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You may copy it, give it away or +re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included +with this eBook or online at www.gutenberg.org + + +Title: Aus der Chronika eines fahrenden Schülers (Zweite Fassung) + +Author: Clemens Brentano + +Posting Date: May 20, 2013 [EBook #4504] +Release Date: October, 2003 +First Posted: January 26, 2002 + +Language: German + +Character set encoding: ISO-8859-1 + +*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK AUS DER CHRONIKA EINES *** + + + + +Produced by Michael Pullen. HTML version by Al Haines. + + + + + + + + + + +Aus der Chronika eines fahrenden Schülers (Zweite Fassung) + +Clemens Brentano + + + +Vorwort + +Vor funfzehn Jahren machte es mir Freude, die folgende einfache +Geschichte niederzuschreiben. Sie sollte nur die Einfassung mehrerer +schöner altdeutschen Erzählungen sein, die sie mit mancherlei +Ereignissen aus dem Zusammenleben des alten Ritters Veltlin von +Türlingen und seiner drei Töchter unterbricht, mit deren Versorgung +und der Abreise des Erzählers sie schließt. So lieb ich das Gedicht +hatte, blieb es doch unterbrochen; der Sinn der Leser schien dazu zu +fehlen. Jetzt, da diese Erzählung mehr, ja selbst die altdeutschen +Röcke vor sich hat, fiel sie mir wieder in die Hände, und ich +versuche es, sie den Lesern vorzulegen mit der Erinnerung, daß sie zu +pädagogischen Zwecken entworfen worden, als ich von der sogenannten +Romantik noch wenig wußte, und daß sie daher neben den allerneuesten +Ritterromandichtern in ihrer redseligen Einfalt um Schonung bittet. +Sollte dem Leser, durch Eisenfresserei und Isländisches Moos verwöhnt, +diese Geschichte wie unsre deutsche Kamillen--und Hollunderblüte +nicht behagen, so bringe er sie einem kranken Freunde oder Mägdelein, +denen sie Gott gesegnen möge! + + + +Im Jahr, da man zählte nach Christi, unsers lieben Herrn, Geburt 1358, +am zwanzigsten Tage des Maimonats, hörte ich, Johannes, der +Schreiber, die Schwalbe in der Frühe an meinem Kammerfenster singen +und ward innigst von dem Morgenlied des frommen Vögeleins erbauet, +bedachte auch auf meinem Bettlein, wie die Schwalbe in daurender +Freude lebet, gegen den Winter in ferne wärmere Länder ziehet und, +der Heimat getreu, gegen den Frühling wiederkehrt; also nicht der +Mensch, der arme fahrende Schüler, der wohl viel gegen Sturm und +Wetter ziehen muß, ja der oft kein Feuer findet, die erstarrten Hände +zu erwärmen, daß er sie falte zum Gebet; aber so er es ernstlich +meinet, haucht er hinein. + +Da ich in solchen Betrachtungen versunken war und das Schwälblein +auch auf seine Weise fortphantasierte, wäre ich schier wieder +eingeschlummert, aber der Wächter auf dem Münster blies: "In süßen +Freuden geht die Zeit", welches ich hier noch nie gehöret; denn ich +war zum ersten Male in Straßburg erwacht. + +Nun richtete ich mich in meinem Bettlein auf, und schaute in meinem +Gemache umher; das hatte aber Fenster rings herum und war in einem +Sommerhäuslein des Gartens. Links stand der Mond noch blaß am Himmel, +und rechts war der Himmel wie das lauterste Gold. Da fand ich mich +zwischen Nacht und Tag und faltete die Hände, und es fiel mir freudig +aufs Herz, daß heute mein zwanzigster Geburtstag sei, und wie mir es +viel besser geworden als in dem letzten Jahre, da ich meinen lieben +Geburtstag auf freiem Felde in einem zerrissenen Mäntelein empfangen +und mit einem Bissen Almosenbrot bewirten mußte. O Freude und Ehre! +dachte ich bei mir selbst und schaute zum Morgenlichte hin und sprach: +"Du bist mein Licht, du wirst mein Tag!", glaubte auch schier in +meiner Einfalt, der Himmel sei golden um meines Besten willen, die +Schwalbe habe nur gesungen, mir Glück zu wünschen, und der Türmer +habe allein so lieblich geblasen mir zur Feier; da der Himmel sich +doch nur gerötet vor der Sonne, die der Herr gerufen, da die Schwalbe +doch nur gesungen in Gottes Frühlingslust, und der Wächter nur +geblasen zu Gottes Ehren, ja wohl gern noch ein Stündlein geschlafen +hätte, so es ihm von den Münsterherren verstattet wäre. Also wird +der Mensch leicht übermütig in der Freude, und glaubet, er sei recht +der Mittelpunkt aller Dinge, und sei er mit allem gemeint. Da ließ +ich die Augen fröhlich in der Kammer umherschweifen, und sah auf dem +Schemel ein neues Gewand liegen, das mir mein gütiger Herr und Ritter +Veltlin von Türlingen am Abend im Dunkeln hatte herauftragen lassen, +und konnte ich meine Begierde nun nicht länger zurückhalten, sprang +auf von meinem Lager, und legte diese Kleider nicht ohne Tränen des +Dankes an. Es war dies aber ein feines blaues Wams, um die Lenden +gefaltet und gestutzet, und rot und weißes Beinkleid von ländschem +Tuch, auch stumpfe Schuh und eine schwarze Kogel mit einer blauen +Feder, nicht zu vergessen ein Hemmet von weißem Hauslinnen, am Halse +bunt genäht und gekrauset, dergleichen ich vorher nie getragen. Da +ward es mir fast leicht und fröhlich zumute, und hätte ich wohl mögen +einen Sprung tun, als hätte ich einen neuen Menschen angezogen mit +dem neuen Kleide. + +Aber meine Hoffart währte nicht lange; denn mein zerrissenes +Mäntelein, welches ich als einen Vorhang vor das Fenster gehängt +hatte, erleuchtete sich durch die aufgehende Sonne, und alle seine +Löcher waren so viele Mäuler und alle seine Fetzen so viele Zungen, +die mich meiner törichten Hoffart zeihten. Es war, als sage das +Mäntelein zu mir: "O Johannes, bist du ein so eitler Kaufherr, daß du, +angelanget in den Hafen, des zerrissenen Segels vergißt, das dich in +denselben geführet? Johannes, bist du ein so stolzer Schiffbrüchiger, +daß du das Brett, welches dich mit Gottes Hülfe an ein grünes Eiland +getragen, mit dem Fuße undankbar in die Wellen zurückstößest? O +Johannes, du undankbarer Freund, willst du, gerettet, mich nicht auf +deinen Schultern in ein Gotteshaus tragen und aufstellen als ein +Gedächtnis, daß sich Gott deiner erbarmet?" + +Ach, das waren wohl harte und wahre Worte meines Mänteleins, und ich +nahm es mit Schämen von dem Fenster, und legte es um über meinen +neuen Staat, und faßte es fest mit den Händen um die Brust, als +wollte ich es um Verzeihung bitten, und ging mit dem Gedanken die +Treppe hinab in den Garten: Wenn ich ein armer fahrender Schüler +gewesen bin, so werde ich immer ein armer fahrender Schüler bleiben; +denn auf Erden sind wir alle arm und müssen mannigfach mit unserm +Leben herumwandeln, und lernen, und bleiben doch arme Schüler, bis +der Herr sich unser erbarmet, und uns einführet durch seinen bittern +Tod in das ewige Leben. + +Da ich nun in den Garten gekommen war, den ich vorher auch noch nicht +gesehen--denn mein gnädiger Herr und Ritter war den Abend spät mit +mir angekommen und ich im Finstern in mein Stüblein gebracht worden--, +konnte ich vor Staunen und Betrachten der neuen Dinge um mich her +auch nicht zum Gebete kommen. Ich fand mich von den schönen +Laubgängen, Zierfeldern und Pflanzen und den blühenden Bäumen schier +ebenso sehr überraschet als von meinem neuen Gewande. Ich fand mich +gleich einem neugebornen Kinde, welches mit allem spielet, und noch +nicht beten kann, und erst nach einiger Erfahrung in der Süßigkeit +des Lebens seine Hände zum Danke falten lernet. Der blühende Mal, +das lustige Singen der Vögel, die vielen jungen Kräuter und Blümlein, +die mit Taublicken vor der Sonne erwachten, der kühle Wasserstrahl, +welcher in einem mit bunten Kieseln und Muscheln ausgelegten Brunnen +tanzte, schienen mir alle so neu und wunderbar, als hätte ich +dergleichen niemals gesehen, und wußte ich auch nicht, was aus allem +diesem werden sollte. + +So wie die lieben Kinder durch die Blumen gehen und sie brechen, und +Kränze winden und sich bei den Händen fassen und mit den Kränzen im +Kreise tanzen, gleichsam selbst ein lebendiger Blumenkranz; wie sie +aber nicht gedenken der Frucht im treibenden Sommer, und der Ernte im +reichen Herbst, und des Todes in dem trüben, tiefsinnigen Winter: +also wandelte auch ich armer Schelm wie ein einfältiges Kind ohne +Witz durch den Garten und konnte vor großer Bewegung über mein neues +Glück, das mir gestern früh noch nicht geträumt hatte, nicht zum +Gebete gelangen. + +Mein freudiges Erstaunen wollte aber nicht lange dauern; denn als ich +meine Augen ersättiget hatte, ward es mir als einem Hungrigen, der +sich ohne Gebet zu einer reichlichen Mahlzeit gesetzet hat, welche +ihm Gott darum nicht gesegnet. Alle das häusliche, wohlgepflegte +Behagen des schönen Ziergartens erfüllte mich mit traurigen Gedanken, +und die Armut, die Einsamkeit meines eigenen Lebens trat mir in +dieser reichen Umgebung zum erstenmal recht lebendig vor die Seele. +Was mag trauriger sein als das Bild eines Bettlers, auf goldnem +Grunde gemalet? + +"O meine Mutter", sagte ich mir, "wer war sanfter und schöner, und +feiner und edler als du, wer war würdiger, zwischen Blumen zu wandeln, +als du, die wohl ihre Schwester und Gespielin sein konnte? Standen +die Tränlein nicht auf den Wangen wie die Tautröpflein auf diesen +Rosen, gingst du nicht durch den Wald wie ein Lüftlein durch die +Blüten, und waren deine Augen nicht getreu und süß schauend wie die +blauen Veilchen, deine Lippen nicht wie die rosinfarbenen Nelken, und +flog dein gelbes Haar nicht wie der Sonnenschein? Aber du mußtest +gehen wie Hagar mit deinem Ismael durch die Dornen in der Wüste. Ach, +warum ward nicht dir so ein Garten und so ein Haus, und warum +wohnest du zwischen fünf Brettern und zwei Brettlein und bist deines +Lebens nicht froh geworden noch deines Todes? Sie haben dir keinen +Kranz geflochten. Mir aber ist nichts geblieben als deine Zucht, und +ich kann dein nicht gedenken in Freuden, denn mir gehöret nichts als +die Armut, und ich habe keinen Säckel, aus dem ich dir das schönste +Grab könnte erbauen lassen von Marmelstein und Gold." + +Wie traurig ward ich da und wendete meine Augen von allem, was ihnen +wohlgefiel, und wollte nichts anschauen, weil sie es nicht mit mir +sehen konnte, weil sie ihre Augen nie mit so erlaubter Lust erquicken +konnte. Auch fiel es mir bittrer noch auf die Seele, daß ich eines +Ritters Sohn sei, ohne Wappen und ohne Waffen. Tränen füllten mir +die Augen, und Unwill erfüllte meinen ganzen Leib, der in dem neuen +geschenkten Gewand zu brennen schien, und ich spannte mein enges, +durchlöchertes Mäntelein so um mich, daß es noch mehr zerrissen. + +So schritt ich, als suche ich die Wildnis, nach einem einsamem +ungepflegten Teile des Gartens, und kaum stand ich im hohen Gras +unter hohen Linden, so konnte ich schon nicht mehr begreifen, wie +dieser innre Schmerz und Zorn in mich zum ersten Male in meinem Leben +gekommen sei, und gegen die Mauer des Gartens schreitend, sah ich an +derselben in einem tiefen Bogenraum ein Heiligenhäuslein angebracht, +darinnen war wohlvergittert ein buntgemaltes Schnitzwerk, die +Anbetung der heiligen drei Könige im Stall zu Bethlehem, aufgestellt. +Davor kniete ich nieder ins Gras und betete von ganzem Herzen. Da +zerrann bald all mein Leid und meine Hoffart vor dem Sohne Gottes, +der nackt und arm in einer Krippe vor mir lag, und dem doch die +Könige dienten. Wie fühlte ich mich in meiner Ungebärdigkeit +beschämt! Und da ich mich mit Tränen angeklagt hatte, dankte ich von +ganzem Herzen dem Herrn, daß er mich armen fahrenden Schüler nicht +vergessen, und mich durch seine Barmherzigkeit zu meinem gnädigen +Herrn und Ritter gebracht, gelobte auch, ferner mich aller Hoffart zu +enthalten und die Künste, welche ich durch seinen Beistand mit +schwachen Sinnen erlernet, zur Mehrung seines Reiches auf Erden treu +anzuwenden. + +Da ich nun nach solchem Gebete einen merklichen Trost in meinem +Herzen spürte, nahm ich ein gülden gewirktes Band, worauf das Ave +Maria stand, aus meinem Gebetbüchlein, und hängte es, durch das +Gitter langend, dem Bilde der Jungfrau Maria über den Arm, als das +Opfer eines törichten Menschen, der vor ihrem Sohne betend Trost +gefunden hatte. Dieses Band aber war mir das Liebste, was ich hatte. +Eine fromme Klosterfrau, meiner selgen Mutter Befreundte, hatte es +mir einst für ein Lied, das ich ihr gedichtet und gesungen, +geschenket, und war es zu Marburg an St. Elisabethen Grab angerühret +worden; ich aber hatte es bisher als einen Blattzeiger in meinem +Gebetbüchlein geführet. Dann nahm ich auch mein Mäntelein ab, und +rollte es zusammen in einen langen Wulst und flocht es durch die +obern Stäbe des Gitters vor dem Bilde, als einen aufgerollten Vorhang, +zum Gedenken meiner zeitlichen Armut, welche durch Gott sich in +Freud und Fülle gewandelt hatte. Nun wendete ich mich nach dem +Garten zurück, der mir ganz anders erschien als vorher. + +So mag nichts vor dem Gemüte des Menschen bestehen, welches alles +nach sich umgestaltet. Jetzt, da ich gebetet hatte, erschienen mir +alle die roten, leibfarben und weißen Blümlein des Gartens jene +Blumen, durch die der König Ahasverus in seinem Schloßgarten zu Süsan +gewandelt, seines Zornes zu vergessen. Ja, es war mir, als sei der +liebe Gott durch diese Blumen gegangen und habe seinen gerechten Zorn +über meine Ungebärde hier an der Lieblichkeit seiner Werke +gesänftiget; denn hier an diesem ersten Morgen meines zwanzigsten +Jahres ist mir vieles Licht in der Seele aufgegangen, und ist mir der +Frühling ein weiser Lehrer geworden. + +Besonders aber hat mich der hohe Münsterturm erschüttert, als ich aus +einem schattichten Baumgang hervortrat und ihn über die Dächer der +Nachbarhäuser auf mich niederschauen sah. War mir es doch im Anfang +so bange vor ihm, wie es einer Grasmücke sein muß, wenn ein Riese den +Busch über ihrem Neste öffnet und auf sie niederblickt. Alles +Menschenwerk, so es die gewöhnlichen Grenzen an Größe oder Vollendung +überschreitet, hat etwas Erschreckendes an sich, und man muß lange +dabei verweilen, ehe man es mit Ruhe und Trost genießen kann. + +Ich habe dieses aber nicht allein bei dem Anblick dieses +schwindelhohen Turmes empfunden, sondern auch bei gar lieblichen und +feinen Werken, von welchen ich nur nennen will die überaus feinen und +natürlichen Gemälde des Malers Wilhelm in Köln, der von den Meistern +als der beste Meister in allen deutschen Landen geachtet wird, denn +er malet einen jeglichen Menschen von aller Gestalt, als lebe er. +Die Werke dieses Wilhelms aber, die ich zu Köln gesehen, sind +dermaßen zart, fein, scharf und lebendig, daß man schier glauben +sollte, sie seien von Händen der Engel gemacht, und erbebet man bei +ihrem Anblick, weil sie zu leben scheinen und doch nicht leben. Man +fühlet da wohl, daß der Mensch etwas sein und schaffen kann, was viel +herrlicher ist als sein gewöhnliches Sein und Schaffen, und man +erschrickt darüber, daß diese Herrlichkeit so fremd und selten ist; +daher wohl eine Menge Sprossen auf der Leiter zu dieser +Vollkommenheit wo nicht fehlen, doch unsichtbar sein müssen und wir +alle wohl tief herunter geworfen sind. + +Die gewaltige Künstlichkeit des wunderwürdigen Münsterturms hätte +mich beinahe wieder niedergeschlagen; denn ich bedachte mit +Verwunderung, wie ich doch unter den hohen Eichen, in finstern +Wäldern, auf hohen Bergen, an steilen Abgründen und bei stürzenden +Wasserfällen in einsamen Tälern recht in Einöde, ja ganz verlassen, +auch wohl gar hungrig gesessen und mich doch nicht so bewegt gefühlt +als bei dem Anblick dieses Turmes. Wenn ich die Blätter und Zweige +der Bäume betrachte, so frage ich nicht, wie sie da hinauf gekommen, +und erschrecke nicht, wenn sie sich hin und her bewegen mit Rauschen; +aber wenn ich diesen wunderbaren Turm anschaue mit seinen vielen +Türmlein, Säulen und Schnörkeln, die immer auseinander heraustreiben +und durchsichtig sind wie das Gerippe eines Blattes, dann scheint er +mir der Traum eines tiefsinnigen Werkmeisters, vor dem er wohl selbst +erschrecken würde, wenn er erwachte und ihn so fertig vor sich in den +Himmel ragen sähe; es sei denn, daß er auf sein Antlitz niederfiele +und ausriefe: "Herr, dies Werk ist nicht von mir in seiner +Vollkommenheit, du hast dich nur meiner Hände bedienet, mein ist +nichts daran als die Mängel, diese aber decke zu mit dem Mantel +deiner Liebe, und lasse sie verschwinden im Geheimnis deiner Maße." +Keiner aber hat dieses wohl erlebet, keiner hat einem solchen Werke +seiner Erfindung die Krone aufgesetzet, ganze Geschlechter sind von +den Baugerüsten herabgestiegen und haben sich zu Ruhe in die Gräber +zu den Füßen des Turmes gelegt, der nichts davon weiß, und dasteht +ernst und steinern, der kein Herz und keinen Verstand hat, ja +eigentlich ein recht unvernünftiger Turm ist, und doch dasteht, als +wäre er aus sich selbst hervorgewachsen und brauche es keinem +Menschen zu danken. Dieser gewaltige Ausdruck der Erhabenheit aber +in einem solchen Werke, an welchem die Weisheit und Mühe und Andacht +von Jahrhunderten an unendlichen Linien des Gesetzes, des +Verhältnisses, der Not und der Zier mit halsbrechender Kühnheit +hinangeklommen, um auf dem Gipfel dem Herrn zu lobsingen, verbunden +mit seinem eigentlichen inneren Tode, so daß er, der alles durch sein +Dasein im tiefsten Herzen rühret, doch gar nichts davon mitempfindet, +das ist es, was seinem Anblick und der Erscheinung aller gewaltigen +Menschenwerke einen Schrecken beimischet. Es ist, als frage er: Was +bin ich, und warum bin ich, und was ist es, das dich also rühret in +mir? Was können wir ihm aber anderes antworten als: Die Werke des +Herrn sind unbegreiflich, er treibt uns, zu bauen und schaffen über +das Leben hinaus, denn wir waren unsterblich und vollkommen, und wir +sind gefallen in den Tod durch die Sünde; du Turm aber stehe, als ein +Zeuge, daß wir dunkel fühlen, was wir waren vor dieser Zeit, und daß +wir noch ringen nach unendlichem Ziel; so stehe du dann als ein +Träger unsrer Mühe und unsrer Buße zu Ehren unsres Heilands und +Seligmachers Jesu Christi, der uns erlöset hat durch sein bittres +Leiden und Sterben. Amen. + +Also gedachte ich in mir, und wenngleich umgeben von lebenden Bäumen +und Blumen, in welchen, wie selbst in den harten Felsen, eine Seele +zu wohnen scheint, welche mit dem Menschen atmet und fühlet, im +Frühling sich mit ihm freuet, und im Winter mit ihm trauert, konnte +ich doch meine Augen nicht von dem Turme wenden. Der Sinn des +Menschen strebet immer nach dem Unbegreiflichen, als sei dort das +Ziel der Laufbahn und der Schlüssel des Himmels; denn bewundern kann +der Mensch allein, und alles Bewunderung Erregende ist ein Bote +Gottes, der uns mahnet an das Licht, das wir verloren, und das uns +wieder verheißen ist durch das Blut Christi, so wir uns dessen +teilhaftig machen. Also ist mir auch immer alle meine Drangsal +erschienen als eine Sehnsucht nach einem bessern Leben, und alle +meine bittern Stunden waren nur die kalten, stürmenden Tage des +Winters, denen der liebliche Frühling, angekleidet mit Blumen und +Gesang, folget, so ich säe guten Samen und fülle meine Seele mit dem +Lobe Gottes. + +In solchen Betrachtungen wollte ich wieder nach dem Sommerhäuslein +gehn, sah aber meinen gnädigen Herrn und Ritter gar tiefsinnig mit +gefalteten Händen unter einem Baume im Sonnenschein sitzen, und +traute nicht, ihm vorüberzugehen, damit ich ihn nicht störe. Ich +stellte mich darum in seiner Nähe bescheidentlich an die Laubwand, +und nahm mein Barett in die Hände, erwartend, ob er seine Augen +vielleicht nach mir wenden möge. + +Der Anblick meines Herrn erweckte eine große Ehrfurcht in mir. Ich +hatte ihn gestern nicht recht gesehen, denn es dunkelte schon, da er +mich am Wege barmherzig zu sich nahm. Er hatte ein schneeweißes Haar +am Haupt und Bart, und mochten wohl viele Sorgen über ihn hingeflogen +sein. Ich erinnerte mich, nie einen so frommen alten Ritter gesehen +zu haben, der mit seinem ernsten und milden Antlitz ein solches +Vertrauen in mein Herz senkte. Gott gebe, daß ich also in Ehren grau +werden möge! dachte ich bei mir und fühlte mich mit ganzer Seele zu +dem lieben Herrn hingezogen. Er aber schien sehr betrübt zu sein, +seufzte auch oft und tief, und die kleinen Vöglein, die über ihm in +dem Baume so lustig sangen, konnten ihn nicht trösten. + +Da ich so eine Weile nach ihm hingesehen hatte, wendete er die Augen +zufällig zu dem Orte, an dem ich stand, und redete mich freundlich an +mit den Worten: "Wie ist dir, Johannes, daß du so stille dastehest?" +Worauf ich ihm entgegnete: "Ich wollte Eure Ruhe nicht stören, Herr; +Ihr scheinet mir in schweren Gedanken." + +Der Ritter aber sprach hierauf: "Johannes, wie gefällt dir deine neue +Heimat; bist du zufrieden bei mir?" + +Da sagte ich: "Herr, sollte ich nicht froh sein? Da ich nun weiß, wo +schlafen und wo Brot finden und wem dienen um des Herren willen, da +weiß ich nun auch, wen lieben, wem danken außer Gott, und für wen +beten außer für mich. Herr, meine neue Heimat gefällt mir wohl; Gott +gebe, daß ich auch ihr wohlgefalle, und ihrer würdig werde." Da +lächelte der Ritter und sprach: "Johannes, wenn dir deine Worte ernst +sind, so werden wir gute Gesellen sein, denn deine Rede gefällt mir +wohl. Aber was willst du tun, mir wohlzugefallen; was willst du mir +geben, da du nichts hast?" + +Hierauf erwiderte ich: "Herr, ich bleibe Euer Schuldner vor der Welt, +denn ich kann Euch kein Wams geben für das Wams, das ich durch Eure +Gnade trage; aber vor Gott gebe ich Euch einen guten Zahlmann, denn +vor ihm schenke ich Euch mein Herz." + +Da versetzte der Ritter scherzhaft: "Wenn ich dir nun auch mein Herz +geben wollte für das deinige, so behielt ich doch das Wams zugute; +wie dann, Johannes?" + +Worauf ich entgegnete: "Herr, Ihr rechnet so gestreng, als wolltet +Ihr mich versuchen in Gegenrechnung, und so muß ich dann schon sagen, +daß mein Herz gewiß nicht Wert hat gegen das Eure, welches geprüfet +ist durch lange Jahre, da das meinige arm ist und ohne Verdienst, ja +da ihm alles Gute, was es gewollt hat, nicht zugute kömmt, da es +keinen Wert hat, den es Euch mit sich geben kann, weil der Glaube an +die Barmherzigkeit des Heilands nicht mit dem Herzen geschenkt werden +kann und dieser Glaube allein doch ein Herz zu beseligen und selig zu +machen vermag. So nehmt es denn hin, wie es ist, und füget hinzu, +was man nicht mitgeben kann. Doch habe ich noch eine Gabe, deren ich +Euch genießen lassen will, und die Ihr mir nicht so leicht einholen +sollet; denn sie ist rasch und fliehet davon, auch werdet Ihr sie mit +allem Ernste nicht leicht verdrängen mögen; denn sie ist lieblich und +lustig anzuschauen, und könnte ich sie Euch wirklich zu eigen geben, +so würdet Ihr sie nicht gerne wieder lassen, eine also gute Gesellin +ist sie." + +Mein Herr, der sehr ernst geworden war, sagte hierauf, traurig vor +sich niederschauend: "Und was ist das vor ein Kleinod, Johannes, mit +dem du so prahlest?" + +Da erwiderte ich: "Herr, es ist meine Jugend; deren will ich Euch +genießen lassen, wie ich kann. Damit Ihr Euer Alter vergesset bei +mir, will ich Euch erfreuen mit mancherlei fröhlichen Reden und +Gedanken." + +Aber was ich da zuletzt gesprochen hatte, war wohl töricht und ein +schlechter Anfang meiner versprochenen erfreulichen Reden; denn mein +gnädiger Herr ward nun sehr stille und finster. Weil ich ihn an sein +Alter erinnert hatte, glaubte ich. Da redete ich ihn schüchtern an: +"Herr, ich habe Euch mit törichten Worten erzürnet." + +Er aber sprach: "Das hast du nicht getan, Johannes, du hast die +Wahrheit gesprochen, aber mir ist schwerer aufs Herz gefallen, was +mir lange schon darauf liegt, mein Unwert. Nun aber bedenke ich, ob +dein fröhlicher Mut mir wohl diese Last von der Brust nehmen wird; +aber das mag wohl nicht sein; hast du mich nicht gefunden hier im +Grünen, in einem lustigen Garten, von der lieben Sonne beschienen, +und angesungen von den unschuldigen Vögelein, nachdenklich und +betrübt? Wirst du können, was der Frühling nicht vermag? So du aber +Künste gelernt hast, die ich nicht besitze, so wirst du mein +Schuldner nicht bleiben, wenn ich gleich selbst ewig Gottes Schuldner +bleibe. Setze dich zu mir und sage mir treulich, wie du zur Armut +gekommen bist im Guten, und wie es sich mit dir begeben, bis ich dich +gestern an der Eiche gefunden habe im Blobsheimer Wald, und dann +sollst du ebenfalls von mir hören, warum ich betrübt bin." + +Da ich die große Freundlichkeit meines Herrn aus dieser Rede +vernommen hatte, faßte ich einen guten Mut, setzte mich zu ihm unter +den Baum, und sprach also: "Mein gnädiger Herr und Ritter, es gibt +keinen ehrlicheren Weg ins Leben als die Geburt, denn unser Heiland +ist ihn auch gewandelt, und so gibt es auch keinen ehrlicheren Weg +zur Armut, als in ihr geboren zu sein, denn auch unser Heiland ward +in ihr geboren, und so kam ich zur Armut, als ich zur Welt kam. Aber +ich bin doch nicht lang arm geblieben; denn ich fand eine +unaussprechlich liebe Mutter; die ließ mich an ihrem Herzen +schlummern, und sah auf mich nieder mit sorgenden Liebesblicken, und +weckte sie mich nicht mit ihren Tränlein, die auf mich niederfielen, +so weckte sie mich mit Küssen, und ließ mich ihr eignes Leben aus +ihren Brüsten trinken; o Herr, war ich nicht reich, wer ist reicher +als ein neugebornes Kindlein?--Ja, ich war so reich, daß ich meiner +lieben Mutter Freud und Leid verdoppeln konnte, was Ihr wohl aus +einem Liede vernehmen werdet, das meine Mutter oft sang, wenn sie +mich in frühster Jugend einschläferte, und habe ich es nach ihrem +Tode in ihrem Gebetbüchlein liegend gefunden; es ist aber gestellt, +bald als rede ein Kindlein zur Mutter, bald die Mutter zu ihm; nun +höret: + + + O Mutter, halte dein Kindlein warm, + Die Welt ist kalt und helle, + Und trag es fromm in deinem Arm + An deines Herzens Schwelle. + + Leg still es, wo dein Busen bebt, + Und, leis herab gebücket, + Harr liebvoll, bis es die äuglein hebt, + Zum Himmel selig blicket.-Und weck ich dich mit Tränen nicht, + So weck ich dich mit Küssen; + Aus deinem Aug mein Tag anbricht, + Sonn, Mond dir weichen müssen, + + O du unschuldger Himmel du! + Du lachst aus Kindesblicken, + O Engelsehen, o selge Ruh, + In dich mich zu entzücken! + + Ich schau zu dir so Tag als Nacht, + Muß ewig zu dir schauen, + Und wenn mein Himmel träumend lacht, + Wächst Hoffnung und Vertrauen. + + Komm her, komm her, trink meine Brust, + Leben von meinem Leben; + O, könnt ich alle fromme Lust + Aus meiner Brust dir geben! + + Nur Lust, nur Lust, und gar kein Weh, + Ach, du trinkst auch die Schmerzen; + So stärke Gott in Himmelshöh + Dich Herz aus meinem Herzen! + + Vater unser, der du im Himmel bist, + Unser täglich Brot gib uns heute, + Getreuer Gott, Herr Jesus Christ, + Tränk uns aus deiner Seite.-Du strahlender Augenhimmel du, + Du taust aus Mutteraugen, + Ach Herzenspochen, ach Lust, ach Ruh, + An deinen Brüsten saugen! + + Ich schau zu dir so Tag als Nacht, + Muß ewig zu dir schauen; + Du mußt mir, die mich zur Welt gebracht, + Auch nun die Wiege bauen. + + Um meine Wiege laß Seide nicht, + Laß deinen Arm sich schlingen, + Und nur deiner milden Augen Licht + Laß zu mir niederdringen. + + Und in deines keuschen Schoßes Hut + Sollst du deine Kindlein schaukeln, + Daß deine Kinder, so lieb, so gut, + Wie Träume mich umgaukeln. + + Da träumt mir, wie ich so ganz allein + Gewohnt dir unterm Herzen; + Da waren die Freuden, die Leiden dein + Mir Freuden auch und Schmerzen. + + Und ward dir dein Herz ja allzu groß, + Und hattest nicht, wem klagen, + Und weintest du still in deinen Schoß, + Half ich dein Herz dir tragen. + + Da rief ich: Komm, lieb Mutter, komm! + Kühl dich in Liebeswogen! + Da fühltest du dich so still, so fromm + In dich hinabgezogen. + + So mutterselig ganz allein + In deiner Lust berauschet, + Hab ich die klare Seele dein, + Du reines Herz, belauschet. + + Was heilig in dir zu aller Stund, + Das bin ich all gewesen; + Nun küß mich, süßer Mund, gesund, + Weil du an mir genesen. + + O selig, selig ohne Schuld, + Wie konnt ich mit dir beten; + O wunderbare Ungeduld, + Ans scharfe Licht zu treten! + + O Mutter, halte dein Kindlein warm, + Die Welt ist kalt und helle, + Und trag es fromm, bist du zu arm, + Hin an des Grabes Schwelle. + + Leg es in Linnen, die du gewebt, + Zu Blumen, die du gepflücket, + Stirb mit, daß, wenn es die äuglein hebt, + Im Himmel es dich erblicket. + + So lallt zu dir ein frommes Herz, + Und nimmer lernt es sprechen, + Blickt ewig zu dir, blickt himmelwärts + Und will in Freuden brechen. + + Brichts nicht in Freud, brichts doch in Leid, + Bricht es uns allen beiden. + Ach, Wiedersehen geht fern und weit, + Und nahe geht das Scheiden! + + +Als ich das Lied ganz hergesagt, waren ich und mein Herr Ritter ein +bißchen stille. Dann hob er an und sprach: "Du hast recht, lieber +Johannes, du warst recht reich, eine so liebe Mutter auf Erden zu +finden; das ist ein schönes Lied, aber es ist auch viel Trauer darin; +wer hat es denn also gesetzet, daß es am Ende so schmerzlich vom +Scheiden spricht?" + +Da sagte ich: "Mein Vater hat es gesetzt, als ich noch nicht geboren +war, da er von meiner Mutter scheiden mußte, und hat sie ihn nie +wiedergesehn, und kenne ich ihn auch nicht." Da brachen mir die +Tränen aus, aber mein gnädiger Herr fuhr mir freundlich mit der Hand +über das Haupt und sagte: "Sei wohlgemut! Ich will dein Vater sein, +das reicht auf Erden hin, Gott gebs!" Da küßt ich ihm die Hand und +fuhr fort: "Ach, Herr Ritter, solcher Reichtum an einer so lieben +Mutter war noch nicht genug; denn gute Leute nahmen mich auf ihre +Arme und trugen mich in die Kirche; da ward ich durch die heilige +Taufe aufgenommen unter die Kinder Gottes und ward gereinigt von +aller Sünde und ward teilhaftig der Versühnung unseres Herrn Jesu +Christi. Da ward ich erst reich über alle Maßen, da hatte ich das +ewige Leben und den Schlüssel des Himmels geschenket. Dann aber auch +ward mir gegeben viele irdische Herrlichkeit, und was zum Leben nötig +und lustig ist; denn ich ward gelehret, daß der Glanz der Sonne all +mein Gold sei, der Spiegel der Flüsse all mein Silber, die grünen +Wiesen mit ihren Blumen all meine Teppiche und Tapezereien, der +Himmel mit seinen blauen gestirnten Gewölben und der grüne hohe Wald +alle meine Gebäude und Hallen; ja endlich bin ich so reich geworden, +daß mir die ganze Welt offen stand, und alle guten Menschen meine +Diener warden, zu denen ich sprechen durfte: Gib mir dies, gib mir +jenes; und hatte ich auch keinen Herrn, als den Herrn aller Herren, +den lieben Gott, der mir das Leben zu einem Leben gegeben, und in +dessen Hände ich es, so der heilige Geist seine Gnade verleiht, und +mein Herr Jesus sich meiner erbarmt, ohne große Makel zurückzugeben +hoffe, und habe ich mir zum Spruche auf mein Schild erwählt--denn ich +bin eines Ritters Sohn--: + + + Der Himmel ist mein Hut, + Die Erde ist mein Schuh, + Das heilge Kreuz ist mein Schwert, + Wer mich sieht, hat mich lieb und wert." + + +Da lächelte Herr Veltlin und sprach: "Dein Hut ist besser als deine +Schuh, die wirst du dir bald ablaufen, aber dein Schwert ist das +mächtigste auf Erden und hat einen guten Waffenschmied gehabt, du +bist ein guter Ritter, und deine Fahrt mag friedlich abgehen, denn +die dich sehen, haben dich lieb und wert. Aber erzähl mir nun dein +Herkommen!" + +Da zog ich ein Buch aus meinem Buchbeutel und sprach: "Ich will es +Euch lesen, denn ich habe angefangen, es mir aufzuschreiben, und zwar +so recht ausführlich, wie es mir eingefallen, mit allerlei Rede und +Betrachtung; wie mir bewußt ward, daß es gewesen ist und gewesen sein +kann." Da sprach Herr Veltlin: "Du kannst schreiben? Johannes, das +kann ich nicht, und bin ich begierig zu hören, ob du auch alles so +aufgeschrieben, daß ich es wohl genießen mag; denn da die Schrift als +etwas Künstlicheres und dem Menschen Merkwürdigeres gegeben wird als +gewöhnliche Rede, die schnell dahin fliegt, so soll sie auch des +Aufbehaltens würdiger dem Menschen dargereicht werden, und also +wohlgesetzt und deutlich sein. Lies nun!" Da hob ich an: Chronika +des fahrenden Schülers Johannes Laurenburger, von Polsnich an der Lahn + + + Dieses Buch ist mir wert und lieb; + Wer es mir stiehlt, der ist ein Dieb. + + +Ich bin geboren am 20. Mai 1318 zu Polsnich an der Lahn; das ist ein +Hof, der gehört zum Kloster Arnstein, darin ich getauft wurde +Johannes. Meine Mutter selig wohnte in einem kleinen Häuslein vor +dem Hof, und nannte man sie die schöne Laurenburger Els; mein Vater +aber, den ich nie gesehen, war der Ritter von der Laurenburg, die dem +Kloster Arnstein gegenüber an der Lahn liegt. Was es aber für eine +Beschaffenheit mit ihm habe, will ich hier niederschreiben, so viel +ich erfahren, wenn ich zu der Zeit in meinem Leben gelange, da es mir +selbst bekannt worden. + +Das erste, dessen ich mich aus frühster Jugend von meiner Mutter +recht deutlich erinnre, ist, daß sie mich lehrte, mich mit dem +Zeichen des heiligen Kreuzes zu bezeichnen und die Hände zu falten +und das Vaterunser und den englischen Gruß zu beten. Sie sagte mir +die Gebete vor, ich schaute nach ihren Lippen und sprach ihr nach, +und ich erinnere mich noch recht sehr deutlich meiner großen Freude, +als ich zum ersten Male abends neben ihr an ihrem Betschemel kniete, +und diese heiligen Gebete mit ihr fertig und ohne Fehl sprach. Jetzt +noch, wenn ich bete, ist es mir oft, als schaute ich nach ihren +Lippen und spräche ihr nach. + +Sie war arm, fromm und arbeitsam, und wenn ich sie gleich später in +mancherlei Geschäft gesehen, schwebt mir ihr Bild doch meistens +betend, singend oder spinnend vor Augen. Wenn sie mich manchmal +abends schon im Bette entschlafen glaubte, wachte ich noch und +horchte auf das Schnurren ihrer Spindel und ihren rührenden Gesang; +denn sie saß spät auf, ihr Brot in Ehren zu verdienen. + +Der Anblick meiner holdseligen Mutter, wenn sie so bei Lampenschein +vor sich hinsang und spann, rührte mich oft bis zu Tränen; warum, das +weiß der liebe Gott gewiß, zu dem ich wohl zuhörend mit kindischem +Herzen für sie gebetet habe. + +Einmal weiß ich, daß ich gar sehr weinen mußte; als ich sie nachts +bei ihrem Rocken so vor sich hin singen hörte, da fing eine +Nachtigall vor unserm Fenster auch an zu singen; es war schon sehr +spät, und der volle Mond schien klar und hell. Meine Mutter aber +hörte nicht auf zu singen, und sang das Vögelein und sie zugleich. +Da habe ich zum erstenmal Traurigkeit empfunden und kindische Sorgen +um den Ernst des Lebens gehabt, die ich wohl noch fühle, aber nicht +auszusprechen vermag; da habe ich mich auch leise im Bette +aufgerichtet und meiner Mutter zugehört. Sie sang aber ein Lied, das +lautete also: + + + Es sang vor langen Jahren + Wohl auch die Nachtigall; + Das war wohl süßer Schall, + Da wir zusammen waren. + + Ich sing und kann nicht weinen + Und spinne so allein + Den Faden klar und rein, + Solang der Mond wird scheinen. + + Da wir zusammen waren, + Da sang die Nachtigall; + Nun mahnet mich ihr Schall, + Daß du von mir gefahren. + + So oft der Mond mag scheinen, + Gedenk ich dein allein; + Mein Herz ist klar und rein, + Gott wolle uns vereinen! + + Seit du von mir gefahren, + Singt stets die Nachtigall; + Ich denk bei ihrem Schall, + Wie wir zusammen waren. + + Gott wolle uns vereinen, + Hier spinn ich so allein; + Der Mond scheint klar und rein, + Ich sing und möchte weinen! + + +Besonders traurig aber kam es mir vor, daß der Vogel und meine Mutter +zugleich sangen und doch nicht recht miteinander, und hätte ich +damals wohl wissen mögen, ob der Vogel auch in seinem Gesange meiner +Mutter gedachte, und ob er auch lieber geweint als gesungen hätte. +Ich fragte darum meine Mutter mit den Worten: "Mutter, was singt denn +die Nachtigall dazu?" + +Da sagte sie: "Die Nachtigall sehnt sich und lobet Gott; also tue ich +auch. Aber, Johannes, warum wachst du? Schlafe, du mußt morgen früh +heraus und mit mir nach Kloster Arnstein gehn; wenn du nicht schläfst, +so nehme ich dich nicht mit." Da löschte sie die Lampe aus, und +trat vor mein Bettlein und machte mir das Zeichen des Kreuzes auf +Stirne, Mund und Herz und küßte mich, und da ich fühlte, daß sie +weinte, schlang ich meine Arme um ihren Hals und drückte ihr Antlitz +fest an das meinige, und da weinten wir beide. + +Ich fragte sie aber: "O liebe Herzmutter, was weinest du, und warum +machst du mir nochmals das Kreuz? Ich habe ja schon gebetet." + +"Lieber Johannes", sprach sie hierauf, "ich mache dir immer das Kreuz +und küsse dich, wenn ich schlafen gehe, daß dir Gottes und deiner +Mutter Segen in der Nacht zugute komme; aber du hast bisher immer +schon geschlafen, wenn ich es tat, und wußtest es darum nicht." Aber +warum sie weine, sagte sie mir damals nicht. Darauf entkleidete sie +sich und legte sich zu Bette, und betete laut, ich aber sprach ihr +nach: + + + Herr Jesus, ich will schlafen gehn, + Laß vierzehn Engel bei mir stehn, + Zwei zu meiner Rechten, + Zwei zu meiner Linken, + Zwei zu meinen Häupten, + Zwei zu meinen Füßen, + Zwei, die mich decken, + Zwei, die mich wecken, + Zwei, die mich weisen + Zum himmlischen Paradeise! + + Worauf wir ruhig einschliefen. + +Am folgenden Morgen wachte ich früher auf als die Mutter. Die +Schwalbe begann zu singen. Ich kleidete mich leise an und trat an +das Bett meiner Mutter; die hatte die Hände ruhig gefaltet, und der +junge Tag schien auf ihr Angesicht. Ihr Anblick erfüllte mich mit +Liebe und Trauer, denn ich hatte Barbara, die Tochter des Hofmeiers, +neulich also mit gefaltenen Händen stille im Sarge liegen sehn, und +ergriff mich eine so tiefe Angst, daß ich meine Mutter mit ungestümen +Küssen erweckte. Sie erwachte in meinen Armen, und als ich ihr die +Ursache meiner Tränen sagte, nahm sie meine Hände von ihrem Hals und +faltete sie, und schloß sie in ihre lieben Hände, und so beteten wir +zusammen zu Gott, und dankten ihm, daß er uns diese Nacht erhalten +und uns verliehen habe, diesen Tag zu unserer Besserung anzutreten. +Am Schlusse des Gebetes sagte die Mutter: "Du hast gefürchtet, ich +sei tot, Johannes; sterben müssen wir alle, halte dich an unsern +Herrn Jesum und die himmlische Mutter Maria, die werden dir Vater und +Mutter sein, besser als dein irdischer Vater und ich, wenn auch ich +dich verlassen muß. Und wenn ich einst die Hände so schließe, um zu +beten, da ich zur ewigen Ruhe entschlafe, so schließe auch deine +Hände so in die meinigen und bete mit mir, auf daß uns der Heiland +zusammen in die ewige Herrlichkeit seines Angesichts schauen lasse. +"-Da wurd ich still und trat an das Fensterlein unsrer Kammer und sah +nach dem kommenden Tag. Als sich aber meine Mutter angekleidet hatte, +trat sie hinter mich, und hielt mir freundlich die Augen zu, mit den +Worten: "Warte ein wenig, liebes Kind, gleich wirst du etwas sehen, +das du nie gesehen." Während sie mir so die Augen zuhielt, fragte +ich sie: "Liebe Mutter, ist das Gebet dann kräftiger, und gefällt es +dem lieben Gott dann besser, wenn man die Hände so zusammen faltet, +wie du mit mir getan?"--"Gewiß", sagte die Mutter, "wenn die, so es +tun, sich so lieben wie wir, aber den lieben Gott doch noch viel mehr +als einander, und wenn in der Kirche alle Leute zusammen beten und +der Priester am Altare betet, da ist das Gebet des Priesters die Hand, +in die sie alle ihre Hände gefalten haben. Was habe ich dich von +der christlichen Liebe gelehrt?" Da sprach ich: "Du sollst Vater und +Mutter lieben, auf daß du lang lebest auf Erden; du sollst deinen +Nächsten lieben wie dich selbst und Gott über alles."--"Recht", sagte +die Mutter, "o wie selig wäre die Welt, wenn alle Menschen so +vereinet beteten, wie wir es heut tun konnten, und wie es eine fromme +Gemeinde in der Kirche tut." Da sagte ich kindisch: "Aber alle +Menschen können doch nicht ihre Hände zu zwei Händen zusammenlegen. +"--"O gewiß, das können sie", erwiderte die Mutter, "und das in +unsers lieben Erlösers Jesus Christi Hände, der überall und an allen +Orten ist, und seine heiligen Hände für uns am Kreuze ausgespannt hat, +uns zu erlösen von der Sünde. Denn er hat uns ja das Gebet gelehret, +und er ist die Hand, in welche wir unsre Hände legen müssen, so +unser Gebet zu Gott dringen soll; denn er selbst hat auf Erden gesagt: +"Alle Dinge sind mir übergeben von meinem Vater, und niemand +erkennet den Sohn, als nur der Vater, und niemand kennet den Vater, +als nur der Sohn, und wem es der Sohn will offenbaren. Kommet her zu +mir, alle, die ihr mühselig und beladen seid, ich will euch erquicken." +Und der heilige Johannes sagt: "Der Vater hat den Sohn lieb und +hat ihm alles in seine Hand gegeben. Wir haben einen Fürsprecher +beim Vater, Jesum Christum, den Gerechten; der ist die Versöhnung für +unsre Sünden, doch nicht allein für die unsrigen, sondern für die +Sünden der ganzen Welt. Es ist ein Gott und ein Mittler zwischen +Gott und den Menschen, der Mensch Jesus Christus, der sich selbst für +uns alle zur Erlösung hingegeben hat." Ach, möchten nur alle ihre +Hände in des Heilands Hand, in die Gott alles gegeben hat, glaubend, +hoffend und liebend legen; dann würden wir alle zusammen schauen in +das Angesicht Gottes." Nach diesen Worten tat die liebe Mutter ihre +Hände von meinen Augen und sprach: "Gelobet sei Jesus Christus!", und +ich erwiderte: "In Ewigkeit, Amen!" und sah mit großer Seligkeit in +den Glanz der Morgensonne, die über dem Lahntal hervorstieg. "Ach, +Mutter", rief ich aus, "ist dieses Gottes Angesicht?"