
+*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK AUS DER CHRONIKA EINES ***
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+Produced by Michael Pullen. HTML version by Al Haines.
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+Aus der Chronika eines fahrenden Schülers (Zweite Fassung)
+
+Clemens Brentano
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+Vorwort
+
+Vor funfzehn Jahren machte es mir Freude, die folgende einfache
+Geschichte niederzuschreiben. Sie sollte nur die Einfassung mehrerer
+schöner altdeutschen Erzählungen sein, die sie mit mancherlei
+Ereignissen aus dem Zusammenleben des alten Ritters Veltlin von
+Türlingen und seiner drei Töchter unterbricht, mit deren Versorgung
+und der Abreise des Erzählers sie schließt. So lieb ich das Gedicht
+hatte, blieb es doch unterbrochen; der Sinn der Leser schien dazu zu
+fehlen. Jetzt, da diese Erzählung mehr, ja selbst die altdeutschen
+Röcke vor sich hat, fiel sie mir wieder in die Hände, und ich
+versuche es, sie den Lesern vorzulegen mit der Erinnerung, daß sie zu
+pädagogischen Zwecken entworfen worden, als ich von der sogenannten
+Romantik noch wenig wußte, und daß sie daher neben den allerneuesten
+Ritterromandichtern in ihrer redseligen Einfalt um Schonung bittet.
+Sollte dem Leser, durch Eisenfresserei und Isländisches Moos verwöhnt,
+diese Geschichte wie unsre deutsche Kamillen--und Hollunderblüte
+nicht behagen, so bringe er sie einem kranken Freunde oder Mägdelein,
+denen sie Gott gesegnen möge!
+
+
+
+Im Jahr, da man zählte nach Christi, unsers lieben Herrn, Geburt 1358,
+am zwanzigsten Tage des Maimonats, hörte ich, Johannes, der
+Schreiber, die Schwalbe in der Frühe an meinem Kammerfenster singen
+und ward innigst von dem Morgenlied des frommen Vögeleins erbauet,
+bedachte auch auf meinem Bettlein, wie die Schwalbe in daurender
+Freude lebet, gegen den Winter in ferne wärmere Länder ziehet und,
+der Heimat getreu, gegen den Frühling wiederkehrt; also nicht der
+Mensch, der arme fahrende Schüler, der wohl viel gegen Sturm und
+Wetter ziehen muß, ja der oft kein Feuer findet, die erstarrten Hände
+zu erwärmen, daß er sie falte zum Gebet; aber so er es ernstlich
+meinet, haucht er hinein.
+
+Da ich in solchen Betrachtungen versunken war und das Schwälblein
+auch auf seine Weise fortphantasierte, wäre ich schier wieder
+eingeschlummert, aber der Wächter auf dem Münster blies: "In süßen
+Freuden geht die Zeit", welches ich hier noch nie gehöret; denn ich
+war zum ersten Male in Straßburg erwacht.
+
+Nun richtete ich mich in meinem Bettlein auf, und schaute in meinem
+Gemache umher; das hatte aber Fenster rings herum und war in einem
+Sommerhäuslein des Gartens. Links stand der Mond noch blaß am Himmel,
+und rechts war der Himmel wie das lauterste Gold. Da fand ich mich
+zwischen Nacht und Tag und faltete die Hände, und es fiel mir freudig
+aufs Herz, daß heute mein zwanzigster Geburtstag sei, und wie mir es
+viel besser geworden als in dem letzten Jahre, da ich meinen lieben
+Geburtstag auf freiem Felde in einem zerrissenen Mäntelein empfangen
+und mit einem Bissen Almosenbrot bewirten mußte. O Freude und Ehre!
+dachte ich bei mir selbst und schaute zum Morgenlichte hin und sprach:
+"Du bist mein Licht, du wirst mein Tag!", glaubte auch schier in
+meiner Einfalt, der Himmel sei golden um meines Besten willen, die
+Schwalbe habe nur gesungen, mir Glück zu wünschen, und der Türmer
+habe allein so lieblich geblasen mir zur Feier; da der Himmel sich
+doch nur gerötet vor der Sonne, die der Herr gerufen, da die Schwalbe
+doch nur gesungen in Gottes Frühlingslust, und der Wächter nur
+geblasen zu Gottes Ehren, ja wohl gern noch ein Stündlein geschlafen
+hätte, so es ihm von den Münsterherren verstattet wäre. Also wird
+der Mensch leicht übermütig in der Freude, und glaubet, er sei recht
+der Mittelpunkt aller Dinge, und sei er mit allem gemeint. Da ließ
+ich die Augen fröhlich in der Kammer umherschweifen, und sah auf dem
+Schemel ein neues Gewand liegen, das mir mein gütiger Herr und Ritter
+Veltlin von Türlingen am Abend im Dunkeln hatte herauftragen lassen,
+und konnte ich meine Begierde nun nicht länger zurückhalten, sprang
+auf von meinem Lager, und legte diese Kleider nicht ohne Tränen des
+Dankes an. Es war dies aber ein feines blaues Wams, um die Lenden
+gefaltet und gestutzet, und rot und weißes Beinkleid von ländschem
+Tuch, auch stumpfe Schuh und eine schwarze Kogel mit einer blauen
+Feder, nicht zu vergessen ein Hemmet von weißem Hauslinnen, am Halse
+bunt genäht und gekrauset, dergleichen ich vorher nie getragen. Da
+ward es mir fast leicht und fröhlich zumute, und hätte ich wohl mögen
+einen Sprung tun, als hätte ich einen neuen Menschen angezogen mit
+dem neuen Kleide.
+
+Aber meine Hoffart währte nicht lange; denn mein zerrissenes
+Mäntelein, welches ich als einen Vorhang vor das Fenster gehängt
+hatte, erleuchtete sich durch die aufgehende Sonne, und alle seine
+Löcher waren so viele Mäuler und alle seine Fetzen so viele Zungen,
+die mich meiner törichten Hoffart zeihten. Es war, als sage das
+Mäntelein zu mir: "O Johannes, bist du ein so eitler Kaufherr, daß du,
+angelanget in den Hafen, des zerrissenen Segels vergißt, das dich in
+denselben geführet? Johannes, bist du ein so stolzer Schiffbrüchiger,
+daß du das Brett, welches dich mit Gottes Hülfe an ein grünes Eiland
+getragen, mit dem Fuße undankbar in die Wellen zurückstößest? O
+Johannes, du undankbarer Freund, willst du, gerettet, mich nicht auf
+deinen Schultern in ein Gotteshaus tragen und aufstellen als ein
+Gedächtnis, daß sich Gott deiner erbarmet?"
+
+Ach, das waren wohl harte und wahre Worte meines Mänteleins, und ich
+nahm es mit Schämen von dem Fenster, und legte es um über meinen
+neuen Staat, und faßte es fest mit den Händen um die Brust, als
+wollte ich es um Verzeihung bitten, und ging mit dem Gedanken die
+Treppe hinab in den Garten: Wenn ich ein armer fahrender Schüler
+gewesen bin, so werde ich immer ein armer fahrender Schüler bleiben;
+denn auf Erden sind wir alle arm und müssen mannigfach mit unserm
+Leben herumwandeln, und lernen, und bleiben doch arme Schüler, bis
+der Herr sich unser erbarmet, und uns einführet durch seinen bittern
+Tod in das ewige Leben.
+
+Da ich nun in den Garten gekommen war, den ich vorher auch noch nicht
+gesehen--denn mein gnädiger Herr und Ritter war den Abend spät mit
+mir angekommen und ich im Finstern in mein Stüblein gebracht worden--,
+konnte ich vor Staunen und Betrachten der neuen Dinge um mich her
+auch nicht zum Gebete kommen. Ich fand mich von den schönen
+Laubgängen, Zierfeldern und Pflanzen und den blühenden Bäumen schier
+ebenso sehr überraschet als von meinem neuen Gewande. Ich fand mich
+gleich einem neugebornen Kinde, welches mit allem spielet, und noch
+nicht beten kann, und erst nach einiger Erfahrung in der Süßigkeit
+des Lebens seine Hände zum Danke falten lernet. Der blühende Mal,
+das lustige Singen der Vögel, die vielen jungen Kräuter und Blümlein,
+die mit Taublicken vor der Sonne erwachten, der kühle Wasserstrahl,
+welcher in einem mit bunten Kieseln und Muscheln ausgelegten Brunnen
+tanzte, schienen mir alle so neu und wunderbar, als hätte ich
+dergleichen niemals gesehen, und wußte ich auch nicht, was aus allem
+diesem werden sollte.
+
+So wie die lieben Kinder durch die Blumen gehen und sie brechen, und
+Kränze winden und sich bei den Händen fassen und mit den Kränzen im
+Kreise tanzen, gleichsam selbst ein lebendiger Blumenkranz; wie sie
+aber nicht gedenken der Frucht im treibenden Sommer, und der Ernte im
+reichen Herbst, und des Todes in dem trüben, tiefsinnigen Winter:
+also wandelte auch ich armer Schelm wie ein einfältiges Kind ohne
+Witz durch den Garten und konnte vor großer Bewegung über mein neues
+Glück, das mir gestern früh noch nicht geträumt hatte, nicht zum
+Gebete gelangen.
+
+Mein freudiges Erstaunen wollte aber nicht lange dauern; denn als ich
+meine Augen ersättiget hatte, ward es mir als einem Hungrigen, der
+sich ohne Gebet zu einer reichlichen Mahlzeit gesetzet hat, welche
+ihm Gott darum nicht gesegnet. Alle das häusliche, wohlgepflegte
+Behagen des schönen Ziergartens erfüllte mich mit traurigen Gedanken,
+und die Armut, die Einsamkeit meines eigenen Lebens trat mir in
+dieser reichen Umgebung zum erstenmal recht lebendig vor die Seele.
+Was mag trauriger sein als das Bild eines Bettlers, auf goldnem
+Grunde gemalet?
+
+"O meine Mutter", sagte ich mir, "wer war sanfter und schöner, und
+feiner und edler als du, wer war würdiger, zwischen Blumen zu wandeln,
+als du, die wohl ihre Schwester und Gespielin sein konnte? Standen
+die Tränlein nicht auf den Wangen wie die Tautröpflein auf diesen
+Rosen, gingst du nicht durch den Wald wie ein Lüftlein durch die
+Blüten, und waren deine Augen nicht getreu und süß schauend wie die
+blauen Veilchen, deine Lippen nicht wie die rosinfarbenen Nelken, und
+flog dein gelbes Haar nicht wie der Sonnenschein? Aber du mußtest
+gehen wie Hagar mit deinem Ismael durch die Dornen in der Wüste. Ach,
+warum ward nicht dir so ein Garten und so ein Haus, und warum
+wohnest du zwischen fünf Brettern und zwei Brettlein und bist deines
+Lebens nicht froh geworden noch deines Todes? Sie haben dir keinen
+Kranz geflochten. Mir aber ist nichts geblieben als deine Zucht, und
+ich kann dein nicht gedenken in Freuden, denn mir gehöret nichts als
+die Armut, und ich habe keinen Säckel, aus dem ich dir das schönste
+Grab könnte erbauen lassen von Marmelstein und Gold."
+
+Wie traurig ward ich da und wendete meine Augen von allem, was ihnen
+wohlgefiel, und wollte nichts anschauen, weil sie es nicht mit mir
+sehen konnte, weil sie ihre Augen nie mit so erlaubter Lust erquicken
+konnte. Auch fiel es mir bittrer noch auf die Seele, daß ich eines
+Ritters Sohn sei, ohne Wappen und ohne Waffen. Tränen füllten mir
+die Augen, und Unwill erfüllte meinen ganzen Leib, der in dem neuen
+geschenkten Gewand zu brennen schien, und ich spannte mein enges,
+durchlöchertes Mäntelein so um mich, daß es noch mehr zerrissen.
+
+So schritt ich, als suche ich die Wildnis, nach einem einsamem
+ungepflegten Teile des Gartens, und kaum stand ich im hohen Gras
+unter hohen Linden, so konnte ich schon nicht mehr begreifen, wie
+dieser innre Schmerz und Zorn in mich zum ersten Male in meinem Leben
+gekommen sei, und gegen die Mauer des Gartens schreitend, sah ich an
+derselben in einem tiefen Bogenraum ein Heiligenhäuslein angebracht,
+darinnen war wohlvergittert ein buntgemaltes Schnitzwerk, die
+Anbetung der heiligen drei Könige im Stall zu Bethlehem, aufgestellt.
+Davor kniete ich nieder ins Gras und betete von ganzem Herzen. Da
+zerrann bald all mein Leid und meine Hoffart vor dem Sohne Gottes,
+der nackt und arm in einer Krippe vor mir lag, und dem doch die
+Könige dienten. Wie fühlte ich mich in meiner Ungebärdigkeit
+beschämt! Und da ich mich mit Tränen angeklagt hatte, dankte ich von
+ganzem Herzen dem Herrn, daß er mich armen fahrenden Schüler nicht
+vergessen, und mich durch seine Barmherzigkeit zu meinem gnädigen
+Herrn und Ritter gebracht, gelobte auch, ferner mich aller Hoffart zu
+enthalten und die Künste, welche ich durch seinen Beistand mit
+schwachen Sinnen erlernet, zur Mehrung seines Reiches auf Erden treu
+anzuwenden.
+
+Da ich nun nach solchem Gebete einen merklichen Trost in meinem
+Herzen spürte, nahm ich ein gülden gewirktes Band, worauf das Ave
+Maria stand, aus meinem Gebetbüchlein, und hängte es, durch das
+Gitter langend, dem Bilde der Jungfrau Maria über den Arm, als das
+Opfer eines törichten Menschen, der vor ihrem Sohne betend Trost
+gefunden hatte. Dieses Band aber war mir das Liebste, was ich hatte.
+Eine fromme Klosterfrau, meiner selgen Mutter Befreundte, hatte es
+mir einst für ein Lied, das ich ihr gedichtet und gesungen,
+geschenket, und war es zu Marburg an St. Elisabethen Grab angerühret
+worden; ich aber hatte es bisher als einen Blattzeiger in meinem
+Gebetbüchlein geführet. Dann nahm ich auch mein Mäntelein ab, und
+rollte es zusammen in einen langen Wulst und flocht es durch die
+obern Stäbe des Gitters vor dem Bilde, als einen aufgerollten Vorhang,
+zum Gedenken meiner zeitlichen Armut, welche durch Gott sich in
+Freud und Fülle gewandelt hatte. Nun wendete ich mich nach dem
+Garten zurück, der mir ganz anders erschien als vorher.
+
+So mag nichts vor dem Gemüte des Menschen bestehen, welches alles
+nach sich umgestaltet. Jetzt, da ich gebetet hatte, erschienen mir
+alle die roten, leibfarben und weißen Blümlein des Gartens jene
+Blumen, durch die der König Ahasverus in seinem Schloßgarten zu Süsan
+gewandelt, seines Zornes zu vergessen. Ja, es war mir, als sei der
+liebe Gott durch diese Blumen gegangen und habe seinen gerechten Zorn
+über meine Ungebärde hier an der Lieblichkeit seiner Werke
+gesänftiget; denn hier an diesem ersten Morgen meines zwanzigsten
+Jahres ist mir vieles Licht in der Seele aufgegangen, und ist mir der
+Frühling ein weiser Lehrer geworden.
+
+Besonders aber hat mich der hohe Münsterturm erschüttert, als ich aus
+einem schattichten Baumgang hervortrat und ihn über die Dächer der
+Nachbarhäuser auf mich niederschauen sah. War mir es doch im Anfang
+so bange vor ihm, wie es einer Grasmücke sein muß, wenn ein Riese den
+Busch über ihrem Neste öffnet und auf sie niederblickt. Alles
+Menschenwerk, so es die gewöhnlichen Grenzen an Größe oder Vollendung
+überschreitet, hat etwas Erschreckendes an sich, und man muß lange
+dabei verweilen, ehe man es mit Ruhe und Trost genießen kann.
+
+Ich habe dieses aber nicht allein bei dem Anblick dieses
+schwindelhohen Turmes empfunden, sondern auch bei gar lieblichen und
+feinen Werken, von welchen ich nur nennen will die überaus feinen und
+natürlichen Gemälde des Malers Wilhelm in Köln, der von den Meistern
+als der beste Meister in allen deutschen Landen geachtet wird, denn
+er malet einen jeglichen Menschen von aller Gestalt, als lebe er.
+Die Werke dieses Wilhelms aber, die ich zu Köln gesehen, sind
+dermaßen zart, fein, scharf und lebendig, daß man schier glauben
+sollte, sie seien von Händen der Engel gemacht, und erbebet man bei
+ihrem Anblick, weil sie zu leben scheinen und doch nicht leben. Man
+fühlet da wohl, daß der Mensch etwas sein und schaffen kann, was viel
+herrlicher ist als sein gewöhnliches Sein und Schaffen, und man
+erschrickt darüber, daß diese Herrlichkeit so fremd und selten ist;
+daher wohl eine Menge Sprossen auf der Leiter zu dieser
+Vollkommenheit wo nicht fehlen, doch unsichtbar sein müssen und wir
+alle wohl tief herunter geworfen sind.
+
+Die gewaltige Künstlichkeit des wunderwürdigen Münsterturms hätte
+mich beinahe wieder niedergeschlagen; denn ich bedachte mit
+Verwunderung, wie ich doch unter den hohen Eichen, in finstern
+Wäldern, auf hohen Bergen, an steilen Abgründen und bei stürzenden
+Wasserfällen in einsamen Tälern recht in Einöde, ja ganz verlassen,
+auch wohl gar hungrig gesessen und mich doch nicht so bewegt gefühlt
+als bei dem Anblick dieses Turmes. Wenn ich die Blätter und Zweige
+der Bäume betrachte, so frage ich nicht, wie sie da hinauf gekommen,
+und erschrecke nicht, wenn sie sich hin und her bewegen mit Rauschen;
+aber wenn ich diesen wunderbaren Turm anschaue mit seinen vielen
+Türmlein, Säulen und Schnörkeln, die immer auseinander heraustreiben
+und durchsichtig sind wie das Gerippe eines Blattes, dann scheint er
+mir der Traum eines tiefsinnigen Werkmeisters, vor dem er wohl selbst
+erschrecken würde, wenn er erwachte und ihn so fertig vor sich in den
+Himmel ragen sähe; es sei denn, daß er auf sein Antlitz niederfiele
+und ausriefe: "Herr, dies Werk ist nicht von mir in seiner
+Vollkommenheit, du hast dich nur meiner Hände bedienet, mein ist
+nichts daran als die Mängel, diese aber decke zu mit dem Mantel
+deiner Liebe, und lasse sie verschwinden im Geheimnis deiner Maße."
+Keiner aber hat dieses wohl erlebet, keiner hat einem solchen Werke
+seiner Erfindung die Krone aufgesetzet, ganze Geschlechter sind von
+den Baugerüsten herabgestiegen und haben sich zu Ruhe in die Gräber
+zu den Füßen des Turmes gelegt, der nichts davon weiß, und dasteht
+ernst und steinern, der kein Herz und keinen Verstand hat, ja
+eigentlich ein recht unvernünftiger Turm ist, und doch dasteht, als
+wäre er aus sich selbst hervorgewachsen und brauche es keinem
+Menschen zu danken. Dieser gewaltige Ausdruck der Erhabenheit aber
+in einem solchen Werke, an welchem die Weisheit und Mühe und Andacht
+von Jahrhunderten an unendlichen Linien des Gesetzes, des
+Verhältnisses, der Not und der Zier mit halsbrechender Kühnheit
+hinangeklommen, um auf dem Gipfel dem Herrn zu lobsingen, verbunden
+mit seinem eigentlichen inneren Tode, so daß er, der alles durch sein
+Dasein im tiefsten Herzen rühret, doch gar nichts davon mitempfindet,
+das ist es, was seinem Anblick und der Erscheinung aller gewaltigen
+Menschenwerke einen Schrecken beimischet. Es ist, als frage er: Was
+bin ich, und warum bin ich, und was ist es, das dich also rühret in
+mir? Was können wir ihm aber anderes antworten als: Die Werke des
+Herrn sind unbegreiflich, er treibt uns, zu bauen und schaffen über
+das Leben hinaus, denn wir waren unsterblich und vollkommen, und wir
+sind gefallen in den Tod durch die Sünde; du Turm aber stehe, als ein
+Zeuge, daß wir dunkel fühlen, was wir waren vor dieser Zeit, und daß
+wir noch ringen nach unendlichem Ziel; so stehe du dann als ein
+Träger unsrer Mühe und unsrer Buße zu Ehren unsres Heilands und
+Seligmachers Jesu Christi, der uns erlöset hat durch sein bittres
+Leiden und Sterben. Amen.
+
+Also gedachte ich in mir, und wenngleich umgeben von lebenden Bäumen
+und Blumen, in welchen, wie selbst in den harten Felsen, eine Seele
+zu wohnen scheint, welche mit dem Menschen atmet und fühlet, im
+Frühling sich mit ihm freuet, und im Winter mit ihm trauert, konnte
+ich doch meine Augen nicht von dem Turme wenden. Der Sinn des
+Menschen strebet immer nach dem Unbegreiflichen, als sei dort das
+Ziel der Laufbahn und der Schlüssel des Himmels; denn bewundern kann
+der Mensch allein, und alles Bewunderung Erregende ist ein Bote
+Gottes, der uns mahnet an das Licht, das wir verloren, und das uns
+wieder verheißen ist durch das Blut Christi, so wir uns dessen
+teilhaftig machen. Also ist mir auch immer alle meine Drangsal
+erschienen als eine Sehnsucht nach einem bessern Leben, und alle
+meine bittern Stunden waren nur die kalten, stürmenden Tage des
+Winters, denen der liebliche Frühling, angekleidet mit Blumen und
+Gesang, folget, so ich säe guten Samen und fülle meine Seele mit dem
+Lobe Gottes.
+
+In solchen Betrachtungen wollte ich wieder nach dem Sommerhäuslein
+gehn, sah aber meinen gnädigen Herrn und Ritter gar tiefsinnig mit
+gefalteten Händen unter einem Baume im Sonnenschein sitzen, und
+traute nicht, ihm vorüberzugehen, damit ich ihn nicht störe. Ich
+stellte mich darum in seiner Nähe bescheidentlich an die Laubwand,
+und nahm mein Barett in die Hände, erwartend, ob er seine Augen
+vielleicht nach mir wenden möge.
+
+Der Anblick meines Herrn erweckte eine große Ehrfurcht in mir. Ich
+hatte ihn gestern nicht recht gesehen, denn es dunkelte schon, da er
+mich am Wege barmherzig zu sich nahm. Er hatte ein schneeweißes Haar
+am Haupt und Bart, und mochten wohl viele Sorgen über ihn hingeflogen
+sein. Ich erinnerte mich, nie einen so frommen alten Ritter gesehen
+zu haben, der mit seinem ernsten und milden Antlitz ein solches
+Vertrauen in mein Herz senkte. Gott gebe, daß ich also in Ehren grau
+werden möge! dachte ich bei mir und fühlte mich mit ganzer Seele zu
+dem lieben Herrn hingezogen. Er aber schien sehr betrübt zu sein,
+seufzte auch oft und tief, und die kleinen Vöglein, die über ihm in
+dem Baume so lustig sangen, konnten ihn nicht trösten.
+
+Da ich so eine Weile nach ihm hingesehen hatte, wendete er die Augen
+zufällig zu dem Orte, an dem ich stand, und redete mich freundlich an
+mit den Worten: "Wie ist dir, Johannes, daß du so stille dastehest?"
+Worauf ich ihm entgegnete: "Ich wollte Eure Ruhe nicht stören, Herr;
+Ihr scheinet mir in schweren Gedanken."
+
+Der Ritter aber sprach hierauf: "Johannes, wie gefällt dir deine neue
+Heimat; bist du zufrieden bei mir?"
+
+Da sagte ich: "Herr, sollte ich nicht froh sein? Da ich nun weiß, wo
+schlafen und wo Brot finden und wem dienen um des Herren willen, da
+weiß ich nun auch, wen lieben, wem danken außer Gott, und für wen
+beten außer für mich. Herr, meine neue Heimat gefällt mir wohl; Gott
+gebe, daß ich auch ihr wohlgefalle, und ihrer würdig werde." Da
+lächelte der Ritter und sprach: "Johannes, wenn dir deine Worte ernst
+sind, so werden wir gute Gesellen sein, denn deine Rede gefällt mir
+wohl. Aber was willst du tun, mir wohlzugefallen; was willst du mir
+geben, da du nichts hast?"
+
+Hierauf erwiderte ich: "Herr, ich bleibe Euer Schuldner vor der Welt,
+denn ich kann Euch kein Wams geben für das Wams, das ich durch Eure
+Gnade trage; aber vor Gott gebe ich Euch einen guten Zahlmann, denn
+vor ihm schenke ich Euch mein Herz."
+
+Da versetzte der Ritter scherzhaft: "Wenn ich dir nun auch mein Herz
+geben wollte für das deinige, so behielt ich doch das Wams zugute;
+wie dann, Johannes?"
+
+Worauf ich entgegnete: "Herr, Ihr rechnet so gestreng, als wolltet
+Ihr mich versuchen in Gegenrechnung, und so muß ich dann schon sagen,
+daß mein Herz gewiß nicht Wert hat gegen das Eure, welches geprüfet
+ist durch lange Jahre, da das meinige arm ist und ohne Verdienst, ja
+da ihm alles Gute, was es gewollt hat, nicht zugute kömmt, da es
+keinen Wert hat, den es Euch mit sich geben kann, weil der Glaube an
+die Barmherzigkeit des Heilands nicht mit dem Herzen geschenkt werden
+kann und dieser Glaube allein doch ein Herz zu beseligen und selig zu
+machen vermag. So nehmt es denn hin, wie es ist, und füget hinzu,
+was man nicht mitgeben kann. Doch habe ich noch eine Gabe, deren ich
+Euch genießen lassen will, und die Ihr mir nicht so leicht einholen
+sollet; denn sie ist rasch und fliehet davon, auch werdet Ihr sie mit
+allem Ernste nicht leicht verdrängen mögen; denn sie ist lieblich und
+lustig anzuschauen, und könnte ich sie Euch wirklich zu eigen geben,
+so würdet Ihr sie nicht gerne wieder lassen, eine also gute Gesellin
+ist sie."
+
+Mein Herr, der sehr ernst geworden war, sagte hierauf, traurig vor
+sich niederschauend: "Und was ist das vor ein Kleinod, Johannes, mit
+dem du so prahlest?"
+
+Da erwiderte ich: "Herr, es ist meine Jugend; deren will ich Euch
+genießen lassen, wie ich kann. Damit Ihr Euer Alter vergesset bei
+mir, will ich Euch erfreuen mit mancherlei fröhlichen Reden und
+Gedanken."
+
+Aber was ich da zuletzt gesprochen hatte, war wohl töricht und ein
+schlechter Anfang meiner versprochenen erfreulichen Reden; denn mein
+gnädiger Herr ward nun sehr stille und finster. Weil ich ihn an sein
+Alter erinnert hatte, glaubte ich. Da redete ich ihn schüchtern an:
+"Herr, ich habe Euch mit törichten Worten erzürnet."
+
+Er aber sprach: "Das hast du nicht getan, Johannes, du hast die
+Wahrheit gesprochen, aber mir ist schwerer aufs Herz gefallen, was
+mir lange schon darauf liegt, mein Unwert. Nun aber bedenke ich, ob
+dein fröhlicher Mut mir wohl diese Last von der Brust nehmen wird;
+aber das mag wohl nicht sein; hast du mich nicht gefunden hier im
+Grünen, in einem lustigen Garten, von der lieben Sonne beschienen,
+und angesungen von den unschuldigen Vögelein, nachdenklich und
+betrübt? Wirst du können, was der Frühling nicht vermag? So du aber
+Künste gelernt hast, die ich nicht besitze, so wirst du mein
+Schuldner nicht bleiben, wenn ich gleich selbst ewig Gottes Schuldner
+bleibe. Setze dich zu mir und sage mir treulich, wie du zur Armut
+gekommen bist im Guten, und wie es sich mit dir begeben, bis ich dich
+gestern an der Eiche gefunden habe im Blobsheimer Wald, und dann
+sollst du ebenfalls von mir hören, warum ich betrübt bin."
+
+Da ich die große Freundlichkeit meines Herrn aus dieser Rede
+vernommen hatte, faßte ich einen guten Mut, setzte mich zu ihm unter
+den Baum, und sprach also: "Mein gnädiger Herr und Ritter, es gibt
+keinen ehrlicheren Weg ins Leben als die Geburt, denn unser Heiland
+ist ihn auch gewandelt, und so gibt es auch keinen ehrlicheren Weg
+zur Armut, als in ihr geboren zu sein, denn auch unser Heiland ward
+in ihr geboren, und so kam ich zur Armut, als ich zur Welt kam. Aber
+ich bin doch nicht lang arm geblieben; denn ich fand eine
+unaussprechlich liebe Mutter; die ließ mich an ihrem Herzen
+schlummern, und sah auf mich nieder mit sorgenden Liebesblicken, und
+weckte sie mich nicht mit ihren Tränlein, die auf mich niederfielen,
+so weckte sie mich mit Küssen, und ließ mich ihr eignes Leben aus
+ihren Brüsten trinken; o Herr, war ich nicht reich, wer ist reicher
+als ein neugebornes Kindlein?--Ja, ich war so reich, daß ich meiner
+lieben Mutter Freud und Leid verdoppeln konnte, was Ihr wohl aus
+einem Liede vernehmen werdet, das meine Mutter oft sang, wenn sie
+mich in frühster Jugend einschläferte, und habe ich es nach ihrem
+Tode in ihrem Gebetbüchlein liegend gefunden; es ist aber gestellt,
+bald als rede ein Kindlein zur Mutter, bald die Mutter zu ihm; nun
+höret:
+
+
+ O Mutter, halte dein Kindlein warm,
+ Die Welt ist kalt und helle,
+ Und trag es fromm in deinem Arm
+ An deines Herzens Schwelle.
+
+ Leg still es, wo dein Busen bebt,
+ Und, leis herab gebücket,
+ Harr liebvoll, bis es die äuglein hebt,
+ Zum Himmel selig blicket.-Und weck ich dich mit Tränen nicht,
+ So weck ich dich mit Küssen;
+ Aus deinem Aug mein Tag anbricht,
+ Sonn, Mond dir weichen müssen,
+
+ O du unschuldger Himmel du!
+ Du lachst aus Kindesblicken,
+ O Engelsehen, o selge Ruh,
+ In dich mich zu entzücken!
+
+ Ich schau zu dir so Tag als Nacht,
+ Muß ewig zu dir schauen,
+ Und wenn mein Himmel träumend lacht,
+ Wächst Hoffnung und Vertrauen.
+
+ Komm her, komm her, trink meine Brust,
+ Leben von meinem Leben;
+ O, könnt ich alle fromme Lust
+ Aus meiner Brust dir geben!
+
+ Nur Lust, nur Lust, und gar kein Weh,
+ Ach, du trinkst auch die Schmerzen;
+ So stärke Gott in Himmelshöh
+ Dich Herz aus meinem Herzen!
+
+ Vater unser, der du im Himmel bist,
+ Unser täglich Brot gib uns heute,
+ Getreuer Gott, Herr Jesus Christ,
+ Tränk uns aus deiner Seite.-Du strahlender Augenhimmel du,
+ Du taust aus Mutteraugen,
+ Ach Herzenspochen, ach Lust, ach Ruh,
+ An deinen Brüsten saugen!
+
+ Ich schau zu dir so Tag als Nacht,
+ Muß ewig zu dir schauen;
+ Du mußt mir, die mich zur Welt gebracht,
+ Auch nun die Wiege bauen.
+
+ Um meine Wiege laß Seide nicht,
+ Laß deinen Arm sich schlingen,
+ Und nur deiner milden Augen Licht
+ Laß zu mir niederdringen.
+
+ Und in deines keuschen Schoßes Hut
+ Sollst du deine Kindlein schaukeln,
+ Daß deine Kinder, so lieb, so gut,
+ Wie Träume mich umgaukeln.
+
+ Da träumt mir, wie ich so ganz allein
+ Gewohnt dir unterm Herzen;
+ Da waren die Freuden, die Leiden dein
+ Mir Freuden auch und Schmerzen.
+
+ Und ward dir dein Herz ja allzu groß,
+ Und hattest nicht, wem klagen,
+ Und weintest du still in deinen Schoß,
+ Half ich dein Herz dir tragen.
+
+ Da rief ich: Komm, lieb Mutter, komm!
+ Kühl dich in Liebeswogen!
+ Da fühltest du dich so still, so fromm
+ In dich hinabgezogen.
+
+ So mutterselig ganz allein
+ In deiner Lust berauschet,
+ Hab ich die klare Seele dein,
+ Du reines Herz, belauschet.
+
+ Was heilig in dir zu aller Stund,
+ Das bin ich all gewesen;
+ Nun küß mich, süßer Mund, gesund,
+ Weil du an mir genesen.
+
+ O selig, selig ohne Schuld,
+ Wie konnt ich mit dir beten;
+ O wunderbare Ungeduld,
+ Ans scharfe Licht zu treten!
+
+ O Mutter, halte dein Kindlein warm,
+ Die Welt ist kalt und helle,
+ Und trag es fromm, bist du zu arm,
+ Hin an des Grabes Schwelle.
+
+ Leg es in Linnen, die du gewebt,
+ Zu Blumen, die du gepflücket,
+ Stirb mit, daß, wenn es die äuglein hebt,
+ Im Himmel es dich erblicket.
+
+ So lallt zu dir ein frommes Herz,
+ Und nimmer lernt es sprechen,
+ Blickt ewig zu dir, blickt himmelwärts
+ Und will in Freuden brechen.
+
+ Brichts nicht in Freud, brichts doch in Leid,
+ Bricht es uns allen beiden.
+ Ach, Wiedersehen geht fern und weit,
+ Und nahe geht das Scheiden!
+
+
+Als ich das Lied ganz hergesagt, waren ich und mein Herr Ritter ein
+bißchen stille. Dann hob er an und sprach: "Du hast recht, lieber
+Johannes, du warst recht reich, eine so liebe Mutter auf Erden zu
+finden; das ist ein schönes Lied, aber es ist auch viel Trauer darin;
+wer hat es denn also gesetzet, daß es am Ende so schmerzlich vom
+Scheiden spricht?"
+
+Da sagte ich: "Mein Vater hat es gesetzt, als ich noch nicht geboren
+war, da er von meiner Mutter scheiden mußte, und hat sie ihn nie
+wiedergesehn, und kenne ich ihn auch nicht." Da brachen mir die
+Tränen aus, aber mein gnädiger Herr fuhr mir freundlich mit der Hand
+über das Haupt und sagte: "Sei wohlgemut! Ich will dein Vater sein,
+das reicht auf Erden hin, Gott gebs!" Da küßt ich ihm die Hand und
+fuhr fort: "Ach, Herr Ritter, solcher Reichtum an einer so lieben
+Mutter war noch nicht genug; denn gute Leute nahmen mich auf ihre
+Arme und trugen mich in die Kirche; da ward ich durch die heilige
+Taufe aufgenommen unter die Kinder Gottes und ward gereinigt von
+aller Sünde und ward teilhaftig der Versühnung unseres Herrn Jesu
+Christi. Da ward ich erst reich über alle Maßen, da hatte ich das
+ewige Leben und den Schlüssel des Himmels geschenket. Dann aber auch
+ward mir gegeben viele irdische Herrlichkeit, und was zum Leben nötig
+und lustig ist; denn ich ward gelehret, daß der Glanz der Sonne all
+mein Gold sei, der Spiegel der Flüsse all mein Silber, die grünen
+Wiesen mit ihren Blumen all meine Teppiche und Tapezereien, der
+Himmel mit seinen blauen gestirnten Gewölben und der grüne hohe Wald
+alle meine Gebäude und Hallen; ja endlich bin ich so reich geworden,
+daß mir die ganze Welt offen stand, und alle guten Menschen meine
+Diener warden, zu denen ich sprechen durfte: Gib mir dies, gib mir
+jenes; und hatte ich auch keinen Herrn, als den Herrn aller Herren,
+den lieben Gott, der mir das Leben zu einem Leben gegeben, und in
+dessen Hände ich es, so der heilige Geist seine Gnade verleiht, und
+mein Herr Jesus sich meiner erbarmt, ohne große Makel zurückzugeben
+hoffe, und habe ich mir zum Spruche auf mein Schild erwählt--denn ich
+bin eines Ritters Sohn--:
+
+
+ Der Himmel ist mein Hut,
+ Die Erde ist mein Schuh,
+ Das heilge Kreuz ist mein Schwert,
+ Wer mich sieht, hat mich lieb und wert."
+
+
+Da lächelte Herr Veltlin und sprach: "Dein Hut ist besser als deine
+Schuh, die wirst du dir bald ablaufen, aber dein Schwert ist das
+mächtigste auf Erden und hat einen guten Waffenschmied gehabt, du
+bist ein guter Ritter, und deine Fahrt mag friedlich abgehen, denn
+die dich sehen, haben dich lieb und wert. Aber erzähl mir nun dein
+Herkommen!"
+
+Da zog ich ein Buch aus meinem Buchbeutel und sprach: "Ich will es
+Euch lesen, denn ich habe angefangen, es mir aufzuschreiben, und zwar
+so recht ausführlich, wie es mir eingefallen, mit allerlei Rede und
+Betrachtung; wie mir bewußt ward, daß es gewesen ist und gewesen sein
+kann." Da sprach Herr Veltlin: "Du kannst schreiben? Johannes, das
+kann ich nicht, und bin ich begierig zu hören, ob du auch alles so
+aufgeschrieben, daß ich es wohl genießen mag; denn da die Schrift als
+etwas Künstlicheres und dem Menschen Merkwürdigeres gegeben wird als
+gewöhnliche Rede, die schnell dahin fliegt, so soll sie auch des
+Aufbehaltens würdiger dem Menschen dargereicht werden, und also
+wohlgesetzt und deutlich sein. Lies nun!" Da hob ich an: Chronika
+des fahrenden Schülers Johannes Laurenburger, von Polsnich an der Lahn
+
+
+ Dieses Buch ist mir wert und lieb;
+ Wer es mir stiehlt, der ist ein Dieb.
+
+
+Ich bin geboren am 20. Mai 1318 zu Polsnich an der Lahn; das ist ein
+Hof, der gehört zum Kloster Arnstein, darin ich getauft wurde
+Johannes. Meine Mutter selig wohnte in einem kleinen Häuslein vor
+dem Hof, und nannte man sie die schöne Laurenburger Els; mein Vater
+aber, den ich nie gesehen, war der Ritter von der Laurenburg, die dem
+Kloster Arnstein gegenüber an der Lahn liegt. Was es aber für eine
+Beschaffenheit mit ihm habe, will ich hier niederschreiben, so viel
+ich erfahren, wenn ich zu der Zeit in meinem Leben gelange, da es mir
+selbst bekannt worden.
+
+Das erste, dessen ich mich aus frühster Jugend von meiner Mutter
+recht deutlich erinnre, ist, daß sie mich lehrte, mich mit dem
+Zeichen des heiligen Kreuzes zu bezeichnen und die Hände zu falten
+und das Vaterunser und den englischen Gruß zu beten. Sie sagte mir
+die Gebete vor, ich schaute nach ihren Lippen und sprach ihr nach,
+und ich erinnere mich noch recht sehr deutlich meiner großen Freude,
+als ich zum ersten Male abends neben ihr an ihrem Betschemel kniete,
+und diese heiligen Gebete mit ihr fertig und ohne Fehl sprach. Jetzt
+noch, wenn ich bete, ist es mir oft, als schaute ich nach ihren
+Lippen und spräche ihr nach.
+
+Sie war arm, fromm und arbeitsam, und wenn ich sie gleich später in
+mancherlei Geschäft gesehen, schwebt mir ihr Bild doch meistens
+betend, singend oder spinnend vor Augen. Wenn sie mich manchmal
+abends schon im Bette entschlafen glaubte, wachte ich noch und
+horchte auf das Schnurren ihrer Spindel und ihren rührenden Gesang;
+denn sie saß spät auf, ihr Brot in Ehren zu verdienen.
+
+Der Anblick meiner holdseligen Mutter, wenn sie so bei Lampenschein
+vor sich hinsang und spann, rührte mich oft bis zu Tränen; warum, das
+weiß der liebe Gott gewiß, zu dem ich wohl zuhörend mit kindischem
+Herzen für sie gebetet habe.
+
+Einmal weiß ich, daß ich gar sehr weinen mußte; als ich sie nachts
+bei ihrem Rocken so vor sich hin singen hörte, da fing eine
+Nachtigall vor unserm Fenster auch an zu singen; es war schon sehr
+spät, und der volle Mond schien klar und hell. Meine Mutter aber
+hörte nicht auf zu singen, und sang das Vögelein und sie zugleich.
+Da habe ich zum erstenmal Traurigkeit empfunden und kindische Sorgen
+um den Ernst des Lebens gehabt, die ich wohl noch fühle, aber nicht
+auszusprechen vermag; da habe ich mich auch leise im Bette
+aufgerichtet und meiner Mutter zugehört. Sie sang aber ein Lied, das
+lautete also:
+
+
+ Es sang vor langen Jahren
+ Wohl auch die Nachtigall;
+ Das war wohl süßer Schall,
+ Da wir zusammen waren.
+
+ Ich sing und kann nicht weinen
+ Und spinne so allein
+ Den Faden klar und rein,
+ Solang der Mond wird scheinen.
+
+ Da wir zusammen waren,
+ Da sang die Nachtigall;
+ Nun mahnet mich ihr Schall,
+ Daß du von mir gefahren.
+
+ So oft der Mond mag scheinen,
+ Gedenk ich dein allein;
+ Mein Herz ist klar und rein,
+ Gott wolle uns vereinen!
+
+ Seit du von mir gefahren,
+ Singt stets die Nachtigall;
+ Ich denk bei ihrem Schall,
+ Wie wir zusammen waren.
+
+ Gott wolle uns vereinen,
+ Hier spinn ich so allein;
+ Der Mond scheint klar und rein,
+ Ich sing und möchte weinen!
+
+
+Besonders traurig aber kam es mir vor, daß der Vogel und meine Mutter
+zugleich sangen und doch nicht recht miteinander, und hätte ich
+damals wohl wissen mögen, ob der Vogel auch in seinem Gesange meiner
+Mutter gedachte, und ob er auch lieber geweint als gesungen hätte.
+Ich fragte darum meine Mutter mit den Worten: "Mutter, was singt denn
+die Nachtigall dazu?"
+
+Da sagte sie: "Die Nachtigall sehnt sich und lobet Gott; also tue ich
+auch. Aber, Johannes, warum wachst du? Schlafe, du mußt morgen früh
+heraus und mit mir nach Kloster Arnstein gehn; wenn du nicht schläfst,
+so nehme ich dich nicht mit." Da löschte sie die Lampe aus, und
+trat vor mein Bettlein und machte mir das Zeichen des Kreuzes auf
+Stirne, Mund und Herz und küßte mich, und da ich fühlte, daß sie
+weinte, schlang ich meine Arme um ihren Hals und drückte ihr Antlitz
+fest an das meinige, und da weinten wir beide.
+
+Ich fragte sie aber: "O liebe Herzmutter, was weinest du, und warum
+machst du mir nochmals das Kreuz? Ich habe ja schon gebetet."
+
+"Lieber Johannes", sprach sie hierauf, "ich mache dir immer das Kreuz
+und küsse dich, wenn ich schlafen gehe, daß dir Gottes und deiner
+Mutter Segen in der Nacht zugute komme; aber du hast bisher immer
+schon geschlafen, wenn ich es tat, und wußtest es darum nicht." Aber
+warum sie weine, sagte sie mir damals nicht. Darauf entkleidete sie
+sich und legte sich zu Bette, und betete laut, ich aber sprach ihr
+nach:
+
+
+ Herr Jesus, ich will schlafen gehn,
+ Laß vierzehn Engel bei mir stehn,
+ Zwei zu meiner Rechten,
+ Zwei zu meiner Linken,
+ Zwei zu meinen Häupten,
+ Zwei zu meinen Füßen,
+ Zwei, die mich decken,
+ Zwei, die mich wecken,
+ Zwei, die mich weisen
+ Zum himmlischen Paradeise!
+
+ Worauf wir ruhig einschliefen.
+
+Am folgenden Morgen wachte ich früher auf als die Mutter. Die
+Schwalbe begann zu singen. Ich kleidete mich leise an und trat an
+das Bett meiner Mutter; die hatte die Hände ruhig gefaltet, und der
+junge Tag schien auf ihr Angesicht. Ihr Anblick erfüllte mich mit
+Liebe und Trauer, denn ich hatte Barbara, die Tochter des Hofmeiers,
+neulich also mit gefaltenen Händen stille im Sarge liegen sehn, und
+ergriff mich eine so tiefe Angst, daß ich meine Mutter mit ungestümen
+Küssen erweckte. Sie erwachte in meinen Armen, und als ich ihr die
+Ursache meiner Tränen sagte, nahm sie meine Hände von ihrem Hals und
+faltete sie, und schloß sie in ihre lieben Hände, und so beteten wir
+zusammen zu Gott, und dankten ihm, daß er uns diese Nacht erhalten
+und uns verliehen habe, diesen Tag zu unserer Besserung anzutreten.
+Am Schlusse des Gebetes sagte die Mutter: "Du hast gefürchtet, ich
+sei tot, Johannes; sterben müssen wir alle, halte dich an unsern
+Herrn Jesum und die himmlische Mutter Maria, die werden dir Vater und
+Mutter sein, besser als dein irdischer Vater und ich, wenn auch ich
+dich verlassen muß. Und wenn ich einst die Hände so schließe, um zu
+beten, da ich zur ewigen Ruhe entschlafe, so schließe auch deine
+Hände so in die meinigen und bete mit mir, auf daß uns der Heiland
+zusammen in die ewige Herrlichkeit seines Angesichts schauen lasse.
+"-Da wurd ich still und trat an das Fensterlein unsrer Kammer und sah
+nach dem kommenden Tag. Als sich aber meine Mutter angekleidet hatte,
+trat sie hinter mich, und hielt mir freundlich die Augen zu, mit den
+Worten: "Warte ein wenig, liebes Kind, gleich wirst du etwas sehen,
+das du nie gesehen." Während sie mir so die Augen zuhielt, fragte
+ich sie: "Liebe Mutter, ist das Gebet dann kräftiger, und gefällt es
+dem lieben Gott dann besser, wenn man die Hände so zusammen faltet,
+wie du mit mir getan?"--"Gewiß", sagte die Mutter, "wenn die, so es
+tun, sich so lieben wie wir, aber den lieben Gott doch noch viel mehr
+als einander, und wenn in der Kirche alle Leute zusammen beten und
+der Priester am Altare betet, da ist das Gebet des Priesters die Hand,
+in die sie alle ihre Hände gefalten haben. Was habe ich dich von
+der christlichen Liebe gelehrt?" Da sprach ich: "Du sollst Vater und
+Mutter lieben, auf daß du lang lebest auf Erden; du sollst deinen
+Nächsten lieben wie dich selbst und Gott über alles."--"Recht", sagte
+die Mutter, "o wie selig wäre die Welt, wenn alle Menschen so
+vereinet beteten, wie wir es heut tun konnten, und wie es eine fromme
+Gemeinde in der Kirche tut." Da sagte ich kindisch: "Aber alle
+Menschen können doch nicht ihre Hände zu zwei Händen zusammenlegen.
+"--"O gewiß, das können sie", erwiderte die Mutter, "und das in
+unsers lieben Erlösers Jesus Christi Hände, der überall und an allen
+Orten ist, und seine heiligen Hände für uns am Kreuze ausgespannt hat,
+uns zu erlösen von der Sünde. Denn er hat uns ja das Gebet gelehret,
+und er ist die Hand, in welche wir unsre Hände legen müssen, so
+unser Gebet zu Gott dringen soll; denn er selbst hat auf Erden gesagt:
+"Alle Dinge sind mir übergeben von meinem Vater, und niemand
+erkennet den Sohn, als nur der Vater, und niemand kennet den Vater,
+als nur der Sohn, und wem es der Sohn will offenbaren. Kommet her zu
+mir, alle, die ihr mühselig und beladen seid, ich will euch erquicken."
+Und der heilige Johannes sagt: "Der Vater hat den Sohn lieb und
+hat ihm alles in seine Hand gegeben. Wir haben einen Fürsprecher
+beim Vater, Jesum Christum, den Gerechten; der ist die Versöhnung für
+unsre Sünden, doch nicht allein für die unsrigen, sondern für die
+Sünden der ganzen Welt. Es ist ein Gott und ein Mittler zwischen
+Gott und den Menschen, der Mensch Jesus Christus, der sich selbst für
+uns alle zur Erlösung hingegeben hat." Ach, möchten nur alle ihre
+Hände in des Heilands Hand, in die Gott alles gegeben hat, glaubend,
+hoffend und liebend legen; dann würden wir alle zusammen schauen in
+das Angesicht Gottes." Nach diesen Worten tat die liebe Mutter ihre
+Hände von meinen Augen und sprach: "Gelobet sei Jesus Christus!", und
+ich erwiderte: "In Ewigkeit, Amen!" und sah mit großer Seligkeit in
+den Glanz der Morgensonne, die über dem Lahntal hervorstieg. "Ach,
+Mutter", rief ich aus, "ist dieses Gottes Angesicht?"--"Nein, mein
+Kind", erwiderte sie, "das ist nur seine erschaffene Sonne, die er
+über uns arme sündige Menschen scheinen läßt; aber denen, die ihn
+lieben, hat Gott bereitet, was kein Auge gesehn und kein Ohr gehört
+hat, und was in keines Menschen Herz gekommen ist."
+
+Ich habe aber damals die Sonne zum ersten Male aufgehen sehen, weil
+ich so früh vorher nie aufgestanden. Dieses Morgens und aller meiner
+Mutter Rede und Tun an demselben habe ich bis jetzt gar oft mit
+großem Nutzen gedacht. Nun aber nahm meine Mutter Linnen, das sie
+gewebt, und Garn, das sie gesponnen und gezwirnet, um es in dem
+Kloster zu verkaufen. Sie trug es in dem Korbe auf dem Kopfe, und da
+ich sie darum gebeten, gab sie mir einige Stränge des Garns zu tragen,
+welche ich mit einer großen Liebe zu meiner Mutter sehr sorgfältig
+bis nach Arnstein getragen habe. Wir kamen daselbst in des Abtes
+Stube, die war mit schönen Bildern ausgemalt; auch handelte der Abt
+selbst um das Tuch mit der Mutter und war ein heiliger, aber sonst
+gar freundlicher und lustiger Mann, fragte mich auch, da ich die
+schönen Bilder an den Wänden so fleißig betrachtete: "Hans, dir
+gefällt wohl meine Zelle; hast du auch Lust, ein geistlicher
+Ordensherr zu werden? Wenn du fromm und fleißig bist, kannst du mit
+der Zeit diese meine Bilder besitzen und Abt sein, wenn ich in dem
+stillen Konvent unter der Kirche schlafe."
+
+Da erwiderte ich: "Ich hätte wohl Lust dazu, Abt in der schönen Zelle
+zu sein, Hochwürdiger Herr, wenn meine liebe Mutter mit drinnen
+wohnen wollte." Da lachte der Abt und sprach: "Lieber Hans, wenn die
+schöne Laurenburger Els mit in den Zellen wohnen dürfte, möchte wohl
+das kleine Klosterpförtlein zu enge werden, so viele sollten den
+heiligen Orden suchen; aber das geht nicht, denn der Herr spricht,
+wir sollen das Kreuz auf uns nehmen, alles verlassen und ihm
+nachfolgen; und doch wohnet eine Mutter mit uns in unsern Zellen, die
+ist noch viel lieblicher und milder als die deine." Da sah ich bald
+den Abt, bald meine Mutter an und konnte seine Rede nicht recht
+glauben, sagte auch zuletzt: "Ach, Hochwürdiger Herr, zeiget mir sie!"
+Da lachte der Abt wieder und sprach: "Mein Hans, zeigen kann man
+sie nicht, aber wir leben alle in ihrem Schoße, und auch du; es ist
+die heilige Mutter, die Kirche, welche unser lieber Herr Jesus sich
+zu einer Braut erkoren; aber das verstehest du noch nicht." Da sagte
+ich: "Nein!", und er gab mir drei Bildlein aus seinem Gebetbuch, das
+war St. Jörgen Bild, meines Vaters, Ritter Jörgen von der Laurenburg,
+Patron, St. Elsbethen Bild, meiner Mutter Patronin, und St. Johannsen
+mit dem gülden Mund Bild, mein Patron, worüber ich große Freude
+empfand, und als ich ihm den ärmel küssen wollte, reichte er mir die
+Hand und sprach: "Johannes, bitte Frau Else, deine Mutter, daß sie
+dich bald herauf zur Schule tut, da sollst du zur Messe dienen lernen,
+und für jede Messe einen halben Heller von mir erhalten." Da bat
+die Mutter den Abt um seinen Segen, und knieten wir beide vor ihm,
+und er legte seine Hände auf uns und betete.
+
+Meine Mutter ließ aber von dem Geld, das er ihr für die Linnen
+gegeben, zurück, eine heilige Messe für ihr Anliegen in Sankt Jörgen
+Kapelle zu lesen, und da der Abt fragte: "Laurenburgerin, was ist
+Euer Anliegen?", traten meiner Mutter die Tränen in die Augen, und
+sie sprach mit Schämen: "Das stell ich Gott anheim, Hochwürdiger Herr."
+Der Abt erwiderte hierauf mit ernster und freundlicher Stimme:
+"Laurenburgerin, nehmet Euer Geld zurück und wendet es Eurem Kinde zu;
+ich weiß, Ihr lebet bedrängt, ich will das heilige Meßopfer selbsten
+für Euch halten und von ganzem Herzen für Euch beten; aber ergebet
+Euch auch in den Willen des Herrn, und hanget nicht weltlichem Kummer
+allzu sehr nach." Meine Mutter aber wollte das Geld nicht wieder
+nehmen und sprach: "Der Himmel segne Euch, Hochwürdiger Herr, für
+Eure Milde, aber ich bedarf des Geldes nicht, welches ich zu heiligem
+Opfer erarbeitet; tut des edlen Laurenburgers Weib den Schimpf nicht
+an, als könne sie nicht ein kleines Opfer erarbeiten." Da sprach der
+Abt: "So Ihr Euch das zu Herzen nehmet, will ich dafür ein Kerzlein
+vor St. Jörgen Bild aufstecken lassen. Linnen und Garn gebet unten
+im Kloster dem Bruder Sulpizius, daß er Chorhemden daraus mache; denn
+Eure Linnen sind gar fein." Da nahm die Mutter die Linnen, und gaben
+wir sie unten dem Bruder Schneider; der hielt aber der Mutter den
+Korb zurück, bis wir aus der Kirche kamen.
+
+In der Kirche gingen wir zur Linken in eine Kapelle; da stand auf dem
+Altar St. Jörgen Bild, wie er den Drachen durchbohret; den Altar
+haben die Ritter von der Laurenburg gestiftet und viele Gaben zu dem
+Kloster getan, haben auch ihr Begräbnis in dieser Kapelle, wie ich
+nachmals erfahren. Zur Rechten des Altars kniete ich mit meiner
+Mutter nieder, bei einem steinernen Bilde, das in die Wand gemauert
+war. Dieses stellte aber einen alten Ritter vor, der hatte ein
+langes geistliches Gewand an, und legte einem jungen Ritter, der vor
+ihm kniete, die Hände auf das Haupt. Meine Mutter sah oft und mit
+recht innerlicher Bewegung nach dem knienden Ritter. Ich betrachtete
+ihn auch, und empfand eine große Freude an ihm, hätte ihm auch gern
+etwas Liebes getan und setzte ihm drum einen grünen Kranz auf sein
+steinern Haupt, den ich mir im Walde geflochten und noch spielend in
+der Hand trug. Da meine Mutter dies sah, fuhr es wie ein Blitz durch
+ihre Augen, und umarmte sie mich heftig in der Kirche, aber ihre
+Wangen wurden schamrot und ihre Augen voll Tränen; da ließ sie mich
+los und senkte das Haupt auf den Betstuhl. Ich empfand große
+Bangigkeit um ihre rührende Gebärde. Da trat ein Ordensbruder aus
+der Sakristei mit einer schönen bunten Wachskerze; die zündete er an
+der ewigen Lampe an, nahte dann unserm Betstuhl und reichte sie
+meiner Mutter und mir zu küssen, und als wir dies getan, steckte er
+sie auf St. Jörgen Leuchter, der neben St. Jörgen Altar stand und
+gestaltet war wie eine Lanze, die durch einen Lindwurm gestochen ist.
+Das war die Opferkerze, die uns der Herr Abt versprochen. Nun klang
+das Glöcklein, und der fromme liebreiche Herr trat mit dem
+Ministranten zum Altar und las uns die heilige Messe selbst mit
+großer Andacht. Da sagte mir meine Mutter ins Ohr: "Bete hübsch
+fromm, Johannes, der stehende alte Ritter ist der alte Laurenburger,
+dein Großvater, bete hübsch für ihn!" Nun hatte ich den Mut nicht
+mehr, nach dem Bilde zu schauen, und ward mir mein Großvater von
+damals an ein gar ernster und sorglicher Gedanke, aber ich habe zum
+ersten Male gebetet mit einer recht innerlichen Herzensangst, wie
+früher nie; warum ich aber so gebetet, kann ich mich nicht mehr
+deutlich entsinnen.
+
+Da die Messe zu Ende war, fragte ich meine Mutter wieder nach dem
+steinernen Bilde mit den Worten: "Mutter, was macht denn der alte
+Laurenburger da?" Aber sie antwortete nicht, und sah mit nassen
+Augen den knienden Ritter an, dem ich das Kränzlein aufgesetzet. Als
+ich sie nochmals fragte, sagte sie: "Der alte Laurenburger tut, was
+ich dir gestern abend tat, da ich dich im Bette mit dem heiligen
+Kreuze bezeichnete." Da fragte ich sie weiter: "Will denn der alte
+Laurenburger auch schlafen gehn?" Und sie sprach: "Ja, er will
+schlafen gehn in die ewige Ruhe." Ich aber fragte weiter: "Will denn
+der kniende Ritter auch schlafen gehn?" Da sprach sie: "Ach, Gott
+gebe ihm ein seliges Erwachen, so er schon schläft!" und ward wieder
+sehr traurig, und hob mich hinauf an dem Bilde, mit den Worten:
+"Küsse den Knienden, habe ihn recht lieb, es ist dein guter Vater."
+Da küßte ich ihn herzlich und setzte ihm das Kränzlein zurecht auf
+seinem Haupt, wollte ihn auch nicht lassen. Meine Mutter aber
+behielt mich auf dem Arme und trug mich aus der Kirche hinaus, und
+hätte sie schier auch ihren Korb vergessen, der noch bei dem Bruder
+Sulpizius stand. Der aber kam uns nachgelaufen und brachte den Korb;
+da war ein schönes weißes Klosterbrot drinnen und ein Krüglein voll
+Weins, das schenkte uns der Herr Abt.
+
+Sie dankte und ging ruhig mit mir links dem Walde zu, einen andern
+Weg, als wir hergekommen waren. Sie hatte den Korb am rechten Arme
+und trug mich auf dem linken; ich sagte ihr, daß ich nicht müde sei,
+und es ihr sauer werde, sie solle mich gehen lassen. Aber sie wollte
+mich nicht loslassen, und ich merkte in ihr eine geheime Lust, mich
+zu tragen, und sie schloß mich manchmal fester mit dem Arme an ihre
+Brust, so daß ich den Schlag ihres Herzens fühlte. Da ward ich mir
+so recht lebendig ihrer Liebe bewußt, und genoß ihrer Güte mit
+kindlicher Freude; denn sie pflegte mich sonst nicht zu tragen, weil
+sie, wenn gleich groß und schlank, doch durch manche Sorge und
+Nachtwache entkräftet war. Sie war zart und weiß mit langen blonden
+Haaren, und wie goldne Strahlen waren die Wimpern über ihren reinen
+blauen Augen, die mich noch immer mit Friede, Liebe und Warnung
+anblicken. Ja, ihr liebes Angesicht war wie ein durchsichtiges
+Fensterlein ihres Herzens, aus dem ihre Seele mit jeder innern
+Bewegung errötend und erbleichend zum Himmel schaute. Ihr Mund aber
+war ruhig und zart geschlossen, und erregte eine züchtige Ehrfurcht.
+Ich sage dies hier; denn ich werde nimmermehr vergessen, mit welcher
+Liebe ich damals ihr edles Angesicht betrachtete, und wie gut und
+holdselig sie aussah, da sie mich so zärtlich durch die freie Luft
+über die grüne Wiese hintrug, und meine Härlein und ihre langen
+blonden Haare in dem Winde durcheinanderflogen, und die Lerche über
+uns, gegen die Sonne schwebend, lobsang. Da war mir unendlich wohl,
+und meine Sehnsucht, sie nicht zu ermüden, ward so inbrünstig, daß
+ich glaubend fühlte, ich ermüde sie nicht, und, mit ihren Haaren
+spielend, zu ihr sagte: "Liebe Mutter, bin ich nicht recht leicht?
+Mir ist, als träume ich, ich flöge." Sie aber antwortete nicht, als
+mit einem zärtlichen Druck ihres Arms, und ich begann ihr ihre Haare
+in Zöpfe zu flechten, daß ihr der spielende Wind nicht beschwerlich
+fallen möge, und sie ließ es mit freundlichem Hinneigen ihres Kopfes
+gern geschehen. Da ich aber fertig war und sie mich durch den Wald
+unter den Bäumen hintrug, brach ich einen grünen Eichenzweig ab, wand
+ihn in einen Kranz, und setzte ihn ihr auf das Haupt mit den Worten:
+"Liebe Mutter, nun bist du geschmückt wie der kniende Ritter in St.
+Jörgen Kapelle, nun hast du auch ein Kränzlein auf, und wenn er uns
+nun durch den Wald entgegengeschritten käme, würdet ihr euch beide
+wohl sehr aneinander erfreuen über die schönen Kränze?" Meine Mutter
+aber antwortete nicht und ging traurig fort, worüber ich auch betrübt
+wurde.
+
+So zogen wir still und einsam wohl eine Stunde lang durch den dichten
+Wald, als wären wir die einzigen Menschen auf der Welt, und hätten
+nicht viel Freude. Nun ward es lichter in den Zweigen, und der Wald
+endete sich gegen den Rand des Berges, der sich in das einsame
+Lahntal senkte; hier küßte mich die Mutter und ließ mich an die Erde.
+Wir standen aber auf einer grünen Waldwiese, die ein frischer Quell
+erquickte, der mit Umwegen an dem mannigfaltig unterbrochenen Abhange
+zu der Lahn hinabeilte. Wo wir standen, war die Gegend sanft und
+mild, ein großer alter Birnbaum hing schwer voll gelber Birnen, und
+um ihn her standen mehrere Vogelbeerbäume, die mit ihren
+feuerfarbenen Früchten lustig gegen den dunkeln Wald abstachen;
+außerdem begrenzten und durchschnitten den Platz mancherlei
+Fruchtsträucher, Haselbüsche, Johannis--und Klosterbeersträucher, und
+ich hatte die Fülle zu brechen und zu genießen. Gegen uns über
+erschien die Gegend ernster. Das Lahntal schließt, von diesem Punkte
+gesehen, den Spiegel des Flusses mit einer Krümme wie einen
+tiefliegenden See ein, und die Berge lagen, mit dunklem Walde bedeckt,
+streng und finster um diesen her, als hätten sie tiefsinnige
+Gedanken über ein Leid, das hier geschehen. Die Mutter stand stille
+und schaute ruhig in die Gegend hinein, ich hatte aber den Deckel des
+Korbes genommen, ihn mit breiten Haselnußblättern bedeckt, und
+sammelte mit ängstlichem Fleiße die schönsten Brombeeren und
+Himbeeren, und was sonst an wohlschmeckenden Träublein zu reichlicher
+Lese sich darbot. Zwischen der Arbeit schaute ich oft nach ihr, sah
+auch mit Freude, wie der Anblick der Gegend ihr Antlitz zu erheitern
+schien, und als ich meine Ernte ihr darbot, lächelte sie freundlich,
+strich mir mit der Hand über die Stirne und sagte: "Schönen Dank,
+Johannes, du bist ein gutes Kind."
+
+Dann führte sie mich rechts dem Dickicht zu, wo wir nach wenigen
+Schritten vor einer kleinen verlassenen Hütte standen; der Efeu hatte
+frei die Wände umrankt, und selbst die verschlossene Tür mit seinem
+Gitter umzogen. Die Mutter hob mich an einem alten Wacholderbaum in
+die Höhe, der neben der Türe stand, und ich mußte ihr aus einem Loche
+in demselben einen Schlüssel holen, mit welchem sie die Türe
+aufschloß, nachdem ich ihr geholfen hatte, die Efeuranken behutsam,
+ohne sie zu zerreißen, von der Türe abzulösen. Nun gingen wir durch
+eine kleine, gerätlose Küche in eine viereckte Stube. Ich trat mit
+Scheu hinein; denn die wenigen Strahlen, welche durch die
+verschlossenen Fensterladen fielen, zeigten mir allerlei große Vögel
+an den Wänden in unbestimmtem Lichte. Meine Mutter aber stieß
+sogleich einen Fensterladen auf, und da sah man nach der andern Seite
+des Lahntals, wo das alte Laurenburger Schloß aus schwarzem Bergwald
+hervorragte. An den Wänden der kleinen Stube sah ich auf
+eingemauerten Hirschgeweihen vielerlei ausgestopfte Vögel befestigt,
+und besonders eine Reihe alter Falken; außerdem lehnten und hingen
+mancherlei Jagdgeräte, Armbrust, Speere, Netze u. dgl., in schöner
+Ordnung um einen einfachen Betschemel, der vor dem holzgeschnitzten
+heiligen Hubertusbilde stand. Da war St. Hubertus abgebildet, wie er
+vor einem Hirsche kniet, der ihm mit einem Kreuze zwischen den
+Geweihen auf der Jagd entgegengetreten, da ihm der Herr sein wildes
+Herz gerührt. Ich betrachtete alle diese Dinge, die ich früher nie
+gesehen, mit bangem Staunen, während meine Mutter, auf einem
+hölzernen Stuhle sitzend, still dem Fenster hinaus nach der
+Laurenburg sah. Alles, was mir seit dem letzten Abend begegnet war,
+hatte die ruhige Folge der gewohnten Eindrücke in meiner Seele
+unterbrochen, und wenn ich jetzt zurückgedenke, möchte ich meine
+damalige Empfindung wohl dem Gefühl eines Rades vergleichen, wenn es
+in der Mühle plötzlich lebendig werden und sehen könnte, wie es sich
+selbst und alle die andern Räder sich mit ihm herumdrehen, ohne sich
+doch gleich vorstellen zu können, was es selbst und die andern Räder
+eigentlich sollen, und was überhaupt eine Mühle ist. Besonders aber
+befremdete es mich, daß meine Mutter mit allem dem Geräte der Hütte
+ganz vertraut war, und in der Hütte tat, als wäre sie immer darin
+gewesen; darum fragte ich sie mit den Worten: "Liebe Mutter, bleiben
+wir nun hier, ist dies auch unser Häuslein? Dann will ich uns einen
+kleinen Garten bauen und ein Vogelsteller werden." Da entgegnete sie
+freundlich: "Was willst du dann mit den Vöglein anfangen?", worauf
+ich sagte: "Ich will sie das Vaterunser beten lehren." Da fragte sie:
+"Weißt du denn, wo dein Vater ist?" Und ich antwortete: "Im Himmel."
+Nun nahm sie mich zu sich, und ich mußte mich zu ihren Füßen
+setzen, und da erzählte sie mir ohngefähr das, was ich hier weiter
+niederschreibe.
+
+Wenn ich auch gleich jedes ihrer lieben Worte jetzt, da ich erwachsen
+bin, nicht mehr so recht eigentlich wissen kann, dürfte es doch nicht
+viel anders gelautet haben; denn ich habe mir alles scharf in das
+Gedächtnis gefaßt, und es mir oft wieder von ihr erzählen lassen, so
+daß wohl eher zu viel als zu wenig hier stehen mag. Sie sprach aber:
+"Lieber Johannes, du hast mich seit gestern wohl trauriger als je
+gesehen, denn ich dachte gestern, da die Arbeit vollendet war, schon
+daran, wie ich heute alle die Wege gehen würde, die du mit mir
+gegangen bist. Du hast mich auch gestern abend gefragt, warum ich
+weine, da ich vor deinem Bettlein stand, aber ich habe dir keine
+Antwort gegeben, sondern nur mit dir gebetet, damit wir ruhig
+schlafen möchten. Jetzt aber will ich dir vieles erzählen; denn ich
+glaube, es wird dir frommen, wenn du früh weißt, wie auf Erden viel
+Traurigkeit ist, und im Himmel allein die Freude, die wir durch
+unwandelbare Treue und Stärke in dem irdischen Leide allein verdienen
+können. Du wirst dann deine Sinne immer mehr zu Gott wenden, und
+dich führen lassen von seinen Engeln auf Erden, dem Glauben an Jesus,
+der Hoffnung auf Jesus, und der Liebe zu Jesus, deren Gespielen sind
+die Einfalt, die Demut, die Unschuld und die Wahrheit. Auch sollst
+du nicht traurig sein um des Leides willen, das dich auf Erden
+treffen wird, nein, nur um deine und aller Schuld, deren Strafe das
+Leid ist. Auch sollst du nicht trauren um deinen Schmerz, sondern
+allein um die Leiden deines Erlösers am Kreuze, an dem er gestorben
+ist wie ein unschuldiges Lamm, das dahinnimmt die Schuld der Welt,
+und zu dieser Versöhnung sollst du dich wenden, und fest an sie
+glauben und auf sie hoffen, und dich rein erhalten von aller Sünde,
+damit du deine Seele nicht wieder befleckest, die dein Jesus, dein
+Erlöser, dein Heiland, dein Gott dir mit seinem heiligen Blute rein
+gewaschen hat; dann wird dein Glaube, dein Vertrauen alles Leid
+überwachsen, und du wirst dir ein freudiges Herz erkämpfen zu deinem
+Gott, der dich erschaffen hat im Vater, erlöset im Sohn und
+geheiliget im Heiligen Geist."
+
+Was mir meine selige Mutter, die schöne Laurenburger Els, in dem
+Häuslein meines seligen Großvaters, des Voglers Kilian, auf der
+Hirzentreu von sich und dem lieben Großvater erzählt hat
+
+Diese Berghöhe heißt die Hirzentreu, und dieses Häuslein, worin wir
+sitzen, gehörte meinem lieben seligen Vater, dem Vogelsteller Kilian,
+den man weit und breit nur den guten Kilian und den frommen
+Falkenmeister nannte. Er ist zu Gott gegangen vor zehn Jahren, und
+liegt begraben auf dem Kirchhofe zu Kloster Arnstein. Er ist geboren
+zu Kitzing in Franken, und hat sich dies Häuslein hier selbst erbauet,
+da er als ein Falkenier des Grafen von Nassau meine selige Mutter,
+eines Jägers zurückgelassene Waise, zu seiner Hausfrau wählte, und
+sich hier mit ihr niederließ. Es stehet auch draußen im Garten noch
+der Baum, an welchem mein Vater meine Mutter zum ersten Male gesehen;
+da rettete er ihr das Leben; denn als mein Vater einen Hirsch
+verfolgte, fand das erzürnte Tier hier meine Mutter, welche als ein
+armes Mägdlein Kräuter für die Klosterherren in Arnstein sammelte,
+und faßte der Hirsch in seinem Grimm meine Mutter auf die Geweihe.
+Mein Vater, der herzulaufend dieses sah, schoß einen Bolz von seiner
+Armbrust nach dem Hirsch, und traf ihn nicht ohne Gefahr meiner
+Mutter in das rechte Auge, und das verwundete Tier trat ihm,
+geblendet, nun grade entgegen; da faßte mein Vater einen guten Mut,
+und riß ihm die halbtote Jungfrau von dem Geweihe, legte sie unter
+jenen Baum und erquickte sie an dem Bächlein, das hier entspringt.
+Als sie sich wieder erholt hatte, sahen sie zu ihrer großen
+Verwunderung, daß der Hirsch neben ihnen im Gebüsche stand, und mit
+Schmerzen das Haupt bald hin und her schwenkte, bald traurig zur Erde
+senkte. Da rührte das niederrinnende Blut meinen guten Vater, er
+trat zu dem leidenden Tiere, zog ihm den Bolz aus dem Auge, und wusch
+ihm die Wunde mit Wasser aus, welches alles der Hirsch ruhig
+geschehen ließ. Als aber mein Vater die erschreckte Jungfrau nach
+Kloster Arnstein begleitete, lief ihnen der Hirsch durch den ganzen
+Wald nach, was sie beide sehr rührte und ihrem Gespräche eine größere
+Vertraulichkeit gab. Vor Kloster Arnstein reichten sie sich die
+Hände, und trennten sich mit der gegenseitigem Versicherung,
+miteinander in christlicher Ehe zu leben.
+
+Nun machte sich mein Vater von seinen herrschaftlichen Diensten los,
+baute mit Erlaubnis der Klosterherren diese Hütte, und führte meine
+Mutter Agnes, als seine liebe Hausfrau, hinein. Der gute Hirsch war
+durch die Hülfe, die ihm mein Vater geleistet, so mild und zahm
+geworden, daß er ihm immer zur Seite war, wenn er hier an seiner
+Hütte mit der Mutter baute. Mein Vater pflegte dabei immer des
+Hirsches krankes Auge, welches bald ausheilte, aber blind wurde.
+Hernach, als meine Eltern hier wohnten, hielt sich der Hirsch immer
+freundlich zu ihnen, und ich weiß noch recht wohl, daß er, wenn wir
+aßen, den Kopf hier zum Fenster hereinsteckte, und ich als ein Kind
+ihm Brot gab. Einstens aber hörte mein Vater ihn in der Nacht heftig
+schreien; da stand er mit der Mutter auf, und sie gingen hinaus, zu
+sehen, was dem guten Tiere fehlte. Er war aber im Kampf mit andern
+Hirschen, welche ihm seines blinden Auges wegen überlegen waren, so
+heftig verwundet, daß er mit anbrechendem Tage zu den Füßen meiner
+Eltern starb. Wir weinten um ihn, wie um einen treuen und dankbaren
+Freund, und hat ihn mein Vater unter demselben Baume, wo er ihn
+geschossen, begraben, sein Geweih aber in den Baum so befestigt, daß
+es, zu ewigem Gedächtnis in denselben verwachsen, noch zu sehen ist,
+und hat mein Vater diese Hütte wegen des treuen Hirschen Hirzentreu
+genannt.
+
+Meine gute Mutter ist auch bald gestorben, und ich war noch ein so
+kleines Mägdelein, daß ich nicht recht wußte, was Sterben ist. Ich
+erinnre mich noch recht wohl, daß ich auf ihrem Bette saß, als sie
+krank war, und ihr die Fliegen wehrte und ihr alle die kleinen Gebete
+und Sprüche, die sie mich gelehrt, vorsagte, und meinem Vater zur
+Hand ging, sie zu pflegen, soviel es ein Kind vermag. Da ich nun oft,
+wenn meine Mutter Arzneikräuter suchte, mit ihr im Walde gewesen war,
+und sie mir dabei allerlei Heilkräfte der Pflanzen mitgeteilt hatte,
+so war meine Seele damals so erfüllt von der Begierde, ihr zu helfen,
+daß ich einstens in der Nacht vor einbrechendem Tage in den Wald
+hinauslief, um ihr einige Kräuter zu suchen, von welchen mir geträumt
+hatte. Ich lief lange herum und suchte mit unbeschreiblicher Angst
+die Kräuter, welche ich mich vorher gesehen zu haben nicht erinnerte.
+Schon stand die Sonne hoch am Himmel, und ich war weit von unsrer
+Hütte verirrt, aber ich vergaß, vor Begierde, das Arzneikraut zu
+finden, meinen Hunger, und als ich endlich in großer Ermüdung
+niederkniete und mit Tränen zu dem lieben Jesuskinde betete, es möge
+mir doch das Kraut suchen helfen, ich wolle ihm auch mein Brot
+schenken, bin ich darüber vor Müdigkeit entschlafen. Nach einigen
+Stunden erwachte ich, und sah eine schöne edle Frau vor mir stehen;
+ein Diener führte ihr Roß, auf welchem ihr Söhnlein saß, und war sie
+abgestiegen, als sie mich so allein im wilden Walde liegen sah. Sie
+fragte mich, wer ich sei, und da ich ihr gesagt, ich sei Voglers Els
+von der Hirzentreu, und heute früh ausgegangen, ein Kräutlein für die
+kranke Mutter zu suchen, küßte sie mich und sagte, daß sie mich
+heimfahren wolle mit sich nach der Laurenburg, denn sie war die
+Hausfrau des alten Laurenburgers, deine Großmutter; von da wolle sie
+mich über die Lahn nach der Hirzentreu bringen lassen. Sie setzte
+sich nun auf das Roß und nahm mich vor sich auf des Pferdes Hals; ihr
+Söhnlein aber, Jörg, saß hinter ihr und hatte sie mit den Armen
+umfaßt.
+
+So zogen wir ein Stück Wegs nach dem Lahntal hinab, und hatte ich
+schier auch alles vergessen; denn das Reiten, die fremde Frau und ihr
+Söhnlein, das mancherlei kleine Lieder mit ihr sang, beschäftigten
+meine Seele. Aber der Hunger fing mich an zu drücken, und ich
+bemerkte mit Weinen, daß ich mein Brot nicht mehr in meiner Tasche
+fand. Da fragte mich die Edelfrau: "Els, was weinst du?" und ich
+sagte ihr: "Ich hungre, denn ich habe dem Jesuskind mein Brot gegeben,
+und das Kräutlein von ihm erhalten, aber nun habe ich das Kräutlein
+verloren und hungre", und dabei verlangte ich heftig, sie möge mich
+in den Wald zurücklassen, das Kräutlein zu suchen. Ich mußte der
+Edelfrau das Kraut aber beschreiben, denn seinen Namen wußte ich
+nicht. Da sagte sie auf einmal: "Mein liebes Kind, du hast wohl
+geträumt, aber die Barmherzigkeit Gottes ist groß, denn sieh, mein
+Diener trägt ein solches Kraut in einem feuchten Tuche eingeschlagen
+in seinem Wadsack auf dem Rücken; dies Kraut aber wächst nicht hier
+zu Lande, sondern habe ich es im Kloster Arnstein, wo ich zur Beichte
+war, von dem Gärtner erhalten, der es von einem Priester aus fremden
+Landen jenseits des Meeres hat." Da mußte der Knecht den Wadsack
+öffnen, und siehe da, es war dasselbe Kraut darinnen, das ich im
+Traume gesehen. Meine Freude war unaussprechlich, und die gute
+Edelfrau befahl dem Knechte, sogleich das Kraut meinem Vater zu
+bringen, und ihm zu erzählen, wie ich es gesucht, und wie mich die
+Edelfrau mit nach der Laurenburg genommen. Der Diener kannte meinen
+Vater gar wohl und lief mit Freuden die Waldstege nach unsrer Hütte
+zu. Nun ritt die Edelfrau mit mir und ihrem Söhnlein allein vollends
+zur Lahn hinab und an einer seichten Stelle hinüber nach der
+Laurenburg, wohin der Diener bald auch kam und mich auf dem Kahne zu
+meinen Eltern hieher zurückbrachte. Die gute Edelfrau hatte mir
+viele Liebe erwiesen und gab mir noch ein Krüglein mit altem Wein,
+und einige stärkende Gewürzküchlein für die kranke Mutter mit, und
+versprach, sie selbst morgen zu besuchen. Ihr Söhnlein aber, das
+nicht zugegen war, als ich aus der Laurenburg ging, kam mir bis zum
+Wasser nachgelaufen und gab mir einen ganzen Rosmarienstock, den er
+aus seinem Gärtlein ausgerissen, und sprach: "Du Kleine, das stell an
+deiner Mutter Bett, das ist ein guter Ruch, wenn man siech ist.
+Elslein, komm wieder!" Da gab er mir die Hand, und wir schieden.
+
+Als wir auf Hirzentreu ankamen, trug mich mein Vater an der Mutter
+Bette; die umarmte mich und sagte: "Els, ich habe den ganzen Tag
+nicht leben und nicht sterben gekonnt aus Sorge, daß du verloren
+seist; Gott aber hat mich wunderbar getröstet durch das, was
+geschehen, und hat mir dein Vater von dem Kraute einen Trank gekocht,
+der hat mich wunderbar erquicket." Da gab ich dem Vater den
+Rosmarienstock, der pflanzte ihn in einen schönen neuen Krug neben
+der Mutter Lagerstätte, und nun nahm der Diener Abschied, nachdem er
+den Wein und die Würzküchlein dem Vater gegeben.
+
+Es war darüber Abend geworden, mein Vater gab der Mutter noch von dem
+Weine und der Würze, und sie fand sich so gestärkt, daß sie das
+Abendlied mit dem Vater mit großer Andacht leise mitsang, worüber ich
+zu ihren Füßen auf ihrem Lager entschlief. Gegen Morgen aber weckte
+mich der Vater und sagte mir mit Weinen: "Wach auf, lieb Elslein, und
+schau nach der Mutter, und gib ihr, was sie verlangt; sie ist gar
+krank, und ich will nach Kloster Arnstein laufen um die letzte
+heilige Wegzehrung für sie. Halte dich still, so sie schläft, und
+bete still, und so sie es verlangt, reiche ihr zu trinken, auch
+schaue nach dem brennenden Kienspan im Kamin, daß kein Unglück
+entsteht." Dann trat er zur Mutter, trocknete ihr das Antlitz und
+sprach: "Gott erhalte dich, liebe Agnes, zu christlichem Geleite, ich
+geh nach Kloster Arnstein; O wie ist dir, liebe Agnes?" Da sagte die
+Mutter: "Ich lege wie ein Kind mein krankes Haupt in den Schoß dessen,
+der gesagt hat: "Ich will euch trösten, wie einen seine Mutter
+tröstet", und ich habe das Vertrauen, er wird mich mit vollem Troste
+von dir scheiden lassen; so gehe dann hin, und bringe mir den letzten
+Trost!" Da küßte sie der Vater und ging fort.
+
+Ich aber redete leise zu Füßen des Bettes: "Mutter, darf ich zu dir
+kommen?" Da sagte sie: "Ja, lieb Elslein, doch steh erst auf und
+bringe mir das kleine Kreuz aus meiner Truhe; mich verlanget sehr
+darnach." Geschwind eilte ich an die Truhe, doch der Deckel war so
+schwer, daß ich ihn nicht erheben konnte; das klagte ich der Mutter,
+die sagte: "Elslein, bete! Der dir das Kraut gebracht, das mich so
+erquickte, wird dir auch helfen, die Truhe zu eröffnen, so du ihm
+vertrauest." Da fiel ich vor der Truhe auf die Knie und betete,
+Jesus möge mir die Truhe eröffnen, und Gott erbarmte sich meiner, ich
+öffnete die Truhe mit kleiner Mühe und brachte der Mutter das kleine
+Kreuz. Es ist dasselbe, welches noch in Polsnich an meinem Bette
+hängt, und unsre Truhe zu Haus ist auch dieselbe Truhe. Die Mutter
+nahm das Kreuz in ihre gefalteten Hände und küßte es, und drückte es
+an ihr Herz, und ich legte mich zu ihr auf das Hauptkissen und
+drückte meine Wange an die ihrige. Sie sprach nicht, sie flüsterte
+betend, und so entschlief ich; bald aber weckten mich laute Worte von
+ihr, und ich hörte sie sagen: "Hüter, ist die Nacht schier hin? Wer
+da? Gut Freund! Sei getrost! Ich bins! Fürchte dich nicht! Herr,
+bist du es, so heiße mich zu dir kommen auf dem Wasser!" und nach
+diesen Worten bewegte sie sich mühsam im Traume. Ich verstand sie
+nicht, und weckte sie mit Küssen: "Lieb Mutter, was verlangt dein
+Herz?" Da schlug sie die Augen auf und sagte: "O mein Jesus, ich bin
+noch nicht bei dir! Elslein, mein Kind, sage, hast du den lieben
+Heiland gesehn, wo ist er hingegangen?" Ich verstand sie nicht, und
+suchte ihr das Kreuzlein in dem Bette, das ihren Händen entfallen war,
+und legte es ihr wieder in die Hände mit den Worten: "Herzmutter, da
+ist der liebe Heiland." Da küßte sie das Kreuz wieder, und sagte
+dann: "Elslein, ich war allein auf einem Kahn auf einem großen Wasser
+eine lange, lange Nacht, kein Stern am Himmel, und sehnte mich nach
+dem Tage; endlich sah ich ein Sternlein, das zog leise über das
+Wasser, wie ein Wächter durch die Flur, und da rief ich mit aller
+Macht: "Hüter, ist die Nacht schier hin?" und der Stern antwortete:
+"Wenn der Morgen schon kömmt, so wird es doch Nacht sein; wenn du
+schon fragest, so wirst du doch wieder kommen und wieder fragen." Da
+kam es gegen mich über die Wogen geschritten, und ich sah, daß es
+eine einsame Gestalt war. Da rief ich: "Wer da?" und es antwortete:
+"Gut Freund!" Ach, da ward mein Herz so freudenvoll, und ich
+gedachte: Sollte es wohl mein Jesus sein? Da sprach er: "Sei getrost,
+ich bins, fürchte dich nicht", und ich sprach: "Herr, bist du es, so
+heiße mich zu dir kommen auf dem Wasser." Da winkte er mir, und ich
+trat aus dem Kahn auf das Wasser, konnte aber den Herrn nicht
+erreichen, der vor mir herschwebte, wie eine Wolke oder ein Schatten,
+und wenn ich so recht mutig und begierig auf ihn zuging, und recht
+glaubte, daß er es gewiß sei, daß er sich meiner erbarmen werde und
+einen Eliaswagen vom Himmel rufen, mich zu sich hineinsetzen und zu
+dem himmlischen Paradiese fahren werde, ach, da war er mir so nah, so
+nah, daß ich schon das Wehen der Seligkeit fühlte; dann kam aber
+plötzlich eine Welle und erhob sich ein Wind, und ich verzagte und
+glaubte zu versinken auf dem Wasser, und wie meine Sorge wuchs,
+schwand das Bild des Herrn vor mir in die Ferne, ja, es ward wieder
+zu dem einsamen Stern, den ich zuerst gesehen, und auch der
+verschwand. Da war ich ganz allein auf dem Wasser, und der Kahn
+trieb zu mir her, da sah ich dich drauf sitzen und nach mir weinen,
+und ich wandelte mit Mühe zu dir hin, und saß bei dir im Kahn, und
+herzte dich, und du entschliefst in meinem Arme. Ich aber wachte,
+und die Nacht ward wieder so lang, so lang. Da hörte ich den
+Flügelschlag einer Taube durch die Luft, und ich rief abermals mit
+großer Sehnsucht: "Hüter, ist die Nacht schier hin?" Es flog aber
+ein Täublein über meinem Haupt, das rief zu mir: "Lege Flügel der
+Liebe an, und folge mir nach, deine Seele findet nicht, da sie ruhe
+auf der Sündflut; sieh, der himmlische Noah strecket seine Hand aus
+der gestirnten Arche, aus der du ausgeflogen, um dich wieder
+hineinzunehmen; aber achte, daß dein Gefieder rein sei!" Da sah ich
+den Himmel voll Sterne; aus dem blickten die Hände, die Füße und die
+Seite des Herrn, und die heiligen fünf Wunden leuchteten wie Rubin
+und bluteten hernieder, und die Taube flog ihnen zu; ich aber hatte
+Flügel und breitete sie aus und wollte sie schwingen, aber sie waren
+schwer und unrein; ich rief aber: "O Herr, nur einen Tropfen deines
+Blutes auf meine Flügel, und sie werden gereinigt sein." Und es floß
+nieder zu ihnen, da waren sie rein, und ich schwang sie freudig, aber
+du lagst in meinem Schoß; da wollte ich dich küssen und Abschied
+nehmen von dir, da schlangst du die Hände um mich und wolltest mich
+nicht lassen, und deine Worte erweckten mich von dem seligen Traume."
+
+So erzählte mir die kranke Mutter, was ihr geträumt, und ich hörte
+ihr mit noch größerer Aufmerksamkeit zu, als wenn sie mir sonst eine
+Geschichte erzählte. Da sie geendet hatte, sagte ich zu ihr: "Mutter,
+das war sehr schön, aber schlafe wieder ein, und wenn die Taube
+wieder kömmt, so bitte sie, daß ich auch mit fliegen darf, ich will
+auch recht beten; der mir das Kräutlein gegeben, und mir die Truhe
+geöffnet, der wird mir auch gewiß Flügel geben, daß ich mit dir
+fliegen kann."--"Das wird er gewiß, liebes Elslein, so es dir gut
+ist", sagte die Mutter, "aber wenn ich wieder einschliefe, und das
+Täublein käme wieder, und ich flöge mit ihm fort, so würdest du gewiß
+gern zurückbleiben bei deinem Vater, daß er nicht allein sei, so ich
+dich darum bitten würde." Da sagte ich zu ihr: "Ja, das will ich, so
+du bald wiederkehrst, und mir etwas mitbringest." Sie aber
+antwortete: "Ich werde nicht wiederkehren, doch werdet ihr mir
+nachfolgen, und da wird alles voll Herrlichkeit sein; aber hörst du,
+Elslein, du mußt mir den Abschied nicht schwer machen, und auch den
+Vater trösten, wenn er weinen sollte, und ihm erzählen, wie ich dir
+gesagt, daß ihr mir nachkommen werdet; denn das Täublein wird bald
+kommen, mir ist, als höre ich schon seinen Flügelschlag." Da küßte
+ich die Mutter und sagte: "Ich will tun, wie du willst, und will dein
+gutes Elslein sein", und die Mutter küßte mich wieder mit den Worten:
+"O du gutes, gutes Elslein!" Dann bat sie mich, ihr das Lied von der
+Taube zu sagen, das sie mich gelehrt; da sprach ich:
+
+
+ Hör, liebe Seel! Wer rufet dir?
+ Dein Jesus aus der Höhe:
+ "Komm, meine Taube, komm zu mir!"
+ Den Ruf ich wohl verstehe.
+
+ Wenn ich soll deine Taube sein,
+ Mußt du mir Flügel geben;
+ Die wasch in deinem Blut ich rein,
+ Und werde glaubend schweben.
+
+ Du rufest mir! Wie arm ich bin,
+ Darf ich zu dir doch kommen;
+ Die Mängel hat dein treuer Sinn
+ Ja all von mir genommen.
+
+ Sag, Herr, wird auch ein Nestlein fein
+ Für mich bei dir gefunden?
+ "Ja, meine Taube, komm herein,
+ Wohn hier in meinen Wunden!"
+
+ Mein Jesu, ach, was willst du mir
+ In deinen Wunden geben?
+ "Durch meine Wunden, sag ich dir,
+ Fliegst sterbend du zum Leben."
+
+ Wohlan, es zielt des Todes Pfeil,
+ Er wird mich nicht verderben;
+ Zu deinen Wunden, Herr, ich eil,
+ Da werd ichs Leben erben.
+
+
+Da ich der Mutter das Lied hergesagt, war sie leise wieder
+eingeschlummert. Der Tag brach an, und ich nahm ein Zweiglein von
+dem Rosmarienstock, der bei ihrem Lager stand, und gab es ihr zu dem
+Kreuze in ihre gefaltenen Hände. Da flog auch die Turteltaube,
+welche bei unserm Haus nistete, an das Fenster und pickte daran und
+rief: "Ruckuck." Sie tat es sonst alle Morgen, denn ich streute ihr
+Futter dahin, aber heute hatte ich nicht den Mut, und gedachte: Ach,
+da kömmt die Taube schon, welche die Mutter mitnehmen will, aber ich
+soll ihr den Abschied nicht schwer machen. So stand ich leise, leise
+von der Seite der Mutter auf, und ging hinaus und kniete an dem
+Bächlein in das Gras und betete für sie. Da hörte ich ein Glöcklein
+im Walde und sah bald meinen Vater kommen; der trug eine Leuchte, und
+zwei Ordensherren gingen mit ihm, deren einer trug das Hochwürdige
+Gut, und der andere das heilige öl, und ihnen folgten einige fromme
+Männer und Frauen, die stille beteten. Da lief ich meinem Vater
+entgegen und sprach: "Herzvater, die Himmelstaube ist schon da,
+welche die Mutter abholen will; wir dürfen aber nicht gleich mit, ich
+habe es ihr versprochen, bei dir zu bleiben und dich zu trösten, bis
+wir nachkommen in die Herrlichkeit." Mein Vater verstand mich wohl
+und trat mit dem Geistlichen in die Hütte, ich aber blieb draußen und
+betete mit den Begleitern. Hernach kam die Edelfrau von der
+Laurenburg mit ihrem Söhnlein, dem Junker Jörg, über die Lahn zur
+Hirzentreu, wie sie den Abend vorher mir versprochen, und derselbe
+alte Diener war wieder bei ihr. Die Edelfrau ging zu meiner Mutter
+hinein, der Junker aber blieb bei mir, und wir spielten im Gras an
+der Quelle; er fragte mich auch nach dem Rosmarin, den er mir gegeben
+für meine Mutter; da erzählte ich ihm von der Taube und von allem.
+Nach einiger Zeit aber trat die Edelfrau heraus und nahm mich mit in
+die Hütte, da lag die Mutter ganz still, und der Vater kniete an
+ihrem Bette und weinte; da ich zu ihm trat, hob er mich zur Mutter,
+und sprach: "Agnes, segne das Elslein, ehe du scheidest", und er
+legte der Mutter Hand auf mein Haupt. Die Mutter aber sagte: "Gott
+segne dich, tröste den Vater, bis ihr nachkommet. Elslein, ich
+fliege schon." Da sah sie mich mit unaussprechlicher Liebe an und
+wendete dann den Blick zum Himmel. Ich sprach: "Geleit dich Gott,
+lieb Mutter!" und weinte laut. Da trug mich die Edelfrau hinaus zu
+ihrem Söhnlein, dem erzählte ich alles, und da ein paar Tauben
+hinüber zur Laurenburg flogen, streckten wir beide kindisch die Hände
+aus und riefen: "Da fliegen sie, da fliegen sie, geleit dich Gott,
+liebe Herzmutter!"
+
+Hernach nahm mich die Edelfrau mit nach der Laurenburg, und ich blieb
+bis zum andern Tag dort, da die Mutter schon im Kloster Arnstein
+begraben war. Der alte Knecht aber war bei meinem Vater geblieben,
+und war mein Vater einen ganzen Tag in Kloster Arnstein gewesen, des
+Trostes der geistlichen Herren zu genießen. Die Edelfrau ist auch
+mit zu Grabe gewesen, und da sie nach der Laurenburg kehrte, brachte
+sie ihren Herrn, den Ritter von der Laurenburg, und den ältern Sohn,
+Johann, mit welchem der alte Laurenburger bei dem Grafen zu Nassau
+gewesen, der des Johann Taufpate war, und hatte die Laurenburgerin
+ihnen auf der Heimkehr begegnet. Der Ritter war mir freundlich und
+gab mir Wecken von des Grafen von Nassau Tisch, und da seine Hausfrau
+ihm den frommen Tod meiner Mutter erzählet, war er sehr mitleidig mit
+meinem Vater, und sprach: "Der Graf Johann hat noch heute zu Tisch
+von dem frommen Falkenmeister gesprochen, und vor allen seinen
+Dienern sein in Ehren gedacht, ich habe ihm auch versprechen müssen,
+den Vogler von ihm zu grüßen, und will er ihm nächstens einen kranken
+Falken schicken, daß er ihn pflege. Komm, Elslein", sagte der Ritter
+dann zu mir, "ich will dich selbst zu deinem Vater bringen; es ist
+noch hoch am Tage, und mag er wohl Trostes bedürfen." Da brachte
+mich der Ritter wieder zur Hirzentreu, und ging Georg wieder mit.
+Die Edelfrau aber blieb mit Johann zurück; der sollte ihr von dem
+Wesen des Grafen von Nassau erzählen. Wir fanden aber meinen Vater
+mit dem Laurenburger Knecht vor der Türe sitzen in stillem Gespräch,
+und als dieser seinen Herrn herankommen sah, der mich auf dem Arm den
+steilen Pfad herauf trug, stand er auf und trat beiseite; mein Vater
+aber lief mir entgegen, nahm mich von des Ritters Armen und herzte
+mich unter Tränen. Da sprach ihm der Laurenburger ehrlich zu und
+getröstete ihn, so gut er es vermochte, setzte sich auch zu ihm auf
+die Bank und erzählte ihm von des Nassauers Gunsten zu ihm, und
+sprachen sie mancherlei, nicht als ein Ritter zu einem Knecht,
+sondern als gute Nachbarn und Freunde, denn das Unglück machet
+Gesellen. Es war aber dem Laurenburger auch seine erste Hausfrau
+mitsamt dem Kindlein in dem Kindelbett gestorben; deren gedachte er
+mit vieler Liebe. Unter solchem Gespräch stand ich zwischen meines
+Vaters Knien, und Georg neben dem Laurenburger, und spiegelten uns in
+dessen blankem Brustharnisch, und lachten, weil es, hohl geschliffen,
+unsre Gesichter auf mancherlei Weise verstellte. Dann sagte mir der
+Vater ins Ohr, ich möge den Wein und die Würze von der Mutter
+Tischlein bringen; da ging ich zur Stube, aber die war ganz anders
+geworden; wo das Bett gestanden, stand der Betschemel und das
+Altärlein, und hing ein neu Muttergottesbild an der Wand, und an
+demselben der Mutter und des Vaters Brautkränzlein, ihre Spindel aber
+stand vor meinem Bänklein, und war alles gar verändert. Das hatte
+meinem Vater der gute alte Laurenburger Knecht so geordnet, daß er
+seines Leids desto eher vergessen und ein neues Leben anfangen möge.
+
+Nachdem ich mich genugsam über alles gewundert, nahm ich den Wein und
+die Würze, was von dem Geschenk der Laurenburgerin noch übrig war,
+und brachte es dem Vater hinaus; der reichte den Krug dem Ritter. Da
+trank der Herr, und mußte ihm der Vater Bescheid tun. Auch sagte der
+Ritter: "Das ist ein köstlicher Wein, den man wohl dem Kaiser bieten
+dürfte; Ihr habt ihn wohl aus einem Klosterkeller? Einem Edelmann
+wächst solcher Wein nicht um die Lanze, der schmeckt nach dem
+Krummstab." Mein Vater lächelte und sagte: "Gnädiger Herr, Ihr habt
+von dem Euren getrunken, aber er hat auf einem milden Fasse gelegen;
+denn Eure liebe Frau Ida hat diesen Trunk meiner seligen Agnes zur
+Labung gebracht, und wenn er Euch besser schmeckt als zu Haus, so
+ists, weil Ihr Gottes Segen schmecket." Da trank der Laurenburger
+nochmals, und sprach: "Wahrhaftig, in Gottes Segen soll man den Wein
+legen, in Gottes Segen soll man des Weines pflegen, in Gottes Segen
+gedeiht der Wein auf allen Wegen. Das Faß, aus dem Frau Ida diesen
+Krug gefüllt, muß mir ebenso gut werden; Ihr müßt mir wohl erlauben,
+daß ich es mit Euch hier oben austrinke, Kilian, da es mir so wohl
+bei Euch geschmeckt." Da dankte mein Vater dem Ritter herzlich, und
+sprach: "So Ihr einen armen Mann nicht verschmähet, will ich Euren
+Zuspruch hoch in Ehren halten, aber Ihr müßt dann auch von meiner
+Wasserquelle hier trinken, da fließt auch Gottes Segen drin." Nun
+schied der Ritter freundlich von uns mit den Seinen, und ich ging mit
+dem Vater in unser einsames Häuslein, worin die Mutter nicht mehr war.
+
+
+
+
+
+
+
+
+
+
+End of the Project Gutenberg EBook of Aus der Chronika eines fahrenden
+Schülers (Zweite Fassung), by Clemens Brentano
+
+*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK AUS DER CHRONIKA EINES ***
+
+***** This file should be named 4504-8.txt or 4504-8.zip *****
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+Produced by Michael Pullen. HTML version by Al Haines.
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+will be renamed.
+
+Creating the works from public domain print editions means that no
+one owns a United States copyright in these works, so the Foundation
+(and you!) can copy and distribute it in the United States without
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+set forth in the General Terms of Use part of this license, apply to
+copying and distributing Project Gutenberg-tm electronic works to
+protect the PROJECT GUTENBERG-tm concept and trademark. Project
+Gutenberg is a registered trademark, and may not be used if you
+charge for the eBooks, unless you receive specific permission. If you
+do not charge anything for copies of this eBook, complying with the
+rules is very easy. You may use this eBook for nearly any purpose
+such as creation of derivative works, reports, performances and
+research. They may be modified and printed and given away--you may do
+practically ANYTHING with public domain eBooks. Redistribution is
+subject to the trademark license, especially commercial
+redistribution.
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+*** START: FULL LICENSE ***
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+electronic works
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+If you paid a fee for obtaining a copy of or access to a Project
+Gutenberg-tm electronic work and you do not agree to be bound by the
+terms of this agreement, you may obtain a refund from the person or
+entity to whom you paid the fee as set forth in paragraph 1.E.8.
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+used on or associated in any way with an electronic work by people who
+agree to be bound by the terms of this agreement. There are a few
+things that you can do with most Project Gutenberg-tm electronic works
+even without complying with the full terms of this agreement. See
+paragraph 1.C below. There are a lot of things you can do with Project
+Gutenberg-tm electronic works if you follow the terms of this agreement
+and help preserve free future access to Project Gutenberg-tm electronic
+works. See paragraph 1.E below.
+
+1.C. The Project Gutenberg Literary Archive Foundation ("the Foundation"
+or PGLAF), owns a compilation copyright in the collection of Project
+Gutenberg-tm electronic works. Nearly all the individual works in the
+collection are in the public domain in the United States. If an
+individual work is in the public domain in the United States and you are
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+works based on the work as long as all references to Project Gutenberg
+are removed. Of course, we hope that you will support the Project
+Gutenberg-tm mission of promoting free access to electronic works by
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+keeping this work in the same format with its attached full Project
+Gutenberg-tm License when you share it without charge with others.
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+through 1.E.7 or obtain permission for the use of the work and the
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+electronic work, or any part of this electronic work, without
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+- You pay a royalty fee of 20% of the gross profits you derive from
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+Hart, the owner of the Project Gutenberg-tm trademark. Contact the
+Foundation as set forth in Section 3 below.
+
+1.F.
+
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+of Replacement or Refund" described in paragraph 1.F.3, the Project
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+fees. YOU AGREE THAT YOU HAVE NO REMEDIES FOR NEGLIGENCE, STRICT
+LIABILITY, BREACH OF WARRANTY OR BREACH OF CONTRACT EXCEPT THOSE
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+LIABLE TO YOU FOR ACTUAL, DIRECT, INDIRECT, CONSEQUENTIAL, PUNITIVE OR
+INCIDENTAL DAMAGES EVEN IF YOU GIVE NOTICE OF THE POSSIBILITY OF SUCH
+DAMAGE.
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+1.F.3. LIMITED RIGHT OF REPLACEMENT OR REFUND - If you discover a
+defect in this electronic work within 90 days of receiving it, you can
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+your written explanation. The person or entity that provided you with
+the defective work may elect to provide a replacement copy in lieu of a
+refund. If you received the work electronically, the person or entity
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+receive the work electronically in lieu of a refund. If the second copy
+is also defective, you may demand a refund in writing without further
+opportunities to fix the problem.
+
+1.F.4. Except for the limited right of replacement or refund set forth
+in paragraph 1.F.3, this work is provided to you 'AS-IS', WITH NO OTHER
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+WARRANTIES OF MERCHANTABILITY OR FITNESS FOR ANY PURPOSE.
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+If any disclaimer or limitation set forth in this agreement violates the
+law of the state applicable to this agreement, the agreement shall be
+interpreted to make the maximum disclaimer or limitation permitted by
+the applicable state law. The invalidity or unenforceability of any
+provision of this agreement shall not void the remaining provisions.
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+trademark owner, any agent or employee of the Foundation, anyone
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+that arise directly or indirectly from any of the following which you do
+or cause to occur: (a) distribution of this or any Project Gutenberg-tm
+work, (b) alteration, modification, or additions or deletions to any
+Project Gutenberg-tm work, and (c) any Defect you cause.
+
+
+Section 2. Information about the Mission of Project Gutenberg-tm
+
+Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
+electronic works in formats readable by the widest variety of computers
+including obsolete, old, middle-aged and new computers. It exists
+because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from
+people in all walks of life.
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+Volunteers and financial support to provide volunteers with the
+assistance they need are critical to reaching Project Gutenberg-tm's
+goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
+remain freely available for generations to come. In 2001, the Project
+Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
+and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations.
+To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
+and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4
+and the Foundation information page at www.gutenberg.org
+
+
+Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive
+Foundation
+
+The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
+501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
+state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
+Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification
+number is 64-6221541. Contributions to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent
+permitted by U.S. federal laws and your state's laws.
+
+The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S.
+Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered
+throughout numerous locations. Its business office is located at 809
+North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887. Email
+contact links and up to date contact information can be found at the
+Foundation's web site and official page at www.gutenberg.org/contact
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+For additional contact information:
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+ Chief Executive and Director
+ gbnewby@pglaf.org
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+Literary Archive Foundation
+
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+spread public support and donations to carry out its mission of
+increasing the number of public domain and licensed works that can be
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+array of equipment including outdated equipment. Many small donations
+($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
+status with the IRS.
+
+The Foundation is committed to complying with the laws regulating
+charities and charitable donations in all 50 states of the United
+States. Compliance requirements are not uniform and it takes a
+considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
+with these requirements. We do not solicit donations in locations
+where we have not received written confirmation of compliance. To
+SEND DONATIONS or determine the status of compliance for any
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+While we cannot and do not solicit contributions from states where we
+have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
+against accepting unsolicited donations from donors in such states who
+approach us with offers to donate.
+
+International donations are gratefully accepted, but we cannot make
+any statements concerning tax treatment of donations received from
+outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff.
+
+Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
+methods and addresses. Donations are accepted in a number of other
+ways including checks, online payments and credit card donations.
+To donate, please visit: www.gutenberg.org/donate
+
+
+Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic
+works.
+
+Professor Michael S. Hart was the originator of the Project Gutenberg-tm
+concept of a library of electronic works that could be freely shared
+with anyone. For forty years, he produced and distributed Project
+Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support.
+
+Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
+editions, all of which are confirmed as Public Domain in the U.S.
+unless a copyright notice is included. Thus, we do not necessarily
+keep eBooks in compliance with any particular paper edition.
+
+Most people start at our Web site which has the main PG search facility:
+
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+
+This Web site includes information about Project Gutenberg-tm,
+including how to make donations to the Project Gutenberg Literary
+Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to
+subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks.
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+The Project Gutenberg EBook of Aus der Chronika eines fahrenden Schülers
+(Zweite Fassung), by Clemens Brentano
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+Title: Aus der Chronika eines fahrenden Schülers (Zweite Fassung)
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+Author: Clemens Brentano
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+Posting Date: May 20, 2013 [EBook #4504]
+Release Date: October, 2003
+First Posted: January 26, 2002
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+*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK AUS DER CHRONIKA EINES ***
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+Produced by Michael Pullen. HTML version by Al Haines.
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+<h1>
+<br /><br />
+Aus der Chronika eines fahrenden Schülers <br />
+(Zweite Fassung)
+</h1>
+
+<p class="t2">
+Clemens Brentano
+</p>
+
+<p><br /><br /></p>
+
+<h3>
+Vorwort
+</h3>
+
+<p>
+Vor funfzehn Jahren machte es mir Freude, die folgende einfache
+Geschichte niederzuschreiben. Sie sollte nur die Einfassung mehrerer
+schöner altdeutschen Erzählungen sein, die sie mit mancherlei
+Ereignissen aus dem Zusammenleben des alten Ritters Veltlin von
+Türlingen und seiner drei Töchter unterbricht, mit deren Versorgung
+und der Abreise des Erzählers sie schließt. So lieb ich das Gedicht
+hatte, blieb es doch unterbrochen; der Sinn der Leser schien dazu zu
+fehlen. Jetzt, da diese Erzählung mehr, ja selbst die altdeutschen
+Röcke vor sich hat, fiel sie mir wieder in die Hände, und ich
+versuche es, sie den Lesern vorzulegen mit der Erinnerung, daß sie zu
+pädagogischen Zwecken entworfen worden, als ich von der sogenannten
+Romantik noch wenig wußte, und daß sie daher neben den allerneuesten
+Ritterromandichtern in ihrer redseligen Einfalt um Schonung bittet.
+Sollte dem Leser, durch Eisenfresserei und Isländisches Moos verwöhnt,
+diese Geschichte wie unsre deutsche Kamillen--und Hollunderblüte
+nicht behagen, so bringe er sie einem kranken Freunde oder Mägdelein,
+denen sie Gott gesegnen möge!
+</p>
+
+<p><br /><br /></p>
+
+<p>
+Im Jahr, da man zählte nach Christi, unsers lieben Herrn, Geburt 1358,
+am zwanzigsten Tage des Maimonats, hörte ich, Johannes, der
+Schreiber, die Schwalbe in der Frühe an meinem Kammerfenster singen
+und ward innigst von dem Morgenlied des frommen Vögeleins erbauet,
+bedachte auch auf meinem Bettlein, wie die Schwalbe in daurender
+Freude lebet, gegen den Winter in ferne wärmere Länder ziehet und,
+der Heimat getreu, gegen den Frühling wiederkehrt; also nicht der
+Mensch, der arme fahrende Schüler, der wohl viel gegen Sturm und
+Wetter ziehen muß, ja der oft kein Feuer findet, die erstarrten Hände
+zu erwärmen, daß er sie falte zum Gebet; aber so er es ernstlich
+meinet, haucht er hinein.