--"Nein, mein +Kind", erwiderte sie, "das ist nur seine erschaffene Sonne, die er +über uns arme sündige Menschen scheinen läßt; aber denen, die ihn +lieben, hat Gott bereitet, was kein Auge gesehn und kein Ohr gehört +hat, und was in keines Menschen Herz gekommen ist." + +Ich habe aber damals die Sonne zum ersten Male aufgehen sehen, weil +ich so früh vorher nie aufgestanden. Dieses Morgens und aller meiner +Mutter Rede und Tun an demselben habe ich bis jetzt gar oft mit +großem Nutzen gedacht. Nun aber nahm meine Mutter Linnen, das sie +gewebt, und Garn, das sie gesponnen und gezwirnet, um es in dem +Kloster zu verkaufen. Sie trug es in dem Korbe auf dem Kopfe, und da +ich sie darum gebeten, gab sie mir einige Stränge des Garns zu tragen, +welche ich mit einer großen Liebe zu meiner Mutter sehr sorgfältig +bis nach Arnstein getragen habe. Wir kamen daselbst in des Abtes +Stube, die war mit schönen Bildern ausgemalt; auch handelte der Abt +selbst um das Tuch mit der Mutter und war ein heiliger, aber sonst +gar freundlicher und lustiger Mann, fragte mich auch, da ich die +schönen Bilder an den Wänden so fleißig betrachtete: "Hans, dir +gefällt wohl meine Zelle; hast du auch Lust, ein geistlicher +Ordensherr zu werden? Wenn du fromm und fleißig bist, kannst du mit +der Zeit diese meine Bilder besitzen und Abt sein, wenn ich in dem +stillen Konvent unter der Kirche schlafe." + +Da erwiderte ich: "Ich hätte wohl Lust dazu, Abt in der schönen Zelle +zu sein, Hochwürdiger Herr, wenn meine liebe Mutter mit drinnen +wohnen wollte." Da lachte der Abt und sprach: "Lieber Hans, wenn die +schöne Laurenburger Els mit in den Zellen wohnen dürfte, möchte wohl +das kleine Klosterpförtlein zu enge werden, so viele sollten den +heiligen Orden suchen; aber das geht nicht, denn der Herr spricht, +wir sollen das Kreuz auf uns nehmen, alles verlassen und ihm +nachfolgen; und doch wohnet eine Mutter mit uns in unsern Zellen, die +ist noch viel lieblicher und milder als die deine." Da sah ich bald +den Abt, bald meine Mutter an und konnte seine Rede nicht recht +glauben, sagte auch zuletzt: "Ach, Hochwürdiger Herr, zeiget mir sie!" +Da lachte der Abt wieder und sprach: "Mein Hans, zeigen kann man +sie nicht, aber wir leben alle in ihrem Schoße, und auch du; es ist +die heilige Mutter, die Kirche, welche unser lieber Herr Jesus sich +zu einer Braut erkoren; aber das verstehest du noch nicht." Da sagte +ich: "Nein!", und er gab mir drei Bildlein aus seinem Gebetbuch, das +war St. Jörgen Bild, meines Vaters, Ritter Jörgen von der Laurenburg, +Patron, St. Elsbethen Bild, meiner Mutter Patronin, und St. Johannsen +mit dem gülden Mund Bild, mein Patron, worüber ich große Freude +empfand, und als ich ihm den ärmel küssen wollte, reichte er mir die +Hand und sprach: "Johannes, bitte Frau Else, deine Mutter, daß sie +dich bald herauf zur Schule tut, da sollst du zur Messe dienen lernen, +und für jede Messe einen halben Heller von mir erhalten." Da bat +die Mutter den Abt um seinen Segen, und knieten wir beide vor ihm, +und er legte seine Hände auf uns und betete. + +Meine Mutter ließ aber von dem Geld, das er ihr für die Linnen +gegeben, zurück, eine heilige Messe für ihr Anliegen in Sankt Jörgen +Kapelle zu lesen, und da der Abt fragte: "Laurenburgerin, was ist +Euer Anliegen?", traten meiner Mutter die Tränen in die Augen, und +sie sprach mit Schämen: "Das stell ich Gott anheim, Hochwürdiger Herr." +Der Abt erwiderte hierauf mit ernster und freundlicher Stimme: +"Laurenburgerin, nehmet Euer Geld zurück und wendet es Eurem Kinde zu; +ich weiß, Ihr lebet bedrängt, ich will das heilige Meßopfer selbsten +für Euch halten und von ganzem Herzen für Euch beten; aber ergebet +Euch auch in den Willen des Herrn, und hanget nicht weltlichem Kummer +allzu sehr nach." Meine Mutter aber wollte das Geld nicht wieder +nehmen und sprach: "Der Himmel segne Euch, Hochwürdiger Herr, für +Eure Milde, aber ich bedarf des Geldes nicht, welches ich zu heiligem +Opfer erarbeitet; tut des edlen Laurenburgers Weib den Schimpf nicht +an, als könne sie nicht ein kleines Opfer erarbeiten." Da sprach der +Abt: "So Ihr Euch das zu Herzen nehmet, will ich dafür ein Kerzlein +vor St. Jörgen Bild aufstecken lassen. Linnen und Garn gebet unten +im Kloster dem Bruder Sulpizius, daß er Chorhemden daraus mache; denn +Eure Linnen sind gar fein." Da nahm die Mutter die Linnen, und gaben +wir sie unten dem Bruder Schneider; der hielt aber der Mutter den +Korb zurück, bis wir aus der Kirche kamen. + +In der Kirche gingen wir zur Linken in eine Kapelle; da stand auf dem +Altar St. Jörgen Bild, wie er den Drachen durchbohret; den Altar +haben die Ritter von der Laurenburg gestiftet und viele Gaben zu dem +Kloster getan, haben auch ihr Begräbnis in dieser Kapelle, wie ich +nachmals erfahren. Zur Rechten des Altars kniete ich mit meiner +Mutter nieder, bei einem steinernen Bilde, das in die Wand gemauert +war. Dieses stellte aber einen alten Ritter vor, der hatte ein +langes geistliches Gewand an, und legte einem jungen Ritter, der vor +ihm kniete, die Hände auf das Haupt. Meine Mutter sah oft und mit +recht innerlicher Bewegung nach dem knienden Ritter. Ich betrachtete +ihn auch, und empfand eine große Freude an ihm, hätte ihm auch gern +etwas Liebes getan und setzte ihm drum einen grünen Kranz auf sein +steinern Haupt, den ich mir im Walde geflochten und noch spielend in +der Hand trug. Da meine Mutter dies sah, fuhr es wie ein Blitz durch +ihre Augen, und umarmte sie mich heftig in der Kirche, aber ihre +Wangen wurden schamrot und ihre Augen voll Tränen; da ließ sie mich +los und senkte das Haupt auf den Betstuhl. Ich empfand große +Bangigkeit um ihre rührende Gebärde. Da trat ein Ordensbruder aus +der Sakristei mit einer schönen bunten Wachskerze; die zündete er an +der ewigen Lampe an, nahte dann unserm Betstuhl und reichte sie +meiner Mutter und mir zu küssen, und als wir dies getan, steckte er +sie auf St. Jörgen Leuchter, der neben St. Jörgen Altar stand und +gestaltet war wie eine Lanze, die durch einen Lindwurm gestochen ist. +Das war die Opferkerze, die uns der Herr Abt versprochen. Nun klang +das Glöcklein, und der fromme liebreiche Herr trat mit dem +Ministranten zum Altar und las uns die heilige Messe selbst mit +großer Andacht. Da sagte mir meine Mutter ins Ohr: "Bete hübsch +fromm, Johannes, der stehende alte Ritter ist der alte Laurenburger, +dein Großvater, bete hübsch für ihn!" Nun hatte ich den Mut nicht +mehr, nach dem Bilde zu schauen, und ward mir mein Großvater von +damals an ein gar ernster und sorglicher Gedanke, aber ich habe zum +ersten Male gebetet mit einer recht innerlichen Herzensangst, wie +früher nie; warum ich aber so gebetet, kann ich mich nicht mehr +deutlich entsinnen. + +Da die Messe zu Ende war, fragte ich meine Mutter wieder nach dem +steinernen Bilde mit den Worten: "Mutter, was macht denn der alte +Laurenburger da?" Aber sie antwortete nicht, und sah mit nassen +Augen den knienden Ritter an, dem ich das Kränzlein aufgesetzet. Als +ich sie nochmals fragte, sagte sie: "Der alte Laurenburger tut, was +ich dir gestern abend tat, da ich dich im Bette mit dem heiligen +Kreuze bezeichnete." Da fragte ich sie weiter: "Will denn der alte +Laurenburger auch schlafen gehn?" Und sie sprach: "Ja, er will +schlafen gehn in die ewige Ruhe." Ich aber fragte weiter: "Will denn +der kniende Ritter auch schlafen gehn?" Da sprach sie: "Ach, Gott +gebe ihm ein seliges Erwachen, so er schon schläft!" und ward wieder +sehr traurig, und hob mich hinauf an dem Bilde, mit den Worten: +"Küsse den Knienden, habe ihn recht lieb, es ist dein guter Vater." +Da küßte ich ihn herzlich und setzte ihm das Kränzlein zurecht auf +seinem Haupt, wollte ihn auch nicht lassen. Meine Mutter aber +behielt mich auf dem Arme und trug mich aus der Kirche hinaus, und +hätte sie schier auch ihren Korb vergessen, der noch bei dem Bruder +Sulpizius stand. Der aber kam uns nachgelaufen und brachte den Korb; +da war ein schönes weißes Klosterbrot drinnen und ein Krüglein voll +Weins, das schenkte uns der Herr Abt. + +Sie dankte und ging ruhig mit mir links dem Walde zu, einen andern +Weg, als wir hergekommen waren. Sie hatte den Korb am rechten Arme +und trug mich auf dem linken; ich sagte ihr, daß ich nicht müde sei, +und es ihr sauer werde, sie solle mich gehen lassen. Aber sie wollte +mich nicht loslassen, und ich merkte in ihr eine geheime Lust, mich +zu tragen, und sie schloß mich manchmal fester mit dem Arme an ihre +Brust, so daß ich den Schlag ihres Herzens fühlte. Da ward ich mir +so recht lebendig ihrer Liebe bewußt, und genoß ihrer Güte mit +kindlicher Freude; denn sie pflegte mich sonst nicht zu tragen, weil +sie, wenn gleich groß und schlank, doch durch manche Sorge und +Nachtwache entkräftet war. Sie war zart und weiß mit langen blonden +Haaren, und wie goldne Strahlen waren die Wimpern über ihren reinen +blauen Augen, die mich noch immer mit Friede, Liebe und Warnung +anblicken. Ja, ihr liebes Angesicht war wie ein durchsichtiges +Fensterlein ihres Herzens, aus dem ihre Seele mit jeder innern +Bewegung errötend und erbleichend zum Himmel schaute. Ihr Mund aber +war ruhig und zart geschlossen, und erregte eine züchtige Ehrfurcht. +Ich sage dies hier; denn ich werde nimmermehr vergessen, mit welcher +Liebe ich damals ihr edles Angesicht betrachtete, und wie gut und +holdselig sie aussah, da sie mich so zärtlich durch die freie Luft +über die grüne Wiese hintrug, und meine Härlein und ihre langen +blonden Haare in dem Winde durcheinanderflogen, und die Lerche über +uns, gegen die Sonne schwebend, lobsang. Da war mir unendlich wohl, +und meine Sehnsucht, sie nicht zu ermüden, ward so inbrünstig, daß +ich glaubend fühlte, ich ermüde sie nicht, und, mit ihren Haaren +spielend, zu ihr sagte: "Liebe Mutter, bin ich nicht recht leicht? +Mir ist, als träume ich, ich flöge." Sie aber antwortete nicht, als +mit einem zärtlichen Druck ihres Arms, und ich begann ihr ihre Haare +in Zöpfe zu flechten, daß ihr der spielende Wind nicht beschwerlich +fallen möge, und sie ließ es mit freundlichem Hinneigen ihres Kopfes +gern geschehen. Da ich aber fertig war und sie mich durch den Wald +unter den Bäumen hintrug, brach ich einen grünen Eichenzweig ab, wand +ihn in einen Kranz, und setzte ihn ihr auf das Haupt mit den Worten: +"Liebe Mutter, nun bist du geschmückt wie der kniende Ritter in St. +Jörgen Kapelle, nun hast du auch ein Kränzlein auf, und wenn er uns +nun durch den Wald entgegengeschritten käme, würdet ihr euch beide +wohl sehr aneinander erfreuen über die schönen Kränze?" Meine Mutter +aber antwortete nicht und ging traurig fort, worüber ich auch betrübt +wurde. + +So zogen wir still und einsam wohl eine Stunde lang durch den dichten +Wald, als wären wir die einzigen Menschen auf der Welt, und hätten +nicht viel Freude. Nun ward es lichter in den Zweigen, und der Wald +endete sich gegen den Rand des Berges, der sich in das einsame +Lahntal senkte; hier küßte mich die Mutter und ließ mich an die Erde. +Wir standen aber auf einer grünen Waldwiese, die ein frischer Quell +erquickte, der mit Umwegen an dem mannigfaltig unterbrochenen Abhange +zu der Lahn hinabeilte. Wo wir standen, war die Gegend sanft und +mild, ein großer alter Birnbaum hing schwer voll gelber Birnen, und +um ihn her standen mehrere Vogelbeerbäume, die mit ihren +feuerfarbenen Früchten lustig gegen den dunkeln Wald abstachen; +außerdem begrenzten und durchschnitten den Platz mancherlei +Fruchtsträucher, Haselbüsche, Johannis--und Klosterbeersträucher, und +ich hatte die Fülle zu brechen und zu genießen. Gegen uns über +erschien die Gegend ernster. Das Lahntal schließt, von diesem Punkte +gesehen, den Spiegel des Flusses mit einer Krümme wie einen +tiefliegenden See ein, und die Berge lagen, mit dunklem Walde bedeckt, +streng und finster um diesen her, als hätten sie tiefsinnige +Gedanken über ein Leid, das hier geschehen. Die Mutter stand stille +und schaute ruhig in die Gegend hinein, ich hatte aber den Deckel des +Korbes genommen, ihn mit breiten Haselnußblättern bedeckt, und +sammelte mit ängstlichem Fleiße die schönsten Brombeeren und +Himbeeren, und was sonst an wohlschmeckenden Träublein zu reichlicher +Lese sich darbot. Zwischen der Arbeit schaute ich oft nach ihr, sah +auch mit Freude, wie der Anblick der Gegend ihr Antlitz zu erheitern +schien, und als ich meine Ernte ihr darbot, lächelte sie freundlich, +strich mir mit der Hand über die Stirne und sagte: "Schönen Dank, +Johannes, du bist ein gutes Kind." + +Dann führte sie mich rechts dem Dickicht zu, wo wir nach wenigen +Schritten vor einer kleinen verlassenen Hütte standen; der Efeu hatte +frei die Wände umrankt, und selbst die verschlossene Tür mit seinem +Gitter umzogen. Die Mutter hob mich an einem alten Wacholderbaum in +die Höhe, der neben der Türe stand, und ich mußte ihr aus einem Loche +in demselben einen Schlüssel holen, mit welchem sie die Türe +aufschloß, nachdem ich ihr geholfen hatte, die Efeuranken behutsam, +ohne sie zu zerreißen, von der Türe abzulösen. Nun gingen wir durch +eine kleine, gerätlose Küche in eine viereckte Stube. Ich trat mit +Scheu hinein; denn die wenigen Strahlen, welche durch die +verschlossenen Fensterladen fielen, zeigten mir allerlei große Vögel +an den Wänden in unbestimmtem Lichte. Meine Mutter aber stieß +sogleich einen Fensterladen auf, und da sah man nach der andern Seite +des Lahntals, wo das alte Laurenburger Schloß aus schwarzem Bergwald +hervorragte. An den Wänden der kleinen Stube sah ich auf +eingemauerten Hirschgeweihen vielerlei ausgestopfte Vögel befestigt, +und besonders eine Reihe alter Falken; außerdem lehnten und hingen +mancherlei Jagdgeräte, Armbrust, Speere, Netze u. dgl., in schöner +Ordnung um einen einfachen Betschemel, der vor dem holzgeschnitzten +heiligen Hubertusbilde stand. Da war St. Hubertus abgebildet, wie er +vor einem Hirsche kniet, der ihm mit einem Kreuze zwischen den +Geweihen auf der Jagd entgegengetreten, da ihm der Herr sein wildes +Herz gerührt. Ich betrachtete alle diese Dinge, die ich früher nie +gesehen, mit bangem Staunen, während meine Mutter, auf einem +hölzernen Stuhle sitzend, still dem Fenster hinaus nach der +Laurenburg sah. Alles, was mir seit dem letzten Abend begegnet war, +hatte die ruhige Folge der gewohnten Eindrücke in meiner Seele +unterbrochen, und wenn ich jetzt zurückgedenke, möchte ich meine +damalige Empfindung wohl dem Gefühl eines Rades vergleichen, wenn es +in der Mühle plötzlich lebendig werden und sehen könnte, wie es sich +selbst und alle die andern Räder sich mit ihm herumdrehen, ohne sich +doch gleich vorstellen zu können, was es selbst und die andern Räder +eigentlich sollen, und was überhaupt eine Mühle ist. Besonders aber +befremdete es mich, daß meine Mutter mit allem dem Geräte der Hütte +ganz vertraut war, und in der Hütte tat, als wäre sie immer darin +gewesen; darum fragte ich sie mit den Worten: "Liebe Mutter, bleiben +wir nun hier, ist dies auch unser Häuslein? Dann will ich uns einen +kleinen Garten bauen und ein Vogelsteller werden." Da entgegnete sie +freundlich: "Was willst du dann mit den Vöglein anfangen?", worauf +ich sagte: "Ich will sie das Vaterunser beten lehren." Da fragte sie: +"Weißt du denn, wo dein Vater ist?" Und ich antwortete: "Im Himmel." +Nun nahm sie mich zu sich, und ich mußte mich zu ihren Füßen +setzen, und da erzählte sie mir ohngefähr das, was ich hier weiter +niederschreibe. + +Wenn ich auch gleich jedes ihrer lieben Worte jetzt, da ich erwachsen +bin, nicht mehr so recht eigentlich wissen kann, dürfte es doch nicht +viel anders gelautet haben; denn ich habe mir alles scharf in das +Gedächtnis gefaßt, und es mir oft wieder von ihr erzählen lassen, so +daß wohl eher zu viel als zu wenig hier stehen mag. Sie sprach aber: +"Lieber Johannes, du hast mich seit gestern wohl trauriger als je +gesehen, denn ich dachte gestern, da die Arbeit vollendet war, schon +daran, wie ich heute alle die Wege gehen würde, die du mit mir +gegangen bist. Du hast mich auch gestern abend gefragt, warum ich +weine, da ich vor deinem Bettlein stand, aber ich habe dir keine +Antwort gegeben, sondern nur mit dir gebetet, damit wir ruhig +schlafen möchten. Jetzt aber will ich dir vieles erzählen; denn ich +glaube, es wird dir frommen, wenn du früh weißt, wie auf Erden viel +Traurigkeit ist, und im Himmel allein die Freude, die wir durch +unwandelbare Treue und Stärke in dem irdischen Leide allein verdienen +können. Du wirst dann deine Sinne immer mehr zu Gott wenden, und +dich führen lassen von seinen Engeln auf Erden, dem Glauben an Jesus, +der Hoffnung auf Jesus, und der Liebe zu Jesus, deren Gespielen sind +die Einfalt, die Demut, die Unschuld und die Wahrheit. Auch sollst +du nicht traurig sein um des Leides willen, das dich auf Erden +treffen wird, nein, nur um deine und aller Schuld, deren Strafe das +Leid ist. Auch sollst du nicht trauren um deinen Schmerz, sondern +allein um die Leiden deines Erlösers am Kreuze, an dem er gestorben +ist wie ein unschuldiges Lamm, das dahinnimmt die Schuld der Welt, +und zu dieser Versöhnung sollst du dich wenden, und fest an sie +glauben und auf sie hoffen, und dich rein erhalten von aller Sünde, +damit du deine Seele nicht wieder befleckest, die dein Jesus, dein +Erlöser, dein Heiland, dein Gott dir mit seinem heiligen Blute rein +gewaschen hat; dann wird dein Glaube, dein Vertrauen alles Leid +überwachsen, und du wirst dir ein freudiges Herz erkämpfen zu deinem +Gott, der dich erschaffen hat im Vater, erlöset im Sohn und +geheiliget im Heiligen Geist." + +Was mir meine selige Mutter, die schöne Laurenburger Els, in dem +Häuslein meines seligen Großvaters, des Voglers Kilian, auf der +Hirzentreu von sich und dem lieben Großvater erzählt hat + +Diese Berghöhe heißt die Hirzentreu, und dieses Häuslein, worin wir +sitzen, gehörte meinem lieben seligen Vater, dem Vogelsteller Kilian, +den man weit und breit nur den guten Kilian und den frommen +Falkenmeister nannte. Er ist zu Gott gegangen vor zehn Jahren, und +liegt begraben auf dem Kirchhofe zu Kloster Arnstein. Er ist geboren +zu Kitzing in Franken, und hat sich dies Häuslein hier selbst erbauet, +da er als ein Falkenier des Grafen von Nassau meine selige Mutter, +eines Jägers zurückgelassene Waise, zu seiner Hausfrau wählte, und +sich hier mit ihr niederließ. Es stehet auch draußen im Garten noch +der Baum, an welchem mein Vater meine Mutter zum ersten Male gesehen; +da rettete er ihr das Leben; denn als mein Vater einen Hirsch +verfolgte, fand das erzürnte Tier hier meine Mutter, welche als ein +armes Mägdlein Kräuter für die Klosterherren in Arnstein sammelte, +und faßte der Hirsch in seinem Grimm meine Mutter auf die Geweihe. +Mein Vater, der herzulaufend dieses sah, schoß einen Bolz von seiner +Armbrust nach dem Hirsch, und traf ihn nicht ohne Gefahr meiner +Mutter in das rechte Auge, und das verwundete Tier trat ihm, +geblendet, nun grade entgegen; da faßte mein Vater einen guten Mut, +und riß ihm die halbtote Jungfrau von dem Geweihe, legte sie unter +jenen Baum und erquickte sie an dem Bächlein, das hier entspringt. +Als sie sich wieder erholt hatte, sahen sie zu ihrer großen +Verwunderung, daß der Hirsch neben ihnen im Gebüsche stand, und mit +Schmerzen das Haupt bald hin und her schwenkte, bald traurig zur Erde +senkte. Da rührte das niederrinnende Blut meinen guten Vater, er +trat zu dem leidenden Tiere, zog ihm den Bolz aus dem Auge, und wusch +ihm die Wunde mit Wasser aus, welches alles der Hirsch ruhig +geschehen ließ. Als aber mein Vater die erschreckte Jungfrau nach +Kloster Arnstein begleitete, lief ihnen der Hirsch durch den ganzen +Wald nach, was sie beide sehr rührte und ihrem Gespräche eine größere +Vertraulichkeit gab. Vor Kloster Arnstein reichten sie sich die +Hände, und trennten sich mit der gegenseitigem Versicherung, +miteinander in christlicher Ehe zu leben. + +Nun machte sich mein Vater von seinen herrschaftlichen Diensten los, +baute mit Erlaubnis der Klosterherren diese Hütte, und führte meine +Mutter Agnes, als seine liebe Hausfrau, hinein. Der gute Hirsch war +durch die Hülfe, die ihm mein Vater geleistet, so mild und zahm +geworden, daß er ihm immer zur Seite war, wenn er hier an seiner +Hütte mit der Mutter baute. Mein Vater pflegte dabei immer des +Hirsches krankes Auge, welches bald ausheilte, aber blind wurde. +Hernach, als meine Eltern hier wohnten, hielt sich der Hirsch immer +freundlich zu ihnen, und ich weiß noch recht wohl, daß er, wenn wir +aßen, den Kopf hier zum Fenster hereinsteckte, und ich als ein Kind +ihm Brot gab. Einstens aber hörte mein Vater ihn in der Nacht heftig +schreien; da stand er mit der Mutter auf, und sie gingen hinaus, zu +sehen, was dem guten Tiere fehlte. Er war aber im Kampf mit andern +Hirschen, welche ihm seines blinden Auges wegen überlegen waren, so +heftig verwundet, daß er mit anbrechendem Tage zu den Füßen meiner +Eltern starb. Wir weinten um ihn, wie um einen treuen und dankbaren +Freund, und hat ihn mein Vater unter demselben Baume, wo er ihn +geschossen, begraben, sein Geweih aber in den Baum so befestigt, daß +es, zu ewigem Gedächtnis in denselben verwachsen, noch zu sehen ist, +und hat mein Vater diese Hütte wegen des treuen Hirschen Hirzentreu +genannt. + +Meine gute Mutter ist auch bald gestorben, und ich war noch ein so +kleines Mägdelein, daß ich nicht recht wußte, was Sterben ist. Ich +erinnre mich noch recht wohl, daß ich auf ihrem Bette saß, als sie +krank war, und ihr die Fliegen wehrte und ihr alle die kleinen Gebete +und Sprüche, die sie mich gelehrt, vorsagte, und meinem Vater zur +Hand ging, sie zu pflegen, soviel es ein Kind vermag. Da ich nun oft, +wenn meine Mutter Arzneikräuter suchte, mit ihr im Walde gewesen war, +und sie mir dabei allerlei Heilkräfte der Pflanzen mitgeteilt hatte, +so war meine Seele damals so erfüllt von der Begierde, ihr zu helfen, +daß ich einstens in der Nacht vor einbrechendem Tage in den Wald +hinauslief, um ihr einige Kräuter zu suchen, von welchen mir geträumt +hatte. Ich lief lange herum und suchte mit unbeschreiblicher Angst +die Kräuter, welche ich mich vorher gesehen zu haben nicht erinnerte. +Schon stand die Sonne hoch am Himmel, und ich war weit von unsrer +Hütte verirrt, aber ich vergaß, vor Begierde, das Arzneikraut zu +finden, meinen Hunger, und als ich endlich in großer Ermüdung +niederkniete und mit Tränen zu dem lieben Jesuskinde betete, es möge +mir doch das Kraut suchen helfen, ich wolle ihm auch mein Brot +schenken, bin ich darüber vor Müdigkeit entschlafen. Nach einigen +Stunden erwachte ich, und sah eine schöne edle Frau vor mir stehen; +ein Diener führte ihr Roß, auf welchem ihr Söhnlein saß, und war sie +abgestiegen, als sie mich so allein im wilden Walde liegen sah. Sie +fragte mich, wer ich sei, und da ich ihr gesagt, ich sei Voglers Els +von der Hirzentreu, und heute früh ausgegangen, ein Kräutlein für die +kranke Mutter zu suchen, küßte sie mich und sagte, daß sie mich +heimfahren wolle mit sich nach der Laurenburg, denn sie war die +Hausfrau des alten Laurenburgers, deine Großmutter; von da wolle sie +mich über die Lahn nach der Hirzentreu bringen lassen. Sie setzte +sich nun auf das Roß und nahm mich vor sich auf des Pferdes Hals; ihr +Söhnlein aber, Jörg, saß hinter ihr und hatte sie mit den Armen +umfaßt. + +So zogen wir ein Stück Wegs nach dem Lahntal hinab, und hatte ich +schier auch alles vergessen; denn das Reiten, die fremde Frau und ihr +Söhnlein, das mancherlei kleine Lieder mit ihr sang, beschäftigten +meine Seele. Aber der Hunger fing mich an zu drücken, und ich +bemerkte mit Weinen, daß ich mein Brot nicht mehr in meiner Tasche +fand. Da fragte mich die Edelfrau: "Els, was weinst du?" und ich +sagte ihr: "Ich hungre, denn ich habe dem Jesuskind mein Brot gegeben, +und das Kräutlein von ihm erhalten, aber nun habe ich das Kräutlein +verloren und hungre", und dabei verlangte ich heftig, sie möge mich +in den Wald zurücklassen, das Kräutlein zu suchen. Ich mußte der +Edelfrau das Kraut aber beschreiben, denn seinen Namen wußte ich +nicht. Da sagte sie auf einmal: "Mein liebes Kind, du hast wohl +geträumt, aber die Barmherzigkeit Gottes ist groß, denn sieh, mein +Diener trägt ein solches Kraut in einem feuchten Tuche eingeschlagen +in seinem Wadsack auf dem Rücken; dies Kraut aber wächst nicht hier +zu Lande, sondern habe ich es im Kloster Arnstein, wo ich zur Beichte +war, von dem Gärtner erhalten, der es von einem Priester aus fremden +Landen jenseits des Meeres hat." Da mußte der Knecht den Wadsack +öffnen, und siehe da, es war dasselbe Kraut darinnen, das ich im +Traume gesehen. Meine Freude war unaussprechlich, und die gute +Edelfrau befahl dem Knechte, sogleich das Kraut meinem Vater zu +bringen, und ihm zu erzählen, wie ich es gesucht, und wie mich die +Edelfrau mit nach der Laurenburg genommen. Der Diener kannte meinen +Vater gar wohl und lief mit Freuden die Waldstege nach unsrer Hütte +zu. Nun ritt die Edelfrau mit mir und ihrem Söhnlein allein vollends +zur Lahn hinab und an einer seichten Stelle hinüber nach der +Laurenburg, wohin der Diener bald auch kam und mich auf dem Kahne zu +meinen Eltern hieher zurückbrachte. Die gute Edelfrau hatte mir +viele Liebe erwiesen und gab mir noch ein Krüglein mit altem Wein, +und einige stärkende Gewürzküchlein für die kranke Mutter mit, und +versprach, sie selbst morgen zu besuchen. Ihr Söhnlein aber, das +nicht zugegen war, als ich aus der Laurenburg ging, kam mir bis zum +Wasser nachgelaufen und gab mir einen ganzen Rosmarienstock, den er +aus seinem Gärtlein ausgerissen, und sprach: "Du Kleine, das stell an +deiner Mutter Bett, das ist ein guter Ruch, wenn man siech ist. +Elslein, komm wieder!" Da gab er mir die Hand, und wir schieden. + +Als wir auf Hirzentreu ankamen, trug mich mein Vater an der Mutter +Bette; die umarmte mich und sagte: "Els, ich habe den ganzen Tag +nicht leben und nicht sterben gekonnt aus Sorge, daß du verloren +seist; Gott aber hat mich wunderbar getröstet durch das, was +geschehen, und hat mir dein Vater von dem Kraute einen Trank gekocht, +der hat mich wunderbar erquicket." Da gab ich dem Vater den +Rosmarienstock, der pflanzte ihn in einen schönen neuen Krug neben +der Mutter Lagerstätte, und nun nahm der Diener Abschied, nachdem er +den Wein und die Würzküchlein dem Vater gegeben. + +Es war darüber Abend geworden, mein Vater gab der Mutter noch von dem +Weine und der Würze, und sie fand sich so gestärkt, daß sie das +Abendlied mit dem Vater mit großer Andacht leise mitsang, worüber ich +zu ihren Füßen auf ihrem Lager entschlief. Gegen Morgen aber weckte +mich der Vater und sagte mir mit Weinen: "Wach auf, lieb Elslein, und +schau nach der Mutter, und gib ihr, was sie verlangt; sie ist gar +krank, und ich will nach Kloster Arnstein laufen um die letzte +heilige Wegzehrung für sie. Halte dich still, so sie schläft, und +bete still, und so sie es verlangt, reiche ihr zu trinken, auch +schaue nach dem brennenden Kienspan im Kamin, daß kein Unglück +entsteht." Dann trat er zur Mutter, trocknete ihr das Antlitz und +sprach: "Gott erhalte dich, liebe Agnes, zu christlichem Geleite, ich +geh nach Kloster Arnstein; O wie ist dir, liebe Agnes?" Da sagte die +Mutter: "Ich lege wie ein Kind mein krankes Haupt in den Schoß dessen, +der gesagt hat: "Ich will euch trösten, wie einen seine Mutter +tröstet", und ich habe das Vertrauen, er wird mich mit vollem Troste +von dir scheiden lassen; so gehe dann hin, und bringe mir den letzten +Trost!" Da küßte sie der Vater und ging fort. + +Ich aber redete leise zu Füßen des Bettes: "Mutter, darf ich zu dir +kommen?" Da sagte sie: "Ja, lieb Elslein, doch steh erst auf und +bringe mir das kleine Kreuz aus meiner Truhe; mich verlanget sehr +darnach." Geschwind eilte ich an die Truhe, doch der Deckel war so +schwer, daß ich ihn nicht erheben konnte; das klagte ich der Mutter, +die sagte: "Elslein, bete! Der dir das Kraut gebracht, das mich so +erquickte, wird dir auch helfen, die Truhe zu eröffnen, so du ihm +vertrauest." Da fiel ich vor der Truhe auf die Knie und betete, +Jesus möge mir die Truhe eröffnen, und Gott erbarmte sich meiner, ich +öffnete die Truhe mit kleiner Mühe und brachte der Mutter das kleine +Kreuz. Es ist dasselbe, welches noch in Polsnich an meinem Bette +hängt, und unsre Truhe zu Haus ist auch dieselbe Truhe. Die Mutter +nahm das Kreuz in ihre gefalteten Hände und küßte es, und drückte es +an ihr Herz, und ich legte mich zu ihr auf das Hauptkissen und +drückte meine Wange an die ihrige. Sie sprach nicht, sie flüsterte +betend, und so entschlief ich; bald aber weckten mich laute Worte von +ihr, und ich hörte sie sagen: "Hüter, ist die Nacht schier hin? Wer +da? Gut Freund! Sei getrost! Ich bins! Fürchte dich nicht! Herr, +bist du es, so heiße mich zu dir kommen auf dem Wasser!" und nach +diesen Worten bewegte sie sich mühsam im Traume. Ich verstand sie +nicht, und weckte sie mit Küssen: "Lieb Mutter, was verlangt dein +Herz?" Da schlug sie die Augen auf und sagte: "O mein Jesus, ich bin +noch nicht bei dir! Elslein, mein Kind, sage, hast du den lieben +Heiland gesehn, wo ist er hingegangen?" Ich verstand sie nicht, und +suchte ihr das Kreuzlein in dem Bette, das ihren Händen entfallen war, +und legte es ihr wieder in die Hände mit den Worten: "Herzmutter, da +ist der liebe Heiland." Da küßte sie das Kreuz wieder, und sagte +dann: "Elslein, ich war allein auf einem Kahn auf einem großen Wasser +eine lange, lange Nacht, kein Stern am Himmel, und sehnte mich nach +dem Tage; endlich sah ich ein Sternlein, das zog leise über das +Wasser, wie ein Wächter durch die Flur, und da rief ich mit aller +Macht: "Hüter, ist die Nacht schier hin?" und der Stern antwortete: +"Wenn der Morgen schon kömmt, so wird es doch Nacht sein; wenn du +schon fragest, so wirst du doch wieder kommen und wieder fragen." Da +kam es gegen mich über die Wogen geschritten, und ich sah, daß es +eine einsame Gestalt war. Da rief ich: "Wer da?" und es antwortete: +"Gut Freund!" Ach, da ward mein Herz so freudenvoll, und ich +gedachte: Sollte es wohl mein Jesus sein? Da sprach er: "Sei getrost, +ich bins, fürchte dich nicht", und ich sprach: "Herr, bist du es, so +heiße mich zu dir kommen auf dem Wasser." Da winkte er mir, und ich +trat aus dem Kahn auf das Wasser, konnte aber den Herrn nicht +erreichen, der vor mir herschwebte, wie eine Wolke oder ein Schatten, +und wenn ich so recht mutig und begierig auf ihn zuging, und recht +glaubte, daß er es gewiß sei, daß er sich meiner erbarmen werde und +einen Eliaswagen vom Himmel rufen, mich zu sich hineinsetzen und zu +dem himmlischen Paradiese fahren werde, ach, da war er mir so nah, so +nah, daß ich schon das Wehen der Seligkeit fühlte; dann kam aber +plötzlich eine Welle und erhob sich ein Wind, und ich verzagte und +glaubte zu versinken auf dem Wasser, und wie meine Sorge wuchs, +schwand das Bild des Herrn vor mir in die Ferne, ja, es ward wieder +zu dem einsamen Stern, den ich zuerst gesehen, und auch der +verschwand. Da war ich ganz allein auf dem Wasser, und der Kahn +trieb zu mir her, da sah ich dich drauf sitzen und nach mir weinen, +und ich wandelte mit Mühe zu dir hin, und saß bei dir im Kahn, und +herzte dich, und du entschliefst in meinem Arme. Ich aber wachte, +und die Nacht ward wieder so lang, so lang. Da hörte ich den +Flügelschlag einer Taube durch die Luft, und ich rief abermals mit +großer Sehnsucht: "Hüter, ist die Nacht schier hin?" Es flog aber +ein Täublein über meinem Haupt, das rief zu mir: "Lege Flügel der +Liebe an, und folge mir nach, deine Seele findet nicht, da sie ruhe +auf der Sündflut; sieh, der himmlische Noah strecket seine Hand aus +der gestirnten Arche, aus der du ausgeflogen, um dich wieder +hineinzunehmen; aber achte, daß dein Gefieder rein sei!" Da sah ich +den Himmel voll Sterne; aus dem blickten die Hände, die Füße und die +Seite des Herrn, und die heiligen fünf Wunden leuchteten wie Rubin +und bluteten hernieder, und die Taube flog ihnen zu; ich aber hatte +Flügel und breitete sie aus und wollte sie schwingen, aber sie waren +schwer und unrein; ich rief aber: "O Herr, nur einen Tropfen deines +Blutes auf meine Flügel, und sie werden gereinigt sein." Und es floß +nieder zu ihnen, da waren sie rein, und ich schwang sie freudig, aber +du lagst in meinem Schoß; da wollte ich dich küssen und Abschied +nehmen von dir, da schlangst du die Hände um mich und wolltest mich +nicht lassen, und deine Worte erweckten mich von dem seligen Traume." + +So erzählte mir die kranke Mutter, was ihr geträumt, und ich hörte +ihr mit noch größerer Aufmerksamkeit zu, als wenn sie mir sonst eine +Geschichte erzählte. Da sie geendet hatte, sagte ich zu ihr: "Mutter, +das war sehr schön, aber schlafe wieder ein, und wenn die Taube +wieder kömmt, so bitte sie, daß ich auch mit fliegen darf, ich will +auch recht beten; der mir das Kräutlein gegeben, und mir die Truhe +geöffnet, der wird mir auch gewiß Flügel geben, daß ich mit dir +fliegen kann."--"Das wird er gewiß, liebes Elslein, so es dir gut +ist", sagte die Mutter, "aber wenn ich wieder einschliefe, und das +Täublein käme wieder, und ich flöge mit ihm fort, so würdest du gewiß +gern zurückbleiben bei deinem Vater, daß er nicht allein sei, so ich +dich darum bitten würde." Da sagte ich zu ihr: "Ja, das will ich, so +du bald wiederkehrst, und mir etwas mitbringest." Sie aber +antwortete: "Ich werde nicht wiederkehren, doch werdet ihr mir +nachfolgen, und da wird alles voll Herrlichkeit sein; aber hörst du, +Elslein, du mußt mir den Abschied nicht schwer machen, und auch den +Vater trösten, wenn er weinen sollte, und ihm erzählen, wie ich dir +gesagt, daß ihr mir nachkommen werdet; denn das Täublein wird bald +kommen, mir ist, als höre ich schon seinen Flügelschlag." Da küßte +ich die Mutter und sagte: "Ich will tun, wie du willst, und will dein +gutes Elslein sein", und die Mutter küßte mich wieder mit den Worten: +"O du gutes, gutes Elslein!" Dann bat sie mich, ihr das Lied von der +Taube zu sagen, das sie mich gelehrt; da sprach ich: + + + Hör, liebe Seel! Wer rufet dir? + Dein Jesus aus der Höhe: + "Komm, meine Taube, komm zu mir!" + Den Ruf ich wohl verstehe. + + Wenn ich soll deine Taube sein, + Mußt du mir Flügel geben; + Die wasch in deinem Blut ich rein, + Und werde glaubend schweben. + + Du rufest mir! Wie arm ich bin, + Darf ich zu dir doch kommen; + Die Mängel hat dein treuer Sinn + Ja all von mir genommen. + + Sag, Herr, wird auch ein Nestlein fein + Für mich bei dir gefunden? + "Ja, meine Taube, komm herein, + Wohn hier in meinen Wunden!" + + Mein Jesu, ach, was willst du mir + In deinen Wunden geben? + "Durch meine Wunden, sag ich dir, + Fliegst sterbend du zum Leben." + + Wohlan, es zielt des Todes Pfeil, + Er wird mich nicht verderben; + Zu deinen Wunden, Herr, ich eil, + Da werd ichs Leben erben. + + +Da ich der Mutter das Lied hergesagt, war sie leise wieder +eingeschlummert. Der Tag brach an, und ich nahm ein Zweiglein von +dem Rosmarienstock, der bei ihrem Lager stand, und gab es ihr zu dem +Kreuze in ihre gefaltenen Hände. Da flog auch die Turteltaube, +welche bei unserm Haus nistete, an das Fenster und pickte daran und +rief: "Ruckuck." Sie tat es sonst alle Morgen, denn ich streute ihr +Futter dahin, aber heute hatte ich nicht den Mut, und gedachte: Ach, +da kömmt die Taube schon, welche die Mutter mitnehmen will, aber ich +soll ihr den Abschied nicht schwer machen. So stand ich leise, leise +von der Seite der Mutter auf, und ging hinaus und kniete an dem +Bächlein in das Gras und betete für sie. Da hörte ich ein Glöcklein +im Walde und sah bald meinen Vater kommen; der trug eine Leuchte, und +zwei Ordensherren gingen mit ihm, deren einer trug das Hochwürdige +Gut, und der andere das heilige öl, und ihnen folgten einige fromme +Männer und Frauen, die stille beteten. Da lief ich meinem Vater +entgegen und sprach: "Herzvater, die Himmelstaube ist schon da, +welche die Mutter abholen will; wir dürfen aber nicht gleich mit, ich +habe es ihr versprochen, bei dir zu bleiben und dich zu trösten, bis +wir nachkommen in die Herrlichkeit." Mein Vater verstand mich wohl +und trat mit dem Geistlichen in die Hütte, ich aber blieb draußen und +betete mit den Begleitern. Hernach kam die Edelfrau von der +Laurenburg mit ihrem Söhnlein, dem Junker Jörg, über die Lahn zur +Hirzentreu, wie sie den Abend vorher mir versprochen, und derselbe +alte Diener war wieder bei ihr. Die Edelfrau ging zu meiner Mutter +hinein, der Junker aber blieb bei mir, und wir spielten im Gras an +der Quelle; er fragte mich auch nach dem Rosmarin, den er mir gegeben +für meine Mutter; da erzählte ich ihm von der Taube und von allem. +Nach einiger Zeit aber trat die Edelfrau heraus und nahm mich mit in +die Hütte, da lag die Mutter ganz still, und der Vater kniete an +ihrem Bette und weinte; da ich zu ihm trat, hob er mich zur Mutter, +und sprach: "Agnes, segne das Elslein, ehe du scheidest", und er +legte der Mutter Hand auf mein Haupt. Die Mutter aber sagte: "Gott +segne dich, tröste den Vater, bis ihr nachkommet. Elslein, ich +fliege schon." Da sah sie mich mit unaussprechlicher Liebe an und +wendete dann den Blick zum Himmel. Ich sprach: "Geleit dich Gott, +lieb Mutter!" und weinte laut. Da trug mich die Edelfrau hinaus zu +ihrem Söhnlein, dem erzählte ich alles, und da ein paar Tauben +hinüber zur Laurenburg flogen, streckten wir beide kindisch die Hände +aus und riefen: "Da fliegen sie, da fliegen sie, geleit dich Gott, +liebe Herzmutter!" + +Hernach nahm mich die Edelfrau mit nach der Laurenburg, und ich blieb +bis zum andern Tag dort, da die Mutter schon im Kloster Arnstein +begraben war. Der alte Knecht aber war bei meinem Vater geblieben, +und war mein Vater einen ganzen Tag in Kloster Arnstein gewesen, des +Trostes der geistlichen Herren zu genießen. Die Edelfrau ist auch +mit zu Grabe gewesen, und da sie nach der Laurenburg kehrte, brachte +sie ihren Herrn, den Ritter von der Laurenburg, und den ältern Sohn, +Johann, mit welchem der alte Laurenburger bei dem Grafen zu Nassau +gewesen, der des Johann Taufpate war, und hatte die Laurenburgerin +ihnen auf der Heimkehr begegnet. Der Ritter war mir freundlich und +gab mir Wecken von des Grafen von Nassau Tisch, und da seine Hausfrau +ihm den frommen Tod meiner Mutter erzählet, war er sehr mitleidig mit +meinem Vater, und sprach: "Der Graf Johann hat noch heute zu Tisch +von dem frommen Falkenmeister gesprochen, und vor allen seinen +Dienern sein in Ehren gedacht, ich habe ihm auch versprechen müssen, +den Vogler von ihm zu grüßen, und will er ihm nächstens einen kranken +Falken schicken, daß er ihn pflege. Komm, Elslein", sagte der Ritter +dann zu mir, "ich will dich selbst zu deinem Vater bringen; es ist +noch hoch am Tage, und mag er wohl Trostes bedürfen." Da brachte +mich der Ritter wieder zur Hirzentreu, und ging Georg wieder mit. +Die Edelfrau aber blieb mit Johann zurück; der sollte ihr von dem +Wesen des Grafen von Nassau erzählen. Wir fanden aber meinen Vater +mit dem Laurenburger Knecht vor der Türe sitzen in stillem Gespräch, +und als dieser seinen Herrn herankommen sah, der mich auf dem Arm den +steilen Pfad herauf trug, stand er auf und trat beiseite; mein Vater +aber lief mir entgegen, nahm mich von des Ritters Armen und herzte +mich unter Tränen. Da sprach ihm der Laurenburger ehrlich zu und +getröstete ihn, so gut er es vermochte, setzte sich auch zu ihm auf +die Bank und erzählte ihm von des Nassauers Gunsten zu ihm, und +sprachen sie mancherlei, nicht als ein Ritter zu einem Knecht, +sondern als gute Nachbarn und Freunde, denn das Unglück machet +Gesellen. Es war aber dem Laurenburger auch seine erste Hausfrau +mitsamt dem Kindlein in dem Kindelbett gestorben; deren gedachte er +mit vieler Liebe. Unter solchem Gespräch stand ich zwischen meines +Vaters Knien, und Georg neben dem Laurenburger, und spiegelten uns in +dessen blankem Brustharnisch, und lachten, weil es, hohl geschliffen, +unsre Gesichter auf mancherlei Weise verstellte. Dann sagte mir der +Vater ins Ohr, ich möge den Wein und die Würze von der Mutter +Tischlein bringen; da ging ich zur Stube, aber die war ganz anders +geworden; wo das Bett gestanden, stand der Betschemel und das +Altärlein, und hing ein neu Muttergottesbild an der Wand, und an +demselben der Mutter und des Vaters Brautkränzlein, ihre Spindel aber +stand vor meinem Bänklein, und war alles gar verändert. Das hatte +meinem Vater der gute alte Laurenburger Knecht so geordnet, daß er +seines Leids desto eher vergessen und ein neues Leben anfangen möge. + +Nachdem ich mich genugsam über alles gewundert, nahm ich den Wein und +die Würze, was von dem Geschenk der Laurenburgerin noch übrig war, +und brachte es dem Vater hinaus; der reichte den Krug dem Ritter. Da +trank der Herr, und mußte ihm der Vater Bescheid tun. Auch sagte der +Ritter: "Das ist ein köstlicher Wein, den man wohl dem Kaiser bieten +dürfte; Ihr habt ihn wohl aus einem Klosterkeller? Einem Edelmann +wächst solcher Wein nicht um die Lanze, der schmeckt nach dem +Krummstab." Mein Vater lächelte und sagte: "Gnädiger Herr, Ihr habt +von dem Euren getrunken, aber er hat auf einem milden Fasse gelegen; +denn Eure liebe Frau Ida hat diesen Trunk meiner seligen Agnes zur +Labung gebracht, und wenn er Euch besser schmeckt als zu Haus, so +ists, weil Ihr Gottes Segen schmecket." Da trank der Laurenburger +nochmals, und sprach: "Wahrhaftig, in Gottes Segen soll man den Wein +legen, in Gottes Segen soll man des Weines pflegen, in Gottes Segen +gedeiht der Wein auf allen Wegen. Das Faß, aus dem Frau Ida diesen +Krug gefüllt, muß mir ebenso gut werden; Ihr müßt mir wohl erlauben, +daß ich es mit Euch hier oben austrinke, Kilian, da es mir so wohl +bei Euch geschmeckt." Da dankte mein Vater dem Ritter herzlich, und +sprach: "So Ihr einen armen Mann nicht verschmähet, will ich Euren +Zuspruch hoch in Ehren halten, aber Ihr müßt dann auch von meiner +Wasserquelle hier trinken, da fließt auch Gottes Segen drin." Nun +schied der Ritter freundlich von uns mit den Seinen, und ich ging mit +dem Vater in unser einsames Häuslein, worin die Mutter nicht mehr war. + + + + + + + + + + +End of the Project Gutenberg EBook of Aus der Chronika eines fahrenden +Schülers (Zweite Fassung), by Clemens Brentano + +*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK AUS DER CHRONIKA EINES *** + +***** This file should be named 4504-8.txt or 4504-8.zip ***** +This and all associated files of various formats will be found in: + http://www.gutenberg.org/4/5/0/4504/ + +Produced by Michael Pullen. HTML version by Al Haines. + +Updated editions will replace the previous one--the old editions +will be renamed. + +Creating the works from public domain print editions means that no +one owns a United States copyright in these works, so the Foundation +(and you!) can copy and distribute it in the United States without +permission and without paying copyright royalties. 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Hart was the originator of the Project Gutenberg-tm +concept of a library of electronic works that could be freely shared +with anyone. For forty years, he produced and distributed Project +Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support. + +Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed +editions, all of which are confirmed as Public Domain in the U.S. +unless a copyright notice is included. Thus, we do not necessarily +keep eBooks in compliance with any particular paper edition. + +Most people start at our Web site which has the main PG search facility: + + www.gutenberg.org + +This Web site includes information about Project Gutenberg-tm, +including how to make donations to the Project Gutenberg Literary +Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to +subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks. diff --git a/4504-8.zip b/4504-8.zip Binary files differnew file mode 100644 index 0000000..a729e68 --- /dev/null +++ b/4504-8.zip diff --git a/4504-h.zip b/4504-h.zip Binary files differnew file mode 100644 index 0000000..5dfac39 --- /dev/null +++ b/4504-h.zip diff --git a/4504-h/4504-h.htm b/4504-h/4504-h.htm new file mode 100644 index 0000000..2a4465d --- /dev/null +++ b/4504-h/4504-h.htm @@ -0,0 +1,2196 @@ +<!DOCTYPE html PUBLIC "-//W3C//DTD XHTML 1.1//EN" + "http://www.w3.org/TR/xhtml11/DTD/xhtml11.dtd"> + +<html xmlns="http://www.w3.org/1999/xhtml" xml:lang="en"> + +<head> + +<meta http-equiv="Content-Type" content="text/html; charset=ISO-8859-1" /> + +<title> +The Project Gutenberg E-text of Aus der Chronika eines fahrenden Schülers (Zweite Fassung), +by Clemens Brentano +</title> + +<style type="text/css"> +body { color: black; + background: white; + margin-right: 10%; + margin-left: 10%; + font-family: "Times New Roman", serif; + text-align: justify } + +p {text-indent: 4% } + +p.noindent {text-indent: 0% } + +p.t1 {text-indent: 0% ; + font-size: 200%; + text-align: center } + +p.t2 {text-indent: 0% ; + font-size: 150%; + text-align: center } + +p.t3 {text-indent: 0% ; + font-size: 100%; + text-align: center } + +p.t3b {text-indent: 0% ; + font-size: 100%; + font-weight: bold; + text-align: center } + +p.t4 {text-indent: 0% ; + font-size: 80%; + text-align: center } + +p.t4b {text-indent: 0% ; + font-size: 80%; + font-weight: bold; + text-align: center } + +p.t5 {text-indent: 0% ; + font-size: 60%; + text-align: center } + +h1 { text-align: center } +h2 { text-align: center } +h3 { text-align: center } +h4 { text-align: center } +h5 { text-align: center } + +p.poem {text-indent: 0%; + margin-left: 10%; } + +p.contents {text-indent: -3%; + margin-left: 5% } + +p.thought {text-indent: 0% ; + letter-spacing: 4em ; + text-align: center } + +p.letter {text-indent: 0%; + margin-left: 10% ; + margin-right: 10% } + +p.footnote {text-indent: 0% ; + font-size: 80%; + margin-left: 10% ; + margin-right: 10% } + +p.transnote {text-indent: 0% ; + margin-left: 0% ; + margin-right: 0% } + +p.intro {font-size: 90% ; + text-indent: -5% ; + margin-left: 5% ; + margin-right: 0% } + +p.quote {text-indent: 4% ; + margin-left: 0% ; + margin-right: 0% } + +p.finis { font-size: larger ; + text-align: center ; + text-indent: 0% ; + margin-left: 0% ; + margin-right: 0% } + +</style> + +</head> + +<body> + + +<pre> + +The Project Gutenberg EBook of Aus der Chronika eines fahrenden Schülers +(Zweite Fassung), by Clemens Brentano + +This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with +almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or +re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included +with this eBook or online at www.gutenberg.org + + +Title: Aus der Chronika eines fahrenden Schülers (Zweite Fassung) + +Author: Clemens Brentano + +Posting Date: May 20, 2013 [EBook #4504] +Release Date: October, 2003 +First Posted: January 26, 2002 + +Language: German + +Character set encoding: ISO-8859-1 + +*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK AUS DER CHRONIKA EINES *** + + + + +Produced by Michael Pullen. HTML version by Al Haines. + + + + + +</pre> + + +<h1> +<br /><br /> +Aus der Chronika eines fahrenden Schülers <br /> +(Zweite Fassung) +</h1> + +<p class="t2"> +Clemens Brentano +</p> + +<p><br /><br /></p> + +<h3> +Vorwort +</h3> + +<p> +Vor funfzehn Jahren machte es mir Freude, die folgende einfache +Geschichte niederzuschreiben. Sie sollte nur die Einfassung mehrerer +schöner altdeutschen Erzählungen sein, die sie mit mancherlei +Ereignissen aus dem Zusammenleben des alten Ritters Veltlin von +Türlingen und seiner drei Töchter unterbricht, mit deren Versorgung +und der Abreise des Erzählers sie schließt. So lieb ich das Gedicht +hatte, blieb es doch unterbrochen; der Sinn der Leser schien dazu zu +fehlen. Jetzt, da diese Erzählung mehr, ja selbst die altdeutschen +Röcke vor sich hat, fiel sie mir wieder in die Hände, und ich +versuche es, sie den Lesern vorzulegen mit der Erinnerung, daß sie zu +pädagogischen Zwecken entworfen worden, als ich von der sogenannten +Romantik noch wenig wußte, und daß sie daher neben den allerneuesten +Ritterromandichtern in ihrer redseligen Einfalt um Schonung bittet. +Sollte dem Leser, durch Eisenfresserei und Isländisches Moos verwöhnt, +diese Geschichte wie unsre deutsche Kamillen--und Hollunderblüte +nicht behagen, so bringe er sie einem kranken Freunde oder Mägdelein, +denen sie Gott gesegnen möge! +</p> + +<p><br /><br /></p> + +<p> +Im Jahr, da man zählte nach Christi, unsers lieben Herrn, Geburt 1358, +am zwanzigsten Tage des Maimonats, hörte ich, Johannes, der +Schreiber, die Schwalbe in der Frühe an meinem Kammerfenster singen +und ward innigst von dem Morgenlied des frommen Vögeleins erbauet, +bedachte auch auf meinem Bettlein, wie die Schwalbe in daurender +Freude lebet, gegen den Winter in ferne wärmere Länder ziehet und, +der Heimat getreu, gegen den Frühling wiederkehrt; also nicht der +Mensch, der arme fahrende Schüler, der wohl viel gegen Sturm und +Wetter ziehen muß, ja der oft kein Feuer findet, die erstarrten Hände +zu erwärmen, daß er sie falte zum Gebet; aber so er es ernstlich +meinet, haucht er hinein. +</p> + +<p> +Da ich in solchen Betrachtungen versunken war und das Schwälblein +auch auf seine Weise fortphantasierte, wäre ich schier wieder +eingeschlummert, aber der Wächter auf dem Münster blies: "In süßen +Freuden geht die Zeit", welches ich hier noch nie gehöret; denn ich +war zum ersten Male in Straßburg erwacht. +</p> + +<p> +Nun richtete ich mich in meinem Bettlein auf, und schaute in meinem +Gemache umher; das hatte aber Fenster rings herum und war in einem +Sommerhäuslein des Gartens. Links stand der Mond noch blaß am Himmel, +und rechts war der Himmel wie das lauterste Gold. Da fand ich mich +zwischen Nacht und Tag und faltete die Hände, und es fiel mir freudig +aufs Herz, daß heute mein zwanzigster Geburtstag sei, und wie mir es +viel besser geworden als in dem letzten Jahre, da ich meinen lieben +Geburtstag auf freiem Felde in einem zerrissenen Mäntelein empfangen +und mit einem Bissen Almosenbrot bewirten mußte. O Freude und Ehre! +dachte ich bei mir selbst und schaute zum Morgenlichte hin und sprach: +"Du bist mein Licht, du wirst mein Tag!", glaubte auch schier in +meiner Einfalt, der Himmel sei golden um meines Besten willen, die +Schwalbe habe nur gesungen, mir Glück zu wünschen, und der Türmer +habe allein so lieblich geblasen mir zur Feier; da der Himmel sich +doch nur gerötet vor der Sonne, die der Herr gerufen, da die Schwalbe +doch nur gesungen in Gottes Frühlingslust, und der Wächter nur +geblasen zu Gottes Ehren, ja wohl gern noch ein Stündlein geschlafen +hätte, so es ihm von den Münsterherren verstattet wäre. Also wird +der Mensch leicht übermütig in der Freude, und glaubet, er sei recht +der Mittelpunkt aller Dinge, und sei er mit allem gemeint. Da ließ +ich die Augen fröhlich in der Kammer umherschweifen, und sah auf dem +Schemel ein neues Gewand liegen, das mir mein gütiger Herr und Ritter +Veltlin von Türlingen am Abend im Dunkeln hatte herauftragen lassen, +und konnte ich meine Begierde nun nicht länger zurückhalten, sprang +auf von meinem Lager, und legte diese Kleider nicht ohne Tränen des +Dankes an. Es war dies aber ein feines blaues Wams, um die Lenden +gefaltet und gestutzet, und rot und weißes Beinkleid von ländschem +Tuch, auch stumpfe Schuh und eine schwarze Kogel mit einer blauen +Feder, nicht zu vergessen ein Hemmet von weißem Hauslinnen, am Halse +bunt genäht und gekrauset, dergleichen ich vorher nie getragen. Da +ward es mir fast leicht und fröhlich zumute, und hätte ich wohl mögen +einen Sprung tun, als hätte ich einen neuen Menschen angezogen mit +dem neuen Kleide. +</p> + +<p> +Aber meine Hoffart währte nicht lange; denn mein zerrissenes +Mäntelein, welches ich als einen Vorhang vor das Fenster gehängt +hatte, erleuchtete sich durch die aufgehende Sonne, und alle seine +Löcher waren so viele Mäuler und alle seine Fetzen so viele Zungen, +die mich meiner törichten Hoffart zeihten. Es war, als sage das +Mäntelein zu mir: "O Johannes, bist du ein so eitler Kaufherr, daß du, +angelanget in den Hafen, des zerrissenen Segels vergißt, das dich in +denselben geführet? Johannes, bist du ein so stolzer Schiffbrüchiger, +daß du das Brett, welches dich mit Gottes Hülfe an ein grünes Eiland +getragen, mit dem Fuße undankbar in die Wellen zurückstößest? O +Johannes, du undankbarer Freund, willst du, gerettet, mich nicht auf +deinen Schultern in ein Gotteshaus tragen und aufstellen als ein +Gedächtnis, daß sich Gott deiner erbarmet?" +</p> + +<p> +Ach, das waren wohl harte und wahre Worte meines Mänteleins, und ich +nahm es mit Schämen von dem Fenster, und legte es um über meinen +neuen Staat, und faßte es fest mit den Händen um die Brust, als +wollte ich es um Verzeihung bitten, und ging mit dem Gedanken die +Treppe hinab in den Garten: Wenn ich ein armer fahrender Schüler +gewesen bin, so werde ich immer ein armer fahrender Schüler bleiben; +denn auf Erden sind wir alle arm und müssen mannigfach mit unserm +Leben herumwandeln, und lernen, und bleiben doch arme Schüler, bis +der Herr sich unser erbarmet, und uns einführet durch seinen bittern +Tod in das ewige Leben. +</p> + +<p> +Da ich nun in den Garten gekommen war, den ich vorher auch noch nicht +gesehen--denn mein gnädiger Herr und Ritter war den Abend spät mit +mir angekommen und ich im Finstern in mein Stüblein gebracht worden--, +konnte ich vor Staunen und Betrachten der neuen Dinge um mich her +auch nicht zum Gebete kommen. Ich fand mich von den schönen +Laubgängen, Zierfeldern und Pflanzen und den blühenden Bäumen schier +ebenso sehr überraschet als von meinem neuen Gewande. Ich fand mich +gleich einem neugebornen Kinde, welches mit allem spielet, und noch +nicht beten kann, und erst nach einiger Erfahrung in der Süßigkeit +des Lebens seine Hände zum Danke falten lernet. Der blühende Mal, +das lustige Singen der Vögel, die vielen jungen Kräuter und Blümlein, +die mit Taublicken vor der Sonne erwachten, der kühle Wasserstrahl, +welcher in einem mit bunten Kieseln und Muscheln ausgelegten Brunnen +tanzte, schienen mir alle so neu und wunderbar, als hätte ich +dergleichen niemals gesehen, und wußte ich auch nicht, was aus allem +diesem werden sollte. +</p> + +<p> +So wie die lieben Kinder durch die Blumen gehen und sie brechen, und +Kränze winden und sich bei den Händen fassen und mit den Kränzen im +Kreise tanzen, gleichsam selbst ein lebendiger Blumenkranz; wie sie +aber nicht gedenken der Frucht im treibenden Sommer, und der Ernte im +reichen Herbst, und des Todes in dem trüben, tiefsinnigen Winter: +also wandelte auch ich armer Schelm wie ein einfältiges Kind ohne +Witz durch den Garten und konnte vor großer Bewegung über mein neues +Glück, das mir gestern früh noch nicht geträumt hatte, nicht zum +Gebete gelangen. +</p> + +<p> +Mein freudiges Erstaunen wollte aber nicht lange dauern; denn als ich +meine Augen ersättiget hatte, ward es mir als einem Hungrigen, der +sich ohne Gebet zu einer reichlichen Mahlzeit gesetzet hat, welche +ihm Gott darum nicht gesegnet. Alle das häusliche, wohlgepflegte +Behagen des schönen Ziergartens erfüllte mich mit traurigen Gedanken, +und die Armut, die Einsamkeit meines eigenen Lebens trat mir in +dieser reichen Umgebung zum erstenmal recht lebendig vor die Seele. +Was mag trauriger sein als das Bild eines Bettlers, auf goldnem +Grunde gemalet? +</p> + +<p> +"O meine Mutter", sagte ich mir, "wer war sanfter und schöner, und +feiner und edler als du, wer war würdiger, zwischen Blumen zu wandeln, +als du, die wohl ihre Schwester und Gespielin sein konnte? Standen +die Tränlein nicht auf den Wangen wie die Tautröpflein auf diesen +Rosen, gingst du nicht durch den Wald wie ein Lüftlein durch die +Blüten, und waren deine Augen nicht getreu und süß schauend wie die +blauen Veilchen, deine Lippen nicht wie die rosinfarbenen Nelken, und +flog dein gelbes Haar nicht wie der Sonnenschein? Aber du mußtest +gehen wie Hagar mit deinem Ismael durch die Dornen in der Wüste. Ach, +warum ward nicht dir so ein Garten und so ein Haus, und warum +wohnest du zwischen fünf Brettern und zwei Brettlein und bist deines +Lebens nicht froh geworden noch deines Todes? Sie haben dir keinen +Kranz geflochten. Mir aber ist nichts geblieben als deine Zucht, und +ich kann dein nicht gedenken in Freuden, denn mir gehöret nichts als +die Armut, und ich habe keinen Säckel, aus dem ich dir das schönste +Grab könnte erbauen lassen von Marmelstein und Gold." +</p> + +<p> +Wie traurig ward ich da und wendete meine Augen von allem, was ihnen +wohlgefiel, und wollte nichts anschauen, weil sie es nicht mit mir +sehen konnte, weil sie ihre Augen nie mit so erlaubter Lust erquicken +konnte. Auch fiel es mir bittrer noch auf die Seele, daß ich eines +Ritters Sohn sei, ohne Wappen und ohne Waffen. Tränen füllten mir +die Augen, und Unwill erfüllte meinen ganzen Leib, der in dem neuen +geschenkten Gewand zu brennen schien, und ich spannte mein enges, +durchlöchertes Mäntelein so um mich, daß es noch mehr zerrissen. +</p> + +<p> +So schritt ich, als suche ich die Wildnis, nach einem einsamem +ungepflegten Teile des Gartens, und kaum stand ich im hohen Gras +unter hohen Linden, so konnte ich schon nicht mehr begreifen, wie +dieser innre Schmerz und Zorn in mich zum ersten Male in meinem Leben +gekommen sei, und gegen die Mauer des Gartens schreitend, sah ich an +derselben in einem tiefen Bogenraum ein Heiligenhäuslein angebracht, +darinnen war wohlvergittert ein buntgemaltes Schnitzwerk, die +Anbetung der heiligen drei Könige im Stall zu Bethlehem, aufgestellt. +Davor kniete ich nieder ins Gras und betete von ganzem Herzen. Da +zerrann bald all mein Leid und meine Hoffart vor dem Sohne Gottes, +der nackt und arm in einer Krippe vor mir lag, und dem doch die +Könige dienten. Wie fühlte ich mich in meiner Ungebärdigkeit +beschämt! Und da ich mich mit Tränen angeklagt hatte, dankte ich von +ganzem Herzen dem Herrn, daß er mich armen fahrenden Schüler nicht +vergessen, und mich durch seine Barmherzigkeit zu meinem gnädigen +Herrn und Ritter gebracht, gelobte auch, ferner mich aller Hoffart zu +enthalten und die Künste, welche ich durch seinen Beistand mit +schwachen Sinnen erlernet, zur Mehrung seines Reiches auf Erden treu +anzuwenden. +</p> + +<p> +Da ich nun nach solchem Gebete einen merklichen Trost in meinem +Herzen spürte, nahm ich ein gülden gewirktes Band, worauf das Ave +Maria stand, aus meinem Gebetbüchlein, und hängte es, durch das +Gitter langend, dem Bilde der Jungfrau Maria über den Arm, als das +Opfer eines törichten Menschen, der vor ihrem Sohne betend Trost +gefunden hatte. Dieses Band aber war mir das Liebste, was ich hatte. +Eine fromme Klosterfrau, meiner selgen Mutter Befreundte, hatte es +mir einst für ein Lied, das ich ihr gedichtet und gesungen, +geschenket, und war es zu Marburg an St. Elisabethen Grab angerühret +worden; ich aber hatte es bisher als einen Blattzeiger in meinem +Gebetbüchlein geführet. Dann nahm ich auch mein Mäntelein ab, und +rollte es zusammen in einen langen Wulst und flocht es durch die +obern Stäbe des Gitters vor dem Bilde, als einen aufgerollten Vorhang, +zum Gedenken meiner zeitlichen Armut, welche durch Gott sich in +Freud und Fülle gewandelt hatte. Nun wendete ich mich nach dem +Garten zurück, der mir ganz anders erschien als vorher. +</p> + +<p> +So mag nichts vor dem Gemüte des Menschen bestehen, welches alles +nach sich umgestaltet. Jetzt, da ich gebetet hatte, erschienen mir +alle die roten, leibfarben und weißen Blümlein des Gartens jene +Blumen, durch die der König Ahasverus in seinem Schloßgarten zu Süsan +gewandelt, seines Zornes zu vergessen. Ja, es war mir, als sei der +liebe Gott durch diese Blumen gegangen und habe seinen gerechten Zorn +über meine Ungebärde hier an der Lieblichkeit seiner Werke +gesänftiget; denn hier an diesem ersten Morgen meines zwanzigsten +Jahres ist mir vieles Licht in der Seele aufgegangen, und ist mir der +Frühling ein weiser Lehrer geworden. +</p> + +<p> +Besonders aber hat mich der hohe Münsterturm erschüttert, als ich aus +einem schattichten Baumgang hervortrat und ihn über die Dächer der +Nachbarhäuser auf mich niederschauen sah. War mir es doch im Anfang +so bange vor ihm, wie es einer Grasmücke sein muß, wenn ein Riese den +Busch über ihrem Neste öffnet und auf sie niederblickt. Alles +Menschenwerk, so es die gewöhnlichen Grenzen an Größe oder Vollendung +überschreitet, hat etwas Erschreckendes an sich, und man muß lange +dabei verweilen, ehe man es mit Ruhe und Trost genießen kann. +</p> + +<p> +Ich habe dieses aber nicht allein bei dem Anblick dieses +schwindelhohen Turmes empfunden, sondern auch bei gar lieblichen und +feinen Werken, von welchen ich nur nennen will die überaus feinen und +natürlichen Gemälde des Malers Wilhelm in Köln, der von den Meistern +als der beste Meister in allen deutschen Landen geachtet wird, denn +er malet einen jeglichen Menschen von aller Gestalt, als lebe er. +Die Werke dieses Wilhelms aber, die ich zu Köln gesehen, sind +dermaßen zart, fein, scharf und lebendig, daß man schier glauben +sollte, sie seien von Händen der Engel gemacht, und erbebet man bei +ihrem Anblick, weil sie zu leben scheinen und doch nicht leben. Man +fühlet da wohl, daß der Mensch etwas sein und schaffen kann, was viel +herrlicher ist als sein gewöhnliches Sein und Schaffen, und man +erschrickt darüber, daß diese Herrlichkeit so fremd und selten ist; +daher wohl eine Menge Sprossen auf der Leiter zu dieser +Vollkommenheit wo nicht fehlen, doch unsichtbar sein müssen und wir +alle wohl tief herunter geworfen sind. +</p> + +<p> +Die gewaltige Künstlichkeit des wunderwürdigen Münsterturms hätte +mich beinahe wieder niedergeschlagen; denn ich bedachte mit +Verwunderung, wie ich doch unter den hohen Eichen, in finstern +Wäldern, auf hohen Bergen, an steilen Abgründen und bei stürzenden +Wasserfällen in einsamen Tälern recht in Einöde, ja ganz verlassen, +auch wohl gar hungrig gesessen und mich doch nicht so bewegt gefühlt +als bei dem Anblick dieses Turmes. Wenn ich die Blätter und Zweige +der Bäume betrachte, so frage ich nicht, wie sie da hinauf gekommen, +und erschrecke nicht, wenn sie sich hin und her bewegen mit Rauschen; +aber wenn ich diesen wunderbaren Turm anschaue mit seinen vielen +Türmlein, Säulen und Schnörkeln, die immer auseinander heraustreiben +und durchsichtig sind wie das Gerippe eines Blattes, dann scheint er +mir der Traum eines tiefsinnigen Werkmeisters, vor dem er wohl selbst +erschrecken würde, wenn er erwachte und ihn so fertig vor sich in den +Himmel ragen sähe; es sei denn, daß er auf sein Antlitz niederfiele +und ausriefe: "Herr, dies Werk ist nicht von mir in seiner +Vollkommenheit, du hast dich nur meiner Hände bedienet, mein ist +nichts daran als die Mängel, diese aber decke zu mit dem Mantel +deiner Liebe, und lasse sie verschwinden im Geheimnis deiner Maße." +Keiner aber hat dieses wohl erlebet, keiner hat einem solchen Werke +seiner Erfindung die Krone aufgesetzet, ganze Geschlechter sind von +den Baugerüsten herabgestiegen und haben sich zu Ruhe in die Gräber +zu den Füßen des Turmes gelegt, der nichts davon weiß, und dasteht +ernst und steinern, der kein Herz und keinen Verstand hat, ja +eigentlich ein recht unvernünftiger Turm ist, und doch dasteht, als +wäre er aus sich selbst hervorgewachsen und brauche es keinem +Menschen zu danken. Dieser gewaltige Ausdruck der Erhabenheit aber +in einem solchen Werke, an welchem die Weisheit und Mühe und Andacht +von Jahrhunderten an unendlichen Linien des Gesetzes, des +Verhältnisses, der Not und der Zier mit halsbrechender Kühnheit +hinangeklommen, um auf dem Gipfel dem Herrn zu lobsingen, verbunden +mit seinem eigentlichen inneren Tode, so daß er, der alles durch sein +Dasein im tiefsten Herzen rühret, doch gar nichts davon mitempfindet, +das ist es, was seinem Anblick und der Erscheinung aller gewaltigen +Menschenwerke einen Schrecken beimischet. Es ist, als frage er: Was +bin ich, und warum bin ich, und was ist es, das dich also rühret in +mir? Was können wir ihm aber anderes antworten als: Die Werke des +Herrn sind unbegreiflich, er treibt uns, zu bauen und schaffen über +das Leben hinaus, denn wir waren unsterblich und vollkommen, und wir +sind gefallen in den Tod durch die Sünde; du Turm aber stehe, als ein +Zeuge, daß wir dunkel fühlen, was wir waren vor dieser Zeit, und daß +wir noch ringen nach unendlichem Ziel; so stehe du dann als ein +Träger unsrer Mühe und unsrer Buße zu Ehren unsres Heilands und +Seligmachers Jesu Christi, der uns erlöset hat durch sein bittres +Leiden und Sterben. Amen. +</p> + +<p> +Also gedachte ich in mir, und wenngleich umgeben von lebenden Bäumen +und Blumen, in welchen, wie selbst in den harten Felsen, eine Seele +zu wohnen scheint, welche mit dem Menschen atmet und fühlet, im +Frühling sich mit ihm freuet, und im Winter mit ihm trauert, konnte +ich doch meine Augen nicht von dem Turme wenden. Der Sinn des +Menschen strebet immer nach dem Unbegreiflichen, als sei dort das +Ziel der Laufbahn und der Schlüssel des Himmels; denn bewundern kann +der Mensch allein, und alles Bewunderung Erregende ist ein Bote +Gottes, der uns mahnet an das Licht, das wir verloren, und das uns +wieder verheißen ist durch das Blut Christi, so wir uns dessen +teilhaftig machen. Also ist mir auch immer alle meine Drangsal +erschienen als eine Sehnsucht nach einem bessern Leben, und alle +meine bittern Stunden waren nur die kalten, stürmenden Tage des +Winters, denen der liebliche Frühling, angekleidet mit Blumen und +Gesang, folget, so ich säe guten Samen und fülle meine Seele mit dem +Lobe Gottes. +</p> + +<p> +In solchen Betrachtungen wollte ich wieder nach dem Sommerhäuslein +gehn, sah aber meinen gnädigen Herrn und Ritter gar tiefsinnig mit +gefalteten Händen unter einem Baume im Sonnenschein sitzen, und +traute nicht, ihm vorüberzugehen, damit ich ihn nicht störe. Ich +stellte mich darum in seiner Nähe bescheidentlich an die Laubwand, +und nahm mein Barett in die Hände, erwartend, ob er seine Augen +vielleicht nach mir wenden möge. +</p> + +<p> +Der Anblick meines Herrn erweckte eine große Ehrfurcht in mir. Ich +hatte ihn gestern nicht recht gesehen, denn es dunkelte schon, da er +mich am Wege barmherzig zu sich nahm. Er hatte ein schneeweißes Haar +am Haupt und Bart, und mochten wohl viele Sorgen über ihn hingeflogen +sein. Ich erinnerte mich, nie einen so frommen alten Ritter gesehen +zu haben, der mit seinem ernsten und milden Antlitz ein solches +Vertrauen in mein Herz senkte. Gott gebe, daß ich also in Ehren grau +werden möge! dachte ich bei mir und fühlte mich mit ganzer Seele zu +dem lieben Herrn hingezogen. Er aber schien sehr betrübt zu sein, +seufzte auch oft und tief, und die kleinen Vöglein, die über ihm in +dem Baume so lustig sangen, konnten ihn nicht trösten. +</p> + +<p> +Da ich so eine Weile nach ihm hingesehen hatte, wendete er die Augen +zufällig zu dem Orte, an dem ich stand, und redete mich freundlich an +mit den Worten: "Wie ist dir, Johannes, daß du so stille dastehest?" +Worauf ich ihm entgegnete: "Ich wollte Eure Ruhe nicht stören, Herr; +Ihr scheinet mir in schweren Gedanken." +</p> + +<p> +Der Ritter aber sprach hierauf: "Johannes, wie gefällt dir deine neue +Heimat; bist du zufrieden bei mir?" +</p> + +<p> +Da sagte ich: "Herr, sollte ich nicht froh sein? Da ich nun weiß, wo +schlafen und wo Brot finden und wem dienen um des Herren willen, da +weiß ich nun auch, wen lieben, wem danken außer Gott, und für wen +beten außer für mich. Herr, meine neue Heimat gefällt mir wohl; Gott +gebe, daß ich auch ihr wohlgefalle, und ihrer würdig werde." Da +lächelte der Ritter und sprach: "Johannes, wenn dir deine Worte ernst +sind, so werden wir gute Gesellen sein, denn deine Rede gefällt mir +wohl. Aber was willst du tun, mir wohlzugefallen; was willst du mir +geben, da du nichts hast?" +</p> + +<p> +Hierauf erwiderte ich: "Herr, ich bleibe Euer Schuldner vor der Welt, +denn ich kann Euch kein Wams geben für das Wams, das ich durch Eure +Gnade trage; aber vor Gott gebe ich Euch einen guten Zahlmann, denn +vor ihm schenke ich Euch mein Herz." +</p> + +<p> +Da versetzte der Ritter scherzhaft: "Wenn ich dir nun auch mein Herz +geben wollte für das deinige, so behielt ich doch das Wams zugute; +wie dann, Johannes?" +</p> + +<p> +Worauf ich entgegnete: "Herr, Ihr rechnet so gestreng, als wolltet +Ihr mich versuchen in Gegenrechnung, und so muß ich dann schon sagen, +daß mein Herz gewiß nicht Wert hat gegen das Eure, welches geprüfet +ist durch lange Jahre, da das meinige arm ist und ohne Verdienst, ja +da ihm alles Gute, was es gewollt hat, nicht zugute kömmt, da es +keinen Wert hat, den es Euch mit sich geben kann, weil der Glaube an +die Barmherzigkeit des Heilands nicht mit dem Herzen geschenkt werden +kann und dieser Glaube allein doch ein Herz zu beseligen und selig zu +machen vermag. So nehmt es denn hin, wie es ist, und füget hinzu, +was man nicht mitgeben kann. Doch habe ich noch eine Gabe, deren ich +Euch genießen lassen will, und die Ihr mir nicht so leicht einholen +sollet; denn sie ist rasch und fliehet davon, auch werdet Ihr sie mit +allem Ernste nicht leicht verdrängen mögen; denn sie ist lieblich und +lustig anzuschauen, und könnte ich sie Euch wirklich zu eigen geben, +so würdet Ihr sie nicht gerne wieder lassen, eine also gute Gesellin +ist sie." +</p> + +<p> +Mein Herr, der sehr ernst geworden war, sagte hierauf, traurig vor +sich niederschauend: "Und was ist das vor ein Kleinod, Johannes, mit +dem du so prahlest?" +</p> + +<p> +Da erwiderte ich: "Herr, es ist meine Jugend; deren will ich Euch +genießen lassen, wie ich kann. Damit Ihr Euer Alter vergesset bei +mir, will ich Euch erfreuen mit mancherlei fröhlichen Reden und +Gedanken." +</p> + +<p> +Aber was ich da zuletzt gesprochen hatte, war wohl töricht und ein +schlechter Anfang meiner versprochenen erfreulichen Reden; denn mein +gnädiger Herr ward nun sehr stille und finster. Weil ich ihn an sein +Alter erinnert hatte, glaubte ich. Da redete ich ihn schüchtern an: +"Herr, ich habe Euch mit törichten Worten erzürnet." +</p> + +<p> +Er aber sprach: "Das hast du nicht getan, Johannes, du hast die +Wahrheit gesprochen, aber mir ist schwerer aufs Herz gefallen, was +mir lange schon darauf liegt, mein Unwert. Nun aber bedenke ich, ob +dein fröhlicher Mut mir wohl diese Last von der Brust nehmen wird; +aber das mag wohl nicht sein; hast du mich nicht gefunden hier im +Grünen, in einem lustigen Garten, von der lieben Sonne beschienen, +und angesungen von den unschuldigen Vögelein, nachdenklich und +betrübt? Wirst du können, was der Frühling nicht vermag? So du aber +Künste gelernt hast, die ich nicht besitze, so wirst du mein +Schuldner nicht bleiben, wenn ich gleich selbst ewig Gottes Schuldner +bleibe. Setze dich zu mir und sage mir treulich, wie du zur Armut +gekommen bist im Guten, und wie es sich mit dir begeben, bis ich dich +gestern an der Eiche gefunden habe im Blobsheimer Wald, und dann +sollst du ebenfalls von mir hören, warum ich betrübt bin." +</p> + +<p> +Da ich die große Freundlichkeit meines Herrn aus dieser Rede +vernommen hatte, faßte ich einen guten Mut, setzte mich zu ihm unter +den Baum, und sprach also: "Mein gnädiger Herr und Ritter, es gibt +keinen ehrlicheren Weg ins Leben als die Geburt, denn unser Heiland +ist ihn auch gewandelt, und so gibt es auch keinen ehrlicheren Weg +zur Armut, als in ihr geboren zu sein, denn auch unser Heiland ward +in ihr geboren, und so kam ich zur Armut, als ich zur Welt kam. Aber +ich bin doch nicht lang arm geblieben; denn ich fand eine +unaussprechlich liebe Mutter; die ließ mich an ihrem Herzen +schlummern, und sah auf mich nieder mit sorgenden Liebesblicken, und +weckte sie mich nicht mit ihren Tränlein, die auf mich niederfielen, +so weckte sie mich mit Küssen, und ließ mich ihr eignes Leben aus +ihren Brüsten trinken; o Herr, war ich nicht reich, wer ist reicher +als ein neugebornes Kindlein?--Ja, ich war so reich, daß ich meiner +lieben Mutter Freud und Leid verdoppeln konnte, was Ihr wohl aus +einem Liede vernehmen werdet, das meine Mutter oft sang, wenn sie +mich in frühster Jugend einschläferte, und habe ich es nach ihrem +Tode in ihrem Gebetbüchlein liegend gefunden; es ist aber gestellt, +bald als rede ein Kindlein zur Mutter, bald die Mutter zu ihm; nun +höret: +</p> + +<p><br /></p> + +<p class="poem"> + O Mutter, halte dein Kindlein warm,<br /> + Die Welt ist kalt und helle,<br /> + Und trag es fromm in deinem Arm<br /> + An deines Herzens Schwelle.<br /> +</p> + +<p class="poem"> + Leg still es, wo dein Busen bebt,<br /> + Und, leis herab gebücket,<br /> + Harr liebvoll, bis es die äuglein hebt,<br /> + Zum Himmel selig blicket.-Und weck ich dich mit Tränen nicht,<br /> + So weck ich dich mit Küssen;<br /> + Aus deinem Aug mein Tag anbricht,<br /> + Sonn, Mond dir weichen müssen,<br /> +</p> + +<p class="poem"> + O du unschuldger Himmel du!<br /> + Du lachst aus Kindesblicken,<br /> + O Engelsehen, o selge Ruh,<br /> + In dich mich zu entzücken!<br /> +</p> + +<p class="poem"> + Ich schau zu dir so Tag als Nacht,<br /> + Muß ewig zu dir schauen,<br /> + Und wenn mein Himmel träumend lacht,<br /> + Wächst Hoffnung und Vertrauen.<br /> +</p> + +<p class="poem"> + Komm her, komm her, trink meine Brust,<br /> + Leben von meinem Leben;<br /> + O, könnt ich alle fromme Lust<br /> + Aus meiner Brust dir geben!<br /> +</p> + +<p class="poem"> + Nur Lust, nur Lust, und gar kein Weh,<br /> + Ach, du trinkst auch die Schmerzen;<br /> + So stärke Gott in Himmelshöh<br /> + Dich Herz aus meinem Herzen!<br /> +</p> + +<p class="poem"> + Vater unser, der du im Himmel bist,<br /> + Unser täglich Brot gib uns heute,<br /> + Getreuer Gott, Herr Jesus Christ,<br /> + Tränk uns aus deiner Seite.-Du strahlender Augenhimmel du,<br /> + Du taust aus Mutteraugen,<br /> + Ach Herzenspochen, ach Lust, ach Ruh,<br /> + An deinen Brüsten saugen!<br /> +</p> + +<p class="poem"> + Ich schau zu dir so Tag als Nacht,<br /> + Muß ewig zu dir schauen;<br /> + Du mußt mir, die mich zur Welt gebracht,<br /> + Auch nun die Wiege bauen.<br /> +</p> + +<p class="poem"> + Um meine Wiege laß Seide nicht,<br /> + Laß deinen Arm sich schlingen,<br /> + Und nur deiner milden Augen Licht<br /> + Laß zu mir niederdringen.<br /> +</p> + +<p class="poem"> + Und in deines keuschen Schoßes Hut<br /> + Sollst du deine Kindlein schaukeln,<br /> + Daß deine Kinder, so lieb, so gut,<br /> + Wie Träume mich umgaukeln.<br /> +</p> + +<p class="poem"> + Da träumt mir, wie ich so ganz allein<br /> + Gewohnt dir unterm Herzen;<br /> + Da waren die Freuden, die Leiden dein<br /> + Mir Freuden auch und Schmerzen.<br /> +</p> + +<p class="poem"> + Und ward dir dein Herz ja allzu groß,<br /> + Und hattest nicht, wem klagen,<br /> + Und weintest du still in deinen Schoß,<br /> + Half ich dein Herz dir tragen.<br /> +</p> + +<p class="poem"> + Da rief ich: Komm, lieb Mutter, komm!<br /> + Kühl dich in Liebeswogen!<br /> + Da fühltest du dich so still, so fromm<br /> + In dich hinabgezogen.<br /> +</p> + +<p class="poem"> + So mutterselig ganz allein<br /> + In deiner Lust berauschet,<br /> + Hab ich die klare Seele dein,<br /> + Du reines Herz, belauschet.<br /> +</p> + +<p class="poem"> + Was heilig in dir zu aller Stund,<br /> + Das bin ich all gewesen;<br /> + Nun küß mich, süßer Mund, gesund,<br /> + Weil du an mir genesen.<br /> +</p> + +<p class="poem"> + O selig, selig ohne Schuld,<br /> + Wie konnt ich mit dir beten;<br /> + O wunderbare Ungeduld,<br /> + Ans scharfe Licht zu treten!<br /> +</p> + +<p class="poem"> + O Mutter, halte dein Kindlein warm,<br /> + Die Welt ist kalt und helle,<br /> + Und trag es fromm, bist du zu arm,<br /> + Hin an des Grabes Schwelle.<br /> +</p> + +<p class="poem"> + Leg es in Linnen, die du gewebt,<br /> + Zu Blumen, die du gepflücket,<br /> + Stirb mit, daß, wenn es die äuglein hebt,<br /> + Im Himmel es dich erblicket.<br /> +</p> + +<p class="poem"> + So lallt zu dir ein frommes Herz,<br /> + Und nimmer lernt es sprechen,<br /> + Blickt ewig zu dir, blickt himmelwärts<br /> + Und will in Freuden brechen.<br /> +</p> + +<p class="poem"> + Brichts nicht in Freud, brichts doch in Leid,<br /> + Bricht es uns allen beiden.<br /> + Ach, Wiedersehen geht fern und weit,<br /> + Und nahe geht das Scheiden!<br /> +</p> + +<p><br /></p> + +<p> +Als ich das Lied ganz hergesagt, waren ich und mein Herr Ritter ein +bißchen stille. Dann hob er an und sprach: "Du hast recht, lieber +Johannes, du warst recht reich, eine so liebe Mutter auf Erden zu +finden; das ist ein schönes Lied, aber es ist auch viel Trauer darin; +wer hat es denn also gesetzet, daß es am Ende so schmerzlich vom +Scheiden spricht?" +</p> + +<p> +Da sagte ich: "Mein Vater hat es gesetzt, als ich noch nicht geboren +war, da er von meiner Mutter scheiden mußte, und hat sie ihn nie +wiedergesehn, und kenne ich ihn auch nicht." Da brachen mir die +Tränen aus, aber mein gnädiger Herr fuhr mir freundlich mit der Hand +über das Haupt und sagte: "Sei wohlgemut! Ich will dein Vater sein, +das reicht auf Erden hin, Gott gebs!" Da küßt ich ihm die Hand und +fuhr fort: "Ach, Herr Ritter, solcher Reichtum an einer so lieben +Mutter war noch nicht genug; denn gute Leute nahmen mich auf ihre +Arme und trugen mich in die Kirche; da ward ich durch die heilige +Taufe aufgenommen unter die Kinder Gottes und ward gereinigt von +aller Sünde und ward teilhaftig der Versühnung unseres Herrn Jesu +Christi. Da ward ich erst reich über alle Maßen, da hatte ich das +ewige Leben und den Schlüssel des Himmels geschenket. Dann aber auch +ward mir gegeben viele irdische Herrlichkeit, und was zum Leben nötig +und lustig ist; denn ich ward gelehret, daß der Glanz der Sonne all +mein Gold sei, der Spiegel der Flüsse all mein Silber, die grünen +Wiesen mit ihren Blumen all meine Teppiche und Tapezereien, der +Himmel mit seinen blauen gestirnten Gewölben und der grüne hohe Wald +alle meine Gebäude und Hallen; ja endlich bin ich so reich geworden, +daß mir die ganze Welt offen stand, und alle guten Menschen meine +Diener warden, zu denen ich sprechen durfte: Gib mir dies, gib mir +jenes; und hatte ich auch keinen Herrn, als den Herrn aller Herren, +den lieben Gott, der mir das Leben zu einem Leben gegeben, und in +dessen Hände ich es, so der heilige Geist seine Gnade verleiht, und +mein Herr Jesus sich meiner erbarmt, ohne große Makel zurückzugeben +hoffe, und habe ich mir zum Spruche auf mein Schild erwählt--denn ich +bin eines Ritters Sohn--: +</p> + +<p><br /></p> + +<p class="poem"> + Der Himmel ist mein Hut,<br /> + Die Erde ist mein Schuh,<br /> + Das heilge Kreuz ist mein Schwert,<br /> + Wer mich sieht, hat mich lieb und wert."<br /> +</p> + +<p><br /></p> + +<p> +Da lächelte Herr Veltlin und sprach: "Dein Hut ist besser als deine +Schuh, die wirst du dir bald ablaufen, aber dein Schwert ist das +mächtigste auf Erden und hat einen guten Waffenschmied gehabt, du +bist ein guter Ritter, und deine Fahrt mag friedlich abgehen, denn +die dich sehen, haben dich lieb und wert. Aber erzähl mir nun dein +Herkommen!" +</p> + +<p> +Da zog ich ein Buch aus meinem Buchbeutel und sprach: "Ich will es +Euch lesen, denn ich habe angefangen, es mir aufzuschreiben, und zwar +so recht ausführlich, wie es mir eingefallen, mit allerlei Rede und +Betrachtung; wie mir bewußt ward, daß es gewesen ist und gewesen sein +kann." Da sprach Herr Veltlin: "Du kannst schreiben? Johannes, das +kann ich nicht, und bin ich begierig zu hören, ob du auch alles so +aufgeschrieben, daß ich es wohl genießen mag; denn da die Schrift als +etwas Künstlicheres und dem Menschen Merkwürdigeres gegeben wird als +gewöhnliche Rede, die schnell dahin fliegt, so soll sie auch des +Aufbehaltens würdiger dem Menschen dargereicht werden, und also +wohlgesetzt und deutlich sein. Lies nun!" Da hob ich an: Chronika +des fahrenden Schülers Johannes Laurenburger, von Polsnich an der Lahn +</p> + +<p><br /></p> + +<p class="poem"> + Dieses Buch ist mir wert und lieb;<br /> + Wer es mir stiehlt, der ist ein Dieb.<br /> +</p> + +<p><br /></p> + +<p> +Ich bin geboren am 20. Mai 1318 zu Polsnich an der Lahn; das ist ein +Hof, der gehört zum Kloster Arnstein, darin ich getauft wurde +Johannes. Meine Mutter selig wohnte in einem kleinen Häuslein vor +dem Hof, und nannte man sie die schöne Laurenburger Els; mein Vater +aber, den ich nie gesehen, war der Ritter von der Laurenburg, die dem +Kloster Arnstein gegenüber an der Lahn liegt. Was es aber für eine +Beschaffenheit mit ihm habe, will ich hier niederschreiben, so viel +ich erfahren, wenn ich zu der Zeit in meinem Leben gelange, da es mir +selbst bekannt worden. +</p> + +<p> +Das erste, dessen ich mich aus frühster Jugend von meiner Mutter +recht deutlich erinnre, ist, daß sie mich lehrte, mich mit dem +Zeichen des heiligen Kreuzes zu bezeichnen und die Hände zu falten +und das Vaterunser und den englischen Gruß zu beten. Sie sagte mir +die Gebete vor, ich schaute nach ihren Lippen und sprach ihr nach, +und ich erinnere mich noch recht sehr deutlich meiner großen Freude, +als ich zum ersten Male abends neben ihr an ihrem Betschemel kniete, +und diese heiligen Gebete mit ihr fertig und ohne Fehl sprach. Jetzt +noch, wenn ich bete, ist es mir oft, als schaute ich nach ihren +Lippen und spräche ihr nach. +</p> + +<p> +Sie war arm, fromm und arbeitsam, und wenn ich sie gleich später in +mancherlei Geschäft gesehen, schwebt mir ihr Bild doch meistens +betend, singend oder spinnend vor Augen. Wenn sie mich manchmal +abends schon im Bette entschlafen glaubte, wachte ich noch und +horchte auf das Schnurren ihrer Spindel und ihren rührenden Gesang; +denn sie saß spät auf, ihr Brot in Ehren zu verdienen. +</p> + +<p> +Der Anblick meiner holdseligen Mutter, wenn sie so bei Lampenschein +vor sich hinsang und spann, rührte mich oft bis zu Tränen; warum, das +weiß der liebe Gott gewiß, zu dem ich wohl zuhörend mit kindischem +Herzen für sie gebetet habe. +</p> + +<p> +Einmal weiß ich, daß ich gar sehr weinen mußte; als ich sie nachts +bei ihrem Rocken so vor sich hin singen hörte, da fing eine +Nachtigall vor unserm Fenster auch an zu singen; es war schon sehr +spät, und der volle Mond schien klar und hell. Meine Mutter aber +hörte nicht auf zu singen, und sang das Vögelein und sie zugleich. +Da habe ich zum erstenmal Traurigkeit empfunden und kindische Sorgen +um den Ernst des Lebens gehabt, die ich wohl noch fühle, aber nicht +auszusprechen vermag; da habe ich mich auch leise im Bette +aufgerichtet und meiner Mutter zugehört. Sie sang aber ein Lied, das +lautete also: +</p> + +<p><br /></p> + +<p class="poem"> + Es sang vor langen Jahren<br /> + Wohl auch die Nachtigall;<br /> + Das war wohl süßer Schall,<br /> + Da wir zusammen waren.<br /> +</p> + +<p class="poem"> + Ich sing und kann nicht weinen<br /> + Und spinne so allein<br /> + Den Faden klar und rein,<br /> + Solang der Mond wird scheinen.<br /> +</p> + +<p class="poem"> + Da wir zusammen waren,<br /> + Da sang die Nachtigall;<br /> + Nun mahnet mich ihr Schall,<br /> + Daß du von mir gefahren.<br /> +</p> + +<p class="poem"> + So oft der Mond mag scheinen,<br /> + Gedenk ich dein allein;<br /> + Mein Herz ist klar und rein,<br /> + Gott wolle uns vereinen!<br /> +</p> + +<p class="poem"> + Seit du von mir gefahren,<br /> + Singt stets die Nachtigall;<br /> + Ich denk bei ihrem Schall,<br /> + Wie wir zusammen waren.<br /> +</p> + +<p class="poem"> + Gott wolle uns vereinen,<br /> + Hier spinn ich so allein;<br /> + Der Mond scheint klar und rein,<br /> + Ich sing und möchte weinen!<br /> +</p> + +<p><br /></p> + +<p> +Besonders traurig aber kam es mir vor, daß der Vogel und meine Mutter +zugleich sangen und doch nicht recht miteinander, und hätte ich +damals wohl wissen mögen, ob der Vogel auch in seinem Gesange meiner +Mutter gedachte, und ob er auch lieber geweint als gesungen hätte. +Ich fragte darum meine Mutter mit den Worten: "Mutter, was singt denn +die Nachtigall dazu?" +</p> + +<p> +Da sagte sie: "Die Nachtigall sehnt sich und lobet Gott; also tue ich +auch. Aber, Johannes, warum wachst du? Schlafe, du mußt morgen früh +heraus und mit mir nach Kloster Arnstein gehn; wenn du nicht schläfst, +so nehme ich dich nicht mit." Da löschte sie die Lampe aus, und +trat vor mein Bettlein und machte mir das Zeichen des Kreuzes auf +Stirne, Mund und Herz und küßte mich, und da ich fühlte, daß sie +weinte, schlang ich meine Arme um ihren Hals und drückte ihr Antlitz +fest an das meinige, und da weinten wir beide. +</p> + +<p> +Ich fragte sie aber: "O liebe Herzmutter, was weinest du, und warum +machst du mir nochmals das Kreuz? Ich habe ja schon gebetet." +</p> + +<p> +"Lieber Johannes", sprach sie hierauf, "ich mache dir immer das Kreuz +und küsse dich, wenn ich schlafen gehe, daß dir Gottes und deiner +Mutter Segen in der Nacht zugute komme; aber du hast bisher immer +schon geschlafen, wenn ich es tat, und wußtest es darum nicht." Aber +warum sie weine, sagte sie mir damals nicht. Darauf entkleidete sie +sich und legte sich zu Bette, und betete laut, ich aber sprach ihr +nach: +</p> + +<p><br /></p> + +<p class="poem"> + Herr Jesus, ich will schlafen gehn,<br /> + Laß vierzehn Engel bei mir stehn,<br /> + Zwei zu meiner Rechten,<br /> + Zwei zu meiner Linken,<br /> + Zwei zu meinen Häupten,<br /> + Zwei zu meinen Füßen,<br /> + Zwei, die mich decken,<br /> + Zwei, die mich wecken,<br /> + Zwei, die mich weisen<br /> + Zum himmlischen Paradeise!<br /> +</p> + +<p class="poem"> + Worauf wir ruhig einschliefen.<br /> +</p> + +<p> +Am folgenden Morgen wachte ich früher auf als die Mutter. Die +Schwalbe begann zu singen. Ich kleidete mich leise an und trat an +das Bett meiner Mutter; die hatte die Hände ruhig gefaltet, und der +junge Tag schien auf ihr Angesicht. Ihr Anblick erfüllte mich mit +Liebe und Trauer, denn ich hatte Barbara, die Tochter des Hofmeiers, +neulich also mit gefaltenen Händen stille im Sarge liegen sehn, und +ergriff mich eine so tiefe Angst, daß ich meine Mutter mit ungestümen +Küssen erweckte. Sie erwachte in meinen Armen, und als ich ihr die +Ursache meiner Tränen sagte, nahm sie meine Hände von ihrem Hals und +faltete sie, und schloß sie in ihre lieben Hände, und so beteten wir +zusammen zu Gott, und dankten ihm, daß er uns diese Nacht erhalten +und uns verliehen habe, diesen Tag zu unserer Besserung anzutreten. +Am Schlusse des Gebetes sagte die Mutter: "Du hast gefürchtet, ich +sei tot, Johannes; sterben müssen wir alle, halte dich an unsern +Herrn Jesum und die himmlische Mutter Maria, die werden dir Vater und +Mutter sein, besser als dein irdischer Vater und ich, wenn auch ich +dich verlassen muß. Und wenn ich einst die Hände so schließe, um zu +beten, da ich zur ewigen Ruhe entschlafe, so schließe auch deine +Hände so in die meinigen und bete mit mir, auf daß uns der Heiland +zusammen in die ewige Herrlichkeit seines Angesichts schauen lasse. +"-Da wurd ich still und trat an das Fensterlein unsrer Kammer und sah +nach dem kommenden Tag. Als sich aber meine Mutter angekleidet hatte, +trat sie hinter mich, und hielt mir freundlich die Augen zu, mit den +Worten: "Warte ein wenig, liebes Kind, gleich wirst du etwas sehen, +das du nie gesehen." Während sie mir so die Augen zuhielt, fragte +ich sie: "Liebe Mutter, ist das Gebet dann kräftiger, und gefällt es +dem lieben Gott dann besser, wenn man die Hände so zusammen faltet, +wie du mit mir getan?"--"Gewiß", sagte die Mutter, "wenn die, so es +tun, sich so lieben wie wir, aber den lieben Gott doch noch viel mehr +als einander, und wenn in der Kirche alle Leute zusammen beten und +der Priester am Altare betet, da ist das Gebet des Priesters die Hand, +in die sie alle ihre Hände gefalten haben. Was habe ich dich von +der christlichen Liebe gelehrt?" Da sprach ich: "Du sollst Vater und +Mutter lieben, auf daß du lang lebest auf Erden; du sollst deinen +Nächsten lieben wie dich selbst und Gott über alles."--"Recht", sagte +die Mutter, "o wie selig wäre die Welt, wenn alle Menschen so +vereinet beteten, wie wir es heut tun konnten, und wie es eine fromme +Gemeinde in der Kirche tut." Da sagte ich kindisch: "Aber alle +Menschen können doch nicht ihre Hände zu zwei Händen zusammenlegen. +"--"O gewiß, das können sie", erwiderte die Mutter, "und das in +unsers lieben Erlösers Jesus Christi Hände, der überall und an allen +Orten ist, und seine heiligen Hände für uns am Kreuze ausgespannt hat, +uns zu erlösen von der Sünde. Denn er hat uns ja das Gebet gelehret, +und er ist die Hand, in welche wir unsre Hände legen müssen, so +unser Gebet zu Gott dringen soll; denn er selbst hat auf Erden gesagt: +"Alle Dinge sind mir übergeben von meinem Vater, und niemand +erkennet den Sohn, als nur der Vater, und niemand kennet den Vater, +als nur der Sohn, und wem es der Sohn will offenbaren. Kommet her zu +mir, alle, die ihr mühselig und beladen seid, ich will euch erquicken." +Und der heilige Johannes sagt: "Der Vater hat den Sohn lieb und +hat ihm alles in seine Hand gegeben. Wir haben einen Fürsprecher +beim Vater, Jesum Christum, den Gerechten; der ist die Versöhnung für +unsre Sünden, doch nicht allein für die unsrigen, sondern für die +Sünden der ganzen Welt. Es ist ein Gott und ein Mittler zwischen +Gott und den Menschen, der Mensch Jesus Christus, der sich selbst für +uns alle zur Erlösung hingegeben hat." Ach, möchten nur alle ihre +Hände in des Heilands Hand, in die Gott alles gegeben hat, glaubend, +hoffend und liebend legen; dann würden wir alle zusammen schauen in +das Angesicht Gottes." Nach diesen Worten tat die liebe Mutter ihre +Hände von meinen Augen und sprach: "Gelobet sei Jesus Christus!", und +ich erwiderte: "In Ewigkeit, Amen!" und sah mit großer Seligkeit in +den Glanz der Morgensonne, die über dem Lahntal hervorstieg. "Ach, +Mutter", rief ich aus, "ist dieses Gottes Angesicht?"