+</p>
+
+<p>
+Da ich in solchen Betrachtungen versunken war und das Schwälblein
+auch auf seine Weise fortphantasierte, wäre ich schier wieder
+eingeschlummert, aber der Wächter auf dem Münster blies: "In süßen
+Freuden geht die Zeit", welches ich hier noch nie gehöret; denn ich
+war zum ersten Male in Straßburg erwacht.
+</p>
+
+<p>
+Nun richtete ich mich in meinem Bettlein auf, und schaute in meinem
+Gemache umher; das hatte aber Fenster rings herum und war in einem
+Sommerhäuslein des Gartens. Links stand der Mond noch blaß am Himmel,
+und rechts war der Himmel wie das lauterste Gold. Da fand ich mich
+zwischen Nacht und Tag und faltete die Hände, und es fiel mir freudig
+aufs Herz, daß heute mein zwanzigster Geburtstag sei, und wie mir es
+viel besser geworden als in dem letzten Jahre, da ich meinen lieben
+Geburtstag auf freiem Felde in einem zerrissenen Mäntelein empfangen
+und mit einem Bissen Almosenbrot bewirten mußte. O Freude und Ehre!
+dachte ich bei mir selbst und schaute zum Morgenlichte hin und sprach:
+"Du bist mein Licht, du wirst mein Tag!", glaubte auch schier in
+meiner Einfalt, der Himmel sei golden um meines Besten willen, die
+Schwalbe habe nur gesungen, mir Glück zu wünschen, und der Türmer
+habe allein so lieblich geblasen mir zur Feier; da der Himmel sich
+doch nur gerötet vor der Sonne, die der Herr gerufen, da die Schwalbe
+doch nur gesungen in Gottes Frühlingslust, und der Wächter nur
+geblasen zu Gottes Ehren, ja wohl gern noch ein Stündlein geschlafen
+hätte, so es ihm von den Münsterherren verstattet wäre. Also wird
+der Mensch leicht übermütig in der Freude, und glaubet, er sei recht
+der Mittelpunkt aller Dinge, und sei er mit allem gemeint. Da ließ
+ich die Augen fröhlich in der Kammer umherschweifen, und sah auf dem
+Schemel ein neues Gewand liegen, das mir mein gütiger Herr und Ritter
+Veltlin von Türlingen am Abend im Dunkeln hatte herauftragen lassen,
+und konnte ich meine Begierde nun nicht länger zurückhalten, sprang
+auf von meinem Lager, und legte diese Kleider nicht ohne Tränen des
+Dankes an. Es war dies aber ein feines blaues Wams, um die Lenden
+gefaltet und gestutzet, und rot und weißes Beinkleid von ländschem
+Tuch, auch stumpfe Schuh und eine schwarze Kogel mit einer blauen
+Feder, nicht zu vergessen ein Hemmet von weißem Hauslinnen, am Halse
+bunt genäht und gekrauset, dergleichen ich vorher nie getragen. Da
+ward es mir fast leicht und fröhlich zumute, und hätte ich wohl mögen
+einen Sprung tun, als hätte ich einen neuen Menschen angezogen mit
+dem neuen Kleide.
+</p>
+
+<p>
+Aber meine Hoffart währte nicht lange; denn mein zerrissenes
+Mäntelein, welches ich als einen Vorhang vor das Fenster gehängt
+hatte, erleuchtete sich durch die aufgehende Sonne, und alle seine
+Löcher waren so viele Mäuler und alle seine Fetzen so viele Zungen,
+die mich meiner törichten Hoffart zeihten. Es war, als sage das
+Mäntelein zu mir: "O Johannes, bist du ein so eitler Kaufherr, daß du,
+angelanget in den Hafen, des zerrissenen Segels vergißt, das dich in
+denselben geführet? Johannes, bist du ein so stolzer Schiffbrüchiger,
+daß du das Brett, welches dich mit Gottes Hülfe an ein grünes Eiland
+getragen, mit dem Fuße undankbar in die Wellen zurückstößest? O
+Johannes, du undankbarer Freund, willst du, gerettet, mich nicht auf
+deinen Schultern in ein Gotteshaus tragen und aufstellen als ein
+Gedächtnis, daß sich Gott deiner erbarmet?"
+</p>
+
+<p>
+Ach, das waren wohl harte und wahre Worte meines Mänteleins, und ich
+nahm es mit Schämen von dem Fenster, und legte es um über meinen
+neuen Staat, und faßte es fest mit den Händen um die Brust, als
+wollte ich es um Verzeihung bitten, und ging mit dem Gedanken die
+Treppe hinab in den Garten: Wenn ich ein armer fahrender Schüler
+gewesen bin, so werde ich immer ein armer fahrender Schüler bleiben;
+denn auf Erden sind wir alle arm und müssen mannigfach mit unserm
+Leben herumwandeln, und lernen, und bleiben doch arme Schüler, bis
+der Herr sich unser erbarmet, und uns einführet durch seinen bittern
+Tod in das ewige Leben.
+</p>
+
+<p>
+Da ich nun in den Garten gekommen war, den ich vorher auch noch nicht
+gesehen--denn mein gnädiger Herr und Ritter war den Abend spät mit
+mir angekommen und ich im Finstern in mein Stüblein gebracht worden--,
+konnte ich vor Staunen und Betrachten der neuen Dinge um mich her
+auch nicht zum Gebete kommen. Ich fand mich von den schönen
+Laubgängen, Zierfeldern und Pflanzen und den blühenden Bäumen schier
+ebenso sehr überraschet als von meinem neuen Gewande. Ich fand mich
+gleich einem neugebornen Kinde, welches mit allem spielet, und noch
+nicht beten kann, und erst nach einiger Erfahrung in der Süßigkeit
+des Lebens seine Hände zum Danke falten lernet. Der blühende Mal,
+das lustige Singen der Vögel, die vielen jungen Kräuter und Blümlein,
+die mit Taublicken vor der Sonne erwachten, der kühle Wasserstrahl,
+welcher in einem mit bunten Kieseln und Muscheln ausgelegten Brunnen
+tanzte, schienen mir alle so neu und wunderbar, als hätte ich
+dergleichen niemals gesehen, und wußte ich auch nicht, was aus allem
+diesem werden sollte.
+</p>
+
+<p>
+So wie die lieben Kinder durch die Blumen gehen und sie brechen, und
+Kränze winden und sich bei den Händen fassen und mit den Kränzen im
+Kreise tanzen, gleichsam selbst ein lebendiger Blumenkranz; wie sie
+aber nicht gedenken der Frucht im treibenden Sommer, und der Ernte im
+reichen Herbst, und des Todes in dem trüben, tiefsinnigen Winter:
+also wandelte auch ich armer Schelm wie ein einfältiges Kind ohne
+Witz durch den Garten und konnte vor großer Bewegung über mein neues
+Glück, das mir gestern früh noch nicht geträumt hatte, nicht zum
+Gebete gelangen.
+</p>
+
+<p>
+Mein freudiges Erstaunen wollte aber nicht lange dauern; denn als ich
+meine Augen ersättiget hatte, ward es mir als einem Hungrigen, der
+sich ohne Gebet zu einer reichlichen Mahlzeit gesetzet hat, welche
+ihm Gott darum nicht gesegnet. Alle das häusliche, wohlgepflegte
+Behagen des schönen Ziergartens erfüllte mich mit traurigen Gedanken,
+und die Armut, die Einsamkeit meines eigenen Lebens trat mir in
+dieser reichen Umgebung zum erstenmal recht lebendig vor die Seele.
+Was mag trauriger sein als das Bild eines Bettlers, auf goldnem
+Grunde gemalet?
+</p>
+
+<p>
+"O meine Mutter", sagte ich mir, "wer war sanfter und schöner, und
+feiner und edler als du, wer war würdiger, zwischen Blumen zu wandeln,
+als du, die wohl ihre Schwester und Gespielin sein konnte? Standen
+die Tränlein nicht auf den Wangen wie die Tautröpflein auf diesen
+Rosen, gingst du nicht durch den Wald wie ein Lüftlein durch die
+Blüten, und waren deine Augen nicht getreu und süß schauend wie die
+blauen Veilchen, deine Lippen nicht wie die rosinfarbenen Nelken, und
+flog dein gelbes Haar nicht wie der Sonnenschein? Aber du mußtest
+gehen wie Hagar mit deinem Ismael durch die Dornen in der Wüste. Ach,
+warum ward nicht dir so ein Garten und so ein Haus, und warum
+wohnest du zwischen fünf Brettern und zwei Brettlein und bist deines
+Lebens nicht froh geworden noch deines Todes? Sie haben dir keinen
+Kranz geflochten. Mir aber ist nichts geblieben als deine Zucht, und
+ich kann dein nicht gedenken in Freuden, denn mir gehöret nichts als
+die Armut, und ich habe keinen Säckel, aus dem ich dir das schönste
+Grab könnte erbauen lassen von Marmelstein und Gold."
+</p>
+
+<p>
+Wie traurig ward ich da und wendete meine Augen von allem, was ihnen
+wohlgefiel, und wollte nichts anschauen, weil sie es nicht mit mir
+sehen konnte, weil sie ihre Augen nie mit so erlaubter Lust erquicken
+konnte. Auch fiel es mir bittrer noch auf die Seele, daß ich eines
+Ritters Sohn sei, ohne Wappen und ohne Waffen. Tränen füllten mir
+die Augen, und Unwill erfüllte meinen ganzen Leib, der in dem neuen
+geschenkten Gewand zu brennen schien, und ich spannte mein enges,
+durchlöchertes Mäntelein so um mich, daß es noch mehr zerrissen.
+</p>
+
+<p>
+So schritt ich, als suche ich die Wildnis, nach einem einsamem
+ungepflegten Teile des Gartens, und kaum stand ich im hohen Gras
+unter hohen Linden, so konnte ich schon nicht mehr begreifen, wie
+dieser innre Schmerz und Zorn in mich zum ersten Male in meinem Leben
+gekommen sei, und gegen die Mauer des Gartens schreitend, sah ich an
+derselben in einem tiefen Bogenraum ein Heiligenhäuslein angebracht,
+darinnen war wohlvergittert ein buntgemaltes Schnitzwerk, die
+Anbetung der heiligen drei Könige im Stall zu Bethlehem, aufgestellt.
+Davor kniete ich nieder ins Gras und betete von ganzem Herzen. Da
+zerrann bald all mein Leid und meine Hoffart vor dem Sohne Gottes,
+der nackt und arm in einer Krippe vor mir lag, und dem doch die
+Könige dienten. Wie fühlte ich mich in meiner Ungebärdigkeit
+beschämt! Und da ich mich mit Tränen angeklagt hatte, dankte ich von
+ganzem Herzen dem Herrn, daß er mich armen fahrenden Schüler nicht
+vergessen, und mich durch seine Barmherzigkeit zu meinem gnädigen
+Herrn und Ritter gebracht, gelobte auch, ferner mich aller Hoffart zu
+enthalten und die Künste, welche ich durch seinen Beistand mit
+schwachen Sinnen erlernet, zur Mehrung seines Reiches auf Erden treu
+anzuwenden.
+</p>
+
+<p>
+Da ich nun nach solchem Gebete einen merklichen Trost in meinem
+Herzen spürte, nahm ich ein gülden gewirktes Band, worauf das Ave
+Maria stand, aus meinem Gebetbüchlein, und hängte es, durch das
+Gitter langend, dem Bilde der Jungfrau Maria über den Arm, als das
+Opfer eines törichten Menschen, der vor ihrem Sohne betend Trost
+gefunden hatte. Dieses Band aber war mir das Liebste, was ich hatte.
+Eine fromme Klosterfrau, meiner selgen Mutter Befreundte, hatte es
+mir einst für ein Lied, das ich ihr gedichtet und gesungen,
+geschenket, und war es zu Marburg an St. Elisabethen Grab angerühret
+worden; ich aber hatte es bisher als einen Blattzeiger in meinem
+Gebetbüchlein geführet. Dann nahm ich auch mein Mäntelein ab, und
+rollte es zusammen in einen langen Wulst und flocht es durch die
+obern Stäbe des Gitters vor dem Bilde, als einen aufgerollten Vorhang,
+zum Gedenken meiner zeitlichen Armut, welche durch Gott sich in
+Freud und Fülle gewandelt hatte. Nun wendete ich mich nach dem
+Garten zurück, der mir ganz anders erschien als vorher.
+</p>
+
+<p>
+So mag nichts vor dem Gemüte des Menschen bestehen, welches alles
+nach sich umgestaltet. Jetzt, da ich gebetet hatte, erschienen mir
+alle die roten, leibfarben und weißen Blümlein des Gartens jene
+Blumen, durch die der König Ahasverus in seinem Schloßgarten zu Süsan
+gewandelt, seines Zornes zu vergessen. Ja, es war mir, als sei der
+liebe Gott durch diese Blumen gegangen und habe seinen gerechten Zorn
+über meine Ungebärde hier an der Lieblichkeit seiner Werke
+gesänftiget; denn hier an diesem ersten Morgen meines zwanzigsten
+Jahres ist mir vieles Licht in der Seele aufgegangen, und ist mir der
+Frühling ein weiser Lehrer geworden.
+</p>
+
+<p>
+Besonders aber hat mich der hohe Münsterturm erschüttert, als ich aus
+einem schattichten Baumgang hervortrat und ihn über die Dächer der
+Nachbarhäuser auf mich niederschauen sah. War mir es doch im Anfang
+so bange vor ihm, wie es einer Grasmücke sein muß, wenn ein Riese den
+Busch über ihrem Neste öffnet und auf sie niederblickt. Alles
+Menschenwerk, so es die gewöhnlichen Grenzen an Größe oder Vollendung
+überschreitet, hat etwas Erschreckendes an sich, und man muß lange
+dabei verweilen, ehe man es mit Ruhe und Trost genießen kann.
+</p>
+
+<p>
+Ich habe dieses aber nicht allein bei dem Anblick dieses
+schwindelhohen Turmes empfunden, sondern auch bei gar lieblichen und
+feinen Werken, von welchen ich nur nennen will die überaus feinen und
+natürlichen Gemälde des Malers Wilhelm in Köln, der von den Meistern
+als der beste Meister in allen deutschen Landen geachtet wird, denn
+er malet einen jeglichen Menschen von aller Gestalt, als lebe er.
+Die Werke dieses Wilhelms aber, die ich zu Köln gesehen, sind
+dermaßen zart, fein, scharf und lebendig, daß man schier glauben
+sollte, sie seien von Händen der Engel gemacht, und erbebet man bei
+ihrem Anblick, weil sie zu leben scheinen und doch nicht leben. Man
+fühlet da wohl, daß der Mensch etwas sein und schaffen kann, was viel
+herrlicher ist als sein gewöhnliches Sein und Schaffen, und man
+erschrickt darüber, daß diese Herrlichkeit so fremd und selten ist;
+daher wohl eine Menge Sprossen auf der Leiter zu dieser
+Vollkommenheit wo nicht fehlen, doch unsichtbar sein müssen und wir
+alle wohl tief herunter geworfen sind.
+</p>
+
+<p>
+Die gewaltige Künstlichkeit des wunderwürdigen Münsterturms hätte
+mich beinahe wieder niedergeschlagen; denn ich bedachte mit
+Verwunderung, wie ich doch unter den hohen Eichen, in finstern
+Wäldern, auf hohen Bergen, an steilen Abgründen und bei stürzenden
+Wasserfällen in einsamen Tälern recht in Einöde, ja ganz verlassen,
+auch wohl gar hungrig gesessen und mich doch nicht so bewegt gefühlt
+als bei dem Anblick dieses Turmes. Wenn ich die Blätter und Zweige
+der Bäume betrachte, so frage ich nicht, wie sie da hinauf gekommen,
+und erschrecke nicht, wenn sie sich hin und her bewegen mit Rauschen;
+aber wenn ich diesen wunderbaren Turm anschaue mit seinen vielen
+Türmlein, Säulen und Schnörkeln, die immer auseinander heraustreiben
+und durchsichtig sind wie das Gerippe eines Blattes, dann scheint er
+mir der Traum eines tiefsinnigen Werkmeisters, vor dem er wohl selbst
+erschrecken würde, wenn er erwachte und ihn so fertig vor sich in den
+Himmel ragen sähe; es sei denn, daß er auf sein Antlitz niederfiele
+und ausriefe: "Herr, dies Werk ist nicht von mir in seiner
+Vollkommenheit, du hast dich nur meiner Hände bedienet, mein ist
+nichts daran als die Mängel, diese aber decke zu mit dem Mantel
+deiner Liebe, und lasse sie verschwinden im Geheimnis deiner Maße."
+Keiner aber hat dieses wohl erlebet, keiner hat einem solchen Werke
+seiner Erfindung die Krone aufgesetzet, ganze Geschlechter sind von
+den Baugerüsten herabgestiegen und haben sich zu Ruhe in die Gräber
+zu den Füßen des Turmes gelegt, der nichts davon weiß, und dasteht
+ernst und steinern, der kein Herz und keinen Verstand hat, ja
+eigentlich ein recht unvernünftiger Turm ist, und doch dasteht, als
+wäre er aus sich selbst hervorgewachsen und brauche es keinem
+Menschen zu danken. Dieser gewaltige Ausdruck der Erhabenheit aber
+in einem solchen Werke, an welchem die Weisheit und Mühe und Andacht
+von Jahrhunderten an unendlichen Linien des Gesetzes, des
+Verhältnisses, der Not und der Zier mit halsbrechender Kühnheit
+hinangeklommen, um auf dem Gipfel dem Herrn zu lobsingen, verbunden
+mit seinem eigentlichen inneren Tode, so daß er, der alles durch sein
+Dasein im tiefsten Herzen rühret, doch gar nichts davon mitempfindet,
+das ist es, was seinem Anblick und der Erscheinung aller gewaltigen
+Menschenwerke einen Schrecken beimischet. Es ist, als frage er: Was
+bin ich, und warum bin ich, und was ist es, das dich also rühret in
+mir? Was können wir ihm aber anderes antworten als: Die Werke des
+Herrn sind unbegreiflich, er treibt uns, zu bauen und schaffen über
+das Leben hinaus, denn wir waren unsterblich und vollkommen, und wir
+sind gefallen in den Tod durch die Sünde; du Turm aber stehe, als ein
+Zeuge, daß wir dunkel fühlen, was wir waren vor dieser Zeit, und daß
+wir noch ringen nach unendlichem Ziel; so stehe du dann als ein
+Träger unsrer Mühe und unsrer Buße zu Ehren unsres Heilands und
+Seligmachers Jesu Christi, der uns erlöset hat durch sein bittres
+Leiden und Sterben. Amen.
+</p>
+
+<p>
+Also gedachte ich in mir, und wenngleich umgeben von lebenden Bäumen
+und Blumen, in welchen, wie selbst in den harten Felsen, eine Seele
+zu wohnen scheint, welche mit dem Menschen atmet und fühlet, im
+Frühling sich mit ihm freuet, und im Winter mit ihm trauert, konnte
+ich doch meine Augen nicht von dem Turme wenden. Der Sinn des
+Menschen strebet immer nach dem Unbegreiflichen, als sei dort das
+Ziel der Laufbahn und der Schlüssel des Himmels; denn bewundern kann
+der Mensch allein, und alles Bewunderung Erregende ist ein Bote
+Gottes, der uns mahnet an das Licht, das wir verloren, und das uns
+wieder verheißen ist durch das Blut Christi, so wir uns dessen
+teilhaftig machen. Also ist mir auch immer alle meine Drangsal
+erschienen als eine Sehnsucht nach einem bessern Leben, und alle
+meine bittern Stunden waren nur die kalten, stürmenden Tage des
+Winters, denen der liebliche Frühling, angekleidet mit Blumen und
+Gesang, folget, so ich säe guten Samen und fülle meine Seele mit dem
+Lobe Gottes.
+</p>
+
+<p>
+In solchen Betrachtungen wollte ich wieder nach dem Sommerhäuslein
+gehn, sah aber meinen gnädigen Herrn und Ritter gar tiefsinnig mit
+gefalteten Händen unter einem Baume im Sonnenschein sitzen, und
+traute nicht, ihm vorüberzugehen, damit ich ihn nicht störe. Ich
+stellte mich darum in seiner Nähe bescheidentlich an die Laubwand,
+und nahm mein Barett in die Hände, erwartend, ob er seine Augen
+vielleicht nach mir wenden möge.
+</p>
+
+<p>
+Der Anblick meines Herrn erweckte eine große Ehrfurcht in mir. Ich
+hatte ihn gestern nicht recht gesehen, denn es dunkelte schon, da er
+mich am Wege barmherzig zu sich nahm. Er hatte ein schneeweißes Haar
+am Haupt und Bart, und mochten wohl viele Sorgen über ihn hingeflogen
+sein. Ich erinnerte mich, nie einen so frommen alten Ritter gesehen
+zu haben, der mit seinem ernsten und milden Antlitz ein solches
+Vertrauen in mein Herz senkte. Gott gebe, daß ich also in Ehren grau
+werden möge! dachte ich bei mir und fühlte mich mit ganzer Seele zu
+dem lieben Herrn hingezogen. Er aber schien sehr betrübt zu sein,
+seufzte auch oft und tief, und die kleinen Vöglein, die über ihm in
+dem Baume so lustig sangen, konnten ihn nicht trösten.
+</p>
+
+<p>
+Da ich so eine Weile nach ihm hingesehen hatte, wendete er die Augen
+zufällig zu dem Orte, an dem ich stand, und redete mich freundlich an
+mit den Worten: "Wie ist dir, Johannes, daß du so stille dastehest?"
+Worauf ich ihm entgegnete: "Ich wollte Eure Ruhe nicht stören, Herr;
+Ihr scheinet mir in schweren Gedanken."
+</p>
+
+<p>
+Der Ritter aber sprach hierauf: "Johannes, wie gefällt dir deine neue
+Heimat; bist du zufrieden bei mir?"
+</p>
+
+<p>
+Da sagte ich: "Herr, sollte ich nicht froh sein? Da ich nun weiß, wo
+schlafen und wo Brot finden und wem dienen um des Herren willen, da
+weiß ich nun auch, wen lieben, wem danken außer Gott, und für wen
+beten außer für mich. Herr, meine neue Heimat gefällt mir wohl; Gott
+gebe, daß ich auch ihr wohlgefalle, und ihrer würdig werde." Da
+lächelte der Ritter und sprach: "Johannes, wenn dir deine Worte ernst
+sind, so werden wir gute Gesellen sein, denn deine Rede gefällt mir
+wohl. Aber was willst du tun, mir wohlzugefallen; was willst du mir
+geben, da du nichts hast?"
+</p>
+
+<p>
+Hierauf erwiderte ich: "Herr, ich bleibe Euer Schuldner vor der Welt,
+denn ich kann Euch kein Wams geben für das Wams, das ich durch Eure
+Gnade trage; aber vor Gott gebe ich Euch einen guten Zahlmann, denn
+vor ihm schenke ich Euch mein Herz."
+</p>
+
+<p>
+Da versetzte der Ritter scherzhaft: "Wenn ich dir nun auch mein Herz
+geben wollte für das deinige, so behielt ich doch das Wams zugute;
+wie dann, Johannes?"
+</p>
+
+<p>
+Worauf ich entgegnete: "Herr, Ihr rechnet so gestreng, als wolltet
+Ihr mich versuchen in Gegenrechnung, und so muß ich dann schon sagen,
+daß mein Herz gewiß nicht Wert hat gegen das Eure, welches geprüfet
+ist durch lange Jahre, da das meinige arm ist und ohne Verdienst, ja
+da ihm alles Gute, was es gewollt hat, nicht zugute kömmt, da es
+keinen Wert hat, den es Euch mit sich geben kann, weil der Glaube an
+die Barmherzigkeit des Heilands nicht mit dem Herzen geschenkt werden
+kann und dieser Glaube allein doch ein Herz zu beseligen und selig zu
+machen vermag. So nehmt es denn hin, wie es ist, und füget hinzu,
+was man nicht mitgeben kann. Doch habe ich noch eine Gabe, deren ich
+Euch genießen lassen will, und die Ihr mir nicht so leicht einholen
+sollet; denn sie ist rasch und fliehet davon, auch werdet Ihr sie mit
+allem Ernste nicht leicht verdrängen mögen; denn sie ist lieblich und
+lustig anzuschauen, und könnte ich sie Euch wirklich zu eigen geben,
+so würdet Ihr sie nicht gerne wieder lassen, eine also gute Gesellin
+ist sie."
+</p>
+
+<p>
+Mein Herr, der sehr ernst geworden war, sagte hierauf, traurig vor
+sich niederschauend: "Und was ist das vor ein Kleinod, Johannes, mit
+dem du so prahlest?"
+</p>
+
+<p>
+Da erwiderte ich: "Herr, es ist meine Jugend; deren will ich Euch
+genießen lassen, wie ich kann. Damit Ihr Euer Alter vergesset bei
+mir, will ich Euch erfreuen mit mancherlei fröhlichen Reden und
+Gedanken."
+</p>
+
+<p>
+Aber was ich da zuletzt gesprochen hatte, war wohl töricht und ein
+schlechter Anfang meiner versprochenen erfreulichen Reden; denn mein
+gnädiger Herr ward nun sehr stille und finster. Weil ich ihn an sein
+Alter erinnert hatte, glaubte ich. Da redete ich ihn schüchtern an:
+"Herr, ich habe Euch mit törichten Worten erzürnet."
+</p>
+
+<p>
+Er aber sprach: "Das hast du nicht getan, Johannes, du hast die
+Wahrheit gesprochen, aber mir ist schwerer aufs Herz gefallen, was
+mir lange schon darauf liegt, mein Unwert. Nun aber bedenke ich, ob
+dein fröhlicher Mut mir wohl diese Last von der Brust nehmen wird;
+aber das mag wohl nicht sein; hast du mich nicht gefunden hier im
+Grünen, in einem lustigen Garten, von der lieben Sonne beschienen,
+und angesungen von den unschuldigen Vögelein, nachdenklich und
+betrübt? Wirst du können, was der Frühling nicht vermag? So du aber
+Künste gelernt hast, die ich nicht besitze, so wirst du mein
+Schuldner nicht bleiben, wenn ich gleich selbst ewig Gottes Schuldner
+bleibe. Setze dich zu mir und sage mir treulich, wie du zur Armut
+gekommen bist im Guten, und wie es sich mit dir begeben, bis ich dich
+gestern an der Eiche gefunden habe im Blobsheimer Wald, und dann
+sollst du ebenfalls von mir hören, warum ich betrübt bin."
+</p>
+
+<p>
+Da ich die große Freundlichkeit meines Herrn aus dieser Rede
+vernommen hatte, faßte ich einen guten Mut, setzte mich zu ihm unter
+den Baum, und sprach also: "Mein gnädiger Herr und Ritter, es gibt
+keinen ehrlicheren Weg ins Leben als die Geburt, denn unser Heiland
+ist ihn auch gewandelt, und so gibt es auch keinen ehrlicheren Weg
+zur Armut, als in ihr geboren zu sein, denn auch unser Heiland ward
+in ihr geboren, und so kam ich zur Armut, als ich zur Welt kam. Aber
+ich bin doch nicht lang arm geblieben; denn ich fand eine
+unaussprechlich liebe Mutter; die ließ mich an ihrem Herzen
+schlummern, und sah auf mich nieder mit sorgenden Liebesblicken, und
+weckte sie mich nicht mit ihren Tränlein, die auf mich niederfielen,
+so weckte sie mich mit Küssen, und ließ mich ihr eignes Leben aus
+ihren Brüsten trinken; o Herr, war ich nicht reich, wer ist reicher
+als ein neugebornes Kindlein?--Ja, ich war so reich, daß ich meiner
+lieben Mutter Freud und Leid verdoppeln konnte, was Ihr wohl aus
+einem Liede vernehmen werdet, das meine Mutter oft sang, wenn sie
+mich in frühster Jugend einschläferte, und habe ich es nach ihrem
+Tode in ihrem Gebetbüchlein liegend gefunden; es ist aber gestellt,
+bald als rede ein Kindlein zur Mutter, bald die Mutter zu ihm; nun
+höret:
+</p>
+
+<p><br /></p>
+
+<p class="poem">
+ O Mutter, halte dein Kindlein warm,<br />
+ Die Welt ist kalt und helle,<br />
+ Und trag es fromm in deinem Arm<br />
+ An deines Herzens Schwelle.<br />
+</p>
+
+<p class="poem">
+ Leg still es, wo dein Busen bebt,<br />
+ Und, leis herab gebücket,<br />
+ Harr liebvoll, bis es die äuglein hebt,<br />
+ Zum Himmel selig blicket.-Und weck ich dich mit Tränen nicht,<br />
+ So weck ich dich mit Küssen;<br />
+ Aus deinem Aug mein Tag anbricht,<br />
+ Sonn, Mond dir weichen müssen,<br />
+</p>
+
+<p class="poem">
+ O du unschuldger Himmel du!<br />
+ Du lachst aus Kindesblicken,<br />
+ O Engelsehen, o selge Ruh,<br />
+ In dich mich zu entzücken!<br />
+</p>
+
+<p class="poem">
+ Ich schau zu dir so Tag als Nacht,<br />
+ Muß ewig zu dir schauen,<br />
+ Und wenn mein Himmel träumend lacht,<br />
+ Wächst Hoffnung und Vertrauen.<br />
+</p>
+
+<p class="poem">
+ Komm her, komm her, trink meine Brust,<br />
+ Leben von meinem Leben;<br />
+ O, könnt ich alle fromme Lust<br />
+ Aus meiner Brust dir geben!<br />
+</p>
+
+<p class="poem">
+ Nur Lust, nur Lust, und gar kein Weh,<br />
+ Ach, du trinkst auch die Schmerzen;<br />
+ So stärke Gott in Himmelshöh<br />
+ Dich Herz aus meinem Herzen!<br />
+</p>
+
+<p class="poem">
+ Vater unser, der du im Himmel bist,<br />
+ Unser täglich Brot gib uns heute,<br />
+ Getreuer Gott, Herr Jesus Christ,<br />
+ Tränk uns aus deiner Seite.-Du strahlender Augenhimmel du,<br />
+ Du taust aus Mutteraugen,<br />
+ Ach Herzenspochen, ach Lust, ach Ruh,<br />
+ An deinen Brüsten saugen!<br />
+</p>
+
+<p class="poem">
+ Ich schau zu dir so Tag als Nacht,<br />
+ Muß ewig zu dir schauen;<br />
+ Du mußt mir, die mich zur Welt gebracht,<br />
+ Auch nun die Wiege bauen.<br />
+</p>
+
+<p class="poem">
+ Um meine Wiege laß Seide nicht,<br />
+ Laß deinen Arm sich schlingen,<br />
+ Und nur deiner milden Augen Licht<br />
+ Laß zu mir niederdringen.<br />
+</p>
+
+<p class="poem">
+ Und in deines keuschen Schoßes Hut<br />
+ Sollst du deine Kindlein schaukeln,<br />
+ Daß deine Kinder, so lieb, so gut,<br />
+ Wie Träume mich umgaukeln.<br />
+</p>
+
+<p class="poem">
+ Da träumt mir, wie ich so ganz allein<br />
+ Gewohnt dir unterm Herzen;<br />
+ Da waren die Freuden, die Leiden dein<br />
+ Mir Freuden auch und Schmerzen.<br />
+</p>
+
+<p class="poem">
+ Und ward dir dein Herz ja allzu groß,<br />
+ Und hattest nicht, wem klagen,<br />
+ Und weintest du still in deinen Schoß,<br />
+ Half ich dein Herz dir tragen.<br />
+</p>
+
+<p class="poem">
+ Da rief ich: Komm, lieb Mutter, komm!<br />
+ Kühl dich in Liebeswogen!<br />
+ Da fühltest du dich so still, so fromm<br />
+ In dich hinabgezogen.<br />
+</p>
+
+<p class="poem">
+ So mutterselig ganz allein<br />
+ In deiner Lust berauschet,<br />
+ Hab ich die klare Seele dein,<br />
+ Du reines Herz, belauschet.<br />
+</p>
+
+<p class="poem">
+ Was heilig in dir zu aller Stund,<br />
+ Das bin ich all gewesen;<br />
+ Nun küß mich, süßer Mund, gesund,<br />
+ Weil du an mir genesen.<br />
+</p>
+
+<p class="poem">
+ O selig, selig ohne Schuld,<br />
+ Wie konnt ich mit dir beten;<br />
+ O wunderbare Ungeduld,<br />
+ Ans scharfe Licht zu treten!<br />
+</p>
+
+<p class="poem">
+ O Mutter, halte dein Kindlein warm,<br />
+ Die Welt ist kalt und helle,<br />
+ Und trag es fromm, bist du zu arm,<br />
+ Hin an des Grabes Schwelle.<br />
+</p>
+
+<p class="poem">
+ Leg es in Linnen, die du gewebt,<br />
+ Zu Blumen, die du gepflücket,<br />
+ Stirb mit, daß, wenn es die äuglein hebt,<br />
+ Im Himmel es dich erblicket.<br />
+</p>
+
+<p class="poem">
+ So lallt zu dir ein frommes Herz,<br />
+ Und nimmer lernt es sprechen,<br />
+ Blickt ewig zu dir, blickt himmelwärts<br />
+ Und will in Freuden brechen.<br />
+</p>
+
+<p class="poem">
+ Brichts nicht in Freud, brichts doch in Leid,<br />
+ Bricht es uns allen beiden.<br />
+ Ach, Wiedersehen geht fern und weit,<br />
+ Und nahe geht das Scheiden!<br />
+</p>
+
+<p><br /></p>
+
+<p>
+Als ich das Lied ganz hergesagt, waren ich und mein Herr Ritter ein
+bißchen stille. Dann hob er an und sprach: "Du hast recht, lieber
+Johannes, du warst recht reich, eine so liebe Mutter auf Erden zu
+finden; das ist ein schönes Lied, aber es ist auch viel Trauer darin;
+wer hat es denn also gesetzet, daß es am Ende so schmerzlich vom
+Scheiden spricht?"
+</p>
+
+<p>
+Da sagte ich: "Mein Vater hat es gesetzt, als ich noch nicht geboren
+war, da er von meiner Mutter scheiden mußte, und hat sie ihn nie
+wiedergesehn, und kenne ich ihn auch nicht." Da brachen mir die
+Tränen aus, aber mein gnädiger Herr fuhr mir freundlich mit der Hand
+über das Haupt und sagte: "Sei wohlgemut! Ich will dein Vater sein,
+das reicht auf Erden hin, Gott gebs!" Da küßt ich ihm die Hand und
+fuhr fort: "Ach, Herr Ritter, solcher Reichtum an einer so lieben
+Mutter war noch nicht genug; denn gute Leute nahmen mich auf ihre
+Arme und trugen mich in die Kirche; da ward ich durch die heilige
+Taufe aufgenommen unter die Kinder Gottes und ward gereinigt von
+aller Sünde und ward teilhaftig der Versühnung unseres Herrn Jesu
+Christi. Da ward ich erst reich über alle Maßen, da hatte ich das
+ewige Leben und den Schlüssel des Himmels geschenket. Dann aber auch
+ward mir gegeben viele irdische Herrlichkeit, und was zum Leben nötig
+und lustig ist; denn ich ward gelehret, daß der Glanz der Sonne all
+mein Gold sei, der Spiegel der Flüsse all mein Silber, die grünen
+Wiesen mit ihren Blumen all meine Teppiche und Tapezereien, der
+Himmel mit seinen blauen gestirnten Gewölben und der grüne hohe Wald
+alle meine Gebäude und Hallen; ja endlich bin ich so reich geworden,
+daß mir die ganze Welt offen stand, und alle guten Menschen meine
+Diener warden, zu denen ich sprechen durfte: Gib mir dies, gib mir
+jenes; und hatte ich auch keinen Herrn, als den Herrn aller Herren,
+den lieben Gott, der mir das Leben zu einem Leben gegeben, und in
+dessen Hände ich es, so der heilige Geist seine Gnade verleiht, und
+mein Herr Jesus sich meiner erbarmt, ohne große Makel zurückzugeben
+hoffe, und habe ich mir zum Spruche auf mein Schild erwählt--denn ich
+bin eines Ritters Sohn--:
+</p>
+
+<p><br /></p>
+
+<p class="poem">
+ Der Himmel ist mein Hut,<br />
+ Die Erde ist mein Schuh,<br />
+ Das heilge Kreuz ist mein Schwert,<br />
+ Wer mich sieht, hat mich lieb und wert."<br />
+</p>
+
+<p><br /></p>
+
+<p>
+Da lächelte Herr Veltlin und sprach: "Dein Hut ist besser als deine
+Schuh, die wirst du dir bald ablaufen, aber dein Schwert ist das
+mächtigste auf Erden und hat einen guten Waffenschmied gehabt, du
+bist ein guter Ritter, und deine Fahrt mag friedlich abgehen, denn
+die dich sehen, haben dich lieb und wert. Aber erzähl mir nun dein
+Herkommen!"
+</p>
+
+<p>
+Da zog ich ein Buch aus meinem Buchbeutel und sprach: "Ich will es
+Euch lesen, denn ich habe angefangen, es mir aufzuschreiben, und zwar
+so recht ausführlich, wie es mir eingefallen, mit allerlei Rede und
+Betrachtung; wie mir bewußt ward, daß es gewesen ist und gewesen sein
+kann." Da sprach Herr Veltlin: "Du kannst schreiben? Johannes, das
+kann ich nicht, und bin ich begierig zu hören, ob du auch alles so
+aufgeschrieben, daß ich es wohl genießen mag; denn da die Schrift als
+etwas Künstlicheres und dem Menschen Merkwürdigeres gegeben wird als
+gewöhnliche Rede, die schnell dahin fliegt, so soll sie auch des
+Aufbehaltens würdiger dem Menschen dargereicht werden, und also
+wohlgesetzt und deutlich sein. Lies nun!" Da hob ich an: Chronika
+des fahrenden Schülers Johannes Laurenburger, von Polsnich an der Lahn
+</p>
+
+<p><br /></p>
+
+<p class="poem">
+ Dieses Buch ist mir wert und lieb;<br />
+ Wer es mir stiehlt, der ist ein Dieb.<br />
+</p>
+
+<p><br /></p>
+
+<p>
+Ich bin geboren am 20. Mai 1318 zu Polsnich an der Lahn; das ist ein
+Hof, der gehört zum Kloster Arnstein, darin ich getauft wurde
+Johannes. Meine Mutter selig wohnte in einem kleinen Häuslein vor
+dem Hof, und nannte man sie die schöne Laurenburger Els; mein Vater
+aber, den ich nie gesehen, war der Ritter von der Laurenburg, die dem
+Kloster Arnstein gegenüber an der Lahn liegt. Was es aber für eine
+Beschaffenheit mit ihm habe, will ich hier niederschreiben, so viel
+ich erfahren, wenn ich zu der Zeit in meinem Leben gelange, da es mir
+selbst bekannt worden.
+</p>
+
+<p>
+Das erste, dessen ich mich aus frühster Jugend von meiner Mutter
+recht deutlich erinnre, ist, daß sie mich lehrte, mich mit dem
+Zeichen des heiligen Kreuzes zu bezeichnen und die Hände zu falten
+und das Vaterunser und den englischen Gruß zu beten. Sie sagte mir
+die Gebete vor, ich schaute nach ihren Lippen und sprach ihr nach,
+und ich erinnere mich noch recht sehr deutlich meiner großen Freude,
+als ich zum ersten Male abends neben ihr an ihrem Betschemel kniete,
+und diese heiligen Gebete mit ihr fertig und ohne Fehl sprach. Jetzt
+noch, wenn ich bete, ist es mir oft, als schaute ich nach ihren
+Lippen und spräche ihr nach.
+</p>
+
+<p>
+Sie war arm, fromm und arbeitsam, und wenn ich sie gleich später in
+mancherlei Geschäft gesehen, schwebt mir ihr Bild doch meistens
+betend, singend oder spinnend vor Augen. Wenn sie mich manchmal
+abends schon im Bette entschlafen glaubte, wachte ich noch und
+horchte auf das Schnurren ihrer Spindel und ihren rührenden Gesang;
+denn sie saß spät auf, ihr Brot in Ehren zu verdienen.
+</p>
+
+<p>
+Der Anblick meiner holdseligen Mutter, wenn sie so bei Lampenschein
+vor sich hinsang und spann, rührte mich oft bis zu Tränen; warum, das
+weiß der liebe Gott gewiß, zu dem ich wohl zuhörend mit kindischem
+Herzen für sie gebetet habe.
+</p>
+
+<p>
+Einmal weiß ich, daß ich gar sehr weinen mußte; als ich sie nachts
+bei ihrem Rocken so vor sich hin singen hörte, da fing eine
+Nachtigall vor unserm Fenster auch an zu singen; es war schon sehr
+spät, und der volle Mond schien klar und hell. Meine Mutter aber
+hörte nicht auf zu singen, und sang das Vögelein und sie zugleich.
+Da habe ich zum erstenmal Traurigkeit empfunden und kindische Sorgen
+um den Ernst des Lebens gehabt, die ich wohl noch fühle, aber nicht
+auszusprechen vermag; da habe ich mich auch leise im Bette
+aufgerichtet und meiner Mutter zugehört. Sie sang aber ein Lied, das
+lautete also:
+</p>
+
+<p><br /></p>
+
+<p class="poem">
+ Es sang vor langen Jahren<br />
+ Wohl auch die Nachtigall;<br />
+ Das war wohl süßer Schall,<br />
+ Da wir zusammen waren.<br />
+</p>
+
+<p class="poem">
+ Ich sing und kann nicht weinen<br />
+ Und spinne so allein<br />
+ Den Faden klar und rein,<br />
+ Solang der Mond wird scheinen.<br />
+</p>
+
+<p class="poem">
+ Da wir zusammen waren,<br />
+ Da sang die Nachtigall;<br />
+ Nun mahnet mich ihr Schall,<br />
+ Daß du von mir gefahren.<br />
+</p>
+
+<p class="poem">
+ So oft der Mond mag scheinen,<br />
+ Gedenk ich dein allein;<br />
+ Mein Herz ist klar und rein,<br />
+ Gott wolle uns vereinen!<br />
+</p>
+
+<p class="poem">
+ Seit du von mir gefahren,<br />
+ Singt stets die Nachtigall;<br />
+ Ich denk bei ihrem Schall,<br />
+ Wie wir zusammen waren.<br />
+</p>
+
+<p class="poem">
+ Gott wolle uns vereinen,<br />
+ Hier spinn ich so allein;<br />
+ Der Mond scheint klar und rein,<br />
+ Ich sing und möchte weinen!<br />
+</p>
+
+<p><br /></p>
+
+<p>
+Besonders traurig aber kam es mir vor, daß der Vogel und meine Mutter
+zugleich sangen und doch nicht recht miteinander, und hätte ich
+damals wohl wissen mögen, ob der Vogel auch in seinem Gesange meiner
+Mutter gedachte, und ob er auch lieber geweint als gesungen hätte.
+Ich fragte darum meine Mutter mit den Worten: "Mutter, was singt denn
+die Nachtigall dazu?"
+</p>
+
+<p>
+Da sagte sie: "Die Nachtigall sehnt sich und lobet Gott; also tue ich
+auch. Aber, Johannes, warum wachst du? Schlafe, du mußt morgen früh
+heraus und mit mir nach Kloster Arnstein gehn; wenn du nicht schläfst,
+so nehme ich dich nicht mit." Da löschte sie die Lampe aus, und
+trat vor mein Bettlein und machte mir das Zeichen des Kreuzes auf
+Stirne, Mund und Herz und küßte mich, und da ich fühlte, daß sie
+weinte, schlang ich meine Arme um ihren Hals und drückte ihr Antlitz
+fest an das meinige, und da weinten wir beide.
+</p>
+
+<p>
+Ich fragte sie aber: "O liebe Herzmutter, was weinest du, und warum
+machst du mir nochmals das Kreuz? Ich habe ja schon gebetet."
+</p>
+
+<p>
+"Lieber Johannes", sprach sie hierauf, "ich mache dir immer das Kreuz
+und küsse dich, wenn ich schlafen gehe, daß dir Gottes und deiner
+Mutter Segen in der Nacht zugute komme; aber du hast bisher immer
+schon geschlafen, wenn ich es tat, und wußtest es darum nicht." Aber
+warum sie weine, sagte sie mir damals nicht. Darauf entkleidete sie
+sich und legte sich zu Bette, und betete laut, ich aber sprach ihr
+nach:
+</p>
+
+<p><br /></p>
+
+<p class="poem">
+ Herr Jesus, ich will schlafen gehn,<br />
+ Laß vierzehn Engel bei mir stehn,<br />
+ Zwei zu meiner Rechten,<br />
+ Zwei zu meiner Linken,<br />
+ Zwei zu meinen Häupten,<br />
+ Zwei zu meinen Füßen,<br />
+ Zwei, die mich decken,<br />
+ Zwei, die mich wecken,<br />
+ Zwei, die mich weisen<br />
+ Zum himmlischen Paradeise!<br />
+</p>
+
+<p class="poem">
+ Worauf wir ruhig einschliefen.<br />
+</p>
+
+<p>
+Am folgenden Morgen wachte ich früher auf als die Mutter. Die
+Schwalbe begann zu singen. Ich kleidete mich leise an und trat an
+das Bett meiner Mutter; die hatte die Hände ruhig gefaltet, und der
+junge Tag schien auf ihr Angesicht. Ihr Anblick erfüllte mich mit
+Liebe und Trauer, denn ich hatte Barbara, die Tochter des Hofmeiers,
+neulich also mit gefaltenen Händen stille im Sarge liegen sehn, und
+ergriff mich eine so tiefe Angst, daß ich meine Mutter mit ungestümen
+Küssen erweckte. Sie erwachte in meinen Armen, und als ich ihr die
+Ursache meiner Tränen sagte, nahm sie meine Hände von ihrem Hals und
+faltete sie, und schloß sie in ihre lieben Hände, und so beteten wir
+zusammen zu Gott, und dankten ihm, daß er uns diese Nacht erhalten
+und uns verliehen habe, diesen Tag zu unserer Besserung anzutreten.
+Am Schlusse des Gebetes sagte die Mutter: "Du hast gefürchtet, ich
+sei tot, Johannes; sterben müssen wir alle, halte dich an unsern
+Herrn Jesum und die himmlische Mutter Maria, die werden dir Vater und
+Mutter sein, besser als dein irdischer Vater und ich, wenn auch ich
+dich verlassen muß. Und wenn ich einst die Hände so schließe, um zu
+beten, da ich zur ewigen Ruhe entschlafe, so schließe auch deine
+Hände so in die meinigen und bete mit mir, auf daß uns der Heiland
+zusammen in die ewige Herrlichkeit seines Angesichts schauen lasse.
+"-Da wurd ich still und trat an das Fensterlein unsrer Kammer und sah
+nach dem kommenden Tag. Als sich aber meine Mutter angekleidet hatte,
+trat sie hinter mich, und hielt mir freundlich die Augen zu, mit den
+Worten: "Warte ein wenig, liebes Kind, gleich wirst du etwas sehen,
+das du nie gesehen." Während sie mir so die Augen zuhielt, fragte
+ich sie: "Liebe Mutter, ist das Gebet dann kräftiger, und gefällt es
+dem lieben Gott dann besser, wenn man die Hände so zusammen faltet,
+wie du mit mir getan?"--"Gewiß", sagte die Mutter, "wenn die, so es
+tun, sich so lieben wie wir, aber den lieben Gott doch noch viel mehr
+als einander, und wenn in der Kirche alle Leute zusammen beten und
+der Priester am Altare betet, da ist das Gebet des Priesters die Hand,
+in die sie alle ihre Hände gefalten haben. Was habe ich dich von
+der christlichen Liebe gelehrt?" Da sprach ich: "Du sollst Vater und
+Mutter lieben, auf daß du lang lebest auf Erden; du sollst deinen
+Nächsten lieben wie dich selbst und Gott über alles."--"Recht", sagte
+die Mutter, "o wie selig wäre die Welt, wenn alle Menschen so
+vereinet beteten, wie wir es heut tun konnten, und wie es eine fromme
+Gemeinde in der Kirche tut." Da sagte ich kindisch: "Aber alle
+Menschen können doch nicht ihre Hände zu zwei Händen zusammenlegen.
+"--"O gewiß, das können sie", erwiderte die Mutter, "und das in
+unsers lieben Erlösers Jesus Christi Hände, der überall und an allen
+Orten ist, und seine heiligen Hände für uns am Kreuze ausgespannt hat,
+uns zu erlösen von der Sünde. Denn er hat uns ja das Gebet gelehret,
+und er ist die Hand, in welche wir unsre Hände legen müssen, so
+unser Gebet zu Gott dringen soll; denn er selbst hat auf Erden gesagt:
+"Alle Dinge sind mir übergeben von meinem Vater, und niemand
+erkennet den Sohn, als nur der Vater, und niemand kennet den Vater,
+als nur der Sohn, und wem es der Sohn will offenbaren. Kommet her zu
+mir, alle, die ihr mühselig und beladen seid, ich will euch erquicken."
+Und der heilige Johannes sagt: "Der Vater hat den Sohn lieb und
+hat ihm alles in seine Hand gegeben. Wir haben einen Fürsprecher
+beim Vater, Jesum Christum, den Gerechten; der ist die Versöhnung für
+unsre Sünden, doch nicht allein für die unsrigen, sondern für die
+Sünden der ganzen Welt. Es ist ein Gott und ein Mittler zwischen
+Gott und den Menschen, der Mensch Jesus Christus, der sich selbst für
+uns alle zur Erlösung hingegeben hat." Ach, möchten nur alle ihre
+Hände in des Heilands Hand, in die Gott alles gegeben hat, glaubend,
+hoffend und liebend legen; dann würden wir alle zusammen schauen in
+das Angesicht Gottes." Nach diesen Worten tat die liebe Mutter ihre
+Hände von meinen Augen und sprach: "Gelobet sei Jesus Christus!", und
+ich erwiderte: "In Ewigkeit, Amen!" und sah mit großer Seligkeit in
+den Glanz der Morgensonne, die über dem Lahntal hervorstieg. "Ach,
+Mutter", rief ich aus, "ist dieses Gottes Angesicht?"--"Nein, mein
+Kind", erwiderte sie, "das ist nur seine erschaffene Sonne, die er
+über uns arme sündige Menschen scheinen läßt; aber denen, die ihn
+lieben, hat Gott bereitet, was kein Auge gesehn und kein Ohr gehört
+hat, und was in keines Menschen Herz gekommen ist."
+</p>
+
+<p>
+Ich habe aber damals die Sonne zum ersten Male aufgehen sehen, weil
+ich so früh vorher nie aufgestanden. Dieses Morgens und aller meiner
+Mutter Rede und Tun an demselben habe ich bis jetzt gar oft mit
+großem Nutzen gedacht. Nun aber nahm meine Mutter Linnen, das sie
+gewebt, und Garn, das sie gesponnen und gezwirnet, um es in dem
+Kloster zu verkaufen. Sie trug es in dem Korbe auf dem Kopfe, und da
+ich sie darum gebeten, gab sie mir einige Stränge des Garns zu tragen,
+welche ich mit einer großen Liebe zu meiner Mutter sehr sorgfältig
+bis nach Arnstein getragen habe. Wir kamen daselbst in des Abtes
+Stube, die war mit schönen Bildern ausgemalt; auch handelte der Abt
+selbst um das Tuch mit der Mutter und war ein heiliger, aber sonst
+gar freundlicher und lustiger Mann, fragte mich auch, da ich die
+schönen Bilder an den Wänden so fleißig betrachtete: "Hans, dir
+gefällt wohl meine Zelle; hast du auch Lust, ein geistlicher
+Ordensherr zu werden? Wenn du fromm und fleißig bist, kannst du mit
+der Zeit diese meine Bilder besitzen und Abt sein, wenn ich in dem
+stillen Konvent unter der Kirche schlafe."
+</p>
+
+<p>
+Da erwiderte ich: "Ich hätte wohl Lust dazu, Abt in der schönen Zelle
+zu sein, Hochwürdiger Herr, wenn meine liebe Mutter mit drinnen
+wohnen wollte." Da lachte der Abt und sprach: "Lieber Hans, wenn die
+schöne Laurenburger Els mit in den Zellen wohnen dürfte, möchte wohl
+das kleine Klosterpförtlein zu enge werden, so viele sollten den
+heiligen Orden suchen; aber das geht nicht, denn der Herr spricht,
+wir sollen das Kreuz auf uns nehmen, alles verlassen und ihm
+nachfolgen; und doch wohnet eine Mutter mit uns in unsern Zellen, die
+ist noch viel lieblicher und milder als die deine." Da sah ich bald
+den Abt, bald meine Mutter an und konnte seine Rede nicht recht
+glauben, sagte auch zuletzt: "Ach, Hochwürdiger Herr, zeiget mir sie!"
+Da lachte der Abt wieder und sprach: "Mein Hans, zeigen kann man
+sie nicht, aber wir leben alle in ihrem Schoße, und auch du; es ist
+die heilige Mutter, die Kirche, welche unser lieber Herr Jesus sich
+zu einer Braut erkoren; aber das verstehest du noch nicht." Da sagte
+ich: "Nein!", und er gab mir drei Bildlein aus seinem Gebetbuch, das
+war St. Jörgen Bild, meines Vaters, Ritter Jörgen von der Laurenburg,
+Patron, St. Elsbethen Bild, meiner Mutter Patronin, und St. Johannsen
+mit dem gülden Mund Bild, mein Patron, worüber ich große Freude
+empfand, und als ich ihm den ärmel küssen wollte, reichte er mir die
+Hand und sprach: "Johannes, bitte Frau Else, deine Mutter, daß sie
+dich bald herauf zur Schule tut, da sollst du zur Messe dienen lernen,
+und für jede Messe einen halben Heller von mir erhalten." Da bat
+die Mutter den Abt um seinen Segen, und knieten wir beide vor ihm,
+und er legte seine Hände auf uns und betete.
+</p>
+
+<p>
+Meine Mutter ließ aber von dem Geld, das er ihr für die Linnen
+gegeben, zurück, eine heilige Messe für ihr Anliegen in Sankt Jörgen
+Kapelle zu lesen, und da der Abt fragte: "Laurenburgerin, was ist
+Euer Anliegen?", traten meiner Mutter die Tränen in die Augen, und
+sie sprach mit Schämen: "Das stell ich Gott anheim, Hochwürdiger Herr."