--"Nein, mein +Kind", erwiderte sie, "das ist nur seine erschaffene Sonne, die er +über uns arme sündige Menschen scheinen läßt; aber denen, die ihn +lieben, hat Gott bereitet, was kein Auge gesehn und kein Ohr gehört +hat, und was in keines Menschen Herz gekommen ist." +</p> + +<p> +Ich habe aber damals die Sonne zum ersten Male aufgehen sehen, weil +ich so früh vorher nie aufgestanden. Dieses Morgens und aller meiner +Mutter Rede und Tun an demselben habe ich bis jetzt gar oft mit +großem Nutzen gedacht. Nun aber nahm meine Mutter Linnen, das sie +gewebt, und Garn, das sie gesponnen und gezwirnet, um es in dem +Kloster zu verkaufen. Sie trug es in dem Korbe auf dem Kopfe, und da +ich sie darum gebeten, gab sie mir einige Stränge des Garns zu tragen, +welche ich mit einer großen Liebe zu meiner Mutter sehr sorgfältig +bis nach Arnstein getragen habe. Wir kamen daselbst in des Abtes +Stube, die war mit schönen Bildern ausgemalt; auch handelte der Abt +selbst um das Tuch mit der Mutter und war ein heiliger, aber sonst +gar freundlicher und lustiger Mann, fragte mich auch, da ich die +schönen Bilder an den Wänden so fleißig betrachtete: "Hans, dir +gefällt wohl meine Zelle; hast du auch Lust, ein geistlicher +Ordensherr zu werden? Wenn du fromm und fleißig bist, kannst du mit +der Zeit diese meine Bilder besitzen und Abt sein, wenn ich in dem +stillen Konvent unter der Kirche schlafe." +</p> + +<p> +Da erwiderte ich: "Ich hätte wohl Lust dazu, Abt in der schönen Zelle +zu sein, Hochwürdiger Herr, wenn meine liebe Mutter mit drinnen +wohnen wollte." Da lachte der Abt und sprach: "Lieber Hans, wenn die +schöne Laurenburger Els mit in den Zellen wohnen dürfte, möchte wohl +das kleine Klosterpförtlein zu enge werden, so viele sollten den +heiligen Orden suchen; aber das geht nicht, denn der Herr spricht, +wir sollen das Kreuz auf uns nehmen, alles verlassen und ihm +nachfolgen; und doch wohnet eine Mutter mit uns in unsern Zellen, die +ist noch viel lieblicher und milder als die deine." Da sah ich bald +den Abt, bald meine Mutter an und konnte seine Rede nicht recht +glauben, sagte auch zuletzt: "Ach, Hochwürdiger Herr, zeiget mir sie!" +Da lachte der Abt wieder und sprach: "Mein Hans, zeigen kann man +sie nicht, aber wir leben alle in ihrem Schoße, und auch du; es ist +die heilige Mutter, die Kirche, welche unser lieber Herr Jesus sich +zu einer Braut erkoren; aber das verstehest du noch nicht." Da sagte +ich: "Nein!", und er gab mir drei Bildlein aus seinem Gebetbuch, das +war St. Jörgen Bild, meines Vaters, Ritter Jörgen von der Laurenburg, +Patron, St. Elsbethen Bild, meiner Mutter Patronin, und St. Johannsen +mit dem gülden Mund Bild, mein Patron, worüber ich große Freude +empfand, und als ich ihm den ärmel küssen wollte, reichte er mir die +Hand und sprach: "Johannes, bitte Frau Else, deine Mutter, daß sie +dich bald herauf zur Schule tut, da sollst du zur Messe dienen lernen, +und für jede Messe einen halben Heller von mir erhalten." Da bat +die Mutter den Abt um seinen Segen, und knieten wir beide vor ihm, +und er legte seine Hände auf uns und betete. +</p> + +<p> +Meine Mutter ließ aber von dem Geld, das er ihr für die Linnen +gegeben, zurück, eine heilige Messe für ihr Anliegen in Sankt Jörgen +Kapelle zu lesen, und da der Abt fragte: "Laurenburgerin, was ist +Euer Anliegen?", traten meiner Mutter die Tränen in die Augen, und +sie sprach mit Schämen: "Das stell ich Gott anheim, Hochwürdiger Herr." +Der Abt erwiderte hierauf mit ernster und freundlicher Stimme: +"Laurenburgerin, nehmet Euer Geld zurück und wendet es Eurem Kinde zu; +ich weiß, Ihr lebet bedrängt, ich will das heilige Meßopfer selbsten +für Euch halten und von ganzem Herzen für Euch beten; aber ergebet +Euch auch in den Willen des Herrn, und hanget nicht weltlichem Kummer +allzu sehr nach." Meine Mutter aber wollte das Geld nicht wieder +nehmen und sprach: "Der Himmel segne Euch, Hochwürdiger Herr, für +Eure Milde, aber ich bedarf des Geldes nicht, welches ich zu heiligem +Opfer erarbeitet; tut des edlen Laurenburgers Weib den Schimpf nicht +an, als könne sie nicht ein kleines Opfer erarbeiten." Da sprach der +Abt: "So Ihr Euch das zu Herzen nehmet, will ich dafür ein Kerzlein +vor St. Jörgen Bild aufstecken lassen. Linnen und Garn gebet unten +im Kloster dem Bruder Sulpizius, daß er Chorhemden daraus mache; denn +Eure Linnen sind gar fein." Da nahm die Mutter die Linnen, und gaben +wir sie unten dem Bruder Schneider; der hielt aber der Mutter den +Korb zurück, bis wir aus der Kirche kamen. +</p> + +<p> +In der Kirche gingen wir zur Linken in eine Kapelle; da stand auf dem +Altar St. Jörgen Bild, wie er den Drachen durchbohret; den Altar +haben die Ritter von der Laurenburg gestiftet und viele Gaben zu dem +Kloster getan, haben auch ihr Begräbnis in dieser Kapelle, wie ich +nachmals erfahren. Zur Rechten des Altars kniete ich mit meiner +Mutter nieder, bei einem steinernen Bilde, das in die Wand gemauert +war. Dieses stellte aber einen alten Ritter vor, der hatte ein +langes geistliches Gewand an, und legte einem jungen Ritter, der vor +ihm kniete, die Hände auf das Haupt. Meine Mutter sah oft und mit +recht innerlicher Bewegung nach dem knienden Ritter. Ich betrachtete +ihn auch, und empfand eine große Freude an ihm, hätte ihm auch gern +etwas Liebes getan und setzte ihm drum einen grünen Kranz auf sein +steinern Haupt, den ich mir im Walde geflochten und noch spielend in +der Hand trug. Da meine Mutter dies sah, fuhr es wie ein Blitz durch +ihre Augen, und umarmte sie mich heftig in der Kirche, aber ihre +Wangen wurden schamrot und ihre Augen voll Tränen; da ließ sie mich +los und senkte das Haupt auf den Betstuhl. Ich empfand große +Bangigkeit um ihre rührende Gebärde. Da trat ein Ordensbruder aus +der Sakristei mit einer schönen bunten Wachskerze; die zündete er an +der ewigen Lampe an, nahte dann unserm Betstuhl und reichte sie +meiner Mutter und mir zu küssen, und als wir dies getan, steckte er +sie auf St. Jörgen Leuchter, der neben St. Jörgen Altar stand und +gestaltet war wie eine Lanze, die durch einen Lindwurm gestochen ist. +Das war die Opferkerze, die uns der Herr Abt versprochen. Nun klang +das Glöcklein, und der fromme liebreiche Herr trat mit dem +Ministranten zum Altar und las uns die heilige Messe selbst mit +großer Andacht. Da sagte mir meine Mutter ins Ohr: "Bete hübsch +fromm, Johannes, der stehende alte Ritter ist der alte Laurenburger, +dein Großvater, bete hübsch für ihn!" Nun hatte ich den Mut nicht +mehr, nach dem Bilde zu schauen, und ward mir mein Großvater von +damals an ein gar ernster und sorglicher Gedanke, aber ich habe zum +ersten Male gebetet mit einer recht innerlichen Herzensangst, wie +früher nie; warum ich aber so gebetet, kann ich mich nicht mehr +deutlich entsinnen. +</p> + +<p> +Da die Messe zu Ende war, fragte ich meine Mutter wieder nach dem +steinernen Bilde mit den Worten: "Mutter, was macht denn der alte +Laurenburger da?" Aber sie antwortete nicht, und sah mit nassen +Augen den knienden Ritter an, dem ich das Kränzlein aufgesetzet. Als +ich sie nochmals fragte, sagte sie: "Der alte Laurenburger tut, was +ich dir gestern abend tat, da ich dich im Bette mit dem heiligen +Kreuze bezeichnete." Da fragte ich sie weiter: "Will denn der alte +Laurenburger auch schlafen gehn?" Und sie sprach: "Ja, er will +schlafen gehn in die ewige Ruhe." Ich aber fragte weiter: "Will denn +der kniende Ritter auch schlafen gehn?" Da sprach sie: "Ach, Gott +gebe ihm ein seliges Erwachen, so er schon schläft!" und ward wieder +sehr traurig, und hob mich hinauf an dem Bilde, mit den Worten: +"Küsse den Knienden, habe ihn recht lieb, es ist dein guter Vater." +Da küßte ich ihn herzlich und setzte ihm das Kränzlein zurecht auf +seinem Haupt, wollte ihn auch nicht lassen. Meine Mutter aber +behielt mich auf dem Arme und trug mich aus der Kirche hinaus, und +hätte sie schier auch ihren Korb vergessen, der noch bei dem Bruder +Sulpizius stand. Der aber kam uns nachgelaufen und brachte den Korb; +da war ein schönes weißes Klosterbrot drinnen und ein Krüglein voll +Weins, das schenkte uns der Herr Abt. +</p> + +<p> +Sie dankte und ging ruhig mit mir links dem Walde zu, einen andern +Weg, als wir hergekommen waren. Sie hatte den Korb am rechten Arme +und trug mich auf dem linken; ich sagte ihr, daß ich nicht müde sei, +und es ihr sauer werde, sie solle mich gehen lassen. Aber sie wollte +mich nicht loslassen, und ich merkte in ihr eine geheime Lust, mich +zu tragen, und sie schloß mich manchmal fester mit dem Arme an ihre +Brust, so daß ich den Schlag ihres Herzens fühlte. Da ward ich mir +so recht lebendig ihrer Liebe bewußt, und genoß ihrer Güte mit +kindlicher Freude; denn sie pflegte mich sonst nicht zu tragen, weil +sie, wenn gleich groß und schlank, doch durch manche Sorge und +Nachtwache entkräftet war. Sie war zart und weiß mit langen blonden +Haaren, und wie goldne Strahlen waren die Wimpern über ihren reinen +blauen Augen, die mich noch immer mit Friede, Liebe und Warnung +anblicken. Ja, ihr liebes Angesicht war wie ein durchsichtiges +Fensterlein ihres Herzens, aus dem ihre Seele mit jeder innern +Bewegung errötend und erbleichend zum Himmel schaute. Ihr Mund aber +war ruhig und zart geschlossen, und erregte eine züchtige Ehrfurcht. +Ich sage dies hier; denn ich werde nimmermehr vergessen, mit welcher +Liebe ich damals ihr edles Angesicht betrachtete, und wie gut und +holdselig sie aussah, da sie mich so zärtlich durch die freie Luft +über die grüne Wiese hintrug, und meine Härlein und ihre langen +blonden Haare in dem Winde durcheinanderflogen, und die Lerche über +uns, gegen die Sonne schwebend, lobsang. Da war mir unendlich wohl, +und meine Sehnsucht, sie nicht zu ermüden, ward so inbrünstig, daß +ich glaubend fühlte, ich ermüde sie nicht, und, mit ihren Haaren +spielend, zu ihr sagte: "Liebe Mutter, bin ich nicht recht leicht? +Mir ist, als träume ich, ich flöge." Sie aber antwortete nicht, als +mit einem zärtlichen Druck ihres Arms, und ich begann ihr ihre Haare +in Zöpfe zu flechten, daß ihr der spielende Wind nicht beschwerlich +fallen möge, und sie ließ es mit freundlichem Hinneigen ihres Kopfes +gern geschehen. Da ich aber fertig war und sie mich durch den Wald +unter den Bäumen hintrug, brach ich einen grünen Eichenzweig ab, wand +ihn in einen Kranz, und setzte ihn ihr auf das Haupt mit den Worten: +"Liebe Mutter, nun bist du geschmückt wie der kniende Ritter in St. +Jörgen Kapelle, nun hast du auch ein Kränzlein auf, und wenn er uns +nun durch den Wald entgegengeschritten käme, würdet ihr euch beide +wohl sehr aneinander erfreuen über die schönen Kränze?" Meine Mutter +aber antwortete nicht und ging traurig fort, worüber ich auch betrübt +wurde. +</p> + +<p> +So zogen wir still und einsam wohl eine Stunde lang durch den dichten +Wald, als wären wir die einzigen Menschen auf der Welt, und hätten +nicht viel Freude. Nun ward es lichter in den Zweigen, und der Wald +endete sich gegen den Rand des Berges, der sich in das einsame +Lahntal senkte; hier küßte mich die Mutter und ließ mich an die Erde. +Wir standen aber auf einer grünen Waldwiese, die ein frischer Quell +erquickte, der mit Umwegen an dem mannigfaltig unterbrochenen Abhange +zu der Lahn hinabeilte. Wo wir standen, war die Gegend sanft und +mild, ein großer alter Birnbaum hing schwer voll gelber Birnen, und +um ihn her standen mehrere Vogelbeerbäume, die mit ihren +feuerfarbenen Früchten lustig gegen den dunkeln Wald abstachen; +außerdem begrenzten und durchschnitten den Platz mancherlei +Fruchtsträucher, Haselbüsche, Johannis--und Klosterbeersträucher, und +ich hatte die Fülle zu brechen und zu genießen. Gegen uns über +erschien die Gegend ernster. Das Lahntal schließt, von diesem Punkte +gesehen, den Spiegel des Flusses mit einer Krümme wie einen +tiefliegenden See ein, und die Berge lagen, mit dunklem Walde bedeckt, +streng und finster um diesen her, als hätten sie tiefsinnige +Gedanken über ein Leid, das hier geschehen. Die Mutter stand stille +und schaute ruhig in die Gegend hinein, ich hatte aber den Deckel des +Korbes genommen, ihn mit breiten Haselnußblättern bedeckt, und +sammelte mit ängstlichem Fleiße die schönsten Brombeeren und +Himbeeren, und was sonst an wohlschmeckenden Träublein zu reichlicher +Lese sich darbot. Zwischen der Arbeit schaute ich oft nach ihr, sah +auch mit Freude, wie der Anblick der Gegend ihr Antlitz zu erheitern +schien, und als ich meine Ernte ihr darbot, lächelte sie freundlich, +strich mir mit der Hand über die Stirne und sagte: "Schönen Dank, +Johannes, du bist ein gutes Kind." +</p> + +<p> +Dann führte sie mich rechts dem Dickicht zu, wo wir nach wenigen +Schritten vor einer kleinen verlassenen Hütte standen; der Efeu hatte +frei die Wände umrankt, und selbst die verschlossene Tür mit seinem +Gitter umzogen. Die Mutter hob mich an einem alten Wacholderbaum in +die Höhe, der neben der Türe stand, und ich mußte ihr aus einem Loche +in demselben einen Schlüssel holen, mit welchem sie die Türe +aufschloß, nachdem ich ihr geholfen hatte, die Efeuranken behutsam, +ohne sie zu zerreißen, von der Türe abzulösen. Nun gingen wir durch +eine kleine, gerätlose Küche in eine viereckte Stube. Ich trat mit +Scheu hinein; denn die wenigen Strahlen, welche durch die +verschlossenen Fensterladen fielen, zeigten mir allerlei große Vögel +an den Wänden in unbestimmtem Lichte. Meine Mutter aber stieß +sogleich einen Fensterladen auf, und da sah man nach der andern Seite +des Lahntals, wo das alte Laurenburger Schloß aus schwarzem Bergwald +hervorragte. An den Wänden der kleinen Stube sah ich auf +eingemauerten Hirschgeweihen vielerlei ausgestopfte Vögel befestigt, +und besonders eine Reihe alter Falken; außerdem lehnten und hingen +mancherlei Jagdgeräte, Armbrust, Speere, Netze u. dgl., in schöner +Ordnung um einen einfachen Betschemel, der vor dem holzgeschnitzten +heiligen Hubertusbilde stand. Da war St. Hubertus abgebildet, wie er +vor einem Hirsche kniet, der ihm mit einem Kreuze zwischen den +Geweihen auf der Jagd entgegengetreten, da ihm der Herr sein wildes +Herz gerührt. Ich betrachtete alle diese Dinge, die ich früher nie +gesehen, mit bangem Staunen, während meine Mutter, auf einem +hölzernen Stuhle sitzend, still dem Fenster hinaus nach der +Laurenburg sah. Alles, was mir seit dem letzten Abend begegnet war, +hatte die ruhige Folge der gewohnten Eindrücke in meiner Seele +unterbrochen, und wenn ich jetzt zurückgedenke, möchte ich meine +damalige Empfindung wohl dem Gefühl eines Rades vergleichen, wenn es +in der Mühle plötzlich lebendig werden und sehen könnte, wie es sich +selbst und alle die andern Räder sich mit ihm herumdrehen, ohne sich +doch gleich vorstellen zu können, was es selbst und die andern Räder +eigentlich sollen, und was überhaupt eine Mühle ist. Besonders aber +befremdete es mich, daß meine Mutter mit allem dem Geräte der Hütte +ganz vertraut war, und in der Hütte tat, als wäre sie immer darin +gewesen; darum fragte ich sie mit den Worten: "Liebe Mutter, bleiben +wir nun hier, ist dies auch unser Häuslein? Dann will ich uns einen +kleinen Garten bauen und ein Vogelsteller werden." Da entgegnete sie +freundlich: "Was willst du dann mit den Vöglein anfangen?", worauf +ich sagte: "Ich will sie das Vaterunser beten lehren." Da fragte sie: +"Weißt du denn, wo dein Vater ist?" Und ich antwortete: "Im Himmel." +Nun nahm sie mich zu sich, und ich mußte mich zu ihren Füßen +setzen, und da erzählte sie mir ohngefähr das, was ich hier weiter +niederschreibe. +</p> + +<p> +Wenn ich auch gleich jedes ihrer lieben Worte jetzt, da ich erwachsen +bin, nicht mehr so recht eigentlich wissen kann, dürfte es doch nicht +viel anders gelautet haben; denn ich habe mir alles scharf in das +Gedächtnis gefaßt, und es mir oft wieder von ihr erzählen lassen, so +daß wohl eher zu viel als zu wenig hier stehen mag. Sie sprach aber: +"Lieber Johannes, du hast mich seit gestern wohl trauriger als je +gesehen, denn ich dachte gestern, da die Arbeit vollendet war, schon +daran, wie ich heute alle die Wege gehen würde, die du mit mir +gegangen bist. Du hast mich auch gestern abend gefragt, warum ich +weine, da ich vor deinem Bettlein stand, aber ich habe dir keine +Antwort gegeben, sondern nur mit dir gebetet, damit wir ruhig +schlafen möchten. Jetzt aber will ich dir vieles erzählen; denn ich +glaube, es wird dir frommen, wenn du früh weißt, wie auf Erden viel +Traurigkeit ist, und im Himmel allein die Freude, die wir durch +unwandelbare Treue und Stärke in dem irdischen Leide allein verdienen +können. Du wirst dann deine Sinne immer mehr zu Gott wenden, und +dich führen lassen von seinen Engeln auf Erden, dem Glauben an Jesus, +der Hoffnung auf Jesus, und der Liebe zu Jesus, deren Gespielen sind +die Einfalt, die Demut, die Unschuld und die Wahrheit. Auch sollst +du nicht traurig sein um des Leides willen, das dich auf Erden +treffen wird, nein, nur um deine und aller Schuld, deren Strafe das +Leid ist. Auch sollst du nicht trauren um deinen Schmerz, sondern +allein um die Leiden deines Erlösers am Kreuze, an dem er gestorben +ist wie ein unschuldiges Lamm, das dahinnimmt die Schuld der Welt, +und zu dieser Versöhnung sollst du dich wenden, und fest an sie +glauben und auf sie hoffen, und dich rein erhalten von aller Sünde, +damit du deine Seele nicht wieder befleckest, die dein Jesus, dein +Erlöser, dein Heiland, dein Gott dir mit seinem heiligen Blute rein +gewaschen hat; dann wird dein Glaube, dein Vertrauen alles Leid +überwachsen, und du wirst dir ein freudiges Herz erkämpfen zu deinem +Gott, der dich erschaffen hat im Vater, erlöset im Sohn und +geheiliget im Heiligen Geist." +</p> + +<p> +Was mir meine selige Mutter, die schöne Laurenburger Els, in dem +Häuslein meines seligen Großvaters, des Voglers Kilian, auf der +Hirzentreu von sich und dem lieben Großvater erzählt hat +</p> + +<p> +Diese Berghöhe heißt die Hirzentreu, und dieses Häuslein, worin wir +sitzen, gehörte meinem lieben seligen Vater, dem Vogelsteller Kilian, +den man weit und breit nur den guten Kilian und den frommen +Falkenmeister nannte. Er ist zu Gott gegangen vor zehn Jahren, und +liegt begraben auf dem Kirchhofe zu Kloster Arnstein. Er ist geboren +zu Kitzing in Franken, und hat sich dies Häuslein hier selbst erbauet, +da er als ein Falkenier des Grafen von Nassau meine selige Mutter, +eines Jägers zurückgelassene Waise, zu seiner Hausfrau wählte, und +sich hier mit ihr niederließ. Es stehet auch draußen im Garten noch +der Baum, an welchem mein Vater meine Mutter zum ersten Male gesehen; +da rettete er ihr das Leben; denn als mein Vater einen Hirsch +verfolgte, fand das erzürnte Tier hier meine Mutter, welche als ein +armes Mägdlein Kräuter für die Klosterherren in Arnstein sammelte, +und faßte der Hirsch in seinem Grimm meine Mutter auf die Geweihe. +Mein Vater, der herzulaufend dieses sah, schoß einen Bolz von seiner +Armbrust nach dem Hirsch, und traf ihn nicht ohne Gefahr meiner +Mutter in das rechte Auge, und das verwundete Tier trat ihm, +geblendet, nun grade entgegen; da faßte mein Vater einen guten Mut, +und riß ihm die halbtote Jungfrau von dem Geweihe, legte sie unter +jenen Baum und erquickte sie an dem Bächlein, das hier entspringt. +Als sie sich wieder erholt hatte, sahen sie zu ihrer großen +Verwunderung, daß der Hirsch neben ihnen im Gebüsche stand, und mit +Schmerzen das Haupt bald hin und her schwenkte, bald traurig zur Erde +senkte. Da rührte das niederrinnende Blut meinen guten Vater, er +trat zu dem leidenden Tiere, zog ihm den Bolz aus dem Auge, und wusch +ihm die Wunde mit Wasser aus, welches alles der Hirsch ruhig +geschehen ließ. Als aber mein Vater die erschreckte Jungfrau nach +Kloster Arnstein begleitete, lief ihnen der Hirsch durch den ganzen +Wald nach, was sie beide sehr rührte und ihrem Gespräche eine größere +Vertraulichkeit gab. Vor Kloster Arnstein reichten sie sich die +Hände, und trennten sich mit der gegenseitigem Versicherung, +miteinander in christlicher Ehe zu leben. +</p> + +<p> +Nun machte sich mein Vater von seinen herrschaftlichen Diensten los, +baute mit Erlaubnis der Klosterherren diese Hütte, und führte meine +Mutter Agnes, als seine liebe Hausfrau, hinein. Der gute Hirsch war +durch die Hülfe, die ihm mein Vater geleistet, so mild und zahm +geworden, daß er ihm immer zur Seite war, wenn er hier an seiner +Hütte mit der Mutter baute. Mein Vater pflegte dabei immer des +Hirsches krankes Auge, welches bald ausheilte, aber blind wurde. +Hernach, als meine Eltern hier wohnten, hielt sich der Hirsch immer +freundlich zu ihnen, und ich weiß noch recht wohl, daß er, wenn wir +aßen, den Kopf hier zum Fenster hereinsteckte, und ich als ein Kind +ihm Brot gab. Einstens aber hörte mein Vater ihn in der Nacht heftig +schreien; da stand er mit der Mutter auf, und sie gingen hinaus, zu +sehen, was dem guten Tiere fehlte. Er war aber im Kampf mit andern +Hirschen, welche ihm seines blinden Auges wegen überlegen waren, so +heftig verwundet, daß er mit anbrechendem Tage zu den Füßen meiner +Eltern starb. Wir weinten um ihn, wie um einen treuen und dankbaren +Freund, und hat ihn mein Vater unter demselben Baume, wo er ihn +geschossen, begraben, sein Geweih aber in den Baum so befestigt, daß +es, zu ewigem Gedächtnis in denselben verwachsen, noch zu sehen ist, +und hat mein Vater diese Hütte wegen des treuen Hirschen Hirzentreu +genannt. +</p> + +<p> +Meine gute Mutter ist auch bald gestorben, und ich war noch ein so +kleines Mägdelein, daß ich nicht recht wußte, was Sterben ist. Ich +erinnre mich noch recht wohl, daß ich auf ihrem Bette saß, als sie +krank war, und ihr die Fliegen wehrte und ihr alle die kleinen Gebete +und Sprüche, die sie mich gelehrt, vorsagte, und meinem Vater zur +Hand ging, sie zu pflegen, soviel es ein Kind vermag. Da ich nun oft, +wenn meine Mutter Arzneikräuter suchte, mit ihr im Walde gewesen war, +und sie mir dabei allerlei Heilkräfte der Pflanzen mitgeteilt hatte, +so war meine Seele damals so erfüllt von der Begierde, ihr zu helfen, +daß ich einstens in der Nacht vor einbrechendem Tage in den Wald +hinauslief, um ihr einige Kräuter zu suchen, von welchen mir geträumt +hatte. Ich lief lange herum und suchte mit unbeschreiblicher Angst +die Kräuter, welche ich mich vorher gesehen zu haben nicht erinnerte. +Schon stand die Sonne hoch am Himmel, und ich war weit von unsrer +Hütte verirrt, aber ich vergaß, vor Begierde, das Arzneikraut zu +finden, meinen Hunger, und als ich endlich in großer Ermüdung +niederkniete und mit Tränen zu dem lieben Jesuskinde betete, es möge +mir doch das Kraut suchen helfen, ich wolle ihm auch mein Brot +schenken, bin ich darüber vor Müdigkeit entschlafen. Nach einigen +Stunden erwachte ich, und sah eine schöne edle Frau vor mir stehen; +ein Diener führte ihr Roß, auf welchem ihr Söhnlein saß, und war sie +abgestiegen, als sie mich so allein im wilden Walde liegen sah. Sie +fragte mich, wer ich sei, und da ich ihr gesagt, ich sei Voglers Els +von der Hirzentreu, und heute früh ausgegangen, ein Kräutlein für die +kranke Mutter zu suchen, küßte sie mich und sagte, daß sie mich +heimfahren wolle mit sich nach der Laurenburg, denn sie war die +Hausfrau des alten Laurenburgers, deine Großmutter; von da wolle sie +mich über die Lahn nach der Hirzentreu bringen lassen. Sie setzte +sich nun auf das Roß und nahm mich vor sich auf des Pferdes Hals; ihr +Söhnlein aber, Jörg, saß hinter ihr und hatte sie mit den Armen +umfaßt. +</p> + +<p> +So zogen wir ein Stück Wegs nach dem Lahntal hinab, und hatte ich +schier auch alles vergessen; denn das Reiten, die fremde Frau und ihr +Söhnlein, das mancherlei kleine Lieder mit ihr sang, beschäftigten +meine Seele. Aber der Hunger fing mich an zu drücken, und ich +bemerkte mit Weinen, daß ich mein Brot nicht mehr in meiner Tasche +fand. Da fragte mich die Edelfrau: "Els, was weinst du?" und ich +sagte ihr: "Ich hungre, denn ich habe dem Jesuskind mein Brot gegeben, +und das Kräutlein von ihm erhalten, aber nun habe ich das Kräutlein +verloren und hungre", und dabei verlangte ich heftig, sie möge mich +in den Wald zurücklassen, das Kräutlein zu suchen. Ich mußte der +Edelfrau das Kraut aber beschreiben, denn seinen Namen wußte ich +nicht. Da sagte sie auf einmal: "Mein liebes Kind, du hast wohl +geträumt, aber die Barmherzigkeit Gottes ist groß, denn sieh, mein +Diener trägt ein solches Kraut in einem feuchten Tuche eingeschlagen +in seinem Wadsack auf dem Rücken; dies Kraut aber wächst nicht hier +zu Lande, sondern habe ich es im Kloster Arnstein, wo ich zur Beichte +war, von dem Gärtner erhalten, der es von einem Priester aus fremden +Landen jenseits des Meeres hat." Da mußte der Knecht den Wadsack +öffnen, und siehe da, es war dasselbe Kraut darinnen, das ich im +Traume gesehen. Meine Freude war unaussprechlich, und die gute +Edelfrau befahl dem Knechte, sogleich das Kraut meinem Vater zu +bringen, und ihm zu erzählen, wie ich es gesucht, und wie mich die +Edelfrau mit nach der Laurenburg genommen. Der Diener kannte meinen +Vater gar wohl und lief mit Freuden die Waldstege nach unsrer Hütte +zu. Nun ritt die Edelfrau mit mir und ihrem Söhnlein allein vollends +zur Lahn hinab und an einer seichten Stelle hinüber nach der +Laurenburg, wohin der Diener bald auch kam und mich auf dem Kahne zu +meinen Eltern hieher zurückbrachte. Die gute Edelfrau hatte mir +viele Liebe erwiesen und gab mir noch ein Krüglein mit altem Wein, +und einige stärkende Gewürzküchlein für die kranke Mutter mit, und +versprach, sie selbst morgen zu besuchen. Ihr Söhnlein aber, das +nicht zugegen war, als ich aus der Laurenburg ging, kam mir bis zum +Wasser nachgelaufen und gab mir einen ganzen Rosmarienstock, den er +aus seinem Gärtlein ausgerissen, und sprach: "Du Kleine, das stell an +deiner Mutter Bett, das ist ein guter Ruch, wenn man siech ist. +Elslein, komm wieder!" Da gab er mir die Hand, und wir schieden. +</p> + +<p> +Als wir auf Hirzentreu ankamen, trug mich mein Vater an der Mutter +Bette; die umarmte mich und sagte: "Els, ich habe den ganzen Tag +nicht leben und nicht sterben gekonnt aus Sorge, daß du verloren +seist; Gott aber hat mich wunderbar getröstet durch das, was +geschehen, und hat mir dein Vater von dem Kraute einen Trank gekocht, +der hat mich wunderbar erquicket." Da gab ich dem Vater den +Rosmarienstock, der pflanzte ihn in einen schönen neuen Krug neben +der Mutter Lagerstätte, und nun nahm der Diener Abschied, nachdem er +den Wein und die Würzküchlein dem Vater gegeben. +</p> + +<p> +Es war darüber Abend geworden, mein Vater gab der Mutter noch von dem +Weine und der Würze, und sie fand sich so gestärkt, daß sie das +Abendlied mit dem Vater mit großer Andacht leise mitsang, worüber ich +zu ihren Füßen auf ihrem Lager entschlief. Gegen Morgen aber weckte +mich der Vater und sagte mir mit Weinen: "Wach auf, lieb Elslein, und +schau nach der Mutter, und gib ihr, was sie verlangt; sie ist gar +krank, und ich will nach Kloster Arnstein laufen um die letzte +heilige Wegzehrung für sie. Halte dich still, so sie schläft, und +bete still, und so sie es verlangt, reiche ihr zu trinken, auch +schaue nach dem brennenden Kienspan im Kamin, daß kein Unglück +entsteht." Dann trat er zur Mutter, trocknete ihr das Antlitz und +sprach: "Gott erhalte dich, liebe Agnes, zu christlichem Geleite, ich +geh nach Kloster Arnstein; O wie ist dir, liebe Agnes?" Da sagte die +Mutter: "Ich lege wie ein Kind mein krankes Haupt in den Schoß dessen, +der gesagt hat: "Ich will euch trösten, wie einen seine Mutter +tröstet", und ich habe das Vertrauen, er wird mich mit vollem Troste +von dir scheiden lassen; so gehe dann hin, und bringe mir den letzten +Trost!" Da küßte sie der Vater und ging fort. +</p> + +<p> +Ich aber redete leise zu Füßen des Bettes: "Mutter, darf ich zu dir +kommen?" Da sagte sie: "Ja, lieb Elslein, doch steh erst auf und +bringe mir das kleine Kreuz aus meiner Truhe; mich verlanget sehr +darnach." Geschwind eilte ich an die Truhe, doch der Deckel war so +schwer, daß ich ihn nicht erheben konnte; das klagte ich der Mutter, +die sagte: "Elslein, bete! Der dir das Kraut gebracht, das mich so +erquickte, wird dir auch helfen, die Truhe zu eröffnen, so du ihm +vertrauest." Da fiel ich vor der Truhe auf die Knie und betete, +Jesus möge mir die Truhe eröffnen, und Gott erbarmte sich meiner, ich +öffnete die Truhe mit kleiner Mühe und brachte der Mutter das kleine +Kreuz. Es ist dasselbe, welches noch in Polsnich an meinem Bette +hängt, und unsre Truhe zu Haus ist auch dieselbe Truhe. Die Mutter +nahm das Kreuz in ihre gefalteten Hände und küßte es, und drückte es +an ihr Herz, und ich legte mich zu ihr auf das Hauptkissen und +drückte meine Wange an die ihrige. Sie sprach nicht, sie flüsterte +betend, und so entschlief ich; bald aber weckten mich laute Worte von +ihr, und ich hörte sie sagen: "Hüter, ist die Nacht schier hin? Wer +da? Gut Freund! Sei getrost! Ich bins! Fürchte dich nicht! Herr, +bist du es, so heiße mich zu dir kommen auf dem Wasser!" und nach +diesen Worten bewegte sie sich mühsam im Traume. Ich verstand sie +nicht, und weckte sie mit Küssen: "Lieb Mutter, was verlangt dein +Herz?" Da schlug sie die Augen auf und sagte: "O mein Jesus, ich bin +noch nicht bei dir! Elslein, mein Kind, sage, hast du den lieben +Heiland gesehn, wo ist er hingegangen?" Ich verstand sie nicht, und +suchte ihr das Kreuzlein in dem Bette, das ihren Händen entfallen war, +und legte es ihr wieder in die Hände mit den Worten: "Herzmutter, da +ist der liebe Heiland." Da küßte sie das Kreuz wieder, und sagte +dann: "Elslein, ich war allein auf einem Kahn auf einem großen Wasser +eine lange, lange Nacht, kein Stern am Himmel, und sehnte mich nach +dem Tage; endlich sah ich ein Sternlein, das zog leise über das +Wasser, wie ein Wächter durch die Flur, und da rief ich mit aller +Macht: "Hüter, ist die Nacht schier hin?" und der Stern antwortete: +"Wenn der Morgen schon kömmt, so wird es doch Nacht sein; wenn du +schon fragest, so wirst du doch wieder kommen und wieder fragen." Da +kam es gegen mich über die Wogen geschritten, und ich sah, daß es +eine einsame Gestalt war. Da rief ich: "Wer da?" und es antwortete: +"Gut Freund!" Ach, da ward mein Herz so freudenvoll, und ich +gedachte: Sollte es wohl mein Jesus sein? Da sprach er: "Sei getrost, +ich bins, fürchte dich nicht", und ich sprach: "Herr, bist du es, so +heiße mich zu dir kommen auf dem Wasser." Da winkte er mir, und ich +trat aus dem Kahn auf das Wasser, konnte aber den Herrn nicht +erreichen, der vor mir herschwebte, wie eine Wolke oder ein Schatten, +und wenn ich so recht mutig und begierig auf ihn zuging, und recht +glaubte, daß er es gewiß sei, daß er sich meiner erbarmen werde und +einen Eliaswagen vom Himmel rufen, mich zu sich hineinsetzen und zu +dem himmlischen Paradiese fahren werde, ach, da war er mir so nah, so +nah, daß ich schon das Wehen der Seligkeit fühlte; dann kam aber +plötzlich eine Welle und erhob sich ein Wind, und ich verzagte und +glaubte zu versinken auf dem Wasser, und wie meine Sorge wuchs, +schwand das Bild des Herrn vor mir in die Ferne, ja, es ward wieder +zu dem einsamen Stern, den ich zuerst gesehen, und auch der +verschwand. Da war ich ganz allein auf dem Wasser, und der Kahn +trieb zu mir her, da sah ich dich drauf sitzen und nach mir weinen, +und ich wandelte mit Mühe zu dir hin, und saß bei dir im Kahn, und +herzte dich, und du entschliefst in meinem Arme. Ich aber wachte, +und die Nacht ward wieder so lang, so lang. Da hörte ich den +Flügelschlag einer Taube durch die Luft, und ich rief abermals mit +großer Sehnsucht: "Hüter, ist die Nacht schier hin?" Es flog aber +ein Täublein über meinem Haupt, das rief zu mir: "Lege Flügel der +Liebe an, und folge mir nach, deine Seele findet nicht, da sie ruhe +auf der Sündflut; sieh, der himmlische Noah strecket seine Hand aus +der gestirnten Arche, aus der du ausgeflogen, um dich wieder +hineinzunehmen; aber achte, daß dein Gefieder rein sei!" Da sah ich +den Himmel voll Sterne; aus dem blickten die Hände, die Füße und die +Seite des Herrn, und die heiligen fünf Wunden leuchteten wie Rubin +und bluteten hernieder, und die Taube flog ihnen zu; ich aber hatte +Flügel und breitete sie aus und wollte sie schwingen, aber sie waren +schwer und unrein; ich rief aber: "O Herr, nur einen Tropfen deines +Blutes auf meine Flügel, und sie werden gereinigt sein." Und es floß +nieder zu ihnen, da waren sie rein, und ich schwang sie freudig, aber +du lagst in meinem Schoß; da wollte ich dich küssen und Abschied +nehmen von dir, da schlangst du die Hände um mich und wolltest mich +nicht lassen, und deine Worte erweckten mich von dem seligen Traume." +</p> + +<p> +So erzählte mir die kranke Mutter, was ihr geträumt, und ich hörte +ihr mit noch größerer Aufmerksamkeit zu, als wenn sie mir sonst eine +Geschichte erzählte. Da sie geendet hatte, sagte ich zu ihr: "Mutter, +das war sehr schön, aber schlafe wieder ein, und wenn die Taube +wieder kömmt, so bitte sie, daß ich auch mit fliegen darf, ich will +auch recht beten; der mir das Kräutlein gegeben, und mir die Truhe +geöffnet, der wird mir auch gewiß Flügel geben, daß ich mit dir +fliegen kann."--"Das wird er gewiß, liebes Elslein, so es dir gut +ist", sagte die Mutter, "aber wenn ich wieder einschliefe, und das +Täublein käme wieder, und ich flöge mit ihm fort, so würdest du gewiß +gern zurückbleiben bei deinem Vater, daß er nicht allein sei, so ich +dich darum bitten würde." Da sagte ich zu ihr: "Ja, das will ich, so +du bald wiederkehrst, und mir etwas mitbringest." Sie aber +antwortete: "Ich werde nicht wiederkehren, doch werdet ihr mir +nachfolgen, und da wird alles voll Herrlichkeit sein; aber hörst du, +Elslein, du mußt mir den Abschied nicht schwer machen, und auch den +Vater trösten, wenn er weinen sollte, und ihm erzählen, wie ich dir +gesagt, daß ihr mir nachkommen werdet; denn das Täublein wird bald +kommen, mir ist, als höre ich schon seinen Flügelschlag." Da küßte +ich die Mutter und sagte: "Ich will tun, wie du willst, und will dein +gutes Elslein sein", und die Mutter küßte mich wieder mit den Worten: +"O du gutes, gutes Elslein!" Dann bat sie mich, ihr das Lied von der +Taube zu sagen, das sie mich gelehrt; da sprach ich: +</p> + +<p><br /></p> + +<p class="poem"> + Hör, liebe Seel! Wer rufet dir?<br /> + Dein Jesus aus der Höhe:<br /> + "Komm, meine Taube, komm zu mir!"<br /> + Den Ruf ich wohl verstehe.<br /> +</p> + +<p class="poem"> + Wenn ich soll deine Taube sein,<br /> + Mußt du mir Flügel geben;<br /> + Die wasch in deinem Blut ich rein,<br /> + Und werde glaubend schweben.<br /> +</p> + +<p class="poem"> + Du rufest mir! Wie arm ich bin,<br /> + Darf ich zu dir doch kommen;<br /> + Die Mängel hat dein treuer Sinn<br /> + Ja all von mir genommen.<br /> +</p> + +<p class="poem"> + Sag, Herr, wird auch ein Nestlein fein<br /> + Für mich bei dir gefunden?<br /> + "Ja, meine Taube, komm herein,<br /> + Wohn hier in meinen Wunden!"<br /> +</p> + +<p class="poem"> + Mein Jesu, ach, was willst du mir<br /> + In deinen Wunden geben?<br /> + "Durch meine Wunden, sag ich dir,<br /> + Fliegst sterbend du zum Leben."<br /> +</p> + +<p class="poem"> + Wohlan, es zielt des Todes Pfeil,<br /> + Er wird mich nicht verderben;<br /> + Zu deinen Wunden, Herr, ich eil,<br /> + Da werd ichs Leben erben.<br /> +</p> + +<p><br /></p> + +<p> +Da ich der Mutter das Lied hergesagt, war sie leise wieder +eingeschlummert. Der Tag brach an, und ich nahm ein Zweiglein von +dem Rosmarienstock, der bei ihrem Lager stand, und gab es ihr zu dem +Kreuze in ihre gefaltenen Hände. Da flog auch die Turteltaube, +welche bei unserm Haus nistete, an das Fenster und pickte daran und +rief: "Ruckuck." Sie tat es sonst alle Morgen, denn ich streute ihr +Futter dahin, aber heute hatte ich nicht den Mut, und gedachte: Ach, +da kömmt die Taube schon, welche die Mutter mitnehmen will, aber ich +soll ihr den Abschied nicht schwer machen. So stand ich leise, leise +von der Seite der Mutter auf, und ging hinaus und kniete an dem +Bächlein in das Gras und betete für sie. Da hörte ich ein Glöcklein +im Walde und sah bald meinen Vater kommen; der trug eine Leuchte, und +zwei Ordensherren gingen mit ihm, deren einer trug das Hochwürdige +Gut, und der andere das heilige öl, und ihnen folgten einige fromme +Männer und Frauen, die stille beteten. Da lief ich meinem Vater +entgegen und sprach: "Herzvater, die Himmelstaube ist schon da, +welche die Mutter abholen will; wir dürfen aber nicht gleich mit, ich +habe es ihr versprochen, bei dir zu bleiben und dich zu trösten, bis +wir nachkommen in die Herrlichkeit." Mein Vater verstand mich wohl +und trat mit dem Geistlichen in die Hütte, ich aber blieb draußen und +betete mit den Begleitern. Hernach kam die Edelfrau von der +Laurenburg mit ihrem Söhnlein, dem Junker Jörg, über die Lahn zur +Hirzentreu, wie sie den Abend vorher mir versprochen, und derselbe +alte Diener war wieder bei ihr. Die Edelfrau ging zu meiner Mutter +hinein, der Junker aber blieb bei mir, und wir spielten im Gras an +der Quelle; er fragte mich auch nach dem Rosmarin, den er mir gegeben +für meine Mutter; da erzählte ich ihm von der Taube und von allem. +Nach einiger Zeit aber trat die Edelfrau heraus und nahm mich mit in +die Hütte, da lag die Mutter ganz still, und der Vater kniete an +ihrem Bette und weinte; da ich zu ihm trat, hob er mich zur Mutter, +und sprach: "Agnes, segne das Elslein, ehe du scheidest", und er +legte der Mutter Hand auf mein Haupt. Die Mutter aber sagte: "Gott +segne dich, tröste den Vater, bis ihr nachkommet. Elslein, ich +fliege schon." Da sah sie mich mit unaussprechlicher Liebe an und +wendete dann den Blick zum Himmel. Ich sprach: "Geleit dich Gott, +lieb Mutter!" und weinte laut. Da trug mich die Edelfrau hinaus zu +ihrem Söhnlein, dem erzählte ich alles, und da ein paar Tauben +hinüber zur Laurenburg flogen, streckten wir beide kindisch die Hände +aus und riefen: "Da fliegen sie, da fliegen sie, geleit dich Gott, +liebe Herzmutter!" +</p> + +<p> +Hernach nahm mich die Edelfrau mit nach der Laurenburg, und ich blieb +bis zum andern Tag dort, da die Mutter schon im Kloster Arnstein +begraben war. Der alte Knecht aber war bei meinem Vater geblieben, +und war mein Vater einen ganzen Tag in Kloster Arnstein gewesen, des +Trostes der geistlichen Herren zu genießen. Die Edelfrau ist auch +mit zu Grabe gewesen, und da sie nach der Laurenburg kehrte, brachte +sie ihren Herrn, den Ritter von der Laurenburg, und den ältern Sohn, +Johann, mit welchem der alte Laurenburger bei dem Grafen zu Nassau +gewesen, der des Johann Taufpate war, und hatte die Laurenburgerin +ihnen auf der Heimkehr begegnet. Der Ritter war mir freundlich und +gab mir Wecken von des Grafen von Nassau Tisch, und da seine Hausfrau +ihm den frommen Tod meiner Mutter erzählet, war er sehr mitleidig mit +meinem Vater, und sprach: "Der Graf Johann hat noch heute zu Tisch +von dem frommen Falkenmeister gesprochen, und vor allen seinen +Dienern sein in Ehren gedacht, ich habe ihm auch versprechen müssen, +den Vogler von ihm zu grüßen, und will er ihm nächstens einen kranken +Falken schicken, daß er ihn pflege. Komm, Elslein", sagte der Ritter +dann zu mir, "ich will dich selbst zu deinem Vater bringen; es ist +noch hoch am Tage, und mag er wohl Trostes bedürfen." Da brachte +mich der Ritter wieder zur Hirzentreu, und ging Georg wieder mit. +Die Edelfrau aber blieb mit Johann zurück; der sollte ihr von dem +Wesen des Grafen von Nassau erzählen. Wir fanden aber meinen Vater +mit dem Laurenburger Knecht vor der Türe sitzen in stillem Gespräch, +und als dieser seinen Herrn herankommen sah, der mich auf dem Arm den +steilen Pfad herauf trug, stand er auf und trat beiseite; mein Vater +aber lief mir entgegen, nahm mich von des Ritters Armen und herzte +mich unter Tränen. Da sprach ihm der Laurenburger ehrlich zu und +getröstete ihn, so gut er es vermochte, setzte sich auch zu ihm auf +die Bank und erzählte ihm von des Nassauers Gunsten zu ihm, und +sprachen sie mancherlei, nicht als ein Ritter zu einem Knecht, +sondern als gute Nachbarn und Freunde, denn das Unglück machet +Gesellen. Es war aber dem Laurenburger auch seine erste Hausfrau +mitsamt dem Kindlein in dem Kindelbett gestorben; deren gedachte er +mit vieler Liebe. Unter solchem Gespräch stand ich zwischen meines +Vaters Knien, und Georg neben dem Laurenburger, und spiegelten uns in +dessen blankem Brustharnisch, und lachten, weil es, hohl geschliffen, +unsre Gesichter auf mancherlei Weise verstellte. Dann sagte mir der +Vater ins Ohr, ich möge den Wein und die Würze von der Mutter +Tischlein bringen; da ging ich zur Stube, aber die war ganz anders +geworden; wo das Bett gestanden, stand der Betschemel und das +Altärlein, und hing ein neu Muttergottesbild an der Wand, und an +demselben der Mutter und des Vaters Brautkränzlein, ihre Spindel aber +stand vor meinem Bänklein, und war alles gar verändert. Das hatte +meinem Vater der gute alte Laurenburger Knecht so geordnet, daß er +seines Leids desto eher vergessen und ein neues Leben anfangen möge. +</p> + +<p> +Nachdem ich mich genugsam über alles gewundert, nahm ich den Wein und +die Würze, was von dem Geschenk der Laurenburgerin noch übrig war, +und brachte es dem Vater hinaus; der reichte den Krug dem Ritter. Da +trank der Herr, und mußte ihm der Vater Bescheid tun. Auch sagte der +Ritter: "Das ist ein köstlicher Wein, den man wohl dem Kaiser bieten +dürfte; Ihr habt ihn wohl aus einem Klosterkeller? Einem Edelmann +wächst solcher Wein nicht um die Lanze, der schmeckt nach dem +Krummstab." Mein Vater lächelte und sagte: "Gnädiger Herr, Ihr habt +von dem Euren getrunken, aber er hat auf einem milden Fasse gelegen; +denn Eure liebe Frau Ida hat diesen Trunk meiner seligen Agnes zur +Labung gebracht, und wenn er Euch besser schmeckt als zu Haus, so +ists, weil Ihr Gottes Segen schmecket." Da trank der Laurenburger +nochmals, und sprach: "Wahrhaftig, in Gottes Segen soll man den Wein +legen, in Gottes Segen soll man des Weines pflegen, in Gottes Segen +gedeiht der Wein auf allen Wegen. Das Faß, aus dem Frau Ida diesen +Krug gefüllt, muß mir ebenso gut werden; Ihr müßt mir wohl erlauben, +daß ich es mit Euch hier oben austrinke, Kilian, da es mir so wohl +bei Euch geschmeckt." Da dankte mein Vater dem Ritter herzlich, und +sprach: "So Ihr einen armen Mann nicht verschmähet, will ich Euren +Zuspruch hoch in Ehren halten, aber Ihr müßt dann auch von meiner +Wasserquelle hier trinken, da fließt auch Gottes Segen drin." Nun +schied der Ritter freundlich von uns mit den Seinen, und ich ging mit +dem Vater in unser einsames Häuslein, worin die Mutter nicht mehr war. +</p> + +<p><br /><br /><br /><br /></p> + + + + + + + + +<pre> + + + + + +End of the Project Gutenberg EBook of Aus der Chronika eines fahrenden +Schülers (Zweite Fassung), by Clemens Brentano + +*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK AUS DER CHRONIKA EINES *** + +***** This file should be named 4504-h.htm or 4504-h.zip ***** +This and all associated files of various formats will be found in: + http://www.gutenberg.org/4/5/0/4504/ + +Produced by Michael Pullen. HTML version by Al Haines. + +Updated editions will replace the previous one--the old editions +will be renamed. + +Creating the works from public domain print editions means that no +one owns a United States copyright in these works, so the Foundation +(and you!) can copy and distribute it in the United States without +permission and without paying copyright royalties. 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LIMITED RIGHT OF REPLACEMENT OR REFUND - If you discover a +defect in this electronic work within 90 days of receiving it, you can +receive a refund of the money (if any) you paid for it by sending a +written explanation to the person you received the work from. If you +received the work on a physical medium, you must return the medium with +your written explanation. The person or entity that provided you with +the defective work may elect to provide a replacement copy in lieu of a +refund. If you received the work electronically, the person or entity +providing it to you may choose to give you a second opportunity to +receive the work electronically in lieu of a refund. If the second copy +is also defective, you may demand a refund in writing without further +opportunities to fix the problem. + +1.F.4. Except for the limited right of replacement or refund set forth +in paragraph 1.F.3, this work is provided to you 'AS-IS', WITH NO OTHER +WARRANTIES OF ANY KIND, EXPRESS OR IMPLIED, INCLUDING BUT NOT LIMITED TO +WARRANTIES OF MERCHANTABILITY OR FITNESS FOR ANY PURPOSE. + +1.F.5. Some states do not allow disclaimers of certain implied +warranties or the exclusion or limitation of certain types of damages. +If any disclaimer or limitation set forth in this agreement violates the +law of the state applicable to this agreement, the agreement shall be +interpreted to make the maximum disclaimer or limitation permitted by +the applicable state law. The invalidity or unenforceability of any +provision of this agreement shall not void the remaining provisions. + +1.F.6. INDEMNITY - You agree to indemnify and hold the Foundation, the +trademark owner, any agent or employee of the Foundation, anyone +providing copies of Project Gutenberg-tm electronic works in accordance +with this agreement, and any volunteers associated with the production, +promotion and distribution of Project Gutenberg-tm electronic works, +harmless from all liability, costs and expenses, including legal fees, +that arise directly or indirectly from any of the following which you do +or cause to occur: (a) distribution of this or any Project Gutenberg-tm +work, (b) alteration, modification, or additions or deletions to any +Project Gutenberg-tm work, and (c) any Defect you cause. + + +Section 2. Information about the Mission of Project Gutenberg-tm + +Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of +electronic works in formats readable by the widest variety of computers +including obsolete, old, middle-aged and new computers. It exists +because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from +people in all walks of life. + +Volunteers and financial support to provide volunteers with the +assistance they need are critical to reaching Project Gutenberg-tm's +goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will +remain freely available for generations to come. In 2001, the Project +Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure +and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations. +To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation +and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4 +and the Foundation information page at www.gutenberg.org + + +Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive +Foundation + +The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit +501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the +state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal +Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification +number is 64-6221541. Contributions to the Project Gutenberg +Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent +permitted by U.S. federal laws and your state's laws. + +The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S. +Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered +throughout numerous locations. Its business office is located at 809 +North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887. Email +contact links and up to date contact information can be found at the +Foundation's web site and official page at www.gutenberg.org/contact + +For additional contact information: + Dr. Gregory B. Newby + Chief Executive and Director + gbnewby@pglaf.org + +Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg +Literary Archive Foundation + +Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide +spread public support and donations to carry out its mission of +increasing the number of public domain and licensed works that can be +freely distributed in machine readable form accessible by the widest +array of equipment including outdated equipment. Many small donations +($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt +status with the IRS. + +The Foundation is committed to complying with the laws regulating +charities and charitable donations in all 50 states of the United +States. Compliance requirements are not uniform and it takes a +considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up +with these requirements. We do not solicit donations in locations +where we have not received written confirmation of compliance. To +SEND DONATIONS or determine the status of compliance for any +particular state visit www.gutenberg.org/donate + +While we cannot and do not solicit contributions from states where we +have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition +against accepting unsolicited donations from donors in such states who +approach us with offers to donate. + +International donations are gratefully accepted, but we cannot make +any statements concerning tax treatment of donations received from +outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff. + +Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation +methods and addresses. Donations are accepted in a number of other +ways including checks, online payments and credit card donations. +To donate, please visit: www.gutenberg.org/donate + + +Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic +works. + +Professor Michael S. Hart was the originator of the Project Gutenberg-tm +concept of a library of electronic works that could be freely shared +with anyone. For forty years, he produced and distributed Project +Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support. + +Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed +editions, all of which are confirmed as Public Domain in the U.S. +unless a copyright notice is included. Thus, we do not necessarily +keep eBooks in compliance with any particular paper edition. + +Most people start at our Web site which has the main PG search facility: + + www.gutenberg.org + +This Web site includes information about Project Gutenberg-tm, +including how to make donations to the Project Gutenberg Literary +Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to +subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks. + + +</pre> + +</body> + +</html> + + diff --git a/LICENSE.txt b/LICENSE.txt new file mode 100644 index 0000000..6312041 --- /dev/null +++ b/LICENSE.txt @@ -0,0 +1,11 @@ +This eBook, including all associated images, markup, improvements, +metadata, and any other content or labor, has been confirmed to be +in the PUBLIC DOMAIN IN THE UNITED STATES. + +Procedures for determining public domain status are described in +the "Copyright How-To" at https://www.gutenberg.org. + +No investigation has been made concerning possible copyrights in +jurisdictions other than the United States. Anyone seeking to utilize +this eBook outside of the United States should confirm copyright +status under the laws that apply to them. diff --git a/README.md b/README.md new file mode 100644 index 0000000..09a7822 --- /dev/null +++ b/README.md @@ -0,0 +1,2 @@ +Project Gutenberg (https://www.gutenberg.org) public repository for +eBook #4504 (https://www.gutenberg.org/ebooks/4504) diff --git a/old/7shlr10.txt b/old/7shlr10.txt new file mode 100644 index 0000000..79a6e4c --- /dev/null +++ b/old/7shlr10.txt @@ -0,0 +1,1829 @@ +The Project Gutenberg Etext of Aus der Chronika eines fahrenden Schuelers +(Zweite Fassung), by Clemens Brentano +#5 in our series by Clemens Brentano + +This Etext is in German. + +We are releasing two versions of this Etext, one in 7-bit format, +known as Plain Vanilla ASCII, which can be sent via plain email-- +and one in 8-bit format, which includes higher order characters-- +which requires a binary transfer, or sent as email attachment and +may require more specialized programs to display the accents. +This is the 7-bit version. + +Copyright laws are changing all over the world. Be sure to check the +copyright laws for your country before distributing this or any other +Project Gutenberg file. + +We encourage you to keep this file, exactly as it is, on your +own disk, thereby keeping an electronic path open for future +readers. Please do not remove this. + +This header should be the first thing seen when anyone starts to +view the etext. Do not change or edit it without written permission. +The words are carefully chosen to provide users with the +information they need to understand what they may and may not +do with the etext. + + +**Welcome To The World of Free Plain Vanilla Electronic Texts** + +**Etexts Readable By Both Humans and By Computers, Since 1971** + +*****These Etexts Are Prepared By Thousands of Volunteers!***** + +Information on contacting Project Gutenberg to get etexts, and +further information, is included below. We need your donations. + +The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a 501(c)(3) +organization with EIN [Employee Identification Number] 64-6221541 + + + +Title: Aus der Chronika eines fahrenden Schuelers (Zweite Fassung) + +Author: Clemens Brentano + +Release Date: October, 2003 [Etext #4504] +[Yes, we are more than one year ahead of schedule] +[This file was first posted on January 26, 2002] + +Edition: 10 + +Language: German + +Character set encoding: ASCII + +The Project Gutenberg Etext of Aus der Chronika eines fahrenden Schuelers +(Zweite Fassung), by Clemens Brentano +*******This file should be named 7shlr10.txt or 7shlr10.zip****** + +Corrected EDITIONS of our etexts get a new NUMBER, 7shlr11.txt +VERSIONS based on separate sources get new LETTER, 7shlr10a.txt + +This etext was produced by Michael Pullen, globaltraveler5565@yahoo.com. + +Project Gutenberg Etexts are often created from several printed +editions, all of which are confirmed as Public Domain in the US +unless a copyright notice is included. Thus, we usually do not +keep etexts in compliance with any particular paper edition. + +We are now trying to release all our etexts one year in advance +of the official release dates, leaving time for better editing. +Please be encouraged to tell us about any error or corrections, +even years after the official publication date. + +Please note neither this listing nor its contents are final til +midnight of the last day of the month of any such announcement. +The official release date of all Project Gutenberg Etexts is at +Midnight, Central Time, of the last day of the stated month. A +preliminary version may often be posted for suggestion, comment +and editing by those who wish to do so. + +Most people start at our sites at: +http://gutenberg.net or +http://promo.net/pg + +These Web sites include award-winning information about Project +Gutenberg, including how to donate, how to help produce our new +etexts, and how to subscribe to our email newsletter (free!). + + +Those of you who want to download any Etext before announcement +can get to them as follows, and just download by date. This is +also a good way to get them instantly upon announcement, as the +indexes our cataloguers produce obviously take a while after an +announcement goes out in the Project Gutenberg Newsletter. + +http://www.ibiblio.org/gutenberg/etext03 or +ftp://ftp.ibiblio.org/pub/docs/books/gutenberg/etext03 + +Or /etext02, 01, 00, 99, 98, 97, 96, 95, 94, 93, 92, 92, 91 or 90 + +Just search by the first five letters of the filename you want, +as it appears in our Newsletters. + + +Information about Project Gutenberg (one page) + +We produce about two million dollars for each hour we work. The +time it takes us, a rather conservative estimate, is fifty hours +to get any etext selected, entered, proofread, edited, copyright +searched and analyzed, the copyright letters written, etc. Our +projected audience is one hundred million readers. If the value +per text is nominally estimated at one dollar then we produce $2 +million dollars per hour in 2001 as we release over 50 new Etext +files per month, or 500 more Etexts in 2000 for a total of 4000+ +If they reach just 1-2% of the world's population then the total +should reach over 300 billion Etexts given away by year's end. + +The Goal of Project Gutenberg is to Give Away One Trillion Etext +Files by December 31, 2001. [10,000 x 100,000,000 = 1 Trillion] +This is ten thousand titles each to one hundred million readers, +which is only about 4% of the present number of computer users. + +At our revised rates of production, we will reach only one-third +of that goal by the end of 2001, or about 4,000 Etexts. We need +funding, as well as continued efforts by volunteers, to maintain +or increase our production and reach our goals. + +The Project Gutenberg Literary Archive Foundation has been created +to secure a future for Project Gutenberg into the next millennium. + +We need your donations more than ever! + +As of November, 2001, contributions are being solicited from people +and organizations in: Alabama, Arkansas, Connecticut, Delaware, +Florida, Georgia, Idaho, Illinois, Indiana, Iowa, Kansas, Kentucky, +Louisiana, Maine, Michigan, Missouri, Montana, Nebraska, Nevada, New +Jersey, New Mexico, New York, North Carolina, Oklahoma, Oregon, +Pennsylvania, Rhode Island, South Carolina, South Dakota, Tennessee, +Texas, Utah, Vermont, Virginia, Washington, West Virginia, Wisconsin, +and Wyoming. + +*In Progress + +We have filed in about 45 states now, but these are the only ones +that have responded. + +As the requirements for other states are met, additions to this list +will be made and fund raising will begin in the additional states. +Please feel free to ask to check the status of your state. + +In answer to various questions we have received on this: + +We are constantly working on finishing the paperwork to legally +request donations in all 50 states. If your state is not listed and +you would like to know if we have added it since the list you have, +just ask. + +While we cannot solicit donations from people in states where we are +not yet registered, we know of no prohibition against accepting +donations from donors in these states who approach us with an offer +to +donate. + +International donations are accepted, but we don't know ANYTHING +about +how to make them tax-deductible, or even if they CAN be made +deductible, and don't have the staff to handle it even if there are +ways. + +All donations should be made to: + +Project Gutenberg Literary Archive Foundation +PMB 113 +1739 University Ave. +Oxford, MS 38655-4109 + +Contact us if you want to arrange for a wire transfer or payment +method other than by check or money order. + + +The Project Gutenberg Literary Archive Foundation has been approved +by +the US Internal Revenue Service as a 501(c)(3) organization with EIN +[Employee Identification Number] 64-622154. Donations are +tax-deductible to the maximum extent permitted by law. As +fundraising +requirements for other states are met, additions to this list will be +made and fundraising will begin in the additional states. + +We need your donations more than ever! + +You can get up to date donation information at: + +http://www.gutenberg.net/donation.html + + +*** + +If you can't reach Project Gutenberg, +you can always email directly to: + +Michael S. Hart <hart@pobox.com> + +Prof. Hart will answer or forward your message. + +We would prefer to send you information by email. + + +**The Legal Small Print** + + +(Three Pages) + +***START**THE SMALL PRINT!**FOR PUBLIC DOMAIN ETEXTS**START*** +Why is this "Small Print!" statement here? You know: lawyers. +They tell us you might sue us if there is something wrong with +your copy of this etext, even if you got it for free from +someone other than us, and even if what's wrong is not our +fault. So, among other things, this "Small Print!" statement +disclaims most of our liability to you. It also tells you how +you may distribute copies of this etext if you want to. + +*BEFORE!* YOU USE OR READ THIS ETEXT +By using or reading any part of this PROJECT GUTENBERG-tm +etext, you indicate that you understand, agree to and accept +this "Small Print!" statement. If you do not, you can receive +a refund of the money (if any) you paid for this etext by +sending a request within 30 days of receiving it to the person +you got it from. If you received this etext on a physical +medium (such as a disk), you must return it with your request. + +ABOUT PROJECT GUTENBERG-TM ETEXTS +This PROJECT GUTENBERG-tm etext, like most PROJECT GUTENBERG-tm +etexts, +is a "public domain" work distributed by Professor Michael S. Hart +through the Project Gutenberg Association (the "Project"). +Among other things, this means that no one owns a United States +copyright +on or for this work, so the Project (and you!) can copy and +distribute it in the United States without permission and +without paying copyright royalties. Special rules, set forth +below, apply if you wish to copy and distribute this etext +under the "PROJECT GUTENBERG" trademark. + +Please do not use the "PROJECT GUTENBERG" trademark to market +any commercial products without permission. + +To create these etexts, the Project expends considerable +efforts to identify, transcribe and proofread public domain +works. Despite these efforts, the Project's etexts and any +medium they may be on may contain "Defects". Among other +things, Defects may take the form of incomplete, inaccurate or +corrupt data, transcription errors, a copyright or other +intellectual property infringement, a defective or damaged +disk or other etext medium, a computer virus, or computer +codes that damage or cannot be read by your equipment. + +LIMITED WARRANTY; DISCLAIMER OF DAMAGES +But for the "Right of Replacement or Refund" described below, +[1] Michael Hart and the Foundation (and any other party you may +receive this etext from as a PROJECT GUTENBERG-tm etext) disclaims +all liability to you for damages, costs and expenses, including +legal fees, and [2] YOU HAVE NO REMEDIES FOR NEGLIGENCE OR +UNDER STRICT LIABILITY, OR FOR BREACH OF WARRANTY OR CONTRACT, +INCLUDING BUT NOT LIMITED TO INDIRECT, CONSEQUENTIAL, PUNITIVE +OR INCIDENTAL DAMAGES, EVEN IF YOU GIVE NOTICE OF THE +POSSIBILITY OF SUCH DAMAGES. + +If you discover a Defect in this etext within 90 days of +receiving it, you can receive a refund of the money (if any) +you paid for it by sending an explanatory note within that +time to the person you received it from. If you received it +on a physical medium, you must return it with your note, and +such person may choose to alternatively give you a replacement +copy. If you received it electronically, such person may +choose to alternatively give you a second opportunity to +receive it electronically. + +THIS ETEXT IS OTHERWISE PROVIDED TO YOU "AS-IS". NO OTHER +WARRANTIES OF ANY KIND, EXPRESS OR IMPLIED, ARE MADE TO YOU AS +TO THE ETEXT OR ANY MEDIUM IT MAY BE ON, INCLUDING BUT NOT +LIMITED TO WARRANTIES OF MERCHANTABILITY OR FITNESS FOR A +PARTICULAR PURPOSE. + +Some states do not allow disclaimers of implied warranties or +the exclusion or limitation of consequential damages, so the +above disclaimers and exclusions may not apply to you, and you +may have other legal rights. + +INDEMNITY +You will indemnify and hold Michael Hart, the Foundation, +and its trustees and agents, and any volunteers associated +with the production and distribution of Project Gutenberg-tm +texts harmless, from all liability, cost and expense, including +legal fees, that arise directly or indirectly from any of the +following that you do or cause: [1] distribution of this etext, +[2] alteration, modification, or addition to the etext, +or [3] any Defect. + +DISTRIBUTION UNDER "PROJECT GUTENBERG-tm" +You may distribute copies of this etext electronically, or by +disk, book or any other medium if you either delete this +"Small Print!" and all other references to Project Gutenberg, +or: + +[1] Only give exact copies of it. Among other things, this + requires that you do not remove, alter or modify the + etext or this "small print!" statement. You may however, + if you wish, distribute this etext in machine readable + binary, compressed, mark-up, or proprietary form, + including any form resulting from conversion by word + processing or hypertext software, but only so long as + *EITHER*: + + [*] The etext, when displayed, is clearly readable, and + does *not* contain characters other than those + intended by the author of the work, although tilde + (~), asterisk (*) and underline (_) characters may + be used to convey punctuation intended by the + author, and additional characters may be used to + indicate hypertext links; OR + + [*] The etext may be readily converted by the reader at + no expense into plain ASCII, EBCDIC or equivalent + form by the program that displays the etext (as is + the case, for instance, with most word processors); + OR + + [*] You provide, or agree to also provide on request at + no additional cost, fee or expense, a copy of the + etext in its original plain ASCII form (or in EBCDIC + or other equivalent proprietary form). + +[2] Honor the etext refund and replacement provisions of this + "Small Print!" statement. + +[3] Pay a trademark license fee to the Foundation of 20% of the + gross profits you derive calculated using the method you + already use to calculate your applicable taxes. 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Hart +and may be reprinted only when these Etexts are free of all fees.] +[Project Gutenberg is a TradeMark and may not be used in any sales +of Project Gutenberg Etexts or other materials be they hardware or +software or any other related product without express permission.] + +*END THE SMALL PRINT! FOR PUBLIC DOMAIN ETEXTS*Ver.10/04/01*END* + + + + + + +Aus der Chronika eines fahrenden Schuelers (Zweite Fassung) + +Clemens Brentano + + + +Vorwort + +Vor funfzehn Jahren machte es mir Freude, die folgende einfache +Geschichte niederzuschreiben. Sie sollte nur die Einfassung mehrerer +schoener altdeutschen Erzaehlungen sein, die sie mit mancherlei +Ereignissen aus dem Zusammenleben des alten Ritters Veltlin von +Tuerlingen und seiner drei Toechter unterbricht, mit deren Versorgung +und der Abreise des Erzaehlers sie schliesst. So lieb ich das Gedicht +hatte, blieb es doch unterbrochen; der Sinn der Leser schien dazu zu +fehlen. Jetzt, da diese Erzaehlung mehr, ja selbst die altdeutschen +Roecke vor sich hat, fiel sie mir wieder in die Haende, und ich +versuche es, sie den Lesern vorzulegen mit der Erinnerung, dass sie zu +paedagogischen Zwecken entworfen worden, als ich von der sogenannten +Romantik noch wenig wusste, und dass sie daher neben den allerneuesten +Ritterromandichtern in ihrer redseligen Einfalt um Schonung bittet. +Sollte dem Leser, durch Eisenfresserei und Islaendisches Moos verwoehnt, +diese Geschichte wie unsre deutsche Kamillen--und Hollunderbluete +nicht behagen, so bringe er sie einem kranken Freunde oder Maegdelein, +denen sie Gott gesegnen moege! + + + +Im Jahr, da man zaehlte nach Christi, unsers lieben Herrn, Geburt 1358, +am zwanzigsten Tage des Maimonats, hoerte ich, Johannes, der +Schreiber, die Schwalbe in der Fruehe an meinem Kammerfenster singen +und ward innigst von dem Morgenlied des frommen Voegeleins erbauet, +bedachte auch auf meinem Bettlein, wie die Schwalbe in daurender +Freude lebet, gegen den Winter in ferne waermere Laender ziehet und, +der Heimat getreu, gegen den Fruehling wiederkehrt; also nicht der +Mensch, der arme fahrende Schueler, der wohl viel gegen Sturm und +Wetter ziehen muss, ja der oft kein Feuer findet, die erstarrten Haende +zu erwaermen, dass er sie falte zum Gebet; aber so er es ernstlich +meinet, haucht er hinein. + +Da ich in solchen Betrachtungen versunken war und das Schwaelblein +auch auf seine Weise fortphantasierte, waere ich schier wieder +eingeschlummert, aber der Waechter auf dem Muenster blies: "In suessen +Freuden geht die Zeit", welches ich hier noch nie gehoeret; denn ich +war zum ersten Male in Strassburg erwacht. + +Nun richtete ich mich in meinem Bettlein auf, und schaute in meinem +Gemache umher; das hatte aber Fenster rings herum und war in einem +Sommerhaeuslein des Gartens. Links stand der Mond noch blass am Himmel, +und rechts war der Himmel wie das lauterste Gold. Da fand ich mich +zwischen Nacht und Tag und faltete die Haende, und es fiel mir freudig +aufs Herz, dass heute mein zwanzigster Geburtstag sei, und wie mir es +viel besser geworden als in dem letzten Jahre, da ich meinen lieben +Geburtstag auf freiem Felde in einem zerrissenen Maentelein empfangen +und mit einem Bissen Almosenbrot bewirten musste. O Freude und Ehre! +dachte ich bei mir selbst und schaute zum Morgenlichte hin und sprach: +"Du bist mein Licht, du wirst mein Tag!", glaubte auch schier in +meiner Einfalt, der Himmel sei golden um meines Besten willen, die +Schwalbe habe nur gesungen, mir Glueck zu wuenschen, und der Tuermer +habe allein so lieblich geblasen mir zur Feier; da der Himmel sich +doch nur geroetet vor der Sonne, die der Herr gerufen, da die Schwalbe +doch nur gesungen in Gottes Fruehlingslust, und der Waechter nur +geblasen zu Gottes Ehren, ja wohl gern noch ein Stuendlein geschlafen +haette, so es ihm von den Muensterherren verstattet waere. Also wird +der Mensch leicht uebermuetig in der Freude, und glaubet, er sei recht +der Mittelpunkt aller Dinge, und sei er mit allem gemeint. Da liess +ich die Augen froehlich in der Kammer umherschweifen, und sah auf dem +Schemel ein neues Gewand liegen, das mir mein guetiger Herr und Ritter +Veltlin von Tuerlingen am Abend im Dunkeln hatte herauftragen lassen, +und konnte ich meine Begierde nun nicht laenger zurueckhalten, sprang +auf von meinem Lager, und legte diese Kleider nicht ohne Traenen des +Dankes an. Es war dies aber ein feines blaues Wams, um die Lenden +gefaltet und gestutzet, und rot und weisses Beinkleid von laendschem +Tuch, auch stumpfe Schuh und eine schwarze Kogel mit einer blauen +Feder, nicht zu vergessen ein Hemmet von weissem Hauslinnen, am Halse +bunt genaeht und gekrauset, dergleichen ich vorher nie getragen. Da +ward es mir fast leicht und froehlich zumute, und haette ich wohl moegen +einen Sprung tun, als haette ich einen neuen Menschen angezogen mit +dem neuen Kleide. + +Aber meine Hoffart waehrte nicht lange; denn mein zerrissenes +Maentelein, welches ich als einen Vorhang vor das Fenster gehaengt +hatte, erleuchtete sich durch die aufgehende Sonne, und alle seine +Loecher waren so viele Maeuler und alle seine Fetzen so viele Zungen, +die mich meiner toerichten Hoffart zeihten. Es war, als sage das +Maentelein zu mir: "O Johannes, bist du ein so eitler Kaufherr, dass du, +angelanget in den Hafen, des zerrissenen Segels vergisst, das dich in +denselben gefuehret? Johannes, bist du ein so stolzer Schiffbruechiger, +dass du das Brett, welches dich mit Gottes Huelfe an ein gruenes Eiland +getragen, mit dem Fusse undankbar in die Wellen zurueckstoessest? O +Johannes, du undankbarer Freund, willst du, gerettet, mich nicht auf +deinen Schultern in ein Gotteshaus tragen und aufstellen als ein +Gedaechtnis, dass sich Gott deiner erbarmet?" + +Ach, das waren wohl harte und wahre Worte meines Maenteleins, und ich +nahm es mit Schaemen von dem Fenster, und legte es um ueber meinen +neuen Staat, und fasste es fest mit den Haenden um die Brust, als +wollte ich es um Verzeihung bitten, und ging mit dem Gedanken die +Treppe hinab in den Garten: Wenn ich ein armer fahrender Schueler +gewesen bin, so werde ich immer ein armer fahrender Schueler bleiben; +denn auf Erden sind wir alle arm und muessen mannigfach mit unserm +Leben herumwandeln, und lernen, und bleiben doch arme Schueler, bis +der Herr sich unser erbarmet, und uns einfuehret durch seinen bittern +Tod in das ewige Leben. + +Da ich nun in den Garten gekommen war, den ich vorher auch noch nicht +gesehen--denn mein gnaediger Herr und Ritter war den Abend spaet mit +mir angekommen und ich im Finstern in mein Stueblein gebracht worden--, +konnte ich vor Staunen und Betrachten der neuen Dinge um mich her +auch nicht zum Gebete kommen. Ich fand mich von den schoenen +Laubgaengen, Zierfeldern und Pflanzen und den bluehenden Baeumen schier +ebenso sehr ueberraschet als von meinem neuen Gewande. Ich fand mich +gleich einem neugebornen Kinde, welches mit allem spielet, und noch +nicht beten kann, und erst nach einiger Erfahrung in der Suessigkeit +des Lebens seine Haende zum Danke falten lernet. Der bluehende Mal, +das lustige Singen der Voegel, die vielen jungen Kraeuter und Bluemlein, +die mit Taublicken vor der Sonne erwachten, der kuehle Wasserstrahl, +welcher in einem mit bunten Kieseln und Muscheln ausgelegten Brunnen +tanzte, schienen mir alle so neu und wunderbar, als haette ich +dergleichen niemals gesehen, und wusste ich auch nicht, was aus allem +diesem werden sollte. + +So wie die lieben Kinder durch die Blumen gehen und sie brechen, und +Kraenze winden und sich bei den Haenden fassen und mit den Kraenzen im +Kreise tanzen, gleichsam selbst ein lebendiger Blumenkranz; wie sie +aber nicht gedenken der Frucht im treibenden Sommer, und der Ernte im +reichen Herbst, und des Todes in dem trueben, tiefsinnigen Winter: +also wandelte auch ich armer Schelm wie ein einfaeltiges Kind ohne +Witz durch den Garten und konnte vor grosser Bewegung ueber mein neues +Glueck, das mir gestern frueh noch nicht getraeumt hatte, nicht zum +Gebete gelangen. + +Mein freudiges Erstaunen wollte aber nicht lange dauern; denn als ich +meine Augen ersaettiget hatte, ward es mir als einem Hungrigen, der +sich ohne Gebet zu einer reichlichen Mahlzeit gesetzet hat, welche +ihm Gott darum nicht gesegnet. Alle das haeusliche, wohlgepflegte +Behagen des schoenen Ziergartens erfuellte mich mit traurigen Gedanken, +und die Armut, die Einsamkeit meines eigenen Lebens trat mir in +dieser reichen Umgebung zum erstenmal recht lebendig vor die Seele. +Was mag trauriger sein als das Bild eines Bettlers, auf goldnem +Grunde gemalet? + +"O meine Mutter", sagte ich mir, "wer war sanfter und schoener, und +feiner und edler als du, wer war wuerdiger, zwischen Blumen zu wandeln, +als du, die wohl ihre Schwester und Gespielin sein konnte? Standen +die Traenlein nicht auf den Wangen wie die Tautroepflein auf diesen +Rosen, gingst du nicht durch den Wald wie ein Lueftlein durch die +Blueten, und waren deine Augen nicht getreu und suess schauend wie die +blauen Veilchen, deine Lippen nicht wie die rosinfarbenen Nelken, und +flog dein gelbes Haar nicht wie der Sonnenschein? Aber du musstest +gehen wie Hagar mit deinem Ismael durch die Dornen in der Wueste. Ach, +warum ward nicht dir so ein Garten und so ein Haus, und warum +wohnest du zwischen fuenf Brettern und zwei Brettlein und bist deines +Lebens nicht froh geworden noch deines Todes? Sie haben dir keinen +Kranz geflochten. Mir aber ist nichts geblieben als deine Zucht, und +ich kann dein nicht gedenken in Freuden, denn mir gehoeret nichts als +die Armut, und ich habe keinen Saeckel, aus dem ich dir das schoenste +Grab koennte erbauen lassen von Marmelstein und Gold." + +Wie traurig ward ich da und wendete meine Augen von allem, was ihnen +wohlgefiel, und wollte nichts anschauen, weil sie es nicht mit mir +sehen konnte, weil sie ihre Augen nie mit so erlaubter Lust erquicken +konnte. Auch fiel es mir bittrer noch auf die Seele, dass ich eines +Ritters Sohn sei, ohne Wappen und ohne Waffen. Traenen fuellten mir +die Augen, und Unwill erfuellte meinen ganzen Leib, der in dem neuen +geschenkten Gewand zu brennen schien, und ich spannte mein enges, +durchloechertes Maentelein so um mich, dass es noch mehr zerrissen. + +So schritt ich, als suche ich die Wildnis, nach einem einsamem +ungepflegten Teile des Gartens, und kaum stand ich im hohen Gras +unter hohen Linden, so konnte ich schon nicht mehr begreifen, wie +dieser innre Schmerz und Zorn in mich zum ersten Male in meinem Leben +gekommen sei, und gegen die Mauer des Gartens schreitend, sah ich an +derselben in einem tiefen Bogenraum ein Heiligenhaeuslein angebracht, +darinnen war wohlvergittert ein buntgemaltes Schnitzwerk, die +Anbetung der heiligen drei Koenige im Stall zu Bethlehem, aufgestellt. +Davor kniete ich nieder ins Gras und betete von ganzem Herzen. Da +zerrann bald all mein Leid und meine Hoffart vor dem Sohne Gottes, +der nackt und arm in einer Krippe vor mir lag, und dem doch die +Koenige dienten. Wie fuehlte ich mich in meiner Ungebaerdigkeit +beschaemt! Und da ich mich mit Traenen angeklagt hatte, dankte ich von +ganzem Herzen dem Herrn, dass er mich armen fahrenden Schueler nicht +vergessen, und mich durch seine Barmherzigkeit zu meinem gnaedigen +Herrn und Ritter gebracht, gelobte auch, ferner mich aller Hoffart zu +enthalten und die Kuenste, welche ich durch seinen Beistand mit +schwachen Sinnen erlernet, zur Mehrung seines Reiches auf Erden treu +anzuwenden. + +Da ich nun nach solchem Gebete einen merklichen Trost in meinem +Herzen spuerte, nahm ich ein guelden gewirktes Band, worauf das Ave +Maria stand, aus meinem Gebetbuechlein, und haengte es, durch das +Gitter langend, dem Bilde der Jungfrau Maria ueber den Arm, als das +Opfer eines toerichten Menschen, der vor ihrem Sohne betend Trost +gefunden hatte. Dieses Band aber war mir das Liebste, was ich hatte. +Eine fromme Klosterfrau, meiner selgen Mutter Befreundte, hatte es +mir einst fuer ein Lied, das ich ihr gedichtet und gesungen, +geschenket, und war es zu Marburg an St. Elisabethen Grab angeruehret +worden; ich aber hatte es bisher als einen Blattzeiger in meinem +Gebetbuechlein gefuehret. Dann nahm ich auch mein Maentelein ab, und +rollte es zusammen in einen langen Wulst und flocht es durch die +obern Staebe des Gitters vor dem Bilde, als einen aufgerollten Vorhang, +zum Gedenken meiner zeitlichen Armut, welche durch Gott sich in +Freud und Fuelle gewandelt hatte. Nun wendete ich mich nach dem +Garten zurueck, der mir ganz anders erschien als vorher. + +So mag nichts vor dem Gemuete des Menschen bestehen, welches alles +nach sich umgestaltet. Jetzt, da ich gebetet hatte, erschienen mir +alle die roten, leibfarben und weissen Bluemlein des Gartens jene +Blumen, durch die der Koenig Ahasverus in seinem Schlossgarten zu Suesan +gewandelt, seines Zornes zu vergessen. Ja, es war mir, als sei der +liebe Gott durch diese Blumen gegangen und habe seinen gerechten Zorn +ueber meine Ungebaerde hier an der Lieblichkeit seiner Werke +gesaenftiget; denn hier an diesem ersten Morgen meines zwanzigsten +Jahres ist mir vieles Licht in der Seele aufgegangen, und ist mir der +Fruehling ein weiser Lehrer geworden. + +Besonders aber hat mich der hohe Muensterturm erschuettert, als ich aus +einem schattichten Baumgang hervortrat und ihn ueber die Daecher der +Nachbarhaeuser auf mich niederschauen sah. War mir es doch im Anfang +so bange vor ihm, wie es einer Grasmuecke sein muss, wenn ein Riese den +Busch ueber ihrem Neste oeffnet und auf sie niederblickt. Alles +Menschenwerk, so es die gewoehnlichen Grenzen an Groesse oder Vollendung +ueberschreitet, hat etwas Erschreckendes an sich, und man muss lange +dabei verweilen, ehe man es mit Ruhe und Trost geniessen kann. + +Ich habe dieses aber nicht allein bei dem Anblick dieses +schwindelhohen Turmes empfunden, sondern auch bei gar lieblichen und +feinen Werken, von welchen ich nur nennen will die ueberaus feinen und +natuerlichen Gemaelde des Malers Wilhelm in Koeln, der von den Meistern +als der beste Meister in allen deutschen Landen geachtet wird, denn +er malet einen jeglichen Menschen von aller Gestalt, als lebe er. +Die Werke dieses Wilhelms aber, die ich zu Koeln gesehen, sind +dermassen zart, fein, scharf und lebendig, dass man schier glauben +sollte, sie seien von Haenden der Engel gemacht, und erbebet man bei +ihrem Anblick, weil sie zu leben scheinen und doch nicht leben. Man +fuehlet da wohl, dass der Mensch etwas sein und schaffen kann, was viel +herrlicher ist als sein gewoehnliches Sein und Schaffen, und man +erschrickt darueber, dass diese Herrlichkeit so fremd und selten ist; +daher wohl eine Menge Sprossen auf der Leiter zu dieser +Vollkommenheit wo nicht fehlen, doch unsichtbar sein muessen und wir +alle wohl tief herunter geworfen sind. + +Die gewaltige Kuenstlichkeit des wunderwuerdigen Muensterturms haette +mich beinahe wieder niedergeschlagen; denn ich bedachte mit +Verwunderung, wie ich doch unter den hohen Eichen, in finstern +Waeldern, auf hohen Bergen, an steilen Abgruenden und bei stuerzenden +Wasserfaellen in einsamen Taelern recht in Einoede, ja ganz verlassen, +auch wohl gar hungrig gesessen und mich doch nicht so bewegt gefuehlt +als bei dem Anblick dieses Turmes. Wenn ich die Blaetter und Zweige +der Baeume betrachte, so frage ich nicht, wie sie da hinauf gekommen, +und erschrecke nicht, wenn sie sich hin und her bewegen mit Rauschen; +aber wenn ich diesen wunderbaren Turm anschaue mit seinen vielen +Tuermlein, Saeulen und Schnoerkeln, die immer auseinander heraustreiben +und durchsichtig sind wie das Gerippe eines Blattes, dann scheint er +mir der Traum eines tiefsinnigen Werkmeisters, vor dem er wohl selbst +erschrecken wuerde, wenn er erwachte und ihn so fertig vor sich in den +Himmel ragen saehe; es sei denn, dass er auf sein Antlitz niederfiele +und ausriefe: "Herr, dies Werk ist nicht von mir in seiner +Vollkommenheit, du hast dich nur meiner Haende bedienet, mein ist +nichts daran als die Maengel, diese aber decke zu mit dem Mantel +deiner Liebe, und lasse sie verschwinden im Geheimnis deiner Masse." +Keiner aber hat dieses wohl erlebet, keiner hat einem solchen Werke +seiner Erfindung die Krone aufgesetzet, ganze Geschlechter sind von +den Baugeruesten herabgestiegen und haben sich zu Ruhe in die Graeber +zu den Fuessen des Turmes gelegt, der nichts davon weiss, und dasteht +ernst und steinern, der kein Herz und keinen Verstand hat, ja +eigentlich ein recht unvernuenftiger Turm ist, und doch dasteht, als +waere er aus sich selbst hervorgewachsen und brauche es keinem +Menschen zu danken. Dieser gewaltige Ausdruck der Erhabenheit aber +in einem solchen Werke, an welchem die Weisheit und Muehe und Andacht +von Jahrhunderten an unendlichen Linien des Gesetzes, des +Verhaeltnisses, der Not und der Zier mit halsbrechender Kuehnheit +hinangeklommen, um auf dem Gipfel dem Herrn zu lobsingen, verbunden +mit seinem eigentlichen inneren Tode, so dass er, der alles durch sein +Dasein im tiefsten Herzen ruehret, doch gar nichts davon mitempfindet, +das ist es, was seinem Anblick und der Erscheinung aller gewaltigen +Menschenwerke einen Schrecken beimischet. Es ist, als frage er: Was +bin ich, und warum bin ich, und was ist es, das dich also ruehret in +mir? Was koennen wir ihm aber anderes antworten als: Die Werke des +Herrn sind unbegreiflich, er treibt uns, zu bauen und schaffen ueber +das Leben hinaus, denn wir waren unsterblich und vollkommen, und wir +sind gefallen in den Tod durch die Suende; du Turm aber stehe, als ein +Zeuge, dass wir dunkel fuehlen, was wir waren vor dieser Zeit, und dass +wir noch ringen nach unendlichem Ziel; so stehe du dann als ein +Traeger unsrer Muehe und unsrer Busse zu Ehren unsres Heilands und +Seligmachers Jesu Christi, der uns erloeset hat durch sein bittres +Leiden und Sterben. Amen. + +Also gedachte ich in mir, und wenngleich umgeben von lebenden Baeumen +und Blumen, in welchen, wie selbst in den harten Felsen, eine Seele +zu wohnen scheint, welche mit dem Menschen atmet und fuehlet, im +Fruehling sich mit ihm freuet, und im Winter mit ihm trauert, konnte +ich doch meine Augen nicht von dem Turme wenden. Der Sinn des +Menschen strebet immer nach dem Unbegreiflichen, als sei dort das +Ziel der Laufbahn und der Schluessel des Himmels; denn bewundern kann +der Mensch allein, und alles Bewunderung Erregende ist ein Bote +Gottes, der uns mahnet an das Licht, das wir verloren, und das uns +wieder verheissen ist durch das Blut Christi, so wir uns dessen +teilhaftig machen. Also ist mir auch immer alle meine Drangsal +erschienen als eine Sehnsucht nach einem bessern Leben, und alle +meine bittern Stunden waren nur die kalten, stuermenden Tage des +Winters, denen der liebliche Fruehling, angekleidet mit Blumen und +Gesang, folget, so ich saee guten Samen und fuelle meine Seele mit dem +Lobe Gottes. + +In solchen Betrachtungen wollte ich wieder nach dem Sommerhaeuslein +gehn, sah aber meinen gnaedigen Herrn und Ritter gar tiefsinnig mit +gefalteten Haenden unter einem Baume im Sonnenschein sitzen, und +traute nicht, ihm vorueberzugehen, damit ich ihn nicht stoere. Ich +stellte mich darum in seiner Naehe bescheidentlich an die Laubwand, +und nahm mein Barett in die Haende, erwartend, ob er seine Augen +vielleicht nach mir wenden moege. + +Der Anblick meines Herrn erweckte eine grosse Ehrfurcht in mir. Ich +hatte ihn gestern nicht recht gesehen, denn es dunkelte schon, da er +mich am Wege barmherzig zu sich nahm. Er hatte ein schneeweisses Haar +am Haupt und Bart, und mochten wohl viele Sorgen ueber ihn hingeflogen +sein. Ich erinnerte mich, nie einen so frommen alten Ritter gesehen +zu haben, der mit seinem ernsten und milden Antlitz ein solches +Vertrauen in mein Herz senkte. Gott gebe, dass ich also in Ehren grau +werden moege! dachte ich bei mir und fuehlte mich mit ganzer Seele zu +dem lieben Herrn hingezogen. Er aber schien sehr betruebt zu sein, +seufzte auch oft und tief, und die kleinen Voeglein, die ueber ihm in +dem Baume so lustig sangen, konnten ihn nicht troesten. + +Da ich so eine Weile nach ihm hingesehen hatte, wendete er die Augen +zufaellig zu dem Orte, an dem ich stand, und redete mich freundlich an +mit den Worten: "Wie ist dir, Johannes, dass du so stille dastehest?" +Worauf ich ihm entgegnete: "Ich wollte Eure Ruhe nicht stoeren, Herr; +Ihr scheinet mir in schweren Gedanken." + +Der Ritter aber sprach hierauf: "Johannes, wie gefaellt dir deine neue +Heimat; bist du zufrieden bei mir?" + +Da sagte ich: "Herr, sollte ich nicht froh sein? Da ich nun weiss, wo +schlafen und wo Brot finden und wem dienen um des Herren willen, da +weiss ich nun auch, wen lieben, wem danken ausser Gott, und fuer wen +beten ausser fuer mich. Herr, meine neue Heimat gefaellt mir wohl; Gott +gebe, dass ich auch ihr wohlgefalle, und ihrer wuerdig werde." Da +laechelte der Ritter und sprach: "Johannes, wenn dir deine Worte ernst +sind, so werden wir gute Gesellen sein, denn deine Rede gefaellt mir +wohl. Aber was willst du tun, mir wohlzugefallen; was willst du mir +geben, da du nichts hast?" + +Hierauf erwiderte ich: "Herr, ich bleibe Euer Schuldner vor der Welt, +denn ich kann Euch kein Wams geben fuer das Wams, das ich durch Eure +Gnade trage; aber vor Gott gebe ich Euch einen guten Zahlmann, denn +vor ihm schenke ich Euch mein Herz." + +Da versetzte der Ritter scherzhaft: "Wenn ich dir nun auch mein Herz +geben wollte fuer das deinige, so behielt ich doch das Wams zugute; +wie dann, Johannes?" + +Worauf ich entgegnete: "Herr, Ihr rechnet so gestreng, als wolltet +Ihr mich versuchen in Gegenrechnung, und so muss ich dann schon sagen, +dass mein Herz gewiss nicht Wert hat gegen das Eure, welches gepruefet +ist durch lange Jahre, da das meinige arm ist und ohne Verdienst, ja +da ihm alles Gute, was es gewollt hat, nicht zugute koemmt, da es +keinen Wert hat, den es Euch mit sich geben kann, weil der Glaube an +die Barmherzigkeit des Heilands nicht mit dem Herzen geschenkt werden +kann und dieser Glaube allein doch ein Herz zu beseligen und selig zu +machen vermag. So nehmt es denn hin, wie es ist, und fueget hinzu, +was man nicht mitgeben kann. Doch habe ich noch eine Gabe, deren ich +Euch geniessen lassen will, und die Ihr mir nicht so leicht einholen +sollet; denn sie ist rasch und fliehet davon, auch werdet Ihr sie mit +allem Ernste nicht leicht verdraengen moegen; denn sie ist lieblich und +lustig anzuschauen, und koennte ich sie Euch wirklich zu eigen geben, +so wuerdet Ihr sie nicht gerne wieder lassen, eine also gute Gesellin +ist sie." + +Mein Herr, der sehr ernst geworden war, sagte hierauf, traurig vor +sich niederschauend: "Und was ist das vor ein Kleinod, Johannes, mit +dem du so prahlest?" + +Da erwiderte ich: "Herr, es ist meine Jugend; deren will ich Euch +geniessen lassen, wie ich kann. Damit Ihr Euer Alter vergesset bei +mir, will ich Euch erfreuen mit mancherlei froehlichen Reden und +Gedanken." + +Aber was ich da zuletzt gesprochen hatte, war wohl toericht und ein +schlechter Anfang meiner versprochenen erfreulichen Reden; denn mein +gnaediger Herr ward nun sehr stille und finster. Weil ich ihn an sein +Alter erinnert hatte, glaubte ich. Da redete ich ihn schuechtern an: +"Herr, ich habe Euch mit toerichten Worten erzuernet." + +Er aber sprach: "Das hast du nicht getan, Johannes, du hast die +Wahrheit gesprochen, aber mir ist schwerer aufs Herz gefallen, was +mir lange schon darauf liegt, mein Unwert. Nun aber bedenke ich, ob +dein froehlicher Mut mir wohl diese Last von der Brust nehmen wird; +aber das mag wohl nicht sein; hast du mich nicht gefunden hier im +Gruenen, in einem lustigen Garten, von der lieben Sonne beschienen, +und angesungen von den unschuldigen Voegelein, nachdenklich und +betruebt? Wirst du koennen, was der Fruehling nicht vermag? So du aber +Kuenste gelernt hast, die ich nicht besitze, so wirst du mein +Schuldner nicht bleiben, wenn ich gleich selbst ewig Gottes Schuldner +bleibe. Setze dich zu mir und sage mir treulich, wie du zur Armut +gekommen bist im Guten, und wie es sich mit dir begeben, bis ich dich +gestern an der Eiche gefunden habe im Blobsheimer Wald, und dann +sollst du ebenfalls von mir hoeren, warum ich betruebt bin." + +Da ich die grosse Freundlichkeit meines Herrn aus dieser Rede +vernommen hatte, fasste ich einen guten Mut, setzte mich zu ihm unter +den Baum, und sprach also: "Mein gnaediger Herr und Ritter, es gibt +keinen ehrlicheren Weg ins Leben als die Geburt, denn unser Heiland +ist ihn auch gewandelt, und so gibt es auch keinen ehrlicheren Weg +zur Armut, als in ihr geboren zu sein, denn auch unser Heiland ward +in ihr geboren, und so kam ich zur Armut, als ich zur Welt kam. Aber +ich bin doch nicht lang arm geblieben; denn ich fand eine +unaussprechlich liebe Mutter; die liess mich an ihrem Herzen +schlummern, und sah auf mich nieder mit sorgenden Liebesblicken, und +weckte sie mich nicht mit ihren Traenlein, die auf mich niederfielen, +so weckte sie mich mit Kuessen, und liess mich ihr eignes Leben aus +ihren Bruesten trinken; o Herr, war ich nicht reich, wer ist reicher +als ein neugebornes Kindlein?--Ja, ich war so reich, dass ich meiner +lieben Mutter Freud und Leid verdoppeln konnte, was Ihr wohl aus +einem Liede vernehmen werdet, das meine Mutter oft sang, wenn sie +mich in fruehster Jugend einschlaeferte, und habe ich es nach ihrem +Tode in ihrem Gebetbuechlein liegend gefunden; es ist aber gestellt, +bald als rede ein Kindlein zur Mutter, bald die Mutter zu ihm; nun +hoeret: + + +O Mutter, halte dein Kindlein warm, +Die Welt ist kalt und helle, +Und trag es fromm in deinem Arm +An deines Herzens Schwelle. + +Leg still es, wo dein Busen bebt, +Und, leis herab gebuecket, +Harr liebvoll, bis es die aeuglein hebt, +Zum Himmel selig blicket.-Und weck ich dich mit Traenen nicht, +So weck ich dich mit Kuessen; +Aus deinem Aug mein Tag anbricht, +Sonn, Mond dir weichen muessen, + +O du unschuldger Himmel du! +Du lachst aus Kindesblicken, +O Engelsehen, o selge Ruh, +In dich mich zu entzuecken! + +Ich schau zu dir so Tag als Nacht, +Muss ewig zu dir schauen, +Und wenn mein Himmel traeumend lacht, +Waechst Hoffnung und Vertrauen. + +Komm her, komm her, trink meine Brust, +Leben von meinem Leben; +O, koennt ich alle fromme Lust +Aus meiner Brust dir geben! + +Nur Lust, nur Lust, und gar kein Weh, +Ach, du trinkst auch die Schmerzen; +So staerke Gott in Himmelshoeh +Dich Herz aus meinem Herzen! + +Vater unser, der du im Himmel bist, +Unser taeglich Brot gib uns heute, +Getreuer Gott, Herr Jesus Christ, +Traenk uns aus deiner Seite.