+Der Abt erwiderte hierauf mit ernster und freundlicher Stimme:
+"Laurenburgerin, nehmet Euer Geld zurück und wendet es Eurem Kinde zu;
+ich weiß, Ihr lebet bedrängt, ich will das heilige Meßopfer selbsten
+für Euch halten und von ganzem Herzen für Euch beten; aber ergebet
+Euch auch in den Willen des Herrn, und hanget nicht weltlichem Kummer
+allzu sehr nach." Meine Mutter aber wollte das Geld nicht wieder
+nehmen und sprach: "Der Himmel segne Euch, Hochwürdiger Herr, für
+Eure Milde, aber ich bedarf des Geldes nicht, welches ich zu heiligem
+Opfer erarbeitet; tut des edlen Laurenburgers Weib den Schimpf nicht
+an, als könne sie nicht ein kleines Opfer erarbeiten." Da sprach der
+Abt: "So Ihr Euch das zu Herzen nehmet, will ich dafür ein Kerzlein
+vor St. Jörgen Bild aufstecken lassen. Linnen und Garn gebet unten
+im Kloster dem Bruder Sulpizius, daß er Chorhemden daraus mache; denn
+Eure Linnen sind gar fein." Da nahm die Mutter die Linnen, und gaben
+wir sie unten dem Bruder Schneider; der hielt aber der Mutter den
+Korb zurück, bis wir aus der Kirche kamen.
+</p>
+
+<p>
+In der Kirche gingen wir zur Linken in eine Kapelle; da stand auf dem
+Altar St. Jörgen Bild, wie er den Drachen durchbohret; den Altar
+haben die Ritter von der Laurenburg gestiftet und viele Gaben zu dem
+Kloster getan, haben auch ihr Begräbnis in dieser Kapelle, wie ich
+nachmals erfahren. Zur Rechten des Altars kniete ich mit meiner
+Mutter nieder, bei einem steinernen Bilde, das in die Wand gemauert
+war. Dieses stellte aber einen alten Ritter vor, der hatte ein
+langes geistliches Gewand an, und legte einem jungen Ritter, der vor
+ihm kniete, die Hände auf das Haupt. Meine Mutter sah oft und mit
+recht innerlicher Bewegung nach dem knienden Ritter. Ich betrachtete
+ihn auch, und empfand eine große Freude an ihm, hätte ihm auch gern
+etwas Liebes getan und setzte ihm drum einen grünen Kranz auf sein
+steinern Haupt, den ich mir im Walde geflochten und noch spielend in
+der Hand trug. Da meine Mutter dies sah, fuhr es wie ein Blitz durch
+ihre Augen, und umarmte sie mich heftig in der Kirche, aber ihre
+Wangen wurden schamrot und ihre Augen voll Tränen; da ließ sie mich
+los und senkte das Haupt auf den Betstuhl. Ich empfand große
+Bangigkeit um ihre rührende Gebärde. Da trat ein Ordensbruder aus
+der Sakristei mit einer schönen bunten Wachskerze; die zündete er an
+der ewigen Lampe an, nahte dann unserm Betstuhl und reichte sie
+meiner Mutter und mir zu küssen, und als wir dies getan, steckte er
+sie auf St. Jörgen Leuchter, der neben St. Jörgen Altar stand und
+gestaltet war wie eine Lanze, die durch einen Lindwurm gestochen ist.
+Das war die Opferkerze, die uns der Herr Abt versprochen. Nun klang
+das Glöcklein, und der fromme liebreiche Herr trat mit dem
+Ministranten zum Altar und las uns die heilige Messe selbst mit
+großer Andacht. Da sagte mir meine Mutter ins Ohr: "Bete hübsch
+fromm, Johannes, der stehende alte Ritter ist der alte Laurenburger,
+dein Großvater, bete hübsch für ihn!" Nun hatte ich den Mut nicht
+mehr, nach dem Bilde zu schauen, und ward mir mein Großvater von
+damals an ein gar ernster und sorglicher Gedanke, aber ich habe zum
+ersten Male gebetet mit einer recht innerlichen Herzensangst, wie
+früher nie; warum ich aber so gebetet, kann ich mich nicht mehr
+deutlich entsinnen.
+</p>
+
+<p>
+Da die Messe zu Ende war, fragte ich meine Mutter wieder nach dem
+steinernen Bilde mit den Worten: "Mutter, was macht denn der alte
+Laurenburger da?" Aber sie antwortete nicht, und sah mit nassen
+Augen den knienden Ritter an, dem ich das Kränzlein aufgesetzet. Als
+ich sie nochmals fragte, sagte sie: "Der alte Laurenburger tut, was
+ich dir gestern abend tat, da ich dich im Bette mit dem heiligen
+Kreuze bezeichnete." Da fragte ich sie weiter: "Will denn der alte
+Laurenburger auch schlafen gehn?" Und sie sprach: "Ja, er will
+schlafen gehn in die ewige Ruhe." Ich aber fragte weiter: "Will denn
+der kniende Ritter auch schlafen gehn?" Da sprach sie: "Ach, Gott
+gebe ihm ein seliges Erwachen, so er schon schläft!" und ward wieder
+sehr traurig, und hob mich hinauf an dem Bilde, mit den Worten:
+"Küsse den Knienden, habe ihn recht lieb, es ist dein guter Vater."
+Da küßte ich ihn herzlich und setzte ihm das Kränzlein zurecht auf
+seinem Haupt, wollte ihn auch nicht lassen. Meine Mutter aber
+behielt mich auf dem Arme und trug mich aus der Kirche hinaus, und
+hätte sie schier auch ihren Korb vergessen, der noch bei dem Bruder
+Sulpizius stand. Der aber kam uns nachgelaufen und brachte den Korb;
+da war ein schönes weißes Klosterbrot drinnen und ein Krüglein voll
+Weins, das schenkte uns der Herr Abt.
+</p>
+
+<p>
+Sie dankte und ging ruhig mit mir links dem Walde zu, einen andern
+Weg, als wir hergekommen waren. Sie hatte den Korb am rechten Arme
+und trug mich auf dem linken; ich sagte ihr, daß ich nicht müde sei,
+und es ihr sauer werde, sie solle mich gehen lassen. Aber sie wollte
+mich nicht loslassen, und ich merkte in ihr eine geheime Lust, mich
+zu tragen, und sie schloß mich manchmal fester mit dem Arme an ihre
+Brust, so daß ich den Schlag ihres Herzens fühlte. Da ward ich mir
+so recht lebendig ihrer Liebe bewußt, und genoß ihrer Güte mit
+kindlicher Freude; denn sie pflegte mich sonst nicht zu tragen, weil
+sie, wenn gleich groß und schlank, doch durch manche Sorge und
+Nachtwache entkräftet war. Sie war zart und weiß mit langen blonden
+Haaren, und wie goldne Strahlen waren die Wimpern über ihren reinen
+blauen Augen, die mich noch immer mit Friede, Liebe und Warnung
+anblicken. Ja, ihr liebes Angesicht war wie ein durchsichtiges
+Fensterlein ihres Herzens, aus dem ihre Seele mit jeder innern
+Bewegung errötend und erbleichend zum Himmel schaute. Ihr Mund aber
+war ruhig und zart geschlossen, und erregte eine züchtige Ehrfurcht.
+Ich sage dies hier; denn ich werde nimmermehr vergessen, mit welcher
+Liebe ich damals ihr edles Angesicht betrachtete, und wie gut und
+holdselig sie aussah, da sie mich so zärtlich durch die freie Luft
+über die grüne Wiese hintrug, und meine Härlein und ihre langen
+blonden Haare in dem Winde durcheinanderflogen, und die Lerche über
+uns, gegen die Sonne schwebend, lobsang. Da war mir unendlich wohl,
+und meine Sehnsucht, sie nicht zu ermüden, ward so inbrünstig, daß
+ich glaubend fühlte, ich ermüde sie nicht, und, mit ihren Haaren
+spielend, zu ihr sagte: "Liebe Mutter, bin ich nicht recht leicht?
+Mir ist, als träume ich, ich flöge." Sie aber antwortete nicht, als
+mit einem zärtlichen Druck ihres Arms, und ich begann ihr ihre Haare
+in Zöpfe zu flechten, daß ihr der spielende Wind nicht beschwerlich
+fallen möge, und sie ließ es mit freundlichem Hinneigen ihres Kopfes
+gern geschehen. Da ich aber fertig war und sie mich durch den Wald
+unter den Bäumen hintrug, brach ich einen grünen Eichenzweig ab, wand
+ihn in einen Kranz, und setzte ihn ihr auf das Haupt mit den Worten:
+"Liebe Mutter, nun bist du geschmückt wie der kniende Ritter in St.
+Jörgen Kapelle, nun hast du auch ein Kränzlein auf, und wenn er uns
+nun durch den Wald entgegengeschritten käme, würdet ihr euch beide
+wohl sehr aneinander erfreuen über die schönen Kränze?" Meine Mutter
+aber antwortete nicht und ging traurig fort, worüber ich auch betrübt
+wurde.
+</p>
+
+<p>
+So zogen wir still und einsam wohl eine Stunde lang durch den dichten
+Wald, als wären wir die einzigen Menschen auf der Welt, und hätten
+nicht viel Freude. Nun ward es lichter in den Zweigen, und der Wald
+endete sich gegen den Rand des Berges, der sich in das einsame
+Lahntal senkte; hier küßte mich die Mutter und ließ mich an die Erde.
+Wir standen aber auf einer grünen Waldwiese, die ein frischer Quell
+erquickte, der mit Umwegen an dem mannigfaltig unterbrochenen Abhange
+zu der Lahn hinabeilte. Wo wir standen, war die Gegend sanft und
+mild, ein großer alter Birnbaum hing schwer voll gelber Birnen, und
+um ihn her standen mehrere Vogelbeerbäume, die mit ihren
+feuerfarbenen Früchten lustig gegen den dunkeln Wald abstachen;
+außerdem begrenzten und durchschnitten den Platz mancherlei
+Fruchtsträucher, Haselbüsche, Johannis--und Klosterbeersträucher, und
+ich hatte die Fülle zu brechen und zu genießen. Gegen uns über
+erschien die Gegend ernster. Das Lahntal schließt, von diesem Punkte
+gesehen, den Spiegel des Flusses mit einer Krümme wie einen
+tiefliegenden See ein, und die Berge lagen, mit dunklem Walde bedeckt,
+streng und finster um diesen her, als hätten sie tiefsinnige
+Gedanken über ein Leid, das hier geschehen. Die Mutter stand stille
+und schaute ruhig in die Gegend hinein, ich hatte aber den Deckel des
+Korbes genommen, ihn mit breiten Haselnußblättern bedeckt, und
+sammelte mit ängstlichem Fleiße die schönsten Brombeeren und
+Himbeeren, und was sonst an wohlschmeckenden Träublein zu reichlicher
+Lese sich darbot. Zwischen der Arbeit schaute ich oft nach ihr, sah
+auch mit Freude, wie der Anblick der Gegend ihr Antlitz zu erheitern
+schien, und als ich meine Ernte ihr darbot, lächelte sie freundlich,
+strich mir mit der Hand über die Stirne und sagte: "Schönen Dank,
+Johannes, du bist ein gutes Kind."
+</p>
+
+<p>
+Dann führte sie mich rechts dem Dickicht zu, wo wir nach wenigen
+Schritten vor einer kleinen verlassenen Hütte standen; der Efeu hatte
+frei die Wände umrankt, und selbst die verschlossene Tür mit seinem
+Gitter umzogen. Die Mutter hob mich an einem alten Wacholderbaum in
+die Höhe, der neben der Türe stand, und ich mußte ihr aus einem Loche
+in demselben einen Schlüssel holen, mit welchem sie die Türe
+aufschloß, nachdem ich ihr geholfen hatte, die Efeuranken behutsam,
+ohne sie zu zerreißen, von der Türe abzulösen. Nun gingen wir durch
+eine kleine, gerätlose Küche in eine viereckte Stube. Ich trat mit
+Scheu hinein; denn die wenigen Strahlen, welche durch die
+verschlossenen Fensterladen fielen, zeigten mir allerlei große Vögel
+an den Wänden in unbestimmtem Lichte. Meine Mutter aber stieß
+sogleich einen Fensterladen auf, und da sah man nach der andern Seite
+des Lahntals, wo das alte Laurenburger Schloß aus schwarzem Bergwald
+hervorragte. An den Wänden der kleinen Stube sah ich auf
+eingemauerten Hirschgeweihen vielerlei ausgestopfte Vögel befestigt,
+und besonders eine Reihe alter Falken; außerdem lehnten und hingen
+mancherlei Jagdgeräte, Armbrust, Speere, Netze u. dgl., in schöner
+Ordnung um einen einfachen Betschemel, der vor dem holzgeschnitzten
+heiligen Hubertusbilde stand. Da war St. Hubertus abgebildet, wie er
+vor einem Hirsche kniet, der ihm mit einem Kreuze zwischen den
+Geweihen auf der Jagd entgegengetreten, da ihm der Herr sein wildes
+Herz gerührt. Ich betrachtete alle diese Dinge, die ich früher nie
+gesehen, mit bangem Staunen, während meine Mutter, auf einem
+hölzernen Stuhle sitzend, still dem Fenster hinaus nach der
+Laurenburg sah. Alles, was mir seit dem letzten Abend begegnet war,
+hatte die ruhige Folge der gewohnten Eindrücke in meiner Seele
+unterbrochen, und wenn ich jetzt zurückgedenke, möchte ich meine
+damalige Empfindung wohl dem Gefühl eines Rades vergleichen, wenn es
+in der Mühle plötzlich lebendig werden und sehen könnte, wie es sich
+selbst und alle die andern Räder sich mit ihm herumdrehen, ohne sich
+doch gleich vorstellen zu können, was es selbst und die andern Räder
+eigentlich sollen, und was überhaupt eine Mühle ist. Besonders aber
+befremdete es mich, daß meine Mutter mit allem dem Geräte der Hütte
+ganz vertraut war, und in der Hütte tat, als wäre sie immer darin
+gewesen; darum fragte ich sie mit den Worten: "Liebe Mutter, bleiben
+wir nun hier, ist dies auch unser Häuslein? Dann will ich uns einen
+kleinen Garten bauen und ein Vogelsteller werden." Da entgegnete sie
+freundlich: "Was willst du dann mit den Vöglein anfangen?", worauf
+ich sagte: "Ich will sie das Vaterunser beten lehren." Da fragte sie:
+"Weißt du denn, wo dein Vater ist?" Und ich antwortete: "Im Himmel."
+Nun nahm sie mich zu sich, und ich mußte mich zu ihren Füßen
+setzen, und da erzählte sie mir ohngefähr das, was ich hier weiter
+niederschreibe.
+</p>
+
+<p>
+Wenn ich auch gleich jedes ihrer lieben Worte jetzt, da ich erwachsen
+bin, nicht mehr so recht eigentlich wissen kann, dürfte es doch nicht
+viel anders gelautet haben; denn ich habe mir alles scharf in das
+Gedächtnis gefaßt, und es mir oft wieder von ihr erzählen lassen, so
+daß wohl eher zu viel als zu wenig hier stehen mag. Sie sprach aber:
+"Lieber Johannes, du hast mich seit gestern wohl trauriger als je
+gesehen, denn ich dachte gestern, da die Arbeit vollendet war, schon
+daran, wie ich heute alle die Wege gehen würde, die du mit mir
+gegangen bist. Du hast mich auch gestern abend gefragt, warum ich
+weine, da ich vor deinem Bettlein stand, aber ich habe dir keine
+Antwort gegeben, sondern nur mit dir gebetet, damit wir ruhig
+schlafen möchten. Jetzt aber will ich dir vieles erzählen; denn ich
+glaube, es wird dir frommen, wenn du früh weißt, wie auf Erden viel
+Traurigkeit ist, und im Himmel allein die Freude, die wir durch
+unwandelbare Treue und Stärke in dem irdischen Leide allein verdienen
+können. Du wirst dann deine Sinne immer mehr zu Gott wenden, und
+dich führen lassen von seinen Engeln auf Erden, dem Glauben an Jesus,
+der Hoffnung auf Jesus, und der Liebe zu Jesus, deren Gespielen sind
+die Einfalt, die Demut, die Unschuld und die Wahrheit. Auch sollst
+du nicht traurig sein um des Leides willen, das dich auf Erden
+treffen wird, nein, nur um deine und aller Schuld, deren Strafe das
+Leid ist. Auch sollst du nicht trauren um deinen Schmerz, sondern
+allein um die Leiden deines Erlösers am Kreuze, an dem er gestorben
+ist wie ein unschuldiges Lamm, das dahinnimmt die Schuld der Welt,
+und zu dieser Versöhnung sollst du dich wenden, und fest an sie
+glauben und auf sie hoffen, und dich rein erhalten von aller Sünde,
+damit du deine Seele nicht wieder befleckest, die dein Jesus, dein
+Erlöser, dein Heiland, dein Gott dir mit seinem heiligen Blute rein
+gewaschen hat; dann wird dein Glaube, dein Vertrauen alles Leid
+überwachsen, und du wirst dir ein freudiges Herz erkämpfen zu deinem
+Gott, der dich erschaffen hat im Vater, erlöset im Sohn und
+geheiliget im Heiligen Geist."
+</p>
+
+<p>
+Was mir meine selige Mutter, die schöne Laurenburger Els, in dem
+Häuslein meines seligen Großvaters, des Voglers Kilian, auf der
+Hirzentreu von sich und dem lieben Großvater erzählt hat
+</p>
+
+<p>
+Diese Berghöhe heißt die Hirzentreu, und dieses Häuslein, worin wir
+sitzen, gehörte meinem lieben seligen Vater, dem Vogelsteller Kilian,
+den man weit und breit nur den guten Kilian und den frommen
+Falkenmeister nannte. Er ist zu Gott gegangen vor zehn Jahren, und
+liegt begraben auf dem Kirchhofe zu Kloster Arnstein. Er ist geboren
+zu Kitzing in Franken, und hat sich dies Häuslein hier selbst erbauet,
+da er als ein Falkenier des Grafen von Nassau meine selige Mutter,
+eines Jägers zurückgelassene Waise, zu seiner Hausfrau wählte, und
+sich hier mit ihr niederließ. Es stehet auch draußen im Garten noch
+der Baum, an welchem mein Vater meine Mutter zum ersten Male gesehen;
+da rettete er ihr das Leben; denn als mein Vater einen Hirsch
+verfolgte, fand das erzürnte Tier hier meine Mutter, welche als ein
+armes Mägdlein Kräuter für die Klosterherren in Arnstein sammelte,
+und faßte der Hirsch in seinem Grimm meine Mutter auf die Geweihe.
+Mein Vater, der herzulaufend dieses sah, schoß einen Bolz von seiner
+Armbrust nach dem Hirsch, und traf ihn nicht ohne Gefahr meiner
+Mutter in das rechte Auge, und das verwundete Tier trat ihm,
+geblendet, nun grade entgegen; da faßte mein Vater einen guten Mut,
+und riß ihm die halbtote Jungfrau von dem Geweihe, legte sie unter
+jenen Baum und erquickte sie an dem Bächlein, das hier entspringt.
+Als sie sich wieder erholt hatte, sahen sie zu ihrer großen
+Verwunderung, daß der Hirsch neben ihnen im Gebüsche stand, und mit
+Schmerzen das Haupt bald hin und her schwenkte, bald traurig zur Erde
+senkte. Da rührte das niederrinnende Blut meinen guten Vater, er
+trat zu dem leidenden Tiere, zog ihm den Bolz aus dem Auge, und wusch
+ihm die Wunde mit Wasser aus, welches alles der Hirsch ruhig
+geschehen ließ. Als aber mein Vater die erschreckte Jungfrau nach
+Kloster Arnstein begleitete, lief ihnen der Hirsch durch den ganzen
+Wald nach, was sie beide sehr rührte und ihrem Gespräche eine größere
+Vertraulichkeit gab. Vor Kloster Arnstein reichten sie sich die
+Hände, und trennten sich mit der gegenseitigem Versicherung,
+miteinander in christlicher Ehe zu leben.
+</p>
+
+<p>
+Nun machte sich mein Vater von seinen herrschaftlichen Diensten los,
+baute mit Erlaubnis der Klosterherren diese Hütte, und führte meine
+Mutter Agnes, als seine liebe Hausfrau, hinein. Der gute Hirsch war
+durch die Hülfe, die ihm mein Vater geleistet, so mild und zahm
+geworden, daß er ihm immer zur Seite war, wenn er hier an seiner
+Hütte mit der Mutter baute. Mein Vater pflegte dabei immer des
+Hirsches krankes Auge, welches bald ausheilte, aber blind wurde.
+Hernach, als meine Eltern hier wohnten, hielt sich der Hirsch immer
+freundlich zu ihnen, und ich weiß noch recht wohl, daß er, wenn wir
+aßen, den Kopf hier zum Fenster hereinsteckte, und ich als ein Kind
+ihm Brot gab. Einstens aber hörte mein Vater ihn in der Nacht heftig
+schreien; da stand er mit der Mutter auf, und sie gingen hinaus, zu
+sehen, was dem guten Tiere fehlte. Er war aber im Kampf mit andern
+Hirschen, welche ihm seines blinden Auges wegen überlegen waren, so
+heftig verwundet, daß er mit anbrechendem Tage zu den Füßen meiner
+Eltern starb. Wir weinten um ihn, wie um einen treuen und dankbaren
+Freund, und hat ihn mein Vater unter demselben Baume, wo er ihn
+geschossen, begraben, sein Geweih aber in den Baum so befestigt, daß
+es, zu ewigem Gedächtnis in denselben verwachsen, noch zu sehen ist,
+und hat mein Vater diese Hütte wegen des treuen Hirschen Hirzentreu
+genannt.
+</p>
+
+<p>
+Meine gute Mutter ist auch bald gestorben, und ich war noch ein so
+kleines Mägdelein, daß ich nicht recht wußte, was Sterben ist. Ich
+erinnre mich noch recht wohl, daß ich auf ihrem Bette saß, als sie
+krank war, und ihr die Fliegen wehrte und ihr alle die kleinen Gebete
+und Sprüche, die sie mich gelehrt, vorsagte, und meinem Vater zur
+Hand ging, sie zu pflegen, soviel es ein Kind vermag. Da ich nun oft,
+wenn meine Mutter Arzneikräuter suchte, mit ihr im Walde gewesen war,
+und sie mir dabei allerlei Heilkräfte der Pflanzen mitgeteilt hatte,
+so war meine Seele damals so erfüllt von der Begierde, ihr zu helfen,
+daß ich einstens in der Nacht vor einbrechendem Tage in den Wald
+hinauslief, um ihr einige Kräuter zu suchen, von welchen mir geträumt
+hatte. Ich lief lange herum und suchte mit unbeschreiblicher Angst
+die Kräuter, welche ich mich vorher gesehen zu haben nicht erinnerte.
+Schon stand die Sonne hoch am Himmel, und ich war weit von unsrer
+Hütte verirrt, aber ich vergaß, vor Begierde, das Arzneikraut zu
+finden, meinen Hunger, und als ich endlich in großer Ermüdung
+niederkniete und mit Tränen zu dem lieben Jesuskinde betete, es möge
+mir doch das Kraut suchen helfen, ich wolle ihm auch mein Brot
+schenken, bin ich darüber vor Müdigkeit entschlafen. Nach einigen
+Stunden erwachte ich, und sah eine schöne edle Frau vor mir stehen;
+ein Diener führte ihr Roß, auf welchem ihr Söhnlein saß, und war sie
+abgestiegen, als sie mich so allein im wilden Walde liegen sah. Sie
+fragte mich, wer ich sei, und da ich ihr gesagt, ich sei Voglers Els
+von der Hirzentreu, und heute früh ausgegangen, ein Kräutlein für die
+kranke Mutter zu suchen, küßte sie mich und sagte, daß sie mich
+heimfahren wolle mit sich nach der Laurenburg, denn sie war die
+Hausfrau des alten Laurenburgers, deine Großmutter; von da wolle sie
+mich über die Lahn nach der Hirzentreu bringen lassen. Sie setzte
+sich nun auf das Roß und nahm mich vor sich auf des Pferdes Hals; ihr
+Söhnlein aber, Jörg, saß hinter ihr und hatte sie mit den Armen
+umfaßt.
+</p>
+
+<p>
+So zogen wir ein Stück Wegs nach dem Lahntal hinab, und hatte ich
+schier auch alles vergessen; denn das Reiten, die fremde Frau und ihr
+Söhnlein, das mancherlei kleine Lieder mit ihr sang, beschäftigten
+meine Seele. Aber der Hunger fing mich an zu drücken, und ich
+bemerkte mit Weinen, daß ich mein Brot nicht mehr in meiner Tasche
+fand. Da fragte mich die Edelfrau: "Els, was weinst du?" und ich
+sagte ihr: "Ich hungre, denn ich habe dem Jesuskind mein Brot gegeben,
+und das Kräutlein von ihm erhalten, aber nun habe ich das Kräutlein
+verloren und hungre", und dabei verlangte ich heftig, sie möge mich
+in den Wald zurücklassen, das Kräutlein zu suchen. Ich mußte der
+Edelfrau das Kraut aber beschreiben, denn seinen Namen wußte ich
+nicht. Da sagte sie auf einmal: "Mein liebes Kind, du hast wohl
+geträumt, aber die Barmherzigkeit Gottes ist groß, denn sieh, mein
+Diener trägt ein solches Kraut in einem feuchten Tuche eingeschlagen
+in seinem Wadsack auf dem Rücken; dies Kraut aber wächst nicht hier
+zu Lande, sondern habe ich es im Kloster Arnstein, wo ich zur Beichte
+war, von dem Gärtner erhalten, der es von einem Priester aus fremden
+Landen jenseits des Meeres hat." Da mußte der Knecht den Wadsack
+öffnen, und siehe da, es war dasselbe Kraut darinnen, das ich im
+Traume gesehen. Meine Freude war unaussprechlich, und die gute
+Edelfrau befahl dem Knechte, sogleich das Kraut meinem Vater zu
+bringen, und ihm zu erzählen, wie ich es gesucht, und wie mich die
+Edelfrau mit nach der Laurenburg genommen. Der Diener kannte meinen
+Vater gar wohl und lief mit Freuden die Waldstege nach unsrer Hütte
+zu. Nun ritt die Edelfrau mit mir und ihrem Söhnlein allein vollends
+zur Lahn hinab und an einer seichten Stelle hinüber nach der
+Laurenburg, wohin der Diener bald auch kam und mich auf dem Kahne zu
+meinen Eltern hieher zurückbrachte. Die gute Edelfrau hatte mir
+viele Liebe erwiesen und gab mir noch ein Krüglein mit altem Wein,
+und einige stärkende Gewürzküchlein für die kranke Mutter mit, und
+versprach, sie selbst morgen zu besuchen. Ihr Söhnlein aber, das
+nicht zugegen war, als ich aus der Laurenburg ging, kam mir bis zum
+Wasser nachgelaufen und gab mir einen ganzen Rosmarienstock, den er
+aus seinem Gärtlein ausgerissen, und sprach: "Du Kleine, das stell an
+deiner Mutter Bett, das ist ein guter Ruch, wenn man siech ist.
+Elslein, komm wieder!" Da gab er mir die Hand, und wir schieden.
+</p>
+
+<p>
+Als wir auf Hirzentreu ankamen, trug mich mein Vater an der Mutter
+Bette; die umarmte mich und sagte: "Els, ich habe den ganzen Tag
+nicht leben und nicht sterben gekonnt aus Sorge, daß du verloren
+seist; Gott aber hat mich wunderbar getröstet durch das, was
+geschehen, und hat mir dein Vater von dem Kraute einen Trank gekocht,
+der hat mich wunderbar erquicket." Da gab ich dem Vater den
+Rosmarienstock, der pflanzte ihn in einen schönen neuen Krug neben
+der Mutter Lagerstätte, und nun nahm der Diener Abschied, nachdem er
+den Wein und die Würzküchlein dem Vater gegeben.
+</p>
+
+<p>
+Es war darüber Abend geworden, mein Vater gab der Mutter noch von dem
+Weine und der Würze, und sie fand sich so gestärkt, daß sie das
+Abendlied mit dem Vater mit großer Andacht leise mitsang, worüber ich
+zu ihren Füßen auf ihrem Lager entschlief. Gegen Morgen aber weckte
+mich der Vater und sagte mir mit Weinen: "Wach auf, lieb Elslein, und
+schau nach der Mutter, und gib ihr, was sie verlangt; sie ist gar
+krank, und ich will nach Kloster Arnstein laufen um die letzte
+heilige Wegzehrung für sie. Halte dich still, so sie schläft, und
+bete still, und so sie es verlangt, reiche ihr zu trinken, auch
+schaue nach dem brennenden Kienspan im Kamin, daß kein Unglück
+entsteht." Dann trat er zur Mutter, trocknete ihr das Antlitz und
+sprach: "Gott erhalte dich, liebe Agnes, zu christlichem Geleite, ich
+geh nach Kloster Arnstein; O wie ist dir, liebe Agnes?" Da sagte die
+Mutter: "Ich lege wie ein Kind mein krankes Haupt in den Schoß dessen,
+der gesagt hat: "Ich will euch trösten, wie einen seine Mutter
+tröstet", und ich habe das Vertrauen, er wird mich mit vollem Troste
+von dir scheiden lassen; so gehe dann hin, und bringe mir den letzten
+Trost!" Da küßte sie der Vater und ging fort.
+</p>
+
+<p>
+Ich aber redete leise zu Füßen des Bettes: "Mutter, darf ich zu dir
+kommen?" Da sagte sie: "Ja, lieb Elslein, doch steh erst auf und
+bringe mir das kleine Kreuz aus meiner Truhe; mich verlanget sehr
+darnach." Geschwind eilte ich an die Truhe, doch der Deckel war so
+schwer, daß ich ihn nicht erheben konnte; das klagte ich der Mutter,
+die sagte: "Elslein, bete! Der dir das Kraut gebracht, das mich so
+erquickte, wird dir auch helfen, die Truhe zu eröffnen, so du ihm
+vertrauest." Da fiel ich vor der Truhe auf die Knie und betete,
+Jesus möge mir die Truhe eröffnen, und Gott erbarmte sich meiner, ich
+öffnete die Truhe mit kleiner Mühe und brachte der Mutter das kleine
+Kreuz. Es ist dasselbe, welches noch in Polsnich an meinem Bette
+hängt, und unsre Truhe zu Haus ist auch dieselbe Truhe. Die Mutter
+nahm das Kreuz in ihre gefalteten Hände und küßte es, und drückte es
+an ihr Herz, und ich legte mich zu ihr auf das Hauptkissen und
+drückte meine Wange an die ihrige. Sie sprach nicht, sie flüsterte
+betend, und so entschlief ich; bald aber weckten mich laute Worte von
+ihr, und ich hörte sie sagen: "Hüter, ist die Nacht schier hin? Wer
+da? Gut Freund! Sei getrost! Ich bins! Fürchte dich nicht! Herr,
+bist du es, so heiße mich zu dir kommen auf dem Wasser!" und nach
+diesen Worten bewegte sie sich mühsam im Traume. Ich verstand sie
+nicht, und weckte sie mit Küssen: "Lieb Mutter, was verlangt dein
+Herz?" Da schlug sie die Augen auf und sagte: "O mein Jesus, ich bin
+noch nicht bei dir! Elslein, mein Kind, sage, hast du den lieben
+Heiland gesehn, wo ist er hingegangen?" Ich verstand sie nicht, und
+suchte ihr das Kreuzlein in dem Bette, das ihren Händen entfallen war,
+und legte es ihr wieder in die Hände mit den Worten: "Herzmutter, da
+ist der liebe Heiland." Da küßte sie das Kreuz wieder, und sagte
+dann: "Elslein, ich war allein auf einem Kahn auf einem großen Wasser
+eine lange, lange Nacht, kein Stern am Himmel, und sehnte mich nach
+dem Tage; endlich sah ich ein Sternlein, das zog leise über das
+Wasser, wie ein Wächter durch die Flur, und da rief ich mit aller
+Macht: "Hüter, ist die Nacht schier hin?" und der Stern antwortete:
+"Wenn der Morgen schon kömmt, so wird es doch Nacht sein; wenn du
+schon fragest, so wirst du doch wieder kommen und wieder fragen." Da
+kam es gegen mich über die Wogen geschritten, und ich sah, daß es
+eine einsame Gestalt war. Da rief ich: "Wer da?" und es antwortete:
+"Gut Freund!" Ach, da ward mein Herz so freudenvoll, und ich
+gedachte: Sollte es wohl mein Jesus sein? Da sprach er: "Sei getrost,
+ich bins, fürchte dich nicht", und ich sprach: "Herr, bist du es, so
+heiße mich zu dir kommen auf dem Wasser." Da winkte er mir, und ich
+trat aus dem Kahn auf das Wasser, konnte aber den Herrn nicht
+erreichen, der vor mir herschwebte, wie eine Wolke oder ein Schatten,
+und wenn ich so recht mutig und begierig auf ihn zuging, und recht
+glaubte, daß er es gewiß sei, daß er sich meiner erbarmen werde und
+einen Eliaswagen vom Himmel rufen, mich zu sich hineinsetzen und zu
+dem himmlischen Paradiese fahren werde, ach, da war er mir so nah, so
+nah, daß ich schon das Wehen der Seligkeit fühlte; dann kam aber
+plötzlich eine Welle und erhob sich ein Wind, und ich verzagte und
+glaubte zu versinken auf dem Wasser, und wie meine Sorge wuchs,
+schwand das Bild des Herrn vor mir in die Ferne, ja, es ward wieder
+zu dem einsamen Stern, den ich zuerst gesehen, und auch der
+verschwand. Da war ich ganz allein auf dem Wasser, und der Kahn
+trieb zu mir her, da sah ich dich drauf sitzen und nach mir weinen,
+und ich wandelte mit Mühe zu dir hin, und saß bei dir im Kahn, und
+herzte dich, und du entschliefst in meinem Arme. Ich aber wachte,
+und die Nacht ward wieder so lang, so lang. Da hörte ich den
+Flügelschlag einer Taube durch die Luft, und ich rief abermals mit
+großer Sehnsucht: "Hüter, ist die Nacht schier hin?" Es flog aber
+ein Täublein über meinem Haupt, das rief zu mir: "Lege Flügel der
+Liebe an, und folge mir nach, deine Seele findet nicht, da sie ruhe
+auf der Sündflut; sieh, der himmlische Noah strecket seine Hand aus
+der gestirnten Arche, aus der du ausgeflogen, um dich wieder
+hineinzunehmen; aber achte, daß dein Gefieder rein sei!" Da sah ich
+den Himmel voll Sterne; aus dem blickten die Hände, die Füße und die
+Seite des Herrn, und die heiligen fünf Wunden leuchteten wie Rubin
+und bluteten hernieder, und die Taube flog ihnen zu; ich aber hatte
+Flügel und breitete sie aus und wollte sie schwingen, aber sie waren
+schwer und unrein; ich rief aber: "O Herr, nur einen Tropfen deines
+Blutes auf meine Flügel, und sie werden gereinigt sein." Und es floß
+nieder zu ihnen, da waren sie rein, und ich schwang sie freudig, aber
+du lagst in meinem Schoß; da wollte ich dich küssen und Abschied
+nehmen von dir, da schlangst du die Hände um mich und wolltest mich
+nicht lassen, und deine Worte erweckten mich von dem seligen Traume."
+</p>
+
+<p>
+So erzählte mir die kranke Mutter, was ihr geträumt, und ich hörte
+ihr mit noch größerer Aufmerksamkeit zu, als wenn sie mir sonst eine
+Geschichte erzählte. Da sie geendet hatte, sagte ich zu ihr: "Mutter,
+das war sehr schön, aber schlafe wieder ein, und wenn die Taube
+wieder kömmt, so bitte sie, daß ich auch mit fliegen darf, ich will
+auch recht beten; der mir das Kräutlein gegeben, und mir die Truhe
+geöffnet, der wird mir auch gewiß Flügel geben, daß ich mit dir
+fliegen kann."--"Das wird er gewiß, liebes Elslein, so es dir gut
+ist", sagte die Mutter, "aber wenn ich wieder einschliefe, und das
+Täublein käme wieder, und ich flöge mit ihm fort, so würdest du gewiß
+gern zurückbleiben bei deinem Vater, daß er nicht allein sei, so ich
+dich darum bitten würde." Da sagte ich zu ihr: "Ja, das will ich, so
+du bald wiederkehrst, und mir etwas mitbringest." Sie aber
+antwortete: "Ich werde nicht wiederkehren, doch werdet ihr mir
+nachfolgen, und da wird alles voll Herrlichkeit sein; aber hörst du,
+Elslein, du mußt mir den Abschied nicht schwer machen, und auch den
+Vater trösten, wenn er weinen sollte, und ihm erzählen, wie ich dir
+gesagt, daß ihr mir nachkommen werdet; denn das Täublein wird bald
+kommen, mir ist, als höre ich schon seinen Flügelschlag." Da küßte
+ich die Mutter und sagte: "Ich will tun, wie du willst, und will dein
+gutes Elslein sein", und die Mutter küßte mich wieder mit den Worten:
+"O du gutes, gutes Elslein!" Dann bat sie mich, ihr das Lied von der
+Taube zu sagen, das sie mich gelehrt; da sprach ich:
+</p>
+
+<p><br /></p>
+
+<p class="poem">
+ Hör, liebe Seel! Wer rufet dir?<br />
+ Dein Jesus aus der Höhe:<br />
+ "Komm, meine Taube, komm zu mir!"<br />
+ Den Ruf ich wohl verstehe.<br />
+</p>
+
+<p class="poem">
+ Wenn ich soll deine Taube sein,<br />
+ Mußt du mir Flügel geben;<br />
+ Die wasch in deinem Blut ich rein,<br />
+ Und werde glaubend schweben.<br />
+</p>
+
+<p class="poem">
+ Du rufest mir! Wie arm ich bin,<br />
+ Darf ich zu dir doch kommen;<br />
+ Die Mängel hat dein treuer Sinn<br />
+ Ja all von mir genommen.<br />
+</p>
+
+<p class="poem">
+ Sag, Herr, wird auch ein Nestlein fein<br />
+ Für mich bei dir gefunden?<br />
+ "Ja, meine Taube, komm herein,<br />
+ Wohn hier in meinen Wunden!"<br />
+</p>
+
+<p class="poem">
+ Mein Jesu, ach, was willst du mir<br />
+ In deinen Wunden geben?<br />
+ "Durch meine Wunden, sag ich dir,<br />
+ Fliegst sterbend du zum Leben."<br />
+</p>
+
+<p class="poem">
+ Wohlan, es zielt des Todes Pfeil,<br />
+ Er wird mich nicht verderben;<br />
+ Zu deinen Wunden, Herr, ich eil,<br />
+ Da werd ichs Leben erben.<br />
+</p>
+
+<p><br /></p>
+
+<p>
+Da ich der Mutter das Lied hergesagt, war sie leise wieder
+eingeschlummert. Der Tag brach an, und ich nahm ein Zweiglein von
+dem Rosmarienstock, der bei ihrem Lager stand, und gab es ihr zu dem
+Kreuze in ihre gefaltenen Hände. Da flog auch die Turteltaube,
+welche bei unserm Haus nistete, an das Fenster und pickte daran und
+rief: "Ruckuck." Sie tat es sonst alle Morgen, denn ich streute ihr
+Futter dahin, aber heute hatte ich nicht den Mut, und gedachte: Ach,
+da kömmt die Taube schon, welche die Mutter mitnehmen will, aber ich
+soll ihr den Abschied nicht schwer machen. So stand ich leise, leise
+von der Seite der Mutter auf, und ging hinaus und kniete an dem
+Bächlein in das Gras und betete für sie. Da hörte ich ein Glöcklein
+im Walde und sah bald meinen Vater kommen; der trug eine Leuchte, und
+zwei Ordensherren gingen mit ihm, deren einer trug das Hochwürdige
+Gut, und der andere das heilige öl, und ihnen folgten einige fromme
+Männer und Frauen, die stille beteten. Da lief ich meinem Vater
+entgegen und sprach: "Herzvater, die Himmelstaube ist schon da,
+welche die Mutter abholen will; wir dürfen aber nicht gleich mit, ich
+habe es ihr versprochen, bei dir zu bleiben und dich zu trösten, bis
+wir nachkommen in die Herrlichkeit." Mein Vater verstand mich wohl
+und trat mit dem Geistlichen in die Hütte, ich aber blieb draußen und
+betete mit den Begleitern. Hernach kam die Edelfrau von der
+Laurenburg mit ihrem Söhnlein, dem Junker Jörg, über die Lahn zur
+Hirzentreu, wie sie den Abend vorher mir versprochen, und derselbe
+alte Diener war wieder bei ihr. Die Edelfrau ging zu meiner Mutter
+hinein, der Junker aber blieb bei mir, und wir spielten im Gras an
+der Quelle; er fragte mich auch nach dem Rosmarin, den er mir gegeben
+für meine Mutter; da erzählte ich ihm von der Taube und von allem.
+Nach einiger Zeit aber trat die Edelfrau heraus und nahm mich mit in
+die Hütte, da lag die Mutter ganz still, und der Vater kniete an
+ihrem Bette und weinte; da ich zu ihm trat, hob er mich zur Mutter,
+und sprach: "Agnes, segne das Elslein, ehe du scheidest", und er
+legte der Mutter Hand auf mein Haupt. Die Mutter aber sagte: "Gott
+segne dich, tröste den Vater, bis ihr nachkommet. Elslein, ich
+fliege schon." Da sah sie mich mit unaussprechlicher Liebe an und
+wendete dann den Blick zum Himmel. Ich sprach: "Geleit dich Gott,
+lieb Mutter!" und weinte laut. Da trug mich die Edelfrau hinaus zu
+ihrem Söhnlein, dem erzählte ich alles, und da ein paar Tauben
+hinüber zur Laurenburg flogen, streckten wir beide kindisch die Hände
+aus und riefen: "Da fliegen sie, da fliegen sie, geleit dich Gott,
+liebe Herzmutter!"
+</p>
+
+<p>
+Hernach nahm mich die Edelfrau mit nach der Laurenburg, und ich blieb
+bis zum andern Tag dort, da die Mutter schon im Kloster Arnstein
+begraben war. Der alte Knecht aber war bei meinem Vater geblieben,
+und war mein Vater einen ganzen Tag in Kloster Arnstein gewesen, des
+Trostes der geistlichen Herren zu genießen. Die Edelfrau ist auch
+mit zu Grabe gewesen, und da sie nach der Laurenburg kehrte, brachte
+sie ihren Herrn, den Ritter von der Laurenburg, und den ältern Sohn,
+Johann, mit welchem der alte Laurenburger bei dem Grafen zu Nassau
+gewesen, der des Johann Taufpate war, und hatte die Laurenburgerin
+ihnen auf der Heimkehr begegnet. Der Ritter war mir freundlich und
+gab mir Wecken von des Grafen von Nassau Tisch, und da seine Hausfrau
+ihm den frommen Tod meiner Mutter erzählet, war er sehr mitleidig mit
+meinem Vater, und sprach: "Der Graf Johann hat noch heute zu Tisch
+von dem frommen Falkenmeister gesprochen, und vor allen seinen
+Dienern sein in Ehren gedacht, ich habe ihm auch versprechen müssen,
+den Vogler von ihm zu grüßen, und will er ihm nächstens einen kranken
+Falken schicken, daß er ihn pflege. Komm, Elslein", sagte der Ritter
+dann zu mir, "ich will dich selbst zu deinem Vater bringen; es ist
+noch hoch am Tage, und mag er wohl Trostes bedürfen." Da brachte
+mich der Ritter wieder zur Hirzentreu, und ging Georg wieder mit.
+Die Edelfrau aber blieb mit Johann zurück; der sollte ihr von dem
+Wesen des Grafen von Nassau erzählen. Wir fanden aber meinen Vater
+mit dem Laurenburger Knecht vor der Türe sitzen in stillem Gespräch,
+und als dieser seinen Herrn herankommen sah, der mich auf dem Arm den
+steilen Pfad herauf trug, stand er auf und trat beiseite; mein Vater
+aber lief mir entgegen, nahm mich von des Ritters Armen und herzte
+mich unter Tränen. Da sprach ihm der Laurenburger ehrlich zu und
+getröstete ihn, so gut er es vermochte, setzte sich auch zu ihm auf
+die Bank und erzählte ihm von des Nassauers Gunsten zu ihm, und
+sprachen sie mancherlei, nicht als ein Ritter zu einem Knecht,
+sondern als gute Nachbarn und Freunde, denn das Unglück machet
+Gesellen. Es war aber dem Laurenburger auch seine erste Hausfrau
+mitsamt dem Kindlein in dem Kindelbett gestorben; deren gedachte er
+mit vieler Liebe. Unter solchem Gespräch stand ich zwischen meines
+Vaters Knien, und Georg neben dem Laurenburger, und spiegelten uns in
+dessen blankem Brustharnisch, und lachten, weil es, hohl geschliffen,
+unsre Gesichter auf mancherlei Weise verstellte. Dann sagte mir der
+Vater ins Ohr, ich möge den Wein und die Würze von der Mutter
+Tischlein bringen; da ging ich zur Stube, aber die war ganz anders
+geworden; wo das Bett gestanden, stand der Betschemel und das
+Altärlein, und hing ein neu Muttergottesbild an der Wand, und an
+demselben der Mutter und des Vaters Brautkränzlein, ihre Spindel aber
+stand vor meinem Bänklein, und war alles gar verändert. Das hatte
+meinem Vater der gute alte Laurenburger Knecht so geordnet, daß er
+seines Leids desto eher vergessen und ein neues Leben anfangen möge.
+</p>
+
+<p>
+Nachdem ich mich genugsam über alles gewundert, nahm ich den Wein und
+die Würze, was von dem Geschenk der Laurenburgerin noch übrig war,
+und brachte es dem Vater hinaus; der reichte den Krug dem Ritter. Da
+trank der Herr, und mußte ihm der Vater Bescheid tun. Auch sagte der
+Ritter: "Das ist ein köstlicher Wein, den man wohl dem Kaiser bieten
+dürfte; Ihr habt ihn wohl aus einem Klosterkeller? Einem Edelmann
+wächst solcher Wein nicht um die Lanze, der schmeckt nach dem
+Krummstab." Mein Vater lächelte und sagte: "Gnädiger Herr, Ihr habt
+von dem Euren getrunken, aber er hat auf einem milden Fasse gelegen;
+denn Eure liebe Frau Ida hat diesen Trunk meiner seligen Agnes zur
+Labung gebracht, und wenn er Euch besser schmeckt als zu Haus, so
+ists, weil Ihr Gottes Segen schmecket." Da trank der Laurenburger
+nochmals, und sprach: "Wahrhaftig, in Gottes Segen soll man den Wein
+legen, in Gottes Segen soll man des Weines pflegen, in Gottes Segen
+gedeiht der Wein auf allen Wegen. Das Faß, aus dem Frau Ida diesen
+Krug gefüllt, muß mir ebenso gut werden; Ihr müßt mir wohl erlauben,
+daß ich es mit Euch hier oben austrinke, Kilian, da es mir so wohl
+bei Euch geschmeckt." Da dankte mein Vater dem Ritter herzlich, und
+sprach: "So Ihr einen armen Mann nicht verschmähet, will ich Euren
+Zuspruch hoch in Ehren halten, aber Ihr müßt dann auch von meiner
+Wasserquelle hier trinken, da fließt auch Gottes Segen drin." Nun
+schied der Ritter freundlich von uns mit den Seinen, und ich ging mit
+dem Vater in unser einsames Häuslein, worin die Mutter nicht mehr war.
+</p>
+
+<p><br /><br /><br /><br /></p>
+
+
+
+
+
+
+
+
+<pre>
+
+
+
+
+
+End of the Project Gutenberg EBook of Aus der Chronika eines fahrenden
+Schülers (Zweite Fassung), by Clemens Brentano
+
+*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK AUS DER CHRONIKA EINES ***
+
+***** This file should be named 4504-h.htm or 4504-h.zip *****
+This and all associated files of various formats will be found in:
+ http://www.gutenberg.org/4/5/0/4504/
+
+Produced by Michael Pullen. HTML version by Al Haines.
+
+Updated editions will replace the previous one--the old editions
+will be renamed.
+
+Creating the works from public domain print editions means that no
+one owns a United States copyright in these works, so the Foundation
+(and you!) can copy and distribute it in the United States without
+permission and without paying copyright royalties. Special rules,
+set forth in the General Terms of Use part of this license, apply to
+copying and distributing Project Gutenberg-tm electronic works to
+protect the PROJECT GUTENBERG-tm concept and trademark. Project
+Gutenberg is a registered trademark, and may not be used if you
+charge for the eBooks, unless you receive specific permission. If you
+do not charge anything for copies of this eBook, complying with the
+rules is very easy. You may use this eBook for nearly any purpose
+such as creation of derivative works, reports, performances and
+research. They may be modified and printed and given away--you may do
+practically ANYTHING with public domain eBooks. Redistribution is
+subject to the trademark license, especially commercial
+redistribution.
+
+
+
+*** START: FULL LICENSE ***
+
+THE FULL PROJECT GUTENBERG LICENSE
+PLEASE READ THIS BEFORE YOU DISTRIBUTE OR USE THIS WORK
+
+To protect the Project Gutenberg-tm mission of promoting the free
+distribution of electronic works, by using or distributing this work
+(or any other work associated in any way with the phrase "Project
+Gutenberg"), you agree to comply with all the terms of the Full Project
+Gutenberg-tm License available with this file or online at
+ www.gutenberg.org/license.
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+
+Section 1. General Terms of Use and Redistributing Project Gutenberg-tm
+electronic works
+
+1.A. By reading or using any part of this Project Gutenberg-tm
+electronic work, you indicate that you have read, understand, agree to
+and accept all the terms of this license and intellectual property
+(trademark/copyright) agreement. If you do not agree to abide by all
+the terms of this agreement, you must cease using and return or destroy
+all copies of Project Gutenberg-tm electronic works in your possession.
+If you paid a fee for obtaining a copy of or access to a Project
+Gutenberg-tm electronic work and you do not agree to be bound by the
+terms of this agreement, you may obtain a refund from the person or
+entity to whom you paid the fee as set forth in paragraph 1.E.8.
+
+1.B. "Project Gutenberg" is a registered trademark. It may only be
+used on or associated in any way with an electronic work by people who
+agree to be bound by the terms of this agreement. There are a few
+things that you can do with most Project Gutenberg-tm electronic works
+even without complying with the full terms of this agreement. See
+paragraph 1.C below. There are a lot of things you can do with Project
+Gutenberg-tm electronic works if you follow the terms of this agreement
+and help preserve free future access to Project Gutenberg-tm electronic
+works. See paragraph 1.E below.
+
+1.C. The Project Gutenberg Literary Archive Foundation ("the Foundation"
+or PGLAF), owns a compilation copyright in the collection of Project
+Gutenberg-tm electronic works. Nearly all the individual works in the
+collection are in the public domain in the United States. If an
+individual work is in the public domain in the United States and you are
+located in the United States, we do not claim a right to prevent you from
+copying, distributing, performing, displaying or creating derivative
+works based on the work as long as all references to Project Gutenberg
+are removed. Of course, we hope that you will support the Project
+Gutenberg-tm mission of promoting free access to electronic works by
+freely sharing Project Gutenberg-tm works in compliance with the terms of
+this agreement for keeping the Project Gutenberg-tm name associated with
+the work. You can easily comply with the terms of this agreement by
+keeping this work in the same format with its attached full Project
+Gutenberg-tm License when you share it without charge with others.
+
+1.D. The copyright laws of the place where you are located also govern
+what you can do with this work. Copyright laws in most countries are in
+a constant state of change. If you are outside the United States, check
+the laws of your country in addition to the terms of this agreement
+before downloading, copying, displaying, performing, distributing or
+creating derivative works based on this work or any other Project
+Gutenberg-tm work. The Foundation makes no representations concerning
+the copyright status of any work in any country outside the United
+States.
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+Gutenberg" is associated) is accessed, displayed, performed, viewed,
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+almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or
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+from the public domain (does not contain a notice indicating that it is
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+and distributed to anyone in the United States without paying any fees
+or charges. If you are redistributing or providing access to a work
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+through 1.E.7 or obtain permission for the use of the work and the
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+
+1.E.3. If an individual Project Gutenberg-tm electronic work is posted
+with the permission of the copyright holder, your use and distribution
+must comply with both paragraphs 1.E.1 through 1.E.7 and any additional
+terms imposed by the copyright holder. Additional terms will be linked
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+permission of the copyright holder found at the beginning of this work.
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+work or any other work associated with Project Gutenberg-tm.
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+1.E.5. Do not copy, display, perform, distribute or redistribute this
+electronic work, or any part of this electronic work, without
+prominently displaying the sentence set forth in paragraph 1.E.1 with
+active links or immediate access to the full terms of the Project
+Gutenberg-tm License.
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+1.E.6. You may convert to and distribute this work in any binary,
+compressed, marked up, nonproprietary or proprietary form, including any
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+you must, at no additional cost, fee or expense to the user, provide a
+copy, a means of exporting a copy, or a means of obtaining a copy upon
+request, of the work in its original "Plain Vanilla ASCII" or other
+form. Any alternate format must include the full Project Gutenberg-tm
+License as specified in paragraph 1.E.1.
+
+1.E.7. Do not charge a fee for access to, viewing, displaying,
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+- You pay a royalty fee of 20% of the gross profits you derive from
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+ has agreed to donate royalties under this paragraph to the
+ Project Gutenberg Literary Archive Foundation. Royalty payments
+ must be paid within 60 days following each date on which you
+ prepare (or are legally required to prepare) your periodic tax
+ returns. Royalty payments should be clearly marked as such and
+ sent to the Project Gutenberg Literary Archive Foundation at the
+ address specified in Section 4, "Information about donations to
+ the Project Gutenberg Literary Archive Foundation."
+
+- You provide a full refund of any money paid by a user who notifies
+ you in writing (or by e-mail) within 30 days of receipt that s/he
+ does not agree to the terms of the full Project Gutenberg-tm
+ License. You must require such a user to return or
+ destroy all copies of the works possessed in a physical medium
+ and discontinue all use of and all access to other copies of
+ Project Gutenberg-tm works.
+
+- You provide, in accordance with paragraph 1.F.3, a full refund of any
+ money paid for a work or a replacement copy, if a defect in the
+ electronic work is discovered and reported to you within 90 days
+ of receipt of the work.
+
+- You comply with all other terms of this agreement for free
+ distribution of Project Gutenberg-tm works.
+
+1.E.9. If you wish to charge a fee or distribute a Project Gutenberg-tm
+electronic work or group of works on different terms than are set
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+both the Project Gutenberg Literary Archive Foundation and Michael
+Hart, the owner of the Project Gutenberg-tm trademark. Contact the
+Foundation as set forth in Section 3 below.
+
+1.F.