-Du strahlender Augenhimmel du, +Du taust aus Mutteraugen, +Ach Herzenspochen, ach Lust, ach Ruh, +An deinen Bruesten saugen! + +Ich schau zu dir so Tag als Nacht, +Muss ewig zu dir schauen; +Du musst mir, die mich zur Welt gebracht, +Auch nun die Wiege bauen. + +Um meine Wiege lass Seide nicht, +Lass deinen Arm sich schlingen, +Und nur deiner milden Augen Licht +Lass zu mir niederdringen. + +Und in deines keuschen Schosses Hut +Sollst du deine Kindlein schaukeln, +Dass deine Kinder, so lieb, so gut, +Wie Traeume mich umgaukeln. + +Da traeumt mir, wie ich so ganz allein +Gewohnt dir unterm Herzen; +Da waren die Freuden, die Leiden dein +Mir Freuden auch und Schmerzen. + +Und ward dir dein Herz ja allzu gross, +Und hattest nicht, wem klagen, +Und weintest du still in deinen Schoss, +Half ich dein Herz dir tragen. + +Da rief ich: Komm, lieb Mutter, komm! +Kuehl dich in Liebeswogen! +Da fuehltest du dich so still, so fromm +In dich hinabgezogen. + +So mutterselig ganz allein +In deiner Lust berauschet, +Hab ich die klare Seele dein, +Du reines Herz, belauschet. + +Was heilig in dir zu aller Stund, +Das bin ich all gewesen; +Nun kuess mich, suesser Mund, gesund, +Weil du an mir genesen. + +O selig, selig ohne Schuld, +Wie konnt ich mit dir beten; +O wunderbare Ungeduld, +Ans scharfe Licht zu treten! + +O Mutter, halte dein Kindlein warm, +Die Welt ist kalt und helle, +Und trag es fromm, bist du zu arm, +Hin an des Grabes Schwelle. + +Leg es in Linnen, die du gewebt, +Zu Blumen, die du gepfluecket, +Stirb mit, dass, wenn es die aeuglein hebt, +Im Himmel es dich erblicket. + +So lallt zu dir ein frommes Herz, +Und nimmer lernt es sprechen, +Blickt ewig zu dir, blickt himmelwaerts +Und will in Freuden brechen. + +Brichts nicht in Freud, brichts doch in Leid, +Bricht es uns allen beiden. +Ach, Wiedersehen geht fern und weit, +Und nahe geht das Scheiden! + + +Als ich das Lied ganz hergesagt, waren ich und mein Herr Ritter ein +bisschen stille. Dann hob er an und sprach: "Du hast recht, lieber +Johannes, du warst recht reich, eine so liebe Mutter auf Erden zu +finden; das ist ein schoenes Lied, aber es ist auch viel Trauer darin; +wer hat es denn also gesetzet, dass es am Ende so schmerzlich vom +Scheiden spricht?" + +Da sagte ich: "Mein Vater hat es gesetzt, als ich noch nicht geboren +war, da er von meiner Mutter scheiden musste, und hat sie ihn nie +wiedergesehn, und kenne ich ihn auch nicht." Da brachen mir die +Traenen aus, aber mein gnaediger Herr fuhr mir freundlich mit der Hand +ueber das Haupt und sagte: "Sei wohlgemut! Ich will dein Vater sein, +das reicht auf Erden hin, Gott gebs!" Da kuesst ich ihm die Hand und +fuhr fort: "Ach, Herr Ritter, solcher Reichtum an einer so lieben +Mutter war noch nicht genug; denn gute Leute nahmen mich auf ihre +Arme und trugen mich in die Kirche; da ward ich durch die heilige +Taufe aufgenommen unter die Kinder Gottes und ward gereinigt von +aller Suende und ward teilhaftig der Versuehnung unseres Herrn Jesu +Christi. Da ward ich erst reich ueber alle Massen, da hatte ich das +ewige Leben und den Schluessel des Himmels geschenket. Dann aber auch +ward mir gegeben viele irdische Herrlichkeit, und was zum Leben noetig +und lustig ist; denn ich ward gelehret, dass der Glanz der Sonne all +mein Gold sei, der Spiegel der Fluesse all mein Silber, die gruenen +Wiesen mit ihren Blumen all meine Teppiche und Tapezereien, der +Himmel mit seinen blauen gestirnten Gewoelben und der gruene hohe Wald +alle meine Gebaeude und Hallen; ja endlich bin ich so reich geworden, +dass mir die ganze Welt offen stand, und alle guten Menschen meine +Diener warden, zu denen ich sprechen durfte: Gib mir dies, gib mir +jenes; und hatte ich auch keinen Herrn, als den Herrn aller Herren, +den lieben Gott, der mir das Leben zu einem Leben gegeben, und in +dessen Haende ich es, so der heilige Geist seine Gnade verleiht, und +mein Herr Jesus sich meiner erbarmt, ohne grosse Makel zurueckzugeben +hoffe, und habe ich mir zum Spruche auf mein Schild erwaehlt--denn ich +bin eines Ritters Sohn--: + + +Der Himmel ist mein Hut, +Die Erde ist mein Schuh, +Das heilge Kreuz ist mein Schwert, +Wer mich sieht, hat mich lieb und wert." + + +Da laechelte Herr Veltlin und sprach: "Dein Hut ist besser als deine +Schuh, die wirst du dir bald ablaufen, aber dein Schwert ist das +maechtigste auf Erden und hat einen guten Waffenschmied gehabt, du +bist ein guter Ritter, und deine Fahrt mag friedlich abgehen, denn +die dich sehen, haben dich lieb und wert. Aber erzaehl mir nun dein +Herkommen!" + +Da zog ich ein Buch aus meinem Buchbeutel und sprach: "Ich will es +Euch lesen, denn ich habe angefangen, es mir aufzuschreiben, und zwar +so recht ausfuehrlich, wie es mir eingefallen, mit allerlei Rede und +Betrachtung; wie mir bewusst ward, dass es gewesen ist und gewesen sein +kann." Da sprach Herr Veltlin: "Du kannst schreiben? Johannes, das +kann ich nicht, und bin ich begierig zu hoeren, ob du auch alles so +aufgeschrieben, dass ich es wohl geniessen mag; denn da die Schrift als +etwas Kuenstlicheres und dem Menschen Merkwuerdigeres gegeben wird als +gewoehnliche Rede, die schnell dahin fliegt, so soll sie auch des +Aufbehaltens wuerdiger dem Menschen dargereicht werden, und also +wohlgesetzt und deutlich sein. Lies nun!" Da hob ich an: Chronika +des fahrenden Schuelers Johannes Laurenburger, von Polsnich an der Lahn + + +Dieses Buch ist mir wert und lieb; +Wer es mir stiehlt, der ist ein Dieb. + + +Ich bin geboren am 20. Mai 1318 zu Polsnich an der Lahn; das ist ein +Hof, der gehoert zum Kloster Arnstein, darin ich getauft wurde +Johannes. Meine Mutter selig wohnte in einem kleinen Haeuslein vor +dem Hof, und nannte man sie die schoene Laurenburger Els; mein Vater +aber, den ich nie gesehen, war der Ritter von der Laurenburg, die dem +Kloster Arnstein gegenueber an der Lahn liegt. Was es aber fuer eine +Beschaffenheit mit ihm habe, will ich hier niederschreiben, so viel +ich erfahren, wenn ich zu der Zeit in meinem Leben gelange, da es mir +selbst bekannt worden. + +Das erste, dessen ich mich aus fruehster Jugend von meiner Mutter +recht deutlich erinnre, ist, dass sie mich lehrte, mich mit dem +Zeichen des heiligen Kreuzes zu bezeichnen und die Haende zu falten +und das Vaterunser und den englischen Gruss zu beten. Sie sagte mir +die Gebete vor, ich schaute nach ihren Lippen und sprach ihr nach, +und ich erinnere mich noch recht sehr deutlich meiner grossen Freude, +als ich zum ersten Male abends neben ihr an ihrem Betschemel kniete, +und diese heiligen Gebete mit ihr fertig und ohne Fehl sprach. Jetzt +noch, wenn ich bete, ist es mir oft, als schaute ich nach ihren +Lippen und spraeche ihr nach. + +Sie war arm, fromm und arbeitsam, und wenn ich sie gleich spaeter in +mancherlei Geschaeft gesehen, schwebt mir ihr Bild doch meistens +betend, singend oder spinnend vor Augen. Wenn sie mich manchmal +abends schon im Bette entschlafen glaubte, wachte ich noch und +horchte auf das Schnurren ihrer Spindel und ihren ruehrenden Gesang; +denn sie sass spaet auf, ihr Brot in Ehren zu verdienen. + +Der Anblick meiner holdseligen Mutter, wenn sie so bei Lampenschein +vor sich hinsang und spann, ruehrte mich oft bis zu Traenen; warum, das +weiss der liebe Gott gewiss, zu dem ich wohl zuhoerend mit kindischem +Herzen fuer sie gebetet habe. + +Einmal weiss ich, dass ich gar sehr weinen musste; als ich sie nachts +bei ihrem Rocken so vor sich hin singen hoerte, da fing eine +Nachtigall vor unserm Fenster auch an zu singen; es war schon sehr +spaet, und der volle Mond schien klar und hell. Meine Mutter aber +hoerte nicht auf zu singen, und sang das Voegelein und sie zugleich. +Da habe ich zum erstenmal Traurigkeit empfunden und kindische Sorgen +um den Ernst des Lebens gehabt, die ich wohl noch fuehle, aber nicht +auszusprechen vermag; da habe ich mich auch leise im Bette +aufgerichtet und meiner Mutter zugehoert. Sie sang aber ein Lied, das +lautete also: + + +Es sang vor langen Jahren +Wohl auch die Nachtigall; +Das war wohl suesser Schall, +Da wir zusammen waren. + +Ich sing und kann nicht weinen +Und spinne so allein +Den Faden klar und rein, +Solang der Mond wird scheinen. + +Da wir zusammen waren, +Da sang die Nachtigall; +Nun mahnet mich ihr Schall, +Dass du von mir gefahren. + +So oft der Mond mag scheinen, +Gedenk ich dein allein; +Mein Herz ist klar und rein, +Gott wolle uns vereinen! + +Seit du von mir gefahren, +Singt stets die Nachtigall; +Ich denk bei ihrem Schall, +Wie wir zusammen waren. + +Gott wolle uns vereinen, +Hier spinn ich so allein; +Der Mond scheint klar und rein, +Ich sing und moechte weinen! + + +Besonders traurig aber kam es mir vor, dass der Vogel und meine Mutter +zugleich sangen und doch nicht recht miteinander, und haette ich +damals wohl wissen moegen, ob der Vogel auch in seinem Gesange meiner +Mutter gedachte, und ob er auch lieber geweint als gesungen haette. +Ich fragte darum meine Mutter mit den Worten: "Mutter, was singt denn +die Nachtigall dazu?" + +Da sagte sie: "Die Nachtigall sehnt sich und lobet Gott; also tue ich +auch. Aber, Johannes, warum wachst du? Schlafe, du musst morgen frueh +heraus und mit mir nach Kloster Arnstein gehn; wenn du nicht schlaefst, +so nehme ich dich nicht mit." Da loeschte sie die Lampe aus, und +trat vor mein Bettlein und machte mir das Zeichen des Kreuzes auf +Stirne, Mund und Herz und kuesste mich, und da ich fuehlte, dass sie +weinte, schlang ich meine Arme um ihren Hals und drueckte ihr Antlitz +fest an das meinige, und da weinten wir beide. + +Ich fragte sie aber: "O liebe Herzmutter, was weinest du, und warum +machst du mir nochmals das Kreuz? Ich habe ja schon gebetet." + +"Lieber Johannes", sprach sie hierauf, "ich mache dir immer das Kreuz +und kuesse dich, wenn ich schlafen gehe, dass dir Gottes und deiner +Mutter Segen in der Nacht zugute komme; aber du hast bisher immer +schon geschlafen, wenn ich es tat, und wusstest es darum nicht." Aber +warum sie weine, sagte sie mir damals nicht. Darauf entkleidete sie +sich und legte sich zu Bette, und betete laut, ich aber sprach ihr +nach: + + +Herr Jesus, ich will schlafen gehn, +Lass vierzehn Engel bei mir stehn, +Zwei zu meiner Rechten, +Zwei zu meiner Linken, +Zwei zu meinen Haeupten, +Zwei zu meinen Fuessen, +Zwei, die mich decken, +Zwei, die mich wecken, +Zwei, die mich weisen +Zum himmlischen Paradeise! + +Worauf wir ruhig einschliefen. + +Am folgenden Morgen wachte ich frueher auf als die Mutter. Die +Schwalbe begann zu singen. Ich kleidete mich leise an und trat an +das Bett meiner Mutter; die hatte die Haende ruhig gefaltet, und der +junge Tag schien auf ihr Angesicht. Ihr Anblick erfuellte mich mit +Liebe und Trauer, denn ich hatte Barbara, die Tochter des Hofmeiers, +neulich also mit gefaltenen Haenden stille im Sarge liegen sehn, und +ergriff mich eine so tiefe Angst, dass ich meine Mutter mit ungestuemen +Kuessen erweckte. Sie erwachte in meinen Armen, und als ich ihr die +Ursache meiner Traenen sagte, nahm sie meine Haende von ihrem Hals und +faltete sie, und schloss sie in ihre lieben Haende, und so beteten wir +zusammen zu Gott, und dankten ihm, dass er uns diese Nacht erhalten +und uns verliehen habe, diesen Tag zu unserer Besserung anzutreten. +Am Schlusse des Gebetes sagte die Mutter: "Du hast gefuerchtet, ich +sei tot, Johannes; sterben muessen wir alle, halte dich an unsern +Herrn Jesum und die himmlische Mutter Maria, die werden dir Vater und +Mutter sein, besser als dein irdischer Vater und ich, wenn auch ich +dich verlassen muss. Und wenn ich einst die Haende so schliesse, um zu +beten, da ich zur ewigen Ruhe entschlafe, so schliesse auch deine +Haende so in die meinigen und bete mit mir, auf dass uns der Heiland +zusammen in die ewige Herrlichkeit seines Angesichts schauen lasse. +"-Da wurd ich still und trat an das Fensterlein unsrer Kammer und sah +nach dem kommenden Tag. Als sich aber meine Mutter angekleidet hatte, +trat sie hinter mich, und hielt mir freundlich die Augen zu, mit den +Worten: "Warte ein wenig, liebes Kind, gleich wirst du etwas sehen, +das du nie gesehen." Waehrend sie mir so die Augen zuhielt, fragte +ich sie: "Liebe Mutter, ist das Gebet dann kraeftiger, und gefaellt es +dem lieben Gott dann besser, wenn man die Haende so zusammen faltet, +wie du mit mir getan?"--"Gewiss", sagte die Mutter, "wenn die, so es +tun, sich so lieben wie wir, aber den lieben Gott doch noch viel mehr +als einander, und wenn in der Kirche alle Leute zusammen beten und +der Priester am Altare betet, da ist das Gebet des Priesters die Hand, +in die sie alle ihre Haende gefalten haben. Was habe ich dich von +der christlichen Liebe gelehrt?" Da sprach ich: "Du sollst Vater und +Mutter lieben, auf dass du lang lebest auf Erden; du sollst deinen +Naechsten lieben wie dich selbst und Gott ueber alles."--"Recht", sagte +die Mutter, "o wie selig waere die Welt, wenn alle Menschen so +vereinet beteten, wie wir es heut tun konnten, und wie es eine fromme +Gemeinde in der Kirche tut." Da sagte ich kindisch: "Aber alle +Menschen koennen doch nicht ihre Haende zu zwei Haenden zusammenlegen. +"--"O gewiss, das koennen sie", erwiderte die Mutter, "und das in +unsers lieben Erloesers Jesus Christi Haende, der ueberall und an allen +Orten ist, und seine heiligen Haende fuer uns am Kreuze ausgespannt hat, +uns zu erloesen von der Suende. Denn er hat uns ja das Gebet gelehret, +und er ist die Hand, in welche wir unsre Haende legen muessen, so +unser Gebet zu Gott dringen soll; denn er selbst hat auf Erden gesagt: +"Alle Dinge sind mir uebergeben von meinem Vater, und niemand +erkennet den Sohn, als nur der Vater, und niemand kennet den Vater, +als nur der Sohn, und wem es der Sohn will offenbaren. Kommet her zu +mir, alle, die ihr muehselig und beladen seid, ich will euch erquicken." +Und der heilige Johannes sagt: "Der Vater hat den Sohn lieb und +hat ihm alles in seine Hand gegeben. Wir haben einen Fuersprecher +beim Vater, Jesum Christum, den Gerechten; der ist die Versoehnung fuer +unsre Suenden, doch nicht allein fuer die unsrigen, sondern fuer die +Suenden der ganzen Welt. Es ist ein Gott und ein Mittler zwischen +Gott und den Menschen, der Mensch Jesus Christus, der sich selbst fuer +uns alle zur Erloesung hingegeben hat." Ach, moechten nur alle ihre +Haende in des Heilands Hand, in die Gott alles gegeben hat, glaubend, +hoffend und liebend legen; dann wuerden wir alle zusammen schauen in +das Angesicht Gottes." Nach diesen Worten tat die liebe Mutter ihre +Haende von meinen Augen und sprach: "Gelobet sei Jesus Christus!", und +ich erwiderte: "In Ewigkeit, Amen!" und sah mit grosser Seligkeit in +den Glanz der Morgensonne, die ueber dem Lahntal hervorstieg. "Ach, +Mutter", rief ich aus, "ist dieses Gottes Angesicht?"--"Nein, mein +Kind", erwiderte sie, "das ist nur seine erschaffene Sonne, die er +ueber uns arme suendige Menschen scheinen laesst; aber denen, die ihn +lieben, hat Gott bereitet, was kein Auge gesehn und kein Ohr gehoert +hat, und was in keines Menschen Herz gekommen ist." + +Ich habe aber damals die Sonne zum ersten Male aufgehen sehen, weil +ich so frueh vorher nie aufgestanden. Dieses Morgens und aller meiner +Mutter Rede und Tun an demselben habe ich bis jetzt gar oft mit +grossem Nutzen gedacht. Nun aber nahm meine Mutter Linnen, das sie +gewebt, und Garn, das sie gesponnen und gezwirnet, um es in dem +Kloster zu verkaufen. Sie trug es in dem Korbe auf dem Kopfe, und da +ich sie darum gebeten, gab sie mir einige Straenge des Garns zu tragen, +welche ich mit einer grossen Liebe zu meiner Mutter sehr sorgfaeltig +bis nach Arnstein getragen habe. Wir kamen daselbst in des Abtes +Stube, die war mit schoenen Bildern ausgemalt; auch handelte der Abt +selbst um das Tuch mit der Mutter und war ein heiliger, aber sonst +gar freundlicher und lustiger Mann, fragte mich auch, da ich die +schoenen Bilder an den Waenden so fleissig betrachtete: "Hans, dir +gefaellt wohl meine Zelle; hast du auch Lust, ein geistlicher +Ordensherr zu werden? Wenn du fromm und fleissig bist, kannst du mit +der Zeit diese meine Bilder besitzen und Abt sein, wenn ich in dem +stillen Konvent unter der Kirche schlafe." + +Da erwiderte ich: "Ich haette wohl Lust dazu, Abt in der schoenen Zelle +zu sein, Hochwuerdiger Herr, wenn meine liebe Mutter mit drinnen +wohnen wollte." Da lachte der Abt und sprach: "Lieber Hans, wenn die +schoene Laurenburger Els mit in den Zellen wohnen duerfte, moechte wohl +das kleine Klosterpfoertlein zu enge werden, so viele sollten den +heiligen Orden suchen; aber das geht nicht, denn der Herr spricht, +wir sollen das Kreuz auf uns nehmen, alles verlassen und ihm +nachfolgen; und doch wohnet eine Mutter mit uns in unsern Zellen, die +ist noch viel lieblicher und milder als die deine." Da sah ich bald +den Abt, bald meine Mutter an und konnte seine Rede nicht recht +glauben, sagte auch zuletzt: "Ach, Hochwuerdiger Herr, zeiget mir sie!" +Da lachte der Abt wieder und sprach: "Mein Hans, zeigen kann man +sie nicht, aber wir leben alle in ihrem Schosse, und auch du; es ist +die heilige Mutter, die Kirche, welche unser lieber Herr Jesus sich +zu einer Braut erkoren; aber das verstehest du noch nicht." Da sagte +ich: "Nein!", und er gab mir drei Bildlein aus seinem Gebetbuch, das +war St. Joergen Bild, meines Vaters, Ritter Joergen von der Laurenburg, +Patron, St. Elsbethen Bild, meiner Mutter Patronin, und St. Johannsen +mit dem guelden Mund Bild, mein Patron, worueber ich grosse Freude +empfand, und als ich ihm den aermel kuessen wollte, reichte er mir die +Hand und sprach: "Johannes, bitte Frau Else, deine Mutter, dass sie +dich bald herauf zur Schule tut, da sollst du zur Messe dienen lernen, +und fuer jede Messe einen halben Heller von mir erhalten." Da bat +die Mutter den Abt um seinen Segen, und knieten wir beide vor ihm, +und er legte seine Haende auf uns und betete. + +Meine Mutter liess aber von dem Geld, das er ihr fuer die Linnen +gegeben, zurueck, eine heilige Messe fuer ihr Anliegen in Sankt Joergen +Kapelle zu lesen, und da der Abt fragte: "Laurenburgerin, was ist +Euer Anliegen?", traten meiner Mutter die Traenen in die Augen, und +sie sprach mit Schaemen: "Das stell ich Gott anheim, Hochwuerdiger Herr." +Der Abt erwiderte hierauf mit ernster und freundlicher Stimme: +"Laurenburgerin, nehmet Euer Geld zurueck und wendet es Eurem Kinde zu; +ich weiss, Ihr lebet bedraengt, ich will das heilige Messopfer selbsten +fuer Euch halten und von ganzem Herzen fuer Euch beten; aber ergebet +Euch auch in den Willen des Herrn, und hanget nicht weltlichem Kummer +allzu sehr nach." Meine Mutter aber wollte das Geld nicht wieder +nehmen und sprach: "Der Himmel segne Euch, Hochwuerdiger Herr, fuer +Eure Milde, aber ich bedarf des Geldes nicht, welches ich zu heiligem +Opfer erarbeitet; tut des edlen Laurenburgers Weib den Schimpf nicht +an, als koenne sie nicht ein kleines Opfer erarbeiten." Da sprach der +Abt: "So Ihr Euch das zu Herzen nehmet, will ich dafuer ein Kerzlein +vor St. Joergen Bild aufstecken lassen. Linnen und Garn gebet unten +im Kloster dem Bruder Sulpizius, dass er Chorhemden daraus mache; denn +Eure Linnen sind gar fein." Da nahm die Mutter die Linnen, und gaben +wir sie unten dem Bruder Schneider; der hielt aber der Mutter den +Korb zurueck, bis wir aus der Kirche kamen. + +In der Kirche gingen wir zur Linken in eine Kapelle; da stand auf dem +Altar St. Joergen Bild, wie er den Drachen durchbohret; den Altar +haben die Ritter von der Laurenburg gestiftet und viele Gaben zu dem +Kloster getan, haben auch ihr Begraebnis in dieser Kapelle, wie ich +nachmals erfahren. Zur Rechten des Altars kniete ich mit meiner +Mutter nieder, bei einem steinernen Bilde, das in die Wand gemauert +war. Dieses stellte aber einen alten Ritter vor, der hatte ein +langes geistliches Gewand an, und legte einem jungen Ritter, der vor +ihm kniete, die Haende auf das Haupt. Meine Mutter sah oft und mit +recht innerlicher Bewegung nach dem knienden Ritter. Ich betrachtete +ihn auch, und empfand eine grosse Freude an ihm, haette ihm auch gern +etwas Liebes getan und setzte ihm drum einen gruenen Kranz auf sein +steinern Haupt, den ich mir im Walde geflochten und noch spielend in +der Hand trug. Da meine Mutter dies sah, fuhr es wie ein Blitz durch +ihre Augen, und umarmte sie mich heftig in der Kirche, aber ihre +Wangen wurden schamrot und ihre Augen voll Traenen; da liess sie mich +los und senkte das Haupt auf den Betstuhl. Ich empfand grosse +Bangigkeit um ihre ruehrende Gebaerde. Da trat ein Ordensbruder aus +der Sakristei mit einer schoenen bunten Wachskerze; die zuendete er an +der ewigen Lampe an, nahte dann unserm Betstuhl und reichte sie +meiner Mutter und mir zu kuessen, und als wir dies getan, steckte er +sie auf St. Joergen Leuchter, der neben St. Joergen Altar stand und +gestaltet war wie eine Lanze, die durch einen Lindwurm gestochen ist. +Das war die Opferkerze, die uns der Herr Abt versprochen. Nun klang +das Gloecklein, und der fromme liebreiche Herr trat mit dem +Ministranten zum Altar und las uns die heilige Messe selbst mit +grosser Andacht. Da sagte mir meine Mutter ins Ohr: "Bete huebsch +fromm, Johannes, der stehende alte Ritter ist der alte Laurenburger, +dein Grossvater, bete huebsch fuer ihn!" Nun hatte ich den Mut nicht +mehr, nach dem Bilde zu schauen, und ward mir mein Grossvater von +damals an ein gar ernster und sorglicher Gedanke, aber ich habe zum +ersten Male gebetet mit einer recht innerlichen Herzensangst, wie +frueher nie; warum ich aber so gebetet, kann ich mich nicht mehr +deutlich entsinnen. + +Da die Messe zu Ende war, fragte ich meine Mutter wieder nach dem +steinernen Bilde mit den Worten: "Mutter, was macht denn der alte +Laurenburger da?" Aber sie antwortete nicht, und sah mit nassen +Augen den knienden Ritter an, dem ich das Kraenzlein aufgesetzet. Als +ich sie nochmals fragte, sagte sie: "Der alte Laurenburger tut, was +ich dir gestern abend tat, da ich dich im Bette mit dem heiligen +Kreuze bezeichnete." Da fragte ich sie weiter: "Will denn der alte +Laurenburger auch schlafen gehn?" Und sie sprach: "Ja, er will +schlafen gehn in die ewige Ruhe." Ich aber fragte weiter: "Will denn +der kniende Ritter auch schlafen gehn?" Da sprach sie: "Ach, Gott +gebe ihm ein seliges Erwachen, so er schon schlaeft!" und ward wieder +sehr traurig, und hob mich hinauf an dem Bilde, mit den Worten: +"Kuesse den Knienden, habe ihn recht lieb, es ist dein guter Vater." +Da kuesste ich ihn herzlich und setzte ihm das Kraenzlein zurecht auf +seinem Haupt, wollte ihn auch nicht lassen. Meine Mutter aber +behielt mich auf dem Arme und trug mich aus der Kirche hinaus, und +haette sie schier auch ihren Korb vergessen, der noch bei dem Bruder +Sulpizius stand. Der aber kam uns nachgelaufen und brachte den Korb; +da war ein schoenes weisses Klosterbrot drinnen und ein Krueglein voll +Weins, das schenkte uns der Herr Abt. + +Sie dankte und ging ruhig mit mir links dem Walde zu, einen andern +Weg, als wir hergekommen waren. Sie hatte den Korb am rechten Arme +und trug mich auf dem linken; ich sagte ihr, dass ich nicht muede sei, +und es ihr sauer werde, sie solle mich gehen lassen. Aber sie wollte +mich nicht loslassen, und ich merkte in ihr eine geheime Lust, mich +zu tragen, und sie schloss mich manchmal fester mit dem Arme an ihre +Brust, so dass ich den Schlag ihres Herzens fuehlte. Da ward ich mir +so recht lebendig ihrer Liebe bewusst, und genoss ihrer Guete mit +kindlicher Freude; denn sie pflegte mich sonst nicht zu tragen, weil +sie, wenn gleich gross und schlank, doch durch manche Sorge und +Nachtwache entkraeftet war. Sie war zart und weiss mit langen blonden +Haaren, und wie goldne Strahlen waren die Wimpern ueber ihren reinen +blauen Augen, die mich noch immer mit Friede, Liebe und Warnung +anblicken. Ja, ihr liebes Angesicht war wie ein durchsichtiges +Fensterlein ihres Herzens, aus dem ihre Seele mit jeder innern +Bewegung erroetend und erbleichend zum Himmel schaute. Ihr Mund aber +war ruhig und zart geschlossen, und erregte eine zuechtige Ehrfurcht. +Ich sage dies hier; denn ich werde nimmermehr vergessen, mit welcher +Liebe ich damals ihr edles Angesicht betrachtete, und wie gut und +holdselig sie aussah, da sie mich so zaertlich durch die freie Luft +ueber die gruene Wiese hintrug, und meine Haerlein und ihre langen +blonden Haare in dem Winde durcheinanderflogen, und die Lerche ueber +uns, gegen die Sonne schwebend, lobsang. Da war mir unendlich wohl, +und meine Sehnsucht, sie nicht zu ermueden, ward so inbruenstig, dass +ich glaubend fuehlte, ich ermuede sie nicht, und, mit ihren Haaren +spielend, zu ihr sagte: "Liebe Mutter, bin ich nicht recht leicht? +Mir ist, als traeume ich, ich floege." Sie aber antwortete nicht, als +mit einem zaertlichen Druck ihres Arms, und ich begann ihr ihre Haare +in Zoepfe zu flechten, dass ihr der spielende Wind nicht beschwerlich +fallen moege, und sie liess es mit freundlichem Hinneigen ihres Kopfes +gern geschehen. Da ich aber fertig war und sie mich durch den Wald +unter den Baeumen hintrug, brach ich einen gruenen Eichenzweig ab, wand +ihn in einen Kranz, und setzte ihn ihr auf das Haupt mit den Worten: +"Liebe Mutter, nun bist du geschmueckt wie der kniende Ritter in St. +Joergen Kapelle, nun hast du auch ein Kraenzlein auf, und wenn er uns +nun durch den Wald entgegengeschritten kaeme, wuerdet ihr euch beide +wohl sehr aneinander erfreuen ueber die schoenen Kraenze?" Meine Mutter +aber antwortete nicht und ging traurig fort, worueber ich auch betruebt +wurde. + +So zogen wir still und einsam wohl eine Stunde lang durch den dichten +Wald, als waeren wir die einzigen Menschen auf der Welt, und haetten +nicht viel Freude. Nun ward es lichter in den Zweigen, und der Wald +endete sich gegen den Rand des Berges, der sich in das einsame +Lahntal senkte; hier kuesste mich die Mutter und liess mich an die Erde. +Wir standen aber auf einer gruenen Waldwiese, die ein frischer Quell +erquickte, der mit Umwegen an dem mannigfaltig unterbrochenen Abhange +zu der Lahn hinabeilte. Wo wir standen, war die Gegend sanft und +mild, ein grosser alter Birnbaum hing schwer voll gelber Birnen, und +um ihn her standen mehrere Vogelbeerbaeume, die mit ihren +feuerfarbenen Fruechten lustig gegen den dunkeln Wald abstachen; +ausserdem begrenzten und durchschnitten den Platz mancherlei +Fruchtstraeucher, Haselbuesche, Johannis--und Klosterbeerstraeucher, und +ich hatte die Fuelle zu brechen und zu geniessen. Gegen uns ueber +erschien die Gegend ernster. Das Lahntal schliesst, von diesem Punkte +gesehen, den Spiegel des Flusses mit einer Kruemme wie einen +tiefliegenden See ein, und die Berge lagen, mit dunklem Walde bedeckt, +streng und finster um diesen her, als haetten sie tiefsinnige +Gedanken ueber ein Leid, das hier geschehen. Die Mutter stand stille +und schaute ruhig in die Gegend hinein, ich hatte aber den Deckel des +Korbes genommen, ihn mit breiten Haselnussblaettern bedeckt, und +sammelte mit aengstlichem Fleisse die schoensten Brombeeren und +Himbeeren, und was sonst an wohlschmeckenden Traeublein zu reichlicher +Lese sich darbot. Zwischen der Arbeit schaute ich oft nach ihr, sah +auch mit Freude, wie der Anblick der Gegend ihr Antlitz zu erheitern +schien, und als ich meine Ernte ihr darbot, laechelte sie freundlich, +strich mir mit der Hand ueber die Stirne und sagte: "Schoenen Dank, +Johannes, du bist ein gutes Kind." + +Dann fuehrte sie mich rechts dem Dickicht zu, wo wir nach wenigen +Schritten vor einer kleinen verlassenen Huette standen; der Efeu hatte +frei die Waende umrankt, und selbst die verschlossene Tuer mit seinem +Gitter umzogen. Die Mutter hob mich an einem alten Wacholderbaum in +die Hoehe, der neben der Tuere stand, und ich musste ihr aus einem Loche +in demselben einen Schluessel holen, mit welchem sie die Tuere +aufschloss, nachdem ich ihr geholfen hatte, die Efeuranken behutsam, +ohne sie zu zerreissen, von der Tuere abzuloesen. Nun gingen wir durch +eine kleine, geraetlose Kueche in eine viereckte Stube. Ich trat mit +Scheu hinein; denn die wenigen Strahlen, welche durch die +verschlossenen Fensterladen fielen, zeigten mir allerlei grosse Voegel +an den Waenden in unbestimmtem Lichte. Meine Mutter aber stiess +sogleich einen Fensterladen auf, und da sah man nach der andern Seite +des Lahntals, wo das alte Laurenburger Schloss aus schwarzem Bergwald +hervorragte. An den Waenden der kleinen Stube sah ich auf +eingemauerten Hirschgeweihen vielerlei ausgestopfte Voegel befestigt, +und besonders eine Reihe alter Falken; ausserdem lehnten und hingen +mancherlei Jagdgeraete, Armbrust, Speere, Netze u. dgl., in schoener +Ordnung um einen einfachen Betschemel, der vor dem holzgeschnitzten +heiligen Hubertusbilde stand. Da war St. Hubertus abgebildet, wie er +vor einem Hirsche kniet, der ihm mit einem Kreuze zwischen den +Geweihen auf der Jagd entgegengetreten, da ihm der Herr sein wildes +Herz geruehrt. Ich betrachtete alle diese Dinge, die ich frueher nie +gesehen, mit bangem Staunen, waehrend meine Mutter, auf einem +hoelzernen Stuhle sitzend, still dem Fenster hinaus nach der +Laurenburg sah. Alles, was mir seit dem letzten Abend begegnet war, +hatte die ruhige Folge der gewohnten Eindruecke in meiner Seele +unterbrochen, und wenn ich jetzt zurueckgedenke, moechte ich meine +damalige Empfindung wohl dem Gefuehl eines Rades vergleichen, wenn es +in der Muehle ploetzlich lebendig werden und sehen koennte, wie es sich +selbst und alle die andern Raeder sich mit ihm herumdrehen, ohne sich +doch gleich vorstellen zu koennen, was es selbst und die andern Raeder +eigentlich sollen, und was ueberhaupt eine Muehle ist. Besonders aber +befremdete es mich, dass meine Mutter mit allem dem Geraete der Huette +ganz vertraut war, und in der Huette tat, als waere sie immer darin +gewesen; darum fragte ich sie mit den Worten: "Liebe Mutter, bleiben +wir nun hier, ist dies auch unser Haeuslein? Dann will ich uns einen +kleinen Garten bauen und ein Vogelsteller werden." Da entgegnete sie +freundlich: "Was willst du dann mit den Voeglein anfangen?", worauf +ich sagte: "Ich will sie das Vaterunser beten lehren." Da fragte sie: +"Weisst du denn, wo dein Vater ist?" Und ich antwortete: "Im Himmel." +Nun nahm sie mich zu sich, und ich musste mich zu ihren Fuessen +setzen, und da erzaehlte sie mir ohngefaehr das, was ich hier weiter +niederschreibe. + +Wenn ich auch gleich jedes ihrer lieben Worte jetzt, da ich erwachsen +bin, nicht mehr so recht eigentlich wissen kann, duerfte es doch nicht +viel anders gelautet haben; denn ich habe mir alles scharf in das +Gedaechtnis gefasst, und es mir oft wieder von ihr erzaehlen lassen, so +dass wohl eher zu viel als zu wenig hier stehen mag. Sie sprach aber: +"Lieber Johannes, du hast mich seit gestern wohl trauriger als je +gesehen, denn ich dachte gestern, da die Arbeit vollendet war, schon +daran, wie ich heute alle die Wege gehen wuerde, die du mit mir +gegangen bist. Du hast mich auch gestern abend gefragt, warum ich +weine, da ich vor deinem Bettlein stand, aber ich habe dir keine +Antwort gegeben, sondern nur mit dir gebetet, damit wir ruhig +schlafen moechten. Jetzt aber will ich dir vieles erzaehlen; denn ich +glaube, es wird dir frommen, wenn du frueh weisst, wie auf Erden viel +Traurigkeit ist, und im Himmel allein die Freude, die wir durch +unwandelbare Treue und Staerke in dem irdischen Leide allein verdienen +koennen. Du wirst dann deine Sinne immer mehr zu Gott wenden, und +dich fuehren lassen von seinen Engeln auf Erden, dem Glauben an Jesus, +der Hoffnung auf Jesus, und der Liebe zu Jesus, deren Gespielen sind +die Einfalt, die Demut, die Unschuld und die Wahrheit. Auch sollst +du nicht traurig sein um des Leides willen, das dich auf Erden +treffen wird, nein, nur um deine und aller Schuld, deren Strafe das +Leid ist. Auch sollst du nicht trauren um deinen Schmerz, sondern +allein um die Leiden deines Erloesers am Kreuze, an dem er gestorben +ist wie ein unschuldiges Lamm, das dahinnimmt die Schuld der Welt, +und zu dieser Versoehnung sollst du dich wenden, und fest an sie +glauben und auf sie hoffen, und dich rein erhalten von aller Suende, +damit du deine Seele nicht wieder befleckest, die dein Jesus, dein +Erloeser, dein Heiland, dein Gott dir mit seinem heiligen Blute rein +gewaschen hat; dann wird dein Glaube, dein Vertrauen alles Leid +ueberwachsen, und du wirst dir ein freudiges Herz erkaempfen zu deinem +Gott, der dich erschaffen hat im Vater, erloeset im Sohn und +geheiliget im Heiligen Geist." + +Was mir meine selige Mutter, die schoene Laurenburger Els, in dem +Haeuslein meines seligen Grossvaters, des Voglers Kilian, auf der +Hirzentreu von sich und dem lieben Grossvater erzaehlt hat + +Diese Berghoehe heisst die Hirzentreu, und dieses Haeuslein, worin wir +sitzen, gehoerte meinem lieben seligen Vater, dem Vogelsteller Kilian, +den man weit und breit nur den guten Kilian und den frommen +Falkenmeister nannte. Er ist zu Gott gegangen vor zehn Jahren, und +liegt begraben auf dem Kirchhofe zu Kloster Arnstein. Er ist geboren +zu Kitzing in Franken, und hat sich dies Haeuslein hier selbst erbauet, +da er als ein Falkenier des Grafen von Nassau meine selige Mutter, +eines Jaegers zurueckgelassene Waise, zu seiner Hausfrau waehlte, und +sich hier mit ihr niederliess. Es stehet auch draussen im Garten noch +der Baum, an welchem mein Vater meine Mutter zum ersten Male gesehen; +da rettete er ihr das Leben; denn als mein Vater einen Hirsch +verfolgte, fand das erzuernte Tier hier meine Mutter, welche als ein +armes Maegdlein Kraeuter fuer die Klosterherren in Arnstein sammelte, +und fasste der Hirsch in seinem Grimm meine Mutter auf die Geweihe. +Mein Vater, der herzulaufend dieses sah, schoss einen Bolz von seiner +Armbrust nach dem Hirsch, und traf ihn nicht ohne Gefahr meiner +Mutter in das rechte Auge, und das verwundete Tier trat ihm, +geblendet, nun grade entgegen; da fasste mein Vater einen guten Mut, +und riss ihm die halbtote Jungfrau von dem Geweihe, legte sie unter +jenen Baum und erquickte sie an dem Baechlein, das hier entspringt. +Als sie sich wieder erholt hatte, sahen sie zu ihrer grossen +Verwunderung, dass der Hirsch neben ihnen im Gebuesche stand, und mit +Schmerzen das Haupt bald hin und her schwenkte, bald traurig zur Erde +senkte. Da ruehrte das niederrinnende Blut meinen guten Vater, er +trat zu dem leidenden Tiere, zog ihm den Bolz aus dem Auge, und wusch +ihm die Wunde mit Wasser aus, welches alles der Hirsch ruhig +geschehen liess. Als aber mein Vater die erschreckte Jungfrau nach +Kloster Arnstein begleitete, lief ihnen der Hirsch durch den ganzen +Wald nach, was sie beide sehr ruehrte und ihrem Gespraeche eine groessere +Vertraulichkeit gab. Vor Kloster Arnstein reichten sie sich die +Haende, und trennten sich mit der gegenseitigem Versicherung, +miteinander in christlicher Ehe zu leben. + +Nun machte sich mein Vater von seinen herrschaftlichen Diensten los, +baute mit Erlaubnis der Klosterherren diese Huette, und fuehrte meine +Mutter Agnes, als seine liebe Hausfrau, hinein. Der gute Hirsch war +durch die Huelfe, die ihm mein Vater geleistet, so mild und zahm +geworden, dass er ihm immer zur Seite war, wenn er hier an seiner +Huette mit der Mutter baute. Mein Vater pflegte dabei immer des +Hirsches krankes Auge, welches bald ausheilte, aber blind wurde. +Hernach, als meine Eltern hier wohnten, hielt sich der Hirsch immer +freundlich zu ihnen, und ich weiss noch recht wohl, dass er, wenn wir +assen, den Kopf hier zum Fenster hereinsteckte, und ich als ein Kind +ihm Brot gab. Einstens aber hoerte mein Vater ihn in der Nacht heftig +schreien; da stand er mit der Mutter auf, und sie gingen hinaus, zu +sehen, was dem guten Tiere fehlte. Er war aber im Kampf mit andern +Hirschen, welche ihm seines blinden Auges wegen ueberlegen waren, so +heftig verwundet, dass er mit anbrechendem Tage zu den Fuessen meiner +Eltern starb. Wir weinten um ihn, wie um einen treuen und dankbaren +Freund, und hat ihn mein Vater unter demselben Baume, wo er ihn +geschossen, begraben, sein Geweih aber in den Baum so befestigt, dass +es, zu ewigem Gedaechtnis in denselben verwachsen, noch zu sehen ist, +und hat mein Vater diese Huette wegen des treuen Hirschen Hirzentreu +genannt. + +Meine gute Mutter ist auch bald gestorben, und ich war noch ein so +kleines Maegdelein, dass ich nicht recht wusste, was Sterben ist. Ich +erinnre mich noch recht wohl, dass ich auf ihrem Bette sass, als sie +krank war, und ihr die Fliegen wehrte und ihr alle die kleinen Gebete +und Sprueche, die sie mich gelehrt, vorsagte, und meinem Vater zur +Hand ging, sie zu pflegen, soviel es ein Kind vermag. Da ich nun oft, +wenn meine Mutter Arzneikraeuter suchte, mit ihr im Walde gewesen war, +und sie mir dabei allerlei Heilkraefte der Pflanzen mitgeteilt hatte, +so war meine Seele damals so erfuellt von der Begierde, ihr zu helfen, +dass ich einstens in der Nacht vor einbrechendem Tage in den Wald +hinauslief, um ihr einige Kraeuter zu suchen, von welchen mir getraeumt +hatte. Ich lief lange herum und suchte mit unbeschreiblicher Angst +die Kraeuter, welche ich mich vorher gesehen zu haben nicht erinnerte. +Schon stand die Sonne hoch am Himmel, und ich war weit von unsrer +Huette verirrt, aber ich vergass, vor Begierde, das Arzneikraut zu +finden, meinen Hunger, und als ich endlich in grosser Ermuedung +niederkniete und mit Traenen zu dem lieben Jesuskinde betete, es moege +mir doch das Kraut suchen helfen, ich wolle ihm auch mein Brot +schenken, bin ich darueber vor Muedigkeit entschlafen. Nach einigen +Stunden erwachte ich, und sah eine schoene edle Frau vor mir stehen; +ein Diener fuehrte ihr Ross, auf welchem ihr Soehnlein sass, und war sie +abgestiegen, als sie mich so allein im wilden Walde liegen sah. Sie +fragte mich, wer ich sei, und da ich ihr gesagt, ich sei Voglers Els +von der Hirzentreu, und heute frueh ausgegangen, ein Kraeutlein fuer die +kranke Mutter zu suchen, kuesste sie mich und sagte, dass sie mich +heimfahren wolle mit sich nach der Laurenburg, denn sie war die +Hausfrau des alten Laurenburgers, deine Grossmutter; von da wolle sie +mich ueber die Lahn nach der Hirzentreu bringen lassen. Sie setzte +sich nun auf das Ross und nahm mich vor sich auf des Pferdes Hals; ihr +Soehnlein aber, Joerg, sass hinter ihr und hatte sie mit den Armen +umfasst. + +So zogen wir ein Stueck Wegs nach dem Lahntal hinab, und hatte ich +schier auch alles vergessen; denn das Reiten, die fremde Frau und ihr +Soehnlein, das mancherlei kleine Lieder mit ihr sang, beschaeftigten +meine Seele. Aber der Hunger fing mich an zu druecken, und ich +bemerkte mit Weinen, dass ich mein Brot nicht mehr in meiner Tasche +fand. Da fragte mich die Edelfrau: "Els, was weinst du?" und ich +sagte ihr: "Ich hungre, denn ich habe dem Jesuskind mein Brot gegeben, +und das Kraeutlein von ihm erhalten, aber nun habe ich das Kraeutlein +verloren und hungre", und dabei verlangte ich heftig, sie moege mich +in den Wald zuruecklassen, das Kraeutlein zu suchen. Ich musste der +Edelfrau das Kraut aber beschreiben, denn seinen Namen wusste ich +nicht. Da sagte sie auf einmal: "Mein liebes Kind, du hast wohl +getraeumt, aber die Barmherzigkeit Gottes ist gross, denn sieh, mein +Diener traegt ein solches Kraut in einem feuchten Tuche eingeschlagen +in seinem Wadsack auf dem Ruecken; dies Kraut aber waechst nicht hier +zu Lande, sondern habe ich es im Kloster Arnstein, wo ich zur Beichte +war, von dem Gaertner erhalten, der es von einem Priester aus fremden +Landen jenseits des Meeres hat." Da musste der Knecht den Wadsack +oeffnen, und siehe da, es war dasselbe Kraut darinnen, das ich im +Traume gesehen. Meine Freude war unaussprechlich, und die gute +Edelfrau befahl dem Knechte, sogleich das Kraut meinem Vater zu +bringen, und ihm zu erzaehlen, wie ich es gesucht, und wie mich die +Edelfrau mit nach der Laurenburg genommen. Der Diener kannte meinen +Vater gar wohl und lief mit Freuden die Waldstege nach unsrer Huette +zu. Nun ritt die Edelfrau mit mir und ihrem Soehnlein allein vollends +zur Lahn hinab und an einer seichten Stelle hinueber nach der +Laurenburg, wohin der Diener bald auch kam und mich auf dem Kahne zu +meinen Eltern hieher zurueckbrachte. Die gute Edelfrau hatte mir +viele Liebe erwiesen und gab mir noch ein Krueglein mit altem Wein, +und einige staerkende Gewuerzkuechlein fuer die kranke Mutter mit, und +versprach, sie selbst morgen zu besuchen. Ihr Soehnlein aber, das +nicht zugegen war, als ich aus der Laurenburg ging, kam mir bis zum +Wasser nachgelaufen und gab mir einen ganzen Rosmarienstock, den er +aus seinem Gaertlein ausgerissen, und sprach: "Du Kleine, das stell an +deiner Mutter Bett, das ist ein guter Ruch, wenn man siech ist. +Elslein, komm wieder!" Da gab er mir die Hand, und wir schieden. + +Als wir auf Hirzentreu ankamen, trug mich mein Vater an der Mutter +Bette; die umarmte mich und sagte: "Els, ich habe den ganzen Tag +nicht leben und nicht sterben gekonnt aus Sorge, dass du verloren +seist; Gott aber hat mich wunderbar getroestet durch das, was +geschehen, und hat mir dein Vater von dem Kraute einen Trank gekocht, +der hat mich wunderbar erquicket." Da gab ich dem Vater den +Rosmarienstock, der pflanzte ihn in einen schoenen neuen Krug neben +der Mutter Lagerstaette, und nun nahm der Diener Abschied, nachdem er +den Wein und die Wuerzkuechlein dem Vater gegeben. + +Es war darueber Abend geworden, mein Vater gab der Mutter noch von dem +Weine und der Wuerze, und sie fand sich so gestaerkt, dass sie das +Abendlied mit dem Vater mit grosser Andacht leise mitsang, worueber ich +zu ihren Fuessen auf ihrem Lager entschlief. Gegen Morgen aber weckte +mich der Vater und sagte mir mit Weinen: "Wach auf, lieb Elslein, und +schau nach der Mutter, und gib ihr, was sie verlangt; sie ist gar +krank, und ich will nach Kloster Arnstein laufen um die letzte +heilige Wegzehrung fuer sie. Halte dich still, so sie schlaeft, und +bete still, und so sie es verlangt, reiche ihr zu trinken, auch +schaue nach dem brennenden Kienspan im Kamin, dass kein Unglueck +entsteht." Dann trat er zur Mutter, trocknete ihr das Antlitz und +sprach: "Gott erhalte dich, liebe Agnes, zu christlichem Geleite, ich +geh nach Kloster Arnstein; O wie ist dir, liebe Agnes?" Da sagte die +Mutter: "Ich lege wie ein Kind mein krankes Haupt in den Schoss dessen, +der gesagt hat: "Ich will euch troesten, wie einen seine Mutter +troestet", und ich habe das Vertrauen, er wird mich mit vollem Troste +von dir scheiden lassen; so gehe dann hin, und bringe mir den letzten +Trost!" Da kuesste sie der Vater und ging fort. + +Ich aber redete leise zu Fuessen des Bettes: "Mutter, darf ich zu dir +kommen?" Da sagte sie: "Ja, lieb Elslein, doch steh erst auf und +bringe mir das kleine Kreuz aus meiner Truhe; mich verlanget sehr +darnach." Geschwind eilte ich an die Truhe, doch der Deckel war so +schwer, dass ich ihn nicht erheben konnte; das klagte ich der Mutter, +die sagte: "Elslein, bete! Der dir das Kraut gebracht, das mich so +erquickte, wird dir auch helfen, die Truhe zu eroeffnen, so du ihm +vertrauest." Da fiel ich vor der Truhe auf die Knie und betete, +Jesus moege mir die Truhe eroeffnen, und Gott erbarmte sich meiner, ich +oeffnete die Truhe mit kleiner Muehe und brachte der Mutter das kleine +Kreuz. Es ist dasselbe, welches noch in Polsnich an meinem Bette +haengt, und unsre Truhe zu Haus ist auch dieselbe Truhe. Die Mutter +nahm das Kreuz in ihre gefalteten Haende und kuesste es, und drueckte es +an ihr Herz, und ich legte mich zu ihr auf das Hauptkissen und +drueckte meine Wange an die ihrige. Sie sprach nicht, sie fluesterte +betend, und so entschlief ich; bald aber weckten mich laute Worte von +ihr, und ich hoerte sie sagen: "Hueter, ist die Nacht schier hin? Wer +da? Gut Freund! Sei getrost! Ich bins! Fuerchte dich nicht! Herr, +bist du es, so heisse mich zu dir kommen auf dem Wasser!" und nach +diesen Worten bewegte sie sich muehsam im Traume. Ich verstand sie +nicht, und weckte sie mit Kuessen: "Lieb Mutter, was verlangt dein +Herz?" Da schlug sie die Augen auf und sagte: "O mein Jesus, ich bin +noch nicht bei dir! Elslein, mein Kind, sage, hast du den lieben +Heiland gesehn, wo ist er hingegangen?" Ich verstand sie nicht, und +suchte ihr das Kreuzlein in dem Bette, das ihren Haenden entfallen war, +und legte es ihr wieder in die Haende mit den Worten: "Herzmutter, da +ist der liebe Heiland." Da kuesste sie das Kreuz wieder, und sagte +dann: "Elslein, ich war allein auf einem Kahn auf einem grossen Wasser +eine lange, lange Nacht, kein Stern am Himmel, und sehnte mich nach +dem Tage; endlich sah ich ein Sternlein, das zog leise ueber das +Wasser, wie ein Waechter durch die Flur, und da rief ich mit aller +Macht: "Hueter, ist die Nacht schier hin?" und der Stern antwortete: +"Wenn der Morgen schon koemmt, so wird es doch Nacht sein; wenn du +schon fragest, so wirst du doch wieder kommen und wieder fragen." Da +kam es gegen mich ueber die Wogen geschritten, und ich sah, dass es +eine einsame Gestalt war. Da rief ich: "Wer da?" und es antwortete: +"Gut Freund!" Ach, da ward mein Herz so freudenvoll, und ich +gedachte: Sollte es wohl mein Jesus sein? Da sprach er: "Sei getrost, +ich bins, fuerchte dich nicht", und ich sprach: "Herr, bist du es, so +heisse mich zu dir kommen auf dem Wasser." Da winkte er mir, und ich +trat aus dem Kahn auf das Wasser, konnte aber den Herrn nicht +erreichen, der vor mir herschwebte, wie eine Wolke oder ein Schatten, +und wenn ich so recht mutig und begierig auf ihn zuging, und recht +glaubte, dass er es gewiss sei, dass er sich meiner erbarmen werde und +einen Eliaswagen vom Himmel rufen, mich zu sich hineinsetzen und zu +dem himmlischen Paradiese fahren werde, ach, da war er mir so nah, so +nah, dass ich schon das Wehen der Seligkeit fuehlte; dann kam aber +ploetzlich eine Welle und erhob sich ein Wind, und ich verzagte und +glaubte zu versinken auf dem Wasser, und wie meine Sorge wuchs, +schwand das Bild des Herrn vor mir in die Ferne, ja, es ward wieder +zu dem einsamen Stern, den ich zuerst gesehen, und auch der +verschwand. Da war ich ganz allein auf dem Wasser, und der Kahn +trieb zu mir her, da sah ich dich drauf sitzen und nach mir weinen, +und ich wandelte mit Muehe zu dir hin, und sass bei dir im Kahn, und +herzte dich, und du entschliefst in meinem Arme. Ich aber wachte, +und die Nacht ward wieder so lang, so lang. Da hoerte ich den +Fluegelschlag einer Taube durch die Luft, und ich rief abermals mit +grosser Sehnsucht: "Hueter, ist die Nacht schier hin?" Es flog aber +ein Taeublein ueber meinem Haupt, das rief zu mir: "Lege Fluegel der +Liebe an, und folge mir nach, deine Seele findet nicht, da sie ruhe +auf der Suendflut; sieh, der himmlische Noah strecket seine Hand aus +der gestirnten Arche, aus der du ausgeflogen, um dich wieder +hineinzunehmen; aber achte, dass dein Gefieder rein sei!" Da sah ich +den Himmel voll Sterne; aus dem blickten die Haende, die Fuesse und die +Seite des Herrn, und die heiligen fuenf Wunden leuchteten wie Rubin +und bluteten hernieder, und die Taube flog ihnen zu; ich aber hatte +Fluegel und breitete sie aus und wollte sie schwingen, aber sie waren +schwer und unrein; ich rief aber: "O Herr, nur einen Tropfen deines +Blutes auf meine Fluegel, und sie werden gereinigt sein." Und es floss +nieder zu ihnen, da waren sie rein, und ich schwang sie freudig, aber +du lagst in meinem Schoss; da wollte ich dich kuessen und Abschied +nehmen von dir, da schlangst du die Haende um mich und wolltest mich +nicht lassen, und deine Worte erweckten mich von dem seligen Traume." + +So erzaehlte mir die kranke Mutter, was ihr getraeumt, und ich hoerte +ihr mit noch groesserer Aufmerksamkeit zu, als wenn sie mir sonst eine +Geschichte erzaehlte. Da sie geendet hatte, sagte ich zu ihr: "Mutter, +das war sehr schoen, aber schlafe wieder ein, und wenn die Taube +wieder koemmt, so bitte sie, dass ich auch mit fliegen darf, ich will +auch recht beten; der mir das Kraeutlein gegeben, und mir die Truhe +geoeffnet, der wird mir auch gewiss Fluegel geben, dass ich mit dir +fliegen kann."