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+of Replacement or Refund" described in paragraph 1.F.3, the Project
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+LIABILITY, BREACH OF WARRANTY OR BREACH OF CONTRACT EXCEPT THOSE
+PROVIDED IN PARAGRAPH 1.F.3. YOU AGREE THAT THE FOUNDATION, THE
+TRADEMARK OWNER, AND ANY DISTRIBUTOR UNDER THIS AGREEMENT WILL NOT BE
+LIABLE TO YOU FOR ACTUAL, DIRECT, INDIRECT, CONSEQUENTIAL, PUNITIVE OR
+INCIDENTAL DAMAGES EVEN IF YOU GIVE NOTICE OF THE POSSIBILITY OF SUCH
+DAMAGE.
+
+1.F.3. LIMITED RIGHT OF REPLACEMENT OR REFUND - If you discover a
+defect in this electronic work within 90 days of receiving it, you can
+receive a refund of the money (if any) you paid for it by sending a
+written explanation to the person you received the work from. If you
+received the work on a physical medium, you must return the medium with
+your written explanation. The person or entity that provided you with
+the defective work may elect to provide a replacement copy in lieu of a
+refund. If you received the work electronically, the person or entity
+providing it to you may choose to give you a second opportunity to
+receive the work electronically in lieu of a refund. If the second copy
+is also defective, you may demand a refund in writing without further
+opportunities to fix the problem.
+
+1.F.4. Except for the limited right of replacement or refund set forth
+in paragraph 1.F.3, this work is provided to you 'AS-IS', WITH NO OTHER
+WARRANTIES OF ANY KIND, EXPRESS OR IMPLIED, INCLUDING BUT NOT LIMITED TO
+WARRANTIES OF MERCHANTABILITY OR FITNESS FOR ANY PURPOSE.
+
+1.F.5. Some states do not allow disclaimers of certain implied
+warranties or the exclusion or limitation of certain types of damages.
+If any disclaimer or limitation set forth in this agreement violates the
+law of the state applicable to this agreement, the agreement shall be
+interpreted to make the maximum disclaimer or limitation permitted by
+the applicable state law. The invalidity or unenforceability of any
+provision of this agreement shall not void the remaining provisions.
+
+1.F.6. INDEMNITY - You agree to indemnify and hold the Foundation, the
+trademark owner, any agent or employee of the Foundation, anyone
+providing copies of Project Gutenberg-tm electronic works in accordance
+with this agreement, and any volunteers associated with the production,
+promotion and distribution of Project Gutenberg-tm electronic works,
+harmless from all liability, costs and expenses, including legal fees,
+that arise directly or indirectly from any of the following which you do
+or cause to occur: (a) distribution of this or any Project Gutenberg-tm
+work, (b) alteration, modification, or additions or deletions to any
+Project Gutenberg-tm work, and (c) any Defect you cause.
+
+
+Section 2. Information about the Mission of Project Gutenberg-tm
+
+Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
+electronic works in formats readable by the widest variety of computers
+including obsolete, old, middle-aged and new computers. It exists
+because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from
+people in all walks of life.
+
+Volunteers and financial support to provide volunteers with the
+assistance they need are critical to reaching Project Gutenberg-tm's
+goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
+remain freely available for generations to come. In 2001, the Project
+Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
+and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations.
+To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
+and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4
+and the Foundation information page at www.gutenberg.org
+
+
+Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive
+Foundation
+
+The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
+501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
+state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
+Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification
+number is 64-6221541. Contributions to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent
+permitted by U.S. federal laws and your state's laws.
+
+The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S.
+Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered
+throughout numerous locations. Its business office is located at 809
+North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887. Email
+contact links and up to date contact information can be found at the
+Foundation's web site and official page at www.gutenberg.org/contact
+
+For additional contact information:
+ Dr. Gregory B. Newby
+ Chief Executive and Director
+ gbnewby@pglaf.org
+
+Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation
+
+Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
+spread public support and donations to carry out its mission of
+increasing the number of public domain and licensed works that can be
+freely distributed in machine readable form accessible by the widest
+array of equipment including outdated equipment. Many small donations
+($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
+status with the IRS.
+
+The Foundation is committed to complying with the laws regulating
+charities and charitable donations in all 50 states of the United
+States. Compliance requirements are not uniform and it takes a
+considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
+with these requirements. We do not solicit donations in locations
+where we have not received written confirmation of compliance. To
+SEND DONATIONS or determine the status of compliance for any
+particular state visit www.gutenberg.org/donate
+
+While we cannot and do not solicit contributions from states where we
+have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
+against accepting unsolicited donations from donors in such states who
+approach us with offers to donate.
+
+International donations are gratefully accepted, but we cannot make
+any statements concerning tax treatment of donations received from
+outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff.
+
+Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
+methods and addresses. Donations are accepted in a number of other
+ways including checks, online payments and credit card donations.
+To donate, please visit: www.gutenberg.org/donate
+
+
+Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic
+works.
+
+Professor Michael S. Hart was the originator of the Project Gutenberg-tm
+concept of a library of electronic works that could be freely shared
+with anyone. For forty years, he produced and distributed Project
+Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support.
+
+Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
+editions, all of which are confirmed as Public Domain in the U.S.
+unless a copyright notice is included. Thus, we do not necessarily
+keep eBooks in compliance with any particular paper edition.
+
+Most people start at our Web site which has the main PG search facility:
+
+ www.gutenberg.org
+
+This Web site includes information about Project Gutenberg-tm,
+including how to make donations to the Project Gutenberg Literary
+Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to
+subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks.
+
+
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--- /dev/null
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+This eBook, including all associated images, markup, improvements,
+metadata, and any other content or labor, has been confirmed to be
+in the PUBLIC DOMAIN IN THE UNITED STATES.
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+Procedures for determining public domain status are described in
+the "Copyright How-To" at https://www.gutenberg.org.
+
+No investigation has been made concerning possible copyrights in
+jurisdictions other than the United States. Anyone seeking to utilize
+this eBook outside of the United States should confirm copyright
+status under the laws that apply to them.
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+Project Gutenberg (https://www.gutenberg.org) public repository for
+eBook #4504 (https://www.gutenberg.org/ebooks/4504)
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+++ b/old/7shlr10.txt
@@ -0,0 +1,1829 @@
+The Project Gutenberg Etext of Aus der Chronika eines fahrenden Schuelers
+(Zweite Fassung), by Clemens Brentano
+#5 in our series by Clemens Brentano
+
+This Etext is in German.
+
+We are releasing two versions of this Etext, one in 7-bit format,
+known as Plain Vanilla ASCII, which can be sent via plain email--
+and one in 8-bit format, which includes higher order characters--
+which requires a binary transfer, or sent as email attachment and
+may require more specialized programs to display the accents.
+This is the 7-bit version.
+
+Copyright laws are changing all over the world. Be sure to check the
+copyright laws for your country before distributing this or any other
+Project Gutenberg file.
+
+We encourage you to keep this file, exactly as it is, on your
+own disk, thereby keeping an electronic path open for future
+readers. Please do not remove this.
+
+This header should be the first thing seen when anyone starts to
+view the etext. Do not change or edit it without written permission.
+The words are carefully chosen to provide users with the
+information they need to understand what they may and may not
+do with the etext.
+
+
+**Welcome To The World of Free Plain Vanilla Electronic Texts**
+
+**Etexts Readable By Both Humans and By Computers, Since 1971**
+
+*****These Etexts Are Prepared By Thousands of Volunteers!*****
+
+Information on contacting Project Gutenberg to get etexts, and
+further information, is included below. We need your donations.
+
+The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a 501(c)(3)
+organization with EIN [Employee Identification Number] 64-6221541
+
+
+
+Title: Aus der Chronika eines fahrenden Schuelers (Zweite Fassung)
+
+Author: Clemens Brentano
+
+Release Date: October, 2003 [Etext #4504]
+[Yes, we are more than one year ahead of schedule]
+[This file was first posted on January 26, 2002]
+
+Edition: 10
+
+Language: German
+
+Character set encoding: ASCII
+
+The Project Gutenberg Etext of Aus der Chronika eines fahrenden Schuelers
+(Zweite Fassung), by Clemens Brentano
+*******This file should be named 7shlr10.txt or 7shlr10.zip******
+
+Corrected EDITIONS of our etexts get a new NUMBER, 7shlr11.txt
+VERSIONS based on separate sources get new LETTER, 7shlr10a.txt
+
+This etext was produced by Michael Pullen, globaltraveler5565@yahoo.com.
+
+Project Gutenberg Etexts are often created from several printed
+editions, all of which are confirmed as Public Domain in the US
+unless a copyright notice is included. Thus, we usually do not
+keep etexts in compliance with any particular paper edition.
+
+We are now trying to release all our etexts one year in advance
+of the official release dates, leaving time for better editing.
+Please be encouraged to tell us about any error or corrections,
+even years after the official publication date.
+
+Please note neither this listing nor its contents are final til
+midnight of the last day of the month of any such announcement.
+The official release date of all Project Gutenberg Etexts is at
+Midnight, Central Time, of the last day of the stated month. A
+preliminary version may often be posted for suggestion, comment
+and editing by those who wish to do so.
+
+Most people start at our sites at:
+http://gutenberg.net or
+http://promo.net/pg
+
+These Web sites include award-winning information about Project
+Gutenberg, including how to donate, how to help produce our new
+etexts, and how to subscribe to our email newsletter (free!).
+
+
+Those of you who want to download any Etext before announcement
+can get to them as follows, and just download by date. This is
+also a good way to get them instantly upon announcement, as the
+indexes our cataloguers produce obviously take a while after an
+announcement goes out in the Project Gutenberg Newsletter.
+
+http://www.ibiblio.org/gutenberg/etext03 or
+ftp://ftp.ibiblio.org/pub/docs/books/gutenberg/etext03
+
+Or /etext02, 01, 00, 99, 98, 97, 96, 95, 94, 93, 92, 92, 91 or 90
+
+Just search by the first five letters of the filename you want,
+as it appears in our Newsletters.
+
+
+Information about Project Gutenberg (one page)
+
+We produce about two million dollars for each hour we work. The
+time it takes us, a rather conservative estimate, is fifty hours
+to get any etext selected, entered, proofread, edited, copyright
+searched and analyzed, the copyright letters written, etc. Our
+projected audience is one hundred million readers. If the value
+per text is nominally estimated at one dollar then we produce $2
+million dollars per hour in 2001 as we release over 50 new Etext
+files per month, or 500 more Etexts in 2000 for a total of 4000+
+If they reach just 1-2% of the world's population then the total
+should reach over 300 billion Etexts given away by year's end.
+
+The Goal of Project Gutenberg is to Give Away One Trillion Etext
+Files by December 31, 2001. [10,000 x 100,000,000 = 1 Trillion]
+This is ten thousand titles each to one hundred million readers,
+which is only about 4% of the present number of computer users.
+
+At our revised rates of production, we will reach only one-third
+of that goal by the end of 2001, or about 4,000 Etexts. We need
+funding, as well as continued efforts by volunteers, to maintain
+or increase our production and reach our goals.
+
+The Project Gutenberg Literary Archive Foundation has been created
+to secure a future for Project Gutenberg into the next millennium.
+
+We need your donations more than ever!
+
+As of November, 2001, contributions are being solicited from people
+and organizations in: Alabama, Arkansas, Connecticut, Delaware,
+Florida, Georgia, Idaho, Illinois, Indiana, Iowa, Kansas, Kentucky,
+Louisiana, Maine, Michigan, Missouri, Montana, Nebraska, Nevada, New
+Jersey, New Mexico, New York, North Carolina, Oklahoma, Oregon,
+Pennsylvania, Rhode Island, South Carolina, South Dakota, Tennessee,
+Texas, Utah, Vermont, Virginia, Washington, West Virginia, Wisconsin,
+and Wyoming.
+
+*In Progress
+
+We have filed in about 45 states now, but these are the only ones
+that have responded.
+
+As the requirements for other states are met, additions to this list
+will be made and fund raising will begin in the additional states.
+Please feel free to ask to check the status of your state.
+
+In answer to various questions we have received on this:
+
+We are constantly working on finishing the paperwork to legally
+request donations in all 50 states. If your state is not listed and
+you would like to know if we have added it since the list you have,
+just ask.
+
+While we cannot solicit donations from people in states where we are
+not yet registered, we know of no prohibition against accepting
+donations from donors in these states who approach us with an offer
+to
+donate.
+
+International donations are accepted, but we don't know ANYTHING
+about
+how to make them tax-deductible, or even if they CAN be made
+deductible, and don't have the staff to handle it even if there are
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+
+*END THE SMALL PRINT! FOR PUBLIC DOMAIN ETEXTS*Ver.10/04/01*END*
+
+
+
+
+
+
+Aus der Chronika eines fahrenden Schuelers (Zweite Fassung)
+
+Clemens Brentano
+
+
+
+Vorwort
+
+Vor funfzehn Jahren machte es mir Freude, die folgende einfache
+Geschichte niederzuschreiben. Sie sollte nur die Einfassung mehrerer
+schoener altdeutschen Erzaehlungen sein, die sie mit mancherlei
+Ereignissen aus dem Zusammenleben des alten Ritters Veltlin von
+Tuerlingen und seiner drei Toechter unterbricht, mit deren Versorgung
+und der Abreise des Erzaehlers sie schliesst. So lieb ich das Gedicht
+hatte, blieb es doch unterbrochen; der Sinn der Leser schien dazu zu
+fehlen. Jetzt, da diese Erzaehlung mehr, ja selbst die altdeutschen
+Roecke vor sich hat, fiel sie mir wieder in die Haende, und ich
+versuche es, sie den Lesern vorzulegen mit der Erinnerung, dass sie zu
+paedagogischen Zwecken entworfen worden, als ich von der sogenannten
+Romantik noch wenig wusste, und dass sie daher neben den allerneuesten
+Ritterromandichtern in ihrer redseligen Einfalt um Schonung bittet.
+Sollte dem Leser, durch Eisenfresserei und Islaendisches Moos verwoehnt,
+diese Geschichte wie unsre deutsche Kamillen--und Hollunderbluete
+nicht behagen, so bringe er sie einem kranken Freunde oder Maegdelein,
+denen sie Gott gesegnen moege!
+
+
+
+Im Jahr, da man zaehlte nach Christi, unsers lieben Herrn, Geburt 1358,
+am zwanzigsten Tage des Maimonats, hoerte ich, Johannes, der
+Schreiber, die Schwalbe in der Fruehe an meinem Kammerfenster singen
+und ward innigst von dem Morgenlied des frommen Voegeleins erbauet,
+bedachte auch auf meinem Bettlein, wie die Schwalbe in daurender
+Freude lebet, gegen den Winter in ferne waermere Laender ziehet und,
+der Heimat getreu, gegen den Fruehling wiederkehrt; also nicht der
+Mensch, der arme fahrende Schueler, der wohl viel gegen Sturm und
+Wetter ziehen muss, ja der oft kein Feuer findet, die erstarrten Haende
+zu erwaermen, dass er sie falte zum Gebet; aber so er es ernstlich
+meinet, haucht er hinein.
+
+Da ich in solchen Betrachtungen versunken war und das Schwaelblein
+auch auf seine Weise fortphantasierte, waere ich schier wieder
+eingeschlummert, aber der Waechter auf dem Muenster blies: "In suessen
+Freuden geht die Zeit", welches ich hier noch nie gehoeret; denn ich
+war zum ersten Male in Strassburg erwacht.
+
+Nun richtete ich mich in meinem Bettlein auf, und schaute in meinem
+Gemache umher; das hatte aber Fenster rings herum und war in einem
+Sommerhaeuslein des Gartens. Links stand der Mond noch blass am Himmel,
+und rechts war der Himmel wie das lauterste Gold. Da fand ich mich
+zwischen Nacht und Tag und faltete die Haende, und es fiel mir freudig
+aufs Herz, dass heute mein zwanzigster Geburtstag sei, und wie mir es
+viel besser geworden als in dem letzten Jahre, da ich meinen lieben
+Geburtstag auf freiem Felde in einem zerrissenen Maentelein empfangen
+und mit einem Bissen Almosenbrot bewirten musste. O Freude und Ehre!
+dachte ich bei mir selbst und schaute zum Morgenlichte hin und sprach:
+"Du bist mein Licht, du wirst mein Tag!", glaubte auch schier in
+meiner Einfalt, der Himmel sei golden um meines Besten willen, die
+Schwalbe habe nur gesungen, mir Glueck zu wuenschen, und der Tuermer
+habe allein so lieblich geblasen mir zur Feier; da der Himmel sich
+doch nur geroetet vor der Sonne, die der Herr gerufen, da die Schwalbe
+doch nur gesungen in Gottes Fruehlingslust, und der Waechter nur
+geblasen zu Gottes Ehren, ja wohl gern noch ein Stuendlein geschlafen
+haette, so es ihm von den Muensterherren verstattet waere. Also wird
+der Mensch leicht uebermuetig in der Freude, und glaubet, er sei recht
+der Mittelpunkt aller Dinge, und sei er mit allem gemeint. Da liess
+ich die Augen froehlich in der Kammer umherschweifen, und sah auf dem
+Schemel ein neues Gewand liegen, das mir mein guetiger Herr und Ritter
+Veltlin von Tuerlingen am Abend im Dunkeln hatte herauftragen lassen,
+und konnte ich meine Begierde nun nicht laenger zurueckhalten, sprang
+auf von meinem Lager, und legte diese Kleider nicht ohne Traenen des
+Dankes an. Es war dies aber ein feines blaues Wams, um die Lenden
+gefaltet und gestutzet, und rot und weisses Beinkleid von laendschem
+Tuch, auch stumpfe Schuh und eine schwarze Kogel mit einer blauen
+Feder, nicht zu vergessen ein Hemmet von weissem Hauslinnen, am Halse
+bunt genaeht und gekrauset, dergleichen ich vorher nie getragen. Da
+ward es mir fast leicht und froehlich zumute, und haette ich wohl moegen
+einen Sprung tun, als haette ich einen neuen Menschen angezogen mit
+dem neuen Kleide.
+
+Aber meine Hoffart waehrte nicht lange; denn mein zerrissenes
+Maentelein, welches ich als einen Vorhang vor das Fenster gehaengt
+hatte, erleuchtete sich durch die aufgehende Sonne, und alle seine
+Loecher waren so viele Maeuler und alle seine Fetzen so viele Zungen,
+die mich meiner toerichten Hoffart zeihten. Es war, als sage das
+Maentelein zu mir: "O Johannes, bist du ein so eitler Kaufherr, dass du,
+angelanget in den Hafen, des zerrissenen Segels vergisst, das dich in
+denselben gefuehret? Johannes, bist du ein so stolzer Schiffbruechiger,
+dass du das Brett, welches dich mit Gottes Huelfe an ein gruenes Eiland
+getragen, mit dem Fusse undankbar in die Wellen zurueckstoessest? O
+Johannes, du undankbarer Freund, willst du, gerettet, mich nicht auf
+deinen Schultern in ein Gotteshaus tragen und aufstellen als ein
+Gedaechtnis, dass sich Gott deiner erbarmet?"
+
+Ach, das waren wohl harte und wahre Worte meines Maenteleins, und ich
+nahm es mit Schaemen von dem Fenster, und legte es um ueber meinen
+neuen Staat, und fasste es fest mit den Haenden um die Brust, als
+wollte ich es um Verzeihung bitten, und ging mit dem Gedanken die
+Treppe hinab in den Garten: Wenn ich ein armer fahrender Schueler
+gewesen bin, so werde ich immer ein armer fahrender Schueler bleiben;
+denn auf Erden sind wir alle arm und muessen mannigfach mit unserm
+Leben herumwandeln, und lernen, und bleiben doch arme Schueler, bis
+der Herr sich unser erbarmet, und uns einfuehret durch seinen bittern
+Tod in das ewige Leben.
+
+Da ich nun in den Garten gekommen war, den ich vorher auch noch nicht
+gesehen--denn mein gnaediger Herr und Ritter war den Abend spaet mit
+mir angekommen und ich im Finstern in mein Stueblein gebracht worden--,
+konnte ich vor Staunen und Betrachten der neuen Dinge um mich her
+auch nicht zum Gebete kommen. Ich fand mich von den schoenen
+Laubgaengen, Zierfeldern und Pflanzen und den bluehenden Baeumen schier
+ebenso sehr ueberraschet als von meinem neuen Gewande. Ich fand mich
+gleich einem neugebornen Kinde, welches mit allem spielet, und noch
+nicht beten kann, und erst nach einiger Erfahrung in der Suessigkeit
+des Lebens seine Haende zum Danke falten lernet. Der bluehende Mal,
+das lustige Singen der Voegel, die vielen jungen Kraeuter und Bluemlein,
+die mit Taublicken vor der Sonne erwachten, der kuehle Wasserstrahl,
+welcher in einem mit bunten Kieseln und Muscheln ausgelegten Brunnen
+tanzte, schienen mir alle so neu und wunderbar, als haette ich
+dergleichen niemals gesehen, und wusste ich auch nicht, was aus allem
+diesem werden sollte.
+
+So wie die lieben Kinder durch die Blumen gehen und sie brechen, und
+Kraenze winden und sich bei den Haenden fassen und mit den Kraenzen im
+Kreise tanzen, gleichsam selbst ein lebendiger Blumenkranz; wie sie
+aber nicht gedenken der Frucht im treibenden Sommer, und der Ernte im
+reichen Herbst, und des Todes in dem trueben, tiefsinnigen Winter:
+also wandelte auch ich armer Schelm wie ein einfaeltiges Kind ohne
+Witz durch den Garten und konnte vor grosser Bewegung ueber mein neues
+Glueck, das mir gestern frueh noch nicht getraeumt hatte, nicht zum
+Gebete gelangen.
+
+Mein freudiges Erstaunen wollte aber nicht lange dauern; denn als ich
+meine Augen ersaettiget hatte, ward es mir als einem Hungrigen, der
+sich ohne Gebet zu einer reichlichen Mahlzeit gesetzet hat, welche
+ihm Gott darum nicht gesegnet. Alle das haeusliche, wohlgepflegte
+Behagen des schoenen Ziergartens erfuellte mich mit traurigen Gedanken,
+und die Armut, die Einsamkeit meines eigenen Lebens trat mir in
+dieser reichen Umgebung zum erstenmal recht lebendig vor die Seele.
+Was mag trauriger sein als das Bild eines Bettlers, auf goldnem
+Grunde gemalet?
+
+"O meine Mutter", sagte ich mir, "wer war sanfter und schoener, und
+feiner und edler als du, wer war wuerdiger, zwischen Blumen zu wandeln,
+als du, die wohl ihre Schwester und Gespielin sein konnte? Standen
+die Traenlein nicht auf den Wangen wie die Tautroepflein auf diesen
+Rosen, gingst du nicht durch den Wald wie ein Lueftlein durch die
+Blueten, und waren deine Augen nicht getreu und suess schauend wie die
+blauen Veilchen, deine Lippen nicht wie die rosinfarbenen Nelken, und
+flog dein gelbes Haar nicht wie der Sonnenschein? Aber du musstest
+gehen wie Hagar mit deinem Ismael durch die Dornen in der Wueste. Ach,
+warum ward nicht dir so ein Garten und so ein Haus, und warum
+wohnest du zwischen fuenf Brettern und zwei Brettlein und bist deines
+Lebens nicht froh geworden noch deines Todes? Sie haben dir keinen
+Kranz geflochten. Mir aber ist nichts geblieben als deine Zucht, und
+ich kann dein nicht gedenken in Freuden, denn mir gehoeret nichts als
+die Armut, und ich habe keinen Saeckel, aus dem ich dir das schoenste
+Grab koennte erbauen lassen von Marmelstein und Gold."
+
+Wie traurig ward ich da und wendete meine Augen von allem, was ihnen
+wohlgefiel, und wollte nichts anschauen, weil sie es nicht mit mir
+sehen konnte, weil sie ihre Augen nie mit so erlaubter Lust erquicken
+konnte. Auch fiel es mir bittrer noch auf die Seele, dass ich eines
+Ritters Sohn sei, ohne Wappen und ohne Waffen. Traenen fuellten mir
+die Augen, und Unwill erfuellte meinen ganzen Leib, der in dem neuen
+geschenkten Gewand zu brennen schien, und ich spannte mein enges,
+durchloechertes Maentelein so um mich, dass es noch mehr zerrissen.
+
+So schritt ich, als suche ich die Wildnis, nach einem einsamem
+ungepflegten Teile des Gartens, und kaum stand ich im hohen Gras
+unter hohen Linden, so konnte ich schon nicht mehr begreifen, wie
+dieser innre Schmerz und Zorn in mich zum ersten Male in meinem Leben
+gekommen sei, und gegen die Mauer des Gartens schreitend, sah ich an
+derselben in einem tiefen Bogenraum ein Heiligenhaeuslein angebracht,
+darinnen war wohlvergittert ein buntgemaltes Schnitzwerk, die
+Anbetung der heiligen drei Koenige im Stall zu Bethlehem, aufgestellt.
+Davor kniete ich nieder ins Gras und betete von ganzem Herzen. Da
+zerrann bald all mein Leid und meine Hoffart vor dem Sohne Gottes,
+der nackt und arm in einer Krippe vor mir lag, und dem doch die
+Koenige dienten. Wie fuehlte ich mich in meiner Ungebaerdigkeit
+beschaemt! Und da ich mich mit Traenen angeklagt hatte, dankte ich von
+ganzem Herzen dem Herrn, dass er mich armen fahrenden Schueler nicht
+vergessen, und mich durch seine Barmherzigkeit zu meinem gnaedigen
+Herrn und Ritter gebracht, gelobte auch, ferner mich aller Hoffart zu
+enthalten und die Kuenste, welche ich durch seinen Beistand mit
+schwachen Sinnen erlernet, zur Mehrung seines Reiches auf Erden treu
+anzuwenden.
+
+Da ich nun nach solchem Gebete einen merklichen Trost in meinem
+Herzen spuerte, nahm ich ein guelden gewirktes Band, worauf das Ave
+Maria stand, aus meinem Gebetbuechlein, und haengte es, durch das
+Gitter langend, dem Bilde der Jungfrau Maria ueber den Arm, als das
+Opfer eines toerichten Menschen, der vor ihrem Sohne betend Trost
+gefunden hatte. Dieses Band aber war mir das Liebste, was ich hatte.
+Eine fromme Klosterfrau, meiner selgen Mutter Befreundte, hatte es
+mir einst fuer ein Lied, das ich ihr gedichtet und gesungen,
+geschenket, und war es zu Marburg an St. Elisabethen Grab angeruehret
+worden; ich aber hatte es bisher als einen Blattzeiger in meinem
+Gebetbuechlein gefuehret. Dann nahm ich auch mein Maentelein ab, und
+rollte es zusammen in einen langen Wulst und flocht es durch die
+obern Staebe des Gitters vor dem Bilde, als einen aufgerollten Vorhang,
+zum Gedenken meiner zeitlichen Armut, welche durch Gott sich in
+Freud und Fuelle gewandelt hatte. Nun wendete ich mich nach dem
+Garten zurueck, der mir ganz anders erschien als vorher.
+
+So mag nichts vor dem Gemuete des Menschen bestehen, welches alles
+nach sich umgestaltet. Jetzt, da ich gebetet hatte, erschienen mir
+alle die roten, leibfarben und weissen Bluemlein des Gartens jene
+Blumen, durch die der Koenig Ahasverus in seinem Schlossgarten zu Suesan
+gewandelt, seines Zornes zu vergessen. Ja, es war mir, als sei der
+liebe Gott durch diese Blumen gegangen und habe seinen gerechten Zorn
+ueber meine Ungebaerde hier an der Lieblichkeit seiner Werke
+gesaenftiget; denn hier an diesem ersten Morgen meines zwanzigsten
+Jahres ist mir vieles Licht in der Seele aufgegangen, und ist mir der
+Fruehling ein weiser Lehrer geworden.
+
+Besonders aber hat mich der hohe Muensterturm erschuettert, als ich aus
+einem schattichten Baumgang hervortrat und ihn ueber die Daecher der
+Nachbarhaeuser auf mich niederschauen sah. War mir es doch im Anfang
+so bange vor ihm, wie es einer Grasmuecke sein muss, wenn ein Riese den
+Busch ueber ihrem Neste oeffnet und auf sie niederblickt. Alles
+Menschenwerk, so es die gewoehnlichen Grenzen an Groesse oder Vollendung
+ueberschreitet, hat etwas Erschreckendes an sich, und man muss lange
+dabei verweilen, ehe man es mit Ruhe und Trost geniessen kann.
+
+Ich habe dieses aber nicht allein bei dem Anblick dieses
+schwindelhohen Turmes empfunden, sondern auch bei gar lieblichen und
+feinen Werken, von welchen ich nur nennen will die ueberaus feinen und
+natuerlichen Gemaelde des Malers Wilhelm in Koeln, der von den Meistern
+als der beste Meister in allen deutschen Landen geachtet wird, denn
+er malet einen jeglichen Menschen von aller Gestalt, als lebe er.
+Die Werke dieses Wilhelms aber, die ich zu Koeln gesehen, sind
+dermassen zart, fein, scharf und lebendig, dass man schier glauben
+sollte, sie seien von Haenden der Engel gemacht, und erbebet man bei
+ihrem Anblick, weil sie zu leben scheinen und doch nicht leben. Man
+fuehlet da wohl, dass der Mensch etwas sein und schaffen kann, was viel
+herrlicher ist als sein gewoehnliches Sein und Schaffen, und man
+erschrickt darueber, dass diese Herrlichkeit so fremd und selten ist;
+daher wohl eine Menge Sprossen auf der Leiter zu dieser
+Vollkommenheit wo nicht fehlen, doch unsichtbar sein muessen und wir
+alle wohl tief herunter geworfen sind.
+
+Die gewaltige Kuenstlichkeit des wunderwuerdigen Muensterturms haette
+mich beinahe wieder niedergeschlagen; denn ich bedachte mit
+Verwunderung, wie ich doch unter den hohen Eichen, in finstern
+Waeldern, auf hohen Bergen, an steilen Abgruenden und bei stuerzenden
+Wasserfaellen in einsamen Taelern recht in Einoede, ja ganz verlassen,
+auch wohl gar hungrig gesessen und mich doch nicht so bewegt gefuehlt
+als bei dem Anblick dieses Turmes. Wenn ich die Blaetter und Zweige
+der Baeume betrachte, so frage ich nicht, wie sie da hinauf gekommen,
+und erschrecke nicht, wenn sie sich hin und her bewegen mit Rauschen;
+aber wenn ich diesen wunderbaren Turm anschaue mit seinen vielen
+Tuermlein, Saeulen und Schnoerkeln, die immer auseinander heraustreiben
+und durchsichtig sind wie das Gerippe eines Blattes, dann scheint er
+mir der Traum eines tiefsinnigen Werkmeisters, vor dem er wohl selbst
+erschrecken wuerde, wenn er erwachte und ihn so fertig vor sich in den
+Himmel ragen saehe; es sei denn, dass er auf sein Antlitz niederfiele
+und ausriefe: "Herr, dies Werk ist nicht von mir in seiner
+Vollkommenheit, du hast dich nur meiner Haende bedienet, mein ist
+nichts daran als die Maengel, diese aber decke zu mit dem Mantel
+deiner Liebe, und lasse sie verschwinden im Geheimnis deiner Masse."
+Keiner aber hat dieses wohl erlebet, keiner hat einem solchen Werke
+seiner Erfindung die Krone aufgesetzet, ganze Geschlechter sind von
+den Baugeruesten herabgestiegen und haben sich zu Ruhe in die Graeber
+zu den Fuessen des Turmes gelegt, der nichts davon weiss, und dasteht
+ernst und steinern, der kein Herz und keinen Verstand hat, ja
+eigentlich ein recht unvernuenftiger Turm ist, und doch dasteht, als
+waere er aus sich selbst hervorgewachsen und brauche es keinem
+Menschen zu danken. Dieser gewaltige Ausdruck der Erhabenheit aber
+in einem solchen Werke, an welchem die Weisheit und Muehe und Andacht
+von Jahrhunderten an unendlichen Linien des Gesetzes, des
+Verhaeltnisses, der Not und der Zier mit halsbrechender Kuehnheit
+hinangeklommen, um auf dem Gipfel dem Herrn zu lobsingen, verbunden
+mit seinem eigentlichen inneren Tode, so dass er, der alles durch sein
+Dasein im tiefsten Herzen ruehret, doch gar nichts davon mitempfindet,
+das ist es, was seinem Anblick und der Erscheinung aller gewaltigen
+Menschenwerke einen Schrecken beimischet. Es ist, als frage er: Was
+bin ich, und warum bin ich, und was ist es, das dich also ruehret in
+mir? Was koennen wir ihm aber anderes antworten als: Die Werke des
+Herrn sind unbegreiflich, er treibt uns, zu bauen und schaffen ueber
+das Leben hinaus, denn wir waren unsterblich und vollkommen, und wir
+sind gefallen in den Tod durch die Suende; du Turm aber stehe, als ein
+Zeuge, dass wir dunkel fuehlen, was wir waren vor dieser Zeit, und dass
+wir noch ringen nach unendlichem Ziel; so stehe du dann als ein
+Traeger unsrer Muehe und unsrer Busse zu Ehren unsres Heilands und
+Seligmachers Jesu Christi, der uns erloeset hat durch sein bittres
+Leiden und Sterben. Amen.
+
+Also gedachte ich in mir, und wenngleich umgeben von lebenden Baeumen
+und Blumen, in welchen, wie selbst in den harten Felsen, eine Seele
+zu wohnen scheint, welche mit dem Menschen atmet und fuehlet, im
+Fruehling sich mit ihm freuet, und im Winter mit ihm trauert, konnte
+ich doch meine Augen nicht von dem Turme wenden. Der Sinn des
+Menschen strebet immer nach dem Unbegreiflichen, als sei dort das
+Ziel der Laufbahn und der Schluessel des Himmels; denn bewundern kann
+der Mensch allein, und alles Bewunderung Erregende ist ein Bote
+Gottes, der uns mahnet an das Licht, das wir verloren, und das uns
+wieder verheissen ist durch das Blut Christi, so wir uns dessen
+teilhaftig machen. Also ist mir auch immer alle meine Drangsal
+erschienen als eine Sehnsucht nach einem bessern Leben, und alle
+meine bittern Stunden waren nur die kalten, stuermenden Tage des
+Winters, denen der liebliche Fruehling, angekleidet mit Blumen und
+Gesang, folget, so ich saee guten Samen und fuelle meine Seele mit dem
+Lobe Gottes.
+
+In solchen Betrachtungen wollte ich wieder nach dem Sommerhaeuslein
+gehn, sah aber meinen gnaedigen Herrn und Ritter gar tiefsinnig mit
+gefalteten Haenden unter einem Baume im Sonnenschein sitzen, und
+traute nicht, ihm vorueberzugehen, damit ich ihn nicht stoere. Ich
+stellte mich darum in seiner Naehe bescheidentlich an die Laubwand,
+und nahm mein Barett in die Haende, erwartend, ob er seine Augen
+vielleicht nach mir wenden moege.
+
+Der Anblick meines Herrn erweckte eine grosse Ehrfurcht in mir. Ich
+hatte ihn gestern nicht recht gesehen, denn es dunkelte schon, da er
+mich am Wege barmherzig zu sich nahm. Er hatte ein schneeweisses Haar
+am Haupt und Bart, und mochten wohl viele Sorgen ueber ihn hingeflogen
+sein. Ich erinnerte mich, nie einen so frommen alten Ritter gesehen
+zu haben, der mit seinem ernsten und milden Antlitz ein solches
+Vertrauen in mein Herz senkte. Gott gebe, dass ich also in Ehren grau
+werden moege! dachte ich bei mir und fuehlte mich mit ganzer Seele zu
+dem lieben Herrn hingezogen. Er aber schien sehr betruebt zu sein,
+seufzte auch oft und tief, und die kleinen Voeglein, die ueber ihm in
+dem Baume so lustig sangen, konnten ihn nicht troesten.
+
+Da ich so eine Weile nach ihm hingesehen hatte, wendete er die Augen
+zufaellig zu dem Orte, an dem ich stand, und redete mich freundlich an
+mit den Worten: "Wie ist dir, Johannes, dass du so stille dastehest?"
+Worauf ich ihm entgegnete: "Ich wollte Eure Ruhe nicht stoeren, Herr;
+Ihr scheinet mir in schweren Gedanken."
+
+Der Ritter aber sprach hierauf: "Johannes, wie gefaellt dir deine neue
+Heimat; bist du zufrieden bei mir?"
+
+Da sagte ich: "Herr, sollte ich nicht froh sein? Da ich nun weiss, wo
+schlafen und wo Brot finden und wem dienen um des Herren willen, da
+weiss ich nun auch, wen lieben, wem danken ausser Gott, und fuer wen
+beten ausser fuer mich. Herr, meine neue Heimat gefaellt mir wohl; Gott
+gebe, dass ich auch ihr wohlgefalle, und ihrer wuerdig werde." Da
+laechelte der Ritter und sprach: "Johannes, wenn dir deine Worte ernst
+sind, so werden wir gute Gesellen sein, denn deine Rede gefaellt mir
+wohl. Aber was willst du tun, mir wohlzugefallen; was willst du mir
+geben, da du nichts hast?"
+
+Hierauf erwiderte ich: "Herr, ich bleibe Euer Schuldner vor der Welt,
+denn ich kann Euch kein Wams geben fuer das Wams, das ich durch Eure
+Gnade trage; aber vor Gott gebe ich Euch einen guten Zahlmann, denn
+vor ihm schenke ich Euch mein Herz."
+
+Da versetzte der Ritter scherzhaft: "Wenn ich dir nun auch mein Herz
+geben wollte fuer das deinige, so behielt ich doch das Wams zugute;
+wie dann, Johannes?"
+
+Worauf ich entgegnete: "Herr, Ihr rechnet so gestreng, als wolltet
+Ihr mich versuchen in Gegenrechnung, und so muss ich dann schon sagen,
+dass mein Herz gewiss nicht Wert hat gegen das Eure, welches gepruefet
+ist durch lange Jahre, da das meinige arm ist und ohne Verdienst, ja
+da ihm alles Gute, was es gewollt hat, nicht zugute koemmt, da es
+keinen Wert hat, den es Euch mit sich geben kann, weil der Glaube an
+die Barmherzigkeit des Heilands nicht mit dem Herzen geschenkt werden
+kann und dieser Glaube allein doch ein Herz zu beseligen und selig zu
+machen vermag. So nehmt es denn hin, wie es ist, und fueget hinzu,
+was man nicht mitgeben kann. Doch habe ich noch eine Gabe, deren ich
+Euch geniessen lassen will, und die Ihr mir nicht so leicht einholen
+sollet; denn sie ist rasch und fliehet davon, auch werdet Ihr sie mit
+allem Ernste nicht leicht verdraengen moegen; denn sie ist lieblich und
+lustig anzuschauen, und koennte ich sie Euch wirklich zu eigen geben,
+so wuerdet Ihr sie nicht gerne wieder lassen, eine also gute Gesellin
+ist sie."
+
+Mein Herr, der sehr ernst geworden war, sagte hierauf, traurig vor
+sich niederschauend: "Und was ist das vor ein Kleinod, Johannes, mit
+dem du so prahlest?"
+
+Da erwiderte ich: "Herr, es ist meine Jugend; deren will ich Euch
+geniessen lassen, wie ich kann. Damit Ihr Euer Alter vergesset bei
+mir, will ich Euch erfreuen mit mancherlei froehlichen Reden und
+Gedanken."
+
+Aber was ich da zuletzt gesprochen hatte, war wohl toericht und ein
+schlechter Anfang meiner versprochenen erfreulichen Reden; denn mein
+gnaediger Herr ward nun sehr stille und finster. Weil ich ihn an sein
+Alter erinnert hatte, glaubte ich. Da redete ich ihn schuechtern an:
+"Herr, ich habe Euch mit toerichten Worten erzuernet."
+
+Er aber sprach: "Das hast du nicht getan, Johannes, du hast die
+Wahrheit gesprochen, aber mir ist schwerer aufs Herz gefallen, was
+mir lange schon darauf liegt, mein Unwert. Nun aber bedenke ich, ob
+dein froehlicher Mut mir wohl diese Last von der Brust nehmen wird;
+aber das mag wohl nicht sein; hast du mich nicht gefunden hier im
+Gruenen, in einem lustigen Garten, von der lieben Sonne beschienen,
+und angesungen von den unschuldigen Voegelein, nachdenklich und
+betruebt? Wirst du koennen, was der Fruehling nicht vermag? So du aber
+Kuenste gelernt hast, die ich nicht besitze, so wirst du mein
+Schuldner nicht bleiben, wenn ich gleich selbst ewig Gottes Schuldner
+bleibe. Setze dich zu mir und sage mir treulich, wie du zur Armut
+gekommen bist im Guten, und wie es sich mit dir begeben, bis ich dich
+gestern an der Eiche gefunden habe im Blobsheimer Wald, und dann
+sollst du ebenfalls von mir hoeren, warum ich betruebt bin."
+
+Da ich die grosse Freundlichkeit meines Herrn aus dieser Rede
+vernommen hatte, fasste ich einen guten Mut, setzte mich zu ihm unter
+den Baum, und sprach also: "Mein gnaediger Herr und Ritter, es gibt
+keinen ehrlicheren Weg ins Leben als die Geburt, denn unser Heiland
+ist ihn auch gewandelt, und so gibt es auch keinen ehrlicheren Weg
+zur Armut, als in ihr geboren zu sein, denn auch unser Heiland ward
+in ihr geboren, und so kam ich zur Armut, als ich zur Welt kam. Aber
+ich bin doch nicht lang arm geblieben; denn ich fand eine
+unaussprechlich liebe Mutter; die liess mich an ihrem Herzen
+schlummern, und sah auf mich nieder mit sorgenden Liebesblicken, und
+weckte sie mich nicht mit ihren Traenlein, die auf mich niederfielen,
+so weckte sie mich mit Kuessen, und liess mich ihr eignes Leben aus
+ihren Bruesten trinken; o Herr, war ich nicht reich, wer ist reicher
+als ein neugebornes Kindlein?--Ja, ich war so reich, dass ich meiner
+lieben Mutter Freud und Leid verdoppeln konnte, was Ihr wohl aus
+einem Liede vernehmen werdet, das meine Mutter oft sang, wenn sie
+mich in fruehster Jugend einschlaeferte, und habe ich es nach ihrem
+Tode in ihrem Gebetbuechlein liegend gefunden; es ist aber gestellt,
+bald als rede ein Kindlein zur Mutter, bald die Mutter zu ihm; nun
+hoeret:
+
+
+O Mutter, halte dein Kindlein warm,
+Die Welt ist kalt und helle,
+Und trag es fromm in deinem Arm
+An deines Herzens Schwelle.
+
+Leg still es, wo dein Busen bebt,
+Und, leis herab gebuecket,
+Harr liebvoll, bis es die aeuglein hebt,
+Zum Himmel selig blicket.-Und weck ich dich mit Traenen nicht,
+So weck ich dich mit Kuessen;
+Aus deinem Aug mein Tag anbricht,
+Sonn, Mond dir weichen muessen,
+
+O du unschuldger Himmel du!
+Du lachst aus Kindesblicken,
+O Engelsehen, o selge Ruh,
+In dich mich zu entzuecken!
+
+Ich schau zu dir so Tag als Nacht,
+Muss ewig zu dir schauen,
+Und wenn mein Himmel traeumend lacht,
+Waechst Hoffnung und Vertrauen.
+
+Komm her, komm her, trink meine Brust,
+Leben von meinem Leben;
+O, koennt ich alle fromme Lust
+Aus meiner Brust dir geben!
+
+Nur Lust, nur Lust, und gar kein Weh,
+Ach, du trinkst auch die Schmerzen;
+So staerke Gott in Himmelshoeh
+Dich Herz aus meinem Herzen!
+
+Vater unser, der du im Himmel bist,
+Unser taeglich Brot gib uns heute,
+Getreuer Gott, Herr Jesus Christ,
+Traenk uns aus deiner Seite.-Du strahlender Augenhimmel du,
+Du taust aus Mutteraugen,
+Ach Herzenspochen, ach Lust, ach Ruh,
+An deinen Bruesten saugen!
+
+Ich schau zu dir so Tag als Nacht,
+Muss ewig zu dir schauen;
+Du musst mir, die mich zur Welt gebracht,
+Auch nun die Wiege bauen.
+
+Um meine Wiege lass Seide nicht,
+Lass deinen Arm sich schlingen,
+Und nur deiner milden Augen Licht
+Lass zu mir niederdringen.
+
+Und in deines keuschen Schosses Hut
+Sollst du deine Kindlein schaukeln,
+Dass deine Kinder, so lieb, so gut,
+Wie Traeume mich umgaukeln.
+
+Da traeumt mir, wie ich so ganz allein
+Gewohnt dir unterm Herzen;
+Da waren die Freuden, die Leiden dein
+Mir Freuden auch und Schmerzen.
+
+Und ward dir dein Herz ja allzu gross,
+Und hattest nicht, wem klagen,
+Und weintest du still in deinen Schoss,
+Half ich dein Herz dir tragen.
+
+Da rief ich: Komm, lieb Mutter, komm!
+Kuehl dich in Liebeswogen!
+Da fuehltest du dich so still, so fromm
+In dich hinabgezogen.
+
+So mutterselig ganz allein
+In deiner Lust berauschet,
+Hab ich die klare Seele dein,
+Du reines Herz, belauschet.
+
+Was heilig in dir zu aller Stund,
+Das bin ich all gewesen;
+Nun kuess mich, suesser Mund, gesund,
+Weil du an mir genesen.
+
+O selig, selig ohne Schuld,
+Wie konnt ich mit dir beten;
+O wunderbare Ungeduld,
+Ans scharfe Licht zu treten!
+
+O Mutter, halte dein Kindlein warm,
+Die Welt ist kalt und helle,
+Und trag es fromm, bist du zu arm,
+Hin an des Grabes Schwelle.
+
+Leg es in Linnen, die du gewebt,
+Zu Blumen, die du gepfluecket,
+Stirb mit, dass, wenn es die aeuglein hebt,
+Im Himmel es dich erblicket.
+
+So lallt zu dir ein frommes Herz,
+Und nimmer lernt es sprechen,
+Blickt ewig zu dir, blickt himmelwaerts
+Und will in Freuden brechen.
+
+Brichts nicht in Freud, brichts doch in Leid,
+Bricht es uns allen beiden.
+Ach, Wiedersehen geht fern und weit,
+Und nahe geht das Scheiden!
+
+
+Als ich das Lied ganz hergesagt, waren ich und mein Herr Ritter ein
+bisschen stille. Dann hob er an und sprach: "Du hast recht, lieber
+Johannes, du warst recht reich, eine so liebe Mutter auf Erden zu
+finden; das ist ein schoenes Lied, aber es ist auch viel Trauer darin;
+wer hat es denn also gesetzet, dass es am Ende so schmerzlich vom
+Scheiden spricht?"
+
+Da sagte ich: "Mein Vater hat es gesetzt, als ich noch nicht geboren
+war, da er von meiner Mutter scheiden musste, und hat sie ihn nie
+wiedergesehn, und kenne ich ihn auch nicht." Da brachen mir die
+Traenen aus, aber mein gnaediger Herr fuhr mir freundlich mit der Hand
+ueber das Haupt und sagte: "Sei wohlgemut! Ich will dein Vater sein,
+das reicht auf Erden hin, Gott gebs!" Da kuesst ich ihm die Hand und
+fuhr fort: "Ach, Herr Ritter, solcher Reichtum an einer so lieben
+Mutter war noch nicht genug; denn gute Leute nahmen mich auf ihre
+Arme und trugen mich in die Kirche; da ward ich durch die heilige
+Taufe aufgenommen unter die Kinder Gottes und ward gereinigt von
+aller Suende und ward teilhaftig der Versuehnung unseres Herrn Jesu
+Christi. Da ward ich erst reich ueber alle Massen, da hatte ich das
+ewige Leben und den Schluessel des Himmels geschenket. Dann aber auch
+ward mir gegeben viele irdische Herrlichkeit, und was zum Leben noetig
+und lustig ist; denn ich ward gelehret, dass der Glanz der Sonne all
+mein Gold sei, der Spiegel der Fluesse all mein Silber, die gruenen
+Wiesen mit ihren Blumen all meine Teppiche und Tapezereien, der
+Himmel mit seinen blauen gestirnten Gewoelben und der gruene hohe Wald
+alle meine Gebaeude und Hallen; ja endlich bin ich so reich geworden,
+dass mir die ganze Welt offen stand, und alle guten Menschen meine
+Diener warden, zu denen ich sprechen durfte: Gib mir dies, gib mir
+jenes; und hatte ich auch keinen Herrn, als den Herrn aller Herren,
+den lieben Gott, der mir das Leben zu einem Leben gegeben, und in
+dessen Haende ich es, so der heilige Geist seine Gnade verleiht, und
+mein Herr Jesus sich meiner erbarmt, ohne grosse Makel zurueckzugeben
+hoffe, und habe ich mir zum Spruche auf mein Schild erwaehlt--denn ich
+bin eines Ritters Sohn--:
+
+
+Der Himmel ist mein Hut,
+Die Erde ist mein Schuh,
+Das heilge Kreuz ist mein Schwert,
+Wer mich sieht, hat mich lieb und wert."
+
+
+Da laechelte Herr Veltlin und sprach: "Dein Hut ist besser als deine
+Schuh, die wirst du dir bald ablaufen, aber dein Schwert ist das
+maechtigste auf Erden und hat einen guten Waffenschmied gehabt, du
+bist ein guter Ritter, und deine Fahrt mag friedlich abgehen, denn
+die dich sehen, haben dich lieb und wert. Aber erzaehl mir nun dein
+Herkommen!"
+
+Da zog ich ein Buch aus meinem Buchbeutel und sprach: "Ich will es
+Euch lesen, denn ich habe angefangen, es mir aufzuschreiben, und zwar
+so recht ausfuehrlich, wie es mir eingefallen, mit allerlei Rede und
+Betrachtung; wie mir bewusst ward, dass es gewesen ist und gewesen sein
+kann." Da sprach Herr Veltlin: "Du kannst schreiben? Johannes, das
+kann ich nicht, und bin ich begierig zu hoeren, ob du auch alles so
+aufgeschrieben, dass ich es wohl geniessen mag; denn da die Schrift als
+etwas Kuenstlicheres und dem Menschen Merkwuerdigeres gegeben wird als
+gewoehnliche Rede, die schnell dahin fliegt, so soll sie auch des
+Aufbehaltens wuerdiger dem Menschen dargereicht werden, und also
+wohlgesetzt und deutlich sein. Lies nun!" Da hob ich an: Chronika
+des fahrenden Schuelers Johannes Laurenburger, von Polsnich an der Lahn
+
+
+Dieses Buch ist mir wert und lieb;
+Wer es mir stiehlt, der ist ein Dieb.
+
+
+Ich bin geboren am 20. Mai 1318 zu Polsnich an der Lahn; das ist ein
+Hof, der gehoert zum Kloster Arnstein, darin ich getauft wurde
+Johannes. Meine Mutter selig wohnte in einem kleinen Haeuslein vor
+dem Hof, und nannte man sie die schoene Laurenburger Els; mein Vater
+aber, den ich nie gesehen, war der Ritter von der Laurenburg, die dem
+Kloster Arnstein gegenueber an der Lahn liegt. Was es aber fuer eine
+Beschaffenheit mit ihm habe, will ich hier niederschreiben, so viel
+ich erfahren, wenn ich zu der Zeit in meinem Leben gelange, da es mir
+selbst bekannt worden.
+
+Das erste, dessen ich mich aus fruehster Jugend von meiner Mutter
+recht deutlich erinnre, ist, dass sie mich lehrte, mich mit dem
+Zeichen des heiligen Kreuzes zu bezeichnen und die Haende zu falten
+und das Vaterunser und den englischen Gruss zu beten. Sie sagte mir
+die Gebete vor, ich schaute nach ihren Lippen und sprach ihr nach,
+und ich erinnere mich noch recht sehr deutlich meiner grossen Freude,
+als ich zum ersten Male abends neben ihr an ihrem Betschemel kniete,
+und diese heiligen Gebete mit ihr fertig und ohne Fehl sprach. Jetzt
+noch, wenn ich bete, ist es mir oft, als schaute ich nach ihren
+Lippen und spraeche ihr nach.
+
+Sie war arm, fromm und arbeitsam, und wenn ich sie gleich spaeter in
+mancherlei Geschaeft gesehen, schwebt mir ihr Bild doch meistens
+betend, singend oder spinnend vor Augen. Wenn sie mich manchmal
+abends schon im Bette entschlafen glaubte, wachte ich noch und
+horchte auf das Schnurren ihrer Spindel und ihren ruehrenden Gesang;
+denn sie sass spaet auf, ihr Brot in Ehren zu verdienen.
+
+Der Anblick meiner holdseligen Mutter, wenn sie so bei Lampenschein
+vor sich hinsang und spann, ruehrte mich oft bis zu Traenen; warum, das
+weiss der liebe Gott gewiss, zu dem ich wohl zuhoerend mit kindischem
+Herzen fuer sie gebetet habe.
+
+Einmal weiss ich, dass ich gar sehr weinen musste; als ich sie nachts
+bei ihrem Rocken so vor sich hin singen hoerte, da fing eine
+Nachtigall vor unserm Fenster auch an zu singen; es war schon sehr
+spaet, und der volle Mond schien klar und hell. Meine Mutter aber
+hoerte nicht auf zu singen, und sang das Voegelein und sie zugleich.
+Da habe ich zum erstenmal Traurigkeit empfunden und kindische Sorgen
+um den Ernst des Lebens gehabt, die ich wohl noch fuehle, aber nicht
+auszusprechen vermag; da habe ich mich auch leise im Bette
+aufgerichtet und meiner Mutter zugehoert. Sie sang aber ein Lied, das
+lautete also:
+
+
+Es sang vor langen Jahren
+Wohl auch die Nachtigall;
+Das war wohl suesser Schall,
+Da wir zusammen waren.
+
+Ich sing und kann nicht weinen
+Und spinne so allein
+Den Faden klar und rein,
+Solang der Mond wird scheinen.
+
+Da wir zusammen waren,
+Da sang die Nachtigall;
+Nun mahnet mich ihr Schall,
+Dass du von mir gefahren.
+
+So oft der Mond mag scheinen,
+Gedenk ich dein allein;
+Mein Herz ist klar und rein,
+Gott wolle uns vereinen!
+
+Seit du von mir gefahren,
+Singt stets die Nachtigall;
+Ich denk bei ihrem Schall,
+Wie wir zusammen waren.
+
+Gott wolle uns vereinen,
+Hier spinn ich so allein;
+Der Mond scheint klar und rein,
+Ich sing und moechte weinen!
+
+
+Besonders traurig aber kam es mir vor, dass der Vogel und meine Mutter
+zugleich sangen und doch nicht recht miteinander, und haette ich
+damals wohl wissen moegen, ob der Vogel auch in seinem Gesange meiner
+Mutter gedachte, und ob er auch lieber geweint als gesungen haette.
+Ich fragte darum meine Mutter mit den Worten: "Mutter, was singt denn
+die Nachtigall dazu?"
+
+Da sagte sie: "Die Nachtigall sehnt sich und lobet Gott; also tue ich
+auch. Aber, Johannes, warum wachst du? Schlafe, du musst morgen frueh
+heraus und mit mir nach Kloster Arnstein gehn; wenn du nicht schlaefst,
+so nehme ich dich nicht mit." Da loeschte sie die Lampe aus, und
+trat vor mein Bettlein und machte mir das Zeichen des Kreuzes auf
+Stirne, Mund und Herz und kuesste mich, und da ich fuehlte, dass sie
+weinte, schlang ich meine Arme um ihren Hals und drueckte ihr Antlitz
+fest an das meinige, und da weinten wir beide.
+
+Ich fragte sie aber: "O liebe Herzmutter, was weinest du, und warum
+machst du mir nochmals das Kreuz? Ich habe ja schon gebetet."
+
+"Lieber Johannes", sprach sie hierauf, "ich mache dir immer das Kreuz
+und kuesse dich, wenn ich schlafen gehe, dass dir Gottes und deiner
+Mutter Segen in der Nacht zugute komme; aber du hast bisher immer
+schon geschlafen, wenn ich es tat, und wusstest es darum nicht." Aber
+warum sie weine, sagte sie mir damals nicht. Darauf entkleidete sie
+sich und legte sich zu Bette, und betete laut, ich aber sprach ihr
+nach:
+
+
+Herr Jesus, ich will schlafen gehn,
+Lass vierzehn Engel bei mir stehn,
+Zwei zu meiner Rechten,
+Zwei zu meiner Linken,
+Zwei zu meinen Haeupten,
+Zwei zu meinen Fuessen,
+Zwei, die mich decken,
+Zwei, die mich wecken,
+Zwei, die mich weisen
+Zum himmlischen Paradeise!
+
+Worauf wir ruhig einschliefen.
+
+Am folgenden Morgen wachte ich frueher auf als die Mutter. Die
+Schwalbe begann zu singen. Ich kleidete mich leise an und trat an
+das Bett meiner Mutter; die hatte die Haende ruhig gefaltet, und der
+junge Tag schien auf ihr Angesicht. Ihr Anblick erfuellte mich mit
+Liebe und Trauer, denn ich hatte Barbara, die Tochter des Hofmeiers,
+neulich also mit gefaltenen Haenden stille im Sarge liegen sehn, und
+ergriff mich eine so tiefe Angst, dass ich meine Mutter mit ungestuemen
+Kuessen erweckte. Sie erwachte in meinen Armen, und als ich ihr die
+Ursache meiner Traenen sagte, nahm sie meine Haende von ihrem Hals und
+faltete sie, und schloss sie in ihre lieben Haende, und so beteten wir
+zusammen zu Gott, und dankten ihm, dass er uns diese Nacht erhalten
+und uns verliehen habe, diesen Tag zu unserer Besserung anzutreten.
+Am Schlusse des Gebetes sagte die Mutter: "Du hast gefuerchtet, ich
+sei tot, Johannes; sterben muessen wir alle, halte dich an unsern
+Herrn Jesum und die himmlische Mutter Maria, die werden dir Vater und
+Mutter sein, besser als dein irdischer Vater und ich, wenn auch ich
+dich verlassen muss. Und wenn ich einst die Haende so schliesse, um zu
+beten, da ich zur ewigen Ruhe entschlafe, so schliesse auch deine
+Haende so in die meinigen und bete mit mir, auf dass uns der Heiland
+zusammen in die ewige Herrlichkeit seines Angesichts schauen lasse.
+"-Da wurd ich still und trat an das Fensterlein unsrer Kammer und sah
+nach dem kommenden Tag. Als sich aber meine Mutter angekleidet hatte,
+trat sie hinter mich, und hielt mir freundlich die Augen zu, mit den
+Worten: "Warte ein wenig, liebes Kind, gleich wirst du etwas sehen,
+das du nie gesehen." Waehrend sie mir so die Augen zuhielt, fragte
+ich sie: "Liebe Mutter, ist das Gebet dann kraeftiger, und gefaellt es
+dem lieben Gott dann besser, wenn man die Haende so zusammen faltet,
+wie du mit mir getan?"--"Gewiss", sagte die Mutter, "wenn die, so es
+tun, sich so lieben wie wir, aber den lieben Gott doch noch viel mehr
+als einander, und wenn in der Kirche alle Leute zusammen beten und
+der Priester am Altare betet, da ist das Gebet des Priesters die Hand,
+in die sie alle ihre Haende gefalten haben. Was habe ich dich von
+der christlichen Liebe gelehrt?" Da sprach ich: "Du sollst Vater und
+Mutter lieben, auf dass du lang lebest auf Erden; du sollst deinen
+Naechsten lieben wie dich selbst und Gott ueber alles."--"Recht", sagte
+die Mutter, "o wie selig waere die Welt, wenn alle Menschen so
+vereinet beteten, wie wir es heut tun konnten, und wie es eine fromme
+Gemeinde in der Kirche tut." Da sagte ich kindisch: "Aber alle
+Menschen koennen doch nicht ihre Haende zu zwei Haenden zusammenlegen.
+"--"O gewiss, das koennen sie", erwiderte die Mutter, "und das in
+unsers lieben Erloesers Jesus Christi Haende, der ueberall und an allen
+Orten ist, und seine heiligen Haende fuer uns am Kreuze ausgespannt hat,
+uns zu erloesen von der Suende. Denn er hat uns ja das Gebet gelehret,
+und er ist die Hand, in welche wir unsre Haende legen muessen, so
+unser Gebet zu Gott dringen soll; denn er selbst hat auf Erden gesagt:
+"Alle Dinge sind mir uebergeben von meinem Vater, und niemand
+erkennet den Sohn, als nur der Vater, und niemand kennet den Vater,
+als nur der Sohn, und wem es der Sohn will offenbaren. Kommet her zu
+mir, alle, die ihr muehselig und beladen seid, ich will euch erquicken."
+Und der heilige Johannes sagt: "Der Vater hat den Sohn lieb und
+hat ihm alles in seine Hand gegeben. Wir haben einen Fuersprecher
+beim Vater, Jesum Christum, den Gerechten; der ist die Versoehnung fuer
+unsre Suenden, doch nicht allein fuer die unsrigen, sondern fuer die
+Suenden der ganzen Welt. Es ist ein Gott und ein Mittler zwischen
+Gott und den Menschen, der Mensch Jesus Christus, der sich selbst fuer
+uns alle zur Erloesung hingegeben hat." Ach, moechten nur alle ihre
+Haende in des Heilands Hand, in die Gott alles gegeben hat, glaubend,
+hoffend und liebend legen; dann wuerden wir alle zusammen schauen in
+das Angesicht Gottes." Nach diesen Worten tat die liebe Mutter ihre
+Haende von meinen Augen und sprach: "Gelobet sei Jesus Christus!", und
+ich erwiderte: "In Ewigkeit, Amen!" und sah mit grosser Seligkeit in
+den Glanz der Morgensonne, die ueber dem Lahntal hervorstieg. "Ach,
+Mutter", rief ich aus, "ist dieses Gottes Angesicht?"--"Nein, mein
+Kind", erwiderte sie, "das ist nur seine erschaffene Sonne, die er
+ueber uns arme suendige Menschen scheinen laesst; aber denen, die ihn
+lieben, hat Gott bereitet, was kein Auge gesehn und kein Ohr gehoert
+hat, und was in keines Menschen Herz gekommen ist."
+
+Ich habe aber damals die Sonne zum ersten Male aufgehen sehen, weil
+ich so frueh vorher nie aufgestanden. Dieses Morgens und aller meiner
+Mutter Rede und Tun an demselben habe ich bis jetzt gar oft mit
+grossem Nutzen gedacht. Nun aber nahm meine Mutter Linnen, das sie
+gewebt, und Garn, das sie gesponnen und gezwirnet, um es in dem
+Kloster zu verkaufen. Sie trug es in dem Korbe auf dem Kopfe, und da
+ich sie darum gebeten, gab sie mir einige Straenge des Garns zu tragen,
+welche ich mit einer grossen Liebe zu meiner Mutter sehr sorgfaeltig
+bis nach Arnstein getragen habe. Wir kamen daselbst in des Abtes
+Stube, die war mit schoenen Bildern ausgemalt; auch handelte der Abt
+selbst um das Tuch mit der Mutter und war ein heiliger, aber sonst
+gar freundlicher und lustiger Mann, fragte mich auch, da ich die
+schoenen Bilder an den Waenden so fleissig betrachtete: "Hans, dir
+gefaellt wohl meine Zelle; hast du auch Lust, ein geistlicher
+Ordensherr zu werden? Wenn du fromm und fleissig bist, kannst du mit
+der Zeit diese meine Bilder besitzen und Abt sein, wenn ich in dem
+stillen Konvent unter der Kirche schlafe."
+
+Da erwiderte ich: "Ich haette wohl Lust dazu, Abt in der schoenen Zelle
+zu sein, Hochwuerdiger Herr, wenn meine liebe Mutter mit drinnen
+wohnen wollte." Da lachte der Abt und sprach: "Lieber Hans, wenn die
+schoene Laurenburger Els mit in den Zellen wohnen duerfte, moechte wohl
+das kleine Klosterpfoertlein zu enge werden, so viele sollten den
+heiligen Orden suchen; aber das geht nicht, denn der Herr spricht,
+wir sollen das Kreuz auf uns nehmen, alles verlassen und ihm
+nachfolgen; und doch wohnet eine Mutter mit uns in unsern Zellen, die
+ist noch viel lieblicher und milder als die deine." Da sah ich bald
+den Abt, bald meine Mutter an und konnte seine Rede nicht recht
+glauben, sagte auch zuletzt: "Ach, Hochwuerdiger Herr, zeiget mir sie!"
+Da lachte der Abt wieder und sprach: "Mein Hans, zeigen kann man
+sie nicht, aber wir leben alle in ihrem Schosse, und auch du; es ist
+die heilige Mutter, die Kirche, welche unser lieber Herr Jesus sich
+zu einer Braut erkoren; aber das verstehest du noch nicht." Da sagte
+ich: "Nein!", und er gab mir drei Bildlein aus seinem Gebetbuch, das
+war St. Joergen Bild, meines Vaters, Ritter Joergen von der Laurenburg,
+Patron, St. Elsbethen Bild, meiner Mutter Patronin, und St. Johannsen
+mit dem guelden Mund Bild, mein Patron, worueber ich grosse Freude
+empfand, und als ich ihm den aermel kuessen wollte, reichte er mir die
+Hand und sprach: "Johannes, bitte Frau Else, deine Mutter, dass sie
+dich bald herauf zur Schule tut, da sollst du zur Messe dienen lernen,
+und fuer jede Messe einen halben Heller von mir erhalten." Da bat
+die Mutter den Abt um seinen Segen, und knieten wir beide vor ihm,
+und er legte seine Haende auf uns und betete.
+
+Meine Mutter liess aber von dem Geld, das er ihr fuer die Linnen
+gegeben, zurueck, eine heilige Messe fuer ihr Anliegen in Sankt Joergen
+Kapelle zu lesen, und da der Abt fragte: "Laurenburgerin, was ist
+Euer Anliegen?", traten meiner Mutter die Traenen in die Augen, und
+sie sprach mit Schaemen: "Das stell ich Gott anheim, Hochwuerdiger Herr."
+Der Abt erwiderte hierauf mit ernster und freundlicher Stimme:
+"Laurenburgerin, nehmet Euer Geld zurueck und wendet es Eurem Kinde zu;
+ich weiss, Ihr lebet bedraengt, ich will das heilige Messopfer selbsten
+fuer Euch halten und von ganzem Herzen fuer Euch beten; aber ergebet
+Euch auch in den Willen des Herrn, und hanget nicht weltlichem Kummer
+allzu sehr nach." Meine Mutter aber wollte das Geld nicht wieder
+nehmen und sprach: "Der Himmel segne Euch, Hochwuerdiger Herr, fuer
+Eure Milde, aber ich bedarf des Geldes nicht, welches ich zu heiligem
+Opfer erarbeitet; tut des edlen Laurenburgers Weib den Schimpf nicht
+an, als koenne sie nicht ein kleines Opfer erarbeiten." Da sprach der
+Abt: "So Ihr Euch das zu Herzen nehmet, will ich dafuer ein Kerzlein
+vor St. Joergen Bild aufstecken lassen. Linnen und Garn gebet unten
+im Kloster dem Bruder Sulpizius, dass er Chorhemden daraus mache; denn
+Eure Linnen sind gar fein." Da nahm die Mutter die Linnen, und gaben
+wir sie unten dem Bruder Schneider; der hielt aber der Mutter den
+Korb zurueck, bis wir aus der Kirche kamen.
+
+In der Kirche gingen wir zur Linken in eine Kapelle; da stand auf dem
+Altar St. Joergen Bild, wie er den Drachen durchbohret; den Altar
+haben die Ritter von der Laurenburg gestiftet und viele Gaben zu dem
+Kloster getan, haben auch ihr Begraebnis in dieser Kapelle, wie ich
+nachmals erfahren. Zur Rechten des Altars kniete ich mit meiner
+Mutter nieder, bei einem steinernen Bilde, das in die Wand gemauert
+war. Dieses stellte aber einen alten Ritter vor, der hatte ein
+langes geistliches Gewand an, und legte einem jungen Ritter, der vor
+ihm kniete, die Haende auf das Haupt. Meine Mutter sah oft und mit
+recht innerlicher Bewegung nach dem knienden Ritter. Ich betrachtete
+ihn auch, und empfand eine grosse Freude an ihm, haette ihm auch gern
+etwas Liebes getan und setzte ihm drum einen gruenen Kranz auf sein
+steinern Haupt, den ich mir im Walde geflochten und noch spielend in
+der Hand trug. Da meine Mutter dies sah, fuhr es wie ein Blitz durch
+ihre Augen, und umarmte sie mich heftig in der Kirche, aber ihre
+Wangen wurden schamrot und ihre Augen voll Traenen; da liess sie mich
+los und senkte das Haupt auf den Betstuhl. Ich empfand grosse
+Bangigkeit um ihre ruehrende Gebaerde. Da trat ein Ordensbruder aus
+der Sakristei mit einer schoenen bunten Wachskerze; die zuendete er an
+der ewigen Lampe an, nahte dann unserm Betstuhl und reichte sie
+meiner Mutter und mir zu kuessen, und als wir dies getan, steckte er
+sie auf St. Joergen Leuchter, der neben St. Joergen Altar stand und
+gestaltet war wie eine Lanze, die durch einen Lindwurm gestochen ist.
+Das war die Opferkerze, die uns der Herr Abt versprochen. Nun klang
+das Gloecklein, und der fromme liebreiche Herr trat mit dem
+Ministranten zum Altar und las uns die heilige Messe selbst mit
+grosser Andacht. Da sagte mir meine Mutter ins Ohr: "Bete huebsch
+fromm, Johannes, der stehende alte Ritter ist der alte Laurenburger,
+dein Grossvater, bete huebsch fuer ihn!" Nun hatte ich den Mut nicht
+mehr, nach dem Bilde zu schauen, und ward mir mein Grossvater von
+damals an ein gar ernster und sorglicher Gedanke, aber ich habe zum
+ersten Male gebetet mit einer recht innerlichen Herzensangst, wie
+frueher nie; warum ich aber so gebetet, kann ich mich nicht mehr
+deutlich entsinnen.
+
+Da die Messe zu Ende war, fragte ich meine Mutter wieder nach dem
+steinernen Bilde mit den Worten: "Mutter, was macht denn der alte
+Laurenburger da?" Aber sie antwortete nicht, und sah mit nassen
+Augen den knienden Ritter an, dem ich das Kraenzlein aufgesetzet. Als
+ich sie nochmals fragte, sagte sie: "Der alte Laurenburger tut, was
+ich dir gestern abend tat, da ich dich im Bette mit dem heiligen
+Kreuze bezeichnete." Da fragte ich sie weiter: "Will denn der alte
+Laurenburger auch schlafen gehn?" Und sie sprach: "Ja, er will
+schlafen gehn in die ewige Ruhe." Ich aber fragte weiter: "Will denn
+der kniende Ritter auch schlafen gehn?" Da sprach sie: "Ach, Gott
+gebe ihm ein seliges Erwachen, so er schon schlaeft!" und ward wieder
+sehr traurig, und hob mich hinauf an dem Bilde, mit den Worten:
+"Kuesse den Knienden, habe ihn recht lieb, es ist dein guter Vater."
+Da kuesste ich ihn herzlich und setzte ihm das Kraenzlein zurecht auf
+seinem Haupt, wollte ihn auch nicht lassen. Meine Mutter aber
+behielt mich auf dem Arme und trug mich aus der Kirche hinaus, und
+haette sie schier auch ihren Korb vergessen, der noch bei dem Bruder
+Sulpizius stand. Der aber kam uns nachgelaufen und brachte den Korb;
+da war ein schoenes weisses Klosterbrot drinnen und ein Krueglein voll
+Weins, das schenkte uns der Herr Abt.
+
+Sie dankte und ging ruhig mit mir links dem Walde zu, einen andern
+Weg, als wir hergekommen waren. Sie hatte den Korb am rechten Arme
+und trug mich auf dem linken; ich sagte ihr, dass ich nicht muede sei,
+und es ihr sauer werde, sie solle mich gehen lassen. Aber sie wollte
+mich nicht loslassen, und ich merkte in ihr eine geheime Lust, mich
+zu tragen, und sie schloss mich manchmal fester mit dem Arme an ihre
+Brust, so dass ich den Schlag ihres Herzens fuehlte. Da ward ich mir
+so recht lebendig ihrer Liebe bewusst, und genoss ihrer Guete mit
+kindlicher Freude; denn sie pflegte mich sonst nicht zu tragen, weil
+sie, wenn gleich gross und schlank, doch durch manche Sorge und
+Nachtwache entkraeftet war. Sie war zart und weiss mit langen blonden
+Haaren, und wie goldne Strahlen waren die Wimpern ueber ihren reinen
+blauen Augen, die mich noch immer mit Friede, Liebe und Warnung
+anblicken. Ja, ihr liebes Angesicht war wie ein durchsichtiges
+Fensterlein ihres Herzens, aus dem ihre Seele mit jeder innern
+Bewegung erroetend und erbleichend zum Himmel schaute. Ihr Mund aber
+war ruhig und zart geschlossen, und erregte eine zuechtige Ehrfurcht.
+Ich sage dies hier; denn ich werde nimmermehr vergessen, mit welcher
+Liebe ich damals ihr edles Angesicht betrachtete, und wie gut und
+holdselig sie aussah, da sie mich so zaertlich durch die freie Luft
+ueber die gruene Wiese hintrug, und meine Haerlein und ihre langen
+blonden Haare in dem Winde durcheinanderflogen, und die Lerche ueber
+uns, gegen die Sonne schwebend, lobsang. Da war mir unendlich wohl,
+und meine Sehnsucht, sie nicht zu ermueden, ward so inbruenstig, dass
+ich glaubend fuehlte, ich ermuede sie nicht, und, mit ihren Haaren
+spielend, zu ihr sagte: "Liebe Mutter, bin ich nicht recht leicht?
+Mir ist, als traeume ich, ich floege." Sie aber antwortete nicht, als
+mit einem zaertlichen Druck ihres Arms, und ich begann ihr ihre Haare
+in Zoepfe zu flechten, dass ihr der spielende Wind nicht beschwerlich
+fallen moege, und sie liess es mit freundlichem Hinneigen ihres Kopfes
+gern geschehen. Da ich aber fertig war und sie mich durch den Wald
+unter den Baeumen hintrug, brach ich einen gruenen Eichenzweig ab, wand
+ihn in einen Kranz, und setzte ihn ihr auf das Haupt mit den Worten:
+"Liebe Mutter, nun bist du geschmueckt wie der kniende Ritter in St.
+Joergen Kapelle, nun hast du auch ein Kraenzlein auf, und wenn er uns
+nun durch den Wald entgegengeschritten kaeme, wuerdet ihr euch beide
+wohl sehr aneinander erfreuen ueber die schoenen Kraenze?" Meine Mutter
+aber antwortete nicht und ging traurig fort, worueber ich auch betruebt
+wurde.
+
+So zogen wir still und einsam wohl eine Stunde lang durch den dichten
+Wald, als waeren wir die einzigen Menschen auf der Welt, und haetten
+nicht viel Freude. Nun ward es lichter in den Zweigen, und der Wald
+endete sich gegen den Rand des Berges, der sich in das einsame
+Lahntal senkte; hier kuesste mich die Mutter und liess mich an die Erde.
+Wir standen aber auf einer gruenen Waldwiese, die ein frischer Quell
+erquickte, der mit Umwegen an dem mannigfaltig unterbrochenen Abhange
+zu der Lahn hinabeilte. Wo wir standen, war die Gegend sanft und
+mild, ein grosser alter Birnbaum hing schwer voll gelber Birnen, und
+um ihn her standen mehrere Vogelbeerbaeume, die mit ihren
+feuerfarbenen Fruechten lustig gegen den dunkeln Wald abstachen;
+ausserdem begrenzten und durchschnitten den Platz mancherlei
+Fruchtstraeucher, Haselbuesche, Johannis--und Klosterbeerstraeucher, und
+ich hatte die Fuelle zu brechen und zu geniessen. Gegen uns ueber
+erschien die Gegend ernster. Das Lahntal schliesst, von diesem Punkte
+gesehen, den Spiegel des Flusses mit einer Kruemme wie einen
+tiefliegenden See ein, und die Berge lagen, mit dunklem Walde bedeckt,
+streng und finster um diesen her, als haetten sie tiefsinnige
+Gedanken ueber ein Leid, das hier geschehen. Die Mutter stand stille
+und schaute ruhig in die Gegend hinein, ich hatte aber den Deckel des
+Korbes genommen, ihn mit breiten Haselnussblaettern bedeckt, und
+sammelte mit aengstlichem Fleisse die schoensten Brombeeren und
+Himbeeren, und was sonst an wohlschmeckenden Traeublein zu reichlicher
+Lese sich darbot. Zwischen der Arbeit schaute ich oft nach ihr, sah
+auch mit Freude, wie der Anblick der Gegend ihr Antlitz zu erheitern
+schien, und als ich meine Ernte ihr darbot, laechelte sie freundlich,
+strich mir mit der Hand ueber die Stirne und sagte: "Schoenen Dank,
+Johannes, du bist ein gutes Kind."
+
+Dann fuehrte sie mich rechts dem Dickicht zu, wo wir nach wenigen
+Schritten vor einer kleinen verlassenen Huette standen; der Efeu hatte
+frei die Waende umrankt, und selbst die verschlossene Tuer mit seinem
+Gitter umzogen. Die Mutter hob mich an einem alten Wacholderbaum in
+die Hoehe, der neben der Tuere stand, und ich musste ihr aus einem Loche
+in demselben einen Schluessel holen, mit welchem sie die Tuere
+aufschloss, nachdem ich ihr geholfen hatte, die Efeuranken behutsam,
+ohne sie zu zerreissen, von der Tuere abzuloesen. Nun gingen wir durch
+eine kleine, geraetlose Kueche in eine viereckte Stube. Ich trat mit
+Scheu hinein; denn die wenigen Strahlen, welche durch die
+verschlossenen Fensterladen fielen, zeigten mir allerlei grosse Voegel
+an den Waenden in unbestimmtem Lichte. Meine Mutter aber stiess
+sogleich einen Fensterladen auf, und da sah man nach der andern Seite
+des Lahntals, wo das alte Laurenburger Schloss aus schwarzem Bergwald
+hervorragte. An den Waenden der kleinen Stube sah ich auf
+eingemauerten Hirschgeweihen vielerlei ausgestopfte Voegel befestigt,
+und besonders eine Reihe alter Falken; ausserdem lehnten und hingen
+mancherlei Jagdgeraete, Armbrust, Speere, Netze u. dgl., in schoener
+Ordnung um einen einfachen Betschemel, der vor dem holzgeschnitzten
+heiligen Hubertusbilde stand. Da war St. Hubertus abgebildet, wie er
+vor einem Hirsche kniet, der ihm mit einem Kreuze zwischen den
+Geweihen auf der Jagd entgegengetreten, da ihm der Herr sein wildes
+Herz geruehrt. Ich betrachtete alle diese Dinge, die ich frueher nie
+gesehen, mit bangem Staunen, waehrend meine Mutter, auf einem
+hoelzernen Stuhle sitzend, still dem Fenster hinaus nach der
+Laurenburg sah. Alles, was mir seit dem letzten Abend begegnet war,
+hatte die ruhige Folge der gewohnten Eindruecke in meiner Seele
+unterbrochen, und wenn ich jetzt zurueckgedenke, moechte ich meine
+damalige Empfindung wohl dem Gefuehl eines Rades vergleichen, wenn es
+in der Muehle ploetzlich lebendig werden und sehen koennte, wie es sich
+selbst und alle die andern Raeder sich mit ihm herumdrehen, ohne sich
+doch gleich vorstellen zu koennen, was es selbst und die andern Raeder
+eigentlich sollen, und was ueberhaupt eine Muehle ist. Besonders aber
+befremdete es mich, dass meine Mutter mit allem dem Geraete der Huette
+ganz vertraut war, und in der Huette tat, als waere sie immer darin
+gewesen; darum fragte ich sie mit den Worten: "Liebe Mutter, bleiben
+wir nun hier, ist dies auch unser Haeuslein? Dann will ich uns einen
+kleinen Garten bauen und ein Vogelsteller werden." Da entgegnete sie
+freundlich: "Was willst du dann mit den Voeglein anfangen?", worauf
+ich sagte: "Ich will sie das Vaterunser beten lehren." Da fragte sie:
+"Weisst du denn, wo dein Vater ist?" Und ich antwortete: "Im Himmel."
+Nun nahm sie mich zu sich, und ich musste mich zu ihren Fuessen
+setzen, und da erzaehlte sie mir ohngefaehr das, was ich hier weiter
+niederschreibe.
+
+Wenn ich auch gleich jedes ihrer lieben Worte jetzt, da ich erwachsen
+bin, nicht mehr so recht eigentlich wissen kann, duerfte es doch nicht
+viel anders gelautet haben; denn ich habe mir alles scharf in das
+Gedaechtnis gefasst, und es mir oft wieder von ihr erzaehlen lassen, so
+dass wohl eher zu viel als zu wenig hier stehen mag. Sie sprach aber:
+"Lieber Johannes, du hast mich seit gestern wohl trauriger als je
+gesehen, denn ich dachte gestern, da die Arbeit vollendet war, schon
+daran, wie ich heute alle die Wege gehen wuerde, die du mit mir
+gegangen bist. Du hast mich auch gestern abend gefragt, warum ich
+weine, da ich vor deinem Bettlein stand, aber ich habe dir keine
+Antwort gegeben, sondern nur mit dir gebetet, damit wir ruhig
+schlafen moechten. Jetzt aber will ich dir vieles erzaehlen; denn ich
+glaube, es wird dir frommen, wenn du frueh weisst, wie auf Erden viel
+Traurigkeit ist, und im Himmel allein die Freude, die wir durch
+unwandelbare Treue und Staerke in dem irdischen Leide allein verdienen
+koennen. Du wirst dann deine Sinne immer mehr zu Gott wenden, und
+dich fuehren lassen von seinen Engeln auf Erden, dem Glauben an Jesus,
+der Hoffnung auf Jesus, und der Liebe zu Jesus, deren Gespielen sind
+die Einfalt, die Demut, die Unschuld und die Wahrheit. Auch sollst
+du nicht traurig sein um des Leides willen, das dich auf Erden
+treffen wird, nein, nur um deine und aller Schuld, deren Strafe das
+Leid ist. Auch sollst du nicht trauren um deinen Schmerz, sondern
+allein um die Leiden deines Erloesers am Kreuze, an dem er gestorben
+ist wie ein unschuldiges Lamm, das dahinnimmt die Schuld der Welt,
+und zu dieser Versoehnung sollst du dich wenden, und fest an sie
+glauben und auf sie hoffen, und dich rein erhalten von aller Suende,
+damit du deine Seele nicht wieder befleckest, die dein Jesus, dein
+Erloeser, dein Heiland, dein Gott dir mit seinem heiligen Blute rein
+gewaschen hat; dann wird dein Glaube, dein Vertrauen alles Leid
+ueberwachsen, und du wirst dir ein freudiges Herz erkaempfen zu deinem
+Gott, der dich erschaffen hat im Vater, erloeset im Sohn und
+geheiliget im Heiligen Geist."
+
+Was mir meine selige Mutter, die schoene Laurenburger Els, in dem
+Haeuslein meines seligen Grossvaters, des Voglers Kilian, auf der
+Hirzentreu von sich und dem lieben Grossvater erzaehlt hat
+
+Diese Berghoehe heisst die Hirzentreu, und dieses Haeuslein, worin wir
+sitzen, gehoerte meinem lieben seligen Vater, dem Vogelsteller Kilian,
+den man weit und breit nur den guten Kilian und den frommen
+Falkenmeister nannte. Er ist zu Gott gegangen vor zehn Jahren, und
+liegt begraben auf dem Kirchhofe zu Kloster Arnstein. Er ist geboren
+zu Kitzing in Franken, und hat sich dies Haeuslein hier selbst erbauet,
+da er als ein Falkenier des Grafen von Nassau meine selige Mutter,
+eines Jaegers zurueckgelassene Waise, zu seiner Hausfrau waehlte, und
+sich hier mit ihr niederliess. Es stehet auch draussen im Garten noch
+der Baum, an welchem mein Vater meine Mutter zum ersten Male gesehen;
+da rettete er ihr das Leben; denn als mein Vater einen Hirsch
+verfolgte, fand das erzuernte Tier hier meine Mutter, welche als ein
+armes Maegdlein Kraeuter fuer die Klosterherren in Arnstein sammelte,
+und fasste der Hirsch in seinem Grimm meine Mutter auf die Geweihe.
+Mein Vater, der herzulaufend dieses sah, schoss einen Bolz von seiner
+Armbrust nach dem Hirsch, und traf ihn nicht ohne Gefahr meiner
+Mutter in das rechte Auge, und das verwundete Tier trat ihm,
+geblendet, nun grade entgegen; da fasste mein Vater einen guten Mut,
+und riss ihm die halbtote Jungfrau von dem Geweihe, legte sie unter
+jenen Baum und erquickte sie an dem Baechlein, das hier entspringt.
+Als sie sich wieder erholt hatte, sahen sie zu ihrer grossen
+Verwunderung, dass der Hirsch neben ihnen im Gebuesche stand, und mit
+Schmerzen das Haupt bald hin und her schwenkte, bald traurig zur Erde
+senkte. Da ruehrte das niederrinnende Blut meinen guten Vater, er
+trat zu dem leidenden Tiere, zog ihm den Bolz aus dem Auge, und wusch
+ihm die Wunde mit Wasser aus, welches alles der Hirsch ruhig
+geschehen liess. Als aber mein Vater die erschreckte Jungfrau nach
+Kloster Arnstein begleitete, lief ihnen der Hirsch durch den ganzen
+Wald nach, was sie beide sehr ruehrte und ihrem Gespraeche eine groessere
+Vertraulichkeit gab. Vor Kloster Arnstein reichten sie sich die
+Haende, und trennten sich mit der gegenseitigem Versicherung,
+miteinander in christlicher Ehe zu leben.
+
+Nun machte sich mein Vater von seinen herrschaftlichen Diensten los,
+baute mit Erlaubnis der Klosterherren diese Huette, und fuehrte meine
+Mutter Agnes, als seine liebe Hausfrau, hinein. Der gute Hirsch war
+durch die Huelfe, die ihm mein Vater geleistet, so mild und zahm
+geworden, dass er ihm immer zur Seite war, wenn er hier an seiner
+Huette mit der Mutter baute. Mein Vater pflegte dabei immer des
+Hirsches krankes Auge, welches bald ausheilte, aber blind wurde.
+Hernach, als meine Eltern hier wohnten, hielt sich der Hirsch immer
+freundlich zu ihnen, und ich weiss noch recht wohl, dass er, wenn wir
+assen, den Kopf hier zum Fenster hereinsteckte, und ich als ein Kind
+ihm Brot gab. Einstens aber hoerte mein Vater ihn in der Nacht heftig
+schreien; da stand er mit der Mutter auf, und sie gingen hinaus, zu
+sehen, was dem guten Tiere fehlte. Er war aber im Kampf mit andern
+Hirschen, welche ihm seines blinden Auges wegen ueberlegen waren, so
+heftig verwundet, dass er mit anbrechendem Tage zu den Fuessen meiner
+Eltern starb. Wir weinten um ihn, wie um einen treuen und dankbaren
+Freund, und hat ihn mein Vater unter demselben Baume, wo er ihn
+geschossen, begraben, sein Geweih aber in den Baum so befestigt, dass
+es, zu ewigem Gedaechtnis in denselben verwachsen, noch zu sehen ist,
+und hat mein Vater diese Huette wegen des treuen Hirschen Hirzentreu
+genannt.
+
+Meine gute Mutter ist auch bald gestorben, und ich war noch ein so
+kleines Maegdelein, dass ich nicht recht wusste, was Sterben ist. Ich
+erinnre mich noch recht wohl, dass ich auf ihrem Bette sass, als sie
+krank war, und ihr die Fliegen wehrte und ihr alle die kleinen Gebete
+und Sprueche, die sie mich gelehrt, vorsagte, und meinem Vater zur
+Hand ging, sie zu pflegen, soviel es ein Kind vermag. Da ich nun oft,
+wenn meine Mutter Arzneikraeuter suchte, mit ihr im Walde gewesen war,
+und sie mir dabei allerlei Heilkraefte der Pflanzen mitgeteilt hatte,
+so war meine Seele damals so erfuellt von der Begierde, ihr zu helfen,
+dass ich einstens in der Nacht vor einbrechendem Tage in den Wald
+hinauslief, um ihr einige Kraeuter zu suchen, von welchen mir getraeumt
+hatte. Ich lief lange herum und suchte mit unbeschreiblicher Angst
+die Kraeuter, welche ich mich vorher gesehen zu haben nicht erinnerte.
+Schon stand die Sonne hoch am Himmel, und ich war weit von unsrer
+Huette verirrt, aber ich vergass, vor Begierde, das Arzneikraut zu
+finden, meinen Hunger, und als ich endlich in grosser Ermuedung
+niederkniete und mit Traenen zu dem lieben Jesuskinde betete, es moege
+mir doch das Kraut suchen helfen, ich wolle ihm auch mein Brot
+schenken, bin ich darueber vor Muedigkeit entschlafen. Nach einigen
+Stunden erwachte ich, und sah eine schoene edle Frau vor mir stehen;
+ein Diener fuehrte ihr Ross, auf welchem ihr Soehnlein sass, und war sie
+abgestiegen, als sie mich so allein im wilden Walde liegen sah. Sie
+fragte mich, wer ich sei, und da ich ihr gesagt, ich sei Voglers Els
+von der Hirzentreu, und heute frueh ausgegangen, ein Kraeutlein fuer die
+kranke Mutter zu suchen, kuesste sie mich und sagte, dass sie mich
+heimfahren wolle mit sich nach der Laurenburg, denn sie war die
+Hausfrau des alten Laurenburgers, deine Grossmutter; von da wolle sie
+mich ueber die Lahn nach der Hirzentreu bringen lassen. Sie setzte
+sich nun auf das Ross und nahm mich vor sich auf des Pferdes Hals; ihr
+Soehnlein aber, Joerg, sass hinter ihr und hatte sie mit den Armen
+umfasst.
+
+So zogen wir ein Stueck Wegs nach dem Lahntal hinab, und hatte ich
+schier auch alles vergessen; denn das Reiten, die fremde Frau und ihr
+Soehnlein, das mancherlei kleine Lieder mit ihr sang, beschaeftigten
+meine Seele. Aber der Hunger fing mich an zu druecken, und ich
+bemerkte mit Weinen, dass ich mein Brot nicht mehr in meiner Tasche
+fand. Da fragte mich die Edelfrau: "Els, was weinst du?" und ich
+sagte ihr: "Ich hungre, denn ich habe dem Jesuskind mein Brot gegeben,
+und das Kraeutlein von ihm erhalten, aber nun habe ich das Kraeutlein
+verloren und hungre", und dabei verlangte ich heftig, sie moege mich
+in den Wald zuruecklassen, das Kraeutlein zu suchen. Ich musste der
+Edelfrau das Kraut aber beschreiben, denn seinen Namen wusste ich
+nicht. Da sagte sie auf einmal: "Mein liebes Kind, du hast wohl
+getraeumt, aber die Barmherzigkeit Gottes ist gross, denn sieh, mein
+Diener traegt ein solches Kraut in einem feuchten Tuche eingeschlagen
+in seinem Wadsack auf dem Ruecken; dies Kraut aber waechst nicht hier
+zu Lande, sondern habe ich es im Kloster Arnstein, wo ich zur Beichte
+war, von dem Gaertner erhalten, der es von einem Priester aus fremden
+Landen jenseits des Meeres hat." Da musste der Knecht den Wadsack
+oeffnen, und siehe da, es war dasselbe Kraut darinnen, das ich im
+Traume gesehen. Meine Freude war unaussprechlich, und die gute
+Edelfrau befahl dem Knechte, sogleich das Kraut meinem Vater zu
+bringen, und ihm zu erzaehlen, wie ich es gesucht, und wie mich die
+Edelfrau mit nach der Laurenburg genommen. Der Diener kannte meinen
+Vater gar wohl und lief mit Freuden die Waldstege nach unsrer Huette
+zu. Nun ritt die Edelfrau mit mir und ihrem Soehnlein allein vollends
+zur Lahn hinab und an einer seichten Stelle hinueber nach der
+Laurenburg, wohin der Diener bald auch kam und mich auf dem Kahne zu
+meinen Eltern hieher zurueckbrachte. Die gute Edelfrau hatte mir
+viele Liebe erwiesen und gab mir noch ein Krueglein mit altem Wein,
+und einige staerkende Gewuerzkuechlein fuer die kranke Mutter mit, und
+versprach, sie selbst morgen zu besuchen. Ihr Soehnlein aber, das
+nicht zugegen war, als ich aus der Laurenburg ging, kam mir bis zum
+Wasser nachgelaufen und gab mir einen ganzen Rosmarienstock, den er
+aus seinem Gaertlein ausgerissen, und sprach: "Du Kleine, das stell an
+deiner Mutter Bett, das ist ein guter Ruch, wenn man siech ist.
+Elslein, komm wieder!" Da gab er mir die Hand, und wir schieden.
+
+Als wir auf Hirzentreu ankamen, trug mich mein Vater an der Mutter
+Bette; die umarmte mich und sagte: "Els, ich habe den ganzen Tag
+nicht leben und nicht sterben gekonnt aus Sorge, dass du verloren
+seist; Gott aber hat mich wunderbar getroestet durch das, was
+geschehen, und hat mir dein Vater von dem Kraute einen Trank gekocht,
+der hat mich wunderbar erquicket." Da gab ich dem Vater den
+Rosmarienstock, der pflanzte ihn in einen schoenen neuen Krug neben
+der Mutter Lagerstaette, und nun nahm der Diener Abschied, nachdem er
+den Wein und die Wuerzkuechlein dem Vater gegeben.
+
+Es war darueber Abend geworden, mein Vater gab der Mutter noch von dem
+Weine und der Wuerze, und sie fand sich so gestaerkt, dass sie das
+Abendlied mit dem Vater mit grosser Andacht leise mitsang, worueber ich
+zu ihren Fuessen auf ihrem Lager entschlief. Gegen Morgen aber weckte
+mich der Vater und sagte mir mit Weinen: "Wach auf, lieb Elslein, und
+schau nach der Mutter, und gib ihr, was sie verlangt; sie ist gar
+krank, und ich will nach Kloster Arnstein laufen um die letzte
+heilige Wegzehrung fuer sie. Halte dich still, so sie schlaeft, und
+bete still, und so sie es verlangt, reiche ihr zu trinken, auch
+schaue nach dem brennenden Kienspan im Kamin, dass kein Unglueck
+entsteht." Dann trat er zur Mutter, trocknete ihr das Antlitz und
+sprach: "Gott erhalte dich, liebe Agnes, zu christlichem Geleite, ich
+geh nach Kloster Arnstein; O wie ist dir, liebe Agnes?" Da sagte die
+Mutter: "Ich lege wie ein Kind mein krankes Haupt in den Schoss dessen,
+der gesagt hat: "Ich will euch troesten, wie einen seine Mutter
+troestet", und ich habe das Vertrauen, er wird mich mit vollem Troste
+von dir scheiden lassen; so gehe dann hin, und bringe mir den letzten
+Trost!" Da kuesste sie der Vater und ging fort.
+
+Ich aber redete leise zu Fuessen des Bettes: "Mutter, darf ich zu dir
+kommen?" Da sagte sie: "Ja, lieb Elslein, doch steh erst auf und
+bringe mir das kleine Kreuz aus meiner Truhe; mich verlanget sehr
+darnach." Geschwind eilte ich an die Truhe, doch der Deckel war so
+schwer, dass ich ihn nicht erheben konnte; das klagte ich der Mutter,
+die sagte: "Elslein, bete! Der dir das Kraut gebracht, das mich so
+erquickte, wird dir auch helfen, die Truhe zu eroeffnen, so du ihm
+vertrauest." Da fiel ich vor der Truhe auf die Knie und betete,
+Jesus moege mir die Truhe eroeffnen, und Gott erbarmte sich meiner, ich
+oeffnete die Truhe mit kleiner Muehe und brachte der Mutter das kleine
+Kreuz. Es ist dasselbe, welches noch in Polsnich an meinem Bette
+haengt, und unsre Truhe zu Haus ist auch dieselbe Truhe. Die Mutter
+nahm das Kreuz in ihre gefalteten Haende und kuesste es, und drueckte es
+an ihr Herz, und ich legte mich zu ihr auf das Hauptkissen und
+drueckte meine Wange an die ihrige. Sie sprach nicht, sie fluesterte
+betend, und so entschlief ich; bald aber weckten mich laute Worte von
+ihr, und ich hoerte sie sagen: "Hueter, ist die Nacht schier hin? Wer
+da? Gut Freund! Sei getrost! Ich bins! Fuerchte dich nicht! Herr,
+bist du es, so heisse mich zu dir kommen auf dem Wasser!" und nach
+diesen Worten bewegte sie sich muehsam im Traume. Ich verstand sie
+nicht, und weckte sie mit Kuessen: "Lieb Mutter, was verlangt dein
+Herz?" Da schlug sie die Augen auf und sagte: "O mein Jesus, ich bin
+noch nicht bei dir! Elslein, mein Kind, sage, hast du den lieben
+Heiland gesehn, wo ist er hingegangen?" Ich verstand sie nicht, und
+suchte ihr das Kreuzlein in dem Bette, das ihren Haenden entfallen war,
+und legte es ihr wieder in die Haende mit den Worten: "Herzmutter, da
+ist der liebe Heiland." Da kuesste sie das Kreuz wieder, und sagte
+dann: "Elslein, ich war allein auf einem Kahn auf einem grossen Wasser
+eine lange, lange Nacht, kein Stern am Himmel, und sehnte mich nach
+dem Tage; endlich sah ich ein Sternlein, das zog leise ueber das
+Wasser, wie ein Waechter durch die Flur, und da rief ich mit aller
+Macht: "Hueter, ist die Nacht schier hin?" und der Stern antwortete:
+"Wenn der Morgen schon koemmt, so wird es doch Nacht sein; wenn du
+schon fragest, so wirst du doch wieder kommen und wieder fragen." Da
+kam es gegen mich ueber die Wogen geschritten, und ich sah, dass es
+eine einsame Gestalt war. Da rief ich: "Wer da?" und es antwortete:
+"Gut Freund!" Ach, da ward mein Herz so freudenvoll, und ich
+gedachte: Sollte es wohl mein Jesus sein? Da sprach er: "Sei getrost,
+ich bins, fuerchte dich nicht", und ich sprach: "Herr, bist du es, so
+heisse mich zu dir kommen auf dem Wasser." Da winkte er mir, und ich
+trat aus dem Kahn auf das Wasser, konnte aber den Herrn nicht
+erreichen, der vor mir herschwebte, wie eine Wolke oder ein Schatten,
+und wenn ich so recht mutig und begierig auf ihn zuging, und recht
+glaubte, dass er es gewiss sei, dass er sich meiner erbarmen werde und
+einen Eliaswagen vom Himmel rufen, mich zu sich hineinsetzen und zu
+dem himmlischen Paradiese fahren werde, ach, da war er mir so nah, so
+nah, dass ich schon das Wehen der Seligkeit fuehlte; dann kam aber
+ploetzlich eine Welle und erhob sich ein Wind, und ich verzagte und
+glaubte zu versinken auf dem Wasser, und wie meine Sorge wuchs,
+schwand das Bild des Herrn vor mir in die Ferne, ja, es ward wieder
+zu dem einsamen Stern, den ich zuerst gesehen, und auch der
+verschwand. Da war ich ganz allein auf dem Wasser, und der Kahn
+trieb zu mir her, da sah ich dich drauf sitzen und nach mir weinen,
+und ich wandelte mit Muehe zu dir hin, und sass bei dir im Kahn, und
+herzte dich, und du entschliefst in meinem Arme. Ich aber wachte,
+und die Nacht ward wieder so lang, so lang. Da hoerte ich den
+Fluegelschlag einer Taube durch die Luft, und ich rief abermals mit
+grosser Sehnsucht: "Hueter, ist die Nacht schier hin?" Es flog aber
+ein Taeublein ueber meinem Haupt, das rief zu mir: "Lege Fluegel der
+Liebe an, und folge mir nach, deine Seele findet nicht, da sie ruhe
+auf der Suendflut; sieh, der himmlische Noah strecket seine Hand aus
+der gestirnten Arche, aus der du ausgeflogen, um dich wieder
+hineinzunehmen; aber achte, dass dein Gefieder rein sei!" Da sah ich
+den Himmel voll Sterne; aus dem blickten die Haende, die Fuesse und die
+Seite des Herrn, und die heiligen fuenf Wunden leuchteten wie Rubin
+und bluteten hernieder, und die Taube flog ihnen zu; ich aber hatte
+Fluegel und breitete sie aus und wollte sie schwingen, aber sie waren
+schwer und unrein; ich rief aber: "O Herr, nur einen Tropfen deines
+Blutes auf meine Fluegel, und sie werden gereinigt sein." Und es floss
+nieder zu ihnen, da waren sie rein, und ich schwang sie freudig, aber
+du lagst in meinem Schoss; da wollte ich dich kuessen und Abschied
+nehmen von dir, da schlangst du die Haende um mich und wolltest mich
+nicht lassen, und deine Worte erweckten mich von dem seligen Traume."
+
+So erzaehlte mir die kranke Mutter, was ihr getraeumt, und ich hoerte
+ihr mit noch groesserer Aufmerksamkeit zu, als wenn sie mir sonst eine
+Geschichte erzaehlte. Da sie geendet hatte, sagte ich zu ihr: "Mutter,
+das war sehr schoen, aber schlafe wieder ein, und wenn die Taube
+wieder koemmt, so bitte sie, dass ich auch mit fliegen darf, ich will
+auch recht beten; der mir das Kraeutlein gegeben, und mir die Truhe
+geoeffnet, der wird mir auch gewiss Fluegel geben, dass ich mit dir
+fliegen kann."--"Das wird er gewiss, liebes Elslein, so es dir gut
+ist", sagte die Mutter, "aber wenn ich wieder einschliefe, und das
+Taeublein kaeme wieder, und ich floege mit ihm fort, so wuerdest du gewiss
+gern zurueckbleiben bei deinem Vater, dass er nicht allein sei, so ich
+dich darum bitten wuerde." Da sagte ich zu ihr: "Ja, das will ich, so
+du bald wiederkehrst, und mir etwas mitbringest." Sie aber
+antwortete: "Ich werde nicht wiederkehren, doch werdet ihr mir
+nachfolgen, und da wird alles voll Herrlichkeit sein; aber hoerst du,
+Elslein, du musst mir den Abschied nicht schwer machen, und auch den
+Vater troesten, wenn er weinen sollte, und ihm erzaehlen, wie ich dir
+gesagt, dass ihr mir nachkommen werdet; denn das Taeublein wird bald
+kommen, mir ist, als hoere ich schon seinen Fluegelschlag." Da kuesste
+ich die Mutter und sagte: "Ich will tun, wie du willst, und will dein
+gutes Elslein sein", und die Mutter kuesste mich wieder mit den Worten:
+"O du gutes, gutes Elslein!" Dann bat sie mich, ihr das Lied von der
+Taube zu sagen, das sie mich gelehrt; da sprach ich:
+
+
+Hoer, liebe Seel! Wer rufet dir?
+Dein Jesus aus der Hoehe:
+"Komm, meine Taube, komm zu mir!"
+Den Ruf ich wohl verstehe.
+
+Wenn ich soll deine Taube sein,
+Musst du mir Fluegel geben;
+Die wasch in deinem Blut ich rein,
+Und werde glaubend schweben.
+
+Du rufest mir! Wie arm ich bin,
+Darf ich zu dir doch kommen;
+Die Maengel hat dein treuer Sinn
+Ja all von mir genommen.
+
+Sag, Herr, wird auch ein Nestlein fein
+Fuer mich bei dir gefunden?
+"Ja, meine Taube, komm herein,
+Wohn hier in meinen Wunden!"
+
+Mein Jesu, ach, was willst du mir
+In deinen Wunden geben?
+"Durch meine Wunden, sag ich dir,
+Fliegst sterbend du zum Leben."
+
+Wohlan, es zielt des Todes Pfeil,
+Er wird mich nicht verderben;
+Zu deinen Wunden, Herr, ich eil,
+Da werd ichs Leben erben.
+
+
+Da ich der Mutter das Lied hergesagt, war sie leise wieder
+eingeschlummert. Der Tag brach an, und ich nahm ein Zweiglein von
+dem Rosmarienstock, der bei ihrem Lager stand, und gab es ihr zu dem
+Kreuze in ihre gefaltenen Haende. Da flog auch die Turteltaube,
+welche bei unserm Haus nistete, an das Fenster und pickte daran und
+rief: "Ruckuck." Sie tat es sonst alle Morgen, denn ich streute ihr
+Futter dahin, aber heute hatte ich nicht den Mut, und gedachte: Ach,
+da koemmt die Taube schon, welche die Mutter mitnehmen will, aber ich
+soll ihr den Abschied nicht schwer machen. So stand ich leise, leise
+von der Seite der Mutter auf, und ging hinaus und kniete an dem
+Baechlein in das Gras und betete fuer sie. Da hoerte ich ein Gloecklein
+im Walde und sah bald meinen Vater kommen; der trug eine Leuchte, und
+zwei Ordensherren gingen mit ihm, deren einer trug das Hochwuerdige
+Gut, und der andere das heilige oel, und ihnen folgten einige fromme
+Maenner und Frauen, die stille beteten. Da lief ich meinem Vater
+entgegen und sprach: "Herzvater, die Himmelstaube ist schon da,
+welche die Mutter abholen will; wir duerfen aber nicht gleich mit, ich
+habe es ihr versprochen, bei dir zu bleiben und dich zu troesten, bis
+wir nachkommen in die Herrlichkeit." Mein Vater verstand mich wohl
+und trat mit dem Geistlichen in die Huette, ich aber blieb draussen und
+betete mit den Begleitern. Hernach kam die Edelfrau von der
+Laurenburg mit ihrem Soehnlein, dem Junker Joerg, ueber die Lahn zur
+Hirzentreu, wie sie den Abend vorher mir versprochen, und derselbe
+alte Diener war wieder bei ihr. Die Edelfrau ging zu meiner Mutter
+hinein, der Junker aber blieb bei mir, und wir spielten im Gras an
+der Quelle; er fragte mich auch nach dem Rosmarin, den er mir gegeben
+fuer meine Mutter; da erzaehlte ich ihm von der Taube und von allem.
+Nach einiger Zeit aber trat die Edelfrau heraus und nahm mich mit in
+die Huette, da lag die Mutter ganz still, und der Vater kniete an
+ihrem Bette und weinte; da ich zu ihm trat, hob er mich zur Mutter,
+und sprach: "Agnes, segne das Elslein, ehe du scheidest", und er
+legte der Mutter Hand auf mein Haupt. Die Mutter aber sagte: "Gott
+segne dich, troeste den Vater, bis ihr nachkommet. Elslein, ich
+fliege schon." Da sah sie mich mit unaussprechlicher Liebe an und
+wendete dann den Blick zum Himmel. Ich sprach: "Geleit dich Gott,
+lieb Mutter!" und weinte laut. Da trug mich die Edelfrau hinaus zu
+ihrem Soehnlein, dem erzaehlte ich alles, und da ein paar Tauben
+hinueber zur Laurenburg flogen, streckten wir beide kindisch die Haende
+aus und riefen: "Da fliegen sie, da fliegen sie, geleit dich Gott,
+liebe Herzmutter!"
+
+Hernach nahm mich die Edelfrau mit nach der Laurenburg, und ich blieb
+bis zum andern Tag dort, da die Mutter schon im Kloster Arnstein
+begraben war. Der alte Knecht aber war bei meinem Vater geblieben,
+und war mein Vater einen ganzen Tag in Kloster Arnstein gewesen, des
+Trostes der geistlichen Herren zu geniessen. Die Edelfrau ist auch
+mit zu Grabe gewesen, und da sie nach der Laurenburg kehrte, brachte
+sie ihren Herrn, den Ritter von der Laurenburg, und den aeltern Sohn,
+Johann, mit welchem der alte Laurenburger bei dem Grafen zu Nassau
+gewesen, der des Johann Taufpate war, und hatte die Laurenburgerin
+ihnen auf der Heimkehr begegnet. Der Ritter war mir freundlich und
+gab mir Wecken von des Grafen von Nassau Tisch, und da seine Hausfrau
+ihm den frommen Tod meiner Mutter erzaehlet, war er sehr mitleidig mit
+meinem Vater, und sprach: "Der Graf Johann hat noch heute zu Tisch
+von dem frommen Falkenmeister gesprochen, und vor allen seinen
+Dienern sein in Ehren gedacht, ich habe ihm auch versprechen muessen,
+den Vogler von ihm zu gruessen, und will er ihm naechstens einen kranken
+Falken schicken, dass er ihn pflege. Komm, Elslein", sagte der Ritter
+dann zu mir, "ich will dich selbst zu deinem Vater bringen; es ist
+noch hoch am Tage, und mag er wohl Trostes beduerfen." Da brachte
+mich der Ritter wieder zur Hirzentreu, und ging Georg wieder mit.