--"Das wird er gewiss, liebes Elslein, so es dir gut +ist", sagte die Mutter, "aber wenn ich wieder einschliefe, und das +Taeublein kaeme wieder, und ich floege mit ihm fort, so wuerdest du gewiss +gern zurueckbleiben bei deinem Vater, dass er nicht allein sei, so ich +dich darum bitten wuerde." Da sagte ich zu ihr: "Ja, das will ich, so +du bald wiederkehrst, und mir etwas mitbringest." Sie aber +antwortete: "Ich werde nicht wiederkehren, doch werdet ihr mir +nachfolgen, und da wird alles voll Herrlichkeit sein; aber hoerst du, +Elslein, du musst mir den Abschied nicht schwer machen, und auch den +Vater troesten, wenn er weinen sollte, und ihm erzaehlen, wie ich dir +gesagt, dass ihr mir nachkommen werdet; denn das Taeublein wird bald +kommen, mir ist, als hoere ich schon seinen Fluegelschlag." Da kuesste +ich die Mutter und sagte: "Ich will tun, wie du willst, und will dein +gutes Elslein sein", und die Mutter kuesste mich wieder mit den Worten: +"O du gutes, gutes Elslein!" Dann bat sie mich, ihr das Lied von der +Taube zu sagen, das sie mich gelehrt; da sprach ich: + + +Hoer, liebe Seel! Wer rufet dir? +Dein Jesus aus der Hoehe: +"Komm, meine Taube, komm zu mir!" +Den Ruf ich wohl verstehe. + +Wenn ich soll deine Taube sein, +Musst du mir Fluegel geben; +Die wasch in deinem Blut ich rein, +Und werde glaubend schweben. + +Du rufest mir! Wie arm ich bin, +Darf ich zu dir doch kommen; +Die Maengel hat dein treuer Sinn +Ja all von mir genommen. + +Sag, Herr, wird auch ein Nestlein fein +Fuer mich bei dir gefunden? +"Ja, meine Taube, komm herein, +Wohn hier in meinen Wunden!" + +Mein Jesu, ach, was willst du mir +In deinen Wunden geben? +"Durch meine Wunden, sag ich dir, +Fliegst sterbend du zum Leben." + +Wohlan, es zielt des Todes Pfeil, +Er wird mich nicht verderben; +Zu deinen Wunden, Herr, ich eil, +Da werd ichs Leben erben. + + +Da ich der Mutter das Lied hergesagt, war sie leise wieder +eingeschlummert. Der Tag brach an, und ich nahm ein Zweiglein von +dem Rosmarienstock, der bei ihrem Lager stand, und gab es ihr zu dem +Kreuze in ihre gefaltenen Haende. Da flog auch die Turteltaube, +welche bei unserm Haus nistete, an das Fenster und pickte daran und +rief: "Ruckuck." Sie tat es sonst alle Morgen, denn ich streute ihr +Futter dahin, aber heute hatte ich nicht den Mut, und gedachte: Ach, +da koemmt die Taube schon, welche die Mutter mitnehmen will, aber ich +soll ihr den Abschied nicht schwer machen. So stand ich leise, leise +von der Seite der Mutter auf, und ging hinaus und kniete an dem +Baechlein in das Gras und betete fuer sie. Da hoerte ich ein Gloecklein +im Walde und sah bald meinen Vater kommen; der trug eine Leuchte, und +zwei Ordensherren gingen mit ihm, deren einer trug das Hochwuerdige +Gut, und der andere das heilige oel, und ihnen folgten einige fromme +Maenner und Frauen, die stille beteten. Da lief ich meinem Vater +entgegen und sprach: "Herzvater, die Himmelstaube ist schon da, +welche die Mutter abholen will; wir duerfen aber nicht gleich mit, ich +habe es ihr versprochen, bei dir zu bleiben und dich zu troesten, bis +wir nachkommen in die Herrlichkeit." Mein Vater verstand mich wohl +und trat mit dem Geistlichen in die Huette, ich aber blieb draussen und +betete mit den Begleitern. Hernach kam die Edelfrau von der +Laurenburg mit ihrem Soehnlein, dem Junker Joerg, ueber die Lahn zur +Hirzentreu, wie sie den Abend vorher mir versprochen, und derselbe +alte Diener war wieder bei ihr. Die Edelfrau ging zu meiner Mutter +hinein, der Junker aber blieb bei mir, und wir spielten im Gras an +der Quelle; er fragte mich auch nach dem Rosmarin, den er mir gegeben +fuer meine Mutter; da erzaehlte ich ihm von der Taube und von allem. +Nach einiger Zeit aber trat die Edelfrau heraus und nahm mich mit in +die Huette, da lag die Mutter ganz still, und der Vater kniete an +ihrem Bette und weinte; da ich zu ihm trat, hob er mich zur Mutter, +und sprach: "Agnes, segne das Elslein, ehe du scheidest", und er +legte der Mutter Hand auf mein Haupt. Die Mutter aber sagte: "Gott +segne dich, troeste den Vater, bis ihr nachkommet. Elslein, ich +fliege schon." Da sah sie mich mit unaussprechlicher Liebe an und +wendete dann den Blick zum Himmel. Ich sprach: "Geleit dich Gott, +lieb Mutter!" und weinte laut. Da trug mich die Edelfrau hinaus zu +ihrem Soehnlein, dem erzaehlte ich alles, und da ein paar Tauben +hinueber zur Laurenburg flogen, streckten wir beide kindisch die Haende +aus und riefen: "Da fliegen sie, da fliegen sie, geleit dich Gott, +liebe Herzmutter!" + +Hernach nahm mich die Edelfrau mit nach der Laurenburg, und ich blieb +bis zum andern Tag dort, da die Mutter schon im Kloster Arnstein +begraben war. Der alte Knecht aber war bei meinem Vater geblieben, +und war mein Vater einen ganzen Tag in Kloster Arnstein gewesen, des +Trostes der geistlichen Herren zu geniessen. Die Edelfrau ist auch +mit zu Grabe gewesen, und da sie nach der Laurenburg kehrte, brachte +sie ihren Herrn, den Ritter von der Laurenburg, und den aeltern Sohn, +Johann, mit welchem der alte Laurenburger bei dem Grafen zu Nassau +gewesen, der des Johann Taufpate war, und hatte die Laurenburgerin +ihnen auf der Heimkehr begegnet. Der Ritter war mir freundlich und +gab mir Wecken von des Grafen von Nassau Tisch, und da seine Hausfrau +ihm den frommen Tod meiner Mutter erzaehlet, war er sehr mitleidig mit +meinem Vater, und sprach: "Der Graf Johann hat noch heute zu Tisch +von dem frommen Falkenmeister gesprochen, und vor allen seinen +Dienern sein in Ehren gedacht, ich habe ihm auch versprechen muessen, +den Vogler von ihm zu gruessen, und will er ihm naechstens einen kranken +Falken schicken, dass er ihn pflege. Komm, Elslein", sagte der Ritter +dann zu mir, "ich will dich selbst zu deinem Vater bringen; es ist +noch hoch am Tage, und mag er wohl Trostes beduerfen." Da brachte +mich der Ritter wieder zur Hirzentreu, und ging Georg wieder mit. +Die Edelfrau aber blieb mit Johann zurueck; der sollte ihr von dem +Wesen des Grafen von Nassau erzaehlen. Wir fanden aber meinen Vater +mit dem Laurenburger Knecht vor der Tuere sitzen in stillem Gespraech, +und als dieser seinen Herrn herankommen sah, der mich auf dem Arm den +steilen Pfad herauf trug, stand er auf und trat beiseite; mein Vater +aber lief mir entgegen, nahm mich von des Ritters Armen und herzte +mich unter Traenen. Da sprach ihm der Laurenburger ehrlich zu und +getroestete ihn, so gut er es vermochte, setzte sich auch zu ihm auf +die Bank und erzaehlte ihm von des Nassauers Gunsten zu ihm, und +sprachen sie mancherlei, nicht als ein Ritter zu einem Knecht, +sondern als gute Nachbarn und Freunde, denn das Unglueck machet +Gesellen. Es war aber dem Laurenburger auch seine erste Hausfrau +mitsamt dem Kindlein in dem Kindelbett gestorben; deren gedachte er +mit vieler Liebe. Unter solchem Gespraech stand ich zwischen meines +Vaters Knien, und Georg neben dem Laurenburger, und spiegelten uns in +dessen blankem Brustharnisch, und lachten, weil es, hohl geschliffen, +unsre Gesichter auf mancherlei Weise verstellte. Dann sagte mir der +Vater ins Ohr, ich moege den Wein und die Wuerze von der Mutter +Tischlein bringen; da ging ich zur Stube, aber die war ganz anders +geworden; wo das Bett gestanden, stand der Betschemel und das +Altaerlein, und hing ein neu Muttergottesbild an der Wand, und an +demselben der Mutter und des Vaters Brautkraenzlein, ihre Spindel aber +stand vor meinem Baenklein, und war alles gar veraendert. Das hatte +meinem Vater der gute alte Laurenburger Knecht so geordnet, dass er +seines Leids desto eher vergessen und ein neues Leben anfangen moege. + +Nachdem ich mich genugsam ueber alles gewundert, nahm ich den Wein und +die Wuerze, was von dem Geschenk der Laurenburgerin noch uebrig war, +und brachte es dem Vater hinaus; der reichte den Krug dem Ritter. Da +trank der Herr, und musste ihm der Vater Bescheid tun. Auch sagte der +Ritter: "Das ist ein koestlicher Wein, den man wohl dem Kaiser bieten +duerfte; Ihr habt ihn wohl aus einem Klosterkeller? Einem Edelmann +waechst solcher Wein nicht um die Lanze, der schmeckt nach dem +Krummstab." Mein Vater laechelte und sagte: "Gnaediger Herr, Ihr habt +von dem Euren getrunken, aber er hat auf einem milden Fasse gelegen; +denn Eure liebe Frau Ida hat diesen Trunk meiner seligen Agnes zur +Labung gebracht, und wenn er Euch besser schmeckt als zu Haus, so +ists, weil Ihr Gottes Segen schmecket." Da trank der Laurenburger +nochmals, und sprach: "Wahrhaftig, in Gottes Segen soll man den Wein +legen, in Gottes Segen soll man des Weines pflegen, in Gottes Segen +gedeiht der Wein auf allen Wegen. Das Fass, aus dem Frau Ida diesen +Krug gefuellt, muss mir ebenso gut werden; Ihr muesst mir wohl erlauben, +dass ich es mit Euch hier oben austrinke, Kilian, da es mir so wohl +bei Euch geschmeckt." Da dankte mein Vater dem Ritter herzlich, und +sprach: "So Ihr einen armen Mann nicht verschmaehet, will ich Euren +Zuspruch hoch in Ehren halten, aber Ihr muesst dann auch von meiner +Wasserquelle hier trinken, da fliesst auch Gottes Segen drin." Nun +schied der Ritter freundlich von uns mit den Seinen, und ich ging mit +dem Vater in unser einsames Haeuslein, worin die Mutter nicht mehr war. + + +Ende dieses Project Gutenber Etextes "Aus der Chronika eines +fahrenden Schuelers" von Clemens Brentano. + + + diff --git a/old/7shlr10.zip b/old/7shlr10.zip Binary files differnew file mode 100644 index 0000000..fa90824 --- /dev/null +++ b/old/7shlr10.zip diff --git a/old/8shlr10.txt b/old/8shlr10.txt new file mode 100644 index 0000000..4a27c41 --- /dev/null +++ b/old/8shlr10.txt @@ -0,0 +1,1829 @@ +The Project Gutenberg Etext of Aus der Chronika eines fahrenden Schülers +(Zweite Fassung), by Clemens Brentano +#5 in our series by Clemens Brentano + +This Etext is in German. + +We are releasing two versions of this Etext, one in 7-bit format, +known as Plain Vanilla ASCII, which can be sent via plain email-- +and one in 8-bit format, which includes higher order characters-- +which requires a binary transfer, or sent as email attachment and +may require more specialized programs to display the accents. +This is the 8-bit version. + +Copyright laws are changing all over the world. 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Jetzt, da diese Erzählung mehr, ja selbst die altdeutschen +Röcke vor sich hat, fiel sie mir wieder in die Hände, und ich +versuche es, sie den Lesern vorzulegen mit der Erinnerung, daß sie zu +pädagogischen Zwecken entworfen worden, als ich von der sogenannten +Romantik noch wenig wußte, und daß sie daher neben den allerneuesten +Ritterromandichtern in ihrer redseligen Einfalt um Schonung bittet. +Sollte dem Leser, durch Eisenfresserei und Isländisches Moos verwöhnt, +diese Geschichte wie unsre deutsche Kamillen--und Hollunderblüte +nicht behagen, so bringe er sie einem kranken Freunde oder Mägdelein, +denen sie Gott gesegnen möge! + + + +Im Jahr, da man zählte nach Christi, unsers lieben Herrn, Geburt 1358, +am zwanzigsten Tage des Maimonats, hörte ich, Johannes, der +Schreiber, die Schwalbe in der Frühe an meinem Kammerfenster singen +und ward innigst von dem Morgenlied des frommen Vögeleins erbauet, +bedachte auch auf meinem Bettlein, wie die Schwalbe in daurender +Freude lebet, gegen den Winter in ferne wärmere Länder ziehet und, +der Heimat getreu, gegen den Frühling wiederkehrt; also nicht der +Mensch, der arme fahrende Schüler, der wohl viel gegen Sturm und +Wetter ziehen muß, ja der oft kein Feuer findet, die erstarrten Hände +zu erwärmen, daß er sie falte zum Gebet; aber so er es ernstlich +meinet, haucht er hinein. + +Da ich in solchen Betrachtungen versunken war und das Schwälblein +auch auf seine Weise fortphantasierte, wäre ich schier wieder +eingeschlummert, aber der Wächter auf dem Münster blies: "In süßen +Freuden geht die Zeit", welches ich hier noch nie gehöret; denn ich +war zum ersten Male in Straßburg erwacht. + +Nun richtete ich mich in meinem Bettlein auf, und schaute in meinem +Gemache umher; das hatte aber Fenster rings herum und war in einem +Sommerhäuslein des Gartens. Links stand der Mond noch blaß am Himmel, +und rechts war der Himmel wie das lauterste Gold. Da fand ich mich +zwischen Nacht und Tag und faltete die Hände, und es fiel mir freudig +aufs Herz, daß heute mein zwanzigster Geburtstag sei, und wie mir es +viel besser geworden als in dem letzten Jahre, da ich meinen lieben +Geburtstag auf freiem Felde in einem zerrissenen Mäntelein empfangen +und mit einem Bissen Almosenbrot bewirten mußte. O Freude und Ehre! +dachte ich bei mir selbst und schaute zum Morgenlichte hin und sprach: +"Du bist mein Licht, du wirst mein Tag!", glaubte auch schier in +meiner Einfalt, der Himmel sei golden um meines Besten willen, die +Schwalbe habe nur gesungen, mir Glück zu wünschen, und der Türmer +habe allein so lieblich geblasen mir zur Feier; da der Himmel sich +doch nur gerötet vor der Sonne, die der Herr gerufen, da die Schwalbe +doch nur gesungen in Gottes Frühlingslust, und der Wächter nur +geblasen zu Gottes Ehren, ja wohl gern noch ein Stündlein geschlafen +hätte, so es ihm von den Münsterherren verstattet wäre. Also wird +der Mensch leicht übermütig in der Freude, und glaubet, er sei recht +der Mittelpunkt aller Dinge, und sei er mit allem gemeint. Da ließ +ich die Augen fröhlich in der Kammer umherschweifen, und sah auf dem +Schemel ein neues Gewand liegen, das mir mein gütiger Herr und Ritter +Veltlin von Türlingen am Abend im Dunkeln hatte herauftragen lassen, +und konnte ich meine Begierde nun nicht länger zurückhalten, sprang +auf von meinem Lager, und legte diese Kleider nicht ohne Tränen des +Dankes an. Es war dies aber ein feines blaues Wams, um die Lenden +gefaltet und gestutzet, und rot und weißes Beinkleid von ländschem +Tuch, auch stumpfe Schuh und eine schwarze Kogel mit einer blauen +Feder, nicht zu vergessen ein Hemmet von weißem Hauslinnen, am Halse +bunt genäht und gekrauset, dergleichen ich vorher nie getragen. Da +ward es mir fast leicht und fröhlich zumute, und hätte ich wohl mögen +einen Sprung tun, als hätte ich einen neuen Menschen angezogen mit +dem neuen Kleide. + +Aber meine Hoffart währte nicht lange; denn mein zerrissenes +Mäntelein, welches ich als einen Vorhang vor das Fenster gehängt +hatte, erleuchtete sich durch die aufgehende Sonne, und alle seine +Löcher waren so viele Mäuler und alle seine Fetzen so viele Zungen, +die mich meiner törichten Hoffart zeihten. Es war, als sage das +Mäntelein zu mir: "O Johannes, bist du ein so eitler Kaufherr, daß du, +angelanget in den Hafen, des zerrissenen Segels vergißt, das dich in +denselben geführet? Johannes, bist du ein so stolzer Schiffbrüchiger, +daß du das Brett, welches dich mit Gottes Hülfe an ein grünes Eiland +getragen, mit dem Fuße undankbar in die Wellen zurückstößest? O +Johannes, du undankbarer Freund, willst du, gerettet, mich nicht auf +deinen Schultern in ein Gotteshaus tragen und aufstellen als ein +Gedächtnis, daß sich Gott deiner erbarmet?" + +Ach, das waren wohl harte und wahre Worte meines Mänteleins, und ich +nahm es mit Schämen von dem Fenster, und legte es um über meinen +neuen Staat, und faßte es fest mit den Händen um die Brust, als +wollte ich es um Verzeihung bitten, und ging mit dem Gedanken die +Treppe hinab in den Garten: Wenn ich ein armer fahrender Schüler +gewesen bin, so werde ich immer ein armer fahrender Schüler bleiben; +denn auf Erden sind wir alle arm und müssen mannigfach mit unserm +Leben herumwandeln, und lernen, und bleiben doch arme Schüler, bis +der Herr sich unser erbarmet, und uns einführet durch seinen bittern +Tod in das ewige Leben. + +Da ich nun in den Garten gekommen war, den ich vorher auch noch nicht +gesehen--denn mein gnädiger Herr und Ritter war den Abend spät mit +mir angekommen und ich im Finstern in mein Stüblein gebracht worden--, +konnte ich vor Staunen und Betrachten der neuen Dinge um mich her +auch nicht zum Gebete kommen. Ich fand mich von den schönen +Laubgängen, Zierfeldern und Pflanzen und den blühenden Bäumen schier +ebenso sehr überraschet als von meinem neuen Gewande. Ich fand mich +gleich einem neugebornen Kinde, welches mit allem spielet, und noch +nicht beten kann, und erst nach einiger Erfahrung in der Süßigkeit +des Lebens seine Hände zum Danke falten lernet. Der blühende Mal, +das lustige Singen der Vögel, die vielen jungen Kräuter und Blümlein, +die mit Taublicken vor der Sonne erwachten, der kühle Wasserstrahl, +welcher in einem mit bunten Kieseln und Muscheln ausgelegten Brunnen +tanzte, schienen mir alle so neu und wunderbar, als hätte ich +dergleichen niemals gesehen, und wußte ich auch nicht, was aus allem +diesem werden sollte. + +So wie die lieben Kinder durch die Blumen gehen und sie brechen, und +Kränze winden und sich bei den Händen fassen und mit den Kränzen im +Kreise tanzen, gleichsam selbst ein lebendiger Blumenkranz; wie sie +aber nicht gedenken der Frucht im treibenden Sommer, und der Ernte im +reichen Herbst, und des Todes in dem trüben, tiefsinnigen Winter: +also wandelte auch ich armer Schelm wie ein einfältiges Kind ohne +Witz durch den Garten und konnte vor großer Bewegung über mein neues +Glück, das mir gestern früh noch nicht geträumt hatte, nicht zum +Gebete gelangen. + +Mein freudiges Erstaunen wollte aber nicht lange dauern; denn als ich +meine Augen ersättiget hatte, ward es mir als einem Hungrigen, der +sich ohne Gebet zu einer reichlichen Mahlzeit gesetzet hat, welche +ihm Gott darum nicht gesegnet. Alle das häusliche, wohlgepflegte +Behagen des schönen Ziergartens erfüllte mich mit traurigen Gedanken, +und die Armut, die Einsamkeit meines eigenen Lebens trat mir in +dieser reichen Umgebung zum erstenmal recht lebendig vor die Seele. +Was mag trauriger sein als das Bild eines Bettlers, auf goldnem +Grunde gemalet? + +"O meine Mutter", sagte ich mir, "wer war sanfter und schöner, und +feiner und edler als du, wer war würdiger, zwischen Blumen zu wandeln, +als du, die wohl ihre Schwester und Gespielin sein konnte? Standen +die Tränlein nicht auf den Wangen wie die Tautröpflein auf diesen +Rosen, gingst du nicht durch den Wald wie ein Lüftlein durch die +Blüten, und waren deine Augen nicht getreu und süß schauend wie die +blauen Veilchen, deine Lippen nicht wie die rosinfarbenen Nelken, und +flog dein gelbes Haar nicht wie der Sonnenschein? Aber du mußtest +gehen wie Hagar mit deinem Ismael durch die Dornen in der Wüste. Ach, +warum ward nicht dir so ein Garten und so ein Haus, und warum +wohnest du zwischen fünf Brettern und zwei Brettlein und bist deines +Lebens nicht froh geworden noch deines Todes? Sie haben dir keinen +Kranz geflochten. Mir aber ist nichts geblieben als deine Zucht, und +ich kann dein nicht gedenken in Freuden, denn mir gehöret nichts als +die Armut, und ich habe keinen Säckel, aus dem ich dir das schönste +Grab könnte erbauen lassen von Marmelstein und Gold." + +Wie traurig ward ich da und wendete meine Augen von allem, was ihnen +wohlgefiel, und wollte nichts anschauen, weil sie es nicht mit mir +sehen konnte, weil sie ihre Augen nie mit so erlaubter Lust erquicken +konnte. Auch fiel es mir bittrer noch auf die Seele, daß ich eines +Ritters Sohn sei, ohne Wappen und ohne Waffen. Tränen füllten mir +die Augen, und Unwill erfüllte meinen ganzen Leib, der in dem neuen +geschenkten Gewand zu brennen schien, und ich spannte mein enges, +durchlöchertes Mäntelein so um mich, daß es noch mehr zerrissen. + +So schritt ich, als suche ich die Wildnis, nach einem einsamem +ungepflegten Teile des Gartens, und kaum stand ich im hohen Gras +unter hohen Linden, so konnte ich schon nicht mehr begreifen, wie +dieser innre Schmerz und Zorn in mich zum ersten Male in meinem Leben +gekommen sei, und gegen die Mauer des Gartens schreitend, sah ich an +derselben in einem tiefen Bogenraum ein Heiligenhäuslein angebracht, +darinnen war wohlvergittert ein buntgemaltes Schnitzwerk, die +Anbetung der heiligen drei Könige im Stall zu Bethlehem, aufgestellt. +Davor kniete ich nieder ins Gras und betete von ganzem Herzen. Da +zerrann bald all mein Leid und meine Hoffart vor dem Sohne Gottes, +der nackt und arm in einer Krippe vor mir lag, und dem doch die +Könige dienten. Wie fühlte ich mich in meiner Ungebärdigkeit +beschämt! Und da ich mich mit Tränen angeklagt hatte, dankte ich von +ganzem Herzen dem Herrn, daß er mich armen fahrenden Schüler nicht +vergessen, und mich durch seine Barmherzigkeit zu meinem gnädigen +Herrn und Ritter gebracht, gelobte auch, ferner mich aller Hoffart zu +enthalten und die Künste, welche ich durch seinen Beistand mit +schwachen Sinnen erlernet, zur Mehrung seines Reiches auf Erden treu +anzuwenden. + +Da ich nun nach solchem Gebete einen merklichen Trost in meinem +Herzen spürte, nahm ich ein gülden gewirktes Band, worauf das Ave +Maria stand, aus meinem Gebetbüchlein, und hängte es, durch das +Gitter langend, dem Bilde der Jungfrau Maria über den Arm, als das +Opfer eines törichten Menschen, der vor ihrem Sohne betend Trost +gefunden hatte. Dieses Band aber war mir das Liebste, was ich hatte. +Eine fromme Klosterfrau, meiner selgen Mutter Befreundte, hatte es +mir einst für ein Lied, das ich ihr gedichtet und gesungen, +geschenket, und war es zu Marburg an St. Elisabethen Grab angerühret +worden; ich aber hatte es bisher als einen Blattzeiger in meinem +Gebetbüchlein geführet. Dann nahm ich auch mein Mäntelein ab, und +rollte es zusammen in einen langen Wulst und flocht es durch die +obern Stäbe des Gitters vor dem Bilde, als einen aufgerollten Vorhang, +zum Gedenken meiner zeitlichen Armut, welche durch Gott sich in +Freud und Fülle gewandelt hatte. Nun wendete ich mich nach dem +Garten zurück, der mir ganz anders erschien als vorher. + +So mag nichts vor dem Gemüte des Menschen bestehen, welches alles +nach sich umgestaltet. Jetzt, da ich gebetet hatte, erschienen mir +alle die roten, leibfarben und weißen Blümlein des Gartens jene +Blumen, durch die der König Ahasverus in seinem Schloßgarten zu Süsan +gewandelt, seines Zornes zu vergessen. Ja, es war mir, als sei der +liebe Gott durch diese Blumen gegangen und habe seinen gerechten Zorn +über meine Ungebärde hier an der Lieblichkeit seiner Werke +gesänftiget; denn hier an diesem ersten Morgen meines zwanzigsten +Jahres ist mir vieles Licht in der Seele aufgegangen, und ist mir der +Frühling ein weiser Lehrer geworden. + +Besonders aber hat mich der hohe Münsterturm erschüttert, als ich aus +einem schattichten Baumgang hervortrat und ihn über die Dächer der +Nachbarhäuser auf mich niederschauen sah. War mir es doch im Anfang +so bange vor ihm, wie es einer Grasmücke sein muß, wenn ein Riese den +Busch über ihrem Neste öffnet und auf sie niederblickt. Alles +Menschenwerk, so es die gewöhnlichen Grenzen an Größe oder Vollendung +überschreitet, hat etwas Erschreckendes an sich, und man muß lange +dabei verweilen, ehe man es mit Ruhe und Trost genießen kann. + +Ich habe dieses aber nicht allein bei dem Anblick dieses +schwindelhohen Turmes empfunden, sondern auch bei gar lieblichen und +feinen Werken, von welchen ich nur nennen will die überaus feinen und +natürlichen Gemälde des Malers Wilhelm in Köln, der von den Meistern +als der beste Meister in allen deutschen Landen geachtet wird, denn +er malet einen jeglichen Menschen von aller Gestalt, als lebe er. +Die Werke dieses Wilhelms aber, die ich zu Köln gesehen, sind +dermaßen zart, fein, scharf und lebendig, daß man schier glauben +sollte, sie seien von Händen der Engel gemacht, und erbebet man bei +ihrem Anblick, weil sie zu leben scheinen und doch nicht leben. Man +fühlet da wohl, daß der Mensch etwas sein und schaffen kann, was viel +herrlicher ist als sein gewöhnliches Sein und Schaffen, und man +erschrickt darüber, daß diese Herrlichkeit so fremd und selten ist; +daher wohl eine Menge Sprossen auf der Leiter zu dieser +Vollkommenheit wo nicht fehlen, doch unsichtbar sein müssen und wir +alle wohl tief herunter geworfen sind. + +Die gewaltige Künstlichkeit des wunderwürdigen Münsterturms hätte +mich beinahe wieder niedergeschlagen; denn ich bedachte mit +Verwunderung, wie ich doch unter den hohen Eichen, in finstern +Wäldern, auf hohen Bergen, an steilen Abgründen und bei stürzenden +Wasserfällen in einsamen Tälern recht in Einöde, ja ganz verlassen, +auch wohl gar hungrig gesessen und mich doch nicht so bewegt gefühlt +als bei dem Anblick dieses Turmes. Wenn ich die Blätter und Zweige +der Bäume betrachte, so frage ich nicht, wie sie da hinauf gekommen, +und erschrecke nicht, wenn sie sich hin und her bewegen mit Rauschen; +aber wenn ich diesen wunderbaren Turm anschaue mit seinen vielen +Türmlein, Säulen und Schnörkeln, die immer auseinander heraustreiben +und durchsichtig sind wie das Gerippe eines Blattes, dann scheint er +mir der Traum eines tiefsinnigen Werkmeisters, vor dem er wohl selbst +erschrecken würde, wenn er erwachte und ihn so fertig vor sich in den +Himmel ragen sähe; es sei denn, daß er auf sein Antlitz niederfiele +und ausriefe: "Herr, dies Werk ist nicht von mir in seiner +Vollkommenheit, du hast dich nur meiner Hände bedienet, mein ist +nichts daran als die Mängel, diese aber decke zu mit dem Mantel +deiner Liebe, und lasse sie verschwinden im Geheimnis deiner Maße." +Keiner aber hat dieses wohl erlebet, keiner hat einem solchen Werke +seiner Erfindung die Krone aufgesetzet, ganze Geschlechter sind von +den Baugerüsten herabgestiegen und haben sich zu Ruhe in die Gräber +zu den Füßen des Turmes gelegt, der nichts davon weiß, und dasteht +ernst und steinern, der kein Herz und keinen Verstand hat, ja +eigentlich ein recht unvernünftiger Turm ist, und doch dasteht, als +wäre er aus sich selbst hervorgewachsen und brauche es keinem +Menschen zu danken. Dieser gewaltige Ausdruck der Erhabenheit aber +in einem solchen Werke, an welchem die Weisheit und Mühe und Andacht +von Jahrhunderten an unendlichen Linien des Gesetzes, des +Verhältnisses, der Not und der Zier mit halsbrechender Kühnheit +hinangeklommen, um auf dem Gipfel dem Herrn zu lobsingen, verbunden +mit seinem eigentlichen inneren Tode, so daß er, der alles durch sein +Dasein im tiefsten Herzen rühret, doch gar nichts davon mitempfindet, +das ist es, was seinem Anblick und der Erscheinung aller gewaltigen +Menschenwerke einen Schrecken beimischet. Es ist, als frage er: Was +bin ich, und warum bin ich, und was ist es, das dich also rühret in +mir? Was können wir ihm aber anderes antworten als: Die Werke des +Herrn sind unbegreiflich, er treibt uns, zu bauen und schaffen über +das Leben hinaus, denn wir waren unsterblich und vollkommen, und wir +sind gefallen in den Tod durch die Sünde; du Turm aber stehe, als ein +Zeuge, daß wir dunkel fühlen, was wir waren vor dieser Zeit, und daß +wir noch ringen nach unendlichem Ziel; so stehe du dann als ein +Träger unsrer Mühe und unsrer Buße zu Ehren unsres Heilands und +Seligmachers Jesu Christi, der uns erlöset hat durch sein bittres +Leiden und Sterben. Amen. + +Also gedachte ich in mir, und wenngleich umgeben von lebenden Bäumen +und Blumen, in welchen, wie selbst in den harten Felsen, eine Seele +zu wohnen scheint, welche mit dem Menschen atmet und fühlet, im +Frühling sich mit ihm freuet, und im Winter mit ihm trauert, konnte +ich doch meine Augen nicht von dem Turme wenden. Der Sinn des +Menschen strebet immer nach dem Unbegreiflichen, als sei dort das +Ziel der Laufbahn und der Schlüssel des Himmels; denn bewundern kann +der Mensch allein, und alles Bewunderung Erregende ist ein Bote +Gottes, der uns mahnet an das Licht, das wir verloren, und das uns +wieder verheißen ist durch das Blut Christi, so wir uns dessen +teilhaftig machen. Also ist mir auch immer alle meine Drangsal +erschienen als eine Sehnsucht nach einem bessern Leben, und alle +meine bittern Stunden waren nur die kalten, stürmenden Tage des +Winters, denen der liebliche Frühling, angekleidet mit Blumen und +Gesang, folget, so ich säe guten Samen und fülle meine Seele mit dem +Lobe Gottes. + +In solchen Betrachtungen wollte ich wieder nach dem Sommerhäuslein +gehn, sah aber meinen gnädigen Herrn und Ritter gar tiefsinnig mit +gefalteten Händen unter einem Baume im Sonnenschein sitzen, und +traute nicht, ihm vorüberzugehen, damit ich ihn nicht störe. Ich +stellte mich darum in seiner Nähe bescheidentlich an die Laubwand, +und nahm mein Barett in die Hände, erwartend, ob er seine Augen +vielleicht nach mir wenden möge. + +Der Anblick meines Herrn erweckte eine große Ehrfurcht in mir. Ich +hatte ihn gestern nicht recht gesehen, denn es dunkelte schon, da er +mich am Wege barmherzig zu sich nahm. Er hatte ein schneeweißes Haar +am Haupt und Bart, und mochten wohl viele Sorgen über ihn hingeflogen +sein. Ich erinnerte mich, nie einen so frommen alten Ritter gesehen +zu haben, der mit seinem ernsten und milden Antlitz ein solches +Vertrauen in mein Herz senkte. Gott gebe, daß ich also in Ehren grau +werden möge! dachte ich bei mir und fühlte mich mit ganzer Seele zu +dem lieben Herrn hingezogen. Er aber schien sehr betrübt zu sein, +seufzte auch oft und tief, und die kleinen Vöglein, die über ihm in +dem Baume so lustig sangen, konnten ihn nicht trösten. + +Da ich so eine Weile nach ihm hingesehen hatte, wendete er die Augen +zufällig zu dem Orte, an dem ich stand, und redete mich freundlich an +mit den Worten: "Wie ist dir, Johannes, daß du so stille dastehest?" +Worauf ich ihm entgegnete: "Ich wollte Eure Ruhe nicht stören, Herr; +Ihr scheinet mir in schweren Gedanken." + +Der Ritter aber sprach hierauf: "Johannes, wie gefällt dir deine neue +Heimat; bist du zufrieden bei mir?" + +Da sagte ich: "Herr, sollte ich nicht froh sein? Da ich nun weiß, wo +schlafen und wo Brot finden und wem dienen um des Herren willen, da +weiß ich nun auch, wen lieben, wem danken außer Gott, und für wen +beten außer für mich. Herr, meine neue Heimat gefällt mir wohl; Gott +gebe, daß ich auch ihr wohlgefalle, und ihrer würdig werde." Da +lächelte der Ritter und sprach: "Johannes, wenn dir deine Worte ernst +sind, so werden wir gute Gesellen sein, denn deine Rede gefällt mir +wohl. Aber was willst du tun, mir wohlzugefallen; was willst du mir +geben, da du nichts hast?" + +Hierauf erwiderte ich: "Herr, ich bleibe Euer Schuldner vor der Welt, +denn ich kann Euch kein Wams geben für das Wams, das ich durch Eure +Gnade trage; aber vor Gott gebe ich Euch einen guten Zahlmann, denn +vor ihm schenke ich Euch mein Herz." + +Da versetzte der Ritter scherzhaft: "Wenn ich dir nun auch mein Herz +geben wollte für das deinige, so behielt ich doch das Wams zugute; +wie dann, Johannes?" + +Worauf ich entgegnete: "Herr, Ihr rechnet so gestreng, als wolltet +Ihr mich versuchen in Gegenrechnung, und so muß ich dann schon sagen, +daß mein Herz gewiß nicht Wert hat gegen das Eure, welches geprüfet +ist durch lange Jahre, da das meinige arm ist und ohne Verdienst, ja +da ihm alles Gute, was es gewollt hat, nicht zugute kömmt, da es +keinen Wert hat, den es Euch mit sich geben kann, weil der Glaube an +die Barmherzigkeit des Heilands nicht mit dem Herzen geschenkt werden +kann und dieser Glaube allein doch ein Herz zu beseligen und selig zu +machen vermag. So nehmt es denn hin, wie es ist, und füget hinzu, +was man nicht mitgeben kann. Doch habe ich noch eine Gabe, deren ich +Euch genießen lassen will, und die Ihr mir nicht so leicht einholen +sollet; denn sie ist rasch und fliehet davon, auch werdet Ihr sie mit +allem Ernste nicht leicht verdrängen mögen; denn sie ist lieblich und +lustig anzuschauen, und könnte ich sie Euch wirklich zu eigen geben, +so würdet Ihr sie nicht gerne wieder lassen, eine also gute Gesellin +ist sie." + +Mein Herr, der sehr ernst geworden war, sagte hierauf, traurig vor +sich niederschauend: "Und was ist das vor ein Kleinod, Johannes, mit +dem du so prahlest?" + +Da erwiderte ich: "Herr, es ist meine Jugend; deren will ich Euch +genießen lassen, wie ich kann. Damit Ihr Euer Alter vergesset bei +mir, will ich Euch erfreuen mit mancherlei fröhlichen Reden und +Gedanken." + +Aber was ich da zuletzt gesprochen hatte, war wohl töricht und ein +schlechter Anfang meiner versprochenen erfreulichen Reden; denn mein +gnädiger Herr ward nun sehr stille und finster. Weil ich ihn an sein +Alter erinnert hatte, glaubte ich. Da redete ich ihn schüchtern an: +"Herr, ich habe Euch mit törichten Worten erzürnet." + +Er aber sprach: "Das hast du nicht getan, Johannes, du hast die +Wahrheit gesprochen, aber mir ist schwerer aufs Herz gefallen, was +mir lange schon darauf liegt, mein Unwert. Nun aber bedenke ich, ob +dein fröhlicher Mut mir wohl diese Last von der Brust nehmen wird; +aber das mag wohl nicht sein; hast du mich nicht gefunden hier im +Grünen, in einem lustigen Garten, von der lieben Sonne beschienen, +und angesungen von den unschuldigen Vögelein, nachdenklich und +betrübt? Wirst du können, was der Frühling nicht vermag? So du aber +Künste gelernt hast, die ich nicht besitze, so wirst du mein +Schuldner nicht bleiben, wenn ich gleich selbst ewig Gottes Schuldner +bleibe. Setze dich zu mir und sage mir treulich, wie du zur Armut +gekommen bist im Guten, und wie es sich mit dir begeben, bis ich dich +gestern an der Eiche gefunden habe im Blobsheimer Wald, und dann +sollst du ebenfalls von mir hören, warum ich betrübt bin." + +Da ich die große Freundlichkeit meines Herrn aus dieser Rede +vernommen hatte, faßte ich einen guten Mut, setzte mich zu ihm unter +den Baum, und sprach also: "Mein gnädiger Herr und Ritter, es gibt +keinen ehrlicheren Weg ins Leben als die Geburt, denn unser Heiland +ist ihn auch gewandelt, und so gibt es auch keinen ehrlicheren Weg +zur Armut, als in ihr geboren zu sein, denn auch unser Heiland ward +in ihr geboren, und so kam ich zur Armut, als ich zur Welt kam. Aber +ich bin doch nicht lang arm geblieben; denn ich fand eine +unaussprechlich liebe Mutter; die ließ mich an ihrem Herzen +schlummern, und sah auf mich nieder mit sorgenden Liebesblicken, und +weckte sie mich nicht mit ihren Tränlein, die auf mich niederfielen, +so weckte sie mich mit Küssen, und ließ mich ihr eignes Leben aus +ihren Brüsten trinken; o Herr, war ich nicht reich, wer ist reicher +als ein neugebornes Kindlein?--Ja, ich war so reich, daß ich meiner +lieben Mutter Freud und Leid verdoppeln konnte, was Ihr wohl aus +einem Liede vernehmen werdet, das meine Mutter oft sang, wenn sie +mich in frühster Jugend einschläferte, und habe ich es nach ihrem +Tode in ihrem Gebetbüchlein liegend gefunden; es ist aber gestellt, +bald als rede ein Kindlein zur Mutter, bald die Mutter zu ihm; nun +höret: + + +O Mutter, halte dein Kindlein warm, +Die Welt ist kalt und helle, +Und trag es fromm in deinem Arm +An deines Herzens Schwelle. + +Leg still es, wo dein Busen bebt, +Und, leis herab gebücket, +Harr liebvoll, bis es die äuglein hebt, +Zum Himmel selig blicket.-Und weck ich dich mit Tränen nicht, +So weck ich dich mit Küssen; +Aus deinem Aug mein Tag anbricht, +Sonn, Mond dir weichen müssen, + +O du unschuldger Himmel du! +Du lachst aus Kindesblicken, +O Engelsehen, o selge Ruh, +In dich mich zu entzücken! + +Ich schau zu dir so Tag als Nacht, +Muß ewig zu dir schauen, +Und wenn mein Himmel träumend lacht, +Wächst Hoffnung und Vertrauen. + +Komm her, komm her, trink meine Brust, +Leben von meinem Leben; +O, könnt ich alle fromme Lust +Aus meiner Brust dir geben! + +Nur Lust, nur Lust, und gar kein Weh, +Ach, du trinkst auch die Schmerzen; +So stärke Gott in Himmelshöh +Dich Herz aus meinem Herzen! + +Vater unser, der du im Himmel bist, +Unser täglich Brot gib uns heute, +Getreuer Gott, Herr Jesus Christ, +Tränk uns aus deiner Seite.-Du strahlender Augenhimmel du, +Du taust aus Mutteraugen, +Ach Herzenspochen, ach Lust, ach Ruh, +An deinen Brüsten saugen! + +Ich schau zu dir so Tag als Nacht, +Muß ewig zu dir schauen; +Du mußt mir, die mich zur Welt gebracht, +Auch nun die Wiege bauen. + +Um meine Wiege laß Seide nicht, +Laß deinen Arm sich schlingen, +Und nur deiner milden Augen Licht +Laß zu mir niederdringen. + +Und in deines keuschen Schoßes Hut +Sollst du deine Kindlein schaukeln, +Daß deine Kinder, so lieb, so gut, +Wie Träume mich umgaukeln. + +Da träumt mir, wie ich so ganz allein +Gewohnt dir unterm Herzen; +Da waren die Freuden, die Leiden dein +Mir Freuden auch und Schmerzen. + +Und ward dir dein Herz ja allzu groß, +Und hattest nicht, wem klagen, +Und weintest du still in deinen Schoß, +Half ich dein Herz dir tragen. + +Da rief ich: Komm, lieb Mutter, komm! +Kühl dich in Liebeswogen! +Da fühltest du dich so still, so fromm +In dich hinabgezogen. + +So mutterselig ganz allein +In deiner Lust berauschet, +Hab ich die klare Seele dein, +Du reines Herz, belauschet. + +Was heilig in dir zu aller Stund, +Das bin ich all gewesen; +Nun küß mich, süßer Mund, gesund, +Weil du an mir genesen. + +O selig, selig ohne Schuld, +Wie konnt ich mit dir beten; +O wunderbare Ungeduld, +Ans scharfe Licht zu treten! + +O Mutter, halte dein Kindlein warm, +Die Welt ist kalt und helle, +Und trag es fromm, bist du zu arm, +Hin an des Grabes Schwelle. + +Leg es in Linnen, die du gewebt, +Zu Blumen, die du gepflücket, +Stirb mit, daß, wenn es die äuglein hebt, +Im Himmel es dich erblicket. + +So lallt zu dir ein frommes Herz, +Und nimmer lernt es sprechen, +Blickt ewig zu dir, blickt himmelwärts +Und will in Freuden brechen. + +Brichts nicht in Freud, brichts doch in Leid, +Bricht es uns allen beiden. +Ach, Wiedersehen geht fern und weit, +Und nahe geht das Scheiden! + + +Als ich das Lied ganz hergesagt, waren ich und mein Herr Ritter ein +bißchen stille. Dann hob er an und sprach: "Du hast recht, lieber +Johannes, du warst recht reich, eine so liebe Mutter auf Erden zu +finden; das ist ein schönes Lied, aber es ist auch viel Trauer darin; +wer hat es denn also gesetzet, daß es am Ende so schmerzlich vom +Scheiden spricht?" + +Da sagte ich: "Mein Vater hat es gesetzt, als ich noch nicht geboren +war, da er von meiner Mutter scheiden mußte, und hat sie ihn nie +wiedergesehn, und kenne ich ihn auch nicht." Da brachen mir die +Tränen aus, aber mein gnädiger Herr fuhr mir freundlich mit der Hand +über das Haupt und sagte: "Sei wohlgemut! Ich will dein Vater sein, +das reicht auf Erden hin, Gott gebs!" Da küßt ich ihm die Hand und +fuhr fort: "Ach, Herr Ritter, solcher Reichtum an einer so lieben +Mutter war noch nicht genug; denn gute Leute nahmen mich auf ihre +Arme und trugen mich in die Kirche; da ward ich durch die heilige +Taufe aufgenommen unter die Kinder Gottes und ward gereinigt von +aller Sünde und ward teilhaftig der Versühnung unseres Herrn Jesu +Christi. Da ward ich erst reich über alle Maßen, da hatte ich das +ewige Leben und den Schlüssel des Himmels geschenket. Dann aber auch +ward mir gegeben viele irdische Herrlichkeit, und was zum Leben nötig +und lustig ist; denn ich ward gelehret, daß der Glanz der Sonne all +mein Gold sei, der Spiegel der Flüsse all mein Silber, die grünen +Wiesen mit ihren Blumen all meine Teppiche und Tapezereien, der +Himmel mit seinen blauen gestirnten Gewölben und der grüne hohe Wald +alle meine Gebäude und Hallen; ja endlich bin ich so reich geworden, +daß mir die ganze Welt offen stand, und alle guten Menschen meine +Diener warden, zu denen ich sprechen durfte: Gib mir dies, gib mir +jenes; und hatte ich auch keinen Herrn, als den Herrn aller Herren, +den lieben Gott, der mir das Leben zu einem Leben gegeben, und in +dessen Hände ich es, so der heilige Geist seine Gnade verleiht, und +mein Herr Jesus sich meiner erbarmt, ohne große Makel zurückzugeben +hoffe, und habe ich mir zum Spruche auf mein Schild erwählt--denn ich +bin eines Ritters Sohn--: + + +Der Himmel ist mein Hut, +Die Erde ist mein Schuh, +Das heilge Kreuz ist mein Schwert, +Wer mich sieht, hat mich lieb und wert." + + +Da lächelte Herr Veltlin und sprach: "Dein Hut ist besser als deine +Schuh, die wirst du dir bald ablaufen, aber dein Schwert ist das +mächtigste auf Erden und hat einen guten Waffenschmied gehabt, du +bist ein guter Ritter, und deine Fahrt mag friedlich abgehen, denn +die dich sehen, haben dich lieb und wert. Aber erzähl mir nun dein +Herkommen!" + +Da zog ich ein Buch aus meinem Buchbeutel und sprach: "Ich will es +Euch lesen, denn ich habe angefangen, es mir aufzuschreiben, und zwar +so recht ausführlich, wie es mir eingefallen, mit allerlei Rede und +Betrachtung; wie mir bewußt ward, daß es gewesen ist und gewesen sein +kann." Da sprach Herr Veltlin: "Du kannst schreiben? Johannes, das +kann ich nicht, und bin ich begierig zu hören, ob du auch alles so +aufgeschrieben, daß ich es wohl genießen mag; denn da die Schrift als +etwas Künstlicheres und dem Menschen Merkwürdigeres gegeben wird als +gewöhnliche Rede, die schnell dahin fliegt, so soll sie auch des +Aufbehaltens würdiger dem Menschen dargereicht werden, und also +wohlgesetzt und deutlich sein. Lies nun!" Da hob ich an: Chronika +des fahrenden Schülers Johannes Laurenburger, von Polsnich an der Lahn + + +Dieses Buch ist mir wert und lieb; +Wer es mir stiehlt, der ist ein Dieb. + + +Ich bin geboren am 20. Mai 1318 zu Polsnich an der Lahn; das ist ein +Hof, der gehört zum Kloster Arnstein, darin ich getauft wurde +Johannes. Meine Mutter selig wohnte in einem kleinen Häuslein vor +dem Hof, und nannte man sie die schöne Laurenburger Els; mein Vater +aber, den ich nie gesehen, war der Ritter von der Laurenburg, die dem +Kloster Arnstein gegenüber an der Lahn liegt. Was es aber für eine +Beschaffenheit mit ihm habe, will ich hier niederschreiben, so viel +ich erfahren, wenn ich zu der Zeit in meinem Leben gelange, da es mir +selbst bekannt worden. + +Das erste, dessen ich mich aus frühster Jugend von meiner Mutter +recht deutlich erinnre, ist, daß sie mich lehrte, mich mit dem +Zeichen des heiligen Kreuzes zu bezeichnen und die Hände zu falten +und das Vaterunser und den englischen Gruß zu beten. Sie sagte mir +die Gebete vor, ich schaute nach ihren Lippen und sprach ihr nach, +und ich erinnere mich noch recht sehr deutlich meiner großen Freude, +als ich zum ersten Male abends neben ihr an ihrem Betschemel kniete, +und diese heiligen Gebete mit ihr fertig und ohne Fehl sprach. Jetzt +noch, wenn ich bete, ist es mir oft, als schaute ich nach ihren +Lippen und spräche ihr nach. + +Sie war arm, fromm und arbeitsam, und wenn ich sie gleich später in +mancherlei Geschäft gesehen, schwebt mir ihr Bild doch meistens +betend, singend oder spinnend vor Augen. Wenn sie mich manchmal +abends schon im Bette entschlafen glaubte, wachte ich noch und +horchte auf das Schnurren ihrer Spindel und ihren rührenden Gesang; +denn sie saß spät auf, ihr Brot in Ehren zu verdienen. + +Der Anblick meiner holdseligen Mutter, wenn sie so bei Lampenschein +vor sich hinsang und spann, rührte mich oft bis zu Tränen; warum, das +weiß der liebe Gott gewiß, zu dem ich wohl zuhörend mit kindischem +Herzen für sie gebetet habe. + +Einmal weiß ich, daß ich gar sehr weinen mußte; als ich sie nachts +bei ihrem Rocken so vor sich hin singen hörte, da fing eine +Nachtigall vor unserm Fenster auch an zu singen; es war schon sehr +spät, und der volle Mond schien klar und hell. Meine Mutter aber +hörte nicht auf zu singen, und sang das Vögelein und sie zugleich. +Da habe ich zum erstenmal Traurigkeit empfunden und kindische Sorgen +um den Ernst des Lebens gehabt, die ich wohl noch fühle, aber nicht +auszusprechen vermag; da habe ich mich auch leise im Bette +aufgerichtet und meiner Mutter zugehört. Sie sang aber ein Lied, das +lautete also: + + +Es sang vor langen Jahren +Wohl auch die Nachtigall; +Das war wohl süßer Schall, +Da wir zusammen waren. + +Ich sing und kann nicht weinen +Und spinne so allein +Den Faden klar und rein, +Solang der Mond wird scheinen. + +Da wir zusammen waren, +Da sang die Nachtigall; +Nun mahnet mich ihr Schall, +Daß du von mir gefahren. + +So oft der Mond mag scheinen, +Gedenk ich dein allein; +Mein Herz ist klar und rein, +Gott wolle uns vereinen! + +Seit du von mir gefahren, +Singt stets die Nachtigall; +Ich denk bei ihrem Schall, +Wie wir zusammen waren. + +Gott wolle uns vereinen, +Hier spinn ich so allein; +Der Mond scheint klar und rein, +Ich sing und möchte weinen! + + +Besonders traurig aber kam es mir vor, daß der Vogel und meine Mutter +zugleich sangen und doch nicht recht miteinander, und hätte ich +damals wohl wissen mögen, ob der Vogel auch in seinem Gesange meiner +Mutter gedachte, und ob er auch lieber geweint als gesungen hätte. +Ich fragte darum meine Mutter mit den Worten: "Mutter, was singt denn +die Nachtigall dazu?" + +Da sagte sie: "Die Nachtigall sehnt sich und lobet Gott; also tue ich +auch. Aber, Johannes, warum wachst du? Schlafe, du mußt morgen früh +heraus und mit mir nach Kloster Arnstein gehn; wenn du nicht schläfst, +so nehme ich dich nicht mit." Da löschte sie die Lampe aus, und +trat vor mein Bettlein und machte mir das Zeichen des Kreuzes auf +Stirne, Mund und Herz und küßte mich, und da ich fühlte, daß sie +weinte, schlang ich meine Arme um ihren Hals und drückte ihr Antlitz +fest an das meinige, und da weinten wir beide. + +Ich fragte sie aber: "O liebe Herzmutter, was weinest du, und warum +machst du mir nochmals das Kreuz? Ich habe ja schon gebetet." + +"Lieber Johannes", sprach sie hierauf, "ich mache dir immer das Kreuz +und küsse dich, wenn ich schlafen gehe, daß dir Gottes und deiner +Mutter Segen in der Nacht zugute komme; aber du hast bisher immer +schon geschlafen, wenn ich es tat, und wußtest es darum nicht." Aber +warum sie weine, sagte sie mir damals nicht. Darauf entkleidete sie +sich und legte sich zu Bette, und betete laut, ich aber sprach ihr +nach: + + +Herr Jesus, ich will schlafen gehn, +Laß vierzehn Engel bei mir stehn, +Zwei zu meiner Rechten, +Zwei zu meiner Linken, +Zwei zu meinen Häupten, +Zwei zu meinen Füßen, +Zwei, die mich decken, +Zwei, die mich wecken, +Zwei, die mich weisen +Zum himmlischen Paradeise! + +Worauf wir ruhig einschliefen. + +Am folgenden Morgen wachte ich früher auf als die Mutter. Die +Schwalbe begann zu singen. Ich kleidete mich leise an und trat an +das Bett meiner Mutter; die hatte die Hände ruhig gefaltet, und der +junge Tag schien auf ihr Angesicht. Ihr Anblick erfüllte mich mit +Liebe und Trauer, denn ich hatte Barbara, die Tochter des Hofmeiers, +neulich also mit gefaltenen Händen stille im Sarge liegen sehn, und +ergriff mich eine so tiefe Angst, daß ich meine Mutter mit ungestümen +Küssen erweckte. Sie erwachte in meinen Armen, und als ich ihr die +Ursache meiner Tränen sagte, nahm sie meine Hände von ihrem Hals und +faltete sie, und schloß sie in ihre lieben Hände, und so beteten wir +zusammen zu Gott, und dankten ihm, daß er uns diese Nacht erhalten +und uns verliehen habe, diesen Tag zu unserer Besserung anzutreten. +Am Schlusse des Gebetes sagte die Mutter: "Du hast gefürchtet, ich +sei tot, Johannes; sterben müssen wir alle, halte dich an unsern +Herrn Jesum und die himmlische Mutter Maria, die werden dir Vater und +Mutter sein, besser als dein irdischer Vater und ich, wenn auch ich +dich verlassen muß. Und wenn ich einst die Hände so schließe, um zu +beten, da ich zur ewigen Ruhe entschlafe, so schließe auch deine +Hände so in die meinigen und bete mit mir, auf daß uns der Heiland +zusammen in die ewige Herrlichkeit seines Angesichts schauen lasse. +"-Da wurd ich still und trat an das Fensterlein unsrer Kammer und sah +nach dem kommenden Tag. Als sich aber meine Mutter angekleidet hatte, +trat sie hinter mich, und hielt mir freundlich die Augen zu, mit den +Worten: "Warte ein wenig, liebes Kind, gleich wirst du etwas sehen, +das du nie gesehen." Während sie mir so die Augen zuhielt, fragte +ich sie: "Liebe Mutter, ist das Gebet dann kräftiger, und gefällt es +dem lieben Gott dann besser, wenn man die Hände so zusammen faltet, +wie du mit mir getan?"--"Gewiß", sagte die Mutter, "wenn die, so es +tun, sich so lieben wie wir, aber den lieben Gott doch noch viel mehr +als einander, und wenn in der Kirche alle Leute zusammen beten und +der Priester am Altare betet, da ist das Gebet des Priesters die Hand, +in die sie alle ihre Hände gefalten haben. Was habe ich dich von +der christlichen Liebe gelehrt?" Da sprach ich: "Du sollst Vater und +Mutter lieben, auf daß du lang lebest auf Erden; du sollst deinen +Nächsten lieben wie dich selbst und Gott über alles."--"Recht", sagte +die Mutter, "o wie selig wäre die Welt, wenn alle Menschen so +vereinet beteten, wie wir es heut tun konnten, und wie es eine fromme +Gemeinde in der Kirche tut." Da sagte ich kindisch: "Aber alle +Menschen können doch nicht ihre Hände zu zwei Händen zusammenlegen. +"--"O gewiß, das können sie", erwiderte die Mutter, "und das in +unsers lieben Erlösers Jesus Christi Hände, der überall und an allen +Orten ist, und seine heiligen Hände für uns am Kreuze ausgespannt hat, +uns zu erlösen von der Sünde. Denn er hat uns ja das Gebet gelehret, +und er ist die Hand, in welche wir unsre Hände legen müssen, so +unser Gebet zu Gott dringen soll; denn er selbst hat auf Erden gesagt: +"Alle Dinge sind mir übergeben von meinem Vater, und niemand +erkennet den Sohn, als nur der Vater, und niemand kennet den Vater, +als nur der Sohn, und wem es der Sohn will offenbaren. Kommet her zu +mir, alle, die ihr mühselig und beladen seid, ich will euch erquicken." +Und der heilige Johannes sagt: "Der Vater hat den Sohn lieb und +hat ihm alles in seine Hand gegeben. Wir haben einen Fürsprecher +beim Vater, Jesum Christum, den Gerechten; der ist die Versöhnung für +unsre Sünden, doch nicht allein für die unsrigen, sondern für die +Sünden der ganzen Welt. Es ist ein Gott und ein Mittler zwischen +Gott und den Menschen, der Mensch Jesus Christus, der sich selbst für +uns alle zur Erlösung hingegeben hat." Ach, möchten nur alle ihre +Hände in des Heilands Hand, in die Gott alles gegeben hat, glaubend, +hoffend und liebend legen; dann würden wir alle zusammen schauen in +das Angesicht Gottes." Nach diesen Worten tat die liebe Mutter ihre +Hände von meinen Augen und sprach: "Gelobet sei Jesus Christus!", und +ich erwiderte: "In Ewigkeit, Amen!" und sah mit großer Seligkeit in +den Glanz der Morgensonne, die über dem Lahntal hervorstieg. "Ach, +Mutter", rief ich aus, "ist dieses Gottes Angesicht?"--"Nein, mein +Kind", erwiderte sie, "das ist nur seine erschaffene Sonne, die er +über uns arme sündige Menschen scheinen läßt; aber denen, die ihn +lieben, hat Gott bereitet, was kein Auge gesehn und kein Ohr gehört +hat, und was in keines Menschen Herz gekommen ist." + +Ich habe aber damals die Sonne zum ersten Male aufgehen sehen, weil +ich so früh vorher nie aufgestanden. Dieses Morgens und aller meiner +Mutter Rede und Tun an demselben habe ich bis jetzt gar oft mit +großem Nutzen gedacht. Nun aber nahm meine Mutter Linnen, das sie +gewebt, und Garn, das sie gesponnen und gezwirnet, um es in dem +Kloster zu verkaufen. Sie trug es in dem Korbe auf dem Kopfe, und da +ich sie darum gebeten, gab sie mir einige Stränge des Garns zu tragen, +welche ich mit einer großen Liebe zu meiner Mutter sehr sorgfältig +bis nach Arnstein getragen habe. Wir kamen daselbst in des Abtes +Stube, die war mit schönen Bildern ausgemalt; auch handelte der Abt +selbst um das Tuch mit der Mutter und war ein heiliger, aber sonst +gar freundlicher und lustiger Mann, fragte mich auch, da ich die +schönen Bilder an den Wänden so fleißig betrachtete: "Hans, dir +gefällt wohl meine Zelle; hast du auch Lust, ein geistlicher +Ordensherr zu werden? Wenn du fromm und fleißig bist, kannst du mit +der Zeit diese meine Bilder besitzen und Abt sein, wenn ich in dem +stillen Konvent unter der Kirche schlafe." + +Da erwiderte ich: "Ich hätte wohl Lust dazu, Abt in der schönen Zelle +zu sein, Hochwürdiger Herr, wenn meine liebe Mutter mit drinnen +wohnen wollte." Da lachte der Abt und sprach: "Lieber Hans, wenn die +schöne Laurenburger Els mit in den Zellen wohnen dürfte, möchte wohl +das kleine Klosterpförtlein zu enge werden, so viele sollten den +heiligen Orden suchen; aber das geht nicht, denn der Herr spricht, +wir sollen das Kreuz auf uns nehmen, alles verlassen und ihm +nachfolgen; und doch wohnet eine Mutter mit uns in unsern Zellen, die +ist noch viel lieblicher und milder als die deine." Da sah ich bald +den Abt, bald meine Mutter an und konnte seine Rede nicht recht +glauben, sagte auch zuletzt: "Ach, Hochwürdiger Herr, zeiget mir sie!" +Da lachte der Abt wieder und sprach: "Mein Hans, zeigen kann man +sie nicht, aber wir leben alle in ihrem Schoße, und auch du; es ist +die heilige Mutter, die Kirche, welche unser lieber Herr Jesus sich +zu einer Braut erkoren; aber das verstehest du noch nicht." Da sagte +ich: "Nein!", und er gab mir drei Bildlein aus seinem Gebetbuch, das +war St. Jörgen Bild, meines Vaters, Ritter Jörgen von der Laurenburg, +Patron, St. Elsbethen Bild, meiner Mutter Patronin, und St. Johannsen +mit dem gülden Mund Bild, mein Patron, worüber ich große Freude +empfand, und als ich ihm den ärmel küssen wollte, reichte er mir die +Hand und sprach: "Johannes, bitte Frau Else, deine Mutter, daß sie +dich bald herauf zur Schule tut, da sollst du zur Messe dienen lernen, +und für jede Messe einen halben Heller von mir erhalten." Da bat +die Mutter den Abt um seinen Segen, und knieten wir beide vor ihm, +und er legte seine Hände auf uns und betete. + +Meine Mutter ließ aber von dem Geld, das er ihr für die Linnen +gegeben, zurück, eine heilige Messe für ihr Anliegen in Sankt Jörgen +Kapelle zu lesen, und da der Abt fragte: "Laurenburgerin, was ist +Euer Anliegen?", traten meiner Mutter die Tränen in die Augen, und +sie sprach mit Schämen: "Das stell ich Gott anheim, Hochwürdiger Herr." +Der Abt erwiderte hierauf mit ernster und freundlicher Stimme: +"Laurenburgerin, nehmet Euer Geld zurück und wendet es Eurem Kinde zu; +ich weiß, Ihr lebet bedrängt, ich will das heilige Meßopfer selbsten +für Euch halten und von ganzem Herzen für Euch beten; aber ergebet +Euch auch in den Willen des Herrn, und hanget nicht weltlichem Kummer +allzu sehr nach." Meine Mutter aber wollte das Geld nicht wieder +nehmen und sprach: "Der Himmel segne Euch, Hochwürdiger Herr, für +Eure Milde, aber ich bedarf des Geldes nicht, welches ich zu heiligem +Opfer erarbeitet; tut des edlen Laurenburgers Weib den Schimpf nicht +an, als könne sie nicht ein kleines Opfer erarbeiten." Da sprach der +Abt: "So Ihr Euch das zu Herzen nehmet, will ich dafür ein Kerzlein +vor St. Jörgen Bild aufstecken lassen. Linnen und Garn gebet unten +im Kloster dem Bruder Sulpizius, daß er Chorhemden daraus mache; denn +Eure Linnen sind gar fein." Da nahm die Mutter die Linnen, und gaben +wir sie unten dem Bruder Schneider; der hielt aber der Mutter den +Korb zurück, bis wir aus der Kirche kamen. + +In der Kirche gingen wir zur Linken in eine Kapelle; da stand auf dem +Altar St. Jörgen Bild, wie er den Drachen durchbohret; den Altar +haben die Ritter von der Laurenburg gestiftet und viele Gaben zu dem +Kloster getan, haben auch ihr Begräbnis in dieser Kapelle, wie ich +nachmals erfahren. Zur Rechten des Altars kniete ich mit meiner +Mutter nieder, bei einem steinernen Bilde, das in die Wand gemauert +war. Dieses stellte aber einen alten Ritter vor, der hatte ein +langes geistliches Gewand an, und legte einem jungen Ritter, der vor +ihm kniete, die Hände auf das Haupt. Meine Mutter sah oft und mit +recht innerlicher Bewegung nach dem knienden Ritter. Ich betrachtete +ihn auch, und empfand eine große Freude an ihm, hätte ihm auch gern +etwas Liebes getan und setzte ihm drum einen grünen Kranz auf sein +steinern Haupt, den ich mir im Walde geflochten und noch spielend in +der Hand trug. Da meine Mutter dies sah, fuhr es wie ein Blitz durch +ihre Augen, und umarmte sie mich heftig in der Kirche, aber ihre +Wangen wurden schamrot und ihre Augen voll Tränen; da ließ sie mich +los und senkte das Haupt auf den Betstuhl. Ich empfand große +Bangigkeit um ihre rührende Gebärde. Da trat ein Ordensbruder aus +der Sakristei mit einer schönen bunten Wachskerze; die zündete er an +der ewigen Lampe an, nahte dann unserm Betstuhl und reichte sie +meiner Mutter und mir zu küssen, und als wir dies getan, steckte er +sie auf St. Jörgen Leuchter, der neben St. Jörgen Altar stand und +gestaltet war wie eine Lanze, die durch einen Lindwurm gestochen ist. +Das war die Opferkerze, die uns der Herr Abt versprochen. Nun klang +das Glöcklein, und der fromme liebreiche Herr trat mit dem +Ministranten zum Altar und las uns die heilige Messe selbst mit +großer Andacht. Da sagte mir meine Mutter ins Ohr: "Bete hübsch +fromm, Johannes, der stehende alte Ritter ist der alte Laurenburger, +dein Großvater, bete hübsch für ihn!" Nun hatte ich den Mut nicht +mehr, nach dem Bilde zu schauen, und ward mir mein Großvater von +damals an ein gar ernster und sorglicher Gedanke, aber ich habe zum +ersten Male gebetet mit einer recht innerlichen Herzensangst, wie +früher nie; warum ich aber so gebetet, kann ich mich nicht mehr +deutlich entsinnen. + +Da die Messe zu Ende war, fragte ich meine Mutter wieder nach dem +steinernen Bilde mit den Worten: "Mutter, was macht denn der alte +Laurenburger da?" Aber sie antwortete nicht, und sah mit nassen +Augen den knienden Ritter an, dem ich das Kränzlein aufgesetzet. Als +ich sie nochmals fragte, sagte sie: "Der alte Laurenburger tut, was +ich dir gestern abend tat, da ich dich im Bette mit dem heiligen +Kreuze bezeichnete." Da fragte ich sie weiter: "Will denn der alte +Laurenburger auch schlafen gehn?" Und sie sprach: "Ja, er will +schlafen gehn in die ewige Ruhe." Ich aber fragte weiter: "Will denn +der kniende Ritter auch schlafen gehn?" Da sprach sie: "Ach, Gott +gebe ihm ein seliges Erwachen, so er schon schläft!" und ward wieder +sehr traurig, und hob mich hinauf an dem Bilde, mit den Worten: +"Küsse den Knienden, habe ihn recht lieb, es ist dein guter Vater." +Da küßte ich ihn herzlich und setzte ihm das Kränzlein zurecht auf +seinem Haupt, wollte ihn auch nicht lassen. Meine Mutter aber +behielt mich auf dem Arme und trug mich aus der Kirche hinaus, und +hätte sie schier auch ihren Korb vergessen, der noch bei dem Bruder +Sulpizius stand. Der aber kam uns nachgelaufen und brachte den Korb; +da war ein schönes weißes Klosterbrot drinnen und ein Krüglein voll +Weins, das schenkte uns der Herr Abt. + +Sie dankte und ging ruhig mit mir links dem Walde zu, einen andern +Weg, als wir hergekommen waren. Sie hatte den Korb am rechten Arme +und trug mich auf dem linken; ich sagte ihr, daß ich nicht müde sei, +und es ihr sauer werde, sie solle mich gehen lassen. Aber sie wollte +mich nicht loslassen, und ich merkte in ihr eine geheime Lust, mich +zu tragen, und sie schloß mich manchmal fester mit dem Arme an ihre +Brust, so daß ich den Schlag ihres Herzens fühlte. Da ward ich mir +so recht lebendig ihrer Liebe bewußt, und genoß ihrer Güte mit +kindlicher Freude; denn sie pflegte mich sonst nicht zu tragen, weil +sie, wenn gleich groß und schlank, doch durch manche Sorge und +Nachtwache entkräftet war. Sie war zart und weiß mit langen blonden +Haaren, und wie goldne Strahlen waren die Wimpern über ihren reinen +blauen Augen, die mich noch immer mit Friede, Liebe und Warnung +anblicken. Ja, ihr liebes Angesicht war wie ein durchsichtiges +Fensterlein ihres Herzens, aus dem ihre Seele mit jeder innern +Bewegung errötend und erbleichend zum Himmel schaute. Ihr Mund aber +war ruhig und zart geschlossen, und erregte eine züchtige Ehrfurcht. +Ich sage dies hier; denn ich werde nimmermehr vergessen, mit welcher +Liebe ich damals ihr edles Angesicht betrachtete, und wie gut und +holdselig sie aussah, da sie mich so zärtlich durch die freie Luft +über die grüne Wiese hintrug, und meine Härlein und ihre langen +blonden Haare in dem Winde durcheinanderflogen, und die Lerche über +uns, gegen die Sonne schwebend, lobsang. Da war mir unendlich wohl, +und meine Sehnsucht, sie nicht zu ermüden, ward so inbrünstig, daß +ich glaubend fühlte, ich ermüde sie nicht, und, mit ihren Haaren +spielend, zu ihr sagte: "Liebe Mutter, bin ich nicht recht leicht? +Mir ist, als träume ich, ich flöge." Sie aber antwortete nicht, als +mit einem zärtlichen Druck ihres Arms, und ich begann ihr ihre Haare +in Zöpfe zu flechten, daß ihr der spielende Wind nicht beschwerlich +fallen möge, und sie ließ es mit freundlichem Hinneigen ihres Kopfes +gern geschehen. Da ich aber fertig war und sie mich durch den Wald +unter den Bäumen hintrug, brach ich einen grünen Eichenzweig ab, wand +ihn in einen Kranz, und setzte ihn ihr auf das Haupt mit den Worten: +"Liebe Mutter, nun bist du geschmückt wie der kniende Ritter in St. +Jörgen Kapelle, nun hast du auch ein Kränzlein auf, und wenn er uns +nun durch den Wald entgegengeschritten käme, würdet ihr euch beide +wohl sehr aneinander erfreuen über die schönen Kränze?" Meine Mutter +aber antwortete nicht und ging traurig fort, worüber ich auch betrübt +wurde. + +So zogen wir still und einsam wohl eine Stunde lang durch den dichten +Wald, als wären wir die einzigen Menschen auf der Welt, und hätten +nicht viel Freude. Nun ward es lichter in den Zweigen, und der Wald +endete sich gegen den Rand des Berges, der sich in das einsame +Lahntal senkte; hier küßte mich die Mutter und ließ mich an die Erde. +Wir standen aber auf einer grünen Waldwiese, die ein frischer Quell +erquickte, der mit Umwegen an dem mannigfaltig unterbrochenen Abhange +zu der Lahn hinabeilte. Wo wir standen, war die Gegend sanft und +mild, ein großer alter Birnbaum hing schwer voll gelber Birnen, und +um ihn her standen mehrere Vogelbeerbäume, die mit ihren +feuerfarbenen Früchten lustig gegen den dunkeln Wald abstachen; +außerdem begrenzten und durchschnitten den Platz mancherlei +Fruchtsträucher, Haselbüsche, Johannis--und Klosterbeersträucher, und +ich hatte die Fülle zu brechen und zu genießen. Gegen uns über +erschien die Gegend ernster. Das Lahntal schließt, von diesem Punkte +gesehen, den Spiegel des Flusses mit einer Krümme wie einen +tiefliegenden See ein, und die Berge lagen, mit dunklem Walde bedeckt, +streng und finster um diesen her, als hätten sie tiefsinnige +Gedanken über ein Leid, das hier geschehen. Die Mutter stand stille +und schaute ruhig in die Gegend hinein, ich hatte aber den Deckel des +Korbes genommen, ihn mit breiten Haselnußblättern bedeckt, und +sammelte mit ängstlichem Fleiße die schönsten Brombeeren und +Himbeeren, und was sonst an wohlschmeckenden Träublein zu reichlicher +Lese sich darbot. Zwischen der Arbeit schaute ich oft nach ihr, sah +auch mit Freude, wie der Anblick der Gegend ihr Antlitz zu erheitern +schien, und als ich meine Ernte ihr darbot, lächelte sie freundlich, +strich mir mit der Hand über die Stirne und sagte: "Schönen Dank, +Johannes, du bist ein gutes Kind." + +Dann führte sie mich rechts dem Dickicht zu, wo wir nach wenigen +Schritten vor einer kleinen verlassenen Hütte standen; der Efeu hatte +frei die Wände umrankt, und selbst die verschlossene Tür mit seinem +Gitter umzogen. Die Mutter hob mich an einem alten Wacholderbaum in +die Höhe, der neben der Türe stand, und ich mußte ihr aus einem Loche +in demselben einen Schlüssel holen, mit welchem sie die Türe +aufschloß, nachdem ich ihr geholfen hatte, die Efeuranken behutsam, +ohne sie zu zerreißen, von der Türe abzulösen. Nun gingen wir durch +eine kleine, gerätlose Küche in eine viereckte Stube. Ich trat mit +Scheu hinein; denn die wenigen Strahlen, welche durch die +verschlossenen Fensterladen fielen, zeigten mir allerlei große Vögel +an den Wänden in unbestimmtem Lichte. Meine Mutter aber stieß +sogleich einen Fensterladen auf, und da sah man nach der andern Seite +des Lahntals, wo das alte Laurenburger Schloß aus schwarzem Bergwald +hervorragte. An den Wänden der kleinen Stube sah ich auf +eingemauerten Hirschgeweihen vielerlei ausgestopfte Vögel befestigt, +und besonders eine Reihe alter Falken; außerdem lehnten und hingen +mancherlei Jagdgeräte, Armbrust, Speere, Netze u. dgl., in schöner +Ordnung um einen einfachen Betschemel, der vor dem holzgeschnitzten +heiligen Hubertusbilde stand. Da war St. Hubertus abgebildet, wie er +vor einem Hirsche kniet, der ihm mit einem Kreuze zwischen den +Geweihen auf der Jagd entgegengetreten, da ihm der Herr sein wildes +Herz gerührt. Ich betrachtete alle diese Dinge, die ich früher nie +gesehen, mit bangem Staunen, während meine Mutter, auf einem +hölzernen Stuhle sitzend, still dem Fenster hinaus nach der +Laurenburg sah. Alles, was mir seit dem letzten Abend begegnet war, +hatte die ruhige Folge der gewohnten Eindrücke in meiner Seele +unterbrochen, und wenn ich jetzt zurückgedenke, möchte ich meine +damalige Empfindung wohl dem Gefühl eines Rades vergleichen, wenn es +in der Mühle plötzlich lebendig werden und sehen könnte, wie es sich +selbst und alle die andern Räder sich mit ihm herumdrehen, ohne sich +doch gleich vorstellen zu können, was es selbst und die andern Räder +eigentlich sollen, und was überhaupt eine Mühle ist. Besonders aber +befremdete es mich, daß meine Mutter mit allem dem Geräte der Hütte +ganz vertraut war, und in der Hütte tat, als wäre sie immer darin +gewesen; darum fragte ich sie mit den Worten: "Liebe Mutter, bleiben +wir nun hier, ist dies auch unser Häuslein? Dann will ich uns einen +kleinen Garten bauen und ein Vogelsteller werden." Da entgegnete sie +freundlich: "Was willst du dann mit den Vöglein anfangen?", worauf +ich sagte: "Ich will sie das Vaterunser beten lehren." Da fragte sie: +"Weißt du denn, wo dein Vater ist?" Und ich antwortete: "Im Himmel." +Nun nahm sie mich zu sich, und ich mußte mich zu ihren Füßen +setzen, und da erzählte sie mir ohngefähr das, was ich hier weiter +niederschreibe. + +Wenn ich auch gleich jedes ihrer lieben Worte jetzt, da ich erwachsen +bin, nicht mehr so recht eigentlich wissen kann, dürfte es doch nicht +viel anders gelautet haben; denn ich habe mir alles scharf in das +Gedächtnis gefaßt, und es mir oft wieder von ihr erzählen lassen, so +daß wohl eher zu viel als zu wenig hier stehen mag. Sie sprach aber: +"Lieber Johannes, du hast mich seit gestern wohl trauriger als je +gesehen, denn ich dachte gestern, da die Arbeit vollendet war, schon +daran, wie ich heute alle die Wege gehen würde, die du mit mir +gegangen bist. Du hast mich auch gestern abend gefragt, warum ich +weine, da ich vor deinem Bettlein stand, aber ich habe dir keine +Antwort gegeben, sondern nur mit dir gebetet, damit wir ruhig +schlafen möchten. Jetzt aber will ich dir vieles erzählen; denn ich +glaube, es wird dir frommen, wenn du früh weißt, wie auf Erden viel +Traurigkeit ist, und im Himmel allein die Freude, die wir durch +unwandelbare Treue und Stärke in dem irdischen Leide allein verdienen +können. Du wirst dann deine Sinne immer mehr zu Gott wenden, und +dich führen lassen von seinen Engeln auf Erden, dem Glauben an Jesus, +der Hoffnung auf Jesus, und der Liebe zu Jesus, deren Gespielen sind +die Einfalt, die Demut, die Unschuld und die Wahrheit. Auch sollst +du nicht traurig sein um des Leides willen, das dich auf Erden +treffen wird, nein, nur um deine und aller Schuld, deren Strafe das +Leid ist. Auch sollst du nicht trauren um deinen Schmerz, sondern +allein um die Leiden deines Erlösers am Kreuze, an dem er gestorben +ist wie ein unschuldiges Lamm, das dahinnimmt die Schuld der Welt, +und zu dieser Versöhnung sollst du dich wenden, und fest an sie +glauben und auf sie hoffen, und dich rein erhalten von aller Sünde, +damit du deine Seele nicht wieder befleckest, die dein Jesus, dein +Erlöser, dein Heiland, dein Gott dir mit seinem heiligen Blute rein +gewaschen hat; dann wird dein Glaube, dein Vertrauen alles Leid +überwachsen, und du wirst dir ein freudiges Herz erkämpfen zu deinem +Gott, der dich erschaffen hat im Vater, erlöset im Sohn und +geheiliget im Heiligen Geist." + +Was mir meine selige Mutter, die schöne Laurenburger Els, in dem +Häuslein meines seligen Großvaters, des Voglers Kilian, auf der +Hirzentreu von sich und dem lieben Großvater erzählt hat + +Diese Berghöhe heißt die Hirzentreu, und dieses Häuslein, worin wir +sitzen, gehörte meinem lieben seligen Vater, dem Vogelsteller Kilian, +den man weit und breit nur den guten Kilian und den frommen +Falkenmeister nannte. Er ist zu Gott gegangen vor zehn Jahren, und +liegt begraben auf dem Kirchhofe zu Kloster Arnstein. Er ist geboren +zu Kitzing in Franken, und hat sich dies Häuslein hier selbst erbauet, +da er als ein Falkenier des Grafen von Nassau meine selige Mutter, +eines Jägers zurückgelassene Waise, zu seiner Hausfrau wählte, und +sich hier mit ihr niederließ. Es stehet auch draußen im Garten noch +der Baum, an welchem mein Vater meine Mutter zum ersten Male gesehen; +da rettete er ihr das Leben; denn als mein Vater einen Hirsch +verfolgte, fand das erzürnte Tier hier meine Mutter, welche als ein +armes Mägdlein Kräuter für die Klosterherren in Arnstein sammelte, +und faßte der Hirsch in seinem Grimm meine Mutter auf die Geweihe. +Mein Vater, der herzulaufend dieses sah, schoß einen Bolz von seiner +Armbrust nach dem Hirsch, und traf ihn nicht ohne Gefahr meiner +Mutter in das rechte Auge, und das verwundete Tier trat ihm, +geblendet, nun grade entgegen; da faßte mein Vater einen guten Mut, +und riß ihm die halbtote Jungfrau von dem Geweihe, legte sie unter +jenen Baum und erquickte sie an dem Bächlein, das hier entspringt. +Als sie sich wieder erholt hatte, sahen sie zu ihrer großen +Verwunderung, daß der Hirsch neben ihnen im Gebüsche stand, und mit +Schmerzen das Haupt bald hin und her schwenkte, bald traurig zur Erde +senkte. Da rührte das niederrinnende Blut meinen guten Vater, er +trat zu dem leidenden Tiere, zog ihm den Bolz aus dem Auge, und wusch +ihm die Wunde mit Wasser aus, welches alles der Hirsch ruhig +geschehen ließ. Als aber mein Vater die erschreckte Jungfrau nach +Kloster Arnstein begleitete, lief ihnen der Hirsch durch den ganzen +Wald nach, was sie beide sehr rührte und ihrem Gespräche eine größere +Vertraulichkeit gab. Vor Kloster Arnstein reichten sie sich die +Hände, und trennten sich mit der gegenseitigem Versicherung, +miteinander in christlicher Ehe zu leben. + +Nun machte sich mein Vater von seinen herrschaftlichen Diensten los, +baute mit Erlaubnis der Klosterherren diese Hütte, und führte meine +Mutter Agnes, als seine liebe Hausfrau, hinein. Der gute Hirsch war +durch die Hülfe, die ihm mein Vater geleistet, so mild und zahm +geworden, daß er ihm immer zur Seite war, wenn er hier an seiner +Hütte mit der Mutter baute. Mein Vater pflegte dabei immer des +Hirsches krankes Auge, welches bald ausheilte, aber blind wurde. +Hernach, als meine Eltern hier wohnten, hielt sich der Hirsch immer +freundlich zu ihnen, und ich weiß noch recht wohl, daß er, wenn wir +aßen, den Kopf hier zum Fenster hereinsteckte, und ich als ein Kind +ihm Brot gab. Einstens aber hörte mein Vater ihn in der Nacht heftig +schreien; da stand er mit der Mutter auf, und sie gingen hinaus, zu +sehen, was dem guten Tiere fehlte. Er war aber im Kampf mit andern +Hirschen, welche ihm seines blinden Auges wegen überlegen waren, so +heftig verwundet, daß er mit anbrechendem Tage zu den Füßen meiner +Eltern starb. Wir weinten um ihn, wie um einen treuen und dankbaren +Freund, und hat ihn mein Vater unter demselben Baume, wo er ihn +geschossen, begraben, sein Geweih aber in den Baum so befestigt, daß +es, zu ewigem Gedächtnis in denselben verwachsen, noch zu sehen ist, +und hat mein Vater diese Hütte wegen des treuen Hirschen Hirzentreu +genannt. + +Meine gute Mutter ist auch bald gestorben, und ich war noch ein so +kleines Mägdelein, daß ich nicht recht wußte, was Sterben ist. Ich +erinnre mich noch recht wohl, daß ich auf ihrem Bette saß, als sie +krank war, und ihr die Fliegen wehrte und ihr alle die kleinen Gebete +und Sprüche, die sie mich gelehrt, vorsagte, und meinem Vater zur +Hand ging, sie zu pflegen, soviel es ein Kind vermag. Da ich nun oft, +wenn meine Mutter Arzneikräuter suchte, mit ihr im Walde gewesen war, +und sie mir dabei allerlei Heilkräfte der Pflanzen mitgeteilt hatte, +so war meine Seele damals so erfüllt von der Begierde, ihr zu helfen, +daß ich einstens in der Nacht vor einbrechendem Tage in den Wald +hinauslief, um ihr einige Kräuter zu suchen, von welchen mir geträumt +hatte. Ich lief lange herum und suchte mit unbeschreiblicher Angst +die Kräuter, welche ich mich vorher gesehen zu haben nicht erinnerte. +Schon stand die Sonne hoch am Himmel, und ich war weit von unsrer +Hütte verirrt, aber ich vergaß, vor Begierde, das Arzneikraut zu +finden, meinen Hunger, und als ich endlich in großer Ermüdung +niederkniete und mit Tränen zu dem lieben Jesuskinde betete, es möge +mir doch das Kraut suchen helfen, ich wolle ihm auch mein Brot +schenken, bin ich darüber vor Müdigkeit entschlafen. Nach einigen +Stunden erwachte ich, und sah eine schöne edle Frau vor mir stehen; +ein Diener führte ihr Roß, auf welchem ihr Söhnlein saß, und war sie +abgestiegen, als sie mich so allein im wilden Walde liegen sah. Sie +fragte mich, wer ich sei, und da ich ihr gesagt, ich sei Voglers Els +von der Hirzentreu, und heute früh ausgegangen, ein Kräutlein für die +kranke Mutter zu suchen, küßte sie mich und sagte, daß sie mich +heimfahren wolle mit sich nach der Laurenburg, denn sie war die +Hausfrau des alten Laurenburgers, deine Großmutter; von da wolle sie +mich über die Lahn nach der Hirzentreu bringen lassen. Sie setzte +sich nun auf das Roß und nahm mich vor sich auf des Pferdes Hals; ihr +Söhnlein aber, Jörg, saß hinter ihr und hatte sie mit den Armen +umfaßt. + +So zogen wir ein Stück Wegs nach dem Lahntal hinab, und hatte ich +schier auch alles vergessen; denn das Reiten, die fremde Frau und ihr +Söhnlein, das mancherlei kleine Lieder mit ihr sang, beschäftigten +meine Seele. Aber der Hunger fing mich an zu drücken, und ich +bemerkte mit Weinen, daß ich mein Brot nicht mehr in meiner Tasche +fand. Da fragte mich die Edelfrau: "Els, was weinst du?" und ich +sagte ihr: "Ich hungre, denn ich habe dem Jesuskind mein Brot gegeben, +und das Kräutlein von ihm erhalten, aber nun habe ich das Kräutlein +verloren und hungre", und dabei verlangte ich heftig, sie möge mich +in den Wald zurücklassen, das Kräutlein zu suchen. Ich mußte der +Edelfrau das Kraut aber beschreiben, denn seinen Namen wußte ich +nicht. Da sagte sie auf einmal: "Mein liebes Kind, du hast wohl +geträumt, aber die Barmherzigkeit Gottes ist groß, denn sieh, mein +Diener trägt ein solches Kraut in einem feuchten Tuche eingeschlagen +in seinem Wadsack auf dem Rücken; dies Kraut aber wächst nicht hier +zu Lande, sondern habe ich es im Kloster Arnstein, wo ich zur Beichte +war, von dem Gärtner erhalten, der es von einem Priester aus fremden +Landen jenseits des Meeres hat." Da mußte der Knecht den Wadsack +öffnen, und siehe da, es war dasselbe Kraut darinnen, das ich im +Traume gesehen. Meine Freude war unaussprechlich, und die gute +Edelfrau befahl dem Knechte, sogleich das Kraut meinem Vater zu +bringen, und ihm zu erzählen, wie ich es gesucht, und wie mich die +Edelfrau mit nach der Laurenburg genommen. Der Diener kannte meinen +Vater gar wohl und lief mit Freuden die Waldstege nach unsrer Hütte +zu. Nun ritt die Edelfrau mit mir und ihrem Söhnlein allein vollends +zur Lahn hinab und an einer seichten Stelle hinüber nach der +Laurenburg, wohin der Diener bald auch kam und mich auf dem Kahne zu +meinen Eltern hieher zurückbrachte. Die gute Edelfrau hatte mir +viele Liebe erwiesen und gab mir noch ein Krüglein mit altem Wein, +und einige stärkende Gewürzküchlein für die kranke Mutter mit, und +versprach, sie selbst morgen zu besuchen. Ihr Söhnlein aber, das +nicht zugegen war, als ich aus der Laurenburg ging, kam mir bis zum +Wasser nachgelaufen und gab mir einen ganzen Rosmarienstock, den er +aus seinem Gärtlein ausgerissen, und sprach: "Du Kleine, das stell an +deiner Mutter Bett, das ist ein guter Ruch, wenn man siech ist. +Elslein, komm wieder!" Da gab er mir die Hand, und wir schieden. + +Als wir auf Hirzentreu ankamen, trug mich mein Vater an der Mutter +Bette; die umarmte mich und sagte: "Els, ich habe den ganzen Tag +nicht leben und nicht sterben gekonnt aus Sorge, daß du verloren +seist; Gott aber hat mich wunderbar getröstet durch das, was +geschehen, und hat mir dein Vater von dem Kraute einen Trank gekocht, +der hat mich wunderbar erquicket." Da gab ich dem Vater den +Rosmarienstock, der pflanzte ihn in einen schönen neuen Krug neben +der Mutter Lagerstätte, und nun nahm der Diener Abschied, nachdem er +den Wein und die Würzküchlein dem Vater gegeben. + +Es war darüber Abend geworden, mein Vater gab der Mutter noch von dem +Weine und der Würze, und sie fand sich so gestärkt, daß sie das +Abendlied mit dem Vater mit großer Andacht leise mitsang, worüber ich +zu ihren Füßen auf ihrem Lager entschlief. Gegen Morgen aber weckte +mich der Vater und sagte mir mit Weinen: "Wach auf, lieb Elslein, und +schau nach der Mutter, und gib ihr, was sie verlangt; sie ist gar +krank, und ich will nach Kloster Arnstein laufen um die letzte +heilige Wegzehrung für sie. Halte dich still, so sie schläft, und +bete still, und so sie es verlangt, reiche ihr zu trinken, auch +schaue nach dem brennenden Kienspan im Kamin, daß kein Unglück +entsteht." Dann trat er zur Mutter, trocknete ihr das Antlitz und +sprach: "Gott erhalte dich, liebe Agnes, zu christlichem Geleite, ich +geh nach Kloster Arnstein; O wie ist dir, liebe Agnes?" Da sagte die +Mutter: "Ich lege wie ein Kind mein krankes Haupt in den Schoß dessen, +der gesagt hat: "Ich will euch trösten, wie einen seine Mutter +tröstet", und ich habe das Vertrauen, er wird mich mit vollem Troste +von dir scheiden lassen; so gehe dann hin, und bringe mir den letzten +Trost!" Da küßte sie der Vater und ging fort. + +Ich aber redete leise zu Füßen des Bettes: "Mutter, darf ich zu dir +kommen?" Da sagte sie: "Ja, lieb Elslein, doch steh erst auf und +bringe mir das kleine Kreuz aus meiner Truhe; mich verlanget sehr +darnach." Geschwind eilte ich an die Truhe, doch der Deckel war so +schwer, daß ich ihn nicht erheben konnte; das klagte ich der Mutter, +die sagte: "Elslein, bete! Der dir das Kraut gebracht, das mich so +erquickte, wird dir auch helfen, die Truhe zu eröffnen, so du ihm +vertrauest." Da fiel ich vor der Truhe auf die Knie und betete, +Jesus möge mir die Truhe eröffnen, und Gott erbarmte sich meiner, ich +öffnete die Truhe mit kleiner Mühe und brachte der Mutter das kleine +Kreuz. Es ist dasselbe, welches noch in Polsnich an meinem Bette +hängt, und unsre Truhe zu Haus ist auch dieselbe Truhe. Die Mutter +nahm das Kreuz in ihre gefalteten Hände und küßte es, und drückte es +an ihr Herz, und ich legte mich zu ihr auf das Hauptkissen und +drückte meine Wange an die ihrige. Sie sprach nicht, sie flüsterte +betend, und so entschlief ich; bald aber weckten mich laute Worte von +ihr, und ich hörte sie sagen: "Hüter, ist die Nacht schier hin? Wer +da? Gut Freund! Sei getrost! Ich bins! Fürchte dich nicht! Herr, +bist du es, so heiße mich zu dir kommen auf dem Wasser!" und nach +diesen Worten bewegte sie sich mühsam im Traume. Ich verstand sie +nicht, und weckte sie mit Küssen: "Lieb Mutter, was verlangt dein +Herz?" Da schlug sie die Augen auf und sagte: "O mein Jesus, ich bin +noch nicht bei dir! Elslein, mein Kind, sage, hast du den lieben +Heiland gesehn, wo ist er hingegangen?" Ich verstand sie nicht, und +suchte ihr das Kreuzlein in dem Bette, das ihren Händen entfallen war, +und legte es ihr wieder in die Hände mit den Worten: "Herzmutter, da +ist der liebe Heiland." Da küßte sie das Kreuz wieder, und sagte +dann: "Elslein, ich war allein auf einem Kahn auf einem großen Wasser +eine lange, lange Nacht, kein Stern am Himmel, und sehnte mich nach +dem Tage; endlich sah ich ein Sternlein, das zog leise über das +Wasser, wie ein Wächter durch die Flur, und da rief ich mit aller +Macht: "Hüter, ist die Nacht schier hin?" und der Stern antwortete: +"Wenn der Morgen schon kömmt, so wird es doch Nacht sein; wenn du +schon fragest, so wirst du doch wieder kommen und wieder fragen." Da +kam es gegen mich über die Wogen geschritten, und ich sah, daß es +eine einsame Gestalt war. Da rief ich: "Wer da?" und es antwortete: +"Gut Freund!" Ach, da ward mein Herz so freudenvoll, und ich +gedachte: Sollte es wohl mein Jesus sein? Da sprach er: "Sei getrost, +ich bins, fürchte dich nicht", und ich sprach: "Herr, bist du es, so +heiße mich zu dir kommen auf dem Wasser." Da winkte er mir, und ich +trat aus dem Kahn auf das Wasser, konnte aber den Herrn nicht +erreichen, der vor mir herschwebte, wie eine Wolke oder ein Schatten, +und wenn ich so recht mutig und begierig auf ihn zuging, und recht +glaubte, daß er es gewiß sei, daß er sich meiner erbarmen werde und +einen Eliaswagen vom Himmel rufen, mich zu sich hineinsetzen und zu +dem himmlischen Paradiese fahren werde, ach, da war er mir so nah, so +nah, daß ich schon das Wehen der Seligkeit fühlte; dann kam aber +plötzlich eine Welle und erhob sich ein Wind, und ich verzagte und +glaubte zu versinken auf dem Wasser, und wie meine Sorge wuchs, +schwand das Bild des Herrn vor mir in die Ferne, ja, es ward wieder +zu dem einsamen Stern, den ich zuerst gesehen, und auch der +verschwand. Da war ich ganz allein auf dem Wasser, und der Kahn +trieb zu mir her, da sah ich dich drauf sitzen und nach mir weinen, +und ich wandelte mit Mühe zu dir hin, und saß bei dir im Kahn, und +herzte dich, und du entschliefst in meinem Arme. Ich aber wachte, +und die Nacht ward wieder so lang, so lang. Da hörte ich den +Flügelschlag einer Taube durch die Luft, und ich rief abermals mit +großer Sehnsucht: "Hüter, ist die Nacht schier hin?" Es flog aber +ein Täublein über meinem Haupt, das rief zu mir: "Lege Flügel der +Liebe an, und folge mir nach, deine Seele findet nicht, da sie ruhe +auf der Sündflut; sieh, der himmlische Noah strecket seine Hand aus +der gestirnten Arche, aus der du ausgeflogen, um dich wieder +hineinzunehmen; aber achte, daß dein Gefieder rein sei!" Da sah ich +den Himmel voll Sterne; aus dem blickten die Hände, die Füße und die +Seite des Herrn, und die heiligen fünf Wunden leuchteten wie Rubin +und bluteten hernieder, und die Taube flog ihnen zu; ich aber hatte +Flügel und breitete sie aus und wollte sie schwingen, aber sie waren +schwer und unrein; ich rief aber: "O Herr, nur einen Tropfen deines +Blutes auf meine Flügel, und sie werden gereinigt sein." Und es floß +nieder zu ihnen, da waren sie rein, und ich schwang sie freudig, aber +du lagst in meinem Schoß; da wollte ich dich küssen und Abschied +nehmen von dir, da schlangst du die Hände um mich und wolltest mich +nicht lassen, und deine Worte erweckten mich von dem seligen Traume." + +So erzählte mir die kranke Mutter, was ihr geträumt, und ich hörte +ihr mit noch größerer Aufmerksamkeit zu, als wenn sie mir sonst eine +Geschichte erzählte. Da sie geendet hatte, sagte ich zu ihr: "Mutter, +das war sehr schön, aber schlafe wieder ein, und wenn die Taube +wieder kömmt, so bitte sie, daß ich auch mit fliegen darf, ich will +auch recht beten; der mir das Kräutlein gegeben, und mir die Truhe +geöffnet, der wird mir auch gewiß Flügel geben, daß ich mit dir +fliegen kann."--"Das wird er gewiß, liebes Elslein, so es dir gut +ist", sagte die Mutter, "aber wenn ich wieder einschliefe, und das +Täublein käme wieder, und ich flöge mit ihm fort, so würdest du gewiß +gern zurückbleiben bei deinem Vater, daß er nicht allein sei, so ich +dich darum bitten würde." Da sagte ich zu ihr: "Ja, das will ich, so +du bald wiederkehrst, und mir etwas mitbringest." Sie aber +antwortete: "Ich werde nicht wiederkehren, doch werdet ihr mir +nachfolgen, und da wird alles voll Herrlichkeit sein; aber hörst du, +Elslein, du mußt mir den Abschied nicht schwer machen, und auch den +Vater trösten, wenn er weinen sollte, und ihm erzählen, wie ich dir +gesagt, daß ihr mir nachkommen werdet; denn das Täublein wird bald +kommen, mir ist, als höre ich schon seinen Flügelschlag." Da küßte +ich die Mutter und sagte: "Ich will tun, wie du willst, und will dein +gutes Elslein sein", und die Mutter küßte mich wieder mit den Worten: +"O du gutes, gutes Elslein!" Dann bat sie mich, ihr das Lied von der +Taube zu sagen, das sie mich gelehrt; da sprach ich: + + +Hör, liebe Seel! Wer rufet dir? +Dein Jesus aus der Höhe: +"Komm, meine Taube, komm zu mir!" +Den Ruf ich wohl verstehe. + +Wenn ich soll deine Taube sein, +Mußt du mir Flügel geben; +Die wasch in deinem Blut ich rein, +Und werde glaubend schweben. + +Du rufest mir! Wie arm ich bin, +Darf ich zu dir doch kommen; +Die Mängel hat dein treuer Sinn +Ja all von mir genommen. + +Sag, Herr, wird auch ein Nestlein fein +Für mich bei dir gefunden? +"Ja, meine Taube, komm herein, +Wohn hier in meinen Wunden!" + +Mein Jesu, ach, was willst du mir +In deinen Wunden geben? +"Durch meine Wunden, sag ich dir, +Fliegst sterbend du zum Leben." + +Wohlan, es zielt des Todes Pfeil, +Er wird mich nicht verderben; +Zu deinen Wunden, Herr, ich eil, +Da werd ichs Leben erben. + + +Da ich der Mutter das Lied hergesagt, war sie leise wieder +eingeschlummert. Der Tag brach an, und ich nahm ein Zweiglein von +dem Rosmarienstock, der bei ihrem Lager stand, und gab es ihr zu dem +Kreuze in ihre gefaltenen Hände. Da flog auch die Turteltaube, +welche bei unserm Haus nistete, an das Fenster und pickte daran und +rief: "Ruckuck." Sie tat es sonst alle Morgen, denn ich streute ihr +Futter dahin, aber heute hatte ich nicht den Mut, und gedachte: Ach, +da kömmt die Taube schon, welche die Mutter mitnehmen will, aber ich +soll ihr den Abschied nicht schwer machen. So stand ich leise, leise +von der Seite der Mutter auf, und ging hinaus und kniete an dem +Bächlein in das Gras und betete für sie. Da hörte ich ein Glöcklein +im Walde und sah bald meinen Vater kommen; der trug eine Leuchte, und +zwei Ordensherren gingen mit ihm, deren einer trug das Hochwürdige +Gut, und der andere das heilige öl, und ihnen folgten einige fromme +Männer und Frauen, die stille beteten. Da lief ich meinem Vater +entgegen und sprach: "Herzvater, die Himmelstaube ist schon da, +welche die Mutter abholen will; wir dürfen aber nicht gleich mit, ich +habe es ihr versprochen, bei dir zu bleiben und dich zu trösten, bis +wir nachkommen in die Herrlichkeit." Mein Vater verstand mich wohl +und trat mit dem Geistlichen in die Hütte, ich aber blieb draußen und +betete mit den Begleitern. Hernach kam die Edelfrau von der +Laurenburg mit ihrem Söhnlein, dem Junker Jörg, über die Lahn zur +Hirzentreu, wie sie den Abend vorher mir versprochen, und derselbe +alte Diener war wieder bei ihr. Die Edelfrau ging zu meiner Mutter +hinein, der Junker aber blieb bei mir, und wir spielten im Gras an +der Quelle; er fragte mich auch nach dem Rosmarin, den er mir gegeben +für meine Mutter; da erzählte ich ihm von der Taube und von allem. +Nach einiger Zeit aber trat die Edelfrau heraus und nahm mich mit in +die Hütte, da lag die Mutter ganz still, und der Vater kniete an +ihrem Bette und weinte; da ich zu ihm trat, hob er mich zur Mutter, +und sprach: "Agnes, segne das Elslein, ehe du scheidest", und er +legte der Mutter Hand auf mein Haupt. Die Mutter aber sagte: "Gott +segne dich, tröste den Vater, bis ihr nachkommet. Elslein, ich +fliege schon." Da sah sie mich mit unaussprechlicher Liebe an und +wendete dann den Blick zum Himmel. Ich sprach: "Geleit dich Gott, +lieb Mutter!" und weinte laut. Da trug mich die Edelfrau hinaus zu +ihrem Söhnlein, dem erzählte ich alles, und da ein paar Tauben +hinüber zur Laurenburg flogen, streckten wir beide kindisch die Hände +aus und riefen: "Da fliegen sie, da fliegen sie, geleit dich Gott, +liebe Herzmutter!" + +Hernach nahm mich die Edelfrau mit nach der Laurenburg, und ich blieb +bis zum andern Tag dort, da die Mutter schon im Kloster Arnstein +begraben war. Der alte Knecht aber war bei meinem Vater geblieben, +und war mein Vater einen ganzen Tag in Kloster Arnstein gewesen, des +Trostes der geistlichen Herren zu genießen. Die Edelfrau ist auch +mit zu Grabe gewesen, und da sie nach der Laurenburg kehrte, brachte +sie ihren Herrn, den Ritter von der Laurenburg, und den ältern Sohn, +Johann, mit welchem der alte Laurenburger bei dem Grafen zu Nassau +gewesen, der des Johann Taufpate war, und hatte die Laurenburgerin +ihnen auf der Heimkehr begegnet. Der Ritter war mir freundlich und +gab mir Wecken von des Grafen von Nassau Tisch, und da seine Hausfrau +ihm den frommen Tod meiner Mutter erzählet, war er sehr mitleidig mit +meinem Vater, und sprach: "Der Graf Johann hat noch heute zu Tisch +von dem frommen Falkenmeister gesprochen, und vor allen seinen +Dienern sein in Ehren gedacht, ich habe ihm auch versprechen müssen, +den Vogler von ihm zu grüßen, und will er ihm nächstens einen kranken +Falken schicken, daß er ihn pflege. Komm, Elslein", sagte der Ritter +dann zu mir, "ich will dich selbst zu deinem Vater bringen; es ist +noch hoch am Tage, und mag er wohl Trostes bedürfen." Da brachte +mich der Ritter wieder zur Hirzentreu, und ging Georg wieder mit. +Die Edelfrau aber blieb mit Johann zurück; der sollte ihr von dem +Wesen des Grafen von Nassau erzählen. Wir fanden aber meinen Vater +mit dem Laurenburger Knecht vor der Türe sitzen in stillem Gespräch, +und als dieser seinen Herrn herankommen sah, der mich auf dem Arm den +steilen Pfad herauf trug, stand er auf und trat beiseite; mein Vater +aber lief mir entgegen, nahm mich von des Ritters Armen und herzte +mich unter Tränen. Da sprach ihm der Laurenburger ehrlich zu und +getröstete ihn, so gut er es vermochte, setzte sich auch zu ihm auf +die Bank und erzählte ihm von des Nassauers Gunsten zu ihm, und +sprachen sie mancherlei, nicht als ein Ritter zu einem Knecht, +sondern als gute Nachbarn und Freunde, denn das Unglück machet +Gesellen. Es war aber dem Laurenburger auch seine erste Hausfrau +mitsamt dem Kindlein in dem Kindelbett gestorben; deren gedachte er +mit vieler Liebe. Unter solchem Gespräch stand ich zwischen meines +Vaters Knien, und Georg neben dem Laurenburger, und spiegelten uns in +dessen blankem Brustharnisch, und lachten, weil es, hohl geschliffen, +unsre Gesichter auf mancherlei Weise verstellte. Dann sagte mir der +Vater ins Ohr, ich möge den Wein und die Würze von der Mutter +Tischlein bringen; da ging ich zur Stube, aber die war ganz anders +geworden; wo das Bett gestanden, stand der Betschemel und das +Altärlein, und hing ein neu Muttergottesbild an der Wand, und an +demselben der Mutter und des Vaters Brautkränzlein, ihre Spindel aber +stand vor meinem Bänklein, und war alles gar verändert. Das hatte +meinem Vater der gute alte Laurenburger Knecht so geordnet, daß er +seines Leids desto eher vergessen und ein neues Leben anfangen möge. + +Nachdem ich mich genugsam über alles gewundert, nahm ich den Wein und +die Würze, was von dem Geschenk der Laurenburgerin noch übrig war, +und brachte es dem Vater hinaus; der reichte den Krug dem Ritter. Da +trank der Herr, und mußte ihm der Vater Bescheid tun. Auch sagte der +Ritter: "Das ist ein köstlicher Wein, den man wohl dem Kaiser bieten +dürfte; Ihr habt ihn wohl aus einem Klosterkeller? Einem Edelmann +wächst solcher Wein nicht um die Lanze, der schmeckt nach dem +Krummstab." Mein Vater lächelte und sagte: "Gnädiger Herr, Ihr habt +von dem Euren getrunken, aber er hat auf einem milden Fasse gelegen; +denn Eure liebe Frau Ida hat diesen Trunk meiner seligen Agnes zur +Labung gebracht, und wenn er Euch besser schmeckt als zu Haus, so +ists, weil Ihr Gottes Segen schmecket." Da trank der Laurenburger +nochmals, und sprach: "Wahrhaftig, in Gottes Segen soll man den Wein +legen, in Gottes Segen soll man des Weines pflegen, in Gottes Segen +gedeiht der Wein auf allen Wegen. Das Faß, aus dem Frau Ida diesen +Krug gefüllt, muß mir ebenso gut werden; Ihr müßt mir wohl erlauben, +daß ich es mit Euch hier oben austrinke, Kilian, da es mir so wohl +bei Euch geschmeckt." Da dankte mein Vater dem Ritter herzlich, und +sprach: "So Ihr einen armen Mann nicht verschmähet, will ich Euren +Zuspruch hoch in Ehren halten, aber Ihr müßt dann auch von meiner +Wasserquelle hier trinken, da fließt auch Gottes Segen drin." Nun +schied der Ritter freundlich von uns mit den Seinen, und ich ging mit +dem Vater in unser einsames Häuslein, worin die Mutter nicht mehr war. + + +Ende dieses Project Gutenber Etextes "Aus der Chronika eines +fahrenden Schülers" von Clemens Brentano. + + + diff --git a/old/8shlr10.zip b/old/8shlr10.zip Binary files differnew file mode 100644 index 0000000..435697e --- /dev/null +++ b/old/8shlr10.zip |