+Die Edelfrau aber blieb mit Johann zurueck; der sollte ihr von dem
+Wesen des Grafen von Nassau erzaehlen. Wir fanden aber meinen Vater
+mit dem Laurenburger Knecht vor der Tuere sitzen in stillem Gespraech,
+und als dieser seinen Herrn herankommen sah, der mich auf dem Arm den
+steilen Pfad herauf trug, stand er auf und trat beiseite; mein Vater
+aber lief mir entgegen, nahm mich von des Ritters Armen und herzte
+mich unter Traenen. Da sprach ihm der Laurenburger ehrlich zu und
+getroestete ihn, so gut er es vermochte, setzte sich auch zu ihm auf
+die Bank und erzaehlte ihm von des Nassauers Gunsten zu ihm, und
+sprachen sie mancherlei, nicht als ein Ritter zu einem Knecht,
+sondern als gute Nachbarn und Freunde, denn das Unglueck machet
+Gesellen. Es war aber dem Laurenburger auch seine erste Hausfrau
+mitsamt dem Kindlein in dem Kindelbett gestorben; deren gedachte er
+mit vieler Liebe. Unter solchem Gespraech stand ich zwischen meines
+Vaters Knien, und Georg neben dem Laurenburger, und spiegelten uns in
+dessen blankem Brustharnisch, und lachten, weil es, hohl geschliffen,
+unsre Gesichter auf mancherlei Weise verstellte. Dann sagte mir der
+Vater ins Ohr, ich moege den Wein und die Wuerze von der Mutter
+Tischlein bringen; da ging ich zur Stube, aber die war ganz anders
+geworden; wo das Bett gestanden, stand der Betschemel und das
+Altaerlein, und hing ein neu Muttergottesbild an der Wand, und an
+demselben der Mutter und des Vaters Brautkraenzlein, ihre Spindel aber
+stand vor meinem Baenklein, und war alles gar veraendert. Das hatte
+meinem Vater der gute alte Laurenburger Knecht so geordnet, dass er
+seines Leids desto eher vergessen und ein neues Leben anfangen moege.
+
+Nachdem ich mich genugsam ueber alles gewundert, nahm ich den Wein und
+die Wuerze, was von dem Geschenk der Laurenburgerin noch uebrig war,
+und brachte es dem Vater hinaus; der reichte den Krug dem Ritter. Da
+trank der Herr, und musste ihm der Vater Bescheid tun. Auch sagte der
+Ritter: "Das ist ein koestlicher Wein, den man wohl dem Kaiser bieten
+duerfte; Ihr habt ihn wohl aus einem Klosterkeller? Einem Edelmann
+waechst solcher Wein nicht um die Lanze, der schmeckt nach dem
+Krummstab." Mein Vater laechelte und sagte: "Gnaediger Herr, Ihr habt
+von dem Euren getrunken, aber er hat auf einem milden Fasse gelegen;
+denn Eure liebe Frau Ida hat diesen Trunk meiner seligen Agnes zur
+Labung gebracht, und wenn er Euch besser schmeckt als zu Haus, so
+ists, weil Ihr Gottes Segen schmecket." Da trank der Laurenburger
+nochmals, und sprach: "Wahrhaftig, in Gottes Segen soll man den Wein
+legen, in Gottes Segen soll man des Weines pflegen, in Gottes Segen
+gedeiht der Wein auf allen Wegen. Das Fass, aus dem Frau Ida diesen
+Krug gefuellt, muss mir ebenso gut werden; Ihr muesst mir wohl erlauben,
+dass ich es mit Euch hier oben austrinke, Kilian, da es mir so wohl
+bei Euch geschmeckt." Da dankte mein Vater dem Ritter herzlich, und
+sprach: "So Ihr einen armen Mann nicht verschmaehet, will ich Euren
+Zuspruch hoch in Ehren halten, aber Ihr muesst dann auch von meiner
+Wasserquelle hier trinken, da fliesst auch Gottes Segen drin." Nun
+schied der Ritter freundlich von uns mit den Seinen, und ich ging mit
+dem Vater in unser einsames Haeuslein, worin die Mutter nicht mehr war.
+
+
+Ende dieses Project Gutenber Etextes "Aus der Chronika eines
+fahrenden Schuelers" von Clemens Brentano.
+
+
+
diff --git a/old/7shlr10.zip b/old/7shlr10.zip
new file mode 100644
index 0000000..fa90824
--- /dev/null
+++ b/old/7shlr10.zip
Binary files differ
diff --git a/old/8shlr10.txt b/old/8shlr10.txt
new file mode 100644
index 0000000..4a27c41
--- /dev/null
+++ b/old/8shlr10.txt
@@ -0,0 +1,1829 @@
+The Project Gutenberg Etext of Aus der Chronika eines fahrenden Schülers
+(Zweite Fassung), by Clemens Brentano
+#5 in our series by Clemens Brentano
+
+This Etext is in German.
+
+We are releasing two versions of this Etext, one in 7-bit format,
+known as Plain Vanilla ASCII, which can be sent via plain email--
+and one in 8-bit format, which includes higher order characters--
+which requires a binary transfer, or sent as email attachment and
+may require more specialized programs to display the accents.
+This is the 8-bit version.
+
+Copyright laws are changing all over the world. Be sure to check the
+copyright laws for your country before distributing this or any other
+Project Gutenberg file.
+
+We encourage you to keep this file, exactly as it is, on your
+own disk, thereby keeping an electronic path open for future
+readers. Please do not remove this.
+
+This header should be the first thing seen when anyone starts to
+view the etext. Do not change or edit it without written permission.
+The words are carefully chosen to provide users with the
+information they need to understand what they may and may not
+do with the etext.
+
+
+**Welcome To The World of Free Plain Vanilla Electronic Texts**
+
+**Etexts Readable By Both Humans and By Computers, Since 1971**
+
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+
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+further information, is included below. We need your donations.
+
+The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a 501(c)(3)
+organization with EIN [Employee Identification Number] 64-6221541
+
+
+
+Title: Aus der Chronika eines fahrenden Schülers (Zweite Fassung)
+
+Author: Clemens Brentano
+
+Release Date: October, 2003 [Etext #4504]
+[Yes, we are more than one year ahead of schedule]
+[This file was first posted on January 26, 2002]
+
+Edition: 10
+
+Language: German
+
+Character set encoding: ASCII
+
+The Project Gutenberg Etext of Aus der Chronika eines fahrenden Schülers
+(Zweite Fassung), by Clemens Brentano
+*******This file should be named 8shlr10.txt or 8shlr10.zip******
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+VERSIONS based on separate sources get new LETTER, 8shlr10a.txt
+
+This etext was produced by Michael Pullen, globaltraveler5565@yahoo.com.
+
+Project Gutenberg Etexts are often created from several printed
+editions, all of which are confirmed as Public Domain in the US
+unless a copyright notice is included. Thus, we usually do not
+keep etexts in compliance with any particular paper edition.
+
+We are now trying to release all our etexts one year in advance
+of the official release dates, leaving time for better editing.
+Please be encouraged to tell us about any error or corrections,
+even years after the official publication date.
+
+Please note neither this listing nor its contents are final til
+midnight of the last day of the month of any such announcement.
+The official release date of all Project Gutenberg Etexts is at
+Midnight, Central Time, of the last day of the stated month. A
+preliminary version may often be posted for suggestion, comment
+and editing by those who wish to do so.
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+Most people start at our sites at:
+http://gutenberg.net or
+http://promo.net/pg
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+These Web sites include award-winning information about Project
+Gutenberg, including how to donate, how to help produce our new
+etexts, and how to subscribe to our email newsletter (free!).
+
+
+Those of you who want to download any Etext before announcement
+can get to them as follows, and just download by date. This is
+also a good way to get them instantly upon announcement, as the
+indexes our cataloguers produce obviously take a while after an
+announcement goes out in the Project Gutenberg Newsletter.
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+http://www.ibiblio.org/gutenberg/etext03 or
+ftp://ftp.ibiblio.org/pub/docs/books/gutenberg/etext03
+
+Or /etext02, 01, 00, 99, 98, 97, 96, 95, 94, 93, 92, 92, 91 or 90
+
+Just search by the first five letters of the filename you want,
+as it appears in our Newsletters.
+
+
+Information about Project Gutenberg (one page)
+
+We produce about two million dollars for each hour we work. The
+time it takes us, a rather conservative estimate, is fifty hours
+to get any etext selected, entered, proofread, edited, copyright
+searched and analyzed, the copyright letters written, etc. Our
+projected audience is one hundred million readers. If the value
+per text is nominally estimated at one dollar then we produce $2
+million dollars per hour in 2001 as we release over 50 new Etext
+files per month, or 500 more Etexts in 2000 for a total of 4000+
+If they reach just 1-2% of the world's population then the total
+should reach over 300 billion Etexts given away by year's end.
+
+The Goal of Project Gutenberg is to Give Away One Trillion Etext
+Files by December 31, 2001. [10,000 x 100,000,000 = 1 Trillion]
+This is ten thousand titles each to one hundred million readers,
+which is only about 4% of the present number of computer users.
+
+At our revised rates of production, we will reach only one-third
+of that goal by the end of 2001, or about 4,000 Etexts. We need
+funding, as well as continued efforts by volunteers, to maintain
+or increase our production and reach our goals.
+
+The Project Gutenberg Literary Archive Foundation has been created
+to secure a future for Project Gutenberg into the next millennium.
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+As of November, 2001, contributions are being solicited from people
+and organizations in: Alabama, Arkansas, Connecticut, Delaware,
+Florida, Georgia, Idaho, Illinois, Indiana, Iowa, Kansas, Kentucky,
+Louisiana, Maine, Michigan, Missouri, Montana, Nebraska, Nevada, New
+Jersey, New Mexico, New York, North Carolina, Oklahoma, Oregon,
+Pennsylvania, Rhode Island, South Carolina, South Dakota, Tennessee,
+Texas, Utah, Vermont, Virginia, Washington, West Virginia, Wisconsin,
+and Wyoming.
+
+*In Progress
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+We have filed in about 45 states now, but these are the only ones
+that have responded.
+
+As the requirements for other states are met, additions to this list
+will be made and fund raising will begin in the additional states.
+Please feel free to ask to check the status of your state.
+
+In answer to various questions we have received on this:
+
+We are constantly working on finishing the paperwork to legally
+request donations in all 50 states. If your state is not listed and
+you would like to know if we have added it since the list you have,
+just ask.
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+While we cannot solicit donations from people in states where we are
+not yet registered, we know of no prohibition against accepting
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+to
+donate.
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+deductible, and don't have the staff to handle it even if there are
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+fundraising
+requirements for other states are met, additions to this list will be
+made and fundraising will begin in the additional states.
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+(Three Pages)
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+
+
+
+
+
+
+Aus der Chronika eines fahrenden Schülers (Zweite Fassung)
+
+Clemens Brentano
+
+
+
+Vorwort
+
+Vor funfzehn Jahren machte es mir Freude, die folgende einfache
+Geschichte niederzuschreiben. Sie sollte nur die Einfassung mehrerer
+schöner altdeutschen Erzählungen sein, die sie mit mancherlei
+Ereignissen aus dem Zusammenleben des alten Ritters Veltlin von
+Türlingen und seiner drei Töchter unterbricht, mit deren Versorgung
+und der Abreise des Erzählers sie schließt. So lieb ich das Gedicht
+hatte, blieb es doch unterbrochen; der Sinn der Leser schien dazu zu
+fehlen. Jetzt, da diese Erzählung mehr, ja selbst die altdeutschen
+Röcke vor sich hat, fiel sie mir wieder in die Hände, und ich
+versuche es, sie den Lesern vorzulegen mit der Erinnerung, daß sie zu
+pädagogischen Zwecken entworfen worden, als ich von der sogenannten
+Romantik noch wenig wußte, und daß sie daher neben den allerneuesten
+Ritterromandichtern in ihrer redseligen Einfalt um Schonung bittet.
+Sollte dem Leser, durch Eisenfresserei und Isländisches Moos verwöhnt,
+diese Geschichte wie unsre deutsche Kamillen--und Hollunderblüte
+nicht behagen, so bringe er sie einem kranken Freunde oder Mägdelein,
+denen sie Gott gesegnen möge!
+
+
+
+Im Jahr, da man zählte nach Christi, unsers lieben Herrn, Geburt 1358,
+am zwanzigsten Tage des Maimonats, hörte ich, Johannes, der
+Schreiber, die Schwalbe in der Frühe an meinem Kammerfenster singen
+und ward innigst von dem Morgenlied des frommen Vögeleins erbauet,
+bedachte auch auf meinem Bettlein, wie die Schwalbe in daurender
+Freude lebet, gegen den Winter in ferne wärmere Länder ziehet und,
+der Heimat getreu, gegen den Frühling wiederkehrt; also nicht der
+Mensch, der arme fahrende Schüler, der wohl viel gegen Sturm und
+Wetter ziehen muß, ja der oft kein Feuer findet, die erstarrten Hände
+zu erwärmen, daß er sie falte zum Gebet; aber so er es ernstlich
+meinet, haucht er hinein.
+
+Da ich in solchen Betrachtungen versunken war und das Schwälblein
+auch auf seine Weise fortphantasierte, wäre ich schier wieder
+eingeschlummert, aber der Wächter auf dem Münster blies: "In süßen
+Freuden geht die Zeit", welches ich hier noch nie gehöret; denn ich
+war zum ersten Male in Straßburg erwacht.
+
+Nun richtete ich mich in meinem Bettlein auf, und schaute in meinem
+Gemache umher; das hatte aber Fenster rings herum und war in einem
+Sommerhäuslein des Gartens. Links stand der Mond noch blaß am Himmel,
+und rechts war der Himmel wie das lauterste Gold. Da fand ich mich
+zwischen Nacht und Tag und faltete die Hände, und es fiel mir freudig
+aufs Herz, daß heute mein zwanzigster Geburtstag sei, und wie mir es
+viel besser geworden als in dem letzten Jahre, da ich meinen lieben
+Geburtstag auf freiem Felde in einem zerrissenen Mäntelein empfangen
+und mit einem Bissen Almosenbrot bewirten mußte. O Freude und Ehre!
+dachte ich bei mir selbst und schaute zum Morgenlichte hin und sprach:
+"Du bist mein Licht, du wirst mein Tag!", glaubte auch schier in
+meiner Einfalt, der Himmel sei golden um meines Besten willen, die
+Schwalbe habe nur gesungen, mir Glück zu wünschen, und der Türmer
+habe allein so lieblich geblasen mir zur Feier; da der Himmel sich
+doch nur gerötet vor der Sonne, die der Herr gerufen, da die Schwalbe
+doch nur gesungen in Gottes Frühlingslust, und der Wächter nur
+geblasen zu Gottes Ehren, ja wohl gern noch ein Stündlein geschlafen
+hätte, so es ihm von den Münsterherren verstattet wäre. Also wird
+der Mensch leicht übermütig in der Freude, und glaubet, er sei recht
+der Mittelpunkt aller Dinge, und sei er mit allem gemeint. Da ließ
+ich die Augen fröhlich in der Kammer umherschweifen, und sah auf dem
+Schemel ein neues Gewand liegen, das mir mein gütiger Herr und Ritter
+Veltlin von Türlingen am Abend im Dunkeln hatte herauftragen lassen,
+und konnte ich meine Begierde nun nicht länger zurückhalten, sprang
+auf von meinem Lager, und legte diese Kleider nicht ohne Tränen des
+Dankes an. Es war dies aber ein feines blaues Wams, um die Lenden
+gefaltet und gestutzet, und rot und weißes Beinkleid von ländschem
+Tuch, auch stumpfe Schuh und eine schwarze Kogel mit einer blauen
+Feder, nicht zu vergessen ein Hemmet von weißem Hauslinnen, am Halse
+bunt genäht und gekrauset, dergleichen ich vorher nie getragen. Da
+ward es mir fast leicht und fröhlich zumute, und hätte ich wohl mögen
+einen Sprung tun, als hätte ich einen neuen Menschen angezogen mit
+dem neuen Kleide.
+
+Aber meine Hoffart währte nicht lange; denn mein zerrissenes
+Mäntelein, welches ich als einen Vorhang vor das Fenster gehängt
+hatte, erleuchtete sich durch die aufgehende Sonne, und alle seine
+Löcher waren so viele Mäuler und alle seine Fetzen so viele Zungen,
+die mich meiner törichten Hoffart zeihten. Es war, als sage das
+Mäntelein zu mir: "O Johannes, bist du ein so eitler Kaufherr, daß du,
+angelanget in den Hafen, des zerrissenen Segels vergißt, das dich in
+denselben geführet? Johannes, bist du ein so stolzer Schiffbrüchiger,
+daß du das Brett, welches dich mit Gottes Hülfe an ein grünes Eiland
+getragen, mit dem Fuße undankbar in die Wellen zurückstößest? O
+Johannes, du undankbarer Freund, willst du, gerettet, mich nicht auf
+deinen Schultern in ein Gotteshaus tragen und aufstellen als ein
+Gedächtnis, daß sich Gott deiner erbarmet?"
+
+Ach, das waren wohl harte und wahre Worte meines Mänteleins, und ich
+nahm es mit Schämen von dem Fenster, und legte es um über meinen
+neuen Staat, und faßte es fest mit den Händen um die Brust, als
+wollte ich es um Verzeihung bitten, und ging mit dem Gedanken die
+Treppe hinab in den Garten: Wenn ich ein armer fahrender Schüler
+gewesen bin, so werde ich immer ein armer fahrender Schüler bleiben;
+denn auf Erden sind wir alle arm und müssen mannigfach mit unserm
+Leben herumwandeln, und lernen, und bleiben doch arme Schüler, bis
+der Herr sich unser erbarmet, und uns einführet durch seinen bittern
+Tod in das ewige Leben.
+
+Da ich nun in den Garten gekommen war, den ich vorher auch noch nicht
+gesehen--denn mein gnädiger Herr und Ritter war den Abend spät mit
+mir angekommen und ich im Finstern in mein Stüblein gebracht worden--,
+konnte ich vor Staunen und Betrachten der neuen Dinge um mich her
+auch nicht zum Gebete kommen. Ich fand mich von den schönen
+Laubgängen, Zierfeldern und Pflanzen und den blühenden Bäumen schier
+ebenso sehr überraschet als von meinem neuen Gewande. Ich fand mich
+gleich einem neugebornen Kinde, welches mit allem spielet, und noch
+nicht beten kann, und erst nach einiger Erfahrung in der Süßigkeit
+des Lebens seine Hände zum Danke falten lernet. Der blühende Mal,
+das lustige Singen der Vögel, die vielen jungen Kräuter und Blümlein,
+die mit Taublicken vor der Sonne erwachten, der kühle Wasserstrahl,
+welcher in einem mit bunten Kieseln und Muscheln ausgelegten Brunnen
+tanzte, schienen mir alle so neu und wunderbar, als hätte ich
+dergleichen niemals gesehen, und wußte ich auch nicht, was aus allem
+diesem werden sollte.
+
+So wie die lieben Kinder durch die Blumen gehen und sie brechen, und
+Kränze winden und sich bei den Händen fassen und mit den Kränzen im
+Kreise tanzen, gleichsam selbst ein lebendiger Blumenkranz; wie sie
+aber nicht gedenken der Frucht im treibenden Sommer, und der Ernte im
+reichen Herbst, und des Todes in dem trüben, tiefsinnigen Winter:
+also wandelte auch ich armer Schelm wie ein einfältiges Kind ohne
+Witz durch den Garten und konnte vor großer Bewegung über mein neues
+Glück, das mir gestern früh noch nicht geträumt hatte, nicht zum
+Gebete gelangen.
+
+Mein freudiges Erstaunen wollte aber nicht lange dauern; denn als ich
+meine Augen ersättiget hatte, ward es mir als einem Hungrigen, der
+sich ohne Gebet zu einer reichlichen Mahlzeit gesetzet hat, welche
+ihm Gott darum nicht gesegnet. Alle das häusliche, wohlgepflegte
+Behagen des schönen Ziergartens erfüllte mich mit traurigen Gedanken,
+und die Armut, die Einsamkeit meines eigenen Lebens trat mir in
+dieser reichen Umgebung zum erstenmal recht lebendig vor die Seele.
+Was mag trauriger sein als das Bild eines Bettlers, auf goldnem
+Grunde gemalet?
+
+"O meine Mutter", sagte ich mir, "wer war sanfter und schöner, und
+feiner und edler als du, wer war würdiger, zwischen Blumen zu wandeln,
+als du, die wohl ihre Schwester und Gespielin sein konnte? Standen
+die Tränlein nicht auf den Wangen wie die Tautröpflein auf diesen
+Rosen, gingst du nicht durch den Wald wie ein Lüftlein durch die
+Blüten, und waren deine Augen nicht getreu und süß schauend wie die
+blauen Veilchen, deine Lippen nicht wie die rosinfarbenen Nelken, und
+flog dein gelbes Haar nicht wie der Sonnenschein? Aber du mußtest
+gehen wie Hagar mit deinem Ismael durch die Dornen in der Wüste. Ach,
+warum ward nicht dir so ein Garten und so ein Haus, und warum
+wohnest du zwischen fünf Brettern und zwei Brettlein und bist deines
+Lebens nicht froh geworden noch deines Todes? Sie haben dir keinen
+Kranz geflochten. Mir aber ist nichts geblieben als deine Zucht, und
+ich kann dein nicht gedenken in Freuden, denn mir gehöret nichts als
+die Armut, und ich habe keinen Säckel, aus dem ich dir das schönste
+Grab könnte erbauen lassen von Marmelstein und Gold."
+
+Wie traurig ward ich da und wendete meine Augen von allem, was ihnen
+wohlgefiel, und wollte nichts anschauen, weil sie es nicht mit mir
+sehen konnte, weil sie ihre Augen nie mit so erlaubter Lust erquicken
+konnte. Auch fiel es mir bittrer noch auf die Seele, daß ich eines
+Ritters Sohn sei, ohne Wappen und ohne Waffen. Tränen füllten mir
+die Augen, und Unwill erfüllte meinen ganzen Leib, der in dem neuen
+geschenkten Gewand zu brennen schien, und ich spannte mein enges,
+durchlöchertes Mäntelein so um mich, daß es noch mehr zerrissen.
+
+So schritt ich, als suche ich die Wildnis, nach einem einsamem
+ungepflegten Teile des Gartens, und kaum stand ich im hohen Gras
+unter hohen Linden, so konnte ich schon nicht mehr begreifen, wie
+dieser innre Schmerz und Zorn in mich zum ersten Male in meinem Leben
+gekommen sei, und gegen die Mauer des Gartens schreitend, sah ich an
+derselben in einem tiefen Bogenraum ein Heiligenhäuslein angebracht,
+darinnen war wohlvergittert ein buntgemaltes Schnitzwerk, die
+Anbetung der heiligen drei Könige im Stall zu Bethlehem, aufgestellt.
+Davor kniete ich nieder ins Gras und betete von ganzem Herzen. Da
+zerrann bald all mein Leid und meine Hoffart vor dem Sohne Gottes,
+der nackt und arm in einer Krippe vor mir lag, und dem doch die
+Könige dienten. Wie fühlte ich mich in meiner Ungebärdigkeit
+beschämt! Und da ich mich mit Tränen angeklagt hatte, dankte ich von
+ganzem Herzen dem Herrn, daß er mich armen fahrenden Schüler nicht
+vergessen, und mich durch seine Barmherzigkeit zu meinem gnädigen
+Herrn und Ritter gebracht, gelobte auch, ferner mich aller Hoffart zu
+enthalten und die Künste, welche ich durch seinen Beistand mit
+schwachen Sinnen erlernet, zur Mehrung seines Reiches auf Erden treu
+anzuwenden.
+
+Da ich nun nach solchem Gebete einen merklichen Trost in meinem
+Herzen spürte, nahm ich ein gülden gewirktes Band, worauf das Ave
+Maria stand, aus meinem Gebetbüchlein, und hängte es, durch das
+Gitter langend, dem Bilde der Jungfrau Maria über den Arm, als das
+Opfer eines törichten Menschen, der vor ihrem Sohne betend Trost
+gefunden hatte. Dieses Band aber war mir das Liebste, was ich hatte.
+Eine fromme Klosterfrau, meiner selgen Mutter Befreundte, hatte es
+mir einst für ein Lied, das ich ihr gedichtet und gesungen,
+geschenket, und war es zu Marburg an St. Elisabethen Grab angerühret
+worden; ich aber hatte es bisher als einen Blattzeiger in meinem
+Gebetbüchlein geführet. Dann nahm ich auch mein Mäntelein ab, und
+rollte es zusammen in einen langen Wulst und flocht es durch die
+obern Stäbe des Gitters vor dem Bilde, als einen aufgerollten Vorhang,
+zum Gedenken meiner zeitlichen Armut, welche durch Gott sich in
+Freud und Fülle gewandelt hatte. Nun wendete ich mich nach dem
+Garten zurück, der mir ganz anders erschien als vorher.
+
+So mag nichts vor dem Gemüte des Menschen bestehen, welches alles
+nach sich umgestaltet. Jetzt, da ich gebetet hatte, erschienen mir
+alle die roten, leibfarben und weißen Blümlein des Gartens jene
+Blumen, durch die der König Ahasverus in seinem Schloßgarten zu Süsan
+gewandelt, seines Zornes zu vergessen. Ja, es war mir, als sei der
+liebe Gott durch diese Blumen gegangen und habe seinen gerechten Zorn
+über meine Ungebärde hier an der Lieblichkeit seiner Werke
+gesänftiget; denn hier an diesem ersten Morgen meines zwanzigsten
+Jahres ist mir vieles Licht in der Seele aufgegangen, und ist mir der
+Frühling ein weiser Lehrer geworden.
+
+Besonders aber hat mich der hohe Münsterturm erschüttert, als ich aus
+einem schattichten Baumgang hervortrat und ihn über die Dächer der
+Nachbarhäuser auf mich niederschauen sah. War mir es doch im Anfang
+so bange vor ihm, wie es einer Grasmücke sein muß, wenn ein Riese den
+Busch über ihrem Neste öffnet und auf sie niederblickt. Alles
+Menschenwerk, so es die gewöhnlichen Grenzen an Größe oder Vollendung
+überschreitet, hat etwas Erschreckendes an sich, und man muß lange
+dabei verweilen, ehe man es mit Ruhe und Trost genießen kann.
+
+Ich habe dieses aber nicht allein bei dem Anblick dieses
+schwindelhohen Turmes empfunden, sondern auch bei gar lieblichen und
+feinen Werken, von welchen ich nur nennen will die überaus feinen und
+natürlichen Gemälde des Malers Wilhelm in Köln, der von den Meistern
+als der beste Meister in allen deutschen Landen geachtet wird, denn
+er malet einen jeglichen Menschen von aller Gestalt, als lebe er.
+Die Werke dieses Wilhelms aber, die ich zu Köln gesehen, sind
+dermaßen zart, fein, scharf und lebendig, daß man schier glauben
+sollte, sie seien von Händen der Engel gemacht, und erbebet man bei
+ihrem Anblick, weil sie zu leben scheinen und doch nicht leben. Man
+fühlet da wohl, daß der Mensch etwas sein und schaffen kann, was viel
+herrlicher ist als sein gewöhnliches Sein und Schaffen, und man
+erschrickt darüber, daß diese Herrlichkeit so fremd und selten ist;
+daher wohl eine Menge Sprossen auf der Leiter zu dieser
+Vollkommenheit wo nicht fehlen, doch unsichtbar sein müssen und wir
+alle wohl tief herunter geworfen sind.
+
+Die gewaltige Künstlichkeit des wunderwürdigen Münsterturms hätte
+mich beinahe wieder niedergeschlagen; denn ich bedachte mit
+Verwunderung, wie ich doch unter den hohen Eichen, in finstern
+Wäldern, auf hohen Bergen, an steilen Abgründen und bei stürzenden
+Wasserfällen in einsamen Tälern recht in Einöde, ja ganz verlassen,
+auch wohl gar hungrig gesessen und mich doch nicht so bewegt gefühlt
+als bei dem Anblick dieses Turmes. Wenn ich die Blätter und Zweige
+der Bäume betrachte, so frage ich nicht, wie sie da hinauf gekommen,
+und erschrecke nicht, wenn sie sich hin und her bewegen mit Rauschen;
+aber wenn ich diesen wunderbaren Turm anschaue mit seinen vielen
+Türmlein, Säulen und Schnörkeln, die immer auseinander heraustreiben
+und durchsichtig sind wie das Gerippe eines Blattes, dann scheint er
+mir der Traum eines tiefsinnigen Werkmeisters, vor dem er wohl selbst
+erschrecken würde, wenn er erwachte und ihn so fertig vor sich in den
+Himmel ragen sähe; es sei denn, daß er auf sein Antlitz niederfiele
+und ausriefe: "Herr, dies Werk ist nicht von mir in seiner
+Vollkommenheit, du hast dich nur meiner Hände bedienet, mein ist
+nichts daran als die Mängel, diese aber decke zu mit dem Mantel
+deiner Liebe, und lasse sie verschwinden im Geheimnis deiner Maße."
+Keiner aber hat dieses wohl erlebet, keiner hat einem solchen Werke
+seiner Erfindung die Krone aufgesetzet, ganze Geschlechter sind von
+den Baugerüsten herabgestiegen und haben sich zu Ruhe in die Gräber
+zu den Füßen des Turmes gelegt, der nichts davon weiß, und dasteht
+ernst und steinern, der kein Herz und keinen Verstand hat, ja
+eigentlich ein recht unvernünftiger Turm ist, und doch dasteht, als
+wäre er aus sich selbst hervorgewachsen und brauche es keinem
+Menschen zu danken. Dieser gewaltige Ausdruck der Erhabenheit aber
+in einem solchen Werke, an welchem die Weisheit und Mühe und Andacht
+von Jahrhunderten an unendlichen Linien des Gesetzes, des
+Verhältnisses, der Not und der Zier mit halsbrechender Kühnheit
+hinangeklommen, um auf dem Gipfel dem Herrn zu lobsingen, verbunden
+mit seinem eigentlichen inneren Tode, so daß er, der alles durch sein
+Dasein im tiefsten Herzen rühret, doch gar nichts davon mitempfindet,
+das ist es, was seinem Anblick und der Erscheinung aller gewaltigen
+Menschenwerke einen Schrecken beimischet. Es ist, als frage er: Was
+bin ich, und warum bin ich, und was ist es, das dich also rühret in
+mir? Was können wir ihm aber anderes antworten als: Die Werke des
+Herrn sind unbegreiflich, er treibt uns, zu bauen und schaffen über
+das Leben hinaus, denn wir waren unsterblich und vollkommen, und wir
+sind gefallen in den Tod durch die Sünde; du Turm aber stehe, als ein
+Zeuge, daß wir dunkel fühlen, was wir waren vor dieser Zeit, und daß
+wir noch ringen nach unendlichem Ziel; so stehe du dann als ein
+Träger unsrer Mühe und unsrer Buße zu Ehren unsres Heilands und
+Seligmachers Jesu Christi, der uns erlöset hat durch sein bittres
+Leiden und Sterben. Amen.
+
+Also gedachte ich in mir, und wenngleich umgeben von lebenden Bäumen
+und Blumen, in welchen, wie selbst in den harten Felsen, eine Seele
+zu wohnen scheint, welche mit dem Menschen atmet und fühlet, im
+Frühling sich mit ihm freuet, und im Winter mit ihm trauert, konnte
+ich doch meine Augen nicht von dem Turme wenden. Der Sinn des
+Menschen strebet immer nach dem Unbegreiflichen, als sei dort das
+Ziel der Laufbahn und der Schlüssel des Himmels; denn bewundern kann
+der Mensch allein, und alles Bewunderung Erregende ist ein Bote
+Gottes, der uns mahnet an das Licht, das wir verloren, und das uns
+wieder verheißen ist durch das Blut Christi, so wir uns dessen
+teilhaftig machen. Also ist mir auch immer alle meine Drangsal
+erschienen als eine Sehnsucht nach einem bessern Leben, und alle
+meine bittern Stunden waren nur die kalten, stürmenden Tage des
+Winters, denen der liebliche Frühling, angekleidet mit Blumen und
+Gesang, folget, so ich säe guten Samen und fülle meine Seele mit dem
+Lobe Gottes.
+
+In solchen Betrachtungen wollte ich wieder nach dem Sommerhäuslein
+gehn, sah aber meinen gnädigen Herrn und Ritter gar tiefsinnig mit
+gefalteten Händen unter einem Baume im Sonnenschein sitzen, und
+traute nicht, ihm vorüberzugehen, damit ich ihn nicht störe. Ich
+stellte mich darum in seiner Nähe bescheidentlich an die Laubwand,
+und nahm mein Barett in die Hände, erwartend, ob er seine Augen
+vielleicht nach mir wenden möge.
+
+Der Anblick meines Herrn erweckte eine große Ehrfurcht in mir. Ich
+hatte ihn gestern nicht recht gesehen, denn es dunkelte schon, da er
+mich am Wege barmherzig zu sich nahm. Er hatte ein schneeweißes Haar
+am Haupt und Bart, und mochten wohl viele Sorgen über ihn hingeflogen
+sein. Ich erinnerte mich, nie einen so frommen alten Ritter gesehen
+zu haben, der mit seinem ernsten und milden Antlitz ein solches
+Vertrauen in mein Herz senkte. Gott gebe, daß ich also in Ehren grau
+werden möge! dachte ich bei mir und fühlte mich mit ganzer Seele zu
+dem lieben Herrn hingezogen. Er aber schien sehr betrübt zu sein,
+seufzte auch oft und tief, und die kleinen Vöglein, die über ihm in
+dem Baume so lustig sangen, konnten ihn nicht trösten.
+
+Da ich so eine Weile nach ihm hingesehen hatte, wendete er die Augen
+zufällig zu dem Orte, an dem ich stand, und redete mich freundlich an
+mit den Worten: "Wie ist dir, Johannes, daß du so stille dastehest?"
+Worauf ich ihm entgegnete: "Ich wollte Eure Ruhe nicht stören, Herr;
+Ihr scheinet mir in schweren Gedanken."
+
+Der Ritter aber sprach hierauf: "Johannes, wie gefällt dir deine neue
+Heimat; bist du zufrieden bei mir?"
+
+Da sagte ich: "Herr, sollte ich nicht froh sein? Da ich nun weiß, wo
+schlafen und wo Brot finden und wem dienen um des Herren willen, da
+weiß ich nun auch, wen lieben, wem danken außer Gott, und für wen
+beten außer für mich. Herr, meine neue Heimat gefällt mir wohl; Gott
+gebe, daß ich auch ihr wohlgefalle, und ihrer würdig werde." Da
+lächelte der Ritter und sprach: "Johannes, wenn dir deine Worte ernst
+sind, so werden wir gute Gesellen sein, denn deine Rede gefällt mir
+wohl. Aber was willst du tun, mir wohlzugefallen; was willst du mir
+geben, da du nichts hast?"
+
+Hierauf erwiderte ich: "Herr, ich bleibe Euer Schuldner vor der Welt,
+denn ich kann Euch kein Wams geben für das Wams, das ich durch Eure
+Gnade trage; aber vor Gott gebe ich Euch einen guten Zahlmann, denn
+vor ihm schenke ich Euch mein Herz."
+
+Da versetzte der Ritter scherzhaft: "Wenn ich dir nun auch mein Herz
+geben wollte für das deinige, so behielt ich doch das Wams zugute;
+wie dann, Johannes?"
+
+Worauf ich entgegnete: "Herr, Ihr rechnet so gestreng, als wolltet
+Ihr mich versuchen in Gegenrechnung, und so muß ich dann schon sagen,
+daß mein Herz gewiß nicht Wert hat gegen das Eure, welches geprüfet
+ist durch lange Jahre, da das meinige arm ist und ohne Verdienst, ja
+da ihm alles Gute, was es gewollt hat, nicht zugute kömmt, da es
+keinen Wert hat, den es Euch mit sich geben kann, weil der Glaube an
+die Barmherzigkeit des Heilands nicht mit dem Herzen geschenkt werden
+kann und dieser Glaube allein doch ein Herz zu beseligen und selig zu
+machen vermag. So nehmt es denn hin, wie es ist, und füget hinzu,
+was man nicht mitgeben kann. Doch habe ich noch eine Gabe, deren ich
+Euch genießen lassen will, und die Ihr mir nicht so leicht einholen
+sollet; denn sie ist rasch und fliehet davon, auch werdet Ihr sie mit
+allem Ernste nicht leicht verdrängen mögen; denn sie ist lieblich und
+lustig anzuschauen, und könnte ich sie Euch wirklich zu eigen geben,
+so würdet Ihr sie nicht gerne wieder lassen, eine also gute Gesellin
+ist sie."
+
+Mein Herr, der sehr ernst geworden war, sagte hierauf, traurig vor
+sich niederschauend: "Und was ist das vor ein Kleinod, Johannes, mit
+dem du so prahlest?"
+
+Da erwiderte ich: "Herr, es ist meine Jugend; deren will ich Euch
+genießen lassen, wie ich kann. Damit Ihr Euer Alter vergesset bei
+mir, will ich Euch erfreuen mit mancherlei fröhlichen Reden und
+Gedanken."
+
+Aber was ich da zuletzt gesprochen hatte, war wohl töricht und ein
+schlechter Anfang meiner versprochenen erfreulichen Reden; denn mein
+gnädiger Herr ward nun sehr stille und finster. Weil ich ihn an sein
+Alter erinnert hatte, glaubte ich. Da redete ich ihn schüchtern an:
+"Herr, ich habe Euch mit törichten Worten erzürnet."
+
+Er aber sprach: "Das hast du nicht getan, Johannes, du hast die
+Wahrheit gesprochen, aber mir ist schwerer aufs Herz gefallen, was
+mir lange schon darauf liegt, mein Unwert. Nun aber bedenke ich, ob
+dein fröhlicher Mut mir wohl diese Last von der Brust nehmen wird;
+aber das mag wohl nicht sein; hast du mich nicht gefunden hier im
+Grünen, in einem lustigen Garten, von der lieben Sonne beschienen,
+und angesungen von den unschuldigen Vögelein, nachdenklich und
+betrübt? Wirst du können, was der Frühling nicht vermag? So du aber
+Künste gelernt hast, die ich nicht besitze, so wirst du mein
+Schuldner nicht bleiben, wenn ich gleich selbst ewig Gottes Schuldner
+bleibe. Setze dich zu mir und sage mir treulich, wie du zur Armut
+gekommen bist im Guten, und wie es sich mit dir begeben, bis ich dich
+gestern an der Eiche gefunden habe im Blobsheimer Wald, und dann
+sollst du ebenfalls von mir hören, warum ich betrübt bin."
+
+Da ich die große Freundlichkeit meines Herrn aus dieser Rede
+vernommen hatte, faßte ich einen guten Mut, setzte mich zu ihm unter
+den Baum, und sprach also: "Mein gnädiger Herr und Ritter, es gibt
+keinen ehrlicheren Weg ins Leben als die Geburt, denn unser Heiland
+ist ihn auch gewandelt, und so gibt es auch keinen ehrlicheren Weg
+zur Armut, als in ihr geboren zu sein, denn auch unser Heiland ward
+in ihr geboren, und so kam ich zur Armut, als ich zur Welt kam. Aber
+ich bin doch nicht lang arm geblieben; denn ich fand eine
+unaussprechlich liebe Mutter; die ließ mich an ihrem Herzen
+schlummern, und sah auf mich nieder mit sorgenden Liebesblicken, und
+weckte sie mich nicht mit ihren Tränlein, die auf mich niederfielen,
+so weckte sie mich mit Küssen, und ließ mich ihr eignes Leben aus
+ihren Brüsten trinken; o Herr, war ich nicht reich, wer ist reicher
+als ein neugebornes Kindlein?--Ja, ich war so reich, daß ich meiner
+lieben Mutter Freud und Leid verdoppeln konnte, was Ihr wohl aus
+einem Liede vernehmen werdet, das meine Mutter oft sang, wenn sie
+mich in frühster Jugend einschläferte, und habe ich es nach ihrem
+Tode in ihrem Gebetbüchlein liegend gefunden; es ist aber gestellt,
+bald als rede ein Kindlein zur Mutter, bald die Mutter zu ihm; nun
+höret:
+
+
+O Mutter, halte dein Kindlein warm,
+Die Welt ist kalt und helle,
+Und trag es fromm in deinem Arm
+An deines Herzens Schwelle.
+
+Leg still es, wo dein Busen bebt,
+Und, leis herab gebücket,
+Harr liebvoll, bis es die äuglein hebt,
+Zum Himmel selig blicket.-Und weck ich dich mit Tränen nicht,
+So weck ich dich mit Küssen;
+Aus deinem Aug mein Tag anbricht,
+Sonn, Mond dir weichen müssen,
+
+O du unschuldger Himmel du!
+Du lachst aus Kindesblicken,
+O Engelsehen, o selge Ruh,
+In dich mich zu entzücken!
+
+Ich schau zu dir so Tag als Nacht,
+Muß ewig zu dir schauen,
+Und wenn mein Himmel träumend lacht,
+Wächst Hoffnung und Vertrauen.
+
+Komm her, komm her, trink meine Brust,
+Leben von meinem Leben;
+O, könnt ich alle fromme Lust
+Aus meiner Brust dir geben!
+
+Nur Lust, nur Lust, und gar kein Weh,
+Ach, du trinkst auch die Schmerzen;
+So stärke Gott in Himmelshöh
+Dich Herz aus meinem Herzen!
+
+Vater unser, der du im Himmel bist,
+Unser täglich Brot gib uns heute,
+Getreuer Gott, Herr Jesus Christ,
+Tränk uns aus deiner Seite.-Du strahlender Augenhimmel du,
+Du taust aus Mutteraugen,
+Ach Herzenspochen, ach Lust, ach Ruh,
+An deinen Brüsten saugen!
+
+Ich schau zu dir so Tag als Nacht,
+Muß ewig zu dir schauen;
+Du mußt mir, die mich zur Welt gebracht,
+Auch nun die Wiege bauen.
+
+Um meine Wiege laß Seide nicht,
+Laß deinen Arm sich schlingen,
+Und nur deiner milden Augen Licht
+Laß zu mir niederdringen.
+
+Und in deines keuschen Schoßes Hut
+Sollst du deine Kindlein schaukeln,
+Daß deine Kinder, so lieb, so gut,
+Wie Träume mich umgaukeln.
+
+Da träumt mir, wie ich so ganz allein
+Gewohnt dir unterm Herzen;
+Da waren die Freuden, die Leiden dein
+Mir Freuden auch und Schmerzen.
+
+Und ward dir dein Herz ja allzu groß,
+Und hattest nicht, wem klagen,
+Und weintest du still in deinen Schoß,
+Half ich dein Herz dir tragen.
+
+Da rief ich: Komm, lieb Mutter, komm!
+Kühl dich in Liebeswogen!
+Da fühltest du dich so still, so fromm
+In dich hinabgezogen.
+
+So mutterselig ganz allein
+In deiner Lust berauschet,
+Hab ich die klare Seele dein,
+Du reines Herz, belauschet.
+
+Was heilig in dir zu aller Stund,
+Das bin ich all gewesen;
+Nun küß mich, süßer Mund, gesund,
+Weil du an mir genesen.
+
+O selig, selig ohne Schuld,
+Wie konnt ich mit dir beten;
+O wunderbare Ungeduld,
+Ans scharfe Licht zu treten!
+
+O Mutter, halte dein Kindlein warm,
+Die Welt ist kalt und helle,
+Und trag es fromm, bist du zu arm,
+Hin an des Grabes Schwelle.
+
+Leg es in Linnen, die du gewebt,
+Zu Blumen, die du gepflücket,
+Stirb mit, daß, wenn es die äuglein hebt,
+Im Himmel es dich erblicket.
+
+So lallt zu dir ein frommes Herz,
+Und nimmer lernt es sprechen,
+Blickt ewig zu dir, blickt himmelwärts
+Und will in Freuden brechen.
+
+Brichts nicht in Freud, brichts doch in Leid,
+Bricht es uns allen beiden.
+Ach, Wiedersehen geht fern und weit,
+Und nahe geht das Scheiden!
+
+
+Als ich das Lied ganz hergesagt, waren ich und mein Herr Ritter ein
+bißchen stille. Dann hob er an und sprach: "Du hast recht, lieber
+Johannes, du warst recht reich, eine so liebe Mutter auf Erden zu
+finden; das ist ein schönes Lied, aber es ist auch viel Trauer darin;
+wer hat es denn also gesetzet, daß es am Ende so schmerzlich vom
+Scheiden spricht?"
+
+Da sagte ich: "Mein Vater hat es gesetzt, als ich noch nicht geboren
+war, da er von meiner Mutter scheiden mußte, und hat sie ihn nie
+wiedergesehn, und kenne ich ihn auch nicht." Da brachen mir die
+Tränen aus, aber mein gnädiger Herr fuhr mir freundlich mit der Hand
+über das Haupt und sagte: "Sei wohlgemut! Ich will dein Vater sein,
+das reicht auf Erden hin, Gott gebs!" Da küßt ich ihm die Hand und
+fuhr fort: "Ach, Herr Ritter, solcher Reichtum an einer so lieben
+Mutter war noch nicht genug; denn gute Leute nahmen mich auf ihre
+Arme und trugen mich in die Kirche; da ward ich durch die heilige
+Taufe aufgenommen unter die Kinder Gottes und ward gereinigt von
+aller Sünde und ward teilhaftig der Versühnung unseres Herrn Jesu
+Christi. Da ward ich erst reich über alle Maßen, da hatte ich das
+ewige Leben und den Schlüssel des Himmels geschenket. Dann aber auch
+ward mir gegeben viele irdische Herrlichkeit, und was zum Leben nötig
+und lustig ist; denn ich ward gelehret, daß der Glanz der Sonne all
+mein Gold sei, der Spiegel der Flüsse all mein Silber, die grünen
+Wiesen mit ihren Blumen all meine Teppiche und Tapezereien, der
+Himmel mit seinen blauen gestirnten Gewölben und der grüne hohe Wald
+alle meine Gebäude und Hallen; ja endlich bin ich so reich geworden,
+daß mir die ganze Welt offen stand, und alle guten Menschen meine
+Diener warden, zu denen ich sprechen durfte: Gib mir dies, gib mir
+jenes; und hatte ich auch keinen Herrn, als den Herrn aller Herren,
+den lieben Gott, der mir das Leben zu einem Leben gegeben, und in
+dessen Hände ich es, so der heilige Geist seine Gnade verleiht, und
+mein Herr Jesus sich meiner erbarmt, ohne große Makel zurückzugeben
+hoffe, und habe ich mir zum Spruche auf mein Schild erwählt--denn ich
+bin eines Ritters Sohn--:
+
+
+Der Himmel ist mein Hut,
+Die Erde ist mein Schuh,
+Das heilge Kreuz ist mein Schwert,
+Wer mich sieht, hat mich lieb und wert."
+
+
+Da lächelte Herr Veltlin und sprach: "Dein Hut ist besser als deine
+Schuh, die wirst du dir bald ablaufen, aber dein Schwert ist das
+mächtigste auf Erden und hat einen guten Waffenschmied gehabt, du
+bist ein guter Ritter, und deine Fahrt mag friedlich abgehen, denn
+die dich sehen, haben dich lieb und wert. Aber erzähl mir nun dein
+Herkommen!"
+
+Da zog ich ein Buch aus meinem Buchbeutel und sprach: "Ich will es
+Euch lesen, denn ich habe angefangen, es mir aufzuschreiben, und zwar
+so recht ausführlich, wie es mir eingefallen, mit allerlei Rede und
+Betrachtung; wie mir bewußt ward, daß es gewesen ist und gewesen sein
+kann." Da sprach Herr Veltlin: "Du kannst schreiben? Johannes, das
+kann ich nicht, und bin ich begierig zu hören, ob du auch alles so
+aufgeschrieben, daß ich es wohl genießen mag; denn da die Schrift als
+etwas Künstlicheres und dem Menschen Merkwürdigeres gegeben wird als
+gewöhnliche Rede, die schnell dahin fliegt, so soll sie auch des
+Aufbehaltens würdiger dem Menschen dargereicht werden, und also
+wohlgesetzt und deutlich sein. Lies nun!" Da hob ich an: Chronika
+des fahrenden Schülers Johannes Laurenburger, von Polsnich an der Lahn
+
+
+Dieses Buch ist mir wert und lieb;
+Wer es mir stiehlt, der ist ein Dieb.
+
+
+Ich bin geboren am 20. Mai 1318 zu Polsnich an der Lahn; das ist ein
+Hof, der gehört zum Kloster Arnstein, darin ich getauft wurde
+Johannes. Meine Mutter selig wohnte in einem kleinen Häuslein vor
+dem Hof, und nannte man sie die schöne Laurenburger Els; mein Vater
+aber, den ich nie gesehen, war der Ritter von der Laurenburg, die dem
+Kloster Arnstein gegenüber an der Lahn liegt. Was es aber für eine
+Beschaffenheit mit ihm habe, will ich hier niederschreiben, so viel
+ich erfahren, wenn ich zu der Zeit in meinem Leben gelange, da es mir
+selbst bekannt worden.
+
+Das erste, dessen ich mich aus frühster Jugend von meiner Mutter
+recht deutlich erinnre, ist, daß sie mich lehrte, mich mit dem
+Zeichen des heiligen Kreuzes zu bezeichnen und die Hände zu falten
+und das Vaterunser und den englischen Gruß zu beten. Sie sagte mir
+die Gebete vor, ich schaute nach ihren Lippen und sprach ihr nach,
+und ich erinnere mich noch recht sehr deutlich meiner großen Freude,
+als ich zum ersten Male abends neben ihr an ihrem Betschemel kniete,
+und diese heiligen Gebete mit ihr fertig und ohne Fehl sprach. Jetzt
+noch, wenn ich bete, ist es mir oft, als schaute ich nach ihren
+Lippen und spräche ihr nach.
+
+Sie war arm, fromm und arbeitsam, und wenn ich sie gleich später in
+mancherlei Geschäft gesehen, schwebt mir ihr Bild doch meistens
+betend, singend oder spinnend vor Augen. Wenn sie mich manchmal
+abends schon im Bette entschlafen glaubte, wachte ich noch und
+horchte auf das Schnurren ihrer Spindel und ihren rührenden Gesang;
+denn sie saß spät auf, ihr Brot in Ehren zu verdienen.
+
+Der Anblick meiner holdseligen Mutter, wenn sie so bei Lampenschein
+vor sich hinsang und spann, rührte mich oft bis zu Tränen; warum, das
+weiß der liebe Gott gewiß, zu dem ich wohl zuhörend mit kindischem
+Herzen für sie gebetet habe.
+
+Einmal weiß ich, daß ich gar sehr weinen mußte; als ich sie nachts
+bei ihrem Rocken so vor sich hin singen hörte, da fing eine
+Nachtigall vor unserm Fenster auch an zu singen; es war schon sehr
+spät, und der volle Mond schien klar und hell. Meine Mutter aber
+hörte nicht auf zu singen, und sang das Vögelein und sie zugleich.
+Da habe ich zum erstenmal Traurigkeit empfunden und kindische Sorgen
+um den Ernst des Lebens gehabt, die ich wohl noch fühle, aber nicht
+auszusprechen vermag; da habe ich mich auch leise im Bette
+aufgerichtet und meiner Mutter zugehört. Sie sang aber ein Lied, das
+lautete also:
+
+
+Es sang vor langen Jahren
+Wohl auch die Nachtigall;
+Das war wohl süßer Schall,
+Da wir zusammen waren.
+
+Ich sing und kann nicht weinen
+Und spinne so allein
+Den Faden klar und rein,
+Solang der Mond wird scheinen.
+
+Da wir zusammen waren,
+Da sang die Nachtigall;
+Nun mahnet mich ihr Schall,
+Daß du von mir gefahren.
+
+So oft der Mond mag scheinen,
+Gedenk ich dein allein;
+Mein Herz ist klar und rein,
+Gott wolle uns vereinen!
+
+Seit du von mir gefahren,
+Singt stets die Nachtigall;
+Ich denk bei ihrem Schall,
+Wie wir zusammen waren.
+
+Gott wolle uns vereinen,
+Hier spinn ich so allein;
+Der Mond scheint klar und rein,
+Ich sing und möchte weinen!
+
+
+Besonders traurig aber kam es mir vor, daß der Vogel und meine Mutter
+zugleich sangen und doch nicht recht miteinander, und hätte ich
+damals wohl wissen mögen, ob der Vogel auch in seinem Gesange meiner
+Mutter gedachte, und ob er auch lieber geweint als gesungen hätte.
+Ich fragte darum meine Mutter mit den Worten: "Mutter, was singt denn
+die Nachtigall dazu?"
+
+Da sagte sie: "Die Nachtigall sehnt sich und lobet Gott; also tue ich
+auch. Aber, Johannes, warum wachst du? Schlafe, du mußt morgen früh
+heraus und mit mir nach Kloster Arnstein gehn; wenn du nicht schläfst,
+so nehme ich dich nicht mit." Da löschte sie die Lampe aus, und
+trat vor mein Bettlein und machte mir das Zeichen des Kreuzes auf
+Stirne, Mund und Herz und küßte mich, und da ich fühlte, daß sie
+weinte, schlang ich meine Arme um ihren Hals und drückte ihr Antlitz
+fest an das meinige, und da weinten wir beide.
+
+Ich fragte sie aber: "O liebe Herzmutter, was weinest du, und warum
+machst du mir nochmals das Kreuz? Ich habe ja schon gebetet."
+
+"Lieber Johannes", sprach sie hierauf, "ich mache dir immer das Kreuz
+und küsse dich, wenn ich schlafen gehe, daß dir Gottes und deiner
+Mutter Segen in der Nacht zugute komme; aber du hast bisher immer
+schon geschlafen, wenn ich es tat, und wußtest es darum nicht." Aber
+warum sie weine, sagte sie mir damals nicht. Darauf entkleidete sie
+sich und legte sich zu Bette, und betete laut, ich aber sprach ihr
+nach:
+
+
+Herr Jesus, ich will schlafen gehn,
+Laß vierzehn Engel bei mir stehn,
+Zwei zu meiner Rechten,
+Zwei zu meiner Linken,
+Zwei zu meinen Häupten,
+Zwei zu meinen Füßen,
+Zwei, die mich decken,
+Zwei, die mich wecken,
+Zwei, die mich weisen
+Zum himmlischen Paradeise!
+
+Worauf wir ruhig einschliefen.
+
+Am folgenden Morgen wachte ich früher auf als die Mutter. Die
+Schwalbe begann zu singen. Ich kleidete mich leise an und trat an
+das Bett meiner Mutter; die hatte die Hände ruhig gefaltet, und der
+junge Tag schien auf ihr Angesicht. Ihr Anblick erfüllte mich mit
+Liebe und Trauer, denn ich hatte Barbara, die Tochter des Hofmeiers,
+neulich also mit gefaltenen Händen stille im Sarge liegen sehn, und
+ergriff mich eine so tiefe Angst, daß ich meine Mutter mit ungestümen
+Küssen erweckte. Sie erwachte in meinen Armen, und als ich ihr die
+Ursache meiner Tränen sagte, nahm sie meine Hände von ihrem Hals und
+faltete sie, und schloß sie in ihre lieben Hände, und so beteten wir
+zusammen zu Gott, und dankten ihm, daß er uns diese Nacht erhalten
+und uns verliehen habe, diesen Tag zu unserer Besserung anzutreten.
+Am Schlusse des Gebetes sagte die Mutter: "Du hast gefürchtet, ich
+sei tot, Johannes; sterben müssen wir alle, halte dich an unsern
+Herrn Jesum und die himmlische Mutter Maria, die werden dir Vater und
+Mutter sein, besser als dein irdischer Vater und ich, wenn auch ich
+dich verlassen muß. Und wenn ich einst die Hände so schließe, um zu
+beten, da ich zur ewigen Ruhe entschlafe, so schließe auch deine
+Hände so in die meinigen und bete mit mir, auf daß uns der Heiland
+zusammen in die ewige Herrlichkeit seines Angesichts schauen lasse.
+"-Da wurd ich still und trat an das Fensterlein unsrer Kammer und sah
+nach dem kommenden Tag. Als sich aber meine Mutter angekleidet hatte,
+trat sie hinter mich, und hielt mir freundlich die Augen zu, mit den
+Worten: "Warte ein wenig, liebes Kind, gleich wirst du etwas sehen,
+das du nie gesehen." Während sie mir so die Augen zuhielt, fragte
+ich sie: "Liebe Mutter, ist das Gebet dann kräftiger, und gefällt es
+dem lieben Gott dann besser, wenn man die Hände so zusammen faltet,
+wie du mit mir getan?"--"Gewiß", sagte die Mutter, "wenn die, so es
+tun, sich so lieben wie wir, aber den lieben Gott doch noch viel mehr
+als einander, und wenn in der Kirche alle Leute zusammen beten und
+der Priester am Altare betet, da ist das Gebet des Priesters die Hand,
+in die sie alle ihre Hände gefalten haben. Was habe ich dich von
+der christlichen Liebe gelehrt?" Da sprach ich: "Du sollst Vater und
+Mutter lieben, auf daß du lang lebest auf Erden; du sollst deinen
+Nächsten lieben wie dich selbst und Gott über alles."--"Recht", sagte
+die Mutter, "o wie selig wäre die Welt, wenn alle Menschen so
+vereinet beteten, wie wir es heut tun konnten, und wie es eine fromme
+Gemeinde in der Kirche tut." Da sagte ich kindisch: "Aber alle
+Menschen können doch nicht ihre Hände zu zwei Händen zusammenlegen.
+"--"O gewiß, das können sie", erwiderte die Mutter, "und das in
+unsers lieben Erlösers Jesus Christi Hände, der überall und an allen
+Orten ist, und seine heiligen Hände für uns am Kreuze ausgespannt hat,
+uns zu erlösen von der Sünde. Denn er hat uns ja das Gebet gelehret,
+und er ist die Hand, in welche wir unsre Hände legen müssen, so
+unser Gebet zu Gott dringen soll; denn er selbst hat auf Erden gesagt:
+"Alle Dinge sind mir übergeben von meinem Vater, und niemand
+erkennet den Sohn, als nur der Vater, und niemand kennet den Vater,
+als nur der Sohn, und wem es der Sohn will offenbaren. Kommet her zu
+mir, alle, die ihr mühselig und beladen seid, ich will euch erquicken."
+Und der heilige Johannes sagt: "Der Vater hat den Sohn lieb und
+hat ihm alles in seine Hand gegeben. Wir haben einen Fürsprecher
+beim Vater, Jesum Christum, den Gerechten; der ist die Versöhnung für
+unsre Sünden, doch nicht allein für die unsrigen, sondern für die
+Sünden der ganzen Welt. Es ist ein Gott und ein Mittler zwischen
+Gott und den Menschen, der Mensch Jesus Christus, der sich selbst für
+uns alle zur Erlösung hingegeben hat." Ach, möchten nur alle ihre
+Hände in des Heilands Hand, in die Gott alles gegeben hat, glaubend,
+hoffend und liebend legen; dann würden wir alle zusammen schauen in
+das Angesicht Gottes." Nach diesen Worten tat die liebe Mutter ihre
+Hände von meinen Augen und sprach: "Gelobet sei Jesus Christus!", und
+ich erwiderte: "In Ewigkeit, Amen!" und sah mit großer Seligkeit in
+den Glanz der Morgensonne, die über dem Lahntal hervorstieg. "Ach,
+Mutter", rief ich aus, "ist dieses Gottes Angesicht?"--"Nein, mein
+Kind", erwiderte sie, "das ist nur seine erschaffene Sonne, die er
+über uns arme sündige Menschen scheinen läßt; aber denen, die ihn
+lieben, hat Gott bereitet, was kein Auge gesehn und kein Ohr gehört
+hat, und was in keines Menschen Herz gekommen ist."
+
+Ich habe aber damals die Sonne zum ersten Male aufgehen sehen, weil
+ich so früh vorher nie aufgestanden. Dieses Morgens und aller meiner
+Mutter Rede und Tun an demselben habe ich bis jetzt gar oft mit
+großem Nutzen gedacht. Nun aber nahm meine Mutter Linnen, das sie
+gewebt, und Garn, das sie gesponnen und gezwirnet, um es in dem
+Kloster zu verkaufen. Sie trug es in dem Korbe auf dem Kopfe, und da
+ich sie darum gebeten, gab sie mir einige Stränge des Garns zu tragen,
+welche ich mit einer großen Liebe zu meiner Mutter sehr sorgfältig
+bis nach Arnstein getragen habe. Wir kamen daselbst in des Abtes
+Stube, die war mit schönen Bildern ausgemalt; auch handelte der Abt
+selbst um das Tuch mit der Mutter und war ein heiliger, aber sonst
+gar freundlicher und lustiger Mann, fragte mich auch, da ich die
+schönen Bilder an den Wänden so fleißig betrachtete: "Hans, dir
+gefällt wohl meine Zelle; hast du auch Lust, ein geistlicher
+Ordensherr zu werden? Wenn du fromm und fleißig bist, kannst du mit
+der Zeit diese meine Bilder besitzen und Abt sein, wenn ich in dem
+stillen Konvent unter der Kirche schlafe."
+
+Da erwiderte ich: "Ich hätte wohl Lust dazu, Abt in der schönen Zelle
+zu sein, Hochwürdiger Herr, wenn meine liebe Mutter mit drinnen
+wohnen wollte." Da lachte der Abt und sprach: "Lieber Hans, wenn die
+schöne Laurenburger Els mit in den Zellen wohnen dürfte, möchte wohl
+das kleine Klosterpförtlein zu enge werden, so viele sollten den
+heiligen Orden suchen; aber das geht nicht, denn der Herr spricht,
+wir sollen das Kreuz auf uns nehmen, alles verlassen und ihm
+nachfolgen; und doch wohnet eine Mutter mit uns in unsern Zellen, die
+ist noch viel lieblicher und milder als die deine." Da sah ich bald
+den Abt, bald meine Mutter an und konnte seine Rede nicht recht
+glauben, sagte auch zuletzt: "Ach, Hochwürdiger Herr, zeiget mir sie!"
+Da lachte der Abt wieder und sprach: "Mein Hans, zeigen kann man
+sie nicht, aber wir leben alle in ihrem Schoße, und auch du; es ist
+die heilige Mutter, die Kirche, welche unser lieber Herr Jesus sich
+zu einer Braut erkoren; aber das verstehest du noch nicht." Da sagte
+ich: "Nein!", und er gab mir drei Bildlein aus seinem Gebetbuch, das
+war St. Jörgen Bild, meines Vaters, Ritter Jörgen von der Laurenburg,
+Patron, St. Elsbethen Bild, meiner Mutter Patronin, und St. Johannsen
+mit dem gülden Mund Bild, mein Patron, worüber ich große Freude
+empfand, und als ich ihm den ärmel küssen wollte, reichte er mir die
+Hand und sprach: "Johannes, bitte Frau Else, deine Mutter, daß sie
+dich bald herauf zur Schule tut, da sollst du zur Messe dienen lernen,
+und für jede Messe einen halben Heller von mir erhalten." Da bat
+die Mutter den Abt um seinen Segen, und knieten wir beide vor ihm,
+und er legte seine Hände auf uns und betete.
+
+Meine Mutter ließ aber von dem Geld, das er ihr für die Linnen
+gegeben, zurück, eine heilige Messe für ihr Anliegen in Sankt Jörgen
+Kapelle zu lesen, und da der Abt fragte: "Laurenburgerin, was ist
+Euer Anliegen?", traten meiner Mutter die Tränen in die Augen, und
+sie sprach mit Schämen: "Das stell ich Gott anheim, Hochwürdiger Herr."
+Der Abt erwiderte hierauf mit ernster und freundlicher Stimme:
+"Laurenburgerin, nehmet Euer Geld zurück und wendet es Eurem Kinde zu;
+ich weiß, Ihr lebet bedrängt, ich will das heilige Meßopfer selbsten
+für Euch halten und von ganzem Herzen für Euch beten; aber ergebet
+Euch auch in den Willen des Herrn, und hanget nicht weltlichem Kummer
+allzu sehr nach." Meine Mutter aber wollte das Geld nicht wieder
+nehmen und sprach: "Der Himmel segne Euch, Hochwürdiger Herr, für
+Eure Milde, aber ich bedarf des Geldes nicht, welches ich zu heiligem
+Opfer erarbeitet; tut des edlen Laurenburgers Weib den Schimpf nicht
+an, als könne sie nicht ein kleines Opfer erarbeiten." Da sprach der
+Abt: "So Ihr Euch das zu Herzen nehmet, will ich dafür ein Kerzlein
+vor St. Jörgen Bild aufstecken lassen. Linnen und Garn gebet unten
+im Kloster dem Bruder Sulpizius, daß er Chorhemden daraus mache; denn
+Eure Linnen sind gar fein." Da nahm die Mutter die Linnen, und gaben
+wir sie unten dem Bruder Schneider; der hielt aber der Mutter den
+Korb zurück, bis wir aus der Kirche kamen.
+
+In der Kirche gingen wir zur Linken in eine Kapelle; da stand auf dem
+Altar St. Jörgen Bild, wie er den Drachen durchbohret; den Altar
+haben die Ritter von der Laurenburg gestiftet und viele Gaben zu dem
+Kloster getan, haben auch ihr Begräbnis in dieser Kapelle, wie ich
+nachmals erfahren. Zur Rechten des Altars kniete ich mit meiner
+Mutter nieder, bei einem steinernen Bilde, das in die Wand gemauert
+war. Dieses stellte aber einen alten Ritter vor, der hatte ein
+langes geistliches Gewand an, und legte einem jungen Ritter, der vor
+ihm kniete, die Hände auf das Haupt. Meine Mutter sah oft und mit
+recht innerlicher Bewegung nach dem knienden Ritter. Ich betrachtete
+ihn auch, und empfand eine große Freude an ihm, hätte ihm auch gern
+etwas Liebes getan und setzte ihm drum einen grünen Kranz auf sein
+steinern Haupt, den ich mir im Walde geflochten und noch spielend in
+der Hand trug. Da meine Mutter dies sah, fuhr es wie ein Blitz durch
+ihre Augen, und umarmte sie mich heftig in der Kirche, aber ihre
+Wangen wurden schamrot und ihre Augen voll Tränen; da ließ sie mich
+los und senkte das Haupt auf den Betstuhl. Ich empfand große
+Bangigkeit um ihre rührende Gebärde. Da trat ein Ordensbruder aus
+der Sakristei mit einer schönen bunten Wachskerze; die zündete er an
+der ewigen Lampe an, nahte dann unserm Betstuhl und reichte sie
+meiner Mutter und mir zu küssen, und als wir dies getan, steckte er
+sie auf St. Jörgen Leuchter, der neben St. Jörgen Altar stand und
+gestaltet war wie eine Lanze, die durch einen Lindwurm gestochen ist.
+Das war die Opferkerze, die uns der Herr Abt versprochen. Nun klang
+das Glöcklein, und der fromme liebreiche Herr trat mit dem
+Ministranten zum Altar und las uns die heilige Messe selbst mit
+großer Andacht. Da sagte mir meine Mutter ins Ohr: "Bete hübsch
+fromm, Johannes, der stehende alte Ritter ist der alte Laurenburger,
+dein Großvater, bete hübsch für ihn!" Nun hatte ich den Mut nicht
+mehr, nach dem Bilde zu schauen, und ward mir mein Großvater von
+damals an ein gar ernster und sorglicher Gedanke, aber ich habe zum
+ersten Male gebetet mit einer recht innerlichen Herzensangst, wie
+früher nie; warum ich aber so gebetet, kann ich mich nicht mehr
+deutlich entsinnen.
+
+Da die Messe zu Ende war, fragte ich meine Mutter wieder nach dem
+steinernen Bilde mit den Worten: "Mutter, was macht denn der alte
+Laurenburger da?" Aber sie antwortete nicht, und sah mit nassen
+Augen den knienden Ritter an, dem ich das Kränzlein aufgesetzet. Als
+ich sie nochmals fragte, sagte sie: "Der alte Laurenburger tut, was
+ich dir gestern abend tat, da ich dich im Bette mit dem heiligen
+Kreuze bezeichnete." Da fragte ich sie weiter: "Will denn der alte
+Laurenburger auch schlafen gehn?" Und sie sprach: "Ja, er will
+schlafen gehn in die ewige Ruhe." Ich aber fragte weiter: "Will denn
+der kniende Ritter auch schlafen gehn?" Da sprach sie: "Ach, Gott
+gebe ihm ein seliges Erwachen, so er schon schläft!" und ward wieder
+sehr traurig, und hob mich hinauf an dem Bilde, mit den Worten:
+"Küsse den Knienden, habe ihn recht lieb, es ist dein guter Vater."
+Da küßte ich ihn herzlich und setzte ihm das Kränzlein zurecht auf
+seinem Haupt, wollte ihn auch nicht lassen. Meine Mutter aber
+behielt mich auf dem Arme und trug mich aus der Kirche hinaus, und
+hätte sie schier auch ihren Korb vergessen, der noch bei dem Bruder
+Sulpizius stand. Der aber kam uns nachgelaufen und brachte den Korb;
+da war ein schönes weißes Klosterbrot drinnen und ein Krüglein voll
+Weins, das schenkte uns der Herr Abt.
+
+Sie dankte und ging ruhig mit mir links dem Walde zu, einen andern
+Weg, als wir hergekommen waren. Sie hatte den Korb am rechten Arme
+und trug mich auf dem linken; ich sagte ihr, daß ich nicht müde sei,
+und es ihr sauer werde, sie solle mich gehen lassen. Aber sie wollte
+mich nicht loslassen, und ich merkte in ihr eine geheime Lust, mich
+zu tragen, und sie schloß mich manchmal fester mit dem Arme an ihre
+Brust, so daß ich den Schlag ihres Herzens fühlte. Da ward ich mir
+so recht lebendig ihrer Liebe bewußt, und genoß ihrer Güte mit
+kindlicher Freude; denn sie pflegte mich sonst nicht zu tragen, weil
+sie, wenn gleich groß und schlank, doch durch manche Sorge und
+Nachtwache entkräftet war. Sie war zart und weiß mit langen blonden
+Haaren, und wie goldne Strahlen waren die Wimpern über ihren reinen
+blauen Augen, die mich noch immer mit Friede, Liebe und Warnung
+anblicken. Ja, ihr liebes Angesicht war wie ein durchsichtiges
+Fensterlein ihres Herzens, aus dem ihre Seele mit jeder innern
+Bewegung errötend und erbleichend zum Himmel schaute. Ihr Mund aber
+war ruhig und zart geschlossen, und erregte eine züchtige Ehrfurcht.
+Ich sage dies hier; denn ich werde nimmermehr vergessen, mit welcher
+Liebe ich damals ihr edles Angesicht betrachtete, und wie gut und
+holdselig sie aussah, da sie mich so zärtlich durch die freie Luft
+über die grüne Wiese hintrug, und meine Härlein und ihre langen
+blonden Haare in dem Winde durcheinanderflogen, und die Lerche über
+uns, gegen die Sonne schwebend, lobsang. Da war mir unendlich wohl,
+und meine Sehnsucht, sie nicht zu ermüden, ward so inbrünstig, daß
+ich glaubend fühlte, ich ermüde sie nicht, und, mit ihren Haaren
+spielend, zu ihr sagte: "Liebe Mutter, bin ich nicht recht leicht?
+Mir ist, als träume ich, ich flöge." Sie aber antwortete nicht, als
+mit einem zärtlichen Druck ihres Arms, und ich begann ihr ihre Haare
+in Zöpfe zu flechten, daß ihr der spielende Wind nicht beschwerlich
+fallen möge, und sie ließ es mit freundlichem Hinneigen ihres Kopfes
+gern geschehen. Da ich aber fertig war und sie mich durch den Wald
+unter den Bäumen hintrug, brach ich einen grünen Eichenzweig ab, wand
+ihn in einen Kranz, und setzte ihn ihr auf das Haupt mit den Worten:
+"Liebe Mutter, nun bist du geschmückt wie der kniende Ritter in St.
+Jörgen Kapelle, nun hast du auch ein Kränzlein auf, und wenn er uns
+nun durch den Wald entgegengeschritten käme, würdet ihr euch beide
+wohl sehr aneinander erfreuen über die schönen Kränze?" Meine Mutter
+aber antwortete nicht und ging traurig fort, worüber ich auch betrübt
+wurde.
+
+So zogen wir still und einsam wohl eine Stunde lang durch den dichten
+Wald, als wären wir die einzigen Menschen auf der Welt, und hätten
+nicht viel Freude. Nun ward es lichter in den Zweigen, und der Wald
+endete sich gegen den Rand des Berges, der sich in das einsame
+Lahntal senkte; hier küßte mich die Mutter und ließ mich an die Erde.
+Wir standen aber auf einer grünen Waldwiese, die ein frischer Quell
+erquickte, der mit Umwegen an dem mannigfaltig unterbrochenen Abhange
+zu der Lahn hinabeilte. Wo wir standen, war die Gegend sanft und
+mild, ein großer alter Birnbaum hing schwer voll gelber Birnen, und
+um ihn her standen mehrere Vogelbeerbäume, die mit ihren
+feuerfarbenen Früchten lustig gegen den dunkeln Wald abstachen;
+außerdem begrenzten und durchschnitten den Platz mancherlei
+Fruchtsträucher, Haselbüsche, Johannis--und Klosterbeersträucher, und
+ich hatte die Fülle zu brechen und zu genießen. Gegen uns über
+erschien die Gegend ernster. Das Lahntal schließt, von diesem Punkte
+gesehen, den Spiegel des Flusses mit einer Krümme wie einen
+tiefliegenden See ein, und die Berge lagen, mit dunklem Walde bedeckt,
+streng und finster um diesen her, als hätten sie tiefsinnige
+Gedanken über ein Leid, das hier geschehen. Die Mutter stand stille
+und schaute ruhig in die Gegend hinein, ich hatte aber den Deckel des
+Korbes genommen, ihn mit breiten Haselnußblättern bedeckt, und
+sammelte mit ängstlichem Fleiße die schönsten Brombeeren und
+Himbeeren, und was sonst an wohlschmeckenden Träublein zu reichlicher
+Lese sich darbot. Zwischen der Arbeit schaute ich oft nach ihr, sah
+auch mit Freude, wie der Anblick der Gegend ihr Antlitz zu erheitern
+schien, und als ich meine Ernte ihr darbot, lächelte sie freundlich,
+strich mir mit der Hand über die Stirne und sagte: "Schönen Dank,
+Johannes, du bist ein gutes Kind."
+
+Dann führte sie mich rechts dem Dickicht zu, wo wir nach wenigen
+Schritten vor einer kleinen verlassenen Hütte standen; der Efeu hatte
+frei die Wände umrankt, und selbst die verschlossene Tür mit seinem
+Gitter umzogen. Die Mutter hob mich an einem alten Wacholderbaum in
+die Höhe, der neben der Türe stand, und ich mußte ihr aus einem Loche
+in demselben einen Schlüssel holen, mit welchem sie die Türe
+aufschloß, nachdem ich ihr geholfen hatte, die Efeuranken behutsam,
+ohne sie zu zerreißen, von der Türe abzulösen. Nun gingen wir durch
+eine kleine, gerätlose Küche in eine viereckte Stube. Ich trat mit
+Scheu hinein; denn die wenigen Strahlen, welche durch die
+verschlossenen Fensterladen fielen, zeigten mir allerlei große Vögel
+an den Wänden in unbestimmtem Lichte. Meine Mutter aber stieß
+sogleich einen Fensterladen auf, und da sah man nach der andern Seite
+des Lahntals, wo das alte Laurenburger Schloß aus schwarzem Bergwald
+hervorragte. An den Wänden der kleinen Stube sah ich auf
+eingemauerten Hirschgeweihen vielerlei ausgestopfte Vögel befestigt,
+und besonders eine Reihe alter Falken; außerdem lehnten und hingen
+mancherlei Jagdgeräte, Armbrust, Speere, Netze u. dgl., in schöner
+Ordnung um einen einfachen Betschemel, der vor dem holzgeschnitzten
+heiligen Hubertusbilde stand. Da war St. Hubertus abgebildet, wie er
+vor einem Hirsche kniet, der ihm mit einem Kreuze zwischen den
+Geweihen auf der Jagd entgegengetreten, da ihm der Herr sein wildes
+Herz gerührt. Ich betrachtete alle diese Dinge, die ich früher nie
+gesehen, mit bangem Staunen, während meine Mutter, auf einem
+hölzernen Stuhle sitzend, still dem Fenster hinaus nach der
+Laurenburg sah. Alles, was mir seit dem letzten Abend begegnet war,
+hatte die ruhige Folge der gewohnten Eindrücke in meiner Seele
+unterbrochen, und wenn ich jetzt zurückgedenke, möchte ich meine
+damalige Empfindung wohl dem Gefühl eines Rades vergleichen, wenn es
+in der Mühle plötzlich lebendig werden und sehen könnte, wie es sich
+selbst und alle die andern Räder sich mit ihm herumdrehen, ohne sich
+doch gleich vorstellen zu können, was es selbst und die andern Räder
+eigentlich sollen, und was überhaupt eine Mühle ist. Besonders aber
+befremdete es mich, daß meine Mutter mit allem dem Geräte der Hütte
+ganz vertraut war, und in der Hütte tat, als wäre sie immer darin
+gewesen; darum fragte ich sie mit den Worten: "Liebe Mutter, bleiben
+wir nun hier, ist dies auch unser Häuslein? Dann will ich uns einen
+kleinen Garten bauen und ein Vogelsteller werden." Da entgegnete sie
+freundlich: "Was willst du dann mit den Vöglein anfangen?", worauf
+ich sagte: "Ich will sie das Vaterunser beten lehren." Da fragte sie:
+"Weißt du denn, wo dein Vater ist?" Und ich antwortete: "Im Himmel."
+Nun nahm sie mich zu sich, und ich mußte mich zu ihren Füßen
+setzen, und da erzählte sie mir ohngefähr das, was ich hier weiter
+niederschreibe.
+
+Wenn ich auch gleich jedes ihrer lieben Worte jetzt, da ich erwachsen
+bin, nicht mehr so recht eigentlich wissen kann, dürfte es doch nicht
+viel anders gelautet haben; denn ich habe mir alles scharf in das
+Gedächtnis gefaßt, und es mir oft wieder von ihr erzählen lassen, so
+daß wohl eher zu viel als zu wenig hier stehen mag. Sie sprach aber:
+"Lieber Johannes, du hast mich seit gestern wohl trauriger als je
+gesehen, denn ich dachte gestern, da die Arbeit vollendet war, schon
+daran, wie ich heute alle die Wege gehen würde, die du mit mir
+gegangen bist. Du hast mich auch gestern abend gefragt, warum ich
+weine, da ich vor deinem Bettlein stand, aber ich habe dir keine
+Antwort gegeben, sondern nur mit dir gebetet, damit wir ruhig
+schlafen möchten. Jetzt aber will ich dir vieles erzählen; denn ich
+glaube, es wird dir frommen, wenn du früh weißt, wie auf Erden viel
+Traurigkeit ist, und im Himmel allein die Freude, die wir durch
+unwandelbare Treue und Stärke in dem irdischen Leide allein verdienen
+können. Du wirst dann deine Sinne immer mehr zu Gott wenden, und
+dich führen lassen von seinen Engeln auf Erden, dem Glauben an Jesus,
+der Hoffnung auf Jesus, und der Liebe zu Jesus, deren Gespielen sind
+die Einfalt, die Demut, die Unschuld und die Wahrheit. Auch sollst
+du nicht traurig sein um des Leides willen, das dich auf Erden
+treffen wird, nein, nur um deine und aller Schuld, deren Strafe das
+Leid ist. Auch sollst du nicht trauren um deinen Schmerz, sondern
+allein um die Leiden deines Erlösers am Kreuze, an dem er gestorben
+ist wie ein unschuldiges Lamm, das dahinnimmt die Schuld der Welt,
+und zu dieser Versöhnung sollst du dich wenden, und fest an sie
+glauben und auf sie hoffen, und dich rein erhalten von aller Sünde,
+damit du deine Seele nicht wieder befleckest, die dein Jesus, dein
+Erlöser, dein Heiland, dein Gott dir mit seinem heiligen Blute rein
+gewaschen hat; dann wird dein Glaube, dein Vertrauen alles Leid
+überwachsen, und du wirst dir ein freudiges Herz erkämpfen zu deinem
+Gott, der dich erschaffen hat im Vater, erlöset im Sohn und
+geheiliget im Heiligen Geist."
+
+Was mir meine selige Mutter, die schöne Laurenburger Els, in dem
+Häuslein meines seligen Großvaters, des Voglers Kilian, auf der
+Hirzentreu von sich und dem lieben Großvater erzählt hat
+
+Diese Berghöhe heißt die Hirzentreu, und dieses Häuslein, worin wir
+sitzen, gehörte meinem lieben seligen Vater, dem Vogelsteller Kilian,
+den man weit und breit nur den guten Kilian und den frommen
+Falkenmeister nannte. Er ist zu Gott gegangen vor zehn Jahren, und
+liegt begraben auf dem Kirchhofe zu Kloster Arnstein. Er ist geboren
+zu Kitzing in Franken, und hat sich dies Häuslein hier selbst erbauet,
+da er als ein Falkenier des Grafen von Nassau meine selige Mutter,
+eines Jägers zurückgelassene Waise, zu seiner Hausfrau wählte, und
+sich hier mit ihr niederließ. Es stehet auch draußen im Garten noch
+der Baum, an welchem mein Vater meine Mutter zum ersten Male gesehen;
+da rettete er ihr das Leben; denn als mein Vater einen Hirsch
+verfolgte, fand das erzürnte Tier hier meine Mutter, welche als ein
+armes Mägdlein Kräuter für die Klosterherren in Arnstein sammelte,
+und faßte der Hirsch in seinem Grimm meine Mutter auf die Geweihe.
+Mein Vater, der herzulaufend dieses sah, schoß einen Bolz von seiner
+Armbrust nach dem Hirsch, und traf ihn nicht ohne Gefahr meiner
+Mutter in das rechte Auge, und das verwundete Tier trat ihm,
+geblendet, nun grade entgegen; da faßte mein Vater einen guten Mut,
+und riß ihm die halbtote Jungfrau von dem Geweihe, legte sie unter
+jenen Baum und erquickte sie an dem Bächlein, das hier entspringt.
+Als sie sich wieder erholt hatte, sahen sie zu ihrer großen
+Verwunderung, daß der Hirsch neben ihnen im Gebüsche stand, und mit
+Schmerzen das Haupt bald hin und her schwenkte, bald traurig zur Erde
+senkte. Da rührte das niederrinnende Blut meinen guten Vater, er
+trat zu dem leidenden Tiere, zog ihm den Bolz aus dem Auge, und wusch
+ihm die Wunde mit Wasser aus, welches alles der Hirsch ruhig
+geschehen ließ. Als aber mein Vater die erschreckte Jungfrau nach
+Kloster Arnstein begleitete, lief ihnen der Hirsch durch den ganzen
+Wald nach, was sie beide sehr rührte und ihrem Gespräche eine größere
+Vertraulichkeit gab. Vor Kloster Arnstein reichten sie sich die
+Hände, und trennten sich mit der gegenseitigem Versicherung,
+miteinander in christlicher Ehe zu leben.
+
+Nun machte sich mein Vater von seinen herrschaftlichen Diensten los,
+baute mit Erlaubnis der Klosterherren diese Hütte, und führte meine
+Mutter Agnes, als seine liebe Hausfrau, hinein. Der gute Hirsch war
+durch die Hülfe, die ihm mein Vater geleistet, so mild und zahm
+geworden, daß er ihm immer zur Seite war, wenn er hier an seiner
+Hütte mit der Mutter baute. Mein Vater pflegte dabei immer des
+Hirsches krankes Auge, welches bald ausheilte, aber blind wurde.
+Hernach, als meine Eltern hier wohnten, hielt sich der Hirsch immer
+freundlich zu ihnen, und ich weiß noch recht wohl, daß er, wenn wir
+aßen, den Kopf hier zum Fenster hereinsteckte, und ich als ein Kind
+ihm Brot gab. Einstens aber hörte mein Vater ihn in der Nacht heftig
+schreien; da stand er mit der Mutter auf, und sie gingen hinaus, zu
+sehen, was dem guten Tiere fehlte. Er war aber im Kampf mit andern
+Hirschen, welche ihm seines blinden Auges wegen überlegen waren, so
+heftig verwundet, daß er mit anbrechendem Tage zu den Füßen meiner
+Eltern starb. Wir weinten um ihn, wie um einen treuen und dankbaren
+Freund, und hat ihn mein Vater unter demselben Baume, wo er ihn
+geschossen, begraben, sein Geweih aber in den Baum so befestigt, daß
+es, zu ewigem Gedächtnis in denselben verwachsen, noch zu sehen ist,
+und hat mein Vater diese Hütte wegen des treuen Hirschen Hirzentreu
+genannt.
+
+Meine gute Mutter ist auch bald gestorben, und ich war noch ein so
+kleines Mägdelein, daß ich nicht recht wußte, was Sterben ist. Ich
+erinnre mich noch recht wohl, daß ich auf ihrem Bette saß, als sie
+krank war, und ihr die Fliegen wehrte und ihr alle die kleinen Gebete
+und Sprüche, die sie mich gelehrt, vorsagte, und meinem Vater zur
+Hand ging, sie zu pflegen, soviel es ein Kind vermag. Da ich nun oft,
+wenn meine Mutter Arzneikräuter suchte, mit ihr im Walde gewesen war,
+und sie mir dabei allerlei Heilkräfte der Pflanzen mitgeteilt hatte,
+so war meine Seele damals so erfüllt von der Begierde, ihr zu helfen,
+daß ich einstens in der Nacht vor einbrechendem Tage in den Wald
+hinauslief, um ihr einige Kräuter zu suchen, von welchen mir geträumt
+hatte. Ich lief lange herum und suchte mit unbeschreiblicher Angst
+die Kräuter, welche ich mich vorher gesehen zu haben nicht erinnerte.
+Schon stand die Sonne hoch am Himmel, und ich war weit von unsrer
+Hütte verirrt, aber ich vergaß, vor Begierde, das Arzneikraut zu
+finden, meinen Hunger, und als ich endlich in großer Ermüdung
+niederkniete und mit Tränen zu dem lieben Jesuskinde betete, es möge
+mir doch das Kraut suchen helfen, ich wolle ihm auch mein Brot
+schenken, bin ich darüber vor Müdigkeit entschlafen. Nach einigen
+Stunden erwachte ich, und sah eine schöne edle Frau vor mir stehen;
+ein Diener führte ihr Roß, auf welchem ihr Söhnlein saß, und war sie
+abgestiegen, als sie mich so allein im wilden Walde liegen sah. Sie
+fragte mich, wer ich sei, und da ich ihr gesagt, ich sei Voglers Els
+von der Hirzentreu, und heute früh ausgegangen, ein Kräutlein für die
+kranke Mutter zu suchen, küßte sie mich und sagte, daß sie mich
+heimfahren wolle mit sich nach der Laurenburg, denn sie war die
+Hausfrau des alten Laurenburgers, deine Großmutter; von da wolle sie
+mich über die Lahn nach der Hirzentreu bringen lassen. Sie setzte
+sich nun auf das Roß und nahm mich vor sich auf des Pferdes Hals; ihr
+Söhnlein aber, Jörg, saß hinter ihr und hatte sie mit den Armen
+umfaßt.
+
+So zogen wir ein Stück Wegs nach dem Lahntal hinab, und hatte ich
+schier auch alles vergessen; denn das Reiten, die fremde Frau und ihr
+Söhnlein, das mancherlei kleine Lieder mit ihr sang, beschäftigten
+meine Seele. Aber der Hunger fing mich an zu drücken, und ich
+bemerkte mit Weinen, daß ich mein Brot nicht mehr in meiner Tasche
+fand. Da fragte mich die Edelfrau: "Els, was weinst du?" und ich
+sagte ihr: "Ich hungre, denn ich habe dem Jesuskind mein Brot gegeben,
+und das Kräutlein von ihm erhalten, aber nun habe ich das Kräutlein
+verloren und hungre", und dabei verlangte ich heftig, sie möge mich
+in den Wald zurücklassen, das Kräutlein zu suchen. Ich mußte der
+Edelfrau das Kraut aber beschreiben, denn seinen Namen wußte ich
+nicht. Da sagte sie auf einmal: "Mein liebes Kind, du hast wohl
+geträumt, aber die Barmherzigkeit Gottes ist groß, denn sieh, mein
+Diener trägt ein solches Kraut in einem feuchten Tuche eingeschlagen
+in seinem Wadsack auf dem Rücken; dies Kraut aber wächst nicht hier
+zu Lande, sondern habe ich es im Kloster Arnstein, wo ich zur Beichte
+war, von dem Gärtner erhalten, der es von einem Priester aus fremden
+Landen jenseits des Meeres hat." Da mußte der Knecht den Wadsack
+öffnen, und siehe da, es war dasselbe Kraut darinnen, das ich im
+Traume gesehen. Meine Freude war unaussprechlich, und die gute
+Edelfrau befahl dem Knechte, sogleich das Kraut meinem Vater zu
+bringen, und ihm zu erzählen, wie ich es gesucht, und wie mich die
+Edelfrau mit nach der Laurenburg genommen. Der Diener kannte meinen
+Vater gar wohl und lief mit Freuden die Waldstege nach unsrer Hütte
+zu. Nun ritt die Edelfrau mit mir und ihrem Söhnlein allein vollends
+zur Lahn hinab und an einer seichten Stelle hinüber nach der
+Laurenburg, wohin der Diener bald auch kam und mich auf dem Kahne zu
+meinen Eltern hieher zurückbrachte. Die gute Edelfrau hatte mir
+viele Liebe erwiesen und gab mir noch ein Krüglein mit altem Wein,
+und einige stärkende Gewürzküchlein für die kranke Mutter mit, und
+versprach, sie selbst morgen zu besuchen. Ihr Söhnlein aber, das
+nicht zugegen war, als ich aus der Laurenburg ging, kam mir bis zum
+Wasser nachgelaufen und gab mir einen ganzen Rosmarienstock, den er
+aus seinem Gärtlein ausgerissen, und sprach: "Du Kleine, das stell an
+deiner Mutter Bett, das ist ein guter Ruch, wenn man siech ist.
+Elslein, komm wieder!" Da gab er mir die Hand, und wir schieden.
+
+Als wir auf Hirzentreu ankamen, trug mich mein Vater an der Mutter
+Bette; die umarmte mich und sagte: "Els, ich habe den ganzen Tag
+nicht leben und nicht sterben gekonnt aus Sorge, daß du verloren
+seist; Gott aber hat mich wunderbar getröstet durch das, was
+geschehen, und hat mir dein Vater von dem Kraute einen Trank gekocht,
+der hat mich wunderbar erquicket." Da gab ich dem Vater den
+Rosmarienstock, der pflanzte ihn in einen schönen neuen Krug neben
+der Mutter Lagerstätte, und nun nahm der Diener Abschied, nachdem er
+den Wein und die Würzküchlein dem Vater gegeben.
+
+Es war darüber Abend geworden, mein Vater gab der Mutter noch von dem
+Weine und der Würze, und sie fand sich so gestärkt, daß sie das
+Abendlied mit dem Vater mit großer Andacht leise mitsang, worüber ich
+zu ihren Füßen auf ihrem Lager entschlief. Gegen Morgen aber weckte
+mich der Vater und sagte mir mit Weinen: "Wach auf, lieb Elslein, und
+schau nach der Mutter, und gib ihr, was sie verlangt; sie ist gar
+krank, und ich will nach Kloster Arnstein laufen um die letzte
+heilige Wegzehrung für sie. Halte dich still, so sie schläft, und
+bete still, und so sie es verlangt, reiche ihr zu trinken, auch
+schaue nach dem brennenden Kienspan im Kamin, daß kein Unglück
+entsteht." Dann trat er zur Mutter, trocknete ihr das Antlitz und
+sprach: "Gott erhalte dich, liebe Agnes, zu christlichem Geleite, ich
+geh nach Kloster Arnstein; O wie ist dir, liebe Agnes?" Da sagte die
+Mutter: "Ich lege wie ein Kind mein krankes Haupt in den Schoß dessen,
+der gesagt hat: "Ich will euch trösten, wie einen seine Mutter
+tröstet", und ich habe das Vertrauen, er wird mich mit vollem Troste
+von dir scheiden lassen; so gehe dann hin, und bringe mir den letzten
+Trost!" Da küßte sie der Vater und ging fort.
+
+Ich aber redete leise zu Füßen des Bettes: "Mutter, darf ich zu dir
+kommen?" Da sagte sie: "Ja, lieb Elslein, doch steh erst auf und
+bringe mir das kleine Kreuz aus meiner Truhe; mich verlanget sehr
+darnach." Geschwind eilte ich an die Truhe, doch der Deckel war so
+schwer, daß ich ihn nicht erheben konnte; das klagte ich der Mutter,
+die sagte: "Elslein, bete! Der dir das Kraut gebracht, das mich so
+erquickte, wird dir auch helfen, die Truhe zu eröffnen, so du ihm
+vertrauest." Da fiel ich vor der Truhe auf die Knie und betete,
+Jesus möge mir die Truhe eröffnen, und Gott erbarmte sich meiner, ich
+öffnete die Truhe mit kleiner Mühe und brachte der Mutter das kleine
+Kreuz. Es ist dasselbe, welches noch in Polsnich an meinem Bette
+hängt, und unsre Truhe zu Haus ist auch dieselbe Truhe. Die Mutter
+nahm das Kreuz in ihre gefalteten Hände und küßte es, und drückte es
+an ihr Herz, und ich legte mich zu ihr auf das Hauptkissen und
+drückte meine Wange an die ihrige. Sie sprach nicht, sie flüsterte
+betend, und so entschlief ich; bald aber weckten mich laute Worte von
+ihr, und ich hörte sie sagen: "Hüter, ist die Nacht schier hin? Wer
+da? Gut Freund! Sei getrost! Ich bins! Fürchte dich nicht! Herr,
+bist du es, so heiße mich zu dir kommen auf dem Wasser!" und nach
+diesen Worten bewegte sie sich mühsam im Traume. Ich verstand sie
+nicht, und weckte sie mit Küssen: "Lieb Mutter, was verlangt dein
+Herz?" Da schlug sie die Augen auf und sagte: "O mein Jesus, ich bin
+noch nicht bei dir! Elslein, mein Kind, sage, hast du den lieben
+Heiland gesehn, wo ist er hingegangen?" Ich verstand sie nicht, und
+suchte ihr das Kreuzlein in dem Bette, das ihren Händen entfallen war,
+und legte es ihr wieder in die Hände mit den Worten: "Herzmutter, da
+ist der liebe Heiland." Da küßte sie das Kreuz wieder, und sagte
+dann: "Elslein, ich war allein auf einem Kahn auf einem großen Wasser
+eine lange, lange Nacht, kein Stern am Himmel, und sehnte mich nach
+dem Tage; endlich sah ich ein Sternlein, das zog leise über das
+Wasser, wie ein Wächter durch die Flur, und da rief ich mit aller
+Macht: "Hüter, ist die Nacht schier hin?" und der Stern antwortete:
+"Wenn der Morgen schon kömmt, so wird es doch Nacht sein; wenn du
+schon fragest, so wirst du doch wieder kommen und wieder fragen." Da
+kam es gegen mich über die Wogen geschritten, und ich sah, daß es
+eine einsame Gestalt war. Da rief ich: "Wer da?" und es antwortete:
+"Gut Freund!" Ach, da ward mein Herz so freudenvoll, und ich
+gedachte: Sollte es wohl mein Jesus sein? Da sprach er: "Sei getrost,
+ich bins, fürchte dich nicht", und ich sprach: "Herr, bist du es, so
+heiße mich zu dir kommen auf dem Wasser." Da winkte er mir, und ich
+trat aus dem Kahn auf das Wasser, konnte aber den Herrn nicht
+erreichen, der vor mir herschwebte, wie eine Wolke oder ein Schatten,
+und wenn ich so recht mutig und begierig auf ihn zuging, und recht
+glaubte, daß er es gewiß sei, daß er sich meiner erbarmen werde und
+einen Eliaswagen vom Himmel rufen, mich zu sich hineinsetzen und zu
+dem himmlischen Paradiese fahren werde, ach, da war er mir so nah, so
+nah, daß ich schon das Wehen der Seligkeit fühlte; dann kam aber
+plötzlich eine Welle und erhob sich ein Wind, und ich verzagte und
+glaubte zu versinken auf dem Wasser, und wie meine Sorge wuchs,
+schwand das Bild des Herrn vor mir in die Ferne, ja, es ward wieder
+zu dem einsamen Stern, den ich zuerst gesehen, und auch der
+verschwand. Da war ich ganz allein auf dem Wasser, und der Kahn
+trieb zu mir her, da sah ich dich drauf sitzen und nach mir weinen,
+und ich wandelte mit Mühe zu dir hin, und saß bei dir im Kahn, und
+herzte dich, und du entschliefst in meinem Arme. Ich aber wachte,
+und die Nacht ward wieder so lang, so lang. Da hörte ich den
+Flügelschlag einer Taube durch die Luft, und ich rief abermals mit
+großer Sehnsucht: "Hüter, ist die Nacht schier hin?" Es flog aber
+ein Täublein über meinem Haupt, das rief zu mir: "Lege Flügel der
+Liebe an, und folge mir nach, deine Seele findet nicht, da sie ruhe
+auf der Sündflut; sieh, der himmlische Noah strecket seine Hand aus
+der gestirnten Arche, aus der du ausgeflogen, um dich wieder
+hineinzunehmen; aber achte, daß dein Gefieder rein sei!" Da sah ich
+den Himmel voll Sterne; aus dem blickten die Hände, die Füße und die
+Seite des Herrn, und die heiligen fünf Wunden leuchteten wie Rubin
+und bluteten hernieder, und die Taube flog ihnen zu; ich aber hatte
+Flügel und breitete sie aus und wollte sie schwingen, aber sie waren
+schwer und unrein; ich rief aber: "O Herr, nur einen Tropfen deines
+Blutes auf meine Flügel, und sie werden gereinigt sein." Und es floß
+nieder zu ihnen, da waren sie rein, und ich schwang sie freudig, aber
+du lagst in meinem Schoß; da wollte ich dich küssen und Abschied
+nehmen von dir, da schlangst du die Hände um mich und wolltest mich
+nicht lassen, und deine Worte erweckten mich von dem seligen Traume."
+
+So erzählte mir die kranke Mutter, was ihr geträumt, und ich hörte
+ihr mit noch größerer Aufmerksamkeit zu, als wenn sie mir sonst eine
+Geschichte erzählte. Da sie geendet hatte, sagte ich zu ihr: "Mutter,
+das war sehr schön, aber schlafe wieder ein, und wenn die Taube
+wieder kömmt, so bitte sie, daß ich auch mit fliegen darf, ich will
+auch recht beten; der mir das Kräutlein gegeben, und mir die Truhe
+geöffnet, der wird mir auch gewiß Flügel geben, daß ich mit dir
+fliegen kann."--"Das wird er gewiß, liebes Elslein, so es dir gut
+ist", sagte die Mutter, "aber wenn ich wieder einschliefe, und das
+Täublein käme wieder, und ich flöge mit ihm fort, so würdest du gewiß
+gern zurückbleiben bei deinem Vater, daß er nicht allein sei, so ich
+dich darum bitten würde." Da sagte ich zu ihr: "Ja, das will ich, so
+du bald wiederkehrst, und mir etwas mitbringest." Sie aber
+antwortete: "Ich werde nicht wiederkehren, doch werdet ihr mir
+nachfolgen, und da wird alles voll Herrlichkeit sein; aber hörst du,
+Elslein, du mußt mir den Abschied nicht schwer machen, und auch den
+Vater trösten, wenn er weinen sollte, und ihm erzählen, wie ich dir
+gesagt, daß ihr mir nachkommen werdet; denn das Täublein wird bald
+kommen, mir ist, als höre ich schon seinen Flügelschlag." Da küßte
+ich die Mutter und sagte: "Ich will tun, wie du willst, und will dein
+gutes Elslein sein", und die Mutter küßte mich wieder mit den Worten:
+"O du gutes, gutes Elslein!" Dann bat sie mich, ihr das Lied von der
+Taube zu sagen, das sie mich gelehrt; da sprach ich:
+
+
+Hör, liebe Seel! Wer rufet dir?
+Dein Jesus aus der Höhe:
+"Komm, meine Taube, komm zu mir!"
+Den Ruf ich wohl verstehe.
+
+Wenn ich soll deine Taube sein,
+Mußt du mir Flügel geben;
+Die wasch in deinem Blut ich rein,
+Und werde glaubend schweben.
+
+Du rufest mir! Wie arm ich bin,
+Darf ich zu dir doch kommen;
+Die Mängel hat dein treuer Sinn
+Ja all von mir genommen.
+
+Sag, Herr, wird auch ein Nestlein fein
+Für mich bei dir gefunden?
+"Ja, meine Taube, komm herein,
+Wohn hier in meinen Wunden!"
+
+Mein Jesu, ach, was willst du mir
+In deinen Wunden geben?
+"Durch meine Wunden, sag ich dir,
+Fliegst sterbend du zum Leben."
+
+Wohlan, es zielt des Todes Pfeil,
+Er wird mich nicht verderben;
+Zu deinen Wunden, Herr, ich eil,
+Da werd ichs Leben erben.
+
+
+Da ich der Mutter das Lied hergesagt, war sie leise wieder
+eingeschlummert. Der Tag brach an, und ich nahm ein Zweiglein von
+dem Rosmarienstock, der bei ihrem Lager stand, und gab es ihr zu dem
+Kreuze in ihre gefaltenen Hände. Da flog auch die Turteltaube,
+welche bei unserm Haus nistete, an das Fenster und pickte daran und
+rief: "Ruckuck." Sie tat es sonst alle Morgen, denn ich streute ihr
+Futter dahin, aber heute hatte ich nicht den Mut, und gedachte: Ach,
+da kömmt die Taube schon, welche die Mutter mitnehmen will, aber ich
+soll ihr den Abschied nicht schwer machen. So stand ich leise, leise
+von der Seite der Mutter auf, und ging hinaus und kniete an dem
+Bächlein in das Gras und betete für sie. Da hörte ich ein Glöcklein
+im Walde und sah bald meinen Vater kommen; der trug eine Leuchte, und
+zwei Ordensherren gingen mit ihm, deren einer trug das Hochwürdige
+Gut, und der andere das heilige öl, und ihnen folgten einige fromme
+Männer und Frauen, die stille beteten. Da lief ich meinem Vater
+entgegen und sprach: "Herzvater, die Himmelstaube ist schon da,
+welche die Mutter abholen will; wir dürfen aber nicht gleich mit, ich
+habe es ihr versprochen, bei dir zu bleiben und dich zu trösten, bis
+wir nachkommen in die Herrlichkeit." Mein Vater verstand mich wohl
+und trat mit dem Geistlichen in die Hütte, ich aber blieb draußen und
+betete mit den Begleitern. Hernach kam die Edelfrau von der
+Laurenburg mit ihrem Söhnlein, dem Junker Jörg, über die Lahn zur
+Hirzentreu, wie sie den Abend vorher mir versprochen, und derselbe
+alte Diener war wieder bei ihr. Die Edelfrau ging zu meiner Mutter
+hinein, der Junker aber blieb bei mir, und wir spielten im Gras an
+der Quelle; er fragte mich auch nach dem Rosmarin, den er mir gegeben
+für meine Mutter; da erzählte ich ihm von der Taube und von allem.
+Nach einiger Zeit aber trat die Edelfrau heraus und nahm mich mit in
+die Hütte, da lag die Mutter ganz still, und der Vater kniete an
+ihrem Bette und weinte; da ich zu ihm trat, hob er mich zur Mutter,
+und sprach: "Agnes, segne das Elslein, ehe du scheidest", und er
+legte der Mutter Hand auf mein Haupt. Die Mutter aber sagte: "Gott
+segne dich, tröste den Vater, bis ihr nachkommet. Elslein, ich
+fliege schon." Da sah sie mich mit unaussprechlicher Liebe an und
+wendete dann den Blick zum Himmel. Ich sprach: "Geleit dich Gott,
+lieb Mutter!" und weinte laut. Da trug mich die Edelfrau hinaus zu
+ihrem Söhnlein, dem erzählte ich alles, und da ein paar Tauben
+hinüber zur Laurenburg flogen, streckten wir beide kindisch die Hände
+aus und riefen: "Da fliegen sie, da fliegen sie, geleit dich Gott,
+liebe Herzmutter!"
+
+Hernach nahm mich die Edelfrau mit nach der Laurenburg, und ich blieb
+bis zum andern Tag dort, da die Mutter schon im Kloster Arnstein
+begraben war. Der alte Knecht aber war bei meinem Vater geblieben,
+und war mein Vater einen ganzen Tag in Kloster Arnstein gewesen, des
+Trostes der geistlichen Herren zu genießen. Die Edelfrau ist auch
+mit zu Grabe gewesen, und da sie nach der Laurenburg kehrte, brachte
+sie ihren Herrn, den Ritter von der Laurenburg, und den ältern Sohn,
+Johann, mit welchem der alte Laurenburger bei dem Grafen zu Nassau
+gewesen, der des Johann Taufpate war, und hatte die Laurenburgerin
+ihnen auf der Heimkehr begegnet. Der Ritter war mir freundlich und
+gab mir Wecken von des Grafen von Nassau Tisch, und da seine Hausfrau
+ihm den frommen Tod meiner Mutter erzählet, war er sehr mitleidig mit
+meinem Vater, und sprach: "Der Graf Johann hat noch heute zu Tisch
+von dem frommen Falkenmeister gesprochen, und vor allen seinen
+Dienern sein in Ehren gedacht, ich habe ihm auch versprechen müssen,
+den Vogler von ihm zu grüßen, und will er ihm nächstens einen kranken
+Falken schicken, daß er ihn pflege. Komm, Elslein", sagte der Ritter
+dann zu mir, "ich will dich selbst zu deinem Vater bringen; es ist
+noch hoch am Tage, und mag er wohl Trostes bedürfen." Da brachte
+mich der Ritter wieder zur Hirzentreu, und ging Georg wieder mit.
+Die Edelfrau aber blieb mit Johann zurück; der sollte ihr von dem
+Wesen des Grafen von Nassau erzählen. Wir fanden aber meinen Vater
+mit dem Laurenburger Knecht vor der Türe sitzen in stillem Gespräch,
+und als dieser seinen Herrn herankommen sah, der mich auf dem Arm den
+steilen Pfad herauf trug, stand er auf und trat beiseite; mein Vater
+aber lief mir entgegen, nahm mich von des Ritters Armen und herzte
+mich unter Tränen. Da sprach ihm der Laurenburger ehrlich zu und
+getröstete ihn, so gut er es vermochte, setzte sich auch zu ihm auf
+die Bank und erzählte ihm von des Nassauers Gunsten zu ihm, und
+sprachen sie mancherlei, nicht als ein Ritter zu einem Knecht,
+sondern als gute Nachbarn und Freunde, denn das Unglück machet
+Gesellen. Es war aber dem Laurenburger auch seine erste Hausfrau
+mitsamt dem Kindlein in dem Kindelbett gestorben; deren gedachte er
+mit vieler Liebe. Unter solchem Gespräch stand ich zwischen meines
+Vaters Knien, und Georg neben dem Laurenburger, und spiegelten uns in
+dessen blankem Brustharnisch, und lachten, weil es, hohl geschliffen,
+unsre Gesichter auf mancherlei Weise verstellte. Dann sagte mir der
+Vater ins Ohr, ich möge den Wein und die Würze von der Mutter
+Tischlein bringen; da ging ich zur Stube, aber die war ganz anders
+geworden; wo das Bett gestanden, stand der Betschemel und das
+Altärlein, und hing ein neu Muttergottesbild an der Wand, und an
+demselben der Mutter und des Vaters Brautkränzlein, ihre Spindel aber
+stand vor meinem Bänklein, und war alles gar verändert. Das hatte
+meinem Vater der gute alte Laurenburger Knecht so geordnet, daß er
+seines Leids desto eher vergessen und ein neues Leben anfangen möge.
+
+Nachdem ich mich genugsam über alles gewundert, nahm ich den Wein und
+die Würze, was von dem Geschenk der Laurenburgerin noch übrig war,
+und brachte es dem Vater hinaus; der reichte den Krug dem Ritter. Da
+trank der Herr, und mußte ihm der Vater Bescheid tun. Auch sagte der
+Ritter: "Das ist ein köstlicher Wein, den man wohl dem Kaiser bieten
+dürfte; Ihr habt ihn wohl aus einem Klosterkeller? Einem Edelmann
+wächst solcher Wein nicht um die Lanze, der schmeckt nach dem
+Krummstab." Mein Vater lächelte und sagte: "Gnädiger Herr, Ihr habt
+von dem Euren getrunken, aber er hat auf einem milden Fasse gelegen;
+denn Eure liebe Frau Ida hat diesen Trunk meiner seligen Agnes zur
+Labung gebracht, und wenn er Euch besser schmeckt als zu Haus, so
+ists, weil Ihr Gottes Segen schmecket." Da trank der Laurenburger
+nochmals, und sprach: "Wahrhaftig, in Gottes Segen soll man den Wein
+legen, in Gottes Segen soll man des Weines pflegen, in Gottes Segen
+gedeiht der Wein auf allen Wegen. Das Faß, aus dem Frau Ida diesen
+Krug gefüllt, muß mir ebenso gut werden; Ihr müßt mir wohl erlauben,
+daß ich es mit Euch hier oben austrinke, Kilian, da es mir so wohl
+bei Euch geschmeckt." Da dankte mein Vater dem Ritter herzlich, und
+sprach: "So Ihr einen armen Mann nicht verschmähet, will ich Euren
+Zuspruch hoch in Ehren halten, aber Ihr müßt dann auch von meiner
+Wasserquelle hier trinken, da fließt auch Gottes Segen drin." Nun
+schied der Ritter freundlich von uns mit den Seinen, und ich ging mit
+dem Vater in unser einsames Häuslein, worin die Mutter nicht mehr war.
+
+
+Ende dieses Project Gutenber Etextes "Aus der Chronika eines
+fahrenden Schülers" von Clemens Brentano.
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